Projekt Beschreibung

Schwarze Geschichte, Schwarze Politik

Wie Klassismus, Rassismus und Sexismus ineinandergreifen

„Nach einem altehrwürdigen Prinzip, vorgetragen durch Marx, Lenin, Fanon und zahlreiche andere Denkende, stellt der Status der Frauen* in jeder Gesellschaft ein Barometer dar, das den allgemeinen Grad der sozialen Entwicklung misst. Wie Fanon auf meisterhafte Weise gezeigt hat, stehen die Stärke und Effizienz von sozialen Kämpfen – und vor allem revolutionären Bewegungen – in direktem Zusammenhang mit der Reichweite und Qualität der weiblichen* Mitbestimmung.“ (Angela Davis, Reflexionen über die Rolle der Schwarzen Frau* in der versklavten Community)

Marxistisch geschulte Interpret*innen gesellschaftlicher Entwicklungen neigen dazu, die Welt in Haupt- und Nebenwidersprüche einzuteilen. Die Klassenfrage gilt in der Regel als der Hauptwiderspruch, der aufzulösen wäre, damit sich alles andere, die Benachteiligung von Frauen, Rassismus, alles, das diese Welt zu einem Ort ständiger Diskriminierung macht, mehr oder weniger vor selbst löse. Dieser These widersprechen viele, nicht zuletzt Feministinnen*.

Die Manifest Destiny der Euro-Amerikaner*innen

Wenn in einem Bericht von Afro-Amerikaner*innen die Rede ist, frage ich mich, warum wir die weißen Amerikaner*innen nicht Euro-Amerikaner*innen nennen. Denn genau das sind sie, viele vertrieb die Armut aus ihrem Herkunftsland, viele religiöse Intoleranz und politische Unterdrückung. John F. Kennedy veröffentlichte 1958 sein Buch „A Nation of Immigrants“. Nach seiner Amtsübernahme als Präsident der Vereinigten Staaten überarbeitete er es. Es erschien 1964 – nach seinem Tod – mit einem Vorwort seines Bruders Robert F. Kennedy, die Originalausgabe dieser Fassung erschien über die Anti-Defamation League of B’nai B’rith (www.bnaibrith.org).

John F. Kennedys Buch bietet einen historischen Überblick der weißen Immigration. Es ist das Buch eines historisch interessierten und versierten Politikers, aber gleichzeitig auch ein pathetisches Manifest der international geprägten amerikanischen Identität. Eine Leseprobe: „American independence, the spreading westward of the new nations, the beginnings of economic diversification and industrialization, all these factors gave immigration in the nineteenth centrury a new context and a new role. (…) As the English had predominated in the seventeenth and eighteenth centuries, so the Irish and Germans predominated in the first half of the nineteenth and the Italians and East Europeans in the last part of the nineteenth and the early part of the twentieth centuries. Each new wave of immigration helped meet the needs of American development and made its distinctive contribution to the American character.“

Ein Schlüsselbegriff dieser Passage lautet „spreading westward“. Kennedy erinnert damit an die 1845 von dem New Yorker Journalisten John L. O’Sullivan formulierte „manifest destiny to overspread the continent alloted by Providence for the free development of our yearly multyplying millions.“ (zitiert nach: Joe Hembus, Western-Geschichte 1540-1894 – Chronologie, Mythologie, Filmographie, München / Wien, Carl Hanser, 1979)“. Es wurde zur geradezu religiösen, göttlichen Bestimmung der weißen Einwanderer*innen, den Westen zu erobern, der als frei verfügbares Land verstanden wurde. Der Zug nach Westen setzte den Zug über den Atlantik fort.

John F. Kennedy erwähnt die Verschleppung Schwarzer Menschen aus Afrika in die beiden Amerikas nur am Rande, hebt lediglich hervor, dass sich unter den Crews des Kolumbus auch ein Schwarzer (Kennedy verwendet das englische N-Wort) befunden habe. Er dokumentiert eine bekannte Zeichnung der Unterbringung der verschleppten Afrikaner*innen in einem Schiff, in dem sie die Überfahrt nebeneinandergelegt wie Baumstämme verbringen mussten. Schwarze Geschichte und der Beitrag Schwarzer Menschen zur US-amerikanischen Kultur spielen in dem Buch keine Rolle.

Die Menschen, deren Vorfahren schon immer in den beiden Amerikas lebten, sind die aufgrund des kolumbianischen Irrtums „Indianer“ genannten, die sich selbst als Native Americans bezeichnen. Native sind die weißen Euroamerikaner*innen nun nicht, auch wenn manche ihrer Politiker*innen, vor allem die von der konservativen Seite, das gerne von sich glauben möchten, wenn sie amerikanische Interessen vor allen anderen Interessen verfolgen. Die Native Americans waren Opfer der „Manifest Destiny“.

Native Americans und Schwarze, Afro-Amerikaner*innen, spielen im allgemeinen politischen Bewusstsein der frühen 1960er Jahre kaum eine Rolle. Alan Parkers Film „Mississippi Burning“, der die Morde von Mitgliedern des KuKluxClan an drei Schwarzen Bürgerrechtlern aus dem Jahr 1964 aufgreift, erschien 1989, Quentin Tarantinos „Django Unchained“, der die Willkür und Brutalität der Sklaverei drastisch zeigt, im Jahr 2012. Der erfolgreichste Film, der das Leben Schwarzer Menschen in den USA zeigen wollte, war jedoch „Gone With The Wind“ aus dem Jahr 1940. Die rassistischen Aussagen dieses Films wurden erst 2020 nach dem Mord an George Floyd öffentlich gegenüber einem größeren Publikum als rassistisch bezeichnet. Die Ankündigung, diesen Film aus dem Verleih zu nehmen, führte nicht zu Nachdenken, wohl aber zu einem Ansturm auf DVD und bluray.

weiße Standards – auch von der linken Seite

Die weiße Dominanz in öffentlichen Debatten spiegelt sich auch in dem Verhalten derjenigen, die sich als Linke oder als Liberale definieren. Natasha A. Kelly dokumentiert in ihrer Anthologie „Schwarzer Feminismus“ (Münster, Unrast, 2019) das 1977 geschriebene und 1979 in einem Sammelband von Zillah Eisenstein über sozialistischen Feminismus veröffentlichte „Black Feminist Statement“ des Combahee River Collective. Die Ausgangslage: „Sowohl unsere Erfahrungen und Desillusionierung innerhalb dieser Bewegungen als auch unsere Erfahrungen an der Peripherie der weißen männlichen Linken führten uns zu einer politischen Haltung und Praxis, die im Gegensatz zu der weißer Frauen* antirassistisch und im Gegensatz zu der Schwarzer und weißer Männer antisexistisch war.“

Die Autorinnen* positionieren sich in einem ausgesprochen diversen politischen Feld. Sie wenden sich gegen „lesbischen Separatismus“ und gegen „biologischen Determinismus“, der die „Männlichkeit an sich, d.h. ihre Körperlichkeit“ als den das „Verhalten“ von Männern bestimmenden Faktor versteht, ebenso wie gegen die „Reaktion von Schwarzen Männern auf Feminismus“, die fürchten, „dass Schwarzer Feminismus* den Schwarzen Befreiungskampf spalte (…)“.

Das Fazit des Collective: „Wir glauben, dass Genderpolitik im Patriarchat das Leben Schwarzer Frauen* genauso stark durchdringt wie Race– und Klassenpolitik.“ Die Autorinnen* verstehen sich als „Sozialistinnen*, grenzen sich jedoch von einem Sozialismus ab, der sich ausschließlich auf wirtschaftliche Fragen konzentriert. So „sind wir nicht davon überzeugt, dass eine sozialistische Revolution, die nicht auch eine feministische und anti-rassistische Revolution ist, unsere Befreiung gewährleisten wird.“

Ähnlich argumentiert bell hooks, 1952 geborene afroamerikanische Literaturwissenschaftlerin, in ihrem ebenfalls in der Anthologie von Natasha A. Kelly enthaltenen Essay: „Schwarze Frauen* und Feminismus“ Das Buch, in dem dieser Essay im amerikanischen Original erschien, greift die legendäre rhetorische Frage von Sojourner Truth aus dem Jahr 1851 auf: „Ain’t I A Woman“ (auch dieser Text ist in Natasha A. Kellys Anthologie enthalten, Originaltitel des Buches von bell hooks: „Ain’t I A Woman – Black Women and Feminism, 1982 bei Pluto Press in London und Winchester erschienen).

bell hooks wendet sich gegen eine Geschichtsschreibung, die Schwarzen Feminismus ignoriert. „Zugleich minimieren Historikerinnen*, die sich selbst als Feministinnen* bezeichnen, immer wieder den Beitrag Schwarzer Frauen*rechtlerinnen, indem sie davon ausgehen, deren Hauptaugenmerk habe ausschließlich Race-orientierten Reformmaßnahmen gegolten.“‘ Oft genug gaben Schwarze Feministinnen* nach und traten „zwischen Mitte der 1920er und Mitte der 1960er Jahre (…) nicht mehr für Frauen*rechte ein. Der Kampf für die Schwarze Befreiung und der Kampf für die Befreiung der Frauen* wurden als unvereinbar betrachtet, was größtenteils darauf zurückzuführen war, dass Schwarze Bürgerrechtler*innen nicht wollten, dass weiße US-amerikanische Öffentlichkeit ihre Forderungen nach der vollen Staatsbürger*innenschaft mit einer radikalen Forderung nach der Gendergleichstellung in einen Topf warf.“

Auch in Schwarzen Familien wurden weiße „Standards“ gelebt. „Wie der US-amerikanische weiße Mann in den 50er und 60er Jahren hegten auch Schwarze Männer die Furcht, dass alle Frauen* zu selbstbewusst und herrschsüchtig werden würden.“ Angela Davis wurde weniger als „die politische Angela Davis“ gefeiert, sondern zu einer Art Pin-up-Girl gemacht. Im Allgemeinen wurde ihre kommunistische Gesinnung von der Schwarzen Bevölkerung weder gutgeheißen noch ernstgenommen.“ Dies galt gerade auch für viele weiße Linke in Europa, die Angela Devis ähnlich anhimmelten und vermarkteten wie Che Guevara. Bei all diesen Abwegen politischer Debatten verschwand die eigentliche Ursache aus dem Blickfeld, „die Genderpolitik der 50er“.

Angela Davis selbst sieht die Ursachen solcher Fehlentwicklungen in der Geschichte der Versklavung: „Afrikaner*innen wurde alles genommen, was ihre Identität ausmachte: „Afrikaner*innen waren aus ihrer natürlichen Umgebung, ihren sozialen Beziehungen und ihrer Kultur entwurzelt worden. Es durfte sich keine allgemein anerkannte sozio-kulturelle Gesellschaft entwickeln und gedeihen, da diese mit den Erfordernissen der Versklavung vollkommen unvereinbar gewesen wäre.“ (zitiert nach Natasha A. Kelly, Schwarzer Feminismus, der Artikel von Angela Davis erschien erstmals 1971 in der Zeitschrift „The Black Scholar“ unter dem Titel „Reflections on the Black Woman’s Role in the Community of Slaves“).

In ihrem Essay referiert Angela Davis die Geschichte der Aufstände von Sklav*innen, maßgeblich der daran beteiligten Schwarzen Frauen*, auch in ihrer Rolle bei den Communities der „Maroons“. Bekannt wären in der allgemeinen Öffentlichkeit allenfalls Sojourner Truth und Harriet Tubman. Es wäre ein eigener Essay erforderlich, um die vielen Schwarzen Frauen* zu würdigen, die sich aus der Sklaverei befreit, gegen sie gekämpft und – entscheidend für Menschenrechte eingetreten sind, die eben nicht nur auch, sondern grundsätzlich Frauen*rechte sind.

Der weiße Herr, der „Master“, wisse um die Gefahr, die für ihn von diesen Frauen* ausgeht und sei daher – so Angela Davis – bestrebt, jede Selbstständigkeit und Widerständigkeit Schwarzer Frauen* von vornherein zu unterbinden. „Er wusste, dass die versklavte Frau* gerade als Frau*, in ihrer sexuellen Existenz besonders verwundbar war. Obwohl er sie nicht streicheln und in Rüschen schmücken würde, versuchte der weiße Master, ihre Weiblichkeit* wiederherzustellen, indem er sie auf ihr biologisches Wesen reduzierte. In seinem Streben, sie mit seinen sexuellen Angriffen zu einem weiblichen Tier zu machen, versuchte er, ihre Widerstandsbetrebungen zu zerstören.“

Intersektionalität

Kathrin Ganz und Jette Hausotter haben sich grundsätzlich mit dem Dilemma der Intersektionalität auseinandergesetzt (in: „Intersektionale Sozialforschung, Bielefeld, transcript, 2020). Nach ihrer Auffassung „betrachtet der Intersektionale Mehrebenenansatz den Kapitalismus und den politisch-ökonomischen Rahmen“, doch ist dies nur einer der Zugänge zum grundlegenden Status Schwarzer Frauen* in der Gesellschaft.

Das Combahee River Collective wendet sich gegen jede monokausale Politik, die die durch ein kapitalistisches System ausgelösten Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten auf einen einzigen Angelpunkt reduziere. Auch bell hooks und Angela Davis beschreiben die Verknüpfungen klassistischer, rassistischer und sexistischer Unterdrückung. Damit interpretieren sie die marxistisch geprägten Debatten der 1960er und 1970er Jahre neu.

bell hooks demontiert den marxistisch inspirierten Mythos der Hierarchie der Widersprüche in ihrem Buch „Die Bedeutung von Klasse“ (Münster, Unrast-Verlag, 2020, Original 2000 erschienen bei Routledge unter dem Titel „where we stand: class matters“). Der deutsche Untertitel zieht das Thema von der anderen Seite auf: „Warum die Verhältnisse nicht auf Rassismus und Sexismus zu reduzieren sind“. Es geht jedoch nicht um ein Primat des Klassismus beim Kampf für eine gerechte Weltordnung. bell hooks verweist immer wieder darauf, dass bei aller Bedeutung der Klassenzugehörigkeit, diese allein noch nicht das Ausmaß und die Wirkungen von Diskriminierung und Exklusion bestimmt.

Rassismus, Sexismus, Klassismus bedingen und verstärken einander. Klassismus ist jedoch das, was den gängigen weißen Interpret*innen von Ungerechtigkeit als erstes auffällt. Über ihre Studienjahre schreibt bell hooks: „Langsam begriff ich voll und ganz, dass in der akademischen Welt für Leute aus der Arbeiterklasse kein Platz war, wenn sie ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen wollten. Das war der Preis für die Eintrittskarte. Arme Studierende wurden an den besten Studieneinrichtungen nur dann willkommen geheißen, wenn sie gewillt waren, ihre Erinnerungen aufzugeben, die Vergangenheit zu vergessen und die assimilierte Gegenwart als die einzig erstrebenswerte und bedeutsame Realität anzuerkennen.“

Sie berichtet von dem Klassismus, den sie und andere erlebten, in einer Welt, in der sozialer Aufstieg für Schwarze Männer so gut wie ausschließlich über den Drogenhandel zu gelingen verspricht. „Negative Stereotype über die Armen wurden von Politiker*innen absichtlich hervorgerufen, um die Zustimmung zum Ausbau von Sozialleistungen zu verringern (…). In den frühen Siebzigerjahren wurde die gesamte Nation über die Massenmedien sozialisiert, die Armen als Parasiten und Raubtiere zu sehen, deren anhaltende Bedürfnisse es unmöglich machen würden, dass alle ein gutes Leben führen könnten. Daher war es für das Überleben privilegierter Klassen von entscheidender Wichtigkeit, sich von den Armen abzuwenden.“

Aber es ist nicht das Gleiche, wenn weiße und Schwarze Frauen* über Diskriminierung und Exklusion sprechen. Der Feminismus weißer Frauen ignorierte – so bell hooks – Klassismus und orientierte sich in der Regel an dem binären Code der Aufteilung der Welt in zwei Geschlechter, weiße Frauen waren zwar bereit, über rassistische Stereotype zu sprechen, sahen jedoch nicht ihre eigenen Vorurteile und Vorbehalte gegenüber armen Menschen und gegenüber „der Arbeiterklasse“. Der Kampf gegen Rassismus wurde in den Kampf gegen Sexismus und für feministische Anliegen integriert, aber „das Patriarchat der herrschenden weißen Kapitalisten“ wurde nicht hinterfragt.

Selbst arme weiße Frauen verstehen die Armut Schwarzer Frauen nicht. bell hooks: „In der von ‚Rassentrennung‘ geprägten Welt des Südens, in der ich aufgewachsen bin, war keine Klassenspaltung so tief oder so voll verbitterter Konflikte, wie jene zwischen armen Weißen und armen Schwarzen.“ Möglicherweise erklärt diese Analyse das Verhalten weißer Männer (und Frauen*) bei den jüngsten Wahlen und Wahlkämpfen in den USA. Wer sein Selbstbewusstsein trotz weitgehend fehlender Ressourcen pflegen will, braucht jemanden, der*dem es noch schlechter geht und in der Hierarchie der Armen noch tiefer steht. „Akademiker*innen, die über Klasse schreiben (…) haben keine genaue Vorstellung davon, wie arme Weiße aus dem Süden die Schwarzen im alltäglichen Leben terrorisieren und belästigen. (…) Im rassistischen Süden bedeutete Weißsein, wie auch in den meisten nördlichen Vierteln, immer Recht zu haben. Arme Weiße wussten um das Privileg, das ihnen die Hautfarbe verlieh und sie nutzten es.“

bell hooks warnt davor, diese armen „Weißen“ zu beschimpfen, 16 Jahre bevor Hillary Clinton dies mit ihrem Wort von den „deplorables“ tat. bell hooks fordert „eine Politik des Widerstands (…), die anerkennt, dass die Erfahrungen unterprivilegierter Weißer genauso wichtig sind, wie die der People of Color.“ Die Schwarzen, denen der Aus- und Aufstieg aus der ursprünglichen Armut ihrer Schwarzen Communities gelang, „müssen (…) zu Fürsprecher*innen weißer und Schwarzer Armer werden und ihre Vorurteile gegen Weiße überwinden.“ Nur dann könnten Rassismus, Sexismus und Klassismus gleichermaßen besiegt werden. „Die einzige echte Hoffnung auf feministische Befreiung liegt in einer Vision des sozialen Wandels, der die Art und Weise berücksichtigt, wie ineinandergreifende Systeme von Klassismus, Rassismus und Sexismus dazu beitragen, dass Frauen ausgebeutet und unterdrückt werden. Westliche Frauen haben Klassenmacht erlangt und zu grö0erer Ungleichheit der Geschlechter beigetragen. Weil ein global herrschendes weißes Patriarchat die Massen der Frauen der sogenannten Dritten Welt versklavt bzw. unterdrückt. In diesem Land erzeugen die vereinten Kräfte einer boomenden Gefängnisindustrie und des auf Zwang zur Arbeit basierenden Sozialsystems in Kombination mit einer konservativen Einwanderungspolitik die Voraussetzungen für die Duldung dieser vertraglich abgesicherten Sklaverei.“

Das sind Sätze aus dem Jahr 2000. Der im Jahr 2020 (noch) amtierende US-amerikanische Präsident hat die unheilvolle Allianz von Klassismus, Rassismus und Sexismus nicht erfunden. Präsident der dem Jahr 2000 vorangegangenen Jahre war der Demokrat Bill Clinton, der ebenso wie andere sozialdemokratisch denkende Politiker in Europa die wirtschafts- und sozialpolitischen Entscheidungen der Ära von Ronald Reagan und Margaret Thatcher nicht in Frage stellte und sich für die Probleme von Minderheiten eher weniger interessierte. Alle Bewegungen, die Emanzipation und Empowerment diskriminierter Gruppen förderten, waren zivilgesellschaftliche, nicht staatliche Bewegungen. Die Gesetzgebung, der Staat vollzog die ein oder andere politische Forderung dieser Bewegungen nach, wenn der Druck zu groß wurde oder möglicherweise ein Verfassungsgericht dazu zwang. Die Genese der „Ehe für alle“ ist ein Stück aus dem Lehrbuch solcher Entwicklungen.

Hinzu kam, dass es mit der Rückbesinnung mancher Politiker*innen auf sogenannte „christliche“ Werte gelang, bisher gültige Bilder der Solidarität der Menschen in benachteiligten Gruppen oder Klassen aufzulösen und Konsumwerte an deren Stelle zu setzen. Exemplarisch illustriert dies die afri-cola-Werbung von Charles Wilp aus den 1970er Jahren, die Elemente der Hippie-Kultur mit einer folklorisierten Sicht von People of Color verband. Multikulturalität wurde zu einem Element des Life Style und damit entpolitisiert, eine Tendenz, die zu Beginn der 2020er Jahre nach wie vor wirkt. „Martin Luther Kings Vision von einer liebenden Gemeinschaft, wird in einen multikulturellen und multiethnischen Kaufrausch übersetzt. Neben allem anderen vereint das Bekenntnis zum Konsum Menschen verschiedener races und Klassen. Alle sind Kannibalen, die sich an allem und jedem laben.“ Die religiöse Überhöhung dieser Einstellung folgte: „Viele dieser modernen Gedanken kehrten die traditionell christliche Verdammung von Überfluss und Reichtum ins Gegenteil um, indem sie nicht nur betonten, dass die Armen frei gewählt hätten, arm zu sein (…), sondern auch indem sie wirtschaftlichen Wohlstand nun als göttlichen Segen betrachteten.“ Als bell hooks dies schrieb, wurde der „Reborn Christian“ George W. Bush zum US-amerikanischen Präsidenten gewählt.

Konfrontationen

Nicht alle, die die tägliche Diskriminierung von Frauen*, Schwarzen Menschen, Romnija*Roma sowie Sintize*Sinti, Jüdinnen*Juden, Muslimen* ignorieren, sind politisch als „Rechte“ einzuordnen. Es sind nicht nur Rassist*innen, die eine nachhaltige und liberale Integrationspolitik verhindern. Die Art und Weise, wie Rechte jedoch auf die Konfrontation mit ihrem Feindbild reagieren, zeigt exemplarisch, woran es in der politischen Kultur unserer „westlichen“ Demokratien (und anderswo) grundsätzlich mangelt.

Mo Asumang dokumentiert in ihrem Reisebericht „Mo und die Arier – Allein unter Rassisten und Neonazis“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2016) ihre Begegnungen mit leibhaftigen „Rassisten“. „Immerhin haben in Deutschland noch nie so viele Ausländer gelebt wie heute. Acht Millionen, und jeder fünfte Deutsche besitzt eine Migrationsgeschichte. Allein in Berlin leben eine halbe Million Menschen aus fast zweihundert Staaten. Aber da wir kein ‚Integrationsgedächtnis‘ haben, bei dem jede Generation ihre Erfahrungen weitergibt, müssen sich Migranten immer wieder mit Fremdenfeindlichkeit herumplagen.“

Mo Asumangs Lösung: Sie will ihre Ängste überwinden, indem sie diejenigen, die diese Ängste verursachen, mit sich konfrontiert. „Wenn ich mit Rassisten spreche, ist das kein abstraktes Gespräch, sondern sie werden direkt konfrontiert mit ihren ‚Feindbild‘. Da muss ich noch nicht mal was fragen, ich bin die Frage selbst, der Stein des Anstoßes. Und sie müssen sich mit mir auseinandersetzen, und wir kommen vielleicht ins Gespräch. Also let‘s go for it, frei nach dem Motto: ‚Stop racism – start talking.‘“

Und sie erfährt, beispielsweise in einer Begegnung mit einem Mann des Ku-Klux-Klans bei Mount Airy (Virginia), der sich hinter seiner Kapuze, wahlweise unter seinem Basecap versteckt, dass er sein Gesicht verbirgt, weil er Angst hat. „Er ist gar nicht mein Abgrund, es ist auch nicht meine Angst. In mir rumort es. Das Gesichtslose ist das Sinnbild ihrer Angst – ihrer Unsicherheit. Ein angstvolles Wesen, das Dunkelheit verbreitet, weil es nicht in der Lage ist, offen auf andere zuzugehen. Ich schaue den Klanmann an. Atme langsam durch meine Nase ein und aus. Hole einmal tief Luft. Sie ist weg. Meine Angst ist weg.“

Damit ist auch der „Betroffenheitsstatus“ überwunden. Mo Asumang berichtet von Neonazis, die nach einer Begegnung mit ihr ein Selfie mit ihr machen möchten, ein Neonazi kann ihr nicht in die Augen schauen, weil er sich „schämt“, seine Gesprächspartnerin nicht so einfach hassen zu können, ein dritter Neonazi umarmt sie beim Abschied. „Im Grunde kämpfen sie nämlich nicht gegen mich, sie kämpfen gegen sich selbst. Sie fürchten Sympathie für ihr Feindbild, das sie eigentlich hassen sollen, wie der Teufel das Weihwasser. Sie würden alles tun, damit da nichts rausblubbert. Ihr größter Feind sind ihre eigenen Gefühle.“

Der Klanmann ändert seine Position nicht, aber er offenbart den Grund seiner Angst. Er fürchtet, dass die Schwarzen* die weißen Menschen wie ihn „verdrängen“. Seine Lösung ist selbstreferentiell, sie dreht sich im Kreis: Ein kurzer Dialog zwischen Mo Asumang und ihm: „Ich sage: ‚Ich glaube, Sie könnten ein bisschen selbstbewusster sein.‘ / ‚Ich bin doch selbstbewusst. Und ich glaube, woran ich glaube.‘“ Fast schon eine Variante Martin Luthers vor dem Reichstag zu Worms: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Amen.“ Stop talking, it’s too dangerous.

Rassistisch und antirassistisch zugleich – geht das?

Solch ungute „Gefühle“ erleben viele Menschen, mehr als wir es eigentlich gerne glauben möchten. Sich dieser Gefühle, des „Fremden in uns“ (Arno Grün, Der Fremde in uns, Stuttgart, Klett-Cotta 2000), des Rassistischen in uns, bewusst zu werden, ist einer der Ansätze der Forschung zur „Critical Whiteness“. Arno Grün schreibt in „Wider den Gehorsam“ (Stuttgart, Klett-Cotta 2014): „Keine Ideologie, sondern die Minderwertigkeitsgefühle sind ausschlaggebend. Man unterwirft sich, weil man auf eine Erlösung durch die unterdrückende Autorität hofft. Der Hass auf Andere (…) ist immer der Hass auf das Eigene, das man aus Gehorsam aufgeben musste, um die lebensnotwendige Bindung an die unterdrückende Autorität zu sichern.“ Unterdrücker*innen oder diejenigen, die welche sein wollen, hassen vor allem eines: ihre eigene Schwäche, und je mehr sie diese hassen, umso brutaler handeln sie gegen diejenigen, die aus ihrer Sicht unterdrückt werden müssten.

Bastian Berbner hat für die ZEIT ein Dossier mit dem Titel gestaltet: „Wie rassistisch sind Sie?“. Es erschien am 16.7.2020. Er kommentiert Ergebnisse eines Tests, der 1998 erstmals veröffentlicht wurde und den die Universität Harvard nach wie vor auf ihrer Website anbietet (https://implicit.harvard.edu, Zugriff am 27.7.2020). „73 Prozent der deutschen Teilnehmer zeigten unbewusste negative Vorurteile gegen Schwarze. Die meisten von ihnen hatten vorher angegeben, der Hautfarbe von Menschen keine Bedeutung beizumessen. Dennoch brauchten sie etwa 200 Millisekunden länger, um richtig zu antworten, wenn schwarze Gesichter mit positiven Begriffen gepaart waren, als wenn dieselben Gesichter mit negativen Begriffen gepaart waren. (…) Es sind Menschen wie Mahtarin Banaji, die liberale Harvard-Professorin, Einwanderin und Unterstützerin von Black Lives Matter. Menschen, die in Deutschland vielleicht Petitionen für offene Grenzen unterschreiben und grün wählen. Trotzdem verbinden sie Schwarze mit böse, Hass, Schmutz.“

Bastian Berbners Schlussfolgerung: „Es scheint tatsächlich Leute zu geben, die beides sind – rassistisch und nichtrassistisch.“ Dies bedeutet nicht, dass diese Menschen sich „rassistisch“ verhalten, bestimmte beleidigende Wörter gedankenlos verwenden, die Straßenseite wechseln, im Restaurant einen etwas weiter abgelegenen Tisch wählen, wenn sie einen Schwarzen Menschen sehen. All das und vieles mehr, das man*frau sich vorstellen könnte, muss nicht geschehen, aber ebenso wenig gibt es Garantien, dass es nicht geschieht oder dass sich vor- und unbewusste Vorbehalte zu einem ausgewachsenen „Feindbild“ weiterentwickeln. Behaupteter Anti-Rassismus ist fragil.

Auf den Harvard-Test verweist auch Friedemann Karig in seinem Essay „Der Rassist in mir“. Er verweist ferner auf Studien, die eine Art „Racial Profiling“ in Bildung und Wirtschaft belegen: „Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigte 2019: Schwarze Bewerber, besonders wenn man sie als muslimisch verstehen konnte, müssen eine ganze Note besser sein als Weiße, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.“ (https://www.sueddeutsche.de/leben/rassismus-deutschland-privilegien-1.4985973, Zugriff am 2.8.2020)

Die Schwierigkeit liegt für die Betroffenen darin, in diesem rassistisch geprägten Klima das eigene Selbstbewusstsein zu behaupten, Resilienz auszubilden, sich die Vorbehalte und Vorurteile bewusst zu machen und sich dann aktiv damit auseinanderzusetzen. Das ist kognitiv und emotional Schwerstarbeit. Und für die Nicht-Betroffenen heißt es, die autoritären Elemente der eigenen Persönlichkeit zu erforschen, die Rassismus bewirken. Insofern sollten wir Mo Asumangs Aufforderung alle sehr ernst nehmen, vielleicht etwas modifiziert: „Start thinking!“ Und dann „Start talking!“ Möglichst in dieser Reihenfolge.

Das Recht auf die eigene Geschichte

Selbstbewusstsein, Stärke, Resilienz, Selbstwirksamkeit können nur entstehen, wenn die Zuschreibungen Dritter bewusstwerden. Eine gute Voraussetzung wäre ein anderer Geschichtsunterricht, der das Bewusstsein der Geschichte aller fördert, nicht nur das der weißen europäischen Mehrheitsgesellschaft, in den USA nicht nur das der Euro-Amerikaner*innen. Es geht für die Schwarzen Menschen, deren Geschichte im Geschichtsunterricht bisher nicht vorkam, nicht nur um das Selbstbewusstsein als Individuum, sondern auch im Hinblick auf die afrikanischen Vorfahren. In dem Kapitel „Rassismus hier und heute“ aus „Farbe bekennen“ lesen wir: „Afro-Deutsche erfahren von klein auf ihre bi-kulturelle Herkunft als außergewöhnlich und sehen sich zudem damit konfrontiert, dass ihr afrikanisches Äußeres für viele kulturelle Rückständigkeit und zahlreiche andere als unerwünscht geltende Eigenschaften signalisiert.“

Es könnte auch anders sein. Dazu Audre Lorde (in „Eye to Eye, zitiert nach „Your Silence Will Not Protect You, London, Silver Press, 2017): „Black women have a history of the use and sharing of power, from the Amazon legions of Dahomey through the Ashanti warrior queen Yaa Asantewaa and the freedom fighter Harriet Tubman, to the economically powerful market-women guilds of present West Africa. We have a tradition of closeness and mutual care and support, from the all-woman courts of the Queen Mothers of Benin to the present-day Sisterhood of the Good Death, a community of old women in Brazil who, as escaped slaves, provided escape and refuge for other enslaved women, and who now care for each other.“

Darin enthalten ist auch die von Angela Davis gelobte Geschichte des Widerstands, auch die Geschichte derjenigen, die in Afrika in der Zeit vor den Verschleppungen lebten, derjenigen, die sich dort gegen die Verschleppung wehrten. Wer kennt in Europa die Reiche von Ghana, Kanem, Mali oder Songhai, die Geschichte von Handelsstätten wie Djenné, Timbuktu und Gao? Wer kennt die Rolle der Insel von Saõ Tomé für den portugiesischen Menschenhandel? Natürlich gab es in Afrika nicht nur Widerstand, es gab auch Kollaboration. Es gab und gibt Geschichten und eine Geschichte des Selbstbewusstseins, der Solidarität, des politischen Engagements, eine Geschichte, über die niemand etwas in den Schulen hört und die in den gängigen Medien, die eine – wie man*frau so sagt – „breite Öffentlichkeit“ erreichen, vielleicht einmal in einer abgelegenen Arte-Dokumentation erfahrbar.

Geschichte in europäischen Schulbüchern ist jedoch nach wie vor Nationalgeschichte. Hochkulturen anderer Kontinente sind Randerscheinungen. Afro-Deutschen, Afro-Amerikaner*innen wird ebenso wie Afrikaner*innen jede eigene Geschichte abgesprochen. Die Autorinnen von „Farbe bekennen“ “ (herausgegeben von May Ayim, Katharina Oguntoye, Dagmar Schultz, Erstveröffentlichung 1986, mehrfach wiederaufgelegt, zuletzt 2020 als zweite Auflage der Ausgabe von 2018 im Orlanda-Verlag, nach der ich zitiere) zitieren als ein Beispiel für viele, das nach wie vor das allgemeine weiße Wissen prägt, den Philosophen Hegel. Hegel unterschied Menschen, die sich zur „Kultur“ erheben, von Menschen, die in der „Natur“ verharren. Ein Afrikaner war für ihn „ein roher Mensch.“ Anders gesagt: „Rohe Menschen“ im Sinne Hegels haben weder „Kultur“ noch „Geschichte“.

Für Afrika und andere nicht-europäische Kontinente ist nicht die Geschichtswissenschaft, sondern eine andere Wissenschaft zuständig. „Farbe bekennen“ referiert die Entstehung der „Ethnologie als Gegenpol zur Geschichtswissenschaft“ im 19. Jahrhundert, „als Wissenschaft, die sich die ‚geschichtslosen Völker‘ zum Gegenstand machte.“ Die „Ethnologie“ wurde zu einer rassistischen Wissenschaft par excellence: „Es wurden Begriffsbezeichnungen geprägt, die andere Völker und Kulturen beschreiben sollten, während sie gleichzeitig in der eigenen Gruppe zum Schimpf- und Schmähvokabular gehörten oder dazu missrieten: Barbarisch, primitiv, nicht- oder unzivilisiert, (…). Auch die gebräuchliche Unterscheidung in ‚Natur-‘ und ‚Kulturvölker‘ diffamiert Ausdrucksformen anderer Menschen zu eher naturhaft Gegebenem, im Gegensatz zu selbständig erbrachter Leistung“.

Der rassistische Alltag, Kinder- und Schulbücher

Aus diesen Diskursen ergeben sich gerade wie von selbst Alltagsdiskurse über „die armen Heidenkinder“, die der Hilfe der im Norden lebenden „Kulturnationen“ bedürfen, um ihren „Naturzustand“ zu überwinden und eine Chance auf nachhaltigen, natürlich nach europäischen Kriterien definierten Wohlstand zu erhalten. Die Spendenkampagnen großer Wohlfahrtsorganisationen in Deutschland arbeiten nach wie vor mit solchen Topoi, die sich seit der Kolonialzeit erhalten haben. „Farbe bekennen“ zitiert ein Gedicht von Karl Schnag, dessen Refrain die Parole wiederholte: „Wir müssen kultivieren“.

Helga Emde, 1946 als sogenanntes „Besatzungskind“ geboren, bringt es in „Farbe bekennen“ als Zeitzeug*in auf den Punkt: „Schwarz gleich nicht existenzberechtigt. Und genauso fühlte ich mich. (…) Der weiße Mensch ist schön, edel und perfekt. Der Schwarze Mensch ist minderwertig. Also versuchte ich, so weiß wie möglich zu sein.“ So hat sie es in der Schule der 1950er Jahre gelernt.

Die Hierarchien bleiben gewahrt: Männer höher als Frauen, Europäer*innen höher als Afrikaner*innen. Das Bild von Schwarzen Menschen, das in den Kindergärten und in den Schulen der 1980er Jahre vorherrscht, scheint das Bild der 1950er Jahre fortzusetzen. Eine Analyse von in Bonner Kindergärten genutzten Bilderbüchern aus dem Jahr 1982 ergab, „dass bereits das Kleinkind im Bilderbuch eine von Männern beherrschte Welt kennenlernt, in der die Männer aktiv und die Frauen passiv sind.“ Der Junge treibt Sport, das Mädchen macht Handarbeiten. Dazu dann Lieder wie die berüchtigten „10 kleinen N********“. Nicht anders in den Schulbüchern, die diese Kinder etwas später lesen durften. „Die Geschichte Afrikas beginnt in deutschen Schulbüchern nur in Ausnahmefällen vor der ‚Entdeckung‘ des Kontinentes durch Europäer. Auf diese Weise setzt sich weiterhin die Vorstellung fest, Afrika habe keine eigene Geschichte, zumindest keine, die erwähnenswert wäre.“ In einer Fußnote kommentieren die Autorinnen: „Europa blieb scheinbar unentdeckt!“ Analysen und Feststellungen aus der ersten Hälfte der 1980er Jahre!

Die Kinder, die in den 1980er Jahren mit diesen Büchern aufwuchsen und lernten, wurden in den 1970er Jahren geboren und gehören heute zu der Generation der Menschen Mitte-Ende 40, die heute in Wirtschaftsunternehmen, Medien und Politik über die Zukunft unserer Welt entscheiden, mit Begriffen, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Mo Asumang bestätigt diese Analyse: „In den Schulbüchern steht keine echte Definition von ‚Rasse‘, aber der Begriff wird fleißig in die Klassenzimmer gepustet, wenn über die NS-Zeit gesprochen wird. So hört man schon als Kind Begriffe wie ‚Rassenlehre‘, ‚Rassenhygiene‘ ‚Rassentheorie‘. Der normale Schüler geht natürlich davon aus, dass es demzufolge ‚Menschenrassen‘ gibt. Da steht ja auch ‚Rassen‘ und nicht ‚Rasse‘.“ Das lernen nicht nur weiße, sondern auch Schwarze Kinder, Gelungenes und immer wieder gelingendes „Framing“ im Sinne der kognitiven Linguistik (https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-fremden/), das letztlich zu ebenso gelingendem „Priming“ führt: Irgendwann verhalten sich die meisten Menschen so, wie es in Begriffen, Bildern und Redewendungen beschrieben wird.

Den Europäer*innen ist es sogar gelungen, ihre Sicht zu exportieren. Wie stark Schullektüre nicht nur auf die weißen, sondern auch auf die Schwarzen Kinder wirkt, nicht nur in Europa, auch in afrikanischen Ländern, beschreibt Simon Sales Prado am Beispiel der 1977 geborenen nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozie Adichie (http://www.cerep.ulg.ac.be/adichie/index.html, Zugriff am 25.7.2020): „In ihrem TED-Talk Die Gefahr der einzigen Geschichte erzählt sie von ihrer Kindheit in Nigeria, in der sie vor allem britische und US-amerikanische Bücher las. Als sie selbst zu schreiben begann, waren die Menschen in ihren Geschichten weiß und blauäugig, spielten im Schnee, aßen Äpfel und sprachen darüber, wie schön es sei, dass die Sonne rauskomme. ‚Ich war damals nie außerhalb Nigerias gewesen‘, erzählt Adichie. ‚Wir hatten keinen Schnee, wir aßen Mangos und wir sprachen nie über das Wetter.‘ Adichie hatte die Bilder übernommen, denen sie in Büchern begegnet war. Und weil sie sich selbst und ihre Erfahrungen nicht darin wiederfand, glaubte sie, relevante Literatur müsse von Dingen handeln, die mit ihrem Leben nichts zu tun haben. Könnte es jungen Leserinnen in der Schule nicht genauso gehen?“ (Simon Sales Prado, Warum in der Schule nur männliche Autoren gelesen werden, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/literatur/frauen-literatur-schullektuere-88783, Zugriff am 25.7.2020)

Vielleicht sollte frau*man – wie es so heißt – den Spieß umdrehen. Nicolas Manut hat in seinem 2010 veröffentlichten Buch „L’homme blanc – Les représentations de l’occidental dans les arts non européens“ dokumentiert, wie das geht (erschienen in den Editions du Chêne). Das Buch liegt leider nicht in einer deutschen Übersetzung vor. Diese könnte „Der weiße Mensch“ lauten, aber vielleicht wäre „Der weiße Mann“ passender, denn zu sehen sind fast ausschließlich weiße Männer. Eine der Fragen von Nicolas Manut: Wie werden in den von Europäer*innen kolonisierten Ländern die weißen Menschen dargestellt? Wir sehen Männer mit Hüten, Zylindern, Melonen, Perücken und anderen europäischen Kopfbedeckungen, mehrfach mit Schlafmütze, wie aus einer Karikatur des „deutschen Michel“ entsprungen. Kanonenrohre, ein überdimensionaler Penis werden zur Darstellung von Macht genutzt, aber es gibt auch Gegenmacht: ein Leopard hat einen Engländer niedergeworfen und wird ihn wohl gleich töten und verspeisen. Bon appétit!

Dr. Norbert Reichel, Bonn

(Anmerkung zur Schreibweise: Ich verwende in diesem Essay die Schreibweise der zitierten Autor*innen, „Schwarze“ groß geschrieben, „weiße“ klein und kursiv gesetzt. Da ich Zitate grundsätzlich kursiv setze, habe ich „weiß“ dort zusätzlich unterstrichen. Ich weiß, dass das eine Hervorhebung ist, die missverstanden werden könnte, aber vielleicht ist es auch ein Schritt zu mehr Reflexion. Im Fließtext verbleibt „weiß“ in Kursivschrift. Wenn ein*e zitierte Autor*in nicht das Sternchen, sondern den Unterstrich benutzt, habe ich dies so belassen, ebenso wenn sie*er weder Unterstrich noch Sternchen einfügt. Mit der Positionierung des Sternchens in meinen Texten wird darüber hinaus jeweils deutlich, welche Geschlechter gemeint bzw. nicht „mitgemeint“ sind (Autor*innen, Autoren, Autorinnen, Autoren*, Autorinnen*).