Projekt Beschreibung

Die dritte Literatur des Ostens

Ein Gespräch mit Ines Geipel über verfemte Literatur in der DDR

„Die dritte Literatur des Ostens bleibt für immer Fragment, ein Splitter, dessen Wirkung bisher nicht zu Ende gedacht ist. Kommt er, der Klondike dieser verfemten Textlandschaft?“ (Ines Geipel, Hinter Mauern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 2.10.2020)

Ines Geipel, Schriftstellerin, Publizistin und Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin (https://www.hfs-berlin.de/) , hat gemeinsam mit Joachim Walther, der leider im Mai 2020 verstarb, das „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“ aufgebaut. Einige dieser Texte wurden auch dank der Unterstützung der Stiftung Aufarbeitung (www.bundesstiftung-aufarbeitung.de) in der Reihe „Die verschwiegene Bibliothek“ veröffentlicht. Eine ausführliche Geschichte dieser Literatur bietet das von Ines Geipel und Joachim Walther verfasste Buch „Gesperrte Ablage“ (2015 im Lilienfeld Verlag, Düsseldorf).

In „Zensiert, verschwiegen, vergessen“ (2009 bei Artemis & Winkler, Düsseldorf) stellt Ines Geipel 16 Autorinnen aus Ostdeutschland vor, deren Werke in der DDR nicht oder nur in Teilen erscheinen durften. Eine dieser Autorinnen ist Inge Müller, deren Biografie Ines Geipel mit dem Titel „Dann fiel auf einmal der Himmel um“, 2002 im Henschel Verlag, Berlin, veröffentlichte. Der Titel ist der erste Vers eines Gedichts von Inge Müller. 1999 erschien im Berliner Transit-Verlag ihr Buch „Die Welt ist eine Schachtel – Vier Autorinnen der frühen DDR. Susanne Kerckhoff, Eveline Kuffel, Jutta Petzold, Hannelore Becker“.

Die Bücher enthalten Biografien und Quellennachweise, „Gesperrte Ablage“ ein Verzeichnis der im „Archiv“ verzeichneten Werke der verfemten Autor*innen. In „Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“ (Stuttgart, Klett-Cotta, 2019, siehe hierzu meine Rezension: „Die Ostfrau in Buchenwald“: https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostfrau-in-buchenwald/) dekonstruiert Ines Geipel mehrere Mythen der DDR-Erinnerungskultur und versucht, auf diese Weise aktuelle politische Entwicklungen, Wahlergebnisse und sich radikalisierende Bürgerbewegungen zu erklären. Der Regisseur Armin Petras hat dieses Buch dramatisiert (https://www.staatstheater-cottbus.de/programm/umkaempfte-zone/, Zugriff am 21.10.2020, Uraufführung war am 24.10.2020 in Cottbus.)

Grundlage dieses Textes ist ein Gespräch, das ich mit Ines Geipel am 20. Oktober 2020 über die Hintergründe der „Dritten Literatur des Ostens“ habe führen können.

Norbert Reichel: Die in der DDR verfemte Literatur ist eines Ihrer zentralen Themen. Warum wissen wir so wenig darüber? Wer sich mit der Literatur in der DDR befasst, denkt vielleicht an Christa Wolf, an Volker Braun, an Christoph Hein, an Ulrich Plenzdorf, Autor*innen, die im „Westen“ hohe Auflage erzielten. Die Autor*innen, über die Sie schreiben, jedoch waren verfemt und sind daher nur wenigen Menschen. bekannt.

Ines Geipel: Über die verfemten, weggedrückten, unveröffentlichten Autor*innen erfahren wir etwas vom Originaltext der DDR. Was ist realiter gedacht, gefühlt, wahrgenommen und in Sprache gebracht worden? Will sagen, mit diesem Archivmaterial sind sofort alle Metadiskurse vom Tisch, die uns grad so im Griff haben wollen. Es geht um Zensur als Denkweise und als Dagegen um eine „außerstaatliche Lebensqualität“, wie die Autorin Gabriele Stötzer dazu gesagt hatte. Über die Leben und Texte verstehen wir, wie hautnah Sprache und Leben in der DDR-Diktatur verzahnt gewesen sind. In „Gesperrte Ablage“ hatte ich geschrieben: „Die Texte der Unveröffentlichten geben Auskunft über den schmalen Grat zwischen Existenz und Schreibexistenz unter der Diktatur, die Sprache generell extrem behandelt.“ Sie sind Vertreter*innen der „dritten deutschen Literatur“, von der Fritz J. Raddatz schrieb: „Weil ihr Scheitern sich nicht in der Spekulation abspielte, spielt ihre Literatur (des Scheiterns) in der Realität. Die dritte deutsche Literatur ist im Augenblick die einzige von politischer Evidenz.“

Norbert Reichel: Und Christa Wolf?

Ines Geipel: Man kann nicht mit einem Satz auf das Leben und Schreiben von Christa Wolf reagieren. Verkürzungen verfälschen an der Stelle nur auf ungute Art. Die DDR war ihr Projekt, auch mit ihrer persönlichen Fluchtgeschichte aus Landsberg an der Warthe, dem heutigen Gorzów Wielkopolski.

Norbert Reichel: Das Buch zu dieser Migrationsgeschichte ist „Kindheitsmuster“, 1976 im Aufbau-Verlag erschienen. Ich darf einen mir programmatisch erscheinenden Satz zitieren: „Im Zeit-Sinn leben! Man muss dem Sinn der Zeit eine Chance lassen, dass er sich einem zeige.“ Das charakterisiert meines Erachtens vielleicht auch Rezeption und Bewertung der Persönlichkeit Christa Wolfs und ihres Werks.

Ines Geipel: In Christa Wolf lagert in dem Sinne die Doppeldiktatur des Ostens. Da ist ihre NS-Zeit als Kind, dann der Versuch, in der frühen DDR anzukommen, sich in dem ostdeutschen Projekt zu verwurzeln einschließlich ihrer Zuträgerschaft zur Stasi. Andererseits war sie auf dem 11. Plenum der SED 1965, dem sogenannten „Kahlschlagplenum“ die Einzige, die aufstand und widersprach. Der Roman „Nachdenken über Christa T.“, erstmals 1968 erschienen, bleibt ein starker Text. Von da an war sie eine hochgradig „Zeit-Sinnige“ mit einem Millionenpublikum. Sehr gewollt, sehr gefordert, oft zwischen allen Stühlen und unter großem Druck. Über Christa Wolf heute nachzudenken lohnt sich, vor allem, wenn man bei ihr über das Ambivalente, Rissige geht.

Norbert Reichel: Vielleicht passen folgende Sätze aus „Nachdenken über Christa T.“: „Soll den Mund verziehen, wer will: Einmal im Leben zur rechten Zeit, sollte man an Unmögliches geglaubt haben.“ Und: „Der Kern der Gesundheit ist Anpassung.“ Darüber ließe sich lange debattieren. Christa Wolf beschreibt Gesinnungen, Reaktionen auf Realitäten, meines Erachtens ohne sich mit ihnen zu identifizieren.

Ines Geipel: Vielleicht ist sie ihre frühe Prägung aus der Fluchtzeit, ihre Angst, ihre Schreckerfahrung nie losgeworden. Diese Kriegskindergeneration, die die Realität des Krieges in ihre Kleinstseelen hineinlassen musste und später am stärksten mit dem Auf und Ab der DDR identifiziert war. Sie konnte ja gar nichts anderes machen, als sich stark zu identifizieren und sich diese Anpassung letztlich als Gesundheit umerzählen. Ein Trugschluss bekanntermaßen. 

Norbert Reichel: Auch in den 1920er Jahren geboren ist Inge Müller. Sie haben – das darf ich vielleicht so sagen – mit ihrer Biografie über Inge Müller dafür gesorgt, dass Inge Müller, über die lange niemand sprach, viele Jahre nach ihrem Suizid am 1. Juni 1966 aus dem Schatten ihres Ehemannes Heiner Müller heraustreten konnte. In dieser Biografie ist es Ihnen gelungen, die Geschichte eines Landes anhand des Lebens einer Frau, Autorin und Co-Autorin Heiner Müllers anschaulich zu vermitteln und gleichzeitig die Leser*innen für diese Frau zu interessieren und zu gewinnen. Etwa zeitgleich mit dieser Biografie erschien im Berliner Aufbau-Verlag die von Sonja Hilzinger herausgegebene Textsammlung „Daß ich nicht ersticke am Leisesein“.

Ines Geipel: Ja, Inge Müller war in dem Sinne der Keimzelle für das spätere Projekt zu den Verfemten. Aber Inge Müller hat eine gänzlich andere Biographie als Christa Wolf. Christa Wolf wurde 1929 geboren, Inge Müller 1925. Diese vier Jahre bedeuten sehr viel in beider Leben. Inge Müller war 8, als Hitler kam, 14, als der Krieg begann und 18, als sie selbst zur Soldatin gemacht wurde. Also, letztlich das volle Programm. Im April 1945 wurde sie für drei Tage und drei Nächte unter einem Haus in Berlin verschüttet. Dieses Verschüttetsein, ihre Splitter, ihr Schmerz machte sie zu einem einzigem Schutt-Werk. Man liest sie und hat irgendwie immer Asche im Mund. Dieses Trauma erscheint als Retrauma wieder mit dem Bau der Mauer am 13. August 1961. Inge Müller erlebte den Einschluss ihrer Stadt. Der Kriegszustand der 1940er Jahre ist damit bei ihr wieder da. Inge Müller ist eine der wenigen, die gezielt mit ihrer Ästhetik dieses Trauma und die Retraumatisierung in der DDR thematisiert hat.

Norbert Reichel: Das Wort „einmauern“ spielt in Inge Müllers Texten eine wichtige Rolle, „verschüttet-Sein“, „eingemauert-Sein“. Inge Müller litt auch darunter, dass ihr Mann, Heiner Müller, der ihr dritter Ehemann war, ihren Anteil am gemeinsamen Werk okkupierte, unkenntlich machte. Heute noch finden wir viele Texte, die sie geschrieben hat, im Werk Heiner Müllers, ohne dass wir wissen, was tatsächlich von ihr stammt, was von ihm.

Ines Geipel: Das ist in der Tat nicht ganz einfach. Ich spreche hier vom Verschweißen des doppelten Müller-Textes. Ein gutes Gefühl hat man bei dem Inge Müller-Nachlass nie. Es bleibt rutschig. Als ich anfing, über sie zu forschen, war es sehr schwierig, an ihre Texte heranzukommen. Heiner Müller, den ich ansprach, fühlte sich nicht zuständig. Aber das ist ohnedies ein generelles Problem der verfemten Literatur, nicht nur das Problem beim Werk von Inge Müller. Richard Pietraß, der 1985 Gedichte von Inge Müller unter dem Titel „Wenn ich schon sterben muss“ herausgegeben hatte, rief mich nach dem Tod von Heiner Müller, es war Anfang 1996, an, er habe Texte Inge Müllers im Bettkasten. Ein solcher Aufbewahrungsort war in der DDR-Zeit nichts Ungewöhnliches. Überall lagerten Texte, es war geistiges Material ohne Ort. Wir werden also kein Schlussbild hinbekommen. Diese Textlandschaft bleibt für immer ein Fragment. Aber was wir heute in unserem Archiv haben, ist doch immerhin mehr als nichts. Tausende originale Manuskriptseiten. Das Verstecken der Texte ist in dem Ganzen ein zentrales Thema, die die innere Zensur, immer wieder die Angst diktierte, verhaftet zu werden. Alles war verdächtig. Eine regelrechte Paranoia.

Norbert Reichel: Das erinnert mich an das Hauptmotiv in Sylvia Kabus „Weißer als Schnee“. Dort gibt es einen Maler, der ein monochromes Bild bewundert. Ich darf zitieren: „‚Es hängt schon ewig da. Ein Japaner.‘ / ‚Eine einzige Linie. Nur Weiß. Weißer als Schnee. Trotzdem ist ein Berg da, bis an den Himmel.‘ / Der Berg verschwindet, wenn der Blickwinkel sich nur wenig verändert. / ‚Siebzig Jahre Übung. Dann können sie das so, dort‘, sagt er. /‘Sehnsucht und Disziplin.“ / Er dreht sich um. Mit der Ausdrucklosigkeit, die bei ihm Konzentration ist. Betrachtet sie.“ Schnee spielt in diesem Roman eine sehr vielsagende Rolle. Die Rede ist vom Grau der Landschaft, der Straßen, vom Grau des Lebens. „Kein Schnee bekommt diese Straße hell.“ Am Ende des Romans spült der Regen den Schnee weg. Mich erinnerte das monochrome Bild auch an Christoph Heins „Frau Paula Trousseau“. Paula Trousseau malt ein monochromes Bild, das von ihrem Professor, ihrer Umwelt ignoriert und als nicht systemkonform betrachtet wird. Sie scheitert mit ihrem Versuch, innovative Kunst zu machen, Monochromie als Versuch etwas zu zeigen, was nicht gezeigt werden sollte.

Ines Geipel: Das ist das Problem der Ästhetik des sogenannten sozialistischen Realismus, einer in Stein gemeißelten Ästhetik. Und das ist auch das, was das von Joachim Walther und mir aufgebaute „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR“ als Gegenbild zeigen kann. Gerade im Hinblick auf die Sprache war der Staat gründlich, mit einer Akkuratesse der Brutalität, die schier unvorstellbar ist. So früh wie möglich sollten subversive Szenen gefunden und eliminiert werden. Dazu gehörte dann, dass möglichst jeder Text, der den offiziellen Sprachregelungen nicht entsprach, ausfindig gemacht werden sollte. Ich nenne als Beispiel Ralf-Günter Krolkiewicz (1955-2008), der wegen weniger Gedichte verhaftet wurde, ein junger Mann in Jeans, mit langen Haaren. Er wurde verhaftet, bevor überhaupt etwas von ihm öffentlich war. Es ging um acht Gedichte! Dann wurde er in den Westen abgeschoben.

Norbert Reichel: Ich habe den Eindruck, dass es eine Rolle spielte, ob jemand bekannt oder unbekannt war. Die Sicherheitsorgane der DDR vergriffen sich an den jungen unbekannten Künstler*innen, weil sie sich an die bekannten nicht immer herantrauten?

Ines Geipel: Entscheidend war der Kontakt zum Westen. Kontakt zum Westen bedeutete Schutz. Wie belastend die Situation war, zeigt die Biographie von Günter Ullmann (1946-2009). Er ließ sich alle Zähne ziehen, weil er annahm, die Stasi habe seinen Körper vollständig verwanzt.

Norbert Reichel: Die Paranoia ging in beide Richtungen?

Ines Geipel: Ja, die Ängste regierten auf beiden Seiten. Davon sprechen die Selbstmorde, Sucht, Psychosen, die frühen Krankheiten im Feld der verfemten Literatur. Der Druck war enorm.

Norbert Reichel: Sie beschreiben das Leben von Jutta Petzold (*1933), die seit 1986 in einem Seniorenheim lebte, dort über die Gänge lief und Hölderlin-Verse rezitierte. Das ist kein Einzelfall. Die DDR-Sicherheitsorgane sorgten ja geradezu dafür, dass Autor*innen nicht nur demotiviert, sondern zerstört wurden. Die Lektorin, der Sylvia Kabus (*1952) im Jahr 1988 das Manuskript von „Weißer als Schnee“ vorlegen musste, sprach der Autorin jede Fähigkeit ab zu schreiben. Sylvia Kabus wurde als Autorin und als Mensch gnadenlos abgewertet, es hieß, dass „an dem Text, an der Figur etwas krank ist“. Damit war auch die Autorin gemeint. Sie sprechen von einem „Tribunal“, dass Sylvia Kabus und viele andere über sich ergehen lassen mussten. „Weißer als Schnee“ erschien dann dank Ihres Engagements etwa 20 Jahre später.

Ines Geipel: „Weißer als Schnee“ wurde in dem Sinne zu Tode lektoriert. Immer wieder wurden Änderungen verlangt. Es war nicht einfach, später wieder an den Urtext heranzukommen. Der Text, den wir schließlich in der „Verschwiegenen Bibliothek“ veröffentlichen konnten, ist aber – abgesehen von einigen Kleinigkeiten – die Urfassung des von Sylvia Kabus eingereichten Textes.

Norbert Reichel: Die Veröffentlichung verfemter Literatur ist Detektivarbeit. Wir sprachen eben über Christa Wolf und Inge Müller im Vergleich. Sie weisen in Ihren Texten mehrfach auf Parallelen zwischen Inge Müller und Ingeborg Bachmann hin.

Ines Geipel: Die Verbindung liegt in der Versehrtheit. Beide Autorinnen haben Parallelen im Umgang damit, den Riss des Jahrhunderts – so möchte ich das nennen, in ihren Werken offenzulegen. Nicht umsonst kämpfte die Bachmann so intensiv um ihr „Todesarten-Projekt“.

Norbert Reichel: Ingeborg Bachmanns erste Auftritte bei der Gruppe 47 sind legendär. Eine schüchterne, leise sprechende Frau, die ihre Gedichte vor einer Gruppe von mehr oder weniger von sich eingenommenen Männern mit teilweise zweifelhafter Vergangenheit vorstellte. Ihre Auftritte, ihre Texte dokumentieren die „Versehrtheit“, von der Sie sprechen, auch ihre Briefwechsel mit Max Frisch oder Paul Celan. Das Verhalten von Max Frisch gegenüber Ingeborg Bachmann erinnerte mich im Übrigen sehr an das Verhalten von Heiner Müller gegenüber seiner Ehefrau. Spielte die Gruppe 47 Ost in diesen Zusammenhängen eine Rolle?

Ines Geipel: Die Gruppe 47 Ost entstand vor der Gruppe 47 West. Es war eine Gruppe in Thüringen, der „Arbeitskreis junger Autoren Thüringens“. Die Gruppe zeigt exemplarisch, was die Suche nach einer „zeitsinnigen“ Sprache, einer neuen Ästhetik nach 1945 im Osten bedeutet, und vor allem auch, wer sich bemühte, eine solche Sprache zu finden. Hier versammelten sich Opfer des Gulag, Menschen, die in Bautzen inhaftiert waren, ebenso wie Menschen, die in der DDR Karriere machten. Ich denke an die Lebensgeschichte von Ursula Adam (1922-1979), eine der Initator*innen, sie wurde verhaftet, verurteilt, 1951 entlassen und floh dann nach Westberlin.

Norbert Reichel: Ihr Text über Ursula Adam trägt als Titel einen Satz der Autorin: „Ich schrieb ja nichts Politisches“. Das sahen die DDR-Organe anders. Es klingt wie eine Umkehrung des Satzes von Brecht, dass ein Sprechen über Bäume ein Verbrechen sein könne, weil damit so viel Unrecht verschwiegen würde. Die DDR-Organe vermuteten sozusagen hinter jedem Sprechen über Bäume systemkritische, systemfeindliche Propaganda, die zu unterbinden war.

Ines Geipel: Die Bildlöschung begann sehr früh. Texte von Verhafteten hatte es nicht mehr zu geben, sie wurden aus dem öffentlichen Bewusstsein gelöscht. Heute gibt es nicht wenige, die sagen, die DDR wäre doch mit ihrem System eine schöne Idee gewesen, es habe nur in der Praxis ein paar Probleme gegeben. Das ist rabiat falsch. Von Anfang an regierte Terror, mit dem Ziel der psychischen und physischen Zerstörung. Das war Strategie, das hatte System.

Norbert Reichel: Eine der Autorinnen der frühen DDR, denen Sie zu Aufmerksamkeit verholfen haben, ist Edeltraud Eckert (1930-1955). 2005 veröffentlichten Sie den Gedichtband „Jahr ohne Frühling“. Wie politisch sind diese Gedichte?

Ines Geipel: Die Gedichte Edeltraud Eckerts entstanden erst in der Haft. Sie begann zu schreiben, um das Zuchthaus – sie war zu 25 Jahren Haft verurteilt – irgendwie zu überstehen. Ähnlich ist es übrigens bei Gabriele Stötzer (*1953), die in der Haft zu ihrer Sprache fand. Unpolitisch ist das natürlich in keiner Weise. Die eigene Sprache wird ja in dem Sinne zum letzten Existenzbeweis. Es ist oft eine Sprache des Konkreten, der letzten Einfachheit, der puren, vom Kern aus atmenden Wörter. Nicht selten mit einigem Pathos. Im Pathos steckt Schmerz.

Norbert Reichel: Ich darf aus einem Gedicht Edeltraud Eckerts zitieren, entstanden im Dezember 1953. Es trägt den Titel „Du bist nicht ganz verlassen“. So lautet auch der erste Vers. Die zweite Strophe: „Der schwerste Gang / Wird leicht für deine Schritte, / Wenn du den Mut gefunden hast, / Dich loszulösen / Aus der fremden Mitte, / Mit denen du – Als stummer Gast / Und immer suchend nach der Ruh / Und noch entfernt vom Gutsein / Und vom Bösen – / Geschwankt und oft gezweifelt hast. / Dein Schweigen ward dir nicht gedankt, Es war sich selbst und andern / Eine Last.“

Ohne den Bezug zur Haft ist dieser Text meines Erachtens kaum zu erschließen. Das ist kein unpolitischer Text, keine romantische Fantasie, sondern der Alltag im Gefängnis, der durch das Schreiben der Gedichte erträglich werden soll, fern von jeder Stellungnahme zu der von der Partei, von der Justizverwaltung abverlangten Einreihung.

Bei Gabriele Stötzer lese ich (ich zitiere aus der von Ihnen 2005 herausgegebenen Textsammlung: „Ich bin die Frau von gestern“): „Sie nahmen mir meine äußere Existenz. Sie zeigten mir ihre unendliche Macht über mich. Die Vernehmungen gingen dann zügig voran. Der Kampf hatte sich irgendwohin verflüchtigt. Es gab keine Kompromisse mehr. Ich war Unperson geworden und er auch.“ Die Individualität des Verhörbeamten und der Beschuldigten verschwinden gleichermaßen, für die Beschuldigte allerdings mit der Folge zumindest psychischer, wenn nicht psychischer Vernichtung. Der Verhörbeamte bleibt gesichtslos, eine Imago des Systems.

Ines Geipel: Wer in der Haft schrieb, war davon abhängig, dass es Papier gab, dass es möglich war, die Texte aufbewahren zu dürfen. Es gibt 14 Texte von Edeltraud Eckert, die allein im Gedächtnis von Mithäftlingen erhalten blieben. Eine Memorialkultur der Nötigung. In der frühen DDR wurden Menschen so früh wie möglich verhaftet, isoliert, liquidiert. Es ist die reine Terrorzeit. Viele Texte haben nur in der „Gesperrten Ablage“ der Stasi überlebt. Als wir in den Stasi-Archiven recherchierten, fanden wir zahlreiche Texte, die wir den Autor*innen, die noch lebten, zurückgeben konnten.

Norbert Reichel: Ein Schlüsseldatum ist natürlich auch der 17. Juni 1953, aber die Verhaftungen und Verschleppungen gab es schon vorher. Sie wurden nach dem 17. Juni intensiviert, und Autor*innen verschwanden in sowjetischen Lagern, in Workuta.

Ines Geipel: Die Phase nach Prag 1968 war eine Phase größter Desillusionierung. Die an der Macht wussten, wie schwierig die Situation war. Sie mussten anders agieren, als sie das in der frühen Zeit getan hatten. Der Geheimdienst wurde umgebaut, sozusagen modernisiert. Nun sprach Stasi-Chef Erich Mielke nicht mehr von „Liquidierung“, sondern von „Zersetzung“ und „Isolation“. Ein großer Einschnitt war dann wiederum das Jahre 1976 mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann und dem Schreibverbot von Reiner Kunze, der dann ein Jahr später ausreisen durfte, weil man ihn loswerden wollte. Wenn man die Stasi-Unterlagen verschiedener junger Autor*innen liest, werden die Namen dieser beiden Autoren sehr häufig zur Rechtfertigung des Vorgehens der Stasi genannt. Es reichte schon, wenn jemand im Besitz eines Briefes, einer Kopie eines Liedes, eines Gedichtes, eines Bildes war, um in Verdacht zu geraten. Ergebnis war für viele junge Autor*innen, die nicht die Prominenz von Biermann oder Kunze hatten, dass sie im Knast verschwanden und damit auch ihre Texte.

Norbert Reichel: 1976 war auch das Jahr der Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz. Wir sprachen das Thema Selbstzerstörung an. Isolation, Zersplitterung der eigenen Identität – das war der Anfang für einen Weg zur Zerstörung des eigenen Ichs. „Zersetzung“ klingt hart, aber doch – ich wage es kaum zu sagen – weicher als „Liquidierung“. Aber offenbar setzte die DDR-Führung darauf, dass sich die schikanierten Autor*innen selbst zerstörten, sich selbst liquidierten, zumindest, dass niemand mehr jemand anderem traute, sodass soziale Netze verschwanden, Kritik zu Einsamkeit und Depression führte, kaum noch jemand wagte, etwas kritisch Klingendes zu veröffentlichen.

Ines Geipel: Die mögliche Auslöschung war immer da und damit ungeheure Angst. Am Schreibschicksal von Jutta Petzold, über das wir bereits sprachen, sehen wir, wie ihre Sprache sukzessive aus dem normalen Sprachgebrauch herausfällt. Die Sprache bricht, geht unter dem Druck entzwei. Es war für viele nicht möglich, ihr „Ich“ über Ästhetik zu retten. Im Sozialismus durfte es kein „Ich“ geben, nur das „Wir-Kollektiv“. Der sozialistische Held war gefragt, der durch das Weltall fliegt und dort den Kommunismus real macht. Das war das Hybris-Programm. Da war die Suche nach dem eigenen „Ich“ schon mit viel Skepsis behaftet.

Norbert Reichel: Wer „ich“ sagte, war schon subversiv unterwegs.

Ines Geipel: Deshalb betone ich die dritte Literatur, in der das bedrohte, schikanierte, zerstörte „Ich“ ausdrückliches Thema ist. Am 2. Oktober 2020 habe ich in der FAZ einen Artikel mit dem Titel „Hinter Mauern“ veröffentlicht: „Nach den Staatsnahen wie Hermann Kant oder Karl Mickel und den Kritisch-Loyalen wie Christa Wolf oder Volker Braun sind das mehr als hundert Autorinnen und Autoren, die zwischen 1945 und 1989 in Ostdeutschland ins Aus gesetzt, verfolgt und verfemt wurden. Dass sie verschwanden, ehe sie überhaupt wirklich da waren, gehörte zum Kalkül. Wie schwer es noch heute fällt, dieses durchcodierte Sperrland zu durchforsten. Die einen durften gar manches, für die anderen galten Haftbefehl und Druckverbot bis zum letzten Tag.“

Das Ergebnis war in der Stasi-Welt das große Nein. Was geschrieben wurde, wurde entwertet. Entwertet wurden damit auch die  Autor*innen selbst. Das Beispiel der Lektorierung von „Weißer als Schnee“ ist exemplarisch. Es ging darum, junge Stimmen von vornherein zu irritieren, zu attackieren, damit sie gar nicht mehr auf die Idee kamen, weiter Texte zu schreiben. Das Leben wurde – so sagte es Franziska Groszer (*1944) – „ein Leben aus lauter Nein“. Es gab verschiedene Palisaden der Zensur, die offizielle Zensur, aber auch die inoffizielle der Lektorate, und dann die innere Zensur der Autor*innen selbst. Henrik Bereska (1926-2005) sagte, dass er wusste, was und über wen er nicht schreiben konnte. Er schrieb: „Man durfte kein ehrliches Tagebuch führen, weil man als Bespitzelter jederzeit die Beschlagnahme befürchten musste. Tagebuch als Anklagematerial.“ An anderer Stelle: „Ich spüre, das Poetische wird sprachlos empfunden.“

Norbert Reichel: Der Weg in die Sprachlosigkeit war vorgezeichnet. Einer der Operativen Vorgänge gegen Henrik Bereska trug den bezeichnenden Titel „OV Zersetzer“. Das, was Sie über Henrik Bereska schreiben, zeigt, dass selbst Andeutungen gefährlich waren.

Ines Geipel: Man muss in die Tiefenstruktur der Texte eintauchen, in die Binnenstruktur der Diktatur. Manche äsopsche Formel , mancher Witz, manche Metapher ist nicht sofort klar. Das ist Übersetzungsarbeit. Ich erlebe auch jetzt noch, dass jemand aus dem Westen sagt, er war letztens in Weimar, hat in der Kneipe mit Ostdeutschen gesprochen und im Grunde nur Bahnhof verstanden. Wir sprechen dieselbe Sprache, aber hinter den Wörtern gibt es oft völlig andere Erfahrungen. Das sind andere Codes.

Norbert Reichel: Nach 1989 hielten viele im „Westen“ das Thema DDR für erledigt. Vorbei ist vorbei. Was sollen wir uns mit der Vergangenheit im „Osten“ beschäftigen? Diese Einstellung spüre ich heute noch und sie trägt meines Erachtens auch zu der Sprachlosigkeit bei, die Sie ansprachen.

Ines Geipel: Es gibt eine Art Doppelhelix unseres deutschen Gedächtnisses aufgrund der langen Teilung. Aus ihr eine wache Memorialkultur entstehen zu lassen, ist ein großer Anspruch, aber es scheint mir doch durchaus eine neue Bereitschaft zu geben. Sonst wäre die aktuelle Rezeption beispielsweise von Susanne Kerckhoff (1918-1950), die sich am 15.3.1950 selbst tötete, wohl kaum so möglich geworden. Also, es gibt eine neue Lust auf authentische Geschichte und Geschichten und ganz neue Fragen. Deutschland ist eine einzige große Suchstation.

Norbert Reichel: Wer interessiert sich wirklich? Sind es nicht doch nur Intellektuelle?

Ines Geipel: Nein, nein. Die Hypermedialisierung spült die Geschichten in die gesamte Gesellschaft, aber klar, geht es auch um Zugänge. Die Jungen sind sofort zu holen, aber man muss bei ihnen bei allem Überangebot schon auch ein bisschen den Raum freischlagen. Noch immer geht es um Referenzräume und um die Sortierung des Vergangenen. Und man muss eben auch ein bisschen gegenhalten, dann geht schon was. Ich habe mich ungemein gefreut, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters die diesjährige Buchmesse mit einem Hinweis auf die verfemte Literatur in der DDR eröffnet hat.

Norbert Reichel: Monika Grütters hat Ihre Leistung zum Aufbau des „Archivs der Unterdrückten Literatur in der DDR“ ausdrücklich genannt, dann auf die beiden Preisträgerinnen des Jahres 2020 Elke Erb und Helga Schubert verwiesen (https://www.bundesregierung.de/breg-de/bundesregierung/staatsministerin-fuer-kultur-und-medien/aktuelles/rede-der-kulturstaatsministerin-zur-eroeffnung-der-frankfurter-buchmesse-2020-1799028, Zugriff am 21.10.2020).

Ines Geipel: Aktuell erscheint der Osten wie ein Schwarzes Loch, in das man alles hineinerzählen kann. Es fehlen die Bezüge, die Sortierung, das Benennen der Fakten. Der Osten ist aber kein Raum ohne Geschichte. Ostdeutsches Selbstbewusstsein kann es nur geben, wenn auch eine Edeltraud Eckert, eine Eveline Kuffel (1935-1978), eine Susanne Kerckhoff in unseren Köpfen und Herzen anwesend sein können. Wir leiden unter einer Unwucht des Gedächtnisses. Mehr als drei Millionen Opfer des SED-Unrechts sind öffentlich schlicht nicht da. Es gibt hie und da mal eine Geschichte, aber die Dimension wird noch immer abgewehrt.

Norbert Reichel: Welche Bedeutung haben hier die verliehenen Preise für Elke Erb und Helga Schubert?

Ines Geipel: Dass diese beiden großartigen Autorinnen endlich umfassend wahrgenommen werden, ist auch für die dritte Literatur von Relevanz. Sie fungieren hier wie wichtige Türöffner. Im Übrigen hatten es die Exilautor*innen nach Ende des 2. Weltkrieges auch unerhört schwer. Die wirkliche Rezeption von Else Lasker-Schüler etwa startete im Westen auch erst in den 1970er Jahren. Diese Schicksale mussten sich durch das große Nachkriegsschweigen erst durcharbeiten.

Norbert Reichel: In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch das Thema Elitenaustausch von Belang. Es wird oft darauf hingewiesen, dass Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft überproportional von Menschen mit West-Biographie besetzt werden.

Ines Geipel: Die Proportionen sind aktuell nicht richtig, keine Frage. Aber die Gründe sind aufgrund der enormen Ungleichzeitigkeit der Systeme auch vielschichtig und werden oft abgewehrt. Manches gehört in meinen Augen in die aktuelle Mainstream-Blase: Hier der Osten als das große Opferlamm, dort der ewige Schuldwesten, der ganz gern in seine Schuldschuhe schlüpft, denn damit behält er die Oberhand. Als etwa Günter Jauch am 3. Oktober 2020 auf der politischen Hauptfeier zu 30 Jahren Deutsche Einheit vom nun endlich ersten Rektor mit Ost-Biographie an einer Universität sprach, war dieser Satz schlicht falsch. Es gab natürlich vordem längst Rektoren mit Ost-Biographie. Beispielsweise leitete Wolfgang Engler von 2005 bis 2017 die Hochschule , an der ich lehre. Mit bekannter Ost-Biographie. Entscheidend ist für mich nicht, welche Ost- oder West-Geschichte hinter der Verteilung von Führungspositionen steckt, sondern wie man Ostdeutschen heute den Weg in ein so hochambitioniertes Amt gezielt ermöglicht.  Und allein die Tatsache, dass wir ostdeutsche Rektor*innen haben, garantiert uns nicht schon das gelobte Land. Und wer ist eigentlich heute ostdeutsch und wer westdeutsch? Wie wird das entschieden? Mir wird als 1989 in den Westen Geflüchtete immer wieder abgestritten, für den Osten sprechen zu dürfen.

Norbert Reichel: Das ist eine merkwürdige Variante des Vorwurfs der Cultural Appropiation, der zurzeit die Runde macht.

Ines Geipel: Wir brauchen ein plurales Gedächtnis. Ich würde mir auch viel mehr Migrant*innen, viel mehr Türk*innen oder Syrer*innen wünschen, die in diesem Gedächtnis eine Rolle spielen und es mitgestalten. Wenn es gelingt, dieses Gedächtnis neu zu justieren, verschwinden mit der Zeit auch die Entlastungsnarrative. Die Ostdeutschen sind nicht die Abgehängten, Kolonisierten oder mittlerweile schon wieder Dekolonisierten, die Eroberten oder feindlich Übernommenen, die Bürger*innen zweiter Klasse. Wir sollten uns nicht in diesem Nein einrichten, im Bann des Alten. Da können wir doch mehr.

Norbert Reichel: Solche Entlastungsnarrative habe ich in der Zeit nach dem 9. November 1989 immer wieder erlebt, beispielsweise am Prenzlauer Berg. Ich traf Menschen, Intellektuelle, die sich gegenseitig bezichtigten, systemnäher gewesen zu sein, als sie es zugäben. Das dauerte oft keine fünf Minuten, und schon ging das los. Ich könnte Namen nennen, lasse das aber lieber.

Ein solches Opfernarrativ sollte meines Erachtens dekonstruiert werden. Was bedeutet denn Opfer überhaupt? Vielleicht lässt sich das an der Buchenwald-Erzählung in der DDR darstellen. Ich darf noch einmal aus Sylvia Kabus, „Weißer als Schnee“ zitieren: „Elvira reichte die Zeitung über den Tisch, einer ausgestreckten Hand entgegen. Stimmte zu: ‚Höchstens mein Enkel, einmal in Buchenwald. Er war hinterher verstört, die Tage danach. Die Eltern waren völlig ratlos.‘ / ‚Es ist gut, dass sie dahin fahren. Davon geht keiner kaputt. Das ist das Einzige, damit sie noch ein bisschen spuren. Die Werte ihres Lebens überhaupt verstehen.“ Selbst bei diesem Thema finden wir den Gedanken einer Erziehungsdiktatur, die davon ausgeht, dass allein der Besuch Buchenwalds die erwünschte Wirkung zeigen würde.

Ines Geipel: Das ganze Land DDR beruhte doch auf einem historischen Fake. Generation über Generation wurde die Lüge weitergetragen, der Nationalsozialismus wäre mit der Gründung der DDR überwunden gewesen. In „Umkämpfte Zone“ habe ich beschrieben, wie der „Buchenwald-Mythos gleichsam umgetopft und mittels universellerer Plots „reinszeniert“ und zu einer einzigen Heldenerzählung geformt worden ist, das des deutschen Kommunisten als alleinigen Bezwingers von Hitler. In der frühen DDR war es platte Ideologie, später holte man sich die Jungen, in dem man diesen Heldenmythos in die Welt der Indianerfilme umgoss, es gab einen regelrechten „Indianer-Hype“.

Norbert Reichel: Eine merkwürdige Art „roter“ Vorbilder und Identifikationsfiguren.

Ines Geipel: In „Umkämpfte Zone“ steht dazu: „Ulbricht brauchte den roten Antifaschismus als Nationenidee um die Ostdeutschen gleichzuschalten. Honecker brauchte den roten Indianer als eine Art Edelpartisan, um die DDR als Nation auf Dauer zu stellen. (…). Das reale Land war dicht, aber in den mythischen Weiten der rotgehäuteten Brüderlichkeit brachten die Mauerkinder die auf sie übertragene Schuldmasse der Eltern- und Großelterngeneration wenigstens stundenweise unter.“ Indianer waren wie Kommunisten. Der Indianer „war die Inkarnation der Vernunft samt Tugendkatalog für das freie, wilde Land des sozialistischen Protestantismus und bediente die immense Sehnsucht der Ostdeutschen, ohne jede Vorbelastung gut sein zu können.“

Norbert Reichel: Dahinter steckt meines Erachtens ein sehr mechanisches Geschichtsbild. Irgendwie auch ein großes Missverständnis des Marx’schen Satzes, dass das Sein das Bewusstsein bestimme. Die kommunistischen Kapos in Buchenwald wurden im Grunde als Reinkarnation der populären Indianer vermarktet. Nur mit dem Unterschied, dass ihr Widerstand mit der Gründung der DDR erfolgreich war.

Ines Geipel: Zu diesem mechanischen Verständnis von Geschichte gehört sehr viel Gewalt. In der frühen DDR galten Kriminalität, Alkoholismus, häusliche Gewalt als Restphänomene des alten Systems, die auf dem Weg zum Kommunismus verschwinden würden. Als dann diese Krisenphänomene nach 1968 rasante Zahlen bekamen, stellte man die Forschung kurzerhand ein.

Norbert Reichel: Auch die Neonazis, die es bereits seit 1946 gab, durfte es nicht geben. Sie haben in „Umkämpfte Zone“ auch auf die Geschichte des Antisemitismus in der DDR hingewiesen und zitieren eine Analyse der FDJ aus dem Jahr 1976, „dass die Zahlen für neofaschistische Vorkommnisse sich erhöht haben.“

Ines Geipel: Interessant sind die Kontinuitäten. Der integrierte Nazi als Binnenfigur der DDR-Einschlussgesellschaft. Das autoritäre Syndrom, die ewigen Faschismen, wie Umberto Eco dazu sagte. Nach 1968 kulminierte nur, was vorher schon da gewesen war. Aber Forschungen zu Themen wie die DDR-Suizidrate, Alkoholismus oder sexueller Missbrauch in den Familien wurden zu großen Leerstellen. Mit 1948 war Sigmund Freud als „bürgerlich-dekadent“ verfemt. Die DDR wurde ein Land ohne Seelenkunde, ohne Unbewusstes, ohne eine Kultur des Fragens, der Selbstreflexion.

All das hängt uns heute zwangsläufig noch nach. 30 Jahre Aufarbeitung nach 1989 – da ist ohne Frage einiges passiert, aber die aktuelle Leipziger „Autoritarismus-Studie“ spricht im Hinblick auf rechtsextreme Positionen von „durchgängig signifikanten Unterschieden zwischen Ost und West.“ Besonders hart sind die Zahlen bei den Jungen. 15,7 Prozent der Ostdeutschen zwischen 14 und 30 Jahren befürworten aktuell eine „rechtsautoritäre Diktatur“. Im Westen sind es in derselben Alterskohorte 2,2 Prozent. Bei der Frage der Ausländerfeindlichkeit sind es 27,8 Prozent im Osten und 11,2 Prozent im Westen. Wir dürfen und können uns die mehr als 50-jährige Diktaturgeschichte im Osten nicht wegblinzeln. In „Umkämpfte Zone“ hatte ich geschrieben: „Die für erledigt erklärte und in den Westen abgeschobene NS-Geschichte wurde im stationären Binnenklima des Ostens zu einem Widergänger der besonderen Art.“

Norbert Reichel: Schlussstrichdebatten haben eine lange Tradition in Deutschland, gerade auch im Westen im Hinblick auf das Erbe der NS-Zeit. In den 1960er Jahren wurde ein solcher „Schlussstrich“ auch von Willy Brandt und der SPD gefordert. Die DDR hat diesen „Schlussstrich“ in toto für vollzogen erklärt, und heute gibt es dort dann gleich zwei Schlussstriche, einen für die NS-Zeit, einen für die SED-Diktatur. Es ist schon pikant und infam, wenn ein Geschichtslehrer aus Westdeutschland in der ehemaligen DDR eine „erinnerungspolitische Wende“ fordert. Das kann dann jede*r so verstehen, wie er*sie das möchte.

Wir sollten uns es nicht zu einfach machen. Manche tun die DDR-Geschichte damit ab, indem sie pauschal vom „Unrechtsstaat“ sprechen. Und manche verwenden diesen Begriff, um politische Konkurrent*innen zu diskreditieren. Aufarbeitung, Auseinandersetzung sind damit nicht verbunden.

Ines Geipel: Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow sprach am 13. August 2019 davon, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, am 3. Oktober desselben Jahres war sie es dann nicht mehr. Wenn wir derart fahrlässig mit Geschichte umgehen, organisieren wir uns die Derealisierung der Vergangenheit bei den Jungen und sind dann regelmäßig über den rechten Osten entsetzt. Ich plädiere dafür, bei der DDR von Diktatur zu sprechen. Diktatur, Gewalt mit dem Ziel, Menschen psychisch und physisch zu zerstören oder sie dazu zu bringen, dass sie sich selbst zerstören – das ist das Muster, das aus der Geschichte der unterdrückten Literatur in der DDR herauslesbar ist und das wir offenbar erst noch zu verstehen haben.

Norbert Reichel: Von vielen Menschen höre ich, dass der Film „Gundermann“ von Andreas Dresen die Geschichte von Menschen gut wiedergebe, die in den Stasi-Archiven über eine Täter*innen- und eine Opferakte verfügen. Ehrlichkeit im Umgang mit der eigenen Schuld – haben Sie einen ähnlichen Eindruck?

Ines Geipel: Ich vermisse in dem Film die Thematisierung der Folgen, die Gerhard Gundermanns Berichte für die Menschen hatte, über die er berichtete. Das wird in dem Film höchstens angedeutet. Weil dieses Thema in seiner harten Dimension ausgeblendet wird, steht Verharmlosung im Raum. Gundermann hat Menschen geschadet, womöglich zerstört. Die Frage, wem er wodurch ganz konkret geschadet hat, lässt der Film offen. Das halte ich nicht für gemäß.