Projekt Beschreibung

„Mehr als genial – sozialgenial“

Das Engagement der Stiftung Aktive Bürgerschaft

Einer der Lichtblicke der Entwicklungen der vergangenen Jahre in unserem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat ist das hohe Engagement junger Leute, sei es weltweit über FridaysForFuture, sei es in örtlichen Initiativen. Junge Menschen engagieren sich bürgerschaftlich, ehrenamtlich und zeigen, was es heißt, sich für andere Menschen, für gerechte und gesunde Lebensbedingungen, für Klima- und Artenschutz einzusetzen.

Die Stiftung Aktive Bürgerschaft (www.aktive-buergerschaft.de) unterstützt Schulen dabei, Schüler*innen zu ermutigen, sich aktiv an der Weiterentwicklung unserer demokratischen Gesellschaft zu beteiligen. Die Stiftung Aktive Bürgerschaft hat 14 Mitarbeiter*innen, davon 2,5 Stellen für das Thema „Service Learning“ sowie drei Regionalkoordinator*innen. Dr. Jörg Ernst leitet das Team, das für das Programm „Service Learning“ verantwortlich ist. Seit 2009 haben sich etwa 120.000 Schüler*innen aus allen Schulformen und Schulstufen in rund 770 Schulen mit etwa 3.000 Projekten beteiligt. Die Kultusministerien der Länder in Nordrhein-Westfalen und Hessen haben mit der Stiftung einen Vertrag unterzeichnet, der die Zusammenarbeit beschreibt.

Wer weiterführende Informationen wünscht, kann diese über info@aktive-buergerschaft.de erbitten. Zu den regelmäßigen Angeboten gehört das bürgerAktiv Magazin, das einmal im Jahr erscheint. Die Initiative lag 2009 bei der WGZ-Bank (heute: DZ-Bank). Das Magazin vom September 2019 nennt auf der Innenseite des Umschlags die aktuellen Förderer der Stiftung, insgesamt 13 Banken und Bankenverbünde. Ein bundesweit agierender und verlässlicher Partner ist die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (www.degede.de sowie https://demokratischer-salon.de/beitrag/demokratie-in-der-schule-schule-in-der-demokratie/).

„Gutes besser tun“

Ein Motto lautet „Gutes besser tun“, das Programm trägt den Titel „Sozialgenial“, etwas abgewandelt beworben mit der Formel „Mehr als genial – sozialgenial“ (www.sozialgenial.de).

Jörg Ernst, in der Berliner Leitstelle der Stiftung zuständig für das Schulprogramm, formuliert die allen Aktivitäten zugrunde liegende Frage wie folgt: „Was kannst du gut, was anderen nützt?“ Die beteiligten Schüler*innen, die in dem Programm nicht nur Schüler*innen sind, sondern aktive Bürger*innen, erfahren in ihrem Engagement das, was in der Psychologie als „Selbstwirksamkeit“ bezeichnet wird. Sie erleben ihren Erfolg und stärken damit auch ihr eigenes Selbstbewusstsein, erfahren ihre eigenen Stärken und erkennen, wo sie sich wie engagieren könnten.

Die meisten Initiativen finden in der Regel außerhalb der Schule statt, sind auch oft Teil eines Schulprogramms, viele im außerunterrichtlichen Bereich, manche durch eine feste Einbettung in den Unterricht. Die Schulen sind online miteinander über www.campussozialgenial.de vernetzt. Jörg Ernst: „Im Online-Mitgliederbereich ‚Campus sozialgenial‘ stehen alle Materialien zum Download zur Verfügung. Lehrer und Schulsozialarbeiter der sozialgenial-Mitgliedschulen können eigene Materialien hochladen, sich mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Mitgliedschulen austauschen, Fragen an das sozialgenial-Team stellen sowie sich in Gruppen zu bestimmten Themen austauschen und vernetzen.“

Wie viel Unterrichts- oder Schulzeit für Projekte bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements zur Verfügung stehen könnte, wird in manchen Schulen kontrovers diskutiert. Sicherlich schaffen Ganztagsangebote zusätzliche Spielräume für das Engagement. Aber immer wieder gibt es Debatten darüber, ob es nicht besser wäre, die Zahl der Deutsch- oder Mathematik-Stunden zu erhöhen und zusätzlichen Förderunterricht anzuberaumen. Es ist nicht immer einfach deutlich zu machen, dass bürgerschaftliche Projekte in allen Fächern ihren Platz finden können, auch im Deutsch- oder Mathematik-Unterricht. Der Kultusministerkonferenz ist dies bewusst, doch scheint die Botschaft noch nicht in allen Kultusbehörden und Bildungsverwaltungen angekommen zu sein.

Die Stiftung hat zahlreiche Partner und kann dazu beitragen, solche Partner in der jeweiligen Region über www.buergerstiftungsfinder.de ausfindig zu machen. Ein solcher Partner ist die Bürgerstiftung Barnim Uckermark (www.buergerstiftung-barnim-uckermark.de). Schwerpunkt ihrer Arbeit ist „die Demokratiearbeit mit Kindern und Jugendlichen. Manche von Brandenburgs Kleinstädten und Dörfern gelten als Hotspots der rechten Szene. Dem setzt die Stiftung Freizeit- und Bildungsangebote entgegen, die das Selbstvertrauen von Kindern und Jugendlichen frühzeitig stärken und sie von demokratischen Werten überzeugen sollen. ‚Kinder haben Beteiligungsrechte, sie müssen Handlungsoptionen und -kompetenzen lernen‘, betont Jahns (Kai Jahns ist Geschäftsführer der Bürgerstiftung, NR).“ Die Stiftung zeichnete gute Ideen aus, verleiht alle zwei Jahre einen Demokratiepreis an Menschen und Initiativen aus der Region. Schwerpunkte der Arbeit sind u.a. der Schutz von Minderheiten, „ein offenes und liberales Miteinander“.

Demokratie und Service Learning in Beschlüssen der Kultusministerkonferenz

Die KMK hat am 11. Dezember 2018 unter der Präsidentschaft des thüringischen Kultusministers Helmut Holter ihre bisherigen Empfehlungen zur Demokratieerziehung unter dem Titel „Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung und Erziehung in der Schule“ neu gefasst. (https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2009/2009_03_06-Staerkung_Demokratieerziehung.pdf).

Die KMK-Empfehlung benennt „gelebte Demokratie“ als „grundlegendes Qualitätsmerkmal“ und damit als Kernaufgabe von Schule: „Ziel der Schule ist es daher, das erforderliche Wissen zu vermitteln, Werthaltungen und Teilhabe zu fördern sowie zur Übernahme von Verantwortung und Engagement in Staat und Gesellschaft zu ermutigen und zu befähigen. Es ist ihre Aufgabe, entsprechende Lerngelegenheiten in unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Handlungs- und Anforderungssituationen zu organisieren. Die gelebte Demokratie muss ein grundlegendes Qualitätsmerkmal unserer Schulen sein. (…) Schülerinnen und Schüler sollen so früh wie möglich an die Grundprinzipien unserer demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung herangeführt und mit ihnen vertraut gemacht werden. Sie sollen lernen und erfahren, dass die Demokratie den Menschen die Möglichkeit eröffnet, für sich selbst und die Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen und ihre Rechte einzufordern.“

„Service-Learning“ wird an zwei Stellen der KMK-Empfehlung ausdrücklich genannt:

  • Gefordert wird von Bildungspolitik und Bildungsverwaltung unter anderem die „Ermutigung und Unterstützung der Schulen bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer Formen der Partizipation und des bürgerschaftlichen Engagements (z. B. Peer-to-Peer-Lernen, Service-Learning)“.
  • Angesprochen sind alle Fächer, Empfohlen wird „die Eröffnung und Pflege von Gelegenheiten zur aktiven und ernsthaften Beteiligung der Schülerinnen und Schüler im Sinne demokratischer Partizipation und des Engagements für unsere Demokratie, etwa über die Methode des ‚Service Learning/ Lernen durch Engagement‘“.

Hierzu gehört dann auch die Anerkennung des Geleisteten, „Hinweise auf den Zeugnissen“ werden ausdrücklich genannt: „Anerkennung und Auszeichnung von bürgerschaftlichem Engagement, beispielsweise durch Hinweise auf den Zeugnissen.“

Projekte mit Ernstcharakter

Das Besondere an den Projekten, die im Rahmen von „Sozialgenial“ entstanden sind, ist ihr Ernstcharakter. Wirklichkeit wird nicht simuliert, es geht nicht um Planspiele, in denen die Schüler*innen nur so tun, als wären sie Wirklichkeit. Die Projekte arbeiten an konkreten echten Problemen, sie zeigen, dass und wie Demokratie funktioniert.

Praxisbeispiele veröffentlicht die Stiftung unter www.aktive-buergeschaft.de/service-Learning/sozialgenial-praxisbeispiele. In der Praxis entstehen Handy- und Computerkurse für ältere Menschen, die manche Angst überwinden müssen, ihr Handy oder Smartphone wirksam zu benutzen, Reparaturwerkstätten, beispielsweise für Fahrräder, Lesekurse für Kinder, die zu Hause nicht über eine Bibliothek verfügen, aber Spaß an Geschichten haben, Integrationsprojekte für Geflüchtete, Projekte zum Bienenschutz oder zur Verkehrssicherheit. Dies ist nur eine kleine Auswahl. In allen Projekten geht es darum, selbst aktiv zu werden und etwas zu tun, dass der Allgemeinheit nützt.

Zum Engagement für Geflüchtete gibt es eine eigene Broschüre: https://www.aktive-buergerschaft.de/wp-content/uploads/2019/07/Praxis_SL_Integration_von_Gefluechteten_2019.pdf. Dort werden 13 Projekte vorgestellt, darunter das Projekt „Alice hilft“ des Alice-Salomon-Berufskollegs in Bochum. Das Projekt zeigt anschaulich, wie eine anfänglich konventionell erscheinende Aktivität, hier eine Internationale Förderklasse, Kreise zieht. Die Grundlage war jedoch bereits im Konzept der Förderklasse enthalten. Dort war nicht nur Deutschunterricht, sondern auch „politische Bildung“ Gegenstand. Doch das Konzept erfasste die gesamte Schule, und „politische Bildung“ wurde für alle Schüler*innen Wirklichkeit.

Hier ein Auszug aus dem Projektbericht: „‚Angefangen haben wir mit kleinen Projekten in einzelnen Bildungsgängen‘, erzählt Barbara van Geldern (NR: die Schulleiterin). ‚Die Schüler haben sich in Gruppen zusammengesetzt und überlegt: Was kann ich gut, was anderen nützt?‘ Daraus waren viele kreative Ideen entstanden, die durch das Leitthema ‚Was bedeutet Gesundheit? – Lebensweisen und seelisches Befinden‘ miteinander verzahnt und an Unterrichtsinhalte angedockt wurden. Zu Beginn beispielsweise ‚Singen im Krankenhaus‘ und ‚Gymnastik für Senioren in einem Altenheim‘. Nach und nach weiteten sich die Projektaktivitäten aus. So wurde eine Sammlung von Spielzeug für Kinder jugendlicher Mütter in einem Frauenhaus durchgeführt und ein Eine-Welt-Stand zum Verkauf von fair gehandelten Produkten in der Schule eingerichtet. Diese gemeinsamen Unternehmungen zeigten Erfolg. Schüler verschiedener Klassen rückten enger zusammen.“

Doch dann geschah etwas Unerwartetes, eine Erfahrung, die eigentlich nicht ausbleiben konnte, aber im Konzept noch nicht mitbedacht werden konnte: „Magda [Name geändert], eine Schülerin aus einer der Internationalen Förderklassen, war von der Abschiebung bedroht. Die Jugendliche stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Beginn ihrer Volljährigkeit, in ihrem Herkunftsland hat sie keine Angehörigen mehr. Magda hatte bereits Deutsch gelernt, zahlreiche Freunde gefunden und verfolgte nach einem Praktikum in einem Friseursalon das Ziel, einen guten Abschluss zu machen und eine Ausbildung zu beginnen. Viele ihrer Mitschüler wollten die drohende Abschiebung nicht einfach hinnehmen, sie wollten helfen. Da insbesondere eine Übernahme der Anwaltskosten nötig war, gründeten einige Schüler schnell entschlossen den Fonds ‚Alice hilft‘. Für diesen akquirieren die Schüler selbst Mittel und vergeben sie bei Bedarf als Darlehen an bedürftige Mitschülerinnen und Mitschüler. Obwohl es speziell zur Frage der Übernahme der Anwaltskosten auch kritische Stimmen und Diskussionen gab, begrüßte eine Mehrheit der Schulgemeinschaft die Einrichtung eines solchen Sozialfonds. Die unkomplizierte Soforthilfe war wichtig, aber nur ein Teil der notwendigen Unterstützung, das bemerkten die Schüler schnell. Sie erfuhren von anderen, alltäglichen Herausforderungen für die Geflüchteten: Von Anträgen und Formularen, welche die Schüler der Internationalen Förderklassen oft nicht verstanden, vom komplizierten, aufreibenden Umgang mit den Behörden, von der ständigen Angst vor fehlenden Zukunftsperspektiven. Viele Schüler helfen ihren Mitschülern mit Fluchterfahrung seitdem z. B. auch bei Behördengängen, begleiten sie zu Impfterminen, übersetzen vor Ort und unterstützen sie bei schulischen Aufgaben.“

Ein Erfolg: Magda durfte bleiben.

3.000 Projekte

Insgesamt gab es bisher (Stand Frühjahr 2020) 3.000 Projekte. Und manche dieser Projekte werden zur Keimzelle politischen Engagements. Jörg Ernst: „Ihr Wissen aus BWL und Rechnungswesen können Schüler bei einem Engagement für ein Sozialkaufhaus anwenden. Und wenn der Park in der Umgebung aufgewertet werden soll, bringen Schüler ihre Ideen ein und üben sich in Demokratie. Das ist der Ansatz von Service Learning.“

Am Anfang aller Projekte steht eine Bedarfsanalyse, bei der auch diskutiert wurde, wie die eigenen Interessen formuliert werden müssten, um Akzeptanz zu finden. Die Gespräche, die dazu geführt wurden, erforderten viel Flexibilität. Pläne mussten entwickelt, verworfen, neu gefasst und weiterentwickelt werden. Auch Frust über Misserfolge und Unverständnis gehörten dazu.

  • Das Elisabeth-Lüders-Berufskolleg in Hamm hat sich für die Weiterentwicklung des Stadtteils engagiert, sich im Planungsausschuss der Stadt eingebracht, am örtlichen Quartiersmanagement im Rahmen des Landesprogramms „Quartier in Bewegung“ beteiligt, mit der Polizei und dem Stadtteilbüro Hamm-Westen zusammengearbeitet. Ziel waren sichere Verkehrswege und letztlich, dass Schüler*innen zu Fuß und nicht im Elterntaxi zur Schule kamen.
  • Eine Sekundarschule in Möhnesee schickte etwa 100 Schüler*innen als Scouts in die Gemeinden der Nachbarschaft. Die Schüler*innen sprachen mit den Menschen und erfragten Unterstützungsbedarfe. Sie erstellten einen Bedarfskatalog. Das Ergebnis war ein Partnerschaftsprojekt der Schule mit der örtlichen Verwaltung. Die Themen waren u.a. Mobilität im Alter und Gestaltung eines Spielplatzes. In der „JugendPower-AG“ treffen sich die Schüler*innen regelmäßig mit dem Bürgermeister. Es blieb nicht bei lokalen Themen: „Es war im Herbst 2016, die Zeit der Brexit-Entscheidung und der Wahl Donald Trumps, als im Politikunterricht seiner (gemeint ist ein Fachlehrer, der das Projekt unterstützt, NR) Klasse 8 c der Wunsch laut wurde, gegen Populismus und Demokratieverdrossenheit aktiv zu werden.“ Die Jugendlichen entwickelten u.a. eine Demokratieausstellung.
  • Ein Gymnasium in Schloss Neuhaus (Paderborn) verband die Ebenen lokalen und globalen Engagements für eine nachhaltige Entwicklung. Die Schüler*innen dachten im Unterricht darüber nach, was sie in der Schule für den Klimaschutz tun könnten. Es entstand eine Art Klima-Info-Raum, indem Informationen interaktiv zusammengestellt und weitergegeben werden konnten. Diskutiert wurde, wie die Schule klimafreundlicher gestaltet werden konnte. Aus dem Unterricht entstand in Zusammenarbeit mit dem Umweltamt eine Studie zum CO2Abdruck im Stadtteil, ein Projekt, das auch den Mathematik-Unterricht einbezog. Es gab auch konkrete Erfolge: In der Schul-Cafeteria wurde ein Pfandsystem für Becher eingeführt. Eine örtliche Bäckerei schloss sich dem Pfandbechersystem Cupforcup inzwischen an.
  • Die Lichtenberg-Schule in Darmstadt entwarf ein Projekt zum jüdischen Leben in Darmstadt. Seit 2011 engagieren sie sich für das Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus und haben in dem Projekt „Schüler Gegen Vergessen Für Demokratie“ unter anderem eine App für eine Stadtführung entwickelt. Es begann im Unterricht, in einem Leistungskurs Geschichte, bei einem Besuch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das Projekt belegte, dass es bei Weitem nicht nur eine Sache der deutschen Schüler*innen ist, sich mit diesem Kapitel der deutschen Vergangenheit zu befassen. Drei Neuntklässler*innen, alle mit dem sogenannten „Migrationshintergrund“ trugen „ihre jüngsten Erkenntnisse über die junge Roßdörfer Witwe und Mutter eines kleinen Sohnes namens Johanna Mayer vor, die 1942 in einem Durchgangslager statt.“ Sie versuchten, mit der Tochter in den USA Kontakt aufzunehmen. Dies scheiterte jedoch, weil die Tochter von Johanna Mayer sich zu einer Antwort nicht in der Lage sah. „‚Das hat uns sehr berührt‘, berichteten die Schülerinnen. ‚Wir waren alle ganz still, als wir das gelesen haben. Uns wurde klar, dass der Holocaust für die Angehörigen noch sehr präsent ist. Dass wir durch unsere Arbeit solche Emotionen wecken können, war uns vorher nicht bewusst.‘“ Inzwischen gibt es eine enge regelmäßige Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, der TU und dem Hessischen Landesmuseum.

Diese Beispiele zeigen auch, dass die Kommunalpolitik ein geeignetes Aktionsfeld ist, da sich dort unmittelbar Erfolge wahrnehmen lassen. Themen, die die Landes-, die Bundes- oder die europäische oder gar die Weltpolitik berühren, wie beispielsweise der Klima- oder Artenschutz, werden im kommunalen Alltag konkret. Dies ist politische Bildung im besten Sinne. Es geht eben nicht nur darum, demokratische Gremien und Entscheidungsprozesse abstrakt kennenzulernen, sondern sich selbst aktiv einzubringen. Es geht nicht nur um Einblicke, es geht um Mitgestaltung, und wer hartnäckig bleibt, hat auch Erfolg.

Wirksamkeit, Selbstwirksamkeit und Anerkennung

Auf ihrer Internetseite schreibt die Stiftung Aktive Bürgerschaft: „Die Wirkungen und Effekte von Service Learning sind vielfältig: Service Learning wirkt sich positiv auf die Kompetenzentwicklung der Schüler aus. Ihre Lernmotivation verbessert sich ebenso wie die allgemeine Schulzufriedenheit. Service Learning fördert zudem die Selbstwirksamkeit, die Sensibilität für soziale Probleme und die Bereitschaft der Schüler, sich mit den gesellschaftlichen Herausforderungen auseinanderzusetzen.“

Die Stiftung hat 2014 eine eigene Wirkungsstudie in Auftrag gegeben, die auf der Internetseite zum Download bereitsteht . Beteiligt waren die Universitäten Duisburg-Essen und Oldenburg. Ein zentrales Ergebnis: „Damit Service Learning gut gelingt, sollten vier Bedingungen erfüllt sein: Interessengleichheit der beteiligten Partner, Engagementprojekte mit realem gesellschaftlichen Bedarf, nachvollziehbare Umsetzung der Projekte mit den Schülern sowie Erfahrung von echtem Kompetenzzuwachs bei den Schülern.“ Die Studie benennt allerdings auch weiteren Forschungsbedarf, da konkrete Wirkungen auf Einstellungen und Verhalten der Schüler*innen bisher weitgehend nur in US-amerikanischen Studien untersucht worden sind. (http://www.aktive-buergerschaft.de/wp-content/uploads/2018/02/sozialgenial_Broschuere_Wirkungsstudie_Service_Learning_web.pdf)

Zur Begleitung, Weiterentwicklung und zur internen Ergebnissicherung (Selbstevaluation) gibt es im Programm „Sozialgenial“ Kreativwerkstätten der beteiligten Lehrer*innen und Schüler*innen, gegenseitige Hospitationen, auch Schulbesuche durch die Stiftung. Es lässt sich feststellen, dass die beteiligten Schüler*innen auch in Ausbildung oder Studium bereit sind, sich zu engagieren.

Für die beteiligten jungen Menschen selbst ist die Anerkennung und Wertschätzung durch Erwachsene von hoher Bedeutung. Ein Dankeschön bedeutet mehr als Kenntnisnahme. Direkte Rückmeldungen erhalten die Schüler*innen schon während des Projekts durch freundliche Blicke, anerkennende Worte sowie nicht zuletzt die Teilnahme ihrer außerschulischen Partner bei einer Abschlussveranstaltung in der Schule.

Die Internetseite der Stiftung Aktive Bürgerschaft hebt hervor, dass Service-Learning vor einfachen Antworten „schützt“: „Zu wissen, dass die eigenen Stärken in der demokratischen Gesellschaft gebraucht und anerkannt werden. Konkret mitgestalten zu können und reflektiert den Herausforderungen zu begegnen – das alles trägt dazu bei, einfachen Parolen als Antwort auf komplexe Probleme zu widerstehen.“

Die Teilnahme an den Projekten verändert Einstellungen, gerade durch den unmittelbaren Kontakt mit Betroffenen: „Schülerinnen und Schüler des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Münster organisierten eine Spendenaktion für flüchtende Menschen. Sie brachten die Spenden selbst an die slowenisch-kroatische Grenze. Ihr Blick auf die Flüchtlingskrise hat sich im Laufe ihres Engagements verändert: Die Dinge sind komplex. Es gibt keine einfachen Wahrheiten.‘ (http://www.aktive-buergerschaft.de/wp-content/uploads/2018/02/Schulportrait_Geschwister_Scholl_Gymnasium_Münster.pdf)

Möglich ist die Anerkennung der Teilnahme an Projekten im Programm „Sozialgenial“ auf den Zeugnissen. Dies können Schüler*innen einfordern, doch wird dies leider viel zu selten genutzt, nicht nur, weil Schüler*innen von dieser Möglichkeit nicht wissen, sondern auch, weil manche Lehrer*innen sich überfordert fühlen, ein solches Engagement zu bewerten. Dabei geht es nicht unbedingt um eine Note auf dem Zeugnis, die in Wahlpflichtfächern möglich ist, sondern um ein Zertifikat oder eine andere Art von Anerkennung, die empathisch formuliert sein darf und – auch dies ist eine Erfahrung – bei Bewerbungen von Unternehmen geschätzt wird.

Die Länder, die diese Möglichkeit noch nicht vorsehen, haben mit der zitierten KMK-Empfehlung die Legitimation, dies möglichst bald einzuführen, die anderen könnten ihre Werbung für diese einfache und niedrigschwellige Form der Anerkennung intensivieren. Vielleicht hören Schulbehörden, die sich noch skeptisch äußern, auf die Lehrer*innen, die sich an „Sozialgenial“ beteiligen. Diese stellen immer wieder fest, dass sie Schüler*innen auf einmal völlig anders wahrnehmen als sie dies bisher im Unterricht taten.

Umgekehrt gilt dies auch für die Schüler*innen, die an ihren Lehrer*innen die ein oder andere Seite erkennen, die sie vorher nicht vermutet hätten. Gerade dadurch, dass Schüler*innen in manchen Projekten selbst in die Rolle der Lehrer*innen schlüpfen, gewinnen sie neuen Respekt für das, was Lehrer*innen leisten und merken, was es bedeutet, einen komplexen Sachverhalt an jemanden weiterzugeben, der sich noch nicht intensiv damit befasst hat. Geduld, verständliche Sprache und verlässliche Hilfen werden als wichtige Kompetenzen erlebt. Und vielleicht hat die Beteiligung an einem Projekt von „Sozialgenial“ auch eine Nebenwirkung für die Berufswahl, und Schüler*innen interessieren sich für pädagogische und sozialpädagogische Berufe.

Dringend erforderlich ist aus meiner Sicht allerdings eine Debatte über den Begriff des Lernens. Ich hatte vor längerer Zeit die Ehre, ein vergleichbares Programm der Deutschen Bahn als Mitglied einer Jury zu begleiten. Nach ihrer Meinung zu ihren erfolgreichen Projekten gefragt sagten einige Schüler*innen, das was sie da gemacht hätten, sei doch „viel schöner als Lernen“, „viel schöner als Schule“. Die Gegenfrage, ob sie denn in dem Projekt nichts gelernt hätten, verstanden sie nicht so recht.

Eine Erfolgsgarantie: Eigenständigkeit statt Pflichtprogramm

Wer die Projekte von „Sozialgenial“ erlebt, fragt sich, warum solche Projekte nicht in allen Schulen zum Pflichtprogramm gehören. Herr Ernst sagte mir, dass er bei einer solchen Frage zusammenzucke. Es reiche nicht aus, ein solches Programm zur Pflicht zu machen. Entscheidend sei, dass es in den Projekten Standards der Wertschätzung gebe und vor allem auch, dass die Schüler*innen die Bedarfe selbst feststellen. Die Zuweisung von Projekten durch die Lehrer*innen führe hingegen schnell zu Desinteresse, weil manche Schüler*innen dann sehr schnell entdeckten, dass das, was sie gut könnten, nicht bedacht worden sei und sie dann ein Projekt lediglich abarbeiten könnten. Die eigenständige Konzeption eines Projekts, durchaus mit Unterstützung, aber letztlich basierend auf den eigenen Ideen und Überlegungen – das ist die grundlegende Erfolgsgarantie für ein Projekt, das den Namen „Sozialgenial“ verdient.

Man kann in der Tat niemanden verpflichten, mit älteren Menschen umzugehen, der sich dazu nicht in der Lage sieht. Manche schaffen es dennoch, dies mit der Zeit zu lernen, doch ist es immer besser, die Schüler*innen selbst entdecken zu lassen, welches Engagement für sie geeignet ist. Vielleicht sind die jungen Leute, die sich mit älteren Menschen nicht so gut verstehen, die richtigen, sich um Kinder zu kümmern, oder auch umgekehrt. Und andere haben Interesse und die Fähigkeit, ein Projekt für mehr Klimaschutz zu konzipieren und durchzuführen, in dem Wissenschaftler*innen oder Kommunalpolitiker*innen die Menschen sind, mit denen sie zusammenarbeiten.

Eine häufige Schutzbehauptung in ängstlichen Schulen lautet, dass sich in den Lehrplänen keine Hinweise auf die Zulässigkeit von Projekten gebe. Diese Ansicht trifft nicht zu, es gibt diese Hinweise an vielen Stellen. Die Stiftung hat inzwischen die Kernlehrpläne für weiterführende Schulen daraufhin überprüft, welche Kompetenzerwartungen dort im Hinblick auf „Service Learning“ enthalten sind. Immerhin gibt es inzwischen Schulen, die den Gedanken in ihre schulinternen Lehrpläne aufgenommen haben.

Denkbar und in der Praxis bewährt ist allerdings die Einrichtung eines Wahlpflichtbereichs. Es gibt einige Schulen, die dafür Stunden erwirtschaftet haben oder Ergänzungsstunden nutzen. Es gibt einige Schulen, die dies in einer bestimmten Klassenstufe als festes Programm anbieten. Die Schüler*innen suchen sich selbst ihr Handlungsfeld aus, beispielsweise Umwelt oder Integration.

Oft hängt die Einrichtung eines solchen eigenständigen Bereichs allerdings am Engagement einzelner Lehrkräfte, mitunter auch am Engagement der Schulleitung. Wünschenswert wäre es – so Herr Ernst – wenn von der jeweiligen Landesregierung ausdrücklich gesagt würde, dass ein solches Vorgehen begrüßt und unterstützt wird. Bisher ist es leider nur bei einzelnen Presseerklärungen mit der Erfolgsmeldung, wie viele Schulen sich beteiligt hätten, geblieben. Wichtig ist jedoch – in diesem Sinne kann ich Herrn Ernst und den anderen Macher*innen von „Sozialgenial“ nur zustimmen –, dass Schulministerien das tun, was ihnen die bereits zitierte KMK-Empfehlung vorgibt, und erklären, dass eine demokratische Schul- und Unterrichtsentwicklung, demokratisches Engagement der Schüler*innen genauso wichtig ist wie die klassischen Schulfächer.

Bürokratische Hindernisse? Überwindbar, aber leider nicht alle

Oft wird die Frage gestellt, wie ein Projekt finanziert werden könnte. Dies ist – wie die Erfahrung der vielen Projekte des Programms lehrte – in der Regel kein Problem. Am ehesten ist noch die Übernahme von Fahrkosten zu klären, doch auch dafür finden die Schulen immer wieder eine gute Lösung. Oft entstehen Win-Win-Situationen, so beispielsweise erlebt von Schüler*innen, die sich in einem Senior*innenheim engagierten. Als Anerkennung ihres Engagements stellte die Heimleitung ihnen ein Fahrzeug zur Verfügung.

Auch die Versicherungsfrage ist relativ einfach zu lösen. Wichtig ist ein Beschluss der Schulkonferenz, der erklärt, dass die Aktivitäten der Schulen im Programm „Sozialgenial“ „als schulische Veranstaltung gelten“. Selbstverständlich gelten dann die schulischen Regelungen der Aufsicht, die auch von außerschulischem Personal einzuhalten sind, doch dürfte dies nach einer entsprechenden Einweisung durch die Schulleiter*in kein Hindernis sein.

Auf der anderen Seite gibt es eine Fülle von Hindernissen, die die Bürgerstiftungen im „Bürokratie-Barometer Bürgerstiftungen 2019“ zusammengestellt haben. 139 ehrenamtliche Vorstandsmitglieder und haupt- und ehrenamtliche Geschäftsführer*innen von Bürgerstiftungen in Deutschland beteiligten sich. Problematisch ist beispielsweise der Abgleich von Fristen. Ein Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Bienenbüttel berichtet: „Da kaufen wir zum Beispiel Schaukelpferde für einen Spielplatz oder geben den Kindergärten Geld, beispielsweise dem Waldkindergarten für einen Wohnwagenausbau – und dann können die Sachen nicht pünktlich aufgestellt werden, weil bei den Empfängern die entsprechenden Bauprojekte nicht rechtzeitig fertig werden. Dann heißt es aufzupassen und die Spenden trotzdem zu übergeben, da wir ja fristgerecht unsere Mittel verteilen müssen.“ (Hier der Report Bürgerstiftungen 2019: https://www.aktive-buergerschaft.de/buergerstiftungen/buergerstiftungen-in-zahlen/#b%C3%BCrokratie)

Immer wieder in der Kritik sind die Datenschutzgrundverordnung und Steuerfragen. Mitunter fällt Umsatzsteuer an, mitunter nicht. Dieses Dickicht an Vorschriften ist für viele Mitarbeiter*innen in den Stiftungen schwer entwirrbar. Dr. Stefan Nährlich, der Geschäftsführer der Stiftung Aktive Bürgerschaft: „Je komplizierter die rechtlichen Rahmenbedingungen seien, desto schwerer ließen sich Ehrenamtliche finden, die Verantwortung übernehmen wollten, hieß es. Hier möchten Bürgerstiftungen entlastet werden. Dazu gehört die Verwaltungssprache zu vereinfachen und telefonische Hilfe etwa beim Ausfüllen von Anträgen bereitzustellen. Im Bürokratie-Barometer 2019 wurden unter anderem auch höhere Umsatzsteuerfreibeträge, mehr zeitlicher Spielraum für die Mittelverwendung und Änderungen bei der Körperschaftssteuer gefordert. Die Befragten kritisierten, dass Ehrenamtliche wie Gewerbetreibende behandelt würden. Ein Vorstandsvorsitzender aus Niedersachsen brachte es so auf den Punkt: ‚Die Politik muss das Ehrenamt steuerlich und von den komplizierten Einschränkungen befreien. Entbürokratisierung bedeutet Vereinfachung der Arbeit.‘“

Ein Fazit und viele Perspektiven

Jörg Ernst und Joachim Bicheler M.A. formulieren in der bereits zitierten Broschüre zur Integration von Geflüchteten ein Fazit: „Service Learning stellt ein Konzept dar, mit dem Kindern und Jugendlichen aus der zentralen Integrationsinstitution Schule heraus ein solches Engagement ermöglicht wird. In Ergänzung zu vielen anderen schulischen Integrationsansätzen beschränken sich Service-Learning-Projekte dabei nicht nur auf innerschulische Strukturen, sondern machen auch außerschulische Strukturen von Gesellschaft und Demokratie erlebbar.“

Jörg Ernst berichtete mir, dass es zurzeit in den Schulen durchaus so etwas wie eine Aufbruchstimmung gibt. Das Thema „Service Learning“ steht nicht an erster Stelle auf den Tagesordnungen, hat aber hohe Attraktivität als Lernkonzept. Es wäre dann natürlich mehr als hilfreich, wenn das Konzept als Kern der schulischen Aufgaben bezeichnet werden könnte.

Eine wichtige Herausforderung ist die demographische Entwicklung. Jörg Ernst nennt folgende Punkte: „Wachsende Einsamkeit, Lücken in der Versorgungsstruktur im ländlichen Raum, Rückgang kultureller Angebote, fehlende Fachkräfte bei Firmen und Pflegediensten, fehlender Nachwuchs bei ehrenamtlichen Vorständen, in Gemeinden, Freiwilliger Feuerwehr und politischen Ämtern.“ Er zitiert ein konkretes Beispiel aus dem Bereich der Freiwilligen Feuerwehr: „Der demographische Wandel in Deutschland führt dazu, dass zukünftig immer weniger Personen für anstehende Aufgaben zur Verfügung stehen. Parallel wächst die Komplexität der zu erledigenden Aufgaben, die Arbeit verdichtet sich, und es fällt den Menschen zunehmend schwerer, die verschiedenen Herausforderungen ihres Berufs- und Privatlebens unter einen Hut zu bringen.“ (zitiert nach dem Abschlussbericht „Feuerwehrensache“ 2017:, https://www.im.nrw/sites/default/files/media/document/file/IM_Feuerwehrabschlussbericht_0.pdf)

Ehrenamt kann Hauptamt nicht ersetzen, aber die ehrenamtlichen Projekte, die die Stiftung Aktive Bürgerschaft unterstützt, können dazu beitragen, das, was ehrenamtlich geleistet werden kann, zu unterstützen, politisches Bewusstsein zu schaffen und nicht zuletzt auch junge Menschen motivieren, sich für einen pädagogischen oder sozialpädagogischen Beruf zu entscheiden. Ehrenamt und Hauptamt sind schließlich aufeinander angewiesen. Wohlfahrtsverbände haben mich im Übrigen auch darauf hingewiesen, dass die Einbeziehung von Ehrenamtler*innen in der Ausbildung zukünftiger Hauptamtler*innen aufgenommen werden müsste. Dies wäre vor allem erforderlich um die Professionalität von Ehrenamtler*innen zu steigern und damit auch deren Motivation als Teil eines haupt- und ehrenamtlich tätigen Teams zu pflegen. Das Gefühl der „Selbstwirksamkeit“ ist vielleicht sogar das Erfolgsgeheimnis schlechthin für die Bereitschaft, sich bürgerschaftlich und ehrenamtlich zu engagieren.

„Sozialgenial“ ist nicht das einzige Projekt oder Programm, in dem bürgerschaftliches Engagement für die freiheitliche Demokratie in Schulen mit Ernstcharakter erprobt und erlernt wird. Das bundesweite Förderprogramm „Demokratisch handeln“ (www.demokratisch-handeln.de) und das nordrhein-westfälische Landesprogramm „Schule der Zukunft – Bildung für Nachhaltigkeit“ (www.schule-der-zukunft.nrw.de) arbeiten beispielsweise mit vergleichbaren Zielen und Methoden. Und es ist gut, dass es so viele verschiedene Ansätze gibt, die sich nicht voneinander abgrenzen müssen, weil sie die Konkurrenz der anderen zu fürchten hätten. Im Gegenteil: die verschiedenen Programme vermitteln die Botschaft, dass es viel Unterstützung für das Engagement junger Menschen in der Demokratie gibt, ganz im Sinne der oben zitierten KMK-Empfehlung vom Dezember 2018.

Zu wünschen wäre allerdings eine deutliche Ansage von Seiten der Kultusministerien, dass das demokratische Engagement der Schüler*innen eine genauso wichtige Aufgabe ist wie Deutsch-, Mathematik- oder Fremdsprachenunterricht. Ich erlaube mir die zuspitzende Bemerkung: was nützt es uns, wenn wir junge Menschen bilden und erziehen, die zwar alle mathematische Genies geworden sind, aber nicht gelernt haben, was Demokratie bedeutet und deshalb unappetitlichen Parolen beipflichten. Das Engagement der vielen jungen Leute in „Sozialgenial“ und befreundeten Programmen jedoch macht Hoffnung. Nicht nur der Freitag ist für die Zukunft von Belang, alle Tage der Woche.

Ein Wort zur Pandemie- „Engagement ist systemrelevant“

Die Corona-Pandemie, die zu Beginn des Jahres 2020 weltweit ausgerufen werden musste, hat leider auch Auswirkungen auf bürgerschaftliches und ehrenamtliches Engagement. Welche das sind, lässt sich an einem Beispiel einer Arbeitsstelle in Mülheim an der Ruhr beschreiben. Das Mülheimer Centrum für bürgerschaftliches Engagement (www.cbe-mh.de)ist regelmäßig erreichbar, Termine können vereinbart werden. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten bürgerschaftlichen Engagements, auch für Schulen. Dazu gehören Patenschaften und Aktivitäten rund um alles, was den Alltag erleichtern kann.

Bedauerlich ist zurzeit leider, dass Menschen über 60 wegen der Corona-Pandemie nicht vermittelt werden, da sie zu den „Risikogruppen“ gehörten, obwohl – diese Bemerkung muss erlaubt sein – es eine Vielzahl von über 60jährigen gibt, deren Gesundheits- und Fitnesszustand deutlich besser sein dürfte als der mancher Menschen in deutlich jüngerem Alter. Es wäre bedauerlich und meines Erachtens ein großer Schaden für unsere Demokratie, wenn Senior*innen, die Zeit und Know-How haben, mittelfristig nur aufgrund ihres Alters von jedem ehrenamtlichen Engagement ausgeschlossen würden. Bleibt zu hoffen, dass vielleicht jemand gegen solche Regelungen klagt. Sie sind diskriminierend und meines Erachtens sogar verfassungswidrig.

Dies gilt auch in der anderen Richtung: Viele Projekte werden in Krankenhäusern oder Senior*innenheimen durchgeführt, zu denen junge Leute keinen Zugang mehr haben. In Hessen gibt es sogar einen Erlass, der außerschulische Aktivitäten bis zum 31. Oktober 2020 untersagt, sodass manche Vorhaben nicht durchgeführt, manche begonnen auch nicht abgeschlossen werden können. Auch hierfür sollten die Kultusministerien sich mit ihren Partnern um kreative Lösungen bemühen, die das Engagement der jungen Menschen anzuerkennen und außerschulische Projekte weiterhin ermöglichen. Schule in der Demokratie ist ohne außerschulische Projekte der Art, wie sie „sozialgenial“ beispielhaft unterstützt, meines Erachtens nicht zukunftsfähig.

Manche auch ohne die Pandemie bestehende Problemlagen werden durch die Pandemie erst sichtbar. Ein solches Problem ist die prekäre Lage vor allem kleiner Nicht-Regierungsorganisationen. Diese finanzieren sich oft über einzelne Projekte, die zurzeit jedoch wegen der Kontaktbeschränkungen nicht durchgeführt werden können. Erhalten sie keine Zuschüsse, droht vielen die Insolvenz. Im Herbst, wenn – wie alle hoffen – das Leben wieder zur Normalität zurückgekehrt ist, verfügen sie dann nicht über die Kapazitäten, die ausgefallenen Vorhaben nachzuholen.

Hier besteht dringender Handlungsbedarf, gleichermaßen für die aktuelle Unterstützung der bedrohten Akteure wie für Überlegungen zu einer grundlegenden Reform der ministeriellen Zuschusspraxis. Die meisten Organisationen leben von der Projektförderung, beispielsweise aus zeitlich befristeten Programmen wie „Demokratie leben“ in der Zuständigkeit des Bundesfamilienministeriums (https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/demokratie-leben-/144560).

Benötigt würde ein Mix von institutioneller Grundförderung und ergänzender Projektförderung. Für viele Engagierte ist dies überlebenswichtig. Es reicht auch nicht aus, Programme wie „Demokratie leben“ immer nur aus Anlass extremistischer Bedrohungslagen aufzulegen. Solche Programme sind eine Daueraufgabe, und so müsste auch das von der Bundesregierung geplante, aber wohl zurzeit nicht weiterverfolgte „Demokratiefördergesetz“ beschaffen sein.

Mut macht die Stellungnahme der Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales vom 25. März 2020 im Berliner Tagesspiegel, die die Stiftung auf ihrer Internetseite zitiert: „Wir lernen, worauf es wirklich ankommt. Dass wir aufeinander aufpassen, in der Familie und in der Nachbarschaft. Dass wir aufhören, Grenzen zu ziehen und Mauern zu bauen. Das Coronavirus kennt keine Grenzen. Es zeigt uns allen, wie sehr es auf grenzüberschreitende Solidarität ankommt. Und wir sehen: Erfolgreiches Krisenmanagement der Behörden ist unabdingbar, aber wir sehen auch, wie sehr es auf wache und aktive Bürger, auf ein erfolgreiches Miteinander von Politik und Zivilgesellschaft ankommt. Engagement ist systemrelevant!“ Hoffentlich weiß das Land Berlin auch, welche Instrumente eine freiheitliche Demokratie hätte und bräuchte, um diese Systemrelevanz lebendige Wirklichkeit werden zu lassen.

Dr. Norbert Reichel, Bonn

Alle Internetzugriffe erfolgten am 29.4.2020. Die Fotos wurden von der Stiftung Aktive Bürgerschaft zur Verfügung gestellt. Es handelt sich um Bilder aus der Sekundarschule in Möhnesee und aus der Hermann-Runge-Gesamtschule in Moers (beide Schulen in Nordrhein-Westfalen).