Memesis

Oder wie leicht es ist, nicht nur fiktive Gemeinschaften zu schaffen

„Indem solche memes nämlich die Grenzen des guten Geschmacks und der sogenannten ‚political correctness‘ verletzen, scheiden sie die – amüsiert lächelnden – Eingeweihten von den – sich irritiert und verstört abwendenden – normies (…). (Sie) formulieren (…) ein Identifikationsangebot, das allein auf der Verletzung, der Verstörung, der Befremdung der ›anderen‹ beruht, also auf einer trennscharfen Scheidung von einer ‚out-group‘, mit der keine Verständigung möglich oder überhaupt wünschenswert ist.“ (Joanna Nowotny / Julian Reidy, Memes – Formen und Folgen eines Internetphänomens, Bielefeld, transcript, 2022)

Joanna Nowotny und Julian Reidy – Germanist:innen und Kulturwissenschaftler:innen – haben im Jahr 2022 im Bielefelder transcript-Verlag das Buch „Memes – Formen und Folgen eines Internetphänomens“ veröffentlicht. Das Buch liegt inzwischen auch in einer signifikant erweiterten und aktualisierten englischen Fassung vor: „The Meme as the Message“. Der englische Titel verweist eindeutiger als der deutsche auf die berühmte Aussage von Marshall McLuhan: „The medium is the message“. Man könnte auch Karl Marx zitieren, der darüber nachdachte, wie das „gesellschaftliche Sein“ das „Bewusstsein bestimmt“ (in: „Zur Kritik der politischen Ökonomie“; MEW 13), doch was bedeutet dies im Zeitalter einer „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder, Suhrkamp, 2016)? Was ist „gesellschaftliches Sein“, was „Bewusstsein“ und mit welchen Sprach- und Bildmustern beeinflussen sich die beiden Faktoren gegenseitig? Welche Botschaft(en) vermittelt das Internet? Offensichtlich ist es nicht nur ein Tool, sondern prägt nachhaltig unser Denken und Handeln.

Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Das Buch ist per open access verfügbar.

Joanna Nowotny und Julian Reidy befassen sich mit diesen Fragen in sieben Kapiteln, die neben der Einleitung und dem Fazit zentrale Begriffe und Phänomene der Meme-Kultur analysieren und kommentieren: Referentialität, Humor, Politik, Mainstream und Kanonisierung. Sie fragen beispielsweise danach, wie sich Memes kanonisieren, wer davon profitiert, welche Bewegungen und Gegenbewegung das eine oder andere Meme herausheben und was Kriegsverbrecher und Nobelpreisträger gemeinsam haben. Ein zentraler Begriff im Buch ist die „Memesis“. In diesem Begriff verbinden die beiden Autor:innen die Begriffe der „Mimesis“, des „Memes“ und der „Nemesis“ und verweisen damit auf den Doppelcharakter eines „Memes“, das Abbild und Gegenbild zugleich ist. Die entscheidende Frage lautet jedoch, wem es gelingt, „Memes“ als Abbilder einer Wirklichkeit zu platzieren, die von einer Mehrheit in der Gesellschaft als selbstverständlich und wünschenswert angesehen wird. Mit ihrem Buch leisten die beiden Autor:innen einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis der „Kultur der Digitalität“ und zur Kommunikation in Politik und Gesellschaft.

Ein Gemeinschaft stiftendes Phänomen

Norbert Reichel: Mit „Meme“ wird in der Regel etwas bezeichnet, das in unserer Kommunikation die Wirklichkeit für eine bestimmte Gruppe erkennbar abbildet. Woher kommt der Begriff, was meint er genau?

Joanna Nowotny: Der Begriff „Meme“ stammt aus dem vordigitalen Zeitalter. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins prägte den Begriff in „The Selfish Gene“ (1976, deutsche Fassung: „Das egoistische Gen“) als soziokulturelles Analogon zum Gen. Gemeint sind kulturelle Informationseinheiten wie Kinderreime oder Tänze, die sich durch Kommunikation verbreiten, verändern und auf Nachahmung beruhen. Dawkins leitete das Wort „Meme“ vom griechischen „Mimesis“ ab. Der Begriff der „Mimesis“ bezeichnet seit Aristoteles die schöpferische Nachahmung der Wirklichkeit in der Kunst.

Mit dem Siegeszug des Internets entstand eine neue mediale Form, die früh mit Dawkins’ Begriff beschrieben wurde und zugleich darüber hinausgeht. Memes sind zumeist multimediale Informationseinheiten, die gemeinschaftlich weitergegeben und transformiert werden. Sie bestehen in der Regel aus einem stabilen Template und variablen Elementen und passen sich fortlaufend technischen Bedingungen an – von textbasierten Formaten über Bilder, Gifs und Videos bis hin zu KI-generierten Inhalten.

Das Moment der Veränderung ist entscheidend für Memes: Aus der Mimesis wird in der Digitalkultur mit ihren Möglichkeiten zu einer niedrigschwelligen Partizipation eine von weiten Kreisen praktizierte Memesis, die mit viraler Geschwindigkeit neue, möglichst originelle kulturelle Formen hervorbringt, die zugleich Abbild und Gegenbild sind. Techniken der Memesis sind etwa ironische Zitation, parodistische Unterwanderung oder Übersteigerung – sozusagen ‚rhetorische‘ Verfahren, die es natürlich schon lange vor dem digitalen Zeitalter gab und die es noch immer auch jenseits des Digitalen gibt, die aber im Digitalen von einer ungleich breiteren Bevölkerungsschicht in einem nie dagewesenen Tempo angewendet werden. Überhaupt ist das Digitale ja dadurch charakterisiert, dass viel mehr Menschen als je vorher kulturelle Einheiten produzieren und gehört, oder gesehen oder gelesen werden können, und zwar weltweit.

Pepe war ursprünglich kein rechtsextremes Meme. Er wurde in Hong Kong von der Demokratiebewegung eingesetzt. Foto: Alex Ho. Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

Typischerweise werden einzelne Memes zwar durch Individuen produziert, aber ein ganzes Meme-Cluster beziehungsweise die Gesamtheit eines Memes und seiner Varianten hat eine kollektive Autor:innenschaft – und natürlich ist ein Meme erst ein Meme, wenn viele Menschen es variieren, wenn es also zu einem kollektiven Bedeutungsträger wird. Manchmal kann aus einem Accountnamen auf ein Individuum in der offline-Welt geschlossen werden, sodass bekannt ist, wer ein Meme oder zumindest eine memetische Figur ‚erfunden‘ hat. Das ist etwa der Fall beim berühmten grünen Comicfrosch Pepe, der durch den Comickünstler Matt Furie geschaffen wurde. Oft ist die Autorschaft einzelner Memes aber insofern anonym, als ein Account nicht direkt mit einer eruierbaren Person verbunden ist. Obwohl ‚gelungene‘ Memes durchaus mit Verfahren arbeiten, die etwa auch im Bereich der Kunst existieren – Originalität, Pointiertheit etc. –, lassen sich einzelne ‚Meme Creators‘ somit kaum in ein Paradigma einschreiben, das ‚begabte Individuen‘ besonders wertschätzt.

Norbert Reichel: Zu einem Meme gehören Wiedererkennung und Wiedererkennbarkeit, die Bestätigung, dass man zu einer bestimmten Community gehört, die die Bedeutung eines Memes wiedererkennt, auch in Abgrenzung zu anderen, zum Beispiel religiösen Symbolen wie Kreuz, Magen David, Kopftuch, Flaggen, Key-Words, Abzählreime, Schlaflieder, Trojanisches Pferd, Autobahn und Fahrradweg. Ein Meme ist Teil einer Großerzählung. Eine Community, die sich über Memes definiert, wendet psychologische Strategien an, pflegt Kanonisierung, und Subkulturen, oft mit Geheimcodes, die nur intern eine Rolle spielen. Beispiele sind diskriminierende, rassistische oder sexistische Botschaften über antisemitische Tarnwörter wie „Globalisten“, „Ostküstenkapital“, despektierliche Karikaturen, Figuren aus Comics, oder auch Parolen wie „Wir sind das Volk“, „Wir sind Papst“, „Make America Great Again“, oder „Deus vult“, ein Tattoo, mit dem der US-amerikanische „Kriegsminister“ Pete Hegseth sich in die Tradition der Kreuzzüge des Mittelalters stellt. Auch „Allahu Akbar“, Schlachtruf der Terroristen der Hamas am 7. Oktober, gehört in diese Reihe. Welche Wirkungsabsichten verfolgen Memes und was bewirken sie?

Joanna Nowotny: Memes können ganz unterschiedliche Wirkungsabsichten verfolgen und verschiedene Reaktionen hervorbringen – vom Lachen und der kurzweiligen Unterhaltung über das Vermitteln einer Information oder das Kreieren eines Gemeinschaftsgefühls bis hin zum Aufruf, eine Handlung in der ‚offline-Welt‘ zu vollziehen, möglicherweise bis hin zum Mord.

Memes kreieren in den endlosen Feeds der Plattformen aus verschiedenen Gründen Aufmerksamkeit: Sie enthalten meistens visuelle Elemente beziehungsweise Bilder, sie sind sehr verkürzt und pointenorientiert, sie fordern zur Produktion eigener Meme-Varianten auf etc. Sie funktionieren über Wiedererkennung und Abweichung. Wenn ich ein Meme in meinem Feed sehe, erkenne ich zum Beispiel sofort das Template oder einzelne Elemente und Anspielungen, bin aber herausgefordert, das ganze Meme zu ‚entschlüsseln‘ und im richtigen Kontext zu verorten, damit die Wirkungsabsicht des Memes erreicht wird: Beispielsweise ein Lachen oder die Zustimmung zur Vermittlung eines bestimmten Wissensbestands, der sich durchaus auch als Geheimwissen inszenieren mag.

Solches ‚Entschlüsseln‘ des Memes basiert in der Regel auf geteilten Wissenshorizonten und einem gemeinsamen Wertehorizont. Memes sind besonders starke referentielle kulturelle Einheiten. Sehr viele Memes arbeiten mit Schichten um Schichten von Anspielungen auf Popkultur, auf andere Memes, auf politische, kulturelle und sogar religiöse Kontexte etc. Damit sind sie für ‚Aussenstehende‘ oft kaum zu verstehen. Sie eignen sich daher besonders gut für das Schaffen oder Verstärken von Gemeinschaften, die sich eindeutig von anderen Gemeinschaften abgrenzen. Wer ein solches Meme verwendet, gibt Gleichgesinnten zu verstehen, dass er oder sie dazugehört. Ein Meme schafft Gemeinschaft und zugleich Ausgrenzung.

Fangemeinschaften

Norbert Reichel: Ich denke an Fangemeinschaften im Sport oder in der Pop-Musik, von Ultras im Sport bis hin zu Teilnehmenden eines Cosplay-Events. Lassen sich Meme-Kulturen auch damit in Verbindung setzen?

Joanna Nowotny: Meme-Kultur war ursprünglich stark mit digitalen Fandom-Kulturen verschränkt, sei es im Bereich von Games, Comics oder Fernsehsendungen. Jede Online-Subkultur prägte auch ihr eigenes Meme-Vokabular aus. Ob man die entsprechenden Memes versteht oder nicht, ist auch ein Statement über Zugehörigkeit. Mittlerweile agieren große Teile der Gesellschaft (auch) digital, was bedeutet, dass sämtliche politischen und weltanschaulichen Gruppierungen in Teilen auch mit Memes operieren. In den letzten Jahren hat der digital operierende Rechtsextremismus beziehungsweise die extreme Rechte weltweit viel Aufmerksamkeit erhalten: Von der ersten Trump-Wahl 2016 bis zur gegenwärtigen AfD operieren rechte Akteure gerne und gekonnt mit Memes. Typischerweise wird in diesem Umfeld durchaus bewusst eine Spannung erzeugt zwischen dem, was für breite Schichten verständlich ist, und einer ‚geheimen‘, ideologisch extremen Bedeutung.

Die Umkodierung des schon erwähnten grünen Comicfroschs Pepe the Frog zum rechten Hasssymbol war das erste Lehrstück in dieser Hinsicht und auch die erste ‚Aktion‘, egal wie strategisch oder chaotisch sie im Endeffekt war, die massenmedial breite Aufmerksamkeit erhalten hat. Die Berichterstattung über solch hassschürende Memes und digitale Kampagnen hat freilich immer ein Janusgesicht. Die Forscherin Whitney Phillips spricht von „the oxygen of amplification“, um auszudrücken, dass etwa jeder Artikel in einem Massenmedium über dadaistisch-hasserfüllte digitale Aktionen für deren Urheber:innen de facto ein Sieg ist. Tatsächlich ist zu beobachten, dass sich das ‚Overton Window‘, also das Feld dessen, was in der Öffentlichkeit verhandelt wird und als akzeptabel gilt, in den letzten Jahren deutlich verschoben hat. Das hängt sicher nicht zuletzt mit den öffentlichkeitswirksamen digitalen Kampagnen extrem rechter Akteure zusammen.

Norbert Reichel: Das funktioniert offenbar wie eine Hundepfeife. Schon kommen auf diesen Pfiff dressierte oder anders gesagt gut erzogene Hunde gelaufen. Wer ein bestimmtes Meme sieht, reagiert fast schon in einer Art Pawlow’schem Reflex.

Joanna Nowotny: Für die digitale Agitation der extremen Rechten und die Fragen nach Gemeinschaften überhaupt ist das Konzept von „Dogwhistles“ relevant – gemeint sind Sprechakte mit einer offensichtlichen und einer versteckten Bedeutung, die nur wenige Eingeweihte erkennen. Darunter fallen etwa verschiedene Slogans der extremen Rechten (TND, Totally Nice Day – beziehungsweise Total N* Death, bestimmte Zahlenkombinationen wie 14, 18 oder 88) oder bestimmte Emojis und Symbole, etwa das Fruchtsaftemoji, das aufgrund der Homophonie von „Juice“ mit „Jews“ als Codewort für jüdisch gelesene Menschen verwendet wird und etwa unter Posts von (vermeintlichen) Juden und Jüdinnen platziert wird. Auch eine solche Logik ist ‚memetisch‘ – sie operiert mit Wiederholung und Variation und schafft Gemeinschaften, und zwar hier auf äußerst exkludierende Weise.

„Verkehrungen ins Gegenteil“

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Norbert Reichel: Auf diese Art und Weise lassen sich Gerüchte verbreiten, Kontexte schaffen, Öffentlichkeiten lenken. Oft wird an gängige Bilder und Sprachmuster, die dann im Sinne des Buches von Sylvia Sasse ins Gegenteil verkehrt werden. Diese doppelte Bedeutung finden wir auch schon bei Pepe der Frosch oder im Marvel-Universum bei Captain America, wie ihr in eurem Buch zeigt. Das funktioniert mit Zitaten wie beispielsweise dem legendären Faustschlag Captain Americas gegen Hitler. In eurem Buch nennt ihr eine Menge solcher Beispiele. Memes werden ironisierend und dekonstruierend verwendet.

Joanna Nowotny: Memes haben als kulturelle Einheiten immer das Potenzial, vorhandene kulturelle Bedeutungen nicht nur zu zitieren, sondern sie zu verschieben und zu subvertieren. Sie sind im vollen Umfang des Wortes subversiv. Die zwei Pole der Meme-Produktion sind ja immer die Zitation und die Referenz auf der einen Seite mit dem Ziel der Wiedererkennung, der Stiftung von Gemeinschaften über geteilte Wissenshorizonte und auf der anderen Seite die Transformation, die Verwandlung einer Vorlage in etwas Neues, Originelles.

Diese Feststellung ist zunächst einmal quasi politisch neutral. Memes können prinzipiell in den Dienst jeder denkbaren Ideologie gestellt werden. Die 2010er Jahre waren im Rückblick eine Ära, in der im Bereich der ‚sozialen Gerechtigkeit‘ und der Sichtbarkeit von Minderheiten große Fortschritte erzielt wurden. Verschiedene ‚progressive‘ oder zumindest machtkritische Memes und Meme-Kulturen waren im Mainstream durchaus präsent. Populär und in vielen Kreisen akzeptiert wurde die Regenbogenfahne. ‚Progressive‘ Memes prägten die Digitalkultur, etwa die Plattform Tumblr, die zuhauf Memes produzierte, die durchaus einem intersektionalen Feminismus entsprachen. Ohnehin ist die ‚frühe‘ Meme-Kultur und Digitalkultur überhaupt seit etwa den 2000er Jahren auch durch große Hoffnungen geprägt: Da das Digitale ungleich mehr Menschen eine kulturelle Partizipation ermöglichte, ging man davon aus, dass eben gerade auch die Stimmen von Minderheiten endlich gehört würden und die Gesellschaften damit allgemein ‚gerechter‘ und gleicher würden. Die frühe Studie der Kommunikationswissenschaftlerin Limor Shifman über Memes – die deutsche Ausgabe erschien 2014 bei Suhrkamp – atmet diesen optimistischen Geist der Nullerjahre. Gerne analysierte Beispiele waren etwa der sogenannte arabische Frühling, Proteste, die oft digital organisiert wurden und in Teilen auch mit Memes arbeiteten. Im Fokus war in den USA auch Occupy Wallstreet oder in Frankreich die Gelbwesten-Bewegung.

Heute hat sich das Blatt allerdings gewendet und eine ganz andere Art der Analyse ist dominant geworden. In den Worten des Politologen Sebastian Stier: So wie Shifman eine Exponentin der sogenannten ‚Mobilisierungsthese‘ ist, der These, dass eine digitale Öffentlichkeit im Endeffekt demokratiefördernd sei, hängen viele Kommentator:innen heute der ‚antidemokratischen Hypothese‘ an, die besagt, dass die Verlagerung des Öffentlichen ins Digitale genau umgekehrt wirkt, demokratiehemmend, sogar demokratiezerstörend, etwa, weil die Plattformen, über deren Algorithmen sie verbreitet werden, keiner demokratischer Kontrolle unterliegen, weil sie gesellschaftliche Polarisierung vorantreiben und nicht zuletzt weil gerade auch extreme Gruppierungen im Digitalen sehr erfolgreich agieren und neue Anhänger:innen rekrutieren können.

Der Fall Pepe

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Norbert Reichel: Die Pepe-Geschichte ist ein Musterbeispiel für diese Wende. Simon Strick zeigt Pepe in seinem Buch „Rechte Gefühle – Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“ (Bielefeld, transcript, 2021) auf dem Titelbild. Das Bild zeigt eine Frau, die man heute vielleicht der Bewegung der Tradwives zuordnen könnte, die sich an den starken, mit Orden behangenen Frosch schmiegt, der offensichtlich hier als ausgesprochen erfolgreicher Militär präsentiert wird. Auf diesem Bild wirkt der Frosch zu allem Überfluss auch noch wie der Prinz aus dem bekannten Märchen, „in dem das Wünschen noch geholfen hat“. Kannst du mehr über die Bedeutung von Pepe in der Meme-Kultur erzählen? Ist diese Figur beispielhaft für ‚extreme‘ Memes?

Joanna Nowotny: Ich erzähle gerne ein bisschen ausführlicher, wie sich die Pepe-Geschichte entwickelt hat. Ursprünglich war das ein harmloses Webcomic-Meme mit einem grünen Frosch, der als typischer ‚Slacker‘ und Verlierer dargestellt wurde. Doch dann eigneten sich rechte Online-Milieus die Figur Pepe schrittweise an und luden sie politisch auf. Anhänger von Donald Trump assoziierten den damaligen Präsidentschaftskandidaten etwa ab 2015 mit der Figur; Pepe-Memes wurden von Trump selbst und später von Regierungsaccounts weiterverbreitet. Das Kampagnenteam von Hillary Clinton, der damaligen Gegenbewerberin, sah sich bemüßigt, einen ‚Explainer‘ zu Pepe zu publizieren, der diesen als Hasssymbol bezeichnete. Die Varianten wurden in der Tat immer extremer, von Ku-Klux-Clan Pepes zu Nazi-Pepes.

Durch massenhafte Verbreitung und besonders toxische Varianten wie Nazi-Pepe und die resultierende mediale Aufmerksamkeit wurde Pepe zu einem weithin bekannten Hasssymbol, über das vielfach in den Medien berichtet wurde. Solche Berichterstattung über ein gerade ‚aktives‘ Meme bleibt dabei aber immer ambivalent. Um es noch einmal zu sagen: Whitney Phillips spricht von „the oxygen of amplification“, um zu illustrieren, dass sämtliche massenmediale Berichterstattung über menschenverachtende digitale Kampagnen der extremen Rechten für diese einen Gewinn darstellt. Sie ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur medialen Dominanz und Normalisierung menschenverachtender Positionen, die extrem rechte Akteure betreiben.

Der Fall Pepe hat eines ganz deutlich gezeigt: Motiviert waren die Kodierung und die Verbreitung von extremen Varianten offensichtlich auch durch eine diebische Freude am Schock und dem Unverständnis der breiten Öffentlichkeit. Die Verwendung von extremen Pepe-Varianten ist damit auch vergleichbar mit einer Praxis, die das Digitale schon lange strukturiert: das Trolling, eine rhetorische Praxis, die vor allem auf Provokation und ‚Übertölpelung‘ von ‚anderen‘ zielt, eben etwa von Menschen, die nicht der eigenen digitalen Subkultur angehören.

Norbert Reichel: Pepe als Troll?

Joanna Nowotny: Dieses ‚Trolling‘ einer breiten Öffentlichkeit ist mittlerweile zur dominanten Strategie extrem rechter Akteure geworden, was sich gerade dann erweist, wenn sie an der Macht sind, wie in den USA zur Zeit der zweiten Präsidentschaft Trumps. Regierungsaccounts produzieren zuhauf hassschürende, schockierende Memes, verwenden Deportationen als Sujet für geschmacklose Witze, generieren mittels KI eine Zukunft, in der ihrer Macht keine Grenzen mehr gesetzt sind, und so weiter, und so fort.

Die Beiträge überfluten das Netz mithilfe der Algorithmen der Plattformen, sei es, weil eine Plattform wie X mit Musk einen Besitzer hat, der dieselbe Ideologie verfolgt, oder sei es, weil die aufmerksamkeitsökonomische Logik der Plattformen ohnehin Beiträge ‚belohnt‘ und weiterverbreitet, die möglichst viele und starke Reaktionen hervorrufen, egal, ob diese Reaktionen zustimmend oder ablehnend sind. Es handelt sich hier um eine zentrale digitale Strategie der extremen Rechten: die Überflutung, die Gegner:innen hilflos und überfordert zurücklässt oder zumindest zurücklassen soll. Steve Bannon, der einen Podcast und Video-Stream namens „War Room“ betreibt, brachte es schon in den 2010er Jahren auf den Punkt: „Flood the zone with shit“.

Memetische Logik

Norbert Reichel: Ihr schreibt in eurem Buch: „Gerade in nominell demokratischen, aber de facto zumindest partiell ‚postdemokratischen‘ Gemeinwesen können memes, wie das Beispiel Pepe zeigt, auch eine Form un- oder antidemokratischer Subversion sein. (…) ‚Mehr Information‘ bedeutet nicht automatisch ‚mehr Verständigung‘, ‚mehr Konsens‘ oder ‚mehr Partizipation‘, sondern kann Überdruss und Überforderung erzeugen, lähmende Resignation begünstigen – und schlimmstenfalls die Maschinerien von Ausgrenzung und Diskriminierung ölen, sie umso effizienter arbeiten lassen.“ Es ist eine alte traurige Wahrheit politischer Kommunikation: Das Dementi verstärkt das Dementierte, abgesehen davon, dass zwischen einer unwahren Behauptung und dem Dementi immer einige Zeit vergeht, in der sich das zu Dementierende schon weit verbreitet hat. Wenn Journalist:innen kritisch berichten oder kommentieren, werden sie dann schnell als „Lügenpresse“ diffamiert. Es klingt ein wenig nach dem alten logischen Paradox von dem Kreter, der sagt, dass alle Kreter lügen, oder der Frage danach, wer einen Barbier rasiert, der nun einmal qua Definition alle rasiert, die sich nicht selbst rasieren.

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Joanna Nowotny: Auch hier ist wieder eine memetische Logik im Spiel, die ewige Variation der immer gleichen memetischen und kulturellen Templates, die Gegner:innen abstoßen, Unterstützer:innen aber ansprechen. Der Medientheoretiker und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich beschreibt diese Entwicklung in seinem im Frühling 2026 bei Wagenbach erschienenen Buch als „Memokratie“. Memokratie ist bei Ullrich eine politische Öffentlichkeit, in der demokratische Auseinandersetzungen zunehmend von der affektgeladenen Logik digitaler Plattformen geprägt werden. Wenn heutzutage selbst ein von Trump propagandistisch als „Alligator Alcatraz“ vermarktetes Internierungslager in Florida zum Ausgangspunkt zahlloser ‚lustiger‘ Memes wird, verschwimmen die Grenzen zwischen politischer Gewalt und digitaler Unterhaltung, und die extreme Rechte hat eine Art ‚lustigen’ Mitmach-Faschismus erschaffen, der Leute zur Meme-Produktion animiert.

Natürlich kann und soll man nun fragen, ob eine pessimistische Deutung der gegenwärtigen Entwicklungen im Sinne der ‚antidemokratischen Hypothese’ (Sebastian Stier) einfach wieder ein weiterer Debattenzyklus ist, nicht mehr ein bloß ‚modischer’ Blick auf die Digitalkultur, der optimistischeren Sichtweisen weichen wird.

Prinzipiell bin ich durchaus der Meinung, dass optimistischere Deutungen auch wieder Aufwind erhalten werden, aber eines muss deutlich gesagt werden: Die sozialen Plattformen, die das Internet in den letzten Jahren beispiellos dominiert haben, operieren nach Prinzipien, die im Großen und Ganzen schwer mit einer produktiven, debattenfreudigen Öffentlichkeit zu vereinen sind. Ihnen unterlegt sind algorithmische Strukturen, die absolut intransparent für die Nutzenden sowie für die Forschenden sind. Sie sind deutlich darauf ausgelegt, das sogenannte ‚Engagement’ in die Höhe zu treiben, sogar suchtähnliche Symptome hervorzurufen, auch zum Preis von Spaltung, Provokation und Hass. Wir alle werden permanent mit digitalen Inhalten konfrontiert, die algorithmisch für uns ausgewählt werden, und haben weder über die Auswahlkriterien Kontrolle noch über die Daten, die wir durch unsere digitalen Aktivitäten selbst den Firmen zur Verfügung stellen. Solche Umgebungen operieren profitorientiert und nicht als idealisierte ‚Agora’, als Schauplatz transparenter öffentlicher Debatte. Als Gesellschaft müssen wir damit nicht nur über einzelne (toxische oder subversive) digitale Artefakte debattieren und uns wundern, warum bestimmte Akteure digital so erfolgreich agieren.

Joanna Nowotny. Foto: privat.

Wir müssen uns ernsthaft fragen, wie das Digitale überhaupt strukturiert sein sollte, um gesellschaftlich produktiv zu wirken, und uns mit den Prinzipien und technischen Voraussetzungen der Digitalplattformen beschäftigen, die das digitale Leben bis an seinen Kern prägen. Dazu gehören rege gesellschaftliche Debatten ebenso wie ein Bewusstsein dafür, dass Digitalkultur anders aussehen kann – und auch schon mal anders aussah. Und zuletzt werden diese Fragen auch politisch beantwortet werden müssen.

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. Oktober 2026. Titelbild: Pepe the Frog, Foto: Studio Incendo, Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution 2.0 Generic license)

Joanna Nowotny im Demokratischen Salon:

  • Super Helden! Joanna Nowotny über Comicheld:innen in Comic Books und Film – Teil 1, November 2024.