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	<title>Antisemitismus Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Die Freiheit der Menschen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 Jan 2026 06:19:32 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Freiheit der Menschen Rabbinerin Elisa Klapheck über jüdische Rechtskulturen „An den ‚Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte‘ knüpfen sich Rechte, die unmittelbar mit der persönlichen wirtschaftlichen Situation aller zu tun hatten: das waren die Gewerbefreiheit, die Niederlassungsfreiheit, die freie Wahl des Wohnortes und die Befreiung von Sondersteuern. Auch wenn die jüdische Bevölkerung, weil  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Freiheit der Menschen</strong></h1>
<h2><strong>Rabbinerin Elisa Klapheck über jüdische Rechtskulturen</strong></h2>
<p><em>„An den ‚Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte‘ knüpfen sich Rechte, die unmittelbar mit der persönlichen wirtschaftlichen Situation aller zu tun hatten: das waren die Gewerbefreiheit, die Niederlassungsfreiheit, die freie Wahl des Wohnortes und die Befreiung von Sondersteuern. Auch wenn die jüdische Bevölkerung, weil sie durch jahrhundertealten Antijudaismus am sichtbarsten diskriminiert wurde, am meisten von dem Recht auf Religionsfreiheit profitieren würde und es kein Zufall war, dass ein jüdischer Abgeordneter für die Religionsfreiheit eintrat –, ging es nicht nur um die Ausübung der Religion selbst! Es ging genauso um die Freiheit der Menschen.“ </em>(Abraham de Wolf, Der jüdische Horizont der Religionsfreiheit in Deutschland, in: Elisa Klapheck, Barbara Traub, Abraham de Wolf, Dina de-Malchuta Dina – oder Gott braucht den säkularen Rechtsstaat, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2020)</p>
<p><a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-abraham-de-wolf.html">Abraham de Wolf</a>, Sprecher des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, fasste mit diesen Sätzen die grundlegende Rede Gabriel Riessers in der Nationalversammlung 1848 zusammen, mit der dieser auf den völkischen Ansatz von Moritz Mohl antwortete, der die Juden als <em>„fremdes Element“</em> bezeichnete. Gabriel Riesser war erfolgreich: Artikel 146 der Paulskirchenverfassung sieht als erster deutscher Verfassungsentwurf die Religionsfreiheit und die Gleichstellung aller Bürgerinnen und Bürger, ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit, vor. Gabriel Riesser ist einer der jüdischen Juristen, die mit ihrer Arbeit, ihren Vorträgen und Schriften die Weimarer Verfassung und das Grundgesetz mitprägten.</p>
<p>Der zitierte Aufsatz von Abraham de Wolf erschien im siebten Band der von <a href="http://elisa-klapheck.de/">Rabbinerin Elisa Klapheck</a> <a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-elisa-klapheck.html">im Leipziger Verlag Hentrich &amp; Hentrich</a> herausgegebenen Reihe „Machloket – Streitschriften“. Neben dieser Reihe gibt sie eine zweite unter dem Titel „Injamin – Kernfragen“ heraus, in der bereits zwei Bände erschienen sind. Im Jahr 2022 veröffentlichte Elisa Klapheck in der Europäischen Verlagsanstalt ihr Buch „Zur politischen Theologie des Judentums“, 2014 bei Hentrich &amp; Hentrich <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-margarete-susman-1.html">„Margarete Susman und ihr Beitrag zur jüdischen Philosophie“</a>. Sie ist außerdem die <a href="https://berlingeschichte.de/lesezei/blz01_02/text65.htm">Biographin der weltweit ersten Rabbinerin Regina Jonas</a> (1902-1944): <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-fraeulein-rabbiner-jonas-1.html">„Fräulein Regina Jonas&#8220;</a> erschien erstmals 1999, liegt seit 2004 auch in einer englischen Übersetzung vor und wurde 2026 ergänzt und erweitert neu aufgelegt. Die Neuauflage enthält auch ein Kapitel zur Wirkungsgeschichte der Biographie. Gemeinsam mit Ulrike Schrader veröffentlichte Elisa Klapheck unlängst in einer Schriftenreihe über den liberalen Rabbiner Joseph Norden (inzwischen drei Bände) <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-liebesbriefe-an-regina-jonas.html">„Liebesbriefe an Rabbinerin Regina Jonas“</a>. 2024 erhielt Elisa Klapheck den <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/rabbinerin-elisa-klapheck-erhaelt-marie-juchacz-frauenpreis/">Marie-Juchacz-Frauenpreis</a>.</p>
<p>Die drei monotheistischen Religionen – und nicht nur diese – tun sich in der Regel schwer, Frauen zu den jeweiligen Ämtern zuzulassen. In den evangelischen Kirchen gibt es inzwischen eine Reihe Pfarrerinnen und Bischöfinnen, in der katholischen Kirche ist das Frauenordinat nach wie vor weder zulässig noch vorgesehen, ebenso ist es im Islam. Das Judentum entwickelt sich flexibler und liberaler, nicht zuletzt dank Regina Jonas, nach der in Berlin <a href="https://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/ueber-den-bezirk/ehrungen-und-auszeichnungen/eine-strasse-fuer-regina-jonas-1056643.php">im Dezember 2025 auch eine Straße benannt</a> wurde.</p>
<div id="attachment_7787" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7787" class="wp-image-7787 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1200x1800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Foto-Rafael-Herlich-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7787" class="wp-caption-text">Rabbinerin Elisa Klapheck. Foto: Rafael Herlich.</p></div>
<p>Elisa Klapheck ist schon seit längerer Zeit eine geschätzte Buchautorin und seit 2023 Vorsitzende der <a href="https://a-r-k.de/">Allgemeinen Rabbinerkonferenz</a>. Sie ist Rabbinerin der liberalen Synagogengemeinschaft <a href="https://minjanffm.de/">„Egalitärer Minjan“</a> in der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main und Professorin für <a href="https://kw.uni-paderborn.de/seminar-fuer-juedische-studien-pnina-nave-levinson">Jüdische Studien an der Universität Paderborn</a>. Die Frage nach den Verbindungen jüdischer Traditionen und Kultur mit der Entwicklung des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats ist zentrales Grundanliegen ihres Engagements als Rabbinerin und Professorin.</p>
<h3><strong>Was macht eine Rabbinerin aus?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind eine der inzwischen gar nicht mehr so wenigen Rabbinerinnen. Wenn ich in die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/">Jüdische Allgemeine</a> hineinschaue, lese ich beispielsweise immer wieder Texte von Ihnen, von <a href="https://juedisches-niedersachsen.de/erkunden/karte/e6f57d46-27f7-448f-ab1e-ad384da66371">Ulrike Offenberg</a> oder von <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/frau-doktor-ist-rabbinerin/">Yael Deusel</a>. Sie und manch andere, die ich noch nennen könnte, sind – so schrieb es einmal Rocco Thiede in der Jüdischen Allgemeinen – <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/glueckels-erbinnen/">„Glückels Erbinnen“</a>. Glückel von Hameln (Glikl bas Judah Leib) lebte von 1646 bis 1724, einige Zeit vor der jüdischen Aufklärung, der Haskala, und vor <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-moses-mendelssohn.html">Moses Mendelssohn</a> (1729-1786). Glückel war keine Rabbinerin, sie war Kauffrau und sie war Autorin der ersten erhaltenen von einer Frau geschriebenen Autobiographie im deutschen Sprachraum.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich darf zu den von Ihnen genannten Namen </em><a href="https://www.jg-goettingen.de/religion/rabbiner.php"><em>Jasmin Andriani</em></a><em> von der Jüdischen Gemeinde Göttingen ergänzen. Sie wird oft als grüne Rabbinerin bezeichnet. Mit ihr habe ich für den Band </em><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-nachhaltigkeit.html"><em>„Jüdische Positionen zur Nachhaltigkeit“</em></a><em> zusammengearbeitet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hohe Auflagezahlen auch auf dem deutschen Buchmarkt hat die französische Rabbinerin <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/rabbinerin-und-medienstar/">Delphine Horvilleur</a>.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Weltberühmt. Ein Star.</em></p>
<div id="attachment_7799" style="width: 193px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-fraeulein-rabbiner-jonas-1.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7799" class="wp-image-7799 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Fraeulein-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich.jpg 366w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a><p id="caption-attachment-7799" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Jahr 1999 haben Sie die <a href="https://www.hagalil.com/archiv/2000/06/Jonas.htm">Biographie „Fräulein Regina Jonas“</a> veröffentlicht. Die Biographie enthält auch die Streitschrift „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ aus dem Jahr 1930<em>. </em>Regina Jonas war die weltweit erste Rabbinerin – so ist es auch im Untertitel des Bandes aus der <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-regina-jonas.html">Reihe der Jüdischen Miniaturen</a> zu lesen, den Sie zur ersten Orientierung über diese zentrale Figur der jüdischen Geschichte geschrieben haben.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong><em>: Es kommen immer wieder auch andere Namen ins Spiel, aber ich bleibe dabei, dass Regina Jonas die weltweit erste Rabbinerin war. Andere, die es vorher gab, wurden als Rabbanit bezeichnet. Eine war zum Beispiel die rabbinisch sehr begabte Tochter eines berühmten Rabbiners. Sie wurde auch von den Schülern ihres Vaters und dem Umfeld, in dem sie lebte, als rabbinische Autorität anerkannt, aber sie hatte keine rabbinische Ordination. Regina Jonas hatte eine institutionelle Anerkennung, die meines Erachtens zum Status einer Rabbinerin hinzugehört. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie wird man Rabbinerin?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Das ist im formellen Sinne heute nicht mehr schwer. Sie müssen jüdisch sein und sich bei einer Rabbinatsausbildungsstätte anmelden. Im Reformjudentum, das sich auch Progressives Judentum nennt, gibt es lange das Abraham-Geiger-Kolleg. Sie haben den dortigen Skandal mitbekommen. Inzwischen haben wir ein </em><a href="https://www.levinson-stiftung.de/startseite/regina-jonas-seminar/"><em>Regina Jonas Seminar</em></a><em> für die liberale Rabbinatsausbildung. Daneben gibt es das </em><a href="https://www.levinson-stiftung.de/wp-content/uploads/2025/09/Heschel-Seminar_flyer.pdf"><em>Abraham J. Heschel Seminar</em></a><em> für konservative (Masorti) Rabbinatsausbildung. Beide Seminare befinden sich in Potsdam. Sie können sich aber auch in den USA an entsprechenden Ausbildungsstätten ausbilden lassen, auch in Israel. Es gibt zusätzlich noch das </em><a href="https://rrc.edu/"><em>Reconstructionist Rabbinical College</em></a><em> in Pennsylvania und die Bewegung </em><a href="https://aleph.org/"><em>Jewish Renewal</em></a><em>, die ebenfalls ein Rabbinerseminar betreibt.</em></p>
<p><em>Sie müssen eine gewisse religiöse Motivation mitbringen, sich im Judentum auskennen und auch darin bewegen wollen. Und dann ist es eine Frage des Studiums. Das Schwierigste liegt im Vorfeld der Entscheidung, Rabbinerin zu werden. Zurzeit sind in der säkular-jüdischen Welt die Zeichen nicht gerade auf Religion gesetzt. Auch für mich war der schwierigste Teil meiner Entscheidung die Frage, ob ich religiös genug bin, ob ich mich in der Gesellschaft auch so outen kann. Es ist schon ein Statement an sich, in der Öffentlichkeit zu sagen, man sei Rabbinerin. Stärker vielleicht noch als zu sagen, man sei Pfarrerin. Aber auch eine Pfarrerin muss natürlich die Bibel nach außen vertreten, Begriffe wie Gott, Glaube ernstnehmend aussprechen und interpretieren können. Im Judentum hinzu: Wie hältst du es mit der Thora? Was bedeuten dir die jüdischen Gesetze, die Halacha? Wo stehst du und kannst du das in deinem Umfeld und in einer größeren jüdischen Welt vertreten?</em></p>
<h3><strong>Rabbinische Rechtskultur und das Grundgesetz</strong></h3>
<div id="attachment_7794" style="width: 226px" class="wp-caption alignright"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabriel_Riesser_Schriftprobe.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7794" class="wp-image-7794 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-216x300.jpg" alt="" width="216" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-200x278.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-216x300.jpg 216w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-400x556.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-600x834.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-737x1024.jpg 737w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-768x1067.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons-800x1112.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Gottfried-Kuestner-1800-1864-Portraet-Gabriel-Riesser-ca.-1834-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 216px) 100vw, 216px" /></a><p id="caption-attachment-7794" class="wp-caption-text">Gottfried Küstner (1800-1864): <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gabriel_Riesser_Schriftprobe.jpg">Porträt Gabriel Riesser</a>, etwa 1834. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Judentum gehört die Interpretation der Texte, Thora, Tanach, Talmud, Mischna, Gemara. Und wo Menschen Texte interpretieren, gibt es Auseinandersetzungen, Streit über die richtige oder zumindest über die zulässige Interpretation und Lesart. Woran macht man jetzt fest, dass man religiös oder gläubig genug ist?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Was die Textinterpretation betrifft, darf natürlich jede oder jeder denken, was er oder sie will. Aber wenn es um die Regeln in der Religion geht, sehe ich, dass auch im Judentum Dogmatismus angesagt ist, wie die Religion auszusehen hat. Entsprechend dogmatische Fragen werden mir in meinem jüdischen Umfeld gestellt, ob ich den Schabbat halte, ob ich koscher esse. Ich werde zum Beispiel beobachtet, wenn ich im Restaurant sitze, was ich bestelle. Es ist die große Frage, ob die jüdische Religion von festgelegten Regeln oder von der eher freien Interpretation der Thora her zu sehen ist, von diesem Freiraum, den man darin haben kann. </em></p>
<p><em>Das Geniale der Rabbinen vor etwa 2.000 Jahren war, dass sie den Tempelkult zurückdrängten und stattdessen die Thora in den Mittelpunkt stellten. Nicht der Altar und der Kult, sondern das Buch. Alle können es lesen, es auslegen. Und so ist auch der Stil der rabbinischen Literatur: Wenn Sie einen Midrasch oder im Talmud lesen, präsentieren sich Ihnen diese Listen: Rabbi X sagt so, Rabbi Y sagt anders, die Rabbanan haben wiederum noch auch noch eine andere Meinung. Sie nehmen als Leser unwillkürlich an einer großen Diskussion teil. Das ist auch heute mit der Thora automatisch gegeben. Sie fangen an selber auszulegen, weil der Text so viele Mysterien, Widersprüche, versteckte Hinweise enthält. Auch ist die hebräische Sprache mehrschichtig und bietet viel Anreiz für Wortinterpretationen. </em></p>
<p><em>Das alles führt automatisch dazu, dass die geniale Handlung der Rabbinen vor 2.000 Jahren, den Text in den Mittelpunkt zu stellen, das jüdische Volk vereinigt. Denn alle sind in dem Text zu Hause, alle haben eine Position, eine eigene Meinung. Das ist das Schöne. Man muss sich nicht dem Dogma unterwerfen. Es gibt eben zwei Stränge, einerseits die Halacha, die Gesetze, andererseits die Aggada, die Erzählungen, die Midraschim, Deutungen und Auslegungen. </em></p>
<p><em>In der Gegenwart muss man sich allerdings überlegen, welche Bedeutung Religion heute und dabei auch die Gesetzeskultur des rabbinischen Judentums haben kann? Es ist eben nicht die Frage, ob ich koscher esse oder den Schabbat strenger oder weniger streng halte. Es geht um eine Rechtskultur, in der die Vorstellung herrscht, dass das Recht von Gott kommt. Wenn wir in unserer Gesellschaft Gesetze machen, wie spielt die jüdische Rechtskultur hinein? Ist unsere Vorstellung von einer Verfassung heilig? Sind wir da irgendwie wieder am Berg Sinai? Das deutsche Grundgesetz wurde nach der Shoah verabschiedet, nach der schlimmsten Schändung der Menschenwürde, die es je gegeben hat. Und dann besagt </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html"><em>Artikel 1 Absatz 1</em></a><em>: „Die Menschenwürde ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Drückt sich darin der Gedanke der Thora, der Bundestheologie als politische Verwirklichung der Beziehung zwischen den im Ebenbild Gottes geschaffen Menschen und Gott aus? Haben wir mit der jüdischen Rechtstradition auf der Grundlage der Thora ein Potenzial, das für das Verständnis und die Stärkung der Demokratie wichtig ist? Als junge Frau habe ich Politologie studiert. Und das, was ich gerade anspreche, das fehlte mir im Politologiestudium völlig. Welchen gesellschaftlichen Anteil hat das Judentum?</em></p>
<h3><strong>Judentum und freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat </strong></h3>
<div id="attachment_7789" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-dina-de-malchuta-dina-oder-gott-braucht-den-saekularen-rechtsstaat.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7789" class="wp-image-7789 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich-200x305.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Gott-braucht-den-saekularen-Rechtsstaat-Hentrich-Hentrich.jpg 394w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-7789" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage ist zentral, wie weit Religion mit dem freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat kompatibel ist, wie ihn das Grundgesetz in einer vorzüglichen Form beschreibt. Hat das Judentum gegenüber anderen Religionen hier ein Alleinstellungsmerkmal?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Ich glaube schon, dass sich die anderen Religionen das Judentum genauer anschauen sollten. Auch Juden selbst sollten die Gesetze nicht nur als Halacha für das orthodoxe Judentum sehen, sondern sich einmal die gesamte Rechtskultur genauer ansehen, die Debatten, die Prinzipien und was man von den rabbinischen Rechtsdiskursen im Talmud lernen kann. Eventuell könnte das Christentum auch über das Judentum verstärkt zu einer politischen und rechtlichen Herleitung des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats gelangen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei evangelikalen Christen oder auch bei konservativen Katholiken, zu denen beispielsweise der US-amerikanische Vizepräsident und der US-Außenminister gehören, geht das meines Erachtens in die andere Richtung.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Sollte man denen das Feld überlassen? Das frage ich auch die liberalen und säkularen Christen. Sollte man nicht Kurse über jüdisches Recht durchführen statt die Halacha nur als eine Angelegenheit des orthodoxen Judentums abzutun? Was war eigentlich zur Zeit von Jesus die Halacha, was war damals jüdisches Recht? Oder Paulus? Was meint er, wenn über den Sinn des Gesetzes schreibt, dass das Gesetz nicht aufgehoben sei, dass Juden weiterhin das Gesetz einhalten sollen? Was bedeutet das für Christen? Dass man sich nicht weiter für die jüdische Rechtstradition zu interessieren braucht?</em></p>
<p><em>Ich sehe zurzeit bei den Studierenden der Theologie, dass sie nichts darüber lernen. Und die Evangelikalen verengen dies mit ihren fundamentalistischen Vorstellungen. Denen sollte man das Feld nicht überlassen. Ebenso auch nicht den radikalen Kräften im Judentum. Das gilt auch sehr für den Islam. Ich habe muslimische Kollegen, die den Dialog mit dem Judentum suchen, aber erst einmal gegen die Vorstellung von der Scharia als Gesetz ankämpfen und betonen müssen, dass der radikale Islam ein falsches Verständnis vermittelt, gelernt, dass es im Islam eigentlich nur Rechtsschulen geben dürfte, die lediglich die Gesetze interpretieren, aber nicht als Scharia das Recht eines Staates bestimmen. Ich hoffe sehr, dass ihre Stimme Raum bekommt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit <a href="https://www.uni-muenster.de/ZIT/Personen/Professoren/personen_khorchide_mouhanad.shtml">Mouhanad Khorchide</a> könnten Sie sich hier sofort gut verständigen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Mit ihm würde ich mich sicherlich gut verstehen. Ich arbeite gerade an der Universität Paderborn mit </em><a href="https://www.uni-paderborn.de/person/41661"><em>Idris Nassery</em></a><em> an einem Buch über jüdische und islamische Rechtsdiskurse. Es geht uns nicht darum, ob das Hühnchen koscher oder halal ist. Es geht uns darum, ob wir von unseren Rechtstraditionen her in Deutschland einen ernstzunehmenden Beitrag zur Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Gesellschaft leisten können, ohne zu verengen, ohne fundamentalistisch zu werden. </em></p>
<div id="attachment_7793" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-wirtschafts-und-sozialethik-im-zeichen-der-globalisierung.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7793" class="wp-image-7793 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Juedische-Wirtschafts-und-Sozialethik-Hentrich-Hentrich.jpg 370w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7793" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir mitten drin in den Anliegen der Buchreihe „Machloket“. Der jüngste Band trägt den Titel „175 Jahre Paulskirche – Jüdischer Anteil an der deutschen Demokratie“, ein früherer Band den Titel „Dina de-Malchuta Dina – oder Gott braucht den säkularen Rechtsstaat“. Es gibt einen Band, der sich mit „Jüdischer Wirtschafts- und Sozialethik im Zeichen der Globalisierung“ befasst, einen weiteren mit dem anspruchsvollen Titel „Judentum – Islam – Ein neues Dialogszenario“.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Die Titel, die Sie nannten, drücken genau das aus, was mich motiviert. Ich gebe diese Bände heraus, um für mich selbst die Kategorien zu erschließen. Ich sehe das als offene Diskussion. Wenn man gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Fragen aus der jüdischen Tradition bedenkt, stellt sich die Frage nach den Themen und nach den Grundlagen. Auch die deutschen Verfassungen, die Paulskirchenverfassung, die Weimarer Verfassung, das Grundgesetz wurden maßgeblich von Juden mitverfasst oder von Schülern jüdischer Rechtslehrer. </em></p>
<p><em>Wir sehen die deutsche Geschichte leider viel zu oft als eine Abfolge des Scheiterns. Wir sehen nicht die Kontinuität von 1848 über 1919 nach 1949. Wie viel trug beispielsweise ein Gabriel Riesser zu unserem Verfassungsverständnis von heute bei? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Über Gabriel Riesser schrieb Abraham de Wolf im Band zur Paulskirchenverfassung. Es geht unter anderem um Artikel 146 der Paulskirchenverfassung: <em>„Durch das religiöse Bekenntniß wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch tun.“</em> Abraham de Wolf berichtet, dass Gabriel Riesser als Jude 1828 bis 1840 nicht als Jurist arbeiten durfte, dann aber in der Nationalversammlung zu einem der wichtigsten Väter dieses Artikel 146 für die Religionsfreiheit wurde. Der Artikel steht heute fast wortgleich im Grundgesetz.</p>
<div id="attachment_7795" style="width: 216px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7795" class="wp-image-7795 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-206x300.jpg" alt="" width="206" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-200x291.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons-206x300.jpg 206w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Menasseh-ben-Israel-1655-Wikimedia-Commons.jpg 383w" sizes="(max-width: 206px) 100vw, 206px" /></a><p id="caption-attachment-7795" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Menasseh_ben_israel_1655.jpg">Menasseh ben Israel</a> 1655. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich lese gerade einen anderen Text von </em><a href="https://de.chabad.org/library/article_cdo/aid/6488844/jewish/Menasche-ben-Israel.htm"><em>Menasse Ben Israel</em></a><em> (1604-1657). Er lebte im 17. Jahrhundert in Amsterdam. Er steht in einem Zusammenhang mit den Hebraisten und mit Oliver Cromwell in England. Menasse Ben Israel hatte über Cromwell erreicht, dass sich Juden nach ihrer Vertreibung im 13. Jahrhundert wieder in England ansiedeln durften. In seinem Schreiben an Cromwell führte Menasse Ben Israel aus, welche Vorteile dies für England brächte, denn Juden sähen sich laut ihrer Tradition als „Or la-gojim“ (Licht für die Völker) und seien damit für das Wohlergehen aller Völker mit verantwortlich. Beim Laubhüttenfest (Sukkot) beispielsweise wird für alle Völker gebetet. Derjenige, der Menasse Ben Israels Sendschreiben später ins Deutsche übersetzte, war übrigens kein Geringerer als Moses Mendelssohn. </em><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/judaicaffm/content/titleinfo/2063884"><em>Seine Übersetzung wurde mehrfach neu herausgegeben</em></a><em>. In einer Einleitung aus dem Jahr 1919 lese ich, dass Menasse Ben Israel „der Gabriel Riesser des 17. Jahrhunderts“ gewesen sei. So wichtig war Gabriel Riesser für die Idee, dass Juden überall ihr Rechtsdenken mit- und einbringen sollen. Er ist in seiner Bedeutung für das Grundgesetz noch lange nicht angemessen erkannt. Ähnliches gilt für </em><a href="https://www.hugo-sinzheimer-institut.de/index.htm"><em>Hugo Sinzheimer</em></a>,<em> der wichtige Teile der Weimarer Verfassung mit formulierte, die später </em><a href="https://www.fes.de/asd/vordenker-innen/carlo-schmid"><em>Carlo Schmid</em></a><em>, ein Schüler von Sinzheimer, für das Grundgesetz wieder geltend machte.</em></p>
<p><em>Gerade, da die Demokratie wieder bedroht ist und wir es wieder mit Antisemitismus zu tun haben, finde ich, dass es nicht reicht zu sagen, Antisemiten seien Leute, die Juden hassen. Es geht auch darum, dass es Leute sind, die auch Probleme mit der Demokratie haben! Darin liegt die Herausforderung: den Zusammenhang zwischen Judentum und Demokratie zu erschließen. Das ist zumindest die Herausforderung, vor die ich mich gestellt sehe. Es ist natürlich keine Gleichung im Verhältnis eins zu eins: Judentum = Demokratie. Denn auch in Israel haben wir das Problem, dass mit Netanjahu und seinen Koalitionspartnern der Rechtsstaat und die Demokratie unter Beschuss gekommen sind. Auch dort darf man das Judentum nicht den antidemokratischen Kräften überlassen. Auch dort muss der Zusammenhang zwischen Judentum und Demokratie und gerade auch als religiös motivierter Zusammenhang gestärkt werden.</em></p>
<h3><strong>Unverständnisse im <em>„interreligiösen Dialog“</em></strong></h3>
<div id="attachment_7790" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-judentum-islam-ein-neues-dialogszenario.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7790" class="wp-image-7790 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich-200x306.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Machloket-Judentum-Islam-Hentrich-Hentrich.jpg 392w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-7790" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Band zu einem neuen Dialogszenario zwischen Judentum und Islam schreibt <a href="https://faculty-directory.dartmouth.edu/susannah-heschel">Susannah Heschel</a>, Professorin am Dartmouth College: <em>„Zu oft findet der interreligiöse Dialog zwischen Liberalen verschiedener Glaubenskongregationen statt, aber nicht zwischen Liberalen und Konservativen desselben Glaubens.“</em> Ich bin mir selbst auch nicht sicher, ob ein solcher Dialog zwischen Liberalen und Ultraorthodoxen – wenn ich die überhaupt so nennen darf – überhaupt noch möglich ist.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Man muss da genau unterscheiden. In Israel sehen wir ganz verschiedene Gruppierungen von orthodoxen Juden. Es gibt die Haredim, das sind die ultraorthodoxen Juden. Hared heißt zittern. Das sind also die, die so viel Ehrfurcht haben, dass sie vor Gott erzittern. Sie leben an Orten wie Me‘a Sche‘arim oder Bnei Berak. Dann gibt es die Nationalreligiösen beziehungsweise die Nationalzionisten, die eine andere unter den orthodox-jüdischen Bevölkerungsgruppen sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind die Leute um Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Nicht nur, auch da muss man differenzieren. Unter Konservativen beziehungsweise modern Orthodoxen gibt es noch weitere Stimmen, auch überzeugte Demokraten. Es gibt eine signifikante Zahl orthodoxer Rabbiner, die in Deutschland leben, aber israelischer Herkunft sind, die nicht wollen, dass die Verfassungsrechte abgeschafft werden oder dass Frauen in Bussen nach hinten verwiesen werden. Man muss sehr genau hinsehen, mit wem man es zu tun hat.</em></p>
<div id="attachment_7796" style="width: 269px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Samson_Raphael_Hirsch._E._Singer_(Xylographische_Anstalt)_(FL12173338).crop.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7796" class="wp-image-7796 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-259x300.jpg" alt="" width="259" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-200x232.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-259x300.jpg 259w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-400x464.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-600x696.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-768x891.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-800x928.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-883x1024.jpg 883w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons-1200x1392.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Samson-Raphael-Hirsch-E.-Singer-Xylographische-Anstalt-FL12173338-vor-1889-Wikimedia-Commons.jpg 1280w" sizes="(max-width: 259px) 100vw, 259px" /></a><p id="caption-attachment-7796" class="wp-caption-text">Samson Raphael Hirsch. E. Singer (Xylographische Anstalt), vor 1899. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Der Begriff der Orthodoxie ist ein schwieriger Begriff. Ihn hat im 19. Jahrhundert </em><a href="https://www.hagalil.com/judentum/samson-hirsch/hirsch.htm"><em>Samson Raphael Hirsch</em></a><em> als Reaktion auf das Reformjudentum geprägt. Orthodox bedeutet eigentlich: Es gibt nur die eine Lehre, nur die eine Thora. Hirsch war ein deutscher, modern orthodoxer Rabbiner, der sich eine Verbindung zwischen Thora-Studium und säkularer Bildung vorstellte. Wenn man seine Bücher liest, wird man gern zu vielem Ja sagen, auch als liberale Rabbinerin. Solche modern Orthodoxen gibt es auch in Israel. Aber es gibt auch andere, die ihr Judentum vor allem ethnisch und dabei territorial definieren, wonach Gott das Land Israel allein dem jüdischen Volk gegeben habe. Es macht jedenfalls keinen Sinn, die Konflikte um die Demokratie in Israel als einen Konflikt zwischen Liberalen und Orthodoxen darzustellen. Das Wort „orthodox“ sagt zu wenig aus. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Worin besteht der Kernunterschied zwischen „orthodox“ und „liberal“?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ein orthodoxer Jude glaubt, dass die Thora am einem bestimmten Tag X vollständig am Berg Sinai Gott den Israeliten gegeben hat, in der jetzt bestehenden Version und nicht anders. Liberale Juden sagen dem gegenüber: Die Thora ist in Jahrhunderten entstanden, es gab verschiedene Autorengruppen, sie wurde korrigiert, überarbeitet, verändert. Deswegen dürfen wir heute auch die Thora als fortlaufenden Prozess weiterschreiben. Das ist der Kernunterschied.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine ähnliche Debatte gibt es im Islam, aber auch im Christentum.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Für mich ist interessant zu sehen, dass ganze Teile des Koran nicht nur aus der Thora, sondern auch aus den Midraschim und dem Talmud übernommen worden sind, aber verändert wurden. Das könnte für Muslime und auch für Juden interessant sein. Doch wie geht man damit um, wenn ein Text im Koran in eine andere Stoßrichtung umgeschrieben ist als von den Rabbinen tradiert wurde? Es kann nicht darum gehen, dass eine Seite recht hat und die andere unrecht. Beide Seiten können daran ermessen lernen, wie sie von der anderen Seite gesehen wurden. Ich habe beispielsweise die Sure 2 des Koran zusammen mit einem muslimischen Kollegen intensiv mit Vergleichsstellen in der Tora und dem Talmud gelesen. Es ist die längste Sure im Koran und zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Judentum. Als Jude kann man vieles darin nicht akzeptieren, weil aus der jüdischen Sicht Missverständnisse kolportiert und Errungenschaften des rabbinischen Judentums negativ bewertet werden. </em></p>
<p><em>Es ist im Grunde dasselbe im Christentum. Beispielsweise wird den Pharisäern eine bestimmte Einstellung unterstellt, aber kaum ein Christ weiß eigentlich genau, wer die Pharisäer waren. Studierende der Theologie staunen dann in meinen Seminaren, wenn sie erfahren, dass es über mindestens drei Jahrhunderte pharisäisches Denken gab, viele Generationen und Positionen, sodass sich dies gar nicht in einem bestimmten Ausdruck eines angeblich engstirnigen Gesetzesdenkens zusammenfassen lässt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Christliche Kinder lernten mit dieser Version der <em>„Pharisäer“ </em>gleich mehrere Traditionen des Antijudaismus mit.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Wenn man das so stehen lässt, kann man gar nicht anders als antijüdisch werden. Der Pharisäer ist dann gleich der Rabbiner und so wird das rabbinische Judentum degradiert und denunziert. Beim Koran muss man sich das auch fragen: Was macht man mit Stellen, die aus den Midraschim entnommen sind, aber koranisch so umgedeutet worden sind, dass sie für Juden eine Degradierung darstellen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist eigentlich fast zwangsläufig. Wenn sich ein Text auf einen anderen bezieht, wird man darin entweder Legitimationen oder Abgrenzungen finden. Und Abgrenzungen haben heutzutage Konjunktur! Man kann eigentlich nicht hoch genug wertschätzen, welche Rolle <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/60-jahre-nostra-aetate/">„Nostra Aetate“</a> in der katholischen Kirche hatte, auch wenn manche das heute nicht mehr kennen. Ich weiß nicht, ob es etwas Vergleichbares im Islam gab. Aber wir erleben zurzeit immer wieder radikale Versionen in den drei monotheistischen Religionen. Dem stehen auch starke liberale Fraktionen gegenüber. Wie bekommt man das zusammen?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob man das zusammenkriegt. Ich sehe auch im Judentum und im Umfeld, das sich für das Judentum interessiert, einen Mangel an Wissen um Quellen und wie man anders über die darin enthaltenen Themen sprechen könnte, ohne Radikalisierung oder Abwendung. Die Radikalisierung bedaure ich auch. Ich bedauere jedoch noch mehr, wenn ich mit der Thora argumentiere und dann von der säkularen Gesellschaft, was oft geschieht, in die religiöse Ecke zu den Radikalen geschoben werde. Es ist diese Unfähigkeit, dieser Unwille, sich auf die hebräische Bibel als einen der ganz großen formativen Texte einzulassen und zu sehen, wie gesellschaftsbildend dieser Text gewesen ist. Eine der Grundlagen unserer Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.</em></p>
<p><em>Ich habe nicht den Eindruck, dass man im Politologie-Studium die Thora liest. Wer politische Philosophie liest, liest sicherlich Aristoteles, aber ob man die Passagen am Berg Sinai auf ihren politischen Gehalt hin liest und darüber nachdenkt, wie dies bei Thomas Hobbes, John Locke und anderen aufgegriffen wurde, bezweifele ich. Es gibt ein großes Vakuum und ich versuche, mit der Reihe „Machloket“ meinen Beitrag zu leisten. </em></p>
<p><em>Die Radikalen in den Religionen haben es auch deshalb so leicht, weil die Säkularen sich nicht auskennen und zu leicht machen und eben wegen der Radikalen sagen, dass Religion sie nicht interessieren müsste, weil sie keine Auswege aus den mit verursachten Problemen biete. Das sage ich natürlich vor allem im Hinblick auf das Judentum.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf Christentum und Islam passt Ihre Aussage genau so. Viele denken, dass sie wegen der Radikalen Religion grundsätzlich ignorieren könnten oder am besten gleich abschaffen. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/traditionen-eines-liberalen-islam/">Katajun Amirpur</a> hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Iran ohne Islam – Der Aufstand gegen den Gottesstaat“ (München, C.H. Beck, 2023). Sie beschreibt unter anderem, wie es die radikale iranische Führung geschafft hat, Religion aus dem Vorstellungsvermögen großer Teile der Bevölkerung zu verdrängen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Es wird alles in dieselbe Schüssel geworfen, als wenn alle religiösen Menschen dasselbe wollten. Das stimmt so nicht! Auch ist das Judentum anders konzipiert als Christentum und Islam.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Schon alleine dadurch, dass es keinen Missionsauftrag gibt. Die in der Politik immer gerne wiederholte Formel vom <em>„christlich-jüdischen Erbe des Abendlandes“ </em>hat leider vor allem den Zweck einer Abgrenzung vom Islam<em>. </em></p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich wage eine These, die auch Thema eines der nächsten Machloket-Bände sein wird: Es gibt tatsächlich keine bewusste jüdisch-christliche Tradition. Die wurde erst im Nachhinein aus politischem Kalkül konstruiert. Ich sprach eben Thomas Hobbes und John Locke an. Trotzdem sehe ich in ihnen Männern wie Thomas Hobbes und John Locke, ich sprach sie eben an, Begründer einer jüdisch-christlichen Tradition, indem sie nämlich den Bundesschluss am Sinai als Blaupause des Gesellschaftsvertrags verstanden. Das „jüdisch-christliche Erbe“ wird oft als Kampfparole gegen den Islam angeführt und vergisst, dass Juden in der Geschichte immer zweitklassig waren. Trotzdem denke ich, dass der Begriff ein Potential enthält und in den Kontext der Diskussion um den demokratischen Rechtsstaat gehört. Es geht darum, den Erhalt der Demokratie, der freiheitlichen Gesellschaft zu fundieren. Das ist Thema im Judentum, auch im Christentum und im Islam, aber jeweils anders formiert. </em></p>
<div id="attachment_7792" style="width: 205px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-sterbehilfe.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7792" class="wp-image-7792 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-195x300.jpg" alt="" width="195" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-195x300.jpg 195w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich-200x308.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Elisa-Klapheck-Juedische-Positionen-zur-Sterbehilfe-Hentrich-Hentrich.jpg 389w" sizes="(max-width: 195px) 100vw, 195px" /></a><p id="caption-attachment-7792" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das gilt auch für die Themen der zweiten Reihe, die Sie bei Hentrich &amp; Hentrich veröffentlichen: „Injamin – Kernfragen“. Bisher sind zwei Bände erschienen. Der erste Band beschäftigt sich mit dem Thema <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-sterbehilfe.html">„Sterbehilfe“</a>, der zweite mit dem Thema <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-juedische-positionen-zur-nachhaltigkeit.html">„Nachhaltigkeit“</a>. Ich darf vielleicht auf mein <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/auf-simches-der-tod-und-das-leben/">Gespräch mit Sara Soussan über die Ausstellung „Im Angesicht des Todes“</a> im Jüdischen Museum Frankfurt verweisen. Dort waren auch jüdische Debatten und Positionen zur Sterbehilfe ein Thema. Nachhaltigkeit ist in der aktuellen Politik weltweit in den Hintergrund gerückt und Religionen stehen nicht in der ersten Reihe, wenn es gilt, für Nachhaltigkeit zu werben.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Die Reihe „Injamin“ entstand auf einen Vorschlag von </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-buecherfreundin/"><em>Nora Pester</em></a><em>. Zur „Sterbehilfe“ hatten wir eine Tagung mit verschiedenen jüdischen Protagonisten. Ich fand schade, dass nachdem die Vorträge gehalten wurden alles wieder versandete. Nora Pester schlug daher vor, einen Sammelband zu veröffentlichen. Zum zweiten Band hat es etwas gedauert. Der dritte ist in Vorbereitung. Es soll in diesen Bänden zu gesellschaftlichen Themen die jeweilige innerjüdische Debatte in einer größeren Bandbreite vorgestellt werden.</em></p>
<h3><strong>Wir wollen wieder tanzen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, wir müssen den 7. Oktober ansprechen. Sie haben auch zu dem Band <a href="https://www.avant-verlag.de/comics/wie-geht-es-dir/">„Wie geht es dir? Sechzig gezeichnete Gespräche nach dem 7. Oktober 2023“</a> (avant-Verlag, 2025) beigetragen, den mehrere Comic-Künstler:innen im Stil einer Graphic Novel gestaltet haben. Sie erzählten in Ihrem Beitrag von der damals geplanten Einweihung einer neuen Thorarolle in Ihrem Minjan und mit ihr an Simchat Thora zu tanzen. Aber dann geschah das Massaker. Sie beschrieben die Diskussion in Ihrer Gemeinde, ob man jetzt noch tanzen könne – und dass Sie sich dafür entschieden haben. Ihr Beitrag endet mit dem Lied des Rabbi Nachman von Brazlaw (1772-1810) <em>„Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, aber das Entscheidende ist, keine Angst zu haben.“</em> Sie haben es im Gottesdienst gesungen und darüber berichtet: <em>„Es wurde ein wunderschöner Gottesdienst, der mit unserem Tanz auch ein Zeichen für die Opfer setzte, die bei dem Festival in Re‘im getanzt haben.“</em> Mia Schem, eine der Geiseln, ließ sich nach ihrer Befreiung <em>„Wir werden wieder tanzen“</em> tätowieren. Was hat sich für Sie und für die Gemeinde, für die Universität verändert?</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Inhaltlich nicht viel. Aber der Schatten des Antisemitismus, der sehr groß geworden ist, belastet uns sehr und hat uns Jahrzehnte wieder zurückgeworfen. Wir hatten allerdings auch schon andere belastende Debatten. Etwa die Beschneidungsdebatte. Wir mussten feststellen, dass ein großer Teil der deutschen Gesellschaft die religiöse Symbolik der Beschneidung nicht verstehen will und in einem Ausmaß ablehnt, dessen Heftigkeit sich auch antisemitisch artikulierte. Wir hatten auch die sehr belastende Walser-Debatte um seine Rede in der Paulskirche, als er von der „Auschwitz-Keule“ sprach.</em></p>
<p><em>Auch in Israel erlebe ich dieses Zurückgeworfenwerden. Vor dem 7. Oktober war ich eine längere Zeit dort. Mir fiel auf, dass arabische junge Leute zumeist ganz normale Israelis sind. Ich hatte einen Taxifahrer in Jerusalem, bei dem ich mir nicht sicher war, ob er Jude oder Araber war und ihn fragte, wo er wohnt. Daran hätte ich erkennen können, ob er aus einem arabischen oder einem jüdischen Viertel kommt. Er wollte die Frage nicht beantworten. Die Situation ist vergleichbar, wie wenn man in Deutschland jemanden, der nach „Migrationshintergrund“ aussieht, fragt, wo er oder sie herkommt. Man ist hier geboren und wird das immer noch gefragt! Der Taxifahrer unterbrach mich und sagte, er sei Israeli. Etwas später sagte er mir, er sei arabischer Israeli, aber er sei Israeli. Ich fand das gut, ein Zeichen der Normalität, in der eben jüdische, arabische, drusische Israelis friedlich im selben Staat leben. Das Gespräch wurde sehr angenehm. Doch dann kam der 7. Oktober, der dies wieder zerstört hat.</em></p>
<p><em>Ich bin für die Zwei-Staaten-Lösung, doch die Hoffnung darauf wird einem von palästinensischer Seite sehr schwer gemacht. Ich weiß auch nicht mehr, was mit den Palästinensern im Gazastreifen oder in der Westbank möglich ist. Haben sie eine politische Tradition? Ist da genügend Substanz für eine politische Lösung? Bietet der Koran, bietet das Christentum für die arabischen Bewohner ausreichend Substanz, um eine politische Tradition zu entwickeln, die auch Frieden schließen kann und anerkennt, dass man in einem Land, das man „Palästina“ nannte, einen Teil des Landes verloren hat, aber dafür in dem anderen Teil einen eigenen und vielleicht sogar demokratischen Staat bekommt? </em></p>
<p><em>Ich bin in dieser Hinsicht stark desillusioniert. Wie viele Israelis bin ich auch als Jüdin in Deutschland traurig, dass von der arabischen Welt so wenig kommt. Ich bin auch vom arabischen Frühling enttäuscht. Was ist davon geblieben? In Ägypten, in Syrien, in Tunesien? Vor ein paar Jahren war ich in Tunesien und habe gesehen, dass es der Demokratie nicht gelungen ist, nachhaltige Strukturen zu schaffen, und dass überall die Gefahr des Islamismus wirkt. Das tut mir sehr weh. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe nach dem 7. Oktober mit vielen Menschen gesprochen – einige Interviews und Kommentare habe ich in meinem Magazin veröffentlicht. Durchweg war das Thema die Explosion des Antisemitismus, der natürlich vorher auch schon immer wieder sichtbar wurde, nach dem 7. Oktober. Eva Illouz hat dies in ihrem Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/eva-illouz-der-8-oktober-t-9783518475300">„Der 8. Oktober“</a> (französische Ausgabe bei Gallimard im August 2024, deutsche Ausgabe bei Suhrkamp im August 2025) schon im Titel deutlich gemacht. Erschreckend ist, dass Kritik an Israel offenbar bei manchen in der liberalen und linken Szene, zu der ich mich eigentlich zähle, so identitätsstiftend ist, dass daneben alles andere verschwindet. Warum genießen die Palästinenser diese Aufmerksamkeit, aber was ist mit den Kurden, den Menschen im Sudan, in Myanmar, in der Ukraine? In ihrem Buch <a href="https://www.rowohlt.de/buch/sarah-levy-kein-anderes-land-9783498007782">„Kein anderes Land“</a>, das im September 2025 bei Rowohlt erschien, hat Sarah Levy die Zerrissenheit beschrieben, in der liberale Israelis vor und nach dem 7. Oktober leben. Dazu gehört, dass man in Israel seine arabischen Nachbarn jetzt anders ansieht als vor dem 7. Oktober. Ich habe mich bemüht, diese Zerrissenheit in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> aufzunehmen, den ich nach der Freilassung der letzten 20 lebenden Geiseln geschrieben habe. Zerstört wurde auch viel Vertrauen, weil man inzwischen in Deutschland wie auch anderswo Jüdinnen und Juden – und auch viele, die gar keine Juden sind – immer nur danach bewertet, wie sie sich zu Israel, zu Gaza positionieren. Das ist schon fast ein gesellschaftlicher Zwang geworden.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Vielleicht darf man die Frage des Vertrauens nicht so hoch hängen. Ob es Vertrauen gibt oder Misstrauen – das sind Emotionen. Es geht darum, ob man bereit ist, sich an bestimmte Regeln zu halten. In Bezug auf den Trump-Plan werden wir das noch sehen. Innerhalb Europas hat Deutschland es akzeptiert, dass es die Ostgebiete verloren hat. Da erhebt kein ernst zu nehmender Politiker, keine Politikerin mehr Gedanken an eine Rückeroberung. Oder auch Polen, das durch den Hitler-Stalin-Pakt viel von seinem Land in Osten an die Sowjetunion verlor und heute auch keine entsprechenden Rückforderungen gegenüber Belarus und der Ukraine erhebt. Oder Vilnius, das einstige Wilna? Das ist heute Litauen, nicht mehr Polen. Wenn die Regeln eingehalten werden, können wir dort überall hinreisen, die Geschichte und Kultur auf uns wirken lassen, Positionen einnehmen und Bücher darüber schreiben. </em></p>
<p><em>Ich traue es auch der israelischen Bevölkerung zu, dass sie diese Fähigkeit hat. Es gab den Rückzug aus dem Sinai-Gebiet, aus dem Gazastreifen. Israel ist ein Staat, der sich an Regeln halten kann. Aber ich weiß nicht, ob eine solche Bereitschaft bei den arabischen Staaten zu finden ist, dass sie der palästinensischen Bevölkerung sagen: Bescheidet euch lieber mit einem kleinen Staat, in dem Ihr endlich souverän seid und zu euch selbst kommt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines der Ziele der Hamas war es, eine weitere Annäherung Israels zu den arabischen Staaten nach dem Muster der Abraham-Abkommen zu verhindern. Die Führungen in den arabischen Staaten sind reichlich schwierige Gestalten, aber ich sehe die Bereitschaft, die Hamas und andere dschihadistische Gruppen zu isolieren und möglicherweise auch zu entwaffnen, um sich deren Probleme und Ziele nicht ins eigene Land zu holen. Die Frage ist natürlich, ob sie mit ihren eigenen Bevölkerungen klarkommen. Da brodelt es durchaus gewaltig. Es ist hochkomplex.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>:<em> Ich sehe es noch nicht, aber ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Auf arte gab es eine Dokumentation über all die Friedensverhandlungen nach Oslo. Ehud Barak, Ehud Olmert, sogar Netanjahu hatten entsprechende Pläne vorgelegt. Ehud Olmert hatte den Plan vorgelegt, dass 94 Prozent der besetzten Gebiete an die Palästinenser gehen, den Rest gleiche man mit Gebietstausch aus, Jerusalem werde internationalisiert. Abbas lehnte ab. Arafat lehnte alle Vorschläge Baraks ab, wenn nicht gesichert wäre, dass alle palästinensischen Flüchtlinge aus dem Jahr 1948 mit all ihren Familien wieder nach Israel zurückkehren könnten. Selbst Netanjahu hat einmal einen achtmonatigen Siedlungsstopp verlängert, um die weiteren Verhandlungen nicht zu gefährden. Mich hat geärgert, dass die Moderatorin der arte-Dokumentation dann sagte: „Nach Jahrzehnten ergebnisloser Verhandlungen“. Sie hätte sagen müssen: „Nach Jahrzehnten ergebnisloser Verhandlungsangebote“.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die palästinensische Seite beharrte auf Maximalforderungen und lehnte alles ab. Ähnlich wie Putin nach wie vor auf seinen Maximalforderungen beharrt. Das nur am Rande.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Ich frage mich schon, ob dies mit einer fehlenden politischen Kultur in der arabischen Welt zusammenhängt, und ob in den Islamstudien in Deutschland noch viel stärker gezeigt werden könnte, dass man aus religiöser Sicht nicht über andere siegen muss und die eigene Religion nicht die dominante zu sein braucht. Aber das ist auch die heutige Herausforderung für die anderen religiösen Traditionen. Wir sind – ob als Juden, Christen oder Muslime &#8211; in einer pluralistischen Welt sowieso nur eine Religion unter mehreren. </em></p>
<div id="attachment_7798" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-liebesbriefe-an-regina-jonas.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7798" class="wp-image-7798 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-200x277.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich-400x554.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Joseph-Norden-Elisa-Klapheck-Liebesbriefe-an-Regina-Jonas-Hentrich-Hentrich.jpg 433w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /></a><p id="caption-attachment-7798" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es geht letztlich um die Frage einer pluralistischen Lektüre der heiligen Schriften, in allen drei Religionen. Meines Erachtens gehört das auch in die Schulen. Ich kann nur empfehlen, Ihre Bücher zu lesen, weiterzuempfehlen und das eigene Leben vielleicht an manchem der dort vorgetragenen Argumente zu orientieren oder zumindest zu reflektieren. Machloket und Injamin sind Programm, Regina Jonas ein Vorbild. Vielleicht lässt dies auch den 7. Oktober in einem anderen Licht erscheinen? Der Tanz, den Sie in Ihrem Beitrag zu „Wie geht es dir?“ beschreiben, ist doch vielleicht ein Hoffnungszeichen.</p>
<p><strong>Elisa Klapheck</strong>: <em>Der 7. Oktober darf nicht nur als ein jüdischer Tag gesehen werden. Es kann nicht allein die Aufgabe der Juden sein, Antisemitismus auf sich zu beziehen. Die meisten Antisemiten kennen gar keine Juden. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Sache. Es geht um die Demokratie.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, in der Einleitung aktualisiert im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. April 2026, Titelbild: Synagoge in Görlitz, Foto: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Lina Morgenstern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Dec 2025 06:43:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lina Morgenstern Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin Lina Morgenstern (1830 - 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren. Im 19.  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Lina Morgenstern</strong></h1>
<h2><strong>Volksküchengründerin, Sozialreformerin, Feministin, Zeitungsverlegerin</strong></h2>
<p><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lina-morgenstern">Lina Morgenstern</a> (1830 &#8211; 1909) wurde anlässlich ihres 70. Geburtstages im Jahre 1900 von einer englischen Zeitung zu den drei bedeutendsten Persönlichkeiten Berlins gewählt. Eine wichtige, fast vergessene Vordenkerin der deutschen Demokratiegeschichte. Mit heißem Herzen und kühlem Verstand ging sie bis an die Grenzen des Umsetzbaren.</p>
<p>Im 19. Jahrhundert durften Frauen per Gesetz weder eine Firma noch einen Verein gründen. Lina gelang all das. Aus einer wohlhabenden Breslauer Familie stammend brach sie aus dem von ihren Eltern vorgegebenen Lebensweg aus: Statt sich zu vergnügen und das schöne Leben zu genießen, kämpfte sie für <em>„das Gute“</em>. Dabei definierte Lina <em>„das Gute“</em> wie es Immanuel Kant in seiner Ethik definiert: <em>„Gut ist derjenige Wille, der ausschließlich durch Gründe der praktischen Vernunft bestimmt wird und nicht durch Neigungen.“</em></p>
<p>Als Gründerin von 17 Volksküchen versorgte sie täglich 10.000 hungrige Menschen und betreute mit ihrem Frauenteam an Berliner Bahnhöfen 300.000 aus dem Krieg von 1870/1871 zurückkehrenden Soldaten: Freund und Feind. Danach initiierte sie über 30 „Wohlfahrts-Startups“, die sich um alleinerziehende Mütter, haftentlassene Mädchen, Prostituierte und andere Bedürftige kümmerten. Mit Zeitgenossinnen gründete sie von Friedrich Fröbel inspirierte Kindergärten und exportierte die Idee nach England. Hinter der Maske von Linas quirligem Humor verbarg sich die nervöse Unrast einer leidenschaftlichen Unternehmerin.</p>
<p>Wie aber hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfeindungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand?</p>
<h3><strong>Breslau 1846</strong></h3>
<div id="attachment_7666" style="width: 242px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7666" class="wp-image-7666 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg" alt="" width="232" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-200x258.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-232x300.jpg 232w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-400x517.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-600x775.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-768x992.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-793x1024.jpg 793w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-800x1033.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1189x1536.jpg 1189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern-1200x1550.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Morgenstern.jpg 1434w" sizes="(max-width: 232px) 100vw, 232px" /><p id="caption-attachment-7666" class="wp-caption-text">Lina Morgenstern, Public Domain.</p></div>
<p>Als Lina 16 Jahre alt war, sandte ihr Vater sie auf die Höhere Töchterschule. Lina langweilte sich, denn es wurde vorwiegend Handarbeiten, Kochen und Nähen unterrichtet; sie wollte nicht mehr in diese Schule. Ihr strenger Vater Albert, ein in Breslau etablierter Möbel- und Antiquitätenhändler, warf seinem Kind Undankbarkeit vor, denn die private Höhere Töchterschule kostete ihn viel Geld, die meisten jungen Frauen bekamen gar keine Ausbildung – ein eskalierender Vater-Tochter-Streit.</p>
<p>Plötzlich wurde die Familie von der Revolution in Breslau überrascht. 1846 demonstrierten Arbeiter, Handwerker und Lehrer vor dem Schloss in Sichtweite der Familien-Wohnung. Bewaffnete Uniformierte stellten sich den Aufgebrachten entgegen, versuchten das Schlosstor zu schützen. Doch die Protestierenden stapften entschlossen darauf zu. Pflastersteine flogen, Schüsse fielen, Blut floss. Lina erkannte unter den Demonstranten einen jüdischen Jungen aus dem Nachbarhaus, kaum siebzehn Jahre alt. Er drängte sich mit seinem Freund nach vorne, warf einen Ziegelstein. Sofort wollte Lina mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Jenny raus, um ihn zu unterstützen. Der Vater ließ es nicht zu. Deshalb konnte Lina nur mit dem Operngucker beobachten, wie vor der Wohnung die Demonstrierenden von Wachsoldaten niedergetrampelt und angeschossen wurden, darunter auch ihr Freund aus dem Nachbarhaus. Verzweifelt musste sie mitansehen, wie der Verblutende leblos wegetragen wurde.</p>
<p>Dieses Erlebnis muss Lina geprägt haben, denn bald darauf verfiel sie in eine Depression, flüchtete sich nächtelang bei schlechtem Kerzenlicht ins Lesen von Büchern über Medizin und Astronomie, bis sich Gesichtszuckungen und Augenprobleme einstellten. Die besorgte Mutter verbot ihrer Tochter die nächtliche Lektüre – was die Krise noch verschlimmerte. Schließlich erlaubte die Mutter der Sechzehnjährigen, eine Tanzschule zu besuchen.</p>
<h3><strong>Die Aktien der Liebe </strong></h3>
<div id="attachment_7667" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7667" class="wp-image-7667 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-200x319.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-400x637.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-600x956.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-643x1024.jpg 643w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-768x1223.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-800x1274.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-964x1536.jpg 964w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1200x1911.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau-1286x2048.jpg 1286w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Rekel-Lina-Morgenstern-Kremayr-Scheriau.jpg 1594w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7667" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Polka. Lachen. Verträumte Blicke. Damenwahl. Auf glattem Parkett lernte Lina den neunzehnjährigen Theodor Morgenstern (1827-1910) kennen. Er kam aus Sieradz, einer kaum zweitausend Einwohner zählenden Kleinstadt mit Synagoge in der Nähe von Łódź. Der junge Mann erzählte von seiner lebensgefährlichen Flucht. Wie viele andere Juden hatte er sich am Krakauer Aufstand beteiligt und gegen Österreich, Russland und Preußen für eine polnische Nationalregierung gekämpft, denn nur diese versprach die vollständige <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdische_Emanzipation">Gleichberechtigung der Juden</a>. Allerdings wurde der Aufstand von der österreichischen Armee brutal niedergeschlagen. Hals über Kopf musste Theodor flüchten. Lina war von seinem revolutionären Habitus angetan – was für ein Held. Und wie er tanzte! Trotz Etikette und den strengen Blicken des Tanzlehrers genoss Lina die Momente der gemeinsamen Bewegungen, des Festhaltens, der Nähe.</p>
<p>Lina wollte Theodor heiraten, am liebsten sofort. Sie wusste jedoch: Ihr Vater würde nicht zustimmen solange sie noch unter 20 war. Zu Linas 18. Geburtstag veranstaltete der Vater ein Fest, Lina aber durfte ihren Liebsten nicht einladen. Stattdessen bat der Vater Geschäftsfreunde und Adelige zu Tisch. Mitten auf der Feier riss Lina das Wort an sich und präsentierte ihre Idee eines <em>„Pfennigvereins“</em>: Für arme Arbeiterkinder bat sie alle Anwesenden monatlich einen Pfennig für Schulmaterial und Kleidung zu spenden. Einige Gäste versuchten, sich elegant aus der Affäre zu ziehen: Wer garantiere denn, dass die Spenden tatsächlich die Richtigen erhalten? Sollen die Zuwendungen vielleicht nur jüdische Kinder bekommen? Eloquent konnte Lina alle Zweifel zerstreuen. Noch auf dem Fest begann sie Geld einzusammeln. Schließlich gelang es ihr, dass nahezu alle Gäste ein <em>„Spendenabo“</em> unterzeichneten. Der Pfennigverein existierte dreißig Jahre lang, unterstützte 16.000 bedürftige Kinder und war Linas erstes Wohltätigkeits-Unternehmen.</p>
<p>Indes stellten Lina und Theodor fest: Zwischen ihnen bestand mehr als eine sinnliche Anziehung. Linas Art zu fragen, ihre Neugierde auf die Welt und ihre pointierten Schlussfolgerungen faszinierten Theodor. Beide mochten Menschen, die sich nicht anpassten und beide hatten Interesse an unternehmerischen Ideen. Natürlich verfügten sie auch über entgegengesetzte Charaktereigenschaften: Die spontane, quicklebendige und auf Äußerlichkeiten nichts gebende Lina und der kaum zu erschütternde Theodor, der es liebte, in feinem Zwirn zu beeindrucken. Lina lernte ihm zuliebe sogar seine Muttersprache. Lange hielten sich die beiden an ein damals übliches Motto, das aus einer oft verwendeten Liederstrophe (aus dem 17. Jahrhundert) stammt: <em>„Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß, als heimliche Liebe, von der niemand nichts weiß!“</em></p>
<p>Linas Vater recherchierte hinter ihr her und fand heraus: Theodor besaß nur eine kleine Handelsagentur, mit der er kaum in der Lage sein würde, eine Familie zu ernähren. Der Vater hielt Linas Geliebten für einen geschäftlichen Versager – was er seine Tochter wissen lässt. Hartnäckig stellte er Fragen: Was hat Theodor für Ziele? Wie stellt er sich die Zukunft seiner Agentur vor? Wie viel Geld hat er, wie viele Aktien?</p>
<p><em>„Die Aktien der Liebe!“</em> – Über sieben Jahre lang trafen sich die beiden, bis der Vater unwillig einer Hochzeit zustimmte.</p>
<h3><strong>Die verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</strong></h3>
<div id="attachment_7668" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7668" class="wp-image-7668 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg" alt="" width="469" height="335" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-200x143.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-400x286.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-600x429.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-768x549.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-800x572.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1024x732.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1200x857.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lina-Kinder-Froebel-1536x1098.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7668" class="wp-caption-text">Lina (Mitte) mit Müttern und Kindergartenkindern, Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Um dem dominanten Vater zu entfliehen, zogen Lina und Theodor 1855 nach Berlin. Der Vater sprang über seinen Schatten und gewährte Lina eine großzügige Mitgift. Während Lina in Berlin schwanger wurde, verfolgte Theodor eine neue Geschäftsidee: Ein internationales Modehaus in der noblen Friedrichstraße. Es sollte ein Etablissement werden, wie es die Stadt noch nie gesehen hatte! Theodor kaufte von Linas Aussteuer die feinsten Kollektionen aus Paris, London und Konstantinopel und präsentierte seiden-, gold- und silbergewirkte Kleider auf zwei Etagen. Die Leipziger Illustrirte Zeitung vom 13. Dezember 1856 jubelte: <em>„Dank der <u>verfeinerten Bedürfnisse der Zivilisation</u>, die nun Herr Theodor Morgenstern erfüllt, wird Berlin endlich eine Weltstadt.“</em> Aufwendig warb Theodor mit teuren Zeitungsanzeigen um kaufkräftige Kundinnen. Und Lina wurde zum zweiten Mal schwanger. Nachts befasste sie sich mit den Erziehungsmethoden des Pädagogen <a href="https://froebel-museum.de/pages/de/friedrich-froebel/leben-und-werk.php">Friedrich Fröbel</a> (1782-1852) – für ihn hatten die Frauen die Zukunft der Menschheit in der Hand, denn sie gestalteten die ersten Lebensjahre, den entscheidenden Zeitabschnitt. Jede junge Frau sollte eine Ausbildung als Erzieherin erhalten; diese Ideen gefielen Lina.</p>
<p>Kaum schliefen die Kinder, versuchte sie aus Fröbels komplizierten Schachtelsatz-Schriften lesbare Exzerpte zu verfassen. Und sie gründete in Berlin – trotz des staatlichen Kindergarten-Verbots – mit Kolleginnen zusammen den ersten Fröbel-Kindergarten. Ein Erfolg.</p>
<p>Indes entwickelte sich <em>„Herr Morgenstern“</em> mit seinem exklusiven Modesalon in der Friedrichstraße zum Parvenü, war in Berlin gefragt und begehrt. Lina aber sorgte sich: Zwar besuchten viele Damen Theodors Geschäft, doch sie kauften wenig. In Wahrheit ging es der Familie immer schlechter. Ein drittes Kind verschärfte die Lage. Theodors Reserven und Linas Aussteuer waren bald aufgebraucht – was von den frisch Vermählten souverän verdrängt wurde.</p>
<p>Plötzlich konnte das Paar die Miete für die Wohnung nicht mehr bezahlen. Weder Linas noch Theodors Eltern wollten die junge Familie neuerlich unterstützen, der Schwiegervater fühlte sich bestätigt: Theodor ist ein Versager!</p>
<p>Tatsächlich schlitterte Theodor mit seinem Modehaus in den Bankrott. Der Schwiegervater verhinderte mit einer allerletzten Zuwendung das Schlimmste, doch Theodor musste seine unternehmerischen Träume aufgeben. Indes wurde Lina erneut schwanger, die jungen Eltern plagten nun Existenzängste: Wie die immer größer werdende Familie durchbringen?</p>
<p>Nächtelang grübelten die beiden, auch der sonst so geduldige Theodor geriet in Panik. Die Krise drohte, die Ehe zu zerreißen. Bis Lina realisierte: Nur sie konnte die Familie noch retten.</p>
<p>Verzweifelt besuchte Lina den Verleger und Chefredakteur des renommierten Modemagazins BAZAR und bot ihm ihren Artikel über Friedrich Fröbel an. Der Chefredakteur reagierte erst skeptisch. Nachdem er jedoch die ersten Absätze gelesen hatte, änderte er seine Meinung. Er forderte Lina auf, Fröbels komplizierte Schriften in ein unterhaltsames Handbuch zu verwandeln. Kaum zu Hause, setzte sich Lina an den Schreibtisch. Und schrieb in nur vier Wochen einen Bestseller: „Das Paradies der Kindheit“. Über 280 Seiten! Das Handbuch der Fröbel´schen Lehre erlebte sieben Auflagen, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und stieß eine öffentliche Diskussion zum Thema gewaltfreie Erziehung an.</p>
<p>Vor allem konnte Lina mit den Tantiemen ihre Familie ernähren.</p>
<p>Nun schrieb sie weitere Auftrags-Bücher während Theodor sich um Haushalt und Kinder kümmerte &#8211; was in dieser Zeit völlig neu war und dem jungen Ehemann einiges abverlangte, denn zahlreiche Zeitgenossen verspotteten ihn als „Schwächling“. Das Paar lebte, was in dieser Zeit als unmöglich galt: <em>„Keine übertriebene Ehe“</em>, wie Lina es in ihrer Deutschen Hausfrauenzeitung selbst nannte – also eine gleichberechtigte. Mit viel Humor.</p>
<p>Parallel gründete Lina eine Vielzahl von Wohlfahrtsvereinen, kümmerte sich um haftentlassene Mädchen und alleinerziehende Mütter. Linas Motto, wie ebenso in ihrer Zeitung nachzulesen ist: <em>„Wir Frauen verlangen nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit!“</em></p>
<p>Als Lina ob ihrer vielen Tätigkeiten schwächelte, schlug Theodor einen Familien-Urlaub vor. Im Süden. Am Meer. Erst reagierte Lina begeistert, dann irritierte sie der im Juni 1866 eskalierende Konflikt zwischen Preußen und Österreich – ein Krieg stand bevor. Die Not schwoll an, in Berlin grassierte Hunger, sogar Lehrer konnten ihre Familien nicht mehr ernähren.</p>
<p>Statt Urlaub hatte Lina eine andere Idee; sie wollte eine Volksküche gründen. Und zwar auf eine ganz neue Art: Das Unternehmen sollte sich selbst erhalten. Allerdings verfügte sie weder über Anfangskapital, noch über Räumlichkeiten und Personal. Wie also die Idee umsetzen?</p>
<h3><strong>Linas Businesskonzept </strong></h3>
<div id="attachment_7669" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7669" class="wp-image-7669 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg" alt="" width="469" height="311" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-768x510.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-800x531.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1024x680.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1200x797.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sonntags-in-der-Volkskueche-Die_Gartenlaube_1883-1536x1020.jpg 1536w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7669" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Gartenlaube_(1883)_b_477.jpg">Sonntags in der Volksküche</a>, Die Gartenlaube (1883), Originalzeichnung von H. Lüders, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Lina erlebte eine schlaflose Nacht, im Morgengrauen dann Heureka, sie hatte einen Plan: Spenden als Anfangskapital, freiwillige Helferinnen in der Küche, ein günstiger Raum und reduzierte Einheitspreise für jede Speise. Doch die Behörden wollten ihr weder einen Raum stellen noch konnte sie jemand auf die Schnelle überreden, Kapital zu borgen. Lina überzeugte Frauen aus dem Bürgertum, unentgeltlich beim Kochen und Essenverteilen zu helfen. Noch vor Kriegsbeginn beabsichtigte sie, die erste Küche zu eröffnen. Dafür aber benötigte sie dringend Geld. Ihre Idee: Ein Spendenaufruf in einer renommierten Zeitung. Wie aber an einen Chefredakteur gelangen, wie ihn überzeugen?</p>
<p>Kurzerhand besuchte sie die Vossische, eines der angesehensten Berliner Blätter dieser Tage. Der diensthabende Sekretär, ein Mann mit dicker Brille und zerschlissenen Manschetten, ließ Lina nicht zum Chefredakteur vor. Aufgrund ihrer Zielgerichtetheit strahlte Lina eine natürliche Autorität aus, die in dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Zumeist trug die Sechsunddreißigjährige ein schwarzes, schmuckloses Kleid, ihre Haare hatte sie streng hochgesteckt, eine Nickelbrille zierte ihre Nase. Sie beharrte auf der Dringlichkeit ihres Anliegens und verlangte, Chefredakteur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Otto_Lindner">Dr. Otto Lindner</a> (1820-1867) zu sprechen. Irgendwann gab der Sekretär nach.</p>
<p>Lina kämpfte sich zu Dr. Lindner vor. Der ebenfalls aus Breslau stammende Musikwissenschaftler fand Linas Idee interessant und lächelte freundlich. Im Laufe ihres Vortrags merkte sie jedoch, dass in diesem Lächeln ein Hauch von Verachtung steckte. Was will die Kleine schon ausrichten? Sie sprach den Sechsundvierzigjährigen darauf an, er konterte: Die Sache sei eben schwierig. Er wolle nur einen Spendenaufruf drucken, wenn Lina berühmte Berliner als Fürsprecher gewinnen könne. Andernfalls würden die Leser denken, Frau Morgenstern möchte bloß für ihre eigene Familie Geld einsammeln. Lina versprach, mit Honoratioren wiederzukommen. Es muss Lina getroffen haben, dass ihre Person offensichtlich nichts galt, sondern nur renommierte Männer. Doch sie kannte keine Renommierten.</p>
<p>Geschickt entwickelte Lina eine Strategie der kleinen Schritte. Erst verfasste sie ein leidenschaftliches Plädoyer, dann besuchte sie das Café Kranzler, setzte sich auf die schmale Terrasse und durchforstete die ausliegenden Zeitungen nach Berliner Persönlichkeiten. Als sie in <em>der Vossischen, in der Volkszeitung und im Beobachter an der Spree zehn vielverspr</em>echende Namen entdeckt hatte, ermittelte sie deren Adressen.</p>
<p>Beharrlich und mit spröder Herzlichkeit versuchte Lina, die Prominenten mit ihrem Plädoyer anzusprechen. Darunter <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/rudolf-virchow">Dr. Rudolf Virchow</a> (1821-1901) von der Charité. Der renommierte Pathologe positionierte sich als Liberaler im Preußischen Abgeordnetenhaus gegen Bismarck. Als Lina den Arzt besuchte, bat sie ihn nicht direkt um Unterstützung, sondern fragte erst um Rat für ihr geplantes Kochbuch. Der fortschrittlich denkende Virchow mit seinen ernsten, wie aus Bronze gegossenen Gesichtszügen, hatte längst erkannt, dass sich nicht nur die Armen, sondern auch Menschen aus der unteren Mittelschicht schlecht ernährten. Er empfahl Lina, jedem Essen ausreichend Gemüse und 75 Gramm Fleisch beizumischen. Was Lina beherzigte. Dann erst fragte sie, ob er nicht als Fürsprecher der Volksküche in der Vossischen Zeitung erscheinen wolle. Er stimmte zu.</p>
<p>Ermutigt ging sie auf weitere Persönlichkeiten zu. Manchen Männern fiel es in dieser Zeit schwer, wie sie später in ihrer Autobiographie beschrieb, eine <em>„Kooperation“</em> mit einer Frau an führender Stelle zu akzeptieren. Geschickt bot Lina an, die Angesprochenen könnten sich ihre Unterstützung mehr als eine Art von <em>„freundlichem Hinweis“</em> oder <em>„kollegialen Rat“</em> vorstellen. Mit dieser diplomatischen Finte gelang es ihr, einige Honoratioren zu gewinnen, darunter den Verleger <a href="https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/biografien-55540-franz-gustav-duncker-1822-1888.htm">Franz Duncker</a> (1822-1888) sowie Stadtgerichtsrat <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz31122.html#ndbcontent">Karl Twesten</a> (1820-1870) als auch den Arzt und Schriftsteller <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/ring.html">Max Ring</a> (1817-1901), den Sozialpolitiker <a href="https://www.deutsche-biographie.de/sfz50667.html#ndbcontent">Adolf Lette</a> (1799-1868), den Fabrikanten <a href="https://www.dhm.de/lemo/biografie/werner-von-siemens">Werner Siemens</a> (1816-1892) und den Journalisten und ehemaligen Eisenbahndirektor <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Lehmann_(Schriftsteller)">Joseph Lehmann</a> (1801-1873), der das Vertrauen vieler Behörden genoss.</p>
<p>Als Lina schließlich die Unterstützungserklärungen der Vossischen vorlegte, genehmigte Chefredakteur Lindner einen Spendenaufruf. Damit gelang es ihr, bis zum 8. Juni 1866 ein Gründungskapital von 5.500 Thaler (entspricht 2025 circa 200.000 Euro) einzusammeln.</p>
<p>Von diesem Anfangskapital wollte Lina nun Lebensmittel sowie Geschirr kaufen und einen Raum mieten. Doch sie kam an das von ihr organisierte Geld nicht heran, denn die Männer des von ihr gegründeten Volksküche-Vereins verhinderten das – nur Männer durften in dieser Zeit juristisch einen Verein oder eine Firma gründen und Geld verwalten. Diese Männer aber zweifelten plötzlich an Linas Fähigkeiten, so schnell eine Küche eröffnen zu können. Nach harten Diskussionen genehmigte ihr der Vorstand schließlich eine kleine Teilsumme. Zum Probieren. Ausnahmsweise. Sofort legte Lina los. Trotzdem konnte sie nicht sicher sein: Würden ausreichend Gäste in den kleinen, rußigen Keller kommen?</p>
<p>Linas Kochkünste, der Duft der Suppen und ihr Konzept zogen tatsächlich Gäste an. Die Volksküche entwickelte sich zum Erfolg, sechzehn weitere folgten. Während der Deutsch-Französische Krieg tobte, versorgte Lina auf den Berliner Bahnhöfen von der Front zurückkommende Soldaten. Sie gründete sogar Notlazarette, um die 6000 Verletzten zu betreuen, weil sich der Staat nicht kümmerte. Überraschend besuchte Königin Augusta eine Küche. Sie verkostete Linas Graupensuppe, bewunderte die Arbeit der <em>„Ehrendamen“</em> und ermutigte Lina, ihren „Business-Plan“, wie man ihn heute nennen würde, zu verschriftlichen. Was Lina auch tat. Zahlreiche Städte übernahmen Linas Ideen, darunter Stockholm, Budapest, Wien und 25 anderen Metropolen.</p>
<h3><strong>Der Berliner Hausfrauenverein, das Universalkochbuch und eine Zeitung</strong></h3>
<div id="attachment_7670" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7670" class="wp-image-7670 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg" alt="" width="271" height="395" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-200x291.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-206x300.jpg 206w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-400x583.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-600x874.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-703x1024.jpg 703w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-768x1119.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-800x1165.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1054x1536.jpg 1054w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1200x1748.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-1406x2048.jpg 1406w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Berliner-Ilustrierte-Ztg.-Int.-Frau.-Kong-4.okt_.1896-scaled.jpg 1757w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-7670" class="wp-caption-text">Im vollbesetzten Saal des Roten Rathauses. Berliner Ilustrirte Zeitung 4. Oktober 1896. Sammlung Rekel.</p></div>
<p>Weil Nahrungsmittel aufgrund der Inflation immer teurer wurden, eskalierten in Berlin Lebensmittel-Verfälschungen: Milch wurde mit Wasser verdünnt und mit Kreide eingefärbt, Mehl sowie Gips angedickt; Butter mit Schwerspat, Borax oder Blei versetzt, um das Gewicht zu erhöhen; von Parasiten befallenes Fleisch oberflächlich gesäubert und weiterverkauft. Deshalb starben unzählige alte Menschen und Babys, Lina ertrug es kaum. Erst gründete sie zur Aufklärung ein öffentliches Lebensmittelabor, dann mit Theodor den Berliner Hausfrauenverein: Sie erwarb große Mengen an Lebensmitteln bei Bauern und verkaufte diese – als Vorläufer von Lebensmittel-Genossenschaften – günstig an Mitglieder, um die Preise niedrig zu halten. Bald schon durften sich Lina und Theodor über 2.000 Mitglieder freuen.</p>
<p>Der Chefredakteur der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Staatsb%C3%BCrger-Zeitung">Staatsbürgerzeitung</a> Dr. Bachler allerdings kritisierte den Verein: Dieser schädige die Händler und verkaufe schlechte Qualität. In einem Pamphlet verunglimpfte er auch die Volksküche und behauptete, Lina wolle damit bloß die Arbeiter beruhigen, damit sie nicht demonstrieren. Und er fragte: Warum organisieren gerade <em>„geldgierige Jüdinnen“</em> Volksküchen statt deutscher Frauen?</p>
<p>Indes verfasste Lina in langen Nächten das „Universalkochbuch für Gesunde und Kranke“ mit 2732 Rezepten und über 700 Seiten. Es entwickelte sich zum Welterfolg mit elf Auflagen und zahlreichen Übersetzungen. Weitere Bücher folgten.</p>
<p>Gegenüber Dr. Bachler beschloss sie, den Spieß umzudrehen. Sie wollte ihn mit seinen eigenen Mittel schlagen und eine Zeitung gründen. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Dafür mit juristischer, medizinischer und lebensmitteltechnischer Beratung als auch, um für Frauenrechte zu kämpfen. Da sie keinen Investor fand, riskierte sie die gesamten Einnahmen aus ihren Buch-Verkäufen.</p>
<p>Die Zensurbehörden unter Bismarck machten es bereits Männern schwer, in einer Zeitung ihre Meinung frei zu äußern. Erst recht unmöglich war es, für eine jüdische Frau eine Zeitung zu gründen! Bismarck hatte Überwachung und Zensur verstärkt, über 6.000 Staatsdiener kontrollierten in Berlin Flugzettel, Plakate und sämtliche Druckerzeugnisse, unterstützt von einer Schar <em>„</em><em>Geheimer in Zivil“</em>. Die Berliner ätzen: <em>„Statt Gas und Elektrizität, an jeder Ecke ein Schutzmann steht!“</em></p>
<p>Um die Zensur zu umschiffen, nutzte Lina einen raffinierten Trick: Sie gründete keine Zeitung, sondern gab bloß ein <em>„Informationsblatt“</em> ihres Berliner Hausfrauenvereins heraus. Dagegen konnte kein Amt etwas haben. In Wahrheit hatte das Informationsblatt alle Merkmale einer kritischen Zeitung, die sich für Wohlfahrt und Frauenrechte einsetzte. Es war ein Journal ohne Mode, Klatsch und Tratsch. Ausschließlich von Frauen für Frauen. Darin veröffentlichte Lina Hinweise, wie Frauen dem damals üblichen Lebensmittelbetrug zu erkennen vermochten, wie sie zu einer besseren Ausbildung gelangten und ihre Rechte einklagen konnten. Vor allem kämpfte Lina darum, dass Frauen zum Abitur zugelassen werden und Universitäten besuchen durften.</p>
<p>Sofort wetterte Chefredakteur Dr. Otto Bachler in seiner Staatsbürgerzeitung dagegen, machte sich über das <em>„Damenblättchen der Frau Lina“</em> lustig. Schon bald aber war Linas Hausfrauenzeitung ohne Klatsch und Tratsch erfolgreicher als Dr. Bachlers Gazette. Bis nach Australien gewann Lina Abonnentinnen.</p>
<p>In Rage lancierte Dr. Bachler in der Staatsbürgerzeitung eine Kampagne: Er unterstellte Lina, sie versetze in ihren Läden des Berliner Hausfrauenvereins Feigenkaffee mit Sägespänen und verkaufe verschimmeltes Obst. Mehr noch: Angeblich vergifte Lina in den Volksküchen sogar die Arbeiter!</p>
<p>Anfangs versuchte Lina, die absurden Vorwürfe zu ignorieren. Doch als andere Zeitungen die Unterstellungen ungeprüft übernahmen und über 1.000 Mitglieder aus ihrem Hausfrauenverein austraten als auch Linas Volksküchen schlechter besucht wurden, sah sie keinen Ausweg mehr. Verzweifelt entschied sie sich, gegen Dr. Bachler zu klagen.</p>
<h3><strong>Der Prozess </strong></h3>
<div id="attachment_7671" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7671" class="wp-image-7671 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Polizei-Acta-Lina-Morgenstern-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7671" class="wp-caption-text">Gerichtsakte Lina Morgenstern. Foto: Gerhard J. Rekel.</p></div>
<p>Vor einem Berliner Gericht nützte Chefredakteur Dr. Bachler 1883 die antisemitische Stimmung und brachte Lina in arge Bedrängnis. Er bezichtigte sie des vorsätzlichen Betrugs und rief als Zeugen einen Feigenkaffeehändler auf, der behauptete, Lina hätte in ihren Vereinsläden tatsächlich ihrem Kaffee reichlich Mahagoni-Späne beigemischt. Lina gelang es nachzuweisen, dass der Händler dem Hausfrauenverein seinen Kaffee angeboten hatte – doch dieser war Theodor zu teuer gewesen, er hatte das Angebot abgelehnt. Nun wollte sich der Händler rächen!</p>
<p>Es schien den Richter zu überzeugen. Da holte Dr. Bachler einen Militärarzt in den Zeugenstand. Dieser sagte aus, Lina hätte 1870 durch falsche medizinische Behandlungen in ihren Notlazaretten den Tod von mindestens fünfzig deutschen Soldaten verschuldet. Außerdem hätte sie auch Feinde behandelt – nämlich französische Gefangene! Plötzlich stand eine Anklage gegen Lina wegen fahrlässiger Tötung, Betrug und Landesverrat im Raum. Bis zu 15 Jahre Gefängnis drohten!</p>
<p>Inzwischen ruinierte Dr. Bachler mit weiteren Verleumdungen in der Staatsbürgerzeitung den Ruf von Volksküche und Hausfrauenverein, sodass Lina mit ihren Vereinsläden in den Bankrott schlitterte.</p>
<p>Der Prozess dauerte über 15 Monate. Immer mehr Menschen behandelten Lina herablassend. Ein Netz von Missachtung und Schuldzuweisungen stülpte sich über sie und raubte ihr den Schlaf. Irgendwann verließen Lina die Kräfte. Zittern, Herzrasen, Gesichtszuckungen – wie mit 16 Jahren, als Lina die Höhere Töchterschule besuchte. Die Volksküchen, die Vereine, die Zeitung, der Prozess und ihre fünf Kinder – war es ein Zuviel an machen, wollen, verändern?</p>
<p>Im letzten Moment gelang es Lina, einige Soldaten in den Zeugenstand zu rufen, die sie 1870 in ihren Notlazaretten gerettet hatte. Die Männer erzählten die Wahrheit. Schließlich sprach der Richter das Urteil. Dr. Bachler wurde wegen Verleumdung zu einer Strafe von 39 Tagen Haft oder 390 Mark Geldbuße verdonnert. Lina gewann in allen Punkten und freute sich.</p>
<p>Doch bald fiel ihr auf: Die Not von über einer Million alleinstehenden Frauen ohne Arbeit wurde immer größer. Da entschloss sie sich, einen Schritt weiter zu gehen, politischer zu werden. Ihre neue Idee: Der 1. Internationale Frauenkongress auf deutschem Boden! Im Herbst 1896 empfing Lina mit ihren Kolleginnen über 1700 Besucherinnen aus der ganzen Welt im Roten Rathaus. 65 internationale Zeitungen berichteten neun Tage lang. Die Delegierten forderten das Wahlrecht für Frauen, Zugang zu Ausbildungen und Universitäten sowie die juristische Gleichstellung in Geschäftsangelegenheiten. Bald darauf gaben sogar konservative Politiker zu, dass mehr für Frauen getan werden müsse. In den folgenden Jahren wurde der Zugang zu Abitur und Universitäten für Frauen erleichtert, weitere Verbesserungen folgten. Langsam. Sehr langsam.</p>
<h3><strong>Das Geheimnis ihres Erfolgs</strong></h3>
<p>Wie hat es die aus einer jüdischen Familie stammende Frau geschafft, trotz Anfein­dungen von Antisemiten und Männerklüngeln ein humanistisches Lebenswerk zu hinterlassen, wie sonst kaum jemand? Was waren ihre Methoden, wie konnte sie sich durchsetzen?</p>
<p>Lina hatte zwei große Geheimnisse: Das ihrer unglaublich modernen Ehe und das ihres fulminanten Lebenswerks. Davon erzählt meine Biografie <a href="https://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/titel/lina-morgenstern/">„Lina Morgenstern – Die Geschichte einer Rebellin“</a>, die auf über 700 Quellen beruht, viele davon neu entdeckt und erstmals veröffentlicht. Lina Morgensterns Geschichte ist eine, die Mut macht!</p>
<p><strong>Gerhard J. Rekel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: <a href="https://www.gerhardrekel.com/">Gerhard J. Rekel</a> ist Autor der im Verlag Kremayr &amp; Scheriau im Jahr 2025 erschienenen Biographie „Lina Morgenstern“. Erstveröffentlichung dieses Porträts im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. Dezember 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Volksk%C3%BCche_in_Wien_-_Theodor_Breitwieser_-_%C3%9Cber_Land_und_Meer_43_(1880).jpg">Volksküche in Wien</a>, aus: Theodor Breitwieser in der Zeitschrift Über Land und Meer 43, 1880. Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>738 Tage</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Oct 2025 05:00:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>738 Tage Israel zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 „Mein Vater spricht nie über Rache. Nur über Verantwortung. Sein Ziel war und ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen, den noch verbliebenen Familienangehörigen von Geiseln zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Mein Vater glaubt immer noch an Frieden, auch wenn es für ihn  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>738 Tage</strong></h1>
<h2><strong>Israel zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023</strong></h2>
<p><em>„Mein Vater spricht nie über Rache. Nur über Verantwortung. Sein Ziel war und ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen, den noch verbliebenen Familienangehörigen von Geiseln zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Mein Vater glaubt immer noch an Frieden, auch wenn es für ihn nach dem 7. Oktober sehr schwer vorstellbar ist, wie es funktionieren soll. Sein ganzes Leben hat er dafür gekämpft, dass wir in Israel und Gaza als Nachbarn zusammenleben können.“ </em>(Yair Moses, Sohn des über 80 Jahre alten Gadi Moses aus Nir Oz, der am 30. Januar 2025 nach 482 Tagen freikam, zitiert von Natalie Amiri in ihrem Buch „Der Nahost-Komplex“, München, Penguin Verlag, 2025)</p>
<p>Das neue Buch von Natalie Amiri bietet einen umfassenden Überblick über die politische Lage, die gesellschaftlichen Entwicklungen und Kontroversen der Region. Sie hat mit zahlreichen Menschen und Organisationen gesprochen und die Orte des Geschehens bereist, mit der Ausnahme von Gaza, wo Journalist:innen von außen keinen Zugang erhielten. Das Buch beginnt mit einem Statement von Margot Friedländer: <em>„Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches, kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut!“</em> Es endet mit einem Brief Natalie Amiris an Margot Friedländer, den sie nach einem gemeinsamen Abendessen geschrieben hatte.</p>
<p>Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober durchzieht das gesamte Buch. Natalie Amiri dokumentiert Telefonate, Presseerklärungen, Telefonate während des Terrorangriffes, aber auch Äußerungen israelischer Politiker des Likud und der beiden rechtsextremistischen Koalitionspartner, die die Vernichtung Gazas androhen und die Schaffung eines Groß-Israel ankündigen. Sie zitiert ebenso Stimmen wie die von Yair Moses und von Noa, die sie nur mit Vornamen nennt, aber wohl die ehemalige Geisel Noa Argamani sein dürfte: <em>„Für mich hat der Tod von Jonathan und seinen Freunden klargemacht: Frieden ist die einzige Antwort.“</em></p>
<h3><strong>Isaak und Ismael</strong></h3>
<p>Als Natalie Amiris Buch in Druck ging, waren noch 48 Geiseln in der Gewalt der Hamas. Die Angriffe der IDF in Gaza dauerten an. Am 13. Oktober 2025 war es so weit: Die letzten 20 lebenden Geiseln der Hamas sind frei. Nach 738 Tagen! Darunter vier deutsche Staatsangehörige: die Zwillinge Ziv und Gali Berman, Rom Braslawski, Alon Ohel. Nach wie vor sind 19 Leichen in Gaza (Stand 16. Oktober 2025). (Im Unterschied zu ihren Vorgänger:innen Olaf Scholz und Annalena Baerbock wiesen Friedrich Merz und Johann Wadephul ausdrücklich auf <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">die deutschen Geiseln</a> hin.) Im Gegenzug musste Israel etwa 2.000 inhaftierte Palästinenser:innen, darunter 250 zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder freilassen. Unter den 250 Mördern war Hilmi Al-Maash, Planer eines Selbstmordattentats in einem Bus im Jahr 2004, durch das elf Menschen starben und vierzig verletzt wurden, darunter die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/zeruya-shalev-gastbeitrag-geisel-deal-attentaeter-li.3324901">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> bekannte sie die Ambivalenz ihrer Gefühle. Sie schrieb auch über Trump, der <em>„endlich verstand, dass Netanjahu und seine Regierung nicht für die Mehrheit der israelischen Gesellschaft sprechen.“ </em>Aber nichts ist wie es sein sollte: <em>„Wie absurd das ist – der Präsident einer fremden Supermacht kümmert sich mehr um die israelischen Bürger als ihre eigene Regierung. So wie Katar, die Türkei und Ägypten sich weit mehr um die Bewohner des Gazastreifens kümmern als die Anführer der Hamas.“</em></p>
<p>Die Gräuel des 7. Oktobers waren die größte Mordaktion gegen Jüdinnen und Juden seit der Shoah. Aber es gibt noch ein anderes Datum, das Pogrom in Kischinew im April 1903, unter dessen Eindruck der hebräische Nationaldichter – so wird er in Israel von vielen gelesen – Chaim Nachman Bialik das Gedicht „In der Stadt des Tötens“ schrieb. Dieses Gedicht wurde mit einem sehr lesenswerten Nachwort der israelischen Psychologin und Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen in dem Band „Wildwuchs“ mit mehreren Erzählungen des hebräischen Dichters neu veröffentlicht (München, C.H. Beck, 2024). Ayelet Gundar-Goshen wies darauf hin, dass Netanjahu am 7. Oktober 2023 aus diesem Gedicht zitierte: <em>„Nicht kann selbst die Hölle so grausig Verbrechen, / nicht Kindesblut rächen“</em>. Die Geschichte des Judentums ist eine Geschichte der Verfolgung, der Pogrome, sie ist aber auch – so liest Ayelet Gundar-Goshen Bialiks Erzählung „Hinter dem Zaun“ – <em>„die Geschichte der Halbbrüder Ismael und Isaak. Beide sind Söhne Abrahams, aber nicht Bruderliebe, sondern reinster Hass herrscht zwischen ihnen.“</em> So werden wohl nach wie vor von vielen Menschen die Geschichten der Bibel und des Koran gelesen.</p>
<h3><strong>Misstrauen und Heuchelei</strong></h3>
<p>Eine prominente Kritikerin der Netanjahu-Regierung ist die deutsch-israelische Autorin Sarah Levy, die schon in ihrem ersten Buch „Fünf Worte für Sehnsucht“ (Hamburg, Rowohlt, 2022) die Zerrissenheit einer liberalen israelischen Jüdin angesichts der anti-liberalen und anti-demokratischen Reformen der Regierung Netanjahu beschrieb. Ihr im August 2025 erschienenes Buch „Kein anderes Land“ (Hamburg, Rowohlt, 2025) schrieb sie unter dem Eindruck des 7. Oktober. Opfer sind nicht nur jüdische Israelis, auch arabische wie beispielsweise Marwa, die KiTa-Erzieherin ihres Sohnes Oz, die ihr Erscheinungsbild und ihr Verhalten ändert, um nicht als Araberin gesehen zu werden. Sarah Levys Buch ist voller Fragen: <em>„Ich will nicht so sein wie jene, die keinen Unterschied machen zwischen einem Volk, einer Regierung, einer Armee, einer Terrorgruppe oder einem Kind. Doch je mehr ich in diese dunkle Welt eintauche, desto mehr merke ich, wie auch ich härter werde, die Versuchung spüre, mich zu verschließen, vor dem Leid in Gaza durch die Bomben der israelischen Armee. Es gelingt mir in diesen Tagen nicht mehr automatisch, die gleiche Empathie für palästinensische Opfer zu empfinden wie für israelische Opfer. Als ob mein Mitgefühl gedämpft sei unter der Last der Berichte aus Israel und dem Gefühl, dass es sich hier um einen existenziellen Krieg handelt. Was, wenn wir das hier nicht gewinnen? Was wird aus den Geiseln? Was wird aus Israel? Aus dem jüdischen Volk? Und wie sieht ‚gewinnen‘ überhaupt aus, wenn beiden Seiten schon so viel verloren haben?“</em></p>
<p>Es geschieht so etwas wie eine schleichende Verhärtung. Ayelet Gundar-Goshen lässt die psychologischen Mechanismen in ihrem fünften Roman „Ungebetene Gäste“ (Zürich / Berlin, Kein &amp; Aber, 2025) erahnen. Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri alleine zu Hause. Ein arabischer Handwerker renoviert. Sie ist hin- und hergerissen, ob sie ihm vertrauen kann oder nicht lieber doch ihren Mann herbeitelefoniert. Der Handwerker geht zur Toilette und in diesem Augenblick lässt ihr Sohn einen Hammer auf die Straße fallen, der einen Jugendlichen erschlägt. Der Araber wird verhaftet, weil sie sich nicht traut, die Wahrheit zu sagen. Alle handelnden Personen, sie selbst, ihr Mann, der Vater des Opfers, die Familie des Arabers, die Therapeutin Noga verstricken sich in ihren Vorurteilen und Halbwahrheiten. Naomi und ihr Mann wandern nach Lagos in Nigeria aus und das Spiel der unausgesprochenen Wahrheiten und vermuteten Halbwahrheiten setzt sich fort, auch im Kontakt mit der Nigerianerin Ayobami, die nicht die ist, als die sie zunächst erscheint. Und was macht Naomis Mann eigentlich wirklich in Nigeria? Ayelet Gundar-Goshen lässt – wie in ihren anderen Romanen – die Perspektiven wechseln, es gibt auch eine Auflösung, die jedoch keine Lösung ist. Über allem herrscht gegenseitiges Misstrauen, das im Roman noch unterhaltsam klingen mag, aber in der Realität brutale Folgen hat.</p>
<p>Exemplarisch für die Heuchelei der israelischen Regierung und die Hilflosigkeit der Menschen in Israel – man könnte vielleicht sogar von Psychoterror sprechen – ist für Sarah Levy <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-02/familie-bibas-shiri-israel-tod-hamas-geiseln/komplettansicht">„Das furchtbare Spiel mit der Familie Bibas“</a>, so der Titel ihres Beitrags in der ZEIT vom 20. Februar 2025. Der 20. Februar war der Tag, an dem die Hamas die Särge der ermordeten Shiri Bibas, der Mutter, und ihrer beiden Kinder, der vierjährige Ariel und der zehn Monate alte Kfir, übergab (der Artikel enthält ein entwürdigendes Bild, in der ein Hamas-Terrorist die Särge präsentiert, in dem Shiri zugeschriebenen Sarg lag – wie sich herausstellte – übrigens jemand anders). Die Kinder wurden nach der Entführung von Hamas-Terroristen im November 2023 mit bloßen Händen erwürgt: <em>„Die Bibas-Familie ist zum Symbol der Grausamkeit des 7. Oktober geworden. Terroristen haben an dem Tag mehr als 1.200 Menschen ermordet. Noch nie wurden so viele Zivilisten, Kinder, Frauen, Alte, Verletzte, selbst bereits Getötete als Geiseln genommen und verschleppt. Doch zwei kleine Kinder, neun Monate und vier Jahre alt, mit ihrer Mutter im Schlafanzug als Geisel zu nehmen – so etwas gab es noch nie in der Geschichte Israels“</em>. Dem Vater Jarden Bibas erzählte die Hamas, seine Familie wäre bei einem Luftangriff der IDF ums Leben gekommen. Sarah Levy verzweifelt an der israelischen Regierung, die kein sonderliches Interesse zu zeigen schien, <em>„die letzten verbleibenden Kindergeiseln aus Gaza zurückzubringen“</em>.</p>
<p>Die Bewohner:innen der von der Hamas heimgesuchten Dörfer traten für Frieden und ein friedliches Miteinander von Israelis und Palästinenser:innen ein. Das interessierte die Hamas – und auch einen großen Teil der Weltöffentlichkeit – so gut wie gar nicht. Ebenso deutlich wie das Schicksal der Familie Bibas zeigt der Überfall des Nova-Festivals die Brutalität der Hamas.</p>
<p>In einem Satz ließe sich der Überfall, der am 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr begann, wie folgt zusammenfassen: Über 3.000 schwer bewaffnete Männer fallen unter Lobpreisungen Allahs unbewaffnete harmlose Menschen, die nur eines wollten: in Frieden tanzen, in Frieden leben.</p>
<h3><strong>Re’im 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr</strong></h3>
<p>Der Überfall auf das Nova-Festival ist sehr gut dokumentiert. Dafür sorgten nicht zuletzt die Terroristen selbst. Sie filmten sich bei ihrem Morden und stellten die Bilder ins Netz, oft mit den ihren Opfern geraubten Mobiltelefonen oder mit eigenen Kameras, die ihre Taten wie ein Ego-Shooter-Computerspiel erscheinen lassen. Eine große Zahl dieser Bilder zeigt die <a href="https://www.tribeofnova.com/">„Tribe of Nova Foundation“</a> in der <a href="https://www.thf-berlin.de/aktuelles/veranstaltungen/veranstaltung/the-nova-music-festival-exhibition">Nova Music Festival Exhibition</a>, einer Ausstellung, die vom 7. Oktober bis zum 16. November 2025 in der Haupthalle des Berliner Flughafens Tempelhof zu sehen ist. Die Ausstellung sahen zuvor in New York City, Los Angeles, Buenos Aires, Miami, Toronto und Washington D.C bereits über eine halbe Million Menschen. Die folgenden Sätze sollen einen Eindruck vermitteln, was zu sehen ist.</p>
<p>Der zu Beginn einstimmende Film zeigt die friedliche Stimmung bei Sonnenaufgang, einem magischen Moment vieler Festivals. Wenige Minuten vor dem Angriff. Er endet mit der Warnung der DJ’s vor den anfliegenden Raketen und wir treten in die große Eingangshalle des Flughafens. Zunächst sehen wir auf einer Empore Originalvideos der Terroristen, die sich mit Allahu Akbar anfeuern, sich rühmen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen. Wir sehen, wie sie unbewaffnete, hilflose Menschen jagen. Wir sehen den Bulldozer, der den Grenzzaun einriss und Platz schuf für all die Zivilisten, die zur Plünderung eilten, wir sehen lange Kamerafahrten über die Straßen mit all den zerstörten Autos, dazwischen ein fahrender Pick-Up mit Terroristen, die immer wieder absteigen und schießen, wir sehen flüchtende Menschen zwischen den Bäumen. In der Halle sehen wir Originalstücke vom Gelände: Zelte, auf dem Boden verstreute Habseligkeiten, Kuscheltiere, Wasserflaschen, Kleidungsstücke, Schmuck, das DJ-Pult und die Lautsprecherboxen, eine Bar, Dixi-Toiletten, durchsiebt von Einschusslöchern vollautomatischer Gewehre, ausgebrannte und umgestürzte Autos, Tische, auf denen die Schuhe, die Mützen, Portemonnaies, Handyhüllen gesammelt sind.</p>
<p>Auf einem Tondokument ist ein Terrorist zu hören, der sich gegenüber seinen Eltern rühmt, er sei ein Held, er habe zehn Juden getötet und telefoniere jetzt vom Mobiltelefon einer Jüdin. Wir sehen das Video mit der ermordeten <a href="https://jungle.world/artikel/2025/40/shani-louk-ricarda-louk-antisemitismus-deutschland-in-europa-hat-man-schon-vergessen-wie-es-anfing">Shani Louk</a> auf einem Pick-Up, um sie herum Terroristen, die Gott hoch leben lassen, das Video der um Hilfe rufenden auf einem Motorrad zwischen zwei Terroristen eingeklemmten <a href="https://worldisraelnews.com/noa-argamani-reveals-new-details-of-hamas-kidnapping/">Noa Argamani</a>, dokumentiert ist das Telefonat zwischen <a href="https://www.timesofisrael.com/taken-captive-romi-gonen-after-being-shot-in-car-by-terrorists/">Roni Gonen</a> und ihrer Mutter. Am Rand können wir die kleinen Bunker betreten, in denen sich Festival-Besucher.innen versuchten zu verstecken, zu 20 oder gar zu 40 in einem engen vielleicht drei oder vier Quadratmeter großen Raum, bis die Terroristen sie mit Handgranaten heraustrieben oder töteten. Ein junger Mann positionierte sich am Eingang eines solchen Bunkers und versuchte, die Handgranaten zurückzuwerfen. Zu den Waffen der Hamas gehörten auch Viagra-Pillen. In der Nova Exhibition sind Berichte dokumentiert, wie ein Hamas-Terrorist eine Frau vergewaltigt, während ein Kumpan gleichzeitig mehrfach mit dem Messer auf sie einsticht (diesmal kein Video). Eine Karte markiert die Orte, an denen Zivilist:innen und Sicherheitskräfte ermordet, an denen Menschen entführt worden sind. Zu sehen sind an zwei großen Wänden hinter der in der Mitte der Halle aufgestellten Bühne des Festivals auf der einen Seite die Bilder aller Opfer des Festivals, auf der anderen die aller auf dem Festival entführten Menschen. Kerzen davor mit Testimonials der Besucher:innen.</p>
<p>Die israelische Regierung verfügt über einen etwa 45 Minuten langen Film, den sie allerdings nur ausgewählten Politiker:innen und Journalist:innen zeigt. Aber auch wer diesen Film nicht sehen oder die Nova Exhibition nicht besuchen kann, kann sich umfassend informieren. Berichte gibt es in Hülle und Fülle. Nur ein Beispiel: Der Bericht <a href="https://www.1202.org.il/wp-content/uploads/2025/01/ARCCI-report-sexual-crimes-on-october-7-updated-26.3.pdf">„Sexual Violent Crimes on October 7“</a> der Association of Rape Crisis Centers in Israel (ARCCI) liegt bereits seit Februar 2024 in verschiedenen Sprachen vor, <a href="https://www.1202.org.il/wp-content/uploads/2025/01/Deutsch-Stummer-Schrei-Sexuelle-und-geschlechtsspezifische-Gewalt-im-Krieg-vom-7.-Oktober.pdf">seit August 2025 auch in deutscher Sprache</a>. <a href="https://www.mena-watch.com/bericht-sexualverbrechen-hamas-deutsch/">Nur die Plattform mena-watch informierte</a> zeitnah über diese Übersetzung.</p>
<h3><em>„<strong>Wir hassen nicht“</strong></em><strong> (Ofir Amir)</strong></h3>
<p>Der Titel der Ausstellung der Nova Tribe Foundation geht auf eine Tätowierung zurück, die sich <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ich-war-mit-fuenf-frauen-in-einem-kaefig/">Mia Schem</a>, eine der Geiseln, nach ihrer Befreiung stechen ließ. <em>„Wir werden wieder tanzen“</em> – das ist die zentrale Botschaft der Ausstellung, die nach der Darstellung der Gräuel im Hauptraum in weiteren Räumen Programme und Projekte zur Betreuung der befreiten Geiseln und der Angehörigen der Geiseln und Ermordeten angeboten werden. Es sind Räume der Meditation, Räume der Ruhe, mit Vorträgen und Videos über die verschiedenen Programme. Die Botschaft lautet: <em>„Wir hassen nicht“</em> – so Ofir Amir, der mit mehreren Freunden das Festival organisiert hat, wie auch in den Jahren davor. Es war geplant, wenig später am selben Ort das israelische Burning Man durchzuführen.</p>
<p>Ofir Amir wurde in Offenbach geboren. Er beschrieb Anfang Oktober 2025 <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/nach-dem-ueberleben/">in der Jüdischen Allgemeinen</a>, wie er den Terrorangriff vom 7. Oktober 2025, 6:29 Uhr, erlebte. Ihn selbst schossen die Terroristen in beide Beine, er überlebte, erlebte aber, wie Freund:innen neben ihm ermordet wurden. <em>„Trotzdem sind wir hier. Wir glauben an das Gute und lassen uns nicht unterkriegen. Wir antworten mit Musik. Mit Erinnerung. Mit Licht. Mit Liebe. Unsere Botschaft ist klar: Terroristen haben uns angegriffen. Aber unsere Reaktion darauf ist, nicht zu hassen. Diese Macht geben wir ihnen nicht. Als in Manchester bei einem Ariana-Grande-Konzert ein Selbstmordattentäter 23 junge Menschen tötete, war die Welt zu Recht erschüttert. Als bei uns mehr als 400 junge Menschen brutal ermordet wurden, war das Schweigen ohrenbetäubend. Das ist es bis heute. Noch immer werden Menschen als Geiseln in Gaza festgehalten – darunter Besucher des Nova-Festivals. Sie kamen, um zu tanzen, zu feiern, zu leben.“</em></p>
<p><a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/gedenkausstellung-zum-7-oktober-berlin-ist-als-stadt-dem-nova-festival-sehr-ahnlich-14452199.html">Julius Geiler interviewte Ofir Amir für den Berliner Tagesspiegel</a>: <em>„</em><em>Sehen Sie, ich werde oft gefragt, wie es mir geht. Aber es gibt Gruppen von zwölf Freunden, die gemeinsam das Festival besucht haben und von denen am Ende nur zwei wieder nach Hause gekommen sind. Ich habe beide Beine, ich habe die Geburt meiner Tochter erlebt, ich bin zu meiner Frau zurückgekehrt. Ich habe so viele Freunde verloren. So viele Freunde wurden noch viel schwerer verletzt, als ich. Who am I to complain.“</em> <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/berlin-nova-festival-ausstellung-massaker-israel-e764040/">In der Süddeutsche Zeitung sagte Ofir Amir in einem Interview mit Peter Richter</a>: <em>„Das ist uns passiert, aber wir hassen nicht.“</em></p>
<p>Am 2. Oktober 2025 veröffentlichte die ZEIT <a href="https://www.zeit.de/2025/42/hamas-angriff-nova-festival-israel-7-oktober/komplettansicht">Testimonials von Überlebenden</a>, die Evelyn Finger protokollierte, der Rentner Itzik Askapa, der sich einmischte, als die Hamas die Polizeistation neben seinem Haus eroberte, Yasmin Porat, die es schaffte zu fliehen, aber in ein Feuergefecht geriet. Sie überlebte, ihr Partner wurde ermordet. Daniel und Neria Sharabi hätten gerne noch mehr Menschen gerettet, konnten inzwischen mit dem Verein „Für die Überlebenden und die Verwundeten“ über 1.400 Traumatisierten helfen. Eldad Adar gesteht, er war erleichtert, als er erfuhr, dass seine Tochter Gili Adar <em>„nur erschossen“ </em>wurde.</p>
<p>Ofir Amirs Text in der Jüdischen Allgemeinen endet zuversichtlich: <em>„Ich bin Vater geworden, während ich kaum stehen konnte. Heute kann ich wieder laufen. Meine Tochter fängt langsam an zu sprechen. Wenn meine Tochter mich eines Tages fragt, was am 7. Oktober 2023 passiert ist, werde ich ihr sagen: Es war ein Tag, an dem Terroristen, die ihr Leben dem Hass gewidmet haben, unvorstellbares Leid über uns gebracht haben. Ein Tag, an dem ich meine Freunde verlor und dem Tod entkommen bin. Aber ich habe seitdem auch gelernt, dass selbst im tiefsten Dunkel ein kleines Licht bleibt, das eines Tages die Welt erleuchten kann. We will dance again!“</em></p>
<p>Auf Seiten der Hamas dominiert nach wie vor der Hass, nicht nur der Hass auf Israel und auf alle Jüdinnen und Juden, auch der Hass auf die Palästinenser:innen, die ihnen nicht folgen wollen. Die <a href="https://www.mena-watch.com/">Plattform mena-watch</a> bietet jeden Donnerstag Berichte unter anderem auch zu Palästinenser:innen, die sich gegen die Hamas erheben. Mohammed Altlooli berichtet regelmäßig über die Verfolgung von Oppositionellen, <a href="https://www.mena-watch.com/hamas-herrschaft-in-gaza-mit-gewalt-festigen/">am 15. Oktober 2025 über Hinrichtungen durch die Hamas</a>. Ihnen wurde vorgeworfen, sie wären Kollaborateure Israels. Darüber berichteten ebenfalls <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/nahost-liveblog-news-gaza-israel-hamas-hinrichtungen-abbas-palaestinenserpraesident-li.3321949">am 15. Oktober 2025 die Süddeutsche Zeitung</a> und <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-hat-mich-nicht-gross-gestort-trump-vergleicht-hamas-hinrichtungen-mit-seinem-durchgreifen-in-washington-14567573.html">der Tagesspiegel</a>. Beunruhigend ist die Einlassung Trumps, der Tagesspiegel titelt: <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-hat-mich-nicht-gross-gestort-trump-vergleicht-hamas-hinrichtungen-mit-seinem-durchgreifen-in-washington-14567573.html"><em>„Trump vergleicht die Hinrichtungen der Hamas mit seinem Durchgreifen in Washington.“</em></a> Einen Tag später verkündete Trump auf Truth Social, die Hamas würde vernichtet, wenn sie weiterhin Menschen hinrichte.</p>
<h3><strong>„Resonanzraum“ Palästina</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-ist-recht-was-ist-unrecht/">Was ist Recht, was ist Unrecht?</a> Diese Frage stellt sich täglich. Es war die Frage, die Leonard Cohen sich stellte, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang. Matti Friedman zitiert ihn mit einer unveröffentlichten Strophe von „Lover, Lover, Lover“ in seinem Buch „Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens“ (übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2023). Immer wieder hat sich die israelische Soziologin Eva Illouz kritisch geäußert. Mitte September 2025 erschien bei Suhrkamp ihr Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/eva-illouz-der-8-oktober-t-9783518475300">„Nach dem 8. Oktober“</a>, die deutsche Übersetzung des französischen Originals vom August 2024, das bei Gallimard erschien.</p>
<p>In ihrem Essay fragt Eva Illouz unter anderem, wie es sein kann, dass sich Hass als Tugend ausgeben kann. Diese Frage betrifft nicht nur Hamas-Terroristen, sondern auch all diejenigen, die die Hamas für eine Gruppe von Freiheitskämpfern halten (wie beispielsweise sehr prominent Judith Butler oder Pankaj Mishra, die unter anderem auch leugneten, dass es Vergewaltigungen gegeben habe). Eva Illouz nennt zwei Gründe, unter anderem in Anlehnung an den Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann: <em>„Der erste Punkt hängt mit kognitiven Verkürzungen zusammen, den Modi des schnellen Denkens; der zweite mit der Art und Weise, wie wir unsere Identität im Hinblick auf die institutionellen Bedingungen geltend machen, die uns zu sagen erlauben, ‚was wir sind‘ und ‚wer wir sind‘.“</em> Ähnlich argumentierten Monty Ott und Jessica Ramczik <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/trump-die-hamas-muss-entwaffnet-werden-notfalls-mit-gewalt/">am 13. September 2025 in der Jüdischen Allgemeinen</a>: <em>„Palästina wird zur Projektionsfläche, weil es an einer konsistenten Erzählung mangelt.“ </em>Dabei geht es gar nicht um die Palästinenser:innen als konkrete Menschen: Deren Leid <em>„dient nicht als Ausgangspunkt für diplomatische oder politische Lösungsansätze, sondern als moralischer Resonanzraum, in dem man sich selbst als Teil eines heroischen Befreiungskampfes verorten kann.“ </em></p>
<p>Eva Illouz sieht eine gefährliche Mischung am Werk: „<em>Durch die Alchemie der umherwandernden Strukturen werden Antikapitalismus, Globalisierungsgegnerschaft und Antizionismus eins mit der Befreiung von sämtlichen Unterdrückungen.“ </em>Unter <em>„umherwandernden Strukturen“</em> versteht Eva Illouz ein Konzept, das mangels empirischer Begründungen <em>„von einer Disziplin auf eine andere und von einem Kontext auf einen anderen übertragen werden kann.“</em> Es geht um eine im Grunde inhaltsleere <em>„Identitätspolitik“</em>, für die es keine konkreten Akteure mehr braucht, <em>„eine neue Form von symbolischem Kapital, die ich als moralisches Kapital bezeichnen möchte.“</em> Schon Khomeini sei es gelungen, seinen Islamismus als antiimperialistischen Klassenkampf zu markieren. So wurde der Jubel über den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober, in der Berliner Sonnenallee, auf dem New Yorker Times Square und anderswo möglich: <em>„Soweit ich mich erinnern kann, hat kein anderes Massaker – ob im Südsudan oder im Kongo, in Äthiopien, Sri Lanka, Syrien oder der Ukraine – im Westen und in islamischen Ländern so viele Menschen glücklich gemacht.“ </em>Anders gesagt: Weil ich moralisch zu den Guten gehöre, ist alles, was ich denke, sage, tue, gerechtfertigt. Eva Illouz sagte in einem am 22. September 2025 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Gespräch mit Andreas Tobler: <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/linke-backlash-ueberlegenheit-eva-illouz-israel-hamas-eva-illouz-interview-li.3315737?reduced=true">„Die Linke ist einem Gefühl der moralischen Überlegenheit erlegen“</a>.</p>
<p>Wie dieses <em>„Gefühl der moralischen Überlegenheit“</em> im Alltag wirkt, dokumentierte die Amerikanerin Hannah Shapiro, die seit fünf Jahren in Berlin lebt (der Name ist ein Pseudonym), im Juli 2024 in der Jüdischen Allgemeinen: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/nach-dem-angriff-in-berlin-mitte/">„Nach dem Angriff in Berlin-Mitte“</a>: <em>„Vor anderthalb Wochen wurden mein Freund und ich auf dem Weg zum Schabbat-Essen von palästinensischen Demonstranten in Mitte angegriffen, als wir anhielten, um ein Eis zu essen. Wir wurden ohne Zustimmung gefilmt, angeschrien und mit Vergewaltigung bedroht. Ich wurde bespuckt, weil ich eine Davidstern-Halskette trug. Mein Freund wurde geschlagen und an den Haaren zu Boden geschleift. (…) Während Juden wieder einmal in den Schatten gedrängt werden, sind die Menschen auf den Straßen von Berlin still. Niemand, der sah, wie die Männer uns angriffen, tat etwas. Keiner rief die Polizei. Mein Freund lag in einem Scherbenhaufen und schützte seinen Kopf, während ich zur Polizei rannte. Niemand fragte, ob er Hilfe brauchte. Die Polizei brachte uns in die Eisdiele, um uns vor dem Mob draußen zu schützen, der ‚Eine Lösung! Eine Lösung!‘ skandierte. Währenddessen liefen die Leute weiter an dem Mob vorbei, um sich ein Eis zu bestellen – so als würde nichts passieren.“</em></p>
<p>Alle Jüdinnen und Juden werden in solchen Ereignissen in Kollektivhaftung genommen, ihnen wird eine Kollektivschuld unterstellt. Eine <a href="https://koas-bildungundforschung.de/forschung-projekte/bundesweite-studie-zu-den-auswirkungen-des-terroristischen-anschlags-am-7-oktober-2023-auf-die-juedische-und-israelische-community-in-deutschland/">Langzeitstudie der Fachhochschule Potsdam und des Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung</a> in Berlin belegt die nachhaltige Wirkung der unmittelbar nach dem Pogrom vom 7. Oktober einsetzende Welle des Antisemitismus in Deutschland. <a href="https://evangelische-zeitung.de/antisemitismus-situation-ist-eine-anhaltend-hohe-belastung-fuer-juden-2">Franziska Hein berichtete in der Evangelischen Zeitung</a>: <em>„Jüdinnen und Juden würden permanent aufgefordert, Rechenschaft über ihre politische Position zum Nahost-Konflikt abzulegen. (…) Typisch für Antisemitismus sei zudem, dass komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf einzelne Personen oder Gruppen projiziert würden. Jüdinnen und Juden würden für den Krieg in Gaza kollektiv verantwortlich gemacht.“</em> Ähnlich erging es Menschen, die als Araber:innen identifiziert wurden. Sie wurde für den Terrorangriff der Hamas kollektiv ebenso in Haftung genommen.</p>
<p>Mit einer solchen Argumentationskette wird die Kritik an dem Vorgehen der IDF in Gaza – oder auch dem Vorgehen gewalttätiger Siedler im Westjordanland – geschwächt und sie verstärkt die Kompromisslosigkeit der israelischen Regierung. Netanjahu und seine Koalitionspartner können sich mit dem pauschalen Antisemitismusvorwurf aus der Verantwortung herausreden. Der Angriff auf Katar, die Offensive auf Gaza-Stadt, die Ankündigungen, die besetzten Gebiete zu annektieren, die nationalistisch-imperialistisch-faschistoiden Invektiven von Smotrich und Ben-Gvir, denen Netanjahu nicht widersprach, sie hingegen mitunter selbst äußerte – all dies sorgte in den vergangenen zwei Jahren zunehmend dafür, dass Israel sich selbst in der Welt isolierte. Die Anerkennung mehrerer westeuropäischer Staaten für einen palästinensischen Staat – gemeint ist die Regierung der palästinensischen Autonomiebehörde – ist nur der Gipfel eines Eisbergs, den die israelische Regierung mit ihrem kompromisslosen Vorgehen in Gaza selbst geschaffen hat.</p>
<p>Die Argumente der Liberalen, Demokraten und Linken in Israel werden kaum noch wahrgenommen oder sogar umgedeutet. Sie verschwinden in einer eigentlich unsinnigen Debatte um einen Begriff wie <em>„Staatsräson“</em>, der in einer Knessetrede wie seinerzeit in der Rede von Angela Merkel, seine Berechtigung hatte, aber kein konkretes Konzept für das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel hervorbringen kann. Im Grunde ist der Begriff auch eine <em>„umherwandernde Struktur“</em> im Sinne von Eva Illouz. Meron Mendel hat den Begriff in seinem Buch „Über Israel reden – Eine deutsche Debatte“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2023, das Buch erschien vor dem 7. Oktober) dekonstruiert. Der Begriff postuliert etwas, das weder klar definierbar noch konsensfähig ist. Im Grunde verhindert er Dialog: <em>„Angela Merkel und weitere deutsche offizielle Amtsträger haben den deutschen Staat auf die Sicherheit eines anderen Staates verpflichtet. Ausgelassen wurde die Frage, was Israel tun oder unterlassen solle, damit diese Garantie in Zukunft bestehen kann. Das Versprechen wurde nicht einmal an Bedingungen geknüpft, wie etwa an das Fortbestehen der israelischen Demokratie.“</em> Meron Mendel fährt fort:<em> „Im Jahr 2008 war es vermutlich nicht vorstellbar, dass diese so fragil ist. Als Israeli hat mich Merkels Rede damals gerührt. Heute blicke ich mit Angst auf die politischen Entwicklungen in Israel (…). Wie kann eine deutsche Staatsräson für Israels Sicherheit das Land vor der Gefahr der demokratischen Selbstzerstörung schützen?“</em></p>
<h3><strong>Nach dem 13. Oktober 2025</strong></h3>
<p>Der 13. Oktober 2025 war hoffentlich ein Anfang. Es ist noch ein sehr langer Weg zu einem dauerhaften Frieden, zum Ende jeden Terrors, gleichviel ob von palästinensischen Terroristen oder israelischen Siedlern im Westjordanland, zum Ende jeglicher Spielarten von Antisemitismus, auch in Deutschland, zum Ende der Versuche Netanjahus, die israelische Demokratie zu zerschlagen, zu einem palästinensischen Staat. Auch die Aufarbeitung des Staatsversagens am 7. Oktober 2023 in Israel steht noch aus: Die Späherinnen von Nahal Oz hatten schon vor dem Überfall mehrfach gemeldet, dass jenseits der Grenze in Gaza sich Terroristen zusammenfänden, die einen Überfall trainierten. Die israelische Regierung wollte nicht hören.</p>
<p>Erst Donald Trump gelang es mit seiner <em>„Bulldozer“</em>-Methode (den Begriff verwendete Zeruya Shalev in ihrem oben zitierten Beitrag), Netanjahu zu einer (vorläufigen) Einsicht zu bringen und nach 738 Tagen am 13. Oktober 2025 die letzten noch lebenden Geiseln nach Hause zu bringen. Trump ließ dem israelischen Kabinett keine andere Wahl, als seiner Friedensinitiative zuzustimmen. Und es gelang ihm, die arabischen Staatschefs und sogar die Türkei zu gewinnen! Er schaffte es sogar, Netanjahu im Oval Office zu einer telefonischen Entschuldigung für die Bombardierungen eines mutmaßlichen Aufenthaltsorts von Hamas-Führern in Doha zu bewegen (<a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-09/angriff-katar-israel-hamas-verhandlungen-waffenstillstand-gxe">Lea Frehse nannte diese Bombardierung in der ZEIT mit Recht einen Anschlag auf die Diplomatie</a>. Das war im Übrigen auch der 7. Oktober, denn die Hamas verfolgte auch das Ziel, jede Annäherung zwischen Israel und weiteren arabischen Staaten nach dem Muster der Abraham-Abkommen von 2020 zu verhindern.)</p>
<p>Wir müssen ehrlich sein: Niemand weiß wie es weiter geht. Israel ist stark und schwach zugleich. Das Vorgehen der IDF war ungeachtet ihres brutalen Vorgehens durchaus erfolgreich. Israels Feinde sind so schwach wie nie zuvor. Hisbollah und Hamas haben ihre Anführer verloren. Der Iran, der sie finanzierte und unterstützte, und die jemenitischen Huthis wurden ebenfalls geschwächt. Die arabischen Staaten rund um Israel und die palästinensischen Gebiete wollen Ruhe. Die Entwaffnung der Hamas (durch wen eigentlich?) und der Hisbollah (durch den gestärkten, aber in sich nach wie vor schwachen libanesischen Staat) werden jedoch nicht einfach. Und was ist mit all den palästinensischen Splittergruppen, dem Islamischen Dschihad, der sich am 7. Oktober beteiligte, der PFLP (Volksfront für die Befreiung Palästinas)? Wo Waffen sind, finden sich immer wieder Terrorgruppen, die sie nutzen, möglicherweise auch außerhalb der Region. Die Instabilität Syriens ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Das Westjordanland ist angesichts der ständigen Übergriffe der Siedler, die die von Ben-Gvir befehligte Polizei gewähren lässt, ohnehin ein Pulverfass.</p>
<p>Hinzu kommt die gefährliche Sympathie der israelischen Regierung für falsche Freunde, auf die Eva Illouz im April 2025 in einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-israel-preis-verweigert-unterschrift-westjordanland-gastbeitrag-li.3230131">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> hinwies. Offenbar sieht die Regierung bei europäischen Rechtsextremisten keine antisemitische Bedrohung. So <em>„empfing die israelische Regierung Vertreter rechtsextremer Parteien aus der ganzen Welt. Zwei rechtsextreme Politiker aus Frankreich, Jordan Bardella des Rassemblement National und Marion Maréchal, Mitglied des Europäischen Parlaments, zogen durch die Straßen von Jerusalem. Ihre Partei und die Ideen, die sie vertreten, verteidigen eine christliche Zivilisation, die Juden in der Vergangenheit als gefährlich und minderwertig angesehen hat. Viele ihrer Wähler sind antisemitisch eingestellt. / Der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli, erwägt sogar den Aufbau von Beziehungen zur AfD, einer Partei, die nicht einmal versucht, die Nationalsozialismus-Nostalgie einiger ihrer Mitglieder zu verheimlichen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige von ihnen heimlich darüber lachen, dass israelische Juden sie jetzt mit Verbündeten verwechseln und dass Israel ihnen einen moralischen Status verleiht, der ihnen in ihrer eigenen Gesellschaft verwehrt bleibt. Die Geschichte ist nicht tragisch oder absurd, sie strotzt vielmehr vor Ironie.“ </em></p>
<p>Welche innenpolitischen Ziele wird die israelische Regierung verfolgen? Wird sie von ihren geplanten Justizreformen ablassen? Sehr wahrscheinlich ist das nicht, es sei denn, sie wird bei hoffentlich bald anberaumten Wahlen in die Opposition geschickt. Das ist immerhin nach den aktuellen Umfragen wahrscheinlicher als dass der am 8. Oktober explodierte Antisemitismus in den westlichen Ländern, der latent ohnehin schon immer vorhanden war, von einem auf den anderen Tag verschwindet.</p>
<p>Die Demonstrationen gegen die Regierung Netanjahus, für die Befreiung aller Geiseln, für die Beendigung des Krieges, belegen, dass sehr viele Menschen in Israel ihre Demokratie – die einzige in der gesamten MENA-Region – wertschätzen und wie sehr sie sie bedroht sehen, nicht nur durch den Terrorismus von außen, eben auch durch die eigene Regierung. Würde man die Zahl der Teilnehmenden an den Demonstrationen auf deutsche Bevölkerungszahlen umrechnen, wären dies etwa sieben bis zehn Millionen Menschen in jeder Woche vor dem Brandenburger Tor.</p>
<p>Sarah Levy, Ayelet Gundar-Goshen, Eva Illouz und viele andere haben die Zerrissenheit beschreiben, unter der so viele Menschen in Israel leiden. Sabine Brandes, Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen, berichtete am 4. September über den Schulbeginn in Israel am 26. August 2025: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/endlich-wieder-schule/">„Endlich wieder Schule“</a>. 180.000 Kinder wurden eingeschult, doch es war etwas anders als zuvor: Erstmals wurde eine Mehrheit der Kinder in orthodoxen statt in säkularen Schulen eingeschult. Sabine Brandes berichtete auch von Widerspruch und Widerstand am ersten Schultag: <em>„Doch der Krieg ist noch nicht vorbei: Zum zweiten Mal begann das Schuljahr inmitten der andauernden Kämpfe gegen die Hamas in Gaza. Hunderte von Gymnasiasten schwänzten den ersten Schultag, um an Kundgebungen für einen Waffenstillstands- und Geiselbefreiungsdeal teilzunehmen. / Andere erschienen zwar zum Unterricht, trugen als Zeichen der Solidarität aber gelbe T-Shirts- der Farbe des Kampfes für die Freilassung der Geiseln – statt den für diesen Tag üblichen weißen.“ </em>Organisiert hatten den Streik Schülervereinigungen. Anlass der Demonstrationen war auch eine Entscheidung des Bildungsministeriums, <em>„dass in den Abiturprüfungen nicht mehr zu Themen wie den Prinzipien einer liberalen Demokratie, der Bedeutung einer Unabhängigkeitserklärung oder Verfassung als Kontrolle der Staatsmacht geprüft wird. Nach wie vor werden aber Konzepte eines Staates mit religiös-traditioneller Identität und die Rolle des religiösen Rechts abgefragt.“</em></p>
<p>Die Überlebenden des Terrorangriffs hätten eine Antwort auf die eigentlich ganz einfache Frage. Zelda Biller formuliert sie im September 2025 in der ZEIT: <a href="https://www.zeit.de/2025/39/cafe-nilus-tel-aviv-schriftsteller-models">„Die weißen Tischdecken fehlen, die Songs sind trauriger“</a>: <em>„Werde ich eines Tages im Nilus oder in dem nächsten Tel Aviver Boheme-Café sitzen und auf Israel schimpfen, oder werde ich es weiter von Europa aus romantisieren? Vermutlich ist der Traum am Ende immer schöner als die Realität.“ </em>Oder ganz anders gefragt: Wird es wieder ein Nova-Festival geben? Sicherlich nicht unmittelbar auf dem Gelände in Re’im, das zur Gedenkstätte geworden ist, aber vielleicht nebenan.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. Oktober 2025. Das Titelbild zeigt DJ Skazi am 28. November 2023 vor den Bildern der am 7. Oktober 2023 von der Hamas ermordeten und verschleppten Teilnehmer:innen des Nova-Festivals in Re’im, nahe der Grenze zwischen Israel und Gaza. Foto:  Yonatan Sindel. Courtesy: Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Das Bild war auch Teil der Ausstellung „Im Angesicht des Todes“, die im Mai 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/auf-simches-der-tod-und-das-leben/">„Auf Simches – Im Angesicht des Todes“</a> vorgestellt wurde):</p>
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		<title>60 Jahre Nostra Aetate</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/60-jahre-nostra-aetate/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Sep 2025 16:28:15 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>60 Jahre Nostra Aetate Paradigmenwechsel im Verhältnis des Katholizismus zu Judentum und Islam „Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, fasst sie (die Kirche, AR) vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.“ (Nostra aetate, 1,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>60 Jahre Nostra Aetate</strong></h1>
<h2><strong>Paradigmenwechsel im Verhältnis des Katholizismus zu Judentum und Islam</strong></h2>
<p><em>„Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, fasst sie </em>(die Kirche, AR)<em> vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.“ </em>(Nostra aetate, 1, lateinisches Original: <em>„In suo munere unitatem et caritatem inter homines, immo et inter gentes, fovendi ea imprimis hic considerat quae hominibus sunt communia et ad mutuum consortium ducunt.”</em>)</p>
<p>Die Erklärung <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_nostra-aetate_ge.html">„Nostra aetate“</a> („Über die Haltung der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“) vom 28. Oktober 1965 ist zwar das kürzeste Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils, doch aufgrund ihres Inhalts eine der bedeutendsten und wirkungsreichsten. Wohl in kaum einem anderen Themenfeld wurde die theologische und kirchliche Wende so augenfällig und spürbar wie im konkreten Verhalten und in der Positionierung zu den anderen Religionen. Ein Friedenstreffen mit Gebet der Religionen etwa wie 1986 und seitdem regelmäßig wäre ohne das Konzil völlig undenkbar, ebenso wenig der Besuch eines Papstes in einer Synagoge oder Moschee. Zu Recht wurde deshalb in der Rezeption des Konzils immer wieder von einem <em>„Paradigmenwechsel“</em> gesprochen und nicht ohne Grund ist Nostra Aetate neben der <a href="https://liturgie.dsp.at/sites/www.dsp.at/files/u1653/h_ii_vatikanisches_konzil.pdf">Liturgiereform</a>, dem <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decree_19641121_unitatis-redintegratio_ge.html">Ökumenismus-Dekret</a> und der <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651207_dignitatis-humanae_ge.html">Erklärung zur Religionsfreiheit</a> bis heute der Stein des Anstoßes schlechthin für die traditionalistischen und fundamentalistischen katholischen Strömungen.</p>
<h3><strong>Der Anstoß: Die Erneuerung der Beziehungen zum Judentum </strong></h3>
<p>Papst Johannes XXIII. hatte zunächst nicht im Sinn, eine allgemeine Erklärung zu den nichtchristlichen Religionen durch das Konzil erarbeiten zu lassen. Vielmehr ging es ihm um eine neue Grundlegung des Verhältnisses zum Judentum. Anlass war vor allem das Erschrecken über die Shoah und die zunehmende kritische Auseinandersetzung damit. Zwar lässt sich zum Beginn des Konzils noch keine grundlegende theologische Wende im Verhältnis zum Judentum in der lehramtlichen Theologie feststellen, doch Personen wie Johannes XXIII. und der deutsche Kardinal <a href="https://www.deutsche-biographie.de/dbo008738.html#dbocontent">Augustin Bea</a> praktizierten eine Haltung der Offenheit, sodass während des Konzils ungeahnte Lernprozesse möglich wurden. Der unermüdliche Einsatz einzelner Personen im Vorfeld wie etwa des jüdischen Historikers <a href="https://julesisaacstichting.org/a-short-introduction-to-jules-isaac/">Jules Isaac</a> spielte dabei eine große Rolle. Eine offene, dialogische, lernbereite Haltung, die den anderen nicht als Objekt, sondern als Subjekt, als Person wahr- und ernstnahm, führte zu veränderten theologischen Verhältnisbestimmungen. Nostra Aetate ist ein pastoraler und dogmatischer Text zugleich <em>„ein Dokument der Wahrheit und der Liebe“</em> (<a href="https://austria-forum.org/af/Biographien/%C3%96sterreicher%2C_Johannes">Johannes Österreicher</a>).</p>
<p>Politische Proteste von arabischen Staaten und Bischöfen aus islamischen Ländern, die eine kirchliche Anerkennung des Staates Israel und deren Konsequenzen fürchteten, drohten die Erklärung zu verhindern und führten schließlich dazu, dass das Konzil sich auch zum Islam und zu den anderen Religionen äußerte. So entstand eine eigene Erklärung mit fünf Artikeln, deren inhaltliches und formales Herzstück Artikel 4, die Erklärung zum Judentum, ist.</p>
<p>Artikel 4 entwirft Grundzüge einer neuen und dennoch biblisch begründeten Israeltheologie, die vor allem auf den Kapiteln 9–11 des <a href="https://www.bibleserver.com/EU/R%C3%B6mer1">Römerbriefs des Paulus</a> aufbaut. Das Konzil betont, dass das Volk Israel Wurzel der Kirche ist, dass beide– wie durch ein Eheband (<em>„vinculum“</em>) – auf ewig miteinander verbunden sind; das Volk Israel steht nach wie vor im Bund mit Gott; in Christus sind Juden und Heiden versöhnt und vereinigt; die gemeinsame eschatologische Hoffnung wird ausgedrückt, eine Kollektivschuld der Juden am Tode Jesu wird endlich zurückgewiesen und jede Form von Antisemitismus beklagt. Vorausgegangen war dieser Erklärung bereits 1964 ein kurzer, aber fundamental wichtiger Abschnitt in der Kirchenkonstitution <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_ge.html">Lumen Gentium</a> (Artikel 16), wo die bleibende Erwählung des Volks Israel, des Judentums erklärt wurde. Nach Lumen Gentium 16, in dessen Licht die Erklärung Nostra Aetate zu lesen ist, steht das Volk Israel unter allen Religionen der Kirche am nächsten, die Beziehung zwischen beiden ist einzigartig. Eine Selbstbestimmung der Kirche und damit auch eine Verhältnisbestimmung zu allen anderen Religionen sind damit ohne die Bezugnahme auf das Judentum nicht mehr möglich.</p>
<p>Freilich ließ Nostra Aetate 4 auch viele Fragen offen (zum Beispiel die Mitverantwortung der Kirche für Judenfeindschaft, die Stellung zum Staat Israel, die Judenmission) und bleibt in Manchem noch in traditionellen Denk- und Sprachschemata hängen. Es war eben ein erster, aber äußerst wichtiger Schritt, die Öffnung einer Tür, durch die nun im Folgenden katholische und jüdische Partnerinnen und Partner des Dialogs gehen konnten und wollten.</p>
<h3><strong>Haltung und Verhältnis zu anderen Religionen</strong></h3>
<p>Artikel 4 der Erklärung, der sich ausdrücklich auf das Verhältnis zum Judentum bezog, wurde in eine umfassendere Sicht der Verhältnisbestimmung zu den anderen Religionen eingebettet.</p>
<p>Nostra Aetate 1 nimmt die zunehmenden Kontakte zwischen den Religionen und Völkern in der sich globalisierenden Welt zum Ausgangspunkt und formuliert das eigentliche Anliegen und Selbstverständnis der Kirche, nämlich: „<em>Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern“</em> (vgl. Lumen Gentium 1, 48). Um dieses Ziel zu erreichen betont das Konzil in der Erklärung bewusst das, „was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt“. Diese eher <em>konsensorientierte</em> Hermeneutik ist das Besondere und Neue im Unterschied zur <em>Differenzhermeneutik</em> der vorkonziliaren Kirche, die nur Unterschiede und Widersprüche sehen wollte. Das theologische Verhältnis zu den anderen Religionen wird dann schöpfungstheologisch und eschatologisch-soteriologisch grundgelegt: Alle Menschen haben denselben Schöpfer und <em>„dasselbe letzte Ziel“</em>, sie stehen unter dem einen Heilswillens Gottes und damit in der einen Heilsgeschichte.</p>
<p>Nostra Aetate 2 würdigt <em>„die Anerkennung einer höchsten Gottheit“</em>, die sich nicht selten in den Religionen findet. Von <em>„Heiden“</em> oder <em>„Ungläubigen“</em> ist in der Erklärung wie auch den anderen Konzilsdokumenten nicht mehr die Rede, weil diese traditionellen Begriffe polemisch-abwertend konnotiert sind. Dann werden kurz – zu kurz, um den vielgestaltigen Realitäten wirklich gerecht werden zu können – Lehren und Praktiken des Hinduismus und Buddhismus angesprochen. Dann ein zentraler, häufig zitierter Satz: <em>„Die katholische Kirche lehnt nichts von alldem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist“ </em>(siehe auch <a href="https://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html">Gaudium et Spes</a> 2). Gleichzeitig will und muss die Kirche weiterhin Christus verkündigen, <em>„in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden“</em>. Hier wird also wie bereits in Lumen Gentium 16 eine dogmatische Abstufung vorgenommen: die anderen Religionen enthalten göttliche Wahrheiten und eröffnen so Heil, die Fülle der Wahrheit und des Heils aber liegt in Jesus Christus und in den Sakramenten der Kirche.</p>
<p>Der christliche Wahrheits- und Heilsanspruch wird damit nicht mehr in exklusiver, sondern in inklusiver Weise vertreten: Die anderen Religionen sind keine separaten Heilswege neben dem Heilsweg Jesus Christus, vielmehr ist der dreifaltige Gott gnadenreich in den anderen Religionen gegenwärtig, wenn auch nicht so deutlich, sicher und wirksam wie in der (katholischen) Kirche. Das neue, inklusive Modell der Verhältnisbestimmung enthält also immer noch ein gewisses dogmatisches Gefälle gegenüber den anderen, was später immer wieder von innen wie außen kritisiert wurde, doch stellt sich die Frage, ob eine Religion, die sich bzw. den eigenen Wahrheitsanspruch ernst nimmt, über diese Position hinauskommen kann. Eher muss man wohl auch den anderen einen solchen inklusiven Anspruch zugestehen und der Inklusivismus darf eben nicht in überheblicher Weise vertreten werden, sondern sollte immer um die eigenen Begrenzungen wissen. Die religiösen Traditionen anderer Religionen jedoch wurden jedenfalls erstmals mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil positiv gewürdigt.</p>
<p>Auch Nostra Aetate 3 muss zusammen mit Lumen Gentium 16 gelesen werden. Dort heißt es, dass der Heilswille Gottes besonders auch die Muslime umfasst, die <em>„mit uns den einen Gott anbeten“</em>. Nostra Aetate 3 würdigt auf diesem Hintergrund den Glauben und die Glaubenspraxis der Muslime und benennt die Haltung, die katholische Christ:innen Muslim:innen und ihrem Glauben gegenübertreten einnehmen sollen: <em>„Hochachtung“</em>, <em>„Wertschätzung“</em> (<em>aestimatio</em>)! Zu Mohammed und dem Koran jedoch schweigen die Konzilsväter. Der entscheidende Unterschied beider Glaubensweisen im Hinblick auf die Bedeutung Jesu Christi wird angesprochen, die islamische Leugnung des Kreuzestodes Jesu (vgl. Sure 4,157) und damit auch von dessen universaler Heilsbedeutung bleibt unerwähnt.</p>
<p>Nostra Aetate 5 sieht in der Gottebenbildlichkeit und der damit verbundenen Würde jedes Menschen den eigentlichen Grund für die <em>„brüderliche“</em> Haltung gegenüber allen Menschen und schafft so eine inhaltliche Brücke zur Konzilserklärung über die Religionsfreiheit, die fast zeitgleich verabschiedet wurde. Ohne die Anerkennung der Religionsfreiheit nämlich ist ein Dialog auf Augenhöhe, ein Dialog von Gleichberechtigten nicht möglich. Diese Basis ist in Deutschland gegeben und zu bewahren, dafür ist zu kämpfen, weil die Religionsfreiheit Gradmesser ist für die Gewährung anderer Freiheits- und Gleichheitsrechte.</p>
<h3><strong>Die nachkonziliare kirchliche Rezeption</strong></h3>
<p>Nostra Aetate hätte kaum Chancen auf kirchliche Rezeption gehabt, wenn nicht noch während des Konzils oder bald danach entsprechende Strukturen geschaffen worden wären wie das Sekretariat für die Nichtchristen (seit 1988 <a href="https://www.vatican.va/content/romancuria/de/dicasteri/dicastero-dialogo-interreligioso/documenti.html">Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog</a>) und diözesane Dialogeinrichtungen. Fragen, die das Konzil offengelassen oder erst aufgeworfen hatte, wurden zumindest teil- oder ansatzweise in nachkonziliaren kirchlichen Äußerungen thematisiert:</p>
<ul>
<li>die positive Würdigung der religiösen Traditionen und Werte auch des nachbiblischen Judentums,</li>
<li>die Aufarbeitung und das Eingeständnis der Mitschuld der Kirche an diversen Formen der Judenfeindschaft,</li>
<li>die Verhältnisbestimmung von Dialog und Mission: dabei wird der Dialog einerseits als Teil der gesamten Sendung der Kirche verstanden, andererseits soll der Dialog nicht für die Mission verzweckt werden,</li>
<li>das in den Religionen vorhandene Wahre und Heilige (Nostra Aetate 2) wird auf die wirksame Gegenwart des dreieinigen Gottes und das universale Handeln des Heiligen Geistes zurückgeführt,</li>
<li>eine Relativierung der universalen und einzigartigen Heilsbedeutung Jesu Christi und der Kirche wird in der Erklärung der Glaubenskongregation <a href="https://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/documents/rc_con_cfaith_doc_20000806_dominus-iesus_ge.html">„Dominus Iesus“</a> (2000) abgelehnt.</li>
</ul>
<p>An dieser Stelle sei noch erwähnt, welch große Bedeutung das Pontifikat Johannes Pauls II. für den interreligiösen Dialog bis heute hat: Er hat immer wieder in seinen Ansprachen und Schreiben die einschlägigen Konzilstexte zitiert und interpretiert, hat originelle Gesten der Versöhnung und Verständigung gesetzt wie den Besuch der Synagoge Roms und der Umayyadenmoschee in Damaskus oder die Friedenstreffen in Assisi. Während Papst Benedikt theologisch wieder stärker abgrenzte und Porzellan zerschlug, wenn man an die <a href="https://www.benedictusxvi.org/ansprachen/vorlesung-beim-treffen-an-der-universitaet-regensburg">Regensburger Rede</a> oder den Streit um die Wiederzulassung der tridentinischen Messe mit ihren judenfeindlichen Inhalten etwa in der <a href="https://www.domradio.de/artikel/die-entwicklung-der-karfreitagsfuerbitte-seit-1570">Karfreitagsfürbitte</a> denkt, knüpfte Papst Franziskus an die Dialogbemühungen von Johannes Paul II. an und setzte neue Akzente.</p>
<h3><strong>Der heutige Kontext: Dialog unter Druck</strong></h3>
<p>Texte wie die des Konzils entwickeln nur dann eine Relevanz, wenn sie rezipiert werden. Rezeption aber heißt hier vor allem konkrete Umsetzung im interreligiösen Dialog auf verschiedenen Ebenen, die letztlich ineinander reifen müssen: 1) im Dialog des alltäglichen Zusammenlebens in Schule, Nachbarschaft, Beruf, Stadtteil, 2) im Dialog des religiösen und theologischen Austauschs, 3) im Dialog des praktischen und partnerschaftlichen Handelns zum Wohl anderer, 4) im Dialog der spirituellen und ästhetischen Erfahrung und schließlich 5) aus institutioneller Ebene. Betrachtet man die gegenwärtige Situation in Deutschland und weltweit, so ist der interreligiöse Dialog von vielen Seiten her unter enormen Druck geraten. Einige der Herausforderungen, die sich auf der Basis von Nostra Aetate für den gegenwärtigen interreligiösen Dialog ergeben, seien im Folgenden nur thesenhaft angerissen:</p>
<p>(1) Das Gespräch über die und mit den Religionen findet nie in einem luftleeren, nur religiösen oder theologischen Raum, sondern unausweichlich in konkreten gesellschaftlichen und (religions-)politischen Kontexten statt, die den Dialog und die Beziehungen immer wieder belasten und gefährden, aber auch bereichern, schärfen und reifen lassen können.</p>
<p>Fundamentalismen gefährden in allen Religionen den Dialog und das alltägliche Zusammenleben. Die religiösen Fundamentalismen können als anti-liberale und anti-moderne Protestbewegungen gesehen werden, die sich aus Angst vor Identitäts- und Machtverlust speisen. Sie entstanden weltweit im 19. und 20. Jahrhundert als Reaktion auf Aufklärung, Freiheits- und Gleichheitsforderungen und Veränderungen im Zuge moderner, säkularer und pluraler Gesellschaften. Sie richten sich gegen historisch-kritisches Denken, zum Teil auch gegen naturwissenschaftliche Theorien wie die Evolutionstheorie, gegen Religionsfreiheit und Gleichberechtigung. Es handelt sich im Kern um religiös-politische Ideologien der Ungleichwertigkeit, die absolute und exklusive Wahrheitsansprüche erheben und dadurch intolerante Haltungen evozieren, die auch zu Gewalt führen können. Ein friedliches Zusammenleben aber setzt demokratie- und pluralitätsfähige Religionen voraus.</p>
<p>Die Trenn- und Konfliktlinien verlaufen dabei meist weniger zwischen den Religionen als vielmehr quer durch die Religionen. Deshalb sind versöhnende Gesten und Schritte des Zueinanders, besonders durch die führenden Religionsvertreter auf den verschiedenen Ebenen ebenso vonnöten wie die kritische Aufarbeitung von gewaltlegitimierenden religiösen Traditionen. Die Gewaltproblematik betrifft dabei nicht nur den Islam oder die <em>„abrahamischen Religionen“</em>, sondern ebenso den Hinduismus und den Buddhismus. Der Dialog muss außerdem kontextualisiert, verräumlicht werden und einen konkreten Sitz im Leben haben, andernfalls wird er zur Showveranstaltung ohne nachhaltige Wirkung.</p>
<p>(2) Parallel zur religiösen Pluralisierung und zum religionsproduktiven Impetus der Postmoderne gibt es je nach Kontext einen unterschiedlich stark wachsenden säkularen, zum Teil religionskritischen oder gar religionsfeindlichen Sektor. Der interreligiöse Dialog zumindest hierzulande findet in einem zunehmend säkularen Umfeld statt. Die säkulare Öffentlichkeit und Gesellschaft braucht aber religionsbezogene Kompetenzen wie etwa ein Mindestmaß an Wissen über die Religionen und hermeneutische Fähigkeiten zur Deutung von religiösen Symbolen, Riten und Texten. Religionen dürfen dabei nicht nur als Problem wahrgenommen und möglichst aus dem öffentlichen Bereich verdrängt werden, sondern sind als Ressourcen und Bereicherung zu sehen, sofern sie die Spielregeln von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit anerkennen und im besten Fall auch begründen und verteidigen.</p>
<p>Die Verlockung ist groß, dass die Religionen sich gegen Anfragen und Kritik von außen abschließen oder gar gegen die säkularen Kräfte zusammenschließen. Dies widerspräche dem konziliaren Verständnis von Dialog und Zeugnis, die niemanden ausschließen und die Anfragen des anderen ernst nehmen sollen. Auch eine engere Zusammenarbeit der Religionen im Bereich der Kommunikation und Medienethik ist eine wichtige Aufgabe: Wie kann das Religiöse in den Massenmedien präsent sein, ohne dass es zu Manipulationen, Fehlinformationen, Proselytismus oder Hetze kommt?</p>
<p>(3) Der interreligiöse Dialog auf der offiziellen Ebene ist stark androzentrisch geprägt, was bei der patriarchalen Struktur und Prägung der meisten Religionen (Ausnahmen sind etwa das Reformjudentum oder Teile des Protestantismus) nicht verwundern dürfte. An der Basis und in der Praxis des interreligiösen Dialogs dagegen sind sehr häufig Frauen engagiert und bringen wichtige Perspektiven ein, die auf der offiziellen und theologischen Ebene künftig stärker wahrgenommen werden und zur Sprache kommen müssen.</p>
<h3><strong>Entwicklungen und Herausforderungen im christlich-jüdischen Dialog</strong></h3>
<p>Noch immer sind religiöse und nichtreligiöse Formen der Judenfeindschaft im kirchlichen und gesellschaftlichen Kontext nicht überwunden und in den letzten Jahren sogar wieder stärker und vor allem offener vertreten worden. Zu den aktuellen Aufgaben der Kirchen, ja aller Religionsgemeinschaften gehört es, die Grenzen zwischen einer legitimen Kritik an der konkreten Politik Israels und einer judenfeindlichen Israelkritik zu markieren und zu vermitteln: Judenfeindlich wird die Kritik dann, wenn das Existenzrecht Israels bestritten wird, wenn an den Staat Israel andere Maßstäbe angelegt werden als bei anderen Staaten, israelische Politik mit dem Nationalsozialismus verglichen wird oder wenn das Judentum insgesamt verantwortlich gemacht wird für konkretes Fehlverhalten israelischer Politik und Regierung. Das Existenzrecht des Staates Israel muss allein aus völkerrechtlicher Sicht unverhandelbar sein.</p>
<p>Für christliche Theologie stellt sich aber eine weitergehende Frage, nämlich ob und in welchem Maße der Staat Israel auch eine theologische Bedeutung hat: Die Landverheißung gehört zur biblischen Bundestheologie, ohne daraus konkrete politisch-rechtliche Gebietsansprüche ableiten zu können oder wie im evangelikalen Christentum damit messianische Erwartungen (messianischer Zionismus) zu verknüpfen. Die biblische Bundestheologie verbindet mit der Landverheißung aber auch die Gerechtigkeitsforderung, was die Anerkennung des Existenzrechts und die gleichberechtigte Behandlung der Palästinenser impliziert. Wird diese berechtigte Forderung nicht eingelöst, ist prophetische Kritik legitim und notwendig.</p>
<p>(2) Für den Dialog mit dem heutigen Judentum genügt es nicht, sich intensiver mit dem Alten Testament zu beschäftigen und dessen Eigenwert als Offenbarung zu entdecken, vielmehr müssen Christ:innen auch das nachbiblische, rabbinische Judentum, den Talmud, die jüdische Mystik und heutige Strömungen des Judentums besser kennen und als eine mögliche und legitime Auslegung der Hebräischen Bibel schätzen lernen. Das Judentum darf nicht ein Randthema in Verkündigung und Katechese bleiben, vielmehr muss dessen unverzichtbare Gegenwart für den christlichen Glauben immer wieder bewusst gemacht und konkret erfahrbar hat werden.</p>
<p>(3) Höchst bedeutsam waren zwei Erklärungen von orthodox-jüdischer Seite zum Dialog mit dem Christentum, zumal viele orthodoxe jüdische Theologen bislang dem Dialog kritisch bis ablehnend gegenüberstanden. Ende 2015 publizierten etwa 50 orthodoxe Rabbiner aus verschiedenen Kontinenten die Erklärung <a href="http://jcha.de/beitraege/Den_Willen_unseres_Vaters_im_Himmel_tun.pdf">„Den Willen unseres Vaters im Himmel tun: Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen“</a>. Nach einer positiven Würdigung der Dialogbemühungen und der erneuerten Israeltheologie der katholischen und anderen christlichen Kirchen in den letzten Jahrzehnten kommt das Dokument zu einer erstaunlichen theologischen Verhältnisbestimmung zum Christentum: Das Christentum sei weder Zufall noch Irrtum, <em>„sondern g‘‘öttlich gewollt und ein Geschenk an die Völker. Indem Er Judentum und Christenheit getrennt hat, wollte G‘tt eine Trennung zwischen Partnern mit erheblichen theologischen Differenzen, nicht jedoch eine Trennung zwischen Feinden (…) Jetzt, da die katholische Kirche den ewigen Bund zwischen G‘‘tt und Israel anerkannt hat, können wir Juden die fortwährende konstruktive Gültigkeit des ‚Christentums als unser Partner bei der Welterlösung anerkennen, ohne jede Angst, dass dies zu missionarischen Zwecken missbraucht werden könnte.“</em> (Absatz 3)</p>
<p>Juden und Christen seien Partner<em>: „Wir Juden und Christen haben viel mehr gemeinsam, als was uns trennt: den ethischen Monotheismus Abrahams; die Beziehung zum Einen Schöpfer des Himmels und der Erde, der uns alle liebt und umsorgt; die jüdische Heilige Schrift; den Glauben an eine verbindliche Tradition; die Werte des Lebens, der Familie, mitfühlender Rechtschaffenheit, der Gerechtigkeit, unveräußerlicher Freiheit, universeller Liebe und des letztendlichen Weltfriedens.“</em> (Absatz 5) Juden und Christen bleiben dem Bund mit Gott treu, <em>„indem sie gemeinsam eine aktive Rolle bei der Erlösung der Welt übernehmen.“</em> (Absatz 7) Keine offizielle orthodox-jüdische Stellungnahme ging bislang soweit in der theologischen Anerkennung des Christentums und macht damit deutlich, dass der christliche Glaube für den jüdischen Glauben theologisch nicht irrelevant ist.</p>
<p>Am 1. Februar 2017 veröffentlichten die <a href="https://rabbiscer.org/de/">Europäische Rabbinerkonferenz</a> (etwa 700 Rabbiner) zusammen mit dem <a href="https://rabbis.org/">Rabbinischen Rat von Amerika</a> (etwa 1000 Rabbiner) die Erklärung <a href="https://www.zentrum-oekumene.de/fileadmin/redaktion/Religionen/Zwischen_Jerusalem_und_Rom_-_2016-2017.pdf">„Zwischen Rom und Jerusalem: Die gemeinsame Welt und die respektierten Besonderheiten – Reflexionen über 50 Jahre Nostra Aetate“</a>. Die Erklärung ist eine Frucht des Dialogs mit dem Vatikan seit 2002. Obgleich sie in expliziter Abgrenzung zu dem oben zitierten Dokument „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun“ (2015) eine theologische Anerkennung des Christentums vermeidet, würdigt und begrüßt sie die veränderte Einstellung, die Dialogbemühungen und die neue theologische Verhältnisbestimmung der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanum. Trotz der tiefen theologischen Unterschiede, die unüberbrückbar seien, beruft sich das Dokument auf orthodoxe Quellen, die den Christen <em>„einen besonderen Status“</em> zuerkennen, <em>„weil sie den Schöpfer des Himmels und der Erde anbeten, der das Volk Israel aus der ägyptischen Knechtschaft befreite und der die Vorsehung über die ganze Schöpfung ausübt.“</em> Katholiken seien außerdem <em>„Partner, enge Verbündete, Freunde und Brüder in unserem gemeinsamen Streben nach einer besseren Welt“</em>. Es gebe viele moralische Werte, die Juden und Christen gemeinsam haben, ebenso den gemeinsamen <em>„Glauben an den göttlichen Ursprung der Tora und an eine endgültige Erlösung“</em>.</p>
<h3><strong>Entwicklungen und Herausforderungen im christlich-muslimischen Dialog</strong></h3>
<p>(1) Der christlich-muslimische Dialog wurde spätestens seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 von sicherheits- und integrationspolitischen Debatten bestimmt und überlagert. Im Gegenzug entstanden eine Vielzahl von lokalen und überregionalen Dialoginitiativen, die wichtige Brückenfunktionen in die jeweiligen Gemeinschaften hinein haben. Auch der theologisch-wissenschaftliche Dialog wie etwa durch das <a href="https://www.theologisches-forum.de/ueber-uns/">Theologische Forum Christentum Islam</a> hat ein neues und theologiegeschichtlich bislang einzigartiges Niveau erreicht, sodass auch kontroverse Themen wie Mission, Genderfragen oder Menschenrechte offen diskutiert werden können. Dennoch gibt es bis heute unter muslimischen Theolog:innen noch kaum Vertreter:innen, die sich intensiver mit der Bibel und der christlichen Theologie beschäftigen. Der „Offene Brief“ von 138 muslimischen Gelehrten an die Christenheit mit dem Titel <a href="https://www.theology.de/religionen/oekumene/christlichislamischerdialog/acommonwordbetweenusandyou.php">„A Common Word“</a> (2007), der das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe als gemeinsame Basis beider Religionen erklärt, kann hier als erster Schritt gesehen werden.</p>
<p>(2) Zu den immer noch offenen theologischen Fragen im Verhältnis zum Islam zählt die Frage, ob bzw. inwieweit Mohammed aus christlicher Sicht als Prophet und der Koran als Offenbarungsschrift anerkannt werden können. Hierzu bedarf es einer theologisch fundierten Kriteriologie. Der pneumatologische Ansatz des Konzils, wonach der Geist Gottes über die sichtbaren Grenzen der Kirche hinauswirkt, könnte hier weiterführen.</p>
<p>(3) Die große Herausforderung für Christen im Dialog mit Muslimen – wie auch mit Juden – besteht darin, ihr Bekenntnis vom dreieinigen und vom in Jesus Christus menschgewordenen Gott in verständlicher und lebensnaher Weise so auszudrücken, dass Missverständnisse überwunden werden, die Zweifel am monotheistischen Bekenntnis des Christentums wecken könnten. Dies setzt religiöse Sprachfähigkeit auf Seiten der Christen voraus. Gemeinsam aber sind Christen, Juden und Muslime aufgefordert, Zeugnis vom Schöpfergott in der zunehmend säkularisierten Welt zu geben.</p>
<p>Rechtspopulistische und christlich-fundamentalistische Strömungen haben in den letzten Jahren auch die Islamfeindschaft zum zentralen Mobilisierungsfaktor erkoren. Kritik an bestimmten Ausformungen des Islams und an faktischen Problemen muss erlaubt und möglich sein, jeder Form von Hetze und Menschenverachtung jedoch muss die vom Konzil geforderte Haltung der Hochachtung und Liebe entgegengehalten werden.</p>
<h3><strong>Herausforderungen im Dialog mit ostasiatischen Religionen</strong></h3>
<p>(1) Der Dialog mit Hinduismus und Buddhismus steht in Mitteleuropa heute eher im Schatten des gesellschaftspolitisch forcierten Dialogs mit dem Islam. Dennoch sind auch diese Religionen hier präsent und üben mit ihren spirituellen Angeboten eine Anziehungskraft für Christen aus. Der Dialog mit diesen Religionen kann gerade die spirituelle Ebene der interreligiösen Lernprozesse bereichern und so auch eigene christliche Traditionen wieder entdecken helfen. Dies erfordert eine kritische Unterscheidung der Geister: inwieweit können fremdreligiöse spirituelle Praktiken mit dem eigenen Glauben vereinbart werden, wo verläuft die Grenze zum Synkretismus? Diese Fragen können letztlich nur aus der konkreten Begegnung heraus beantwortet werden. Wichtige theologische Themen des Dialogs mit diesen beiden Religionen müssen vertieft werden, die hier nur angedeutet werden können: Schöpfung, Personalität Gottes, Menschenwürde, Auferstehung.</p>
<p>(2) Wahrzunehmen und in den Dialog hinein zunehmen sind schließlich auch die vom Konzil nicht ausdrücklich genannten Religionen, die im Zuge der Globalisierung in Mittel- und Westeuropa präsent geworden sind wie die Sikhs, die Bahais oder die Shintoisten. In Bezug auf diese Religionen fehlen bislang weitgehend theologischen Reflexionen der Verhältnisbestimmung ebenso wie konstante bilaterale Beziehungen.</p>
<p>(4) Der Islam kennt keine verbindliche religiöse Instanz, die dem Papst oder einem kirchlichen Lehramt gleichkommen würde. Erst seit wenigen Jahren schließen sich muslimische Gelehrte zu wechselnden informellen Gremien zusammen, um mit gemeinsamen Erklärungen stärker innerislamisch und außerhalb der islamischen Welt wahrgenommen zu werden. Der bereits erwähnte „Offene Brief“ mit dem Titel „A Common Word“ (2007), der das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe als gemeinsame Basis beider Religionen erklärt, war einer der ersten Schritte in diese Richtung. Hoffnung gibt die gemeinsame Erklärung zur „Geschwisterlichkeit aller Menschen“ von Papst Franziskus und dem Großscheich der Azhar Ahmad M. al-Tayyeb vom 4. Februar 2019 in Abu Dhabi, wo sich beide Seiten zur gleichen Würde und zu den gleichen Rechten (unter anderem Religionsfreiheit) und Pflichten aller Menschen bekennen, Gewalt und Terror verurteilen und sich zu Dialog und gerechtem Handeln verpflichten. Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 und der dadurch ausgelöste Krieg im Nahen Osten mit zehntausenden Opfern haben freilich viele Dialogbemühungen zwischen den abrahamischen Religionen vor eine schwere Belastungsprobe gestellt und nicht selten auch schwer gestört. Jahrelang aufgebautes Vertrauen wurde zerstört und es wird viele Jahre brauchen, um dieses wieder mühsam aufzubauen.</p>
<h3><strong>Fazit: Christen und Nichtchristen als Partner auf einem gemeinsamen Weg</strong></h3>
<p>Die Aufforderung von Nostra Aetate 3, <em>„gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen“</em> kann und soll heute als Auftrag für den interreligiösen Dialog allgemein verstanden werden. Christen und Angehörige anderer Religionen, ja alle Menschen guten Willens können und sollen gleichberechtigte Partner werden, die sich in der pluralen Gesellschaft füreinander und für andere einsetzen. Der interreligiöse Dialog ist kein Allheilmittel, aber er kann zu notwendigen Lernprozessen und Perspektivenänderungen befähigen. Zugleich setzt er interreligiöse und interkulturelle Kompetenzen voraus, die in allen Bildungseinrichtungen von der Kita über die Schulen bis zur Erwachsenenbildung vermittelt und eingeübt werden sollten. Dazu gehören religiöse Sprach-, Dialog- und Kritikfähigkeit. Die neue Haltung des Konzils, die in Nostra Aetate deutlich wird, ist nicht Überlegenheit, sondern Dienst am Nächsten: so verstanden und umgesetzt kann Nostra Aetate tatsächlich zum <em>„Kompass des kirchlich-glaubenden Handelns im 21. Jahrhundert“</em> (<a href="https://www.uibk.ac.at/systheol/siebenrock/index.html.de">Roman Siebenrock</a>) werden.</p>
<p><strong>Andreas Renz</strong>, München</p>
<p>Der Autor ist promovierter katholischer Theologe und Religionswissenschaftler. Er leitet den <a href="https://www.erzbistum-muenchen.de/ordinariat/ressort-1-grundsatzfragen-und-strategie/dialog-der-religionen">Fachbereich Dialog der Religionen im Erzbischöflichen Ordinariat München</a> und ist Dozent an der <a href="https://www.kaththeol.lmu.de/de/personen/kontaktseite/andreas-renz-5ee6abf0.html">Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU München</a>. Er ist Autor mehrerer Bücher zum Verhältnis der Religionen (unter anderem <a href="https://shop.kohlhammer.de/gott-und-die-religionen-39352.html#147=19">„Gott und die Religionen – Orientierungswissen Religionen und Interreligiosität“</a>, Stuttgart, Kohlhammer, 2020, sowie ein Standardwerk über Nostra aetate: <a href="https://shop.kohlhammer.de/die-katholische-kirche-und-der-interreligiose-dialog-23425.html#147=22">„Die katholische Kirche und der interreligiöse Dialog“</a>, Stuttgart, Kohlhammer, 2014) sowie Mitherausgeber des <a href="https://handbuch-cid.de/">Online-Handbuchs Christlich-islamischer Dialog</a>,</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2025, Internetzugriffe zuletzt am 11. September 2025, Titelbild: Über den Wolken, Foto: Hans Peter Schaefer)</p>
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		<title>Was ist Recht? Was ist Unrecht?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Jun 2025 15:23:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was ist Recht, was ist Unrecht? Was Debatten und Diskurse über Israel und Gaza zeigen „Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren.“ (Leonard Cohen) Dies sind Verse einer unveröffentlichten Strophe  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Was ist Recht, was ist Unrecht?</strong></h1>
<h2><strong>Was Debatten und Diskurse über Israel und Gaza zeigen</strong></h2>
<p><em>„Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren.“ </em>(Leonard Cohen)</p>
<p>Dies sind Verse einer unveröffentlichten Strophe des Liedes „Lover, Lover, Lover“, die Leonard Cohen in sein Notizbuch schrieb, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang (zitiert nach: Matti Friedman, <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-wer-durch-feuer.html">Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens</a>, übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Hentrich &amp; Hentrich 2023)</p>
<p><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-wer-durch-feuer.html"><img decoding="async" class="alignright wp-image-5758 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedman_Who_by_Fire.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a>Dieses Wissen begleitet viele von uns in unseren Zweifeln, die von Tag zu Tag wachsen, wenn wir Bilder aus Israel, aus Gaza, aus dem Westjordanland, seit der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 2025 auch aus dem Iran sehen, darüber lesen und diverse, oft höchst kontroverse Kommentare zur Kenntnis nehmen. Manche schreiben und sprechen anmaßend, andere wirken resigniert. Es ist wahrscheinlich, dass sich in den Tagen, in denen dieser Essay geschrieben wurde, täglich oder gar stündlich etwas verändert, insbesondere im Hinblick auf den Krieg zwischen Israel und dem Iran.</p>
<p>Es gibt bestimmte Muster in den Debatten und Diskursen, die sich angesichts der Entwicklungen in Israel und Gaza ständig wiederholen und oft genug radikalisieren. Vielleicht nehmen sie kommende Debatten und Diskurse zum Thema Israel und Iran vorweg? Vielleicht gibt es auch keinen Unterschied? Eines ist Fakt: Israel wird vom Iran bedroht, der schon Hamas, Hisbollah und Huthi ausstattete und mit einer auf dem Palästina-Platz in Teheran ablaufenden Uhr seinen Bürger:innen zeigt, wie viele Jahre, Monate, Tage, Stunden und Minuten es noch dauert, bis Israel vernichtet sein wird (es gibt Berichte, dass diese Uhr wohl bei einem israelischen Angriff zerstört wurde, ebenso wie der Eingang des Evin-Gefängnisses). Doch niemand, der sich an all diesen Debatten beteiligt, weiß wirklich, wie nahe der Iran bei seinem Bestreben nach nuklearer Bewaffnung war oder ist, sodass auch niemand weiß, ob Israel im Juni 2025 den Iran, mit schließlicher Unterstützung der USA, mit guten Gründen angegriffen hat oder ob andere Gründe eine Rolle spielten als die, die die israelische Regierung anführt. Am Vernichtungswillen des Iran und seiner Proxys in der Region ändert das nichts.</p>
<h3><strong>Die große Heuchelei</strong></h3>
<p>Aber gehen wir einige Schritte zurück. Was geschah und geschieht eigentlich <u>seit</u> dem 7. Oktober 2023? Das Pogrom vom 7. Oktober führte dazu, dass der Antisemitismus weltweit explodierte, unmittelbar, ohne jede Zeitverzögerung, nicht nur in palästinensischen Kreisen, auch in vielen sich links oder liberal verstehenden Milieus, mitunter sogar fahrlässig ignoriert von verschiedenen westlichen Regierungen wie in Spanien oder in Irland. Diese Explosionen des Antisemitismus vermögen zum Teil das Verhalten der israelischen Regierung und Netanjahus erklären. Aber das Verständnis für die Art und Weise, wie Israel seine Selbstverteidigung praktiziert, scheint in vielen westlichen Ländern zu schwinden, nicht nur in der Bevölkerung und in den Medien, auch bei Regierungen. Was auch immer geschieht, der Diskurs ist vergiftet. Die Debatte läuft wieder und wieder auf die eine Frage hinaus, was Israel darf, was nicht, ob und wo es sich zu Recht selbst verteidigt, ob und wo es zu weit geht. Aber auf der anderen Seite resignieren manche und sagen, dass Israel eigentlich nur noch alles falsch machen kann.</p>
<p>Die ZEIT hat am 28. Mai 2025 einen Text über die Radikalisierung des Diskurses Ende Mai veröffentlicht: <a href="https://www.zeit.de/2025-05/krieg-nahost-debatte-israel-gaza-krieg-waffenlieferungen-voelkerrecht/komplettansicht">„Wie wir über Gaza sprechen“</a>. Lenz Jacobsen, Nils Markwardt, Alisa Schellenberg, Johannes Schneider und Bernd Ulrich sprachen jeweils unterschiedliche Aspekte an. Der Modus, in dem zum Thema Gaza beziehungsweise Israel in den Debatten – wenn er überhaupt den Begriff Debatte verdient – vorherrscht, ist durchaus vergleichbar mit dem Modus mancher Debatte während der Coronapandemie oder nach dem russländischen Überfall der Ukraine am 24. Februar 2022. Recht oder Unrecht? Welche Frage! Johannes Schneider: <em>„Schon in der Coronapandemie ging es nicht in erster Linie um ein nüchternes Abwägen verschiedener Risiken, sondern um Wahrheit und Wirklichkeit überhaupt, und das auch noch in Bezug auf das Verhältnis des Staates zum eigenen Körper. Im Ukrainekrieg bemerkten die Deutschen dann, dass sie gar keine gemeinsamen Lehren aus der NS-Zeit gezogen hatten, sondern zutiefst widersprüchliche. Passte vorher noch alles einigermaßen zusammen – gegen Faschismus sein und für den Frieden –, beschimpfen sich Menschen im Angesicht Wladimir Putins gegenseitig als Kriegstreiber und Feinde der Freiheit.“ </em></p>
<p>Bernd Ulrich rät mit Recht zu mehr <em>„Demut“</em>. In der Tat: Wir sollten vielleicht erst einmal zugeben, wie verunsichert wir sind, wie wenig wir aus der Ferne verlässlich beurteilen können, was in Israel, Gaza und im Westjordanland geschieht. Das ist der Inhalt der Botschaften von Leonard Cohen und Bernd Ulrich. Was ist Recht? Was Unrecht?</p>
<p>Eine differenzierende Einordnung der israelischen Politik wäre jedoch auch notwendig, wenn der 7. Oktober 2023 gar nicht stattgefunden hätte. Es geht letztlich nicht nur um die aktuelle israelische Politik und das Vorgehen der IDF seit dem 7. Oktober, sondern auch um die Frage, ob und wie Israel mit der Regierung Netanjahu sich im Kreis rechtsorientierter bis rechtsextremer Parteien wiederfindet, die uns in den westlichen Demokratien bedrängen. <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/susan-neiman-israel-gaza-grt-li.3266078">In einem Gespräch mit Soja Zekri für die Süddeutsche Zeitung vom 9. Juni 2025 brachte es Susan Neiman auf den Punkt</a>: <em>„Seit Jahren umarmen die Rechtsparteien der Welt jede rechte Regierung in Israel, um von ihrem eigenen Rassismus oder Protofaschismus abzulenken. Man sieht es derzeit im großen Stil bei Donald Trump.“ </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-israel-preis-verweigert-unterschrift-westjordanland-gastbeitrag-li.3230131">Eva Illouz verwies am 3. April 2025 in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> auf die neuerlichen Sympathien zwischen Rechtsextremen in Europa und Rechtsextremen in Israel. Bildungsminister Yoav Kish (Likud) hatte ihr den ihr von einem wissenschaftlichen Komitee zugedachten Israel-Preis verweigert, weil sie sich mit ihrer Unterschrift für Untersuchungen zu Kriegsverbrechen der israelischen Selbstverteidigungskräfte in Gaza gefordert hatte: <em>„In derselben Woche, in der mir der Israel-Preis verweigert wurde, empfing die israelische Regierung Vertreter rechtsextremer Parteien aus der ganzen Welt. Zwei rechtsextreme Politiker aus Frankreich, Jordan Bardella des Rassemblement National und Marion Maréchal, Mitglied des Europäischen Parlaments, zogen durch die Straßen von Jerusalem. Ihre Partei und die Ideen, die sie vertreten, verteidigen eine christliche Zivilisation, die Juden in der Vergangenheit als gefährlich und minderwertig angesehen hat. Viele ihrer Wähler sind antisemitisch eingestellt. / Der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli </em>(zurzeit Mitglied des Likud, NR)<em> erwägt sogar den Aufbau von Beziehungen zur AfD, einer Partei, die nicht einmal versucht, die Nationalsozialismus-Nostalgie einiger ihrer Mitglieder zu verheimlichen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige von ihnen heimlich darüber lachen, dass israelische Juden sie jetzt mit Verbündeten verwechseln und dass Israel ihnen einen moralischen Status verleiht, der ihnen in ihrer eigenen Gesellschaft verwehrt bleibt.</em></p>
<p>Susan Neiman sagte im Gespräch mit Sonja Zekri auch manche Dinge, über die zu debattieren wäre, aber warum auch nicht. Darüber kann man reden, darüber muss man reden. Hier geht es aber um den Kern ihrer Aussagen: Sie hat recht, dass die auch oder vielleicht gerade in Deutschland virulente <em>„Mischung von Philosemitismus und Antisemitismus“</em> unerträglich ist. Man könnte auch von Heuchelei sprechen, nicht zuletzt in der Verwendung des ohnehin diffusen Begriffs der sogenannten <em>„Staatsraison“</em>. Letztlich landet jedes Wort auf der sprichwörtlichen Goldwaage, die aber eben nur für dieses Edelmetall funktioniert.</p>
<h3><strong>Falsche Freunde</strong></h3>
<p>Christopher Browning ging im New York Review of Books unter der Überschrift <a href="https://www.nybooks.com/articles/2025/04/10/trump-antisemitism-academia-christopher-browning/">„Trump, Antisemitism &amp; Academia”</a> der Frage nach, wie ehrlich es das große Vorbild der Rechtsextremen und Rechtspopulist:innen dieser Welt, Donald Trump, es mit dem Antisemitismus meine, den er ständig als Grund nennt, um Harvard und andere Universitäten zu maßregeln, indem er ihnen Mittel entzieht, Staatsaufsicht verordnet oder untersagt, ausländische Studierende aufzunehmen. Browning verweist zum Beispiel auf Trumps Wahlkampf im Jahr 2016, als er Hillary Clinton vor einem Hintergrund mit 100-Dollarscheinen und einem Davidstern zeigte, dazu die Porträts von drei zufälligerweise jüdischen Finanzexperten: Janet Yellen, George Soros und Lloyd Blankfein. Am 6. Januar 2021 zeigten sich die Proud Boys und der Aufschrift <em>„6MWE“</em> (= „6 Million Weren’t Enough“) auf ihren Sweatshirts. Brownings Fazit: <em>„His campaign against campus antisemitism is simply a hypocritical pretext for his assault on American higher education.”</em> (<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/trump-vs-us-universitaeten-christopher-browning-gastbeitrag-li.3227567">Eine deutsche Übersetzung des Textes von Browning erschien am 30. März 2025 in der Süddeutschen Zeitung</a>.)</p>
<p>All diese Verbindungen zwischen Trump, europäischen und israelischen Rechtsextremisten und Rechtspopulisten motivieren manche Linke und Liberale nun leider nicht, sich mit der israelischen Zivilgesellschaft zu solidarisieren, die die Freilassung aller Geiseln, ein Ende der Kriegshandlungen in Gaza (und im Westjordanland), und nicht zuletzt die Aufgabe der auch nach dem 7. Oktober nicht aufgegebenen Rechtsreformen der Regierung Netanjahu fordert. Im Gegenteil: <u>Alle</u> Israelis, <u>alle</u> Jüdinnen und Juden dieser Welt werden immer wieder in Sippenhaft genommen und da stört es offenbar nicht, wenn sich eine der scheinbar linken Ikonen der Pro-Palästina-Proteste, Greta Thunberg, auf ihrer Schiffreise nach Gaza mit Hisbollah-Aktivisten und -Verehrern zeigt (nachzulesen und zu sehen in dem oben zitierten Interview mit Susan Neiman).</p>
<p><a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/stefan-dietl/"><img decoding="async" class="alignright wp-image-6225 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-200x286.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-210x300.jpg 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-400x572.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-600x858.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-716x1024.jpg 716w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-768x1099.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-800x1144.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1074x1536.jpg 1074w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1200x1717.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus-1432x2048.jpg 1432w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Dietl_Antisemitismus.jpg 1679w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a>Stefan Dietl beschäftigt sich regelmäßig mit der völkischen Ausrichtung der Partei, so beispielsweise in seinem Buch <a href="https://unrast-verlag.de/produkt/die-afd-und-die-soziale-frage/">„Die AfD und die soziale Frage“</a> (Münster, Unrast Verlag, 2017), in dem er den <em>„völkischen Antikapitalismus“</em> in der Partei seziert. Offiziell behauptet die Partei natürlich etwas anderes. AfD’ler:innen versuchen durchweg – wie auch andere Antisemit:innen – den in der Partei vertretenen Antisemitismus abzustreiten. In seinem neuen Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/stefan-dietl/">„Antisemitismus und die AfD“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2025) beschreibt Stefan Dietl in acht Kapiteln, welche prominenten Platz Antisemitismus in der AfD einnimmt. <em>„Bewusst oder unbewusst geht man damit der Selbstdarstellung der AfD auf den Leim.“</em> Der Antisemitismus sei, so Dietl in seinem neuen Buch <em>„der blinde Fleck im Kampf gegen die AfD“</em>. In vielen Äußerungen werde deutlich, dass Jüdinnen und Juden nach Auffassung der Partei nicht zur <em>„deutschen Volksgemeinschaft“ </em>gehören. Dietl nennt mehrere Beispiele, die Affäre um Wolfgang Gedeon, die zu einer zeitweisen Spaltung der baden-württembergischen Landtagsfraktion führte, die aber inzwischen wieder zueinander gefunden hat, die Äußerungen von Stefan Brandtner nach dem Mordanschlag auf die Synagoge in Halle, die Bezeichnung von Juden als <em>„Tätervolk“</em> – bezogen auf die frühe Sowjetunion – durch Martin Hohmann sowie die Abwertung der deutschen Erinnerungskultur (nicht nur) durch Alexander Gauland und Björn Höcke.</p>
<p>Gedenkveranstaltungen in Bundestag und Landtagen werden von AfD-Abgeordneten regelmäßig boykottiert, antisemitische Äußerungen von der Parteiführung regelmäßig bagatellisiert. Zum AfD-Programm gehören Geschichtsrevisionismus, der Kampf gegen den sogenannten <em>„Schuldkult“</em> und nicht zuletzt der Kampf gegen die sogenannten <em>„Globalisten“</em>, für die namentlich wie auch in anderen Ländern George Soros als Gallionsfigur genannt wird. <em>„Tatsächlich thematisiert die AfD Antisemitismus jedoch ausschließlich in externalisierter Form, also bei gesellschaftlichen Minderheiten oder im Zusammenhang mit Migration. Antisemitische Ressentiments und Stereotype in der Mehrheitsgesellschaft werden hingegen nicht angesprochen oder sogar geleugnet. Öffentlich positioniert sich die AfD immer dann gegen Judenhass, wenn sie dies mit dem Kampf gegen Einwanderung verbinden kann.“</em> Der Antisemitismus in den eigenen Reihen wird von AfD’ler:innen sozusagen ausschließlich auf die Gruppe der Muslim:innen projiziert, obwohl man bei genauerem Hinsehen in vielen Punkten Einigkeit zwischen eigenen und islamistischen Auffassungen zugeben müsste, beispielsweise im Familienbild. Dabei passt der von linker beziehungsweise anti-kolonialistischer Seite praktizierte Antisemitismus der AfD gut ins Konzept. Es sind eben nicht nur die Muslime, sondern auch die Linken. Mit wohlmeinender Bildung lässt sich – so Stefan Dietl – Antisemitismus nicht wirksam bekämpfen. Antisemitismus ist auch nicht – wie manche Linke und Liberale meinen – eine Spielart von Rassismus, sondern ein <em>„Welterklärungsmodell“</em>. Es geht somit ums Grundsätzliche.</p>
<h3><strong>Als gäbe es so etwas wie Kollektivschuld</strong></h3>
<p>Über die Folgen der Art und Weise der aktuellen Debatten sprach <a href="https://www.mena-watch.com/ich-wollte-nicht-mehr-die-terroristin-spielen/">Regisseurin Adriana Altaras in einem Gespräch mit May Zehden (dokumentiert auf mena-watch)</a>: <em>„Doch mit dem weiteren Verlauf des Kriegs im Gazastreifen kippte die Stimmung erneut. Kritik richtete sich nicht mehr nur gegen Israels Regierung, sondern zunehmend pauschal auch gegen jüdische Kulturschaffende. Ich selbst wurde bislang nicht angefeindet, aber ob ich vielleicht stillschweigend aus Projekten herausgehalten werde, das weiß man nie. Besonders belastend ist, dass ich inzwischen bei fast jedem öffentlichen Auftritt auf Israel angesprochen werde – unabhängig vom eigentlichen Thema. Ich bemühe mich dann um Differenzierung, um Deeskalation. Aber so schnell, wie sich die Lage verändert, kommt man mit dem Einordnen kaum hinterher.“ </em></p>
<p>Dies ist nur ein Beispiel für viele. Schon am 7. Oktober 2023 begann es, dass <u>alle</u> Israelis, <u>alle</u> Jüdinnen und Juden gleichermaßen angefeindet und für alle Unbilden der Besatzungspolitik (NB: Gaza war kein besetztes Gebiet, sondern wurde <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/asien/nahost-gaza-krieg-historie-100.html">2005 von dem damaligen Premierminister Ariel Sharon gegen den Widerstand der dortigen Siedler geräumt!</a>) verantwortlich gemacht wurden, vor allem aus einer Szene, die sich eigentlich den Menschenrechten verschrieben hatte, aber diese offenbar nur Palästinenser:innen zugestehen wollten, nicht jedoch Jüdinnen und Juden, ungeachtet der Staatsangehörigkeit, ungeachtet ihrer Einstellungen. Unter den am 7. Oktober Ermordeten und Verschleppten waren viele, die sich für einen Frieden zwischen den Menschen in Israel und in den palästinensischen Gebieten einsetzten.</p>
<p>Offenbar hat die Solidarisierung mit (den) Palästinenser:innen bei manchen Linken und Liberalen etwas Identitätsstiftendes. Die Frage sollte erlaubt sein, warum alles Unbill, das den Menschen in den palästinensischen Gebieten geschieht, in toto Israel zugeschrieben wird, nicht aber der Hamas und den anderen Terrorgruppen, die ihre eigenen Leute unterdrücken. In der Tat sollte auch die Frage gestellt werden können, warum so viele Deutsche meinen, sich zum Thema Israel / Gaza äußern zu müssen, obwohl es in der Welt noch viele andere Regionen gibt, in denen schrecklichste (kann man dieses Wort überhaupt steigern?) Dinge geschehen, im Sudan, in Myanmar, im Jemen, in Äthiopien, in Eritrea, in Somalia und nicht zuletzt angesichts des russländischen Terrors in der Ukraine oder in Belarus.</p>
<p>Ein Beispiel für die vielen Absurditäten dokumentierte Monika Schwarz Friesel in ihrer Rede zu einer Gedenkveranstaltung im österreichischen Parlament mit dem Titel <a href="https://vrds.de/warum-die-schwarze-antwort-des-hasses-auf-dein-dasein-israel/">„Warum die schwarze Antwort des Hasses auf dein Dasein, Israel?“</a> (auch abgedruckt in: <a href="https://www.welt.de/debatte/kommentare/article252143806/Israel-Hass-Bildung-ist-keine-Garantie-gegen-Antisemitismus.html">Die Welt 22. Juni 2024</a>): <em>„Publiziert werden dabei von den Medien selbst die krudesten Ideen, zum Beispiel seit einigen Jahren Aussagen des postkolonialen Ansatzes, der die Shoah relativiert und Israel delegitimiert. Diese geschichtsverfälschende Schablone liefert längst nicht nur israelfeindliche, sondern auch kollektiv gegen alle Juden gerichtete Diskreditierungen, wenn zum Beispiel Anne Frank posthum als ‚weißes Kolonial-Mädchen‘ bezeichnet und ihr Tagebuch verbrannt wird. Das saliente Symbol für das jüdische Leben und Überleben in der Welt ist Israel und daher der Stachel im Geist aller modernen Antisemiten.“ </em>Vor allem der Begriff des Genozids geht vielen schnell von den Lippen, wenn es um Israel geht, so Tania Martini in ihrem Beitrag „In diesen Tagen“ zu dem von ihr und Klaus Bittermann herausgegebenen Band <a href="https://edition-tiamat.de/books/nach-dem-7-oktober">Nach dem 7. Oktober, Essays über das genozidale Massaker und seine Folgen</a> (Berlin, Edition Tiamat, 2024): <em>„Das Wort Genozid aber ist zu einem modischen Kampfbegriff geworden, der den Blick auf die eigentlichen Intentionen und Taten verstellt, welche einen tatsächlichen Genozid definieren.“  </em></p>
<h3><strong>Me Too Unless You‘re a Jew</strong></h3>
<p>Wer auf die Geiseln und den Terror der Hamas verweist, muss in Deutschland und manch anderen westlichen Staaten riskieren, angegriffen zu werden. Das rote Hamas-Dreieck, das ein eindeutiger Mordaufruf ist, findet sich immer wieder auf Plakaten, an Haustüren und in Hörsälen. Ein Fall für viele: Der Student Lahav Shapira wurde am 2. Februar 2024 von seinem Kommilitonen Mustafa A. lebensgefährlich verletzt. Der Täter wurde <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/berlin-shapira-antisemitismus-urteil-li.3238582">am 17. April 2025 zu drei Jahren Haft verurteilt</a>. <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/lahav-shapira-uber-antisemitischen-angriff-in-berlin-ich-hatte-fast-einen-halben-baumarkt-im-gesicht-13504873.html">Für den Tagesspiegel</a> sprach Alexander Fröhlich mit Lahav Shapira: <em>„Ich hatte mehrere Metallplatten, ja fast einen halben Baumarkt im Gesicht. Das Metall wurde ein halbes Jahr nach der Tat entfernt. Es können sich immer noch Narben bilden, es dauert, bis alles verheilt. Meine Nase war komplett zermatscht, die Augenhöhle war gebrochen, eine Mittelgesichtsfraktur. Das war ein schmerzhafter, langwieriger Prozess. Und ich habe auch Glück gehabt. Ich hatte eine minimale Hirnblutung, das hätte für mich auch tödlich ausgehen können.“</em> <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/es-ging-nicht-um-politik-angeklagter-bestreitet-antisemitisches-motiv-fur-angriff-auf-judischen-studenten-13504066.html">Der Täter versuchte vergeblich, die antisemitische Motivation seiner Tat zu leugnen</a>. Es sei ihm nur um die Kommunikationsformen in einer von Lahav Shapira administrierten Whats-App-Gruppe gegangen. Er versuchte sogar, seinem Opfer Geld zuzustecken, um seine Untat wieder gutzumachen, was Lahav Shapira jedoch ablehnte. Nach dem Angriff habe ihn die Uni-Leitung unterstützt. Die Universität verhalte sich nicht kohärent und erwecke den Eindruck, dass sie <em>„sich um den Schutz jüdischer Studierender nicht wirklich kümmert.“</em> So habe sie im Dezember 2023 bei einer Hörsaalbesetzung die Polizei wieder weggeschickt Lahav Shapira verweist auch darauf, dass ihm vorgeworfen wurde, die rechte Regierung in Israel zu unterstützen, was nicht stimmt. Im Gegenteil: <em>„Ich habe in den Chats deutlich gemacht, dass ich im Nahostkonflikt sowohl für Zweistaatenlösungen einstehe und Mitleid mit Zivilisten in Gaza habe. Hass und Antisemitismus sind der falsche Weg, um Palästinenser zu unterstützen. Ich habe auch Posts gelöscht, wenn Nazikram geteilt beziehungsweise Inhalte der rechtsextremen Grauen Wölfe aus der Türkei geteilt werden. Oder wenn über Schulen in Neukölln rassistische Klischees bedient werden.“ </em></p>
<p>Nach dem Angriff <em>„hat sich die komplette Berliner Politik hingestellt und gesagt, der Angriff werde schnell und effektiv verfolgt. Das Gegenteil war der Fall. Bei der Polizei musste mein Anwalt schon stark nachhaken, dass das notiert wird, was ich sage. Auch sonst musste mein Anwalt Druck machen – zum Beispiel für eine rechtsmedizinische Untersuchung, damit die Auswirkungen des Angriffs festgestellt werden.“ </em>Die Tat hätte am Landgericht verhandelt werden sollen, wurde jedoch wegen dortigem Personalmangel am Amtsgericht verhandelt. Wie schwierig die Beweisführung in einem solchen Fall ist, <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/berlin-studenten-antisemitismus-lahav-shapira-prozess-li.3237349">dokumentiert Jan Heidtmann in der Süddeutschen Zeitung</a>. Entscheidend für das Urteil war der Nachweis des antisemitischen Motivs, weil dann gemäß § 46 StGB eine Bewährungsstrafe – so der Vorsitzende Richter – nicht mehr in Betracht kommt. Das Gericht ging in seiner Urteilsbegründung davon aus und ging im Strafmaß sogar über den Antrag der Staatsanwaltschaft (zwei Jahre und vier Monate Haft) hinaus.</p>
<p>Hannah Shapiro (der Name ist ein Pseudonym) berichte <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/nach-dem-angriff-in-berlin-mitte/">in der Jüdischen Allgemeinen vom 23. Juli 2024</a> (aktualisiert am 31. Juli 2024) über die Mischung von Schweigen und Voyeurismus in den Straßen Berlins, die ihr <em>„Deutschlandbild“</em> verändert habe: <em>„Vor anderthalb Wochen wurden mein Freund und ich auf dem Weg zum Schabbat-Essen von palästinensischen Demonstranten in Mitte angegriffen, als wir anhielten, um ein Eis zu essen. Wir wurden ohne Zustimmung gefilmt, angeschrien und mit Vergewaltigung bedroht. Ich wurde bespuckt, weil ich eine Davidstern-Halskette trug. Mein Freund wurde geschlagen und an den Haaren zu Boden geschleift. / Wir sind beide Amerikaner und leben seit fünf Jahren in Berlin. Die Leute fragen mich immer wieder, ob ich von dem Angriff überrascht sei. Doch das Einzige, was mich wirklich schockiert, ist, dass die Menschen so wenig Ahnung davon haben, was täglich in Berlin passiert. / Während Juden wieder einmal in den Schatten gedrängt werden, sind die Menschen auf den Straßen von Berlin still. Niemand, der sah, wie die Männer uns angriffen, tat etwas. Keiner rief die Polizei. Mein Freund lag in einem Scherbenhaufen und schützte seinen Kopf, während ich zur Polizei rannte. Niemand fragte, ob er Hilfe brauchte. Die Polizei brachte uns in die Eisdiele, um uns vor dem Mob draußen zu schützen, der ‚Eine Lösung! Eine Lösung!‘ skandierte. Währenddessen liefen die Leute weiter an dem Mob vorbei, um sich ein Eis zu bestellen – so als würde nichts passieren.“</em></p>
<p>Man muss es leider immer wiederholen. Was haben Jüdinnen und Juden in Deutschland mit der Regierung Netanjahu zu tun? Ist es wirklich notwendig zu betonen, dass sie <u>nichts</u> damit zu tun haben? Eben wie Lahav Shapira oder Hanna Shapiro. Aber es reicht wohl, als jüdisch wahrgenommen zu werden, um in Mithaftung genommen zu werden.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-4932 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-178x300.jpg" alt="" width="178" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-66x111.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-177x298.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-178x300.jpg 178w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober-200x337.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Martini_7.Oktober.jpg 264w" sizes="(max-width: 178px) 100vw, 178px" />Doron Rabinovici fasst in seinem Beitrag „Im Morgengrauen“ zu dem bereits zitierten Band von Tania Martini und Klaus Bittermann die katastrophalen und verlogenen Einstellungen mancher Aktivist:innen in folgendem Statement zusammen, das aus einer Begegnung mit einer sich propalästinensisch äußernden Aktivistin entstand und keines weiteren Kommentars bedarf: <em>„Die Aktivistin erklärte, es sei falsch, die Kibbuzniks zu ‚humanisieren‘. Solche Äußerungen sind zwar Randerscheinungen, doch sie sind zugleich Teil einer Tendenz, das antisemitische Wesen der Hamas und ihrer Massaker zu beschönigen oder nicht wahrzunehmen. Wir erleben einen Prozess der Irrealisierung. Was den Opfern widerfuhr, wird nicht anerkannt. Das ist die zweite Auslöschung ihrer Existenz. Wie wollte sonst erklärt werden, dass internationale Frauenorganisationen und darauf spezialisierte UN-Organisationen wochenlang zu den Vergewaltigungen und den Verstümmelungen von Geschlechtsteilen schwiegen, obgleich ihnen Berichte von Überlebenden und Beweise für diese Verbrechen vorgelegt wurden? Israelische Feministinnen prägten daraufhin den ironischen Slogan: ‚Me Too Unless You’re a Jew‘.“</em></p>
<h3><strong>Zweifel in Israel</strong></h3>
<p>Recht und Unrecht? Recht oder Unrecht? Bleiben wir in beziehungsweise bei Israel und Gaza. Welche Konsequenzen haben Berichte, dass in Israel Menschen gegen die Politik Netanjahus demonstrieren, die Freilassung der Geiseln, ein Ende des Krieges und die Bewahrung des Rechtsstaats fordern? Selbst israelische Soldaten stellen das Beharren der Regierung auf weiteren Angriffen in Gaza in Frage wie beispielsweise <a href="https://www.das-parlament.de/aussen/welt/katargate-koennte-netanjahu-endgueltig-zum-verhaengnis-werden">Uri Schneider in „Das Parlament“</a> berichtete. Das ist keine unbedingt neue Entwicklung, denn diverse Entlassungen von Spitzenpersonal in Armee und Geheimdienst bis zum Verteidigungsminister sprechen dafür, dass Netanjahu immer schon Schwierigkeiten hatte, alle Sicherheitskräfte und Armeeangehörigen auf seine Linie zu verpflichten. Im Zweifel entschied er sich immer im Sinne seiner rechtsextremen Koalitionspartner.</p>
<p>In der Juniausgabe 2025 der Blätter für deutsche und internationale Politik berichtet Ignaz Szlacheta unter der Überschrift <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/juni/kuenstliche-einheit-tiefe-spaltung-holocaustgedenken-in-israel">„Künstliche Einheit, tiefe Spaltung: Holocaustgedenken in Israel“</a> über die in Israel gerade zurückliegenden <em>„zehn Tage des Erinnerns an die Shoah und das Heldentum“</em>. Es beginnt jedes Jahr mit dem Yom HaShoah und endet mit dem Unabhängigkeitstag, <em>„einer der emotionalsten Abschnitte des jährlichen Gedenk- und Feiertagszyklus in Israel.“ </em>Doch dieses Jahr war alles anders. Benjamin Netanjahu und seine Frau Sara verhielten sich gelinde gesagt respektlos. Sie kamen zur zentralen Gedenkveranstaltung zu spät. Netanjahu sagte in einer Konferenz am 1. Mai 2025, dass die Befreiung der Geiseln und die Freigabe der Leichen der ermordeten Geiseln <em>„ein wichtiges Ziel </em>(sei)<em>, das wichtigste Ziel aber sei der ‚totale Sieg“. </em>Was auch immer er unter <em>„total“</em> verstehen mag. Seine Frau ließ in einer kleinen Zwischenbemerkung durchblicken, dass von den 24 noch lebenden Geiseln einige weitere inzwischen verstorben oder ermordet worden wären. Trump sprach inzwischen übrigens auch von nur noch 21 lebenden Geiseln. Niemand weiß, wer noch lebt. Aber was ist mit der Rückgabe der Toten? Sollen sie keine würdige Beerdigung erhalten?</p>
<p>Gegen das Verhalten der israelischen Regierung wenden sich viele Israelis. Die Demonstrationen in Tel Aviv und anderswo werden nach wie vor sehr gut besucht. Es ist mitunter ungefähr so, als wenn jede Woche – anteilig zur Bevölkerungszahl – zwischen fünf und zehn Millionen Menschen am Brandenburger Tor gegen die deutsche Regierung demonstrierten. Dies war schon vor dem 7. Oktober so, so ist es bis heute. Ignaz Szlacheta zitiert Amir Kochavi, den Bürgermeister von Hod HaSharon: „<em>Die jüdische Tradition lehrt uns ‚Nie wieder‘. Allerdings gilt dies nicht nur für uns, sondern für alle Völker.“ Er fuhr fort: „Wir dürfen im Angesicht der Gräueltaten, die an Menschen anderer Nationalitäten verübt werden, nicht schweigen – auch wenn sie in unserem Namen veröffentlicht werden.“</em></p>
<p>Unter denen, die sich weigerten, an der von der Transportministerin Miri Regev organisierten zentralen Veranstaltung zum Unabhängigkeitstag teilzunehmen, waren auch mehrere Künstler:innen sowie <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/grausames-video-entfuehrter-soldatinnen-aufgetaucht/">die fünf Späherinnen von Nachal Oz</a>, die von der Hamas verschleppt und inzwischen freigelassen wurden. Das Israelisch-Palästinensische Forum hinterbliebener Familien (<a href="https://parentscirclefriends.de/">es gibt auch eine deutsche Sektion</a>) organisierte eine eigene Veranstaltung in der Beit Samuel Synagoge in Ra_ananaa. Israelis und Palästinenser betrauerten in hebräischer und arabischer Sprache ihre toten Angehörigen. Ignaz Szlacheta stellt fest, dass in den sozialen Netzwerken auf diese gemeinsamen israelisch-palästinensischen Initiativen <em>„vor allem Gewalt und Hass“</em> folgten.</p>
<p>Trotz allem: <a href="https://www.zeit.de/2025/24/israelische-schriftsteller-krieg-gaza-hoffnung">Die vielen differenzierten Stimmen der israelischen Literat:innen, die unter anderem Volker Weidermann in der ZEIT vom 5. Juni 2025 porträtierte</a>, müssten eigentlich allen, die sehen wollen, zeigen, dass Israel nach wie vor die einzige Demokratie in der Region ist, in der Kritik an der Regierung möglich ist, ungeachtet so mancher Schikanen, die auch feststellbar sind, hoffentlich aber nicht eskalieren. Kontroversen werden ausgetragen. Leider gibt es immer wieder Versuche, den ein oder anderen zu delegitimieren, <a href="https://www.zeit.de/2025/23/philipp-peyman-engel-juedische-allgemeine-judentum-identitaet">wie es kürzlich Philipp Peyman Engel erleben</a> musste. Wir sollten erst einmal zuhören, was sie zu sagen haben, auch wenn sich zum Beispiel Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen und Omer Bartov grundsätzlich kaum auf eine gemeinsame Wortwahl einigen dürften. Das müssen sie auch nicht, aber vielleicht wäre es möglich, sich auf folgende Formel zu einigen, in den Worten von Omer Bartov (<a href="https://www.zeit.de/2025/25/omer-bartov-benjamin-netanjahu-nahostkonflikt-kritiker-instrumentalisierung-holocaust">am 12. Juni 2025 in der ZEIT</a>): <em>„Der Krieg braucht ein politisches Ziel. Und dieses Ziel sollte sein, eine andere gemäßigte palästinensische Organisation zu finden, die Gaza regiert.“ </em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/greta-thunberg-fordert-mehr-wut-gegen-israel/">Greta Thunbergs Aufrufe zu „mehr Wut“</a> werden sicherlich nicht dazu beitragen.</p>
<h3><strong>However, we should talk</strong></h3>
<p>Die ZEIT zeigt in unregelmäßigen Abständen mit Gesprächen, Reportagen oder Kommentaren, dass und wie sich über das Thema differenziert berichten und diskutieren lässt. In ihrer <a href="https://www.zeit.de/2025/24/krieg-gaza-israel-tom-segev-volker-beck">Streit-Rubrik vom 5. Juni 2025</a> diskutierten Tom Segev und Volker Beck miteinander. Es gab fundamentale Unterschiede in den Haltungen und Analysen der beiden, die sich aber wiederum aus der Innensicht in Israel (Tom Segev als Autor einer Reihe von historischen Büchern über die Geschichte Israels und Palästinas in den letzten 100 Jahren) und aus der Funktion (Volker Beck als Vorsitzender der deutsch-israelischen Gesellschaft) erklären lassen.</p>
<p>Beachtenswert sind schließlich mehrere in der Jüdischen Allgemeinen dokumentierte Debatten. Dort <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/sind-sanktionen-gegen-ben-gvir-und-smotrich-vertretbar/">stritten am 11. Juni 2025 Ayala Goldmann und Daniel Killy</a> über die Berechtigung von Sanktionen gegen die beiden rechtsextremen Minister der israelischen Regierung Itamar Ben-Gvir und Belazel Smotrich, wie sie zuletzt einige Staaten, Australien, Großbritannien, Kanada, Neuseeland und Norwegen verhängt hatten. Ayala Goldmann plädierte dafür, Daniel Killy dagegen (ich teile die Auffassung von Ayala Goldmann, auch wenn ich die Argumente von Daniel Killy sehr ernst nehme). Kontrovers diskutierten in der Jüdischen Allgemeinen <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/es-findet-ein-genozid-statt-israel-muss-sich-gegen-den-terror-der-hamas-wehren/">Hamed Abdel-Samad und Henry M. Broder am 11. Juni 2025 im Gespräch mit Philipp Peyman Engel</a>. Beide sind gut miteinander befreundet und schaffen es, bei allen gegensätzlichen Positionen zu Israel und Gaza stets im Respekt vor der Position und der Persönlichkeit des anderen zu argumentieren.</p>
<p>Ein weiteres Vorbild wären Navid Kermani und Natan Sznaider. Ihr Briefwechsel wurde nach über zehn Jahren vom Hanser Verlag unter dem Titel <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/israel-9783446280700-t-5259">„Israel – Eine Korrespondenz“</a> im November 2023 neu aufgelegt. Am 27. Februar 2024 veröffentlichten die beiden in der Süddeutschen Zeitung den gemeinsam geschriebenen Beitrag <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/israel-gaza-geiseln-sznaider-kermani-e205183/">„Lass uns reden, Freund“</a>. Sie beschreiben ihre unterschiedlichen Analysen und Meinungen, wissend, dass es auf viele Fragen (zumindest jetzt noch) keine Antwort gibt, vielleicht auch, weil niemand so genau erkennt, wer in Europa, in den arabischen Staaten, auch in den USA als Verbündete in Frage käme, sodass letztlich die Radikalen in der israelischen Regierung und die Hamas ihre Agenda ungestört fortsetzen können. Das gemeinsame Fazit von Kermani und Sznaider: <em>„Wir sind davon überzeugt, dass der permanente Krieg und der absolute Sieg, der Israelis wie Palästinensern von unverantwortlichen Führern versprochen wird, keine lebenswerten Optionen sind. Deshalb ist es für uns auch keine Alternative, proisraelisch oder propalästinensisch zu sein. Wenn es so weiterläuft wie jetzt, also mit Autopilot, werden beide Völker nur immer weiter und weiter um ihre Toten weinen. Welche Massaker und welche Kriege braucht es noch, damit der Letzte begreift, dass das Existenzrecht der einen das Existenzrecht der anderen bedingt?“</em></p>
<p>We should talk – in der Tat, auch wenn wir uns die Gesprächspartner:innen nicht danach aussuchen können und sollten, ob sie unsere vorgefasste Meinung teilen. Natan Sznaider befasste sich in der Juniausgabe 2025 des Merkur in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/die-welt-vor-gaza-normalitaet-und-gewalt-a-mr-79-6-18/">„Die Welt vor Gaza: Normalität und Gewalt“</a> mit dem von Pankaj Mishra veröffentlichten Buch „Die Welt nach Gaza“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2025): <em>„Es ist ein gutes Buch, weil der Autor klar Position gegen Gewalt bezieht, es ist ein schlechtes, weil Pankaj Mishra diese Gewalt nicht als Schlüssel der Region versteht, sondern in Dichotomien denkt und demzufolge nur eine Seite ausübt und die andere sie erleidet.“</em> Für Pankaj Mishra ist Israel der Täter, sind die Palästinenser die Opfer. Für die Geiseln – so Natan Sznaider – interessiert er sich <em>„so gut wie gar nicht“</em>.</p>
<p>Natan Sznaiders Eindruck: <em>„Ich will mich mit Mishra streiten, aber sein Buch verschließt sich. Ich will ihm nicht seine Parteilichkeit nehmen, im Namen der palästinensischen Opfer zu sprechen. Sie brauchen in der Tat Sprecher und Sprecherinnen, gerade in Deutschland, wo ihre Perspektive oft nicht zu Wort kommt und gehört wird. Es geht nicht um Konsens um Genauigkeit, sondern um Pluralität und Rechenschaftspflicht. Dabei geht es auch um Identitätspolitik und die Frage, wie vermeidbar diese ist. Mishra tut so, als argumentiere er universell. Aber können wir Unterschiede zwischen Gruppen ignorieren, wenn Erinnerungen trennen und dialogische oder multidirektionale Erinnerungen nur begrenzt möglich sind? Einmal artikuliert, konstituieren sich Identitäten als politische Tatsachen.“ </em></p>
<p>Erinnerungen trennen nicht nur Palästinenser und Israelis, sie trennen auch Israelis sowie Jüdinnen und Juden in der Diaspora und sie trennen auch verschiedene Gruppen von Palästinensern. Das Elend mag vielleicht auch darin liegen, dass die Geschichtsauffassung der Hamas viel zu oft als allgemein gültige palästinensische Auffassung postuliert wird. Das ist sie nicht. Auch bei manchen israelischen Gruppierungen ist Ähnliches festzustellen. Es gibt eben viele verschiedene <em>„Geschichtsinterpretationen“</em>, <em>„Mishra erkennt aber nicht einmal die Möglichkeit dieser beiden Interpretationen an.“</em> Es ist letztlich auch ein Streit um Erinnerungen. Mishra – so Sznaider – <em>„sieht nur ein monolothisches Israel, das es nicht gibt. Und ohne die Beteiligung von uns Israelis wird diese neue Welt nicht entstehen. Es ist sehr schade, dass Mishra sich dem verschließt.“</em> Aber wie wäre es mit folgendem Vorschlag: <em>„Die gegenseitige Anerkennung der erlittenen Katastrophen mag ein kleiner Schritt aus der Spirale der Gewalt sein.“ </em></p>
<h3><strong>Bündnispartner in Gaza: Demonstrationen gegen die Hamas</strong></h3>
<p>Fakt ist: In Gaza demonstrieren Menschen gegen die Hamas, es gibt <em>„Wut“</em> gegen die Hamas! Schon in den vergangenen 15 bis 20 Jahren gab es immer wieder solche Demonstrationen. Sabine Brandes berichtete in der Jüdischen Allgemeinen: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/wir-wollen-leben/">„Wir wollen leben“</a> über die brutalen Reaktionen der Hamas: <em>„Die Schergen der Terrorgruppe folterten und ermordeten den 22-jährigen Oday Nasser Al-Rabay, der sich laut Angaben seiner Familie an den Protesten beteiligt hatte. Die Leiche wurde vor seinem Haus abgelegt. Eine klare Warnung. Und dennoch wurden bei der Beerdigung Dutzende dabei gefilmt, wie sie riefen: ‚Hamas raus!‘“ </em>Hilfe für die Zivilbevölkerung lande bei der Hamas. Ein Gesprächspartner sagte: <em>„Sie nehmen sämtliche Hilfslieferungen sofort in Beschlag. Zuerst verteilen sie es an ihre Leute, den Rest werfen sie auf den Schwarzmarkt, wo wir es für horrende Preise kaufen müssen. Umsonst bekommen wir nichts.“ </em>Ein Kilo Mehl koste zurzeit 150 Dollar.</p>
<p>Regelmäßig berichtet die <a href="https://www.mena-watch.com/">Plattform mena-watch</a> über die Demonstrationen gegen die Hamas. <a href="https://www.belltower.news/interview-mohammed-altlooli-kommt-aus-gaza-und-kaempft-gegen-die-hamas-155223/">Mohamed Altlooli</a>: <a href="https://www.mena-watch.com/ein-aufstand-klopft-an-die-tuer-der-hamas/">„Der Aufstand klopft an die Tür der Hamas“</a>. <em>„Mittlerweile sehnen sich viele nach einem Ende der Hamas-Diktatur oder würden es sogar vorziehen, von Israel regiert zu werden. So haben viele junge Menschen ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, mit den israelischen Behörden zusammenzuarbeiten, um den Gazastreifen zu verwalten und zu regieren, würde dies zu einem Ende der Hamas-Herrschaft führen.“ </em>Bassem Eid, palästinensischer Menschenrechtsaktivist im Westjordanland, <a href="Es%20ist%20an%20der%20Zeit,%20auf%20die%20Menschen%20im%20Gazastreifen%20zu%20hören%20anstatt%20auf%20die%20Terroristen,%20die%20deren%20Leben%20kontrollieren.%20Die%20anhaltenden%20Proteste%20der%20Menschen%20gegen%20die%20Hamas%20sind%20erst%20der%20Anfang.%20Sie%20sind%20sich%20sehr%20wohl%20bewusst,%20dass%20nicht%20nur%20die%20entführten%20Israelis,%20sondern%20die%20gesamte%20Bevölkerung%20des%20Gazastreifens%20von%20der%20Terrororganisation%20als%20Geiseln%20benutzt%20werden.%20Es%20ist%20an%20der%20Zeit,%20auf%20diese%20authentischen%20Stimmen%20zu%20hören%20und%20die%20Menschen%20zu%20befreien,%20indem%20die%20Hamas%20endgültig%20zerschlagen%20wird.">forderte:</a> <em>„Es ist an der Zeit, auf die Menschen im Gazastreifen zu hören anstatt auf die Terroristen, die deren Leben kontrollieren. Die anhaltenden Proteste der Menschen gegen die Hamas sind erst der Anfang. Sie sind sich sehr wohl bewusst, dass nicht nur die entführten Israelis, sondern die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens von der Terrororganisation als Geiseln benutzt werden. Es ist an der Zeit, auf diese authentischen Stimmen zu hören und die Menschen zu befreien, indem die Hamas endgültig zerschlagen wird.“</em> (Alexander Gruber übersetzte die Texte, die mena-watch vom <a href="https://www.jns.org/">Jewish News Syndicate</a> übernommen hatte.)</p>
<p>In der ZEIT berichtete am 18. April 2025 Yassin Musharbash: <a href="https://www.zeit.de/2025/16/hamas-gazastreifen-widerstand-islamismus-nahost">„Ich will dem Monster nicht noch einmal begegnen.“</a> Er zitiert im Titel eine WhatsAPP von Mohamed AlBorno, einer der Organisatoren der Proteste gegen die Hamas: <em>„Das Ziel bestand darin, den Krieg zu beenden und dass Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt werden, dass Flüchtlingsunterkünfte und Krankenhäuser für militärische Operationen genutzt werden, was Israel einen Vorwand liefert, Zivilisten zu attackieren. Die Hamas stiehlt Hilfsgüter, verkauft sie und nutzt den Krieg, um zu foltern, zu töten und ihre Gegner zu misshandeln.</em>&#8220; Er widersprach einer Behauptung der Hamas auf Al-Dschasira, <u>die</u> Palästinenser wären bereit, das Leben ihrer Kinder im Krieg gegen Israel zu opfern: <em>„Das ist etwas, was wir vollständig zurückweisen. Wir sind Menschen. Wir wollen leben. Wir wollen nicht für die Hamas sterben.&#8220; </em>Mohamed beschreibt, wie er bei Protesten im Jahr 2017 von der Hamas gefoltert wurde und dass er wieder auf der <em>„roten Liste“</em> der Hamas stehe. Dies bedeute Hinrichtung oder zumindest Brechen der Beine.</p>
<p>Mohammed Altlooli informierte am 30. April 2025 auf der Plattform mena-watch über weitere <a href="https://www.mena-watch.com/frauen-und-kinder-protestieren-gegen-hamas/">Demonstrationen am 27. April 2025 in Beit Lahia</a> im Norden des Gaza-Streifens. Diesmal demonstrierten Hunderte von Frauen und Kindern. Die Hamas versuchte die Demonstrierenden einzuschüchtern, die Demonstration verlief jedoch friedlich. Der Beitrag zeigt auch Bilder und Videos von den Demonstrationen. Am 21. Mai 2025 berichtete Mohammed Altlooli auf mena-watch erneut: <a href="https://www.mena-watch.com/gaza-gekidnappt-alternative-hamas/">„Gaza wurde gekidnappt, die Jugend ist die Alternative zur Hamas“</a>. Er sprach mit Mohammed Sawalmeh, einer prominenten Stimme der Opposition gegen die Hamas: <em>„Meine Opposition begann, als ich erkannte, dass sich hinter der ‚Widerstandsrhetorik‘ der Hamas ein autoritäres und repressives Projekt verbirgt, das keine anderen Stimmen duldet. Ich stellte fest, dass Andersdenkende ausgeschlossen werden und die Menschen als Schutzschilde benutzt werden und keine Priorität haben.“</em> Er bestätigte Berichte, dass die Hamas Nahrung und Medikamente systematisch verknappe, und alle, die sie kritisieren, bedrohe. <a href="https://www.mena-watch.com/hilfsgueterverteilung-durch-hamas-sabotiert/">Mohammed Altlooli berichtete am 3. Juni 2025, dass die Hamas an den Verteilungsstellen Zivilist:innen beschieße</a>. <em>„Ein junger Mann aus Khan Yunis erklärte: ‚Wir verlangen keine Wunder – lasst uns einfach die Hilfe in Ruhe annehmen. Die Hamas will uns durch Hunger kontrollieren.‘“</em></p>
<p>Wie erfolgversprechend die Demonstrationen in Gaza und wie weit sie das tatsächliche Meinungsbild der palästinensischen Bevölkerung in Gaza widerspiegeln, vermag niemand einzuschätzen. Immerhin <em>„bilden sich erste friedliche Bewegungen, die jedoch aufgrund der Angst noch begrenzt sind“</em>, darunter viele junge Menschen in Gaza und in der Diaspora.</p>
<p>Die Frage ist aber mehr als berechtigt, wann der Westen diesen palästinensischen Widerstand gegen die Hamas ebenso laut unterstützt wie er die Lage der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza (und in der Westbank) anprangert. Von den angeblich <em>„propalästinensischen“</em> Demonstrierenden ist da wohl nichts zu erwarten, ganz in der Tradition eines Dieter Kunzelmann und seiner Kolleg:innen der 1968er Zeit. <a href="https://www.jns.org/writers/izzy-salant/">Izzy Salant</a> konstatiert auf mena-Watch (ebenfalls vom Jews News Syndicate übernommen und übersetzt): <a href="https://www.mena-watch.com/lautstarkes-schweigen-palaestina-solidaritaet/">„Das lautstarke Schweigen der Palästina-Solidarität“</a>. Dies belege, dass es den sogenannten pro-palästinensischen Protesten in Europa, in den USA und anderswo nicht um die Menschen in Palästina gehe, sondern nur um anti-israelische Propaganda. Er zitiert den aus Gaza stammenden, in Syracuse (NY) lebenden Dichter <a href="https://www.poetryfoundation.org/people/mosab-toha">Mosab Abu Toha</a>: <em>„Die meisten Menschen solidarisieren sich mit Gaza und nicht mit den Menschen im Gazastreifen.“ </em>Am 19. April 2025 gab es eine erste Solidaritätsdemonstration in Stuttgart, organisiert vom Gaza Youth Movement, allerdings leider mit geringer Beteiligung, weil die Hamas auch in Deutschland Menschen bedroht, die sich gegen sie stellen. <a href="https://www.mena-watch.com/stuttgarter-anti-hamas-solidaritaetskundgebung/">Thomas von der Osten-Sacken berichtete auf jungle-blog und mena-watch</a>.</p>
<p>Wer auf dem Laufenden bleiben will, schaue regelmäßig in die jeden Donnerstag erscheinenden Informationen der Plattform mena-watch. Nicht nur Mohammed Altlooli berichtet dort regelmäßig.</p>
<h3><strong>Und die Geiseln? </strong></h3>
<p>Sie spielten und spielen in Deutschland kaum eine Rolle: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">Nicht einmal diejenigen, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben</a>. In Israel erinnert die Zivilgesellschaft täglich an die Geiseln, auch in den jüdischen Gemeinden in Deutschland geschieht dies. Vor den Synagogen sehen wir die Bilder der noch nicht befreiten Geiseln, natürlich mit Polizeischutz. Über ein Beispiel für das Engagement in Israel für die Geiseln berichtete  <a href="https://www.jns.org/writers/amelie-botbol/">Amelie Botbol</a> <a href="https://www.mena-watch.com/idit-ohel-hilfe-fuer-ihren-gefangenen-sohn/">auf mena-watch (eine Übernahme vom Jewish News Syndicate)</a>. Der Pianist Alon Ohel ist nach wie vor in der Gewalt der Hamas. Seine Mutter Idit Ohel setzt sich weltweit für seine Befreiung ein. In einer Aktion wurden 50 gelbe Klaviere, davon 34 in Israel, aufgestellt: <em>„Alon, du bist nicht allein.“</em> So war auf den Klavieren zu lesen. Seine Verletzungen – so berichteten inzwischen befreite Geiseln – sind lebensgefährlich: <em>„Er wird bis heute unter schlimmsten Bedingungen festgehalten. Er wurde geschlagen, ist mit Ketten an den Beinen fixiert und kann sich kaum bewegen. Er wird ausgehungert. Er schläft auf dem Boden und kennt den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht. Seine Entführer machen das Licht nicht aus, weil sie ihn foltern wollen.“ </em></p>
<p>Was bleibt? Der Appell muss noch viel lauter werden! Bring them home now! All of them! Und nicht zuletzt mein Appell an alle, die es mit dem liberalen und demokratischen Rechtsstaat ernst meinen: Unterstützt die demokratischen Kräfte in Israel, in Gaza und in den palästinensischen Autonomiegebieten, nicht zuletzt im Iran! Und wenn wir debattieren, tun wir das am besten im Geiste der von Leonard Cohen bezwungenen Zweifel und der von Bernd Ulrich empfohlenen <em>„Demut“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Interzugriffe zuletzt am 18. Juni 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.)</p>
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		<title>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2025 08:55:04 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz Ein Gespräch mit Marina Weisband (nicht nur) über die Bundestagswahl 2025 „Demokratie ist ja letzten Endes die Herrschaft durch uns alle. Das jedoch widerspricht unserer Sozialisierung als passive Konsumenten. In der Schule drückt sich das darin aus, dass wir gesagt bekommen, wann wir wo zu sitzen und worauf wir 45 Minuten  [...]</p>
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<h1><strong>Selbstwirksamkeit schafft Resilienz</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Marina Weisband (nicht nur) über die Bundestagswahl 2025 </strong></h2>
<p><em>„Demokratie ist ja letzten Endes die Herrschaft durch uns alle. Das jedoch widerspricht unserer Sozialisierung als passive Konsumenten. In der Schule drückt sich das darin aus, dass wir gesagt bekommen, wann wir wo zu sitzen und worauf wir 45 Minuten unsere Aufmerksamkeit zu lenken haben. Und genauso verhalten wir uns dann auch in Bezug auf Politik, von der wir erwarten, dass sie ‚liefert‘ – ganz so, als seien wir Kunden, die etwas bestellt hätten. Demokratische Politik ist aber kein Bestellkatalog, sondern ein Aushandlungsprozess.“ </em>(Marina Weisband, <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/demokratie-jenseits-von-wahlen-2024/552907/einstiegsdroge-in-die-demokratie/">„Einstiegsdroge in die Demokratie“</a>, in einem Telefoninterview mit Till Schmidt am 3. September 2024, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 12. Oktober 2024)</p>
<p>Im Frühjahr 2024 erschien „Die neue Schule der Demokratie“, dass die Psychologin und Publizistin <a href="https://marinaweisband.de/">Marina Weisband</a> gemeinsam mit Doris Mendlewitsch geschrieben hatte (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024). Das Buch stellt das von ihr geleitete <a href="https://www.aula.de/">aula-Projekt</a> vor, Untertitel: <em>„Wilder denken, wirksam handeln“</em>. Der Untertitel erinnert an den Arthur Schnitzler zugeschriebenen und in manchen fortschrittlichen Bewegungen gerne zitierten Aufruf kennen: <em>„Lebe wild und gefährlich!“</em> Es ist zurzeit nicht ungefährlich, sich öffentlich für die freiheitliche Demokratie und gegen faschistische Tendenz zu engagieren. Um dies erfolgreich zu tun, müssen wir – so Marina Weisband –von <em>„Konsumenten“</em> zu <em>„Gestaltern“ </em>werden. Politik für Kinder und Jugendliche muss zu einer Politik von und mit Kindern und Jugendlichen werden. Kinder und Jugendliche sind keine Objekte, sondern Subjekte der Politik. Dies gilt nicht nur für Kinder und Jugendliche, dies gilt für uns alle. Auf der didacta 2025 sollte Marina Weisband zur Bildungsbotschafterin gekürt werden. <a href="https://marinaweisband.de/standhaftigkeit-ist-wenn-es-weh-tut/">Sie lehnte dies ab</a>, weil die didacta die AfD auf der Messe mit eigenem Stand zugelassen hatte.</p>
<h3><strong>Folgen und Gefahren einer Selbstentmächtigung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich schlage vor, dass wir unser Gespräch mit Ihrer Einschätzung der Ergebnisse der Bundestagswahl beginnen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es war nicht die große Zäsur in der deutschen Geschichte. Ich denke, das wird die nächste Wahl sein. Bisher war ich vom Wählen als Vorgang fasziniert. Als ich nach Deutschland kam und als ich zum ersten Mal gewählt habe, hat mich das völlig geflasht. Den Wahltag habe ich immer als eine Art Feiertag gestaltet. Ich habe mich hübsch angezogen und bin mit meinem Mann, später dann auch mit meiner Tochter, zum Wahllokal gegangen. Aber ich habe noch nie so ungern gewählt wie dieses Mal. Der Grund: Diese Wahl war für keine Partei, für keine Seite, für kein Medium eine Wahl, die etwas mit Zukunftsthemen zu tun gehabt hätte. Zukunft fand bei dieser Wahl nicht statt. Das ist das Erschreckende für mich. Der Aufstieg des Populismus, die ökonomischen Schwierigkeiten, vor denen wir jetzt stehen, alles, was die Weltlage um uns herum begleitet, ergibt sich auch ein Stück daraus. Wenn niemand mehr Angebote macht, wie wir in Zukunft leben können, sind wir nur noch in einem Dagegen gefangen. Und das ist nie ein kluger Ausgangspunkt für Politik.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Entwicklung ließ sich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/hasenfuesse-und-kaninchen/">schon bei den Europawahlen</a> feststellen. Kurz zuvor hatten wir <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">über Ihr Buch zum aula-Projekt gesprochen</a>. Grüne und SPD machten eigentlich nur Wahlkampf gegen Rechts, CDU / CSU Wahlkampf gegen die Ampel, die FDP irgendwie auch und damit auch gegen sich selbst. Denselben Fehler machte Kamala Harris in ihrem Wahlkampf gegen Donald Trump, zumindest in der zweiten entscheidenden Phase des Wahlkampfes.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es fehlt an Ideen, es fehlt an Politik. Wir haben keine Politik, wir haben Verwaltung. Politiker:innen schauen, wo sind die Mehrheiten, und sie eifern diesen Mehrheiten technokratisch hinterher. Wenn die Leute Abschiebungen wollen, schauen sie, wie wir möglich viele Abschiebungen machen. Auf der anderen Seite haben wir Leute, die vorgeben, Ideen zu haben, aber in Wirklichkeit nur eine diffuse Unzufriedenheit äußern. Positive Ideen sehe ich wenig: Was will ich eigentlich erreichen, wenn ich meine Lebenszeit im Bundestag einsetze? Das ist ein sehr grundlegendes Problem für die Demokratie.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Wahlerfolg der Linken, die bei der Europawahl mehr oder weniger vor der Auflösung stand, führe ich darauf zurück, dass sie die einzige Partei war, die auf ihren Plakaten konkrete Themen benannte und das auch noch recht witzig formuliert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist das eine. Die Linke war aber auch die einzige Partei, die es geschafft hat, die politische Energie, die gegen Rechts auf der Straße war, politisch aufzunehmen und umzusetzen und in weiten Teilen glaubwürdig zu vertreten: „Wir sind eine antifaschistische Partei“. Das beißt sich da, wo sie Putins Faschismus übersehen, da sind sie nicht konsequent. Die Grünen hätten diese Energie ebenfalls abgreifen können. Sie waren die Partei, die das Hauptziel der Angriffe war. Aber statt sich hinzustellen und zu sagen, ja, wir sind die antifaschistische Partei, wir sind der Hauptgegner von rechtsgerichteten Bewegungen, von autoritären Bewegungen, hat Robert Habeck, mir unerklärlicherweise, diesen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt, sodass die Leute, die keinen Rassismus wählen wollen, auch davon nicht überzeugt waren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Vorschlag hatte Robert Habeck meines Erachtens ohne Not geschrieben. <em>  </em></p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich verstehe die Strategie dahinter nicht. Wenn es eine gab.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht eher nicht. Ich habe den Eindruck, die demokratischen Parteien, auch die Grünen, verhielten sich in diesem Wahlkampf wie Getriebene.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es gibt im Moment zwei politische Strömungen. Die eine hechelt Umfragen hinterher, die andere hat verstanden, dass man Mehrheiten erzeugen kann. Die Parteien der politischen Mitte, von der Linken bis zur CDU, sind damit beschäftigt, herauszufinden, was die Leute wollen, ohne zu verstehen, dass Mehrheiten nicht auf Bäumen wachsen und schon gar nicht gottgegeben sind. Wir bekommen keine Eingebungen, woher auch immer. Es ist die Aufgabe von Politiker:innen, ihre Standpunkte zu argumentieren, sich Mehrheiten zu schaffen. Es ist die Aufgabe von Medien, diese Mehrheiten nicht nur abzubilden. Medien formen Mehrheiten. Wenn ich 24/7 nur noch über kriminelle Migranten schreibe, brauche ich mich nicht zu wundern, dass viele Menschen dieses Thema für wichtig erachten, auch wenn es viele Themen gibt, die für ihr tägliches Leben wichtiger sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Rechtsextremisten heißt es immer, das war ein Einzeltäter, bei migrantischen Tätern, das war die ganze Gruppe. Das eigentliche Problem ist das unkoordinierte Wissen von Sicherheitsbehörden. Alle wussten irgendetwas, aber es wurde nicht zusammengeführt. Wäre dies geschehen, wäre so mancher Mord verhindert worden. Und warum müssen so viele Zugewanderte Monate, wenn nicht Jahre warten, bis ihre Abschlüsse anerkannt, ihre Verfahren abgeschlossen werden können? Das sind nur zwei der Fragen, die wir beantworten müssten.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wenn wir über Migration sprechen, sagen mir viele, auch Grüne, ja, es gibt ja wirklich echte Probleme, ja, das stimmt. Aber warum reden wir nicht darüber, dass Kommunen viel zu viel Verantwortung und viel zu wenig Geld haben? Warum reden wir nicht über psychologische Prävention? Wir sprechen schon lange nicht mehr über Prävention von Fluchtursachen, nicht über Kooperation von Behörden, nicht über die Anerkennung von Abschlüssen von Migrant:innen oder über Arbeitserlaubnisse von Asylbewerber:innen oder geduldete Personen. Alles hat sich nur auf das Thema Abschiebungen versteift. Weder die Medien noch die Parteien der Mitte widersprechen. Als wenn Abschiebungen zu mehr Sicherheit führen würden! Diese Annahme wird jedoch als Erzählung unangetastet gelassen und nicht hinterfragt. Weil alle so getrieben sind, so furchtbar ängstlich. Alle haben so viel Angst! Und Angst ist so ein schlechter Berater.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Genau dies hat <a href="https://www.ardmediathek.de/video/auf-dem-nockherberg/die-fastenrede-2025-von-maximilian-schafroth/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAyNVdPMDAwMzc3QTAvc2VjdGlvbi85ZDdjNTY0YS0zNTkwLTQxOTAtYTVhNy1hMzZiYjgwZDQ2M2E">Maximilian Schafroth in seiner Rede auf dem Nockherberg am 11. März 2025</a> mindestens fünf Mal gesagt, ihr lasst euch alle nur von der Angst treiben. Die anwesenden Politiker:innen, allen voran Markus Söder, waren nicht so begeistert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Es gibt gute psychologische Untersuchungen, was gerade ökonomisch unsichere Situationen bewirken. Hintergrund des Problems: Wir sind in einer Negativspirale aus ökonomischer Unsicherheit, wählen also angstgetrieben und kurzsichtig. Daraus entsteht eine kurzsichtige und angstgetriebene Politik, von der hauptsächlich Leute profitieren, die Gelder von unten nach oben verteilen, was aber die ökonomische Lage nicht stabilisiert, weil eine solche Politik nicht strategisch und perspektivisch gedacht wird. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politiker:innen werden zum Spiegelbild angstgetriebener Bürger:innen und sie selbst sind für diese wachsende Angst verantwortlich, die sie gerne als <em>„Sorgen der Bürger“</em> adressieren, denen man gerecht werden müsste. So entsteht eine Art negative Selbstwirksamkeit.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das heißt, unsere ökonomische Zukunft wird noch unsicherer und diese Unsicherheit führt weiterhin dazu, dass wir kurzsichtige Politik machen. Ich denke aber, wir haben den Anspruch, dass die Menschen, die sich um die höchsten Positionen in diesem Land bewerben, nicht auf diesen Mechanismus hereinfallen, sondern dass sie so professionell sind, dass sie tatsächlich worst cases durchdenken, sich darauf vorbereiten, langfristige strategische Ziele setzen und diese erklären können. Stattdessen heißt es immer wieder: „Das können wir den Menschen nicht zumuten.“ Doch: Das ist buchstäblich deine Berufsbeschreibung. Wenn du als Politiker:in meinst, den Menschen das, was du willst, nicht erklären zu können, hast du deinen Beruf verfehlt.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politik wird auf einen Lieferdienst reduziert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das. Die Ampel liefert nicht mehr, als wären wir Kund:innen von irgendetwas, das wir nicht bestellt haben. Das ist auch eine Selbstentmächtigung. Ach, die Zeiten sind so schlimm und die da oben machen gar nichts. Und dann sitzen wir hier und sind so hilflos und können nur beten, dass – keine Ahnung – die SPD irgendetwas macht. Wir machen uns selbst zu Kindern. Völlig unnötig.</em></p>
<p><em>Als Zivilgesellschaft haben wir viel Stärke. Wir haben auch die Verantwortung und wir können nicht immer warten, bis der Politiklieferservice irgendein gutes Produkt bereitstellt.</em></p>
<h3><strong>Die prekäre Lage der Zivilgesellschaft</strong></h3>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Ich nenne einmal Gegenbilder: Die Demonstrationen, die wir zurzeit in der Slowakei, in Georgien, in Serbien oder in Argentinien erleben, demnächst mit Sicherheit auch in den USA. Da gibt es zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen eine autoritäre Politik, die nur das Wohl der Reichen und Mächtigen betreibt. In Deutschland habe ich den Eindruck, dass es zwar immer wieder anlassbezogenen zivilgesellschaftlichen Widerstand mit eindrucksvollen Demonstrationen gegen Rechts gibt, aber doch eine verlässliche und wirksame Strategie fehlt, vielleicht auch ein klares Ziel, wie Gesellschaft werden könnte.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Eine Demonstration auf der Straße ist zwangsläufig immer ein kurzfristiger Akt. Wenn sich solche Demonstrationen über mehrere Monate hinziehen, geschieht dies immer aus Verzweiflung. Ich habe das 2014 auf dem Maidan erlebt, als Menschen drei Monate lang auf der Straße gewohnt haben. Das lag einfach daran, dass sie buchstäblich nichts mehr hatten, wohin sie zurückkehren konnten. Das ist in Deutschland noch anders. </em></p>
<p><em>Ich werfe den Demonstrierenden nicht vor, dass sie nicht buchstäblich als Teilzeitjob auf der Straße stehen. Das wäre auch nicht nachhaltig. Wenn ich von zivilgesellschaftlichem Engagement spreche, spreche ich von Demonstrationen als der kurzfristig sichtbarsten Variante. Ich spreche aber auch von Engagement in Gewerkschaften, in Parteien, in Verbänden, ich spreche von Vernetzung, ich spreche von kommunalpolitischem Engagement. Es gibt zehntausend Arten, wie wir uns in der Gesellschaft engagieren können. Jede Verbindung von Menschen, die sich miteinander solidarisieren, sei es, weil sie im gleichen Verein sind, in der gleichen Gewerkschaft, wo auch immer, all das wird Faschismus schwächen und nimmt uns Angst. Denn wir uns zusammenfinden, haben wir weniger Angst. Das sind alles notwendige Mittel. Der Protest auf der Straße allein ist die Spitze des Eisbergs, aber es noch nicht das Bilden nachhaltiger Strukturen, um einem Regime zu trotzen, das dann fünf oder zehn Jahre regiert.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland und in den meisten europäischen Staaten geht es nicht darum, einem Regime zu trotzen, sondern der Gefahr zu trotzen, dass es ein solches Regime geben könnte. Ist das nicht eine völlig andere Situation?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nicht ganz. Denn wenn diese Gefahr besteht, muss man davor die Strukturen schaffen, die einen solchen Prozess überleben können. Denn sobald eine autoritäre Regierung an der Macht ist, ist es dafür zu spät. Denn dann nimmt sie einem die Mittel, sich gegen sie zu vernetzen. Das ist das Allererste, das eine autoritäre Regierung tut. Wir erleben zurzeit in den USA, </em><a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/ich-dachte-die-usa-seien-immun-gegen-diktatur-sieben-forscher-erzahlen-was-trump-mit-ihren-laboren-macht-13282060.html"><em>wie dort Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt wird</em></a><em>, wie Versammlungsfreiheit eingeschränkt wird. Wir hatten jetzt die erste </em><a href="https://www.hna.de/politik/trump-initiiert-inhaftierung-von-palaestinensischen-aktivisten-ich-habe-ihn-beobachtet-zr-93621582.html"><em>Verhaftung eines jungen Mannes ohne Angabe von Gründen oder des Vorwurfs einer konkreten Straftat</em></a><em>. Es ging nur um seine Einstellung, seine Teilnahme und seine Rolle bei der Organisation pro-palästinensischer Demonstrationen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hinzu kommt eine Art Damnatio Memoriae von Menschen, die der Trump-Regierung nicht passen. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/zu-woke-fuer-trump-pentagon-laesst-26-000-bilder-der-streitkraefte-loeschen-110351572.html">Betroffen sind im Pentagon sogar Kriegshelden der Vergangenheit</a>. Oder die DEI-Kampagnen mit der Streichung von Mitteln für alle, die sich wissenschaftlich mit <em>„Diversity, Equity, Inclusion“</em> befassen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Man muss sich anschauen, was die Leute der Trump-Regierung als DEI bezeichnen. Dazu gehört dann jede Person, die nicht ein weißer Mann ist. Der Peak der Kampagne war zuletzt das Logo einer Firma, das ein Baby enthielt, das aus Guatemala stammte. Es wurde als „DEI-Baby“ bezeichnet. Dann heißt es, das Baby wäre nur für die Quote da, es hätte es nicht aufgrund einer Qualifikation auf das Bild geschafft.</em></p>
<p><em>Ich frage, was ist aus euren Augen ein „qualifiziertes Baby“. Das ist doch purer Rassismus: Unqualifiziert ist alles, was nicht weiß ist. Die Erzählung ist überall die gleiche. Wir dürfen sie nicht isoliert betrachten. Wir dürfen nicht so tun, als wenn das, was in Russland seit 25 Jahren, heute in den USA und in vielen europäischen Ländern geschieht, etwas Verschiedenes wäre. Es drückt sich sicherlich unterschiedlich aus, aber die Bewegung, die dahintersteckt, ist nicht nur strukturell das Gleiche. Es sind auch dieselben Akteure. Sie tauschen Geld aus. Sie tauschen Personal aus. Sie sind international eng vernetzt. Auch in den sozialen Netzwerken. </em></p>
<p><em>Warum bereite ich mich so sehr darauf vor, dass die Stimmung in Europa kippt? Unsere politische Willensbildung basiert massiv auf sozialen Netzen. Auch unser klassischer Journalismus. Die sozialen Netze gehören privaten Multimilliardären, die sich inzwischen mit dem amerikanischen Faschismus gleichschalten. Das wird Einfluss auf unsere Wahlen haben. Wir müssen dies als Gefahr erkennen. Ich sage hier nicht, alles ist verloren. Aber wir können nicht gut kämpfen, wir können nicht zielgerichtet dagegenhandeln, wenn wir das Problem nicht analysieren.</em></p>
<p><em>Das Problem: Unser politischer Diskurs beruht auf privaten Plattformen, die dazu gemacht sind, Stimmung zu manipulieren. Und diejenigen, die Stimmung gerade manipulieren, sind auf den Rechtskurs eingeschwenkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die BILD-Zeitung machte das als Printmedium in Deutschland schon immer. Sie brauchte keine sozialen Medien, war im Grunde selbst eines avant la lettre.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Man könnte behaupten, es war schon immer ihre Aufgabe. Die BILD, die WELT versuchen, neue FoxNews zu werden. Es gibt auch Blüten, die übertragen werden, wo Worte Bedeutung verlieren. Dort beginnt Orwell. Wenn zu mir beispielsweise jemand sagt, der da ist Antisemit, weiß ich nicht mehr, ob das jemand ist, der in seiner Freizeit Juden verprügelt, oder ob es jemand ist, der sagt, in Gaza sollen nicht so viele Kinder bombardiert werden. Die Rechte versucht zu definieren, dass jeder, der für Netanjahu ist, kein Antisemit sein kann, und jeder, der gegen die Regierung Netanjahu ist, ein Antisemit sein muss. Das führt dazu, dass </em><a href="https://www.timesofisrael.com/liveblog_entry/trump-chuck-schumer-used-to-be-jewish-but-is-now-a-palestinian/"><em>Trump über den jüdischen Senator Chuck Schumer gesagt hat, er war mal Jude, jetzt ist er Palästinenser</em></a><em>. Wir kommen in begriffliche Umdeutungen. Das müssen wir beobachten und benennen, sonst fallen wir darauf herein.</em></p>
<p><em>In Redaktionen muss es eine Bewegung geben, dass wir nicht mehr etwas unbesehen von X als Nachricht zitieren, weil wir damit einer Institution die Freiheit geben, dass sie uns selbst und unsere Freiheit abschafft.  </em></p>
<h3><strong>Unsere Pflicht als Demokraten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in Ihren Büchern, Ihren Vorträgen und Statements immer wieder eine Strategie gegen diesen pro-autoritären Rechtskurs eingefordert. Wie könnte diese Strategie aussehen? Die Linke profitierte bei der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 unter anderem von der Reichweite von <a href="https://heidi-reichinnek.de/">Heidi Reichinnek</a> in den sozialen Medien? Dazu kamen ein intensiver Haustürwahlkampf und inhaltlich anspruchsvoll und witzig gehaltene Plakate, die fast alle die viele Menschen bewegenden sozialen Themen sichtbar machten. Der linke Bundestagskandidat aus Bonn, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-ideelle-gesamtmarxist/">Jürgen Repschläger</a>, sagte mir vor einigen Tagen, man wolle jetzt zur Vorbereitung der Kommunalwahlen im September systematisch in die Stimmbezirke gehen, in denen die AfD viele Stimmen erhalten hätte.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist eine gute Strategie, <u>eine</u> gute Strategie. Das andere ist etwas, das die AfD seit Jahren macht, ganz besonders in Ostdeutschland. Sie gleicht dort viele Strukturen aus, die der Staat und die demokratische Zivilgesellschaft vernachlässigt haben. Sie stellen ehrenamtliche Trainer:innen in Sportvereinen, sie engagieren sich in der Freiwilligen Feuerwehr, sie helfen Leuten bei der Ausfüllung von Bürgergeldanträgen. Sie versuchen, Stellen zu besetzen, die ganz vielen Menschen in ihrem Leben ganz praktisch helfen. Das haben andere politische Akteure verpasst. Ein zweiter Punkt: Wir brauchen zivilgesellschaftliche Vernetzung, Vernetzung an der Basis. Da werden Gewerkschaften eine ganz zentrale Rolle spielen.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für all diese Tätigkeiten wird oft der Begriff der <em>„Kümmerer“</em> verwendet. Aber hat man diese Strukturen nicht alle schon lange aufgegeben? Kann man die überhaupt flächendeckend wieder neu schaffen? Nicht nur in Ostdeutschland. Man muss sich nur die Wahlergebnisse im Ruhrgebiet nördlich der A 40 anschauen. Früher leisteten das dort die SPD-Ortsvereine, gemeinsam mit Gewerkschaften, AWO und Vereinen. Davon ist heute kaum noch etwas übrig. Auch ein Ergebnis der Parteireform von Schröder und Müntefering. Und nicht zuletzt einer falsch verstandenen Digitalisierung. Früher besuchte der Kassierer die Leute für den Parteibeitrag, man trank einen Kaffee oder ein Bier zusammen, heute erfolgt dies per Einzugsermächtigung oder Dauerauftrag. All diese persönlichen Kontakte waren aber wichtig für den Zusammenhalt. Traditionelle SPD-Bezirke leiden darunter, dass die Wahlbeteiligung dort deutlich gesunken ist, in Köln-Chorweiler zum Beispiel auf 19,5 Prozent.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong> (mit leicht resignierender Stimme): <em>Wir müssen diese Strukturen neu bauen. </em>(wieder im üblichen engagierten Sprechmodus) <em>Die Leute bekommen als erstes das mit, was ihren Alltag betrifft, das, was sie fühlen, und wer ihre Bedürfnisse merkt. Das müsste eigentlich ein Weckruf für eine soziale Politik sein. Das sind soziale Aufgaben, die da übernommen werden. Die AfD macht das, um Stimmung zu machen, weil das in ihren Strategiepapieren so drinsteht. Aber das sind Aufgaben, die ein gesunder Staat leisten muss. Das gehört zu meinem zweiten Punkt. Wir müssen uns zivilgesellschaftlich organisieren und vernetzen. Das Trainieren einer Fußballmannschaft ist auch politisches Engagement, die Hilfe beim Ausfüllen eines Bürgergeldantrags ist auch politisches Engagement, das Einkaufen für die ältere Nachbarin ist politisches Engagement. </em></p>
<p><em>Und wenn die Leute etwas Rassistisches sagen, sollten wir nicht versuchen, sie mit Fakten zu widerlegen. Das machen viele Akademiker:innen gerne. Sie predigen und glauben, wenn die Leute nur mehr wüssten, wären sie auch gleich weniger rassistisch. Das ist nicht so. </em></p>
<h3><strong>Die Menschen annehmen – die Ideologie ablehnen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bildung ist leider nicht die Lösung, oder?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Die Lösung ist, den Menschen annehmen und seine Ideologie ablehnen. Beides in einer radikalen Art. Ich rede nicht über deinen Rassismus, aber ich werde dich fragen, wie es dir geht. Und ich werde dich ernst nehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es hilft nichts, wenn ich jemanden, der faschistische oder faschistoide Ansichten vertritt, als faschistisch bezeichne. Das werden die Angesprochenen sofort abstreiten und das Argument umdrehen und mich als den eigentlichen Faschisten brandmarken. Das macht Putin ja auch recht erfolgreich, wenn er Selenskyj als Faschisten oder gleich als Nazi bezeichnet.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wie ich vorgehe, hängt von der individuellen Beziehung und der jeweiligen Situation ab. Ich mache das seit vielen Jahren mit meinen Verwandten. Es ist nicht immer leicht. Wenn jemand rassistische Ansichten äußert, sage ich immer klar: Darüber möchte ich mit dir nicht reden.</em></p>
<p><em>In einer Talkshow ist das anders. Ich werde dort keinen AfD-Vertreter treffen, weil ich solche Anfragen ablehne. Ich lehne sie nicht ab, weil ich nicht bereit bin, mit Menschen zu sprechen, die andere Ansichten haben. Aber die Talkshow ist in ihrer Struktur ungeeignet. Ich kann dort niemanden überzeugen, denn der Beruf eines AfD-Vertreters in einer Talkshow ist es, dass er mir nicht recht gibt. Er muss gewinnen. Und wenn wir beide mit dem Anspruch hineingehen, eine Diskussion gewinnen zu müssen, kann kein sinnvoller Austausch entstehen. Eine Talkshow ist etwas Performatives, eine Kampfarena. Wenn ich in eine Kampfarena gehe und dort darüber diskutiere, ob allen Menschen Würde zusteht, stelle ich dies selbst in Frage, selbst, wenn ich klar und deutlich vertrete, dass allen Menschen Würde zusteht. Aber ich mache das an dieser Stelle debattierbar, etwas, das nicht debattierbar ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche plädieren dafür, Begegnungen im Alltag zu organisieren, damit Menschen ihre Vorurteile abbauen könnten.</p>
<p><strong>Marina Weisband: </strong>Ich<em> will nicht dafür werben, dass queere Leute und Trans-Leute notwendigerweise mit Leuten Kontakt halten sollen, die ihre Existenz ablehnen, und nett zu ihnen sein sollen. Das ist nicht meine Absicht. Viele von uns haben aber Kontakt zu jemanden, der abdriftet. Die beste Vorsorge gegen dies Abdriften ist, wenn wir dazu die Ressourcen haben, einfach menschlich da zu sein. Das Schöne ist, man findet dann auch viele In-Groups. Ich bin mit vielen AfD-Wählenden einig darin, dass wir mehr demokratische Mitbestimmung brauchen. Sie bilden sich natürlich ein, dass die AfD dafür sorgen wird. Das wird sie ganz sicher nicht. Aber im Ziel bin ich mir mit ihnen einig. Oder wenn mir eine junge Frau sagt, sie hat Angst, wenn auf der Straße so viele Ausländer sind. Ich frage dann, kann es sein, dass du ein Problem hast mit Armut und Sexismus? Dann sind wir schnell auf einer Linie: Ja wir müssen beides bekämpfen. Das sind eher die Ansätze, die viel besser funktionieren als von der Kanzel zu predigen. </em></p>
<p><em>Gleichzeitig brauchen wir ein AfD-Verbot. Wir werden immer etwa 20 Prozent latente Rassisten in der Gesellschaft haben. Das hatten wir schon immer. Das werden wir nicht ändern können. Wir können aber verhindern, dass sie an die Macht kommen. Das ist unsere Pflicht als Demokraten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie leben in Münster, der Stadt, die immer die niedrigsten AfD-Ergebnisse hat, immer einstellig, dieses Mal erstmals leicht über fünf Prozent, aber mit ganz wenig Zugewinnen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Münster ist ein Ort der Glückseligkeit. Wäre Münster nicht in Deutschland, hätte ich keine Zweifel, ob ich hierbleiben kann. Das liegt erstens daran, dass die Stadt im Vergleich zu anderen Städten relativ wohlhabend ist. Zweitens ist sie sehr gebildet, eine Universitätsstadt mit 40.000 Menschen an der Universität in einer Stadt von etwa 300.000 Einwohner:innen. Das verbindet uns auch mit den Protesten in der Slowakei. Da demonstrieren viele Studierende, Dozent:innen, gebildete Menschen. Wir sollten Bildung nicht unterschätzen. Bildung ist ein ganz großer Schutzfaktor für Demokratie. Deswegen versuchen autoritäre Kräfte auch, Bildung abzuschaffen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zumindest staatliche Bildung. Wie jetzt auch in den USA.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Sie versuchen Bildung zu verhindern, gerade für arme Menschen, für Frauen und Mädchen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder sie instrumentalisieren Bildung für ihre Zwecke. In Russland gibt es jetzt in den Schulen das <a href="https://www.dw.com/de/gespr%C3%A4che-%C3%BCber-wichtiges-patriotismus-lektionen-in-russlands-schulen/a-63684447">Fach „Gespräche über wichtige Dinge“</a>, in denen gelehrt wird, warum es richtig ist, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist, warum es wichtig ist, das Militär zu unterstützen. In Orwell’schem Newspeak ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg dann <em>„Patriotismus“</em>. Putin hat es geschafft, einen autoritären Staat in einen totalitären Staat zu verwandeln, der der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschen Reich immer ähnlicher wird. Und wer sich das Vorgehen der Regierung in Florida und einigen anderen Staaten anschaut, wird feststellen, dass dort in den Schulen mehr oder weniger alles, das nicht dem Meinungsspektrum (sofern es überhaupt ein Spektrum ist) konservativster Republikaner entspricht, aus Lehrplänen und Schulbibliotheken entfernt wird. Sklaverei wird zum Beispiel zur beruflichen Qualifizierung von Afrikaner:innen umgedeutet. Es gibt in den USA auch schon lange Schulen, in denen die Evolutionstheorie nicht mehr gelehrt werden darf.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>All das ist nicht Bildung, sondern Propaganda.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch so eine Umwertung im Sinne des Newspeak. Bei der Wagenknecht-Demonstration am 3. Oktober 2024 sagte jemand ganz treuherzig, Putin wolle doch nur dasselbe wie wir: <em>„Bildung und Infrastruktur“</em>.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nein, das will er nicht. Die größten Teile von Russland haben weder Bildung noch Infrastruktur. Nirgendwo sonst gibt es so wenige Häuser wie in Russland, in denen es zum Beispiel eigene Toiletten gibt. Außerhalb von Moskau und St. Petersburg. Das können wir uns hier gar nicht vorstellen, wie wenig Infrastruktur es in Russland gibt. Ich weiß nicht, ob es eine ehrliche Idealisierung ist, an die die Menschen wirklich glauben, oder ob sie sich diese Geschichten selbst erzählen müssen. Wir dürfen nicht darauf hereinfallen. </em></p>
<p><em>Wir dürfen aber auch nicht so tun, als sei mit der Abschaffung von Faschismus bereits die Investition in Bildung und Infrastruktur getätigt. </em></p>
<h3><strong>Zivilgesellschaft braucht Sicherheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zivilgesellschaft braucht staatliche Garantien. Wie könnten die Parteien und die Regierung zivilgesellschaftliche Initiativen und Projekte unterstützen? Einerseits finanziell, andererseits aber ist es vielleicht in unseren Zeiten viel wichtiger zu sichern, dass zivilgesellschaftliche Akteure keine Angst haben müssen sich zu äußern, nicht befürchten müssen, von denen, die ihre Ansichten nicht teilen, angegriffen zu werden. Solche Angriffe sind zurzeit in einigen Regionen Alltag, Hausbesuche, Adressen werden ins Internet gestellt, körperliche Angriffe bis hin zu schwerer Körperverletzung. Das Ziel solcher Aktionen ist immer Einschüchterung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das erste wäre, dass die CDU keine Kleinen Anfragen mehr stellen sollte, in denen die Gemeinnützigkeit von Organisationen in Frage gestellt wird, die das Grundgesetz verteidigen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/151/2015101.pdf">Antwort der Bundesregierung auf diese Anfrage</a> ist lesenswert.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das allerallererste: Zivilgesellschaftliche Organisationen brauchen Rechtssicherheit. Das zweite wäre die Verabschiedung eines Demokratiefördergesetzes im Deutschen Bundestag. Das stand schon in zwei Koalitionsverträgen, wurde aber immer noch nicht realisiert. In gemeinnützigen Nicht-Regierungsorganisationen gibt es viele Menschen, die im Ehrenamt arbeiten, die wichtige Aufgaben übernehmen, die eigentlich auch staatliche Aufgaben sein könnten. Es gibt nur wenige hauptamtlich tätige Menschen. Die Organisationen brauchen eine langfristige Perspektive. Stattdessen hangeln sie sich von Jahr zu Jahr. In den ersten fünf Jahren von aula musste ich mich jedes Jahr im Oktober arbeitssuchend melden, weil ich nicht wusste, ob wir im Januar genug Spenden zusammenbekommen, um unser Personal zu finanzieren. Es gibt zwar immer Anschubfinanzierungen, aber es gibt keine verlässliche Fortsetzung. Dann heißt es, dass man ein Business-Modell haben sollte, aber das haben gemeinnützige Organisationen per Definition nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind qua Definition Non-Profit-Organisationen, sonst wären sie auch nicht gemeinnützig. Die Förderung gemeinnütziger Organisationen ist keine Wirtschaftsförderung.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Richtig! Es gibt aber keine Organisation, die sich darauf spezialisiert, angelaufene gemeinnützige Projekte weiter zu fördern. Jeder will ein neues Projekt. Das führt dazu, dass viele fähige Menschen in Deutschland damit beschäftigt sind sich zu überlegen: Wie formuliere ich die Fortführung meines Projekts so, als wäre es eine Neuerfindung, obwohl ich eigentlich nur die Arbeit, die vor Ort gebraucht wird, fortsetzen möchte. Aber das ist die Gesetzeslage.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hinzu kommt, dass die Förderung von Demokratieprojekten als freiwillige Leistung gilt, die jederzeit eingestellt werden kann, wenn das Geld fehlt. In den letzten Bundeshaushalten und in vielen Landeshaushalten wurden die Mittel für solche Projekte deutlich reduziert, selbst für große Einrichtungen wie Bundes- und Landeszentralen für die politische Bildung. Das sind schon größere Einrichtungen mit einer Grundfinanzierung, das sind viele Demokratieprojekte vor Ort nicht. Wir bräuchten eine institutionelle und auf mehrere Jahre ausgelegte verlässliche staatliche Förderung, kurz: ein Demokratiefördergesetz, das Bund und Länder in die Pflicht nimmt. Der <a href="https://www.mkjfgfi.nrw/kinder-und-jugendfoerderplan-2023-2027-des-landes-nordrhein-westfalen">Kinder- und Jugendförderplan in Nordrhein-Westfalen</a> wäre ein mögliches Vorbild. Er enthält verlässliche Zahlen für den Zeitraum einer Legislaturperiode.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das zu erreichen, ist sehr sehr schwer. </em></p>
<h3><strong>Parteien müssen attraktiver werden</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Zivilgesellschaft gehören auch die Parteien.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Die Parteien könnten Engagement erhöhen, wenn sie selbst attraktiver werden. Das bedeutet vor allem: Mehr Durchlässigkeit für Neueinsteiger:innen. An der Basis einer Partei fühlt man sich oft als Hilfskraft für Leute, die schon 30 Jahre oder mehr Würstchen gewendet haben, den nächsten Schritt ihrer Karriere machen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Schön zugespitzt formuliert, aber so ist es.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Parteistrukturen befördern nicht immer die Fähigsten nach oben auf die Kandidatenlisten. Ich habe es bei den Piraten erlebt, teilweise auch bei den Grünen, welch enorme Vorteile es hätte, sich von der Denke zu verabschieden, ach, der oder die ist schon so lange dabei, die haben das verdient. Stattdessen müsste es heißen: Wer ist die fähigste Person, damit wir unsere gemeinsamen Ziele erreichen. Wir müssen fragen, wer die Ideen, die wir haben, am besten formulieren kann, wer charismatisch ist, wer Verständnis hat. Das wäre die Person, die wir nach vorne stellen sollten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei SPD, CDU und CSU war es im Grunde schon lange so, jetzt auch bei den Grünen, dass Führungspositionen so gut wie ausschließlich mit Personen besetzt werden, die schon in jungen Jahren die Plakate geklebt haben, auf den Mitgliederversammlungen ständig präsent waren, schließlich Mitarbeiter:innen von Abgeordneten waren und dann eines Tages eben selbst dran waren, in einem Ministerium, in Fraktionen. Oft sind das Menschen, die nie etwas anderes kennengelernt haben als ihre eigene Partei und über keinerlei Lebens- und Berufserfahrung außerhalb der Politik verfügen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>So koppelt man sich von der Gesellschaft ab. Ein solches System ist kaum geeignet, die Fähigsten in die Positionen zu befördern, in denen sie am besten wirken können. Die Kriterien, nach denen Politiker:innen auf Kandidaturlisten gelangen, sind völlig andere und nicht wirklich geeignet, die Gesellschaft und die Partei vorwärts zu bringen. Es gibt immer die Idee: Der hat sich das verdient!</em> <em>Viele Jahre dabei zu sein ist nicht die wichtigste Qualifikation, um eines der wichtigsten Ämter in diesem Land zu bekleiden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manchmal braucht es vielleicht einen Knall, damit die Leute etwas begreifen. Ich fand schon interessant, wie <a href="https://www.n-tv.de/politik/Ricarda-Lang-verabschiedet-sich-mit-knackiger-Rede-article25366540.html">Ricarda Lang</a> nach ihrem Rücktritt argumentierte. Sie sagte, es sei einfach falsch so zu tun, als habe man für alles die richtige und ein für alle Mal beste Lösung. Das ist aus meiner Sicht ein ganz zentraler Punkt, um gegen den Konsumismus in der Politik anzugehen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Aber das wird abgestraft. Nicht zuletzt von der Presse. Es gibt viele Anreize von Seiten der Presse, die Politik behindern, auch seitens der Wähler:innen. Ich habe es in meiner Zeit bei den Piraten selbst erlebt, wie ich angefangen habe, Politikersprech zu benutzen. Immer mehr. Obwohl ich das nicht wollte. Ich wusste, dass jeder meiner Halbsätze zu einer Überschrift hochgejazzt werden konnte, für die sich dann alle meine Kolleg:innen an Infoständen rechtfertigen müssen. Ich weiß aber auch, dass die Journalist:innen, mit denen ich geredet habe, auch nicht wollten, dass ich Politikersprech benutze, aber sie haben Redaktionen im Nacken, die von ihnen verlangen: Schaffe eine interessante Schlagzeile. Damit die Finanzierung stimmt. Das ganze System wollte, dass Politiker:innen hohle Phrasen dreschen, und alle haben darauf hingearbeitet, dass genau das passiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die ganze Welt in 100 Zeichen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Vielleicht braucht es wirklich einen Knall, weil es so schwierig ist, Menschen davon zu überzeugen, dass sich etwas verändern muss. Seit 15 Jahren beiße ich mir in die Ellbogen, weil Menschen das nicht begreifen. Ich fürchte, dass – wenn es einen Change by Design gibt – auch einen Change by Catastrophe gibt. Das Problem ist nur, eine Demokratie zu zerstören ist 100mal leichter als sie aufzubauen. Oder wieder aufzubauen. Wir riskieren gerade diese Zerstörung. Wir laufen darauf zu. Wir sind gerade im Prä-Faschismus.</em></p>
<p><em>Deshalb sage ich, wir müssen alles tun, um uns gegen diese Entwicklung zu wehren. Aber wir müssen auch heute schon, Samen in die Erde pflanzen, um uns auf übermorgen vorzubereiten. Denn morgen könnte wirklich dunkel sein.</em></p>
<h3><strong>Argumente für ein AfD-Verbot</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich hoffe, dass es bei dem Konjunktiv bleibt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das hoffe ich auch. Ich lebe von Hoffnung. Gleichzeitig mit der Hoffnung bereite ich mich auf das Schlimmste vor. Ich bereite mich darauf vor, dass wir scheitern könnten. Wir müssen es in unsere Köpfe bekommen, dass auch das nicht das Ende von allem wäre. Geschichte geht weiter. </em>(Sie spricht emotional sehr bewegt.) <em>Meine Familie hat Kinder in den Holocaust hinein geboren. Und deshalb bin ich hier. Es gibt ein Übermorgen. </em></p>
<p><em>Und deshalb brauchen wir ein AfD-Verbot. Wir müssen alle Politiker:innen schütteln, wir müssen gerade auch Medienschaffende schütteln. Und wir müssen uns in der Gesellschaft engagieren. Und wenn all das nicht reicht, müssen wir das Übermorgen vorbereiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich fand Ihre Argumentation zum AfD-Verbot sehr schlüssig. Wir alle wissen, das ist ein mehrjähriges Verfahren, aber in dieser Zeit ist diese Partei mit dem Verbotsverfahren beschäftigt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Ich verlange doch nicht mehr als dass diese Frage dem Gericht gestellt wird. Wir diskutieren die ganze Zeit nur darüber, ob wir die AfD verbieten sollen oder nicht. Darum geht es doch gar nicht. Der Antrag im Bundestag bedeutet doch nicht, dass die AfD jetzt sofort verboten würde. Es geht darum, dass sich das Bundesverfassungsgericht damit auseinandersetzen muss. Während dies geschieht, muss die AfD darauf achten, dass sie keine verfassungswidrigen Sachen sagt.  Natürlich wird der Vorstand in dieser Zeit sanfter reden. Aber gleichzeitig hat die AfD eine radikale und radikalisierte Basis, die dann anfängt, den Vorstand zu fragen, warum erzählt ihr eine so weichgekochte Scheiße. Seid ihr etwa gar nicht mehr dafür, alle Ausländer rauszujagen? Aber das darf der Vorstand dann nicht sagen. Das führt zu Spaltungen in der Partei. Das ist aber das Beste, was uns passieren kann, dass sich die Partei selbst zerlegt. Aber wir tun nichts dazu. Stattdessen erzählen wir nur ihre Geschichten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war im Wahlkampf sehr deutlich. Alle Parteien – mit Ausnahme der Linken – haben eigentlich nur die AfD-Geschichte erzählt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das macht mir gerade Magenschmerzen. Dass wir in der Politik und in den Medien so wenig Personal haben, das in der Lage ist, diese Struktur zu durchschauen und ihr einen Riegel vorzuschieben. Das macht mich traurig. Und das lässt mich denken: Vielleicht brauchen wir eine Katastrophe, damit wir diese Art von Denken nicht auch noch befördern.  </em></p>
<p><em>Das hört sich nicht gut an, aber ich möchte auch auf keinen Fall in Doom verfallen. Wir müssen uns rückversichern: Nachrichten hören sich immer negativer an als die Weltlage wirklich ist. Mit negativen Nachrichten verdienen die Medien ihr Geld. </em></p>
<p><strong>Öffentliche Räume gegen den Autoritarismus schaffen</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein sprunghafter Trump ist natürlich viel interessanter als jemand, der soziale Gerechtigkeit verkündet und das dann auch noch umsetzt.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Robert Habeck – um dieses Beispiel zu nennen – ist es gelungen, die drohende Energiekrise nach der Vollinvasion Russlands in der Ukraine abzuwenden. Wir sind aus russischem Gas ausgestiegen. Das war eine krasse Leistung. Waren die Zeitungen über Jahre voll davon? Nein, natürlich nicht, weil es eine positive Sache war. Wir können das abhaken und weiter machen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Stattdessen wurde Robert Habeck mit dem sicherlich alles andere als gut ausgearbeiteten ersten Entwurf des sogenannten Heizungsgesetzes verbunden. Das zog sich bis in den Wahlkampf hinein. Gas, Kohle, Atomkraft wurden von Politiker:innen und manchen Medien gegen jedes bessere Wissen als Lösungen verkauft, die sie nun wirklich nicht sind.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das eigene Denken ist immer von negativen Dingen bestimmt. Wenn ich vor Gefahren warne, macht das immer den Eindruck, als wäre alles schlecht. Natürlich ist nicht alles schlecht. Auch jetzt passieren viele gute Sachen. Und viele gute Menschen wachen gerade auf und vernetzen sich. Das ist genau das, was wir tun müssen. Ich möchte jedem, der zuhört, der liest, dringend dazu raten, selbst Teil dessen zu sein. Sei es in einer Mietergemeinschaft, sei es in einem Verein, sei es in einer Gewerkschaft. Tretet Gewerkschaften bei! Jetzt! Heute! Denn das sind die Strukturen, die sich gegen Autoritarismus effektiv wehren können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gewerkschaften können natürlich auch ein Teil des Problems sein. Aber es gibt beim DGB inzwischen ein Bewusstsein dagegen. Ein gutes Beispiel ist das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">Projekt „Betriebliche Demokratiekompetenz“</a>. Im Grunde das betriebliche Parallelprojekt zu aula. Sandro Witt, der dieses Projekt leitet, berichtete, dass sich in vielen Betrieben, in denen sie das Projekt durchgeführt hatten, Betriebsräte oder Auszubildendenvertretungen gebildet haben. Das sind erfolgreiche Institutionalisierungen. Alles mit Unterstützung der Betriebsleitungen.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Genau das müssen wir erreichen. Das haben die Rechten in den vergangenen Jahren gemacht! Das müssen wir auch tun, dafür sorgen, dass sich Dinge institutionalisieren!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der von der Rechten geplante Marsch durch die Institutionen kann noch gestoppt werden.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Wir müssen erreichen, dass aus einer Bewegung für die Demokratie eine Institution wird, und sei es eine informelle.</em> <em>Wo immer Menschen sich im Leben face-to-face vernetzen, dort entsteht Resilienz. Das Gute ist: Wir haben jetzt die Zeit und die Möglichkeit das aufzubauen. Das ist die sehr sehr gute Nachricht. In Deutschland sind wir immer noch massiv privilegiert gegenüber anderen europäischen Ländern. Wir haben eine </em><a href="https://www.bpb.de/"><em>Bundeszentrale für politische Bildung</em></a><em>. Davon können Ukrainer:innen nur träumen. Wir haben gute Strukturen und wir haben eine Politik, die bei aller Kritik immer noch erstaunlich durchlässig ist. Abgeordnete lesen die Briefe von Bürger:innen. Bisher haben aber vor allem Rechte geschrieben. So kommt dann ein Politiker, auch bei den Grünen, zu dem Eindruck, alle wollten nur über Migration reden. Aber wenn wir Briefe über das schreiben, was uns umtreibt, dann ändert sich der Eindruck. Wir haben als Zivilgesellschaft ganz viel Macht, ganz viele Möglichkeiten, die andere Länder nicht haben. Wir sollten sie nutzen. Es ist nichts verloren. Wir versuchen, Autoritarismus zu verhindern. Und wenn Autoritarismus kommt, können wir ihn überleben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wäre es nicht möglich, die sozialen Netzwerke mit unseren Botschaften und Fragen zu fluten? Das entnehme ich dem Erfolg von Heidi Reichinnek.</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Das wird nicht funktionieren. Die Algorithmen verzerren systematisch. Ich hatte auf X zuletzt eine Viertelmillion Follower. Wenn ich aber etwas Prodemokratisches getwittert habe, haben das gerade einmal 200 Leute gesehen. Die anderen haben das nicht mitbekommen. Viele soziale Medien – nicht Bluesky, auch nicht Mastodon, aber Meta, X, TikTok – sind von Algorithmen gesteuert, die den Interessen des chinesischen Staates oder privater Milliardäre dienen. Die kannst du nicht in ihrem eigenen Haus besiegen.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Helfen <a href="https://commission.europa.eu/strategy-and-policy/priorities-2019-2024/europe-fit-digital-age/digital-services-act_en">European Digital Services Act</a> und <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/netzdg/BJNR335210017.html">Netzwerkdurchsetzungsgesetz</a>?</p>
<p><strong>Marina Weisband</strong>: <em>Nur sehr bedingt. Man könnte Plattformen wie Meta, X, TikTok höchstens vom europäischen Markt ausschließen. Das halte ich aber nicht für den besten Weg. Der beste Weg wäre, auf europäischer Ebene solche Unternehmen zur Interoperabilität zu zwingen. Das heißt: Ihr müsst eure Plattformen so gestalten, dass sie so sprechen, dass andere Plattformen das verstehen können. Das heißt, ich kann auf Mastodon sein und dort Inhalte auf Facebook lesen. Etwa wie mit E-Mail. Egal auf welchem Server man ist, man kann jede E-Mail lesen. Dann ist man nicht mehr auf eine Plattform angewiesen, um Leute zu treffen, die auf einer anderen Plattform sind. </em></p>
<p><em>Das wiederum erlaubt die Gründung einer neuen Plattform. Diese Plattform könnte allen gehören. Wir könnten eine europäische soziale Plattform haben, auf die alle drauf dürfen, auch außerhalb von Europa. Und die gehört einfach allen, die auf dieser Plattform sind. Sie muss nicht durch Werbung finanziert werden, sie muss nicht unsere Aufmerksamkeit an Werbetreibende verkaufen, sie kann uns nicht auf der Plattform gefangen halten. Sie muss uns nicht systematisch wütend machen. Sie gehört niemandem allein, der den Algorithmus politisch steuert. Wir verwalten sie demokratisch durch ein Gremium, das wir selbst wählen. Das wäre eine nachhaltige Lösung. In Bezug auf die sozialen Medien ist es die einzige nachhaltige Lösung. Ich will keine staatlichen Lösungen, das haben wir in China, ich will keine Lösungen, die privaten Milliardären gehören, denn das sind nicht meine Interessen, das sind nicht die Interessen der Gesellschaft. Wenn wir öffentliche Räume wollen, müssen wir dafür sorgen, dass diese Räume wirklich öffentlich sind. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 19. März 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.) )<em><br />
</em></p>
<p><em>  </em></p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Wir werden wieder tanzen!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Mar 2025 05:43:20 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wir werden wieder tanzen! In memoriam Shani Louk, Shiri, Ariel und Kfir Bibas Der 7. Oktober hat die Welt verändert. Im Süden Israels fand das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah statt und seitdem hat der Antisemitismus ein Ausmaß erreicht, den wir uns nie hätten vorstellen können: Israelfeindliche Protestcamps an Hochschulen,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Wir werden wieder tanzen!</strong></h1>
<h2><strong>In memoriam Shani Louk, Shiri, Ariel und Kfir Bibas </strong></h2>
<p>Der 7. Oktober hat die Welt verändert. Im Süden Israels fand das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah statt und seitdem hat der Antisemitismus ein Ausmaß erreicht, den wir uns nie hätten vorstellen können: Israelfeindliche Protestcamps an Hochschulen, Anfeindungen auf offener Straße, jüdische Studierende wurden an den Hochschulen oder sogar auf offener Straße angegriffen und zusammengeschlagen, Wohnungen von Jüdinnen und Juden wurden markiert, antisemitische Hetze auf sozialen Medien.</p>
<h3><strong>„We will Dance again“</strong></h3>
<p>Diese Worte ließ sich Mia Schem, die am 7. Oktober während des Nova Musikfestivals durch die Terroristen der Hamas entführt wurde und später befreit wurde, tätowieren. Seitdem ist dieser Satz ein Zeichen der Hoffnung für Jüdinnen und Juden weltweit geworden.</p>
<p>„Wir werden wieder tanzen!“ ist eine szenische Collage. Sie präsentiert Songs von Leonard Cohen und Antilopen Gang, Gedichte von Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler, Selma Meerbaum-Eisinger und anderen, eigens für die Veranstaltung geschriebene Szenen sowie Testimonials von (nicht nur) jüdischen Autor:innen, mal ernst, mal komödiantisch, mal sarkastisch oder nachdenklich und immer poetisch, musikalisch untermalt oder illustriert reflektiert unsere Collage die Auseinandersetzung der Menschen damals und heute mit den Ereignissen um sie herum und macht auf den Zwiespalt vieler Juden aufmerksam, die zwischen Koffer packen und dem Glauben, dass es Antisemitismus in einer aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr geben darf, stehen.</p>
<p>„Wir werden wieder tanzen!“ ist ein bitter-süßer Abend, der, neben dem regulären Theaterpublikum auch junge Menschen in Schulen und Bildungseinrichtungen erreicht. Die Aufführungen werden durch das Büro der Antisemitismusbeauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert. Die Texte wurden von Sophie Brüss, Norbert Reichel und Jürgen Reinecke zusammengestellt und zum Teil eigens für dieses Projekt geschrieben, so auch die Szene „Deutsche unter den Opfern“.</p>
<h3><strong>Deutsche unter den Opfern</strong></h3>
<div id="attachment_5879" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5879" class="wp-image-5879 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Bibas-Funeral-0007.jpg 640w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5879" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bibas-Funeral-0007.jpg">Von der Beerdigung der Bibas-Familie</a> am 26. Februar 2025. Foto: Matth. Knight. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p>Das ist einer der Texte der szenischen Collage. Er entstand unter Verwendung eines Textes des <a href="https://www.rnd.de/politik/111-hamas-geiseln-was-ueber-das-schicksal-der-entfuehrten-bekannt-ist-7O6OULIXOFC6JC5TBSCEC6EXQA.html">Redaktionsnetzwerks vom 15. August 2024</a> und mehrerer Texte der Jüdischen Allgemeinen, das Gespräch von Michael Thaidigsman mit Ricarda Louk, der Mutter von Shani, vom 7. April 2024. Die Jüdische Allgemeine druckte zum 6. März 2026 eine Sonderausgabe zum Tod von Shiri, Ariel und Kfir Bibas mit der ergreifenden Trauerrede von Yarden Bibas: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ich-habe-euch-noch-so-viel-zu-erzaehlen/">„Verzeiht, dass ich euch nicht beschützen konnte“</a>, in dieser Ausgabe enthalten sind auch das Editorial des Chefredakteurs <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/zachor/">Philipp Peyman Engel „Zachor!“</a>, der Nachruf von Sophie Albers Ben Chamo <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/lebt-wohl-liebe-gingim/">„Lebt wohl, liebe Gingim“</a>, ein Bericht von Lars Nicolaysen über die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/es-ist-nicht-shiri-bibas/">Obduktionsergebnisse von Shiri, Ariel, Kfir</a>, die nicht wie von der Hamas behauptet bei einem israelischen Luftangriff ihr Leben verloren hatten, sondern kurz nach der Entführung ermordet wurden, sowie der Bericht von Michael Thaidigsmann und Sophie Albers Ben Chamo über ihre Gespräche mit Eli Charabi „Ich rede über alles“.</p>
<p>Die hier zu lesende Fassung von „Deutsche unter den Opfern“ wurde am 9. März aktualisiert. Sophie Brüss, Gerrit Pleuger und Jürgen Reinecke haben sie auf die Bühne gebracht.</p>
<p>Die szenische Collage ist allen von der Hamas ermordeten, entführten und noch gefangengehaltenen Menschen gewidmet. Bring Them Home Now! All of them!</p>
<p><strong>Gerrit</strong>: Mein Mann war kürzlich bei der UNO in New York und hatte dort mit Vertretern arabischer Staaten zu tun. Die behaupteten, israelische Soldaten würden palästinensische Frauen vergewaltigen und Kinder ermorden. Ohne jegliche Basis. Als er dann Shanis Geschichte erzählte, war das ein fast hoffnungsloses Unterfangen. Nissim zeigt oft zwei Bilder, eines von Shani, auf dem sie als lebensfrohe junge Frau abgebildet ist, und jenes hässliche Bild, wie sie auf dem Pick-Up-Wagen liegt. Er will dem Gegenüber damit zeigen: Sie war nur ein Mädchen, das tanzen, lachen, Spaß haben wollte. Deswegen wurde sie von diesen Monstern umgebracht. Er will signalisieren: Schaut euch diese beiden Bilder an und sagt mir, auf welcher Seite ihr lieber steht, auf der kriegerischen, die Mädchen vergewaltigt und verschleppt und ermordet, oder auf der anderen Seite, auf der junge Leute auf ein Musikfestival gehen können, um Spaß zu haben.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Das sagt in einem Interview Ricarda Louk, die deutsche Mutter von Shani Louk, deren Verschleppung am 7. Oktober überall zu sehen war. Sie wurde offenbar unmittelbar nach oder bei der Entführung ermordet. Shani Louk war Deutsche. Doch als ihre sterblichen Überreste aus Gaza geborgen wurden, war es kaum eine Meldung seitens der Bundesregierung wert.</p>
<p><strong>Jürgen:</strong> Ja, Deutsche unter den Opfern. Das hören wir doch immer in den Nachrichten, bei Flugzeugabstürzen, bei Naturkatastrophen. Warum nicht jetzt?</p>
<p><strong>Gerrit:</strong> Das Auswärtige Amt hat bisher keine Liste herausgegeben, nicht einmal eine Zahl. Es spricht in einer Presseerklärung von einer „niedrigen zweistelligen Zahl von Personen mit Deutschlandbezug“.</p>
<p><strong>Sophie:</strong> Die Jüdische Allgemeine nannte am 7. April 2024 die Namen und das Alter von 14 Geiseln, die im Rahmen eines Deals zwischen Israel und der Hamas im November freigelassen wurden: Aviv Asher (2 Jahre alt), Raz Asher (5), Raz Ben-Ami (57), Shoshan Haran (67), Doron Katz-Asher (34), Rimon Kirsht-Buchshtab (36), Margalit Moses (78), Yarden Roman-Gat (36), Amit Shani (16), Adi Shoham (38), Naveh Shoham (8), Yael Neri Shoham (3), Or Yaakov (16), Yagil Yaakov (12).</p>
<p><strong>Jürgen: </strong>Das Redaktionsnetzwerk hat am 15. August 2024 während der Verhandlungen in Doha weitere Namen veröffentlicht. In der Gewalt der Hamas war bis vor Kurzen noch Hersh Goldberg-Polin. Er ist eine der sechs Geiseln, die die Hamas kurz vor ihrer Befreiung ermordete. Fußballfans im Bremer Weserstadion zeigten mit einem riesigen Transparent zu seinen Ehren mehr Rückgrat als weite Teile der Politik und Zivilgesellschaft.</p>
<div id="attachment_5882" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5882" class="wp-image-5882 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Trauerprozession_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5882" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Accompanying_the_funeral_procession_of_Shiri_Ariel_and_Kfir_Bibas,_who_were_murdered_by_Hamas_at_the_Matam_Center_in_Haifa_(7).jpg">Während der Beerdigung von Shiri, Ariel und Kfir</a>. Foto: Eric Goldman. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/3.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en">Attribution-Share Alike 3.0 Unported</a> license.</p></div>
<p><strong>Gerrit: </strong>Da ist Shiri Silberman-Bibas, 33 Jahre alt, mit ihren beiden Jungs Kfir, der bei seiner Entführung gerade neun Monate alt war und im Januar 2025 zwei Jahre alt geworden wäre, und Ariel, im August 2024 gerade fünf Jahre alt geworden. Die Hamas zeigte ein Bild, bei Yarden, Vater von Kfir und Ariel und Ehemann von Shiri, erfahren haben soll, dass sie tot wären. Beide wurden unmittelbar nach der Entführung ermordet. Die Kinder wurden mit bloßen Händen erwürgt. Im Gegenzug zur Übergabe der Leichen von Shiri, Ariel und Kfir hat Israel der Hamas 90 lebendige Terroristen übergeben. Yarden Bibas hielt bei der Beerdigung der im Februar 2025 von der Hamas übergebenen Geiseln eine beeindruckende Rede. Er bat Shiri, Ariel und Kfir um Vergebung, dass er sie nicht habe beschützen können: „Verzeiht, dass ich euch nicht beschützen konnte“. Er selbst wurde von der Hamas angekettet in einem Tunnel gehalten, zum Teil in einen Käfig gesperrt. Es gab – wie Eli Sharabi nach seiner Freilassung berichtete – oft gerade einmal 200 bis 300 Gramm Brot am Tag, etwas Wasser zum Duschen einmal im Monat.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Wie die Bibas-Familie lebte Arbel Yehoud (29) im Kibbuz Nir Oz. Von dort wurde sie am 7. Oktober verschleppt. Ihr Urgroßvater, ein Hamburger Kunstlehrer, war 1935 vor den Nazis geflohen und verbrachte seinen Lebensabend in dem Kibbutz, aus dem seine Urenkelin, ihr Freund Ariel Curio (27) und dessen Bruder David Curio (34) entführt wurden. David Curio wurde vor zehn Jahren noch als Schauspieler („Youth“) auf der Berlinale gefeiert.</p>
<p><strong>Jürgen</strong>: Daran wollte sich bei der Berlinale 2024 niemand erinnern, aber die Veranstalter gaben auf der Bühne Raum für pro-palästinensische – besser: anti-israelische – Kundgebungen. Und niemand intervenierte, auch die politische Prominenz schwieg.</p>
<p><strong>Gerrit: </strong>Gadi Moses wurde ohne Brille, Medikamente und Hörhilfe gefangen genommen, in Gaza wurde er 80 Jahre alt. Sein Vater kam aus dem Schwalm-Eder-Kreis. In Treysa finden sich am ehemaligen Haus seiner Großeltern und seines Vaters Stolpersteine. Nach der Ermordung seiner Eltern floh Moses‘ Vater im Alter von 16 Jahren vor den Nazis in das Mandatsgebiet Palästina. Einige Wochen nach dem 7. Oktober war Gadi Moses auf einem Video des Islamischen Dschihad zu sehen.</p>
<p><strong>Jürgen</strong>: Die israelische Regierung geht bei den genannten und allen anderen entführten Deutsch-Israelis davon aus, dass sie noch am Leben sind oder zumindest sein könnten. Bestätigt wurde der Tod von fünf Geiseln: Shay Levinson (19), Itay Chen (19), Tamir Adar (38), Itai Svirsky (38) und Yair Yaakov (59) haben die Geiselhaft nicht überlebt, ihre Leichen werden noch von der Hamas festgehalten.</p>
<p><strong>Gerrit:</strong> In Frankreich hat die Regierung die Namen aller französischen Geiseln veröffentlicht. In den USA sind die „Gaza Six“, wie die US-amerikanischen Staatsbürger und Staatsbürgerinnen in der Gewalt der Hamas dort genannt werden, ständig bekannt. Der deutschen Bundesregierung, weder Kanzler noch Außenministerin, war die Beerdigung von Shiri, Ariel, Kfir, alle drei deutsche Staatsbürger, keinen einzigen Satz wert. Es blieb der Zivilgesellschaft überlassen. Die Omas gegen Rechts und die deutsch-israelische Gesellschaft riefen am 20. Februar 2025 in Hannover zu einer Mahnwache auf. Etwa 100 Menschen nahmen teil.</p>
<p><strong>Sophie</strong>: Bring them home und Say their names – gilt das auch hier oder sind deutsche Opfer in Israel nur Bürger zweiter Klasse?</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung am 9. März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 9. März 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2025-02-20_Mahnwache_f._d._ermordeten_israelischen_Geiseln_Shiri,_Ariel_und_Kfir_Bibas_und_Oded_Lifshitz_3.jpg">Mahnwache der Omas gegen Rechts in Hannover am 20. Februar 2025 anlässlich des Gedenkens an Oded Lifschitz, Shani, Ariel und Kfir Bibas</a>. Foto: Bernd Schwabe. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Mit dem Rechtsstaat gegen Antisemitismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Mar 2025 11:08:13 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mit dem Rechtsstaat gegen Antisemitismus Definitionen, Studien, Handlungsmöglichkeiten „Der Antisemitismus war keine direkte Reaktion auf reale Umstände. Tatsächlich reagieren Menschen auch nicht direkt auf Ereignisse. In einem Prozess der Konzeptualisierung und Verbalisierung konstruieren sie sich eine Interpretation ihres Welt-Erlebens, und nur auf diese selbstgemachte Konzeption der Wirklichkeit können sie reagieren. Jede Interpretation der Wirklichkeit  [...]</p>
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<h1><strong>Mit dem Rechtsstaat gegen Antisemitismus</strong></h1>
<h2><strong>Definitionen, Studien, Handlungsmöglichkeiten</strong></h2>
<p><em>„Der Antisemitismus war keine direkte Reaktion auf reale Umstände. Tatsächlich reagieren Menschen auch nicht direkt auf Ereignisse. In einem Prozess der Konzeptualisierung und Verbalisierung konstruieren sie sich eine Interpretation ihres Welt-Erlebens, und nur auf diese selbstgemachte Konzeption der Wirklichkeit können sie reagieren. Jede Interpretation der Wirklichkeit ist ein selbstständiges, schöpferisches Produkt des menschlichen Geistes, und oft ist sie gerade darum umso wirksamer, weil ganz oder teilweise falsch ist.“ </em>(Shulamit Volkov, Antisemitismus als kultureller Code, in: Leo Baeck Institut Yearbook XXIII, 1978, Nachdruck in: Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert, München, Beck, 1990. Zweite, durch ein Register erweiterte Auflage, 2000.)</p>
<p>Manche möchten vielleicht Shulamit Volkov widersprechen, weil nach dem Pogrom vom 7. Oktober 2023 unmittelbare eindeutig antisemitische Reaktionen erfolgten. Es gab nach der Shoah wohl kein antisemitisches Pogrom, das so ausführlich und umfassend dokumentiert wurde, in Echtzeit. Die Hamas-Terroristen filmten mit ihren eigenen und mit den Handys ihrer Opfer den Überfall, die Vergewaltigungen, die Morde und Verschleppungen und versandten Bilder und Videos an die Familien der Opfer. Und dennoch gibt es bis heute immer wieder selbst prominente Stimmen, die das Massaker anzweifeln, leugnen, herunterspielen oder gar rechtfertigen, den Opfern jedes Mitgefühl verweigern und Antisemitismus schüren. Jüdinnen und Juden wurden auf offener Straße bedroht, ihre Wohnungen markiert, jüdische Studierende wurden gehindert, ihre Lehrveranstaltungen zu besuchen, auf Demonstrationen wurde die Vernichtung Israels gefordert und alle Jüdinnen und Juden dieser Welt wurden gleichermaßen für jede einzelne Entscheidung der israelischen Regierung in Kollektivhaftung genommen. Die Medien und die Politik reagierten, erweckten aber mitunter den Anschein, als handele es sich um ein völlig neues Phänomen. Nur glaubten sie wirklich, dass es vorher keinen Antisemitismus gegeben hätte? Und dass der Rechtsstaat erst jetzt reagieren müsse?</p>
<p>Aber welche Möglichkeiten hat der Rechtsstaat, gegen Antisemitismus dauerhaft und wirksam vorzugehen? In der Theorie, in der Praxis? Diese Fragen sind Gegenstand dieses Essays. Um sie zu beantworten, soll zunächst an die lange Geschichte des Antisemitismus in seinen verschiedenen Verkleidungen und Ausprägungen erinnert werden, bis hin zur heute dominierenden Form des israelbezogenen Antisemitismus. In einem zweiten Teil sollen dann die beiden zentralen Definitionen von Antisemitismus analysiert werden, IHRA-Definition und Jerusalem Declaration, im dritten Teil Reaktionen des Rechtsstaates und der Sicherheitsorgane vorgestellt und diskutiert werden. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit Antisemitismus im Strafvollzug.</p>
<h3><strong>Antisemitismus braucht keinen Anlass</strong></h3>
<p>Es gibt eine Fülle von Literatur zur langen Tradition des Antisemitismus und der immer wieder neuen Variationen des <em>„Gerüchts über die Juden“</em>, von dem Theodor W. Adorno in den Minima Moralia (1951) sprach. Antisemitismus ist – so ist Adorno zu verstehen – schwer zu definieren, aber dennoch gibt es eine Struktur. Shulamit Volkov und Jeffrey Herf beschreiben diese Struktur: Antisemitismus ist latent immer vorhanden. Aber Aufmerksamkeit und Widerstand entstehen erst mit aktuellen Anlässen. Solche Anlässe, mal mehr, mal weniger beachtet, hat Ronen Steinke in seinem Buch <a href="https://www.piper.de/buecher/terror-gegen-juden-isbn-978-3-8270-1425-2">„Terror gegen Juden“</a> ausführlich dokumentiert. (Berlin Verlag, 2020). Das Buch enthält ohne den Anspruch von Vollständigkeit eine etwa 100 Seiten umfassende Liste antisemitischer Gewalttaten in Deutschland seit 1945. Antisemitismus ist auf keinen Fall eine plötzliche Erfindung, die erst durch den 7. Oktober ausgelöst worden wäre.</p>
<p>Shulamit Volkov hat die verschiedenen Ausprägungen und Phasen des Antisemitismus zuletzt in dem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mainstream-antisemitismus/">„Deutschland aus jüdischer Sicht – Eine andere Geschichte vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“</a> (München, C.H. Beck, 2022) thematisiert. Sie notiert einen wesentlichen Unterschied in den antisemitischen Diskursen: <em>„Bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein definierten sich Männer und vermutlich auch Frauen primär über ihre Religionszugehörigkeit. In einer Welt der zumindest de jure gleichen politischen Rechte für alle Konfessionen neigte man stattdessen dazu, sich über seine nationale Zugehörigkeit zu definieren.“</em> Gleichzeitig gab es immer wieder Mischformen, in denen religiöse und nationale Diskurse sich gegenseitig verstärkten. Kritik an der israelischen Regierung wurde zum Beispiel zu grundsätzlicher Kritik an der Berechtigung Israels und diese wiederum zu grundsätzlicher Kritik an allen Jüdinnen und Juden dieser Welt.</p>
<p>Wo Antisemitismus beginnt, ist eine immer wieder kontrovers debattierte Frage. Mit jedem einzelnen Fall beginnt aufs Neue der Streit, ob das, was als Antisemitismus benannt wird, auch tatsächlich Antisemitismus ist. Kritik an der israelischen Besatzungspolitik wird oft als Kritik an Zionismus als kolonialistischem Projekt bezeichnet und hätte daher nichts mit Antisemitismus zu tun, so denken manche. Jeffrey Herf dekonstruiert diese Verbindung in einem <a href="https://sapirjournal.org/israel-at-75/2023/04/israel-is-antiracist-anti-colonialist-anti-fascist-and-was-from-the-start/">Essay vom 25. April 2023</a>, den er in seine Aufsatzsammlung „Three Faces of Antisemitism – Right, Left and Islamist“ (London / New York, Routledge, 2023) aufnahm, der jetzt in der 2025 bei Hentrich &amp; Hentrich erschienenen Ausgabe in deutscher Sprache vorliegt. Das Buch enthält 18 zum Teil aktualisierte Texte aus etwa 40 Jahren. Der älteste Text mit dem Titel <em>„Reaktionärer Modernismus“</em> (<em>„Reactionary Modernism“</em>) wurde schon im Jahr 1984 veröffentlicht. Antisemitismus gehört zum Inventar anti-modernistischer, reaktionärer Positionen, die sich je nach Kontext unterschiedlich begründen, mal eher religiös, mal eher nationalistisch, mal auch antikapitalistisch oder antiimperialistisch. Rechte, Linke, Islamisten müssen sich nicht miteinander abstimmen.</p>
<p>Jeffrey Herf beschreibt, wie Israel als <em>„Projekt der antifaschistischen, antirassistischen, antikolonialistischen und antiimperialistischen <u>Linken</u>, einschließlich der Sowjetunion“</em> gegen zögerliche und kontroverse Positionierungen in den USA entstand, so dass David Ben-Gurion zugespitzt formulierte: <em>„Die Juden wären ausgerottet worden, wenn sie für ihr Überleben von den Vereinigten Staaten abhängig gewesen wären.“</em> Beide Positionen änderten sich schnell und so entstanden im Kalten Krieg die pro-israelische Haltung der USA und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/verpestetes-land/">die anti-israelische der Sowjetunion und wesentlicher Teile der Linken</a>, nicht zuletzt im Kontext der 1968er-Bewegung. Jeffrey Herf weist jedoch nach, dass Israel <em>„antirassistisch, antikolonialistisch und antifaschistisch“ </em>war<em> „(und war es von Anfang an)“.</em> Wer heute Israel als ein Produkt der USA und des Westens angreift und glaubt, es gehöre zu einer linken Politik, Israel zu <em>„kritisieren“</em>, kennt die wechselvolle Geschichte des Landes, der verschiedenen zionistischen Bewegungen und der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 nicht.</p>
<p>Jeffrey Herfs Essay <em>„From the River to the Sea”</em> erschien am 20. November 2020 (in: <a href="https://www.persuasion.community/p/from-the-river-to-the-sea">American Purpose Magazine</a>). Er vergleicht die Botschaft der Hamas-Charta von 1988 mit ihrer Überarbeitung aus dem Jahr 2017, die oft herangezogen wird, um zu begründen, warum die sich auf die Hamas-Charta berufende BDS-Bewegung nicht antisemitisch wäre. Jeffrey Herf kommt zu einem anderen Ergebnis: <em>„Die Verfasser der Charta von 2017 bedienten sich der säkularen Sprache der globalen Linken, um ihr reaktionäres, antisemitisches und fundamentalistisches Wesen zu verschleiern, aber die Realität eines religiösen Krieges gegen die Juden blieb im Zentrum dessen, was die Hamas war und ist. Alle drei Gesichter des Antisemitismus – rechts, links und islamistisch – sind in der Charta von 2017 genauso offensichtlich wie in der von 1988. Am 7. Oktober 2023 explodierte dieser religiöse und säkulare Hass mit einer Barbarei, die nur diejenigen überraschte, die die Wahrheit über den Krieg der Hamas gegen die Juden nicht direkt gesehen hatten, eine Wahrheit, die in diesen beiden bösen Dokumenten offenkundig war.“</em></p>
<p>Dies war im Übrigen auch schon die Taktik des Ajatollah Khomeini bei seiner Machtübernahme im Jahr 1979. Er verstand es, seine islamistische Agenda mit anti-kolonialistischen Inhalten zu verbinden, sodass auch damals schon manche sich als Linke verstehende Akteure im Westen glaubten, es handele sich bei ihm und seinen Genossen um eine Befreiungsbewegung. Die islamistische Agenda, die schon sehr schnell offensichtlich wurde, ignorierten sie (nachzulesen in der Biographie von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/traditionen-eines-liberalen-islam/">Katajun Amirpur</a> „Khomeini – Ein Revolutionär des Islams“, München, C.H. Beck, 2021). Immer wieder erleben wir, dass die islamistische Hamas in linken Kreisen als „Befreiungsbewegung“ verstanden wird, auch von Feminist:innen und Queers, die in einem von der Hamas geführten Staat mit Sicherheit nicht lange ihre Freiheit genießen dürften.</p>
<h3><strong>Der Streit um eine rechtsverbindliche Antisemitismusdefinition</strong></h3>
<p>Der Deutsche Bundestag hat am 7. November 2024 mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD, Bündnis 90 / Die Grünen und FDP die lange umkämpfte Antisemitismus-Resolution unter dem Titel <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/136/2013627.pdf">„Nie wieder ist jetzt – Jüdisches Leben in Deutschland schützen, bewahren und stärken“</a> beschlossen. Zwei Änderungsanträge der <a href="https://tb5c0875c.emailsys1a.net/c/5/7902416/5121/0/15057973/1987/438210/e0f1788395.html">Gruppe „Die Linke“</a> und der <a href="https://tb5c0875c.emailsys1a.net/c/5/7902416/5121/0/15057973/1987/438211/5ddde1a301.html">Gruppe BSW</a> wurden abgelehnt. In der Schlussabstimmung stimmte BSW gegen die Resolution, die Linke enthielt sich. Der Antrag von „Die Linke“ bezog sich auf <a href="https://www.faz.net/einspruch/nachrichten/vorschlag-zur-bundestagsresolution-gegen-antisemitismus-110063906.html">in der FAZ veröffentlichte Formulierungsvorschläge verschiedener Wissenschaftler:innen und Nicht-Regierungsorganisationen</a>. Die Gruppe BSW forderte einem Stopp von Waffenlieferungen an Israel sowie die Räumung der 1967 besetzten Gebiete. Wichtige Beiträge waren im Vorfeld die Gemeinsame Erklärung der Kulturstaatsministerin, der Kulturministerkonferenz und der kommunalen Spitzenverbände <a href="https://www.kmk.org/de/presse/pressearchiv/mitteilung/gemeinsame-erklaerung-der-kulturministerkonferenz-der-beauftragten-der-bundesregierung-fuer-kultur-un.html">„Freiheit und Respekt in Kunst und Kultur. Strategien gegen antisemitische, rassistische und andere menschenverachtende Inhalte im öffentlich geförderten Kulturbetrieb&#8220;</a> vom 13. März 2024 sowie das Positionspapier „<a href="https://tb5c0875c.emailsys1a.net/c/5/7891418/5121/0/15057973/1993/437486/d59d8d4002.html">Freiheit der Kunst sichern – Antisemitismus und Rassismus im Kulturbereich bekämpfen!</a>“ vom 1. Juli 2024. Am <a href="https://www.kulturrat.de/presse/pressemitteilung/zum-antrag-juedisches-leben-in-deutschland-schuetzen-bewahren-und-staerken/">4. November 2024</a> hatte sich der Deutsche Kulturrat zum Antrag geäußert und unter anderem eine entsprechende Mittelausstattung für den Kampf gegen Antisemitismus gefordert, beispielsweise in der historisch-politischen Bildung. Aber das ist eine andere Geschichte, angesichts der bisherigen und auch weiterhin wahrscheinlichen Kürzungen in Bundes- und Landeshaushalten für Vorhaben und Einrichtungen der historisch-politischen Bildung leider keine mit Aussichten auf ein verlässliches und gutes Ende.</p>
<p>Doch wie wird Antisemitismus vom Deutschen Bundestag definiert? Der Deutsche Bundestag hat sich mit seiner jüngsten Resolution wie auch bei früheren Beschlüssen auf die <a href="https://holocaustremembrance.com/resources/arbeitsdefinition-antisemitismus">IHRA-Definition</a> festgelegt. Zahlreiche Verbände, so zum Beispiel der Deutsche Kulturrat, folgten dieser Festlegung. Gegen die IHRA-Definition gab es Widerspruch von über 300 Wissenschaftler:innen, die als Alternative die <a href="https://jerusalemdeclaration.org/">Jerusalem Declaration</a> vorgeschlagen haben. Der Hauptstreitpunkt zwischen beiden Definitionen liegt in der Frage der Bewertung von israelbezogenem Antisemitismus beziehungsweise der Frage, ob Antizionismus oder Kritik an der israelischen Regierung auch zugleich Antisemitismus sei. Darüber ließe sich streiten, aber leider reduziert sich dieser Streit in der Regel auf den Austausch unvereinbar erscheinender Positionierungen. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel haben in ihrer FAZ-Kolumne „Wie politisch darf die Wissenschaft sein?“ (nachlesbar jetzt auch in dem Sammelband „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2024) angemerkt, dass <em>„der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Konferenz an der Universität und einer Talkshow oder einem Stammtischgespräch nicht mehr deutlich erkennbar“</em> sei. Sie spitzen ihre Kritik in der Bemerkung zu: <em>„Ob sich Max Weber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hätte vorstellen können, dass Wissenschaftler sich eines Tages lieber mit Unterschriften statt mit Argumenten gegenseitig überbieten wollen?“ </em></p>
<p>In der Februarausgabe 2025 des Merkur gibt es zwei Texte, die einen fachlichen Diskurs befördern könnten, aber zugleich auch zeigen, wie schwer es ist, sich allein schon auf den Gegenstand des Diskurses zu einigen. Stefan Hirschauer, Soziologieprofessor an der Universität Mainz, sieht in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wer-definiert-was-antisemitismus-ist-a-mr-79-2-47/">„Wer definiert, was Antisemitismus ist?“</a> (online frei lesbar) die Berufung auf die IHRA-Definition kritisch. Eine Gegenposition vertritt Marietta Auer, Rechtskolumnistin des Merkur, in ihrem Text <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/rechtskolumne-a-mr-79-2-61/">„Definiere Antisemitismus“</a> (auch dieser Text ist online frei lesbar.)</p>
<p>Stefan Hirschauer kritisiert mit Recht, dass die am 7. November 2024 beschlossene Bundestagsresolution den <em>„Fokus auf Antisemitismus unter Immigranten“</em> legt, und verweist auf die Kritik, <em>„dass die Resolution eine bestimmte Definition von Antisemitismus rechtsverbindlich machen will.“ </em>Nicht zuletzt auch in Hinblick auf die Vergabe von Fördermitteln. In der IHRA-Definition sieht er jedoch nicht mehr und nicht weniger <em>„als ein abstraktes Symbol: ein Mahnmal.“</em> Vor allem messe die Definition mit zweierlei Maß, weil sie <em>„ein klares Sprechen über die so illegitime wie rechtswidrige Gewalttätigkeit von Juden in Palästina blockiert.“</em> Nachvollziehbar ist seine Prognose, <em>„dass die Regierung Netanjahu zwar die Existenz des Staates Israels mit seiner militärischen Defensiv- wie Offensivüberlegenheit klar behaupten kann, die Anerkennung seines Existenzr<u>echts</u>, seine internationale Legitimität, aber nachhaltig beschädigt haben wird.“</em> Aber letztlich werde durch die Resolution des Bundestages wie durch die IHRA-Definition Antisemitismus <em>„eine undifferenzierte Diffamierungsvokabel gegen Personen (…), die sich in einer unerwünschten verbalen Schärfe oder unerwünschten affektiven Lautstärke gegen die unerträgliche Politik Israels im Nahen Osten wenden.“ </em>Mit anderen Worten: Die IHRA-Definition richte sich gegen jede Kritik an der israelischen Besatzungspolitik wie an dem Vorgehen Israels nach dem 7. Oktober in Gaza. Dieses Ungleichgewicht nennt er <em>„Asymmetrische Empathie“</em>. Stefan Hirschauer verweist darauf, dass selbst <em>„der </em><a href="https://www.theguardian.com/world/article/2024/aug/23/israeli-security-chief-ronen-bar-hilltop-youth-west-bank"><em>Chef des israelischen Inlandsgeheimdiensts</em></a><em> das Verhalten der Siedler </em>(dabei bezog er sich auf das Vorgehen der sogenannten <em>„Hügeljugend“</em> im Westjordanland, NR)<em> unumwunden ‚jüdischen Terrorismus‘ nennt“</em>, eine Formulierung, die in Deutschland undenkbar wäre<em>.</em></p>
<p>Marietta Auer hält fest: <em>„Nach reiner liberaler Grundrechtslehre gibt es innerhalb der durch das Strafrecht abgesteckten Grenzen grundsätzlich keinen Raum für staatliche Meinungspolitik.“ </em>Andererseits befinde sich der liberale Rechtsstaat <em>„in einer paradoxen Lage: Dass ‚Antisemitismus keine Meinung‘ sei, (…) ist zwar moralisch richtig, aber rechtlich strenggenommen falsch.“ </em>Bei der Beurteilung eines jeweiligen Falls helfen die unterschiedlichen Definitionen wenig, vieles verbliebe in der Jerusalem Declaration<em> „im Gestus der Behauptungsrhetorik“</em>, insbesondere die Passage, dass BDS <em>„nicht per se antisemitisch“</em> wäre, weil <em>„Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“ </em>als <em>„gängige, gewaltfreie Formen des politischen Protests gegen Staaten“ </em>anzusehen wären. Es habe sich inzwischen bei der Frage der Definition von Antisemitismus ein <em>„Stellvertretergefecht in einem politischen Stellungskampf“</em> entwickelt, <em>„in dem sich schon lange vor dem 7. Oktober 2023 unversöhnliche Fronten gegenüberstanden“. </em>Aus juristischer Sicht hilft dieser Streit niemandem. Juristen <em>„konzentrieren sich auf die Lösung konkreter Fälle und bilden ihre Begriffe danach.“</em> Dies bedeutet, dass <em>„Antisemitismus“</em> wie auch andere <em>„Rechtsbegriffe“</em> – Marietta Auer nennt als Beispiel den Begriff <em>„Eigentum“</em> – <em>„unbestimmt sind und die Hauptlast der Konkretisierung immer am konkreten Fall und nicht an der abstrakten Definition hängt.“ </em>Diese Unbestimmtheit gilt auch für Förderfragen. Es ist legitim, dass das Parlament als Gesetzgeber <em>„einen nicht rechtsverbindlichen Text wie die IHRA-Definition in geltendes Recht zu überführen“</em> fordert.</p>
<p>Eine rechtsverbindliche Definition ist im Grunde kaum machbar. Letztlich bleibt es bei Kasuistik, aber dennoch sollten die IHRA-Definition, gegebenenfalls in Reflexion der Differenzierungen der Jerusalem Declaration oder anderer Definitionen genug Anhaltspunkte geben, konkretes Recht zu praktizieren. Auch das Strafrecht hat seine Grenzen. Maximilian Pichl schreibt in seinem Beitrag zu dem von Ann-Kristin Tlusty und Wolfgang M. Schmitt herausgegebenen Band „Selbst Schuld!“ (München, Hanser, 2024): <em>„Das Strafrecht ist auf die Strafbarkeit des Einzelnen gepolt, seine psychologischen und sozialen Dispositionen werden berücksichtigt, die gesellschaftlichen Zustände kommen hingegen immer nur vermittelt in das Strafverfahren hinein. Rudolf Wiethölter stellt daher schon in seinem Standardwerk <u>Rechtswissenschaft</u> von 1968 die Frage, ob es mit dem zivilisatorischen Fortschritt im Recht tatsächlich so weit her ist: ‚Wenn wir also heute davon sprechen, Schuld müsse Sühne finden, lebt in uns dieses mythische Ursache-Wirkung-Denken, zugleich Rache- und Vergeltungsgefühle‘. Bei Verbrechen aller Art wird dieser auch in die Moderne eingelagerte Affekt in der Boulevardpresse und den sozialen Medien mobilisiert.“</em></p>
<p>Anders gesagt: Auch die Organe des Rechtsstaats müssen sich in jedem einzelnen Fall mit der Tragweite des <em>„Gerüchts über die Juden“</em> auseinandersetzen. Das gilt beim Strafrecht von der Anzeige bis zum Urteil und schließlich zum Vollzug der Strafe. Noch schwieriger wird es, wenn Behörden darüber zu entscheiden haben, ob sie gegebenenfalls einem Antragsteller die finanziellen Mittel verweigern können, wenn sich dieser nach ihrer Auffassung <em>„antisemitisch“</em> äußere oder betätige. In Berlin scheiterte der Senat mit einer für solche Fälle vorgesehenen Antisemitismusklausel, in Schleswig-Holstein gibt es eine weichere Formulierung, die jedoch bisher entweder nicht angewandt wurde oder eben einfach sich nicht vor Gericht bewähren musste. Eine Staatssekretärin wurde von ihrer Ministerin allen wegen eines Prüfauftrags, ob der Entzug von Mitteln bei antisemitischer Betätigung möglich wäre, entlassen.</p>
<p>Die IHRA-Definition gibt für all diese Fall-Konstellationen wenig her. Sie hat allenfalls eine heuristische Dimension. Die Jerusalem Declaration stellt erst gar nicht die Frage nach den Rechtsfolgen. Immerhin hat die IHRA-Definitionen einen Vorteil. Sie hält das politische Ziel fest, dass sich Jüdinnen und Juden sicher fühlen können, dass sie frei von Beleidigungen, Unterstellungen und physischer Gewalt leben können. Das müsste eigentlich auch ohne eine Definition von Antisemitismus gelten.</p>
<h3><strong>Rechtsanwendung in der täglichen Praxis</strong></h3>
<div id="attachment_5875" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/52039-der-rechtsstaat-im-kampf-gegen-antisemitismus.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5875" class="wp-image-5875 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Borchert_Giesel_Antisemitismus-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Borchert_Giesel_Antisemitismus-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Borchert_Giesel_Antisemitismus-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Borchert_Giesel_Antisemitismus.jpg 304w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5875" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Zur Rechtsanwendung im Kontext Antisemitismus haben Linda Giesel und Jens Borchert in Zusammenarbeit mit Franziska Sujeba im Jahr 2024 bei Beltz Juventa den Band „Der Rechtsstaat im Kampf gegen Antisemitismus“ herausgegeben. Im Untertitel verspricht der Band „Perspektiven auf Polizei, Justiz und Strafvollzug“ und thematisiert damit den Rahmen, in dem die Organe des Rechtsstaats handeln beziehungsweise handeln könnten: <em>„Der Sammelband setzt sich damit auseinander, wie der Rechtsstaat im Kampf gegen aktuelle antisemitische Erscheinungsformen vorgeht, welche Herausforderungen sich daraus ergeben und wie diesen begegnet werden kann.“ </em>Grundlage sind zwei Forschungsprojekte, die von der Hochschule Merseburg und dem Anne Frank Zentrum Berlin durchgeführt wurden (es gibt eine <a href="https://www.annefrank.de/bildungsarbeit/projekte/praevention-von-antisemitismus-im-strafvollzug">eigene Veröffentlichung des Anne Frank Zentrums</a>). Die Beiträge des Bandes und die darin vorgestellten Studien beziehen sich auf die IHRA-Definition.</p>
<p>Es wäre sicherlich interessant gewesen, wenn ein Kapitel sich auch mit der Analysekompetenz der Verfassungsschutzbehörden auseinandergesetzt hätte, die zwar kein Organ des Rechtsstaats sind, aber auf deren Analysen Polizei und Justiz aufbauen könnten. Ebenso wäre es interessant, die Frage zu erörtern, ob die Organe des Rechtsstaats in dieser Thematik evidenzbasiert handeln können, indem die Ergebnisse und Verfahren wissenschaftlicher Forschung Gegenstand von Aus- und Fortbildung werden. Mitunter drängt sich der Eindruck auf, dass die Akteure in Polizei und Justiz sich mehr oder weniger auf ihren jeweiligen persönlichen Lese- und Medienerfahrungen verlassen müssen.</p>
<p>Der Band enthält lesenswerte 14 Texte (einschließlich der Einleitung). Diese thematisieren die jüdischen Perspektiven, beziehen sich auf Studien vor allem in Berlin und in Nordrhein-Westfalen, heben die gute Praxis in Sachsen-Anhalt hervor. Ein wichtiger Aspekt in mehreren Texten ist die Frage nach dem <em>„Dunkelfeld“. </em>Was wissen wir eigentlich über Antisemitismus? Und warum werden so viele antisemitische Vorfälle offenbar unbekannt? Diese Frage gilt allerdings für alle gesellschaftlichen Bereiche, nicht nur für Polizei und Justiz. Immerhin gibt es seit mehreren Jahren, zunächst in Berlin, inzwischen in mehreren Bundesländern die Meldestellen des bundesweiten Netzwerks <a href="https://www.report-antisemitism.de/bundesverband-rias/">RIAS</a>. Die Meldestellen erfassen Meldungen von Jüdinnen und Juden, auch unterhalb der Strafbarkeitsschwelle, und sorgen für entsprechende Beratung und Unterstützung, gegebenenfalls auch im Hinblick auf – da wo erforderlich – eine Anzeige bei Polizei und Staatsanwaltschaft. Jährlich werden Berichte veröffentlicht.</p>
<p>Samuel Salzborn stellt in seinem Beitrag Wege zur Erhellung des Dunkelfelds am Beispiel von Berlin vor. Grundlage ist ein Beschluss des Abgeordnetenhauses vom 31. Mai 2018 und des Senats vom 12. März 2019. Grundlage ist auch hier die IHRA-Definition. Das Konzept erfasst <em>„die drei zentralen Säulen – Prävention, Intervention und Repression – der Antisemitismusbekämpfung integral“</em>. Zur Umsetzung gehört auch <em>„eine systematische Vernetzung zwischen den Senatsverwaltungen des Landes Berlin“</em>. Ob gegebenenfalls Datenschutzregelungen die <em>„Vernetzung“</em> unter den Behörden behindern, wie in der Terrorismusbekämpfung durchweg gang und gäbe, ist nicht Thema des Beitrags. Ein zentraler Punkt ist die Frage der Strafbarkeit, insbesondere nach der <em>„Erweiterung von </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__46.html"><em>§ 46 StGB</em></a><em> und der ausdrücklichen Aufnahme von <u>antisemitischen</u> </em>(und anderen menschenfeindlichen, NR) <em>Beweggründen und Zielen als strafschärfende Motive“</em>.</p>
<p>Die Erkenntnis <em>„antisemitischer Beweggründe“</em> ist jedoch nicht einfach. Samuel Salzborn belegt dies an dem Urteil nach einem Anschlag auf die Wuppertaler Synagoge 2014, in dem das Gericht keine antisemitischen Motive erkennen wollte, da die Täter doch nur die israelische Besatzungspolitik zum Anlass ihrer Tat genommen hätten, sowie der fehlenden Sicherheitsvorkehrungen in der Synagoge von Halle im Jahr 2019, als die Sicherheitsbehörden die Gefährdungslage zu Yom Kippur ignorierten. Die Meldestatistiken nennen unterschiedliche Zahlen. Beispielsweise zählte RIAS im Jahr 2021 848 Vorfälle, die Staatsanwaltschaft leitete 691 Verfahren ein, die Polizei zählte 381 Fälle. Der Abstimmungsbedarf ist offenbar erheblich. Dies betrifft auch die seit langem <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/meinung/gefaehrliche-mischungen/">in die Kritik geratene PMK</a> („Politisch motivierte Kriminalität“). Samuel Salzborn stellt fest: <em>„Die Differenz zwischen Vorfällen und Fällen macht dabei deutlich, wie wichtig es für eine gesellschaftliche Wahrnehmung von Antisemitismus ist, diesen als aus Einstellungen folgendes Verhalten von Diskriminierung zu begreifen.“</em> Die PMK und andere Statistiken sind auch Gegenstand eines eigenen Beitrags von vier Kolleg:innen von RIAS. Sie vermerken, dass es in den Statistiken einen <em>„subjektiven Faktor“</em> gebe, der nicht mehr und nicht weniger den gesellschaftlichen Einstellungen entspreche: <em>„Die Vorstellung, dass politisch motivierte und damit die darunter subsumierte Hasskriminalität Angelegenheit politischer Randgruppen sei, kaschiert die Tatsache, dass Antisemitismus und andere Ideologien der Ungleichheit weit verbreitete Erscheinungen moderner Gesellschaften sind.“ </em>So komme es immer wieder zu Zirkelschlüssen, zumal sich Antisemit:innen immer leicht herauszureden wissen, dass sie doch gar keine Antisemit:innen wäre, weil sie sich ja nur über die israelische Politik äußerten. RIAS arbeitet gezielt gegen solche Verharmlosungen an.</p>
<div id="attachment_1370" style="width: 209px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/44071-israelbezogener-antisemitismus.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1370" class="wp-image-1370 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/06/Bernstein.Cover_.Israel-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/06/Bernstein.Cover_.Israel-199x300.jpg 199w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/06/Bernstein.Cover_.Israel-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/06/Bernstein.Cover_.Israel-400x602.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/06/Bernstein.Cover_.Israel-600x903.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/06/Bernstein.Cover_.Israel-681x1024.jpg 681w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/06/Bernstein.Cover_.Israel.jpg 718w" sizes="(max-width: 199px) 100vw, 199px" /></a><p id="caption-attachment-1370" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Aufgabe der Sicherheitsbehörden lässt sich im Grunde recht einfach formulieren, in den Worten von Julia Bernstein und Florian Diddens: <em>„Mit antisemitischen Vorfällen konfrontiert, ergibt sich für Betroffene zunächst das Problem, einschätzen zu müssen, ob oder worin diese einen strafbewehrten Charakter haben, als illegal gelten und zur Anzeige gebracht werden können.“ </em>Julia Bernstein hat sich – gemeinsam mit Florian Diddens – maßgeblich mit israelbezogenem Antisemitismus auseinandergesetzt und dazu auch mehrfach veröffentlicht, unter anderem in ihrem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/antisemitismus-2-0/">„Israelbezogener Antisemitismus – Erkennen – Handeln – Vorbeugen“</a> (Weinheim / Basel, Beltz Juventa, 2021). Julia Bernsteins Bücher enthalten didaktische Hinweise und ergänzende online-Materialien, die zwar für Schule gedacht sind, aber sich sicherlich auch für die Aus- und Fortbildung von Mitarbeiter:innen in Polizei, Justiz und Strafvollzug eignen.</p>
<p>Einen Forschungsbericht zum Antisemitismus in der Polizei bieten <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/identitaetsstiftender-antisemitismus/">Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai</a>. Dies erfolgt im Hinblick auf die in den jüdischen Gemeinschaften verbreiteten Unsicherheiten, die sich auch in fehlendem Vertrauen in die Polizei äußerten. Die beiden Autorinnen haben bei der Analyse der Einstellung von Lehrkräften festgestellt, dass betroffene jüdische Schüler:innen deren Reaktion <em>„nicht als schützend“ </em>erfahren. Sie erleben<em> „wirkungslose Interventionen, die ihre Lage in der Klasse verschlimmern; Passivität sowie das Absprechen und Umdeuten ihrer Erfahrungen und Beschwerden.“</em> Oft genug verlassen jüdische Schüler:innen die jeweilige Schule, während die Täter:innen unbehelligt bleiben. Eine angemessene Unterstützung, die dann zu einer Anzeige führte, berichten sie als Ausnahme. Doch hindern die Vorbehalte gegenüber der Polizei, die solche Anzeigen nicht ernst nehme, oft genug, dass eine solche Anzeige überhaupt gestellt wird. Eine junge Frau berichtet, dass ihre Mutter Polizisten vor einer jüdischen Einrichtung einen Kaffee angeboten habe, diese jedoch geantwortet hätten: <em>„von dreckigen Juden nehmen sie keinen Kaffee“</em>.</p>
<p>Man mag einen solchen Bericht anekdotisch nennen, aber das ist er nicht. Es stellt sich die Frage, wie viel Hierarchie, wie viel <em>„Korpsgeist“</em>, wie viel autoritäre Hörigkeit in Menschen mit hoheitlichen Aufträgen (zum Beispiel bei Polizist:innen, Lehrer:innen, auch bei Sozialarbeiter:innen) steckt, der von einer entsprechenden antisemitisch eingestellten Regierung nur noch aktiviert werden müsste. Durchweg thematisieren die Beiträge des Buches, in denen jüdische Perspektiven benannt werden, das <em>„Erfahrungswissen, ‚dann stehen wir als Juden alleine da‘“</em>.</p>
<p>Ob Bildung hilft, ist eine spannende Frage. Eine <a href="https://omp.ub.rub.de/index.php/Empathia3/catalog/book/300">Interviewstudie zu Einstellungen in der Polizei Nordrhein-Westfalens</a>, die von den Forschenden vorgestellt wird (Sarah Jadwiga Jahn, Jana-Andrea Frommer, Marc Grimm und Jakob Baier) vermerkt, es sei <em>„auffällig, dass die konkrete Nachfrage, ob es Berührungspunkte und Erfahrungen mit Antisemitismus im Berufsalltag gäbe, ebenfalls überwiegend verneint wurde“</em>. Dies gelte für alle Einsatzbereiche, gleichviel ob bei Demonstrationen, beim Objektschutz, in der Bereitschaftspolizei, dem Staatsschutz oder dem Streifendienst, ebenso bei politisch motivierter Kriminalität. <em>„Aus den Interviews wird deutlich, dass Polizeibeamt:innen oftmals Schwierigkeiten haben, Antisemitismus überhaupt zu erkennen, zu benennen und einzuordnen.“</em></p>
<p>Zum selben Ergebnis kommen Befragte im Rahmen des Berliner Projekts <a href="https://www.regishut.de/">Regishut</a>, das Alexander Lorenz-Milord und Alexander Steder vorstellen. Einerseits ist <em>„die hohe Bereitschaft zur Weiterbildung“</em> ein gutes Zeichen, obwohl sich auch hier fragen ließe, ob diese in den Interviews als gewünschtes Verhalten zu bewerten wäre, denn andererseits wird die <em>„Gefahrenlage, der sich jüdische Menschen und Einrichtungen ausgesetzt sehen“</em>, erheblich unterschätzt oder gar banalisiert. Im Ergebnis führt dies zu <em>„einer sekundären Viktimisierung“</em> – so Julia Bernstein ihrem Beitrag: <em>„Die zurückliegenden Erfahrungen mit Strafverfolgungs- und Justizbehörden sind häufig das Kriterium für die Entscheidung, antisemitische Äußerungen oder Taten nicht zur Strafanzeige zu bringen.“</em></p>
<h3><strong>Mikrokosmos Haft</strong></h3>
<p>Die beiden Texte von Linda Giesel, die sich mit dem Strafvollzug, in einem Fall mit dem Jugendstrafvollzug auseinandersetzen, machen etwa ein Drittel des Gesamtumfangs des Buches aus. In „Eingesperrt – Zur räumlichen und zeitlichen Spezifik der Haft“ befasst sich Jens Borchert grundsätzlich mit dem Strafvollzug, der zwei Prinzipien zu folgen habe, dem <em>„Rechtsstaatsprinzip“</em> und im Hinblick auf die Vorbereitung auf die Zeit nach der Haft dem <em>„Sozialstaatsprinzip“</em>. Gefängnisse sind eine <em>„totale Institution“</em>, deren Geschichte vor allem Michel Foucault in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ (die deutsche Ausgabe erschien 1977 bei Suhrkamp) beschrieben hat. Jens Borchert sieht <em>„die doppelte Unsichtbarmachung in der Haft“</em>, im Hinblick auf die Gesellschaft, die die Inhaftierten aus ihrem Blickfeld ausschließe wie auf die <em>„frühere Identität der inhaftierten Person“</em>, sodass in der Haft eine Art <em>„Gefangenensubkultur“</em> entsteht, die <em>„bei aller Fraternisierung stets Ausschließungspraktiken“</em> erzeuge, die durchaus mit Gewalt durchgesetzt werden.</p>
<p>Die Haft ist ein Mikrokosmos, in dem sich Verhaltensweisen manifestieren wie sie sich auch in anderen gesellschaftlichen Milieus zeigen, beispielsweise in der Polizei oder in der Justiz, in der – wie die Aufarbeitung von immer wieder feststellbaren Chatgruppen gerade unter Polizist:innen belegt – oft eine Art Korpsgeist herrscht, der politisch nicht immer mit der erforderlichen Entschiedenheit bekämpft wird (der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) ist in diesem Kontext einer derjenigen, die diese Entschiedenheit deutlich vortragen und auch praktizieren, beispielsweise schon im Jahr 2021 mit seiner <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/in-der-polizei-fehlt-psychologischer-sachverstand/">Forderung nach Supervision, dass Polizist:innen ihre eigene demokratische Haltung ständig überprüfen sollten</a>.).</p>
<p>Linda Giesel kann sich in ihren Beiträgen auf das Forschungsprojekt <em>„Antisemitismus im Strafvollzug – Empirische Forschung und Prävention“</em> der Hochschule Merseburg und des Anne Frank Zentrums beziehen. Sie hält fest: <em>„Antisemitismus ist ein Weltdeutungssystem, das auf kognitiven Einstellungen und emotionalen Abwehrmechanismen gegen Jüdinnen:Juden beruht.“</em> Der <em>„kulturelle Code“</em>, von dem Shulamit Volkov spricht, wirkt auch in der Haft, Post-Shoah-Antisemitismus, israelbezogener Antisemitismus, die Unterstellung von jüdischem Reichtum, die sich beispielsweise darin äußert, dass im Tauschhandel erfolgreiche Personen als <em>„Jude“</em> bezeichnet werden.</p>
<p>Die Haftsituation führt gerade auch im Kontext des Antisemitismus zu höchst problematischen Entwicklungen, beispielsweise – so Linda Giesel – <em>„verbrüdern sich unterschiedliche Inhaftierte basierend auf antisemitischen Ressentiments“</em>, mitunter auch über eine <em>„Koalitionsbildung (…) wenn sich Inhaftierte und Beamt:innen bspw. In ihren autoritären und antidemokratischen Einstellungen ähneln.“</em> Solche Koalitionen sind nicht unüblich, denn es gibt durchweg eine Form von <em>„Anpassung“</em> an die Gepflogenheiten in einem geschlossenen System. Antisemitismus erhält eine <em>„identitätsstiftende Funktion (…), auf deren Basis ein ‚Wir-Gefühl‘ ausgebildet werden kann“</em>. In der Haft sind auch Radikalisierungen feststellbar. Die befragten JVA-Fachkräfte <em>„beziehen sich dabei auf rechte Jugendliche als Träger von Antisemitismus und zum anderen auf muslimische, arabische oder als solche wahrgenommene Jugendliche“</em>. Die Externalisierung von Antisemitismus auf Migranten, insbesondere <em>„Flüchtlinge“</em> und die Verengung auf einen religiös motivierten Antisemitismus von Muslimen ist in bei JVA-Mitarbeiter:innen ebenso feststellbar wie ohnehin in der Gesellschaft, ebenso die <em>„Deutung von Antisemitismus als Unterkategorie des Rassismus“</em>. Tim Hendlmeier ergänzt in seinem Beitrag, dass Antisemitismus <em>„oft in kriminologischen Studien lediglich als Unterkategorie der Hass- und Vorurteilskriminalität betrachtet“</em> wird. Genannt werden – so Linda Giesel – auch <em>„defizitäre Familienverhältnisse“ </em>oder<em> „mangelndes (Geschichts-)Wissen“.</em></p>
<p>Jüdische Inhaftierte versuchen ihr Jüdischsein möglichst zu verbergen, um nicht Opfer solcher Ressentiments zu werden. Eine JVA-Lehrkraft wies im Interview darauf hin, dass ein jüdischer Inhaftierter besonders geschützt werden musste: <em>„Weil klar war, wenn das rauskommt / Das ist wie / Jude und Leute mit Kindersex stehen quasi auf derselben Stufe“</em>. Durchweg fehlt es an <em>„Sensibilität“</em> und <em>„Problembewusstsein“</em>. Es wäre interessant, diese Erkenntnisse im Hinblick auf andere von Exklusion und Mobbing betroffene Gruppen zu überprüfen, beispielweise im Hinblick auf Sinti und Roma, Muslime, Transpersonen oder nicht zuletzt in Männerhaftanstalten in den dortigen Einstellungen gegenüber Frauen. Menschen, die sich in den gesellschaftlichen Hierarchien weit unten befinden, neigen ohnehin dazu, jemanden zu finden, der noch weiter unten platziert werden könnte, gleichviel ob es sich um jemanden im näheren Umfeld oder – wie im Fall von Frauen im Männerstrafvollzug – in einem weitestgehend unerreichbaren Außen handelt.</p>
<p>Gäbe es Möglichkeiten, auf die Inhaftierten im Sinne des von Jens Borchert betonten <em>„Sozialstaatsprinzips“</em> einzuwirken? Durchaus, allerdings konzentrieren sich Strafmaßnahmen in der Haft zunächst auf Repression, zum Beispiel Einschluss in Einzelhaft, somit Isolation, oder Entzug bestimmter Freiheiten oder der Bezahlung. Linda Giesel zitiert einen JVA-Lehrer, der <em>„die fehlenden pädagogischen und psychologischen Reflexionen in dieser Hinsicht“</em>, durchaus auch ein Bild vergleichbarer Debatten in der Gesellschaft, wenn beispielsweise primär auf den Entzug von Sozialleistungen gesetzt wird, nicht jedoch auf perspektivische Beratung und Unterstützung. Katinka Meyer und Jona Schapira referieren <em>„Erfahrungen des Anne Frank Zentrums in der Arbeit mit den beiden Zielgruppen Inhaftierte (…) und Mitarbeiter:innen der Justizvollzugsanstalten“</em>. Dau gehört auch die <a href="https://www.annefrank.de/wanderausstellungen/ausstellungsangebote-im-strafvollzug">Wanderausstellung „‚Lasst mich ich selbst sein‘ – Anne Franks Lebensgeschichte“</a>, die seit 2004 in etwa 50 Projekten in Jugend- und Erwachsenenvollzug gezeigt wurde. Hilfreich sind auch <em>„Peer Guides“</em>, durch die Inhaftierte <em>„Selbstwirksamkeit innerhalb der Institution Gefängnis“</em> erfahren. Allerdings weisen Peer Guides auch darauf hin, dass sich „<em>Melde- und Beratungsstrukturen, etwa der Anstaltsbeirat, als unwirksam oder gar kontraproduktiv“</em> erweisen (können), nicht zuletzt, weil es an Wissen beziehungsweise an Zugang fehle. Es gilt, was in anderen Institutionen auch gilt, dass <em>„Melde- und Beratungsstrukturen“</em> sich zu oft in paternalistischen Modi erschöpfen. Seit 2020 bietet das Anne Frank Zentrum die Fortbildung „Antisemitismus im Strafvollzug wirksam begegnen“ an. Sechs Bundesländer beteiligten sich bereits. <em>„Die kritische Selbstreflexion der Mitarbeiter:innen hinsichtlich eigener antisemitischer Prägungen ist daher ein wichtiger Bestandteil in der Bildungsarbeit zu Antisemitismus im Strafvollzug.“</em> Und nicht nur dort.</p>
<h3><strong>Botschaftstaten und Verantwortlichkeiten</strong></h3>
<p>Tim Hendlmeier fasst die Einschätzungen der Autor:innen des Bandes mit der folgenden Formulierung zusammen: <em>„Antisemitische Taten sind Botschaftstaten. Sie zielen nicht nur auf die unmittelbar Betroffenen, sondern auf alle Jüdinnen:Juden. Jedoch hat nicht nur die Tat, sondern auch der Umgang durch Polizei und Justiz Botschaftswirkung auf Jüdinnen:Juden. Ein Bewusstsein hierfür ist zentral für eine Verbesserung des Vertrauens in die Strafverfolgungsbehörden und die Justiz. Dieses Vertrauen ist notwendig, um die angesprochene niedrige Anzeigebereitschaft zu verbessern, um somit Antisemitismus in der Gesellschaft gezielter verfolgen zu können.“ </em></p>
<p>Für Polizei, Justiz und Strafvollzug gilt, was für die Gesellschaft im Allgemeinen gilt, insbesondere für die Menschen, die hoheitliche Aufgaben wahrnehmen. Polizei, Justiz und Strafvollzug unterscheiden sich jedoch von anderen hoheitlichen Bereichen dadurch, dass ihre repressiven Möglichkeiten zur Prävention von und zur Intervention bei Straftaten einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen, weil sie letztlich den gesellschaftlich vereinbarten Willen durchzusetzen vermögen, ungeachtet der Frage, welche akademischen Debatten über Definitionen geführt werden. Der <em>„kulturelle Code“</em> des Antisemitismus besteht nach wie vor. Es ist nur die Frage, ob wir ihn erkennen und damit auch bekämpfen können.</p>
<p>Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind klare Verantwortlichkeiten. So sehr manche die Beauftragten in Bundes- und Landesregierung und zum Teil auch in Kommunen kritisieren mögen, so sind doch solche Beauftragte ein wichtiges Zeichen in die (nicht nur) jüdischen Gemeinschaften hinein, dass ihre Sicherheit ein grundlegendes Anliegen des Staates ist. Thomas Kluger beschreibt seine Erfahrungen in Sachsen-Anhalt, wo er am 1. Dezember 2022 zum <a href="https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/landespolitik/antisemitismus-beauftragter-juedisches-leben100.html">Antisemitismusbeauftragten für die Justiz</a> ernannt wurde. Er ist bei der Generalstaatsanwaltschaft Naumburg angesiedelt und „hat innerhalb der Justiz eine Koordinierungs- und Vernetzungsfunktion“ und steht „als zentraler justizinterner Ansprechpartner für Fragen bei antisemitischen Straftaten, etwa zur Bewertung antijüdischer, israelbezogener und Post-Shoa-Antisemitismus-Aspekte eines Tatgeschehens, zur Verfügung“. Grundlage ist ein Beschluss der Justizministerkonferenz. In Nordrhein-Westfalen gibt es 19 Antisemitismusbeauftragte bei den Staatsanwaltschaften, in Hessen gibt es einen Beauftragten im Landesjustizministerium. Bundesweit einzigartig ist die Freistellung des Antisemitismusbeauftragten für die Justiz in Sachsen-Anhalt zu 100 Prozent. Thomas Kluger stellt fest: <em>„Nur dort, wo sich jüdisches Leben ungestört von Übergriffen und geschützt durch Prävention und Sanktion in Sicherheit entwickeln kann, wird sich der Rechtsstaat las wehrhaft erweisen. Justizielle Antisemitismusbeauftragte spielen daher eine zentrale Rolle, um den Kampf gegen den Antisemitismus zu stärken.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 24. Februar 2025.)</p>
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		<title>Das galizische Paradigma</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Feb 2025 05:41:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das galizische Paradigma Lehren aus einem dreißigjährigen Krieg im Westen der heutigen Ukraine „Politisch sehen wir uns dem Heranwachsen von nazistischen Nationalismen gegenüber. Das geschieht in der Ukraine und in anderen Republiken, dasselbe gibt es in Polen. Wenn diese Explosion stattfindet, wird sie blind sein, die Menschen werden einander töten, die Probleme von Lwiw,  [...]</p>
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<h1><strong>Das galizische Paradigma</strong></h1>
<h2><strong>Lehren aus einem dreißigjährigen Krieg im Westen der heutigen Ukraine</strong></h2>
<p><em>„</em><em>Politisch sehen wir uns dem Heranwachsen von nazistischen Nationalismen gegenüber. Das geschieht in der Ukraine und in anderen Republiken, dasselbe gibt es in Polen. Wenn diese Explosion stattfindet, wird sie blind sein, die Menschen werden einander töten, die Probleme von Lwiw, des Friedens von Riga werden akut werden, und in dem Fall sollten wir bereit sein, endgültig unter der Last dieser Katastrophe zugrunde zu gehen“. </em>(Jerzy Giedroyć, Herausgeber der polnischen <a href="https://www.zfo-online.de/portal/zfo/article/view/8821/8820">Exilzeitschrift „Kultura“</a> in Paris, in einem Brief vom 5. Dezember 1969 an Czesław Miłosz über die Welt, die nach dem Sturz des Kommunismus in Osteuropa entstehen wird)</p>
<p>Mit dem <em>„Problem von Lwiw“</em> meinte Giedroyc den polnisch-ukrainischen Krieg um das ehemalige österreichische Galizien und dessen Hauptstadt. Dieser Krieg begann am 1. November 1918, zehn Tage vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. Strategisch war der Krieg weder für die Pole, noch für die Ukrainer sinnvoll. Ihre strategischen Interessen lagen woanders: Der neue polnische Staat musste mit den Deutschen im Westen zurechtkommen, während sich das Schicksal des ukrainischen Staates weiter im Osten, in Kyiv, entschied, wo die Truppen der Ukrainischen Volksrepublik nach dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen und der Regierung von Skoropadskyj der russischen Roten und Weißen Armee Widerstand leisten mussten.</p>
<h3><strong>Ein Gemisch der Nationalismen</strong></h3>
<div id="attachment_5821" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5821" class="wp-image-5821 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-300x217.jpg" alt="" width="300" height="217" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-300x217.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-400x289.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-600x433.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5821" class="wp-caption-text">Foto aus einer Serie zur <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_(BildID_15681692).jpg">Holzverarbeitung im winterlichen Galizien</a>. Es handelt sich um russische Kriegsgefangene, dahinter ein österreichischer Bewacher. Das Bild ist mit großer Wahrscheinlichkeit nach der Brusilovoffensive 1916 entstanden. K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle &#8211; Wien. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Die Ukrainer Galiziens bildeten nur 20-25% der ethnisch ukrainischen Bevölkerung. Trotzdem stellten sie eine Armee auf, die zahlenmäßig der Armee der Ukrainischen Volksrepublik ebenbürtig war und sie an militärischer Disziplin und Effektivität sogar noch übertraf. Wenn die Ukrainische Galizische Armee, sich ihren östlichen Brüdern hätte anschließen können statt gegen die Polen um Lwiw zu kämpfen, hätten die Bolschewiken weniger Chancen gehabt, Kyiv zu erobern. Dementsprechend hätte die Geschichte einen anderen Weg einschlagen können. Aber die Polen und Ukrainer brachten einander lieber im Krieg um Galizien und Lwiw um als an strategische Interessen zu denken.</p>
<p>Dieses Beispiel zeigt: Galizien gehört zu jenen historischen Gebieten, deren Bedeutung ihre Größe und ihren Status übertrifft. Hier befand sich ein gordischer Knoten der geopolitischen Interessen, dessen Lösung ganz Osteuropa beeinflussen vermochte. So war es am Ende des Ersten Weltkrieges und auch vor dessen unmittelbarem Anfang. Galizien war einer der wichtigsten Casus Belli zwischen Wien und Sankt-Petersburg. Der Wichtigkeit nach war der galizische Faktor in diesem Zusammenhang nur der Balkanfrage unterlegen. Am Vorabend des Krieges beschloss das russische Generalkommando, die Hauptstoßrichtung seiner Attacke von Preuβen nach Galizien zu verlegen.</p>
<p>In der Vorstellung der russischen Regierung stellte das österreichische Galizien ein Nest polnischer und ukrainischer Nationalismen dar, die für das Bestehen des Russischen Reiches eine tödliche Gefahr darstellten. Deshalb musste Galizien besetzt und von Anfang an neutralisiert werden.</p>
<h3><strong>Das vergessene Galizien</strong></h3>
<div id="attachment_5822" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5822" class="wp-image-5822 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-300x169.png" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-200x113.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-300x169.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-400x225.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-600x338.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806.png 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5822" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:01789_Spezial-Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_(1789-1806).png">Karte des Königsreichs Galizien und Lodomerien 1789-1806</a>. Franz Johann Joseph von Reilly. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Der Erste Weltkrieg begann als ein Krieg der Imperien und endete als ein Krieg der Nationen. Galizien spielte eine besondere Rolle im ersten und im zweiten Fall. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen dem, was Galizien während des Krieges in der Tat war, und dem Wenigen, das wir darüber wissen oder woran wir uns als Zeitgenossen erinnern können. Wer zum Beispiel weiß heutzutage, dass am Anfang des 20.Jahrhunderts Galizien der drittgrößte Erdölförderer war, und dass die deutsche Marine zu Kriegsende das galizische Erdöl verbrauchte? Und dass das galizische Erdöl eine der Hauptfragen war, die den Verlauf der Verhandlungen während der Konferenz von Versailles beeinflussten?</p>
<p>Dieses Vergessen Galiziens wurde durch eine Reihe von Faktoren verursacht. Wie Larry Wolff in seinem brillanten Buch „The Idea of Galicia“ (Stanford University Press, 2012) zeigte, war dieses österreichische Land das erste Territorium, auf dem die Gestalt Osteuropas – eine Art Quasi-Europa – konstruiert wurde. Man pflegte über Galizien mit Ironie zu sprechen, als ein Symbol der osteuropäischen Not und Rückständigkeit. Es sei hier Schwejk, der „Held“ des Romans von Jaroslav Hašek, zitiert: <em>„In der ganzen Welt habe ich nichts gesehen, was majestätischer wäre als dieses idiotische Galizien.“</em> Man behauptete, dass aus einem solchen Lande, ähnlich wie aus dem neutestamentarischen Nazareth nichts Gutes oder Edles stammen könne (Joh. 1,46). Daher sei es größerer Beachtung nicht wert.</p>
<p>Der andere Grund für die Amnesie war die allgemeine Lage an der Ostfront. Bis zum Frühjahr 1917 war der Verlauf des Ersten Weltkrieges an dieser Front ziemlich arm an interessanten Ereignissen. Die dramatischsten Ereignisse fanden zu Beginn des Krieges statt, als die russischen Truppen Galizien und Lemberg besetzten. Die russische Besatzung dauerte aber nicht allzu lange. Im Herbst 1915 war die russische Armee nach der gemeinsamen Gegenoffensive der österreichisch-ungarischen und der deutschen Armee gezwungen, nicht nur die kürzlich eroberten Territorien zu verlassen, sondern auch das benachbarte bis dahin russische Wolhynien abzugeben. Im Sommer 1916 versuchten die russischen Truppen während der sogenannten Brussilow-Offensive ihren Erfolg zu wiederholen. Aber diese Versuche waren nur teilweise erfolgreich. Sie konnten nur die Territorien an der Ostgrenze Galiziens erobern. Eine wiederholte Offensive im Sommer 1917 endete für Russland mit einem Fiasko.</p>
<p>Auch war die Geschichte des Ersten Weltkrieges hier nicht durch solche menschlichen Katastrophen gekennzeichnet wie die Schlachten an der Marne oder bei Ypern an der Westfront. Spricht man nicht vom Maßstab, sondern von der Dramatik der Ereignisse, so kann nur die lang andauernde Verteidigung der Kriegsfestung in Przemysl im Oktober 1915 mit diesen Schlachten mithalten. Aber sogar dieses Beispiel hält keinem Vergleich mit den Ereignissen an der Westfront stand. Ist das vielleicht die Erklärung dafür, dass es keiner hiesigen Literatur einen Autor und ein Werk zu liefern gelang, das dem Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque (1928) gleichgestellt werden könnte?</p>
<p>Es versteht sich von selbst, dass Krieg immer Krieg ist. Und damit waren natürlich auch die Kriegsereignisse an der Ostfront von großen Verlusten unter Soldaten und ziviler Bevölkerung begleitet. Was Galizien betrifft, so hat sich nach meiner Kenntnis leider niemand mit der genauen Einschätzung dieser Verluste beschäftigt. Eine zehn Jahre nach dem Krieg unter ukrainischen Schülern durchgeführte Umfrage bietet ein ungefähres Bild dessen, was der Krieg für die zivile Bevölkerung bedeutete. Sie erinnerten sich daran, dass der Feind mit dem Gewehrkolben den Freund erschlug, dass der Bruder zur Erschießung gebracht wurde, dass die Feinde vor ihren Augen die Schwester vergewaltigten, ferner fielen ihnen viele sterbende Menschen und Leichen auf dem Kampffeld ein. Zu diesen mit dem Krieg unmittelbar verbundenen Verlusten und Grausamkeiten müssen hunderttausende gebrochene Menschenschicksale hinzugefügt werden, die durch Verhaftungen, Zwangsaussiedlung, Flucht vor dem Feind und so weiter verursacht wurden. Die österreichisch-ungarische Armee suchte nach den Ursachen oder eher nach der Rechtfertigung ihrer unehrenhaften Niederlage in Galizien in den ersten Tagen des Krieges.</p>
<h3><strong>Ruthenen und Juden als Sündenböcke</strong></h3>
<p>Zum Sündenbock wurden dabei meistens die hiesigen Ruthenen (Ukrainer) und Juden gemacht, die zugunsten der russischen Armee spioniert hätten. Verhaftungen und Hinrichtungen nach Urteilen von Standgerichten sowie Pogrome, die ungarische Truppen unternahmen, gehörten für galizische Ruthenen und Juden zu den tragischsten Momenten des Ersten Weltkrieges. Zum Symbol antiruthenischer Repressionen wurde das k.u.k.-Interniertenlager Thalerhof bei Graz, in dem zwischen September 1914 und Mai 1917 etwa 20.000 galizische Ruthenen interniert wurden. Diese beiden Gruppen – Juden und Ruthenen – waren auch die Hauptleidtragenden von Repressionen seitens des russischen Besatzungsregimes in Galizien, dessen Verhalten sogar in Petersburg als <em>„</em><em>europäischer Skandal“</em> bezeichnet wurde.</p>
<p>Die Kenntnis dieser Tatsachen ist heute das Monopol von Fachhistorikern. Die meisten Menschen wissen darüber sehr wenig oder überhaupt nichts. Im ukrainischen Fall sind die Hauptgründe die Besonderheiten der sozialen Struktur der lokalen Bevölkerung. Sie bestand hauptsächlich aus Bauern, die in ihrer Mehrheit ungebildet waren. Und obwohl Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr Bauern ihre Kinder in die Schule, in Gymnasien und auf Universitäten schickten, war das allgemeine Bildungsniveau der galizischen Ruthenen im Vergleich zu anderen Volksgruppen beklagenswert. Studien zur Zusammensetzung des Offizierskorps zeigen, dass der Anteil der Offiziere unter jeder Bevölkerungsgruppe von der Anzahl der Personen mit Hochschulbildung abhing. Hierbei belegten die Ruthenen mit 3,6 % an Akademikern den letzten Platz. Dementsprechend belegten sie auch den letzten Platz ihrer Anzahl an Offizieren der österreichisch-ungarischen Armee (0,4%), während ihr prozentualer Anteil an Soldaten mit 7,8% exakt ihrer Anzahl im nationalen Bestand des Imperiums entsprach.</p>
<p>Übersetzt man die Sprache der Statistik in natürliche Sprache, bedeutet das, dass diejenige Erinnerung die höchste Chance auf Bestehen hat, die schriftlich festgehalten wurde. Da aber das Gedächtnis des Krieges in Galizien mehrheitlich das Gedächtnis von des Lesens und des Schreibens unkundiger Soldaten war, starb es zusammen mit ihren Trägern aus. Daraus folgt noch eine weitere Besonderheit: Über den Ersten Weltkrieg in Galizien schrieben meist nicht Ruthenen (Ukrainer), sondern Polen oder Juden, unter denen der Anteil gebildeter Menschen höher war.</p>
<p>Es gab aber eine wichtige Ausnahme: Die ukrainischen Sitsch-Schützen. Mitglied dieser nationalen Legion waren etwa 2.500 Personen, vorwiegend Absolventen von Gymnasien und Studenten. Als Freiwillige gingen sie an die Front, um gegen das russische Imperium zu kämpfen und auf dessen Trümmern einen unabhängigen ukrainischen Staat aufzubauen. Ihr Verhältnis zu Russland spiegelte nicht die Stimmung aller galizischen Ruthenen wider. Es gibt Quellen, die zeigen, dass die Bauern die Donkosaken im Allgemeinen positiv einschätzten, weil sie unter anderem gläubige Menschen waren und eifrig beteten. Das Verhältnis der Freischützen spiegelte nur die Meinung der galizischen Ruthenen wider, die sich als Ukrainer identifizierten.</p>
<h3><strong>Ruthenen werden Ukrainer</strong></h3>
<div id="attachment_5823" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5823" class="wp-image-5823 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-300x182.jpg" alt="" width="300" height="182" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-200x121.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-400x243.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-600x364.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5823" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lw%C3%B3w_-_Lemberg._Rynek_(01).jpg">Lv’iv, Rynek</a>, 1911, unbekannter Autor, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Der Krieg wurde zu einem mächtigen Katalysator der Transformation der Ruthenen in Ukrainer. Wie weit dieser Prozess während des Krieges ging, ist wegen des Mangels an konkreten Forschungsarbeiten schwer zu sagen. Deshalb ist nur schwer nachvollziehbar, wie groß der Anteil an der galizisch-ruthenischen Gesellschaft war, deren Einstellung, mit der der Freischützen übereinstimmte. Wichtig ist jedenfalls, dass es ihnen gelang, einige besonders anziehende Kulturgüter einschließlich melodischer und oft humorvoller Lieder zu schaffen. Wenn ein zeitgenössischer Ukrainer etwas über den Krieg weiß, dann ist es ein national geprägtes und vorwiegend heroisch-romantisches Bild des Krieges, geschaffen von Freischützen, und nicht die Schützengrabenerfahrungen der hunderttausenden ruthenischen Bauern, die stumm während des Krieges oder einige Jahrzehnte danach starben.</p>
<p>Und hier nähern wir uns der letzten, aber freilich der wichtigsten Ursache, warum dem galizischen Thema im Ersten Weltkrieg wie auch des Weltkrieges allgemein in Osteuropa so wenig gedacht und sich daran erinnert wird. Diese Ursache ist sehr einfach: Das, was nach dem Krieg geschah, verdrängte die Erinnerungen an den Krieg an sich. Die Erinnerung an die Novemberrevolution (die Ausrufung der Westukrainischen Volksrepublik am 1. November 1918 und der Kampf gegen die Polen um Lwiw) überlagerte die Erinnerung an die russische Besatzung von Lwiw. Ähnlich verblasst die Erinnerung an die österreichisch-ungarische oder russische Grausamkeit am Anfang des Krieges 1914 im Vergleich zu der Politik Polens gegenüber nationalen Minderheiten in der Zwischenkriegszeit oder im Vergleich zu den sowjetischen Repressionen 1939-1941.Im Fall der Juden rücken die tragischen Erinnerungen an die antijüdischen Pogrome aus der Zeit des Ersten Weltkrieges in den Hintergrund, wenn es um den Holocaust geht.</p>
<p>Ein solches Überlagern der Erinnerungen hängt nicht nur mit den Mechanismen des Gedächtnisses zusammen, sondern auch mit der historischen Realität. Forschungen von Historikern zeigen, dass selbst in der formal friedlichen Zwischenkriegszeit die Einwohner Osteuropas Gräuel erlebten, wie sie die restlichen Europäer nicht einmal in der Kriegszeit durchgemacht haben! Das wird überzeugend durch den Vergleich der Lebenserwartung von Ukrainern und den restlichen Europäern im Laufe des gesamten 20.Jahrhunderts gezeigt. Die niedrigste Lebenserwartung im Westen Europas, sei es im Ersten (42 Jahre für Männer im Jahr 1916) oder im Zweiten Weltkrieg (49 Jahre im Jahr 1942) entspricht den durchschnittlichen 42-49 Jahren Lebenserwartung für Ukrainer in der Zwischenkriegszeit. Am kürzesten war das durchschnittliche Leben eines Ukrainers jedoch nicht während des Ersten Weltkrieges (31 Jahre im Jahr 1916), sondern 1933 (11,3) und 1942 (17,7)!</p>
<p>Diese Statistik in Betracht ziehend kann man mit einigem Recht sagen, dass, wenn es um Osteuropa und seine Bevölkerung geht, es wenig sinnvoll ist, von Erstem und Zweitem Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit zu sprechen, sondern von einem durchgehenden dreißigjährigen Krieg, der 1914 begann und erst 1945 zu Ende war (oder wie manche behaupten, bis zum Tod Stalins oder sogar bis zum Fall des Eisernen Vorhangs andauerte). Der dreißigjährige Krieg des 20. Jahrhunderts hat das Gesicht Osteuropas einschließlich Galiziens völlig verändert: Er hat hier der Existenz traditioneller ukrainischer Dörfer oder polnisch-ukrainisch-jüdischer Städtchen, die in der relativ liberalen Atmosphäre der Habsburger-Monarchie existierten, ein Ende gesetzt, indem er sie in kollektivierte sowjetische Dörfer und Städte mit ukrainischer Mehrheit und relativ großer russischer Minderheit verwandelte. Man kann sich kaum ein anderes Land vorstellen, das eine so tiefe und gewaltsame Transformation in so kurzer Zeit durchgemacht hat. Die Tiefe dieses kollektiven Traumas erklärt, warum die Bevölkerung dieser Region ein so großes Problem mit ihrem historischen Gedächtnis hat. Und in diesem Sinne ist der Erste Weltkrieg keine Ausnahme, sondern die Regel.</p>
<h3><strong>1914 und 2014</strong></h3>
<div id="attachment_5824" style="width: 263px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5824" class="wp-image-5824 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-253x300.jpg" alt="" width="253" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-200x238.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-253x300.jpg 253w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-400x475.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-600x713.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997.jpg 640w" sizes="(max-width: 253px) 100vw, 253px" /><p id="caption-attachment-5824" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jerzy_Giedroyc_1997.jpg">Jerzy Giedroyc</a> (1906-2000) im Jahr 1997. Foto: Mariusz Kubik. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:GNU Free Documentation License" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:GNU_Free_Documentation_License">GNU Free Documentation License</a>, Version 1.2 or any later version published by the <a class="extiw" title="w:en:Free Software Foundation" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Free_Software_Foundation">Free Software Foundation</a>.</p></div>
<p>Die Verarbeitung der Vergangenheit ist eine Herausforderung für ganz Osteuropa und für Galizien im Einzelnen. Hier haben wir einige Erfolge erzielt: Nach dem Sturz des Kommunismus gelang es den Ukrainern, sich mit den Polen in Bezug auf Lwiw und Galizien zu versöhnen. Daher ist die Gefahr eines polnisch-ukrainischen Krieges um Lwiw, den Giedroyć 1969 noch befürchtete, hoffentlich für immer verschwunden. Schlimmer ist aber die Lage an der Ostgrenze der Ukraine. In dem Moment, in dem diese Zeilen geschrieben werden, im Jahr 2014, versuchen prorussische Separatisten, ihre Herrschaft in einigen Städten des Donezk-Beckens zu etablieren und diese Region von der Ukraine abzuspalten. Das Donezk-Becken ist das geworden, was Galizien vor hundert Jahren darstellte: Eine historische Region, deren Bedeutung ihre Größe und ihren Status übertrifft, ein geopolitischer Casus Belli, diesmal zwischen der Ukraine und Russland.</p>
<p>Der ukrainisch-russische Konflikt dauert an. Aber abgesehen davon, womit, wie und wann ihm ein Ende gesetzt wird, bestehen verschiedene Aufgaben, die auf jeden Fall erfüllt werden müssen. Eine der wichtigsten Aufgaben ist die Bewältigung der Vergangenheit. Offensichtlich hätte es den Konflikt nicht gegeben, oder er hätte weniger Chancen auf Eskalation gehabt, wenn in Russland in den letzten Jahren – bereits vor 2014 – keine hemmungslose Heroisierung des Krieges stattgefunden hätte. Unter solchen Bedingungen wird das historische Gedächtnis zum schlimmsten Gift, produziert von der Chemie des Gehirns. Widerstand kann diesem Gift nur geleistet werden, indem das Gegengift produziert wird – ein solches, wie dieses Buch, zu dem dieser Text als Einleitung geschrieben wurde, das auf künstlerische und überzeugende Weise zeigt, was der Krieg wirklich ist.</p>
<p><strong>Jaroslaw Hrycak</strong>, Lwiw</p>
<p>Der Autor ist Historiker und Publizist, Professor an der <a href="https://ucu.edu.ua/en/">Ukrainischen Katholischen Universität in Lwiw</a>. Er ist Direktor des Instituts für historische Forschung an der <a href="https://lnu.edu.ua/en/">Nationalen Iwan-Franko-Universität Lwiw</a>. Der Text war die Einleitung zu dem von Alla Paslawska, Tobias Vogel und Wolodymir Kamianets herausgegebenen zweisprachig ukrainischen und deutschen Band „Galizien – Aus dem Großen Krieg“, der 2014 in Lwiw erschien. Der Band wurde in Deutschland leider nicht verlegt. Alla Paslawska, Lwiw, und Alois Woldan, Wien, ermöglichten, diesen nach wie vor wichtigen und aktuellen Text im Demokratischen Salon zu veröffentlichen. Er wurde aus dem Ukrainischen von Alla Paslawska und Tobias Vogel übersetzt und am Schluss behutsam an die Lage nach der Vollinvasion Russlands in der Ukraine vom 24. Februar 2022 angepasst.</p>
<p>(Anmerkungen: Veröffentlichung im Demokratischen Salon im Februar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 18. Februar 2025. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Romeo und Julia mit Happy End</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/romeo-und-julia-mit-happy-end/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 11 Feb 2025 08:24:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Romeo und Julia mit Happy End „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel „Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren“ (Leonard Cohen) Leonard Cohen notierte diese Verse einer  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Romeo und Julia mit Happy End</strong></h1>
<h2><strong>„Muslimisch jüdisches Abendbrot“ mit Saba-Nur Cheema und Meron Mendel</strong></h2>
<p><em>„Ich ging hinunter in die Wüste / um meinen Brüdern beim Kampf zu helfen / Ich wusste, dass sie nicht im Unrecht / Ich wusste, dass sie nicht im Recht waren“ </em>(Leonard Cohen)</p>
<p>Leonard Cohen notierte diese Verse einer unveröffentlichten Strophe von „Lover, Lover, Lover“, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang (Matti Friedman zitiert sie in seinem Buch <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-wer-durch-feuer.html">„Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens“</a>, übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2023).</p>
<p>Wer ist im Recht? Wer ist im Unrecht? Diese Fragen prägen so manche Debatte der Folgewochen und -monate nach dem 7. Oktober 2023. Bis heute und wohl noch manchen der folgenden Tage, Monate oder gar Jahre. Gibt es überhaupt eindeutige, abschließende oder gar verbindliche Antworten auf diese Fragen? Oder wird es auf Dauer bei der rhetorischen Resignation der Verse Leonard Cohens bleiben? Ungeachtet einer wie auch immer gearteten Entscheidung, <em>„beim Kampf zu helfen“</em>?</p>
<h3><strong>Polarisierende Zeiten</strong></h3>
<p>Die Verse Leonard Cohens mögen irritieren, aber welche Antwort wäre angemessen? Es sollte keinen Zweifel geben, was am 7. Oktober geschah. Eigentlich. Die Hamas-Terroristen filmten mit ihren eigenen Handys und mit den Handys der von ihnen vergewaltigten, ermordeten oder verschleppten Menschen und versandten die Bilder und Videos an die Familien der Opfer. Und dennoch gibt es immer wieder nicht nur prominente Stimmen, die das Massaker anzweifeln, leugnen, herunterspielen oder gar rechtfertigen, den Opfern jedes Mitgefühl verweigern.</p>
<p>Der 7. Oktober 2023 erinnerte durchaus an den Yom-Kippur-Krieg 1973. Beide Male war Israel schutzlos. Israel war nicht der versprochene sichere Ort für Jüdinnen und Juden. Jedes Mal, wenn Israel sich wehrte, verteidigte, explodierte der Antisemitismus in Deutschland, in Europa, in den USA und anderswo. Die Explosion des Antisemitismus nach dem 7. Oktober erschreckte in ihrer Vehemenz und sie ging einher mit der pauschalen Verdächtigung aller Musliminnen und Muslime, sie sympathisierten mit den Terroristen der Hamas, eine andere. Differenzierte Stimmen hatten es immer schwerer, Gehör zu finden. Stattdessen dominiert viel zu oft Rechthaberei, in parlamentarischen Debatten, in den Medien, in Schulen und an Universitäten, im Alltag. Freundschaften zerbrachen, Schuldzuweisungen dominierten den Diskurs.</p>
<p>Saba-Nur Cheema und Meron Mendel haben sich nie gescheut, sich in unseren schon seit längerer Zeit immer mehr polarisierenden Zeiten zu positionieren. Bei der Auswahl des „Unworts des Jahres“ 2024 waren sie außerordentliche Gäste der Jury. <a href="https://www.sueddeutsche.de/panorama/unwort-des-jahres-2025-biodeutsch-li.3180154">Sie plädierten für den Begriff „importierter Antisemitismus“</a>, mit Recht, denn das was aus dem Iran oder arabischen Ländern nach Deutschland und in andere europäische Länder zurückkommt, hat seine <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-nazis-und-der-nahe-osten.html">deutsche Vorgeschichte</a>, von der viele in Deutschland aber nichts mehr wissen (wollen).</p>
<p>Die gemeinsamen Auftritte von Saba-Nur-Cheema und Meron Mendel nach dem 7. Oktober porträtierte Annabel Wahda in der ZEIT mit dem doppeldeutigen Begriff einer <a href="https://www.zeit.de/zeit-magazin/2024/18/nahostkonflikt-judentum-islam-deutsche-debatte/komplettansicht">„Paartherapie“</a>. Es ist nicht nur ihr Auftreten als <em>„Paar“</em>, das beeindruckt, sondern auch die oft genug irritierende ständige Selbstvergewisserung der eigenen Identitäten, des Paares Saba-Nur Cheema und Meron Mendel sowie des jeweiligen Publikums. <em>„Schon früh haben wir festgestellt, dass wir als Paar auffallen.“ </em>Dieser Satz findet sich in einer der Kolumnen, die sie seit dem Jahr 2020 regelmäßig in der FAZ unter dem Titel „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ veröffentlichten.</p>
<p>30 Kolumnen liegen jetzt bei Kiepenheuer &amp; Witsch als Buch vor. Der Untertitel beschreibt Problem und Aufgabe zugleich: <em>„Das Miteinander in Zeiten der Polarisierung“.</em> Im ersten Absatz des Vorwortes benennen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel die unmittelbaren Folgen des 7. Oktobers auf ihren Alltag: <em>„Der 7. Oktober 2023, der Tag des Massakers der Hamas in Israel, hat unser Leben verändert. Als die ersten Nachrichten kamen, begannen wir, um Familie und Freunde zu bangen, die nicht weit entfernt vom Gazastreifen lebten. Der Verlust von Menschen, die wir geliebt haben, die Sorge um die Zukunft derer, die noch da sind, begleiten uns bis heute.“</em> Das Massaker. Der Schmerz. Die Angst. Die Sorge. Die Empathie. Die Frage quält: Warum ist es nicht möglich, dass wir uns alle auf diese Sicht als Ausgangspunkt aller weiteren Überlegungen und Debatten verständigen? Man kann diese Frage nicht oft genug wiederholen.</p>
<p>Offenbar ist eine solche Verständigung nicht möglich. Dies ist für Saba-Nur Cheema und Meron Mendel keine neue Erfahrung. Sie bestimmte beispielsweise die heftigen Kontroversen um ihren gemeinsam mit Sina Arnold herausgegebenen Band <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/frenemies-antisemitismus-rassismus-und-ihre-kritikerinnen/">„Frenemies – Antisemitismus, Rassismus und ihre Kritiker*innen“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2022). Wieder einmal erwiesen sich <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragile-allianzen/">die so dringend erforderlichen Allianzen gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus als fragil</a>. So war es auch bei der Eröffnung einer Ausstellung von Nan Goldin in der Berliner Nationalgalerie. In ihrer Rede zur Eröffnung des Symposiums: <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/januar/der-nahostkonflikt-und-die-kunst-wider-die-logik-des-boykotts">„Wider die Logik des Boykotts“</a> (nachzulesen in der Januarausgabe 2025 der Blätter für deutsche und internationale Politik) sagten Saba-Nur Cheema und Meron Mendel: <em>„Entweder bist du ‚Ally‘, also unser Verbündeter, oder du bist unser Feind. Es gibt kein Dazwischen, man hat nicht mehr die Freiheit, sich in jeder Frage eine eigene Meinung zu bilden.“ </em>Stattdessen erleben wir Allianzen der drei Antisemitismen: rechts, links, islamistisch. Jeffrey Herf hat sie in seinem jetzt auch in deutscher Sprache vorliegenden Band „Drei Gesichter des Antisemitismus“ (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2025) eindrucksvoll analysiert.</p>
<p>Die Folge:<em> „Als muslimisch-jüdisches Paar fehlt uns zunehmend die Luft.“</em> Das Elend sei <em>„selektive Empathie“</em> und die offensichtliche Unfähigkeit, <em>„die Gegenrede aushalten“</em> zu können und auch gar nicht <em>„aushalten“</em> zu wollen. <em>„Ist es vielleicht zu viel von Menschen erwartet, egal ob Künstler oder nicht, den Schmerz der anderen wahrzunehmen?“</em> Meltem Kulaçatan nannte dieses Phänomen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon </span><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wider-die-empathiesperre/"><em>„Empathiesperre“</em></a>, Anastasia Tikhomirova konstatierte ebenda <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selektiver-humanismus/"><em>„selektiven Humanismus“</em></a>.</p>
<h3><strong>Drei Freiheiten und der Antisemitismus: Kunst, Meinung, Wissenschaft</strong></h3>
<p>Der zentrale Gedanke der 30 Kolumnen: Es geht nicht nur darum, <u>welche</u> Debatten wir führen, sondern auch darum, <u>wie</u> wir sie führen. Im Grunde kann man mit jedem Kapitel beginnen und wird immer wieder neue Einsichten und Denkanstöße finden. Gleichzeitig hat das Buch eine klare Botschaft: Wer das Gespräch ausschließt, verweigert oder sich erst gar nicht traut, ein Gespräch zu beginnen, macht einen grundlegenden Fehler.</p>
<p>Eines der Themen ist die mehr als schräge Debatte um die <em>„Kunstfreiheit“</em>. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel erörtern diese Debatte unter anderem in der Kolumne „Romeo und Julia aus dem Nahen Osten“ am Beispiel der Aufführung des Theaterstücks „Vögel“ des libanesisch-kanadischen Regisseurs <a href="https://www.wajdimouawad.fr/wajdi-mouawad/biographie/">Wajdi Mouawad</a> in München, eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die Liebe eines Juden und einer Muslima. Das Stück war zuvor in Paris und in Tel Aviv aufgeführt und hoch gelobt worden. Doch dann gab es in München Proteste, von mehreren Seiten: <em>„Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass nun ausgerechnet jüdische Studierende in unfreiwilliger Allianz mit BDS-Aktivisten das Stück verhindern wollten.“</em> In der Kolumne kommen Meron Mendel und Saba-Nur Cheema zu dem Schluss, dass das Stück durchaus Einseitigkeiten enthalte. Aber ist es deshalb auch antisemitisch? <em>„Man kann sich über das Stück ärgern, und es muss nicht allen gefallen. Wer sich nicht irritieren lassen will, sollte nicht hingehen. Oder hingehen und danach eine vernichtende Rezension schreiben.“</em></p>
<p>Das Kapitel „Romeo und Julia aus dem Nahen Osten“ lässt sich – wie auch die meisten Kolumnen – als Meta-Kritik lesen. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel machen immer wieder deutlich, dass nicht die bloße Kritik an der israelischen Regierung, an israelischer Politik bereits antisemitisch wäre, dass aber dann Antisemitismus vorliege, wenn Israel insgesamt, alle Israelis (ignorierend, dass etwa 20 Prozent der israelischen Bevölkerung keine Juden sind) und mit ihnen alle Jüdinnen und Juden dieser Welt als Verantwortliche gebrandmarkt werden. Einladungen, Ausladungen, abgehängte Bilder, abgesagte Vernissagen und Vorträge, gegen wen auch immer, gerade auch Absagen gegenüber jüdischen und – in einigen Fällen israelischen – Künstler:innen, die sich unmissverständlich für Frieden, gegen Besatzung, gegen die Praxis der israelischen Regierung engagieren, wirken absurd, weil sie eigentlich nur die Gegenseite motivieren, sich noch eine Spur radikaler zu äußern. Das gilt natürlich auch in die andere Richtung, in der pauschalen Verurteilung des Islam und aller Muslim:innen als Urheber:innen von Antisemitismus: <em>„Wenn schon etwas in die Hände der Islamisten spielt, dann solche antimuslimischen Empörungswellen.“</em> Wenn Einladungen nicht mehr als Einladungen, sondern nur noch als Statement wahrgenommen werden, stimmt etwas nicht.</p>
<p>Der einzelne Künstler, die einzelne Künstlerin werden zu Repräsentant:innen einer politischen Richtung, die keine Differenzierungen kennt. <em>„Allerdings darf der Maßstab, ob Kunst antisemitisch ist, niemals subjektiviert werden.“</em> Das ist ein wichtiger Punkt. Denn Betroffenheit kann viele Gründe haben. Ein Grund mag in <em>„der religiösen Sozialisation liegen, dass man gleich getriggert wird, sobald eine literarische Darstellung oder ein Kunstwerk gezeigt wird, welches nicht der eigenen Überzeugung entspricht.“</em> Das bedeutet nicht unkritische Akzeptanz von allem, was irgendwo geäußert wird. Es reicht auch nicht zu fordern, das müsse man einfach <em>„aushalten“</em>: Anlässlich der Platzierung eines rechtsextremistischen Verlags direkt neben dem Stand der Bildungsstätte Anne Frank bei der Frankfurter Buchmesse 2017 schreiben Saba-Nur Cheema und Meron Mendel: <em>„‚Aushalten‘ darf aber nicht bedeuten, Feinden der Demokratie den roten Teppich auszurollen und sie mit vorteilhaft gelegenen Standplätzen zu beglücken.“</em> Im Jahr 2018 gab es auf der Buchmesse eine andere Lösung, immerhin: <em>„Eine wehrhafte Demokratie (…) garantiert die Meinungsfreiheit und bezieht gegenüber Gegnern zugleich Position.“ </em></p>
<p>Ähnlich geschieht es in der Wissenschaft. Eine Kolumne trägt den Titel: „Wie politisch darf die Wissenschaft sein?“ Nicht immer handelt es sich um Wissenschaft, wenn in beziehungsweise vor einer oder um eine Universität gestritten wird. Es gibt durchaus Fälle, in denen <em>„der Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Konferenz an der Universität und einer Talkshow oder einem Stammtischgespräch nicht mehr deutlich erkennbar“</em> ist. Das betrifft nicht zuletzt die Debatten um Antisemitismusdefinitionen, um <a href="https://holocaustremembrance.com/resources/arbeitsdefinition-antisemitismus">IHRA-Definition</a> oder <a href="https://jerusalemdeclaration.org/">Jerusalem Declaration</a>. Es muss darüber gestritten werden, ob Bundestagsbeschlüsse immer den richtigen Ton treffen. Der entscheidende Punkt ist jedoch etwas anderes: <em>„Ob sich Max Weber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hätte vorstellen können, dass Wissenschaftler sich eines Tages lieber mit Unterschriften statt mit Argumenten gegenseitig überbieten wollen?“ </em>Das gilt nicht nur in Deutschland, auch wenn die deutsche Neigung zu Unterschriftenlisten vielleicht nicht überall gleich hoch im Kurs ist.</p>
<p>Eine ähnliche Position vertritt Ronen Steinke, der die aktuelle Atmosphäre, die viele Debatten verhindert und vergiftet, am Beispiel der Ausladung des israelischen Historikers Benny Morris durch die Universität Leipzig anschaulich beschrieb: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/meinungsfreiheit-universitaet-e776265/">„Wo bleibt die Freiheit?“</a> Eine Frage, die sich auch angesichts so manch anderer Ausladung stellen ließe, beispielsweise von Nancy Fraser im Frühjahr 2024 aus Köln. Ronen Steinke kommentiert: <em>„Der Rektor der Kölner Universität, der Anglist Joybrato Mukherjee, erklärte: Wer Israel, wie die Philosophin Fraser, als ‚ethno-suprematistischen‘ Staat schmähe und zum Boykott aufrufe, für den sei das Rampenlicht einer Kölner Gastprofessur ‚nicht angemessen‘. / Was auf die etwas alberne Behauptung hinausläuft, die klugen Studierenden in dieser Stadt bekämen es nicht auf die Reihe, aus der direkten Auseinandersetzung mit dieser Denkerin noch klüger zu werden. Stattdessen würden sie, so wohl die stillschweigende Sorge, sofort den Kopf verhext bekommen. Wie kleine Kinder, die alles nachplappern, was man ihnen vorsagt. Was für ein Unsinn.“</em></p>
<h3><strong>Die ganze Welt im Alltag</strong></h3>
<p><em>„Eine Ehe ist kein politisches Projekt – oder?“</em> Im Vorwort verweisen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel auf Nordirland, wo es vor etwa 30 Jahren gerade einmal zwei Prozent katholisch-protestantischer Ehen gab, inzwischen sei die Zahl auf zehn Prozent angestiegen. (Vielleicht darf ich anmerken, dass im katholischen Rheinland der 1960er Jahre Ehen mit Protestant:innen als <em>„Mischehen“</em> bezeichnet wurden, in denen der protestantische Part zusichern musste, dass die Kinder katholisch erzogen würden. Katholiken sollten nur Katholikinnen heiraten. Man darf es als großen Erfolg Konrad Adenauers betrachten, dass es in der CDU kaum noch eine Rolle spielt, ob jemand katholisch oder evangelisch ist. Es gab im Rheinland in den 1960er Jahren keine Religionskriege, aber man ging sich systematisch aus dem Weg, die Kinder besuchten unterschiedliche Schulen.)</p>
<p>Carol Hanisch prägte zu Beginn der 1970er Jahre den Satz, dass das Private politisch sei. Der Satz wurde ein Schlagwort der Frauenbewegung, ließe sich heute jedoch auch in der sogenannten <em>„Integrationsdebatte“</em> anwenden, die oft genug als Religionsdebatte geführt wird. Die Erfahrung im eigenen Haushalt ist bei einer Ehe zwischen einer deutschen Muslima und einem deutschen Juden mit pakistanischer beziehungsweise israelischer Familiengeschichte Alltag, eben auch in der eigenen Familie: <em>„Seit wir ein Kind haben, achten die jeweiligen Großeltern genau darauf, dass ihre Kultur und Religion in unseren vier Wänden nicht zu kurz kommen.“</em> Es klappt trotzdem, Romeo und Julia mit Happy End, aber was heißt hier <em>„trotzdem“</em>?</p>
<div id="attachment_5764" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5764" class="wp-image-5764 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/CHEEMA-MENDEL_gruen-002-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5764" class="wp-caption-text">Meron Mendel und Saba-Nur Cheema. Foto: Ali Ghandtschi.</p></div>
<p>Ein Beitrag hat den schönen Untertitel: <em>„Wie man ein muslimisch-israelisch-jüdisch-pakistanisch-hessisches Kind erzieht“</em>. Staatliche Stellen sind schon ein größeres Problem. Es fällt ihnen schon in Kleinigkeiten schwer, die Komplexität und Vielfalt unserer Gesellschaft anzuerkennen. Das Judentum wird matrilinear, der Islam patrilinear weitergegeben. Der Versuch, das Kind mit einer doppelten Religionszugehörigkeit eintragen zu lassen, wurde auf dem Standesamt abgelehnt. Auch der Vorschlag <em>„divers“</em> fand keine Gegenliebe. <em>„Letztlich mussten wir uns mit der Bezeichnung ‚konfessionslos‘ zufriedengeben.“</em></p>
<p>Vielfalt ist Realität. Die Vielfalt der Identitäten ist das eine, die Stadt Frankfurt am Main als Heimat das andere, aber beides gehört untrennbar zusammen. <em>„Wer ein Haus baut, will bleiben“</em> – mit diesem Satz zitieren Saba-Nur Cheema und Meron Mendel Salomon Korn, den langjährigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main. In dem Kapitel geht es aber auch um Grabstätten. Warum gibt es in Deutschland noch keine muslimischen Friedhöfe? Warum gibt es in muslimischen Communities diesen hohen Aufwand, verstorbene Familienangehörige in die Länder zurückzuführen, in denen sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr lebten? <em>„Was einst Salomon Korn für Juden konstatierte – ‚Wer ein Haus baut, will bleiben‘ – kann heute für Muslime so formuliert werden: Wer ein Grab baut, will nicht mehr zurück.“ </em>Immerhin gibt es auf einigen wenigen Friedhöfen inzwischen muslimische Abteilungen.</p>
<p>Dann geht es weiter hinein in den Alltag, in Debatten um Weihnachtsbeleuchtungen, Ramadan-Beleuchtung, Muezzinrufe, das Tragen religiöser Symbole in Gerichten oder in der Schule. In den öffentlichen Debatten wird immer wieder eine Nicht-Integration unterstellt, weil dem eine Religion, insbesondere der Islam, im Wege stünde, während andere kritisieren, muslimisches Leben werde unsichtbar gemacht. Es geht aber weniger – so Saba-Nur Cheema und Meron Mendel – um Sichtbarkeit versus Islamisierung, sondern um die Frage, welche Bedeutung das ein oder andere für die Religion denn nun wirklich hat. <em>„Offensichtlich ist es für die Mehrheitsgesellschaft einfacher, sich in eine Scheindiskussion über Beleuchtungen und Rufe einzulassen, statt die wirklichen Herausforderungen für Muslime in Deutschland anzupacken: vom Religionsunterricht über Moscheebau bis zur Diskriminierung am Arbeitsplatz.“</em></p>
<p>Innerhalb der jüdischen und der muslimischen Communites ist es auch nicht einfach. Saba-Nur Chema kommt aus einer Familie, die der Ahmadiyya-Bewegung angehört, Meron Mendel musste innerhalb der jüdischen Communities (muss man im Plural schreiben) immer wieder Kritik erfahren, beispielsweise bei der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille, die der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, kritisierte. Solche Kritik ist legitim – es ist eigentlich schon ein Indikator für ein Problem, dass man das überhaupt sagen muss – aber der Kernpunkt liegt darin, dass die aktuelle Atmosphäre der Auseinandersetzungen die Legitimität von Debatten und Kritik nicht mehr so einfach erkennen lässt.</p>
<h3><strong>Dialog lohnt sich (fast) immer</strong></h3>
<p>Betroffenheit ist eines der Schlüsselwörter in jeder Debatte um Identität und Legitimität. Wer fühlt sich wann von wem und was betroffen? In welcher Richtung auch immer. Wer meint, sich mit einem bestimmten Verhalten, einer bestimmten Äußerung, mit aus seiner beziehungsweise ihrer Sicht betroffenen Gruppe oder Person solidarisieren zu müssen? Das Urteil von Saba-Nur Cheema und Meron Mendel ist hart: <em>„Die Perspektive von Betroffenen jeder Form von Marginalisierung wird heiliggesprochen, indem sie zum einzigen Maßstab wird, um sich eine Meinung zu bilden und ein Urteil zu fällen.“</em> Das kann schon in Sarkasmus umschlagen: <em>„Die ungeschriebene Regel der Identitätspolitik lautet: Um die Mehrheitsgesellschaft zu kritisieren, suche dir erst einmal eine Minderheitsposition.“</em> Gefährlich wird dies, wenn <em>„der Ankläger zum Richter“ gemacht wird, denn dann „spielt die Wahrheit keine Rolle mehr“. „Betroffene haben nicht immer recht.“</em>  Eine besonders schräge Debatte ist die um sogenannte <em>„kulturelle Aneignung“</em>, eigentlich <em>„die gängige Praxis, wie Kulturen über Jahrtausende weiterentwickelt wurden.“</em></p>
<p>Die Vielfalt des Alltags und die Untiefen der Integration – wer integriert wo eigentlich wen und was? – wird im leicht ironischen Titel der gesamten Reihe deutlich, vielleicht ist auch dieser eine <em>„kulturelle Aneignung“</em>? Denn was kann es Deutscheres geben als <em>„Abendbrot“</em>, ein Wort, für das es meines Wissens in keiner anderen Sprache ein Äquivalent gibt. Das <em>„Abendbrot“ </em>ist etwas einzigartig Deutsches. Man muss ja nicht gleich von <em>„Leitkultur“</em> sprechen. Birgit Rommelspacher nannte das <em>„kulturelles Christentum“</em>, eine der Grundlagen des <em>„kulturellen Codes“</em>, als den Shulamit Volkov den Antisemitismus beschrieb.</p>
<p>Meron Mendel und Saba-Nur Cheema berichten von einem jungen Mädchen, das in der Schule ein T-Shirt mit der Aufschrift <em>„Free Palestine“</em> trug. Als sie angesprochen wurde, stellte sich heraus, dass sie für eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung eintrat. Warum trug sie das T-Shirt? Ein Einzelfall? Oder denken auch andere so, die ein solches T-Shirt tragen? Darüber ließe sich diskutieren. Der eigentliche Boykott ist der Boykott des Miteinander-Sprechens. Die große Gefahr liegt darin, dass Menschen sich nur noch auf einen ersten Eindruck verlassen, sich in eindeutigen Rollen verorten und nicht merken, dass es gerade diese Eindeutigkeit in der Wirklichkeit nicht gibt und – so ist das in liberalen Demokratien – auch gar nicht geben sollte. Damit sind wir wieder bei den Merkwürdigkeiten der <em>„Gattung Integrationsdebatte“</em>, die<em> „zwar keine deutsche Erfindung </em>(ist)<em>, doch wurde sie hier vermutlich perfektioniert.“</em> Ihr Ablauf folgt scheinbar klaren Regeln: <em>„Alle Beteiligten spielen ihre Rollen nach einem bestimmten Drehbuch, ohne sich allzu viele Gedanken machen zu müssen.“</em></p>
<p>Religionen spielen in diesen Drehbüchern eine Rolle, die ihre Spiritualität in den Hintergrund verbannt, dafür aber in erster Linie eine – und nur diese eine – Identität postulieren. Volker Weiß wird in einer Kolumne mit dem Hinweis zitiert, dass sich zunehmend Staaten (und damit Gesellschaften) über eine Religion definierten. Diese Äußerung beziehen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel wiederum auf ihre eigene Biographie und die ihrer Eltern. Sie stellen sich selbst die schwer beantwortbare Frage: <em>„Wie kam es dazu, dass beide national-dekolonialen Gründungsprojekte in Pakistan und Israel – bei allen Unterschieden und Spezifika – von Fanatikern übernommen wurden?“</em> Die Kolumne endet mit dem interessanten Satz: <em>„Sarkasmus wird aber niemandem in Israel und Pakistan helfen. Vielleicht aber eine Lektüre der Schriften von Herzl?“</em> Ich bin mir sicher, dass es eine Menge Leute gibt, die die Lektüre Herzls direkt ablehnen werden, aber vielleicht sollten sie einmal wirklich hineinschauen, denn das was Theodor Herzl schrieb, ist eine humanistische Utopie. Sein <a href="https://shop.hirnkost.de/produkt/altneuland/">Roman „Altneuland“</a> wurde vor Kurzem im Hirnkost-Verlag in dessen vierzigbändiger Science-Fiction-Reihe neu aufgelegt.</p>
<p>Die Kolumnen beziehungsweise Kapitel des Buches lassen sich leicht und immer mit Gewinn lesen, sodass ich empfehlen möchte, dieses Buch immer griffbereit aufzubewahren. Das Buch erfüllt einen universellen – ich möchte sagen – universell-humanistischen Anspruch, es erschließt die ganze Welt im Alltag. Es fördert in jeder Kolumne, jedem Absatz, jedem Satz die Fähigkeit, die Dinge und Entwicklungen dieser Welt differenzierter, selbstkritischer und zuversichtlicher wahrzunehmen und zu begreifen. Durchaus im Sinne des Gedankens von Leonard Cohen, denn es ist wahrscheinlich, dass wir in vielen Fragen zugleich recht und unrecht haben. Wer in dem Buch liest, wird die eigene, <em>„kulturelle Neugier belohnen“</em>. Und neue schaffen. Mit Happy End für uns alle!</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 10. Februar 2025. Titelbild: Pixabay.)</p>
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