„Werft eure Geschichte nicht weg!“
Jürgen Bacia, Miriam Bajorat und das Archiv für alternatives Schrifttum
„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 1940, zitiert nach Walter Benjamin, Illuminationen – Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 19. Auflage 2021)

Paul Klee, Angelus Novus, Foto: Christian Mantey, Public Domain, Wikimedia Commons.
1940 sah Walter Benjamin in der Tat „Trümmer“ oder anders gesagt Fragmente, die sich nur schwer zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, aus dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erklären ließen. Es gilt im Grunde für alle Zeiten, sich auf die Fragmente einzulassen, um daraus dann doch besser zu verstehen, in welcher Zeit wir leben und wie wir die Zukunft gestalten könnten. Dieser Aufgabe stellen sich die Geschichtswissenschaften, die aber auf Archive angewiesen sind, in denen die Quellen zu finden sind, die wir brauchen, um uns in unserer Welt zu orientieren, ohne von dem von Walter Benjamin beschriebenen „Sturm“ verweht zu werden.
Archive speichern unsere Vergangenheit, unser kulturelles Erbe, im Guten wie im Schlechten. Sie leisten unverzichtbare Beiträge für das kulturelle Gedächtnis eines Landes, einer Kommune, einer Gesellschaft. Das Archiv für alternatives Schrifttum (afas) in Duisburg ist ein Freies Archiv, das vor Kurzem sein 40jähriges Bestehen feierte. Es sammelt sparten- und themenübergreifend Materialien aus linksalternativen Protestbewegungen und Gegenöffentlichkeiten seit 1945. Es ist inzwischen das bundesweit größte Archiv dieser Art. Wer sich auf die höchst differenzierte Geschichte der Protestbewegungen einlässt, erfährt nicht nur etwas über die Auf- und Umbrüche beispielsweise der 1950er, 1960er, 1970er oder 1980er Jahre, sondern auch etwas über die folgende Entwicklung der heutigen politischen Parteien, nicht zuletzt der Grünen.
Das Material steht allen interessierten Personen zur Verfügung, die sich mit der Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen beschäftigen wollen. Das Archivgut kann jederzeit angefragt werden und eine Datenbank hilft bei der Recherche. Jürgen Bacia, einer der Mitgründer, und Miriam Bajorat, eine der fünf Mitarbeiter:innen, stellen das Archiv im Folgenden vor, mit seinen Zielen, seiner Geschichte, der immer kritischen Frage der Finanzierbarkeit sowie an mehreren konkreten Beispielen, die zur weiteren Recherche anregen dürften. Das Archiv für alternatives Schrifttum versteht sich auch als Appell an all diejenigen, die sich in verschiedenen linksalternativen Gruppierungen engagiert haben, durchaus in doppeltem Sinne, einerseits als Aufforderung, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, andererseits aber auch, das gesammelte Material im afas auch für andere Interessierte zur Verfügung zu stellen. Daher das Motto: „Werft eure Geschichte nicht weg!“
Geschichte, Ziele und Arbeitsweisen des afas

Jubiläumsbroschüre 40 Jahre afas © afas.
Norbert Reichel: Vielleicht beginnen wir mit einer kurzen Einführung in die Geschichte des Archivs.
Jürgen Bacia: Ich bin Mitgründungsmitglied des Archivs. Initiator:innen waren wenige Leute aus meinem persönlichen Umfeld. Ich selbst hatte in Berlin an der Freien Universität studiert und im APO-Archiv gearbeitet. Dadurch wusste ich, was es dort an links-alternativen Dokumenten gab und was nicht. Als die Idee an der FU gescheitert war, ein bundesweites Archiv der Protestbewegungen aufzubauen, haben wir beschlossen, auf eigene Kosten das Archiv für alternatives Schrifttum in Duisburg zu gründen. Es gab zwar bereits einige andere Archive, beispielsweise Frauenarchive, die aus den Frauenbewegungen der Zeit hervorgegangen waren, aber es war klar, dass ein Archiv fehlte, das die Gegenöffentlichkeit der verschiedenen Protestbewegungen systematisch sammelte. Den Schwerpunkt haben wir zunächst aber auf Nordrhein-Westfalen gelegt, weil wir uns dort ansiedeln und auch eine Förderung der Landesregierung erreichen wollten.
Wir haben mit der Zeit unsere bundesweite Sammeltätigkeit ausgeweitet. Die Idee war, dass wir die Dokumente der vielen kleinen freien, alternativen Gruppen, Initiativen und Projekte bewahren wollten, weil sie Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sind, aber in den klassischen Archiven nicht bewahrt werden. Wir verstehen uns inzwischen als Auffangarchiv, das heißt wir nehmen alles auf, was zu unserem Sammelgebiet passt. Dazu gehören zum Beispiel auch ganze Archive oder Dokumentationsstellen von Projekten, die nicht mehr weiterarbeiten können.
Miriam Bajorat: Das afas ist das größte Freie Archiv der Neuen Sozialen Bewegungen. Wir sammeln Dokumente von 1945 bis heute, tagesaktuell. Es ist natürlich schwierig, an tagesaktuelles Material heranzukommen. Jürgen hat mit den anderen damals das Archiv aufgebaut, indem er von einer Gruppe zur nächsten gefahren ist, über Mundpropaganda von weiteren Gruppen erfahren hat, sodass mit der Zeit auch größere Gruppen von sich aus auf uns zugekommen sind. So haben wir in den letzten Jahren immer größere Bestände übernommen.
Wir unterscheiden uns als Freies Archiv von kommunalen Archiven, Landesarchiven und dem Bundesarchiv. Bei uns gibt es keine Abgabepflichten seitens der Materialgeber:innen, wie sie für die staatlichen und kommunalen Archive im Archivrecht geregelt sind. Alle Materialien wurden und werden freiwillig an uns abgegeben. Teilweise müssen wir uns darum kümmern, dass das Material zu uns kommt, teilweise kommen aber Gruppen auch auf uns zu.
Wir sind aber auch nicht das einzige Freie Archiv in Deutschland. Es gibt verschiedene Freie Archive, die eigene Sammlungsschwerpunkte haben. Es gibt Frauenarchive, Archive, die sich mit Umweltschutz und Ökologie befassen, beispielsweise sich auf die Anti-AKW-Bewegung spezialisiert haben. Wir sammeln thematisch spartenübergreifend, angefangen von A wie Antifa und Autonome Szene, durch das ganze Alphabet hindurch, über Dokumente der Friedensbewegung, Ökologiebewegung, Frauen-, Lesben- und Schwulenbewegung, Internationale Solidarität, Studierendenbewegung, bis hin zu Hausbesetzungen. Wir wollen ganz bewusst breit sammeln und uns nicht auf eine Thematik festlegen.
Norbert Reichel: Wie unterscheidet sich eure Arbeitsweise von der Arbeit klassischer Archive?

Blick ins Archiv © afas.
Miriam Bajorat: Unsere Arbeitsweise unterscheidet sich von der Arbeit in klassischen Archiven, weil wir aus einer selbstorganisierten Initiative kommen. Es gibt keine klassischen Hierarchien, keine feste Aufgabenteilung. Alle machen alles. Ich mag das, weil man so alle Arbeitsabläufe mitbekommt, von den persönlichen Gesprächen mit den Materialgeber:innen, dem Erschließen der Materialien, dem Eintragen in unsere Datenbank und dann kommen schließlich auch Menschen vorbei, die dieses Material nutzen möchten. Dadurch wird es nie langweilig. Immer wieder kommen Anfragen für die Nutzung. Oft recherchieren die Interessierten bereits auf unserer Internetseite und können sich so einen ersten Überblick verschaffen.
In unserem Onlinekatalog können neben Zeitschriften, Broschüren sowie Plakaten auch Archivalien nach Stichworten durchsucht werden. Wer auf unserer Web-Seite recherchiert, erhält eine Trefferliste, mit der man sich dann an uns wenden kann, um einen Termin zu vereinbaren und bei uns vor Ort vorbeizukommen. Der Unterschied zu einer Bibliothek liegt darin, dass man nicht einfach vorbeikommen und in irgendeinem Karton stöbern kann, sondern dass man einen Termin vereinbaren muss. Das Material kann in unserem Lesesaal eingesehen werden, in dem es auch einen PC mit Archivdatenbank gibt und so natürlich die Möglichkeit, in Materialien zu suchen, auf die wir aus Datenschutzgründen nicht im Internet hinweisen dürfen. Wir können auch Tipps zu den Beständen geben. Die Nutzung ist sehr niedrigschwellig, wir sind gut zugänglich und es reicht in der Regel, einen Termin zwei oder drei Tage vorher zu vereinbaren.
Wir sind mit vielen anderen Freien Archiven in Kontakt und arbeiten ebenfalls mit der klassischen Archivwelt zusammen. Dazu gehört auch der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. (VdA), der Fachverband des deutschen Archivwesens, in dem sich Landesarchive, kommunale Archive, Uni- und Wissenschaftsarchive, Wirtschaftsarchive, Kirchenarchive, Kulturarchive, Freie Archive und viele weitere, zusammenfinden. Wir nehmen an Tagungen teil, nutzen die Austauschmöglichkeiten. Jürgen hat schon vor 20 Jahren dafür gesorgt, dass die Freien Archive dort sichtbar sind. Gerade in der Zusammenarbeit ergeben sich neue Erkenntnisse und Sichtweisen. In kommunalen Archiven gibt es zum Beispiel Unterlagen über Demonstrationen und kommunale Protokolle. Wir haben die andere Seite, wie wurde was organisiert, was wurde publiziert? Vollständigkeit erreicht man erst, wenn man beide Seiten der Medaille anschaut, die behördliche ebenso wie die zivilgesellschaftliche Seite. Da es keinen gesetzlichen Auftrag für die Überlieferungen der Neuen Sozialen Bewegungen gibt, ist unsere Arbeit besonders wichtig.
Die klassische Archivwelt hat die wertvolle Rolle der Freien Archive in den letzten Jahren immer mehr gewürdigt. Durch Kooperationen wie mit der Archivschule Marburg wird dies besonders deutlich: Wir werden dort zu Gesprächskreisen eingeladen oder stellen unsere Arbeit den Studierenden vor, die später in Archiven arbeiten werden.
Jürgen Bacia: Die Mitgliedschaft im VdA ist freiwillig. Es ist im Grunde eine Berufsorganisation, die allen Archivar:innen und allen Archiven offensteht. Die Akzeptanz in diesem Verband für unsere Arbeit ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Die Verbindung zum VdA zeigte sich gut vor Kurzem bei unserer 40Jahr-Feier. Der Präsident des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen zum Beispiel würde sich jederzeit für uns einsetzen und auch der Präsident des Bundesarchivs war anwesend und hat in einem Grußwort unsere Arbeit gewürdigt.
Die Akzeptanz in der Archiv-Szene ist hoch. Wichtig wäre es allerdings, in der Politik noch mehr zu der Einsicht beitragen zu können, dass das, was wir sammeln, nicht das ist, was wir in unseren Köpfen haben, sondern eine Überlieferung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das ist der Punkt, an dem es hapert: Wir haben immer wieder damit zu kämpfen, dass wir mit den Materialien, die wir haben, identifiziert werden nach dem Motto: „Wenn die so etwas sammeln, müssen die auch selber so sein“. Ich sage dann gerne, wenn wir uns mit allen Inhalten identifizieren würden, die wir sammeln, wären wir schizophren oder gar multiple Persönlichkeiten. Es geht einfach darum, die Disparitäten und Konflikte in der Gesellschaft zu dokumentieren. Also: die klassischen Archive haben wir auf unserer Seite, auf der Seite der Politik ist es noch schwierig.
Norbert Reichel: Wir werden dies gleich noch etwas ausführlicher ansprechen, wenn es um die Finanzierung geht. Wer nutzt euer Archiv?
Miriam Bajorat: Es kommen ganz unterschiedliche Leute. Du bist selbst ein gutes Beispiel. Du hast in den 1970er Jahren eine kleine Zeitschrift herausgegeben und möchtest noch einmal hineinschauen um zu sehen, was für einen Sinn oder Unsinn du da geschrieben hast. Es kommen Menschen, die ihre eigenen Texte wiederfinden möchten, aber auch Menschen, die journalistisch oder wissenschaftlich engagiert sind, beispielsweise aus den Politikwissenschaften, die Abschlussarbeiten an der Uni schreiben, über das ein oder andere Thema promovieren. Es kommen auch Gruppen von Uni-Seminaren, zum Beispiel kam kürzlich ein Dozent mit Studierenden vorbei, der gerade ein Seminar zum Thema Umweltwissenschaften anbietet und möchte, dass die Studierenden eine andere Art von Recherche mit Originalquellen erlernen, die über die Recherche in der Universitätsbibliothek hinausgeht. Das ist meistens der erste Berührungspunkt mit einem Freien Archiv, mit Originalmaterialien. In letzter Zeit nutzen auch vermehrt Kulturschaffende die Materialien. Sie arbeiten nicht nur mit den inhaltlichen Informationen, sondern interessieren sich vor allem für das Visuelle, weil jedes Jahrzehnt auch mit einer gewissen Ästhetik einhergeht. Sie nutzen das Material, um es visuell weiterzuverarbeiten, sei es in einem Theaterstück oder in einem Kunstprojekt. Ich habe das Gefühl, dass auf diese Weise auch Barrieren abgebaut werden können, denn es gibt noch manche Stereotype, dass Archive geheimnisvolle staubige Orte sind. Wir sind jedoch ein offener Ort, an dem wer will, recherchieren kann, mit welchem Interesse auch immer.
Finanzierung und Finanzierbarkeit

Foto anlässlich der Übergabe der Michael Kleff Research Collection. Von links nach rechts: Claudia Spahn (afas), Michael Kleff, Bernd Barenberg (afas), Jürgen Bacia (afas), Tiffany Colannino (Archivarin des Woodie Guthrie Archivs) und Miriam Bajorat (afas) © afas.
Norbert Reichel: Ich betrachte eure Arbeit als einen Beitrag zum Kulturellen Erbe in Deutschland. Dazu wäre eine verlässliche, möglichst dauerhafte Finanzierung mehr als wünschenswert. Ich weiß aber aus meinen Erfahrungen in der Landes- und Bundespolitik, wie schwierig es viele engagierte Initiativen haben, sich dauerhaft zu finanzieren, nicht zuletzt wegen der Jährlichkeit der öffentlichen Haushalte und der Einschränkung, dass in der Regel nur Projektförderung möglich ist, jedoch keine institutionelle dauerhafte Finanzierung. Viele schlagen sich, so wichtig ihre Arbeit ist, immer wieder von Jahr zu Jahr durch. Euch geht es nicht anders – so zumindest mein Eindruck.
Jürgen Bacia: Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen ist unser Hauptgeldgeber. In der Aufbauphase haben wir sehr viel ehrenamtlich gearbeitet oder uns über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen finanziert. Ich hatte an der Universität promoviert, daher die Qualifikation für eine wissenschaftliche Stelle und zwei Mal jeweils für zwei Jahre Geld von der Bundesanstalt für Arbeit erhalten. Anfang der 1990er Jahre, als wir schon eine imposante Sammlung hatten, haben wir beim Land nachgefragt. Der Kontakt kam unter anderem über den damaligen Leiter der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf zustande. Ganz zögerlich lief in den 1990er Jahren eine Projektförderung durch das Land an.
Wir haben in den 1990er Jahren schon am Hungertuch genagt. Aber je größer wir wurden und je mehr Ansehen wir in Fachkreisen erreichten, umso deutlicher wurde den Verantwortlichen im Ministerium unsere Bedeutung. Es blieb jedoch stets bei einer Projektförderung. Dauerhafte Stellen hatten wir nie. Die Jährlichkeit des Haushalts war ein Problem. Jedes Jahr, wenn die Mittel im März oder April freigegeben wurden, konnte mich das afas für ein halbes oder dreiviertel Jahr einstellen, zum Jahresende habe ich mich dann wieder arbeitslos gemeldet und auf die Freigabe der Landesmittel des nächsten Jahres gewartet. Durchbrochen wurde dieser unbefriedigende Zyklus zur Jahrtausendwende, als wir das Archiv der Anti-Apartheid-Bewegung übernommen haben. Damals hatte sich gerade die Landesstiftung Umwelt und Entwicklung gegründet, die uns in größter Not vor dem finanziellen Bankrott gerettet hat, indem sie die Erschließung des AAB-Archivs durch zwei Zwei-Jahres-Projekte finanzierte. Zu der Zeit hatte das Land seine Finanzierung für einige Jahre zurückgefahren oder sogar ganz eingestellt. Ein weiterer Förderer ist zurzeit die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur (WIKU).
Norbert Reichel: Gibt es weitere Finanzierungsbeiträge?
Miriam Bajorat: In den letzten Jahren haben wir Projektgelder über die beiden nordrhein-westfälischen Landschaftsverbände erhalten. Zurzeit erhalten wir auch einen Zuschuss der Stadt Duisburg. Wir haben natürlich auch unsere Mitgliedsbeiträge als afas e.V., der der Träger des Archivs ist. Im November 2025 haben wir den Förderverein des Archivs für alternatives Schrifttum e. V. gegründet, über den wir auch Spendengelder erhalten können. Vom Ministerium haben wir seit 2025 erstmals eine institutionelle Förderung erhalten. Diese ist jedoch nach wie vor knapp. Wir arbeiten mit fünf Leuten auf zweieinhalb Stellen. Um dem Arbeitsaufwand und der Materialfülle gerecht zu werden, bräuchten wir eigentlich mehr. Es reicht nicht aus, aber es funktioniert irgendwie.
Jürgen Bacia: Etwa 80 Prozent unserer Förderung kommen über das Kulturministerium. Die Beträge der Landschaftsverbände bewegen sich zwischen 5.000 und 10.000 EUR im Jahr. Dazu kommen dann die Mittel der Stadt Duisburg und die Mitgliedsbeiträge. Unser Minimalbedarf liegt bei 250.000 EURO pro Jahr. Da kommen wir aber nicht ran. Auch kleine Beträge sind wichtig, weil sie zeigen, dass unsere Arbeit für viele Leute eine Bedeutung hat.
Durch Inflation und Tariferhöhungen wird das Geld, auch wenn die Gesamtsumme gleichbleibt, weniger. 2028 ist nach derzeitigem Stand eine Grenze erreicht, sodass eine Person das Archiv verlassen muss, wenn sich nichts ändert. In dem Zusammenhang ist es natürlich traurig, dass das Hamburger Institut für Sozialforschung, das Jan-Philipp Reemtsma in den 1980er Jahren gegründet und das uns über viele Jahre immer wieder aus der Patsche geholfen hat, abgewickelt wird. Dort gab es ein Archiv der Protestbewegungen. Dessen Arbeit wird eingestellt, die Materialien gehen ins Bundesarchiv. Der Präsident des Bundesarchivs hat jedoch schon gesagt, dass man keine Kapazitäten habe, diese Arbeit weiterzuführen. Das heißt, dass wir die einzige Einrichtung sind, die diese Aufgabe noch leisten kann. Um dies auch in Zukunft leisten können – das wird der Kampf der nächsten Jahre sein.
Norbert Reichel: Wie sieht dies im Vergleich zu anderen Freien Archiven aus?
Jürgen Bacia: Bei den meisten Freien Archiven ist es noch schwieriger, vor allem bei denen, die kleiner sind als wir. Es gibt aber auch einige größere Archive in der Freien Szene, das FFBIZ – das feministische Archiv und das Spinnboden Lesbenarchiv, beide in Berlin, beispielsweise, die auch keine Regelförderung haben, aber dauerhaft installierte Projektmittel nach der Zwölftelregel. Sie erhalten im Dezember mit Verabschiedung des Haushalts zwar noch keine Zusage, aber im Folgejahr immerhin schon im Januar erst einmal ein Zwölftel der bisherigen Förderung, sodass sie ihr Personal halten können. Das einzige Freie Frauenarchiv, das eine dauerhafte Förderung hat, ist das Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel. Von den Archiven der DDR-Opposition ist es der Robert Havemann-Gesellschaft in Berlin ebenfalls gelungen, eine Regelförderung durch den Bund und das Land Berlin zu bekommen.
Zwei Städte und ein Plädoyer für das Haptische
Norbert Reichel: Ich schlage vor, dass wir im Folgenden am Beispiel von zwei Städten beschreiben, was man bei euch alles finden kann.
Jürgen Bacia: Aus den Städten haben wir mehr Material als aus dem Umland. Das ist aber auch kein Wunder, denn in den Städten passierte immer mehr als auf dem Land. Nehmen wir das Beispiel Bonn.

© afas.
Bonn war Bundeshauptstadt und in Bonn sitzen daher auch heute noch einige Organisationen, die bundesweit arbeiten. Dazu gehörte die Anti-Apartheid-Bewegung (AAB), die es nicht mehr gibt, weil der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika erfolgreich war. Die AAB hat sehr stark versucht, in das bundesdeutsche Parlament hineinzuwirken mit dem Ziel, die offiziellen Kontakte zum Apartheidregime in Südafrika zu hinterfragen, dagegen zu protestieren. Ein weiteres Beispiel ist der ebenfalls bundesweit tätige Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), dessen Geschäftsstelle nach wie vor von Bonn aus arbeitet. Der Verband koordiniert bundesweit Aktivitäten zu Ökologie und Umweltschutz, inzwischen nicht mehr so sichtbar wie in den 1970er und 1980er Jahren, aber dennoch nach wie vor aktiv. Ein drittes Beispiel ist das Koordinationsbüro der Friedensbewegung, das wie der BBU nach wie vor von Bonn aus tätig ist.
Neben den großen Organisationen gab es in Bonn auch eine breite Präsenz verschiedener Sponti-Organisationen. Eine hatte beispielsweise eine Zeitschrift, die sich etwas ironisch LUST-Schriften nannte. LUST war die Abkürzung für Liste Undogmatischer Studenten. Der Name richtete sich ein bisschen gegen die Kaderpolitik, gegen das entfremdete Arbeiten der maoistischen und anderer kommunistischer Gruppen. In dieser undogmatischen Tradition ist 1978 auch die alternative Stadtzeitung De Schnüss entstanden, die es bis heute gibt. Im benachbarten Köln war die linksalternative Szene allerdings größer. Legendär war das Kölner Volksblatt, das über lange Zeit erschien und Gegenöffentlichkeiten koordinierte. Solche Gegenöffentlichkeiten haben bundesweit seit den 1970er Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen.
Miriam Bajorat: In Oberhausen arbeitete das Internationale Frauenfriedensarchiv Fasia Jansen e.V. Diese spannende Sammlung wurde maßgeblich von Ellen Diederich und ihrer Partnerin, der Schwarzen Liedermacherin Fasia Jansen aufgebaut. Sie sahen die Friedensbewegung aus einer feministischen Sicht, auch jenseits des klassischen Ost-West-Konflikts. Sie haben Projekte in Nordrhein-Westfalen, im Ruhrgebiet unterstützt, weltweit an Konferenzen teilgenommen, egal ob in den USA, oder in Nairobi. Sie haben Frauen weltweit, aber auch lokal konkret in ihren Kämpfen unterstützt, beispielsweise bei den Werkschließungen des Krupp-Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen. Den dortigen Widerstand hat Fasia Jansen musikalisch begleitet. Es gab Infoblätter, Broschüren, Treffen. Das gesamte Material in Oberhausen wurde nach Fasias Tod 1997 von Ellen weitergeführt und lag bis zur Abgabe ans Oberhausener Stadtarchiv im Weltladen „Vier Himmelsrichtungen“, einem Nebengebäude des K 14. Im Stadtarchiv lag die Sammlung unbearbeitet und war auch dort thematisch nicht sonderlich gut aufgehoben. So kamen wir ins Gespräch und das Archiv wurde offiziell mit Ellens Einverständnis in das afas überführt. Im Jahr 2025 haben wir angefangen, einen Teil der über 500 Aktenordner, sowie Tausenden von Fotos, unzähligen Tonmaterialien, Plakaten und vereinzelten Objekten, die weltweit gesammelt worden sind, zu erschließen. Es ist ausgesprochen spannend, weil dort gleichermaßen Materialien zu konkreten Aktivitäten im Ruhrgebiet und internationale, beispielsweise zur Frauenkonferenz in Nairobi, vorhanden sind.
Norbert Reichel: Die Beispiele aus Bonn und Oberhausen zeigen, wie vielfältig euer Material ist. Es ist nicht nur bedrucktes Papier. Nur eine Randbemerkung: In Berlin gab es eine Debatte, ob man in Zeiten der Digitalisierung papiernes Material überhaupt noch aufheben sollte. Papier bräuchte eben zu viel Platz. Darüber denkt sicher auch mancher andere Finanzverantwortliche nach, der die Miete für das ein oder andere Archiv einsparen möchte. Ich sehe in solchen Plänen die Gefahr eines Kulturverlusts. Denn auch die haptische Qualität von Dokumenten spielt für die Rezeption eine Rolle. Es ist auch etwas anderes, ob ich digital herunterscrolle oder in einer Broschüre blättere. Ihr habt eine ganze Materialfülle vorzuweisen, zum Beispiel Flugblätter, Zeitschriften, Broschüren, Protokolle von größeren Veranstaltungen und Gremiensitzungen, interne Korrespondenzen…

Material des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz © afas.
Miriam Bajorat: Ich möchte auf jeden Fall auch noch Audiodateien und Fotos ergänzen, die besonders spannend sind. Auch haben wir viele Objekte, die aus den Bewegungen entstanden sind: Aufkleber, Buttons, T-Shirts, Flaggen, Kalender, Stelltafeln, Transparente. Das ist Material, das für den Moment geschaffen worden ist, manches wurde erst kurz vor einer Demonstration aufgemalt. Es wurde ja nicht hergestellt, um über Hunderte von Jahren in einem Archiv gelagert zu werden, sondern zum schnellen Gebrauch, zum schnellen Transport einer Botschaft in der jeweiligen Aktion. Wir denken, dass Objekte Geschichte noch einmal ganz anders erzählen können als Papiermaterial, als reine Flachware, wie wir es nennen.
Andere Archive haben eher wenige Objekte, weil man diese auch fachgerecht lagern muss. Fotografien dürfen beispielsweise nicht der Sonne ausgesetzt werden. Die Verpackung muss so gestaltet werden, dass die Fotos nicht aufeinander aufliegen. Große Materialien wie Transparente brauchen viel Platz. Dieser Materialfundus ist hochinteressant und kann mit anderen Materialien korrespondieren. Visuell spannend sind die Materialien allemal, aber auch haptisch zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Objekten. Was früher mal sogenannte Spuckis waren, sind heute selbstklebende Aufkleber, die nicht mehr befeuchtet werden müssen um zu kleben. Natürlich gibt es auch immer wieder Altersspuren zu entdecken, manches Papier vergilbt. Dünnes Durchschlagpapier aus den 1970er Jahren wird mit der Zeit immer fragiler, sodass man Angst hat es anzufassen, weil es möglicherweise zerreißt. Aber auch das erzählt eine Geschichte.
Der Blick hinter die Kulissen
Norbert Reichel: Eben haben wir schon verschiedene Archive der Frauenbewegung angesprochen. Ich habe den Eindruck, dass die Frauenbewegung von allen Bewegungen am besten dokumentiert ist. Das mag auch die Anti-Apartheid-Bewegung betreffen, eine Bewegung, die erfolgreich war, sicherlich nicht allein mit der Bonner Stelle, aber als Teil einer internationalen Bewegung, die mit der Isolation, mit Boykotten des südafrikanischen Regimes dazu beitrug, dass es nicht mehr haltbar war. Bei euch kann ich dann im Einzelnen erforschen, mit welchen Argumenten, Aktionen und Partnern eine Organisation wie eben beispielsweise die Anti-Apartheid-Bewegung gearbeitet hat, auch sicherlich, wie sich die einzelnen Mitglieder oder Fraktionen untereinander gestritten haben.

© afas.
Jürgen Bacia: Die haben sich heftig gestritten. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Publikationen, die in Universitäten verteilt oder in Buchläden ausgelegt worden sind und dem eigentlichen Archiv einer Organisation, das die internen Prozesse dokumentiert. Das kann man gerade bei der Anti-Apartheid-Bewegung nachvollziehen, denn diese war ein Konglomerat von vielen verschiedenen einzelnen Initiativen und Gruppierungen. Anti-Apartheid war zunächst ein Punkt, der alle linken und alternativen Gruppen interessierte, gerade gegen Ende der 1970er Jahre, als viele Gruppen zerfielen, die Maoisten, die Stalinisten, die Trotzkisten. Die hatten ihre Zeit hinter sich und suchten einen Ort, bei dem sie sich einklinken konnten. Die Anti-Apartheid-Bewegung bot sich an, sodass sich dort Jusos, Ex-Maoisten, Spontis, Kirchenleute zusammenfanden. Es gab Kampagnen, Kongresse.
Nun aber gab es in Südafrika verschiedene Befreiungsbewegungen: Die einen blickten nach Moskau, die anderen nach China. Und wenn dann zum Beispiel ein Kongress gegen die militärisch-nukleare Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und Südafrika geplant werden sollte, dann ging der Zirkus in der Vorbereitungsgruppe los: Man stritt sich darüber, welche Vertreter von Befreiungsbewegungen eingeladen werden sollten, welche Botschafter oder Politiker auf dem Kongress sprechen sollten, welche nicht. Wie die Debatten gelaufen sind, kann man wunderbar in den internen Protokollen der Vorbereitungsgruppe nachlesen. Das erfährt man nicht, wenn man diese Dokumente nicht kennt. Hier liegt auch die eigentliche Bedeutung von Archiven. Das Plakat, auf dem dann draufsteht, zu welchem Kongress, welcher Demonstration, mit welchen Redner:innen wohin auch immer eingeladen wird, zeigt 17 Organisationen, aber man fragt sich natürlich, warum beispielsweise die Jusos oder vielleicht Kirchengruppen nicht dabei sind. Welche Streitpunkte es gegeben hat, lässt sich aus den Protokollen der Vorbereitungsgruppe erfahren. Das Archivgut eröffnet einen Blick hinter die Kulissen.
Norbert Reichel: Ich wage mal die These, dass die 1970er Jahre eine sehr vielfältige Zeit war. Die Studentenbewegung – den Begriff der Studierendenbewegung verwendete damals noch niemand, sie war ohnehin sehr männlich dominiert – zerfiel in eine Vielzahl von Gruppen. Ich nehme nur die maoistischen Gruppen als Beispiel. Die einen orientierte sich an Peking, andere an Albanien und wieder andere hatten andere Vorbilder. Es gab die moskautreue DKP und ihre Organisationen. Es gab aus der Sozialdemokratie entstandene Gruppen wie den SHB, der nie so recht wusste, wo er eigentlich hingehörte. Die SPD trennte sich 1960 vom SDS, 1972 vom SHB. Daneben gab es eine Vielzahl von Befreiungsbewegungen. Fast jedes Land, das sich aus der Kolonialherrschaft befreit hatte oder noch bestrebt war, dies zu tun, hatte sein eigenes Solidaritätskomitee in den Universitätsstädten, das in der Regel aus einigen wenigen Mitgliedern bestand, die sich in Kneipen trafen, um dort ihre Aktionen vorzubereiten. Besondere Originalität beanspruchten Basisgruppen mit Namen wie Vorstadtindianer Kaiserslautern, Bewegung Undogmatischer Frühling in Göttingen oder Spontifex Maximus in Marburg. Ein Name wie Lust für Liste unabhängiger oder undogmatischer Studenten klang da noch recht konventionell. In den 1980er Jahren veränderte sich das wieder, nicht zuletzt durch die Gründung der Grünen, die sich aus vielen dieser Gruppen entwickelten. Darunter waren nicht nur linke Gruppen.

Ordner mit Dokumenten zur Vorbereitung einer Demonstration © afas.
Jürgen Bacia: In der Gründungsphase der Grünen beteiligten sich auch manche konservative bis äußerst rechte Gruppe, insbesondere aus Süddeutschland.
Bewegungen bewegen sich. Und es war eine bewegte Zeit. Die Bundesrepublik war im Umbruch. Schon in den 1960er Jahren mit dem SDS: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“. Die Dünkelhaftigkeit der Professoren war Anlass zur Kritik, aber nicht nur diese: Die Bundesrepublik der 1950er Jahre, der Adenauer-Ära, die nicht aufgearbeitete NS-Zeit, die Aufnahme ehemaliger Nazis in hohe Regierungsämter, in die Gerichte. Es stand ein Modernisierungsschub an. Es gab in den 1950er Jahre zwar die Rockerkrawalle, aber in die Parteien hinein wirkte erst der SDS. Der SDS wurde zwar 1960 aus der SPD ausgeschlossen, aber damit fing die außerparlamentarische Arbeit an. Die 1960er Jahre waren ein Aufbruch an den Universitäten aus den Selbstverständlichkeiten, die bis dahin galten, durchaus auch verbunden mit einer Portion Größenwahn. Was kann daraus werden? Wie kann man die Gesellschaft erreichen? Wie kann man die Gesellschaft verändern?
Ende der 1960er Jahre vollzog sich ein ähnlicher Umbruch wie Ende der 1970er Jahre. Es war kein Zufall, dass sich der SDS 1970 auflöste und die Mitglieder sich in zahlreichen Gruppen verteilten. Die einen fingen an, sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung zu befassen und wollten die 1956 verbotene KPD wieder neu gründen. Die größten Stalinisten waren nicht die Leute aus der DKP, sondern die Maoisten. Einige hatten auf den Titelblättern ihrer Publikationen nicht nur Marx, Engels und Lenin, sondern auch Stalin und Mao. Das machte die DKP nie. Es fand eine Ausdifferenzierung statt.
Es gab auch einige Gruppen und Projekte, die in die Stadtteile gingen, um eine Alternativbewegung – diesen Begriff hatten wir noch nicht genannt – zu schaffen, die vor Ort Alternativen für eine bessere Gesellschaft schaffen wollten. In den 1970er Jahren explodierte die Gegenöffentlichkeit. In den 1960er Jahren gab es diese Möglichkeiten noch nicht, erst später wurden neue Druckereien gegründet, es wurde massenhaft produziert, es gab Treffen, Auseinandersetzungen und Konflikte. Man hat sich gefetzt! Ende der 1970er Jahre war dies an ein Ende gekommen. Manche Bewegungen bzw. Milieus hatten sich stabilisiert, beispielsweise die Frauenbewegung und die Undogmatische Linke. Die maoistischen Parteien dagegen lösten sich eine nach der anderen auf.
Dann kamen ab 1979/1980 die Grünen und sagten, man müsse koordiniert arbeiten, um ins herrschende Parteiensystem hineinwirken zu können. So sind viele Menschen aus den zerfallenden Organisationen mit großen Hoffnungen in den Grünen aufgegangen. Rudi Dutschke sagte damals sinngemäß: Wir haben ein parlamentarisches Spielbein und ein außerparlamentarisches Standbein. Die außerparlamentarische Bewegung sollte stark bleiben, um in die Parteien hineinwirken zu können.
Das gesamte Kuddelmuddel des bunten Spektrums der Neuen Sozialen Bewegungen, das in den 1970er Jahren entstanden ist, ist, was die schriftlichen Überlieferungen angeht, recht gut dokumentiert. Es gibt das APO-Archiv an der FU Berlin, das in Freiburg ansässige Archiv Soziale Bewegungen, das Archiv der sozialen Bewegungen in Hamburg, einige Eine Welt- beziehungsweise Dritte Welt-Archive, und eben das afas. Die Frauenbewegung hat schon sehr früh und systematisch damit begonnen, Archive anzulegen und sich zu vernetzen. Eine wichtige Parole lautete: Frauen gemeinsam sind stark! Und in der Tat ist die Frauenbewegung die stärkste und nachhaltigste Bewegung, die aus der 68er Studentenbewegung hervorgegangen ist. Sie hat sich nicht nur bundesweit vernetzt, sondern auch mit Frauengruppen aus anderen deutschsprachigen Ländern, Österreich, Schweiz und Südtirol.
Archive sind zu Beginn eher am Rande der Bewegungen entstanden. Nach und nach erkannte man ihre historische Bedeutung und sie begannen ein Eigenleben. Das afas ist diesbezüglich eher eine Kopfgeburt, denn es ist nicht direkt aus einem politischen Milieu entstanden. Vielmehr haben sich einige Leute, die in verschiedenen politischen Kontexten aktiv waren, zur Gründung des afas zusammengetan. Einige persönliche Sammlungen bildeten den Grundstock der afas-Sammlung. Nach der afas-Gründung 1985 ging die systematische Sammelei los. Lücken mussten geschlossen werden. Das afas hat für die 1970er Jahre noch sehr viel Materialien zusammentragen können. In den 1980er Jahren haben wir dann systematisch versucht, Lücken gar nicht erst entstehen zu lassen. Wir haben Kontakte zu allen möglichen Gruppen und Initiativen aufgenommen und sie gebeten, sobald sie etwas druckten, uns direkt ein Belegexemplar zu schicken. So sind die Defizite bei bestimmten Gruppen immer kleiner geworden.
Miriam Bajorat: Du sagtest, Jürgen, dass sich in den 1970er und 1980er Jahren auch selbstorganisierte Initiativen bildeten, zum Beispiel Wohngemeinschaften, Kommunen, Kinderläden, selbstorganisierte Werkstätten. Das kennen wir auch heute wieder, beispielsweise Repair-Cafés. Es sind Orte, wo Menschen zusammenkommen und vor Ort Gemeinschaft und Vernetzung schaffen. Die Ökologiebewegung in den 1970er Jahren war auch eine Art Kontrastprogramm zum Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre. Man machte einen kleinen Tante-Emma-Laden mit selbstgebackenem Brot, vegetarischem Essen. Das startete in den 1970er Jahren, schlief dann etwas ein und inzwischen gibt es wieder viele Initiativen dieser Art.
Ein Ausblick: Die Relevanz der Archive für die heutige Zeit

© afas.
Norbert Reichel: Ich kenne eine ganze Menge Jugendhilfe-Projekte, die nach diesem Prinzip arbeiten. In größerem Maßstab bilden sich inzwischen Genossenschaften, beispielsweise in München und in manch anderen Städten, indem Mieter:innen sich zusammenfinden, um das Haus, in dem sie leben, zu übernehmen und sozial verträgliche Mieten zu erreichen. Im Grunde könnte man von kleineren und größeren Graswurzelbewegungen sprechen.
Jürgen Bacia: Es haben sich ein paar Leute zusammengetan und ein kleines Ladenlokal gemietet, Brot selbst gebacken, Tofu angesetzt, Kontakt zu Landkommunen aufgenommen, die Gemüse und Obst anlieferten. Solche kleinen innovativen Gruppen wurden zu Beginn belächelt oder sogar bekämpft, aber als offensichtlich wurde, dass in der Gesellschaft ein Defizit besteht, das sie beseitigen könnten, wurden sie zu den Nachfolgern der Reformhausbewegung. Je mehr Leute Interesse zeigten, desto größer musste man produzieren. Heute haben Denn’s, Alnatura, Bio Company und andere die kleinen Initiativen und Läden weitgehend verdrängt. So ist es auch mit Genossenschaften. Wenn das, was eine Basisbewegung vertritt, stärker in die Gesellschaft hineinwirkt und Bedarf besteht, überlebt sich die Basisbewegung.
Es ist gut, dass es die großen Bio-Supermärkte gibt, aber der Preis ist der, dass die kleinen Initiativen verschwunden sind. Wer in die Gesellschaft hineinwirken will, muss Kompromisse schließen. Das ist auch das Problem der Grünen. In den Parlamenten machen sie Kompromisse und dann gibt es Stimmen, die sagen, hier verratet ihr unsere Ideale. Aber dort, wo Innovationen stattfinden, gehen alte Organisationen und Initiativen den Bach runter. Das ist schmerzhaft, aber Bewegungen heißen nicht umsonst Bewegungen, weil sie sich eben bewegen und wenn sie größer werden, sich auch verändern, manchmal bis zur Unkenntlichkeit.
Norbert Reichel: Manchmal hält sich auch eine ältere Initiative. In Bonn-Beuel, wo ich wohne, gibt es einen Alnatura-Supermarkt und etwa 100 Meter weiter Momo, eine Kooperative, die in den 1970er Jahren entstanden ist und ganz ähnliche Angebote hat. Interessant ist auch die Geschichte einer solchen Kooperative. Vor etwa 30 Jahren hatte Momo noch – an anderer Stelle im Stadtteil – ein Schaufenster gegenüber vom Laden, in dem auch die ein oder andere politische Botschaft ausgestellt war, unter anderen die Forderung nach Freiheit für die politischen Gefangenen in der Bundesrepublik. Gemeint waren RAF-Terrorist:innen. Das war in der damals linksalternativen Szene durchaus gängig, wäre aber heute undenkbar. Auch das ist eine Geschichte, die erzählt werden könnte. Ich schätze an eurem Archiv, dass man sine ira et studio all solche Entwicklungen an ganz konkreten Beispielen erforschen kann. Vielleicht lässt sich daraus auch manches für die Erfordernisse unserer heutigen Zeit ablesen, auch Unangenehmes: In der rechtsextremistischen Szene werden inzwischen Aktionsformen der früheren linksalternativen Szene kopiert, beispielsweise kopiert die Identitäre Bewegung Aktionsformen von Greenpeace, indem sie sich – wie geschehen – im Jahr 2016 auf dem Brandenburger Tor platzierten.
Jürgen Bacia: Es gibt Rechtsextremisten, die Che-Guevara-Mützen tragen. Damit sind wir bei dem Punkt der Relevanz früherer Bewegungen für die heutige Zeit. Es gibt einige Themen, die seit den 1970er Jahren bis heute relevant sind: Das sind die AKW- und Umweltbewegung, das ist die Friedensbewegung, das ist das Thema Kolonialismus beziehungsweise Imperialismus, heute als Post-Kolonialismus präsent, dann das Thema Männer und Frauen, das sich als Gender-Debatte immer weiter ausdifferenziert hat, auch zu heftigen Spaltungen führte. Ich sehe da einige Parallelen zu den Mechanismen der politischen Organisationen früherer Zeiten: Denken und leben in Blasen. Wenn Du nicht mein Freund bist, bist Du mein Feind.
Ein weiteres ganz kritisches Thema ist der Komplex Naher Osten, Israel, Palästina, Antisemitismus, politischer Islam, antimuslimischer Rassismus. Es ist eine irre und unentwirrbare Gemengelage, durch die Freundschaften auseinandergehen. Gerade dieser Punkt ist für mich zum Verzweifeln. Du hast eben die RAF erwähnt. Die RAF hat sich damals von palästinensischen Guerilla-Organisationen ausbilden lassen, um den bewaffneten Befreiungskampf in die Bundesrepublik zu tragen. Und natürlich hatte sie große Sympathie für den palästinensischen Befreiungskampf. Hier stellt sich aber auch die Frage, welches Verhältnis die RAF zu Israel hatte. War sie antisemitisch oder „nur“ antizionistisch? An den heutigen Debatten nach dem 7. Oktober 2023, als die Hamas aus dem Gazastreifen heraus israelische Dörfer, Kibbuzim und ein Musikfestival überfiel und den daran ausbrechenden Debatten in den verschiedenen deutschen Milieus sieht man, wie aktuell – und ungelöst – die alten Debatten sind. Ich will das als Thema hier nur anreißen, aber der Kern auch all der anderen gerade genannten Probleme ist die Art, wie man miteinander umgeht, miteinander streitet. Es ist enorm wichtig aufzuarbeiten, was und wie damals schon diskutiert worden ist. Wer hat sich wann wo und wie positioniert? Und was kann man daraus lernen? Um da ein wenig weiterzukommen, kann ein Besuch im afas durchaus hilfreich sein.
Zum Weiterlesen:

Material der Michael Kleff Research Collection © afas.
Zu den Neuzugängen des afas gehörte im Jahr 2026 die Michael Kleff Research Collection mit Audiodateien, Zeitschriften- und Zeitungsbeiträgen sowie Interviews mit Musiker:innen und Liedermacher:innen aus der Bundesrepublik Deutschland, in der DDR und in den USA, die er auch im Demokratischen Salon vorgestellt hat: „This Land is (Y)our Land“. Die Michael Kleff Research Collection belegt eindrucksvoll, welch bedeutende Rolle Musik in verschiedenen Bürgerrechts- und Widerstandsbewegungen spielt und gespielt hat. Einen Einblick in das Kapitel DDR bietet auch das von Michael Kleff gemeinsam mit Hans-Eckhard Wenzel herausgegebene Buch „Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR“ (Berlin, Ch. Links Verlag, 2019) mit Interviews der frühen 1990er Jahre, das im Demokratischen Salon in dem Beitrag „Wo man singt, ….“ vorgestellt worden ist.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 23. Juli 2026. Titelbild: Ein Blick ins Archiv © afas.)
