„Das Schreiben war immer eine Zuflucht“

Ein Gespräch von Renate Heß und Rosa Rodrigues mit Edson Incopté

„Literatur spielt im Prozess des Zusammenwachsens als Nation eine große Rolle. In ihr steckt die Kraft, uns alle zusammenzubringen und wir können unsere Unterschiede als Reichtum begreifen.“ (Edson Imcompté)

Vom 10. bis 18. Juni 2026 war der bissau-guineische Autor Edson Incopté zu einer Lesereise in Deutschland. Organisiert wurde die Rundreise von der Amílcar Cabral Gesellschaft e.V. (ACG), die von verschiedenen Kooperationspartnern vor Ort unterstützt wurde. Die beiden Übersetzerinnen Rosa Rodrigues und Renate Heß begleiteten den Autor und führten mit ihm ein Interview über seinen Weg als Schriftsteller, sein Schreiben und die gesellschaftliche Bedeutung von Literatur in Guinea-Bissau.

Schriftsteller werden

Edson Incopté bei einer Lesung in Münster. Foto: Hardy Jackson.

Renate Heß: Edson, lass uns zuerst über dich sprechen: Wie bist du zum Schreiben gekommen? Welche Stationen waren für deinen Werdegang als Schriftsteller wichtig?

Edson Incopté: Ich denke, dass die Tatsache, dass ich mit 13 Jahren aus Guinea-Bissau nach Portugal gekommen bin, um dort mit meiner Mutter und meinen Schwestern zu leben, viel damit zu tun hat, dass ich Schriftsteller geworden bin. Ich kam als Jugendlicher nach Portugal, und der Übergangsprozess, meine Anpassung an die portugiesische Realität, war nicht einfach und verlief nicht geradlinig. Das Schreiben und die Literatur haben mir in dieser Situation geholfen. Denn wie jedes Kind hatte ich in Guinea-Bissau ein ganz anderes Leben als in Portugal. Dort verbringen wir die meiste Zeit des Tages draußen, spielend, nicht im Haus; wir bewegen uns frei und genießen innerhalb der Gemeinschaft große Freiheit. Nach Portugal zu kommen hieß, all das zu verlieren und in einem Gebäude eingeschlossen zu sein. Ich bin auch nicht gleich zur Schule gegangen, als ich nach Portugal kam. Ich musste also andere Wege der Eingewöhnung finden.

Renate: Und das geschah durchs Schreiben?

Edson: Ja, das Schreiben und Lesen halfen mir dabei. Vor allem die Lyrik. Als ich in Portugal in die Schule kam, ins fünfte Schuljahr, stellte uns unsere Portugiesischlehrerin einmal die Aufgabe, ein Gedicht zu schreiben. Ich schrieb gleich zwei und sie gefielen ihr so gut, dass sie mich weiter zum Schreiben ermutigte. So habe ich im Schreiben einen Zufluchtsort gefunden, der mir die Eingewöhnung in eine völlig ungewohnte Umgebung erleichterte. Als Jugendlicher spielte ich Fußball, machte eine Reihe anderer Dinge; aber das Schreiben war immer eine Zuflucht.

Renate: Hat dir das auch eine gewisse Sicherheit gegeben?

Edson: Ja, denn ich war nicht sehr gesprächig, eher in mich gekehrt. Vielleicht lag das an diesem Anpassungsprozess und auch am mangelnden Vertrauen in mein Ausdrucksvermögen im Portugiesischen. Beim Schreiben hatte ich diese Angst nicht.

Ich hatte ein Heft mit einem festen Einband, das wir im Kunstunterricht gebastelt hatten. Dieses Heft war eine Art Tagebuch für mich, in dem ich Gedichte und Alltagsbeobachtungen niederschrieb. Dieses Heft hatte ich gut versteckt, niemand sah, was darinstand. Das Schreiben war mein Zufluchtsort.

Während meiner Jugend schrieb ich hauptsächlich Gedichte. Später, etwa mit 18 oder 19 Jahren, begann ich literarische Kontakte zu knüpfen. In der achten Klasse hatte ich mein erstes Buch eines afrikanischen Schriftstellers gelesen, nämlich A Montanha da Água Lilás des angolanischen Schriftstellers Pepetela. Dieses Buch hat mich sehr geprägt. Danach kam ich auch verstärkt mit der Literatur aus Guinea-Bissau in Kontakt.

Rosa Rodrigues: Aber du hast damals immer auf Portugiesisch geschrieben, nie auf Kreol?

Edson: Genau. Damals habe ich nichts auf Kreol geschrieben.

Mit 18 oder 19 Jahren kam ich durch das Projekt „Guiné-Bissau Contributo“, einem Online-Projekt, das von Fernando Casimiro ins Leben gerufen wurde, stärker mit der bissau-guineischen Literatur in Kontakt. Ich begann ebenfalls an dem Projekt mitzuwirken und habe Meinungsartikel zu Guinea-Bissau geschrieben. Je mehr ich las und mich damit beschäftigte, desto mehr Menschen aus diesem Netzwerk lernte ich kennen. Das war sehr wichtig für mich.

Aufgrund eines Artikels über die weibliche Genitalverstümmelung, den ich bei Contributo veröffentlicht hatte, schickte mir dann einer der bekanntesten Künstler in Guinea-Bissau – das war damals der Musiker Zé Manel – eine Nachricht. Er forderte mich auf, ein Gedicht über dieses Thema zu schreiben, eines auf Portugiesisch und eines auf Kreol. Wie ich schon sagte, schrieb ich damals fast gar nichts auf Kreol. Aber ich schrieb die beiden Gedichte und bat Zé Manel um eine ehrliche Einschätzung. Er sagte: „Das Gedicht auf Portugiesisch ist sehr gut, daran kann man noch feilen, aber es ist gut. Dem Gedicht auf Kreol fehlt aber etwas. Das ist keine Frage der Struktur, sondern ihm fehlt die Seele der Poesie.“ Ich spürte, dass das mit einer gewissen Unfähigkeit von mir zu tun hatte, auf Kreol zu schreiben. Also begann ich, mehr auf Kreol zu lesen. Ich las Huco Monteiro, Nelson Medina, Tony Tcheka (António Soares Lopes Júnior) und andere guineische Schriftsteller, die auf Kreol schreiben. Ich verschlang massenhaft Gedichte in Kreol und schrieb selbst immer mehr Kreol. Zu der Zeit hatte ich allerdings nicht den Ehrgeiz, Schriftsteller zu werden. Das Schreiben war für mich eine Ausdrucksform, ich würde sagen, eine Erweiterung meines Selbst.

Dann lernte ich in Lissabon eine Gruppe junger Schriftsteller kennen, die sich Djorson Nobu nannte (Kreol für Junge Generation), gemeint war eine neue Generation von Schriftstellern. Dazu gehörten unter anderem Emílio Tavares Lima, André Mendes, Adão Quadé, Danso Yala und Rita Ié.

Renate: Rita Ié, die heute Leiterin der Casa da Cultura da Guiné-Bissau in Lissabon ist?

Edson: Genau. Sie waren alle älter als ich. Diese Gruppe brachte schließlich 2010 die Anthologie „Traços no Tempo“ (deutsch: Spuren in der Zeit) heraus. Beim ersten Band war ich nicht beteiligt, aber 2016 habe ich zusammen mit André Mendes den zweiten Band herausgegeben und selbst Gedichte beigetragen.

Der Kontakt mit der Gruppe um Djorson Nobu hat in mir den Wunsch geweckt, Schriftsteller zu werden. Ich habe viel von diesen jungen Menschen gelernt, die für meine Entwicklung als Schriftsteller und als Mensch von entscheidender Bedeutung waren.

2012 veröffentlichte ich schließlich meinen ersten Gedichtband „Insana Rebeldia“ (deutsch: Unbändige Rebellion), mit einem Vorwort von Emílio Tavares Lima und einem Nachwort von Rita Ié. Auch André Mendes und Adão Quadé waren für mich bei der Arbeit an dem Buch sehr wichtig. Sie haben mich dazu gebracht, den Schritt zur Veröffentlichung zu wagen.

Renate: Und wann hast du deinen ersten Preis erhalten?

Edson: Ebenfalls 2012, kurz nach meiner ersten Veröffentlichung. Ich erhielt zum ersten Mal den José-Carlos-Schwarz-Preis. Ich war nach Bissau gereist, um den Gedichtband zuerst dort und danach in Portugal vorzustellen. In Bissau erfuhr ich von der Ausschreibung und habe mich mit Gedichten und einer Erzählung beworben. Ich kehrte dann nach Portugal zurück; als die Preisträger verkündet wurden, war ich also schon nicht mehr in Bissau. Miguel de Barros hat dann den Preis für mich entgegengenommen. Er gehörte ebenfalls zur Gruppe um Djorson Nobu und war auch an der Anthologie „Traços no Tempo“ beteiligt.

Literarische Ziele

Rosa Rodrigues, Renate Heß und Edson Incompté auf ihrer Lesereise in Hamburg. Foto: Jörg Heinrich.

Renate: Heute bist du Sekretär des PEN-Zentrums von Guinea-Bissau und gleichzeitig der Schriftstellervereinigung AEGUI. Worin besteht deine Arbeit, und womit beschäftigen sich die beiden Organisationen?

Edson: Sowohl die AEGUI, die Associação de Escritores da Guiné-Bissau, als auch das PEN-Zentrum zielen im Wesentlichen auf die Förderung der Literatur und des Schreibens in Guinea-Bissau ab; beide setzen sich auch für die Förderung der Lesekultur im Land ein.

Guinea-Bissau ist ein sehr junges Land mit vielen Defiziten im Bildungsbereich und wir sind der Ansicht, dass die Literatur zur Förderung einer besseren sozialen Bildung beitragen kann. Für mich ist ein Schriftsteller in gewisser Weise auch ein Pädagoge. Wir setzen uns außerdem dafür ein, die nationale Literatur in den Lehrplan aufzunehmen. Sie ist dort bisher so gut wie nicht präsent. Wir halten das aber für unbedingt notwendig, denn Literatur ist ein wesentliches Mittel für den Integrationsprozess, den wir in Guinea-Bissau anstreben, und für die Förderung einer größeren Einheit, zur Bewahrung dessen, was uns am heiligsten ist, die nationale Einheit. 

Denn ungeachtet der vielen Unterschiede in unserem Land steckt in der Literatur die Kraft, uns alle zusammenbringen und diese Unterschiede in einen gemeinsamen Raum zu überführen, wo wir uns alle neu entdecken und begegnen und unsere Unterschiede als Reichtum begreifen können. Wir sind der Ansicht, dass Literatur in diesem Prozess des Zusammenwachsens als Nation eine grundlegende Rolle spielt.

Meine Arbeit als Sekretär besteht im Wesentlichen darin, die Vorsitzenden und den Vorstand sowohl der AEGUI, derzeit Tony Tcheka, als auch des PEN-Zentrums von Guinea-Bissau, Abdulai Sila, zu unterstützen. Gemeinsam wollen wir die Literatur von Guinea-Bissau innerhalb und außerhalb des Landes, in der Diaspora, und in anderen Ländern stärker fördern.

Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Das Buch enthält zwei Erzählungen von Edson Incopté.

Renate: Lass uns nun ein wenig über deine Texte sprechen. In der Anthologie „Der Pitangabaum der Nachbarin“ sind zwei deiner Kurzgeschichten veröffentlicht. Eine davon ist „Die Ratteninvasion“. Darin übst du scharfe Kritik an der politischen Klasse deines Landes. Am Ende der Erzählung heißt es: „Die Ratten haben die Stadt überrannt und sich in den prächtigsten Häusern eingenistet. Sie nagen an den Herzen der Menschen, jeden Tag. Sie haben Träume und Werte zerfressen, jede Aufrichtigkeit, Menschlichkeit, ja sogar die Ehrfurcht der Menschen, alles zerfressen. Es bleibt kaum noch Hoffnung, denn sie haben alles zerfressen.“ Ist Guinea-Bissau also ein Land ohne Hoffnung?

Edson: Nein! Ich würde nicht behaupten, dass Guinea-Bissau ein Land ohne Hoffnung ist. Ich selbst möchte in gewisser Weise ein Hüter dieser Hoffnung auf ein besseres Guinea-Bissau sein. In diesem Sinne sagt der Lehrer auch, dass kaum noch Hoffnung existiert. Das ist leider eine Tatsache. Die Beispiele, die von oben, von der Regierungsführung des Landes, ausgehen, haben dazu geführt, dass gerade die Jugend keine Zukunftsperspektive im eigenen Land mehr sieht. Die jungen Menschen befinden sich in einer Situation, in der sie fast das Recht verloren haben, von einer besseren Zukunft in Guinea-Bissau zu träumen, und das hat weitere Konsequenzen, wie zum Beispiel die Flucht in die Migration.

Die jungen Menschen sehen ihr Leben heute eher in der Diaspora als in Guinea-Bissau. Deshalb möchte ich ein Hüter der Hoffnung sein und meinen Beitrag dazu leisten, sie wiederzubeleben. Ich hoffe, dass es uns gelingen wird, die Dinge zu verändern und Guinea-Bissau zu einem besseren Land zu machen vor allem für seine eigenen Landeskinder, aber auch für die Welt generell.

Aber die Lage ist sehr schwierig. Wir müssen, wie wir auf Kreol sagen, gegen die Strömung anrudern, also dem Mangel an Hoffnung entgegenwirken. Wir dürfen nicht so weit kommen, dass es überhaupt keine Hoffnung mehr gibt.

Die Gelassenheit, mit der der Lehrer am Ende der Erzählung zu seinem Buch und seiner Lektüre zurückkehrt, zeigt, dass er immer noch diese Hoffnung, dieses Vertrauen in das Morgen hat. Er verfällt nicht in Panik, er bewahrt seine Zuversicht im Vertrauen darauf, dass der Weg umgekehrt werden kann. Daher die Gelassenheit.

Renate: Das bringt mich zur nächsten Frage: Wenn der Lehrer sein Buch wieder zur Hand nimmt und weiterliest, stellt sich die Frage: Könnte die Literatur eine Hoffnung für das Land sein oder dazu beitragen, Hoffnung zu wecken?

Edson: Zweifellos. Ich glaube, dass die Literatur in diesem Prozess eine grundlegende Rolle spielt. Die Literatur in Guinea-Bissau hat historisch ihre Wurzeln im Widerstand. Sie entstand als Instrument des Widerstands, aber auch als Mittel zur Verbreitung von Hoffnung. Ich sage oft, dass die Literatur in dem Prozess, in dem sich Guinea-Bissau auch heute noch befindet – einem Prozess des Aufbaus und der Festigung der Nation, das beste Mittel ist, um diesen Prozess voranzutreiben. Sie kann als eine Art Klebstoff, als Bindeglied für all diese Unterschiede fungieren und uns in einem gemeinsamen Raum des Austauschs zusammenführen. Unsere Unterschiede stellen dabei einen Reichtum dar.

Von daher spielt Literatur eine grundlegende Rolle in der sozialen Bildung und bei der Herausbildung eines Gemeinsinns und eines Bewusstseins für den Reichtum der Vielfalt. Ich glaube, dass Literatur heute auch immer mehr zu einem Träger der Hoffnung in Guinea-Bissau wird.

Europa und Afrika – Auswanderung und Rückkehr

Renate: Um noch einmal auf die Auswanderung zurückzukommen: In der Anthologie findet sich auch die Erzählung „Die Lese“ von Marinho de Pina. Es geht um einen Vater und einen Sohn, die beide nach Europa gehen, in der Hoffnung, dort Geld zu verdienen. Doch in Europa erleben sie eine Enttäuschung. Ist das eine Erfahrung, die auch andere machen?

Edson: Ja. Diese Sichtweise von Marinho ist sehr präsent und deckt sich mit dem, was ich gesagt habe, nämlich diesem Mangel an Perspektiven der jungen Menschen für ihr eigenes Leben in Guinea-Bissau. Sie sehen langfristig keine Zukunft und schließlich in der Auswanderung die einzige Lösung. Aber im Zielland werden sie häufig mit der Enttäuschung konfrontiert, dass sich ihre Erwartungen, nicht erfüllen. Diese Erwartungen sind sehr hoch, weil es einerseits an Perspektiven im eigenen Land mangelt, andererseits aber auch eine falsche Vorstellung herrscht, die stark propagiert wird – auch von denjenigen, die auswandern –, dass alle Lösungen im Westen, in Europa und den Aufnahmeländern zu finden sind. Das ist jedoch nicht der Fall. Gerade Menschen aus ländlichen Gegenden, wie es Marinho in seiner Erzählung treffend beschreibt, haben oft keine klare Vorstellung davon, wie das Leben in Europa aussieht. So entstehen viel zu hohe Erwartungen, die später enttäuscht werden. Das ist sehr aktuell, besonders wenn wir die Situation in Europa heute betrachten, die Schwierigkeiten beim Prozess der Legalisierung und Integration von der Beschaffung von Dokumenten bis hin zur Arbeitssuche. Dazu kommt die Marginalisierung der Einwanderer in verschiedenen Ländern Europas. Daraus erwächst eine sehr große Frustration, denn diese Menschen unternehmen in ihren Herkunftsländern enorme Anstrengungen, um auswandern zu können.

Wie Marinho de Pina in seiner Erzählung zeigt, musste der Mann, um mit seinem Sohn auszuwandern, vielleicht auf seine größten Reichtümer verzichten, nicht nur in materieller Hinsicht. Auch auf menschlicher Ebene musste er in vielen Situationen Demütigungen erdulden. Die Menschen geben alles, was sie haben und was sie nicht haben, um ihr Ziel zu erreichen. Wenn sie dann angekommen sind, stellen sie sich schließlich die Frage, ob sich all diese Anstrengungen gelohnt haben.

Rosa: Du sagst, die Enttäuschung sei groß. Viele kommen mit großen Erwartungen nach Europa und kehren trotz dieser Enttäuschung nicht zurück. Warum?

Edson: Es gibt dafür eine Reihe von Gründen. Zunächst einmal die Frage des Stolzes. Ich muss meine Gemeinschaft, die mich weggehen sah, davon überzeugen, dass ich auf die richtige Lösung gesetzt habe. Niemand will als Besiegter zurückkehren.

Das führt auch dazu, dass sich die Vorstellung entwickelt, die Auswanderung sei die Lösung. Wenn niemand als Besiegter zurückkehrt, entsteht in diesen Gemeinschaften der Eindruck, dass jeder, der geht, siegt.

Andererseits hat es auch damit zu tun, dass die Menschen letztlich alles geben, was sie haben, um auszuwandern. Die Rückkehr würde bedeuten, an dem Ort, den man verlassen hat, wieder von vorne anfangen zu müssen. Die Bereitschaft dazu ist oft gering.

Nach wie vor gibt es jedoch in Guinea-Bissau von staatlicher Seite keine wirksamen Lösungen zur Verwirklichung der individuellen Träume und Ambitionen der Jugendlichen. Im vergangenen Monat wurde vom Forschungsnetzwerk Afrobarometer eine Studie veröffentlicht, der zufolge etwa 81 Prozent der Jugendlichen in Guinea- Bissau die Auswanderung in Betracht ziehen und ihr Leben im Ausland aufbauen möchten. Das verdeutlicht den Mangel an Perspektiven für die eigene Zukunft im Land. Die Nicht-Rückkehr hat aber auch viel mit der Haltung zu tun: Okay, so sehr ich hier in Europa leiden mag – letztendlich werde ich es trotz allem schaffen, mich einzuleben und meine Ziele zu verwirklichen.

Dagegen habe ich beschlossen, nach Guinea-Bissau zurückzukehren, obwohl ich das Land als Teenager verlassen und meine Jugend in Portugal verbracht und dort studiert habe. Ich habe mich für die Rückkehr entschieden, weil ich die Zuversicht habe, dass es diese Möglichkeiten im Land gibt. Das mag daran liegen, dass ich die Chance auf Schulbildung und Studium hatte und daher bessere Chancen habe als andere, denen diese Möglichkeit verwehrt blieb. Andererseits empfinde ich eine Verpflichtung gegenüber Guinea-Bissau, dabei zu helfen, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verwirklichen. Meinen Beitrag zu leisten, damit das Land über diese Phase der Hoffnung hinauskommt. Hoffnung ist notwendig, sie ist unserer Seele inhärent, aber sie muss realisiert werden. Sie muss zum Tragen kommen, sonst verkümmert sie. Und ich habe mir fest vorgenommen, meine Hoffnung auf ein besseres Guinea-Bissau zu verwirklichen. Deshalb kehre ich zurück.

Rosa: Aber ist das wirklich nur eine individuelle Sache? Wie sieht es mit den Erwartungen der Gemeinschaft und der Familie aus? Erwarten sie, dass du zurückkommst und Geld mitbringst?

Edson: Deshalb sage ich, dass genau das oft ein Grund dafür ist, dass man nicht zurückkehrt, denn es ist nicht nur ein individueller Wunsch. Es gibt einen ganzen Kontext und eine Erwartungshaltung, die kollektiv besteht. Auch das spielt eine Rolle.

Renate: Deine zweite Erzählung in dieser Anthologie handelt genau von dieser Entscheidung zwischen den Erwartungen der Familie und der Gemeinschaft einerseits und dem Leben in Europa andererseits. Sie trägt den Titel „Eine Frage der Freiheit“. Gibt es da einen Unterschied zwischen dem Verständnis von Freiheit in Europa und dem Freiheitsbegriff in afrikanischen Gesellschaften?

Edson: Ich glaube, dass es einen großen Unterschied im Verständnis dieses Begriffs gibt, weil der Kontext, in dem er geprägt wird, unterschiedlich ist. Im Westen, in Europa, gibt es ein viel individuelleres Verständnis von Freiheit. In den afrikanischen Gesellschaften dagegen ist der kollektive Aspekt letztlich noch stärker als der individuelle. Meine Individualität ist untrennbar mit dem Kollektiv verbunden, und ich kann nur in gewisser Weise frei sein, meine Freiheit nur innerhalb eines Kollektivs ausüben. Meine Freiheit ist nicht isoliert. Auf dieser Grundlage ist das Verständnis von Freiheit letztendlich ein anderes.

Portugiesisch schreiben in Afrika

Rosa: Welche Bedeutung haben Portugiesisch, das guineische Kreol und die verschiedenen Nationalsprachen für die bissau-guineische Literatur, etwa in Bezug auf Wortschatz, Oralität oder Grammatik? Wird darüber auch im PEN-Zentrum und im Schriftstellerverband (AEGUI) diskutiert?

Edson: Der sprachlichen Frage kommt in der Literatur Guinea-Bissaus nach wie vor eine große Bedeutung zu. Dabei geht es um zwei Perspektiven. Zum einen um die Aneignung des Portugiesischen durch die Menschen in Guinea-Bissau. Wir wissen, dass bisher nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung Portugiesisch wirklich beherrscht. Gleichzeitig ist Portugiesisch unsere Amtssprache, die Sprache der Arbeit und die Unterrichtssprache in den Schulen. Deshalb muss weiterhin daran gearbeitet werden, dass mehr Menschen diese Sprache beherrschen.

Zum anderen geht es um das Verhältnis zwischen Portugiesisch und Kreol. Für uns gibt es keinen Grund, die eine Sprache gegenüber der anderen aufzuwerten. Im PEN-Zentrum und in der AEGUI besteht die Auffassung, dass beide Sprachen gleichberechtigt nebeneinander existieren können.

Das zeigt sich auch in der Literatur. In auf Portugiesisch geschriebenen Texten finden sich immer wieder Ausdrücke und ganze Sätze auf Kreol. Gleichzeitig entstehen zunehmend Gedichte, Erzählungen und Romane, die ausschließlich auf Kreol geschrieben sind.

Ich halte es deshalb für wichtig, dass Kreol weiterentwickelt und gefördert wird, damit es eines Tages neben dem Portugiesischen auch als Amtssprache Guinea-Bissaus anerkannt werden kann.

Rosa: Ihr verwendet nicht nur Vokabular aus dem Kreol, sondern auch Wörter und Ausdrücke aus den verschiedenen Nationalsprachen, in deinem Fall zum Beispiel aus dem Balanta. Auch die Namen sind Teil davon. Ist das eine Form der Aneignung des Portugiesischen, die zeigt, dass ihr die Sprache zu eurer eigenen macht? Kann man deshalb auch sagen, dass Portugiesisch für euch eine afrikanische Sprache ist?

Edson: Ja, dem stimme ich zu. Wenn Portugiesisch unsere Sprache ist, dann ist sie auch eine afrikanische Sprache. Die Art, wie Portugiesisch in Afrika verwendet wird, weist spezifische Besonderheiten auf, die aus den afrikanischen Sprachen hervorgegangen sind.

Selbst das Portugiesisch, das heute in Portugal gesprochen wird, enthält Wörter aus afrikanischen Sprachen, etwa aus Angola, Guinea-Bissau oder Kap Verde.

Rosa: Eine weitere Besonderheit ist die Oralität, die in vielen afrikanischen Sprachen und Kulturen eine wichtige Rolle spielt. Versucht ihr, diese mündliche Tradition auch in eure Literatur und euer Schreiben zu integrieren?

Edson: Die Oralität ist letztlich die Grundlage unserer Literatur. Sie ist unsere erste literarische Ausdrucksform: unsere Art, in den Gemeinschaften Geschichten zu erzählen, rund um das Feuer oder unter einem großen Baum.

Diese mündliche Tradition findet sich bis heute sehr deutlich in der geschriebenen Literatur Guinea-Bissaus. Es ist gewissermaßen eine Übertragung der Oralität in die schriftliche Literatur. Sie ist die Grundlage unserer Literatur, ihre Wiege, und wird in Guinea-Bissau nach wie vor sehr geschätzt. Auch die schriftliche Literatur bleibt in dieser mündlichen Tradition und unserer Lebenswirklichkeit verwurzelt.

Selbstvertrauen

Rosa: Was mir beim Lesen eurer Texte auffällt, ist ein großes Selbstvertrauen, nicht nur im Umgang mit der portugiesischen Sprache, sondern auch bei den Themen, über die ihr schreibt. Oft geht es um eure eigene Kultur und das Recht, diese Kultur zu bewahren und zu leben. Gleichzeitig gibt es aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem, was ihr als „schädliche Praktiken“ bezeichnet. Wie verbindest du diese beiden Aspekte?

Edson: Ich denke, dieses Selbstvertrauen hat zwei Gründe. Zum einen geht es um die Sprache und die sprachlichen Nuancen zwischen den verschiedenen Ländern. Wenn man einmal verstanden hat: „Ich muss weder Portugiesisch aus Portugal noch Portugiesisch aus Brasilien schreiben“, dann gibt einem das ein gewisses Selbstvertrauen. Man weiß: Ich kann mein eigenes Portugiesisch schreiben, das Portugiesisch meiner Realität, meines Landes. Das gibt einem Freiheit und Sicherheit im Ausdruck.

Zum anderen geht es darum, das zu teilen, was ein Teil von einem selbst ist. Kein Schriftsteller existiert ohne seinen Kontext. Sein Text ist eine Erweiterung und ein Ausdruck seines eigenen Kontextes. Er nimmt diesen Kontext mit an andere Orte und bringt ihn in einen Dialog mit anderen Kontexten der Welt.

Wenn etwas zu dir gehört, wenn du es kennst und darin verwurzelt bist, hast du auch eine gewisse Sicherheit, darüber zu sprechen. Du erzählst nicht etwas, das einem anderen gehört, sondern etwas, das Teil von dir ist. Und genau das gibt dir das Vertrauen, es mit anderen zu teilen.

Foto: Edson Incopté.

Was die sogenannten schädlichen Praktiken betrifft, beschäftige ich mich zum Beispiel in meinem neuen Buch Adama damit. Adama ist das Symbol einer Generation, die ihre Wurzeln respektiert, aber nicht mehr bereit ist, alles unhinterfragt zu akzeptieren. Denn wie jede Kultur hat auch unsere Kultur negative Seiten. Es gibt Praktiken, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Dazu gehören beispielsweise die weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsheirat und die unterschiedlichen Bildungs- und Ausbildungschancen von Mädchen und Jungen. Solche Fragen müssen auch in unsere Literatur Eingang finden, damit wir mit der Gesellschaft darüber diskutieren und zu einer stärkeren Bewusstseinsbildung beitragen können.

Dabei geht es aber nicht darum, zu verurteilen. Es geht darum, diese Themen sichtbar zu machen, damit sie diskutiert, reflektiert und vielleicht verändert werden können. In Adama geht es beispielsweise um ein Mädchen, das von seinem Vater zu einer frühen Heirat gedrängt wird. Er handelt dabei nicht aus Bosheit. Auf der Grundlage dessen, was er selbst gelernt und erfahren hat, glaubt er, das Beste für seine Tochter zu tun.

Genau hier setzt die Literatur an und lädt zur Reflexion ein: Ist das, was der Vater im Laufe seines Lebens gelernt hat, tatsächlich das Beste für seine Tochter? Vielleicht nicht. Auch ein Mädchen kann gut erzogen und ausgebildet werden und lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Es geht also darum, diese Fragen in die Gesellschaft hineinzutragen. Literatur kann einen Raum schaffen, in dem solche Themen diskutiert und letztlich vielleicht verändert werden können.

Rosa: Wir sprechen also von einer Bewusstseinsbildung: Indem Literatur über solche Themen schreibt, kann sie dazu beitragen, dass sich die Gesellschaft damit auseinandersetzt, vorausgesetzt natürlich, die Menschen lesen diese Literatur.

Edson: Zweifellos.

Rosa: Du hast uns einige sehr interessante Beispiele genannt. Bei all diesen Themen geht es um Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten gegenüber Mädchen und Frauen, aber sie werden aus der Perspektive eines männlichen Schriftstellers erzählt. Gibt es auch Autorinnen, die diese Fragen aus ihrer eigenen Perspektive thematisieren?

Edson: Ja, aber auch die Situation von Schriftstellerinnen in Guinea-Bissau ist nach wie vor von diesen Ungleichheiten geprägt. Das hängt auch mit den unterschiedlichen Bildungs- und Ausbildungschancen und vielen kulturellen Faktoren zusammen.

Es gibt jedoch immer mehr weibliche Stimmen, die diese Fragen zur Sprache bringen. Rita Ié hat beispielsweise wichtige poetische Arbeiten zu diesem Thema verfasst, darunter ein bekanntes und viel diskutiertes Gedicht über die weibliche Genitalverstümmelung. Auch Odete Semedo bringt diese Fragen aus der Perspektive einer Frau in die Debatte ein.

Ich arbeite derzeit außerdem mit einer jungen Frau in Portugal zusammen, deren literarische Arbeit noch nicht veröffentlicht wurde. Sie beschäftigt sich mit diesen Themen aus der Perspektive eines Mädchens beziehungsweise einer jungen Frau. Es wird ein Roman sein, und ich glaube, dass diese Arbeit sehr wichtig werden kann.

Vor etwa zwei Jahren hatten wir bei der AEGUI geplant, Literaturwerkstätten ausschließlich für Frauen und Mädchen anzubieten, um ihre literarische Arbeit stärker zu fördern. Wir konnten dieses Vorhaben damals leider nicht umsetzen.

Die Basis ist Guinea-Bissau

Rosa: Guineische Literatur wird seit einigen Jahren auch in Deutschland gelesen. Was bedeutet es für euch als Autorinnen und Autoren, dass eure Werke in andere Sprachen übersetzt werden?

Edson: Das ist für uns sehr wichtig. Übersetzungen ermöglichen es uns, unsere Perspektiven in andere Kontexte zu tragen und mit anderen Realitäten in einen Dialog zu bringen.

Wir leben heute in einer globalisierten Welt, in der Informationen ständig zirkulieren. Doch oft werden dabei nicht unsere eigenen Perspektiven vermittelt. Literatur bietet uns die Möglichkeit, unsere Sichtweisen einzubringen. Diese Übersetzungsarbeit ist nicht nur für uns als Schriftsteller, sondern auch für unser Land wichtig. Übersetzungen können auch dazu beitragen, dass wir andere Lebensrealitäten besser kennenlernen. Denn ich glaube, dass die zunehmende Schwierigkeit, mit Unterschieden zu leben, viel mit Unwissen und Unkenntnis zu tun hat. Wenn wir das Leben und die Realität anderer nicht kennen, sind wir eher geneigt, über sie zu urteilen und haben größere Schwierigkeiten, mit Unterschieden umzugehen. Je besser wir andere Realitäten kennenlernen, desto offener können wir ihnen begegnen. So können Übersetzungen zu einer inklusiveren Welt beitragen, in der wir bereit sind, andere anzunehmen und mit Unterschieden zu leben.

Ich verwende in diesem Zusammenhang allerdings nicht so gerne das Wort „Toleranz“. Denn man toleriert etwas, das man im Grunde nicht vollständig akzeptiert. Ich glaube, wir müssen darüber hinausgehen: Es geht nicht nur darum, den anderen zu tolerieren, sondern ihn als Teil von uns anzunehmen und eine gewisse Neugier aufeinander zu entwickeln.

Rosa: Edson, für wen schreibst du? Für dich selbst, für die guineische Gemeinschaft oder für ein globales Publikum?

Edson: Meine Basis ist Guinea-Bissau. Ich schreibe von Guinea-Bissau aus für die Welt. Ich schreibe aus meinem eigenen Kontext heraus und bringe unsere Fragen und Perspektiven mit anderen Realitäten in einen Dialog. So können andere unsere Realität kennenlernen und die Distanz zwischen Menschen, die in unterschiedlichen Kontexten leben, kann geringer werden. Deshalb ist es wichtig, dass die Literatur aus Guinea-Bissau international sichtbar wird. Sie ist im Vergleich zu anderen ehemals portugiesisch kolonisierten Ländern relativ spät entstanden und wurde lange marginalisiert, mit Auswirkungen auch auf das Bildungssystem. Ihre internationale Verbreitung gibt uns Antrieb und kann vielleicht auch dazu beitragen, dass sie im eigenen Land stärker wahrgenommen wird. Denn es gibt nach wie vor keine spezifischen staatlichen Maßnahmen zur Förderung der Literatur. Die Arbeit wird vor allem von den Autorinnen und Autoren selbst und von den Kulturschaffenden geleistet. Auch im Bildungssystem fehlt es an Unterstützung. Dabei müsste Literatur eine wichtige Rolle beim Aufbau und bei der Festigung der Nation spielen und stärker mit Bildung verbunden werden.

Umso bedauerlicher ist es, dass die Werke von Schriftstellern wie Abdulai Sila, Tony Tcheka oder Odete Semedo etwa in Brasilien eher Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sind als in Guinea-Bissau selbst. Darüber müssen wir als Gesellschaft nachdenken: Warum sind unsere Schriftstellerinnen und Schriftsteller außerhalb des Landes bekannter und stärker erforscht als im eigenen Land?

Rosa: Und wird es nach „Adama“ noch einen weiteren Roman geben?

Edson: Ja. Schon während der Arbeit an Adama habe ich parallel an einem anderen Roman gearbeitet. Ursprünglich sollte er sogar mein erster werden. Aber nachdem ich mit anderen, insbesondere mit Abdulai Sila, gesprochen hatte, entschied ich mich, zuerst Adama zu veröffentlichen. An dem anderen Projekt arbeite ich weiterhin. Ob es mein zweiter Roman wird, weiß ich noch nicht.

Zum Weiterlesen im Demokratischen Salon:

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetzugriffe zuletzt am 19. Oktober 2026. Titelbild: Memorial building for the unilateral declaration of independence of Guinea-Bissau on 1973, September 9th, in Madina de Boé, Foto: Gadogado 123, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.)