„Make It So“
Leben und Tod von Sir Patrick Stewart (13. Juli 1940 bis 28. Oktober 2026)
„The web of our life is of a mingled yarn, good and ill together: our virtues would be proud, if our faults whippt them not: and our crimes would despair, if they were not cherisht by our virtues.” (William Shakespeare, All’s Well That Ends Well, Act IV, Scene 3, zitiert als Motto in: Patrick Stewart, Making it So, Gallery Books, 2023)
Als Captain Jean-Luc Picard am Ende der ersten Staffel von „Star Trek: Picard“ an den Folgen seiner neurologischen Erkrankung – dem irumodischen Syndrom – starb, hielt die Fangemeinde weltweit kurz den Atem an. Ja, Picard war älter geworden, hatte sich in den Ruhestand verabschiedet. Aber hatte man im 24. Jahrhundert nicht eine wesentlich längere Lebenserwartung? Und was würde die Föderation (und wir als Fans) nun ohne Picard machen?
Ich bin mit Star Trek über „The Next Generation“ in Kontakt gekommen, und für mich war Picard der Captain schlechthin. Eine Führungspersönlichkeit, die ihresgleichen suchte. Ein Humanist, ein Diplomat, ein Intellektueller. Kein Science-Fiction-Held, kein Draufgänger, oftmals als Antithese zum juvenilen Captain Kirk gehandelt – und Patrick Stewart verlieh ihm von Anfang an etwas Älteres, Gesetzteres, Welterfahreneres.
Der britische Schauspieler Patrick Stewart war 1987 keineswegs die erste Wahl gewesen, als es um die Besetzung der Hauptrolle der neuen Serie ging. Zu europäisch, als Theaterschauspieler im Königreich hochgeachtet, doch in den Vereinigten Staaten nahezu unbekannt. Und dann noch die fehlenden Haare. Doch das Schicksal fügte es anders und bescherte der Fancommunity eine Identifikationsfigur, der der Schauspieler zeit seines Lebens nicht mehr entkommen konnte. „The Next Generation“ (sieben Staffeln: 1987 bis 1994) war unter den Fans zu Beginn durchaus umstritten, die erste Staffel mit noch unausgereiften Charakteren und holprigen Episoden nicht gerade überzeugend. Patrick Stewart aber ragte heraus aus dem Ensemble an Figuren und Geschichten. Wie kaum ein Star-Trek-Darsteller vor und nach ihm verkörperte er einen Captain, der Autorität mit Nachdenklichkeit verband, der seine ihm untergeordneten Offizier:innen nicht nur als Befehlsempfänger:innen sah, sondern als seine wertvollsten Mitarbeitenden. Der sich alle Meinungen in einer der vielen Besprechungen im Konferenzraum anhörte, um dann souverän eine Entscheidung zu treffen und die Verantwortung zu übernehmen. Der gegenüber dem allmächtigen Wesen Q den Beweis antrat (und das eigentlich über die gesamten sieben Staffeln der „Next Generation“ hinweg), dass sich die Menschheit vielleicht doch ein wenig weiterentwickelt hat.
Mich hat dieser Captain fasziniert. Er war Autoritätsperson und Mentor. Wenn er ein Talent entdeckte, dann förderte er es wie bei Wesley Crusher, der als Wunderkind bei vielen Fans verschrien war. Vielleicht sah Stewart hier aber auch sein eigenes Ich. 1940 in einfachen Verhältnissen im nordenglischen Mirfield als jüngster von drei Brüdern geboren, entfachte ein Lehrer in ihm die Begeisterung für das Theater. Mit Nebenjobs, unter anderem als Lokalreporter und Möbelverkäufer, finanzierte er sich die Ausbildung an der renommierten Bristol Old Vic Theatre School und spielte danach in der Provinz.
Bevor er die Brücke der Enterprise betrat, stand er über anderthalb Jahrzehnte auf den Bühnen der Royal Shakespeare Company. Diese Schule hörte man Picard an: in der Diktion, in den Pausen, in der Würde, mit der er selbst technische Dialoge sprach. Nicht zufällig zitierte der Captain Shakespeare, und nicht zufällig kehrte Stewart nach Star Trek immer wieder auf die Bühne zurück. (2010 wurde er für seine Verdienste um das Theater zum Ritter geschlagen, und der Junge aus Mirfield wurde zu Sir Patrick.)
So wenig wie Amerika Stewart kannte, so wenig kannte Stewart Star Trek, als er vom Produzenten Robert H. Justman zum Casting eingeladen wurde. Weder traute er dem Genre, noch war er von der Mühsal der seriellen TV-Produktion angetan. Doch als er ausgewählt wurde, nahm er seinen Auftrag ernst. So ernst, dass er seine seiner Meinung nach zu locker angehenden Schauspielkolleg:innen für wenig diszipliniert hielt und ihnen klarmachte, man sei ja nicht zum Spaße hier. Die Ernsthaftigkeit zahlte sich aus. Stewart erarbeitete sich seinen Status als Captain bei den Kolleg:innen und beim Publikum.

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Stewart sollte auch nicht der steife Brite bleiben. Bald schon sprühte er vor Humor, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Und der Captain war attraktiv: In „Picard macht Urlaub“ („Captain’s Holiday“) verliebte er sich in die Hobbyarchäologin Vash. Wie Stewart in seiner Autobiografie „Making It So“ verrät, blieb es nicht bei der Fiktion: Seine Affäre mit Vash-Darstellerin Jennifer Hetrick bedeutete das Ende seiner ersten Ehe. Nach einer kurzen zweiten Ehe mit der Produzentin Wendy Neuss fand Stewart spätes Glück: 2013 heiratete er die Jazzsängerin Sunny Ozell.
In der Episode „Die neutrale Zone“ („The neutral zone“) erklärte er Überlebenden aus dem 20. Jahrhundert (und damit vor allem uns), dass man in der Zukunft den Kapitalismus überwunden habe. Im Kinofilm „Der erste Kontakt“ („The first contact“, 1997) brachte er es später auf den Punkt: „Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern und den Rest der Menschheit.“
Diese Maxime zog sich durch Picards gesamte Karriere. Er appellierte an die Rechtsstaatlichkeit in „Das Standgericht“ („The Drumhead“), er stellte sich gegen Folter in „Geheime Mission auf Celtris Drei“, er vermittelte zwischen zahllosen Alienspezies und traf auf Botschafter Spock. Er schuf eine Verbindung zu einer unbekannten Spezies in „Darmok“, nur mit Metaphern, historischen Ereignissen und Mythen kommunizierend. Dem sterbenden tamarianischen Captain Dathon erzählte er das Gilgamesch-Epos. Er wurde von den Borg assimiliert und musste als deren Sprachrohr beim Tod Tausender hilflos zusehen. Und in „Wem gehört Data?“ („The Measure of a Man“) verteidigte er den Androiden, den er auf seinem Weg zur Menschlichkeit begleitete. Stewart tat es seiner Serienfigur nach, engagierte sich gegen häusliche Gewalt und für Menschenrechte und Geflüchtete. Viele dieser Facetten sollten in den drei Staffeln von „Star Trek: Picard“ (2020-2023) noch einmal aufleben. Der gealterte und mittlerweile zum Admiral beförderte Picard ist enttäuscht von der Föderation, die Menschen in Not im Stich gelassen hat und aus Angst ihre eigenen Ideale verriet. Aus Protest kehrte Picard der Sternenflotte den Rücken, doch als ihn seine Vergangenheit einholt, bricht er noch einmal auf. Und mit ihm kehren die großen Themen seines Lebens zurück: die Beziehung zu Data, die Auseinandersetzung mit den Borg, die Wiedervereinigung mit seiner Crew.
Über die Jahre verschmolz Stewart auf eine unnachahmliche Weise mit seiner Captainfigur. Auch seine zweite große Rolle war ein Mentor: Professor Charles Xavier, der Lehrer der X-Men, der Außenseiter zu Familienmitgliedern macht, beispielsweise schon im Pilotfilm (2000) Marie aka Rogue (der Name sagt es schon) und Logan aka Wolverine. In „Logan“ (2017) spielte Stewart Charles Xavier als alten Mann, dessen Verstand zerfällt, und schon damals war das schwer anzusehen.
Zweimal hat er den Verfall des Körpers eines brillanten Geistes gespielt, als Picard und als Xavier. Picards Tod am Ende der ersten Staffel der gleichnamigen Serie ist nicht endgültig: Die Androiden, die er gerettet hat, schenken ihm ein zweites Leben. Der Mensch, dem Data immer nachstrebte, lebt nun selbst in einem künstlichen Körper weiter, während Data endlich sterben darf wie ein Mensch. Unsterblich ist Picard dadurch nicht, aber er hat Zeit, seine Mission zu vollenden. Doch schon der Titel der zweiteiligen Episode, „Et in Arcadia ego“, deutet das Ende an: Selbst in Arkadien, dem Sinnbild des vollkommenen Glücks, ist der Tod gegenwärtig.
Bereits in der Next-Generation-Episode „Das zweite Leben“ („The Inner Light“) durchlebte Picard in etwa 20 Minuten ein ganzes Leben auf einem untergegangenen Planeten. Damals sagte er: „Mache das Jetzt immer zur kostbarsten Zeit. Jetzt wird niemals wiederkommen.“ Jetzt ist Patrick Stewart – in tragischer Parallele zu seiner Figur – am 28. Oktober 2026 in Los Angeles mit 86 Jahren nach einer Alzheimer-Erkrankung gestorben.
Bleiben die Worte Prosperos, den Sir Patrick Stewart selbst auf der Bühne gespielt hat: „We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep.“
Sebastian Stoppe, Leipzig
Der Autor hat mehrere Monographien und Sammelbände über Star Trek und zum Gaming geschrieben beziehungsweise herausgegeben, zuletzt „Logbuch der Zukunft – Star Trek als Wegweiser für morgen“ (Osdorf, ifub-Verlag, 2026). Im Demokratischen Salon ist er unter anderem mit den Gesprächen „Star Trek – ein politisches Projekt“ und – gemeinsam mit seiner Kollegin Katja Kanzler „Utopisch oder dystopisch? Realistisch“ präsent.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. November 2026. Titelbild: Brent Spiner und Patrick Stewart, Foto: Beth Madison, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution 2.0. Die Orthographie des Eingangszitat entspricht der von Sir Patrick Stewart in seiner Autobiographie gewählten Form.)
