Projekt Beschreibung

Gegenwartsliteratur

Ein Gespräch über Literatur und Politik mit Kerstin Stüssel

„Vielleicht werden wir also gar nicht sehr viel entbehren. Josefine aber, erlöst von der irdischen Plage, die aber ihrer Meinung nach Auserwählten bereitet ist, wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder.“ (Franz Kafka, Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse)

Wie politisch darf Literatur eigentlich sein? Das ist die falsche Frage, denn selbst dann, wenn Literatur sich betont unpolitisch gibt, spiegelt sie die politischen Verhältnisse ihrer Zeit, mehr noch, sie hebt in sich die historisch-politischen Entwicklungen auf, die die gesellschaftlichen Debatten der jeweiligen Zeitgenoss*innen bestimmen. Die Bonner Germanistin Kerstin Stüssel und ich haben uns gemeinsam auf die Suche nach den historisch-politischen Implikationen der deutschen Literatur nach 1945 gemacht, die wir vielleicht, aber auch nur vielleicht, als „Gegenwartsliteratur“ bezeichnen könnten.

Wie viele deutsche Literaturen gibt es eigentlich?

Hans-Magnus Enzensberger hat in einem Essay für das 20. Jahrhundert mindestens sieben verschiedene deutsch(sprachig)e Literaturen identifizieren wollen, indem er auch die Literatur von deutschen Minderheiten in verschiedenen Ländern einbezog, zu deren prominentesten Vertreter*innen Herta Müller und Oskar Pastior gehören mögen. Allein ein Ort wie Czernowitz ist ein spannendes Forschungsfeld, in internationalem Maßstab, wenn wir an Autor*innen wie Rose Ausländer, Paul Celan, Selma Meerbaum-Eisinger, Aharon Appelfeld, Lajser Ajchenrand oder Itzik Manger denken. Diese sechs Autor*innen schrieben auf deutsch, hebräisch und jiddisch. Welche Anteile haben deutsche Literatur, deutsche Kultur in ihren Texten?

Und was ist mit Franz Kafka oder Josef Roth? Gilles Deleuze und Félix Guattari haben 1975 bei Les éditions du minuit das Buch „Kafka – Pour une littérature mineure“ veröffentlicht (1976 in der edition suhrkamp in deutscher Sprache erschienen). Ob „littérature mineure“ einen despektierlichen Unterton haben könnte? Vielleicht. Österreich und die Schweiz sind schließlich ganz eigene Kapitel der Literaturgeschichte. Gibt es so etwas wie eine kakanische Literatur? Erlaubt ist die Frage, wie sich Texte von Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek oder Peter Handke, die alle hohe Auflagen bei Verlagen in der Bundesrepublik Deutschland verzeichnen, zu den Texten der Autor*innen verhalten, die – ich sage das jetzt einmal sehr vereinfachend – über einen deutschen Pass verfüg(t)en, gleichviel ob über den Pass der alten oder neuen Bundesrepublik oder den der DDR.

Kerstin Stüssel und ich haben uns in unserem Gespräch auf die drei Literaturen beschränkt, die auf dem Gebiet der alten und neuen Bundesrepublik Deutschland sowie der Deutschen Demokratischen Republik entstanden sind. Die DDR verzeichnet gleich zwei Literaturen, eine, die veröffentlichen durfte, eine andere – die sogenannte „Dritte Literatur“ – der Autor*innen, die nicht veröffentlichen durften oder wenn sie dies taten, es nur im „Westen“ konnten. Diese dritte Literatur war Gegenstand eines Gesprächs, das ich mit Ines Geipel geführt habe, die sich gemeinsam mit dem verstorbenen Joachim Walter um die Veröffentlichung und Würdigung verfemter Autor*innen in der DDR verdient gemacht hat (Die dritte Literatur des Ostens – Demokratischer Salon: (demokratischer-salon.de).

Kerstin Stüssel

Kerstin Stüssel ist seit 2010 Professorin am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Sie ist Expertin für deutschsprachige Gegenwartsliteratur und eine Grenzgängerin zwischen Ost und West (Ost-West-Unterschiede: „Ich dachte: Gott, ist das heftig“ | ZEIT ONLINE, Zugriff am 20.12.2020), manchmal zwischen Literatur und Politik. Im Jahr 2020 ist der von ihr gemeinsam mit Johannes F. Lehmann herausgegebene Band „Gegenwart denken. Diskurse, Medien, Praktiken“ (Düsseldorf, Wehrhahn Verlag) erschienen. Ihre Habilitationsschrift trug den Titel „In Vertretung. Literarische Mitschriften von Bürokratie zwischen früher Neuzeit und Gegenwart“ (Tübingen: Niemeyer 2004). Sie lebt in Bonn und in Dresden.

Gegenwart nach 1945 – eine erste Annäherung

Norbert Reichel: Im Wintersemester 2020/2021 führen Sie an der Universität Bonn eine Lehrveranstaltung zur deutschen Literatur seit 1945 durch. Das Thema beschäftigt sie auch in anderen Veranstaltungen.

Kerstin Stüssel: Das war in den letzten Jahren stets auch Thema im Graduiertenkolleg, Stichwort: Gegenwart / Literatur: DFG-Graduiertenkolleg 2291 Gegenwart/Literatur. Geschichte, Theorie und Praxeologie eines Verhältnisses — Graduiertenkolleg Gegenwart/Literatur (uni-bonn.de). Es geht dabei um die Historisierung von Gegenwartsbegriffen und die Historisierung von Gegenwartsliteraturbegriffs und dann ganz stark um praxeologische Perspektiven auf Literaturproduktion. Jetzt haben wir eine zweite Gruppe von Doktorand*innen. Ein Schwerpunkt war gerade eben jetzt auch die DDR- und Post-DDR-Literatur. Zuletzt habe ich in unserer Ringvorlesung über die Causa Monika Maron gesprochen, noch während der laufenden Debatte um die Trennung des S. Fischerverlages von seiner Autorin und um ihr Verhältnis zur Buchhandlung Loschwitz in Dresden.

Norbert Reichel: Was meinen Sie mit Historisierung von Literatur?

Kerstin Stüssel: Ich denke zum Beispiel daran, dass die germanistische Literaturwissenschaft erst seit dem späten 19. beziehungsweise frühen 20. Jahrhundert damit begonnen hat, sich mit lebenden Autoren zu befassen. Bonn spielte dabei eine wichtige Rolle mit Wissenschaftlern wie Berthold Litzmann und Oskar Walzel. Das hat eine wissenschaftsgeschichtliche Komponente und eine begriffs- und literaturgeschichtliche Komponente, wenn wir bedenken, dass Gegenwart zunächst ein Begriff mit körperlich-räumlicher Bedeutung (Anwesenheit) war und dass die eigene Gegenwart in Bezug auf die Literatur etwa um 1800 wirklich wichtig geworden ist. Später z.B. nochmals in den 1960er Jahren, als man den Begriff der Gegenwartsliteratur benutzt hat, um die neueste Literatur in der Bundesrepublik im Unterschied zur unmittelbaren Nachkriegsliteratur zu beschreiben. ‚Gegenwart‘ und ‚Gegenwartsliteratur‘ sind jedenfalls nichts Selbstverständliches.

Norbert Reichel: Nachkriegsliteratur kann man vielleicht noch etwas eingrenzen. Es stellt sich ja die Frage, wann hört das auf, wann hat frau*man sich nicht mehr mit den Themen der sogenannten Nachkriegszeit beschäftigt?

Kerstin Stüssel: Das war dann auch die Diskussion nach 1989. Da sagten manche, in Deutschland reicht die Nachkriegsliteratur bis 1989, und jetzt erst beginnt die neue, die Gegenwartsliteratur, die nicht mehr im Bann des Krieges und des Nationalsozialismus geschrieben wird.

Norbert Reichel: Es gibt aber auch eine Menge Autor*innen in den 2010er Jahren, die sich intensiv mit den Themen des Krieges und des Nationalsozialismus befasst haben. Ich denke beispielsweise an Katja Petrowskaja, „Vielleicht Esther“, an Natascha Wodin, „Sie kam bis Mariupol“, Bücher an der Grenze zwischen Sachbuch und Literatur mit starken autobiographischen Bezügen.

Kerstin Stüssel: Es ist natürlich nicht so gekommen, dass man dem Krieg hätte entfliehen können. Auch Ulrike Draesner wäre zu nennen mit „Sieben Sprünge vom Rande der Welt“. Da geht es um Traumaverarbeitung, transgenerationelles Trauma, Flucht und Vertreibung aus Schlesien nach Westdeutschland, aus dem sowjetisch besetzten Ostpolen nach Breslau/Wrocław als Folge der Neuordnung der politischen Landkarte nach 1945 und um die Gegenwart dieser Erfahrungen heute.

Norbert Reichel: Ulrike Draesner habe ich erst durch ihren Artikel über die Literaturnobelpreisträgerin 2020, Louise Glück, kennengelernt.

Kerstin Stüssel: Sie ist die Übersetzerin von Louise Glück und niemand anderes Namhaftes kannte wohl die Autorin, sie wurde dann von den Journalist*innen ausfindig gemacht und Ulrike Draesner konnte kompetent Auskunft über die Texte geben.

Norbert Reichel: Es ist ja auch keine Schande jemanden nicht zu kennen. Ich erinnere mich noch an Marcel Reich-Ranicki, der die Vergabe des Literaturnobelpreises im Jahr 2011 an Tomas Tranströmer mit den Worten kommentierte: „Tomas wer?“

Kerstin Stüssel: Das hat Reich-Ranicki natürlich auch immer ein bisschen ausgestellt, diese Ahnungslosigkeit. Ulrike Draesner hat übrigen auch einen sehr interessanten Roman geschrieben, der für unsere Generation interessant sein dürfte. Es geht in „Spiele“, 2005 erschienen, um die Anschläge auf die Olympischen Spiele 1972.

Norbert Reichel: Über das letztgenannte Thema schrieb Sherko Fatah in seinem Roman „Schwarzer September“ (2019). Das Thema zeitgenössische Literatur macht einen ganz anderen Sinn, wenn Ereignisse der Zeitgeschichte einbezogen werden.

Kerstin Stüssel: Das ist natürlich immer die Problematik. Kann ich die eigene Zeit erfassen, beschreiben? Ist die eigene Erinnerung angemessen, kann ich mich auf meine Erinnerung verlassen? Und welche anderen Quellen habe ich zur Verfügung?

Norbert Reichel: Ich möchte ein anderes 2020 erschienenes Buch nennen, diesmal aus den USA, das ganz aktuelle Themen berührt: Ayad Akhtar, „Homeland Elegies“, deutsch: „Homeland Elegien“ (deutsche Ausgabe 2020 bei Claassen). In dem Buch geht es um pakistanische Einwanderer in den USA. Als ich dieses Buch gelesen habe, habe ich viel mehr über das Phänomen Trump verstanden.

Kerstin Stüssel: Dazu passt auch – schon wegen des ähnlichen Titels – James David Vance, „Hillbilly Elegies“, in dem es um das ländliche Amerika und die weißen Fabrikarbeiter in den USA geht, die maßgeblich den Wahlerfolg von Donald Trump im Jahr 2016 bewirkten. Das Buch ist 2016 erschienen. Der Titel von Ayad Akhtar scheint direkt auf dieses Buch anzuspielen.

Norbert Reichel: Zum Trump-Phänomen habe ich kürzlich noch einmal Karl Marx gelesen. Karl Marx beschrieb in „Der 18. Brumaire des Louis Napoleon“ im Grunde das hinter Trump liegende Phänomen. Angesichts des berühmten Eingangssatzes dieses Essays von Karl Marx frage ich mich, was ist eigentlich die Tragödie, was die Farce und wiederholt sich nicht immer wieder die Farce? Oder Leo Löwenthal mit „Falsche Propheten“, der in seiner Analyse von – heute würden wir sagen – „rechtspopulistischen“ US-Politikern nach 1945 das Verhalten, den Sprachstil eines Trump und anderer vergleichbarer Politiker unserer Zeit beschreibt. Er nennt diese Figur „Agitator“. Alles nichts Neues, was wir erleben. Tragödie oder Farce oder beides zugleich?

Kerstin Stüssel: Mit historischem Wissen lebt man klüger und manchmal auch etwas unerschrockener, etwas unüberraschter.

Die Themen – ein tour d‘horizon

Norbert Reichel: Kehren wir noch einmal zurück zur unmittelbaren „Nachkriegsliteratur“. Ein Autor, der meines Erachtens diese Zeit sehr prägnant beschreibt, ist Wolfgang Koeppen mit seinen drei Romanen „Tauben im Gras“, „Das Treibhaus“ und „Tod in Rom“. Meines Erachtens trifft das, was Wolfgang Koeppen schreibt, diese Zeit erheblich genauer als alles, was Günter Grass oder Heinrich Böll geschrieben haben. Heinrich Böll ist mir doch etwas zu rheinisch und zu katholisch, und von Günter Grass konnte ich eigentlich nur den ersten Teil der „Blechtrommel“ nachvollziehen.

Kerstin Stüssel: Ich habe in diesem Zusammenhang mit Interesse den Essay von Benedikt Wintgens gelesen, den ich auch von Twitter kenne (Im Treibhaus Bonn – Demokratischer Salon: (demokratischer-salon.de) und der die maßgebliche zeitgeschichtliche Untersuchung zu Koeppens Roman vorgelegt hat.

Norbert Reichel: Welche Rolle spielt denn Wolfgang Koeppen in Ihrer Lehrveranstaltung?

Kerstin Stüssel: Es gibt zwei Verbindungen. Zum einen die Frage der epischen Form, das Thema Großgattung Roman, zum anderen das Thema literarische Orte, hier ganz konkret Bonn, bei Heinrich Böll, bei Wolfgang Koeppen. Es gibt auch neuere Texte, in denen Bonn eine Rolle spielt, z.B. Jochen Schimmangs „Das Beste, was wir hatten“ (2009): Nicht nur die DDR, auch die alte Bundesrepublik ist 1989 untergegangen.

Norbert Reichel: International fällt mir John Le Carré ein: „Eine kleine Stadt in Deutschland“, „Die Libelle“. In „Die Libelle“ (englisch: „The Little Drummer Girl“) gibt es eine beeindruckende Schilderung des Godesberger Villenviertels, als es noch Diplomatenviertel war. Auch die Bonner Behördenwelt wird in beiden Romanen sehr treffend beschrieben.

Kerstin Stüssel: Und natürlich Juli Zeh, „Spieltrieb“.

Norbert Reichel: Wir wissen genau, auf welcher Schule sie war – und das passt. Ich bin 1968 als Dreizehnjähriger nach Bonn gekommen, habe zwar nicht diese Schule besucht, aber alle in Bonn wussten, wie es da zuging, gerade in dieser Mischung von Internationalität und elitärem pädagogischem Anspruch.

Kerstin Stüssel: Genau das wurde mir auch von Kolleg*innen so erzählt, als ich nach Bonn kam.

Norbert Reichel: Juli Zeh ist ja nun auch eine sehr politische Autorin. Ähnlich politisch ist von den aktuellen Autor*innen vielleicht Nora Bossong, beispielsweise mit „Webers Protokoll“ oder „Schutzzone“. Beide Romane thematisieren das Leben sogenannter „Ex-Pats“. Beeindruckt hat mich Jenny Erpenbeck mit „Gehen, ging, gegangen“. Thema ist die Zuwanderung von Geflüchteten nach Berlin, im Mittelpunkt steht das ehemalige wilde Camp am Oranienplatz. In den letzten Jahren hat sich Juli Zeh zunehmend dystopischen Themen zugewandt.

Kerstin Stüssel: Das stimmt für „Corpus Delicti“ und „Leere Herzen“, beides Romane, die aktuelle Debatten in die Zukunft verlängern. Bei „Unterleuten“ hat sie allerdings ein sehr aktualistisches Buch über Brandenburg geschrieben, mit all den Windrädern und der Aufarbeitung oder Nicht-Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, den Wünschen der Westler*innen, die in Brandenburg – wie ja auch die Autorin selbst – eine neue Heimat suchten.

Norbert Reichel: Pferde und Windräder, Grundstücksspekulation und Wirtschaftsförderung, alles meines Erachtens sehr passend. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Autor*innen mit politischem Anspruch in Ihren Veranstaltungen?

Kerstin Stüssel: Dabei spielen auch viele jüngere Autor*innen eine Rolle, die anders sozialisiert sind und ihre politischen Interventionen anders gestalten als die Autor*innen, über die wir eben kurz sprachen. Ich nenne als Beispiel Berit Glanz „Pixeltänzer“. Der Roman erschien 2019. Das ist eine Art Schnitzeljagd im Internet, bei dem es darum geht, auf einen kulturhistorischen Sachverhalt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückzugreifen. Im Roman finden sich URLs von Internetseiten, die ihre Diegese vervollständigen und die Leser*innen anregen, Buch und Internet komplementär zu erfahren. Und es geht um die Start-Up-Kultur, neue Arbeitswelten. Die Autorin hat inzwischen auch einen Blog gepostet und ist auf Twitter sehr aktiv. Sie sammelt Medienerfahrungen und ist ausgesprochen technikaffin.

Norbert Reichel: Ich möchte einige Romane Revue passieren lassen, die die Themenvielfalt der heutigen deutsch(sprachig)en Literatur belegen. Es gibt seit einigen Jahren viele profilierte Autor*innen mit migrantischem Hintergrund, beispielsweise Sascha Marianna Salzmann, Olga Grjasnowa, Lana Lux, Sherko Fatah und Abbas Khider, in deren Romanen das Ineinander, Gegeneinander, Durcheinander, die Verwobenheit und die Widersprüche verschiedener „Kulturen“, wie wir das gerne so nennen, eine tragende Rolle spielen. Wie lassen sich solche verschiedenen historischen Hintergründe – der Plural ist meines Erachtens unverzichtbar – miteinander verbinden?

Kerstin Stüssel: Ich möchte die Liste um Deniz Ohdes Roman „Streulicht“ aus diesem Jahr ergänzen. Das ist der Bildungsroman eines „Arbeiterkinds“ mit „Migrationshintergrund“: Ein weiblicher „Anton Reiser“ des 21. Jahrhunderts. Von großem Interesse ist auch Olivia Wenzels „1000 Serpentinen Angst“, ein ‚ostdeutsches‘ Pendant.

DDR reloaded

Norbert Reichel: Olivia Wenzel hätte ich in diesem Jahr den Deutschen Buchpreis gewünscht. Der Roman passt gut in die Tradition der Schwarzen Feministischen Literatur seit der Zeit von Audre Lorde und May Ayim aus den späten 1980er Jahren. Das Besondere an Olivia Wenzels Roman ist, dass es um eine afrodeutsche Frau aus der DDR geht. Das ist neu.

Kerstin Stüssel: Das wäre für mich der entscheidende Punkt: War es in der DDR anders als im Westen, als Schwarze groß zu werden? Es gab den gleichen Rassismus, mit dem Unterschied, dass Schwarze in der DDR normalerweise abgeschotteter lebten. In der DDR war die Anwesenheit von Schwarzen vor allem Arbeitsmigration. Menschen kamen aus Afrika, Kuba, Vietnam. Alles wurde gerahmt – oder wie wir heute sagen würden geframed – als Akt der Solidarität, der Völkerfreundschaft, auch immer im Zeichen des Rückkehrmythos. Die Zugewanderten sollten ausgebildet werden, damit sie dann in ihren Heimatländern helfen können, den Sozialismus aufzubauen. Dass aber einheimische Frauen mit schwarzen Männern Kinder bekamen, war anstoßerregend.

Norbert Reichel: Dieses Thema spielt bei Olivia Wenzel eine Rolle. Der Vater musste zurück, unbeschadet der Tatsache, dass er Vater geworden war. Auf Kinder einer Deutschen und eines Vertragsarbeiters aus einem der sogenannten „sozialistischen Bruderstaaten“ wurde dabei keine Rücksicht genommen.

Wir kommen jetzt langsam zu den kontroversen Themen, über die wir reden sollten, beispielsweise Monika Maron, Ingo Schulze in ihren Bewertungen der aktuellen politischen Debatten, auch im Kontext der Beziehungen von Monika Maron oder Uwe Tellkamp zur Buchhandlung Loschwitz von Susanne Dagen in Dresden, aber auch über die verfemte Literatur in der DDR, wie sie Ines Geipel in diversen Büchern gemeinsam mit Joachim Walther beschrieben und in der Reihe „Die Verschwiegene Bibliothek“ veröffentlicht haben, dies nicht zuletzt im Verhältnis zur offiziellen beziehungsweise erlaubten Literatur in der DDR. Anna Seghers hat bis zu ihrem Tod das System DDR in allen Punkten verteidigt, Christa Wolf lavierte, beispielsweise im Vorwort zu Maxie Wander „Guten Morgen, du schöne“, in der sie allen Widersprüchen der dort literarisch bearbeiteten Interviews den „Klassenstandpunkt“ vertrat.

Kerstin Stüssel: Das wird dann auch Thema unseres Gesprächs mit Ines Geipel am 21. Januar 2021. Einer meiner Schwerpunkte ist Inge Müller, die durch den Krieg verwundet und traumatisiert mit der DDR all ihre Hoffnungen verbindet, die zunächst in der Arbeitsgemeinschaft mit ihrem Mann Heiner Müller aufgeht, deren Beitrag marginalisiert wird und die dann gegen und ohne ihn ihr eigenes lyrisches Werk verantwortet. Schließlich nimmt sich Inge Müller mit 41 Jahren das Leben.

Norbert Reichel: 2020 war ein Jahr, in dem Literatur aus der DDR hoch geehrt wurde. Ich denke an Elke Erb und Helga Schubert, beides allerdings Autorinnen, die in der DDR durchaus veröffentlichen durften.

Kerstin Stüssel: In den Feuilletons wurde die Preisvergabe an die beiden ja auch mit etwas Widerwillen kommentiert. Etwa nach dem Motto: 30 Jahre Wiedervereinigung und da muss nun noch einmal etwas aus der DDR gewürdigt werden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete „mit hochgezogenen Mundwinkeln“.

Bei Elke Erb interessiert mich neben der Eigenwilligkeit ihrer Texte auch, wie sich Autor*innen ökonomisch über Wasser halten konnten, die nicht so erfolgreich waren wie beispielsweise Christa Wolf oder Hermann Kant. Bei Autor*innen von dieser Prominenz war die soziale Lage natürlich komfortabel. Es gab aber auch für etwas weniger bekannte Autor*innen Rückzugsmöglichkeiten wie beispielsweise den kleinen Ort Wuischke in der Lausitz, wo Adolf Endler und Elke Erb 1970 ein Haus erwarben, genauso Heinz Czechowski (1935-2009). In Wuischke wohnte dauerhaft der sorbische Dichter Kito Lorenc (1938-2017). Zu Gast waren eigentlich alle, die Rang und Namen hatten, von Heiner Müller über Volker Braun und Uwe Kolbe bis hin zu dem wegen seiner Stasi-Aktivitäten höchst umstrittenen Sascha Anderson.

Ähnlich war es in Mecklenburg, wo Christa Wolf, Sarah Kirsch und Helga Schubert u.a. zeitweilig oder dauerhaft lebten. Ich stelle mir manchmal die Frage, wie man*frau sich solchen Immobilienbesitz leisten konnte. Aber die Anwesen müssen auch extrem billig gewesen sein, höre ich, oft waren es wohl marode Buden, die für ‘nen Appel und ein Ei – wie mensch so sagt – gern an Berliner Intellektuelle verkauft wurden.

Norbert Reichel: Ich habe mich längere Zeit mit Stefan Körbel unterhalten, den ich als Liedermacher kennenlernte, der aber sich dann als Romanautor herausstellte. Über seinen Roman „Wendekreis oder die Vollendung der deutschen Einheit im Südpazifik“ habe ich wahrscheinlich als erster geschrieben, nicht unbedingt literaturwissenschaftlich, aber als Essayist. Stefan Körbel sagte mir, dass es für manche durchaus möglich gewesen wäre, in der DDR als Liedermacher*in und sogar als Lyriker*in zu leben. Ich bin mir nicht so sicher, ob das tatsächlich für alle galt. Aber das Prinzip galt natürlich: es gab staatliche Subventionen für Künstler*innen, vorausgesetzt, man*frau verhielt sich weitestgehend systemkonform. Stefan Körbel berichtete mir allerdings auch von einer seiner Veranstaltungen, die abgesagt wurde, weil er auf ein bestimmtes Lied nicht verzichten wollte. Da er aber einen Vertrag hatte, erhielt er das festgelegte Honorar.

Kerstin Stüssel: Da denke ich an Wolf Biermann, der ab einer bestimmten Zeit nur noch in Kirchen auftreten konnte.

Die materielle Basis für Lyrik in der DDR würde mich grundsätzlich genauer interessieren. Neben Buchpublikationen und Lesungen ist an das regelmäßig erscheinende „Poesiealbum“ zu erinnern, das für sehr wenig Geld an jedem Kiosk erhältlich war. Viele Lyriker*innen hatten Übersetzungs- und Herausgabeaufträge – oder einen ‚ordentlichen‘ Teilzeitberuf. Der Schriftstellerverband ist offenbar auch eingesprungen; jedenfalls hielten es einige Autor*innen nach der Wende offenbar für eine Zumutung, sich um Stipendien bewerben zu sollen.

Vergangenheiten

Norbert Reichel: Lassen wir mal die materielle Seite und die beiden genannten Preisträgerinnen des Jahres 2020 beiseite und sprechen über Autor*innen, die auch im „Westen“ bekannt waren. Sehr imponiert hat mir Christa Wolf „Kindheitsmuster“. Damit wären wir wieder beim Thema „Nachkriegsliteratur“, auch im Kontext der Fluchtgeschichte der Autorin.

Kerstin Stüssel: Das kann ich bestätigen. „Kindheitsmuster“ und „Nachdenken über Christa T.“ sind für mich im Werk Christa Wolfs besonders wichtig. Das Buch über Heinrich von Kleist und Caroline Günderode („Kein Ort. Nirgends“) ist vielleicht literarisch bedeutsamer, aber die Erfahrung der beiden anderen war für meine Lesebiographie einschneidender.

Norbert Reichel: „Kein Ort. Nirgends“ ist im Grunde auch ein feministisches Buch. Aber zu den beiden anderen Büchern: Sehen Sie Unterschiede in der Art und Weise, wie über die Auseinandersetzung mit Krieg und Nationalsozialismus in der DDR und im „Westen“ geschrieben oder nicht geschrieben wurde?

Kerstin Stüssel: Das ist nach Generationen und nach Täter-/Opfer-Perspektivierung zu differenzieren. Ines Geipel hat sich sehr kritisch mit „Nackt unter Wölfen“ (1958) von Bruno Apitz auseinandergesetzt, wo die Kollaboration der Kommunisten mit der SS im KZ Buchenwald zugunsten des Mythos vom heldenhaften Kampf der Kommunisten ausgeblendet wird. Ich habe eher die jüngere Generation vor Augen: Christa Wolf und Walter Kempowski z.B. sind beide im Jahr 1929 geboren. Christa Wolf hat die unschuldige Schuld und das spätere Schuldbewusstwerden dieser vom NS zutiefst geprägten Generation sehr stark reflektiert und literarisch entfaltet. In der DDR wurde diese Schuld für den Aufbau des Sozialismus funktionalisiert. Walter Kempowski schreibt demgegenüber ganz anders. Seine Romane sind weniger ‚protestantisch-zerknirscht, stattdessen protokollarischer und zynischer; er bezieht viel an mündlicher Überlieferung ein und erzeugt daraus humoristisch-tragische Effekte.

Generell fällt mir eine Bewertung der Auseinandersetzung mit Krieg und Nationalsozialismus in DDR und BRD nicht leicht. Vielleicht können wir sagen, dass aufgrund des antifaschistischen Anspruchs in der DDR dort auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus präsenter und offiziöser ist. Sie lässt sich aber nicht gegen eine vermeintlich weniger ernsthafte literarische Auseinandersetzung in der alten Bundesrepublik aufrechnen.

Norbert Reichel: Ich darf aus Kindheitsmuster zitieren: „Es ist wahr, dem Fantasiegedächtnis ist noch weniger zu trauen als dem Wirklichkeitsgedächtnis.“ Im Klartext: Beiden ist nicht zu trauen. Solche Sätze finden sich bei Christa Wolf mehrfach. Im „Westen“ habe ich das nicht gefunden.

Kerstin Stüssel: Aber was ist mit Uwe Johnson? „Die Katze Erinnerung“! Das kommt meines Erachtens dem Satz von Christa Wolf schon sehr nah.

Norbert Reichel: Jetzt bin ich mal ganz provokativ: ist Uwe Johnson wirklich ein Westautor?

Kerstin Stüssel: (lacht). Das habe ich den ganzen Herbst dieses Jahres mit einer Freundin diskutiert, die sich den Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Siegfried Unseld vorgenommen hatte. Nein, er ist sicherlich kein echter Westautor. Das hat aber mehr mit seiner regionalen Ausrichtung zu tun und der emotionalen Fesselung an das sozialistische Versprechen in der DDR. Wenn mensch die „Jahrestage“ ernst nimmt, ist das natürlich vor allem eine Verhandlung mit dem linken, dem sozialistischen Versprechen.

Norbert Reichel: Bei Autoren des „Westens“ fällt mir im Hinblick auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus natürlich Wolfgang Koeppen mit „Der Tod in Rom“ oder auch das ein oder andere Buch von Heinrich Böll ein. Bei Günter Grass bin ich skeptisch. Vielleicht der erste Teil der „Blechtrommel“? Alles andere, was Günter Grass schrieb, klingt mir viel zu rechthaberisch und selbstgerecht. Und „Die Blechtrommel“ ist eigentlich ein Pícaro-Roman.

Kerstin Stüssel: Da gibt es eine Menge fantastische Elemente. In Grass späterer Autorschaft fallen dann in der Tat rechthaberische und bärbeißige Elemente auf.

„Baseballschlägerjahre“

Norbert Reichel: Lassen Sie mich einen Bogen nach 1989 schlagen. Manche meinten, Geschichte habe sich erfüllt. Immer wieder zitiert wurde Francis Fukuyama mit dem „Ende der Geschichte“, obwohl er dabei sehr missverstanden wurde, aber vielleicht wollten viele ihn auch missverstehen. Nach 1989 gab es einige Literatur über den Alltag in den damals neuen Bundesländern, auch im Rückblick auf eine Art Erbe des DDR-Alltags. Ich denke beispielsweise an Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Der Roman erschien 2017, behandelt aber die Zeit der frühen 1990er Jahre.

Kerstin Stüssel: Der Roman von Manja Präkels steht in einem Konfliktkontext. Sie hat mit dem Roman und anderen Texten gewissermaßen gegen Moritz von Uslar „Deutschboden“ (2010) angeschrieben und ihm vorgeworfen, dass er bei seinen Gesprächspartnern für dieses Buch in Zehdenick, „in der ostdeutschen Kleinstadt“ wie es da heißt, mit ehemaligen Nazis abgehangen und diese ganz unkritisch dargestellt habe. Moritz von Uslar hat inzwischen 2020 eine Fortsetzung von „Deutschboden“ geschrieben („Nochmal Deutschboden“), in der er versucht, auf den Vorwurf der Verharmlosung zu reagieren. Immer steht jedenfalls die Frage nach der Repräsentation im Zentrum: Es geht nicht nur darum, mit wem gesprochen sollte, sondern auch darum, wer eine Bühne (oder einen Roman) erhält.

Zu nennen wäre außerdem Lukas Rietzschel „Mit der Faust in die Welt schlagen“. Da geht es um die 1990er Jahre, die für mich eine besondere Zeit waren. Ich kam 1994 als Wessi nach Dresden, hatte bald ein kleines Kind und habe damals keine Nazis wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. Vermutlich wollte ich meine Entscheidung nach Dresden zu gehen durch nichts in Frage stellen lassen. Ich habe selbstverständlich Zeitungen gelesen und so gewusst, dass es im Osten eine Naziszene gab, und die rassistischen Attacken in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda waren ja noch nicht lange her. Aber die Schlägerszene, die Manja Präkels oder auch Peter Richter in „89/90“ (2015) beschreiben, kam in meinem privilegierten Dresdner Idyll nicht vor.

Norbert Reichel: In letzter Zeit wurde in den Medien mehrfach über die sogenannten „Baseballschlägerjahre“ berichtet, beispielsweise im Tagesspiegel (RBB-Doku über rechte Gewalt: Warum die „Baseballschlägerjahre“ bis in die Gegenwart wirken – Medien – Gesellschaft – Tagesspiegel, Zugriff am 1.12.2020). Den Begriff prägte wohl der ZEIT-Journalist Christian Bangel. Ich darf aber vielleicht auch ein Erlebnis aus meiner Vergangenheit erzählen. 1995 hielt ich in einer internationalen Konferenz in Grenoble einen Vortrag über das Thema „Education à l’environnement“. Das war damals eines meiner Arbeitsgebiete. An der Konferenz nahm auch ein Lehrer aus Ost-Berlin teil, der schon seit Jahrzehnten Fan des 1. FC Union Berlin war und mir erzählte, wie er mit seinen Kumpeln zu DDR-Zeiten die Bänke anderer Stadien auseinandergenommen habe. Er war kein Rechter, aber durchaus so etwas wie die DDR-Variante der Hooligans. In einem anderen Zusammenhang erzählte mir ein in den 1970er Jahren bei den Deutschen Jungdemokraten aktiver Kollege, dass er bei den vielen Austauschbesuchen in der DDR von einem FDJ-Kollegen nach dem zwanzigsten „Braunen“ – wie dort der Cognac hieß – gefragt wurde, was im „Westen“ gegen Neonazis getan würde, weil er nicht wüsste, wie er gegen die Neonazis in der DDR vorgehen solle, die eine relativ große Anhängerschaft hätten.

Kerstin Stüssel: Das bezieht sich nun auf die späte DDR-Zeit. Ich dachte eher an die 1990er Jahre. Ich lernte mit der Zeit, dass es schon in der DDR gewalttätige Neonazis gab. DT 64 berichtete, gegen Widerstände, schon vor der Wende über diese Szene.

Norbert Reichel: Zu DDR-Zeiten wurden die als Rowdys bezeichnet, nicht als Nazis, denn die konnte es ja offiziell gar nicht geben. Wir stellen jetzt fest, dass diese Szene in der Literatur eine Rolle spielt, und zwar in den 2010er Jahren. Ein Phänomen, das zu beachten wäre, ist auch die Zugänglichkeit von Jugendgruppen. Es gibt Orte, in denen es außer einer rechtsextremen Jugendgangs nichts anderes gibt.

Kerstin Stüssel: Das komplette Auseinanderdriften der Jugendkulturen in Rechte und in Linke ist ein Generationsphänomen der 1990er Jahre: Die Protagonistin des Romans „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ war vor der ‚Wende‘ mit dem späteren „Hitler“ befreundet, danach stand man sich plötzlich feindselig gegenüber. Mit Wirkung bis heute…

Künstler*innen

Norbert Reichel: Vielleicht sprechen wir auch über Christoph Hein. „Frau Paula Trousseau“ ist für mich einer der besten Künstlerromane, die ich kenne. In diesem Roman finden wir alles, was es jungen Künstler*innen schwer macht, ihre Kunst zu verwirklichen. Paula Trousseau wird schikaniert, als sie ein monochromes Bild malen möchte, scheitert an dem Opportunismus des Professors. Im Grunde ist es auch ein feministischer Roman, im Text aus der Perspektive der Frau geschrieben.

Kerstin Stüssel: Dieser Roman hat auch mir sehr gefallen. Ich habe ihn in einem Aufsatz zum Thema der „Morgenröte“ angesprochen („‚Dem Morgenrot entgegen‘ oder ‚…dass die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint‘ – Aurora in der DDR-Kultur, nach dem Ende“, in Christoph Oliver Mayer, Elisabeth Tiller, Hg., Aurora – Indikator kultureller Transformationen, Heidelberg, Winter, 2007). Die Protagonistin Paula Trousseau ist eine differenzierte Frauenfigur. Sie ist die emanzipierte, zunächst geförderte Frau, aber dann die verhärtete Frau, die ihre Kinder zurücklässt, die abtreibt, die nach 1989 jeden Halt verliert und sich in Frankreich selbst tötet. Der Prätext zu diesem Roman ist Christoph Heins Novelle „Der fremde Freund“ beziehungsweise „Drachenblut“ aus dem Jahr 1982/1983. Schon zu DDR-Zeiten hat Hein den Typus der alleinstehenden Frau aufgegriffen, die sich dem sozialistischen Familienideal nicht beugt. Indem Heins Frauenfiguren die Emanzipation auf die Spitze treiben und daran scheitern, entfalten die Texte in Ihren Aporien und Dilemmata mindestens implizit auch eine antifeministische Agenda. Allerdings findet sich bei Hein gleichermaßen Kritik an traditionellen Stereotypen des Männlichen, z.B. im zutiefst verunsicherten Autohändler Willenbrock in dem nach ihm benannten Roman aus dem Jahr 2000.

Norbert Reichel: Diesen Roman hat Andreas Dresen, im Jahr 2020 der erste ostdeutsche Preisträger des Theodor-Heuss-Preises, verfilmt. Das Genderthema hat meines Erachtens sehr anschaulich Anna Kaminsky in ihrem Buch „Frauen in der DDR“ beschrieben (https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-fortschrittliche-ostfrau/). Sie verweist auch auf entsprechende Literatur in der DDR, beispielweise „Franziska Linkerhand“, ein Roman der 1974 nach dem Tod der Autorin in der DDR erschien. Ebenso bedeutend – wenn auch kein Roman, sondern eine literarisch bearbeitete Dokumentation – ist Maxie Wander „Guten Morgen du Schöne“. Wir entdecken in diesem Buch die gesamte Palette der Lügengeschichten der DDR-Nomenklatura zur Freiheit und Rechten der Frauen. Anna Kaminsky verweist auch auf die verfemten Autorinnen, um deren Wiederentdeckung sich Ines Geipel und Joachim Walther verdient gemacht haben (beispielsweise in „Gesperrte Ablage – Unterdrückte Literaturgeschichte in Ostdeutschland 1945 – 1989, Düsseldorf, Lilienfeld, 2015).

Kerstin Stüssel: Wir sollten auch Irmtraud Morgner (1933-1990) nicht vergessen. Der bekannteste Roman ist vielleicht „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“ aus dem Jahr 1974. Gemeinsam mit Sarah Kirsch und Christa Wolf veröffentlichte sie1980 „Geschlechtertausch – Drei Geschichten über die Umwandlung der Verhältnisse“. In diesen Rahmen gehört auch Monika Maron „Flugasche“, alles Bücher eines literarischen Feminismus, der sehr historisch vergleichend denkt und auch dessen Zwangslagen und Konflikte in den Blick nimmt.

Kulturkampf in Dresden und anderswo

Norbert Reichel: In den letzten Jahren gab es im Hinblick auf das Nachleben der DDR in der Literatur einige vehemente Debatten, insbesondere um Christoph Hein und Monika Maron. Zu Christoph Hein: Es gab einen Streit um den Film „Das Leben der anderen“, von dem sich Christoph Hein distanzierte. Ich habe selten einen Film gesehen, zu dem ich so viele unterschiedliche Meinungen gehört habe. Die einen sagen, genauso war es, die anderen halten das für reines Hollywood, und das ist bei aller Wertschätzung der Professionalität von Hollywood-Produktionen moralisch despektierlich gemeint.

Kerstin Stüssel: Darüber haben wir in Bonn auch in einem Seminar diskutiert. Es geht offenbar auch um das Thema Urheberschaft. Was geschieht z.B., wenn ein Westregisseur sich eines Oststoffes melodramatisch bemächtigt?

Norbert Reichel: Cultural Appropriation?

Kerstin Stüssel: In der Tat. Darf sich jemand als Nicht-Betroffener so äußern? Ist die Rettung eines Stasi-Offiziers durch die Kunst eine Verharmlosung? Er hört aus der Künstlerwohnung Musik und Brecht-Rezitationen und lernt das andere Leben kennen, das ihn in gewisser Weise läutert. Mit der Kritik Christoph Heins geht es aber letztlich um mehr: Nicht nur um biographische Wahrheit oder Unwahrheit, sondern: Wer hat die Deutungshoheit? Das sind nicht nur literarische, sondern eminent politische Debatten. Eigentlich ist jede literarische Debatte auch eine politische Debatte. Es geht sehr stark um Elitenkonkurrenzen. Ich stelle das auch in der Monika-Maron-Debatte fest oder bei der Debatte um Neo Rauch.

Norbert Reichel: Und Uwe Tellkamp.

Kerstin Stüssel: Genau. Aber es geht auch um die Problematik historischer Vergleiche. Thema „Exil“. Ist es zulässig, was Monika Maron zurzeit widerfährt, mit dem Exil der Menschen vergleichen, die zur Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland vertrieben wurden, die fliehen und alles, was sie vorher erreicht hatten, aufgeben mussten? Oder mit dem Exil von Wolf Biermann oder Jürgen Fuchs?

Norbert Reichel: Ich sehe erhebliche Unterschiede in den Einstellungen bei Uwe Tellkamp oder Monika Maron.

Kerstin Stüssel: Monika Maron würde ich als Vertreter*in einer universalistisch gedachten Aufklärung verteidigen, die sich – leider – in Phantasien vom Untergang des Abendlandes verrennt. Auch von Uwe Tellkamp kenne ich keine völkisch-rassistischen Äußerungen kenne, er ist das, was man national-konservativ nennen könnte. Aber eine bestimmte anti-moderne Kritik spielt bei ihm eine Rolle, in einem merkwürdigen Rekurs auf eine von der westlichen Konsumwelt unbeleckte DDR mit bildungsbürgerlichen Standards.

Norbert Reichel: So unbeleckt war sie ja nun nicht. Die Westpakete fanden alle immer toll.

Kerstin Stüssel: Das ist bei Tellkamp eine eher nostalgische Rekonstruktion – mit Dresden-Klischees, immer eine Prise Wahrheit, eine Prise Wunschdenken: In der DDR und insbesondere in Dresden seien die guten Leute alle Literatur-, Musik-, Kunst- und Geschichtsexperten, die DDR sei ein ‚Leseland‘und jetzt sei alles den Bach runter gegangen. Auch da gibt es natürlich ein nicht so kleines Stück Wahrheit, wenn Sie etwa an die traurige Geschichte der Leipziger Verlage nach der Wende denken.

Wenn Sie an Konsumorientierung erinnern, haben Sie sicher recht, mit Nachwirkungen bis heute.

Norbert Reichel: Sonst wäre Erich Honecker damals kaum auf die Idee mit der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ gekommen. Das heißt nichts anderes als Konsum hat Vorrang, und daran ist – vereinfacht gesprochen – die DDR im Grunde auch pleite gegangen.

Kerstin Stüssel: Intershop, Forumschecks – all das prägte den Alltag.

Norbert Reichel: Und daraus ließe sich ein Berechtigungssystem bauen. Wer brav ist, bekommt etwas, vielleicht sogar etwas mehr, wer nicht brav ist, nichts. Vielleicht etwas flapsig formuliert. Und natürlich auch wer gute Netzwerke hat. Gerne wird auf den angeblich größeren Zusammenhalt hingewiesen, der aus der Not geboren wäre. Manche bezeichnen die DDR als „kuschelig“, in den Worten von Günter Grass war sie eine „kommode Diktatur“, eigentlich ein Widerspruch in sich. Bei Uwe Tellkamp sehen Sie eher die Verklärung einer Vergangenheit, die es so nicht gab?

Kerstin Stüssel: Da gibt es sehr viel Nostalgie, obwohl Tellkamp die DDR in „Der Turm“ nicht nur verklärt hat, eher handelt es sich um große geopolitische und -historische Mythologie. Seine heutigen Publikationen lesen sich vor allem traditionell modernekritisch. Beispielsweise „Das Atelier“, die erste Publikation in der Reihe „Exil“ der Buchhandlung Loschwitz. Er neigt dazu, eine autarke, autonome, sich von den Beschwernissen der Moderne und der Ökonomie entfesselnde Kunstszene zu imaginieren, sodass der Kunsthistoriker Wolfgang Ulrich zuspitzend die These formuliert hat, die ehemals links-liberale Kunstautonomie sei nun ein ‚rechter‘ Topos geworden (Kunstfreiheit: Auf dunkler Scholle | ZEIT ONLINE, Zugriff am 20.12.2020).

Norbert Reichel: Das ist ja bei Monika Maron nicht das Thema, aber was treibt sie, sich mit Susanne Dagen und Ellen Kositza zu verbinden?

Kerstin Stüssel: Schwer zu sagen; vermutlich auch ein wenig Starrköpfigkeit. Selbst aufgetreten ist Maron in dem Internet-Fomat „Mit Rechten lesen“ der beiden nicht. Aber ihre Bücher „Munin oder Chaos im Kopf“ und „Artur Lanz“ wurden dort sehr positiv und naturgemäß eingemeindend besprochen. Sie und ihre Texte waren insbesondere mit ihren genderkritischen Einlassungen für Susanne Dagen, Ellen Kositza und ihre Gesprächspartner ein lobenswertes Beispiel für Nonkonformismus.

Norbert Reichel: Ja, das finden die beiden Damen aus Dresden und Schnellroda gut.

Kerstin Stüssel: Weil das angeblich die westlichen ‚Feuilletontanten‘ blöd finden.

Norbert Reichel: Wie du mir, so ich dir. Auch eine Art Symbolpolitik. Der Buchladen von Susanne Dagen spielt ja in der bundesweiten Debatte um politische Ausrichtung von Literatur eine wichtige Rolle. Sie sagten mir mal, das sei eigentlich ein guter Buchladen. Gewesen oder immer noch?

Kerstin Stüssel: Immer noch. Es ist ein guter Buchladen, nur haben sich das Veranstaltungsprogramm und die Allianzen, die Susanne Dagen geschlossen hat, sehr verändert.

Norbert Reichel: Gibt es Bücher, die man*frau dort nicht bekäme? Beispielsweise die blauen Bände der MEW?

Kerstin Stüssel: Ich bin mir sicher, die bekämen Sie dort auch, Dagen und Bormann haben linke Bestände im Buchladen und bestellen alles, wie jede Buchhandlung.

Norbert Reichel: Aber die linke Szene geht da nicht mehr hin?

Kerstin Stüssel: Das ist vermutlich so, aber interessanter ist ja das ‚bürgerliche‘ Publikum, das sich gegen die Buchhandlung entschieden hat. Susanne Dagen beklagt vehement, dass sie boykottiert werde, dass beispielsweise Thomas de Maizière, der ehemalige Innenminister, der nun wirklich kein Linker ist, nicht mehr bei ihr kauft. Andererseits behauptete sie jüngst in einem Interview, sie habe ein sehr gebildetes Publikum und bekomme viel Zuspruch und Unterstützung. Also wie genau? Ein Nullsummenspiel oder wirkliche Verluste? Die Buchhandlung ist inzwischen vermutlich ein Nischenphänomen geworden; als Wessi vergleiche ich das manchmal mit den Collectiv-Buchläden der alten Bundesrepublik.

Norbert Reichel: Wenn sie genauso viel verdient wie vorher, kann das so nischenmäßig nicht sein.

Kerstin Stüssel: Das wüsste ich alles gerne genauer. Zeitweise hat sie sehr laut lamentiert, sie werde diskriminiert.

Norbert Reichel: Die Opferrolle.

Kerstin Stüssel: Ihre Sprachregelung hat sich inzwischen etwas verändert. Sie sagt jetzt vor allem, dass sie nicht abhängig sei von staatlichen Geldtöpfen.

Norbert Reichel: Denen, die man*frau nicht mag, wird gerne unterstellt, sie würden vom Staat subventioniert.

Kerstin Stüssel: Auch dieser in der ‚Szene‘ wiederkehrende Vorwurf müsste auf seinen Wahrheitsgehalt im Einzelfall und seine Funktionalität überprüft werden.

Norbert Reichel: Wie bewerten Sie die Literaturszene in Ostdeutschland, beispielsweise in Dresden?

Kerstin Stüssel: Die Szene in Dresden war und ist nie so lebendig wie in Leipzig. Ich verfolge das z.Zt. allerdings nur mehr vom Rand aus, da ich nicht die ganze Woche in Dresden bin. Im Bewerbungsprozess um den Status der Kulturhauptstadt gab es auch im literarischen Bereich viel Initiativen. Nach dem Scheitern scheint das wieder abgeflaut zu sein. Ich lasse hier Marcel Beyer, der 2016 den Büchnerpreis erhielt und gerade eine Thomas-Kling-Werkausgabe publiziert hat, unbeachtet.

Norbert Reichel: Im Vergleich zu anderen Städten sehe ich zurzeit Berlin als die eindeutige Hauptstadt. Vielleicht liegt es an meinen Vorlieben, aber etwa 80 % der Autor*innen, deren Bücher ich erwerbe und lese, leben in Berlin.

Kerstin Stüssel: Früher hatten wir München, Frankfurt am Main und Köln als Zentren.

Norbert Reichel: Das hat sich verändert, auch das Veranstaltungsangebot ist in Berlin erheblich differenzierter und diverser.

Kerstin Stüssel: Vielleicht gibt es angesichts des knappen Wohnraums und steigender Mieten in Berlin wieder eine Bewegung in andere Richtungen?!

Irgendwie immer wieder dabei: Carl Schmitt

Norbert Reichel: Vielleicht sprechen wir zum Abschluss – vielleicht sogar als Fazit, über den jüngsten Roman von Ingo Schulze: „Die rechtschaffenen Mörder“. Es geht meines Erachtens um so etwas wie die Nazifizierung eines gebildeten Menschen.

Kerstin Stüssel: Ingo Schulze bietet alles an Kausalketten, was mensch sich vorstellen kann: Der Immobilienbesitzer aus dem Westen, die Elbe, die die antiquarischen Bestände zerstört, die Frau läuft weg, der Sohn wird Nazi. Das ist schon eine Art Hiobsgeschichte, aber durch die doppelten Rahmenerzählungen alles auch ein wenig ernste Spielerei mit der Zuverlässigkeit von Geschichten. Was wir sicher ernst nehmen müssen, ist die Erfahrung, ein kulturelles Kapital, das in der DDR Bildungsbürger*innen – Stichwort „DDR Leseland“ – erworben hatten, entwertet zu sehen, durch die Ökonomie des Westens und durch die nicht mehr ganz neuen Medien. Das und seine erzählerische Raffinesse macht für mich das Buch interessant.

Norbert Reichel: Das Stichwort „Kulturelles Kapital“ ist vielleicht entscheidend. Es geht um Entwertung und Umwertung, im Grunde – siehe Buchhandlung Loschwitz – um einen Kulturkampf, was zur Kultur gehört und was nicht, was sich dann auch in der Szene der Buchhandlungen wiederfindet. Die Hauptfigur des Romans stellt ihr Programm um und vertreibt nur noch deutsche Autoren, übrigens vorwiegend männliche Autoren.

Kerstin Stüssel: Das hat mir nicht so ganz eingeleuchtet, die Nationalisierung der Buchbestände als Anpassung an ein rechtsnationales Publikum oder als Versuch, ein solches zu ‚bilden‘?

Norbert Reichel: Vielleicht zunächst deutsch-besoffen oder wie man*frau das so nennen mag.

Kerstin Stüssel: Die DDR-Szene hatte schon einen internationalen Anspruch, deshalb leuchtet mir die Wendung ins Nationale nicht ein, eine Wendung ins Restaurative schon.

Norbert Reichel: Vielleicht ist das erklärbar, weil das Nationale verbindet. Alles andere wird unter dem Stichwort „national“ subsummiert, ähnlich wie auf den gelegentlichen Treffen von nationalistischen Parteien in Europa, die in den Medien auch schon zu der Bezeichnung als “Internationale des Nationalismus“ geführt hat.

Kerstin Stüssel: Vielleicht hilft die Lektüre von „Munin“ weiter. Ich verstehe den Roman als eine Variation zu Franz Kafkas „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“. Kafkas Text stellt die Frage, wie sich Kunstausübung und alltägliche Routinen zu einander verhalten, warum das „Volk“ Josefine „ergeben“ ist. Thema bei Maron ist die Störung mit Kunstanspruch, die Leute, die sich gestört fühlen, zusammenbringt, eine merkwürdige Art der Gemeinschaftsstiftung.

Norbert Reichel: Und irgendwie auch zynisch. Vielleicht ist das der Kern: Nichts verbindet mehr als ein gemeinsamer Feind, so diffus dieser Feind auch sein mag. Und damit sind wir bei Carl Schmitt. Vielleicht auch bei Trump und Kollegen?