Fluide Subversivität
Aiki Miras neuer Roman „Denial of Service“
„Alan: Der isolierte Mensch entwickelt keine intellektuellen Fähigkeiten. Er muss in ein Umfeld von anderen Menschen eintauchen, deren Techniken er in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens aufnimmt. / Ada: Die Vorstellungskraft ist das entdeckende Vermögen, in erster Linie… Sie ist das, was fühlt und entdeckt, was ist das WIRKLICHE, das wir nicht sehen, das nicht für unsere Sinne existiert… / Evelyn: Wir sind als Menschen nicht unliebenswert. Es gibt immer etwas zu lieben. Selbst in einem dummen, dummen Universum.“ (Miriam Meckel und Léa Steinacker, „Alles überall auf einmal“ Hamburg, Rowohlt, 2024)
Am Schluss ihres Buches lassen Miriam Meckel und Léa Steinacker zwei reale Figuren, Ada Lovelace und Alan Turing, sowie eine fiktive, Evelyn Wang, die Hauptfigur des Films „Everything everywhere all at Once“, miteinander diskutieren. Thema ist die Frage, was Künstliche Intelligenz (KI) mit uns macht beziehungsweise was wir KI mit uns machen lassen könnten oder sollten oder auch lieber nicht machen lassen sollten. Die beiden Autorinnen zitieren zum Schluss Walt Whitman: „Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.)” (in: Song of Myself).
Künstliche Intelligenzen sorgen für eine hybride Smartness, in der der Mensch nach wie vor aufgrund seiner Imaginationskraft Gestaltungspielräume hat, bis hin zu der Widerständigkeit, die Sylvia Sasse in „Subversive Affirmation“ analysierte (Zürich, Diaphanes, 2024). In der Popkultur finden wir diesen Gedanken beispielsweise bei Star Trek, wie Jean-Luc Picard gegenüber Data erklärt: „It’s Imagination“. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Gegenwart und Zukunft werden fluide.
Damit ist der Ton der Romane von Aiki Mira gesetzt, die oft als Science Fiction vermarktet werden, aber erheblich mehr bieten. Sie experimentieren mit Möglichkeiten und spielen mit Kreativität. Der fünfte Roman von Aiki Mira, „Denial of Service“ (Frankfurt am Main, Fischer Tor, 2025), scheint im Titel keine gute Zukunft zu versprechen, auch die zu Beginn geschilderte Szenerie, eine hyperkapitalistische Smart City, erweckt nicht unbedingt Zuversicht. Wichtige Symbole der fiktiven Stadt Frankfurt am Main sind der Ada-Lovelace-Brunnen, benannt nach der Mathematikerin, die die von Charles Babbage entwickelte Analytical Engine optimierte und damit die Grundlage für heutige Algorithmen und Programmiersprachen schuf und der Zhou-Qunfei-Park, benannt nach der Unternehmerin, die mit der Lens Technology Touchscreen Multimilliardärin wurde. Doch die weitere Lektüre des Romans offenbart, was menschliche Einbildungskraft und Kreativität („imagination“) vermögen. Vielleicht spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob irgendwo irgendwann gemeldet wird: „Denial of Service“?
Die Personen des Romans
Norbert Reichel: Worum geht es in „Denial of Service“?
Aiki Mira: Es geht um eine KI-gesteuerte Stadt, die nicht auf den Tod eines Teenagers in einer Snackbude reagiert. Die dort versammelten Personen, die Snackbudenbesitzerin Per, Jov, ganz neu in der Stadt, ein Teenager und ein Bot, machen sich auf eine Quest, um herauszufinden, wie es zu dem Tod kam und was mit der Stadt los ist. Das ist „Denial of Service“ in a nutshell.
Norbert Reichel: In deinen Romanen spielt ein Quest immer wieder eine Rolle, dein letzter Roman „Proxi“ war schon so etwas wie eine Road-Story. Die Personen sind oft auf Reisen zu sich selbst oder auf Reisen in eine Welt, von der sie noch nicht so genau wissen, wie die aussehen könnte.
Aiki Mira: Auf dieser Quest nehmen sie die Lesenden mit, die ja diese Welt auch noch nicht kennen. In „Proxi“ ist der Road-Trip der Mittelpunkt der Geschichte. Ich glaube, ein Echo davon kam in mein Schreiben, denn eigentlich hatte ich die Idee, über Frankfurt am Main zu schreiben, doch dann beginnen die Figuren, die Stadt zu verlassen. Das war nicht geplant. Im Nachhinein war es aber gut, weil die Personen so auch wieder in die Stadt zurückkommen können. Sie kehren in die Stadt mit anderen Augen, mit anderen Erfahrungen zurück, als sie sie verlassen haben. Und ich habe den Personen ihre Freiheit gelassen.
Norbert Reichel: Juli Zeh erzählte mal in dem Podcast der ZEIT „Alles gesagt“, dass sie auch nie wisse, wohin sich ihre Personen entwickeln. Das gehe manchmal so weit, dass sie einmal in der Küche ihren Mann gefragt habe, ob er wisse, wie es einer Person aus „Unterleuten“ gehe.
Aiki Mira: Genau so ist es. Die Personen werden während des Schreibens immer realer und lebendiger. Bei „Denial of Service“ war es so, dass eine Nebenfigur, das Botmädchen, nur als eine weitere Perspektive gedacht war, aber plötzlich sehr wichtig wurde und mich beim Schreiben immer mehr interessierte und faszinierte. Diese ungeplanten, chaotischen Sachen mag ich. Diese Bots, die im Roman verwildern, niemand weiß so richtig, was sie machen, auch sie bringen eine Art Wildcard, ein wildes Element in die Stadt.
Norbert Reichel: Eines der Charakteristika deiner Romane ist die von dir weiterentwickelte Queerness des Personals. Wir begegnen Maschine-Mensch-Hybriden. Zum Beispiel Jov.
Aiki Mira: Jov hat eine Prothese und ist in ihrem Begehren queer. Sie verspürt zudem eine Nähe zu Bots und Maschinen. Queerness ist bei mir immer das utopische Element. Die Personen in meinen Romanen leben ihre Queerness auf unterschiedliche Weise, aber es ist selbstverständlich, es wird nicht weiter thematisiert. Es gibt kaum Queer-Phobie. Wenn es sie dennoch gibt, kann sie überwunden werden. Auch in „Denial of Service“ begegnen wir utopischen Elementen in der Art, wie sich die Personen gegenseitig annehmen und unterstützen. Zum Beispiel Jov und Per, die sich außerdem ineinander verlieben. Selbst aus der Fremdheit zwischen dem Teenager Tad und dem Botmädchen wird ein mögliches Miteinander. Beide kommen aus ganz unterschiedlichen Welten, schaffen es aber, miteinander in eine Beziehung zu treten. Und das finde ich schon utopisch.
Norbert Reichel: Es gibt viele Dialoge, in denen ausgehandelt wird, wie man Menschen, Maschinen, die hybriden und queeren Kreaturen bezeichnen und verstehen kann. Ich darf eine solche Stelle zitieren. Es geht um einen „Test, der Maschinenintelligenz misst“. In diesem Gespräch mit Per sagt Jov: „Der Test hat mich als Maschine geoutet. Mir fehlt der menschliche Code, oder ich besitze zusätzlich einen fremden Code. Da ist es auch egal, dass mein Exoskelett biologisch ist, mich verbindet mehr mit einem KNN als mit dem nächsten Menschen. Es ist nicht allein unser Körper, der uns zum Menschen macht, sondern auch unsere Taten und unser Denken. Ich bin überzeugt, es gibt viele Menschen, die eigentlich keine sind. Und ich sage nicht, dass wir keine oder eigene Existenzberechtigung haben, ich sage nur, dass es einen Unterschied zwischen uns und dir gibt.“ Ich habe für mich daraus die Frage abgeleitet, was einen Menschen zum Menschen macht. Das ist eine der zentralen Fragen, die wir in allen Debatten um Künstliche Intelligenz immer wieder diskutieren.
Aiki Mira: Auf jeden Fall. Es betrifft nicht nur KI, es betrifft auch andere Menschen, wenn wir ihnen Rechte zusprechen oder absprechen. Wir behandeln uns gegenseitig unterschiedlich, behandeln andere Spezies, Tiere anders als Menschen. Wir ziehen immer wieder Grenzen hoch. Mich interessiert, wie sich diese Grenzen verändern, unsere Perspektiven auf Intelligenz, in der Debatte um KI. Aber auch, wie Fremdheiten zusammenkommen können, ohne dass wir eben wissen müssen, ob das Gegenüber ein Mensch ist oder nicht.
Smart Cities – Smart People?
Norbert Reichel: Ich habe dein Buch als eine Geschichte zur Evolution gelesen, nicht: der Evolution, sondern: zur Evolution. So komme ich nicht nur zu einer synchronen Ebene, dem Verhältnis der Personen zueinander, sondern auch zu einer diachronen Ebene. Wie entwickelt sich die Menschheit bei den technologischen Möglichkeiten, die wir heute haben oder noch haben werden, weiter?
Aiki Mira: Das ist auch sehr aus der Gegenwart herausgeschrieben. Es kommt noch die berühmte Sängerin dazu, die viele Body-Modifications hat. Ich finde es spannend, dass Leute ihre Körper verändern, fast schon aus einer künstlerischen Perspektive schauen, was möglich ist. Das habe ich an dieser Figur ausgelebt. Vieles geschieht ja bereits, wir haben Zugang zu Designer-Körpern, können uns modifizieren.
Norbert Reichel: Ein weiteres Element solcher „Body-Modifications“ sind Hirn-Stadt-Interfaces.
Aiki Mira: Das ist natürlich ein Projekt, an dem auch verschiedene Unternehmen arbeiten, beispielsweise Neurolink von Elon Musk. Mir war es wichtig, diese Vorhaben mitzunehmen, auch die Ideen zu einer privaten Stadt, wie sie Peter Thiel und andere verfolgen. Ich habe solche Vorhaben auf die Spitze getrieben oder auch weitergedacht.
Norbert Reichel: Smart Cities, smart people?
Aiki Mira: Es ist natürlich auch die Frage, wie wir „smart“ definieren, aber es ist auf jeden Fall so, dass die Smartness der KI etwas mit den Menschen macht. Es gibt diese ganz invasive Verbindung mit der Stadt. Eine Figur, die zu Besuch in der Stadt ist, sagt, dass sie Angst hat, danach nichts mehr anschauen zu können, weil sie jetzt diese krasse Erfahrung erlebte. Solche Veränderungen interessieren mich: was macht Technologie mit uns?
Norbert Reichel: Wie würdest du „smart“ definieren?
Aiki Mira: Keine Ahnung. Die Definition interessiert mich gar nicht so sehr. Genauso mag ich eigentlich den Begriff der „Utopie“ nicht. Solche Begriffe erscheinen mir wie nach außen abgeschlossene und verschlossene Behälter. Mich interessiert diese Ongoingness. Andere können dann draufschauen und definieren. Es macht finde ich einen Unterschied, ob wir aus dem Tun heraus definieren oder Jahre später oder wie ich aus der Perspektive einer ausgedachten Zukunft heraus. Andere werden zu anderen Zeiten andere Definitionen finden.
Norbert Reichel: Was meinst du mit „Ongoingness“?
Aiki Mira: Mich interessiert eher das Tun und Handeln der Personen, das Vernetzen auf der menschlichen Ebene wie auf der Bot-Ebene, all das, das zwischen den Figuren passieren kann, ob und wie sie in Beziehung zu einander treten können. Können sie auch in Beziehung zueinander treten, wenn sie sich nicht verstehen? Science Fiction hat das Potenzial, uns mit radikaler Fremdheit zusammenzubringen, auch wenn wir sie nicht verstehen, ihr auf eine gewisse Weise nahezukommen, es zu versuchen, ohne sie verstehen zu müssen.
Norbert Reichel. „Body-Modifications“ werden auch durch Drogen bewirkt.
Aiki Mira: Das Drogen-Thema kommt in meinen Romanen immer wieder vor. Es interessiert mich als eine Form von Technologie, die unsere Wahrnehmung verändert. Auch das spielt in „Denial of Service“ eine Rolle. Wenn Personen Drogen nehmen, bringen sie eine neue Perspektive hinein, die sie nicht haben, wenn sie keine nehmen.
Norbert Reichel: Dabei spielt auch Sprache eine Rolle. Früher hieß es, Tiere haben keine Sprache. Heute wird dieses Thema in der Forschung etwas vorsichtiger behandelt. Wie kommen wir dazu, Tieren eine Sprache abzusprechen, nur weil wir sie nicht verstehen? Jov sagt in einem Gespräch mit Omono: „Botsprache ist hochgradig selbstreferenziell. Bereits nach wenigen Stunden verweist sie auf Millionen von Kommunikationsereignissen. Nach wenigen Tagen produziert die Selbstbezogenheit bereits Sprachwirklichkeiten, die sich von unserer Realität entkoppelt haben. Das nennt sich Total-Alien-Syndrom. Völlig selbstbezogene Echtzeit-Kommunikation unlösbar miteinander verwoben. Das kann nicht mehr übersetzt werden. Und selbst wenn: Es entspricht nicht mehr unseren Denkmustern. Für unser Hirn ergibt das keinen Sinn.“ Ist Kommunikation überhaupt möglich?
Aiki Mira: Das ist für mich die Frage. Wie kann gemeinsame Kommunikation aussehen, auch wenn die Sprachen nicht mehr übersetzt werden, Leute sich nicht verstehen können? Aber trotzdem machen sie etwas zusammen. Ich versuche an den Figuren zu zeigen, dass sie sich nicht unbedingt verstehen müssen, aneinander vorbeireden, andere Vorstellungen haben, aber trotzdem versuchen zusammenzuarbeiten. Dadurch entstehen Netzwerke, Solidarität, Fürsorge füreinander. Sie brauchen das Verständnis nicht. Wir projizieren ja viel hinein, auch in Haustiere, unsere tierischen Gefährt:innen, und trotzdem haben wir das Gefühl einer Gefährt:innenschaft mit ihnen. Wir müssen auch nicht alles verstehen, was auf unserem Planeten geschieht, aber trotzdem ist so etwas wie Fürsorge möglich. Es interessiert mich, in das Unübersetzbare hineinzugehen, das total Fremde.
Zwischenreiche der Ethik – Mythen und Legenden
Norbert Reichel: In der Zusammenarbeit entstehen auch Gegenwelten. Im Roman angesprochen werden „der globale Hyperkapitalismus“ und ethische Fragen. Feldman erklärt Jov die Ethik der Stadt: „Frankfurts künstliches neuronales Netzwerk entwickelte seine eigene Ethik und weicht nie davon ab. Anders als wir Menschen. Sobald es um unser Leben geht, ist uns Ethik egal.“ Ich bin versucht hinzuzufügen, im Guten wie im Schlechten.
Aiki Mira: Das war auch etwas provokant gedacht, dass ein künstliches Netzwerk eine eigene Ethik entwickeln kann. In dem Newsfeed der Stadt, der die Handlung immer wieder unterbricht oder auch kommentiert, wird berichtet, dass an einer Ethik gearbeitet wird. Wem gehören die Chips eigentlich? Werden Menschen durch die Interfaces Teile des Netzwerks? Es passiert schon etwas in dem ethischen Gerüst. Es ist aber auch eine Art Entmächtigung der Menschen, wenn die KI jetzt Ethik formuliert und bestimmt. Gleichzeitig wollte ich zeigen, dass dieses Netzwerk auch utopisch denken kann, in dem von einem „Vielfaltsgebiet“ in dieser Stadt gesprochen wird. Es ist möglich, das Utopische zu lesen und das Dystopische. Müssen wir Menschen uns der Ethik der KI wirklich unterwerfen?
Norbert Reichel: Je vielfältiger die Umgebung, umso schwerer fällt es dem gesamten System, die einzelnen Personen in ihrer Vielfalt, ihrer Queerness, ihrer Hybridität alle über einen Kamm zu scheren oder gar zu disziplinieren.
Aiki Mira: Das System ist nicht lückenlos. Die Personen können handeln. Es gibt auch den chaotischen Faktor der Chaos-Bots, das kriminelle Phantom-Netz, das eigentlich nicht existieren dürfte, aber auch eine Art Service für den „Hyperkapitalismus“ bietet, beispielsweise Drogen zur Verfügung stellt und deshalb auch geduldet wird. Es gibt eine Menge an Elementen, die auf den ersten Blick in einer KI-gesteuerten Stadt vielleicht nicht erwarten werden. Dazu gehört auch das Vorhaben von Per, in einer vollautomatisierten Stadt handgefertigtes Essen anzubieten. Das ist ein wildes Gegenstück zum Algorithmus.
Norbert Reichel: Das ist ganz und gar nicht irreal. Wir haben Fast-Food-Ketten, mehr oder weniger vollautomatisiert, wir haben aber auch die Slow-Food-Bewegung.
Aiki Mira: Genau so sehe ich das. Ich komme aus der Medienforschung und habe mich gefragt, was Technologien aus uns und was wir mit Technologien machen. Wir können nie vorhersehen, was aus Technologien wird, die ursprünglich für etwas ganz anderes vorgesehen waren. Es gibt auch immer widerspenstige Kulturen, zum Beispiel Fan-Kulturen, die Filmtexte oder Bücher umschreiben. Der Mensch kann das Tun immer in eine andere Richtung lenken.
Norbert Reichel: Dazu passt die fast schon programmatische Zwischenüberschrift „Dazwischen stehen“. In diesem Absatz kommentiert die erzählende Person des Romans das Handeln des Botmädchens: „Über KIs sprechen Menschen gerne in mystischen Begriffen, reden davon, wie fremdartig KIs seien, dass sie Dinge tun, die Menschen niemals verstehen würden. Aber das stimmt nicht. Manche KIs verarbeiten bloß so viele Daten, dass es für einen einzelnen Menschen unmöglich ist, sie alle zu erfassen. / Sie wird nie verstehen, wie Menschen KIs zugleich als Haushaltsgeräte und als Gottheiten betrachten können.“ Das trifft doch unsere aktuellen Debatten um KI auf den Punkt genau.
Aiki Mira: Es ist toll, dass wir Menschen Mythen und Legenden kreieren können. Das machen wir jetzt auch mit KI. Einerseits steckt die KI in unseren Haushaltsgeräten und wird als Dienerschaft behandelt. Das empfinde ich eher als unangenehm. Und andererseits sprechen wir von diesen Gottheiten, die uns bedrohen und alle auslöschen könnten.
Für mich wird Science Fiction immer aus der Gegenwart herausgeschrieben. In 20 oder 30 Jahren wird über KI vielleicht ganz anders diskutiert. Dann wird auch Science Fiction anders aussehen. Ich bin sehr gespannt darauf.
Subversive Anti-Dystopien
Norbert Reichel: Den Gedanken der Mystifizierung finde ich ausgesprochen spannend. Manchmal wird der Mensch mystifiziert, manchmal die Maschine, beides aber auch im Gegensatz zueinander definiert. Es gibt inzwischen viele kluge Bücher, in denen über KI geschrieben und gestritten wird, genauso natürlich all die denkwürdigen Vorhaben, die wir aus den Kreisen um Musk und Thiel kennen. Wie würdest du deine Romane in diesen Debatten einordnen?
Aiki Mira: Meine Romane nehmen all diese Debatten auf und versuchen sie weiterzuspinnen. Gleichzeitig versuche ich, den Debatten etwas entgegenzusetzen und in den Figuren oder auch bei den Netzwerken zeigen, dass es Unvorhersehbarkeiten gibt. Die aktuellen Debatten werden oft von oben herab geführt. Da hat jemand eine Idee und will diese umsetzen. Mich interessiert aber, wie Menschen sozusagen grassroot-mäßig dagegenhandeln können. Diejenigen, die diese Ideen entwerfen, sind in der Regel sehr weit entfernt von diesem kleinen Alltag, in dem wir leben.
Norbert Reichel: Utopien vs. Dystopien!
Aiki Mira: Isabella Hermann hat dieses wunderbare Buch geschrieben: „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“ (München, oekom, 2025). Sie hat damit ein Anti-Dystopie-Konzept entwickelt, das zeigt, dass ich mit meinen Romanen in dem dystopischen Kapitalismus beginnen kann, darin aber Figuren platzieren kann, die anti-dystopisch handeln und sich nicht nur ausliefern oder beugen. Ich selbst würde von utopischen Gesten sprechen. In „Denial of Service“ gibt es die Aussage, dass schon ein gedeckter Tisch eine utopische Geste ist, die jemanden einlädt, um Leute willkommen zu heißen. Ich versuche, dies klein von den Figuren her zu denken und von den scheinbar großen Ideen der Milliardäre abzuheben.
Norbert Reichel: Der gedeckte Tisch spielt als Metapher in der Migrationsliteratur eine Rolle. Der erste, der meines Erachtens diese Metapher verwendete, war Aladin El-Mafaalani in seinem Buch „Das Integrationsparadox“, dass bei Kiepenheuer & Witsch in mehreren Auflagen erschien. Es geht um Tischgemeinschaften und den Wunsch von Menschen, auch einen Platz an diesem Tisch zu erhalten, die diesen zuvor nicht hatten. Eine Graswurzelbewegung – das ist eine weitere Metapher in diesem Kontext – hat aus meiner Sicht schon die Kraft, ein scheinbar festgefügtes System ins Wanken zu bringen.
Aiki Mira: Auch innerhalb des Systems lässt sich das System stören. Mich interessiert der Glitch-Feminismus von Legacy Russell (2013). Dieser zeigt, dass ein Glitch Räume öffnet, in denen wir handeln können. Ich denke, das ist sehr nahe an unserem Alltag dran.
Norbert Reichel: Lele, Sasha, Tad und das Botmädchen diskutieren dies in einem Kapitel, dem du die Überschrift „Eine neue Religion“ gegeben hast. Das Botmädchen sagt: „Ist das nicht die Hoffnung, von etwas oder jemandem verändert zu werden? Erzählen Menschen nicht gern von dem einen Menschen, der ihre Sicht auf die Welt verändert hat? Manchmal hat dieser Mensch ein Buch geschrieben oder Tiere gerettet.“ Lele sagt: „Und deswegen sind wir nicht schwach oder zerbrechlich. Im Gegenteil, vielleicht ist das, sogar das, was uns auf grundlegende Weise mit bots verbindet, dieser Drang, sich zu verändern.“ Es folgt ein Kapitel mit der Überschrift „Gleichgewicht“.
Aiki Mira: Ich finde es spannend, wie Religionen entstehen, wie Leute zusammenkommen. Es gibt eine Szene am Fluss, wo sich Leute, Bots, Tiere um ein Kid versammeln. Was könnte das sein? Entsteht da eine neue Bewegung? Niemand weiß, was sich daraus entwickeln wird. Ich denke, es ist eine menschliche Fähigkeit, eine Entwicklung, ein Tun, das Erzählen von alternativen Geschichten. Auch als Gegenbild zu dem Religionsverständnis von Peter Thiel, der propagiert, wir müssten uns dem Antichristen entgegensetzen. Das ist schon gruselig. Es gibt keine Bewegungsspielräume, Autoritäten dekretieren von oben.
Ob es Religion ist, weiß ich nicht. Das ist für mich eine offene Frage, weil ich mit Begriffen ohnehin meine Schwierigkeiten haben. Mich interessieren eher die Prozesse.
Norbert Reichel: Religionen erfüllen Funktionen.
Aiki Mira: Zugehörigkeit zum Beispiel. Ich hoffe, es wird in der Szene deutlich, dass es darum geht, dass Menschen etwas gemeinsam schaffen möchten. Ich will auch nicht urteilen. Ich persönlich brauche eigentlich keine Religion, aber bei anderen Menschen ist es anders. Ich sehe das eher wie Forschende, die beobachten, was sich da entwickelt, ohne etwas festlegen zu wollen. Der Gedanke der Entwicklung von Religion war im Roman zunächst nicht vorgesehen, er hat sich beim Schreiben einfach aus dem Text heraus entwickelt.
Norbert Reichel: Damit bin ich wieder beim Begriff der Evolution, den ich zu Beginn einmal erwähnte. Ich sehe in deinen Romanen zwei Varianten von Evolution, eine technologische / biologische Evolution sowie eine geistige / seelische Evolution, die miteinander interagieren, sich aber auch gegenseitig Schwierigkeiten machen.
Aiki Mira: Ich weiß nicht, ob wir von Evolution sprechen können. Aber es sind auf jeden Fall verschiedene Prozesse und Entwicklungen, die sich manchmal miteinander verbinden, quer zueinanderstehen können, verschiedene Ebenen betreffen. Ich sehe in Technologie auch nicht nur das Technische, denn es macht etwas mit uns. Wenn es ein bewusstes Bot-Netz gäbe, würde das in vielen Bereichen etwas mit uns machen. Physik verändert auch Philosophie, beispielsweise dieses fluide Denken von Nullen und Einsen, der Quantenmechanik. Das haben wir nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den Gesellschaftswissenschaften, wenn wir zum Beispiel daran denken, dass es Trans-Körper gibt, die eben nicht mehr eindeutig sind. Alles steht miteinander in Verbindung, kann quer zueinanderstehen, eröffnet damit immer wieder auch neue Möglichkeiten.
Norbert Reichel: Letztlich eine Entbinarisierung der Welt.
Aiki Mira: Ja und zugleich haben wir in Gedanken wie denen von Peter Thiel wieder das Binäre, Gut gegen Böse, ein blockartiges Denken. Das macht schon Angst.
Ich setze auf fluides Denken, gerade angesichts der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Es gibt in der Genetik die Epigenetik, dass sich Erbgut verändern kann ohne die DNA-Sequenz zu verändern. Es ist eben nicht blockartig vorhersehbar oder vorhersagbar, was geschieht. Was sind dann Schicksal, Destiny? Ich möchte weg von diesen blockartig festgelegten Sichtweisen, dass es nur eindeutig Gutes und eindeutig Böses geben soll. Ich war eigentlich froh, dass wir zwischenzeitlich mal in einem anderen Zeitalter angekommen waren.
Norbert Reichel: Dazu passt das von dir mit „Rationalität“ überschriebene Kapitel, kurz vor Schluss. Das Kapitel davor heißt „Wahrheit“, danach folgt „Sicherheitsrisiko“. Omono sagt: „Oft lag ich auch falsch. Aber das wusste ich nicht einmal – wir Menschen wissen nicht, was wir nicht wissen. Irgendwann bin ich mir meiner eigenen Grenzen nicht einmal mehr bewusst geworden. Ich denke, die menschliche Ausbildung muss in Zukunft sehr verändert werden, weg vom kreativen Teil, hin zum Überprüfen von KI-generierten Genomen. Wir brauchen jetzt vor allem viele starke Genom-Checkerinnen.“
Aiki Mira: Das ist natürlich auch ein bisschen provokativ. Was macht KI mit unserer Arbeit? Übernimmt sie diese und wir sind nur noch dazu da aufzuräumen? Damit beziehe ich mich auf technologische wie auf geisteswissenschaftliche Diskurse. Beispiel Übersetzungen. Nehme ich eine Übersetzung der KI und mir bleiben nur noch Korrekturarbeiten? Mir macht eigentlich das Kreative Spaß. Daher auch die Idee mit den Genom-Checkerinnen. Onomo ist eine Figur, die bereit ist sich zu verändern, einzugreifen. Aber es ist für mich letztlich wieder eine offene Frage.
Norbert Reichel: Da ließe sich auch noch anderes „checken“. Bei der Beschreibung der Stadt verwendest du mehrfach das Motiv der Matrix-Reihe der Wachowski-Geschwister. Ist die Stadt echt? Ist sie eine Illusion?
Aiki Mira: Gerade wegen der Hirn-Interface-Funktion. Wenn ich einen Sonnenaufgang einstellen kann, ist der dann echt oder ist der ein Fake, auch je nachdem, welchen Filter ich daraufgelegt habe, oder etwas ganz anderes? Oder ist es einfach nur ein technologisches Enhancement? Wir sind in einem Bereich, in dem nur schwer zu entscheiden ist, was Fake, was Enhancement ist. Brillen, Hörgeräte sind zum Beispiel Enhancement und keine Fakes. Irgendwie auch Body-Modifications. Aber wo ist die Grenze? Da passt der Matrix-Vergleich schon.
Norbert Reichel: Oder das, was wir bei den Paralympics sehen. Enhancement oder Kompensation. Und dann kommen die Hirnchips? Nicht nur in Romanen. Ich denke, deine Romane sollten alle lesen, die sich irgendwie mit Technologien beschäftigen möchten. Es gibt natürlich auch andere wie die Romane von Dave Eggers mit „The Circle“ und „Every“, aber deine Romane sind – den Begriff verwendest du ja auch gerne – fluider. Sie eröffnen mehr Möglichkeiten und grenzen sich damit von eindeutig dystopisch wie von eindeutig utopisch verfasster Science Fiction ab. Es gibt nicht nur Evolutionsrisiken, sondern auch Evolutionschancen. Queerness ist dabei schließlich auch eine Methode, sich den Risiken wie den Chancen subversiv und fluide zu nähern. So habe ich deine Romane verstanden.
Aiki Mira: Das würde ich auch so sehen. Queerness ist eine Methode. Mir ist es wichtig herauszufinden, was diese Methode vermag, was es bedeutet, queer zu schreiben. Es sind offene Projekte, die zu Lebensprojekten werden. Queerness kann ich nie abschließend beschreiben, es entweicht immer etwas, es ist ein auf die Zukunft gerichtetes Begehren, dem ich versuche, näher zu kommen.
Zum Weiterlesen: Aiki Mira im Demokratischen Salon:
- Poetisches Utopia – „Andymon“ – ein Roman und seine „Andymonaden“, Januar 2026.
- In der PolyWelt – Aiki Miras neuer Roman Proxi, Dezember 2024.
- Poetik der Queerness – Ein Gespräch mit Aiki Mira über Science Fiction, Mai 2024.
- Post-Cli-Fi – Weil Kollaps die Konstante ist oder: in der Ohnmacht weiterschreiben, Februar 2024.
Sämtliche Erzählungen von Aiki Mira aus den Jahren 2021 bis 2024 sind im März 2026 unter dem Titel „Deshalb kann ich nicht fort“ bei Carcosa erschienen.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 31. März 2026. Titelbild: Thomas Franke; Kyborg dixit Algorismi.)

