Was von der Mitte übrigbleibt

Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert

„Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.“ (Karl Marx, Der 18te Brumaire des Louis Napoleon, 1852, in: MEW 8)

Karl Marx (und Friedrich Engels) waren im 19. Jahrhundert vielleicht die originellsten Analytiker politischer Entwicklungen, mit einem gewaltigen Touch von Ironie und mitunter ätzendem Sarkasmus. „Der 18te Brumaire des Louis Napoleon“ beginnt mit einem ihrer meistzitierten Sätze, den Marx bei Hegel gefunden haben will, dass sich alles in der Weltgeschichte zwei Mal ereigne, zunächst als „Tragödie“, ein zweites Mal als „Farce“. Aber es wäre wenig dialektisch gedacht zu hoffen, die „Farce“ könne sich nicht wieder selbst zu einer „Tragödie“ auswachsen, zumindest jedoch zu einem deprimierenden Trauerspiel. Fehleinschätzungen der Verhältnisse und nicht zuletzt ihrer selbst vermögen die guten Absichten derjenigen, die die Geschichte zum Guten wenden wollen, dermaßen behindern, dass mit der Zeit wiederum eine Tragödie folgt, der – um im Bild zu bleiben – irgendwann wieder eine Farce folgt. Aber der Teufel kommt nie zwei Mal durch dieselbe Tür und so komisch er unseren sich objektiv und rational wähnenden Sinnen erscheinen mag, bleibt er der Apostel der Zerstörung, etwa so wie der Clown „Pennywise“ in Stephen Kings Roman „It“, der schon in seinem Namen „Tragödie“ und „Farce“ zugleich spiegelt, darin durchaus vergleichbar mit den MAGA-Trompetern dieser Welt.

Eine Art „Newspeak“

Läse man den „18ten Brumaire“ ohne Wissen über Autor und Zeit, ließe sich vermuten, es handele sich um eine Analyse der politischen Entwicklungen im ersten und beginnenden zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts. Louis (Napoleon) Bonaparte erschiene als eine Art früher Trump, der wiederum als Wiedergänger der „falschen Propheten“ erscheint, die weniger erfolgreich, aber in Sache und Methode vergleichbar agierend, von Leo Löwenthal in seiner 1949 erschienenen Schrift „Prophets of Deceit – A Study of the Techniques of the American Agitator“ (eine deutsche Aufgabe ist unter dem Titel „Falsche Propheten“ bei Suhrkamp lieferbar) beschrieben wurden. Aber auch seine Gegner hat Karl Marx gut getroffen: Sie halten sich für die Guten, aber leider haben sie recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Gute wäre und wie man es durchsetzen könnte, sodass sie sich viel zu oft untereinander bekämpfen anstatt sich gemeinsam gegen den autoritären Clown zu positionieren, der es geschafft hat, auch noch in einer Art Orwell’schem „Newspeak“ all die Begriffe zu okkupieren, die ihnen lieb und teuer sind. Die vermeintlich Guten – so Karl Marx – entmachten sich selbst: „Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf, die ‚bürgerliche Ordnung‘ sicherzustellen. Aber die Stärke dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß sich daher als Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete in diesem Sinne. Er ist jedoch nur dadurch etwas, daß er die politische Macht dieser Mittelklasse gebrochen hat und täglich von neuem bricht.“

Die demokratischen Parteien unserer Zeit klopfen sich gerne selbst auf die Brust, weil doch sie die „Mitte“ der Gesellschaft darstellen, die Konservativen unter ihnen gerne als „bürgerliche Mitte“. Vertreter sich eher links wähnender Parteien mögen das Attribut „bürgerlich“ scheuen, doch belegt ihr Verhalten, dass sie sich durchaus in einem „bürgerlich“ charakterisierbaren Milieu bewegen, das gleichermaßen Bürgerlichkeit im Sinne von Citoyen und Bourgeois erfasst. Doch diese gemütliche „(bürgerliche) Mitte“ der Politik ist bedroht, zumal die Gegner – siehe „Newspeak“ – sich ebenfalls als „Mitte“ bezeichnen und dies auch noch mit der Kombination „Deutschland, aber normal“ mit all den traditionellen Familienwerten verbinden, denen sich in fast allen Gesellschaften die jeweiligen Mehrheiten mehr oder weniger verbunden fühlen.

„Mitte“, „Bürgerlichkeit“, „Familie“, „Normalität“ – all diese Begriffe spiegeln diffuse Gefühlswerte. In der Bielefelder Mitte-Studie 2025 sprach Co-Leiter Andreas Zick diese Unschärfen offen an: „Das Mitte-Modell bietet eine Orientierung. Es fordert die Gesellschaft auf, sich zu öffnen und alle Menschen einzubeziehen. Es verpflichtet die Politik, konsensfähig zu sein. Die ‚Mitte‘ kann verbinden und eine ausgleichende Kraft entfalten. Doch sie läuft Gefahr, demokratiefeindliche Tendenzen zu übersehen.“ Andreas Zick verweist auf die bekannten Wahlergebnisse der letzten Jahre: „Der Niedergang der großen Volksparteien und der Aufstieg kleinerer Parteien spiegeln dies wider.“ Eine Antwort auf diese Entwicklung haben die vormals großen „Volksparteien“ bisher nicht gefunden, sofern es sie überhaupt auch geben mag.

Binäre Koordinaten der Politik

In meiner Vorstellung der Bielefelder Mitte-Studie 2025, „Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!“ habe ich versucht, die sogenannte „Mitte“ in einer dreidimensionalen Matrix zu verorten: „Auf und Ab statt Rechts und Links“. Die dritte Dimension erschien im Titel in der Formel „Rein oder raus?“ So entstehen drei binär klingende, aber in ihrem Zusammenklang alles andere als binär zu verstehende Koordinaten, in denen sich die politischen Debatten unserer Zeit bewegen: Rechts und Links, Oben und Unten, Innen und Außen. „Mitte“ wird dann zu einem Punkt in dieser dreidimensionalen Matrix. Von der oft beschworenen „breiten Mitte“, die so manche Partei gerne vertreten würde, kann dann nicht mehr die Rede sein. Das ist das Ende der sogenannten „Volksparteien“. Diese verstanden sich als Catch-All-Parteien, versäumten es jedoch, das Verbindende zwischen verschiedenen Interessen, Milieus und Bevölkerungsgruppen zu betonen.

Catch-All-Strategien funktionieren nur noch bei Oppositionsparteien wie der AfD, die das Verbindende jedoch nicht in einer positiven, sondern einer Botschaft inszenieren, indem sie bestimmte Akteure als verantwortlich für alles Unheil markieren, das ihre potenziellen Wähler:innen beklagen. Dem einen gefällt dieses nicht, dem anderen jenes und jemand drittem wiederum etwas anderes nicht. Sie alle, rechts wie links und in der „Mitte“, eint eine Unzufriedenheit, die die bekannten Umfragen mit ihrer Frage nach der Zufriedenheit der Bürger:innen gar nicht erfassen. Von linker Seite würde man vielleicht jetzt eine fundamentale Kapitalismuskritik erwarten, doch zumindest die politischen Akteure scheinen sich dies kaum zu trauen. Von rechter Seite ist das einfacher. Die Propagandisten der rechtspopulistischen Catch-All-Opposition benennen Verantwortliche für alles, was sie für einen Missstand halten, wahlweise „die Altparteien“, „links-grüne Wokeness“, „Globalisten“, „Kommunisten“ und „Sozialisten“, zu denen auch Konservative wie in Deutschland CDU und CSU gezählt werden, letztlich die mit „Invasion“ drohenden Migranten. Und wenn es nicht so ganz gelingt, all diese Feindbilder als ein in sich geschlossenes Feindbild zu vermitteln, bleibt die Anprangerung von angeblich hinter diesen Feindbildern stehenden steuernden Akteuren. Letztlich landet diese Strategie oft bei einer Spielart von Antisemitismus, obwohl man gleichzeitig behauptet, man wäre doch in Wirklichkeit die Partei, die Juden – von Jüdinnen ist in der Diktion in der Regel nicht die Rede, siehe „Genderwahn“ – am entschiedensten unterstützten, indem man alle Migranten zur „Remigration“ treibe. Wenn man denn bald nur regieren würde! Um ein Regierungsprogramm geht es dabei nicht, man inszeniert sich als die bestehenden Verhältnisse an sich zerstörende Bewegung.

Anarchische „Pose“ und Fundamentalkritik alles Bestehenden passen gut zusammen. Dazu braucht man keine Theorie. Philip Manows sieht – rechts wie links – einen Primat der Bewegung, in der es nicht unbedingt um Parteien geht. Vielen fehlt jedoch die Galionsfigur, die sie an die Macht bringen könnte. Insofern ist es schwer, beispielsweise die AfD und ihr Um- und Vorfeld diverser Neonazi-Kameradschaften und Kleinparteien voneinander zu trennen. Das schafft die Partei selbst schon nicht und die Frage drängt sich auf, ob es sich bei ihr überhaupt um eine Partei handelt. Auf der linken Seite ist diese Trennung zwischen Parteien und Umfeld noch weitgehend intakt, doch scheint sie langsam aufzuweichen, wo linksextreme Radikale wie beispielsweise die von Danger Dan in „Keine Angst“ namentlich hervorgehobenenen Mitglieder der „Hammerbande“ in linken Kreisen als legitime Widerstandsgruppen begrüßt werden. Es gab in den 1970er Jahren eine Zeit, in der manche Linke die RAF-Terrorist:innen für Genoss:innen hielten. Ähnlich verhält es sich mit der in manchen linken, sich antikolonialistisch wähnenden Kreisen gepflegten Scheu, den Terror der Hamas vom 7. Oktober 2023 als das zu bezeichnen, was er ist: eben Terrorismus.

Eigentlich nichts Neues

Linke Parteien und Gruppierungen stellen die Menschen- und Bürgerrechte von Frauen, Migrant:innen und anderen von der rechten Seite angegriffenen Gruppen der Bevölkerung in den Vordergrund ihrer Programmatik und ihres Handelns. Gerd Koenen hat in seinem Monumentalwerk „Die Farbe Rot – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ (München, C.H. Beck, 2017) jedoch dokumentiert, dass die Herausbildung eines proletarischen Selbstbewusstseins in den 1860er und 1870er Jahren keineswegs mit der Akzeptanz von Migration und Frauenrechten einherging: „Generell wurde gerade von den gewerkschaftlich Organisierten die Fabrikarbeit der jungen Frauen als Konkurrenz gesehen, die mit einiger Gehässigkeit verfolgt wurde. Ähnliches galt auch für die sozialistischen und ‚klassenbewussten‘ französischen Syndikalisten dieser Jahre. Von Feindseligkeit geprägt waren schließlich fast immer die Trennlinien, die gegenüber den Arbeitsmigranten gezogen wurden, so den Iren in England oder den Belgieren in Nordfrankreich.“ Diese Skepsis zog sich durch die Geschichte der sozialdemokratischen und sich „links“ von ihr positionierenden Bewegungen und Parteien, auch in der sogenannten 68er-Bewegung. In den USA dauerte es beispielsweise bis in die 1960er Jahre, dass irische, polnische, italienische Zuwanderer:innen – durchaus ein Nebeneffekt der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung – als weiße anerkannt wurden.

Christina von Hodenberg hat in „Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“ (München, C.H. Beck, 2018), insbesondere im fünften Kapitel „Achtundsechzig war weiblich“, dokumentiert, dass die westdeutsche 1968er-Bewegung in erster Linie eine männliche Bewegung war, in der es Frauen mehr als schwerfiel, sich zu positionieren. Welche Rolle der Arbeitskreis Emanzipation spielte und wie er selbst in „linken“ Kreisen angefeindet wurde, weiß heute kaum noch jemand: „Die Erinnerung an das weibliche 1968 war längst in eine Nische gedrängt worden und fand nur noch in den Publikationen der Universitäts-Gleichstellungsbeauftragten und der lokalen Frauenhistorie statt.“ Wer kennt noch Helke Sander und Sigrid Damm-Rüger, die am 13. September 1968 bei einem SDS-Kongress in Frankfurt am Main Tomaten auf Hans-Jürgen Krahl warfen? Christina von Hodenberg hatte mit der Tochter von Sigrid Damm-Rüger gesprochen, die ihr erzählte, dass sie „erst am Tag der Beerdigung von der ‚Bedeutung meiner Mutter für die neue Frauenbewegung‘ erfuhr (….).“ In SDS-Kreisen war es durchaus üblich, dass die Männer agitierten und die Frauen die Schnittchen schmierten. Das Frauenthema war eben nur „Nebenwiderspruch“, wenn überhaupt. Immerhin gibt es inzwischen immer wieder einmal in den Medien einen Beitrag über den Tomatenwurf.

In den 2020er Jahren würde man eher von „Identitätspolitik“ sprechen, in der es nicht nur um Frauenrechte, sondern auch die Rechte verschiedener Minderheiten geht, doch die Linie der Widerstände von „links“ dagegen reicht bis hin zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, die diese in ihrem Buch „Die Selbstgerechten – Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ (Frankfurt am Main, Campus, 2021) ausführlich festhielt. Der migrationsfeindliche Kurs des von Sahra Wagenknecht gegründeten BSW passt ebenso in diesen Kontext. Ihre Kritik an jedweder „Identitätspolitik“ wurde auch in breiten konservativen Kreisen geschätzt. Es ließe sich vielleicht sogar sagen, dass „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin (2011) und „Die Selbstgerechten“ (2021) mit ihren Verkaufszahlen belegen, dass eine liberale und offene Gesellschaft in den vergangenen 15 Jahren für viele Wähler:innen beziehungsweise Bürger:innen immer weniger attraktiv wurde. Dem BSW ist es nicht gelungen, die Zustimmung zu ihren Thesen in stabile und wachsende Wahlerfolge zu überführen, der AfD gelingt dies offensichtlich gut, vielleicht, weil es ihr glaubwürdig gelingt, ihre Gegner außerhalb ihres eigenen Milieus zu verorten, während das BSW als Teil des Milieus wahrgenommen wird, das es eigentlich kritisiert.

Kampf zwischen Gut und Böse

Die gängige Metapher für solche sprachlichen wie politischen Wirren ist die „Spaltung“ der Gesellschaft. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer Studie „Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“ (Berlin, Suhrkamp, 2023) jedoch festgestellt, dass es mehr „Konsens“, mehr Verständigungspotenziale in der Gesellschaft, weniger „Konflikt“ gibt als Akteure der Politik und der Medien zu denken scheinen. Mau, Lux und Westheuser sprechen von „Arenen“, in denen sich die „Konflikte“ in unserer Gesellschaft abspielen und die oft höchst emotionale Reaktionen „triggern“. Sie beschreiben die „verteilungspolitische Oben-Unten-Arena“, die „migrationspolitische Innen-Außen-Arena“, die „identitätspolitische Wir-Sie-Arena“ und „umweltpolitische Heute-Morgen-Arena“. Die Studie ist inzwischen etwa drei bis vier Jahre alt, aber auch aktuelle Themen der Politik lassen sich in die vier „Arenen“ einordnen. Die anstehenden Rentenreformen gehören zum Beispiel in die „Heute-Morgen-Arena“, die Gesundheitsreform in die „Oben-Unten-Arena“, Fragen der inneren und äußeren Sicherheit in die „Innen-Außen-Arena“. Natürlich gibt es auch Überschneidungen, so können Umwelt- und Klima-Themen sehr schnell auch in eine „Oben-Unten-Arena“ geraten, wenn es um Protestformen wie die der Letzten Generation geht, auch eine „Wir-Sie-Arena“.

Mau, Lux und Westheimer sprechen von „affektiver Polarisierung“ als Folge unbearbeiteter Konflikte. Letztlich landen politische und mediale Debatten immer wieder in binären Strukturen, denn das macht es offenbar vielen Bürger:innen leichter, Politik zu ertragen. Pro und Contra wird in binären Gegensätzen verortet: „Triggerpunkte sind neuralgische Stellen, an denen besonders aufgeladene Konflikte aktiviert werden. Wir arbeiten heraus, dass das Auftreten starker Pro- und Kontra-Reaktionen an typische Beweggründe geknüpft ist, wozu etwa wahrgenommene Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstöße, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen gehören.“

Populistische Parteien haben ein Gespür dafür, diese Strukturen für sich zu nutzen und sich selbst als das eine Ende und alle anderen als das andere Ende einer binären Skala zu inszenieren, die letztlich eine Skala von „Gut“ und „Böse“ ist. Die Benennung eines ultimativen (End-)Gegners funktioniert zur Bestätigung der eigenen Rechtschaffenheit: Das Böse, das für Rechtspopulist:innen schlichtweg alle Migrant:innen verkörpern, sehen viele Linkspopulist:innen in Israel. Beim Antisemitismus landen letztlich beide Seiten. Bisher hat sich diese antiisraelische Linie bei der Linken nicht durchsetzen können, aber die hohe Zahl junger neuer Mitglieder könnte ihr eine Mehrheit verschaffen. Dabei könnte es auch eine Rolle spielen, dass es bei der Linken inzwischen mehr Mitglieder aus dem Westen gibt als aus dem Osten. In den USA hat sich eine solche Entwicklung schon etabliert und spielt bei den Vorwahlen der Demokraten für die anstehenden Kongress- und Senatswahlen eine Rolle. Christina Morina beschreibt in „Das amerikanische Beben – Erfahrungen und Konsequenzen für die deutsche Demokratie“ (München, Siedler, 2026), wie sie bei einer von ihr mitorganisierten Demonstration gegen Trump erleben musste, dass sich Teilnehmer:innen lautstark an die Spitze des Demonstrationszugs setzten und diesen in eine Demonstration gegen Israel umfunktionierten. Sie gab ihre Ordnerbinde ab. Welche inneren Konflikte in der Linken und in linken Milieus ausgefochten werden, haben die Autor:innen des von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel herausgegebenen Bandes „Triggerwarnung – Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“ (Berlin, Verlag, 2019, im September 2019 im Demokratischen Salon besprochen) im Detail aufgelistet. In ihrem Schlusswort halten die Herausgeber:innen fest: „Die Einteilung der Welt in Gut und Böse dient vermutlich vor allem dem Zweck der eigenen Orientierung in einer als zunehmend komplex erlebten Welt. Der Zweck heiligt aber nicht die Mittel.“

Philip Manow spricht nicht von „Arenen“, sondern von „Spaltungslinien“, zuletzt explizit in seinem Buch „Spaltungslinien – Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats“ (München, C.H. Beck, 2026). Philip Manow stützt seine Analysen auf Daten des Chapel Hill Expert Survey. Der Titel des zweiten Kapitels „À la recherche du centre perdu“ suggeriert, dass manche nach wie vor glauben, es könnte vielleicht doch wieder eine Rückkehr in eine vergangene, mehr oder weniger glorreiche Zeit geben, in der „rechte Arbeiterklasse gegen linkes Bürgertum“ stünden, eine Annahme, die im Titel des ersten Kapitels schon wieder zur Illusion erklärt wird: „linkes Bürgertum gegen rechte Arbeiterklasse“. Das zentrale politische Ereignis in Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu“ war die Dreyfus-Affäre. In dieser ging es im Wesentlichen um die Frage, welche Position Juden im herrschenden Bürgertum haben dürften und welche nicht. Die Lage der „Arbeiterklasse“ spielte darin keine Rolle, aber der Gedanke der „Mitte“ sehr wohl, auch wenn es damals noch nicht so genannt wurde. Es gibt eben nicht nur den Konflikt zwischen angenommenen „Rändern“ beziehungsweise innerhalb der linken Szene, sondern auch einen Konflikt innerhalb der bisherigen „Mitte“ um deren zukünftige Positionierung, der dadurch verschärft wird, dass sich manche Konservative von der scheinbaren „Bürgerlichkeit“ der rechtspopulistischen Seite verführen lassen.

Philip Manow bezieht sich mit Recht auf das Buch „Merz – Auf der Suche nach der verlorenen Mitte“ von Mariam Lau (Berlin, Ullstein, 2025). In der Tat ist Friedrich Merz einer der prominentesten Verfechter einer klassisch „bürgerlich“ beziehungsweise „konservativ“ konnotierten Rechts-Links-Opposition, die sich zugleich klar von rechts- wie linkspopulistischen Positionen fernhält. Seinem Traum gab er eine Farbe, als er und sein damaliger Generalsekretär sich bei der Vorstellung des neuen Corporate Design im Auftritt der CDU ausdrücklich auf Rhöndorf und Cadenabbia, zwei wichtige Orte im Leben Konrad Adenauers bezog, der für eine Zeit stehen mag, in der CDU und SPD mit in der Regel deutlich über 30, sogar oft genug über 40 Prozent liegenden Wahlergebnissen diese Rechts-Links-Opposition verkörperten. Mit den Wahlergebnissen der letzten Jahre verschwand jedoch die Illusion, es gäbe so etwas wie eine die Gesellschaft als Konsens-Gesellschaft stabilisierende „Mitte“. Letztlich ist „Mitte“ inzwischen eher eine Metapher für Stabilität, Wohlstand, Zufriedenheit und die Überzeugung, man vertrete ein moralisch attraktives „Modell Deutschland“ (so die SPD im Wahlkampf 1976) oder handele schlichtweg „Aus Liebe zu Deutschland“ (so die CDU 1976, allerdings mit dem polarisierenden Zusatz „Freiheit oder Sozialismus“). „Mitte“ war damals schon vor allem ein Gefühl, das sich mit manchen Begriffen einfach triggern ließ.

Warum Arbeiterparteien die Arbeiter:innen verlieren

Mit der Opposition zwischen „Links“ und „Rechts“ löste sich zugleich die Opposition von „Oben“ und „Unten“ auf, auch wenn die jeweilige „Arena“ bestehen bleibt. Die SPD, die sich traditionell als Vertretung der „Arbeiterklasse“ verstand, musste erleben, dass sich diese – sofern man heute überhaupt noch von einer „Arbeiterklasse“ sprechen kann – immer mehr von ihr entfernte, sogar dazu neigte, reaktionäre Kräfte in die Parlamente zu wählen. Karl Marx würde vielleicht angesichts der ideologischen Leere ehemaliger Arbeiterparteien von einer Art Lumpenproletarisierung in der Politik sprechen, die ehemalige wie vermutete Angehörige der „Arbeiterklasse“ einer rechtspopulistischen Partei in die Arme treibe. Hillary Clinton fasste eine solche Vermutung – natürlich ohne Marx-Bezug – in ihre Beschimpfung der Trump-Wähler:innen als „deplorables“. Man könnte dieses Argument auch umdrehen und die Visionslosigkeit von Parteien wie den US-amerikanischen Demokraten und vieler europäischer sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien als den Hauptgrund solcher Wählerwanderungen benennen, sollte aber auch darüber nachdenken, dass viele der ursprünglich durch den Einfluss der Sozialdemokratie bewirkten Reformen (vom Acht-Stunden-Tag bis zum Mindestlohn) irgendwie selbstverständlich geworden sind. Niemand wird für Erfolge der Vergangenheit gewählt.

Didier Eribon hat in seinem Buch „Retour à Reims“ (Paris, Fayard, 2009, die deutsche Ausgabe erschien bei Suhrkamp) ausführlich dokumentiert und analysiert, wie sich die französische „Arbeiterklasse“ von Kommunisten und Sozialisten ab- und dem Front beziehungsweise Rassemblement National zuwandte. Auch in Deutschland wechselten der „Arbeiterklasse“ zugerechnete Wähler:innen zunehmend zunächst zu konservativen Parteien, beispielsweise 2005 in Nordrhein-Westfalen und auf Bundesebene zur CDU, inzwischen – wie die letzten nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen 2025 und die baden-württembergische Landtagswahl 2026 zeigten – zur AfD. Die AfD hat ihre Hochburgen im Westen Deutschlands in Städten wie Duisburg, Gelsenkirchen oder Kaiserslautern. Immerhin konnte die SPD Städte wie Hamm und Herne halten und ihre dortigen Mehrheiten ausbauen. Der Prozess einer Abwanderung von Bürger:innen in klassischen Arbeiterstädten zur AfD ist keineswegs unabwendbar und auch nicht unumkehrbar.

Europa unter Beschuss

Der Kern dieser Entwicklung ist laut Philip Manow jedoch ein „Innen-Außen-Konflikt“, es ist der „Konflikt über Europa – der auf einer allgemeineren, abstrakter gefassten Weise (…) ein Konflikt über das Nationale und das Supranationale, über Öffnungen und Schließungen und deren Konsequenzen für Teilhabe, Verteilung und Repräsentation ist.“ Er konstatiert, „dass sich Zustimmung und Ablehnung des europäischen Projekts nicht nach ‚links‘ oder ‚rechts‘, sondern nach ‚Mitte‘ und ‚Rand‘ sortieren.“ Die linke Seite kritisiere das europäische Projekt beziehungsweise die Globalisierung als „zu wirtschaftsliberal“ (Stichwort: Neoliberalismus), die rechte Seite als „zu gesellschaftsliberal“ (Stichworte: Feminismus, Zuwanderung, Ehe für alle). Wer sich für Europa und die Europäische Union engagiert, findet sich inzwischen am „Rand“ des Parteienspektrums wieder. Europa war – so Philip Manow – bis in die 1980er Jahre kein Thema in der Politik, es gab eine Art „Legitimation durch Desinteresse“. Inzwischen gebe es nach dem Beitritt der ehemaligen Ostblockstaaten eine „Politisierung des Integrationsprojekts“ und eine „Europäisierung der nationalen Parteien“. Die ursprünglich verlässlich pro-europäische „Mitte“ scheint sich aufzulösen. Sie besteht offensichtlich vor allem dort weiter, wo Länder wie die Ukraine, Georgien oder Moldawien vom imperialistischen Russland bedroht werden. Europa ist dort eine Hoffnung, allerdings gibt es auch dort Auflösungserscheinungen. Keiner der in den vergangenen 20 Jahren der Europäischen Union beigetretenen Staaten möchte aus dieser austreten, aber es gibt starke Kräfte, denen Europa, oft auch vereinfachend „der Westen“ genannt, zu übergriffig wirkt.

Stephen Holmes und Ivan Krastev bieten in ihrem Buch „The Light That Failed“ (deutsch: Das Licht, das erlosch – Eine Abrechnung, Berlin, Ullstein, 2019) eine plausible Erklärung. In der ersten Phase versuchten die neuen EU-Mitglieder den „Westen“ nachzuahmen, doch mit der Zeit wandten sie sich von einem positiven Bild des „Westens“ ab. In Ungarn und in der Slowakei ging dies sogar mit einer neuen Wertschätzung Russlands einher, die in Polen aus historischen Gründen ausblieb, aber – wie die jüngste Debatte um Wolhynien zeigt – zwar keine neue Liebe zu Russland, wohl aber eine negative Sicht der Ukraine bewirkt. Dazu kommt die auf Seiten des polnischen Rechtspopulismus die Bewunderung Trumps, lautstark vertreten durch den polnischen Präsidenten.

Europa gerät von zwei Seiten unter Beschuss. Wahlweise „Europa“, „der Westen“, „Brüssel“ werden zur Metapher des abgelehnten Liberalismus. Philip Manow schreibt: „Der politische Konflikt um Europa steht offenkundig quer zu einer einfachen Links-Rechts-Unterscheidung (…).“ Daraus entsteht „eine neue politische Konfliktachse, verlaufend zwischen liberalen und ‚illiberalen‘ Kräften, die aber jeweils intern Links und Rechts verbinden.“ Weltoffenheit gerät ins Visier populistischer Bewegungen: „Die selbsterklärte politische Mitte unterstützt mit ihrer Parteinahme für Offenheit nolens volens die doppelt-liberale Dimension des transnationalen Projekts und ist daher in deren politischem Raum nicht Mitte, sondern bildet den einen Pol einer neuen Konfliktachse.“ Diese Achse kann sich ständig verschieben, denn die Instabilität von Gesellschaften spiegelt sich nicht nur in den Wahlerfolgen populistisch auftretender Parteien, sondern auch in dem „stärker in den Vordergrund tretende Bewegungscharakter von Politik (Indignados, Occupy Wallstreet, Gilets Jaunes, Black Lives Matter, Pegida, die Klimabewegung (Friday for Future, Last Generation, Extinction Rebellion), die Bauernproteste, Querdenker etc.)“. Das gilt nicht zuletzt auch für die Geschichte des Brexits. Philip Manow fragt angesichts der in diesen Bewegungen vertretenen Themenvielfalt mit Recht: „Wie will man da von festen Spaltungslinien und Strukturen des Parteienwettbewerbs sprechen?“

Die von Philip Manow genannten Bewegungen sind fast alle internationalen Bewegungen ohne Zentrum. Ein Zentrum erhalten sie nur da, wo es in einem bestimmten Land eine Partei gibt, die im Wesentlichen die Anliegen der dort aktiven Bewegungen integriert wie es der AfD mit Pegida oder den Querdenkern gelang. Die Linke schaffte es bisher nicht, affine Bewegungen zu integrieren. Der letzte halbwegs erfolgreiche Versuch einer solchen Integration verschiedener Bewegungen (zum Beispiel Anti-Atomkraftbewegung, Anti-Apartheid-Bewegung, Friedensbewegung) waren die Grünen in ihrer Gründungsphase. Doch inzwischen gehören die Grünen zum Kreis der Parteien, die von sich beanspruchen, sie wären die „Mitte“, mal etwas linker, mal etwas konservativer (sich „rechts“ zu nennen wird auf konservativer Seite geflissentlich vermieden).

Es lassen sich neben Europa zwei weitere Themen benennen, die ursprünglich von einer sich international beziehungsweise internationalistisch verstehenden Linken besetzt wurden, sich inzwischen jedoch als Kernthemen der Rechten durchzusetzen scheinen: Migration und Frauenrechte. Diese gehören dort ebenso wie Europa zum Reich des Bösen. Die ursprünglich linke Seite hat bisher kein Mittel gefunden, ihre Sicht der Dinge dagegenzusetzen. Im Gegenteil. Auf feministischer Seite zerstreiten sich die verschiedenen Gruppierungen und sprechen sich gegenseitig ab, „feministisch“ zu sein. Die Verhinderung von Migration ist inzwischen auch ein von linken Regierungen und Parteien geteiltes Projekt, allen voran unter den sozialdemokratischen Parteien in Skandinavien. Eine Ausnahme scheint Spanien zu bilden, doch dürfte sich dies nach den Ereignissen von Ceuta vom 31. Juli 2026 ändern. Auf der sozialdemokratischen Seite gibt es eine „Kombination aus ökonomisch Links und kulturell Rechts“ wie es bereits verschiedene rechtspopulistisch-konservative Parteien wie die PiS in Polen vorgelebt haben. Möglicherweise lässt sich die „Oben-Unten-Arena“ als Gerechtigkeitsprojekt nur noch über die „Innen-Außen-Arena“ beziehungsweise die „Wir-Sie-Arena“ erfolgreich bespielen.

Verteilungs- und Identitätspolitik lassen sich in Regierungsverantwortung wie in der Opposition in der Tat bestens miteinander verbinden. Rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien ist es gelungen, Identitäts- und Europapolitik als Haupthindernisse einer besseren Verteilungspolitik zu brandmarken. Philip Manow sieht hier keine „Kulturalisierung“ verteilungspolitischer Konflikte, wohl aber eine Entwicklung verschiedener Parteien, sich kultur- und identitätspolitisch nach klassischen Mustern eher rechts zu positionieren, verteilungspolitisch jedoch eher links. Die Sozialprogramme der PiS in Polen und der FIDESZ in Ungarn garantierten bis vor Kurzem deren Wahlsiege. Ihren liberalen Gegnern unterstellten sie, diese Sozialprogramme wieder abschaffen zu wollen, was diese wieder bemüßigte zu versichern, dies würden sie – ungeachtet der enormen Kosten – auf keinen Fall tun. PiS und FIDESZ agierten im Grunde rechts- und linkspopulistisch zugleich.

Philip Manow spricht in diesem Zusammenhang von einer „Hyperpolitisierung“, die geradezu dialektisch funktioniere: „Der Prozess der Ent-Nationalstaatlichung (vulgo: Globalisierung, NR) provoziert nämlich nicht nur den gegen ihn selbst gerichteten politischen Protest, sondern er verändert zugleich in einer rekursiven Schleife den Modus, mit dem dieser noch artikuliert werden kann.“ Die traditionellen im Links-Rechts-Schema verhafteten Parteien sind bisher nicht in der Lage, sich aus diesen Möbius-Schleifen der politischen Kämpfe und Debatten zu befreien. Philip Manow fordert im Kapitel „Offene Märkte, offene Identitäten“, „an ‚Globalisierung‘ als dem dominanten Bezugsproblem des Populismus festzuhalten“ und fordert, „den ökonomisch-kulturellen Doppelcharakter dieser Globalisierung ernst zu nehmen und seine Berücksichtigung in der Analyse durchzuhalten, was einschließt, Migration nicht nur als einen ausschließlich kulturellen Konfliktgegenstand zu verstehen, sondern ihren Verteilungs- und Wettbewerbsimplikationen gerecht zu werden.“

Anarchische Fantasien

Ob das, was wir – wie oft behauptet – zurzeit erleben, ein „Kulturkampf“ ist, bezweifelt Philip Manow. Er hält dies eher für eine Frage derjenigen, die – beispielsweise als Wissenschaftler:innen – von außen auf die Entwicklungen unserer Zeit schauen. Ob die Akteure das auch so sehen, ist eine unbeantwortete Frage. Wer jedoch genau hinschaut, wird das, was aus identitätspolitischer Sicht als „Kulturkampf“ erscheinen mag, als bloßen Bildersturm gegen alles bezeichnen müssen, das denen, von denen man sich vernachlässigt fühlt, lieb und teuer ist. Es wird zu einem Modus der „Oben-Unten-Arena“, die als „Wir-Sie-Arena“ bespielt wird. Auch „Kultur“ ist eben eine Metapher. Am 8. Juni 2026 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein Gespräch von Nicolas Richter und Katharina Riehl mit Stephen Holmes: „Sie lieben es, dass der East Wing abgerissen wird“. Holmes sieht bei den Anhänger:innen Trumps kein Interesse an dessen goldenem Ballsaal, aber Genugtuung über den Abriss des East Wing. Trump könne zwar der „weißen Arbeiterklasse (…) keine bessere Zukunft bieten“, aber „die Zukunft der in Harvard gebildeten professionellen Elite an Ost- und Westküste zerstören. Ich kann ihre Universitäten, Zeitungen, das Nato-Bündnis, die Weltwirtschaft ruinieren. Das spricht Menschen an, die einen Groll haben, weil dann wenigstens etwas passiert.“ Es hilft letztlich nicht, populistischen Parteien und Politiker:innen vorzuwerfen, dass sie keine Lösungen hätten. Diese werden von ihnen auch gar nicht verlangt. Die Wähler:innen der AfD wissen durchaus, dass es die Welt nicht weiterbringt, wenn auf einmal vor den Schulen jeden Tag die deutsche Fahne aufgezogen wird. In diesem scheinbaren „Kulturkampf“ ist eben auch „deutsch“ eine Metapher.

Ähnlich wie Holmes argumentiert Annette Dittert in ihrem Buch „Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“ (Köln, DuMont, 2026): Die enttäuschten Labour- und Tory-Wähler:innen, die zu Reform UK überlaufen, glauben nicht, dass dies ihre Probleme löse, es reiche ihnen, wenn die regierenden Parteien zerstört würden (ob sie wieder zu Labour zurückkehren, bleibt nach dem Amtsantritt von Andy Burnham denkbar, vielleicht mit den Themen, mit denen Zohran Mandani in New York zum Bürgermeister gewählt wurde). Diese Lust an der Zerstörung zeige sich – so Stephen Holmes – auch in Ostdeutschland, sei aber ein Grundproblem einer liberalen Demokratie, die sich schwer damit tue, eine Vision zu vermitteln, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt: „Demokratie ist ein System konkurrierender, überzogener Versprechen, was natürlich Enttäuschung erzeugt. Die Enttäuschung wird dadurch bewältigt, dass regelmäßig Wahlen stattfinden. Wenn Sie also mit den Amtsinhabern unzufrieden sind, hoffen Sie, statt Gewalt anzuwenden, auf die nächste Wahl. Aber wenn Sie auch nach mehreren Wahlen feststellen, dass sich nichts ändert, dann funktioniert dieser Mechanismus zur Verarbeitung der Enttäuschung nicht mehr. Und dann wenden Sie sich gegen das System.“

Nationale Grundierungen verstärken den Gegensatz von Innen und Außen als neue Koordinaten politischer Kämpfe, sie sind nicht die Ursache, sondern ein Modus, indem diese Kämpfe ausgetragen werden. Stephen Holmes hatte die verschiedenen Phasen der Wahrnehmung des sogenannten europäischen liberalen „Westens“ insbesondere in den jungen osteuropäischen Demokratien, in den USA, in Russland und China analysiert. Das Vorbild wurde zum Schreckbild: „Genau wie einige ungarische und polnische Populisten mit ihrer Weigerung prahlen, den liberalen Westen zu kopieren, so fühlen sich Trump-Anhänger befreit, wenn sie hören, dass die in Harvard ausgebildeten Eliten nicht nur keine Vorbilder, sondern in einem ganz fundamentalen Sinne noch nicht einmal richtige Amerikaner sind.“ (Ähnlich argumentiert Björn Höcke, wenn er die Westdeutschen als „deutsch sprechende Amerikaner“ bezeichnet.)

Einen interessanten Aspekt, der zu dem Bild des abgerissenen East Wing passt, bietet der Münchner Historiker Johannes Geck in seinem Essay „Anarchofaschismus reloaded“ in der Augustausgabe 2026 des Merkur. Er beginnt mit einem Bild, das alle gängigen Bilder einer im Trump-Reich gefeierten „white supremacy“ konterkariert. Es handelt sich um ein Video aus dem Januar 2026: „In einer Luxuslimousine wiegen sich fünf Männer zu Kanye Wests auf den meisten Plattformen gesperrten Song Heil Hitler. Zu sehen sind Tristan Tate, Sohn eines afroamerikanischen Vaters, in Rumänien des Menschenhandels angeklagt; Myron Gaines, Streamer mit sudanesischen Wurzeln und mehrfacher Holocaustleugner; Sneako, philippinisch-haitianischer Abstammung, konvertierter Muslim und wegen antisemitischer und frauenfeindlicher Aussagen von YouTube verbannt. Und in ihrer Mitte Nick Fuentes, weißer Nationalist und offener Mussolini-Bewunderer, der bei anderer Gelegenheit erklärt hatte, die meisten Schwarzen gehörten hinter Gitter. Zusammen versammeln die fünf eine Followerschaft von über fünfzehn Millionen Menschen hinter sich.“ All das sei „Pose“, durchaus im Sinne von Ernst Jünger und dessen Figur des „Anarchen“, den er insbesondere in seinem utopischen Roman „Eumeswil“ (1977) entwickelte. Johannes Geck verweist auf Armin Mohlers Essay „Der faschistische Stil“ (1973): „Faschismus sei ‚eine Gebärde, ein Rhythmus‘, in dessen ‚Laufschritt‘ sich der Faschist über einen ‚kalten und rapiden Stil‘ verständige; mit ‚Unstimmigkeiten in der Theorie‘ könne er sich dagegen leicht abfinden.“

Rechtspopulistische und rechtsextremistische (auch linkspopulistische und linksextremistische?) Parteien interessieren sich nicht unbedingt für Programme, sodass es letztlich nicht hilft, ihre Programme zu kritisieren. Sie interessieren sich für Aktion, für Tat, für den „‚Rausch der Dezision‘ (…), den Helmut Lethen (Link NR) als Kern der kalten persona beschreiben hat. Mit Unstimmigkeiten in der Theorie kann sich der Faschist nach Mohler gut abfinden; entscheidend ist die habituelle Nähe im Antiliberalismus.“ Johannes Geck konstatiert: „Die Pose ist an keine Identität gebunden, weder an eine ethnische noch an eine geschlechtliche, sondern an eine prinzipiell übertragbare Haltung.“ Die martialische Diktion der Reden populistischer Führergestalten rechtfertigt letztlich Gewalt, auch wenn sie dies – wie Trump am 6. Januar 2021 – oft so kryptisch tun, dass zwar alle verstehen, was gemeint ist, sie jedoch niemand dafür verantwortlich machen kann, was dann geschieht.

Karl Marx hat eine solche Entwicklung im „18. Brumaire“ am Beispiel der Bauern beschrieben: „Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, daß ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde. Und es fand sich ein Individuum, das sich für diesen Mann ausgibt, weil es den Namen Napoleon trägt, infolge des Code Napoléon, der anbefiehlt: ‚La recherche de la paternité est interdite.‘ Nach zwanzigjähriger Vagabundage und einer Reihe von grotesken Abenteuern erfüllt sich die Sage, und der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe Idee des Neffen verwirklichte sich, weil sie mit der fixen Idee der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel.“ Natürlich erfüllten sich die Träume der französischen Bauern nicht, ebenso wenig wie die weiße US-amerikanische Arbeiterklasse mit Trump wieder zu neuem Wohlstand kommt. Möglicherweise – das ist bei Marx nicht vorgesehen – profitiert sie erst durch eine Art Selbst-Lumpenproletarisierung, die ein Bündnis mit dem autokratischen Herrscher eingeht, der ihnen verspricht, alle, von denen sie glauben, dass sie sie behinderten, zu zerstören – außer natürlich ihn selbst. Der Monarch kommt als Anarch zur Macht und festigt sie in bilderstürmerischer Pose. Nichts wird mehr zur Ruhe kommen. Pennywise wird Bündnispartner, Vorbild und letztlich Retter. Es folge die Sintflut!

Norbert Reichel, Bonn

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 6. August 2026. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, Nordlichter, Rechte bei der Künstlerin.)