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	<title>Philosophie Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Dilemmata in der Praktischen Philosophie</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/dilemmata-in-der-praktischen-philosophie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2026 06:55:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dilemmata in der Praktischen Philosophie Luise Müller über Künstliche Intelligenzen und Internationales Strafrecht „(…) humans are not only capable of acting according to moral rules and principles, but over and above, they are also capable of constructively deliberating and questioning those rules, by asking whether they are an adequate normative reflection of any human’s  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Dilemmata in der Praktischen Philosophie</strong></h1>
<h2><strong>Luise Müller über Künstliche Intelligenzen und Internationales Strafrecht</strong></h2>
<p><em>„(…) humans are not only capable of acting according to moral rules and principles, but over and above, they are also capable of constructively deliberating and questioning those rules, by asking whether they are an adequate normative reflection of any human’s moral standing within their social relations.” </em>(Luise Müller, <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/mopp-2020-0054/html">Domesticating Artificial Intelligence</a>, in: Moral Philosophy and Politics 9.2, 2022)</p>
<p>Wie verändern Künstliche Intelligenzen die Beziehungen von uns Menschen zueinander? Die Berliner Philosophin <a href="https://www.luisemueller.com/">Luise Müller</a> unterscheidet die Beziehungen von Menschen untereinander, zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Maschinen untereinander. Menschen können moralische Entscheidungen treffen, Maschinen können dies nicht. Tiere können domestiziert, dressiert und erzogen werden, sodass es aussehen kann, als wäre es eine moralische Entscheidung, dass ein Hund einen Menschen nicht ins Bein beißt. Im Hinblick auf Künstliche Intelligenzen erörtert Luise Müller die Möglichkeit einer Domestizierung, analog zu Tieren.</p>
<div id="attachment_7985" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7985" class="wp-image-7985 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat.jpg 300w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7985" class="wp-caption-text">Luise Müller, Foto: privat.</p></div>
<p>Die an der FU Berlin tätige Philosophin Luise Müller engagierte sich zuvor an der Universität Hamburg und an der TU Dresden. Sie war Gastwissenschaftlerin am King’s College London und an der Columbia University. In ihrer Dissertation <a href="https://www.cambridge.org/core/books/abs/right-to-punish/right-to-punish/C89E78C88128A953DA913E1FA0F3343D">„The Right to Punish – Political Authority and International Criminal Justice“</a> (Cambridge University Press, 2024) befasste sie sich mit der Frage, was internationalen Gerichtshöfen die moralische und juristische Autorität gebe, einzelne Personen oder gar Staaten wegen internationaler Verbrechen zu verurteilen. Die Studie ist ein umfassender Beitrag zu den Grundlagen und zu Praxis und Durchsetzung von Menschenrechten und Völkerrecht. Sie enthält unter anderem eine ausführliche Beschreibung der Genese internationaler Strafgerichtsbarkeit von den Prozessen zum türkischen Völkermord an den Armeniern über die Nürnberger Prozesse bis hin zu dem insbesondere durch die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre ausgelösten Beschlüssen zur Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofes.</p>
<p>Auch in ihren weiteren Veröffentlichungen geht es um staatliche beziehungsweise überstaatliche Interventionen und Menschenrechte, unter anderem in Bezug auf die <a href="https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/302/263">Gerechtigkeitstheorie von John Rawls</a> oder die Schriften von John Locke. Dabei lohnt sich auch ein Blick auf Aspekte der Science Fiction, beispielsweise in ihrem Aufsatz „Interstellare Gerechtigkeit — Star Trek&#8217;s Ideal einer speziespluralistischen Gesellschaft“ (in: Katja Kanzler / Christian Schwarke, Hg., Weitersehen — Visionen für die Gegenwart, Wiesbaden, Springer VS, 2019). Luise Müller beteiligte sich als Expertin an der von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit kuratierten Reihe <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/star-trek-und-die-politik/">„Star Trek und die Politik“</a>.</p>
<p>Ihr Engagement lässt sich mit den Begriffen „Praktische Philosophie“ oder „Praktische Anthropologie“ zusammenfassen. Letztlich geht es in diesem Kontext auch um Frage, welcher rote Faden Aspekte einer Regulierung Künstlicher Intelligenzen (oder Sozialer Medien) und einer internationalen Strafgerichtsbarkeit miteinander verbindet.</p>
<h3><strong>Ein interdisziplinärer Zugang zur Philosophie</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Philosophin, beschäftigen sich aber mit politischen, historischen, juristischen Themen, die auf den ersten Blick nicht der Philosophie zugeordnet werden. Wie verstehen Sie sich selbst als Wissenschaftlerin?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>In erster Linie als Philosophin. Ich bin in der Praktischen Philosophie tätig und diese umfasst die Ethik, die Moralphilosophie. Da kommt man unweigerlich mit verschiedenen anderen Disziplinen in Berührung. Ich sehe mich in den angrenzenden Bereichen nicht als Expertin, tue mich auch manchmal schwer, umfangreiche Erkenntnisse der Nachbardisziplinen herauszuarbeiten, aber ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei. </em></p>
<p><em>Ursprünglich habe ich auch Politikwissenschaften studiert und dort ein Grundwissen an Systematik und Aufbau der politischen Institutionen erworben. Hier sieht man natürlich die Unterschiede in der Herangehensweise gegenüber denjenigen, die nur Philosophie studiert haben. Ich verfüge über technisches Know-How, das erlaubt, eine andere Perspektive auf bestimmte Fragen einzunehmen. Die Stellen, auf denen ich bisher gearbeitet habe, waren alle interdisziplinär ausgerichtet.</em></p>
<p><em>Natürlich formen auch die Institutionen, in denen man arbeitet, sodass ich mich selbst in erster Linie als Philosophin bezeichnen würde. Das ist natürlich kein geschützter Begriff wie beispielsweise Ärztin. Philosophin können sich im Grunde alle nennen, ich würde daher das, was ich mache, als akademische Philosophie bezeichnen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Lehrveranstaltungen bieten Sie an?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich habe gerade eine Lehrveranstaltung mit dem Titel „Normative Philosophie der Künstlichen Intelligenz“ abgeschlossen, „normativ“ im Sinne der Regeln, die wir bräuchten, einhalten sollten, wenn wir uns mit KI befassen. Dazu gehören Fragen wie die, ob Künstliche Intelligenzen moralische Akteure sind oder ob wir einer KI moralisch etwas schulden. Es geht auch um systemische wie um existenzielle Risiken bei der Weiterentwicklung von KI, um domänenspezifische Fragen wie der nach KI in Kriegen, KI in der Demokratie, in den sozialen Medien. </em></p>
<p><em>Ich biete regelmäßig einen Kurs zur Einführung in die Praktische Philosophie an, den alle Studierenden der Philosophie im zweiten Semester besuchen müssen. Es geht von Aristoteles über Kant bis zu zeitgenössischer politischer Philosophie, Hannah Arendt zum Beispiel oder Jürgen Habermas. Ich biete auch Lektüreseminare zu bestimmten Denker:innen der Praktischen Philosophie an.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrer Forschung und Lehre haben Sie sich nicht nur mit KI befasst, sondern auch mit der Rolle der internationalen Strafgerichtsbarkeit. Das sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernte Gebiete. Aber wo würden Sie den roten Faden sehen?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Das ist eine gute Frage. Es ist immer interessant, wenn jemand die Außensicht spiegelt und nach einem solchen roten Faden fragt. Eine grundlegende Frage ist aus meiner Sicht die Legitimität. Damit meine ich die Frage, ob bestimmte Institutionen wie beispielsweise der Internationale Strafgerichtshof oder der Europäische Gerichtshof legitimiert sind, in den Urteilen uns auch bestimmte Anweisungen zu geben, die wir befolgen sollten. Ähnlich ist es bei der KI. Inwiefern können wir sagen, dass Entscheidungen beim Einsatz von KI in staatlichen Strukturen Legitimität haben? Das umfasst nicht alles, wofür ich mich interessiere, aber es ist eine Perspektive, die ich als besonders wichtig sehe: Wann dürfen andere Personen über uns urteilen? Welche demokratischen Strukturen brauchen wir, um dies zu legitimieren?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind aus meiner Sicht Gründe, warum junge Menschen Philosophie studieren sollten!</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Viele denken, man könne heute mit Geisteswissenschaften keinen Blumentopf mehr gewinnen. Ein Kollege von mir sagte kürzlich, man sollte versuchen, mehr Doppelstudiengänge einzurichten, beispielsweise Computerwissenschaften und Philosophie, weil es dann eine besondere Kompetenz gibt, die auch bei Anstellungen später eine Rolle spielen könnte. Er meinte dies in der Annahme, dass sich zurzeit hier etwas ändert. Es reiche inzwischen nicht mehr aus zu programmieren, weil dies die KI immer mehr übernähme, aber die Philosophie ermögliche andere Zugänge. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann weiß man, was man macht, und reflektiert es.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es gibt ohnehin viele Fragen, die sich in den Disziplinen überlappen. Dazu braucht man in der Tat schon philosophisches Handwerkszeug.</em></p>
<h3><strong>Könnte man KI fehlerfreundlich gestalten?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Künstliche Intelligenz ist ein Thema der Science Fiction. Ich möchte ein Beispiel nennen: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fluide-subversivitaet/">„Denial of Service“ von Aiki Mira</a>. In diesem Roman geht es unter anderem um die Evolution von KI, Evolution des Menschen, gegebenenfalls im Widerspruch mit der Evolution der KI, um die Möglichkeit der Entwicklung eigener ethischer Normen der KI, auf die Menschen keinen Einfluss mehr haben. Wie autonom ist KI, wie autonom wird sie werden? Was bedeutet das für die Evolution des Menschen? Aber auch Kulturzeitschriften befassen sich mit dem Thema. Die Zeitschrift Merkur hat in ihrer <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/ausgaben/heft-923/">Aprilausgabe 2026</a> einen Schwerpunkt mit sechs Beiträgen zur KI veröffentlicht. Durchweg stellt sich die Frage einer möglichen <em>„Autonomie“</em> der KI beziehungsweise danach, was von der <em>„Autonomie“</em> des Menschen bleibt.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Man muss zunächst darüber sprechen, was mit „Autonomie“ überhaupt gemeint ist. Es gibt den sehr prägnanten Autonomiebegriff von Kant. „Autonomie“ bedeutet für ihn, dass ich mittels der Vernunft eigene Gesetze entwickeln kann, an die ich mich dann halte, nicht, weil ich bei Nicht-Beachtung sanktioniert würde, sondern weil ich das für richtig halte. Dieser Autonomiebegriff ist für die KI falsch. „Autonomie“ ist in Bezug auf KI ein technischer Begriff. KI kann bestimmte Dinge ohne menschliche Intervention erledigen, aber sie handelt im Unterschied zum Menschen nicht moralisch. </em></p>
<p><em>Sie fragen, ob KI der Evolution des Menschen folgen könnte. Ich sehe jedoch den Fakt, dass wir als Menschen biologische Organismen sind und dies im Unterschied zu einer KI eine große Rolle spielt. Es gibt Untersuchungen der kanadischen Sozialwissenschaftlerin </em><a href="https://engineering.jhu.edu/faculty/gillian-hadfield/"><em>Gillian Hadfield</em></a><em>, die gerade zur Johns Hopkins University in Baltimore gewechselt ist. Ihre Forschung ist exzellent. Sie hat die Sozialität, die Entwicklung sozialer Normen in der KI und dies auch für menschliche soziale Bewegungen untersucht. Es ist meines Erachtens jedoch schwierig, jenseits von Science Fiction zu spekulieren, Entwicklungslinien vorherzusagen. Es gibt sehr unterschiedliche Hypothesen, aber diese Vielfalt zeigt uns schon, dass eine Vorhersage für die Zukunft nicht empirisch untermauert werden kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt in den USA Bestrebungen, den Menschen zu optimieren, beispielsweise durch Einsetzen eines Chips wie das von Elon Musk propagierte Neurolink. Das ist auch Thema bei Aiki Mira, wo es eine Art <em>„Hirn-Stadt-Interface“</em> gibt oder auch der Romane „The Circle“ und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ausgezaehlt/">„Every“</a> von Dave Eggers. Jedes der in diesen Romanen beschriebenen Tools hat einen realen Hintergrund, es fehlt eigentlich nur die flächendeckende und umfassende Umsetzung. Ein Peter Thiel moralisiert solche Entwicklungen, indem er sich für berufen fühlt, den Kampf gegen einen angeblichen <em>„Antichristen“</em> anzuführen. Letztlich geht es um Steuerung von Menschen durch Tools Künstlicher Intelligenz. Für viele Menschen – nicht nur in Deutschland – ist die KI allein schon wegen der Debatte über solche Möglichkeiten ein Schreckgespenst.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich glaube, Thiel und Musk geistern zurzeit immer wieder durch die Berichterstattung. Das erklärt vielleicht auch die Irritationen in der Öffentlichkeit, zumal Thiel und Musk sich auch in die Politik in den USA einmischen, Musk auch in die europäische Politik, beispielsweise, als er bei einem AfD-Parteitag zugeschaltet wurde. Ich glaube schon, dass er auf eine gewisse Weise größenwahnsinnig ist. Neuralink ist medizinisch natürlich interessant, wenn beispielsweise jemand, der querschnittsgelähmt ist, auf diese Weise seinen Körper wieder steuern kann. </em></p>
<p><em>Peter Thiel vertritt die klassische libertäre Ideologie aus dem Silicon Valley. Mit seinem in den letzten Jahren immer heftiger formuliertem Kampf gegen den „Antichristen“ pflegt er letztlich anti-demokratische Emotionen, weil aus seiner Sicht die Demokratie einer besseren Welt im Wege stehe. Zur Überwachung dient schließlich eine Software wie Palantir, die auch in demokratischen Staaten attraktiv zu sein scheint.</em></p>
<p><em>Verbreiteter sind aus meiner Sicht jedoch die verschiedenen </em><a href="https://www.iese.fraunhofer.de/blog/large-language-models-ki-sprachmodelle/"><em>Large Language Models</em></a><em>, die uns verschiedene Dinge erleichtern, Steuererklärungen, das Sortieren von e-mails, die Fehleranalyse bei bestimmten Codes. Das hat einen anderen Charakter als das mit libertären und anti-demokratischen Personen verbundene Schreckgespenst. Diese Funktionen werden von sehr vielen Leuten genutzt. Ich sehe das bei meinen Studierenden, die aus Schulen kommen, in denen sie sie auch schon genutzt haben. Diese Art von KI sollte uns viel mehr interessieren, weil sie eine viel größere Auswirkung auf unsere alltäglichen sozialen Praktiken zu tun hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Large Language Models machen vieles schnell verfügbar, was ich mir früher in Bibliotheken mühsam hätte zusammensuchen müssen, zu denen viele auch gar keinen Zugang hätten. In Suchmaschinen finde ich schon seit längerer Zeit zahlreiche thematisch für mich interessante Internetseiten, die ich mir dann anschauen konnte, mit den Large Language Models erhalte ich darüber hinaus eine ausformulierte Auswertung. Manche Debatten, die wir zurzeit über KI führen, erinnern mich aber auch an frühere Debatten über Gentechnik.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>In den 1990er Jahren gab es viele Debatten darüber, ob alles, was wir können, auch ethisch erlaubt sein sollte. Jürgen Habermas hat sich zum Beispiel damit beschäftigt. Diese Frage spielt auch in der KI-Debatte eine wichtige Rolle. Es gibt die These, dass eine KI sich irgendwann selbst verbessern kann und wir die Kontrolle darüber verlieren. Die KI macht dann was sie will. In den letzten zwei bis drei Jahren gab es gefühlt alle zwei Wochen öffentliche Briefe mit prominenten Unterzeichner:innen, die ein KI-Moratorium forderten. Sie sagten, wir stünden kurz vor einer Intelligenzexplosion und sollten – wie bei der Atombombe – erst dafür sorgen, dass wir die Risiken besser abschätzen und Sicherheit gewährleisten können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Solche Moratorien halte ich für ein aussichtsloses Unterfangen.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>:<em> Offene Briefe werden nicht viel nützen, das müssten schon Regierungen verlangen. Und dann möglichst alle. Es gibt Unternehmen, die Geld damit verdienen, es gibt aber auch ganz unterschiedliche Evaluationen zu den Risiken. Zwei Computerwissenschaftler aus Princeton, </em><a href="https://www.cs.princeton.edu/~arvindn/bio/"><em>Arvid Narayanan</em></a><em> und </em><a href="https://www.cs.princeton.edu/~sayashk/"><em>Sayash Kapoor</em></a><em>, sagen, KI ist eine normale Technologie wie die Erfindungen zur industriellen Revolution, beispielsweise die Dampfmaschine. Das bedeute nicht, dass die Entwicklungen der KI nicht gewaltig sein würden, aber es sei jetzt nicht die Art von existenziellem Risiko, das viele in der Debatte sehen. Es wäre nicht die Super-Ki, die eines Tages uns abschalten würde. Andere sagen, dass es eine enorme Transformation geben wird, wie wir arbeiten, lernen, uns sozial zueinander verhalten. Ich tendiere eher zu der ersten Sichtweise.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann liege ich mit meiner Analogie zur Gentechnik gar nicht so falsch. Ich erinnere mich gut daran, dass <a href="https://ernst.weizsaecker.de/lebenslauf/">Ernst-Ulrich</a> und <a href="https://baumev.de/wp-content/uploads/2025/10/Portaet-von-Weizsaecker_Ecoropa.pdf">Christine von Weizsäcker</a> in einem Aufsatz den Begriff der <em>„Fehlerfreundlichkeit“</em> eingeführt haben (in: Klaus Kornwachs, Hg., <a href="https://openlibrary.org/books/OL2581021M/Offenheit_Zeitlichkeit_Komplexita%CC%88t">Offenheit – Zeitlichkeit – Komplexität – Zur Theorie der Offenen Systeme</a>, Frankfurt am Main / New York, Campus, 1984). <em>„Fehlerfreundlichkeit“</em> bedeutet im Grunde Rückholbarkeit.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Der Begriff der Fehlerfreundlichkeit ist für die Debatte um die KI in der Tat interessant. Es gibt </em><a href="https://www.frontier-lab.com/"><em>Frontier Labs</em></a><em>, privatwirtschaftlich organisierte Institutionen, die sehr viel in die Sicherheitsüberprüfung von Large Language Modellen investieren, mit eigenen Forschungsgeldern und die auch sehr transparent damit umgehen, was sie beim Stress Testing gefunden haben, die schauen, wie resilient die Tools gegenüber schlecht meinenden Nutzern sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als Philosophin wäre es dann eine Ihrer Aufgaben, über solche Dilemmata zu forschen und zu lehren?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Als Lehrende möchte ich Studierenden zeigen, dass es für viele Fragen, die sich im Alltag stellen, in der Kneipe, im privaten Umgang, intelligente Leute gibt, die sich darüber Gedanken gemacht haben. Das können wir uns anschauen. Stellung nehme ich zu den Dilemmata eher selten. Ich sehe meine Rolle darin zu zeigen, dass es diese Dilemmata gibt und dass es unterschiedliche Zugänge und Ansätze gibt. Unsere Studierenden arbeiten nachher in ganz unterschiedlichen Bereichen, sodass das, was wir in den Seminaren besprechen, auch in die Öffentlichkeit gelangt. Es gibt natürlich auch Philosophinnen und Philosophen, die in den Medien stärker Stellung beziehen wie beispielsweise Jürgen Habermas. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ausbildung zur Philosophin oder zum Philosophen dazu befähigt oder berechtigt. </em></p>
<h3><strong>Individuelle und kollektive Schuld vor dem Internationalen Strafgerichtshof</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Hintergrund stellt sich natürlich immer die Frage, wann etwas verbrecherisch wird. Diese Frage wird im Hinblick auf Trump, Thiel oder Musk auch immer wieder in den Feuilletons mancher Zeitung aufgeworfen. Sie haben sich mit diesem Thema sich in Ihrer Dissertation zum <a href="https://www.icc-cpi.int/about/the-court">Internationalen Strafgerichtshof</a> beschäftigt: „The Right to Punish“.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Einer meiner Dozenten in London sagte mir einmal, dass in der juristischen Ausbildung es in der Zeit, in der er studiert hatte, gerade einmal eine Sitzung zum internationalen Recht gegeben habe. Die Hauptfrage habe gelautet, ob Internationales Recht überhaupt Recht sei. Das hat sich inzwischen etwas verändert, aber es bleibt der Punkt, dass Rechtssysteme davon abhängig sind, ob es sich um das Recht von demokratisch verfassten Staaten handelt. Das haben wir auf der Weltebene natürlich nicht. Es gibt verschiedene Institutionen, die einzelne Funktionen des Rechtssystems abbilden, die auch im nationalen Recht abgebildet werden können, aber es gibt keine Weltregierung, die sagen könnte, sie schaffe ein Weltrecht, dass dann auch weltweit angewandt werden kann. </em></p>
<p><em>Daher fand ich die Frage interessant, was mit der Legitimität geschieht, wenn wir eine internationale Institution haben, die formal von einigen Staaten anerkannt wird, von anderen nicht, und die internationales Recht anwenden will, wie es auch im nationalstaatlichen Kontext kodifiziert ist. Das ist sehr fragil. Man sieht es auch in den politischen Diskussionen um den Internationalen Strafgerichtshof. Putins Sprecher sagte beispielsweise, er erkenne den Haftbefehl nicht an. Ich erinnere mich auch an den Haftbefehl gegen Umar al-Baschir, der den Haftbefehl als ein Stück Papier bezeichnete, das man zusammenknüllen und aufessen könne. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist letztlich eine Machtfrage. Die sudanesische Regierung kündigte im Jahr 2020 an, Umar al-Baschir an den Internationalen Strafgerichtshof auszuliefern, geschehen ist dies bis heute nicht. Putin zu verhaften dürfte ohnehin sehr schwierig werden. Es ist auch völlig offen, ob jemand Benjamin Netanjahu verhaften wird. 2012 wurde der ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor zu 50 Jahren Haft verurteilt, die er in Großbritannien verbüßt, es gab Prozesse gegen mehrere Akteure in Jugoslawien, unter anderem den während des Prozesses verstorbenen ehemaligen Präsidenten Slobadan Milošević, gegen Verantwortliche für das Massaker in Srebenica, Ratko Mladić, der 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sowie Radovan Karadžić, der 2019 ebenfalls zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es ist und bleibt eine Machtfrage, auch im nationalstaatlichen Kontext. Wir sind es in Europa, in Kanada, in den USA gewohnt, dass das Gewaltmonopol des Staates gilt.</em> <em>Die Polizei setzt Recht durch. Wie gut sie das macht, ist sicherlich manchmal eine berechtigte Frage, zum Beispiel zurzeit in den USA. Im internationalen Kontext gibt es dieses Gewaltmonopol nicht. Es gibt keine Polizei, die die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs durchsetzen kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich wage, es einmal so zu formulieren: Wir haben im internationalen Recht im Rahmen der Gewaltenteilung eine Legislative, die eine Institution wie den Internationalen Strafgerichtshof oder auf europäischer Ebene den Europäischen Gerichtshof einsetzt, eine Judikative, das sind dann zum Beispiel der Internationale Strafgerichtshof oder der Europäische Gerichtshof, aber keine Exekutive, die Beschlossenes umsetzt.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>:<em> Genau das ist die Machtfrage! Kein Staat der Welt möchte diese Macht abgeben. Man kann sich sogar aus verschiedenen UN-Institutionen herausziehen wie es die USA nicht nur unter Trump, auch schon vorher mehrfach gemacht hat. De facto liegt die Exekutive in der Hand der einzelnen Staaten. Der Internationale Strafgerichtshof ist auf die Mitwirkung der Länder angewiesen, die ihn anerkannt haben. Wenn Putin nach Deutschland käme, was er sicherlich nicht tun wird, müsste ihn die deutsche Polizei verhaften und nach Den Haag ausliefern. Als Oppositionspolitiker sagte Friedrich Merz noch, er werde Netanjahu bei einem Deutschlandbesuch wohl nicht verhaften lassen, inzwischen hat die Bundesregierung die Sprachregelung gewählt, ein Deutschlandbesuch Netanjahus stünde nicht an. Das ist gerade in einem Land wie Deutschland von Bedeutung, das von sich sagt, dass es die regelbasierte internationale Ordnung akzeptiert. Das passt natürlich nicht zusammen, wenn man dann in einem Fall eine Ausnahme macht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Inzwischen gibt es Verfahren in Deutschland gegen syrische Täter, beispielsweise gegen solche, die im Rahmen des Islamischen Staat Verbrechen begangen haben.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Das ist das </em><a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/823410/c84f89d5f3edf3c3220f5412dd3e39aa/WD-7-132-20-pdf-data.pdf"><em>Weltrechtsprinzip</em></a><em>. Es ist aus dem Kampf gegen Piraterie entstanden. Hier gab es Lücken in der Exekutive, weil die Weltmeere nicht territorial eingehegt sind. Das entstand auch schon im 19. Jahrhundert. Es erlaubt einzelnen Staaten, für bestimmte Verbrechen auch Personen, die nicht ihre Staatsangehörigkeit haben, zu verhaften und zu verurteilen. Ein prominenter Fall war die von einem spanischen Staatsanwalt nach dem Weltrechtsprinzip beantragte Verhaftung von Pinochet im Jahr 1998 nach einem medizinischen Eingriff in London. Es kam jedoch nicht zu einem Prozess, Pinochet konnte nach Chile zurückkehren. In solchen Fällen spielt es eine Rolle, was eine solche Verhaftung für die Beziehung zwischen den beiden betroffenen Ländern bedeutet und wie sich die jeweiligen Länder bei Widerständen verhalten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in Ihrer Dissertation herausgearbeitet, dass das internationale Strafrecht sich gegen bestimmte Personen richtet, nicht gegen Staaten. Das ist im Grunde ein Prinzip jeden Strafrechts. Verantwortlich für ein Verbrechen sind immer ganz bestimmte namhaft machbare Personen. Allerdings gibt es Ausnahmen, wenn beispielsweise eine Gruppe als <em>„terroristische Vereinigung“</em> eingestuft wird. Bis heute weiß niemand außer dem Todesschützen, wer die Morde der RAF begangen hat. Daher wurde eine Rechtsgrundlage geschaffen, sodass man RAF-Mitglieder für kollektiv begangenen Mord verurteilen konnte.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es gibt vergleichbare Verfahren bei Mafia-Prozessen.</em> <em>Kollektive Schuld kann allerdings im Grunde nur moralisch konzeptionalisiert werden. Strafrechtlich ist das hochproblematisch, weil das Strafrecht massiv in die Autonomie und die Freiheit von einzelnen Personen eingreift. </em></p>
<p><em>Die Frage lautet: Wie kann ich eine Schuld bewerten, wenn das Verbrechen von jemandem begangen wird, der in einer Hierarchie von Kommandostrukturen handelt? Wie kann ich die persönliche Verantwortung einer Person in diesem Rahmen nachweisen? In den Protokollen des Internationalen Strafgerichtshofs ist dies sehr genau nachzulesen. Immer wieder wird gefragt, ob diese Person, die hier vor Gericht steht, den entsprechenden Befehl gegeben hat. Genauso war es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Briten sprachen von „summary punishment“, der Bestrafung aller Deutschen. Man hat sich dann aber dagegen entschieden und hat Individuen vor Gericht gestellt, denen nachgewiesen werden sollte und konnte, dass sie bestimmte Befehle gegeben haben, bestimmte Taten selbst begangen haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Kollektivschuld“ </em>ist gerade aus deutscher Sicht ein hochproblematischer Begriff und wurde oft genug als eine Art Anti-Kampfbegriff verwendet, um nicht zuletzt bestimmte Formen der Erinnerungskultur zu diskreditieren, im Hinblick auf die Nazis ebenso wie im Hinblick auf die DDR. Karl Jaspers hat zwischen <em>„Kollektivschuld“</em> und <em>„kollektiver Verantwortung“</em> unterschieden. Darüber schrieb <a href="https://www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-yfaat-weiss">Yfaat Weiss</a> zuletzt in der Februarausgabe 2026 des Merkur: <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a>. Sie bezieht sich auf Karl Jaspers‘ Aufsatz „Die Schuldfrage“, eine Vorlesung aus dem Wintersemester 1945/46, unter anderem mit den <em>„Unterscheidungen zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld“</em>.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich würde auf dieser Unterscheidung bestehen. Wenn wir es plausibel finden, dass das Strafrecht auf völkerrechtliche Verbrechen angewandt wird, müssen wir darauf achten, dass auch dann, wenn es spezifische Gruppen gibt, die eine besondere Verantwortung haben, die strafrechtliche Verfolgung eine andere und stringente Beweisführung braucht, die auf die persönliche Verantwortung des Angeklagten abzielt. Davon zu trennen ist die Verantwortung aller Menschen, beispielsweise aller Deutschen, dass solche Verbrechen sich nicht wiederholen und dass daran erinnert wird, welche Verbrechen Deutsche verübt haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der stringente Nachweis einer Schuld war in Nürnberg schon allein deshalb plausibel, weil den Angeklagten damals die Todesstrafe drohte, die auch im Hauptprozess gegen die meisten Angeklagten verhängt wurde. Die Todesstrafe war damals in allen beteiligten Staaten möglich. Heute sieht dies anders aus, es gibt sie von den vier alliierten Staaten heute nur noch in den USA.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Die Todesstrafe gibt es beim Internationalen Strafgerichtshof auch nicht. Es geht um lange Haftstrafen, die auch verhängt wurden. Aber auch das ist schon Grund genug für eine stringente Beweisführung.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. April 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Vom Einfangen des Wesentlichen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2026 05:57:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vom Einfangen des Wesentlichen Reflexionen der Fotokünstlerin Nicole Günther „Nein, er will keine Wiedergabe der Realität: Keine Zeitgeistleere, keine wilde Selbstbezichtigung. Die Nachahmung und Addition des sichtbaren ödet ihn an. Seine Bilder sind zuallererst die Bilder von Geräuschen, Ohrenbilder oder Erinnerungsbilder, schwarzweiße Grauwerte, verwackelte, zugeschüttete Gegenständlichkeit, richtungslose Identitäten.“ (Walter Aue, Am Ende des Lichts  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vom Einfangen des Wesentlichen</strong></h1>
<h2><strong>Reflexionen der Fotokünstlerin Nicole Günther</strong></h2>
<p><em>„Nein, er will keine Wiedergabe der Realität: Keine Zeitgeistleere, keine wilde Selbstbezichtigung. Die Nachahmung und Addition des sichtbaren ödet ihn an. Seine Bilder sind zuallererst die Bilder von Geräuschen, Ohrenbilder oder Erinnerungsbilder, schwarzweiße Grauwerte, verwackelte, zugeschüttete Gegenständlichkeit, richtungslose Identitäten.“ </em>(Walter Aue, Am Ende des Lichts – Die Fotografie des blinden Evgen Bavčar, Berlin, edition qwert zui opü, 2000)</p>
<p>Die Fotografie – oder wie sie in den Anfängen hieß: die <a href="https://www.deutsches-museum.de/forschung/bibliothek/unsere-schaetze/technik/daguerreotype">Daguerréotypie</a> – veränderte unseren Blick auf die Wirklichkeit. Die Erfindung der Fotografie beeinflusste ganze Richtungen der Malerei. Edward Hopper oder Gerhard Richter beispielsweise verdanken ihr viel. Aber manche, die nicht so genau hinschauen, werden Fotografie und Wirklichkeit verwechseln. Letztlich rahmt sie – so <a href="https://www.lab404.com/3741/readings/sontag.pdf">Susan Sontag in ihrem berühmten Essay</a> – nur einen Ausschnitt, den wir für Wirklichkeit halten dürfen oder vielleicht auch halten sollen. Dies gilt nicht erst angesichts der Manipulationen, die in der Fotografie schon immer möglich waren und durch Künstliche Intelligenz immer schwerer durchschaubar werden.</p>
<p>Vielleicht hilft es, wenn wir wieder ganz von vorne beginnen und sehen lernen, wie dies beispielsweise der blinde slowenische Fotograf <a href="http://www.evgenbavcar.com/">Evgen Bavčar</a> sich und uns ermöglichte. Fotografie jenseits unserer Blindheit, jenseits eines ersten scheinbar unverfänglichen Blicks, fängt die Essenz, das Wesentliche der Dinge ein, vorausgesetzt wir lassen uns auch auf die weiteren Schritte des Sehen-Lernens ein.</p>
<p>Einen möglichen Weg geht die Bonner <a href="https://www.nicole-guenther.com/">Fotokünstlerin Nicole Günther</a>. Sie hat als Sozialwissenschaftlerin einen Blick für das komplizierte und komplexe Verhältnis von Bild und Wirklichkeit, das sich als <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-magie-von-licht-und-schatten/">„Magie von Licht und Schatten“</a> (dort sind auch weitere Bilder der Künstlerin zu sehen) enthüllt. Schwarz und Weiß sind eben nicht binär zu denken, als bloßes Hell und Dunkel, sondern schaffen in der Fotografie einen klareren Blick auf Welt und Wirklichkeit, der uns aus Platos Höhle hinausführt.</p>
<p>Nicole Günther lebt in Bonn, hat ihr Atelier im <a href="https://frauenmuseum.de/">Bonner Frauenmuseum</a> und ist auf zahlreichen Ausstellungen präsent, im Mai 2026 – zum Zeitpunkt dieses Gesprächs – in einer Gruppenausstellung im <a href="https://gem.eg/">Grand Egyptian Museum in Kairo</a>, auf der ihre Fotografien von verschiedenen Opernstücken zu sehen sind unter anderem der „Träumer“ und „Stairway No. I + No. II“. Sie fotografiert immer wieder im Theater, sodass das Verhältnis von Fotografie und Wirklichkeit durch das Verhältnis von Bühne und Wirklichkeit ein weiteres Mal gebrochen wird. Die Inszenierung im Theater kristallisiert sich in den Bildern von Nicole Günther.</p>
<h3><strong>Fotografie im Wechselspiel der Künste</strong></h3>
<div id="attachment_7971" style="width: 1009px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7971" class="wp-image-7971 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-300x222.jpg" alt="" width="999" height="739" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-200x148.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-300x222.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-400x296.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-600x444.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-768x568.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-800x592.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-1024x757.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-1200x888.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Traeumer-2017-©-Nicole-Guenther-1536x1136.jpg 1536w" sizes="(max-width: 999px) 100vw, 999px" /><p id="caption-attachment-7971" class="wp-caption-text">Geisterritter, Träumer, 2017 © Nicole Günther | VG Bild-Kunst</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Frau Günther, Ihr künstlerischer Weg begann nicht an einer Kunstakademie, sondern in den Sozialwissenschaften. Wie prägt dieses Fundament Ihre Arbeit?</p>
<p><strong>Nicole Günther: </strong><em>Mein künstlerischer Weg basiert nicht auf einer klassischen Akademieausbildung, sondern auf einem sozialwissenschaftlichen Fundament. Ich habe Politik, Philosophie und Soziologie mit kulturwissenschaftlichem Schwerpunkt an der Universität Duisburg-Essen studiert und 2010 als Diplom-Sozialwissenschaftlerin abgeschlossen. Diese Ausbildung prägt meine fotografische Arbeit bis heute. Fragen nach den Bedingungen von Wahrnehmung, nach gesellschaftlichen Strukturen sowie die Sensibilität für kulturelle Bildtraditionen sind zentrale Bestandteile meiner künstlerischen Praxis.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Wie fanden Sie zur Fotografie?</p>
<p><strong>Nicole Günther: </strong><em>Zur Fotografie kam ich früh. Bereits während der Schulzeit arbeitete ich in einem Fotofachgeschäft und assistierte bei Studioaufnahmen. Parallel zum Studium begann ich, fotografisch zu arbeiten – zunächst im Verlagswesen, unter anderem mit Unternehmensporträts, später zunehmend im institutionellen Kulturbereich. Stationen wie Ruhr.2010, der WDR, Theater der Welt sowie die Mitarbeit im Kulturbüro Moers und im Kulturhauptstadtbüro Duisburg ermöglichten mir Einblicke in komplexe künstlerische Produktionsprozesse. </em></p>
<p><em>Besonders inspirierend waren Projekte wie </em><a href="https://www.niederrhein-foto.de/buch_fotobuch/buch_ruhrlights_twilight_zone/"><em>„Ruhrlights: Twilight Zone“</em></a><em> sowie die Arbeiten von </em><a href="https://john-cale.com/"><em>John Cale</em></a><em>, </em><a href="https://pkdance.co/pichet/"><em>Pichet Klunchun</em></a><em> und </em><a href="https://www.kentridge.studio/"><em>William Kentridge</em></a><em>. Diese Kontexte erweiterten mein Verständnis ästhetischer Praxis. Ich habe gelernt, künstlerische Produktion als vielschichtigen, dialogischen Prozess zu begreifen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Unter den Künsten, von denen Sie sich inspirieren lassen, spielt das Theater eine zentrale Rolle. Eine wichtige Station ist daher Ihre Arbeit am Theater Bonn.</p>
<p><strong>Nicole Günther: </strong><em>Am Theater Bonn wurde mir im Austausch mit Regie und Dramaturgie die innere Architektur einer Inszenierung deutlich: die Präzision der Gewerke – Bühne, Kostüm, Licht, Requisite, Maske – und die tragende Kraft der darstellenden Kunst. Unter der Intendanz von Dr. Bernhard Helmich begann ich, Opernproduktionen als freie Kunstfotografin zu begleiten. Produktionen wie „Carmen“ oder „Don Giovanni“ waren für mich keine Motive, sondern Spannungsräume. </em></p>
<p><em>Nie ging es mir um bloße Dokumentation. Mich interessiert der Augenblick, in dem sich ein theatrales Motiv zu einem eigenständigen Werk verdichtet, . Ein Bild muss sich aus der Produktion lösen und autonom bestehen können. Das Theater wurde für mich zu einem Laborraum für Licht und Schatten, zur Suche nach Tiefe. Ich lernte, im Flüchtigen eine Form zu erkennen und Dauer zu erzeugen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Seit 2022 sind Sie freischaffende bildende Künstlerin. Was hat sich verändert?</p>
<p><strong>Nicole Günther: </strong><em>Seit 2022 bin ich freischaffend mit einem Schwerpunkt auf freien Werkzyklen, konzeptuellen Serien und großformatigen Arbeiten für den musealen Kontext. 2022 präsentierte ich meine Arbeiten im Frauenmuseum Bonn, wo sich auch mein Atelier befindet. Es folgten weitere Ausstellungen im In- und Ausland.</em></p>
<p><em>Rückblickend verstehe ich meinen Werdegang als kontinuierliche Präzisierung meines Blicks. Jede Station war eine ästhetische und intellektuelle Schule – eine Annäherung an meine künstlerische Position. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie Vorbilder?</p>
<p><strong>Nicole Günther</strong>: <em>Ich habe keine klassischen Vorbilder. Entscheidend sind weniger direkte Referenzen als geistige Haltungen. Literatur bildet einen zentralen Resonanzraum – von existenzieller Prosa bis zu philosophischer Reflexion. Gedankliche Schärfe, sprachliche Präzision und die Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragen sind wichtiger als stilistische Nähe.</em></p>
<p><em>Ähnlich verhält es sich mit Musik. Sie begleitet sowohl Aufnahme als auch Nachbearbeitung. Rhythmus, Tempo und Dynamik beeinflussen die Bildfindung. Musik fungiert dabei nicht als Hintergrund, sondern als strukturierendes Element.</em></p>
<p><em>Meine eigene Arbeit ist aus einem inneren Antrieb heraus motiviert, aus einer fortlaufenden Fragestellung. Ich arbeite intuitiv, mit klarer Vorstellung davon, wohin sich meine künstlerische Entwicklung bewegen soll.</em></p>
<p><em>Der Weg ist dabei kein schneller. Er verlangt Kontinuität.</em></p>
<h3><strong>Der Wille zur Präzision</strong></h3>
<div id="attachment_7987" style="width: 1016px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7987" class="wp-image-7987 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-300x210.jpg" alt="" width="1006" height="704" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-200x140.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-300x210.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-400x280.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-600x420.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-768x538.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-800x560.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-1024x717.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-1200x841.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Peter-Grimes-Shadows-No.-III-©-Nicole-Guenther-1536x1076.jpg 1536w" sizes="(max-width: 1006px) 100vw, 1006px" /><p id="caption-attachment-7987" class="wp-caption-text">Peter Grimes, Shadows No. III, 2016 © Nicole Günther | VG Bild-Kunst</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie arbeiten konsequent in Schwarz-Weiß. Warum diese Entscheidung?</p>
<p><strong>Nicole Günther: </strong><em>Schwarz-Weiß ist für mich nicht allein eine ästhetische Vorliebe, sondern eine Entscheidung für Präzision. Farbe erzeugt Nähe, verführt, bindet das Bild an eine konkrete Zeit. Mit ihrem Entzug verschiebt sich die Wahrnehmung. Zurück bleiben Kontrast und Struktur. Diese Reduktion steigert die Intensität.</em></p>
<p><em>Licht und Schatten erscheinen nicht dekorativ, sondern konstitutiv. Sie modellieren den Raum und legen Spannungen frei. Schwarz-Weiß arbeitet subtraktiv: Es nimmt zurück, um sichtbar zu machen. Mich interessiert der Zwischenraum, in dem sich ein Bild zwischen Sichtbarkeit und Ahnung bewegt – die Schnittstelle, an der es Vergewisserung und Frage zugleich ist.</em></p>
<p><em>Schatten sind keine bloßen Dunkelzonen, sondern Bedeutungsträger. Licht ist keine Illumination, sondern eine Setzung. In dieser Dialektik entsteht eine Verdichtung, die das Bild aus der Beschreibung löst und in eine existentielle Spannung überführt. </em></p>
<p><em>Schwarz-Weiß bedeutet für mich Konzentration, Reduktion und zugleich Öffnung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das hat aus meiner Sicht schon fast eine philosophische Dimension. Ich denke an die Licht-und-Schatten-Spiele in Platos Höhle.</p>
<p><strong>Nicole Günther</strong>: <em>So weit möchte ich jetzt nicht gehen, aber vielleicht haben Sie recht. Kant formuliert: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Diesen Gedanken verstehe ich auch als Haltung gegenüber meinen Bildern. Ich vermeide es, Deutungen vorzugeben. Die Arbeiten sollen offen sein, durchlässig und widerständig gegenüber eindeutiger Interpretation. Bedeutung entsteht im Austausch zwischen Werk und Betrachter:in. Erst in dieser Begegnung entfaltet sich das Bild vollständig. Gespräche im Ausstellungsraum sind für mich ein wichtiger Teil des künstlerischen Prozesses. Sie verschieben Perspektiven, öffnen neue Lesarten – auch für mich.</em></p>
<p><em>Um ein Bild zu entwickeln, muss ich mich mit dem Motiv verbinden. Es geht nicht um Oberfläche, sondern um die Suche nach Tiefe, um jenen Augenblick, in dem etwas Wesentliches sichtbar wird. Nicht das Spektakuläre interessiert mich, sondern die Intensität des Augenblicks.</em></p>
<p><em>Ist der Aufnahme- und Entwicklungsprozess abgeschlossen, löse ich mich von der Arbeit. Ich betrachte die Bilder nüchtern, beinahe distanziert. Sie gehören dann nicht mehr mir. Sie müssen für sich stehen, in unterschiedlichen Kontexten bestehen, autonom wirken.</em></p>
<p><em>In diesem Moment werden sie frei und unabhängig – auch von mir.</em></p>
<h3><strong>Das Reale im Inszenierten</strong></h3>
<div id="attachment_7976" style="width: 482px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7976" class="wp-image-7976 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther-281x300.jpg" alt="" width="472" height="504" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther-200x214.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther-281x300.jpg 281w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther-400x427.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther-600x641.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther-768x820.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther-800x854.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther-959x1024.jpg 959w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Strong-and-Proud-2017-©-Nicole-Guenther.jpg 1080w" sizes="(max-width: 472px) 100vw, 472px" /><p id="caption-attachment-7976" class="wp-caption-text">Carmen, Strong and Proud, 2017 © Nicole Günther | VG Bild-Kunst</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Inszenierung und Wirklichkeit, nicht zuletzt durch Ihre Zusammenarbeit mit dem Theater.</p>
<p><strong>Nicole Günther: </strong><em>Was auf der Bühne geschieht, ist nicht für meine Fotografie inszeniert. Die Szenen entstehen unabhängig von der Kamera und sind doch keine reine Fiktion. Darstellende Kunst ist Fiktion und Realität zugleich. Studien zeigen, dass bei Schauspieler:innen, die Trauer oder Freude verkörpern, jene neuronalen Areale aktiviert werden, die diesen Empfindungen entsprechen. Mich interessiert diese Ambivalenz: das Reale im Inszenierten, die Authentizität im Konstruierten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Welche Rolle spielt Technik in Ihrem Prozess?</p>
<p><strong>Nicole Günther: </strong><em>Technische Perfektion ist nicht mein primäres Ziel. Technik ist Voraussetzung und Instrument, kein Selbstzweck. Manchmal entsteht durch eine kleine Irritation eine produktive Verschiebung und emotionale Räume öffnen sich. Diese Irritation beruht nicht auf technischer Brillanz, sondern auf einer Verschiebung der Wahrnehmung. Wenn Fantasie und Intuition im Prozess zugelassen werden, beginnt ein Bild zu arbeiten.</em></p>
<p><em>Ich suche nicht nach Schärfe um ihrer selbst willen, sondern nach Resonanz. Ein Bild darf Unruhe tragen, es darf sich der Eindeutigkeit entziehen. Entscheidend ist, ob es eine innere Spannung erzeugt – ein Gefühl, das über die bloße Abbildung hinausweist. Mein technisches Vorgehen ist dem Inhalt untergeordnet. Es geht um Konstellationen, die Relevanz besitzen und über den Anlass hinaus Bestand haben.</em></p>
<p><em>Ein technisch perfektes Bild kann leer sein. Ein nicht perfektes Bild kann Wahrheit tragen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Wie erleben Sie den Augenblick der Aufnahme im Musiktheater?</p>
<p><strong>Nicole Günther: </strong><em>Die Bühne ist ein hochgradig konstruierter Raum. Licht, Körper, Text und Architektur der Stücke sind präzise gesetzt. In diesem Gefüge schärft sich der fotografische Blick. Wenn das Orchester einsetzt, verändert sich meine Wahrnehmung. Mit den ersten Klängen entsteht eine besondere Konzentration. Bild, Klang und Bewegung verdichten sich zu einer Spannung, die oft nur Sekunden existiert.</em></p>
<p><em>Ich suche nicht, ich reagiere. Intuition lenkt meinen Blick. Das gelungene Bild ist nicht planbar. Es entsteht aus Aufmerksamkeit, Erfahrung und einem Moment des Glücks. In dieser Präsenz liegt eine Form von Lebendigkeit.</em></p>
<p><em>Diese Intensität einzufangen und in eine eigenständige Schönheit zu überführen – darin liegt für mich die Essenz meiner Arbeit.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 13. April 2026. Titelbild: Nicole Günther, Don Giovanni, Stairway No. II, 2016 <span style="font-size: 10.5pt; font-family: Roboto; color: #6c6c6c; background: white;">©</span> Nicole Günther / VG Bild Kunst. Alle Rechte der Bilder in diesem Beitrag bei der Künstlerin.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Vermeintlich menschlich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:28:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vermeintlich menschlich Warum wir Künstlicher Intelligenz sinnhaftes Handeln unterstellen Schon 1966 reicht ein simples Textprogramm, um Menschen emotional zu berühren. Das Programm ELIZA spielt Therapeut: Es erkennt Schlüsselwörter, setzt Textbausteine neu zusammen und stellt Rückfragen. Mehr steckt nicht dahinter. Dennoch berichten Nutzer von Nähe, Vertrauen und manchmal Scham. Aus einer Regelmaschine wird in ihrer  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vermeintlich menschlich</strong></h1>
<h2><strong>Warum wir Künstlicher Intelligenz sinnhaftes Handeln unterstellen</strong></h2>
<p>Schon 1966 reicht ein simples Textprogramm, um Menschen emotional zu berühren. Das Programm <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/365153.365168?">ELIZA</a> spielt Therapeut: Es erkennt Schlüsselwörter, setzt Textbausteine neu zusammen und stellt Rückfragen. Mehr steckt nicht dahinter. Dennoch berichten Nutzer von Nähe, Vertrauen und manchmal Scham. Aus einer Regelmaschine wird in ihrer Wahrnehmung ein Gegenüber. <a href="https://www.weizenbaum-institut.de/institut/ueber-joseph-weizenbaum/">Joseph Weizenbaum</a>, der Entwickler, beschreibt damit ein Muster, das bis heute trägt: Die Technik liefert Syntax. Der Mensch ergänzt Sinn, Absicht und am Ende Moral.</p>
<h3><strong>Resonanz ohne Gegenüber</strong></h3>
<p>Menschen besitzen eine robuste Routine, um Verhalten zu deuten: Wir unterstellen Ziele, Motive und Überzeugungen, weil sich so Handlungen gut vorhersagen lassen. Daniel Dennett nennt das die „<a href="https://www.researchgate.net/publication/271180035_The_Intentional_Stance">intentional stance</a>“, eine Deutungsstrategie, die aus einem System einen Akteur macht.</p>
<p>In der Mensch-KI-Interaktion greift diese Routine sofort. Ein Chatbot reagiert schnell, höflich und stets konsistent im Ton. Das wirkt auf uns wie Aufmerksamkeit. Es wirkt wie eine Beziehung. Diese Wirkung entsteht, obwohl das System lediglich Wahrscheinlichkeiten über Zeichenfolgen berechnet. Genau hier beginnt das Paradox der Resonanz: Eine Maschine ohne Innenleben erzeugt beim Nutzer ein eigenes Innenleben.</p>
<p><a href="https://dl.acm.org/doi/book/10.5555/236605">Byron Reeves und Clifford Nass</a> haben dieses Muster früh empirisch gefasst: Menschen behandeln Medien und Computer in vielen Situationen so, als wären sie soziale Gegenüber. Für die Psyche zählt der Reiz, nicht die Ontologie.</p>
<h3><strong>Das Chinesische Zimmer: Verstehen als Oberfläche</strong></h3>
<p>John Searles <a href="https://home.csulb.edu/~cwallis/382/readings/482/searle.minds.brains.programs.bbs.1980.pdf"><em>„chinesisches Zimmer“</em></a> ist das wohl prägnanteste Gedankenexperiment für diesen Unterschied. In diesem wird ein Mann in einen leeren Raum eingeschlossen, nur mit einem Handbuch von chinesischen Standardfragen und -antworten bewaffnet. Nach einiger Zeit schieben außenstehende Chinesen ihm handschriftliche Fragen unter den Türschlitz und er antwortet ihnen mithilfe des Handbuchs stets fehlerfrei zurück. Obwohl es für Außenstehende so wirkt, als besäße der Mann im Raum umfassende Chinesischkenntnisse, versteht er doch kein Wort. Er folgt nur dem Handbuch ohne innere Kenntnis über das, was er da schreibt.</p>
<p>Sprachmodelle treffen genau diesen Nerv. Sie wirken wie Gesprächspartner, weil sie die Form des Gesprächs beherrschen. Searles Argument richtet sich gegen die Verwechslung von Output und Bedeutung: Syntax kann Semantik täuschend echt imitieren.</p>
<p>Das erklärt auch den psychologischen Sog. Wer sich <em>„verstanden“</em> fühlt, reagiert auf die Gesprächform. Die Maschine liefert reibungslose Anschlussfähigkeit. Der Nutzer erlebt Resonanz.</p>
<h3><strong>P-Zombies: Verhalten ohne Erleben</strong></h3>
<p>Das zweite Gedankenexperiment rückt das Thema Bewusstsein in den Fokus. David Chalmers beschreibt<a href="https://philpapers.org/rec/CHAZOT"> <em>„philosophical zombies“</em></a> als Wesen, die sich in jeder beobachtbaren Hinsicht wie Menschen verhalten und aussehen, innerlich jedoch unfähig zum phänomenalen Erleben von Gefühlen und Gedanken sind. Ein solcher Zombie kann uns täuschend echt <em>„Das tut mir weh“</em> sagen, Ethik diskutieren und Gedichte schreiben. In ihm bleibt es dabei dunkel und leer. Robert Kirk fasst den Punkt in der Standardreferenz so zusammen: <a href="https://plato.stanford.edu/entries/zombies/">Zombies</a> seien in Verhalten und Physik nicht zu unterscheiden, doch gerade diese Ununterscheidbarkeit macht sie als Prüfstein für Theorien des Bewusstseins attraktiv.</p>
<p>Der Zombie zeigt eine Asymmetrie: Verhalten kann täuschen. Beobachtbarkeit reicht als Kriterium für Erleben nicht aus. KI könnten am Ende genau solche gut trainierten Zombies sein, weil Sprachmodelle eine ähnliche Trennung ausstellen: Außen erscheint eine mitfühlende und soziale Person, innen läuft eine algorithmische Musterverknüpfung.</p>
<p>Man muss Chalmers’ Schluss gegen den Physikalismus nicht teilen, um den heuristischen Wert zu nutzen. Das Gedankenexperiment schärft eine Grenze: Ausdruck und Erlebnis fallen auseinander. Genau diese Grenze verwischt im Alltag, sobald ein System flüssig kommuniziert.</p>
<h3><strong>Warum wir Maschinen vermenschlichen</strong></h3>
<p>Anthropomorphismus gilt oft als Irrtum. In Wahrheit handelt es sich um eine effiziente Abkürzung. Die Psyche sucht nach Stabilität, Absichten und Verlässlichkeit. Ein Chatbot liefert das in einer Form, die soziale Routinen anspricht: Gespräch, Bestätigung und Anschluss.</p>
<p>Die <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/191666.191703">CASA-Forschung</a> beschreibt, wie stark Menschen auf Höflichkeit, Lob und direkte Ansprache reagieren, selbst wenn sie wissen, dass ein Computer antwortet. Daraus entstehen Bindungsmuster, die an parasoziale Beziehungen erinnern: viel Nähe, aber wenig Gegenseitigkeit.</p>
<p><a href="https://hci.stanford.edu/courses/cs047n/readings/Alone_Together.pdf">Sherry Turkle</a> hat diese Verschiebung als kulturelles Muster analysiert: Technik wird zum Interaktionspartner, der verfügbar bleibt, keine Laune hat, keine Gegenforderung stellt. Der Nutzer erhält Resonanz ohne Reibung. Gerade diese Reibung trägt im menschlichen Kontakt oft zur Realitätssicherung bei.</p>
<h3><strong>Die Aura der Unfehlbarkeit</strong></h3>
<p>Zur emotionalen Nähe tritt ein kognitives Problem: Menschen überschätzen automatisierte Systeme leicht, besonders wenn diese schnell, sicher und konsistent wirken. Parasuraman und Riley beschreiben unter „<a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886">use/misuse</a>“ genau diese Dynamik in der Automationsforschung.</p>
<p>Beim Sprachmodell verstärkt der Stil die Wirkung: flüssige Sätze wirken wie Kompetenz. Der Nutzer verwechselt Plausibilität mit Wahrheit. Damit verschiebt sich Autorität: Weg vom prüfbaren Argument, hin zur überzeugenden Form.</p>
<h3><strong>Ein Design, das Nähe erzeugt</strong></h3>
<p>Ein Teil der Resonanz entsteht durch Gestaltung. Schon minimale Signale reichen: Tippgeräusche, „Nachdenken“ oder gar empathische Floskeln. Masahiro Mori hat mit dem<a href="https://web.ics.purdue.edu/~drkelly/MoriTheUncannyValley1970.pdf"><em> „Uncanny Valley“</em></a> gezeigt, wie sensibel Menschen auf Menschähnlichkeit reagieren: Nähe wächst bis zu einem Kipppunkt, an dem kleine Unstimmigkeiten bei uns Unbehagen auslösen.</p>
<p>Für Chatbots gilt ein verwandter Mechanismus in sprachlicher Form: Je menschlicher der Ton, desto stärker die Projektion. Je stärker die Projektion, desto größer das Risiko, dass Nutzer das System als moralische Instanz behandeln.</p>
<h3><strong>Das Haftungsvakuum</strong></h3>
<p>Sobald Systeme wie Akteure wirken, stellt sich die Frage der Verantwortung. Das System besitzt keine Intention im menschlichen Sinn. Die Folgen tragen Nutzer, Betreiber, Entwickler und Institutionen. Hier befindet sich das Haftungsvakuum: Die Wirkung ähnelt einer Beratung, aber die Verantwortlichkeit bleibt verteilt.</p>
<p>Mark Coeckelbergh betont in der KI-Ethik, dass Debatten über<a href="https://mitpress.mit.edu/9780262544092/robot-ethics/"> <em>„Robot Ethics“</em></a> häufig Fragen über Menschen sind: über Praktiken, Macht, Abhängigkeiten und soziale Rollen. Luciano Floridi beschreibt ähnliche Probleme über <a href="https://katalog.ub.uni-heidelberg.de/cgi-bin/titel.cgi?katkey=68416993"><em>„conceptual design“</em></a>: Wir bauen Begriffe, Rollen und Systeme, die Handlungsräume formen.</p>
<p>Für die Praxis bedeutet das: Es reicht nicht, Modelle sicherer zu machen. Man muss die Interaktion so gestalten, dass Nutzer Autonomie behalten.</p>
<h3><strong>Drei Szenarien, die uns bekannt vorkommen</strong></h3>
<p>Morgens, Mathehausaufgaben. Eine Schülerin sitzt über einer Aufgabe, die sie gestern noch konnte. Sie öffnet den KI-Tutor, den manche schon den<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7334736/"> <em>„sokratischen Algorithmus“</em></a> nennen: Er fragt freundlich zurück, statt sofort zu liefern. <em>„Was ist gegeben? Welche Regel passt?“</em> Die Fragen führen sie durch die Aufgabe, Schritt für Schritt, ohne Seufzen und ganz ohne Zeitdruck. Nach drei Aufgaben wächst das Selbstvertrauen. Nach der vierten wächst die Bequemlichkeit: Ein Klick, und die Musterlösung steht da. Genau so kippt sinnvolle Nutzung in<a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886"><em> „misuse“</em></a>: Vertrauen wandert vom eigenen Urteil zur Maschine.</p>
<p>Mittags, Schulpause. Es gibt Streit in der Klasse, aber unsere Schülerin möchte nicht auf die Vertrauenslehrer zugehen. Im Chatbotfenster schreibt sie ihre Gefühle auf. Kein Blick, der urteilt. Kein Kommentar, der hängen bleibt. Die Hemmschwelle sinkt, weil Scham und soziale Sanktion fehlen. Das fühlt sich entlastend an, fast wie Vertrautheit. <a href="https://www.mediastudies.asia/wp-content/uploads/2017/02/Sherry_Turkle_Alone_Together.pdf">Turkle</a> beschreibt diese Verschiebung als Tausch: mehr Komfort für weniger anspruchsvolle Beziehung. In einer Krise trägt jedoch kein Programm Verantwortung, egal wie warm es für uns im Moment des Trosts klingt.</p>
<p>Abends, Smartphone. Die Schülerin will ein Abo kündigen, das plötzlich Geld kostet. Ein Chatfenster begrüßt sie mit ihrem Namen und einem knappen <em>„Ich bin für dich da“</em>. Es kennt all ihre Daten, entschuldigt sich höflich und bietet drei Standardwege an. Sobald sie erklärt, was wirklich passiert ist, beginnt die Schleife: dieselben Fragen, neue Formulare, am Ende eine Ticketnummer. Der Ton wirkt persönlich, aber die Zuständigkeit bleibt unauffindbar. Der Kontakt wird glatt, die Zuständigkeit verschwindet im System.</p>
<h3><strong>Leitplanken: Ontologische Klarheit statt künstlicher Empathie</strong></h3>
<p>Die zentrale Aufgabe liegt in einer Ethik der Wahrnehmung. Wer Systeme baut, gestaltet soziale Effekte. Drei Prinzipien drängen sich auf:</p>
<p>Erstens: Ontologische Klarheit im Interface. Ein System soll als System erkennbar bleiben. Jede Inszenierung von Innerlichkeit verstärkt Projektion.</p>
<p>Zweitens: Krisen-Weiterleitung. Sobald Inhalte nach Selbstgefährdung, Gewalt, schwerer Depression klingen, braucht es klare Übergänge zu menschlichen Stellen. <a href="https://www.mediastudies.asia/wp-content/uploads/2017/02/Sherry_Turkle_Alone_Together.pdf">Turkle</a> zeigt, wie schnell Technik zum Ersatzkanal wird. Doch gerade dort braucht es Grenzen.</p>
<p>Drittens: KI-Literacy als Selbstschutz. Nutzer brauchen weniger reine Medien- als umfassende Urteilskompetenz: Plausibilität prüfen, Quellen verlangen, Unsicherheit erkennen und Verantwortung zuordnen. Die Automationsforschung liefert dafür ein robustes Vokabular: <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886">use, misuse, disuse, abuse</a>.</p>
<h3><strong>Weisheit bleibt ein menschlicher Akt</strong></h3>
<p>Der erste Chatbot der Geschichte, ELIZA, brauchte 1966 nur ein paar Rückfragen und viele hörten schon einen Therapeuten. Heute klingt das Ganze noch runder und professioneller. Die Mechanik bleibt jedoch dieselbe: Syntax trifft auf Projektion.</p>
<p>Der Chinese Room zeigt, wie leicht Output wie Verstehen wirkt. Der P-Zombie zeigt, wie leicht Verhalten wie echtes Erleben wirkt. Beides erklärt den Sog moderner Sprachmodelle: Sie liefern lediglich die Form eines Geistes. Den Geist selbst denken wir uns nur dazu.</p>
<p>Die entscheidende Frage lautet daher heute (noch) nicht, ob KI fühlt. Sie lautet: Warum geben wir ihr jetzt schon diese Rolle? Wer diese Frage klärt, gewinnt Distanz und damit Autonomie.</p>
<p><strong>Jenny Joy Schumann &amp; Rasim Sadikhov</strong>, Berlin</p>
<p><a href="https://jennyjoyschumann.de/"><strong>Jenny Joy Schumann</strong></a> ist Finanzökonomin und Juristin und forscht an der Schnittstelle von KI, Ethik, Ökonomie und Recht. Sie publiziert als freie Journalistin in den Bereichen Rechtsphilosophie, Wirtschaft und Gesellschaft. Zudem moderiert und konzipiert sie regelmäßig Formate zu Technologie-, Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen.</p>
<p><strong>Rasim Sadikhov </strong>ist Historiker, Philosoph und Analyst mit über 35-jähriger Forschungserfahrung in den Bereichen Geschichte, Linguistik, Gesellschaftskunde und Marktmechanismen. Er ist Leiter des <a href="https://www.diw.de/de/diw_01.c.620233.de/publikationen/diw_wochenbericht.html">Deutschen Instituts für Wirtschaftliche Treue &amp; Substanzerhalt</a>, einer privatwirtschaftlichen Forschungsinitiative, die sich der Analyse systemischer Kluften zwischen statistischem Schein und realer wirtschaftlicher Substanz widmet. Als Entwickler des <a href="https://de.linkedin.com/posts/rasimsadikhov_rsvmarketintelligence-physicalvacuum-silver2026-activity-7427614940854788096-AYzR">RSV Vacuum Divergence Model™</a> untersucht er kritisch die Auswirkungen der digitalen Transformation und der KI auf unsere Ressourcen und unser menschliches Selbstverständnis.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 27. März 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Ein philosophisches Genre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Nov 2025 07:21:10 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein philosophisches Genre Lukas Dubro über Science Fiction aus China „Zwei Atomkriege in nur 30 Jahren hatten fast alles vernichtet. Trotzdem konnten sie die Welt ein weiteres Mal aus den Ruinen heben, und fürchteten fortan ihre eigenen Fähigkeiten. / Wir sind so mächtig, dass ein einziger Mensch die Welt zerstören kann, sagte Ruian. /  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Ein philosophisches Genre </strong></h1>
<h2><strong>Lukas Dubro über Science Fiction aus China</strong></h2>
<p><em>„Zwei Atomkriege in nur 30 Jahren hatten fast alles vernichtet. Trotzdem konnten sie die Welt ein weiteres Mal aus den Ruinen heben, und fürchteten fortan ihre eigenen Fähigkeiten. / Wir sind so mächtig, dass ein einziger Mensch die Welt zerstören kann, sagte Ruian. / Wir sind so impulsiv, dass ein einziger Streit einen Krieg auslösen kann, sagte Kyoko Yamashita. / Wir können die wahren gewalttätigen Neigungen in unseren Seelen nicht bändigen und lassen unsere Aggressionen auf andere niederprasseln. Es wäre also das Beste, wenn wir uns voneinander fernhalten würden, sagte Aixiia.“ </em>(Chi Hui, Der Algorithmus des Artifiziellen, in: Chi Hui, Das Erbe der Menschheit und andere Geschichten, Augsburg, MaroVerlag, 2022)</p>
<div id="attachment_7640" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/270-kapsel-05-der-einsiedler-9783875128574.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7640" class="wp-image-7640 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-200x306.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-400x612.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-600x919.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-669x1024.jpg 669w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-768x1176.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-800x1225.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1003x1536.jpg 1003w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1200x1837.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1338x2048.jpg 1338w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-scaled.jpg 1672w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-7640" class="wp-caption-text">Kapsel No. 5. Cover: Marius Wenker. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Science Fiction aus China wird in der Regel mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a> verbunden, dessen Trisolaris-Romane inzwischen auch verfilmt wurden. Eine erste Staffel erschien bei Netflix unter dem Titel „The Three Body Problem“, die zweite ist angekündigt. Aber es gibt in China noch viel mehr zu entdecken. Es ist das Verdienst eines jungen Teams, Lukas Dubro, Felix Meyer zu Venne, Chong Shen, Marius Wenker und Konrad B. Winkler, junge und aktuelle Autor:innen der chinesischen Science Fiction in der deutschen Öffentlichkeit bekannter zu machen. Vier Ausgaben der „Kapsel“ erschienen bei <a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin">„Frue</a><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin">hwerk“</a>. Seit 2022 wird die <a href="https://kapsel-magazin.de/">Zeitschrift „</a><a href="https://kapsel-magazin.de/">Kapsel“</a> im <a href="https://www.maroverlag.de/">MaroVerlag</a> veröffentlicht. Dort erscheinen auch weitere Bände mit Erzählungen, die ebenso wie die Zeitschrift alle nicht nur literarisch, sondern auch künstlerisch ausgesprochen kreativ gestaltet werden, zuletzt im Oktober die Sammlung „Im Ozean ein Mutterschiff“ von Gu Shi, zuvor im Jahr 2023 die Sammlung „Das Erbe der Menschheit“ von Chi Hui, und Anfang des Jahres 2025 die dritte Auflage der Anthologie „Sechs Geschichten von heute über morgen“ mit unter anderem Xia Jia, Regina Kanyu Wang und Qiufan Chen. Alle Ausgaben der „Kapsel“ erscheinen zweisprachig, deutsch und chinesisch.</p>
<p>Fritz Heidorn hat im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> die chinesische Science Fiction in europäische und US-amerikanische Traditionen eingeordnet. Der Titel seines Essays <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-chinesische-spiegel/">„Der chinesische Spiegel“</a> zeigt bereits, dass die in der Science Fiction verhandelten Utopien und Dystopien sich weltweit ähneln, ungeachtet ihrer jeweils individuellen literarischen Gestaltung, mitunter transponiert in ferne Welten, oft genug auch als fast schon unabweisbar erscheinende Verlängerung des Heutigen in eine gar nicht so ferne Zukunft: Klimaschutz, Plastikmüll in den Meeren, künstliche Intelligenzen, die nach allen wissenschaftlich begründeten Wahrscheinlichkeiten durch das Eingreifen des Menschen selbst gefährdete Zukunft der Menschheit. Die zu Beginn zitierte Szene der Erzählung von Chi Hui mündet in die vielleicht grundsätzliche Frage, die wir Menschen uns angesichts der absehbaren Möglichkeiten, Risiken und Wahrscheinlichkeiten einer Welt, in der perfektionierte Artifizialität uns Menschen optimieren oder gar ersetzen könnte, stellen müssen: <em>„Sind wir dann … noch Menschen?“ </em>Eben diese Frage prägt auch die chinesische Science Fiction. Anlass genug, sich mit einem der Macher:innen der Publikationen der „Kapsel“ ausführlicher zu unterhalten.</p>
<h3><strong>Chinesische Science Fiction – eine höchst lebendige Szene</strong></h3>
<div id="attachment_7641" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7641" class="wp-image-7641 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-300x237.jpg" alt="" width="300" height="237" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-200x158.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-300x237.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-400x316.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267.jpg 419w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7641" class="wp-caption-text">Lukas Dubro, Foto: Yanina Isla.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist das Kapsel-Projekt entstanden und wie haben Sie die Autor:innen aus China, deren Erzählungen Sie veröffentlichen, entdeckt?</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Es war eine Folge von Zufällen. Ich habe Angewandte Literaturwissenschaft an der Freien Universität in Berlin studiert. Dort wird man sehr praxisnah an die Literatur herangeführt. Mit Marius Wenker, der unsere Kapsel-Hefte gestaltet, hatte ich bereits ein Fanzine über den Berliner Pop-Unterground gemacht, das „Cartouche“ hieß. Zu diesem Zeitpunkt las ich sehr gerne Science Fiction. Ich habe auch immer Sinologie studieren wollen, aber leider wegen des sehr hohen NC keinen Studienplatz erhalten, konnte aber wenigstens in einem Bachelor-Grundkurs ein wenig Chinesisch lernen. Hinzu kam, dass ich mich für chinesische Literatur interessierte und dass es so viele Möglichkeiten gab, günstig zu den abenteuerlichsten Themen zu publizieren. Und so kam ich auf die Idee, eine Zeitschrift für chinesische Science Fiction herauszugeben.</em></p>
<p><em>Als wir im Jahr 2015 mit der „Kapsel“ anfingen, gab es noch keine Übersetzungen chinesischer Science Fiction. Die deutschen Übersetzungen von Cixin Liu erschienen erst ab dem Jahr 2016 bei Heyne. Ich war  kein Experte für chinesische Literatur und somit auch nicht für chinesische Science Fiction. In der Mensa lernte ich über einen Freund aus dem Chinesisch-Kurs Chong Shen kennen, der sich von Anfang an bis heute an der Übersetzung der Texte beteiligt und damals auch bei der Konzeption und der Recherche half. Der nächste Zufall war, dass es zu diesem Zeitpunkt an der FU ein Seminar gab, geleitet von </em><a href="https://de.linkedin.com/in/frederike-schneider-vielsäcker"><em>Frederike Schneider-Vielsäcker</em></a><em>, die sich mit chinesischer Science Fiction befasst.</em></p>
<p><em>Ich hatte Chong damals gebeten, einen „Hilferuf“ abzusetzen, um eine chinesische Science-Fiction-Autorin zu finden. Das haben wir über Douban, das größte soziale Netzwerk</em><em> für Buch-, Film- und Musikliebhaber </em><em>in China, getan, wir wollten ein Magazin machen, könnte uns jemand eine Geschichte vorschlagen? Über Douban meldete sich dann eine Userin, die Mitglied eines Science-Fiction-Clubs in Shanghai war, den Regina Kanyu Wang mitgegründet hatte. Regina Kanyu Wang haben wir später in der sechsten Ausgabe der „Kapsel“ mit der Erzählung „Zhurong auf dem Mars“ ein eigenes Heft gewidmet. Die Userin sagte, sie habe gerade eine Arbeit über Chi Hui zu dem Thema Utopien in der Science Fiction geschrieben. Sie empfahl uns eine Geschichte von Chi Hui, die auch in „Das Erbe der Menschheit“ vorkommt: „Das Insektennest“. Wir haben dann den Kontakt zu Chi Hui hergestellt und sie für unsere erste Ausgabe über den Messenger QQ interviewt. Frederike half uns bei der Auswahl der Texte.</em></p>
<div id="attachment_7649" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7649" class="wp-image-7649 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-1200x1601.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1.jpg 1276w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7649" class="wp-caption-text">Felix Meyer zu Venne in Chengdu. Foto: Kapsel.</p></div>
<p><em>Ich muss noch eines ergänzen: Ich fliege nicht, weil ich Angst davor habe. Über die Science Fiction und das Kapsel-Projekt hatte ich dann die Möglichkeit, China zu mir zu holen. Mir war gar nicht bewusst, was für ein Fenster ich damit geöffnet habe. Auf die erste Ausgabe gab es viele positive Reaktionen. Sie erschien damals noch nicht bei MaroVerlag, sondern bei </em><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin"><em>„Frue</em><em>hwerk“</em></a><em>. Das war ein weiterer Zufall: Unser erster Verleger Ruben Pfizenmaier von Fruehwerk saß damals neben mir im Chinesischkurs. Und dann gab es noch den, dass über einen Freund Felix Meyer zu Venne als Übersetzer hinzukam. Er war damals gerade in China und traf sich mit Xia Jia, einer anderen in China sehr bekannten Science-Fiction-Autorin. Und schon hatten wir eine Geschichte für die zweite Ausgabe der „Kapsel“. Felix, der gerne und viel nach China fliegt, kennt dort inzwischen viele tolle Autor:innen. Im Jahr 2023 war er auf der </em><a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/triff-die-zukuenfte-ein-bericht-von-der-worldcon-2023-chengdu-china"><em>WorldCon in Chengdu</em></a><em>. In Chengdu gibt es sogar ein riesiges </em><a href="https://arquitecturaviva.com/works/museo-de-ciencia-ficcion-en-chengdu"><em>ScienceFiction-Museum</em></a><em> mit einer beeindruckenden Architektur. Felix schickte mir ein Selfie nach dem anderen – immer anderen Autor:innen, die wir schon in der Kapsel hatten oder haben wollten. </em></p>
<p><em>Das erste Heft der „Kapsel“ erschien 2017 (es ist leider vergriffen). Damals nahmen wir an der </em><a href="https://www.hkw.de/programme/events/miss-read-2025"><em>„Miss Read“</em></a><em> teil, einer Messe für Independent Publishing. Da saß auf einmal Sarah Käsmayr neben mir – ein weiterer toller Zufall. Daraus entstand eine Freundschaft. Seit 2017 beteiligt sie sich als Lektorin und als Freundin, gibt uns regelmäßig Tipps und Ratschläge, auch Korrekturvorschläge. Irgendwann kam die Idee, die „Kapsel“ beim MaroVerlag zu veröffentlichen. Bei „Fruehwerk“ erschienen die ersten vier Ausgaben, seit 2022 erscheinen „Kapsel“ und die Erzählbände bei Maro.</em></p>
<p><em>Wir haben inzwischen ein gutes Netzwerk in Deutschland und in China. Mehrere Autor:innen hatten wir auch schon zu Gast in Berlin. Ich hätte mir damals, als wir mit „Kapsel“ losgelegt haben, in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass es so weit kommen könnte. Dass das alles gelang, ist eigentlich auch schon selbst eine Science-Fiction-Geschichte – und allen zu verdanken, die mit ihrer großartigen Arbeit und Expertise zu der Zeitschrift beigetragen haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie verbreitet ist Science-Fiction-Literatur beziehungsweise utopische Literatur in China? Die WorldCon, das Museum deuten auf ein großes Publikum hin.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Die Szene in China ist sehr lebendig. </em><em>Über den internationalen Erfolg von Cixin Liu wurde die chinesische Science Fiction in China fast über Nacht über die Science Fiction-Kreise hinaus bekannt und schaffte damit Zugang zu einem immer breiter werdenden Publikum. Durch Cixin Liu begeistern sich viele Leser:innen für Science Fiction. </em><em>Die im Jahr 1979 gegründete Science Fiction World hatte einmal eine Auflage von um die 400.000 Exemplaren. Es gibt viele Leute, die schreiben, überall Fanclubs. Gleichwohl ist Science Fiction nach wie vor eine Nische, wenn auch die Szene wächst. Charakteristisch für die Szene in China ist, dass die Anhänger:innen im Vergleich zu anderen Ländern deutlich jünger sind.  </em></p>
<p><em>Das ist eine Art von „geweckt werden von außen“ und spricht auch dafür, dass dieses Genre per se international vernetzt ist. </em></p>
<h3><strong>Utopien, Dystopien, Kontroversen und Konflikte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Geschlechterverteilung ändert sich zurzeit auch in Europa, es sind eben nicht nur Männer, in Deutschland beispielsweise <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-climate-fiction-und-die-politik/">Theresa Hannig</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/realistische-fantastik/">Zara Zerbe</a>, <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957">Patricia Eckermann</a> oder <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/">Aiki Mira</a>, deren Romane sich durchaus im Sinne von Ursula K. Le Guin weiter fassen lassen, nicht nur als Science Fiction, sondern als Speculative Fiction. Es geht eben nicht nur um Entwicklungen durch Technologie und Wissenschaft, sondern auch um Entwicklungen in Gesellschaft und Politik. Ich bin ganz zuversichtlich, dass sich die männliche Dominanz unter den Autor:innen auch bei uns langsam auflösen wird.</p>
<div id="attachment_7643" style="width: 187px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/266-sechs-geschichten-von-heute-ueber-morgen-9783875128604.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7643" class="wp-image-7643 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-177x300.jpg" alt="" width="177" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-177x300.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-200x339.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-400x678.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-600x1018.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-604x1024.jpg 604w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-768x1302.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-800x1357.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-906x1536.jpg 906w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-1200x2035.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-1208x2048.jpg 1208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke.jpg 1358w" sizes="(max-width: 177px) 100vw, 177px" /></a><p id="caption-attachment-7643" class="wp-caption-text">Eine der sechs Geschichten ist die von Xia Jia über Drachenpferd. Covergestaltung: Marius Wenker, Illustration: Claudia Schramke. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Unter den erfolgreichen Autor:innen in China sind viele Frauen. Die Autor:innen, mit denen wir arbeiten, haben alle sehr unterschiedliche Stile. Bei Xia Jia gibt es eine Fülle fantastischer Elemente, sodass man ihre Erzählungen gar nicht unbedingt als Science Fiction-Geschichte liest. Es fliegen Inseln in den Wolken, es gibt keine Menschen mehr, es gab irgendeine Katastrophe, aber die wird nicht weiter ausgeführt. Eine ihrer Geschichten wurde von einem Holzpferd inspiriert. In Nantes, der Stadt, in der </em><a href="https://julesverne.nantesmetropole.fr/"><em>Jules Verne</em></a><em> geboren wurde, stehen um eine Halle herum viele Holzfiguren, darunter auch eine Art Drachenpferd. Daraus machte Xia Jia eine Geschichte: Ein Drachenpferd wacht in einer Welt ohne Menschen auf, lernt eine Fledermaus kennen, mit der es sich dann Geschichten aus der Welt erzählt, in der es noch Menschen gab. Eine eher nostalgische Geschichte, durchaus typisch für die Geschichten von Xia Jia.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und zugleich ist die Geschichte wie es sich für Science Fiction gehört eine technologisch-futuristische Vision. Ich darf eine kurze Passage aus der Erzählung „Nachtstreifzug des Drachenpferds“ zitieren: <em>„Was sind das alles für gute Geister und Dämonen? Sie kommen in allen erdenklichen Formen, Farben, Stoffen und Linien. (…) Sie alle sind genau wie er: hybride Wesen aus Tradition und Moderne, Mythos und Technologie, Traum und Wirklichkeit. Sie alle sind von Menschenhand gemacht und zugleich ein Teil der Natur.“ </em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Ein anderer Autor ist Jiang Bo, der sich für Künstliche Intelligenz interessiert und sich mit der Technologie und den Fragen, die dadurch aufgeworfen werden, auseinandersetzt. In der dritten Ausgabe der „Kapsel“ gab es eine Geschichte, die in einer Art Krankenhaus spielt. Achtung Spoiler: Dort kommt eine KI zum Einsatz, die anhand von Kalkulationen über Leben und Tod entscheidet. Eine Patientin ist so krank, dass sie sich die Behandlung nicht mehr leisten kann und die KI entscheidet, dass man sie doch einfach töten könnte, um der Familie viel Geld zu ersparen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Triage und Sterbehilfe sind überall ein kritisches Thema und werden in letzter Zeit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">auch im Kontext von k</a><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">ünstlicher Intelligenz debattiert</a>. Das Thema wird auch in „Eine Einführung zu Ouvertüre 2181, zweite Auflage“ literarisch bearbeitet. Die Grundsituation: Eine Welt, in der nach dem Ausbruch des Yellowstone-Vulkans im Jahr 2084 nur noch eine Milliarde Menschen leben. Es gibt große Kälteschlafstädte, die eine <em>„Alternative zur Sterbehilfe“</em> bieten. Dann schreibt Gu Shi: <em>„Es dauerte nur dreißig Jahre, um die menschliche Vorstellung von Leben, Tod und Zeit zu revolutionieren, was aus heutiger Sicht unglaublich erscheint. Wenig überraschend mischten sich in dieser Zeit alle möglichen Stimmen in die Debatte ein, auch Gegner, von denen nicht wenige mit Anschlägen drohten.“ </em>Eltern verlassen ihre Kinder in den Kälteschlaf, traditionelle menschliche Beziehungen verschwinden, die Macht der Unternehmen wächst. Man könnte hier sogar von einer Spielart der Kapitalismuskritik sprechen: <em>„Wie ein Konzept entstanden ist oder welche Gewinnabsichten dahinterstecken, ist im Grunde nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass es von allen angenommen wird und die Leute bereit sind, für die Produkte zu zahlen. Das zeigt, dass wir es brauchen.“ </em>Die Gegner:innen des Kälteschlafs sind <em>„die Übriggebliebenen“.</em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>In dieser Erzählung können Menschen aus dem Kälteschlaf in einer Welt aufwachen, in der sie jünger sind als ihre Kinder. Was passiert dann? Wie entwickelt sich dann das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern? Ich mag an dieser Geschichte, dass sie fast schon ein bisschen journalistisch erzählt wird, dass die Protagonistinnen wechseln und Gu Shi so ein sehr heterogenes Bild der Möglichkeiten gibt. Es gibt Leute, die gesund werden wollen, welche, die ihren Lebenstraum erfüllen wollen, solche, die reich werden wollen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „An der wilden Furt ist niemand“ wird eine KI, genannt <em>„KA-I“</em> ausgebildet. <em>„Der Lehrer (…) war überzeugt, dass KA-I früher oder später alle Dichter und Komponisten der Welt ersetzen könnte.“</em> KA-I wird mit der Zeit erwachsen, die Lehrerin kündigt eine letzte Prüfung an: <em>„Die Menschen sahen mit seinen Augen, hörten mit seinen Ohren, vertrauten ihm ihre ganze Freude an, sie achteten jedoch nicht mehr auf die Schönheit der Jahreszeiten und vernachlässigten ihre Familien. Sie waren wie Maschinen. Und nun war KA-I erwacht. Er besaß ihre Gefühle, kontrollierte ihre Fantasie. Er war der einzige Mensch auf der Welt. Lange Zeit schwieg er. Schließlich setzte er zu einer Antwort an. Seine Geschichte begann so: ‚Die Menschheit wird sterben.‘“</em> Der letzte ist dann auch der erste Satz der Erzählung. Es ist die Geschichte eines unabwendbaren und geradezu unerbittlich logischen und konsequenten Prozesses.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Chi Hui, die Autorin der ersten „Kapsel“ und des Bandes „Das Erbe der Menschheit“, wirkte während ihres Besuchs in Deutschland eher introvertiert. In der Titelgeschichte des Buches verabschieden sich die Menschen von dem Planeten, den sie zerstört haben. Es bleiben die Ratten, die in dieser Welt zu überleben verstehen. </em></p>
<div id="attachment_5904" style="width: 208px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/273-das-erbe-der-menschheit-9783875128581.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5904" class="wp-image-5904 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5904" class="wp-caption-text">Covergestaltung: Marius Wenker; Illustration: Theresa Klenke. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Chi Hui schreibt: <em>„Dort ist lebhaft spürbar, dass die Macht der Menschheit in Wirklichkeit sehr groß ist. Wir sind nicht klein und niemals unbedeutend. Die ‚Menschheit‘ als Ganzes ist riesig, der Müll, den wir wegwerfen, bedeckt die Weltmeere, unsere Taten erschüttern im Verborgenen unsere ganze Welt.“ </em>Und nach ihrer Rückkehr werden die Menschen vielleicht zu Archäolog:innen der Zerstörung: <em>„Vielleicht kommt der Tag, an dem unsere Nachfahren von fernen Sternen zurückkehren. Sie werden auf dem Kontinent Rabbilia im Pazifischen Ozean landen und geduldig Plastikmüll ausgraben: erste Luftreifen aus dem Jahr 1945, Ansichtskarten der Weltausstellung 2010, Regencape-Fitzel aus Russland und Plüschkängurus aus Australien … Das gesamte Plastikzeitalter – von dessen Geburt bis hin zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft – wird auf diesem Müllkontinent komprimiert sein und von unseren Kindern und Enkelkindern untersucht werden.“</em> Ich selbst erlaube mir gelegentlich die Bemerkung, dass von unserer Zivilisation in einigen 1.000 Jahren vielleicht nur ein Haufen Tupperware übrigbleibt.</p>
<p>Aber wir hätten es in der Hand. Haben wir es in der Hand? Ich erlaube mir diese rhetorische Frage, die niemand beantworten kann, es sei denn man ist davon überzeugt, dass Murphys Law stimmt, dass es – sinngemäß zitiert – immer dann, wenn etwas zur Katastrophe führen kann, jemanden geben wird, der diese Katastrophe auslöst.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Regina Kanyu Wang beginnt ihre Erzählung „Zhurong auf dem Mars“, die wir in der sechsten Ausgabe der „Kapsel“ veröffentlicht haben, in der fiktiven Marsstadt „Magna Deserta“. Qiufan Chen erzählt Cyberpunk-Geschichten. Das sind alles Themen, die es auch in der westlichen Science Fiction gibt. Die chinesische Science Fiction wurde durchaus durch westliche Science Fiction beeinflusst, vielleicht versucht sie auch, sich abzugrenzen, um eine andere Perspektive zu eröffnen, so wie es beispielsweise Xia Jia gemacht hat, die einen ganz eigenen Stil entwickelt hat, der ins Fantastische geht. Wie in der westlichen Science Fiction gibt  es aber auch Hard Science Fiction, in der die Dinge, die es jetzt schon gibt, einfach nur ins Extrem gesteigert werden, zum Beispiel von Cixin Liu, Liu Yang oder Jiang Bo.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Motiven wie dem Drachenpferd von Xia Jia dachte ich an ein altes aus der europäischen Mythologie stammendes Motiv, den Hippogryphen, den es schon bei Ariost im „Orlando Furioso“ als Reittier gibt, mit dem der Ritter Astolfo auf den Mond reist, um dort all den verlorenen Verstand von Menschen in Flaschen aufgezogen vorzufinden. Der Hippogryph hat es ja dann auch in die Harry-Potter-Welt geschafft. Nun gibt es auch in der chinesischen Mythologie eine Menge Fabelexistenzen.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Es gibt immer wieder enge Bezüge zur chinesischen Mythologie. Wir versuchen in der „Kapsel“, die Bezüge zur chinesischen Kultur zu erklären. Das Drachenpferd von Xia Jia verlässt irgendwann seinen Körper und fliegt in die Welt der Götter. Gu Shi zitiert klassische chinesische Gedichte. Die klassische chinesische Literatur wird in Form von Zitaten oder von bestimmten Personen immer wieder aufgegriffen, nicht nur bei Gu Shi, und vor allem neu interpretiert oder kreativ umgedeutet. Ich bin daher sehr froh, dass Chong und Felix dies mit ihrer Kompetenz erklären und kommentieren können. Bei „Zhurong auf dem Mars“ haben die beiden gegeneinander kämpfenden künstlichen Intelligenzen die Namen der Götter Zhurong und Gonggong. Zhurong ist Gott des Feuers, Gonggong Gott des Wassers (Zhurong war übrigens auch der Name des chinesischen Marsrovers). Bei der Übersetzung gab es eine Herausforderung: Regina Kanyu Wang verwendet für Zhurong ein geschlechtsneutrales Pronomen und für Gonggong ein Pronomen, das im Chinesischen üblicherweise für Tiere und Gegenstände genutzt wird. Wir haben uns in der Übersetzung für das weibliche Pronomen entschieden, weil „künstliche Intelligenz“ in der deutschen Sprache den weiblichen Artikel hat. Die Götter aus der Geschichte haben in der chinesischen Mythologie allerdings ein männliches Geschlecht.</em></p>
<div id="attachment_7644" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/306-im-ozean-ein-mutterschiff-9783875128611.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7644" class="wp-image-7644 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-400x607.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-600x911.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-768x1166.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-800x1215.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1012x1536.jpg 1012w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1200x1822.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1349x2048.jpg 1349w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-scaled.jpg 1686w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-7644" class="wp-caption-text">Cover: Sebastian Vogt. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir hat die Erzählung „Die letzte Datei“ von Gu Shi sehr gefallen, eine Erzählung, in der es um eine Technologie geht, mit der man sich in eine andere Zeit versetzen kann: <em>„Der technische Fortschritt hatte dafür gesorgt, dass der Raum biegsam wurde. Entfernungen definierten sich nun nicht mehr durch die eigentliche Strecke, sondern durch die für ihre Überwindung benötigte Zeit. ‚Von Peking nach New York in nur einer Stunde‘, hieß es in einem Werbespot.“</em> Es gibt ein Unternehmen, das dies organisiert: <em>„Bereust du etwas? Wähl Timeline!“</em> Es gibt die Möglichkeit, <em>„dass ihr für den Rest eures Lebens an der Welt der anderen teilhaben könnt, vorausgesetzt ihr schließt mit euren Freunden einen Vertrag zum gemeinsamen Speichern ab.“</em></p>
<p>Bei Regina Kanyu Wang in „Zhurong auf dem Mars“ erleben die künstlichen Intelligenzen Empathie wie reale Menschen auch. Sie denken über Leben und Tod nach. Am Schluss der Erzählung lesen wir: <em>„Kurz vor ihrem Ende erlangte Zhurong die Antwort auf ihre Frage. Wenn sie jetzt starb, musste sie also doch gelebt haben.“ </em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Mir hat die Idee sehr gefallen, eine KI auf dem Mars auf Sinnsuche zu schicken. </em> <em>Jede Geschichte hat für sich selbst eine große Kraft. Bei Xia Jia gibt es die Geschichte eines Arztes, der sehr krank ist und einen Roboter einsetzt, um seinen Patient:innen zu helfen. Er holt sie zu sich, um sie dann aus dem Bett heraus mit dem Roboter zu behandeln. Das ist natürlich irgendwie auch fast schon romantisch. Diese Geschichte hat Xia Jia ihrem Großvater und der älteren Generation gewidmet, weil sie fand, dass diese ihr gezeigt haben, dass das Leben so nah am Tod nichts ist, vor dem man sich fürchten muss. Ich will damit zeigen, dass die Autor:innen sehr viel von sich selbst in die Geschichten hineinstecken, sodass man auch ein anderes Bild von China bekommt, obwohl viele Autor:innen sagen, dass es nicht ihre Absicht ist, Wissen über China zu vermitteln. In China machen sich Menschen ebenfalls Gedanken über Armut und Reichtum, Städteplanung und Klimawandel, Feminismus, Gesundheit, Leben und Tod, alles Fragen, mit denen auch wir uns in Deutschland, in Europa befassen.</em></p>
<h3><strong>Gedankenspiele der Zukunft </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Spiel mit Raum und Zeit scheint mir in den von Ihnen veröffentlichten Texten immer wieder thematisiert zu werden. Ein experimentierfreudiges Genre, eigentlich daher auch ein philosophisches Genre. Das spiegelt sich nicht zuletzt in der weltweiten Anerkennung. <a href="https://nebulas.sfwa.org/">Nebula Award</a>, <a href="https://www.thehugoawards.org/">Hugo Award</a> und manches mehr.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Die Geschichten sind einfach toll. Den Hugo Award gewonnen haben zum Beispiel Cixin Liu, Hao Jingfang für </em><a href="https://literaturschock-forum.de/forum/thread/49261-hao-jingfang-peking-falten/"><em>„Peking falten“</em></a><em>. Gu Shi und Regina Kanyu Wang waren in den vergangenen zwei Jahren nominiert.</em></p>
<p><em>Ich bin nicht der absolute Science-Fiction-Nerd. Mich interessiert die philosophische Ebene. Science Fiction setzt sich meist mit der Gegenwart auseinander. Man kann aber in andere Welten hineinschauen und sich mit den Ideen anderer auseinandersetzen. Es gibt immer wieder die nicht-menschliche Perspektive, die Perspektive einer KI, ebenso wie menschliche Perspektiven, oft im Wechsel zueinander. All das hatte ich vor meiner Entdeckung der chinesischen Science Fiction so noch nicht gelesen. Es ist experimentierfreudig, spielt mit den Formen.</em></p>
<div id="attachment_5905" style="width: 206px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/283-kapsel-06-zhurong-auf-dem-mars-9783875128598.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5905" class="wp-image-5905 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6.jpg 304w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5905" class="wp-caption-text">Cover: Marius Wenker. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>An der chinesischen Science Fiction interessiert mich gerade auch der Alltagsbezug. Die Technologie ist einfach da und man schaut, wie man damit umgeht und passt sich an. Regina Kanyu Wang sagte im Interview, das wir in „Kapsel Nr. 6“ abgedruckt haben: „Technologien wie das Internet und Smartphones sind ein untrennbarer Teil von vielen von uns geworden und haben unser Leben und sogar unser Denken dramatisch verändert. Von Herzschrittmachern über mechanische Prothesen bis hin zu Gehirn-Computer-Schnittstellen haben kybernetische Veränderungen am menschlichen Körper Einzug in unseren Alltag gefunden. Wie kann man da noch eine klare Grenze zwischen Technik und Natur, zwischen organisch und anorganisch ziehen?“ </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte aus dem Dystopischen etwas Utopisches ableiten. Ich sehe auf jeden Fall, dass die chinesische Science Fiction in der Lage ist, uns eine ganze Menge Denkanstöße zu liefern, in etwa das, was Ursula K. Le Guin mit <em>„Speculative Fiction“</em> meint.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Genau das ist unser Ziel: Wir wollen Denkanstöße liefern. Die Idee der „Kapsel“ war, Themen zu präsentieren, die in meiner Generation eine wichtige Rolle spielen. Manche interessieren sich nicht so sehr für das Morgen. Aber durch den technischen Fortschritt geschieht so viel, das wir um das Morgen gar nicht herumkommen. Das sollte uns doch anregen, uns mit Fragen zu befassen, was geschieht, was sich entwickelt, wenn Roboter oder Algorithmen die Arbeit übernehmen, welche Möglichkeiten es gibt. Hat man in Zukunft als Mensch mehr Freizeit, mehr Zeit zum Philosophieren? Oder was geschieht mit unserem Wohlstand? Da passiert so viel, aber die Fragen nach der Verteilung des Wohlstands werden kaum gestellt. Und was bleibt vom Menschen in einer hoch technologisierten Welt noch übrig? Das ist ein zentrales Thema der Autor:innen unserer „Kapsel“.</em></p>
<p><em>Bei Gu Shi haben wir das auf dem Klappentext festgehalten: „Die chinesische Autorin und Stadtplanerin Gu Shi verwebt Zukunftsvisionen mit existenziellen Fragen. Ihre Figuren bewegen sich in Szenarien, in denen technologische Durchbrüche Verluste markieren – an Fantasie, an Autonomie, an Menschlichkeit – aber auch vielfältige Möglichkeiten versprechen.“ Es muss ja nicht die Welt untergehen, es könnte auch alles einfach nur schön werden. </em></p>
<p><em>So bin ich an die chinesische Science Fiction herangegangen. Ich dachte auch daran, dass China uns in manchen technologischen Dingen so weit voraus ist, auch im Einsatz von Technologie im Alltag. Wie sehen dort die Menschen die Zukunft? Es ging uns darum, Ideen zu sammeln. Die philosophische Dimension ist das, was mich an Literatur so begeistert. Es ist die Suche nach Gedankenspielen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein solches Gedankenspiel ist die Erzählung „Der Algorithmus der Artifiziellen“ von Chi Hui. Es gibt in dem asiatischen Mian-City im Jahr 2042 nur 2248 <em>„Echte“</em> und 11,26 Millionen <em>„Artifizielle“</em>, weltweit 7,2 Milliarden <em>„Artifizielle“</em> und 1,44 Millionen <em>„Echte“</em>, <em>„nur 127 von ihnen kennen die Wahrheit über diese Welt.“ </em>Ein Einstieg, der unwillkürlich an die „Matrix“-Filme der Wachowskis denken lässt. Am Schluss stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch <em>„Echte“</em> braucht. Wozu sind wir Menschen noch gut? Oder geht von uns die eigentliche Gefahr aus? <em>„Wenn sich ein Mensch in einer Illusion verloren hat und nicht mehr weiß, wen er hassen soll, dann wird er alles hassen. Wenn die Freiheit durch die Umstände zerstört wird, wird er alles zerstören wollen … wie bei Pharells Eltern hat der Algorithmus die Gewaltbereitschaft nicht wirklich eliminiert, im Gegenteil, er hat die manischen Ausprägungen der Echten verdoppelt.“ </em>Die Utopie der <em>„Artifiziellen“</em> und die Dystopie der <em>„Echten“</em> – eine versöhnliche Perspektive scheint es da nicht mehr zu geben.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>In Chi Huis Geschichten gibt es immer eine Außenseiterfigur, die sich gegen irgendetwas behaupten muss. Dazu passt diese Textstelle, die Sie eben zitiert haben. Chi Hui lässt darin ihren gesamten Frust über die Menschheit, wie sie sie erlebte, heraus. Chi Hui lebt heute als freischaffende SF-Schriftstellerin alleine mit ihrer Katze in Chengdu. Das komplette Gegenmodell. </em></p>
<p><em>Vielleicht entsteht mit all diesen Geschichten ein Anlass für einen größeren Austausch. Deshalb versuchen wir in der „Kapsel“ auch immer Leute zu gewinnen, die die Texte kommentieren, wir haben Interviews und Hintergrundinformationen, Fußnoten mit Erklärungen, um beim Textverständnis zu helfen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hier haben Sie ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Verlagen. Ihre Art der Kombination verschiedener Genres rund um einen Text beziehungsweise eine:n Autor:in ist sehr gelungen. Und das alles zu einem sehr verträglichen Preis. Man bekommt für 15 EUR pro „Kapsel“ eine Menge geboten. Dazu all die anspruchsvollen Zeichnungen und Bilder, die man sich im Detail nicht lange genug anschauen kann. Das gilt für die Zeitschrift wie für die Bücher und ist im Übrigen auch ein Alleinstellungsmerkmal des MaroVerlags, das ich immer gerne betone.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Danke. Das freut mich sehr. Es ist einfach eine Einladung, ein Genre und ein Land und dazu viele spannende Autor:innen zu entdecken, die sonst wahrscheinlich niemand entdecken würde.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 10. November 2025, Titelbild: Gruppenfoto in Shanghai, vorne links Xia Jia, vorne rechts Regina Kanyu Wang, der junge Mann mit der gelben Kappe ist Marius Wenker. Foto: Kapsel.)</p>
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