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	<title>Levantinische Aussichten Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
	<lastBuildDate>Sun, 07 Jun 2026 06:02:57 +0000</lastBuildDate>
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		<title>&#8222;Du lebst, also sprich!&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/du-lebst-also-sprich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Jun 2026 05:47:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Du lebst, also sprich!“ Der persische Autor Bahram Moradi und sein Roman „Das Gewicht der anderen“ „Ich schreibe, um zu erzählen, mich selbst kennenzulernen, meine Schmerzen zu lindern; um die Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen; ich schreibe, um mich und meine Leser über die Absurdität des Lebens lachen zu lassen; aber  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>„Du lebst, also sprich!“</strong></h1>
<h2><strong>Der persische Autor Bahram Moradi und sein Roman „Das Gewicht der anderen“ </strong></h2>
<p><em>„Ich schreibe, um zu erzählen, mich selbst kennenzulernen, meine Schmerzen zu lindern; um die Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen; ich schreibe, um mich und meine Leser über die Absurdität des Lebens lachen zu lassen; aber vor allem schreibe ich, um nicht zu vergessen.“ </em>(<a href="https://bahrammoradi.com/">Bahram Moradi auf der Startseite seines Internetauftritts</a>)</p>
<p>Im Herbst 2025 veröffentlichte Bahram Moradi im Göttinger Wallstein-Verlag seinen Roman <a href="https://www.wallstein-verlag.de/9783835359123-das-gewicht-der-anderen.html">„Das Gewicht der anderen“</a> in der Übersetzung von <a href="https://www.sarahrauchfuss.com/">Sarah Rauchfuß</a>. Seine vorherigen Romane wurden ausschließlich in persischer Sprache veröffentlicht. „Das Gewicht der anderen“ hat jedoch einen besonderen Stellenwert. Dies belegt nicht zuletzt die Nominierung des Romans auf der Shortlist für den <a href="https://www.hkw.de/programme/internationaler-literaturpreis/shortlist-2026">Internationalen Literaturpreis 2026</a>, der vom <a href="https://www.hkw.de/">Haus der Kulturen der Welt</a> in Berlin für ins Deutsche übersetzten Gegenwartsliteraturen verliehen wird. Bahram Moradi wurde 1960 in Brujerd, Iran, geboren, zu Beginn der 1980er Jahre inhaftiert und verließ nach seiner Freilassung den Iran. Seit 1994 lebt er in Berlin. Zurzeit wird ein Band mit Erzählungen vorbereitet, die teilweise ebenfalls Sarah Rauchfus übersetzt hat. Bahram Moradi gehört zu den Autorinnen und Autoren, die über das Programm <a href="https://weiterschreiben.jetzt/">„Weiter Schreiben“</a> unterstützt und gefördert werden. Das Programm wurde im Januar 2024 mit dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltliteratur-im-exil/">„Weltliteratur im Exil“</a> im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> porträtiert.</p>
<div id="attachment_8087" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8087" class="wp-image-8087 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Bahram-Moradi-©-Maryam-Mardani.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Bahram-Moradi-©-Maryam-Mardani-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Bahram-Moradi-©-Maryam-Mardani.jpg 300w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8087" class="wp-caption-text">Bahram Moradi © Maryam Mardani</p></div>
<p>In „Das Gewicht der anderen“ beschreibt Bahram Moradi das Gefängnis aus der Sicht des 13jährigen Peyman Bamshad, der inhaftiert wird, weil er für seinen Bruder gehalten wird. Er bleibt viele Jahre im Gefängnis. Der Roman lässt sich durchaus mit anderen künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Zeit in einem iranischen Gefängnis vergleichen, so beispielsweise mit dem Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=NwMt2GbLdLQ">„Roya“</a> der Regisseurin Mahnaz Mohammadi, die in einem Gespräch mit Omid Rezaee, das <a href="https://www.zeit.de/feuilleton/film/2026-05/mahnaz-mohammadi-regisseurin-iran-roya-drama/komplettansicht">am 6. Mai 2025 in der ZEIT veröffentlicht</a> wurde, sagte: <em>„Nach dem Gefängnis ist man nicht mehr derselbe Mensch“</em>. Aber das Schreiben, ein Film, Theater geben Hoffnung. Mahnaz Mohammadi sagte: <em>„Nach dem Gefängnis sagte ich mir immer wieder: Du lebst, also sprich. Nicht, weil meine Geschichte so wichtig wäre, sondern weil diese Gewalt sonst wiederholt wird. Wenn wir nicht erzählen, bleibt nur die Erzählung der anderen Seite. Mich interessiert, ob jemand durch diese Geschichte beginnt zu fragen: Wer bin ich in diesem System? Wo war ich? Was habe ich getan? Was habe ich zugelassen? / Ich wünsche mir sogar, dass meine damaligen Vernehmer den Film sehen. Nicht, weil ich glaube, dass er sie verändern würde. Aber vielleicht würden sie sich die Frage stellen, was sie mit Menschen machen.“ </em></p>
<p>Aber es ist ein langer Weg. Bahram Moradi bezeichnet seine Reise zu seinem Roman als eine <em>„Odyssee“</em>. Ob diese Reise mit der Veröffentlichung eines Buches in einem deutschen Verlag, der Aufnahme eines Films ins deutsche Kinoprogramm, zu einem zumindest vorläufigen Abschluss gekommen sein könnte? Das ist eine offene Frage, gerade in einer Zeit, in der der Terror des iranischen Regimes gegen die eigene Bevölkerung mit den Morden vom 8. und 9. Januar 2026 eine neue Dimension erreicht hat. Die Zahl der Hinrichtungen im Iran steigt. Die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi wurde nach mehreren Herzinfarkten in der Haft Mitte Mai 2026 <em>„vorerst“</em> aus dem Gefängnis entlassen, kann jedoch jederzeit wieder inhaftiert werden. Raphael Geiger kommentiert dieses <em>„vorerst“</em> der Tochter von Narges Mohammadi <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/iran-regime-willkuer-mohammadi-kommentar-li.3486427">am 20. Mai 2026 in der Süddeutschen Zeitung</a> mit den Worten. <em>„Die Botschaft des Regimes ans Volk ist: Wir können euch töten oder leben lassen. Wer leben darf, wie Mohammadi, tut es mit dem Wort „vorerst“. Darin liegt eine ganz eigene Grausamkeit.“</em> Die Angriffe Trumps und Netanjahus auf den Iran haben daran nichts geändert, im Gegenteil. Die Verzweiflung in der iranischen Bevölkerung ist inzwischen sogar so groß, dass manche ihre Hoffnung auf falsche Freunde setzen.</p>
<h3><strong>Eine 40jährige Odyssee </strong></h3>
<div id="attachment_8086" style="width: 189px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.wallstein-verlag.de/9783835359123-das-gewicht-der-anderen.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8086" class="wp-image-8086 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Bahram-Moradi-Das-Gewicht-der-Anderen-Wallstein-179x300.png" alt="" width="179" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Bahram-Moradi-Das-Gewicht-der-Anderen-Wallstein-179x300.png 179w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Bahram-Moradi-Das-Gewicht-der-Anderen-Wallstein-200x335.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Bahram-Moradi-Das-Gewicht-der-Anderen-Wallstein.png 350w" sizes="(max-width: 179px) 100vw, 179px" /></a><p id="caption-attachment-8086" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir gefällt das Cover des Buches. Wir sehen einen Vogel hinter einem Maschendrahtzaun. Der Vogel ist eigentlich eine Art Symbol für Freiheit, während der Maschendrahtzaun eher für Ausschluss, Abgrenzung und Unfreiheit steht.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Den Umschlag hat der Verlag gestaltet. Ich fand es auch interessant. Die persische Ausgabe hat einen ganz anderen sehr dunklen Umschlag. Ich denke, </em><a href="https://www.evamutter.com/index-de.html"><em>Eva Mutter</em></a><em>, die Gestalterin, hat sehr genau verstanden, worum es in dem Buch geht. Es geht um einen 13jährigen Teenager, der im Gefängnis landet und dort lange Zeit bleibt. Peyman Bamshad hat nach seiner Freilassung hat weiterhin seinen Schmerz, sein Trauma. Er kämpft mit sich selbst und seiner Umgebung, um sich selbst kennenzulernen, sich selbst zu entdecken. Das Cover zeigt diese Botschaft. Er ist noch nicht frei. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Immerhin steckt der Vogel seinen Kopf durch eine Masche des Zauns, scheint aber nicht wegfliegen zu wollen, obwohl er wohl könnte.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Ja, aber er kann nicht. Anscheinend möchte er nicht raus. Er hat nicht die Kraft sich zu befreien, auch wenn er das theoretisch könnte. Das ist meine Interpretation des Bildes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie passt zu den Geschichten der Menschen in Ihrem Roman, insbesondere zu der Hauptperson und Erzähler, dem dreizehnjährigen Peyman Bamshad, der für seinen Bruder gehalten wird, sich immer wieder auch in diese Persönlichkeit hineinfindet, dann wieder herausgeht. Seine Identität verläuft alles andere als geradlinig.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Ich denke, diese Generation, auch die etwas ältere Generation, diejenigen, die die Revolution 1979 erlebt haben, haben fast alle eine erhebliche Schmerzerfahrung gemacht. Diejenigen, die ich kenne, im Iran und im Ausland, tragen immer noch diesen Schmerz, dieses Trauma in sich. Ohne professionelle Hilfe wird man damit nicht fertig. Ich selbst habe erst Jahre nach meiner Freilassung und meiner Flucht in Deutschland eine Therapie angefangen. Ein Teil meiner Therapie betraf die Ereignisse im Gefängnis und wie ich damit umgehen könnte. Die Therapie dauerte etwa zwei Jahre. Glücklicherweise hat es bei mir geklappt und einige der großen Löcher dieses Traumas geheilt. Damit bin ich sehr zufrieden. Deshalb konnte ich letztendlich im Jahr 2010 diesen Roman schreiben. </em></p>
<p><em>Die Reise zu diesem Buch war eine Odyssee. Die Idee zu diesem Roman kam in den frühen 1980er Jahren. Ich wurde im Herbst 1982 auf der Bühne verhaftet. Ich hatte damals eine Theatergruppe und hatte bei einem Stück Regie geführt. Bei der Aufführung sind die Revolutionsgarden in den Saal gestürmt und uns alle mitgenommen. Im Gefängnis habe ich begriffen, dass ich nicht weiterhin Theater spielen kann. Die Regierung war und ist immer noch bei jeder Versammlung dabei, bei Theateraufführungen, bei politischen Versammlungen. Daher begann ich Kurzgeschichten zu schreiben, wusste aber eigentlich nicht, wie das geht. Im Gefängnis gab es Bücher, die wir auseinandergerissen und versteckt hatten. Eines davon war ein dickes Buch über das Schreiben von Geschichten. Ich habe es gelesen und mir Notizen gemacht. Ein Mitgefangener fragte mich, was ich tue. Und als ich es ihm erklärte, sagte er, dann schreib doch eines Tages unsere Geschichte auf! Das war der Anfang, die Idee. 28 Jahre später habe ich diese Geschichte aufgeschrieben. </em></p>
<p><em>Nach meiner Freilassung im Jahr 1984 merkte ich, dass ich den Iran verlassen musste. Ich konnte nicht mehr Theater machen, ich musste mich jede Woche bei den Behörden vorstellen, ihre Fragen beantworten, was ich tue, welche Leute ich getroffen, welche Zeitungen ich gelesen hatte. Ich versuchte, irgendetwas zu machen, aber ich konnte nichts tun. Ich konnte auch nicht weiter studieren, alle Türen waren geschlossen. Ich habe dann beschlossen: Ich muss raus aus dem Land. Ich bin 1988 im damaligen Ostberlin, in Schönefeld, gelandet, durch den Tränenpalast nach Westberlin gekommen und habe dort Asyl beantragt.</em></p>
<p><em>Dieser Schock in einer neuen Gesellschaft, mit einer völlig anderen Sprache, meine Konflikte, meine innere Krise, die ich schon von Kindheit an, in der Revolution, danach im Gefängnis hatte, der Schock mit dem Rassismus in Deutschland – ich musste Distanz finden. Ich musste arbeiten, eine Ausbildung machen und alles Mögliche. Aber immer schrieb und veröffentlichte ich Kurzgeschichte, doch ich wollte definitiv auch über die Idee schreiben, die im Gefängnis entstanden war.  Nach jeweils 10 bis 15 Seiten bin ich immer wieder gescheitert. Ich merkte sehr stark, dass ich mich von all den vergangenen Ereignissen distanzieren musste. Alle Gefühle waren noch da, obwohl ich nur zwei Jahre im Gefängnis war, im Vergleich mit vielen anderen, die viele Jahre im Gefängnis waren und noch viel schlimmere Sachen erlebt hatten als ich. </em></p>
<p><em>Anfang 2000 habe ich die Therapie gemacht. Mit einem sehr guten Psychoanalytiker. Ich habe dabei gemerkt, dass ich so langsam bereit wurde, diese Geschichte zu schreiben. Es folgte die zweite Frage: Wer erzählt die Geschichte? Die Gefangenen in den frühen 1980er Jahren gehörten verschiedenen Parteien an, von rechts bis links. Wenn mein Erzähler zu einer dieser Gruppierungen gehörte, müsste er die deren Meinungen vertreten. Das wollte ich nicht. Ich wollte, dass er unabhängig von all diesen politischen Diskussionen erzählt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Er bezeichnet sich selbst an einer Stelle als <em>„naiv“</em>.</p>
<p><strong>Bahran Moradi</strong>: <em>Er ist 13 Jahre alt und wird verhaftet. Er ist naiv in dem Sinne, dass er überhaupt keine Ahnung hat, wo er ist und wozu. Er ist einfach niemand. Er fängt gerade an sich zu finden. Gerade in seinem Alter versucht man seine Identität zu entdecken, wozu man gehört, wer man ist, und dann kommt man in eine solche Situation! Im Laufe des Schreibprozesses habe ich ihn als Protagonisten erfunden. Nach 28 Jahren habe ich Peymans Geschichte innerhalb eines Jahres geschrieben.</em></p>
<p><em>Es dauerte dann noch einmal elf Jahre, bis der Roman bei einem kleinen Verlag in Kalifornien in persischer Sprache erschien. Und 2024 / 2025 wurde der Roman ins Deutsche übersetzt.</em></p>
<p><em>Es war eine Odyssee von über 40 Jahren. Meine Reise zu diesem Buch kam mit der Veröffentlichung zu einem vorläufigen Abschluss. Aber die Reise geht weiter. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kam es zu der deutschen Übersetzung?</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Das war Mitte 2023. Ich lernte „Weiter Schreiben“ in Berlin kennen. Sie hatten einige kurze Texte von mir übersetzt. Ein Text davon war die Anfangsszene von „Das Gewicht der anderen“. Gleichzeitig bestand ein Freund darauf, dass ein Roman von mir ins Deutsche übersetzt werden sollte. Zwischen 2006 und 2016 investierte ich auf eigene Kosten in die Übersetzung eines Erzählbandes sowie eines Teils eines Romans, in der Hoffnung, einen Verlag dafür zu gewinnen. Leider blieb dieser Versuch ohne Erfolg, denn in der deutschen Verlagsbranche Fuß zu fassen, ist ausgesprochen schwierig.</em></p>
<p><em>2016 habe ich aufgehört weiter zu suchen. Ich hatte es satt. Ich wollte mich nur noch auf mein Schreiben konzentrieren. Aber mein Freund bestand auf der Übersetzung von „Das Gewicht der anderen“. Er sammelte Geld für die Übersetzung. Das lief parallel zu meinen Kontakten mit „Weiter Schreiben“. Ich hatte sehr freundliche Begegnungen mit </em><a href="https://deutschethemen.de/gabriele-von-arnim-ihr-leben-und-ihre-geschichte"><em>Gabriele von Arnim</em></a><em> und </em><a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/personen/annika-reich-p-728"><em>Annika Reich</em></a><em>, die beide mit </em><a href="https://www.suhrkamp.de/person/michael-krueger-p-2687"><em>Michael Krüger</em></a><em> Kontakt aufnahmen. Über ihn haben sie das Buch bei Wallstein vorgestellt. </em><em>Letztlich wurden die Übersetzungskosten durch die Unterstützung von Freunden, „Weiter Schreiben“ sowie durch das Chamisso-Publikationsstipendium finanziert.</em> <em>Sarah Rauchfuß hat die Übersetzung innerhalb von sechs Monaten angefertigt. Sarah ist eine hervorragende Übersetzerin. Das war eine tolle Leistung. Ohne dieses Team, von „Weiter Schreiben“ über Gabriele von Arnim, Annika Reich, Michael Krüger bis zu Sarah Rauchfuß hätte das Buch nie erscheinen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Wallstein-Verlag ist – wenn ich das sagen darf – eine sehr gute Adresse, nicht zuletzt für internationale Autorinnen und Autoren und Sie haben in der Tat eine hervorragende Übersetzerin gefunden. Mit solchen Übersetzungen werden wichtige Beiträge zur Weltliteratur für deutsche Leserinnen und Leser verfügbar! Gabriele von Arnim hat ein sehr lesenswertes Nachwort geschrieben. Sie vergleicht Ihre Art zu schreiben mit dem Schreiben von Salman Rushdie, der <em>„von der Imagination als Superpower gesprochen hat“</em>, und der Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und ihr Buch „Secondhand-Zeit“: <em>„Und wir verstehen: / Jedes Leid zählt und jede Heilung, Jeder Schritt, den wir tun hat seine Wirkung. Jeder Mensch ist ein Rädchen und jeder Mensch ist ein Universum.“ </em></p>
<h3><strong>Der Erzähler Peyman Bamshad – Ein distanzierter Beobachter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Peyman Bamshad, zentrale Figur des Romans und Erzähler, entwickelt sich im Verlauf der Zeit im Gefängnis, er wird sozusagen erwachsen, sodass der Roman im Grunde zugleich eine Gefängnis- und eine Coming-of-Age-Geschichte ist. Mit der Zeit gewinnt Peyman schon fast so etwas wie eine ironische Distanz zu dem, was er im Gefängnis erlebt, und nicht zuletzt gegenüber dem Regime, das ihn dorthin gebracht hat. Manche seiner Äußerungen haben sogar einen schon fast blasphemischen Charakter. Ich möchte zwei Passagen des Buches dazu zitieren:</p>
<p><em>„Traktvorsteher Haj Aqa Hosseiniyan war überzeugt, um ein Mensch zu werden, müssten die Insassen von Trakt drei Zuflucht im Heiligen Odem des dreizehnten Imam suchen und sich ihrer sturen Eselsgedanken entledigen, hätte sich doch die ganze Welt bereits Imam Khomeini unterworfen. (Eselsgedanke, Heiliger Odem, Unterwerfung – das waren die drei Säulen, auf denen die ganze Existenz Hosseiniyans stand; ganz so, als ließe der Wandel der Welt sich damit erklären.)“ </em></p>
<p><em>Über einen Mitgefangenen sagt er: „Von den unverständigen Bojnurdier Bauern hatte er sich losgesagt und war zurück nach Deutschland gegangen, um wenigstens den einen oder anderen Adressaten für seine Achtungs-Pachtungs zu finden, und da es ihm nicht gelungen war, ein kommunistisches Albaniran aufzubauen, wurde er Derwisch auf der Suche nach einem Orden.“</em></p>
<p>Peyman durchschaut eine ganze Menge an Dingen, die er als er verhaftet wurde, sicherlich so noch nicht begriffen haben konnte und die andere in seinem Umfeld nicht begreifen.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Das stimmt. Durch seine Unabhängigkeit von einer bestimmten politischen Partei kann er verschiedene Meinungen aufnehmen, aber er wird von keiner abhängig. Er beobachtet alles sehr objektiv. </em></p>
<p><em>Meiner Meinung nach macht der Erzähler eine Geschichte aus. Wenn wir wissen, wer der Erzähler ist, welche Eigenschaften, welche Gefühle, Gedanken, Sichtweisen er hat, bekommt die Geschichte Charakter und Struktur, bis in die Sprache hinein.</em></p>
<p><em>Ich habe immer versucht, in Peymans Haut einzutauchen. Wie denkt er? Was hat er für eine Meinung? Mit meiner eigenen Biografie hat die Geschichte nichts zu tun. Es ist die Geschichte von Peyman Bamshad. Er kann durch seine Objektivität alles nüchtern beobachten und berichten. Natürlich entwickelt er mit der Zeit durch die Beziehung mit anderen, die überwiegend eine links orientierte Meinung haben, eine bestimmte eigene Meinung. Er akzeptiert die Bedingungen und die Einstellungen der Wärter im Gefängnis nicht, sondern distanziert sich von ihnen und von der Regierung. Das betrifft auch seine Einstellung zur Religion und zu religiösen Vorschriften, die im Gefängnis von allen eingehalten werden müssen. Er wird natürlich von den Ereignissen beeinflusst. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Er wird eine Art Kommentator?</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Ein Beobachter! </em></p>
<h3><strong>Der Kampf des Regimes gegen die Ungläubigen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Grundlagen des Regimes hat er sehr genau verstanden, in aller Absurdität und Brutalität. Ich darf eine weitere Stelle zitieren: <em>„Hast du die Reinheit gekostet? Die Ketten abgeworfen? Hast du zum Licht gefunden? Das alte Schmuddelkleid in den Mülleimer der Geschichte befördert? Bist auf den rechten Weg gekommen? Es ist immer nur eine Frage der Zeit, einen Weg daran vorbei gibt es nicht, beim mächtigen Ali, einen Abszess muss man aufstechen, damit der Eiter abfließen kann, und die Wunde sich schließt, und nun sprich, erleichtere dich, sprich.“</em> In dieser Passage zitiert – oder sollte ich sagen – persifliert er die Reden der Wärter und Folterer. Er antwortet: <em>„Ich hatte nichts zu sagen. Aber Bruder Haj Aqa Davoud Maulana, Schöpfer der Umkehrer, wollte Material, irgendetwas Brisantes, das sich lohnte, einmal genauer angesehen zu werden. Aber ich hatte nichts vorzuweisen.“</em> Allein schon deshalb, weil er eben nicht der ist, für den ihn die Folterer halten. Aber das interessiert die Folterer nicht. Sie glauben ihm grundsätzlich nicht.</p>
<p>Die Ideologie des Regimes bringt Peyman auf den Punkt. Ein Schlüsselbegriff ist die geforderte <em>„Reinheit“</em>. Was <em>„Reinheit“</em> ist, definiert ausschließlich das Regime. Wer einmal verhaftet worden ist, kann nicht <em>„rein“</em> sein und es auch niemals werden.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>:<em> Genau so ist es. Die Ideologie des Regimes existiert immer noch. Entweder ist man Muslim oder man ist es nicht, man ist Kafir. Und Ungläubige müssen vernichtet, getötet werden. Man muss mit ihnen kämpfen, damit sie Muslim werden. </em></p>
<p><em>Sobald jemand verhaftet wurde, wurde er gezwungen, in erster Linie all seine Informationen preiszugeben, dann aber anzufangen zu beten, Reue zu zeigen, sich von der ungläubigen Seite abzukehren, sich zu bekehren, praktisch Muslim zu werden. Das hat viele Menschen das Leben gekostet. Bei körperlicher Folter ist irgendwann der Schmerz vorbei, aber der psychische Schmerz bleibt. Es gibt viele Menschen, die es bis heute immer noch nicht geschafft haben, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Motiv der Reue, der Umkehr durchzieht den Roman. Ebenso die Figur der <em>„Umkehrer“</em>, der Gefangenen, die <em>„Reue“</em> zeigen. Der Erzähler beschreibt sie in ihrer Zwangslage. Viele bemühen sich, den Vorstellungen ihrer Folterknechte zu entsprechen, obwohl sie eigentlich wissen müssten, dass diese ihre <em>„Umkehr“</em> niemals anerkennen würden. Auch hierzu darf ich ein Textbeispiel zitieren: <em>„Und es kommt der Punkt, da entwickeln die verstaubten Texte der Toten eine Anziehungskraft. Du liest und beobachtest, wie du anfängst, wie sie zu sprechen, wie sie zu denken.“</em></p>
<p>Mit den <em>„Toten“</em> meint der Erzähler nicht die Menschen, die im Widerstand gegen das Regime ermordet wurden, sondern die Heiligen des Islam bis hin in die Anfangszeiten, auf die sich das Regime beruft, bis hin zum verschwundenen zwölften Imam, auf dessen Wiederkunft die im Iran dominierenden Zwölfer-Schiiten warten.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Viele haben schon zu Beginn der Verhaftung oder nach der ersten Folter „Reue“ gezeigt. Manche der Gefangenen haben sogar selbst mitgefangene Freunde gefoltert. Doch die Folterer wussten, dass jemand, der so schnell „Reue“ zeigt, nicht verlässlich ist. Sie glaubten ihnen einfach nicht. Im Roman gibt es eine Figur, die fünf Jahre im Gefängnis war und sehr eng mit den Wärtern kollaboriert. Doch nur wenige Monate nach seiner Entlassung ermordet er den stellvertretenden Gefängnisleiter. Viele sind trotz ihrer „Reue“ hingerichtet worden. </em></p>
<h3><strong>Zersetzung von Mensch und Sprache</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Wort <em>„Gewicht“</em> kommt an mehreren Stellen des Romans vor. Ich zitiere von der drittletzten Seite des Romans, die sich auf die Massaker des Jahres 1988 bezieht: <em>„Die Schrecken des Unglücksjahres achtundachtzig lassen sich nicht in Worte fassen. Achtundachtzig hatten die drei vergessenen Fragen ihren großen Auftritt. Achtundachtzig legten die Vertreter der äußersten Härte gegen die Ungläubigen ihnen das Seil um den Hals. Ich kann davon nicht sprechen. Wenn ich spreche, kehrt das Gewicht zurück. Wenn ich spreche, nimmt das Stürmen in meinen Ohren wieder Fahrt auf. Wir sind ein Nichtort in der Geschichte. Ein verwunschener Raum, den man nicht betreten darf. Die Geschichte erinnert uns nicht. Soll uns nicht erinnern. Die Geschichte muss uns herausschneiden, um Geschichte zu werden. Folglich: todverloren – ausweglos – eingemauert – eingetrauert – gründlich – grundsätzlich – so – ist – es – ungefähr – so – mir – einerlei – das Huhn – oder – das – Ei – was – nun – was – tun – eingemauert – eingetrauert – Basis – und – Überbau – übergrau – Damoklesschwert – beschwert – ihre – Geschichten – eingemauert – eingetrauert – einsamstill“</em></p>
<p>Kein Punkt am Ende des Absatzes, ebenso wie nach dem Absatz der nächsten Seite mit der Überschrift „Einsamstill“. Auch dort endet der erste Absatz ohne Punkt, nach den Worten: <em>„Peyman Bamshad passiert im Lichtregen verschiedene Orte und Epochen seines Daseins, treibt dem Wandel der Dinge zu, hinter ihm versiegt der Regen, Tod über Peyman Bamshad“</em>.</p>
<p>Die DDR-StaSi bezeichnete ihr Vorgehen gegen Oppositionelle als <em>„Zersetzung“</em>. Die Zürcher Slavistin Sylvia Sasse hat in ihrem Essay <a href="https://geschichtedergegenwart.ch/demokratische-selbstsorge/">„Demokratische Selbstsorge“</a> (in: Geschichte der Gegenwart 25. Mai 2026) die Strategie der <em>„Zersetzung“</em> als universelles Prinzip der Herrschenden in einer Diktatur beschrieben. In allen Diktaturen. Auch im Iran. Eine solche <em>„Zersetzung“</em> fragmentiert Sprache, Menschen werden systematisch zerstört, Wie kann Peyman Bamshad noch über das Erlebte sprechen? Nur noch in Wortfetzen? Bis zum Tod?</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Die Geschichte beginnt im Juli 1981. Sie endet 1990, etwa nach acht, neun Jahren. Das, was Peyman erzählt, reicht bis zum Ende 1987. Er erzählt nicht die Geschichte vom Sommer 1988. Im Sommer 1988 wurden in eineinhalb Monaten nach Schätzungen Tausende Menschen in verschiedenen Gefängnissen hingerichtet. Je nach Quelle unterscheiden sich die Zahlen. Viele der Hingerichteten hatten ihre Haft hinter sich gebracht und hätten freigelassen werden müssen. Ali Montazeri, der damals als designierter Nachfolger und Stellvertreter von Ruhollah Khomeini angesehen wurde, kritisierte die Regierung scharf und verurteilte die Hinrichtungen. Nach seiner Einschätzung lag die Zahl der Opfer zwischen 4.000 und 5.000 Personen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ayatollah Ali Montazeri war ein Hoffnungsträger der sogenannten <em>„Reformer“</em>. Er erließ 2009 eine Fatwa gegen die Fälschungen der Wahlen, die angeblich Mahmud Ahmaduneschadmit großem Vorsprung gewonnen hatte. Schon zuvor, in den Jahren 1997 bis 2003 hatte das Regime in zu Hausarrest verurteilt. <em>   </em></p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Peyman sagt als Erzähler, dass er über das Jahr 1988 nicht erzählen möchte. Er ist mit vielen derjenigen befreundet, die dann 1988 hingerichtet wird. Er sagt, wenn er das erzähle, käme das „Gewicht“ zurück. Diese Generation hat alles verloren, hat nichts in der Hand, ist total hoffnungslos. Auch Peyman ist hoffnungslos. Er kann sich nicht frei fühlen. Seine Kindheit, seine Jugend wurde geraubt. Er ist ein ganz pessimistischer Mensch geworden, der sich verloren fühlt. </em></p>
<p><strong>Moralisches Versagen</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich lebe weit entfernt vom Iran, habe seit 2022 aber immer wieder mit Menschen aus dem Iran, die in Deutschland leben, sprechen können. Es ist schwer, sich ein Bild zu machen, nicht zuletzt, wenn ich in den Medien Bilder sehe, wie Menschen im Iran und im Ausland die Bomben der USA und Israels auf Teheran und den Tod von Ali Khameini bejubelten. Wie repräsentativ sind diese Bilder? Nach den Massakern vom 8. und 9. Januar 2026 sagten mir einige, dass sie ihre Hoffnung auf Reza Pahlavi setzten, zum Beispiel eine Gesprächspartnerin von Frau Leben Freiheit in Deutschland (das Gespräch habe ich unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwischen-hoffnung-und-verzweiflung/">„Zwischen Hoffnung und Verzweiflung“</a> dokumentiert). Reza Pahlavi war in vielen Medien präsent, nicht nur über seine Rede bei der Demonstration in München, an der etwa 250.000 Menschen teilnahmen. Andere lehnen Reza Pahlavi vehement ab. Ich war irritiert, als ich am Düsseldorfer Bahnhof in dieser Zeit ein kleines Camp von Exil-Iranern sah, das Reza Pahlavi unterstützte, aber ein großes Bild seines Vaters zeigten.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>2022 waren mit der Entstehung der Bewegung Frau Leben Freiheit viele Menschen auf der Straße, im Iran wie im Ausland. Das hat eine ganz andere Dimension von Freiheit vor unseren Augen eröffnet. Es war ein ganz großer Fortschritt nach so vielen Jahren. Viele haben sich beteiligt, überwiegend Frauen. Das fand ich gut, auch die Parolen. 2022 war ein Meilenstein. Die Regierung hat versucht, alles unter Kontrolle zu bringen, es aber nicht geschafft.</em></p>
<p><em>Andererseits hat es die Regierung damals irgendwie geschafft, die Opposition im Ausland, auch im Iran, aber überwiegend im Ausland zu spalten. Reza Pahlavi und sein Team haben diese Spaltung vergrößert. Wer in den letzten Jahren die Aktivitäten von Reza Pahlavi und den Monarchisten kritisiert hatte, wurde sofort isoliert, beschimpft, beleidigt, sogar bedroht. Es gab viele Bedrohungen gegen seine Kritiker, auch hier in Deutschland und in anderen europäischen Ländern. Die Monarchisten riefen Parolen wie „Nieder mit Linken, Mullahs und Mujahedin“. Niemand weiß, wen sie alles mit den „Linken“ meinen. Das Regime nutzt dies aus und sorgt seinerseits dafür, dass sich die Spaltung in der Opposition vergrößert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Reza Pahlavi spielte 2022 eine eher randständige Rolle. In einem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/frauen-leben-freiheit/">Gespräch mit einer Vertreterin und einem Vertreter von Frau Leben Freiheit</a>, das ich im Mai 2023 veröffentlichte, kam er gar nicht vor. Das sieht jetzt anders aus.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Natürlich hat Reza Pahlavi Anhänger im Iran. Nur es sind vielleicht zehn Prozent der gesamten Protestbewegung. Er behauptet aber immer, 90 Millionen Menschen würden ihn unterstützen.</em></p>
<p><em>Die Monarchisten verkündeten, dass ein Angriff der USA und Israels zu einem Regime-Change führe: Reza Pahlavi fliegt in den Iran und übernimmt die Regierung. Im Zwölf-Tage-Krieg wurden viele Einrichtungen der Mullahs und der Regierung bombardiert.</em></p>
<p><em>Anfang Januar 2026 gab es eine breite Protestbewegung. Es fing an mit den Bazaris, mit ganz normalen Leuten. Am 6. Januar 2026 forderte Reza Pahlavi die Menschen im Iran auf, am Abend des 8. Januar um 20:00 Uhr auf die Straße zu gehen.</em></p>
<p><em>Bereits einige Monate vor diesen Protesten veröffentlichte er in einem Propaganda-Fernsehsender einen QR-Code und forderte Militärangehörige sowie Mitglieder der Revolutionsgarde auf, über diesen Weg Kontakt mit ihm aufzunehmen und ihre Bereitschaft zum Kampf gegen das Regime zu bekunden. Dabei betonte er wiederholt, dass sich bereits 50.000 Angehörige dieser Kräfte seiner Bewegung angeschlossen hätten, was niemals bewiesen wurden war. Die Monarchisten sagten auch, Trump würde einen Angriff auf die Protestierenden nicht dulden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Trump selbst sagte: <em>„Help is on the way.”</em></p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Die Proteste vom 8. und 9. Januar hätten auch ohne den Aufruf von Reza Pahlavi stattgefunden. Viele kamen aber auch wegen seiner Ankündigungen auf die Straße. Doch niemand kam zu Hilfe. Die Regierung hatte das Internet ausgeschaltet, es gab nur wenige Informationen. In diesen Tagen hat das Regime Tausende von Menschen, manche sagen 30.000, andere 40.000 oder 50.000, auf der Straße regelrecht abgeschlachtet. </em></p>
<p><em>Obwohl jedem Iraner bewusst ist, dass das Regime in Zeiten von Protesten das Internet kappt, und obwohl bereits alarmierende Berichte aus dem Iran über die Ereignisse vom 8. und 9. Januar kursierten, forderte Reza Pahlavi die Bevölkerung in einer weiteren Erklärung vom 10. Januar dennoch auf, erneut auf die Straße zu gehen.</em></p>
<p><em>Zwei Monate später kam der Angriff durch die USA und Israel. Die Amerikaner haben aber auch einen anderen großen Fehler gemacht. Sie glaubten, dass das Regime stürzt, wenn am ersten Tag des Angriffs der Führer Ali Khamenei getötet würde. Aber das Regime ist seit 47 Jahren an der Macht! Die Regierung ist immer noch da – leider. Immer noch werden viele Leute hingerichtet, darunter welche, die schon 2022, andere, die nach dem 8. und 9. Januar verhaftet wurden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: War das eine bewusste Lüge oder eine verantwortungslose Fehleinschätzung?</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Beides. Die Hauptverantwortung für das Massaker an den Protestierenden liegt zweifellos beim Regime der Islamischen Republik. Gleichwohl sollte auch der Einfluss der Propaganda von Reza Pahlavi und seinen Unterstützern auf diese Ereignisse in die Betrachtung einbezogen werden.</em></p>
<p><em>Es ist etwa so, als wenn ich Ihnen ein Auto verkaufe, von dem ich behaupte, es sei tiptop in Ordnung, obwohl ich weiß, dass es kaputt ist. Sie fahren damit und bei nächster Gelegenheit haben Sie einen Unfall, weil die Bremsen nicht funktionieren. </em></p>
<p><em>Es ist eine Lüge, Es ist moralisches Versagen. Die Monarchisten sind zumindest moralisch an den Massakern und Hinrichtungen seit Januar beteiligt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In ihrer Verzweiflung hoffen manche auf die falschen Leute.</p>
<p><strong>Bahram Moradi</strong>: <em>Das kann ich bestätigen. Es ist leider so.</em><em> Danke für das Gespräch.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, Internetzugriffe zuletzt am 30. Mai 2026, Titelbild: Beauty! Botticelli Meets Calligraphy, 2022, © Corinna Heumann.)</p>
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		<title>Zwischen Hoffnung und Verzweiflung</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwischen-hoffnung-und-verzweiflung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Apr 2026 04:50:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zwischen Hoffnung und Verzweiflung Nasstaran Houshmand über die Sehnsucht nach Freiheit im Iran „Das Regime der Islamischen Republik Iran führt aber seit 47 Jahren Krieg gegen das eigene Volk, betrachtet den Staat Israel als ein zu vernichtendes Land, die USA wird ebenso als Feindesland angesehen. Nun haben diese Feindschaften und die Gefahr der Bewaffnung  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Zwischen Hoffnung und Verzweiflung</strong></h1>
<h2><strong>Nasstaran Houshmand über die Sehnsucht nach Freiheit im Iran </strong></h2>
<p><em>„Das Regime der Islamischen Republik Iran führt aber seit 47 Jahren Krieg gegen das eigene Volk, betrachtet den Staat Israel als ein zu vernichtendes Land, die USA wird ebenso als Feindesland angesehen. Nun haben diese Feindschaften und die Gefahr der Bewaffnung Irans mit einer Atombombe zum jetzigen Krieg der USA und Israels gegen Iran geführt. In der Bewertung dieses Krieges ist das iranische Volk zwiespältig. Nach vier großen Aufständen hat das sich nach Freiheit sehnende Volk Irans nicht geschafft, sich aus eigener Kraft vom Joch des mörderischen islamischen Regimes zu befreien. Insofern hofft ein großer Teil der Bevölkerung darauf, durch den Krieg den Zusammenbruch der islamischen Herrschaft zu erleben.“ </em>(Mehran Barati, Vorstandsmitglied des <a href="https://iran-tc.com/en/home/">Iran Transition Council</a> im Gespräch mit Yasmina Khalifa <a href="https://iranjournal.org/politik/revolutionsregimes-zerbrechen-oft-an-ihren-eigenen-widerspruechen">am 29. März 2026 im Iran Journal</a>)</p>
<p>Es gibt zahlreiche Analysen, Berichte und Kommentare zur Lage im Iran, zu den Angriffen der USA und Israels, zur Sperrung der Straße von Hormus, zu Friedensverhandlungen, von denen niemand weiß, wie ernst sie tatsächlich gemeint sind, den weltweit spürbaren Folgen für die Preise von Benzin und Nahrungsmitteln und den Überlegungen mancher Regierung, wie die dadurch entstehenden finanziellen Belastungen der jeweils eigenen Bevölkerung gelindert werden könnten. Ein Aspekt wird jedoch kaum noch erwähnt: die Lage der Zivilbevölkerung im Iran. Diese ist nicht nur Opfer der militärischen Angriffe, sie wird sozusagen in Mithaftung für den Terror des Regimes der Mullahs genommen, sondern vor allem Opfer des Regimes der Islamischen Republik Iran.</p>
<p><a href="https://www.hrw.org/de/news/2026/01/16/iran-wachsende-beweise-fuer-massaker-im-ganzen-land">Der 8. und 9. Januar 2026 waren ein Fanal des Schreckens</a> und der Terror des Regimes gegen die eigene Bevölkerung hat seit dieser Zeit noch zugenommen. <a href="https://iranjournal.org/news/iran-internet-weiterhin-blockiert-wirtschaftliche-schaeden-steigen-dramatisch">Das Internet ist seit Februar 2026 blockiert, die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung ist besorgniserregend</a>. Die Gewalt der Revolutionsgarden und Basidsch-Milizen sowie ausländische Milizen aus Irak und Afghanistan kontrollieren die Straßen. Sie haben keinerlei Hemmungen, Menschen zu erschießen. Kaum noch jemand wagt sich auf die Straße. <a href="https://iranjournal.org/news/zwei-hinrichtungen-wegen-angeblicher-gefaehrdung-der-staatssicherheit">Regimegegner werden hingerichtet</a>. Es mehren sich die Berichte, dass die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi im Gefängnis <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/narges-mohammadi-iran-gefaengnis-herzinfarkt-li.3468819">nach einem Herzinfarkt in Lebensgefahr</a> schwebt.</p>
<div id="attachment_8002" style="width: 250px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8002" class="wp-image-8002" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-225x300.jpg" alt="" width="240" height="320" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-2.-Foto-privat.jpg 1500w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" /><p id="caption-attachment-8002" class="wp-caption-text">Foto anlässlich der Feier zur Einweihung des Jina-Mahsa-Amini-Platzes in Frankfurt am Main. Foto: privat.</p></div>
<p>Es ist zu befürchten, dass die Bevölkerung ihre Freiheit in dem aktuellen Konflikt nicht finden wird, obwohl dies die beste Garantie dafür wäre, dass der Iran weder Atomwaffen noch sonstige Gewalt gegen seine Nachbarn ausüben würde. Eine Strategie ist nicht in Sicht und es zeigt sich, dass die deutsche Bundesregierung – wie auch manch andere westliche Regierung – nicht verstanden hat, den Schwung für die Freiheit, der im Iran zuletzt mit der Bewegung <a href="https://iranjournal.org/politik/chronologie-eines-aufstands-frau-leben-freiheit">Frau – Leben – Freiheit</a> nach dem <a href="https://www.amnesty.de/tag/jina-mahsa-amini">Mord an Jina Mahsa Amini am 16. September 2022</a> entstand, so zu unterstützen, dass der von der Mehrheit der iranischen Bevölkerung gewünschte Regimewechsel Wirklichkeit wurde. Und dennoch engagieren sich nach wie vor Iranerinnen und Iraner für einen freien und demokratischen Iran: „Frau Leben Freiheit“.</p>
<h3><strong>Aufbruchstimmung 2022</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Alle Menschen, die sich dem Iran verbunden fühlen, leben in einem Wechselbad der Gefühle und das begann nicht erst am 8. und 9. Januar. „Frau Leben Freiheit“ war das Motto im Jahr 2022, als viele hofften, dass das islamistische Regime der Islamischen Republik Iran kippt.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Ich bin seit Dezember 2022 in der Koblenzer Gruppe von Frau Leben Freiheit aktiv. Im September 2022 gab es nach dem gewaltsamen Tod von Jina Mahsa Amini in der gesamten Welt Solidaritätsbekundungen, Demonstrationen, Mahnwachen. In Koblenz hatten wir die erste größere Demonstration mit über 1.000 Menschen im Oktober 2022 am Deutschen Eck. Es gab dann im Dezember 2022 eine weitere Kundgebung, nach der ich mich der Gruppe angeschlossen habe. </em></p>
<p><em>Wir haben uns zunächst in einer kleinen Gruppe von etwa acht Personen zusammengefunden. Inzwischen sind wir fünf Personen als harter Kern der Gruppe. Wir versuchen die Stimme des Volkes zu sein, all der Iranerinnen und Iraner, die nach Freiheit rufen, aber im Iran keine Stimme haben. Wir haben uns anderen Gruppen von Frau Leben Freiheit im Bundesgebiet angeschlossen, in Karlsruhe, in Trier, in Frankfurt, in Bonn, in Köln. Wir haben uns gegenseitig unterstützt, an Demonstrationen teilgenommen, Busse organisiert, Iranerinnen und Iraner in Koblenz und Umgebung mobilisiert, sind gemeinsam nach Brüssel, nach Paris, nach Luxemburg gefahren. Wir haben uns peu à peu in Koblenz etablieren können, haben Kontakte mit örtlichen Organisationen, auch mit den Parteien, geknüpft, hatten einen regen Austausch und konnten so die Belange der Iranerinnen und Iraner im Land nach außen tragen. </em></p>
<p><em>Über Frau Leben Freiheit haben wir einen iranischen Kulturverein gegründet, der jedoch nicht politisch ist, sondern die Aufgabe hat, die Kultur des Iran nach außen zu tragen und die nicht-iranische Bevölkerung hier daran teilhaben zu lassen. Frau Leben Freiheit ist der politische Teil.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Koblenz hat eine kulturelle Tradition der Zusammenarbeit mit iranischen Künstlerinnen und Künstlern. Gerade im September 2025 fand <a href="https://www.odeon-apollo-kino.de/event/120327">das Dritte Orientalische Filmfestival</a> in Koblenz statt.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Ich habe an allen drei Filmfestivals teilgenommen, bei dem ersten auch übersetzt. Es gibt eine große Bandbreite der Kultur im Iran, denn der Iran ist ein multiethnisches Land. Die sozialen und politischen Verhältnisse sind katastrophal, gerade aus dieser Lage entsteht auch viel Kunst. Über die Festivals gelangt diese Kunst auch nach Koblenz. </em></p>
<p><em>Wenn man über Iran spricht, muss man natürlich immer über Politik sprechen. Die gesellschaftlichen Missstände sind wie sie sind. Man muss sie ansprechen. Allerdings nehmen an den Festivals auch Künstlerinnen und Künstler teil, die wieder in den Iran zurückkehren wollen. Sie können sich nicht so äußern wie manche es vielleicht gerne täten. Vielleicht auch nicht. Das weiß ich nicht. Es ist aus meiner persönlichen Sicht ein Problem, wenn man nicht frei politisch reden kann. Aber die Filme sprechen für sich. Wer sie sieht, kann sich das ein oder andere dabei denken, aber der eigentliche Austausch kann nicht optimal stattfinden. Ich denke, dass ein Austausch in einem solchen Festival nach den Filmvorführungen unglaublich wichtig ist, damit das Gesehene eingeordnet werden kann. Es ist wichtig, Bilder aus dem Iran zu erhalten, es ist wichtig zu wissen, dass Nachrichten nicht immer der Wahrheit entsprechen. </em></p>
<p><em>Wenn ich mir die Tagesthemen, das heute-journal anschaue, stelle ich fest, dass viele Nachrichten nicht der Wahrheit entsprechen. Es werden viele Dinge nicht gesagt, nicht erwähnt. Das sehe ich gerade jetzt wieder, aber ich habe das auch schon bei früheren Nachrichten über Frau Leben Freiheit erlebt. Das liegt natürlich auch daran, dass man keine Journalistinnen und Journalisten im Iran hat. Berichtet wird aus Istanbul, aus Beirut oder woher auch immer, aber eben nicht direkt aus Teheran und nicht aus dem Iran. </em></p>
<h3><strong>Wirtschaft schlägt Menschenrechte</strong></h3>
<div id="attachment_8003" style="width: 268px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8003" class="wp-image-8003 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-8.-Foto-privat-241x300.jpg" alt="" width="258" height="321" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-8.-Foto-privat-200x248.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-8.-Foto-privat-241x300.jpg 241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-8.-Foto-privat-400x497.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-8.-Foto-privat-600x745.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-8.-Foto-privat.jpg 652w" sizes="(max-width: 258px) 100vw, 258px" /><p id="caption-attachment-8003" class="wp-caption-text">Foto von einer Demonstration für Freiheit im Iran in Düsseldorf. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für viele Zeitungen und Zeitschriften arbeiten Journalistinnen und Journalisten, die für eine ganze Region zuständig sind und beispielsweise den kompletten Mittleren und Nahen Osten und Nordafrika, die sogenannte MENA-Region abdecken müssen. Das gelingt nur mit der Hilfe von Expertinnen und Experten vor Ort, die aber natürlich nicht gefährdet werden dürfen. Journalistinnen und Journalisten arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Ich will niemandem etwas unterstellen, aber ich muss mich oft schon sehr wundern: Viele Berichte sind einfach inhaltlich nicht in Ordnung. Wenn man in einer freien demokratischen Welt berichtet, muss man alles berichten, aber das findet nicht statt. Die Menschen hier in Deutschland bilden sich ihre Meinung auf der Grundlage der Nachrichten, die sie hier hören. Wir müssen uns im Klaren sein, worüber wir reden, wenn wir über den Iran reden: Wir reden über eine terroristische, kriminelle Vereinigung! Die ist nicht erst jetzt entstanden, sondern vor 47 Jahren. Das darf man nicht außer Acht lassen. Wer berichtet, muss über den Kern berichten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch die deutsche Politik hat Vieles versäumt. Ich habe versucht, einige dieser Versäumnisse in meinem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-feministische-revolution/">„Eine feministische Revolution“</a> darzustellen, unter anderem auf der Grundlage des von Stefan Grigat herausgegebenen Buches <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-iran-israel-deutschland.html">„Iran, Israel, Deutschland – Antisemitismus, Außenhandel und Atomprogramm“</a> (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2017), das ich nach wie vor zu lesen empfehle. Der deutschen Politik ging es um Geschäfte, nicht mehr und nicht weniger. Marko Martin hätte in seiner Rede, in der er die deutsche Russlandpolitik des damaligen Außenministers und heutigen Bundespräsidenten kritisierte, auch den Iran erwähnen können (die Rede ist in seinem Buch <a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/marko-martin-freiheitsaufgaben-9783608502862-t-9169">„Freiheitsaufgaben“</a>, Stuttgart, Tropen, 2025, abgedruckt). Annalena Baerbock forderte als Außenministerin eine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/feministische-aussenpolitik/">Feministische Außenpolitik</a>, aber der Iran spielte in der jeweiligen Tagespolitik keine Rolle. Es ist die immer gleiche Geschichte: Wirtschaft schlägt Menschenrechte.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Ich kann das zu einhundert Prozent unterstreichen und bin froh, dass Sie es ansprechen. Man kann es drehen und wenden wie man möchte. Im Grunde ist es das, was mich auch zurzeit entsetzt! Seit einigen Tagen kursiert die </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=BLVtoaw6wnI"><em>Information über kilometerlange unterirdische Städte im Iran</em></a><em>, aus der Raketen mit hoher Präzision abgeschossen werden können. Das hat Milliarden gekostet. Dieses Know-How stammt nicht nur aus dem Iran, es stammt aus Europa, aus Deutschland. Das, was Sie gerade gesagt haben, stimmt. Diese wirtschaftliche Kooperation mit dem Iran wird in den Medien kaum oder gar nicht erwähnt. </em></p>
<p><em>Ich rede noch nicht einmal von den enormen Geldern, die die iranische Terrorregierung den Iranerinnen und Iranern weggenommen und in dieses unterirdische Raketenprojekt gesteckt hat. Allein dies zeigt einfach, wie grausam die Regierung funktioniert. Wenn deutsche Unternehmen und die Regierung hier ihre Hand im Spiel hatten oder haben, müssen sie doch auch gewusst haben, welche Reichweite diese Raketen haben! Eine Reichweite von 8.000 Kilometer anstelle von 2.000 oder 4.000 Kilometern dient doch nicht nur dem Schutz des eigenen Landes, sondern ist auch für einen größeren Krieg gedacht, zumindest gegen Europa oder auch gegen die arabischen Nachbarn. Es ist unverantwortlich. </em></p>
<p><em>Ich habe den deutschen Pass, ich lebe und fühle mich deutsch, ich lebe seit 48 Jahren in Deutschland, ich kenne eigentlich nur diese Demokratie, aber das macht schon etwas mit mir, wenn ich mir bewusst mache, was unsere deutsche Regierung tat und tut. Das spielt in meinen Gefühlen eine wichtige Rolle: Wofür steht Deutschland? Wofür steht Europa?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Regierung kann man getrost in den Plural setzen. Hier waren sich die Bundesregierungen einig, gleichviel, wer sie anführte und wie sie sich zusammensetzten. 1979 glaubten manche sogar, dass Khomeini eine Demokratie wolle. Er hatte sich so manch demokratisch scheinenden und antiimperialistischen Gedanken angeeignet und damit die antikolonialistische Linke für sich eingenommen. Katajun Amirpur hat seine wahren Ansichten in ihrer <a href="https://www.beck-shop.de/amirpur-khomeini/product/31980131">Khomeini-Biographie</a> ausführlich analysiert und dokumentiert (München, C.H. Beck, 2021). Sie tat, was viele Politikerinnen und Politiker nicht taten: Sie hat seine Schriften auch aus der Zeit vor 1979 gelesen. Es ist nicht verstehbar, dass die Terrorgruppe, mit der Khomeini seit 1979 seine Ziele durchsetzte, die Pasdaran, erst kürzlich von der Bundesregierung als Terrorgruppe klassifiziert wurde. Welche Konsequenzen das hat, ist noch unklar. Ein Betätigungsverbot in Deutschland scheint damit noch nicht verbunden zu sein.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Das haben wir vor dreieinhalb Jahren in Brüssel vor den Türen der Kommission geschrien! Wir haben jedes Wochenende diskutiert, die Parteien angeschrieben, gebettelt, man möge doch sehen, dass dieses Terrorregime die Menschen foltert, ermordet. Natürlich verstehe ich, dass es nicht immer einfach ist, eine Einigung auf EU-Ebene herzustellen, aber Deutschland hätte ein Vorreiter sein können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Stattdessen versteckte man sich hinter der EU.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Dieses Embargo war ja lächerlich. Es schadete nur den Menschen im Iran, nicht dem Regime. Die Menschen wurden immer ärmer, die Machthabenden nicht. Man sieht doch jetzt, wie viele Milliarden der Sohn von Ali Khamenei besitzt. Er ist – wenn er noch lebt – einer der reichsten Menschen der Welt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und die Revolutionsgarden beherrschen große Teile der Wirtschaft. Ich verstehe auch nicht, warum antikapitalistische Linke den Iran jetzt verteidigen. Für manche reicht es offenbar, dass der Gegner die USA und Israel heißt. Schon wieder fällt man auf die anti-imperialistische Rhetorik Khomeinis und der ihm folgenden Mullahs herein.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>1979 hat sich Khomeini in kürzester Zeit der Linken entledigt, die ihn zunächst gestützt haben. Er hat viele Linke systematisch hinrichten lassen. Andere Linke sind geflohen oder sie sind in Gefängnissen gelandet. Ich verstehe nicht, dass Linke heute den Iran in Schutz nehmen, als er von Israel und den USA angegriffen wurde, nur weil Israel und USA linke Feindbilder darstellen. </em></p>
<h3><strong>Das Kopftuch ist nicht das Hauptproblem</strong></h3>
<div id="attachment_8004" style="width: 404px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8004" class="wp-image-8004 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-300x169.jpg" alt="" width="394" height="222" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-1.-Foto-privat-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 394px) 100vw, 394px" /><p id="caption-attachment-8004" class="wp-caption-text">Foto während der Großdemonstration gegen Rechts in Koblenz. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer wissen möchte, wie es in Gefängnissen aussieht, lese den neuen Roman von Bahram Moradi, es ist sein erster ins Deutsche übersetzte Roman: <a href="https://www.wallstein-verlag.de/9783835359123-das-gewicht-der-anderen.html">„Das Gewicht der anderen“</a> (Göttingen, Wallstein, 2025). Der Roman spielt in der Anfangszeit der Herrschaft der islamistischen Mullahs. Ich kann zum Thema auch den Film <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt27679443/">„Lolita lesen in Teheran“</a> von <a href="https://www.imdb.com/de/name/nm0726954/">Eran Riklis</a> empfehlen. Das Buch von <a href="https://www.azarnafisi.com/">Azar Nafisi</a> ist schon etwa 25 Jahre alt. Auch in diesem Film gibt es Szenen junger Frauen, die wegen ihrer Proteste, wegen ihrer in den Augen des Regimes unvorschriftsmäßigen Kleidung eingesperrt und hingerichtet wurden.</p>
<p>Die Verhüllung der Frauen in Kopftuch oder gar in Schador ist eines der zentralen Motive im Krieg des Regimes gegen die eigene Bevölkerung. Andererseits gibt es seit 2022, seit den Protesten gegen den Mord an Jina Mahsa Amini, immer wieder Berichte, dass es inzwischen auf den Straßen in Teheran viele Frauen gäbe, die kein Kopftuch mehr trügen. Im Privatbereich soll ohnehin ein eher westliches Leben stattfinden, mit Alkohol, Feiern und Büchern und Filmen aus dem Westen. Mag alles stimmen, aber letztlich müssen alle damit rechnen, dass die Sittenpolizei, die Basidsch-Frauen, reagieren und schonungslos verhaften.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Das zeigen uns die Videos, die uns erreichen. Wir bekommen viele Videos mit Inhaftierungen, Verschleppungen junger Frauen, die am helllichten Tag einfach in irgendwelche Wagen gezwungen werden und verschwinden. Die Eltern erfahren nicht, was mit ihren Kindern geschieht. Das geschieht jeden Tag. Aber man zeigt es hier nicht. Man zeigt Teheran und sieht einzelne Frauen ohne Kopftuch. Das ist Propaganda, wir sehen doch, dass und wie junge Frauen inhaftiert werden. Wir sehen, wie die Basidsch-Frauen vorgehen, junge Frauen in Bussen, Bahnen und auf den Straßen unter Druck setzen, sie auffordern, ein Kopftuch zu tragen. Die Basidsch-Frauen selbst tragen einen Schador. Das ist noch ein anderes Kapitel.</em></p>
<p><em>Eine Öffnung gibt es nicht. Das Kopftuch ist auch nicht das Hauptproblem. Es gibt natürlich Bilder, wo wir drei Frauen sehen, die in einem Restaurant Kaffee trinken. Das gibt es in einzelnen Fällen, vielleicht in Teherans Kulturszene, in Gebieten, in denen es viele Kulturschaffende gibt, aber das gibt es nicht flächendeckend. Bei Weitem ist es nicht so, dass eine Freiheit gibt, wie Frauen sich kleiden können. Das war ja auch bei den Unruhen Anfang Januar zu sehen. Darin, wie sich Frauen kleiden, sieht man auch die Gesinnung. Diejenigen, die kein Kopftuch tragen, zeigen damit, dass sie gegen das Regime sind. Sie wollen damit zeigen, dass sie gegenüber der Regierung einen Punkt gemacht haben. Aber das ist ein einziger Punkt von vielen Punkten. Es ist vielleicht ein kleiner Sieg in einem großen Kampf. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch ein Thema in dem Film <a href="https://www.berlinale.de/de/2024/programm/202405386.html">„Ein kleines Stück vom Kuchen“</a> von Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha. Die Regisseurin und der Regisseur wurden zu einer Haft- und zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie durften 2024 nicht nach Berlin reisen, um dort an der Berlinale teilzunehmen. In dem Film sehen wir, wie Mahin, die Hauptperson, eine etwa 70jährige Frau, ein junges Mädchen in einem Park vor den natürlich vorschriftsmäßig verhüllten Basidsch-Frauen rettet. Wir sehen die inquisitorisch neugierige Nachbarin, die vermutet, Mahin habe Herrenbesuch, was ja auch stimmt, und letztlich, dass Mahin den bei ihr verstorbenen Taxifahrer in ihrem Garten beerdigen muss, damit nicht herauskommt, was in der Nacht geschah.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Das zeigt, dass ein solcher Film unglaublich politisch ist, gesellschaftskritisch, auch wenn es sich um eigentlich völlig belanglose Alltagssituationen handelt. Der Film gehört zu meinen Lieblingsfilmen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich bewundere unter den iranischen Regisseuren <a href="https://www.dw.com/de/jafar-panahi-oscar-film-gericht-iran-urteil/a-72650199">Jafar Panahi</a>, dessen Filme immer wieder auf internationalen Festivals, auch auf der Berlinale ausgezeichnet werden. Dazu gehört <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt0499537/">„Abseits“</a>, ein Film, in dem es um Mädchen geht, die sich als Jungen verkleiden, um ein Fußballspiel zu sehen, oder <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt4359416/">„Taxi Teheran“</a>, wo er seine Freunde und Freundinnen als Taxifahrer begleitet und mit ihnen spricht. Auf der Berlinale 2026 wurde sein neuer Film <a href="https://www.kino.de/film/it-was-just-an-accident/">„Ein einfacher Unfall“</a> gezeigt. <a href="https://iranjournal.org/news/jafar-panahi-in-iran-zurueckgekehrt">Panahi soll wieder in den Iran zurückgekehrt sein</a>. Ich möchte eine Szene aus „Abseits“ ansprechen. Die Mädchen werden erwischt, werden für die Dauer des Spiels in einem eingezäunten Raum vor dem Stadion von jungen Männern bewacht, die aber eigentlich gar keine Lust dazu haben, auf die Mädchen aufzupassen. Sie würden viel lieber das Spiel sehen. Die Mädchen kommen frei, weil der Iran sich in dem Spiel gegen Bahrein für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland qualifiziert. Da feiern eben auch die Milizionäre.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Panahi versucht immer wieder, auch die menschliche Seite der Regierenden darzustellen. Das ist einerseits richtig, andererseits sind wir inzwischen an einem Punkt angelangt, in dem Menschlichkeit im Iran keinen Platz mehr hat. Es ist mit Worten nicht zu fassen, nicht zu erklären: Das Land ist in einem Trauma-Zustand. Niemand weiß, wie viele Menschen getötet wurden. Es werden über 30.000 oder gar über 40.000 Menschen sein, die am 8. und 9. Januar ermordet worden sind. </em></p>
<p><em>Viele Leichen wurde noch nicht freigegeben. Wir sehen nur männliche Leichen. Die Leichen ermordeter Frauen und Kinder wurde noch nicht freigegeben. Wo sind unsere Mütter? Wo sind unsere Töchter? Die Leichen sind irgendwo in Kühlhäusern gelagert. Sie behalten die Leichen, weil sie auch die Todesursache bestätigen würden. Sie halten sie aber auch zurück, bis vielleicht Bodentruppen angreifen, um dann die Amerikaner zu beschuldigen. Es ist perfide.</em></p>
<p><em>Nicht nur die Menschen im Iran sind traumatisiert. Wir alle sind traumatisiert. Wenn wir uns bei Demonstrationen oder Kundgebungen begegnen und in die Augen schauen, fangen Menschen, die sich wildfremd sind, an gemeinsam zu weinen. Mir passiert das auch im Alltäglichen. Ich weiß nicht, wie lange wir brauchen, damit zurechtzukommen. Ich rede damit noch nicht über die Menschen, die ihre Kinder, ihre Mütter, ihre Väter verloren haben. Das sind nicht wenige. Jede Familie hat einen Verlust erlitten, im Iran oder im Ausland. Mir fällt es schwer, das Menschliche zu sehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: „Abseits“ ist etwa 20 Jahre alt. Es ist von Jahr zu Jahr, von Protest zu Protest immer schlimmer geworden. Man nimmt den Menschen jetzt auch die Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren, indem das Internet abgestellt wird. Iran schottet sich inzwischen fast schon so stark ab wie Nordkorea.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Ich habe seit vier Wochen nichts von meinem Onkel gehört. Ich kann ihn nicht anrufen. Er meldet sich nicht. Was soll ich tun? Es bleibt nichts anderes übrig als zu warten. Ich habe mit anderen Familienmitgliedern Kontakt, die sich vielleicht 30 Sekunden Internet leisten können. Das ist vom Regime auch so gewollt. </em><em>Hinter geschlossenen Türen kann das Regime tun und lassen, was es will und niemanden kümmert es. </em></p>
<p><em>Das ist das Perfide. Es hat ja seinen Grund, dass Journalistinnen, dass Journalisten nicht ins Land dürfen. Das Schlimme ist, dass die westliche Welt das alles mitmacht, immer noch Gespräche führen will, wie man einen Weg herausfinden könnte. </em></p>
<h3><strong>Nichts ist eindeutig</strong></h3>
<div id="attachment_8005" style="width: 263px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8005" class="wp-image-8005 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat-253x300.jpg" alt="" width="253" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat-200x237.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat-253x300.jpg 253w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat-400x475.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat-600x712.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat-768x912.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat-800x950.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat-863x1024.jpg 863w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-7.-Foto-privat.jpg 972w" sizes="(max-width: 253px) 100vw, 253px" /><p id="caption-attachment-8005" class="wp-caption-text">Foto von einer Demonstration von Frau Leben Freiheit in Koblenz. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/massenproteste-traumata-und-etwas-neue-hoffnung/">In einem Interview, das ich kurz nach dem 8. und 9. Januar gemacht habe</a>, sagte mein Gesprächspartner, Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer von <a href="https://wadi-online.de/">WADI e.V.</a> im Nordirak, dass es viele gebe, die denken, nur die USA wären in der Lage, das Regime im Iran zu entmachten. Innerhalb des Iran wäre das nicht möglich. Er zitierte einen seiner Gesprächspartner mit dem Satz: <em>„Wenn der Teufel Khameini stürzt, werde ich zum Teufelsanbeter.“</em> Jetzt ist Ali Khamenei tot, aber das Regime ist nach wie vor stark.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Es ist immer dieselbe Frage:</em> <em>Wie kann man einen Weg herausfinden? Es ist alles sehr komplex. Wir sind in unseren Gefühlen ambivalent. Es gibt nicht das Richtige und das Falsche. Man muss alle seine Einstellungen überdenken, auf den Kopf stellen, einen Schritt zurückgehen und die Geschichte, die ganze Geschichte, nüchtern betrachten. Es ist eben nicht so einfach: Es gibt Krieg, Amerika hat angegriffen. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Das ist mir zu kurz gedacht, wenn man ruft, schon wieder will der Trump ein Stück vom Kuchen. Soll er doch wollen. Wir bekommen doch auch etwas dafür…</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist noch die Frage.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Natürlich. Das ist die Frage. Wir sind nicht naiv und glauben, Trump macht das, was er macht, weil er den Iran liebt oder die Menschen im Iran. Ich habe auch den Eindruck, dass er keinen Plan hat. Seine Äußerungen sind katastrophal. Aber die Hoffnung der Menschen im Iran ist eigentlich Israel, weil Israel von den Menschen auf der Straße als Verbündeter gesehen wird. Israel hat mehrfach bewiesen, dass es hinter dem Volk steht. Es gibt eine tiefe Verbundenheit mit Israel, weil das iranische Regime Israel immer vernichten wollte. Das Regime nimmt den Namen von Israel nicht in den Mund, sondern spricht vom „besetzten Land“. Die Verbundenheit mit Israel ist auch eine Gegenwehr gegen das Regime. Auf den Nachrichtenkanälen, die ich sehe, sehe ich immer die Hoffnung in der Bevölkerung, dass Israel die Überhand behält. Solche Unbeherrschtheiten, solche ständigen Wechsel der Meinung, wie wir sie bei Trump erleben, erleben wir von der Seite Israels nicht. </em><em>Das soll aber nicht bedeuten, dass ich eine Befürworterin der israelischen Regierung bin. </em><em>Viele Menschen </em><em>schauen sich an wie ihr Land zerbombt wird und bedanke sich bei Bibi und Trump</em><em>! Das ist unglaublich. Sie stehen auf den Balkonen und schauen sich das an. Sie bedanken sich. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich das erzähle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gab jedoch auch die Bombardierung einer Mädchenschule. Bisher weiß man, dass die US-Aufklärung die Schule für den Teil eines militärischen Komplexes hielt und dass es eine US-amerikanische Tomahawk-Rakete war.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Man muss jedoch auch wissen, dass die Basidsch-Milizen ihre Standorte systematisch in Schulen oder andere öffentliche Gebäude legen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie die Hamas in Gaza.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Das Regime stellt dann das Narrativ in die Welt, die USA und Israel greifen die Schulen und Krankenhäuser an. Die Milizen des Regimes gehen selbst in die Krankenhäuser und erschießen dort die Menschen. Man könnte auch fragen, warum die Kinder bei einer Bombardierung in die Schulen geschickt werden? Sie sollen dort getroffen werden! </em><em>Das Regime benutzt sie als Propaganda und menschliche Schutzschilde.</em></p>
<p><em>Die Lage ist fürchterlich </em><em>und wir werden wahrscheinlich die ganze Wahrheit über die Gräueltaten des islamischen Terrorregimes nie erfahren. </em><em>Es ist nichts eindeutig. </em></p>
<h3><strong>Es geht nicht um Reformen, sondern um eine Revolution!</strong></h3>
<div id="attachment_8006" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8006" class="wp-image-8006 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat-145x300.jpg" alt="" width="198" height="410" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat-145x300.jpg 145w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat-200x415.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat-400x830.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat-493x1024.jpg 493w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat-600x1245.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat-740x1536.jpg 740w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat-768x1594.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Frau-Leben-Freiheit-Koblenz-5.-Foto-privat.jpg 771w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /><p id="caption-attachment-8006" class="wp-caption-text">Foto von einer Demonstration von Frau Leben Freiheit in Düsseldorf. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe mir die Demonstrationen in Deutschland angeschaut, auch die Demonstration mit über 250.000 Menschen in München. Überall gibt es Stände, die auf den Terror des Regimes hinweisen. Aber manchmal bin ich dann doch irritiert: In Düsseldorf am Hauptbahnhof sah ich einen Stand, an dem das Bild vom Schah, vom Vater, nicht vom Sohn, zu sehen war. Will jemand wirklich den Schah zurück? Ich kann nicht bewerten, ob sein Sohn, ob Reza Pahlevi eine Option für einen zukünftig demokratischen Iran ist. Ich kann nicht bewerten, wer oder was hinter den verschiedenen anderen Strömungen steckt. Es gab auch bei allen vergangenen Wahlen im Iran immer wieder die Hoffnung auf Reformen. Bei jeder Wahl hoffte man im Westen, Reformer könnten siegen und es würde sich alles ändern. Die Hoffnung wurde immer wieder enttäuscht.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>:<em> Es kann keine Reform geben. Jede Verhandlung mit dem Regime ist ein Verhandeln mit Terroristen. Diese Islamistische Regierung muss mit allen Verschlingungen im Untergrund ausgerottet werden, mit ihrer Unterstützung der Huthi, der Hizbollah und all der anderen Terrorgruppen. Wenn das geschieht, wird der gesamte Nahe Osten anders aussehen.</em></p>
<p><em>Für die arabischen Nachbarn des Iran ist das natürlich auch ein Problem: Wenn sich im Iran eine Regierung ohne den Islam durchsetzen sollte, könnten sie befürchten, dass ihnen eine ähnliche Entwicklung bevorsteht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben es im Arabischen Frühling erlebt. Aber den Iran als zentrale Macht in der Region wollen die arabischen Staaten auch nicht.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>:<em> Der einzige verlässliche Verbündete gegen das Regime im Umfeld ist Israel. Ziel des Regimes im Iran war und ist es, Unruhe in der Region und überall in der Welt zu schaffen. Die einzigen, die nicht beunruhigt sind, sind Russland und China. Alle anderen erleben Chaos. Genau das ist aber die Absicht. Die Herrscher im Iran sind keine alten Männer, die nicht wissen was sie tun. Sie benennen ganz präzise ihre terroristischen Absichten und führen sie durch. Sie sehen sich auch nicht als Iraner, sondern als eine Art Über-Muslime, die einen angeblichen Willen Gottes umsetzen. Diese Regierung hat das Land und die Bevölkerung ausgebeutet, die Natur zerstört, die Bodenschätze geplündert, das Land, die Infrastruktur heruntergewirtschaftet. Es gibt kein Wasser, es gibt keinen Strom. Anstatt Schutzräume für die eigene Bevölkerung zu bauen hat das islamistische Terrorregime in unterirdische Raketenstädte investiert. </em></p>
<p><em>Es geht nicht nur um Freiheit, die Menschen wollen ihr Land zurück! Das spiegelt sich in dem Satz, dass sie keine Reformen wollen. Worüber soll denn verhandelt werden? Ich sage das auch immer linken Gruppierungen, die meinen, aus dem Land heraus müsse sich eine Revolution entwickeln. Wie denn? Das ist eine Revolution. Sie begann vor dreieinhalb Jahren mit Frau Leben Freiheit, sie wurde immer wieder unterdrückt und zerstört. Die Menschen gehen ohne Waffen, nicht einmal mit Steinen auf die Straße. Sie wollen einfach ihre Freiheit. Wie soll das Volk denn noch zeigen, dass es diese Regierung nicht mehr will? </em></p>
<p><strong>Kann Reza Pahlevi die Opposition einen?</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Welche Rolle spielt Reza Pahlevi? Er war auch in der großen Münchner Demonstration präsent und gilt in vielen Medien als der wichtigste Sprecher der Opposition.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>:<em> Reza Pahlevi hat </em><a href="https://www.mena-watch.com/iran-oppositionsbuendnis-15-punkte-programmm/"><em>ein 15-Punkte-Programm</em></a><em> veröffentlicht, in dem er die Souveränität des Iran mit allen Rechten für die verschiedenen Ethnien und Minderheiten fordert. Gleiches Recht für alle, ein säkularer Staat – das ist für ihn die Basis, was eine Demokratie ausmacht. Er hat das in München bestätigt. Es gab vor der Demonstration eine Info-Veranstaltung, zu der viele andere Gruppierungen kamen, die auch eine Demokratie für den Iran wünschen, aus der politischen Mitte, aus der linken Mitte, die sich seinen Worten anschlossen. Dazu gehörten auch wir mit Frau Leben Freiheit. Wir sind keine politische Partei, in unserer Gruppe gibt es verschiedene Ausrichtungen, auch konstitutionelle Monarchisten, Schah-Anhänger, aber auch säkulare Republik-Anhänger. Zu denen zähle ich mich. Ich denke, dass der Iran eine säkulare Republik werden sollte. Es soll verschiedene Parteien geben, so wie man es hier im Westen kennt. Reza Pahlevi sagt, er wolle einen Iran für alle: Die Minderheiten haben dieselben Rechte wie die Mehrheit. Aus meiner Sicht klingt alles, was er sagt, plausibel.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Reza Pahlevi ist aber auch der Sohn des Schahs, der 1979 abgesetzt wurde. Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur hat in ihrem Essay <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2023/mai/die-sehnsucht-nach-dem-schah">„Die Sehnsucht nach dem Schah“</a> (in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Mai 2023) den Repressionsapparat des Schah im Detail beschrieben, seine taktischen Versuche, mal Frauenrechte zu unterstützen, mal sie wieder zurückzunehmen, und nicht zuletzt die zynische Unterstützung durch die USA. Sie wolle nicht erleben, dass die Menschen im Iran erneut betrogen werden.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>: <em>Wir haben natürlich das Problem, dass Reza Pahlevi als Kronprinz immer zuerst mit seinem Vater verglichen wird, ohne seine Person wahrzunehmen, zuzuhören und zu hinterfragen.  </em></p>
<p><em>Ich nenne ihn nie Kronprinz, ich nenne ihn Reza Pahlevi. Man sollte den Sohn nicht immer mit dem Vater vergleichen. Man muss ihm zuhören. Er ist seit Jahren sehr aktiv, es gibt zahlreiche Interviews, in Englisch, in Französisch, in Farsi, in denen man sich kundig machen kann. Er ist zurzeit nun einmal der bekannteste Oppositionelle. Er sagt von sich, er sei nur ein Wähler, der eine Wahl habe wie alle Menschen im Iran. Ich selbst würde ihn vielleicht gar nicht wählen, ich weiß es noch nicht. Aber ich höre ihm zu. Ich habe keine Ideologie hinter mir.</em></p>
<p><em>Ich bin gegen jede Gewalt. Keine Regierung sollte Gewalt anwenden. Aber es gibt nicht nur das eine oder das andere. Der Schah hat Bildung, Frauenrechte ins Land gebracht. Meine Großmutter – sie lebt seit etwa 30 Jahren nicht mehr – war Schuldirektorin, </em><em>eine aktive Frau, die ihren Beruf vor über 80 Jahren unter Reza Shah ausüben durfte. </em><em>Frauen konnten in der Zeit des Schahs alle Berufe ausüben. Jede Frau konnte arbeiten. Sie durften erst mit dem 16. Lebensjahr heiraten. Das sind fundamentale Rechte! </em></p>
<p><em>Es geht mir darum, nicht voreingenommen zu handeln und nicht immer nur zu klagen, es gäbe keine Opposition und die wäre zerstritten. Es gibt eine Opposition und es gibt einen Oppositionsführer. Reza Pahlevi hat auf über 300 Seiten dokumentiert, wie er sich die Zeit nach dem Sturz der Mullahs vorstellt. Erst einmal </em><em>müssen die Teile der Verfassung wie sie vor 1979 war wieder hergestellt werden, wonach alle Menschen Rechte hatten. </em><em>Für alles sind geordnete Verfahren erforderlich. An der Wahlurne können letztendlich alle entscheiden, was sie wollen. </em></p>
<p><em>Wie kann man im Ausland eindeutig urteilen, wenn alles so uneindeutig ist? Mir ist es wichtig immer wieder zu sagen, dass dieses Land, diese Bevölkerung 47 Jahre lang geblutet hat und dass aus diesem Grund nur ein kompletter Regimewechsel hilft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verbunden mit der Entwaffnung von Pasdaran und Basidsch-Milizen.</p>
<p><strong>Nasstaran Houshmand</strong>:<em> Unbedingt. Und wir brauchen Gerichte. Auch das sagt Reza Pahlevi. Wir brauchen Gerichte, die über die Verbrechen des Regimes urteilen. Es geht nicht um neue Hinrichtungen. Die will auch Reza Pahlevi nicht. Er sagt, wenn ich gegen Hinrichtungen nach dem islamischen Regime bin, bin ich auch heute und morgen gegen Hinrichtungen. Die Täter müssen vor ein ordentliches Gericht gestellt werden, sie müssen dort für ihre Taten verurteilt werden. </em></p>
<p><em>Der Iran wird nicht werden wie Afghanistan, nicht wie Syrien, denn Iran hat eine andere Geschichte. Eines wird klar sein: Die Menschen im Iran werden keine Diktatur mehr erlauben!</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 28. April 2026. Titelbild: Beauty! Botticelli Meets Calligraphy, 2022 © Corinna Heumann.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;We remember&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/we-remember/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 05:45:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„We remember“ Die erste Holocaust-Ausstellung in der arabischen Welt Das kulturgeschichtliche Museum Crossroads of Civilizations in Dubai widmet sich der Rolle der Stadt am Golf als historischer Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und Asien. Anhand zahlreicher Artefakte will es an das Zivilisationen übergreifende gemeinsame Erbe der Menschheit erinnern und Werte wie Toleranz und kulturelle Vielfalt  [...]</p>
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<h1><strong>„We remember“</strong></h1>
<h2><strong>Die erste Holocaust-Ausstellung in der arabischen Welt</strong></h2>
<p>Das kulturgeschichtliche Museum Crossroads of Civilizations in Dubai widmet sich der Rolle der Stadt am Golf als historischer Knotenpunkt zwischen Europa, Afrika und Asien. Anhand zahlreicher Artefakte will es an das Zivilisationen übergreifende gemeinsame Erbe der Menschheit erinnern und Werte wie Toleranz und kulturelle Vielfalt vermitteln.</p>
<p>Im Mai 2021, weniger als ein Jahr nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel im Rahmen der sogenannten Abraham-Abkommen, wurde mit dem Themenraum „We Remember“ die erste Holocaust-Ausstellung in der gesamten arabischen Welt eröffnet.</p>
<h3><strong>Hintergrund</strong></h3>
<div id="attachment_7872" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7872" class="wp-image-7872 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Bild-am-Eingang-zum-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat.jpg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7872" class="wp-caption-text">Bild am Eingang des Museums. Foto: privat.</p></div>
<p>Das Crossroads of Civilizations Museum (CCM) liegt im historischen Schindagha-Viertel, einem der ältesten Stadtteile Dubais, unweit des Khor Dubai (Dubai Creek), einem Meeresarm des Arabischen Golfs, der für die Geschichte der Stadt von überragender Bedeutung war. Das CCM bildet gemeinsam mit einem Museum für seltene Bücher, Manuskripte und Drucke und einem Waffenmuseum die <a href="https://themuseum.ae/">„Museum Group“</a>, welche die <em>„Bedeutung universeller Werte wie Toleranz und Respekt hervorheben“</em> und zeigen will, <em>„welche wesentliche historische Rolle sie für das Gedeihen und den Fortschritt der menschlichen Zivilisationen in verschiedenen Bereichen gespielt haben“</em>.</p>
<p>Hervorgegangen sind die drei Museen aus der privaten Sammlung ihres Gründers und Direktors Ahmed Obaid Al Mansoori. Al Mansoori war Politiker und als einer von acht Vertretern des Emirats Dubai Mitglied des 40-köpfigen Föderalen Nationalrats, des vor allem mit beratenden Kompetenzen ausgestatteten Parlaments der Vereinigten Arabischen Emirate. In Dubai war er in etlichen Führungsfunktionen tätig und Vorstandsmitglied zahlreicher Institutionen und hochrangiger Ausschüsse.</p>
<p><a href="https://themuseum.ae/introduction/">Das 2014 offiziell eröffnete CCM</a>, das ursprünglich im Erdgeschoß von Al Mansooris Wohnsitz angesiedelt war, ist mittlerweile als privates Museum in einem historischen, restaurierten Gebäude beheimatet, der früheren Residenz des Bruders des Großvaters des heutigen Herrschers von Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum.</p>
<h3><strong>Rund um den Innenhof</strong></h3>
<p>Die Ausstellungsräume des Museums liegen rund um den Innenhof des Gebäudes. Sie beinhalten <a href="https://themuseum.ae/department-cross-roads-of-civilization/">sechs Galerien</a>, die sich verschiedenen Themen widmen:</p>
<ul>
<li>Lokale Geschichte,</li>
<li><em>„Königliche Verbindungen“</em>, also Ausstellungsstücke über Herrscher und andere bedeutende Personen aus der arabischen Welt, aus Asien und aus Europa, die vom 16. bis zum 20. Jahrhundert die Geschichte der Region beeinflusst haben,</li>
<li>Zeugnisse von Reisenden und Entdeckern,</li>
<li>Palästina und das Heilige Land,</li>
<li>Religiöse Artefakte verschiedener Religionen,</li>
<li>Islamische Kunstwerke.</li>
</ul>
<p>Gleich beim Eintritt in den Innenhof werden die Besucher von einem gemalten Bild begrüßt, das den Geist des CCM knapp auf den Punkt bringt: Zu sehen sind zwei junge Männer, die gemeinsam Kaffee trinken und lachen. Einer von ihnen trägt eine traditionelle emiratische Dishdasha (ein weißes, langärmeliges Überkleid) und auf dem Kopf eine weiße Ghutra (ein mit einer schwarzen Kordel gehaltenes, gefaltetes Tuch), der andere trägt westliche Kleidung – und eine Kette mit Davidstern um den Hals. Darüber ist zu lesen: „#Cousins_Meetup“.</p>
<p>Denn schon vor den sogenannten Abraham-Abkommen und der Normalisierung der Beziehungen zwischen den Emiraten und Israel war Direktor Al Mansoori die Erinnerung an jüdisch-arabische Beziehungen ein großes Anliegen. Im Gegensatz zu weit verbreiteten, geschichtsverleugnenden Ansichten betont er: <em>„Juden haben im Nahen Osten schon immer eine wichtige Rolle gespielt.“ </em>(zitiert nach: <a href="https://www.abramundi.org/post/we-remember-dubais-unforgettable-exhibition">Salomé Nabeth, Salomé: “We Remember”: Dubai’s unforgettable exhibition, in: Abramundi 17. Juli 2025</a>).</p>
<h3><strong>Das <em>„größte Verbrechen gegen die Menschheit“</em></strong></h3>
<p>Die grassierende Ignoranz über die Vergangenheit und aktuelle antisemitische Vorfälle gehörten zu den Faktoren, die Al Mansoori dazu trieben, den bestehenden sechs Galerien des CCM noch eine siebente hinzuzufügen, die sich der Erinnerung an das <em>„größte Verbrechen gegen die Menschheit“</em> widmet (zitiert nach: <a href="https://www.jewishnews.co.uk/meet-al-mansoori-the-man-behind-the-first-shoah-exhibit-in-the-arab-world/">Etan Salman, in: Jewish News 20. März 2023</a>). <em>„Es ist uns sehr wichtig«, betont Al Mansoori, »dass wir uns darauf konzentrieren, Menschen über die Tragödien des Holocaust aufzuklären, denn Bildung ist das Gegenmittel gegen Unwissenheit“ </em>(zitiert nach: <a href="https://allarab.news/first-ever-gulf-holocaust-exhibition-debuts-in-uae-amid-rise-of-anti-semitism-worldwide/">All Arab News 12. Juni 2021</a>).</p>
<p>Inspiriert unter anderem durch das United States Holocaust Memorial Museum in Washington, zu dessen Spendern Al Mansoori seit Jahrzehnten gehört, erstellte er mit der israelischen Kuratorin Yael Grafy und in Kooperation mit internationalen jüdischen Organisationen den Ausstellungsraum „We Remember“, der im Mai 2021 eröffnet wurde.</p>
<p>Zu den Gästen der Eröffnungsfeier zählten sowohl der damalige deutsche als auch der damalige israelische Botschafter in den Vereinigten Arabischen Emiraten. <em>„Wer hätte vor siebzig oder achtzig Jahren gedacht, dass ein israelischer Botschafter und ein deutscher Botschafter hier zusammensitzen würden – in einem arabischen Land – und eine Ausstellung zum Gedenken an den Holocaust besuchen würden?“</em>, so Israels Botschafter Eitan Na’eh (All Arab News 12. Juni 2021).</p>
<h3><strong>Finger in Wunden</strong></h3>
<p>Die <a href="https://themuseum.ae/we-remember-holocaust-memorial-gallery">Ausstellung „We Remember“</a> besteht nur aus einem Raum, in dem aber viele Inhalte untergebracht wurden. So zieht die Ausstellung einen Bogen vom Aufstieg des Nationalsozialismus und dem diesen charakterisierenden Antisemitismus über die Jahre der Verfolgung und Vernichtung bis in die heutige Zeit. Dabei werden historische Informationen mit der Schilderung individueller Schicksale wie jenem von Anne Frank und mit Zeugenaussagen von Überlebenden sowie von Angehörigen der Opfer kombiniert.</p>
<div id="attachment_7871" style="width: 253px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7871" class="wp-image-7871 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-225x300.jpg" alt="" width="243" height="324" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Blickfang-im-Holocaust-Museum-in-Dubai-Foto-privat.jpg 1152w" sizes="(max-width: 243px) 100vw, 243px" /><p id="caption-attachment-7871" class="wp-caption-text">Blickfang im Museum. Foto: privat.</p></div>
<p>Zentraler Blickfang im Raum ist ein lebensgroßes Bild eines kleinen Jungen, eine Reproduktion einer ikonischen Fotografie aus dem Warschauer Ghetto in Polen aus dem April oder Mai 1943. Originalwaffen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs aus der Sammlung des Museums hängen rund um das Bild von der Decke herab, die Gewehrläufe auf den Jungen gerichtet.</p>
<p>An den Waffen sind, neben Fotos weiterer ermordeter Kinder, Karten befestigt, die kurze Antworten auf zentrale Fragen zum Holocaust geben, etwa: <em>„Warum wurden gerade die Juden zur Vernichtung ausgewählt?“</em>, <em>„Hatten die Nazis von Beginn ihres Regimes an geplant, die Juden zu ermorden?“</em> oder <em>„Worin bestand der Unterschied zwischen der Verfolgung der Juden und der Verfolgung anderer Gruppen, die von den Nazis als Feinde des Dritten Reichs eingestuft wurden?“</em> Ausdrücklich erwähnt werden in der Ausstellung die Opfergruppen der Roma, slawische Völker (Polen und Russen) und sowjetische Kriegsgefangene, aber auch Kommunisten, Sozialisten, Zeugen Jehovas und Homosexuelle.</p>
<p>Einen Schwerpunkt der Schau stellen die Geschichten einiger Araber/Muslime dar, die Juden vor der Verfolgung gerettet haben, darunter Selahattin Ülkümen, der als türkischer Konsul in Rhodos Dutzende jüdische Familien vor der Deportation und Vernichtung gerettet hat, und Mohammed Helmy, ein in Berlin lebender arabischer Arzt, der ab dem Beginn der Deportationen mehrere Juden ein Überleben im Versteck ermöglichte und dafür 2013 von der israelischen <a href="https://www.yadvashem.org/de.html">Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem</a> als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde.</p>
<p>So wichtig es Direktor Al Mansoori ist, die Geschichten dieser arabischen/muslimischen Helden in Erinnerung zu rufen, so wenig drückt sich die „We Remember“-Galerie seines Museums davor, den Finger auch auf heikle Themen zu legen. Zu diesen gehört definitiv die Verfolgung von Juden in der arabischen Welt, die beispielsweise anhand des Fotos einer zerstörten Synagoge aus dem libyschen Tripolis angesprochen wird. Im Text zu dem Bild werden explizit anti-jüdische Gewalttaten in den Jahren 1945 bis 1948 sowie der Umstand erwähnt, dass der Großteil der libyschen jüdischen Gemeinde zwischen 1949 und 1951 nach Europa bzw. Israel emigriert ist. Gezeigt werden weiters Fotos von Synagogen in Marokko, Tunesien und im Libanon.</p>
<h3><strong>Hoffnung</strong></h3>
<p>Zum Abschluss der Ausstellung wird der Bogen zur Gegenwart gespannt. Auf einer Tafel sind Auszüge einer Rede, die Museumsdirektor Al Mansoori am 28. April 2022 in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gehalten hat, zu lesen: <em>„Ich stehe hier, Ahmed Obaid Al Mansoori, als gläubiger Muslim, als demütiger Diener Gottes (…). Ich stehe hier Seite an Seite mit meinen jüdischen Brüdern und Schwestern. Ich stehe hier feierlich, während wir gemeinsam dem Bösen in die Augen blicken. Und doch stehe ich hier voller Hoffnung. (…) / Als Kinder Abrahams, vereint durch die Abraham-Abkommen, sagen wir: Nie bedeutet nie. Nie bedeutet nie. Möge die Erinnerung an die Opfer des Holocaust ein Segen für alle sein. ‚Wer ein Leben rettet, rettet die Leben aller Menschen.‘“</em></p>
<p>Unter den Fotos, mit denen diese Rede kontextualisiert wird, finden sich zwei, die noch einmal hervorheben, wie außergewöhnlich diese Ausstellung in einem arabischen Land ist. Ein Bild der Fotografin Karen Gillerman mit dem Titel „»Vergangenheit und Zukunft in unseren Händen“ zeigt den Unterarm der Holocaust-Überlebenden Dora Dreiblat, auf dem ihre tätowierte Häftlingsnummer aus Auschwitz zu sehen ist. Auf Dreiblats Arm liegen der kleine Unterarm und die Hand ihrer Urenkelin Daniela Har-Zvi, die 2007 in Israel geboren wurde.</p>
<p>Das andere Foto zeigt zwei israelische F-15-Jets, die am 4. September 2003 die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau überflogen. Gesteuert wurden die Flugzeuge von Nachkommen von Holocaust-Überlebenden.</p>
<h3><strong>Nach der Normalisierung</strong></h3>
<p>Das Crossroads of Civilizations Museum war keine direkte Folge der Unterzeichnung der Abraham-Abkommen im September 2020 und ist kein staatliches, sondern ein privates Museum. Es ist aber unzweifelhaft ein Kind des neuen Geistes, der in die Beziehungen Israels zu zumindest einigen arabischen Staaten Einzug gehalten hat – selbst in einem vergleichsweise offenen Land wie den Emiraten wäre ein Projekt wie das CCM gegen den Wunsch der politischen Führung nicht durchzusetzen.</p>
<p>Wie man gleich am Eingang des Holocaust-Ausstellungsraums sehen kann, hat diese dem Museum vielmehr ihren inoffiziellen Segen gegeben, finden sich dort doch folgende Geleitworte des Außenministers des Landes, Abdullah bin Zayid Al Nahyan: <em>„Zeuge des Untergangs einer Gruppe von Menschen, die Opfer von Extremismus und Hass wurden. Die edlen menschlichen Werte des Zusammenlebens, der Toleranz, der Akzeptanz anderer und der Achtung aller Religionen und Weltanschauungen. </em><em>Nie wieder.“ </em></p>
<p>Anlässlich der Eröffnung der Holocaust-Ausstellung sagte Rabbi Elie Abadie, Oberrabbiner der rund sechshundert Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde der Vereinigten Arabischen Emirate, gegenüber dem Nachrichtendsender CNN: <em>„Obwohl die meisten Menschen im Nahen Osten wissen, dass der Holocaust stattgefunden hat, sprechen sie nicht viel darüber und lernen auch nicht viel darüber. Jetzt öffnet sich die Region, und diese Ausstellung würdigt das Geschehene und zeigt die öffentliche Anerkennung der Geschichte.“</em> (zitiert nach: <a href="https://edition.cnn.com/travel/article/crossroads-of-civilizations-museum-dubai">Zeena Saifi / Celina Alkhald, This is the first ever Holocaust exhibition to open in the Arab world, CNN, 8. Juni 2021</a>.)</p>
<p>Geht es nach Direktor Al Mansoori, ist das nur ein erster Schritt. Er will auf dem bereits Erreichten aufbauen und das erste offizielle Holocaust-Bildungsprogramm in der islamischen Welt ins Leben rufen.</p>
<p><strong>Florian Markl</strong>, Wien</p>
<p>(Anmerkungen: Es handelt sich um einen mit Genehmigung des Chefredakteurs Alexander Gruber aus dem <a href="https://mena-watch-lexikon.com/">Mena-Watch-Lexikon</a> übernommenen Beitrag. Veröffentlichung im Demokratischen Salon im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 20. Februar 2026, Titelbild: Eingang zur Holocaust-Ausstellung „We Remember“ im Crossroads of Civilizations Museum in Dubai, Foto: privat.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Massenproteste, Traumata und (etwas) neue Hoffnung</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/massenproteste-traumata-und-etwas-neue-hoffnung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Feb 2026 06:36:45 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Massenproteste, Traumata und (etwas) neue Hoffnung</strong></h1>
<h2><strong>Thomas von der Osten-Sacken über Kurdistan, Syrien, Iran und Irak im Januar 2026 </strong></h2>
<p><em>„Das ist die Tragödie des arabischen Frühlings von 2011, der jetzt seinen Fortgang findet. Junge Menschen gehen auf die Straße. Mit ihren Nationalfahnen. Sie sagen: Wir wollen Citizenship, wir wollen feste Grenzen, wir wollen Tunesier, Libyer, Syrer sein. Letztlich ist das das arabische 1848. Ein Friedrich Stoltze, ein Heinrich Heine oder ein Victor Hugo würden sofort verstehen, was die Leute dort fordern. Wir aber reden über Kultur und Religion. Die spielen natürlich auch eine Rolle, aber letztlich geht es im gesamten Nahen Osten um Würde, Verfassung, Citizenship. Wir haben keine deutsche Übersetzung für dieses Wort, denn Staatsbürgerschaft ist etwas anderes. Auch Citoyennité ist etwas anderes als Citizenship.“ </em>(Thomas von der Osten-Sacken im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span> <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/neues-syrien-neue-levante/">„Neues Syrien, neue Levante?“</a>, Februar 2025)</p>
<p>Am 8. Dezember 2024 verließ Baschar al-Assad Syrien und Ahmed al-Scharaa übernahm die Regierung. Thomas von der Osten-Sacken beschrieb im Februar 2025 auf der Grundlage seiner Reise durch das von Assad befreite Syrien die Perspektiven eines sich vielleicht demokratisierenden Landes. Er erlebte damals „eine <em>„fast schon erschreckende Normalität“</em>. Im Januar 2026 hat sich viel verändert. Iran, Hisbollah und Hamas wurden durch das konsequente Vorgehen der Israelischen Verteidigungskräfte und der USA erheblich geschwächt. Der Gaza-Krieg ist vorerst beendet, der nächste Schritt wäre die Entwaffnung der Hamas, doch niemand weiß wie. Im Nordosten von Syrien, genannt wird geradezu symbolisch Rojava, erleben wir einen gewalttätigen Konflikt zwischen der Zentralgewalt in Damaskus und der kurdischen Autonomie, <a href="https://en.majalla.com/node/329476/documents-memoirs/how-us-got-sdf-capitulate-damascus">der sich inzwischen aufgrund eines Abkommens zwischen al-Scharaa und den Syrian Defense Forces (SDF) aufzulösen scheint</a>, aber unter den Kurden in der Türkei, im Irak und in Syrien ein neues gemeinsames kurdisches Selbstbewusstsein geschaffen hat. Im Iran reagiert das Regime immer brutaler und blutiger auf die vielleicht größten Proteste seit der Gründung der Islamischen Republik Iran im Jahr 1979. Aber ist das das Ende dieses Regimes? Die Ärztin, Politikwissenschaftlerin und Journalistin <a href="https://www.fischerverlage.de/autor/gilda-sahebi-1019932">Gilda Sahebi</a> beispielsweise spricht vom <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/februar/iran-das-wueten-eines-todgeweihten-regimes"><em>„Wüten eines todgeweihten Regimes“</em></a>. Im Gegensatz dazu erscheint der Irak als einziges Land in der Region relativ stabil.</p>
<p>Niemand weiß, was sich in den nächsten Wochen und Monaten entwickeln wird und welche Ereignisse welche Länder und Regionen wie verändern werden. Die Entwicklungen in den Ländern hängen miteinander zusammen, bedingen einander und dennoch gibt es unterschiedliche Wege und Prognosen. Thomas von der Osten-Sacken leitet die Hilfsorganisation <a href="https://wadi-online.de/">Wadi e.V.</a> in Sulaymaniyya im Irak. Deren Arbeit stellte er im Demokratischen Salon  im Juli 2023 (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/irakischer-alltag-und-europa/">„Irakischer Alltag – und Europa“</a>) und im September 2025 (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-untertan-zum-buerger/">„Vom Untertan zum Bürger“</a>) vor. Während des im Folgenden dokumentierten Gesprächs, das Ende Januar 2026 stattfand, hielt er sich in Sulaymaniyya auf. Wer sich über Entwicklungen in der Region auf dem Laufenden halten will, findet seine und andere Berichte jede Woche auf der Plattform <a href="https://www.mena-watch.com/">mena-watch</a>.</p>
<h3><strong>Die kurdische Generation Z erwacht</strong></h3>
<div id="attachment_7814" style="width: 330px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7814" class="wp-image-7814" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-300x225.jpg" alt="" width="320" height="240" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-4.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 320px) 100vw, 320px" /><p id="caption-attachment-7814" class="wp-caption-text">Demonstration in Sulaymaniyya. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich las in einem deiner jüngsten Berichte, dass die Ereignisse im Iran und in Syrien dazu geführt hätten, dass unter den Kurden in der gesamten Region ein neues Gemeinschaftsgefühl entstanden sei, das man vorher in dieser Form und Intensität nicht erlebt hätte. Was geschieht eigentlich in Syrien?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Die Situation hier in Irakisch-Kurdistan ist zwar angespannt, aber nicht instabil. Interessant ist die Reaktion auf die Ereignisse in Syrien, in Syrisch-Kurdistan oder Rojava. Dabei fällt auf, dass gerade die junge Generation, die etwa 15- bis 30jährigen, die man so allgemein als die Gen Z bezeichnet und die weltweit in den letzten Jahren in Erscheinung getreten ist, plötzlich von einer Welle von Nationalismus erfasst ist, der hier bisher weitgehend unbekannt war. In den letzten Jahren hatte sich hier im Irak die Situation so weit entwickelt, dass Kurdistan als Teil des Iraks eine solche Selbstverständlichkeit gewesen ist, dass anders, als in den älteren Jahrgängen, für junge Menschen, die Anfang der 2000er Jahre geboren sind, das Thema Kurdistan als nationale Frage kaum noch präsent war. </em></p>
<p><em>Das hat sich innerhalb von zwei Wochen grundlegend geändert. Jeden Tag finden hier große Demonstrationen statt. Ich habe noch nie so viele kurdische Fahnen gesehen. Überall sieht man die Jamana, das kurdische Äquivalent zur Kufija mit mehr Schwarz drin, ein Mode-Accessoire, das Frauen wie Männer jetzt auf der Straße tragen. Menschen beflaggen ihre Autos. Es gibt ein Gefühl: Wir sind Kurden, das, was in Syrien geschieht, betrifft uns alle. Und plötzlich stellen wir fest, es gibt ja 40 Millionen Kurden, verteilt auf vier Staaten. Die Kurden reagieren jetzt, auch vor dem Hintergrund eigener wie kollektiver Erfahrungen. So etwas hat es hier lange nicht mehr gegeben, auch nicht während des Referendums im Jahr 2017. Diese Stimmung gibt es quer durch alle Parteien.</em></p>
<p><em>Das, was zurzeit stattfindet, erinnert ein bisschen an die Protestbewegungen, die es jüngst in Madagaskar, in Nepal oder in Marokko gab. Dies hat überhaupt nichts mehr mit den alten Parteien zu tun und findet in beiden Teilen Irakisch-Kurdistans statt und ist etwas wirklich Neues. Dazu muss man wissen: Irakisch Kurdistan ist aufgeteilt in einen nördlichen Teil, der hauptsächlich von der Kurdisch-Demokratischen Partei unter der Barzani Familie, und einen südlichen Teil, der von der Patriotischen Union Kurdistan, bis zu seinem Tod von Jalal Talabani, de facto kontrolliert wird. Diese beiden Parteien haben sich zeitweise im Krieg miteinander befunden. Bis heute strukturieren und organisieren sie das politische Leben.</em></p>
<p><em>Wie lange diese Stimmung der Solidarität mit Rojava anhält, ob sie anhält, welche Folgen sie haben wird, ist schwer einzuschätzen, aber dass sie so massiv auftritt, könnte zu Änderungen führen, gerade auch weil aus kurdischer Sicht Syrien bisher nie eine große Rolle gespielt hat. Die meisten Kurden leben in der Türkei, die zweitgrößte Gruppe von etwa 10 bis 12 Millionen Menschen im Iran, dann kommt Irakisch Kurdistan. Syrisch Kurdistan spielte in der Geschichte kaum eine Rolle, auch weil es keine zusammenhängenden größeren Territorien gibt, die eine kurdische Bevölkerungsmehrheit haben. Die kurdischen Siedlungsgebiete haben eine Art Inselcharakter, verstreut über verschiedene Städte und Regionen. Kurdische Parteien haben Syrien auch nie als einen eigenständigen Teil gesehen. Man hatte dort seine Satellitenparteien gegründet, die PKK die PYD, die Kurdisch-Demokratische Partei die Kurdisch-Demokratische Partei Syriens. Syrien stand sehr lange nicht im Zentrum kurdischer Politik, doch jetzt rückt plötzlich dieser kleinste Teil der kurdischen Gebiete in den Mittelpunkt des Interesses, sodass in der Türkei, im Irak dieses Rojava massiv Menschen mobilisiert. In den letzten Tagen wurden in Irakisch Kurdistan über eine Million Dollar gesammelt, um Hilfsgüter über die Grenze zu bringen. </em></p>
<h3><strong>Gespaltenes Syrien </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In den deutschen Zeitschriften und Zeitungen, in Features und Dokumentationen gibt es nur bruchstückhaft Informationen über die jüngsten Ereignisse in Syrien, viele auch gebrochen durch diverse Interessengruppen, nicht zuletzt diejenigen, denen es in erster Linie darum gibt, Syrerinnen und Syrer in Deutschland zu bewegen, wieder nach Syrien zurückzukehren, dann diejenigen, die bei al-Scharaa aufgrund seiner Vergangenheit eine islamistische Zukunft befürchten oder gleich eine Wiederkehr des sogenannten Islamischen Staats. Exilorganisationen und Persönlichkeiten der deutsch-kurdischen Community äußern sich, beispielsweise <a href="https://www.zeit.de/2026/05/kurden-syrien-al-scharaa-milizen-islamismus">am 29. Januar 2026 in der ZEIT</a>, rufen zu Demonstrationen gegen al-Scharaa auf. Eine gängige Botschaft lautet, dass al-Scharaa die Kurden bekämpfe, die inzwischen 80 bis 90 Prozent ihres Gebiets verloren hätten.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Syrien war in den letzten 15 Jahren ein unglaubliches Kuddelmuddel. In Syrien gibt es außer ein paar Nutznießern des Assad-Regimes niemanden, der nicht unter dem blutigen Krieg, der sogar verschiedene Kriege war, gelitten hätte. Aber die Geschichte Ost- und Westsyriens ist eine völlig unterschiedliche. In Westsyrien haben die Leute unter Assad, den Russen, der Hisbollah, den Zerstörungen der Städte gelitten. In Ostsyrien war Assad seit 2012 kaum noch präsent. Hier litt man unter al-Kaida und dem Islamischen Staat. Das ist im Grunde wie zwei verschiedene Länder, zwischen denen es im Prinzip kaum Kommunikation gab. Zurzeit stoßen diese beiden Leidensgeschichten spiegelbildlich aufeinander, sodass man in dem anderen einen Wiedergänger des Feindes von früher sieht. Für die Kurden erscheint Al-Scharaa jetzt quasi als der Wiedergänger von Al-Kaida und des Islamischen Staates, was er zwar nicht ist, aber so wird er wahrgenommen. Und umgekehrt nehmen die Leute im Westen die PYD und die Syrian Defense Forces (SDF) als ehemalige Kollaborateure von Assad wahr. Das macht es so schwierig, weil es aus den beiden Leidensgeschichten keine eine Geschichte Syriens synthetisiert werden kann. Das war im Irak so nie der Fall. Im Irak wurde von Saddam erst Kurdistan zerstört, dann der halbe Südirak. Im Irak ist es für alle einfach, einen gemeinsamen Feind zu imaginieren. Das fehlt in Syrien. </em></p>
<div id="attachment_7815" style="width: 269px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7815" class="wp-image-7815 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-225x300.jpg" alt="" width="259" height="345" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-8.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 259px) 100vw, 259px" /><p id="caption-attachment-7815" class="wp-caption-text">Demonstration in Sulaymaniyya. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><em>„Rojava“ bedeutet auf Kurdisch „Westen“.</em> <em>Mit dem Ausbruch des Krieges in Syrien haben sich Regionen in Nord- und Nordostsyrien erst der Protestbewegung angeschlossen. Dann wurden sie sozusagen von Assad der PYD überlassen, um militärische Freiheiten zu erhalten und im Norden eine Region zu haben, die nicht in diesen massiven Aufstand gegen Assad einbezogen wurde. </em></p>
<p><em>Die kurdischen Mehrheitsgebiete sind geographisch nicht miteinander verbunden. Dort wurden drei Kantone gegründet, ganz im Westen Afrin, nördlich von Aleppo, in der Mitte Kobanê, im Osten in dem türkisch-irakisch-syrischen Grenzgebiet Dschasira mit der Hauptstadt Hasaka, das territorial größte Gebiet. Dieses wurde von der PYD verwaltet, zum Teil auch mit heftigen Repressalien gegen andere kurdische Parteien. Es gab dort auch immer eine Präsenz des Zentralstaats. Der Flughafen von Qamishli zum Beispiel hatte immer zu Damaskus gehört, der Geheimdienst war aktiv. Es gab eine Art Doppelverwaltung. </em></p>
<p><em>Das syrisch-irakische Grenzgebiet war schon immer ein Rückzugsgebiet für al-Kaida und dann für den Islamischen Staat. Gerade im Nordosten in Syrien hatte der Islamische Staat in der Wüste große Territorien übernommen. Mit seinem Aufkommen brauchten die USA dort einen Partner, um gegen den ihn vorzugehen. Mit amerikanischer Unterstützung wurden die Syrian Democratic Forces (SDF) gegründet, die eigentlich ganz Syrien östlich des Euphrat kontrollieren sollten. Dieses Gebiet nannte sich nicht Rojava, sondern Autonome Selbstverwaltung von Nordostsyrien, und reichte von der Stelle, wo der Euphrat in den Irak hineinreicht, in Form eines Dreiecks über das gesamte Gebiet Nordostsyriens. 70 Prozent davon sind rein arabische Siedlungsgebiete mit Städten wie Raqqa und Deir az-Zor. Kontrollieren konnte die PYD oder die SDF dies, indem sie Verträge mit den arabischen Stämmen abgeschlossen haben, die dort ihre Milizen unterhalten. Die Araber, die dort lebten, hassten in erster Linie Assad. Raqqa war auch die erste Stadt, die sich 2012 von Assad befreite. Auf der anderen Seite hassten sie den IS, den sie gemeinsam mit den Amerikanern und den Franzosen bekämpften. Mit dem Sturz von Assad am 8. Dezember 2024 wurde klar, dass sie in Zukunft nicht von den Kurden, sondern von Damaskus kontrolliert werden wollten. Die arabischen Stämme kündigten dann Ende 2025 den Kurden die Loyalität auf, weil sie jetzt mit Damaskus verbündet seien. Damit kollabierte die militärische Struktur außerhalb der kurdischen Kernkantone innerhalb von zwei Tagen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das klingt so, als hätten die Kurden Bündnispartner verloren, weil diese die Seiten gewechselt hätten?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>So kann man das nicht sagen. Um es besser zu verstehen, ist es vielleicht hilfreich sich klarzumachen, dass Syrien letztlich zweigeteilt ist. Das eine Syrien liegt an der Hauptstraße zwischen Aleppo und Damaskus und ist nach Westen ausgerichtet, nach Libanon, zum Mittelmeer. Eine relativ große Wüste trennt diesen Teil vom Osten Syriens. Im Euphrat-Tal, das durch die Wüste hindurchfließt, gibt es einige größere Städte, Raqqa, Deir az-Zor, Abu Kamal. Im Norden an der türkischen Grenze befinden sich dann kurdische Siedlungsgebiete. Für einen Damaszener ist alles östlich von Palmyra fast Ausland. Araber östlich des Euphrat sprechen einen irakisch-arabischen Dialekt. Araber im Südwesten sprechen das Damaszener Arabisch. Es gibt eine sehr klare historische und politische Grenze. Ostsyrien gehört geographisch und historisch eigentlich eher zum Irak. Die dort lebenden Stämme leben diesseits und jenseits der Grenze. Dieses Gebiet war nie wirklich unter zentralstaatlicher Kontrolle, weder in Syrien noch im Irak. Einige Stämme, wie etwa die Shammar, sind sogar traditionell sehr kurdenfreundlich. Sie haben im Irak und in Syrien auch mit gegen den IS gekämpft. Es ist aber arabisches Stammesland, in dem andere Regeln gelten. Die Stämme haben ganz offiziell das getan, was arabische Stämme seit 1.500 Jahren tun, indem sie einem Partner die Loyalität aufgekündigt und einem anderen Partner die Loyalität erklärt haben. Das ist arabische Stammespolitik. Sie haben offiziell auf ihrem Briefkopf eine Erklärung abgegeben, liebe kurdische Freunde, es gibt jetzt eine Regierung in Damaskus, die ist unsere gemeinsame Regierung, der wir unsere Loyalität erklären. In diesem Moment sind in der gesamten Region die wichtigen Bündnispartner der SDF, die Araber, im Prinzip übergelaufen.</em></p>
<p><em>Die kurdischen Truppen mussten sich zurückziehen, weil sie das Gebiet nicht mehr kontrollieren konnten. Sämtliche Gesprächspartner, die ich dort aus unserer Arbeit und unserer Unterstützung gegen den IS kenne, sagten mir: Wir wollen nicht die Kurden, wir wollen mit Damaskus zusammengehen. Das hätte auch jeder Geheimdienst wissen können. Die SDF beziehungsweise die alte kurdische Miliz als das, was von den SDF übrigblieb zog sich ins Grenzgebiet zurück, in ihre Hauptsiedlungsgebiete. Aber damit ist ihr Territorium wieder gespalten. Die beiden noch existierenden Zentren Kobanê und Qamischli sind geographisch nicht mehr miteinander verbunden. Das war eigentlich auch schon immer ihr Problem. Der dritte Kanton, Afrin, wurde 2018 von der Türkei eingenommen, mit einer enormen ethnischen Säuberung, und ist eh der Kontrolle der PYD entzogen. </em></p>
<p><em>Zurzeit geht es um die Zukunft von Kobanê, eine gesamtkurdisch sehr symbolische Stadt, die vor etwa zehn Jahren ihren heldenhaften Widerstand gegen den IS geleistet hat, sowie des Dschasira-Gebiets um Hasaka bis zur irakischen Grenze. Das sind zwei von drei Kantonen des alten Rojava. </em></p>
<h3><strong>Symbole alter kurdischer Traumata</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe den Eindruck, dass die Solidaritätsbekundungen auch viel mit dem Wiedererwachen alter Traumata zu tun haben.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>In den letzten fünfzehn Jahren gab es im Grunde zwei Kurdistans. Es gab die Autonome Region Kurdistan, die als solche auch in der Verfassung des Irak festgeschrieben ist. Kurdische Existenz wird im Irak von niemandem in Frage gestellt. Dann gab es in Syrien Rojava, dessen Struktur kaum jemandem klar ist. Dort hängen zum Beispiel überall Bilder von Abdullah Öcalan. Die Frage lautet, ob eine zweite autonome Region der Kurden in Syrien eine Zukunft hat oder nicht. Im kurdischen Selbstverständnis gab es eben das irakische und das syrische Kurdistan. Die Details interessieren nicht sonderlich, es geht um Symbolpolitik.</em></p>
<p><em>Diese Symbolpolitik ist eine doppelte. Die ästhetische Erscheinung der Damaszener Regierung mit ihren bärtigen Milizionären auf Pick Ups erweckt traumatische Erinnerungen an die Zeit, als man gegen den Islamischen Staat gekämpft hat, an die Blutbäder und Massaker, die der IS angerichtet hatte. Für die Leute hier gibt es zwischen al-Kaida, dem Islamischen Staat keinen wesentlichen Unterschied: Das ist alles dasselbe und sie bedrohen die Kurden. So wurde mit einigen Ereignissen eine kollektive Leidensgeschichte getriggert. Der Religionsminister in Damaskus hatte kurz nach dem Fall von Raqqa und Deir az-Zor die sogenannte al-Anfal-Sure (die achte Sure) herumgeschickt und aufgefordert, diese Sure zu beten. Al-Anfal ist jedoch der Name der systematischen Vernichtungskampagne, die Saddam Hussein in den 1980er Jahren durchgeführt hat. Das kam bei den Kurden so an, dass von Damaskus aus die nächste al-Anfal-Kampagne geplant würde. Das ist <u>das</u> traumatische Erlebnis in Kurdistan: 4.000 zerstörte Dörfer, 10.000 zerstörte Städte, Hunderttausende verschleppte Kurden, Giftgaseinsätze in der gesamten Region. </em></p>
<p><em>Andere Dinge kommen hinzu: Ein Milizkämpfer hatte einer kurdischen Kämpferin den Zopf abgeschnitten. Das wurde sofort zum Symbol: Kurdinnen flochten ihr langes Haar zu Zöpfen, dies wurde zu einem kollektiven Widerstandssymbol. Hier verschwimmen die Ebenen: Erinnerung, Vergangenheit, Symbolpolitik. Ich weiß nicht, ob man es Aufbruch nennen kann, aber es entzieht sich einem völlig rationalen Zugang. </em></p>
<div id="attachment_7816" style="width: 370px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7816" class="wp-image-7816 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-300x225.jpg" alt="" width="360" height="270" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Demonstration-in-Sulaymaniyya-2.-Foto-Thomas-von-der-Osten-Sacken-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 360px) 100vw, 360px" /><p id="caption-attachment-7816" class="wp-caption-text">Demonstration in Sulaymaniyya. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><em>Al-Anfal ist eben kurdische Geschichte. Dieses kollektive Gedächtnis wurde in einem großen Ausmaß getriggert. Halabdscha ist wegen des Giftgasangriffs 1988 eine Symbolstadt kurdischer Geschichte. So zerstritten alle kurdischen Parteien auch waren, so wenig Einheit existierte, im Augenblick gibt es so etwas wie ein kollektives kurdisches Agieren, das es in den letzten 30 Jahren nur gegeben hat, als 2014 / 2015 Kobanê verteidigt worden ist. Auch damals gab es eine solche Solidarität. Kobanê ist eine weitere kurdische Symbolstadt. Man darf auch nicht vergessen, dass die Kurdisch Demokratische Partei (KDP) in Irakisch-Kurdistan eigentlich mit der PKK zerstritten ist. Sie haben eine zwanzigjährige gewalttätige Konfliktgeschichte. So viel zu kurdischer Einigkeit.</em></p>
<h3><strong>„Wenn der Teufel Khameini stürzt, werde ich zum Teufelsanbeter“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Rojava ist die eine Seite, die andere Seite ist die brutale Reaktion der iranischen Herrscher auf die örtlichen Proteste.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Der Ort, an dem sich zurzeit Kurden am wenigsten äußern können, ist der Iran. Es gibt in der Türkei große Solidarität wegen der Bedrohung von Rojava. Die kurdischen Städte in Syrien liegen fast alle direkt an der Grenze. Das waren zwei Seiten der Bagdad-Bahn. Es wurde in der letzten Woche von Demonstranten sogar versucht, Grenzzäune einzureißen. Es gab Demonstrationen in Mardin und in Diyarbakır. Die kurdische DEM-Partei hat sich klar geäußert. Es gibt den erneuten Friedensprozess in der Türkei. Im Irak kann man sich ohnehin relativ frei äußern. </em></p>
<p><em>Aber Iranisch Kurdistan ist in einer Doppelsituation. Die Proteste im Iran fanden auch in Kurdistan statt. Kermānshāh liegt auf der anderen Seite des Bergzuges, sozusagen von hier in Sulaymaniyya gesehen, direkt gegenüber. Ich bin zurzeit gerade einmal 40 Kilometer von der iranischen Grenze entfernt. Viele Familien leben auf beiden Seiten der Grenze. Sulaymaniyya gehört historisch sogar gewissermaßen zum persischen Einflussbereich. </em></p>
<p><em>Die Aufstände im Iran wurden in den letzten Wochen förmlich in einem Blutbad ersäuft. Die kurdischen Gebiete trifft es in der Regel immer am härtesten. Im Iran ist etwa die Hälfte der Bevölkerung persisch, die andere Hälfte setzt sich aus anderen Nationalitäten zusammen. Normalerweise versucht das Regime im persischen Kerngebiet weniger repressiv aufzutreten. In Aserbeidschan, Belutschistan, Kurdistan ist die Repression in der Regel härter. Wir bekommen hier in Sulaymaniyya mit, dass es in Kermānshāh, in Sanandaj zu brutalsten Blutbädern gekommen ist. Leichensäcke lagen tagelang auf der Straße. Leute sind willkürlich verhaftet worden. Selbst für iranische Verhältnisse müssen die Massaker eine neue Qualität haben. Wir reden von mehreren Zehntausend Toten innerhalb von zwei Wochen.</em></p>
<p><em>Zugleich besteht in Iranisch Kurdistan die große Hoffnung, dass es jetzt doch mit Hilfe der Amerikaner zu einem Regimechange in Teheran kommt. Seit Jahrzehnten wünschen die iranisch-kurdischen Parteien, dass es bei ihnen bald ein Äquivalent zur kurdischen Regionalverwaltung hier im Irak gibt. Darauf bereitet man sich vor. Iranisch-kurdische Parteien blicken auf eine lange Geschichte zurück, angefangen bei der Schwesterpartei der hiesigen KDP, der KDP-Iran, die auch die größte ist. Daneben existieren die kurdischen Kommunisten, die Komala und die JJAK, eine Art Ableger der PKK. </em></p>
<p><em>Diese iranisch-kurdischen Parteien, die zuvor untereinander recht zerstritten waren, haben sich im letzten Sommer zu einem Bündnis zusammengeschlossen, um fortan gemeinsam agieren zu können. Sie unterhalten auch bewaffnete Kräfte, Peshmerga, hier im Nordirak, nicht viele, aber die Kurden im Iran sind wohl die einzige namhafte Oppositionskraft, die real auch über ein paar tausend Bewaffnete verfügt. Die Hoffnung für Iranisch Kurdistan besteht nun darin, dass man in dem Fall, dass es zu einem Militärschlag der Amerikaner kommt, mit Hilfe dieser Peschmerga relativ schnell Territorien übernehmen und kontrollieren kann, die dann im Iran eine ähnliche Rolle spielen sollten wie Irakisch Kurdistan im Irak. In den 1990er Jahren war Irakisch Kurdistan ja schon von Saddam befreit und ein Rückzugsgebiet auch für die anderen irakischen Oppositionsparteien. Ähnliches schwebt den Leuten für Iranisch Kurdistan vor. Sie verfolgen zwar, soweit es das Internet zulässt, was in Syrien passiert, sind aber mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.</em></p>
<p><em>Niemand weiß, was im Kopf von Trump vor sich geht, aber sollte es in den nächsten Wochen einen Enthauptungsschlag durch die Amerikaner geben und Iranisch Kurdistan relativ schnell unter die Kontrolle der kurdischen Parteien kommen, würde das auch international den Blick auf das verändern, was Kurdistan ist. Zehn Millionen Kurden, die bisher kaum eine Rolle gespielt haben, dürften dann eine ganz zentrale Rolle für die Zukunft des Iran spielen. Es sind Kurden, bei denen die klassische PKK-Propaganda, die zurzeit Rojava bestimmt, mit Frauen als Kämpferinnen, Sozialismus, roten Farben und was weiß ich, im Vergleich zur Türkei und zu Syrien eher eine relativ geringe Rolle spielt, von denen aber aus dem Jahr 2022 die berühmte Parole Jin, Jiyan, Azadi (Frau, Leben, Freiheit) stammt.</em></p>
<p><em>Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die sprachliche Teilung Kurdistans. Es gibt den Kurmandschi sprechenden Teil, das sind die Türkei, Syrien und der nördliche Teil von Irakisch-Kurdistan, und es gibt den Sorani sprechenden Teil, der südliche Teil von Irakisch-Kurdistan und der Iran. Etwa zehn Millionen Sorani sprechende Kurden leben wie gesagt im Iran. Sie haben ein anderes Verhältnis zu ihren Nachbarn. Perser und Kurden stehen sich sprachlich näher als Kurden und Araber, denn Kurdisch ist eine indogermanische und keine semitische Sprache. Die Zukunft Kurdistans wird sich mit einem Sturz des Regimes im Iran massiv ändern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe bei deinen Schilderungen den Eindruck, dass ein Sturz des Regimes von innen nicht sehr wahrscheinlich ist, es daher einen Eingriff durch die USA bräuchte.</p>
<div id="attachment_2591" style="width: 254px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2591" class="wp-image-2591 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-200x300.jpg" alt="" width="244" height="366" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-400x599.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-600x899.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-768x1151.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-800x1199.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-1025x1536.jpg 1025w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-1200x1798.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-1367x2048.jpg 1367w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Teheran_Wandbild_Soldat-scaled.jpg 1708w" sizes="(max-width: 244px) 100vw, 244px" /><p id="caption-attachment-2591" class="wp-caption-text">Wandbild in Teheran. Foto: Beate Blatz.</p></div>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Das ist ein Gefühl aufgrund der Kontakte, die ich mit der iranisch-kurdischen Seite über Signal oder Telegram habe. Ein guter Freund auf der anderen Seite schrieb, nachdem wir 14 Tage keinen Kontakt hatten, sodass ich mir schon große Sorgen um ihn machte: „Wenn der Teufel Khameinei stürzt, werde ich zum Teufelsanbeter.“ Das ist die Grundstimmung, die ich wahrnehme. Es ist nicht mehr so wie 2009, als es die ersten großen Massenproteste im Iran gab, als viele Menschen im Iran und in der iranischen Diaspora glaubten, man könnte im Iran mit Reformen etwas verändern. Die ökonomische Situation im Iran muss inzwischen so katastrophal sein, dass niemand mehr weiß, wie man den Lebensunterhalt bestreiten soll. Einer der Gründe für den Beginn der Proteste nach Weihnachten war, dass der Rial gegenüber dem Dollar die Millionengrenze überschritten hatte. Inzwischen sind es 1,5 Millionen. Der Rial hat in einem Monat noch einmal die Hälfte an Wert verloren. Es war schon im letzten Jahr so, dass Gehälter nach zwei Wochen aufgebraucht waren. Das Regime hat im Januar demonstriert, dass es inzwischen offen Krieg gegen die eigene Bevölkerung führt. Und dabei wird es von schiitischen Milizen aus dem Irak und Afghanistan unterstützt.</em></p>
<p><em>Man muss selbst hier im Nahen Osten weit in der Geschichte zurückgehen, um ähnlich brutale Massaker zu finden. Es ist vielleicht vergleichbar mit der extrem brutalen Niederschlagung der Aufstände im südlichen Irak, in Basrah, in Nasiriyah 1991 nach dem zweiten Golfkrieg, wo Saddam ein unglaubliches Blutbad angerichtet hat. Selbst sogenannte moderate Iraner sind deshalb inzwischen an dem Punkt angelangt, dass sie denken, dieses Regime muss weg, egal wie. Und das haben es ja aus eigener Kraft nun erneut versucht! Es waren im Januar 2026 wohl die größten Proteste im Iran seit etwa 20 Jahren, Millionen auf der Straße. Das Regime ist dagegen mit der äußersten Brutalität vorgegangen. Wir haben Videos, wo Basidschi-Milizionäre mit Macheten auf Leute eingeschlagen haben. Blut auf den Straßen, blutige Handabdrücke an Geschäften, Leichen auf den Straßen, Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Ein Politizid, ein Begriff wie er auf Indonesien 1965/1966 oder auf die Killing Fields in Kambodscha passte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.berlinstory.de/news/gazelle-sharmahd-spricht-von-politizid-im-iran/">Den Begriff <em>„Politizid“</em> verwendete schon im letzten Jahr beispielsweise Gazelle Sharmahd</a>, die Tochter des im Iran hingerichteten Deutschen Jamshid Sharmahd.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Politizid ist wohl der passende Begriff. Es war auch auf der Seite der Demonstrierenden nicht nur friedlich. Regierungsgebäude, Moscheen sind in Flammen aufgegangen. Auch auf der Seite der Sicherheitsdienste gab es relativ viele Tote. Es waren revolutionsartige Zusammenstöße. Wir wissen aber aus der Geschichte, dass wenn ein bedrohtes Regime bereit ist, äußerste Gewalt anzuwenden, das Regime gewinnt. Das war zum Beispiel in Belarus so. Wenn es keinen organisierten bewaffneten Widerstand gibt, wie es den in Syrien mit den von Al-Scharaa angeführten gut ausgebildeten und ausgerüsteten Milizen gab, gewinnt das Regime. Im Iran gibt es keinen organisierten bewaffneten Widerstand. Im Iran ist das Regime bereit, diesen Krieg gegen die eigene Bevölkerung durchzuziehen und hat sich vor allem darauf vorbereitet. Es gibt Milizen wie die Pasdaran und die Basidschi, die ähnlich wie in Deutschland die SA, die SS und die Gestapo nur dem Regime rechenschaftspflichtig sind. Sie wissen, dass wenn das Regime stürzt sie wenig Zukunft haben. Man kann von den Schlägermilizen auf den Straßen erwarten, dass sie dem Regime bis zum bitteren Ende treu bleiben. Auf das Militär verlässt sich das Regime nicht, die reguläre Polizei ist im Grunde machtlos. Wir sehen noch nicht, dass der Druck von unten ausreicht und das Regime beginnt, von innen zu zerbröseln. Unter diesen Bedingungen hilft dann nur ein Schlag von außen.  </em></p>
<h3>„<strong>There are three problems in the Middle-East: Iran, Iran and Iran“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Thesen von <a href="https://www.ericachenoweth.com/">Erica Chenoweth</a>, dass eine Revolution erfolgreich wäre, wenn etwa 3,5 Prozent der Bevölkerung sich beteiligten und die Revolten gewaltfrei wären, stimmen hier meines Erachtens nur bedingt. Es ist vielleicht eher wie mit der Revolutionstheorie Lenins: Wenn die unten nicht mehr wollen und die oben nicht mehr können und die unten bereit sind, für ihre Sache zu sterben. Im Iran wollen die unten nicht mehr, begeben sich sogar in Lebensgefahr, aber die oben können noch.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Sie können noch. Und die heutigen Überwachungs- und Unterdrückungsmechanismen sind erheblich effizienter als noch vor 100 oder vor 50 Jahren. Die Gen-Z-Massenproteste des letzten Jahres, in Nepal, Madagaskar, Marokko, Serbien, haben viel von den Fehlern im arabischen Frühling vor etwa 15 Jahren gelernt, zum Beispiel wie man sich organisiert. Dies funktioniert aber auch nur, wenn sie ein Regime komplett überraschen. Erfolgreich waren in den letzten 20 bis 30 Jahren die Massenproteste in Tunesien, wo es relativ schnell ging und weil das Militär sich nicht gegen die Bevölkerung gestellt hat. Das funktionierte in Nepal, weil dort niemand damit gerechnet hatte, dass Hunderttausende auf einmal auf der Straße sind.</em></p>
<p><em>Aber wenn Regime wissen, dass ein großer Teil der Bevölkerung sie nicht mehr unterstützt, und zugleich bereit sind, Risiken einzugehen, sieht das anders aus. Dann gibt es so etwas wie eine evolutionäre Aufrüstung. Sie wissen natürlich, wie man in Netzwerke einbricht, wie man Kommunikation unmöglich macht, indem man zum Beispiel – wie jetzt im Iran – das Internet abschaltet. Ein Regime, das bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen, lässt sich beim Stand der heutigen Technologien de facto nicht unbewaffnet stürzen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann bleibt der Militärschlag von außen?</p>
<div id="attachment_2594" style="width: 231px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2594" class="wp-image-2594 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-199x300.jpg" alt="" width="221" height="333" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-199x300.jpg 199w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-400x602.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-600x902.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-681x1024.jpg 681w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-768x1155.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-800x1203.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-1021x1536.jpg 1021w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-1200x1805.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-1362x2048.jpg 1362w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/11/Abgebroche-Statue-des-Shah-in-Teheran-002-scaled.jpg 1702w" sizes="(max-width: 221px) 100vw, 221px" /><p id="caption-attachment-2594" class="wp-caption-text">Abgebrochene Statue des Schah in Teheran. Foto: Beate Blatz.</p></div>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Egal wer das ist. Die Leute sind es eigentlich leid, darüber zu diskutieren. Was wäre geschehen, wenn Trump Anfang Januar angegriffen hätte? Er hatte es angekündigt und dann die Menschen im Iran hängen lassen. Ähnlich wie Obama 2013 in Syrien. Die Pläne liegen vor, Revolutionsgarden, Basidschi-Milizen anzugreifen. Die Israelis haben diese Pläne. Wenn die Leute auf der Straße gemerkt hätten, wir haben diese Unterstützung, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass das Regime kippt, um den 8. bis 10. Januar relativ hoch gewesen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verpasste Chance?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Auf jeden Fall. Dieses Regime muss weg. Mit diesem Regime gibt es keine Zukunft mehr. Diese deutsche Debatte, was kommt danach, hilft überhaupt nicht. Ich habe beim Irak den Sturz von Saddam befürwortet. Wir reden ja nicht über die Schweiz. Es ist etwa so, dass ein Arzt einem schwer Krebskranken sagt, wir können operieren und Sie überleben zu 40 Prozent, aber wenn wir nicht operieren, sterben Sie zu 100 Prozent. Das sind die Rahmenbedingungen, über die man hier redet. Beim Iran ist es genauso. Wir wissen nicht, was nach dem Regime kommt, aber wir wissen, was mit dem Regime kommt. Es entwickeln sich immer Dinge, die nicht in die richtige Richtung gehen. Das wissen wir auch aus der Geschichte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es besteht meines Erachtens durchaus auch die Gefahr, dass Trump sich gar nicht für die iranische Bevölkerung interessiert, sondern nur für irgendeinen „<em>Deal“</em>, indem er an die iranischen Ölreserven herankommt, und dafür im Gegenzug ein paar Sanktionen aufhebt. Die Freilassung einiger ausgewählter Gefangener handelt er vielleicht auch noch heraus. Ähnlich wie in Belarus oder in Venezuela. Die EU hat am 29. Januar 2026 die Pasdaran zur Terrororganisation erklärt. Das hätte sie eigentlich schon vor 20 Jahren tun können. Welche Rolle spielen die Europäer?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Vor 40 Jahren. Im Iran haben die Europäer immer eine extrem kontraproduktive Rolle gespielt. Sie haben den Iran zum Partner erklärt, immer die Vorstellung gehabt, der Iran sei eben ein bisschen anders, und man hat die Regierung machen lassen. Der Iran ist von seiner Grundstruktur ein hochdestruktives Gebilde, das kein Staat ist, sondern eine Art Un-Staat, mit all seinen Expansionsbestrebungen und Satelliten, der Hisbollah, den Huthi, der Hamas, mit Assad. Ein Fahrer von Wadi in Sulaymaniyya hat es mal so formuliert: „There are three problems in the Middle-East: Iran, Iran and Iran.“ Die EU hatte immer gedacht, es würde sich im Iran mit einem Wandel durch Annäherung etwas zum Besseren entwickeln. </em></p>
<p><em>So dachte man schon bei der Sowjetunion. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied. Die Sowjetunion war ein zutiefst rationales System. Im Kalten Krieg hatten beide Seiten so etwas wie ein grundlegend geteiltes Weltbild. Das ist beim Iran nicht so. Er ist faschistischen Systemen viel ähnlicher, mit denen man kein gemeinsames Weltbild teilen kann. Wie beispielsweise Nazi-Deutschland.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder wie heute Russland. Ein ähnliches Problem, das sich meines Erachtens auch von der rational erklärbaren Politik Chinas unterscheidet.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Die EU hat sich immer wieder vor den Iran gestellt, auch gegenüber den USA und Israel. Aber die EU spielt in der Region heute kaum noch eine Rolle. Um ganz ehrlich sein: Nach den Mahsa-Amin-Protesten im Herbst 2022 ist der Iran geschwächt. Mit Assad ist der wichtigste Verbündete des Iran nicht mehr da. Hisbollah und Hamas sind geschwächt. Es gibt noch ein paar Milizen im Irak und die Huthi. Aber der Iran ist inzwischen eine schrumpfende imperiale Macht in der Region. Spätestens im Herbst 2022 haben auch in der EU eigentlich alle verstanden, dass es mit dem Regime im Iran keine Zukunft gibt. Aber man will natürlich keinen Ärger. Denn wenn das schief geht, hat man wieder eine Flüchtlingswelle. 90 Millionen Menschen! Viele wollen vom Nahen Osten eigentlich gar nichts mehr hören. Ich glaube nicht, dass es in der EU noch namhafte Akteure gibt, die davon überzeugt sind, dass man mit dieser von innen verrotteten und korrupten Islamischen Republik Iran eine Zukunft hätte. Das ist ein Unterschied gegenüber der Zeit vor 20 Jahren.</em></p>
<h3><strong>Modellland Irak?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du hast beschrieben, dass es in Syrien im Unterschied zum Irak in den verschiedenen Teilen des Landes keine gemeinsame Leidensgeschichte und somit auch keine gemeinsame – so wie man das in Deutschland nennt – Erinnerungskultur gibt. Wie sieht das im Iran aus?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Die Opposition im Iran war immer schon sehr zerstritten. Schah ja, Schah nein, diese Diskussion geht nach wenigen Wochen immer wieder los. Auch jetzt wieder. Das erleben wir auch in Deutschland. Es gibt keine gemeinsamen Demonstrationen, bei denen man sich auf ein Minimalprogramm einigt. Die Freunde und Bekannten aus dem Iran sind in Deutschland primär damit beschäftigt, sich über die Frage zu zerstreiten, wie sie zum Schah stehen. </em></p>
<p><em>Im Irak war das anders. Ich habe zu Beginn der 2000er Jahre im Irak Oppositionsgruppen beraten. Es gab einen Grundkonsens und dieser Grundkonsens war eine Voraussetzung dafür, dass es im Irak jetzt, zwanzig Jahre später, halbwegs funktioniert: Verfassung, Föderalismus, Präsidialsystem. Über diese grundlegenden Dinge hatten wir beide </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/neues-syrien-neue-levante/"><em>vor einem Jahr gesprochen</em></a><em>. Dieser Konsens hält im Irak. Er hat über alle Krisen gehalten. Dieser Grundkonsens fehlt im Iran seit Jahrzehnten. Schon bei den Fragen Republik oder Monarchie, Zentralstaat oder Föderalismus ist es iranischen Oppositionsgruppierungen unmöglich, ein minimales gemeinsames Programm zu veröffentlichen, an das sich alle mehr oder weniger gebunden fühlen. Das macht es auch für externe Akteure so schwierig und bringt auch den Sohn des 1979 gestürzten Schahs ins Spiel. Denn wer ist, wenn das Regime gestürzt wird, eigentlich der relevante Ansprechpartner? Bei den Kurden ist es einfacher, aber das sind zehn Prozent der Bevölkerung. Die kennt man, es gibt ein gemeinsames Arbeitsprogramm, sie arbeiten zusammen. Es gibt gute Chancen, dass es bei der kurdisch-iranischen Seite nicht im Chaos endet. Beim Rest des Iran wüsste ich jetzt nicht, wer der große politische Akteur sein dürfte, der am Tag x+1 für halbwegs stabile Verhältnisse sorgen könnte.</em></p>
<p><em>Diese US-Administration ist grauenvoll, aber Marco Rubio hatte recht, als er am 28. Januar sagte, wir haben keinerlei Vorstellungen, was am Tag nach dem Sturz des Regimes passieren wird. Washington hat meines Erachtens in der Tat keine Idee.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wurde Washington auch im Hinblick auf den Irak vorgeworfen, aber es entwickelte sich dann dort doch anders.</p>
<div id="attachment_3510" style="width: 348px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3510" class="wp-image-3510 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-300x182.jpg" alt="" width="338" height="205" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-200x122.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-400x243.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-600x365.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-768x467.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-800x486.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-1024x622.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-1200x729.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/07/dsalon5-scaled-e1688702967925-1536x933.jpg 1536w" sizes="(max-width: 338px) 100vw, 338px" /><p id="caption-attachment-3510" class="wp-caption-text">Blick auf Sulaymaniyya. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>: <em>Die Tragödie im Irak war, dass in den USA unterschiedliche Akteure gegeneinander gearbeitet haben. Aber gewisse Grundlagen waren Konsens: Föderalismus wie beispielsweise für die kurdische Region, Parlamentarismus, Auflösung der Geheimdienste, keine Zusammenarbeit – wie jetzt in Venezuela – mit dem bestehenden Regime. Diese grundsätzlichen Entscheidungen hat es vorher gegeben. Alle irakischen Oppositionsparteien waren sich einig, dass sie dieser Idee von Verfassung zustimmen, auch wenn sie später am Ruder sind. Niemand stellt heute die Verfassung in Frage. Es hieß damals: „Democracy must be the only game in town”, die Spielregel, der sich alle unterwerfen. </em></p>
<p><em>Im Irak haben wir mit Muqtada al-Sadr zum Beispiel einen radikalen schiitischen Prediger, der allerdings seinen Gegnern vorwirft, sie brächen die Verfassung und nicht irgendwelche religiösen Gebote. So sehr sie sich auch untereinander bekämpfen beziehen sie sich immer auf die Verfassung, auf den Parlamentarismus. Das ist für diese Region ein unglaublicher Quantensprung. Zuvor hatte man überall im Nahen Osten Demokratie als eine Art westliche Zumutung bezeichnet und auf einen arabischen Sonderweg gepocht. </em></p>
<p><em>Im Irak ist sicherlich vieles falsch gelaufen, aber auch vieles richtig. Ich sehe die junge Generation, die keine Angst mehr vor der Polizei hat. Das hätten sich deren Großeltern nie vorstellen können. Wenn ich heute jungen Kolleginnen und Kollegen erzähle, wie ihr Land früher einmal aussah, glauben viele, ich rede vom Mond. Das Durchschnittsalter im Irak liegt zurzeit bei 22, lange Zeit lag es bei 19. Iran ist hingegen schon eine aging society mit einem Durchschnitt von 32. Im Irak stellen viele Menschen ihr Leben um, heiraten später, bekommen weniger Kinder. Das was sich in Europa in 30 oder 40 Jahren entwickelte, geschieht hier in etwa fünf Jahren. Es ist eben falsch, in Europa zu glauben, alle Gesellschaften wären grundsätzlich eher konservativ bewahrend. Unser Durchschnittsalter liegt bei 46, einem Alter, in dem man nicht mehr die großen gesellschaftlichen Experimente wagen möchte. Wir in Europa stehen einer Welt gegenüber, die wesentlich jünger ist. Der Gesichtspunkt des Alters wird viel zu oft unterschätzt. Die Gen Z ist die Zukunft!   </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 31. Januar 2026, Titelbild: Beauty! Botticelli Meets Calligraphy, 2022, © Corinna Heumann. Alle Bilder aus Sulaymaniyya Thomas von der Osten-Sacken. Die Bilder aus Teheran von Beate Blatz stammen aus einer früheren Reise. Zurzeit wären solche Fotos kaum möglich.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>738 Tage</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Oct 2025 05:00:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>738 Tage Israel zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 „Mein Vater spricht nie über Rache. Nur über Verantwortung. Sein Ziel war und ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen, den noch verbliebenen Familienangehörigen von Geiseln zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Mein Vater glaubt immer noch an Frieden, auch wenn es für ihn  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>738 Tage</strong></h1>
<h2><strong>Israel zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023</strong></h2>
<p><em>„Mein Vater spricht nie über Rache. Nur über Verantwortung. Sein Ziel war und ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen, den noch verbliebenen Familienangehörigen von Geiseln zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Mein Vater glaubt immer noch an Frieden, auch wenn es für ihn nach dem 7. Oktober sehr schwer vorstellbar ist, wie es funktionieren soll. Sein ganzes Leben hat er dafür gekämpft, dass wir in Israel und Gaza als Nachbarn zusammenleben können.“ </em>(Yair Moses, Sohn des über 80 Jahre alten Gadi Moses aus Nir Oz, der am 30. Januar 2025 nach 482 Tagen freikam, zitiert von Natalie Amiri in ihrem Buch „Der Nahost-Komplex“, München, Penguin Verlag, 2025)</p>
<p>Das neue Buch von Natalie Amiri bietet einen umfassenden Überblick über die politische Lage, die gesellschaftlichen Entwicklungen und Kontroversen der Region. Sie hat mit zahlreichen Menschen und Organisationen gesprochen und die Orte des Geschehens bereist, mit der Ausnahme von Gaza, wo Journalist:innen von außen keinen Zugang erhielten. Das Buch beginnt mit einem Statement von Margot Friedländer: <em>„Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches, kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut!“</em> Es endet mit einem Brief Natalie Amiris an Margot Friedländer, den sie nach einem gemeinsamen Abendessen geschrieben hatte.</p>
<p>Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober durchzieht das gesamte Buch. Natalie Amiri dokumentiert Telefonate, Presseerklärungen, Telefonate während des Terrorangriffes, aber auch Äußerungen israelischer Politiker des Likud und der beiden rechtsextremistischen Koalitionspartner, die die Vernichtung Gazas androhen und die Schaffung eines Groß-Israel ankündigen. Sie zitiert ebenso Stimmen wie die von Yair Moses und von Noa, die sie nur mit Vornamen nennt, aber wohl die ehemalige Geisel Noa Argamani sein dürfte: <em>„Für mich hat der Tod von Jonathan und seinen Freunden klargemacht: Frieden ist die einzige Antwort.“</em></p>
<h3><strong>Isaak und Ismael</strong></h3>
<p>Als Natalie Amiris Buch in Druck ging, waren noch 48 Geiseln in der Gewalt der Hamas. Die Angriffe der IDF in Gaza dauerten an. Am 13. Oktober 2025 war es so weit: Die letzten 20 lebenden Geiseln der Hamas sind frei. Nach 738 Tagen! Darunter vier deutsche Staatsangehörige: die Zwillinge Ziv und Gali Berman, Rom Braslawski, Alon Ohel. Nach wie vor sind 19 Leichen in Gaza (Stand 16. Oktober 2025). (Im Unterschied zu ihren Vorgänger:innen Olaf Scholz und Annalena Baerbock wiesen Friedrich Merz und Johann Wadephul ausdrücklich auf <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">die deutschen Geiseln</a> hin.) Im Gegenzug musste Israel etwa 2.000 inhaftierte Palästinenser:innen, darunter 250 zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder freilassen. Unter den 250 Mördern war Hilmi Al-Maash, Planer eines Selbstmordattentats in einem Bus im Jahr 2004, durch das elf Menschen starben und vierzig verletzt wurden, darunter die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/zeruya-shalev-gastbeitrag-geisel-deal-attentaeter-li.3324901">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> bekannte sie die Ambivalenz ihrer Gefühle. Sie schrieb auch über Trump, der <em>„endlich verstand, dass Netanjahu und seine Regierung nicht für die Mehrheit der israelischen Gesellschaft sprechen.“ </em>Aber nichts ist wie es sein sollte: <em>„Wie absurd das ist – der Präsident einer fremden Supermacht kümmert sich mehr um die israelischen Bürger als ihre eigene Regierung. So wie Katar, die Türkei und Ägypten sich weit mehr um die Bewohner des Gazastreifens kümmern als die Anführer der Hamas.“</em></p>
<p>Die Gräuel des 7. Oktobers waren die größte Mordaktion gegen Jüdinnen und Juden seit der Shoah. Aber es gibt noch ein anderes Datum, das Pogrom in Kischinew im April 1903, unter dessen Eindruck der hebräische Nationaldichter – so wird er in Israel von vielen gelesen – Chaim Nachman Bialik das Gedicht „In der Stadt des Tötens“ schrieb. Dieses Gedicht wurde mit einem sehr lesenswerten Nachwort der israelischen Psychologin und Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen in dem Band „Wildwuchs“ mit mehreren Erzählungen des hebräischen Dichters neu veröffentlicht (München, C.H. Beck, 2024). Ayelet Gundar-Goshen wies darauf hin, dass Netanjahu am 7. Oktober 2023 aus diesem Gedicht zitierte: <em>„Nicht kann selbst die Hölle so grausig Verbrechen, / nicht Kindesblut rächen“</em>. Die Geschichte des Judentums ist eine Geschichte der Verfolgung, der Pogrome, sie ist aber auch – so liest Ayelet Gundar-Goshen Bialiks Erzählung „Hinter dem Zaun“ – <em>„die Geschichte der Halbbrüder Ismael und Isaak. Beide sind Söhne Abrahams, aber nicht Bruderliebe, sondern reinster Hass herrscht zwischen ihnen.“</em> So werden wohl nach wie vor von vielen Menschen die Geschichten der Bibel und des Koran gelesen.</p>
<h3><strong>Misstrauen und Heuchelei</strong></h3>
<p>Eine prominente Kritikerin der Netanjahu-Regierung ist die deutsch-israelische Autorin Sarah Levy, die schon in ihrem ersten Buch „Fünf Worte für Sehnsucht“ (Hamburg, Rowohlt, 2022) die Zerrissenheit einer liberalen israelischen Jüdin angesichts der anti-liberalen und anti-demokratischen Reformen der Regierung Netanjahu beschrieb. Ihr im August 2025 erschienenes Buch „Kein anderes Land“ (Hamburg, Rowohlt, 2025) schrieb sie unter dem Eindruck des 7. Oktober. Opfer sind nicht nur jüdische Israelis, auch arabische wie beispielsweise Marwa, die KiTa-Erzieherin ihres Sohnes Oz, die ihr Erscheinungsbild und ihr Verhalten ändert, um nicht als Araberin gesehen zu werden. Sarah Levys Buch ist voller Fragen: <em>„Ich will nicht so sein wie jene, die keinen Unterschied machen zwischen einem Volk, einer Regierung, einer Armee, einer Terrorgruppe oder einem Kind. Doch je mehr ich in diese dunkle Welt eintauche, desto mehr merke ich, wie auch ich härter werde, die Versuchung spüre, mich zu verschließen, vor dem Leid in Gaza durch die Bomben der israelischen Armee. Es gelingt mir in diesen Tagen nicht mehr automatisch, die gleiche Empathie für palästinensische Opfer zu empfinden wie für israelische Opfer. Als ob mein Mitgefühl gedämpft sei unter der Last der Berichte aus Israel und dem Gefühl, dass es sich hier um einen existenziellen Krieg handelt. Was, wenn wir das hier nicht gewinnen? Was wird aus den Geiseln? Was wird aus Israel? Aus dem jüdischen Volk? Und wie sieht ‚gewinnen‘ überhaupt aus, wenn beiden Seiten schon so viel verloren haben?“</em></p>
<p>Es geschieht so etwas wie eine schleichende Verhärtung. Ayelet Gundar-Goshen lässt die psychologischen Mechanismen in ihrem fünften Roman „Ungebetene Gäste“ (Zürich / Berlin, Kein &amp; Aber, 2025) erahnen. Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri alleine zu Hause. Ein arabischer Handwerker renoviert. Sie ist hin- und hergerissen, ob sie ihm vertrauen kann oder nicht lieber doch ihren Mann herbeitelefoniert. Der Handwerker geht zur Toilette und in diesem Augenblick lässt ihr Sohn einen Hammer auf die Straße fallen, der einen Jugendlichen erschlägt. Der Araber wird verhaftet, weil sie sich nicht traut, die Wahrheit zu sagen. Alle handelnden Personen, sie selbst, ihr Mann, der Vater des Opfers, die Familie des Arabers, die Therapeutin Noga verstricken sich in ihren Vorurteilen und Halbwahrheiten. Naomi und ihr Mann wandern nach Lagos in Nigeria aus und das Spiel der unausgesprochenen Wahrheiten und vermuteten Halbwahrheiten setzt sich fort, auch im Kontakt mit der Nigerianerin Ayobami, die nicht die ist, als die sie zunächst erscheint. Und was macht Naomis Mann eigentlich wirklich in Nigeria? Ayelet Gundar-Goshen lässt – wie in ihren anderen Romanen – die Perspektiven wechseln, es gibt auch eine Auflösung, die jedoch keine Lösung ist. Über allem herrscht gegenseitiges Misstrauen, das im Roman noch unterhaltsam klingen mag, aber in der Realität brutale Folgen hat.</p>
<p>Exemplarisch für die Heuchelei der israelischen Regierung und die Hilflosigkeit der Menschen in Israel – man könnte vielleicht sogar von Psychoterror sprechen – ist für Sarah Levy <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-02/familie-bibas-shiri-israel-tod-hamas-geiseln/komplettansicht">„Das furchtbare Spiel mit der Familie Bibas“</a>, so der Titel ihres Beitrags in der ZEIT vom 20. Februar 2025. Der 20. Februar war der Tag, an dem die Hamas die Särge der ermordeten Shiri Bibas, der Mutter, und ihrer beiden Kinder, der vierjährige Ariel und der zehn Monate alte Kfir, übergab (der Artikel enthält ein entwürdigendes Bild, in der ein Hamas-Terrorist die Särge präsentiert, in dem Shiri zugeschriebenen Sarg lag – wie sich herausstellte – übrigens jemand anders). Die Kinder wurden nach der Entführung von Hamas-Terroristen im November 2023 mit bloßen Händen erwürgt: <em>„Die Bibas-Familie ist zum Symbol der Grausamkeit des 7. Oktober geworden. Terroristen haben an dem Tag mehr als 1.200 Menschen ermordet. Noch nie wurden so viele Zivilisten, Kinder, Frauen, Alte, Verletzte, selbst bereits Getötete als Geiseln genommen und verschleppt. Doch zwei kleine Kinder, neun Monate und vier Jahre alt, mit ihrer Mutter im Schlafanzug als Geisel zu nehmen – so etwas gab es noch nie in der Geschichte Israels“</em>. Dem Vater Jarden Bibas erzählte die Hamas, seine Familie wäre bei einem Luftangriff der IDF ums Leben gekommen. Sarah Levy verzweifelt an der israelischen Regierung, die kein sonderliches Interesse zu zeigen schien, <em>„die letzten verbleibenden Kindergeiseln aus Gaza zurückzubringen“</em>.</p>
<p>Die Bewohner:innen der von der Hamas heimgesuchten Dörfer traten für Frieden und ein friedliches Miteinander von Israelis und Palästinenser:innen ein. Das interessierte die Hamas – und auch einen großen Teil der Weltöffentlichkeit – so gut wie gar nicht. Ebenso deutlich wie das Schicksal der Familie Bibas zeigt der Überfall des Nova-Festivals die Brutalität der Hamas.</p>
<p>In einem Satz ließe sich der Überfall, der am 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr begann, wie folgt zusammenfassen: Über 3.000 schwer bewaffnete Männer fallen unter Lobpreisungen Allahs unbewaffnete harmlose Menschen, die nur eines wollten: in Frieden tanzen, in Frieden leben.</p>
<h3><strong>Re’im 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr</strong></h3>
<p>Der Überfall auf das Nova-Festival ist sehr gut dokumentiert. Dafür sorgten nicht zuletzt die Terroristen selbst. Sie filmten sich bei ihrem Morden und stellten die Bilder ins Netz, oft mit den ihren Opfern geraubten Mobiltelefonen oder mit eigenen Kameras, die ihre Taten wie ein Ego-Shooter-Computerspiel erscheinen lassen. Eine große Zahl dieser Bilder zeigt die <a href="https://www.tribeofnova.com/">„Tribe of Nova Foundation“</a> in der <a href="https://www.thf-berlin.de/aktuelles/veranstaltungen/veranstaltung/the-nova-music-festival-exhibition">Nova Music Festival Exhibition</a>, einer Ausstellung, die vom 7. Oktober bis zum 16. November 2025 in der Haupthalle des Berliner Flughafens Tempelhof zu sehen ist. Die Ausstellung sahen zuvor in New York City, Los Angeles, Buenos Aires, Miami, Toronto und Washington D.C bereits über eine halbe Million Menschen. Die folgenden Sätze sollen einen Eindruck vermitteln, was zu sehen ist.</p>
<p>Der zu Beginn einstimmende Film zeigt die friedliche Stimmung bei Sonnenaufgang, einem magischen Moment vieler Festivals. Wenige Minuten vor dem Angriff. Er endet mit der Warnung der DJ’s vor den anfliegenden Raketen und wir treten in die große Eingangshalle des Flughafens. Zunächst sehen wir auf einer Empore Originalvideos der Terroristen, die sich mit Allahu Akbar anfeuern, sich rühmen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen. Wir sehen, wie sie unbewaffnete, hilflose Menschen jagen. Wir sehen den Bulldozer, der den Grenzzaun einriss und Platz schuf für all die Zivilisten, die zur Plünderung eilten, wir sehen lange Kamerafahrten über die Straßen mit all den zerstörten Autos, dazwischen ein fahrender Pick-Up mit Terroristen, die immer wieder absteigen und schießen, wir sehen flüchtende Menschen zwischen den Bäumen. In der Halle sehen wir Originalstücke vom Gelände: Zelte, auf dem Boden verstreute Habseligkeiten, Kuscheltiere, Wasserflaschen, Kleidungsstücke, Schmuck, das DJ-Pult und die Lautsprecherboxen, eine Bar, Dixi-Toiletten, durchsiebt von Einschusslöchern vollautomatischer Gewehre, ausgebrannte und umgestürzte Autos, Tische, auf denen die Schuhe, die Mützen, Portemonnaies, Handyhüllen gesammelt sind.</p>
<p>Auf einem Tondokument ist ein Terrorist zu hören, der sich gegenüber seinen Eltern rühmt, er sei ein Held, er habe zehn Juden getötet und telefoniere jetzt vom Mobiltelefon einer Jüdin. Wir sehen das Video mit der ermordeten <a href="https://jungle.world/artikel/2025/40/shani-louk-ricarda-louk-antisemitismus-deutschland-in-europa-hat-man-schon-vergessen-wie-es-anfing">Shani Louk</a> auf einem Pick-Up, um sie herum Terroristen, die Gott hoch leben lassen, das Video der um Hilfe rufenden auf einem Motorrad zwischen zwei Terroristen eingeklemmten <a href="https://worldisraelnews.com/noa-argamani-reveals-new-details-of-hamas-kidnapping/">Noa Argamani</a>, dokumentiert ist das Telefonat zwischen <a href="https://www.timesofisrael.com/taken-captive-romi-gonen-after-being-shot-in-car-by-terrorists/">Roni Gonen</a> und ihrer Mutter. Am Rand können wir die kleinen Bunker betreten, in denen sich Festival-Besucher.innen versuchten zu verstecken, zu 20 oder gar zu 40 in einem engen vielleicht drei oder vier Quadratmeter großen Raum, bis die Terroristen sie mit Handgranaten heraustrieben oder töteten. Ein junger Mann positionierte sich am Eingang eines solchen Bunkers und versuchte, die Handgranaten zurückzuwerfen. Zu den Waffen der Hamas gehörten auch Viagra-Pillen. In der Nova Exhibition sind Berichte dokumentiert, wie ein Hamas-Terrorist eine Frau vergewaltigt, während ein Kumpan gleichzeitig mehrfach mit dem Messer auf sie einsticht (diesmal kein Video). Eine Karte markiert die Orte, an denen Zivilist:innen und Sicherheitskräfte ermordet, an denen Menschen entführt worden sind. Zu sehen sind an zwei großen Wänden hinter der in der Mitte der Halle aufgestellten Bühne des Festivals auf der einen Seite die Bilder aller Opfer des Festivals, auf der anderen die aller auf dem Festival entführten Menschen. Kerzen davor mit Testimonials der Besucher:innen.</p>
<p>Die israelische Regierung verfügt über einen etwa 45 Minuten langen Film, den sie allerdings nur ausgewählten Politiker:innen und Journalist:innen zeigt. Aber auch wer diesen Film nicht sehen oder die Nova Exhibition nicht besuchen kann, kann sich umfassend informieren. Berichte gibt es in Hülle und Fülle. Nur ein Beispiel: Der Bericht <a href="https://www.1202.org.il/wp-content/uploads/2025/01/ARCCI-report-sexual-crimes-on-october-7-updated-26.3.pdf">„Sexual Violent Crimes on October 7“</a> der Association of Rape Crisis Centers in Israel (ARCCI) liegt bereits seit Februar 2024 in verschiedenen Sprachen vor, <a href="https://www.1202.org.il/wp-content/uploads/2025/01/Deutsch-Stummer-Schrei-Sexuelle-und-geschlechtsspezifische-Gewalt-im-Krieg-vom-7.-Oktober.pdf">seit August 2025 auch in deutscher Sprache</a>. <a href="https://www.mena-watch.com/bericht-sexualverbrechen-hamas-deutsch/">Nur die Plattform mena-watch informierte</a> zeitnah über diese Übersetzung.</p>
<h3><em>„<strong>Wir hassen nicht“</strong></em><strong> (Ofir Amir)</strong></h3>
<p>Der Titel der Ausstellung der Nova Tribe Foundation geht auf eine Tätowierung zurück, die sich <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ich-war-mit-fuenf-frauen-in-einem-kaefig/">Mia Schem</a>, eine der Geiseln, nach ihrer Befreiung stechen ließ. <em>„Wir werden wieder tanzen“</em> – das ist die zentrale Botschaft der Ausstellung, die nach der Darstellung der Gräuel im Hauptraum in weiteren Räumen Programme und Projekte zur Betreuung der befreiten Geiseln und der Angehörigen der Geiseln und Ermordeten angeboten werden. Es sind Räume der Meditation, Räume der Ruhe, mit Vorträgen und Videos über die verschiedenen Programme. Die Botschaft lautet: <em>„Wir hassen nicht“</em> – so Ofir Amir, der mit mehreren Freunden das Festival organisiert hat, wie auch in den Jahren davor. Es war geplant, wenig später am selben Ort das israelische Burning Man durchzuführen.</p>
<p>Ofir Amir wurde in Offenbach geboren. Er beschrieb Anfang Oktober 2025 <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/nach-dem-ueberleben/">in der Jüdischen Allgemeinen</a>, wie er den Terrorangriff vom 7. Oktober 2025, 6:29 Uhr, erlebte. Ihn selbst schossen die Terroristen in beide Beine, er überlebte, erlebte aber, wie Freund:innen neben ihm ermordet wurden. <em>„Trotzdem sind wir hier. Wir glauben an das Gute und lassen uns nicht unterkriegen. Wir antworten mit Musik. Mit Erinnerung. Mit Licht. Mit Liebe. Unsere Botschaft ist klar: Terroristen haben uns angegriffen. Aber unsere Reaktion darauf ist, nicht zu hassen. Diese Macht geben wir ihnen nicht. Als in Manchester bei einem Ariana-Grande-Konzert ein Selbstmordattentäter 23 junge Menschen tötete, war die Welt zu Recht erschüttert. Als bei uns mehr als 400 junge Menschen brutal ermordet wurden, war das Schweigen ohrenbetäubend. Das ist es bis heute. Noch immer werden Menschen als Geiseln in Gaza festgehalten – darunter Besucher des Nova-Festivals. Sie kamen, um zu tanzen, zu feiern, zu leben.“</em></p>
<p><a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/gedenkausstellung-zum-7-oktober-berlin-ist-als-stadt-dem-nova-festival-sehr-ahnlich-14452199.html">Julius Geiler interviewte Ofir Amir für den Berliner Tagesspiegel</a>: <em>„</em><em>Sehen Sie, ich werde oft gefragt, wie es mir geht. Aber es gibt Gruppen von zwölf Freunden, die gemeinsam das Festival besucht haben und von denen am Ende nur zwei wieder nach Hause gekommen sind. Ich habe beide Beine, ich habe die Geburt meiner Tochter erlebt, ich bin zu meiner Frau zurückgekehrt. Ich habe so viele Freunde verloren. So viele Freunde wurden noch viel schwerer verletzt, als ich. Who am I to complain.“</em> <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/berlin-nova-festival-ausstellung-massaker-israel-e764040/">In der Süddeutsche Zeitung sagte Ofir Amir in einem Interview mit Peter Richter</a>: <em>„Das ist uns passiert, aber wir hassen nicht.“</em></p>
<p>Am 2. Oktober 2025 veröffentlichte die ZEIT <a href="https://www.zeit.de/2025/42/hamas-angriff-nova-festival-israel-7-oktober/komplettansicht">Testimonials von Überlebenden</a>, die Evelyn Finger protokollierte, der Rentner Itzik Askapa, der sich einmischte, als die Hamas die Polizeistation neben seinem Haus eroberte, Yasmin Porat, die es schaffte zu fliehen, aber in ein Feuergefecht geriet. Sie überlebte, ihr Partner wurde ermordet. Daniel und Neria Sharabi hätten gerne noch mehr Menschen gerettet, konnten inzwischen mit dem Verein „Für die Überlebenden und die Verwundeten“ über 1.400 Traumatisierten helfen. Eldad Adar gesteht, er war erleichtert, als er erfuhr, dass seine Tochter Gili Adar <em>„nur erschossen“ </em>wurde.</p>
<p>Ofir Amirs Text in der Jüdischen Allgemeinen endet zuversichtlich: <em>„Ich bin Vater geworden, während ich kaum stehen konnte. Heute kann ich wieder laufen. Meine Tochter fängt langsam an zu sprechen. Wenn meine Tochter mich eines Tages fragt, was am 7. Oktober 2023 passiert ist, werde ich ihr sagen: Es war ein Tag, an dem Terroristen, die ihr Leben dem Hass gewidmet haben, unvorstellbares Leid über uns gebracht haben. Ein Tag, an dem ich meine Freunde verlor und dem Tod entkommen bin. Aber ich habe seitdem auch gelernt, dass selbst im tiefsten Dunkel ein kleines Licht bleibt, das eines Tages die Welt erleuchten kann. We will dance again!“</em></p>
<p>Auf Seiten der Hamas dominiert nach wie vor der Hass, nicht nur der Hass auf Israel und auf alle Jüdinnen und Juden, auch der Hass auf die Palästinenser:innen, die ihnen nicht folgen wollen. Die <a href="https://www.mena-watch.com/">Plattform mena-watch</a> bietet jeden Donnerstag Berichte unter anderem auch zu Palästinenser:innen, die sich gegen die Hamas erheben. Mohammed Altlooli berichtet regelmäßig über die Verfolgung von Oppositionellen, <a href="https://www.mena-watch.com/hamas-herrschaft-in-gaza-mit-gewalt-festigen/">am 15. Oktober 2025 über Hinrichtungen durch die Hamas</a>. Ihnen wurde vorgeworfen, sie wären Kollaborateure Israels. Darüber berichteten ebenfalls <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/nahost-liveblog-news-gaza-israel-hamas-hinrichtungen-abbas-palaestinenserpraesident-li.3321949">am 15. Oktober 2025 die Süddeutsche Zeitung</a> und <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-hat-mich-nicht-gross-gestort-trump-vergleicht-hamas-hinrichtungen-mit-seinem-durchgreifen-in-washington-14567573.html">der Tagesspiegel</a>. Beunruhigend ist die Einlassung Trumps, der Tagesspiegel titelt: <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-hat-mich-nicht-gross-gestort-trump-vergleicht-hamas-hinrichtungen-mit-seinem-durchgreifen-in-washington-14567573.html"><em>„Trump vergleicht die Hinrichtungen der Hamas mit seinem Durchgreifen in Washington.“</em></a> Einen Tag später verkündete Trump auf Truth Social, die Hamas würde vernichtet, wenn sie weiterhin Menschen hinrichte.</p>
<h3><strong>„Resonanzraum“ Palästina</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-ist-recht-was-ist-unrecht/">Was ist Recht, was ist Unrecht?</a> Diese Frage stellt sich täglich. Es war die Frage, die Leonard Cohen sich stellte, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang. Matti Friedman zitiert ihn mit einer unveröffentlichten Strophe von „Lover, Lover, Lover“ in seinem Buch „Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens“ (übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2023). Immer wieder hat sich die israelische Soziologin Eva Illouz kritisch geäußert. Mitte September 2025 erschien bei Suhrkamp ihr Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/eva-illouz-der-8-oktober-t-9783518475300">„Nach dem 8. Oktober“</a>, die deutsche Übersetzung des französischen Originals vom August 2024, das bei Gallimard erschien.</p>
<p>In ihrem Essay fragt Eva Illouz unter anderem, wie es sein kann, dass sich Hass als Tugend ausgeben kann. Diese Frage betrifft nicht nur Hamas-Terroristen, sondern auch all diejenigen, die die Hamas für eine Gruppe von Freiheitskämpfern halten (wie beispielsweise sehr prominent Judith Butler oder Pankaj Mishra, die unter anderem auch leugneten, dass es Vergewaltigungen gegeben habe). Eva Illouz nennt zwei Gründe, unter anderem in Anlehnung an den Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann: <em>„Der erste Punkt hängt mit kognitiven Verkürzungen zusammen, den Modi des schnellen Denkens; der zweite mit der Art und Weise, wie wir unsere Identität im Hinblick auf die institutionellen Bedingungen geltend machen, die uns zu sagen erlauben, ‚was wir sind‘ und ‚wer wir sind‘.“</em> Ähnlich argumentierten Monty Ott und Jessica Ramczik <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/trump-die-hamas-muss-entwaffnet-werden-notfalls-mit-gewalt/">am 13. September 2025 in der Jüdischen Allgemeinen</a>: <em>„Palästina wird zur Projektionsfläche, weil es an einer konsistenten Erzählung mangelt.“ </em>Dabei geht es gar nicht um die Palästinenser:innen als konkrete Menschen: Deren Leid <em>„dient nicht als Ausgangspunkt für diplomatische oder politische Lösungsansätze, sondern als moralischer Resonanzraum, in dem man sich selbst als Teil eines heroischen Befreiungskampfes verorten kann.“ </em></p>
<p>Eva Illouz sieht eine gefährliche Mischung am Werk: „<em>Durch die Alchemie der umherwandernden Strukturen werden Antikapitalismus, Globalisierungsgegnerschaft und Antizionismus eins mit der Befreiung von sämtlichen Unterdrückungen.“ </em>Unter <em>„umherwandernden Strukturen“</em> versteht Eva Illouz ein Konzept, das mangels empirischer Begründungen <em>„von einer Disziplin auf eine andere und von einem Kontext auf einen anderen übertragen werden kann.“</em> Es geht um eine im Grunde inhaltsleere <em>„Identitätspolitik“</em>, für die es keine konkreten Akteure mehr braucht, <em>„eine neue Form von symbolischem Kapital, die ich als moralisches Kapital bezeichnen möchte.“</em> Schon Khomeini sei es gelungen, seinen Islamismus als antiimperialistischen Klassenkampf zu markieren. So wurde der Jubel über den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober, in der Berliner Sonnenallee, auf dem New Yorker Times Square und anderswo möglich: <em>„Soweit ich mich erinnern kann, hat kein anderes Massaker – ob im Südsudan oder im Kongo, in Äthiopien, Sri Lanka, Syrien oder der Ukraine – im Westen und in islamischen Ländern so viele Menschen glücklich gemacht.“ </em>Anders gesagt: Weil ich moralisch zu den Guten gehöre, ist alles, was ich denke, sage, tue, gerechtfertigt. Eva Illouz sagte in einem am 22. September 2025 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Gespräch mit Andreas Tobler: <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/linke-backlash-ueberlegenheit-eva-illouz-israel-hamas-eva-illouz-interview-li.3315737?reduced=true">„Die Linke ist einem Gefühl der moralischen Überlegenheit erlegen“</a>.</p>
<p>Wie dieses <em>„Gefühl der moralischen Überlegenheit“</em> im Alltag wirkt, dokumentierte die Amerikanerin Hannah Shapiro, die seit fünf Jahren in Berlin lebt (der Name ist ein Pseudonym), im Juli 2024 in der Jüdischen Allgemeinen: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/nach-dem-angriff-in-berlin-mitte/">„Nach dem Angriff in Berlin-Mitte“</a>: <em>„Vor anderthalb Wochen wurden mein Freund und ich auf dem Weg zum Schabbat-Essen von palästinensischen Demonstranten in Mitte angegriffen, als wir anhielten, um ein Eis zu essen. Wir wurden ohne Zustimmung gefilmt, angeschrien und mit Vergewaltigung bedroht. Ich wurde bespuckt, weil ich eine Davidstern-Halskette trug. Mein Freund wurde geschlagen und an den Haaren zu Boden geschleift. (…) Während Juden wieder einmal in den Schatten gedrängt werden, sind die Menschen auf den Straßen von Berlin still. Niemand, der sah, wie die Männer uns angriffen, tat etwas. Keiner rief die Polizei. Mein Freund lag in einem Scherbenhaufen und schützte seinen Kopf, während ich zur Polizei rannte. Niemand fragte, ob er Hilfe brauchte. Die Polizei brachte uns in die Eisdiele, um uns vor dem Mob draußen zu schützen, der ‚Eine Lösung! Eine Lösung!‘ skandierte. Währenddessen liefen die Leute weiter an dem Mob vorbei, um sich ein Eis zu bestellen – so als würde nichts passieren.“</em></p>
<p>Alle Jüdinnen und Juden werden in solchen Ereignissen in Kollektivhaftung genommen, ihnen wird eine Kollektivschuld unterstellt. Eine <a href="https://koas-bildungundforschung.de/forschung-projekte/bundesweite-studie-zu-den-auswirkungen-des-terroristischen-anschlags-am-7-oktober-2023-auf-die-juedische-und-israelische-community-in-deutschland/">Langzeitstudie der Fachhochschule Potsdam und des Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung</a> in Berlin belegt die nachhaltige Wirkung der unmittelbar nach dem Pogrom vom 7. Oktober einsetzende Welle des Antisemitismus in Deutschland. <a href="https://evangelische-zeitung.de/antisemitismus-situation-ist-eine-anhaltend-hohe-belastung-fuer-juden-2">Franziska Hein berichtete in der Evangelischen Zeitung</a>: <em>„Jüdinnen und Juden würden permanent aufgefordert, Rechenschaft über ihre politische Position zum Nahost-Konflikt abzulegen. (…) Typisch für Antisemitismus sei zudem, dass komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf einzelne Personen oder Gruppen projiziert würden. Jüdinnen und Juden würden für den Krieg in Gaza kollektiv verantwortlich gemacht.“</em> Ähnlich erging es Menschen, die als Araber:innen identifiziert wurden. Sie wurde für den Terrorangriff der Hamas kollektiv ebenso in Haftung genommen.</p>
<p>Mit einer solchen Argumentationskette wird die Kritik an dem Vorgehen der IDF in Gaza – oder auch dem Vorgehen gewalttätiger Siedler im Westjordanland – geschwächt und sie verstärkt die Kompromisslosigkeit der israelischen Regierung. Netanjahu und seine Koalitionspartner können sich mit dem pauschalen Antisemitismusvorwurf aus der Verantwortung herausreden. Der Angriff auf Katar, die Offensive auf Gaza-Stadt, die Ankündigungen, die besetzten Gebiete zu annektieren, die nationalistisch-imperialistisch-faschistoiden Invektiven von Smotrich und Ben-Gvir, denen Netanjahu nicht widersprach, sie hingegen mitunter selbst äußerte – all dies sorgte in den vergangenen zwei Jahren zunehmend dafür, dass Israel sich selbst in der Welt isolierte. Die Anerkennung mehrerer westeuropäischer Staaten für einen palästinensischen Staat – gemeint ist die Regierung der palästinensischen Autonomiebehörde – ist nur der Gipfel eines Eisbergs, den die israelische Regierung mit ihrem kompromisslosen Vorgehen in Gaza selbst geschaffen hat.</p>
<p>Die Argumente der Liberalen, Demokraten und Linken in Israel werden kaum noch wahrgenommen oder sogar umgedeutet. Sie verschwinden in einer eigentlich unsinnigen Debatte um einen Begriff wie <em>„Staatsräson“</em>, der in einer Knessetrede wie seinerzeit in der Rede von Angela Merkel, seine Berechtigung hatte, aber kein konkretes Konzept für das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel hervorbringen kann. Im Grunde ist der Begriff auch eine <em>„umherwandernde Struktur“</em> im Sinne von Eva Illouz. Meron Mendel hat den Begriff in seinem Buch „Über Israel reden – Eine deutsche Debatte“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2023, das Buch erschien vor dem 7. Oktober) dekonstruiert. Der Begriff postuliert etwas, das weder klar definierbar noch konsensfähig ist. Im Grunde verhindert er Dialog: <em>„Angela Merkel und weitere deutsche offizielle Amtsträger haben den deutschen Staat auf die Sicherheit eines anderen Staates verpflichtet. Ausgelassen wurde die Frage, was Israel tun oder unterlassen solle, damit diese Garantie in Zukunft bestehen kann. Das Versprechen wurde nicht einmal an Bedingungen geknüpft, wie etwa an das Fortbestehen der israelischen Demokratie.“</em> Meron Mendel fährt fort:<em> „Im Jahr 2008 war es vermutlich nicht vorstellbar, dass diese so fragil ist. Als Israeli hat mich Merkels Rede damals gerührt. Heute blicke ich mit Angst auf die politischen Entwicklungen in Israel (…). Wie kann eine deutsche Staatsräson für Israels Sicherheit das Land vor der Gefahr der demokratischen Selbstzerstörung schützen?“</em></p>
<h3><strong>Nach dem 13. Oktober 2025</strong></h3>
<p>Der 13. Oktober 2025 war hoffentlich ein Anfang. Es ist noch ein sehr langer Weg zu einem dauerhaften Frieden, zum Ende jeden Terrors, gleichviel ob von palästinensischen Terroristen oder israelischen Siedlern im Westjordanland, zum Ende jeglicher Spielarten von Antisemitismus, auch in Deutschland, zum Ende der Versuche Netanjahus, die israelische Demokratie zu zerschlagen, zu einem palästinensischen Staat. Auch die Aufarbeitung des Staatsversagens am 7. Oktober 2023 in Israel steht noch aus: Die Späherinnen von Nahal Oz hatten schon vor dem Überfall mehrfach gemeldet, dass jenseits der Grenze in Gaza sich Terroristen zusammenfänden, die einen Überfall trainierten. Die israelische Regierung wollte nicht hören.</p>
<p>Erst Donald Trump gelang es mit seiner <em>„Bulldozer“</em>-Methode (den Begriff verwendete Zeruya Shalev in ihrem oben zitierten Beitrag), Netanjahu zu einer (vorläufigen) Einsicht zu bringen und nach 738 Tagen am 13. Oktober 2025 die letzten noch lebenden Geiseln nach Hause zu bringen. Trump ließ dem israelischen Kabinett keine andere Wahl, als seiner Friedensinitiative zuzustimmen. Und es gelang ihm, die arabischen Staatschefs und sogar die Türkei zu gewinnen! Er schaffte es sogar, Netanjahu im Oval Office zu einer telefonischen Entschuldigung für die Bombardierungen eines mutmaßlichen Aufenthaltsorts von Hamas-Führern in Doha zu bewegen (<a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-09/angriff-katar-israel-hamas-verhandlungen-waffenstillstand-gxe">Lea Frehse nannte diese Bombardierung in der ZEIT mit Recht einen Anschlag auf die Diplomatie</a>. Das war im Übrigen auch der 7. Oktober, denn die Hamas verfolgte auch das Ziel, jede Annäherung zwischen Israel und weiteren arabischen Staaten nach dem Muster der Abraham-Abkommen von 2020 zu verhindern.)</p>
<p>Wir müssen ehrlich sein: Niemand weiß wie es weiter geht. Israel ist stark und schwach zugleich. Das Vorgehen der IDF war ungeachtet ihres brutalen Vorgehens durchaus erfolgreich. Israels Feinde sind so schwach wie nie zuvor. Hisbollah und Hamas haben ihre Anführer verloren. Der Iran, der sie finanzierte und unterstützte, und die jemenitischen Huthis wurden ebenfalls geschwächt. Die arabischen Staaten rund um Israel und die palästinensischen Gebiete wollen Ruhe. Die Entwaffnung der Hamas (durch wen eigentlich?) und der Hisbollah (durch den gestärkten, aber in sich nach wie vor schwachen libanesischen Staat) werden jedoch nicht einfach. Und was ist mit all den palästinensischen Splittergruppen, dem Islamischen Dschihad, der sich am 7. Oktober beteiligte, der PFLP (Volksfront für die Befreiung Palästinas)? Wo Waffen sind, finden sich immer wieder Terrorgruppen, die sie nutzen, möglicherweise auch außerhalb der Region. Die Instabilität Syriens ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Das Westjordanland ist angesichts der ständigen Übergriffe der Siedler, die die von Ben-Gvir befehligte Polizei gewähren lässt, ohnehin ein Pulverfass.</p>
<p>Hinzu kommt die gefährliche Sympathie der israelischen Regierung für falsche Freunde, auf die Eva Illouz im April 2025 in einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-israel-preis-verweigert-unterschrift-westjordanland-gastbeitrag-li.3230131">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> hinwies. Offenbar sieht die Regierung bei europäischen Rechtsextremisten keine antisemitische Bedrohung. So <em>„empfing die israelische Regierung Vertreter rechtsextremer Parteien aus der ganzen Welt. Zwei rechtsextreme Politiker aus Frankreich, Jordan Bardella des Rassemblement National und Marion Maréchal, Mitglied des Europäischen Parlaments, zogen durch die Straßen von Jerusalem. Ihre Partei und die Ideen, die sie vertreten, verteidigen eine christliche Zivilisation, die Juden in der Vergangenheit als gefährlich und minderwertig angesehen hat. Viele ihrer Wähler sind antisemitisch eingestellt. / Der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli, erwägt sogar den Aufbau von Beziehungen zur AfD, einer Partei, die nicht einmal versucht, die Nationalsozialismus-Nostalgie einiger ihrer Mitglieder zu verheimlichen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige von ihnen heimlich darüber lachen, dass israelische Juden sie jetzt mit Verbündeten verwechseln und dass Israel ihnen einen moralischen Status verleiht, der ihnen in ihrer eigenen Gesellschaft verwehrt bleibt. Die Geschichte ist nicht tragisch oder absurd, sie strotzt vielmehr vor Ironie.“ </em></p>
<p>Welche innenpolitischen Ziele wird die israelische Regierung verfolgen? Wird sie von ihren geplanten Justizreformen ablassen? Sehr wahrscheinlich ist das nicht, es sei denn, sie wird bei hoffentlich bald anberaumten Wahlen in die Opposition geschickt. Das ist immerhin nach den aktuellen Umfragen wahrscheinlicher als dass der am 8. Oktober explodierte Antisemitismus in den westlichen Ländern, der latent ohnehin schon immer vorhanden war, von einem auf den anderen Tag verschwindet.</p>
<p>Die Demonstrationen gegen die Regierung Netanjahus, für die Befreiung aller Geiseln, für die Beendigung des Krieges, belegen, dass sehr viele Menschen in Israel ihre Demokratie – die einzige in der gesamten MENA-Region – wertschätzen und wie sehr sie sie bedroht sehen, nicht nur durch den Terrorismus von außen, eben auch durch die eigene Regierung. Würde man die Zahl der Teilnehmenden an den Demonstrationen auf deutsche Bevölkerungszahlen umrechnen, wären dies etwa sieben bis zehn Millionen Menschen in jeder Woche vor dem Brandenburger Tor.</p>
<p>Sarah Levy, Ayelet Gundar-Goshen, Eva Illouz und viele andere haben die Zerrissenheit beschreiben, unter der so viele Menschen in Israel leiden. Sabine Brandes, Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen, berichtete am 4. September über den Schulbeginn in Israel am 26. August 2025: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/endlich-wieder-schule/">„Endlich wieder Schule“</a>. 180.000 Kinder wurden eingeschult, doch es war etwas anders als zuvor: Erstmals wurde eine Mehrheit der Kinder in orthodoxen statt in säkularen Schulen eingeschult. Sabine Brandes berichtete auch von Widerspruch und Widerstand am ersten Schultag: <em>„Doch der Krieg ist noch nicht vorbei: Zum zweiten Mal begann das Schuljahr inmitten der andauernden Kämpfe gegen die Hamas in Gaza. Hunderte von Gymnasiasten schwänzten den ersten Schultag, um an Kundgebungen für einen Waffenstillstands- und Geiselbefreiungsdeal teilzunehmen. / Andere erschienen zwar zum Unterricht, trugen als Zeichen der Solidarität aber gelbe T-Shirts- der Farbe des Kampfes für die Freilassung der Geiseln – statt den für diesen Tag üblichen weißen.“ </em>Organisiert hatten den Streik Schülervereinigungen. Anlass der Demonstrationen war auch eine Entscheidung des Bildungsministeriums, <em>„dass in den Abiturprüfungen nicht mehr zu Themen wie den Prinzipien einer liberalen Demokratie, der Bedeutung einer Unabhängigkeitserklärung oder Verfassung als Kontrolle der Staatsmacht geprüft wird. Nach wie vor werden aber Konzepte eines Staates mit religiös-traditioneller Identität und die Rolle des religiösen Rechts abgefragt.“</em></p>
<p>Die Überlebenden des Terrorangriffs hätten eine Antwort auf die eigentlich ganz einfache Frage. Zelda Biller formuliert sie im September 2025 in der ZEIT: <a href="https://www.zeit.de/2025/39/cafe-nilus-tel-aviv-schriftsteller-models">„Die weißen Tischdecken fehlen, die Songs sind trauriger“</a>: <em>„Werde ich eines Tages im Nilus oder in dem nächsten Tel Aviver Boheme-Café sitzen und auf Israel schimpfen, oder werde ich es weiter von Europa aus romantisieren? Vermutlich ist der Traum am Ende immer schöner als die Realität.“ </em>Oder ganz anders gefragt: Wird es wieder ein Nova-Festival geben? Sicherlich nicht unmittelbar auf dem Gelände in Re’im, das zur Gedenkstätte geworden ist, aber vielleicht nebenan.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. Oktober 2025. Das Titelbild zeigt DJ Skazi am 28. November 2023 vor den Bildern der am 7. Oktober 2023 von der Hamas ermordeten und verschleppten Teilnehmer:innen des Nova-Festivals in Re’im, nahe der Grenze zwischen Israel und Gaza. Foto:  Yonatan Sindel. Courtesy: Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Das Bild war auch Teil der Ausstellung „Im Angesicht des Todes“, die im Mai 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/auf-simches-der-tod-und-das-leben/">„Auf Simches – Im Angesicht des Todes“</a> vorgestellt wurde):</p>
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		<title>Vom Untertan zum Bürger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Sep 2025 09:32:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vom Untertan zum Bürger Programme und Projekte von Wadi e.V. im Nordirak und benachbarten Ländern „Die Sorge um Familie, Land, Nation war in der bürgerlichen Gesellschaft eine Realität, die Achtung der Menschheit eine Ideologie. So lange aber ein einziger Mensch durch die bloße Einrichtung der Gesellschaft elend ist, enthält die Identifikation mit dieser Ordnung  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vom Untertan zum Bürger</strong></h1>
<h2><strong>Programme und Projekte von Wadi e.V. im Nordirak und benachbarten Ländern </strong></h2>
<p><em>„Die Sorge um Familie, Land, Nation war in der bürgerlichen Gesellschaft eine Realität, die Achtung der Menschheit eine Ideologie. So lange aber ein einziger Mensch durch die bloße Einrichtung der Gesellschaft elend ist, enthält die Identifikation mit dieser Ordnung im Namen der Menschlichkeit einen Widersinn.“</em> (Max Horkheimer, in: <a href="https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Zeitschrift_fuer_Sozialforschung_8_1939-40.pdf">Zeitschrift für Sozialforschung 8, 1939</a>)</p>
<p>Vor elf Jahren, am 3. August 2014, begann im nordirakischen Sindschar (beziehungsweise Šingal oder Sindjar) der Genozid an den Êzîd:innen durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Tausende wurden ermordet, Frauen und Mädchen verschleppt, versklavt, viele gelten bis heute als vermisst. Trotz offiziellen Gedenkens und der politischen Anerkennung der Massaker als Völkermord <a href="https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw03-de-jesiden-927032">durch den Deutschen Bundestag</a> hat sich für die Überlebenden nur wenig verbessert. Noch immer leben Hunderttausende in provisorischen Camps, in ständiger Angst und Unsicherheit. In Deutschland leben zurzeit etwa 400.000 Êzîd:innen, weltweit die größte êzîdische Gemeinschaft außerhalb ihrer Heimat. Insbesondere Baden-Württemberg und Brandenburg haben zahlreiche Êzîd:innen aufgenommen, einige Länder, beispielsweise Schleswig-Holstein, bieten Êzîd:innen besonderen Schutz. Doch dennoch leben viele Êzîd:innen in Deutschland seit Jahren mit unsicherem Aufenthaltsstatus und sind akut von Abschiebung bedroht – zurück in ein Land, in dem ihre Sicherheit nach wie vor nicht gewährleistet werden kann. Die Nicht-Regierungsorganisation Wadi e.V. und <a href="https://www.proasyl.de/">Pro Asyl</a> haben sich am 2. August 2025 angesichts der nach wie vor fehlenden Sicherheitsgarantien für in Deutschland lebende Êzîd:innen <a href="https://wadi-online.de/2025/08/02/zum-elften-jahrestag-des-volkermords-an-den-ezidinnen-erklarung-von-pro-asyl-und-wadi-e-v/">mit einer gemeinsamen Presseerklärung</a> für ein dauerhaftes Bleiberecht für êzîdische Geflüchtete eingesetzt. <a href="https://wadi-online.de/wp-content/uploads/2025/08/yazidicampsrepor.pdf">Die aktuelle Lage in den Camps im Irak ist dramatisch</a>, die jüngste Abschiebung einer êzîdischen Familie in den Irak wurde in der deutschen Presse kritisch begleitet, doch eine Rückkehr scheint nicht in Sicht. Die Zerstörung des Hilfsprogramms USAID durch die US-Regierung verschärft die Lage erheblich.</p>
<h3><strong>Êzîd:innen – Eine ganze Gesellschaft wurde ihrer Rechte beraubt </strong></h3>
<p>(Auszug aus einer Rede von <strong>Basma Aldakhi</strong>, langjährige Mitarbeiterin von Wadi, Projektkoordinatorin von ADWI, Suleymaniah, auf einer Pressekonferenz in Erbil am 2. Juli 2025 zur Situation der Êzîd:innen)</p>
<div id="attachment_7437" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7437" class="wp-image-7437 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7437" class="wp-caption-text">êzîdisches Camp © Wadi e.V.</p></div>
<p>In den Vertriebenenlagern im Regierungsbezirk Dohuk leben die Menschen nicht einfach nur unter schwierigen Bedingungen. Sie leben auch in einem Schwebezustand zwischen einer Vergangenheit, die sie mit all ihren Schrecken verfolgt, und einer unbekannten Zukunft.</p>
<p>Das Leben in den Lagern ist kein Leben. Es ist ein Warten.</p>
<p>Warten auf eine Rückkehr, auf Würde, auf eine politische Entscheidung, die sie von einer Realität befreit, mit der sie sich niemals abfinden können. Dieses Warten dauert schon lange an. Es brauchte Jahre, bis aus dem Zelt ein Haus und aus dem Lager eine vorübergehende Heimstätte wurde. Das Leben im Lager wurde dauerhaft, jedoch ohne irgendwelche Garantien oder Rechte.</p>
<p>Bei der Vertreibung der Jesiden geht es nicht um eine vorübergehende humanitäre Krise, sondern um eine ganze Gesellschaft, die ihres Landes, ihrer Rechte, ihrer Geschichte und ihrer Sicherheit beraubt wurde, und deren Vertrauen von den Mächtigen, der Welt und manchmal sogar vom Leben selbst zerstört wurde.</p>
<p>Zurückkehren!?</p>
<p>Einige von Ihnen werden sich vielleicht fragen: <em>„Warum kehren die Binnenvertriebenen nicht in ihre Heimat zurück?“ </em>Eine scheinbar einfache Frage, doch die Antwort ist bitter und kompliziert.</p>
<p>Jede:r Vertriebene hat eine Geschichte, die sich nicht einfach zusammenfassen lässt, und die Gründe, nicht zurückzukehren, sind vielfältig. Vor allem sind die ursprünglichen Gebiete zu einem Schauplatz von Auseinandersetzungen geworden, zu einer Konfliktzone. Sie sind zu einem Spielball in den Händen von Parteien verkommen, die sich nicht um die Menschen in der Region scheren.</p>
<p>Gewiss, es gibt Menschen, die nach Šingal zurückgekehrt sind, aber sie sind immer noch Vertriebene. Denn in ihren ursprünglichen Dörfern gibt es nicht einmal das Nötigste für ein menschenwürdiges Leben. Die Infrastruktur ist zu 80 Prozent oder mehr zerstört, es gibt so gut wie keine Versorgung. Šingal ist der einzige Bezirk im Irak, der seit Jahren keine funktionierende Verwaltung mehr hat, und die Regierungen haben es versäumt, diese Krise zu lösen.</p>
<p>Das Entschädigungsverfahren ist eine weitere Katastrophe.</p>
<p>Letzten Monat habe ich mehrere Familien getroffen, die zurückgekehrt sind und vor vier Jahren Entschädigungsschecks von der Regierung erhalten haben. Aber diese Schecks sind bis heute nicht ausbezahlt worden.</p>
<p>Die Vertreibungen sind zu einem politischen Spiel geworden, von dem leider viele profitieren. Es gibt Familien, die sagen: <em>„Wir sind bereit, morgen zurückzukehren. Wenn wir nur glauben könnten, dass das Land, in das wir zurückkehren werden, unsere Kinder nicht wieder verschlucken wird.&#8220; </em>Aber was sagen wir einer Mutter, die befürchtet, dass ihr Haus bombardiert wird? Was einem Vater, der die Überreste seiner Söhne, die in Massengräbern liegen, noch nicht begraben konnte? Was einer Familie, die ihr Haus verloren hat und kein Obdach hat? Was einem Vater, dessen Name nicht auf den Entschädigungslisten auftaucht? Das ist der bittere Widerspruch:</p>
<p>Die irakische Regierung verkündete, das Kapitel der Vertreibungen beenden zu wollen. Sie stellte die Hilfe für die Lager ein unter dem Vorwand, dass alle in Würde nach Hause zurückkehren könnten. Seit dieser Entscheidung ist mehr als ein Jahr vergangen, und die Menschen befinden sich immer noch unter schwierigsten humanitären Bedingungen in den Lagern.</p>
<p>Andererseits aber hat das Ministerium für Einwanderung die Ausstellung von <em>„Rückkehrbriefen“</em> eingestellt, ohne die Binnenvertriebene nicht zurückkehren dürfen!</p>
<p>Auch die meisten humanitären Organisationen zogen sich nach dem Regierungsbeschluss zurück; ihre Projekte in den Lagern wurden nicht fortgeführt. Was das Problem noch verschlimmerte, war die Entscheidung der US-Regierung, die Unterstützung einzustellen. Das hat die Binnenvertriebenen sehr stark getroffen.</p>
<p>Der Umgang mit den Vertriebenen ist voller Fragezeichen. Sicher ist: Die Frauen tragen die Hauptlast. Es gibt keine Gesundheitsfürsorge, keine angemessene psychologische Unterstützung, und viele Frauen tragen Verantwortung für ganze Familien. Einige wurden frühverheiratet, andere mussten für Niedrigstlöhne in ausbeuterischen Verhältnissen arbeiten, einfach weil es keine Alternativen gibt. Die jüngste Entscheidung der US-Regierung, die Unterstützung von vielen humanitären Organisationen einzustellen, hatte erhebliche Auswirkungen auf Frauen und Kinder. In jedem Lager gab es mehr als 300 Menschen – meist Frauen und Kinder –, die von Projekten profitierten, die von US-Organisationen finanziert wurden. Nun sind diese Projekte fast vollständig zum Erliegen gekommen.</p>
<p>Da die irakische Regierung ihre Hilfe unter dem Vorwand eingestellt hat, <em>„das Kapitel der Vertreibungen (zu) beenden“</em>, liegt die einzige Hoffnung für die Binnenvertriebenen in dieser Situation auf der Zivilgesellschaft und humanitären Organisationen.</p>
<p>Und was ist mit der Umwelt? Sie leidet wie die Menschen. Abfälle häufen sich an. Einige Lager liegen in der Nähe von Erdölförderanlagen, was zu einer hohen Umweltbelastung führt. Man hat dort schwere Erkrankungen festgestellt, die auf das jahrelange Einatmen verschmutzter Luft zurückzuführen sind.</p>
<p>Psychosoziale Unterstützung? Sie ist schwach ausgestattet, nicht verlässlich vor Ort und nicht in der Lage, mit dem Ausmaß des kollektiven Traumas Schritt zu halten, unter dem die Menschen seit 2014 und bis heute dort leiden. Einige Organisationen arbeiten, aber ihre Projekte decken nur 20% des tatsächlichen Bedarfs ab. Selbst die Gesetze, die die Opfer eigentlich schützen sollten, sind zu Instrumenten geworden, um sie zu quälen.</p>
<p>Die „<em>Rückkehrbriefe“</em> wurden eingestellt, die Entschädigungszahlungen ausgesetzt, und die fehlende Koordination zwischen Bagdad und Erbil hat ein Übriges dazu beigetragen, die Vertreibung zu einer dauerhaften Realität werden zu lassen, statt zu einer vorübergehenden.</p>
<p>Wissen Sie, was es bedeutet, zehn Jahre lang vertrieben zu sein?</p>
<p>Man verliert seine Jugend, die Kinder wachsen ohne Stabilität und ohne Identität auf. Die meisten Kinder im Lager wissen nicht, dass sie aus Sinjar stammen, und wenn man sie fragt <em>„Woher kommt Ihr“</em>, sagen sie, aus diesem oder jenem Lager. Wissen Sie, was es bedeutet, wenn Ihre Zukunft von Versprechungen abhängt, die sich nicht erfüllen?</p>
<p>Vertriebene Êzîd:innen verlangen nicht das Unmögliche.</p>
<p>Sie bitten nur um eine würdige, sichere und geordnete Rückkehr. In bewohnbare Häuser, in Gebiete mit einer echten Zivilverwaltung, mit einer Schule, einem Gesundheitszentrum und einer Arbeitsmöglichkeit. Sie wollen keine Subventionen. Sie wollen Gerechtigkeit.</p>
<p>Doch die Gerechtigkeit will nicht kommen. Das Warten selbst ist zu einem Zwang geworden, an dem sie ersticken. Ihre einzige Hoffnung ist heute, dass die Unterstützung der Zivilgesellschaft und der internationalen Gemeinschaft so lange anhält, bis die Zeit für eine echte Rückkehr in Würde gekommen ist.“</p>
<h3><strong>Prekärer Schutzstatus in Deutschland und ein kleiner Lichtblick</strong></h3>
<p>(<strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>, Geschäftsführer von WADI e.V., im Juli 2025)</p>
<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-7438 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-300x282.jpg" alt="" width="300" height="282" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-200x188.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-300x282.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-400x376.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-600x564.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-768x723.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-800x753.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-1024x963.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-1200x1129.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-1536x1445.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V.jpg 1773w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich vergangenes Jahr die Einleitung zu unserem Sommerrundbrief 2025 aus einem Park in Suleymaniah schrieb und darin unter anderem feststellte, dass viel zu früh die unerträgliche Hitze eingezogen sei. Es gab Zeiten, da versuchte man zu erklären, was es für Menschen heißt, unter solchen Temperaturen leben zu müssen. Nun, inzwischen kletterte das Thermometer auch im Rhein-Main-Gebiet auf annähernd 40 Grad und es bedarf keiner solchen Erklärungen mehr. Jede und jeder muss nun am eigenen Leib erleben, was solche Hitze bedeutet.</p>
<p>Wir erleben hautnah, dass der Klimawandel vor nationalen Grenzen keinen Halt macht, und diese alte Idee, dass es so etwas wie <u>eine</u> Menschheit gibt, die sich eben diesen Planeten irgendwie zu teilen hat und entweder eine Zukunft gemeinsam oder keine hat, stellt sich mit neuer Dringlichkeit – auch wenn sie gerade nicht einmal mehr in Sonntagsreden sonderlich populär ist. Zwar leiden die Menschen in Südostasien, dem Nahen Osten und großen Teilen Afrikas derzeit ungleich stärker unter den Folgen des Klimawandels als die Happy Few in den Industrienationen des Nordens, doch langsam wird auch diesen klar, dass auf Dauer die Lebensgrundlagen aller gefährdet sind. Wenn es so weitergeht, wird letztlich niemand ungeschoren davonkommen.</p>
<p>Umso wichtiger wäre es daher – nicht nur, wenn es ums Klima geht –, diese Idee von Menschheit wieder stark zu machen statt zu glauben, man könne sich auf Dauer erfolgreich abschotten, indem man Grenzen schließt und große Teile eben dieser Menschheit dem Elend überlässt. Leider aber steht genau dies gerade auf der Tagesordnung, und so trifft es am Ende mal wieder die am härtesten, die dringend auf Schutz und Unterstützung angewiesen wären.</p>
<p>Im Rahmen ihrer <em>„Asyl- und Migrationswende“</em> stoppte die neue große Koalition gerade im Bundestag den, wie es im Fachjargon heißt, <em>„Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte“</em>. Genauer gesagt hatte bereits die Vorgängerregierung eine Obergrenze von jährlich maximal 12.000 Menschen verordnet. Unter <em>„subsidiär Schutzberechtigte“</em> fallen in Deutschland auch geschätzt 30.000 Jesidinnen und Jesiden, die als Überlebende des vom „Islamischen Staat“ (IS) 2014 verübten Genozids in Deutschland um Asyl baten. Individuelle Verfolgung lag in der Regel nicht vor – dem IS ging es schließlich darum, die Êzîd:innen als Kollektiv zu vernichten (das ist das Wesen eines Genozids). Da deshalb zuständige Bundesbehörden und Gerichte bis Ende 2017 Êzîd:innen eine Gruppenverfolgung attestierten, bekamen diese in Deutschland einen Schutzstatus als so genannte subsidiär Schutzberechtigte. Dieser kann regelmäßig überprüft werden und ist weniger „stark“ als eine Anerkennung nach § 16a des deutschen Grundgesetzes.</p>
<p>Inzwischen wurde von einigen deutschen Gerichten entschieden, dass es keine Gruppenverfolgung für Êzîd:innen im Irak mehr gäbe. Das heißt für viele: Ihr Schutzstatus wird ihnen entzogen und es kommt immer häufiger zu Abschiebungen in ein Land, das keinerlei Zukunft für sie bereithält. Diejenigen, deren Status bis jetzt noch nicht revidiert wurde, hatten darauf gesetzt, dass ihre Familienangehörigen, die weiter in Camps im Irak leben müssen, nachgeholt werden können. Dafür warteten sie, ließen unzählige bürokratische Prozeduren über sich ergehen, nur um nun zu erfahren, dass aus all dem nichts wird, denn der Familiennachzug wird, wie es heißt, für zwei Jahre ausgesetzt. Was dies für Betroffene bedeutet, kann man sich nur schwer ausmalen.</p>
<p>Überhaupt, um beim Thema zu bleiben, sind es kleine Meldungen in den Medien, die dann große und verheerende Folgen haben, von denen kaum jemand etwas erfährt. Als eine seiner ersten Amtshandlungen strich US-Präsident Donald Trump einen Großteil der amerikanischen Entwicklungshilfe und kündigte an, USAID abwickeln zu wollen. Damit fielen quasi über Nacht weltweit 40 Prozent aller internationalen Hilfen weg – natürlich mit katastrophalen Auswirkungen in unzähligen Ländern.</p>
<p>Diese Entscheidung traf auch – fast möchte man sagen: wie sollte es anders ein? – all jene Êzîd:innen, die weiterhin, elf Jahre nach dem Genozid, in IDP-Camps leben müssen. Auf einen Schlag verschlechterte sich die Gesundheits- und Sozialversorgung noch einmal, Kindergärten wurden geschlossen, und selbst an der Müllabfuhr hapert es seitdem.</p>
<p>Unsere êzîdischen Kolleg:innen, die seit 2014 für Wadi in den Camps tätig sind, haben in den letzten Monaten eine Bestandsaufnahme der Lage gemacht. Wir haben dies zum Anlass genommen, in Erbil eine Konferenz zu organisieren, um lokale und internationale Medien, Regierungsvertreter:innen aus dem Irak und Mitarbeiter:innen europäischer Konsulate über die Lage vor Ort zu informieren und zu besprechen, was man nach Wegfall der US-amerikanischen Gelder unternehmen könnte, damit sich die Lebensbedingungen der Campbewohner:innen nicht noch weiter verschlechtern.</p>
<p>Natürlich ist auch uns bewusst, dass Konferenzen, Appelle und Berichte in der Regel wenig ändern, ja oft nur aktivistischer Ausdruck der eigenen Ohnmacht sind. Diese Konferenz allerdings war ein ausdrücklicher Wunsch, geäußert von den Partrnerorganisationen der „Active Citizenship“-Kampagne, die wir gerade mit großer Resonanz im Nordirak umsetzen. Im Zentrum dieser Kampagne steht, wie wir schon im vergangenen Rundbrief länger ausgeführt haben, das Konzept von aktiver bürgergesellschaftlicher Organisation und Partizipation, wie etwa der Anspruch, dass alle Bürgerinnen und Bürger vor dem Gesetz gleich und mit gleichen Rechten ausgestattet sind.</p>
<p>Dies gilt sowohl für heimatvertriebene Êzîd:innen wie auch für alle anderen Iraker:innen. So war es der Wunsch und Anspruch der „Active Citizenship“-Kampagne, das Elend in den Camps als eines von Mitbürger:innen zu adressieren und nicht etwa als humanitäres Problem einer bedauernswerten Minderheit.</p>
<p>Diesen Ansatz und Anspruch hatten wir schon immer, und wir haben in allen Projekten versucht, ihn umzusetzen. Daher ist es in so trüben Zeiten wie den heutigen sehr erfreulich, zu sehen, welche Bedeutung inzwischen dieses Konzept von Citizenship gerade unter jüngeren Menschen nicht nur in Irakisch-Kurdistan und dem Irak hat.</p>
<p>Nach dem überraschenden Sturz der furchtbaren Assad-Diktatur durch Milizen der islamistischen HTS waren viele Syrerinnen und Syrer, die das Ende dieses Regimes überall feierten, nicht nur konfrontiert mit all dem Horror, der sich ihnen zeigte, als sich die Türen der berüchtigten Foltergefängnisse öffneten. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gab es auch Freiräume, sich zu organisieren, und die Menschen nutzten das ausgiebig. In Damaskus gründete sich vor einiger Zeit die <a href="https://wadi-online.de/2025/03/27/syrisch-kurdische-parteien-einigen-sich-auf-gemeinsame-haltung-gegenuber-damaskus/">„Syrian Equal Citizenship Alliance“</a>, eine Plattform aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen, kleineren Parteien und anderen Akteuren. <em>„Die Religion gehört Gott und die Heimat gehört allen“</em> ist einer ihrer Slogans. Seit Jahren schon stehen wir mit unterschiedlichen Partnern aus der syrischen Opposition in Kontakt, haben unter anderem das Projekt „Vom Untertan zum Bürger“ mit ihnen durchgeführt und sind nun froh, das im Irak gesammelte Wissen und Know How erneut in Syrien nutzbar machen zu können. So haben Wadi-Mitarbeiter:innen im Januar eine Reise nach Syrien unternommen und sich dort mit Partnern ausgetauscht. Nun arbeiten wir daran, das Active Citizenship Konzept auch dort umzusetzen. Die syrische Gesellschaft steht vor schier unbewältigbaren Herausforderungen, das Land ist weitgehend zerstört, die Infrastruktur liegt am Boden, 80 Prozent der Menschen leben unter dem Existenzminimum. Dazu kommen all die politischen und sozialen Spannungen sowie das tiefe Misstrauen vieler Menschen, darunter auch unserer Partner, ob die neue Regierung ihre Versprechen einhält oder das Land doch schleichend in einen islamischen Staat verwandeln will.</p>
<p>Wir jedenfalls werden, wie wir das im Irak seit nunmehr fast 35 Jahren tun, im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen, Initiativen und Projekte zu unterstützen, die Entwicklung und Citizenship miteinander verbinden.</p>
<p>Ebenso führen wir unsere Kampagnen gegen Gewalt und Genitalverstümmelung und für Umwelt- und Klimaschutz gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort im Irak fort – auch wenn sich angesichts der allgemeinen Entwicklung vieles noch einmal schwerer gestaltet, denn der Wegfall amerikanischer Hilfsgelder macht sich überall bemerkbar. Natürlich verändern sich dadurch auch Prioritäten: Wo Menschen akut von Hunger, Krankheit oder dem Verlust ihrer Wohnungen bedroht sind, muss geholfen werden. Da Geld knapp ist, geht dies auf Kosten all jener Projekte und Programme, die wie unsere nicht auf Nothilfe, sondern langfristige Entwicklung und Veränderung zielen.</p>
<h3><strong>Kinderrechte, Frauenrechte, Menschenrechte – eine Kampagne von Wadi e.V.</strong></h3>
<div id="attachment_7439" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7439" class="wp-image-7439 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7439" class="wp-caption-text">Gemeinsam Demokratie lernen © Wadi e.V.</p></div>
<p>Im Sommer begann Wadi e.V zusammen mit seinen lokalen Partnerorganisationen eine Kampagne zur Stärkung der Rechte von Kindern und Jugendlichen. Es ging dabei um die sowohl international als auch in der irakischen Verfassung verbrieften Rechte auf Bildung und das Aufwachsen ohne Gewalt. Die Mitarbeiter:innen, die regelmäßig Kinder in Dörfern und Schulen besuchen, waren entsetzt, dass viele von ihnen noch nie davon gehört hatten, dass sie Rechte haben und diese sogar einklagbar sein sollten. Immerhin stellten sie auch fest, dass in jenen Schulen, mit denen wir seit einigen Jahren im Rahmen unserer Anti-Gewalt Kampagne kooperieren, das Wissen um solche Rechte deutlich ausgeprägter war. Das ist ein kleiner Trost in Zeiten, die insgesamt so wenig tröstlich sind.</p>
<p>Die Kinder und Jugendlichen, die durch diese Kampagne zum ersten Mal von ihren Rechten hörten, sind keineswegs Ausnahmen. Ganz im Gegenteil, erst langsam wird bekannt, wie wenig die Rechte von Kindern, auf die so gerne und oft in Sonntagsreden verwiesen wird, weltweit überhaupt zählen. Auch hier bleibt der Glaube an Fortschritt leider Illusion.</p>
<p>Einem jüngst veröffentlichten <a href="https://news.un.org/en/story/2024/10/1155566">Bericht der Weltgesundheitsorganisation</a> (WHO) zufolge erlebt <em>„insgesamt mehr als eine Milliarde Minderjährige jedes Jahr Gewalt. Bei drei von fünf Kindern und Jugendlichen sei es körperliche Gewalt zu Hause, bei jedem fünften Mädchen und jedem siebten Jungen sexuelle Gewalt.“</em> Zudem leidet <a href="https://www.unicef.lu/not-the-new-normal-2024-one-of-the-worst-years/?_adin=132415900">laut UNICEF</a> im Jahr 2024 eines von vier Kindern weltweit unter schwerer Unter- beziehungsweise Mangelernährung während, so die Organisation weiter, mehr als 250 Millionen Kinder an keinerlei Schulunterricht teilnehmen.</p>
<p>Das sind die nüchternen Zahlen und sie sprechen Bände davon, wie alle vollmundigen Erklärungen sich als Makulatur erweisen, man wolle zumindest den Hunger von Kindern in Zeiten, in denen eigentlich genug für alle da wäre, beenden oder allen wenigstens die Teilnahme an Grundbildung ermöglichen.</p>
<p>Erinnert man heute den John F. Kennedy zugeschriebenen Satz, Kinder seien <em>„die lebendige Botschaft, die wir in eine Zeit senden, die wir nicht mehr erleben werden“</em>, so spricht aus ihm, anders als vor über vierzig Jahren, nicht Hoffnung, sondern er ist eher Ausdruck kläglichen Scheiterns. So nämlich haben die Zeiten sich geändert. Nicht nur in den USA. In Deutschland machten einst die Grünen mit dem etwas kitschigen Slogan, man habe diesen Planeten von seinen Kindern nur geborgt, Wahlkampf, so wie überhaupt die bessere Zukunft für <em>„unsere“</em> oder <em>„die“ </em>Kinder in aller Munde war. Diese Idee kann man vermutlich sogar als grundsätzlichen Glaubenssatz der Moderne auffassen, der lange klassenübergreifend geteilt wurde und den mittelalterlichen Glauben ans Seelenheil im Jenseits quasi ablöste.</p>
<p>Schon dieser kleine, aber feine Unterschied, ob es denn <em>„unseren“</em> oder <em>„allen“</em> Kindern besser gehen solle, verweist auf jenen Widersinn, von dem Max Horkheimer 1939 schrieb. Denn, man kennt es aus unzähligen US-Filmen, der Kampf ums Überleben oder Wohlergehen der eigenen Familie kann oft aus ganz egoistischen Motiven geführt werden, ja ganz bewusst die Schädigung anderer in Kauf nehmen. Schnell kann die Sorge um <em>„unsere“</em> Kinder umschlagen in die Idee, es müssten dann notfalls eben <em>„andere“</em> den Kürzeren ziehen. Anders ausgedrückt, der Citoyen, der einst mit dem Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Menschen und damit auch alle zukünftigen antrat, verwandelt sich schnell in den Bourgeois, dem ein Wohlergehen vornehmlich des eigenen Nachwuchses zum zentralen Anliegen wird.</p>
<p>Nun scheint es dieser Tage so, als sei, zumindest in der westlichen Welt, diesem selbst der Glaube an die Zukunft der eigenen Kinder abhandengekommen, denn fast alle Länder Europas gelten inzwischen als so genannte <em>„aging societies“</em> oder, um es mit John F. Kennedy auszudrücken, immer weniger potentielle lebendige Botschaften an eine zukünftige Zeit kommen hier überhaupt noch zur Welt. Noch mehr aber fällt auf, dass in den USA, wo Kinder und Familie einstmals von der Politik und der Populärkultur sehr ins Zentrum gestellt wurden, Töne wie die von John F. Kennedy eigentlich nicht mehr vernehmbar sind.</p>
<p>Ausgerechnet in dem Land also, dessen Bewohner, gerade auch im Vergleich mit Europa, früher zu notorischem Optimismus neigten und wo in Hollywood das Happy End erfunden wurde, gewann nun ein Kandidat die Wahl, der die Zukunft meist in düsteren Farben zeichnet und sich in seinen Reden vornehmlich in dystopischen Visionen ergeht. Ausgerechnet in den USA, die früher vom unerschütterlichen Vertrauen in ein stetig lebenswerteres Morgen geprägt war, versprach dieser Kandidat im Wahlkampf, vergangene Größe wiederherzustellen. So stellt der linksliberale britische <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2024/nov/09/the-us-has-lost-faith-in-the-american-dream-is-this-the-end-of-the-country-as-we-know-it">Guardian in einem Kommentar zur Wahl</a> auch treffend fest, ausgerechnet den Amerikanern sei offenbar der Glaube an die Zukunft verloren gegangen.</p>
<p>Wenn aber der Blick nach vorn sich eigentlich rückwärts wendet, man, was vergangen ist, wiederbeleben möchte – und genau dies erträumen momentan global immer mehr Regierende –, so ist es um reale Zukunft und damit auch die von denen, die ihr Leben noch vor sich haben, schlecht bestellt. Und das ist die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung im so genannten Globalen Süden, denn dort sind, obwohl dort ebenfalls die Geburten zurückgehen, die meisten Menschen jünger als dreißig Jahre.</p>
<p>Wäre der Glaube an Menschheit mehr als nur Ideologie und die Sorge um Kinder eine, die alle auf der Welt umschlösse, gälte es stattdessen gerade jetzt, mit allen Mitteln jenem Slogan vom geborgten Planeten zu seinem Recht zu verhelfen und alles zu tun, auf dass denen, die heute jung sind, wenn schon nicht eine bessere, so doch wenigstens irgendeine lebenswerte Zukunft geboten wird.</p>
<p>Von etwas, das auch nur annähernd nach einfachem und grundvernünftigem Programm klingt, scheint die Menschheit heute allerdings weiter entfernt als zuvor. Eigentlich nichts spricht nämlich dafür, dass in den kommenden Jahren weniger gehungert, geschlagen oder die natürlichen Ressourcen geplündert würden.</p>
<p>Zugleich werden, wie es schon jetzt überall geschieht, die vergleichsweise geringen Gelder, die global dazu aufgewendet werden, um diese Missstände zu bekämpfen, weiter gekürzt. Dazu muss man nicht über den Atlantik schauen, auch der Bundeshaushalt für 2025 sah drastische Einschnitte in diesem Bereich vor. Während Hilfsgelder gekürzt wurden, stiegen die Ausgaben für Grenzsicherung erneut massiv an. Denn Kriege, Armut, Klimawandel und Unterdrückung nehmen, wie gesagt, nicht ab, sondern zu, und deshalb auch globale Fluchtbewegungen. Die Zahl derer, die von der UN als Flüchtlinge oder Binnenvertriebene (IDPs) registriert sind, übersteigt inzwischen 120 Millionen, fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.</p>
<p>Kurzum, die Entwicklungen sind so, dass man einmal mehr resigniert aufgeben möchte. Umso wichtiger ist es deshalb, all dem ohne große Attitüde ein Trotzdem entgegenzustellen, indem, zum Thema passend, ja auch der Trotz zum Ausdruck kommt, mit dem Kinder sich gegen Zustände oder Vorschriften wehren, die sie als Zumutung empfinden.</p>
<p>Es ist <u>trotzdem</u> möglich, auch innerhalb der herrschenden Verhältnisse, die so wenig Anlass zur Hoffnung geben, nicht nur im Kleinen für Veränderungen zu sorgen, sondern auch weiterhin an jener Idee festzuhalten, die im Begriff Menschheit aufgehoben ist. Dies gilt ganz besonders für die neue „Active Citizenship- Kampagne“ von Wadi e.V., ebenso wie im Rückblick, etwa auf zwanzig Jahre rollende Spielmobile. Wadi e.V. wird gemeinsam mit allen lokalen Partnern auch im kommenden Jahr – eben trotzdem – weitermachen, immerhin im nunmehr 34ten Jahr seines Bestehens.</p>
<h3><strong>„Acitive Citizenship“ – basisdemokratisch, bürgerorientiert und interdisziplinär</strong></h3>
<p>(<strong>Isis Elgabali</strong>, Mitarbeiterin von Wadi Deutschland)</p>
<div id="attachment_7440" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7440" class="wp-image-7440 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7440" class="wp-caption-text">Green City Halabja © Wadi e.V.</p></div>
<p>Im letzten Jahr hat Wadi zusammen mit seinen Partnern eine neuen basisdemokratischen, bürgerorientierten und interdisziplinären Ansatz für unsere Arbeit entwickelt – das Konzept <em>„Active Citizenship“</em>. In diesen Ansatz fließen viele Jahre Erfahrung aus konkreter Projektarbeit vor Ort ein, vor allem auch die Erkenntnis, welche Konzepte funktionieren und welche nicht.</p>
<p>Es stellt sich immer wieder heraus, dass zwar in Entwicklungszusammenarbeit viel von Nachhaltigkeit, Grassroots und Zivilgesellschaft die Rede ist, die Praxis dann aber oft leider ganz anders aussieht. Das führt immer öfter auch dazu, dass Hilfsorganisationen vor Ort generell äußerst kritisch gesehen werden und eben nicht als der richtige Ansprechpartner, wenn es um basisdemokratische Veränderungen geht. Deshalb steht <em>„Citizenship“</em>, also die Idee aktiven bürgerschaftlichen Engagements, auch im Zentrum dieses neuen, auf mehrere Jahre angelegten, Programms.</p>
<p>2017 hatte Wadi für Nordsyrien und Irakisch-Kurdistan, auch als Reaktion auf die Umwälzungen in Folge des arabischen Frühlings in der Region, das damals sehr erfolgreiche Projekt <em>„Vom Untertan zum Bürger“</em> entwickelt, das Menschen die lokale Demokratie und Formen bürgerschaftlicher Teilhabe näherbrachte. Jetzt wird dieser Faden noch einmal aufgenommen, aber mit einem etwas anderen Ansatz. Das neue Programm ist eher praktisch orientiert und konzentriert sich auf die Entwicklung eines selbstbewussten Bürgerrechtsverständnisses und den Aufbau von sinnvollen Netzwerken und Strukturen um bestimmte Themen herum, wie etwa <em>„Umwelt“</em>. Es geht darum, verschiedene Gruppen und Institutionen zusammenzubringen, um gemeinsam an einem Problem zu arbeiten. Im Jahr 2024 konnten der Ansatz auf viele lokale Partnerorganisationen ausgeweitet werden, unterstützt vom niederländischen Konsulat im Irak.</p>
<p>Langfristiges Ziel des Programms ist es, an einem neuen Verständnis von aktiver Bürgerschaft zu arbeiten. Es geht darum, verschiedene Teile der Gesellschaft &#8211; zivilgesellschaftliche Organisationen, lokale Gemeinden, Studenten, Schulen, Religionsgemeinschaften, verschiedene ethnische Gruppen, lokale Journalist:innen, Bürgerjournalist:innen, Gesundheitsexpert:innen und Aktivist:innen zusammenbringen, um Aktivitäten und Projekte zu entwickeln, bei denen die aktive Teilhabe als Bürger:innen im Mittelpunkt steht. Umwelt, öffentliche Gesundheit, bürgerschaftliches Engagement von Studenten, Bürgerjournalismus und Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt sind die zentralen Themen dieses Programms. All diese Themen haben untereinander Berührungspunkte, und zum ersten Mal können wir sie auf kohärente Weise angehen, weil wir diese Berührungspunkte bewusst nutzen und auf dieser Grundlage Netzwerke schaffen.</p>
<p>Dies geschieht in einer kritischen Zeit in der kurdischen Autonomieregion; gerade haben Wahlen stattgefunden, und viele Menschen sind vollauf mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Spricht man mit einem durchschnittlichen Menschen auf der Straße, hört man häufig, dass die Dinge nicht gut laufen. Viele empfinden große Frustration, da sie das Gefühl haben, der Gesellschaftsvertrag sei gebrochen. In einem der Seminare brachte eine Teilnehmerin es zugespitzt so auf den Punkt: <em>„Die Bürger betrachten den Staat als Feind und der Staat betrachtet die Bürger als Feind.“</em></p>
<p>Es mangelt an Vertrauen in die Regierung und auch in große internationale Hilfsorganisationen, die oft eher wie Megakonzerne daherkommen und so gar nicht als Akteure wahrgenommen werden, mit denen vor Ort Betroffene zusammenkommen und gemeinsam nach Lösungen suchen können. Nach einer langen Planungs- und Diskussionsphase, in der Wadi zusammen mit allen Partnern in einem über 80-seitigen Dokument die verschiedenen Probleme und mögliche Lösungen zu Papier brachten und intensiv mit den Kollegen vom niederländischen Konsulat diskutierten, die ihre, nämlich die staatliche, Sicht einbrachten, während wir die nicht-staatliche vertraten, begann im Sommer eine erste Pilotphase dieses Programms.</p>
<p>So begannen unter anderem in Halabja Aktivitäten der langjährigen <a href="https://nwe-organization.org/about/">Partnerorganisation NWE</a> zur Umweltproblematik, und zwar in Form von Bürgerräten unter freiem Himmel, in denen die grundlegenden Ideen des Projekts über interaktive Spiele vorgestellt wurden. Außerdem gab es Präsentationen der örtlichen Jugendlichen über die Umweltprobleme in ihren Gemeinden sowie anschließende Diskussionen. Die Jugendlichen wurden in Teams aufgeteilt und mussten Lösungen für die Umweltprobleme der jeweils anderen erarbeiten. Die Idee bestand darin, konkret darüber nachzudenken, wie man lokale demokratische Strukturen in diesem Bereich schaffen kann. Es ging darum, mittels Debatten einen Einblick in die Perspektive und Denkweise einer anderen Gruppe zu gewinnen und so ein größeres Verständnis dafür zu entwickeln, wie ein und dasselbe Problem auf verschiedene Weise angegangen werden kann. Zukünftige Aktivitäten werden weiterhin auf diesem Konzept aufbauen; die von den Jugendteams vorgeschlagenen Ideen werden dabei in die Umweltprojekte mit einbezogen.</p>
<p>Im Vorfeld der kurdischen Parlamentswahlen am 20. Oktober 2024 gab es eine Kooperation von <a href="https://kirkuknow.com/en">KirkukNow</a> und <a href="https://adwi-organisation.com/">ADWI</a> („Awareness and Development for Women and Children in Iraq“), um einen Leitfaden für Neuwähler:innen, die mit achtzehn Jahren das erste Mal wählen dürfen, zu erstellen: <em>„Deine erste Stimme“</em>. Vielen fällt es schwer, das Wahlsystem und die vielen Ideologien und politischen Parteien, die zur Auswahl stehen, zu verstehen. Die Mitarbeiter:innen von Wadi haben sich die Zeit genommen, den Wahlprozess in Kurdistan ausführlich zu erklären – wohin ihre Stimme geht und wie sie sie richtig abgeben! <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rNIvSlTxCGM&amp;feature=youtu.be">Das zugehörige Video</a> erläuterte ebenfalls wichtige Fragen. Der Produktionsprozess dieses Videos war bereits für sich genommen ein hervorragendes Beispiel für kreative Zusammenarbeit und <em>„Networking“</em>, für den Einsatz neuer Konzepte und neuer Medien.</p>
<p>Ein wichtiger Schwerpunkt des Projekts ist der Aufbau von Netzwerken zwischen Organisationen, um die gemeinsamen Fähigkeiten bestmöglich einzusetzen. Dafür wurden Schulungen zu organisatorischen Themen wie Dokumentation, Finanzmanagement, Budgetplanung und Berichterstattung durchgeführt. Außerdem fördert Wadi den Aufbau von Netzwerken und die Kommunikation zwischen allen Partnern, damit sie von den Fachkenntnissen der anderen lernen und als Organisationen weiterwachsen können.</p>
<p>Alle Partner haben bereits aktiv in ihrem jeweiligen Bereich gearbeitet. Sie berichteten als Journalist:innen über die Wahlen. Sie arbeiteten mit Schulen und Jugendlichen, um demokratische Prozesse und Partizipation zu fördern. Sie erweiterten die Recycling-Infrastruktur. Sie intensivieren bestehende Kampagnen gegen Gewalt und zur Stärkung von Kinder- und Jugendrechten. Sie engagierten sich für die Umwelt und förderten dafür die Selbstorganisation an Schulen, in Universitäten und Flüchtlingslagern. Im Jahr 2025 werden das Feedback der Teilnehmenden an den Aktivitäten vor Ort ausgewertet und mit den Netzwerkpartnern fortgesetzt. Der Erfolg lässt sich auch durchaus sehen. Beispielsweise meinte ein êzîdischer Teilnehmer eines Citizen-Workshops, es sei das erste Mal seit zehn Jahren – den Massakern des Islamischen Staates –, dass mit Wadi e.V. eine Organisation gekommen sei, um die Menschen über ihre Rechte als Bürger:innen aufzuklären, umso wichtiger sei dies, weil viele Menschen in den Flüchtlingslagern nicht wissen, wie sie ihre Rechte einfordern sollen und können, auch wenn sie ja auch irakische Staatsbürger:innen seien.</p>
<h3><strong>Ein zwanzigjähriges Jubiläum: Das Spielbusprogramm in Irakisch-Kurdistan</strong></h3>
<p><strong>(Bakhan Jamal</strong>, Projektkoordinatorin von ADWI, Suleymaniah)</p>
<div id="attachment_7441" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7441" class="wp-image-7441 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7441" class="wp-caption-text">Gemeinsam Sport treiben © Wadi e.V.</p></div>
<p>2004 fuhr zum ersten Mal ein Wadi-Spielbus in entlegene Dörfer im Nordirak. Damals war die Idee Spielplätze- und -möglichkeiten an Orte zu bringen, an denen es so etwas nicht gab, noch völlig neuartig. Sie hat sich so bewährt, dass die Busse seit nunmehr zwanzig Jahren fahren und aus einem Bus vier geworden sind. Sie erfüllen dabei auch eine wichtige Rolle für Familien und lokale Gemeinschaften, deren Alltag oft nur wenig Raum für kindliche Bildung und Freizeitgestaltung lässt.</p>
<p>Das Spielbusprojekt wurde damals in der Region Germian unter der Leitung von Wadi ins Leben gerufen. Aufgrund des großen Erfolgs wurde es später auf die Regionen Ranya und Erbil ausgeweitet, wodurch noch mehr bedürftige Kinder erreicht werden konnten. Im Jahr 2019 wurde die Verantwortung für das Projekt an die lokale Organisation „Awareness and Development for Women and Children in Iraq“ (ADWI) übertragen. Diese Übergabe erfolgte im Rahmen einer langfristigen Strategie von Wadi, erfolgreiche Projekte auszugliedern und die Verantwortung an lokale Akteure zu übergeben. Inzwischen betreut Wadi’s Partner Jinda in Dohuk einen vierten Spielbus, der in den Flüchtlingslagern arbeitet, in denen Êzîd:innen leben, die 2014 vor dem Islamischen Staat geflohen sind.</p>
<p>Das Spielbus-Team besteht aus drei geschulten Mitarbeiter:innen, die mit einem Bus unterwegs sind, der mit zahlreichen Spielen und Spielzeugen beladen ist. Jeder Besuch gliedert sich in mehrere Phasen, die so gestaltet sind, dass sie Kinder verschiedener Altersgruppen und Interessen ansprechen, von 2 bis 16 Jahren. Nach der Ankunft in einem Dorf oder Stadtteil beginnt das Team mit energiegeladenen Bewegungsspielen, die den Kindern helfen, aktiv zu werden, Kontakte zu knüpfen und durch gemeinsames Toben sich zu öffnen und Verbindungen zu schaffen. Für viele Kinder ist dies eine seltene Gelegenheit, mit echten Spielsachen zu spielen, und ihre Begeisterung ist deutlich spürbar. Ein Kind sagte kürzlich: <em>„Ich freue mich so darauf, mit einem richtigen Ball zu spielen und nicht mit Steinen oder einem kaputten Ball von meinen älteren Brüdern und Cousins.“</em></p>
<p>Nach dieser ersten aktiven Spielstunde versammelt das Team die Kinder zu ruhigeren, kreativen Aktivitäten wie Malen, Färben oder Perlenarbeiten. Bei diesen spielerischen Tätigkeiten haben die Kinder die Möglichkeit, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Dies ist auch eine Gelegenheit für die Teammitglieder, mit den Kindern über wichtige Themen zu sprechen. Dabei kann es sich um aktuelle Ereignisse, Missstände vor Ort, Gesundheitsprobleme oder auch umwelt- und sozialpolitische Fragen handeln. Auch erfahren unsere Teams so, ob unter Umständen Kinder Misshandlungen oder Vernachlässigungen zu Hause ausgesetzt sind und können dann, wenn nötig, intervenieren. Die Sozialarbeiterinnen schaffen einen geschützten Raum, um solche relevanten Themen auf altersgerechte Weise anzusprechen und den Kindern zu helfen, die Welt um sie herum zu verstehen und zu verarbeiten. Anschließend wird der Aufenthalt mit einer weiteren sportlichen Aktivität abgeschlossen, um die Kinder gestärkt und frisch in den Tag zu entlassen.</p>
<p>Wir hören hin und wieder schöne Geschichten darüber, wie der Spielbus wirken konnte. Der Vater eines Kindes mit Autismus drückte seine Dankbarkeit so aus: <em>„Ich habe ein autistisches Kind, das normalerweise nicht mit anderen Kindern spielt. Dank des Spielbus-Teams kommt er endlich aus dem Haus und spielt jetzt gerne draußen. Das hilft ihm, mit anderen in Kontakt zu kommen. Wir freuen uns sehr. Das haben wir dem Spielbus zu verdanken. Es wäre toll, wenn Ihr öfter kommen könntet, damit er noch mehr Fortschritte macht.“</em></p>
<p>Das Spielbus-Team wählt die Spiele und Aktivitäten sorgfältig aus, um den Interessen und Bedürfnissen möglichst aller Kinder gerecht zu werden. Geschlecht, Alter und kulturelle Vorlieben werden dabei berücksichtigt. Dieser integrative Ansatz hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Programm in den Gemeinden so beliebt ist und großes Vertrauen genießt. Auch die Erwachsenen erkennen, dass der Spielbus den Kindern Spiel- und Lernmöglichkeiten bietet, die ihnen sonst möglicherweise nicht zugänglich wären. Dadurch erfährt das Projekt eine überwältigende Akzeptanz &#8211; der Schlüssel für jede erfolgreiche soziale Initiative.</p>
<p>Ein elfjähriges Mädchen aus einem Dorf erzählte einmal: <em>„Wir sind Dorfleute. Wir haben noch nie etwas von Spielplätzen oder Vergnügungsparks gehört. Wir wissen nur, wie man sich um Tiere kümmert und die täglichen Aufgaben erledigt. Unsere Familie nimmt uns nirgendwohin mit, wo wir Spaß haben können.“</em>  Kinder wie dieses Mädchen kennen es nicht, dass man sie nach ihren Wünschen oder Bedürfnissen fragt. Beim Spielbus ist das anders, hier wird auf sie eingegangen. Deshalb ist der Spielbus so etwas Besonderes für sie &#8211; hier können sie einfach nur Kind sein.</p>
<p>Das Spielbusprojekt bereitet den Kindern nicht nur Freude, sondern trägt auch zur Bildung bei und stärkt ihr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Durch die Verbindung von Freizeitgestaltung mit kindgerechten Dialogen kann das Projekt niedrigschwellig Themen wie Gesundheit, soziales Wohlbefinden und Umweltbewusstsein ansprechen und bearbeiten. Der Spielbus bietet nicht nur einen Ort zum Spielen, sondern fördert auch eine Generation, die informiert, engagiert und ihrer Community positiv verbunden ist.</p>
<p>Die im Laufe der Zeit durch den Spielbus aufgebauten Kontakte und Netzwerke haben Wadi/ADWI dazu inspiriert, weiter gehende gemeinschaftsorientierte Initiativen zu starten, wie zum Beispiel die Kampagne <a href="https://wadi-online.de/kampagne-nein-zu-gewalt-2/">„Nein zu Gewalt“</a>. Die Mitarbeiterinnen der Spielbusse hörten von den Kindern immer wieder Berichte darüber, wie rüde und gewaltvoll Kinder von Lehrern oder anderen Autoritätspersonen behandelt werden. Zu diesem Programm passen auch die <a href="https://wadi-online.de/2025/08/27/patriarchaler-kontrolle-entkommen-der-kampf-fur-reproduktive-gesundheit-im-nordirak/">Initiativen gegen Genitalverstümmelung und zur Stärkung der reproduktiven Rechte von Frauen</a>, Motto: „Der patriarchalen Kontrolle entkommen“. So nahm eine Kampagne ihren Anfang, die sich öffentlichkeitswirksam für einen positiven, respektvollen Umgang mit Kindern in Schulen und Familien einsetzt. Ein Kind fragte die Mitarbeiterinnen eines Spielbusses einmal: <em>„Warum seid ihr Sozialarbeiterinnen so nett zu uns? Unsere Lehrer behandeln uns nicht so.“</em>  Solche und ähnliche Reaktionen motivieren die Teams jeden Tag aufs Neue, in abgelegene Dörfer oder benachteiligte Stadtquartiere zu ziehen und dort neben freudigen Erlebnissen auch Mitgefühl, Verständnis und Würde zu fördern und vorzuleben.</p>
<p>Auf ähnliche Weise startete ADWI im Juni 2024 eine <a href="https://wadi-online.de/kampagne-nein-zu-gewalt-2/">Kampagne für Kinderrechte</a>. Diese Initiative entstand aus Gesprächen mit Kindern, die mit ihren Rechten nicht vertraut waren. „Wir hören von unseren Pflichten zu Hause, aber niemand spricht über unsere Rechte“, sagten viele Kinder. Daraufhin nahm ADWI die Aufklärung der Kinder über ihre Rechte in ihr laufendes Active<em> Citizenship Program</em> auf. Kinder in Irakisch-Kurdistan sollen ihre Rechte kennen und über Möglichkeiten, sich im Falle von Übergriffen und Grenzüberschreitungen zu schützen, Bescheid wissen.</p>
<p>Payam Ahmed, ADWI-Teammitglied und Rechtsanwältin aus Erbil, beschreibt die Wirkung des Projekts so: <em>„Es wärmt mir immer wieder das Herz, zu sehen, wie diese Kinder, deren Leben wirklich nicht leicht ist, sich über die Spiele freuen, die wir ihnen bringen. Da spüre ich, wie heilig meine Arbeit ist! Alle Müdigkeit verfliegt, wenn ich sehe, wie die Kinder freudestrahlend auf unseren Spielbus zurennen und alles ausprobieren wollen. Die Dörfer sind oft weit entfernt und wir brauchen ein oder zwei Stunden, um sie zu erreichen, meist über holprige, staubige oder schlammige Straßen. Das erschwert unsere Arbeit. Aber diesen Kindern, die nur selten die Gelegenheit dazu haben, Spiel und Freude zu bringen, ist wichtiger als alle Mühen. Ein weiterer sinnvoller Aspekt unserer Arbeit besteht darin, die Kinder über ihre Rechte aufzuklären, selbst wenn es nur zehn Minuten sind. Als Juristin ist es mir ein besonderes Anliegen, dieses Wissen weiterzugeben, und ich sehe das auch als einen wichtigen Teil meiner Aufgabe an.“</em></p>
<h3><a href="https://wadi-online.de/2024/11/08/plastikrecycling-in-garmyan-neue-losungen-fur-alte-probleme/"><strong>Recyceln von Plastik in Germian</strong></a><strong> – Neue Lösungen für alte Probleme</strong></h3>
<p>(Dieser Abschnitt ist ein Auszug aus einem Artikel, der im Oktober 2024 auf kurdisch vom viersprachigen <a href="https://kirkuknow.com/en">Medienportal Kirkuk Now</a> publiziert wurde. Er dokumentiert die Fortschritte der Umweltkampagne von Wadi und zeigt, dass sie auch in lokalen Medien auf breite Resonanz stößt.)</p>
<div id="attachment_7442" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7442" class="wp-image-7442 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-1536x1152.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V.jpg 1600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7442" class="wp-caption-text">Recycling Projekt © Wadi e.V.</p></div>
<p>Das Sammeln und Recyceln von Plastikmüll &#8211; ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz &#8211; setzt sich in Germian immer mehr durch. Viele Projekte und Initiativen, die auf dieses Ziel hinarbeiten, wurden von kleinen Betrieben mit einfachsten Maschinen begonnen. Sie recyceln Plastik und schaffen damit nicht nur Arbeitsplätze für junge Menschen, sondern fördern auch das Bewusstsein für Umweltschutz in der Bevölkerung und sorgen ganz konkret für eine sauberere Umwelt.</p>
<p>Einer dieser Betriebe befindet sich in Kifri und ist in einem Haus auf nur 120 Quadratmetern untergebracht. Die Maschinen wurden lokal hergestellt; nur wenige Spezialteile wurden importiert. Beim Aufbau halfen verschiedene NGOs. Die Kosten für die Errichtung der Anlage beliefen sich auf 15.000 US-Dollar, die von Wadi und dem BMZ zur Verfügung gestellt wurden. Die Vorbereitungen begannen Ende 2022; mittlerweile ist auch ADWI in das Projekt eingebunden. Wadi hat bereits ähnliche Projekte in Halabja und in einem Lager für Binnenflüchtlinge (IDPs) in der Provinz Dohuk realisiert. Bakhan Jamal, Projektkoordinatorin von ADWI, berichtet, dass einer der Gründe für die Errichtung des Betriebs in Kifri <em>„die mangelhafte Infrastruktur und die Vernachlässigung des Bezirks ist. Kifri ist eines der Gebiete, die zwischen der irakischen Regierung und der Regionalregierung Kurdistans umstritten sind. Die unklaren Zuständigkeiten betreffen auch den Umweltschutz. Wir sehen bereits schwere Umweltschäden.“</em></p>
<p><em>„Ich begann, zu Hause Plastik zu sammeln und es in den Betrieb zu bringen“</em>, erzählt Sheni Hashem, die mit drei anderen in dem Betrieb arbeitet: <em>„Wir komprimieren täglich 50 Kilogramm Plastikflaschen für Wasser, Shampoo und Speiseöl und verkaufen eine Tonne davon für 140 Dollar.“</em> Ein Teil des Plastikmülls wird recycelt und zu Stühlen und Tischen, Müllbehältern und Blumentöpfen verarbeitet. Dafür wird er zuerst auf hohe Temperaturen gebracht, damit er für die menschliche Gesundheit ungefährlich ist. Die Recyclinganlage in Kifri unterscheidet sich von anderen dadurch, dass sie Plastik nicht nur zerkleinert, sondern daraus auch noch Gebrauchsgegenstände herstellt. Sie kann recyclingfähige Kunststoffmaterialien vom Typ PET und HDPI verarbeiten.</p>
<p>In Kifri sammeln Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, vor allem aber Schulkinder, den Plastikmüll und bringen ihn zu den Recyclinganlagen. Seit sechs Jahren hat Amina Abdullah, eine 56-jährige Frau aus dem Viertel Shahidan im Bezirk Kalar, keinen Plastikmüll mehr weggeworfen. Wenn sie Plastik verwenden muss, sammelt sie es und ruft alle ein bis zwei Monate einen jungen Mann an, der den Plastikmüll abholt und zu den Zerkleinerungsanlagen bringt: <em>„Ich habe viel über die Gefahren von Plastik gehört. Ich verwende es selten, weil es die Umwelt verschmutzt und meine Gesundheit und die meiner Kinder beeinträchtigt.“</em> Als Umweltaktivistin sensibilisiert sie für das Thema, angefangen bei ihren Kindern. <em>„Ich habe zwei verheiratete Töchter, denen ich auch gesagt habe, dass sie Plastikmüll sammeln und zur Recyclinganlage bringen lassen sollen.“ </em>Sie glaubt, dass ohne die Recyclinganlagen der ganze Müll einfach in der Umwelt landen würde. <em>„Täglich liefern mir Jugendliche mit ihren dreirädrigen Motorrädern Recyclingmaterial an. Wir haben sie dazu gebracht, altes Plastik einzusammeln, das auf den Straßen liegt. Damit verdienen sie bei uns etwas Geld,“</em> so Omid Ali. <em>„Heute konkurrieren die jungen Männer darum, wer am meisten Plastikmüll sammelt und zu uns bringt; früher waren die Straßen voller Müll, vor allem in den Geschäftsvierteln.“</em> Der Recyclingbetrieb stellt große Eisenkörbe zur Verfügung, um den Müll zentral zu sammeln: <em>„Die Menge des täglich gesammelten Plastiks ist gestiegen, und in Schulen und Kindergärten besteht eine große Nachfrage nach den Recyclingprodukten unseres Betriebs“</em>, bestätigt auch Sheni Hashem, die ursprünglich zu Hause arbeitete und nun von all ihren Freunden und Verwandten beim Plastiksammeln unterstützt wird.</p>
<p>Bakhan Jamal berichtet, dass insgesamt 18 Sammelbehälter aufgestellt wurden, um Wasserflaschen in Schulen, vor Sportstudios und an öffentlichen Orten zu sammeln: <em>„Wir haben auch im Nachbarbezirk Kalar 10 Behälter an Schulen und öffentlichen Plätzen aufgestellt.“ „Wenn der Plastikmüll in Kalar nicht verkauft wird, wird er zum Recyclingbetrieb nach Kifri transportiert,“</em> erklärt Jamal. Eines der Ziele ist dabei, ein Netzwerk von Schulen, Fitnessstudios, öffentlichen Gebäuden, Regierungsbehörden und Restaurants aufzubauen. <em>„Wir wollen diese Einrichtungen miteinander verbinden und den Austausch unter ihnen fördern, um gemeinsam zum Schutz der Umwelt beizutragen. Unser Motto ist Green Germian!“ „Die Erziehung zu mehr Umweltbewusstsein ist einer der wichtigsten Aspekte unseres Projekts. Für uns ist es wichtig, Kindern von klein auf Plastikvermeidung beizubringen und sie über die Gefahren von Plastik und Möglichkeiten des Recyclings zu informieren“</em>, sagt Jamal. Deshalb hat der Recyclingbetrieb in Kifri schon an 30 Schulen Aufklärungskampagnen organisiert; diese Aktivitäten wollen sie auf fast 100 Bildungszentren vom Kindergarten bis zur Mittelschule ausweiten. Bakhan Jamal bestätigt: <em>„Die Bildungsdirektion arbeitet mit uns zusammen und hat uns erlaubt, Plastiksammelboxen in Schulen aufzustellen. Die Gemeinde und das Bildungsministerium sind von der Relevanz des Recyclingbetriebs überzeugt, aber darüber hinaus wurden bis jetzt noch keine weiteren Schritte unternommen.“</em> Sie glaubt, dass die für das Projekt und das Recycling von Plastikmüll nötige Überzeugungsarbeit noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird: <em>„Die Trennung von Müll ist für die Menschen hier noch lange keine Selbstverständlichkeit.“</em></p>
<p>Wadi unterstützt neben drei Recycling-Centern eine Fülle anderer Umweltprojekte, die im Internet unter <a href="https://wadi-online.de/keep-kurdistan-green/">„keep-kurdistan-green“</a> dokumentiert sind.</p>
<h3><strong>Die Selbstorganisation von Partnern unterstützen</strong></h3>
<p>(Beitrag von Wadi e.V.)</p>
<div id="attachment_7443" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7443" class="wp-image-7443 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7443" class="wp-caption-text">Erste Hilfe Kurs © Wadi e.V.</p></div>
<p>Wadi unterstützt seit je her die Selbstorganisation von Partnern. Ein ganz besonderes Beispiel ist die Organisation <strong>Zinobia</strong>, die seit diesem Jahr im Norden Syriens Binnenvertriebene unterstützt. Denn sie entstand als Initiative von einigen Syrerinnen und Syrern, die sich zuvor auf Lesbos in Griechenland bei den <a href="https://wadi-online.de/2025/04/13/aktivitaten-der-moria-white-helmets-in-lesbos-fur-2024/">„Moria White Helmets“</a> engagiert hatten, einer der Flüchtlingsselbsthilfsorganisationen, denen Wadi bei der Gründung 2020 mitten im Corona-Chaos beigestanden haben und die seitdem als unsere Partner im Flüchtlingslager wichtige Arbeit leisten. Einige davon sind auch nach ihrer Anerkennung in Griechenland geblieben und haben nun ihre eigene Organisation gegründet – eben Zinobia, benannt nach der berühmten antiken Königin aus Palmyra. Sie organisieren nun Hilfe vor Ort für die nordsyrische Region Idlib, die weiterhin nicht unter Kontrolle des Assad-Regimes steht und in der hunderttausende Binnenvertriebene aus anderen Teilen des Landes unter katastrophalen Bedingungen leben müssen. So ist aus einem Partner, den „Moria White Helmets“, deren wichtige Arbeit Wadi auch weiterhin in Griechenland unterstützen will, ein neuer entstanden, und wir versuchen nach Kräften auch Zinobia dabei zu unterstützen, in den syrischen Camps zu helfen.</p>
<p>Ebenfalls aus der Arbeit in Griechenland kennt Wadi viele Flüchtlinge aus dem Gazastreifen, die sich 2020 in Leros selbst organisierten. Inzwischen leben die meisten in anderen europäischen Ländern. Einige waren in der Vergangenheit schon im Gaza Youth Movement (es gibt allerdings mehrere Gruppierungen, die diesen Namen beanspruchen) aktiv, einer Gruppe, die 2019 die Proteste gegen die Hamas in Gaza organisierte. Nun wollen sie auch in Europa weitermachen. Wie schon damals wünschen sie, gerade angesichts der jüngsten katastrophalen Entwicklung in ihrer ehemaligen Heimat, eine Zukunft ohne Krieg, Unterdrückung und Fanatismus. Es sind dies etwas andere Stimmen aus Gaza, die man viel zu selten vernimmt. Gemeinsam mit einer Gruppe von Israelis haben sie die <strong>Initiative „Freedom and Peace“ </strong>(inzwischen umbenannt in <a href="https://gazel4peace.com/">GazEl4Peace</a> – Together for freedom and trust), ins Leben gerufen, um eine Plattform in Europa zu schaffen, auf der sich Palästinenser:innen und Israelis, die – der Name ist Programm – eine gemeinsame Zukunft in Frieden und Freiheit wünschen, treffen, austauschen und gemeinsame Aktionen und Projekte planen können.</p>
<p><strong>Basma Aldikhi</strong>, Mitarbeiterin von Wadi e.V. in Dohuk, <strong>Ilis Eligabali</strong>, Mitarbeiterin von Wadi Deutschland, <strong>Bakhan Jamal</strong>, Projektkoordinatorin von ADWI, Suleymaniah, <strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>, Geschäftsführung von Wad, Frankfurt am Main / Suleymaniah (Anmoderation und Lektorat: <strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn, Auswahl des Eingangszitats Thoms von der Osten-Sacken</p>
<p>(Anmerkungen: Der Beitrag beruht auf Informationen und Beiträgen der <a href="https://wadi-online.de/category/publikationen/rundbriefe/">Rundbriefe von WADI</a> vom Winter 2024 / 2025 und vom Sommer 2025. Die Beiträge wurden für die Veröffentlichung im Demokratischen Salon im September 2025 bearbeitet, Internetzugriffe zuletzt am 4. September 2025. Das Titelbild zeigt eine Demonstration im Lager Khanke für den Erhalt der dortigen Schule © Wadi e.V.)</p>
<div id="attachment_7444" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7444" class="wp-image-7444 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-300x210.jpg" alt="" width="300" height="210" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-200x140.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-300x210.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-400x280.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-600x420.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-768x538.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-800x560.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-1024x717.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V.jpg 1118w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7444" class="wp-caption-text">30 Jahre Wadi-Rundbriefe © Wadi e.V.</p></div>
<h3><strong>Weitere Beiträge im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> zum Thema</strong>:</h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/neues-syrien-neue-levante/">Neues Syrien, neue Levante?</a> Thomas von der Osten-Sacken über Chancen einer syrischen Demokratie, Februar 2025.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/prioritaet-menschenrechte/">Priorität Menschenrechte</a> – ein Gespräch mit dem Außen- und Menschenrechtspolitiker Max Lucks, Januar 2025.</li>
<li>Norbert Reichel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Weil sie Êzîd:innen sind</a> – Der 74. Völkermord – Zehn Jahre nach dem 3. August 2014, August 2024.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/irakischer-alltag-und-europa/">Irakischer Alltag und Europa</a> – ein Gespräch mit Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer von Wadi e.V. Juli 2023.</li>
</ul>
<h3><strong>Spenden für Wadi e.V.</strong>:</h3>
<p>Wadi wird auf unterschiedlichen Wegen finanziell unterstützt, beispielsweise bei den Spielbussen durch das Deutsche Generalkonsulat in Erbil. Die Unterstützung bezieht sich jedoch oft nur auf wenige Monate und auf Anschaffungskosten (Anschubfinanzierung). Eine wichtige Grundlage für die Kontinuität der Arbeit sind Spenden. Wer für Wadi e.V. spenden möchte, kann dies über das Konto über das Konto Postbank Frankfurt, IBAN: DE43 5001 0060 0612 305602, BIC: PBNKDEFF tun.</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vom-untertan-zum-buerger/">Vom Untertan zum Bürger</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
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		<title>Was ist Recht? Was ist Unrecht?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Jun 2025 15:23:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was ist Recht, was ist Unrecht? Was Debatten und Diskurse über Israel und Gaza zeigen „Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren.“ (Leonard Cohen) Dies sind Verse einer unveröffentlichten Strophe  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Was ist Recht, was ist Unrecht?</strong></h1>
<h2><strong>Was Debatten und Diskurse über Israel und Gaza zeigen</strong></h2>
<p><em>„Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren.“ </em>(Leonard Cohen)</p>
<p>Dies sind Verse einer unveröffentlichten Strophe des Liedes „Lover, Lover, Lover“, die Leonard Cohen in sein Notizbuch schrieb, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang (zitiert nach: Matti Friedman, <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-wer-durch-feuer.html">Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens</a>, übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Hentrich &amp; Hentrich 2023)</p>
<p><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-wer-durch-feuer.html"><img decoding="async" class="alignright wp-image-5758 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a>Dieses Wissen begleitet viele von uns in unseren Zweifeln, die von Tag zu Tag wachsen, wenn wir Bilder aus Israel, aus Gaza, aus dem Westjordanland, seit der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 2025 auch aus dem Iran sehen, darüber lesen und diverse, oft höchst kontroverse Kommentare zur Kenntnis nehmen. Manche schreiben und sprechen anmaßend, andere wirken resigniert. Es ist wahrscheinlich, dass sich in den Tagen, in denen dieser Essay geschrieben wurde, täglich oder gar stündlich etwas verändert, insbesondere im Hinblick auf den Krieg zwischen Israel und dem Iran.</p>
<p>Es gibt bestimmte Muster in den Debatten und Diskursen, die sich angesichts der Entwicklungen in Israel und Gaza ständig wiederholen und oft genug radikalisieren. Vielleicht nehmen sie kommende Debatten und Diskurse zum Thema Israel und Iran vorweg? Vielleicht gibt es auch keinen Unterschied? Eines ist Fakt: Israel wird vom Iran bedroht, der schon Hamas, Hisbollah und Huthi ausstattete und mit einer auf dem Palästina-Platz in Teheran ablaufenden Uhr seinen Bürger:innen zeigt, wie viele Jahre, Monate, Tage, Stunden und Minuten es noch dauert, bis Israel vernichtet sein wird (es gibt Berichte, dass diese Uhr wohl bei einem israelischen Angriff zerstört wurde, ebenso wie der Eingang des Evin-Gefängnisses). Doch niemand, der sich an all diesen Debatten beteiligt, weiß wirklich, wie nahe der Iran bei seinem Bestreben nach nuklearer Bewaffnung war oder ist, sodass auch niemand weiß, ob Israel im Juni 2025 den Iran, mit schließlicher Unterstützung der USA, mit guten Gründen angegriffen hat oder ob andere Gründe eine Rolle spielten als die, die die israelische Regierung anführt. Am Vernichtungswillen des Iran und seiner Proxys in der Region ändert das nichts.</p>
<h3><strong>Die große Heuchelei</strong></h3>
<p>Aber gehen wir einige Schritte zurück. Was geschah und geschieht eigentlich <u>seit</u> dem 7. Oktober 2023? Das Pogrom vom 7. Oktober führte dazu, dass der Antisemitismus weltweit explodierte, unmittelbar, ohne jede Zeitverzögerung, nicht nur in palästinensischen Kreisen, auch in vielen sich links oder liberal verstehenden Milieus, mitunter sogar fahrlässig ignoriert von verschiedenen westlichen Regierungen wie in Spanien oder in Irland. Diese Explosionen des Antisemitismus vermögen zum Teil das Verhalten der israelischen Regierung und Netanjahus erklären. Aber das Verständnis für die Art und Weise, wie Israel seine Selbstverteidigung praktiziert, scheint in vielen westlichen Ländern zu schwinden, nicht nur in der Bevölkerung und in den Medien, auch bei Regierungen. Was auch immer geschieht, der Diskurs ist vergiftet. Die Debatte läuft wieder und wieder auf die eine Frage hinaus, was Israel darf, was nicht, ob und wo es sich zu Recht selbst verteidigt, ob und wo es zu weit geht. Aber auf der anderen Seite resignieren manche und sagen, dass Israel eigentlich nur noch alles falsch machen kann.</p>
<p>Die ZEIT hat am 28. Mai 2025 einen Text über die Radikalisierung des Diskurses Ende Mai veröffentlicht: <a href="https://www.zeit.de/2025-05/krieg-nahost-debatte-israel-gaza-krieg-waffenlieferungen-voelkerrecht/komplettansicht">„Wie wir über Gaza sprechen“</a>. Lenz Jacobsen, Nils Markwardt, Alisa Schellenberg, Johannes Schneider und Bernd Ulrich sprachen jeweils unterschiedliche Aspekte an. Der Modus, in dem zum Thema Gaza beziehungsweise Israel in den Debatten – wenn er überhaupt den Begriff Debatte verdient – vorherrscht, ist durchaus vergleichbar mit dem Modus mancher Debatte während der Coronapandemie oder nach dem russländischen Überfall der Ukraine am 24. Februar 2022. Recht oder Unrecht? Welche Frage! Johannes Schneider: <em>„Schon in der Coronapandemie ging es nicht in erster Linie um ein nüchternes Abwägen verschiedener Risiken, sondern um Wahrheit und Wirklichkeit überhaupt, und das auch noch in Bezug auf das Verhältnis des Staates zum eigenen Körper. Im Ukrainekrieg bemerkten die Deutschen dann, dass sie gar keine gemeinsamen Lehren aus der NS-Zeit gezogen hatten, sondern zutiefst widersprüchliche. Passte vorher noch alles einigermaßen zusammen – gegen Faschismus sein und für den Frieden –, beschimpfen sich Menschen im Angesicht Wladimir Putins gegenseitig als Kriegstreiber und Feinde der Freiheit.“ </em></p>
<p>Bernd Ulrich rät mit Recht zu mehr <em>„Demut“</em>. In der Tat: Wir sollten vielleicht erst einmal zugeben, wie verunsichert wir sind, wie wenig wir aus der Ferne verlässlich beurteilen können, was in Israel, Gaza und im Westjordanland geschieht. Das ist der Inhalt der Botschaften von Leonard Cohen und Bernd Ulrich. Was ist Recht? Was Unrecht?</p>
<p>Eine differenzierende Einordnung der israelischen Politik wäre jedoch auch notwendig, wenn der 7. Oktober 2023 gar nicht stattgefunden hätte. Es geht letztlich nicht nur um die aktuelle israelische Politik und das Vorgehen der IDF seit dem 7. Oktober, sondern auch um die Frage, ob und wie Israel mit der Regierung Netanjahu sich im Kreis rechtsorientierter bis rechtsextremer Parteien wiederfindet, die uns in den westlichen Demokratien bedrängen. <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/susan-neiman-israel-gaza-grt-li.3266078">In einem Gespräch mit Soja Zekri für die Süddeutsche Zeitung vom 9. Juni 2025 brachte es Susan Neiman auf den Punkt</a>: <em>„Seit Jahren umarmen die Rechtsparteien der Welt jede rechte Regierung in Israel, um von ihrem eigenen Rassismus oder Protofaschismus abzulenken. Man sieht es derzeit im großen Stil bei Donald Trump.“ </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-israel-preis-verweigert-unterschrift-westjordanland-gastbeitrag-li.3230131">Eva Illouz verwies am 3. April 2025 in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> auf die neuerlichen Sympathien zwischen Rechtsextremen in Europa und Rechtsextremen in Israel. Bildungsminister Yoav Kish (Likud) hatte ihr den ihr von einem wissenschaftlichen Komitee zugedachten Israel-Preis verweigert, weil sie sich mit ihrer Unterschrift für Untersuchungen zu Kriegsverbrechen der israelischen Selbstverteidigungskräfte in Gaza gefordert hatte: <em>„In derselben Woche, in der mir der Israel-Preis verweigert wurde, empfing die israelische Regierung Vertreter rechtsextremer Parteien aus der ganzen Welt. Zwei rechtsextreme Politiker aus Frankreich, Jordan Bardella des Rassemblement National und Marion Maréchal, Mitglied des Europäischen Parlaments, zogen durch die Straßen von Jerusalem. Ihre Partei und die Ideen, die sie vertreten, verteidigen eine christliche Zivilisation, die Juden in der Vergangenheit als gefährlich und minderwertig angesehen hat. Viele ihrer Wähler sind antisemitisch eingestellt. / Der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli </em>(zurzeit Mitglied des Likud, NR)<em> erwägt sogar den Aufbau von Beziehungen zur AfD, einer Partei, die nicht einmal versucht, die Nationalsozialismus-Nostalgie einiger ihrer Mitglieder zu verheimlichen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige von ihnen heimlich darüber lachen, dass israelische Juden sie jetzt mit Verbündeten verwechseln und dass Israel ihnen einen moralischen Status verleiht, der ihnen in ihrer eigenen Gesellschaft verwehrt bleibt.</em></p>
<p>Susan Neiman sagte im Gespräch mit Sonja Zekri auch manche Dinge, über die zu debattieren wäre, aber warum auch nicht. Darüber kann man reden, darüber muss man reden. Hier geht es aber um den Kern ihrer Aussagen: Sie hat recht, dass die auch oder vielleicht gerade in Deutschland virulente <em>„Mischung von Philosemitismus und Antisemitismus“</em> unerträglich ist. Man könnte auch von Heuchelei sprechen, nicht zuletzt in der Verwendung des ohnehin diffusen Begriffs der sogenannten <em>„Staatsraison“</em>. Letztlich landet jedes Wort auf der sprichwörtlichen Goldwaage, die aber eben nur für dieses Edelmetall funktioniert.</p>
<h3><strong>Falsche Freunde</strong></h3>
<p>Christopher Browning ging im New York Review of Books unter der Überschrift <a href="https://www.nybooks.com/articles/2025/04/10/trump-antisemitism-academia-christopher-browning/">„Trump, Antisemitism &amp; Academia”</a> der Frage nach, wie ehrlich es das große Vorbild der Rechtsextremen und Rechtspopulist:innen dieser Welt, Donald Trump, es mit dem Antisemitismus meine, den er ständig als Grund nennt, um Harvard und andere Universitäten zu maßregeln, indem er ihnen Mittel entzieht, Staatsaufsicht verordnet oder untersagt, ausländische Studierende aufzunehmen. Browning verweist zum Beispiel auf Trumps Wahlkampf im Jahr 2016, als er Hillary Clinton vor einem Hintergrund mit 100-Dollarscheinen und einem Davidstern zeigte, dazu die Porträts von drei zufälligerweise jüdischen Finanzexperten: Janet Yellen, George Soros und Lloyd Blankfein. Am 6. Januar 2021 zeigten sich die Proud Boys und der Aufschrift <em>„6MWE“</em> (= „6 Million Weren’t Enough“) auf ihren Sweatshirts. Brownings Fazit: <em>„His campaign against campus antisemitism is simply a hypocritical pretext for his assault on American higher education.”</em> (<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/trump-vs-us-universitaeten-christopher-browning-gastbeitrag-li.3227567">Eine deutsche Übersetzung des Textes von Browning erschien am 30. März 2025 in der Süddeutschen Zeitung</a>.)</p>
<p>All diese Verbindungen zwischen Trump, europäischen und israelischen Rechtsextremisten und Rechtspopulisten motivieren manche Linke und Liberale nun leider nicht, sich mit der israelischen Zivilgesellschaft zu solidarisieren, die die Freilassung aller Geiseln, ein Ende der Kriegshandlungen in Gaza (und im Westjordanland), und nicht zuletzt die Aufgabe der auch nach dem 7. Oktober nicht aufgegebenen Rechtsreformen der Regierung Netanjahu fordert. Im Gegenteil: <u>Alle</u> Israelis, <u>alle</u> Jüdinnen und Juden dieser Welt werden immer wieder in Sippenhaft genommen und da stört es offenbar nicht, wenn sich eine der scheinbar linken Ikonen der Pro-Palästina-Proteste, Greta Thunberg, auf ihrer Schiffreise nach Gaza mit Hisbollah-Aktivisten und -Verehrern zeigt (nachzulesen und zu sehen in dem oben zitierten Interview mit Susan Neiman).</p>
<p><a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/stefan-dietl/"><img decoding="async" class="alignright wp-image-6225 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-200x286.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-210x300.jpg 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-400x572.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-600x858.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-716x1024.jpg 716w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-768x1099.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-800x1144.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1074x1536.jpg 1074w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1200x1717.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1432x2048.jpg 1432w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus.jpg 1679w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a>Stefan Dietl beschäftigt sich regelmäßig mit der völkischen Ausrichtung der Partei, so beispielsweise in seinem Buch <a href="https://unrast-verlag.de/produkt/die-afd-und-die-soziale-frage/">„Die AfD und die soziale Frage“</a> (Münster, Unrast Verlag, 2017), in dem er den <em>„völkischen Antikapitalismus“</em> in der Partei seziert. Offiziell behauptet die Partei natürlich etwas anderes. AfD’ler:innen versuchen durchweg – wie auch andere Antisemit:innen – den in der Partei vertretenen Antisemitismus abzustreiten. In seinem neuen Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/stefan-dietl/">„Antisemitismus und die AfD“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2025) beschreibt Stefan Dietl in acht Kapiteln, welche prominenten Platz Antisemitismus in der AfD einnimmt. <em>„Bewusst oder unbewusst geht man damit der Selbstdarstellung der AfD auf den Leim.“</em> Der Antisemitismus sei, so Dietl in seinem neuen Buch <em>„der blinde Fleck im Kampf gegen die AfD“</em>. In vielen Äußerungen werde deutlich, dass Jüdinnen und Juden nach Auffassung der Partei nicht zur <em>„deutschen Volksgemeinschaft“ </em>gehören. Dietl nennt mehrere Beispiele, die Affäre um Wolfgang Gedeon, die zu einer zeitweisen Spaltung der baden-württembergischen Landtagsfraktion führte, die aber inzwischen wieder zueinander gefunden hat, die Äußerungen von Stefan Brandtner nach dem Mordanschlag auf die Synagoge in Halle, die Bezeichnung von Juden als <em>„Tätervolk“</em> – bezogen auf die frühe Sowjetunion – durch Martin Hohmann sowie die Abwertung der deutschen Erinnerungskultur (nicht nur) durch Alexander Gauland und Björn Höcke.</p>
<p>Gedenkveranstaltungen in Bundestag und Landtagen werden von AfD-Abgeordneten regelmäßig boykottiert, antisemitische Äußerungen von der Parteiführung regelmäßig bagatellisiert. Zum AfD-Programm gehören Geschichtsrevisionismus, der Kampf gegen den sogenannten <em>„Schuldkult“</em> und nicht zuletzt der Kampf gegen die sogenannten <em>„Globalisten“</em>, für die namentlich wie auch in anderen Ländern George Soros als Gallionsfigur genannt wird. <em>„Tatsächlich thematisiert die AfD Antisemitismus jedoch ausschließlich in externalisierter Form, also bei gesellschaftlichen Minderheiten oder im Zusammenhang mit Migration. Antisemitische Ressentiments und Stereotype in der Mehrheitsgesellschaft werden hingegen nicht angesprochen oder sogar geleugnet. Öffentlich positioniert sich die AfD immer dann gegen Judenhass, wenn sie dies mit dem Kampf gegen Einwanderung verbinden kann.“</em> Der Antisemitismus in den eigenen Reihen wird von AfD’ler:innen sozusagen ausschließlich auf die Gruppe der Muslim:innen projiziert, obwohl man bei genauerem Hinsehen in vielen Punkten Einigkeit zwischen eigenen und islamistischen Auffassungen zugeben müsste, beispielsweise im Familienbild. Dabei passt der von linker beziehungsweise anti-kolonialistischer Seite praktizierte Antisemitismus der AfD gut ins Konzept. Es sind eben nicht nur die Muslime, sondern auch die Linken. Mit wohlmeinender Bildung lässt sich – so Stefan Dietl – Antisemitismus nicht wirksam bekämpfen. Antisemitismus ist auch nicht – wie manche Linke und Liberale meinen – eine Spielart von Rassismus, sondern ein <em>„Welterklärungsmodell“</em>. Es geht somit ums Grundsätzliche.</p>
<h3><strong>Als gäbe es so etwas wie Kollektivschuld</strong></h3>
<p>Über die Folgen der Art und Weise der aktuellen Debatten sprach <a href="https://www.mena-watch.com/ich-wollte-nicht-mehr-die-terroristin-spielen/">Regisseurin Adriana Altaras in einem Gespräch mit May Zehden (dokumentiert auf mena-watch)</a>: <em>„Doch mit dem weiteren Verlauf des Kriegs im Gazastreifen kippte die Stimmung erneut. Kritik richtete sich nicht mehr nur gegen Israels Regierung, sondern zunehmend pauschal auch gegen jüdische Kulturschaffende. Ich selbst wurde bislang nicht angefeindet, aber ob ich vielleicht stillschweigend aus Projekten herausgehalten werde, das weiß man nie. Besonders belastend ist, dass ich inzwischen bei fast jedem öffentlichen Auftritt auf Israel angesprochen werde – unabhängig vom eigentlichen Thema. Ich bemühe mich dann um Differenzierung, um Deeskalation. Aber so schnell, wie sich die Lage verändert, kommt man mit dem Einordnen kaum hinterher.“ </em></p>
<p>Dies ist nur ein Beispiel für viele. Schon am 7. Oktober 2023 begann es, dass <u>alle</u> Israelis, <u>alle</u> Jüdinnen und Juden gleichermaßen angefeindet und für alle Unbilden der Besatzungspolitik (NB: Gaza war kein besetztes Gebiet, sondern wurde <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/nahost-gaza-krieg-historie-100.html">2005 von dem damaligen Premierminister Ariel Sharon gegen den Widerstand der dortigen Siedler geräumt!</a>) verantwortlich gemacht wurden, vor allem aus einer Szene, die sich eigentlich den Menschenrechten verschrieben hatte, aber diese offenbar nur Palästinenser:innen zugestehen wollten, nicht jedoch Jüdinnen und Juden, ungeachtet der Staatsangehörigkeit, ungeachtet ihrer Einstellungen. Unter den am 7. Oktober Ermordeten und Verschleppten waren viele, die sich für einen Frieden zwischen den Menschen in Israel und in den palästinensischen Gebieten einsetzten.</p>
<p>Offenbar hat die Solidarisierung mit (den) Palästinenser:innen bei manchen Linken und Liberalen etwas Identitätsstiftendes. Die Frage sollte erlaubt sein, warum alles Unbill, das den Menschen in den palästinensischen Gebieten geschieht, in toto Israel zugeschrieben wird, nicht aber der Hamas und den anderen Terrorgruppen, die ihre eigenen Leute unterdrücken. In der Tat sollte auch die Frage gestellt werden können, warum so viele Deutsche meinen, sich zum Thema Israel / Gaza äußern zu müssen, obwohl es in der Welt noch viele andere Regionen gibt, in denen schrecklichste (kann man dieses Wort überhaupt steigern?) Dinge geschehen, im Sudan, in Myanmar, im Jemen, in Äthiopien, in Eritrea, in Somalia und nicht zuletzt angesichts des russländischen Terrors in der Ukraine oder in Belarus.</p>
<p>Ein Beispiel für die vielen Absurditäten dokumentierte Monika Schwarz Friesel in ihrer Rede zu einer Gedenkveranstaltung im österreichischen Parlament mit dem Titel <a href="https://vrds.de/warum-die-schwarze-antwort-des-hasses-auf-dein-dasein-israel/">„Warum die schwarze Antwort des Hasses auf dein Dasein, Israel?“</a> (auch abgedruckt in: <a href="https://www.welt.de/debatte/kommentare/article252143806/Israel-Hass-Bildung-ist-keine-Garantie-gegen-Antisemitismus.html">Die Welt 22. Juni 2024</a>): <em>„Publiziert werden dabei von den Medien selbst die krudesten Ideen, zum Beispiel seit einigen Jahren Aussagen des postkolonialen Ansatzes, der die Shoah relativiert und Israel delegitimiert. Diese geschichtsverfälschende Schablone liefert längst nicht nur israelfeindliche, sondern auch kollektiv gegen alle Juden gerichtete Diskreditierungen, wenn zum Beispiel Anne Frank posthum als ‚weißes Kolonial-Mädchen‘ bezeichnet und ihr Tagebuch verbrannt wird. Das saliente Symbol für das jüdische Leben und Überleben in der Welt ist Israel und daher der Stachel im Geist aller modernen Antisemiten.“ </em>Vor allem der Begriff des Genozids geht vielen schnell von den Lippen, wenn es um Israel geht, so Tania Martini in ihrem Beitrag „In diesen Tagen“ zu dem von ihr und Klaus Bittermann herausgegebenen Band <a href="https://edition-tiamat.de/books/nach-dem-7-oktober">Nach dem 7. Oktober, Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen</a> (Berlin, Edition Tiamat, 2024): <em>„Das Wort Genozid aber ist zu einem modischen Kampfbegriff geworden, der den Blick auf die eigentlichen Intentionen und Taten verstellt, welche einen tatsächlichen Genozid definieren.“  </em></p>
<h3><strong>Me Too Unless You‘re a Jew</strong></h3>
<p>Wer auf die Geiseln und den Terror der Hamas verweist, muss in Deutschland und manch anderen westlichen Staaten riskieren, angegriffen zu werden. Das rote Hamas-Dreieck, das ein eindeutiger Mordaufruf ist, findet sich immer wieder auf Plakaten, an Haustüren und in Hörsälen. Ein Fall für viele: Der Student Lahav Shapira wurde am 2. Februar 2024 von seinem Kommilitonen Mustafa A. lebensgefährlich verletzt. Der Täter wurde <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/berlin-shapira-antisemitismus-urteil-li.3238582">am 17. April 2025 zu drei Jahren Haft verurteilt</a>. <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/lahav-shapira-uber-antisemitischen-angriff-in-berlin-ich-hatte-fast-einen-halben-baumarkt-im-gesicht-13504873.html">Für den Tagesspiegel</a> sprach Alexander Fröhlich mit Lahav Shapira: <em>„Ich hatte mehrere Metallplatten, ja fast einen halben Baumarkt im Gesicht. Das Metall wurde ein halbes Jahr nach der Tat entfernt. Es können sich immer noch Narben bilden, es dauert, bis alles verheilt. Meine Nase war komplett zermatscht, die Augenhöhle war gebrochen, eine Mittelgesichtsfraktur. Das war ein schmerzhafter, langwieriger Prozess. Und ich habe auch Glück gehabt. Ich hatte eine minimale Hirnblutung, das hätte für mich auch tödlich ausgehen können.“</em> <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/es-ging-nicht-um-politik-angeklagter-bestreitet-antisemitisches-motiv-fur-angriff-auf-judischen-studenten-13504066.html">Der Täter versuchte vergeblich, die antisemitische Motivation seiner Tat zu leugnen</a>. Es sei ihm nur um die Kommunikationsformen in einer von Lahav Shapira administrierten Whats-App-Gruppe gegangen. Er versuchte sogar, seinem Opfer Geld zuzustecken, um seine Untat wieder gutzumachen, was Lahav Shapira jedoch ablehnte. Nach dem Angriff habe ihn die Uni-Leitung unterstützt. Die Universität verhalte sich nicht kohärent und erwecke den Eindruck, dass sie <em>„sich um den Schutz jüdischer Studierender nicht wirklich kümmert.“</em> So habe sie im Dezember 2023 bei einer Hörsaalbesetzung die Polizei wieder weggeschickt Lahav Shapira verweist auch darauf, dass ihm vorgeworfen wurde, die rechte Regierung in Israel zu unterstützen, was nicht stimmt. Im Gegenteil: <em>„Ich habe in den Chats deutlich gemacht, dass ich im Nahostkonflikt sowohl für Zweistaatenlösungen einstehe und Mitleid mit Zivilisten in Gaza habe. Hass und Antisemitismus sind der falsche Weg, um Palästinenser zu unterstützen. Ich habe auch Posts gelöscht, wenn Nazikram geteilt beziehungsweise Inhalte der rechtsextremen Grauen Wölfe aus der Türkei geteilt werden. Oder wenn über Schulen in Neukölln rassistische Klischees bedient werden.“ </em></p>
<p>Nach dem Angriff <em>„hat sich die komplette Berliner Politik hingestellt und gesagt, der Angriff werde schnell und effektiv verfolgt. Das Gegenteil war der Fall. Bei der Polizei musste mein Anwalt schon stark nachhaken, dass das notiert wird, was ich sage. Auch sonst musste mein Anwalt Druck machen – zum Beispiel für eine rechtsmedizinische Untersuchung, damit die Auswirkungen des Angriffs festgestellt werden.“ </em>Die Tat hätte am Landgericht verhandelt werden sollen, wurde jedoch wegen dortigem Personalmangel am Amtsgericht verhandelt. Wie schwierig die Beweisführung in einem solchen Fall ist, <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/berlin-studenten-antisemitismus-lahav-shapira-prozess-li.3237349">dokumentiert Jan Heidtmann in der Süddeutschen Zeitung</a>. Entscheidend für das Urteil war der Nachweis des antisemitischen Motivs, weil dann gemäß § 46 StGB eine Bewährungsstrafe – so der Vorsitzende Richter – nicht mehr in Betracht kommt. Das Gericht ging in seiner Urteilsbegründung davon aus und ging im Strafmaß sogar über den Antrag der Staatsanwaltschaft (zwei Jahre und vier Monate Haft) hinaus.</p>
<p>Hannah Shapiro (der Name ist ein Pseudonym) berichte <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/nach-dem-angriff-in-berlin-mitte/">in der Jüdischen Allgemeinen vom 23. Juli 2024</a> (aktualisiert am 31. Juli 2024) über die Mischung von Schweigen und Voyeurismus in den Straßen Berlins, die ihr <em>„Deutschlandbild“</em> verändert habe: <em>„Vor anderthalb Wochen wurden mein Freund und ich auf dem Weg zum Schabbat-Essen von palästinensischen Demonstranten in Mitte angegriffen, als wir anhielten, um ein Eis zu essen. Wir wurden ohne Zustimmung gefilmt, angeschrien und mit Vergewaltigung bedroht. Ich wurde bespuckt, weil ich eine Davidstern-Halskette trug. Mein Freund wurde geschlagen und an den Haaren zu Boden geschleift. / Wir sind beide Amerikaner und leben seit fünf Jahren in Berlin. Die Leute fragen mich immer wieder, ob ich von dem Angriff überrascht sei. Doch das Einzige, was mich wirklich schockiert, ist, dass die Menschen so wenig Ahnung davon haben, was täglich in Berlin passiert. / Während Juden wieder einmal in den Schatten gedrängt werden, sind die Menschen auf den Straßen von Berlin still. Niemand, der sah, wie die Männer uns angriffen, tat etwas. Keiner rief die Polizei. Mein Freund lag in einem Scherbenhaufen und schützte seinen Kopf, während ich zur Polizei rannte. Niemand fragte, ob er Hilfe brauchte. Die Polizei brachte uns in die Eisdiele, um uns vor dem Mob draußen zu schützen, der ‚Eine Lösung! Eine Lösung!‘ skandierte. Währenddessen liefen die Leute weiter an dem Mob vorbei, um sich ein Eis zu bestellen – so als würde nichts passieren.“</em></p>
<p>Man muss es leider immer wiederholen. Was haben Jüdinnen und Juden in Deutschland mit der Regierung Netanjahu zu tun? Ist es wirklich notwendig zu betonen, dass sie <u>nichts</u> damit zu tun haben? Eben wie Lahav Shapira oder Hanna Shapiro. Aber es reicht wohl, als jüdisch wahrgenommen zu werden, um in Mithaftung genommen zu werden.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-4932 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-178x300.jpg" alt="" width="178" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-66x111.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-177x298.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-178x300.jpg 178w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-200x337.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober.jpg 264w" sizes="(max-width: 178px) 100vw, 178px" />Doron Rabinovici fasst in seinem Beitrag „Im Morgengrauen“ zu dem bereits zitierten Band von Tania Martini und Klaus Bittermann die katastrophalen und verlogenen Einstellungen mancher Aktivist:innen in folgendem Statement zusammen, das aus einer Begegnung mit einer sich propalästinensisch äußernden Aktivistin entstand und keines weiteren Kommentars bedarf: <em>„Die Aktivistin erklärte, es sei falsch, die Kibbuzniks zu ‚humanisieren‘. Solche Äußerungen sind zwar Randerscheinungen, doch sie sind zugleich Teil einer Tendenz, das antisemitische Wesen der Hamas und ihrer Massaker zu beschönigen oder nicht wahrzunehmen. Wir erleben einen Prozess der Irrealisierung. Was den Opfern widerfuhr, wird nicht anerkannt. Das ist die zweite Auslöschung ihrer Existenz. Wie wollte sonst erklärt werden, dass internationale Frauenorganisationen und darauf spezialisierte UN-Organisationen wochenlang zu den Vergewaltigungen und den Verstümmelungen von Geschlechtsteilen schwiegen, obgleich ihnen Berichte von Überlebenden und Beweise für diese Verbrechen vorgelegt wurden? Israelische Feministinnen prägten daraufhin den ironischen Slogan: ‚Me Too Unless You’re a Jew‘.“</em></p>
<h3><strong>Zweifel in Israel</strong></h3>
<p>Recht und Unrecht? Recht oder Unrecht? Bleiben wir in beziehungsweise bei Israel und Gaza. Welche Konsequenzen haben Berichte, dass in Israel Menschen gegen die Politik Netanjahus demonstrieren, die Freilassung der Geiseln, ein Ende des Krieges und die Bewahrung des Rechtsstaats fordern? Selbst israelische Soldaten stellen das Beharren der Regierung auf weiteren Angriffen in Gaza in Frage wie beispielsweise <a href="https://www.das-parlament.de/aussen/welt/katargate-koennte-netanjahu-endgueltig-zum-verhaengnis-werden">Uri Schneider in „Das Parlament“</a> berichtete. Das ist keine unbedingt neue Entwicklung, denn diverse Entlassungen von Spitzenpersonal in Armee und Geheimdienst bis zum Verteidigungsminister sprechen dafür, dass Netanjahu immer schon Schwierigkeiten hatte, alle Sicherheitskräfte und Armeeangehörigen auf seine Linie zu verpflichten. Im Zweifel entschied er sich immer im Sinne seiner rechtsextremen Koalitionspartner.</p>
<p>In der Juniausgabe 2025 der Blätter für deutsche und internationale Politik berichtet Ignaz Szlacheta unter der Überschrift <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/juni/kuenstliche-einheit-tiefe-spaltung-holocaustgedenken-in-israel">„Künstliche Einheit, tiefe Spaltung: Holocaustgedenken in Israel“</a> über die in Israel gerade zurückliegenden <em>„zehn Tage des Erinnerns an die Shoah und das Heldentum“</em>. Es beginnt jedes Jahr mit dem Yom HaShoah und endet mit dem Unabhängigkeitstag, <em>„einer der emotionalsten Abschnitte des jährlichen Gedenk- und Feiertagszyklus in Israel.“ </em>Doch dieses Jahr war alles anders. Benjamin Netanjahu und seine Frau Sara verhielten sich gelinde gesagt respektlos. Sie kamen zur zentralen Gedenkveranstaltung zu spät. Netanjahu sagte in einer Konferenz am 1. Mai 2025, dass die Befreiung der Geiseln und die Freigabe der Leichen der ermordeten Geiseln <em>„ein wichtiges Ziel </em>(sei)<em>, das wichtigste Ziel aber sei der ‚totale Sieg“. </em>Was auch immer er unter <em>„total“</em> verstehen mag. Seine Frau ließ in einer kleinen Zwischenbemerkung durchblicken, dass von den 24 noch lebenden Geiseln einige weitere inzwischen verstorben oder ermordet worden wären. Trump sprach inzwischen übrigens auch von nur noch 21 lebenden Geiseln. Niemand weiß, wer noch lebt. Aber was ist mit der Rückgabe der Toten? Sollen sie keine würdige Beerdigung erhalten?</p>
<p>Gegen das Verhalten der israelischen Regierung wenden sich viele Israelis. Die Demonstrationen in Tel Aviv und anderswo werden nach wie vor sehr gut besucht. Es ist mitunter ungefähr so, als wenn jede Woche – anteilig zur Bevölkerungszahl – zwischen fünf und zehn Millionen Menschen am Brandenburger Tor gegen die deutsche Regierung demonstrierten. Dies war schon vor dem 7. Oktober so, so ist es bis heute. Ignaz Szlacheta zitiert Amir Kochavi, den Bürgermeister von Hod HaSharon: „<em>Die jüdische Tradition lehrt uns ‚Nie wieder‘. Allerdings gilt dies nicht nur für uns, sondern für alle Völker.“ Er fuhr fort: „Wir dürfen im Angesicht der Gräueltaten, die an Menschen anderer Nationalitäten verübt werden, nicht schweigen – auch wenn sie in unserem Namen veröffentlicht werden.“</em></p>
<p>Unter denen, die sich weigerten, an der von der Transportministerin Miri Regev organisierten zentralen Veranstaltung zum Unabhängigkeitstag teilzunehmen, waren auch mehrere Künstler:innen sowie <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/grausames-video-entfuehrter-soldatinnen-aufgetaucht/">die fünf Späherinnen von Nachal Oz</a>, die von der Hamas verschleppt und inzwischen freigelassen wurden. Das Israelisch-Palästinensische Forum hinterbliebener Familien (<a href="https://parentscirclefriends.de/">es gibt auch eine deutsche Sektion</a>) organisierte eine eigene Veranstaltung in der Beit Samuel Synagoge in Ra_ananaa. Israelis und Palästinenser betrauerten in hebräischer und arabischer Sprache ihre toten Angehörigen. Ignaz Szlacheta stellt fest, dass in den sozialen Netzwerken auf diese gemeinsamen israelisch-palästinensischen Initiativen <em>„vor allem Gewalt und Hass“</em> folgten.</p>
<p>Trotz allem: <a href="https://www.zeit.de/2025/24/israelische-schriftsteller-krieg-gaza-hoffnung">Die vielen differenzierten Stimmen der israelischen Literat:innen, die unter anderem Volker Weidermann in der ZEIT vom 5. Juni 2025 porträtierte</a>, müssten eigentlich allen, die sehen wollen, zeigen, dass Israel nach wie vor die einzige Demokratie in der Region ist, in der Kritik an der Regierung möglich ist, ungeachtet so mancher Schikanen, die auch feststellbar sind, hoffentlich aber nicht eskalieren. Kontroversen werden ausgetragen. Leider gibt es immer wieder Versuche, den ein oder anderen zu delegitimieren, <a href="https://www.zeit.de/2025/23/philipp-peyman-engel-juedische-allgemeine-judentum-identitaet">wie es kürzlich Philipp Peyman Engel erleben</a> musste. Wir sollten erst einmal zuhören, was sie zu sagen haben, auch wenn sich zum Beispiel Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen und Omer Bartov grundsätzlich kaum auf eine gemeinsame Wortwahl einigen dürften. Das müssen sie auch nicht, aber vielleicht wäre es möglich, sich auf folgende Formel zu einigen, in den Worten von Omer Bartov (<a href="https://www.zeit.de/2025/25/omer-bartov-benjamin-netanjahu-nahostkonflikt-kritiker-instrumentalisierung-holocaust">am 12. Juni 2025 in der ZEIT</a>): <em>„Der Krieg braucht ein politisches Ziel. Und dieses Ziel sollte sein, eine andere gemäßigte palästinensische Organisation zu finden, die Gaza regiert.“ </em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/greta-thunberg-fordert-mehr-wut-gegen-israel/">Greta Thunbergs Aufrufe zu „mehr Wut“</a> werden sicherlich nicht dazu beitragen.</p>
<h3><strong>However, we should talk</strong></h3>
<p>Die ZEIT zeigt in unregelmäßigen Abständen mit Gesprächen, Reportagen oder Kommentaren, dass und wie sich über das Thema differenziert berichten und diskutieren lässt. In ihrer <a href="https://www.zeit.de/2025/24/krieg-gaza-israel-tom-segev-volker-beck">Streit-Rubrik vom 5. Juni 2025</a> diskutierten Tom Segev und Volker Beck miteinander. Es gab fundamentale Unterschiede in den Haltungen und Analysen der beiden, die sich aber wiederum aus der Innensicht in Israel (Tom Segev als Autor einer Reihe von historischen Büchern über die Geschichte Israels und Palästinas in den letzten 100 Jahren) und aus der Funktion (Volker Beck als Vorsitzender der deutsch-israelischen Gesellschaft) erklären lassen.</p>
<p>Beachtenswert sind schließlich mehrere in der Jüdischen Allgemeinen dokumentierte Debatten. Dort <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/sind-sanktionen-gegen-ben-gvir-und-smotrich-vertretbar/">stritten am 11. Juni 2025 Ayala Goldmann und Daniel Killy</a> über die Berechtigung von Sanktionen gegen die beiden rechtsextremen Minister der israelischen Regierung Itamar Ben-Gvir und Belazel Smotrich, wie sie zuletzt einige Staaten, Australien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland und Norwegen verhängt hatten. Ayala Goldmann plädierte dafür, Daniel Killy dagegen (ich teile die Auffassung von Ayala Goldmann, auch wenn ich die Argumente von Daniel Killy sehr ernst nehme). Kontrovers diskutierten in der Jüdischen Allgemeinen <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/es-findet-ein-genozid-statt-israel-muss-sich-gegen-den-terror-der-hamas-wehren/">Hamed Abdel-Samad und Henry M. Broder am 11. Juni 2025 im Gespräch mit Philipp Peyman Engel</a>. Beide sind gut miteinander befreundet und schaffen es, bei allen gegensätzlichen Positionen zu Israel und Gaza stets im Respekt vor der Position und der Persönlichkeit des anderen zu argumentieren.</p>
<p>Ein weiteres Vorbild wären Navid Kermani und Natan Sznaider. Ihr Briefwechsel wurde nach über zehn Jahren vom Hanser Verlag unter dem Titel <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/israel-9783446280700-t-5259">„Israel – Eine Korrespondenz“</a> im November 2023 neu aufgelegt. Am 27. Februar 2024 veröffentlichten die beiden in der Süddeutschen Zeitung den gemeinsam geschriebenen Beitrag <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/israel-gaza-geiseln-sznaider-kermani-e205183/">„Lass uns reden, Freund“</a>. Sie beschreiben ihre unterschiedlichen Analysen und Meinungen, wissend, dass es auf viele Fragen (zumindest jetzt noch) keine Antwort gibt, vielleicht auch, weil niemand so genau erkennt, wer in Europa, in den arabischen Staaten, auch in den USA als Verbündete in Frage käme, sodass letztlich die Radikalen in der israelischen Regierung und die Hamas ihre Agenda ungestört fortsetzen können. Das gemeinsame Fazit von Kermani und Sznaider: <em>„Wir sind davon überzeugt, dass der permanente Krieg und der absolute Sieg, der Israelis wie Palästinensern von unverantwortlichen Führern versprochen wird, keine lebenswerten Optionen sind. Deshalb ist es für uns auch keine Alternative, proisraelisch oder propalästinensisch zu sein. Wenn es so weiterläuft wie jetzt, also mit Autopilot, werden beide Völker nur immer weiter und weiter um ihre Toten weinen. Welche Massaker und welche Kriege braucht es noch, damit der Letzte begreift, dass das Existenzrecht der einen das Existenzrecht der anderen bedingt?“</em></p>
<p>We should talk – in der Tat, auch wenn wir uns die Gesprächspartner:innen nicht danach aussuchen können und sollten, ob sie unsere vorgefasste Meinung teilen. Natan Sznaider befasste sich in der Juniausgabe 2025 des Merkur in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/die-welt-vor-gaza-normalitaet-und-gewalt-a-mr-79-6-18/">„Die Welt vor Gaza: Normalität und Gewalt“</a> mit dem von Pankaj Mishra veröffentlichten Buch „Die Welt nach Gaza“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2025): <em>„Es ist ein gutes Buch, weil der Autor klar Position gegen Gewalt bezieht, es ist ein schlechtes, weil Pankaj Mishra diese Gewalt nicht als Schlüssel der Region versteht, sondern in Dichotomien denkt und demzufolge nur eine Seite ausübt und die andere sie erleidet.“</em> Für Pankaj Mishra ist Israel der Täter, sind die Palästinenser die Opfer. Für die Geiseln – so Natan Sznaider – interessiert er sich <em>„so gut wie gar nicht“</em>.</p>
<p>Natan Sznaiders Eindruck: <em>„Ich will mich mit Mishra streiten, aber sein Buch verschließt sich. Ich will ihm nicht seine Parteilichkeit nehmen, im Namen der palästinensischen Opfer zu sprechen. Sie brauchen in der Tat Sprecher und Sprecherinnen, gerade in Deutschland, wo ihre Perspektive oft nicht zu Wort kommt und gehört wird. Es geht nicht um Konsens um Genauigkeit, sondern um Pluralität und Rechenschaftspflicht. Dabei geht es auch um Identitätspolitik und die Frage, wie vermeidbar diese ist. Mishra tut so, als argumentiere er universell. Aber können wir Unterschiede zwischen Gruppen ignorieren, wenn Erinnerungen trennen und dialogische oder multidirektionale Erinnerungen nur begrenzt möglich sind? Einmal artikuliert, konstituieren sich Identitäten als politische Tatsachen.“ </em></p>
<p>Erinnerungen trennen nicht nur Palästinenser und Israelis, sie trennen auch Israelis sowie Jüdinnen und Juden in der Diaspora und sie trennen auch verschiedene Gruppen von Palästinensern. Das Elend mag vielleicht auch darin liegen, dass die Geschichtsauffassung der Hamas viel zu oft als allgemein gültige palästinensische Auffassung postuliert wird. Das ist sie nicht. Auch bei manchen israelischen Gruppierungen ist Ähnliches festzustellen. Es gibt eben viele verschiedene <em>„Geschichtsinterpretationen“</em>, <em>„Mishra erkennt aber nicht einmal die Möglichkeit dieser beiden Interpretationen an.“</em> Es ist letztlich auch ein Streit um Erinnerungen. Mishra – so Sznaider – <em>„sieht nur ein monolothisches Israel, das es nicht gibt. Und ohne die Beteiligung von uns Israelis wird diese neue Welt nicht entstehen. Es ist sehr schade, dass Mishra sich dem verschließt.“</em> Aber wie wäre es mit folgendem Vorschlag: <em>„Die gegenseitige Anerkennung der erlittenen Katastrophen mag ein kleiner Schritt aus der Spirale der Gewalt sein.“ </em></p>
<h3><strong>Bündnispartner in Gaza: Demonstrationen gegen die Hamas</strong></h3>
<p>Fakt ist: In Gaza demonstrieren Menschen gegen die Hamas, es gibt <em>„Wut“</em> gegen die Hamas! Schon in den vergangenen 15 bis 20 Jahren gab es immer wieder solche Demonstrationen. Sabine Brandes berichtete in der Jüdischen Allgemeinen: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/wir-wollen-leben/">„Wir wollen leben“</a> über die brutalen Reaktionen der Hamas: <em>„Die Schergen der Terrorgruppe folterten und ermordeten den 22-jährigen Oday Nasser Al-Rabay, der sich laut Angaben seiner Familie an den Protesten beteiligt hatte. Die Leiche wurde vor seinem Haus abgelegt. Eine klare Warnung. Und dennoch wurden bei der Beerdigung Dutzende dabei gefilmt, wie sie riefen: ‚Hamas raus!‘“ </em>Hilfe für die Zivilbevölkerung lande bei der Hamas. Ein Gesprächspartner sagte: <em>„Sie nehmen sämtliche Hilfslieferungen sofort in Beschlag. Zuerst verteilen sie es an ihre Leute, den Rest werfen sie auf den Schwarzmarkt, wo wir es für horrende Preise kaufen müssen. Umsonst bekommen wir nichts.“ </em>Ein Kilo Mehl koste zurzeit 150 Dollar.</p>
<p>Regelmäßig berichtet die <a href="https://www.mena-watch.com/">Plattform mena-watch</a> über die Demonstrationen gegen die Hamas. <a href="https://www.belltower.news/interview-mohammed-altlooli-kommt-aus-gaza-und-kaempft-gegen-die-hamas-155223/">Mohamed Altlooli</a>: <a href="https://www.mena-watch.com/ein-aufstand-klopft-an-die-tuer-der-hamas/">„Der Aufstand klopft an die Tür der Hamas“</a>. <em>„Mittlerweile sehnen sich viele nach einem Ende der Hamas-Diktatur oder würden es sogar vorziehen, von Israel regiert zu werden. So haben viele junge Menschen ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, mit den israelischen Behörden zusammenzuarbeiten, um den Gazastreifen zu verwalten und zu regieren, würde dies zu einem Ende der Hamas-Herrschaft führen.“ </em>Bassem Eid, palästinensischer Menschenrechtsaktivist im Westjordanland, <a href="Es%20ist%20an%20der%20Zeit,%20auf%20die%20Menschen%20im%20Gazastreifen%20zu%20hören%20anstatt%20auf%20die%20Terroristen,%20die%20deren%20Leben%20kontrollieren.%20Die%20anhaltenden%20Proteste%20der%20Menschen%20gegen%20die%20Hamas%20sind%20erst%20der%20Anfang.%20Sie%20sind%20sich%20sehr%20wohl%20bewusst,%20dass%20nicht%20nur%20die%20entführten%20Israelis,%20sondern%20die%20gesamte%20Bevölkerung%20des%20Gazastreifens%20von%20der%20Terrororganisation%20als%20Geiseln%20benutzt%20werden.%20Es%20ist%20an%20der%20Zeit,%20auf%20diese%20authentischen%20Stimmen%20zu%20hören%20und%20die%20Menschen%20zu%20befreien,%20indem%20die%20Hamas%20endgültig%20zerschlagen%20wird.">forderte:</a> <em>„Es ist an der Zeit, auf die Menschen im Gazastreifen zu hören anstatt auf die Terroristen, die deren Leben kontrollieren. Die anhaltenden Proteste der Menschen gegen die Hamas sind erst der Anfang. Sie sind sich sehr wohl bewusst, dass nicht nur die entführten Israelis, sondern die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens von der Terrororganisation als Geiseln benutzt werden. Es ist an der Zeit, auf diese authentischen Stimmen zu hören und die Menschen zu befreien, indem die Hamas endgültig zerschlagen wird.“</em> (Alexander Gruber übersetzte die Texte, die mena-watch vom <a href="https://www.jns.org/">Jewish News Syndicate</a> übernommen hatte.)</p>
<p>In der ZEIT berichtete am 18. April 2025 Yassin Musharbash: <a href="https://www.zeit.de/2025/16/hamas-gazastreifen-widerstand-islamismus-nahost">„Ich will dem Monster nicht noch einmal begegnen.“</a> Er zitiert im Titel eine WhatsAPP von Mohamed AlBorno, einer der Organisatoren der Proteste gegen die Hamas: <em>„Das Ziel bestand darin, den Krieg zu beenden und dass Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt werden, dass Flüchtlingsunterkünfte und Krankenhäuser für militärische Operationen genutzt werden, was Israel einen Vorwand liefert, Zivilisten zu attackieren. Die Hamas stiehlt Hilfsgüter, verkauft sie und nutzt den Krieg, um zu foltern, zu töten und ihre Gegner zu misshandeln.</em>&#8220; Er widersprach einer Behauptung der Hamas auf Al-Dschasira, <u>die</u> Palästinenser wären bereit, das Leben ihrer Kinder im Krieg gegen Israel zu opfern: <em>„Das ist etwas, was wir vollständig zurückweisen. Wir sind Menschen. Wir wollen leben. Wir wollen nicht für die Hamas sterben.&#8220; </em>Mohamed beschreibt, wie er bei Protesten im Jahr 2017 von der Hamas gefoltert wurde und dass er wieder auf der <em>„roten Liste“</em> der Hamas stehe. Dies bedeute Hinrichtung oder zumindest Brechen der Beine.</p>
<p>Mohammed Altlooli informierte am 30. April 2025 auf der Plattform mena-watch über weitere <a href="https://www.mena-watch.com/frauen-und-kinder-protestieren-gegen-hamas/">Demonstrationen am 27. April 2025 in Beit Lahia</a> im Norden des Gaza-Streifens. Diesmal demonstrierten Hunderte von Frauen und Kindern. Die Hamas versuchte die Demonstrierenden einzuschüchtern, die Demonstration verlief jedoch friedlich. Der Beitrag zeigt auch Bilder und Videos von den Demonstrationen. Am 21. Mai 2025 berichtete Mohammed Altlooli auf mena-watch erneut: <a href="https://www.mena-watch.com/gaza-gekidnappt-alternative-hamas/">„Gaza wurde gekidnappt, die Jugend ist die Alternative zur Hamas“</a>. Er sprach mit Mohammed Sawalmeh, einer prominenten Stimme der Opposition gegen die Hamas: <em>„Meine Opposition begann, als ich erkannte, dass sich hinter der ‚Widerstandsrhetorik‘ der Hamas ein autoritäres und repressives Projekt verbirgt, das keine anderen Stimmen duldet. Ich stellte fest, dass Andersdenkende ausgeschlossen werden und die Menschen als Schutzschilde benutzt werden und keine Priorität haben.“</em> Er bestätigte Berichte, dass die Hamas Nahrung und Medikamente systematisch verknappe, und alle, die sie kritisieren, bedrohe. <a href="https://www.mena-watch.com/hilfsgueterverteilung-durch-hamas-sabotiert/">Mohammed Altlooli berichtete am 3. Juni 2025, dass die Hamas an den Verteilungsstellen Zivilist:innen beschieße</a>. <em>„Ein junger Mann aus Khan Yunis erklärte: ‚Wir verlangen keine Wunder – lasst uns einfach die Hilfe in Ruhe annehmen. Die Hamas will uns durch Hunger kontrollieren.‘“</em></p>
<p>Wie erfolgversprechend die Demonstrationen in Gaza und wie weit sie das tatsächliche Meinungsbild der palästinensischen Bevölkerung in Gaza widerspiegeln, vermag niemand einzuschätzen. Immerhin <em>„bilden sich erste friedliche Bewegungen, die jedoch aufgrund der Angst noch begrenzt sind“</em>, darunter viele junge Menschen in Gaza und in der Diaspora.</p>
<p>Die Frage ist aber mehr als berechtigt, wann der Westen diesen palästinensischen Widerstand gegen die Hamas ebenso laut unterstützt wie er die Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza (und in der Westbank) anprangert. Von den angeblich <em>„propalästinensischen“</em> Demonstrierenden ist da wohl nichts zu erwarten, ganz in der Tradition eines Dieter Kunzelmann und seiner Kolleg:innen der 1968er Zeit. <a href="https://www.jns.org/writers/izzy-salant/">Izzy Salant</a> konstatiert auf mena-Watch (ebenfalls vom Jews News Syndicate übernommen und übersetzt): <a href="https://www.mena-watch.com/lautstarkes-schweigen-palaestina-solidaritaet/">„Das lautstarke Schweigen der Palästina-Solidarität“</a>. Dies belege, dass es den sogenannten pro-palästinensischen Protesten in Europa, in den USA und anderswo nicht um die Menschen in Palästina gehe, sondern nur um anti-israelische Propaganda. Er zitiert den aus Gaza stammenden, in Syracuse (NY) lebenden Dichter <a href="https://www.poetryfoundation.org/people/mosab-toha">Mosab Abu Toha</a>: <em>„Die meisten Menschen solidarisieren sich mit Gaza und nicht mit den Menschen im Gazastreifen.“ </em>Am 19. April 2025 gab es eine erste Solidaritätsdemonstration in Stuttgart, organisiert vom Gaza Youth Movement, allerdings leider mit geringer Beteiligung, weil die Hamas auch in Deutschland Menschen bedroht, die sich gegen sie stellen. <a href="https://www.mena-watch.com/stuttgarter-anti-hamas-solidaritaetskundgebung/">Thomas von der Osten-Sacken berichtete auf jungle-blog und mena-watch</a>.</p>
<p>Wer auf dem Laufenden bleiben will, schaue regelmäßig in die jeden Donnerstag erscheinenden Informationen der Plattform mena-watch. Nicht nur Mohammed Altlooli berichtet dort regelmäßig.</p>
<h3><strong>Und die Geiseln? </strong></h3>
<p>Sie spielten und spielen in Deutschland kaum eine Rolle: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">Nicht einmal diejenigen, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben</a>. In Israel erinnert die Zivilgesellschaft täglich an die Geiseln, auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland geschieht dies. Vor den Synagogen sehen wir die Bilder der noch nicht befreiten Geiseln, natürlich mit Polizeischutz. Über ein Beispiel für das Engagement in Israel für die Geiseln berichtete  <a href="https://www.jns.org/writers/amelie-botbol/">Amelie Botbol</a> <a href="https://www.mena-watch.com/idit-ohel-hilfe-fuer-ihren-gefangenen-sohn/">auf mena-watch (eine Übernahme vom Jewish News Syndicate)</a>. Der Pianist Alon Ohel ist nach wie vor in der Gewalt der Hamas. Seine Mutter Idit Ohel setzt sich weltweit für seine Befreiung ein. In einer Aktion wurden 50 gelbe Klaviere, davon 34 in Israel, aufgestellt: <em>„Alon, du bist nicht allein.“</em> So war auf den Klavieren zu lesen. Seine Verletzungen – so berichteten inzwischen befreite Geiseln – sind lebensgefährlich: <em>„Er wird bis heute unter schlimmsten Bedingungen festgehalten. Er wurde geschlagen, ist mit Ketten an den Beinen fixiert und kann sich kaum bewegen. Er wird ausgehungert. Er schläft auf dem Boden und kennt den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht. Seine Entführer machen das Licht nicht aus, weil sie ihn foltern wollen.“ </em></p>
<p>Was bleibt? Der Appell muss noch viel lauter werden! Bring them home now! All of them! Und nicht zuletzt mein Appell an alle, die es mit dem liberalen und demokratischen Rechtsstaat ernst meinen: Unterstützt die demokratischen Kräfte in Israel, in Gaza und in den palästinensischen Autonomiegebieten, nicht zuletzt im Iran! Und wenn wir debattieren, tun wir das am besten im Geiste der von Leonard Cohen bezwungenen Zweifel und der von Bernd Ulrich empfohlenen <em>„Demut“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Interzugriffe zuletzt am 18. Juni 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Wir werden wieder tanzen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Mar 2025 05:43:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wir werden wieder tanzen! In memoriam Shani Louk, Shiri, Ariel und Kfir Bibas Der 7. Oktober hat die Welt verändert. Im Süden Israels fand das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah statt und seitdem hat der Antisemitismus ein Ausmaß erreicht, den wir uns nie hätten vorstellen können: Israelfeindliche Protestcamps an Hochschulen,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Wir werden wieder tanzen!</strong></h1>
<h2><strong>In memoriam Shani Louk, Shiri, Ariel und Kfir Bibas </strong></h2>
<p>Der 7. Oktober hat die Welt verändert. Im Süden Israels fand das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah statt und seitdem hat der Antisemitismus ein Ausmaß erreicht, den wir uns nie hätten vorstellen können: Israelfeindliche Protestcamps an Hochschulen, Anfeindungen auf offener Straße, jüdische Studierende wurden an den Hochschulen oder sogar auf offener Straße angegriffen und zusammengeschlagen, Wohnungen von Jüdinnen und Juden wurden markiert, antisemitische Hetze auf sozialen Medien.</p>
<h3><strong>„We will Dance again“</strong></h3>
<p>Diese Worte ließ sich Mia Schem, die am 7. Oktober während des Nova Musikfestivals durch die Terroristen der Hamas entführt wurde und später befreit wurde, tätowieren. Seitdem ist dieser Satz ein Zeichen der Hoffnung für Jüdinnen und Juden weltweit geworden.</p>
<p>„Wir werden wieder tanzen!“ ist eine szenische Collage. Sie präsentiert Songs von Leonard Cohen und Antilopen Gang, Gedichte von Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler, Selma Meerbaum-Eisinger und anderen, eigens für die Veranstaltung geschriebene Szenen sowie Testimonials von (nicht nur) jüdischen Autor:innen, mal ernst, mal komödiantisch, mal sarkastisch oder nachdenklich und immer poetisch, musikalisch untermalt oder illustriert reflektiert unsere Collage die Auseinandersetzung der Menschen damals und heute mit den Ereignissen um sie herum und macht auf den Zwiespalt vieler Juden aufmerksam, die zwischen Koffer packen und dem Glauben, dass es Antisemitismus in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr geben darf, stehen.</p>
<p>„Wir werden wieder tanzen!“ ist ein bitter-süßer Abend, der, neben dem regulären Theaterpublikum auch junge Menschen in Schulen und Bildungseinrichtungen erreicht. Die Aufführungen werden durch das Büro der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Die Texte wurden von Sophie Brüss, Norbert Reichel und Jürgen Reinecke zusammengestellt und zum Teil eigens für dieses Projekt geschrieben, so auch die Szene „Deutsche unter den Opfern“.</p>
<h3><strong>Deutsche unter den Opfern</strong></h3>
<div id="attachment_5879" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5879" class="wp-image-5879 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007.jpg 640w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5879" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bibas-Funeral-0007.jpg">Von der Beerdigung der Bibas-Familie</a> am 26. Februar 2025. Foto: Matth. Knight. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p>Das ist einer der Texte der szenischen Collage. Er entstand unter Verwendung eines Textes des <a href="https://www.rnd.de/politik/111-hamas-geiseln-was-ueber-das-schicksal-der-entfuehrten-bekannt-ist-7O6OULIXOFC6JC5TBSCEC6EXQA.html">Redaktionsnetzwerks vom 15. August 2024</a> und mehrerer Texte der Jüdischen Allgemeinen, das Gespräch von Michael Thaidigsman mit Ricarda Louk, der Mutter von Shani, vom 7. April 2024. Die Jüdische Allgemeine druckte zum 6. März 2026 eine Sonderausgabe zum Tod von Shiri, Ariel und Kfir Bibas mit der ergreifenden Trauerrede von Yarden Bibas: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ich-habe-euch-noch-so-viel-zu-erzaehlen/">„Verzeiht, dass ich euch nicht beschützen konnte“</a>, in dieser Ausgabe enthalten sind auch das Editorial des Chefredakteurs <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/zachor/">Philipp Peyman Engel „Zachor!“</a>, der Nachruf von Sophie Albers Ben Chamo <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/lebt-wohl-liebe-gingim/">„Lebt wohl, liebe Gingim“</a>, ein Bericht von Lars Nicolaysen über die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/es-ist-nicht-shiri-bibas/">Obduktionsergebnisse von Shiri, Ariel, Kfir</a>, die nicht wie von der Hamas behauptet bei einem israelischen Luftangriff ihr Leben verloren hatten, sondern kurz nach der Entführung ermordet wurden, sowie der Bericht von Michael Thaidigsmann und Sophie Albers Ben Chamo über ihre Gespräche mit Eli Charabi „Ich rede über alles“.</p>
<p>Die hier zu lesende Fassung von „Deutsche unter den Opfern“ wurde am 9. März aktualisiert. Sophie Brüss, Gerrit Pleuger und Jürgen Reinecke haben sie auf die Bühne gebracht.</p>
<p>Die szenische Collage ist allen von der Hamas ermordeten, entführten und noch gefangengehaltenen Menschen gewidmet. Bring Them Home Now! All of them!</p>
<p><strong>Gerrit</strong>: Mein Mann war kürzlich bei der UNO in New York und hatte dort mit Vertretern arabischer Staaten zu tun. Die behaupteten, israelische Soldaten würden palästinensische Frauen vergewaltigen und Kinder ermorden. Ohne jegliche Basis. Als er dann Shanis Geschichte erzählte, war das ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Nissim zeigt oft zwei Bilder, eines von Shani, auf dem sie als lebensfrohe junge Frau abgebildet ist, und jenes hässliche Bild, wie sie auf dem Pick-Up-Wagen liegt. Er will dem Gegenüber damit zeigen: Sie war nur ein Mädchen, das tanzen, lachen, Spaß haben wollte. Deswegen wurde sie von diesen Monstern umgebracht. Er will signalisieren: Schaut euch diese beiden Bilder an und sagt mir, auf welcher Seite ihr lieber steht, auf der kriegerischen, die Mädchen vergewaltigt und verschleppt und ermordet, oder auf der anderen Seite, auf der junge Leute auf ein Musikfestival gehen können, um Spaß zu haben.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Das sagt in einem Interview Ricarda Louk, die deutsche Mutter von Shani Louk, deren Verschleppung am 7. Oktober überall zu sehen war. Sie wurde offenbar unmittelbar nach oder bei der Entführung ermordet. Shani Louk war Deutsche. Doch als ihre sterblichen Überreste aus Gaza geborgen wurden, war es kaum eine Meldung seitens der Bundesregierung wert.</p>
<p><strong>Jürgen:</strong> Ja, Deutsche unter den Opfern. Das hören wir doch immer in den Nachrichten, bei Flugzeugabstürzen, bei Naturkatastrophen. Warum nicht jetzt?</p>
<p><strong>Gerrit:</strong> Das Auswärtige Amt hat bisher keine Liste herausgegeben, nicht einmal eine Zahl. Es spricht in einer Presseerklärung von einer „niedrigen zweistelligen Zahl von Personen mit Deutschlandbezug“.</p>
<p><strong>Sophie:</strong> Die Jüdische Allgemeine nannte am 7. April 2024 die Namen und das Alter von 14 Geiseln, die im Rahmen eines Deals zwischen Israel und der Hamas im November freigelassen wurden: Aviv Asher (2 Jahre alt), Raz Asher (5), Raz Ben-Ami (57), Shoshan Haran (67), Doron Katz-Asher (34), Rimon Kirsht-Buchshtab (36), Margalit Moses (78), Yarden Roman-Gat (36), Amit Shani (16), Adi Shoham (38), Naveh Shoham (8), Yael Neri Shoham (3), Or Yaakov (16), Yagil Yaakov (12).</p>
<p><strong>Jürgen: </strong>Das Redaktionsnetzwerk hat am 15. August 2024 während der Verhandlungen in Doha weitere Namen veröffentlicht. In der Gewalt der Hamas war bis vor Kurzen noch Hersh Goldberg-Polin. Er ist eine der sechs Geiseln, die die Hamas kurz vor ihrer Befreiung ermordete. Fußballfans im Bremer Weserstadion zeigten mit einem riesigen Transparent zu seinen Ehren mehr Rückgrat als weite Teile der Politik und Zivilgesellschaft.</p>
<div id="attachment_5882" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5882" class="wp-image-5882 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5882" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Accompanying_the_funeral_procession_of_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas,_who_were_murdered_by_Hamas_at_the_Matam_Center_in_Haifa_(7).jpg">Während der Beerdigung von Shiri, Ariel und Kfir</a>. Foto: Eric Goldman. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/3.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en">Attribution-Share Alike 3.0 Unported</a> license.</p></div>
<p><strong>Gerrit: </strong>Da ist Shiri Silberman-Bibas, 33 Jahre alt, mit ihren beiden Jungs Kfir, der bei seiner Entführung gerade neun Monate alt war und im Januar 2025 zwei Jahre alt geworden wäre, und Ariel, im August 2024 gerade fünf Jahre alt geworden. Die Hamas zeigte ein Bild, bei Yarden, Vater von Kfir und Ariel und Ehemann von Shiri, erfahren haben soll, dass sie tot wären. Beide wurden unmittelbar nach der Entführung ermordet. Die Kinder wurden mit bloßen Händen erwürgt. Im Gegenzug zur Übergabe der Leichen von Shiri, Ariel und Kfir hat Israel der Hamas 90 lebendige Terroristen übergeben. Yarden Bibas hielt bei der Beerdigung der im Februar 2025 von der Hamas übergebenen Geiseln eine beeindruckende Rede. Er bat Shiri, Ariel und Kfir um Vergebung, dass er sie nicht habe beschützen können: „Verzeiht, dass ich euch nicht beschützen konnte“. Er selbst wurde von der Hamas angekettet in einem Tunnel gehalten, zum Teil in einen Käfig gesperrt. Es gab – wie Eli Sharabi nach seiner Freilassung berichtete – oft gerade einmal 200 bis 300 Gramm Brot am Tag, etwas Wasser zum Duschen einmal im Monat.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Wie die Bibas-Familie lebte Arbel Yehoud (29) im Kibbuz Nir Oz. Von dort wurde sie am 7. Oktober verschleppt. Ihr Urgroßvater, ein Hamburger Kunstlehrer, war 1935 vor den Nazis geflohen und verbrachte seinen Lebensabend in dem Kibbutz, aus dem seine Urenkelin, ihr Freund Ariel Curio (27) und dessen Bruder David Curio (34) entführt wurden. David Curio wurde vor zehn Jahren noch als Schauspieler („Youth“) auf der Berlinale gefeiert.</p>
<p><strong>Jürgen</strong>: Daran wollte sich bei der Berlinale 2024 niemand erinnern, aber die Veranstalter gaben auf der Bühne Raum für pro-palästinensische – besser: anti-israelische – Kundgebungen. Und niemand intervenierte, auch die politische Prominenz schwieg.</p>
<p><strong>Gerrit: </strong>Gadi Moses wurde ohne Brille, Medikamente und Hörhilfe gefangen genommen, in Gaza wurde er 80 Jahre alt. Sein Vater kam aus dem Schwalm-Eder-Kreis. In Treysa finden sich am ehemaligen Haus seiner Großeltern und seines Vaters Stolpersteine. Nach der Ermordung seiner Eltern floh Moses‘ Vater im Alter von 16 Jahren vor den Nazis in das Mandatsgebiet Palästina. Einige Wochen nach dem 7. Oktober war Gadi Moses auf einem Video des Islamischen Dschihad zu sehen.</p>
<p><strong>Jürgen</strong>: Die israelische Regierung geht bei den genannten und allen anderen entführten Deutsch-Israelis davon aus, dass sie noch am Leben sind oder zumindest sein könnten. Bestätigt wurde der Tod von fünf Geiseln: Shay Levinson (19), Itay Chen (19), Tamir Adar (38), Itai Svirsky (38) und Yair Yaakov (59) haben die Geiselhaft nicht überlebt, ihre Leichen werden noch von der Hamas festgehalten.</p>
<p><strong>Gerrit:</strong> In Frankreich hat die Regierung die Namen aller französischen Geiseln veröffentlicht. In den USA sind die „Gaza Six“, wie die US-amerikanischen Staatsbürger und Staatsbürgerinnen in der Gewalt der Hamas dort genannt werden, ständig bekannt. Der deutschen Bundesregierung, weder Kanzler noch Außenministerin, war die Beerdigung von Shiri, Ariel, Kfir, alle drei deutsche Staatsbürger, keinen einzigen Satz wert. Es blieb der Zivilgesellschaft überlassen. Die Omas gegen Rechts und die deutsch-israelische Gesellschaft riefen am 20. Februar 2025 in Hannover zu einer Mahnwache auf. Etwa 100 Menschen nahmen teil.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Bring them home und Say their names – gilt das auch hier oder sind deutsche Opfer in Israel nur Bürger zweiter Klasse?</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung am 9. März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 9. März 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Neues Syrien, neue Levante?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/neues-syrien-neue-levante/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Feb 2025 15:52:02 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Neues Syrien, neue Levante? Thomas von der Osten-Sacken über Chancen einer syrischen Demokratie „‚Pragmatisch‘ lautet oft das erste Wort, wenn nun über die neuen Machthaber in Damaskus geschrieben wird. In der Tat reden die konservativen Männer mit den langen Bärten, die jetzt am Ruder sind, nicht erst seit der Übernahme des Landes von der  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Neues Syrien, neue Levante?</strong></h1>
<h2><strong>Thomas von der Osten-Sacken über Chancen einer syrischen Demokratie</strong></h2>
<p><em>„‚Pragmatisch‘ lautet oft das erste Wort, wenn nun über die neuen Machthaber in Damaskus geschrieben wird. In der Tat reden die konservativen Männer mit den langen Bärten, die jetzt am Ruder sind, nicht erst seit der Übernahme des Landes von der ‚Mentalität des Staates‘, von ‚Zusammenleben‘ und von ‚Stabilität‘.“</em> (Tom Khaled Würdemann, Der nette Salafist? In: Jüdische Allgemeine 6. Februar 2025)</p>
<p>Niemand weiß mit Sicherheit, wie sich Syrien in den nächsten Monaten oder Jahren entwickeln wird. Es gibt ermutigende Hinweise wie beispielsweise während des Weltwirtschaftsforums, als der neue syrische Außenminister Assad Hassan Al-Schibani in einem Gespräch mit Tony Blair die <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/syrien-al-schibani-weltwirtschaftsgipfel-davos-blair-li.3187811">Weltoffenheit der neuen Regierung</a> hervorhob. Tom Khaled Würdemann verweist darauf, dass es erst einmal <em>„offenbar keine Massaker gab. In dieser Phase geschahen bei Angriffen auf kurdische Gebiete in Nordsyrien die größten Menschenrechtsverletzungen, und diese gingen von türkisch gesteuerten Milizen aus, nicht von der HTS.“</em> Markus Richter porträtierte auf mena-watch Ahmed Al-Sharaa, den neuen Staatschef: <a href="https://www.mena-watch.com/vom-dschihadisten-zum-staatsmann-al-sharaa-und-die-zukunft-syriens/">„Vom Dschihadisten zum Staatsmann?“</a></p>
<p>Thomas von der Osten-Sacken, Gründer und Geschäftsführer der Hilfsorganisation WADI, die schwerpunktmäßig in der Region Kurdistan im Irak arbeitet, hat im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> zuletzt die Arbeit von WADI vorgestellt: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/irakischer-alltag-und-europa/">„Irakischer Alltag und Europa“</a>. Auf <a href="https://jungle.world/blogs/jungleblog">Jungle Blog</a> und <a href="https://www.mena-watch.com">mena-watch</a> berichtet er regelmäßig über Entwicklungen in der MENA-Region, Anfang Februar 2025 über Belege, <a href="https://www.mena-watch.com/skandal-sos-kinderdorf-syrien-folgen/">dass das Assad-Regime Kinder von inhaftierten Frauen in einem SOS-Kinderdorf unterbrachte</a>, sowie darüber, dass die Frage der <em>„Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz“</em> das entscheidende Kriterium einer demokratischen Entwicklung ist (Titel: <a href="https://jungle.world/artikel/2025/06/syrien-demokratie-gleichheit-tolerant-wie-die-sultane">„Tolerant wie die Sultane“)</a>, <a href="https://www.mena-watch.com/was-geschieht-gerade-in-syrien-teil-v-eindruck/">Ende Januar 2025 über seine Reise nach Syrien</a>. Hoffnungszeichen oder Ruhe vor dem Sturm? Was bedeutet dies für die Nachbarn Syriens, für die verschiedenen Volksgruppen in Syrien, für Israel, für Europa, was für das Gleichgewicht verschiedener Akteure in der Region? Helfen unsere „westlichen“ Vorstellungen von Demokratie Syrien bei der weiteren Entwicklung?</p>
<h3><strong>Eine fast schon erschreckende Normalität</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie waren jetzt über eine Woche lang in Damaskus. Mit wem haben Sie sprechen können?</p>
<div id="attachment_5770" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5770" class="wp-image-5770 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena3-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5770" class="wp-caption-text">Zelle im Saidnaya-Gefängnis. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Wir hatten eine Fülle von Gesprächen, nicht nur in Damaskus. Wir waren im Anti-Libanon, wir waren auch in Saidnaya, dem inzwischen überall bekannten Gefängnis, in as-Suweida, der Hauptstadt der Drusen. Wir sprachen mit Leuten aus ganz unterschiedlichen Kreisen, die die diverse syrische Gesellschaft ausmachen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was war Ihr Auftrag?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>:<em> Es ist immer eine Art Doppelauftrag, in dem ich reise. Einmal im Rahmen unserer Hilfsorganisation WADI, um neue Partner zu finden, zu sehen, was gebraucht wird, was nötig ist. Dann versuche ich mir als freier Journalist auch einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Ich hatte um 2011 viel Kontakt zu syrischen Oppositionsgruppen, die wir auch unterstützt hatten. Die Freude über den plötzlichen Sturz von Assad war so groß, dass wir uns sagten, die Gelegenheit nutzen wir jetzt und fahren hin. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich nehme an, Ihre Partner waren vor allem zivilgesellschaftliche Organisationen, die unter Assad im Untergrund tätig waren.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Zum Teil. Man darf nicht vergessen, dass große Teile von Syrien nicht von Assad kontrolliert waren. Wir haben solange das möglich war an vielen Orten local committees unterstützt und auch mit Partnern in Syrisch Kurdistan, Rojava, zusammen gearbeitet.</em></p>
<p><em>Ich weiß, wie es in anderen arabischen Staaten nach dem Sturz der Regierung aussah, ich war nach dem Sturz der dortigen Regierungen in Bagdad, Kairo, Bengasi und Tunis. In Damaskus war ich zuletzt im Jahr 2009. Der große Unterschied gegenüber meinem damaligen Besuch bestand jetzt vor allem darin, dass es keine Assad-Bilder mehr gab und keine uniformierten Polizisten im Straßenbild. Es war eine sozusagen schon fast eine erschreckende Normalität</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was meinen Sie mit Normalität?</p>
<div id="attachment_5771" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5771" class="wp-image-5771 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070291-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5771" class="wp-caption-text">Milizionäre des HTS geben ein Interview. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Es war die Normalität des Alltags. Mir sagten Leute, es sei sicherer als unter Assad. Restaurants und Cafés waren geöffnet, man konnte nachts, um Mitternacht, unbehelligt durch die Altstadt gehen. Das hatte ich so nicht erwartet. Überraschend in Damaskus war die äußerst geringe Präsenz von Sicherheitskräften. Früher sah man extrem viel Polizei, Geheimdienst, Militär. Es gab kaum Checkpoints, keine Ausgangssperren. Nichts. Wir haben im christlichen Viertel Bāb Tūmā übernachtet, die Bars waren geöffnet, es gab Alkohol. Das Leben auf der Straße war so wie es vor Beginn der Kriegshandlungen war. </em></p>
<p><em>Im Straßenbild habe ich vielleicht ein paar Niqabs mehr gesehen als vor 15 Jahren. Niqabs gab es in Damaskus damals nur bei Touristinnen aus den Golfstaaten oder Saudi-Arabien. Aber nachts um 11 Uhr sitzen auch heute Frauen in Cafés und rauchen Wasserpfeife. </em></p>
<p><em>Es kommt natürlich auch darauf an, in welchem Viertel man in Damaskus ist. Das erste Mal besuchte ich Syrien 1989, vor über 35 Jahren. Damals war ich im Norden des Landes erschreckt, wie viel verschleierte Frauen ich sah. Der syrische Norden, Hama, Aleppo, Idlib, war aber schon immer konservativer als der Süden, Damaskus, Homs, Darʿā. Und viele HTS-Leute kommen aus diesem Norden. Schon damals stellte sich Damaskus ganz anders dar als Aleppo. Jetzt sah man zwar die Milizionäre von HTS, die man an ihren Bärten erkannte, aber sie verhielten sich extrem zurückhaltend. Man merkt, sie haben eine entsprechende Order. Sie stehen an irgendwelchen Straßenecken, aber selbst von alten Freunden, die ich von früher her kannte, hörte ich, früher hätten sie Angst vor der Polizei und dem Geheimdienst gehabt, doch jetzt fühlten sie sich doch eher beschützt. </em></p>
<p><em>Ich sage das nicht aus leichtem Herzen, denn ich weiß, woher die HTS-Leute kommen. Ich habe mit drei jungen HTS-Milizionären zusammengesessen, die Tee gekocht haben und mit mir Selfies machen wollten. Die hätten mir vor 15 oder 20 Jahren im Irak den Hals abgeschnitten, wenn sie mich in die Finger gekriegt hätten. Der Vorläufer des HTS war damals die schlimmste Branche von al-Kaida. Ich werde nie vergessen, was die angerichtet haben, wie viele irakische Menschen sie abgeschlachtet, hingerichtet und weggebombt hatten. Syrer, mit denen ich jetzt habe sprechen können, haben mir gesagt, wir wissen, wo die herkommen, aber wir messen sie an ihren Taten, nicht an ihren Worten.</em></p>
<p><em>Zugleich hilft es wenig, die Lage in Syrien heute mit der im Iran 1979 zu vergleichen. Khomeini spielte den weisen Revolutionär im Exil. Er hatte, anders als HTS (noch) kein Blut an den Händen. Sobald in Syrien jetzt irgendetwas passiert, reagieren Menschen deshalb mit Angst und Empörung. In as-Suweida hat eine lokale Gruppe des HTS die Arrak-Fabrik geschlossen. Es gab große Proteste von den Bauern, den Menschen, die gerne Arrak trinken, dann kam die Order aus Damaskus, die Fabrik wieder zu öffnen. Die sind sehr vorsichtig. </em></p>
<p><em>Außerdem brauchen sie Geld. Die Zerstörung in Syrien kann man sich in Deutschland kaum vorstellen. 40 Prozent aller Gebäude liegen in Ruinen. Selbst in Damaskus. Die nordöstlichen Vororte wurden völlig zerstört. Es bedarf hoher Milliardensummen, um Syrien wieder aufzubauen. Die kommen nicht aus syrischen Ölquellen, denn so viel Öl hat Syrien nicht. Die Mittel müssten aus Europa und aus den Golfstaaten kommen. Nun wollen weder Europa noch die Golfstaaten, dass in Syrien ein Halsabschneider-System regiert. All diese gegen das Land verhängten Sanktionen wurden noch nicht aufgehoben. Es ist aber auch völlig klar, diese Sanktionen werden nur aufgehoben, wenn diese neue Regierung sich halbwegs benimmt. </em></p>
<div id="attachment_5773" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5773" class="wp-image-5773 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/20250114_145130-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5773" class="wp-caption-text">Revolutionsdevotionalien im Bazar von Damaskus. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><em>Es gibt auch zurzeit noch eine Doppelregierung. Die Minister wurden ausgetauscht, da sitzt jetzt ein HTS-Mann, aber die stellvertretenden Minister sind alle geblieben. Das ist die alte syrische Verwaltung. Die Übergangsregierungen in den Regionen außerhalb von Damaskus sind mit der Ausnahme von Idlib meist auch keine HTS-Leute. Man wollte offenbar auch Entwicklungen wie in Bagdad nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 vermeiden, wo kein Ministerium mehr funktionierte. Die Leute sind damals einfach nach Hause gegangen. Wer dagegen in Syrien in der zivilen Verwaltung arbeitete, nicht die aus Geheimdienst oder Gefängnissen, bekommt eine Chance. Das ist aus Sicht einer Transitional Justice nicht erfreulich, denn sehr viele aus dem Mittelbau werden so vermutlich ungeschoren davonkommen. Hauptsache, so die Maxime, der Laden läuft weiter. Das hat bisher auch recht reibungslos funktioniert. Und im Mittelbau sitzen weiter die alten Assad-Leute, die keine Islamisten sind. </em></p>
<p><em>Die Frage ist deshalb auch gar nicht so sehr, ob der HTS eine Islamisierung von Syrien will, sondern inwiefern er sie praktisch durchsetzen könnte. Ohne Geld, in einer Gesellschaft, in der viele Menschen höchst alarmiert sind, wenn die kleinste Angelegenheit passiert? Ich sehe hier keine tragfähigen Parallelen zu 1979 im Iran, wo Khomenei durchaus anfangs eine Massenbasis hatte. HTS ist auch nicht so stark. Und besteht – zusammen mit Verbündeten – aus vielleicht 30.000 bis 40.000 Milizionären. </em></p>
<h3><strong>Eine Zukunft für Syrisch Kurdistan?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Syrisch Kurdistan spielt die Türkei eine schwierige Rolle, weil sie die dortigen Kurden mit der PKK identifiziert und daher möglichst vertreiben will. Die Syrer, die sich in die Türkei geflüchtet hatten, sollen möglichst schnell wieder zurück nach Syrien. Da stören die Kurden.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Wenn wir über die Kurden reden, sollten wir uns zuerst klarmachen, dass dieses Bild von <u>den</u> Kurden als einheitliches Volk extrem problematisch ist. Die Kurden sind keine homogene Einheit. Wir sollten daher nicht immer über <u>die</u> Kurden reden. Ich habe mit einer solchen Sicht ohnehin Schwierigkeiten, weil diese aus verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Einstellungen eine homogene Gruppe macht und sie damit auch irgendwie erniedrigt. </em></p>
<p><em>Das gilt auch für die Türkei. Es heißt immer, die Türkei ist gegen die Kurden. Die Türkei unterhält allerdings zum Beispiel hervorragende Beziehungen zu der Kurdisch-Demokratischen Partei (KDP) im Irak. Das würde Ihnen auch jeder türkische Regierungssprecher sagen. Sogar der ultranationalistische Sprecher der MHP hat das letztens erklärt: Wir haben kein Problem mit den Kurden, das ist unser Brudervolk, wir haben ein Problem mit der PKK als Terrororganisation. Das ist die offizielle türkische Position, die so natürlich auch nicht stimmt, aber man sollten sie schon wahrnehmen.</em></p>
<div id="attachment_5774" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5774" class="wp-image-5774 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050091-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5774" class="wp-caption-text">Bild von Abdullah Öcalan in Qamshly, Rojava. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><em>Daraus ergibt sich das momentane Spannungsfeld. Im Irak wurde nach dem Sturz von Saddam Hussein eine föderale Verfassung verabschiedet. Die autonome Region Kurdistan im Irak ist ein selbstverwaltetes Gebiet. Mit extrem weitgehenden Autonomierechten. Das funktioniert trotz Spannungen gut. Einer der größten Handelspartner der Region ist die Türkei.  </em></p>
<p><em>In Syrien stellt sich die Situation ganz anders dar. Das hat seine Geschichte. Die Schwester-Partei der PKK, die PYD, spielt dort eine dominante Rolle. Ihr bewaffneter Arm, die YPG, hat ab 2012 de facto in Rojava die Macht übernommen. Zudem sind viele Kämpfer und alte Kader der PKK nach Syrien gegangen. Überall in den Ortschaften in Rojava hängen Bilder des in der Türkei inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan. Die Nähe dieser beiden Parteien wird auch nicht in Frage gestellt. Die Türkei erklärt deshalb: „Wir wollen nicht, dass 300 Kilometer unserer Grenze von einer Terrororganisation kontrolliert werden, die auch in Europa und den USA auf der Terrorliste steht. Entweder das endet oder wir beenden es militärisch.“</em></p>
<p><em>Was folgt daraus? Welche Möglichkeiten gibt es, die weitgehende Autonomie in Syrisch Kurdistan zu erhalten? Gegen den Willen der Türkei ist das vermutlich nicht möglich, denn die Türkei ist dazu zu stark, sie ist zudem wichtiger NATO-Partner und wir alle wissen, dass im Fall, die USA oder die EU als momentane Schutzmächte Rojavas, würden vor die Wahl gestellt werden, sich für die Türkei oder Syrisch Kurdistan zu entscheiden, die Entscheidung für die Türkei ausfallen würde. Die Frage stellt sich deshalb: Gibt es Wege, wie eine starke Selbstverwaltung oder Autonomie, wie von allen syrisch-kurdischen Parteien gefordert, erhalten oder umgesetzt werden können, auch damit Massaker, Vertreibungen, ethnische Säuberungen, wie sie in der Vergangenheit stattgefunden haben, in Zukunft vermieden werden können, ohne dass die Türkei sagt, da machen wir nicht mit? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wäre eine föderale Verfassung eine Lösung?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Das müssen die Syrer erst einmal diskutieren. Es gibt in Syrien unter den Drusen, den Alawiten, auch unter anderen Gruppen, heftige und spannende Diskussionen, wie ein zukünftiges Syrien aussehen soll. Selbst die Drusen sind gespalten. In as-Suweida im Süden existiert eine Situation, die man mit Rojava ein Stück weit vergleichen kann. Dort wurden vor zwei Jahren die Assad-Truppen rausgeworfen. Das heißt, dort gibt es seitdem weitgehende Freiheit und eine Situation, die man in Syrien überall hätte haben können, wenn Assad nicht 2013 den Iran und die Russen geholt hätte, um die Protestbewegungen niederzuschlagen. </em></p>
<p><em>In as-Suweida können sich Menschen auf dem Revolutionsplatz, in den Cafés treffen und diskutieren, einfach frei sprechen. Das ging sonst in Syrien nicht. Es war in Syrien nicht möglich, auch nur ein politisches Gespräch zu führen ohne zu fürchten, dass der Geheimdienst das mitbekommt und einen verhaftet. Viele müssen jetzt beim Punkt Null anfangen. Das ist in as-Suweida und in Kurdistan anders. Es gibt in as-Suweida einerseits Stimmen, die für eine starke Dezentralisierung und Föderalisierung des Landes eintreten, eine andere Gruppe dagegen, die eine einheitliche Verfassung und einen Zentralstaat befürwortet will, die auf der Grundlage von Citizenship, auf gleichen Bürgerrechten beruhen. </em></p>
<p><em>Diese Diskussion müssen die Syrer erst einmal führen. Dies können wir nicht für sie tun. Wir können verschiedene Modelle nennen, das Modell in Deutschland, das Modell in Südtirol, das sehr interessant ist, das Modell in den USA. Föderalismus heißt ja nicht, wie oft von seinen Gegnern im Nahen Osten behauptet, Separatismus, sondern bedeutet ein anderes Verwaltungssystem, das man auf Sprache auf eigenen Territorien aufbauen kann. Das wurde so auch im Irak nach dem Sturz von Saddam Hussein so diskutiert. </em></p>
<div id="attachment_5775" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5775" class="wp-image-5775 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1050214-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5775" class="wp-caption-text">Straßenkunst in Qamshly, Rojava. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><em>Es gibt in Syrien allerdings einen wesentlichen Unterschied zum Irak, wo ein kompaktes kurdisches Siedlungsgebiet mit großen Städten existiert, in denen die kurdische Bevölkerung auch die Mehrheit stellt. Das ist in Syrien anders gelagert. Die Kurden in Syrien sind auf drei verschiedene Gebiete verteilt, die untereinander nicht verbunden sind. Es gibt ein Gebiet im Nordosten, um al-Hasaka und Quamishli, die Region um Kobane und Afrin. Ein Grund der fehlenden Verbindung liegt auch an einer gezielten Arabisierungspolitik des syrischen Regimes, das schon in den 1960er Jahren begonnen hat, das Grenzgebiet zur Türkei mit Arabern zu besiedeln, Kurden zu vertreiben und auszubürgern. Diese Arabisierungspolitik passte und passt der Türkei durchaus in ihr Konzept. Nur lassen sich diese demographischen Veränderungen nach so langer Zeit auch nicht einfach rückgängig machen. Dazu kommt, dass es keine wichtigen urbanen Zentren in Syrisch-Kurdistan gibt und deshalb viele syrische Kurden in die großen Städte migriert sind, nach Aleppo und Damaskus, in denen es bedeutende kurdische Stadtviertel gibt. Es liegen keine verlässlichen Zahlen vor, aber Kurden machen um die zehn Prozent der syrischen Bevölkerung aus, von denen wiederum ein bedeutender Teil nicht in Kurdistan lebt.  </em></p>
<p><em>Aber auch in diesen kurdischen Gebieten sind die Verhältnisse wiederum recht kompliziert, denn auch da macht die kurdische Bevölkerung mit etwa 60 Prozent die Mehrheit aus. Die anderen sind Araber, Assyrer, armenische Christen und Turkmenen. Da stellt sich dann die Frage, wie könnte eine Autonomie aussehen, die allen gerecht wird? Vor über zehn Jahren war ich ein wenig als Berater eines der Dachverbände syrischer kurdischer Parteien tätig. Damals fanden viele das Südtiroler Autonomie-Modell interessant, das auf sprachlicher und nicht ethnischer Basis funktioniert.</em></p>
<p><em>Insgesamt besteht überall in Syrien ein unglaubliches Bedürfnis, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Welche Verfassung soll man sich geben? Welche Möglichkeiten und auch internationale Vorbilder gibt es, der Diversität Syriens gerecht zu werden? Was ist das Für und Wider einer föderalen Verfassung, das Für und Wider einer Dezentralisierung? Es wäre aus radikaldemokratischer europäischer Sicht deshalb auch eine unglaublich wichtige Initiative anzubieten, mit Menschen diese Modelle zu diskutieren, die Ideen, die hinter der Idee des Föderalismus stehen, die eben nicht auf Separierung fußen, sondern auch darauf, viele Checks and Balances einzurichten, um Rückfall in einen neuen zentralistischen Autoritarismus zu verhindern. </em></p>
<p><em>Gerade die deutsche Erfahrung mit dem Föderalismus und einem starken Parlament wäre etwas, woraus sich lernen ließe. Das passiert jedoch nicht. Das ist in Libyen nicht passiert, leider auch nicht in Tunesien, wo genau das passiert ist: Dort hat quasi der Präsident, dem in der Verfassung viel zu viel Rechte eingeräumt werden, das Land wieder in eine quasi Diktatur verwandelt. Vielen in Syrien fiel auf, dass Außenministerin Annalena Baerbock in Damakus zwar forderte, der Schutz der Minderheiten müsse garantiert werden, aber nicht von Demokratie und Bürgerrechten sprach. Nur ist dieser gesamte Minderheitendiskurs äußerst problematisch. Angefangen damit, dass Kurden in Kurdistan und Drusen dort wo sie leben keine Minderheit sind. Niemand würde ja auch ernstlich die italienischsprachigen Bewohner des Tessin als Minderheit in der Schweiz bezeichnen.</em></p>
<p><em>Es geht aber noch weiter, ganz besonders mit Blick auf nichtmuslimische Gruppen. Islamische Herrschaft war ja meist – keineswegs immer – eher tolerant gegenüber Christen und Juden, so lange sie als schutzbefohlene Untertanen (Dhimmis) ohne Bürgerrechte galten. Also muss man, so die Kritik vieler Aktivistinnen und Aktivisten in Syrien – und nicht nur dort – Bürgerrechte für alle fordern, über Gleichheit vor dem Gesetz, über eine auf Citizenship beruhende Verfassung reden. Bei dem Beharren auf Minderheiten kann nämlich jeder Islamist, der sich nur ein wenig moderat gibt, sagen: Bei uns haben Christen, Juden und andere „Minderheiten“ immer besser gelebt als bei euch in Europa, was wollt ihr eigentlich? </em></p>
<h3><strong>Bürgerrechte oder Identitätspolitik? </strong></h3>
<div id="attachment_5776" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5776" class="wp-image-5776 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle15-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5776" class="wp-caption-text">Junge in as-Suwaida. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Besucher aus dem Westen wissen offensichtlich wenig über die Region.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Das ist die Tragödie des arabischen Frühlings von 2011, der jetzt seinen Fortgang findet. Junge Menschen gehen auf die Straße. Mit ihren Nationalfahnen. Sie sagen: Wir wollen Citizenship, wir wollen feste Grenzen, wir wollen Tunesier, Libyer, Syrer sein. Letztlich ist das das arabische 1848. Ein Friedrich Stoltze, ein Heinrich Heine oder ein Victor Hugo würden sofort verstehen, was die Leute dort fordern. Wir aber reden über Kultur und Religion. Die spielen natürlich auch eine Rolle, aber letztlich geht es im gesamten Nahen Osten um Würde, Verfassung, Citizenship. Wir haben keine deutsche Übersetzung für dieses Wort, denn Staatsbürgerschaft ist etwas anderes. Auch Citoyennité ist etwas anderes als Citizenship. </em></p>
<p><em>All diese grundsätzlichen politischen Fragen, die man auch aus der europäischen Geschichte kennt, stehen in diesen Ländern auf der Tagesordnung. Fahren Sie nach as-Suweida und stellen Sie sich auf den Revolutionsplatz. Sie können dort sofort über solche Themen diskutieren. Da leuchten die Augen. Aber das begreift man in Europa irgendwie zurzeit nicht. Wenn Menschen dort „ein Gesetz für alle fordern“ meinen sie auch, dass aus bestehenden Verfassungen jene Bezüge auf islamisches Recht gestrichen werden sollen, in denen Frauen anders als Männer behandelt werden und anderes Recht für Muslime gilt als für Christen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Durchweg?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Mehr oder weniger. Ich war vier Tage in Tunesien, nachdem Ben Ali gestürzt war, und „Citoyennité“ tauchte überall als Forderung auf. Später haben wir mit Partnern in Syrien und im Irak Projekte auf den Weg gebracht, deren Motto war „Vom Untertan zum Bürger“. Das begeistert Leute: Formen lokaler Demokratie und Partizipation. Bloß keine Untertanen mehr sein, Bürger werden. Mit dem Slogan können alle dort etwas anfangen. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund müsste man auch über die Zukunft Kurdistans sprechen, nicht vor so einem völkischen, der Kurden als irgendwie in ihren Bergen verwurzelte Ethnie betrachtet. Das ist nicht etwas Ethnisch-Kulturelles. Das föderale Modell im Irak fußt schließlich auch auf Territorialität, nicht auf Ethnizität. Man kann letztlich nicht einmal objektiv definieren, wer eigentlich nun ein Kurde ist – bei religiöser Zugehörigkeit ist das einfacher: Christ ist, wer eine Geburtsurkunde besitzt, auf der das steht, gleichviel ob römisch-katholisch, griechisch-orthodox, syrisch-orthodox, armenisch. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland scheint es mir doch schon so etwas zu geben wie eine kurdische Identität. Oder täusche ich mich? Und es sind vor allem türkische Kurden?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>:<em> Natürlich gibt es kurdische Identitäten. Aber was hierzulande als <u>die</u> kurdische Identität erscheint hat viel mit Kulturpolitik der PKK zu tun, deren Diskurs in Deutschland recht hegemonial ist. Die Stimmen irakischer Kurden oder solcher aus dem Iran kommen in Deutschland kaum zu Gehör. Die PKK hat es über ihre Medienmacht, ihre Frauenorganisationen, ihre deutschen Unterstützer geschafft, dass wir uns in Deutschland in der Regel auf diesen PKK-Diskurs beziehen, wenn wir über die Kurden reden. Dieser Diskurs repräsentiert aber weder die anderen kurdischen Stimmen aus der Türkei oder Syrien und schon gar nicht irakischer oder iranischer Kurden. </em></p>
<p><em>Höchstens kommt wenn überhaupt nur eine andere Stimme zu Wort, die neben der PKK noch über einigen internationalen Einfluss verfügt und dass ist die der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) und ihrer Führung unter den Barzanis. Beide sind nur untereinander verfeindet und haben sich sogar jahrelang auch bewaffnet bekämpft. </em></p>
<p><em>Nach dem Sturz Assads scheint sich da allerdings auch einiges zu bewegen. Erst jüngst besuchten hochrangige syrisch-kurdische Vertreter, die der PKK nahestehen, die Barzanis im Irak und hielten eine gemeinsame Pressekonferenz ab.</em></p>
<p><em>Derweil entwickeln die Barzani und die KDP eine rege regionale Diplomatie. Sie unterhalten sehr gute Kontakte sowohl in die Türkei zu Erdoǧan als auch nach Saudi-Arabien und an den Golf. Sie suchen jetzt offenbar ihren Einfluss geltend zu machen, um eine „Lösung“ für Syrisch-Kurdistan in ihrem Interesse zu finden, die die PKK zwar schwächen aber nicht völlig ausschalten würde und zugleich in Kooperation mit Damaskus stattfinden würde. Auch der neue syrische Außenminister hat sich gerade in Davos mit Barzani getroffen und ihn nach Damaskus eingeladen. Während auf der einen Seite in Syrien kurdische Kräfte gegen von der Türkei unterstützte Einheiten kämpfen – was äußerst besorgniserregend ist – finden auf der anderen Seite diese diplomatischen Initiativen statt und man kann nur hoffen, dass es zu keinem großen bewaffneten Konflikt kommt.</em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund ist auch extrem interessant, was seit einiger Zeit in der Türkei passiert. Zum ersten Mal nach zehn Jahren hat die DEM-Partei, die kurdische Partei in der Türkei, viele sehen in ihr eine Art legalen Arm der PKK, Öcalan im Gefängnis besucht. Das fand eine sehr positive Resonanz, auch bei den Ultranationalisten in der Türkei wie bei der AKP. Es sieht so aus, als gebe es gerade in der Türkei einen Versuch, den vor über zehn Jahren unterbrochenen Friedensprozess zwischen der PKK und der Türkei wieder aufzunehmen. Dies hätte dann ganz grundlegende Auswirkungen nicht nur auf die Entwicklungen in Türkisch-Kurdistan, sondern auch in Syrien.</em></p>
<h3><strong>Ein tektonisches Erdbeben</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit hätte der Sturz von Assad eine Reihe von Auswirkungen, die die Region in einem Maße befrieden könnten, wie wir uns das vor wenigen Wochen noch nicht vorstellen konnten.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Ja, der Sturz von Assad ist ein tektonisches Erdbeben in der Region. Wobei wichtig ist festzuhalten, dass Damaskus ja nicht militärisch erobert worden ist. Das Assad-Regime war so fertig, dass es nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Nachdem die erste Verteidigungslinie der Hisbollah vor Aleppo zusammenbrach, war es vorbei. Damaskus ist ohne einen Schuss gefallen.</em></p>
<p><em>In Deutschland kann man sich kaum vorstellen, was da passiert ist. Syrien ist das zentrale Land in der Region. Damaskus ist seit etwa 1.000 Jahren die Hauptstadt des omajjadischen Kalifats, kontrolliert von sunnitischen Arabern. Aus deren Sicht bedeutet das: Wir sind wieder da. Es ist eine Art Renaissance des alten sunnitisch-omajjadischen Empires, das als Goldene Zeit gilt. Bagdad ist eher persisch-schiitisch, es gab auch immer die Konkurrenz zwischen Damaskus und Bagdad. Wir sind wieder die Herrscher in Damaskus. Die alte omajjadische Moschee gehörte lange Jahrhunderte nicht uns, jetzt ist sie wieder unser. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das müsste dem Westen doch auch gefallen. Der Iran wird zurückgedrängt.</p>
<div id="attachment_5777" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5777" class="wp-image-5777 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle6-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5777" class="wp-caption-text">In der Altstadt von Damaskus. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Ja sicher.</em> <em>Die Hisbollah ist extrem geschwächt. Das freut viele Menschen in Syrien. Iraner haben heute Einreiseverbot in Syrien! Das sagt doch viel. Das gesamte Projekt der Islamischen Republik Iran, eine Ausdehnung bis an das Mittelmeer mit dem Ziel der Vernichtung Israels, ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Hassan Nasrallah ist tot, die Hisbollah ist geschwächt, im Libanon gibt es plötzlich eine neue Regierung und in Syrien ist der Iran erst einmal raus.</em></p>
<p><em>Die Kehrseite: In Syrien regiert eine Nachfolgeorganisation von al-Kaida. Was heißt das? Letztlich ist damit plötzlich der salafistische Islam, der auch von Saudi-Arabien und den Emiraten ausgeht, der große Sieger. Lange dachte man, das sind die großen Verlierer. Man darf aber auch nicht vergessen, dass nicht nur der Iran Verlierer ist, auch die Muslimbrüder sind Verlierer. Man darf die Spannungen zwischen den Muslimbrüdern und den arabischen Regierungen am Golf nicht übersehen. Nun waren die Muslimbrüder für uns in Europa interessant, denn sie haben in den 1980er Jahren Demokratie bejaht. In der Türkei, in Ägypten. Sie traten zu Wahlen an, aber dahinter stand nicht die Idee, dass man sich nach der Wahl an Demokratie halten würde. Die Emirate und die Saudis haben eine wahnsinnige Angst vor freien Wahlen und vor den Muslimbrüdern. Das sind innerislamische Spannungen. Das hat auch dazu geführt, dass die Saudis gegen die Wahlsiege der Muslimbrüder in Ägypten, im Sudan, in Libyen militärische Unterstützung geleistet haben. </em></p>
<p><em>Auf der anderen Seite treiben die Saudis und die Emirate die Annäherung an Israel voran, haben intern auch verschiedene Reformen durchgeführt. Aber sie wollen keine Wahlen, sie sagen, das islamische System des Konsenses, der Konsultation, ist im 21. Jahrhundert eigentlich viel erfolgreicher als das Modell der Demokratie. Wir sehen ja, wie im Westen Demokratie zusammenbricht. Wir sind also viel besser auf das 21. Jahrhundert vorbereitet als der Westen.</em></p>
<h3><strong>Abstraktes vs. konkretes Recht </strong></h3>
<div id="attachment_5778" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5778" class="wp-image-5778 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/jungle5-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5778" class="wp-caption-text">Das zerstörte Jobair, ein Vorort von Damaskus. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es wäre also denkbar, dass in Syrien keine Demokratisierung im westlichen Sinne herauskommt, sondern eher eine Entwicklung im saudischen Sinne?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Das ist die Spannung. Die HTS redet über Toleranz, sie redet nicht über Demokratie. Sie redet nicht über eine demokratische Verfassung. Sie wollen eher so etwas nach dem Vorbild der Vereinigten Arabischen Emirate. Dort hat jeder Bürger das Recht, sich an den Emir zu wenden. Der Emir lässt sich beraten, aber es gibt keine Verfassung, in der Volkssouveränität festgeschrieben ist. Es gibt keine Gleichheit vor dem Gesetz, sondern die Scharia. Wer ist der Souverän? Gott oder das Volk? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wie eindeutig ist die Scharia?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Das ist <u>die</u> Diskussion im Islam seit über 150 Jahren. Das sind die zentralen Fragen, um die es im Nahen Osten seit langem geht. Wenn Gott die Gesetze gegeben hat, haben wir Menschen kein Recht, diese zu ändern. Wir können sie nur interpretieren. Also muss – wie im Iran – dies so in der Verfassung stehen. Wenn Gott die Gesetze macht, kann kein Parlament Gesetze beschließen, denn es würde dann die Allmächtigkeit Gottes in Frage stellen. Also ist die erste Frage an Islamisten immer die Frage, ob sie Volkssouveränität akzeptieren oder nicht. Kann ein Parlament ein Gesetz verabschieden oder kann es das nur, wenn ein Rat vorher festgestellt hat, dass das Gesetz nicht der Scharia widerspricht? Im Irak steht in der Verfassung, Gesetze dürfen weder den Menschenrechten noch der Scharia widersprechen. Das ist in sich schon völlig widersprüchlich. </em></p>
<div id="attachment_5779" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5779" class="wp-image-5779 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/P1070290-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5779" class="wp-caption-text">Innenhof der Omajjaden-Moschee. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><em>Das verstehen viele in Europa nicht. Sie verstehen auch nicht, dass Scharia-Recht konkretes Recht ist. Frauen, Männer, Sunniten, Schiiten, Juden, Christen sind unterschiedlich, also muss auf sie auch unterschiedliches Recht angewandt werden. Bürgerliches Recht geht vom abstrakten Staatsbürger und der abstrakten Gleichheit vor dem Gesetz aus. Also werden Verfassungen so entwickelt, dass es den abstrakten Staatsbürger gibt, oder geht man vom konkreten Bürger aus? </em></p>
<p><em>Die maghrebinische Frauenbewegung hat vor 20 Jahren gefordert: „One Law for All!“ Ein Gesetz, das für alle gilt. Das ist im Kontext von islamischem Recht revolutionär, weil es den abstrakten Staatsbürger fordert. Wenn ich also von Minderheitenschutz spreche, reproduziere ich das Denken islamischen Rechts. Die Minderheit hat einen Sonderstatus, sie kann sich auch selbst verwalten, aber sie hat ein anderes Recht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir wieder beim Dhimmi-Status.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>:<em> Genau, der Dhimmi-Status. Die ganze Debatte in Europa, in der wir permanent über Minderheiten und Identität reden, passt viel besser zum islamischen Denken als zum bürgerlichen Rechtsdenken. Das gesamte Gerede über Diversität, Hautfarbe, sexuelle Orientierung etc. passt viel besser zum islamischen Denken als zu einem bürgerlich liberalen Denken. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir reden über Quotierungen und landen dann dort, wo die USA gerade landen, wenn Trump die Affirmative Action abschafft oder Südafrika mit Sanktionen belegt, weil dort die weiße Minderheit benachteiligt würde. Identitätspolitik statt Bürgerrechte. Das ist eigentlich absurd.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Jetzt noch einmal zurück zu den Kurden. Man kann die Kurden als Minderheit definieren, Menschen, die in den Bergen leben, irgendwelche besonderen Tänze haben, dann sind wir im Minderheitendiskurs.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Folklore. Deshalb finden die Deutschen Stadtteilfeste mit fremdem Essen auch so schön.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Das ist völkisches Denken, das mit deutschen Traditionen hervorragend korrespondiert. Wenn Kurden so ganz „authentisch“ sind, werden sie bei uns auch bewundert und geliebt. Da sind wir schnell bei Langbehn oder Gobineau. </em></p>
<p><em>Das Interessante im Irak ist, dass das Problem dort in der Verfassung gelöst wurde. In der Verfassung sind die Kurden ein „Staatsvolk“, und das ist etwas anderes als eine folkloristische Gruppe. Der Irak besteht aus zwei Staatsvölkern, den Arabern und den Kurden. Deshalb ist alles zweisprachig, auch die Pässe sind zweisprachig. Als Kurde habe ich überall im Irak das Recht, meine Angelegenheiten in kurdischer Sprache zu regeln.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie in der Schweiz? Oder in Belgien?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Kanada! Bürgerliche Individualrechte sind immer stärker als Minderheitenrechte. Meinungsfreiheit, Schutz vor dem Staat – all das gilt für mich als Individuum, das sind Individualrechte und nicht Kollektivrechte. Es gibt dabei natürlich auch die Rechte, die ich als Volk habe, mit meiner eigenen Sprache, meiner Kultur, die nicht unterdrückt werden dürfen.</em></p>
<p><em>Im Nahen Osten ist das Problem jedoch etwas anderes: die Angst vor Majorisierung. Wenn wir sagen, da wo die Mehrheit arabisch ist, haben wir Arabistan, und da, wo sie kurdisch ist, haben wir Kurdistan. Dann entwickelt sich daraus sofort der Wunsch, dass die einen die anderen vertreiben wollen, um sich da selbst anzusiedeln. Das ist die Geschichte des Nahen Ostens seit etwa 75 Jahren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht schon länger? Ich denke an den Vertrag von Lausanne 2023 und die folgenden Vertreibungen von Griechen aus der Türkei und Türken aus Griechenland.</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Bleiben wir mal bei der Zeit nach 1945, in der sämtliche Widersprüche, die einem Nationalstaat inhärent sind, im Nahen Osten explodieren. Der Libanon ist ein gutes Beispiel. Wenn wir darüber nachdenken, wer die Mehrheit hat, geschieht etwas wie in Syrien, wo in den 1960er Jahren 300.000 Kurden die Staatsbürgerschaft entzogen wurde, damit sie keine syrischen Staatsbürger mehr sind. Man hat Araber angesiedelt, um sagen zu können, jetzt haben wir hier arabisches Gebiet. </em></p>
<p><em>Dem steht die kanadische Verfassung entgegen. In Kanada ist ein Gebiet immer noch französisches Gebiet, auch wenn da nur noch wenige Franzosen wohnen. In Kanada lassen sich Gebiete so gut wie nicht majorisieren. Es ist so gut wie unmöglich, in Kanada den Status komplett zu ändern. Ähnlich verhält es sich in Irakisch Kurdistan. Die Gouvernements Dahouk, Erbil, Suleymaniia sind Kurdistan. Dort leben heute mehr Araber als noch zu Saddams Zeiten. Trotzdem ist das nach wie vor Kurdistan. Es besteht nicht die Gefahr, dass Araber irgendwann sagen, wir sind jetzt die Mehrheit. Damit ist akzeptiert, das ist Kurdistan. </em></p>
<p><em>Diese Fragen spielen in Syrien eine zentrale Rolle. Wie lässt sich verhindern, dass Kurden, die unter der Arabisierungspolitik Assads sehr gelitten haben, dass es wieder zu einer arabischen Majorisierung kommt? Dann spielen die Fragen eine Rolle, wie ist das in Belgien gelöst, in Indien, in Ländern, in denen es keine einheitliche Nationalsprache gibt? Oder in Nigeria, das eine tolle Verfassung hat, die aber leider nicht umgesetzt wird? Wie ist es möglich, die Ängste derjenigen, die lange Zeit als Minderheit behandelt wurden, so ernst zu nehmen, dass sie in Zukunft vor solchen Schritten geschützt sind? Wie kann man beispielsweise bewaffnete Sicherheitskräfte in einer Region lassen, die auch in der Lage sind einzugreifen. In Irakisch Kurdistan gibt es eigene kurdische Sicherheitskräfte.</em></p>
<p><em>So kommen wir in einen unglaublich spannenden Prozess. Wir können mit jungen Menschen im Nahen Osten, die gerade ihr 1848 erleben, über hochpolitische Fragen sprechen, die wir hier längst vergessen haben, weil sie so selbstverständlich sind, dass niemand mehr weiß, welche Prozesse es gab, um das, was wir heute haben, zu erreichen, oder weil manche die Demokratie über Bord werfen wollen, weil sie Demokratie als die Tyrannei der Mehrheit verstehen.   </em></p>
<h3><strong>Fragen über Fragen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr Fazit? Eher eine positive Prognose?</p>
<div id="attachment_5782" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5782" class="wp-image-5782 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-300x158.jpg" alt="" width="300" height="158" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-200x105.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-300x158.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-400x210.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-600x315.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-768x404.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-800x421.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-1024x538.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-1200x631.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/mena1-1536x808.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5782" class="wp-caption-text">Das Saidnaya-Gefängnis. Foto: Thomas von der Osten-Sacken.</p></div>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Nein, keine positive Prognose. Das ist angesichts des desolaten Zustands des Landes zurzeit nicht möglich. Das Ausmaß, in dem Syrien zerstört wurde, ist kaum fassbar. Schon ein wenig außerhalb von Damaskus fährt man kilometerweit durch Ruinenfelder. Die Hälfte der Bevölkerung sind Binnenflüchtlinge. Was geschieht, wenn sie zurückkehren? Es gibt eine riesige Wohnungsnot. Überall leben Menschen, die da vorher nicht gelebt haben. Das Ganze wird konfessionalisiert werden. Aus christlichen oder alawitischen Gebieten wurden Sunniten vertrieben und umgekehrt. Das wird bei der Wohnungsfrage und vielen anderen dann sofort eine Rolle spielen. </em></p>
<p><em>Viele Konflikte werden jetzt erst aufbrechen, wo die totale Kontrolle, die das Assad-Regime ausübte, zusammengebrochen ist. Es sind auch unzählige Rechnungen noch offen angesichts all der Toten, Verletzten, Verschwundenen und Vertrieben. Man muss einmal durch das Saidnaya-Gefängnis oder eine der anderen Haftanstalten gehen. Das ist ein Höllenloch. Das war sozusagen Herzstück des Terrors des Regimes. Jeder wusste, dass es diese Gefängnisse gibt. Sie thronen oben auf den Hügeln und es konnten gleichzeitig 40.000 Menschen inhaftiert werden. In Dunkelzellen zu 30 Personen auf 18 Quadratmetern. Jeder wusste, das kann mir jederzeit wegen irgendetwas auch passieren. Jeder kannte jemanden, der da drin war und heimlich erzählte. Jetzt tauchen in irgendwelchen Massengräbern die auf, die das nicht überlebt haben. Bislang wurden schon etwa 100.000 Menschen in Massengräbern gefunden – und das ist erst der Anfang.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was müssten die Deutschen tun? Die Sanktionen aufheben?</p>
<p><strong>Thomas von der Osten</strong>: <em>Nein. Jenseits von diesem merkwürdigen Auftritt von Frau Baerbock agierte das Auswärtige Amt im Vergleich in Europa verhältnismäßig gut. Bei all den Versuchen, das Assad-Regime wieder zu normalisieren, hat das Auswärtige Amt relativ in der Vergangenheit Initiativen anderen EU-Staaten meist sogar blockiert.     </em></p>
<p><em>Als erstes müsste aber dieses Geschwätz über Flüchtlinge aufhören. Jetzt darüber zu reden, wann man wen abschieben könnte, ist inhuman und kontraproduktiv. Viele Syrer fahren zurück, um zum ersten Mal ihre Familie wiederzusehen. Viele wollen zurückkehren, aber sie sagen auch, in ein oder in zwei Jahren. Wenn es wieder Wohnungen gibt und Arbeitsplätze. </em></p>
<p><em>Man muss die Diskussionen über Demokratisierung sehr ernst nehmen. Das ist nicht etwas das wir wollen, sondern etwas das die Bevölkerung in Syrien will. Wir müssen ernst nehmen, dass die Menschen, die sich haben schikanieren, verfolgen, verhaften lassen müssen, von denen viele auch getötet wurden, kein Kalifat wollen. Also sollten wir alles unterstützen, das diese Transformation voranbringt, und alles bekämpfen, das dem im Weg steht. Falsch wäre es, nur auf Stabilität zu setzen und sich dann mit einem Regime einzurichten, das das Gegenteil betreibt. Das kennen wir aus Tunesien, wer redet noch über Demokratie in Tunesien, Hauptsache wir haben einen Flüchtlingsdeal.</em></p>
<p><em>Noch am Mitte November 2024 war eine Delegation der EU in Damaskus, um mit Assad zu reden, er habe doch jetzt den Krieg gewonnen, man wolle Stabilität. 13 Tage später ging die Offensive in Aleppo los, durch die Assad schließlich stürzte.</em></p>
<p><em>Man müsste die Lektion lernen: Starke Männer mit starken Geheimdiensten, die sich aus der Staatskasse bereichern und dann auch noch zu den größten Drogendealern der Welt gehören, sind keine Garanten für Stabilität. Also muss man fragen, welche Mittel gibt es, dass sich Staaten in Demokratien, in Rechtsstaaten transformieren. Das ist die eigentliche Stabilität. </em></p>
<p><em>Natürlich muss man jetzt massiv in den Wideraufbau Syriens investieren, auch mit einem Blick darauf, dass die kurdische Selbstverwaltung bestehen bleibt, dass man Druck auf die Türkei ausübt, aber auch türkische Sicherheitsinteressen nicht einfach nur abtut. Sonst kommen pampige und keine konstruktiven Reaktionen aus Ankara. Dann heißt es: Was würdet ihr sagen, wenn ihr 400 Kilometer Grenze mit der Roten Armee Fraktion gehabt hätte? Ihr seid gegen Terroristen vorgegangen, auch wir gehen gegen Terroristen vor. Was erzählt ihr uns jetzt, dass wir Völkermörder sind?</em></p>
<p><em>Extrem wichtig wäre Folgendes: Es kommt im Nahen Osten extrem gut an, dass Deutschland es geschafft hat, sich nach zwei Diktaturen in ein parlamentarisch demokratisch-föderales, System zu verwandeln, in dem es relativ viele Checks and Balances gibt. Diese Erfahrung können wir zur Verfügung stellen und vor der jeweiligen historischen Realität zu diskutieren, was man übertragen könnte. Zum Beispiel eben ein starkes parlamentarisches System. </em></p>
<p><em>Irak ist heute eines der stabilsten Länder in der Region, gerade weil es ein starkes Parlament hat. Das war eine der Lehren der Weimarer Republik: keine Präsidialverfassung. Jede Präsidialverfassung ist das Rezept zur nächsten Diktatur. Das sieht man jetzt aktuell in Tunesien. Ein starker Mann an der Spitze ist immer ganz schlecht. Vor allem wenn der dann auch noch Chef des Militärs ist und sagen kann: Mit dem Volk gegen die „Quasselbude“ Parlament! </em></p>
<p><em>Auch ein Zweikammersystem wäre gut. Das wurde im Irak leider nicht geschaffen. Ein starkes Verfassungsgericht, das nicht in der Scharia, sondern in der Verfassung festgeschrieben ist. </em></p>
<p><em>Und die Frage des Verhältnisses von Religion und Staat. Wie sieht das französische Modell aus, wie das amerikanische, wie das deutsche? Wie kann man die Trennung von Gesellschaft und Religion, von Staat und Kirche gestalten? Wie könnte das in einer islamisch dominierten Gesellschaft funktionieren? Warum ist vielleicht das Wort „säkular“ wenig hilfreich? Weil es ein sehr westeuropäisches, katholisches Phänomen ist.  </em></p>
<p><em>Mit all diesen Fragen könnte man viel erreichen. Aber das geschieht leider nicht, weil alles immer durch die Kultur- beziehungsweise die Religionsbrille gesehen wird. Ich würde sagen: Weg mit der Kultur-Religionsbrille. Lassen Sie uns von Bürgern zu Bürgern reden.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2023, Internetzugriffe zuletzt am 15. Februar 2025. Alle Fotografien einschließlich Titelbild: Thomas von der Osten-Sacken.)<em>        </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Priorität Menschenrechte</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 03 Jan 2025 07:01:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Priorität Menschenrechte Ein Gespräch mit dem Außen- und Menschenrechtspolitiker Max Lucks MdB „Auch eine Faust war einmal eine geöffnete Hand.“ (Titel eines Gedichtbandes von Yehuda Amichai, übersetzt von Alisa Stadler, München / Zürich, Piper, 1994) Seit 2021 ist Max Lucks Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist Obmann von Bündnis 90 / Die Grünen im  [...]</p>
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<h1><strong>Priorität Menschenrechte</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Außen- und Menschenrechtspolitiker Max Lucks MdB</strong></h2>
<p><em>„Auch eine Faust war einmal eine geöffnete Hand.“ </em>(Titel eines Gedichtbandes von Yehuda Amichai, übersetzt von Alisa Stadler, München / Zürich, Piper, 1994)</p>
<p>Seit 2021 ist <a href="https://maxlucks.de/">Max Lucks</a> Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist Obmann von Bündnis 90 / Die Grünen im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe und Mitglied des Auswärtigen Ausschusses. Er befasst sich unter anderem mit dem Irak, dem Iran und der Türkei. Max Lucks war vor seiner Tätigkeit im Deutschen Bundestag unter anderem Co-Vorsitzender der Grünen Jugend.</p>
<p>Wir lernten uns am 31. Juli 2024 bei einem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=uVvyMt9Hp6I">taz-Tak zum zehnten Jahrestag des Völkermords an den Êzîd:innen vom 3. August 2014</a> kennen und haben uns im Anschluss zu einem Gespräch verabredet, das hier dokumentiert wird. Er war einer der Initiator:innen eines Beschlusses des Deutschen Bundestages, mit dem dieser <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/052/2005228.pdf">am 19. Januar 2023</a> auf Antrag der Fraktionen von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90 / Die Grünen und FDP den „Völkermord an den Êzidinnen und Êzîden“ anerkannte (ausführlich zum Völkermord an den Êzîd:innen siehe meinen Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">„Weil sie Êzîd:innen sind“</a>). In dem hier dokumentierten Gespräch haben wir uns über Prioritäten in der Außen- und Menschenrechtspolitik sowie über Konflikte zwischen innen- und außenpolitischen Anliegen ausgetauscht. Dabei spielten auch innenpolitische Debatten und Erkenntnisse aus Reisen in den Mittleren und Nahen Osten sowie Erfahrungen und Gespräche im Wahlkreis eine Rolle.</p>
<h3><strong>Die Lage der Êzîd:innen im Lichte außenpolitischer Debatten </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Stimmung, welche Debattenkultur erleben Sie im Auswärtigen Ausschuss beim Thema Menschenrechte?</p>
<div id="attachment_5602" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5602" class="wp-image-5602 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/Max_Lucks_Lalisch-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5602" class="wp-caption-text">Max Lucks bei einem Besuch in Lalisch (Autonome Region Kurdistan). Foto: MdB-Büro Max Lucks.</p></div>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Als Menschenrechtspolitiker der Grünen im Auswärtigen Ausschuss erlebe ich es als etwas sehr Wertvolles, dass dieses Thema dort viel präsenter ist als man dies in der Öffentlichkeit denkt, im Grunde in jedem Tagesordnungspunkt. Das Engagement ist parteiübergreifend. Zum Beispiel gibt es zur Lage der Êzîd:innen auch von Kolleg:innen der CDU und CSU viel Unterstützung, sich dafür einzusetzen, dass Êzîd:innen eines Tages wieder in ihre Region zurückkehren und dort in Sicherheit und in Frieden leben können. Ich erlebe daher die Arbeit im Ausschuss viel konstruktiver als in der Öffentlichkeit. In der Öffentlichkeit erlebe ich oft, dass von einer Grünen Außenministerin erwartet wird, dass sie für alles einen Zauberstab hat. Den hat natürlich niemand.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Schon aus dem Grund, dass Deutschland als Mitgliedstaat der Europäischen Union, des Europarates und der NATO nicht alleine entscheidet und selbst wenn dies der Fall wäre, nicht die Macht und den Einfluss hätte, die Dinge so zu regeln wie sie im Sinne der Menschenrechte geregelt werden müssten.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>:<em> Das spielt natürlich eine Rolle. Bezogen auf die Lage der Êzîd:innen in Deutschland und darauf, dass sie immer noch nicht in ihre Heimatregion in Şingal zurückkehren können, weil diese völlig destabilisiert ist, hat das auch damit zu tun, dass man sich viel zu spät und auch nicht strategisch positioniert hat. Erst in den letzten Jahren hat man angefangen, für den Westen, für Europa eine gemeinsame Strategie für die Şingal-Region zu entwickeln. Das ist eine Region, in der unfassbar viele Akteure versuchen, Einfluss zu nehmen: die Türkei, der Iran, der Irak, die kurdischen Akteure, die PKK im Bündnis mit dem Iran. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Instabilität in der Region mit den weiteren Krisen zunimmt. Diese Instabilität wird aber nicht nur von außen in die Region hineingetragen. Die Zentralregierung im Irak hat kein Interesse, dort zu einem Frieden zu kommen, sondern unternimmt international alles, um einen nachhaltigen Friedensprozess zu verhindern. Niemand weiß, welche Ziele sie verfolgt, aber klar ist, dass sie nicht in der Lage ist, auf ihrem eigenen Territorium für Sicherheit und Frieden zu sorgen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen von einem Bündnis der PKK mit dem Iran. Andererseits weiß ich, dass am 3. August 2014 und in den darauf folgenden Tagen die PKK als einzige Organisation Êzîd:innen bei der Flucht aus der Region vor dem Terror des sogenannten „Islamischen Staates“ geholfen hat. Alle anderen hatten sich aus dem Staub gemacht.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Das ist richtig. Wir haben die folgende Situation: Als die Êzîd:innen überfallen wurden, sind die Peschmerga-Kräfte der Regionalregierung abgezogen. Allerdings hatten Kräfte der YPG im Bund mit der PKK versucht, einen sicheren Korridor zu schaffen. Das muss man würdigen und anerkennen. Das haben wir auch bei der Anerkennung des Völkermordes an den Êzîd:innen im Deutschen Bundestag getan. Gleichzeitig müssen wir sehen, dass die PKK sich von einem monolithischen Block weg entwickelt. In Bezug auf Şingal stellen wir fest, dass wir es mit drei unterschiedlichen Strömungen zu tun haben. Wir haben die PKK-Ableger im Verbund mit den YPG-Streitkräften aus Syrien. Mit dieser Gruppe sind auch gute Verhandlungen möglich. Wir haben die êzîdischen Selbstverteidigungskräfte, gegen deren Engagement wir auch nichts einwenden können. Aber wir haben – und das ist das zentrale Problem – auch die PKK-Kampfeinheiten der HPG, die mit dem Iran kooperieren und sich auch immer wieder in den Iran zurückziehen, um sich dort ausbilden zu lassen und ihre strategischen Fähigkeiten zu weiten. Diese sind für die Türkei ein besonderer Dorn im Auge und für diese ein Grund, Bombardierungen im Şingal durchzuführen. Wir müssen auch sehen, dass diese Teile der PKK nicht nur mit dem Iran, sondern auch mit einem Teil der irakischen Regional- und Zentralregierung im Bündnis stehen, und dort Macht und Druck gegenüber den Barzanis aufbauen wollen. Das lässt sich nicht lösen, wenn man den êzîdischen Selbstverwaltungsanspruch in der Şingal-Region vergisst. Daher muss man mit der PKK und den HPG-Ablegern der PKK darüber verhandeln, dass die Êzîd:innen den Şingal selbst verwalten können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist interessant, denn die PKK wird in Deutschland und in der Europäischen Union pauschal als Terrororganisation geführt. Sie sagen, PKK und PKK sind nicht dasselbe.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>In der Europäischen Union wird die klassische PKK als Terrororganisation eingestuft. Da sind zum Beispiel diejenigen, die illegales Glücksspiel betreiben und Schutzgelder eintreiben. Diese PKK-Strukturen gibt es bei uns in Deutschland. Es gibt aber auch Teile der PKK, die sich auf den Weg einer Demokratisierung gemacht haben. Es ist wichtig zu wissen, dass die YPG-Kräfte in Syrien nicht identisch mit der PKK sind. Das ist immens wichtig. Einige Länder sind da viel weiter. Frankreich und Großbritannien kooperieren viel mehr mit der YPG. Das sollten wir auch tun. </em></p>
<p><em>Es stellt sich auch die Frage nach den jüngsten Entwicklungen in der Türkei, ob nicht ein neuerlicher türkisch-kurdischer Friedensprozess möglich wäre. Nun gab es das Attentat in Ankara vom 30. September 2024, aber dieses Attentat zielte darauf ab, eine solche Aussöhnung zu verhindern. Es gibt auch in der türkischen Regierung viele, die, aus welchen Gründen auch immer, einen Friedensprozess verhindern wollen. Wenn es zu einem solchen Prozess kommt, sollten wir ihn aktiv unterstützen. Für uns als Land mit der größten êzîdischen Diaspora der Welt muss aber klar sein: Wenn es einen Frieden geben soll, dann sollte Şingal einer der ersten Orte sein, an dem dieser umgesetzt wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurzeit erleben wir, dass Êzîd:innen, die nach Şingal zurückkehren, dort in Häuser zurückkehren müssen, in denen auch die vormaligen Täter leben.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Der IS ist nach wie vor aktiv. Es gibt keine funktionierende Infrastruktur. Die Zivilbevölkerung leidet unter den Bombardierungen und es gibt kein funktionierendes Krankenhaus. Şingal ist für Êzîd:innen nicht sicher. Auch andere Regionen im Irak sind für sie gefährlich. In der Region Dohuk sollen zum Beispiel 100.000 Êzîd:innen leben. Es gibt aber kein einziges êzîdisches Restaurant, weil die Menschen dort nicht bereit sind, überhaupt bei Êzîd:innen essen zu gehen. </em></p>
<h3><strong>Türkische Zustände</strong></h3>
<div id="attachment_5849" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5849" class="wp-image-5849 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC05620-Enhanced-NR-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5849" class="wp-caption-text">Beim ézîdischen Ezi-Fest in Berlin. Foto: MdB-Büro Max Lucks.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie erwähnten bereits, dass die Türkei eine Menge zur Instabilität in der Region beiträgt. Im Ruhrgebiet leben viele Türk:innen, viele Menschen, die die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft haben, aber auch einige, die nur die türkische haben. Welche Stimmung erleben Sie in diesen Communities, von denen ein Teil ja auch nationalistische und rechtsextremistische Elemente vertreten?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Es gibt natürlich unheilige Allianzen. In meinem Nachbarwahlkreis in Dortmund gibt es das Büro des Neonazis Matthias Helferich, ein Dreh- und Angelpunkt auch für die rechtsextremen türkischen Grauen Wölfe. In meiner Nachbarschaft in Bochum gibt es auch viele Vorbehalte, wir haben aber daneben viele Freundschaften zwischen Êzîd:innen und Muslim:innen. Die Leute in meinem Wahlkreis interessieren sich allerdings weniger für Außen- und Menschenrechtspolitik, sondern für Sozial- und Wohnungspolitik. Viele gehören inzwischen zur Mittelschicht dieses Landes und interessieren sich viel mehr für ökonomische Fragen. Es gibt natürlich gerade hier im Ruhrgebiet viele Menschen, die aus der Schwarzmeerecke kommen, wo Erdoǧan eine hohe Zustimmung erfährt. Das schlägt sich in den Einstellungen nieder, aber es hält sie nicht davon ab, sich mit Deutschland zu identifizieren. Ich habe eher ein positives Gefühl. Ich bin da gelassen.</em></p>
<p><em>Diejenigen, die sich als Türk:innen verstehen, vertreten viele verschiedene Meinungen und Interessen. Wir hatten zuletzt zum zehnten Jahrestag des Völkermords an den Êzîd:innen in Bochum eine Gedenkveranstaltung, an der die êzîdische Gemeinde, die türkische Gemeinde, die kurdische Gemeinde, die alevitische Gemeinde und die jüdische Gemeinde gemeinsam teilnahmen. Hier in der Diaspora entstehen breite Bündnisse. </em></p>
<p><em>Wir haben natürlich mit der Türkei ein Problem, weil diese ein Land ist, mit dem wir engste Verflechtungen haben und mit der wir eigentlich Kooperation wollen, was aber nicht möglich ist, weil bestimmte Grundsätze nicht geteilt werden. Zum Beispiel ist nicht klar, ob die Türkei in den nächsten Jahren noch Mitglied des Europarats bleiben kann, obwohl sie schon länger Mitglied ist als Deutschland. Die Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte werden in der Türkei einfach nicht umgesetzt. Kurdische Oppositionspolitiker, darunter die beiden Vorsitzenden der HDP </em><a href="https://www.spiegel.de/ausland/tuerkei-selahattin-demirtas-zu-langer-haft-verurteilt-a-c439ce5e-999b-4ec2-8446-1333c917833b"><em>Selahattin Demirtaş und Figen Yüksekdaǧ</em></a><em> sind seit über acht Jahren in Haft. Seit sieben Jahren ist </em><a href="https://www.deutschlandfunk.de/tuerkische-regierungskritiker-in-deutschland-politik-aus-100.html"><em>Osman Kavala</em></a><em> in Haft. Ich würde mit der Türkei viel lieber über Visaerleichterungen sprechen als darüber, dass sie doch endlich ihre politischen Gefangenen freilassen sollen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wird Erdoǧan nicht tun.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Meinen Sie?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum sollte er?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Weil die Europäische Union das zur Priorität macht. Die EU redet mit der Türkei so unglaublich oft über Zypern und stellt so unglaublich viele Bedingungen, dabei ist das ein Punkt, bei dem sich die EU selbstkritisch fragen sollte, was man da eigentlich gemacht hat. Gerade im Lichte möglicher türkisch-kurdischer Friedensverhandlungen müssten die Menschenrechte, die Freilassung der politischen Gefangenen in der Türkei doch zur Bedingung gemacht werden können.</em></p>
<p><em>Wir müssen nicht nur deshalb auch dafür sorgen, dass die Europäische Union auch der </em><a href="https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/europarat/europaeische-menschenrechtskonvention"><em>Europäischen Menschenrechtskonvention</em></a><em> beitritt, allein schon deshalb, damit der institutionelle Rahmen abgesteckt wird und man gemeinsame Linien vertreten kann. Mitglieder sind die 46 Mitgliedstaaten des Europarates einschließlich der 27 EU-Mitglieder. Man muss Mitglied des Europarates und der Europäischen Menschenrechtskonvention sein, um Mitglied der EU zu werden, aber die EU ist selbst nicht Mitglied.</em></p>
<h3><strong>Stimmungswandel in Deutschland?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Arbeit im Außenausschuss ist das eine, eine andere ist die Arbeit im Innenausschuss des Bundestages. Als wir uns beim taz-Talk über den zehnten Jahrestag des Völkermordes trafen, sagten Sie: <em>„Schöne Grüße an Nancy Faeser“</em>. Anlass waren Abschiebungen von Êzîd:innen in den Irak. Etwa 10.000 Êzîd:innen sind von Abschiebung bedroht. Nancy Faeser will die Zahlen der Abschiebungen hochtreiben. Da scheint es ihr egal zu sein, was sie damit anrichtet.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Ich bin Obmann der Grünen im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe im Deutschen Bundestag. In diesem Ausschuss stellen wir uns die Frage nach den Menschenrechten innerhalb von Deutschland. Wir haben dort immer wieder das Innenministerium zu Gast. Ich bleibe auch bei dem Vorwurf gegenüber dem Innenministerium, das auf eine geradezu dysfunktionale, rücksichtslose und antihumanitäre Weise Nancy Faesers PR-Kampagnen zur Steigerung der Abschiebezahlen betreibt. Ich habe im Sommer eine êzîdische Familie im Irak in der Ninive-Ebene getroffen, die dorthin zurückmusste – in die Region, in der sie verfolgt wurde.</em></p>
<div id="attachment_5847" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5847" class="wp-image-5847 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC04349-Enhanced-NR-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-5847" class="wp-caption-text">Im Gespräch mit der aus Deutschland abgeschobenen Familie Kheiry. Foto: MdB-Büro Max Lucks.</p></div>
<p><em>Es ist unhaltbar und unaushaltbar, dass wir zu Lasten der Opfer des IS die Abschiebezahlen in Deutschland steigern. Wir haben zuletzt erlebt, dass in meiner Nachbarstadt Essen Leute mit IS-Flaggen demonstrierten, während ein paar Kilometer weiter am Düsseldorfer Flughafen die Opfer des IS in den Abschiebeflieger gesetzt wurden. Das kann doch nicht der Anspruch der deutschen Innenpolitik sein, aber es ist die Realität der Innenpolitik von Nancy Faeser. Meine Aufgabe als Bundestagsabgeordneter ist es in diesem Punkt, nicht in erster Linie die Regierung zu stützen, sondern die Regierung zu kontrollieren und das auch offen zu sagen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Fühlen Sie sich von der Außenministerin bei diesem Anliegen unterstützt?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>:<em> Ja. Ich habe das Gefühl, dass das Auswärtige Amt sehr klar ist. Die Außenministerin hat sich dazu im August auch deutlich geäußert. Eine große Unterstützung ist der Vizekanzler, auch nachdem Schleswig-Holstein, sein Bundesland, einen Abschiebestopp für Êzîd:innen beschlossen und als erstes Land eine eigene Aufnahmeanordnung für êzîdische Männer und Frauen durch den Landtag gebracht hat. Robert Habeck hat sehr klar gesagt, dass es zumindest einen bundesweiten Abschiebestopp für Êzîd:innen geben soll. Die grüne Partei hat darüber hinaus mit sehr großer Mehrheit beschlossen, dass wir im Aufenthaltsrecht einen eigenen Paragraphen für diese Menschen schaffen. Ich fühle mich sehr in meiner Partei unterstützt, auch von Abgeordneten der Union, beispielsweise von meiner sehr geschätzten Kollegin </em><a href="https://www.serapgueler.de/"><em>Serap Güler</em></a><em>. Und ich darf sagen, dass ich viel Unterstützung in der Gesellschaft erhalte. Viele Menschen in unserer Gesellschaft äußern große Empathie für die Êzîd:innen und haben sehr wenig Verständnis für das rücksichtlose Vorgehen von Abschiebeministerin Nancy Faeser.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum zehnten Jahrestag des Völkermords an den Êzîd:innen hatte ich den Eindruck, dass in den deutschen Medien viel mehr über dieses Thema berichtet wurde als in den Jahren zuvor. Die Frage ist natürlich, ob das andauert. Aber vielleicht ist das auch ein Zeichen, dass viele in unserer Gesellschaft über das Thema Abschiebungen differenzierter denken und nicht alles über einen Leisten schlagen. Nehmen Sie das auch wahr? Oder bin ich naiv?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Ich halte das nicht für naiv. Es gibt eine große Sympathie für die Êzîd:innen in breiten Teilen unserer Gesellschaft. Es gibt relativ viel Verständnis für das Leid dieser Gruppe. Viele Konservative, mit denen ich spreche, sind stolz darauf, dass unser Land ihnen Schutz bietet. Wichtig ist, dass wir dieses Momentum nutzen, um noch mehr aufzuklären und auch mit einem gewissen Stolz darauf blicken, dass wir zum Beispiel zwischen Celle und Gütersloh das zweitgrößte êzîdische Siedlungsgebiet der Welt beheimaten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine sehr große Gruppe lebt zum Beispiel in Bielefeld. Und ich kann mir gut vorstellen, dass dies dazu führt, dass die Aufmerksamkeit für das Leid und für die Geschichte der Êzîd:innen in einer solchen Stadt steigt. Eher als in einer Region, wo vielleicht einmal eine einzelne êzîdische Familie lebt. Das spräche dafür, dass man Menschen, die aus einer bestimmten Region kommen, die einer bestimmten Gruppe angehören, möglichst nicht voneinander trennt. Etwas anderes ist natürlich die Unterbringung in Erstaufnahmeeinrichtungen oder den sogenannten ANKER-Zentren, die seinerzeit Horst Seehofer hat einrichten lassen.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>:<em> In Erstaufnahmeeinrichtungen erleben Êzîd:innen oft das, was sie auch sonst erleben. Sie leben Tür an Tür mit ihren Peinigern. Sie treffen diese auf dem Gang, in der Küche, auf dem Hof, zu jeder Zeit. Sie erleben dort massive Diskriminierung und Stigmatisierung aus der islamistischen Szene. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist das den Innenpolitiker:innen genauso bewusst wie den Politiker:innen, die sich für die Menschenrechte einsetzen? Ich denke auch an die Debatte, Asylanträge außerhalb der Grenzen der Europäischen Union zu bearbeiten. Den inzwischen gescheiterten Versuch von Giorgia Meloni, einige Männer in Albanien unterzubringen, halte ich noch für Symbolpolitik, zumal Albanien ja auch nicht so schlimm klingt wie Ruanda. Aber die Debatte ist nach wie vor aktuell und wird mit Sicherheit dazu führen, dass bestimmte Gruppen, darunter Êzîd:innen, in diesen Lagern genau das erleben, wovor sie geflüchtet sind.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>:<em> Unser Aufnahmesystem scheitert daran, Schutzbedürftige wirksam zu schützen, weil wir uns zu wenig Gedanken machen, wie dies möglich wäre und welche Herausforderungen es gibt. Das ist die eine Seite im System. Wir haben aber auch ein System, das chronisch unterfinanziert und überlastet ist. Wir haben in Deutschland viele Sozialarbeiter:innen, die höchst sensibilisiert sind, die auch einschreiten, wenn sie etwas mitbekommen. Man wird allerdings wohl nicht völlig verhindern können, dass es in Erstaufnahmeeinrichtungen zu Spannungen kommt. Wir müssen die Menschen unterstützen und würdigen, die dort hart arbeiten, um solche Spannungen aufzulösen.</em></p>
<h3><strong>Die Zukunft der Entwicklungspolitik </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben mehrfach die Region bereist. Eine andere Sache sind Ihre Reisen innerhalb Deutschlands, in denen Sie mit Menschen aus der êzîdischen oder auch aus anderen Communities Kontakt haben.</p>
<div id="attachment_5848" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5848" class="wp-image-5848 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/01/DSC03973-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-5848" class="wp-caption-text">Mit ézîdischen Kindern im IDP-Camp Dohuk. Foto: MdB-Büro Max Lucks.</p></div>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Man merkt bei den Reisen immer noch, dass die Bundesrepublik Deutschland einen bestimmten Einfluss hat. Ich fand es sehr eindrucksvoll, jetzt, zehn Jahre nach dem Völkermord, im Irak zu sein. Vor Ort musste ich feststellen, dass der Wiederaufbau im Irak in Mossul, gesteuert von der Zentralregierung, funktioniert, aber in Şingal nicht. Dahinter sehe ich eine politische Absicht und es ist daher auch meine Aufgabe, dies gegenüber den Gesprächspartnern der Zentralregierung auszusprechen. Ich sah auch, dass die Gelder, die wir für den Wiederaufbau im Irak ausgeben, nicht unbedingt die geplante Wirkung entfalten. Wenn wir uns die fürchterliche Lage in den IDP-Camps ansehen, müssen wir unser eigenes Handeln immer wieder hinterfragen und darüber sprechen, was unsere Position ist und wie wir sie gegenüber der irakischen Zentralregierung vertreten. Wenn die Zentralregierung sich nicht um die Leute kümmert, tun wir das als Ort der größten êzîdischen Diaspora der Welt. So weit so gut. Aber was uns wirklich Sorgen macht, das sind die Spannungen zwischen der Zentralregierung und den Vereinten Nationen und der Abzug der </em><a href="https://www.unitad.un.org/"><em>UNITAD</em></a><em>. Wir müssen wirklich sehr genau darauf achten, dass wir die Beweise, die UNITAD erhoben hat, langfristig sichern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit wem konnten Sie sprechen?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>In der Region Kurdistan im Irak ging das uneingeschränkt. Wir haben mit dem Ministerpräsidenten, mit Mitgliedern der Regierung, Vertretern der verschiedenen Parteien und der Zivilgesellschaft gesprochen, genauso wie mit êzîdischen Bewohnern in der Region Şingal, mit unseren Auslandsvertretungen und mit der GIZ. Außerdem ist es mir wichtig, mit den Menschen auf der Straße zu sprechen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Dolmetschern und Sicherheitsleuten?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Mit Dolmetschern, aber möglichst ohne Sicherheitsleute. Die Strukturen sind hart. In der deutschen Kultur haben wir manchmal die Angewohnheit, nicht die wirklich harten Fragen in den Mittelpunkt zu stellen. Das finde ich schade. Wir sind einmal in ein IDP-Camp gefahren und zu Zeiten einer höchst angespannten Debatte, was mit den Camps geschehen soll. Die Regierung möchte die Menschen nach Şingal drängen, obwohl es da keine Perspektive gibt. Wie wirkt sich das auf die Menschen aus? Wir waren mit der GIZ vor Ort. Die GIZ hat das gemacht, was aus ihrer Sicht auch sicher sinnvoll ist. Sie wollten uns ihre tolle Arbeit zeigen und haben uns zu einem ihrer Projekte gebracht, einer solarbetriebenen Müllrecyclingstation. Es ist verständlich, dass man Politiker:innen so etwas zeigt. Ein solches Projekt ist auch wichtig, aber mir war es eigentlich wichtiger, in das Camp zu gehen und dort mit den Familien und ihren Kindern zu sprechen, um zu verstehen, wie es ihnen geht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gehen solche Projekte wie die Müllrecyclingstation an den Bedürfnissen der Menschen vorbei?<em>  </em></p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Sie sind nicht mit der notwendigen Politik verzahnt, dabei kommt es genau darauf an. Ich kann die Lage der Menschen in den IDP-Camps ja nicht von der politischen Diskussion trennen. Es gibt anhaltende Diskriminierung und die Menschen können nicht nach Şingal zurückkehren. Solange wir in Deutschland glauben, wir könnten das trennen, machen wir uns doch was vor. Den Fehler machen wir nicht für die NGOs, die GIZ oder das BMZ, die das glauben, den Fehler machen wir auf dem Rücken der Leute, für die wir eigentlich arbeiten wollen. Das beschäftigt mich schon sehr.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Deutliche Worte auch zur Politik des BMZ?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Die Politik des BMZ ist weitestgehend gut. Dagegen habe ich nichts einzuwenden. Es ist auch gut, dass wir eine starke Entwicklungszusammenarbeit haben. Aber die Verzahnung mit der Außenpolitik müsste besser werden. Dass das nicht so ist, liegt an den Strukturen. Wir haben eine gewisse Inflexibilität, um auf aktuelle Entwicklungen wirksam zu reagieren. Entwicklungszusammenarbeit in Deutschland wird von der eigentlichen Außenpolitik getrennt. Ich weiß nicht, wie man da eine Brücke schlägt, aber darüber sollten wir nachdenken.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die FDP will beide Ministerien zusammenlegen, aber ich habe oft den Eindruck, dass sie eigentlich das BMZ samt Aufgaben abschaffen will.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Die FDP sagt das, weil sie die Entwicklungszusammenarbeit für Verschwendung von Steuergeldern hält. Aber genau das ist Entwicklungszusammenarbeit nicht. Sie erspart uns in der Zukunft erhebliche Kosten. Mir stellt sich aber folgende Frage: Könnte es aus einem menschenrechts- und außenpolitischen Standpunkt nicht sinnvoll sein, eine konstruktive Debatte darüber zu führen, wie moderne Entwicklungszusammenarbeit ohne Kürzungen aussehen könnte? Da gibt es viele Befindlichkeiten und Reflexe, die ich alle verstehen kann. Aber wir müssen einfach festhalten, dass wir mit Blick auf eine Region wie den Irak mit unserer internationalen Politik, mit unserem Mitteleinsatz, bisher nicht dahin gekommen sind, wo wir hinkommen wollten. Wir müssen uns alle kritisch hinterfragen, auch ich muss mich mit meiner außenpolitischen Sicht fragen, was ich von der Entwicklungszusammenarbeit erwarte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was müsste aus Ihrer Sicht in der nächsten Legislaturperiode als Erstes geschehen?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Wenn ich ganz konkret werden darf, würde ich zur höchsten Priorität den Wiederaufbau von Şingal machen. Mit dem Mitteleinsatz der Entwicklungszusammenarbeit sollten wir versuchen, dort eine politische Lösung herbeizuführen und unterschiedliche Kräfte an einen Tisch zu bringen. Dabei sollte auch den Akteuren klar gemacht werden, dass Gelder für den Aufbau der Regierung im Irak gekürzt werden, wenn es in Bezug auf Şingal keine Fortschritte gibt. Aus einer politischen Perspektive würde ich klare Prioritäten setzen. Ich würde nicht das, was für Geflüchtete und Zivilgesellschaft wichtig ist, wohl aber das, was für die Regierung wichtig ist, konditionalisieren.</em></p>
<h3><strong>Iran, Israel, Palästina</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben jetzt ausführlich über die Lage der Êzîd:innen gesprochen. Dies war der Anlass unseres Gesprächs. Mit welchen anderen Regionen haben Sie in Ihrer Arbeit zu tun?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Als Iranberichterstatter beim Europarat ist mir die dortige Lage ein sehr wichtiges Anliegen, gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen. Ich setze mich für eine aktivere, strategischere europäische Iranpolitik ein. Wir stehen dem, was im Iran und vom Iran aus geschieht, immer noch hilflos gegenüber. In meinem Wahlkreis gab es einen Anschlag auf die Synagoge, der </em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/gemeinden/deutsch-iraner-wegen-brandanschlags-auf-bochumer-synagoge-verurteilt/"><em>laut OLG Düsseldorf</em></a><em> nachweislich vom Iran veranlasst wurde. </em></p>
<p><em>Im Menschenrechtsausschuss sprechen wir auch darüber, wie wir er schaffen können, dass Israels Recht auf Selbstverteidigung und die Empathie für die Opfer des 7. Oktober nicht kleiner werden, wenn wir an die humanitäre Lage der Palästinenser denken.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist vielleicht eines der schwierigsten Themen überhaupt. Hinzu kommt, dass für manche Leute das Leid der Palästinenser das einzige Leid zu sein scheint, das zählt, sie geradezu auf dieses Leid so fixiert sind, dass sie kein anderes mehr gelten lassen. Ich habe versucht, das sehr vorsichtig zu formulieren.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Absolut. Auch dieser israelbezogene Antisemitismus gehört dazu, der bei uns maßlos explodiert und dazu führt, dass sich Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht mehr sicher fühlen. In den letzten Monaten sind Jüdinnen und Juden aus meinem Bochumer Wahlkreis nach Israel ausgewandert, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühlten. Das ist eine Schande für Deutschland. Es macht mich fassungslos, dass wir das in Deutschland nicht als zentrale Menschenrechtsfrage diskutieren. Das ist eine klassische Situation, in der Deutschland gefordert ist. Deutschland ist in keiner humanitären Krise dieser Welt leise. Wir sehen die Krisen im Sudan, die wohl größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit. Wir sehen sie im Jemen, wo sie über die Huthi vom Iran gesteuert wird. Wir sehen sie auch in Gaza, wo natürlich die Hamas die Ursache ist. Aber gleichzeitig müssen wir schon überlegen: Was sind eigentlich die Antworten auf diese humanitären Krisen? Wir müssen im Hinblick auf Gaza die israelische Regierung dahin bringen, dass sie umfassende und wirksame humanitäre Hilfe in Gaza ermöglicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist nicht einfach. Kennen Sie den <a href="https://www.youtube.com/watch?v=unW5w6JCEb8">Film „Golda“</a>? Mit Helen Mirren als Golda Meir und Liev Schreiber als Henry Kissinger. Es geht um den Yom-Kippur-Krieg 1973 und die Frage der Verantwortung von Golda Meir, der sie sich in einem Anhörungsverfahren stellt. In diesem Film erleben Sie alle Debatten, die wir auch heute führen, die internen Debatten im israelischen Kabinett, die Verhandlungen mit Sadat, die Vermittlungen durch Henry Kissinger, die Frage danach, wer in Israel an welcher Stelle nicht aufgepasst hat, um den Angriff zu verhindern.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Es geht auch um die Frage – und da findet die israelbezogene Dämonisierung statt: Warum führt Israel diese Kriege? Unabhängig davon, was ich über die Kriegsführung denken mag, führt Israel diese Kriege, um sich selbst zu verteidigen. Gleichzeitig muss man die Folgen sehen, die aus dieser Kriegsführung entstehen. Es gibt die innen- und die außenpolitische Dimension. Ich möchte auf keinen Fall, dass eine Aussage der Empathie für Opfer in der palästinensischen Zivilbevölkerung instrumentalisiert wird. Was wir an pro-palästinensischen Demonstrationen erleben, sind meines Erachtens auch keine pro-palästinensischen, sondern anti-israelische Demonstrationen. Zum Teil auch antisemitisch. Es ist verständlich, wenn Menschen, die eine Familie in Gaza haben, für diese auf die Straße gehen und um ihre Familienangehörigen trauern. Man muss aber auch sehen, wohin die Hamas die Menschen in Gaza gebracht hat. Wie kann man sich für die palästinensische Sache einsetzen, wenn man eine so anti-palästinensische Organisation wie die Hamas unterstützt? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie erleben Sie diese Debatte in Ihrer Partei? Dort gibt es meines Wissens auch Leute, die Ihre Position in keiner Weise teilen.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Respektvoll, manchmal angespannt. Es stecken viele emotionale Päckchen in dieser Sache. Man muss schon versuchen, die verschiedenen Gefühle zusammenzubringen. Das schadet nicht, das ist auch eher gut, wenn wir das versuchen und uns die Zeit nehmen, darüber nachzudenken und zu sprechen, welche Brücken wir bauen könnten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aggressivität erleben Sie in Ihrer Partei in dieser Sache nicht?</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Nein, man hört sich eher selbstkritisch zu.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Schlüssel zur Lösung der Konflikte im Mittleren und Nahen Osten liegt meines Erachtens im Iran. Wenn das Mullah-Regime verschwände, sähe manches anders aus. Andererseits habe ich den Eindruck, dass Israel den schmutzigen Job macht, den die arabischen Staaten nicht machen wollen oder nicht machen können, weil sie in ihrer Bevölkerung dafür keine Unterstützung fänden. Niemand in den arabischen Staaten, zumindest nicht in den Regierungen, was auch immer wir von denen halten wollen, will Hisbollah und Hamas.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Ich würde es sogar noch eine Spur härter formulieren. Israel macht den dreckigen Job, den auch der politische Westen nicht machen will. Der politische Westen hat keine tragfähigen politischen Antworten auf Hamas, Hisbollah, den Iran und seine Proxys in der Region. Wie wollen wir Israel von seinem Kurs abbringen, wenn wir darauf keine tragfähigen Antworten haben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das macht es auch der Außenministerin schwer. Ich sehe ihre Arbeit einerseits sehr kritisch, auf der anderen Seite sind ihre Möglichkeiten sehr begrenzt. Deutschland hat bei Weitem nicht den Einfluss, den manche gerne hätten und manche Deutschland zuschreiben möchten.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Absolut. Wobei man wirklich anerkennen muss, dass unsere Außenministerin so engagiert, wie keine andere, bei der Iranfrage ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das muss man meines Erachtens auch sagen, meines Erachtens auch öffentlich.</p>
<p><strong>Max Lucks</strong>: <em>Das würde auch mehr Verständnis schaffen, wenn man das mal öffentlich sagte.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 26. November 2024. Thomas von der Osten-Sacken danke ich für die Genehmigung, das Titelbild zu verwenden, ein Bild von Wadi e.V., das eine Demonstration im Lager Khanke für den Erhalt der Schule zeigt.)</p>
</div></div></div></div></div>
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