Die Partei hat immer recht

Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung über die SED im Alltag der DDR

„Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“

Anfang der 1970er Jahre geisterte eine neue Losung durch die Medien der DDR: „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“ Das war die Aufforderung an alle SED-Mitglieder, stets als Genosse aufzutreten – am Arbeitsplatz, im Wohngebiet, in der Freizeit, in den Elternvertretungen der Schulen und selbst in der Familie. An die „Nicht-Genossen“, diesen Begriff gab es tatsächlich im Sprachgebrauch der DDR, war der Slogan teils Angebot zu einem vertrauensvollen Miteinander, teils Drohung, dass die wachsamen Genossen alles im Blick und natürlich auch im Griff haben. Die SED sollte kein unpersönlicher Machtapparat sein, sondern durch die Allgegenwart ihrer Mitgliederschaft mitten im Leben stehen.

Die Losungen kamen und gingen. Der Anspruch auf Dominanz aller gesellschaftlichen Bereiche aber zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte der SED. Deswegen war es auch die Grundidee der Plakatausstellung „Die Partei hat immer recht“, weniger die Geschichte und die Strukturen der SED in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Frage, wie sich die Macht der Partei im Alltag manifestierte.

Macht und Alltag

Die Parteigeschichte und die Mechanismen der Machtausübung sind ausführlich beschrieben worden. Es gibt zu diesen Themen Quelleneditionen, akademische Einzelstudien, biographische Handbücher und Autobiographien. Dennoch ist es für Außenstehende und Nachgeborene oft schwer nachvollziehbar, welch dominante Rolle die Partei im Alltag und im Leben der einzelnen Bürger spielte. So ist es beispielsweise schwierig zu verstehen, wie schwerwiegend die Entscheidung war, in die SED einzutreten oder eben auch nicht einzutreten. Mit Parteien in anderen politischen Systemen ist das nicht ohne weiteres gleichzusetzen, schon gar nicht mit Parteien in einem pluralistischen und demokratischen System. Ebenso schwer ist es, die mythische Aura zu erklären, mit der sich die Partei umgeben hat und die sich in Liedern manifestiert, wie die im Ausstellungstitel zitierte Parteihymne von Louis Fürnberg und Hans Eisler.

Einige Grundthesen lohnt es sich vielleicht noch einmal in die Debatte einzubringen, zumal gegenwärtig eine totale Verharmlosung, sogar Verklärung des SED-Staates um sich greift. Selbst die heute mancherorts zu hörende Redensart, die herrschende angebliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die Einseitigkeit der politischen Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien würden an die DDR erinnern, ist dem Wesen nach eine Verharmlosung des SED-Staates und ihrer allgegenwärtigen Partei.

Die DDR wird oft als SED-Diktatur oder als SED-Staat definiert. Das war angesichts der führenden Rolle der Partei, die ja sogar im Artikel 1 des ersten Kapitels der Verfassung der DDR von 1968 festgeschrieben war, auf keinen Fall falsch. Doch spielten mehrere andere Machtfaktoren eine wichtige Rolle: Der Staatsapparat mitsamt der Justiz, Polizei, Militär, auch die so genannten Blockparteien und Massenorganisationen und nicht zuletzt die Stasi waren wichtige Träger des Systems.

Doch die SED war in der Tat viel stärker im Alltag sichtbar als die anderen Säulen der Macht. Die anderen, so wichtig sie waren, agierten im Dunklen oder fernab der Lebenswirklichkeit der Normalbürger. Das betraf insbesondere das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die so genannte Stasi. Niemand wusste, was sie eigentlich trieb, und die es wussten, schwiegen. Die Nationale Volksarmee (NVA) führte mit ihren Berufssoldaten und Offizieren in den Kasernen ein Eigenleben. Wer den Wehrdienst hinter sich gebracht hatte, schüttelte sich wie ein nasser Pudel und vergaß die groteske Welt des Militärs. Die Angehörigen der Volkspolizei (VP) wurden eher als Witzfiguren wahrgenommen. Jedenfalls konnte man ganze Abende mit Polizistenwitzen bestreiten. Die Massenorganisationen und Blockparteien waren im Alltagsleben präsent, aber völlig machtlos.

Die SED dagegen war allgegenwärtig, allwissend und allmächtig. Sie entschied früh über Laufbahnen und berufliche Chancen. In den Betrieben und wissenschaftlichen Instituten wurden alle Entscheidungen von den zuständigen Parteileitungen bestimmt oder zumindest abgesegnet. Die Parteigremien hatten bei allen Kaderfragen, das heißt bei Personalentscheidungen, das erste und das letzte Wort. Das gleiche galt für die Programme der Theater, Filmstudios, Zeitungsredaktionen und Verlage. Vom Politbüro bis hinunter in die kleinste Abteilungs- oder Betriebsparteiorganisation funktionierte eine Doppelstruktur aus Partei und staatlicher beziehungsweise militärischer Leitung. In der Regel waren die staatlichen Leiter in Betrieben und Institutionen Mitglied der Parteileitung. So bildeten Staat und Partei ein festes Amalgam. Die oberste Loyalität der bewaffneten Organe galt ohnehin der Partei. Das MfS sah sich als „Schild und Schwert der Partei“. Auch die NVA war eine Armee der Polizei. Faktisch alle Offiziere waren Mitglieder der SED, obwohl das nirgendwo festgeschrieben war. Doch formal war der Generalsekretär der SED als Vorsitzender des Verteidigungsrates der Oberkommandierende aller Streitkräfte. Auch auf Bezirksebene hatte der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung die Befehlsgewalt über alle bewaffneten Formationen des Staats.

Die Funktionsweise dieser totalen Macht lässt sich als eine Art heiliger Dreieinigkeit aus Ideologie, Macht und Privilegierung beschreiben. In dieser Kombination war die Macht der Partei so standfest wie ein dreibeiniger Tisch, der nicht wackelt, so uneben der Untergrund auch sein mag. Daraus folgte aber auch, dass der Zusammenbruch den Gesetzen der Statik zufolge unausweichlich war, sobald eine der Stützen wegbrach.

Der ideologische Kanon

Das Schlusswort auf dem Bezirksparteitag der SED im Palast der Republik hielt das Mitglied des Politbüros und 1. Sekretär der Bezirksleitung Berlin, Horst Dohlus. Im Präsidium Erhard Krack, Günter Schabowski. © Bundesstiftung Aufarbeitung.

„Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist“ schrieb Wladimir Iljitsch Lenin der Theoretiker und Führer der russischen Oktoberrevolution, in seiner Schrift „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ (W.I. Lenin, Werke, Bd.19, Berlin (DDR) 1977).

Auf diesen simplen Zirkelschluss war die gesamte Philosophie des Marxismus-Leninismus aufgebaut. Die Werke der Klassiker Karl Marx, Friedrich Engels und W.I. Lenin hatten kanonischen Rang. Obwohl Marx in einem innerfamiliären Fragespiegel den Spruch „De omnibus dubitandum“ (An allem ist zu zweifeln) als sein Lieblingsmotto angegeben hatte, durfte an seinen Theorien nicht gezweifelt werden. Jedenfalls hatten es die herrschenden kommunistischen Parteien nach ihrer Machtergreifung so verfügt. Allerdings drehten und wendeten sie die Thesen der Klassiker nach Bedarf und kehrte manche Zitate oder sogar ganze Schriften unter den Teppich wohlmeinenden Vergessens. Das galt für die herabwürdigenden Äußerungen von Marx über Russland ebenso wie für seine antisemitischen Tiraden.

Für den Erhalt der reinen Lehre war die oberste Parteiführung zuständig. Dazu verfügte sie über eigene Institutionen, wie das Institut für Marxismus-Leninismus (IML) die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und die Parteihochschule nebst Bezirks- und Kreisparteischulen.

Diese Einrichtungen sorgten sich um die Schulung der Parteikader, wachten aber auch über die gesamte politisch-ideologische Schulung der Bevölkerung. Diese begann spätestens in der Schule und der Pionierorganisation. In den höheren Klassen kam das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde hinzu. Das war ein reines Bekenntnisfach. Gute Zensuren gab es allein für die Wiedergabe vorgekauter Phrasen. Parallel liefen ähnliche Veranstaltungen im Rahmen der Jugendstunden, die auf die Jugendweihe vorbereiteten, sowie bei der FDJ. Alle Mitglieder der Einheitsjugendorganisation waren gehalten, in einer mündlichen Prüfung das „Abzeichen für gutes Wissen“ abzulegen. Für die vorgestanzten Antworten gab ein kleines Abzeichen mit dem Bildnis von Karl Marx in Gold, Silber und Bronze.

Dem Fassungsvermögen der Soldaten und ihrer Politoffiziere entsprechend wiederholten sich die gleichen Abläufe im Rahmen des Politunterrichts der Nationalen Volksarmee. Einmal im Monat kämpften die Soldaten nicht auf dem virtuellen Gefechtsfeld gegen den angenommenen Gegner, sondern gegen den Schlaf.

An den Universitäten und Hochschulen war es üblich, eine Woche vor Semesterbeginn eine Woche Politbelehrungen zu veranstalten. „Rotlichtbestrahlung“ knurrten die Studenten, aber sie ertrugen geduldig das Wiederkäuen bekannter Parolen. Wichtig war, nicht unangenehm aufzufallen und dadurch den Studienplatz zu riskieren. Damit nicht genug fand während des zweijährigen Grundstudiums wöchentlich eine Vorlesung und ein Seminar im Fach Marxismus-Leninismus statt. Zu diesem Zwecke verfügten die höheren Bildungseinrichtungen über eine eigene Sektion Marxismus-Leninismus (M-L). Dort hatten sich die ideologischen Sittenwächter breit gemacht, die man im Alltag „scharfe Hunde“ nannte. Solche „Hundertfünfigprozentigen“ gab es auch anderswo, doch viele Fachwissenschaftler gingen über die ideologischen Verrenkungen dezent hinweg. Die Anwesenheit bei den Lehrveranstaltungen der Sektion M-L wurde streng kontrolliert und am Schluss standen eine schriftliche Arbeit und eine mündliche Prüfung. Die M-L-Note in diesem Fach stand auf dem Hochschuldiplom ganz oben. Die gute ideologische Führung war neben den fachlichen Leistungen wichtig für die Zuweisung von Arbeitsstellen, die durch eine so genannte Absolventenkommission vorgenommen wurde, in der natürlich die SED-Parteileitung Sitz und Stimme hatte.

Parteigeheimnisse

Berlin (Bezirk Berlin) DDR, 1. Mai 1988. Ein massives Aufgebot von Sicherungskräften der DDR sorgte für einen ungestörten Ablauf der offiziellen Kampfdemonstration zu den Maifeiern. Stundenlang nahmen der Staats- und Parteichef und das Politbüro nebst Gästen den Vorbeimarsch und die Huldigungen der Werktätigen ab. Copyright by: Klaus Mehner, © Bundesstiftung Aufarbeitung.

Macht ist immer mit dem Geheimnis verbunden. Dazu gehören die Intransparenz und Willkür der obrigkeitlichen Entscheidungen für die Betroffenen. Das steht nur scheinbar im Gegensatz zu der geschildeten alltäglichen Präsenz der Partei. Auch über Kollegen, die nicht in der SED waren, wurde in der Parteileitung verhandelt und über ihr berufliches Fortkommen entschieden. Das konnte negativ oder positiv ausgehen. In keinem Fall wurden die Betroffenen informiert. Sie konnten bestenfalls an den Reaktionen ablesen, wie die Entscheidung gefallen war. Auch die staatlichen Kaderakte war für Mitarbeiter nicht einsehbar, dafür war sie für die Stasi jederzeit offen.

Diese Undurchschaubarkeit durchzog das gesamte Parteileben von ganz oben bis ganz unten. Die konspirativen Traditionen der Kommunistischen Partei mögen hier eine Rolle gespielt haben, vielleicht auch die Erinnerung an die frühen Jahre der DDR, als manche Funktionäre meinten, eines Tages vielleicht wieder in die Illegalität gehen zu müssen. Jedenfalls gebärdeten sich die Apparate von Staat und Partei in ihrem eigenen Land wie eine Untergrundorganisation. Obwohl die SED Berge von Akten produzierte, gibt es von den Tagungen ihres obersten Gremiums – dem Politbüro des Zentralkomitees (ZK) – keine aussagefähigen Dokumente. In ihrem Archiv finden sich lediglich Vorlagen und sogenannte Beschlussprotokolle, die in wenigen dürren Worten die Anwesenheit sowie die Tagesordnungspunkte und Entscheidungen vermerken. Aus ihnen gehen weder der Prozess der Entscheidungsfindung noch das Abstimmungsverhalten hervor. Das ist kein Zufall. Der Widerwille, die eigenen Handlungen nachvollziehbar zu machen, war bei der SED-Führung so ausgeprägt wie bei einem Gangstersyndikat.

Die Geheimhaltung durchzog die gesamte Partei bis hinunter in die Grundorganisationen. „Parteiinterne Vorgänge“ gegenüber Nichtmitgliedern zu offenbaren, galt als eines der schwersten Vergehen, dessen man sich schuldig machen konnte. Sämtliches Schriftgut, einschließlich unbeschriebener Kopfbögen, galt als streng vertraulich. Versammlungen wurden in der Regel nicht öffentlich angekündigt, und die Zusammensetzung von Parteileitungen erfuhr der Kollege nur unter der Hand, obwohl sie doch auch über sein Wohl und Wehe entschieden. Intern grenzte die SED die Informationsstränge streng gegeneinander ab. Wenn eine Parteiversammlung einen Spezialisten oder Angehörigen eines übergeordneten Gremiums eingeladen hatte, um über „interne Vorgänge“ zu informieren, fiel irgendwann die obligate Bemerkung: „Genossen, das können wir hier unter uns ganz offen aussprechen“. Dann kamen ein paar Angaben oder Tatsachen zum Vorschein, die „nicht in der Zeitung standen“. Obwohl es sich dabei in der Regel um Dinge handelte, die ohnehin die Spatzen von den Dächern pfiffen, schwiegen die Anwesenden voller Ehrfurcht über soviel Wissen und Vertrauen. Den Höhepunkt bildete schließlich der Moment, wenn der Referent sagte: „Genossen, ich bitte euch, das nicht mitzuschreiben“. Es war das sicherste Mittel, dass sich die vertrauliche Nachricht schon am nächsten Tag wie ein Lauffeuer im Kollegenkreis verbreitete.

Privilegierung, Belohnung und Bestrafung

Foto: Sieghard Liebe, © Bundesstiftung Aufarbeitung.

Der ewige Mangel an Waren und Dienstleistungen aller Art, das Schlangestehen, die Beziehungswirtschaft, undurchschaubare Bestellsysteme, Wartelisten und die in den letzten Jahren wachsende Schattenwirtschaft waren in der DDR ein unerschöpfliches Thema. Dies bewegte die Menschen weit mehr als die politische und geistige Unfreiheit.  Natürlich taten Staat und Partei alles, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, konnte doch der Unmut über die schlechte Versorgung schnell in offenen Aufruhr umschlagen. Der 17. Juni 1953 schwebte wie ein Menetekel über dem SED-Staat. Man bemühte sich die Vorgänge vergessen zu machen, doch frischten Ereignisse in den sozialistischen Bruderstaaten, zum Beispiel die Erinnerung von Zeit zu Zeit auf, in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968 oder in Polen immer wieder und besonders 1980/81.

Doch bei allen Widrigkeiten war die dysfunktionale Ökonomie auch eine Funktionsweise der Machtausübung. Zum einen absorbierte die permanente „Rumrennerei“ nach knappen Waren und das Warten auf staatliche Leistungen viel menschliche Energie. Umgekehrt lenkten auch die Feierabendbrigaden und teils halblegalen, teils kriminellen Selbsthilfeaktionen von anderen Aktivitäten ab.

Viel wichtiger aber war ein fein ziseliertes und fast unsichtbares System von Belohnung und Bestrafung. Belohnt wurde die kritiklose Hinnahme der Verhältnisse, jeder Widerspruch wurde bestraft. Im DDR-System wurden die Weichen in Richtung einer höheren Laufbahn früh gestellt und es war später sehr schwer, das Gleis zu wechseln. Nur etwa zehn bis zwölf Prozent der Schüler der achten Klasse hatten die Chance, von der zehnklassigen Polytechnischen Oberschule (POS) nach der achten bzw. zehnten Klasse zur zwölfklassigen Erweiterten Oberschule (EOS) zu wechseln und mit dem Abitur die Hochschulreife zu erwerben. Bei dieser Selektion spielten natürlich gute Zensuren eine wichtige Rolle. Fast ebenso wichtig war die Mitgliedschaft der Eltern in der SED. Formal gesehen sollten Arbeiter- und Bauernkinder bevorzugt werden. Um nicht die eigene Anhängerschaft sozial zu benachteiligen, rechnete man alle Funktionäre der SED und Angehörige der bewaffneten Organe als Arbeiter. Diese frühe Auswahl bezüglich der beruflichen Chancen richtete sich gegen Kinder aus christlichem Hause oder selbstständige Gewerbetreibende, beispielsweise private Handwerker, die man zwar dringend brauchte, trotzdem aber diskriminierte.

Das gleiche Spiel wiederholte sich bei der Vergabe von Studienplätzen. Eine frühe Mitgliedschaft in der SED war keine Erfolgsgarantie, erhöhte aber deutlich die Chancen. Nach diesem Muster erfolgten ein Leben lang alle Karriereentscheidungen. Alle wussten das und richteten ihr Leben danach aus.

Die Aufnahme neuer Mitglieder in die Partei war von einem Zielkonflikt geprägt. Die SED wollte so viele Menschen wie möglich für ihre Ziele gewinnen. Besonders Angehörige der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, aber auch Angehörige der werktätigen Intelligenz sollten ihre Reihen stärken. Doch die Partei sollte eine Avantgarde sein. Ihre Mitglieder sollten kämpferisch, treu ergeben und zuverlässig sein, klassenbewusst, ideologisch geschult und moralisch von großer Reinheit sein.

Mit der massenhaften Aufnahme von Mitgliedern stellte die Partei sich selbst als Avantgarde in Frage. Insofern wurde auch nur selten Druck ausgeübt, Mitglied der SED zu werden, obwohl viele dies nach der Wende so darstellten und wohl auch selbst glaubten.

Der umgekehrte Zielkonflikt ergab sich für den DDR-Bürger, der vor der Entscheidung stand, SED-Mitglied zu werden, oder eben nicht.

Die Partei setzte ihre Mitglieder einer strengen Disziplin aus. Im Zweifelsfalle gab es einen Parteiauftrag, den man nicht ohne weiteres verweigern konnte. Abgesehen von den ständigen Versammlungen hatten die Genossen Funktionen in den Massenorganisationen zu übernehmen, für die Wahlausschüsse bereit zu stehen oder ein Mandat in einem der kommunalen Gremien zu übernehmen. Beim Subbotnik, dem freiwilligen Arbeitseinsatz am Sonnabend, konnten sie schwer fehlen. Die Männer wurden zudem gedrängt, der Kampfgruppe beizutreten. Das bedeutete, mehrmals im Jahr an einer militärischen Übung teilnehmen zu müssen.

Zu allem Ungemach kamen noch recht hohe Mitgliedsbeiträge, die sich progressiv mit dem Einkommen steigerten. Zusätzlich wurden ständig Spenden eingesammelt. Das erfolgte, indem bei Versammlungen offene Listen herumgereicht wurden. Wenn der erste Sekretär der Parteileitung zehn Mark eintrug, konnten die anderen Versammlungsteilnehmer schwer darunterbleiben.

Speziell in den 1950er und 1960er Jahren herrschte der Brauch, dass sich die Partei in Privatangelegenheiten einmischte. Eheliche Untreue beispielsweise wurde streng geahndet und bedeute für manchen hoffnungsvollen Kader den Absturz von der Karriereleiter. Bei den ansonsten lähmend langweiligen Parteiversammlungen waren die Verhandlungen über Affären und andere Vorkommnisse oft die einzigen Lichtblicke, die dann noch lange Gesprächsstoff boten.

Wollte man sich wirklich ohne Not all diesen Misshelligkeiten aussetzen? Es gab jedenfalls gute Gründe, es zu unterlassen und sich ein Stück Freiheit zu bewahren. Vor allem war es für nicht wenige Menschen wichtig, der inneren Überzeugung treu zu bleiben. Dies war nicht einfach, doch ohne SED-Parteibuch eher möglich als in den Reihen der Partei.

Zusammenbruch

11. Juli 1958. V. Parteitag der SED vom 10. bis 16.7.1958 in der Werner-Seelenbinder-Halle, Berlin. Eine Delegation aus der Instrustrie überbrachte am 11. Juli dem V. Parteitag die Grüsse der Werktätigen. Foto: Hans-Günter Quaschinsky, Bundesarchiv, Wikimedia Commons.

Wie konnte ein fest gefügtes, geheimdienstlich gesichertes und militärisch bis an die Zähne bewaffnetes System im Herbst 1989 fast widerstandslos auseinanderbrechen?  Immer wieder war die „revolutionäre Wachsamkeit“ beschworen worden. Ideologische Abweichler wurden dingfest gemacht oder aus dem Land geworfen, so zahm und wohlwollend ihre Kritik auch immer gewesen sein mag. Nicht nur von der Stasi, sondern auch von der Partei wurden Monat für Monat Stimmungsberichte angefertigt, Denunziationen weitergereicht und Berge von Akten angehäuft. Es gab in den Berichten weit mehr feindlich-negative Kräfte als in der Realität. Doch als eine kleine, ideologisch mehr als heterogene, zudem von der Stasi unterwanderte Opposition im Herbst 1989 allmählich kühner wurde, reagierte die Partei hilflos. Als der SED-Staat wirklich gefährdet war, tat sich nichts. Wo waren die 2,3 Millionen SED-Mitglieder, als die Mauer fiel? Zehn- und Hunderttausende Genossen hätten doch einen menschlichen Wall bilden können. Waren sie alle unterwegs, um bei den Sparkassen und Postämtern in West-Berlin die 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen? Diese Frage ist nie beantwortet worden, weil sie nie gestellt wurde.

Massenhaft liefen die Mitglieder davon und wollten sich nicht mehr erinnern, was sie in der Partei getrieben hat, und noch weniger wollten sie von anderen daran erinnert werden. Natürlich empfanden auch viele Parteimitglieder die Auflösung der DDR als Befreiung. Die SED legte sich den neuen Namen schon 1990 „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS) zu und es begann ein neues Kapitel in ihrer Geschichte. Inzwischen hat sich die Partei nach einer Fusion mit der westdeutschen Partei „Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative“ (WASG), die sich unter anderem aus einer Abspaltung von der SPD gegründet hatte, in „Die Linke“ umbenannt, von der sich wiederum vor der Bundestagswahl 2025 das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ (BSW) abspaltete. Die Geschichte der Jahre nach 1990 war eine Geschichte voller Krisen, Umbenennungen, Wandlungen und Abspaltungen, Wahlniederlagen und Wiederauferstehungen. Die Zukunft wird davon abhängen, inwieweit die heutigen Nachfolgeparteien der SED, die Linke und das BSW, es verstehen, künftig totalitären Verlockungen zu widerstehen.

Stefan Wolle, Berlin

Der Autor wurde 1950 in Halle (Saale) geboren und hat an der Humboldt-Universität in Berlin Geschichte studiert. Nach dem ersten Semester wurde er wegen „konterrevolutionärer Ansichten und intellektueller Arroganz“ von der Universität relegiert und musste sich ein Jahr in der Produktion bewähren. Später konnte er sein Studium fortsetzen und 1984 an der Akademie der Wissenschaften promovieren. 1989/90 war er an der Stasi-Auflösung beteiligt. In den folgenden Jahren hat er an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin gearbeitet. Von 2005 bis 2024 war er Wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin. Er hat mehrere Bücher über die DDR geschrieben und für die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mehrere Ausstellungen gestaltet.

Die Ausstellung „Die Partei hat immer recht“ hat Stefan Wolle gemeinsam mit Clara Marz kuratiert. Die Ausstellungsplakate können über die Stiftung jederzeit für lokale Ausstellungen bestellt werden. Bestellbar sind nach wie vor auch die Plakatsätze früherer Ausstellungen, von denen einige auch im Demokratischen Salon vorgestellt wurden.

Die Bundesstiftung Aufarbeitung im Demokratischen Salon:

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. Oktober 2026. Titelbild: Bundesstiftung Aufarbeitung, Foto: Harald Schmitt, stern. © Bundesstiftung Aufarbeitung.)