Weimarer Hoffnungen

Karin Althaus und Adrian Djukić im Ferngespräch mit den 1920er Jahren

„Hier ist nochmals das Fernamt. Ich muß sie darauf aufmerksam machen, daß Sie möglichst langsam und möglichst dialektfrei sprechen; der Telephonverkehr für solche Gespräche, wie sie eines angefordert haben, ist zwar freigegeben – aber nur unter der Bedingung, daß der dortige Ueberwachungsbeamte den Gesprächen zu folgen vermag. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß regelmäßig getrennt wird, wenn die Teilnehmer Dialekte oder andere fremde Sprachen sprechen. Wir weisen Sie in ihrem Interesse darauf hin.“ (Peter Panter aka Kurt Tucholsky, ein Ferngespräch, 1927)

Die Zeit der Weimarer Republik war die Zeit, in der Massenkommunikationsmittel wie das Telefon, der Rundfunk, das Fernsehen, Schallplatten, eine Vielzahl von Zeitungen die Öffentlichkeit gestalteten. Menschen kommunizierten deutschland-, europa-, sogar weltweit miteinander. Autos, Züge und Flugzeuge verkürzten die Distanzen. Es war die Zeit der „Golden Twenties“, mit einer neuen Freiheit der Frauen, es war die Zeit von Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise und Armut, es war die Zeit des Aufstiegs des Nationalsozialismus und antifaschistischer Initiativen. Die vielen neuen Kommunikationsmöglichkeiten boten der jungen deutschen Demokratie zahlreiche Foren für Debatte und Auseinandersetzung, waren aber zugleich Instrument totalitärer Gruppierungen, von denen eine Deutschland in eine Zeit des Schreckens und des Terrors sowie in die Katastrophen des Weltkriegs und der Shoah führte.

Im Mai 2026 eröffnete das Lenbach-Haus München die Ausstellung „Ein Ferngespräch – Szenen aus der Weimarer Republik“. Die Ausstellung wurde von der Kunsthistorikerin Karin Althaus und dem Literaturwissenschaftler und Bibliothekar Adrian Djukić kuratiert. Die wissenschaftliche Beratung leistete der Regensburger Kulturwissenschaftler Jens Wietschorke, dessen in der 100-Seiten-Reihe von Reclam erschienenes Buch über die 1920er Jahre einen ausgezeichneten Überblick bietet. Weitere Informationen bieten Karin Althaus, Adrian Djukić und Jens Wietschorke in einem Podcast. Ziel der Ausstellung ist es, die Chancen und Möglichkeiten sichtbar zu machen, die sich in den Anfangsjahren abzeichneten und letztlich in den frühen 1930er Jahren auch zu einem anderen Ausgang hätten führen können.

Dialog mit Weimar

Max Radler, Der Radiohörer, 1930, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © Max Radler bzw. Rechtsnachfolge

Norbert Reichel: Das den Rundgang durch die Ausstellung eröffnende Zitat von Kurt Tucholsky sagt nicht nur etwas über ein Kommunikationsmedium aus, sondern auch über die politische Stimmungslage. Manches erinnert mich an heutige Debatten. Was hat Sie motiviert, die Ausstellung zu gestalten?

Adrian Djukić: Der Titel „Ein Ferngespräch“ war eine Idee von Karin Althaus. Er passte zum Anliegen, mit der Zeit der Weimarer Republik in einen Dialog zu treten. Tucholskys Text erzählt von einem Ferngespräch, das aufgebaut werden soll. Der zwischengeschaltete Überwachungsbeamte lässt darum bitten, dialektfrei und deutlich zu sprechen, damit er die Inhalte auch versteht. Das hat schon eine Dimension von Verdacht und staatlicher Überwachung. Wir haben das Ferngespräch als Methode und als Metapher gewählt. Wir wollten mit der Zeit in Dialog treten, aber auch die medialen Entwicklungen der Zeit zeigen, zu denen die automatisierte Telefonverbindung gehört, die Mitte des Jahrzehnts installiert wird. Wir haben bessere musikalische Aufnahmen, bessere Schallplatten, höher auflösende Mikrofone, sodass die Stimme in ihrer ganzen Körnung erfasst und übertragen werden kann. Die Fotografie macht Sprünge. Die ersten Fernsehaufnahmen werden gesendet. All diese medialen Sprünge führen zu mehr Nähe, ungeachtet der räumlichen Distanz. Wir wollten dies für unser Verhältnis zur Weimarer Zeit leisten, sie näher an uns heranholen.

Norbert Reichel: Vielleicht ist jede Beschäftigung mit einer vergangenen Zeit ein Ferngespräch?

Karin Althaus: Es ist nicht so einfach, in der Weimarer Republik diese Direktheit des Ferngesprächs zu suchen. Die Weimarer Republik wird viel zu oft nur vom Ende hergesehen, als wäre alles geradezu zwangsläufig auf die nationalsozialistische Katastrophe zugelaufen. Wir wollten diesen Gedanken aus unserem Hinterkopf ausschalten und uns auf die Stimmen und die Themen der Zeit einlassen. Was wurde denn damals verhandelt? Welche Möglichkeiten gab es? Was wurde ausprobiert? Was hat das Leben, den Alltag geprägt? Wir wollten nichts vom historischen Rückblick her beurteilen, als wichtig oder unwichtig behandeln. Das Ferngespräch ist in der Tat eine Methode, dies zu tun, aber es gibt viele Interferenzen in diesem Gespräch.

Norbert Reichel: Die Interferenzen machen den Dialog spannend. Denn wenn ich mir Telefon, Radio oder Rotationspresse anschaue, denke ich, dass diese zu einer Form von Massenkommunikation führten, die etwas sehr Gutes für die Demokratie hätten bewirken können. Zu Beginn der Weimarer Republik war das auch der Fall.

Karin Althaus: Auf jeden Fall. Wir wollten dieses Gute suchen und die neuen Gesellschaftsentwürfe, Utopien, die neuen technischen Möglichkeiten in ihrem positiven Aspekt würdigen.

Adrian Djukić: Ich nehme das Beispiel der Entwicklungsgeschichte des Radios. Das ist Thema des Kapitels „Sendezeit“. Wir wissen, was mit dem „Volksempfänger“ als Propagandainstrument des Nationalsozialismus daraus geworden ist. In der Weimarer Zeit wurden jedoch zunächst noch ganz andere Hoffnungen auf das Radio gesetzt. Es gibt die berühmten Theorien von Walter Benjamin und Bertolt Brecht, die meinten, dass das Radio die Art und Weise der Kommunikation grundlegend verändern, es die Menschen viel mehr und direkter in Verbindung bringen könnte. Das hat sich in der Weimarer Zeit nicht in diesem erhofften Maße verwirklicht. Das Programm blieb eher mittelmäßig, eher kleinbürgerlich ausgerichtet. Es gibt schöne Karikaturen mit Bürgern, die sich im Anzug und mit einer Flasche Wein vor das Radio setzen und Operetten hören. Aber es gab eben auch diese Hoffnungen, miteinander in Kontakt zu treten. Es gab Arbeiterradiovereine, die selber Empfangsgeräte gebastelt haben und deutschsprachigen Funk zum Beispiel aus Moskau empfangen haben.

Traumland Amerika

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Norbert Reichel: Nicht nur kommunistische Arbeiter wollten etwas aus dem Land der kommunistischen Revolution erfahren, ein verständliches Anliegen. Abgesehen davon gab es zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion neben den informellen die offiziellen Kontakte, nicht zuletzt über den 1922 im italienischen Rapallo abgeschlossenen Vertrag oder die DERULUFT (Deutsch Russische Luftverkehrsgesellschaft) mit der Fluglinie Königsberg-Moskau. Man kam durch den technologischen Fortschritt weltweit in Kontakt, mit Moskau ebenso wie mit Amerika. Bei unserem Rundgang durch die Ausstellung, Frau Althaus, empfahlen Sie mir das bei Reclam in der 100-Seiten-Reihe erschienene Buch von Jens Wietschorke über die 1920er Jahre. Ich war allerdings erstaunt, als ich im Buch eine Statistik fand, die den überaus hohen Anteil US-amerikanischer Filme in den deutschen Kinos belegte. Damit hatte ich nicht gerechnet, vielleicht aber auch nur, weil ich die deutschen Filme der Zeit besser kenne. Aber wie auch immer scheinen US-amerikanische Filme eine wichtige Rolle zu spielen. Es gab offensichtlich so etwas wie eine Sehnsucht nach der Welt.

August Sander, Sekretärin beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, 1928, Gelatineentwicklungspapier, Münchner Stadtmuseum, Foto: Münchner Stadtmuseum © Die Photographische Sammlung / SK-Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln: bei der VG Bild-Kunst, Bonn 2026.

Karin Althaus: Die Unterhaltungskultur orientierte sich schon damals stark an Amerika. Alles Amerikanische wurde intensiv rezipiert. Man sieht dies auch an der unglaublichen Sportbegeisterung, die in den 1920er Jahren aufkam. Fahrradfahren, Boxen stiegen aus den Niederungen des Spektakels zu Massenveranstaltungen auf, an denen alle teilnehmen konnten. Da gab es keine Klassengrenzen mehr. Das ist extrem amerikanisch beeinflusst. Deshalb war es auch so wichtig, dass ein Boxer wie Max Schmeling, der auch von Künstler:innen verehrt wurde, um die Weltmeisterschaft kämpfte und sich international bewähren musste und konnte.

Adrian Djukić: Viele Phänomene, die wir in der Ausstellung als Errungenschaften der Weimarer Republik beleuchten, wären so isoliert nicht möglich gewesen. Auch die Musikrezeption spielt eine Rolle. Amerikanische Musikstile, die an sich schon hybrid, aus verschiedenen Stilen zusammengesetzt sind, landen in Deutschland und werden begeistert bis exotistisch rezipiert. Sie bringen etwas sehr sehr Neues in den Umgang mit Musik und in das gesamte Nachtleben. Die Leute tanzen anders, sie bewegen sich anders und finden andere Beziehungen zueinander. Es gibt nicht mehr nur den klassischen Paartanz, sondern ganz neue Zusammensetzungen auf der Tanzfläche. Diese hybriden Qualitäten von Swing und Jazz begeistern. Dies wurde auch damals schon als etwas begriffen, das völkische Ideen ausschloss und diesen haushoch überlegen war.

Norbert Reichel: Völkische Ideen spielten gar keine Rolle?

Karin Althaus: Jein. Völkische Ideen, rechte Ideen sind seit der Novemberrevolution als Kontrastfolie präsent. Es gibt rechtsextremen Terrorismus. Joseph Roth hat dies etwa um 1923 in seinem leider nicht vollendeten Roman „Spinnennetz“ beängstigend und sehr präzise beschrieben. Der Roman beschreibt sehr früh die extreme Rechte. Das geht einem kalt den Rücken herunter. Diese Geschichte zieht sich durch die gesamte Weimarer Republik, links und rechts, in einer Form, die es zuvor so nicht gegeben hatte.

Norbert Reichel: Vergleichbar mit Leon Feuchtwanger, der in „Erfolg“ Personen auftreten lässt, die eindeutig als aktuelle Akteure der Zeit identifizierbar sind. Dieser Roman erschien 1930 und ließ Brecht, Hitler und manche bayerischen Politiker mit anderen Namen auftreten. Joseph Roth griff auf aktuelle Zeitungsberichte zurück.

Karin Althaus: Das ist die eine Seite, die andere ist Aufbruchstimmung, für die Amerika steht. Schriftstellerinnen fanden es beispielsweise damals ganz toll, nach Amerika zu gehen, beispielsweise Ruth Landshoff, nach ihrer Heirat Ruth Landshoff-Yorck. Sie ging nach New York und wurde dort zum „It-Girl“.

Norbert Reichel: Der Deutschlandfunk stellte sie vor etwa zehn Jahren meines Erachtens sehr treffend unter dem Motto „Vom It-Girl zur Antifaschistin“ vor. Das passt auch weitgehend auf die Biographie von Marlene Dietrich.

Karin Althaus: Oder nehmen Sie Erika und Klaus Mann, die auf ihren Weltreisen Amerika ja auch immer wieder als ganz besonders interessant feiern.

Sport, Revue, Theater

Rudolf Belling, Max Schmeling, 1929, Bronze, Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur / Foto: Berlinische Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026.

Norbert Reichel: Sie nannten die Rolle des Sports, der auch als Unterhaltung eine wichtige Rolle spielte. Wir hatten Fußball, Boxkämpfe, Radrennen, beispielsweise die Sechs-Tage-Rennen, die damals anders als heute wirklich sechs Tage und sechs Nächte dauerten, in denen das Publikum mehr oder weniger durchfeierte. Bertolt Brecht sagte einmal, im Grunde sei das Theater wie ein Boxkampf.

Adrian Djukić: Das Theater war bei Brecht ein kollektives Unterfangen, mit all seinen Mitstreiterinnen, ich nenne beispielhaft Helene Weigel und Lotte Lenya, seinem Umfeld. Sie alle hatten begriffen, dass das Theater Muff und Staub angesetzt und auch die Verbindung zu großen Teilen der Bevölkerung verloren hatte. Deswegen haben sie ihre Experimente mit populären, proletarischen und traditionell abgewerteten Formaten überlegt. Da war der Boxkampf ein sehr schönes Beispiel, das wir deshalb in der Ausstellung in einem ganzen Kapitel behandeln. Der Boxkampf speiste sich ursprünglich aus Kriegsgefangenenlagern, Jahrmarktsattraktionen, interessierte deshalb auch dieses Umfeld. Es ging darum, so etwas ins Theater zu tragen, damit dieses eine ganz neue Energie entwickeln konnte.

Karin Althaus: Ein immer wieder genannter Begriff war die Schlagkraft. Das Boxen hat sich in eine Richtung entwickelt, die man damals nicht erwartet hatte. Frauen waren von Boxen als Sport und von Boxkämpfen begeistert. Marlene Dietrich, Vikki Baum, Carola Neher trainierten in Berlin im selben Boxstudio. Valeska Gert hat Boxkämpfe getanzt. Diese Sportbegeisterung prägte indirekt das Theater, weil es nicht um Emotionen, Beziehungen gehen sollte. Brecht hatte bei der Uraufführung von „Trommeln in der Nacht“ Poster aufgehängt, auf denen stand: „Glotzt nicht so romantisch!“

Norbert Reichel: Sport, Theater, Unterhaltung – das ließ sich nicht trennen. Ich denke auch an das von Erwin Piscator konzipierte Modell des Theaters als Revue, eigentlich ein Unterhaltungsformat.

Karin Althaus: Oder nehmen Sie die „Dreigroschenoper“. Da war richtig viel los.

Adrian Djukić: Interessant ist, dass all dieses Experimentieren mit Unterhaltungsformaten auch sehr kritisch angelegt war. Es war kritische Unterhaltung im besten Sinn, die in allen möglichen Formaten ausprobiert wurde. Da kann man sich immer wieder begeistern.

Karin Althaus: Unser Direktor, Matthias Mühling, sagt immer wieder, die „Dreigroschenoper“ sei die beste Kapitalismuskritik, die es gibt, und alle fünf Minuten ein Welthit!

Das Bauhaus, die emanzipierte Frau der 1920er und Queerness avant la lettre

Norbert Reichel: Mit der wunderbaren Frage, was der Überfall auf eine Bank gegen die Gründung einer Bank sei.

In einem Teil Ihrer Ausstellung spielt das Bauhaus eine wichtige Rolle. Es war damals schon umstritten und musste mit der Regierungsbeteiligung der NSDAP in Thüringen von Weimar nach Dessau umziehen. In Sachsen-Anhalt greift die AfD zurzeit das Bauhaus mit denselben Argumenten an wie seinerzeit die NSDAP.

Karin Althaus: Das Bauhaus war schon eine extrem innovative Gründung, auch von den Ideen her. Es eckte in konservativen und rechtsextremen Kreisen schon immer an, sodass damals der Umzug von Weimar nach Dessau unvermeidlich war. In Dessau konnte sich das Bauhaus frei entfalten, sodass man sah, was es eigentlich ist. Es sind meines Erachtens nicht unbedingt die Ideen des Bauhauses, die es auch heute zum Feindbild machen, das Flachdach, die Massenproduktion von Wohnungen, moderne und funktionale Schnitte. Es geht um das Menschenbild.

Norbert Reichel: Vielleicht am Rande zur Wirkung des Bauhauses: In Potsdam gab es vor Kurzem im MINSK eine Ausstellung über Plattenbauen, die meines Erachtens durchaus in der Tradition der Ideen des Bauhauses gebaut worden sind. An einer Wand sah man stets aus derselben Perspektive eine lange Reihe der gleich und funktional geschnittenen Wohnzimmer, die jedoch von den Bewohner:innen alle sehr individuell ausgestaltet worden waren. Zweckmäßigkeit, Klarheit und Individualität waren vereinbar. Im Gegensatz dazu bietet die in manchen Kreisen gepflegte Butzenscheibenromantik keine Spielräume für Innovation noch Individualität. Auch das hat etwas mit den Menschenbildern der Zeit zu tun.

Adrian Djukić: Um das Menschenbild ging es uns. Es gab natürlich im Bauhaus nicht die einzige Linie, der man folgte, aber es lässt sich schon sagen, dass es nicht immer die klassische Kernfamilie war, an die als Bewohner:innen gedacht war. Wir zeigen deshalb auch zwei Filme. In dem Film über die Gropiusvilla sieht man mehrere Frauen, die in den Zimmern gemeinsam rumhängen, sich unterhalten, lesen. Wir haben ein tolles Foto von Bauhaus-Schüler:innen, die alle individuell aussehen, lebensbejahend, glücklich, mit allen verschiedenen Arten von Kleidung und Kurzhaarfrisuren. Das Menschenbild, das das Bauhaus transportierte, war schon definitiv innovativ.

Jeanne Mammen, Theaterloge (Der Tenor), ca. 1927 / Aquarell auf Bleistift auf Papier / Berlinische Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, Scan: Anja Elisabeth Witte/Berlinische Galerie © VG Bild-Kunst, Bonn, 2026.

Karin Althaus: Das war schon eine längere Entwicklung. Die Reformbewegung hat bereits um 1900 versucht, die Frauen von ihrem Korsett zu befreien, um Bewegung im Freien gefordert, Sport zu ermöglichen. So richtig zum Tragen kam diese Bewegung in der Mode gegen Ende des Ersten Weltkriegs, als Frauen zunehmend arbeiten mussten und die damalige Kleidung, die langen Haare als unpraktisch empfunden wurden, die kunstvoll hochgesteckt werden mussten. Dies alles wurde ersetzt durch sehr sportliche, luftige lange Kleider mit schlanker Silhouette, kurze Haarschnitte, den Bubikopf. Man hat Sportkleidung getragen, zum Beispiel von Tenniskleidung inspirierte Kleidung. Vor allem die Angestellten, eine völlig neue Schicht von Frauen, die außer Haus arbeiteten, haben diesen Stil für sich adaptiert, Kleidung, die alltagstauglich war, die von morgens bis abends getragen werden konnte und mit der man sich mit wenigen Handgriffen auch für das Nachtleben ausgehfertig machen konnte.

Adrian Djukić: Das blieb nicht im Angestelltenbereich, sondern wurde sehr wirkmächtig, über Zeitschriften und Filme. Es gab eine neue Klasse, eine neue Schicht, die ihr eigenes Geld verdient, damit vielleicht keine großen Sprünge macht, aber eine gewisse Eigenständigkeit leisten kann, Konsum betreibt, zur geschmacksbildenden Instanz wird. Das ist nicht die Klasse, die die Produktionsmittel besitzt, die große Kaufkraft hat, aber sie setzen die Mode.

Norbert Reichel: Und rauchen Zigaretten.

Karin Althaus: Die emanzipierte Frau raucht.

Norbert Reichel: Die moderne, emanzipierte Frau konnte als Fräulein von Amt ebenso erscheinen wie als Vamp.

Karin Althaus: In der Ausstellung haben wir auch viele Künstlerinnen, die mit großem Selbstbewusstsein auftreten. Wir porträtieren Käthe Hoch, die auch unser Titelbild mit dem telefonierenden Erich Müller-Kamp gestaltete. Sie stellt sich selbst unglaublich selbstbewusst dar, mit der Palette, in einer von Suffragetten inspirierten Kleidung. Ihr Auftritt ist ein Statement. Das zieht sich durch. Wir haben es bei Gabriele Münter, bei Jeanne Mammen.

Käte Hoch, Bildnis Dr. E. Müller-Kamp, 1929, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München / Lenbachhaus.

Adrian Djukić: Und literarisch haben wir Irmgard Keun, Vikki Baum, Ruth Landshoff. In den Romanen von Irmgard Keun sehen wir, wie eine neue Literaturgattung entstanden ist, die Angestelltenromane. Es ist eine Mischung aus populären Gattungen und einer sehr avantgardistischen, fast schon experimentellen Schreibweise. Diese Romane waren schon damals sehr beliebt. Sie erschienen oft in Tageszeitungen als Fortsetzungsromane, später dann als Buch. Darin artikulierte sich ein völlig anderer Blick auf die Welt. Die Angestellte schreibt selbst. Sie beschreibt sehr gut die großstädtische und soziale Lage, das Sich-Bewegen im Nachtleben, in den Kaufhäusern, im Konsum, aber auch die Zudringlichkeiten der männlichen Chefs, die Zumutungen des Arbeitslebens.

Norbert Reichel: #Metoo hätte damals auch schon entstehen können.

Adrian Djukić: Absolut. Die Zweischneidigkeit der Romane macht sie immer noch sehr lesenswert. Es ist ein populäres Format, das Erkenntnis bringt. Das gibt es aber auch mit Siegfried Kracauer, der die Angestellten in seinen Essays beleuchtet. Auch er beschreibt diese Ambivalenz in der Schicht der Angestellten. Sie bewegt sich in einem kommerziellen Feld, aber gleichzeitig sieht Kracauer darin eine Art Aufklärung, nicht zuletzt über die kapitalistisch-urbanen Arbeitsformen.

Norbert Reichel: Einen wichtigen Teil der Ausstellung haben Sie Magnus Hirschfeld gewidmet. Begriffe wie Queerness oder Genderthemen gab es damals noch nicht, aber Magnus Hirschfeld hat homosexuellen Menschen, Trans-Menschen Perspektiven eröffnet, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Karin Althaus: Magnus Hirschfeld war uns als theoretischer Background für die Möglichkeiten wichtig, die eigene sexuelle Orientierung zumindest in gewissen Kreisen auszuleben. Diese Möglichkeiten waren in der wilhelminischen Gesellschaft noch undenkbar. Magnus Hirschfeld hat mit seinem Institut für Sexualwissenschaft in Berlin einerseits versucht, eine Art theoretischen Background, eine wissenschaftliche Grundlage für die Einordnung von Homosexualität und Transmenschen zu liefern, um gegen die damals wie heute gängigen Begriffe wie „widernatürlich“ oder Ähnliches vorzugehen und alle verschiedenen sexuellen Orientierungen gleichermaßen als lebenswert darzustellen. Er hat viele dabei unterstützt, die mit dem Gesetz oder in der Gesellschaft diskriminiert oder sogar verurteilt worden sind. Er kämpfte mit vielen Verbündeten gegen diesen § 175 im Strafgesetzbuch.

Norbert Reichel: Der § 175 verschwand erst im Jahr 1994 aus dem Strafgesetzbuch.

Karin Althaus: Es gab damals kleine Erfolge, aber eigentlich doch eher kleine Aufweichungen der Gesetzeslage. Es ist eindeutig und klar, dass all diese Bemühungen um eine offene Gesellschaft mit den Nationalsozialisten ein Ende fanden. Das Institut wurde von den Nationalsozialisten verboten.

Adrian Djukić: Wir sehen auch hier, in welcher konfliktbehafteten Situation wir die 1920er Jahre beschreiben müssen. Es gab schon zu Beginn der 1920er Jahre nach einem Vortrag einen Anschlag auf Magnus Hirschfeld. Wir wissen um diese Anfeindungen, die Ende der 1920er Jahre immer stärker wurden. Magnus Hirschfeld war eine einflussreiche Figur, den wirklich alle kannten. Im Jahr 1919 hat er in dem Film „Anders als die Anderen“ sich selbst gespielt. Es gibt darin eine Szene, in der er einen sexualwissenschaftlichen Vortrag hält. Das zeigt, dass binäre und nicht-binäre Geschlechterbilder damals tatsächlich verhandelt werden konnten.

Die Kehrseiten der neuen Freiheiten

Ausstellungsansicht Ein Ferngespräch / Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, 2026. Foto: Simone Gänsheimer, Lenbachhaus.

Norbert Reichel: In einem alternativen Szenario hätte die Weimarer Republik Deutschland zu einem ausgesprochen liberalen Land machen können. Das spiegelte sich in vielen Punkten auch schon in der Weimarer Verfassung.

Karin Althaus: Wir hatten aber schon von Anfang an in der Weimarer Republik starke Gegentendenzen zu den Möglichkeiten, die wir eben angesprochen haben. Rund 70 Prozent der Studenten in München waren rechts oder rechtsextrem. Auch in intellektuellen Kreisen gab es einen erheblichen Widerstand gegen die Verfassung. Das macht natürlich skeptisch. Die Künstler:innen der Zeit haben unter anderen auch die Typen porträtiert, die ihre Feinde waren. Wir zeigen Bilder von Willi Geiger, der Corpsstudenten porträtiert hatte und versuchte, die studentische Rechte zu desavouieren. Nur über Kunst funktioniert das natürlich nicht. Diese Form der Entlarvung hat sehr deutlich gemacht, was in der damaligen Zeit dominierte und was nicht.

Norbert Reichel: Die Ambivalenz der Weimarer Jahre entdecken wir auch in der Lektüre von Siegfried Kracauers Analysen der Angestellten als neuer gesellschaftlicher Schicht.     

Adrian Djukić: Karin, du hast in deiner Kracauer-Lektüre die Kehrseite der neuen Freiheiten herausgearbeitet.

Karin Althaus: Bei Kracauer gefällt mir, dass und wie er versucht hat, die eigene Zeit zu verstehen und dafür alles aufzubieten, was möglich war, in Feuilletons, in der Sozialforschung. Er schreckte nicht davor zurück, Dinge so konkret zu benennen, dass er einerseits das Positive, den Gewinn für die Emanzipation, aber auch die Gefahren aufzeigte. Mir war es wichtig, dass ein Passus aus seinen Arbeiten in der Ausstellung vorkommt. Es geht um seine Beschreibung, dass sexuelle Freizügigkeit ein Gewinn sein kann, aber auch Druck ausüben kann, insbesondere auf Frauen mitzumachen, egal wo sie herkamen, wie sie erzogen worden sind. Diese Geschichte kennt man auch aus der 1968er Generation, sodass zum Schluss nur ein Teil der Gesellschaft profitierte. Die Frauen waren die Leidtragenden, wenn sie mit dem § 218 konfrontiert waren. Sexuelle Freizügigkeit wird in gewissen gesellschaftlichen Kreisen gefordert, ist aber verpönt, wenn sie in finanzielle Abhängigkeit gerät, in der Prostitution, oder wenn eine Frau schwanger wird. Die Kriminalisierung von Abtreibung war in den 1920er Jahren ein großes Thema.

Norbert Reichel: Die Weimarer Zeit war im Grunde nicht nur eine Zeit des Aufbruchs zu neuen Freiheiten, sondern auch eine patriarchalische Klassengesellschaft.

Adrian Djukić: „Die Angestellten“ ist ein Buch, das diese Klassengesellschaft sehr genau in den Blick nimmt. Dieses Kapitel ist vielleicht das am meisten ambivalente Kapitel in unserer Ausstellung. Wir haben die Errungenschaften der Weimarer Republik, die nachher zerstört werden. In den „Angestellten“ haben wir eine Analyse, dass so etwas wie eine Diktatur nicht das ganz Andere einer Demokratie ist. Er beschreibt positive Prozesse und zugleich die Probleme. Er sieht in den Errungenschaften noch alten Ballast, der abgeworfen werden müsste, um erfolgreich zu werden. Kracauer bedient sich nicht eines Dokumentarstils, auch nicht der traditionellen Formen der Sozialforschung. Walter Benjamin hat einmal gesagt, das Buch arbeite mit surrealistischen Überblendungen. Dies ist eine interessante Position in dem Gefilde der Neuen Sachlichkeit.  

Rudolf Schlichter, Verwahrloste Jugend, ca. 1925–26 / Aquarell und Tuschfeder auf Papier, Privatsammlung, Foto: Privatsammlung.

Norbert Reichel: Armut, Arbeitslosigkeit, Kriegsopfer, zum Beispiel die sogenannten „Kriegszitterer“, auch Kinder in Armut sind Gegenstand ihres Ferngesprächs mit der Weimarer Zeit. Sie zeigen eine sehr schöne Zusammenstellung der Roten Eine-Mark-Romane, in denen von kommunistischer Seite dafür gesorgt werden sollte, dass die proletarischen Schichten verstehen, wofür und mit wem sie kämpfen sollten.

Karin Althaus: Das Tolle an der Weimarer Republik ist einerseits die unglaubliche Bewegung gegen Armut, zur Verbesserung des Lebens von Arbeiter:innen, auch zur Verbesserung der Wohnsituation von Arbeiter:innen. Die Auflösung des Kaiserreichs war sehr stark geprägt von der Einführung des Acht-Stunden-Tags, der Gründung von Gewerkschaften und Arbeitervereinen, zum Beispiel von Arbeiterradio- oder Arbeitersportvereinen. Der erste Bauhausfilm, der noch erhalten ist, schildert die unsäglichen Wohnverhältnisse in Städten, die Slums ähneln, und versucht, dafür eine Lösung zu finden. Diese Gegensätze zwischen Arm und Reich waren unglaublich stark. Das sieht man in den Bildern der Neuen Sachlichkeit, insbesondere in der Richtung des Verismus. George Grosz zeigt Straßenbilder, mit Kriegsversehrten und reichen Säcken und lässt die Gegensätze aufeinanderprallen.

Es ist nicht nur die Perspektive des historischen Rückblicks, sondern das wurde schon damals von Künstler:innen gesehen dargestellt.

Kulturelle Vereinigungen als kommunizierende Röhren

Norbert Reichel: Die Weimarer Zeit ist auch die Zeit der von den Kommunisten unter Anweisung von Stalin und Führung von Ernst Thälmann praktizierten „Sozialfaschismus-Theorie“. Damit wurden die Sozialdemokraten zum Hauptgegner erklärt. Dieses Verhalten der KPD war einer der maßgeblichen Gründe für die Wahlerfolge und die Regierungsübernahme der NSDAP. SPD und KPD konnten sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen.

Karin Althaus: Leider.

Norbert Reichel: Viele KPD-Wähler:innen liefen mit der Zeit zur NSDAP über, während ihre Funktionäre unmittelbar nach der Regierungsübernahme verhaftet, gefoltert und ermordet wurden. Aber es gibt auch antifaschistische Gegenbewegungen, zum Beispiel der Jungmünchner Kulturbund, dem Sie in Ihrer Ausstellung eine Abteilung widmen. Zum Jungmünchner Kulturbund gab es wiederum eine rechtsextreme Gegenbewegung. Das eine stärkte das andere, eine Art kommunizierender Röhren.

Adrian Djukić: Die kulturellen Vereinigungen hatten oft eine enge Verbindung zu kommunistischen Organisationen, waren aber im Grunde viel heterogener als man allgemein annimmt. Die berühmteste war die Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler. Sie hatte 1932 in fast allen deutschen Großstädten Ortsgruppen. Sie setzte nicht nur aus Kommunist:innen und Proletarier:innen zusammen. Und die einzelnen Künstler:innen waren oft schlauer als die Organisationen, denen sie zugerechnet werden. In ihren Programmen haben sie oft Sätze, die über das hinausgehen, was wir heute als parteipolitisches Klischee empfinden, beispielsweise in Bezug auf die Überwindung weltanschaulich-klassenmäßiger Beschränkungen zwischen den Menschen. Das ist ein Gedanke, der nicht in Parteipolitik aufgeht. Gleichzeitig war es wichtig, politische Gegenmacht aufzubauen.

Der Jungmünchner Kulturbund hatte die Idee, sich keine Statuten zu geben. Vereins- oder Parteiprogramme sahen die Mitglieder sehr kritisch. Sie wollten interdisziplinär sein, Literatur und Bildende Kunst vereinen, zumindest deren Zusammenarbeit gestalten. Sie haben sich gegen alle konkreten politischen Entwicklungen gestellt, beispielsweise gegen die Wiedereinführung der Zensur durch das Gesetz zum Schutz der Jugend vor Schmutz und Schundliteratur, das im Jahr 1925 vorgelegt wurde, gegen die Todesstrafe. Sie warben für ihre Anliegen durch Veranstaltungen in einer Münchner Buchhandlung. Der Verein funktionierte nicht parteipolitisch, er war sehr von der Kunst geprägt.

Karin Althaus: Die andere Seite muss man in München gar nicht groß diskutieren. Die von den Nationalsozialisten verliehene Bezeichnung „Hauptstadt der Bewegung“ sagt schon alles. In unserer Ausstellung wollten wir aber gerade eben nicht die Feldherrenhalle oder den Hitlerputsch in den Vordergrund stellen. Deshalb haben wir den Jungmünchner Kulturbund und den Antifaschist:innen einen größeren Auftritt gegeben. Sie haben bei ihren Kämpfen gegen die lokalen Nazis oft den Kürzeren gezogen, sind heftig verprügelt worden, hatten wochenlang grün und blau geschlagene Glieder.

Wir haben versucht, diese Geschichte von der anderen Seite aufzuziehen. Wir sind in dieser Hinsicht aber immer noch am Anfang. Wir wissen, es gab Widerstand gegen die wachsende Dominanz der Nazis, aber es ist schwierig herauszubekommen, wie dieser Widerstand funktionierte, weil die äußere Sichtbarkeit, die Überlieferung zu diesen Organisationen sehr schlecht ist. Nicht einmal in den Polizeiakten konnten wir etwas zum Jungmünchner Kulturbund finden. Daher haben wir versucht, alles zusammenzutragen, was wir finden konnten, um wenigstens eine Art Landkarte mit Orten des Widerstands ebenso wie mit Orten zu schaffen, wo sich nationalsozialistische Gruppen und Künstler:innen trafen wie beispielsweise im Bruckmann-Salon am Carolinenplatz.

Adrian Djukić: Wir zeigen eine Animation der Münchner Stadtkarte, um die gesamte Szene zu zeigen. Der Bruckmann-Salon ist das eine, Klaus Mann, der im Café sitzt und plötzlich merkt, dass Nazis hinter ihm stehen, das andere. Die Geschichte der Täter ist gut dokumentiert. Uns ging es darum zu zeigen, was es außerhalb dieser Täterstrukturen, welchen Widerstand es gab. 

Oft wird die Polarisierung der Gesellschaft in den 1920er Jahren ins Feld geführt, aber solche Einrichtungen wie der Bruckmann-Salon ist auch ein Indiz dafür, wie ein Großbürgertum und eine sich vom Abstieg bedroht fühlende Mittelschicht den Aufstieg der Nazis gefördert haben.             

Norbert Reichel: Ein Who is Who des Bruckmann-Salons hat Wolfgang Martynkewicz in seinem Buch „Salon Deutschland – Geist und Macht 1900 – 1945“ zusammengetragen (Berlin, Aufbau Verlag, 2009). Dort traf sich eine Vielzahl konservativer oder einfach unpolitischer Künstler, von denen viele mit der jungen Demokratie nichts anfangen konnten. Gäste waren zum Beispiel Stefan George, Karl Wolfskehl, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannstahl. Selbst Thomas Mann und Harry Graf Kessler schauten gelegentlich vorbei. Manche wunderten sich vielleicht über den seit Dezember 1924 mit Reitpeitsche und Revolver am Gürtel in Begleitung von Rudolf Heß und Alfred Rosenberg auftretenden Hitler. Elsa Bruckmann unterstützte Hitler zuvor in seiner luxuriösen Haft in Landsberg am Lech, Hugo Bruckmann wurde Reichstagsabgeordneter der NSDAP. Vielleicht darf man den Schluss ziehen, dass damals Konservative und Antifaschist:innen nicht unbedingt miteinander befreundet waren.

Karin Althaus: Nein, das waren sie nicht.

Käte Hoch, Selbstbildnis, 1929, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.

Norbert Reichel: Ich darf vielleicht zum Abschluss unseres Gesprächs sagen, dass Ihnen die Darstellung der liberalen Weimarer Republik aus meiner Sicht sehr gut gelungen ist. Es gab viele Strömungen, die für mehr Liberalität hätten sorgen können. Nach 1945 wurde es auch nicht leicht, denn in der DDR gab es eine neue Diktatur, diesmal unter kommunistischen Vorzeichen, in der Bundesrepublik Deutschland war man auch nicht gerade progressiv. Einen wirksamen Progressivitätsschub gab es eigentlich erst in den 1960er Jahren. Viele Einschränkungen der Rechte von Frauen wurden über den Zeitraum der 1970er bis zu den 1990er Jahren aufgehoben. Die Streichung des § 175 im Jahr 1994 hatten wir schon angesprochen.

Karin Althaus: Es ist erschreckend zu sehen, wie sich vieles noch weit über 1945 hielt.

Adrian Djukić: Die Kontinuitäten nach 1945 sind in der Forschung erst in den letzten Jahren Thema geworden. Das hat uns animiert zu schauen, welche Errungenschaften es schon vorher in den 1920er Jahren gab und wie spät sie nach dem Ende des Nazi-Terrors wieder aufgegriffen wurden. Manche Themen harren nach wie vor einer Weiterentwicklung.

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 28. Juni 2026. Titelbild: Ausstellungsansicht Ein Ferngespräch, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, 2026. Foto: Simone Gänsheimer, Lenbachhaus.)