Wege zu einer transkulturellen Literaturwissenschaft

Jeannette Oholi über Rolle und Perspektiven Schwarzer deutscher Literatur

„Ich wäre überrascht, wenn deine Eltern mit der sogenannten Selbstbezeichnung ‚People of Color‘ irgendetwas anfangen könnten. Überhaupt haben sie sich nie zu den ganzen Diskussionen um political correctness geäußert. Es mag stimmen, dass du eine Außenseiterin bist oder, genauer gesagt, marginalisiert wirst. Sicherlich sind auf Deutsch schreibende Menschen afrikanischer Herkunft in der hiesigen Literaturlandschaft rar. Was nun? Hat es dich etwa vom Schreiben abgehalten? Hat die männliche Dominanz Ingeborg Bachmann vom Dichten abgehalten? Wohl kaum.“ (Sharon Dodua Otoo, Härtere Tage, in: Sharon Dodua Otoo, Herr Gröttrup setzt sich hin, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2022)

Sharon Dodua Otoo ist eine der etablierten Schwarzen Autor:innen in Deutschland. Inzwischen sind sie und andere afrodeutsche Autor:innen auch in den Literaturwissenschaften präsent. Die erste umfassende Monographie über die afrodeutsche Literaturszene schrieb Jeannette Oholi: „Afropäische Ästhetiken – Plurale Schwarze Identitätsentwürfe in literarischen Texten des 21. Jahrhunderts“ (2024). Diesem Buch folgte der von ihr herausgegebene Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur – Ästhetische und Aktivistische Interventionen von den 1980er Jahren bis heute“ (2025). Beide Bände erscheinen im Bielefelder transcript-Verlag. Jeannette Oholi plädiert für eine „Germanistik der radikalen Vielfalt“ – so auch der Titel der Vorstellung ihrer beiden Bücher im Demokratischen Salon.

Es begann in den 1980er Jahren mit den Berliner Jahren von Audre Lorde, dokumentiert in dem Film „Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984-1992“ von Dagmar Schultz, sowie dem von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen programmatischen Band „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ (Berlin, Orlanda Frauenbuchverlag, 1986, zweite Auflage 2000). Die Lyrikerin May Ayim war die erste afrodeutsche Autorin, nach der eine Straße benannt wurde, im Jahr 2010 das May-Ayim-Ufer in Berlin. Seit 2024 gibt es in Berlin auch eine Audre-Lorde-Straße. Im Jahr 2025 wurde in Berlin eine weitere Straße nach dem Schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo, im Jahr 1734 Verfasser der ersten von einem Schwarzen Autor geschriebenen philosophischen Dissertation. Straßennamen dürfen durchaus als Indiz für eine Art Kanonbildung im kollektiven Gedächtnis verstanden werden.

Afrodeutsche Literatur war immer mit afrodeutschem Aktivismus, afrodeutschem Engagement für Sichtbarkeit und Teilhabe verbunden. In den 1980er Jahren gründeten sich mehrere Netzwerke, beispielsweise die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland und das Frauennetzwerk ADEFRA. Im Jahr 2012 wurde das Netzwerk Each One Teach One (EOTO) gegründet. Eine wichtige Rolle für die Sichtbarkeit afrodeutscher Literatur in der literarisch interessierten Öffentlichkeit spielen verschiedene Buchpreise. So wurde Olivia Wenzel für ihren Debütroman „1000 Serpentinen Angst“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2020) auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert, Jackie Thomae stand 2019 für ihren Roman „Brüder“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und las ebenfalls bereits in Klagenfurt. Sharon Dodua Otoo erhielt 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihre Erzählung „Herr Göttrup setzt sich hin“.

Es ist etwas in Bewegung geraten – so ließe sich sagen, in den Verlagen, den Feuilletons und nicht zuletzt auch in den Literaturwissenschaften. Der Dissertation von Jeannette Oholi sollten weitere literaturwissenschaftliche Arbeiten folgen und – so ist zu hoffen – bald auch mit Wirkung in den Schulen, nicht zuletzt in Lehrplänen und Abituraufgaben.

Es begann im Senegal

Jeannette Oholi. Foto: privat.

Norbert Reichel: Bevor ich Ihr Buch las, hatte ich May Ayim, Olivia Wenzel und Sharon Dodua Otoo gelesen. Viele andere habe ich erst durch Sie kennengelernt. Sie sagten mir bei einer anderen Gelegenheit, dass Sie manchmal selbst gestaunt hätten, wie reichhaltig die Szene afrodeutscher Autor:innen ist. Wie sind Sie vorgegangen?

Jeannette Oholi: In der Schule, in meinem Studium, im Alltag bin ich nie auf Schwarze deutsche Autor:innen gestoßen. In der Einleitung des Sammelbandes schreibe ich, dass ich auf Schwarze deutsche Autor:innen erst bei einem Auslandsaufenthalt in Dakar im Senegal aufmerksam geworden bin. Dort erhielt ich einen Hinweis auf den Band „Farbe bekennen“. Als ich dann „Farbe bekennen“ las, von May Ayim erfuhr und sah, wie weit afrodeutsche Literatur schon zurückreichte, habe ich Feuer gefangen und gedacht, wenn ich von diesem so grundlegenden Buch schon nichts wusste, muss es noch viele andere Autor:innen geben, die ich entdecken könnte und sollte. So lernte ich zum Beispiel Philipp Khabo Koepsell kennen, dessen Wirken für mich in der Folgezeit sehr wichtig wurde. Ich entdeckte einiges an Forschungsliteratur, allerdings vorwiegend außerhalb der traditionellen Forschungsinstitutionen. Ich habe daher wieder darüber nachgedacht, wie viel innerhalb der Universität noch fehlt.

Ich wollte eigentlich schon meine Bachelor-Arbeit über Schwarze deutsche Lyrik schreiben, aber ich hatte noch nicht den Zugang. Den fand ich mit meiner Masterarbeit im Jahr 2016 zur Schwarzen deutschen Gegenwartslyrik. Ein Einschnitt, der zu mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit führte, war dann 2020 „Black Lives Matter“. Diesen Einschnitt habe ich auch in den Institutionen gespürt. Es war ein kleines Erdbeben, ein Erwachen. Es gab Aktivist:innen, die sich sehr stark auf den europäischen und deutschen Kontext bezogen, auf Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen, die es nicht nur in den USA gibt, sondern auch in Europa, in Deutschland. Dies erfasste auch die Institutionen, die Hochschulen, sodass ich mich gefragt habe, warum Schwarze Schreibende in der Germanistik kaum eine Rolle spielen und wo ich sie finden könnte. Ich hatte schon vor „Black Lives Matter“ mit der Dissertation angefangen. Wir Forschenden hatten zuvor jede:r für sich gearbeitet, doch jetzt lernten wir uns über unsere gemeinsamen Interessen kennen. Der Wandel in den Institutionen führte zu mehr Sichtbarkeit, auch zu Vernetzung.

Norbert Reichel: Inzwischen gibt es somit eine kleine Community auch in den Literaturwissenschaften, die sich mit Schwarzer deutscher Literatur befasst?

Jeannette Oholi: Auf jeden Fall. Es gibt Netzwerke, die vielleicht nicht offiziell sichtbar sind. Manche gab es wohl auch schon vorher. Ein wichtiges Ereignis war das Literaturfestival „Resonanzen“, das zwischen 2022 und 2024 in Recklinghausen stattfand und von Sharon Dodua Otoo und Patricia Eckermann kuratiert wurde. Bei diesem Festival kamen so viele verschiedene Akteur:innen zusammen, Schwarze Autor:innen, Kulturschaffende, Personen aus den Verlagen, aus den Universitäten. Da entstanden auch neue Netzwerke. Es war – so denke ich – auch nachhaltig. Ich war mit meiner Dissertation schon etwas fortgeschrittener und habe durch die Festivals dann auch andere kennengelernt, die ebenso gerade mit ihrer Dissertation angefangen hatten. Sie werden ihre Promotion bald abschließen, sodass noch einiges für die literaturwissenschaftliche Zukunft Schwarzer deutscher Literatur zu erwarten ist.

Es ist etwas in Bewegung gekommen

Norbert Reichel: Kann man schon von einer Bewegung sprechen?  

Jeannette Oholi (lacht): Da bin ich lieber etwas vorsichtig. (kurze Pause) Zumindest ist etwas in Bewegung gekommen. So könnte man es vielleicht sagen. Ich bin in vielen Gruppen unterwegs und denke dann, es hat sich doch schon vieles verändert. Wenn ich dann mit anderen Personen auf Konferenzen in Kontakt komme, merke ich aber, dass es noch viel mehr gibt, das noch nicht sichtbar geworden ist.

Norbert Reichel: Ich habe in den 1970er Jahren Germanistik, Romanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften studiert. Afrodeutsche Literatur war in der Germanistik kein Thema, in der Romanistik gab es den Lehrstuhl von János Riesz in Bayreuth zur Frankophonen Afrikanistik. Thema war jedoch eher die französisch-sprachige Literatur in afrikanischen Ländern, nicht die afrofranzösische Literatur in der französischen Metropolregion. In meinem eigenen Studium entdeckte ich natürlich Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor, aber wie gesagt keine afrofranzösischen Autor:innen. In der Anglistik sah es etwas besser aus, nach meiner Wahrnehmung aber vor allem in Bezug auf US-amerikanische oder britische Literatur. Beachtung erhielt zum Beispiel James Baldwin aus den USA, aus Großbritannien vor allem indisch- oder pakistanisch-stämmige Autoren, zum Beispiel Hanif Kureishi oder Salman Rushdie. Es war auch die Zeit der ersten Post-Colonial Studies, die aber in der Regel zunächst außeruniversitär oder von studentischen Aktivist:innen geprägt waren. Wie sieht es heute aus? Was hat sich verändert?

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Jeannette Oholi: Ich glaube, es war lange Zeit nicht wirklich möglich, in der Germanistik zu diesen Themen zu promovieren. Viele Personen sind in die USA gegangen und es gibt immer noch die Vorstellung, dass vor allem Nachwuchsforschende in die USA gehen müssen, um dies zu tun. Ich glaube das inzwischen jedoch nicht mehr. Ich glaube, dass es einen Wandel gibt. Ich habe mich auch ganz bewusst entschieden, auf deutsch zu schreiben und in Deutschland zu promovieren, weil ich an das Thema glaube und es hier verankert werden muss. Das ist sicher auch viel Idealismus. Ich fühle mich aber in den deutschen Literaturwissenschaften sehr gut verortet. Dass das so ist, habe ich auch bei meinem Auslandsaufenthalt in den USA gemerkt. Ich wurde in dem deutschen Wissenschaftssystem sozialisiert und ich wollte nicht in ein anderes Land gehen müssen, um meinen Interessen nachzugehen. Es war durchaus ein Privileg, hier bleiben zu können, denn vorangehende Generationen hatten diese Möglichkeit nicht.

Es gibt immer noch Aushandlungsprozesse und Diskussionen über Methoden, Theorien und Textauswahl, aber ich sehe, dass es schon möglich ist, in der Germanistik zu diesen Themen zu promovieren. Auf jeden Fall in Tübingen. Ich arbeite gerne mit Sigrid Köhler zusammen. Sie arbeitet schon sehr lange zu diesem Thema. Durch die Exzellenz-Cluster gibt es einige Promotionsförderungen an der FU Berlin. Dazu kommen punktuell einzelne Personen zum Beispiel in Hannover oder in Erlangen-Nürnberg. Es ist auch an anderen Orten möglich zu diesem Thema zu promovieren, aber ich muss es so offen sagen, es ist oft schwierig mit der Betreuung, weil die betreuenden Doktormütter und Doktorväter oft keine vertiefte Expertise in diesem Feld haben. Wenn man sich für diese Themen entscheidet und in Deutschland bleiben will, braucht man schon viel Selbstständigkeit und Eigeninitiative. Man braucht auch viel Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Norbert Reichel: Mir ist aufgefallen, dass die Veröffentlichungen in den letzten zehn Jahren viel diverser geworden sind. Es gibt viele Biographien junger Autor:innen, die im deutschen Feuilleton mit einem Bindestrich beschrieben werden: russisch-deutsch, türkisch-deutsch, dazu eine Menge Exilliteratur in deutscher Sprache, zum Teil in Übersetzungen, zum Teil im Original, aus dem Iran, aus Afghanistan, aus afrikanischen Ländern. Auch bei jüdischen Autor:innen wird immer ausdrücklich auf eine Migrationsgeschichte verwiesen, in der Regel aus dem post-sowjetischen Raum, aus Russland, aus der Ukraine, aus Aserbeidschan. Sie schreiben fast alle in deutscher Sprache. Mir ist aber auch aufgefallen, dass es in dieser neuen deutschen Literatur viel mehr Frauen als Männer gibt, nicht zuletzt in der Schwarzen deutschen Literatur.

Jeannette Oholi: Danach werde ich oft gefragt. Ich weiß es nicht. Es gibt schon einen Überschuss an Frauen in der Schwarzen deutschen Literatur. Erklären kann ich es mir nicht. Wenn man so auf die Ikonen der Aktivist:innen und der Schwarzen deutschen Literatur, insbesondere aus dem Umfeld von Audre Lorde, zurückschaut, sieht man, dass vor allem Frauen bekannt sind. Philipp Khabo Koepsell ist da eine Ausnahme. Ohne ihn wüsste ich nicht, wie ich hätte forschen können und heute noch forsche. Es gibt auch viele Personen im Hintergrund, die mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Norbert Reichel: Philipp Khabo Koepsell habe ich erst durch Sie entdeckt.

Jeannette Oholi: Er ist wirklich großartig. Er ist einer der ersten, die ich entdeckt habe. Er ist Forscher und Archivar bei Each One Teach One (EOTO) in Berlin. Er müsste noch viel bekannter sein. Wir könnten ohne diese Systematisierung, diese Archivarbeit gar nicht forschen. Wir profitieren sehr davon.

Norbert Reichel: Ich habe vor, demnächst mit Patricia Eckermann die Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek in Köln-Poll zu besuchen. Es gibt auch noch andere Bibliotheken dieser Art. Welche Rolle spielen sie im Wissenschaftsbetrieb? Werden sie genutzt?

Jeannette Oholi: Bisher eher nicht. Mir fällt in der Germanistik zurzeit niemand ein, der oder die aktiv in diesen Bibliotheken geforscht hätte. Die meisten würden eher auf die staatlichen Bibliotheken zurückgreifen und zum Beispiel im Deutschen Literaturarchiv in Marbach forschen. Ich war dort, aber es gibt noch sehr wenig oder man muss möglicherweise sehr tief graben, um die Personen und Themen zu finden, die für unsere Forschung interessant sind.

Zurzeit versucht EOTO in Zusammenarbeit mit Fatima El-Tayeb in Yale mit ihren Studierenden einige Zeitschriften über ein Digital Black Europe Archive zu digitalisieren. Ich glaube, das wird noch einmal sehr wichtig für die Forschung. Es gibt ein wenig Bewusstsein, dass es das gibt, aber es wäre ein Traum, all diese Archive in der Lehre einzubeziehen. Im Studium werden die Studierenden leider kaum an die Arbeit mit Archiven herangeführt.

Norbert Reichel: Ich bin überzeugt, dass die Beschäftigung mit afrodeutscher Literatur ohne Audre Lorde nicht möglich gewesen wäre. Es war zunächst ein starkes feministisches Anliegen. Die Verlage, die sich interessierten, waren daher zunächst bewusst feministische Verlage, manche auch auf lesbische Communities konzentriert.

Jeannette Oholi: Das queerfeministische Anliegen spielte eine wichtige Rolle. Dazu gehört der Orlanda-Verlag. Ich wurde mehrfach gefragt, ob der Orlanda-Verlag noch so relevant für die Schwarze deutsche Literatur sei wie in den 1980er Jahren. Ich glaube schon, dass sich einiges verlagert hat. Die Nominierung von Olivia Wenzel mit ihrem Buch „1000 Serpentinen Angst“ für den Deutschen Buchpreis darf als Meilenstein betrachtet werden. Sharon Dodua Otoo erhielt bereits 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Damit hatte niemand so richtig gerechnet. Dadurch ist viel in Bewegung geraten. Dadurch, dass Sharon Dodua Otoo und Olivia Wenzel mit ihren Romanen bei S. Fischer verlegt wurden, ist das Publikum größer geworden. Trotzdem treffen manche wie zum Beispiel Patricia Eckermann die bewusste Entscheidung, im Selbstverlag zu veröffentlichen. Kleine, unabhängige Verlage sind auch nach wie vor wichtig für Schwarze deutsche Literatur. Es war wichtig, Schwarzer deutscher Literatur in den Verlagen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Mir wird es aber immer wichtiger, Kontaktpunkte und Verschränkungen mit Autor:innen aus anderen Communities genauer anzuschauen.

Norbert Reichel: Ein interessanter noch zu bespielender Raum ist Schule. Nach wie vor dominieren bei Abituraufgaben männliche deutsche Autoren, die fast alle schon tot sind. Das ergibt meines Erachtens ein sehr eingeschränktes Bild unseres kulturellen Erbes. Selbstverständlich kann man mit einem Drama wie „Emilia Galotti“ sehr viele verschiedene Aspekte einer auf falschen Ehrbegriffen beruhenden Gesellschaft, der Rolle von Frauen in patriarchalisch-hierarchischen Gesellschaften zeigen, aber spannend wird das meines Erachtens erst, wenn ich in diesem Fall zum Ehrbegriff und zur Praxis der Macht über Frauen auch andere Texte aus anderen Zeiten und anderen kulturellen Traditionen dieser Welt heranziehe. Sonst besteht die Gefahr, dass viele Schüler:innen den Text als Relikt einer für sie irrelevanten Vergangenheit schnell wieder vergessen.

Jeannette Oholi: Ich unterrichte viele Lehramtsstudierende. Ich versuche schon zu überlegen, welche Bücher sich im Unterricht lesen ließen. An der TU Dortmund unterrichte ich im Wintersemester 2025/2025 eine Einführung in die Schwarze deutsche Literatur. Wir lesen unter anderem „Die Sonne, so strahlend und schwarz“ von Chantal-Fleur Sandjon, der 2023 auch mit einem Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden ist. Ich bin gespannt auf die Reaktionen. Auch in früheren Seminaren habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Lehramtsstudierenden überlegen, wie sie die Texte, die wir besprechen, in den Unterricht in der Schule hineinbringen können. Natürlich gibt es Grenzen. Ich weiß nicht, wie weit sich unser Engagement für Schwarze deutsche Literatur mit der Zeit auf Lehrpläne und Abituraufgaben auswirken wird. Das Bewusstsein und die Sensibilität sind zumindest da. Ich arbeite mit den Studierenden auch zu rassismussensibler und gendersensibler Sprache. Das ergibt eine Art Gerüst für das, was in der Schule wichtig ist.

Literatur und politischer Aktivismus

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Norbert Reichel: Die Vielfalt der Autor:innen, die im weitesten Sinne die kulturelle Vielfalt in Deutschland, in Europa prägen, spiegeln Sie in Ihrem Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur“. Die von Ihnen versammelten Autor:innen beschränken sich nicht auf afrodeutsche beziehungsweise afroeuropäische Literatur. Sie dokumentieren literarische Kontaktpunkte und Vernetzungen in der Literaturszene immer wieder auch in Verbindung mit einem aktivistischen Anspruch. Ich habe den Eindruck, dass sich das auch gar nicht voneinander trennen lässt.

Jeannette Oholi: Ich sehe in der Germanistik immer noch eine sehr starke Trennung. Man muss immer noch sehr viel erklären, dass es diese Verschränkungen gibt. Maryam Aras gelingt dies. Sie hat 2025 den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik erhalten. In ihrer Dankesrede beschrieb sie, dass es diese Verschränkung von Literatur und politischem Aktivismus immer schon gab. Wenn man das nicht anerkennt, wird es schwierig, die Verschränkungen im Text wahrzunehmen und herauszuarbeiten.

Norbert Reichel: Es ging unter anderem um ihren im Claassen-Verlag erschienen Essay „Dinosaurierkind“.

Jeannette Oholi: Ja, genau. Maryam Aras ist auch eine tolle Literaturkritikerin, die immer wieder auf die Notwendigkeit von machtkritischem Lesen hinweist. Ich werde immer wieder damit konfrontiert, ob meine Anliegen aktivistisch sind. Ich weiß nie, wie ich darauf antworten soll, denn es sollte eigentlich auch eine Normalität in einer pluralen Gesellschaft sein, darüber nachzudenken, wo Leerstellen sind und wo Machtkritik erforderlich ist, wo Autor:innen nicht dieselbe Aufmerksamkeit und Sorgfalt in der Auseinandersetzung mit ihrer Literatur bekommen. Das einzufordern sollte in einer pluralen Gesellschaft eigentlich normal sein.

Natürlich spreche ich aus einer bestimmten Position. Ich bin selbst Schwarze Deutsche und es wäre schön, wenn nachkommende Generationen nicht mehr einen so langen Weg haben wie ich und nicht alles selbst herausfinden müssen, um an Texte und Methoden heranzukommen. Wenn ich im Gymnasium bereits Schwarze deutsche Literatur kennengelernt hätte, hätte ich auch im Studium einen ganz anderen Startpunkt gehabt. Das, was ich im Gymnasium erlebte, setzte sich im Studium fort. Ich bin immer noch dabei, viel für mich aufzuholen und aufzuarbeiten. Ich kenne viel Literatur aus den 1990er Jahren noch nicht und hangele mich über die Jahrzehnte zurück. Es ist für mich dann schwer, wenn jemand fordert, man müsse in der Germanistik Jahrhunderte abdecken. Es wird lange dauern, bis ich im 19. oder 18. Jahrhundert ankomme.

Norbert Reichel: Ich sage immer, man soll niemals jemandem hinterherlesen. Ich selbst habe als Student einmal an einem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften teilgenommen. Ein Student sagte dort einem etablierten Professor, er bewundere, dass hier so viele Leute wären, die mehrere Literaturen beherrschen. Der Professor antwortete, man müsse froh sein, wenn man eine Literatur halb beherrsche. Ich würde das noch viel weiter reduzieren, was überhaupt möglich ist.

Jeannette Oholi: Deshalb versuche ich, auch die anderen Communities besser zu verstehen. Was ist denn mit einem Begriff wie „Ausländerliteratur“ oder „Migrationsliteratur“ gemeint? Wie haben die sich formiert? Welche Anliegen hatten sie, welche politischen Anliegen, auch in der sogenannten „Gastarbeiterliteratur“? Gab es da Kontakte zur Schwarzen deutschen Literatur? Ich würde gerne eine Karte erstellen, über die dies sichtbar wäre. Das ist mir wichtiger als Jahrhunderte weit zurückzugehen. Aber es ist mühsam. Ich würde mir wünschen, dass kommende Generationen schon auf Literaturlisten, auf Bibliographien zurückgreifen können, schon wissen, welche Forschungsliteratur es gibt. Das ist mir wichtig. Das ist sicherlich idealistisch gedacht.

Norbert Reichel: Aus Buchläden höre ich, dass Kund:innen schon an der Tür klar zu verstehen geben, dass sie auf keinen Fall etwas Politisches lesen wollen. Ich sehe da eine große Chance für die Literatur, politische Themen indirekt über eine fiktive Geschichte zu übermitteln. Ich möchte ein Beispiel nennen. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen hat in ihrem Roman „Ungebetene Gäste“ (deutsche Fassung: Zürich, Kein & Aber, 2025) die Welt in Israel nach dem 7. Oktober am Beispiel einer Geschichte und einer Lüge mit all ihren Auswirkungen auf beteiligte und betroffene Menschen sichtbar gemacht. Besser kann man meines Erachtens all die Vorurteile, Vorbehalte, das Misstrauen in einer Gesellschaft zwischen verschiedenen Gruppen, das bis in die einzelnen Familien hineinreicht, nicht darstellen.

Jeannette Oholi: Unsere Zeiten sind hochpolitisch. Literatur kann etwas bieten, das andere Bereiche nicht bieten können. Wie wollen wir Zukunft gestalten, wie eine Gesellschaft? Wie kann Literatur Gegenwart und auch Vergangenheit erzählen? Gegenstand meines neuen Forschungsvorhabens ist das Erinnern in, mit und durch Literatur. Welche Personen sind aus der Literaturgeschichte herausgefallen? Warum?

Vieles läuft in der Germanistik auch gut, aber ich sehe immer die vielen Leerstellen. Wenn ich diese alle sehe, überfordert mich das auch manchmal, aber ich weiß, ich bin da nicht alleine und wir leisten diese Arbeit ja auch gerne. Es ist ja eigentlich auch das Schöne am Forschen, diesen Leerstellen nachzugehen.

Norbert Reichel: Es ist das Schicksal literarisch interessierter Menschen, dass sie je mehr sie lesen umso besser wissen, was sie alles nicht gelesen haben, aber eigentlich unbedingt lesen sollten.

Jeannette Oholi (lacht): Das stimmt.

Norbert Reichel: Beim Thema Erinnerung denke ich an „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo. Vier Personen, die alle Ada heißen und in verschiedenen Zeiten leben. Der Name ist die einzige auf den ersten Blick ersichtliche Verbindung zwischen ihnen. Ada ist schon ein interessanter Name in der Literatur. Ich denke an Vladimir Nabokov, Juli Zeh und Dilek Güngör, die alle eine Ada in einem ihrer Bücher zur Hauptfigur machen. Juli Zeh hat sogar ihre Tochter nach dem Roman von Nabokov benannt. Was haben Sie in Ihrem neuen Projekt vor?

Jeannette Oholi: Es ist noch in der Schwebe. Ich dachte zunächst, ich sollte etwas zum Thema Antirassismus machen. Antirassismus ist auch zentral, wenn wir die erinnerungspolitischen Forderungen der letzten Jahre anschauen, nach Hanau und nach Black Lives Matter, beides auf das Jahr 2020 datiert. Meines Erachtens reicht es nicht aus, Antirassismus auf eine Einstellung gegen Rassismus zu beschränken. Es reicht eben nicht aus, gegen Rassismus zu sein. Ich glaube, es gibt eine erinnerungspolitische oder auch wenn man so will erinnerungsaktivistische Dimension. Der möchte ich in Verbindung mit literarischen Texten nachspüren.

Ein neues Selbstbewusstsein

Norbert Reichel: Darüber lässt sich meines Erachtens gut bei der Betrachtung von „Adas Raum“ nachdenken. Nur ein Beispiel: Die Geschichte von Ada Lovelace und Charles Dickens in „Adas Raum“ ist kein Thema Schwarzer Literatur, wohl aber eine über eine Begegnung zwischen einer sozialkritischen Literatur und den ersten Schritten zu einer Art Künstlicher Intelligenz. Die Hautfarbe der Autorin spielt in diesem Teil der Geschichte keine Rolle. Allerdings entdeckt man in der Kombination oder Konfrontation der vier Adas grundlegende zwischenmenschliche und gesellschaftliche Verhältnisse, die eben auch in Schwarzen Gesellschaften zu finden sind.     

Jeannette Oholi: In den Zeiten von May Ayim wurden Rassismus und Patriarchat offengelegt, gab es in diesem Kontext auch den Versuch, eine Art Schwarzes Deutschsein zu schaffen. Es wurde verhandelt, was Deutschsein, Schwarz sein oder weiß sein bedeuten könnte, nicht zuletzt im queerfeministischen Kontext. Bei Texten wie „Adas Raum“ haben wir ganz andere Konstellationen. Da geht es nicht mehr um die Thematisierung von Deutschsein. Es geht – wie bei „Adas Raum“ – um Verflechtungsgeschichten, um miteinander verflochtene Zeiten und Räume. Anklänge dazu gibt es auch in den Gedichten von May Ayim, aber natürlich gibt es in einem Roman mehr Möglichkeiten, dies zu entfalten.

In den 1980er und 1990er Jahren dominierte in der Schwarzen deutschen Literatur die Lyrik. Inzwischen gibt es die größeren Formen, nicht zuletzt Romane, die wir in den 1980er und 1990er Jahre noch gar nicht hatten. Die Kleinformen blieben dennoch. Sharon Dodua Otoo und Olivia Wenzel schreiben nach wie vor auch kurze Erzählungen. Philipp Khabo Koepsell schreibt Gedichte. Er hat in einem Text für das Goethe-Institut betont, dass Autor:innen Schwarzer deutscher Literatur ein neues Selbstbewusstsein haben. Sie können deutsch sein, aber sie müssen es nicht, ungeachtet der Sprache, in der sie schreiben. Ich mag das Zitat sehr gerne.

Bei Olivia Wenzel gibt es eine andere Art von Radikalität. Ihr Stil ist viel konfrontativer. Ich habe auch im Hinblick auf Autor:innen aus anderen Communities darüber nachgedacht. Es ist vielleicht auch ein Spiel mit Leseerwartungen. Es gibt – wie Maryam Aras anmerkt – auch eine gewisse Unversöhnlichkeit. Es muss nicht alles aufgelöst werden, es muss auch nicht immer Aushandlungsprozesse geben. In der Germanistik wird gelegentlich von einer geglückten Interkulturalität oder von geglückten Kulturkontakten gesprochen. Ich glaube, dass nicht diese Begrifflichkeiten zentral sind, sondern Pluralität. Eben darin liegt auch Unversöhnlichkeit, ein Selbstbewusstsein, das die Dinge so nimmt wie sie sind. Es sind andere Netzwerke, andere Ästhetiken entstanden, die an Literaturtraditionen anknüpfen, aber für die es nicht mehr so wichtig ist, ob und wie es von einer weißen Leser:innenschaft verstanden oder nicht verstanden wird.

Norbert Reichel: Sehen Sie wesentliche Unterschiede zwischen den Debatten in Deutschland, in Frankreich, im angelsächsischen Raum?

Jeannette Oholi: Das ist eine gute Frage. Ich fand es im Studium am schwierigsten, die für meine Forschung geeignete Literatur in Frankreich zu finden, weil die Begriffe dort einfach andere sind. Vieles wird zum Beispiel einfach unter „frankophone Literatur“ subsummiert. Da ich die französische Literatur nicht ganz so gut kenne, war es schwierig, die Autor:innen zu finden, die ich interessant finde. Ich kenne die Auseinandersetzungen nicht im Einzelnen. Eine Autorin wie Raphaëlle Red in Frankreich mit ihrem Debütroman „Adikou“ erhielt sehr viel Resonanz, sodass der Roman auch schnell ins Deutsche übersetzt wurde. Die deutsche Fassung erschien 2024 bei Rowohlt. An solchen Beispielen ließe sich zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der deutschen und in der französischen Begrifflichkeit forschen.

Jon Cho-Polizzi hat „Adas Raum“ ins Englische übersetzt. Es gibt zwei Versionen des Titels: „Ada’s Room“ und „Ada’s Realm“: Er wies darauf hin, dass es schwierig ist, Übersetzungen auf den amerikanischen Markt zu bekommen. Aus Sicht der Germanistik kann ich allerdings schon sagen, dass es ein sehr großes Interesse für Schwarze deutsche Literatur in den USA gibt, wenn auch eine Zeitverzögerung zu beobachten ist. Ich habe schon den Eindruck, dass wir mit manchen Begrifflichkeiten in Deutschland weiter sind als in den USA, dass das Feld hier doch dynamischer ist. Die Autor:innen haben verschiedene Veranstaltungsreihen, die wiederum zu Wechselwirkungen zwischen den Institutionen führen.

Norbert Reichel: Ich lese regelmäßig den New York Review of Books und kann Ihren Hinweis auf die Zeitverzögerung bestätigen. Es dauert manchmal schon zwei bis drei Jahre, bis eine Übersetzung deutscher Autor:innen dort besprochen wird. Allerdings finden wir in fast jeder Ausgabe Beiträge zu den klassischen afroamerikanischen Themen, literarische ebenso wie historische, mit Autor:innen, die wir hier in Deutschland so gut wie gar nicht kennen. Das Thema ist dort schon sehr präsent.

Jeannette Oholi: Da haben Sie recht. Als ich in den USA unterrichtet habe, habe ich gemerkt, dass man über Schwarze deutsche Literatur, über Black Europe, über Schwarzsein in den USA ins Gespräch kommt. Es ist sehr gewinnbringend, wenn man dort über Schwarze deutsche Literatur diskutiert.

Norbert Reichel: Ich erlebe die USA als ein sehr vielfältiges und in vielen Dingen widersprüchliches Land. Wir haben nicht nur den Trumpismus mit all seiner Intoleranz und Ignoranz, sondern auch deutliche und klare Worte von liberaler Seite. Wer sich mit Schwarzer Literatur befasst, weiß, welchen Einfluss die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre und Black Lives Matter im Jahr 2020 auf Debatten in Deutschland hatten und haben. Oppositionelle Stimmen in den USA formulierten ohnehin immer schon deutlich schärfer als in Deutschland. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass die politischen Gegensätze viel extremer und unversöhnlicher waren und sind. Aber das ist schon ein weites Feld.

Es geht letztlich um oppositionelles Selbstbewusstsein. In Ihrem Sammelband wird bell hooks zitiert, die als Alternative zum Gegensatz von Black gaze und white gaze „oppositional gaze“ vorschlägt. Es geht nicht um eine binäre Gegenüberstellung von Schwarz und weiß.

Jeannette Oholi: Es waren Beitragende in meinem Sammelband, die bell hooks zitiert haben, allen voran Laura Högner. Mir geht es nie um eine binäre Gegenüberstellung, es wird aber oft so wahrgenommen. Wenn ich mich stark für Schwarze deutsche Literatur mache, wird dies oft so wahrgenommen, als wollte ich mich absondern und irgendwelche Binaritäten herstellen.

Norbert Reichel: Ich habe das in Ihren Büchern nicht so wahrgenommen.

Jeannette Oholi: Danke für die Rückmeldung. Ich habe im Wissenschaftsbetrieb immer wieder damit zu kämpfen. In der Germanistik gibt es immer noch große Vorannahmen und wenn man diese hat, findet man diese auch in den Texten. Es ist eine große Herausforderung, diese Vorannahmen zu reflektieren und auch Lesepraktiken zu hinterfragen.         

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. Februar 2026, Titelbild: pixabay.)