Politische Romantik
Zum Polen-Jahrbuch 2026 des Deutschen Polen-Instituts
„Romantik bedeutet mehr als Literatur; Romantik ist vielfach eine neue Lebensform, eine eigene Weltanschauung, sie erfaßt alle Lebensbereiche und wissenschaftlichen Disziplinen, überführt die Revolution aus der Politik in die Literatur und wirkt von dort zurück auf das Leben der Gesellschaft. Als Revolution der Denk-, Lebens- und Schreibart berührt sie auch die Bereiche der Philosophie, Psychologie und Theologie, der Musik- und Geisteswissenschaften. Romantik heißt Regeneration, ob auf dem Wege der Revolution oder der Gegenrevolution, das hängt meist von dem Entwicklungsstadium der Romantik und der Ideologie des Betrachters ab.“ (Gerhart Hoffmeister, Deutsche und europäische Romantik, Stuttgart, Metzler, 1978)
Die Romantik ist vielleicht die erste Epoche der Literaturgeschichte, die das von Goethe im Jahr 1827 popularisierte Siegel der „Weltliteratur“ verdient. Die Welt wirkte damals aus europäischer Sicht noch kleiner als sie es heute ist, doch reichten Goethes literarische Reisen weit über Europa hinaus, beispielsweise mit dem „West-Östlichen Diwan“ nach Persien. Für andere Autor:innen, die der Epoche der Romantik zugerechnet werden, waren Griechenland oder die Ukraine Sehnsuchtsorte. George Gordon Byron (1788-1824) beteiligte sich am griechischen Befreiungskampf gegen die osmanische Herrschaft und setzte dem ukrainischen Nationalhelden Ivan Mazeppa ein literarisches Denkmal. Die Gestalt des Mazeppa schaffte es als mehr oder weniger mythische, zumindest romantisierte Gestalt sogar bis nach China und Japan. Sein Pferd, das tausend Meilen lief, wurde ebenso legendär wie der auf ihm festgebundene ukrainische Held. Aber auch Byron selbst wurde in der Rezeption zu einer quasi-mythischen Gestalt. In Polen wurde Adam Mickiewicz (1798-1855) zu einer Art Nationalhelden in Literatur und Politik zugleich.
Der „romantische Code“ Polens (Karl Dedecius)
Gerhart Hoffmeister wagte die folgende These: „In keinem anderen Land ist die literarische Entwicklung in der romantischen Epoche so eng mit dem Schicksal der Nation verknüpft wie in Polen.“ Vielleicht spiegelt die polnische Romantik mehr als die Romantizismen anderer Länder ein spezifisch nationales Lebensgefühl, das sich in den Künsten wie in der Politik bis heute auswirkt.
Wer die Validität dieser These ergründen möchte, findet in dem der Romantik gewidmeten Jahrbuch 2026 des Deutschen Polen-Instituts eine Vielzahl von Argumenten. Ergänzend lohnt sich ein Blick in eine weitere Publikation des Deutschen Polen-Instituts. Sie wurde von Marta Janachowska-Budych und Tomasz Lis herausgegeben, ihr Thema: „Literarische und filmische Bilder der Migration zwischen Polen und Deutschland“. Dieser Band eignet sich zu einer Gegenprobe. Er gibt Antworten auf die Frage, ob der vielfältige national konnotierte Bezug auf die Romantik in der polnischen Literatur und Politik nach wie vor anhält oder möglicherweise mit der Zeit verblasst. Beide Bände erschienen in Wiesbaden im Verlag Harassowitz, einer der führenden deutschen Verlage für all diejenigen, die mehr über Polen erfahren wollen.
Hinter dem Siegel der Romantik verbergen sich quasi-magische Wirklichkeiten und Träume, Sehnsuchtsorte und Sehnsuchtssymbole, die gerne in eine mystifizierte Vergangenheit verlegt werden. Beschworen werden in Literatur, Malerei, Theater, Musik zum Beispiel ein von Fremdherrschaft zu befreiendes Land (Griechenland, Ukraine, Polen), eine „blaue Blume“ mit magischer Kraft (Novalis, Heinrich von Ofterdingen) oder der sogenannte „heilige Gral“ (Richard Wagner, Parzival), die Erlösung von Schrecken und Schauer, wie sie von aus wie auch immer gearteten magischen Orten (Burgen und Schlösser, geheimnisvolle Gärten, in das alltägliche Leben eindringende Gestalten bewirken (Vampire, Untote, lebendig erscheinende Automaten). Es lässt sich sicherlich streiten, wie politisch diese Phänomene romantischen Denkens und Dichtens gedacht sind oder wie weit sie bloß allgemeine gesellschaftliche Ängste und Sehnsüchte spiegeln. Politisch wird der Begriff der Romantik jedoch vor allem dann, wenn er mit Fantasien der Befreiung und Erlösung von einer fremden Macht verbunden wird. Dies ist in Polen der Fall, mit Nachwirkungen bis in die aktuelle Politik.
Paweł Zarychta, Literaturwissenschaftler an der Jagellonen-Universität Krakau, betont in seinem Essay „Erhebe dich Polen! Der polnische Freiheitsgeist und die Romantik“ (in: Polen-Analysen des Deutschen Polen-Instituts vom 6. Oktober 2026, aber auch als Eingangsessay im Jahrbuch Polen 2026), dass Begriff und Epoche der Romantik viel mit polnischem Freiheitsgeist zu tun haben. Er verweist auf vier Daten, die in Polen alle kennen, die aber außerhalb Polens nur selten beachtet werden: 1794, 1830, 1863, 1944: „Auch nach Jahrzehnten sind nämlich der Kościuszko-, der November-, der Januar- und schließlich der Warschauer Aufstand feste Bestandteile des polnischen kollektiven Gedächtnisses. Maßgeblich prägen sie bis heute den Diskurs über den polnischen Aufstands- und Freiheitsgeist. Dessen Ursprünge werden in der Regel in der polnischen Romantik verortet und mit Stichworten wie Messianismus, Prophetismus oder der Vorstellung Polens als ‚Christus unter den Völkern‘ in Verbindung gebracht.“
Die drei polnischen Teilungen der Jahre 1772, 1793 und 1795, der über 120 Jahre währende Verlust der eigenen Staatlichkeit, prägen dieses in Künsten und Politik Polens verankerte Selbstbild bis in die Zeiten der Nazi-Herrschaft 1939 bis 1945 und der folgenden bis 1989 währenden Existenz Polens als Vasallenstaat der Sowjetunion. Durchweg sehen sich viele Menschen in Polen nach wie vor im Wechselspiel deutscher und russischer Interessen bedroht. Diese Grundängste werden in jedem polnischen Wahlkampf revitalisiert. Ähnliches geschieht in der Ukraine, auch unabhängig von Wahlen. Der Münchner Historiker Martin Schulze Wessel hat die historischen Grundlagen dieser Ängste in mehreren Büchern detailliert beschrieben, beispielsweise in „Der Fluch des Imperiums – Die Ukraine, Polen und der Irrweg in der russischen Geschichte“ (München, C.H. Beck, 2023) oder bezogen auf die Ukraine in „Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“ (C.H. Beck, 2025). Ohnehin sind die Geschichten Polens und der Ukraine eng miteinander verwoben, ungeachtet polnisch-ukrainischer Erinnerungskriege, die im Jahr 2026 angesichts eines Streits über die Massaker in Wolhynien wieder aufflackerten.
Das Polen-Jahrbuch 2026 enthält zehn Essays, deren Inhalte sich auf verschiedene Künste beziehen, die Literatur, die Malerei, den Comic, die aber auch kritische Gedanken zur Tradition der Romantik in Polen formulieren, beispielsweise im zehnten Essay von Olga Drenda mit dem programmatischen Titel: „Den Romantikern keinen Glauben mehr schenken“. Olga Drenda greift mit diesem Titel die von Andrzej Kaluza und Julia Röttjer geschriebene Einleitung auf: „An die Romantik glauben“. Damit ist das gesamte Spannungsfeld politisierter beziehungsweise politischer Romantik angesprochen, der auch eine quasi-religiöse Dimension zugeschrieben wird. Andrzej Kaluza und Julia Röttjer zitieren Karl Dedecius (1921-2016), den Gründer und langjährigen Direktor des Deutschen Polen-Instituts: „Die Romantik ist für Polen das Lebenselixier.“ Sie verweisen auf „den ‚romantischen Code‘ der polnischen Literatur“, der eine „Opferrolle“, eine „Kultur des Scheiterns“ mit „Konsequenzen in der Erinnerungslandschaft und in der Geschichtspolitik“ impliziere. Es gehe um die Trias von „Gefühl, Religion und nationale Erinnerung“.
Das Jahrbuch bietet zahlreiche Hintergrundinformationen (gut erkennbar durch leicht grau hinterlegte Kästen in den jeweiligen Essays), beispielsweise zur polnischen Romantik im Comic, zur Neuheiden-Bewegung im 21. Jahrhundert, zu einzelnen Persönlichkeiten wie der polnischen Literaturwissenschaftlerin Maria Janion (1926-2020), der Klaviervirtuosin Maria Szymanowska (1789-1831) oder ihrem Kollegen Frédéric Chopin (1810-1849). Zwischen der Einleitung und dem ersten der zehn Essays wurde eine deutsche Version des programmatischen Gedichts Romantik von Adam Mickiewicz abgedruckt. Weitere literarische Texte im Anhang illustrieren die Analysen der Essays, darunter das Libretto der Oper „Die Nacht der Raben“ von Małgorzata Sikorska-Miszczuk sowie der Text „Mickiewicz‘ Prophezeiung“ von Katarzyna Ignatowicz. Die literarischen Texte machen etwa ein Viertel des Buches aus. Eine Fülle von Bildern veranschaulicht den Inhalt der Texte, beispielsweise direkt zu Beginn Adam Mickiewicz in der Pose des Dichters als Seher, den Kopf auf seinen linken Arm gestützt, den Blick leicht nach oben in eine ferne Zukunft gerichtet.
In dem Buch wird eine Fülle polnischer Autor:innen vorgestellt, die mit Mickiewicz der Epoche der Romantik zugerechnet werden, die mit Fug und Recht auch als eine Art polnische Klassik bezeichnet werden könnte. Was Dante und Petrarca für Italien, Corneille, Racine und die Académie Française für Frankreich, Goethe und Schiller für Deutschland bedeuteten, mögen Mickiewicz oder Juliusz Słowacki für Polen bedeuten. Sie stehen für so etwas wie die Entstehung einer Nationalliteratur. Alfred Gall, Leiter des Polonicums an der Universität Mainz, betrachtet im Jahrbuch die polnische Romantik zwar einerseits „mit transnationaler Blickrichtung“, bezeichnet sie andererseits jedoch auch „als ein bis heute wirksames zentrales Paradigma der polnischen Kultur“: „Für die Literatur der polnischen Romantik gilt ein Geschichtsverständnis, das gegen die Vorstellung eines in sich vernünftigen und durch Gott sanktionierten historischen Geschehens rebelliert und eine Korrektur des aus der Geschichte hervorgegangenen Zustands in der Gegenwart einfordert.“ Alfred Gall sieht Parallelen zum italienischen Risorgimento, zur französischen Romantik, zum deutschen Vormärz und zur Ukraine. Die Ukraine ist laut Maria Janion die „wohl am stärksten mythenstiftende Region der polnischen Romantik“, auch im Hinblick auf die die sogenannte „ukrainische Schule“ der polnischen Romantik.
Marta Kopij-Weiss, Germanistin an der Universität Breslau, analysiert „Verflechtungen im Spannungsfeld zwischen der deutschen und polnischen Romantik“. Sie verweist auf die polnische Rezeption von Goethe und Schiller, die in Polen (wie auch in Frankreich) eher als Romantiker gelesen werden. Nicht die Weimarer Klassik, sondern der Sturm und Drang der 1770er und 1780er Jahre stehen im Vordergrund des Interesses, ebenso die literarisch-politischen Debatten des Vormärz, sodass sich „der Wunsch nach ästhetischer Freiheit mit dem nach national-politischer Souveränität verknüpfte oder letzterer sogar den Vorrang erhielt.“
Die Krakauer Kulturwissenschaftlerin Marta Kudelska diagnostiziert in ihrem Beitrag „Neue Geister der Romantik“ „eine anarchische Kraft“, „schönen Wahnsinn“, die bis heute nachwirke: „Diese heutige Form der Romantik ist auch eine Reaktion auf die fortschreitende Säkularisierung und das ungebrochene Bedürfnis nach Spiritualität. So lässt sich auch die Faszination ihrer Vertreter:innen für Magie, Rodismus (eine Form von Neopaganismus) und Theosophie erklären.“ Hexen und Meerjungfrauen werden zu feministischen Ikonen, Künstler:innen werden zu einer Art „Medium, das Gefühlen, Archetypen und Geistern eine eigene Stimme verleiht“, durchaus mitunter mit einem Touch „Ökologie“. Sie sieht nicht wie Maria Janion eine zerstörerische Kraft in der Romantik, sondern fragt, ob diese vielleicht „doch im symbolischen Schatten Sinn erkennt und in Gefühlen die Wahrheit. Ist es nicht genau das, was wir heute am dringendsten brauchen?“
Polnischer Messianismus
Mehrere Autor:innen des Jahrbuchs sprechen von einem „polnischen Messianismus“, so Paweł Zarychta, der an die Formel von Polen als dem „Christus der Völker“ erinnert, die Polen als „ein auserwähltes Volk“ darstelle. Die Formel geht unter anderem auf Adam Mickiewicz zurück, der in seine Vorträge und Gedichte „mystische Elemente integriert, die als göttliche Offenbarungen gedeutet werden“. Auf der einen Seite ließe sich – so Zarychta – das Ende der polnischen Romantik mit dem Scheitern des Januaraufstands 1863 datieren, auf der anderen Seite „blieb der messianische Geist jedoch ein zentraler Bestandteil und Referenzpunkt des nationalen Narrativs“, das sich auch im Warschauer Aufstand 1944 fortsetzte und bis heute „ein Spiegel polnischer Identität“ geblieben ist.
Letztlich leitet sich die Selbstdefinition der eigenen polnischen Identität offensichtlich aus Niederlagen und Bedrohungsszenarien ab. Die Sehnsucht nach einer die (gefühlten) aktuellen Niederlagen legitimierenden und beschönigenden Romantik manifestiert sich darin, dass man sich in dem Gefühl einer Gemeinschaft einrichtet, die sich in der Heilserwartung eines „Messias“ manifestiert. Dieser „Messianismus“ ergibt sich zwangsläufig aus dem Selbst-Vergleich mit dem gekreuzigten „Christus“.
Magdalena Marszałek, Polonistik-Professorin an der Universität Potsdam wird im Hinblick auf das Drama „Dziady“ (deutsch: „Die Ahnenfeier“) von Adam Mickiewiecz und den gescheiterten November-Aufstand 1830/1831 deutlich: „Es ist die Geburtsstunde des polnischen romantischen Messianismus, der unmittelbar auf die Niederlage des Aufstands reagiert und das nationale Trauma mit einer neuen Wucht hervortreten lässt. Dabei steht der Aufstand figurativ für die Auferstehung von den Toten und wird so zum Kern des messianischen Traums von der Auferstehung Polens.“ Sie verweist darauf, dass wir die „Wiederbelebung von messianischen Opfernarrativen“ in der Gegenwart beispielhaft „nach der Flugzeugkatastrophe bei Smolensk am 10. April 2010“ erleben. 96 hochrangige Politiker:innen, Militärs, Vertreter:innen der Kirche und der Zivilgesellschaft starben, darunter der damalige Staatspräsident Lech Kaczyński, dessen Bruder bis heute von einem Anschlag ausgeht und diesen in den Wahlkämpfen seiner Partei, der PiS, ausschlachtet, um alle politischen Gegner:innen zu Mitverantwortlichen zu erklären.
Gefühle machen Politik. Das ist inzwischen eine in den politischen Wissenschaften weithin anerkannte Erkenntnis. Sie wird beispielsweise von Eva Illouz oder von Ute Frevert entfaltet und begründet. Auch die Jahrbücher des Deutschen Polen-Instituts haben sich immer wieder mit den Gefühlen hinter einer oft nationalistisch aufgeladenen Geschichtspolitik befasst, zum Beispiel 2022 mit dem Thema „Widersprüche“, 2023 mit der Vokabel „Osten“, 2024 mit dem Begriff „Modern(e)“, 2025 mit dem Thema „Energie“, das nicht nur eine technische, sondern auch eine politisch-emotionale Dimension hat (Ich erlaube mir einen Verweis auf meinen Überblicksessay aus dem Jahr 2025: „Polen 2025 – Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte“. Dort habe ich auch die Ergebnisse verschiedener ergänzender Forschungsprojekte und Veröffentlichungen zum Thema vorgestellt.)
Olga Drenda, die auch in den vorangegangenen Jahrbüchern präsent war, sieht diese romantisierenden Gefühlswelten kritisch. Sie provoziert: „‚Romantiker oder Positivist?‘ – so lautete im polnischen Schulunterricht viele Jahre lang die Frage, wenn ein literarischer Held ideengeschichtlich zu verorten war. Diese beiden für das 19. Jahrhundert charakteristischen Modelle prägten die polnische Kultur in der Zeit der Teilungen und bilden die Pole, zwischen denen – will man dem schulischen Lehrplan glauben – unser polnisches Schicksal aufgespannt ist.“ Schulunterricht neige dazu, Gefühle in den Mittelpunkt zu stellen, nicht zuletzt Mitgefühl für verfolgte, verzweifelnde Figuren zu erzeugen. Damit sollen Identifikationsfiguren geschaffen werden, die wiederum geschichtspolitisch und manipulativ aufgeladen werden. Als Beispiel nennt sie Lektüre und Verfilmung des Romans „Lalka“ von Bolesław Prus (1847-1912). Olga Drenda zitiert den Kampa-Verlag, der die deutsche Fassung mit dem Titel „Die Puppe“ mit einem Vorwort von Olga Tokarczuk veröffentlichte und den Roman mit Tolstois „Anna Karenina“ und Flauberts „Madame Bovary“ verglich: „Prus erzählt von den Ambivalenzen des gesellschaftlichen Umbruchs – parabelhaft und voll psychologischen Feingefühls.“
Den Kategorien Romantik und „Positivismus“ fügt Olga Drenda eine dritte Kategorie hinzu, „den Zynismus“ als Spielart eines „tiefen Nihilismus“. Diesen „Nihilismus“ könnte man allerdings auch als Beleg einer fundamentalen Desorientierung betrachten. Die Wirklichkeiten unserer Welt stimmen eben nicht mit dem überein, was in unseren Schulweisheiten erzeugt wird. Diese Widersprüche haben – so Olga Drenda – viel mit sozialem Wandel zu tun: „Seit sich auf dem Land der Charakter der Familienbetriebe verändert hat und diese sich von autarken familiären Einheiten zu modernen Unternehmen wandelten, verlassen mehr Frauen dauerhaft die Dörfer. Denn jenseits der Landwirtschaft bietet das Land ihnen weder stabile noch gut bezahlte Arbeitsplätze. Solche zu finden, fällt Männern deutlich leichter. Es entsteht Distanz und in der Folge in der Folge häufig Groll, der wiederum Legenden generiert.“ Sozialer Wandel gebiert nostalgische Gefühle und Sehnsüchte nach der Wiederherstellung von Vergangenheiten, von denen niemand weiß, ob es sie jemals gegeben hat.
Magdalena Marszałek zitiert Maria Janion, die „in den letzten Dekaden vor den Gefahren des rezidiven martyrologisch-messianischen Komplexes der polnischen Kultur gewarnt“ hat, unter anderem in einem Brief vom 10. Oktober 2016: „Der Messianismus, und insbesondere seine staatlich-klerikale Version, ist ein Fluch, ein Unglück für Polen. (…) Eine Nation, die ohne Leid nicht existieren kann, muss sich das Leid selbst zufügen.“ Maria Janion wird in diesem Sinne in mehreren Beiträgen zitiert, nicht zuletzt mit ihrem programmatischen Buch „Polen und ihre Vampire“ (die deutsche Fassung erschien 2014 im Suhrkamp Verlag). Alfred Gall verweist auf eine vergleichbare Dekonstruktion des Romantikbegriffs bei Witold Gombrowicz (1904-1969), der unter anderem in seinem Roman „Trans-Atlantyk“ (1953) „eine gegen Mickiewicz und gegen die Romantik angelegte Kulturrevision bezwecke.“
Hier schließt sich der Kreis. Vor allem rechtsnationalistische Bewegungen und Parteien neigen in den 2020er Jahren in Polen und anderswo dazu, sich auf das 19. Jahrhundert zu berufen. (Die deutsche AfD will beispielsweise die Jahre 1813 (Viervölkerschlacht in Leipzig) und 1871 (Reichsgründung in Versailles) in den Mittelpunkt des schulischen Geschichtsunterrichts stellen. Durchweg werden die liberalen und demokratischen Botschaften von Freiheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts pervertiert, einschließlich der deutschen Nationalfahne. AfD und Burschenschaften kapern die Botschaften des Hambacher Fests 1832 oder der Paulskirchenversammlung 1848. Für sie konstituieren nicht mehr Weimarer Verfassung und Grundgesetz das Erbe von 1848. Das demokratische Erbe wird auf seine national(istisch)en Anteile und den anti-napoleonischen Widerstand reduziert. Die deutsche AfD spricht von „erfolgreicher deutscher Geschichte“, die damit zugleich antifranzösisch konnotiert ist, aber vor allem den Blick von der deutschen Verantwortung für zwei Weltkriege, den Nationalsozialismus und die Shoah ablenken soll.)
Geschichtsrevisionismus wirkt sich unter anderem auch geschlechtsspezifisch aus. In einem der den Beitrag von Olga Drenda illustrierenden Kästen wird der Begriff des „Incel“ („involuntary celibataires“) eingeführt, eine spezifisch männliche Version des Gefühls, man sei das, was man nun gar nicht sein möchte, ein ungeliebter „Loser“. Die Figur des „Incel“ analysieren Patrycja Wieczorkiewicz und Aleksandra Herzyk in ihrem Buch „Przegryw“ (Warschau 2025, englischer Titel: „Loser“). Ist schon die Gegenwart wenig erfreulich, die Zukunft ungewiss, sollte wenigstens die Vergangenheit glorreich sein.
Popkulturelle Romantik
Wojciech Śmieja, Literaturwissenschaftler in Kattowitz, verweist in seinem Essay „Der romantische Held – Drei Affirmationen post mortem“ auf eine weitere aktuelle Wiederkehr romantischer Heldeninszenierung jenseits nationalistischer Rezeption. Tadeusz Rejtan (1742-1780) zerriss seine Kleider, „als er 1773 im Sejm versuchte, sich gegen die Gründung einer Abgeordnetenkongregation zu wehren, deren Ziel es war, die erste Teilung Polens zu bekräftigen“. Die Aktivistin Nadia Tarkowska von der Klimaschutzbewegung „Letzte Generation“ präsentierte sich vor dem Bild, das Jan Matejko zu diesem Thema gemalt hatte, in der Pose Rejtans, mit aufgerissener Bluse, den Blick nach oben gerichtet (eine entsprechende Fotografie bietet das Polen-Handbuch, im Internet ist sie leider nicht zugänglich).
Tadeusz Rejtan und Nadia Tarkowska erscheinen in ihren Gesten gleichermaßen als Opfer, so Wojciech Śmieja: „Die lebhafte gesellschaftliche Reaktion auf diese Performance bestätigt, dass sich die polnische Kulturgemeinschaft nach wie vor dem Kodex romantischer Verhaltensweisen und dem damit verbundenen ethischen Horizont, der vor zwei Jahrhunderten definiert wurde, verbunden fühlt. Ich möchte diese Aktion als affirmative Rekontextualisierung des romantischen Helden bezeichnen.“ Der aufwärts gerichtete Blick, den wir bei dem bereits beschriebenen Bild von Mickiewicz, bei Rejtan und bei Tarkowska sehen, signalisiert nicht nur Kampfesmut, sondern auch – und vielleicht vor allem das – die Einsicht in die Unerfüllbarkeit der eigenen Vision in der aktuellen Wirklichkeit, verbunden mit der Hoffnung, da könne jemand kommen, der das Anliegen eines freien Polens beziehungsweise eines geretteten Klimas verwirklicht. Wojciech Śmieja zitiert den Theaterwissenschaftler Tomasz Plata, „der eine psychoanalytische Interpretation dieses Phänomens vornimmt“. Plata „spricht von der Romantik als einem traumatischen Ereignis, das somit dem Zwang zur Wiederholung unterliegt.“
Man könnte die Aktivitäten der „Letzten Generation“ wie so manch andere moderne Protestform durchaus der Popkultur zuordnen. Popkultur lebt in hohem Maße von ihren Bezügen auf überlieferte Vorbilder, die sie variiert und revitalisiert. Nadia Tarkowska arbeitet mit ihrem Zitat der Rejtan-Geste ähnlich wie die ukrainische Gruppe Femen mit folkloristisch anmutenden Blümchen im Haar oder die russische Gruppe Pussy Riot in ihrem Tschaikowsky zitierenden Video Swan Lake. Alle drei zitieren romantische, romantisierende Motive in dem von ihnen vertretenen politischen Kontext. Das Zitat ist nicht nur Parodie, es revitalisiert das ursprüngliche Motiv, indem es dieses konterkariert.
Weitere Phänomene der popkulturellen Rezeption romantischer, romantisierender Motive stellt im Polen Jahrbuch Michał R. Wiśniewski vor. Der Comic- und Romanautor konstrastiert in seinem Beitrag „Die Slawen 2.0“ den Auftritt der trans Künstler:in Conchita Wurst mit Paillettenkleid, Vollbart und langen Haaren beim European Song Contest (ESC) 2014 („Rise Like a Phoenix“) und den Auftritt der sich in einem pseudo-folkloristischem Kostüm zeigenden polnischen Pop-Sängerin Cleo beim ESC 2024 (My Słowanie, deutsch: „Wir sind Slawen“). Conchita Wurst zitiert Schlagermotive und parodiert diese durch ihr Outfit, indem sie die Garderobe eines Filmstars auf dem roten Teppich eines Filmfestivals mit einer jesusähnlichen Frisur kombiniert. Die Folklore Cleos jedoch ist alles andere als Parodie. Die Publizistin Agnieszka Graff hat – so Michał R. Wiśniewski – den Auftritt von Cleo als „slawische Pornografie“ bezeichnet. Diese Bezeichnung passt durchaus auch auf die Bemühungen so mancher Politiker:innen, die sich für etwas einsetzen, das sie für Volkskultur halten. Die meisten dürften zwar überhaupt nicht wissen, was sie da eigentlich in ihrer Kleidung und in ihrer Performance zitieren, befriedigen aber offenbar Bedürfnisse eines Publikums, das irgendetwas identitär Traditionelles erwartet. Wichtig ist ihnen vor allem eine Antibotschaft gegenüber Botschaften, die sie ablehnen und von denen sie sich sogar bedroht fühlen, allen voran Künstler:innen wie Conchita Wurst. Das kann – ähnlich wie beim Auftritt von Cleo – gewaltig schief gehen. Martina Winkler verweist in ihrem Buch „Über der Tatra blitzt es“ (Frankfurt am Main / New York, Campus, 2026) auf unfreiwillige Irritationen der slowakischen Kulturministerin Martina Šimkovičová, die im falschen Kostüm auftrat und damit die gesamte Volkskulturszene verprellte. Man könnte bei solchen Auftritten auch von Vulgär-Romantik sprechen.
Auf einem anderen Niveau bewegt sich die polnische Fantasy-Serie „The Witcher“, zunächst als Computerspiel erfolgreich, die durchaus mit Aspekten einer Art „Neuheidentum“ korreliert und auf den Romanen von Andrzej Sapkowski über den Hexer Geralt beruht. Hier geht es nicht um Pseudo-Folklore, sondern um quasi-religiös inszenierte Düsternis. Der „Slawe“ wird – so Michał R. Wiśniewski – zum „Meme“, eine Einschätzung, die sich auch mit der Pseudo-Folklore Cleos verbinden ließe. Michał R. Wiśniewski schreibt: „Die Idee von Sapkowski war so einfach wie genial: Man nehme die klassische polnische Legende vom Drachen unter der Krakauer Wawelburg, der vom schlauen Schuhmacher besiegt wird. In einer Welt voller Ungeheuer kann man sich aber nicht einfach auf kühne Handwerker oder Städter verlassen, man benötigt einen Fachmann, den Hexer.“ Davon gibt es nicht nur in der polnischen Popkultur einige: „Die polnische Popkultur wurde von ‚düsteren Charakteren, die immer recht haben‘ besiedelt, und Geralt wurde, wie jeder Superheld, auf sein charakteristisches Aussehen – Schwert, weiße Haare, Wolfsmedaillon – reduziert, womit er zur wirklich erkennbaren Ikone wurde, ob auf dem Cover eines Comics, eines Buchs, eines Spiels oder im Trailer einer Serie.“
Wir bewegen uns hier im Universum der in der Romantik des 19. Jahrhunderts populären pseudo-mittelalterlichen byronesken Mythen, wie wir sie im 20. Jahrhundert vor allem in „The Lord of the Rings“ oder im schottischen „Highlander“ sehen. Dieses Universum ist vor allem auf der rechten Seite des politischen Spektrums höchst populär. Michał R. Wiśniewski: „In dieser rechten Fantasie nimmt das Slawentum einen wichtigen Platz als eskapistische Utopie für weiße Europäer ein. (…) Auch wenn man ohne Rücksicht auf die Hautfarbe Pole oder Polin sein kann, besonders dank Migration und gemischten Ehen, so aktivieren die ‚Slawen‘ spezifische ‚genetische‘ Assoziationen. Mit dem Protest gegen dunkelhäutige Elben oder Hexen in der Fabelwelt der Serie vertraten einige die These, dass Der Hexer im Original in Polen spiele.“
Natürlich sind die Figuren einer solchen Sagenwelt austauschbar. Sie sehen auch irgendwie alle gleich aus. Die Redaktion des Polen-Jahrbuchs ergänzt den Beitrag von Michał R. Wiśniewski mit einer Liste polnischer Legenden in Kurzfilmen, Erzählungen und Musikvideos auf der Plattform Allegro. Die politische Einstellung der Macher spielt dabei keine tragende Rolle mehr. Wiśniewski weist darauf hin, dass „Sapkowksi sich im Vergleich zu anderen Fantasy-Autoren immer auf der progressiven Seite positionierte. In den Erzählungen finden sich nicht nur LGBTQ-Handlungsstränge, sondern auch ein offenkundiges Lob für das Recht der Frauen auf Abtreibung, was bis heute einer der großen Streitpunkte im polnischen Diskurs ist. Er fügt sich jedoch gut in die im Internet auffindbaren Gedanken über Osteuropa, die Slawen und Polen ein.“ In der Rezeption spielt dies jedoch keine Rolle. Anders als bei Nadia Tarkowska, Femen oder Pussy Riot werden romantisierende Motive für bare Münze genommen.
„Leuchtende Düsternis“ ist der Titel eines Beitrags von Joanna Lamparska, Produzentin historischer Radio- und Fernsehsendungen. Die „Düsternis“, die die Schauplätze einer Fernsehserie wie „The Witcher“ oder einer Queste wie in „The Lord of the Rings“ auszeichnet, verdüstert offensichtlich auch die Fähigkeit, eine Landschaft als das zu sehen, was sie ist. Joanna Lamparska befasst sich mit der Geschichte von „Frankenstein“, dem in der Regel als Horrorgeschichte rezipierten Roman von Mary Wollstonecraft Shelly. Schon der Titel wird in der Rezeption verfälscht. Im Original lautet er „Frankenstein or the New Prometheus“, in der Rezeption werden der Wissenschaftler Frankenstein und sein Geschöpf, das mit dem Gesicht von Boris Karloff zum Monster wurde, oft genug miteinander verwechselt. Aber Schloss „Frankenstein“ wird zur Touristenattraktion. Es gibt allerdings mehrere Orte, die sich auf die Frankenstein-Erzählung beziehen. Einer davon ist die niederschlesische Stadt Ząbkowice Śląskie, „die bis 1945 Frankenstein hieß.“ Mittelalterliche Ruinen, geschickt beleuchtet, präsentieren den interessierten Tourist:innen „Düsternis. Eine Düsternis, die jedoch immer noch sicher ist, die lediglich einen angenehmen Schauder des Gruselns in uns hervorruft und zu einer Reise in die Tiefen der Fantasie inspiriert. Auf diese Weise hörte der Frankenstein von Ząbkowice auf, unheimlich zu sein. Stattdessen wurde er faszinierend.“
Ein vergleichbarer Ort ist die Kynsburg (Zamek Grodno) mit der angeblichen Geschichte dort zu Tode gekommenen „schlesischen Prinzessin“. Der Ort, an dem sie begraben sein soll, wurde recht spektakulär hergerichtet, mit drei Skeletten, eines davon gefesselt, sodass der eigentliche Grund ihres Todes, der Mord eines Vaters an seiner Tochter und ihrem Geliebten, kaum noch eine Rolle spielt. Das Arrangement wirkt wie eine Station der Fahrt in einer Geisterbahn. Tragödien werden zum Spektakel: „Romantik ist schließlich die Kunst des Schauens, nicht der Gewissensbisse.“ Joanna Lamparska nennt einige weitere vergleichbare Orte, in denen den Besucher:innen Träume geboten werden, oft mit orientalisierenden Elementen verbunden, sodass die touristische Reise eine Reise in ferne, vergangene Welten wird, in denen sich synkretistisch verschiedene Erwartungen miteinander verbinden, die aber mit den eigentlichen Geschichten dieser Orte kaum noch etwas zu tun haben. Es bleibt eine Art Pseudo-Folklore, in der man sich aus den politischen und gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart herausfantasieren kann, mitunter mit einem Hauch von Nervenkitzel. Mit Politik hat das nichts mehr zu tun, es sei denn, jemand kommt auf die Idee, die mit diesem Nervenkitzel verbundenen romantischen Gefühle zu politisieren.
Eine Gegenprobe
Die mit einer Wiederbeschwörung romantischer, romantisierender Vergangenheiten verbundenen Gefühle spiegeln sich – man könnte sagen seitenverkehrt – in der Gegenwart von Pol:innen, die in Deutschland leben beziehungsweise dort einen Ort gefunden haben, in dem sie irgendwie Pol:innen und Deutsche zugleich sein wollten. Vielleicht lohnt sich eine Gegenprobe: Spielen die romantischen, romantisierenden Gefühle, die wir in der polnischen Politik finden, auch bei den Pol:innen eine Rolle, die Polen aus welchen Gründen auch immer verlassen haben?
Marta Janachowska-Budych und Tomasz Lis haben sich in dem Sammelband „Literarische und filmische Bilder der Migration zwischen Polen und Deutschland“ mit dieser Frage befasst, obwohl sie nicht explizit auf das Thema Romantik eingehen. Sie nennen jedoch einige Begriffe, die sich mit dem Begriff der Romantik verbinden lassen. Man könnte das Buch als einen Versuch vergleichender Kulturgeschichte charakterisieren, insbesondere im Hinblick auf die Erfahrungen von Menschen, die in den 1980er Jahre als „Aussiedler:innen“ aus Polen nach Deutschland kamen. Der Band enthält jeweils drei Beiträge zur Literatur und zum Film. Gerahmt wird der Band durch einen Beitrag der deutsch-polnischen Autorin Brygida Helbig sowie einen Beitrag über ihr Werk, insbesondere den Erzählband „Ossis und andere Leute“. (Im Folgenden beschränke ich mich auf die literarischen Texte.)
In ihrer Einleitung schreiben die beiden Herausgeber:innen: „Migration ist polyphon, mehrsprachlich und uneinheitlich, was ihre Push- und Pull-Faktoren, ihre Freiwilligkeit, Dauer, Kosten und Folgen anbelangt.“ Dies wirkt sich auf die Sprache aus. Mieczysław Dąmbrowski zitiert in seinem grundlegenden Beitrag „Wie lässt sich über gegenwärtige Migration sprechen?“ Er zitiert Herta Müller: „Sprache war und ist nirgends und zu keiner Zeit unpolitisch, denn sie lässt sich von dem, was ein Mensch dem anderen antut, nicht trennen.“ Dąmbrowski kommentiert: „Das Eintreten in eine andere fremde Sprache bedeutet das Hinzufügen eines Elements der Unsicherheit in die kommunikative Pragmatik.“ Schon ein polnischer oder rumänischer oder ukrainischer Akzent kann dieses Gefühl der Unsicherheit verstärken, insbesondere wenn die neue deutsche Welt – vorsichtig gesprochen – unsensibel reagiert. Brygida Helbig berichtet davon, dass sie, die „aus Liebe“ nach Deutschland kam, sich 1983 auf ihre „deutsche Abstammung“ berief, jedoch erleben musste, dass die Behörden ihr erst einmal nicht glaubten und alle Register zogen, um sie zur Ausreise zu drängen. Diese Erfahrung machen viele Menschen, die aus welchen Gründen auch immer versuchen, eine Aufenthaltsgenehmigung oder – zu einem späteren Zeitpunkt – sogar die Staatsbürgerschaft in Deutschland zu erlangen. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Hoffmann, Tochter von Überlebenden der Shoah, die mit ihr 1959 nach Kanada zogen, schrieb ein autobiografisches Buch mit dem programmatischen Titel „Lost in Translation“ (New York 1989), Mieczysław Dąmbrowski verbindet dies mit einem Hinweis von Zygmunt Baumann, der festgestellt habe, „dass der Übersetzungsakt keinen Partner intakt hinterlässt, was sich auf die Übersetzung des Textes sowie der Existenz bezieht.“
Der romantisierende Bezug auf eine möglicherweise doch bessere Vergangenheit liegt nahe. Polen könnte möglicherweise zu einem Sehnsuchtsort werden, obwohl es in der Realität die Charakteristika eines solchen Ortes nicht erfüllen wird. „Die Emigrationserfahrung der Generation nach Solidarność kann man mit zwei wichtigen Merkmalen charakterisieren: durch sie wird der romantische Mythos (bzw. das romantische Stereotyp des/ der polnischen Emigranten/in zerstört und der mythische Westen enthüllt, indem sein schwieriger Alltag und die Tatsache gezeigt wird, dass er nur für Auserwählte ein Paradies ist.“ Der quasi-religiöse Bezug zur Romantik, der in der polnischen Politik immer wieder eine zentrale Rolle spielt, verliert in diesem Kontext seine Bedeutung: „Die metaphysische Erfahrung wird durch die Erfahrung der Veränderung ersetzt“. Das durch Emigration entstandene Gefühl ist eine Mischung von „Fremdheit“ und „Unübersetzbarkeit“.
Jerzy Kałąźny analysiert diesen Kontext am Beispiel des Autors Artur Becker, Dorota Masiakowska-Osses am Beispiel von Emilia Smechowskis Buch „Wir Strebermigranten“ (München, Hanser, 2017). Masiakowska-Osses zitiert auch die Journalistin Alice Bota, die sich selbst als „Neue Deutsche“ bezeichnet: „Wir galten als Heimgekehrte, aber wir waren keine. Wir waren auch keine Deutschen.“ Oder je nachdem manche vielleicht doch, beispielsweise, weil sie von den NS-Behörden über die sogenannte „Deutsche Volksliste (DVL)“ eingedeutscht worden waren. Aber wer waren sie wirklich? Emilia Smechowski spricht davon, „zwischen den Kulturen zu tanzen“: „Sie waren doch Polen, eigentlich, die ewigen Opfer in dieser langen Geschichte zweier Länder.“ Und dann reisten sie in das Land der Täter! Jerzy Kałąźny zitiert Artur Becker: „Es waren ja auch meine Wurzeln. Fragen, die im Kosmos herumflattern und herumfliegen wie verlorene Kometen: Fragen nach unserer vergänglichen Identität, Fragen nach dem Ursprung der Heimat – der irdischen und der geistigen.“ Mit Siegfried Lenz verbindet Artur Becker, dass er nicht auf die ostpreußische Herkunft reduziert werden will, Lenz nicht auf die deutsch-ostpreußische, Becker nicht auf die polnisch-ostpreußische. Es handelt sich um zwei völlig verschiedene Länder. „Beckers Heimat ist ganz anders als das im Ostpreußenlied idealisierte ‚Land der dunklen Wälder und kristall’nen Seen‘. (…) Die Geschichte von Beckers Heimat ist in seiner Darstellung viel älter als die von Ostpreußen und reicht in die mythische Urzeit zurück, in der diese Gegend von den Pruzzen, also den baltischen Stämmen von Natangern, Barten, Galindern und Sudauern bewohnt war.“ Als „geistige Heimat“ bezeichnet Becker „die ‚Republik Kosmopolen‘ bzw. ‚Freiheitsrepublik Kosmopolen‘“ („Kosmopolen“ ist der Titel seines 2016 erschienen Essaybandes), ein Land „‚zwischen den Welten‘“, „jenseits der Geschichte und ohne das Bewusstsein der Vergänglichkeit“. Jerzy Kałąźny vergleicht die „masurische Heimat“ Beckers mit dem fiktionalen „Yoknapatanpha County“ bei William Faulkner. Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen und verbinden sich zu einer ganz eigenen Welt. Eine politische national konnotierte Bedeutung hat die Romantisierung Masurens bei Artur Becker nicht.
Zuzanna Krzesińska und Jaroslav Bigun konstatieren in ihrer Interpretation des Buches „Über Ossis und andere Leute“ von Brygida Helbig, dass es „osteuropäischen Migrant:innen“ eben schwergefallen und schwergemacht wurde, ihren Platz in Deutschland zu finden, durchaus vergleichbar mit den Ostdeutschen, die allerdings sich gar nicht aus ihrer Stadt, ihrem Dorf wegbewegen mussten, um eine vergleichbare Erfahrung zu machen, sozusagen migriert wurden ohne zu migrieren. Eine vergleichbare These formulierten Jana Hensel und Naika Foroutan in ihrem Buch „Die Gesellschaft der Anderen“ (Berlin, Aufbau Verlag, 2020). Welche Absurditäten sich daraus ergeben, beschreibt Brygida Helbig in ihrer Erzählung „Privatdozentin in Berlin“. Die Universität freut sich, dass das Jobcenter die Kosten der Dozentin finanziert. Solche Alltagsprobleme lassen mystisch-mythische Heldengeschichten, wie sie in der politischen Rezeption der polnischen Romantik immer wieder revitalisiert werden, aus der Literatur verschwinden. Anders gesagt: Es kommt darauf an, wer ein Interesse daran hat, die polnische Romantik zu revitalisieren.
Norbert Reichel, Bonn
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetzugriffe zuletzt am 24. Oktober 2026. Titelbild: Jan Matejko, Rejtan, 1866, Wikimedia Commons.)


