Poetisches Utopia

„Andymon“ – Ein Roman und seine „Andymonaden“

„Andymon-City wuchs fast täglich ein Stück. Und jetzt, bei Bauen zeigte es sich, daß wir durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie eine Siedlung aussehen sollte. Streitfall Nummer eins war der noch leere zentrale Platz. Zeth, immer bedacht auf glatte und großzügige Lösungen, hielt Betonplatten für das einzig Rationale. Nun, über einen Springbrunnen ließe sich reden. Doch Alfa und Teth steckten schon kreuz und quer die künftigen Blumenrabatten ab. Kein Roboterwagen hätte mehr freie Fahrt gehabt. Eta wollte ‚Schallfreiheit‘ für ihre Musik … Am liebsten hätte ich den zentralen Platz einfach umzäunen und aus den Karten streichen lassen, soviel kostbare Zeit fraßen die Diskussionen! Gamma vermittelte zum Schluß so geschickt, daß sie ihr Lieblingsprojekt, einen Aussichtsturm an zentraler Stelle, durchsetzen konnte, ein Wahrzeichen, das all die flachen Gebäude überragte und den Charakter unserer Siedlung bestimmte. / Aber nicht nur wir veränderten das Angesicht Andymons. Wir? Ja, aus dieser Zeit stammt auch die erste Unterscheidung von ‚wir‘ und ‚sie‘.“ (Angela und Karlheinz Steinmüller, Eine Frage der Perspektive, in: Andymon – Eine Weltraum-Utopie, 1982)   

Der Roman „Andymon – Eine Weltraum-Utopie“ von Angela und Karlheinz Steinmüller erschien erstmals im Jahr 1982. Er wurde mehrfach wieder aufgelegt und ist seit 2018 in dem von Hardy Kettlitz geleiteten Berliner Verlag Memoranda verfügbar. Dort erscheinen auch alle Romane, Erzählungen, Reden, Vorträge und Essays der Steinmüllers in Einzelausgaben. Wer mehr über die Steinmüllers erfahren möchte, findet im Demokratischen Salon mehrere Texte, zum Beispiel eine kurze Geschichte der Science Fiction Made in GDR, der Beitrag „Die zensierte Zukunft“ zur Zensur und Spielräumen der Science Fiction beziehungsweise utopischer Romane in der DDR. Karlheinz Steinmüller ist darüber hinaus ein angesehener Zukunftsforscher. Seine Sicht der Dinge lässt sich in einem Gespräch mit dem Titel „Der optimistische Skeptiker“ entdecken.

Der Roman wurde so populär, dass sich in Ost-Berlin der Science-Fiction-Club „Andymon“ gründete, der bis heute regelmäßige Lesungen und Diskussionsveranstaltungen zur Science Fiction anbietet. Gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beteiligte sich der Club an der Ausstellung „Leseland DDR“ und steuerte mehrere zusätzliche Tafeln bei, die in einer eigenen Ausstellung vorgestellt wurden.

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Doch damit nicht genug: Der Theaterwissenschaftler und Philosoph Michael Wehren hatte die Idee, die Geschichte des Planeten Andymon weiterzuerzählen, sei es als Prequel, als Sequel oder durch die Betonung ganz bestimmter Aspekte. Dazu gewann er elf Autor:innen der aktuellen Science Fiction, mit denen er den Band „Andymonaden“ gestaltete, der im Jahr 2025 bei Memoranda erschien. Titelbild und Umschlag wurden von benSwerk gestaltet. An den „Andymonaden“ beteiligten sich (in der Reihenfolge der Erzählungen im Buch) Patricia Eckermann, Aiki Mira, Dietmar Datz, Lena Richter, Zeinab Hodeib, Luise Meier, Zara Zerbe, Jol Rosenberg, Anna Zabini, Mert Akbal, Nelo Locke. Michael Wehren schrieb die zwölfte Erzählung sowie ein programmatisches Vorwort. Der Band wurde im Oktober 2025 in der Berliner Buchhandlung „Otherland“ erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das folgende Gespräch wurde im Zusammenhang mit dieser Buchvorstellung verabredet. Teilgenommen haben Patricia Eckermann, Aiki Mira, Karlheinz Steinmüller und Michael Wehren.

Die Geschichte von „Andymon“

Norbert Reichel: Karlheinz, bevor wir gleich in die „Andymonaden“ einsteigen, darf ich fragen: Worum geht es in „Andymon“?

Karlheinz Steinmüller: „Andymon“ ist – so steht es auch im Untertitel – eine „Weltraum-Utopie“. Angela und mir ging es darum, eine Welt in der Zukunft zu entwerfen, die nicht durch das vorgeprägt ist, was ideologisch von einer bestimmten Weltanschauung, von einem Staat und damit letztlich von den Erwachsenen vorgegeben ist. Davon wollten wir uns abkoppeln. Ein Raumschiff nähert sich nach etwa 10.000 Jahren Flug einem anderen Sonnensystem. In dem Raumschiff werden in Inkubatoren Embryonen herangezogen. Die Kinder wachsen dann unter der Obhut von Robotern auf, die sie in keiner Weise indoktrinieren sollen. Inwiefern das funktionieren kann, lassen wir mal dahingestellt. Die Kinder bekommen keine Aufgabe vorgegeben, stellen sich aber selbst die Aufgabe, einen Planeten für sich einzurichten, den Planeten Andymon. Es geht um eine neue Welt mit einer neuen Menschheit.

Wie beschreibt man einen solchen Anfang? Schon aus literarischen Gründen sind Konflikte nötig; diese ergeben sich aber auch ganz naturgemäß, wenn nicht wie in den klassischen Utopien sich ein Utopist alles bis ins Detail ideal und perfekt ausgedacht hat. Die Kinder müssen alles aus sich selbst heraus entwickeln. Wenn es darum geht, einen Planeten zu besiedeln, sind Konflikte und Kontroversen unausweichlich. Die einen setzen mehr auf Technik, die anderen wollen zurück zur Natur, sie wollen barfuß über den Planeten laufen. Es gibt Mentalitäts- und Einstellungsunterschiede zwischen den Gruppen, zwischen den Individuen. Sie alle müssen lernen, auch die Widersprüche und Kontroversen, die sich beispielsweise zwischen Jüngeren und Älteren ergeben, auszutragen. Sie sollten respektvoll miteinander umgehen und immer Offenheit bewahren.

Ich könnte es vielleicht auch so beschreiben: Für uns war „Andymon“ eine post-sozialistische Utopie. Wir haben uns von dem Sozialismus in der DDR abgesetzt. Das, was die nächste Generation dann daraus gemacht hat, sind kleine post-kapitalistische Utopiesplitter. Auf dieser Ebene passt es dann wieder ganz besonders gut. Das ist das Wunderbare.

Neugier und Altgier

Norbert Reichel: Was hat dich auf die Idee gebracht, nach mehr als 40 Jahren einen Folgeband zu „Andymon“ herauszugeben?

Michael Wehren: Von Heiner Müller gibt es die schöne Bemerkung, dass es nicht nur die Neugier gebe, sondern auch die Altgier. Was war eigentlich vorher? Was bleibt uneingelöst? Interessant wird es, wenn wir beides und damit auch die Zeitebenen mischen. Wenn Neugier und die Altgier, Vergangenheiten und Zukünfte gleichermaßen die Gegenwart in Bewegung bringen. „Andymon“ erscheint mir auch heute in diesem Sinne weiterhin relevant. Es geht um Veränderung, nicht nur technologisch, auch gesellschaftlich.

Veränderung und Transformation waren immer schon ein Thema der Science Fiction. Gleichzeitig befindet sich jetzt die Science-Fiction-Szene selbst in einem radikalen Transformationsprozess. Es gibt neue Stimmen, neue Akteur:innen, neue Schreibweisen – wobei „neu“ auch eine Qualität der Repräsentation meinen kann. Und da stellt sich auch die Frage, wie wir mit historischen utopischen Entwürfen umgehen, welches Potential der Veränderung der Gegenwart sie in dieser Situation haben und welche Veränderbarkeit sie selbst zeigen.   

Es gibt aber auch noch eine andere Vorgeschichte. Ich selbst hatte nie mit Science Fiction aus der DDR zu tun. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, wurde ganz klassisch im Westen der 1990er Jahre SF-sozialisiert und habe erst viel später, Anfang der 2000er Jahre in Leipzig, Kontakt mit Science Fiction aus der DDR erhalten. Zunächst hat mich das nicht so richtig abgeholt. Aber als ich dann nach Berlin gezogen bin, habe ich Hardy Kettlitz kennengelernt, das Otherland, dort an Diskussionen teilgenommen. Irgendwann hat mich Hardy zum Club „Andymon“ eingeladen. Der Club ist ja schon eine Institution. Ich traf dort ganz unterschiedliche Leute, ältere wie jüngere. Ich habe mich natürlich gefragt, warum der Club „Andymon“ heißt. Hardy hat es mir erklärt und ich habe dann den Roman antiquarisch bestellt und in zwei Nächten und einem halben Tag gelesen. Mir war klar, dass ich damit etwas machen möchte. „Andymon“ kommt für mich bei aller Zeitgebundenheit nach wie vor aus der Zukunft.

Norbert Reichel: Karlheinz, da haben du und Angela etwas angerichtet!

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Karlheinz Steinmüller: Als Michael uns gefragt hat, was wir von einer solchen Anthologie halten, haben wir uns einerseits wahnsinnig gefreut, andererseits auch gefragt, was das Buch heute – nach über 40 Jahren – bedeutet. Wir hatten damals, als wir es geschrieben haben, ganz Anderes im Kopf, wir hatten andere Probleme, an denen wir uns abgearbeitet haben: Wie können sich Menschen frei, ohne Zwang, Indoktrination und Einengungen entfalten? Umweltprobleme waren damals auch im Hintergrund Thema, sicherlich, aber wir haben uns jetzt schon gefragt, was ein Roman aus dem Jahr 1982 heutigen Lesern, jüngeren Autoren noch sagen kann. Ist da noch etwas drin, das anschlussfähig ist, an das man anknüpfen kann?

Auseinandersetzen kann man sich selbstverständlich mit allen alten Texten, wenn man Altgier hat. Man kann sie beliebig als vergangen, obsolet, vergraben und so weiter betrachten. Das wäre völlig korrekt. Wir hätten uns einerseits nicht beschweren können, wenn das herausgekommen wäre. Andererseits waren wir neugierig: Was werden die jungen Autorinnen und Autoren daraus machen? Woran knüpfen sie an? Interpretieren sie uns vielleicht völlig gegen den Strich? Auch das wäre möglich gewesen und im Extremfall wäre eine Lesart herausgekommen, mit der wir uns überhaupt nicht mehr hätten identifizieren können. Umso größer war unsere Erleichterung, als wir die „Andymonaden“ aufgeschlagen haben und die ersten Erzählungen von Patricia, von Aiki, von Dietmar gelesen haben. Da waren wir wirklich erleichtert, und als wir uns bis zu Michael durchgearbeitet hatten, waren wir froh.

Norbert Reichel: Aiki, Patricia, ihr habt sofort Ja gesagt, als Michael euch gefragt hat?

Patricia Eckermann: Ich habe mich sehr geehrt gefühlt. Als ich dann sah, wer alles schon angefragt war und zugesagt hatte, zum Beispiel Aiki und Dietmar, habe ich sehr geschlackert, denn das sind hochkarätige Autor:innen. Spätestens in dem Augenblick, als ich das Buch gelesen habe, schon nach ein oder zwei Seiten, war ich komplett in der Geschichte, Feuer und Flamme.

In meiner Kindheit habe ich viel Science Fiction genossen, Star Trek zum Beispiel. Da ist viel zusammengeflossen. Orientiert habe ich mich an den Fragen, die ich mir bei der Lektüre von „Andymon“ gestellt habe. Es gibt einige offene Stellen, die die Steinmüllers gelassen haben, die ich so ausgefüllt habe, wie es mir sinnvoll erschien. Ich wollte eine Art Prolog zu „Andymon“ schreiben, sodass die Gegenwart an die Zukunft, die in der Vergangenheit geschrieben wurde, andocken kann.

Aiki Mira: Bei mir war es nicht so einfach. Ich hatte „Andymon“ schon als Kind gelesen und geliebt und da kam natürlich die Frage: Wie lese ich es jetzt? Zur Vorbereitung wollte ich eigentlich nur einmal hineinschauen, habe dann aber angefangen zu lesen und war wieder voll drin im Text. Das hat es für mich aber auch nicht leichter gemacht. Ich muss da ganz ehrlich sein. Denn was kann ich einem Text, der so gut ist, noch anfügen? Wo kann ich anknüpfen? Das war für mich im Schreibprozess eine neue Erfahrung. Es war alles erst einmal sehr widerständig, aber im Nachhinein muss ich Michael ein ganz großes Danke sagen, dass er mich dazu gebracht hat, das Buch wieder zu lesen, besonders heute, in einer Zeit, in der andauernd und sekundenschnell neue Texte generiert werden. Darüber habe ich gerade in einem Essay anlässlich der Erzählung „Sie entnamt sie“ von Ursula K. LeGuin nachgedacht, dass das Lesen das Radikale, das Widerständige in unserer heutigen Zeit ist, dass langsames Lesen ein kreatives Lesen ist, das auch mein Schreiben verwandeln kann. Diesem transformativen Lesen habe ich mich ausgesetzt und dafür danke ich dir, Michael, dass du mich diese Erfahrung hast machen lassen. Das Tolle an einem solchen Anthologie-Projekt liegt schließlich darin, dass wir alle, die wir uns beteiligt haben, in einem Raum zusammengekommen sind.

Patricia Eckermann: Das hast du sehr schön gesagt. Mir geht es ganz genauso.

Karlheinz Steinmüller: Und danke, dass ihr mitgespielt habt. Es ist schon etwas Besonderes, eine fremde Welt so anzunehmen, dass man in ihr andocken kann, dass man in ihr, mit ihr schreiben kann. Wir haben bei einem früheren Projekt gemerkt, wie schwer das ist. Es war etwa um 1990, als ein Kollege ein Buch zum „Trödelmond“, so der Titel einer Story von uns, herausgebracht hat, aber niemand hat die Vorgabe aufgegriffen. Es kam mal das Wort „Trödelmond“ vor, es flog mal jemand am Trödelmond vorbei. Das wars dann. Bei den „Andymonaden“ ist es zum Glück anders. Ihr seid alle auf die Geschichte eingestiegen. Mehr kann man sich als ergrauter, schon fast mumifizierter Autor nicht wünschen.

Nach Andymon – vor Andymon

Norbert Reichel: Ich darf einen Gedanken der Vorstellung des Romans durch Karlheinz aufgreifen: Vom Post-Sozialismus zum Post-Kapitalismus. Die Formel gefällt mir. Meines Erachtens passt das auch auf eure Geschichten, der Titel deiner Geschichte, Patricia, lautet „Sabotage“, der der deinen, Aiki, „Ausreißende Sterne“.

Aiki Mira: Der Untertitel von „Andymon“ lautet „Eine Weltraumutopie“. Dieser Gedanke hat auch bei mir eine Rolle gespielt, vor allem das Sich-Hineindenken in diese utopische Geschwistergesellschaft, die mich schon als Kind fasziniert hat. Welche Psychologie steht dahinter? Kann sich jemand von der utopischen Geschwisterlichkeit entfernen? Das Motiv des Sich-Entfernens, des Weggehens, findet sich im Titel meiner Erzählung: „Ausreißende Sterne“: Es gibt Sterne, auch Planeten, die aus ihrer Bahn brechen, Runaway Stars, Rogue Planets. Dieses Weggehen ist schon in „Andymon“ enthalten, denn es geht ja um ein Raumschiff, das aus unerklärten und unerklärlichen Gründen die Erde verlässt. Das kommt in meiner Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder vor. Die ich-erzählende Person geht weg von der Utopie Andymon, denn Andymon ist Heimatplanet geworden, Mythos. Darüber hinaus wurde die ich-erzählende Person von ihrer Mutter verlassen, in ein Kinderhaus zu Androiden gegeben. Auch das passt zur Jugend der Geschwister in „Andymon“. Mir war es wichtig, dass eine Utopie, selbst wenn wir darin aufgewachsen sind, von uns wieder verlassen werden kann.

Norbert Reichel: Es ist eine ewige Fortsetzung des Erdenkens einer Utopie, des Erreichens und des Wieder-Verlassens. Vielleicht ist vielen von uns gar nicht klar, dass die Zeit, in der wir leben, aus der Sicht vorangegangener Zeiten auch eine Utopie – oder je nachdem – eine Dystopie ist. In deiner Erzählung, Aiki, lesen wir: „An die Schönheit des Heimatplaneten glaube ich nicht.“ Oder: „Durch das Leben auf Raumstationen weiß ich, der Weltraum ist nicht vollgestopft mit Leben, sondern aus allen Nähten platzend, aus Leere.“ Es geht immer wieder darum, dass der Ort, an dem man landet, so toll gar nicht ist wie erhofft, sondern ähnliche Probleme hat wie der Ort, den man verlassen hat. Daran lässt sich gut an die „Sabotage“ anknüpfen, die wir, Patricia, bei deiner Geschichte im Titel lesen und die auch deren Fortgang bestimmt. In deiner Geschichte lese ich Widerstand.

Patricia Eckermann: Ich glaube, bei mir ist es nicht das Post-Kapitalistische. Wir sind noch nicht am Ziel. Ich beschreibe die Menschen, die dorthin kommen wollen, die Rebell:innen, die, die sehen, was falsch läuft, die diese Welt in der Zukunft in eine gerechte Gegenwart verwandeln wollen. In meiner Geschichte ist alles im Umbruch, alles im Fluss. Es ist auch das, was ich in unserer Gegenwart wahrnehme. Viele Menschen haben das erkannt und arbeiten im Kleinen daran. Ich glaube, wir müssen nur erkennen, dass wir schon dabei sind daran zu arbeiten. Darüber müssen und können wir zusammenfinden, über die verschiedenen Widerstände hinweg. Wenn wir das tun, können wir das Ziel auch erreichen.

Norbert Reichel: Ich will eigentlich nicht spoilern, aber irgendwie kommen wir nicht darum herum. In „Sabotage“ hast du eine ganz bemerkenswerte Art und Weise beschrieben, in der das geplante Attentat vollzogen wird. Angel Stone ist es gelungen, Eizellen und Spermien auszutauschen. Es hat etwas höchst Subversives, eine solche gewünschte Perfektion zu unterminieren.

Patricia Eckermann: Das ist die Auflehnung gegen die Tendenzen, die wir heute sehen. Ich habe das nicht erfunden, auch nicht die Diversität. Das steht alles in „Andymon“ schon drin. Das war für mich auch die zentrale Botschaft dieses Buches. Das hat mich in dem Roman am meisten angesprochen, ich war von Anfang an mitgemeint. In keinem anderen Science-Fiction-Roman, weder im Westen noch im Osten, habe ich mich jemals gefunden und daher auch nicht das Interesse entwickelt, in diesem Bereich weiterzulesen und mich weiterzubilden.

Norbert Reichel: In deinem eigenen Roman „Elektro Krause“ hast du dein Ziel dennoch bestens umgesetzt. Man mag zwar denken, dass es sich hier weniger um einen Science-Fiction-Roman handelt als um eine deutsche und politische Version der Ghostbusters, die ich eher in den Fantasy-Bereich einordnen würde.

Patricia Eckermann: Im englischen und im amerikanischen Roman habe ich mehr Diversität gesehen als in den deutschen Romanen. Da gab es zwar auch eine Menge Rassismus, aber es kamen Menschen vor wie ich. Als ich dann „Andymon“, einen Roman aus den 1980er Jahren, lese und sehe, dass Menschen wie ich darin eine Rolle spielen, war ich komplett begeistert. Für mich zeigt „Andymon“, dass alle dazugehören. Das ist auch das, was die Rebell:innen in „Sabotage“ antreibt. Die zukünftige Welt soll genau so divers sein, wie die Welt heute ist. Die Züchtungsfantasie in meiner Erzählung basiert auf der Haltung von Menschen, die meinen, sie wären etwas Besseres und die Menschheit der Zukunft sollte nach ihrem Bilde gestaltet werden.

Science Fiction ist Gegenwartsliteratur

Norbert Reichel: Manchmal habe ich bei Wiederaufnahmen wie den „Andymonaden“ den Eindruck, es ist irgendwie wie bei den Stoffen der griechischen Tragödien. Diese wurden über die Jahrhunderte, die Jahrtausende immer wieder aufgegriffen, auf die jeweiligen aktuellen Verhältnisse hin reflektiert und neu interpretiert. Es ist irgendwie eine Wiederkehr des Gleichen, mitunter in Spiralen, mehr oder weniger dialektisch, sodass die neuen Geschichten widerspiegeln, was zuvor war. Post-kapitalistisch, post-sozialistisch – das sind vielleicht nur zwei Varianten, die sich mit dem Präfix „post“ anstellen ließen. „Ausbrechende Sterne“ wären dann auch ausbrechende Gesellschaften, die „Sabotage“ wäre dann der konkrete Akt, der einen solchen Ausbruch provoziert und möglicherweise sogar nicht mehr zurückholbar dem Lauf der Welt eine völlig andere Richtung gibt.

Michael Wehren: Was wird wie sichtbar, wenn du ein solches Projekt startest? Die Autor:innen werden den Text abklopfen und mit auf ihre Zeit, ihr Schreiben, beziehen. Wenn sie den Text genau lesen, sich von ihm berühren lassen und der Text immer noch assoziierbar ist, werden sie erfahren, was an ihm zukünftig aus der linearen Zeit gefallen ist. Sie erkennen die Symptomatik, was zu einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Signatur gehört und das eine Zeit viele Zeiten ist. Wenn wir über „Andymon“ sprechen, machen wir jeweils kenntlich, was auch jede einzelne der Geschichten tut: Wir machen die eigene Gegenwart kenntlich. Ursula K. LeGuin schreibt, dass Science Fiction immer auch Gegenwartsliteratur ist – aber eben eine Gegenwart im Übergang. Es ist eine Gegenwart zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht, nicht eine Gegenwart, die zur Ruhe gekommen wäre.

Das gilt für „Andymon“ wie für jede einzelne Erzählung der „Andymonaden“, im Guten wie im Schlechten. Zugleich kommen diese Stories aus der Zukunft, öffnen sie auch wieder, verhandeln sie neu. Es ist dieses Moment des Wieder- und Widererkennens, des Verfremdens, auch des Nicht-Mehr-Erkennens, des Neu-Konstruierens, des Anders-Bauens, des Verschiebens,  in einem transgenerationalen Dialog, der schon Gegenstand von „Andymon“ ist und auch die „Andymonden“ auszeichnet. Gleichzeitig lernen und entlernen wir mit den Texten, was Andymon ist – und damit auch unsere Gegenwart und ihre Zukünfte.

Alle Texte sind nah an der Gegenwart, gleichzeitig beziehen sie sich emphatisch auf die Romanvorlage So können sich diese Stories denjenigen öffnen, die den Roman schon als Kind gelesen haben, diejenigen, die ihn erst jetzt entdecken, die ihn wieder lesen, neu entdecken, diejenigen, die noch gar nicht geboren waren, als „Andymon“ erschien. Ebenso ist es bei den Autor:innen der zwölf Erzählungen. Sie verhandeln Themen, mit denen sie sich von „Andymon“ lösen und doch wieder darauf zurückverweisen. Kurz gesagt: Alle zwölf riskieren etwas. Und das ist auch spürbar.

Aiki Mira: Ich möchte einen Gedanken hinzufügen. Mir ging es nicht nur um eine inhaltliche, sondern auch um eine poetische Auseinandersetzung. Es ist eine Beziehung zwischen mir und dem Roman entstanden, zum Beispiel über den Mythos „Heimatplanet“. In dem Roman ist etwas angelegt, das  mit mir und meinem Schreiben etwas macht. Das hängt auch mit meiner persönlichen Familiengeschichte zusammen. Es geht letztlich darum, was macht der Text mit mir, was macht sein Sound mit mir, was macht das dann mit meinem Schreiben?

Karlheinz Steinmüller: Daran kann ich anknüpfen. Als wir das Buch schrieben, haben Angela und ich lange diskutiert, was für uns „Heimat“ bedeutet, zumal dieser Begriff über Jahrzehnte doch etwas kontaminiert war und man ihn sich neu aneignen musste. Insofern ist „Heimat“ doch eher der Ort, den man sucht. Im Vergleich zu 1982 gibt es zum Glück Veränderungen, wir haben das Buch in einer Zeit geschrieben, in der wir den Kalten Krieg als allgegenwärtigen bedrohlichen Zustand fast schon körperlich gespürt haben, gerade in Berlin. Wir hatten auch Kontakte in die kleine Umweltszene und kannten uns mit Umweltproblemen und ihrer Verleugnung aus. Wir haben sehr stark die Enge und die Miefigkeit des DDR-Alltags wahrgenommen, aus dem wir ausbrechen wollten. Wir können das in die heutige Zeit hinein durchdeklinieren: Wie viel Mief, wie viel Enge ist heute noch oder wieder vorhanden? Einige Umweltprobleme wurden tendenziell gelöst, zum Beispiel das Ozonloch, andere haben bedrohliche Dimensionen erreicht. Im Hintergrund lauert ein heißer Krieg, der für uns in Mitteleuropa erst einmal einen kalten Krieg bedeutet. Gleichzeitig hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Sie ist bunter, vielfarbiger geworden. Jol Rosenberg hat mit der Bemerkung recht, dass „Andymon“ eine heteronormative Perspektive hat.

Politik und Poetik der Science Fiction

Norbert Reichel: Jol Rosenberg schrieb die Erzählung „Wovon ich Teil sein will“. Darin finden wir folgenden Satz: „Eintauchen und Auftauchen. Sich verbinden und wieder lösen. Viele und ein Einzelner sein. Neugier schien ihm ein guter Anfang.“ In der Erzählung gibt es unter den Bewohner:innen von Andymon eine Debatte über die Freiheit und die Frage, ob es Individualität gebe oder nur Gemeinschaft, darüber, wer zur Gemeinschaft gehört und wer nicht. Im Grunde geht es dabei um das, was in der Soziologie heute „Heteronormativität“ genannt wird.

Karlheinz Steinmüller: Diese Begriffe kannten wir damals nicht. Es gab sie wahrscheinlich auch noch nicht. Wir hatten allerdings einen Lektor, der schwul war. Alle wussten dies. Das war 1982 in der DDR nicht revolutionär, aber ungewöhnlich. Auch diese Offenheit wollten wir haben, aber wir haben damals nicht daran gedacht, das in dieser Richtung detailliert zu beschreiben. Wir hatten keine Vorbilder für queere Persönlichkeiten, die wir in die Geschichte hätten einbauen können. Ob uns das geglückt wäre, ist noch eine ganz andere Frage.

Norbert Reichel: Das sieht heute anders aus. Drei der zwölf Autor:innen der „Andymonaden“ bezeichnen sich als nicht binär. Auch diesen Begriff gab es vor 40 Jahren noch nicht, weder im Osten noch im Westen.

Karlheinz Steinmüller: Selbstverständlich waren die Geschwister vom ethnischen Hintergrund her so bunt wie die Menschheit. Sie sollten die gesamte Menschheit widerspiegeln und nicht nur die in der DDR auftretenden Gesichtsfarben.

Norbert Reichel: Patricia, du hast eben darauf hingewiesen, wie sehr dich die in „Andymon“ vorhandene Diversität angesprochen hat. Ein weiterer Aspekt in diesem Kontext sind totalitäre Fantasien, die Diversität zerstören wollen. Dies nimmst du in deiner Geschichte auseinander. Es geht um die von den Herrschenden gesteuerte Fantasie der Züchtung einer perfektionierten, genetisch optimierten Menschheit. Und es gibt den Widerstand mit Reminiszenzen an die interessanteste Person in dem Comic-Franchise „Black Panther“, Killmonger, und einen Urvater aller Terroranschläge, Guy Fawkes.

Ich darf zwei Passagen der Schlussszene zitieren: Der „Baron“ genannte Repräsentant der herrschenden Gesellschaft rechtfertigt das Züchtungsprojekt im Verhör mit Angel Stone, der Erzählerin und Protagonistin: „Menschen tendieren dazu, Macht und Status anzuhäufen. (…). Deren Stärken basieren auf Dominanzhierarchien und leistungsorientierter Konkurrenz.“ Besser hätten sich Peter Thiel, Marc Andreessen oder Elon Musk auch nicht rechtfertigen können. Aber auch deren Macht hat Schwächen: Der letzte Absatz der Erzählung dokumentiert die Hoffnung auf eine entscheidende und endgültige Niederlage der Tech- und Züchtungs-Oligarchen: „Plötzlich erscheint auf dem Screen ein rotes, drohendes V über einem roten Kreis. Dann ein Mensch mit Guy-Fawkes-Maske – und Kalles Stimme! Sie haben die Kommunikationskanäle der Oligarchen gehackt! Ich weine vor Freude. Jetzt erfährt die ganze Welt, dass auch die Zukunft der Menschheit divers ist.“

Karlheinz Steinmüller: Für Angela und mich war die Erzählung „Sabotage“ eine plausible Vorgeschichte zu „Andymon“, die praktisch am heutigen Tag ansetzt. Wenn ich an Leute wie Peter Thiel denke, bekomme ich eine Gänsehaut, obwohl ich ebenso weiß bin wie er. Wir hatten damals aber auch Romane von James Baldwin gelesen. Einige Werke von ihm wurden in der DDR verlegt; ich kann aber nicht sagen, ob sie „Andymon“ beeinflusst haben.

Patricia Eckermann: Ich bin euch dafür superdankbar. Das kann ich nicht oft und laut genug sagen. Ein Roman aus dem Jahr 1982!

Aiki Mira: Patricia, du hast einen superaktuellen Text geschrieben. Ich sehe das genau wie du. Auch wenn Queerness in „Andymon“ nicht explizit benannt wird, auch weil es die Begrifflichkeit damals noch nicht gab, ist sie ständig durch die verschiedenen Lebensstile im Roman präsent. Queerness wäre dort überall möglich gewesen, auch wenn sie nicht explizit benannt wird. Ich hatte immer das Gefühl, dass auf Andymon viel möglich ist, viel mehr, als wir uns bei der Jahreszahl 1982 eigentlich vorstellen können. Es könnten in der Erzählung, in der Weitererzählung, immer wieder neue Dinge ausprobiert werden, sodass es sich bei „Andymon“ um eine sehr dehnbare Utopie handelt.

Michael Wehren: Aiki sprach eben die „poetische Auseinandersetzung“ an. Es geht eben auch potentiell um eine „Poetik der Science Fiction“, um die Schreibweisen, um den Stil. „Andymon“ ist ein offenes Buch, das immer noch assoziierbar, immer noch produktiv ist – das ist insbesondere auch eine Frage des Stils, der Schreibweise. Die Haltungen der Figuren werden in eine eigene Schreibweise übersetzt und umgekehrt. So wie die Figuren im Roman mit Konflikten umgehen, so geht der Roman stilistisch auch mit dem Material um, das in auszeichnet.

Norbert Reichel: Utopien wirken über Poesie? Warum funktioniert das mit „Andymon“ immer noch so gut?

Michael Wehren: Es ist einmal die Utopie des Neuanfangs. Gleichzeitig gibt es noch ein zweites Modell, das Modell der menschlichen Praxis als Utopie. Utopie bedeutet dabei nicht Konfliktfreiheit, sondern die Art und Weise, wie mit Konflikten umgegangen wird. Ich sehe in dem Buch in diesem Sinne eine Politik des Schreibens, aus der sich ein eigenes poetisches Moment entwickelt. Nicht nur was, auch wie wir schreiben, ist politisch. Utopie und Utopisches sind ja immer auch ästhetische Erfahrungen – eine Frage der Wahrnehmung, der Worte, der Form der Sätze und wie sie sich mit Affekten, Wünschen und so weiter assoziieren. Das verbindet auch die zwölf Texte der „Andymonaden“. In allen Varianten.

Norbert Reichel: Zu all diesen Varianten gehört in „Andymon“ auch eine Figur unter den Geschwistern, die geradezu stalinistische Züge hat. Ich habe nicht nur in diesem Kontext den Roman ebenso wie andere Romane von Angela und dir, Karlheinz, als Parabeln gelesen. Oder ist das nur meine eigene Kafka-Passion, die mich überall Parabeln sehen lässt? Aber der Weltraum in „Andymon“ ist für mich ein Spielfeld, ein Hintergrund, kein realer Weltraum. Die ersten Sätze des Romans – der Titel des Kapitels lautet bewusst vieldeutig „Woher?“ – legen mir diese Sicht schon nahe: „Es gibt eine Reihe von Fragen, die sich der Mensch wieder und wieder stellt. Das war schon auf einem Planeten mit Namen Erde so, der für uns kaum mehr bedeutet als eine phantastische kosmische Sage. Und das wird so sein bis in alle Zukunft unseres Planeten Andymon, über der genau wie über der irdischen Vergangenheit der Schleier der Zeit liegt.“

Karlheinz Steinmüller: Wir haben schon versucht, den realen Weltraum so weit wie möglich zu nutzen, aber da kommt man nicht weit. Wir haben immer etwas schreiben wollen, das unserer Realität in der DDR einen Spiegel vorhält. Wir wollten aber auch nicht, dass es nur ein Spiegel ist. Da sollte mehr drin sein. Es sollte auch auf andere Verhältnisse übertragbar sein. Modellhaft. Wir konnten natürlich damals nicht einschätzen, ob und wie das möglich wäre.

Norbert Reichel: Letztlich wird es philosophisch. Luise Meier nannte bei der Vorstellung der „Andymonaden“ im „Otherland“ den Roman „ein philosophisches Buch“.

Karlheinz Steinmüller: Vielleicht passt dazu ein Gedanke zur Offenheit von „Andymon“: Die Konflikte werden in der Tat auf einer sehr philosophischen Ebene ausgetragen. Wir hatten Reaktionen von Lesern, die die Figur Beth, den Ich-Erzähler des Romans, als „so ein Softie“ bezeichneten, weil Beth eben nicht auf einer Meinung beharrte und sie unbedingt durchsetzen wollte. Er zeigte die Haltung, dass er nicht unbedingt recht haben müsse, dass vielleicht auch die anderen recht haben könnten, also, dass ich erst über mich selbst nachdenken muss, damit ich mit den anderen reden kann. Diese undogmatische Grundhaltung ist ein großer Unterschied zu den klassischen Utopien, die alle mehr oder weniger dogmatisch sind.

Angela und ich haben damals auch darüber gesprochen, dass „Andymon“ eine dynamische Utopie sein sollte. Den Begriff hat meines Wissens als erster H.G. Wells aufgebracht (in: „A Modern Utopia“). Es wird nichts von Beginn an festgelegt, sondern alles soll sich aus der Praxis der Menschen heraus entwickeln. Utopie ist nichts Vorgegebenes, sondern ein unklar umrissenes Ziel, auf das man sich versucht hinzubewegen.

Mehr Pop in unsere Tragetasche packen!

Norbert Reichel: Science Fiction leidet – zumindest in Deutschland – darunter, dass manche sie als Populärkultur, die man nicht ernst nehmen müsse, im Gegensatz zu einer sogenannten „Hochkultur“ abwerten. In den USA gibt es eine solchen Unterscheidung nicht. Immerhin gibt es inzwischen einige Wissenschaftler:innen, die sich sehr konkret und sehr präzise mit populärkulturellen Kunstformen auseinandersetzen, mit dem Gaming, mit Comics, mit Serienproduktionen wie Star Trek oder Game of Thrones. All dies geschieht durchaus in dem Sinne, wie auch „Andymon“ wirkte. Meines Erachtens passt dies auch zu der von Ursula K. LeGuin eingeführten Begrifflichkeit der Speculative Fiction oder der Social Fiction, die sie als Alternative oder Ergänzung zur Science Fiction vorschlägt, um den gesellschaftlichen und politischen Kontext hervorzuheben. Dazu gehört die Solarpunk-Bewegung mit ihren Fantasien für eine gerechtere und nachhaltigere Welt. Ich möchte folgende Thesen anbieten: Wir brauchen mehr Pop, um gesellschaftliche und politische Inhalte anschlussfähiger zu machen und möglichst viele Menschen zu motivieren, sich damit zu beschäftigen.

Aiki Mira: Ich schließe an Ursula K. LeGuin an, auch an das, was Karlheinz eben zu Beth gesagt hat, eine Figur, die ich sehr liebe. LeGuin hat Fiktion als Tragetasche bezeichnet (in: The Carrier Bag Theory of Fiction, 1989). Diese Tragetasche enthält alles Mögliche und eben nicht nur die übliche klassische Heldengeschichte mit Konflikten, Kämpfen und Triumpfen. Es ist bei „Andymon“ gerade das Spannende, dass im Roman der Inhalt einer solchen Tragetasche erzählt wird, mit vielen Möglichkeiten, ganz unterschiedlichen Figuren, die zusammenkommen, zueinander in Beziehung treten, wieder auseinandergehen, die kooperieren, aber auch scheitern, die sich verknüpfen, verbinden. Das ist – wie LeGuin sagt – viel näher an unserer Realität als die klassischen Heldengeschichten. Es ist egal, ob das jetzt Pop ist oder nicht. Es ist eine Tragetaschengeschichte. Das hat mich als junger Mensch fasziniert und mich umhergetrieben. Davon wollte ich noch mehr lesen.

Norbert Reichel. Und jetzt schreibst du selbst solche Bücher. Du hast dein Konzept in unserem Gespräch „Poetik der Queerness“ im Detail beschrieben.

Aiki Mira: Ich will andere Narrative finden. Dann kommen andere, die das in E- und U-Literatur einordnen, aber das interessiert mich eigentlich nicht. Neue Erzählformen sind in allen Literaturformen möglich.

Karlheinz Steinmüller: Die Bemerkung von Ursula K. LeGuin mit der Tragetasche ist auch schon fast 40 Jahre alt. Man hat in den 1960er Jahren das S in Science Fiction mit Speculative oder Social übersetzt. Es ist heute wieder eine Zeit, in der sich aus dem Genre ein neues Genre heraus entwickelt. Das zeigt sich auch in Zeitschriften wie „Queer*Welten“. Ich glaube zwar nicht, dass die Heldengeschichten aussterben werden. Die Sehnsucht nach Heldengeschichten ist das Vermächtnis der Höhlenmenschen in uns. Aber wir brauchen heutzutage eben auch andere Narrative.

Mir ist aber auch aufgefallen, dass Science Fiction zunehmend ernsthaft wahrgenommen und diskutiert wird, zumindest in meiner kleinen Szene aus der Zukunftsforschung. Es ist Wahnsinn, wieviel  Aufmerksamkeit  jeglicher Art von Science Fiction geschenkt wird, meistens – so muss ich gestehen – ihrer technologischen Seite, aber eben auch breiter. Science Fiction wird zunehmend auch politisch interpretiert, etwa von Isabella Hermann, die sich in dem Genre hervorragend auskennt.

Norbert Reichel: Zuletzt mit ihrem Buch „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“, das 2025 im oekom-Verlag erschien. Im selben Verlag erschienen die „Zukunftsbilder 2045“ von Reinventing Society. Ich habe beide Bücher in meinem Beitrag „Mehr Anti-Dystopien wagen“ vorgestellt, mit dem ich auch an einen Aufruf von Kim Stanley Robinson anknüpfe: „Dystopien – jetzt!“ Isabellas Buch wurde schon in der ZEIT, die irgendwie das bildungsbürgerliche Leitmedium in Deutschland ist, von Petra Pinzler und Stefan Schmitt vorgestellt: „Das wird gut“. Wie Isabella verweisen sie auf Kim Stanley Robinsons „Ministerium für die Zukunft“. Maximilian Probst interviewte – ebenfalls für die ZEIT – Kim Stanley Robinson: „Wir alle stecken heute mitten in einem Science-Fiction-Roman“. Auch der Deutsche Kulturrat hat sich mehrfach in diesem Sinne mit Science Fiction, mit Comics, mit Gaming befasst.

Karlheinz Steinmüller: Ich denke, dass Science Fiction inzwischen unsere Kultur unterwandert hat. Seit etwa 20 bis 30 Jahren ist Werbung ohne Science-Fiction-Motive kaum noch denkbar. Selbst in den alten Medien, im Fernsehen, ist Science Fiction ständig präsent, erst recht in den Streaming-Diensten. Das ist ein Siegeszug, der auch seine Nachteile haben kann, im Sinne einer Verwässerung, eines Zurechtschneidens auf einen mutmaßlich vorgegebenen Zeitgeist. Mitunter finde ich es beängstigend, wie science-fiction-affin unsere Zeit ist. Science Fiction war doch einmal etwas für Spezialisten, für die wenigen, die sich auskannten, und jetzt ist das etwas für Krethi und Plethi. 

Patricia Eckermann: Wir müssen mehr Pop wagen! Das ist mein Thema. Diese Unterscheidung zwischen E und U macht unser Leben unnötig schwer. Es ist natürlich interessant für eine Wissenselite, die sich auch gerne etwas abgrenzen möchte. Ich glaube aber, dass wir gerade über Literatur, auch über Fernseh- und Filmmedien viele Menschen erreichen, wesentliche Botschaften verbreiten können. Es ist mir wichtig verstanden zu werden. Ich finde es persönlich gut, dass ich mich in einem populären Genre viel leichter und auch gegenüber einer viel größeren Gruppe ausdrücken und verstanden werden kann. Menschen folgen dann vielleicht einer Geschichte, in die ich das ein oder andere hineinpflanzen kann, das nicht so mit dem Zeigefinger daherkommt.

Ich mag es Genres und Welten zu vermischen. So bin ich auch aufgewachsen. Manche würden mich als Mixed-Race bezeichnen. Für die einen bin ich nicht Schwarz genug, für die anderen nicht weiß genug. Ich bin etwas eigenes, ich bin mein eigenes Genre. So wie ich selbst nicht von anderen festgelegt werden kann, mich auch nicht festlegen, in eine Schublade hineinzwängen lassen will, so möchte ich, dass das, was ich schreibe, nicht nur in eine Schublade passt. Ich lese selbst gerne Texte oder schaue Filme, die sich aus einer Schublade herausbewegen oder die ich selbst aus einer Schublade herauslesen kann. Auch das ist möglich.

Michael Wehren: Mein Eindruck ist, dass das, was populär wird, immer auch ein wichtiger Exodus, ein produktives Neuverorten ist. Zugleich kann es auch ein Exodus sein, wenn etwas poetisch wird. Gerade in Situationen, in denen man vielleicht schon zu viel verstanden wird. Mehr Pop! Das ist die eine Seite, eine weitere: Mehr Poesie!

Norbert Reichel: An einem meiner Bücherregale klebt die Parole „poetisiert euch.“

Michael Wehren: Dazu gehört vielleicht auch: Mehr Nacht! Nicht immer nur das sogenannte Licht der Wissenschaft! Natürlich müssen wir Technik, Technologie und die Erfahrungen damit erzählen. Es gibt in der Science Fiction so viel Anderes. Wofür steht Science Fiction denn? Das wird doch mit jedem Roman, jeder Kurzgeschichte, jedem Interview neu verhandelt. Muss das S in SF für Science stehen? Oder steht das S vielleicht beispielsweise auch für Socialist? Vielleicht ist „Andymon“ auch der Traum von einem anderen Sozialismus, von einer anderen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Der Traum von sozialistischem Solarpunk aus einem Land vor unserer Zeit.

Gleichzeitig aber tut es der Science Fiction vielleicht sogar gut, wenn sie nicht immer so ganz ernst genommen wird, dass darin auch immer Spiel ist, Fantasie, auch Blödsinn, persönliche Idiosynkrasie, Wachträumen, dass sie nie ganz feuilletonfähig ist, sich mit ihren Robotern und Aliens immer auch wieder selbst ein wenig um ihren Ruf bringt. Das macht Science Fiction produktiver und zugänglicher für ein Publikum, das nicht rein bildungsbürgerlich geprägt ist.

Karlheinz Steinmüller: Als Fazit passt vielleicht ein Satz von Michael aus seiner meines Erachtens sehr philosophisch inspirierten Erzählung in den „Andymonaden“. Titel: „Nach Andymon – Vier Erzählungen aus der Zukunft“: „Sie gehen zurück an den Anfang und / Merken, da ist kein / Anfang / Sie gehen zurück an das Ende und / Merken, da ist kein / Ende / Die Welten und die Sterne sind / Unendend.“ Michael hat die Philosophie von „Andymon“ damit auf den Punkt gebracht.

Für Angela und für mich ist das Schönste an den „Andymonaden“, dass wir damit in direkten Kontakt mit Aiki, mit Patricia und all den anderen der jüngeren Generation gekommen sind. Das hat uns auch neue Kraft gegeben. Ich danke allen, die sich beteiligt haben, und besonders dem Herausgeber! 

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Januar 2026, Titelbild: Vorstellung der „Andymonaden“ im „Otherland“, Foto: NoRei.)