„Meine Geschichte, deine Geschichte“
Sabeth Schmidthals über Erinnerungsarbeit mit muslimischen Jugendlichen
„Unter bestimmten pädagogischen Voraussetzungen können Einstellungen verändert und solche Äußerungen verhindert werden. Eine Voraussetzung dafür ist, dass Lehrkräfte und Pädagogen mit der Lebenssituation der Jugendlichen vertraut sind. Sie sollten sich klarmachen, wie wenig Selbstbewusstsein diesen Jugendlichen vermittelt wird, und sich bemühen, dem von der Umgebung erzeugten und von den Jugendlichen dann oft geteilten Eindruck entgegenzuwirken, die von den Familien nach Deutschland mitgebrachte Kultur und Sprache sei weniger wert.“ (Elke Gryglewski, Diesseits und jenseits gefühlter Geschichte, in: Viola B. Georgi / Rainer Ohlinger, Hg., Crossover Geschichte – Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg, edition Körber-Stiftung, 2009)
Elke Gryglewski war stellvertretende Direktorin am Haus der Wannseekonferenz und leitet inzwischen die Gedenkstätte Bergen-Belsen und ist Geschäftsführerin der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Sie entfaltete in verschiedenen Publikationen den Grundgedanken einer „Erinnerungsarbeit“ mit Jugendlichen, die die Vielfalt der Geschichten junger Menschen aufgreift. Das Motto lautet: „Meine Geschichte, deine Geschichte, unsere Geschichte“. In dem eingangs zitierten Aufsatz berichtet sie von einem Projekt mit dem arabischen Jugendclub Karame e.V. in Berlin-Moabit, in dem in wöchentlichen Treffen die Jugendlichen ihre eigenen Familiengeschichten aufarbeiteten und sich zugleich mit der Geschichte der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden befassten. Im Sommer 2008 fuhr eine Gruppe nach Israel. Eine Sozialarbeiterin fasste das Ergebnis der Reise in einem Satz zusammen: „Wir sind mit zwölf Jugendlichen arabisch-palästinensischer und einer Teilnehmerin serbischer Herkunft nach Israel gefahren und kehren mit dreizehn Berliner Jugendlichen zurück.“

Sabeth Schmidthals, Foto: privat.
Sabeth Schmidthals (*1967) ist Lehrerin an der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Berlin-Moabit. Dort hat sie die Arbeitsgruppe „Erinnern“ angeregt, mit der sie in den vergangenen Jahren unter anderem nach Polen, Israel, Frankreich, Italien und in die USA gereist ist. Sabeth Schmidthals wendet den von Elke Gryglewski entwickelten Ansatz konsequent an. Ihre Arbeit wurde im Jahr 2020 mit dem Obermayer Award ausgezeichnet. Die Schule wird vorwiegend von muslimischen Schüler:innen besucht. Über das Engagement von Sabeth Schmidthals wurde mehrfach in der regionalen und überregionalen Presse berichtet, beispielsweise im Deutschlandfunk. Kennengelernt habe ich sie bei einer Vorstellung der von ihr geleiteten AG Erinnern in einer Veranstaltung des Leo-Baeck-Instituts New York / Berlin in Berlin. Wir haben noch am selben Tag das folgende Gespräch vereinbart.
Die ersten Schritte
Norbert Reichel: Vielleicht beginnen wir mit dem Werdegang und den Hintergründen Ihres Engagements.
Sabeth Schmidthals: Ich beschäftige mich mit dem Thema der NS-Zeit, seit ich 13 Jahre alt war. Ich war in einer Gruppe, die sich mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 und der folgenden verbrecherischen Besatzungspolitik der Deutschen beschäftigte. Das Thema spielte auch in meiner Familie eine Rolle, nicht jedoch, weil Mitglieder der Familie eindeutig zu den Opfern beziehungsweise den Tätern gehört hätten. Es gab Diskussionen in der Familie zwischen meinen Eltern, die 1937 beziehungsweise 1941 geboren wurden, und meinen Großeltern. Das Thema war sehr präsent. Mein Vater kommt aus Stolp im heutigen Polen, meine Mutter aus Niedersachsen. Sie waren beide Kriegskinder, beide lehrten seit den 1970er Jahren an Berliner Gesamtschulen, zunächst waren sie nach ihrem Studium in Niedersachen und an der Deutschen Schule in Ankara tätig.
Als wir an der Schule die ersten Antifa-Tage durchgeführt haben, in der Regel in Form von Projekttagen, war dies noch sehr umstritten. Es gab Diskussionen, ob man beispielsweise Menschen aus den VVN-BdA, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, in die Schule einladen dürfte.
Norbert Reichel: Eines der prominentesten Mitglieder der VVN-BdA war die 1924 geborene Esther Bejarano, eine Überlebende aus dem Frauenorchester in Auschwitz, die sich bis zu ihrem Tod im Jahr 2021 gegen jede faschistische Entwicklung engagierte, unter anderem mit ihrem Sohn in der Rap-Gruppe Microphone Mafia. Die Jüdische Allgemeine porträtierte sie einmal als „Kleine Frau mit großer Stimme“. Ihr Nachlass ist inzwischen an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg öffentlich zugänglich. Die VVN war sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der DDR sehr umstritten, weil sie im Westen kommunistischen Strömungen zugerechnet wurde, im Osten jedoch nicht der offiziellen Linie des von der SED propagierten Bildes des Widerstands in der NS-Diktatur entsprach.

Das Mahnmal in Majdanek, Foto: Sabeth Schmidthals.
Sabeth Schmidthals: Die damalige Berliner Schulsenatorin Hanna-Renata Laurien hatte uns damals verboten, die VVN einzuladen. Antifaschismus war neben der damaligen Friedensbewegung das zweite Thema, mit dem ich mich damals als Schülerin beschäftigt habe. Nach dem Abitur engagierte ich mich als Freiwillige in der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) in Großbritannien. Anschließend habe ich drei Jahre in der Inlandabteilung des Berliner Büros der ASF zum Thema Rechtsextremismus gearbeitet. Ich habe die ASF im damaligen Berliner Antifa-Bündnis vertreten, Seminare und Workshops konzipiert und in verschiedenen Bildungseinrichtungen durchgeführt. Die Seminare dauerten damals drei bis vier Wochen. Ein Teil der Vorbereitung war eine Fahrt in eine der polnischen Gedenkstätten, Majdanek, Stutthof, Auschwitz. Darüber hinaus war ich als Teamerin an den Vorbereitungsseminaren für die Freiwilligen der ASF beteiligt, bevor sie ihren Freiwilligendienst im Ausland angetreten haben.
Zeitgleich habe ich mein Lehramtsstudium mit den Fächern Politik und Deutsch an der FU Berlin absolviert. Als Referendarin habe ich eine Klasse in die Gedenkstätte Auschwitz begleitet. Als ich dann Lehrerin wurde, habe ich gemeinsam mit einem Kollegen eine zehnte Schulklasse nach Auschwitz begleitet. Das war im Jahr 1991. Das war nicht einfach. Der damalige Kollege kam aus der Generation meiner Eltern. Für ihn hatten die Begriffe Schuld, deutsche Verantwortung und vielleicht sogar auch noch Sühne eine große Bedeutung.
Norbert Reichel: Ein in der Tat nicht einfacher Begriff, der meines Erachtens allenfalls auf die Generation der Täter:innen passen mag. Der Auftrag von Erinnerung ist inzwischen doch ein anderer, vor allem vielfältiger.
Sabeth Schmidthals: Das war er schon für die damaligen Jugendlichen. Sie waren 15, 16 Jahre alt und konnten mit dem Begriff nicht viel anfangen. Die heutigen Jugendlichen noch weniger. Der Anteil der Schüler:innen mit Migrationshintergrund war damals noch niedriger als heute, aber er war schon bedeutend. Es stellte sich daher die Frage, wie man mit dem Thema umgeht, wenn viele Schüler:innen die Geschichte der NS-Zeit, die Geschichte der Konzentrations- und Vernichtungslager nicht als ihre eigene empfinden. Sie trafen damals bei der Fahrt im Jahr 1991 auf einen Lehrer, der Gefühle erwartete, die die Schüler:innen nicht erbringen konnten. Ich habe das damals aber nicht wirklich analysiert.
Empathie durch Arbeit mit Biographien
Norbert Reichel: Manche meinen, dass es vor allem darum ginge, bei den Schüler:innen Empathie mit den Opfern zu erzeugen. Ich weiß offen gestanden nicht, ob das ausreicht.
Sabeth Schmidthals: Ich würde Empathie nicht als Grundbedingung nennen, so nach dem Motto, dann klappt es schon. Wichtig ist jedoch, dass ein Bezug hergestellt werden kann, der über das reine Faktenwissen hinaus. Der Begriff „Empathie“ ist daher nicht ganz verkehrt. Es ist entscheidend, wie ich es schaffe, dass die Schüler:innen einen emotionalen Bezug zu den verfolgten, ermordeten Menschen entwickeln.
Ich arbeite daher viel mit Biographien. Ich möchte, dass Schüler:innen die Biographien der Opfer kennenlernen. Ich organisiere zum Beispiel szenische Lesungen aus Dokumenten mit einer Kollegin vom Verein Tanz, Theater, Dialoge. Dabei erfahre ich immer wieder, dass die Jugendlichen sagen, sie verständen jetzt, was damals geschehen ist.
Norbert Reichel: Wie darf ich mir eine solche szenische Lesung vorstellen?
Sabeth Schmidthals: Bei unserer ersten Lesung ging es um die jüdische Familie Meyerowitz. Herr Meyerowitz war Anwalt am Reichsgericht in Leipzig. Er wurde im April 1933 entlassen, erhielt Berufsverbot, er wurde in Flossenbürg ermordet. Seine Familie wurde vom Güterbahnhof in Moabit – Gleis 69 – in den Tod deportiert. Ein Mädchen las die Rolle der Ehefrau. Sie tat dies so überzeugend, dass sie durch ihren eigenen Vortrag die Dimensionen verstand. Das verstehen Schüler:innen nicht, wenn sie in einem Geschichtsbuch lesen, es wurde jemand „umgebracht“, „ermordet“. Was bedeutet das denn? Was heißt es, wenn da „Konzentrationslager“, „Vernichtungslager“ steht? Was heißt „Ausgrenzung“, was heißt es, wenn man bestimmte Dinge im Alltag nicht mehr darf?
Ich mache diese szenischen Lesungen nur mit Schüler:innen, die sich freiwillig gemeldet haben. Ich mache aber oft auch filmische Mitschnitte, die ich dann im Unterricht einsetze. Das funktioniert dann besonders gut, wenn die Schüler:innen diejenigen, die die szenische Lesung gemacht haben, noch selbst gut kennen. Ich habe es nur einmal mit der ganzen Klasse gemacht, das war in der Corona-Zeit, nicht online, sondern in der Zeit, als wir in Kohorten unterrichten durften. Meine Klasse war eine solche Kohorte. Es fand alles bei ziemlich kalten Temperaturen auf dem Schulhof statt. Ich war erstaunt, wie gut es funktionierte. Ich erlebte bei niemandem komplette Verweigerung. Sie fanden gut, was wir gemacht haben.
Norbert Reichel: Und zu Hause erzählen sie ihren Eltern, Großeltern, Geschwistern davon?

Stolpersteinverlegung für Familie Sztern, Berlin, Veteranenstraße 8, Foto: Sabeth Schmidthals.
Sabeth Schmidthals: Unbedingt. Obwohl: Seit dem 7. Oktober hat sich etwas grundlegend verändert. Es dauert immer eine Weile, bis die Jugendlichen offener werden. Sie beteiligen sich alle an dem Gedenken am 9. November, aber das ist für viele eine enorme Herausforderung, weil ganz schnell Vorwürfe kommen wie „Du bist ja für die Juden“, was immer heißt: „Du bist ja auf der Seite Israels“. Ich merke schon, dass das Nicht-Gefilmt-Werden-Wollen zunimmt. Wir haben gerade vier Stolpersteine in der Veteranenstraße 8 verlegt – das Haus steht nicht mehr, es war die Familie Sztern. Vier Familienmitglieder waren ermordet worden, Mutter und Tochter hatten überlebt. Die Enkelin war bei der Verlegung anwesend. Es beeindruckt die Jugendlichen sehr, wenn da eine Familie steht und sie erfahren, was dies für diese Familie bedeutet, wenn sie die Geschichte der Familie erzählen. Das hat viel mit Empathie zu tun. Wichtig ist natürlich, dass sie auch die Fakten kennen lernen. In unseren Projekten sind die Nürnberger Gesetze immer ein Schwerpunkt, ebenso das Grundgesetz, damit alle sehen, wie es zu diesem Grundgesetz und den darin enthaltenen Grundwerten gekommen ist.
Mit palästinensischen Schüler:innen aus Moabit in Israel
Norbert Reichel: Über die Folgen des 7. Oktobers für die Erinnerungsarbeit werden wir noch ausführlicher sprechen. Zu Ihren Arbeitsformen gehören neben der Biographiearbeit, neben den szenischen Lesungen Reisen. Sie sind zum Beispiel mit palästinensischen Schüler:innen nach Israel gereist. Wie kam es dazu?
Sabeth Schmidthals: Ich war zunächst Praktikantin, dann Referendarin an der Schule, an der ich jetzt unterrichte. Als ich dann selbst Lehrerin war, im Jahr 2005, hatte ich nach einer zum Teil missglückten Gedenkstättenfahrt nach Dachau mit meiner damaligen 10. Klasse den Eindruck, dass ich den Ansatz der Erinnerungsarbeit, den ich aus meinen Jahren bei der ASF kannte, in der Schule so nicht mehr weiterverfolgen konnte. Zehn Jahre habe ich dann die NS-Zeit mehr oder weniger, wie jedes andere historische Thema im Geschichtsunterricht behandelt. In diesen Jahren habe ich keine Projekte zum Thema durchgeführt. Diese begannen erst etwa zehn Jahre später, im Jahr 2015. Ich hatte damals eng mit Elke Gryglewski zusammengearbeitet, der damaligen stellvertretenden Leiterin des Hauses der Wannseekonferenz. Sie ist eine enge Freundin von mir. Wir haben beide Politik studiert, sie auf Diplom, ich auf Lehramt. Mit ihr habe ich eine Projektwoche zur NS-Zeit mit Schüler:innen der neunten Klasse geplant. Sie hatte damals – ausgehend von ihrer Dissertation – ein Projekt mit dem Titel „Meine Geschichte, deine Geschichte“ auf den Weg gebracht. Es ging um die Erfahrungen der Jugendlichen, die gefragt wurden, was ihre Geschichte sei, wie sie die deutsche Geschichte erlebten.
Es geht darum, von Anfang an die Familiengeschichten aller Schüler:innen in ihren Unterschieden anzuerkennen und in den Vordergrund zu rücken. Erfahrungsgemäß kennen viele Jugendliche ihre eigene Familiengeschichte nicht oder nur sehr oberflächlich. Sie wissen, woher ihre Familie kommt, aber selbst wenn man fragt, ob die Familie wirklich aus dem Libanon kommt oder vielleicht doch aus Palästina, wird es schwierig, erst recht, wenn es um die Frage geht, warum Eltern oder Großeltern nach Deutschland gekommen sind. Darüber wissen die meisten Jugendlichen so gut wie nichts.
Das Projekt von Elke Gryglewski gab den Ausschlag. Ich habe erlebt, dass eine palästinensische Schülerin in einem Workshop am Lernort 7xjung von GesichtZeigen, in dem die Jugendlichen zu ihren Familiengeschichten arbeiteten, die sie anschließend ihren Mitschüler:innen vorstellten, zu weinen begann, während sie ihren Mitschüler:innen die Geschichte ihrer Familie erzählte. Auf meine Nachfrage sagte sie, es sei das erste Mal, dass sie darüber spreche, sagte aber auch, es habe sie noch niemand gefragt. Das war eben kein Thema in der Schule. Aber was erwarten wir eigentlich von Jugendlichen, wenn sie in unserem Geschichtsunterricht nur eine rein deutsche Perspektive erfahren? Andere Perspektiven spielen kaum eine Rolle und das in einer Gesellschaft, in der der Anteil von Menschen, die ursprünglich nicht aus Deutschland kommen, sehr hoch ist!
Das betrifft allerdings auch die Schüler:innen mit deutscher Familiengeschichte. Viele können oft nur schwer zwischen der Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Mittelaltergeschichte unterscheiden. Vergangenheit ist eben Vergangenheit.
Norbert Reichel: Das ist meines Erachtens ein gesellschaftliches Problem. Für viele ist schon alles, was vor fünf Jahren geschah, nicht mehr relevant. Ein anderes Beispiel: Viele Menschen in Deutschland können gar nicht mehr ergründen, warum die Europäische Union ein so gewaltiges Friedensprojekt ist.
Sabeth Schmidthals: Und wenn junge Menschen dann noch das Gefühl haben, meine Familie war damals doch gar nicht in Deutschland und hatte auch gar nichts mit Deutschland zu tun, wird es noch schwieriger. So kam es zur Idee, eine Reise nach Israel zu machen, die wir dann mit dem Haus der Wannseekonferenz organisiert haben. Teilgenommen haben zwölf Schüler:innen der zehnten Klasse. In den Gruppen haben wir türkische Schüler:innen, Schüler:innen aus verschiedenen Ländern des Nahen Ostens, auch einige afrikanische Schüler:innen. Ich habe fast ausschließlich muslimische Schüler:innen.

Aus einer Projektwoche, selbst gestaltetes Arbeitsblatt einer Schülerin, Foto: Sabeth Schmidthals.
In dem Jahrgang hatten wir damals eine größere Zahl von Schüler:innen mit einer palästinensischen Familiengeschichte. Diese waren besonders an der Reise interessiert. Einige meinten, dass würden ihnen ihre Eltern nie erlauben. Schließlich nahm nur eine palästinensische Schülerin nicht teil. Erstaunlich war, dass die Eltern begeistert waren. Das war die Chance, dass ihre Kinder das Land kennenlernten, in dem ihre Großeltern gelebt hatten, dem Land, das ihre Großeltern verlassen mussten. Ein Vater wurde nicht von mir, sondern von den anderen Eltern überzeugt, die sagten, er müsse das unbedingt seiner Tochter erlauben.
Norbert Reichel: Waren unter den Eltern welche, die selbst von der Nakba betroffen waren?
Sabeth Schmidthals: Nein, das passt vom Alter her nicht. Das können allenfalls die Großeltern gewesen sein. Es gibt aber einige Familien, die aus dem Libanon kamen, aus den dortigen Flüchtlingslagern.
Ich war mit zwei Gruppen in Israel, mit einer Gruppe 2015, mit einer anderen 2019, danach war es nicht mehr möglich, zunächst wegen der Corona-Pandemie, dann nach dem 7. Oktober aus den bekannten Gründen.
Die Fahrten waren eine Initialzündung. Die Schüler:innen haben Israel als ein sehr offenes und multikulturelles Land erlebt! Wir haben viele Projekte besucht, jüdisch-arabisch-muslimisch-christliche Projekte. Es war den Schüler:innen völlig neu, dass es solche Projekte überhaupt gibt. Sie haben sich das getrennt vorgestellt. Sie waren begeistert, als sie in Jerusalem die arabischen Straßenschilder sahen. Sie haben festgestellt, dass muslimisches Leben in Israel möglich ist. Es war gerade Ramadan und sie konnten das Fastenbrechen genauso feiern wie in Berlin. Wir hatten Gespräche mit Überlebenden der Shoah. Auch das fanden sie faszinierend. Einige haben gesagt, sie wollten sich weiter mit dem Thema beschäftigen.
Zwei aus der Gruppe von 2015 sind nach wie vor dabei, sie sind jetzt 27. Aus jeder Generation bleiben langfristig zwei bis drei dabei, auch jetzt wieder in der Gruppe, mit der ich gerade neu angefangen habe. Darin sind drei 27jährige, zwei Anfang 20jährige, dann eine große Gruppe mit 18-19jährigen. Im letzten Schuljahr sind dann neue Schüler:innen des 9. und 10. Jahrgangs dazugekommen.
Die Jugendlichen werden zu politisch denkenden Menschen
Norbert Reichel: Reisen, Besuche von Gedenkstätten, Gespräche gehören zu Ihrem Programm.
Sabeth Schmidthals: Wir waren beispielsweise mit der aktuellen Gruppe, einer Gruppe von 14-15jährigen – das ist die Gruppe, die gerade in der Veteranenstraße die Stolpersteine verlegt hat –, eine Woche lang in Neuengamme.
Norbert Reichel: Neuengamme ist der Ort, an dem Johann Wilhelm Rukeli Trollmann interniert war, ein Sinto, der als Boxer sehr erfolgreich war, dann aber von den Nazis gedemütigt und ermordet wurde. Man aberkannte ihm seine Titel und er musste sich im Lager von SS-Leuten verprügeln lassen. Einer der SS-Bewacher war der Hamburger Fußballnationalspieler Otto „Tull“ Harder. Roger Repplinger hat diese beiden in der Doppelbiographie „Leg dich Zigeuner“ (München, Piper, 2008) porträtiert.
Sabeth Schmidthals: Diese Geschichte hatte ich jetzt drei Mal in der Gruppe vorgestellt, einmal in Bergen-Belsen, einmal im Zeit-Zentrum in Hannover, jetzt wieder in Neuengamme. Jedes Mal haben sich Jungen diese Biographie ausgesucht, die selbst boxen oder kick-boxen. Das ist faszinierend für sie, wenn sie sehen, da ist etwas, was sie kennen. Der hat dasselbe gemacht, was ich auch gerne mache.
Mir ist es wichtig, dass wir die Reisen möglichst mehrfach wiederholen. Es war während der Corona-Pandemie leider nicht möglich, wieder nach Israel zu fahren. Daher haben wir beispielsweise diese Fahrten nach Bergen-Belsen gemacht. Es ging mir auch darum, die verschiedenen Opfergruppen zu würdigen. Viele wissen kaum etwas darüber, dass Sinti und Roma von den Nazis systematisch verfolgt und ermordet wurden. Es wurden Behinderte verfolgt und ermordet, Zeugen Jehovas, Homosexuelle.
Norbert Reichel: Im Jahr 2017 waren Sie in Polen. Die Schüler:innen haben diese Reise in einer kleinen Broschüre dokumentiert, die auch im Internet verfügbar ist.
Sabeth Schmidthals: Die Strecke, die wir in Polen zurückgelegt haben, orientierte sich an den Deportationswegen der Menschen, die vom Gleis 69 des Güterbahnhofs Moabit deportiert wurden. Wir waren in Lódź, das die Nazis Litzmannstadt nannten, in Warschau, in Treblinka, in Lublin, in Majdanek, in Krakau, allerdings nicht in Auschwitz. Wir waren an den Orten der Ghettos in Lódź und Warschau, in den Konzentrations- und Vernichtungslagern in Majdanek und Treblinka, in Krakau im jüdischen Viertel, dem Hintergrund des Films „Schindlers Liste“.
Auf der Reise kam es zu massiven rassistischen Übergriffen. In einer Stadt haben Leute die Mädchen, die Kopftücher trugen, mit gefüllten Müllbeuteln beworfen. Auf dem Markt in Lublin weigerten sich Verkäufer, Wasser an die Jugendlichen zu verkaufen, sie würden nur an Polen verkaufen. Eine Schülerin wurde aus einem Laden verwiesen, weil sie auf Persisch telefoniert hatte. Sie sollte den Laden verlassen, weil sich die anderen Kunden von ihr bedroht fühlten, eigentlich ein Witz, denn es handelte sich um ein sehr kleines zierliches Mädchen. In Lublin wurde ein Mädchen bespuckt. Es gab damals wegen eines Fußballspiels überall Kameras und Polizei in der Stadt. Die Jungen meiner Gruppe haben sofort die Polizei gebeten einzugreifen, doch die Polizisten taten so, als wenn sie nichts verstünden. Zwei polnische Studenten haben dann übersetzt, mussten aber feststellen, dass die Polizisten nicht eingreifen wollten. Die beiden Studenten haben sich für dieses Verhalten entschuldigt. Es war damals die Hochzeit von PiS.
Norbert Reichel: Und es war die Zeit heftiger Streitigkeiten in der Europäischen Union um die Migrationspolitik. Polen vertrat einen sehr harten Kurs, im Übrigen auch heute noch nach dem Regierungswechsel. Am 11. November 2017 gab es eine antisemitische Demonstration mit über 60.000 Teilnehmern. Haaretz berichtete.
Sabeth Schmidthals: Interessant war, dass dies bei den Jugendlichen einen Politisierungsschub bewirkte. Es wurde in der deutschen Presse berichtet, beispielsweise in der ZEIT und im Tagesspiegel, auch in einer polnischen Online-Zeitung und in der israelischen Zeitung Ha’aretz. Eine Zeitung im Iran berichtete über den Vorfall mit dem persischen Mädchen. Das polnische Fernsehen kam auf unsere Schüler:innen zu und es war verblüffend, mit welchem Selbstbewusstsein die Jugendlichen vor der Kamera standen. Selbst die schüchternsten Jugendlichen wollten darüber sprechen. Toll war, dass wir etwa 200 Solidaritätsschreiben aus Polen bekamen. Es war immer der gleiche Text, die Aktion war wohl von einer Initiative initiiert worden, die dann viele fand, die ihr folgten. Polen ist ein gespaltenes Land. Das haben die Schüler:innen auch erkannt! Die Polizei greift nicht ein, aber viele Menschen erklären sich mit ihnen, den Jugendlichen aus Berlin, solidarisch.
Unsere Jugendlichen sind durch die Beschäftigung mit dem NS-Thema zu politisch denkenden Menschen geworden, sie haben festgestellt, dass sie etwas zu sagen haben, dass sie etwas bewegen und vielleicht auch verändern können.
Norbert Reichel: Auf den Fahrten entstanden Vorschläge der Schüler:innen für weitere Fahrten. Auch das zeigt, wie sehr diese Fahrten junge Menschen bewegen.
Sabeth Schmidthals: Ich bemühe mich auf allen Reisen, dass die Themen von den Jugendlichen ausgewählt und gestaltet werden. Ein Hintergrund war, dass angesichts der vielen Geflüchteten in Berlin die Schüler:innen sich mit dem Thema Flucht befassen wollten. Ich habe daher darüber nachgedacht, wie man das Thema NS-Zeit mit dem Thema Flucht verbinden konnte.

Auf dem Weg durch die Pyrenäen, Foto: Sabeth Schmidthals.
Die erste Fahrt nach Israel ging nach Frankreich. Wegen der angeblichen „Flüchtlingskrise“ wollten die Schüler:innen sich mit dem Thema Flucht beschäftigen, deshalb Frankreich. Wir waren in Paris und sind von dort aus nach Marseille über Port Bou und die Pyrenäen nach Spanien bis nach Barcelona gefahren. Wir konnten auf dieser Route das Thema der in der NS-Zeit nach und über Frankreich geflüchteten Menschen nachverfolgen, aber uns auch mit der Lage der größtenteils afrikanischen Geflüchteten im heutigen Frankreich beschäftigen. Wir haben 2016 Drancy besucht, wo die Deportationszüge nach Deutschland abfuhren, wir haben mit aktuellen Flüchtlingsorganisationen in Frankreich gesprochen. Mit Drancy waren wir auch schon beim Thema des Güterbahnhofs Moabit. Die Gedenkstätte an Gleis 69 in Moabit wurde kurz vor unserer Reise nach Polen im Jahr 2017 eingeweiht.
Was die Schüler:innen in Warschau, Treblika und Majdanek sahen, löste die Frage aus: Hat sich denn niemand gegen die Nazis gewehrt? Auch ihre eigenen Rassismuserfahrungen in Polen machten Widerstand zum Thema. Unsere Reise 2018 nach Italien stand deshalb unter Überschrift „Widerstand“. In Italien hatten wir die Chance, mit ehemaligen Partisanen zu sprechen, unter anderem waren wir im Museo della deportazione. Die damalige Leiterin dieses Museums hatte uns bei unserem Programm unterstützt, sodass wir von dort unterschiedliche Orte besuchen konnten.
Nach dem 7. Oktober
Norbert Reichel: Wir haben bereits mehrfach angedeutet, dass sich nach dem 7. Oktober – die Jahreszahl muss man gar nicht mehr nennen, so wie auch bei 9/11 niemand das Jahr zu nennen braucht – einiges verändert hat. Bei der Vorstellung Ihrer Arbeit im Leo Baeck Institut haben Sie berichtet, dass nach dem 7. Oktober gelegentlich unangenehme Zwischenrufe zu hören sind. Wie gehen Sie damit um?
Sabeth Schmidthals: Es kam bei unserer letzten szenischen Lesung vor, dass Mitschüler:innen die AG gefilmt und ihr Video unter den Schüler:innen herumgeschickt haben, mit der Absicht, unsere Arbeit lächerlich zu machen. Ich habe die Schüler:innen, die gefilmt worden sind und sich darüber beschwerten, zu stärken versucht, indem ich sie gefragt habe, wie sie begründen würden, was sie machten, was sie damit verbinden. Ich war erstaunt, wie selbstbewusst sie mit der Situation umgehen konnten. Ich hatte allerdings nicht realisiert, wie wichtig es für die Schüler:innen ist, nicht gefilmt zu werden. Das muss ich durchsetzen. Die Schüler:innen selbst werden immer selbstbewusster, sie sagen, dass sie immer mehr dazu stehen, was sie tun.
In der Schule mache ich aber auch die Erfahrung, dass es gut ist, die Jugendlichen erst einmal erzählen zu lassen. Ich fand es daher fatal, dass wir von der Senatsbehörde nach dem 7. Oktober die Anordnung erhielten, Kinder und Jugendliche, die eine Kufiya tragen, sofort nach Hause schicken sollten.
Norbert Reichel: Ich sage das hier auch als ehemaliger Beamter einer westdeutschen Schulbehörde: Dümmer geht es nicht. Man macht die Schüler:innen, die mit welcher Einstellung auch immer, eine Kufiya tragen, zu Opfern, die hinterher eine Komplizenschaft der deutschen Behörden mit der israelischen Regierung, verkürzt gesagt: mit Israel, anprangern werden. Da wird nicht mehr differenziert. Absolut kontraproduktiv.
Sabeth Schmidthals: Es ist eine Bankrotterklärung. Vor Kurzem wollte ich mit der AG Erinnern die Gedenkstätte Deutscher Widerstand besuchen, um dort über das Stolpersteinprojekt zu sprechen. Wir wollten gemeinsam von der Schule losgehen. Eine Schülerin rief mich an, sie könne nicht kommen, sie sei nach Hause geschickt worden, weil sie einen Pullover getragen habe, auf dem die Umrisse Israels und darüber das Wort „Palästina“ zu sehen waren. Ich sagte ihr, sie solle dennoch kommen. Wir trafen uns vor der Schule, weil sie an dem Tag die Schule nicht mehr betreten durfte Unsere Schule ist etwa zehn Minuten von der U-Bahn entfernt. Auf diesem Weg zwischen Schultor und U-Bahn haben wir miteinander darüber gesprochen, was vorgefallen war. Sie fragte, warum sie das nicht machen dürfe, man dürfe doch auch über den Krieg in der Ukraine sprechen. Ich fragte sie, wie sie es fände, wenn sie einen Pullover sähe, auf dem das Wort „Israel“ stünde. Sie sagte, das fände sie nicht gut. Ich sagte ihr, so fänden Juden das nicht gut, was auf ihrem Pullover stehe. Sie fragte, was ist denn, wenn ich beide Wörter auf dem Pullover hätte, dürfte ich dann auch nicht mehr damit in die Schule? Das wäre in der Tat spannend zu erfahren, was dann geschieht. Es war so einfach. Innerhalb von zehn Minuten hat sich die Sache ein Stück weit aufgelöst und vorwärtsgebracht. Das erreichen sie doch nicht, wenn sie ein:e Schüler:in einfach nur nach Hause schicken. Ohne Diskussion.
Es gibt letztlich eine große Angst, über das Thema zu reden. Natürlich muss man bestimmte Dinge richtigstellen oder eine andere Position dagegenstellen. Ich sage immer, dass ich keine der beiden Positionen ausschließlich teile, dass ich aber einhundertprozentig hinter dem Existenzrecht Israels stehe, aber wenn jemand „Free Palestine“ sagt, bedeutet das nicht unbedingt eine Leugnung dieses Existenzrechts, sondern auch, dass Palästinenser dort in Frieden leben können sollen. Mit dieser Argumentation kommen die Schüler:innen klar.
Norbert Reichel: Ich erinnere mich an eine Diskussion, in der eine junge Frau ein T-Shirt mit „Free Palestine“ trug. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie für eine Zwei-Staaten-Lösung eintrat, genau das, was die Bundesregierung schon immer vertritt. Das tun sicherlich nicht alle, die ein solches T-Shirt tragen, aber das bekommen wir nicht heraus, wenn wir nicht miteinander sprechen. Abgesehen davon gibt es in Israel immer wieder große Demonstrationen und großen Widerstand gegen die Praxis und die Vorhaben von Netanjahu und seiner Regierung.
Sabeth Schmidthals: Wenn wir uns die Größe der Demonstrationen gegen Netanjahu in Israel ansehen, müssen wir schon sagen, das soll mal ein Land hinbekommen.
Norbert Reichel: Es wäre in der Dimension etwa so, als wenn jede Woche etwa zehn Millionen Deutsche vor dem Brandenburger Tor demonstrierten. In Israel demonstrierten die Menschen für den freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat, den Netanjahu einschränken will, für ein Ende des Krieges.
Sabeth Schmidthals: Ich glaube, mit allen Jugendlichen können wir, müssen wir reden. Die Arbeit ist aber schwieriger geworden, weil es für die Jugendlichen schwieriger geworden ist, Position zu beziehen, für sich zu sagen, das bin ich, das will ich, das bin oder das bin und will ich nicht.
Norbert Reichel: Sind die Auseinandersetzungen aggressiver geworden?
Sabeth Schmidthals: Das Wort „aggressiver“ würde ich für das erste halbe Jahr nach dem 7. Oktober benutzen. Vielleicht ist es auch etwas Positives, dass sich die Jugendlichen klarer für etwas entscheiden. Früher war es vielleicht cool, wenn ein Sechszehnjähriger sagte, ich möchte gerne nach Israel, nach Italien. Um dahin zu kommen beschäftige ich mich auch mit der NS-Zeit. Vereinfacht gesprochen. Jetzt wollen sie sich ausdrücklich mit der NS-Zeit beschäftigen. Natürlich ist die damit verbundene Reise ein Lockvogel, aber sie entscheiden sich bewusst für das Thema. Doch diese Entscheidung ist schwerer geworden. Die Hochzeit war die Italienreise. Da gehörte es fast schon zum „guten Ton“ in der Schule, in der AG Erinnern mitzuarbeiten. Damals musste ich Teilnahmewünsche ablehnen. Davon bin ich heute weit entfernt. Die Nachfrage ist geringer geworden.
Norbert Reichel: Aber diejenigen, die sich beteiligen, tun dies umso überzeugter. Auch ein Ergebnis. Nicht zuletzt auch, weil sie fast ausschließlich muslimische Schüler:innen haben, die es ohnehin schwer haben, weil sie in den aktuellen deutschen Debatten unter Generalverdacht stehen.
Sabeth Schmidthals: Daher ist es auch so wichtig, das Thema Kolonialismus einzubeziehen. Im Jahr 2020 wurde ich mit der AG Erinnern von der Obermayer Stiftung ausgezeichnet. Seitdem kommen immer wieder amerikanische Gruppen zu uns. Ein amerikanischer Professor, Spezialist für Black History, war so begeistert, dass er uns einlud, in die USA nach Oklahoma zu kommen, um sich mit der US-Geschichte zu befassen. Wir waren 2023 in Oklahoma, 2025 dann in New Orleans. Einige der Schüler:innen in der Schule empfinden, dass dieses Thema ihnen doch näher ist als jüdische Geschichte, vor allem afrikanische Schüler:innen. Eine sagte, sie hätte erst in die USA reisen müssen, um sich mit diesem Thema zu befassen.
Norbert Reichel: Hatten Sie auf der Reise im Jahr 2025 Probleme mit ICE?
Sabeth Schmidthals: Ich war schon ziemlich nervös vor der Reise. Aber wir hatten mit ICE zum Glück keine Probleme. Allerdings wurde ein Schüler aus der Gruppe herausgenommen und längere Zeit befragt, durfte aber dann doch einreisen. Es ist letztlich alles gut gegangen. Wir versuchen jetzt eine Reise nach Namibia zu organisieren, um die afrikanische Perspektive einzubeziehen. Am 6. Juni 2026 haben wir den Film über unsere Reise nach New Orleans vorgestellt.
Wir haben in Oklahoma in Tulsa erfahren, wie das Schwarzen-Viertel im Jahr 1921 bombardiert worden ist. Meine Schüler:innen merkten sofort, dass ihnen das doch bekannt vorkam. Wir waren auch im Oklahoma Bombing Museum, das an den Mordanschlag von Timothy McVeigh am 19. April 1995 erinnert, bei dem 168 Menschen starben, darunter 19 Kinder aus dem im Gebäude befindlichen Kindergarten. Wir haben darüber gesprochen, wo Parallelen zur NS-Zeit sind, welche Unterschiede es gibt, wo es Kontinuitäten gibt, auch was der Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus ist. Wir waren in der Ihnestraße in der FU Berlin, dem Ort des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts, an dem diese pseudo-wissenschaftlichen rassistischen Forschungen von der Kaiserzeit bis in die NS-Zeit durchgeführt worden sind.
Es geht nicht um Gleichsetzung. Das liegt mir fern. Ich möchte kein Thema ausklammern. Sonst würde ich mich gegenüber den Jugendlichen unglaubwürdig machen. So wie ich über Palästina rede, rede ich auch über Kolonialismus. Natürlich kann man Kontinuitäten in den Ideologien, in den Schicksalen von Personen, in dem Handeln von Institutionen feststellen. Daran arbeiten wir zurzeit.
Norbert Reichel: Das ist der Kern Ihres Projekts: „Meine Geschichte, deine Geschichte, unsere Geschichte.“ Darf ich fragen, welches Fazit Sie formulieren würden?
Sabeth Schmidthals (zögert etwas mit der Antwort): Ich habe gelernt, dass in dem Moment, in dem man die Jugendlichen heute und mit ihrer Familiengeschichte in den Mittelpunkt stellt, das Thema NS-Zeit ein großes Interesse hervorruft, für die Zeit selbst, für die Zusammenhänge, und auch politisches Bewusstsein schaffen kann, denn sie erkennen, dass das, worüber wir sprechen, nicht nur Geschichte und vergangen ist, sondern eine Bedeutung für die Gegenwart, für ihr Leben heute hat.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 30. August 2026. Titelbild: Szenische Lesung der AG Erinnern, Foto: Sabeth Schmidthals.)


