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	<title>Ruanda Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:43:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„The Intent to Destroy a Group as Such” Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung „Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„The Intent to Destroy a Group as Such”</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung</strong></h2>
<p><em>„Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so den Schutz des Gesetzes teilweise aberkennen zu können. Darauf folgte die ‚Entmenschlichung‘, bei der man den Mitgliedern der ins Visier genommenen Gruppe die gesetzlichen Rechte ganz entzog. Dieses Zweistufen-Schema wurde überall in Europa angewandt. Der dritte Schritt war, die Nation ‚in einem geistigen und kulturellen Sinn‘ auszulöschen – Lemkin identifizierte Erlasse ab Anfang 1941, die auf die ‚völlige Vernichtung‘ der Juden in ‚allmählichen Schritten‘ hindeuteten.“ </em>(aus: Philipp Sands, Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018, englische Originalausgabe: East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity, London, Weidenfeld &amp; Nicolson, 2016, deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke.)</p>
<p>Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden war nicht Gegenstand der Nürnberger Prozesse. Der Begriff des Genozids wurde von dem Juristen <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451/">Raphael Lemkin</a> (1900-1959) entwickelt. Lemkin gab wesentliche Impulse zur <a href="https://www.voelkermordkonvention.de/">UN-Völkermordskonvention</a>, die am 9. November 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Inzwischen wird der Begriff jedoch nicht nur im Völkerrecht, sondern auch als politischer Kampfbegriff verwendet, wie beispielsweise in letzter Zeit in Bezug auf das Vorgehen Israels in Gaza. Der Begriff spielt auch in Berichten über das Vorgehen in Myanmar gegen die Rohingya, das Vorgehen Russlands in der Ukraine, das Vorgehen der verfeindeten Armeen im Sudan eine Rolle.</p>
<div id="attachment_7928" style="width: 284px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7928" class="wp-image-7928 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg" alt="" width="274" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-200x219.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg 274w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-400x438.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-600x657.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-768x841.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-800x876.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-935x1024.jpg 935w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1200x1314.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1403x1536.jpg 1403w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1871x2048.jpg 1871w" sizes="(max-width: 274px) 100vw, 274px" /><p id="caption-attachment-7928" class="wp-caption-text">Medardus Brehl. Foto: privat.</p></div>
<p>Ob der Begriff zu Recht verwendet wird, ist eine wichtige Frage auch der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der vergleichenden Genozidforschung. Die Ruhr-Universität Bochum beherbergt das einzigartige <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de">Institut für Diaspora- und Genozidforschung</a>, das die <a href="https://www.velbrueck.de/Programm/Philosophie/Zeitschrift-fuer-Genozidforschung-23-Jg-2025-Heft-1.html">Zeitschrift für Genozidforschung</a> herausgibt. Diese erschien zunächst bei Schöningh, inzwischen erscheint sie bei Velbrück in einer Print- und einer digitalen Ausgabe. Die interdisziplinär ausgerichtete Zeitschrift erreicht ein vielfältiges Publikum, Universitätsbibliotheken, Stadt- und Landesbibliotheken, aber auch Bibliotheken des Auswärtigen Amts, des EU-Parlaments und weitere politische Institutionen. Herausgeber:innen sind <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de">Mihran Dabag</a> und <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de">Kristin Platt</a>, verantwortlicher Redakteur ist der Literaturwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/brehl.html.de">Medardus Brehl</a>.</p>
<h3><strong>Diaspora- und Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf den ersten Blick erscheint mir die Kombination von Diaspora- und Genozidforschung etwas ungewöhnlich. Oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung folgt der Idee, dass Genozide Ereignisse sind, die sich schlecht durch Jahreszahlen abgrenzen lassen, sondern eine sich über mehrere Generationen erstreckende Vorgeschichte der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, auch der Fragmentierung von Gesellschaften aufweisen. Genozide sind in der longue durée zu betrachten, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Man kann Genozide nicht isoliert betrachten. Es geht letztlich auch um die Fragen, wie sich soziale Strukturen nach einem Genozid, einem Völkermord verändern, wie soziale Gedächtnisse mit diesen Erfahrungen umgehen. Genozide hinterlassen fundamental veränderte Gesellschaften mit tiefen Einschnitten in die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge der Täter- wie der Opfergesellschaft. </em></p>
<p><em>Diaspora ist nicht nur ein Migrationsthema. Nicht jede Migrationsgesellschaft ist auch eine Diasporagemeinschaft. Die Diasporaforschung befasst sich mit über Generationen spürbaren Nachwirkungen eines Völkermords und von Vertreibung in den Gemeinschaften der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Die Traumaforschung befasst sich auch mit der Frage der transgenerationalen Traumatisierung solcher Gemeinschaften. Dahinter stecken die Erfahrung fundamentaler Verluste, der Gedanke einer Heimat, in die es kein Zurück mehr gibt, der Gedanke eines ewigen Exils und der damit verbundenen spezifischen sozialen Strukturen, Eliten und Institutionen nicht staatlicher Art mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bezugspunkten. Es geht um die spezifischen Erfahrungen von Gemeinschaften nach Vertreibung und Völkermord, um die Transformation von Gemeinschaften, die zwangsmigriert sind, „displaced“ wurden. Beispiele sind die Erfahrungen und die Geschichte der êzîdischen, der armenischen und der jüdischen Diaspora. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit seinem interdisziplinären Ansatz ist das Institut für Diaspora- und Genozidforschung schon etwas Singuläres in Deutschland.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das Institut ist im Jahr 1994 als freie Forschungseinrichtung entstanden. Es ging aus einem Arbeitsschwerpunkt an der Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität hervor. Das Projekt wurde von den beiden späteren Gründer:innen des Instituts durchgeführt, </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de"><em>Mihran Dabag</em></a><em> und </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de"><em>Kristin Platt</em></a><em>. Es war ein Dokumentationsprojekt mit Interviews mit Überlebenden des Völkermords an den Armenier:innen. Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurden 134 lebensgeschichtliche Interviews in einem Umfang von zwei bis 16 Stunden durchgeführt. Daraus ging auch das Buch </em><a href="https://brill.com/display/book/edcoll/9783657784837/B9783657784837-s013.xml"><em>„Verlust und Vermächtnis – Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“</em></a><em> (Paderborn, F. Schöningh, 2015) hervor. Das späte Datum der Veröffentlichung erklärt sich aus dem Umfang und Aufwand des Projekts. </em></p>
<p><em>Ziel der Gründung des Instituts war, das Projekt mit der Perspektive einer grundlegenden Diaspora- und Genozidforschung zu verstetigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland kein solches Forschungsfeld. Es gab noch bis vor Kurzem in Deutschland keinen Lehrstuhl, der sich dezidiert mit Völkermord- oder Diasporaforschung beschäftigte. Diese Themen fielen immer unter „Zeitgeschichte“ oder unter „Neuere und neueste Geschichte“. Das Institut sollte Anregungen aus den seit den 1970er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung entstanden Comparative Genocide Studies aufnehmen und diese mit der deutschen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust verbinden. 1998 wurde das Institut wegen seines Erfolges zu einem An-Institut an der Universität Bochum. Es durfte die Einrichtungen und das Siegel der Universität nutzen, bekam jedoch noch keine Gelder vom Land. 1999 wurde das Institut in die Geschichtswissenschaftliche Fakultät eingegliedert, war damit einem Lehrstuhl gleichgestellt. 2018 /2019 gab es eine sehr erfolgreiche Evaluation. Dadurch erhielt das Institut den Status einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Bochum. Es ist mit zwei Stellen ausgestattet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Institut arbeitet interdisziplinär.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Projektarbeitsgruppen, die wir in den letzten 25 Jahren eingerichtet hatten, waren immer interdisziplinär zusammengesetzt, weil wir uns auch mit den Kontexten beschäftigen. Es greifen verschiedene Dinge ineinander, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Theologie. Wir arbeiten mit Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Auch Aspekte der Wissensgeschichte, der Philosophie spielen eine Rolle. Ein Beispiel: Ein Projekt zu Zukunftsentwürfen und Gewalt in der Literatur der 1920er Jahre klingt zunächst eher literaturwissenschaftlich, war es im Kern auch, aber es haben auch Historiker:innen und Politikwissen- und Sozialwissenschaftler:innen mitgearbeitet, in der Kernarbeitsgruppe wie in erweiterten Arbeitsgruppen. Es geht dabei nicht um eine willkürliche Vermischung, sondern um Synergien. Wenn man aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln auf ein Thema schaut, vermag man gemeinsam auch die jeweiligen blinden Flecken zu beleuchten.</em></p>
<h3><strong>Die Zeitschrift für Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zeitschrift ist das regelmäßige Publikationsorgan des Instituts. Sie erscheint zwei Mal im Jahr.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die erste Ausgabe erschien 1999. Die Zeitschrift entstand mit dem Ziel, ein Ideenforum zu schaffen und die Disziplin der Genozidforschung in der deutschen Forschung bekannt zu machen. Sie war das erste deutschsprachige Periodikum, das sich ausschließlich der Vorgeschichte, den Durchführungsstrukturen und den Folgen von Genoziden gewidmet hat, um den Diskurs in Deutschland bekannt zu machen, zu evaluieren und weiter zu entwickeln. </em></p>
<p><em>Vielleicht ist folgender Hinweis wichtig für Ihre Leser:innen. Jeder in der Zeitschrift veröffentlichte Beitrag wird zuvor anonymisiert und von zwei Gutachter:innen, die nicht voneinander wissen, bewertet. Die Redaktion entscheidet also nicht alleine. Manchmal wird eine Überarbeitung erbeten, etwa ein Drittel der eingereichten Beiträge wird abgelehnt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verfahren und Zahl der Ablehnungen verstehe ich als einen Indikator ebenso für die Qualität der Zeitschrift wie für ihre Attraktivität in der wissenschaftlichen Community. Es gibt in der Zeitschrift auch Schwerpunktthemen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>In der Regel haben wir offene Hefte, die aber oft auch – wie in diesem Fall – ein Schwerpunktthema haben. Es gibt auch reine Themenhefte, die in der Regel von Gastherausgeber:innen gestaltet werden. Das nächste Heft hat das Thema „Praktiken und Semantiken der Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg“. Das Thema mag manchen im Kontext der Genozidforschung verwundern, aber es geht um eliminatorische Gewalt gegen politische Gegner:innen. Es geht um Massaker der Falangisten beziehungsweise Nationalisten an Republikanern, es gab auch Massaker von Republikanern an Nationalisten oder von beiden Seiten Massaker an verdächtig erscheinenden Personen.</em></p>
<p><em>Wir verfolgen das Ziel, Diskurse der internationalen Genozidforschung in die bundesrepublikanische Forschung hineinzutragen und mit den etablierten Paradigmen zu verbinden. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, die Zeitschrift auch international zu etablieren. Es gibt inzwischen englischsprachige Beiträge mit deutschsprachigen Abstracts, deutsche Beiträge haben englische Abstracts. Es gibt auch viele internationale Autor:innen, auch wenn der Kern nach wie vor deutschsprachige Autor:innen sind, so dass sich der Kreis zu den Comparative Genocide Studies schließt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von den amerikanischen Comparative Genocide Studies?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die amerikanischen Comparative Genocide Studies hatten einen weitgehend sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz. Es gab viel Konfliktsoziologie. Dies wollten wir mit der im Kern sehr historisch orientierten deutschen Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust verbinden. Es war nicht so einfach, einen Verlag zu finden. Die Gründer:innen mussten sich mit dem Verdacht auseinandersetzen, mit der Etablierung der Genozidforschung ginge eine Relativierung des Holocaust einher. </em></p>
<h3><strong>Zur Begriffsgeschichte des Genozids </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff des <em>„Genozids“</em> wird heutzutage inflationär verwandt. Daher denke ich, dass wir ihn präzisieren sollten. Ich habe dazu in Ihrer Zeitschrift eine mir sofort einleuchtende Definition gefunden: <em>„Staatlich legitimierte kollektive Gewalt.“</em></p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt. Das unterscheidet einen Genozid auch von einem Pogrom. Es geht beim Genozid um die geplante Vernichtung einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen <em>„Genozid“</em> abgrenzen von <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> (im Englischen <em>„Crimes against humanity“</em>) und von <em>„Kriegsverbrechen“</em>. Diese beiden Punkte waren Gegenstand der Nürnberger Prozesse, der Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden war es nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Den juristischen Begriff von „Genozid“ hat Raphael Lemkin geprägt und damit die UN-Völkermordskonvention mitgeprägt. Hintergrund der Arbeiten von Raphael Lemkin waren zunächst der Völkermord an den Armenier:innen und die </em><a href="https://www.deutscharmenischegesellschaft.de/2021/03/25/doku-zur-ermordung-von-talat-pascha-durch-soghomon-tehlirian/"><em>Erfahrungen des Prozesses 1921 in Berlin gegen Soghomon Tehlerian</em></a><em>, der einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talat Pascha, auf offener Straße ermordet hatte. Soghomon Thelerian wurde freigesprochen. Durch den Prozess wurde Raphael Lemkin, polnischer Jude aus dem damals polnischen Lemberg, auf das Problem aufmerksam, dass Gruppen und die Vernichtung von Gruppen im Völkerrecht nicht vorkommen. Er argumentierte, wir bräuchten auf der Ebene des internationalen Rechts einen entsprechenden Straftatbestand, damit die Täter verfolgt und bestraft werden können. Raphael Lemkin hat sich daher zunächst mit den Begriffen „Barbarei“ für die Vernichtung einer Gruppe und „Vandalismus“ für die Zerstörung ihrer kulturellen Grundlagen auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Raphael Lemkin hat lange an diesem Thema weitergearbeitet, es auf internationalen Völkerrechtssymposien vorgestellt, drang aber nicht durch. Im Jahr 1944 hat er im Auftrag der Alliierten ein Gutachten zur „Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa“ (</em><a href="https://www.legal-tools.org/doc/b989dd/pdf"><em>„Axis Rule in Occupied Europe“</em></a><em>) geschrieben, in dem er zum ersten Mal den Genozidbegriff verwendet. Lemkin fasst den Genozidbegriff – meine Übersetzung – als „einen koordinierten Plan verschiedener Handlungen, der in der Absicht begangen wird, eine nationale Gruppe als solche zu zerstören“. Lemkin sagt, die Gewalt richte sich nicht gegen die Individuen in ihrer Individualität, sondern gegen die Individuen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beziehungsweise der ihnen zugeschriebenen Mitgliedschaft. Die Nazis fassten ihren Begriff, wer Jude sei, erheblich weiter als das Judentum selbst. Jude waren auch diejenigen, die oder deren Vorfahren irgendwann einmal zum Christentum konvertiert waren, Juden oder Jüdinnen waren im Unterschied zur Halacha auch all diejenigen, deren Väter keine Juden waren. Es reichte schon, unter den Großeltern jemanden zu haben, der als Jude oder Jüdin galt. Man stritt sich sogar unter Nazi-Juristen, wie weit die Definition reichen sollte.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das war bei Raphael Lemkin noch kein Thema.</em> <em>Die UN-Völkermordskonvention kam dann aber auch aufgrund der Tatsache zustande, dass bei den Nürnberger Prozessen die Shoah nicht Gegenstand der Verhandlungen war. Es gab den Tatbestand nicht, somit konnte er auch nicht verhandelt werden. Daher kam man auf die Idee, einen entsprechenden Tatbestand im internationalen Strafrecht zu verankern. So entstand die Konvention im Jahr 1948.</em></p>
<p><em>Die meisten wissen nicht, was die Konvention als Völkermord bezeichnet. Viele denken, der Katalog der Maßnahmen sei die eigentliche Definition. Die Definition lautet jedoch: „the intent to destroy a group as such”, „die Absicht, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist eine typisch juristische Definition. Man braucht ein objektives und ein subjektives Straftatbestandsmerkmal. Das subjektive ist „intent“, es muss jemand sein, der das will, das objektive, dass es eine Gruppe sein muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die juristische Seite ist eine Seite der Medaille, die historische und sozialwissenschaftliche eine andere. Natürlich bleibt es dieselbe Medaille.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicherlich die Absicht von staatlichen Akteuren oder quasi-staatlichen Akteuren – wie beispielsweise bei der Hamas oder dem Islamischen Staat –, die über Machtressourcen, einen Apparat der Mobilisierung und Medien der Stigmatisierung verfügen. Das gehört dazu, um eine Politik des Genozids als eine solche zu beschreiben und zu definieren. </em></p>
<h3><strong>Kann man Genozide miteinander vergleichen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer Genozide miteinander vergleicht, setzt sich dem Vorwurf aus zu relativieren. Vermutet wird der Aufbau von Opferkonkurrenzen oder Hierarchien. Das ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/umstrittene-erinnerung/">ein sehr kritisches und in den letzten Jahren im Kontext der Post-Colonial Studies kontrovers diskutiertes Thema insbesondere in der Erinnerungskultur</a>, zuletzt virulent angesichts der Streitigkeiten um das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Erinnerungskultur. Dem aktuellen Beauftragten wurde Ignoranz der deutschen Kolonialgeschichte vorgeworfen, seiner Vorgängerin Relativierung der Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Relationen zu benennen bedeutet nicht etwas zu relativieren. Man fragt oft nach der Singularität der Shoah. Singularität erweist sich jedoch erst in Abgrenzung von anderen Ereignissen. Jedes Ereignis ist für sich erst einmal singulär. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Überschneidungen oder miteinander vergleichbare Strukturcharakteristika gibt. Mihran Dabag hat einmal gesagt, wir betreiben keine Fallvergleiche, sondern Strukturvergleiche. Wie verlaufen Prozesse der Segregation, welche Parallelen und welche Unterschiede lassen sich feststellen, die uns dann möglicherweise erst in die Lage zu versetzen, auch Tendenzen in gegenwärtigen Gesellschaften zu erkennen und zu beschreiben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> schreibt regelmäßig in Ihrer Zeitschrift. Sie veröffentlicht regelmäßig sehr anregende Beiträge zur vergleichenden Genozidforschung. Ich habe ein ausführliches Interview mit ihr veröffentlicht, Titel: „<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires“</a>, in dem sie Parallelen zwischen der Struktur und der Aufarbeitung des Tutsizids in Ruanda und der Shoah beschreibt. Sie hat beispielsweise eine ganze Reihe französischsprachiger Literatur mit Berichten von Überlebenden des Tutsizids analysiert, die ähnlich argumentieren wie in der deutschsprachigen Literatur zur Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Vergleich macht grundsätzlich Sinn, vor allem aber dann, wenn man in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten und Differenzen von Strukturcharakteristika von Gewaltpolitiken sichtbar machen kann. Im Vergleich zeigt sich erst das Besondere der einzelnen genozidalen Akte. Es gibt Parallelen in der Shoah wie im Völkermord an den Armenier:innen oder beim Tutsizid in der Extegration innerhalb einer Gesellschaft im Vorlauf der eigentlichen genozidalen Handlungen und Maßnahmen. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass die Feststellung ähnlicher Charakteristika eine Form der Relativierung wäre. Ein Vergleich trägt dazu bei, genozidale Prozesse überhaupt zu verstehen. Im Verlauf wie in der Erinnerung. </em></p>
<h3><strong>Resonanzräume der Erinnerung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je nachdem, wie man sich erinnern möchte, wird der Begriff des „Genozids“ beliebig. Das ließe sich jedoch verhindern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Idee der „Multidirektionalen Erinnerung“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers </em><a href="https://michaelrothberg.weebly.com/index.html"><em>Michael Rothberg</em></a><em> (die englische Ausgabe erschien bereits 2009, die deutsche erst 2024) wurde auch oft kritisiert. Aber man muss bedenken, dass die Anerkennung von Gewalt oft funktioniert, indem man sich auf ein anerkanntes Ereignis bezieht. Anne Peiter hat herausgearbeitet, wie sich Werke zur Erinnerung an den Tutsizid auf Werke der Erinnerung an die Shoah beziehen. Das ist auch Thema des Buches „Verlust und Vermächtnis“ von Kristin Platt und Mihran Dabag zum Völkermord an den Armenier:innen. Die Shoah ist ein Referenzpunkt, ebenso wie der Völkermord an den Tutsi oder der Völkermord an den Armenier:innen, um die eigene Erfahrung einzufangen und eine Sprache zu finden, die verstanden wird. Natürlich ist der Modus, in Ost- oder in Südafrika über die Erfahrungen des Genozids zu sprechen, nicht auf andere Erfahrungen anderswo übertragbar. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund finde ich die Idee der „commemoration“ als wissenschaftliches Konzept interessant. Wenn das Ergebnis eines Vergleiches wäre, alles ist gleich, war der Vergleich verkehrt. Der Vergleich muss einen Mehrwert ergeben, mit Blick auf das Verglichene und letzten Endes auf die einzelnen Dinge, die in ein komparatives Verhältnis gestellt werden. Ein Vergleich muss Unterschiede und Besonderheiten sichtbar machen. Genau dies geschieht in Erzählungen von Überlebenden, auch in der Literarisierung in der zweiten und dritten Generation. Wenn beispielsweise Nachfahren der Überlebenden des Genozids an den Armenier:innen in den 1950er Jahren sich auf die Shoah beziehen, wird dies ein Resonanzraum, auch umgekehrt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen solchen Resonanzraum finden wir auch bei der Erinnerung beziehungsweise dem Traumatransfer in einer Gruppe. Benjamin Netanjahu bezog sich am 7. Oktober 2023 auf ein Pogrom des Jahres 1903 im russischen Kischinew (heute: Chișinău, Moldau) und das Gedicht von Chaim Nachman Bialik „In der Stadt des Tötens“. Darauf wies die Psychotherapeutin und Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen im Nachwort zur deutschen Neuauflage mehrerer Texte des Autors hin (in: Chaim Nachman Bialik, <a href="https://www.beck-shop.de/bialik-wildwuchs/product/37479584">Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien</a>, München, C.H. Beck, 2025). Genozide, Massaker, Pogrome tragen zur Identitätsbildung bei. Zumindest bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> In der deutschen Erinnerungskultur spielt der Holocaust, die Shoah nicht die tragende Rolle, die Auschwitz spielt. Auschwitz ist eine zentrale Chiffre für die Identitätsbildung in der alten Bundesrepublik Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese These vertritt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (Berlin, Suhrkamp, 2017) für ganz Europa.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Ich sage es etwas polemisch: Die Bundesrepublik Deutschland hatte zwei Gründungserzählungen, das positive war die Währungsreform, das negative Auschwitz. Auschwitz spielt die Rolle der negativen Folie der eigenen Identität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Joschka Fischer begründete die Beteiligung Deutschlands am NATO-Einsatz im Jugoslawien-Krieg mit der Verpflichtung nach Auschwitz.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Damit ist man am Ende auf der Ebene der Politisierung des Begriffs „Genozid“. Das ist kein Argument gegen die Richtigkeit einer Maßnahme, aber es zeigt, dass der Begriff inzwischen auch ein Begriff im politischen Kampf geworden ist, als maximale Skandalisierungschiffre. Sobald ich etwas als „Holocaust“ bezeichne, steigere ich diese Skandalisierung noch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Begriff „Holocaust“ verwenden zum Beispiel radikale Tierschützer:innen und Abtreibungsgegner:innen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das ist höchst gefährlich, weil der Begriff damit ausgehöhlt wird. Man höhlt ihn aus als Instrument des internationalen Rechts zum Schutz der Existenz und Sicherheit von Gruppen. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ oder „Genozid“ führt auch dazu, dass irgendwie alles zu „Holocaust“ und „Genozid“ wird. Das macht keinen Unterschied mehr. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, vorschnell auf die Frage zu antworten, ob etwas ein Völkermord sei. Man muss sich die Dinge erst einmal sehr genau anschauen. Man muss alle Seiten hören und in ihrer Sprache kommunizieren. Die meisten, die heute über Israel oder Gaza sprechen, verstehen weder Hebräisch noch Arabisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele wussten bis vor Kurzem nicht, dass Ukrainisch eine eigene, sich vom Russischen unterscheidende Sprache ist. Umso wichtiger ist ein interdisziplinärer und – das möchte ich ergänzen, auch wenn es ein Wortspiel sein mag – disziplinierter Umgang mit Begriffen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Begriff des Genozids ist selbst schützenswert, das Konzept als solches, sodass man es nicht inflationär entwerten darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann vergleichende Genozidforschung zur Prävention beitragen, vielleicht im Sinne eines Frühwarnsystems?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es ist immer sehr vollmundig zu sagen, Genozidforschung wolle dazu beitragen, Genozidprävention zu betreiben. Wenn man sieht, dass Gesellschaften von starken segregativen Diskursen bestimmt sind, von Diskursen der Ausgrenzung, der Dehumanisierung, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass am Ende eine Massenvernichtung stattfindet, aber es sind zumindest Indikatoren, die man in irgendeiner Form extrapolieren kann.</em></p>
<h3><strong>Entscheidend sind die Täter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben Genozid als <em>„staatlich legitimierte kollektive Gewalt und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt</em>“ definiert.</p>
<p>Ich möchte diese Definition zunächst auf Gaza anwenden. Das bedeutet meines Erachtens, dass das, was die Hamas in ihrer Charta aufgeschrieben und was der Iran plant und mit der bis 2040 laufenden Uhr auf dem Palästina-Platz in Teheran dokumentiert, den Tatbestand des Völkermords erfüllt, das, was die israelische Regierung beziehungsweise die israelischen Verteidigungskräfte machen, nicht, sehr wohl aber das, was Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich äußern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Das ist eine hervorragende Differenzierung, die viel zu selten gemacht wird. Die Hamas erklärt in ihrem Statut, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels ist. Das ist eine ganz klar erklärte genozidale Absicht. Das gilt auch für die Islamische Republik Iran. Auf der anderen Seite: Eine Vernichtung der Palästinenser ist nicht israelische Staatsdoktrin. Es gibt jedoch Mitglieder der israelischen Regierung, die ganz klar eine genozidale Absicht äußern. </em></p>
<p><em>Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt, den auch viele vergessen. Der Staat Israel kann gar nicht für einen Völkermord verantwortlich sein. Strafrechtlich verfolgt werden können nur Individuen. Man kann Benjamin Netanjahu anklagen, aber nicht den Staat Israel, man konnte Slobodan Milošević anklagen, nicht aber den damaligen Staat Jugoslawien. Man kann auch keine Parteien anklagen, nur Individuen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht im Großen und Ganzen dem deutschen Strafrecht. Angesichts der RAF hat man allerdings eine kollektive Verantwortung ins Strafrecht eingefügt, weil man damals nicht wusste, wer auf wen geschossen hat. Auch heute noch schweigen die Mitglieder der RAF.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das wäre die Brücke über die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die auch bei der Mitgliedschaft in der NSDAP oder in SS und SA herangezogen werden konnte. Es ist in diesem Kontext interessant, dass in der gesamten Debatte um Gaza die genozidale Absicht der Hamas fast überhaupt nicht thematisiert, sondern als antikoloniale Selbstermächtigung verharmlost wird. Diese Differenzierung ist wichtig. Bei der Bewertung all dessen, was in Gaza geschehen ist und geschieht, sind viele, die eine pauschale Palästinasolidarität postulieren, sehr blind. Auf beiden Augen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Blindheit verschärft sich, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für das Vorgehen des Staates Israel in Gaza in Mitverantwortung genommen werden, ungeachtet der Frage, ob sie israelische Staatsbürger:innen sind und ebenso ungeachtet der Frage, wie sie selbst zu Netanjahu und seinen rechtsextremen Koalitionspartnern stehen.</p>
<p>Ein anderer Fall, an dem wir die von uns unterstützte Definition des Genozids anwenden könnten, wäre das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Ich denke, dass es die Kriterien eines Völkermords erfüllt. Putin behauptet zwar, er habe auf einen Völkermord an Russen im Donbass reagiert, doch lässt sich kein Beleg finden, dass die ukrainische Regierung dies in irgendeiner Weise beabsichtigt. Auf der anderen Seite verlangt Putin die Auslöschung der ukrainischen Nation, der ukrainischen Kultur, der Sprache, zwangsassimiliert Menschen in den besetzten Gebieten, nach Russland entführte Kinder, die dort zur Adoption freigegeben werden. In seinen Reden oder noch schärfer in Reden Dmitri Medwedews. Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ dokumentierten in ihrer Ausgabe vom Juni 2024 einen Beitrag von Medwedew mit dem Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a>, in dem er <em>„die Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“ </em>forderte. Ich sehe hier neben der Täter-Opfer-Umkehr eine eindeutig genozidale Absicht. Es soll nach Ende der sogenannten <em>„Spezialoperation“</em> keine Ukraine und keine Ukrainer:innen mehr geben.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bleiben wir erst einmal bei den Kriegshandlungen. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen. Nicht jedes Massaker ist ein Völkermord. Man darf auch nicht glauben, ein Massaker wäre schlimmer, wenn man es als „Völkermord“ etikettieren könnte. Begrenzte Massaker haben dieselbe Qualität. </em></p>
<p><em>Die Behauptung der Nicht-Existenz eines ukrainischen Volkes könnte man als Indiz für eine genozidale Absicht nehmen. Man hat mit Sicherheit einen genozidalen Diskurs. Das sehe ich auch in Bezug auf einige Mitglieder der israelischen Regierung, die behaupten, es gäbe kein palästinensisches Volk. Darüber sprachen wir.</em></p>
<p><em>Ein interessanter Fall ist Srebenica. Es geht um die Ermordung von etwa 8.000 Männern, die Frauen und Kinder wurden deportiert. Man könnte fragen, wie dies ein Völkermord sein könnte. Man muss letzten Endes sehen, dass Gewaltmaßnahmen jenseits von ihrer manifesten Praxis eine erhebliche kommunikative Funktion haben. Diese hatte das Massaker der Hamas auf jeden Fall. Deshalb haben die Täter das auch so ausführlich dokumentiert und gestreamt. Es war eine Botschaft der Vernichtung. Genauso war das Massaker in Srebenica eine Botschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> habe ich unter anderem die Ausstellung der Nova-Foundation beschrieben, die Originalvideos, -telefonate und -orte des Massakers in ergreifender Weise dokumentierte. Darunter war auch das Video mit der ermordeten nackten Shani Louk auf einem Pick-Up und um sie herumsitzenden Hamas-Terroristen, die Allah lobten. In einem anderen Video hörte man Hamas-Terroristen rufen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen, weil sie so viele Juden getötet hätten.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass Srebenica einen genozidalen Charakter hatte, ungeachtet der scheinbar begrenzten Gewalt, die es aber darauf anlegt, entgrenzt zu werden. Das ist die Semantik dieser Tat. Auch die Absicht, „intent“ wird damit explizit ausgesprochen, dass es die Absicht sei, dass dies allen passiert. Das war am 7. Oktober genauso. </em></p>
<h3><strong>Die Debatten um die Anerkennung eines Völkermords am Beispiel Armenien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der ersten Ausgabe Ihrer Zeitschrift für das Jahr 2026 geht es unter anderem um Armenien. Thema sind auch die deutsche Mitschuld und die nach wie vor fehlende Anerkennung des Völkermords durch den türkischen Staat. Es gab von der Türkei heftig kritisierte Parlamentsbeschlüsse, <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf">in Deutschland am 2. Juni 2016</a>, <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/11/ta/ta0611.asp">in Frankreich schon am 18. Januar 2001</a>, die das Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannten. Ich wage aber auch die These, dass der Zeitpunkt zumindest des deutschen Beschlusses durchaus etwas damit zu tun hatte, dass man Erdoğan – vorsichtig gesprochen – Grenzen setzen wollte. Aber vielleicht wollte man auf diese Weise auch nur die eigene Mitschuld vergessen lassen. Das mag auch für die späte Anerkennung des Holodomor in der Ukraine und in Kasachstan <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf">am 30. November 2022 durch den Deutschen Bundestag</a> gelten. Ohne die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen und die Ukraine wäre in Deutschland weiterhin im Sinne von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation“</a> geblieben (München, C.H. Beck, 2025). Über Kasachstan redet man zurzeit nach wie vor nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bei Ihnen schwang ein wenig mit, dass die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen politisch instrumentalisiert wurde. Ich sehe das ehrlich gesagt nicht so. Man muss meines Erachtens zwei Dinge beachten. Einmal: Warum leugnet die Türkei diesen Völkermord heute noch so vehement? Die Türkei wurde 1923 gegründet, bis dahin bestand das Osmanische Reich fort. Es gab die Istanbuler Prozesse, die von Osmanen geführt wurden, in denen eine Reihe der Akteure verurteilt worden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Somit gab es damals eine Anerkennung der Schuld.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Darüber gab es im Osmanischen Reich einen großen Diskurs. Die Jungtürken-Bewegung, die seit 1913 allein den osmanischen Staat steuerte und den Völkermord plante und durchführte, galt als die größte Schande für die muslimischen Osmanen. Das wurde in Zeitungen diskutiert. Die Hauptverantwortlichen, das Triumvirat von Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Talat Pascha flüchtete mit deutscher Hilfe nach Berlin, Enver Pascha flüchtete über Berlin nach Turkmenistan, Cemal Pascha nach Georgien. Das Deutsche Reich half ihnen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dies geschah in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, maßgeblich gesteuert von Hans von Seekt, der dann 1920 bis 1926 die Heeresleitung der Reichswehr innehatte.</em></p>
<p><em>Mit dem sogenannten türkischen Befreiungskrieg durch Kemal Atatürk veränderte sich die Situation. Man versuchte, die Geschichte hinter sich zu lassen. Seit 1923 wird versucht, ein nationalpolitisches Identitätsnarrativ zu etablieren, aus eigener Kraft hätten es die Türken geschafft, den altmodischen imperialen osmanischen Staat hinter sich zu lassen und einen modernen türkischen Staat zu gründen. Die ethnische Homogenisierung Anatoliens sei sozusagen die Grundbedingung dafür gewesen, den türkischen Nationalstaat zu schaffen. Dieses Narrativ gilt bis heute. In eine solche   „Erfolgsgeschichte der Türkei“ lässt sich der Völkermord an den Armenier:innen, an der assyrisch-armenischen, an der pontischen Bevölkerung im Schwarzmeergebiet, an der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reich also schlecht erzählen. Das passte nicht hinein. Seit 1938, Jahr des Massakers in Dersim, dann nach 1945 hat die Türkei sich sehr empfindlich gezeigt und immer heftig reagiert, wenn jemand den Völkermord an den Armenier:innen thematisiert hat.  </em></p>
<p><em>Mihran Dabag hat 1984 in Bonn die erste Konferenz zu diesem Völkermord durchgeführt. Es gab extreme Interventionen der Türkei, massive Morddrohungen nationalistischer Organisationen in der Türkei gegen Organisator:innen und Referent:innen. Die Konferenz fand unter dem Schutz des Bundesgrenzschutzes statt, mit einem über dem Tagungsgebäude kreisenden Hubschrauber. Als wir dann 2005 eine Handreichung für die Schulen im Land Brandenburg vorbereiteten, in der unter anderem der Völkermord an den Armenier:innen thematisiert werden sollte, hat die türkische Botschaft interveniert. Das Land Brandenburg knickte ein und wir mussten eine gekürzte Handreichung veröffentlichen.</em></p>
<p><em>Ich sehe zwei Gründe, warum die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen in Deutschland so lange gedauert hat. Das eine ist die Sorge der Relativierung der Shoah durch die Anerkennung eines weiteren Völkermords. Das war auch von Ernst Nolte im Historikerstreit so beabsichtigt. Er wollte die Shoah in der Tat relativieren, indem er Vorbilder benannte. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass die Türkei ein wichtiger Bündnispartner in der NATO ist. Die Türkei hatte auch einen immer größeren türkischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auch eine große Wählergruppe bildet. </em></p>
<p><em>Ich bin seit 2001 an der Universität Bochum. Bei den jungen türkischstämmigen Studierenden ändert sich inzwischen etwas. Sie sind interessiert, gehen zunehmend kritisch mit der Geschichte in der Türkei um. Die Anerkennung im Deutschen Bundestag hat somit etwas bewirkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist spekulativ, aber ich kann mir vorstellen, dass auch der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5XuABgQIVNs">Film „The Cut“ von Fatih Akin</a> (2014) eine Rolle für diese Entwicklung gespielt hat.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Auf jeden Fall.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin erlebte ich bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur etwa auch um die Mitte der 2010er Jahre einmal, dass der Leiter einer türkischen Schule sagte, er habe in Deutschland gelernt, dass man sich mit einem Bekenntnis zu den Verbrechen der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung nicht beschmutze, sondern ehrlich mache. Diese Auffassung haben sicherlich nicht alle Eltern seiner Schüler:innen geteilt.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Sie kennen den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_301_(t%C3%BCrkisches_Strafgesetzbuch)#Geschichte_und_Wortlaut"><em>Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs: „Beleidigung des Türkentums“</em></a><em>. Es gibt in türkischen Schulbüchern bis heute Aufforderungen an Schüler:innen, in Aufsätzen die Gräuel der armenischen Bevölkerung gegen Türken zu beschreiben. Man muss schon davon ausgehen, dass solche Geschichtsbilder in der türkischen Community eine Rolle spielen. Das ist ja auch nicht verwunderlich.</em></p>
<p><em>Aber es hat sich auch im Verhalten etwas verändert. Vor zehn Jahren gab es bei Vorträgen, die wir zum Thema hielten, noch organisierte Störer, die im Saal verteilt mit vorbereiteten Fragen eingriffen. Das gibt es nicht mehr.</em></p>
<h3><strong>Verschleppte Anerkennung am Beispiel Namibia </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland versuchen nach wie vor viele interessierte Menschen den deutschen Völkermord an den Ovoherero und Nama kleinzureden. Im aktuell vorliegenden Konzept des Beauftragten für Kultur und Medien kommt die Kolonialgeschichte nicht mehr vor. Sie soll in einem späteren Konzept gesondert thematisiert werden. Christiane Bürger und Sahra Rausch veröffentlichten 2025 im Augsburger MaroVerlag das von Tuaovisiua Betty Katuuo kongenial illustrierte MaroHeft. <a href="https://www.maroverlag.de/marohefte/279-der-prozess-9783875126297.html">„Der Prozess – Wie der deutsche Völkermord an den Herero und Nama nicht vor Gericht kam“</a>. Der Streit um Entschädigungen zwischen Deutschland und Namibia ist endlos. Das einzige Museum zum diesem Völkermord betreibt in Swakopmund (Namibia) Laidlaw Peringanda auf zwölf Quadratmetern. Joshua Beer berichtete am 15. Januar 2026 in der Süddeutschen Zeitung über die Konflikte um dieses Museum: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/namibia-swakopmund-kolonialismus-genozid-museum-e824362/">„Das Genozidmuseum im deutschen Idyll von Afrika“</a>. Das ist die eine Seite, die andere bilden Versuche, jede Beschäftigung mit diesem Völkermord als Relativierung der Shoah oder gar als Antisemitismus zu brandmarken. In Swakopmund kommt auch gelegentlich jemand von der AfD vorbei und legt Blumen am Grab eines Verantwortlichen für den Völkermord nieder. In Deutschland gibt es wie in Frankreich oder in Großbritannien auch Positionen, in denen die Kolonialpolitik als Zivilisationsprojekt gelabelt wird.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Leider hat die Zunft der Historiker:innen bis in die 1980er Jahre hinein genau dies propagiert. Der Kolonialismus habe Zivilisation und Technologie in die Welt getragen und dann gab es eben ein paar Kollateralschäden. Ich habe selbst viel zum Völkermord in Südwestafrika gearbeitet. Wenn man sich Lexika anschaut, die nach 1945 bis weit in die 1960er und 1970er Jahre hinein den Völkermord gar nicht erwähnten. Da hieß es dann, dass die Herero im Aufstand von 1904 ihre Stammesstruktur verloren hätten. Da ist die Schuld schon klar benannt: Dumm gelaufen, ließe sich sagen. Es ist erst sehr spät erforscht worden, dass dort eine systematische Ermordungsstrategie gefahren worden ist. </em></p>
<p><em>Ich denke, man muss die Akteure – es ist hier ein richtiges Maskulinum, denn es waren fast alles Männer – des Kolonialismus benennen und auch Straßennamen entehren. Es gibt natürlich auch Aktivist:innen, die keinen Kant mehr lesen wollen, weil bei ihm rassistische Textstellen zu finden sind. Dann wird es schwierig, denn wir müssten letztlich die gesamte Diskursgeschichte bis in die 1990er Jahre abschaffen oder überall Triggerwarnungen anbringen. Wenn von mir verlangt wird, bei einem Seminar zu genozidaler Gewalt eine Triggerwarnung anzubringen, dass es hier um Gewalt geht, geht mir das zu weit. Es gibt ein paar Leute, die das gerne so hätten. Von einer Kollegin in Paderborn weiß ich, dass es dort so üblich ist, aber ehrlich gesagt weiß ich doch bei einer Seminarankündigung zum Thema Genozid oder zum Lagersystem des Nationalsozialismus, dass es da um Gewalt geht. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 25. Februar 2026, Titelbild: NoRei<em>.</em>)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Des génocides populaires</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Jul 2025 09:55:50 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Des génocides populaires</strong></h1>
<h2><strong>Die Literaturwissenschaftlerin Anne Peiter über Shoah und Tutsizid</strong></h2>
<p><em>„Ruth Klüger tritt für die Möglichkeit ein, Brücken zwischen den Singularitäten zu errichten, das heißt, verschiedene Katastrophen und die Trauer über sie ins Gespräch miteinander zu bringen. Das entspricht keiner historischen ‚Aufrechnung‘ und auch keiner Relativierung des einen durch das andere Ereignis. Es läuft auch nicht auf die Behauptung hinaus, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden sei ein Thema, mit dem wir abgeschlossen hätten. Es ist nicht allein der Krieg in Israel und Gaza, der augenscheinlich macht, wie absurd ein solches Schlussstrich-Denken wäre. Mehr denn je stecken wir selbst in der Geschichte der nationalsozialistischen Gewalt, ihren verheerenden Folgen und in allem fortwirkend Unaufgearbeitetem, jetzt brutal Hervorbrechenden. Die weltweit zu beobachtende Verstärkung rechtsextremen, antidemokratischen Denkens ist Warnung genug. Die wild wuchernde, gar karnevalistisch-beliebige Benutzung des Begriffs ‚Genozid‘ tritt hinzu.“ </em>(Anne Peiter im einführenden ersten Kapitel ihres Buches „Der Genozid an den Tutsi Ruandas“)</p>
<p>Anne Peiter bezieht sich in dieser Passage wie auch an vielen anderen Stellen ihres Buches auf Ruth Klügers „weiter leben – Eine Jugend“ (München, dtv, 2001). Weitere Gewährsautor:innen sind Nora Bossong mit „Schutzzone – Roman“ (Berlin, Suhrkamp, 2019). Anne Peiter verbindet in ihren Forschungen Geschichts-, Kultur- und Literaturwissenschaften, Soziologie und Politologie, all dies auf der Grundlage literarischer Zeugnisse von Überlebenden des Genozids an den Tutsi Ruandas im Jahr 1994, die weit mehr als bloße Dokumente eines Genozids bieten und im Folgenden ausführlich beschrieben werden sollen. Wer sich an vergleichende Genozidforschung heranwagt, wird in den Analysen von Anne Peiter eine Fülle von literarischen Hinweisen finden, die ein höchst differenziertes Bild eines Menschheitsthemas erschließen helfen, gleichermaßen in Bezug auf Täter:innen, Opfer und all diejenigen, die im Nachhinein versuchen mögen, Erklärungen zu finden, die sich vielleicht doch zur Begründung eines wie auch immer gearteten „Nie wieder“ fügen ließen.</p>
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<p>Die Germanistin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> lehrt und forscht an der <a href="https://www.univ-reunion.fr/">Universität von La Réunion</a>, einem französischen Département d’outre-mer im Indischen Ozean. Sie wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert und habilitierte sich in Paris an der Sorbonne Nouvelle mit der Arbeit <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4567-5/traeume-der-gewalt/">„Träume der Gewalt. Studien der Unverhältnismässigkeit zu Texten, Filmen und Fotografien – Nationalsozialismus – Kolonialismus – Kalter Krieg“</a> (Bielefeld, transcript, 2019). Koloniale Gewalt war auch Thema ihres gemeinsam mit der an den Universitäten Rouen und Luxemburg tätigen Kulturwissenschaftlerin <a href="https://www.uni.lu/fhse-en/people/sonja-malzner/">Sonja Malzner</a>, herausgegebenen Buches <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3753-3/der-traeger/">„Der Träger – Zu einer ‚tragenden‘ Figur der Kolonialgeschichte“</a> (Bielefeld, transcript, 2018). Gegenstand dieses Buches war die Figur des Lastenträgers. Im Jahr 2021 veröffentlichte sie bei Büchner in Marburg. Gemeinsam mit <a href="https://wolframette1966.wordpress.com/publikationen/">Wolfram Ette</a> veröffentlichte sie den Band <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-ausnahmezustand-ist-der-normalzustand-nur-wahrer/">„Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer – Texte zu Corona“</a>, zur Literatur im Zeichen der Corona-Pandemie. Im Jahr 2024 folgte – ebenfalls bei Büchner – das zu Beginn zitierte Buch <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-genozid-an-den-tutsi-ruandas/"> „Der Genozid an den Tutsi Ruandas – Von den kolonialen Ursprüngen bis in die Gegenwart“</a>. In ihrem nächsten Projekt befasst sie sich mit dem, was sie <em>„konfluierende Erinnerung“</em> nennt – gehen soll es um eine Zusammenschau der Shoah, des Tutsizid und der Massengewalt der Roten Khmer in Kambodscha.</p>
<h3><strong>„Tutsizid“ – ein umstrittender und dennoch angemessener Begriff</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vergleichende Genozidforschung ist eine höchst umstrittene Disziplin. Das betrifft nicht zuletzt die Rezeption des <em>„Tutsizids“</em>, eines meines Erachtens durchaus passenden Begriffs für das, was in Ruanda geschah.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Der Begriff des „Tutsizids“ ist aus einem bestimmten Grund umstritten: Er unterschlage, dass nicht nur die Minderheit bei der Katastrophe des Jahres 1994 Opfer geworden sei. Es gibt Schätzungen, dass auch etwa 200.000 Hutu, die sich gegen das Regime aussprachen und engagierten, zu Opfern geworden sind. </em></p>
<div id="attachment_7326" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-genozid-an-den-tutsi-ruandas/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7326" class="wp-image-7326 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-600x879.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-699x1024.jpg 699w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-768x1126.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-800x1173.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner.jpg 1048w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7326" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild, weitere Informationen über das Titelbild auf der <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11403612">Seite des Kolonialen Bildarchivs /Goethe Universität Frankfurt am Main</a>.</p></div>
<p><em>Ich glaube aber, dass der Begriff trotzdem seine Richtigkeit hat. Man muss unterscheiden zwischen einer Verfolgung, die rassistisch bedingt war, und einer Verfolgung, die politischen Motiven folgte. Es wäre sonst so, als wenn man die Shoah mit der Ermordung von Kommunisten und Sozialisten durch die Nationalsozialisten zusammenwerfen würde. Auch dort nimmt man eine kategoriale Trennung vor. Genau dies tue ich, indem ich das Wort „Tutsizid“ als Variante von „Genozid“ einführe. </em></p>
<p><em>Hinzu kommt eine bestimmte Form von Negationismus, die das spezifische Schicksal der Tutsi in Abrede zu stellen versucht. Der Begriff ist meines Erachtens nützlich, um solchen negationistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Dieser Negationismus unterscheidet sich allerdings vom Negationismus gegenüber der Shoah. Niemand sagt, es habe diese Massaker in Ruanda nicht gegeben, aber es wird behauptet, die Tutsi hätten ihrerseits einen Genozid an den Hutu begangen. Dies nennt man die These vom „doppelten Genozid“. Den Opfern wird eine Verantwortung an den Massakern zugeschrieben. Damit ist nicht gesagt, dass es gegen Ende des Genozids an den Tutsi nicht zu einzelnen Racheaktionen der Tutsi gekommen wäre. Es ist extrem kompliziert, weil sich diese auch im Rahmen eines Bürgerkriegs vollzogen. Es entspricht jedoch nicht der Wahrheit, dass es zwei Genozide gegeben hätte. Mit diesem Argument versuchen Täter, ihre eigene Verantwortung in Abrede zu stellen. Insofern verteidige ich den Begriff des „Tutsizids“, allerdings mit dem Hinweis, dass auch Hutu zu Opfern werden konnten und auch tatsächlich zu Opfern geworden sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bewerte ich in diesem Kontext die Rückkehr der Tutsi, nicht zuletzt von Paul Kagame, der inzwischen seit etwa 30 Jahren in Ruanda regiert? Paul Kagame mischt sich unter anderem in Auseinandersetzungen im benachbarten Kongo ein, indem er die dortige Rebellengruppe M 23 militärisch unterstützt. Er regiert ausgesprochen autoritär.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Ich muss gestehen, dass die Zusammenhänge in Nord- und Süd-Kivu meine Kompetenzen übersteigen. Das ist ein höchst komplexes Feld, sodass ich mich dazu nicht äußern möchte. Mir fällt jedoch auf, dass dieser Krieg in Le Monde und in anderen Zeitungen auf Fragen des Zugangs zu Rohstoffen reduziert wird. Der Genozid kommt in der Berichterstattung über diesen Krieg praktisch nicht vor. Das ist wiederum eine problematische Leerstelle. Es gibt durchaus in Ruanda die Angst, dass die Vernichtungspläne vom Kongo aus fortgesetzt werden könnten. </em></p>
<p><em>Offensichtlich ist, dass Paul Kagame vom Typus genau dem Bild entspricht, das gemeinhin auf die Tutsi angewendet wurde: Groß gewachsen, schlank, mit einer in den USA erfolgten Ausbildung. Auch da ließen sich Verschwörungserzählungen anheften. Zugleich ist klar, dass es sich bei Kagames Regime um ein Regime handelt, in dem rechtsstaatliche Prinzipien nicht respektiert werden. Die Idee, die auch in Deutschland zirkuliert, Ruanda sei der „Phönix“, der aus der „genozidalen Asche“ erstanden sei, muss als hochproblematisch bezeichnet werden. Gleichzeitig muss man sagen, dass in einer ersten Phase der Regierung Kagame die Aufgabe darin bestand, die Genozidäre daran zu hindern, ihr Vorhaben fortzusetzen, und dass die Regierung versuchen musste, als Minderheit eine Kontrolle über die Täter auszuüben und zu einer Rechtsprechung zu finden, die wenigstens in Ansätzen so etwas wie Gerechtigkeit schaffen könnte. Diese Machtfragen muss man bei der Beurteilung der Situation in Rechnung stellen. </em></p>
<h3><strong>Konfluierende Zeugnisse in der Literatur – ein kurzer Überblick</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 30 Jahre sind ja auch keine lange Zeit. Was 30 Jahre bedeuten oder nicht bedeuten, sollten wir in Deutschland nach 1945 und nach 1989 eigentlich wissen. Ängste können lange nachwirken, es gibt einen eigenen Forschungszweig, der sich mit dem Thema des Traumatransfers in der zweiten und in weiteren Generationen befasst. Sie nähern sich dem Thema zunächst als Literaturwissenschaftlerin. Sie präsentieren und analysieren eine Fülle von literarischen Quellen, von denen mich manche an Quellen zur Shoah erinnern. Diesen Eindruck erhalte ich auch, wenn ich Ihre Aufsätze zum Thema lese. Ich darf zwei Beispiele nennen: „Genozid und antichronologisches Erzählen – Zum Konzept der ‚extremen Grundlosigkeit‘ in autobiographischen Texten von überlebenden Tutsi und Juden“ (in: Julia Seeberger, Sabine Schmolinsky, Markus Vinzent, Hg., <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783111157610/html">Beyond the timeline – Resetting historiography</a>, Berlin, Boston, De Gruyter, 2024) oder „Gedenkbrücken – Über den Austausch zwischen Überlebenden der Shoah und des Tutsizids in Ruanda“ (in: <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/publikationen/ZfG_Velbr%C3%BCck_14.html.de">Zeitschrift für Genozidforschung 23,1, 2025</a>).</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Eines meiner Anliegen ist es, die groß angelegte Literatur zum Tutsizid auch in Deutschland bekannter zu machen. In französischer Sprache gibt es einen großen Buchmarkt an Autobiographien und an fiktionalen Werken. Ich nenne beispielsweise die in Frankreich sehr bekannte </em><a href="https://scholastiquemukasonga.net/en/"><em>Scholastique Mukasonga</em></a>,<em> eine in Frankreich lebende Romanautorin, die regelmäßig mit Romanen hervortritt, die den Genozid wie auch die Vorgeschichte thematisieren. Es gibt einige wenige Übersetzungen, beispielsweise von „Notre-Dame du Nil“ (Paris, Gallimard, 2012, eine deutsche Ausgabe erschien 2014 unter dem Titel „Die heilige Jungfrau vom Nil“ im Heidelberger Verlag </em><a href="https://www.wunderhorn.de/"><em>„Das Wunderhorn“</em></a><em>).</em></p>
<p><em>Es gibt in Deutschland auch einige Bücher von </em><a href="https://www.bnf.fr/sites/default/files/2019-01/biblio_jean_hatzfeld.pdf"><em>Jean Hatzfeld</em></a><em>, eine ganz wichtige Quelle, eine Art von Kollektivbiographie, für die sowohl die Überlebenden als auch die Täter sowie die nachfolgende Generation interviewt wurden. Durch diese Interviews entsteht ein Miniaturporträt der Stadt Nyamata. Am Beispiel einiger weniger ausgesuchter Familien zeigt Hatzfeld, wie in den Familien über diese Katastrophe gesprochen wird. In seinem Buch „Là où tout se tait“ (Paris, Gallimard, 2021), das leider nicht ins Deutsche übersetzt wurde, sucht er – auch in Bezug auf die Shoah – den Zugang zu Menschen, die versucht haben, Menschenleben zu retten, indem sie sich als Hutu auf die Seite der Tutsi gestellt haben. </em></p>
<p><em>In Düsseldorf lebt und arbeitet die von mir über alles geschätzte Psychotherapeutin </em><a href="https://www.genocide-alert.de/esther-mujawayo/"><em>Esther Mujawayo</em></a><em>. Sie hat im Genozid ihre drei damals noch sehr jungen Töchter retten können, aber ihren Mann und ihre Großfamilie verloren. Sie hat gemeinsam mit ihrer frankoalgerischen Freundin </em><a href="https://wordswithoutborders.org/contributors/view/souad-belhaddad/"><em>Souâd Belhaddad</em></a><em> ein sehr schönes Buch geschrieben, in dem sie ihr Erinnerungsmaterial ordnet und strukturiert. Sie berichtet als Psychotherapeutin über die Vorgeschichte, ihr Leben mit der Familie, vom Einbruch der Katastrophe und den Folgen für die Frauen. Es ist ein feministisches Buch, wie schon der Titel mit der femininen Form ankündigt: </em><a href="https://editionsdelaube.fr/catalogue_de_livres/survivantes/"><em>„SurVivantes“</em></a><em> (Paris, Editions de l‘Aube, 2004, deutsche Übersetzung: „Ein Leben mehr – Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda“, Wuppertal, Peter Hammer, 2005).</em></p>
<p><em>Darüber hinaus gibt es viele weitere Texte, die der deutschen Öffentlichkeit entgangen sind, darunter auch Kollektivprojekte. Die französische Philosophin Florence Prudhomme hat eine Schreibwerkstatt organisiert, in der sich Überlebende gegenseitig ihre Lebensgeschichte erzählten. Die Idee war, dass das Schreiben auch einen therapeutischen Wert haben sollte. Die Schreibwerkstatt sollte durch den Austausch in der Gruppe Solidaritätsstrukturen unter den Schreibenden ermöglichen. So entstanden die </em><a href="https://www.fondationshoah.org/memoire/cahiers-de-memoire-kigali-2014-dir-florence-prudhomme"><em>„Cahiers de mémoire, Kigali, 2014“</em></a><em>. Die Quellen wurden nicht kondensiert und montiert wie bei Jean Hatzfeld, sondern es sind Texte, die von den Überlebenden selbst stammen.</em></p>
<p><em>Eine weitere kleine Autobiographie gibt es leider auch nicht in deutscher Übersetzung. Der Autor ist Révérien Rurangwa. Er war im Genozid 15 Jahre alt und lebt heute in der Schweiz, weil er auch nach dem Genozid in Ruanda von Hutu bedroht wurde. Er hat als Fünfzehnjähriger erleben müssen, wie 43 Mitglieder seiner Familie vor seinen Augen umgebracht wurden. Man hat ihn auf furchtbarste Weise verstümmelt und einfach liegen lassen, weil man dachte, er würde ohnehin sterben. Man hat ihm einen schnellen Tod verweigert. Das Buch dokumentiert, dass der Genozid eigentlich nicht überlebbar ist, wie aber der Autor trotzdem in der Erinnerung an die anderen die Pflicht sieht, weiterzuleben. Er hat schönheitschirurgische Eingriffe, die ihm sein Gesicht hätten wiedergeben können, abgelehnt, weil er sagt, dass das Gesicht, das er hat, das Gesicht sei, das ihm seine Mutter gegeben habe, und dass die Narben an seinem Körper eine Spur sind, die sich nicht mehr auslöschen lässt. Er ist selbst ein Mahnmal, mit einem ausgestochenen Auge, einer abgeschlagenen Hand. Die Evidenz der Katastrophe ist an seinem Körper abzulesen. Das Buch heißt </em><a href="https://rwandaises.com/2018/04/genocide-de-reverien-rurangwa-on-la-tue-mais-il-nest-pas-mort/"><em>„Génocidé – Récit“</em></a><em> (Paris, J’ai lu, 2006). </em></p>
<p><em>Dieses Buch hat mich besonders interessiert, weil sich darüber im Grunde auch die Kritik an einer Forschung etablieren lässt, die sich einseitig auf den Begriff der Erinnerungskonkurrenz stützt. Ich setze dem dortigen Konfligieren – also dem Konflikt – etwas entgegen, das ich Konfluieren nenne, so wie in Lyon die Flüsse Rhône und Saône zusammenfließen. Diese Confluence bedeutet nicht, dass Shoah und Tutsizid – metaphorisch gesprochen – ein einziger Fluss wären. Es gibt ganz unterschiedliche Quellen, ganz unterschiedliche Wege hin zu diesen beiden Katastrophen. Die ruandischen Überlebenden suchten selbst Vorväter und Vormütter ihrer eigenen Geschichte, um diese auf irgendeine Weise einordnen zu können. Dafür ist dieses Buch von Rurangwa äußerst interessant: Er wurde über eine jüdische Organisation in Frankreich eingeladen, sich mit Überlebenden der Shoah auf eine Reise nach Auschwitz zu begeben. Er sieht sich existenziell im Austausch mit der Katastrophe der Shoah. In seinen Lektüren interessierte er sich auch für die jüdische Geschichte – in seinem Buch ist diese häufig Thema.</em></p>
<p><em>Damit steht er nicht alleine. Esther Mujawayo dokumentiert am Ende ihres Buches ein Gespräch mit der sehr alten Simone Veil. Beide Frauen suchen ihre Gemeinsamkeiten. Dieses Anliegen lässt sich im Übrigen durch die gesamte Landschaft von Autobiographien verfolgen, vor allem von Überlebenden aus Ruanda. So ist der Kontakt zu jüdischen Organisationen leicht herzustellen. Es gibt in Frankreich auch jüngere überlebende ruandische Autorinnen und Autoren, die ganz bewusst gemeinsam mit Überlebenden der Shoah Schulen zur Aufklärung über ihre Erfahrungen besuchen. Sie versuchen, in Frankreich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das eigene Land, gerade unter François Mitterand, schuldig geworden ist, weil es nicht eingegriffen hat, auch bedingt durch die Freundschaft zwischen Mitterand und dem damaligen ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana. Esther Mujawayo und Simone Veil erlauben damit einen kritischen Blick auf die europäische Geschichte.</em></p>
<p><em>Diese kurze Liste soll einfach zeigen, dass es gut wäre, einen Austausch zwischen deutschsprachigen und französischsprachigen Ländern zu ermöglichen, durch den in den deutschsprachigen Ländern mehr Zugang zu den französischsprachigen Reflektionen und Dokumentationen entsteht. Dies zu befördern sehe ich als meine Aufgabe, die ich auch über mein Buch zu erfüllen versuche.</em></p>
<h3><strong>Alltagsgeschäft und Arbeitsethos im Genozid</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen die Haltung Mitterands an, der das, was in Ruanda geschah, für etwas erklärte, das dort eben zur Normalität gehörte. Sie erwähnen in Ihrem Buch auch die Begleitung des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler durch den Autor Hans-Christoph Buch, der eine ausschließlich Hutu-zentrierte Auffassung vertrat, Ausformung einer Täter-Opfer-Umkehr, wie wir sie auch in Deutschland angesichts der Popularität antisemitischer Äußerungen oder auch von manchen scheinbar Friedensbewegten im Hinblick auf den russländischen Angriffskrieg auf die Ukraine kennen.</p>
<p>Aber vielleicht sollten wir erst einmal noch etwas genauer beschreiben, was geschah. Ein erschreckendes Dokument ist zum Beispiel der Roman „Le passé devant soi“ von Gilbert Gatore (Paris, Phébus, 2006, eine deutsche Übersetzung erschien 2014 unter dem Titel „Das lärmende Schweigen“ in Berlin bei Horlemann). Auch in Ihrem Buch dokumentieren Sie das Vorgehen der Täter, die ihr Mordgeschäft wie die Arbeitszeit eines Beamten abwickelten, von 9 bis 5. Gilbert Gatore war damals 13 Jahre alt. Mich erinnerten seine Beschreibungen an die Ergebnisse der Forschungen von Christopher Browning oder Harald Welzer über die Täter der Shoah.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Die Zeit von 9 bis 5 hängt auch damit zusammen, dass dies etwa den Zeiten entspricht, in denen es in Äquatornähe hell ist. Dort ist der Tag deutlich kürzer als in West- oder Nordeuropa. Das nur am Rande. Es gibt aber einen interessanten Begriff in der Forschung, auf Französisch „un génocide populaire“. Übersetzen kann man das als „ein volkstümlicher Genozid“ oder auch als „ein populärer Genozid“ im Sinne von „ein beliebter Genozid“. </em></p>
<p><em>Der Genozid hatte im Grunde zwei Hauptakteure. Zuerst wuchs der Genozid von unten. Es waren Nachbarn, Freunde, Bekannte, es war „ein Genozid der Nähe“. Es waren Menschen, die die gleiche Schulbank gedrückt hatten, die in der gleichen Kirchengemeinde gewesen waren, die sich durch ein Generationen andauerndes Leben als Nachbarn kannten. Das ist der Punkt: Wie ist es möglich, dass aus solchen Intimbeziehungen heraus die Gewalt hervorbricht?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ließe sich auch an Jugoslawien denken, nicht zuletzt an den <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/563876/das-massaker-von-srebrenica/">Genozid vom 11. Juli 1995 in Srebenica</a>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>In Ruanda, in Srebenica, in der Shoah gab es als zweiten Punkt den Genozid von oben: Da sind diejenigen, die steuerten, die staatlichen Akteure, Polizisten, Gendarmen, die Präfekturen, ganz wesentlich auch die extremistische Hutu-Miliz, die sich Interahamwe nannten. Diese sind vielfach zu Anleitern der Gewalt geworden. Sie koordinierten, sie hatten das Radio zu ihrer Verfügung, nicht nur für Hass-Propaganda, sondern auch als Kommunikationsmittel, um zu zeigen, wo man sich gerade befand und wer prioritär zu töten sei. Sie hatten Fahrzeuge, schweres, auch modernes Gerät. Es ist somit einseitig, nur auf die Macheten als Mordwerkzeug abzuheben, wie das oft genug geschieht. Wenn man sich verschiedene Publikationen anschaut, sieht man, wie sich in der Shoah ein Topos in der Bildrhetorik abzeichnet: Stacheldraht. Es gibt praktisch kein Buchcover, dass nicht das Motiv des Stacheldrahts hervorhebt. Bei Publikationen zu Ruanda ist es wiederum die Machete, die als visuelle Erkennungsmarke fungiert. Die Machete war neben anderen Hieb- und Stichwaffen, Messern, Äxten in der Tat eine verbreitete Waffe, darunter Waffen, die auch in der Landwirtschaft verwendet wurden, auch Nagelkeulen, aber eben nicht nur.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Shoah werden immer die Gaskammern und Schornsteine als Orte des Todes benannt, der holocaust by bullets, der schon vorher etwa 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden den Tod brachte, wird weniger bedacht. Diese Einseitigkeit trug nicht zuletzt zum auch heute noch von manchen verbreiteten Mythos der angeblich unbeteiligten und unschuldigen Wehrmacht bei.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Darum geht es mir. Man darf nicht vergessen, dass die große Effizienz der Vernichtung und die extreme Schnelligkeit dadurch zustande kam, dass es neben den genannten einfachen Waffen auch Granaten und moderne Schusswaffen gab. Die Mordprofis, die in den Jahren davor schon viele Menschen getötet hatten, konnten auf dieses Gerät zurückgreifen. In Kombination mit Orten, an denen sich viele Menschen versammeln konnten, ergab sich die ungeheure Beschleunigung des Genozids. Gemordet wurde in Kirchen, in Krankenhäusern, in Schulen, in Sportstadien und so weiter. </em></p>
<p><em>Ich glaube, man muss diesen Aspekt der Morde hervorheben, weil sonst die Mordprofis aus dem Blick geraten. Das lässt sich in der Tat mit den beiden Phasen der Shoah vergleichen, der Shoah durch die Kugel auf offenem Feld und der Shoah durch das Gas in den Vernichtungslagern. Die industrielle Form der Vernichtung hat sich vor den direkten Kontakt der Täter mit den Opfern geschoben, nicht für Historiker, aber im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung. Auch beim Genozid in Ruanda muss man beides benennen. </em></p>
<p><em>Das ändert jedoch nichts daran, wie verstörend es ist, dass Leute, die sich kannten, in die Gewaltmaschine hineingeraten konnten. Die Beschleunigung des Genozids ergibt sich gerade auch durch diese Nähe, weil sich im Unterschied zur Shoah Identifizierungsprozesse erübrigten. In der Shoah brauchte man etwas, das Juden als Juden sichtbar machte. Raul Hilberg beschrieb die Markierung von Menschen durch Zeichen an der Kleidung, an der Haustür, durch ihre Konzentration in sogenannten „Judenhäusern“. Diese Absonderung der jüdischen Familien war in Ruanda vielfach nicht nötig. In Ruanda wusste man, ob der Nachbar Hutu oder Tutsi war. Man musste nicht mehr in die Pässe hineinschauen, in denen die Ethnie verzeichnet war. Man wusste einfach, wer leben durfte und wer nicht. Hier besteht ein großer Unterschied zwischen den beiden Genoziden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie beschreiben auch Professionalisierungsprozesse. Täter berichten, dass sie ihr Werk – man könnte zynisch sagen, ihr Handwerk – von Tag zu Tag besser beherrschten.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Daher ist Ihr Hinweis auf Browning gut. Im Grunde kann man da nachvollziehen, wie sich Vergemeinschaftungsprozesse durch Gewöhnung vollziehen. Es gibt einen gegebenen Rahmen, einen Befehlsrahmen. Einer der Täter sagte: „Wir gehorchten aus freiem Willen“. Ein irrer Satz. Ein solcher Satz resümiert die Ambivalenz. Es gibt auf der anderen Seite auch Täter, die sagten, dass sie mit der Zeit gar nicht mehr wussten, wie viele Menschen sie überhaupt getötet hatten. Sie hätten gar nicht mehr zählen müssen, weil sie wussten, dass es am nächsten Tag weiterging. Solche Äußerungen finden wir zum Beispiel in den Interviews, die Jean Hatzfeld mit Tätern im Gefängnis vom Rilima geführt hat. </em></p>
<p><em>Es liegt etwas Autotelisches darin. Es klingt erst einmal so einfach, aber ich glaube, es steht im Zentrum: Meine These lautet, dass, wenn ein Genozid angefangen hat, eine Eigendynamik beginnt. Und diese Eigendynamik hat damit zu tun, dass Zeugenlosigkeit hergestellt werden soll. In dem Augenblick, in dem man angefangen hat, schuldig zu sein, haben die Täter Interesse daran, dass niemand mehr da sein soll, der bezeugen kann, dass es diese Verbrechen gegeben hat. Man schafft die Verbrechen aus der Welt, indem man anstrebt, dass niemand übrigbleibt, der je davon berichten kann. Das erklärt zum Teil auch diese immense Tötungswut und die Brutalität, wie sie 1994 in Ruanda zu beobachten war.</em></p>
<p><em>Es gibt allerdings nicht nur diese Effizienz. Es gibt auch den Feieraspekt. Die Dorfbewohner trafen sich am Abend, um die Beute unter sich aufzuteilen. Sie führten Machtkämpfe darüber, wer das Stück Land der Ermordeten bekam, was angesichts des Landmangels in Ruanda von großer Bedeutung war. Es gibt Historiker, die den Genozid aus diesem Landmangel und der hohen Bevölkerungsdichte erklären. </em></p>
<p><em>Es gibt aber auch eine Einbuße von Effizienz, wenn man mit dem Arbeiten aufgehört hat, gemeinsam feiert, gemeinsam Alkohol trinkt, das Rindfleisch von den Tieren genießt, die man den Ermordeten weggenommen hat. Manche Überlebende erklären ihr Überleben damit, dass es Täter gab, die irgendwann faul wurden, keine Lust mehr hatten, das Ganze auch zu mühsam fanden. Manche Täter beklagten sich sogar, dass die Letzten, die noch übrig waren, die Arbeit erschwerten, weil sie schneller laufen konnten, dass – im Euphemismus der Tätersprache – „die Arbeit zu anstrengend geworden war“. </em></p>
<p><em>Es ist ein vielschichtiges Bild. Es gibt auf der einen Seite dieses Arbeitsethos im Genozid, auch in Erinnerung an vorgenozidale Zeiten, als man irgendwann einmal im Monat daran mitwirken musste, kollektiv Infrastruktur herzurichten. Diese Verpflichtung zur kollektiven Arbeit übersetzte man ins Tötungsgeschäft. Es wurde zu einer Art Pflichterfüllung. Gleichzeitig gibt es Täter, die von einer Hoch-Zeit, einer feierlichen Zeit sprechen, in der sie endlich aus ihrem Alltag herauskatapultiert wurden, Dinge tun durften, die man normalerweise nicht tun durfte: Ein Ausscheren aus der Armut, ein Genuss, den man sonst so nicht gehabt hatte. </em></p>
<h3><strong>Morden vor aller Augen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Keine Spuren hinterlassen – das ist ein gängiges Verhalten von Menschen, die ein Verbrechen begehen wollen und es dann auch in die Tat umsetzen. In der Shoah fuhren einerseits die Transporte in die Vernichtungslager fast bis zum letzten Tag pünktlich und verlässlich, andererseits versuchten die SS und ihre Helfershelfer mit dem Vorrücken der sowjetischen Armee die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, indem sie Massengräber aushoben und versuchten, alle Spuren zu vernichten. Lager wurden geräumt, inhaftierte Menschen auf Todesmärsche geschickt. Die Nazis wussten sehr genau, was sie getan hatten und taten, aber sie hatten ihre Pläne eben nicht vollständig umsetzen können.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> Dies ließe sich zu Ruanda ebenso sagen. Ein Unterschied zwischen dem Tutsizid und der Shoah liegt jedoch darin, dass es in Ruanda keinerlei Geheimhaltung gab. Das heißt nicht, dass in der Shoah nicht auch offensichtlich war, was geschah. Man muss sich nur im Film von Claude Lanzmann ansehen, was die polnischen Bauern sagen, die ihre Felder unmittelbar neben den Vernichtungslagern hatten. Es war auch offensichtlich, wenn die Nachbarn im eigenen Haus verschwanden. </em></p>
<p><em>Ich habe das in Bezug auf Mauthausen untersucht. Dort beschwerte sich eine Anwohnerin oberhalb der Steinbrüche, man möge doch damit aufhören, tagelang Erschossene und Agonisierende vor ihrem Wohnzimmerfenster abzulegen. Sie bat die SS auf dem Umweg über die örtliche Polizei, die Tötungen etwas versteckter zu veranstalten, damit sie sie nicht sehen musste. </em></p>
<p><em>Natürlich ist Geheimhaltung in Bezug auf die Shoah ein sehr relatives Konzept. Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede. In Ruanda wurde vor den Augen aller getötet. Auch Kinder sollten zuschauen, es wurden keine Anstalten getroffen, um das Ganze vor möglichen anderen Zuschauern, zum Beispiel aus dem Ausland, zu verbergen. Man ging allerdings auch davon aus, dass es keine Journalisten mehr im Land gäbe, die die Morde bezeugen könnten. Es fand alles auf offener Straße statt, eben nicht in Lagern.</em></p>
<p><em>Die Ambivalenz, die Sie eben im Hinblick auf die SS beschrieben, lässt sich auch in Ruanda beobachten. Auf der einen Seite muss man sich für den Juli 1994 ein Land vorstellen, das mit Leichen bedeckt war. Die Graphic Novel </em><a href="https://arenes.fr/livre/la-fantaisie-des-dieux/"><em>„La fantaisie des dieux“</em></a><em> des Figaro-Journalisten Patrick de Saint-Exupéry thematisiert das. Der Zeichner zeigt Flüsse voller Leichen. Auf der anderen Seite zeigen die Autobiographien von Überlebenden, wie unendliches und erschreckendes Leid entstand, weil die Leichen von Angehörigen nicht gefunden werden konnten. Opfer wurden oft in Latrinen verscharrt. Das sind nicht kleine Gebilde, sondern metergroße Gruben, die oft hinter den Häusern ausgehoben worden waren. Mit dieser Form der Leichenbeseitigung wollten die Täter zwei Ziele erreichen, erstens eine totale Herabwürdigung der Opfer über den Tod hinaus, zweitens die Unmöglichkeit für die Überlebenden, ihre Angehörigen christlich und würdig zu begraben. </em></p>
<p><em>Das Leid, das aus vielen Autobiographien spricht, zeigt sich auch während der Gaçaça, den Laiengerichten, die versuchten, so etwas wie Gerechtigkeit zu schaffen. In den Gaçaça ging es oft darum, ob die Täter bereit waren, den Ort zu zeigen, an dem die Ermordeten lagen, oder ob sie nicht dazu bereit waren. Das war der Schlüssel, um die Ernsthaftigkeit eines Bedauerns oder gar einer Entschuldigung zu ermessen. Auch in der Leichenverbergung gibt es eben diese Ambivalenz, die Sie bei der Shoah erkennen. Einerseits wurde offen ausgestellt, andererseits wurden Spuren verwischt, als Zeichen der Macht über den Genozid hinaus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Einäscherung eines Toten ist im Judentum nicht zulässig. Das Verbrennen der Ermordeten in den Krematorien war auch als weitere Entwürdigung gedacht.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Hier ist jedoch im Hinblick auf Ruanda auch ein Unterschied zur Shoah festzustellen. Es gibt keinen Genozid der Asche, wie man es nach Paul Celans „Todesfuge“ nennen könnte. Im Sommer 1994 war offensichtlich, was passiert war. Das Land war fast menschenleer, die Hutu waren geflohen und man fand Unmengen von Leichen, auch weil man an vielen Orten die Leichen einfach liegen ließ. Kirchen, Schulen, sehr berühmt die Schule von Murambi, wurden belassen, wie man sie vorgefunden hatte. Man sah die Leichen nicht nur, man roch sie und der Geruch war so stark, dass der Besuch fast unmöglich war. Dahinter stand die Idee, dass man denjenigen, die an diese Orte kommen, zeigt, was evident ist. Über Jahrzehnte zuvor wurde die Gewalt gegen die Tutsi geleugnet, die Täter, die schon vor dem Massaker gemordet hatten, waren nicht bestraft worden. Man wollte die Evidenzen belassen und diese so ausstellen, sodass niemand sein Auge abwenden konnte. Das war die erste Phase.</em></p>
<p><em>Dann kamen Kontakte auch nach Yad Vashem zustande. Berater aus Israel reisten nach Ruanda und versuchten die Regierung dabei zu unterstützen, Gedenkorte zu schaffen. Man versuchte, von der Masse der Toten wegzukommen, nicht mehr allein auf den Schrecken zu setzen und stattdessen die Körper zu begraben, an würdigen Orten zusammenzuführen. Auch das ist ein Beispiel für das Konfluierende im Genozid, das ich zeigen möchte. Ich hoffe, dass dies auch in Deutschland bedacht wird. Ich befinde mich mit meinem Buch immer wieder in einer zwiespältigen Situation. So manche Akteure aus den postkolonialen Studien mögen mich nicht besonders. Die Ignoranz gegenüber dem, was in Ruanda geschah, ist so groß, dass deutlich darüber gesprochen werden müsste.</em></p>
<h3><strong>Juristische Aufarbeitung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Frantz Fanon beschreibt in „Les damnés de la terre“ seine Begegnung als Psychiater mit dem Täter und mit dem Opfer einer Folterung. Dies ist meines Erachtens die Ursituation. Aber es gibt nicht nur die überlebenden Täter und Opfer, sondern auch die nachfolgenden Generationen. In Deutschland habe ich wahrgenommen, dass die Gaçaça-Gerichte, in anderen Ländern Wahrheitskommissionen, beispielsweise in Südafrika, und ähnliche Einrichtungen als vorbildlich wahrgenommen wurden. Ich kann mir das so nicht vorstellen. Ich sehe in diesen Einrichtungen eher große Hilflosigkeit, weil der Staat kaum Möglichkeiten zu haben scheint, solche Menschheitsverbrechen aufzuklären und zu bestrafen.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das ist ein ganz großes und schwieriges Thema. Die Gaçaça-Gerichte sind eine Reaktion auch auf die Langsamkeit und die engen Grenzen, die dem </em><a href="https://unictr.irmct.org/"><em>Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda</em></a><em> gesetzt wurden. Man konnte dort allenfalls einige Haupttäter verurteilen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Strafgerichtshof_f%C3%BCr_Ruanda">Wikipedia-Eintrag zu diesem Strafgerichtshof</a> nennt 93 Anklagen und 62 Urteile in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das betrifft auch die ruandische Justiz. Die Gerichte, die in Ruanda von professionellen Richtern geführt wurden, hätten einen unendlichen Zeitraum in Anspruch genommen. Im Grunde ist die Entscheidung für die Laiengerichte eine pragmatische Entscheidung. Mit der Zeit sind Hutu ebenso wie Tutsi, die sich im Exil befunden hatten, wieder nach Ruanda zurückgekehrt, und damit mussten Täter und Opfer wieder Tür an Tür leben. Sie waren wieder in der gleichen Situation wie vor dem Genozid. Sie waren wieder Nachbarn! Das musste man irgendwie lebbar machen. Die Idee war, dass man die völlig überfüllten Gefängnisse, die auch in keiner Weise humanitären Standards entsprachen, leeren musste. Man musste dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder in Gang kam, dass das Land nicht weiter im Zusammenbruch verharrte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke an Konrad Adenauer, dem der Satz zugeschrieben wird, dass man schmutziges Wasser nehmen müsse, wenn man kein sauberes habe.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Ja, genau dies. Das lässt sich gut übertragen. Die Gaçaça waren für die Überlebenden eine ungeheure Zumutung. Es lief darauf hinaus, dass Täter auch mit Lippenbekenntnissen, kleinen Andeutungen des Bedauerns, ihre Strafen deutlich reduzieren konnten, wenn sie nicht sogar ganz straffrei blieben. Das war für die Überlebenden ein Schmerz sondergleichen, auch verbunden mit Angst, denn aussagebereiten Überlebenden wurde gedroht, dass man sie ermorden werde.</em></p>
<p><em>Auf der anderen Seite sind die Gaçaça ein pragmatischer Versuch, der notwendig scheitern musste, aber dennoch nötig blieb. Die ruandische Gesellschaft hatte letztlich keine Wahl. Die Tutsi konnten nicht alle ins Ausland gehen, sich nicht alle eine neue Heimat suchen. Die Hutu mussten irgendwie versuchen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Da kam es zu Reibungen, zu einem Sich-Zurückziehen, gerade bei Überlebenden. Das kann man bei Esther Mujawayo sehr gut nachlesen. Sie sagt, dass die konkrete, auch die materielle Hilfe für verwitwete Frauen und für ihre Kinder im Vordergrund stand und dass sie sich selbst in die Fragen der Rechtsprechung gar nicht einmischen wollte. Sie war nicht bereit, als Zeugin oder als engagierte Überlebende ihr Wort gelten zu machen. Das ist die eine Position. Eine andere formuliert Révérien Ruwanga. Er sagt, dass es ohne Prozesse kein Zusammenleben geben könne. Ohne eine juristische Aufarbeitung könne nicht ermessen werden, was der Genozid wirklich bedeutet hat.</em></p>
<h3><strong>Frankreich und Deutschland</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprachen bereits die denkwürdige Positionierung von Mitterand an. In Deutschland hatten wir – ich sage es einmal so – den wohlmeinenden Bundespräsidenten Horst Köhler, der sich unter anderem von Hans-Christoph Buch beeinflussen ließ. Man fragt sich ohnehin, welche Ahnung die Berater im Bundespräsidialamt von der gesamten Geschichte hatten. Möglicherweise fand dort ein Referent zufällig einen Text von Hans-Christoph Buch und dachte, mehr brauche er nicht, um den Bundespräsidenten auf seine Reise vorzubereiten. Hinzu kommen viele Stimmen aus der antikolonialistischen und antiimperialistischen Szene. Sie erwähnen in Ihrem Buch unter anderem ein Erlebnis aus Berlin, wo aus dieser Szene behauptet wurde, dass es einen Genozid von Schwarzen an Schwarzen gar nicht geben könne. Mörder wären immer nur die <em>weißen</em> Kolonisatoren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Mit solchen Aussagen bin ich immer wieder konfrontiert worden.</em> <em>Ich war schon naiv. Ich habe mir das Thema nie unter dem Blickwinkel eines Schwarzen Rassismus angesehen, sondern bin einfach davon ausgegangen, dass hier Menschen Menschen getötet haben. Für mich steht außer Zweifel, dass es sich in Ruanda um ein rassistisches System handelte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Tutsi wurden umgebracht, weil sie Tutsi waren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Es gab nur den Grund der Geburt. </em></p>
<p><em>Mitterand ist ein interessanter Fall, der inzwischen auch in der französischen Öffentlichkeit aufgearbeitet wird. Emmanuel Macron hat 2019 eine Historikerkommission damit beauftragt sich mit der „opération turquoise“ auseinanderzusetzen, aber auch mit dem Verhalten von Mitterand und der französischen Diplomatie und französischen Kooperationsprojekten im Vorfeld des Genozids. Wichtige Experten wurden zwar nicht in die Kommission berufen, was zu großem Aufruhr führte, doch </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/voelkermord-in-ruanda-blutige-spur-in-den-elysee-palast-1.3592390"><em>der Bericht der Kommission</em></a><em> ist von großer Härte und Klarheit. Er umfasst über 1.000 Seiten und stellt klar, dass nicht nur die französische Diplomatie versagt hatte, sondern dass auch Mitterand selbst und sein Sohn freundschaftliche Verbindungen zum ruandischen Präsidenten unterhielten. Um der Verteidigung der Frankophonie willen sei es nötig gewesen, die Bevölkerungsmehrheit der Hutu zu unterstützen. Mitterand betrachtete die Tutsi, die in der ruandischen Diaspora im Ausland tätig waren, als Gefahr, weil sie häufig zur englischen Sprache gewechselt waren. Ihm erschienen daher die Hutu im Interesse Frankreichs als verlässlicher. Es steht fest, dass Mitterand warnende Stimmen, die es durchaus gegeben hatte, ignoriert hat. Darunter war zum Beispiel der beeindruckende französische Historiker </em><a href="https://histoirecoloniale.net/passe-colonial-le-devoir-d/"><em>Jean-Pierre Chrétien</em></a><em>, ein Kenner der Länder rund um die großen afrikanischen Seen und der ruandischen Geschichte. </em></p>
<p><em>Besonders schockierend wird dies, wenn man bedenkt, dass der Genozid in dem Jahr stattfand, in dem der 50. Jahrestag der Landung der US-amerikanischen Truppen in der Normandie gefeiert wurde. Es gibt Aufnahmen von Mitterand in </em><a href="https://www.visitlimousin.com/centre-de-la-memoire-doradour-sur-glane/"><em>Oradour-sur-Glane</em></a><em>, wo die SS die Menschen eines ganzen Dorfes ermordet hatte. Mitterand sagte direkt zum Thema des Genozids, dies dürfe nie wieder geschehen. Er merkte jedoch nicht, was zeitgleich in Ruanda geschah. Ähnlich bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des D-Day in der Normandie. Dies wurde in der französischen Gesellschaft lange unter den Tisch gekehrt, aber das ändert sich. Dies ist der Zivilgesellschaft zu verdanken, aber auch der Historikerkommission, die sich nicht hat einschüchtern lassen. Die schon genannte Graphic Novel von Patrick de Saint-Exupéry „La fantasie des dieux“ beginnt mit Mitterand, der sich wie ein Pontius Pilatus die Hände in Unschuld wäscht, aber gleichzeitig die Erinnerung an die Shoah hoch zu halten vorgibt. Das ist einer der Gründe, warum mir eine vergleichende Genozidforschung so wichtig ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch deshalb ist Ihr Buch so verdienstvoll. Ich nenne eine Auswahl von vier Genoziden, die eigentlich unbestritten als solche anerkannt werden müssten, die Shoah, der Tutsizid, der Genozid an den Armenieren, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Genozide – hier ist der Plural angebracht – an den Êzîden</a>. Heutzutage wird der Begriff des Genozids jedoch zunehmend missbraucht, nicht nur in Bezug auf Israels Vorgehen in Gaza, zuletzt mit Trumps unsäglicher Äußerung, es gäbe einen Genozid an der weißen Bevölkerung Südafrikas.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Wir erleben eine Inflation des Begriffs. Ich denke, wir müssen abwägend argumentieren. Aber es ist ein Problem, dass dieses Abwägen, das Sprechen in Nuancen oft gar nicht mehr gewünscht wird. Hier passt ein Blick auf das Verhalten von Horst Köhler. Es ist nun nicht so, dass dieser unglückliche Präsident gar nichts verstanden hätte. Er hatte mit der Zeit schon begriffen, dass es bei der Positionierung von Hans-Christoph Buch ein Problem gab, erst recht, nachdem dieser in der Frankfurter Rundschau auch gegen den Bundespräsidenten polemisierte, weil er den ruandischen Präsidenten Paul Kagame in Deutschland empfangen hatte. </em></p>
<p><em>Sicherlich war Horst Köhler schlecht beraten. Die interessantere Figur ist jedoch Hans-Christoph Buch, weil sich bei ihm die deutsche Kolonialgeschichte mit einem misogynen Blick auf ruandische Frauen fortsetzt. Mit einem widerlich heroisierenden Männlichkeitsblick beschreibt er sein Verhältnis mit seiner ruandischen Dolmetscherin, eine überlebende Tutsi, die mehrfach vergewaltigt worden war. Die Frau sagte, sie könne seit diesem Erlebnis Sexualkontakte nur noch als Gewalt wahrnehmen. Hans-Christoph Buch hält es für nötig zu erklären, dass er sich in diesem Moment sexuell erregt fühlte. Dabei blieb es nicht: Das Schockierende ist, dass er auch die angeblich tolle Nacht beschreibt, die er mit dieser Frau verbracht habe, in Missachtung dessen, dass sie ausdrücklich gesagt hatte, dass sie keine Sexualkontakte wünsche. Das ist meines Erachtens eine Schlüsselszene, die bekannter werden müsste, um die erforderliche Distanz zu all dem zu gewinnen, was Hans-Christoph Buch zur Kolonialgeschichte beizutragen vorgibt. Als junge Doktorandin habe ich ihn einmal bei einer Lesung erlebt und konnte ihn mit seinem Männlichkeitswahn damals schon nicht ertragen.</em></p>
<p><em>Alles, was man etwa um 1900 in deutschen Büchern zur Kolonialgeschichte lesen kann, wird von Hans-Christoph Buch geradezu Wort für Wort reproduziert, auch dadurch, dass er sich an einem bestimmten Buch ausrichtet, das im Jahr 1904 erschien: </em><a href="https://archive.org/details/caputnilieineemp00kanduoft"><em>„Caput Nili – Eine empfindsame Reise zu den Quellen des Nils“</em></a><em> von Richard Kandt, dessen problematische Position er in keiner Weise begreift. Was er schreibt, ist ein Abklatsch davon. Hans-Christoph Buch beruft sich auf seine Augenzeugenschaft eines Massakers, das Tutsi an Hutu begingen. Dieses Massaker hat es wirklich gegeben. Es steht nicht in Frage, dass hier etwas Grauenvolles geschah. Das Problem liegt woanders. Seine Erfahrung muss für Buch so traumatisierend gewirkt haben, dass es ihm nicht mehr gelang, die gesamte Gewaltgeschichte zu sehen und Abstand von negationistischen Thesen zu finden, deren Vertreter er dann schließlich auch wurde. Er geht ausschließlich von seiner persönlichen Erfahrung aus und verliert die Geschichte des Genozids damit aus dem Blick. </em></p>
<p><em>Hans-Christoph Buch ist aber auch ein Beispiel dafür, wie gering die Kenntnisse über Ruanda in der deutschen Presselandschaft ausgeprägt sind. Ich habe in meinem Buch versucht, die „Tribalisierung“ Afrikas in der deutschen Presse zu beschreiben. Dieses Wort muss unbedingt in Anführungszeichen gesetzt werden. Afrika habe keine eigene Geschichte, es gebe immer nur Kriege zwischen „Stämmen“, der „Blutrausch“ liege den Afrikanern „im Blut“. So sagte es ja auch Mitterand. Im Spiegel findet man im Jahr 1973, einem Jahr der Höhepunkte der Gewalt in Ruanda, als viele Schüler und Studenten betroffen waren, einen Bericht, in dem von den „Kurzen“ und den „Langen“ die Rede ist. Die „Langen“ sind die Tutsi, die „Kurzen“ die Hutu. Das sind die gängigen rassistischen Klischees.</em></p>
<h3><strong>Ethnifizierung </strong></h3>
<div id="attachment_7381" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11489176"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7381" class="wp-image-7381 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main.jpg 504w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7381" class="wp-caption-text">&#8222;Riesen und Zwerge&#8220;. Weitere Informationen des Kolonialen Bildarchivs erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie dokumentieren, dass die Kolonisatoren die Tutsi als <em>weiße</em> Schwarze (sie verwendeten natürlich ein anderes Wort) bezeichneten.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Die Kolonisatoren waren voller Bewunderung für die Tutsi, die sie damals vorfanden. Sie meinten, das könnten doch unmöglich Afrikaner sein. Man erfand ihnen eine andere Herkunft. Man hatte mit diesem Aussehen und den Besonderheiten der Kultur und Regierungsform nicht gerechnet und musste nun eine Erklärung finden, die dem eigenen rassistischen Weltbild entsprach. Jean-Pierre Chrétien sagt, dass die Identität der Tutsi, wie sie ihnen die Europäer zuschrieben, schon festgestanden habe, bevor es zu dem Erstkontakt gekommen war. Der Hamiten-Mythos habe vorgezeichnet, wie die Kolonisatoren die ruandische Bevölkerung wahrnehmen würden. </em></p>
<p><em>Tutsi hieß eigentlich nur „Hirte sein“. Eine ethnische Bedeutung gab es nicht. Es war die Bezeichnung einer Berufsgruppe, die man auch verlassen konnte. Insofern stellt sich die Frage, wie die deutschen Kolonisatoren zu einer künstlichen Ethnifizierung der ruandischen Gesellschaft und der späteren Rassifizierung beigetragen haben, die in den Ethnien etwas Naturgegebenes sah. </em></p>
<p><em>Mich ärgert, dass man das Wort „Ethnie“ unkritisch weiter benutzt. Ich glaube, dass man nicht nur vom N-Wort sprechen sollte, sondern dass es vielleicht sogar wichtiger wäre, vom E-Wort zu sprechen. Wenn man schon mit Tabuismen sprechen will, ist dies das Schlüsselwort, das alle Gefahren in sich enthält. Es ist noch nicht der Kern des Genozids, aber der Kern der Möglichkeit einer Eskalation bis hin zum Genozid.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das E-Wort geistert ständig durch Politikerreden, unabhängig von der jeweiligen politischen Botschaft. Und zurzeit erleben wir in Deutschland eine Debatte, ob der Volksbegriff im Grundgesetz ethnisch definiert wäre. Das Gefährliche ist die dahinterstehende Geisteshaltung.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das Wort „Ethnie“ ist in Ruanda verboten. Aber das kann – wie im Antisemitismus – den Tutsi wieder als Bösartigkeit ausgelegt werden, indem gesagt wird, sie wollten ihre Identität nur verschleiern. Sogar, wenn man auf ethnische Begriffe verzichtet, ist auch das wieder für die Gegner ein Zeichen von Machtwillen, nicht zeigen zu wollen, zu welcher Gruppe man gehört. Auch das kann wieder in Negationismus überführt werden. </em></p>
<div id="attachment_7379" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11403677"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7379" class="wp-image-7379 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x214.jpg" alt="" width="300" height="214" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-200x142.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-400x285.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main.jpg 504w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7379" class="wp-caption-text">Watussi-Rinder. Weitere Informationen des Kolonialen Bildarchivs Goethe Universität Frankfurt am Main erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zeigen in Ihrem Buch das Bild einer Kuh und vermerken, dass dieses Bild eminent rassistisch sein könne.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das geht noch weiter. Die Behauptung war, die langen Hörner der Rinder der Tutsi sähen aus wie die der Rinder auf den ägyptischen Hieroglyphen. Man fand in diesen Rindern den „Beweis“, dass die Tutsi aus dem Ägypten der Pharaonen stammen und daher früh mit dem Christentum in Kontakt gewesen sein müssten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jetzt fehlen nur noch die zehn verschwundenen Stämme Israels</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Dazu gibt es Forschung. Eine Theorie sagt, die Tutsi wären einer der verlorenen Stämme. Es ist wichtig, die jüdische Geschichte immer wieder einzubeziehen, weil auch antisemitische Stereotype auf die Tutsi übertragen wurden. Es gibt eine merkwürdige Mischung aus Antisemitismus, Rassismus und dem Gedanken, die Tutsi seien die „Juden Afrikas“, die eigentlich schon vor langer Zeit die Chance gehabt haben müssten, zu einer Art Proto-Christen zu werden, weil sie aus dem Raum der Bibel stammten. </em></p>
<p><em>Der Antijudaismus wird durch das biologistische Denken im 19. Jahrhundert in den rassistischen Antisemitismus überführt. Mit dem Hamiten-Mythos geschieht etwas Ähnliches. Ham ist einer der Söhne Noahs, der die Schuld auf sich geladen habe, seinen Vater nackt zu sehen und daher von Gott verurteilt worden sei. Der Versuch der Bibel-Exegese verbindet sich hier mit anthropometrischen Projekten, in denen ausgemessen wurde, wie lang „die Tutsi-Nase“ oder „der Hutu-Schädel“ sei. Dann gibt es diese abstrusen Zahlenkolonnen, Statistiken ohne Ende, in denen das verwissenschaftlicht wird. Hannah Arendt nannte dies „Wissenschafts-Aberglauben“. Und genau das ist es. Auch hier gibt es Parallelen zum modernen Antisemitismus.</em></p>
<h3><strong>„Versöhnung ist Unsinn“ (Nora Bossong in: Schutzzone)</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht zum Abschluss ein Satz von Nora Bossong, deren Roman „Schutzzone“ Sie mehrfach zitieren: <em>„Versöhnung ist Unsinn“</em>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: (denkt etwas länger über die Antwort nach). <em>Vielleicht muss man mit Paradoxien antworten. Versöhnung ist unmöglich, ist nötig, aber zwischen diesen beiden Polen hat sich die ruandische Gesellschaft eingerichtet, und das sollten wir in Deutschland wahrnehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Versöhnung als Pflichtprogramm? Mich erinnert das ein wenig an die DDR und die dortige staatsoffizielle Instrumentalisierung von Buchenwald.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das zeigt sich auch bei den offiziellen Gedenkveranstaltungen in Ruanda. Die psychologische Forschung zeigt, dass Krisen in der Auseinandersetzung mit dem Genozid nicht abnehmen, sondern sich verstärken. Die Krisen werden gerade dann ausgelöst, wenn sich Überlebende zusammenfinden und einen Raum finden, in dem sie ihren Schmerz ausdrücken können. Die Präsenz der Katastrophe wird unleugbar. Daher sollte man auch nicht leichtfertig den Resilienz-Begriff benutzen, sondern den Akzent erst einmal auf das Leid setzen, dass diesen Menschen widerfahren ist, und erst dann darüber sprechen, dass das Land wieder zum Funktionieren gebracht wurde. Man darf nicht naiv optimistisch sein und einfach so tun, als wenn dies so einfach zustande gekommen sei. Die Menschen hatten einfach nicht die Wahl. Frauen waren gezwungen, fremde Kinder zu sich zu nehmen, alle mussten soziale Netzwerke ins Nichts hinein neu aufbauen. Das war nicht Zeichen einer Resilienz, sondern einer schieren Notwendigkeit. Auch Kinder haben Großes geleistet, wenn sie als ältere Geschwister für ihre jüngeren verantwortlich handelten. Esther Mujawayo schreibt, in einem Genozid stirbt nicht jemand, sondern in einem Genozid sterben <u>alle</u>. In diese Leere hinein müssen sich die Überlebenden neu erfinden. In diesem Sinne muss ich Nora Bossong vielleicht doch recht geben. Es ist ein „Zivilisationsbruch“ – wie Dan Diner es über die Shoah sagte –, und ein solcher „Zivilisationsbruch“ hat auch in Ruanda stattgefunden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wir könnten jetzt beispielsweise – nur beispielsweise – mit dem Sudan fortfahren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> In unserer jetzigen Zeit wäre es gut, nicht immer in Oppositionen zu denken, als wenn man sich immer klar entscheiden müsste, auf wessen Seite man stehen oder wem man seine Aufmerksamkeit schenken sollte. </em></p>
<p><em>Es ist das Konfluierende, man muss Dinge zusammendenken, vergleichen, auch um Unterschiede herauszustellen. Es geht nicht darum, gleichzusetzen, aber ohne das Vergleichen macht man auch das Gedenken an die Shoah steril. Aus dem Shoah-Gedenken folgt „Nie wieder Auschwitz“. 1994 war die Weltöffentlichkeit in Ruanda nicht in der Lage, dies einzulösen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bundesaußenminister Joschka Fischer begründete seine Zustimmung zu den NATO-Angriffen auf Belgrad angesichts der serbischen Massaker in Srebenica und anderswo mit <em>„Nie wieder Auschwitz“</em>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> Ich folge Ruth Klüger, die schrieb, man müsse Brücken zwischen den Singularitäten bauen. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 24. Juli 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nyamata_Memorial_Site_13.jpg">Nyamata Memorial Site</a>, Rwanda, © <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Inisheer">Fanny Schertzer</a>, Wikimedia Commons. Für die Vermittlung des Kontakts zu Anne Peiter danke ich <a href="https://www.igw.uni-bonn.de/de/institut/neuzeit/krueger/team/krueger">Christine G. Krüger</a>, Universität Bonn, Autorin des Beitrags <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/versoehnerinnen">„Versöhnerinnen?“</a> im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon,</span> gemeinsam mit Victoria Fischer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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