<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Marxismus Archive - Demokratischer Salon:</title>
	<atom:link href="https://demokratischer-salon.de/portfolio_tags/marxismus/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://demokratischer-salon.de/portfolio_tags/marxismus/</link>
	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
	<lastBuildDate>Sun, 21 Dec 2025 05:41:13 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	
	<item>
		<title>Zwischen Drahomanow und Marx</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwischen-drahomanow-und-marx/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwischen-drahomanow-und-marx/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 15:28:54 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7706</guid>

					<description><![CDATA[<p>Zwischen Drahomanow und Marx Das politische Leben der Lesja Ukrajinka An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren sozialistische Überzeugungen unter der jüngeren Generation ukrainischer Kultur- und Politikakteure eher die Regel als die Ausnahme. Viele ukrainische Aktivistinnen und Aktivisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sammelten ihre ersten Erfahrungen politischer Teilhabe, im journalistischen  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwischen-drahomanow-und-marx/">Zwischen Drahomanow und Marx</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Zwischen Drahomanow und Marx</strong></h1>
<h2><strong>Das politische Leben der Lesja Ukrajinka</strong></h2>
<p>An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren sozialistische Überzeugungen unter der jüngeren Generation ukrainischer Kultur- und Politikakteure eher die Regel als die Ausnahme. Viele ukrainische Aktivistinnen und Aktivisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sammelten ihre ersten Erfahrungen politischer Teilhabe, im journalistischen Schreiben und im Umgang mit polizeilicher Repression innerhalb der sozialistischen Bewegung. Doch nicht alle blieben zeitlebens Sozialisten; einige rückten im Verlauf ihres Lebens an das entgegengesetzte Ende des politischen Spektrums. Ein Beispiel hierfür ist Dmytro Dontsov, der seine lange politische Laufbahn als Mitglied der Ukrainischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei begann und sie als christlicher Traditionalist und ultrakonservativer Verschwörungstheoretiker beendete.</p>
<div id="attachment_7710" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7710" class="wp-image-7710 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons-200x285.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons-400x569.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Ivan-Trush-Portraet-von-Lesja-Ukrajinka-1900-Wikimedia-Commons.jpg 562w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /><p id="caption-attachment-7710" class="wp-caption-text">Ivan Trush, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9F%D0%BE%D1%80%D1%82%D1%80%D0%B5%D1%82_%D0%9B%D0%B5%D1%81%D1%96_%D0%A3%D0%BA%D1%80%D0%B0%D1%97%D0%BD%D0%BA%D0%B8_2_(%D0%86%D0%B2%D0%B0%D0%BD_%D0%A2%D1%80%D1%83%D1%88).jpg">Porträt von Lesja Ukrajinka</a>, 1900. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Über hundert Jahre zuvor, im Jahr 1922, tat Dmytro Dontsov dasselbe wie der Verfasser dieser Zeilen: Er schrieb und veröffentlichte einen Text zum Jubiläum von Lesja Ukrajinka, einen Essay mit dem Titel „Die Dichterin des ukrainischen Risorgimento“. Zu diesem Zeitpunkt hatte er marxistische Ansichten bereits aufgegeben und entwickelte nach und nach die Idee des <em>„aktiven Nationalismus“</em>, die auf der Ablehnung und Verurteilung von Sozialismus, Rationalismus, Materialismus und Demokratie beruhte – mit anderen Worten, einem vollständigen Bruch mit den Ideen, denen er selbst einst zugeneigt gewesen war. Eine Wertschätzung für das Werk von Lesja Ukrajinka und Taras Schewtschenko jedoch hatte er sich seit seiner Jugend bewahrt. Diese Wertschätzung war jedoch eigentümlich, da er diese Autorinnen und Autoren in Gegensatz zur gesamten vorausgehenden Tradition des ukrainischen sozialen und politischen Denkens stellte, die er verächtlich als „<em>Provenzalismus“</em> bezeichnete.</p>
<p>In Dontsovs Vorstellungswelt erscheint Lesja Ukrajinka als eine <em>„typische Gestalt des Mittelalters“</em> – eine Fanatikerin, eine Voluntaristin, eine Verfechterin eines kämpferischen Nationalismus, für die die Idee des Internationalismus <em>„unendlich fremd“</em> gewesen sei.</p>
<p>Der interessante Punkt besteht nicht darin, dass Dontsov seine eigene Weltanschauung auf Lesja projizierte – eine Auseinandersetzung mit einem längst verstorbenen ultrarechten Ideologen ist nicht das Anliegen dieses Textes. Auffällig ist vielmehr, dass der <em>„Endgegner“</em> in seinem Kampf gegen den <em>„Provenzalismus“</em> Mychajlo Drahomanow war, in dem er all jene Ansichten verkörpert sah, die er verachtete: Sozialismus, Säkularismus, Rationalismus, Universalismus, Föderalismus und den Glauben an sozialen Fortschritt. In Wirklichkeit jedoch war Mychajlo Drahomanow nicht nur Lesja Ukrajinkas Onkel; sie hing so sehr an ihm, dass sie eine Handvoll Erde von seinem Grab als Reliquie aufbewahrte (Odarchenko 1954, genaue Angaben jeweils im Quellenverzeichnis am Ende des Beitrags). Er spielte eine bedeutende und positive Rolle bei der Prägung ihres Weltbildes, und in vielerlei Hinsicht war sie seine ideologische Verbündete. Während ihr Onkel der Herausgeber der ersten ukrainischsprachigen sozialistischen Zeitschrift „Hromada“ war, wurde Lesja zur Mitbegründerin der ersten ukrainischen sozialdemokratischen Organisation im Russischen Imperium. Der Versuch, Drahomanow gegen seine vielleicht berühmteste Anhängerin auszuspielen, ist daher mindestens fehlgeleitet.</p>
<p>Obwohl Lesja Ukrajinka Drahomanows Schülerin war, war sie keineswegs dazu verpflichtet, ihr Leben lang innerhalb der Grenzen seiner Ideologie zu bleiben. Ziel dieses Beitrags ist es, die Entwicklung von Lesja Ukrajinkas politischen Ansichten anhand ihrer nichtfiktionalen Schriften – ihrer Korrespondenz und ihrer publizistischen Texte – nachzuzeichnen.</p>
<h3><strong>Zwischen zwei Imperien und zwei sozialistischen Traditionen</strong></h3>
<div id="attachment_7711" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7711" class="wp-image-7711 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-768x1025.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Myhajlo-Drahomanow-Wikimedia-Commons.jpg 808w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7711" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%94%D1%80%D0%B0%D0%B3%D0%BE%D0%BC%D0%B0%D0%BD%D0%BE%D0%B2_%D0%9C%D0%B8%D1%85%D0%B0%D0%B9%D0%BB%D0%BE.2.gif">Mykhailo Drahomanow</a>. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Lesja Ukrajinka begann sich an der Wende der 1880er zu den 1890er Jahren ernsthaft für sozialpolitische Fragen zu interessieren – eine schwierige Zeit. Die ukrainische Bewegung war durch den Emser Erlass vom 30. Mai 1876 (der Erlass verbot die Verwendung der ukrainischen Sprache und die Verbreitung ukrainischsprachiger Literatur in Öffentlichkeit, Schulen und Hochschulen, Anmerkung des Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salons</span>), die Verbannung einiger Aktivisten und die erzwungene Emigration anderer, darunter Mychajlo Drahomanow, geschwächt worden. Hinzu kam die Stabilisierung der Autokratie unter der Herrschaft Alexanders III. (1881–1894), die von der Unterdrückung sowohl tatsächlicher als auch potenzieller revolutionärer Kräfte begleitet war.</p>
<p>Diejenigen ukrainischen Aktivistinnen und Aktivisten, die nicht ins Exil gingen oder ins Ausland flohen, konzentrierten sich auf unpolitische kulturelle Tätigkeiten und vermieden sorgfältig jede Aussage oder Handlung, die staatliche Repressionen hätte provozieren können. Für junge politisch engagierte Ukrainerinnen und Ukrainer wirkte ein solcher unpolitischer Kulturaktivismus allzu vorsichtig und zaghaft. Zudem stellte diese Haltung, wie Ivan Lysiak Rudnytsky zutreffend bemerkte, einen deutlichen Rückschritt gegenüber dem Aktivismus des vorangegangenen Jahrzehnts dar (Rudnytsky 1994).</p>
<p>Mychajlo Drahomanow war der wichtigste Inspirator und Ideologe der Politisierung der ukrainischen Bewegung jener Zeit. Nach seiner Emigration gab er die politische Tätigkeit nicht auf: In Genf veröffentlichte er die Zeitschrift Hromada und hielt gleichzeitig enge Kontakte zu führenden Mitgliedern der Kyjiwer Hromada. Doch Drahomanows politisierte Aufrufe, die sich in einer sozialistischen Rhetorik äußerten, erschienen den Kulturaktivisten, den sogenannten Kulturnyky, die staatliche Vergeltungsmaßnahmen befürchteten, zu scharf und zu unbedacht. Infolgedessen wurden Mitte der 1880er Jahre die Beziehungen zwischen Drahomanow und der Kyjiwer Hromada abgebrochen, und die Hromada stellte ihre ohnehin instabile finanzielle Unterstützung für seine Publikationsprojekte ein (Fedchenko 1991). Drahomanow pflegte weiterhin freundschaftliche Beziehungen zu einzelnen Kulturnyky aus der Naddnipro-Ukraine, die die Verbindung zu ihm nicht abgebrochen hatten, doch setzte er auf die ältere Generation der Hromada-Mitglieder keine Hoffnungen mehr und vertraute stattdessen zunehmend auf die Jugend.</p>
<div id="attachment_7712" style="width: 193px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7712" class="wp-image-7712 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelbild-der-Zeitschrift-Hromada-1881-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelbild-der-Zeitschrift-Hromada-1881-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelbild-der-Zeitschrift-Hromada-1881-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelbild-der-Zeitschrift-Hromada-1881.jpg 354w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /><p id="caption-attachment-7712" class="wp-caption-text">Titelbild der Zeitschrift Hromada, 1881.</p></div>
<p>Unter dem Einfluss der Genfer Literatur begannen sich unter der gebildeten ukrainischen Jugend Kreise von Anhängerinnen und Anhängern Drahomanows zu bilden. In der Folge spaltete sich die Jugend in Kulturnyky, die der Alt-Hromada weiterhin verbunden blieben, und in „Politiker“. Die zentrale Figur bei der Schaffung und Unterstützung der Kreise der <em>„Politiker“</em> war Mykola Vasylovyč Kovalevskyi – ein Landsmann, gleichgesinnter Mitstreiter und Freund Mychajlo Drahomanows seit ihren Gymnasialjahren. Gemeinsam hatten sie in den 1860er Jahren an den Anfängen der Kyjiwer Hromada gestanden. Während des späteren Konflikts brach Kovalevskyi mit der Alt-Hromada und begann in der gesamten Ukraine Gelder zur Unterstützung seines emigrierten Freundes zu sammeln (Yakovliev 2013). Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Drahomanows Ideen unter der Jugend spielte auch Hanna Kovalevska, die Tochter von Mykola Vasylovyč und enge Freundin von Lesja Ukrajinka.</p>
<p>Die organisatorischen Erfolge der galizischen Radikalen hatten einen tiefgreifenden Einfluss auf die Kyjiwer <em>„Politiker“</em>. Unter dem Einfluss Drahomanows und unter der Führung seiner Schüler Ivan Franko und Mychajlo Pavlyk gründeten sie 1890 die Zeitschrift Narod und die ruthenisch-ukrainische Radikale Partei. Die Anhänger Drahomanows im Russischen Imperium blickten hoffnungsvoll auf den Kampf ihrer galizischen Gleichgesinnten und glaubten, dass sich die galizische radikale Bewegung letztlich auch auf die ukrainischen Gebiete unter russischer Herrschaft ausweiten würde. Mykola Kovalevskyi sammelte regelmäßig Gelder zur Unterstützung von <em>Narod</em>, wo junge naddniprjanische Anhänger Drahomanows zu publizieren begannen (Tuchapskii 1923, Hrinchenko 1925, Yakovliev 2013).</p>
<p>Die Teilnehmer der Drahomanow-Kreise beschäftigten sich in erster Linie mit Selbstbildung, suchten jedoch zunehmend den Übergang zu praktischer Tätigkeit. Ihre Vorstellung davon, wie dies zu erreichen sei, blieb allerdings vage. Drahomanows Ideen zur Organisation lokaler Räte und zur Mobilisierung der Bauernschaft erschienen im Kontext des repressiven Polizeistaates, zu dem Russland bereits geworden war, unrealistisch. Gleichzeitig hielt der Marxismus Einzug ins Russische Imperium und verlagerte den Schwerpunkt von der Bauernschaft auf die Arbeiterklasse, die sich wesentlich leichter agitieren und organisieren ließ. Unter der gebildeten Kyjiwer Jugend verbreitete sich der Marxismus zunächst in der polnischen Studentengemeinschaft, die besseren Zugang zu entsprechender Literatur hatte. Unter den nicht-polnischen Studierenden war Bohdan Kistiakovskyj der erste, der den Marxismus propagierte. Er war durch polnische Studenten an der Universität Dorpat damit in Berührung gekommen, an die er nach seiner Exmatrikulation von der Universität Kyjiw wegen illegaler, mit der Drahomanow-Bewegung verbundener Aktivitäten gewechselt war (Bilous 2017).</p>
<p>Zu dieser Zeit schlossen sich viele ukrainische Studierende mit linken Ansichten, enttäuscht von der Passivität der Drahomanow-Kreise, der breiteren russischen sozialistischen Bewegung an. Spätere Historikerinnen und Historiker neigten häufig dazu, die Interaktion zwischen ukrainischen und russischen Sozialisten zu vereinfachen, indem sie behaupteten, <em>„die jüngere Generation habe den von Drahomanow eingeschlagenen Weg nicht fortgesetzt, sondern vielmehr die fertigen Formeln des internationalen Sozialismus aus russischen Quellen übernommen“</em>. Selbst der umsichtige und ausgewogen argumentierende Historiker Ivan Lysiak Rudnytsky war nicht völlig frei von solchen Vereinfachungen (Rudnytsky 1994). Meiner Ansicht nach legt jedoch der Fall Lesja Ukrajinkas – wie auch der vieler ihrer Zeitgenossinnen und Zeitgenossen – nahe, dass diese Schlussfolgerung nicht vollständig zutrifft. Drahomanows Ideen wurden weder verworfen noch vergessen, und nicht alle jungen Sozialisten des ukrainischen fin de siècle waren an russische Interpretationen des Sozialismus gebunden. Zudem gilt dies nicht nur für Aktivistinnen und Aktivisten innerhalb ukrainischer sozialistischer Organisationen, sondern auch für jene Ukrainerinnen und Ukrainer, die sich schließlich gesamtrussischen linken Parteien anschlossen – Persönlichkeiten, die heute oft aus der ukrainischen nationalen Bewegung verdrängt werden, wenn nicht gar aus der ukrainischen nationalen Identität insgesamt.</p>
<h3><strong>Europäismus vs. Nationalismus</strong></h3>
<p>Der bedeutende Einfluss Mychajlo Drahomanows auf die philosophischen und politischen Ansichten Lesja Ukrajinkas wird von der überwältigenden Mehrheit der Forscherinnen und Forscher sowie der Kommentatorinnen und Kommentatoren zu ihrem Leben und Werk anerkannt – mit der möglichen Ausnahme der Anhänger von Dmytro Dontsov. Lesja Ukrajinkas Korrespondenz mit Drahomanow begann im Juni 1888, und lange Zeit blieb ihre Bekanntschaft aufgrund von Mychajlo Petrovychs Emigration und seiner Unfähigkeit, ins Russische Imperium zurückzukehren, vorwiegend brieflich. Abgesehen davon, dass die Familie Kosach Drahomanow vor seiner Emigration im Februar 1876 in Kyjiw getroffen hatte, begegnete Lesja ihrem Onkel zum ersten Mal persönlich im Sommer 1894 in Sofia – etwa ein Jahr vor seinem Tod (Kosach-Kryvyniuk 1970).</p>
<p>Schon durch die Korrespondenz mit ihrem Onkel hatte Lesja Ukrajinka viel zu lernen. Drahomanow verfügte über große Erfahrung im Umgang mit seinen jüngeren Anhängerinnen und Anhängern, und diese Erfahrung war vielfältig. In seiner Nichte sah er ein großes Potenzial und tat alles, um ihr zu helfen, die Fehler zu vermeiden, die andere Drahomanow-Unterstützer begangen hatten. Bereits im ersten erhaltenen Brief Drahomanows an Lesja, datiert auf den 5. Dezember 1890, forderte er sie auf, <em>„kritisch auf die ‚hausgemachte Weisheit‘ zu blicken“</em> (Drahomanow 1924).</p>
<p>Die <em>„hausgemachte Weisheit“</em> der ukrainischen Kreise, die in ihren eigenen Vorstellungen eingeschlossen blieben und im russischen Kontext agierten, stand in scharfem Gegensatz zu den Ideen des Europäismus<em>: „Wir haben keine anderen Aufgaben als jene, die in Europa bestehen; es gibt keine anderen Methoden. Der Unterschied ist lediglich ein quantitativer, nicht ein qualitativer (…). Es ist dieselbe Wissenschaft und dasselbe Ziel. Nun, widme dich der Wissenschaft und folge dann ihrem Beispiel.“</em> (Drahomanow 1924). Eine prägnante Definition von Drahomanows Prinzip des Europäismus lieferte später Mychajlo Drai-Khmara, der zwei Dimensionen dieses Konzepts hervorhob: <em>„sich im weiten Sinne mit der europäischen Kultur zu verbinden“ </em>und die nationalen Angelegenheiten im gesamteuropäischen Zusammenhang zu betrachten (Drai-Khmara 1924).</p>
<p>Drahomanows ablehnende Haltung gegenüber dem <em>„engen Nationalismus“</em> spiegelt sich auch in seiner Vorstellung von Kosmopolitismus wider. Er teilte nicht die Auffassung eines nationalen Nihilismus; daher unterscheidet sich sein Verständnis von Kosmopolitismus vom landläufigen und steht dem Konzept des Universalismus näher – dem Glauben an bestimmte Wahrheiten und Prinzipien, die für die gesamte Menschheit gelten.</p>
<p>Für Drahomanow existierten solche Prinzipien tatsächlich, und sie hatten einen übernationalen Charakter, waren jedoch weder un-national noch anti-national. Deshalb umfasst seine Idee des Kosmopolitismus die gleichberechtigte Wechselwirkung verschiedener Nationen, ohne dass die Entwicklung einer Nation zugunsten anderer unterdrückt wird. Er wies die Bedeutung der Entwicklung nationaler Kulturen nicht zurück; zugleich wandte er sich gegen nationale Autarkie, Selbstgenügsamkeit und Isolationismus. Stattdessen schlug er vor, nationale Bewegungen auf allgemeinmenschliche Prinzipien zu gründen – daher stammt seine berühmte Losung: <em>„Kosmopolitismus in den Ideen und Zielen, Nationalität im Boden und in der Form der kulturellen Arbeit“</em> (Drahomanow 1894).</p>
<p>Gleichzeitig erörterte Drahomanow mit Lesja Fragen des Sozialismus. In seinen Briefen an seine Nichte formulierte der Ideologe der Hromada-sozialistischen Bewegung seine Vorstellungen von der Sozialdemokratie: <em>„Sozialdemokratie besteht nicht in den letzten Idealen, sondern in der Organisation der Arbeiter, in der Erhebung von Forderungen wie dem Achtstundentag und im Widerstand gegen den Militarismus, insbesondere in Deutschland.“</em> (Drahomanow 1924). Dieser Gedanke klingt deutlich im berühmten Leitsatz von Eduard Bernstein an, dass das Endziel nichts, die Bewegung aber alles sei – zumal Bernstein und Drahomanow sich in der Schweiz zeitweise begegneten (Bernstein 1922).</p>
<h3><strong>Lesjas politischer Werdegang </strong></h3>
<div id="attachment_7719" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7719" class="wp-image-7719 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-300x149.png" alt="" width="300" height="149" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-200x99.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-300x149.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-400x198.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-600x298.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-768x381.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons-800x397.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Lesja-Ukrajinka-auf-einem-Geldschein.-Wikimedia-Commons.png 889w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7719" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:200-uah-2020-1.png">Lesja Ukrajinka auf einem Geldschein</a>. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Aus Lesjas Briefen geht hervor, dass sie bereits mit der Sozialdemokratie vertraut war. So erwähnte sie etwa das <a href="https://www.spd.de/160-jahre/1891-erfurter-programm">Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie</a> (Brief an Mychajlo Drahomanow vom 5. Juli 1893). Es sei daran erinnert, dass die erste russische Übersetzung des Erfurter Programms von den Kyjiwer Marxisten unter der Leitung von Bohdan Kistiakovskyj angefertigt und 1894 in Kolomyja von Mychajlo Pavlyk veröffentlicht wurde (Bilous 2017).</p>
<p>Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Drahomanow im Unterschied zur Sozialdemokratie die Bauernschaft als die Hauptstütze der sozialistischen Bewegung in den ukrainischen Ländern betrachtete. In seinen Briefen an Lesja pries er die politische Handlungsmacht der Bauern, insbesondere im Vergleich zur Passivität anderer gesellschaftlicher Schichten<em>: „(…) dass sich wenigstens fünf harte und arbeitsame Seelen finden, bis die Köpfe der Bauern, die – entgegen allen Beispielen der Geschichte – mehr Licht in ihren Köpfen haben als die galizischen Akademiker und Professoren, erhellt werden. Pavlyk schickte mir manchmal Briefe von Bauern – Meliton Buchynskyj bleibt im Vergleich zu ihnen weit zurück“</em> (Drahomanow 1924).</p>
<p>Aus den Gesprächen mit ihrem Onkel entwickelte Lesja Ukrajinka eine kritische Haltung gegenüber der damaligen ukrainischen Realität – sowohl im Russischen Imperium als auch in Galizien. Zudem neigten Lesjas Altersgenossen dazu, die galizische Ordnung zu idealisieren und sich von den Erfolgen anderer, insbesondere von der <em>„neuen Ära“</em>, der Politik des polnisch-ukrainischen Kompromisses zu Beginn der 1890er Jahre, blenden zu lassen.</p>
<p>Auf ihrer Reise nach Wien zur Behandlung im Jahr 1891 besuchte Lesja Ukrajinka Galizien und erlebte das galizische politische Leben aus erster Hand, einschließlich der Wahlvorbereitungen und damit verbundener Aktivitäten. Sie war von ihren Beobachtungen beeindruckt und entwickelte ein Misstrauen gegenüber konservativen Ansätzen im politischen Kampf: <em>„Die alte ‘Politik’, die ‘Loyalität’, die krummen Wege zu einem hohen Ideal, die ‘Ehrfurcht vor nationalen Festtagen’, der ‘mäßige Liberalismus’, die ‘nationale Religiosität’ usw. usw. haben uns jungen Ukrainern schon so sehr ermüdet, dass wir froh wären, diesem ‘stillen Sumpf’ irgendwohin ins Reine zu entkommen.“</em> (Brief an Mychajlo Drahomanow, 17. März 1891).</p>
<p>In ihrem Artikel von 1895 fasste die ukrainische Dichterin die von ihr missbilligte <em>„opportunistische und rationale“</em> Politik der galizischen Narodniki wie folgt zusammen<em>: „(…) kämpft nicht mit der Hacke gegen die Sonne, eilt nicht voran, sondern knüpft langsam Beziehungen zur Regierung und zu stärkeren Parteien.“</em> (Ukrajinka 2021).</p>
<p>Sie war auch unzufrieden mit der Atmosphäre in den „politischen“ Kreisen der Naddnipro-Ukraine. Die Dichterin war vor allem durch die Zersplitterung dieser Kreise und ihre erzwungene Geheimhaltung enttäuscht, die die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht nur für Außenstehende und die verschiedenen <em>„Pharaonen“</em>, sondern sogar für Mitglieder anderer Kreise unsichtbar machte: <em>„Wir tun alles in hermetisch verschlossenen Kästen – man hört irgendein Geräusch, aber man weiß nicht, worum es geht, und wer in einen solchen Kasten gerät, wird sich darin nicht sehr wohl fühlen, denn es ist trotzdem eng und stickig, auch wenn der Kasten gut sein mag und die Menschen darin nicht schlechter sind“</em> (Brief an Mychajlo Drahomanow, 25. Juni 1893).</p>
<p>Zudem erinnerte die Atmosphäre der Kreise schmerzhaft an die kleiner politischer Sekten unserer Zeit, mit ihrem intensiven Gruppendruck und der Tendenz, schon bei der geringsten Abweichung von der allgemeinen Linie lautstark aus der Bewegung <em>„auszutreten“</em>. Dies betraf sowohl die Kulturnyky-Kreise um Oleksandr Konyskyj als auch die Kreise der „Politiker“ (Brief an Mychajlo Drahomanow, 5. April 1894). Auch nachdem sich diese Kreise später zu Parteien entwickelten, hielt die Sektiererei an – ebenso wie Lesja Ukrajinkas Abneigung dagegen (Brief an Olha Kosach und Mychajlo Kryvyniuk, 6. Dezember 1905).</p>
<p>Dennoch pflegte Lesja Ukrajinka enge Beziehungen zu den Mitgliedern der Kreise der <em>„Politiker“</em> und zu Mykola Kovalevskyi, der sie leitete. Eine Rede des ältesten Kyjiwer Anhängers von Drahomanows Ideen blieb Lesja Ukrajinka besonders in Erinnerung: <em>„(…) er sagte uns, dass wir so bald wie möglich und beharrlich unter dem ukrainischen Volk zu arbeiten beginnen sollten, um sein nationales Selbstbewusstsein zu stützen und zu erwecken, bevor es völlig erlischt, denn es flackert bereits kaum noch. Diese Arbeit musste legal und illegal sein, durch das gedruckte oder gesprochene Wort, mit Hilfe aller Mittel, außer trügerischer oder terroristischer.“</em> (Ukrajinka 2021).</p>
<p>Dank Kovalevskyi, dem galizischen Radikalen Mychajlo Pavlyk und ihrem Onkel schloss sie sich der Bewegung der Anhänger des Drahomanow’schen Sozialismus an, die auf beiden Seiten des Flusses Zbrutsch tätig war. Dennoch konnten weder Kovalevskyi noch Pavlyk an den Einfluss heranreichen, den Drahomanow auf Lesja Ukrajinkas Ideologie ausübte.</p>
<p>Lesja Ukrajinkas politische Ansichten wurden am stärksten durch ihr Jahr in Bulgarien geprägt, von Juni 1894 bis Juli 1895. Dort lernte sie endlich ihren Onkel und dessen Familie persönlich kennen, hatte uneingeschränkten Zugang zu Drahomanows umfangreicher Bibliothek und konnte mit Mychajlo Petrovych frei über all jene Themen sprechen, die sie beschäftigten. Das Jahr, das Lesja im fremden und zugleich vertrauten Haus der Drahomanows verbrachte, wurde – mit gutem Grund – von dem Forscher der Diaspora, Petro Odarchenko, hinsichtlich seiner Bedeutung für Leben, Werk und Weltanschauung der Dichterin mit Taras Schewtschenkos „drei Jahren“ verglichen (Odarchenko 1954).</p>
<p>Sie war die einzige Zeugin von Mychajlo Drahomanows plötzlichem Tod am 8. Juni 1895 und, so Odarchenko, schloss sie sogar persönlich die Augen des verstorbenen Onkels. Doch das traurige Ende ihres Aufenthalts in Sofia minderte den Einfluss dieser Zeit auf Lesja Ukrajinkas Denken nicht; vielmehr verstärkte es diesen in mancher Hinsicht emotional und schlug sich in ihrer Treue zum Andenken ihres Verwandten nieder.</p>
<p>Unter den dichterischen Werken aus Lesja Ukrajinkas früher Schaffenszeit war das am stärksten drahomanowsche die 1893 verfasste und Mychajlo Drahomanow gewidmete Dichtung „Robert the Bruce, King of Scots“. Dieses Gedicht ist der konzentrierteste und zugleich durchsichtigste allegorische Ausdruck der Ideen ihres Onkels: der Verrat des nationalen Adels (<em>„wir haben kein Rittertum, wir haben keine Herren“</em>)<em>, </em>die Erlangung der Freiheit durch einen Bauernaufstand sowie Abgeordnete aus dem Volk, die dem König ungehindert mit Ungehorsam drohen, sollte er von der Vereinbarung mit ihnen abweichen – und er erhebt keinen Einspruch.</p>
<p>Zudem wurde die Thematik des Gedichts selbst, ebenso wie das Bild der Spinne, die nach mehreren Rückschlägen unermüdlich ihr Netz weiterwebt und Robert the Bruce zum Weiterkämpfen inspiriert, Lesja Ukrajinka von Mychajlo Drahomanow nahegelegt (Brief an Mychajlo Drahomanow, 15. März 1892).</p>
<p>Mychajlo Drai-Khmara stellte fest, dass Olena Pchilka, die Mutter der Dichterin, und Mychajlo Drahomanow die entscheidenden Einflüsse bei der Formung von Lesjas Persönlichkeit waren: (Drai-Khmara 1924: 34).</p>
<p>Nichts wäre jedoch irreführender, als Lesja Ukrajinka zu einer bloßen Vermittlerin der Ideen ihres großen Onkels zu reduzieren. Erstens trägt eine solche Vorstellung einen deutlich sexistischen Beigeschmack. Zweitens stimmt sie schlicht nicht.</p>
<p>Mykola Zerov, ein Neoklassizist wie Drai-Khmara, unterschied zu Recht zwei große Typen ukrainischer Anhänger Drahomanows und ordnete Lesja Ukrajinka der zweiten Gruppe zu: <em>„Die einen, wie Pavlyk, blieben vollständig gefangen in seiner </em>(Drahomanows – M. L.)<em> markanten Persönlichkeit und fanden nie ihren eigenen Weg. Wenn sie sich voneinander unterschieden, dann nur im Temperament und im Grad ihrer Hingabe an den Drahomanow-Kult. Andere aber, wie Franko, nahmen nur das Wesen seiner Lehre in sich auf, entwickelten es jedoch auf ihre eigene Weise weiter, beeinflusst von anderen Kräften, und brachten schließlich Früchte hervor, die unverkennbar die ihren waren und mit einer individuellen, manchmal scharf konturierten Gestalt in die Geschichte eingingen.“</em> (Zerov 1990).</p>
<p>Diese Einschätzung mag Pavlyk gegenüber ungerecht sein, doch trifft sie ganz und gar auf Lesja Ukrajinka zu, deren Verehrung für ihren bedeutenden Verwandten niemals ihre eigene geistige Entwicklung einengte – im Gegenteil, Drahomanow selbst wäre bestürzt gewesen, wenn es anders gewesen wäre.</p>
<p>Dank Drahomanows Einfluss schärfte Lesja Ukrajinka ihre kritische Haltung gegenüber konservativer und eng nationalistischer Politik, ohne jedoch die nationale Identität abzulehnen. Nicht zuletzt durch ihre Bemühungen gab ihr ukrainischer literarischer Kreis die Bezeichnung als <em>„Ukrainophile“</em> auf und begann, sich schlicht Ukrainer zu nennen. Gleichzeitig fühlte sich Lesja zutiefst zur ethischen Dimension des Hromada-Sozialismus hingezogen, mit seiner Ablehnung derselben <em>„listigen und terroristischen Methoden“</em> und aller Formen des Opportunismus – ganz im Sinne von Drahomanows Überzeugung, dass <em>„eine reine Sache saubere Hände verlangt“</em>.</p>
<p>Seine unorthodoxe Spielart des Sozialismus bot fruchtbaren Boden, um neue sozialpolitische Ideen zu prüfen und aufzunehmen – und der Marxismus war unausweichlich Teil dieser Entwicklung.</p>
<h3><strong>Ukrainische Sozialdemokratie </strong></h3>
<p>Lesja Ukrajinkas Verhältnis zur Sozialdemokratie und zum Marxismus ist ein Thema, das reich an Möglichkeiten für Mythenbildung ist. Es ist weithin bekannt, dass sie gemeinsam mit Ivan Steshenko zu den Gründerinnen und ideologischen treibenden Kräften der sogenannten USD-Gruppe gehörte – der ersten ukrainischen sozialdemokratischen Vereinigung im Russischen Imperium. Sie bezeichnete sich selbst als Sozialdemokratin, wie ihre Freundin Liudmyla Starytska-Cherniakhivska in einem Gespräch mit Mychajlo Drai-Khmara bestätigte (Drai-Khmara 1924).</p>
<div id="attachment_7713" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7713" class="wp-image-7713 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-300x256.jpg" alt="" width="300" height="256" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-200x171.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-300x256.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-400x342.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-600x513.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-768x656.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902-800x683.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Titelblatt-der-ukrainischen-Ausgabe-des-Kommunistischen-Manifests-1902.jpg 865w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7713" class="wp-caption-text">Ukrainische Ausgabe des Kommunistischen Manifests. 1902.</p></div>
<p>In linken Kreisen ist zudem die verbreitete Auffassung anzutreffen, Lesja Ukrajinka sei die Autorin der ersten ukrainischen Übersetzung des Kommunistischen Manifests, das 1902 anonym in Lwiw erschien. In einem Brief an Ivan Franko vom 7. September 1901 äußerte Lesja ihr Interesse an der Veröffentlichung mehrerer sozialistischer Schriften in Galizien, darunter des Kommunistischen Manifestes sowie ihrer Übersetzung der Broschüre „Wer lebt wovon?” von Szymon Dikstein (Brief an Ivan Franko, 7. September 1901).</p>
<p><a href="https://medium.com/%D0%BC%D0%B0%D1%80%D0%BA%D1%81%D1%96%D0%B2-%D0%BA%D0%B0%D0%BF%D1%96%D1%82%D0%B0%D0%BB-%D1%83%D0%BA%D1%80%D0%B0%D1%97%D0%BD%D1%81%D1%8C%D0%BA%D0%BE%D1%8E/%D0%BC%D0%B0%D0%BD%D1%97%D1%84%D0%B5%D1%81%D1%82-%D0%BA%D0%BE%D0%BC%D1%83%D0%BD%D1%97%D1%81%D1%82%D0%B8%D1%87%D0%BD%D0%BE%D1%97-%D0%BF%D0%B0%D1%80%D1%82%D0%B8%D1%97-c8031e70e08e">Die ukrainische Übersetzung des Manifestes</a> erschien 1902 in Lwiw unter dem Impressum „Verlag der Ukrainischen Sozialistischen Partei“ – eine Bezeichnung, die die USD-Gruppe niemals verwendete. Darüber hinaus ist die Übersetzung selbst eher nachlässig und voller Russizismen und Polonismen; so bezeichnet der Übersetzer die Woche als <em>„nedilia“</em>, eine Verwendung, die Lesja selbst nie gebrauchte, da sie in ihren eigenen Schriften äußerst sorgfältig mit Sprache umging.</p>
<p>Gleichzeitig existierte zwischen 1900 und 1904 in der Naddnipro-Ukraine, vor allem am rechten Ufer, eine kleine Ukrainische Sozialistische Partei (USP) unter der Leitung von Bohdan Jaroshevskyj. Dies legt nahe, dass der Autor der Übersetzung des Manifestes von 1902 in Wirklichkeit Bohdan Jaroshevskyj war (Zhuk 1957).</p>
<p>Das Vorwort zu dieser Übersetzung wurde nur ein einziges Mal veröffentlicht – in einer russischen Ausgabe der Werke Lesja Ukrajinkas im Jahr 1957 – und nicht nach einem Autograph. All dies schließt nicht aus, dass Lesja das Manifest tatsächlich übersetzt und sich um seine Veröffentlichung bemüht haben mag, doch die Fassung, die 1902 in Lwiw erschien, stammt nicht von ihr. Solange das Manuskript ihrer Übersetzung nicht vorliegt, gibt es keinen Grund, etwas anderes anzunehmen.</p>
<p>Ende der 1890er Jahre begann sich Lesja Ukrajinka intensiv für die Sozialdemokratie und ihre theoretischen Grundlagen zu interessieren. 1897 studierte sie „Das Kapital“, war jedoch enttäuscht, da sie darin nicht das <em>„strenge System“</em> fand, von dem ihr so viel erzählt worden war (Brief an Olha Kosach, 11. September 1897). Dies schmälert ihren sozialdemokratischen Standpunkt jedoch keineswegs – viele Sozialisten hatten Schwierigkeiten mit dem „Kapital“, und niemand wurde deswegen aus der Bewegung ausgeschlossen.</p>
<p>Sie studierte ebenfalls die materialistische Geschichtsauffassung in der Interpretation von Marx und ihre Anwendung auf ukrainisches Material und gelangte zu Schlussfolgerungen über die Bedeutung des Klassenantagonismus in der ukrainischen Geschichte: „(Ich) <em>kann meine Ansicht über die Geschichte der Ukraine unter der Moskauer Herrschaft mit folgender marxistischer Paraphrase ausdrücken: ‘Wir sind nicht nur wegen des Klassenantagonismus zugrunde gegangen, sondern auch wegen dessen Fehlens’.“</em> (Brief an Mychajlo Kryvyniuk, 26. November 1902).</p>
<p>In ihren Briefen an den standhaften Drahomanowiten (Drahomanow-Anhänger) Mychajlo Pavlyk betonte Lesja, dass die Sozialdemokratie <em>„eine zu universelle Bewegung </em>(sei)<em>, als dass die ukrainische Nation darauf verzichten könnte.“</em> (Brief an Mychajlo Pavlyk, 7. Juni 1899). Ebenso sah sie nichts Problematisches darin, dass sich eine sozialdemokratische Fraktion von der radikalen Partei abgespalten und eine eigene Partei gegründet hatte; im Gegenteil, sie begrüßte dies, wenngleich sie viele Beschwerden über die galizischen Sozialdemokraten hatte (Brief an Mychajlo Pavlyk, 2. März 1899).</p>
<div id="attachment_7714" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7714" class="wp-image-7714 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-300x193.jpg" alt="" width="300" height="193" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-200x129.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-300x193.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-400x258.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-460x295.jpg 460w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-600x387.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-768x495.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901-800x516.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Postkarte-von-Lesja-Ukrajnka-an-Ivan-Franko-vom-29.-Mai-1901.jpg 960w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7714" class="wp-caption-text">Postkarte von Lesja Ukrajinka an Ivan Franko vom 29. Mai 1902.</p></div>
<p>Erwähnenswert ist, dass kurz zuvor, 1896–1897, eine aufschlussreiche Debatte zwischen Lesja Ukrajinka und Ivan Franko stattfand. In seinem Artikel „Mit dem Ende des Jahres“, der die Kontroverse eröffnete, nahm der Kamenjar (Frankos Pseudonym, bedeutet „Steinhauer“) einen herablassenden Ton gegenüber den Drahomanowiten der Naddnipro-Ukraine an (die er in seiner Terminologie <em>„ukrainisch“</em> nannte) und wies ihre Kampferfahrungen von sich – eine Haltung, die Lesja Ukrajinka in ihrer Erwiderung entschieden zurückwies.</p>
<p>Franko beklagte, dass ukrainische Radikale Angst hätten, sich an illegalen Aktivitäten zu beteiligen, und <em>„nur mit Erlaubnis der Behörden“</em> handelten. Als Gegenbeispiel stellte er die galizischen Radikalen heraus und lobte ihre Bereitschaft, der <em>„Stiefmutter-Konstitution“</em> zu trotzen und direkt mit der Bauernschaft zu arbeiten – etwas, wozu ihren Pendants in der Naddnipro-Ukraine seiner Ansicht nach die Entschlossenheit fehlte. Schließlich diskreditierte Franko die Aktivitäten der ukrainischen linken Intelligenz als <em>„eine Art Tinktur radikaler Ideen, aber keinen wirklichen Radikalismus“</em>.</p>
<p>Am meisten empörte Lesja Ukrajinka letztlich der Vorwurf, die ukrainischen Radikalen täten angeblich nichts und hätten Angst, sich an illegalen Aktivitäten zu beteiligen. In den Jahren 1896–1897 <em>„landeten einige dieser Genossen in ‘freier Unterkunft’ – mit Erlaubnis der Behörden“</em>. Gemeint waren Mychajlo Kryvyniuk und Ivan Steshenko, die in diesem Zeitraum wegen ihrer Teilnahme an der Studentenbewegung inhaftiert worden waren. Gleichwohl beeinträchtigte diese Kontroverse ihre persönlichen Beziehungen zu Ivan Franko nicht wesentlich: Lesja Ukrajinka war fähig, zwischen Persönlichem und Politischem zu unterscheiden, zwischen den <em>„Freunden meiner Freunde“</em> und den <em>„Freunden meiner Ideen“</em>, wie sie selbst sagte (Brief an Ivan Franko, 14. August 1903).</p>
<p>Diese Ereignisse fanden in den frühen Jahren jener oben erwähnten Gruppe der Ukrainischen Sozialdemokratie statt. Die Gruppe arbeitete im Geheimen und wurde während ihres Bestehens nie enttarnt, sodass nur wenige Spuren über die Größe ihrer Mitgliedschaft erhalten sind. Zu ihren Kernmitgliedern gehörten mit Sicherheit Ivan Steshenko, Lesja Ukrajinka, Mychajlo Kryvyniuk und Lesjas Schwester Olha Kosach. Die Beteiligung anderer Personen, die oft als Mitglieder genannt werden, ist jedoch höchst zweifelhaft (Lavrinenko 1971).</p>
<p>Das genaue Entstehungsdatum der USD-Gruppe ist unbekannt. Forscherinnen und Forscher sowie Zeitgenossen haben unterschiedliche Jahre genannt – von 1893 bis 1897 (Fedenko 1959, Tulub 1929). Am wahrscheinlichsten wurde die Gruppe etwa 1896 gegründet, und zwar auf Initiative von Ivan Steshenko – der später Mitglied des Generalsekretariats der Zentralna Rada wurde und damals an der Historisch-Philologischen Fakultät der Universität Kyjiw studierte. Oleksandr Morhun erinnerte sich auch an Steshenko als den Anführer der <em>„radikalen Gruppe“</em> innerhalb der ukrainischen Studentenschaft in Kyjiw Mitte der 1890er Jahre: <em>„Die radikale Gruppe unter Steshenkos Führung begann, die unpolitische Haltung der Gemeinschaft und ihre Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Fragen in Frage zu stellen und der Gemeinschaft in dieser Hinsicht einen klareren Charakter zu geben“</em> (Morhun 1963).</p>
<p>Steshenko wurde von der Gruppe um Mykola Mikhnovskyj opponiert, der meinte, solche Fragen dürften nicht aufgeworfen werden. Daher erscheint die Behauptung über den Einfluss der Ideen der Bratstvo Tarasa (Taras-Bruderschaft) auf die USD-Gruppe (Holovchenko 1996) eher fragwürdig.</p>
<p>Bis 1896 existierten in Kyjiw bereits zwei andere sozialdemokratische Gruppen, die in den damaligen Untergrundkreisen als die <em>„polnische S.-D.-Gruppe“</em> und die <em>„russische S.-D.-Gruppe“</em> bezeichnet wurden. Der Kern der ersten Gruppe bestand jedoch aus litauischen Studenten der Universität Kyjiw, während die zweite von Bohdan Kystjakowskyj gegründet worden war und unter anderem jüdische und ukrainische Studierende derselben Universität einbezog, darunter auch den ehemaligen Drahomanowiten Pawel Tuchapskii. Diese beiden Gruppen schlossen sich 1897 gemeinsam mit einer weiteren Gruppe, die zuvor der Polnischen Sozialistischen Partei angehört hatte, zur Kyjiwer „Union des Kampfes für die Befreiung der Arbeiterklasse“ zusammen, die ihrerseits 1898 zur Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) beitrug (Bilous 2017: 53). An den Vorbereitungen zum ersten Parteitag war ein Mitglied der Union beteiligt, der belarussische Marxist Serhij Meržynskyj, mit dem Lesja Ukrajinka in einer engen Beziehung stand.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund liegt es nahe anzunehmen, dass die USD-Gruppe den Versuch darstellte, eine dritte sozialdemokratische Organisation in Kyjiw zu etablieren und den Abfluss der ukrainischen Jugend in gesamtrussische Bewegungen zu verhindern. Im Unterschied zu den anderen Gruppen schloss sich die USD weder der „Union des Kampfes“ noch der SDAPR an. Ihre Mitglieder arbeiteten weiterhin eigenständig und orientierten sich stärker an anderen ukrainischen sozialistischen Parteien – etwa der galizischen USDP (Ukrainischen Sozialdemokratischen Partei), der bereits erwähnten Ukrainischen Sozialistischen Partei (USP), deren Mitglieder Ukrainer polnischer Kultur waren, sowie der Revolutionären Ukrainischen Partei (RUP), unter deren vier Mitbegründern sich zwei Söhne bedeutender Kulturnyky der Alten Hromada befanden: Dmytro Antonowytsch und Mychajlo Rusow.</p>
<p>Lesja Ukrajinka verfasste eine kritische Analyse des „Entwurfs des Programms der Ukrainischen Sozialistischen Partei“, und ihre Briefe an Mychajlo Kryvyniuk zeigen, dass sie die Entwicklung und die inneren Auseinandersetzungen innerhalb der RUP genau verfolgte. Sie kritisierte insbesondere die RUP-Zeitung Haslo dafür, dass sie als Motto den oben erwähnten Satz von Eduard Bernstein übernahm: <em>„Das Endziel ist nichts, die Bewegung ist alles.“</em> Dies lässt Rückschlüsse auf ihre Position innerhalb der breiteren zeitgenössischen Debatte zwischen dem reformistischen Flügel der internationalen sozialistischen Bewegung, vertreten durch Bernstein, und dem revolutionären Flügel zu. Lesja Ukrajinka stellte fest, dass <em>„die Redaktion Bernsteins antirevolutionäre Haltung völlig missverstanden hat“</em>, und fügte später hinzu, dass ihr <em>„der Artikel in Volja</em> (dem Organ der galizischen USDP – Red. von Spilne/Commons) <em>gegen den Bernsteinianismus von Haslo“</em> gefallen habe (Briefe an M. Kryvyniuk, 14. März 1902 und 22. April 1902). Wie später deutlich wird, wichen ihre Ansichten jedoch auch erheblich von denen vieler linker Kritiker Bernsteins ab.</p>
<p>Die Briefe Lesjas werfen zudem Licht auf das Ende der USD-Gruppe. Im Dezember 1905 schrieb sie an ihre Schwester Olha und an Mychajlo Kryvyniuk über die Verhandlungen der USD mit der RUP. Diese wurde auf ihrem Parteitag in Ukrainische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (USDRP) umbenannt und übernahm offiziell sozialdemokratische und föderalistische Positionen. Da die USDRP jedoch autonome Gruppen in ihrer Struktur nicht zuließ, trat die USD nicht als Kollektiv der Partei bei. Nur einige wenige Mitglieder der USD – unter ihnen Lesja Ukrajinka – erklärten sich bereit, unabhängig voneinander an der Herausgabe der neuen sozialdemokratischen Zeitung <em>Pratsia</em> mitzuwirken (Brief an Olha Kosach und Mychajlo Kryvyniuk, 6. Dezember 1905).</p>
<p>Die Zeitung erschien jedoch aus verschiedenen Gründen nie. Einer davon war die Verhaftung von Petro Djatlów, der als ihr Redakteur vorgesehen war. Ausgerechnet ein Satz aus seinem Nachruf auf Lesja Ukrajinka – später auf ihrem Grabstein eingraviert – löste vor Kurzem Empörung in der <em>„patriotischen Öffentlichkeit“</em> aus.</p>
<h3><strong>Revolutionäre Ethik und der Geist des Sozialismus</strong></h3>
<div id="attachment_7716" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7716" class="wp-image-7716 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-300x142.jpg" alt="" width="300" height="142" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-200x94.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-300x142.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-400x189.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons-600x283.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Gedenktafe-fuer-Myhajlo-Drahomanow-in-Sofia-Bulgarien-Wikimedia-Commons.jpg 689w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7716" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%94%D1%80%D0%B0%D0%B3%D0%BE%D0%BC%D0%B0%D0%BD%D0%BE%D0%B2_%D0%9C%D0%B8%D1%85%D0%B0%D0%B9%D0%BB%D0%BE.2.gif">Gedenktafel für Mykahailo Drahomanow in Sofia, Bulgarien</a>. Foto: Иван. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Ideologisch entstand die USD-Gruppe an der Schnittstelle zwischen marxistischem Einfluss und Drahomanows Variante des Sozialismus. Ihre frühen Publikationen spiegelten bereits sowohl eine kritische Haltung gegenüber Drahomanow als auch die Suche nach Alternativen wider. Eine der ersten Veröffentlichungen der Gruppe war die anonyme Broschüre „Mychajlo Petrovych Drahomanow (Ukrainischer Emigrant)“, die 1897 erschien. Darin wurden Drahomanows bedeutende Beiträge zur ukrainischen Bewegung anerkannt – insbesondere sein Aufruf zur Schaffung unabhängiger ukrainischer sozialistischer Organisationen. Zugleich enthielt die Broschüre eine marxistische Kritik an seinen sozialpolitischen Ansichten.</p>
<p>Der Verfasser beziehungsweise die Verfasserin der Broschüre – wer auch immer es war – weist auf den bäuerlichen Charakter des Sozialismus von Mychajlo Drahomanow hin und argumentiert, dass mit dem Fortschreiten des Kapitalismus das Bauerntum allmählich seine soziale Homogenität verliere – falls es diese überhaupt je besessen habe. Die Broschüre behauptet, dass die Problemstellung <em>„das Bauerntum im Allgemeinen“</em> vage und unergiebig sei: <em>„(…) über das Schicksal des Bauerntums im Allgemeinen zu klagen, heißt nichts Bestimmtes zu sagen; das moderne Klassenprinzip der Soziologie verlangt, genau anzugeben, die Interessen welcher Klasse von Bauern der Patriot zu verteidigen wünscht, denn nur unter solchen Bedingungen kann seine Sympathie für die Bauern irgendeine reale Bedeutung haben.“</em> (zitiert nach Fedenko 1959).</p>
<p>Lesja Ukrajinka erkannte ebenfalls die Notwendigkeit unterschiedlicher Herangehensweisen unter verschiedenen Umständen. Während auf dem Land die Assimilation der Ukrainer nur langsam voranschritt und sich die Sozialdemokraten auf strikt sozialistische Propaganda konzentrieren konnten, war es unter den städtischen Arbeiterinnen und Arbeitern auch notwendig, das nationale Bewusstsein zu fördern – <em>„damit sie nicht zu Fremden in ihrem eigenen Land werden und gegen ihre eigenen Brüder gestellt werden.“</em> Mit anderen Worten: um einer Vergrößerung der kulturellen Kluft zwischen Stadt und Land in der Ukraine vorzubeugen (Ukrajinka 2021: 504).</p>
<p>Im <a href="https://commons.com.ua/uk/dodatok-vid-vporyadnika-do-ukrayinsko/">Nachwort zur Broschüre Wer lebt wovon</a> vermittelt Lesja die Ideen des Klassenkampfes, des Internationalismus und der Selbstorganisation der Arbeiter in möglichst zugänglicher Form. Sie entwirft ein Ideal der Selbstorganisation der Arbeiterschaft <em>„von unten“</em> – von der lokalen bis zur internationalen Ebene – das Drahomanows Vorstellung eines <em>„freien Bundes“ </em>bemerkenswert nahekommt. Ebenso anerkannte sie unterschiedliche Methoden im Kampf für die Rechte der Arbeiter: <em>„sei es durch Bitte oder durch Drohung (mehr durch Drohung als durch Bitte) oder durch Verschwörung oder durch die Waffe.“</em> (Ukrajinka 2021).</p>
<p>Vor allem zeigte sich der Einfluss des drahomanowschen Sozialismus in Lesja Ukrajinkas Vorstellungen von der Ethik des politischen Kampfes. Dies wird besonders deutlich in ihrer Reaktion auf den Artikel „Politik und Ethik“ von Mykola Hankewytsch, dem Führer der galizischen USDP. Lesja verwarf die dualistische Sichtweise <em>„entweder Opportunismus oder Fanatismus“</em> und betonte, dass weder eine Partei noch ein einzelner Denker den Anspruch auf absolute Wahrheit erheben könne. Sie suchte einen Weg jenseits dieser Gegenüberstellung, und dabei wiesen ihr die Ideen Drahomanows den Weg: <em>„Zum Glück gibt es noch den Weg des festen, auf Kritik gegründeten Glaubens und des brennenden, unersättlichen Durstes nach weiterer Wahrheit.“</em> (Ukrajinka 2021). Zugleich hielt sie weiterhin am Grundsatz ihres Onkels fest, dass <em>„eine reine Sache reine Hände erfordert“</em>, und sie betrachtete Politik nicht als etwas von Natur aus Unreines. Nicht die Politik verderbe die Menschen, sondern die Menschen verdürben die Politik.</p>
<p>Lesja Ukrajinkas Abneigung gegen Fanatismus und den Anspruch auf absolute Wahrheiten führte zu ihrer Ablehnung des Terrors. Sie betrachtete die Revolution mit Gleichmut und war der Ansicht, dass Massenbewegungen sowohl progressiven als auch reaktionären Zielen dienen können – sie verwies etwa auf die Französische Revolution und den Aufstand in der Vendée. Zwar setzte sie beide Phänomene nicht gleich, doch hielt sie die Niederschlagung der Französischen Revolution für schlimmer als die Niederschlagung des Vendée-Aufstands. Zugleich erkannte sie an, dass der menschliche Fortschritt ungleichmäßig verläuft und intensive revolutionäre Phasen nicht ausschließt (Ukrajinka 2021). Sie war jedoch überzeugt, dass der Terror von seinen Anhängern – sowohl von Revolutionären als auch von Reaktionären – fetischisiert werde, vom <em>„blutrotfingrigen Sanson“ </em>(gemeint ist Charles-Henri Sanson, ein Pariser Scharfrichter unter König Ludwig XVI. und während der Französischen Revolution, der nahezu 3.000 Hinrichtungen vollstreckte; im Dialog zwischen einem Montagnarden und einem Girondisten in Lesja Ukrajinkas „Drei Minuten“ wird er als <em>„rotfingrig“</em> bezeichnet, Anmerkung der Redaktion von Spilne/Commons) bis zu Murawjow dem <em>„Henker“</em> (Michail Murawjow-Wilenski, genannt der <em>„Henker“</em>, war ein russischer Generalgouverneur, der für die brutale Niederschlagung der Aufstände von 1863–1864 in Polen, Belarus, Litauen und Wolhynien verantwortlich war, Anmerkung der Redaktion von Spilne/Commons. <em>„Und wenn es darum geht, die Ethik eines Henkers zu beurteilen, so soll man seine Hinrichtungen beurteilen, nicht seinen Monarchismus, Republikanismus, Aristokratismus, Bürgertum usw.“</em> (Ukrajinka 2021). Lesja Ukrajinka hätte sich weder mit Lew Trotzkij und dessen „Terrorismus und Kommunismus“ (1921) identifiziert noch den Immoralismus Dontsovs akzeptiert.</p>
<p>Sie bezeichnete den Terror als eine entartete Form der Revolution und lehnte ihn aus universalistisch-ethischen Gründen ab. Zugleich war Lesja Ukrajinka weder Pazifistin noch Anhängerin gewaltlosen Widerstands. In einem unvollendeten Entwurf zu ihrem Essay über die Staatsordnung rechtfertigt sie den Einsatz von Gewalt zur Verteidigung der Freiheit gegen Angreifer und betrachtet eine solche Verteidigung nicht als Verletzung der Freiheit irgendeiner Person (Ukrajinka 2021). Eine moralische Gleichsetzung von Opfer und Henker, von Angreifer und Angegriffenem, war ihr völlig fremd.</p>
<h3><strong>Kosmopolitische Ideen, nationale Wurzeln</strong></h3>
<p>Apropos Drahomanows Föderalismus und der Frage der Eigenstaatlichkeit: Lesja Ukrajinkas Auffassungen über das Verhältnis zwischen ukrainischen und russischen Sozialisten unterschieden sich erheblich von dem stereotypen Bild der ukrainischen Linken als russophil – einem Bild, das leider bis heute manche allzu bereitwillig übernehmen. Zunächst einmal stand sie, wie alle engagierten Sozialisten, der russischen zaristischen Autokratie und ihrer repressiven Politik scharf ablehnend gegenüber. Diese Haltung kommt in ihrem Gedicht „Die Stimme einer russischen Gefangenen“ deutlich zum Ausdruck: <em>„Ja, Russland ist riesig – Hunger, Unbildung, Verbrechen, Heuchelei, endlose Tyrannei, und all diese großen Leiden sind riesig, kolossal, grandios.“</em> (Ukrajinka 2021). Aus diesem Grund mochte sie das Vorgehen ukrainischer Revolutionäre, die sich gesamtrussischen Organisationen im Kampf gegen die zaristische Autokratie anschlossen, vielleicht nicht ausdrücklich billigen, doch gewiss verstand sie ihre Motivation. Sie wurden sowohl vom Willen getragen, dem Imperialismus Widerstand zu leisten, als auch von der Enttäuschung über das Fehlen eines aktiven Widerstands innerhalb der ukrainischen Bewegung.</p>
<p>Im Nachwort zu Diksteins Broschüre verwendete Lesja Ukrajinka die Losung <em>„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“</em> Doch sie präzisierte sie: <em>„Vereinigt euch als Freie mit den Freien, als Gleiche mit den Gleichen!“</em> An anderer Stelle der Broschüre fügte sie zudem die folgenden Worte hinzu: <em>„(…) ohne sich in ein fremdes System zu verwandeln und ohne feindlich gegenüber den Arbeitern anderer Nationen zu sein.“</em> (Ukrajinka 2021). Die nationale Frage innerhalb der Sozialdemokratie beschäftigte Lesja vielleicht am meisten, und in einem ihrer Briefe an Pawlyk äußerte sie sogar den Wunsch, einen ausführlichen Aufsatz zu diesem Thema zu verfassen, in dem sie insbesondere den Beziehungen zwischen den ukrainischen, russischen, polnischen und anderen sozialdemokratischen Organisationen besondere Aufmerksamkeit widmen wollte (Brief an Mychajlo Pavlyk, 7. Juni 1899). In ihrer Beurteilung des „Entwurfs des Programms der USP“ deutete sie ein mögliches Format solcher Beziehungen an, das ein föderales Organisationsprinzip für eine gesamtreichsweite Partei vorsah: <em>„Uns scheint, dass eine solche Vereinigung unserer Sache kaum dienlich wäre, und wir würden vielmehr auf natürliche Weise eine gewisse Absonderung wünschen, das heißt eine Teilung in Fraktionen, die den nationalen Gliederungen des russischen Staates eher entsprechen.“</em> (Ukrajinka 2021).</p>
<p>Lesja Ukrajinka betonte die Eigenständigkeit der ukrainischen Organisation gegenüber der russischen und allen anderen, und sie bestand darauf, dass das Bündnis der Sozialdemokraten im Kampf gegen die Autokratie strikt gleichberechtigt sein müsse, ohne Dominanz einer Gruppe über die andere. In ihrer Kommentierung der Initiative der galizischen Zeitung Zoria, Bolschewiki und Menschewiki miteinander zu versöhnen, schrieb sie: <em>„Es ist an der Zeit, den Standpunkt einzunehmen, dass ‘Brudernationen’ lediglich Nachbarn sind, die zwar durch dasselbe Joch verbunden, ihrem Wesen nach jedoch keine identischen Interessen haben. Daher ist es besser, wenn sie wenigstens Seite an Seite agieren, aber jede für sich und ohne sich in die Innenpolitik des Nachbarn einzumischen.“</em> (Brief an Mychajlo Kryvyniuk, 3. März 1903). Darüber hinaus wies Lesja die Vorstellung einer bedingungslosen Zusammenarbeit mit der russischen revolutionären Bewegung zurück. Sie war der Ansicht, dass eine solche Zusammenarbeit nur möglich sei, wenn die russischen Revolutionäre die nationale und kulturelle Eigenart der Ukrainer anerkennen und berücksichtigen würden. Solange dies nicht geschah, hielt sie es für unter ihrer Würde, sich den Russen als Genossin anzudienen. Zugleich erklärte sie sich bereit, Vertreterinnen und Vertreter der russischen revolutionären Emigration bei Übersetzungen zu unterstützen – jedoch nur unter der Bedingung, dass sie als unabhängige Übersetzerin auftreten könne (im selben Brief).</p>
<p>Um das Thema der Nationalität abzurunden: Lesja Ukrajinka kannte die Idee der Eigenstaatlichkeit sehr wohl, betrachtete sie jedoch nicht als Selbstzweck. Für die nähere Zukunft hielt sie es für am angemessensten, ein föderalistisches Programm zu unterstützen – zumindest während des fortdauernden Kampfes gegen die zaristische Autokratie, der nach ihrer Auffassung im Rahmen des gesamten Imperiums und in Zusammenarbeit mit Sozialisten anderer Nationen stattfinden sollte. Sollte sich jedoch die <em>„brüderliche Union“</em> als nicht allzu brüderlich erweisen – das heißt, sollte das Recht des ukrainischen Volkes auf freie Entwicklung innerhalb der neuen Föderation nicht gewährleistet sein – so stellte sich Lesja Ukrajinka einer vollständigen staatlichen Trennung nicht entgegen (Ukrajinka 2021).</p>
<h3><strong>Fazit</strong></h3>
<div id="attachment_7717" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7717" class="wp-image-7717 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka-200x285.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka-210x300.jpg 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka-400x570.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Volodymiyr-Vasylenkos-Illustration-zum-Gedicht-Morgendaemmerungslichter-von-Lesja-Ukrajinka.jpg 561w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /><p id="caption-attachment-7717" class="wp-caption-text">Illustration von Volodymyr Vasylenko zum Gedicht &#8222;Morgendämmerungslichter&#8220; von Lesja Ukrajinka.</p></div>
<p>Lesja Ukrajinkas politische Ansichten wurden stark durch ihren Onkel Mychajlo Drahomanow geprägt, von dem sie vor allem eine kritische Perspektive auf die ukrainische Realität, ein Verständnis für die Bedeutung politischer Tätigkeit und die Fähigkeit lernte, ein Gleichgewicht zwischen nationalen und universalen (<em>„kosmopolitischen“</em>) Werten zu finden. Vorstellungen wie die Aufmerksamkeit für die ethische Dimension des politischen Kampfes – ein Kernbestandteil von Drahomanows Sozialismus –, ein im Europäismus verankertes Weltbild sowie die Geringschätzung nationaler Abschottung blieben für Lesja Ukrajinkas literarisches und politisches Schaffen ihr Leben lang zentral.</p>
<p>Doch bereits zu Lebzeiten ihres Onkels setzte sich Lesja Ukrajinka intensiv mit verschiedenen Strömungen des sozialpolitischen Denkens auseinander, unter denen der Marxismus einen herausragenden Platz einnahm. Sie als überzeugte Marxistin zu bezeichnen, wäre zwar eine Übertreibung, doch übernahm sie zweifellos die Bedeutung des klassenbasierten Ansatzes zur Erklärung gesellschaftlicher Phänomene aus dem Marxismus und wandte ihn auf den ukrainischen Kontext an – von der Analyse zeitgenössischer Politik bis hin zu Fragen der Geschichte und Literatur. Ihr Marxismus war jedoch weder dogmatisch noch rein reformistisch; sie begegnete der Revolution mit ruhiger Unterscheidungsfähigkeit, frei von Fanatismus ebenso wie von Angst.</p>
<p>Natürlich beschränkten sich die Einflüsse, die Lesja Ukrajinkas Weltanschauung prägten, nicht nur auf Drahomanow und Marx. In ihrem Aufsatz „Die Utopie in der Dichtung“ sind deutlich Spuren Friedrich Nietzsches und von Georges Sorels Konzept des revolutionären Mythos zu erkennen. Doch gerade das unterstreicht Lesjas intellektuelle Redlichkeit, ihre umfassende geistige Entwicklung und ihre kritische Urteilskraft – denn sowohl der Marxismus als auch Drahomanows Ideen stellen ihrem Wesen nach gerade solche Qualitäten über unkritische Bewunderung oder Dogmatismus.</p>
<p>Im Kern war Lesja Ukrajinkas politische Philosophie in den Idealen Drahomanows verwurzelt, doch verband sie auf harmonische Weise Marxismus mit dem Hromada-Sozialismus und den ukrainischen nationalen Bestrebungen. Ihre Perspektive zeigt erstens, dass Marxismus und Drahomanows Denken durchaus miteinander vereinbar waren, und zweitens, dass die ukrainische Sozialdemokratie des frühen 20. Jahrhunderts weder ein bloßer Ableger russischer Modelle war noch außerstande, die nationale Frage sinnvoll zu behandeln.</p>
<p>Heute neigen manche Autorinnen und Autoren dazu, die Begeisterung der ukrainischen Intelligenzija für den Sozialismus jener Zeit herunterzuspielen und sie als kurzlebige Mode, als Phase jugendlicher Rebellion oder als Ausdruck vermeintlicher Naivität und Unerfahrenheit sowohl dieser Persönlichkeiten als auch der ukrainischen Bewegung insgesamt darzustellen. Für Lesja Ukrajinka jedoch waren sozialistische Ideale ein Grundpfeiler der Weltkultur – ein Denkrahmen, durch den die ukrainische Wirklichkeit verstanden und zum Besseren verändert werden konnte. Anders als viele heutige Kommentatorinnen und Kommentatoren stellte sie die nationale Identität nicht in Gegensatz zum Sozialismus – weder zu Drahomanows Variante noch zur breiteren sozialdemokratischen Tradition. Diese beiden Lesja so teuren Ideale gegeneinander auszuspielen und das eine zu fördern, während das andere verschwiegen wird, bedeutet, sich von jenen Morgendämmerungslichtern abzuwenden, die Lesja Ukrajinka und ihre gleichgesinnten Zeitgenossen entzündet haben – im Streben nach sozialer wie auch nationaler Befreiung.</p>
<h3><strong>Quellen</strong></h3>
<ul>
<li>Bernstein, Eduard. (1922). Spomyny pro Mychajla Drahomanowa ta Serhiia Podolynskoho [Erinnerungen an Mychajlo Drahomanow und Serhij Podolynskyj]. In <a href="https://elib.nlu.org.ua/view.html?id=8937">Z pochyniv ukraïnskoho sotsiialistychnoho rukhu. Mychajlo Drahomanow i zhenevskyi sotsiialistychyi hurtok (Aus den Anfängen der ukrainischen sozialistischen Bewegung: Mychajlo Drahomanow und der Genfer sozialistische Kreis)]</a> (S. 154–161). (Ukrainisch)</li>
<li>Bilous, Taras. (2017). <a href="https://commons.com.ua/uk/kiyivskij-soyuz-borotbi-za-vizvolennya-robitnichogo-klasu-ta-istoriya-marksizmu-v-rosijskij-imperiyi/">Kyïvskyi “Soiuz borotby za vyzvolennia robitnychoho klasu” ta istoriia marksyzmu v Rosiiskii imperii (Der Kyjiwer „Bund für den Kampf zur Befreiung der Arbeiterklasse“ und die Geschichte des Marxismus im Russischen Imperium]</a>) Spilne / Commons, (11), 51–57. (Ukrainisch)</li>
<li>Dontsov, Dmytro. (1922). Poetka ukraïnskoho risordzhimenta (Dichterin des ukrainischen Risorgimento). (Ukrainisch)</li>
<li>Drahomanow, Mychajlo. (1894). Lysty na Naddnipriansku Ukraïnu (Briefe in die Naddniprjanische Ukraine). Kolomyia. (Ukrainisch)</li>
<li>Drahomanow, Mychajlo. (1923). Nedrukovani lysty M. Drahomanowa do Lesi Ukraïnky (Unveröffentlichte Briefe von M. Drahomanow an Lesja Ukrajinka). Chervonyi shliakh, (4–5), 188–200. (Ukrainisch)</li>
<li>Drai-Khmara, Mychajlo. (1926). Lesja Ukrajinka: zhyttia i tvorchist (Lesja Ukrajinka: Leben und Werk). Kharkiv: Derzhavne vydavnytstvo Ukraïny. (Ukrainisch)</li>
<li>Fedenko, Panas. (1959). Ukraïnskyi rukh u XX stolitti (Die ukrainische Bewegung im 20. Jahrhundert). London. (Ukrainisch)</li>
<li>Fedchenko, Pawlo. (1991). Mychajlo Drahomanow: zhyttia i tvorchist (Mychailo Drahomanow: Leben und Werk). (Ukrainisch)</li>
<li>Holovchenko, Volodymyr. (1996). <a href="http://resource.history.org.ua/item/0009484">Vid “Samostiinoï Ukraïny” do Soiuzu Vyzvolennia Ukraïny: narysy z istoriï ukraïnskoï social-demokratiï pochatku XX st. (Von „Selbstständiger Ukraine“ bis zum Bund für die Befreiung der Ukraine: Essays zur Geschichte der ukrainischen Sozialdemokratie des frühen 20. Jahrhunderts)</a>. Kharkiv. (Ukrainisch)</li>
<li>Hrinchenko, Marija. (1925). Pro malo znanoho (M. V. Kovalevskyi) (Über einen wenig bekannten Gelehrten (M. V. Kovalevskyj)). Ukraina, (6), 120–124. (Ukrainisch)</li>
<li>Kosach-Kryvyniuk, Olha. (1970). Lesja Ukrajinka. Khronolohiia zhyttia i tvorchosty (Lesja Ukrajinka. Chronologie von Leben und Werk). New York. (Ukrainisch)</li>
<li>Kruhlashov, Anatolij. (2000). Drama intelektuala: politychni ideï Mychajla Drahomanowa (Das Drama eines Intellektuellen: Die politischen Ideen Mychajlo Drahomanows). Chernivtsi. (Ukrainisch)</li>
<li>Lavrinenko, Jurij. (1971<a href="https://vpered.wordpress.com/2014/09/08/lavrynenko-ukrainka/">). Ukraïnska sotsial-demokratiia (hrupa USD) i ïï lider Lesja Ukrajinka (Die Ukrainische Sozialdemokratie (USD-Gruppe) und ihre Führerin Lesja Ukrajinka)</a>. Suchasnist, (7/8), 132–150. (Ukrainisch)</li>
<li>Morhun, Oleksandr. (1963). Na provesni to bulo… (Spohady pro Lesiu Ukraïnku) (Es war im frühen Frühjahr… (Erinnerungen an Lesja Ukrajinka). In Vyzvolnyi shliakh, X(XVI), Buch 4, 420–434. (Ukrainisch)</li>
<li>Odarchenko, Petro. (1954). Lesja Ukrajinka i M. P. Drahomaniv. In Lesja Ukrajinka. Zibrannia tvoriv u 12 tt. (Lesja Ukrajinka. Gesammelte Werke in 12 Bänden), Bd. 4 (S. 9–54). New York. (Ukrainisch)</li>
<li>Rudnytsky, Ivan L. (1994). Istorychni ese, Bd. 1 (Historische Essays, Bd. 1). Kyiv. (Ukrainisch)</li>
<li>Tuchapskii, Pawel. (1923). Iz perezhytogo. Devanostye gody (Aus dem Erlebten. Die neunziger Jahre). Odessa. (Russisch)</li>
<li>Tulub, Oleksander. (1929). Ivan Steshenko. Ukraina, (12), 92–104. (Ukrainisch)</li>
<li>Ukrajinka, Lesja. (2021). Zibrannia tvoriv u 14 tt., Bd. 7 (Gesammelte Werke in 14 Bänden, Bd. 7). Kyiv. (Ukrainisch)</li>
<li>Yakovliev, Jurij. (2013). Malovidomi storinky biohrafiï Mykoly Vasylovycha Kovalevskoho (1841–1897 rr.) (Wenig bekannte Seiten der Biographie von Mykola Vasyljovyč Kovalevskyj (1841–1897). Ukraïnska biohrafistyka, (10), 155–177. (Ukrainisch)</li>
<li>Zerov, Mykola. (1990). Lesja Ukrajinka. In Tvory v 2 tt. (Werke in 2 Bänden), Bd. 2, 359–401. Kyiv. (Ukrainisch)</li>
<li>Zhuk, Andrij. (1957). Ukraïnska sotsiialistychna partiia (1900–1904) (Die Ukrainische Sozialistische Partei (1900–1904). In Zbirnyk “Ukraïnskoï literaturnoï hazety 1956” (Sammelband der „Ukrainischen Literaturzeitung 1956“) (S. 214–246). Miunkhen. (Ukrainisch)</li>
</ul>
<p><strong>Mykhailo Liakh</strong>, zurzeit Streitkräfte der Ukraine</p>
<div id="attachment_7715" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7715" class="wp-image-7715 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-300x196.jpg" alt="" width="300" height="196" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-200x130.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-300x196.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-400x261.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-600x391.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-768x501.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-800x522.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-1024x668.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-1200x782.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Mykhailo-Liakh-Foto-privat-1536x1001.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7715" class="wp-caption-text">Mykhailo Liakh. Foto: privat.</p></div>
<p>Mykhailo Liakh trat 2020 in das Promotionsprogramm für Geschichte an <a href="https://www.ukma.edu.ua/eng/">der Nationalen Universität „Kyjiwo-Mohyla-Akademie“</a> ein. Mit Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine im Jahr 2022 brach er das Studium ab und schloss sich den Streitkräften der Ukraine an. Der Artikel wurde erstmals am 2. März 2021 auf <a href="https://commons.com.ua/ru/mizh-dragomanovim-i-marksom-politichne-zhittya-lesi-ukrayinki/">der Website der Zeitschrift „Spilne / Commons“</a> auf Ukrainisch veröffentlicht. Dort ist auch eine <a href="https://commons.com.ua/en/mizh-dragomanovim-i-marksom-politichne-zhittya-lesi-ukrayinki/">englische Version</a> verfügbar. Übersetzung aus dem Ukrainischen ins Deutsche von <strong>Pavlo Shopin</strong>, Drahomanov Universität Kyjiw.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. Dezember 2025. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwischen-drahomanow-und-marx/">Zwischen Drahomanow und Marx</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwischen-drahomanow-und-marx/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>History Matters</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/history-matters/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Jul 2024 04:37:24 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=5021</guid>

					<description><![CDATA[<p>History Matters Ein geschichtspolitischer Diskurs mit der Historikerin Christina Morina „Ein Grund mehr, nachdrücklich in der Debatte, die sich unter den Humanwissenschaften entfaltet, auf die Bedeutung und die Nützlichkeit der Geschichte hinzuweisen, mehr noch auf die Dialektik der Zeit, wie das Metier, die wiederholte Beobachtung des Historikers sie zutage fördert; nichts ist nach unserer  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/history-matters/">History Matters</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>History Matters</strong></h1>
<h2><strong>Ein geschichtspolitischer Diskurs mit der Historikerin Christina Morina</strong></h2>
<p><em>„Ein Grund mehr, nachdrücklich in der Debatte, die sich unter den Humanwissenschaften entfaltet, auf die Bedeutung und die Nützlichkeit der Geschichte hinzuweisen, mehr noch auf die Dialektik der Zeit, wie das Metier, die wiederholte Beobachtung des Historikers sie zutage fördert; nichts ist nach unserer Meinung im Zentrum sozialer Realität bedeutsamer als dieser lebendige, innere, unendlich wiederholte Gegensatz von Augenblick und langsam ablaufender Zeit. Ob es sich um die Vergangenheit handelt oder die Gegenwart, ein klares Bewusstsein dieser Vielzahl sozialer Zeitabläufe ist für eine den Humanwissenschaften gemeinsame Methodologie unentbehrlich.“ </em>(Fernand Braudel, Geschichte und Sozialwissenschaften – Die <em>longue durée</em>, in: Marc Bloch, Fernand Braudel, Lucien Febvre u. a., Schrift und Materie der Geschichte – Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse, hg. von Claudia Honegger, Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1977, französische Originalausgabe Paris 1976)</p>
<p>Geschichte lässt sich aus verschiedenen Perspektiven erzählen. Eigentlich eine Binsenweisheit, aber interessant wird es, wenn diese verschiedenen Perspektiven Gegenstand der historischen Forschung werden und sichtbar machen, was es mit der von Fernand Braudel benannten <em>„Dialektik der Zeit“</em> auf sich hat, dem Verhältnis zwischen dem einzelnen Augenblick, dem einzelnen Ereignis oder Nicht-Ereignis und den Strukturen, Verhältnissen unzähliger Ereignisse im Verlauf eines langen Zeitraums. Dieser Zugang zur Geschichte ist etwas völlig anderes als die von Friedrich Nietzsche als <em>„extremste Form des Nihilismus“</em> kritisierte <em>„ewige Wiederkehr“</em> (zitiert aus dem Nachlass der Achtziger Jahre, Band III der Schlechta-Ausgabe). Erst der Blick auf die <em>„lange Dauer“</em> lässt Unterschiede, Individualitäten erkennen, macht Sinnhaftigkeit sichtbar, die sich eben gerade nicht teleologisch, sondern historisch ableiten lässt und sich immer auf Individuen oder auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen bezieht, die miteinander konkurrieren, mal friedlicher, mal weniger friedlich.</p>
<p><a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=182733552">Christina Morina</a> ist eine der profilierten Historikerinnen, die diese Tradition der Geschichtswissenschaften leben. Sie verbindet die historische Forschung mit Ansätzen der Soziologie, der kognitiven Linguistik, nicht zuletzt in der Auswertung von Quellen, die die unterschiedlichen Ansichten und Wahrnehmungen von Zeitzeug:innen, die sich selbst als Akteure ihrer Zeit in die Entwicklung der Zukunft einbringen möchten und dies auch mehr oder weniger elaboriert schriftlich tun.</p>
<div id="attachment_5022" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5022" class="wp-image-5022 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/07/Christina_Morina-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/07/Christina_Morina-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/07/Christina_Morina-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/07/Christina_Morina-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/07/Christina_Morina-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/07/Christina_Morina.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5022" class="wp-caption-text">WDR Europaforum: Diskutieren? Ignorieren? Differenzieren? Vom zivilgesellschaftlichen Umgang mit Populist:innen und Extremist:innen; <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2024-05-29_Event,_Konferenz,_re-publica_STP_5682_by_Stepro.jpg">Christina Morina, Professorin für Geschichte und Zeitgeschichte</a><br />Universität Bielefeld. Foto: Steffen Prößdorf. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.</p></div>
<p>Christina Morina wurde 1976 in Frankfurt an der Oder geboren. Sie hat bei <a href="https://history.umd.edu/directory/jeffrey-herf">Jeffrey Herf</a> über die unterschiedlichen Positionierungen in Ost- und Westdeutschland zu Stalingrad promoviert („Legacies of Stalingrad“, Cambridge University Press, 2011), bei <a href="https://www.gw.uni-jena.de/fakultaet/historisches-institut/bereiche/seniorprofessur-neuere-und-neueste-geschichte/prof-dr-norbert-frei">Norbert Frei</a> über die Interpretationen der Schriften von Karl Marx durch acht Marxisten und eine Marxistin aus Deutschland, Frankreich und dem russischen Zarenreich habilitiert („Die Erfindung des Marxismus“, München, Siedler, 2017) und im Jahr 2024 zum 35. Jahresjubiläum des Mauerfalls die Wahrnehmung der Ereignisse der von der Transformationszeit zu Beginn der 1990er Jahre Betroffenen ausgewertet (<a href="https://www.perlentaucher.de/buch/christina-morina/tausend-aufbrueche.html">„Tausend Aufbrüche“</a>, München, Siedler, 2023). Ferner veröffentlichte sie mit Norbert Frei, Franka Maubach und Maik Tandler das Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-wir-das-fast-alles-schon-hatten/">„Zur rechten Zeit – Wider die Rückkehr des Nationalismus“</a> (Berlin, Ullstein, 2019) Das Buch „Tausend Aufbrüche“ erhielt 2024 den <a href="https://www.deutscher-sachbuchpreis.de/">Deutschen Sachbuchpreis</a>. Es stand auch schon auf der Shortlist für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse 2024.</p>
<p>Seit 2024 gibt Christina Morina bei Vandenhoek &amp; Ruprecht die Reihe „Vergangene Gegenwart – Debatten zur Zeitgeschichte“ heraus: Band 1 behandelt das Thema „Deutschland und Europa seit 1990“ und enthält Gespräche mit Marianne Birthler, Norbert Frei, Tom Nijhuis und Philipp Ther, Band 2 befasst sich mit „Antisemitismus und Rassismus“ und enthält Texte unter anderem von Stefanie Schüler-Springorum und Teresa Koloma Beck. <a href="https://pub.uni-bielefeld.de/person/182733552">Weitere Publikationen sind auf der Seite der Universität Bielefeld gelistet</a>.</p>
<p>Im Jahr 2018 schrieb Christina Morina mit über 1.100 Kolleg:innen einen <a href="https://duitslandinstituut.nl/assets/upload/onderzoek%20en%20wetenschap%20en%20GK/Anlage%201_Morina%20Offener%20Brief%207.9.2018.pdf">Offenen Brief an den SPD-Parteivorstand</a> gegen die von diesem veranlasste Auflösung der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand. Eine Antwort erhielten die Unterzeichnenden trotz Mahnung nicht.</p>
<h3><strong>Der rote Faden</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht fangen wir mit dem roten Faden Ihrer Forschungsarbeit an.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Der rote Faden meiner Arbeit ist die politische Kulturgeschichte Deutschlands in einem europäischen und globalen Zusammenhang, vom frühen 19. bis ins frühe 21. Jahrhundert. Insbesondere geht es in meinen Forschungen oft um die Frage, wie Biografie, Ideen und Politik miteinander zusammenhängen, wie sich individuelle Erfahrungshorizonte, politische Visionen und politische Praxis gegenseitig beeinflussen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und methodisch?</p>
<p><strong> Christina Morina</strong>: <em>Ich war von Anfang an neugierig auf die historische Semantik, auf die Artikulation von Erfahrungen und Ideen über bestimmte Begriffe, Bilder und Narrative, also die Frage, in welcher Form und mit welchem Ausdruck diese im politischen Raum versprachlicht werden. Mich haben auch immer schon biographische Quellen interessiert, insbesondere Ego-Dokumente, auch Selbstzeugnisse genannt, zuletzt und am intensivsten in „Tausend Aufbrüche“, für das ich tausende von Bürgerbriefen aus Ost- und Westdeutschland seit den 1980er Jahren ausgewertet habe. Ganz aktuell arbeite ich an einem Tagebuchprojekt zum Holocaust in europäischer Perspektive. Mein Bielefelder Team und ich sammeln jüdische und nichtjüdische Tagebüchern, die wir mit hermeneutischen, semantischen und computerlinguistischen Methoden analysieren. Es geht um die Präsenz der Judenverfolgung in diesen kostbaren, einerseits sehr individuellen, aber in gewisser Weise auch sehr sozialen Zeitzeugnissen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihre Methodik erinnert mich ein wenig an die französische Schule der „Annales“, denen es um die Erfassung von Mentalitäten ging. Dieser Ansatz scheint mir auch Ihre Arbeit zu prägen, die Frage, wie Mentalitäten entstehen, warum die Bevölkerung so oder so denkt, welche Kontinuitäten, welche Brüche es gibt, auch über längere Zeiträume.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Es freut mich, dass Sie mich</em><em> so verstehen. Das wurde nicht zuletzt dadurch gefördert, dass man in der deutschen Geschichtswissenschaft noch immer ermutigt, wenn auch nicht mehr gezwungen wird, mit den beiden großen akademischen Qualifikationsarbeiten auf dem Weg zur Professur mindestens zwei Jahrhunderte in den Blick zu nehmen. Die Erkenntnisabstände werden im Alltag immer kürzer, wir vergessen immer schneller, auch die ältere Forschung wird mitunter zu schnell für irrelevant erklärt. Ich bin da vorsichtiger, habe großen Respekt vor dem, was es schon gibt und sehe mich als jemanden, der auf den Schultern von anderen steht. Ich unterrichte momentan hauptsächlich Neuere und Zeitgeschichte und dennoch ist diese nicht ohne einen tiefen Rückblick in das 19. Jahrhundert zu verstehen. Für mich sind die interessantesten Fragen die nach den längeren Linien, oder noch schwieriger nach Kontinuitäten, über die konzeptionell und methodisch immer wieder neu nachgedacht werden muss. Denken Sie beispielsweise an die Frage des sogenannten Vereinigungsrassismus, der um 1990 explodierte: Sicher gab es da Vorläufer im geteilten Deutschland, auf die wird gern und oft verwiesen. Doch genau nachzuzeichnen, wie diese aussahen und nach 1989 konvergierten, ist kein leichtes Unterfangen. Dazu entstehen jetzt erst aussagefähige Forschungsarbeiten. </em></p>
<p><em>Es geht also häufig um Wertewandel und Mentalitätsfragen im Zeitverlauf, auch in meinem neuen Projekt zu den Holocaust-Tagebüchern: Was hielten Menschen für gut und richtig, und wie wandelten sich diese Ansichten und Einstellungen, infolge welcher Erfahrungen, und welche Rolle spielen dabei staatliches Handeln und gesellschaftliche Dynamiken? Das sind fundamentale Fragen nicht nur an vergangene, sondern auch heutige Gesellschaften. Ich habe viele Arbeiten der „Annales“ mit großem Gewinn gelesen, aber mich bislang gar nicht so direkt in dieser Tradition gesehen. Das ist schon interessant, dass Sie meine Arbeiten so einordnen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Schon auf den ersten Seiten von „Tausend Aufbrüche“ formulieren Sie eine meines Erachtens entscheidende Frage für die Analyse auch der heutigen Entwicklungen in Deutschland, nicht nur im Osten, auch mit Wirkungen im Westen: <em>„Wie konnte aus der demokratischen Mobilisierung der Nährboden für eine anti-demokratische Revolte entstehen?“</em></p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Wenn man einmal auf die historische Forschung der letzten Jahrzehnte blickt, haben Fragen nach dem Warum und Woher deutlich an Bedeutung verloren. Dabei halte ich die gewissermaßen klassische Frage, „wie es dazu kommen konnte“, die lange vor allem auf die NS-Zeit und das Jahr 1933 oder auch 1914 bezogen war, für nach wie vor zentral für die historische Forschung. Wir sind etwas scheuer geworden, nach Ursachen und Kausalzusammenhängen zu fragen, verdichtende Beschreibungen, wie beispielsweise Christopher Clarks „Schlafwandler“-Perspektive, gelten mithin als spannender. Ich denke, eine Geschichtswissenschaft mit analytischem Anspruch sollte aber Fragen nach dem Warum und Woher immer wieder neu nachgehen. </em></p>
<p><em>Die Fragen, die ich in „Tausend Aufbrüche“ stelle, sind aus einer sehr aktuellen Lage heraus entstanden. Das Buch ist aktueller als alles, was ich vorher geschrieben habe, zugleich adressierte es eine jahrzehntealte historiografische Herausforderung, nämlich eine integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte zu schreiben. Mir geht es darin auch um vielfach behauptete Kontinuitäten: Warum war und ist die AfD insbesondere in Ostdeutschland so stark? Wo und wie reicht das in die DDR-Zeit zurück? Wie wirken hier ost- und westdeutsche politische Kulturtraditionen zusammen? Welche Erklärungen könnten aus historischer Perspektive der Debatte über den letztlich ja gesamtdeutschen Aufstieg der AfD hinzugefügt werden?</em></p>
<h3><strong>Chiffren deutscher Protestkulturen </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Protestkulturen – so sehe ich zumindest die Struktur des Aufstiegs der AfD, auch wenn nicht alle Wähler:innen dieser Partei als Protestwähler:innen verharmlost werden dürfen – haben Chiffren. Eine solche Chiffre, die zum Aufstieg der Grünen führte, war die Atomkraft. Eine Chiffre der Protestkulturen von rechts ist die Migration. Wo sind da die Kontinuitäten, wo die Brüche?</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Wenn Sie so fragen, fällt mir als Antwort zuerst ein, dass die heutige zentrale Chiffre die Demokratie ist. Das habe ich auch versucht, in „Tausend Aufbrüche“ zu adressieren. Die jüngere deutsche Demokratiegeschichte wurde im Hinblick auf Ostdeutschland sehr verkürzt gesehen. Dabei liegen hier wichtige Erklärungspunkte dafür, dass der Rechtspopulismus in Ostdeutschland eine deutlich größere Zustimmung erfährt. Die dortigen, teils sehr eigensinnigen „Volksdemokratie“-Vorstellungen halte ich für sehr relevant, aber es kommen in gesamtdeutscher Sicht natürlich viele weitere Themen oder Chiffren hinzu. Diese haben Norbert Frei, Franka Maubach, Maik Tändler und ich in dem Buch „Zur rechten Zeit“ dokumentiert. Wir haben argumentiert, dass die Themen Migration, Asyl, Einwanderung immer da waren, aber die Frage, wie sie in der Politik, vor allem in der Regierungspolitik, adressiert wurden, stets auch mit Ausschlag dafür gab, welche Mobilisierungschancen sich damit für rechte Bewegungen verbanden. </em></p>
<p><em>Es gibt einen Zusammenhang zwischen der langen Verweigerung, sich in Deutschland, West wie Ost, als Einwanderungsgesellschaft zu verstehen, und der Mobilisierung von rechts in den 1980er und 1990er Jahren. Auch in der Gegenwart ist höchst relevant, wie eine Regierung Sachfragen adressiert und welche Möglichkeiten zur Polarisierung und verzerrenden Mobilisierung sich daraus von rechts bis nach links ergeben. Einerseits gehört eine gewisse Dynamik in der Auseinandersetzung zwischen Opposition und Regierung zu jeder demokratischen Ordnung. Zugleich birgt aber die gezielte Mobilisation von Chauvinismus, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus, die eine lange Tradition in der deutschen Geschichte hat, enorme Gefahren, vor allem, weil sie stets auf Kosten der Schwächeren in einer Gesellschaft geschieht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Alle äußern sich im Namen der <em>„Demokratie“</em>, aber wenn zwei Leute <em>„Demokratie“</em> sagen, meinen sie noch lange nicht das Gleiche. Anders gesagt: Alle wollen Demokratie, aber wenn es an die Details der Umsetzung im Alltag geht, stellt sich dies dann etwas anders dar. Dann gilt vieles als <em>„undemokratisch“</em>, oft nur, weil es nicht dem eigenen Interesse entspricht.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Absolut. Mit Blick auf den Osten ist es besonders wichtig, genauer auf das jeweilige Demokratieverständnis zu blicken, auf die Erwartungen, die Bürger:innen an das politische System haben und die Vorstellungen, die sie von ihrer persönlichen Rolle in dem System hegen. So kann ein Teil des Erfolgs der AfD dort erklärt werden, denn gewisse, historisch gewachsene direktdemokratische und „Volks“-Vorstellungen spielen für die ostdeutsche Zustimmungslage eine hervorgehobene Rolle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Tausend Aufbrüche“ dokumentieren Sie auch einige Stimmen, die eine direkte Demokratie wünschen, weil sie meinen, dass Ihr Anliegen dann auf jeden Fall eine Mehrheit bekäme. Die AfD bezieht sich immer wieder auf das Schweizer Modell der direkten Demokratie, Volksabstimmungen und Vollversammlungen.</p>
<p><strong>Christiana Morina</strong>: <em>In „Tausend Aufbrüche“ habe ich systematisch untersucht, was Menschen vor und während der Transformation um das Jahr 1989/1990 unter „Demokratie“ verstanden. Man sieht, dass aus der Erfahrung der Diktatur ein sehr dezidiertes Demokratieverständnis entstand, das sehr stark vor allem auf Bürgerbeteiligung setzt, auf direkte Demokratie. Es gibt eine tiefe Skepsis gegen die Verfahren und Institutionen der Parteiendemokratie, die nach der Erfahrung mit dem SED-Regime völlig delegitimiert war. Es ist interessant, dann zu schauen, wie sich diese Vorstellungen und Erwartungen in der 1989er Revolution entfalten, diese mit getrieben und dann kaum Eingang in die bundesrepublikanische Ordnung gefunden haben. Denn diese war und ist eine repräsentativdemokratische Ordnung, für die allerdings dennoch die große Mehrheit der Ostdeutschen gestimmt hat und diese auch bis heute – trotz der vielen Schwierigkeiten – unterstützt. Obwohl die Frage, warum eine signifikante Minderheit die AfD wählt, ein Kernthema des Buches ist, hört es damit nicht auf, sondern betrachtet diese Entwicklung immer wieder auch von der anderen Seite, der der vielen konstruktiven, nachhaltigen und gelungenen „Tausend Aufbrüche“ vieler Ostdeutscher in der Bundesrepublik. Auch diese sind Teil der Geschichte. </em></p>
<p><em>In den Umfragen wird oft nur gefragt, ob man „der Demokratie“ zustimme. Die prinzipiellen Zustimmungswerte sind inzwischen in Ost und West, je nach Umfrage, fast gleich hoch. Wenn man aber genauer fragt, welche Rolle etwa die Opposition hat, ob es mehr plebiszitäre Elemente geben sollte oder ob Notlagen den Einsatz von Gewalt rechtfertigen, sieht man bis heute gewisse Unterschiede. In Ostdeutschland gibt es teilweise eine weniger liberale Haltung, zum Beispiel ist man eher bereit, die Rechte der Opposition einzuschränken, wenn es eine Notlage gibt, und auch die Zustimmung zu autoritären Lösungen ist höher. Man könnte und sollte in der Demoskopie mehr differenzieren und auch nach spezifischen Demokratiemerkmalen fragen, um der Sache besser auf den Grund zu kommen. Was hören und imaginieren die Leute eigentlich, wenn AfD-Politiker sich selbst als die „wahren“ Demokraten bezeichnen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei dem Thema nationale Notlagen möchte ich noch einmal einhaken. Ich hatte den Eindruck, dass man in Ostdeutschland viel energischer gegen die Maßnahmen zur Prävention gegen Corona argumentierte, aber vielleicht war dieser Eindruck auch nur ein Ergebnis der Medienberichterstattung? Traditionelle esoterische und der Naturheilkunde zugeneigte Milieus, die sich eher bei den Grünen zu Hause sahen, wandten sich genauso heftig gegen Lockdown, Masken und Impfpflicht, nicht zuletzt im baden-württembergischen Milieu.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Gut, dass Sie nachfragen. Die Umfrage, die ich eben nannte, kommt aus den frühen 1990er Jahren. Allensbach hatte damals als eines der wenigen Institute detaillierter die Merkmale der Demokratie abgefragt (</em><a href="https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110951509/html"><em>veröffentlicht im Band 9 des Jahrbuchs</em></a><em>, in meinem Buch habe ich auch darauf verwiesen). Welche Rolle sollten Militär und staatliche Gewalt haben, wie weit reichen die Rechte der Opposition? Da gab es eine deutliche höhere Zustimmung zur Aufhebung oder Beschränkung der Rechte der Opposition im Namen eines höheren Nations- oder Volksinteresses. Dahinter steckt auch die dort stärker verbreitete Vorstellung, dass es in der Gesellschaft überhaupt so etwas wie einen einheitlichen „Volkswillen“ gibt – auch eine Spätfolge der SED-Propaganda. Ende der 2010er Jahre kam nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie ein weiterer Faktor hinzu, der ebenso seine historische Verwurzelung hat: die Institutionsskepsis und damit einhergehend die höhere Ablehnung der staatlich empfohlenen Impfungen. Und das in einer Region, in der es zur DDR-Zeit durchgehend hohe Impfquoten gab, Impfungen als selbstverständlich galten. Die Impfskepsis im Osten hatte meiner Ansicht nach weniger mit Gesundheitsfragen zu tun, als mit der dort stärker verbreiteten Parteienverdrossenheit und eben auch einer ausgeprägteren Institutionen- und Staatsskepsis.</em></p>
<h3><strong>Konsens- oder Streitkultur oder beides?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zitierten an einer Stelle der „Tausend Aufbrüche“ mit einem Rückgriff auf Martin Sabrow Begriff der <em>„Konsensdiktatur“</em> (in: Der Konkurs der Konsensdiktatur, in: Konrad H. Jarausch / Martin Sabrow, Weg in den Untergang, Göttingen, Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 1999) – Konrad H. Jarausch spitzte dies mit dem Begriff der <em><a href="https://docupedia.de/zg/Jarausch_fuersorgediktatur_v2_de_2023#cite_ref-ftn18_18-0">„Fürsorgediktatur“</a></em> zu – und beschreiben, wie abstoßend und wirkmächtig diese Herrschaftsform für Ostdeutsche zugleich gewesen ist, sagen aber auch, dass der Begriff so zentral war, dass es nicht verwundert, dass <em>„Konsens“</em> im <em>„Volke“</em> als Ideal oder Folie auch nach 1990 noch eine große Rolle spielte. Ein Gegenbild schilderte mir ein Freund, der sich bei der Linken engagiert, er sagte mir einmal, in den Nachfolgeparteien der SED, beginnend mit der PDS, habe man nicht mehr eine einheitliche Parteimeinung akzeptieren wollen. Daher streite man sich bis heute ständig über alles und jedes und das markierten Kommentator:innen dann als Manko. Parteien sollen sich offenbar nicht streiten, Regierungen mit einer Stimme sprechen, der Streitbegriff ist negativ belegt.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Streitkultur und Wertschätzung für die Fähigkeit einer Gesellschaft, Konflikte offen und zugleich friedlich auszutragen, gehören zum Wesenskern einer Demokratie. Interessen sind nicht gleich, Verschiedenheit ist Alltag, weshalb die Fähigkeit, Konflikte effektiv zu lösen, von fundamentaler Bedeutung ist. Das ist das eine. Ostdeutschland ist zugleich natürlich eine sehr konfliktreiche und immer noch – nun auch in der zweiten Generation – transformationserschöpfte Gesellschaft. Die dritte Ebene ist die Erfahrung des 20. Jahrhunderts mit seinen Diktaturen, den unterschiedlichen Vorstellungen einer radikal harmonisierten „arischen“ Volks- oder „sozialistischen“ Menschengemeinschaft, die Einheitsparteien und Regierungen vertraten und durchzusetzen versucht haben, und zwar unter jeweils recht großer Beteiligung der Bevölkerung. Die Idee und teils realisierte Praxis der konsensualen „Volksherrschaft“ wirken nach, weshalb sich nach der doppelten „Konsensdiktatur“-Erfahrung im Osten 1990 viele die Demokratie vor allem als Konsensdemokratie vorstellen wollten. In den 1990er Jahren richteten sich Politikvorstellungen an dem Ideal aus, Politik müsse ein hohes Maß an gesellschaftlicher Harmonie schaffen und sichern, das zieht sich teils bis in die Gegenwart fort. Als gute Regierung gilt eine, die in ständiger Übereinstimmung mit der Bevölkerung regiert, und auch hier spielt die Vorstellung, es gäbe so etwas wie eine einheitliche Volksmeinung eine wichtige Rolle.</em></p>
<p><em>Das ist natürlich widersprüchlich, denn Ostdeutschland ist zugleich vielerorts noch polarisierter als der Westen. Ich sehe darin einen Zusammenhang, denn eine solche Harmoniebedürftigkeit, diese Sehnsucht nach Konsens kollidiert mitunter mit der Notwendigkeit, Probleme und Konflikte zu lösen. Wenn der Wert von Konflikten und die Kunst des konstruktiven Streitens nicht hoch genug eingeschätzt wird und folglich auch nicht gut eingeübt ist, dann verwundert es kaum, dass man gerade in schwierigen Konfliktlagen, etwa infolge des vermehrten Zuzugs von Geflüchteten in den Jahren ab 2015, besonders schlecht darauf vorbereitet ist, diese zu meistern. Das macht die Lage wiederum nur noch schlimmer, und es entsteht eine Art Teufelskreis.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieses Harmoniebedürfnis ist auch medial vermittelt und meines Erachtens ein Grund dafür, dass Regierungen, eben zurzeit die sogenannte <em>„Ampel“</em> ein so schlechtes Image haben.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Das zeigt, dass es nicht nur ein ostdeutsches Thema ist, sondern dass eine plurale Parteiendemokratie immer zwischen zwei Polen changiert. Einerseits braucht man den Streit, andererseits Aushandlungsprozesse, die auf einen Konsens hinauslaufen sollten, um Entscheidungen überhaupt treffen zu können und Dinge zu verändern. Entscheidend sind aber nicht nur die Verfahren, sondern damit verbunden immer auch die Art und Weise, wie Konflikte ausgetragen werden, also nicht zuletzt das Management, die führende Moderation von Konflikten. Und da muss jede Regierung ihre Tauglichkeit immer wieder neu unter Beweis stellen. </em></p>
<h3><strong>Aufbruchpotenziale rund um das Jahr 1990</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurück zum Jahr 1990. Sie haben eine Fülle von sehr persönlichen Dokumenten ausgewertet. Oft hatte ich den Eindruck, dass sich manches, das damals formuliert wurde, heute zugespitzt hat. Gibt es da so etwas wie eine lineare Entwicklung?</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>In den ausgewerteten Zeugnissen sieht man länger geprägte Vorstellungen davon, wie „der Staat“ funktioniert, wie das Verhältnis von Bürger und Staat gedacht wird, welche Aufgaben ihm zugeschrieben werden, welche Rolle Bürger:innen selbst darin einnehmen wollen, was ihnen Gemeinschaft bedeutet, auch im Unterschied zu Gesellschaft. Ich verbinde meine Analyse mit den Ergebnissen der demoskopischen und sozialwissenschaftlichen Forschung. So zeigt sich, dass die gewachsenen Wertevorstellungen in Ostdeutschland anders aussehen als in Westdeutschland, nehmen Sie beispielsweise das Verständnis beziehungsweise die Gewichtung von Gleichheit und Freiheit, da kann man schon längere Linien ziehen. Aber diese Kontinuitäten reichen als Erklärung für die heutige Lage nicht aus. Ich halte nichts von einspurig-linearen oder gar teleologischen Argumentationen, die vermeintlich direkte Pfade von der Geschichte in die Gegenwart ziehen. Man kann einige Ursachen für die heutige Lage schon in der Geschichte finden, aber zugleich würde ich nicht sagen, dass alles genau so vorgezeichnet war.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Neigung linear zu argumentieren ist verführerisch. Die Weimarer Verfassung enthielt viele gute Dinge, es gab eine Menge demokratischer Entwicklungen, aber Weimar wird viel zu oft vom Ende her erzählt, so nach dem Motto, es musste ja so kommen. Vielleicht haben wir auch bei unserem Blick auf die Transformationszeit der frühen 1990er Jahre viele Ansätze ignoriert, die wir hätten pflegen können und sollen und erzählen den Vereinigungsprozess ausgehend von den Entwicklungen, die scheiterten.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Nicht zu vergessen ist in diesem Kontext die deutsch-deutsche Dimension. Ich fand es interessant und essentiell, auch den westdeutschen Reformdiskurs mit zu erzählen. Zum Beispiel gab es westdeutsche Stimmen, die um 1989/90 herum auch die eigene Ordnung für reformbedürftig hielten. Da wurde etwa, leicht polemisch, aber doch mit einem ernsten Kern, gefragt: Wer hat eigentlich bei uns im Westen das Gesetz des Marktes erlassen? Warum gibt es eigentlich bei uns keine Runden Tische? Die bundesdeutsche Ordnung sei auch keine perfekte, das wäre doch jetzt eine Gelegenheit, das zusammenzudenken und gemeinsam eine gerechtere, bessere Ordnung zu schaffen! In diesen Jahren steckt also eine Menge gemeinsamer Erfahrungen und ein geteiltes demokratiepolitisches Aufbruchspotenzial, ein Aspekt, der heute fast ganz vergessen ist. Es ist viel erreicht, wenn die historische Forschung so etwas sichtbar macht. Was dann daraus gefolgt ist und was vielleicht auch noch für heute daraus folgen sollte, das sind eigene Fragen. </em></p>
<h3><strong>Der öffentliche Umgang mit Geschichte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem <a href="https://www.cambridge.org/core/books/legacies-of-stalingrad/4A9C6A681A15D2ACB4E0071C239A6182">Stalingrad-Buch</a> ist es Ihnen gelungen zu zeigen, wie in Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Mythen rund um Stalingrad entstanden, sich verfestigten und die öffentlichen Diskurse bestimmten. Die Erkenntnisse haben sie auch <a href="https://www.vr-elibrary.de/doi/abs/10.13109/gege.2008.34.2.252?journalCode=gege">in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft“ zusammengefasst</a>. Das Buch ist jetzt fast 20 Jahre alt, aber es ist aus meiner Sicht nach wie vor ein wichtiger Beitrag zu dem zurzeit wieder hoch brisanten Thema der Erinnerungskultur. Der Beauftragten für Kultur und Medien ist es 2024 nicht gelungen, ein zustimmungsfähiges Konzept vorzulegen. Nach heftigen Protesten hat sie es erst einmal zurückgezogen. Da fehlte einfach der rote Faden, es war ein – so muss ich es sagen – fantasie- und empathieloses, rein additives Konzept ohne jede Prioritätensetzung. Daneben gibt es – ich denke nicht nur an Gaulands Äußerungen zu der angeblich 1.000 Jahre erfolgreichen deutschen Geschichte – auch immer wieder Versuche einer Rehabilitation der Vergangenheit bis hin zu einer Re-Heroisierung der Wehrmacht. Der jetzt vom Bundestag beschlossene Veteranentag könnte sehr schnell missbraucht werden.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Es ist eine unabgeschlossene Geschichte. In dem Buch habe ich eine geteilte, im Grunde über Kreuz liegende politisch-kulturelle Geschichte, die Auseinandersetzungsgeschichte mit dem Krieg gegen die Sowjetunion und insbesondere der Schlacht von Stalingrad erzählt. Im letzten Kapitel schaue ich auch in die 1990er Jahre: Es gab dann schon so etwas wie einen kritischen Konsens in der Wissenschaft, in der Politik, verbunden mit einer Anerkennung gegenüber Russland bis hin zum Gipfelpunkt der Erinnerungs- und Gedenkpolitik, als Bundeskanzler Gerhard Schröder an der Gedenkfeier zum 9. Mai 2005 in Moskau teilnahm. Eine durchaus progressive Entwicklung. Nach und nach setzte sich also eine genuin kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Wehrmacht bis hin zum individuellen Soldaten und seiner Verantwortung durch. </em></p>
<p><em>Aber dieser Erkenntnisfortschritt und öffentliche Bewusstseinsgewinn sind keineswegs gesichert. Der Blick auf die Geschichte verändert sich von Generation zu Generation, manchmal auch schneller, das gehört in einer pluralen Demokratie und Geschichtskultur dazu. Zugleich halte ich die grundsätzlich kritisch-abgrenzende Sicht auf die NS-Zeit und die damit verbundenen Verbrechen, allen voran die Shoah und den Vernichtungskrieg gegen Ost- und Südosteuropa, für unverzichtbar. Nicht im Sinne eines Dogmas, wie heute auch gern mal von links behauptet wird, sondern gewissermaßen eines historisch-normativen Grundgesetzes der Bundesrepublik als Nachfolgestaat des „Dritten Reiches“. Diese Position wird in den letzten Jahren immer stärker und unverhohlener vor allem von rechts in Frage gestellt, von Leuten, die offen für einen faschistischen Politikstil und entsprechende -inhalte werben und teils aufgewärmte, teils neu formulierte völkisch-hypernationalistische Ideen vertreten, um gerade junge Männer anzusprechen. Dies geschieht in den letzten Jahren im rechten und extremrechten Feld, also im Umfeld der AfD, der Identitären und weiteren Netzwerken der Neuen Rechten, zunehmend systematisch. Das jahrzehntelange, hochpolitische Ringen um die „Legacies of Stalingrad“ ist wichtiger Teil der Vorgeschichte der jetzigen Entwicklungen. Denn, wie gesagt: Das ist kein abgeschlossenes Kapitel.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie beziehen sich immer wieder auf Jürgen Habermas und seine <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/1997/april/ueber-den-oeffentlichen-gebrauch-der-historie">Analyse des öffentlichen Gebrauchs von Geschichte</a>.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Habermas‘ Denken ist für mich zentral, es hat mir immer wieder die entscheidenden analytischen Perspektiven, Stichwörter und Fluchtpunkte für die Arbeit gegeben, von „Legacies of Stalingrad“ bis hin zu „Tausend Aufbrüche“. Bei Letzterem hatte ich den „Witz des Republikanismus“ von Beginn an im Kopf, von dem Habermas am 7. Mai 1995 in der Frankfurter Paulskirche unter der Überschrift </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/juergen-habermas-die-normalitaet-einer-berliner-republik-t-9783518119679"><em>„1989 im Schatten von 1945“</em></a><em> sprach. Ich zitiere das zu Beginn des Fazits von „Tausend Aufbrüche“. Weit über die Idee des Verfassungspatriotismus hinaus hat mich Habermas‘ Sicht auf die ausdifferenzierte, postnationale Gesellschaft und die Möglichkeiten ihrer Integration über ein republikanisches Ethos und eine republikanische Praxis stark geprägt. Und er hat schon vor Jahrzehnten als Philosoph und Soziologe die treffendste Formulierung gefunden, um das zu beschreiben, worum es meistens geht, wenn von „Erinnerungskultur“ die Rede ist: um den öffentlichen Gebrauch von und den öffentlichen Umgang mit Geschichte.</em></p>
<p><em>In „Legacies of Stalingrad“ habe ich mich vor allem mit Bezügen zum sogenannten Krieg an der Ostfront in der politischen Elite befasst, deren Mitglieder ja fast alle persönliche Kriegserfahrungen hatten. Es ist sehr erhellend zu sehen, wie sich in Ost- und Westdeutschland die sehr unterschiedliche individuelle Kriegsbeteiligung, einschließlich der Beteiligung am Widerstand, auf das öffentliche Sprechen dieser Amtsträger über diesen Krieg nach 1945 auswirkte. Am Ende geht es um die Frage, wie individuelle Biografien, (Gewalt-)Politik und gesellschaftlicher Wandel zusammenhängen – abhängig und auch unabhängig vom politischen System, das wir dabei jeweils in den Blick nehmen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das dürfte sich bei Ihrer Untersuchung der Holocaust-Tagebücher fortsetzen. Worum geht es bei dieser Untersuchung? Um die Opfer oder um die Täter oder um beide?</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Wir untersuchen in diesem Vorhaben europäisch vergleichend die Präsenz der Judenverfolgung in jüdischen und nicht-jüdischen Tagebüchern von circa 1930 bis circa 1950, also deren sprachlichen Ausdruck in Zeugnissen der Opfer und der sogenannten Mehrheitsgesellschaft oder auch „Bystander“. Dabei spielen die zeitgenössischen Vokabeln für die damit einhergehenden Gewalterfahrungen und gegenseitigen Menschen- und Gruppenzuschreibungen eine zentrale Rolle. Wir lesen jüdische Tagebücher in ihrem Blick auf die Mehrheitsgesellschaft, und andersherum nichtjüdische Tagebücher auf Bezüge zu Bystandern; diese sind auch und gerade dann von Interesse, wenn es darin explizit nicht um die Judenverfolgung geht. Uns interessiert, wie Antisemitismus, anti-jüdische Maßnahmen und Gewalt in diesen Selbstzeugnissen zu unterschiedlichen Zeitpunkten vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg einen sprachlichen Niederschlag fanden – oder auch nicht oder nur implizit. Ich arbeite in meinem Teilprojekt an einer deutsch-niederländischen Vergleichsstudie, eine Anordnung, die meines Erachtens besonders aussagekräftig ist.</em></p>
<h3><strong>Die Verbindung von Ideen und Politik (Jeffrey Herf)</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihren Büchern gefällt mir, dass Sie den Gegenstand immer sehr konkret untersuchen und beschreiben. Das gilt auch für Ihr Marxismusbuch, Ihre Habilschrift. Sie haben neun verschiedene Rezipienten, acht Männer und, eine Frau untersucht, die alle ihre eigene Version des Marxismus hatten, diese auch aus einem Gefühl ableiteten, etwas Gutes für die Zukunft, mehr Gerechtigkeit zu schaffen.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Was ich tue, ist eigentlich eine ureigene historische Herangehensweise, nämlich zu schauen, wie etwas in die Welt gekommen ist. Der Marxismus ist ja nicht von Marx, und auch nicht von Engels in irgendeinem dezidierten Sinne erfunden oder gegründet worden. Er entstand aus einer transnational sich entfaltenden Hingabebewegung einer Handvoll recht bemerkenswerter Intellektueller, für die Marx‘ Texte – und oft auch Marx als Person – intellektuell und emotional wichtig waren. Er prägte und inspirierte nicht nur ihr Denken, sondern auch ihr Handeln. Ich zeichne in dem Buch die diversen Aneignungen, Übersetzungen und Weiterführungen in unterschiedlichen nationalen Settings nach und mache so gewissermaßen den Erfindungsprozess des Marxismus als politischer Weltanschauungsbewegung sichtbar. Es ging auch hier letztlich um die Verbindung von Biografie, Ideen und Politik. Jeffrey Herf war nicht unmittelbar an meiner Habilschrift beteiligt. Aber mittelbar schon. Bei ihm habe ich während meines PhD-Studiums gelernt: ideas matter in politics – und wie wichtig es ist zu verstehen, auf welche Weise sie das tun. Das ist der Leitgedanke und die analytische Leitfrage in seinem für mich mit am wichtigsten Buch, „Divided Memory – The Nazi Past in the Two Germanys“ </em>(<em>Harvard University Press, 2013). </em></p>
<p><em>Im Grunde erlaubt eine in diesem Sinne historisierende Sicht auf Marx und den Marxismus eine ganz andere, ich möchte behaupten post-ideologische Auseinandersetzung. Es geht also nicht um Marxologie. Es geht nicht darum, ob Marx recht hatte, oder ob der Marxismus Lenins überhaupt Marxismus war, sondern um die Frage, wie, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen seine Ideen und Theorien in seiner Zeit und durch nachfolgende Generationen aufgenommen, weitergedacht und ins Werk gesetzt wurden. Man kann sich der Demokratie übrigens in ganz ähnlicher Weise nähern, als historisch wandelbarer Idee und Praxis. Menschen verstehen darunter ganz Unterschiedliches, in verschiedenen Zusammenhängen, in verschiedenen Zeiten. </em></p>
<p><em>Ich werbe bei meinen Studierenden regelmäßig für die Erkenntnispotentiale einer in diesem Sinne historischen Auseinandersetzung mit manchmal wirklich, manchmal nur vermeintlich rein aktuellen Problemen. Geschichte schafft Abstand zum je Eigenen, und in der Distanz zum Gegenstand entsteht die Möglichkeit, ihn besser zur verstehen. Übers Historisieren kann man sich also vielen ermüdenden, oberflächlichen oder rein ideologischen Diskussionen produktiv entziehen und einen echten, also auch theoretisch weiterführenden Erkenntnisgewinn erreichen. So ging es, salopp formuliert, in „Die Erfindung des Marxismus“ letztlich um die Frage, wie Revolutionäre ticken. </em></p>
<p><a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/zur-aktualitaet-von-karl-marx-6-nicht-vergoettern-und-nicht-100.html"><em>Ich habe einmal mit Robert Habeck im Radio über diese Frage sprechen dürfen</em></a><em>. Anlass war Marx‘ 200. Geburtstag und das Buch, aber gesprochen haben wir vor allem darüber, was politisches Engagement eigentlich antreibt und politische Bewegungen erfolgreich macht. Habeck war nie Marxist, aber er konnte sich in diese Frage sehr gut hineindenken, in die Sozialisationsperspektive des Buches, in der ich das Hineinwachsen in (marxistische) Politik als eine Art tertiäre Sozialisation beschreibe. Das machte die Studie anschlussfähig und relevant für die Gegenwart. Im Gespräch mit Habeck, der damals noch in der Opposition war, ging es wiederum um das Verhältnis von Biografie, Ideen und Politik, aber eben nun mit Blick auf sein politisches Engagement. Und die Gegenwart und Zukunft politischer Parteien vom Standpunkt des frühen 21. Jahrhunderts aus betrachtet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Habeck ist aus meiner Sicht einer der wenigen Politiker, die sich mit philosophischen Fragen befassen – er hat ja auch unter anderem Philosophie studiert – und ihr Tun reflektieren.</p>
<p><strong>Christina Morina</strong>: <em>Ja, er war in keiner Weise verschlossen, im Gegenteil: das war eine erstaunlich offene und nachdenkliche Begegnung. Habeck ist ein Ausnahmepolitiker, der sich sehr für das sprachliche Fundament und die philosophische Dimension von Politik interessiert. Ob das Fluch oder Segen für seine weitere politische Laufbahn ist, wird sich zeigen. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2024, Internetzugriffe zuletzt am 22. Juli 2024. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-1989-1104-437,_Berlin,_Demonstration_am_4._November.jpg">Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz vom 4. November 1989</a>, Foto: Bernd Settnik, Bundesarchiv Bild 183-1989-1104-437, Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 de</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/history-matters/">History Matters</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sowjetische Protokolle</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 08 Jun 2024 04:48:27 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=4863</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Protokolle der Weisen aus Moskau Echos des sowjetischen Antizionismus „Although the Western left does not endorse the Protocols (of the Elders of Zion, MH), it has fervently embraced a softer version that depicts Israel as a major symbol of the evils of world imperialism. The radical anti-Zionist left, in particular, often portrays Israel  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/">Sowjetische Protokolle</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Die Protokolle der Weisen aus Moskau</strong></h1>
<h2><strong>Echos des sowjetischen Antizionismus</strong></h2>
<p><em>„Although the Western left does not endorse the Protocols</em> (of the Elders of Zion, MH)<em>, it has fervently embraced a softer version that depicts Israel as a major symbol of the evils of world imperialism. The radical anti-Zionist left, in particular, often portrays Israel as the product of a diabolical criminal conspiracy whose dimensions are global.” </em>(Robert S. Wistrich, 2015)</p>
<p>Mit „The Soviet Protocols“ überschreibt 1985 der Historiker Robert S. Wistrich (1945-2015) sein Kapitel über die antithetischen Naturen von Nationalsozialismus und Stalinismus: Geeint im Staatsterrorismus und angetrieben vom jeweiligen Verschwörungswahn. Sein Standardwerk (deutsch 1987) <em>„Der antisemitische Wahn“</em> beschreibt die <em>„Fortexistenz eines radikalen und mörderischen Antisemitismus über das Ende der NS-Herrschaft hinaus</em>.<em>“</em> Der <em>Mythos des „jüdischen Nazismus“</em>, einer wirkmächtigen ideologischen Leitfigur der Sowjetunion, sei nur ein Spiegelbild des Hitlerschen <em>„jüdischen Bolschewismus“</em>.</p>
<p>In einem seiner letzten Artikel <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/23739770.2015.1037579">„The Anti-Zionist Mythology of the Left“</a>, der 2015 erschien, fügt er hinzu, die postkoloniale Linke klammere sich emotional an die <em>„Sache Palästina“</em>, der Antizionismus werde zum Magneten, ohne dass dieser Glaube länger eine Verankerung in den realen geopolitischen, historischen oder kulturellen Kontexten des Nahen Osten habe. Intellektuelle Integrität und vernünftiges Denken werde ersetzt durch <em>„anti-rassistische</em> <em>Anmaßungen</em>“. Ein ideologischer Mechanismus, wie er auch nach dem 7. Oktober 2023 und im Krieg in Gaza wieder in Gang gesetzt wurde.</p>
<p>Was sind die Gründe für diesen anti-zionistischen, antisemitischen Ausdruck der damaligen und heutigen internationalen Linken? Bei Analysen der Hasscamps an US-Universitäten und der Ausbrüche pro-palästinensischer Aktivisten hierzulande werden die Beweggründe oftmals in den postkolonialen Urtexten und deren Rezeption an westlichen Universitäten vermutet.</p>
<h3><strong>Es lebe der Kommunismus</strong></h3>
<p>Allerdings gibt es eine Quelle, die in Deutschland bisher selten als solche anerkannt wurde. In der Rücksicht auf die alte Bundesrepublik galt es lange als wenig wahrscheinlich, prägende Einflüsse sowjetischer Wissenschaft, sowjetischer Erzählungen, auf westliche Intellektuelle anzunehmen. Es könne wohl nicht sein, dass gebildete Journalisten, Schriftsteller, Professoren, politische Aktivisten der vermeintlich simplen Propaganda der Sowjets aufgesessen wären. Bekanntlich zeigte jedoch der Beginn der 1980er Jahre im Umfeld von Friedens- und Sicherheitspolitik, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vergifteter-frieden/">wie schnell und aktiv sowjetische Narrative in den politischen Öffentlichkeiten umgesetzt wurden</a>, die – Mehrheiten vorausgesetzt – zum Austritt der Bundesrepublik aus der NATO hätten führen können. Neuerdings gibt es einige jüngere Äußerungen zu diesem Thema, zum Beispiel ein Artikel der Berliner Schriftstellerin Mirna Funk (Jg. 1981) <a href="https://www.welt.de/kultur/plus251290476/Stalins-Luegen-Anti-Zionismus-Wer-wie-ich-aus-der-DDR-kommt-kennt-das.html">in der Welt Anfang  2024</a>, in dem es um den sowjetischen Anti-Zionismus geht, den sie aus der DDR nur zu gut kennt. Üblicherweise jedoch, exemplarisch in der aktuellen Arbeit von Wolfgang Kraushaar (Jg. 1948) „Israel: Hamas – Gaza – Palästina“ (Hamburg 2024), der entsprechend seiner jahrzehntelangen, verdienstvollen Recherche zum radikal-linken <em>„Judenknax“</em> eine Tradition um den Antisemiten Dieter Kunzelmann (1939-2018) immer wieder beschrieben hat.</p>
<p>Fraglich bleibt, ob und warum sich im Westen deutsche Linksradikale nur aus sich selbst heraus judenhassend ideologisch ausgerichtet hätten. Auch bei der historischen Erklärung heutigen postkolonial angetriebenen Israelhasses kommen die einstigen sowjetischen Theorieküchen, die Orient-Institute der sowjetischen Akademie der Wissenschaften, die Kampagnen des KGB oder des ZK-Apparates der KPdSU kaum vor. Als hätten die palästinensischen Urväter postkolonialer Bewegungen, wie zum Beispiel Edward Said (1935-2003) in einer separierten Welt gelebt, in der die sowjetische Politik in Theorie und Praxis nicht vorkam. Als hätten gerade die judenhassenden arabischen Nationalbewegungen ohne die sowjetische Araberpolitik, ohne deren theoretische und praktische Aufrüstung der arabischen Regime und Terrorbanden überhaupt weltpolitisch relevant sein können.</p>
<h3><strong>Осторожно: сионизм! (Vorsicht: Zionismus!)]</strong></h3>
<p>Nach der Niederlage im Sechs-Tage-Krieg wird in Moskau ein Programm umgesetzt, um gegen Israel in die ideologische Vorhand zu kommen. Israel soll als lebendiger Ausdruck, als <em>„Speerspitze“</em> der Weltverschwörung des Imperialismus angeprangert werden, der Zionismus als dessen rückwärtsgewandte Ideologie. Von<em> „ideologischer Entlarvung und Zerschlagung des Zionismus“</em> ist in Zeitschriftenartikeln bereits 1968 die Rede. Während sich jedoch der moderne Antisemitismus bei Linken nach 1945 als Antizionismus tarnt (Jean Améry). In der Sowjetunion war dieses Programm im Wortsinn ein anti-zionistisches Programm. Gepaart mit einer neuen Wahnvorstellung von der Allmacht und weltweiten, dämonischen Vernetzung <em>der</em> Juden – und damit antisemitisch.</p>
<div id="attachment_4866" style="width: 248px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4866" class="wp-image-4866 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-238x300.jpg" alt="" width="238" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-200x252.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-238x300.jpg 238w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-400x505.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-600x757.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-768x969.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-800x1009.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-812x1024.jpg 812w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-1200x1514.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d-1218x1536.jpg 1218w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/csm_Abbildung-3_a1d4cb2f7d.jpg 1500w" sizes="(max-width: 238px) 100vw, 238px" /><p id="caption-attachment-4866" class="wp-caption-text">Foto: Michael Hänel.</p></div>
<p>Der Historiker Leon Poliakov (Lew Poljakow 1910-1997) verweist in seiner Schrift „Von Moskau nach Beirut“ (Original 1983; dt. 2022) auf die Unterdrückung jüdischen Lebens in der Sowjetunion als Teil der atheistischen Propaganda. Bereits 1964, so Poliakov habe ein F.S. Maiatski ein ganzes Buch mit Darstellungen zur Unterdrückung der Araber durch die reichen Juden gefüllt. Gemeint ist das Buch Ф.С. Маяцкий Современный иудаизм и сионизм (Feodosij S. Majazkij, „Gegenwärtiger Judaismus und der Zionismus“), erschienen 1964 in Kischinjow, der heutigen Hauptstadt der Republik Moldova: Chișinău.</p>
<p>In diesem Buch ist das Diktum gesetzt, der Zionismus sei nichts anderes als eine gefährliche nationalistische Herrschaftsideologie: <em>„Der (jüdische) Nationalismus entspricht den Wünschen der jüdischen Bourgeoisie. Um ihre Position zu erhalten und zu festigen, nutzte sie die Gefühle (der Unterdrückten) und schuf, mit der Unterstützung der Bourgeoisie anderer Länder, eine bourgeois-nationalistische Ideologie, die gemeinhin bekannt ist als Zionismus.“ </em>Und den gelte es zu bekämpfen. Denn die Heimat der sowjetischen Juden sei die Sowjetunion, die gerade den Kommunismus aufbauen würde. Und ganz und gar nicht das „<em>rückschrittliche, bürgerliche Israel</em>.<em>“</em></p>
<h3><strong>Des Pudels Kern: „antijüdischer Marxismus“ (Paul Arnsberg)</strong></h3>
<p>Zeitgenössischen Kritikern des sowjetischen Antizionismus war die lange Tradition des Antizionismus in der kommunistischen Bewegung nach 1917 aufgefallen. Er war ein Wesenszug, ein Integrationsmoment für Theorie und Praxis der Sowjetmacht und für seine Anhänger in Osteuropa und in der DDR: die marxistische Annahme dieser jüdischen Weltverschwörung. Einer linken Variante der „Protokolle der Weisen von Zion“, die nach der aktuellen Forschungslage vom zaristischen Geheimdienst, der Ochrana, in die Welt gebracht wurden und auf die sich heute unter anderem die Hamas in ihrer Charta beruft.</p>
<p>Trotzdem ist es in Deutschland vielfach verschüttet, Erklärungsansätze des linken Antizionismus in der marxistischen Theorie selbst zu verorten, möglicherweise dies aufgrund der nach 1990 nur eher marginal gepflegten Kritik des Marxismus-Leninismus sowjetischer Provenienz liegen. Anders in den USA. Neben Jeffrey Herf hat die US-Historikerin Izabella Tabarovsky, geboren 1970 in der Sowjetunion, immer wieder auf die Folgen dieses „<em>Kultes des Antizionismus“</em> für heutige progressive Bewegungen hingewiesen (zuletzt in <a href="https://quillette.com/2024/01/11/the-language-of-soviet-propaganda/">„The Language of Soviet Propaganda – Progressive anti-Zionism and the poisonous legacy of Cold War Hatred“</a>).</p>
<p>Auch schon vor dem Jahr 1967 war das Zusammendenken von marxistischer Theorie mit linkem Judenhass durchaus auch in Deutschland vertreten. So nahm sich der Historiker und Journalist Paul Arnsberg (1899-1978) dieses Themas am 10. März 1963 in einer Sendung des Südwestfunks zum Thema <a href="https://www.youtube.com/watch?v=54Oq1CzEQnc">„In der Sowjetunion praktiziert – der antijüdische Marxismus“</a> an.</p>
<p>In seinem Radiovortrag schildert Arnsberg die Gründe der zeitgenössischen Unterdrückung des Judentums in der Sowjetunion: <em>„Das alles ist nicht marxistischer Antisemitismus, sondern antijüdischer Marxismus, begründet in der teuflischen Irrlehre des Karl Marx über das Judentum</em>.<em>“</em> Der Autor wirft Marx vor, dass dieser vor allem in seiner Schrift <em>„Zur Judenfrage“</em> (1843) <em>„irrtümlich Kapital und Judentum identifiziert“.</em> Demnach seien für Marx <em>„Judentum und Bourgeoisie Synonyme</em>.<em>“</em> Folglich erklärt Arnsberg die Gründe für die Ablehnung des Judentums und des Zionismus in der Sowjetunion in der Theorie selbst. <em>„Das jüdische Geisteselement wird abgelehnt, weil es der Schablone einer alles gleichmachenden radikalen kommunistischen Integration widerstrebt.“</em> Der Ton mag in manchen Ohren polemisch klingen, aber das ändert an der Tatsache nichts, wie in der sowjetischen Nomenklatura das Judentum gesehen wurde.</p>
<h3><strong>Сионистский заговор (Zionistische Verschwörung)</strong></h3>
<p>Der auch im Westen (englische Fassung 1970) bekannte Sammelband <em>„Vorsicht Zionismus!“ </em>(Moskau Verlag Politizdat 1969) ist nur der bekannteste Programmtext der anti-zionistischen Kampagne. Autor war der Historiker Juri S. Iwanow (1930-1978), Mitarbeiter der internationalen Abteilung des ZK der KPdSU und beteiligt an der späteren Implementierung der UN-Resolution 3379 gegen den Zionismus. Während der Judenhass in der sowjetischen Ideologie bereits vor 1969 virulent war, ist er nicht nur außenpolitisch in Sachen Unterstützung der arabischen Nationalbewegungen von Belang.  Die Juden in Israel störten die sowjetische Außenpolitik im Nahen Osten, sagt der israelische Diplomat Gideon Rafael (1913-1999). 1991 fragte er seine sowjetischen Kollegen, welches Motiv dieser so verbissene Kampf gegen das kleine Land Israel hatte. Sie gingen, so <a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/staatsfeind-israel-antisemitismus-in-der-ddr-swr2-wissen-2020-10-02-100.html">Rafael rückblickend</a>, mit den Arabern ein taktisches Bündnis ein, um zweitens <em>„uns wegen unserer Proteste gegen die sowjetische Behandlung der Juden loszuwerden</em>.<em>“</em></p>
<p>Es waren nicht abstruse Hirngespinste einer abseitigen Propaganda-Abteilung, die ihren rasenden Antisemitismus auslebte. Es ging vielmehr um die Grundlegung praktischer Politik der Sowjetunion und ihrer Verbündeten nach außen und nach innen. Waren es doch die Jahre des Schocks für die Machtelite um den seit 1964 herrschenden KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew (1906-1982). Herausgefordert vom winzigen Land Israel und dessen Sieg im Sechs-Tage-Krieg (1967). Genervt von Oppositionellen und Literaten, nicht selten Juden, die ihre Kritik am Machtsystem Sowjetunion, an der Zerstörung der Umwelt im Lande, an der Unterdrückung der Demokratie nicht mehr zurückhalten.</p>
<p>Es sollte und musste im Wertegerüst der sowjetischen Machthaber zudem ein Schatz gesichert werden, ein theoretischer, geistiger Schatz. Es ging um den Exportschlager der Sowjetunion schlechthin. Die <em>„wahre“</em> Welterklärungslehre Marxismus-Leninismus, die gerade in den Breschnew-Jahren Millionen junger Menschen in Ost und West begeistert und kulturell ausrichtet. Die theoretischen Schablonen der marxistisch-leninistischen Theorie formen nicht weniger als die praktische Politik der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Handlungen des Unterdrückungsapparates und die Ausgestaltung des Lagersystems. Eine auf Nuklearwaffen setzende aggressive Außenpolitik des Landes, die Zensurvorschriften im Inneren, die Verfolgung von als Feinden angesehenen Bürgern dieses Landes, nur weil diese verborgen oder offen die Einhaltung demokratischer Prinzipien forderten oder wie jüdische Aktivisten einfach nur das Land verlassen wollten. Weder Israel als Staat noch der Wunsch von Tausenden Juden die Sowjetunion, das vermeintliche <em>„Paradies der Werktätigen“</em>, verlassen zu wollen, passt in die marxistisch-leninistische Theorie.</p>
<p>1963 brachte Paul Arnsberg diesen Mechanismus auf den Punkt: <em>„Gegebenheiten des geistigen Lebens haben, dem historischen Materialismus zu entsprechen, der ja gesetzmäßig nachweist, wie alles sein muss und warum alles so kommen musste. Und wenn die Tatsachen dieser behaupteten Gesetzmäßigkeit widersprechen, dann umso schlimmer für die Tatsachen.“</em></p>
<p>Mitte Dezember 1971 in Moskau: Eine Tagung gibt den Ton vor, wie künftig und einheitlich mit dem Problem Zionismus im, wie man damals sagte, ideologischen Kampf umzugehen ist. Wissenschaftler, Propagandisten und Parteiarbeiter aus sozialistischen Staaten Osteuropas, darunter aus der DDR und der einladenden Sowjetunion kommen in den großen Saal der „Universität für Völkerfreundschaft“ im Zentrum der Stadt zusammen. Zur internationalen Konferenz „Der Rassismus – die Ideologie des Imperialismus und der Feind des gesellschaftlichen Fortschritts“. Das Ostberliner SED-Blatt „Neues Deutschland“ schreibt dazu am 23. Dezember 1971, die Konferenz habe nicht nur <em>„verschiedene Erscheinungsformen des Rassismus in der Nahostpolitik Israels analysiert“</em>, vielmehr sei nachgewiesen worden, dass Rassismus organisch mit den Grundproblemen der Entwicklung in der Gegenwart verbunden sei, im <em>Kampf gegen den Imperialismus</em>.<em>“</em> <em>„Imperialismus“</em> meinte in der Welt des sowjetischen und des DDR-Marxismus-Leninismus der 1970er Jahre nicht etwa die militärische, wirtschaftliche (Eroberungen!) und politische Expansion (Schaffung von Einflusssphären) rivalisierender Imperien, wie etwa den japanischen Imperialismus der 1930er Jahre oder den sowjetischen Imperialismus nach 1945. Vielmehr wurde dogmatisch vom Gründervater Lenin übernommen, was dieser in seiner Schrift „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ (zuerst veröffentlicht in Petrograd 1917) festgestellt hatte. Nach Lenin ist der <em>„Imperialismus“</em> nichts anderes <em>„als das höchste und letzte Stadium in der Entwicklung des Monopolkapitalismus“</em> überhaupt. Folgerichtig spendet der Autor Lenin in seinem Vorwort zur deutschen und französischen Erstausgabe dieser Schrift am 6. Juli 1920 den Unterdrückten der Welt die Hoffnung auf die sicher kommende Verheißung:<em> „Der Imperialismus ist der Vorabend der sozialen Revolution des Proletariats. Das hat sich seit 1917 im Weltmaßstab bestätigt.“ </em></p>
<p>Diese Position wird dann unter Stalin kanonisiert und gilt 1971 unverändert als <em>„wahr“</em>. Von den deutschen Teilnehmern der Rassismus-Tagung ist Protest gegen die folgerichtige Einordnung des jüdischen Staates als einem „<em>imperialistischen, rassistischen Staat“</em> nicht überliefert. DDR-Teilnehmer waren u.a. die Professoren Gerhard Brehme (1928-2007) und Klaus Hutschenreuter (1933–1987) von der Leipziger Karl-Marx-Universität und Horst Klett (1928–2017) von der Potsdamer Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft. Mehr noch: Der Doyen der DDR-Orientwissenschaft, <a href="https://haenel.blog/wp-content/uploads/2023/09/artikel-jena-produktion-200722-final-mh.pdf">Martin Robbe</a> (1932-2013), Leiter der Orientforschung am Institut für allgemeine Geschichte der DDR-Akademie der Wissenschaften, schreibt ein paar Jahre später ganz im Stile dieser Lenin-Theologie in seinem Standardwerk zu Israel <em>„Scheidewege in Nahost“ </em>(Berlin/Ost 1982): <em>„Alle revolutionären Bewegungen, zu denen die nationale Befreiungsbewegung gehört, fließen objektiv zu einem gewaltigen Strom zur Neugestaltung der Welt zusammen. Der Befreiungskampf der Araber, der die Unterstützung anderer revolutionärer Kräfte, vor allem der sozialistischen Staaten, hatte und hat, wurde in der zionistischen Politik, hinter der imperialistische Mächte standen und stehen, mit dem Versuch konfrontiert, die alten Verhältnisse der sozialen und nationalen Ausbeutung und Unterdrückung aufrechtzuerhalten.</em></p>
<h3><strong>Eskalation: Zionismus ist Rassismus! </strong></h3>
<div id="attachment_4864" style="width: 236px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4864" class="wp-image-4864 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-226x300.jpg" alt="" width="226" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-200x265.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-226x300.jpg 226w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-400x530.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-600x795.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-768x1017.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-773x1024.jpg 773w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-800x1060.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-1160x1536.jpg 1160w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-1200x1590.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Rasism-Buch-Cover-1971-Moskau-1546x2048.jpg 1546w" sizes="(max-width: 226px) 100vw, 226px" /><p id="caption-attachment-4864" class="wp-caption-text">Foto: Michael Hänel.</p></div>
<p>In diesem strikt leninistischen Tenor hält auch einer der führenden Parteiwissenschaftler das Einführungsreferat der Moskauer Tagung 1971 unter der Überschrift „Der Marxismus gegen den Rassismus“. Pjotr Fedosejew (1908-1990) ist Akademiemitglied und Leiter des einflussreichen Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der KPdSU. 1973 wird Fedosejew zu den Akademiemitgliedern gehören, die Sacharow in einem offenen Brief in der Prawda als <em>„Agent der feindlichen Propaganda“</em> anprangerten. Das macht Sacharow in der Sowjetunion zum Vogelfreien. Bereits im Eröffnungsvortrag geht es Fedosejew um die Anklage von Rassismus in Israel. <em>„Für die Herrscher Israels sind Rassismus und Chauvinismus Werkzeuge der Eroberung, des Raubes und der Unterdrückung der Werktätigen. Die Araber, die seit vielen Jahren in Israel leben und die Araber in den von Tel Aviv besetzten Gebieten. sind Opfer einer abscheulichen Praxis der nationalen Versklavung, Massenterror und Verfolgung. Die Sowjetunion, die den Grundsätzen der Freiheit und Unabhängigkeit der Völker treu ist, stand und steht an der Seite der arabischen Länder in ihrem Kampf gegen den Imperialismus. </em>(Quelle: Расизм – идеология империализма, врагобщественного прогресса: сборник докладовконференции, состоявщейся 14. &#8211; 16.12. 1971 года в Москве; Verlag Nauka Moskau 1973.)</p>
<p>Jahre vor der berüchtigten Resolution 3379 der UN-Vollversammlung „Zionismus ist Rassismus“ (1975) wird hier die Erzählung vom <em>rassistischen zionistischen Gebilde</em> gesetzt, der bei den arabischen Kampfgenossen der Sowjetunion auf fruchtbaren Boden fällt. Dort war bereits in den 1960er Jahren eine politische Literatur entstanden, die Zionismus und NS-Ideologie als einander ähnlich, nationalistisch und rassistisch beschrieben. Auf zahlreiche arabische Quellen gestützt, dokumentiert Edmond Cao-van-Hoa (Zionismus und Nationalsozialismus – Vergleiche bei arabischen Autoren, Universität Hamburg 1986) unter anderem mit einem Zitat von M. K. al-Dasuqi (Kairo 1968) die Zielrichtung der Dämonisierung Israel als <em>„Bedrohung für den Weltfrieden“</em>, den Zionismus als <em>„rassistische Ideologie“</em>: <em>„Der internationale Zionismus stützt sich bei der Verwirklichung seiner Pläne zur Erlangung der Weltherrschaft auf Aggression und Expansion, so wie der Nazismus sich auf Rüstung und Aggression gegen seine europäischen Nachbarn gestützt hat.“</em></p>
<p>Der Boden ist also bereitet, um in der Sowjetunion den Wahn einer zionistischen (Welt-) Verschwörung mittels leninistischer Theorie zu verbreiten. Auf der Moskauer Tagung 1971 spricht Galina Nikitina (1924-1982) von der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, zum Thema „Militanter Zionismus als Ideologie und Praxis der herrschenden Kreise Israels“ (Original: Воинствующий сионизм &#8211; идеология и практика правящих кругов Израиля). Bereits seit den 1950er Jahren hatte Nikitina ein antizionistisches Propaganda-Netzwerk geknüpft. Der Linguist und Historiker Gennady Estraikh (Jg. 1952) erachtet Nikitina als diejenige, die eine ganze Schule an sowjetischen Antizionisten ins Leben rief und die im Nahen Osten gehört wurde.</p>
<p>Galina Nikitina spricht am ersten Tag der Konferenz 1971. Mit der Staatsgründung sei die Ideologie des Zionismus in Israel an die Macht gelangt. Wörtlich: „<em>In Israel kam eine große jüdische Bourgeoisie an die Macht, die eine Agentur des internationalen Zionismus und des Monopolkapitals ist.“ So wurde auf dem Gebiet des ehemaligen Palästinas eine lange vorbereitete imperialistisch-zionistische Verschwörung realisiert. Seine Verwirklichung wurde dank der Unterstützung der USA im Kampf um den UN-Beschluss über die Teilung Palästinas möglich. Alle Mittel wurden eingesetzt, um die Gründung eines palästinensisch-arabischen Staates zu verhindern.“ </em>(Nur zur Erinnerung: 1948 hatte die Sowjetunion in der UNO noch für einen Staat Israel gestimmt und ließ anschließend über die CSSR Israel für den Unabhängigkeitskrieg liefern.) Da war sie wieder, die jüdische Weltverschwörung. Diesmal in Gestalt der „<em>imperialistisch-zionistischen Verschwörung“</em> gegen den Menschheitsfortschritt, sprich gegen den Sowjetsozialismus. In den 1970er Jahren wird so eine leicht handhabbare ideologische Kampagne realisiert, die gleichzeitig Israel <u>und</u> die Juden im eigenen Land in Schach halten und zudem die vermeintliche Überlegenheit der marxistisch-leninistischen <em>Theorie</em> für alles erweisen soll.</p>
<p>Die neue Wahnvorstellung gelangt über die antikolonialen Nationalbewegungen in der arabischen Welt in Umlauf, vermischt sich mir den arabischen Übersetzungen des Urtextes antijüdischer Verschwörungserzählungen, insbesondere den „Protokollen der Weisen von Zion“, zu einem Gebräu der Wahnvorstellung einer jüdisch-kapitalistischen Weltverschwörung. Als Integrationsmoment späterer post-kolonialer Befreiungstheorien wird dieser Wahn ins politische Denken heutiger linker Bewegungen reimportiert, weltweit. Dass diese Schablone ein so langes Leben haben würde, gar über 50 Jahre später von jungen Studenten an den Gazakrieg Israels im Jahr 2024 angelegt würde, hätten wohl selbst die geistigen Führer des sowjetischen Sozialismus nicht für möglich gehalten.</p>
<p>Am 10. November 1975 wird die Resolution 3379 der UN-Generalversammlung angenommen, wonach der Zionismus als „<em>eine Form von Rassismus und Rassendiskriminierung anzusehen ist“</em>. Die Sowjetunion und die DDR stimmen zu, die alte Bundesrepublik und die USA dagegen. Andrej Sacharow, der Träger des Friedensnobelpreises 1975, kritisiert bereits Tage nach der Abstimmung, dass diese Resolution den Zielen der UN widerspreche und Antisemitismus damit in vielen Ländern gestärkt würde. Und genauso kam es.</p>
<h3><strong>Stalins spätes Erbe</strong></h3>
<p>Der sowjetische Zeichner Schozef Efimowskij (1930-2019) setzt in seinem Plakat „Zionismus ist Rassismus“ (1976) einen durch Israel geknechteten Araber ins Bild. Im Untertext erklärt dieses Plakat das <em>„Wesen des Rassismus:</em> <em>Unterdrückung, Erniedrigung, Grausamkeit, Krieg.“ </em> Die Moskauer Tagung von 1971 hatte den  Boden bereitet. Kontinuierlich lebte darin der Judenhass der stäten Stalinjahre fort. In der Sowjetunion hatte nur der Tod Stalins im März 1953 die weitere Verfolgung der sowjetischen Juden verhindert, die als <em>„Ärzteverschwörung“</em> in die Geschichte jüdischen Lebens einging.</p>
<p>Und auch die handelnden Personen waren vielfach dieselben wie vor 1953. Der sowjetische Staatsphilosoph Mark Mitin (1901-1987), seit 1939 führender Funktionär im Theorie- und Zensurapparat der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion, hielt auf der Moskauer Rassismus-Konferenz den Vortrag „Der Zionismus – eine Abart des Rassismus und Chauvinismus<em>“</em>. Er wurde in der Prawda am 18. Dezember 1971 abgedruckt, das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ druckt die Übersetzung fünf Tage später. Eigentlich hieß der Autor Mordko Gerschkowitsch, geboren in eine jüdische Arbeiterfamilie im Sommer 1901 im ukrainischen Schytomyr. Schnell steigt der junge Kommunist im Funktionärsapparat auf, wird wie viele seiner Generation glühender Anhänger Stalins. In den 1930er Jahren ist er inzwischen als führender Staatsphilosoph an der Denunziation und persönlichen Verfolgung einer an europäischen Denktraditionen orientierten philosophisch-marxistischen Strömung um Abram Deborin (1881-1963) beteiligt. Diese Kampagne führt nicht zuletzt zur Verankerung strikt stalinistischen Denkens in der Sowjetunion ab 1930. Für die Analyse von historischen oder gesellschaftlichen Phänomenen genügte seither, die Realität an den Wahrheiten der Klassiker-Schriften Marx/Lenin/Stalin auszurichten, um die vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten der Theorie in der Realität zu finden. Nicht anders wird nach 1948 und nach 1967 mit dem Phänomen Israel verfahren.</p>
<div id="attachment_4868" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4868" class="wp-image-4868 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Mitin-Artikel-1971-ND-nur-Bild-300x156.jpg" alt="" width="300" height="156" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Mitin-Artikel-1971-ND-nur-Bild-200x104.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Mitin-Artikel-1971-ND-nur-Bild-300x156.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Mitin-Artikel-1971-ND-nur-Bild-400x208.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Mitin-Artikel-1971-ND-nur-Bild-600x312.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Mitin-Artikel-1971-ND-nur-Bild-700x365.jpg 700w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Mitin-Artikel-1971-ND-nur-Bild.jpg 702w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-4868" class="wp-caption-text">Foto: Michael Hänel.</p></div>
<p>Mitin selbst überlebt die Jahre des Großen Terrors und ist im Februar 1953 wieder zur Stelle, als es um die theoretische Begründung einer weiteren Bedrohungsvision Stalins geht. Diesmal zur Abwehr einer vermeintlichen jüdisch-zionistischen Weltverschwörung. Zahlreiche Schauprozesse und Verfolgungen jüdischen Lebens erfolgen in den Jahren 1948-1953. <em>„Zeuge Orenstein enthüllt ‚Morgenthau-Acheson-Plan‘“</em> schreibt das SED-Zentralorgan Neues Deutschland am 29. November 1952. Ohne Skrupel beschreibt damit eine deutsche Zeitung aus Berlin an diesem Tag, sieben Jahre nach der Shoah, einen angeblichen Plan der Juden, gemeinsam mit den USA, die Weltherrschaft zu erlangen. Ende 1947 wäre ein solcher Plan in Washington von Truman, Ben Gurion und eben von Außenminister Acheson und dem jüdischen Finanzpolitiker Morgenthau erdacht worden. Ziel Nummer eins: der Sturz des Sozialismus in der Sowjetunion und in den neuen Ostblockländern. Es stellte sich später heraus: Alles nur erfunden, erlogen und durch Folter erzwungene Aussagen im Zuge des Prager Slánský-Prozesses. In Polen hatte die Kampagne Monate zuvor mit antijüdischen Pogromen begonnen und setzten sich mit den Slánský-Schauprozessen in Prag fort. Obwohl alles erlogen war: die Erzählung von der jüdischen Weltverschwörung ist wieder in der Welt. Diesmal erschaffen von der kommunistischen Seite.</p>
<p>Eine Wahnidee, die nach dem 7. Oktober 2023 von vermeintlich progressiver <em>„Israelkritik“</em> wieder vorgebracht wird. Selbst die Bezichtigung Israels als <em>„Apartheid Staat“</em>, als Produkt eines <em>„Siedlerkolonialismus“</em>, sogar der offene Vernichtungsantisemitismus, Israel als <em>„zionistisches Gebilde“</em> oder <em>„zionistisches Regime“</em> zu delegitimieren. All dies ist nur das Erbe der weltweit agierenden Wissenschaftsprogaganda der Sowjetunion. Über deren palästinensische und syrische Kampfgenossen erreichten die sowjetischen Erzählungen Rezipienten in Westeuropa, besonders im Westen Deutschlands. <a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/antisemitismus-in-der-deutschen-linken-unterschaetzter-judenhass-102.html">Re-importiert auch nach 1969 durch linksradikale Aktivisten und über KGB/Stasi-Tarnorganisationen</a>.</p>
<p>All diese Narrative“, all diese Glaubenssätze, all dieser Ungeist erleben heute im linken Kulturbetrieb, in pro-palästinensischen Netzwerken, auf Demos nach dem 7. Oktober, in Redaktionen und in einigen Studiengängen zu Diversität und Migration eine integritätsschaffende Auferstehung. Als Code der Gemeinsamkeit, ohne die Herkunft dieser antijüdischen Verschwörungserzählung, auch nur zu kennen. Die Historikerin Shulamit Volkov (Jg. 1942) hat in ihrem Werk immer wieder auf den Antisemitismus als <em>„kulturellem Code“</em> verwiesen, als Eintrittskarte <em>„to the camp of anti-Imperialism, anti-Colonialism and a new sort of anti-Capitalism</em>.“ Es wäre lohnend darüber nachzudenken, ob diese Eintrittskarten nicht doch einst massenhaft im Moskau der 1970er Jahre gedruckt wurden.</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<p>Jean Améry, Der neue Antisemitismus (zum Thema 1969-1978), Neuausgabe, Verlag Cotta, Stuttgart 2024.</p>
<p>Jens Benicke, <a href="https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/benicke-leninisten/">Leninisten mit Knarren – War die Rote-Armee-Fraktion nur eine bewaffnete K-Gruppe?</a> (Vortrag 2008).</p>
<p>Edmond Cao-Van-Hoa, Zionismus und Nationalsozialismus – Vergleiche bei arabischen Autoren. (M.A. Arbeit, deutsch, französisch, arabisch, unveröffentlicht, 91 Seiten), Universität Hamburg 1986.</p>
<p>Gennady Estraikh, Jews in the Soviet Union, Vol. 5, After Stalin, New York 2022.</p>
<p>Mirna Funk, <a href="https://www.welt.de/kultur/plus251290476/Stalins-Luegen-Anti-Zionismus-Wer-wie-ich-aus-der-DDR-kommt-kennt-das.html">Anti-Zionismus? Wer wie ich aus der DDR kommt, kennt das</a>, in: Welt+ 3. 5. 2024.</p>
<p>Jan Gerber, Ein Prozess in Prag. Das Volk gegen Rudolf Slánský und Genossen, Verlag Vandenhoeck &amp; Ruprecht, Göttingen 2017.</p>
<p>Michael Hänel, <a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/staatsfeind-israel-antisemitismus-in-der-ddr-swr2-wissen-2020-10-02-100.html">Antisemitismus in der DDR – Staatsfeind Israel</a>, in: SWR2 (heute SWR Kultur), Erstsendung 2. Oktober 2020.</p>
<p>Michael Hänel, <a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/antisemitismus-in-der-deutschen-linken-unterschaetzter-judenhass-102.html">Antisemitismus in der deutschen Linken – Unterschätzter Judenhass</a>; in: SWR2 (heute SWR Kultur) 29. September 2022:</p>
<p>Kampfansage an den Zionismus, (übers.) Zeitschrift Mezhdunarodnaya zhizn&#8216; (Internationales Leben), Moskau Nr. 6/1968.</p>
<p>Olaf Kistenmacher, Arbeit und „jüdisches Kapital“ – Antisemitische Aussagen in der KPD-Tageszeitung Die Rote Fahne während der Weimarer Republik, Edition Lumière Bremen 2016.</p>
<p>Ephraim Kholmyansky: The Voice of Silence: The Story of the Jewish Underground in the USSR, Verlag Academic Studies Press, Boston 2021.</p>
<p>William Korey. Andrey Sakharov – the Soviet Jewish Perspective, In: Soviet Jewish Affairs, Nr. 3, 1986.</p>
<p>Yuli Kosharovsky, We Are Jews Again – Jewish Activism in the Soviet Union, Syracuse (NY), Verlag Syracuse University Press, 2017.</p>
<p>Wolfgang Kraushaar, Israel: Hamas – Gaza – Palästina, Hamburg, Europäische Verlagsanstalt, 2024.</p>
<p>Расизм &#8211; идеология империализма, врагобщественного прогресса : (сборник докладовконференции, состоявщейся 14. &#8211; 16.12.1971 года в Москве) / Rasizm &#8211; ideologija imperializma, vragobščestvennogo progressa: (sbornik dokladovkonferencii, sostojavščejsja 14. &#8211; 16.12.1971 goda v Moskve).</p>
<p>Sakharov and the Jews, in: The Jewish Press, December 5, 1975.</p>
<p>Izabella Tabarovsky, <a href="https://quillette.com/2024/01/11/the-language-of-soviet-propaganda/">The Language of Soviet Propaganda – Progressive anti-Zionism and the poisonous legacy of Cold War Hatred</a>, in: Quillette, 2024.</p>
<p>Shulamit Volkov, Interpreting Antisemitism – Studies and Essays on the German Case, Berlin, Boston, De Gruyter, 2023.</p>
<p>Robert Wistrich, Der antisemitische Wahn. Von Hitler bis zum Heiligen Krieg gegen Israel, München, Verlag Max Hueber,1987.</p>
<p><strong>Michael Hänel</strong>, Kiel</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2024, Internetzugriffe zuletzt am 2. Juni 2024, Titelbild: Hans Peter Schaefer, Bilder im Text wurden von Michael Hänel zur Verfügung gestellt.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/">Sowjetische Protokolle</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Jenseits des Kapitalismus</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-des-kapitalismus/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-des-kapitalismus/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Sep 2023 15:27:27 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=3799</guid>

					<description><![CDATA[<p>Jenseits des Kapitalismus Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Politik „Die Alternative zum System ist weder die Rückkehr zur Hauswirtschaft und Dorfautarkie noch die integrale und geplante Vergesellschaftung sämtlicher Tätigkeiten. Sie besteht im Gegenteil in der maximalen Verringerung der von jedermann zu leistenden notwendigen Arbeit, sie möge uns gefallen oder nicht und in der maximalen Ausdehnung  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-des-kapitalismus/">Jenseits des Kapitalismus</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Jenseits des Kapitalismus</strong></h1>
<h2><strong>Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Politik</strong></h2>
<p><em>„Die Alternative zum System ist weder die Rückkehr zur Hauswirtschaft und Dorfautarkie noch die integrale und geplante Vergesellschaftung sämtlicher Tätigkeiten. Sie besteht im Gegenteil in der maximalen Verringerung der von jedermann zu leistenden notwendigen Arbeit, sie möge uns gefallen oder nicht und in der maximalen Ausdehnung der autonomen kollektiven und / oder individuellen Aktivitäten, die ihr Ziel in sich selber haben.“ </em>(André Gorz, Abschied vom Proletariat: jenseits des Sozialismus, Frankfurt am Main, Europäische Verlagsanstalt, 1980, übersetzt aus der 1980 in Paris bei Editions Galilée erschienen französischen Originalausgabe von Heinz Abosch)</p>
<p>Im Jahr 1972 erschien das Manifest des Club of Rome <a href="https://www.library.dartmouth.edu/digital/digital-collections/limits-growth">„Die Grenzen des Wachstums“</a> (englischer Titel: „The Limits To Growth)“. Der Bericht machte Furore, es gibt inzwischen mehrere Updates und zahlreiche internationale Konferenzen und Dokumente, in denen sich die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen mehr oder weniger (un-)verbindlich verpflichteten, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zu verhindern oder gar zu beenden. Dies ist die eine Seite, die andere ist die theoretische Beschäftigung mit den inzwischen deutlich spürbaren Konsequenzen der ökologischen Veränderungen für den Umgang mit der kapitalistischen Verfasstheit von Staat und Gesellschaft, nicht nur im sogenannten „Westen“, sondern auch in den Ländern, in denen Regierungen von sich behaupte(te)n, sie hätten einen anderen Weg gewählt, den sie mitunter auch <em>„Sozialismus“</em> oder gar <em>„Kommunismus“</em> nannten, obwohl sie letztlich doch einem mehr oder weniger zumindest in der Praxis kapitalistisch definierten Modell folgen.</p>
<p>André Gorz ist einer der Theoretiker, die bereits Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre versuchten, marxistisch inspirierte Theorie und kapitalistische Praxis im Kontext zu analysieren. Er sah die Gefahr und die zu erwartenden Vorbehalte und Widerstände, die schon alleine in dem Versuch lagen: <em>„Der Gedanke, dass Produktion und Konsumtion an den Bedürfnissen der Menschen orientiert werden könnten, ist seiner Implikationen wegen politisch subversiv.“</em> Die entscheidende Frage in einer Welt, die sich mit ihrem Glaubensbekenntnis zum Wachstum zu zerstören droht, lautet: <em>„Wie ersetzt man ein auf maximaler Vergeudung beruhendes Wirtschaftssystem durch eins, das auf minimale Vergeudung aus ist?“</em></p>
<h3><strong>Hat der Kapitalismus sich zu Tode gesiegt?</strong></h3>
<p>In letzter Zeit häufen sich Bücher und Aufsätze, die den „Kapitalismus“ grundsätzlich in Frage stellen. Ulrike Hermann, ausgebildete Bankkauffrau und Wirtschaftsredakteurin der taz, veröffentlichte im Jahr 2022 bei Kiepenheuer &amp; Witsch ihr Buch „Das Ende des Kapitalismus – Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden“, Kohei Saito 2023 bei dtv „Systemsturz – Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ (das japanische Original übersetzte Gregor Wakounig). Deutsche Verlage neigen gelegentlich zu drastischen Titeln, so auch in diesen beiden Fällen. Der japanische Originaltitel des Buches von Kohei Saito klingt deutlich nüchterner, am Stelle des deutschen „Systemsturzes“ lesen Japaner:innen auf den Titelseiten „Karl Marx‘ Ökosozialismus“.</p>
<p>Beide Bücher ließen sich unter der Parole zusammenführen: It’s capitalism, stupid. In der Tat sprechen beide – und nicht nur sie – vom Kapitalismus als dem Modus, in dem die aktuellen Debatten über die Lösung verharren. Mal gibt es etwas mehr, mal etwas weniger, mal gar keine Hoffnung, dass sich der Kapitalismus neoliberaler Prägung der vergangenen 50 Jahre reformieren oder gar durch etwas Besseres, was auch immer das wäre, ersetzen ließe.</p>
<p>Die Klimakrise, mitunter besänftigend auch als Klimawandel bezeichnet, ist Dreh- und Angelpunkt eines völlig irrationalen Verhaltens. Ulrike Hermann zitiert Karl Lauterbach: <em>„Niemand würde sein Eigenheim so sehr heizen, dass es mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent in dreißig Jahren abbrennen würde. Genau das tun wir derzeit aber mit dem Eigenheim Erde.“ </em>Sie warnt allerdings vor einem unreflektierten Kapitalismus-Bashing. Ihre Schlussfolgerung: <em>„Das Problem reicht tiefer. Klimaschutz ist nur möglich, wenn wir den Kapitalismus abschaffen. / Anders als Kapitalismuskritiker glauben, ist dies keine frohe Botschaft. Der Kapitalismus war außerordentlich segensreich. Mit ihm entstand das erste Sozialsystem in der Geschichte, das kontinuierlich Wohlstand erzeugt hat. Vorher gab es kein nennenswertes Wachstum. Die Menschen betrieben eine eher kümmerliche Landwirtschaft, litten oft unter Hungerkatastrophen und starben im Durchschnitt mit 35 Jahren.“ </em></p>
<p>Man könnte bestimmte Entwicklungen auch mit dem Satz erklären, dass sich der Kapitalismus zu Tode gesiegt hätte (auch wenn viele das noch nicht gemerkt haben). Ein Effekt kapitalistischer Entwicklungen ist der sogenannte <em>„Rebound-Effekt“</em>. Maschinen werden effizienter, brauchen weniger Energie, aber dies führt nicht dazu, dass Energie gespart würde, sondern mehr Energie verbraucht wird. Mit Eisenbahnen, Autos und Flugzeugen gab es mehr und schnellere Mobilität, aber der Energiebedarf führte eben auch dazu, dass der Wohlstand einen Preis hatte, den wir jetzt zu zahlen haben. Christian Jakob befasste sich in der Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ vom September 2023 mit dem in manchen Kreisen heute verbreiteten <em>„Untergangsdenken“</em>. Der programmatische Titel seines Essays lautete: <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2023/september/gegen-das-untergangsdenken">„Gegen das Untergangsdenken – Fünf Jahre Fridays for Future und die Chancen der Klimabewegung“</a>. Es ist <em>„schwierig. Aber es ist nicht das Ende der Welt.“</em></p>
<p>Christian Jakob stellt die nicht nur rhetorisch gemeinte Frage: <em>„Wen überzeugt noch der Fortschritt?“</em> Er hätte auch an Stelle von <em>„Fortschritt“</em> <em>„Kapitalismus“</em> schreiben können. Ihm geht es wie Ulrike Hermann um eine Bilanz des Kapitalismus, die beide Seiten zeigt. Die kapitalistischen Errungenschaften der vergangenen 200 Jahre sorgten nicht nur dafür, dass es der Mehrzahl der Menschen heute besser geht denn je: <em>„Vor 200 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa bei etwa 33 Jahren. Heute sind es global 73 Jahre. Vor 200 Jahren lebten 96 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, heute sind es rund acht Prozent. In allen Weltregionen ist die Bevölkerungszahl enorm gestiegen, der Anteil Armer fiel überall stark. Vor 100 Jahren mussten Menschen in Deutschland im Schnitt fast zwei Drittel ihres Einkommens für Essen ausgeben, heute ist es rund ein Siebtel. (…) Wer zur Zeit des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, arbeitete zu Beginn seines Arbeitslebens regulär etwa 2500 Stunden im Jahr. Heute macht eine volle Stelle 1700 Stunden im Jahr aus – das sind rund 100 Achtstundentage weniger.“</em> Ulrike Hermann nennt zahlreiche weitere Beispiele. All dies im Kontext einer Erde, auf der inzwischen etwa vier Mal so viele Menschen auf der Erde leben wie vor noch etwa 100 Jahren.</p>
<p>Ulrike Hermann referiert im ersten Teil ihres Buches die Geschichte des Kapitalismus, sie setzt sich im zweiten Teil kritisch mit der Hoffnung auf ein <em>„grünes Wachstum“</em> und ausreichend technologische Innovationen auseinander und formuliert im dritten Kapitel eine Perspektive für die Überwindung des Kapitalismus. Dem Kapitalismus müsse eine <em>„Überlebenswirtschaft“</em> folgen. Als Vorbild eigne sich die britische Kriegswirtschaft unter Winston Churchill, die dazu geführt habe, dass knappe Güter – vereinfachend formuliert – so verteilt werden konnten, dass niemand fror und niemand hungerte: <em>„Mit Knappheit steuern: Dieses Prinzip bietet sich jetzt wieder an.“</em> Auf die Verfügbarkeit von Energie angewendet: <em>„Die Regierung müsste also festlegen, was mit dem begrenzten Ökostrom noch hergestellt wird. Medikamente dürften weit oben landen, private Autos sehr weit hinten.“</em> Das heißt im Grunde <em>„Rationierung“</em>.</p>
<p>Zurzeit werden Güter jedoch nur für diejenigen verknappt, die ohnehin schon Probleme haben, sich das alltägliche Leben finanziell zu organisieren. Es wird daher nicht leicht sein, Akzeptanz für eine solche Politik zu schaffen. Die mit dem privaten Auto mögliche Mobilität möchte man jeden Tag genießen und manche sind darauf angewiesen. Medikamente braucht man eigentlich nur, wenn man krank ist. Immerhin zeigte die Corona-Pandemie, was es bedeutet, wenn auf einmal bestimmte Medikamente kaum noch lieferbar sind. Staatliche Steuerung wird jedoch von den meisten Menschen abgelehnt und kann zu Aufständen führen. Aber aus diesem Grunde eignet sich die britische Kriegswirtschaft als Vorbild, denn die Briten lebten während des Zweiten Weltkriegs nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie. <em>„Sie befanden sich in einer unfreiwilligen Notsituation, die zudem verspätet erkannt wurde. Lange Zeit hatten die Briten noch gehofft, sie könnten Hitler durch ‚Appeasement“ befrieden und von einem Krieg abhalten. Ähnlich erleben wir heute den Klimawandel. Seine Dramatik wurde nur verzögert verstanden, zwingt uns aber jetzt zum Handeln.“ </em></p>
<p>Die heutige Situation ist durchaus vergleichbar. Auch beim Versuch, den russischen Angriff auf die Ukraine zu analysieren, gab es Hinweise auf das Jahr 1938, in dem das sogenannte Münchner Abkommen dafür sorgte, dass das damalige Deutsche Reich kampflos Teile der Tschechoslowakei besetzen konnte. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/osteuropa/">Für einen solchen Vergleich sprechen die hilflosen Bemühungen des „Westens“ nach der russischen Besetzung der Krim und von Teilen des Donbass im Jahr 2014</a>. Diese Analogie hat zwar auf den ersten Blick nichts mit der Klimakrise zu tun, auf den zweiten Blick jedoch sind Kriege um Ressourcen, Boden, Wasser, Energie schon Alltag. Billiges Gas und billiges Öl in Deutschland wurden beispielsweise mit großer Nachsicht gegenüber den imperialen Ansprüchen und Handlungen Putins erkauft. Und die Zahl derjenigen, die in Deutschland und in anderen westlichen Staaten bereit wären, Putins Aggressionen zu akzeptieren, hat durchaus etwas mit der Frage zu tun, ob man bereit ist, auf das ein oder andere zu verzichten. Offenbar eben nicht unbedingt.</p>
<p>Die Kriegsmetapher wird – so nicht nur von Ulrike Hermann – ohnehin immer dann bemüht, wenn bestimmte Güter knapp zu werden drohten. Die Fronten verlaufen allerdings nicht unbedingt zwischen Staaten, sondern oft genug innerhalb bestehender Staaten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Berthold Vogel gab seinem Essay in der bereits zitierten Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ den programmatischen Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2023/september/klimapolitik-geht-nur-sozial">„Klimapolitik geht nur sozial“</a>. Die Lösung, die die meisten Politiker:innen zurzeit präsentieren, ist jedoch nicht die Abschaffung von Privilegien der Reichen und Superreichen, sondern die Rückkehr zu abgeschlossenen Territorien, in denen sich nur noch diejenigen aufhalten dürfen, die schon immer dort waren. Armen Menschen wird suggeriert, die Vertreibung und Exklusion anderer armer Menschen aufgrund ihrer Herkunft aus einem anderen Territorium würde ihre Probleme lösen. Eigentlich sollte es einfach sein zu erkennen, dass dies nicht funktionieren kann, denn selbst die höchsten Mauern werden nicht verhindern, dass Menschen, die unter dem Klimawandel leiden, versuchen, ihre Heimat zu verlassen. Steffen Mau hat dies in seinem 2021 bei C.H. Beck erschienen Buch „Sortiermaschinen – Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert“ beschrieben. Wir erleben <em>„eine Metamorphose der Grenze“</em>. Es mag zwar zeitweise gelingen, manche Menschen davon abzuhalten, in den wohlhabenden Ländern des Nordens einzuwandern, aber eine nachhaltige Strategie ist dies nicht. Schutzzölle werden den freien Verkehr von Waren vielleicht behindern, aber invasive Arten und Extremwetter werden sich nicht durch nationale Grenzen aufhalten lassen.</p>
<p>Die Grenzen, die wir respektieren sollten und müssten, liegen in unserer Bereitschaft zu wirksamen Einschränkungen, durchaus im Sinne der vom Club of Rome vor etwa 50 Jahren verkündeten „Grenzen des Wachstums“ Ulrike Hermann stellt nüchtern fest: <em>„Leider wird es ohne Verbote nicht gehen. Unsere Lebensweise kann nur dann ökologisch sein, wenn nicht jede jederzeit unbegrenzt konsumiert.“</em> Die entscheidende Frage lautet daher nach Christian Jakob nicht, ob wir uns noch <em>„Fortschritt“</em> leisten können, sondern ob es gelingen wird, <em>„Akzeptanz zu schaffen für Einschränkungen, vor allem aber für Umverteilung. Denn das Überleben, das so viele infrage gestellt sehen ist heute in erster Linie eine Frage der globalen Gerechtigkeit.“ </em>Erforderlich wäre auch eine Neubewertung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) als Messgröße für <em>„Wohlstand“</em>, <em>„Fortschritt“</em> und <em>„Wirtschaftswachstum“</em>. Ulrike Hermann erklärt dies am Beispiel des <em>„Hausfrauenparadoxes“</em>: <em>„Wenn ein Unternehmer eine Haushaltshilfe beschäftigt, geht ihr Gehalt in die BIP-Rechnungen ein. Heiratet der Firmenchef dann diese Angestellte, schrumpft das BIP, wenn sie jetzt umsonst für ihren Gatten putzt.“</em> Dies gilt auch für einen großen Teil der Care-Arbeit, die oft – überwiegend von Frauen – unentgeltlich erledigt wird, andererseits aber auch – wenn in Pflegedienste oder Kindertageseinrichtungen ausgelagert – das BIP steigert. Auch Zerstörungen führen, da Reparaturen erforderlich sind, zu einer Steigerung des BIP: <em>„Die Flutkatastrophe an der Ahr wird sich ebenfalls positiv auf die deutsche Wirtschaftsleistung auswirken, weil die zerstörten Gebäude nun wieder aufgebaut werden müssen.“</em> Die angesichts der russischen Zerstörungen in der Ukraine erforderlichen Wiederaufbauarbeiten motivieren manche Unternehmen nicht nur aus humanitären Gründen sich zu beteiligen.</p>
<h3><strong>Wie wir heute Karl Marx lesen könnten</strong></h3>
<p>Ulrike Hermann zitiert zentrale Grundlagenwerke marxistischer Philosophie, das „Manifest der Kommunistischen Partei“ und „Das Kapital“. Wer sich jedoch intensiver mit Karl Marx befassen möchte, sollte sich an Texte des späten Karl Marx heranwagen, die einen anderen Blick auf die Entwicklung seines Denkens ermöglichen. Bei der Rezeption von Karl Marx im 20. Jahrhundert wurde auch oft außer Acht gelassen, dass er keine Handlungsanweisungen formuliert, sondern eine Methode entwickelt hatte, mit der sich kapitalistische Entwicklungen und Phänomene analysieren lassen. Eben dies ist eine der zentralen Botschaften des Buches von Kohei Saito.</p>
<p>Kohei Saito darf sich mit Fug und Recht als Marxisten bezeichnen. Er ist Associate Professor für Philosophie an der Universität von Tokyo, hat 2016 an der Berliner Humboldt-Universität promoviert und ist Mitherausgeber der <a href="https://mega.bbaw.de/de">Marx-Engels-Gesamtausgabe</a> (MEGA). Er betont den fragmentarischen Charakter später Schriften und oft nur handschriftlich überlieferten Konzepte sowie die Meinungsverschiedenheiten zwischen Marx und Friedrich Engels. Die Einstellungen des späten Marx bezeichnet Saito als <em>„Ökosozialismus“</em>. Saitos These: <em>„Es kommt also nicht nur auf das BIP an. Viel wichtiger wäre es, ernsthaft darüber nachzudenken, ob im Kapitalismus eine faire Verteilung überhaupt dauerhaft möglich ist. / Die Schwierigkeit bei der Frage der gerechten Ressourcenverteilung ist, dass es sich nicht nur um eine nationale Angelegenheit handelt. Es geht um die große Frage, wie sich globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit gleichermaßen erreichen lässt.“</em> Diese Frage versteht Karl Marx – beispielsweise in seiner <a href="http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_013.htm#Kap_II">„Kritik des Gothaer Programms“</a> (in MEW 19) aus dem Jahr 1875 – international. Den internationalen Charakter der von Karl Marx beschworenen Arbeiterbewegung habe jedoch schon Lassalle entwertet: <em>„Lassalle hatte, im Gegensatz zum ‚Kommunistischen Manifest‘ und zu allem früheren Sozialismus, die Arbeiterbewegung vom engsten nationalen Standpunkt gefasst. Man folgt ihm </em>(im <a href="https://germanhistorydocs.ghi-dc.org/docpage.cfm?docpage_id=2844&amp;language=german">Gothaer Programm</a>, NR) <em>darin – und dies nah dem Wirken der Internationalen.“</em></p>
<p>Kohei Saito beginnt mit der provozierenden These: <em>„Die Ziele für nachhaltige Entwicklung sind das Opium des Volkes!“</em> Alle Appelle, mit einer Änderung persönlichen Konsumverhaltens und Lebensstils die Klimakrise zu bewältigen, bezeichnet er als <em>„Ablasshandel“</em>, da die Auslagerung der Problemlösung auf die einzelnen Bürger:innen das Grundproblem nicht löse. Dies gelte auch auf staatlicher und überstaatlicher Ebene für alle Versuche, die <a href="https://sdgs.un.org/goals">Sustainable Development Goals</a> (SDG) umzusetzen. Das entscheidende Problem sei die <em>„imperiale Lebensweise“</em>, die dafür sorge, dass einige wenige reiche und superreichen Menschen keinerlei Einschränkungen ihres aufwändigen und ressourcenintensiven Lebensstils hinnehmen müssten und dies auch noch durchsetzten, indem sie das Wirtschaftswachstum, mit dem sie ihren eigenen Wohlstand sichern und ausbauen, zur allheilbringenden Lösung aller Probleme erklärten. Dazu gehöre auch die Verklärung von <em>„Effektivitätssteigerung“</em>. Kohei Saito verweist auf das <em>„Jevons-Paradoxon, das der englische Ökonom William Stanley Jevons in seiner 1865 veröffentlichten Schrift ‚The Coal Question‘ (Die Kohlefrage) aufwarf.“ </em>Effektivitätssteigerung reduziert nicht den Verbrauch einer schädlichen Ressource, sondern steigert sie. Klassisches Beispiel: wer den Flottenverbrauch eines Automobilherstellers senkt, sorgt nicht für weniger Verbrauch, sondern investiert seine technologischen Erfolge in den Bau größerer, breiterer und längerer Autos, die genauso viel oder sogar mehr Ressourcen verbrauchen als ältere ressourcenintensivere Modelle. Ein anderes Beispiel: die Digitalisierung mag manche Reise überflüssig machen, aber letztlich erhöht sie den Energieverbrauch.</p>
<p>Diese Strategie verfolgen nicht nur Reiche und Superreiche in ihren Gesellschaften, es ist auch die Strategie der reichen Nationen dieser Erde. Kohei Saito bezieht sich unter anderem auf Stephan Lessenichs Begriff der <em>„Externalisierungsgesellschaft“ </em>(Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut – Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin, Hanser, 2016). Wer auf welcher Seite der <em>„Externalisierungsgesellschaft“</em> lebt, ist messbar. Stephan Lessenich: <em>„Die individuelle Lebenserwartung ist der soziale Wohlstandsindikator schlechthin. Eine existenziellere Ungleichheit gibt es nicht: Wer früher stirbt, ist länger tot. Und siehe da: Länger tot sind in der Regel die anderen.“</em> Das gilt selbst innerhalb wohlhabender Gesellschaften: <em>„So erreichen in Deutschland zum Beispiel nur 70 Prozent der Männer aus ärmeren Haushalten das 65. Lebensjahr – aber fast 90 Prozent jener aus den wohlhabensten Milieus.“</em></p>
<p>Eben dies sei auch der Ansatz von Karl Marx. Karl Marx habe – so Kohei Saito – die Auslagerung von Belastungen bereits beschrieben. Dies gelte gleichermaßen für die ökologischen Belastungen einer Technologie wie für die Lebensbedingungen von Arbeiter:innen. Wenn Industriestaaten wie Deutschland oder Frankreich bei ihrem Streben nach einer klimaneutralen Wirtschaft Kohlekraftwerke stilllegen, im Gegenzug angesichts ihres Energiebedarfs jedoch Kohle aus Ländern importieren, in denen die Arbeitskräfte unter Leben und Gesundheit bedrohenden Verhältnissen arbeiten, lagern sie die Konsequenzen ihres Lebensstils an die <em>„Peripherie“</em> aus. Dies gilt nicht nur für die Kohle, sondern auch für all die Mineralien, die – wie Lithium – für den Ausbau der E-Mobilität und moderner Kommunikationstechnologie benötigt werden. Und wenn sich dann Menschen aus den Ländern des <em>„globalen Südens“</em> – wie man so sagt – beschweren und versuchen, ihrer Situation zu entkommen, indem sie Richtung Norden migrieren, werden sie als das eigentliche Problem markiert, nicht jedoch der im Norden gepflegte Lebensstil. Das Hauptproblem sind der <em>„Konsumismus“</em> und der <em>„Produktivismus“</em> des Nordens (der etwas unsauber in der Regel als „Westen“ bezeichnet wird. Die Ergebnisse ließen sich in den Textilmüllhalden in der chilenischen Atacama-Wüste oder am Strand westafrikanischer Staaten besichtigen. Wenn jemand hinschauen möchte. Die Konsequenz: „<em>Die Umweltkrise hält der Menschheit eine harte Realität vor Augen: dass wir die</em> <em>auf Extraktivismus und Externalisierung beruhende imperiale Lebensweise infrage stellen müssen, und das radikal.“</em></p>
<p>Karl Marx hat dies in seinen späten Texten erkannt. Eine wichtige Quelle Kohei Saitos ist der Brief an <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/wera-iwanowna-sassulitsch">Wera Iwanowna Sassulitsch</a> aus dem Jahr 1881, dessen verschiedene längeren und handschriftlich überlieferten Vorfassungen einen genaueren Blick auf die Entwicklung des Marx’schen Denkens erlauben. <em>„Aus den Briefen können wir herauslesen, dass der späte Marx nichtmehr dachte, dass eine Steigerung der Produktivkräfte zwangsläufig zur Emanzipation der Menschheit führe.“</em> Dies bedeutet auch eine Abkehr vom früheren Marx’schen <em>„Eurozentrismus“</em>. Marx erklärt seine ursprüngliche Grundannahme somit für falsch, dass jede Gesellschaft den Kapitalismus durchlaufen müsse, um zu einer gerechte(re)n Ordnung zu gelangen. Marx verabschiedet sich somit von einem linearen Geschichtsbild. <em>„Wirtschaftswachstum“</em> ist kein Kriterium für gesellschaftlichen Fortschritt.</p>
<p>Die Sowjetunion beispielsweise funktionierte – mit den bekannten Ergebnissen – nach den Regeln des <em>„Produktivismus“</em>. Auch die schwächelnde Wirtschaft Chinas weist darauf hin, dass jedes Wachstum irgendwann an Grenzen stößt. <em>„Von maßgeblicher Wichtigkeit ist an dieser Stelle Marx‘ Erkenntnis, dass die Stabilität kommunaler Gesellschaften ohne Wirtschaftswachstum für einen nachhaltigen und egalitären Stoffwechsel von Natur und Mensch sorgte.“</em> Aus dieser Erkenntnis leitet Kohei Saito seinen Begriff des <em>„Degrowth-Kommunismus“</em> ab. <em>„Green New Deal“</em> – in welcher Form auch immer – oder technologische Lösungen müssten scheitern, weil auch sie an Grenzen stoßen würden. E-Mobilität mag den Rückzug fossiler Energien herbeiführen, aber die Arbeitsbedingungen, unter den die Rohstoffe der Batterien, der Energiebedarf der Ladestationen und die auch nicht endlose Lebensdauer der Batterien müssen mitgedacht werden, wenn eine ehrliche Ökobilanz erstellt werden soll.</p>
<p>Marx verbindet <em>„Kommunen- und naturwissenschaftliche Forschung“</em> und wendet seine Ergebnisse im weltweiten Maßstab an. Es reicht eben nicht aus, immer effizientere Produktionsweisen und Technologien zu entwickeln, es geht letztlich um die <em>„Umwälzung von Arbeit und Produktion“</em>. Vereinfachend gesprochen: niemand braucht drei Autos, niemand braucht zwanzig Paar Schuhe, niemand muss, um sich zu erholen, Tausende von Kilometern in die Ferne fliegen, es hilft auch nichts, wenn Fahrräder dank ihrer Batterien so schnell werden wie Autos. Entschleunigung statt Beschleunigung, Innehalten statt Wachstum, vielleicht eine neue Bescheidenheit? Arbeit und Natur müssen in ein neues Verhältnis gebracht werden. Karl Marx schrieb in seiner Kritik des Gothaer Programms (MEW 19): <em>„Die Arbeit ist <u>nicht die Quelle</u> alles Reichtums. Die <u>Natur</u> ist ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft.“ </em>Es ließe sich glaubhaft begründen, dass alle liberalen und sozialistischen Programme der vergangenen 150 Jahre mehr oder weniger auf dem Stand des Gothaer Programms verharrten.</p>
<h3><strong>Die „Commons“</strong></h3>
<p>Letztlich geht es um die <em>„Commons“</em>, die <em>„Allmende“</em>, die wir gemeinsam bewirtschaften müssen. Und dies lässt sich – so Kohei Saito – nur über <em>„Degrowth“</em> erreichen. <em>„Die gängige Meinung innerhalb der Linken ist doch, dass Marx niemals für den Degrowth eingetreten ist. Die Rechte wiederum würde darüber spotten, dass die Fehler der Sowjetunion allen schlechten Erfahrungen zum Trotz wiederholt wurden. Und auch unter Liberalen sitzt die Abneigung gegen den Degrowth tief.“</em> In der politischen Alltagspolemik lässt sich dann von allen Seiten behaupten, dass <em>„Degrowth“</em> das Leben vor allem der weniger betuchten Teile der Bevölkerung beeinträchtige. Eben diese rhetorische Figur ist auch das Erfolgsrezept der Neuen Rechten, die in großen Teilen eine klassische neoliberale an Hayek und Friedman orientierte Wirtschaftspolitik verfolgt.</p>
<p>Ein kleiner Exkurs angesichts einer aktuellen deutschen Debatte vom Sommer 2023: für einen großen Teil der 14 Millionen Eigenheimbesitzer:innen in Deutschland wäre das Gebäudeenergiegesetz (GEG, vulgo „Heizungsgesetz“) in seiner ursprünglichen Form durchaus zu einer Existenz bedrohenden Belastung geworden. Es gibt viele Menschen, die zwar ein Haus besitzen, aber nur wenige Rücklagen. Es sind oft dieselben Menschen, denen ein Verweis auf den bei ihnen nicht vorhandenen öffentlichen Nahverkehr wenig hilft, weil sie ihr Auto nun einmal brauchen, um überhaupt zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren zu können. Eine Buslinie, die vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren fahren könnte, gehört in das Reich der Utopie. Die Erfahrungen mit stillgelegten Eisenbahnstrecken verweisen eine solche Hoffnung in den Bereich eines Märchens. Vielen Menschen erscheint <em>„Degrowth“</em> daher als Bedrohung. <em>„Degrowth“</em> bedarf einer ausführlichen Begründung und einer neuen politischen Kommunikationsstrategie. Ansätze hätte es gegeben. Insofern verwundert, dass niemand auf die Idee gekommen ist, im Vorfeld des GEG die erfolgte Einführung kommunaler Wärmeplanung in Baden-Württemberg, die Nutzung von Abwärme in verschiedenen Kommunen und andere Möglichkeiten eines behutsamen Umgangs mit Energie vorzustellen, auszuwerten und daraus eine Strategie zur Beteiligung möglichst vieler Bürger:innen zu entwickeln bis hin zur Nutzung von Beteiligungsinstrumenten wie der von Peter Dienel entwickelten <a href="https://www.planungszelle.de/">Planungszelle</a>.</p>
<p>Die <em>„Commons“</em> werden knapp, weil sie nicht als <em>„Commons“</em> wahrgenommen werden, sondern als endlos zur Verfügung stehende Ressource: Boden, Wasser, nicht zuletzt das Wohnen. Eben dies ist die <em>„Tragödie der Allmende“</em>. Der aktuelle Wohnungsmarkt ist gerade in wohlhabenden Gesellschaften ein wesentlicher Indikator dafür wie Kapitalismus funktioniert: die künstliche Verknappung von Gütern schafft Reichtum bei wenigen und Armut bei vielen. Gefordert werden anlässlich diverser Hitzewellen kommunale Wasserbewirtschaftungskonzepte. Ohne solche Konzepte ist absehbar, dass private Wirtschaftsunternehmen diese Aufgabe übernehmen und Wasser verknappen und verteuern. Wer jedoch die Verfügbarkeit der <em>„Notwendigkeiten“</em> verknappt, wird auch letztlich <em>„Freiheit“</em> einschränken, <em>„da der Mensch ohne die drei Grundbedürfnisse Kleidung, Nahrung und Wohnung nicht überleben kann und produktive Tätigkeiten somit weiterbestehen müssen. Auch Marx sagte, das Reich der Freiheit könne ‚nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn‘.“</em></p>
<p>Hier liegen die Grenzen einer klassischen sozialdemokratischen Umverteilungspolitik. Das heißt: <em>„Um das Reich der Freiheit zu erweitern, müssen wir ein System zerschlagen, das nichts als endloses Wachstum im Sinn hat und die Menschen zu überlangen Arbeitszeiten und schrankenlosem Konsum antreibt.“ </em>In diesem Kontext hat auch die noch leise, aber sicherlich demnächst lauter werdende Debatte um die Vier-Tage-Woche ihre Berechtigung. Möglicherweise führt diese gar nicht dazu, dass bestimmte Arbeiten nicht mehr erledigt werden können, sondern eher dazu, dass Betriebe Menschen einstellen können, die mit einer Fünf-Tage-Woche nicht motiviert werden konnten, und vielleicht auch dazu, dass wir lernen, uns auf die Dinge zu beschränken, die im Kontext der genannten <em>„Notwendigkeiten“</em> tatsächlich auch <em>„notwendig“</em> sind, weil sie Grundbedürfnisse befriedigen.</p>
<p>Aber wie tief ist das sprichwörtliche Kind bereits in den Brunnen gefallen? Wurde mit den Debatten um die Restlaufzeiten von drei Atomkraftwerken, die mangels Brennstäben ohnehin nicht mehr lange hätten weiterbetrieben werden können, und ein unzulängliches Gebäudeenergiegesetz die Chance verpasst, die mit dem Krieg um die Ukraine durchaus sichtbar gewordene Bereitschaft zu stärken, den eigenen Lebensstil zu verändern? Eine Partei, die die Klimakrise abstreitet <em>(</em><a href="https://www.netflix.com/de/title/81252357"><em>„Don’t Look Up!“</em></a>), eilt in den Umfragen von Erfolg zu Erfolg, indem sie auf die Rezepte von gestern und vorgestern verweist. Andere Parteien neigen nach wie vor dazu, den Eindruck zu vermitteln, es müsse sich eigentlich gar nichts ändern, oder es wäre alles nur halb so schlimm. Man könnte dies als allgemeine Realitätsverweigerung bezeichnen. Umso wichtiger ist es, dass Autor:innen wie Ulrike Hermann und Kohei Saito Alternativen entwickeln und veröffentlichen, auch wenn sie natürlich Gefahr laufen, dass manche Politiker:innen reflexhaft reagieren ohne ihre Bücher zu lesen (manche reagieren schon reflexhaft, wenn sie den Namen „Karl Marx“ hören oder lesen). Mit dem, was bestehende kommunistische Parteien unter Kommunismus verstehen, hat das, was Kohei Saito beschreibt, nichts zu tun, eher vielleicht mit innerkommunistischen Reformbewegungen wie dem Prager Frühling oder dem Eurokommunismus eines <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/enrico/">Enrico Berlinguer</a>, die jedoch nie eine Chance hatten, sich zu erproben.</p>
<h3><strong>Die Alternativen</strong></h3>
<p>Kohei Saito nennt vier <em>„Alternativen für die Zukunft“</em>. Zwei der vier Alternativen sind autoritär und antidemokratisch, er nennt sie <em>„Klimafaschismus“</em> und <em>„Klimamaoismus“</em>. Unter <em>„Klimafaschismus“</em> versteht er eine Diktatur der <em>„Superreichen“</em>: <em>„Der Staat versucht, die Interessen dieser privilegierten Schicht zu schützen, und geht daher hart gegen Klimaflüchtlinge und Klimawandelverlierer vor, die eine Bedrohung für die neue Ordnung darstellen.“</em> Der <em>„Klimamaoismus“</em> hingegen ist <em>„eine zentralistische Diktatur“ (…) die möglicherweise ‚effektivere‘ und ‚egalitärere‘ Klimaschutzmaßnahmen forciert.“</em> Die dritte Variante wäre die <em>„Barbarei“</em>, das <em>„Chaos“</em>, das ausbricht, wenn zwar die <em>„Superreichen“</em> entmachtet werden, aber letztlich nur noch alle <em>„ums eigene Überleben“</em> kämpfen. Für die vierte, die eigentlich wünschenswerte Alternative, <em>„das Zukunftsszenario einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft“</em>, <em>„mit einer aktiven Demokratie und gegenseitiger Hilfe, die von den Menschen freiwillig getragen werden“</em>, gibt es keine Namen, daher gibt Kohei Saito ihr <em>„vorerst einmal den Namen X“</em>. Im Verlauf des Buches erfahren wir, wie Kohei Saito die Idee eines <em>„Degrowth-Kommunismus“</em> entwickelt, der gleichermaßen soziale, ökologische und demokratische Ziele verwirklicht.</p>
<p>Konkrete Beispiele für <em>„Klimafaschismus“</em> und <em>„Klimamaoismus“</em> konnten wir bereits beobachten, nicht zuletzt auch während der Corona-Pandemie. Kohei Saito nennt Trump und Bolsonaro als Beispiele für <em>„Klimafaschismus“</em>, China für <em>„Klimamaoismus“. </em>In beiden Fällen litten und leiden große Teile der jeweiligen Bevölkerungen. Denkbar wäre auch, dass Aufstände zur <em>„Barbarei“</em> führten, einer Art Hobbes’scher Wolfsgesellschaft (no offense to the wolves) in Reinkultur. Kohei Saito formuliert als Gegenbild seinen <em>„Degrowth-Kommunismus“</em>. Um den Begriff mag man sich streiten, es gäbe auch andere vergleichbare Begriffe wie beispielsweise den von ihm zitierten <em>„partizipativen Sozialismus“</em>, wie ihn <a href="http://piketty.pse.ens.fr/fr/">Thomas Pickety</a> beschrieb (beispielsweise in „Kapital und Ideologie“, München, C.H. Beck, 2020), französische Originalausgabe 2019 bei Seuil). Ohne neue Formen der Beteiligung der Bürger:innen wird es nicht gehen. Letztlich geht es um <em>„Demokratisierung der Arbeitsprozesse“</em>, in Produktion, Dienstleistung und Care-Arbeit.</p>
<p>Als Beispiele für die wachsende Bereitschaft nennt Kohei Saito Barcelona und das Netzwerk der <a href="https://fearlesscities.com/">Fearless cities</a>. Vorläufer waren vielleicht auch die Vorhaben zur Schaffung eines Bürgerhaushaltes, die in Porto Alegre begannen, es gab Bürger:innenbewegungen wie die der Zapatist:innen Anfang der 1990er Jahre im mexikanischen Chiapas, Occupy Wallstreet, Gelbwesten und nicht zuletzt die verschiedenen Arme der Klimabewegung. Kohei Saito bezieht sich auf die These, dass 3,5 Prozent einer Bevölkerung ein Umdenken und Umsteuern bewirken könnten. Diese These ist nicht falsch, allerdings sind Umdenken und Umsteuern durchaus in mehrere Richtungen denkbar. Wir sollten nicht vergessen, dass die Hegemonie-Thesen von Antonio Gramsci zurzeit von rechts und von links gleichermaßen rezipiert werden.</p>
<h3><strong>Konvivialismus</strong></h3>
<p>Kohei Saito hat die „Degrowth“-These nicht erfunden. Weniger popularisiert als die Veröffentlichungen des „Club of Rome“ wurden die konvivialistischen Manifeste, die in Deutschland der Bielefelder transcript-Verlag veröffentlichte. Auch diese thematisierten ein Ende des „Wachstums“ als Grundlage einer zukunftsfähigen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im Jahr 2020 erschien <a href="https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/b7/1b/c1/oa9783839453650GIJl6nGn1Cyph.pdf">das „Zweite konvivialistische Manifest“</a> (Untertitel: „Für eine post-neoliberale Welt“, das französische Original erschien in Arles bei <a href="https://www.actes-sud.fr/">Actes Sud</a>), die Autor:innen firmieren als „Die konvivialistische Internationale“. <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2898-2/das-konvivialistische-manifest/">Das erste 2013 erschienene Manifest des Konvivialismus</a> trug den Untertitel „<em>Déclaration d’Interdépendence“</em> (bei <a href="https://www.editionsbdl.com/">Le Bord de l’eau</a>, 2013.) Im Jahr 2022 veröffentlichte der transcript-Verlag in englischer Sprache den von Frank Adloff und Alain Caillé herausgegebenen Band <a href="https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/da/20/8f/oa9783839456644.pdf">„Convivial Futures – Views from a Post-Growth Tomorrow“</a>.</p>
<p>Konvivialismus ist ein philosophischer Ansatz, der das Zusammenleben der Menschen auf diesem Planeten gestalten soll. Autor:innen der Manifeste sind über 300 Wissenschaftler:innen, Künstler:innen, Journalist:innen aus Hochschulen, unabhängigen Forschungseinrichtungen, Nicht-Regierungsorganisationen, aus allen Kontinenten, darunter aus Deutschland Susanne Bosch, Adalbert Evers, Axel Honneth, Claus Leggewie, Stefan Lessenich, Hartmut Rosa. Sie sprechen von <em>„Philosophie und Kunst des Zusammenlebens“</em>. Ihre Definition: <em>„Konvivialismus ist der Name, der allem gegeben wurde, was in den bestehenden oder vergangenen, weltlichen oder religiösen Lehren und Weisheiten zur Suche nach Prinzipien beiträgt, die es den Menschen ermöglichen, zu rivalisieren, um besser zu kooperieren und humanitäre Fortschritte zu machen – im vollen Bewusstsein der Endlichkeit der natürlichen Ressource und in der geteilten Sorge um den Schutz der Welt.“</em></p>
<p>Die Frage gilt: <em>„Was ist das Wertvollste? Und wie definieren und erfassen wir es?“</em> Sie lässt sich nur beantworten, wenn die Betroffenen, und das sind alle (nicht nur die jungen) Menschen, die Chance erhalten, darüber nachzudenken, zu diskutieren und zu entscheiden. Ich bin versucht zu sagen: Partizipation, that’s the future, stupid. Dies ist das Gegenteil einer rein caritativen Politik wie sie von vielen Akteur:innen der sogenannten Entwicklungshilfe praktiziert wird. Es geht um die <em>„Entwicklung dessen, was man heute die <u>Commons</u> nennt“</em>. Letztlich wäre so eine Lösung des Allmende-Dilemmas beziehungsweise der Tragödie der Commons, wie es auch genannt wird, denkbar und erreichbar.</p>
<p>In einem Nachwort formulieren die Autor:innen die Anforderungen an einen <em>„Konvivialismus nach der Corona-Krise“: „Dabei wird mittlerweile vielen mehr und mehr klar, dass die Corona-Pandemie erst der Anfang ist. Im Vergleich zu den Folgen des Klimawandels stellt der Umgang mit COVID-19 wahrscheinlich noch eine Leichtigkeit dar. (…) COVID-19 hat auch deutlich gemacht, wie interdependent unsere Welt ist. (…) Die kommenden Jahre werden viele Fragen aufwerfen und bestehende Konflikte verschärfen oder neue schaffen. Dahinter wird aber stets die Frage stehen, wie mit dem ‚imperialen‘ Gesellschaftsmodell weiter zu verfahren ist.“</em></p>
<p>In einer Fußnote verweisen die Autor:innen des 2020 veröffentlichten Manifestes auf ein weiteres Manifest, das „Manifest für ein Wirtschaften nach der Pandemie ‚Arbeit – demokratisieren, dekommodifizieren, nachhaltig gestalten“, das über 3.000 Wissenschaftler:innen unterzeichnet haben. Es wurde <a href="https://www.zeit.de/kultur/2020-05/wirtschaften-nach-der-pandemie-demokratie-dekommodifizierung-nachhaltigkeit-manifest">am 15. Mai 2020 in der ZEIT veröffentlicht</a>. Auch dort spielt die Beteiligung der Bürger:innen die zentrale Rolle: <em>„Diejenigen, die ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ja, ihr Leben, in eine Firma investieren, sollten auch das kollektive Recht haben, derartigen Entscheidungen zuzustimmen oder ein Veto einzulegen.“</em></p>
<p>Die Frage liegt auf der Hand: handelt es sich bei den zitierten Manifesten sowie den Büchern von Ulrike Hermann und Kohei Saito um intellektuelle Gedankenspiele oder haben wir es mit potenziell mehrheitsfähigen Positionen zu tun, die sich auch in politischen Entscheidungen niederschlagen. Die Antwort kann nur lauten: teils, teils. In Umfragen gibt es durchaus Mehrheiten für eine andere Sozialpolitik, für Klimaschutz, nicht zuletzt für die Demokratie, geht man jedoch in die Details, wird es schon schwieriger: die Mehrheiten schwinden, weil offenbar kein Zusammenhang zwischen Problem und Maßnahmen erkannt wird. Anders gesagt: es fehlt möglicherweise einfach daran, dass sich Parteien und Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik auf etwas Gemeinsames verständigen, das sich zunächst vor allem auf eine Bestätigung des Wertes des gemeinsamen Gutes „Erde“, der „Commons“ stützen müsste. Eine Analyse kapitalistisch geprägter Politik gehört dazu, aber eine Analyse alleine macht noch keine Politik. Und damit sind wir bei der Frage, wie nicht nur Analysen, sondern auch konkrete Maßnahmen, die durchaus „anti-kapitalistisch“ genannt werden könnten, mehrheitsfähig werden. Vorerst bleibt es bei dem diffusen Gefühl, das Heinrich Böll in einer seiner kurzen satirischen Geschichten treffend persiflierte: „Es wird etwas geschehen – Eine handlungsstarke Geschichte.“</p>
<p><strong>Das (r)evolutionäre Subjekt – Hegemonie und Bündnisse</strong></p>
<p>Es wird nicht reichen, einzelne Kommunen, Parteien oder Organisationen der Zivilgesellschaft zu motivieren, den Kapitalismus abzuschaffen oder zumindest dazu beizutragen, dass er abgeschafft werden könnte. Das wäre so etwas wie die Rede vom <em>„richtigen Leben im falschen“</em>, das es nach dem Diktum Adornos in den Minima Moralia gar nicht geben kann. Insofern besteht durchaus die Gefahr, dass sich die Umsetzung der SDG’s und die Initiativen von Städten wie Barcelona letztlich in ihrer Relevanz für eine gewendete und zukunftsfähige Politik ähneln. Die 3,5 Prozent, von denen Kohei Saito spricht, können sicherlich einiges erreichen, aber die aktuellen Protestbewegungen blieben Protestbewegungen, eine Strategie für die Bildung eigener Mehrheiten hatten sie nicht. Je nachdem konnten und können die jeweiligen Regierenden sie mehr oder weniger brutal unterdrücken – wie in China – oder zumindest durch beharrliche Ignoranz wieder eindämmen – wie beispielsweise zuletzt in Frankreich oder in Chile.</p>
<p>André Gorz hat diese Dilemmata in seinem „Abschied vom Proletariat“ bereits thematisiert. Man kann so viel man möchte über Evolutionen und Revolutionen diskutieren, aber die Klasse, die Gruppe, die Avantgarde (durchaus im Sinne Lenins), die sie betreiben könnte, hat noch niemand beschrieben. Dies liegt auch daran, dass es nicht mehr möglich ist, eine bestimmte Gruppierung homogen zu beschreiben. Es gibt zwar einen Begriff von Klassismus – auch die Marx’sche Kritik am von ihm so genannten <em>„Lumpenproletariat“</em> (im „Kommunistischen Manifest“) ist im Grunde klassistisch –, es gibt jedoch keinen Begriff mehr von einer <em>„Klasse“</em>, es gibt nur noch – ich verwende den Begriff der <a href="https://www.sinus-institut.de/media-center/studien">SINUS-Studien</a> – <em>„Milieus“</em>.</p>
<p>Auch David Goodharts viel zitierter Versuch einer Binarisierung der Menschen in <em>„Somewheres“</em> und <em>„Anywheres“</em> (in „The Road To Somewhere – The Populist Revolt and the Future of Politics“, C. Hurst &amp; Co., 2017, deutsche Ausgabe 2020 bei <a href="https://millemari.de/">millemari</a>) hilft nicht weiter, wenn man sich auf die Suche nach dem Subjekt einer zukunftsfähigen Veränderung begibt. Wer sich auf eine binäre Sichtweise einlässt, landet schnell beim Freund-Feind-Gegensatz von Carl Schmitt als Grundlage von Politik. Dies wäre jedoch fatal. Slavoj Źiźek zeigt, was dies bedeuten kann und wie bei den aktuellen politischen Debatten eine anti-politische Spaltung der ohnehin schon in prekären Verhältnissen lebenden Menschen droht. Gerade die migrationsfeindliche Politik vieler nördlicher beziehungsweise westlicher Staaten sorgt dafür, dass letztlich die eigenen Einwohner:innen die Ursache jeder Bedrohung bei Zuwanderer:innen suchen, obwohl diese kaum zu den von David Goodhart beschriebenen „Anywheres“ gehören. Źiźek schreibt in: „Wie ein Dieb im Tageslicht – Macht im Zeitalter des posthumanen Kapitalismus“ (aus dem Englischen von Karen Genschow, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2019):<em> „Der Konflikt zwischen lokalen Unterschichten und Immigranten (oder zwischenfeministischem Kampf und Arbeiterkampf) ist keine extern auferlegte Abscheu, die durch die Manipulation feindlicher Propaganda erzeugt wird, sondern die Erscheinungsform desselben Klassenkampfs. Lokale Arbeiter nehme Immigranten als Handlanger des Großkapitals wahr, in das Land gebracht, um ihre Kraft zu unterwandern und mit ihnen in Konkurrenz zu treten, da ihre Löhne niedriger sind; Immigranten sehen lokale Arbeiter, selbst, wenn sie arm sind, als untrennbaren Teil der westlichen Ordnung, die sie marginalisiert. In einer solchen Situation, in der der Wettbewerb real ist, genügt einfaches Predigen nicht, dass sie beide tatsächlich auf derselben Seite stehen.“ </em></p>
<p>Vielleicht hilft es, sich ein wenig mehr mit den Thesen von Antonio Gramsci zu beschäftigen. Es ist natürlich nicht so, dass dies nicht schon geschähe. Es fehlt zwar nach wie vor ein Band, der sich mit der Hegemonie-These Gramscis und ihren Perspektiven für die Lösung der Klimakrise beziehungsweise eine radikale Umsteuerung der kapitalistischen Wirtschaftsweise befasst, aber diejenigen, die diese These auf Bildungssysteme anwenden, kommen einer solchen Sichtweise schon recht nahe. Maria do Castro Varela, Natascha Khakpour und Jan Niggemann gaben im Jahr 2023 bei Beltz Juventa den Sammelband <a href="https://www.bic-media.com/mobile/mobileWidget-jqm1.4.html?isbn=9783779960737">„Hegemonie bilden – Pädagogische Anschlüsse an Antonio Gramsci“</a> heraus. Der Band wurde unter anderem von der <a href="https://www.rosalux.de/">Rosa-Luxemburg-Stiftung</a> unterstützt und ist daher im open access verfügbar. 21 Autor:innen analysieren die Bildungsverständnisse Gramscis und der Gramsci-Rezeption und untersuchen die <em>„Kämpfe der Hegemoniebildung: Schule, Sprache und die Künste“</em>.</p>
<p>Mehrere Beiträge des Buches befassen sich mit der Gramsci-Rezeption von von links und von rechts. Als Vorläufer aller rechten Rezipient:innen Gramscis gilt Alain de Benoist, beispielsweise mit seinem Buch „Kulturrevolution von Rechts“ (1985). Linke Strategien zur Schaffung von Gegenöffentlichkeiten, Aufrufe, die 3,5 Prozent oder gegebenenfalls auch die vielleicht sogar ausreichende Basis von einem Prozent zu schaffen – all dies gibt es von links wie von rechts und zurzeit scheint es durchaus Tendenzen zu geben, dass diejenigen, die eine Klimakrise leugnen, die Oberhand gewinnen könnten. Dabei fällt auf, dass Parteien der Neuen Rechten fast ohne Ausnahme einen radikalisierten neoliberalen Kurs verfolgen, soziale Ziele zwar verkünden, sich aber vorwiegend dann doch in ihren Programmen (zum Beispiel AfD und FPÖ) oder in ihrem Regierungshandeln (zum Beispiel Giorgia Meloni, Jair Bolsonaro oder Donald Trump) ausgesprochen anti-sozial verhalten, Sozialleistungen streichen und letztlich nur die wenigen oberen Prozent von Steuern und Abgaben entlasten.</p>
<p>Die Herausgeber:innen von „Hegemonie bilden“ formulieren prägnant in ihrer Einleitung die Methode, mit sich rechte und linke Gramsci-Rezeption voneinander unterscheiden ließen, sodass sie nicht mehr von den ursprünglichen inhaltlichen Ideen Gramscis getrennt werden können: <em>„Mit dem Hegemoniebegriff in seiner politisch-pädagogischen Akzentuierung als Verallgemeinerungsweise liegt eine eigenständige Perspektive vor, Dynamiken zwischen verschiedenen sozialen Ungleichheiten zu verstehen, deren Wirkung sich in den verhandelten Gruppenhierarchien und -relationen manifestieren (…) und über rein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse hinausgehen.“</em> Und damit Inhalt und Methode zueinander passen und sich von einem kruden unter falscher Flagge segelnden Nationalismus und Neoliberalismus unterscheiden lassen, ist zu betonen, dass die Klassen <em>„ohne Erfahrungen von Klassismus, Sexismus, Rassismus nicht verstehbar“</em> sind. Die Hegemoniethese Gramscis muss im Kontext damaliger wie heutiger Debatten um Imperialismus und Kolonialismus diskutiert werden. Aber eben dies fehlt in rechten Kontexten.</p>
<p>In diesem Kontext haben nicht nur Staat, Zivilgesellschaft und formale Bildungseinrichtungen, sondern auch – so Leila Haghigat in ihrem Beitrag – informelle und nicht-formelle Bildung wie <em>„Museen, Kunstinstitutionen, Biennalen und verschiedenste staatlich geförderte kulturelle Projekte als zivilgesellschaftliche Akteure eine erziehende Funktion, indem sie an der Systematisierung des Alltagsverstandes beteiligt“</em> und <em>„in emanzipatorisches Bildungsstreben eingebettet“ </em>sind.</p>
<p>Die bei manchen Intellektuellen gegebene Skepsis gegenüber den <em>„Massen“</em> ließe sich vielleicht auf diese Weise aufheben, aber – so notwendig dies wäre – ist dies ein langer Weg. Zunächst erforderlich ist eine schonungslose Analyse der Attraktivität der Vorhaltungen der Neuen Rechten gegenüber liberaler, linker, aber auch konservativer Politik. Ursula Apitzsch verweist in ihrem Beitrag „Massenhafter intellektueller Fortschritt“ auf einen Brief Gramscis: <em>„Noch im September 1922 in Moskau in seinem berühmten ‚Brief über den italienischen Futurismus‘ an Leo Trotzki versucht Gramsci, die Wirkung futuristischer Kunst auf die Turiner Arbeiter:innen verständlich zu machen. Sie glauben im Futurismus die eigene Lebensweise und Kreativität zu verteidigen.“ </em>F.T. Marinetti sprach in seinen futuristischen (und proto-faschistischen) Manifesten unter anderem davon, dass ein Rennwagen schöner wäre als die Nike von Samothrake. Bei den Turiner Arbeiter:innen wird er keinen Widerspruch geerntet haben (obwohl diese sicherlich nicht zu seinen Leser:innen gehörten). Auch im Jahr 2023 hätte Marinetti ein dankbares Publikum.</p>
<p>Was bleibt? Die in diesem Essay etwas ausführlicher vorgestellten Analysen von Ulrike Hermann und Kohei Saito überzeugen. Der Appell an die „Grenzen des Wachstums“, die Notwendigkeit eines „Degrowth“ belegen die Popularität einer Politik jenseits des (neoliberalen) Kapitalismus unter Intellektuellen. Eine Strategie haben wir damit noch nicht. Die pädagogische Gramsci-Rezeption der Autor:innen des Sammelbandes von Maria do Castro Varela, Natascha Khakpour und Jan Niggemann zeigt vielleicht einen Weg, aber die Bündnisse, die erforderlich wären, um die Machtfrage des Kapitalismus anders zu beantworten als dies in einer Zeit geschieht, in der sich – böse gesagt und böse gemeint – sozial orientierte Parteien nach wie vor auf dem Niveau des Gothaer Programms bewegen, müssen noch geschaffen werden. 3,5 Prozent werden auch nicht reichen. Etwa 3,5 Prozent – oder sogar weniger – stürzten die kommunistischen Diktaturen der Sowjetzeit, aber die Transformation der 1990er Jahre ist alles andere als ein gutes Vorbild für das Management der angesichts der Klimakrise erforderlichen Transformationen. Aber auf die Bündnisse kommt es an! Nur mit breiten Bündnissen sind tragfähige und zukunftsfähige Mehrheiten in einer liberalen Demokratie erreichbar.</p>
<p>Zum Abschluss noch einmal Slavoj Źiźek, diesmal zitiert nach seinem Buch „Die Revolution steht bevor – Dreizehn Versuche über Lenin“ (Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 2002): <em>„Entweder man spielt das Spiel des Systems und lässt sich auf den ‚langen Marsch durch die Institutionen‘ ein, oder man engagiert sich in neuen sozialen Bewegungen, vom Feminismus über den Umweltschutz zum Antirassismus. Aber um es nochmals zu sagen, die Begrenztheit dieser Bewegungen besteht darin, dass sie nicht <u>politisch</u> im Sinne des allgemeinen Singulären, sondern ‚Einthemenbewegungen‘ sind, denen die Dimension der Allgemeinheit fehlt, d.h., sie beziehen sich nicht auf die gesellschaftliche <u>Totalität</u>.“</em> Vielleicht erwächst daraus sogar ein ganz neuer Begriff der <em>„Revolution in Permanenz“</em>, die Karl Marx und Friedrich Engels im März 1850 in der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund“ formulierten (in MEW 7)? Das wäre nicht nur eine Denkaufgabe für politische Parteien, sondern auch – und nicht zuletzt – für die Zivilgesellschaft.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2023, Internetzugriffe zuletzt am 20. September 2023. Das Titelbild zeigt eine Landschaft bei Bestensee, Landkreis Oder-Spreewald, Foto: NoRei.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-des-kapitalismus/">Jenseits des Kapitalismus</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-des-kapitalismus/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Enrico</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/enrico/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/enrico/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Apr 2023 08:42:45 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=3137</guid>

					<description><![CDATA[<p>Enrico Der Traum vom demokratischen Sozialismus „Ich erinnere mich an diesen Tag, als wäre es heute. Ich war ein kleines Mädchen von 8 Jahren am 13. Juni 1984. Ich erinnere mich, weil ich an diesem Tag nicht zur Schule gegangen bin, obwohl ich nicht krank war. Ich fragte meinen Vater, warum ich heute nicht  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/enrico/">Enrico</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Enrico</strong></h1>
<h2><strong>Der Traum vom demokratischen Sozialismus</strong></h2>
<p><em>„Ich erinnere mich an diesen Tag, als wäre es heute. Ich war ein kleines Mädchen von 8 Jahren am 13. Juni 1984. Ich erinnere mich, weil ich an diesem Tag nicht zur Schule gegangen bin, obwohl ich nicht krank war. Ich fragte meinen Vater, warum ich heute nicht gehen könnte und er, der ein überzeugter Kommunist war, antwortete mir: ‚Heute ist ein Tag der Trauer, der Genosse Generalsekretär Enrico Berlinguer ist gestorben.‘ Wir saßen schweigend vor dem Fernseher und verfolgten die Direktübertragung der Bestattungsfeier. Es war zum ersten Mal in meinem jungen Leben, dass ich meinen Vater weinen sah. So, wie man weint, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist. Um die Wahrheit zu sagen, ist mir nur wenig von diesem Tag im Gedächtnis geblieben. Viele Jahre später habe ich begriffen, auch wenn ich lediglich eine Fernsehzuschauerin war, dass ich Zeugin eines historischen Ereignisses gewesen bin: Ein Kapitel der Geschichte der italienischen Politik war geschlossen worden. Ich darf meinem Vater Dank sagen, dass er mir von seinem Genossen Generalsekretär erzählt hat. Heute kann ich mit Stolz sagen, dass ich eine Frau der Linken bin. Addio Berlinguer, Addio Papa.“ </em>(Ilean Lucci, Kommentar zum <a href="https://www.youtube.com/watch?v=AigNESiKsUw">YouTube Video des Songs „Dolce Enrico“ von Antonello Venditti</a>, 2013)</p>
<p>Am 13. Juni 1984 fand in Rom die bis dahin größte politische Manifestation im Italien der ersten Republik statt – das zitierte Video zeigt die beeinddruckenden Bilder. Etwa zwei Millionen Menschen folgten dem Sarg des Generalsekretärs der kommunistischen Partei Italiens (PCI), Enrico Berlinguer, der von seinen Anhängern geliebt und von seinen politischen Gegnern in Italien geachtet wurde. Wenige Tage vorher war er während einer Wahlkampfrede in Padua vor den Augen seiner entsetzten Anhängerschaft zusammengebrochen und nach der Einlieferung ins Krankenhaus – im Alter von 63 Jahren – an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.</p>
<h3><strong>Prophet der neuen Linken </strong></h3>
<div id="attachment_3138" style="width: 237px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Portrait_Fotografunbekannt_Wikimediacommons.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3138" class="wp-image-3138 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Portrait_Fotografunbekannt_Wikimediacommons-227x300.jpg" alt="" width="227" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Portrait_Fotografunbekannt_Wikimediacommons-200x265.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Portrait_Fotografunbekannt_Wikimediacommons-227x300.jpg 227w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Portrait_Fotografunbekannt_Wikimediacommons-400x529.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Portrait_Fotografunbekannt_Wikimediacommons-600x794.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Portrait_Fotografunbekannt_Wikimediacommons.jpg 640w" sizes="(max-width: 227px) 100vw, 227px" /></a><p id="caption-attachment-3138" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Enrico_Berlinguer.jpg">Enrico Berlinguer</a>, Fotograf unbekannt, Wikimedia Commons</p></div>
<p>Wer war dieser Mann, den Birgit Kraatz <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/enrico-berlinguer-italien-kommunistische-partei-roter-terror-aldo-moro-chiara-valentini-1.5659206">am 18. September 2022 in der Süddeutschen Zeitung</a> anlässlich der Wahlen zum italienischen Parlament 2022 als <em>„Prophet einer neuen Linken“</em> bezeichnet? Henry Kissinger und die amerikanischen Falken betrachteten ihn als Sicherheitsrisiko für das westliche Bündnis, der Generalsekretär der KPdSU, Leonid Breschnew, sah in ihm einen Häretiker, der die Führungsrolle der KPdSU in Frage stellte. Zwei Perspektiven, die in ihrer stupiden Intransigenz dem Blockdenken des Kalten Kriegs verhaftet blieben und mit Visionen, die eben dieses Denken in Frage stellten, nichts anfangen konnten. In gewisser Weise ist der west-östliche Bannfluch, der sich nicht nur gegen die Person Enrico Berlinguer, sondern gegen die von seiner italienischen Partei sowie den französischen und spanischen Kommunisten propagierte Idee eines dritten Wegs, jenseits von Kapitalismus und autoritärem Staatssozialismus, wandte, ein deutliches Indiz für die Attraktivität eines gesellschaftlichen Zukunftsentwurfs, der auf die demokratische Transformation bestehender gesellschaftlicher Strukturen zielte.</p>
<p>Insbesondere im Italien der 1970er Jahre mit seiner starken Arbeiterbewegung, einer zum überwiegenden Teil linken, gesellschaftskritisch eingestellten intellektuellen Szene und einer Tradition des antifaschistischen Widerstands, dessen politische Axiome Eingang in die italienische Verfassung gefunden hatten und bis heute zum steten Ärger der italienischen Rechten das demokratische Selbstverständnis der italienischen Republik prägen, führte die immense Anziehungskraft eines demokratischen Sozialismus zu einem wachsenden Einfluss der kommunistischen Partei in allen Bereichen der italienischen Gesellschaft. Der PCI hatte zwei Millionen Mitglieder und holte 1976 bei nationalen Wahlen mit 35% aller abgegebenen Stimmen das beste Ergebnis, das eine kommunistische Partei jemals in demokratischen Wahlen erzielt hatte. In vielen Regionen bildeten Kommunisten gemeinsam mit den Sozialisten (PSI) die Regierung. Fast alle großen Städte wurden von dieser Koalition regiert, in der die Kommunisten die stärkste Kraft waren. Diese aus heutiger Sicht erstaunliche politische Konstellation wurde maßgeblich durch das Auftreten und Wirken einer charismatischen Persönlichkeit geprägt: Enrico Berlinguer.</p>
<h3><strong>Der Weg des Enrico Berlinguer</strong></h3>
<p>Für die 1921 gegründete italienische kommunistische Partei beginnt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur eine Zeit des stetig wachsenden Einflusses, sondern auch der widersprüchlichen durch innere Kämpfe begleiteten Loslösung vom Stalinismus und der Emanzipation von der Bevormundung durch die Komintern bzw. die Moskauer Gralshüter der reinen Lehre. Bis zu seinem Tod 1984 hat Enrico Berlinguer diesen Prozess in unterschiedlichen Leitungspositionen und zuletzt als unumstrittener Führer der italienischen Kommunisten maßgeblich geprägt. Er wurde 1922 im Jahr der Machtübertragung an den italienischen Faschismus geboren und entstammte, keineswegs typisch für einen kommunistischen Funktionär, einer aristokratischen Familie aus Sardinien. Seine Großeltern bekannten sich zum radikaldemokratischen Flügel der italienischen Nationalbewegung, sein Vater war Rechtsanwalt und beide Elternteile unterstützten die sozialistische Partei.</p>
<p>Die familiäre Tradition und die demokratischen Ideen des Risorgimento bleiben das moralische Fundament seines politischen Handelns und werden von ihm mit einer marxistischen Analyse der bestehenden Gesellschaftsstrukturen verknüpft. Der Titel seiner Doktorarbeit, deren Vollendung er 1943 unter den Bedingungen von Krieg und Verfolgung durch die Faschisten aufgeben musste, lautete „Philosophie und Rechtsphilosophie von Hegel zu Croce und Gentile“ und weist auf den weiten Horizont seiner wissenschaftlichen Interessen hin. Möglicherweise hätte Enrico eine wissenschaftliche Karriere in der philosophischen Fakultät einer italienischen Hochschule begonnen, wenn ihm die faschistischen Machthaber keine Steine in den Berufsweg gelegt hätten.</p>
<p>Im Oktober 1943 beantragte er die Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei und wurde sofort in das Leitungsgremium der Jugendorganisation der PCI gewählt. Im Januar 1944 wird er verhaftet und eingekerkert, weil er sich an der „Bewegung für Brot“ gegen das faschistische Badoglio-Regime beteiligt hatte. Er bleibt bis zum 25. April des Jahres im Gefängnis und in einem von Pietro Caveri zitierten <a href="https://www.treccani.it/enciclopedia/enrico-berlinguer_%28Dizionario-Biografico%29/">Polizeibericht</a> heißt es: <em>„Er folgt der üblichen kommunistischen Praxis und hüllt sich in absolutes Schweigen.“</em></p>
<p>Im Juni 1944 trifft er sich mit seinem Vater in Salerno. Dieser stellt ihn <a href="https://www.treccani.it/enciclopedia/palmiro-togliatti/">Palmiro Togliatti</a> vor, der nach seiner Rückkehr aus dem sowjetischen Exil die Nachfolge des verstorbenen <a href="https://agora42.de/antonio-gramsci-robert-misik/">Antonio Gramsci</a> als Generalsekretär der Partei übernommen hatte. Nach der Befreiung von der faschistischen Diktatur übernimmt er eine Aufgabe als Funktionär der „Front der Jugend (Fronte della gioventù)“ in Mailand, einer Organisation, die während der Zeit des antifaschistischen Widerstands gegründet worden war und in der die Kommunisten einen starken Einfluss hatten.</p>
<p>1950 wurde Enrico Berlinguer zum Präsidenten der „Federazione mondiale della gioventù (Weltjugendbund)“ gewählt und seine dortigen Erfahrungen auf internationaler Ebene haben mit Sicherheit seinen späteren steilen Aufstieg in der Führung der kommunistischen Partei Italiens begünstigt.</p>
<p>Warum wird jemand wie Enrico Berlinguer, der dem bürgerlich-aristokratischen Milieu der sardischen Insel entstammt und Spross einer durchaus wohlhabenden Familie ist, Kommunist? Vermutlich wurde ihm diese naheliegende Frage häufig gestellt und er hat sie immer damit beantwortet, dass er die Interessen und Ziele des schwächsten Teils der Bevölkerung vertreten wolle, nicht nur aus humanitären Erwägungen, sondern weil er ganz im Sinne des kommunistischen Manifests die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt einer gesellschaftlichen Transformation betrachte. Beeinflusst durch die <em>„Schule“</em> Togliattis, der im Zeichen der <em>„nationalen Verantwortung“</em> einen eigenen italienischen Weg zum Sozialismus propagierte, wurde die autonome strategische Orientierung, jenseits einer oktroyierten dogmatischen Engführung auf dem Weg zu einer sozialistischen Gesellschaft für Berlinguer zum Credo seines politischen Handelns.</p>
<p>Zeit seines Lebens wird er einen Weg suchen, um in Italien eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Die Revolution bestand für ihn in einem Prozess der tiefen Transformation der sozialen und kulturellen Strukturen: realisiert durch Konsens, ohne Gewalt, basierend auf Freiheit, Demokratie und Pluralismus. Mehr noch als andere Kommunisten, die die Erfahrungen von Demokratie und Freizügigkeit in Westeuropa machten, war Berlinguer immer davon überzeugt, dass die besonderen Charakteristika des italienischen Kommunismus eine substanzielle politische Autonomie beinhalten und dass die italienischen Kommunisten ein spezifisches Modell konstituieren könnten, dass sich kritisch sowohl mit dem sowjetischen Weg als auch mit der modernen Sozialdemokratie auseinandersetzen könnte. Diesen Kurs, der auf der Ebene der Kooperation mit den spanischen und französischen Kommunisten als Eurokommunismus bezeichnet wurde, verankerte er als Generalsekretär des PCI mit der Rückendeckung der Mehrheit seiner Partei als grundlegende Orientierung aller politischen Aktivitäten der PCI im Italien der 70er und frühen 80er Jahre.</p>
<h3><strong>Vordenker Antonio Gramsci</strong></h3>
<p>Sowohl die Erkenntnis, dass die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen in den westeuropäischen Ländern sich wesentlich von der vorrevolutionären Situation in Russland unterschieden, als auch die Idee eines Sozialismus, dessen Konstruktionsmerkmale durch demokratische Transformation und breite Mehrheiten, die über die traditionellen Klassengrenzen hinausgehen, charakterisiert sind, lassen sich zurückführen auf einen langen, komplexen Prozess der Theoriebildung, der sich in der kommunistischen Partei im Rahmen der Bewältigung der sich ständig verändernden Herausforderungen des politischen Kampfes seit dem Machtantritt Mussolinis im Jahr 1922 vollzogen hatte. Berlinguer hat in den 1970er Jahren die autonome strategische Positionierung des PCI, die ihn in Moskau, aber auch in Washington, zur Persona non grata gemacht hat, als schöpferische Rezeption der Ideen von Antonio Gramsci bezeichnet. Er referierte dies ausdrücklich nicht nur in Bezug auf das Konzept des demokratischen Sozialismus, sondern auch auf die bündnisstrategische Öffnung zu den von der Democrazia Cristiana repräsentierten <em>„katholischen Massen“</em>.</p>
<p>Antonio Gramsci, einer der Gründungsväter der PCI, hatte mit seiner Einführung des Begriffs <em>„Hegemonie“,</em> der je nach Kontext sehr unterschiedlich interpretiert werden kann, in der Strategiedebatte der kommunistischen Parteien ohne Zweifel einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der marxistischen Theorie geliefert. Er unterscheidet in Bezug auf gesellschaftliche Macht zwischen repressiver Herrschaft, die durch staatliche Gewalt ausgeübt wird und Hegemonie, die aus der zivilen Gesellschaft als politische, geistige, kulturelle und moralische Führung erwächst. In diesem Zusammenhang wendet sich Gramsci auch gegen mechanistische Gesellschaftskonzeptionen, die einen determinierenden Einfluss der ökonomischen Basis auf alle gesellschaftlichen Prozesse behaupten. Gramsci postuliert ein dialektisches Verhältnis zwischen Basis und Überbau. Deshalb müssten Kämpfe in der Wirtschaftswelt und den Arbeitsbeziehungen immer begleitet werden durch den Kampf um eine führende Rolle in der komplexen zivilen Gesellschaft. Aus seiner Sicht sei das Charakteristische der bürgerlichen Gesellschaft, dass der Staat als politische Herrschaft seine Legitimation und nachhaltige Stabilisierung dadurch erlange, dass die jeweils herrschende Klasse in modernen kapitalistischen Gesellschaften eine umfassende kulturelle und ideologische Hegemonie entwickle, die sich auf entsprechende Institutionen der Zivilgesellschaft und dominanten Einfluss auf die öffentliche Meinung realisiere. Hegemonie beruhe auf Zustimmung, Gleichberechtigung, Anerkennung und Konsens auch und gerade in dem Teil der Bevölkerung, der zur beherrschten Klasse gehört. Gewaltausübung – wie beispielsweise in der faschistischen Diktatur – werde nur dann ausgeübt, wenn die Fundamente der Kapitalherrschaft bedroht seien.</p>
<p>Aus dieser zugegeben stark verkürzten Darstellung der Hegemonietheorie des Antonio Gramsci ergaben sich zwangsläufig Schlussfolgerungen für die Frage, wie eine Revolution im Sinne einer nachhaltigen gesellschaftlichen Transformation gelingen könne:</p>
<ol>
<li>Das Modell der russischen Oktoberrevolution sei für westeuropäische Länder nicht anwendbar, weil die gewaltsame Eroberung der Staatsmacht ohne vorherige hegemoniale Durchdringung der gesellschaftlichen Strukturen und die Gewinnung der Zustimmung der Masse der Bevölkerung zwangsläufig entweder zur Konterrevolution oder zur Etablierung einer Diktatur führe.</li>
<li>Deshalb habe jede revolutionäre Bewegung die Aufgabe, in einem komplexen und langfristigen Prozess <u>vor</u> einer Revolution hegemoniale Positionen in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen zu erlangen. Die Werte und kulturellen Normen einer Gesellschaft, die von der jeweils herrschenden Klasse implementiert worden seien, seien soziale Konstruktionen, die ständig in Frage gestellt werden müssten. In diesem Zusammenhang erwähnt Gramsci die bedeutende Rolle der Intellektuellen in dieser vorrevolutionären Auseinandersetzung.</li>
<li>Die Arbeiterklasse müsse Bündnisse mit anderen sozialen Schichten und deren Repräsentanten eingehen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung und ihrer grundlegenden Wertorientierungen ebenfalls ein Interesse an einer nachhaltigen Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse hätten.</li>
</ol>
<p>Im Unterschied zu Lenin gibt es für Gramsci keine Partei, die in der Rolle der Avantgarde stellvertretend für das Proletariat handeln könne. Für ihn war, trotz aller Solidarität mit der bolschewistischen Oktoberrevolution, immer klar, dass die Mehrheit der arbeitenden Klassen und des Kleinbürgertums die Notwendigkeit eines grundsätzlichen politischen Wandels, einer Revolution erkennen und bejahen muss. Ohne diese Voraussetzung war für ihn – insbesondere in Italien – eine Revolution nicht vorstellbar. Nur vor dem Hintergrund dieser theoretisch begründeten Einsicht und der entsprechenden Aktivitäten, die die kommunistische Partei in Italien, inklusive aller Widersprüchlichkeiten und Rückschläge, zur Erlangung hegemonialer Positionen realisiert hatte, kann der Erfolgsweg des PCI in den 70er Jahren, aber letztlich auch das Scheitern der von Berlinguer verfolgten Strategie erklärt werden.</p>
<h3><strong>Konkretisierungen eines „dritten Wegs“ </strong></h3>
<p>Enrico Berlinguer knüpfte mit seiner politischen Agenda nahtlos an die Hegemoniekonzeption an. Der PCI formulierte schon auf ihrem Kongress 1972 ein klares Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie, dass auch Gültigkeit besitzen sollte, wenn sich ein Machtwechsel zugunsten eines Linksbündnisses vollzogen hätte. In Bezug auf die Haltung zur Demokratie grenzte sich Berlinguer von Lenin ab und verwarf die Strategie der ausschließlichen Instrumentalisierung des Parlaments als Tribüne zur Denunziation der Übel des Kapitalismus und als propagandistisches Forum. Er bezeichnete das Parlament als einen Ort, an dem die Repräsentanten der Arbeiterbewegung ihre eigenen Initiativen entwickeln und konkretisieren könnten, einen Ort der politischen Auseinandersetzung und der Legislative.</p>
<p>In einer Grundsatzrede während der Feierlichkeiten zum sechzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution 1977 in Moskau, erklärte er: <em>„Soweit es die Beziehungen zwischen den kommunistischen und Arbeiterparteien betrifft, so können sie als friedliche Beziehungen nicht existieren, wenn es führende und geführte gibt. Die Entwicklung ihrer Solidarität erfordert den freien Austausch unterschiedlicher Meinungen, die strikte Beachtung der Autonomie jeder Partei und der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten. Die italienische kommunistische Partei ist auch durch den Impuls der Oktoberrevolution entstanden. Sie ist in der Folge gewachsen, insbesondere weil es ihr gelungen ist, die Arbeiterklasse, vor und während der Resistenza, als Protagonistin des Kampfes für die Rückeroberung der Freiheit gegen die faschistische Tyrannei zu profilieren und sich im Laufe der letzten 30 Jahre erfolgreich für die Erweiterung demokratischer Rechte einzusetzen. Die hier gewonnene Erfahrung hat uns zu der Schlussfolgerung geführt, so wie es auch bei anderen Parteien des kapitalistischen Europa der Fall ist, dass die Demokratie heute nicht nur das Terrain ist, auf dem der Klassenfeind gezwungen werden kann, zurückzuweichen, sondern auch ein historisch universeller Wert, auf dem eine wirkliche sozialistische Gesellschaft aufbaut. Unser gemeinsamer Kampf, der auch kontinuierlich die Übereinkunft mit anderen Bewegungen sozialistischer und christlicher Provenienz in Italien und in Westeuropa sucht, wird geführt, um eine neue Gesellschaft zu verwirklichen, einen Sozialismus, der alle individuellen und kollektiven Freiheiten garantiert, zivile und religiöse sowie den neutralen, nicht ideologischen Charakter des Staates, die Möglichkeit der Existenz mehrerer Parteien, den Pluralismus im sozialen, kulturellen Leben und in der Bildung.” </em>(Zitiert nach Walter Veltroni, Il caso Moro e la prima Republica, Milano 2021)</p>
<p>Der spärliche Beifall und die bei der Mehrzahl der anwesenden Parteiführer entgleisenden Gesichtszüge waren sichtbares Zeugnis für das Unverständnis und die Ablehnung, die die Positionierung der italienischen Partei bei einem großen Teil der internationalen Nomenklatura des Kommunismus Moskauer Prägung hervorrief.</p>
<p>Schon 1968 war der erste Paukenschlag für das Concerto grosso des in Etappen sich vollziehenden Bruchs mit der autoritärstaatlichen Moskauer Variante des Kommunismus erfolgt: Nach der Invasion der Sowjets und ihrer Blockpartner in Prag verurteilte der PCI die militärische Unterdrückung des Reformprozesses in der Tschechoslowakei. Das von den Invasoren vorgetragene Argument einer Intervention gegen eine von außen gesteuerte Konterrevolution wurde als Vorwand für eine ausschließlich auf Machterhalt mit allen Mitteln durchgeführte Aktion bezeichnet. Berlinguer selbst reiste nach Moskau, um gegenüber dem ZK der KPdSU in scharfer, unmissverständlicher Form zu protestieren.</p>
<p>Enrico Berlinguer ging davon aus, dass selbst eine potenzielle absolute Mehrheit der Kommunisten nicht zur nachhaltigen Veränderung der Gesellschaft ausreichen werde. Im Gegenteil befürchtete er, dass sie – wenn sie mit einem entsprechenden Machtanspruch verbunden werde – zur Spaltung der Gesellschaft und zur Gefährdung der demokratischen Institutionen führen könne. Der PCI verwarf deshalb unter seiner Regie die Strategie einer <em>„linken Alternative“</em> und entwickelte stattdessen die Linie einer <em>„demokratischen Alternative“</em>. Diese beinhaltete vor allem eine Übereinkunft mit den politischen Repräsentanten der Teile der Bevölkerung, die den Katholizismus praktizierten.</p>
<p>Im September 1973 hat Enrico Berlinguer in mehreren Reden und Artikeln auf die Notwendigkeit eines solchen breiten Bündnisses hingewiesen, dass in seiner sozialen, politischen und ideologischen Zusammensetzung weit über die Grenzen der traditionellen Klientel des PCI reichen sollte. Natürlich hat er sich auf die besondere italienische Situation bezogen, die durch den starken Einfluss der katholischen Kirche geprägt war und ist. Der bündnispolitische Diskurs mit den Christdemokraten unter ihrem Vorsitzenden <a href="https://www.derstandard.de/story/2000144164665/arte-serie-ueber-die-entfuehrung-von-aldo-moro">Aldo Moro</a>, der als „Historischer Kompromiss“ bezeichnet wird, fand seine Begründung sowohl als Schlussfolgerung aus dem Hegemoniekonzept, als auch als Abwehrstrategie gegenüber einem möglichen Putsch reaktionärer Kräfte. Er entsprang keinem bündnistaktischen Kalkül, sondern war integrierter Bestandteil einer umfassenden Konzeption eines demokratischen Wegs zum Sozialismus.</p>
<h3><strong>Dauerkrise und Warten auf den Wandel</strong></h3>
<p>Die weltweite Krise der 1970er Jahre führte insbesondere in Italien zu einer massiven Verschlechterung der Lage der <em>„unteren Schichten“</em>. Die in den zahlreichen Streiks errungenen Lohnerhöhungen konnten die Inflation nicht ausgleichen. Gerhard Feldbauer, ein profunder Kenner der italienischen Politik der 1970er und 1980er Jahre, schreibt in seinem Buch „Umbruchsjahre in Italien“: <em>„Der Durchschnittsverdienst des italienischen Arbeiters gehörte zu den niedrigsten in der EWG. Ein Viertel aller italienischen Familien lebte in tiefster Armut. Neun Prozent der Familien hatten ein monatliches Einkommen von 40.000 Lire und weniger, was umgerechnet noch nicht einmal 200 DM waren.“</em> Die soziale Misere und die gleichzeitig existierende ungerechte Verteilung der Einkommen führte zu Massenprotesten, die in Italien eine Stärke wie in keinem anderen Land annahmen. 1973 nahmen an Protesten und Streiks 14 Millionen Menschen teil.</p>
<p>Die ökonomische Krise und der damit verbundene Verlust an Sicherheit und Vertrauen in die traditionellen Grundpfeiler der Gesellschaft offenbarte sich in einem historischen Moment der italienischen Geschichte der Nachkriegszeit. Dieser Moment war das Referendum von 1974 über das 1970 in Kraft getretene Recht auf Ehescheidung. Es zeigte die tiefgreifende Krise der Democrazia Cristiana, die sich bis dato als natürlicher Hegemon nicht nur in Bezug auf politische, sondern auch auf ethische Fragen betrachtet hatte. Die Säkularisierung der italienischen Gesellschaft, die aufgrund des erdrückenden Einflusses der Kirche für die Modernisierung der Gesellschaft unbedingt notwendig war, erfuhr durch das Ergebnis des Referendums eine unvorhergesehene Beschleunigung. 60 Prozent der Abstimmenden ließen sich durch den Gleichklang der penetranten diffamierenden Kampagne der Christdemokraten, der Neofaschisten und des Vatikans nicht einschüchtern und stimmten gegen die Abschaffung des 1970 eingeführten Gesetzes. Im katholischen Italien war das Ergebnis des Referendums ein Symptom für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel, der aus sozialpsychologischer Perspektive auf Veränderungsprozesse in der Einstellung und grundlegenden Verhaltensmustern in der Bevölkerung schließen ließ.</p>
<p>Die Wahlerfolge der Linken, insbesondere der Kommunisten in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre führten zu einer politischen Situation, die es keiner der bisherigen Parteikonstellationen und Bündnisse ermöglichte, eine parlamentarische Mehrheit zu bilden. Schon Antonio Gramsci hatte auf den für die Linke ambivalenten Charakter solcher historischen Situationen hingewiesen. <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Pagina:Gramsci_-_Quaderni_del_carcere,_Einaudi,_I.djvu/318">Er schrieb mit Bezug auf eine frühere Aussage Lenins in den berühmten „Heften aus dem Kerker“</a>: <em>„Die Krise besteht nun in dem Faktum, dass das Alte stirbt und das Neue noch nicht entstehen kann. In diesem Interregnum treten mannigfache Phänomene des Verfalls in Erscheinung.“ </em>(im italienischen Original: <em>“la crisi consiste appunto nel fatto che il vecchio muore e il nuovo non può nascere: in questo interregno si verificano i fenomeni morbosi più svariati</em>.<em>”</em>) Berlinguer hat diesen grundsätzlichen Januskopf gesellschaftlicher Krisen in den Erscheinungsformen der italienischen Krise erkannt. Er sah sowohl die Chance einer grundlegenden gesellschaftlichen Erneuerung unter der Ägide eines linken Bündnisses als auch die Gefahr eines gewaltsamen Rollback im Interesse der Profiteure des aktuellen Herrschaftssystems.</p>
<h3><strong>Die Idee des „historischen Kompromisses“</strong></h3>
<p>Die Gefahr eines reaktionären Umsturzes manifestiert sich aus Sicht des PCI einerseits durch zahlreiche terroristische Anschläge von Neofaschisten, die von Teilen der Militärführung und des Polizeiapparates offensichtlich gedeckt waren, andererseits aber durch den gewaltsamen Sturz der linken Regierung Salvador Allendes im September 1973 in Chile. Vor dem Hintergrund des Militärputschs im September 1973 in Chile skizzierte Berlinguer das bündnispolitische Konzept des <em>Historischen Kompromisses. </em>Dieser strategische Entwurf basierte, wie schon erwähnt, auf der Annahme der Notwendigkeit einer grundlegenden Übereinkunft und Zusammenarbeit zwischen dem Block der Kommunisten und Sozialisten sowie der christdemokratischen Partei als politische Repräsentantin des katholischen Italien. Berlinguer beschreibt diese Zusammenarbeit unter anderem als Abwehrbündnis (zitiert nach Veltroni): <em>„Das zentrale politische Problem Italiens in der jetzigen Situation ist, dass sich ein Block von konservativen und rechtsextremistischen Kräften bildet. Dies könnte zu einer klerikal-faschistischen Frontbildung führen, die einen Teil der heutigen politischen Mitte, die sich gegenwärtig an demokratischen Prinzipien orientiert, auf ihre Seite zieht.“ </em>Dieser zunächst lediglich defensive Begründungszusammenhang wird erweitert zu einem Programm tiefgreifender sozialer und politischer Veränderungen, die nur durch den Konsens der großen Mehrheit der Bevölkerung realisiert werden könnten.</p>
<div id="attachment_3144" style="width: 254px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Aldo_Moro_portrait.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3144" class="wp-image-3144 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Aldo_Moro_portrait-244x300.jpg" alt="" width="244" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Aldo_Moro_portrait-200x246.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Aldo_Moro_portrait-244x300.jpg 244w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Aldo_Moro_portrait-400x491.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Aldo_Moro_portrait-600x737.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Aldo_Moro_portrait.jpg 640w" sizes="(max-width: 244px) 100vw, 244px" /></a><p id="caption-attachment-3144" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aldo_Moro_portrait.jpg">Aldo Moro</a>. Erstmals hochgeladen von Nilo Glock bei der italienischen Wikipedia, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>In der christdemokratischen Partei, die über Jahrzehnte seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die politischen Strukturen des Landes dominiert hatte und die als Organisation die ganze Bandbreite der ideologischen Positionierungen des politischen Katholizismus integrierte, fand Berlinguer in Aldo Moro, dem Vorsitzenden der DC, einen Ansprechpartner, der zu einem konstruktiven Dialog und einer zukünftigen Kooperation bereit war. Vermutlich ging der Vorsitzende der Christdemokraten davon aus, dass zur Stabilisierung der italienischen Verhältnisse eine Übereinkunft der beiden größten Parteien, die nach den Wahlen von 1976 über 70% der Wahlbevölkerung repräsentierten, notwendig sei und man eine zweite Phase in der Entwicklung der italienischen Republik einleiten müsse. Innerhalb der unterschiedlichen Strömungen der DC kann Moro zum <em>„linken Flügel“</em> gerechnet werden. Sein Parteifreund Francesco Cossiga beschrieb ihn in einem Interview als einen Politiker, der ein <em>„cattolico sociale“</em> sei, sich also auf die sozialreformerischen, gegen die schrankenlose Herrschaft von Kapitalinteressen gerichteten Interpretationen des Evangeliums bezog.</p>
<p>Aldo Moro hatte für seinen Kurs der Annäherung an die kommunistische Partei sicherlich die Mehrheit der einfachen Parteimitglieder hinter sich, allerdings gab es insbesondere innerhalb des Parteiestablishments, das eng mit dem Staatsapparat, dem Klerus und großen Teilen der Industrie verbunden war, massive Vorbehalte gegen eine stärkere Beteiligung des PCI an der politischen Machtausübung. Sein Pendant auf der kommunistischen Seite hatte mit ähnlichen Problemsituationen zu kämpfen. Die Masse der Parteimitglieder und große Teile der Bevölkerung verehrten ihn als charismatischen und moralisch integren Politiker, aber der linksextreme Flügel seiner Partei, der vor allem in der studentischen Jugend Anhänger hatte, betrachtete den historischen Kompromiss als rechtsopportunistische Kapitulation gegenüber der Bourgeoisie. Innerhalb des rechten Flügels gab es Stimmen, die eine völlige Abkehr von revolutionärem Gedankengut und auf europäischer Ebene den Eintritt in die <a href="https://www.socialistinternational.org/">Sozialistische Internationale</a> der sozialdemokratischen Parteien forderte.</p>
<p>In dieser Gemengelage hat Berlinguer immer eine klare Linie vertreten, indem er klarstellte, dass das Ziel der Überwindung des kapitalistischen Systems zur DNA einer kommunistischen Partei gehöre, dass aber der Weg zum Sozialismus ein demokratischer sein müsse, der die Einbeziehung unterschiedlicher Schichten und Interessengruppen der italienischen Gesellschaft impliziere. In einem programmatischen Text schrieb er (zitiert nach Veltroni): <em>„Wir versuchen neben den unterschiedlichen sozialen Schichten die Frauen, die Jugend, die Volksmassen des Mezzogiorno, die Menschen, die im Kulturbereich und den Medien arbeiten in eine gemeinsame Bewegung einzubeziehen. Dabei vertreten wir nicht nur ökonomische und soziale Ziele, sondern auch solche der Entwicklung der Zivilgesellschaft, des demokratischen Fortschritts, der Verteidigung der Menschenrechte und der Ausweitung der vielfältigen Freiheiten des Individuums. Wenn wir unsere konkrete politische Arbeit auf diese Weise realisieren, dann bereiten wir dadurch die Grundlage für eine Gesellschaft, die man ein neues Modell des Sozialismus nennen kann.“</em></p>
<p>Diese Vision, die er und die Mehrheit seiner Partei unentwegt und mit Nachdruck in der Öffentlichkeit, auf Kundgebungen, in den Medien und insbesondere in tausenden Gesprächen im Alltagsgeschehen kommunizierten, hat weit über die Anhängerschaft des PCI hinaus in großen Teilen der italienischen Gesellschaft eine positive Resonanz gefunden. Die Beliebtheit der Person Enrico Berlinguer und seine auch von politischen Gegnern zugeschriebene Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit waren sicherlich ein nicht zu unterschätzender Faktor im Hinblick auf die Zustimmung zu den Essentials der Strategie seiner Partei. Basis und unabdingbare Voraussetzung für die temporäre Erfolgsstory der italienischen Kommunisten haben aber tiefere Wurzeln und liegen in den besonderen historischen Bedingungen der linken Bewegung, insbesondere der Arbeiterbewegung Italiens, in der die kommunistische Partei sich über Jahrzehnte seit ihrer Gründung 1921 als aktive, wirkungsvolle Kraft profiliert und eine führende Stellung eingenommen hatte.</p>
<h3><strong>Der Charme des italienischen Kommunismus</strong></h3>
<p>Die große Rolle, die die kommunistische Partei bis in die 80er Jahre des Nachkriegsitalien spielte, lässt sich nur teilweise durch politische und ideologische Faktoren erklären. Die <em>„Normalität des Kommunismus“</em> in der italienischen politischen Landschaft realisierte sich in allen Handlungsfeldern des politischen Lebens. Kein Regionalparlament, keine kommunale Institution, in der Kommunisten nicht vertreten waren oder sogar die Mehrheit bildeten. Keine Nachbarschaftsversammlung, keine Bürgerinitiative, kein Mitbestimmungsorgan einer öffentlichen Institution, in denen Mitglieder oder Sympathisanten der Partei nicht das Wort ergriffen und ihre Vorstellungen von Interessenvertretung dargelegt hätten.</p>
<p>Die Präsenz der Partei in der Alltagskultur der Nachkriegszeit bis Ende der 1980er Jahre war selbst für deutsche Touristen unübersehbar. Erstaunt rieben sie sich die Augen, wenn in den Sommermonaten rote Fahnen und Plakate des PCI das Bild der Städte und Dörfer prägten und der traditionelle Sonntagsspaziergang der italienischen Familie mit dem Besuch der Festa dell´ Unità, des größten Volksfests der Halbinsel, ausgerichtet vom Zentralorgan der kommunistischen Partei, verbunden wurde.</p>
<p>Ebenso wie in der politischen war auch in der kulturellen Landschaft Italiens die Erfahrung der Resistenza, des nationalen Befreiungskampfes gegen die nationalsozialistische Besatzung und ihre italienischen Vasallen von 1943 bis 1945 nicht nur ein Schlüsselereignis, sondern auch eine Orientierungsmarke für zahlreiche Werke der Literatur, bildenden Kunst, Musik und der Filmproduktion. An der von der italienischen Linken nach 1945 inspirierten Debatte über die Gestaltung von Formen und Inhalten einer demokratischen und transformativen Nachkriegskultur nahmen Schriftsteller*innen, Filmemacher*innen und Künstler*innen teil, was ihr Schaffen durchaus beeinflusste und zum Entstehen des italienischen Neorealismus beigetragen hat.</p>
<p>Zu ihnen gehören die klangvollen Namen von Giorgio Bassani, Italo Calvino, Natalia Ginzburg, Carlo Levi, Elsa Morante, Alberto Moravia, Vasco Pratolini, Rossana Rossanda und natürlich der 1975 unter bis heute nicht geklärten Umständen ermordete Pier Paolo Pasolini. Stellvertretend für das Wunderland des italienischen Films seien Roberto Rosselini, einer der Begründer der Schule des Neorealismus, der 1945 mit „Rom, offene Stadt“ („Roma città aperta)diese Epoche einleitete und ein weiterer Pionier dieses Genres, Vittorio de Sica, dessen Film „Fahrraddiebe“ (Ladri die bicicletta“) eine Anklage gegen die katastrophale soziale Lage in vielen italienischen Städten darstellt, genannt.</p>
<p>Die Filmserie um die beiden Kontrahenten Don Camillo und Peppone nach einem Roman von Giovanni Guareschi wird zurecht als geniales Werk der Filmkomödie gepriesen, die insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren mit Fernandel und Gino Cervi in den Hauptrollen breiten Anklang auch beim deutschen Publikum fand. Neben der treffenden, bewusst übertreibend zuspitzenden und liebevollen Charakterisierung der beiden Protagonisten, deren ständig zwischen Streit und Versöhnung oszillierende Beziehung im Mittelpunkt der Handlung steht, reihen sich die Filme in das Gesamtopus des neorealistischen Filmschaffens ein, das immer ein Spiegel der sozialen und politischen Verhältnisse im Bel Paese und der gesellschaftlichen Stimmungslage der Nachkriegszeit ist.</p>
<p>Einerseits wird ein scharfes Bild der Armut, sozialen Ungleichheit und der Ausbeutungsverhältnisse in den agrarischen, vom Großgrundbesitz geprägten Regionen der Poebene gezeichnet, andererseits die Konturen einer Solidarität, deren Fundament auf humanistischen Werten und dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit ruht und fest verankert ist, eine Solidarität, die dazu geführt hatte, dass sich Katholiken, Kommunisten und Sozialisten zumindest in der kurzen Zeitspanne der Resistenza im Kampf gegen die Diktatur des Faschismus und die Besetzung durch Nazideutschland zusammenfanden. Irgendwie und in fast schon dialektischen Handlungsspiralen raufen sich der kommunistische Bürgermeister und der katholische Pfarrer, die gemeinsam in der Resistenza gekämpft und gelitten haben, zum Wohle ihres geliebten Städtchens zusammen und finden eine adäquate Problemlösung. Kein Zweifel, dass hier die italienische Realität der ambivalenten Spannung zwischen Cattolicesimo sociale und italienischem Kommunismus, der pragmatischen, ohne ideologische Scheuklappen realisierten Lösung von sozialen Problemen filmisch verarbeitet worden ist. Im Spannungsfeld von weltanschaulichen Gegensätzen, die insbesondere im Bereich von Familie und Sexualität zum Ausdruck kommen und Gemeinsamkeiten, die vor allem in der Stellung zur sozialen Frage und dem Ziel einer nachhaltigen Friedensordnung deutlich werden, erfolgen immer wieder von beiden Seiten initiierte Versuche der Annäherung und an der Basis der beiden großen gesellschaftspolitischen Strömungen Kooperationen des praktischen Handelns. In dem Film „Hochwürden Don Camillo“ sagt Don Camillo“: <em>„Es gibt keine zwei Kategorien von Armen. Es gibt keine Armen der Kommunisten und keine Armen der Katholischen Kirche.“</em></p>
<p>Ohne diese durch gesellschaftliche Strukturen und historische Entwicklungen in weiten Teilen des italienischen Alltagslebens geprägte Stimmungslage hätte die Strategie des historischen Kompromisses kaum eine solche politische Resonanz erfahren, wie es in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Fall war.</p>
<h3><strong>Der „Fallimento“ – das Scheitern – Versuche einer Erklärung </strong></h3>
<p>Was auch immer an Gründen für das Scheitern der strategischen Konzeption des PCI angeführt wird, bewegt sich zunächst im Reich der mit unterschiedlichen Begründungen vorgetragenen Spekulation, und wer mehr für sich in Anspruch nimmt, gar abschließende Bewertungen formuliert, wird sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, ein komplexes historisches Geschehen vereinfacht und vorschnell aus heutiger Perspektive zu interpretieren. Gilt dies für die Bewertung der Vergangenheit, für deren vorsichtige Interpretation anhand des in Fülle vorhandenen Quellenmaterials sich insbesondere Italienische Historiker*innen und Sozialwissenschaftler*innen verdient gemacht haben, so erst recht für die Antwort auf die Frage, ob und inwieweit ein dritter Weg, der zu einem demokratischen Sozialismus führt, in Zeiten des globalen Finanzkapitalismus, neoliberaler Ideologieproduktion und einer digitalisierten Medienwelt eine realistische transformative Alternative darstellt.</p>
<p>Es bleibt den auf das Wirken von Personen fixierten Geschichtsschreibern überlassen, aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen monokausal mit dem Handeln großer Männer – Frauen spielen hier nach wie vor eher eine untergeordnete Rolle – zu verknüpfen. Die Komplexität historischer Prozesse entzieht sich solch reduktionistischer Sichtweise und wir haben uns eher mit Vorsicht der Frage zu stellen, ob und inwieweit besondere Ereignisse, die mit dem Tun oder Unterlassen von Handlungen einflussreicher Persönlichkeiten verbunden sind, sich auf den weiteren Gang der Geschichte ausgewirkt und Zäsuren gebildet haben.</p>
<p>Meine folgenden Ausführungen sind deshalb als Thesen zu verstehen, die auf der Basis der mir zur Verfügung stehenden Quellen und Literatur und in der Hoffnung formuliert worden sind, einen Impuls für eine weiterführende Diskussion zu liefern.</p>
<p>Mit der Ermordung Aldo Moros wurde nicht nur der Linken, sondern auch der nach links tendierenden politischen Mitte in Italien eine schwere Niederlage beigebracht, die den Vormarsch der Rechten und faschistischen Nachfolgeparteien bis in das 21. Jahrhundert ermöglichte.</p>
<p>Am 16. März 1978, dem Tag, an dem die Debatte über die Zustimmung der Kommunisten zu einer von den Christdemokraten geführten Regierung stattfinden sollte, leistete die Terrororganisation der Brigate Rosse durch die Entführung und spätere Ermordung Aldo Moros am 9. Mai definitiv einen Beitrag zur Blockade eines gesellschaftspolitischen Transformationsprozesses. In diesem Moment der Zuspitzung der Krise durch das Attentat in der Via Fani in Rom erhielt die neue christdemokratische Exekutive die parlamentarische Mehrheit durch Stimmenthaltung der Kommunisten. Die Regierung Giulio Andreotti blieb ein Jahr im Amt, verwirklichte aber keine der notwendigen und geplanten Reformen. Deshalb beendete der PCI im Januar 1979 die inhaltsleere und fragile Allianz mit einer Regierung auf Rechtskurs. Bei den folgenden Neuwahlen 1979 verlor die Partei 5% der Stimmen und nach einem Jahrzehnt, in dem die Regierungsbeteiligung der Kommunisten unmittelbar bevorzustehen schien, rekonstruierte die rückwärtsgewandte Führung der Democrazia Cristiana unter Andreotti die traditionellen Regierungskoalitionen, mit denen die Partei seit 1948 ihre Macht abgesichert hatte.</p>
<p>Walter Veltroni nennt jenen Tag, an dem die Leibwächter Aldo Moros getötet und er selbst entführt wurde, den wichtigsten in der Geschichte der ersten Republik und zugleich den Tag, der de facto ihr Ende besiegelte. <em>„Wenige Sekunden und alles ändert sich für viele Jahre.”</em> Man mag diese Aussage als übertrieben betrachten, ohne Zweifel aber ist mit der Ermordung Aldo Moros für Enrico Berlinguer der Ansprechpartner verlorengegangen, der wohl als Einziger in der Lage und willens gewesen wäre, gemeinsam mit den Kommunisten den Weg einer Erneuerung der Gesellschaft zu gehen.</p>
<p>Giulio Andreotti, ein wahrer Reaktionär und ausschließlich auf Machterhaltung fokussierter kluger Taktiker sorgte für ein schnelles Begräbnis des historischen Kompromisses und der Politik der Annäherung an die PCI. Der Pate italienischer Machtpolitik und gerichtsnotorische Auftraggeber für Mafiamorde, <em>„korrigierte“</em> vor der Veröffentlichung ein Schreiben des Papstes, in dem dieser dazu aufgerufen hatte, alles zu tun, um das Leben von Aldo Moro zu retten. Ein Untersuchungsausschuss, der zur Aufklärung über die Umstände der Entführung und Ermordung Aldo Moros eingesetzt worden war, wurde mit mehreren Mitgliedern der berüchtigten Loge P2 besetzt, in der sich Reaktionäre unterschiedlicher Provenienz, Klerikalfaschisten und Mitglieder des Militärs zur Vorbereitung eines Umsturzes zusammengefunden hatten. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.</p>
<p>Der Bipolarismus des Kalten Krieges war der allgegenwärtige Hintergrund, der die jeweiligen politischen Handlungsfelder in den Staaten der beiden Machtblöcke in hohem Maße beeinflusste. Italien war in den 1970er Jahren ein Hauptfeld der Auseinandersetzungen des Kalten Krieges. Die Vereinigten Staaten konnten sich gegenüber der Möglichkeit einer kommunistischen Regierungsbeteiligung im Block der kapitalistischen Staaten keine indifferente Haltung leisten. Die Annäherung der stärksten kommunistischen Partei Europas an die Schalthebel der politischen Macht erschien ihnen als sicherheitsgefährdender Sprung ins Ungewisse. Die offene und verdeckte Einmischung der USA auf diplomatischer und geheimdienstlicher Ebene, die enge Zusammenarbeit mit den reaktionärsten Kräften im Lande ist mittlerweile unbestritten. Henry Kissinger nannte schon Mitte der 1970er Jahre <em>„Italien das schwächste Glied der Kette“</em> und ihm war ohne Zweifel jedes Mittel recht, um das Reißen dieser Kette zu verhindern. Er hielt die Distanz des PCI zur russischen Orthodoxie für ein Täuschungsmanöver, um die Macht zu erobern und für eine Bedrohung der gesamten atlantischen Allianz. Der amerikanische Präsident Jimmy Carter erklärte, dass er die Beteiligung kommunistischer Parteien an den Regierungen westlicher Länder als Gefahr sehe. Steve Pieczenik, der im Auftrag des CIA die von der italienischen Regierung gebildete Task Force zur Befreiung Aldo Moros aus der Gefangenschaft der Terrororganisation „Rote Brigaden“ unterstützen sollte, erklärte 2013 rückblickend in dankenswerter Offenheit in einem Interview mit dem „Corriere della Sera“ (zitiert nach Veltroni): <em>„Ich erwartete, dass die Roten Brigaden erkennen würden, dass sie mit der Entführung Aldo Moros einen großen Irrtum begangen hätten, und ich war besorgt, dass mein Plan scheitern würde. Bis zum Schluss hatte ich Angst, dass sie Moro freilassen würden.“</em></p>
<p>Die Falken des Kalten Kriegs auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs waren die wahren Nutznießer der Liquidierung Moros. Die Amerikaner um Kissinger und die Sowjets um Breschnew hatten den Historischen Kompromiss aus unterschiedlichen Gründen als Bedrohung ihrer Machtbasis betrachtet. Wenn Aldo Moro 1977 bei seinem Besuch im Weißen Haus mit Geringschätzung und offener Ablehnung behandelt worden war, so hatten auf direktere Weise die bulgarischen Geheimdienste versucht, den unbequemen Berlinguer im Oktober 1973 durch einen als Verkehrsunfall getarnten Anschlag zu beseitigen.</p>
<p>Die Isolierung der westeuropäischen Kommunisten im politischen Establishment der kapitalistischen Staaten des Westens war offensichtlich. Da nützte es auch nichts, wenn Enrico Berlinguer in einem Interview mit dem Corriere della Sera erklärte, dass er sich unter dem Schutzschirm der NATO sicherer fühle als unter dem des Warschauer Pakts und sogar so weit ging, hinzuzufügen, dass ein Sozialismus in Freiheit eher im westlichen als im östlichen System realisierbar sei.</p>
<p>Offensichtlich hat der PCI die Synergiepotenziale und die daraus resultierenden Kooperationsmöglichkeiten mit der Democrazia Cristiana zu optimistisch eingeschätzt. Der politische Prozess der 1970er Jahre, der bekanntlich nicht zur Regierungsbeteiligung des PCI führte, hatte zahlreiche Gegner. Zunächst einmal gab es erhebliche Widerstände innerhalb der größten Regierungspartei Democrazia Cristiana, die immerhin seit fast 30 Jahren allein oder im Bündnis mit den Sozialisten das Land regierten und wichtige Schlüsselpositionen der politischen Macht fest in der Hand hatte. Der Widerstand gegen eine Öffnung zu den Kommunisten wurde sowohl vom Vatikan, der eine grundsätzliche weltanschaulich begründete Aversion beibehalten hatte, und dem größten Teil der in der Confindustria organisierten Unternehmen massiv unterstützt. Beide bedeutenden gesellschaftlichen Kräfte sahen in der christdemokratischen Partei ihr originäres politisches Machtorgan. In einem Bündnis mit dem PCI sahen sie eine Bedrohung der gesellschaftlichen Integration ihrer Massenbasis und eine generelle Gefährdung der Stabilität des bestehenden gesellschaftlichen Systems. Aber auch die Sozialisten waren skeptisch, weil sie ihre Position als Zünglein in der Waage bedroht sahen und dieses Motiv in der Öffentlichkeit maskierten, indem sie eine Einigung der Linken vor der Konstituierung eines breiten Bündnisses forderten.</p>
<p>Die italienischen Kommunisten waren zurecht davon überzeugt, dass das Christentum keineswegs eine grundsätzlich reaktionäre Rolle in der Gesellschaft spielte. Viele Parteimitglieder waren praktizierende Katholiken und sahen in den transzendenten Gerechtigkeitsidealen der Religion den progressiven Aspekt, indem sie dem gemeinen Volk eine Idee vermittelte, wie eine bessere Welt aussehen könnte. In dieser Einschätzung wurden sie durch die Aktionseinheit mit linken katholischen Basisgemeinden und natürlich durch die Erfahrung des gemeinsamen antifaschistischen Widerstands in der Resistenza bestätigt. Allerdings waren sie nicht in der Lage, in dem Spannungsfeld von Machterhaltungsstreben der Parteiführung der DC und des reaktionären Klerus auf der einen Seite und den linkskatholischen Einstellungen des Cattolicesimo Sociale konkrete politische und ideologische Angebote zu entwickeln, die für die Mehrheit der katholischen Massen attraktiv und zu einer entsprechenden Handlungsorientierung geführt hätten. Eine gemeinsame Vision, die die inhaltliche Basis für eine stabile Kooperation zwischen der DC und dem PCI hätte sein können, wurde nie in konkreter Form formuliert. Unter anderem auch deshalb ist es den reaktionären Kräften innerhalb des organisierten Katholizismus gelungen, an bestehende antikommunistische Ressentiments in Teilen der Bevölkerung anzuknüpfen und ein Rollback der politischen Konstellation zu realisieren.</p>
<h3><strong>Ein Fazit: Aufbruch oder auf immer verlorene Illusionen?</strong></h3>
<p>Einige Tage nach dem Tode Enrico Berlinguers konnte der PCI bei den Wahlen zum Europaparlament zum ersten und letzten Mal die DC überflügeln und den größten Anteil der Wählerstimmen erringen. Sicherlich war das Wahlergebnis auch eine Botschaft der Ehrerbietung gegenüber dem Mann, der in der Lage war, seine Partei auf neue Wege zu führen und vielen Menschen Hoffnung auf eine gesellschaftliche Veränderung im Sinne des demokratischen Sozialismus zu geben. Vielleicht haben die Menschen, die Enrico Berlinguer in beeindruckender Weise das letzte Geleit gaben, ebenso wie viele andere der kommunistischen Partei ihre Stimme gegeben, obwohl sie geahnt haben, dass seine politische Vision gescheitert war.</p>
<p>Die Fortsetzung der Geschichte ist bekannt oder kann in der einschlägigen Literatur recherchiert werden. Den Auftakt zur reaktionären Zeitenwende in Italien bildete der Milliardär und Medienmogul Silvio Berlusconi, der die Kontinuität finanzkapitalistischer Herrschaft mit populistischem Geschrei absichert. Wenn heute sogar eine Politikerin, die dem Faschismus nahesteht (wie nahe, das wäre eine eigene Untersuchung wert), das Land regiert, müssen wir uns fragen, was von den Hoffnungen auf einen <em>„dritten Weg zum Sozialismus“</em> und der Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung der italienischen Gesellschaft übriggeblieben ist.</p>
<p>Möglicherweise hat Enrico Berlinguer selbst uns eine Antwort gegeben: Nachdem auch ihm klar war, dass der Historische Kompromiss gescheitert war, konzentrierte er seine Aktivitäten auf das Thema der Hegemonie. Anknüpfend an Antonio Gramsci propagierte er den Kampf um die Köpfe und Herzen der Menschen sowie eine <em>„intellektuelle und moralische Reform“</em> Italiens. 1980 ging er in die Produktionshallen von FIAT Turin, um den Streik der Arbeiter*innen zu unterstützen und die <em>„emotionale Verbindung“</em> zur Arbeiterklasse, die die Partei in den Jahren zuvor teilweise verloren hatte, zu erneuern. Seine Partei führte den Kampf gegen die Angriffe auf die <em>„Scala mobile“</em>, einen sozialen Mechanismus der Inflationsanpassung der Löhne, der die Arbeiter*innen vor Reallohnverlust und Absenkung des Lebensstandards schützte. Dieser Kampf um soziale Rechte wurde mit einer Orientierung auf die <em>„ethische Frage“</em> und dem Kampf gegen Korruption und Mafia verbunden. Berlinguer sprach von einer <em>„kommunistischen Besonderheit“</em>, einem Alleinstellungsmerkmal des PCI in Bezug auf Fragen der Einbeziehung der Bürger*innen in den politischen Entscheidungsprozess und der Abgrenzung von einem System, das auf Profitmaximierung und Steigerung des individuellen Konsums ausgerichtet ist. Er forderte seine Partei auf, sich stärker gegenüber der italienischen Zivilgesellschaft zu öffnen und mit ihr zu verbünden. Er praktizierte den Schulterschluss mit der Friedensbewegung der frühen 80er Jahre, griff die Forderungen des <a href="https://www.clubofrome.org/">Club of Rome</a> auf und stellte Verbindungen zur aufstrebenden Bewegung gegen Atomkraft her. Er erneuerte im Dialog mit der Frauenbewegung sein Credo, dass die Emanzipation der Frau die unabdingbare Voraussetzung für eine sozialistische Revolution sei.</p>
<p>Was aber waren die Resultate seiner Aktivitäten? Der Arbeitskampf bei FIAT wurde verloren, die Gewerkschaftsbewegung war erheblich geschwächt. Eine Wiederbelebung der politischen Bewegungen der demokratischen Linken fand nicht statt. Der Niedergang der PCI und der Verlust ihrer Massenbasis wurde spätestens zu Beginn der 90er Jahre unübersehbar.</p>
<div id="attachment_3139" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Signatur.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3139" class="wp-image-3139 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Signatur-300x113.jpg" alt="" width="300" height="113" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Signatur-200x75.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Signatur-300x113.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Signatur.jpg 345w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3139" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:EnricoBerlinguerSign.svg">Quelle</a>: Wikimedia Commons</p></div>
<p>Die Bilanz des politischen Handelns von Enrico Berlinguer besteht also offensichtlich nicht im Vorweisen unmittelbarer und greifbarer Erfolge. Aber es gelang ihm und seiner Partei, die weitverbreitete Stimmung und den Wunsch nach progressiver Veränderung und demokratischer Teilhabe, der in den 1970er Jahren in Italien durch breite Protestbewegungen einen Höhepunkt erreicht hatte, zu kanalisieren und ihnen Ausdruck zu verleihen. Durch ihn und andere seinesgleichen wird uns die Erkenntnis vermittelt, dass linke Mehrheiten auch unter schwierigen Bedingungen erzielt werden können. Trotz alledem!</p>
<p>Stefano Michelin kommentierte den eingangs zitierten Song mit dem Worten <em>„Er hat seinem Volk einen Traum geschenkt.“ </em>Und wie so oft lohnt sich der Blick in die Werke von Karl Marx <em>„Unser Wahlspruch muss also sein: Reform des Bewusstseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewusstseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um es wirklich zu besitzen.“ </em>(Karl Marx im September 1844 an Arnold Ruge, MEW 1)</p>
<div id="attachment_3148" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Pasolini_1960.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3148" class="wp-image-3148 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Pasolini_1960-300x230.jpg" alt="" width="300" height="230" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Pasolini_1960-200x153.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Pasolini_1960-300x230.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Pasolini_1960-400x306.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Pasolini_1960-600x459.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/04/Pasolini_1960.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3148" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pasolini_1960.jpg">Pier Paolo Pasolini im römischen Stadtviertel Quarticciolo</a>, unbekannter Fotograf, Quelle: L&#8217;Espresso. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Pier Paolo Pasolini hat diese Sätze in seinem Roman „Il sogno di una cosa“ („Der Traum von einer Sache“) als Motto verwendet, ließ sie aber hinter den Worten <em>„Traum von einer Sache“</em> enden. Der Traum bleibt Utopie, an eine konkrete Wirklichkeit scheint Pasolini nicht zu glauben. Einer der Träume, für die das Bewusstsein, von dem Karl Marx sprach, nicht ausreichte, war der <em>„demokratische Sozialismus“</em>, der für Berlinguer im katholischen Italien nur über den Schritt des <em>„historischen Kompromisses“</em> mit der Democrazia Cristiana als Repräsentantin der katholischen Bevölkerungsteile erreicht werden konnte. Es ist kein Zufall, dass der <em>„historische Kompromiss“</em> als demokratisches Bollwerk gegen einen potenziellen Rechtsputsch nur wenige Jahre nach den Prager Ereignissen vom August 1968 formuliert wurde. Der Traum eines demokratischen Sozialismus oder Kommunismus oder wie es die Prager Reformkommunisten nannten, eines <em>„Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ </em>war mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts ausgeträumt. Enricos wesensgleicher Traum zerbrach durch das politische Rollback in Italien. Gäbe es nach vier neoliberalen Jahrzehnten nicht genügend Anlass, neu über seine Vision nachzudenken?</p>
<p>Wir mögen betroffen sein, aber der Vorhang ist noch nicht gefallen und die offenbleibenden Fragen wird die demokratische Linke nicht abstrakt, sondern in den politischen Auseinandersetzungen der Zukunft beantworten müssen.</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<ul>
<li>Die Linie Luxemburg-Gramsci – Zur Aktualität und Historizität marxistischen Denkens, Argument Sonderband 1989.</li>
<li>Mario Candeias, Florian Becker, Janek Niggemann, Anne Steckner, Hg., Gramsci lesen, Hamburg, Argument Verlag mit Ariadne, 2013.</li>
<li>Francesco Barbagallo, Enrico Berlinguer, Roma, Carocci, 2014.</li>
<li>Gerhard Feldbauer, Umbruchsjahre in Italien, Köln, Papyrossa, 2019.</li>
<li>Walter Veltroni, Il caso Moro e la prima Repubblica, Milano, Solferino, 2021.</li>
<li>Francesco di Palma, Trouble for Moscow? Der Eurokommunismus und die Beziehungen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) mit den kommunistischen Parteien Frankreichs (PCF) und Italiens (PCI), Berlin / Boston, De Gruyter Oldenbourg, 2021.</li>
<li>Chiara Valentini, Der eigenartige Genosse Enrico Berlinguer: Kommunist und Demokrat im Nachkriegseuropa, Bonn, Dietz Verlag, 2022.</li>
<li>Guido Liguori, 100 years Enrico Berlinguer, in: Il Manifesto 5/1922.</li>
</ul>
<p><strong>Gerd Pütz</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2023, Internetzugriffe zuletzt am 24. März 2023, alle Übersetzungen aus dem Italienischen von Gerd Pütz.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/enrico/">Enrico</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/enrico/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der ideelle Gesamtmarxist</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-ideelle-gesamtmarxist/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-ideelle-gesamtmarxist/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 05 Oct 2021 04:10:21 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=1478</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der ideelle Gesamtmarxist Ein Gespräch mit Jürgen Repschläger im Bonner Antiquariat Walter Markov „Man verachtet in der Tat die Dialektik nicht ungestraft. Man mag noch so viel Geringschätzung hegen für alles theoretische Denken, so kann man doch nicht zwei Naturtatsachen in Zusammenhang bringen oder ihren bestehenden Zusammenhang einsehn ohne theoretisches Denken. Es fragt sich  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-ideelle-gesamtmarxist/">Der ideelle Gesamtmarxist</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Der ideelle Gesamtmarxist</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Jürgen Repschläger im Bonner Antiquariat Walter Markov </strong></h2>
<p><em>„Man verachtet in der Tat die Dialektik nicht ungestraft. Man mag noch so viel Geringschätzung hegen für alles theoretische Denken, so kann man doch nicht zwei Naturtatsachen in Zusammenhang bringen oder ihren bestehenden Zusammenhang einsehn ohne theoretisches Denken. Es fragt sich dabei nur, ob man dabei richtig denkt oder nicht, und die Geringschätzung der Theorie ist selbstredend der sicherste Weg, naturalistisch und damit falsch zu denken. Falsches Denken, zur vollen Konsequenz durchgeführt, kommt aber nach einem altbekannten dialektischen Gesetz regelmäßig an beim Gegenteil seines Ausgangspunkts. Und so straft sich die empirische Verachtung der Dialektik dadurch, dass sie einzelne der nüchternsten Empiriker in den ödesten aller Aberglauben, in den modernen Spiritismus führt.“ </em>(Friedrich Engels, Dialektik der Natur, MEW 20, zitiert nach einer 1952 im Dietz Verlag Berlin erschienenen Ausgabe)</p>
<p>Friedrich Engels hat ein halbes Leben an dem Text gearbeitet, dessen Titel „Dialektik der Natur“ den Anspruch andeutet, Philosophie, Gesellschafts- und Naturwissenschaften miteinander zu verbinden. Gerade in einer Zeit, in der die Klimakrise zumindest die Programme, wenn auch nicht das Handeln aller demokratischen Parteien bestimmt und gleichzeitig die westliche Demokratie in vielen Teilen unseres Planeten an Attraktivität verliert, ließe sich aus der „Dialektik der Natur“ einiges lernen.</p>
<div id="attachment_1486" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1486" class="wp-image-1486 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-300x238.jpg" alt="" width="300" height="238" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-200x158.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-300x238.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-400x317.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-600x475.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-768x609.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-800x634.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-1024x811.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther-1200x951.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Esther.jpg 1421w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-1486" class="wp-caption-text">Esther Winkelmann und Jürgen Repschleger in ihrer Buchhandlung. © Jürgen Repschleger &amp; Esther Winkelmann.</p></div>
<p>Jürgen Repschläger, genannt „Repi“, Inhaber des <a href="http://antiquariat-markov.de/">Antiquariats Walter Markov</a> und undogmatischer Marxist, sorgt dafür, dass solche Texte verfügbar sind und es mit ihnen möglich wird, die gängigen tagespolitischen Reflexe kritisch und dialektisch zu dekonstruieren. Ich habe mit Repi über Gedanken, Intentionen, Wege und Irrwege eines undogmatischen Marxismus der vergangenen 50 Jahre diskutiert und denke, dass es vielen Politiker*innen guttäte, mit angemessener Bescheidenheit ihr eigenes Handeln nicht nur mit kurzen Zusammenfassungen, die ihnen mehr oder weniger belesene Mitarbeiter*innen vorlegen, sondern auch im eigenen Studium zu begründen.</p>
<p>Die Lektüre mancher Werke von Karl Marx und Friedrich Engels gehört meines Erachtens dazu. Wer jetzt jedoch denkt, diese Literatur wäre völlig überholt, wie das Scheitern der Staaten bewiese, die meinten, sich nach Vorgaben der Schriften dieser beiden Autoren zu organisieren, ist eingeladen, unser Gespräch zu lesen, dann wird vielleicht zumindest eines klar: Karl Marx und Friedrich Engels schrieben eine ganze Menge, nur eben keine politische Gebrauchsanweisung – diejenigen, die meinten, eine solche aus ihren Werken herauslesen zu müssen, denken im Grunde völlig unmarxistisch.</p>
<h3><strong>Der ideelle Gesamt-Bonner</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beginnen wir mit einigen persönlichen Dingen.</p>
<p><strong>Jürgen Repschläger (Repi)</strong>: <em>Ich bin Jürgen</em> <em>Repschläger, genannt Repi. Im Prinzip höre ich auch nur auf Repi, nur meine Mutter nennt mich noch Jürgen. Das hängt damit zusammen, dass Jürgen 1961, als ich geboren wurde, ein Modename war. Alle Jungs hießen Jürgen und die Mädchen hießen alle Birgit. Allein in dem Wohnblock auf dem Heiderhof, in dem ich aufgewachsen war, gab es vier oder fünf Jungs, die Jürgen hießen. Irgendwie musste man uns auseinanderhalten, das ging natürlich am einfachsten über den Nachnamen. So wurden bei mir die ersten drei Buchstaben und das obligatorische „i“ zu „Repi“.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist so ähnlich wie in der Eingangsszene des Films „Werner – beinhart!“, als in der Schule der Lehrer Werner aufruft und alle aufstehen.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ja genauso. Ich bin Ur-Bonner, geboren in Bad Godesberg. Ich bin in Variation einer Formel von Karl Marx sozusagen der ideelle Ur-Bonner, Wahlkreis </em>und Geschäft <em>in Bonn, wohnhaft in Beuel. Nur der Stadtteil Hardtberg ist an mir vorbeigegangen, ein Stadtteil, den es ohne die Bundeswehr vielleicht auch gar nicht geben würde. Ich komme aus einer kleinbürgerlichen Familie, aufstrebend zur Mittelschicht, sollte </em>so <em>der erste Repschläger mit Abitur werden. Leider habe ich meine Eltern enttäuscht. Während alle anderen für die Schule gelernt hatten, hatte ich immer andere Dinge zu tun, sodass es mit der schulischen Karriere nicht unbedingt etwas geworden ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber die anderen Dinge führten dazu, dass du gebildeter sein dürftest als viele andere Leute mit Abitur und einer Menge anderer Examina.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Jetzt kommt natürlich der staatsmännische Satz: Dieses Urteil überlasse ich anderen. Ich habe alles Mögliche gemacht, auf der Baustelle gearbeitet, Briefe ausgefahren, ich habe sogar gekocht. Ich hatte mal mit ein paar Leuten zusammen eine Autowerkstatt. Irgendwann einmal habe ich auf Druck meiner Mutter und meiner damaligen Freundin eine Ausbildung gemacht, und da wird es langsam spannend: es war eine Ausbildung als Verlagskaufmann. Ich hatte immer schon viel mit bedrucktem Papier zu tun gehabt. Ich habe Schülerzeitung gemacht, Zeitung für den Sportverein, alles noch mit durchpausen, mit Letraset.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Letraset – das ist auch eine meiner Jugenderinnerungen – das kennt heute kein Mensch mehr. Ich erinnere mich auch noch an die gute alte Saugpost.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Alles ohne Computer. Nachdem ich politisch geworden bin, habe ich im Keller der alten „</em><a href="http://www.schnuess.de/index_main.html"><em>Schnüss</em></a><em>“ in der Wilhelmstraße – wer sich noch erinnert – an einer kleinen illegalen Druckmaschine drucken gelernt, so, dass es für unsere Flugblätter reichte. Dann bin ich auf einem LKW gelandet, habe zehn Jahre auf einem LKW Möbelpacker gespielt, bis dann ein Zufall dazu führte, dass ich ca. 60.000 Bücher erhielt und so bin ich Antiquar geworden. </em></p>
<p><em>Das war ein vollkommener Zufall. Es war der Sylvestermorgen 1995. Ich war in der Bonner Altstadt, um Einkäufe zu machen, es hatte geregnet, ich hatte noch keine Zigarette geraucht – damals habe ich noch stark geraucht – keine Kippen dabei und sah dann in zwanzig, dreißig Meter Entfernung einen mir bekannten Verleger, der auch einen Buchladen besaß und rauchte. Den habe ich um eine Zigarette gebeten und es entwickelte sich ein Gespräch. Er meinte, wir sollten nicht im Regen stehen, ich sollte in seinen Laden kommen, auf einen Kaffee, und er redete und redete. </em></p>
<h3><strong>60.000 Bücher sind 60.000 Bücher</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und dann geschah’s.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>So geschah’s. Ich hatte den Eindruck, er wolle auf irgendetwas hinaus. Und dann kam es auch irgendwann. Er hatte ein Angebot, für das er aber keine Zeit und kein Geld hätte. Er wüsste aber, dass ich viel lese, ein Büchernarr wäre, marxistische Literatur sammele und dann auch noch LKW fahren könne.</em> <em>In Berlin gäbe es eine Buchhandlung, ein Antiquariat, die Rosa-Luxemburg-Buchhandlung in der Dieffenbachstraße. Die Betreiber hätten viel Pech gehabt. Auf der einen Seite lagen sie in der Nähe des neuen Regierungsviertels, wo die Gewerbemieten um 600 Prozent gestiegen waren. Einer der beiden Kompagnons war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und sie hatten gerade eine große Lieferung an alten Büchern und französischem Rotwein bekommen. Und das, als Jacques Chirac auf dem Mururoa-Atoll seine Atomversuche machte. </em></p>
<p><em>Das politisch korrekte Berlin hat damals französischen Rotwein boykottiert und natürlich die falschen getroffen, so dieses Antiquariat. Die mussten binnen vier Wochen raus aus den Räumlichkeiten. Ich hatte den Tipp und fuhr mit der Mitfahrzentrale ohne Idee, ohne Geld dahin und schaute mir die Buchhandlung mit den 60.000 Bänden an. Ich war sofort angefixt, begeistert und habe die Leute gefragt, was sie dafür haben wollten. Der Preis betrug 30.000 DM, eine halbe Mark pro Buch. Ich habe gesagt, das klinge realistisch, aber sie hätten auch 3.000 sagen können, die hätte ich auch nicht gehabt. Sie schauten erst ein</em> <em>wenig bedröpst, meinten dann aber, wenn ich die Bücher in vier Wochen draußen hätte, dann gäben sie mir ein Jahr Zeit und ich könnte die 30.000 DM in Raten abzahlen. Das haben wir per Handschlag besiegelt, ich bin zu einem bekannten Antiquar gefahren, habe mir seinen Bus, einen alten Barkas, geliehen, bin zu den türkischen Großmarkthallen gefahren, habe Bananenkisten geholt und angefangen einzupacken.</em></p>
<p><em>Nach einer Stunde war mir klar, das schaffst du nie. Ich habe Freund*innen, Genoss*innen in Berlin angesprochen, mir einen 7,5Tonner geliehen und bin dann geshuttelt. Ich habe die Bücher in Raten von Berlin nach Bonn geschafft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie viele Touren hast du gebraucht?</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das weiß ich nicht mehr, aber irgendwann merkte ich, dass ich bei der nächsten Tour pleite gegangen wäre. Diese Geschichte hat sich dann in Politkreisen herumgesprochen und ein alter, etwa 60 oder 65 Jahre alter DKP-Genosse, der den großen LKW-Führerschein hatte, rief mich an und sagte, er habe von der Sache gehört und wolle gerne mal eine moderne Kiste fahren: „ich fahr dir das Zeug“. Dann sind wir mit dem 16Tonner durch Kreuzberg gefahren – das war ein Abenteuer. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die meisten Straßen in Kreuzberg sind nicht so sonderlich breit.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Wir haben eingeladen, auf Paletten, und alles nach Bonn gebracht, aber dann kam das nächste Problem: ich hatte überhaupt keinen Platz. Ich habe alle Freunde, Freundinnen angehauen, Speicher, Keller, überall, wo man Bücher unterbringen konnte, wo vier oder fünf Quadratmeter Platz waren, habe ich die Bücher reingedonnert. Ich habe dann – wie so viele andere auch – in der berühmten Bonner Wolfstraße 10, Hinterhaus, gelandet und habe dort mein erstes Bücherlager gehabt. Ich habe ein, zwei Jahre lang aus dem Lager, aus der Garage verkauft, bin auf Politveranstaltungen gegangen, habe dort die Bücher angeboten. </em></p>
<p><em>Viele haben mich für verrückt erklärt. Die DDR war zu Ende gegangen, der Realsozialismus untergegangen und ich hole 60.000 realsozialistische Bücher aus DDR-Produktion nach Bonn! Doch irgendwann haben dann viele Linke ihre Lücken mit Mehring, Marx, Engels, Lenin aufgefüllt. Und irgendwann haben die Leute auch geschnallt, dass gerade beim Aufbau-Verlag die Klassiker-Editionen in der DDR sehr gut waren. So konnte ich dann relativ gut verkaufen. Ich habe dann auf der Breite Straße ein Ladenlokal gemietet, noch zwei Jahre lang Möbelpacker gespielt, bin vormittags LKW gefahren, nachmittags die Bücher, bis ich merkte, das ist zu viel. Ich bin dann um das Telefon herumgeschlichen, haben drei, vier Zigaretten geraucht, habe den Hörer gegriffen und habe – so wie sich das für einen Linken gehört – meinem Chef gesagt: „Ab dem 1. Mai komme ich nicht mehr“.</em></p>
<div id="attachment_1480" style="width: 247px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Schaufenster.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1480" class="wp-image-1480 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Schaufenster-237x300.jpg" alt="" width="237" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Schaufenster-200x253.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Schaufenster-237x300.jpg 237w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Schaufenster-400x507.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Schaufenster-600x760.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Schaufenster.jpg 641w" sizes="(max-width: 237px) 100vw, 237px" /></a><p id="caption-attachment-1480" class="wp-caption-text">© Jürgen Repschleger &amp; Esther Winkelmann</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und in der Breite Straße ist dein Buchladen heute noch.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Da, wo ich immer noch bin.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und ihr habt einen online-Versand.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Haben wir. Das geht mal hoch, mal runter, wir versuchen im Wettbewerb der Online-Portale mit Qualität zu bestehen. Das ist nicht ganz einfach, weil es jede Menge merkwürdige Angebote gibt, von Menschen, die sich Antiquar nennen, aber keine Frakturschrift lesen können oder Bücher mit dem Hinweis anpreisen: „Dickes Buch, viele Bilder“. Wir haben auch viele internationale Nachfragen. Wir versenden beispielsweise jede Woche mehrere marxistische Bücher nach China. Texte in der Originalsprache Deutsch werden dort gelesen.</em></p>
<h3><strong>Walter Markov – Programm und Vermächtnis</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Antiquariat trägt den Namen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Markov">Walter Markov</a> (1909-1993). Das ist ein Name, der auch ein wenig das Programm des Ladens bezeichnet.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Jetzt ging es um die Frage, wie wir die Hütte nennen. Wir sage ich deshalb, weil ich das schon längere Zeit mit meiner Lebensgefährtin und Partnerin Esther zusammen betreibe. Antiquariat Breite Straße? Langweilig. Antiquariat Repschläger? Noch langweiliger. Und da ich mit Esther und der Antifa für Erstsemester der Uni antifaschistische Stadtrundgänge gemacht hatte, bin ich irgendwann auf das Büro gestoßen, das Walter Markov in der Poststraße eingerichtet hatte. Dort hatte er Erste Hilfe für nach der Niederlage der NS-Diktatur zurückgekehrte Exilant*innen, auch für zurückgekehrte Frontsoldaten angeboten. Eines seiner Anliegen war, dass alte Nazis nicht mehr in die Stadtverwaltung zurückkehren sollten. </em></p>
<p><em>Die Geschichte von Walter Markow ist für unser Antiquariat exemplarisch. Wir sind ein linkes, antifaschistisches, sozialistisches, kommunistisches Antiquariat, aber kein Strömungsantiquariat. Wir fühlen uns mit unserem Programm keiner Strömung verpflichtet, sondern der gesamten Geschichte der Arbeiterbewegung. Einige werden zucken, wenn ich das so sage: von Willy Brandt bis Josef Stalin. Das gibt es alles bei uns.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder sagen wir von Bernstein bis Liebknecht?</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Oder nehmen wir die Luxemburg dazu, von mir aus auch den Kautsky. Stalin habe ich genannt, weil wir auch den Anspruch haben, alle Irrtümer und Verbrechen der Arbeiterbewegung in unserem Laden zu führen, ganz ohne Scheuklappen. Die Suche nach dem Richtigen enthält auch die Suche nach dem Falschen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu braucht man Quellenstudium.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das ist der Anspruch.</em> <em>Walter Markov ist in Graz geboren, seine Vorfahren waren Slowen*innen, die Familie zog noch in seinem Geburtsjahr nach Laibach, dem heutigen Ljubljana. Er war ein sogenannter „Auslandsdeutscher“. Er hat unter anderem in Bonn Geschichte studiert. Sein Professor sah voraus, was unter den Nazis passieren würde, und riet ihm, seine Doktorarbeit so schnell wie möglich fertigzuschreiben, das ginge nicht mehr lange gut. Walter Markov ging dann in den Widerstand, hat eine Widerstandsgruppe gegründet, die „Sozialistische Republik“, die damalige KPD-Untergrundzeitung vertrieben. KPD-Mitglied war er damals noch nicht, das wurde er erst später, er wurde nach wenigen Monaten beim Flugblattverteilen festgenommen. Das war 1935. Als Auslandsdeutscher hatte er Glück, sodass er nicht in ein Konzentrationslager kam, er kam nach Siegburg ins dortige Zuchthaus. </em></p>
<p><em>Gegen Ende des Krieges gab es eine historisch weitgehend unbekannt gebliebene Selbstbefreiung. Als dann die Amerikaner kamen, öffnete Walter Markov die Gefängnistür, begrüßte sie und stellte sich als Sprecher des Autonomen Gefängniskomitees vor. Die Amerikaner sagten, Autonomes Gefängniskomitee ist nicht, wir haben jetzt das Sagen. Walter Markov kannte aber schon ein wenig die Befindlichkeiten der Amerikaner und sagte: „Gut, dass ihr da seid. Wir haben hier seit drei Wochen die Pocken.“ Da waren sie weg, sie zogen sofort weiter nach Rheinbach. </em></p>
<p><em>Walter Markov versuchte nach 1945 wieder an der Universität Bonn Fuß zu fassen, galt aber als „Nestbeschmutzer“. Er hatte keine Chance und ging dann illegal über die Grenze in die damalige SBZ und erhielt in Leipzig eine Professur in Revolutionswissenschaften. Dort verfasste er mit Albert Soboul das bis heute bekannteste Standardwerk über die Französische Revolution (Titel: „1789 – Die Große Revolution der Franzosen“, die deutsche Erstausgabe erschien 1973, bereits 1957 erschien das gemeinsame Werk „Die Sansculotten von Paris – Dokumente zur Geschichte der Volksbewegung 1793-1794, beide Bücher in Berlin im Akademie-Verlag). </em></p>
<p><em>Walter Markov ist in die SED eingetreten, wurde aber 1956 als angeblicher Titoïst ausgeschlossen. Als er dann später berühmt wurde, hat ihm die SED angeboten, ihn wieder aufzunehmen. Das hat er abgelehnt. Ein Kommunist, der aus der SED ausgeschlossen wurde, trotzdem in der DDR und Sozialist geblieben ist, seinen eigenen Kopf behielt, sich nicht verbog, war der optimale Namensgeber für unser Antiquariat. Auch wenn und gerade weil unser Laden kein Strömungsladen ist. Wir begreifen uns als explizit antistalinistische Kommunist*innen. Wir haben seine Witwe – Anmerkung: das in der wikipedia für Irene Bönninger angegebene Todesdatum ist falsch – angerufen, haben gefragt, ob wir das machen dürfen. Sie war begeistert und ist zur Eröffnung des Antiquariats mit einem Großteil der Familie angereist. </em></p>
<h3><strong>Aus dem Leben eines Bewegungsmenschen – zwischen Plenum und Partei </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf vielleicht noch zwei Details zu Walter Markov ergänzen. Im Jahr 1989 trat Walter Markov in die PDS ein, meines Erachtens auch ein Zeichen für die damaligen Veränderungen, die alle Parteien in der DDR erfassten, die SED ebenso wie die damaligen sozialistischen Blockparteien. Sein Sohn Helmut (*1952) wurde Mitglied der Linken und war von 2009 bis 2016 Mitglied der Landesregierung in Brandenburg, einige Jahre als stellvertretender Ministerpräsident, als Finanz- und als Justizminister. Von 1999 bis 2009 war Helmut Markov Mitglied des Europaparlaments. Vielleicht bieten diese Details einen Übergang zu deiner eigenen politischen Entwicklung?</p>
<div id="attachment_1481" style="width: 187px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Vitrine.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1481" class="wp-image-1481 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Vitrine-177x300.jpg" alt="" width="177" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Vitrine-177x300.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Vitrine-200x338.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Vitrine-400x676.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Vitrine.jpg 559w" sizes="(max-width: 177px) 100vw, 177px" /></a><p id="caption-attachment-1481" class="wp-caption-text">© Jürgen Repschleger &amp; Esther Winkelmann</p></div>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Meine eigene Entwicklung ist keine gradlinige Geschichte. Meine Familie war zum Teil in der SPD, zum Teil gab es Sympathien für die KPD. Ob es im engeren Familienumfeld KPD-Mitgliedschaften gab, ist unklar. Mit dem Zimmerer Wilhelm Repschläger gab es von 1928 bis 1930 einen KPD-Reichstagsabgeordneten. Ich wurde in den sozialdemokratischen Flügel hineingeboren. Klassisches Arbeiterwohlfahrtskind, die ersten Ferien im Arbeiterfamilienerholungsheim der Arbeiterwohlfahrt, weil wir keine Kohle hatten und nicht wegfahren konnten, dann Arbeiterwohlfahrtsjugendheim, wo ich auch meinen Zivildienst gemacht habe. Relativ zeitig habe ich mit der SPD gebrochen, als mein Interesse für die Geschichte der Arbeiterbewegung erwachte und ich mitbekam, was die deutsche Sozialdemokratie so alles verbrochen hatte. Ich bin dann zunächst – wie damals so viele junge Menschen mit 16 oder 17 Jahren – Anarchist geworden, habe in der autonomen Jugendzentrumsbewegung mitgearbeitet. Ich habe mich damals ganz dogmatisch als Anarchist geweigert, an irgendwelchen Abstimmungen teilzunehmen, wollte alles im Konsens lösen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Elend der Ausdiskussion – da braucht man viel Zeit.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Da braucht man sehr viel Zeit, wie ich heute wieder weiß. Wenn im Bonner Rat vier Parteien gemeinsam einen Antrag stellen wollen, dauert das auch ohne Konsensprinzip schon ein paar Tage. Ich bin damals – abgestoßen von allen Parteien – bei den Autonomen gelandet, ich war eigentlich immer ein Bewegungsmensch. Dann kam die Krise der Autonomen zu Beginn der 1990er Jahre, ich war damals nicht mehr einverstanden mit der oft selbstbezogenen Art von Politik. Ich sage es mal plakativ: wir kannten den Namen von jedem palästinensischen Freiheitskämpfer, wir wussten aber nicht, wie es unseren Nachbarn geht. Es gab so etwas wie eine Bevölkerungsfeindlichkeit gegenüber den Deutschen im Allgemeinen. Das hatte natürlich seinen Grund in der Beschäftigung mit dem Faschismus. Ich würde es heute als postpubertäre, linksradikalistische Haltung gegenüber den von uns sogenannten Normalos sehen, eine Sichtweise, die zudem jeden Klassenstandpunkt vermissen ließ. Ich habe mich dann peu à peu aus dem Milieu gelöst, viel gelesen und dann später auch über meine Antiquariatstätigkeit mich immer mehr für die Zwischengruppen zwischen SPD und KPD interessiert. Weder die DDR-Literatur noch die BRD-Literatur hatte diese Gruppen eigentlich gewürdigt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aus einer dieser Gruppen kam Willy Brandt.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ja, genau, die SAP, die Sozialistische Arbeiterpartei. Ich war von diesen Gruppen fasziniert. Ich bezeichne mich als Marxist. Aber ohne jeden -ismus hinterher. Mit den -ismen habe ich es nicht mehr so. Ich suche mir aus allen Richtungen das heraus, was meines Erachtens zu einer fortschrittlichen Politik gehört. Ich bin mittlerweile Mitglied der Linken, auch sehr aktiv, hätte aber politkulturell den Schritt aus dem autonomen Milieu in eine Partei aus eigener Kraft nicht geschafft. </em></p>
<p><em>Ich saß in meinem Antiquariat, da kam jemand von der Linken herein und sagte mir auf den Kopf zu: „Wir wollen dich für den Stadtrat“. Das war im Jahr 2009. Ich habe sehr selbstbewusst und sehr bestimmend geantwortet: „Gerne. Aber unter folgenden Bedingungen: ich muss nicht in die Partei eintreten und ich bekomme einen hohen Listenplatz. Nicht, dass ich mir in der autonomen Szene den Arsch aufreiße und ihr macht dann die Politik.“ Ich habe dem Laden nicht getraut. Ich habe auch verlangt, dass ich mich auf einer Parteiversammlung als Kommunist vorstellen konnte. Ich wollte vermeiden, dass irgendwann der Bonner Generalanzeiger schreibt, der Typ bei der Linken ist Kommunist, und die linken Parteigenoss*innen sagen dann, wenn wir das gewusst hätten. Deshalb wollte ich von Anfang an Transparenz schaffen. Das wurde dann nach einigen Wochen auch akzeptiert. Ich bekam den Listenplatz 4 und kam durch einen sehr schnellen Rücktritt kurze Zeit nach der Wahl in den Rat (wir hatten damals nur drei Sitze).</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In den Rat wurdest du auch in den Folgejahren, zuletzt im Jahr 2020 wiedergewählt.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das ist jetzt meine dritte Wahlperiode.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du bist kulturpolitischer Sprecher der Fraktion, in einer Koalition von vier Parteien: Grüne, SPD, Linke, VOLT.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das passt gut zu mir. Ich kenne die Anfänge der freien Kultur und der autonomen Kulturbewegung. Ich habe mich auch viel mit der freien Kultur und den Kulturvereinen in der Weimarer Republik beschäftigt. Etwas weiter blickende Sozialist*innen haben damals schon gesagt, dass es falsch wäre, die Oper, die Theater, die Konzerte per se als „bürgerlichen Mist“ abzulehnen. August Bebel wird der Satz zugeschrieben: „Schafft die Bühnen nicht ab, bemächtigt euch ihrer“. Dieser Satz stand dann auch auf meinem Wahlplakat. Ich versuche immer die Schnittstelle zwischen Kultur- und Sozial- beziehungsweise Gesellschaftspolitik zu sehen. Seit einigen Jahren verstehe ich mich auch als Streiter für das Haptische gegen eine zu extremistische Digitalisierung. Ich möchte, dass die Menschen auch in dreißig Jahren noch wissen, wie sich ein Buch anfühlt, wie Papier riecht, sich anfühlt und nicht nur mit den Fingern über glatte Oberflächen streichen.</em></p>
<h3><strong>Auf dem Weg zur Exil-Literatur </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinem Antiquariat hast du ein sehr breites Angebot. Ich finde dort nicht nur marxistische Literatur. Zuletzt sah ich im Fenster deiner Auslage eine ganze Reihe dieser wunderschönen Tusculum-Ausgaben, du hast alte Pléïade-Ausgaben im Regal und natürlich auch jede Menge aus der Regenbogenreihe der edition suhrkamp. Du kaufst Nachlässe auf. Wie kommst du an dieses vielschichtige und auch vielsprachige Angebot, an die Nachlässe?</p>
<div id="attachment_1482" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Katalog.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1482" class="wp-image-1482 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Katalog-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Katalog-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Katalog-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.Katalog.jpg 567w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-1482" class="wp-caption-text">© Jürgen Repschleger &amp; Esther Winkelmann</p></div>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ich hatte in der ersten Zeit ausschließlich DDR-Literatur. Ich habe damals auch die Erstauflage zum selben Preis verkauft wie die 16. Auflage, denn da steht ja das Gleiche drin. Ich habe das Buch ausschließlich als Gebrauchsgegenstand gesehen, marxistisch ausgedrückt nur den Gebrauchswert und nicht den Tauschwert berücksichtigt. In den ersten Jahren habe ich so auch viel Unsinn gemacht. Der Appetit kam dann mit dem Essen. Ich habe mich immer schon für Philosophie und für Geschichte interessiert. Das Sortiment ist dann gewachsen, auch durch Zufallsankäufe oder durch Leute, die vorbeikamen und mir etwas anboten. Ich habe mit der Zeit die Freude am schönen Buch entdeckt, an signierten Exemplaren, an Exemplaren, in die eine Originalgraphik eingelegt war.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe bei dir einmal eine sehr schöne Judith Kerr Ausgabe gekauft. Die gab es auch signiert, zum etwa zehnfachen Preis. Ich gestehe, dass ich mich dann doch für die unsignierte entschieden habe. Vielleicht war das ein Fehler.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Spezialisiert habe ich mich auf Originale aus der Zeit der Weimarer Republik, SPD, KPD, KAPD, Anarcho-Syndikalist*innen, Flugblätter, Schriften, alles im Original. In den letzten zehn Jahren wanderte mein Hauptinteresse zur Exil-Literatur, ich wurde sozusagen vom linken marxistischen Antiquar und Buchhändler zum Antiquar für Buch und Graphik und Schönheit. Mittlerweile kann ich die Schönheit schätzen und nicht nur den Inhalt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Exil-Literatur für welche Epochen?</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Begonnen habe ich mit dem, was man in Deutschland als klassische antifaschistische Literatur bezeichnet beziehungsweise mit Literatur aus der Zeit des Faschismus, des Nationalsozialismus,</em> <em>Literatur von all den Menschen, die vorausahnend Ende der 1920er Jahre oder dann unter dem Schrecken der 1930er Jahre Deutschland oder Österreich verlassen mussten, die in letzter Minute fliehen konnten, die dann in ihren Gastländern ihre literarische, ihre publizistische Tätigkeit fortsetzen konnten.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehören dann zum Beispiel Thomas Mann, Joseph Roth, Irmgard Keun.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Die gehören auf jeden Fall dazu. Es gibt die großen Namen, die bei vielen Veranstaltungen, die an die Bücherverbrennungen erinnern, mit einem gewissen Pathos genannt werden: da wurde Thomas Mann verbrannt, Alfred Döblin, Sigmund Freud, Kurt Tucholsky, da wurde Weltliteratur verbrannt. Das stimmt, aber in erster Linie wurde Literatur verbrannt, von bekannten Autor*innen, von unbekannten Autor*innen. Einziges Kriterium diese Literatur zu verbrennen war entweder der jüdische oder der marxistische Hintergrund oder irgendein Hintergrund, der nicht in das arische Weltbild des Nationalsozialismus passte. Das konnte ein religiöser Hintergrund sein, die Zeugen Jehovas, die Bekennende Kirche. </em></p>
<p><em>Während nun aber die Heroen der Literaturgeschichte nach 1945 wieder mehr oder weniger nahtlos an ihre Zeit vor 1933 anknüpfen konnten und auch nie ganz vergessen waren, gibt es natürlich Dutzende, Hunderte von Autor*innen, an die sich niemand mehr erinnerte, auch Autor*innen von Werken – und das meine ich nicht despektierlich – minderer Qualität. Bei denen ist es den Nazis tatsächlich gelungen, sie dem Vergessen anheimzugeben. Bei diesen Autor*innen gab es keine Literaturwissenschaft, keine Hochschule, die sie wieder ans Tageslicht holten, weil man sich auf die großen Namen fokussierte. Ich möchte das gesamte Spektrum der Literatur abbilden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine umfangreiche, wenn auch nicht vollständige Liste bietet Volker Weidermann in „Das Buch der verbrannten Bücher“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2008), der sich nicht zuletzt auf die Arbeit von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-verbrannten/">Jürgen Serke</a> beruft, der schon in den 1970er Jahren Autor*innen in seinen Büchern „Die verbrannten Dichter“ und „Die verbannten Dichter“ portraitierte. Zu den (fast) vergessenen Autor*innen gehören auch Autor*innen, die nach 1945 einfach nicht mehr auf die Beine kamen. Eine der bekannteren ist Irmgard Keun.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Sie fing dann an zu trinken und ging daran zugrunde. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie hatte schon vorher die Trinkergemeinschaft mit Joseph Roth.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Aber hallo! Über diese Trinkergemeinschaft gibt es viel Literatur, mit vielen Anekdoten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch darüber hat Volker Weidermann geschrieben, in seinem Buch „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2014). Seine Bücher empfehle ich ohnehin gerne, beispielsweise sein Buch über die Literaten der gescheiterten deutschen Revolution 1918/1919 („Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“, Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2017), eine Revolution, an deren Scheitern gerade Sozialdemokraten einen unrühmlichen Anteil hatten.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das sind wirklich gute Bücher.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es bei dir auch internationale Exil-Literatur?</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das ist bei mir noch im Aufbau. Ich habe mich zunächst auf die antifaschistische Literatur beschränkt, auch auf die Literatur und die vielen Schriften, die von verbotenen Parteien, vor allem von SPD und KPD herausgegeben wurden oder von den Zwischengruppen, die mit der SPD nicht einverstanden waren, aber den Schritt zur KPD nicht gehen wollten oder umgekehrt. Da gibt es auch viel Literatur aus dem Exil, die dann nach Deutschland hineingeschmuggelt oder heimlich gedruckt wurde, teilweise hektographiert oder im Tarncover, als Kochbuch auf dem Titel und in den ersten Seiten, dann der politische Text und am Schluss wieder Kochrezepte, um diese Literatur vor den Nazis zu verbergen. </em></p>
<h3><strong>Ein Exil-Museum in Bonn</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Bonn bist du eine*r der maßgeblichen Initiator*innen eines Exil-Museums.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>In Bonn stehen wir am Anfang dieses großen Projektes, des Exil-Museums. Der Kern wird die Literatur der Jahre 1933 bis 1945 sein. Dazu kommt die Bildende Kunst. Exil begreife ich nicht als etwas Statisches mit einem klaren Anfang und einem klaren Ende. Auch nach 1945 gab es aus den unterschiedlichsten Gründen Menschen, die ihre Heimatländer verlassen mussten, die ihre Kunst entweder haptisch oder im Kopf mitgenommen haben und in ihren neuen Ländern weiter künstlerisch oder literarisch tätig waren.</em></p>
<p><em>Gerade in der heutigen Zeit haben wir mit der Bewegung der vielen Geflüchteten eine solche Situation. Meine Mitstreiter*innen und ich möchten gerne die Kunst und die Kultur dieser Menschen, die durch die Wirren der Flucht und des Exils gewandert sind, hier in Bonn zeigen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das passt auch zu der Initiative <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-machen-das-jetzt/">„Wir machen das. Jetzt!“</a> Die Initiative gibt es seit 2015 und wurde von der <a href="https://www.stiftung-mercator.de/">Stiftung Mercator</a> gefördert. Es gibt Patenschaften und Tandems zwischen Künstler*innen, die schon längere Zeit in Deutschland leben, und denen, die gerade ein- oder zugewandert sind.</p>
<p>Aber sprechen wir mal über die Grundzüge der Bonner Initiative. Die hat viel mit einer sehr beeindruckenden Persönlichkeit zu tun, <a href="http://edition-memoria.de/verleger/">Thomas B. Schumann</a>, Verleger der edition memoria, der in Hürth-Efferen lebt und in seinem Haus eine Unmenge von Literatur und Bildern beherbergt. Ich hatte im Jahr 2019 die Ehre und das Vergnügen ihn dort zu besuchen und kam mit einer signierten Ausgabe von Georg Kreisler sowie dem festen Willen zurück, ihn und dich bei der Initiative zu unterstützen. Dann kam die Pandemie, aber ich denke, wir werden uns bald wieder treffen können.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Thomas ist eine ganz ganz interessante Persönlichkeit. Auch er ist ja zu seiner Leidenschaft per Zufall gekommen, auch wenn man Leidenschaft ja nicht planen kann, das passiert einfach.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Autogramm bei Katja Mann war der Anfang.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das Autogramm bei Katja Mann. Als 15jähriger war er mit seinen Eltern in der Schweiz in Urlaub. Sie gingen spazieren und kamen an einer Villa vorbei. Er bewunderte diese Villa, und sein Vater sagte, das ist nicht nur ein tolles Haus, da wohnt auch eine tolle Frau, das ist Katja Mann, über die er dann auch ein paar Takte erzählte. Geistesgegenwärtig rennt Thomas auf das Haus zu, klingelt, die Haushälterin öffnet. Er stellt sich vor: „Ich bin Thomas aus Köln, ich hätte gerne ein Autogramm von Frau Mann.“ Die Haushälterin geht ins Haus und kommt mit einer signierten Ausgabe der „Buddenbrooks“ heraus, die Thomas dann auch sofort gelesen hat. Er hat sich brieflich bedankt. So ist der Kontakt entstanden, mit vielen Besuchen. </em></p>
<p><em>Aus dieser Erfahrung hat sich Thomas vorgenommen, nicht nur Exil-Literatur zu lesen, sondern jedes Mal auch zu gucken, ob der Autor, die Autorin noch lebt oder ob es Nachfahren gibt. Er hat sie dann besucht, interviewt. Daraus sind jahrzehntelange Freundschaften und Kontakte entstanden. Er erhielt ganze Bibliotheken als Nachlässe, erhielt Bilder als Geschenke, hat dann realisiert, dass die Exil-Zeit in den verschiedenen Sparten, in der Literatur, in der Musik, in der Fotographie schon vielfältig aufgearbeitet worden war. Es gab auch schon Ausstellungen, Publikationen, in denen diese Werke der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden. Thomas stellte aber auch fest, dass die Bildende Kunst, Bilder aus dem Exil, Bilder, die Exilant*innen gemalt hatten, ein total weißer Fleck waren, etwas vollkommen Neues, weder wissenschaftlich bearbeitet, noch in großem Maße der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden waren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin wird der Schwerpunkt auf der Literatur liegen. Die einzige Sammlung, die ich kenne, in der auch Bildende Kunst aus dem Exil systematisch gezeigt wird, ist die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-tod-hat-nicht-das-letzte-wort/">Sammlung Gerhard Schneider</a> im Museum Zentrum für verfolgte Künste in Solingen. So wie ich bei meinem Besuch die Sammlung von Thomas B. Schumann erleben durfte, ist da noch viel zu entdecken. Ich denke auch, wir brauchen in Deutschland mehr als ein Museum, das sich der Kunst im und aus dem Exil widmet.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Als ich Thomas vor vier Jahren kennenlernte, hatte seine Sammlung 800 Bilder. Inzwischen sind es 1.000. Thomas ist in die Jahre gekommen, hat keine Familie. Er sucht seit Jahren händeringend eine Bleibe für seine Bilder, damit sie in der Öffentlichkeit gezeigt werden können. Als ich ihn besuchte, dachte ich, das ist doch mein Interessensgebiet, du bist zwar nur ein kleiner Kulturpolitiker im kleinen Bonn, aber das machst du dir jetzt zu deiner Aufgabe. Ich habe Thomas leichtsinnig versprochen, wir machen hier ein Museum.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und es gibt Interesse bei der Stadt!</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Hauptmitstreiterin ist unsere Kulturdezernentin,</em> <a href="https://kupoge.de/wp-content/uploads/2021/05/ZfZ_40-43_Nachhaltigkeit-durch-die-AKTE-Zukunft.pdf"><em>Dr. Birgit Schneider-Bönninger</em></a><em>. Sie ist jetzt zweieinhalb Jahre hier. Ich habe auch ein paar weitere Mitstreiter*innen um Thomas und mich gesammelt. Ich hatte eine Ausstellung zur Anfütterung geplant, um interessierten Menschen die Sammlung nahezubringen. Die Botschaft: wenn wir uns engagieren, schaffen wir es, diese Bilder und noch viel mehr in attraktiven Räumen zu zeigen. </em></p>
<p><em>Das war zeitgleich mit dem Amtsantritt von Birgit Schneider-Bönninger. Ich bin sofort auf sie zugegangen, habe sie gefragt, was sie an einem bestimmten Abend mache. Sie wusste es nicht und ich habe geantwortet, sie würde meine Ausstellung eröffnen. Das war frech, wir kannten uns kaum, sie hat dennoch zugesagt und eine tolle Rede gehalten. Sie arbeitet seither intensiv an dem Thema Exil-Museum in Bonn. Sie begeistert ihre Kolleg*innen in der Stadtverwaltung, die Vertreter*innen in den Fraktionen im Rat der Stadt Bonn. Sie ist auf Raumsuche gegangen. Es waren zwei oder drei Räume im Gespräch, seit Frühsommer 2021 gibt es in sehr attraktiver Innenstadtlage einen sehr heißen Kandidaten für das Museum.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zunächst geht es um die Bilder?</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Die Bilder sollen das Herzstück, der Kern dieses Museums sein. Ich sage immer Museum, aber wir sind uns eigentlich einig, es nicht Museum zu nennen. Museum steht in der öffentlichen Wahrnehmung für etwas Abgeschlossenes. Da wir es aber fortführen wollen, suchen wir noch nach einem anderen Namen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Art dynamisches Museum?</p>
<p><strong>Repi</strong>:<em> Ja, aber das Wort Museum soll eigentlich gar nicht vorkommen, vielleicht im Untertitel. Kernstück soll – wie gesagt – die Bildende Kunst sein. Thomas besitzt darüber hinaus viele Original-Exilausgaben mit dem Alleinstellungsmerkmal, dass sie alle signiert sind, wirklich alle. Dann hat er mehrere Schuhkästen mit seinen Briefwechseln mit Autor*innen, mit Nachkommen der Autor*innen. Diese sollen aufgearbeitet werden. </em></p>
<p><em>Darüber hinaus habe ich inzwischen selbst eine sehr große Exil-Sammlung, die auch gelegentlich, Manuskripte und Recherchematerial wird. Kürzlich habe ich die 800 Exil-Originale von </em><a href="https://cwleske.de/autoren/hans-albert-walter/"><em>Hans-Albert Walter</em></a><em> (1935-2016), die gesamte Sekundärliteratur, viele Zettelkästen, den Schriftwechsel erworben. Ich hatte Kontakt mit dem Nachlassverwalter des Wissenschaftlers. Wenn wir ein Büro im Exil-Museum einrichten, könnte ich auch seine Schränke, seinen Schreibtisch und seinen Bürostuhl bekommen. Das wäre dann das Büro eines profilierten Exilforschers, in dem Wissenschaftler*innen, Studierende arbeiten und forschen könnten. Der Nachlassverwalter ist von dem Vorhaben begeistert. </em></p>
<h3><strong>Marxismus ohne -ismus – ein Aufruf zum politischen Streit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinem Angebot befindet sich viel marxistische Literatur, natürlich die Bände der MEW-Ausgabe, die sonst nirgendwo so schön gesammelt in einem Regal stehen, Literatur der sozialistischen Klassiker, Literatur all derjenigen, die sich in ihrer Literatur oder in ihrer Politik mit den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels beschäftigt haben. Du selbst verstehst dich als Marxisten, hast aber mit allen diversen -ismen dieser Welt abgeschlossen. Ich habe den Eindruck, dass es eine Renaissance des Marxismus geben wird oder vielleicht in Ansätzen sogar schon gibt. Gerade das Fragmentarische vieler Schriften verweist darauf, dass sich ihr Werk im Grunde als ständiges Werden beschreiben ließe, so auch die Rezeption.</p>
<p>Ähnliches – das nur am Rande – lässt sich meines Erachtens bei Friedrich Nietzsche feststellen, Werk und Rezeption stimmen nicht überein. So wie Nietzsches Schwester den Nachlass ihres Bruders mit geradezu krimineller Energie fälschte und ihm somit den Ruf eines Proto-Faschisten verschaffte, der er nie war, haben auch manche die Werke von Karl Marx und Friedrich Engels nur sehr selektiv gelesen – wenn überhaupt – und so ihre Intentionen verfälscht.</p>
<div id="attachment_1485" style="width: 224px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1485" class="wp-image-1485 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1-214x300.jpg" alt="" width="214" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1-200x281.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1-214x300.jpg 214w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1-400x562.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1-600x843.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1-729x1024.jpg 729w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1-768x1078.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1-800x1123.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Repi.alleine-1.jpg 841w" sizes="(max-width: 214px) 100vw, 214px" /><p id="caption-attachment-1485" class="wp-caption-text">© Jürgen Repschleger &amp; Esther Winkelmann</p></div>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ich glaube und ich hoffe, dass niemand mehr auf die Idee kommt, nach den Schriften von Karl Marx einen Staat zu organisieren. Denn das ist eines der vielen Missverständnisse, die mit Marx behaftet sind, dass seine Analysen, seine Überlegungen als Handlungsanweisung verstanden wurden. Das, was er schrieb, ist eine Methode, um die Welt, wie sie ist, zu verstehen, um die Wirtschaft, die Produktivkräfte, die Produktionsverhältnisse zu beschreiben. Natürlich hat er auch von „Revolution“ gesprochen, dass alles, was geschieht, eigentlich ganz anders gemacht werden müsse, aber er hat nie eine Staatskonzeption formuliert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Er schrieb keine Gebrauchsanweisung ebenso wie Nietzsche nie eine schrieb.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Keine Gebrauchsanweisung – das haben dann früher die marxistischen Dogmatiker vollkommen missverstanden. Wenn man streng ist, müsste man sie als die größten Anti-Marxisten bezeichnen. Die Dogmatiker in der DDR beispielsweise. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die DDR war völlig undialektisch aufgestellt.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Die Dogmatiker haben aus den Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels einen Katechismus gemacht. Natürlich gab es viele Parallelen zum Katholizismus, die Klassikergläubigkeit, etwa in dem Sinne, Marx hat gesagt, deshalb ist das so. Das war dann schon praktisch der Beweis für die Wahrheit, oder wenn jemandem gesagt wurde, er argumentiere unmarxistisch, war das schon ein vernichtendes Urteil. Der Marxismus ist aber eine Methode, die Welt zu begreifen, in meinen Augen nach wie vor die beste.</em></p>
<p><em>Was die Renaissance betrifft: die hat ja einen sehr langen Anlauf. Es fing an mit der Finanzkrise. Es gab Artikel im SPIEGEL, Feuilleton-Artikel, Talk-Shows, aber es ging nicht kontinuierlich und nicht systematisch weiter. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt dann so Lieblingskinder der Feuilleton-Redakteur*innen wie Slavoj Źiźek.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Der ist nicht nur Neo-Marxist, sondern Neo-Leninist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In diesem Sinne lesenswert sein Buch „Die Revolution steht bevor – Dreizehn Versuche über Lenin“. Eine deutsche Ausgabe dieser Vorträge erschien 2002 in der edition suhrkamp, also schon einige Jahre vor der Finanzkrise. Ich weiß nie so richtig, was ich von ihm halten soll.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ich auch nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Er bietet oft sehr luzide Analysen, und dann kommt ein schräger Knaller. Vielleicht Analyse und Gebrauchsanweisung in einem, so eine Art Ableitung der Dogmatik aus der Analyse, die dann aber wieder im Hintergrund verschwindet.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ich glaube, dass durch die Finanzkrise deutlich geworden sein dürfte, dass der Kapitalismus sich durch seine Produktionsweise seiner eigenen Grundlagen beraubt. Das war auch schon eine marx’sche Erkenntnis. Da sind wir schnell beim Klimawandel. Ich habe meinen Ohren nicht getraut, als ich am 23. Juli 2021 auf dem Bonner Münsterplatz bei einer Demonstration von Fridays for Future war, die sich explizit mit der Hochwasser-Katastrophe befasste und die den Opfern gewidmet war. Fridays for Future betont immer, dass sie überparteilich agieren, keine Wahlempfehlungen aussprechen, aber da hörte ich das erste Mal aus dem Mund von FfF-Leuten den Aufruf: „Wählt antikapitalistisch“. Ich war erstaunt und begeistert.</em></p>
<p><em>Ich glaube, wenn der Mythos, die irrationale Annahme, wir könnten Klima und Umwelt systemimmanent in einem grün angestrichenen Kapitalismus, durch grünes Wachstum – auch so ein Begriff …</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel: </strong>… Green New Deal war mal ein Begriff aus dem Parteiprogramm der Grünen und hat es inzwischen in die Höhen der Europäischen Kommission geschafft …</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>… ich glaube, dass sich die Erkenntnis, dass das nicht funktioniert, langsam Bahn bricht und dass eine Rettung des Planeten nur durch eine radikale Umstellung der Lebensweise und der Produktion zu erreichen ist. Und damit sind wir beim Anti-Kapitalismus, und den setzt Marx ganz oben auf die Literaturagenda.</em></p>
<h3><strong>Dezentrale Zentralisierung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist ja nicht einfach. Das gibt noch viel Streit, nicht immer sachlich, auch mit vielen Unterstellungen gespickt.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Streit ist aber auch etwas sehr Produktives. Ich denke an Bert Brecht, der sagte, der Kommunismus sei das Einfache, das so schwer zu machen ist, und ich denke, das ist mit unserer Lebens- und Produktionsweise genauso. Ich habe überhaupt nichts gegen Streit. Ich würde – wenn es nach mir ginge – diesen Streit jedoch gerne auf der Grundlage der Erkenntnis sehen, dass die Produktionsweisen geändert werden müssen. Wie das geschehen soll, wie wir sie ändern sollen, wer der Motor dieser Änderungen ist, wie dann die Eigentumsformen aussehen, über all das können wir herrlich streiten. Ich hoffe, dass bei einem heftigen Streit auch ein gutes Ergebnis herauskommt, und ich muss sagen, auch wenn ich mich jetzt antimarxistisch äußere, die Veränderung der Produktionsweise ist für mich alternativlos.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ganz schön undialektisch.</p>
<p><strong>Repi</strong> (lacht): <em>Ja, ich weiß. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn es keine Alternative geben soll, heißt das ja noch nicht, in welche Richtung sich die Veränderung bewegt, in welchem Tempo, unter welchen Bedingungen. Das ist ja die Schwierigkeit. Mein Eindruck: wer sich mit marxistischen Schriften beschäftigt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass man es dabei mit einer Methode zu tun hat, die angereichert und variiert werden kann und muss. Und hier liegt das Problem: wer sich antikapitalistisch nennt, gerät schnell in den Verdacht, er*sie wolle wieder Systeme einrichten, die in der Vergangenheit – zu unserem Glück – gescheitert sind und viel Leid über viele Menschen brachten. Kommunistische Systeme im dogmatischen Sinne gibt es ja auch nicht mehr. Nordkorea mag noch genannt werden, aber das ist meines Erachtens pseudo-kommunistische Folklore.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das ist wirklich Folklore. Kommunismus ist ja nicht etwas, in dem man Fantasieuniformen durch die Gegend trägt und im Fernsehen mit Raketen spielt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Das konnte Göring ja auch ganz gut.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Und das konnten die in Moskau. Ich sage immer: nicht zurück zur alten DDR, sondern vorwärts zum Sozialismus. Walter Benjamin hat mal gesagt, nicht das Zurück zum vermeintlich guten Alten, sondern der Kampf gegen das Schlechte Neue ist der Ausgangspunkt sozialistischer Politik. Wer glaubt, wir müssten zurück zur alten DDR minus ihrer Fehler, ist schief gewickelt. Marx hat – und da bin ich ein wenig dogmatisch, weil ich das für richtig halte – Marx hat immer über die Verfügungsgewalt der Produzenten über die Produktion, nicht von der Verfügungsgewalt eines Staates, eines Zentralkomitees oder eines Politbüros gesprochen. Marx hat immer von einer Bedürfnisproduktion geredet, nicht von einer Planwirtschaft, in der omnipotente Männer in Moskau genau wussten, was 4.000 Kilometer weiter in Sibirien richtig ist. Bedürfnisproduktion kann natürlich nicht wie beim Großen Sprung in China in jedem Hinterhof geschehen, es muss schon eine bestimmte Zentralisierung geben. Ich spreche dann von einer dezentralen Zentralisierung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Spricht da noch der alte Anarchosyndikalist?</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Jaaa. Ja. Weil ich auch inzwischen ein ganz anderes Verhältnis zum Staat bekommen habe. Und das liegt – jetzt kommt ein ganz großer Bogen – am Paradigmenwechsel der PKK, die lange für einen eigenen kurdischen Staat gekämpft hat und vor 20 Jahren angefangen hat, neu nachzudenken und jetzt nicht mehr von einer neuen Staatsgründung spricht, sondern von einer Demokratisierung des Nahen Ostens. Sie haben den Begriff der Kantone aus der Schweiz übernommen und organisieren die befreiten Gebiete in Kantonen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Klingt auch ein bisschen nach Spanien oder Südtirol.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das geht weiter. Sie sehen den Staat als Hemmschuh der Emanzipation von verschiedenen Ethnien, Nationalitäten. Es geht mir jetzt nicht darum, dass ich romantisch verklärt zur alten Dorfgemeinschaft zurückwill, wo jeden Freitag am Lagerfeuer die nächste Woche geplant wird. Ich denke an eine bedürfnisgeprägte Produktion – und da ist auch wieder eine Parallele zum Klima. Das heißt nicht durch eine globalisierte Arbeitsteilung, in der die Bestandteile eines Sportschuhs überall in der Welt produziert werden, dann der Schuh in Deutschland zusammengesetzt wird, damit Made in Germany draufsteht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Planerische Grundlage wäre zum Beispiel eine Produktlinienanalyse, wie sie in der ökologischen Wirtschaftsforschung schon vor über 30 Jahren entwickelt wurde. Als klassische Beispiele werden immer wieder Pommes Frites oder Jeans genannt.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Es muss auch arbeitsplatznahe Wohnorte beziehungsweise wohnortnahe Arbeitsplätze geben. Das führt natürlich auch dazu, dass der Weg zur Arbeit weniger mit Emissionen belastet wird. Nicht nur das Home-Working, auch diese Art von Dezentralisierung von Produktionsprozessen kann das Klima schützen. Wir brauchen Produktionsstätten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind. Das sind alles kleine Elemente, die einen sehr direkten Bezug zur Realität haben, oder mit Rosa Luxemburg gesagt: ein Beitrag zu einer „radikalen Realpolitik“. Wir können mit der Rettung des Planeten nicht warten, bis irgendwann, irgendwo und irgendwie eine Revolution gelaufen ist. Wir müssen jetzt damit anfangen.</em></p>
<h3><strong>Lesetipps – für den Einstieg und für Fortgeschrittene</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Autor*innen würdest du denen empfehlen, die sich mit den von uns angesprochenen Themen intensiver beschäftigen möchten.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Tatsächlich immer Karl Marx.</em> <em>Immer „Das Kapital“. Das ist natürlich keine Gute-Nacht-Lektüre nach einem Achtstundenarbeitstag. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Lektüre ist ein harter Job.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ein harter Job. Ich halte auch nichts von den fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig Einführungen in „Das Kapital“, die alle auf dem Klappentext versprechen, das methodisch so einfach darzustellen, dass alle es sofort verstehen. Das funktioniert nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: „Das Kapital“ hat sehr viele fragmentarische Elemente.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Es ist auch didaktisch aufgebaut, mit vielen Wiederholungen, sodass sich manches besser einprägt, wenn man es erneut liest. Wie in der Schule, wo Wiederholungen didaktisches Prinzip sind. Wer sich der Sprache von Karl Marx nähern möchte – diese Sprache würde man heute akademisches Soziologendeutsch nennen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder umgekehrt: viele akademische Soziolog*innen haben sich bemüht, so wie Karl Marx zu schreiben, gerade diejenigen, die in den 1970er Jahren wissenschaftlich sozialisiert wurden. In der edition suhrkamp gibt es eine ganze Menge von Bänden, die so geschrieben sind.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Warum nicht mit Friedrich Engels anfangen: „Der deutsche Bauernkrieg“ (in MEW Band 7). Das ist spannend, in einer</em> <em>einfachen Sprache, und gibt einen Einblick in den Verlauf von Geschichtsverläufen. Das motiviert vielleicht, einen auch komplizierteren Text zu lesen. Lesenswert von Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie“ (in MEW Band 21). Das hat noch viele weiße Flecken, ist aber für die aktuelle Patriarchatsdiskussion immer noch von Wert. </em></p>
<p><em>Mein erstes Buch, das ich gelesen habe, in der letzten Reihe unter der Schulbank, war August Bebel „Die Frau und der Sozialismus“. Das war mein erstes politisches Buch überhaupt. Das ist ein Grundlagenwerk, das ich nach wie vor empfehle. Ansonsten würde ich nach Trial-and-Error-Verfahren lesen, reinschauen, anlesen, verwerfen, dabeibleiben, wie auch immer. Mit anderen Leuten sprechen, aber man sollte immer skeptisch sein, wenn andere einem bestimmte Literatur empfehlen. Das machen solche Parteien wie die MLPD, die einem sagen, was man lesen muss, was man nicht lesen darf.</em> <em>Die holen den Leuten den Trotzki aus den Bücherregalen, so wie früher. Mein Vorschlag: Ausprobieren! </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich meinen Lieblingstext von Karl Marx nennen: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-18-brumaire-des-donald-j-trump">„Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“</a>. (MEW Band 8). Das ist meines Erachtens die beste Erklärung für das Phänomen Donald J. Trump und das Elend sozialdemokratischer Politik.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Was ich jahrelang nicht nur vernachlässigt, sondern sogar abgelehnt habe, ist Science-Fiction-Literatur. Es ist immer noch nicht mein Lieblingsgenre. Aber es ist erstaunlich, welche sozialistischen Utopien sich in guter Science-Fiction-Literatur finden lassen. Ich habe auch Jahrzehnte lang nicht begriffen, dass Raumschiff Enterprise ein anti-rassistisches Projekt war. Das fing an mit Lieutenant Uhura.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Die Kommunikationsoffizierin, die aber als bessere Telefonistin eingesetzt wurde. Mehr durfte sie nicht. Und der berühmte Kuss mit Captain Kirk war revolutionär, wurde aber schamhaft so gezeigt, dass das Eigentliche nicht zu sehen war. Aber immerhin. In „Deep Space Nine“ gibt es einen Schwarzen Kommandanten der Raumstation. In einer Folge, in der die Crew ins 20. Jahrhundert zurückfantasiert wurde, spielt er einen Schwarzen Zeichner, der die Serie „Deep Space Nine“ entwirft, aber als Schwarzer nicht unter seinem Namen veröffentlichen darf.</p>
<p>Nun so nebenbei: du sprichst mit jemandem, der alle 750 Star-Trek-Folgen, alle Staffeln, viele davon sogar mehrfach gesehen hat. Das ist in der Tat ein anti-rassistisches und ein sehr liberales und demokratisches Projekt. Auch auf den diversen Planeten findest du alles, was es an gesellschaftlichen und politischen Modellen gibt, ganz schreckliche, ganz fortschrittliche, in der Federation herrscht Friede, es gibt keine Todesstrafe, die Planeten sind geeint, teilweise nach schrecklichen Erfahrungen – wie beispielsweise der so vorbildliche Planet Vulcan – und die genetische Veränderung der menschlichen DNA ist verboten. Bevor die Erde zu einem friedlichen Planeten wurde, gab es noch den Dritten Weltkrieg und die Eugenischen Kriege, die immer wieder zitiert werden. Aber das ist ein sehr weites Feld. Populärkultur sagt viel aus über gesellschaftliche und politische Tendenzen, wenn man etwas in die Tiefe geht.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Die Rassisten kommen immer sehr schlecht weg, werden anders als in der Realität immer besiegt, auch wenn sie in der nächsten Folge in anderem Gewand wieder da sind. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch das ist ein didaktischer Wiederholungseffekt. Die Frauen der diversen rassistischen Spezies sind übrigens meistens einsichtiger als die Männer. Das liegt allerdings auch immer ein wenig am Charme bestimmter Männer der Enterprise-Besatzungen, hat somit leider auch eine etwas weniger fortschrittliche Komponente.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ich würde sagen: wenn Zeit und Muße ist, in den Buchladen gehen, ins Antiquariat, das ein oder andere Buch herausholen, reinschauen, weglegen, ein anderes mitnehmen – das finde ich wertvoller als all die harten schlauen Literaturtipps.</em></p>
<h3><strong>Ein neuer Club Voltaire? – Why not?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kannte mal jemanden, der die komplette Regenbogenreihe auf dem Regal hatte, daneben eine kleine Karl-Marx-Büste. Du kennst ihn?</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ich kenne den?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht nicht persönlich, aber du kennst ihn: das war Peter Glotz (1939-2005). Peter Glotz war auch einer der ersten, die Antonio Gramsci (1891-1937) mit seiner Hegemoniethese wiederentdeckten. Gramsci betonte, dass es für Veränderungen nicht nur politische Mehrheiten bräuchte, sondern gesellschaftliche Mehrheiten. Politische Mehrheiten sind rückholbar, bei gesellschaftlichen Mehrheiten ist das nicht so einfach. Es geht um einen gesellschaftlichen Konsens, nicht nur um eine Stimmungslage.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Gramsci ist ein wichtiges Thema. Umso bedenklicher ist es, dass er inzwischen auf der rechten Seite, in der Jungen Freiheit, in diesem merkwürdigen Institut für Staatspolitik gelesen und propagiert wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Kontext mit Carl Schmitt. Das hatten wir in der 1968erzeit auch schon mal. Da lasen und zitierten die damaligen Propagandisten der Studentenbewegung Carl Schmitt.</p>
<p>Wäre es nicht nötig, viel mehr Diskussionszirkel zu gründen, in denen Texte gemeinsam von interessierten Menschen, mit Politiker*innen, mit Wissenschaftler*innen gelesen und diskutiert werden? Das wäre vielleicht der Anfang einer neuen Streitkultur. Mir scheint aber ein Problem darin zu bestehen, dass Politiker*innen, auf jeder Ebene, gar keine Zeit haben oder zumindest sich so organisieren, dass sie keine Zeit haben, etwas zu lesen. Es gibt sicher Ausnahmen wie Robert Habeck oder Petra Pau, übrigens auch Olaf Scholz, aber das sind Ausnahmen. Die meisten Politiker*innen leben von Zusammenfassungen ihrer Mitarbeiter*innen und sind abhängig davon, ob und was die wiederum lesen oder nicht lesen. Umgekehrt haben viele, die viel lesen, nicht die Zeit, sich politisch zu engagieren.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Du träumst davon, dass es so etwas mal wieder gibt, und ich leide darunter, dass es so etwas zurzeit nicht gibt. Ich wollte ja nie zu der Früher-war-alles-besser-Fraktion gehören, aber trotzdem: dass sich politische Gruppen früher gegenseitig Papiere vorgelegt, diese sich um die Ohren gehauen haben, die Dinger wurden gelesen, bejubelt, verrissen… Das war auch in der Antifa so, in den autonomen Gruppen. Wenn einer etwas geschrieben hatte, wurde es gelesen und es gab eine Replik. Das gibt es nicht mehr. Es findet natürlich viel im Netz statt, aber enorm verkürzt und oft mit viel Aggression. Nun waren die Texte der 1970er Jahre in den verschiedenen K-Gruppen auch nicht frei von Aggressionen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nicht nur die. Ich habe bei dir eine Ausgabe der „Dialektik der Natur“ von Friedrich Engels gekauft, erschienen 1951 im Dietz-Verlag in Berlin, der MEW-Band 20 war gerade nicht verfügbar. Im Vorwort des Verlags lese ich, dass diese Schrift <em>„in die Hände der opportunistischen Führer der deutschen Sozialdemokratie (geriet), die diese überaus kostbare Arbeit in verbrecherischer Weise jahrzehntelang verborgen hielten und bis heute noch verborgen halten.“</em></p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Aber der Stil und die Aggression haben sich schon verändert. Da sitzen manche Leute nach dem dritten Bier vor dem Bildschirm und hauen dem politischen Gegner, manchmal auch dem politisch Nahestehenden etwas in die Tasten. Das ist nicht produktiv. Da geht es nur um das Recht-Behalten, um Selbstverwirklichung, aber der Anflug der Idee, dass vielleicht der*die andere recht haben könnte, ist verkümmert. Mir fehlt die theoretische Diskussion, auch in innerlinken Zirkeln. Früher haben Politiker*innen, nicht alle, aber manche, gelegentlich kluge Bücher geschrieben. Das, was unsere aktuellen Politiker*innen heute auf den Markt werfen, mal abgesehen davon, dass sie es nicht selbst geschrieben, sondern irgendwelche Praktikant*innen, die wiederum Vieles abgeschrieben haben, einen Gebrauchswert haben diese Dinger nicht. Natürlich meine ich mit einem Augenzwinkern die aktuelle Debatte um zwei der drei Kanzlerkandidat*innen. </em></p>
<p><em>Der Prototyp war Lenin. Wenn Lenin etwas gelesen hatte, das aus seiner Sicht eine kritische Antwort verdient hatte, hat er sich drei Wochen zurückgezogen, alles stehen und liegen gelassen und diese Antwort geschrieben. Das ist natürlich ein Extrem.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und heute schwer umsetzbar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Minister*innen oder Kanzler*in eine solche Abwesenheit leisten können, es sei denn, sie nutzen ihren Urlaub auf diese Weise. Das mag vielleicht noch gehen.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Geht nicht, aber wir müssen uns vor Augen führen, dass vielleicht in zehn Jahren eine Klasse von Politiker*innen dieses Land regiert, die fragt, wer ist denn eigentlich dieser Goëthe. Ohne die Geschichte zu kennen, ohne die Vergangenheit zu kennen, die Entwicklung von Kultur, von Produktion kann man auch keine Tagespolitik machen. Damit meine ich jetzt nicht den Zebrastreifen vor der KiTa, aber die große Politik ist in meinen Augen ohne ein umfassendes historisches, soziologisches – und wenn ich es mir aussuchen darf – philosophisches Wissen nicht möglich. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Früher gab es Montagsclubs, Donnerstagstreffen, an denen aktive Politiker*innen teilnahmen, aber ich habe den Eindruck, es ist schwierig, diese zu motivieren, weil sie im Tagesgeschäft gefangen sind und jederzeit allen, die ihnen ein Mikrofon vor die Nase halten, sofort antworten müssen. Ich sage es einmal so: ich habe den Eindruck, dass unter diesen Bedingungen die großen Fragen, wie beispielsweise Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit, dann auf dem Niveau eines Zebrastreifens vor der KiTa oder der Wassertemperatur im Hallenbad diskutiert werden.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das betrifft nicht nur die Politik, auch die journalistische Zunft. Früher gab es den Internationalen Frühschoppen, bei dem mal länger als fünf Minuten über ein Thema geredet wurde. Heute gibt es nur noch Krawall, Hauptsache Skandal.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich nenne eine Ausnahme: der Presseclub am Sonntagmorgen um 12 Uhr, dem früheren Sendeplatz des Internationalen Frühschoppens, hat schon ein deutlich höheres Niveau als all die Confrontainment-Shows, in denen es nur darum geht, wer seine Position am lautesten behauptet. Es gab in den 1960er Jahren auch die Republikanischen Clubs.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Die Clubs Voltaire.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe mal darüber nachgedacht, ob ich den Demokratischen Salon Demokratischen Club nenne, habe es dann aber doch bei der etwas bildungsbürgerlich klingenden Variante gelassen.</p>
<p>Bei all diesen Debattierclubs frage ich mich natürlich auch, wer diskutiert da mit wem? Wenn diejenigen, die ohnehin im Großen und Ganzen miteinander einig sind, gemeinsam so etwas wie eine „linke“ Politik vertreten, nur miteinander diskutieren, hilft das wenig. Erreicht werden müssen die anderen, die diese Politik nicht vertreten. Ich habe das schon mal so formuliert: für eine fortschrittliche Politik ist die CDU die geborene Zielgruppe. Wenn ich denke, wie sich deren Positionen in den vergangenen zwanzig Jahren verändert haben, parteiinterne Kritiker*innen sprechen nicht zu Unrecht von einer Sozialdemokratisierung, das geht von Lebensmodellen, Modellen von Partnerschaft über Ganztagsschulen und die Betreuung von Kleinkindern, bis hin zur Abschaffung von Wehrpflicht und Kernkraftwerken und zum Kohleausstieg. Einen konservativen Markenkern kann ich dort nicht erkennen, und die <em>„konservative Revolution“</em>, die der CSU-Landesgruppenchef der aktuellen CDU/CSU-Bundestagsfraktion einmal ausrufen wollte, ist genauso wenig konkret wie die inzwischen zum Glück in den Hintergrund gerückte Debatte über eine sogenannte <em>„Leitkultur“</em>.</p>
<p>Ich glaube, dass viele dieser Entwicklungen nicht mehr rückholbar sind. Mir macht jedoch eine andere Entwicklung Sorge. Über diese sprach ich zuletzt mit dem Frankfurter Professor <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dynamische-religiositaet/">Harry Harun Behr</a>. Es geht um die Frage, ob die liberale Demokratie auch in Zukunft akzeptiert wird. Es gibt Hinweise in der Generation Z, zu der auch die Aktivist*innen von Fridays for Future gehören, dass diese Generation bereit sein könnte, für den Klimaschutz demokratische Freiheiten zu opfern. Dabei kann es nicht um ein Entweder-Oder gehen. Beides ist essenziell.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das ist eine Gefahr. Es gibt auch ein spannendes Buch darüber von dem Drogeriebetreiber </em><a href="https://www.rossmann.de/de/haushalt-rossmann-dirk-rossmann-der-neunte-arm-des-oktopus-thriller/p/9783785727416"><em>Dirk Rossmann: „Der neunte Arm des Oktopus“</em></a><em>, 2020 erschienen. Dirk Rossmann ist ökologisch orientiert und engagiert. In dem Buch geht es darum, dass die Großmächte sich für eine Ökodiktatur entscheiden. China, USA und Russland verbünden sich, um den Rest der Welt über diese Ökodiktatur in eine lebenswerte Zukunft zu führen. Literarisch nicht so toll, aber vom Inhalt sehr spannend zu lesen. Ich bin selbst nicht frei von solchen Fantasien.</em></p>
<h3><strong>Die Dialektik von Klima- und Sozialpolitik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Niemand ist frei davon.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Ich habe mein ganzes politisches Leben zwischen der größtmöglichen Auto-Emanzipation auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem „Die Partei hat immer recht“, „wenn ihr nicht wollt, …“ geschwankt. Ich bin immer geschwankt. </em></p>
<p><em>(längere Pause) </em></p>
<p><em>Wie soll ich das jetzt ausdrücken? Ich habe noch einen anderen Zugang zum Thema „Ökodiktatur“. Wenn wir den Klimawandel aufhalten, den Planeten retten wollen, ohne das mit diktatorischen Mitteln durchzusetzen, müssen wir einen großen Teil der Weltbevölkerung mitnehmen. Den nehmen wir aber nur dann mit, wenn es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Umwelt- und Sozialpolitik gibt. Wenn wir jetzt einen Großteil des Haushalts in den Umweltbereich stecken, zu Lasten des Sozialhaushaltes, dann werden wir immer stärker in eine Gesellschaft geraten, in der es Menschen gibt, die sich Klimaschutz leisten können und denen, die das nicht können und neidvoll auf die schauen, die es sich leisten können. So entsteht eine Gegenbewegung. Und das wird ein permanenter Klimakampf. Wenn wir es nicht schaffen, Klimapolitik und Sozialpolitik zu vereinbaren, ist eine autoritäre Klimapolitik von oben geradezu die logische Folge. Deshalb wirklich der Appell an alle möglichen Parteien, auch vor allem an die Grünen: Klimapolitik braucht immer auch Sozialpolitik</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir brauchen eine intelligente Grundsicherung. Ohne die wird es nicht gehen. Eine solche Debatte führt weiter als das ständige Genörgele über billige Mallorca-Flüge und den Benzinpreis. Es ist auch absurd, wenn ein Parteivorsitzender eine Mietpreisbremse ablehnt, aber eine Benzinpreisbremse fordert.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Mit einem Grundeinkommen wären wir auch noch viel besser durch die Pandemie gekommen. Ein Grundeinkommen, eine Grundsicherung – darüber müssen wir reden. Über die Grundlagen und über die Ausgestaltung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aufhören muss auch, dass jemand seine Grundbedarfe über Anträge bei 27 verschiedenen Behörden begleichen muss. Das ist auch so eine deutsche Paranoia, dass jemand etwas bekommen könnte, was ihm*ihr nicht zustünde. Ich würde das in Kauf nehmen. Beim Kindergeld ist es ja jetzt schon so.</p>
<p>Bei den Corona-Hilfsprogrammen, die Joe Biden aufgelegt hat, war das kein Thema. Mitnahmeeffekte wurden wegen des Ziels der unbürokratischen Hilfe in Kauf genommen.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Das hat Olaf Scholz am Anfang auch so gemacht, aber dann hat er davon wieder Abstand genommen, und jetzt wird versucht, an allen möglichen Stellen das Geld wieder einzusammeln.</em> <em>Ich sitze da jeden Abend und rechne: ich möchte so wenig wie möglich von den 9.000 EUR wieder zurückgeben. Abgesehen davon bin ich im Recht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 9.000 EUR sind auf den Gesamthaushalt gerechnet ohnehin nur Peanuts.</p>
<p><strong>Repi</strong>: <em>Und ein Teil wird noch von der Verwaltung aufgebraucht, die für die Rückforderung tätig ist.</em> <em>Umso wichtiger ist die Debatte über Grundeinkommen und Grundsicherung.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2021, alle Internetzugriffe vom 24. August 2021. Titelbild: Pixabay.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-ideelle-gesamtmarxist/">Der ideelle Gesamtmarxist</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-ideelle-gesamtmarxist/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der 18. Brumaire des Donald J. Trump</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-18-brumaire-des-donald-j-trump/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-18-brumaire-des-donald-j-trump/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Feb 2021 05:27:42 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=892</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der 18. Brumaire des Donald J. Trump Warum Demokrat*innen einen Strategiewechsel erwägen sollten „Je blinder diese Prozesse der Entladung sozialer Elementargewalten verlaufen, umso stärker stets auch das Bestreben, nicht nur den feindlichen Mächten eine Charaktermaske aufzulegen, um sie (real oder vermeintlich) zu identifizieren, sondern auch der inbrünstige Drang, der eigenen Großen Sache ein Gesicht  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-18-brumaire-des-donald-j-trump/">Der 18. Brumaire des Donald J. Trump</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7"><h1><strong>Der 18. Brumaire des Donald J. Trump</strong></h1>
<h2><strong>Warum Demokrat*innen einen Strategiewechsel erwägen sollten</strong></h2>
<p><em>„Je blinder diese Prozesse der Entladung sozialer Elementargewalten verlaufen, umso stärker stets auch das Bestreben, nicht nur den <u>feindlichen</u> Mächten eine Charaktermaske aufzulegen, um sie (real oder vermeintlich) zu identifizieren, sondern auch der inbrünstige Drang, der <u>eigenen</u> Großen Sache ein Gesicht und eine Gestalt zu geben. / Dabei wird tatsächlich ein hochverdichteter mythologischer Akt vollzogen. Nichts aussichtsloser als der Versuch, verstehen zu wollen, <u>wer</u> ein Josef Stalin gewesen ist. Je näher man hinschaut, um so mysteriöser wird er als Mensch. Was ihn zu ‚Stalin‘ macht, sind eben nicht primär seine individuellen Eigenschaften, sondern die Bedürftigkeit der vielen, die sich seiner Führung unterwerfen.“ </em>(Gerd Koenen, Die großen Gesänge – Lenin, Stalin, Mao, Castro… Sozialistischer Personenkult und seine Sänger von Gorki bis Brecht – von Aragon bis Neruda, Frankfurt am Main, Eichborn, 1987)</p>
<p>Statt Stalin hätte hier auch ein anderer Name genannt werden können, beispielsweise Adolf Hitler oder Mao Tse-Tung. Es könnten weitere, auch zeitgenössische Namen genannt werden, aber ich möchte ungern das ungeschriebene Gesetz jeder Online-Plattform erfüllen, derzufolge es absehbar ist, bis der erste Vergleich mit dem Nationalsozialismus oder mit Hitler auftaucht, auch wenn das, was ich hier in diesem Essay schreibe, meine Absicht Lügen strafen könnte.</p>
<h3><strong>Demokratisch gewählter Terror</strong></h3>
<p>Das gängige Bild einer gelungenen Machtübernahme beruht auf der terroristischen Ausschaltung aller Gegner, wie dies in der Sowjetunion oder dem maoistischen China gelang. Wahlergebnisse spielten in diesen beiden Ländern keine Rolle, wohl aber im Deutschen Reich der 1920er und frühen 1930er Jahre. Diktatoren brauchen nicht unbedingt einen Putsch. Sie können sich demokratisch an die Macht wählen lassen. Ob die in Analysen rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen und Parteien immer wieder genannten 3,5 Prozent der Bevölkerung ausreichen, um Diktatoren zur Macht zu verhelfen, wage ich nicht zu beurteilen. Für eine Destabilisierung der jeweiligen Verhältnisse können 3,5 Prozent reichen. Der NSDAP gelang nicht nur dies, sondern auch, ihre Stimmenanteile gegen Ende der 1920er Jahre erheblich auszubauen. Ihre Wahlerfolge vom 14. September 1930 und am 31. Juli 1932 führten zum 30. Januar 1933, sie waren die Grundlage der terroristischen Ausschaltung der Gegner, die in wenigen Monaten gelang. Er konnte sich – spätestens nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 – auf einen Mehrheitswillen in der Bevölkerung berufen, hilfreiche Bündnispartner wurden assimiliert, Gegner vernichtet.</p>
<p>Extremistischer Staatsterror kann nicht nur in undemokratischen, sondern auch in demokratischen Verhältnissen entstehen, und die Weimarer Republik war eine parlamentarische Demokratie. Als Kronzeugen für die Gefährdung einer Demokratie zitiert Madeleine Albright Primo Levi. Sie leitete ihr Buch „Faschismus – Eine Warnung“ mit einem Satz von Primo Levi ein: <em>„Jedes Zeitalter hat seinen eigenen Faschismus.“</em> Es gibt Übergangszeiten zum Staatsterror, sodass der Satz, man*frau solle den Anfängen wehren, seinen Sinn erhält. Aber man*frau muss diese Anfänge auch erkennen: <em>„Erreicht werden könnte der kritische Punkt nicht erst, so Levi, wenn der Terror polizeilicher Einschüchterung um sich greift, sondern bereits, wenn ‚Informationen unterdrückt oder verzerrt werden, die Rechtsnormen nicht gelten, das Bildungssystem versagt und auf tausenderlei Weise unterschwellig die falsche Sehnsucht nach einer Welt geweckt wird, in der Ordnung herrschte.‘“ </em>(Koautor von Madeleine Albright war Bill Woodward, englische Ausgabe 2019 unter dem Titel „Fascism – A Warning“ bei HarperCollins Publishers in New York erschienen, deutsche Ausgabe im selben Jahr bei DuMont in Köln)</p>
<h3><strong>Der „Agitator“ – ein Typus, keine Persönlichkeit </strong></h3>
<p>Leo Löwenthal analysiert die kriminellen, terroristischen Potenziale, die in dem Typus eines Politikers stecken, den er den <em>„Agitator“</em> nennt. Der <em>„Agitator“</em> ist der Typus eines Politikers, der noch nicht zum Verbrecher geworden ist, der aber auf dem Wege sein könnte, einer zu werden, sobald er genügend Anhänger*innen gewonnen hat. Leo Löwenthal hat diesen Typus in seiner Arbeit „Falsche Propheten – Studien zur faschistischen Agitation“ beschrieben (in deutscher Sprache nachzulesen in „Falsche Propheten – Studien zum Autoritarismus“, Frankfurt am Main, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1982, dort nachlesbar auch Hinweise zur Editions- und Entstehungsgeschichte. das amerikanische Original erschien 1949 unter dem Titel „Prophets of Deceit. A Study of the Techniques of the American Agitator“ als vierter Band der Reihe „Studies in Prejudice“, die das Institute of Social Research durchgeführt hatte).</p>
<p>Der <em>„Agitator“</em> ist ein Typus, er ist keine Persönlichkeit, vielleicht nicht einmal eine Person, und zu diesem Typus wird er nicht aus eigener Kraft, sondern durch seine Anhänger*innen, die ihm – wie Gerd Koenen andeutet – gewisse <em>„mythologische“</em> Qualitäten zuschreiben. Von Stalin gibt es eine Anekdote, die diesen Zusammenhang illustriert. Stalin soll seinem Sohn sein an der Wand – wie an vielen Wänden der Sowjetunion – hängendes Portrait mit den Worten gezeigt haben, nicht er sei Stalin, sondern der auf dem Bild abgebildete Mann. Ohne die einen Mythos schaffende Interaktion zwischen <em>„Agitator“</em> und seinen Anhänger*innen wären selbst ein Hitler, ein Stalin oder ein Mao wirkungslos.</p>
<p>Donald J. Trump, Recep Tayyip Erdoğan, Jair Bolsonaro, Nicolás Maduro, Rodrigo Duterte, Vladimir Putin, Aljaksandr Lukaschenko, Victor Orbán und Jarosław Kaczińsky, mit Abstrichen Boris Johnson, Marine Le Pen, Matteo Salvini, Alexander Gauland. Björn Höcke und Attila Hildmann entsprechen in vielen Zügen ihres Auftretens und ihres politischen Werdegangs dem von Leo Löwenthal beschriebenen Typus des <em>„Agitators“</em>. Sie sind schließlich Wiedergänger*innen eines Typus, den Karl Marx in seiner Schrift „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ (erstmals veröffentlicht im Jahr 1852, verfügbar in MEW Bd. 8) beschrieben hat. Bei Karl Marx finden wir auch eine Erklärung, wie es zu dem Erfolg des <em>„Agitators“</em> kommen kann und warum diejenigen, die seine Machtübernahme verhindern wollen, scheitern.</p>
<p>David Runciman hat die schleichenden, sanften Formen der Entstehung einer Diktatur in seinem Buch „So endet die Demokratie“ analysiert (Frankfurt am Main / New York, Campus Verlag, 2020, englisches Original: „How Democracy Ends“, London, Profile Books, 2018). Die angehenden Diktatoren profitieren von Stimmungen, die sich nach dem Schneeballprinzip vervielfältigen. Die Wahlen, die zu ihrer Machtübernahme führen, sind in der Regel – abgesehen von dem sie mitunter begleitenden Straßenterror – reguläre Wahlen. Wahlfälschungen und einseitige Veränderungen im Wahlsystem gehören erst nach der Machtübernahme der <em>„Agitatoren“</em> zum Instrumentenkasten der Machterhaltung.</p>
<p>Demokratische Politiker*innen gefährden, desavouieren sich selbst – vor der Machtübernahme des <em>„Agitators“</em>, danach verlieren sie Status und Einfluss. Madeleine Albright beschreibt die Anfälligkeit von Demokratien: <em>„Demokratien sind bekanntlich anfällig für viele Übel, angefangen von Inkompetenz und Korruption bis hin zum starren Festhalten an überkommenen Vorstellungen und zu lähmenden Pattsituationen.“</em> Eben dies machen sich <em>„Agitatoren“</em> zunutze. <em>„Missbraucht ein Diktator seine Autorität, gibt es keinen legalen Weg, ihn zu stoppen. Gerät eine freie Gesellschaft auf die falsche Bahn, bleibt ihr immer noch die Möglichkeit diesem Problem durch eine offene Debatte oder die Wahl einer neuen Regierung abzuhelfen.“ </em>Der Erfolg eines <em>„Agitators“</em> auf seinem Weg zum <em>„Diktator“</em> hängt somit auch davon ab, wie es ihm gelingt, die <em>„Gesellschaft“</em> von der Unzulänglichkeit der demokratischen Politiker*innen zu überzeugen.</p>
<h3><strong>Die Pose der Grandiosität</strong></h3>
<p>Leo Löwenthal analysierte die Auftritte mehrerer amerikanischer Politiker der 1940er Jahre, deren Eigenschaften sich bei Donald J. Trump, den Madeleine Albright, als den <em>„erste(n) antidemokratische(n) Präsident(en) in der neueren Geschichte der USA“</em> bezeichnet, und seinen Gesinnungsgefährt*innen finden lassen. Vielleicht lässt sich dieses Auftreten mit dem Begriff der Grandiosität fassen, die der <em>„Agitator“</em> ausstrahlt und auf seine Anhänger*innen zu übertragen versteht. Als Modell der theatralischen Inszenierung von Grandiosität mag Benito Mussolini gelten. Legendär sind seine Auftritte auf Balkonen historisch bedeutsamer Gebäude, die Arme je nach intendierter Wirkung erhoben oder vor der Brust verschränkt, vorgeschobenes Kinn, visionärer Blick in eine unbestimmte Ferne, verbunden mit ständigen Kunstpausen zur Bestätigung einer Pointe seiner Rede. Die so provozierten Ovationen des Publikums werden in diesen Pausen zur Huldigung. Gleichzeitig inszeniert der „Agitator“ sich als bescheidenen Menschen. <em>„Das Geheimnis seines Führungscharismas besteht zum Teil in seiner Selbstdarstellung als eines genügsamen, unabhängigen Menschen.“</em></p>
<p>In seiner Selbstdarstellung ist er maßlos. Auf der einen Seite vermag der <em>„Agitator“</em> sich als bescheidenen Christenmenschen, als <em>„Mann aus dem Volke“</em>, darzustellen, der das Schicksal derjenigen teilt, zu denen er spricht, auf der anderen Seite <em>„ist christliche Demut kaum eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften. Bei aller Existenz, ein Mann aus dem Volke zu sein, zögert er nicht zu erklären, dass er ein außergewöhnlich talentierter Mann sei, der seine Begabung nicht nur kenne, sondern auch selbst bewundere.“</em> Er ist der einzig wahrhaft erfolgreiche Geschäftsmann (bei Trump der „Deal-Maker“). Schulden spielen für ihn keine Rolle, denn andere werden sie bezahlen, lediglich der finanzielle Erfolg zählt: <em>„er verherrlicht vielmehr den Industriellen als Inkarnation von Initiative, Erfindungsgabe und Tüchtigkeit. Die Tätigkeit des Bankiers dagegen gilt als besonders räuberisch und parasitär.“</em></p>
<p>Der von Leo Löwenthal beschriebene <em>„Agitator“</em> hält sich für unbesiegbar. <em>„Sein eigener Körper ist unverwüstlich, aber die hilflosen Körper des Feindes – diese parasitären, krankheitsbrütenden Tiere niedriger Ordnung – sind dem Untergang geweiht. Hinter den wimmernden Klagen und der triumphierenden Selbstbewunderung dieses unzerstörbaren Märtyrers lauert die Vision des rassisch überlegenen Sturmbannführers.“</em> Der <em>„Agitator“ </em>besiegt jede Krankheit, so Donald Trump auch COVID-19, er wird dadurch sogar noch stärker und vermag es, seine Anhänger*innen zu schützen, nicht indem er Medikamente und Impfung verschafft, sondern indem er andere Menschen, die er als unterwertig betrachtet, als die eigentlichen Überbringer*innen der Infektion bezeichnet und diese zu hindern verspricht, sich ihm und seinen Anhänger*innen zu nähern.</p>
<p>Der <em>„Agitator“</em> inszeniert sich als gebildeten Menschen, schreibt sich selbst geniale Eigenschaften zu, nicht im Sinne der Universitäten der Ivy League oder anderer intellektueller Einrichtungen, sondern im Sinne geheimer, zunächst nur ihm zugänglichen Informationen. <em>„Er zitiert mysteriöse ‚Quellen‘, die es ihm ermöglichten, ‚vor drei Jahren die korrekte Diagnose zu stellen, dass die Präsidentschaftswahlen von 1940 nicht ‚bona fide‘ sein würden.‘“</em> Und dies tut er <em>„in der Sprache jugendlicher Gangleader.“</em> Darüber hinaus sorgt er dafür, dass diejenigen, die seine Wahrheiten aufnehmen, sich stets darüber im Klaren sind, dass nur er ihnen diese und weitere Wahrheiten verschaffen kann. Er ist Prophet und Messias zugleich. <em>„Im Gegensatz zum authentischen Erzieher ist er nie bestrebt, sich überflüssig zu machen, indem er Methoden des Erwerbs von Wissen lehrt. Er bleibt stets der magische Meister.“ </em></p>
<p>Diese Einstellungen prägten die Wortwahl des 45. US-Präsidenten Donald Trump von Beginn bis zum Ende. Inszenierte er schon zu Beginn seiner Amtszeit „alternative Fakten“, bei der Amtsübernahme durch Verbreitung der Botschaft, dass noch kein Präsident sich so vieler Teilnehmer*innen hätte rühmen dürfen, wusste er bis in die letzten Stunden seiner Amtszeit und darüber hinaus, dass nicht sein Konkurrent Joe Biden, sondern er die Wahl gewonnen hätte. Er ist in der Niederlage, die keine Niederlage ist, die <em>„Verfolgte Unschuld“</em>, ein Gefühl, das er auch bei seinen Anhänger*innen zu erzeugen vermag. Er ist sogar in seinem Leid überlegen: <em>„Was er durchmacht, ist wahrhaftig ungewöhnlich, fast übermenschlich, und verglichen damit erscheinen die Beschwerden seiner Anhänger plötzlich wie winzige Unannehmlichkeiten, unbedeutende Reflektionen seiner eigenen großartigen Missgeschicke. Er ist der auserkorene Märtyrer einer großen Sache – seiner selbst.“</em></p>
<h3><strong>Grandiose Feinde</strong></h3>
<p>Seine Anhänger*innen verstehen den „<em>Agitator“</em>. Sie delegieren Erfüllung und Erfüllbarkeit ihrer Wünsche auf ihn und erhöhen ihn zu einer Art Messias. <em>„Seine Anhänger sollen all ihr Vertrauen in seine Person setzen – ein neues, ich-fremdes und brutales Über-Ich.“</em> Sie wissen, dass es <em>„nur auf den Erfolg ankommt. (…) Es ist ein tödlicher Kampf, und wer ihn nicht besteht, muss ausscheiden.</em>“</p>
<p>Erfolgreiche Exklusion ist Methode und Maßstab seines Erfolgs. Mauern, Zäune, Militär an den Grenzen des von ihm beanspruchten und für seine Anhänger*innen exklusiv reservierten Territoriums sollen für physische Sicherheit, Gesundheit und Wohlstand sorgen. Die Menschen jenseits dieser Grenzen sollen mit allen Mitteln daran gehindert werden, das eigene geradezu geheiligte Territorium zu betreten. Die imperialistische Absicht der nationalsozialistischen Außenpolitik widerspricht diesem Befund nicht. Dem nationalsozialistischen Regime ging es darum, andere Länder zu erobern und ihre Bewohner*innen zu versklaven. Die Bewohner*innen der eroberten Länder werden <em>„entmenschlicht“</em>, <em>„als Ausländer, der aus einer verdächtigen Gegend stammt, als Verbrecher, der sich in einem moralisch anrüchigen Milieu herumtreibt und als Degenerierten, der biologisch minderwertig ist.“</em> Dies entspricht der <em>„Abneigung gegen niedere Tiere“, </em>und so verwundert es nicht, wenn Fremde mit solchen Tieren verglichen werden. Besonders beliebt ist bei populistischen und extremistischen Politikern das Bild des Parasiten. Da kommt ein Virus gerade recht.</p>
<p>Aber die Feinde des <em>„Agitators“</em> sind stark. Der <em>„Agitator“</em> kann seine Wirkung nur entfalten, wenn er seine <em>„Feinde“</em> ebenso grandios inszeniert wie sich, den Retter mit den quasi-messianischen Eigenschaften. Je größer der Gegner erscheint, desto größer das Verdienst seines Sieges, desto übermenschlicher sein Ruf. Der <em>„Agitator“</em> bringt auf den Punkt, was seine Anhänger*innen ahnen. <em>„Und so beginnt der Zuhörer zu nörgeln. Er nörgelt über Bürokraten, Juden, Vertreter im Kongress, Plutokraten, Kommunisten – und sonstige ihm zur Verfügung stehende Stereotypen, die für ihn eine Konzentration von Macht symbolisieren.“ </em>Die Ahnung wird durch ihn zur Gewissheit. Leo Löwenthal bezeichnet den Optimismus, dass letztlich der <em>„Agitator“</em> und seine Anhänger*innen siegen werden, als <em>„Don Quichotte-Utopismus“</em>.</p>
<p>Die Anhänger*innen sollen zum Instrument der Zerstörung der Feinde werden. Nicht von ungefähr gehörten Vokabeln wie „brutal“ und „fanatisch“ zum ständigen Repertoire nationalsozialistischer Redner. Leo Löwenthal schreibt: <em>„Die beste Lösung ist daher, selbst ein Polizist zu werden, einer der Zerstörer im Dienste der Zerstörung.“ </em>Und wenn der Auftrag der Zerstörung scheitert, kann dies eben nur an der Größe des Gegners liegen, dem geradezu satanische Fähigkeiten zugeschrieben werden. <em>„Da die feindlichen Mächte so überwältigend sind, bleibt einem nur, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen … und sich überwältigen zu lassen. Wie der Mogler beim Patience-Legen und der Anhänger in der Niederlage seiner selbst zum Sieger werden.“ </em></p>
<p>Es kam bei dem Sturm auf den amerikanischen Kongress am 6. Januar 2021 somit gar nicht darauf an, die Bestätigung der Wahl Joe Bidens zum amerikanischen Präsidenten zu verhindern, sondern lediglich darauf, mit der eigenen Niederlage die Stärke, Infamie und Rücksichtslosigkeit des Gegners offensichtlich werden zu lassen. Gefängnisstrafen werden zu Ehrenzeichen. Und der <em>„Agitator“</em> bestätigt seine Anhänger*innen. Sein Mantra lautet: <em>„‚Wir sind stolz auf unsere Feinde! Es ist eine Ehre, von solchen Leuten und Cliquen gehasst zu werden‘. Dann bemüht sich der Agitator, die diffuse Feindeinstellung seiner Anhänger wieder auf ein bestimmtes mythisches Bild zu konzentrieren.“ </em></p>
<h3><strong>Mega-Feind Judentum</strong></h3>
<p>Die Feinde sind sich einig, bestens vernetzt und sie haben einen zentralen Auftraggeber. <em>„Kapitalismus und Kommunismus sind nur Werkzeuge im Dienste ein und derselben dritten Macht, des Judentums.“ </em>Der <em>„Agitator“</em>, seine Anhänger*innen und die Juden als Repräsentant schlechthin aller <em>„Feinde“ </em>bilden ein Dreieck, das sämtliche Gegensätze, Auseinandersetzungen, Kämpfe, die es siegreich zu bestehen gilt, in sich erfasst. Es ließe sich darüber debattieren, wie erfolgreich beispielsweise ein Viktor Orbán ohne seinen Erzfeind George Soros, die iranischen Mullahs ohne den ihren, die USA und Israel, wären.</p>
<p>Dabei bestreitet der <em>„Agitator“</em>, <em>„Antisemit“</em> zu sein. Er leugnet sogar die Existenz von Antisemitismus. <em>„Die Idee von der jüdischen Kollektivschuld dient ihm dazu, seine Haltung zu rationalisieren. Der Agitator ist so sehr Gegner des Antisemitismus, dass er die Juden beschwört, die Anlässe aus der Welt zu schaffen, und ihnen Ratschläge erteilt, wie sie das bewerkstelligen könnten. Dadurch aber beweist er nur, dass die ‚bösen‘ Juden ihre destruktive Tätigkeit nur unter dem passiven Schutz der ‚guten‘ ausüben können, und so schmuggelt er die Vorstellung von der Kollektivschuld ein.“</em> Ebenso wenig halten sich der <em>„Agitator“</em> und seine Anhänger*innen für fremdenfeindlich. Im Gegenteil: der heute von der Identitären Bewegung vertretene „Ethnopluralismus“ weist jedem Volk sein Territorium zu, das es nur nicht verlassen brauche, um in Frieden mit seinen Nachbarn zu leben. Aber wehe, jemand überschreitet die Grenze.</p>
<p>Das Judentum ist für den antisemitischen <em>„Agitator“</em> der Ausgangspunkt intersektionaler Diffamierung, Diskriminierung und Machtphantasien, die sich bis hin zu Vernichtungsphantasien entwickeln können, wie sie die Nazis mit Unterstützung der großen Mehrheit der Deutschen (und Österreicher*innen) in die Tat umsetzten. Da aber oft die Verweise auf eine politische oder wirtschaftliche Überlegenheit des Gegners nicht ausreichen, sind biologische, gewissermaßen für natürlich erklärte Elemente unabdingbar. Der scheinbar überlegene Feind muss zum Unterlegenen werden. So beruft sich der <em>„Agitator“</em> auf die Natur: <em>„Der Agitator als Sozialtherapeut bezieht alle pathologischen Symptome auf den ‚fremden‘ Erreger.“ </em>Er versucht, die <em>„Verteidigung ethischer Werte auf die Ebene biologischer Selbstverteidigung zu verschieben.“ </em>Aber es sind natürlich nicht nur die Juden, die der <em>„Agitator“</em> angreift. <em>„Indem er den Juden angeifert, gilt sein Angriff eigentlich allen Kräften der Gesellschaft, an denen er etwas auszusetzen findet. Der Jude wird das Symbol, auf das der Agitator seinen ganzen eigenen, ohnmächtigen Zorn gegen das Ungenügen der Zivilisation projiziert“</em></p>
<p>Und da er das von ihm angegriffene Unheil nicht beseitigen kann, lässt er letztlich all seinen Hass an denen aus, die in seiner engeren Umgebung leben und die anders leben und denken als er. So auch seine Anhänger*innen. Sie denken und handeln in streng hierarchischen Mustern, in denen sie die Herren der Welt sind. Bewegungen wie #Metoo müssen sie angreifen, weil sie sich durch diese herabgesetzt fühlen. Sexualisierte Gewalt, sexuelle Übergriffe beweisen nur die eigene Überlegenheit, sie sind daher aus ihrer Sicht nicht verwerflich. Der <em>„Agitator“</em> wertet Menschen, die anders sind als er, dermaßen konsequent ab, dass seine Anhänger*innen sich legitimiert sehen, sogar Gewalt auszuüben. <em>„Die Hiebe, die der unbefriedigte Spießer an seine Frau oder seine Kinder austeilt, um so seine ohnmächtige Wut zu stillen, werden im Maßstab einer ganzen Gesellschaft wiederholt.“</em></p>
<h3><strong>Tragödie oder Farce?</strong></h3>
<p>Die ersten beiden Sätze der Schrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ sind legendär: <em>„Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hineinzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“</em> Ich habe oft darüber nachgedacht, ob sich nicht mit der Zeit die <em>„Farce“</em> immer wieder als <em>„Farce“</em> wiederholt. Die ersten theatralischen Auftritte Hitlers und Mussolinis mögen manche Zeitgenoss*innen als eine solche <em>„Farce“</em> verstanden haben. Das Ergebnis war eine <em>„Tragödie“</em>. Möglicherweise besteht die Herausforderung der Politik darin, dafür zu sorgen, dass keine <em>„Farce“</em> jemals wieder zur <em>„Tragödie“</em> wird. Vielleicht wäre dies die zugespitzt dialektische Version der Analyse des Karl Marx.</p>
<p>Karl Marx analysiert in „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ das Auftreten und die Resonanz des Louis Napoléon, der durchaus dem von Leo Löwenthal beschriebenen Typus des <em>„Agitators“</em> entspricht, sowie die Interaktion zwischen dem <em>„Agitator“</em> und seinen Anhänger*innen. <em>„Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf, die ‚bürgerliche Ordnung‘ sicherzustellen. Aber die Stärke dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß sich daher als Repräsentant der Mittelklasse und erlässt Dekrete in diesem Sinne.“</em></p>
<p>Louis Napoléon schafft es allerdings, sich als Vertreter nicht nur der <em>„Mittelklasse</em>“, sondern auch aller anderen Klassen zu inszenieren. <em>„Bonaparte weiß sich zugleich gegen die Bourgeoisie als Vertreter der Bauern und des Volkes überhaupt, der innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft die untern Volksklassen beglücken will. (…) Aber Bonaparte weiß sich vor allem als Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember, als Repräsentanten des Lumpenproletariats, dem er selbst, seine entourage, seine Regierung und seine Armee angehören und für das es sich vor allem darum handelt, sich wohlzutun und kalifornische Lose aus dem Staatsschatze zu ziehn. Und er bestätigt sich als Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember mit Dekreten, ohne Dekrete und trotz der Dekrete.“</em></p>
<p>Der Erfolg des Louis Napoléon ergab sich aus der diffusen Koalition der ihn stützenden Akteure. Und ein weiterer Vorteil war der Zwist seiner Gegner. Diese handelten gegen ihre eigenen Interessen, indem sie ihnen eigentlich widersinnige Koalitionen eingingen, die letztlich alle die Machtübernahme des neuen Diktators begünstigten. <em>„Und allerdings, auf den ersten Blick zeigt die Ordnungspartei einen Knäuel von verschiedenen royalistischen Fraktionen, die nicht nur gegeneinander intrigieren, um jede ihren eigenen Prätendenten auf den Thron zu erheben und den Prätendenten der Gegenpartei auszuschließen, sondern auch sich alle vereinigen in gemeinschaftlichem Hass und gemeinschaftlichen Angriffen gegen die ‚Republik‘. Die Montagne ihrerseits erscheint im Gegensatz zu dieser royalistischen Konspiration als Vertreterin der ‚Republik‘. Die Ordnungspartei erscheint beständig beschäftigt mit einer ‚Reaktion‘, die sich nicht mehr nicht minder als in Preußen gegen Presse, Assoziation u.dgl. richtet und brutalen Polizeieinmischungen der Bürokratie, der Gendarmerie und der Parkette sich vollstreckt wie in Preußen. Die ‚Montagne‘ ihrerseits wieder ist ebenso fortwährend beschäftigt, diese Angriffe abzuwehren und so die ‚ewigen Menschenrechte‘ zu verteidige, wie jede sogenannte Volkspartei mehr oder minder mit anderthalb Jahrhunderten getan hat. Vor einer nähern Betrachtung der Situation und der Parteien verschwindet indes dieser oberflächliche Schein, der den <u>Klassenkampf</u> und die eigentümliche Physiognomie dieser Periode verschleiert.“</em></p>
<p>Niemand weiß mehr, um was es eigentlich geht. Für Karl Marx ist der zentrale Begriff der <em>„Klassenkampf“</em>. Es könnte aber auch ein anderer Begriff sein, für die einen die <em>„Menschenrechte“</em>, für die anderen die <em>„Republik“</em>, für wiederum andere der <em>„Thron“. </em>Und mehr noch: innerhalb der jeweiligen Parteien bilden sich Fraktionen. Lenin verbot die Bildung von Fraktionen und bewirkte damit eine weitere Verschärfung der gewaltsamen Unterdrückung oppositioneller Gruppen, die Stalin perfektionierte. Hitler versprach in seinen Wahlkämpfen von vornherein, die zahlreichen Parteien, mit denen er konkurrierte, zu vernichten. Was er dann ja auch tat.</p>
<p>Der <em>„Agitator“</em> beziehungsweise Diktator profitiert von der Uneinigkeit seiner Gegner, vor und erst recht nach der Machtübernahme. Uneinigkeit ist geradezu ebenso eine Gelingensbedingung für die Machtübernahme eines <em>„Agitators“ </em>wie die Vereinigung der Adressat*innen seiner Reden und Aktionen gegen den gemeinsamen mythischen Feind.</p>
<h3><strong>Das Versagen der Sozialdemokratie</strong></h3>
<p>Während Leo Löwenthal den Freund-Feind-Antagonismus im Sinne von Carl Schmitt als Lebenselixier des <em>„Agitators“</em> herausarbeitet, konzentriert sich Karl Marx auf die Unfähigkeit der Vertreter*innen fortschrittlicher Politik. Und wie könnte es anders sein: das Versagen ist Sache der Sozialdemokratie. Karl Marx beschreibt die Entstehung der <em>„sozial-demokratische(n) Partei“</em> aus einer <em>„Koalition zwischen Kleinbürgern und Arbeitern“</em>. Auch diese Partei versucht, politische Kontroversen zu minimieren, aber sie tut es nicht, indem sie etwas Drittes als Lösung des Streits anbietet wie dies der „<em>Agitator“</em> tut, sie will <em>„Harmonie“</em> und beschädigt sich und die Menschen, deren Interessen sie zu vertreten glaubt, damit selbst. <em>„Der eigentümliche Charakter der Sozial-Demokratie fasst sich dahin zusammen, dass demokratisch-republikanische Institutionen als Mittel verlangt werden, nicht um zwei Extreme, Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln.“</em></p>
<p>Das Ergebnis ist Wirkungslosigkeit, auch dies eine <em>„Farce“</em>, die die Sozialdemokratie, nicht nur in ihrem Ursprungsland Deutschland, bis in das 21. Jahrhundert in immer neuen Varianten zu begleiten scheint. Die sozialdemokratische Partei wird zur Partei eines Kleinbürgertums, dem sich die Arbeiter bereitwillig assimilieren. Es geht nicht um politische Teilhabe, sondern um Pflege des Vorgartens. <em>„Es</em> (d.i. das Kleinbürgertum, NR) <em>glaubt vielmehr, dass die <u>besondern</u> Bedingungen seiner Befreiung die <u>allgemeinen</u> Bedingungen sind, innerhalb deren allein die moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden kann.“</em></p>
<p>Eine Strategie hat die <em>„sozial-demokratische“</em> Partei nicht. <em>„Keine Partei übertreibt sich mehr ihre Mittel als die demokratische, keine täuscht sich leichtsinniger über die Situation. Wenn ein Teil der Armee für sie gestimmt hatte, war die Montagne nun auch überzeugt, dass die Armee für sie revoltieren werde.“ </em>So glaubt die Partei sich schon bei kleinen scheinbaren Fortschritten der Zustimmung einzelner Bevölkerungsgruppen auf dem Weg zum Erfolg. <em>„Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, dass er siegen muss, nicht dass er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, dass die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.“</em></p>
<p>Profiteur dieser Fehleinschätzungen ist der <em>„Agitator“</em>, der sich zum neuen Diktator aufzuschwingen vermag. „<em>Und in Bonaparte verschmolz der kaiserliche Prätendent so innig mit dem heruntergekommenen Glücksritter, dass die eine große Idee, er sei berufen, das Kaisertum zu restaurieren, stets von der andern ergänzt ward, das französische Volk sei berufen, seine Schulden zu zahlen.“</em> Und genau dies tat es dann! Alle Macht der Exekutive! <em>„Die Exekutivgewalt im Gegensatz zur Legislativen drückt die Heteronomie der Nation im Gegensatz zu ihrer Autonomie aus. Frankreich scheint also nur der Despotie einer Klasse entlaufen, um unter die Despotie eines Individuums zurückzufallen und zwar unter die Autorität eines Individuums ohne Autorität. Der Kampf scheint so geschlichtet, dass alle Klassen gleich machtlos und gleich lautlos vor dem Kolben niederknien.“</em> Für die Sozialdemokratie wird die <em>„Farce“</em> zur <em>„Tragödie“</em>, bis zur nächsten <em>„Farce“</em>.</p>
<h3><strong>Die sanfte Form der Agitation</strong></h3>
<p>Donald J. Trump ist nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die <em>„Tragödie“</em> wird nicht stattfinden, die der <em>„Farce“</em> seiner Präsidentschaft hätte folgen können, zumindest in den Fantasien mancher seiner Anhänger*innen, die bis zur letzten Sekunde seiner Präsidentschaft und darüber hinaus an den gestohlenen Wahlsieg glauben. Der Sturm auf das Capitol vom 6. Januar 2021 war eine <em>„Farce“</em>, die Karikatur eines Aufstands. Dies ändert jedoch nichts daran, dass ein <em>„Agitator“</em> wie ihn Donald J. Trump verkörpert durchaus die Anhänger*innen finden könnte, die aus der Karikatur, der <em>„Farce“</em> eine <em>„Tragödie“</em> machten.</p>
<p>Tragödien entstehen im 21. Jahrhundert leise. Es gibt keine gewalttätigen Revolutionen mehr, zumindest nicht in den USA, nicht in den Staaten der Europäischen Union, auch nicht in vielen anderen Staaten. Die Militärputsche südamerikanischer Länder gehören der Vergangenheit an. Selbst die Putsche, die mit mehr oder weniger unregelmäßigen Abständen aus afrikanischen Staaten berichtet werden, sind keine Putsche im engeren Sinne, nicht gewaltsam herbeigeführte, eher gewaltsam unterstützte Machtwechsel, die jedoch nicht mehr und nicht weniger fragil sind als die Macht der Führungsgruppe, die abgelöst wurde. Der Militärputsch vom Ende Januar 2021 in Myanmar ist die Ausnahme, nicht die Regel.</p>
<p>Das Potenzial zur <em>„Tragödie“</em> bleibt bestehen. Wir finden die <em>„Tragödie“</em> in türkischen und iranischen Gefängnissen, in den chinesischen Lagern im uigurischen Xinjiang, auf den Schlauchbooten im Mittelmeer, in libanesischen Flüchtlingslagern. David Runciman hat bereits 2017 beim Amtsantritt von Donald Trump prophezeit, dass die amerikanische Demokratie Trump überlebe. Dies heiße jedoch nicht, dass niemand mehr die Macht hätte, die die <em>„Tragödie“</em> herbeiführen könne, im Grunde mit den Mitteln der <em>„Farce“</em>. <em>„Die amerikanische Demokratie kann Trump überleben, weil ihre Abwehrmechanismen für seine Ablösung sorgen werden. Sie helfen aber nicht, Zuckerberg abzuwehren, weil dazu etwas Positiveres notwendig wäre. Um der politischen Leere, die wir zunehmend verspüren, die Stirn zu bieten, brauchen wir eben die Institutionen, die ein Turbosolutionismus und ein Turboexpressionismus aushöhlen.“ </em></p>
<p>Die zweite Amtszeit Donald Trumps bleibt uns erspart, vorerst. Vielleicht ist er selbst Ursache seines Misserfolgs, denn seine <em>„Agitation“</em> war nie kohärent, sondern stets ausschließlich auf spontane Wirkung bezogen. Er hatte durchaus etwas von dem <em>„Gangleader“</em>, von dem Leo Löwenthal schrieb. David Runciman sieht Trumps (damals noch zukünftigen) Misserfolg in der Unfähigkeit begründet, horizontale Netzwerke zu schaffen. <em>„Vertikale Beziehungen müssen durch horizontale ergänzt werden, in denen Menschen zusammenarbeiten, um etwas zu schaffen. Trumps Versagen, seine vertikalen Beziehungen zu ergänzen, ist ein wichtiger Grund, warum es ihm so schwerfällt, Ergebnisse zu erziehen.“ </em>Es wird Joe Biden leichtfallen, von Donald Trump erlassene Vorgaben zurückzunehmen, es wird ihm jedoch nicht leichtfallen, die ideologisch-mythischen Grundlagen der sanften <em>„Agitation“</em> zurückzudrängen, die die Anhänger*innen von Donald Trump nach wie vor beseelt.</p>
<p>David Runciman glaubt dennoch, dass demokratische Politiker aus den horizontalen Netzwerken der sozialen Medien Stärke gewinnen könnten. Doch gibt es dafür keine Garantie, weil die sozialen Netzwerke horizontale Netzwerke vorgaukeln, in Wirklichkeit jedoch vertikal funktionieren, denn diejenigen, die dort die meisten Follower haben, können sich dort so gut wie ohne Widerspruch als <em>„Agitator“</em> inszenieren. Dies ist die Gefahr, die David Runciman mit dem Namen <em>„Zuckerberg“</em> verbindet. <em>„Zuckerberg“</em> ist nicht die konkrete Person Marc Zuckerberg, sondern eine Metapher für die sanfte <em>„Agitation“</em> der sozialen Medien, deren Spielräume jederzeit von denen, die sich zum <em>„Agitator“</em> berufen fühlen, genutzt werden kann. Denn <em>„Facebook ist wie ein moderner Staat zugleich eine Hierarchie und ein Netzwerk.“ </em></p>
<p>Twitter und Facebook sorgten dafür, dass Donald Trump Erfolg haben konnte, indem sie ihm das boten, was er selbst nicht hatte, das horizontale Netzwerk. Insofern lässt sich durchaus darüber spekulieren, ob der bisherige Trump nicht auch oder möglicherweise vor allem ein Medienprodukt war. Würde diese Frage mit Ja beantwortet, hätte Trump sogar noch eine politische Zukunft. Oder eine andere ihm ähnelnde Figur. Gewalttätige „Proud Boys“ sind dann nicht mehr und nicht weniger als der bewaffnete Arm einer medial geschaffenen Bewegung der sanften <em>„Agitation“,</em> eine amerikanische SA. Es könnte ihnen gelingen, die ominösen 3,5 Prozent zu mobilisieren.</p>
<h3><strong>„The Master’s Tools“</strong></h3>
<p>Hat ein <em>„Agitator“</em> Erfolg, inspiriert er viele andere. So war es auch nach dem Wahlsieg Trumps im November 2016. Die <em>„Agitatoren“</em> lernen voneinander und profitieren von den horizontalen Netzwerken, die David Runciman in der Metapher <em>„Zuckerberg“</em> zusammenfasst. Madeleine Albright: <em>„Die Staatschefs weltweit beobachten und imitieren einander. Sie registrieren genau, in welche Richtung ihre Amtskollegen steuern, womit sie ungestraft davonkommen und wie sie ihre Macht erhalten und ausbauen. Sie folgen einander in den Fußstapfen, so wie Hitler Mussolini gefolgt ist.“</em></p>
<p>Die politischen Parteien des 21. Jahrhunderts verhalten sich kaum so als könnte es gelingen, die in dem Namen <em>„Zuckerberg“ </em>personalisierte <em>„Agitation“</em> in den sogenannten sozialen Medien zu kontrollieren und damit zukünftige Medienprodukte nach dem Muster Donald Trump zu verhindern. Sie verhalten sich nicht anders als der von Leo Löwenthal beschriebene <em>„Agitator“</em>, im Ton moderater, aber im Ergebnis nicht weniger polarisierend. Sie verkörpern nicht die elementare Wucht eines Donald Trump, verfahren aber vergleichbar.</p>
<p>Dies ist die grundlegende Schwäche der Gegner des <em>„Agitators“</em>. Auch sie inszenieren sich als Allwissende, Allmächtige und glauben, dies mache ihre Wahl attraktiv: <em>„Im Wahlkampf versprechen Politiker allen immer noch alles: Diese soziale Bewegung wird eure persönlichen Probleme lösen: jener Persönlichkeitskult wird euer Land wieder gesund machen. Diese leeren Versprechungen holen die Politiker über kurz oder lang wieder ein und dann werden sie durch andere Politiker abgelöst. Aber die Demokratie wird um nichts besser.“</em> Wir dürfen nicht vergessen, dass die agitatorisch-diktatorischen Auftritte der brasilianischen, philippinischen, polnischen, ungarischen und türkischen Regierungen durch Wahlen zustande kamen, in denen klare Feindbilder präsentiert wurden, gegen die nur der <em>„Agitator“</em> helfen könne. Carl Schmitt bietet offenbar immer noch das zentrale politische Modell und die sozialen Medien geben seinen Anhänger*innen den erforderlichen Resonanzboden.</p>
<p>Bildung wird daran nichts ändern, denn die <em>„Gebildeten“</em> verhalten sich wie eine eigene Kaste, die alle, die nicht so gebildet sind wie sie, ausschließt. <em>„Sie verwechseln ihr Lagerdenken anscheinend mit politischer Klugheit“</em>. Und so wird die beste politische Bildung nicht helfen, Populist*innen und Extremist*innen in ihre Schranken zu verweisen. Der Staat agiert als <em>„Maschine“</em> der Bedürfniserfüllung, die dann gelingt, wenn bestimmte Gruppen sichtbar diffamiert und ausgeschlossen werden. Denn nicht der eigene Wohlstand, sondern die Exklusion der anderen entscheiden über den Erfolg des <em>„Agitators“</em>. Die Frage der materiellen Bedürfniserfüllung ist nur eine Übergangsphase auf dem Weg zur Machtübernahme. Erfüllt der demokratische Staat die Aufgabe der Bedürfniserfüllung in den Augen vieler Bürger*innen nicht oder nur unzureichend, wird er anfällig für antidemokratische <em>„Agitatoren“</em>, die ihn sozusagen auf allen Kanälen angreifen. David Runciman vergleicht den modernen digitalen Staat mit dem „Leviathan“ des Thomas Hobbes (1651). Die sozialen Netzwerke heißen hier <em>„Korporationen“</em>: <em>„Die Maschinen, die Hobbes am meisten Angst einjagten, waren die Korporationen. (…) Eine Korporation ist eine unnatürliche Vereinigung von Menschen, die ein künstliches Leben bekommt, um zu tun, was sie wollen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Menschen letzten Endes tun, was die Korporationen wollen.“</em></p>
<p>David Runciman fordert die <em>„Politik“ </em>auf, diese Problemlage aufzulösen. Aber auch er weiß nicht, wer das eigentlich sein sollte, dem dies gelingen mag. Die Formel <em>„Politik“</em> bleibt unkonkret und so wächst das Dilemma, dass keine politische Partei, die jede <em>„Agitation“</em> einhegen und wirkungslos machen könnte, erscheint. <em>„Unsere Politik ist nach wie vor in Lager gespalten. Für jede potenzielle Lösung gibt es eine Gruppe von Leuten, die bereit sind, dagegen zu sticheln, und eine Gruppe von Politikern, die bereit sind, sie darin zu ermuntern. Digitaltechnologie ist anfällig dafür, Lagerdenken zu fördern selbst wenn sie uns davor zu bewahren versucht.“ </em></p>
<p>Letztlich lautet die grundlegende Frage, ob die politische Zukunft von einem <em>„Agitator“ </em>bestimmt werden könnte oder ob es demokratischen Parteien gelingt, ihre von Karl Marx im „18. Brumaire“ beschriebene Inkompetenz zu überwinden. Der Horror, die Dystopie schlechthin entstünde meines Erachtens, wenn sich eine Staatsform durchsetzt, in der alle Bedingungen einer Diktatur erfüllt werden, obwohl es (noch) keinen <em>„Agitator“</em> gibt, mit dessen Namen sie verbunden werden könnte. Es könnte reichen, dass die Gegner*innen dieser Diktatur sich verhalten wie die von Karl Marx im „18. Brumaire“ beschriebenen Parteien. Ein Strategiewechsel der Demokrat*innen tut not.</p>
<p>Ich schließe mit einem Text von Audre Lorde, aus dem sich meines Erachtens eine Formel für den von Demokrat*innen zu leistenden Strategiewechsel ableiten ließe: <em>„It is learning how to take our differences and make them strengths. For the master’s tools will never dismantle the master’s house. They may allow us temporarily to beat him at his own game, but they will never enable us to bring about genuine change.“</em> (aus: <a href="https://collectiveliberation.org/wp-content/uploads/2013/01/Lorde_The_Masters_Tools.pdf">The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House</a>, in: Sister Outsider: Essays and Speeches, Ed. Berkley, 2007<a href="https://collectiveliberation.org/wp-content/uploads/2013/01/Lorde_The_Masters_Tools.pdf)">)</a>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2021, Internetlink am 15. September 2022 auf Richtigkeit überprüft. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Guthrie_04.jpg">Woody Guthrie Centre in Tulsa, Oklahoma</a>, Foto: Garnup de Besanez. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-18-brumaire-des-donald-j-trump/">Der 18. Brumaire des Donald J. Trump</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-18-brumaire-des-donald-j-trump/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
