Die Theodor Wonja Michael-Bibliothek in Köln
Ein Gespräch mit Glenda Obermuller und ein Buch von Jessica Lawson
„This is a holy space! It’s a Temple!” (Jimas Sanwidi, Bonn, über die Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek)
Eine Bibliothek, ein heiliger Ort, ein Tempel? Ein Treffpunkt, ein sicherer Raum, sich über sich selbst klarer zu werden, Menschen zu finden, die vielleicht die gleichen Bücher lesen möchten, aber vielleicht etwas ganz anderes darin finden. Für die Schwarze Community ist die Theodor Wonja Michael Bibliothek in Köln-Poll ein solcher Ort. Geschäftsführerin der Bibliothek ist Glenda Obermuller, die vor 24 Jahren aus Guayana in Südamerika nach Deutschland kam. Sie ist Mitgründerin des gemeinnützigen Vereins Sonnenblumen Community Development Group, eine Schwarze afrodiasporische Selbstorganisation, die auch Trägerin der Bibliothek ist. Alle, die in der Bibliothek arbeiten, tun dies ehrenamtlich, auch Glenda Obermuller als Geschäftsführerin.
Die Bibliothek ist eine Präsenzbibliothek. Es ist aber auch möglich, Bücher auszuleihen. Angeboten werden verschiedene Veranstaltungen, Workshops und ein Schreibwettbewerb, an dem sich junge Autor:innen beteiligen können. Eine der afrodeutschen Autorinnen, die sich daran beteiligten, war Jessica Mawuena Lawson, die zwei Jahre später, im Jahr 2026, im Berliner Verbrecher-Verlag ihren ersten Roman veröffentlichte: „Kekeli“.
Der Anlass und die Idee

Glenda Obermuller, Foto: Francis Oghuma.
Norbert Reichel: Wie kam es zur Idee, die Theodor Wonja Michael Bibliothek zu gründen?
Glenda Obermuller: Die Idee der Gründung einer Bibliothek war schon immer in den Köpfen von Schwarzen Menschen. Als George Floyd 2020 getötet wurde, haben wir demonstriert und miteinander darüber gesprochen, was wir für uns tun wollten und tun könnten. Ein Gedanke war: „Nobody‘s going to save you.“ Wir müssen für uns selbst etwas tun. Als wir uns auf der Wiese auf der Merheimer Heide in Köln trafen, gab es viele Ideen, unter anderem für die Förderung Schwarzer Wirtschaftsunternehmen, die Förderung von Kindern und Jugendlichen und eben auch die Idee, dass wir eine Bibliothek aufbauen sollten. Bei unserem Brainstorming ging es auch darum, unsere Schwarze Geschichte, unsere Literatur sichtbar zu machen, und schließlich schrieb es jemand auf ein Blatt Papier: Wir gründen eine Bibliothek. In Köln haben wir es verwirklicht, zunächst in der Kölner Innenstadt, in der Victoriastraße, am Ort unseres Vereins, seit Oktober 2024 in Köln-Poll im Quartier am Hafen, in dem viele Künstler:innen ihre Ateliers eingerichtet haben.
Norbert Reichel: Wie kam es zu dem Namen Theodor Wonja Michael-Bibliothek?
Glenda Obermuller: Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie wir in einer Videokonferenz darüber nachdachten. Es war die Zeit des Lockdowns. Vorgeschlagen wurden große Namen der Schwarzen Geschichte, zum Beispiel James Baldwin, Toni Morrison, May Ayim. Doch plötzlich sagte N’Joula Baryoh, eine Mitgründerin der Bibliothek: Theodor Wonja Michael. Als sein Name fiel, haben wir es alle sofort verstanden. Wir wussten, was er für die Schwarze Geschichte in Deutschland getan hatte. Sein ganzes Leben war ein Zeugnis, wie wir leben konnten, er war zugleich Zeitzeuge und Vorbild. Und er war Kölner, er lebte bis zu seinem Tod in Köln.

Theodor Wonja Michael liest aus seinem Buch „Deutsch sein und Schwarz dazu“, BIGSAS Literaturfestival im Alten Schloss Bayreuth, 26. Juni 2014, Foto: Julia Dittmann, Universität Bayreuth, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.
Theodor Wonja Michael war ein Schwarzer Deutscher, der viele Prozesse durchgemacht hatte. Er war 1925 in der Weimarer Republik geboren worden, ist im Nazi-Deutschland aufgewachsen, hat es überlebt. Es ist kaum denkbar, dass ein Schwarzer Junge, der seine Eltern verloren hatte, diese Zeit überleben konnte. Er musste schon als kleines Kind in sogenannten Völkerschauen und ab 1933 in Nazi-Propaganda-Filmen mitwirken, die die deutsche Kolonialzeit in Afrika verherrlichten. Er hatte damals einen sogenannten „Fremdenpass“. Ihm ist alles genommen worden und trotzdem hat er seinen Mut nicht verloren und nach Kriegsende seinen Schulabschluss nachgeholt. Er hat auf dem Zweiten Bildungsweg sein Abitur gemacht, hat studiert, wurde Beamter, hat alle Entwicklungen der Bundesrepublik Deutschland und schließlich die Wiedervereinigung Deutschlands miterlebt und im hohen Alter natürlich auch den Aufstieg der AfD Mitte der 2010er Jahre. Er starb 2019 im Alter von 94 Jahren. Sein ganzes Leben hat er versucht zu zeigen, wie wichtig Vergebung ist, wie wichtig es ist, dass Menschen nicht abgestempelt werden. Er hat sich für Schwarze Menschen, für Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität, gegen Rassismus, gegen Faschismus eingesetzt.
Norbert Reichel: Sie hatten den Namen und konnten die Bibliothek gründen?
Glenda Obermuller: Die Bibliothek ist noch nicht direkt gegründet worden. Wir haben erst einmal beschlossen, Bücher zu sammeln. Dazu haben wir Social Media genutzt. Wir haben geschrieben, dass wir die Bibliothek gründen wollten, und gebeten, uns Bücher zu bringen. Die Adresse unseres Vereins war bekannt, sodass die Leute wussten, wohin sie kommen sollten. Wir haben viel Community-Arbeit gemacht, die Bücher in unserem Büro in der Victoriastraße ausgelegt, die wir gesammelt haben. Das im Aufbau befindliche Migrationsmuseum DOMiD hat davon erfahren, uns kontaktiert und angeboten, uns Bücher aus dem Nachlass von Theodor Wonja Michael zu schenken. Das waren etwa 200 Bücher. Diese Bücher waren der Grundstein der Bibliothek. Jede Woche bekamen wir Bücher per Post oder sie wurden bei uns persönlich vorbeigebracht. Am 19. Februar 2022, einem Tag im Black History Month, haben wir die Bibliothek eröffnet.
Norbert Reichel: Der 19. Februar ist der Jahrestag der Morde in der Shisha-Bar in Hanau. Am 19. Februar 2020 ermordete ein Rechtsextremist und Rassist innerhalb von sechs Minuten neun Frauen und Männer: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Bei seiner Flucht verletzte er sechs weitere Menschen und erschoss dann seine Mutter und sich selbst.
Glenda Obermuller: Im Januar 2022 hatten wir beschlossen, die Bibliothek zu eröffnen. Das einzige Datum, an dem alle konnten, war der 19. Februar. Wir wollten dieses Datum des Gedenkens aber nicht wegnehmen, denn wir wussten, was es für die betroffenen Menschen und Familien in Hanau bedeutet. Letztendlich kamen wir aber doch zu dem Schluss, dass wir die Bibliothek an diesem Tag eröffnen sollten. Es sollte ein Zeichen des Widerstands und der Solidarität mit den Menschen in Hanau sein. So wie Menschen in ihrem Safe Space in Hanau von einem Neonazi getötet wurden, wollten wir ein Zeichen setzen, dass wir weiter Safe Spaces einrichten und dass es uns gibt.
Ein Hafen für Körper und Geist

Ort der Begegnung, Foto: privat.
Norbert Reichel: Inzwischen haben Sie über 7.000 Bücher gesammelt. In der Mitte der Bibliothek steht ein großer Tisch, an dem 15 bis 20 Menschen Platz nehmen können. Sie haben einen kleinen Garten vor der Bibliothek, sodass sich man sich drinnen am großen Tisch und draußen im Garten treffen kann. Sie können den Raum mühelos auch für größere Veranstaltungen umbauen. Die Bibliothek ist ein Ort der Begegnung geworden.
Glenda Obermuller: Sie ist ein Ort der Begegnung, ein Safe Space für Menschen, die Schutz brauchen, ein Ort der Bildung und des Empowerments. Mit einer Freundin aus Südafrika habe ich auf Englisch darüber gesprochen, dass wir an den Hafen in Köln-Poll ziehen werden. Hafen ist in Englisch harbour, ein Ort, an dem Schiffe kommen, andocken, bleiben, auftanken. Das geschieht im Hafen, im harbour. Sie sagte, das passt, diese Bibliothek ist ein harbour für Schwarze Menschen, wo sie auftanken können. Ich fand das so sehr gut dargestellt. Menschen, die hierherkommen, sollen merken, dass sie gestärkt werden, gestärkt die Bibliothek wieder verlassen. Dieses Gefühl erlebe ich selbst jeden Tag, wenn ich hierherkomme. Ich fühle mich immer gestärkt.
Norbert Reichel: Wer trifft sich in Ihren Veranstaltungen?
Glenda Obermuller: Ganz verschiedene Menschen. Wir haben Veranstaltungen für Schwarze Kinder, für Schwarze Frauen, Schwarze Menschen mit Flucht-Erfahrung, Schwarze Männer. Wir haben zum Beispiel ein Angebot „Meet, Eat, Read“ für FLINTAs. Das ist ein Safe Space für FLINTAs, nicht nur für Schwarze, für alle. Auch die Kinder sind dabei. Es sind irgendwie auch eine Art Familientreffen. Es geht nicht nur ums Lesen, es gibt Gespräche, wir wollen unseren Körper stärken, Körper und Geist.
Es sind also nicht nur Schwarze Menschen willkommen. Es gibt Lesungen für Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft, Workshops, Seminare für die Universität und die Technische Hochschule Köln, für Schulen. In manchen Wochen kommen mehrere Schulklassen an einem Tag. Wir freuen uns immer sehr darauf. Ein großes Thema in den Schulen ist zurzeit das „N-Wort-Thema“. Das wird bei uns auch so nachgefragt.
Norbert Reichel: Darüber muss man reden. Ich halte nichts davon, jemanden von oben herab zurechtzuweisen. Wenn man jedoch darüber redet, gibt es immer wieder Aha-Effekte und die Leute verstehen, was es bedeutet und bewirkt, wenn sie das „N-Wort“ verwenden und dass es nichts mit Meinungsfreiheit zu tun hat, wenn sie es tun.
Glenda Obermuller: Ich habe einmal mit einem nigerianischen Autor darüber gesprochen, was es heißt, wenn wir sagen: „Freedom of thought“, „freedom of speech“. Das ist sehr radikal. Er fragte, was es bedeutet, wenn man genauer nachdenkt. Heißt es nicht: „Freedom of speech for people you don’t like“? Das macht so viel Sinn! Es gibt so viele Menschen, die ich nicht mag, von denen ich eigentlich gar nicht hören will, was sie sagen. Aber das ist der eigentliche Test.
Norbert Reichel: Freedom of speech zuzulassen bedeutet im Grunde ja, dass ich auf alles, was andere sagen, antworten darf. Und ich kann von meinem Gegenüber immer verlangen, dass er oder sie meine Antwort, meinen Widerspruch zulässt, respektiert, mir die Freiheit gibt, die er oder sie selbst haben möchte. Das ist alles andere als leicht.
Glenda Obermuller: Es ist manchmal nur eine Frage von Sekunden, das auszuhalten, was jemand anderes sagt. Wenn wir über diesen Moment hinauskommen, geht es uns besser. Aber es ist eben dieser kurze Moment. In dem können so viele Dinge passieren, dass wir rückwärtsgehen, dass wir vorwärtsgehen. Dort müssen wir ansetzen: Wie gelingt es uns, kurz auszuhalten, innezuhalten? Ich rede von beiden Seiten. Es geht auch nicht nur um Rassismus, das gilt auch beim Umgang mit Behinderungen. Als Mutter eines autistischen Sohnes weiß ich sehr genau, was das bedeutet. Es ist die Frage, wie jemand wahrgenommen wird. Manche reagieren viel zu schnell.
Vielen Menschen fehlt auch einfach das Wissen. Auf beiden Seiten. Oft ist es so, dass Menschen sagen, das habe ich doch immer so gesagt, oder sie sagen, dass sie doch gar nichts Rassistisches meinen. Ich glaube ihnen das auch. Sie kennen nichts anderes. Das geht uns allen so. Wenn ich in meinem Vokabular nur ein bestimmtes Wort habe, nutze ich es eben. Und auch wir als Schwarze Menschen müssen darüber nachdenken, wie wir internalisierten Rassismus in uns selbst erkennen und abbauen, denn wir alle sind doch rassistisch sozialisiert. Wenn ich als Kind Bücher über „Cowboys“ und „Indians“ gelesen oder Filme geschaut habe, waren wir immer automatisch auf der Seite der „Cowboys“. Ich habe erst später festgestellt, dass ich selbst eher ein „Indian“ bin. Man muss erst einmal zu dieser Erkenntnis kommen!
Norbert Reichel: Das hat in den US-amerikanischen Filmen lange gedauert, bis die Perspektive der „Indians“ zu ihrem Recht kam, beispielsweise in einem Film wie „Little Big Man“ aus dem Jahr 1970 von Arthur Penn mit Dustin Hoffmann in der Hauptrolle.
Glenda Obermuller: Das ist es, was ich meine. Es gilt für alle, auch für Schwarze Menschen: Wir sind alle rassistisch sozialisiert und müssen den Perspektivwechsel lernen.
Die Bücher der Theodor Wonja Michael-Bibliothek

Ein Traum wurde wahr! Foto: privat.
Norbert Reichel: In Ihrer Bibliothek haben Sie nicht nur – wie man vermuten könnte Schwarze Literatur.
Glenda Obermuller: Das ist ein ständiger Entwicklungsprozess. Als wir sagten, wir bauen eine Bibliothek, wussten wir, dass wir alle keine Expert:innen sind. Es ist ein Learning by Doing, wir können eine Entscheidung treffen, diese aber am nächsten Tag auch anders treffen. Wir haben am Anfang gesagt, wir sammeln nur Bücher von Schwarzen Autor:innen. Wir haben aber ganz schnell festgestellt, dass es wichtige Werke gibt, die weiße Menschen oder andere Persons of Colour geschrieben haben.
Norbert Reichel: Ich denke jetzt an die weiße südafrikanische Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer oder an den ebenfalls weißen Autor Christopher Hope, den ich interviewen durfte. Beide haben sich gegen die Apartheid engagiert, Christopher Hope musste sein Land verlassen.
Glenda Obermuller: Wir haben ganz viele Bücher von Nadine Gordimer in unserer Bibliothek. Und wir haben Bücher von Marianne Bechhaus-Gerst. Sie hat als Afrikanistin an der Universität Köln dazu geforscht, was Kolonialismus mit Köln zu tun hat. Auf diese Recherche wollen wir auf keinen Fall verzichten. Marianne Bechhaus-Gerst setzt sich auch für die Umbenennung von Straßen in Köln ein. Ich habe in Köln mit ihr in einem Gremium zusammengearbeitet.
Norbert Reichel: Sie setzte sich zum Beispiel für die Umbenennung der Gustav-Nachtigal-Straße in Köln-Nippes ein. Meine Großeltern wohnten in dieser Straße und ich habe erst viel später gelernt, was es mit diesem Namen auf sich hatte.
Glenda Obermuller: Marianne Bechhaus-Gerst ist für Köln eine sehr wichtige Frau, deren Bücher natürlich in unsere Bibliothek hineingehören. Aber wir müssen auch die andere Seite kennen. Daher haben wir auch einige sehr alte Bücher in der Bibliothek. Wir wollen zeigen, was zum Beispiel Missionare erlebt haben, wenn sie zehn Jahre in einem afrikanischen Dorf gelebt haben. Was haben sie aufgeschrieben, festgehalten? Sie haben aus einer anderen Perspektive geschrieben, aber es ist wichtig, dies nachschlagen zu können. Auch das sind wichtige Quellen, weil sie zu unserer Geschichte gehören.
Norbert Reichel: Welche Autor:innen liegen Ihnen besonders am Herzen?
Glenda Obermuller: Ich denke direkt an James Baldwin. Ich bin von James Baldwin fasziniert. Er war ein kleiner Schwarzer Mann, sehr dünn, hat sehr viel geraucht. Er hat auch viel hartes Zeug getrunken. Wie so manche Schriftsteller:innen. Er ist in der Kirche aufgewachsen, war Prediger, war ein schwuler Mensch. Er wirkt auf den ersten Blick so unscheinbar, hat aber so viel bewirkt. Seine Worte leben weiter. Wir merken, wie weitsichtig er war, wie revolutionär. Ich sehe, wie er aufgewachsen war, wie sein Leben war, auch welche Weisheit er besitzt.
Und ich denke an Toni Morrison, die erste Schwarze Literaturnobelpreisträgerin. Sie hat ihre Kinder alleine großgezogen. Sie hat viele Freundinnen unterstützt, ihre „Sisters“, wie sie sie nennt. Sie lebte in einer Zeit vieler Schwarzer Aktivist:innen, zum Beispiel Angela Davis, was sie alle für Schwarze Menschen getan und erreicht haben. Irgendwie schäme ich mich für uns, weil ich das Gefühl habe, dass wir nicht genug tun.
Norbert Reichel: Es war eine Aufbruchzeit, die Zeit der Bürgerrechtsbewegung in den USA, die 1960er Jahre. Es wurde viel erreicht und jetzt leben wir in einer Zeit, in der vieles, das damals erreicht wurde, bedroht ist. Es geht darum, das Erbe von James Baldwin, Toni Morrison, Angela Davis, Nina Simone zu bewahren und immer wieder ins Bewusstsein zu rufen. Das tun Sie mit Ihrer Bibliothek, mit Ihrem Engagement. Da müssen Sie sich nicht verstecken. Aber schauen wir doch mal in die heutige Zeit. Welche Namen würden Sie nennen?
Glenda Obermuller: Als erste Person fällt mir Ta-Nehisi Coates ein. Er hat einmal in einem Interview gesagt, dass er, als er Toni Morrison traf, voller Ehrfurcht dachte, wen treffe ich jetzt da, „my idol“! Er ist zurzeit allerdings auch umstritten, wegen der Argumente, mit denen er in seinem letzten Buch das Vorgehen Israels in Gaza und im Westjordanland kritisierte. Doch damals, als er Toni Morrison traf, hatte sie auf der Bühne gesagt, jetzt könne sie gehen. Er sagte, das sei für ihn die größte Ehre überhaupt. Ich denke, er ist jemand, der genau so „revolutionary“ ist wie es James Baldwin und Toni Morrison, Angela Davis und Nina Simone waren.

Jedes Buch lohnt sich! In der Theodor Wonja Michael Bibliothek, Foto: privat.
Norbert Reichel: Wir haben über Autor:innen aus den USA gesprochen. In Deutschland wurde Schwarze deutsche Literatur in den 1980er Jahren bekannter, nicht zuletzt durch May Ayim, die die erste Schwarze Frau war, nach der eine Straße benannt wurde, das May-Ayim-Ufer in Berlin. Eine inspirierende Rolle spielte natürlich Audre Lorde in ihren Berliner Jahren. Wen würden Sie nennen, wenn Sie an die zeitgenössische Literatur denken?
Glenda Obermuller: Ich denke an Natascha A. Kelly. Sie ist auch in unserer Bibliothek präsent. Sie ist eine Kämpferin. Sie lässt nicht locker, sie ist eine bemerkenswerte Frau. Sie sagte, sie habe alles, was sie erreicht habe, selbst erkämpft. Das sieht man auch in ihrer Körpersprache, wenn sie auftritt. Ich denke an Mirrianne Mahn, Autorin des Romans „Issa“ (Rowohlt, 2024), Theatermacherin und Stadtverordnete in Frankfurt am Main. Sie hatte eine Lesung bei uns. Am nächsten Morgen haben wir zusammen gefrühstückt. Ich wollte wissen, wer sie ist. Ich hatte Videos gesehen, wie sie einmal eine Bühne gestürmt hatte.
Norbert Reichel: Das geschah während der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchpreises 2021 an Tsitsi Dangbarembga. Sie unterbrach den Frankfurter Oberbürgermeister, um darauf hinzuweisen, dass mehrere Schwarze Autor:innen ihre Teilnahme an der Buchmesse abgesagt hatten, weil sie durch die Präsenz rechter Verlage bedroht seien.
Glenda Obermuller: Nach unserem Frühstück dachte ich, sie ist genau wie mein Vater, der auch eine Art Grassroot Politician war, der schon mal eine Bühne stürmte. Für Mirrianne Mahn gibt es nichts dazwischen. Ich mag Menschen, die geradeaus sind, das hat mich bei ihr fasziniert.
Norbert Reichel: Ich darf vielleicht auch Sharon Dodua Otoo nennen. Sie ist in Ihrer Bibliothek sehr präsent.
Glenda Obermuller: Sharon ist eine sehr wichtige Autorin. In ihrem neuen Roman „So, in etwa, ist es geschehen“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026) kommt die Theodor Wonja Michael-Bibliothek vor. Darin gibt es im Leben des Großvaters der Hauptperson auch Parallelen zur Lebensgeschichte von Theodor Wonja Michael. Wie konnte jemand in der NS-Zeit als Schwarzer Mensch überleben? Musste er oder sie sich mitschuldig machen? Was bedeutete das für die Zeit nach Kriegsende? Die Einrichtung der Theodor Wonja Michael-Bibliothek sowie die Diskussion über die Umbenennung einer Straße in Berlin zu seinen Ehren werden in dem Roman ebenfalls erwähnt.
Eine zweite Autorin, in der die Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek eine Rolle spielt, ist Jessica Mawuena Lawson mit ihrem Debüt-Roman „Kekeli“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2026), ein Coming-of-Age-Roman. Das Schöne ist, dass Jessica vor zwei Jahren einen Text bei unserem eigenen Schreibwettbewerb eingereicht hatte, Titel: „Spiegelungen“. Darin geht es um eine junge Frau, die andere Schwarze Frauen erlebt, ihre Oma, eine Geschichtenerzählerin und gerne sein möchte sie sie. Sie schaut in den Spiegel: „‘Auch du kannst eine Frau sein wie sie; ab und zu und immer wieder‘, flüstere ich und halte kurz inne. ‚Oder?‘ Durch den Spiegel lächelt sie mir zu.“ Ich habe mich sehr gefreut, als sie zwei Jahre später ihren ersten Roman veröffentlichte. Ich sehe, wie alles verwoben ist. Jessica Lawson hat im Februar 2024 an unserem Schreibwettbewerb teilgenommen, zwei Jahre später ihr Buch herausgebracht. Sie ist noch keine 30 Jahre alt!
Jessica Mawuena Lawson, Kekeli – die Kraft der Sprache
Norbert Reichel: Vielleicht darf ich den Roman kurz vorstellen. „Kekeli“ begibt sich mit drei weiteren Schwarzen Menschen, eine davon ihre Cousine Afi, die aus Togo nach Berlin gekommen ist, auf eine Reise, um einen Dokumentarfilm über Schwarze Menschen in Deutschland zu drehen. Dazu besuchen sie unter anderem die Theodor Wonja Michael-Bibliothek, ein kenianisches Restaurant, eine Cafébuchhandlung und einen Haarsalon, sprechen mit Gert Schramm, einem Schwarzen Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald.
Kekeli selbst lebt zwischen den Kulturen, erlebt beispielsweise, dass sie in Togo als einzige im Haus ihrer Eltern Besteck auf den Tisch gelegt erhält, dass drei weiße Tänzerinnen, mit denen sie tanzt, meinen, sie müsse „das Tanzen doch eigentlich im Blut haben“, aber „wahrscheinlich bist du doch nicht schwarz genug dafür“. Die drei Freundinnen „erklären, dass bei mir eigentlich meine Hautfarbe tanzen müsste anstelle meines Körpers.“ Die ständige Frage, woher man komme, „Realität für viele Schwarze Kinder in Deutschland“, stellt sie auch an sich selbst. Sie fühlt sich irgendwie europäisch und afrikanisch zugleich, aber offensichtlich keines davon wirklich. Wie soll sie mit den „Erwartungen“ der Menschen um sie herum umgehen? Eine klare Richtung scheint es nicht zu geben: „Manchmal habe ich das Gefühl, jede Schwarze politische Gruppe erfindet Schwarzsein neu.“ Kwame, der Initiator des Filmprojekts, sagt: „Black people are not a monolith“. Was bedeutete es, dass Kekelis Vater sich eine Deutschlandfahne gekauft und immer darüber geredet hatte?
Während des Projekts sieht Kekeli auf den Bildern einer Wanderausstellung mit dem Titel „Zuhause in Deutschland“ ein Bild ihres Vaters, wie er aus Deutschland abgeschoben wurde. Wie passen die Daten zueinander? Ist er wirklich ihr Vater? Diese biografische Suche überlagert das Filmprojekt. Sie fragt, „warum sie ausgerechnet Papas Geschichte für ihre Ausstellung ausgewählt haben.“ Wer schreibt überhaupt Geschichte? Die Aktivistin, die das Team in der Cafébuchhandlung trifft, zitiert Chinua Achebe: „Until the lions have their own historians, the history of the hunt will always glorify the hunter.” (Dieser Satz steht in der Theodor-Wonja-Michael Bibliothek seit der Gründung auf dem Roll-up.)
Die Metapher aller binärer Wirklichkeiten schlechthin, das Schwarz-Weiß-Bild, erhält in dem Roman eine sehr irritierende, letztlich aber auch klärende Bedeutung. Das Buch endet wie die von Ihnen zitierte Geschichte mit dem Bild des Spiegels: „Jetzt da ich meinen Weg gefunden habe, wird es Zeit, die hundert verschiedenen Gesichter abzulegen. Ich nicke mir im Spiegel zu und verlasse den geschützten Raum.“
„Kekeli“ zeigt alle Facetten, alle Widersprüche und Ambivalenzen des Lebens in unserer Gesellschaft, die Probleme ebenso wie die Kraft, etwas zu verändern, und wie man diese Kraft gewinnt. Wenn man nur will! Ich kann das Buch von ganzem Herzen zur Lektüre empfehlen. Die Autorin zeigt, wie es gelingen kann, nach einer ehrlichen, wirkmächtigen und Kraft gebenden Sprache zu suchen.
Glenda Obermuller: Sprache bringt uns weiter, Worte, Wörter. Vergangenheit und Gegenwart geben uns Kraft. Miteinander sprechen. Dabei helfen Bücher, Bibliotheken. Ich darf die Bücher der Schwarzen Literaturwissenschaftlerin Jeannette Oholi nennen. Kekeli fragt, „wir brauchen mehr Schwarze Geschichtswissenschaftler:innen, die unsere Geschichte aufschreiben?“
Norbert Reichel: Oder auch Schwarze Wirtschaftswissenschaftler:innen wie den senegalesischen Autor Felwine Sarr. Vielfalt der Wissenschaftler:innen, der Autor:innen schafft echte Freiheit! Ich darf das vielleicht sagen, auch wenn es pathetisch klingen mag.
Glenda Obermuller: Mir ist wichtig, dass wir die Bücher aufbewahren, unsere Geschichte aufbewahren. Der Ort ist gerade in unserer Zeit wichtig. Er gibt Kraft. Wir wollen diesen Ort beschützen so wie wir sagen, wir wollen die Demokratie schützen.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. September 2026. Titelbild: Ein Blick in die Theodor Wonja Michael Bibliothek, die erste Schwarze Bibliothek in Nordrhein-Westfalen, Foto: privat.)

