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Territorialismus

oder wie viel Heimat verträgt die Demokratie?

 „Der Sinn jeder Heimat ist, dass man sie liebt, egal wie scheusslich sie ist. Man hat auch eine Heimat, damit man etwas zu verteidigen hat. Wer nichts verteidigt, ist heimatlos. Ausserdem hat man eine Heimat, damit man sich erinnern kann, wie sie früher ausgesehen hat.“ (Georg Kreisler, Meine Heimat, nachzulesen in: Wenn ihr lachen wollt… Ein Lesebuch, EditionMemoria, Hürth bei Köln und Wien 2001)

In ihrem Buch „Wir neuen Deutschen – Wer wir sind, was wir wollen“ (Hamburg, Rowohlt, 2012) haben die drei Journalist*innen Özlem Topçu, Alice Bota und Khuê Pham ein Dilemma beschrieben, das sich seit Erscheinen ihres Buches nicht auflösen ließ und angesichts der Ereignisse der folgenden Jahre sogar verkompliziert haben dürfte: „Unser Lebensgefühl ist die Entfremdung. Sie wird begleitet von der Angst, die anderen in der Harmonie ihrer Gleichheit zu stören. Von der Angst, von den anderen als Fremdkörper wahrgenommen zu werden. Selten reden wir über dieses Gefühl. Wer könnte uns schon verstehen? Wir wollen normal sein, und wenn das nicht geht, wollen wir wenigstens so tun, als ob.“ (siehe auch: https://demokratischer-salon.de/beitrag/tuerke-bleibt-tuerke/).

Seit Erscheinen dieses Buches sind sieben Jahre vergangen. Seit etwa 2015, seit Beginn der Debatten um den legendären Satz von Angela Merkel „Wir schaffen das“ pflegen viele Personen des öffentlichen Lebens und nicht nur diese einen Begriff, der mehr als alle anderen Begriffe Grenzen fordert: „Heimat“. Bei allen unterschiedlichen Formen von Diskriminierung und Exklusion Ein- und Zugewanderter scheint dieser Begriff als nivellierender Begriff verwendet zu werden, mit dem all denen, die nicht dazugehören sollen, die als „Fremde“ identifiziert werden, letztlich jede Zugehörigkeit abgesprochen werden soll. Ein Begriff als Waffe.

Als „Kampfbegriff“ bezeichnen Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah den Heimatbegriff in dem von ihnen herausgegebenen Buch „Eure Heimat ist unser Albtraum“ (Berlin, Ullstein, 2019). Die 14 Autor*innen sind fast alle in den 1980er Jahren geboren, einige wenige in den 1970er Jahren. Sie arbeiten als Autor*innen, Künstler*innen, Journalist*innen bei diversen Medien (z.B. Spiegel, Zeit, taz, Missy Magazine). Die 14 Beiträge tragen kurze aus einem Wort bestehende Titel: „Sichtbar“, „Arbeit“, „Vertrauen“, „Liebe“, „Blicke“, „Beleidigung“, „Zuhause“, „Gefährlich“, „Privilegien“, „Essen“, „Sprache“, „Sex“, „Gegenwartsbewältigung“, „Zusammen“. Bevor ich im Detail auf dieses Buch eingehe, bitte ich um etwas Geduld für eine kurze Phänomenologie des Heimatbegriffs.

Wo alles zueinander passt

Heimat ist ein sehr deutscher Begriff. In anderen Sprachen gibt es – soweit ich das überblicke – keine Wörter, die den Ort der Herkunft, der Geburt emotional so sehr aufladen wie dies in der deutschen Sprache geschieht. In den mir vertrauten Sprachen wird Heimat mit Begriffen wie „Familie“, „Geburt“, dem „Haus“, in dem man lebt, mit konkreten Orten verknüpft. „Heimat“ ist kein konkreter Ort, sondern ein Ort allgemeinen Wohlbefindens, das eben nur dort und nirgendwo sonst zu finden ist., ein Ort, an dem und an den – ganz im Sinne Georg Kreislers – „man sich erinnern kann“. Das, was „Heimat“ sein soll, definieren diejenigen, die diesen Begriff verwenden.

Sehnsucht nach einem heimeligen Ort, einem Heim, in dem alles zueinanderpasst, vermittelt das am 30. Juni 1947 zum State Song von Kansas erklärte Lied „Home on the range“. Menschen, in dem Fall Cowboys, die aufgrund ihres Berufs viel unterwegs sind, sehnen sich nach einem Zuhause, das allerdings nicht einem bestimmten Haus, sondern eher einer weiten Landschaft gleicht: Oh, give me a home where the Buffalo roam / Where the Deer and the Antelope play; / Where seldom is heard a discouraging word, / And the sky is not cloudy all day.“ (zitiert wird hier die Fassung von 1876 von Brewster M. Higley, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Home_on_the_Range, Zugriff am 4.10.2019). Grenzen hat dieses „home“ nicht. Die in dieser Landschaft lebenden und arbeitenden Menschen ermutigen einander und erfreuen sich an der sie umgebenden grenzenlosen Natur.

In der DDR gab es eine gefühlsselige, aber ebenso entschieden martialische Version. Das Lied der Thälmann-Pioniere „Unsre Heimat das sind nicht nur die Städte und Dörfer“ (Text in https://de.wikipedia.org/wiki/Unsere_Heimat_(Lied) sollte schon Kindern das Gefühl zu geben, dass es gut und richtig ist, dieses Land auf keinen Fall zu verlassen und es mit allen Mitteln zu verteidigen. Um jedes Missverständnis zu vermeiden: es geht hier nicht um Naturschutz, es geht um Grenzen. Wer von außen kommt, bedroht die „Heimat“, wer hinaus will auch. Heimatliebe heißt Verteidigung des eigenen Besitzes: „Und wir lieben die Heimat, die schöne / und wir schützen sie, / weil sie dem Volke gehört, / weil sie unserem Volke gehört.“ Diese Meinung scheinen nicht alle zu teilen. Daher muss der Besitzer der Heimat, das „Volk“ zwei Mal genannt werden, beim zweiten Mal mit Possessivpronomen: „unser Volk“, irgendwie auch eine Art „Wir sind das Volk“.

Die Grenzen der Heimat

„Heimat“ wird als umgrenztes Territorium verstanden. Wer den Begriff verwendet, meint zu wissen, wer dazugehört. Wer ausgeschlossen werden soll, bleibt zunächst ebenso vage wie die Definition der Zugehörigkeit und soll im Sprachgebrauch politischer Parteien offenbar eine Klientel von Wähler*innen zufriedenstellen, die meinen, sich gegen „Fremde“ oder als „fremd“ definierte Menschen schützen und wehren zu müssen. Ein komplementärer Begriff der „Heimat“ ist die „Identität“. „Identität“ ist im Grunde nichts anderes als die verinnerlichte, zum wesentlichen, unveränderlichen Merkmal einer in einer bestimmten Region verwurzelten Person erhobene „Heimat“. Wer diese „Identität“ nicht hat, möge die „Heimat“ verlassen.

Neben einem territorial einschränkenden Verständnis von „Heimat“ gibt es auch eine entgrenzende Version, in der „Heimat“ ausschließlich mit Wohlergehen und Freiheit verknüpft wird. Zwei Beispiele: Cicero in den Tusculanen „Patria est, ubicumque est bene“, oft verkürzt als „ubi bene ibi patria“ zitiert, und Carl Schurz: „Wo Freiheit ist, da ist Heimat“. Beide schrieben diese Sätze im Exil, Cicero in der Verbannung in Tusculum, Carl Schurz in den USA, wo er es nach seiner Flucht angesichts der Niederschlagung der 1848er-Revolution etwa 30 Jahre später zum Innenminister brachte.

Territorialist*innen – so nenne ich sie mal – beschimpfen Vertreter*innen dieser entgrenzenden Version gerne als „Vaterlandslose Gesellen“, werfen ihnen „Verrat an der Heimat“. Die territorialistische Auslegung des Begriffs scheint sich aber heute durchgesetzt zu haben, denn heute wird „Heimat“ weitgehend und ausschließlich als Bezugsrahmen derjenigen verwendet, die schon seit Generationen in dem Gebiet, das sie als „Heimat“ bezeichnen, gelebt haben, und mit denen, die aus ähnlichen Gründen wie Cicero und Carl Schurz aus anderen Regionen dieses Planeten kommen, nichts zu tun haben wollen. „Heimat“ grenzt aus. Und wer sie verlässt, macht sich verdächtig, wer da bleibt nicht, unabhängig davon ob und wenn ja wie intensiv er oder sie mit einem antidemokratischen oder gar menschenverachtenden Regime kollaboriert hat. Legendär ist der Satz von Franz-Josef Strauß aus dem Jahre 1961, der gerne gewusst hätte, was Willy Brandt in der Zeit des Exils gemacht hätte.

Heimatgefühle ministerial

Das erste deutsche Heimatministerium gab es 2014 in Bayern, aufgrund der Initiative von Markus Söder mit zwei Dienstsitzen in München und in Nürnberg. Seit 2017 gibt es ein solches Ministerium auf Bundesebene. Der Begriff der Heimat wird jedoch nicht nur von konservativer Seite benutzt. Liberale Politiker*innen, beispielsweise Robert Habeck, beanspruchen, den Begriff der „Heimat“ nicht den „Rechten“ zu überlassen.

Andere Länder haben Ähnliches versucht, Frankreich im Jahr 2007 unter dem Präsidenten Nicolas Sarkozy mit dem Ministère de l’identité nationale“ (vollständig: „Ministère de l’Immigration, de l’Intégration, de l’Identité nationale et du Développement solidaire“). Das französische „identité“ ist ebenso wenig konkretisierbar wie das deutsche „Heimat“. Eine vergleichbare Unschärfe bietet der berüchtigte Artikel 301 des türkischen Strafrechts zur „Beleidigung des Türkentums“ (so die gängige deutsche Übersetzung). Die Liste der Länder, die Ähnliches kennen, scheint länger zu werden. Propagiert werden polnische, ungarische, amerikanische Werte etc. etc, immer verbunden mit heftigen Angriffen derjenigen, die andere Meinungen vertreten. Es entsteht ein Konglomerat diffuser Begriffe wie „Heimat“, „Identität“, „Kultur“, „Werte“, oft mit der Nennung eines Adjektivs verbunden, das auf die regionale oder nationale Herkunft verweist.

In Nordrhein-Westfalen gibt es ein Heimatministerium seit 2017. Das Land hat „Heimatbotschafter“ benannt (im Original nur männlich!), darunter Prominente mit dem sogenannten „Migrationshintergrund“, für die Nordrhein-Westfalen „Heimat“ geworden ist. Das wäre dann ganz im Sinne der von Francis Fukuyama in seinem Buch „Identität“ geforderten „Inklusion“ (siehe hierzu: https://demokratischer-salon.de/beitrag/multikulti-oder-monokultur/). Fukuyama fordert ein „inklusives Gefühl der nationalen Identität“, beispielsweise über eine „Debatte (…) um die besten Strategien (…), mit denen Einwanderer in die nationale Bekenntnisidentität eines Landes einbezogen werden können.“ Treffender lässt sich der Mainstream laufender Diskurse um das Thema „Integration“ nicht beschreiben.

Die offizielle Übersetzung des deutschen „Heimatministeriums“ ins Englische überrascht: „Ministery of the Community“. Welche „Community“ damit gemeint sein könnte, lässt sich nur vermuten. Aber vielleicht ist der Innenminister, dem das „Heimatministerium“ einfiel, ein verkappter Kommunitarist? Die Beamt*innen der Regierungen, die Heimatministerien eingerichtet haben, sehen die Sache entspannt: sie nennen das „Heimatministerium“ in informellen Gesprächen „Heimatmuseum“.

Die Satire der Beamt*innen mag entspannen, aber so einfach ist es leider nicht. Mithu Sanyal: „So weit, so heimelig. Unheimlich wird es erst, wenn diese individuellen Gefühle absolut gesetzt werden. Und der Verdacht lässt sich nun einmal nicht von der Hand weisen, dass ein Heimatministerium ein Ort ist, wo definiert und verwaltet wird, was Heimat sein soll und darf.“

Your Silence will not protect you

Die beiden Herausgeber*innen von „Eure Heimat ist unser Albtraum“ haben auf dem Titelblatt bewusst die beiden Possessivpronomina in der Farbe des Umschlags drucken lassen, sodass der Titel auch lauten könnte: „Heimat ist Albtraum“. Alternativ soll jede*r Leser*in die Possessivpronomina oder auch beliebige Adjektive einsetzen können, um mit unterschiedlichen Konnotationen des Buches zu experimentieren. Das Buch trägt die Widmung „Für uns“ und vereint damit alle, die mit dem Begriff der „Heimat“ diskriminiert und ausgeschlossen werden, als eine Gruppe, die den Diskriminierenden und Ausschließenden widerspricht.

Eine solche fest gefügte Gruppe ist dieses „Wir“ natürlich nicht, aber zunächst vereint das gemeinsame und ständige Erlebnis ausschließender „Blicke“, so der Titel des Beitrags von Hengameh Yaghoobifarah: „Die Grenze des Weißseins verläuft immer parallel zu den Machtstrukturen in einer jeweiligen Gesellschaft. Die Zuordnung hängt häufig von Geografien ab und vom geschichtlichen Kontext. In Deutschland bin ich nicht weiß. Im Iran schon.“ Allein das „Weißsein“ ist es jedoch nicht, das diese „Blicke“ so unangenehm werden lässt. Je nach Situation wird aufgeteilt: „in gut und böse. Oder auch in ‚normal‘ und ‚exotisch‘.“ Wer sich wehrt, ist einfach zu empfindlich. Hengameh Yaghoobifarah nennt das „Silencing“: „Der weiße Blick wird als neutral und maßgebend begriffen. Deshalb wird seine Parteilichkeit gerade aus weißer Perspektive häufig vehement bestritten“.

Immer wieder wird mit zweierlei Maß gemessen. Olga Grjasnowa beschreibt in ihrem Beitrag „Privilegien“, dass die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli sich vorhalten lassen musste, „auf einem vier Jahre alten Foto eine Rolex zu tragen (für Rolex-Verhältnisse ein bescheidenes Modell)“, während der zur Schau getragene Luxus von Christian Lindner, Friedrich Merz oder Alice Weidel nicht zur Kenntnis genommen wird. Subtext: wer den sogenannten „Migrationshintergrund“ hat, halte sich im Hintergrund, sei bescheiden und trage auf gar keinen Fall auffällige Kleidung oder Accessoires.

Sasha Marianna Salzmann erinnert in ihrem Artikel zum Thema „Sichtbar“ „an die Jüdinnen und Juden, die Anfang des 20. Jahrhunderts so damit beschäftigt waren, sich zu assimilieren, dass Hitler sie daran erinnern musste, dass sie nie dazugehören würden und nie erwünscht wären. (…) Assimilation führt ins Verderben. Warum versuchen wir also dazuzugehören.“ Ihre Schlussfolgerung: sich sichtbar machen. Sie zitiert Audre Lorde sel.A. (1934 – 1992) „Your Silence Will Not Protect You“ (2017 posthum bei Silver Press erschienen).

Unterlassene Hilfeleistung

Deniz Utlu in seinem Beitrag „Vertrauen“: „Die Bundesregierung erkennt in offiziellen Statistiken 83 Todesopfer durch rechtsextreme Gewalt seit dem Mauerfall an. Im langfristig angelegten großen Recherche-Projekt der Zeitungen Tagesspiegel und Die Zeit handelt es sich jedoch um mindestens 169 Tote durch rechtextreme Gewalt seit 1990.“

Das ist die tragische Konsequenz der ausschließenden Blicke. Erst seit dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke übertreffen sich die Innenministerien sowie die Behörden von Polizei und Verfassungsschutz gegenseitig in ihren Erklärungen, was sie jetzt alles gegen Rechtsextremismus tun wollten. Deniz Utlu erinnert an deren Verhalten anlässlich der Mordserie des sogenannten “Nationalsozialistischen Untergrunds“ (siehe hierzu https://demokratischer-salon.de/beitrag/demokratie-in-massen/ sowie das dort genannte Buch von Tanjev Schultz: NSU – Der Terror von rechts und das Versagen des Staates, München, Droemer 2018).

Ein weiteres Beispiel ist die Geschichte des in Guantánamo inhaftierten deutschen Staatsbürgers Murat Kurnuz, dessen Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland trotz erwiesener Unschuld u.a. unter Mitwirken des damaligen Bundesaußenministers erheblich verzögert wurde. Max Czollek skandalisiert in seinem Artikel „Gegenwartsbewältigung“ ein solches „Ausbleiben von Solidaritätsbekundungen, was für die Betroffenen die deutliche Sprache unterlassener Hilfeleistung spricht.“

Deniz Utlu zitiert ein Gedicht der 1996 gestorbenen Autor*in May Ayim mit dem bedenkenswerten Titel „deutschland im herbst“: „‚so ist es / deutschland im herbst / mir graut vor dem winter‘. Das Grauen ist nicht nur ein Grauen vor der Gewalt der Neonazis, es ist vor allem ein Grauen vor einem Staat, der nicht schützt, dessen Polizei nicht eingreift, wenn der Mob die Unterkünfte von Geflüchteten oder migrantischen Arbeiter*innen (…) jubelnd anzündet.“ Das, was von allen verlangt wird, die auf diese Art bedroht sind, ist „ein Vertrauen wider besseres Wissen, das eigentlich in den religiösen Kontext gehört“, im Grunde in den Bereich der „Theodizee“.

Fremd sein heißt da fehlt was, oder?

Mithu Sanyal bietet in seinem Beitrag „Zuhause“ eine kleine Geschichte der Rechte, die Ein- und Zugewanderte mit der Zeit in Deutschland bekamen und welche Widerstände zu überwinden waren. Er referiert die Folklorisierung des Heimatbegriffs in Filmen, Romanen und Liedern, die sich auch heute noch in diversen Serien über Landärzt*innen und Bergdoktor*innen findet und beschreibt die Entdeckung der Region und der Kommunen als die von der Linken in den 1970er Jahren entdeckte „Heimat“ in Form von „neighborhood“ oder „Kiez“. Das hatte damals durchaus einen Hauch des von Adorno für unmöglich erklärten „richtigen Lebens im falschen“, aber wie auch immer: „De facto haben Migrant*innen immer noch ein doppelt so hohes Armutsrisiko; in Schulen wird ihre Migrationsgeschichte als Defizit wahrgenommen, und im Lehrbetrieb wird auf Defizitbeseitigung, wie Deutschlernen, statt auf Ressourcenmaximierung gesetzt, also wahrzunehmen: Hey, das sind Kinder, die bereits bi- oder trilingual sind.“

Mit der Hierarchie der Fremdsprachen befasst sich Margarete Stokowski in ihrem Beitrag „Sprache“: „Als Kind dachte ich lange Zeit, bilingual aufzuwachsen heißt, dass man außer Deutsch auch noch Französisch oder Englisch zu Hause spricht und nicht das, was die ‚Polacken‘ und ‚Kanaken‘ tun.“ Eine weitgefasste Mehrsprachigkeit als Wert? Eine lange Geschichte, die auch in deutschen Bildungsministerien und Landtagsfraktionen nach wie vor kontrovers diskutiert wird (siehe mein Interview mit Christiane Bainski: https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-wuerde-des-menschen-ist-unantastbar/).

Olga Grjasnowa spricht von einer „Hierarchie der Migrant*innen“. Die Forderung nach Integration wird zur Drohung: „Aber was ist das überhaupt, die Integration? Schon hier fängt die Ungleichheit an: Wenn wir davon ausgehen, dass wir jemanden in die Gesellschaft integrieren müssen, dann meinen wir damit auch, dass es eine Gesellschaftsnorm gibt, die besser und überlegener ist als andere.“

Die Sache mit dem „R-Wort“

Und hier beginnt die Sache mit dem „R-Wort“. Was ist wirklich rassistisch und was nicht? Ich erlaube mir, einen Autor zu zitieren, der in dem Buch nicht vertreten ist: Sama Maani, Psychoanalytiker, bezeichnet den „Anti-Islam-Diskurs“ als „Ersatz-Diskurs für Rassismus“. Gemeint ist der Fremde, der Türke, der Araber, der Perser – alle gleich – alle mit einer Religion identifiziert, mit der sich zwar die meisten Menschen, die aus dem Iran, aus arabischen Ländern, aus der Türkei ein- oder zugewandert sind, eben nicht unbedingt identifizieren, die ihnen aber von den Vertreter*innen des „christlichen Abendlandes“, die auf Nachfrage wahrscheinlich kaum etwas zu ihrem eigenen Christentum zu sagen verstehen, als unabänderliches und pauschal abzulehnendes Charakteristikum, zugeschrieben wird.

Auch die Statistiken der Regierungen in Deutschland und Österreich handeln so: alle Menschen mit „Migrationshintergrund“ aus arabischen Ländern, aus der Türkei, aus dem Iran werden als „Muslime“ gezählt, ob sie wollen oder nicht. Nebenwirkung: Wer sich zu einer religiösen Frage, einem religiösen Text oder auch einer bestimmten religiös motivierten Verhaltensweise äußert, verfällt schnell dem „Rassismusverdacht“. (Sama Maani: Warum wir über den Islam nicht reden können, in: Respektverweigerung – Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht, Klagenfurt / Wien / Celovec / Dunay, Drava, 2015.)

Die Autor*innen von „Eure Heimat ist unser Albtraum“ tun gut daran, nicht alles, was in Worten und in Taten diskriminierend, ausschließend, verachtend geschieht, gleich als mit dem „R-Wort“ zu markieren. Sie liefern Bestandsaufnahmen, Erfahrungsberichte und Argumente, was warum „rassistisch“ wirkt oder wirken könnte und wissen, dass es viele Ausformungen des „R-Wortes“ gibt. Was ist beispielsweise eigentlich „Migrationsliteratur“? Diese Frage stellt mit Recht Olga Grjasnowa. Was bedeutet es, dass „immer nur über sie (die Geflüchteten), aber nicht mit ihnen gesprochen“ wird, eine Frage, mit der sich Enrico Ippolito in seinem Beitrag „Beleidigung“ befasst. Gibt es so etwas wie eine „Rassismusverschwörungsfalle“? Und dann dieses ewige „Wo kommst du wirklich her“? Letztlich alles „Fragen, die einen immer als anders hervorheben“.

Die konkrete Utopie einer offenen Gesellschaft

Simone Dede Ayivi hat den 14. und abschließenden Beitrag des Buches verfasst. Der Titel: „Zusammen“. Ihr Fazit: „Alltagsrassismus zum Beispiel begegnet man am besten mit dieser Alltagssolidarität.“ Und die gibt es: „An dieser Stelle aber möchte ich endlich Danke sagen für: / Den Austausch. Die Anteilnahme. Die Community-Events. Die klugen Artikel und Zwischenrufe. Unsere Sprechchöre. Das Blockieren von Naziaufmärschen. All die kritischen Fragen! Die Menschen, die ihre Erfahrungen bei #metoo und #metwo teilten und mir so zeigten, dass ich damit nicht allein bin.“ Das ist nur der Anfang einer ziemlich langen Liste.

Max Czollek plädiert dafür, „dass wir uns auf die Frage konzentrieren, wie wir Bündnisse so schließen, dass sich die Vision einer offenen Gesellschaft auch in politischen Mehrheiten niederschlägt. (…) Demokratie als Ort der Gerechtigkeit, an dem man ohne Angst verschieden sein kann.“

Dann könnte Wirklichkeit werden, was Lamya Kaddor als Heimatbotschafterin NRW forderte: „Heimaten“ im Plural, ohne ausschließenden Subtext. Noch einmal Simone Dede Ayivi: „Ich glaube nicht an Heimat. Ich glaube an Heimaten. Das können besondere Orte sein, denen wir uns ewig verbunden fühlen, egal wie weit wir weg sind, und egal, wie lange wir schon nicht mehr dort waren. Doch meistens sind es Menschen, die uns vertraut sind und denen wir vertrauen. / Zu Hause ist, wo ihr seid.“

Mithu Sanyal: „Die entscheidende Frage lautet also nicht ‚Wo kommst du her?‘, sondern ‚Wo wollen wir zusammen hin?‘‘“

Dr. Norbert Reichel, Bonn

P.S.: Die Autor*innen von “Eure Heimat ist unser Albtraum” verwenden mit dem Ziel einer gendergerechten Sprache den Unterstrich. Ich habe mich in den Zitaten für das Sternchen entschieden, das ich auch in allen anderen Texten verwende und hoffe auf Verständnis. Der einzige Grund: das Sternchen hat für mich etwas Aufbauendes, Verheißungsvolles, denn das sollten wir meines Erachtens: nach den Sternen greifen.