Amerikanische Zustände
Donald J. Trump, Roy Tillman und Faschismus als Lebensform
„Lorraine: You are one of these constitutional sheriffs. Roy: Yes, I am. Defender of the freedom and the common man against the tyranny of the state and all its wicked elements. Lorraine: Taxes? Roy: Oh, yeah. Lorraine: The social safety net? Roy: Well, I’ll spit, but …. Lorraine: Respect for the otherly-abled? Roy: The whole multicultural panoply. ‘Billy has two mothers’ etc. etc. Lorraine: So … so … you … want freedom with no responsibility? Son, there is only one person on earth, who gets that deal. Roy: Hmm … the president? Lorraine: A baby. You’re fighting for your right to be a baby.” (Dialog zwischen Sheriff Roy Tillman und der Milliardärin Lorraine Lyon in „Fargo“ Staffel 5, Episode 5 „The Lioness“)
Lorraine Lyon (gespielt von Jennifer Jason Leigh) ist die Schwiegermutter von Dorothy (gespielt von Juno Temple), die sie eigentlich nicht mag. Noch viel weniger mag sie allerdings Sheriff Roy Tillman (gespielt von Jon Hamm), der von ihr Dorothy „zurückverlangt“, die ihn vor elf Jahren verlassen hatte, als sie noch Nadine hieß und mit ihm verheiratet war. Dorothy hatte eine neue Identität angenommen, wieder geheiratet und eine Tochter bekommen. Durch einen Zufall hatte Roy von Dorothys neuer Existenz erfahren. Zwei Entführungsversuche waren gescheitert. Lorraine erklärt ihm, dass er keine Rechte mehr an Dorothy habe, weil eine Person, die sieben Jahre verschwunden sei, als tot gelte. Außerdem liebe ihr Sohn Dorothy. Es nütze ihm nichts, wenn er behaupte: „Bible says the wife is the property of the husband.“ Jetzt sei Dorothy – wenn man seiner Sprachwahl folgen wolle – „the property of my son“.
Roy Tillman formuliert in diesem Dialog kurz und bündig sein Selbstverständnis als Sheriff. Es ist eine Art Glaubensbekenntnis und letztlich das Programm der MAGA-Bewegung in nuce, wie man es kaum besser auf den Punkt bringen könnte. Auf seinen Wahlplakaten steht: „A hard man for hard times.“
Violence First!
Fargo ist eine Stadt in North Dakota. Die Serie „Fargo“ folgt dem gleichnamigen Film der Coen Brothers. Die Idee zur Serie hatte Noah Hawley, der auch die Drehbücher schrieb und in allen Staffeln und Episoden sehr genau die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Zustände der USA spiegelt, insbesondere in der fünften Staffel die beiden Präsidentschaften Donald J. Trumps.
Die fünfte Staffel der Serie wurde erstmals im Jahr 2023 ausgestrahlt (in Deutschland auf Netflix verfügbar). Sie spielt im Jahr 2019, dem dritten und vorletzten Jahr der ersten Präsidentschaft Donald J. Trumps. Die Milliardärin Lorraine Lyon („I am in the debt business“) ist keine Freundin der Demokraten. Dies lässt sich schon zu Beginn vermuten, als sie die gesamte Familie für eine Weihnachts-Karte mit Sturmgewehren posieren lässt. Auch ihr Name deutet an: Sie ist die Löwin, die ihre Familie verteidigt. Sheriff Roy Tillman hat Farm und Amt im Nachbarstaat North Dakota, nördlich von South Dakota, wo Kristi Noem vor ihrer Bestellung zur Chefin der Homeland Security durch Donald J. Trump im Januar 2025 als Gouverneurin herrschte und sich rühmte, ihren ungezogenen Welpen einfach erschossen zu haben, eine Geschichte, die Meme-Charakter erhielt. In einer Episode der satirischen Serie South Park, die kurz nach dem zweiten Amtsantritt Donald Trumps produziert, erschießt sie einen Hund nach dem anderen. Alles, was der eigenen „Freiheit“ im Wege steht, muss mit Gewalt beseitigt werden, Frauen, die sich ihrem Ehemann widersetzen, müssen – auch mit Gewalt – „in line“ gebracht werden. Roy Tillman herrscht – so signalisiert es schon sein Name – wie ein König. Er duldet keinen Widerspruch. Er ermordet diejenigen, die ihm in die Quere kommen, unter anderem seine erste Frau Linda, den Anwalt von Lorraine Lyon Danish Graves (gespielt von Dave Foley), seinem Schwiegervater Odin Little (gespielt von Michael Copeman) schneidet er die Kehle durch. Gewalt wird mit Gewalt besiegt. Auch das ist eine Botschaft der fünften Staffel von „Fargo“, denn Roy Tillman kann nur durch eine Armada des FBI besiegt werden.
Violence First! Das erlebte die Welt nicht nur am 6. Januar 2021, als ein wütender Mob im Sinne von Trump das Capitol angriff, um die Vereidigung von Joe Biden zum 46. Präsidenten der USA zu verhindern. Gewalt durchzieht insbesondere die zweite Präsidentschaft Trumps: die Homeland Security mit ihrem militärischen Arm ICE, Morddrohungen aus der MAGA-Bewegung gegen Kongressmitglieder und Senatoren.
Es geht um die Vernichtung derjenigen, die einen angeblich bestohlen haben. Eva von Redeker hat in ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte – Über den neuen Faschismus“ der Philosophin Eva von Redecker (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026) den Begriff des „Phantombesitzes“ eingeführt. Es kommt nicht darauf an, dass man etwas jemals realiter besaß, es reicht, dies zu behaupten, zumal wenn es sich um etwas handelt, das man gar nicht besitzen kann, wie beispielsweise das Land, in dem man lebt, die Sprache, die man spricht, die Religion, von der man behauptet, sie sei die wahre Grundlage des eigenen Denkens und Handelns, sogar Menschen wie die Ehefrauen, die manche Ehemänner beherrschen möchten beziehungsweise die die sogenannten INCELS nicht finden, und letztlich eine Wahl. Daraus lässt sich – so Eva von Redeker – auch ein Regierungsstil ableiten: „Das Regieren mit Verordnungen zielt darauf, Politik durch das Management eines Eigentümers zu ersetzen. Und es ist ein Exzess, weil gerade der Extrempunkt des modernen Eigentums, das Recht auf Missbrauch der Objekte, das in ausgereiften Rechtsordnungen in vieler Hinsicht eingeklammert ist, ausgekostet werden soll. Der Faschismus zielt auf entfesselte Sachherrschaft, er installiert Arenen, in denen der Wille triumphieren und sich vollkommen unbegrenzt gegen verdinglichtes Leben wenden kann. Alles, was Plünderern je unterstellt wurde ist einem selbst plötzlich erlaubt: gegenüber dem, was einem gehört.“ Trump inszeniert sich als der Verteidiger des Eigentums von Leuten, die fest davon überzeugt sind, dass ihnen alles, allen anderen, die nicht so aussehen wie sie, die nicht so denken wie sie, jedoch nichts gehören sollte.
Und das Destruktive scheint System zu haben. Am 8. Juni 2026 erklärte der Politik- und Rechtswissenschaftler Stephen Holmes in einem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Gespräch, was den Anhänger:innen Trumps gefällt: „Sie lieben es, dass der East Wing abgerissen wird“. Holmes sieht bei ihnen zwar kein Interesse an dessen goldenem Ballsaal, den sie wohl kaum je betreten oder gar nutzen dürften, aber sie empfinden offensichtlich große Genugtuung über den Abriss des East Wing als Symbol US-amerikanischer Demokratie. Trump könne – so Holmes – zwar der „weißen Arbeiterklasse (…) keine bessere Zukunft bieten“, aber „die Zukunft der in Harvard gebildeten professionellen Elite an Ost- und Westküste zerstören. Ich kann ihre Universitäten, Zeitungen, das Nato-Bündnis, die Weltwirtschaft ruinieren. Das spricht Menschen an, die einen Groll haben, weil dann wenigstens etwas passiert.“ Letztlich ist der Abriss des East Wing Teil eines herbeigewünschten Bildersturms gegen die Eliten, das Establishment, wie auch immer man diejenigen nennen mag, die der brave MAGA-Amerikaner verachtet und hasst.
Eine oft vermutete Ursache solch destruktiver Neigungen könnte darin liegen, dass in der vorangegangenen Zeit offenkundig wirtschaftliche und soziale Probleme nicht ernst genommen, geschweige denn gelöst wurden. Ein Gegenprogramm von linker Seite ließe sich unter dem Begriff der „affordability“ im Sinne des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani subsummieren. Die Wähler:innen verlangen jedoch mehr als einen auskömmlichen Lebensunterhalt. Zum Vorgehen Mamdanis zählen daher auch schnelle Verbesserungen im sogenannten Stadtbild. Wer zum Beispiel ein Schlagloch meldet, erlebt, dass dieses schon am nächsten Tag beseitigt wird. Dem neuen britischen Premierminister Andy Burnham gelang Ähnliches in Manchester.
Die deutsche Partei „Die Linke“ kopiert Mamdanis Strategie recht erfolgreich, zumindest in Großstädten. In Berlin gelang ihr am 20. September 2026 ein eindrucksvolles Wahlergebnis, weil sie das Thema bezahlbaren Wohnraums in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfes stellte. Sie hatte erkannt, dass die in Deutschland regierenden Parteien sich offensichtlich nicht an wirkungsvolle Maßnahmen gegen die hohen Mietpreise heranwagten.
Das Vorgehen Mamdanis und Burnhams funktioniert in großen Städten, in ländlichen Regionen gibt es eher selten vergleichbare Initiativen. Es bietet jedoch keine Antwort auf die Identitätsprobleme der Anhänger:innen der MAGA-Bewegung und anderer rechtsextremer Gruppierungen. Für Großbritannien schildert Annette Dittert in ihrem Buch „Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“ (Köln, DuMont, 2026), wie enttäuschte Labour- und Tory-Wähler:innen zunächst zu Nigel Farage und Reform UK beziehungsweise inzwischen in Teilen zu der noch radikaler auftretenden und von Elon Musk unterstützten Partei um den mehrfach verurteilten Straftäter Tommy Robinson überlaufen. Ihnen geht es offenbar gar nicht (mehr) um eine Vision, einen Plan, wie ihr zukünftiges Leben verbessert werden könnte. Ihnen reicht es, dass sie diejenigen, die sie für die Schuldigen an allem Unglück, in dem sie sich sehen, halten, vertreiben oder zumindest dafür sorgen können, dass es diesen schlechter geht.
Stephen Holmes sieht hinter solchen Entwicklungen ein, vielleicht sogar das Grundproblem einer liberalen Demokratie: „Demokratie ist ein System konkurrierender, überzogener Versprechen, was natürlich Enttäuschung erzeugt. Die Enttäuschung wird dadurch bewältigt, dass regelmäßig Wahlen stattfinden. Wenn Sie also mit den Amtsinhabern unzufrieden sind, hoffen Sie, statt Gewalt anzuwenden, auf die nächste Wahl. Aber wenn Sie auch nach mehreren Wahlen feststellen, dass sich nichts ändert, dann funktioniert dieser Mechanismus zur Verarbeitung der Enttäuschung nicht mehr. Und dann wenden Sie sich gegen das System.“ Es reicht dann nicht mehr, Migranten zu deportieren, wahlweise Juden, Muslime, People of Color zu beschuldigen, dann geht es um die Zerstörung der in ihren Augen sie misshandelnden Demokratie, des gesamten demokratischen Systems. Die Drohung, demokratisch legitimierte Regierungsmitglieder zu verhaften, gehört inzwischen zu den Standardparolen illiberaler, faschistoider und faschistischer Aktivist:innen. Ihr Spritius Rector ist Donald J. Trump, der schon Hillary Clinton, Joe Biden, Gavin Newsom sowie manche demokratischen Bürgermeister:innen die Verhaftung angedroht hatte. Identitätspolitik von rechts hat Vorfahrt. Anders gesagt: Sie praktizieren woke von rechts, Meinungsfreiheit bedeutet: Nur eine Meinung gilt!
Alles ist erlaubt! Am 26. April 2026 veröffentlichte Hawley in „The Atlantic“ seinen Bericht „What I learned about Billionaires at Jeff Bezo’s Private Retreat”: „For the richest men, everything is free and nothing matters.“ Bernd Ulrich schrieb am 10. Januar 2026 auf ZEIT Online: „Einer Mutter wird ins Gesicht geschossen, ein Staatschef gekidnappt: Donald Trump macht Politik im Rausch.“ Ein Jahr der zweiten Präsidentschaft von Donald J. Trump, das heißt: „Mehr Blut, mehr Stahl, mehr Ideologie“ – so die von Bernd Ulrich gewählte Überschrift. Und im Hintergrund lauern JD Vance und Peter Thiel. Trumps stellvertretender Stabschef Stephen Miller bezeichnete internationale Verträge und Organisationen als „niceties“, die „Stärke, Gewalt und Macht“ zu weichen hätten. Ganz im Sinne von Carl Schmitt, der ohnehin in der weltweiten rechtspopulistischen Szene gerne zitiert wird, so auch bei den intellektuellen Stichwortgebern der MAGA-Bewegung von Curtis Yarvin über Patrick Deneen bis hin zu Peter Thiel.
Erziehungsziel Grausamkeit
Wie die von Trump und der fiktiven Figur des Sheriffs Roy Tillman verkörperte Strategie funktioniert, hat Robert Misik in seinem Großessay „Erziehung zur Grausamkeit“ (Berlin, edition suhrkamp, 2026) beschrieben. Misik beginnt mit dem von Kristi Noem erschossenen Welpen und schließt mit einem Verweis auf Bertolt Brechts Figur des irischen Packers Galy Gay in „Mann ist Mann“ (1926). Brecht hatte in diesem Drama vorgeführt, wie jemand so manipuliert werden kann, dass er alle Schlechtigkeiten dieser Welt zu begehen bereit ist.
Robert Misiks Einleitung trägt den Titel „Lehrjahre der Unmenschlichkeit“. Es folgen sechs Kapitel mit den Überschriften „Der Neue Faschismus als Massenhysterie“, „Die Lust an der Grausamkeit“, „Das Ressentiment“, „Durchgedrehte Aufklärung“, „…dann stellen wir sie an die Wand“ (hier äußert sich Misik konkret zur AfD), „Unsichtbare Hand, eiserne Faust“ (zum aktuellen „Libertärismus“, den Misik als „Faschismus für Besserverdienende“ bezeichnet). Das Schlusskapitel trägt die Überschrift „Wie man einen Menschen ummontiert“.
Misik hat die Propagandisten autoritärer Ideologien in einem früheren Buch „Die falschen Freunde der einfachen Leute“ (Berlin, edition suhrkamp, 2019) beschrieben und deren Strategien aus der Studie „Falsche Propheten“ von Leo Löwenthal (1949) abgeleitet. Zur Strategie gehört, „der anderen Seite genau das vorzuwerfen, was man selbst im Schilde führt.“ Sylvia Sasse nannte diese Strategie „Verkehrungen ins Gegenteil“ (Berlin, Matthes & Seitz, 2023, siehe hierzu auch Sylvia Sasse im Gespräch mit dem Demokratischen Salon: „Verkehrte Welten“). Misiks Essay bietet eine Fülle von Hinweisen auf Forschungsergebnisse und Analysen zum Thema, belegt aber auch, wie intensiv sich Hochschulen, Medien, Think-Tanks mit der Welt des Donald J. Trump und seiner Anhänger:innen befassen. Es ist Trump gelungen, seinen Namen auch auf vielen Seiten der Bücher der Autor:innen nenen zu lassen, die ihn ablehnen. Auch so kann Personenkult funktionieren.
Robert Misik verbindet in seiner Analyse politologische, soziologische und psychologische Aspekte. Er möchte zeigen, „wie Menschen zur Grausamkeit erzogen und in rasende Bestien verwandelt werden.“
Misik bezeichnet Faschismus mit Robert O. Paxton („The Anatomy of Fascism“, 2004) „als Angelegenheit des Bauchgefühls“. Zu den von Sylvia Sasse diagnostizierten „verkehrten Welten“ gehört die Täter-Opfer-Umkehr: „Der Rechtsradikale fühlt sich chronisch unterdrückt – meist durch die Tatsache, dass auch Menschen mit anderen Ansichten existieren.“ Opfer sind der um seinen Wahlsieg betrogene Donald Trump und seine Anhänger:innen. Demokratie schlägt in Faschismus um, wenn die angeblichen Opfer die Macht ergreifen. Robert Misik schreibt: „Faschismus und Demokratie sind nicht bloß Antipoden, sondern eben auch perverse Zwillinge. Der Aufstieg von Donald Trump und der neuen Autokraten stellt keine Anomalie der Demokratie dar, sondern ihre fatale Möglichkeit.“ Dies habe schon Karl Marx in seiner Schrift „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ (1851) erkannt. Robert Misik nennt aktuelle Beispiele einer solchen Umwertung der Werte, wie sie Louis Napoleon betrieb: „Den 6. Jänner, den Tag der Gewalt und des Sturms auf das Kapitol, erklärte Trump zum ‚Tag der Liebe‘, einem „Day of Love“.
Wer sich ständig unterdrückt und bedroht fühlt, verachtet Mitleid und Empathie. Erfolgreich werden „Polarisierungsunternehmer“, denen es mit der Zeit gelingt, ihrer Klientel, ihrem Publikum klarzumachen, „dass man die Abschaffung von Demokratie und Menschenrechten hinnehmen müsse, um Sicherheit garantieren zu können.“ Und wenn sich Regierungen, die von den traditionellen demokratischen Parteien getragen werden, darauf einlassen, die ein oder andere Maßnahme in diesem Sinne zu beschließen, lässt sich von Seiten der „Polarisierungsunternehmer“ von rechts immer wieder sagen, dass dies nicht ausreiche, um die „ständige Bedrohung“ grundsätzlich zu beseitigen. Die in der EU und in ihren Mitgliedstaaten beschlossenen Maßnahmen gegen illegale Immigration haben daher nicht bewirkt, dass rechtspopulistische und rechtsextremistische Parteien Stimmen verlieren. Im Gegenteil. Zum Teil haben sich – wie zum Beispiel in Italien, in Frankreich und in Polen – noch radikalere Versionen der rechtsextremen Parteienfamilie gegründet.
Demokratische Parteien lassen sich von den Opfererzählungen der Rechtspopulist:innen und Rechtsextremist:innen beeindrucken und adeln diese sogar als berechtigte Sorgen. Dies beruht auch – so Robert Misik im Anschluss an Markus Brunners „Sozialpsychologie des Autoritären“ (Gießen, Psychosozial Verlag, 2025) – auf einer Fehleinschätzung der in uns allen schlummernden Möglichkeiten selbst: „Das Selbstbild einer modernen, zeitgenössischen, individualistischen Selbstverwirklichungsgesellschaft führte in den vergangenen Jahrzehnten womöglich dazu, dass wir systematisch unterschätzt haben, dass in unserer Gesellschaft autoritäre Charakterdispositionen nach wie vor schlummern.“ Dystopischer Literatur ist dieser Gedanke nicht fremd. Margaret Atwood beispielsweise hat in „The Handmaid’s Tale“ (1985) beschrieben, wie in dem fiktiven Land Gilead eine ursprünglich liberale Gesellschaft sich in atemberaubender Schnelligkeit in eine totalitäre Diktatur mutiert, in der Frauen keine Rechte mehr haben. Es gibt in den USA und anderswo durchaus Apologet:innen einer solchen Gesellschaft, beispielsweise Hegseths Pastor Doug Wilson, den Paul Middelhoff in der ZEIT porträtiert hat. Unter anderem will Wilson das Frauenstimmrecht abschaffen.
Wut alleine reicht jedoch nicht aus, um rechtsradikale Bewegungen auf Dauer zu erhalten. Die Wut muss mit einer Politik kombiniert werden, die die Gefühle bewirtschaftet: „Die Hitze der Wutbewirtschaftung wird in die Wärme sozialer Gemeinschaft“ überführt. Begriffe wie „Normalität“ werden „aggressive Ausgrenzungsvokabel“. Robert Misik zitiert Hans-Jürgen Wirths Analyse der „Psychodynamik des Ressentiments“, zum Beispiel in dessen Buch „Gefühle machen Politik“ (Gießen, Psychosozial Verlag, 2022): Es „verstecken sich beim Ressentiment die aggressiven Qualitäten hinter demonstrativer Biederkeit, Angepasstheit an Konvention, Tradition und reaktionären Haltungen, die sich als Konservatismus, Traditionspflege und Heimatliebe maskieren.“ Cynthia Fleury sprach von Faschismus als „emotionale Pest“, die sich auch darin äußere, dass der „Ressentiment-Mensch“ verbal unablässig Unflat von sich gebe.
Dies lässt sich durchweg bei Politiker:innen rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien feststellen, mitunter in Arbeitsteilung, indem die einen eine Beleidigung an die andere reihen, andere jedoch das Idyll einer friedlichen Welt propagieren, wie es sie nie gegeben hat. Der Sprachstil eines Donald Trump und die Videos der Tradwives sind zwei Seiten derselben Medaille. Robert Misik dokumentiert aber auch, wie unflätig „AfD-Leute miteinander kommunizieren, wenn sie sich unbeobachtet wähnen“. Letztlich sind sie „Schausteller des Politischen, Kunstfiguren, manchmal auch Komödianten, mehr als andere Politiker.“ Der bürgerliche Habitus ist ihr Kostüm. Ihr Muster ist im Grunde Mussolini, wie Gaetano Salvemini schrieb. „Er passt sich den Notwendigkeiten des Augenblicks an, frech und geschwätzig, wenn alles gut geht, kleinmütig und schweigsam bei Gefahr, und wechselt in einem Augenblick von Freundlichkeit zur Grausamkeit, von Tollkühnheit zur List.“
Wer polarisiert, trennt die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Es gibt nichts mehr dazwischen. Thomas Bauer sprach von der „Vereindeutigung der Welt“ (Stuttgart, Reclam, 2018): „Ambiguitätstoleranz“ hat in dieser Welt jedoch keinen Platz mehr. Robert Misik zitiert Björn Höcke, der „wohltemperierte Grausamkeit“ bei den von ihm geforderten Deportationen ankündigte, Hans-Thomas Tillschneider, der das Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt schrieb, und diverse Portale der rechten Seite. Misik sieht Christian Lindner mit seinen Sympathien für Elon Musk und Javier Milei als „Rechtspopulist für Villenbewohner“ in dieser Reihe: „Was den Faschisten die autoritäre Kraftmeierei, ist den Ultraliberalen die Anbetung des Winners und die Verachtung der Loser. Mitgefühl ist aus ihrer Sicht das Laster von Weicheiern.“
Robert Misik kommt bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was Faschismus sei, zu dem Schluss: „Faschismus ist keine Theorie, die man annimmt oder verwirft, sondern eher eine Stimmung, die einen nach und nach erfasst und überwältigt.“ Faschismus ist eine Lebensform, wie sie auch die Figur von Sheriff Roy Tillman verkörpert.
Im Namen von Race und Religion – ein heiliger Krieg
Sheriff Roy Tillman beruft sich ständig auf die Bibel. Er hat sogar auf seiner Ranch eine eigene Kapelle, in der er sich regelmäßig mit Gott berät, sozusagen auf Augenhöhe. So ist alles, was er tut, im Grunde eine heilige beziehungsweise zumindest geheiligte Mission. Ohnehin zitiert er immer wieder die Bibel. Roy Tillman sieht sich in einer Endzeit, er spricht sogar davon, dies sei „our Masada“ und gibt damit zu erkennen, dass Leute wie er, die wahren Amerikaner, die Nachfolger des auserwählten Volkes sind, dass die Juden einmal waren: „I’m an emissary of the Lord“.
Die eigene Erhöhung und die Ausgrenzung Anderer gehen Hand in Hand. Wer die Ansichten Trumps beziehungsweise Roy Tillmans nicht teilt, ist kein richtiger Amerikaner. Stephen Holmes hatte gemeinsam mit Ivan Krastev in dem Buch „The Light That Failed“ (deutsch: Das Licht, das erlosch – Eine Abrechnung, Berlin, Ullstein, 2019) die verschiedenen Phasen der Wahrnehmung des sogenannten europäischen liberalen „Westens“ insbesondere in den jungen osteuropäischen Demokratien, in den USA, in Russland und China analysiert: Das liberale Europa wurde Schritt für Schritt zum Schreckbild: „Genau wie einige ungarische und polnische Populisten mit ihrer Weigerung prahlen, den liberalen Westen zu kopieren, so fühlen sich Trump-Anhänger befreit, wenn sie hören, dass die in Harvard ausgebildeten Eliten nicht nur keine Vorbilder, sondern in einem ganz fundamentalen Sinne noch nicht einmal richtige Amerikaner sind.“ Ähnlich argumentieren AfD-Politiker:innen, wenn sie die Westdeutschen als „deutsch sprechende Amerikaner“ bezeichnen.
Mirjam Kid hat in ihrem Buch „Christlicher Nationalismus und die Trump-Bewegung“ (Bielefeld, transcript, 2025) gefragt, „warum wählen Weiße Christ:innen in den USA Donald Trump? Trotz all seiner Verfehlungen und trotz eines autoritären Nationalradikalismus“. Warum verherrlichen sie ihn geradezu „als eine Art Messias?“ Dieselbe Frage hat Jan-Peter Olters in seinem Essay „Populistische Versprechen und ökonomischer Verrat“ (in: Blätter für deutsche und internationale Politik September 2026) wie folgt formuliert: „Wieso erhält eine Politik Zustimmung, die denen, die zustimmen, materiell schadet? Die Antwort liegt in jenem Mechanismus, der die extreme Rechte seit über 100 Jahren trägt: der Transformation ökonomischer Unsicherheit in identitäre Loyalitäten. Wer eine elitenfreundliche Politikagenda durchsetzen will, muss verunsicherte Lohnabhängige dazu bringen, gegen ihre eigenen materiellen Interessen zu stimmen. Dies gelingt, indem ökonomische Frustrationen in kulturelle Bedrohungserzählungen übersetzt und politische Konflikte entlang identitärer Linien reorganisiert werden.“
Mirjam Kid hat die Medienberichterstattung zwischen dem 8. Februar und dem 5. März 2024, der entscheidenden Phase der Vorwahlen, in denen sich Trump als Präsidentschaftskandidat der Republikaner durchsetzte, sowie mehrere Sendungen des „War Room“ von Steve Bannon untersucht. Sogenannte christliche Werte spielten schon immer eine zentrale Rolle in der US-amerikanischen Politik. Der MAGA-Bewegung helfe es, dass sie sich „historischer Narrative bedient, die bis hinein ins 17. Jahrhundert reichen und seit Jahrhunderten breit in der US-amerikanischen Bevölkerung verankert sind.“
Mirjam Kids Antwort auf die Frage, warum Christ:innen Trump unterstützen, lautet, dass Religion „intersektional“ bewertet werden müsse, es gehe um die „Verbindung von Christentum, Rassismus und Nationalismus“ beziehungsweise um – wenn man es marxistisch formulieren möchte – Race und Nation als eine Art Basis und Religion – marxistisch formuliert – als eine Art Überbau. „Christ“ wird – so Mirjam Kid – zum „Identitätslabel“: „Es geht darum zu unterstreichen, dass man sich in einer Linie mit den ‚guten‘ Siedlern der USA sieht, die sich ‚das Land einst untertan gemacht haben.“ Die „Manifest Destiny“ der Siedler wird als biblischer Auftrag begründet (Moses 1,28), denn „sie waren auserwählt worden, ihnen war Nordamerika als das neue gelobte Land, das neue Kanaan, vorherbestimmt.“ Wurden sie von Native Americans angegriffen, wurde dies als „Strafe Gottes interpretiert“. Die ursprüngliche „white Puritan chosen-ness“ wurde mit der Zeit zur „White Supremacy“: „Ein wahrer Christ“ ist „vor allem auch Weiß“.
Eine der Galionsfiguren einer christlich definierten White Supremacy ist Vizepräsident JD Vance. Malte Lehming hat dessen Buch „Communion – Finding My Way Back to Faith“ (2026) im Tagesspiegel analysiert: „Seine Kernthese lautet: Materialismus und Wachstumskult auf der einen Seite, Liberalismus und Selbstverwirklichungsstreben auf der anderen Seite hätten die christlichen Werte verdrängt. ‚Republikaner vergöttern den Markt, Demokraten die Selbstverwirklichung.‘“ Somit fordert JD Vance eine Art dritten Weg, jenseits von Wirtschaft und Identitätspolitik. Malte Lehming vermutet, dass sich JD Vance im Ton des Buches versöhnlich zeigen wolle, aber letztlich ändert dies nichts daran, dass der US-Vizepräsident an die Stelle der „White Supremacy“ eine Christian Supremacy setzt, die jedoch letztlich wiederum „white“ ist, weil nun einmal die meisten Christ:innen in den USA weiß sind, sodass sich Race und Religion decken. Dass auch die Mehrzahl der hispanischen und Schwarzen Amerikaner:innen Christ:innen sind, spielt in dieser Argumentationskette keine Rolle.
Die Berufung auf das Christentum wird zur ultimativen kulturellen Erzählung, weil sie in aller Bedrohung einen göttlichen Plan und von Gott gesandte Retter propagiert. JD Vance wird unter anderem von Peter Thiel unterstützt, der sich explizit auf das Christentum beruft. Thiel ist davon überzeugt, dass eine Wiederkunft des Antichristen aufgehalten werden müsse. Dazu beruft er sich auf die Figur des Katechon. Volker Weiss hat sich mit diesem Thema in seinem Buch „Katechon – Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“ (Stuttgart, Cotta, 2026) befasst. Thiels Gedanke, der Antichrist müsse vom Katechon aufgehalten werden, wurde unter anderem von Politikern wie Maximilian Krah, AfD, und Journalisten wie Roger Köppel, Chefredakteur der Schweizer „Weltwoche“ aufgegriffen. Thiel bezog sich in einem Gespräch mit Roger Köppel „auf den Apostel Paulus sowie den russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjow, der ‚vor dem Antichrist‘ gewarnt habe, dem ‚charismatischen, aber falschen Messias, dem Verführer, der die Menschheit durch scheinbaren Fortschritt und Frieden täuscht, nur um sie in die physische und spirituelle Katastrophe eines weltweiten Einheitsstaats zu führen.“ Das Ergebnis wäre eine Art weltweites „Nordkorea“ oder Saurons Reich im „Herr der Ringe“ Tolkiens, einer in der rechten Szene ausgesprochen populären Saga.
Carl Schmitt verband den Gedanken des Katechon mit imperialen Konzepten, beispielsweise 1942 in einem Beitrag in der NS-Zeitung „Das Reich“. Volker Weiss nennt weitere messianische Konzepte wie das von Alexander Dugin, einer der wichtigsten Stichwortgeber Vladimir Putins, der die Rettung Europas und der Welt durch eine Ausdehnung Russlands bis an den Atlantik propagiert. Wer jedoch der ultimative „Katechon“, der ultimative „Aufhalter“ des Antichristen sein soll, bleibt durchweg unklar. So wird es möglich, dass ein Politiker wie Donald Trump, der „jede einzelne der sieben Todsünden immer wieder vor den Augen der Welt und seinen christlich frömmelnden Anhängern begangen“ hat, „zum geläuterten und uneigennützigen Werkzeug Gottes gegen ‚die linke Sintflut‘“ stilisiert wird. Trump eignet sich nicht als Messias, aber gerade „in seinem Scheitern wird der Widersacher endlich kenntlich“, getreu der Beschreibung des Paulus im zweiten Thessaloniker-Brief (2. Thess 2,7-8). „Sollte also der jeweils erwählte Katechon in der Sphäre des Politischen keinen Erfolg haben, bestätigt dies seine Anhänger nur noch mehr.“ Wer wie Trump eine Wahl gegen einen Joe Biden verliert, kann nur verloren haben, weil der Antichrist am Werke war.
Die Figur des „Katechon“ trägt dazu bei, jede politische Bewegung eschatologisch zu delegitimieren. Wer glaubt, in einer Endzeit zu leben, interessiert sich nicht mehr für so etwas Nebensächliches wie Menschenrechte. Elon Musk und Peter Thiel halten es für nutzlos, mit Sozialprogrammen reales Elend zu bekämpfen. Sie sind davon überzeugt, dass ihre technologische und wirtschaftliche Überlegenheit in einer wer weiß wie nahen oder fernen Zukunft dazu führen würde, dass es ohnehin keine Armut mehr gibt. Letztlich ist dies dieselbe Figur, die diskutiert wird, wenn man darüber nachdenkt, ob man einen Menschen töten darf, um mehrere andere zu retten. Es wird nur eben religiös überhöht, sodass ein geneigtes Publikum lernt, dass solche Dilemmata irrelevant sind, weil die eine und wahre Lösung von Gott selbst vorgegeben wird. Jedes Szenario ist dann letztlich – so die Analyse von Volker Weiss – ein „apokalyptisches Szenario“.
In diesem Kontext – so Mirjam Kid – manifestiert sich durch das Wirken von Elon Musk und anderer Oligarchen rund um Trump die faktische Kombination von „Reichtum und christlicher Nationalismus“ beziehungsweise „die Verquickung weißer christlicher Identität mit libertären Elementen und Idealen des freien Marktes“. Ob sich beispielsweise Elon Musk für das Christentum interessiert, ist nebensächlich, aber wenn es ihm nützt, wird er es in Anspruch nehmen. Mark O’Connell stellte in „Space Oddity“ (in: New York Review of Books, 23. Juli 2026), das Buch „Muskism – A Guide for the Perplexed“ von Quinn Slobodian und Ben Tarnoff vor. Elon Musk sei von einem Verständnis des Menschen als Maschine und einer „obsession wirth the threat of left-wing contagion“ getrieben. „The terms ‚humanity‘ and ‚Western civilisation‘ are largely interchangeable in his lexicon; and what Musk means by Western civilization, as Slobodian and Tarnoff make clear, is white civilization.”
Pete Hegseth, den Donald Trump vom Verteidigungs- zum Kriegsminister machte, hat sich die Aufgabe gestellt, Generäle und Soldaten zu einer Art Testosteron-Monstern zu machen. Seine Tattoos verraten seine Motivation: „Deus vult“ – „Gott will es“ ist der Titel des oben zitierten Porträts von Paul Middelhoff. Diese Parole war einer der Schlachtrufe der mittelalterlichen christlichen Kreuzzüge zur Befreiung Jerusalems von muslimischer Herrschaft. Stichwortgeber Hegseths ist Pastor Doug Wilson. Pastor Wilson lebt in Moscow, Idaho. Wilson ist – so berichtet Middelhoff – davon überzeugt, dass Donald Trump nicht in den Himmel käme: „Entscheidend aber sei, dass er sich an den Deal gehalten habe, den er zu Beginn seiner ersten Wahlkampagne mit Amerikas Baptisten geschlossen hatte: Sie besorgen ihm Wähler, er ihnen Richter. Im Jahr 2022 kippten die von Trump eingesetzten konservativen Richter am Obersten Gerichtshof das Recht auf Abtreibung.“ Wilson will einen christlichen Gottesstaat: „Gottes Gesetz schlägt das Gesetz der Menschen.“
Pete Hegseth wiederum verbindet exemplarisch die Verbindung von Christentum, Race und einem Kult von Männlichkeit, wie sie angeblich in der Bibel vorgesehen sei. Trump verkörpert all diese Kontexte, in seinem Auftreten, seiner Wortwahl, seiner Bildsprache (in Papst-Kleidung, als heilender Jesus, in seiner Inszenierung als bei einem Attentat von Gott höchstselbst vor dem Tod geretteter Mann). Seine Gegner müssen vernichtet werden, sie sind alle – Trump wird nicht müde, dies seinen Anhänger:innen einzupeitschen – „Kommunisten“, „Faschisten“, „Kriminelle“, „the worst of the worst“, letztlich Truppen Satans. Die von Gott Auserwählten haben ein Recht auf Gewalt. Mirjam Kid zitiert einen evangelikalen Pastor, der Donald Trump als „imperfect vessel, to be the champion of his people” bezeichnete. Dieser Pastor nahm persönlich am 6. Januar 2021 an dem Putschversuch vom 6. Januar 2021 teil. Mirjam Kids Schlussfolgerung: „Es zeigt sich immer wieder, dass die religiöse Rechte zwar von (christlichen) Werten spricht, im Kern aber tatsächlich Race meint.“ Daher wurden Michelle und Barack Obama auch zur idealen Hassfigur. So christlich sie sich auch immer geben mögen, sie bleiben Schwarze.
Es ist und bleibt ein heiliger Krieg, nicht nur mit einem Hauch von Armageddon! Steve Bannon präsentiert in seinem Talk-Format „War Room“ das Umfeld dieses heiligen Krieges. Mirjam Kid schreibt: „Die Erzählung von Untergang, Niedergang und Apokalypse ist für Bannon das zentrale Erzählmotiv. Ein Motiv, ohne das es, würde man es streichen, in seiner Sendung keinen einzigen Inhalt mehr geben würde.“ Wer gegen Trump klage, betreibe Krieg, „lawfare“. Bannon zeigt in den Werbepausen immer wieder ein Musikvideo, wie man es sonst bei „okkulten Geheimbünden“ erwarten würde: „We’re in a modern day holy war!“ Donald Trump wird zum Erlöser: „‚Jesus put the light in you‘ erschallt es in dem Musikvideo, als Priesterinnen und Priester ihre Hand auf Trumps Schultern legen und gemeinsam mit ihm beten.“ Angeboten wird schließlich ein „Warpath Coffee“. Gegner sind nicht nur die Demokraten, die sogenannte Antifa, auch diejenigen in den eigenen Reihen, die als RINOS bezeichnet werden („Republicans in name only“) wie beispielsweise Liz Cheney, die sich als eine von wenigen Republikaner:innen für eine Amtsenthebung Trumps aussprach. „Anti-Trans Messaging mischt sich mit antisemitischer Bildsprache – und natürlich bleiben letztlich auch Chemtrails nicht unerwähnt.“ Es hängt ja auch alles mit allem zusammen.
Im „War Room“ treten regelmäßig Mitglieder der Trump-Familie und ihre Unterstützer auf. Donald Trump Jr. betonte dort, es „sei ein revolutionärer Moment“. Hofiert werden auch Latinos und Schwarze in höheren Positionen, die ebenso durch das „Great Replacement“ in Gefahr seien, wie weiße Christen. Mirjam Kids Fazit: „Freiheit für Weiße, Gewalt für ‚die anderen‘, dieses grundlegende Narrativ findet sich in den frühen Diskursen der US-Siedlungsgeschichte, und es lässt sich in christlich-nationalistischen Diskursen unter Trump-Unterstützern auch heute noch finden.“
Antisemitismus in der MAGA-Bewegung
In der MAGA-Bewegung wird nach außen hin eine Form der Israel-Freundschaft gepflegt, die jedoch im Kern antisemitisch ist. In evangelikalen Netzwerken hoffen viele auf die Wiederkunft des Messias, als der Jesus erschienen wäre, in Jerusalem, doch müssten sich dazu erst alle Jüdinnen und Juden zum Christentum bekehren, auf welchem Weg auch immer. Die Hoffnungen des Peter Thiel auf den den Antichristen aufhaltenden Katechon variieren diese Endzeiterwartungen. Jüdinnen und Juden haben in dieser Endzeitfantasie keinen Platz mehr.
Die Popularität antisemitischen Denkens und Handelns manifestiert sich aktuell in der Spaltung der MAGA-Bewegung nach dem Tod von Charlie Kirk. Trump sagte bei der Trauerfeier für Charlie Kirk ausdrücklich, er teile nicht dessen Auffassung, dass er seine Gegner liebe, er hasse sie. Am 10. September 2026 veröffentlichte die ZEIT ein umfangreiches Dossier von Kerstin Kohlenberg über die Nachwirkungen des Mordes an Charlie Kirk: „Wer vergibt schon dem Mörder ihres Ehemannes?“ Erika Kirk hatte bei der Beerdigungsfeier dem Mörder ihres Mannes vergeben. Dies gefiel großen Teilen der MAGA-Szene ganz und gar nicht, im Gegenteil: Vergebung gehört nicht zu den in der MAGA-Bewegung vertretenen christlichen Werten. Erika Kirk, so hieß es, werde ihrer Rolle als „Witwe eines Martyrers“ nicht gerecht, „trauere nicht richtig“. Inzwischen spielt sie in der von Charlie Kirk gegründeten Bewegung „Turning Point“ keine Rolle mehr.
Kerstin Kohlenberg gibt mit ihrer Reportage einen tiefen Einblick in Szenen der – so ließe sich auch sagen – Post-MAGA-Bewegung, denen selbst Donald Trump nicht mehr konsequent genug ist und deren Denken und Handeln eindeutig antisemitisch konnotiert ist. Die ursprünglich Erika Kirk zugedachte Rolle hat mehr oder weniger die Influencerin Candace Owens, ebenfalls 37 Jahre alt, übernommen, allerdings geht es ihr darum, „Turning Point“ zu zerstören und durch etwas Radikaleres zu ersetzen. Erika Kirk hingegen wird mit zahllosen Verdächtigungen überzogen, Zweifeln an ihrer Biografie sowie dem Verdacht, sie könne selbst etwas mit dem Mord zu tun gehabt haben. Es werden Gerüchte gestreut, sie hätte „einen reichen Juden“ als neuen Lebensgefährten. Israel, der CIA, der Mossad könnten den Mord gesteuert haben (analoge Verdächtigungen wurden schon nach 9/11 verbreitet). Galionsfiguren der noch rechteren Rechten in der Post-MAGA-Bewegung sind unter anderem Tucker Carlson, der notorische Antisemit und Nazi-Influencer Nick Fuentes oder James Fishback, der sich gerade erfolglos als Kandidat für das Amt des Gouverneurs von Florida bewarb. Auf dessen Veranstaltungen konnte man unter anderem „die Rede eines Pastors hören, den Fishback eingeladen hat, eines Mannes, der Frauen das Wahlrecht wegnehmen, Juden von öffentlichen Ämtern ausschließen und Moscheen und Synagogen dichtmachen will.“ JD Vance macht sich mit solchen Positionen nicht unbedingt gemein, versucht sie jedoch für seine eigenen Ambitionen auf das Präsidentenamt bei der Stange zu halten.
Der Antisemitismus ist in der MAGA-Bewegung angelegt. Trump wird in der eigenen Bewegung heftig kritisiert, er sei nicht konsequent genug, ignoriere letztlich die Bedrohung, die von Israel beziehungsweise von Juden ausgehe. Es war allerdings eher ein Vorwand von Trump, jüdische Studierende schützen zu wollen, als er die amerikanischen Universitäten unter Druck setzte, indem er ihnen Mittelkürzungen oder die Streichung von Steuervorteilen androhte. Christopher R. Browning veröffentlichte im New York Review of Books am 10. April 2025 eine kurze Analyse zum Thema „Trump, Antisemitism & Academia” (eine deutsche Übersetzung des gesamten Textes erschien in der Süddeutschen Zeitung.) Er verwies auf Trumps Wahlkampf 2017, als er Hillary Clinton vor einem Hintergrund mit 100-Dollarscheinen und einem Davidstern zeigte, dazu die Porträts von drei jüdischen Finanzexpert:innen, Janet Yellen, George Soros und Lloyd Blankfein. Am 6. Januar 2021 zeigten sich Anhänger wie die Proud Boys mit Sweatshirts und der Aufschrift „6MWE“ (= „6 Million Weren’t Enough“). Brownings Schlussfolgerung: „His campaign against campus antisemitism is simply a hypocritical pretext for his assault on American higher education.” Und dient letztlich dazu, den eigenen Antisemitismus zu kaschieren.
Stefan Dietl belegt in seinem Buch „Antisemitismus und die AfD“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2025) mit zahlreichen Beispielen, dass die AfD ähnlich vorgeht wie die MAGA-Bewegung. Sie inszeniert sich als angeblicher Freund Israels, pflegt aber gleichzeitig antisemitische Positionen in ihren Reihen. Dietl nennt ihr „Geschichtsbild“ mit seiner Verharmlosung der Shoah sowie diverse Verschwörungstheorien vom „großen Austausch“ bis hin zur „Vorstellung einer im Geheimen agierenden weltweiten Elite“. Namentlich wird immer wieder ausdrücklich der ungarische Milliardär George Soros genannt, der mit seiner Finanzkraft all diejenigen unterstütze, die der AfD, der MAGA-Bewegung und vergleichbaren Parteien und Organisationen ein Gräuel sind. Die Rede von den „Globalisten“ sind ohnehin eine der zahlreichen Deckmetaphern des Antisemitismus.
Fragile Stärke
Donald Trump hat die Welt vor allem mit zwei Wörtern beglückt: „great“ und „deal“. Jeder „deal“ soll vergangene „greatness“ wiederherstellen. Der „deal“ hat es inzwischen sogar in die Wortwahl all derjenigen geschafft, die irgendein Verhandlungsergebnis zwischen wem auch immer vermelden oder kommentieren. Mit „great“ ist es nicht ganz so einfach. Es klingt im Englischen natürlich etwas gigantischer als in seinen diversen Übersetzungen in die ein oder andere europäische Sprache. Aber vielleicht ist es auch nur der Ton, in dem Trump das Wort ausspricht. „Great“ sind auch Bauwerke, nicht nur „big“. Ein demokratisches Versailles oder Schönbrunn ist undenkbar. In Paris gab es immerhin die Pyramide du Louvre, man könnte auch die Museumsmeile in Bonn als Ergebnis demokratisch beschlossener Architektur nennen, aber sie sind mit den Bauten absolutistischer Herrscher an Monumentalität nicht vergleichbar. Der große Trump plant den größten aller Triumphbögen, der natürlich die Frage erst gar nicht stellt, welche Triumphe damit gemeint sein könnten, oder eben einen riesigen Ballsaal, in dem sich seine Anhänger:innen zur Feier des Erbauers versammeln: Donald J. Trump fecit. Darauf kommt es an.
Bernd Ulrich schrieb in seinem Leitartikel in der ZEIT-Ausgabe vom 8. Januar 2026 unter der Überschrift „Von wegen Öl“: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat ein einzelner Mensch so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie Donald Trump. (…). Aber vielleicht verdankt sich diese gigantische Aufmerksamkeit weniger seiner Macht als umgekehrt: Seine Macht nährt sich aus der gigantischen Aufmerksamkeit.“ Bernd Ulrich spricht von „Aufmerksamkeitsautoritarismus, es provoziert die Angst der Europäer.“ Ähnlich wie Bernd Ulrich argumentiert Fintan O’Toole in seinem Essay „Gulliver’s Warning“ (in: New York Review of Books, 25. Juni 2026). Wer immer nur die eigene „Größe”, die „Größe” der eigenen Geschichte, der eigenen Leistungen im Munde führt, tut dies, weil er sich bedroht oder gar verlacht fühlt. Trump wird nicht müde, alle anzugreifen, die ihn angeblich nicht ernst nähmen, belachten, schädigen wollten, „he is forced to hover neurotically between greatness and littleness. The terms of this comparison are strictly binary – there are only the great and the diminutive.” Verlustfantasien und Opferrhetorik dominieren, aber darin liegt auch seine Schwäche: „Yet, even in its own terms, greatness is not so great.”
Man könnte auf den Gedanken kommen, dass die Politik eines überaktiven Kindes – eines Babys im Sinne von Lorraine Lyon – eher aus Unsicherheiten zu erklären sein könnte als aus einer klaren Strategie. Mag sein, es gibt vielleicht keine Strategie, aber es gibt ein Konzept, denn diese Politik verspricht ein Überlegenheitsgefühl. Der Wirtschaftshistoriker Simon Gerards Iglesias stellt am Beispiel von Trumps Bemühungen um Vorherrschaft in Südamerika die Frage: „Imperiale Strategie?“ (in: Geschichte der Gegenwart 11. Januar 2026). Im 19. Jahrhundert hatten die USA durch Kriege und Zukäufe ihr Territorium erheblich erweitert. Die Verlierer waren das Vereinigte Königreich, Frankreich, Spanien, Mexiko, Russland. Daran will Trump mit einer Renaissance der Monroe-Doktrin als „Donroe-Doktrin“ anknüpfen (wie gesagt: schreibe deinen Namen überall hin). Aber die Welt hat sich nun einmal verändert. Die USA haben wirtschaftlich in Südamerika deutlich an China verloren. Daran ändern Wahlerfolge weit rechtsorientierter von Trump unterstützter Politiker nichts. Auch mit der militärischen Stärke ist es nicht mehr so weit her. Trump schafft es nicht, den Iran in die Knie zu zwingen, ebenso wenig wie Putin es nicht schafft, die Ukraine zu besiegen (möglicherweise sieht dies Xi mit Interesse und verzichtet aus diesem Grund auf eine Invasion auf Taiwan, auch wenn er die Drohung, dies zu tun, aufrechterhält). Auch die Macht der Opferrhetorik, mit der Trump mehr oder weniger alle seiner Maßnahmen begründet, vom brutalen Vorgehen der ICE bis zu den Zöllen, mit denen er seine Handelsgegner überzieht, scheint sich – wie Kanada und inzwischen so langsam auch Europa belegen – abzunutzen.
Roy Tillman landet im Gefängnis. Im Gefängnis erklärt ihm Lorraine Lyon, dass sie ihre weitgreifenden Möglichkeiten genutzt hat, um ihm im Gefängnis das Leben zur Hölle zu machen. Ob Trump so direkt zur Rechenschaft gezogen wird, ist so gut wie ausgeschlossen, denn der Supreme Court hat ihm Immunität zugeschrieben. Aber sein Schicksal ähnelt manch anderen Schicksalen autoritärer Herrscher. Die Historikerin Ruth Ben-Ghiat hat diese in ihrem Buch „Strongmen: Mussolini to the Present“ (2021) analysiert. In einem Gespräch mit Rieke Havertz und Adrian Pohr, das die ZEIT am 23. September 2026 veröffentlichte, sagte Ruth Ben-Ghiat, Donald Trump sei „ein autoritärer Herrscher im Niedergang“. Er spüre diese Schwäche und rette sich – wie andere autoritäre Herrscher in der Vergangenheit auch – in Kriege und Megalomanie, einige Anhänger:innen wenden sich schon von ihm ab. Das Interview trug eine optimistische Überschrift: „Amerika wird aus dieser Phase als stärkere Demokratie hervorgehen“.
Ruth Ben-Ghiat erwartet aber auch, dass Trump und seine Anhänger:innen nach den Midterm-Wahlen im November 2026 „in Panik geraten“. Zu erwarten sei eine Übergangsphase voller „Einschüchterung, Verschwörungen und Gewalt“. Ob diese Übergangsphase eine Übergangsphase bleibt, hängt sicherlich davon ab, wie stark sich das von Robert Misik beschriebene Erziehungsziel Grausamkeit in den Köpfen und Herzen großer Teile der Bevölkerung hat durchsetzen können und ob potentielle Nachfolger von Donald Trump dessen Inszenierung wiederholen können. Bei Wahlen geht es ohnehin im Grunde immer um eine Marge zwischen etwa 45 und 55 Prozent, die die gewinnenden Parteien beziehungsweise Parteiformationen erreichen können.
In Europa gibt es inzwischen einige Staaten, in denen rechtspopulistische Parteien an Einfluss verlieren. In Ungarn beispielsweise verlor zuletzt Viktor Orbáns FIDESZ deutlich gegen die neu gegründete Partei Tisza von Péter Magyar, in Indien gerät die Regierung Modi zunehmend unter Druck, zuletzt durch die sogenannte „Kakerlakenbewegung“. Eine zentrale Rolle spielt die Generation Z. Andererseits etablieren sich am rechten Rand zurzeit deutlich radikalere Parteien und Gruppierungen wie beispielsweise Konfederacja und Konfederacja Korony in Polen, Republika in der Slowakei, Futoro nazionale in Italien, Reconquête in Frankreich, Restore Britain in Großbritannien.
In den USA gibt es inzwischen eine Bewegung rechts von MAGA. Wie viel Erfolg diese haben wird, hängt letztlich davon ab, wer 2028 für die Republikaner als Präsidentschaftskandidat antritt. Es sieht zurzeit nicht so aus, als ob sich die Republikaner besinnen und wieder die bürgerlich-konservative Partei werden könnten, die sie einmal waren. Wahrscheinlicher ist zurzeit, dass sich diejenigen durchsetzen, die als fundamentalistische theokratische, rassistische und letztlich auch antisemitische Bewegung das biblische Armageddon beschleunigen wollen. Es kommt nicht darauf an, ob man diese zweite Option als faschistisch bezeichnet, auf jeden Fall ist sie eine Lebensform, die jede andere neben sich zu vernichten gelobt und fest daran glaubt, dass dies Gottes Wille wäre. Viel wird von den Wahlergebnissen abhängen.
Ein drittes Szenario ist eine steigende Attraktivität des Linkspopulismus, für den Zohran Mamdani das Vorbild sein dürfte. Ob die Demokratischen Sozialisten, denen Mamdani angehört, den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten stellen werden, ist allerdings wenig wahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist ein Zentrist. Aber dennoch sind linke Bewegungen attraktiver als sie es noch vor vier oder fünf Jahren waren, auch in den USA. In Deutschland belegen die Wahlen in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern die Attraktivität der Partei Die Linke. Sie wurde in Mecklenburg-Vorpommern von 23 Prozent der unter 25jährigen gewählt und lag damit zwar zehn Punkte hinter der AfD, aber zwei Punkte vor der SPD. In Berlin wurde die Linke von 43 Prozent der unter 25jährigen und sogar von 49 Prozent der 25-34jährigen gewählt. Auch das hat etwas mit Lebensformen zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte.
Norbert Reichel, Bonn
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 24. September 2026. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, Nordlichter, Rechte bei der Künstlerin.)






