Liebe Freund*innen des Demokratischen Salons,

in der Januarausgabe 2022 finden Sie diesmal vier Texte rund um die Pandemie aus unterschiedlichen Perspektiven, die vielleicht nicht so diskutiert werden wie sie meines Erachtens diskutiert werden sollten. Darüber hinaus finden Sie einen Nachruf auf Joan Didion sel.A., die am 23. Dezember 2021 im Alter von 87 Jahren starb, sowie einen Gastbeitrag zur Musik des Jahres 2021 mit Empfehlungen für 15 Songs und 30 Alben, von denen Ihnen vielleicht das ein oder andere gefällt. Mein Favorit: das neue Album von Die Gruppe Ja, Panik. Sie finden natürlich auch wieder Vorschläge für den Besuch von Veranstaltungen und Ausstellungen sowie die Lektüre des ein oder anderen meines Erachtens wichtigen Textes.

Das Editorial:

Vor 80 Jahren, am 20. Januar 1942, trafen sich 15 Spitzenbeamte des Deutschen Reiches in einer Villa am Wannsee, um über die Vernichtung der Juden und Jüdinnen in Europa zu beraten. Die Leitung lag bei Reinhard Heydrich, die Vorbereitung bei Adolf Eichmann, eine Sekretärin protokollierte.

Es gibt eine Fülle von Literatur über diese Konferenz und die handelnden Personen. Die Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz bietet auf ihrer Internetseite Bücher, Broschüren, Filme, die Interessierte per Internet-Shop oder bei einem Besuch erwerben können. Die Joseph Wulf Bibliothek, benannt nach dem Initiator der Gedenkstätte, enthält über 75.000 Medien. Die Gedenkstätte bietet Führungen für Jugendliche und für Erwachsene, für Schulen und jede andere erdenkliche Bildungsveranstaltung. Tagungen, die auch online verfolgt werden können, sorgen für wissenschaftlichen Austausch und vertiefte Diskussionen.

Die eindrucksvolle Ausstellung bietet einen umfassenden Einblick in die effiziente und effektive Organisation des Menschheitsverbrechens der Shoah. Sie zeigt auch, was davon zu halten ist, wenn Zeitzeug*innen behaupten, sie hätten „nichts gewusst“. Wir sehen beispielsweise auf einem Foto die an einer Erschießung teilnehmende Leni Riefenstahl. Sie ist entsetzt, die jungen Soldaten um sie herum wirken teilnahmslos. Immerhin: sie zeigt eine emotionale Reaktion. „Davon haben wir nichts gewusst!“ – so der Titel eines Buches von Peter Longerich (München, Siedler, 2006) – diese Aussage ist eine der Erzählungen, die einfach nicht stimmt. Sie stimmt nicht im Hinblick auf den letzten Akt der Ermordung in Vernichtungslagern oder an Erschießungsstätten, denn Wehrmachtssoldaten und Wachpersonal berichteten ihren Familien in Briefen, schickten Fotos. Sie stimmt nicht für den Alltag der Schikanen, Hetzjagden und Deportationen gegen Jüdinnen und Juden. Alles war sichtbar, nicht nur für die unmittelbar Beteiligten. Wer sehen wollte, sah, wer hören wollte, hörte.

Doch was geschah an jenem Wintertag in dieser Villa am Wannsee? Andrej Angrick versieht seinen Beitrag zum Dokumentationsband „Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942“ (herausgegeben von Norbert Kampe und Peter Klein, erschienen bei Böhlau) mit der Überschrift „Die inszenierte Selbstermächtigung? Motive und Strategie Heydrichs für die Wannsee-Konferenz“. Genau dies ist der Punkt: die Wannsee-Konferenz sorgte dafür, dass die bisher offenbar ungeklärte Federführung geklärt wurde. Sie lag nun bei Reinhard Heydrich als Leiter des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), auf dessen ehemaligen Gelände heute die Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ liegt.

Der genannte Dokumentationsband enthält zahlreiche Dokumente im Faksimile, darunter das Protokoll der Konferenz. Ich empfehle ergänzend den als DVD im Shop des Hauses der Wannsee-Konferenz erhältlichen Film über die Konferenz, den Heinz Schirk im Jahr 1984 inszeniert hatte und der mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Wir sehen etwas, das in ministerialer Fachsprache Ressortbesprechung genannt wird. Die Teilnehmer tauschen sich fachlich versiert und emotionslos über die Ermordung der europäischen Juden und Jüdinnen aus, als wenn sie über einen Gesetzentwurf zur Änderung der Straßenverkehrsordnung, ein Straßenbau- oder ein Wohnungsbauprogramm verhandeln würden. Es gibt durchaus Meinungsverschiedenheiten, aber zum Schluss sind Federführung und weiteres Vorgehen geklärt. Die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden, die ohnehin schon begonnen hatte, kann nun noch effektiver, noch effizienter durchgeführt werden.

Wir sehen eine andere Art der von Hannah Arendt diagnostizierten „Banalität des Bösen“, wir sehen die versierte Beiläufigkeit und Konsequenz, mit der Verwaltung handelt, Ideologie und Verwaltung Hand in Hand. NS-Beamte trugen Uniform oder zumindest ihr Parteiabzeichen, sie waren Täter, auch wenn sie nicht selbst Hand anlegten. Hans-Christian Jasch und Christoph Kreutzmüller herausgegebene Buch „Die Teilnehmer – Die Männer der Wannsee-Konferenz (Berlin, Metropol Verlag, 2017). Nur am Rande: zehn der Teilnehmer hatten studiert, acht hatten einen Doktortitel. Sie waren gebildete und erfahrene Fachleute. Michael Wildt hat ähnliche Biografien in seinem Buch „Generation des Unbedingten – Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes“ (Hamburger Edition 2003) vorgestellt.

In diversen Prozessen versuchten die Angeklagten, ihre Rolle zu bagatellisieren. Der letzte in der Reihe der Nürnberger Prozesse, der Wilhelmstraßenprozess, verhandelte gegen Spitzenbeamte der NS-Verwaltung, darunter Ernst von Weizsäcker, Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Dessen Sohn Richard, der spätere Bundespräsident, damals junger Assessor, assistierte dem Verteidiger seines Vaters, Hellmut Becker, dem späteren Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Hellmut Becker trug vor, dass aus einer Paraphe seines Mandanten an einem Vermerk zur Deportation französischer Juden und Jüdinnen keine Täterschaft, nicht einmal Mittäterschaft geschlossen werden könne. Mit seiner Paraphe habe dieser der in dem Vermerk notierten Ermordung weder zugestimmt noch habe er sie veranlasst. Nachlesbar ist dies in den Gesprächen, die Frithjof Hager mit Hellmut Becker führte und die unter dem Titel „Aufklärung als Beruf“ 1992 in München bei Piper veröffentlicht wurden.

Der langjährige Leiter der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Hans-Christian Jasch, hat den Beitrag der deutschen Beamtenschaft in einer lesenswerten Biografie eines weiteren Angeklagten im Wilhelmstraßenprozess ausführlich untersucht, Titel des Buches: „Staatssekretär Wilhelm Stuckart und die Judenpolitik – Der Mythos von der sauberen Verwaltung“ (München, Oldenbourg Verlag, 2012). Wilhelm Stuckart war einer der 15 Teilnehmer der Wannsee-Konferenz. Das Buch ist einmal mehr ein ausgezeichneter Beleg dafür, wie sich aus der Biografie eines einzelnen Menschen eine Welt erschließen lässt, in diesem Falle die Welt einer nicht nur passiv kollaborierenden, sondern auch in Planung und Umsetzung der Verbrechen des Nationalsozialismus aktiv handelnden öffentlichen Verwaltung.

Hans-Christian Jasch resümiert: „Das Beispiel Stuckarts illustriert zudem, dass es auch in der – vermeintlich weltanschaulich weniger ‚aufgeladenen‘ traditionellen Ministerialbürokratie in diesem Fall der Innenverwaltung –, deren Funktion die Nazis – bei all ihrem Tun – nie grundsätzlich in Frage stellten, Akteure gab, die dem Nationalsozialismus ideologisch eng verbunden waren und die NS-Revolution aktiv mitgestalten wollten. Durch politisches Gespür und eigene Initiative verstanden sie es, sich und ihren Behörden auch neben der SS- und Parteibürokratie einen erheblichen Einfluss- und Wirkungskreis zu erhalten. Ausgehend von traditionellen Zuständigkeiten – etwa im Staatsangehörigkeits- oder Personenstandsrecht – machten sie sich ihre oftmals überlegene juristische Fachkunde und politische Erfahrung zunutze und traten nicht selten durch besonders radikale Initiativen in Erscheinung.“

Die neuen Texte im Demokratischen Salon:

Vier Essays befassen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Pandemie und bieten einen Ausblick auf post-pandemische Zeiten:

  • Rubriken Pandemie und Treibhäuser: In meinem Essay „Ausregiert? Demokratie-Debatten in der Pandemie“ geht es um die Frage der Auswirkungen der Pandemie und den zu ihrer Eindämmung beschlossenen Maßnahmen auf die freiheitliche Demokratie. Valide Hintergrundinformationen bietet der von Martin Florack, Karl-Rudolf Korte und Julia Schwanholz herausgegebene Band „Coronakratie – Demokratisches Regieren in Ausnahmezeiten. Der Band enthält auch Hinweise auf das Vorgehen in anderen Ländern und benennt verschiedene Dilemmata der Kommunikation und des Politikmanagements, das Elend einer inkohärenten Performance sowie insbesondere eine unklare Kommunikation von Risiken. Adam Tooze dokumentiert in „Welt im Lockdown – Die globale Krise und die Folgen“ die hektisch-inkohärente Politik vor allem der „westlichen“ Länder. Felix Heidenreich fordert in der Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ eine „Demokratie 3.0“ und eine „institutionalisierte Risikowahrnehmung“. Anknüpfungspunkte bieten die von Ernst und Christine von Weizsäcker formulierte „Fehlerfreundlichkeit“ sowie der von Ulrich Beck geprägte Begriff der „Risikogesellschaft“. Den vollständigen Essay finden Sie hier.
  • Rubriken Pandemie und Weltweite Entwicklungen: Der Essay „Ein Lob der Fragilität – Transnationale Perspektiven der Pandemie“ verbindet Gedanken der „Welt im Lockdown“ von Adam Tooze und des von Yener Bayramoğlu und María do Mar Castro Varela veröffentlichten Großessay „Post/Pandemisches Leben – Eine neue Theorie der Fragilität“. Adam Tooze spricht von einer „Polykrise“, da es eben nicht um die Pandemie geht. Verschiedene Essays und Berichte dokumentieren eine „Schattenpandemie“, die Armut verstärkt und wichtige Errungenschaften wie Bildung und Rechte von Frauen gefährdet. China bietet ein für viele Staaten attraktives Modell des Politikmanagements, das durchaus als Alternative zum von der EU-Kommission ausgerufenen Green New Deal wirkt. Yener Bayramoğlu und María do Mar Castro Varel leiten ihre Schlüsse aus Arbeiten zur Queer-Theorie ab, beispielsweise von Judith Butler. Sie stellen fest, dass angesichts der fragilen Verfasstheit der diversen sozialen, ökologischen und ökonomischen Krisen Politik sich an eben dieser „Fragilität“ orientieren müsse, um einen freiheitlichen und demokratischen Weg des Umgangs mit diesen Krisen zu schaffen und der faschistischen Versuchung zu widerstehen. Den vollständigen Essay finden Sie hier.
  • Rubriken Pandemie und Kinderrechte: Was und wie können oder sollten junge (und vielleicht auch ältere) Menschen aus der Pandemie lernen? Dies thematisiert der Essay „Learning Complexity – wie Schule sich aus der Möbiusschlaufe befreien könnte“. Vor etwa 30 Jahren formulierte das OECD-Projekt „Environment and School Initiatives“ angesichts der Bedrohung unserer natürlichen Lebensgrundlagen die Idee des „Teaching Complexity“. Eben diesen Ansatz verfolgt auch „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE). Einer der wichtigsten Vertreter ist Gerhard de Haan, der den Begriff der „Gestaltungskompetenz“ einführte. Dieter Dohmen und Klaus Hurrelmann dokumentieren in ihrem Band „Generation Corona? Wie Jugendliche durch die Pandemie benachteiligt werden“ einige Studien, deren Hauptaugenmerk nicht die von KMK und anderen Bildungssexpert*innen geforderten „Aufholprogramme“ Hingegen kommt es darauf an, die Familien anzusprechen, denn von deren Lebensverhältnissen hängt ab, wie junge Menschen durch die Pandemie gekommen sind. Die aktuelle Bildungspolitik wirkt hingegen lebensfern und verschärft ohnehin schon bestehende Benachteiligungen. Den vollständigen Essay finden Sie hier.
  • Rubriken Pandemie und Treibhäuser: Der Essay „Souverän gemeinsam – die netten Deutschen und die Impfpflicht-Debatte“ thematisiert die aktuellen „Spaziergänge“ von Gegner*innen von Impf- und Maskenpflicht. Von einem 30. Januar 1933 sind wir weit entfernt, beunruhigend ist jedoch das Bündnis von Rechtsextremist*innen und vielen eigentlich ganz und gar nicht extremistischen Bürger*innen. Meine These lautet, dass es bei all diesen Debatten die Impfpflicht als Thema austauschbar ist. Wir stellen jedoch eine Eskalation fest, die von der EURO-Krise über die sogenannte „Flüchtlingskrise“ bis zur heutigen Debatte führt. Der Streit um die Impfpflicht hat durchaus auch Ursprünge in enttäuschten Aufstiegshoffnungen. All dies führt dazu, dass das, was Andreas Zick und andere die „Mitte“ nennen, erodiert. Politik wirkt hilf- und orientierungslos und setzt falsche Prioritäten. Drei Texte von Nely Kiyak, Mithu Sanyal und Eva Menasse dokumentieren, welches Ausmaß falsche Prioritätensetzungen inzwischen angenommen haben. Kontext schlägt Text – das ist schließlich eines der Dilemmata politischer Verlautbarungen, in denen „Gemeinsamkeit“ gefordert und „Spaltung“ abgestritten wird. Den vollständigen Essay finden Sie hier.

Die beiden Rezensionen blicken zurück und dennoch in die Zukunft:

  • Rubriken Opfer und Täter*innen sowie Kultur: Am 23. Dezember 2021 starb Joan Didion, Chronistin ihrer Zeit. Ich habe in meiner Rezension „Empathische Distanz – In Memoriam Joan Didion (5.12.1934 – 23.1.2021)“ ihrer gedacht. Mein Text behandelt die meines Erachtens beispielhafte Sammlung „The White Album“, eine Art Chronik der 1960er Jahre, die aktueller nicht sein könnten, gerade in ihrer Beschreibung der unterschiedlichen Wege weißer und Schwarzer Rebellion. Joan Didion beherrscht die Fähigkeit zu Empathie und Distanz. Sie beschreibt, lässt das, wie die Menschen, denen sie begegnete, sich verhielten, für sich sprechen, und aus jedem ihrer kurzen Texten erwachsen Welten und Erkenntnisse. Ihre Texte sind für mich die philosophische Seite von Quentin Tarantinos Film „Once Upon A Time in Hollywood“. Den vollständigen Text finden Sie hier.
  • Rubriken Kultur und Treibhäuser: In seinem Gastbeitrag stellt Christopher Reichel 15 Songs und 30 Alben vor. Niemand soll sagen, die Musikszene wäre unpolitisch, im Gegenteil: nicht alle, aber die meisten vorgestellten Songs und Alben haben eine politische Botschaft, pro Demokratie, contra Diskriminierung, Sexismus und Rassismus, mal analytisch präzise, mal andeutend inspirierend, sodass die Hörer*innen ihre eigenen Gedanken suchen und finden können. Es lohnt sich, die angegebenen Links auf den Plattformen von youtube und spotify zu nutzen und genau hinzuhören, in Abwandlung eines Satzes von Andrej Tarkowski, zu lauschen und nicht nur zu hören Den vollständigen Text finden Sie hier.

Veranstaltungen, Ausstellungen und Wettbewerbe:

Eine Veranstaltung mit direkter Beteiligung des Demokratischen Salons findet erst wieder im März 2022 statt. Es gibt jedoch einige Veranstaltungen und Ausstellungen, die ich einige bereits empfohlen hatte. Schauen Sie noch einmal in den Newsletter des vergangenen Monats, um vielleicht die ein oder andere zu besuchen. In einem Fall, der Filmpremiere „8×2 Jüdische Perspektiven“ wurde der Eröffnungstermin verschoben.

  • Filmpremiere „8×2 Jüdische Perspektiven“: Die Uraufführung des Dokumentarfilms „8×2 Jüdische Perspektiven“ findet am 31. März 2022, um 18.00 Uhr (Einlass: 17:30 Uhr | Ende: ca. 21:00 Uhr), im Leo-Baeck-Saal der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf statt. SABRA hat für den virtuellen Methodenkoffer gegen Antisemitismus MALMAD acht Kurzfilme mit 16 Jüdinnen und Juden aus Nordrhein-Westfalen produziert. Der Film zeigt die Quintessenz dieser acht Episoden, er zeigt Begegnungen von jeweils zwei jüdischen Menschen, die miteinander über ihr Leben und ihre Erfahrungen sowie ihre Auffassung über das Judentum sprechen. Nach der Filmpremiere gibt es zwei Gesprächsrunden, eine mit dem Projektteam und zwei Protagonist*innen des Films sowie eine mit Gästen aus der deutschsprachigen Bildungs- und Kulturszene. Anmeldung ist erforderlich.
  • Jüdisches Leben und Polizei: Die Berliner Polizei hat im Rahmen des Jubiläumsjahres „1700 Jahre Jüdisches Leben“ das Projekt „Jüdisches Leben – Vergangenheit spricht Gegenwart“ veröffentlicht. Das Projekt dokumentiert das Leben jüdischer Polizist*innen in der Zeit vor 1933 ebenso wie die dunklen antisemitischen Kapitel in der Geschichte der Polizei und deren Verbrechen in der Shoah. Die online verfügbare Ausstellung dokumentiert Biografien wie die von Wilhelm Krützfeld, der in der Nacht vom 9. auf den 10. November die vollständige Zerstörung der Synagoge in der Oranienburger Straße verhinderte, Bernhard Weiß, dem Vize-Polizeichef von Berlin, der sich über Prag nach London retten konnte, oder Martha Mosse, der ersten weiblichen Polizeirätin in Preußen.
  • Touren durch die ehemalige Hauptstadt der DDR: Die Bundesstiftung Aufarbeitung hat eine Smartphone-App entwickeln lassen, die zu 40 Orten der SED-Diktatur in Berlin führt. Die Touren führen etwa vom Brandenburger Tor durch das historische Stadtzentrum bis zum ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie oder zur Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße. Die Orte der DDR-Opposition in Prenzlauer Berg und Friedrichshain können ebenso erkundet werden wie das Stasimuseum an der Normannenstraße oder das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis in Hohenschönhausen. Der Orientierung dient eine Übersichtskarte. Zu jedem Ort liefert ein E-Book Texte und Fotos, zudem können sich die Nutzer im Audioguide an zahlreichen Stationen Informationen anhören.
  • Rechte Angriffe auf die Kultur: Am 13. Dezember 2021 hat Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung „Rechte Strategien gegen die Kunst“ unter der Überschrift „Der Angriff“ dokumentiert. Der Essay verweist auch auf seine gemeinsam mit John Goetz dokumentierte Recherche vom 27. August 2019. Beleidigungen, Morddrohungen, Brandanschläge gehören zum Repertoire. Anträge der AfD in den Landtagen und im Bundestag begleiten und inspirieren diese Angriffe. Am März 2022 findet in Berlin-Kreuzberg eine Veranstaltung des Bündnisses „Die Vielen“ unter dem Titel „Dialoge Kunstfreiheit“ statt, in dem Peter Laudenbach seine Recherchen vorstellen wird. Die Veranstaltung wird von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt.
  • Bündnis „StreitRaum“: Ich empfehle die Dokumentation der Kickoff-Veranstaltung des Bündnisprojekts „StreitRaum“, die Sie auf youtube nachverfolgen können. Das Bündnis wurde 2020 vom Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment und dem Projekt „Each One Teach One“ (EOTO) in Kooperation mit dem Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) gegründet. Es wird von der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft (EVZ) gefördert. Miteinander diskutieren Expert*innen aus der Schwarzen und jüdischen Community über das Verhältnis der Antisemitismus- und Anti-Schwarzen-Rassismuskritik und über Bündnismöglichkeiten zwischen den Communities.

Kurznachrichten und weitere Empfehlungen:

  • Verbot von Memorial: Diverse Staaten versuchen zurzeit, ihre Geschichte zu heroisieren und Verbrechen der Vergangenheit aus der Erinnerung der jeweiligen Bevölkerung zu eliminieren. Die russische Staatsführung ließ Memorial, die profilierteste Einrichtung zur Erinnerung an die Opfer von Kommunismus und Stalinismus am 28. Dezember 2021 verbieten. Die Bundessstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur dokumentiert die bisherige Arbeit von Memorial sowie den Prozess des Verbotsverfahrens. Lesens- beziehungsweise hörenswert sind der Bericht von Irina Scherbakowa und Anke Giesen sowie die Beiträge der Zeitschrift Osteuropa. In einer weiteren Veranstaltung der Bundesstiftung Aufarbeitung vom 17. Dezember 2021 hat Mischa Gabowitsch vom Einstein Forum Potsdam im Gespräch mit Tamina Kutscher von decoder.org vorgetragen, dass die russische Staatsführung nicht die Beschäftigung mit dem Thema an sich verbiete, jedoch Organisationen, die das Thema bearbeiten, ausschalte, um staatliche Kontrolle über die offizielle Erinnerungskultur zu sichern. Das Gespräch gibt Einblick in durchaus unterschiedliche Sichtweisen zum Verbot.
  • Ostdeutsche Führungskräfte: Am 10. Juli 2019 wurde die Schmalkaldener Erklärung veröffentlicht, eine der Erklärungen zur Frage der Gleichberechtigung und Gleichstellung von Ost und West. Eine der Autor*innen war Frauke Hildebrandt, die sich erneut am 3. Januar 2022 auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema „Elitenaustausch“ äußerte. Sie referiert schonungslos die Art und Weise, wie von Westseite Medien, Hochschulen und andere intellektuell bedeutsame Einrichtungen der ehemaligen DDR mehr oder weniger systematisch mit West-Personal besetzt wurden, und fordert eine „relative Ost-Quote“ für zukünftige Stellenbesetzungen.
  • Rassismus im Fußball: Ergänzend zu meinen beiden Essays zum Thema Rassismus und Fußball („Die hässlichen Gesichter des Fußballs“ und „Der weiße Blick“) empfehle ich die Lektüre des Essays von Ronny Blaschke in der Süddeutschen Zeitung zum Thema. In England werden beispielsweise Schwarze Trainer schneller entlassen als weiße. Ronny Blaschke verweist auf eine Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), die ergab, dass 96 % der Führungskräfte im Fußball weiß
  • Frauen in Afghanistan: Einen Eindruck, wie Frauen inzwischen in Afghanistan unterdrückt, schikaniert, aus der Öffentlichkeit entfernt und an Bildung und Teilhabe sowie an der Wahrnehmung ihrer Rechte gehindert werden, zu gewalttätigen Ehemännern zurückgeschickt werden und Frauenhäuser geschlossen werden, bietet ein Text in der 10-nach-8-Reihe auf ZEIT online. Die Autorin bleibt zu ihrem Schutz anonym.
  • Religiöses Mobbing in Berlin-Neukölln: Der Berliner Tagesspiegel berichtet über eine „Bestandsaufnahme Konfrontative Religionsbekundungen in Neukölln“, in der Berichte aus zehn Schulen dokumentiert werden. Nur eine der zehn Schulen vermeldete keine Probleme. Der Projektleiter spricht von „Alltagskultur“, die über „einzelne Fälle“ Das Thema ist hochstrittig. Während einerseits die Beschäftigung mit dem Thema in die Nähe von Rassismus gerückt wird, wird andererseits eine eigene Anlaufstelle gefordert. Frank Bachner, Autor des Textes im Tagesspiegel, zitiert Ahmet Mansour, der betont, dass das Problem nicht alle muslimischen Schüler*innen betreffe, es aber erforderlich sei, Lehrer*innen zu unterstützen, mit dieser Problemlage umzugehen und sie zu schulen, „wie man Werte vermittelt. Wir haben so viel anzubieten: Menschenrechte, Freiheit, Kinder greifen das auf.“
  • Leseliste für das Jahr 2022: All denen, denen der Lesestoff ausgeht (was ich mir bei meinen Leser*innen eigentlich nicht vorstellen kann), empfehle ich die von der Süddeutschen Zeitung erstellte Liste der Bücher des Jahres, eine subjektive Liste wie all solche Empfehlungen, wer auch immer sie aussprechen mag. Die Liste der 44 Bücher wurde von 44 Schriftsteller*innen, Kritiker*innen und anderen Personen des öffentlichen Lebens erstellt. Empfohlen werden nicht nur aktuelle Titel. Beispielsweise sind Pier Paolo Pasolini, Julien Green oder Hannah Arendt dabei.
  • Gleichberechtigung der Frau – DDR und BRD im Vergleich: Einer der Mythen über die DDR ist die dortige Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die es im Unterschied zur BRD gegeben haben soll. In vielen Kontexten mag dies stimmen, aber wer Bücher von Irmtraud Morgner, Maxie Wander oder Ines Geipel gelesen hat, weiß, was Mythos war und was Wirklichkeit. Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) lädt ein zu einer Zeitreise. Eine der zitierten Zeitzeuginnen und Analytikerinnen ist Anna Kaminsky, der Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung und Autorin des 2020 in dritter Auflage im Ch.Links Verlag erschienen Buches „Frauen in der DDR“.
  • Floskel des Jahres: Zur „Floskel des Jahres“ haben Sprachkritiker*innen im Jahr 2021 das Wort „Eigenverantwortung“ gekürt. Auf den Folgeplätzen landeten „klimaneutral“, „links-gelb“, „unvorhersehbar“ und „Instrumentenkasten“. Bedenklich wäre meines Erachtens auch der Missbrauch verschiedener Begriffe wie „Respekt“ oder „Solidarität“. Dahinter steckt in der Regel kein politisches Konzept, das auf der Höhe der Zeit wäre, eher eine Selbstverzwergung der Politik, die alles, was sie selbst nicht leistet, auf die Bürger*innen delegiert, die aufgefordert werden, in „Eigenverantwortung“ und in „Respekt“ voreinander „Solidarität“ zu üben. Und wehe wenn nicht! Mitunter wird der Begriff der „Eigenverantwortung“ jedoch auch mit „Egoismus“ Thomas Beschorner und Sabine Döring haben dies in ihrem Essay „Freiheit ist kein Freibrief“ anschaulich dargestellt. Eine umfassende Debatte über den Begriff der „Freiheit“ sowie die Zukunft eines zeitgemäßen Liberalismus wäre aus meiner Sicht sicherlich hilfreich. Die Ausgabe der Zeitschrift „Merkur“ vom Januar 2022 bietet mehrere Essays zu diesem Thema.
  • WeltRisikoBericht: Der kürzlich erschienene WeltRisikoBericht für das Jahr 2022 dokumentiert die ökonomischen, ökologischen und sozialen Risiken in den verschiedenen Regionen der Welt. Die deutsche Fassung basiert auf dem Bericht der Stiftung Weltwirtschaftsforum (WEF). Die Hauptrisiken hängen alle mit der Klimakrise, den damit verbundenen Extremwetterereignissen und der stark bedrohten Biodiversität zusammen. Soziale Risiken, Armut, zunehmende Infektionskrankheiten sind die Folge. Eine der Schlussfolgerungen: „Das größte Risiko ist Nichtstun.“
  • Gendersternchen: Eine ausgesprochen anregend und unterhaltsam geschriebene Sicht auf Gendersternchen und Glottisschlag bietet Wenke Husmann in ZEIT-online am 17. Januar 2022 in ihrem kurzen Essay „Warten auf Fräulein Gendersternchen“. Sie vergleicht die heutige Debatte mit der Debatte um die Abschaffung des Begriffs „Fräulein“ vor etwa 50 Jahren. Vielleicht sollten wir innehalten und darüber nachdenken, warum ein solcher Sprachwandel so emotional und mitunter auch reichlich aggressiv diskutiert werden. Und erinnert sich noch jemand an den Streit um die letzte Rechtsschreibreform?

(Alle Zugriffe im Internet erfolgten zwischen dem 6. und dem 17. Januar 2022).

Ich wünsche allen meinen Leser*innen viel Gewinn beim Lesen und Nachdenken! Für das Jahr 2022 wünsche ich Ihnen allen Zuversicht, Gelassenheit und nicht nachlassendes Engagement für unsere freiheitliche Demokratie.

Mein herzlicher Dank gilt all denen, die mich auf die ein oder andere der oben genannten Empfehlungen hingewiesen haben oder mich durch Anregungen, Gespräche, Korrekturen so diskussionsfreudig unterstützen. Ich würde mich freuen, wenn diejenigen, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, dort auf den Demokratischen Salon hinweisen.

In etwa vier Wochen melde ich mich wieder.

Ich grüße Sie / euch alle herzlich.

Ihr / Euer Norbert Reichel

P.S.: Sollte jemand an weiteren Sendungen meines Newsletters nicht interessiert sein, bitte ich um Nachricht an info@demokratischer-salon.de. Willkommen sind unter dieser Adresse natürlich auch wertschätzende und / oder kritische Kommentare und / oder sonstige Anregungen.