Der Wahrheit verpflichtet

Ein Gespräch mit Volker Wissing über das Zusammenleben in einer liberalen Demokratie

„Der Zweck des Staats kann nämlich ein doppelter sein; er kann Glück befördern oder nur Übel verhindern wollen, und im letzteren Fall Übel der Natur oder Übel des Menschen. Schränkt er sich auf das letztere ein, so sucht er nur Sicherheit, und diese Sicherheit sei es mir erlaubt, einmal allen übrigen möglichen Zwecken, unter dem Namen des positiven Wohlstandes vereint, entgegenzusetzen. (…) Er sucht nämlich seinen Zweck entweder unmittelbar zu erreichen, sei’s durch Zwang – befehlende und verbietende Gesetze, Strafen – oder durch Ermunterung und Beispiel; oder mittelbar, indem er entweder der Lage der Bürger eine demselben günstige Gestalt gibt und sie gleichsam anders zu handeln hindert, oder endlich, indem er sogar, ihre Neigung mit demselben übereinstimmend zu machen, auf ihren Kopf oder ihr Herz zu wirken strebt. Im ersten Falle bestimmt er zunächst nur einzelne Handlungen, im zweiten schon mehr die ganze Handlungsweise und im dritten endlich Charakter und Denkungsart.“ (Wilhelm von Humboldt, Der Zweck des Menschen, 1792 verfasst, erstmals 1851 veröffentlicht in „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“, zitiert nach: Kleines Lesebuch über den Liberalismus, ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Detmar Doering, 8. Auflage, Sankt Augustin, Academia Verlag, 2015)

Eine der grundlegenden Fragen in der Geschichte des Liberalismus ist die Frage nach einer angemessenen Balance im Verhältnis zwischen dem Staat und dem einzelnen Menschen. Wie weit kann Freiheit ausgeweitet werden? Wie weit muss der Staat diejenigen stärken, die ihre Freiheit beispielsweise aufgrund einer im sozialen Gefüge einer Gesellschaft schwachen Position nicht leben können? Welche Mittel des Staates sind legitim, welche sind es nicht (mehr)? Letztlich ist dies die Frage nach der Berechtigung und den Möglichkeiten des Staates, das Zusammenleben seiner Bürgerinnen und Bürger zu gestalten. In den Antworten unterscheiden sich die verschiedenen Parteien voneinander, aber auch verschiedene Ausrichtungen des Liberalismus, untereinander oft fundamental.

Karl-Hermann Flach (1929-1973), Generalsekretär der FDP in den ersten Jahren der legendären sozialliberalen Koalition der Bundesrepublik Deutschland hat in der Zeit der Ostverträge und der frühen Entspannungsbemühungen im Kalten Krieg, im Jahr 1971, in seinem Buch „Noch eine Chance für die Liberalen oder die Zukunft der Freiheit“ den Gegensatz zwischen Kommunismus und Liberalismus als grundlegenden Gegensatz der politischen Auseinandersetzungen benannt. Volker Wissing (*1970) benennt in seinem im Jahr 2026 erschienen Buch „Verantwortung“ den Gegensatz zwischen libertären und liberalen Ansätzen als einen der grundlegenden Antagonismen unserer Zeit.

Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.

In dem Buch „Verantwortung“ begründet Volker Wissing seine Sicht der Dinge mit seinen Erfahrungen in den beiden Ampel-Regierungen in Rheinland-Pfalz und im Bund sowie seinem Bemühen, (auch) bei seinen politischen Aktivitäten im Einklang mit seiner christlichen Erziehung und seiner langjährigen Tätigkeit als Strafrichter, Staatsanwalt und Strafverteidiger zu handeln. Das Buch wurde im Demokratischen Salon in dem Beitrag „Die Kunst der Koalition“ ausführlich vorgestellt. In dem folgenden Gespräch konkretisiert Volker Wissing seine Forderung nach einem Liberalismus der Empathie und Nächstenliebe, welcher gleichermaßen die Freiheit des Einzelnen und die Bedarfe und Bedürfnisse der Gemeinschaft im Blick hält.

Die Menschenwürde ist unantastbar, auch die des Straftäters

Norbert Reichel: Wesentliche Aufgabe eines Richters ist aus meiner Sicht, Anträge und Vorträge von Staatsanwaltschaft und Verteidigung gleichermaßen zu würdigen, abzuwägen und zu bewerten, aber vor allem jedem einzelnen Menschen gerecht zu werden, ungeachtet der Qualität seiner Verfehlungen.

Volker Wissing: Die im Buch enthaltenen Beschreibungen beruhen vielfach auf meiner strafrichterlichen Tätigkeit, die mich sehr geprägt hat. Das Strafrecht ist höchst grundrechtsrelevant. Es gibt kaum einen anderen Bereich unserer Rechtsordnung, in dem der Staat so mächtig auftritt wie im Strafrecht. Das Strafrecht ist deshalb hochsensibel und zugleich der entscheidende Bereich, in dem sich freie und zivilisierte Gesellschaften von anderen fundamental unterscheiden. Es gibt viele Länder, die das deutsche Zivilrecht übernommen haben, aber nicht viele, die sich an dem deutschen Strafrecht orientieren oder sich daran messen lassen können.

Norbert Reichel: Was ist das Besondere am deutschen Strafrecht?

Volker Wissing: Das Besondere im deutschen Strafrecht liegt darin, wie man mit den Gefallenen umgeht, dass man die Hand ausstreckt und sie in ihrer Würde uneingeschränkt achtet, sie nicht demütigt, sie nicht zum Objekt staatlicher Willkür, staatlicher Machtdemonstration macht, und dass man es schafft, diesen Menschen auch konsequent einen Weg zurück in die Gesellschaft zu ermöglichen. Gleichzeitig gilt ein strenges Legalitätsprinzip.

Das deutsche Strafrecht orientiert sich vollständig an der Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen. Es differenziert nicht im Geringsten zwischen dem Straffälligen und dem Nicht-Straffälligen, wenn es um Fragen der Menschenwürde geht. Das mag selbstverständlich klingen, zuweilen stellt es aber eine große Herausforderung dar. Rache- und Sühnegedanken kommen im Menschen schnell auf und richten sich oft auch gegen die Würde anderer.

Das hat viel mit Nächstenliebe zu tun. Es ist leicht, einen Menschen zu lieben, den man attraktiv, freundlich, zugewandt empfindet, oder Kinder zu lieben, die in ihrer ganzen Freundlichkeit, ihrem Optimismus durch die Welt hüpfen, aber die Frage ist eben, ob man es auch schafft, Menschen als Nächste anzunehmen, die gefallen sind, straffällig geworden sind, vielleicht schlimmste Sachen gemacht haben. Damit kommen viele nicht klar, weil sie denken, dass sie sich nicht mit Menschen auseinandersetzen könnten, die schwere und schwerste Straftaten begangen haben. Trotzdem ist die uneingeschränkte Achtung der Würde anderer Menschen gerade dann wichtig, wenn sie auf dem Prüfstand steht, wenn es uns eben nicht leicht gemacht wird. Ich habe das immer als eine besonders wertvolle Aufgabe gesehen.

Norbert Reichel: In Ihrem Buch beschreiben Sie den Fall eines jungen Mannes, der immer wieder wegen des gleichen Delikts vor Gericht steht. Es stellte sich heraus, dass dieser junge Mann nicht in der Lage ist, langfristig zu denken.

Volker Wissing: Ein typisches Beispiel. Er hat immer wieder Zigarettenautomaten aufgebrochen und kam schließlich in die Jugendstrafanstalt. Vorausgegangen war eine Reihe Bewährungsstrafen, aber das beeindruckte ihn nicht. Er machte immer weiter. In diesen Fällen müssen dann Bewährungen widerrufen werden und es kommt oft zu einer höheren Freiheitsstrafe. Wenn klar ist, dass jemand sich von einer Bewährungsstrafe nicht beeindrucken lässt, bleibt nur der Strafvollzug.

Um sich intensiv mit der Person eines Täters auseinanderzusetzen, werden Gutachten eingeholt. In meinem Beispielsfall war vom Gutachter zu erfahren, dass dieser junge Mann im Grunde keinerlei Fähigkeit hatte, langfristig zu denken. Er hatte immer nur gelernt, den nächsten Schritt im Blick zu haben. Er wollte Zigaretten, also hat er einen Zigarettenautomaten aufgebrochen. Ein normal denkender Mensch würde sagen, das bringt doch nichts. Wenn man dem jungen Mann dies sagt, antwortet er, er habe doch die Zigaretten bekommen, die er wollte, warum sollte das nichts bringen? Er hatte nicht gelernt, nach dem nächsten auch den übernächsten Schritt zu bedenken. Kurzfristig hilft das Aufbrechen des Zigarettenautomaten, um rauchen zu können. Wenn man allerdings bedenkt, dass man dafür bestraft wird, ist es keine gute Idee.

In anderen Fällen, in denen es um wiederholte Gewaltdelikte geht, erfahren wir von Gutachtern, dass die Täter in ihrer Erziehung gelernt haben, Probleme mit Gewalt zu lösen. Wenn es Ärger gibt, wird losgeprügelt. Wer von klein auf gelernt hat, Probleme mit Gewalt zu lösen, greift im Leben schnell auf das zurück, was ihm in jungen Jahren vorgelebt wurde. Dass man sich über die langfristigen Folgen keine Gedanken macht, ist oft das Ergebnis einer mangelnden Erziehung. Damit muss ein Richter umgehen. Er kann nicht einfach sagen, schlechter Mensch, Pech gehabt, und drakonische Strafen verhängen. Das löst ja nicht das Problem. Menschen nur wegzusperren, beantwortet nicht die Frage nach ihrer Zukunft. Die Lösung muss darin bestehen, einen Weg zu finden, wie man die Betroffenen zurück in die Gesellschaft bringt. Oft bedarf es dazu gezielter und individueller Unterstützung während der Haft.  

In der Gesellschaft heißt es dann oft, jetzt bekommen die auch noch eine psychosoziale Betreuung, obwohl sie eine so schwere Straftat begangen haben. Aber die Dinge sind eben komplexer. Es reicht nicht, nur auf die Tat zu blicken. Man muss immer auch die Person des Täters betrachten. Wir sind alle sehr unterschiedlich. Man sollte deshalb nicht einfach Schablonen auf Menschen anwenden, auch nicht auf Straftäter. Nur wenn man sein Gegenüber als Individuum ernst nimmt, kann man ihm gerecht werden.

Unter Freunden ist es natürlich leicht zu sagen, man soll seinen Nächsten lieben, die Menschenwürde achten. Da wird einem wenig Anstrengung abverlangt. Wenn man es aber mit Straftätern zu tun hat, ist es eine Herausforderung. Dabei lernt man viel, auch sehr viel Empathie. In der öffentlichen Debatte stößt man dabei nicht immer auf Verständnis. Die Leute lesen in der Zeitung, dass jemand eine Gewalttat begangen hat. Sie setzen sich dann in der Regel nicht wie ein Richter mit dem Täter auseinander und verstehen am Ende nicht, warum eine Strafe möglicherweise milder ausfällt als erwartet, weil der Richter erkannt hat, dass der Täter im gewissen Maße auch ein Opfer ist. Es ist sehr unbeliebt, aber wichtig, das zu thematisieren. Hier werden nämlich nicht Täter zu Opfern gemacht, wie manche vorschnell behaupten – das ist nicht das richtige Bild. Es wird berücksichtigt, dass Menschen sich auch in einer schwierigen Situation befinden können, für die sie nicht selbst die Ursache gesetzt haben. Gerade Gewaltdelikte hängen oft mit schweren und schwersten Kindheitserfahrungen zusammen.

In meinem Buch erzähle ich auch die Geschichte eines Straftäters, der nach seiner Haft zu mir kam und von mir eine Art Absolution haben wollte, weil er sonst keine Ruhe finden konnte. Er kam nach seiner Haftentlassung zu mir in mein Büro und erklärte mir, wie es zu seiner Straftat kam. Ich habe ihm gesagt, dass er für mich kein schlechter Mensch sei, nur die Tat sei schlimm gewesen. Er sagte, dass er meine Zugewandtheit im Strafverfahren wahrgenommen und sich mir gegenüber geschämt habe. Er erzählte mir auch, das Schlimmste am Gefängnis sei die Gleichgültigkeit, die Professionalität des Wachpersonals gewesen. Wenn ihm jemand einmal eine runtergehauen hätte, hätte er wenigstens eine Emotion erlebt. Das Personal soll natürlich keinen emotionalen Kontakt aufbauen, auch aus Sicherheitsgründen, aber diese Distanziertheit war für ihn besonders hart gewesen. Er habe noch nie erlebt, dass er so sachlich behandelt wurde, jeden Tag, über eine lange Zeit.

Es ist selbstverständlich, dass wir Straftaten nicht akzeptieren können. Wir brauchen Regeln zum Schutz des Lebens, der Gesundheit und des Eigentums. Der Mensch ist fehlbar. Aber auch wenn jemand Böses getan hat, bleibt er ein Mitmensch.

Norbert Reichel: Jeder Einzelne steht als Individuum vor Gericht.

Volker Wissing: Eben dies treibt mich um, als Christ wie als Politiker. Es ist ein Dualismus: Einerseits sind wir vor dem Recht alle gleich, andererseits sind wir alle unterschiedlich. Wenn man uns gerecht werden will, muss man uns in unserer Unterschiedlichkeit wahrnehmen und annehmen. Das mag sehr widersprüchlich klingen, ist aber, wenn man genauer hinschaut, logisch. Als Christ würde ich immer sagen, wir sind individuell von Gott geschaffen und haben den Auftrag bekommen, als Gemeinschaft friedlich zusammenzuleben. Darin besteht die Herausforderung. Wenn wir alle gleich wären, die gleichen Ziele hätten, die gleichen Erwartungen an das Leben, wäre vieles einfacher.

Norbert Reichel: Aber wahrscheinlich auch sehr langweilig.

Volker Wissing: Das stimmt. Aber die Kombination aus unserer Individualität, gepaart mit dem Bedürfnis nach einer Gemeinschaft ist eine Herausforderung. Viele versuchen, sich dem zu entziehen, indem sie fordern, man solle strenge Regeln für alle durchsetzen, dann herrsche Ruhe und Ordnung. Aber so funktioniert es nicht. Ein enges Korsett passt nicht zur freien Entfaltung der Menschen und eine Umerziehungspolitik, die uns einander angleichen möchte, ist widernatürlich. Manche scheinen von der Gleichheit derart fasziniert zu sein, dass sie einem vorkommen, als fühlten sie sich dazu berufen, die Schöpfung zu korrigieren. Du darfst nicht diese oder diesen lieben, du darfst nicht so oft in den Urlaub fliegen, du darfst dich nicht bunt anziehen oder einfach nur sprechen wie es dir gefällt. Aber warum haben wir dann solche Leidenschaften? Ist da ein Fehler passiert? Unsere Aufgabe besteht darin, einander anzunehmen wie wir sind, nicht unser Gegenüber dem eigenen Idealbild anzupassen. Wie schwer wir uns als Gesellschaft damit tun, sieht man daran, dass es uns erst 1994 gelungen ist, die Strafbarkeit von Homosexualität endlich abzuschaffen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, Menschen als Richter zu verurteilen, weil sie sich lieben. Das ist rückblickend nicht mehr nachvollziehbar.

Norbert Reichel: Zu diesem Thema empfehle ich immer gerne den Film „Große Freiheit“ von Sebastian Meise, in dem Franz Rogowski einen Homosexuellen spielt, der mehrfach verurteilt wird, im Gefängnis die Liebe seines Lebens findet und nach der letzten Entlassung die Scheibe eines Schmuckgeschäfts einwirft, um wieder zu seinem Geliebten zurückkehren zu dürfen.

Volker Wissing: Es ist auch Thema des Films „The Imitation Game“ von Morten Tyldum mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle. Es geht um Alan Turing. Dieser Mann hat so Großartiges geleistet. Er hat die Enigma dechiffriert und damit entscheidend zum Ende des Zweiten Weltkriegs beigetragen. Er war auch ein leidenschaftlicher Leistungssportler. Aber er wurde als Homosexueller geächtet und verurteilt. Mit dem Urteil hat man ihn vor die Wahl gestellt, ins Gefängnis zu gehen oder sich regelmäßig Östrogene spritzen zu lassen. Er ließ sich mit Östrogenen behandeln, wurde dadurch depressiv und durch die Veränderung seines Körpers verlor er seine sportlichen Fähigkeiten. Am Ende hat er sich umgebracht. Es ist unfassbar, jemanden so zu behandeln – so unmenschlich, so herzlos. Das hat mich tief berührt. Das Beispiel zeigt uns, wozu der der Mensch fähig ist. Wir müssen uns im Klaren darüber sein, dass wir unbarmherzig sein können, aber die Freiheit haben, anders zu sein. Wir müssen das Gute aus uns herausholen. Das ist der Auftrag.

Empathie und Nächstenliebe

Norbert Reichel: Das hat auch etwas mit „Empathie“ und „Nächstenliebe“ zu tun. Diese beiden Begriffe spielen in Ihrem Buch eine wichtige Rolle. Darf ich Sie um konkrete Beispiele bitten, was das in der Praxis ihrer Kanzlei bedeutet?

Volker Wissing: Ich hatte vor einiger Zeit in meiner Kanzlei einen Mandanten, der gerade seinen Mann verloren hatte. Es ging eigentlich nur um eine Forderung, die kurzfristig geltend gemacht werden musste. Das hätte man in zehn Minuten erledigen können. Ich habe ihm eine Stunde zugehört, weil ich gemerkt habe, dass es ihm guttut. Er hat mir alles erzählt, was er in den letzten Tagen erlebt hat. Wie es war, während der Krankheit und am Sterbebett. Es hat ihm geholfen, dass er es erzählen konnte und jemand zugehört hat. Man kann Trauer nicht abarbeiten, sie muss heilen wie eine Wunde, die vernarbt. Ich empfinde den Umgang mit Menschen als sinnstiftend.

Norbert Reichel: Auch juristische Berufe sind soziale Berufe?

Volker Wissing: Wenn man damit entsprechend umgeht. Ich nenne Ihnen einen anderen Fall. Wir sind eine Wirtschaftskanzlei, aber neulich kam eine Frau, die eine Reise gebucht hatte, die sie krankheitsbedingt nicht antreten konnte. Sie bekam Rückenschmerzen, die eine ernstere Ursache hatten. Die Reiserücktrittsversicherung zahlte nicht, weil sich die Frau einer Rehamaßnahme unterzog statt zu verreisen. Die Reise trotzdem bezahlen zu müssen war für sie sehr hart. Die Frau war in ihrem ganzen Leben in einem anstrengenden sozialen Beruf tätig. An einem solchen Fall verdient ein Anwalt nichts. Eine solche Mandantin schickt man aber auch nicht weg. Ich habe mich am Ende riesig gefreut, als wir erreichen konnten, dass die Versicherung zumindest einen Teil erstattet hat. Und die Mandantin hat sich überglücklich bedankt.

Norbert Reichel: Wir sprachen eben kurz an, dass viele Menschen, nicht zuletzt auch manche Medien, im Strafrecht ausschließlich harte Strafen fordern, aber nicht auf den einzelnen Fall eingehen wollen. In manchen Fernsehserien, in denen Anwälte eine Hauptrolle spielen, ist das anders. Bei einer Serie wie „Der Dicke“ beziehungsweise der Nachfolgeserie „Die Kanzlei“ spielen solche Fälle wie Sie sie eben beschrieben eine zentrale Rolle. Manchmal fragt man sich, wovon diese Kanzlei eigentlich lebt. Aber solche Serien zeigen, dass es in der Bevölkerung offenbar ein Bedürfnis gibt, eine Sehnsucht, dass Menschen ungeachtet ihrer schwachen Position in der Gesellschaft Hilfe erhalten und eben Mitmenschlichkeit vor Gericht erleben. Eine solche Welt hätte man doch gerne.

Volker Wissing: Aber wir können die Welt ein bisschen besser machen, wenn wir uns anständig verhalten. Ich hatte genug hoch vergütete Arbeit auf dem Schreibtisch, als die erwähnte Mandantin kam. Aber die Frau hat sich ihr Leben lang als Krankenschwester auch um jeden gekümmert, ohne zu fragen, wie vermögend jemand ist. Wenn man solche Menschen wegschickt, erweckt man den Eindruck, dass nicht wichtig sind. Das ist ungerecht, frustriert die Menschen und spaltet unsere Gesellschaft.

Norbert Reichel: Das wird in Ihrem Buch sehr deutlich und hat – wenn ich das sagen darf – mich sehr beeindruckt. Letztlich geht es um eine ethisch fundierte Art und Weise, in einem liberalen, demokratischen Rechtsstaat zusammenzuleben.

Volker Wissing: Ich habe in meinem Buch auch versucht zu zeigen, dass die Wirkungsmöglichkeiten des Einzelnen viel größer sind als man denkt. Ich habe das Buch nicht geschrieben, weil ich die Welt mit meinen Ansichten beglücken wollte. Ich hätte auch kein Problem damit gehabt, aus dem Amt auszuscheiden, mein Privatleben weiterzuführen und mich aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten. Ich hatte aber das Gefühl, dass die Dinge in der Öffentlichkeit zu unklar sind, zu viele Thesen in der Welt sind, die nicht unwidersprochen stehen bleiben konnten. Ich habe mich der Wahrheit verpflichtet gefühlt.

Ein Satz wie, die Ampel geht nicht, weil die Parteien unterschiedliche Programme haben, ist vollkommen unangemessen. Die Menschen, die die Parteien gewählt haben, unterscheiden sich in ihren Ansichten genauso wie die Parteien in ihren Programmen. Trotzdem müssen wir mit unseren unterschiedlichen Meinungen in einem Land zusammenleben. Wenn Politiker sich weigern, Brücken zueinander zu bauen, verweigern sie den Dienst an unserer Demokratie. Wer soll denn die notwendigen Kompromisse aushandeln, wenn Politiker nur noch die eigene Meinung im Sinn haben?

Wenn Menschen in einer Demokratie friedlich zusammenleben sollen, müssen Parteien trotz ihrer Unterschiede kompromissbereit sein. Wenn die Profis davonlaufen, weil sie die Meinungen ihrer Mitmenschen nicht mehr ertragen können, verweigern sie den Dienst an der Demokratie. Das kann ich nicht akzeptieren.

Sie glauben gar nicht, wie viele Zuschriften ich bekomme, von Leuten, die sagen, das Buch habe sie berührt. Eine junge Frau mit Migrationshintergrund schrieb mir, sie habe das Buch gelesen und sei dankbar dafür. Sie habe zunehmend Angst vor der AfD, weil sie sich ausgegrenzt fühle, obwohl sie Deutsche und in Deutschland aufgewachsen sei. Oft machen wir uns zu wenig Gedanken darüber, wie das, was Menschen sagen, auf andere wirkt. Dieser Hass, diese Verachtung, diese Grenzüberschreitungen, diese Tabuverletzungen in der Sprache, im Vorgehen, all das kann für Menschen beängstigend sein.  Die junge Frau schrieb mir, das Buch habe ihr gezeigt, dass sie etwas dagegen tun könne. Das habe ihr Mut gemacht.

Ich bin dankbar für diese Rückmeldungen, denn so wollte ich verstanden werden: Keiner sollte die Wirkungsmöglichkeiten des Einzelnen unterschätzen. Die großen Dinge sind nicht aus dem Kollektiv heraus entstanden. Wir sollen unsere Freiheit nutzen, nicht nur für uns selbst, sondern für die Gemeinschaft.  

Deutschland, Europa und die Welt – wir sind eine weltweite Gemeinschaft

Norbert Reichel: Die Gemeinschaft, von der wir sprechen, ist eine weltweite, internationale Gemeinschaft.

Volker Wissing: Ich war unlängst in China und habe dort Reden gehalten. Dabei habe ich betont, dass wir den Austausch nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen brauchen. Der wirtschaftliche Austausch ist sehr wichtig. Er hat viel damit zu tun, dass wir effizienter sein können, mehr für die Menschheit möglich machen können. Viel wichtiger ist jedoch, dass wir mit diesen Fähigkeiten, die daraus entstehen, Innovationen der gesamten Menschheit zur Verfügung stellen, dafür sorgen, dass fortschrittliche Medizin für alle möglich ist, Innovationen im Umweltschutz, Klimaschutz weltweit zum Einsatz kommen. Das ist der entscheidende Punkt: Wir müssen unsere Wirkungsmacht für die Gemeinschaft aller Menschen einsetzen, nicht nur für die Gemeinschaft innerhalb einer Nation.

Norbert Reichel: Ich habe Literaturwissenschaften studiert und immer wieder erlebt, dass Menschen aus China, aus Japan, aus arabischen Ländern, mit denen ich sprach, sehr genaue und fundierte Kenntnisse der europäischen, auch der deutschen Literatur und Philosophie hatten, während wir in Deutschland weder in Schulen noch in Hochschulen etwas über die Philosophie und Literatur dieser Länder erfuhren. Das war bei uns allenfalls ein Nischenthema.

Volker Wissing: So ist es auch mit der Musik! Es ist doch großartig, wenn in China Beethoven gespielt wird. Ich habe am Schluss in meinem Buch auch meine Erfahrung in Afrika beschrieben. Mir ging es darum, deutlich zu machen, dass unsere Verantwortung nicht an den Grenzen unseres Landes endet. Auch dabei spielt das große Thema Empathie eine zentrale Rolle. Bin ich bereit, Menschen mit einer anderen Kultur zu verstehen? Jedes Land ist anders, hat eine andere Geschichte, andere Traditionen. Und alles ist auf die eigene Art wertvoll.

Norbert Reichel: Nur mit der Bereitschaft, andere Kulturen zu verstehen, ist es vielleicht irgendwann möglich, dass Menschenrechte tatsächlich universal verwirklicht werden. Die einschlägigen Beschlüsse der Vereinten Nationen gibt es ja immerhin. Mit dem bloßen Bestehen auf angeblich unverrückbare wirtschaftliche Rechtsnormen werde ich das Ziel nicht erreichen.

Volker Wissing: Das habe ich in meinem Buch auch versucht aufzuzeigen. Ich weiß, dass die Wirtschaft unter dem Lieferkettengesetz leidet. Man kann auch nicht von einem kleinen oder mittelständischen Unternehmen verlangen, dass es jeden Schritt für jedes Teil, das im Unternehmen verwendet wird, im Detail nachvollzieht und dokumentiert, welchen Weg es zu uns genommen hat. Aber auf der anderen Seite muss man das Thema ernst nehmen. Es ist nicht irrelevant. Wenn wir frei entscheiden wollen, müssen wir Transparenz haben. Wenn ich nicht weiß, wo die Dinge herkommen, habe ich nicht die Möglichkeit, mich für ein richtiges Verhalten zu entscheiden. Gleichgültigkeit ist keine Lösung, weil sie schnell in Verantwortungslosigkeit mündet.

Norbert Reichel: Die Stärke der Demokratie liegt darin, dass es Parlamente, Gremien, Beteiligungsverfahren gibt, in denen über einen angemessenen Weg debattiert werden kann. Zurzeit nehme ich wahr, dass diese Verfahren zwar stattfinden, aber dann, wenn es zu einem Beschluss kommt, es keinen Tag dauert, bis am Verfahren Beteiligte alles wieder grundsätzlich in Frage stellen, selbst wenn sie dem erreichten Kompromiss am Tag zuvor noch zugestimmt haben.

Volker Wissing: Dann sagen die einen, die Grünen mit ihrem Lieferkettengesetz verstehen nichts von Wirtschaft, und die anderen sagen, denen von der FDP geht es nur um Geld. Das ist beides Unsinn. Mit so einer Haltung kommen wir nicht weiter. Vorurteile, Fehlinformationen, Unterstellungen, sind das Gegenteil von Empathie. Man muss sich disziplinieren und mit den Argumenten sachlich auseinandersetzen. Das ist eine Frage von Disziplin.

Norbert Reichel: Das kann man in der Schule lernen. Sie kennen das aula-Projekt von Marina Weisband. Ich habe es im Demokratischen Salon mit ihr zusammen vorgestellt, zuletzt in dem Beitrag „Die Macht der Aufmerksamkeit“.

Volker Wissing: Ja, das kenne ich. Ich erinnere mich auch gut an meinen eigenen Geschichtsunterricht. Mein Geschichtslehrer sagte immer, man müsse lernen, differenziert zu denken. Das sagte er ständig und was er forderte, ist ein ganz entscheidender Punkt, viel wichtiger als dass man alle Eckdaten der Geschichte auswendig kann. Wir müssen lernen, differenziert zu denken und dürfen nicht vorschnell Entscheidungen anderer für dumm oder falsch erklären. Wenn wir nicht verstehen, weshalb andere zu völlig anderen Schlussfolgerungen gelangen, müssen wir in Erwägung ziehen, dass wir selbst falsch liege könnten. Deshalb sollte man auch frühere politische Entscheidungen nicht vorschnell für falsch erklären. Immerhin haben auch frühere Politikergenerationen sich etwas dabei gedacht und hatten eine Mehrheit hinter sich.

Norbert Reichel: Das heißt ja nicht, dass man alles rechtfertigt, was in der Vergangenheit entschieden worden ist. Aber es gibt auch Entscheidungen der Vergangenheit, die zurzeit heftig in Frage gestellt werden, aber, wenn man sie sich genauer anschaut, für unsere Zukunft als liberaler demokratischer Rechtsstaat eine enorm hohe Bedeutung haben. Ich denke an Europa. Immerhin wurde die Europäische Union im Jahr 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Volker Wissing: Es ist ganz schlimm, dass Europa heute nur noch so wenig Begeisterung auslöst. Die ursprüngliche Idee, die erst nach zwei Weltkriegen geboren wurde, ist heute kaum noch im Bewusstsein der Menschen. Ich meine damit die Idee von Jean Monnet, ein Europa zu schaffen, in dem wir uns nicht auf gemeinsame Regeln für alle Ewigkeit festlegen, sondern in dem wir uns immer weiter verstricken und die Unvollkommenheit der Verstrickung uns motiviert, die nächste Verstrickung zu weben. Monnet hat es etwas anders gesagt, aber das ist die Idee, die hinter Europa steht. 1945 lautete die Frage: müssen wir mit der Angst vor einem Dritten Weltkrieg leben oder finden wir einen gemeinsamen Weg? Europa sollte geeint werden, aber wie sollte das funktionieren, wo man sich doch mit völlig verschiedenen Vorstellungen gegenüberstand. Die Lösung lag darin, sich Schritt für Schritt immer weiter aufeinander zuzubewegen. Nicht eine vollkommene Lösung, sondern eine Daueraufgabe sollte den Frieden sichern.

Was machen die Kritiker heute? Sie machen Europa verächtlich, weil die Einheit nicht vollkommen ist. Es heißt nicht, der Euro war ein richtiger Schritt, aber er ist unvollkommen, deshalb müssen wir jetzt den nächsten Schritt gehen. Stattdessen heißt es: der Euro ist unvollkommen, also ein Fehler, deshalb muss er weg. Das ist ein völliges Missverständnis: Die Unvollkommenheit Europas soll uns nicht frustrieren oder gar veranlassen, uns wieder zurückzuentwickeln. Die Unvollkommenheit soll uns motivieren, die nächsten Schritte zu gehen, um weiter zusammen zu wachsen. Eine gemeinsame Währung alleine reicht auf Dauer nicht. Deshalb müssen weitere Schritte zur Einheit Europas folgen.

Norbert Reichel: Diejenigen, die proeuropäisch argumentieren, haben sich in die Defensive drängen lassen. Manchmal denke ich, es ist geradezu ein Glück, dass viele dann doch sehen, welches Unheil der Brexit über Großbritannien gebracht hat. Fast schon eine Ironie der Geschichte, dass der Austritt aus der Europäischen Union kaum noch in einem der Mitgliedstaaten ein Thema ist, für das es Mehrheiten gäbe.

Volker Wissing: Wir werden von außen angegriffen, von den Gegnern der freiheitlichen Demokratien. Und diese Gegner nutzen die Schwäche Europas gezielt aus. Die Europäerinnen und Europäer, die ein Interesse daran haben müssten, Europa als Schutzschirm für unsere Wertegemeinschaft und unsere Freiheit zu nutzen, stehen mit ihren Argumenten zunehmend schutzlos da. Das ist ein riesiges Problem. Das ist der Grund, warum Leute wie Putin oder Musk die AfD so toll finden: Ein Brexit war für die schon super, jetzt noch ein Frexit oder Dexit, dann kann die Europäische Union ihren Schutzmechanismus einrollen. Unser Land wäre niemals in der Lage, die Schutzfunktion Europas für das eigene Volk zu übernehmen.

Es ist an der Zeit, dass die Menschen aufwachen und Europa stärken. Unsere Gegner haben es lieber mit schwachen Mitgliedstaaten zu tun, als mit einer starken Europäischen Union. Sie tun alles, um Europa auseinander zu treiben. Wir sollten es deshalb um so stärker zusammenhalten.

Norbert Reichel: Da sind sich Trump und Putin sehr einig: Europa klein machen, Europa in seine Einzelteile aufspalten.

Volker Wissing: Europa ist bei allen geopolitischen Veränderugen immer noch eine bestimmende Größe in der Welt. Wir können aus unserer Wertehaltung noch viel Gutes in die Welt tragen, wenn wir unsere Stärke leben. Stattdessen verlieren wir uns in Kleinigkeiten.

Was hat denn der Brexit Großbritannien gebracht? Was würde ein Frexit Frankreich bringen, ein Dexit Deutschland, ein Polexit Polen? Wenn wir es nicht schaffen, uns selbst vom Serviertablett herunterzunehmen und uns als Europäer an den Tisch zu setzen, werden wir verspeist. Dadurch wird die Welt nicht besser. Europa braucht viel mehr Unterstützung.

Libertäres Denken vs. liberales Denken

Norbert Reichel: Es geht um die Möglichkeiten unserer Freiheit, eines Europas als liberaler und demokratischer Akteur in der Weltpolitik. Die Grenzen der Freiheit sind erst und nur dort, wo ich mit ihrem Gebrauch jemanden schädige.

Volker Wissing: Ja klar. Und dort, wo ich Dinge tue, die nicht richtig sind. Es ist eben die Frage, wie erkennen wir, was richtig ist? In meinem Buch habe ich mich mit dem Gegensatz von Libertären und Liberalen auseinandergesetzt.

Norbert Reichel: Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie das so deutlich aufgeschrieben haben.

Volker Wissing: Es ist auch notwendig. Manche denken, die einen sind für die Wirtschaft, die anderen sind irgendwie links. Ich bin nicht links und ich bin auch nicht gegen Wirtschaft. Ich finde Marktwirtschaft großartig, in ihrer Effizienz, mit ihren Anreizsystemen. Das ist alles wunderbar, aber Libertäre machen es sich sehr einfach, wenn sie sagen, Gemeinschaft ist eine Belastung, wir machen nur noch Individualität. Der Sinn unseres Lebens kann doch nicht darin liegen, dass wir uns nur mit uns selbst beschäftigen. Sowas macht nicht glücklich und aus sowas entsteht auch nichts Großes.

Deswegen ist es wichtig, dass wir uns der Komplexität stellen. Ja, ich bin für die Entfaltungsfreiheit des Einzelnen, aber trotzdem möchte ich mich an der Erarbeitung von Regeln für die Gemeinschaft beteiligen, weil sie Regeln braucht, um Freiheit zu schützen, zu mehren und dort wo sie fehlt, überhaupt entstehen zu lassen. Diese vermeintliche Widersprüchlichkeit ist kein Widerspruch, sondern ein Auftrag. Und dieser Auftrag bedarf einer ständigen Auseinandersetzung mit anderen Menschen, um sie in ihrer Andersartigkeit zu begreifen, zu verstehen, zu achten und anzunehmen anstatt sie zu verachten, weil sie anders sind als man selbst. Wer tolerant sein möchte, muss sich sagen: der Andere ist anders und damit auf seine Art genauso gut wie ich.

Norbert Reichel: Manche Dinge ändern sich mit der Zeit. Ich denke zum Beispiel an den langen Weg zur Durchsetzung von Frauenrechten, vom Wahlrecht über die freie Berufswahl ohne Zustimmung des Mannes bis hin zum Recht auf gleiche Bezahlung. Oder die Rechte von Menschen, die homosexuell oder queer leben. Es dauerte lange, bis eine Ehe für alle möglich wurde. Die längst überfällige Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch haben wir schon genannt. Das sind liberale Entwicklungen und manche ist noch nicht an ihr Ende gelangt. Ich sehe aber oft auch, dass Libertäre Lebensweisen, die nicht den ihren entsprechen, diffamieren oder gar kriminalisieren. Sie sehen sich allein als das Maß aller Dinge.

Volker Wissing: Weil man sich nicht auf andere einlassen will. In dem Buch habe ich beschrieben, dass es für mich schrecklich war, selbst in Führungskreisen der eigenen Partei zu hören: „Ich hasse die Grünen.“ Ich bin sehr bei Angela Merkel, die gesagt hat, mit der Sprache fängt es an. Sprachliche Entgleisungen sind immer der Einstieg in Gewalt. Da fehlt bei manchen jede Hemmschwelle.

Norbert Reichel: Es entspricht auch in keiner Weise einer christlichen Einstellung, obwohl sich manche, die so reden, sogar selbst als Christen bezeichnen.

Volker Wissing: Ich sehe es als Auftrag, mich für meine Mitmenschen zu interessieren, sie zu begreifen. Deshalb habe ich immer mit diesem politischen Lagerdenken gehadert, wonach man der einen Partei näherstehe als einer anderen. Darauf kommt es doch gar nicht an. Es kommt viel mehr darauf an, sich mit denjenigen auseinanderzusetzen, die weit von einem entfernt sind. Da ist der Verständnisbedarf viel größer. Es ist wichtiger, dass man sich als Liberaler damit beschäftigt, was jemanden bewegt, in die Linkspartei einzutreten und den Sozialismus nach wie vor als Glücksfall zu betrachten. Am Ende geht es darum, friedlich zusammen zu leben, einen gewaltfreien Alltag zu sichern und Räume zur eigenen Entfaltung zu schützen. Das verbindet alle Demokraten. Sie wollen, dass die Menschen gut leben.

Norbert Reichel: Ich wage die These, dass sich liberale Ideen sehr weit in den demokratischen Parteien verwirklicht haben. Das gilt auch für große Teile der Linken. In der AfD sehe ich das nicht, aber es stellt sich ja auch die Frage, ob diese Partei überhaupt eine demokratische Partei ist. Auf jeden Fall sollten wir mit allen reden, die mit sich reden lassen. Karl-Hermann Flach hat in seinem Buch „Noch eine Chance für die Liberalen oder die Zukunft der Freiheit“ im Jahr 1971 den Gegensatz zwischen Kommunismus und Liberalismus analysiert. Heute ist dies aus meiner Sicht der Gegensatz zwischen liberalem und libertärem Denken. Alice Weidel und Elon Musk vertreten diesen Libertarismus, verbunden mit einer hohen Intoleranz gegenüber Menschen, die anders sind als sie.

Volker Wissing: Darin liegt auch der Grund, warum Elon Musk die AfD so stark unterstützt. Das ist alles ein Angriff auf den Liberalismus. Die Idee der Tech-Oligarchen in den USA ist nicht die Freiheit aller Menschen zu mehren, sondern die Möglichkeit zu schaffen, dass sich Einzelne grenzenlos ausleben und ihre eigene Macht grenzenlos mehren können. Die Balance entsteht für sie nur dadurch, dass man sich gegenseitig hinwegfegt.

Das widerspricht meinem Menschenbild zutiefst, auch meinen Vorstellungen von Liberalismus. Deshalb habe ich es auch nicht gut ertragen können, als in der FDP, als ich noch Mitglied war, manche sagten, wir bräuchten mehr Kettensäge, mehr Musk und Milei. Mitglieder der Jungen Liberalen liefen mit der Kettensäge herum. Allein was man damit anrichten kann: Das sind blutige Bilder! Ich will nicht, dass man mit der Kettensäge bei uns Politik betreibt, auch wenn das im übertragenen Sinne auf die Vorschriften bezogen wird. Es ist auch respektlos, wenn man Gesetze, die nach umfangreicher Beratung, mit Mehrheiten beschlossen wurden, einfach nur als „dumm“, „idiotisch“, „blöd“ oder als was auch immer darstellt. Das ist alles nicht gut und reichlich undiszipliniert. Aber genau diese Brachialität gefällt den Libertären. Sie wollen Disruption.

Menschen brauchen keine disruptiven Veränderungen in ihrer Umgebung. Sie brauchen Freiräume, sie brauchen Frieden, sie brauchen soziale Sicherheit, sie brauchen innere und äußere Sicherheit, sie brauchen Zugang zu Wissen, sie brauchen den kulturellen und den sozialen Austausch. (Wie wichtig das ist, haben wir in der Corona-Pandemie gesehen.) Menschen brauchen auch Zeit. Deswegen sollten Liberale auch dafür kämpfen, dass Menschen ihren Arbeitsalltag und ihre Arbeitszeit möglichst frei gestalten können.

Norbert Reichel: In diesen Kontext passt das Buch „Dear Britain“ von Annette Dittert (Köln, DuMont, 2026), die dort eine Bilanz ihrer Arbeit als ARD-Auslandskorrespondentin in London zieht. Sie beschreibt, dass in vielen Regionen, die ursprünglich stabile Wahlbezirke der Labour-Partei waren, inzwischen Reform UK dominiert. Diejenigen, die Reform UK wählen wollen, glaubten jedoch nicht, dass diese Partei ein Konzept für die Zukunft hätte. Es geht ihnen nur darum, das zu zerstören, das in der Vergangenheit ihre Hoffnungen immer wieder enttäuscht habe. Die Tories sind inzwischen marginalisiert. Labour droht – wie die Kommunalwahlen vom 7. Mai 2026 zeigten – Ähnliches, in England mit Reform UK und noch radikaleren Varianten, in Schottland und in Wales nicht nur von rechts durch Reform UK, sondern auch von links mit Plaid Cymru und der Scottish National Party. Ähnliches formulierte zuletzt Stephen Holmes Anfang Juni 2026 in der Süddeutschen Zeitung: Die Anhängerinnen und Anhänger Trumps hätten zwar kein Interesse an dessen goldenem Ballsaal, empfänden aber Genugtuung über den Abriss des East Wing des Weißen Hauses. Trump könne der „weißen Arbeiterklasse (…) keine bessere Zukunft bieten“, aber „die Zukunft der in Harvard gebildeten professionellen Elite an Ost- und Westküste (…) ihre Universitäten, Zeitungen, das Nato-Bündnis, die Weltwirtschaft ruinieren. Das spricht Menschen an, die einen Groll haben, weil dann wenigstens etwas passiert.“ Diesen Destruktionswillen sehen wir bei der AfD, bei der FPÖ und manch anderen Parteien dieser Qualität in Europa.

Volker Wissing: In der FDP ja auch schon. Da reden Leute von „Disruption“, von „radikaler Mitte“. Das sind alles Reminiszenzen an alle diese Disruptionsfreunde, die erzählen, wir bräuchten nicht mehr das Herumarbeiten am Bestehenen. Sie wollen nicht etwas an vorhandenen Geschäftsmodellen verbessern, sondern diese durch etwas Neues ersetzen. Das übertragen sie jetzt auf die Politik. Aber was soll das heißen? Etwa nicht mehr an der Verbesserung unserer Ordnung arbeiten, sondern sie durch etwas Neues ersetzen?

Mir haben Leute gesagt, sie hassen Microtargeting. Aber wie soll es ohne funktionieren? Wir haben eine großartige Verfassung. Wir leben in einer weit entwickelten, moderne Gesellschaft mit sehr hohem Wohlstandsniveau. Bei uns findet Spitzenforschung statt. Ständig wird etwas Neues entwickelt. Wie sollen wir an unserer Zukunft anders erfolgreich arbeiten, als durch Microtargeting?

Norbert Reichel: Das Interessante an der Kommunikationsstrategie des „Microtargeting“ liegt ja darin, dass es man es im Guten wie im Schlechten nutzen kann, als Instrument der Partizipation wie als Instrument unredlicher Beeinflussung. Wir reden hier aber nicht von Kommunikationsstrategie, sondern von der Verbesserung der Effizienz der Wirtschaft. Deutschland ist immer noch eines der reichsten Länder der Welt und wenn man Leute fragt, in welchem Land sie gerne leben möchten, werden sehr viele in aller Welt Deutschland nennen.

Volker Wissing: Ich komme aus Rheinland-Pfalz. Ich war hier Wirtschaftsminister. Wir haben in Ludwigshafen dieses riesige Chemieunternehmen, die BASF, die sich im Jahr 1865 angesiedelt hat.

Norbert Reichel: Ludwigshafen gehörte damals wie die Pfalz zum Königreich Bayern, in dem seit 1864 Ludwig II. König war.

Volker Wissing: Richtig. Die BASF ist das größte Chemieunternehmen der Welt. Es ist immer noch am Standort Ludwigshafen, der höchst komplex ist. Da kann man nichts mit der Kettensäge verbessern. Genauso ist es auch mit unserer Rechtsordnung. Was soll das, mit diesem „Haut alles mal weg“? Da kommt dann ein hochrangiger Politiker der FDP und sagt, wir müssen erst einmal alle Gesetze abschaffen und dann überlegen, welche davon wir wieder einführen. Damit will er Ordnung schaffen. Dabei sind die Gesetze doch mehrheitlich verabschiedet worden, um Dinge zu verbessern!

Norbert Reichel: Ich habe Ähnliches in meiner Zeit als Ministerialbeamter mehrfach von eigentlich als seriös geltenden Politikern gehört, von Konservativen ebenso wie von Grünen, von Liberalen wie von Sozialdemokraten. Manche meinten sogar, in Veranstaltungen mit der Sammlung von Gesetzen und Erlassen despektierlich herumwedeln zu müssen, die für die Schule galten. Das war in Nordrhein-Westfalen die BASS, ein etwa drei bis vier Zentimeter dickes Buch, das jedes Jahr fortgeschrieben wurde (inzwischen gibt es das nur noch digital). Darin fand man alles auf einen Blick, vom Grundgesetz über beamtenrechtliche Vorschriften und Regelungen zum Datenschutz, Sicherheit im Schulsport und die Stundentafeln der verschiedenen Schulformen und Schulstufen bis hin zur Regelung von Impfungen in den Schulen und der Berücksichtigung von Feiertagen verschiedener Religionsgemeinschaften. Etwas, das Übersichtlichkeit schaffen sollte, wurde als Muster überzogener Regelungswut diffamiert.

Natürlich kann man manches vereinfachen, flexibilisieren – wie es so heißt –, aber auch das muss in einer liberalen Demokratie ausgehandelt werden. Ungeachtet dessen habe ich die Erfahrung gemacht, dass immer wieder einzelne Bürgerinnen und Bürger oder einzelne Abgeordnete oder auch Verbände dringend nach einer gesetzlichen Regelung riefen, die das von ihnen empfundene Problem ein für alle Mal lösen würde. Selbst Ministerpräsidenten meinten, einen Hinweis aus einem Abendtermin am nächsten Vormittag schnellstmöglich in eine neue Regelung überführen zu müssen. Es waren dann in der Regel die Büros, die deutlich machten, dass ein solcher Vorschlag dysfunktional sei.

Volker Wissing: Ich habe als Wirtschaftsminister immer wieder gehört, wir müssten alle Brandschutzvorschriften abschaffen. Wenn jemand eine neue Konzession für eine Gaststätte haben wolle, müsse er erst einmal Brandschutzvorschriften einhalten. Das müsse alles weg. Ich war da sehr skeptisch, weil Brandschutz ja nicht gerade überflüssig ist. Wenn ich mir das Unglück in Crans-Montana in der Schweiz anschaue, wäre dort mehr Brandschutz hilfreich gewesen. Ich habe damals vorgeschlagen, einmal die konkreten Brandschutzvorschriften zu benennen, auf die man aus Sicht der Kritiker verzichten könne. Dabei kam am Ende nichts heraus. Keiner war bereit zu sagen, welche konkrete Brandschutzvorschrift aufgegeben werden soll. Wenn es konkret wird, macht ein Fluchtweg eben doch Sinn und wir man in der Schweiz gesehen hat, sind Brandschutzdecken nicht nur ein Kostenfaktor, sondern Teil der Sicherheit von Menschen.

Ich will nicht sagen, dass Bürokratie kein Problem sei. Aber man muss nicht so verächtlich mit Vorschriften umgehen, wie manche es leichtfertig tun. Ich habe in einem Saal gefragt, ob der Staat neue Gesetze schaffen solle, die mehr Bürokratie bringen. Da hob niemand die Hand. Ich sagte dann, jetzt haben Sie abstrakt gegen Bürokratie votiert, aber ich zeige Ihnen jetzt, wie schnell ein halber Saal ein Riesenbürokratiemonster fordert. Ich fragte weiter: Wer ist der Meinung, dass man bei Führerscheininhabern ab dem 60. Lebensjahr eine regelmäßige ärztliche Untersuchung vorschreiben sollte? Da ging die Hälfte der Hände hoch. Dann erzählte ich, welche Bürokratie das auslöst: Der Staat muss in jedem Einzelfall kontrollieren, ob alle Leute beim Arzt waren, ob sie die Bescheinigung schon vorgelegt haben, und wenn nicht, müssen Mahnungen geschrieben werden; wenn die dann ungehört bleiben, müssen die Behörden reagieren, gegebenenfalls landet man vor Gericht, und so fort.

Norbert Reichel: Und es wird nicht lange dauern, bis gefälschte Bescheinigungen im Umlauf sind. Das beschäftigt Polizei und Gerichte.

Volker Wissing: Wir können auch darauf vertrauen, dass die Leute sich selbst fragen, ob sie noch Auto fahren können oder nicht. Wenn wir auf die Unfallstatistiken älterer Fahrerinnen und Fahrerschauen, sehen wir, eigentlich läuft es bisher ganz gut. Je mehr wir die Eigenverantwortung der Menschen wirken lassen, desto mehr Bürokratie ersparen wir uns. Wenn sich eine Mehrheit dennoch für eine staatliche Reglementierung entscheidet, gibt es Gründe. Man sollte sich deshalb nicht hinstellen und so tun, als hätten dumme Politiker die Bürokratie gebracht.

Norbert Reichel: Oder es heißt: Brüssel ist an allem schuld.

Volker Wissing: Ich war als Landesminister mit meinen Abteilungsleitungen einmal im Jahr in Brüssel. Wir hatten dort immer eine Klausurtagung, hatten Gespräche mit Beamten der Generaldirektionen. Diese Beamte sind sehr gute Leute, sehr sachorientiert, weil sie den Populismus nicht brauchen, der manche Debatte prägt. Sie stehen nicht in unmittelbarer Nähe von Politikern, die auf Meinungsumfragen schauen, weil sie gewählt werden wollen. Brüssel ist sehr klarer strukturiert. Was dort passiert ist sehr sachlich und durchdacht. Und die Behörden sind auch sehr bescheiden untergebracht. Da wird nicht geprasst, wie manche es darstellen. Ich habe manches Landesministerium und manches Rathaus gesehen, das einen an feudale Zeiten erinnert. So etwas sieht man in Brüssel nicht.

Wir sollten viel mehr für die Europäische Union werben. Wir müssen uns wieder mehr für die gemeinsame Sache engagieren statt immer nur darüber nachzudenken, wer was bekommt und wer was gibt. Es ist wie mit dem Satz von Kennedy: Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst! Fragen wir uns, was wir für Europa tun können!

„Die Wahrheit wird euch frei machen“

Norbert Reichel: Das ist auch ein religiös begründbares Anliegen.

Volker Wissing: Ich bin calvinistisch erzogen worden. Dadurch stellte man sich immer die Frage, was man bewirken kann. Durch die Vorbestimmungslehre Calvins ist man auf der Suche nach der eigenen Aufgabe. Das ist aber keine ichbezügliche Suche, sondern immer die Suche nach der eigenen Rolle in der Gemeinschaft. Da kommt man nicht raus, wenn man das einmal verinnerlicht hat.

Norbert Reichel: Religiöse Texte kann man natürlich ganz verschieden auslegen. Ich erinnere mich beim Thema Nächstenliebe, das Sie auch schon ansprachen, immer an die Debatte zwischen Leo XIV. und JD Vance. Vance behauptete, dass Nächstenliebe nur die Menschen in der engeren Umgebung beträfe. Leo XIV. widersprach und sagte, Nächstenliebe gelte universell. So steht es in der hebräischen Bibel (Moses III 19,18) und im Evangelium (Markus 12,31).

Volker Wissing: Die Bibel ist für mich ein universelles Werk, von solcher Weisheit getränkt, die man, auch wenn man nicht gläubig ist, nicht übersehen sollte. Da stehen so viele kluge Dinge drin. Die Bibel enthält viel Erfahrung und Weisheit.

Norbert Reichel: Ich habe über dieses Thema zuletzt mit Rabbinerin Elisa Klapheck gesprochen, die eine Linie von Gabriel Riesser aus der 1848er Zeit bis hin zum Grundgesetz zieht, all dies auf der Grundlage der Thora.

Volker Wissing: Die jüdische Kultur bewundere ich sehr. Ich habe auch etwas Hebräisch gelernt, um sie besser zu verstehen. Ich finde es bemerkenswert, gerade als Musiker, dass bei der jüdischen Musik nicht streng zwischen religiöser und weltlicher Musik getrennt wird. Unsere christliche Gesellschaft ist dagegen stark von der Säkularisierung geprägt. Diese Idee ist aus vielerlei Gründen nachvollziehbar, sie hat aber auch etwas Künstliches. Man kann als Mensch ja nicht gleichzeitig christlich und säkular sein. Es würde unserer Gesellschaft guttun, wenn wir unserem Bekenntnis im Alltag mehr Raum geben würden. Es ist ein Schatz, der brach liegt.

In meinem Buch habe ich auch über die Passionsgeschichte geschrieben. Man erkennt dort den Menschen in seiner ganzen Art, samt seiner Fehlbarkeit. Ich erlebe oft, dass Menschen mir berichten, was sie Schlimmes erlebt haben, Mobbing am Arbeitsplatz, Streit zwischen Nachbarn oder innerhalb der Familie. Menschen können einander schlimme Dinge antun, niemand ist frei davon. Ich erinnere dann gerne an die Passionsberichte und daran, dass wir Menschen jeden Tag die Freiheit haben, es anders zu machen. Wir müssen nicht am Bösen verzweifeln, weil wir ihm Gutes entgegensetzen können.

Norbert Reichel: In Ihrem Buch verweisen Sie auf das Handeln des Pontius Pilatus. Sie beschreiben ihn als einen schwachen Menschen, der die Verantwortung in die Hände anderer delegiert. Ich habe mir diese Stellen noch einmal angeschaut und mir die Frage gestellt, ob die Darstellung des Pilatus nicht etwas damit zu tun haben könnte, dass die Verfasser der Evangelien ein Interesse hatten, in erster Linie die jüdischen Hohepriester und ihre Anhänger negativ darzustellen. Das wäre eine frühe Form von Antijudaismus. Dafür spricht auch, dass die Evangelien erst 40 bis 70 Jahre nach den Ereignissen entstanden sind und ohnehin nicht als historische Berichte, sondern als Heilserzählungen konzipiert und zu verstehen sind. In einer Heilserzählung werden den einzelnen Personen Rollen zugewiesen.

Volker Wissing: So sehe ich es auch. Es gibt noch eine weitere Geschichte mit Pilatus. Es gibt so viele Botschaften, die man beim ersten Lesen gar nicht entdeckt. Pilatus hat am Ende eine Tafel anbringen lassen, auf der in lateinischer Sprache geschrieben stand: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Er wurde gefragt, warum er das gemacht habe, Jesus war ja angeklagt worden, weil er sich angeblich als König der Juden hingestellt habe.

Norbert Reichel: Die Anklage lautete somit sozusagen auf Hochverrat. Da stand aber nicht, dass Jesus deswegen verurteilt worden war, sondern dass er dieser König sei.

Volker Wissing: Pilatus sagte, was er geschrieben habe, habe er geschrieben. Das ist doch interessant, dass dieser Mann, der zu feige war, seine Macht zum Guten nutzen, überzeugt war, dass der Falsche hingerichtet wurde. Dazu passt auch das Waschen der Hände in Unschuld. Er wusste, dass auf das Predigen von Nächstenliebe nach römischem Recht keine Todesstrafe stand. Er hatte wohl das, was ich in meinem Buch als „Kompass“ bezeichne. Ich glaube, da schließt sich der Kreis zu dieser Stelle im Johannesevangelium: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8,32). Pilatus versucht, sich von dieser Schuld zu befreien, indem er die Wahrheit dokumentiert. Man kann so viel darüber nachdenken, so viel Lebensweisheit daraus ziehen. Man muss nicht an die Auferstehung glauben – ich tue es –, aber für mich ist die Bibel eines der größten Werke, das je geschrieben wurde.

Norbert Reichel: Ich wage zu behaupten, dass dies für die heiligen Schriften aller drei Religionen gilt, die in dieser Region, die wir heute den Nahen Osten nennen, entstanden sind. Es wäre auch spannend, die heiligen Schriften anderer Religionen aus Indien, China, Japan zu lesen, aber es wäre schon einmal ein Anfang, die Parallelen der drei Religionen zu sehen, die Europa, den Nahen und Mittleren Osten, den Raum rund um das Mittelmeer und ganze Kontinente, von Indonesien über Afrika bis Amerika nach wie vor wesentlich prägen. Es sind Menschheitsfragen.

Volker Wissing: Ich finde es bemerkenswert, dass die monotheistischen Religionen alle aus derselben Region stammen. Ich bin einmal mit dem Auto von Jerusalem über die Allenby-Brücke beziehungsweise König-Hussein-Brücke nach Jordanien gefahren. Es ist bemerkenswert, wenn man diese Berge sieht, das Klima erlebt. Es ist ein raues Stück Land. Man versteht dann viel mehr, beispielsweise die Erzählung von dem verlorenen Schaf. Als Kind habe ich mir darunter nichts vorstellen können. Wo ist denn da das Problem? Dann frisst es sein Gras eben woanders! Wenn man diese Landschaft sieht, versteht man, dass es dort für einen einzelnen Menschen oder wie in der Erzählung für ein einzelnes Schaf kaum ein Überleben in der Einsamkeit gibt. Überleben geht nur in der Gemeinschaft.

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 3. August 2026. Titelbild: Pixabay).