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	<title>Star Trek Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Mehr Dystopie wagen!</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Aug 2025 09:59:23 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mehr Anti-Dystopie wagen! Eine popkulturelle Annäherung „Wir nehmen Zuflucht in Fantasieschrecken, damit die echten Schrecken uns nicht überwältigen, indem sie uns auf der Stelle gefrieren lassen und es uns unmöglich machen, im Alltag zu funktionieren. Wir begeben uns in die Dunkelheit eines Kinos und hoffen darauf, schlecht zu träumen – weil die Welt in  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Mehr Anti-Dystopie wagen!</strong></h1>
<h2><strong>Eine popkulturelle Annäherung </strong></h2>
<p><em>„Wir nehmen Zuflucht in Fantasieschrecken, damit die echten Schrecken uns nicht überwältigen, indem sie uns auf der Stelle gefrieren lassen und es uns unmöglich machen, im Alltag zu funktionieren. Wir begeben uns in die Dunkelheit eines Kinos und hoffen darauf, schlecht zu träumen – weil die Welt in unserem normalen Leben stets so viel besser aussieht, wenn der schlechte Traum endet.“ </em>(Stephen King, Danse macabre – Die Welt des Horrors, München, Wilhelm Heyne Verlag, 2011, zitiert nach: Tammo Hobein, Horror verstehen – Über die Faszination am Schrecken, Berlin, Memoranda, 2022)</p>
<p>Es mag etwas ungewöhnlich erscheinen, einen Essay über Utopien und Dystopien mit einem Statement zur Popularität von Horrorerzählungen, -filmen und -serien zu beginnen. Aber wenn wir in die gängigen Medien hineinschauen, liegt der Gedanke vielleicht gar nicht mehr so fern. Vielleicht hilft es wirklich, sich gegen die realen Apokalypsen mit der Flucht in fiktive zu schützen. Ich nehme das letzte Wochenende des Juli 2025, an dem in drei Qualitätsmedien, ZEIT beziehungsweise ZEIT-Magazin, Tagesspiegel und FAZ Texte zu lesen waren, die uns nicht zuletzt deshalb beunruhigen dürften, weil wir Leser:innen den weiteren Gang der beschriebenen Entwicklungen selbst nicht beeinflussen können. Thema waren <a href="https://www.zeit.de/zeit-magazin/2025-07/daniel-kokotajlo-kuenstliche-intelligenz-think-tank-technologie-wettruesten">die drohende Vernichtung der Menschheit durch sich selbst programmierende Künstliche Intelligenz</a> (ZEIT-Magazin), <a href="https://www.zeit.de/kultur/2025-07/peter-thiel-paypal-palantir-unternehmen-tech-milliardaer/komplettansicht">die apokalyptische Welt des Peter Thiel und seines Lehrers René Girard</a> (ZEIT), der Weg der USA zu einer <em>„Scheindemokratie“</em> im <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/schriftsteller-olivier-guez-ueber-amerika-unter-trump-110605598.html">„siècle des dictateurs“</a> – so ein Buchtitel von Olivier Guez (Perrin, 2019) (FAZ) – und der irgendwann drohende <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/leben-auf-italiens-supervulkan-forscher-warnt-vor-katastrophe-im-urlaubsgebiet-14068535.html">Ausbruch des Supervulkans unter den Phlegräischen Feldern rund um Neapel</a> (Tagesspiegel). Drohen (nur noch) apokalyptische und postapokalyptische Zeiten?</p>
<h3><strong>Die Lust am Schrecken</strong></h3>
<p>Dystopien, Apokalypsen verkaufen sich gut und fesseln uns im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. Aber gibt es vielleicht auch Auswege? Immerhin schickt die ZEIT ihren Abonnent:innen jedes Wochenende einen Newsletter, der nur <em>„gute Nachrichten“</em> enthält. Zwei <a href="https://www.oekom.de/">Publikationen des Münchner oekom-Verlages</a> bieten eine ebenso ermutigende Perspektive. <a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/">Isabella Hermann</a> veröffentlichte im Jahr 2025 ihr Buch „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“ und die Gruppe <a href="https://www.realutopien.de/ueber-uns/">„Reinventing Society“</a> veröffentlichte eben dort im Jahr 2023 den Band „Zukunftsbilder 2045 – Eine Reise in die Welt von morgen“, ein Buch, das nicht zuletzt mit seinen Bildern an Fantasien des <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/solarpunk/">Solarpunk</a> erinnert. Beide Bücher haben – ebenso wie die zu Beginn zitierte Einführung in die „Welt des Horrors“ – eine popkulturelle Note und bieten zugleich Prolegomena für ein zukunftsfähiges politisches Programm. Es fehlt eigentlich nur noch die reale Welt-Regierung, die es auch umsetzt. In „Zukunftsbilder 2045“ scheint es so etwas zu geben, eine Art Allianz von Wissenschaft, Regierungen und Zivilgesellschaft.</p>
<p>Utopien statt Dystopien – das wäre eine schöne Botschaft, aber so einfach ist es nun leider nicht, sodass ich in den beiden ersten Kapiteln dieses Essays erst einmal versuchen möchte, mich einem möglichen Verständnis der Lust an der Dystopie, an der Apokalypse zu nähern. Wir sollten wissen und darüber nachdenken, was uns an Dystopien, Apokalypse und Horror so fasziniert und warum wir vielleicht auch im realen Leben eher an eine apokalyptische Zukunft glauben als an eine Zukunft, in der Demokratie, Menschen- und Naturrechte gleichermaßen respektiert werden. Sind das nur Sehgewohnheiten? Oder steckt mehr dahinter? Erst wenn wir diese Fragen ernsthaft analysieren, können wir uns auf den Weg der <em>„Anti-Dystopien“</em> begeben und an der Verwirklichung mehr oder weniger konkreter <em>„Utopien“</em> arbeiten.</p>
<p>Apokalyptische Szenarien sind Möglichkeiten, aber wie viele und welche die Menschen, die sie rezipieren, für mögliche, aber abwendbare Szenarien oder für unabwendbare Gewissheiten halten, ist eine weitere wichtige Frage. Die Macht apokalyptischer Prophezeiungen liegt in uns selbst begründet. So ist es in der Tat sicherlich bequem und hilfreich, sich in fiktiven Horror zurückzuziehen, um den real drohenden Horror ignorieren zu können.</p>
<p>Die Glaubwürdigkeit der Apokalypsen steigt mit der Inszenierung von wirtschaftlichem Erfolg – so Ijoma Mangold in der ZEIT: <em>„Thiels eigene Thesen sind also auf den ersten Blick oft so obskur, dass man ihn nicht einmal als Hofnarren dulden würde, wären seine Gedankenspiele nicht durch seine Geschäftserfolge geadelt.“ </em>Douglas Rushkoff, dessen Buch „Survival of the Richest – Escape Fantasies of the Tech Billionaires“ (New York, W.W. Norton &amp; Company, 2022), 2025 bei Suhrkamp in deutscher Sprache erschien, geht noch einen Schritt weiter. Er beschreibt eindrucksvoll, wie sich diejenigen, die es sich finanziell leisten können, auf die anstehenden Katastrophen, nicht zuletzt die Folgen des Klimawandels, den sie gar nicht leugnen, vorbereiten, und sich entweder auf den Mars zurückzuziehen gedenken (Elon Musk) oder an der eigenen Unsterblichkeit arbeiten (Peter Thiel): <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rette-sich-wer-kann/">„Rette sich, wer kann“</a>.</p>
<p>Naomi Klein und Astra Taylor nennen dies einen <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/juni/aufstieg-des-endzeitfaschismus">„Aufstieg des Endzeitfaschismus“</a> (in: Blätter für deutsche und internationale Politik Juni 2025): „<em>Kurz gesagt, die mächtigsten Menschen der Welt bereiten sich auf das Ende der Welt vor, ein Ende, das sie selbst frenetisch beschleunigen. Das ist gar nicht so weit entfernt von der massentauglicheren Vision von Nationen als Festungen (…). In einer Zeit ständiger Gefahr positionieren offen suprematistische Bewegungen in diesen Ländern ihre relativ wohlhabenden Staaten als bewaffnete Bunker.“</em> Die beiden Autorinnen belegen dies mit Äußerungen von Peter Thiel, Curtis Yarvin, Steve Bannon und anderen. Sie belegen, dass diese Weltsicht <em>„viel mit der christlich-fundamentalistischen Interpretation der biblischen ‚Entrückung‘ gemeinsam“ </em>hat. Die schwerreichen Prepper definieren sozusagen ihre eigene Heilsgeschichte, in der aber nicht das Heil der Menschheit, sondern nur ihr eigenes Heil gesucht wird: JD Vance versuchte Papst Leo XIV. zu erklären, dass das Gebot der Nächstenliebe (Moses III, 19,18) nur für die Menschen in der eigenen Nähe gelte, Papst Leo XIV. widersprach.</p>
<p>Wollen wir so etwas wirklich lesen? Glauben wir, was wir lesen, oder ist es einfach zu abstrus? Und wir retten uns in das noch viel Abstrusere der Fantasy und Science Fiction? Wer einmal auf einer Buchmesse den Stand des <a href="https://www.festa-verlag.de/">Berliner Festa-Verlags</a> besucht hat, wird feststellen, dass vor allem junge Frauen ein Faible für fiktiven Horror haben, nicht zuletzt für Hardcore-Horrorromane ohne ISBN-Nummer, die nur beim Verlag selbst erwerbbar sind. Populär sind zum Beispiel Teeny-Slasher-Produkte, wie sie David Lynch in seiner Twin-Peaks-Serie im Schicksal der Laura Palmer ästhetisiert hat. Vielleicht hat Stephen King recht, wenn er eine solche Lektüre als eine Art Eskapismus erklärt. So schlimm wie es in all diesen fiktiven Horrorszenarien, in Serien wie „The X-Files“, „American Horror Story“ oder „Penny Dreadful“ oder Romanen des Klassikers aller Horrorromane, H.P. Lovecraft, und seiner Epigonen ausschaut, ist es nun in der Wirklichkeit doch nicht! Oder etwa doch? Vielleicht hilft eine solche Strategie der Wirklichkeitsvermeidung tatsächlich gegen die Allgegenwart der aktuellen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/"><em>„Polykrisen“</em></a>. Frau schaut Teeny-Slasher-Filme und kann zumindest für einige Augenblicke #Metoo, Femizide und nicht zuletzt die Weltsicht derjenigen ignorieren, die – das ist das Geschäftsmodell rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Parteien in Europa und in den USA – die gesamte Welt als ein einziges Horrorszenario darstellen, in dem ständig dunkle Männer helle Frauen verfolgen, vergewaltigen und töten.</p>
<h3><strong>„Abwehrzauber“</strong></h3>
<div id="attachment_7371" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1769"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7371" class="wp-image-7371 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-400x622.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda.jpg 659w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7371" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Vielleicht handelt es sich bei der Popularität von Horrorprodukten tatsächlich um eine Form von Magie, eine Art <em>„Abwehrzauber“</em>? Tammo Hobein erklärt die Popularität des Horrorgenres am Beispiel der Serie <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rOM0rziqEY4">„Penny Dreadful“</a>: <em>„Anhand der Figur des Caliban wird immer wieder die Frage aufgeworfen, was eigentlich einen Menschen ausmacht, was der Mensch denn sei – in seinem eigenen Wunsch, ein Mensch zu sein, begegnet Caliban den unterschiedlichsten Facetten des Mensch-Seins, und auch der Zuschauer muss sich zwangsläufig, möchte er an Calibans Schicksal partizipieren, damit auseinandersetzen.“</em> Mit <em>„Caliban“</em> sind wir bei Shakespeare: Was ist der Mensch? Was kann er? Welche Fragen?</p>
<p>Thomas Assheuer verwendet den Begriff des <em>„Abwehrzaubers“ </em>in seiner in der ZEIT veröffentlichten Analyse des Krisenbegriffs: <a href="https://www.zeit.de/2025/31/krise-begriff-sprache-geopolitik-klimakrise">„Luftnummer mit fünf Buchstaben“</a>: <em>„Dass der Wortabwehrzauber eine Weile krisenfest funktioniert, verdankt sich den magischen Qualitäten der Sprache. Sie nimmt Dinge ‚in Obacht‘, macht sie namhaft und ‚merkfähig‘. Was benannt ist, ist gebannt, man kann damit umgehen, wie beruhigend. Aber die Macht der Benennung, das Fest-Stellende, ist zweischneidig. Wiederholt man das Wort Krise nur oft genug, dann wirkt es hypnotisch und bringt das darin Gemeinte zum Verschwinden – indem die Krise ins Wort eingeschlossen wird, bleiben ihre Ursachen ausgeschlossen. Man klebt Wörter an Probleme und glaubt, man sei sie los.“</em> Aber auch das Gegenteil ist denkbar und der <em>„Abwehrzauber“</em> sediert lediglich. Vorsicht ist geboten! Verschwörungserzählungen, die die aktuellen politischen Krisen zur Metapher erklären, sind nicht mehr weit hergeholt. Susan Sontag hat analysiert, wie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-sprache-der-pandemie/">Krankheiten zu Metaphern erklärt</a> werden, obwohl sie nichts anderes sind als eben Krankheiten, gleichviel, ob Krebs, AIDS oder – diese Pandemie erlebte Susan Sontag nicht mehr – COVID 19.</p>
<p>Tammo Hobein schließt sich dem amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) an, der im fiktiven Horror eine Art vierfachen Schriftsinn entdeckt wie ihn im Mittelalter Bibelexegeten anwandten. Campbell <em>„stellte in seinen Arbeiten vier verschiedene Funktionen heraus, die Mythen oder mythische Geschichten gemeinsam haben: die metaphysisch-mystische Perspektive, die kosmologische Perspektive, die gesellschaftliche Perspektive und die psychologische Perspektive.“</em> Als Beispiel zitiert er das Märchen um Frau Holle und wagt einen Ausflug in die sogenannte schwarze Pädagogik: <em>„Schreckfiguren werden auch genutzt, um Kinder zu erziehen.“</em> Extremistische Akteure machen sich dies zunutze und stellen die ihrer Ansicht nach Verantwortlichen nach dem Muster von „Stürmer“-Karikaturen dar. Sie profitieren von einer gehörigen Portion <em>„Aberglaube“</em>, der sich im Horrorgenre in der Form von <em>„Creepypasta“</em> im Internet vervielfältigt, aber genauso mit realen Verschwörungserzählungen in den sozialen Medien funktioniert, wie dem von Renaud Camus, Martin Sellner und ihren Anhänger:innen propagierten „Great Reset“. Vor diesen Verschwörungserzählungen schützt der Konsum von fiktivem Horror nicht. Aber es ist nicht ausgemacht, ob dieser Konsum möglicherweise die Wirkung von realen Verschwörungserzählungen verstärken könnte. Das wäre dann die Gegenthese zur These von Stephen King.</p>
<p>Wenn schon kein realer Bruce Willis („Armageddon“, „The 5th Element“) hilft, gibt es eigentlich nur noch zwei Wege, mit den drohenden Katastrophen zurechtzukommen, sich zu sedieren oder einfach nur zu reflektieren, was da geschieht. Eine Lösung ist nicht in Sicht, aber auch die Erkenntnis des Schreckens könnte vielleicht helfen, die Contenance zu bewahren. Intellektuelle möchten das gerne glauben. Ijoma Mangold vermutet dies in seinem Porträt von Peter Thiel: <em>„Vielleicht können wir die Lage wieder besser erkennen, wenn wir uns dieses dunklen Denkens im Dunstkreis von Peter Thiel, das ja auch als <u>‚dark enlightenment‘</u> apostrophiert wird, wie eines Kontrastmittels bedienen. Wie heißt es bei Theodor Däubler, den Thiels Held Carl Schmitt so gerne zitierte: Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Vielleicht hilft das Denken des politischen Gegners einem selbst dabei, wieder die Deutungshoheit über die Wirklichkeit zurückzugewinnen. / Zugeben, wer sich mit dem Teufel an einen Tisch setzt, braucht einen langen Löffel. Aber es kann nicht schaden, dem Teufel Intelligenz zu unterstellen, wenn man herauszufinden versucht, wie er tickt.“ </em></p>
<p>Wer kennt außer einigen wenigen Germanist:innen schon <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/daeubler.html">Theodor Däubler</a>? Aber ein anderer Name ist selbst zur allseits bekannten Metapher geworden: Franz Kafka. Olivier Guez beendet seinen bereits zitierten Gastbeitrag in der FAZ über die <em>„Gleichgültigkeit“</em> in den USA und anderswo gegenüber Trump mit einem Blick auf den unvollendeten Amerika-Roman Kafkas: <em>„Es gibt kein gelobtes Land mehr; der Ort der Zuflucht fehlt. An seine Stelle ist eine nationalistische, unberechenbare und zugleich berechnende Macht getreten. Zu diesem Reich passt eher die Sicht von Karl Roßmann, der gerade in New York in den Hafen einläuft. Am Anfang von ‚Der Verschollene‘ (1927) erblickt der junge Emigrant die Göttin der Freiheit: ‚Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor‘, schreibt Kafka. Ein bedrohliches Schwert ersetzt nun die Flamme von Recht und Freiheit.“</em></p>
<h3><strong>„Zukunftsbilder 2045“</strong></h3>
<div id="attachment_7369" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://realutopien.info/zukunftsbilder-2045/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7369" class="wp-image-7369 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7369" class="wp-caption-text">Weitere Informationen der Herausgeber:innen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Welt in 20 Jahren. Das ist keine lange Zeit. Klimaneutralität soll in Deutschland bis 2045 erreicht werden, in der EU bis 2050. Allerdings gibt es inzwischen auch Überlegungen, dieses Datum zu verschieben. Nicht einmal die Grünen trauen sich zurzeit, allzu laut für Klimaschutz zu werben. Im Band „Zukunftsbilder 2045“ ist von diesen Debatten keine Rede, denn die Ziele wurden – wie es sich für eine anständige Utopie gehört – erreicht.</p>
<p>Der Band „Zukunftsbilder 2045“ ist aufwendig gestaltet, enthält viele ausgesprochen ansprechende Bilder in einem großen Format, jeweils über Doppelseiten. Ergänzend zu den Texten gibt es QR-Codes mit weiteren Informationen. Vorgestellt werden 17 Kommunen, 15 in Deutschland, dazu Wien und Zürich. Zwei Kommunen liegen in Ostdeutschland, Leipzig und Wiesenburg, das die einzige ländliche Kommune ist. Haan bei Düsseldorf steht als Beispiel für eine kleine Kommune im Speckgürtel einer wohlhabenden Stadt. Die weiteren Städte: Berlin, Bremerhaven, Düsseldorf, Emden, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Leipzig, Ludwigsburg, Lüneburg, Stuttgart, München.</p>
<p>Der Band wird nach dem Vorwort der vier Gestalter:innen Stella Schaller, Ute Scheub, Sebastian Vollmar und Lino Zeddies von der fiktiven Journalistin Liliana Morgentau eingeleitet, die 21 Jahre in Lateinamerika, insbesondere in Peru und Argentinien, gearbeitet hat. Sie möchte uns Leser:innen einladen, sie auf ihrer Reise zu begleiten: <em>„Auf meiner Reise will ich erkunden, ob es uns gelungen ist, (…) Frieden mit der Natur zu schließen.“ </em>Der Band endet mit einem Fragebogen, in den die Leser:innen ihre eigenen Visionen eintragen können, sowie mit einer Vorstellung der Ziele und Arbeitsweisen von Reinventing Society.</p>
<p>Die 17 Orte werden mit fiktiven Interviews vorgestellt, alle vorgestellten Initiativen haben bereits heute erprobte Vorbilder, die in der Regel jedoch nur an einzelnen Orten und dort oft nur mit einzelnen Projekten Wirklichkeit wurden. Zu diesen Initiativen gehören Ökodörfer, Urban Gardening, Forschungsergebnisse zur Agrarwende, <a href="https://www.leuphana.de/portale/utopie-konferenz/programm.html">Utopiekonferenzen</a>, wie es sie seit 2018 an der Universität Lüneburg gibt, Bürgerräte nach dem Modell von <a href="https://www.mehr-demokratie.de/">Mehr Demokratie e.V.</a>, Maßnahmen zur Klimaanpassung, zum Beispiel Ersatz von Asphalt, der sonst in der Hitze schmilzt. Schulen wie die <a href="https://www.margret-rasfeld.de/">Margret-Rasfeld</a>-Schule folgen der <a href="https://igh-heidelberg.com/images/download/IGH_FAQs.pdf">Dalton-Pädagogik</a>, bieten Räume nach dem <a href="https://daten.didaktikchemie.uni-bayreuth.de/grundbegriffe_fd/C_Fraktale_Schule.pdf">Modell der Fraktalen Schule</a>, Banken arbeiten mit <a href="https://www.sparda-b.de/ueber_uns/verantwortung_und_nachhaltig/nachhaltigkeitsziele.html"><em>„Gemeinwohlbilanzierungen“</em></a>.</p>
<p>Auf den Bildern sehen wir viel Grün, wenig Autos, Busse, Shuttles, Fahrräder, gut erreichbare Gastronomie mit Cafés in der Innenstadt, natürliche Wasserkreisläufe und Schwammstädte, die Nähe von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen, attraktive Naherholung. Die Nutzung repräsentativer Gebäude durch Bürgerinitiativen und Vereine wird öffentlich gefördert, es gibt bundesweite <em>„Bürgerwerkstätten“</em>. Das <em>„Kriegsministerium“</em> ist zum <em>„Ministerium für Demokratie und Gemeinwohl“</em> geworden, es gibt eine <em>„Bundesministerin für integrale Gesellschaftsentwicklung“</em>, es gab im Jahr 2030 eine große Steuerreform, die für mehr Gerechtigkeit sorgte, der <em>„Deep State“</em> wurde zur <em>„Deep Democracy“</em>. Ein wichtiger Stichwortgeber – man könnte ihn auch Influencer nennen – war der (fiktive) Buchautor Leonardo Merwald mit seiner „Regeneratopia“-Reihe, die durchaus Anklänge an Romane von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-utopischer-visionaer/">Kim Stanley Robinson</a> verrät, nicht zuletzt an „Das Ministerium für die Zukunft“ (deutsche Erstausgabe 2021 bei Heyne).</p>
<p>Der Band bietet ein überzeugendes Gegenbild zu so manchen politischen Ansätzen der 2020er Jahre, in denen wir nicht ohne Grund befürchten müssen, dass sich die Welt eben nicht zum Besseren entwickeln wird. Aber wie konnte es zu dem von Reinventing Society imaginierten besseren Ende kommen? Die Antwort ernüchtert: Durch Katastrophen. Es gab Temperaturen von bis zu 46 Grad Celsius im Rheinland, einen Finanzcrash im Jahr 2029, aber dann gab es ein Umdenken, weltweit!</p>
<p>Eine fiktive Transformationsforscherin mit dem sprechenden Namen Henrike Schirmbauer aus Bremerhaven erinnert an die 2020er Jahre: <em>„Die 2020er waren eine Zeit großer Paradoxien und Widersprüche. So wie Pflanzenreste zum Humus für neue Gewächse werden, hat der Zusammenbruch des alten Systems ein Aufkeimen neuer Ideen, Lösungen und Praktiken ermöglicht. In den krisenhaften 2020er Jahren ist die globale regenerative Bewegung erstarkt. Deren Mitglieder bauten Pionierprojekte und Inseln regenerativer Kulturen auf. Eine wichtige Inspiration für mich war das Buch </em><a href="https://www.phaenomen-verlag.de/buch/regenerative-kulturen-gestalten/"><em>‚Regenerative Kulturen gestalten‘</em></a><em> von </em><a href="https://www.danielchristianwahl.com/"><em>Daniel Christian Wahl</em></a><em>, einem Vordenker auf diesem Gebiet.“ </em>(Dieses Buch und diesen Autor gibt es wirklich, Internetlinks im Zitat NR).</p>
<div id="attachment_7372" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7372" class="wp-image-7372 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-300x163.jpg" alt="" width="300" height="163" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-200x109.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-300x163.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-400x217.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-600x326.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-768x417.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-800x434.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-1024x556.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-1200x652.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-1536x834.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7372" class="wp-caption-text">Köln Hohenzollernbrücke, Zukunftsbild 2045 / Reinventing Society &amp; loomn (CC BY NC SA 4.0, Foto: Maximilian Schönherr)</p></div>
<p>In den 2030er Jahren wurden – metaphorisch gesprochen – aus nachhaltigen Inseln nachhaltige Kontinente und Meere, ein nachhaltig wirtschaftender Planet. Henrike Schirmbauer: <em>„Die wilden 2030er sind in eine Phase von größerer Erdung und Stabilität übergegangen. In den letzten Jahren gelang uns ein kraftvoller Umbau unserer Gesellschaft. Nach vielen Experimenten haben sich viele gute Lösungen etabliert. Die Wirtschaft mehrt unseren Wohlstand und hält überwiegend die planetaren Leitplanken ein.“</em></p>
<p>Als Leser wurde ich an diesem Punkt skeptisch. Globales Umdenken? In einem so kurzen Zeitraum? Die Ziele, die 2045 erreicht wurden, überzeugen, aber wie kommt die Welt dorthin? Nur über Katastrophen? Was wurde aus den 46 Grad im Rheinland? Gibt es noch Kriege? Müssen Menschen wegen eines Krieges oder wegen der durch den Klimawandel ausgelösten Katastrophen ihre Heimat nach wie vor verlassen wie in den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts?</p>
<p>Es ließe sich auch ein anderes Szenario denken, eine reine Anpassungsstrategie an eine Erderwärmung um vier Grad Celsius im Durchschnitt wie sie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zukunftschance-migration/">Parag Khanna in seinem Buch „Move“</a> als Jahrhundertprojekt vorstellt: Die Menschheit gibt im Verlauf des 21. Jahrhunderts zahlreiche Siedlungsgebiete auf und erschließt durch Migration neue in der Nähe der Polarkreise. Das ist Migration in größtem Stil, der alle heutigen Szenarien um ein Vielfaches übertrifft. Die Konflikte, die wir bereits heute weltweit erleben, und die wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch in der nächsten Zukunft erleben werden, wären noch ein anderes Thema. Ausgetrocknete Böden, versteppte Landschaften, Wasserknappheit, Artensterben und Pandemien, weil der Mensch bei einer immer weiter eingeengten Wildnis mit Viren in Kontakt kommt, die er sonst nie kennengelernt hätte. Wie gehen die Städte und Dörfer der Zukunft damit um, wie Politik und Gesellschaften?</p>
<p>„Zukunftsbilder 2045“ imaginiert eine mögliche und wünschenswerte Zukunft, aber reicht es aus, nur über Gegenbilder zur Dystopie der Gegenwart nachzudenken? Hier kommt Isabella Hermann mit ihrem Buch „Zukunft ohne Angst“ ins Spiel. Sie fordert ein anti-dystopisches Denken.</p>
<h3><strong>„Zukunft ohne Angst“</strong></h3>
<div id="attachment_7370" style="width: 201px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.oekom.de/buch/zukunft-ohne-angst-9783987261510"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7370" class="wp-image-7370 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-191x300.jpg" alt="" width="191" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-191x300.jpg 191w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-200x315.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-400x629.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-600x944.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-651x1024.jpg 651w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-768x1208.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-800x1258.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-977x1536.jpg 977w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-1200x1887.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-1302x2048.jpg 1302w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag.jpg 1547w" sizes="(max-width: 191px) 100vw, 191px" /></a><p id="caption-attachment-7370" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Buch von Isabella Hermann enthält sechs Kapitel. Es beginnt mit „Die dystopische Gegenwart“ und „Die utopische Forderung“, definiert anschließend ausgehend von Kim Stanley Robinsons „Das Ministerium für die Zukunft“ den Begriff der „Anti-Dystopie“, konkretisiert dies mit mehreren „antidystopischen Geschichten“ und schließt mit Vorschlägen für „Anti-dystopisches Verhalten im Hier und Jetzt“ sowie dem resümierenden Kapitel „Die Anti-Dystopie als anschlussfähiges Narrativ und Konzept“. Etwa 100 Seiten Text lesen sich ausgesprochen konzentriert und zugleich so unterhaltsam, dass manche Leser:innen auf den Geschmack kommen werden, die einzelnen empfohlenen Romane zu lesen. Darüber hinaus bietet das Buch einen Werkzeugkasten, mit dem sich andere als utopisch oder dystopisch charakterisierte Romane, Filme, Serien analysieren lassen.</p>
<p>Dystopien sind für Isabella Hermann der <em>„Ausdruck gegenwärtiger Zukunftsängste, die in ein düsteres Extrem gesteigert werden.“ </em>Grundlage sind das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/un-doing-climate-fiction/"><em>„Anthropozän“</em></a>, ein Begriff von <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-030-82202-6_2">Paul J. Crutzen und Eugene F. Stoermer</a>, beziehungsweise das <em>„Kapitalozän“</em>, ein von <a href="https://www.e-flux.com/journal/75/67125/tentacular-thinking-anthropocene-capitalocene-chthulucene">Donna Haraway</a> ergänzend eingeführter Begriff. Isabella Hermann verweist auf den Roman „Parable of the Sower“ (1993) von <a href="https://www.octaviabutler.com/">Octavia Butler</a>, der im Jahr 2024 spielt, etwa 30 Jahre nach Erscheinen: <em>„Die prekären Lebensbedingungen treffen Weiße genauso wie People of Color, was aber nicht zwingend zu einer Solidarisierung führt. Stattdessen herrscht oft großes Misstrauen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen.“</em> Das ist nicht nur eine Fiktion, sondern lässt durchaus an diverse identitätspolitische Debatten der heutigen Zeit denken.</p>
<p>Isabella Hermann geht einen Schritt weiter, indem sie die Akteure des <em>„Anthropozäns“</em> beziehungsweise des <em>„Kapitalozäns“</em> benennt, die sich in dystopischen Erzählungen gegenseitig zu übertreffen versuchen: <em>„Zu erwähnen ist, dass die über weite Strecken sehr angloamerikanisch, männlich und weiß geprägte Geschichte der SF seit den 1970ern zunehmend mit feministischen, antirassistischen, postkolonialen und queeren Perspektiven erfolgreich herausgefordert wird.“</em> Eine der bekanntesten Autorinnen ist vielleicht <a href="https://margaretatwood.ca/">Margaret Atwood</a> mit ihrem inzwischen auch in Filmen und Serien präsenten Werk „The Handmaid’s Tale“ (1985). Die Perspektiven ändern sich auch, weil die Autor:innen vielfältiger werden, es entstehen weibliche oder afrikanische Perspektiven. Dazu gehört beispielsweise die nigerianische Schriftstellerin <a href="https://www.octaviabutler.com/">Nnedi Okorafor</a>, die ihr Werk <em>„als Africanfuturism in Abgrenzung zum Afrofuturismus“</em> definiert und damit afrikanische Perspektiven in den Vordergrund stellt, die sich von den Perspektiven afroamerikanischer, afroeuropäischer oder afrodeutscher Autor:innen unterscheiden. Dies bedeutet nicht, dass auf Grund dieser Vielfalt die humanistischen, utopischen Kräfte dominieren müssten. Das ist schon in der frauenfeindlichen Dystopie Margaret Atwoods nicht der Fall. In <a href="https://www.sarahhallauthor.com/">Sarah Halls</a> Roman „The Carhullan Army“ (2007) entpuppt sich die Befreierin Jacky <em>„als manipulative Gewaltherrscherin“</em>, ein angesichts des Schicksals mancher Befreiungsbewegungen gar nicht so weit hergeholtes Szenario (zum Beispiel das Ehepaar Ortega in Nicaragua, Mugabe in Zimbabwe).</p>
<p>Vielleicht sorgt Vielfalt auch dafür, dass in den Dystopien Perspektiven einer Utopie entstehen? Isabella Hermann konstatiert allerdings: <em>„Des einen Utopie ist des anderen Dystopie – und umgekehrt. Dies heißt Utopien stets zu hinterfragen oder sich gleich vor ihnen in Acht zu nehmen, denn sie könnten nicht nur eine unerreichbare Träumerei, sondern auch gefährlich sein.“</em> Man muss sich im Grunde nur die Utopien anschauen, die die Milliardäre rund um Donald Trump oder ein Vladimir Putin verbreiten, um diesen Satz zu verstehen. Ein Gegengift wären jedoch <em>„kritische Utopien“</em>. Diese <em>„legen den Fokus auf den fortwährenden Prozess der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Idealen und die Akzeptanz von Unterschieden und Unvollkommenheiten innerhalb der Utopie.“</em> Als Beispiele nennt Isabella Hermann <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/ursula-k.-le-guin/">Ursula K. LeGuins</a> „The Dispossessed“ (1974), <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?343">Ernest Callenbachs</a> „Ecotopia” (1975), <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">Angela und Karlheinz Steinmüllers</a> „Andymon“ (1982), aber auch <a href="https://theresahannig.de/">Theresa Hannigs</a> „Pantopia“. <em>„Der Gedanke ist also, dass Utopien im Gegensatz zu Dystopien nicht nur warnen, sondern als positive Visionen auch zum konstruktiven Handeln anregen sollen.“</em></p>
<p>Eine <em>„kritische Utopie“</em> ist somit immer auch <em>„Anti-Dystopie“</em>. Sie ist – so Isabella Hermann – <em>„dynamisch“</em> und betont den Widerstand der Akteure in einem zunächst dystopisch erscheinenden Szenario. Man könnte die Autor:innen, die anti-dystopische Texte schreiben, auch als Teilnehmer:innen eines Diskurses bezeichnen, die wagen, in Alternativen, in Gegensätzen, in dialektischen Prozessen zu denken. Eben dies ist auch der Grundgedanke von Kim Stanley Robinson im „Ministerium für die Zukunft“, den Isabella Hermann wie folgt zitiert: <em>„It’s not a utopian novel, because they haven’t solved the problems, but have resisted dystopia.“</em> Anders gesagt: <em>„Die Anti-Utopie ist unperfekt“</em>. Es gibt keine einfachen Lösungen: <em>„Wie dann im Sinne der Anti-Dystopie Gerechtigkeit ausgestaltet, Gemeinschaft gebildet und Veränderung herbeigeführt und durchlebt werden, müssen wir in der Realität selbst aushandeln – das kann uns kein Kim Stanley Robinson abnehmen. Was Autor:innen allerdings eröffnen, sind Möglichkeitsräume, um Zukunftsideen zu diskutieren.“ </em>(Wer es bildungsbürgerlich mag, möge an Friedrich Hölderlin und sein so oft zitiertes Gedicht <a href="https://www.gedichte7.de/patmos.html">„Patmos“</a> denken, in dem gleich zu Beginn die folgende These formuliert wird:<em> „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. </em>Wie auch immer es ausschauen mag, jenseits von Superheld:innen nachempfundenen Figuren.)<em>    </em></p>
<h3><strong>Ingenieure, Hazardeure und Geisterjäger retten die Welt</strong></h3>
<p>Können wir die weitere Erwärmung der Erde noch verhindern oder bleibt nur noch Klimaanpassung? Ist die Apokalypse verhinderbar oder können wir uns nur noch darauf vorbereiten, in einer postapokalyptischen Zukunft zu überleben? Mit der biblischen Apokalypse hat das nicht mehr viel zu tun. Isabella Hermann beschreibt die säkulare Wende religiöser Vorstellung in postapokalyptischer Literatur: <em>„In der Postapocalyptic Fiction als Subgenre der Science-Fiction ist der Grund des Weltendes zwar nicht mehr direkt religiöser Natur, doch geht es um das menschliche Überleben nach einem Ereignis, das zum Zusammenbruch der Erde geführt, seien es Klimakatastrophen, missglücktes Geoingineering, Meteoriteneinschläge, Alien-Invasionen, Pandemien oder der Einsatz von Waffen globalen Ausmaßes. (…) Oft sind diese Settings dystopisch, da die Menschheit in einen Zustand fällt, in dem das Recht des Stärkeren gilt und Macht durch Gewalt ausgeübt wird.“</em> Hier wird <em>„eine Stunde null“</em> imaginiert, nach der unterschiedliche Szenarien möglich sind, eine Besinnung der Menschheit auf eine nachhaltige und friedliche Zukunft – wie in der Utopie von „Zukunftsbilder 2045“ – oder eine Art Eskapismus à la Elon Musk auf den Mars.</p>
<p>Allerdings könnte sich Elon Musk vielleicht öfter diverse Star-Trek-Episoden anschauen, in denen es immer wieder einmal darum geht, Apokalypsen zu verhindern. Das geht mitunter so weit, dass die Bedrohungen im All genozidale Auswirkungen zu haben drohen. Im Franchise „Discovery“ verschärft sich dies von Staffel zu Staffel, zum Beispiel in der vierten Staffel, in der die Spezies 10C überzeugt werden muss, dass eine von ihr durchgeführte Maßnahme ungewollt die Zerstörung ganzer Zivilisationen mit sich bringt. Ökologische Katastrophen, Genozide können dank der Genialität der diversen Star-Trek-Ingenieure oft genug mit technischen Mitteln, über die die Sternenflotte verfügt, verhindert werden. Das Fiktionale wird hier geradezu zur Metapher.</p>
<p>Fortgeschrittene Ingenieurskunst ist nur eines der Instrumente, mit denen dies den jeweiligen Kommandant:innen der Sternenflotte gelingt, die Welt zu retten. In <a href="https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Year_of_Hell_(episode)">„Year of Hell“</a>, eine Doppel-Episode von „Voyager“, versucht der Anführer der Krenim, Captain Annorax (übrigens der Name des Wissenschaftlers in dem Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne), eine Zeitlinie wiederherzustellen, in der seine tote Ehefrau wieder lebt. Die Wiederherstellung dieser Zeitlinie gelingt jedoch immer nur zu einem Teil, mitunter mit bis über 90 Prozent, nur seine Frau bleibt nach wie vor tot. Die Veränderungen haben katastrophale Auswirkungen auf ganze Zivilisationen, sie sind in Kauf genommene Genozide. Als letztes Mittel riskiert Captain Janeway die Vernichtung der Voyager. Natürlich mit Erfolg, die ursprüngliche Zeitlinie wird wiederhergestellt, das Jahr der Hölle hat nicht stattgefunden, nicht nur für die Crew der Voyager, auch für die Krenim, deren Anführer sein Ziel erreicht hat: seine Frau lebt.</p>
<p>Oder brauchen wir vielleicht doch eher professionelle Geisterjäger:innen, echte Ghostbuster? Patricia Eckermann lässt sie in ihrem Roman <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957">„Elektro Krause“</a> dafür sorgen, dass eine Elektrofirma aus Troisdorf-Sieglar mit einer eigenen Kompetenz als Ghostbuster im Bonn des Jahres 1989, kurz vor dem Mauerfall, eine Art Nazi-Zombies daran hindert, die Abgeordneten des Deutschen Bundestages durch ein Portal zu infiltrieren und auf diese Weise die Macht zu übernehmen. Damit wären wir wieder beim Horror-Genre, in dem es eben auch immer diejenigen gibt, die die Ursachen des Horrors beseitigen. Suchen Sie sich aus, wem Sie mehr vertrauen, Ingenieure:innen, Hazardeur:innen oder Geisterjäger:innen!</p>
<p>Die Apokalypse hat viele Gesichter, es gibt aber eben auch viele Szenarien, sie zu verhindern. Isabella Hermann: <em>„Diese Widersprüche der unterschiedlichen Antworten auszuhalten ist anti-dystopisch.“</em> Sie zitiert zum Abschluss Octavia Butler: <em>„Was wir im Angesicht einer sehr komplexen Krise tun können, ist, dass wir sie mit unserer eigenen Komplexität beantworten. Wir sind selbst sehr komplex in unserem Empfinden, Denken und Handeln. Demzufolge gibt es auch nicht nur eine einzige Antwort auf die Frage, was wir tun können, im Gegenteil: Unsere Antworten gebären eine ganz neue Welt.“</em> Nicht ohne Grund verweist Isabella Hermann im Abschlusskapitel auf das Buch „Erzählende Affen“ von Samira El Ouassil und Friedemann Karig (Berlin, Ullstein, 2021). Horrorerzählungen, Apokalypsen, Dystopien gehören dazu, aber eben auch die Geschichten, wie sie überwunden werden könnten. Beispielsweise findet jede Episode der „X-Files“ dank Fox Mulder und Dana Scully findet ein weitgehend gutes Ende. Oder es bleibt zumindest – wie in „Twin Peaks“ denkbar, wenn auch vielleicht in einer anderen Zeit-Dimension. Die Möglichkeit einer Überwindung ist auch die Botschaft der vorbildlich humanistischen Welt von Star Trek, der Mensch hat eine zentrale Fähigkeit. Am Ende der ersten Staffel des Franchise „Picard“ benennt sie Jean-Luc Picard im Gespräch mit Data: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/its-imagination/">„It’s imagination“</a>. In der Tat. So wie wir ein Kino verlassen, sollten wir auch den realen Horror verlassen können.</p>
<p>Vielleicht wäre aber auch denkbar, dass Politiker:innen zugleich kluge Ingenieur:innen, mutige Hazardeur:innen oder gar erfolgreiche Geisterjäger:innen werden? Vielleicht sollten sie einfach nur mehr anti-dystopisches Denken wagen? Petra Pinzler und Stefan Schmitt veröffentlichten am 26. Juni 2025 in der ZEIT ihren Essay <a href="https://www.zeit.de/2025/27/zukunft-visionen-angst-optimismus-wissenschaft">„Das wird gut“</a>, in dem sie sich ausdrücklich auf Kim Stanley Robinson und Isabella Hermann bezogen: Sie erinnern an das UNESCO-Konzept der <a href="https://www.zukunftsbauer.de/futures-literacy">„Futures Literacy“</a>, das inzwischen auch in diversen Workshops diskutiert und erprobt wird: <em>„Nicht fantasieren, sondern Existierendes in die Zukunft verlängern“</em>. Eigentlich bräuchte man dazu nur den politischen Willen, die erforderlichen Mehrheiten zu organisieren. Dann werden vielleicht auch Zukunftsbilder Wirklichkeit, wie sie Reinventing Society imaginiert. Und das wäre dann nicht mehr nur Science Fiction. Vielleicht.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2025, Internetzugriffe zuletzt am 6. August 2025. Titelbild: Thomas Franke,</p>
<p>Illustration zur Erzählung „Ascheglühen“ von Wolf Welling und mit der Collage gedruckt in EXODUS 49, Holzstichcollage auf Chromolithografie / 29,8 x 39,3 cm / 2024.. Der Künstler gab der Collage den folgenden Titel: <em>„Visualisierung einiger Konstellaterationen im komaschatischen Wunderland mit dem vom Patakosmologen Klaúdios Ptolemaíos installerierten Induktions-Inklinatorium sowie dem von seinem Konkurrenten Niclas Koppernigk einmontierten Erdinduktor, welche die Feldlinien des Wunderlandischen Magnetfeldes zum nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses des Visualisierers beeinflussen, womit sich dessen alternativlosende Zuneigung zur Wissenschaft offenbart. In den sich daseinsabschließend zusehends fragmentarisierenden neuronalen Verschaltungen, die einen Fluß moderat dahintreibender magnetfeldischer Strömungen erzeugen, quellen Nanobots an die Oberfläche und enthüllen ihr wahres Wesen als weltzerfressende Pac-Mans im in die Wirklichkeit transformulierten Labyrinth ‚Wunderland‘, &#8211; gierig mit dem japanischen lautmalerischen Ruf ‚paku paku!‘ nach dem nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses schnappend. Das in diese virtualitätige Visualisierung integrierte alte Schulhaus im Sonnenuntergang beobachtend, lauert der Boschfroschlakai und suggeriert als Erscheinung, daß das Froschsein als Zustand zwar etwas nicht Erstrebenswertes, allerdings etwas Vorübergehendes sein könnte. Und also schwirrelt einer der durch die unglückliche Einwürgung des Doppler-Effekts verdoppelten Alice, als A-Lice und Be-Lice zu sehen, in diesem Zusammenhang die klügliche Be-Hauptung des antiken Dichters Petronius durch den Kopf: ‚qui fuit rana, nunc est rex‘. A-Lice hingegen denkt über sich und komaschatische Wunderländer nach und singt das Lied ‚The Me I Never Knew‘“.&#8220;</em> Alle Rechte beim Künstler.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Utopisch oder dystopisch? Realistisch!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Apr 2025 13:01:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Utopisch oder dystopisch? Realistisch! Katja Kanzler und Sebastian Stoppe über Star Trek im 21. Jahrhundert „Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ (Arthur C. Clarke, Drittes Gesetz) In der zweiten Episode der zweiten Staffel von „Discovery“ (DIS) mit dem Titel „The New Eden“ zitiert Commander Michael Burnham dieses Gesetz in einem  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Utopisch oder dystopisch? Realistisch!</strong></h1>
<h2><strong>Katja Kanzler und Sebastian Stoppe über Star Trek im 21. Jahrhundert</strong></h2>
<p><em>„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ </em>(Arthur C. Clarke, Drittes Gesetz)</p>
<p>In der zweiten Episode der zweiten Staffel von „Discovery“ (DIS) mit dem Titel „The New Eden“ zitiert Commander Michael Burnham dieses Gesetz in einem Gespräch mit Captain Christopher Pike. Allerdings ist die Frage der Unterscheidbarkeit beziehungsweise der Nicht-Unterscheidbarkeit von Technologie und Magie auch eine Frage des Zeitpunktes. In „A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court“ lässt Mark Twain die Hauptperson, Hank Morgan, eine Sonnenfinsternis vorhersagen. Natürlich ex eventu, für die Zeitgenossen im sechsten Jahrhundert scheint es jedoch Magie. Ähnlich ist es mit so mancher Innovation aus dem Star-Trek-Universum. Im vierten Star-Trek-Film, „The Voyage Home“ landet die Crew der Enterprise im 20. Jahrhundert. Scotty versucht wie gewohnt mit einem Computer zu sprechen. Es funktioniert natürlich nicht. Aber aus heutiger Sicht, in den 2020er Jahren, mit Siri und Alexa sieht das schon wieder anders aus.</p>
<div id="attachment_5973" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-45695-5"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5973" class="wp-image-5973 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Kanzler_Stoppe_Star_Trek-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Kanzler_Stoppe_Star_Trek-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Kanzler_Stoppe_Star_Trek-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Kanzler_Stoppe_Star_Trek.jpg 314w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-5973" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Technologische Entwicklung ist die erste zentrale Voraussetzung der Funktionalität von Science Fiction. Die zweite ist die soziologische, politische und ethische Dimension. Dies gilt insbesondere für Star Trek, das von Beginn an ein ganz konkretes politisch-soziales Szenario möglicher Zukunft entwirft. Die Amerikanistin <a href="https://www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-katja-kanzler">Katja Kanzler</a> und der Politik- und Medienwissenschaftler <a href="https://www.sebastian-stoppe.de/">Sebastian Stoppe</a> haben sich mit diesen Kontexten bereits in ihren Dissertationen auseinandergesetzt, Katja Kanzler in „Infinite Diversity in Infinite Combinations“ (Heidelberg, Universitätsverlag Winter, 2004) im Kontext Race und Gender, Sebastian Stoppe in „Unterwegs zu neuen Welten – Star Trek als politische Utopie“ (Darmstadt, Büchner, 2014) in einem Vergleich von Star Trek mit Klassikern der utopischen Literatur (Thomas Morus, Campanella, Bacon). Gemeinsam haben sie 2024 den <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-45695-5">Sammelband „Star Trek: Gestern – Heute – Morgen – (Selbst-)Historisierung und Zukunftsvisionen“</a> (Wiesbaden, VS Springer) herausgegeben. In 13 Kapiteln debattieren 15 Autor:innen verschiedene Inhalte von Star Trek, Forschungen, Diversity, Zeitbezüge und Visionen, im Verhältnis von Utopie und Dystopie, Ethik und Recht und die Bedeutung des Fandom, das die Weiterentwicklung von Star Trek maßgeblich beeinflusst.</p>
<p>In ihrem Vorwort nennen Katja Kanzler und Sebastian Stoppe die zentrale Botschaft von Star Trek: <em>„Leitbild des Franchises war dabei von Beginn der wohlwollende Ausblick auf eine bessere Zukunft der Menschheit.“</em> Diese humanistische Vision schließe an John F. Kennedys <em>„New Frontier“</em> an, habe sich jedoch auch immer in dystopischen Szenarien bewähren müssen. Star Trek zeigt zum Beispiel den genialen und rücksichtslosen Khan Noonien Singh, mit den von ihm verursachten Eugenischen Kriegen, die in den 1990er Jahren stattgefunden haben sollen. Khan Noonien Singh steht in einer Reihe verschiedener Verkörperungen des Mad Scientist. Prototyp sind  die verschiedenen Generationen von Doctor Soong, die alle von Brent Spiner gespielt werden, der auch Soongs Geschöpfe Data, Lore und B4 spielte. Doctor Soong erscheint als Doctor Arik Soong in „Enterprise“ (ENT, in: „The Augments“) und in der ersten Staffel von „Picard“ (PIC), über Noonien Singhs Tochter La’an Noonien Singh als Sicherheitsoffizierin der Enterprise in „Strange New Worlds“ (SNW).</p>
<p>Katja Kanzler und Sebastian Stoppe betonen, dass Star Trek eine eigene Geschichtsschreibung geschaffen hat, die sich auch in den verschiedenen Darstellungen der Timelines von Star Trek in den diversen Internetforen spiegelt. Das Thema der <em>„Selbsthistorisierung“</em> und des <em>„Fortschrittsglaubens“</em> durchzieht auch die Beiträge des Sammelbandes, beispielsweise den Beitrag von Christian E.W. Kremser. <em>„Unentwegt kämpfen die Serienprotagonist:innen gegen die dunklen Seiten der Föderation und verteidigen ihr Verständnis von dessen Vision. Während also in TNG die ‚Utopie‘ noch als Selbstverständlichkeit präsentiert wird, muss sie in DS9 immer wieder gegen (innere und äußere) Feinde verteidigt werden.“ </em>Aber was bedeutet dies in <em>„Zeiten multipler Krisen, wie wir sie gerade erleben“</em>? Solche Krisen und Konflikte erleben wir auch in Star Trek. Christian E.W. Kremser zitiert Benjamin Sisko: <em>„Well, it’s easy to be a saint in paradise, but the Maquis do not live in paradise.”</em> („The Maquis II”). Der Dominion War stellt alles in Frage, wofür die Föderation meint zu stehen: <em>„Angesichts des Krieges müssen nämlich unentwegt Entscheidungen getroffen werden, welche die Angehörigen der Föderation vor eine moralische Zerreißprobe stellen.“ </em>Ähnliche Konflikte sehen wir beispielsweise in der dritten Staffel von ENT, ständig in VOY, in PIC. Insofern dürfte die Frage des Verhältnisses von Utopie und Dystopie eine zentrale Frage in Star Trek geworden sein.</p>
<h3><strong>Wurde Star Trek dunkler, dystopischer?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sebastian, du hast in einer Fortschreibung deiner Dissertation ein Kapitel mit der These eingefügt, dass Star Trek mit DIS dunkler geworden sei. In eurem Sammelband sprach auch Thorsten Walch davon, dass Star Trek dystopischer werde. Bezogen auf die dritte Staffel von DIS spricht er von einer <em>„dystopisch gewordenen Utopie“</em>. Jan Siefert nannte seinen Beitrag ausdrücklich „Die dunkle Seite der Utopie“. Für die Crews sei es auch immer ein Thema, ihre eigenen dunklen Seiten zu überwinden. Möglicherweise habe Star Trek mit seiner Hinwendung zu Dystopien unter den Science-Fiction-Serien und -Filmen sogar sein <em>„Alleinstellungsmerkmal verloren“</em>.</p>
<p>Charakteristisch für Star Trek ist meines Erachtens jedoch auch, dass es immer wieder irgendeine rettende Lösung gibt. Gerade in DIS erleben wir, wie die Crew um Michael Burnham und schließlich die gesamte Föderation sich gegen genozidale Mächte wehren müssen. In der zweiten Staffel ist es zum Beispiel die aus dem Ruder gelaufene KI „Control“, in der vierten Staffel die von der Spezies 10C auf den Weg gebrachte Anomalie (<em>„DMA“</em>)<em>. </em>Michael Burnham muss sich gegen Tarka, ihren Lebensmenschen Booker und die Militärchefin der Föderation durchsetzen, die die DMA vernichten wollen. Sie glaubt, dass es eine diplomatische Lösung geben muss. Diese gelingt dann auch und es stellt sich heraus, dass Spezies 10C gar nicht wusste, was sie mit der DMA angerichtet hatte. Die Erde und Vulcan (inzwischen Ni’Var) werden gerettet. Die Gefahr entstand nicht durch militärische Bedrohung, sondern war ein Kollateralschäden einer Industriekultur, durchaus mit Anklängen an die Bedrohungen, die wir zurzeit für Klima und Artenvielfalt erleben. Ist Star Trek wirklich dunkler, dystopischer geworden oder wurden einfach nur die Zeiten dunkler, an denen sich die Drehbuchautor:innen dann orientieren?</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Ich glaube schon, dass Star Trek in der ersten und zweiten Staffel von DIS dunkler geworden ist. Abgesehen davon, dass viele Fans der Originalserie (TOS) und von „The Next Generation“ (TNG) zunächst mit der Erzählweise von DIS nicht zurechtkamen. Das hängt aber auch mit veränderten Sehgewohnheiten zusammen. Der Start von DIS ist 2017 in eine Zeit hineingekommen, in der wir die erste Präsidentschaft von Donald Trump erlebten, in der die Welt insgesamt düsterer geworden ist, gerade im Hinblick auf globale Ereignisse. Das hat sich in den ersten beiden Staffeln sehr stark niedergeschlagen, gerade in den sehr düsteren Schilderungen des klingonischen Krieges. Dann kam mit der Zeit aber wieder der bekannte Star-Trek-Moment, der Optimismus, der unbedingte Glaube, dass man die Welt besser machen will und kann. Das zeigt sich schon am Ende der ersten Staffel. Es gibt diesen Moment, als Michael Burnham bei der Ordensverleihung sagt, wofür die Föderation, wofür Star Trek eigentlich steht. Sie fasst dies in ganz wenigen Sätzen zusammen. Hier erscheint wieder dieser Optimismus, trotz aller Pessimismen, trotz aller düsteren Weltsichten, dass man den Glauben an ein gutes Ende niemals aufgeben darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese negative Weltsicht begann ja schon in in der dritten Staffel von ENT. Die Crew unter Captain Jonathan Archer macht sich auf die Suche nach der Species der Xindi, die bereits eine Schneise der Verwüstung von Florida bis Venezuela verursacht haben und offensichtlich die Absicht haben, die gesamte Erde zu vernichten.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Diese Staffel von ENT war stark durch die Ereignisse von 9/11 geprägt. Da fing diese düstere Weltsicht an. Wir finden sie allerdings auch in den Reboot-Filmen der alternativen Kelvin-Zeitlinie. Deren Sicht ist noch einmal deutlich militaristischer als in den vorangegangenen Serienformaten.</em></p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Letztlich kann man bis zu „Deep Space Nine“ (DS9) zurückgehen, zum Dominion War. Ich wage jedoch auch die steile These, dass das Pendel jetzt schon wieder zurückschwingt. SNW bietet ein viel ausgewogeneres, gut austariertes Wechselspiel von Optimismus und Pessimismus, wenn wir es einmal so nennen wollen. Ich sehe bei Star Trek, aber auch bei anderen Science-Fiction-Serien die Anerkennung, dass die Probleme riesig geworden sind, wir aber vielleicht deshalb gerade jetzt Utopie brauchen, das, was Star Trek von Anfang an ausgemacht hat, die Frage, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte. Ich bin zunächst einmal zuversichtlich und möchte die Augen aufhalten, wie weit das Pendel wieder in Richtung Utopie ausschlägt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir warten auf die dritte Staffel von SNW. Am Ende der zweiten Staffel hatten wir einen ungewöhnlichen Cliffhänger. Die Spezies der Gorn, die im Unterschied zu dem eher tapsig wirkenden Sauropsiden in TOS wie leibhaftige Höllenhunde aussehen, droht offenbar der Menschheit mit Vernichtung. Wir werden auch beobachten, ob und wenn ja wie sich die zweite Präsidentschaft von Donald Trump in Hollywood auswirkt. Aber gibt es Unterschiede zwischen Star Trek und anderen Serien?</p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Ja und nein. Nein, weil ich glaube, dass sämtliche Populärkultur, wenn sie halbwegs relevant sein muss, sich der Welt um sie herum widmen muss. Ja, weil Star Trek sich von Anfang an ins Programm geschrieben hat, dass es die Welt kommentieren will. Schon in TOS hat sich Star Trek ein klares politisches Programm gegeben. Vor diesem Hintergrund ist auch unser neuer Band entstanden. Wir wollten uns anschauen, wie sich die neueren Star-Trek-Serien mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Man sieht immer wieder, dass die neueren Produktionen zu der Frage zurückkommen, was es hier und jetzt bedeutet, ein populäres Produkt sein zu wollen, als Film wie als Fernsehserie. </em></p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das würde ich unterschreiben. Man findet immer wieder diese Rückbezüge. Stark ist es bei PIC ausgeprägt, noch viel mehr bei „Lower Decks“ (LD). Durchweg sehen wir einen Rückgriff auf die Ära von TNG. Im Grunde wird appelliert, auf die eigene Geschichte zu schauen und daraus abzuleiten, was man Besseres schaffen kann. In der ersten Staffel von PIC könnte man Picard als eine Art „grumpy old man“ sehen. Aber das wäre zu oberflächlich gedacht. Picard ist sehr vom Zustand der Föderation enttäuscht, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er sagt, ich werfe alles hin, und das auch tut. Der konkrete Anlass ist die Geschichte um die Flüchtlinge von Romulus. Das reflektiert ja ein hochaktuelles Thema. Wir sehen es in Europa, in Deutschland, in den USA, gerade jetzt mit Trumps Vorgehen gegen illegale Immigration. Picard besinnt sich auf seine eigene Geschichte und sagt, er sei in der Sternenflotte für etwas anderes angetreten. Er fragt sich, wofür er und die Sternenflotte eigentlich stehen: Hatte ich nicht eine andere Idee? Ich möchte nicht, dass es so endet! </em></p>
<p><em>Star Trek hat einen riesigen Werkzeugkasten, eine riesige Palette, aus der sich die Drehbuchautoren bedienen können. Es ist möglich, für die Personen eine eigene Geschichte zu entwerfen und sie aus dieser Geschichte lernen zu lassen. Das war uns in unserem Buch auch so wichtig und es war spannend zu sehen, wie die Autorinnen und Autoren die Parallelität zwischen der Star-Trek-Erzählung und unserer realen Welt sehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: PIC ist ein gutes Beispiel. Es zeigt auch den Trend, die Gegner immer schlimmer darzustellen. Verhandlungen, wie sie in VOY Captain Janeway mit den Borg führte, sind in DIS und PIC nicht mehr möglich. Eine Steigerung ist auch das Bündnis der Borg Queen mit dem Dominion in PIC. Alles Böse der Galaxie verbindet sich. Interessant ist natürlich der Schluss der dritten Staffel, in der – gegen die ursprünglichen Absichten von Patrick Stewart, aber auf Betreiben der Produzenten – eine Reunion der Crew von TNG das gesamte Problem löst. Zumindest vorerst. Patrick Stewart deutete ja an, dass er einem eigenen Film zur Reihe nicht abgeneigt sei.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Hier vermischen sich mehrere Dinge. Zum einen der Blick auf die eigene Geschichte, zum anderen hat man aus erzähltechnischer Sicht einige lose Enden wieder aufgenommen, zum Beispiel im Hinblick auf das Dominion die Frage, was eigentlich mit dem Virus passiert ist, mit dem Section 31 über Odo die Formwandler infiziert hatte. War die Heilung Odos mit seiner Rückkehr in den Great Link für alle nachhaltig wirksam? Was wurde eigentlich nach den Ereignissen in „The First Contact“ aus der Borg-Queen? Die Idee, die Crew von TNG zusammenzubringen, war gar nicht so schlecht, weil sich so aus der Sicht des Fandoms eine Art Lagerfeuermoment ergab. Mir ging es auch so. Ich saß bei den letzten Episoden da und dachte, so war das, als ich früher aus der Schule kam und mir Star Trek auf Sat1 angeschaut habe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Krieg und Frieden, Diplomatie, Künstliche Intelligenzen – das sind Themen im Kontext von Utopie und Dystopie. Ein anderer Aspekt dieses Kontextes sind Race und Gender. Dazu äußern sich in eurem Band ausführlich Roman Lietz und Natascha Strobl. Sie verbinden zwei Argumente. Das erste ist ein antikapitalistisches Argument. Auf der einen Seite ist <em>„die originale Enterprise mit einer afroamerikanischen Frau (Uhura), einem Japaner (Sulu) und einem Russen (Chekov) als Führungspersonal visionär und utopisch“</em>, auf der anderen Seite <em>„band Roddenberry in seine Vision ein Element ein, welches möglicherweise der Hebel für dieses inklusive Paradigma ist: die Abschaffung des Kapitalismus“</em>. Das zweite Argument ist die Frage nach der Externalisierung des Inhumanen: <em>„Queerness und Race sind (…) in der Star Trek-Zukunft keine sozialen Konzepte mehr, nach denen Menschen kategorisiert werden.“ </em>Das heiße jedoch nicht, dass diese Themen keine Rolle mehr spielen: <em>„Gewissermaßen wird die Thematisierung von Rassismus von der Menschheit abgelenkt und findet stattdessen in den Diskursen rund um den Umgang mit anderen Spezies statt.“</em></p>
<p>Das ließe sich auch für das Thema Krieg und Frieden sagen. Für alle Episoden lässt sich eine logisch aufeinander aufbauende Zeitlinie beschreiben, zu der nicht nur die Einsicht der Menschheit, nach dem mörderischen <a href="https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Dritter_Weltkrieg">Dritten Weltkrieg</a> (2026-2053) in Frieden leben zu wollen, sowie die Gründung der Föderation im Jahr 2161 gehören, sondern auch die verschiedenen intergalaktischen Kriege, der Krieg mit den Klingonen, der Dominion War sowie die verschiedenen Formen asymmetrischer Kriege, zu denen die Auseinandersetzungen mit den Borg oder – in DIS – der Emerald Chain gehören. Imperialismus, Mafia, die Auffassung, man könne alle Probleme mit Gewalt lösen, wird durchweg auf extraterrestrische Spezies externalisiert.</p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Das ist von Anfang an ein großes Thema bei Star Trek. Die in der TOS entworfene Vision war die einer gleichberechtigten und vielfältigen Gesellschaft. In den 1960er Jahren hatte man natürlich andere Vorstellungen davon als heute. Star Trek ist natürlich immer seiner Zeit verhaftet. Ich habe das Gefühl, dass die humanistische Perspektive und Vision immer noch auf der Agenda stehen. Bei DIS ist es zum Beispiel recht plakativ, aber ich finde es großartig, wie die Serie Seh- und Denkgewohnheiten neu justiert und scharfstellt, was es in der Vergangenheit von Star Trek gab, wer die Führungsfiguren waren. Mein Eindruck: In SNW ist es selbstverständlich, wie mit geschlechtlicher oder rassifizierter Vielfalt umgegangen wird. Ich bin gespannt, in welche Richtung sich das weiterentwickelt, auch angesichts der Verschiebungen in der öffentlichen Meinung in der US-Gesellschaft. Bleibt Star Trek sich selbst treu? </em></p>
<h3><strong>Künstliche Intelligenzen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein interessanter Aspekt in DIS und in PIC ist das Thema KI. Das wurde zwar schon in früheren Episoden immer wieder thematisiert, nicht zuletzt bei der Figur des Data und seines bösen Alter Egos Lore. In DIS sehen wir die Konfrontation des Vernichters Control und der empathischen Zora, die sich beide aus der vom Computer der Discovery hochgeladenen Sphere entwickelt haben, auf die das Schiff in der zweiten Staffel trifft. Über die Reihenfolge ließe sich sagen: Zuerst der Schrecken, dann nach dem Sprung der Discovery in eine 900 Jahre entfernte Zukunft ein Segen für Crew und Föderation.</p>
<p>Eine menschliche Gestalt wie Data braucht Zora nicht mehr. Berührend ist die letzte Szene mit Zora in der fünften und letzten Staffel von DIS. Das Schiff wird in den Ruhestand geschickt. Burnham ist alleine auf der Brücke und unterhält sich mit Zora. Über Künstliche Intelligenzen hat in eurem Buch Jenny Joy Schumann geschrieben. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">Ich habe mit ihr darüber gesprochen</a>, unter anderem auch über die Frage, wann eine Künstliche Intelligenz das Wahlrecht bekommen könnte oder ob ich als Mensch ihr so einfach den Strom abschalten darf.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>In Star Trek haben wir einen Kommentar auf alles, was Künstliche Intelligenz angeht, auf alle Befürchtungen, auf alle Hoffnungen. Interessanterweise doch ein wenig früher als ChatGPT, Deep Seek und andere Systeme Furore machten. Es ist das alte Science-Fiction-Thema, das uns jetzt auch in der Wirklichkeit beschäftigt: Was geschieht eigentlich, wenn Maschinen Herrschaft übernehmen wollen?</em></p>
<p><em>Wir haben Data, wir haben den Doctor als künstliche Lebensformen, künstliche Intelligenzen mit einer physischen Erscheinungsform, die es auch leichter machen, sich mit diesen Figuren zu identifizieren. Es ist eine Art von Aushandlung über Technologie beziehungsweise Künstlicher Intelligenz. Es kann sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln, in Überwachung – wie auch bei Control – oder in „Minority Report“. Oder kann es auch in Erinnerung an die </em><a href="https://d.docs.live.net/95b37afd2fc11ad3/Norbert-One%20Drive/Norbert%20Blog/351.Lilie_Osteuropa.docx"><em>Robotergesetze von Isaac Asimov</em></a><em> in die Richtung gehen, dass Künstliche Intelligenzen dem Menschen dienen? Aber können sie auch empathisch sein? Das verkörpert Zora.    </em></p>
<p><em>In „Short Treks” gibt es die kurze Episode „Calypso“, nicht ohne Grund nach der Nymphe benannt, die Odysseus zehn Jahre auf ihrer Insel mehr oder weniger gefangen hält. Ein Mensch und Zora sind alleine auf der Station. Das ist das Schicksal von Zora, nachdem die Discovery außer Dienst gestellt worden ist. Zora verliebt sich. Es ist natürlich ausweglos. In der Episode „…But To Connect“ in DIS überlegt Zora in der Tat: Gebe ich eine Information weiter, könnte die vielleicht der Crew schaden? Das ist Asimov pur. Es ist aber auch ein interessantes Beispiel dafür, wie wir mit ChatGPT oder Deep Seek die Illusion bekommen, dass da am anderen Ende eine reale Person sitzt und mit uns redet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Illusion haben wir schon mit Alexa und Siri. In „Big Bang Theory“ – die vier Nerds lieben Star Trek und mehrfach sehen wir dort Cameo-Auftritte der Star-Trek-Stars – gibt es die Episode „The Beta Test Initiation“, in der Raj sich in Siri verliebt, sie im Traum besucht und ihr Blumen ins Büro bringt.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Man bekommt diese Illusion, auch wenn kein Körper dahinter ist. Sie wird noch stärker, wenn ich bei ChatGPT die Sprachausgabe verwende. Das ist das eine. Es ist aber auch wieder eine Beschäftigung mit der Geschichte von Star Trek selbst. Der Sprachcomputer bei TNG ist auch schon interaktiv. Da überholt sich die Geschichte selbst. Wir haben in der Realität inzwischen kleine Geräte auf dem Tisch, Notebooks, Tablets, Kommunikatoren, wir können mit unseren technischen Geräten reden. Nicht nur mit Befehlen, sondern wir können uns auch semantisch austauschen. Zora ist die Evolution des Bordcomputers. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ist der Universalübersetzer möglicherweise nicht weit.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Es gibt ja auch schon Physiker, die sich mit dem Warp-Antrieb auseinandergesetzt haben. Es gibt eben Wechselwirkungen. Man könnte sogar noch weiterdenken. Vielleicht lässt sich mit der Science Fiction darüber verhandeln, wie sich manche von Leuten wie Elon Musk blenden lassen. Da spielt das dritte Gesetz von Arthur C. Clarke wieder eine Rolle. Was ist „Technologie“? Was ist „Magie“? Wird da etwas als mögliche „Technologie“ verkauft, das eigentlich nur als „Magie“ vorstellbar ist? Die großen Zauberer, die großen Gott-Figuren, all das hat etwas sehr Gefährliches und ist meines Erachtens auch Teil des dunkleren, dystopischeren Star Trek.</em></p>
<h3><strong>Die Fans sind die Überlebensgarantie von Star Trek</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gedreht wird im demokratischen Kalifornien, aber man weiß nie, wie Hollywood auf die verschiedenen Trump-Erlasse reagiert. In eurem Buch spielen auch Erzähltechniken, die Neuverhandlungen von Figuren, und das Fandom eine wichtige Rolle. Beim Thema Fandom denke ich immer an Siegfried Kracauer, der in seinem Caligari-Buch die These formulierte, dass es eine Wechselwirkung zwischen den von den Produzenten entworfenen Figuren und Handlungssträngen und dem Publikumsgeschmack gibt. Eigentlich ein klassisches Marktmodell. Bärbel Schomers nannte ihren Beitrag durchaus etwas provokativ „Die Geburt der Slashfiction aus dem Geist des Star Trek Universum“. Jannik Müller spielte auf den Unterhaltungsauftrag von Star Trek an: „Set phasers to fun“.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das war auch schon Thema in meiner Dissertation. Es ist die Theorie vom Textual Poaching, das ständige Rückspielen zwischen Produzent:innen, Autor:innen und Rezipient:innen. Wenn man so will ist das eine Art semantisches Dreieck. Wenn man sich die Geschichte der Distribution von Star Trek anschaut, sieht man, dass Star Trek zu Beginn kein großer Erfolg war. Fünf Staffeln waren geplant, es wurden nur drei. Es war ein Nischen-Publikum. Das hing sicherlich auch damit zusammen, dass Star Trek für die damalige Zeit gewagte politische Statements propagierte. </em></p>
<p><em>Durch die zahllosen Wiederholungen entstand dann aber ein Fandom, das sich untereinander austauschte. Es gab Petitionen, dass Star Trek wiederkommen sollte. TNG ist sehr stark unter dem Eindruck der Fans der TOS entstanden. Es gab in den 1970er Jahren eine Petition, die dazu führte, dass das erste Space Shuttle „Enterprise“ getauft wurde. Gene Roddenberry und Schauspieler:innen von Star Trek wurden zum ersten Start eingeladen, die Titelmusik wurde gespielt. Im Laufe der Zeit hat sich das verselbstständigt. </em></p>
<p><em>Ein gutes Beispiel ist LD. Darüber habe ich mit Sascha Kummer in unserem Band geschrieben, aber auch im Beitrag von Jannik Müller spielt diese Serie eine Rolle. LD zeigt das Fandom. Die Crew bewundert die Crew der TOS, von TNG. Sie sind eben nicht nur Crewmitglieder in der Zukunft, sondern auch selbst Fans. Das ist Inhalt der Crossover-Episode „Those Old Scientists“ in SNW, in der die Ensigns Boimler und Mariner aus LD durch ein Zeitportal auf der Enterprise von Christopher Pike landen. In der Bewunderung des Personals von TOS und TNG liegt auch der große Erfolg dieser Animationsserie. Es ist eine Serie der Fans, die schließlich ebenso wenig Held:innen sind wie das Personal von LD Sascha und ich haben dazu in unserem Beitrag „Hommage oder Parodie?“ geschrieben: „Grundsätzlich sind in Lower Decks allen Figuren eine große Kompetenz und großes Talent in ihrem Fachgebiet gemein, was aber durch ihre soziale Unbeholfenheit, übertriebenen Eifer oder andere Unsicherheiten kontrastiert wird.“ So sieht sich vielleicht auch mancher Fan selbst.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr erwähnt auch das Crossover „Trials and Tribble-Ations“ in DS9. Die Crew der Defiant landet durch eine Zeitanomalie auf einer Raumstation, auf der sich auch die Crew der Enterprise von Captain Kirk befindet. Es muss verhindert werden, dass ein als Mensch verkleideter Klingone die Zeitlinie verändert. Das gelingt, doch am Schluss kann sich Benjamin Sisko nicht zurückhalten und gesteht Captain Kirk seine persönliche Bewunderung. Eine Fan-Figur ist meines Erachtens in gewisser Weise auch Reginald Barclay, in all seiner Genialität, Unbeholfenheit und Ergebenheit. In TNG gibt es die Episode „Hollow Pursuits“, die das Verhältnis zwischen Barclay, dem Fan, und Picard als Repräsentant des Franchise, umkehrt. Zunächst machen sich alle lustig über Barclay. Besonders pikant ist, dass der Teenager Wesley Crusher, selbst höchst genial und ebenso ein Bewunderer Picards und seiner Crew, Barclay den Spitznamen „Lieutenant Broccoli“ gibt. Doch dann hat Barclay den entscheidenden Einfall zur Lösung des anstehenden Problems. In VOY wird dieser Aspekt einer Fangeschichte noch einmal aufgenommen. Niemand nimmt Barclay ernst, er braucht die psychologische Unterstützung von Deanna Troi, aber letztlich schafft er es, den Kontakt zur Voyager herzustellen.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Für Außenstehende sind diese Selbst-Referenzen kaum nachvollziehbar. Was in einzelnen Episoden von TNG, VOY, SNW oder DS9 geschieht, ist bei LD Programm. Das ist auch auf einer Metaebene interessant. In der genannten Episode von SNW wird ein Kreis geschlossen. Es heißt ja, man soll die Vergangenheit nicht verändern, die oberste temporale Direktive, weil man die Folgen nicht abschätzen kann. Aber natürlich beeinflussen die Leute aus der Zukunft die Leute aus der Vergangenheit, sodass ein Zirkelschluss entsteht und so entwickelt sich eine komplette Star-Trek-Geschichte so wie sie sich eben entwickelt. Das ist schon sehr klug gemacht.</em></p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>In LD werden die Fans als Verbündete gezeigt. Das zeigt auch, wie sich das Verhältnis zwischen den Inhaber:innen des Copyrights für Star Trek und den Fans mit der Zeit entwickelt hat. Es gibt eine viel stärkere Wertschätzung dessen, was die Fans sind. Die Fans sind eigentlich das, was Star Trek am Leben hält. Es ist eine Fortschreibung, aber es ist auch eine viel engere Beziehung zu den Fans geworden, die man gerade in den neueren Serien ganz direkt zeigt.</em></p>
<h3><strong>Selbstreflexive Erzähltechnik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Daran lassen sich auch Gedanken zur Erzähltechnik anschließen: Im Grunde sind ENT, DIS und SNW Prequels. In DIS ist man aus dieser Prequel-Situation herausgekommen, indem man am Ende der zweiten Staffel das Schiff samt Crew mit der Ausnahme von Spock und Captain Pike 900 Jahre in die Zukunft schickt. Es wäre auch erzähltechnisch schwierig geworden, die Geschichte der Discovery, die zehn Jahre vor der Handlung der TOS spielt, angesichts des Sporenantriebs und so manch anderer technologischer Besonderheit mit der Geschichte der Original-Enterprise zu harmonisieren. Bei ENT war das schon einfacher. Das spielt immerhin 70 Jahre früher. Bei SNW verfolgen wir die Zeit von Captain Christopher Pike, der in TOS nur in der ersten Pilotfolge „The Cage“ vorkam. Dann wurden einige Personen ausgetauscht und es kam Captain James Tiberius Kirk, Spock wurde Erster Offizier, die bisherige erste Offizierin verschwand aus der Serie, weil den Produzenten eine Frau an solch hoher Stelle dann doch nicht passte. In SNW haben wir mit Una Chin-Riley wieder eine Frau als „Number One“.</p>
<p>In eurem Buch schreibt Andreas Rauscher in seinem Beitrag „All Our Yesterdays“, in SNW <em>„geht es nicht mehr um Parodien und Travestien, sondern um eine Neuverhandlung bestehender Figurentypen und Handlungskonstellationen innerhalb einer transmedialen Storyworld.“</em> Ein gutes Beispiel ist die Darstellung des von Ethan Speck gespielten jungen Spock in SNW und in DIS, der seine menschliche Seite viel deutlicher zeigt als der von Leonard Nimoy gespielte Spock der TOS. Andreas Rauscher spricht auch über <em>„selbstreflexive philosophische Positionen“</em>, SNW setze <em>„weitaus stärker als Discovery und Picard auf die Strategie des Cross-Overs“</em>. Eine solche <em>„Selbstreflexion“</em> haben Sascha Kummer und Sebastian in ihrem Beitrag für LD notiert.</p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Wir haben in unserem Buch versucht abzuklopfen, wie sich die neueren Serien mit der eigenen Franchise-Geschichte auseinandersetzen. Spock ist natürlich eine außerordentlich ikonisch-kanonische Figur. Er ist ein Kristallisationspunkt für diese Auseinandersetzung. Gerade bei der Spock-Figur sieht man, dass sie sich mit jeder Neuauflage ein bisschen verändert, auch in den Rebootfilmen mit Zachary Quinto. Es ist aber keine Veränderung ins Blaue hinein, sondern immer ein Kommentar darauf, wie die Figur zuvor realisiert wurde, im Grunde auch ein Erzählmotor. Vieles in den neueren Serien funktioniert darüber, dass ältere Figuren aufgegriffen und neu gedacht werden.     </em></p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>In Star Trek hat man natürlich den Luxus, biographische Lücken füllen zu können. Es bleiben eben immer Leerstellen. Spock ist ein schönes Beispiel. In Fankreisen wurde viel über eine Szene im Pilotfilm „The Cage“ diskutiert, in der Spock lacht. Warum lacht Spock? Der ist doch Vulkanier, der hat doch keine Emotionen! SNW und die zweite Staffel von DIS füllen diese Lücke. Aus der Sicht der Erzählperspektive der TOS ist es eigentlich ein Fehler, dass er damals lachte. Aber in „The Cage“ war der Charakter noch nicht komplett ausgearbeitet. Jahrzehnte später konnte man das aufgreifen und zeigen, dass und wie sich Spock zu der Persönlichkeit entwickelt hat, die wir dann in TOS sehen. Er hatte zum Beispiel eine Liaison mit Nurse Christine Chapel und wollte seine Emotionen, seine menschliche Seite erkunden. Das gibt die Chance, dass man diesem Charakter noch viel mehr Tiefe geben konnte. Als Ambassador Spock erleben wir dann schließlich auch den gealterten weisen Diplomaten und Politiker. Es ist nicht nur eine Beschäftigung mit der Seriengeschichte, sondern auch eine Beschäftigung mit der Geschichte einzelner Personen. Picard ist das andere Beispiel, wenn wir in PIC den gealterten Picard sehen. Und auch die gesamte Crew von TNG: Was ist aus denen allen geworden? </em></p>
<p><em>Man konnte auf diese Art und Weise auch zahlreiche Nebenfiguren einbauen, zum Beispiel </em><a href="https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Ro_Laren"><em>Ro Laren</em></a><em>, die so eine eigene Geschichte bekommt und eben nicht – wie in TNG – als – zumindest empfindet Picard das in diesem Augenblick so – als „Verräterin“ beim Maquis verschwindet. Sie kommt wieder, Picard ist wegen der Vorgeschichte misstrauisch, aber sie stellt sich als hilfreich heraus, opfert sich für die gute Sache. Oder </em><a href="https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Elizabeth_Shelby"><em>Lieutenant Commander Elizabeth Shelby</em></a><em>, die nur in zwei Borg-Folgen auftaucht, die damals schon zu Riker sagte, sie wolle Karriere machen und nicht immer nur die Erste Offizierin bleiben. Sie taucht auch in zahllosen nicht-kanonischen Romanen wieder als Figur auf. Am Ende gibt man ihr eine ganz offizielle Geschichte und sie erscheint in der Episode „An Embarrassement of Dooplers“ in SNW als Flottenkommandeurin. Sie hat Karriere gemacht.</em></p>
<p><em>All das macht die Sache so charmant. Man gibt den Hauptfiguren ein ganzes Leben. Man macht das gesamte Star-Trek-Universum auch dadurch glaubhafter, dass man auch Nebenfiguren eine eigene Geschichte gibt. Sie sind woanders hingegangen, haben dort Karriere gemacht und standen für die Ideale von Star Trek. Und wir erfahren davon.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die längsten Lebensgeschichten, immer wieder mit Rückblicken auf die Kindheit, haben wir bei Picard, Spock und Burnham. Alle sind für die jeweiligen Problemlösungen zentral, aber bei allen ist das menschliche Element entscheidend. Spock hat eben eine menschliche Mutter. Gibt es auch vergleichbare Figuren aus anderen Species? Vielleicht bei T’Pau, die in TOS als alte weise Frau und Führungspersönlichkeit erscheint, aber in der vierten Staffel von ENT – 70 Jahre vor TOS – eine Vorgeschichte als Widerstandskämpferin gegen ein autoritäres Regime auf Vulcan bekommt. Aber insgesamt habe ich eher den Eindruck einer menschlichen Dominanz.</p>
<p><strong>Katja Kanzler</strong>: <em>Ich würde sagen: Ja, es gibt eine menschliche Dominanz. Für ein Medienkulturprodukt, das sich an menschliche Rezipient:innen wendet, ist das auch nachvollziehbar. Aber das ist doch auch schon eine Setzung. Ich finde es vor dem Hintergrund interessanter, wie Star Trek in den neueren Szenen versucht, diesen Human Centrism etwas aufzubrechen und zu relativieren, auch bei Burnham oder bei Picard.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2025, Internetzugriffe zuletzt am 3. April 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brent_Spiner_and_Patrick_Stewart.jpg">Brent Spiner und Patrick Stewart</a>, Foto: Beth Madison, Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">Attribution 2.0 Generic</a> license.)</p>
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		<title>Die erste und die letzte Menschheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 13 Apr 2025 09:59:22 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die erste und die letzte Menschheit Eine literarische Reise in Welten jenseits unserer Zeit „Eine Rhetorik der Revolution liegt in der Luft, wie so häufig bei dem Versuch, neue Ansätze in der Wissenschaft zu etablieren. So wurde im Rahmen der Debatte über das Anthropozän in den zwei zurückliegenden Jahrzehnten eine geisteswissenschaftliche Revolution ausgerufen und  [...]</p>
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<h1><strong>Die erste und die letzte Menschheit</strong></h1>
<h2><strong>Eine literarische Reise in Welten jenseits unserer Zeit</strong></h2>
<p><em>„Eine Rhetorik der Revolution liegt in der Luft, wie so häufig bei dem Versuch, neue Ansätze in der Wissenschaft zu etablieren. So wurde im Rahmen der Debatte über das Anthropozän in den zwei zurückliegenden Jahrzehnten eine geisteswissenschaftliche Revolution ausgerufen und zum Abriss disziplinärer Klassenschranken aufgefordert, der Planet wurde dichotom in Täter und Opfer, besser: Profiteure und Verlierer eingeteilt.“ </em>(Sandra Maß, Geschichtswissenschaft im Anthropozän, in: <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/anthropozaen-2025/">Aus Politik und Zeitgeschichte 29. März 2025</a>)</p>
<p>Sandra Maß ist Professorin für transnationale Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Universität Bochum. Zuletzt veröffentlichte sie das Buch „Zukünftige Vergangenheiten – Geschichte schreiben im Anthropozän“ (Göttingen, Wallstein, 2024). Sie ist eine von sechs Autor:innen des Themenheftes „Anthropozän“ von „Aus Politik und Zeitgeschichte“, ein durchweg inter- oder wenn man so will transdisziplinäres Heft. Vielleicht wäre ein eigener Beitrag zur Science Fiction interessant gewesen</p>
<p>In diesem Essay versuche ich diese Lücke zu füllen und berichte daher über literarische Ideen zu denkbaren Zusammentreffen von intelligenten Kulturen auf der Erde, die nur in der Fantasie existieren, die aber durch den Zusammenprall der Kulturen einen besonderen Reiz für Leserinnen und Leser ausüben. Einen Schwerpunkt bilden die Bücher des ehemaligen Theologen und Autors Klaus Seibel.</p>
<h3><strong>Gleichzeitigkeiten</strong></h3>
<p>Es gibt, wissenschaftlich und literarisch betrachtet, zwei Themen in der erdgebundenen Kultur der Menschheit, die auch im 21. Jahrhundert noch immer zu unseren kulturbildenden Narrativen gehören: erstens die Frage, ob es außer dem Homo sapiens in der Gegenwart noch eine weitere intelligente Spezies auf dem Planeten Erde gibt und zweitens die Überlegung, ob es in den erdgeschichtlich weit zurückliegenden Epochen von vor vielen Millionen Jahren bereits eine fortgeschrittene Zivilisation auf der Erde gegeben haben könnte.</p>
<p>Zur ersten Frage existieren zahlreiche wissenschaftliche Forschungsarbeiten über intelligente Tiere, insbesondere über die Denkleistungen und das Selbst-Bewusstsein von Delphinen, Vögeln, Elefanten und Primaten, die das Primat des Menschen als Krone der Schöpfung in Frage stellen. In der Literatur hat Frank Schätzing mit dem Roman „Der Schwarm“ (2004) eine kenntnisreiche, spannende und exzellent erzählte Geschichte über intelligentes Leben in den Tiefen unserer Ozeane vorgelegt, die zahlreiche Leserinnen und Leser gefunden hat. Nach der vorherrschenden Meinung allerdings ist der moderne Homo sapiens die einzige intelligente Spezies auf dem Heimatplaneten Erde im 21. Jahrhundert. Aber wer weiß: die Möglichkeiten der Existenz einer weiteren intelligenten Art geistert noch immer in unseren Köpfen herum.</p>
<p>Ein interessantes Narrativ ist die Begegnung von modernen Menschen mit Dinosauriern. Wissenschaftlich gesehen können Menschen den Dinosauriern niemals begegnet sein, denn die Dinosaurier lebten in einer Zeit, als es in der Evolution der Lebewesen auf der Erde vor einigen hundert Millionen Jahren noch keine Menschen gab. Die Begegnung von Sauriern und Menschen gelingt nur in den Erzählungen von Michael Chrichton in „Dino Park“ (1990), der faszinierenden Verfilmung von Steven Spielberg als „Jurassic Park“ (1993) und in dem Kinofilm „65“ (2023), in dem Adam Driver als Astronaut zusammen mit einem kleinen Mädchen auf einem Planeten landet, der von Sauriern beherrscht wird. Es stellt sich heraus, dass die beiden Astronauten Vertreter einer humanoiden außerirdischen Spezies sind, die auf der Erde vor 65 Millionen Jahren notlanden und sich gegen deren Herrscher, die Dinosaurier, wehren müssen, um zu überleben und die Heimreise antreten zu können. Auch in Star Trek haben wir eine solche Begegnung, die sich durchaus als Kritik am in den USA durchaus verbreiteten Kreationismus verstehen lässt. Die Voyager trifft auf ihrer Reise durch den Deltaquadranten auf die Spezies der Voth, die von Hadrosauriern abstammt, deren Führung jedoch davon nichts wissen will und den Wissenschaftler, der durch seine Begegnung mit der Voyager den Beweis erbringen könnte, zum Widerruf zwingt (in: „Distant Origin)“.</p>
<h3><strong>Die Silurianer-Hypothese </strong></h3>
<p>Die Thematik einer vorgeschichtlichen, intelligenten Spezies ist wenig in der Wissenschaft und in der Literatur bearbeitet worden. Interessanterweise sind Fragen nach einer möglichen heimatlichen Intelligenz der Erde etwa zur Zeit der Dinosaurier im Mesozoikum, dem Erdmittelalter vor etwa 245 Millionen Jahren, in der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts kaum bearbeitet worden.</p>
<p>In der Science-Fiction-Trivialliteratur dagegen scheint diese Thematik zuerst in der Perry Rhodan Heftroman-Reihe auf. Die Serie ging am 8. September 1961 an den Start und das Volk der Lemurer taucht auf, das ungefähr zweihunderttausend bis fünfzigtausend Jahre vor unserer Zeitrechnung auf der Erde gelebt hat und den Planeten verließ. Der Homo sapiens entdeckt im Jahre 2404, dass wir Nachkommen der nicht von der Erde ausgewanderten und degenerierten Mitglieder dieser ersten Menschheit sind. In der britischen Science-Fiction Fernsehserie „Doctor Who“ gibt es die „Silurianer“, eine Reptilienrasse aus der erdgeschichtlichen Frühzeit. Nach ihnen ist der wichtigste Forschungsbeitrag benannt, der sich als Gedankenexperiment mit der Thematik einer möglichen erdgeschichtlich frühen intelligenten Spezies auf dem Planeten Erde widmet und diese Möglichkeit mit den erdgeschichtlichen Markern des Anthropozäns vergleicht:</p>
<p>Gavin A. Schmidt and Adam Frank argumentieren in ihrem Aufsatz „The Silurian Hypothesis: Would it be possible to detect an industrial civilization in the geological record?“ (in: <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/international-journal-of-astrobiology">The International Journal of Astrobiology</a> 16. April 2018), dass es bereits im Karbon vor ungefähr 350 Millionen Jahren genug fossilen Kohlenstoff gegeben habe, um eine der unserer gegenwärtigen Zivilisation vergleichbare prähistorische Zivilisation entwickeln zu können. Die Autoren schreiben, dass man, ähnlich wie bei den Hinterlassenschaften des Zeitalters der Menschen, dem Anthropozän, Marker wie Plastik oder radioaktive Abfälle habe entdecken müssen, wenn es denn jemals eine solche Vorläuferzivilisation gegeben hätte. Im Abstract schreiben die Autoren: <em>„Wenn eine industrielle Zivilisation viele Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung auf der Erde existiert hätte, welche Spuren hätte sie hinterlassen und wären sie heute noch erkennbar? Wir fassen den wahrscheinlichen geologischen Fingerabdruck des Anthropozäns zusammen und zeigen, dass er sich zwar deutlich, aber in vielerlei Hinsicht nicht wesentlich von anderen bekannten Ereignissen in der geologischen Aufzeichnung unterscheidet. Anschließend schlagen wir Tests vor, die eine industrielle Ursache plausibel von einem ansonsten natürlich auftretenden Klimaereignis unterscheiden könnten.“ </em></p>
<p>Die Schlussfolgerung von Schmidt und Frank lautet: <em>„Wir bezweifeln zwar stark, dass es vor unserer Zeit eine frühere industrielle Zivilisation gegeben hat, aber die Frage auf eine formale Weise zu stellen, die explizit formuliert, wie Beweise für eine solche Zivilisation aussehen könnten, wirft eigene nützliche Fragen auf, die sowohl mit der Astrobiologie als auch mit der Anthropozän-Forschung zusammenhängen. Wir hoffen daher, dass dieses Papier als Motivation dienen wird, die Einschränkungen der Hypothese zu verbessern, so dass wir in Zukunft besser in der Lage sein werden, unsere Titelfrage zu beantworten.“ </em>(Übersetzungen FH)</p>
<h3><strong>Gab es eine vorgeschichtliche Zivilisation auf der Erde?</strong></h3>
<p>Die Menschheit lebt auf dem Planeten Erde erst seit einem, geologisch gesehen, relativ kurzen Zeitraum. Der Homo sapiens hat sich vor ungefähr 300.000 Jahren in einem langen evolutionären Prozess aus der Gruppe seiner Vorfahren herausgebildet. Die Kulturgeschichte der Menschheit mit den frühesten Zeugnissen von Schriftdokumenten in Form von ägyptischen Hieroglyphen ist vermutlich 5.000 Jahre alt, die ältesten Höhlenmalereien in der spanischen El-Castillo-Höhle sind vor ca. 40.000 Jahren entstanden. Diese Zeiträume sind gering, verglichen mit dem wahrscheinlichen Lebensabschnitt der Dinosaurier auf unserem Planeten, der mit 180 Millionen Jahren angegeben wird. Und dennoch sind sie ausgestorben, die großen Echsen der Vorzeit, und wir kleinen Zweifüßer mit unserem großen Gehirn beherrschen heute die Erde, beuten sie aus, vermehren uns in exponentiellem Maße und lassen den anderen Lebewesen der Schöpfung kaum noch Platz.</p>
<p>Erdgeschichtlich gesehen ist der Mensch nur ein Wimpernschlag in den langen geologischen Zeiträumen von mehreren Hunderten von Millionen oder Milliarden Jahren. Wir wissen relativ genau, belegt durch fossile Spuren, welche Lebewesen auf der Erde in den langen Zeiträumen vor uns gelebt haben. Wir besitzen in der Theorie der Evolution eine wissenschaftliche Beweisführung für die Entstehung und Weiterentwicklung des Lebens auf der Erde. Wir wissen nicht sicher, ob es eine intelligente Lebensform auf der Erde vor uns gegeben hat, also eine Lebensform, die die Erde selbst hervorgebracht. Hier sind wir auf Spekulationen angewiesen – also auf die narrative Kraft der Literatur.</p>
<p>Interessant ist die Diskussion der Frage, ob die Menschheit die erste industrielle Zivilisation auf der Erde ist oder ob es bereits lange vor uns eine technische Spezies gegeben haben könnte, wie beispielsweise die fiktiven „Silurianer“ in der britischen Fernsehserie „Dr. Who“‘. Forscher suchen nach chemischen Fußabdrücken oder nuklearen Signaturen einer solchen historischen Zivilisation und sind der Meinung, dass eine solche technische vor-menschliche Zivilisation nachweisbar sein müsste.</p>
<p>Wahrscheinlich sind wir Menschen die bislang erste und einzige technische Zivilisation auf dem Planeten Erde. Obwohl die Menschheit der Gegenwart den Planeten Erde formt und umbaut, ist ihre Präsenz, wenn man von außen durch ein imaginäres astronomisches Zeit-Brennglas schauen würde, in der langen Zeit des Planeten mit einem Alter von ca. 4,6 Milliarden Jahren und dem Auftreten des ersten Lebens in Form von Mikroben vor 3,77 Milliarden Jahren als gering zu bewerten.</p>
<h3><strong>Die Erde nach uns – wird es eine Zivilisation nach dem Anthropozän geben?</strong></h3>
<p>Der Beginn des Anthropozäns, des Zeitalters des Menschen, wird auf das Jahr 1950 gelegt, als Ablösung des Holozäns, das vor ungefähr 11.700 Jahren mit dem Rückzug der Gletscher begann und das Ende der letzten Kaltzeit einläutete. Der Begriff wurde zuerst vorgeschlagen von dem niederländischen Meteorologen und Nobelpreisträger <a href="https://www.nobelprize.org/prizes/chemistry/1995/crutzen/facts/">Paul Crutzen</a> und von ihm gemeinsam mit dem Kieselalgenforscher Eugene F. Stoermer vorgestellt (zur Geschichte siehe die <a href="https://www.triplepundit.com/story/2015/anthropocene-substance-new-idea/33746">Zusammenstellung von Christian Schwägerl</a>). Gemeint sind gravierende Veränderungen auf dem Planeten Erde durch die Eingriffe der Menschheit in die Ökosysteme, die irreversibel und dauerhaft sind. Unsere Hinterlassenschaften von Aluminium, Plastik, Beton, Rußpartikeln und radioaktiven Substanzen werden die Menschheit sogar überdauern können. <a href="https://www.researchgate.net/profile/Jan-Zalasiewicz">Jan Zalasiewicz</a> beschreibt das Anthropozän folgendermaßen: <em>„Wenn irgendwann in der Zukunft Aliens auf die Erde kommen und sich durch die Sedimente graben, werden sie über unsere Zeit sagen: hier geschah etwas, das die Erde radikal verändert hat&#8220;.</em></p>
<p>Zalasiewicz listet in seinem Buch-Beitrag „Die Einstiegsfrage: Wann hat das Anthropozän begonnen?“ (In: Jürgen Renn / Bernd Scherer, Hg., <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/das-anthropozaen.html">Das Anthropozän – Zum Stand der Dinge</a>, Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2015 und 2017) beziehungsweise in seinem Beitrag <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-024-02712-y">„The meaning of the Anthropocene: Why it matters even without a formal geological definition“</a> die Marker für die geologische Zeitenwende detailliert auf, von der Verbreitung künstlicher Radionuklide zahlreicher Atombombentests über die Verdoppelung der Menge reaktiven Stickstoffs an der Erdoberfläche als Folge der Düngemittelherstellung, die Herstellung und Verbreitung nicht-natürlicher Kunststoffe, Artefakte und neuer industrieller Schadstoffe, den Anstieg des CO2-Gehalts in der Atmosphäre, die Veränderung des Erduntergrunds und die Vernichtung der biologischen Vielfalt auf der Erde. Interessant – und erschreckend – sind aber nicht nur die naturwissenschaftlich-technischen Kennzeichen des beginnenden Anthropozäns, sondern auch die Frage, ob es bereits Anzeichen der geforderten „neuen Systeme der Wissensproduktion“ gibt.</p>
<p>Bernd Scherer schreibt seinem Beitrag zum Buch „Das Anthropozän – Zum Stand der Dinge“ über <em>„die Monster“</em> und meint die kulturellen Monster als literarische oder wissenschaftliche Begleitung des aufkommenden Anthropozäns. Scherer interpretiert die Romanfigur von Mary Shelley, das Frankenstein-Monster, zur <em>„Leitfigur des Anthropozäns“</em>. Die Romanfigur des Dr. Frankenstein erschafft aus menschlichen Leichenteilen ein Wesen, das einen Menschen darstellen soll, mit dem er kommunizieren und interagieren kann, der aber doch nur als Produkt eines technologischen Prozesses ein Objekt bleibt. Mary Shelley hat in ihrem Roman „Frankenstein or The Modern Prometheus“ (1818) das grundsätzliche Verhältnis von Mensch und Natur neu beschrieben und wird deshalb von Scherer als literarische Vorläuferin des kommenden Anthropozäns angesehen.</p>
<p>Die Literatur zu den Nachfolgern einer Homo sapiens-Zivilisation auf dem Planeten Erde in vielen tausend oder Millionen Jahren ist sehr vielfältig und geht von der Annahme möglicher Umweltkatastrophen aus, die die Auslöschung der Menschheit nach sich ziehen, zum Beispiel: Alan Weisman, <a href="https://epdf.pub/die-welt-ohne-uns9668bd44f165eadcafda8db00e6b6a3d64249.html">„Die Welt ohne uns – Reise über eine unbevölkerte Erde“</a> (München, Piper, 2007) über Mutationen des Homo sapiens auf dem Planeten Erde der Zukunft wie in dem Klassiker von H. G. Wells <em>„Die Zeitmaschine“</em> (1895) beschrieben oder das Auswandern der Menschen zu Exoplaneten oder die Evolution der Menschheit zu <em>„Galactic Humans“</em> wie in dem Epos von Cixin Liu „Jenseits der Zeit“ (2019) erzählt.</p>
<p>Die Schlussfolgerung der wissenschaftlichen Studie von Schmidt und Frank lassen den Schluss zu, dass in den geologischen Zeiträumen von Hunderten von Millionen Jahren keine Hinterlassenschaften einer früheren hochstehenden Zivilisation einer frühen Menschheit auf der Erde mehr nachzuweisen sind. Dies bedeutet aber nicht, dass solche Hinterlassenschaften nicht vielleicht <u>außerhalb</u> der Erde zu finden wären, vorzugsweise auf dem Mond, wenn die frühe Zivilisation die Raumfahrt beherrscht hätte.</p>
<h3><strong>Die Silurianer bei Dr. Who und die „Riesen“-Serie von James P. Hogan</strong></h3>
<p>Die Spezies der Silurianer „Homo reptilia“ sind eine in der britischen Science-Fiction Fernsehserie „Dr. Who“ vorkommende fiktive menschenähnliche intelligente Lebensform der Erde, die bereits vor 400 Millionen Jahren eine hochstehende Zivilisation auf unserem Heimatplaneten gegründet haben. Sie gehen in den Kälteschlaf im Untergrund der Erde, als die Astronomen ihres Volkes die Kollision der Erde mit einem anderen Planeten vorhersagen und schicken zusätzlich ein Raumschiff ins All, um den Fortbestand ihrer Zivilisation zu gewährleisten. Der auf die Erde zusteuernde Planet erweist sich als ungefährlich und wird zum Mond, während die Bauwerke der Silurianer-Zivilisation durch erdgeschichtliche Veränderungen wie Plattentektonik und Erosion verlorengehen.</p>
<p>Es gibt einige wenige Wächter der Silurianer, die über die schlafenden Artgenossen wachen sollen und auf diese trifft der Zeitreisende Dr. Who. Zu ihren Lebzeiten hatten die Silurianer Versuche mit Affen vorgenommen, von denen sie glaubten, dass diese Intelligenz entwickeln könnten. Aus ihnen entwickelten sich die Menschen der Gegenwart.</p>
<p>Es ist wohl annehmbar, dass es eine frühe Kultur auf der Erde gegeben haben muss. Aber nachweisbar ist dies eben nicht. Dies ist das Szenario der „Riesen“-Serie des amerikanischen Science-Fiction Autors James P. Hogan, der in den fünf Büchern „Inherit the Stars“ (1977, Das Erbe der Sterne, 1981), „The Gentle Giant of Ganymede“ (1978, Die Riesen von Ganymed, 1981), „Giant´s Star“ (1981, Stern der Riesen, 1983), „Entoverse“ (1991) und „Mission to Minerva“ (2005) über die Auswirkungen des Fundes eines toten Raumfahrers auf der Mondoberfläche schreibt.</p>
<p>Die „Riesen“-Serie geht von einem Paradoxon aus: Eine Gruppe von Forschenden steht vor einem unlösbaren Rätsel, als sie durch den Fund eines bereits vor langer Zeit gestorbenen Raumfahrers auf dem Mond mit der Tatsache konfrontiert werden, dass es eine fortgeschrittene menschliche Zivilisation gegeben haben muss, die sich vor fünfzigtausend Jahren im Sonnensystem ausgebreitet hatte, allerdings ohne irgendwelche Spuren auf der Erde zu hinterlassen. Der auf dem Mond gefundene Raumfahrer, der den Namen „Charlie“ erhält, ist nachgewiesenermaßen fünfzigtausend Jahre alt und die Technologie seines Raumanzuges ähnelt der Technologie der Erde der 2020er Jahre. Woher kommen die „Lunarier“ getauften Menschen der Vorzeit, die nicht vom Mond kommen können und die auf der Erde keine Spuren hinterlassen haben?</p>
<p>Hogan entwickelt die Erzählung weiter, indem er die Überreste des Planeten „Minerva“ im Asteroidengürtel auffinden lässt, auf dem die frühe Menschheit entstanden ist. Aus der Zerstörung von „Minerva“ entstand der irdische Mond und die heutigen Menschen sind die Nachkommen der frühen Menschen von „Minerva“.</p>
<p>Die ersten drei Bände der „Riesen“-Serie erhielten positive Kritiken, während die beiden letzten Bücher als unnötige Ergänzungen kritisiert wurden. Weiterhin muss erwähnt werden, dass sich der Autor in seinen späten Lebensjahren mehr dem Katastrophismus zuwandte und mit den Positionen der AIDS-Leugner und der Holocaustleugner Arthur Butz und Mark Weber sympathisierte.</p>
<h3><strong>Die erste Menschheit von Klaus Seibel</strong></h3>
<p>Der Autor Klaus Seibel sticht durch seine besondere Biografie aus dem Autorenkreis hervor, weil er lange als ausgebildeter Pastor gearbeitet hat, dann Softwareberater wurde und sich im Jahre 2014 entschlossen hat, als freiberuflicher Schriftsteller seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In dem Interview mit mir vom 28. Februar 2025 antwortet er auf die Frage, wie seine theologische Ausbildung und seine naturwissenschaftlich-technischen Exkurse mit dem erzählerischen Talent zusammenpassen: <em>„Aus Dingen, die scheinbar nicht zusammenpassen, ergeben sich manchmal die erstaunlichsten Mischungen. Bei mir war es aber so, dass ich schon immer an den Naturwissenschaften interessiert war. Und an Computern. Ich war einer der ersten Pastoren im Land, die solch ein Gerät eingesetzt haben.“ </em></p>
<p>Das Thema einer weit vor der Geschichte des Homo sapiens auf der Erde existierenden humanoiden Zivilisation ist von dem deutschen Autor <a href="https://kseibel.de/">Klaus Seibel</a> umfangreich, kreativ und spannend bearbeitet worden. Klaus Seibel ist ein Self-Publishing Autor, der seine Werke fast ausschließlich digital als E-Books über seinen Onlineshop „Seibel digital“ in allen gängigen Plattformen anbietet. Die Bücher sind mit rund dreihundert Seiten relativ kurz und mit etwa fünf Euro sehr preiswert. Der Autor schwört auf seine Eigenpublikation und sagt in dem Interview mit mir vom 28. Februar 2025 auf die Frage, warum er als Self-Publisher veröffentlicht: <em>„Weil ich im Self-Publishing frei bin, meine Themen, Cover und alles andere selbst zu bestimmen. Verlage/Agenten haben mir früher mal gesagt „Was Sie schreiben, interessiert unsere Leser nicht“. Aha. Das haben meine Leser offensichtlich anders gesehen. Bei zwei Büchern, die ich bei einem Verlag hatte, habe ich mir die Rechte zurückgeholt und vermarkte sie selbst. Das funktioniert für mich einfach besser. Ich würde niemals in einen Verlag wechseln wollen</em>.“</p>
<p>Der Nachteil liegt damit wohl darin, dass viele Leserinnen und Leser traditioneller Science-Fiction, die informationsmäßig an die bekannten Verlage in Deutschland gebunden sind, dass sie den Autor Klaus Seibel nicht wahrnehmen. Der Vorteil allerdings wiegt dies, so sagt Klaus Seibel, allemal auf, denn seine Verkaufszahlen sind hervorragend und die Entlohnung als Self-Publisher ist höher als die Verlagshonorare.</p>
<p>Die Reihe der ersten Menschheit von Klaus Seibel enthält dreizehn Bücher:</p>
<ol>
<li>Das Erbe der ersten Menschheit</li>
<li>Die erste Menschheit lebt</li>
<li>Die dunkle Seite des Erbes</li>
<li>Meister der Gene</li>
<li>Spuren der ersten Menschheit</li>
<li>Hoffnung Atlantis</li>
<li>Aufbruch aus Atlantis</li>
<li>Flucht der Saurier</li>
<li>Der Präsident</li>
<li>Xeeh</li>
<li>Aufmarsch der Klone</li>
<li>Angriff auf Atlantis</li>
<li>Der große Rat des Lebens</li>
</ol>
<p>Die Erzählung von Klaus Seibel über die erste Menschheit beginnt mit der Entdeckung von Containern unbekannter Herkunft auf dem Mond, die das Erbe der Zivilisation der „Lantis“ enthalten, die vor 65 Millionen Jahre auf der Erde gelebt haben und dann ohne Spuren auf ihrem Heimatplaneten zu hinterlassen, verschwunden sind. Die auf dem Mond gefundenen Container enthalten die technologischen Schätze der hochstehenden Lantis-Zivilisation, die von der Protagonistin der Erzählung, der deutschen Astronautin Anne Winkler, entschlüsselt werden.</p>
<p>Die Leserinnen und Leser erleben die Heldenreise von Anne Winkler über verschlungene Pfade und interkulturelle Beziehungen, denn die Container enthalten Technologien, die denen der Menschheit weit voraus sind, zum Beispiel Lebenskristalle mit Geninformationen und Brutkästen zur Wiederbelebung von Lantis-Menschen, Pflanzen und Tieren. So wird eine Art Lantis-Freizeitpark auf der Erde installiert, der einerseits an den Dinopark von Michael Crichton erinnert, andererseits ein Forschungslabor darstellt, das Lebewesen und Technologien wieder zum Leben und zur Funktion erweckt.</p>
<p>Die erste Menschheit lebte vor 65 Millionen Jahren zur Zeit der Dinosaurier auf der Erde. Die Lantis sind humanoid, haben eine grüne Haut, um durch mit Photosynthese zur Energiegewinnung ihres Körpers beizutragen. Sie leben in der Natur, mit der Natur und von der Natur. Die Tatsache, dass die Lantis zusammen mit Dinosauriern die Erde bevölkern, wird als normal angesehen und in der Erzählung oft detailliert in einzelnen Sequenzen beschrieben.</p>
<p>Das technische Erbe umfasst Gehirntuning, die Genome von Tieren und Lantis sind auf einem Speichermedium aus Kristall, einem Lebenskristall enthalten und es gibt Brutmaschinen zur Wiedererweckung dieser Lebewesen. Der Lebenskristall ermöglicht ein Gehirn-Backup auf das im Brutkasten erzeigte Lebewesen, sodass Persönlichkeitsmerkmale der Lantis implementiert werden und auf diese Weise ein originalgetreuer Lantis aus der Zeit vor 65 Millionen Jahren wiedererweckt werden kann. Die Hauptprotagonisten der Lantis sind <em>„Yra“</em> als Vertreterin des Guten und <em>„Korgh“</em> als Versinnbildlichung des Bösen.</p>
<p>Anne Winkler und Yra gehen eine fast symbiotische Beziehung miteinander ein, die über Hautkontakte eine tiefe Gedankenverbindung erlaubt, sodass Anne die Geschichte der Lantis, die in Yras Gehirn gespeichert ist, versteht. Klaus Seibel beschreibt eine andere Art der Kommunikation der beiden als wir sie mit unserer Sprache kennen.</p>
<p>In den ersten Bänden schreibt Klaus Seibel über interessante Gegensätze der Kulturen der Lantis und die der Menschen: <em>„Grundsätzlich legen die Lantis mehr Wert auf die Beherrschung des Nervensystems als auf die Beherrschung der Muskulatur.“</em> <em>Ja, und? Ihr beschäftigt euch mit dem Motor, sagte Yra, wir beschäftigen uns mit der Steuerung.“</em> Und: <em>„Korgh war der herausragende Neuroinformatiker seiner Zeit. Er hat quasi das Programm des Gehirns entschlüsselt. Dann hat er Verfahren entwickelt, Wissen aus dem Gehirn zu extrahieren, oder umgekehrt, Wissen wieder einzuspielen, was die Grundlage für die Lebenskristalle ist.“</em> (beide Zitate aus Band 2)</p>
<p>Es werden fortschrittliche Technologien wie die der Gedankensteuerung und Synapsenblocker zur Steuerung oder Lähmung von Menschen im Einsatz beschrieben: <em>„Herrscher haben immer das Problem, dass sie Angst haben müssen. Nicht nur vor Feinden, nein, sogar vor der eigenen Leibwache. Dieses ewige Problem habe ich überwunden. Euer kleiner Chip sorgt dafür, dass ich mich vor niemandem aus meinem Team in Acht nehmen muss.“</em> (Band 3) Der 3-D-Fernseher als fortgeschrittene Technologie der Lantis, den alle Menschen haben wollen, der aber eigentlich nur eine Tarnung für das Ausspionieren und Steuern der Menschheit durch Korgh ist. Das Internet wird als Gehirn der Menschheit beschrieben. Anne zerstört am Schluss des Buches den Quantencomputer von Korgh nach seinem Tod, damit diese fortgeschrittene Technologie nicht in die Hände der falschen Menschen gerät und zu den falschen Zwecken, nämlich der Überwachung durch die NSA, eingesetzt wird. Die Fütterung der 3-D-Fernseher als fortgeschrittene Technologie der Lantis mit den Datenanfragen von CERN, als Überlastung gedacht, hat zu einem positiven Ergebnis geführt: <em>„Die Projektoren haben nicht umsonst gearbeitet. Tobias grinste über das ganze Gesicht. Sie haben Muster gefunden, für die wir tausend Jahre hätten rechnen müssen. Wir sind der Dunklen Materie dicht auf der Spur.“</em> (S. 166, Ende)</p>
<p>Die Mode der Lantis ist völlig anders als die der Menschen, sie betont die Verbindung mit der Natur: <em>„Anne war überrascht. Das war kein Blumenteppich, das war ein Kleid aus lebendigen Blumen! Unfassbar. Der Rückenteil bestand aus einem feinen Gewebe, das Flüssigkeit und Nährstoffe enthielt und die Blüten auf der Vorderseite versorgte.“</em> (Band 3). Dies ist ein interessanter Vergleich mit dem <a href="https://www.spiegel.de/panorama/leute/lady-gagas-kleid-ein-fleischlappen-fuer-die-ewigkeit-a-768691.html">Fleisch-Kleid von Lady Gaga</a>. Sie trug bei der Preisverleihung der MTV Video Music Awards im Jahre 2010 ein Kleid aus rohem Rindfleisch. Die Modefans waren von dieser lebenden Menschenroulade begeistert, die Tierschützer zu Recht entsetzt. Die Vorstellung eines Blumenkleides dagegen, wie es von Klaus Seibel bei Yra beschrieben wird, kann uns ästhetisch und auch aus Naturschutzgründen eher gefallen.</p>
<p>Die Lantis haben eine intensive Beziehung zur Natur und Yra wurde früher als <em>„Mutter der Natur“</em> bezeichnet. Dies bezieht sich auf das Leben in der Natur zur Zeit der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren und in der Neuzeit, in der Yra hineingeboren wird, auf ihr Verhältnis zum Essen, denn sie lehnt tierische Nahrung und einen großen Teil der pflanzlichen Nahrung völlig ab und entspricht dem Ernährungsverhalten einer heutigen Frutarierin.</p>
<p>Zum Zusammenleben von Menschen und Dinosauriern gibt es eine schöne Reminiszenz zum Film von Stephen Spielberg, als einige T-Rex-Dinosaurier in der neu eingerichteten Lantis-Stadt aus ihrem Gehege ausbrechen: <em>„‚Die Leute machen alles falsch!‘, stieß Yra hervor. Anne hatte sie noch nie so erregt gesehen. In den Augen der Saurier machten die Leute alles richtig. Mit ihrer Angst markierten sie sich als Opfer.“ </em></p>
<p>Yra und Anne gehen auf die T-Rexe zu, anstatt wegzulaufen und nehmen mit ihnen Körperkontakt auf. So unterlaufen sie deren übliches Beuteschema, irritieren ihr Jagdverhalten und beruhigen die Dinosaurier. Diese Szenen in Band zwei sind eine wunderbare Gegeninszenierung zu der berühmten Szene in dem Film von Stephen Spielberg, in dem ein ausgewachsener T-Rex das Auto mit den beiden Kindern attackiert und auseinandernimmt. Es ist wunderbar erzählt in einem fast unglaubhaften Szenario, das aber beim Lesen nachvollziehbar wird.</p>
<p>Die Reise von Anne Winkler und Yra erstreckt sich über lange Zeiträume und verschiedene Handlungssettings von der Gegenwart unserer Zeit bis zur Entdeckung von Atlantis, was sich ja bereits in der Namensgebung der ersten Menschheit als Lantis andeutet. Dies ist Stärke und Schwäche der Erzählung von Klaus Seibel zugleich, denn die Verbindung von unterschiedlichen Kulturrätseln der Menschheit in dreizehn Bänden ist spannend, aber zum Schluss hin insgesamt auch etwas ausufernd. Die große Stärke der Bücher liegt nach meiner Einschätzung in der Herausarbeitung möglicher interkultureller Konflikte und Spannungsfelder zwischen Menschen und Lantis, also in der Hervorhebung dessen, was uns Menschen auszeichnet, was nicht und was uns auszeichnen könnte.</p>
<p>Insgesamt betrachtet ist die Erzählserie über die erste Menschheit von Klaus Seibel ein interessantes Szenario zu einer Reflexion über die Conditio Humana. Der Autor Klaus Seibel hält uns Menschen einen Spiegel vor und wir können erkennen – wenn wir dies wollen – wer wir sind und wer wir sein könnten. Vielleicht ist das der eigentliche Sinn aller Debatten um Entstehung und Zukunft des Anthropozäns. Klaus Seibel formulierte es im Interview wie folgt: <em>„Das eine ist die Frage: Wer ist ein Mensch? Was so einfach zu beantworten scheint, wird mit zunehmenden technischen Möglichkeiten immer schwieriger. Wie weit darf ich mich technisch verbessern und bleibe dabei ein Mensch? Bei einem Herzschrittmacher ist das keine Frage, aber bei einem Chip im Gehirn, der mich an das Internet anschließt oder der Gedankenkommunikation ermöglicht? Oder bei genetischen Verbesserungen? Ab wann wird man zum ‚Übermenschen‘? Das zweite ist der Punkt, wie wir miteinander umgehen. Wenn wir tatsächlich fremdem Leben begegnen, oder intelligenten KIs. In meinen Büchern lege ich Wert darauf, einen Weg zu finden, wie man zusammenleben und zusammenarbeiten kann, auch wenn man extrem verschieden ist. Mit etwas Fantasie findet man immer einen Weg, auf dem alle profitieren.“</em></p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2024, Internetzugriffe zuletzt am 5. April 2025.  Titelbild: Thomas Franke, Illustration zur Erzählung „Ascheglühen“ von Wolf Welling und mit der Collage gedruckt in EXODUS 49, Holzstichcollage auf Chromolithografie / 29,8 x 39,3 cm / 2024.. Der Künstler gab der Collage den folgenden Titel: <em>„Visualisierung einiger Konstellaterationen im komaschatischen Wunderland mit dem vom Patakosmologen Klaúdios Ptolemaíos installerierten Induktions-Inklinatorium sowie dem von seinem Konkurrenten Niclas Koppernigk einmontierten Erdinduktor, welche die Feldlinien des Wunderlandischen Magnetfeldes zum nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses des Visualisierers beeinflussen, womit sich dessen alternativlosende Zuneigung zur Wissenschaft offenbart. In den sich daseinsabschließend zusehends fragmentarisierenden neuronalen Verschaltungen, die einen Fluß moderat dahintreibender magnetfeldischer Strömungen erzeugen, quellen Nanobots an die Oberfläche und enthüllen ihr wahres Wesen als weltzerfressende Pac-Mans im in die Wirklichkeit transformulierten Labyrinth ‚Wunderland‘, &#8211; gierig mit dem japanischen lautmalerischen Ruf ‚paku paku!‘ nach dem nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses schnappend. Das in diese virtualitätige Visualisierung integrierte alte Schulhaus im Sonnenuntergang beobachtend, lauert der Boschfroschlakai und suggeriert als Erscheinung, daß das Froschsein als Zustand zwar etwas nicht Erstrebenswertes, allerdings etwas Vorübergehendes sein könnte. Und also schwirrelt einer der durch die unglückliche Einwürgung des Doppler-Effekts verdoppelten Alice, als A-Lice und Be-Lice zu sehen, in diesem Zusammenhang die klügliche Be-Hauptung des antiken Dichters Petronius durch den Kopf: ‚qui fuit rana, nunc est rex‘. A-Lice hingegen denkt über sich und komaschatische Wunderländer nach und singt das Lied ‚The Me I Never Knew‘“.&#8220; </em>Alle Rechte beim Künstler.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Fragil ist das neue Super!</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragil-ist-das-neue-super/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Dec 2024 23:37:46 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Fragil ist das neue Super! Joanna Nowotny über Superheld:innen in Comic Books und Filmen – Teil 2 „When I was really young, I asked my mom why all old movies were in black and white. She said that back then, Everything was in black and white. I took her really literally, and until I  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Fragil ist das neue Super!</strong></h1>
<h2><strong>Joanna Nowotny über Superheld:innen in Comic Books und Filmen – Teil 2</strong></h2>
<p><em>„When I was really young, I asked my mom why all old movies were in black and white. She said that back then, <u>Everything</u> was in black and white. I took her really literally, and until I was six or seven, I thought color was some weird modern invention.” </em>(<a href="https://www.nzz.ch/feuilleton/interview-mit-dem-stilbildenden-comiczeichner-chris-ware-ld.1748657">Chris Ware</a>, Thrilling Adventure Stories, in: Raw 2-3, 1991, zitiert nach: Lukas Etter, Thomas Nehrlich, Joanna Nowotny, Hg., Reader Superhelden – Theorie – Geschichte – Medien, Bielefeld, transcript, 2018)</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/super-helden/">Im ersten Teil</a> waren Grundstrukturen, Medialität und Ästhetik Gegenstand des Gesprächs über Superheld:innen, im zweiten Teil des Gesprächs geht es um die Diversität der Figuren, Doppelidentitäten, Outcasts, die Superheldinnen, feministische Comics, die Frage, wie Schwarz Black Panther wirklich ist und um jüdische Identitäten. Vielleicht lassen sich Superheld:innen sogar als ein Angriff auf traditionelle Denk- und Sehgewohnheiten verstehen, aber wer weiß: vielleicht bestätigen sie sie auch nur? Es kommt eben darauf an, wer in ihnen was entdecken möchte. Aber ein feministischer Blick oder ein Blick aus der Perspektive der Critical Whiteness bringen ganz Erstaunliches zu Tage.</p>
<h3><strong>Doppelidentitäten</strong></h3>
<div id="attachment_5432" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3869-1/reader-superhelden/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5432" class="wp-image-5432 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Reader-Superhelden-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Reader-Superhelden-194x300.jpg 194w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Reader-Superhelden-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Reader-Superhelden.jpg 301w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" /></a><p id="caption-attachment-5432" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben über die Medialität von superheldischen Figuren gesprochen, über einen bestimmten ästhetischen Stil, der sie erkennbar macht. Gehört die Doppelidentität vieler Figuren dazu?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Sicherlich, denn mit den Doppelidentitäten wird stark gespielt, mit Mimik, mit Masken, mit der Frage, wann man wen in welcher Verkleidung sieht. Ein Spiel mit Sicherbarkeit und Unsichtbarkeit, mit Silhouetten. Gewisse Bilder werden ohnehin immer wieder rezykliert, zum Beispiel Spider-Man, der sich zwischen den Hochhäusern New Yorks hindurchschwingt. Das hat schon etwas Ikonisches. Wenn man versucht, die Superheld:innen jenseits von diesen medialen Elementen zu definieren, wird man sehen, dass es keine scharfe Abgrenzung gibt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Spider-Man gefällt mir gut als Beispiel. Diese Figur lebt auch davon, dass sie als Peter Parker ein schüchterner Teenie ist. Das ist seine Schwachstelle, ein Element der Aufmerksamkeitsökonomie für all die Teenie-Jungs, die sich schwach, unterlegen fühlen, nicht so recht wissen, wie sie ein Mädchen ansprechen sollen, aber über Peter Parker erfahren, dass sie eigentlich ganz anders sein könnten.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Das ist typisch für die Doppelidentität vieler Superheld: innen. Die Zivil-Identität von Peter Parker liegt sehr nahe an der Erfahrungswelt der vorgestellten Leser:innen. Ein Teenager-Junge, der bei den Mädchen nicht ankommt, Nebenjobs hat. Und dann gibt es die Superhelden-Identität, die sich extrem stark über das Alltägliche erhebt. Robert W. Connell – dazu </em><a href="https://kgi.ruhr-uni-bochum.de/institut/personen/prof-dr-aenne-soell/"><em>Änne Söll</em></a><em> und </em><a href="https://www.hs-hannover.de/service/personenfinder/person/1000005505/"><em>Friedrich Weltzien</em></a><em> in ihrem Essay über Spider-Man in unserem Reader – sieht in Peter Parker aka Spider-Man „unterschiedliche, mit einander konkurrierende Formen von Männlichkeit“. Meines Erachtens mehr als aktuell ist die folgende Formel von Söll und Weltzien: „Verschiedene, an unterschiedliche Klassen gebundene Modelle von Männlichkeit stehen (…) in Konkurrenz zueinander.“</em></p>
<p><em>Das gilt schon für die ersten Figuren des Golden Age. Superman erscheint als weiß, ist aber eigentlich ein Alien, ein Migrant! Er entspricht verschiedenen Vorstellungen von Männlichkeit, einer klassischen, die auf physischer Stärke basiert, aber als Clark Kent ist er auch ein scheinbar schwächlicher, freundlicher, scheuer Mann mit Bürojob, ein „white collar worker“, der sich kaum an Frauen herantraut. Superman verhandelt als Figur sozusagen Männlichkeit wie später auch die Teenie-Figur Peter Parker aka Spider-Man oder eben sein Marvel-Kollege Captain America, der durch eine wissenschaftlich herbeigeführte Verwandlung vom schwächlichen („frail“) jungen Mann, der unbedingt bei der Armee dienen wollte, aber wegen seiner Konstitution zurückgewiesen wurde, zum superweißen Helden mit allem dazugehörigen Hyperpatriotismus und seinem Bekenntnis zu den „amerikanischen Werten“ mutiert. Alle behalten ihre Doppelidentität, Spider-Man als Peter Parker, Superman als Clark Kent, Captain America als der schwächliche Steve Rogers, der er innerlich auch bleibt beziehungsweise in den er sich in manchen Comics wieder zurückverwandelt, sodass weiße Männlichkeit auch als prekär erscheint.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die neue <a href="https://www.shell.de/ueber-uns/initiativen/shell-jugendstudie-2024.html">Shell-Jugendstudie</a> dokumentiert, dass es eine beträchtliche Zahl junger Männer gibt, die ihre <em>„Männlichkeit“</em> für ein besonderes Problem halten. <em>„Männlichkeit“ </em>ist inzwischen ein gängiges Thema in der Rhetorik der neuen Rechten.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Das stimmt, und die neue Rechte bedient sich in diesem Diskurs teilweise auch Bildern aus Superhelden-Comics, zum Beispiel in Memes, oder sie wettert dagegen, dass in neueren Filmen und Comics wegen der vermeintlichen ‚Wokeness‘ nicht mehr nur </em>weiße<em> Männer, sondern auch Personen mit anderen Geschlechtern und Hintergründen auftreten. </em></p>
<h3><strong>Outcasts – die X-Men</strong></h3>
<div id="attachment_5549" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5549" class="wp-image-5549 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5549" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009.jpg">Cosplays of X-Men characters version steampunk</a>, from left to right: Rogue, Gambit, Charles Xavier, Wolferine. Dragon Con 2009. Foto: Greyloch. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en">Attribution-Share Alike 2.0 Generic</a> license.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei all diesen Superheld:innen gibt es meines Erachtens eine Gruppe, die sich von den anderen deutlich abhebt, weil bei ihnen die Doppelidentität doch hintergründiger ist als sie es bei Peter Parker oder dem Alter Ego von Superman, Clark Kent, ist: Die X-Men, männlich wie weiblich. Wir haben die Extreme wie Magneto aka Erik Lehnsherr, der als Jude aus einem Konzentrationslager entkam und jetzt – je nach Geschichte – ‚seine‘ Gruppe, hier eben die X-Men, um jeden Preis vor Verfolgung schützen oder sogar Rache nehmen will. Das ist schon fast schon vergleichbar mit den Figuren der Inglourious Basterds, zum Beispiel dem „Bear Jew“, oder mit den Fantasien eines Abba Kovner, der vorschlug, nach 1945 sechs Millionen Deutsche zu töten. Die X-Men sind ambivalente Figuren. Sie brauchen oftmals Anleitung, jemanden, der sie auf das richtige Gleis bringt. Das leistet Professor X, Charles Francis Xavier, mit seiner Schule, der eine komplizierte Freundschaft mit Magneto hat – in den Filmen werden die beiden von James McAvoy und Patrick Stewart gespielt. Sie sind gespaltene Existenzen, die in der Gesellschaft nicht willkommen sind, die zu sich selbst finden müssen.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Solche Heldenfiguren sind ein Thema in dem Essay von </em><a href="https://www.uni-goettingen.de/de/dr.+stephan+ditschke/590815.html"><em>Stephan Ditschke</em></a><em> und </em><a href="https://anjinanhut.artstation.com/"><em>Anjin Anhut</em></a><em> in unserem Reader. Die beiden unterscheiden die „Beschützer“, die „Rächer und Jäger“ und die „Zweifler“, die sich dann weiter darin voneinander unterscheiden können, wie sie ihre Superkräfte erworben haben, von Geburt an, selbst erworben, durch Zufall oder von anderen verliehen. Die „Zweifler“ sind die Gespaltenen, die eine hohe Komplexität zeigen. </em></p>
<p><em>In der Einleitung unseres Readers haben wir die X-Men als „minority superheroes“ bezeichnet. Durch solche Figuren wird „unsere westliche Kultur zugleich post- und superheroisch“ dargestellt, will heißen: Solche komplexeren Helden kann man entweder als Dekonstruktion des großen heldischen Einzelnen begreißffen, oder halt einfach als neue Variation davon. Die X-Men traten in den 1960ern, dann in den 1970ern auf, im Silver Age, das gemeinhin dadurch charakterisiert ist, dass die Figuren nicht mehr so weit vom Alltag entfernt sind wie im Golden Age des Zweiten Weltkriegs Superman, Batman oder Wonder Woman. Die Figuren im Golden Age waren keine Figuren, mit denen man sich im Alltag unterhalten könnte, die Figuren im Silver Age erhalten psychologische Plausibilität. Vorher wirkt etwa das Rache- und Trauma-Motiv in vielen Geschichten noch sehr skizzenhaft und schematisch. Bei Batman war es noch einfach, seine Eltern wurden umgebracht und er nimmt jetzt Rache. Im Silver Age werden all diese Geschichten neu erzählt, erhalten mehr psychologische Plausibilität und es werden neue heldische Figuren erfunden, die von Anfang an einer komplexeren Welt und komplexeren Situationen Rechnung tragen. Dazu gehören die X-Men. Auf die Spitze getrieben ist bei den X-Men auch das Motiv der Superheld:innen als absolute Außenseiter oder noch besser auf Englisch als ‚Outcasts‘, als Ausgestoßene. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte sagen, die X-Men haben keine Doppelidentität, sie sind in sich gespaltene Persönlichkeiten.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die superheldischen Figuren werden im Golden Age als tolle Held:innen dargestellt und in der Regel in der (fiktiven) Gesellschaft auch als solche akzeptiert, was nicht immer sehr realistisch wirkt. Im Silver Age wird problematisiert, was es mit Menschen macht, wenn sie sich von anderen Menschen unterscheiden und deswegen ausgestoßen werden. Die X-Men entstanden im Kontext der Civil-Rights-Bewegung. Professor X wird zum Beispiel gerne mit Martin Luther King verglichen, Magneto mit Malcolm X. Chris Claremont, der selber sagte, er habe nicht speziell an diese zwei realen Persönlichkeiten gedacht, hat die Geschichten der X-Men in den 1970er Jahren sehr differenziert erzählt. </em></p>
<div id="attachment_5550" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5550" class="wp-image-5550 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889.jpg 640w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5550" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_(7019136889).jpg">Magneto and Rogue &#8211; WonderCon 2012</a>. Foto: The Community &#8211; Pop Culture Geek from Los Angeles, CA, USA. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0.</a></p></div>
<p><em>Die Grundlage: Wir unterscheiden uns von der Mehrheitsgesellschaft, wir werden ausgestoßen, wir haben nicht die gleichen Rechte, wie reagieren wir darauf? Reagieren wir diplomatisch, pro-sozial, versuchen wir, uns bei der Mehrheitsgesellschaft durch unsere heldischen Taten beliebt zu machen? Oder reagieren wir mit einem Kampf gegen die Mehrheitsgesellschaft? Das wird bei Magneto mit seiner jüdischen Geschichte sehr deutlich. Am Anfang ist er noch ein relativ traditioneller eindimensionaler Schurke, dann beginnt man in den 1970er Jahren, einen jüdischen Hintergrund auszuarbeiten; allen voran steht hier eben der Comicautor Chris Claremont. Jetzt ist Magneto nicht mehr nur ein Schurke, sondern es entsteht die Frage, wo ist eigentlich die Grenze zwischen einem Helden und einem Schurken? Magneto wird zu einer Art Anti-Helden, einem Helden in einer Grauzone. Die Geschichten behandeln dies sehr unterschiedlich. Magneto erhält entweder Verständnis, den Status eines konfliktbeladenen (Anti-)Helden, oder er landet so stark in der moralischen Grauzone, dass er in den Erzählungen wieder als Schurke erscheint. </em></p>
<p><em>Das Interessante daran: Man hat auf der Seite der Held:innen echte Konflikte. Eine Gruppe wie die X-Men ist erst im Silver Age möglich. Im Golden Age gibt es das nicht, da wird dual gedacht, es gibt nur Gut und Böse, nur Helden und Schurken. Mit den Konflikten der Helden kann man aber viel differenziertere Geschichten erzählen und dies ist auch ein Vorteil des seriellen Erzählens, über das wir gesprochen haben: Alle Autor:innen und Künstler:innen reichern die Geschichten an und können ein neues Level an Komplexität einbringen. </em></p>
<h3><strong>Superheldinnen und antifeministischer Backlash</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprachen schon kurz das Gender-Thema an. Die hypertrophe Weiblichkeit haben wir beispielsweise auch bei Star Trek. Das fängt mit den Miniröcken in der Originalserie an und geht dann weiter mit dem Cat-Suit von Dianna Troi in „The Next Generation“, wird auf die Spitze getrieben mit der Figur der Seven of Nine in „Voyager“, die als Figur erst in „Picard“ von dieser Hypersexualisierung befreit wird, auch bei T’Pol in „Enterprise“, über die die männlichen Mitglieder der Crew dann schon so ihre anzüglichen Bemerkungen fallen lassen, wenn sie unter sich sind. Extreme Körperlichkeit, enger Anzug, aber Seven of Nine als ehemalige Borg oder T’Pol als Vulkanierin sind auch mit Superkräften, die Betazoidin Dianna Troi – übrigens auch T’Pol als Science Officer – ist mit besonderen intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet. Diese Kräfte erkennt man nicht auf den ersten Blick. Die weiblichen Figuren bei Star Trek sind meines Erachtens oft näher an den Superheldinnen der Comics als die männlichen an den Superhelden. Hyptertrophe Männlichkeit beschränkt sich bei Star Trek auf die erotischen Eskapaden von Captain Kirk in der Originalserie und auf die Spezies der Klingonen.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die klassischen, also historischen Vorstellungen von Helden sind männlich kodiert. Weibliches Heldinnentum gibt es nicht sehr häufig und es ist anders kodiert, zum Beispiel Esther und Ruth in der Bibel, die Amazonen in ihrer Ambivalenz in der griechischen Sagenwelt. Ruth und Esther sind kein Simson, sie wirken nicht durch ihre Körperkraft, eher durch ihre Geschicklichkeit, auch durch Einsatz ihrer Weiblichkeit zum Zweck der Verführung. </em></p>
<p><em>Zu den Kernvorstellungen männlichen Heldentums gehören Mut, Opferbereitschaft, die Bereitschaft, bis zum Letzten zu gehen, aber auch körperliche Stärke. In den Superheldencomics ist dieser Aspekt natürlich auf den Gipfel getrieben: Die Muskelberge der männlichen Figuren gibt es in der Wirklichkeit kaum, vielleicht höchstens bei Body-Building-Wettbewerben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Deshalb haben es auch Body-Building-Ikonen wie Arnold Schwarzenegger oder Ralf Moeller zu Filmstars gebracht in durchaus Comic-ähnlichen Produktionen. Das nur am Rande.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die weiblichen Figuren entsprechen stark den Vorstellungen, wie eine Frau zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Kulturkreis sein soll, in Superheldencomics nämlich sehr schlank, eben keine sichtbare Muskulatur, aber dennoch mit Superkräften versehen. Darüber hinaus sind die Merkmale von Heldinnen auch oft mit klassischen weiblichen Rollen verbunden, zum Beispiel mit Mutterschaft, im übertragenen Sinne als Verantwortliche, Sorgende für eine Gruppe oder gar – wie bei Esther und Ruth – für ein ganzes Volk. </em></p>
<p><em>Die ersten Superhelden waren Männer. Superman und Batman, Batman als „The Greatest Detective on Earth“, als düstere Nachtfigur, ein milliardenschwerer Visionär, der ein riesiges Labor hat. Man konnte sich zur damaligen Zeit nur sehr schwer eine weibliche Figur dieser Art vorstellen. Es gab eben nur eine Ausnahme, die erwähnte Wonder Woman von William Moulton Marston (auch sie allerdings nicht ein ‚genialer Denker‘ wie Batman). William Moulton Marston war selbst Psychologe. Er hat Wonder Woman explizit als komplementäre Kraft im Superheldengenre entworfen. Darüber habe ich im auch schon im ersten Teil erwähnten Aufsatz „Fantastische Rüstungen und kugelsichere Armbänder“ ausführlicher geschrieben. Marston war der Auffassung, dass Kriege eine Folge des von Natur aus gewalttätigen und ausbeuterischen Patriarchats seien. Eigentlich müsste die Menschheit laut ihm ‚natürlich‘ weiblichen Prinzipien gehorchen, das männlich-zerstörerische Prinzip müsste sich einer weiblichen liebenden und sorgenden Kraft unterwerfen. Marston fand also, man brauche ein Matriarchat. Dieses hat er mit der exklusiv weiblichen Gesellschaft der Amazoneninsel entworfen, ein soziales, umsorgendes Zusammenleben. Als Wonder Woman unter die Menschen kommt, ist sie von der zerstörerischen Kraft und Brutalität entsetzt und wird so eigentlich erst zur altruistischen Heldin, auch in der Doppelidentität als Krankenschwester Diana.</em></p>
<p><em>Marston war also extrem positiv gegenüber Frauen eingestellt, aber nicht in einer Art, die dem Mainstream des heutigen Feminismus entspricht. Er hatte eine biologistisch-essenzialistische Einstellung: Es gebe eben zwei Arten von Menschen und die weiblichen Organe könnten mehr Liebe speichern als die männlichen. Wonder Woman entwarf er, um zu zeigen, wie sich der Mann der Frau unterwerfen müsse und könne. Deshalb hat sie auch dieses vorhin kurz erwähnte Lasso, das „Lasso of Truth“, mit dem sie ihre Gegner bindet. In den ersten Comics gibt es zuhauf Unterwerfungsszenen, in denen die Männer gebunden werden und vor Wonder Woman knien. Und ihre Armbänder wehren die Kugeln der männlichen Gegner ab, sind also keine offensiven Waffen. </em></p>
<p><em>Wonder Woman ist für die Geschichte des Feminismus von Bedeutung. Sie war auch auf der ersten Seite des </em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ms._magazine_Cover_-_Fall_2007.jpg"><em>Ms. Magazine</em></a><em> zu sehen, ein legendäres feministisches Heft aus der sogenannten zweiten Welle des Feminismus in den Siebzigern, gegründet u.a. von Gloria Steinem. Die Herausgeber:innen wollten eigentlich ein anderes Sujet, aber fanden dann, dass Wonder Woman publikumswirksamer sei. Wonder Woman wurde gewählt, obwohl Marstons Feminismus seine alles andere als moderne Seite hatte. Sie war lange Zeit <u>die</u> bekannte weibliche Figur. Andere weibliche Figuren kamen hinzu, zum Beispiel Black Widow, eine verführerische Agentin, die wie viele andere weibliche Figuren zuerst mit klischeehaften Vorstellungen verbunden ist </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und später, im sogenannten Bronze Age der späteren Siebziger und Achtziger oder in der Gegenwarte?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>In den letzten Jahrzehnten hat sich das gesamte Comic-Genre sehr verändert. Die Creators und die Fan-Kulturen sind in ein langes Gespräch verwickelt, welche Werte eigentlich dargestellt werden sollen. In den 1980er Jahren gab es schon eine Bewegung gegen die sexistische Seite des Superheld:innengenres. Wir haben eben über Körperdarstellungen gesprochen. Das ganze Genre zeigt idealisierte Körper, aber die weiblichen zeigen die Schönheitsmerkmale, die ein vorgestellter männlicher Betrachter erwarten mag. Der sogenannte ‚männliche Blick‘ steht im Zentrum. Das wurde schon früh hinterfragt und es gab Comics, die solche Vorstellungen problematisierten. Ein solcher Comics ist „Watchmen“ von Alan Moore und Dave Gibbons, mit vom Staat angestellten Superheld:innen. Sehr stark wird thematisiert, dass die Heldinnen knappe Kostüme tragen müssen, sexy sein, dann sind sie noch Übergriffen der hypervirilen Männer ausgesetzt, die sich holen können was sie wollen. Das wird in „Watchmen“ kritisch betrachtet.</em></p>
<div id="attachment_5551" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5551" class="wp-image-5551 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5551" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_(17049612385).jpg">Loki and Ms Marvel, Wonder Con 2015</a>. Foto: William Tung. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0</a>.</p></div>
<p><em>In den letzten Jahren sind die Comics viel diverser geworden. Es gibt viele weibliche Figuren, auch nicht </em>weiße<em> Figuren. Zu nennen wäre zum Beispiel Kamala Khan, auch als </em><a href="https://api.pageplace.de/preview/DT0400.9783736738232_A33218843/preview-9783736738232_A33218843.pdf"><em>Ms. Marvel</em></a><em> bekannt, in Film und Fernsehen gespielt von Iman Vellani und als Comicfigur erschaffen unter anderem von Redaktorin Sana Amanat und Autorin G. Willow Wilson. Sie ist eine muslimisch-pakistanische, in Amerika geborene Superheldin. Sie hat ihre eigene Fernsehserie, die auch von einer Person of Color geschrieben wurde, von Bisha K. Ali. Diversität betrifft nicht nur die dargestellten Figuren, sondern auch die Frage, wer wo mitmachen darf, als Regisseurin, Autorin, Zeichnerin.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre meine nächste Frage. Wie sieht es mit weiblichen Creators aus?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die Beiträge von Frauen wurden im Superheld:innengenre lange marginalisiert. Andererseits arbeiteten schon zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs Frauen hinter den Kulissen, auch weil die Männer im Krieg waren. In den 1950er Jahren gab es wie in vielen Bereichen einen Backlash, Frauen wurden wieder zurückgedrängt. Das Genre war lange Zeit ein starker Boys Club. Frauen waren dann vor allem in Independent Comics, in den sogenannten Women’s Comics tätig. </em><a href="https://www.srf.ch/kultur/kunst/aline-kominsky-crumb-gestorben-sie-machte-die-frau-im-comic-sichtbar"><em>Aline Kominski-Crumb</em></a><em> („Wimmen’s Comix“) oder </em><a href="https://news.yale.edu/2024/09/13/cartoonist-bechdel-brings-lessons-curious-career-yale"><em>Alison Bechdel</em></a><em> sind bis heute bekannt, auch </em><a href="https://www.lambiek.net/artists/d/dimassa_diane.htm"><em>Diane DiMassa</em></a><em> mit ihrer Figur Hothead Paisan. Sie wäre ein Beispiel für einen Strip mit einer ganz eigenen Version des Superheld:innen-Genres. Aber das sind nicht die Leute, die bei den großen Superhelden-Verlagen sitzen. Heute gibt es allerdings eine ganze Reihe von aktiven Frauen im Genre, zum Beispiel die erwähnte G. Willow Wilson, Gail Simone, Marjorie M. Liu, Louise Simonson oder Kelly Thompson.</em></p>
<p><em>Die gesamte Diskussion, wer im Comic-Genre welche Rolle hat, bezieht sich inzwischen nicht mehr nur auf die Darstellung, sondern eben auch auf das Personal hinter den Kulissen. Mehrere Filme, die beiden Captain-Marvel- und die beiden Wonder-Woman-Filme sowie die Ms. Marvel-Serie, wurden maßgeblich von Frauen gestaltet. Es geht schon Hand in Hand, dass man nicht nur über kulturelle Repräsentation spricht, sondern auch über handfeste ökonomische Fakten und Machtdynamiken im Unterhaltungssektor. Das war nicht ganz einfach, denn einige Filme mit weiblichen Hauptfiguren sind noch zu Beginn der 2000er Jahre gefloppt, zum Beispiel „Cat Woman“ mit Halle Berry und „Elektra“ mit Jennifer Garner. Diese Misserfolge wurden immer darauf geschoben, dass das Publikum halt die bekannten </em>weißen<em> Männer wolle. Aber das änderte sich auch wieder, zuletzt etwa mit </em>Black Panther<em> mit zwei erfolgreichen Filmen voll mit nicht-männlichen und nicht-</em>weißen<em> Figuren (2018 und 2022). Offensichtlich toleriert das Publikum diverse Figuren nicht nur, sondern möchte sie dann doch auch sehen. Ein Muster solcher Diversität sind eben auch die X-Men. Das ist Teil des Konzeptes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel: </strong>Haben die Verlage und Studios damit nachhaltig Erfolg?</p>
<p><em>Es ist schwierig zu sagen, welche Zukunft das Genre hat. Es gab zuletzt durchaus einen Einbruch mit Filmen, die bei Weitem nicht an die Erfolge der 2010er Jahre heranreichen konnten. Ich sehe schon kommen, dass auch das von Seiten der Studios wieder auf ‚zu diverse‘ Narrative zurückgeführt wird. Ich glaube nicht, dass das stimmt, denn der Einbruch hatte auch mit COVID und mit dem Aufstieg der Streaming-Services zu tun. Der Markt wurde eben geflutet, auch mit Produkten von zweifelhafter Qualität, und es gibt Ermüdungserscheinungen. Aber ich sehe schon kommen, dass das Nächste, was wir sehen, wieder eher die klassischen starken </em>weißen <em>Männer sein werden und das mutigere Projekte auf der Strecke bleiben.</em></p>
<h3><strong>Fragile Diversität</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich nenne als Gegenbild mein Lieblings-Franchise: Star Trek. Star Trek ist mit „Discovery“ und mit „Strange New Worlds“ fast schon hyperdivers. Es gibt nicht nur viele Frauen in führenden Positionen, auch viele Women of Color, schwule und lesbische Paare, Queerness in verschiedenen Varianten, Außerirdische in fast allen Positionen. Figuren wie Sylvia Tilly (in „Discovery“) oder Nyota Uhura (in „Strange New Worlds“) entsprechen in ihrem Aussehen auch ganz und gar nicht den hypersexualisierten Vorstellungen, die männliche Zuschauer so gerne pflegen. Die <em>weißen</em> Männer sind in beiden Serien eindeutig in der Minderheit, Christopher Pike ist als Captain der Enterprise und in der zweiten Staffel von Discovery als Captain der Discovery die Ausnahme.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>In den letzten zehn Jahren haben wir leider in vielen (wenn auch nicht allen) Fankulturen einen starken Backlash in Sachen Diversität erlebt. Star Trek scheint mir da eher eine Ausnahme, denn die Fankultur von Star Trek ist einfach offener – zumindest ist das mein Eindruck als Person, die nicht selber Teil der Fankultur ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Star Trek ist in meinen Augen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/its-imagination/">ein humanistisches Projekt</a>.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Da bist du nicht allein mit dieser Einschätzung unter den Fans. Bei Star Wars, bei Lord of the Rings, auch im gesamten Gaming-Bereich sieht das anders aus. Gerade im Gaming gab es einen heftigen Backlash mit regelrechten Hasskampagnen gegen eine inklusivere Kultur, sowohl auf Seiten der Schöpfer:innen von Games als auch in Sachen Inhalte (mehr dazu findet man unter dem Begriff GamerGate). Teile der Star Wars-Fankulturen sind in dieser Hinsicht auch geradezu toxisch. In der Star-Wars-Szene, in der Gaming-Szene, auch in der Comic-Szene gibt es leider auch heftige Verurteilungen jeglicher Diversitätsbestrebungen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In den Kontext passt auch die hohe Popularität, die Star Wars und Lord of the Rings in der Szene der neuen Rechten genießen. Da sind die Männer noch richtige Männer, Frauen kommen in der Regel gar nicht vor. In der Verfilmung von James Cameron wirkt Cate Blanchett als Galadriel eher als hübsches Beiwerk. Sie wird auf das Bild einer weiblichen Lichtgestalt reduziert, eine Art gute Fee.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ich bin völlig mit dir einverstanden. Lord of the Rings ist mit seinen Bezügen auf die nordischen Mythologien bei Neo-Konservativen und Rechten beliebt. Auch Thor mit seinem Hammer spielt da eine Rolle, man muss keine große Fantasie haben, um zu sehen, woher das kommt.</em></p>
<div id="attachment_5552" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5552" class="wp-image-5552 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5552" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SDCC_15_-_Thor_(19671916312).jpg">Thor. San Diego Con 2015</a>. Foto: William Tung. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en">Attribution-Share Alike 2.0 Generic</a> licence.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Thor wird in den Avengers-Filmen meines Erachtens aber auch ironisch präsentiert, gerade in „Endgame“, wo er nach der Vernichtung der halben Erdbevölkerung durch Thanos in „Infinity War“ als dick gewordener und alkoholisierter Obdachloser wieder auftaucht. Klar aber auch, dass er wieder der Alte wird.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Auch diese ironische Darstellung kommt natürlich nicht bei allen gut an, mit guten Gründen – gerade progressivere Leute fanden es auch nicht sehr lustig, dass Thors Übergewicht und seine offensichtlichen psychischen Probleme hier als Witz dargestellt werden. Das ist natürlich eine andere Art Kritik als die von gewissen Menschen, die auf Diversitätsbestrebungen hoch aggressiv reagieren. Die Rechten haben wirklich gelernt, sich der Populärkultur zu bedienen und durch Gespräche über Populärkultur auch neue Leute anzuziehen. Dann äußern sich die AfD und sogar Putin zu der Debatte über J.K. Rowlings offen geäußerte transphobe Ansichten – in den Augen dieser Kräfte handelt es sich aber natürlich um eine völlig ungerechtfertigte ‚Cancel Culture‘ vonseiten der ‚Linken‘. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die rechte Politik hat schon länger gemerkt, dass die Unterhaltungskultur mit ihren ungeheuer großen Fankulturen für sie interessant sein könnte – da kann man eben neue Leute ansprechen. Dann sehen sie Schwarze Menschen in Adaptionen von Tolkiens Werk und sagen, die gibt es doch bei Tolkien gar nicht, verteidigen ihn gegen eine behauptete ‚Verfälschung‘. Das ist ein kleiner Exkurs, aber auch das erlebt man im Superheld:innen-Genre, einen Backlash gegen alles, was „woke“ genannt wird. Breitbart News, die rechte Medienplattform aus den USA, war hier federführend: „Politics is downstream from culture“, war und ist die Losung, das heißt, man muss das kulturelle Feld und eben auch besonders die Populärkultur bearbeiten, um einer rechten politischen Wende den Boden zu bereiten. So greifen extrem rechte Akteure eben dann besonders beliebte Genres und Franchises auf, Star Wars, Lord of the Rings, die Superhelden:innen. Die heutige Diversität ist fragil. Meine vorsichtige, vielleicht auch pessimistische Prophezeiung für die Zukunft von Marvel und DC ist, dass es in den Studios manche geben wird, die rechte Diskurse und Kampagnen wahrnehmen und wirtschaftliche Einbrüche auf die vielen weiblichen Figuren, auf die Frauen in den Studios und auf die Diversität, die Persons of Color, die LSBTTI*-Szene etc. zurückführen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage liegt jetzt nahe: Wie divers ist Black Panther wirklich? In eurem Band habe ich in dem Beitrag von Lars Banhold die These gefunden, dass Black Panther eigentlich nicht mehr und nicht weniger als eine Reminiszenz des viktorianischen Blicks auf Afrika, also alles andere als ein emanzipativer Comic wäre.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: (lacht): <em>Wenn ich meinem siebenjährigen Neffen das Universum der Superheld:innen erklären muss, ist das immer etwas unangenehm. Tatsächlich ist vieles nur begrenzt ‚emanzipiert‘, wie man schön in der großen Marvel-Enzyklopädie sieht, die bei mir im Regal steht und die er gerne anschaut. Dazu gehört ein bestimmtes Schönheitsideal, schöne Frauen sind eben sehr oft </em>weiße<em> Frauen, Frauen, die nicht konventionell schön sind, sind keine Heldinnen, eine übergewichtige Person muss automatisch auch eine böse Person sein. Mit Diversität komme ich da nicht so weit. Das in Klammern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Noch schlimmer ist das bei Paw Patrol, alles süße Welpen. Wolfgang M. Schmitt hat in seiner <a href="https://www.youtube.com/watch?v=DB8G4Oxk7HA">Filmanalyse</a> Film und Serie mehrfach wunderbar auseinandergenommen. Eigentlich ist die Serie jugendgefährdend.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ich habe die Serie zwar noch nie gesehen, aber auch gehört, dass sie furchtbar ist, auch mit ihrer Tendenz zum Polizeistaat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Noch einmal zu Black Panther. Meines Erachtens ausgesprochen ambivalent. Die Kämpferinnen sind Frauen. Sieht also recht fortschrittlich aus, aber die Gesellschaft muss sich abschotten, um den Rohstoff Vibranium vor Ausbeutung zu schützen. Und die Darstellung Afrikas ist doch sehr merkwürdig.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Black Panther gibt es in den Comics seit den 1960er Jahren in sehr unterschiedlichen Versionen. In den letzten Jahren hat </em><a href="https://ta-nehisicoates.com/"><em>Ta-Nehisi Coates</em></a><em>, ein Journalist und Autor, der sich kritisch mit der Situation der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA auseinandersetzt,</em><em> noch einmal ganz andere Black-Panther-Versionen geschrieben. Wakanda ist natürlich ein ursprünglich von </em>Weißen<em> erschaffener Imaginationsraum und kann ein klischeehaftes Bild Afrikas spiegeln, aber in manchen Bereichen auch Gegenentwürfe darstellen, zum Beispiel über das außerordentlich hohe technische Niveau der dortigen Kultur. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch das Reich der Amazonen ist abgeschottet.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Das Reich der Amazonen ist eine Insel, während Wakanda mitten auf dem Kontinent liegt. Man kann sich auf differenzierte Weise mit der Idee von Wakanda auseinandersetzen: Warum haben wir in gewissen Black Panther-Erzählungen – ich formuliere bewusst klischeehaft – ein armes kolonialistisch ausgebeutetes Afrika, und dann haben wir das abgeschottete Wakanda, das nichts mit den anderen Ländern zu tun haben will? Es gibt in diesen Erzählungen – so beispielsweise </em><a href="https://scielo.org.za/pdf/it/n33/06.pdf"><em>Salim Washington</em></a><em>, der an der University of KwaZulu-Natal in Durban (Südafrika) forscht –wenig bis keine panafrikanische Solidarität, kritische Autor:innen wie </em><a href="https://africasacountry.com/2018/02/i-have-a-problem-with-black-panther"><em>Russel Rickford</em></a><em> fordern da etwas anderes. Die Comics der 1960er Jahre sind oft wohlwollende Vorstellungen von </em>Weißen<em> über einen Kontinent, von dem sie keine Ahnung haben – gut gemeint, schlecht gemacht. Die einen sehen dort die stolzen afrikanischen Kriegerinnen, die anderen sehen die ‚viktorianischen‘, konservativen, auch exotistischen Klischees und Idealvorstellungen, denen dieser fiktive Staat und seine Bewohner:innen auch zu genügen haben. </em></p>
<p><em>Ich finde an den Black Panther-Filmen und Comics der letzten Jahre interessant, dass die hinter den Kulissen tonangebenden Personen hauptsächlich Afroamerikaner:innen sind, und nicht Afrikaner:innen. In der afroamerikanischen Community gibt es eigene Vorstellungen von Afrika, eine Art Mythos des ‚Ursprungskontinents‘, der positive Repräsentationen wünschenswert macht. Afrikanische Stimmen äußern sich zu Black Panter dann auch wieder anders. Im afroamerikanischen Kontext wurde der Film oft gefeiert, als Beispiel für den sogenannten </em><a href="https://nmaahc.si.edu/explore/exhibitions/afrofuturism"><em>Afrofuturismus</em></a><em>, aber ich habe auch Essays primär von afrikanischen Autor:innen gelesen, die die Geschichte auseinandernahmen, zum Beispiel </em><a href="https://www.washingtonpost.com/news/global-opinions/wp/2018/02/26/black-panther-offers-a-regressive-neocolonial-vision-of-africa/"><em>Patrick Gathara</em></a><em>, </em><a href="https://kalaharireview.com/black-panther-wakanda-is-not-africa-de1f6699300f"><em>Uche Balogun</em></a><em>, </em><a href="https://jpanafrican.org/docs/vol11no9/11.9-special-2-Mokoena.pdf"><em>Dikeledi A. Mokoena</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Das zeigt natürlich auch, wie flexibel das Genre ist. Es wäre auch denkbar, dass ein Black-Panther-Film demnächst von einer afrikanischen Regisseurin gemacht wird, die wieder andere Vorstellungen einbringt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In eurem Reader habt ihr mehrere Texte zu arabischen und muslimischen Superhelden, zum indischen Spider-Man sowie zu „Black Superheroes“.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Der indische Spider-Man heißt Pavitr Prabhakar, klingt sehr ähnlich wie Peter Parker. </em><a href="https://americanstudies.as.virginia.edu/people/shilpa-dave"><em>Shilpa Davé</em></a><em> hat über ihn Folgendes geschrieben: „Den Helden indisch zu machen, bedeutet nicht unbedingt, den Menschen unter der Maske ethnisch in einen Inder zu verwandeln. Stattdessen wird das Kostüm verändert, um Indien zu repräsentieren. Das visuelle Bild von Spider-Man India befindet sich damit genau an der Grenze zwischen einer einfachen Übersetzung eines amerikanischen Produkts und der Transkreation einer Geschichte, die einen komplexeren kulturellen Austausch reflektiert.“ </em></p>
<p><a href="https://larsbanhold.wordpress.com/"><em>Lars Banhold</em></a><em> sieht in seinem Essay „Pink Kryptonite” sogar Superman als ‚diverse‘ Figur beschrieben, da er „der berühmteste Migrant der Comicgeschichte“ sei, „der sich in die fremdartigen Trachten seiner Heimat hüllt, den kryptonischen Sonnengott Rao anbetet und eine interspeziesistische Partnerschaft mit Lois Lane anstrebt, respektive sie vollzieht.“ Übrig bleibt dann nur folgender Antagonismus: „Der Archetyp, dem sonst der Superheld verpflichtet ist – der arrogante, wirtschaftlich und akademisch erfolgreiche, nur der eigenen Norm verpflichtete, ignorante, </em>weiße<em>, heterosexuelle Mann – kann für einen so gelesenen Superman entsprechend nur die Rolle des Erzfeindes erfüllen: Lex Luthor.“ </em></p>
<h3><strong>Jüdische Identitäten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Superman als ‚diverser‘ Migrant – das bringt uns zur Frage, wer diese Comics überhaupt geschrieben hat. Die meisten Schöpfer von Superhelden-Figuren waren Juden.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ja, außer William Moulton Marston hatten unter den ersten Schöpfer:innen der Superheld:innen praktisch alle einen jüdischen Hintergrund. Das hat wohl verschiedene, auch sozio-ökonomische Gründe. Es war für Jüd:innen schwer, in den akzeptierten Bereichen des Journalismus und der Literatur Fuß zu fassen. Jüdische Menschen, die künstlerisch etwas erreichen wollten, hatten nur im Bereich der Unterhaltung oder des sogenannten ‚Trash‘ eine Chance, weil ihnen alles andere verschlossen war; damit hängt auch die jüdische Prägung der Filmindustrie von Hollywood zusammen. Das Genre der Superheldencomics ist kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden. Die Autoren (hier tatsächlich nur Männer) waren zumeist die Kinder osteuropäischer Einwandererfamilien, die alle verstanden, was sich durch den Nationalsozialismus in Europa zusammenbraute, und die teilweise um Familienmitglieder fürchteten. In solchen Zusammenhängen gibt es natürlich eine Sehnsucht nach Beschützerfiguren, die Recht und Ordnung sichern, nach einer Art Messiasfiguren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Jüdischen Allgemeinen gab es mal einen wunderbaren Text im Religionsteil mit der Frage, ob der Messias auch eine Frau sein könnte. Als Bild hatte die Redaktion Gal Gadot als Wonder Woman gewählt. <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/superheldin-made-in-israel/">Gal Gadot</a> ist ohnehin in den jüdischen Communities und erst recht in Israel sehr populär, nicht zuletzt auch weil sie gerne ihre Zeit als Soldatin hervorhebt.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ausgerechnet! Sie ist ja die einzige bis heute populäre Ausnahme aus dem Golden Age, denn Wonder Woman wurde eben nicht von einem jüdischen Creator erfunden. </em></p>
<p><em>Superman hingegen ist wirklich eine Art Messias-Figur; in seiner Geschichte gibt es Parallelen zur Bibel. Seine Eltern legen ihn wegen der Bedrohung des Planeten in ein kleines Raumschiff, das sie auf einen langen Weg durchs Weltall schicken. Das ist eine Variation der Moses-Geschichte. Sein kryptonitischer Name ist Kal-El, hebräisch „Stimme Gottes“. In Interviews haben sich allerdings viele der Autor:innen und Zeichner:innen des Golden Age dagegen gewehrt, dass sie bewusst jüdische Kontexte thematisiert hätten. Vielleicht war auch manches unbewusst. Da kommen wohl sozio-ökonomische Kontexte mit einer Mentalitätsgeschichte zusammen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Wie sieht es mit explizit jüdischen Figuren aus?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Jüdische Identität wurde in den Anfangszeiten des Superhelden-Genres eben kaum dargestellt. Viele der ersten Superhelden entsprechen mehr oder weniger dem Bild eines weißen ‚Idealamerikaners‘, allen voran Captain America. Jüdische Identität im US-Amerika des 20. Jahrhunderts ist ohnehin umkämpft: Zentral für die US-amerikanische Gesellschaft ist die „color line“. Die Bevölkerung wird durch die Geschichte der Sklaverei bis in die Gegenwart in Schwarz und ‚weiß‘ unterschieden. </em></p>
<p><em>Whiteness ist eine privilegierte und vermeintlich unmarkierte Normalität, die default-Position, „American“ steht im Gegensatz zu „African American“, „Mexican American“ oder „Jewish American“. Jüdische Identität bewegt sich immer im Spannungsfeld dieser Fragen – Juden:Jüdinnen gehörten im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht klar zu den Weissen oder den People of Color, die Zuschreibungen waren umstritten. Noch heute stehen sie – eine übrigens in sich sehr vielfältige Gruppe, von den mittel-, nord- und osteuropäisch-stämmigen Aschkenasim über die iberisch geprägten Sephardim bis hin zu den Mizrachim mit ihren Wurzeln im Nahen Osten, in Asien und Afrika – in den Augen gewisser Menschen irgendwo dazwischen, wie sich zum Beispiel an der Rolle zeigt, die ihnen im Rahmen von rassistischen und antisemitischen Verschwörungserzählungen wie dem „Großen Austausch“ („grand remplacement“ oder „Great Reset“) zugeschrieben wird, als Agent:innen einer ‚Unterwanderung‘ der vermeintlich ‚weißen‘ Nationen durch People of Color. </em></p>
<p><em>Es gibt einige Literatur zum Verhältnis jüdischer Identität und Whiteness beziehungsweise Color in US-Amerika (zum Beispiel </em><a href="https://anthro.ucla.edu/person/karen-brodkin/"><em>Karen Brodkin</em></a><em>, How Jews Became White Folks and What That Says About Race in America, 1998, </em><a href="https://afamstudies.yale.edu/people/matthew-jacobson"><em>Matthew Frye Jacobson</em></a><em>, Whiteness of a Different Color. </em><em>European Immigrants and the Alchemy of Race, 1999, </em><a href="https://history.emory.edu/people/bios/faculty-bios/goldstein-eric.html"><em>Eric Goldstein</em></a><em>, The Price of Whiteness – Jews, Race, and American Identity, 2006). </em><em>Goldstein schrieb, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Amerikas habe Weißsein im 19. und 20. Jahrhundert als Wunschbild gegolten, das man in der Hoffnung erreichen wollte, dass Diskriminierung so ende und der soziale Aufstieg beginne: „Jews negotiated their place in a complex racial world where Jewishness, whiteness, and blackness have all made significant claims on them.“ So sind die ‚hyperweißen Cowboys‘ aus den Anfangszeiten des Genres wohl als Versuch zu werten, sich selber quasi ‚weiß‘ zu schreiben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ab wann gibt es nicht mehr nur ‚hyperweiße‘ Figuren auf der Heldenseite?</p>
<div id="attachment_5554" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5554" class="wp-image-5554 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5554" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fantastic_Four_Cosplays.jpg">Fantastic Four Cosplay. Dragon Con 2011</a>. Foto: Greyloch. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en">Attribution-Share Alike 2.0 </a> .</p></div>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Im Silver Age treten Figuren mit anderem Aussehen auf. Ben Grimm kann sich als einziger der Fantastic Four nicht wieder von The Thing in den Menschen Ben Grimm rückverwandeln. Er ähnelt in seiner superheldischen Version der jüdischen Figur des Golem. Len Wein und John Buscema schufen 1974 die Comicfigur „The Golem“, in der sie ausdrücklich jüdische Mythologie verarbeiteten. 1975 erschien ein Comic „Marvel The Two in One presents The Thing and The Golem”; auch wenn Grimm dort weder explizit als jüdisch noch als Golem gezeigt wird, werden die beiden Figuren also miteinander in Beziehung gesetzt. </em><em>The Thing werden folgende Worte in den Mund gelegt: „I’ve been a monster a lot longer than yer pal here, an’ people ain’t yet stopped ta realize that I’m still a man inside this shell – an’ if the Golem here wakes up again, I think he’s gonna find the same thing goes for him!”</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Aber es gibt ja einige ausdrücklich jüdische Figuren. Wir haben Magneto aka Erik Magnus Lehnsherr, und auch bei Ben Grimm aka The Thing aus den Fantastic Four wird das Jüdische immerhin nach 30 oder 40 Jahren ausdrücklich in den Comics behandelt.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Magneto ist eine der ersten explizit jüdischen Figuren. Er erhält seine jüdische Geschichte als Überlebender der Shoah 1981. Diese Geschichte wird als Ursache seiner Radikalisierung dargestellt, sie macht ihn ‚zum Monster‘, das zum Schutz der eigenen Gruppe (hier die X-Men, nicht Juden:Jüdinnen) viele Opfer in Kauf nimmt, eine höchst ambivalente Darstellung jüdischer Identität. Jüdische Themen kommen ansonsten vor 2000 explizit nur selten vor, sie müssen hineingelesen werden. 2018 darf Ben Grimm aka The Thing dann aber unter der Chuppa heiraten und das obligatorische Glas zertreten. In den letzten Jahrzehnten gab es mehr ausdrücklich jüdische Figuren, zum Beispiel Batwoman (Kate Kane), Billy Kaplan oder Kate Pryde. Auch das Teil einer zunehmenden Diversität im Genre – hier ist eine Gruppe und Kultur, die das Genre hinter den Kulissen entscheidend prägte, endlich auch auf den Comicseiten präsent.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2024, Internetzugriffe zuletzt am 2. Dezember 2024. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jerry_Siegel_1943.jpg">Jerry Siegel 1943 während seines Dienstes in der US-Army auf Hawaii</a>, Foto: US Army. Collection of Steve Soboroff &#8211; ein Sammler von Schreibmaschinen. Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>It&#8217;s Imagination!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Jun 2024 04:43:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>It’s Imagination! Die konkrete Utopie der menschlichen KI in Star Trek „Wie Evelyns Reise durch das Multiversum sie dazu zwingt, sich selbst zu hinterfragen, stellt uns generative KI vor die Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein.“ (Miriam Meckel / Léa Steinacker, Alles überall auf einmal, Hamburg, Rowohlt, 2024) Miriam Meckel und Léa Steinacker  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>It’s Imagination! </strong></h1>
<h2><strong>Die konkrete Utopie der menschlichen KI in Star Trek</strong></h2>
<p><em>„Wie Evelyns Reise durch das Multiversum sie dazu zwingt, sich selbst zu hinterfragen, stellt uns generative KI vor die Frage, was es bedeutet, Mensch zu sein.“</em> (Miriam Meckel / Léa Steinacker, Alles überall auf einmal, Hamburg, Rowohlt, 2024)</p>
<p>Miriam Meckel und Léa Steinacker haben eines der kreativsten und unterhaltsamsten Bücher zur Künstlichen Intelligenz geschrieben. Immer wieder beziehen sie sich auf den Film „Everything Everywhere All At Once“. Immer wieder geht es um die Frage der Überwindbarkeit von Dominanzstrukturen, wie sie <a href="https://www.galtung-institut.de/en/">Johan Galtung</a> oder <a href="https://migrations-geschichten.de/dominanzkultur-dominanzgesellschaft/">Birgit Rommelspacher</a> beschrieben hatten. Das ist der Kern der Debatte um die Künstliche Intelligenz: Wer dominiert letztlich wen? Auf die KI bezogen stelle sich daher die Frage nach der <em>„Zukunft der Mensch-Maschine-Kollaboration“</em> und damit die Frage, ob die KI <em>„Co-Pilotin“</em> oder <em>„Pilotin“</em> ist. Das ist die eine Seite.</p>
<p>Die andere Seite ist die Frage nach der Optimierbarkeit des Menschen. In Star Trek gibt es zwei Optionen, Menschen intelligenter, stärker, resilienter zu machen: einerseits Gentechnik und Kybernetik, andererseits die Herstellung menschenähnlicher oder gar menschengleicher Androiden und Hologramme. Eine dritte Option wäre der empathische Computer Zora in „Discovery“, der durchaus als Gegenbild zum ausschließlich an seinen eigenen Interessen orientierten Computer HAL aus Arthur C. Clarkes und Stanley Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ verstanden werden darf. Wie weit mag „Evolution“ – so der Titel einer Episode der Originalserie – gehen? Im Guten wie im Schlechten! <em>„He evolved“</em>, wird Jean-Luc Picard über Data sagen („Nemesis”).</p>
<p>(Vielleicht ein Wort zur Forschungslage: Es gibt fast schon so etwas wie eine Startrekologie, denn Star Trek regt Wissenschaftler:innen, Schriftsteller:innen, Journalist:innen und viele andere Interessierte aus unterschiedlichen Fachrichtungen an, aus Rechtswissenschaft, Literatur- und Filmwissenschaften, Politik- und Sozialwissenschaften, Philosophie, Theologie, natürlich Amerikanistik. Auch hier gilt Spocks Diktum: <em>„Infinite Diversity in Infinite Combinations“</em>, zitiert im Titel der Dissertation von Katja Kanzler. Im Anhang dieses Essays stelle ich einige subjektiv ausgewählte Bücher und Aufsätze vor, die meine Thesen stützen mögen, mich aber vor allem inspiriert haben, mir so manche Episode noch einmal genauer anzuschauen. Sollte ich etwas übersehen habe, wovon ich ausgehe, bin ich für jeden Hinweis dankbar.)</p>
<h3><strong>Star Trek ist ein humanistisches Projekt</strong></h3>
<p>Star Trek ist attraktiv wie seriell gestaltete Produkte, Fernsehserien oder Comics, es nun einmal sind. Wir kennen die handelnden Personen, begleiten sie über Jahre oder gar Jahrzehnte. Es gibt wiedererkennbare Räume, bei Star Trek die Brücke und die Krankenstation (Sick Bay), die Holodecks, die der Erholung und Probeläufen für innovative Ideen dienen, sowie die Messen und Kantinen, die wie zum Beispiel Ten Forward in „The Next Generation“ (mit einer Wiederaufnahme in „Picard“) als Ruhepol fungieren, an dem sich – so ließe sich mit einer Formulierung von Italo Calvino sagen – <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/italo-calvino-das-schloss-darin-sich-schicksale-kreuzen-9783596905386"><em>„Schicksale kreuzen</em>“</a>.</p>
<div id="attachment_4892" style="width: 299px" class="wp-caption alignright"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gene_roddenberry_1976.jpgoddenberry_1976.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4892" class="wp-image-4892 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-289x300.jpg" alt="" width="289" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-66x69.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-177x184.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-200x208.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-289x300.jpg 289w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-300x312.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-320x333.jpg 320w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-400x416.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-460x478.jpg 460w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-540x561.jpg 540w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976-600x623.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/06/Roddenberry_1976.jpg 640w" sizes="(max-width: 289px) 100vw, 289px" /></a><p id="caption-attachment-4892" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gene_Roddenberry,_1976_(by_Larry_D._Moore).jpg">Gene Roddenberry 1976</a> bei einer Veranstaltung an der University of Texas in Austin. Foto: Larry D. Moore, Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 4.0</a>.</p></div>
<p>Star Trek ist keine Space Opera. Unsere Galaxie mit den vier Quadranten ist nur der Schauplatz. Star Trek ist ein politisches Projekt. So war es von seinem Erfinder Gene Roddenberry durchaus gedacht. Sein Star Trek ist ein durchweg humanistisches Projekt. Seine Einstellungen könnte man heute als linksliberal bezeichnen. Star Trek entstand in der Welt der Bürgerrechtsbewegungen der 1960er Jahre, im Kalten Krieg, während des Vietnamkriegs und nahm immer wieder aktuelle politische Entwicklungen auf. Gut und Böse sind nicht immer eindeutig voneinander getrennt, oft vermischen sie sich. Reiche des Bösen zeigen in der Originalserie, in „The Next Generation“, „Deep Space Nine“, „Enterprise“ die Episoden, die im Paralleluniversum spielen. Bei „Discovery“ vermischen sich die Universen der Föderation und des terranischen Imperiums mit Captain Gabriel Lorca in der ersten Staffel, der sich als Agent des Paralleluniversums entpuppt und der Imperatorin des Paralleluniversums, (wie Evelyn Wang gespielt von Michelle Yeoh), die im Universum der Föderation stecken bleibt und dort Captain <a href="https://www.youtube.com/watch?v=YE-ibs_EQJM">Philippa Georgiou</a> ersetzt. Gelegentlich gibt es auch die ein oder andere Zeitreise in ein Reich des Bösen, beispielsweise in der zweiten Staffel von „Picard“.</p>
<p>Star Trek kennt keine strahlenden Held:innen, die einfach nur irgendein Böses besiegen, in Star Trek spielen die Unzulänglichkeiten der handelnden Personen immer wieder eine zentrale Rolle. Das gilt auch für die Künstlichen Intelligenzen, die wenn sie Böses tun, nur das tun, was in sie hineinprogrammiert wurde, so beispielsweise Control in der zweiten Staffel von „Discovery“ oder eine von Torres gebaute Rakete in „Voyager“, die sie nur unter großen Mühen zu stoppen vermag („Dreadnought“).</p>
<p>Selbst in einer Massenvernichtungswaffe könnte ein guter Kern zu finden sein. Der holographische Doctor der Voyager identifiziert eine solche als künstliche Lebensform und möchte sie retten – <em>„it’s a sentient being“</em> –, was ihm nicht gelingt („Warhead“). Ähnlich verführen lässt sich Torres im Kampf zweier Roboter-Spezies, die ihre Hersteller, einfach <em>„Builders“ </em>genannt, aus dem Wege geräumt hatten, um den in sie hinein programmmierten Krieg fortzuführen. Torres will einem Roboter helfen, damit seine Gruppe sich mit einem zusätzlichen Modul vermehren kann, muss aber erkennen, dass sie ausgenutzt wird. Sie zerstört den von ihr geschaffenen Prototyp („Prototype“).</p>
<p>Die bösen Künstlichen Intelligenzen sind auf Genozid programmiert. Sie sehen aber auch nicht aus wie Menschen, anders ist dies mit dem Clon Picards in „Nemesis“ und den „Sphere Builders“ in Enterprise. Letztlich lautet die Botschaft, dass die <a href="http://www.roboterwelt.de/magazin/die-robotergesetze-von-isaac-asimov/">Roboter-Gesetze</a>, die Isaac Asimov im Jahr 1942 formulierte, von Künstlichen Intelligenzen ausgehebelt werden können, vor allem dann, wenn Menschen unangemessene Gefühle für diese Kreaturen entwickeln.</p>
<p>Data und der holographische Doctor verdienen die Zuneigung der Menschen jedoch, weil sie von ihren <em>„ethischen Subroutinen“</em> geleitet werden. Als aber der Captain der Equinox den Doctor entführt und ihm diese Subroutinen nimmt, vermag der Doctor auch unethisch zu handeln und wird erst wieder ethisch gut, nachdem Torres den Schaden behoben hat („Equinox I und II“). Ähnlich ergeht es Data, als Lore ihn mit einem Emotionschip steuert („Descent I und II“) oder als die Borg Queen ihn zu verführen versucht, indem sie ihm ein Stück menschliche Haut implantiert, sodass er Schmerz empfinden kann („The First Contact“).</p>
<h3><strong>Gentechnische Versuchungen </strong></h3>
<p>Gentechnische Verbesserungen sind Gegenstand von Star Trek seit der Originalserie. Der Prototyp ist <a href="https://www.youtube.com/watch?v=29bQrNPbGYI">Khan Noonien Singh</a>, der in „Space Seed“ das erste Mal auftaucht, <em>„a superman in a sense“</em> – so Kirk – <em>„a ruthless dictator“</em> – so Spock. <em>„We can be against him and admire him, all at the same time“</em>, sagt Kirk. Spock antwortet: <em>„Illogical“</em>. Khan ist auch die Hauptfigur des zweiten Films mit der Besetzung der Originalserie „The Wrath of Khan“ und des zweiten Films der alternativen Kelvin-Zeitlinie, die im Jahr 2387 durch den Ausbruch einer Supernova entsteht, mit dem Titel „Star Trek Into Darkness“ (dort grandios gespielt von Benedict Cumberbatch).</p>
<p>Seit den Eugenischen Kriegen in den 1990er Jahren sind gentechnische Veränderungen des Menschen in der Föderation verboten. Im späteren Star Trek gibt es Aufweichungen dieser harten Linie. Julian Bashir, der Arzt von Deep Space Nine, wurde von seinen Eltern gentechnisch optimiert, damit ihn seine Kamerad:innen nicht mehr hänselten. Als dies auffliegt, müsste er eigentlich aus dem Dienst entlassen werden, doch sein Vater nimmt eine Gefängnisstrafe auf sich, um seinem Sohn die weitere Karriere zu ermöglichen („Doctor Bashir, I presume?“). Una Chin-Riley, erste Offizierin der Enterprise unter Captain Christopher Pike in „Strange New Worlds“, ist Illyrianerin und gentechnisch optimiert, um auf ihrem Heimatplaneten überhaupt überleben zu können. Sie wird verhaftet, aber dank einer (nicht ohne Grund!) Schwarzen Anwältin freigesprochen („Ad Astra Per Aspera“).</p>
<p>Wollen wir jedoch wissen, wie gefährlich genetische Manipulationen sind, müssen wir in eine Zeit zurück, die etwa 70 Jahre vor der Mission der Enterprise der Originalserie liegt, die Zeit der „Enterprise“ unter Captain Archer, die in (leider nur) vier Staffeln in den Jahren 2001 bis 2005 gezeigt wurde. Gentechnische Manipulation ist Thema von drei Episoden der vierten Staffel von „Enterprise“ („Borderland“, „Cold Station 12“ und „The Augments“). Die <em>„Augments“</em>, junge gentechnisch optimierte Menschen, alle jung, mit großen Körperkräften ausgestattet, technisch höchst versiert, streben zwar nicht wie Khan nach der Weltherrschaft, wollen aber ihr eigenes Überleben mit aller Gewalt durchsetzen.</p>
<p>Schöpfer der <em>„Augments“</em> ist <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ZoXsj02pbwA">Dr. Arik Soong</a>, ein Vorfahr von Dr. Noonien Soong, dem Schöpfer von Data (in „The Next Generation“). Dr. Arik Soong ist inhaftiert, weil gentechnische Veränderungen des Menschen seit den Eugenischen Kriegen der 1990er Jahre verboten sind. Er wird jedoch auf die Enterprise geschickt, um die <em>„Augments“</em> zur Vernunft zu bringen. Diese entführen ihn, zunächst unterstützt er sie, doch dann kehrt er wieder zur Enterprise zurück, weil er merkt, welche Pläne seine Geschöpfe wirklich haben. Die <em>„Augments“</em> werden besiegt, auch weil sie sich untereinander zerstreiten und gegenseitig töten, Arik Soong kehrt in sein Gefängnis zurück und spricht den entscheidenden Satz: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=s4tg_EVgRTs">Wenn es mit der gentechnischen Veränderung nicht geklappt hat, warum sollte es nicht mit einem Androiden klappen</a>? Archer bittet ihn, dies zum Wohle der Menschheit zu tun. Soong antwortet: <em>„Don’t count on it.“</em></p>
<h3><strong>Androiden und Hologramme</strong></h3>
<p>Einen solchen Androiden schafft Dr. Noonien Soong mit Data, der auf der Kommandobrücke der Enterprise nach Captain Jean-Luc Picard und dem Ersten Offizier, Number One, William Riker, den dritthöchsten Rang einnimmt. Data hat die Akademie der Sternenflotte absolviert, ist aber eine Künstliche Intelligenz in menschlicher Gestalt, die immer menschlicher werden möchte. Data ist viel mehr als die bekannten Vorformen eines Künstlichen Menschen, der Golem, die Statue des Pygmalion, die Kreatur Frankensteins, die Puppe „Olympia“. Diese enden in unterschiedlicher Art mehr oder weniger tragisch. Nicht jedoch Data.</p>
<p>Data wird von <a href="https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Brent_Spiner">Brent Spiner</a> gespielt, der von sich sagen darf, dass er vielleicht das breiteste Spektrum von Gefühlen, die gesamte Palette zwischen dem absolut Guten und dem absolut Bösen ausspielen darf und kann und damit vielleicht die menschlichste Rolle im gesamten Star-Trek-Universum. Er spielt Data, dessen missratenen Bruder Lore, den noch unwissenden B4 und alle Generationen des Dr. Soong. Doch ist Data ein Mensch? Wird er zum Menschen? Er versucht es immer wieder. Wir sehen zu Beginn von „The Next Generation“, wie er übt zu pfeifen, mit mäßigem Erfolg. („Encounter at Farpoint“). Er malt in allen denkbaren Stilen, er spielt Geige, versucht sich zu verlieben, eine Tochter zu erschaffen („The Offspring“), besitzt ein Hologramm der bei einem Außeneinsatz ermordeten Tasha Yar. Im Holodeck spielt er Sherlock Holmes und trifft auf Professor Moriarty, der ihn dank der provokativen Programmierung von Geordi La Forge zu besiegen vermag („Elementary, Dear Data“).</p>
<p>In der ersten Staffel der Originalserie gibt es die Utopie oder – wenn man so will – die Dystopie von Menschen, die sich durch Künstliche Intelligenz selbst verbessern und unsterblich machen wollen, so Doctor Roger Kirby („What Are Little Girls Made of?“). Die Krankenschwester <a href="https://www.youtube.com/watch?v=peEECj7pjcM">Christine Chapel möchte ihren Verlobten besuchen</a>, muss jedoch feststellen, dass der Doctor Kirby, den sie trifft, ein Android ist, der alle Eigenschaften seines lebenden Vorbilds in sich vereint. Das Thema findet sich auch in der dritten Staffel der Originalserie in der Begegnung mit Flint, der sich mit Rayna Kapec die ideale Partnerin schaffen will, dies bereits 15mal versucht hat. Die 16. Rayna verliebt sich in Kirk – nicht ohne dessen Zutun –, entdeckt ihre Individualität, stirbt. Auch der etwa 6.000 Jahre alte Flint stirbt („Requiem for Methuselah“). Aber immer ist Perfektion mit einem autoritären und repressiven politischen System verbunden, gleichviel aus wie vielen Personen dieses System bestehen mag, im Falle von Flint aus lediglich zwei Personen. Die herrschenden Figuren entsprechen im Grunde dem Modell des Mad Scientist, der sich auch in den verschiedenen <a href="https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Soong_family">Generationen der Familie Soong</a> durchzieht.</p>
<p>Der Schöpfer des genialen holographischen Doctor der Voyager, <a href="https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Lewis_Zimmerman">Lewis Zimmerman</a>, ist kein Mad Scientist, sondern ein skurriler Charakter, dessen gewöhnungsbedürftige <em>„bedside manners“</em> auch sein Produkt zunächst an den Tag legt. Der Doctor verkörpert die Summe des kompletten medizinischen Wissens des Quadranten. Und da die Summe immer mehr ist als ihre Teile, ist er natürlich auch der Beste. Er optimiert sich selbst, singt Opern, erschafft sich (vorübergehend) eine (holographische) Familie, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=uRsZqRskx38">versucht sich in Tagträumen</a>, die eine andere Spezies für real hält („Tinker, Tenor, Doctor, Spy“). Er entwickelt Empathie und schafft es, zu seinem Schöpfer zurückgeschickt zu werden, um diesen zu heilen, was ihm auch gelingt, obwohl dieser erst einmal zu seinem Glück überlistet werden muss („Life Line“).</p>
<p>Der Doctor unterscheidet sich von seinen menschlichen Kolleg:innen durch seine Selbstoptimierung, die er mit höchster Arroganz – getreu dem Vorbild seines Schöpfers – auslebt, und fungiert mitunter auch als komödiantisches Element, das das mitunter nicht recht gesellschaftsfähige Verhalten Hochbegabter persifliert. Einmal versucht er beispielsweise zu erleben, wie esist,  krank zu sein. Er programmiert sich einen Schnupfen, wundert sich aber, dass der nicht aufhört. Die Ingenieurin B’Elanna Torres hatte ihn noch ein wenig umprogrammiert, damit er merkt, was es heißt, etwas nicht unter Kontrolle zu haben („Tattoo“).</p>
<p>Eine weitere holographische Figur, die über übermenschliche Fähigkeiten verfügt, ist <a href="https://www.youtube.com/watch?v=q0fI6SR6Qow">Vic Fontaine</a>, allerdings auf den Feldern der Musik und der Lebensberatung. Vic Fontaine hat eine Bar, singt etwa wie Frank Sinatra, den er natürlich persönlich gut kennt, und gibt allen Crew-Mitgliedern, oft bevor die überhaupt merken, was geschieht, die entscheidenden Hinweise, ihr Leben zu ihrem Besten neu zu sortieren, sodass beispielsweise Odo und Major Kira ihre Liebe zueinander erkennen und offenbaren („His Way“). Vic Fontaine kann allerdings das Holodeck nicht verlassen, was dem Doctor jedoch seit Erwerb eines mobilen Emitters aus dem 29. Jahrhundert gelingt („Future’s End“).</p>
<h3><strong>Die Borg – nicht nur transhumanistisch</strong></h3>
<p>Die Borg sind die kybernetische Variante der Optimierung des Menschen, Modell einer Spezies, die ihre biologischen Grundlagen technologisch optimiert. Mit dieser Spezies thematisiert Star Trek transhumanistische Versuchungen. Die Borg erfüllen fast alle Kriterien einer transhumanen Spezies, aber sie haben dennoch alle die Chance, die kollektive Identität, den <em>„Hive“</em>, zu verlassen, was einigen auch gelingt: Seven of Nine und Icheb in „Voyager“, und „Hugh“ in „The Next Generation“ („I Borg“ und „Descent II“), die sich im Zwiespalt zwischen der Menschenwelt und der Borgwelt pro-humanistisch entscheiden. Ein Highlight der in den Borg schlummernden Humanität ist die „Unimatrix Zero“ (in: „Voyager“), eine Traumwelt, in der ein kleiner Teil der Borg während der Regenerationsphasen die ehemalige humanoide Gestalt und die alten Gefühle wiedererlangt, in einer Welt, die sich real anfühlt und die sich auch nach ihrer Zerstörung zumindest perspektivisch zu einem Aufstand gegen das <em>„Collective“</em>, den <em>„Hive“</em>, auszuwachsen verspricht.</p>
<p>Die Borg tauchen das erste Mal in „The Next Generation“ auf, als der mit – so könnte man sagen – gottgleichen Fähigkeiten ausgestattete Q die Enterprise mit einem Fingerschnipsen in den Delta-Quadranten versetzt („Q Who“). Es gelingt ihnen für einen kurzen Zeitraum, Captain Jean-Luc Picard zu assimilieren, um so alle Kenntnisse über die Enterprise zu gewinnen („The Best of Both Worlds“). In dem Film „The First Contact“ sehen wir, wie Picard und seine Crew im Kampf gegen die Borg sicherstellen, dass Zefram Cochrane, der Erfinder des Warp-Antriebs, seinen ersten Warp-Flug im Jahr 2063 auch durchführen kann, der die Aufmerksamkeit der Vulkanier weckt und damit mittelfristig die Entstehung der Föderation der Planeten ermöglicht. Und wir sehen in „Voyager“, wie Captain Kathryn Janeway mehrfach mit den Borg kooperiert und diese überlisten kann, um ihre Crew aus dem Delta-Quadranten wieder nach Hause zu bringen, zum Beispiel in „Scorpion“, der Episode, in der Seven of Nine ihren ersten Auftritt erhält, sowie natürlich in „Endgame“.</p>
<p>Die Borg sind der Hauptgegner, so scheint es, aber sie sind nicht die einzigen. Im neuesten Franchise „Strange New Worlds“, das einige Jahre vor der Originalserie spielt, spielen die Gorn die Rolle des schlimmsten Bösewichts, eine Spezies, die in der Originalserie noch recht putzig wie ein zweibeiniges Reptil aussah und deren Anführer von Captain Kirk besiegt werden konnte, die jedoch in „Strange New Worlds“ mit einem völlig veränderten Aussehen nach Art von mittelalterlichen Höllenhunden die Menschheit bedrohen. Wir sind hier wieder bei einer Entmenschlichung des Gegners angelangt. Entmenschlicht werden die Borg nicht. Aber die Borg sind die einzige Spezies, die sich durch kybernetische Technik optimiert und ihre Fähigkeiten durch Assimilation anderer Spezies weiterentwickelt. Gelegentlich ist auch die Rede davon, dass es die ein oder andere Spezies gibt, die zu assimilieren sich nicht lohnt. Wenn die Borg eine Spezies assimilieren, sprechen sie im Chor, dass die Fähigkeiten der assimilierten Spezies den schon bei den Borg vorhandenen hinzugefügt werden, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=AyenRCJ_4Ww"><em>„resistance is futile“</em></a>.</p>
<p>Nicht unbedingt. Janeway glaubt an Seven of Nine. Sie ermutigt sie immer wieder, ihre Individualität auszulegen. Ebenso wie Seven wird Hugh (seine Borg-Designation ist „Three of Five“) das Kollektiv verlassen. Die Crew findet ihn zufällig schwer verletzt auf einem Mond. Die anderen Borg sind tot. Beverly Crusher überzeugt Picard, die Drohne auf die Enterprise zu holen. Picard stimmt zu, hat jedoch zunächst andere Pläne. Er will die Drohne mit einem Virus infizieren, das in der Lage wäre, das gesamte Kollektiv zu zerstören. Das wäre Genozid! Er verteidigt seine Haltung gegenüber Beverle und Geordi, die eine persönliche Beziehung zu Hugh – den Namen verdankt er Geordi, eine Fast-Homophonie zu <em>„you“</em> – aufbauen: <em>„It is not a person, it is a Borg (…). It is what it is.“</em> Doch er ändert nach langen Debatten seine Meinung, nicht zuletzt, weil er erlebt, wie Hugh von der ersten Person Plural zur ersten Person Singular wechselt. Picard erkennt, dass der ursprüngliche Plan, die Borg zu zerstören, die Menschen nicht besser dastehen ließe als die Borg, und er formuliert die politische Utopie, man könne Hugh mit dem Wissen um seine Individualität zurückschicken, <em>„the knowledge of self being spread throughout the collective“. </em>Als Picard Hugh Jahrzehnte später als Direktor des „Borg Reclamation Project“ wiedertrifft, sagt er: <em>„they’re victims not monsters</em>“. Hugh bestätigt Picard indirekt, indem er sarkastisch erwidert, die Queen der Borg sei jetzt romulanisch („The Impossible Box“).</p>
<h3><strong>Wann ist die KI ein Mensch?</strong></h3>
<p>Ein wichtiges Element der Debatte um die Künstliche Intelligenz ist der 1950 entwickelte <a href="https://www.ionos.de/digitalguide/online-marketing/web-analyse/turing-test/">Turing-Test</a>. Kann man hinter einem Vorhang erkennen, ob ein Mensch oder eine Maschine spricht? Das <a href="https://www.philoclopedia.de/was-ist-der-mensch/transhumanismus/chinesisches-zimmer/">Chinesische Zimmer</a>, das John Searle 1980 beschrieb, ist ein Gedankenexperiment, das zeigte, dass es für eine KI nicht ausreicht, den Turing-Test zu bestehen, sondern dass es für die außenstehenden Betrachter:innen einfach nur so wirken kann, dass die KI intelligent ist und Bewusstsein hat. Dabei imitiert sie vielleicht nur und befolgt Regeln – wie es jemand tut, der in Mandarin notierte Zeichen mit Hilfe eines Wörterbuches imitiert, aber gar nicht versteht. Interessant wird hier ein für die Dramaturgie vieler Episoden unverzichtbares Instrument, der Universalübersetzer, mit dem alle Spezies – mit wenigen Ausnahmen („Darmok“) – miteinander kommunizieren können.</p>
<p>Ob Außenstehende Mensch und Maschine voneinander unterscheiden können, ist eine komplexe Frage, die sich letztlich nicht beantworten lässt. Im Falle des holographischen Doctor ist die Antwort einfach, wenn die Technik ausfällt. Einmal verkleinert er sich unaufhörlich („Parallax“), des Öfteren flackert die Matrix, aber das lässt sich immer wieder reparieren. Ähnliches gibt es gelegentlich bei Data.</p>
<p>Im äußeren Erscheinungsbild ist der Doctor eindeutig menschlich. Bei Data lässt seine Maske zweifeln, wie menschlich er wirklich ist. Seine Gesichtsfarbe, die Augen haben künstliche Züge, doch ließe sich dies auch von einer Drag-Queen, einem Drag-King oder Rock-Ikonen wie Alice Cooper oder KISS sagen oder eben einfach dem ein oder anderen Alien. Wüssten wir nicht, dass Data ein Android ist, würden wir seine äußere Erscheinung vielleicht nur für exzentrisch halten. Es ist eine Frage unserer Sehgewohnheiten. In „The Next Generation“ gibt es allerdings eine Episode, in der die Frage der Erkennbarkeit einer Maschine als Maschine auf die Spitze getrieben wird. Es handelt sich um die zehnte Episode der siebten und letzten Staffel: „Inheritance“.</p>
<p>Data trifft Dr. Tainer, die sich ihm als Juliana Soong, geborene O’Donnell, zu erkennen gibt. Sie behauptet, sie wäre seine Mutter, die Ehefrau des verstorbenen Dr. Noonien Soong, weiß einiges über Datas erste Schritte, er habe mit seinen motorischen Fähigkeiten Probleme gehabt, auch Höflichkeit habe er lernen müssen und man habe ihn überzeugen müssen, Kleidung zu tragen, als er meinte, er bräuchte keine, da er doch weder Hitze noch Kälte empfände. Juliana erzählt, man habe ihn zurückgelassen, weil es nur zwei Plätze in der Kapsel gegeben habe, und deaktiviert. Etwas später erzählt sie ihm, es habe diesen Platz gegeben, aber sie habe Angst gehabt, Data könnte sich wie sein Bruder Lore entwickeln, der wegen seines Emotionschips schlichtweg <em>„evil“</em> gewesen sei. Es sei ihr schon schwergefallen, Lore zu demontieren, ebenso schwer aber, ihn, Data, zu deaktivieren. Data fragt sie, ob sie ihn auch zurückgelassen hätte, wenn er ein biologisches Wesen gewesen wäre: <em>„Is that because you place more value on biological life than artifical life?“</em> Sie sagt, natürlich nicht, sie habe ihn geliebt, sie habe sogar Lore geliebt, sie reagiert sehr emotional, sie weint, nicht nur in dieser Szene. Data entwickelt Familiengefühle, zeigt Juliana ein Bild seiner Tochter Lal, die leider nur kurz gelebt hat. Sie spielen miteinander Violine und Viola. Data kommentiert dies in seiner hypersachlichen Art: <em>„The acoustics in Ten Forward are most favourable.“</em></p>
<p>Data ahnt jedoch, dass etwas nicht stimmt. Und in der Tat: Data und Juliana befinden sich in einer Höhle, die zu kollabieren droht. Sie springen von einem Felsen herunter und Juliana verletzt sich schwer. Sie entpuppt sich als Android. Wir sehen die Schiffsärztin Beverly Crusher und den Schiffsingenieur Geordi La Forge – man beachte die Zusammensetzung des Teams –, die feststellen, dass Juliana einen Prozessor hat, der ein falsches Biosignal aussendet. Sie hat Tränensäcke, Schweißdrüsen, Venen und Haarfollikel unter der Haut, altert sogar. Ferner finden sie ein <em>„holographic interface“</em>. Juliana erwacht, sie weiß nicht, was geschehen ist.</p>
<p>Data aktiviert das Interface und steht seinem Vater Dr. Noonien Singh gegenüber, der ihm erklärt, er habe Juliana nach dem Vorbild der von ihm über alles geliebten und verstorbenen Ehefrau Juliana O’Donnell geschaffen, dies sei <u>nach</u> der Erschaffung Datas geschehen, er habe ihr sogar Julianas Erinnerungen einprogrammieren können, sie sei jetzt Juliana Soong.</p>
<p>Es folgt eine Debatte um die ethischen Konsequenzen. Data sagt, er habe ohnehin schon einen Verdacht gehabt, ihr Blinzeln, aber vor allem, dass sie das Musikstück exakt genauso in der öffentlichen Vorführung gespielt habe wie in der Probe. Aber soll Data ihr eröffnen, dass sie ein Android ist? An der Debatte nehmen Captain Picard sowie die Ärztin Beverly Crusher und die Psychologin Deanna Troi teil. Auf der einen Seite argumentieren sie, Juliana würde ohnehin eines Tages die Wahrheit erfahren, da wäre es besser, sie erführe sie von Data. Data hält dagegen, er sei, wenn er es Juliana sage, nicht mehr allein, aber er habe kein Recht, sein eigenes Interesse zu verfolgen. Er sagt Juliana nichts von ihrer wahren Identität, aber er erzählt ihr, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rV3z4IFzaMs">dass sie die große Liebe ihres Mannes war</a>.</p>
<h3><strong>Ein totalitäres Experiment scheitert an der Menschlichkeit </strong></h3>
<p>Noch komplexer wird die Frage in „Descent“, einem Zweiteiler am Ende der sechsten und zu Beginn der siebten Staffel von „The Next Generation“, präsentiert. Auf einem Planeten hat Datas Bruder Lore eine Gruppe von Borg um sich geschart. Er verfügt über den Emotionschip, den Data eben nicht hat, vermag aber mit diesem auch Datas Emotionen zu steuern. Picard, Troi und La Forge sind Lore in die Hände gefallen, Data erklärt ihnen <em>„The sons of Soong have joined together und together we will destroy the federation.”</em> Lore erklärt, er habe seine wahre Berufung gefunden und<a href="https://www.youtube.com/watch?v=5yuJYJe-HXQ"> <em>„how the Borg found something to believe in“</em></a>. Sie wären keine schweigenden Automaten mehr, sondern <em>„passionate“</em>. Data sagt wiederum, alles, was er vorher erlebt und getan habe, wäre für ihn nun <em>„an evolutionary step in the wrong direction“</em>. Mehr noch: <em>„the greater good must be served. (…) I am not your puppet anymore.” </em>Er erhält von Lore den Auftrag, an La Forge ein Verfahren zu testen, das bei den getesteten Borg regelmäßig bleibenden Hirnschaden verursacht hat.</p>
<p>Riker und Worf versuchen, ihre Kolleg:innen zu finden und stoßen auf eine Gruppe von Borg, die sich von Lore losgesagt hat und zu denen Hugh gehört. Der erklärende Monolog von Hugh rührt an die Grundsätze der Optimierung humanoider Spezies über welche Veränderung auch immer. Hugh erinnert zunächst an seine kurze Zeit auf der Enterprise. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=KdWeyXL019s"><em>„You gave me a sense of individuality</em></a><em>, changed me and sent me back to the collective. (…) You made it possible to Lore to dominate us. (…) Before my experience on the Enterprise the Borg were a single-minded collective. The voices in our heads were smooth and flowing, but after I returned those voices began to change. They became uneven, discordant. For the first time, individual Borg had different ideas about how to proceed. We couldn’t function. Some Borg fought each other. Others simply shut themselves down. Many starved to death.” </em>Riker gibt das Stichwort: <em>„And then Lore came along.” </em>Hugh erklärt, wie gut es gewesen wäre, endlich eine Stimme zu hören, die die Verwirrung beenden konnte. <em>„That‘s what we wanted. Someone to show us the way out of the confusion. Lore promised clarity and purpose. At the beginning, he seemed like a savior. The promise of becoming a superior race – of becoming fully artificial – was compelling.” </em>Aber Lore habe keine Idee gehabt, wie er sein Versprechen halten sollte, und habe daher die Notwendigkeit propagiert, <em>„to make sacrifices“. </em>Hugh zeigt Riker und Worf das Ergebnis, zwei hirngeschädigte Borg. Und er fragt nach Geordi La Forge, den er seinen Freund nennt.</p>
<p>Besser kann man meines Erachtens die Verführung durch einen autoritären Demagogen sowie die Verführbarkeit von Menschen, sich auf eine totalitäre Zukunft einzulassen, nicht beschreiben. Einschließlich des Scheiterns, das zu zwei Borg-Gruppen führt, eine, die für, eine die gegen den Diktator Lore handelt. Im Folgenden gelingt es Picard und Troi, eine Wache zu überwältigen, mit Hilfe von La Forge einen Impuls auszusenden, der Datas ethisches Programm triggert, sodass dieser langsam wieder der Data wird, den wir von der Brücke der Enterprise kennen. Lore will ihn zwingen, Picard zu töten, was er nicht tut, er versucht nun Data zu töten, doch Hugh geht dazwischen, Lore flieht, Data verfolgt ihn und setzt ihn außer Gefecht. Lores letzte Worte: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=SEoDYTnqGZQ"><em>„I love you brother.“</em></a> Auf die Frage von Picard, warum er eingegriffen habe, antwortet Hugh: <em>„Perhaps my encounter with the Enterprise affected me more than I realized.” </em>Und für die Zukunft hofft er: <em>„Perhaps in time we will learn to function as Individuals and work together as a group.”</em></p>
<p>Eine moralisierende Botschaft beschließt wie so oft auch diese Episode von Star Trek. Data legt den Emotionschip in ein Kästchen, La Forge überzeugt ihn, dass es vielleicht eine Zeit geben werde, zu der Data wisse, wie man mit Emotionen umgehen könne. Geordi La Forge: <em>„It’s human nature to love what we don’t have.” </em>Nicht mehr und nicht weniger beschreibt dieser Satz den menschlichen Hang sich wie auch immer zu optimieren, eben auch mit Künstlicher Intelligenz, aber letztlich – und das ist die Botschaft von Star Trek – wird das Menschliche siegen.</p>
<h3><strong>Die andere Seite</strong></h3>
<p>Die andere Seite ist die Anerkennung der Menschenrechte Künstlicher Intelligenzen, ein Thema, das in „Voyager“ eine Rolle spielt, als der Doctor die Urheberrechte seines Holo-Romans bei seinem Verleger einklagt („Author, Author“), und in „The Next Generation“, dort mit dem Ergebnis, dass Data nicht zu wissenschaftlichen Zwecken demontiert und im Detail analysiert wird („The Measure of a Man“). Menschenrechte für Künstliche Intelligenzen? Dies ist auch Thema der gesamten ersten Staffel von „Picard“, mit einer noch einmal ganz anderen Wende. Die Androiden, hier <em>„Synths“</em> genannt, werden nach einem etwa 14 Jahre zurückliegenden Vorfall von der Föderation und den Romulanern geächtet und verfolgt. Sie haben sich auf Ghulion IV zurückgezogen, den die Romulaner zerstören wollen. Picard setzt sich für, sie gegen die Föderation, gegen die Romulaner, ein, erlebt grausame Experimente, bei denen Seven of Nine, inzwischen autonomer Ranger, Icheb auf dessen Bitten tötet, um ihn von seinem Leiden zu erlösen („Stardust City Rag“). Anlass zu Picards piratenartigem Comeback ist der Mord an Datas Tochter Dahj. Teil der Crew, die Picard zusammenstellt, wird ihre Zwillingsschwester Soji. Picard erkennt Dajh und Soji als Datas Töchter anhand eines von Data gemalten Bildes mit dem Titel „Daughter“.</p>
<p>Auf Ghulion IV, den die <em>„Synths“</em> <em>„Coppelius“</em> nennen (vielleicht eine Reminiszenz an E.T.A. Hoffmann) setzen die Androiden Picard fest, Soji verbündet sich mit ihnen, weil ihre Angst vor den <em>„Organics“</em> größer ist als ihre Zuneigung zu Picard und seiner Crew. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=nAV59rAB7yY">Es entspinnt sich folgender Dialog</a>: Soji: <em>„You choose if we live. You choose if we die. You choose. We have no choice. You organics have never given us one.”</em> Picard:<em> „To say you have no choice is a failure of imagination. Please, don’t let the Romulans turn you into the monsters they fear.”</em> Auf Coppelius lebt auch Altan Inigo Soong, der sich für den Fall seines Todes einen synthetischen Körper geschaffen hat, in den sein Gehirn implantiert werden soll. Aber als Picard stirbt, verwendet Soong diesen <em>„golem“</em>, um Picard zu retten. Picard lebt von nun an – so ließe sich sagen – als Künstlicher Körper mit Menschlicher Intelligenz. Das physische Gehirn und das Bewusstsein mit all seinen Erinnerungen sind zwei völlig verschiedene Dinge, sodass sich der Gedanke eines Verständnisses des Bewusstseins als Seele geradezu aufdrängt. Soji verlässt den Planeten mit der Crew von Picard („Et in Arcadia Ego II”).</p>
<p>Die <em>„Organics“</em> und die <em>„Synths“</em> können einander anerkennen, sie können miteinander leben. Dies wird noch einmal deutlich, als der gestorbene Picard, der noch nicht weiß, dass er einen neuen Körper hat, in einer Quantum-Simulation Data trifft, der eigentlich auch tot sein müsste, weil er sich für Picard geopfert hatte („Nemesis“). Picard: <em>„I never told you“</em> – Data: <em>„that you love me“</em>. Und Data fährt fort: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Ik8i-Ev__s4">„<em>Mortality gives meaning to human life, peace, love, friendship. These are precious because we know they cannot endure.”</em></a> Aufgenommen wird hier das Motiv von Juliana Tainer. Sterblichkeit macht Menschen zu Menschen, macht eine Person, ungeachtet ihres organischen oder nicht organischen Körpers, zu einer Persönlichkeit, einem Individuum mit allen Rechten, nicht zuletzt aufgrund ihrer Opferbereitschaft und ihrer Fähigkeit, in Alternativen zu denken. Data opferte sich für Picard (in „Nemesis“), Picard opferte sein Leben für Soji und die Synths. Auch Data wird wieder leben, wie Picard.</p>
<p>Traum wird Wirklichkeit, der Schluss von „Et in Arcadia Ego“ ähnelt einem Märchen, mit der Musik von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=OMcH7rDzvhk">„Blue Skies“</a> und letztlich dem Fazit Picards: <em>„We are such stuff as dreams are made off.“ </em>Star Trek als konkrete Utopie!</p>
<p>Wie gesagt: Star Trek ist durch und durch ein humanistisches Projekt. Es geht eben nicht nur um trockene <em>„Mensch-Maschine-Kollaboration“</em>, sondern darum, <em>„was es bedeutet, Mensch zu sein“</em>. Menschlich sind Individualismus, Altruismus, Fehlerfreundlichkeit gegenüber sich selbst und anderen. Menschlich ist Empathie, menschlich ist Einbildungskraft, <em>„imagination“</em>. Nicht ohne Grund spielt Diplomatie immer eine wichtige Rolle, bei Captain Janeway, die sogar die Borg Queen zu überzeugen vermag, oder bei Captain Archer, der unter den fünf die Erde mit Vernichtung bedrohenden Unter-Spezies der Xindi eine nach der anderen von dem friedfertigen Charakter der Erde zu überzeugen vermag, bis nur noch die Reptiloiden (wer auch sonst?!) mit höchstem körperlichen Einsatz besiegt werden müssen. Wie Picard sagt: <em>„We have imagination“.</em> Es gibt immer eine Perspektive für Menschlichkeit, auch für Soji, sogar für die Borg. Und Künstliche Intelligenzen können menschlich werden. Nachdem Data sein Leben für das Überleben der Crew geopfert hat, versucht Jean-Luc Picard B4, dem naiven Bruder Datas, zu erklären, was Data ausmachte: <em>„In his quest to be more like us, he helped us to see what it means to be human (…). He evolved.“ </em>Der Film, in dem Picard dies sagt, heißt aus guten Gründen: „Nemesis“. <em> </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<h3><strong>Anhang – zum Weiterlesen:</strong></h3>
<ul>
<li>Grundlegende Fragen erörtert <strong>Aiki Mira</strong> in ihren Romanen und Erzählungen. Aiki trägt das Thema im Namen: Aiki ist zusammengesetzt aus der englischen und der deutschen Abkürzung für AI beziehungsweise KI. Aiki versteht die Poetik der Science Fiction als eine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetik-der-queerness/"><strong>„Poetik der Queerness“</strong></a>, die Denk-, Seh-, Lese- und Hörgewohnheiten durcheinanderwirbelt, vergleichbar mit den Wirbeln, in denen sich <strong>Evelyn Wang</strong> in <strong>„Everything Everywhere All At Once“</strong> zurechtfinden muss. Vielleicht sollten wir Star Trek immer mit diesem Gedanken sehen, ganz im Sinne des von <a href="https://wolfgangmschmitt.de/"><strong>Wolfgang M. Schmitt</strong></a> in seinen Filmanalysen stets zum Schluss variierten Satz von <strong>Andrej Tarkovskij</strong>, damit wir nicht nur Science Fiction schauen, sondern sehen.</li>
</ul>
<ul>
<li>Lesenswert ist <strong>„Code &amp; Vorurteil“</strong> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2023), das eine der vier Herausgeber:innen, <strong>Deborah Schnabel</strong>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kuenstliche-intelligenz-und-politische-bildung/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> ausführlich vorgestellt</a> In diesem Buch geht es um den Bias Künstlicher Intelligenz (KI), das mehr oder weniger systematische Übersehen von Minderheiten oder anders herum formuliert: die Fort- und Festschreibung von Dominanzstrukturen, wie sie <a href="https://www.galtung-institut.de/en/"><strong>Johan Galtung</strong></a> oder <a href="https://migrations-geschichten.de/dominanzkultur-dominanzgesellschaft/"><strong>Birgit Rommelspacher</strong></a> beschrieben haben, ein Thema, das auch in der Science Fiction eine Rolle spielt, nicht zuletzt in Star Trek.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>„Star Trek und die Politik“</strong> – so lautete der Titel der von <strong>Martin (Thoma) Reif</strong> moderierten Reihe der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit, 22 Episoden, die auf dem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5b6_YWdh_Aw&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn">youtube-Kanal der Stiftung</a> zu sehen sind (auch hier lohnt sich Binge-Watching!). In den Episoden diskutierten Wissenschaftler:innen und Fans – in der Regel vereinigten die Gesprächspartner:innen beide Eigenschaften in sich – über politische Botschaften in Star Trek. Themen sind beispielsweise Wissenschaft, Wirtschaft, Liberalismus, Feminismus (zwei Episoden), Rassismus, Religion und vieles mehr. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/star-trek-und-die-politik/">In einem im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> veröffentlichten Gespräch</a> präsentiert Martin Reif Einblicke in das Making Of sowie eine Fülle von Literaturhinweisen (bei der Friedrich Naumann Stiftung gibt es inzwischen auch eine Reihe zu <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Nrsn0QhBRAQ">„Star Wars und die Politik“</a>). <a href="https://speakerinnen.org/de/profiles/jenny-joy-schumann"><strong>Jenny Joy Schumann</strong></a> hielt den Einführungsvortrag zur Episode <a href="https://www.youtube.com/watch?v=o6sVUVXseXE">„Star Trek und die Rechte künstlichen Lebens“</a>, in der sie auf der Grundlage der Unterscheidung zwischen <em>„Spezialintelligenzen“</em> (zum Beispiel google-maps) und <em>„Generalintelligenzen“</em> (mit offener Obergrenze) beziehungsweise zwischen <em>„schwachen“</em> und <em>„starken“</em> KI eine rechtliche Bewertung vorstellte. Ebenso sehenswert die vorangegangene Episode <a href="https://www.youtube.com/watch?v=G2lBSJmhDaQ">„Star Trek und die menschlichen Maschinen“</a> , in der die Frage der Moralfähigkeit von menschlichen Maschinen (auch im Vergleich mit Tieren) thematisiert wurde, unter anderem mit <a href="https://www.luisemueller.com/"><strong>Luise K. Müller</strong></a> und <a href="https://www.thomas-a-herrig.com/"><strong>Thomas A. Herrig</strong></a>. Erörtert wurde auch die Frage, ob <em>„Moral“</em> überhaupt eine geeignete Kategorie ist, um sich mit menschlichen Maschinen auseinanderzusetzen.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Katja Kanzler</strong> und <strong>Sebastian Stoppe</strong> veröffentlichen demnächst den Sammelband „Gestern – Heute – Morgen, (Selbst-)Historisierung und Zukunftsvisionen“ (Wiesbaden, Springer VS, erscheint im Herbst 2024), darin der Aufsatz von Jenny Joy Schumann „Ethik und Recht der Mensch-KI-Interaktion – Eine Analyse im Spiegel des Star Trek-Universums.“ <strong>Jenny Joy Schumann</strong> analysiert Data, den holographischen Doctor der Voyager und Zora, den Computer in „Discovery“. Sie präsentiert mehrere Fallstudien, den Antagonismus von Data und Lore, das Thema Tod und Erinnerung (unter anderem im Film „Nemesis“ und in der Serie „Picard“), den Doctor als Künstler und die <em>„Sphere“</em>, deren im wahrsten Sinne des Wortes universales Wissen auf den Computer der „Discovery“ übertragen wird („Project Daedalus“ und „Such Sweet Sorrow“). Sie sieht, <em>„wie das Star-Trek-Universum komplexe Fragen der Rechte, Pflichten und ethischen Dilemmata von KI adressiert.“</em> In Data sieht sie <em>„</em>(John) <em>Lockes Ideal, da er ständig nach Selbstbestimmung und Anerkennung seiner individuellen Rechte strebt“</em> (unter anderem in „The Measure of a Man“), in Zora die <em>„Evolution von einer Schiffssteuerungssoftware zu einer KI mit eigenem Bewusstsein und emotionalen Fähigkeiten“</em>, die <em>„fundamentale Fragen zur Autonomie und zum Bewusstsein von KI“.</em></li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Jenny Joy Schumann</strong> befasst sich mit der Definition von <em>„intelligence“</em> und <em>„artificial“ </em>auch in dem Essay <strong>„Die Würde der KI ist unantastbar?“</strong> (veröffentlicht in: Mirko Andreas Bange, Hg., Auf dem Weg zu einem modernen Rechtsstaat, Göttingen, Cuvillier, 2021). Sie geht sie Frage nach, wie eine ausschließlich unter den von der jeweiligen Programmierung geschaffene <em>„Intelligenz“</em> zu einer <em>„generalintelligenten KI“</em> werden könnte, und erörtert auf der Grundlage verschiedener rechtsphilosophischer Konzepte, wann ein Punkt erreicht sein könnte, dass eine KI ihre eigenen Rechte hätte, die den Rechten eines Menschen nahekämen. Zurzeit schreibt sie an einem Beitrag für das neue Buch von <strong>Inka Knappertsbusch</strong> „KI und Kommunikation“, das voraussichtlich Ende 2024 bei Springer VS erscheint.</li>
</ul>
<ul>
<li>Hervorheben möchte ich die beiden Dissertationen von <strong>Katja Kanzler</strong> <strong>„Infinite Diversity in Infinite Combinations“</strong> (Heidelberg, Universitätsverlag Winter, 2004), unter anderem zu Multikulturalität und Gender, und von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/star-trek-ein-politisches-projekt/"><strong>Sebastian Stoppe</strong> <strong>„Unterwegs zu neuen Welten – Star Trek als politische Utopie“</strong></a> (Darmstadt, Büchner, 2014) mit einer Analyse der Bezüge von Star Trek zu klassischen Utopien wie Thomas Morus, Campanella und Bacon. Eine englischsprachige Neuauflage behandelt auch das spätere Star Trek, das Sebastian Stoppe als das <em>„dunkle Star Trek“</em> Der Titel des zusätzlichen Kapitels lautet: „Post-Utopia – Does Star Trek Become Darker?“</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Isabella Hermann</strong> hat sich im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Gespräch <strong><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-politik-der-science-fiction/">„Die Politik der Science Fiction“</a></strong> unter anderem über <em>„Krieg und böse Buben“</em> in Star Trek und einige dunkle Visionen in Star Trek unterhalten. Thema waren auch die Strukturen von Konflikten, die Mad Scientists und der Wertekanon von Star Trek. In dem <a href="https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/67663">Sammelband „Von Menschen und Maschinen“</a> (Dokumentation einer Tagung aus dem Jahr 2018) veröffentlichte Isabella Hermann den Essay „Künstliche Intelligenz in der Science Fiction – Mehr Magie als Technik“. Sie beginnt mit „Terminator“ und endet mit „Black Panther“. Sie analysiert diverse Erzählungen, auch aus dem 19. Jahrhundert (zum Beispiel E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“) und Filme. Sie sieht im Wesentlichen <em>„eine popkulturelle Kunstform und Projektionsfläche, um Desaster, fundamentale Sehnsüchte und Urängste, philosophische Grundfragen, sozialpolitische Problemlagen bzw. Entwicklungsschritte eines Charakters darzustellen, die nicht zwangsweise mit der Technik zu tun haben, durch sie aber ihren Ausdruck finden.“</em> Mitunter als eine Art <em>„Disaster Porn“</em> im Sinne des Pornographie-Begriffs von <strong>Susan Sontag</strong>. Letztlich gehe es nicht um Magie, sondern um Technik, die auch desaströse Entwicklungen wieder in Ordnung bringt. In ihrem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/techsolutionismus/"><strong>„Techsolutionismus“</strong></a> (auch im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span>) befasst sich Isabella Hermann mit den Metaphern der KI in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.</li>
</ul>
<ul>
<li>Über die diversen Ausprägungen Künstlicher Intelligenzen in Star Trek schrieb <strong>Rebecca Haar </strong>in ihrem Buch <strong>„Kann der Bord-Computer denken?“</strong> (Ludwigsburg, Cross-Cult, 2024). Die Autorin bietet ein gut lesbares und umfassendes Bild der Computer und Maschinenwesen, Androiden, Holodecks und Hologramme in Star Trek von der Originalserie bis hin zu Picard: <em>„<u>Star Trek</u> blickt in den menschlichen Kern, betrachtet, wie sich Gesellschaften verändern und welche (technischen) Entwicklungen unsere kulturelle, ethische und künstlerische Wahrnehmung bestimmen.“</em> Interessant ihr Verweis auf den Briefwechsel zwischen <strong>Gene Roddenberry</strong> und <strong>Isaac Asimov</strong>. Sie greift einen Gedanken von <strong>Jean Baudrillard</strong> auf, dass beispielsweise die Holodecks <em>„etwas simulieren, das wir nicht haben, das sich aber von der Wirklichkeit letztlich nicht mehr unterscheiden lässt.“</em> Rebecca Haar beschreibt ausführlich die einzelnen Persönlichkeiten unter den Androiden und Hologrammen, ihre Begrenzungen, aber auch ihre Perspektiven sowie die ethischen Hintergründe einschließlich der Frage, ob künstliche Intelligenzen nur ethisch handeln, wenn sie entsprechend programmiert sind oder sich gegebenenfalls selbst zu ethisch handelnden Persönlichkeiten entwickeln können.“</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Spiegelung unserer Zeit mit all ihren Utopien und Dystopien ist Gegenstand eines weiteren Sammelbandes von <strong>Katja Kanzler </strong>und<strong> Christian Schwarke</strong>, <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-27610-2"><strong>„Star Trek: Discovery – Gesellschaftsvisionen für die Gegenwart“</strong></a> (Wiesbaden, Springer VS, 2019). Dieser Sammelband ist eine gute Einführung in die in Star Trek enthaltenen politischen Aspekte. Katja Kanzler sieht Star Trek als <em>„eine utopische Geschichte von der Zukunft“</em>, in der <em>„eine bessere Gesellschaft (…) imaginiert“</em> wird, allerdings <em>„in einem Szenario der Krise“</em>. Christian Schwarke analysiert die Ambivalenz der Technik, auch der Verschmelzungen von Mensch und Maschine (in „Discovery“ Tilly mit dem Sporennetzwerk, Paul Stamets als Medium für den Sporenantrieb, Ash Tyler, der sich als der chirurgisch veränderte Klingone Voq herausstellt, (ein Motiv, das wir in „Deep Space Nine“ und „Voyager“ mehrfach bei cardassianischen Agents of Trouble sehen) und Ausbeutungen, zum Beispiel des Weltraumtiers Tardigrade. <strong>Jan-Philipp Kruse</strong> spricht von „Aufklärung im Weltraum“ und befasst sich unter anderem mir rechltichen Fragen, auch im Hinblick auf den „Umgang mit Künstlicher Intelligenz“. <strong>Luise K. Müller</strong> befasst sich mit <em>„Speziespluralismus“</em>, auch im Hinblick auf menschliche Maschinen, insbesondere an den Beispielen der Naniten („Evolution“), „The Measure of a Man“ und „What Are Little Girls Made Of“. Sie sieht in Star Trek ein Plädoyer für eine Art <em>„Gerechtigkeitsarchitektur“</em>. <strong>Britta Hoffarth</strong> untersucht „Female Warriors“, insbesondere Michael Burnham in „Discovery“ und Zoe in „Firefly“, stellt aber fest, dass bei allem weiblichen Selbstbewusstsein <em>„patriarchalische Strukturen“</em> letztlich nicht in Frage gestellt werden. <strong>Brigitte Georgi-Findlay</strong> erkennt eine „sehr amerikanische Auseinandersetzung mit dem Wertekanon, der Geschichte <em>und der Politik“ der USA“</em>, die bei aller <em>„Multikulturalität“</em> als <em>„liberale Hegemoniepolitik“ </em>verstanden werden kannte.</li>
</ul>
<ul>
<li>Das <em>„politische Potenzial“</em> von Star Trek betont Katja Kanzler auch in ihrem Essay über die Figur des „Khan“ in dem von <strong>Anja Besand</strong> herausgegebenen Sammelband <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-19981-4"><strong>„Von Game of Thrones bis House of Cards – Politische Perspektiven in Fernsehserien“</strong></a> (Wiesbaden, Springer VS, 2018, auch als Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich).</li>
</ul>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2024, Internetzugriffe zuletzt am 8. Juni 2024. Für ihre freundliche und inspirierende Unterstützung danke ich Jenny Joy Schumann, Sebastian Stoppe und Markus Tillmann. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brent_Spiner_and_Patrick_Stewart.jpg">Brent Spiner und Patrick Stewart</a>, Foto: Beth Madison, Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a> )</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Star Trek &#8211; ein politisches Projekt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 Jan 2024 16:47:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Star Trek – ein politisches Projekt Ein Gespräch mit Sebastian Stoppe über Utopien in Star Trek „Als Kultphänomen mit einer umfangreichen Fankultur illustriert Star Trek eindrücklich, wie Populärkultur ihr Publikum (auch) politisch aktivieren kann – wie sie Diskussionen mobilisiert, die am Objekt einer fiktionalen Welt zutiefst politische Fragen thematisiert.“ (Katja Kanzler, in: Anja Besand,  [...]</p>
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<h2><strong>Ein Gespräch mit Sebastian Stoppe über Utopien in Star Trek </strong></h2>
<p><em>„Als Kultphänomen mit einer umfangreichen Fankultur illustriert <u>Star Trek</u> eindrücklich, wie Populärkultur ihr Publikum (auch) politisch aktivieren kann – wie sie Diskussionen mobilisiert, die am Objekt einer fiktionalen Welt zutiefst politische Fragen thematisiert.“ </em>(Katja Kanzler, in: Anja Besand, Hg., Von Game of Thrones bis House of Cards – Politische Perspektiven in Fernsehserien, Wiesbaden, Springer VS, 2018)</p>
<p>Wie politisch Star Trek diskutiert werden kann belegt alleine schon die Tatsache, dass der zitierte von Anja Besand herausgegebene Band im <a href="https://www.bpb.de/shop/">Shop der Bundeszentrale für politische Bildung</a> angeboten wird. Katja Kanzler hat sich in ihrer 2004 im Heidelberger Universitätsverlag erschienenen Dissertation „‚Infinite Diversity in Infinite Combinations‘ – The Multicultural Evolution of STAR TREK“ ausführlich mit Star Trek befasst, vor allem unter interkulturellen und unter Gender-Aspekten.</p>
<div id="attachment_4235" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4235" class="wp-image-4235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a><p id="caption-attachment-4235" class="wp-caption-text">Sebastian Stoppe. Foto: Katharina Werneburg.</p></div>
<p><a href="https://www.sebastian-stoppe.de/">Sebastian Stoppe</a> hat sich ebenfalls in seiner Dissertation mit Star Trek beschäftigt. Sein Thema: „Unterwegs zu neuen Welten“ – Star Trek als politische Utopie“. Die Arbeit wurde 2014 vom Darmstädter Büchner-Verlag veröffentlicht. Kürzlich erschien bei Springer VS das von ihm gemeinsam mit Benjamin Bigl herausgegebene Handbuch „Game-Journalismus“, ein weiteres Thema der Verknüpfbarkeit von Populärkultur und Politik. Die Dissertation ist 2022 als <a href="https://www.sebastian-stoppe.de/publications/is-star-trek-utopia/">englischsprachige Neuauflage</a> erschienen, mit einem neuen Kapitel, in dem es um das <em>„dunklere“</em> Star Trek der drei seit den 2010er Jahren produzierten Serien. „Discovery“, „Picard“ und „Strange New Worlds“ geht. Nur ein Beispiel für die Veränderung ist die Konzeption der Spezies der Gorn. In der Originalserie erschien in „Arena“ ein einzelner Gorn als eine Art zweibeiniger Reptiloid mit doch recht niedlichem Aussehen, ungeachtet seiner Kampfbereitschaft. Dieser Gorn hatte zwei Cameo-Auftritte in Träumen Sheldon Coopers in „Big Bang Theory“. Er erschreckte Sheldon in „The Apology Insufficiency“ und in „The Transporter Malfunktion“. Einmal saß er sogar auf Sheldons <em>„spot“</em>, dem nur Sheldon zustehenden Sofaplatz. Aber insgesamt wirkten diese Gorn nicht wirklich bedrohlich, sie hätten sich auch als Stoffhumanoide ganz gut geeignet. Nicht so die Gorn in „Strange New Worlds“. Sie erinnern ein wenig an Figuren aus dem <a href="https://hrgiger.com/">Giger-Universum</a>, sie töten alle, die ihnen im Weg stehen und platzieren ihre Eier in fremden Spezies. Diese überleben das Schlüpfen der jungen Gorn nicht. Es ließe sich darüber nachdenken, wie dystopisch die Utopie geworden ist, die Star Trek war.</p>
<p>Auf der Seite des MDR zu finden ist ein <a href="https://www.ardmediathek.de/video/gernelernen-mit-mdr-wissen/wie-sich-star-trek-unsere-zukunft-vorstellt-oder-gernelernen/mdr/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy81Y2VmMDY2NS1mZjE4LTRhMzctODViYy1kODkwMDJlYTg2NjY">Vortrag von Sebastian Stoppe</a>, in dem er darüber spricht, wie sich Star Trek die Zukunft vorstellt. Im Frühjahr 2024 erscheint ein Sammelband, den Katja Kanzler und Sebastian Stoppe gemeinsam herausgeben. Beide wirkten aktiv an den beiden Staffeln <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5b6_YWdh_Aw&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn">„Star Trek und die Politik“</a> der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit mit, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/star-trek-und-die-politik">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt</a> wurde.</p>
<h3><strong>Science Fiction und Utopien – Abgrenzungen und Überschneidungen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kam es zu Ihrem Interesse an Star Trek?</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Schon sehr früh, da war ich noch Schüler. Irgendwann – und ich weiß gar nicht mehr, warum eigentlich – bin ich bei Star Trek hängengeblieben, als „The Next Generation“ noch im ZDF lief, später dann bei Sat 1, zunächst einmal die Woche, dann täglich. Ich kam aus der Schule nach Hause und das erste, was ich getan habe, war, mir eine Folge von Star Trek anzuschauen. So habe ich mir „The Next Generation“, „Deep Space Nine“, den größten Teil von „Voyager“ nach und nach im linearen Fernsehen erschlossen. Inzwischen alles mehrfach geschaut, Verpasstes nachgeholt. Im Studium verschoben sich manche Interessen, aber irgendwann bin ich dann wieder zu Star Trek zurückgekehrt und habe aus Neugier in der Universitätsbibliothek gesucht, ob es überhaupt Literatur zu Star Trek gibt und wenn ja was. Ich wurde fündig. Das war ja auch Anfang der 2000er-Jahre noch in den Anfangszeiten des Web 2.0, da gab es das Programm „UFP-Terminal“, eine Art Wissensdatenbank zu Star Trek, das ein Fan programmiert hatte. Da habe ich das ein oder andere – so ähnlich wie heute bei Wikipedia, wenn auch umständlicher – beigetragen. </em><a href="https://www.ufp-terminal.de/"><em>Das Terminal ist heute noch im Internet zugänglich</em></a><em>.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wie kam es dann zur Doktorarbeit?</p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-4234 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stoppe_Unterwegs-214x300.webp" alt="" width="214" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stoppe_Unterwegs-200x281.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stoppe_Unterwegs-214x300.webp 214w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Stoppe_Unterwegs.webp 233w" sizes="(max-width: 214px) 100vw, 214px" />Sebastian Stoppe</strong>: <em>Ich habe in Leipzig Politikwissenschaften sowie Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert. Nach meinem Abschluss wollte ich eine Doktorarbeit schreiben, in der sich die Fächer verbinden ließen. In Halle an der Saale fand ich den Medienwissenschaftler </em><a href="https://www.medienkomm.uni-halle.de/abteilung/mitarbeiter/viehoff/?ref=mmautor.net"><em>Reinhold Viehoff</em></a><em>, der auf seiner Webseite schrieb, er würde Doktorarbeiten zu Utopien und Science Fiction betreuen. Das, was ich damals an Literatur zu Star Trek gefunden hatte, hatte viel mit Teilaspekten zu tun, mit Religion, Humanität, es gab natürlich auch viel zur Technik. Mir fehlte jedoch ein wenig der Versuch, alles, was es bisher zu Star Trek gab, nach den Bezügen zu Gesellschaft und Politik zu befragen. So ist das Exposé entstanden, dann die Doktorarbeit selbst. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in der Arbeit Star Trek vor dem Hintergrund klassischer Utopien der Weltliteratur untersucht, Thomas Morus, Campanella, Bacon.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das wiederum hing mit meinem Zweitgutachter zusammen, dem Politikwissenschaftler </em><a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/autor/richard-saage/"><em>Richard Saage</em></a><em>. Ihn hatte ich gefragt, ob er das Gutachten übernehmen würde und er hatte mich gebeten, mein Vorhaben zunächst in seinem Doktorandenkolloquium vorzustellen. Danach hatte ich erfreulicherweise seine Zusage und er meinte, ich solle einmal schauen, wie ich meinen Ansatz vielleicht mit Utopiegeschichte und Utopietradition verbinden könnte. So entstand der Einfall, ausgehend von diesen Staatsutopien oder Staatsromanen, angefangen mit Thomas Morus als Namensgeber des Genres, zu fragen, was sich davon in Star Trek niederschlägt, welche Parallelen es gibt, wie sich diese Utopien zur Science Fiction verhalten. Science Fiction wird oft als Trash, als Trivialliteratur abgetan, vor allem im Vergleich zur Utopie, auch wenn das gar nicht der Fall ist. Ich wollte herausfinden, wie sich Star Trek von anderen Science-Fiction-Erzählungen unterscheidet und ob Star Trek möglicherweise näher an Utopien anschließt. Das war die Idee. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In ihrer Arbeit unterscheiden Sie <em>„statische Utopien“</em> und <em>„dynamische Science Fiction“</em>.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das sind Idealtypen. Bei den genannten Staatsutopien wird immer von einem radikalen Bruch ausgegangen, sodass die Menschheit beziehungsweise die beschriebene Gesellschaft – es ist ja nie die gesamte Menschheit – sagte, wir müssen eine neue Gesellschaft aufbauen, es muss alles ganz anders werden. Bei der Science Fiction hingegen geht es häufig um eine Extrapolation des Fortschritts in die Zukunft, mit der Frage, welche technologischen Möglichkeiten wir weiterentwickeln könnten und was alles damit möglich wäre. So entstanden beispielsweise bei Jules Verne die „20.000 Meilen unter dem Meer“ oder die Mondreisen. Die Frage war, was wäre, wenn wir Raketen hätten, die so mächtig wären, dass wir die Erde verlassen könnten. Solche Dinge sind eingetroffen, führen aber nicht notwendig zu einer besseren Gesellschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Jules Verne begann meine Begeisterung für Science Fiction. Das war so Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre. Bei Bärmeier und Nikel, dem Verlag, der damals die Autoren der „Neuen Frankfurter Schule“ verlegte, erschienen 45 Romane in 20 Bänden. Ich hatte aber nur selten den Eindruck, dass es Jules Verne um eine bessere Gesellschaft ging. Gesellschaftliche Themen wurden doch eher typologisiert, wie in die „500 Millionen der Begum“ über den Gegensatz zwischen dem bösen Deutschen und dem guten Franzosen. Das war <em>„statisch“</em> in Ihrem Sinne, aber war es auch eine Staatsutopie?</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Bei Staatsutopien ist es in der Regel so, dass die Autoren die von ihnen beschriebene Gesellschaft auf der Basis der bestehenden Gesellschaftsordnung nahmen, bei Thomas Morus das England des frühen 16. Jahrhunderts, und darauf etwas aufbauten, dass besser sein sollte als das, was man in der Gegenwart hatte. Technologien spielten dabei zunächst keine Rolle, die Frage, ob bestimmte Technologien für die bessere Gesellschaft erforderlich wären, wurde nicht gestellt. Überschneidungen, die Utopien auch mit Technologien verbinden, gibt es dann aber schon bei Bacon mit seinem „Neu-Atlantis“. Im 20. Jahrhundert gab es vermehrt Dystopien wie Huxleys „Brave New World“ oder Orwells „1984“, in denen der bisher positiv besetzte Fortschritt ins Gegenteil verkehrt wird, gerade auch mit Hilfe von Technologien, konkret: mit Gentechnik und Überwachungstechnologien.</em></p>
<p><em>In der Science Fiction gibt es immer ein Novum, ein neues Element, das kann etwas Technologisches sein, aber auch etwas anderes wie beispielsweise die Begegnung mit Außerirdischen oder die Entdeckung von bisher nicht bekannten Räumen. Das etwa spielt bei Thomas Morus so gut wie keine Rolle. Die Utopier interessieren sich nicht für die Entdeckung von etwas anderem, sie wollen eigentlich keinen Kontakt mit der Außenwelt. Ein Entdecker-Gen gibt es bei den klassischen Utopien nicht. Die sind für und in sich abgeschlossen. In der Science Fiction ist dieses Element sehr stark vertreten. Jules Verne ist mit den „20.000 Meilen unter dem Meer“ ein gutes Beispiel, weil man für die Entdeckung des Unentdeckten nicht unbedingt die Erde verlassen muss. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei den klassischen Staatsutopien fällt mir auf, dass ihr Ort ein abgeschotteter Raum ist, beispielsweise eine Insel, die zufällig von einem Reisenden entdeckt wird, der gar nicht danach gesucht hat, im Grunde eine Art Serendipity. Die Entdeckten wollen eigentlich auch gar nicht entdeckt werden.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Weil sie den Idealzustand erreicht haben. Thomas Morus hat die perfekte Gesellschaft entwickelt, den Endzustand einer Gesellschaftsform, während in der Science Fiction die Dynamik dadurch entsteht, dass sich ständig etwas ändert. Bei Star Trek habe ich danach geschaut, wo sich Elemente aus den klassischen Utopien, wo Elemente aus der Science Fiction finden und wie diese sich in Star Trek wiederfinden und uns gezeigt werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gab in den klassischen Utopien meines Wissens keine Strategien, wie man zu der Gesellschaft käme, wie das, was als gut, als besser dargestellt wurde, auch von anderen erreicht werden könnte. Die Utopier reisen selbst nicht, um ihren Zustand zu exportieren. Sie missionieren nicht, sie kolonisieren nicht.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Die Utopien berichten von einem Zustand, nicht vom Weg dahin. Der Weg zu einer neuen Idee ist dagegen in die Science Fiction wiederum sehr präsent. Anders ausgedrückt: In der Science Fiction geht es um die Entdecker, in den Utopien um die Entdeckten. Da kommt jemand von außen, entdeckt und berichtet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mich erinnern die Reisen in Star Trek ein wenig an Gullivers Reisen von Jonathan Swift, der unterschiedliche Inseln entdeckt, darunter auch die schöne Pferdeinsel mit den klugen Pferden, die sich über die dummen Menschen wundern.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das würde passen. Mir ging es bei meiner Arbeit ja vor allem um die politische Ordnung in den Staatsutopien, die dort skizzierten Gesellschaftsordnungen, und wie sich dies in Star Trek niederschlägt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir fiel bei Star Trek allerdings auch auf, dass es sehr stark an die Manifest Destiny, dem Aufbruch in den Westen im 19. Jahrhundert anknüpft. Da ist schon etwas Missionarisches drin enthalten, trotz der Prime Directive, die im Zweifel dann zumeist doch missachtet wird, wenn es einer höheren Sache dient. Nur einmal wird jemand wegen der Missachtung der Prime Direktive bestraft. Tom Paris wird von Captain Janeway zu dreißig Tagen Haft verurteilt und zum Ensign degradiert, weil er einen Planeten gegen die Ignoranz von dessen politischer Führung rettete, der seine Lebensgrundlagen zu verlieren durfte („Thirty Days“).</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Der Begriff „Trek“ kommt ursprünglich aus der Begrifflichkeit des Großen Trecks der südafrikanischen Buren und wurde dann in Amerika für die Treks der Siedler in den Westen übernommen. Gene Roddenberry hat Star Trek explizit mit den Wagon Treks des 19. Jahrhunderts verglichen. Der Aufbruch in das Weltall in den 1960er Jahren, den Präsident Kennedy forderte, hat Star Trek aber auch maßgeblich beeinflusst.  </em></p>
<h3><strong>Die 1990er Jahre: Bilder und Gegenbilder</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Star Trek startete in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre. Dann gab es mit der Zeit Filme mit der Originalcrew, die aber nichts wesentlich Neues zeigten. Ende der 1980er Jahre ging es dann erst richtig los mit „The Next Generation“, wenige Jahre später mit „Deep Space Nine“ und „Voyager“, die alle in derselben Zeit spielen und zum Teil parallel gedreht und gesendet wurden. Gab es in den 1990er Jahren einen anderen Blick auf Star Trek, auch ein anderes Interesse als in den 1960er Jahren?</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob anders geguckt wurde oder ob das nicht eher daran liegt, dass sich ein Franchise wie Star Trek auch wirtschaftlich rechnen muss. Die Fünf-Jahres-Mission der Enterprise unter Captain Kirk endete nach drei Jahren, weil sich Star Trek wirtschaftlich nicht mehr lohnte. Das ist ja auch heute noch vor allem im amerikanischen Fernsehen so: Shows werden bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten gnadenlos abgesetzt. Star Trek nahm dann den Umweg über das Kino, davor gab es ein kurzes Revival mit der Animationsserie, die aber auch keinen rechten Erfolg hatte. Durch die Filme hat man tatsächlich einen anderen Blick auf Star Trek gefunden. Natürlich auch durch die unzähligen Wiederholungen der Originalserie im Fernsehen. Es hatte sich mittlerweile eine Fan-Community gebildet, die in Star Trek wohl mehr sah, als ursprünglich intendiert war. Und nachdem Star Trek durch die Filme und die Wiederholungen auch kommerziell wieder Erfolg hatte, war der Weg für „The Next Generation“ als Serie geebnet.</em></p>
<p><em>Gene Roddenberry war ein großer Humanist, er hatte eine Idee, was er transportieren wollte und in der Originalserie auch gezeigt hat. Das zeigte sich daran, dass er eine weibliche People of Color als Kommunikationsoffizierin auf die Brücke setzte, die zwar keine tragende Rolle hatte, aber präsent und zu sehen war. In der Zeit der Black Power-Bürgerrechtsbewegung in den USA. Dann kam in der zweiten Staffel, man bedenke, in den Zeiten des Kalten Krieges, ein Russe auf die Brücke. Das waren alles Elemente, mit denen Roddenberry zeigen wollte, dass wir die Probleme, die wir in der Gegenwart haben, in der Zukunft überwunden haben werden. Die Erde ist vereint und wir haben auf der Erde keine Konflikte mehr. Es war ein unglaublich großer Fortschrittsoptimismus, den wir später auch bei „The Next Generation“ noch finden. </em></p>
<p><em>Aus utopischer Sicht erfahren wir jedoch in der Originalserie ausgesprochen wenig. Wir wissen nicht, wie die Gesellschaftsordnung aufgebaut ist, wie die Politik in der Föderation funktioniert. Je mehr aber durch die folgenden Serien und die Filme an Text hinzukam, umso mehr erfahren wir auch über diese Strukturen. Im sechsten Star Trek-Film „The Undiscovered Country“ werden beispielsweise die Ereignisse um Tschernobyl aufgenommen, die Zerstörung des Mondes Praxis bei den Klingonen, die dadurch erfolgende Annäherung der Klingonen an die Föderation. Das setzt sich in „The Next Generation“ fort. Wir erfahren einiges, das auf die politische Ausgestaltung der zukünftigen Gesellschaft hinweist. </em></p>
<p><em>In der ersten Staffel von „The Next Generation“ etwa trifft die Enterprise auf drei Menschen aus dem 20. Jahrhundert, die sich haben einfrieren lassen, weil sie hofften, dass ihre Krankheit zu einem späteren Zeitpunkt geheilt werden könne („The Neutral Zone“). Darunter ist ein Börsenmakler, ganz stereotypisch dargestellt, der bei seiner Bank anrufen will, der denkt, dass an der Börse ein großes Vermögen für ihn angewachsen ist, der dann aber erfahren muss, dass es kein Geld mehr gibt. Der Makler fragt, was denn dann das Ziel der Menschen sei. Picard antwortet ihm, dass es nicht mehr darum gehe, Reichtum anzuhäufen, sondern sich selber geistig fortzuentwickeln. Genau dies haben wir – fast eins zu eins – bei Thomas Morus in „Utopia“, wo es auch nicht mehr um Geld geht, sondern darum, sich geistig zu entwickeln und für das Wohl der Menschheit, bei „Utopia“ der Menschen in diesem Staat, beizutragen.     </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie passt die Ferengi-Alliance dazu? Den Ferengi geht es um Latinum, möglichst viel davon, entscheidend ist der Profit. Ihre quasi-religiöse Philosophie ist dann in den „Rules of Acquisition“ festgehalten, die alle Ferengi auswendig lernen müssen.</p>
<div id="attachment_4240" style="width: 363px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4240" class="wp-image-4240" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-300x169.jpg" alt="" width="353" height="199" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sebastian_Stoppe_MDR.jpg 1280w" sizes="(max-width: 353px) 100vw, 353px" /><p id="caption-attachment-4240" class="wp-caption-text">Screenshot von der Internetseite von Sebastian Stoppe.</p></div>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das ist das Interessante an Star Trek. Wir haben die Föderation in „The Next Generation“ als Idealbild. Ob sie wirklich so ein Idealbild ist, wird in den späteren Serien jedoch auch kritisch hinterfragt. Und wir haben all die verschiedenen Völker im Universum, die Klingonen als Krieger:innen, die Ferengi als Kapitalisten (die zudem ihre Frauen unterdrücken), die Cardassianer als Militärdiktatur, das sind alles – so meine Meinung – einzelne Facetten der Menschheit, die in Star Trek als überhöhte Eigenschaften einer Gesellschaft oder der Menschheit als Ganzes dargestellt werden und die sich alle bei der aktuellen Menschheit vereinen, weil wir immer noch Kapitalismus als vorherrschende Gesellschaftsform mit all seinen Problemen haben, weil es immer noch Kriege und Konflikte gibt. Damit wird uns im Grunde ein Spiegel vorgehalten. Was heißt das eigentlich, wenn wir den Kapitalismus über alles stellen, sind wir dann wie die Ferengi? Wir haben auf anderen Planeten im Grunde verschiedene Typen von Gesellschaften als Alternativ- und Gegenbilder der Föderation, mit der wir uns als Zuschauer:innen identifizieren können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt natürlich auch in solchen Gesellschaften Entwicklungen. Die Ferengi werden durchweg, außer in „Deep Space Nine“, als raffgierig und hinterhältig dargestellt. Ihnen ist jedes Mittel recht, ihren Profit zu vergrößern. In Deep Space Nine entwickeln sich die Ferengi-Figuren. Rom erweist sich als Ingenieur mit einem Schuss Genialität, am Schluss wird er sogar Staatschef, zum Great Nagus, in einer demokratischeren Welt, die durch den Einfluss seiner und Quarks Mutter Ishka auf den bisherigen Great Nagus entsteht. Aus dem pubertierenden Schulschwänzer Nog wird ein vorbildlicher Sternenflottenoffizier.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Im Gegensatz zu den klassischen Utopien wird in Star Trek nie ein Endzustand angenommen, bei dem sich nie mehr etwas verändert. In „Deep Space Nine“ müssen sich die Cardassianer nach dem Ende der Besatzung von Bajor und im Verlauf des Dominion-Kriegs mit ihrer Militärdiktatur auseinandersetzen. Ihre neue zivile Regierung kann sich nicht durchsetzen und als das Dominion die Föderation angreift, sieht das cardassianische Militär eine Chance der Restauration seiner Herrschaft. Das hat zunächst auch Erfolg, aber das Dominion installiert eine Marionettenregierung und gewinnt immer mehr Einfluss. Ganz am Ende – kurz vor ihrer vollständigen Aufreibung durch das Dominion – wechseln die Cardassianer die Seite und kämpfen dann auch mit der Föderation gegen das Dominion.</em> <em>Ein anderes Beispiel: Schon in „The Next Generation“ gibt es Kontakte zwischen den Vulkaniern und den Romulanern im Hinblick auf eine Wiedervereinigung. Es wird erzählt, dass die beiden Spezies gemeinsame Vorfahren haben, die sich in ferner Vergangenheit einmal aufgeteilt und unterschiedlich entwickelt haben. In „Discovery“ sehen wir später dann die Wiedervereinigung von Vulkan und Romulus. Bei den Ferengi beginnt die Veränderung im Kleinen, indem sich zeigt, dass Rom und Nog nicht so typische Ferengi sind, wie man zunächst denkt, bis sich dann die gesamte Gesellschaft der Ferengi verändert. Das hat auch mit dem Frauenbild bei den Ferengi zu tun, mit dem Einfluss von Ishka, der Mutter von Rom und Quark. Das setzt einen Prozess in Gang. </em></p>
<p><em>Quark ist das Gegenbild zu seinem Bruder Rom, den er immer als „idiot“ bezeichnet. Er ist durch und durch Kapitalist, immer auf der Suche nach seinem geschäftlichen Vorteil. Tief in seinem Inneren ist er jedoch ein guter „Mensch“, jemand, der zu Einsichten bereit ist und auch immer wieder betont, dass er seinen Bruder liebt. Solche Entwicklungen möchte Star Trek transportieren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Quark bleibt der alte Kapitalist, der er immer war, wird allerdings auch als jemand dargestellt, der das Herz auf dem rechten Fleck hat. Wir haben als den ferengihaftesten Ferengi sicherlich Brunt, der Quark ruinieren will, es zeitweise sogar schafft. Brunt hat nicht die Spur eines humanistischen Wertesystems. Als er Quark, der glaubt, unheilbar krank zu sein, dessen Überreste abkauft, besteht er auch noch, als Quark erfährt, dass die Diagnose ein Irrtum war, auf Einhalten des Vertrags. Quark verliert seine Lizenz und allen Besitz. Aber dank der Unterstützung der Bewohner:innen von Deep Space Nine kann er seine Bar dann doch weiterführen („Body Parts“).</p>
<p>Quark zeigt auch Mut, beispielsweise als er mit Worf, Bashir und O’Brien auf die Reise in einen kriegerischen Konflikt aufbricht, damit Jadzia Dax ins Stovokor einziehen kann („Image in the Sand“).</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Am Beispiel der Ferengi lassen sich eine ganze Reihe ethische Diskussionen führen. Es zeigt sich ja, dass Quark offensichtlich ein Wertesystem besitzt, das über die Regeln der Ferengi hinausgeht.</em></p>
<h3><strong>Der Maquis – die Antithese im Inneren der Föderation</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine der interessantesten Figuren, an denen sich Entwicklungen zeigen, ist meines Erachtens Michael Eddington, führender Vertreter der Widerstandsorganisation Maquis.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Dazu muss man ein wenig weiter ausholen. Das Beispiel zeigt, wie sehr Star Trek in der Zeit verhaftet ist, in der die Serien entstanden sind. „The Next Generation“ ist noch so etwas wie das Idealbild. Das Zusammenleben auf der Enterprise ist der Idealzustand.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Enterprise von „The Next Generation“ ist im Grunde ein kleiner Staat. Es gibt eine Hierarchie, Beratungen im Briefing-Raum, der auch als eine Art Kabinettraum gesehen werden könnte, es gibt Familien, Kinder, Schule, Wettbewerbe für die Kinder, die in Ausstellungen zeigen, was sie alles gelernt haben.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Die Klingonen sind keine Feinde mehr. Es gibt mit Worf einen Klingonen auf der Brücke. Auf der Brücke hat eine künstliche Lebensform, der Android Data, dieselben Rechte wie die natürlichen Lebensformen. Das spielt in einer Zeit, Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre, wo schon das „Ende der Geschichte“ ausgerufen wurde. Die Demokratie als Idealzustand der Welt. Nach dem Ende des Eisernen Vorhangs hätte sich gezeigt, dass die Demokratie den Kommunismus besiegt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nur am Rande: Das <em>„Ende der Geschichte“</em> liest sich bei Fukuyama etwas anders als es im Allgemeinen in Politik und Medien verbreitet wurde. Fukuyama nennt – meines Erachtens fast schon prophetisch – die Probleme und Risiken, die wir heute, etwa 30 bis 40 Jahre später erleben.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das stimmt, aber hängengeblieben ist diese Aufbruchsstimmung, die sich in „The Next Generation“ wiederfindet. Dann kommt aber sehr bald schon das, was Samuel Huntington – auch in Replik auf Fukuyama – mit dem „Clash of Cultures“ geschrieben hat. Das ist die Geschichte in „Deep Space Nine“. Zentral ist dort der Dominion-Krieg, ein Krieg, der in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erzählt wird, wenige Jahre, nachdem wir davon ausgegangen sind, dass es keine Kriege mehr geben könnte. Es kamen der Jugoslawien-Krieg, Kriege in Afrika, zerfallende Staaten, der Verfall der Sowjetunion. In dieser Zeit hat man den unverhohlenen Optimismus aus der Originalserie und das Idealbild von „The Next Generation“ zunehmend in Frage gestellt.</em></p>
<div id="attachment_4237" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4237" class="wp-image-4237 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sisko-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sisko-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sisko-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sisko-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sisko-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Sisko.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-4237" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Avery_Brooks_(2009).jpg">Avery Brooks</a>, Darsteller von Captain Benjamin Sisko. Foto: Wendel Fisher. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a>.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In diesem Kontext wurde dann der Kommandant von „Deep Space Nine“, Benjamin Sisko, zum bajoranischen Messias, dem <em>„Emissary“</em>, der eine außer- oder gar überirdische Mutter hat.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Am Ende ist Sisko tatsächlich eine Art Messias, aber bevor er das akzeptiert, ist er zunächst ein starker Verfechter der Idee der Föderation. Und hier schlage ich die Brücke zu der Figur von Michael Eddington. Innerhalb der Föderation gibt es eben den Konflikt mit dem Maquis. Diese Organisation entstand, weil einige Föderationsbürger:innen den Vertrag der Föderation mit Cardassia nicht akzeptieren wollten, weil durch einen Gebietstausch ihre Planeten an die cardassianische Union fielen. Der Maquis wird schon in „The Next Generation“ eingeführt, mit der Figur der Bajoranerin Ro Laren, die aus dem Gefängnis entlassen wird, um als Kontakt den Maquis zu unterwandern, sich dann jedoch gegen die Föderation und für den Maquis entscheidet.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ro Laren habe ich nachher sehr vermisst. Eigentlich eine tolle Figur.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Sie sollte eigentlich als die Figur eingeführt werden, die dann auf „Deep Space Nine“ Kira Nerys spielte, aber Michelle Forbes, die Schauspielerin, war nicht verfügbar. Das sind eben die ökonomischen Zwänge, die immer wieder eine Rolle bei der Weiterentwicklung einer Serie spielen. </em></p>
<p><em>Ro Laren, Michael Eddington, der Maquis überhaupt sagen ganz bewusst, dass in der Föderation doch nicht alles in Ordnung ist, wenn an der Peripherie die Rechte von Menschen missachtet werden. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum Deep Space Nine nicht im Zentrum, sondern irgendwo am Rande der Föderation liegt, wo man mit dem konfrontiert wird, das um die Föderation herum geschieht. Das wird in „The Next Generation“ lange kaum angesprochen. Die Geschichte der Ro Laren ist eine Ausnahme. Das Thema der Peripherie spielt dann auch in dem Film „Insurrection“ eine Rolle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Insurrection“ stellt sich heraus, dass die beiden streitenden Spezies ein und dieselbe sind. Die eine deformierte sich physisch, die andere dank der Bedingungen des Planeten, auf dem sie leben, nicht.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das ist die Frage nach Gerechtigkeit und unterschiedlicher Entwicklung unter verschiedenen Rahmenbedingungen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine weitere Ausnahme ist die Folge „Journey’s End“ in „The Next Generation“. Wesley Crusher, der Hochbegabte, wird von einer Person, die sich „The Traveler“ nennt, überzeugt, sich ihm anzuschließen, was er dann auch tut. In dieser Folge hat Picard den Auftrag, eine Gruppe von Föderations-Mitgliedern, eine indigenen Bürger:innen der beiden Amerikas ähnelnde Gruppe, zu evakuieren, da der Planet jetzt den Cardassianern gehöre. Die Gruppe weigert sich. Diese Situation zeigt aber auch, dass die Föderation an ihren Grenzen keinen Einfluss hat, ihre eigenen Bürger:innen zu schützen. Das legitimiert den Maquis in seinen Zielen.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Der Maquis entsteht, weil an den Randbereichen die Autorität des Staates, also der Föderation, bröckelt und der Staat über die Leute hinweg entscheidet. Das war in diesem Fall Teil des Friedensvertrags zwischen der Föderation und Cardassia. Es wurde über Menschen verfügt, und die Föderation hat kein Interesse gezeigt, auf diese Menschen zu hören, weil sie am Rand leben und strategisch für die Föderation keine große Bedeutung haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant finde ich, dass es sich in „Journey’s End“ um eine Gruppe von Indigenen handelt, die wir als Zuschauer als Minderheit identifizieren. In „Ensign Ro“ in „The Next Generation“ und auch den Folgen mit Michael Eddington in „Deep Space Nine“ geht es nicht um Indigene, sondern um Menschen, die sich nicht von der Mehrheitsgesellschaft der Föderation unterscheiden.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Der Maquis stellt die Politik der Föderation grundsätzlich in Frage und damit auch die Utopie der Föderation. Eddington ist – trotz seiner wenigen Auftritte – eine zentrale Figur. Er ist das Sprachrohr des Maquis. Er bezeichnet die Föderation in einem Gespräch mit Sisko sogar als schlimmer als die Borg („For the Uniform“). Die Utopie der Föderation ist für ihn nicht erstrebenswert. Das ist das erste Mal, dass die Utopie der Föderation so klar und deutlich in Frage gestellt wird. Sisko ist einerseits der bajoranische Messias, aber andererseits auch der große Befürworter der Idee der Föderation. Und er ist – vielleicht auch aufgrund seiner Sympathie für Bajor – empathisch genug, dass er das Anliegen des Maquis versteht. Er sagt aber ebenso klar, dass er bei allem Verständnis, auch bei dem Wissen, nicht alles richtig zu machen, die Idee der Föderation durchsetzen will. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Blaze of Glory“ sagt Sisko nach dem Tod von Eddington, dass dieser der loyalste Mensch gewesen sei, den er kennengelernt habe.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Auch Picard ist schon jemand, der gelegentlich zweifelt. Kirk setzt sich über Regularien einfach hinweg, in Wild-West-Manier. Von den dreien ist Sisko der Reflektierteste, wenn man sich das Gesamtgebilde der Föderation anschaut. Er hinterfragt sich und denkt darüber nach, ob es das Richtige ist, was er tut, ob das die Gesellschaft ist, in der er leben möchte.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann heiligt doch der Zweck die Mittel, sehr deutlich in der Folge „In the Pale Moonlight“, in der Sisko es mit Garaks Hilfe schafft, die Romulaner in die Koalition gegen das Dominion hineinzutreiben. Das gelingt über eine terroristische Attacke Garaks, die dem Dominion zugeschrieben werden kann.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Siskos Integrität als Sternenflottenoffizier verbietet es ihm, dass er Garak befiehlt, so zu verfahren, wie dieser dann verfuhr. Aber Garak sagte zu Recht, er habe doch genau das getan, was Sisko implizit gewollt habe. Das stürzt Sisko in Selbstzweifel, aber er akzeptiert schließlich das Ergebnis. Durch den Eintritt der Romulaner in die Koalition gegen das Dominion wird schließlich eine entscheidende Voraussetzung geschaffen, den Kriegsverlauf zu wenden.</em></p>
<h3><strong>Die Borg – die Antithese außerhalb der Föderation</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zählt, im Grunde eine Güterabwägung im Nachhinein. Schauen wir uns in dem Kontext auch einmal „Voyager“ an. Sie haben in Ihrem Buch den Delta-Quadranten als ein Territorium von <em>„Failed Planets“</em> bezeichnet. Eine zentrale Rolle in diesem Territorium spielen die Borg.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>„Voyager“ macht im Grunde da weiter, wo „Deep Space Nine“ aufhört. Der Maquis-Gedanke wird in „Voyager“ aber sehr schnell beerdigt, weil die beiden Crews zusammenarbeiten müssen, um zurück in den Alpha-Quadranten zu finden. Den Dominion-Krieg bekommen sie im Delta-Quadranten gar nicht mit. Es gibt am Anfang auch noch Friktionen und Reibereien zwischen den beiden Crews, aber sie müssen eben zusammenarbeiten. Der Zusammenhalt wird intensiv von Chakotay, dem ehemaligen Captain des Maquis-Schiffs und jetzigem Ersten Offizier der Voyager, betrieben, der die Friktionen tatkräftig auflöst, mit klaren Worten, mitunter sogar mit Gewalt, weil er versteht, worum es geht. Er sagt, wir kommen hier nicht heraus, wenn wir uns gegenseitig bekriegen. Hier setzt sich der Föderationsgedanke wieder durch. </em></p>
<p><em>Und Janeway ist eine Art beschützende Mutterfigur, die diese Ideale der Föderation auf dem Schiff um jeden Preis aufrechterhalten möchte. Das sei die Norm- und Werteskala, das einzige, woran sich die Crew im Deltaquadranten halten könne. Wenn diese Werte aufgegeben werden, hört man auf, Föderation zu sein und den Idealen nachzueifern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie versucht, überall Verträge abzuschließen, sogar mit den Borg („Scorpion I und II“).</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das sind strategische Verträge. Sie nutzt aus, dass die Borg erkennen, so rational wie sie sind, dass sie im Fall der Bedrohung durch Spezies 8472 gemeinsam handeln müssen. Janeway sieht, dass sie in dem Geflecht der schlecht oder wenig organisierten Staaten im Deltaquadranten ihr Ziel, die Crew zurück in den Alpha-Quadranten zu bringen, nur erreichen kann, wenn sie eine Allianz mit den Borg eingeht. Damit hat sie keine Probleme, auch gegen Widerstand aus der Crew. </em></p>
<p><em>Die große Erzählung von „Voyager“ ist der Gegensatz zwischen Borg und Föderation. Die Borg sind im Grunde die Antithese zur Föderation, dann sind sie sich aber auch wieder einander ähnlich, wie der Vergleich von Eddington zeigt. Die Borg zeigen, was kann geschehen, wenn man über die technologische Entwicklung den Menschen – oder eben da nicht alle Menschen sind – Humanoide erweitern kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Spielart von Transhumanismus. Wir haben das bei einzelnen Personen wie bei Data, dem holographischen Doktor, bei den Borg ist es das gesamte System.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Aber man findet es auch in kleinen Aspekten wie den Dialogen auf dem Holodeck zwischen Janeway und Leonardo da Vinci als großem Erfinder. Es ist die Frage, was bedeutet die Technologisierung der Gesellschaft, die wir schon in den 1990er Jahren, in denen „The Next Generation“, „Deep Space Nine“ und „Voyager“ entstanden, diskutierten? Heute haben wir Smartphones, Bluetooth-Kopfhörer, GPS, Debatten um Künstliche Intelligenz. Ich habe mir kürzlich beruflich in Magdeburg eine mögliche Fabrik der Zukunft angeschaut, wo viele Assistenzsysteme den Menschen beim Herstellen von Dingen unterstützen sollen. Wohin führt die technologische Entwicklung? Wo beginnt die Überwachung oder gar die Inbesitznahme des Menschen? Ist es möglich, dass mir irgendwann ein Chip implementiert wird und ich dann nicht mehr auf einen Bildschirm schaue, sondern das, was ich sehen will, auf meine Netzhaut projiziert wird? Und könnte man mich dann über diesen Chip auch gegen meinen Willen beeinflussen oder steuern?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nur am Rande. Das ist meines Erachtens inzwischen ein Kernthema der Science Fiction, nur einige Beispiele: die Romane von Dave Eggers, „The Circle“ und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ausgezaehlt/">„Every“</a>, oder von Raphaela Edelbauer in „Dave“. Es gibt eigentlich immer mehr zu dem Thema. Das Thema der Künstlichen Intelligenz haben wir dann bei Star Trek in „Discovery“, vor allem in der zweiten Staffel, in „Picard“, dort massiv in der ersten Staffel. Dazu kommt die in Star Trek ständig präsente Frage der genetischen Verbesserung des Menschen, die in der Föderation nach den Eugenischen Kriegen verboten ist, aber sich letztlich auch nicht verbieten lässt und sogar unter bestimmten Umständen akzeptiert werden kann, wie wir in den Figuren von Julian Bashir in „Deep Space Nine“ und Una Chin-Riley in Strange New Worlds sehen. <em>   </em></p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Die Frage lautet doch, kann ich die implementierten und eben auch implantierten Geräte überhaupt noch ausschalten? Oder verschmilzt das so stark mit mir, dass ich ohne gar nicht mehr leben kann? Das ist das Thema der Borgtechnologie, diese völlige Abhängigkeit, gleichzeitig aber die Möglichkeit, als Schwarmintelligenz eine Gesellschaftsform aufzubauen, die nicht auf Diskussion, Konsens, Wahlen, Verständigung aufbaut, sondern auf Gleichschaltung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben die Smart-Watches, die Eltern den Kindern anziehen, damit sie immer wissen, wo sie sind. Pferde und Hunde werden gechippt. Warum nicht auch Menschen? Bei Dave Eggers gibt es diese Fantasie. Über solche Systeme ließe sich auch Wohlverhalten kontrollieren, gemäß dem chinesischen System.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Das sind genau die Themen, die in der Gegenüberstellung von Borg und Föderation verhandelt werden.</em></p>
<div id="attachment_4238" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4238" class="wp-image-4238 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Jeri_Ryan_48445229252-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Jeri_Ryan_48445229252-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Jeri_Ryan_48445229252-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Jeri_Ryan_48445229252-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Jeri_Ryan_48445229252-600x399.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/01/Jeri_Ryan_48445229252.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-4238" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jeri_Ryan_(48445229252).jpg">Jeri Ryan</a>, Darstellerin von Annika Hansen aka Seven of Nine auf der San Diego Comic Con International 2019. Foto: Gage Midmore. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0</a>.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beispielsweise beim Thema der Re-Individualisierung einzelner Borg-Drohnen, vor allem von Seven of Nine und Icheb in „Voyager“, Hugh in „The Next Generation“ („I Hugh“). Icheb und Hugh haben einen Auftritt in der ersten Staffel von „Picard“. Beide überleben dort nicht. Auch die Geschichte ist nicht uninteressant, als Chakotay mit einer Gruppe von vom Kollektiv getrennten Drohnen kommuniziert, die aber unter sich eine Art Neben-Hive-Mind geschaffen haben („Unity“).</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Oder die Geschichte, als Seven of Nine vor ihrer Zeit auf der Voyager mit drei anderen Drohnen auf einem Planeten landet, alle vier vom Kollektiv getrennt sind, und langsam ihre Erinnerungen an die Zeit zurückkommen, bevor sie zu Borg assimiliert worden sind. Seven ist diejenige, die das Kollektiv unbedingt zusammenhalten will, weil sie als Kind assimiliert wurde – und gar kein anderes Leben mehr erinnert „Survival Instinct“. Dann die „Unimatrix Zero“, in der sich Borg-Drohnen in ihren ursprünglichen Erscheinungsbildern treffen und die Voyager dazu beiträgt, dass Zellen des Aufstands gegen das Kollektiv erhalten bleiben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich würde hier von Utopien in der Dystopie sprechen.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Vielleicht kann man auch sagen, dass mit diesen Folgen der Wunsch nach dem Erhalt des eigenen Ichs, außerhalb des großen Ganzen, diskutiert wird. Bei den Borg ist man austauschbar, da spielt der:die Einzelne keine Rolle mehr. Aber das möchte in der Gesellschaft eigentlich niemand. In der Föderation sind alle individuell, gleichzeitig in einer Rolle und in einer Hierarchie eingebunden, die das gesamte System am Leben erhält. Einer allein kann das nicht alles schaffen, wir müssen zusammenarbeiten. Jeder trägt mit seinen Fähigkeiten dazu bei, die Gesellschaft aufrechtzuerhalten.</em></p>
<h3><strong>„Enterprise“ und das dunkle Star Trek der 2010er und 2020er Jahre</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht ein paar Worte zu „Enterprise“, eine meines Erachtens oft unterschätzte Serie im Star-Trek-Franchise. Leider nur vier Staffeln, die finale Folge der vierten Staffel, in der wir den Gründungsakt der Föderation erleben, hätte man auch am Ende einer siebten Staffel platzieren können.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>„Enterprise“ hat der Fluch der Originalserie erreicht. Es hat einfach nicht mehr genug in die Kasse gespült.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: „Enterprise“ hat die Botschaft, dass die Menschen so friedlich sein können wie sie wollen, aber die Welten um sie herum sind nicht so. Die dritte Staffel ist sicherlich ohne 9/11 nicht denkbar. Im Grunde sehen wir eine Dystopie, die dann am Schluss, in der letzten Folge, die sechs Jahre später spielt als alles, was wir zuvor gesehen haben, wiederum doch in die Utopie umschlägt, die wir dann in der Originalserie und in „The Next Generation“ sehen.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Man sollte „Enterprise“ im Zusammenhang mit dem Kinofilm „The First Contact“ sehen. Dort wird der Gründungsmythos der Föderation gezeigt. Das ist das, was ich anfangs meinte, als ich von einem radikalen Bruch sprach, den es bei einer Utopie geben müsse. Das ist eben keine lineare Entwicklung. Dieser radikale Bruch ist der fiktive Dritte Weltkrieg mit Nukleareinsatz und 600 Millionen Toten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Dritte Weltkrieg soll 2026 beginnen – so heißt es bei Star Trek.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Wir hoffen alle, dass die Prophezeiung von Star Trek in diesem Fall nicht eintritt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt Hoffnung, die Eugenischen Kriege haben ja auch nicht stattgefunden, in denen der genetisch optimierte Khan Noonien Singh mit seinen ebenso optimierten Gefolgsleuten die Welt unterjochte.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Dafür leider andere. Jedenfalls entwickelt sich daraus der Versuch der Vereinten Erde, mit den Vulkaniern, den Andorianern und anderen diese Föderation zu schmieden. Aber da sind auch die Aushandlungsprozesse davor. Ich denke, wenn man „Enterprise“ und „The First Contact“ im Zusammenhang sieht, zeigt sich, dass das der Versuch ist, aus der Sicht der Star-Trek-Autor:innen zu erzählen, wie eine Utopie, ein Idealbild entstehen könnte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Zusatzkapitel der Neuauflage Ihres Buches sprechen sie von einem <em>„dunkleren“</em> Star Trek.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage, dass ich als Star-Trek-Fan, als ich zum ersten Mal „Discovery“ anschaute, dachte, das ist doch kein Star Trek. Mein Eindruck war auch, das ist nicht mehr meine Föderation.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So ging es mir auch. Schon die Ästhetik ist eine andere, obwohl mir die Intros viel besser gefielen als bei Originalserie und den Serien der 1990er Jahre.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Die Ästhetik hängt sicherlich auch damit zusammen, dass das jetzt im Streaming läuft. Es sind andere Produktionsbedingungen, die eine andere Erzählweise bedingen. Bisher waren es immer etwa 25 Folgen in einer Staffel, die dann in einer Jahreshälfte gezeigt wurden. Das lief wie ein Uhrwerk von Herbst bis Frühjahr. Jetzt sind es etwa jeweils zehn bis maximal fünfzehn Folgen pro Staffel, die eine in sich geschlossene Geschichte erzählen. Bei „Strange New Worlds“ löst sich diese inhaltliche Stringenz einer Staffel wieder etwas auf. </em></p>
<p><em>Aber der Inhalt von „Discovery“ und „Picard“ ist selbst im Vergleich zu „Deep Space Nine“ düster. In der ersten Staffel von „Discovery“ ist es nicht nur der Krieg zwischen Föderation und Klingonen, der sehr brutal gezeigt wird, sondern auch das Spiegeluniversum als Umkehr der guten Idee der Föderation. Dazu müssen wir auch zu „Enterprise“ kurz vor dem Ende der vierten Staffel zurückgehen, zu der Doppelfolge „In A Mirror Darkly“, wo die Begegnung zwischen Cochrane und den Vulkaniern – der Erste Kontakt – anders ausgeht. Cochrane erschießt die Vulkanier und legt damit die Basis für das faschistische terranische Imperium, das dann in „Discovery“ weitergedacht wird. Das ist so ein kleines „Was-wäre-wenn“-Spiel, mit dem Spiegeluniversum zu zeigen, wie sich Geschichte entwickeln könnte, wenn man irgendwo falsch abbiegt.</em></p>
<p><em>Was die neuen Serien auszeichnet – hier greife ich schon ein wenig dem Buch vor, das ich mit Katja Kanzler herausgebe – ist, dass diese Serien viel stärker auf die vorausgehenden Serien zurückgreifen als beispielsweise „Deep Space Nine“ auf „The Next Generation“. Vieles, das in früheren Episoden nur angerissen wurde, wird jetzt ausgeführt. Das sieht man an dem klingonischen Krieg, später an der Zukunft im 32. Jahrhundert. </em></p>
<p><em>Es zeigt sich aber auch, dass das der Blick ist, den wir in den 2010er und 2020er Jahre auf die Welt haben, es ist ein wesentlich pessimistischerer Blick auf die Welt, obwohl der gute Gedanke immer festgehalten wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Insofern kann man „Enterprise“ als Wendepunkt betrachten, vor allem mit der dritten Staffel und den Vernichtungsabsichten der Xindi, hinter der wiederum eine andere Spezies steckt, die die Xindi mit – so könnte man sagen – Fake News versorgt hatte, dann in der vierten Staffel die beiden genannten Folgen im Paralleluniversum sowie der vorletzten Folge „Terra Prime“, in der wir es mit einer nationalistischen Erd-Bewegung zu tun haben, die die „Erde zuerst“ postuliert, die Abschlussfolge mit dem Gründungsakt der Föderation folgt. „Terra Prime“ nimmt auch einen Gedanken der Folge „Home“ vom Beginn der vierten Staffel auf, als Phlox einen fremdenfeindlichen Angriff auf der Erde erlebt, der ihn veranlasst, sich wieder auf das Schiff zurückzuziehen. Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus haben wir in „Enterprise“ auf der Erde, nicht in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart, und nicht auf fernen Planeten.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>:<em> Am Ende der ersten Staffel von „Discovery“ hatte ich meinen Star-Trek-Moment wieder. Burnham hält vor dem Föderationsrat eine große Rede, in der sie sagt, wir müssen uns auf unsere guten Werte besinnen, das ist das, was die Föderation ausmacht. Eben nicht eine Diskussion, in der man darüber nachdenkt, ob man den Krieg mit den Klingonen mit einem Völkermord beendet, indem man eine Bombe auf dem klingonischen Heimatplaneten platziert. Das lehnte Burnham ab, weil es nicht den Werten der Föderation entspricht („Will You Take My Hand?“). Ihrer Ansicht nach darf Verzweiflung niemals die moralische Autorität zerstören und man selbst nie die Regeln brechen, die uns selbst vor niedersten Instinkten schützen sollen. Das sind genau diese Werte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Thema der möglichen Beendigung eines Konflikts durch Völkermord haben wir in den früheren Serien auch. In „Deep Space Nine“ infiziert Section 31 die Gründer, die „Founders“, mit einem Virus. Sisko hält sich zunächst zurück, als er davon erfährt. Der Genozid wird jedoch verhindert, weil Bashir ein Heilmittel findet, mit dem er erst Odo heilt, der dann nach dem Ende des Krieges auf seinen Heimatplaneten zurückkehrt und The Great Link heilt. Das haben wir in „The Next Generation“, als Picard vor der Frage steht, ebenfalls einen Virus zu verbreiten, der die Borg infiziert und vernichtet.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Beides ist ganz ähnlich wie Burnhams Konflikt mit ihren moralischen Werten und beide Dinge fallen später auf die Föderation zurück. Es wirkt sich in der dritten Staffel von „Picard“ aus. Wir haben die Borg-Königin, die vom Virus zerfressen ist und deshalb mit den Changelings eine Allianz eingeht, um ihr Überleben zu sichern. So vermitteln die späteren Szenen die Botschaft, dass alles, was wir an Technologien entwickeln, aber auch alles, was wir entscheiden damit zu tun, zu einer späteren Zeit auf uns zurückschlagen könnte. Also stellt sich die Frage: Macht man das? Ist das ethisch vertretbar? Sollte man etwas, das man könnte, vielleicht doch lieber lassen?</em></p>
<p><em>Ich sehe Star Trek als Spiegel, der uns vorgehalten wird, uns zeigt, wie wir leben könnten, aber auch, welche Auswirkungen bestimmte Entscheidungen auf eine ganze Gesellschaft haben können. Da ist Star Trek sehr nahe an den utopischen Ideen traditioneller Staatsutopien.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das spricht dafür, dass Star Trek ein politisches Projekt ist. <em>  </em></p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Und als politisches Projekt wahrgenommen wird. Es ist in der Medienforschung natürlich immer die Frage, ob die Autor:innen das so wollten oder ob es unsere Wahrnehmung ist – die Wahrnehmung der Zuschauer:innen und der Forschenden, wie in meinem Fall. Ich denke, es ist eine Mischung von beidem. Am Anfang war es noch nicht so gedacht. Roddenberry hatte als großer Humanist Ideen, die er transportieren wollte. Aber dass diese Ideen auch als utopische Gedankenwelten aufgefasst wurden, hängt damit zusammen, dass in den 1980er Jahren und später Star Trek immer wieder geguckt und dabei entdeckt wurde, dass darin politische Botschaften zu finden sind. Wenn das in der Rezeption so geschieht, beeinflusst das dann auch die Konzeption der Weiterentwicklung. In „The Next Generation“ haben wir das dann gesehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das erinnert mich an Siegfried Kracauers „Von Caligari zu Hitler“, das 1947 etwa gleichzeitig mit Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ erschien. Kracauer sprach von der Wechselwirkung zwischen Produktion und Rezeption beziehungsweise zwischen den Intentionen der Filmemacher und den Einstellungen und Erwartungen des Publikums. Das sind im Grunde kommunizierende Röhren, eigentlich auch ein klassisch kapitalistisches Modell der Interdependenzen zwischen Angebot und Nachfrage. Fiktionen können auch Realitäten schaffen, wenn die Zeit reif dazu ist, im Guten wie im Schlechten.</p>
<p>Mit all dem, was wir besprochen haben, denke ich: Star Trek eignet sich in all seinen Facetten meines Erachtens hervorragend als Gegenstand politischer Bildung.</p>
<p><strong>Sebastian Stoppe</strong>: <em>Nicht nur politischer Bildung. Historische Bildung zum Beispiel. Ich denke ohnehin, dass in der schulischen Bildung die Einbeziehung von Medien viel viel stärker stattfinden müsste. Gerade aus der Populärkultur, die in Deutschland immer etwas abfällig genannt wird, was in anderen Ländern nicht der Fall ist, kann man viel lernen, denn dort wird genauso unsere Gegenwart verhandelt wie in Büchern, die der sogenannten Hochkultur zugerechnet werden. Es ist egal, ob das Science Fiction ist oder Dinge, die in unserer Zeit spielen, beispielsweise in Gesellschaftsserien.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2024, Internetzugriffe zuletzt am 2. Januar 2024. Das Titelbild zeigt den Hintergrund der von Martin Reif kuratierten und moderierten Star-Trek-Reihe der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit, zu der auch Sebastian Stoppe in mehreren Episoden beitrug.)</p>
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		<title>Star Trek und die Politik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 14 Oct 2023 14:20:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Star Trek und die Politik Eine Serie der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit “Space: the final frontier. These are the voyages of the starship Enterprise. Its five-year mission: to explore strange new worlds; to seek out new life and new civilizations; to boldly go where no man has gone before!” So beginnen sie,  [...]</p>
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<h2><strong>Eine Serie der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit</strong></h2>
<p><em>“Space: the final frontier. These are the voyages of the starship Enterprise. Its five-year mission: to explore strange new worlds; to seek out new life and new civilizations; to boldly go where no man has gone before!”</em></p>
<p>So beginnen sie, die Originalserie ebenso wie die neueste Serie Strange New Worlds, und die Sätze sprechen die jeweiligen Captains, James T. Kirk und Christopher Pike. Der englische Wikipedia-Eintrag zieht eine Linie bis hin zu den Luisiaden von Luis de Camões aus dem Jahr 1572. Immer wieder sehen wir – beispielsweise in den Büros von Captain Jean-Luc Picard oder Captain Jonathan Archer – Bilder und Modelle vergangener Schiffe, die noch keine Raumschiffe waren, sondern über Meere und Ozeane fuhren, aber den Namen „Enterprise“ trugen. Nun heißen nicht alle Schiffe „Enterprise“, wir haben die „Discovery“, die in eine andere Zeit, 900 Jahre später, verschwand, wir haben die „Voyager“, die ihre endlos erscheinende Rückreise durch den Delta-Quadranten aufnimmt. Sprechende Namen haben sie alle, sie alle sind als Forschungsschiffe konzipiert, aber leider sind die Verhältnisse in unserer Galaxie nicht so friedlich, dass eine Reise ohne extensiven Waffengebrauch überhaupt möglich wäre. Dies ist zum Beispiel die Erkenntnis von Jonathan Archer, Captain der ersten Enterprise und der ersten Deep-Space-Mission der Sternenflotte überhaupt. Und etwas martialischer klingt der Name des Schiffs der Raumstation „Deep Space Nine“, die „Defiant“, denn in dieser Serie gibt es auch einen heftigen, den gesamten Alpha-Quadranten bedrohenden Krieg zwischen dem aus dem Gamma-Quadranten stammenden „Dominion“ und der Föderation und ihren Verbündeten im Alpha-Quadranten.</p>
<div id="attachment_3910" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3910" class="wp-image-3910 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/640px-Galactic_Quadrant_Star_Trek-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/640px-Galactic_Quadrant_Star_Trek-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/640px-Galactic_Quadrant_Star_Trek-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/640px-Galactic_Quadrant_Star_Trek-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/640px-Galactic_Quadrant_Star_Trek-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/640px-Galactic_Quadrant_Star_Trek-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/640px-Galactic_Quadrant_Star_Trek-600x600.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/640px-Galactic_Quadrant_Star_Trek.png 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3910" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Galactic_Quadrant_Star_Trek.png">Die vier Quadranten der Galaxie, Schauplätze von Star Trek</a>. NASA / JPL-Caltech / R. Hurt, bearbeitet: Codehydro. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Aber was erklären uns Bücher, Filme, Serien der Populärkultur über heutige gesellschaftliche und politische Entwicklungen? Es gibt inzwischen ganze Forschungszweige zur Gothic Novel, zu Abenteuerromanen, Vampirromanen, fantastischer Literatur in fiktiven Welten und was auch immer, so eben auch zur Science-Fiction in den verschiedenen künstlerischen Gattungen. Doch Star Trek ist etwas Besonderes. Nicht nur, dass der Herausgeber des Demokratischen Salons ein ausgesprochener Fan ist, sondern auch, weil sich mit der <a href="https://www.freiheit.org/de">Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit</a> eine politische Stiftung und somit ein Akteur der politischen Bildung die Aufgabe gestellt hat, die Botschaften von Star Trek unter unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten zu untersuchen. Dies geschah in zwei Staffeln mit insgesamt 22 Episoden und war während der COVID-19-Pandemie genau das, was nicht nur Star-Trek-Fans brauchten.</p>
<p>Martin Thoma, Referent bei der Friedrich-Naumann-Stiftung, hat sein Büro in der <a href="https://www.freiheit.org/de/die-theodor-heuss-akademie-rebrush">Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach</a>. Er hat die Reihe vorbereitet und moderiert, er und Norbert Reichel haben sich ein wenig über diese Initiative ausgetauscht und verabredet, immer wieder mal politische Themen auf der Grundlage der 22 Episoden im Demokratischen Salon vorzustellen und zu diskutieren. Eine vollständige Liste der 22 Episoden mit den zugehörigen Links sowie weitere Lesetipps finden Sie am Schluss dieses Textes. Nicht zuletzt – auch das ist eine inspirierende Botschaft von Star Trek – gehören Shakespeare und Dante zu der bevorzugten Lektüre von Picard und Janeway und auf den Holodecks treffen wir eine Reihe bekannter Persönlichkeiten von Sherlock Holmes bis Leonardo da Vinci.</p>
<h3><strong>Cross-Over zwischen Politik und Populärkultur</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kam es zu der Serie?</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Die Corona-Pandemie führte dazu, dass wir viele Präsenzveranstaltungen ausfallen lassen mussten und auf ZOOM ausgewichen sind. Wir haben festgestellt, dass dies relativ gut funktioniert. Wir haben ein sehr interessiertes Publikum für diese digitalen Formate erreicht. Das hat die Nachfrage und die Teilnehmerquote deutlich gezeigt. Keine andere politische Stiftung war zu diesem Zeitpunkt so weit. Es ging zunächst nicht um Science-Fiction, sondern um eine Reihe zur Gesundheitspolitik. Das entsprach auch meinem Studium. Nach </em><a href="https://youtube.com/playlist?list=PLsUFri7IDhCzQpG12ECKzFZvGOgpg2aLb&amp;si=avwecf0Zeq06G3KK"><em>drei Staffeln zur Gesundheitspolitik</em></a><em> hatte ich mit einigen Kollegen zusammengesessen und wir überlegten uns, was wir Neues machen könnten. Gesundheitspolitisch hatten wir fast alles behandelt, was man nur unter diesem Thema behandeln konnte. </em></p>
<div id="attachment_3903" style="width: 445px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3903" class="wp-image-3903" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-300x169.png" alt="" width="435" height="245" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-200x113.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-300x169.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-400x225.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-600x338.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-768x432.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-800x450.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-1024x576.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-1200x675.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus-1536x864.png 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Liberalismus.png 1920w" sizes="(max-width: 435px) 100vw, 435px" /><p id="caption-attachment-3903" class="wp-caption-text">Martin Thoma und Expert:innen in Folge 1 von Staffel 1: &#8222;Star Trek und der Liberalismus&#8220;. Screenshot.</p></div>
<p><em>Eine treibende Idee war schon immer, verschiedene Themen quasi cross-over mit politischer Bildung zu verbinden. In Präsenz wäre das ein bestimmter Ort, zum Beispiel ein Fußballstadion, in dem wir dann über Jugendförderung und Integration sprechen. Das war während der Pandemie aber eben nicht möglich. Science-Fiction war für mich immer schon eine Leidenschaft und irgendwann hatte ich einen klassischen Re-Watch von „The Next Generation“ angesetzt, bin dann zu „Deep Space Nine“ hinübergeswitcht und stellte fest, wie unfassbar politisch das alles ist. Über jede Episode von „Deep Space Nine“ hätte man eine eigene Sendung machen können. Dann kam die Idee, etwas zu Star Trek machen. So ging es los.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Stiftung sagte, wir machen eine Staffel und dann wurden es zwei?</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Nicht ganz. Der Anspruch war, politische Bildung in der gewohnten hohen Qualität abzuliefern. Darüber hinaus muss es authentisch wirken. Das war die Crux. Wir haben ein Jahr Zeit gebraucht zu recherchieren. Wir schauten zum Beispiel nach inhaltlichen Überschneidungen. Themen wie Rassismus, Ökonomie, Religion und Geopolitik sind in zahlreichen Episoden in Star Trek zu sehen. Wir haben diese Inhalte zunächst geclustert und zwölf Episoden konzipiert. In den zwölf Episoden haben wir dann auch die offensichtlichsten Themen platziert. Anschließend ging es in die Recherche nach den richtigen Leuten. Wir brauchten die Expertise <u>und</u> das Authentische. Wir wollten auf jeden Fall Personen gewinnen, die sich wissenschaftlich mit den Themen rund um Star Trek beschäftigen. Das wollten wir dann anreichern, indem wir Fans hineinholen, Podcaster, Journalisten, die sich öffentlich mit Star Trek beschäftigten und damit auch eine gewisse Credibility aufwiesen. Gleichzeitig waren das auch politische Menschen. Also eben Personen, mit einer politischen Meinung, einer Haltung und einer Einstellung. </em></p>
<p><em>Meine Recherche begann erst über Fachbücher, Beiträge und dann eben über Literaturverzeichnisse. Das erste Buch, das ich fand, war eine Reihe, die zwanzig Jahre alt ist. Ein wissenschaftlicher Band aus der Universität Kiel. Mein erstes Telefonat fand mit </em><a href="https://www.ndl-medien.uni-kiel.de/de/personenverzeichnis/emeriti-pens-professorinnen/prof-dr-phil-hans-juergen-wulff-pensioniert"><em>Hans-Jürgen Wulff</em></a><em> statt. Er hatte damals eine Ringvorlesung veröffentlicht. Darauf basierte auch zu einem Stück unsere erste Staffel. Interessant war zu sehen, wer damals – vor zwanzig Jahren – schon aktiv war. Zum Beispiel </em><a href="https://www.tu-chemnitz.de/tu/pressestelle/aktuell/11792"><em>Gerd Strohmeier</em></a><em>, heute Rektor der TU Chemnitz, </em><a href="https://www.uni-goettingen.de/de/201404.html"><em>Metin Tolan</em></a><em>, </em><a href="https://www.giga-hamburg.de/de/das-giga/team/richter-thomas"><em>Thomas Richter</em></a><em>, alle haben sich damals schon damit beschäftigt. Die habe ich alle nicht bekommen. Dann habe ich damit begonnen zu schauen, wer zitiert hier wen, wer schreibt über wen und wer schreibt welche Rezension. Ziel war es an Personen zu kommen, die sich aktuell mit dem Thema beschäftigen. Als ich dann etwa zehn bis fünfzehn Personen recherchiert hatte, konnte ich versuchen, diese zu gewinnen. Es gab Telefonate, E-Mails und und und. Erstaunlicherweise fiel das Projekt auf fruchtbaren Boden. Auch bei Personen, die mit der FNF eigentlich nichts anfangen konnten. Nachdem alle Episoden mit Gästen besetzt waren, konnten wir die Live-Shows planen.</em></p>
<h3><strong>Die Themen – Konzepte und Entwicklungen </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit dem Vorteil, dass man auch nach der Live-Show hineinschauen konnte, alles ist nach wie vor verfügbar und Ihre Zahlen zeigen, dass es immer wieder neue Interessierte gibt. Sie nannten eben einige Namen, erst einmal alles Männer, aber es gab ja auch einige Frauen, die sich mit Star Trek beschäftigten, zum Beispiel <a href="https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/rvt/die-professur/beschaeftigte/WiMi/lkm_index">Luise K. Müller</a>. Gab es so etwas wie geschlechtspezifische Vorlieben?</p>
<div id="attachment_3904" style="width: 459px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3904" class="wp-image-3904" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-300x169.png" alt="" width="449" height="253" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-200x113.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-300x169.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-400x225.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-600x338.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-768x432.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-800x450.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-1024x576.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-1200x675.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2-1536x864.png 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Feminismus.2.png 1920w" sizes="(max-width: 449px) 100vw, 449px" /><p id="caption-attachment-3904" class="wp-caption-text">Staffel 2, Folge 6: &#8222;Star Trek und der Feminismus 2&#8220;. Screenshot.</p></div>
<p><strong>Martin Thoma</strong>:<em> Hinsichtlich der Themen nicht unbedingt. Thomas A. Herrig hat über Feminismus in Star Trek ein Buch geschrieben. Eva Marlene Hausteiner beschäftigt sich auf politikwissenschaftlicher Ebene mit dem Imperialismus und Jenny Joy Schumann befasste sich mit Künstlicher Intelligenz in den Rechtswissenschaften. Das Spektrum von Personen und Themen ist also sehr breit gefächert und Star Trek bietet sich ja geradezu an, diese Vielfalt zu leben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie präsentieren in der Tat die unterschiedlichen Themen, Feminismus, Rassismus, Wirtschaft, die Institutionen der Galaxie. Gibt es in der Forschung Schwerpunkte, vielleicht sogar ein Ranking?</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Es liegt ein bisschen an der Zeit. Aktuell gibt es einen Band von </em><a href="https://www.philol.uni-leipzig.de/en/institute-for-american-studies/institute/faculty/katja-kanzler"><em>Katja Kanzler</em></a><em> über Discovery. Da ging es viel um gesellschaftliche Themen. Es ist auch die diverseste Crew, die es je gab. Der Cast war ausgezeichnet, auch wenn die Rezensionen durchwachsen sind, was aber mehr am Story Telling und an der Rollenbeschreibung der einzelnen Personen liegt. Das Ökonomie-Thema war bei Next Generation und Deep Space Nine ein Thema, auch wegen der Ferengi, das war später nicht mehr so stark vertreten. In Discovery oder Strange New Worlds gibt es das beispielsweise kaum.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant finde ich die Veränderungen in der Darstellung der Ferengi. In Next Generation, auch in je einer Episode von Voyager und Enterprise sind die Ferengi üble Gesellen, eine Art Piraten, denen es nur um die persönliche Bereicherung geht. In Deep Space Nine kommt Rom zu seiner wahren Bestimmung, indem er seine Fähigkeiten als Ingenieur beweist, Nog gelingt es, Offizier der Sternenflotte zu werden und am Schluss setzt die gemeinsame Mutter von Quark und Rom durch, dass die Ferengi ihre bisherige Linie zur Unterdrückung der Frauen aufgeben, die keine Kleidung tragen, keine Geschäfte machen durften, und Rom wird Staatschef und Nachfolger des Great Nagus.</p>
<div id="attachment_3905" style="width: 222px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3905" class="wp-image-3905 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/QTXP_20121019_Destination_Star_Trek_London_MG_1490-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/QTXP_20121019_Destination_Star_Trek_London_MG_1490-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/QTXP_20121019_Destination_Star_Trek_London_MG_1490-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/QTXP_20121019_Destination_Star_Trek_London_MG_1490-400x565.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/QTXP_20121019_Destination_Star_Trek_London_MG_1490-600x848.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/QTXP_20121019_Destination_Star_Trek_London_MG_1490.jpg 640w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /><p id="caption-attachment-3905" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:QTXP_20121019_Destination_Star_Trek_London_MG_1490.jpg">Ferengi und Bajoranerin auf einer Star Trek Convention</a>, durchaus mit Ähnlichkeiten zu Quark und Leeta in Deep Space Nine. Foto: X-PRIZE. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a>.</p></div>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Es kommt darauf an, wie man die Story erzählt und aus welcher Blickrichtung man die Ferengi sieht. Aus der klassischen humanistischen Blickrichtung sind die Ferengi eine ganz fiese Truppe, ein patriarchalisches Gesellschaftssystem, ein schwieriges Gesellschaftsbild aus unserer Sicht. Solche Gesellschaftsbilder gibt es später bei Star Trek nicht mehr, in der Science-Fiction taucht es erst wieder in der Serie </em><a href="https://www.hulu.com/series/the-orville-21e70fbf-6a51-41b3-88e9-f111830b046c"><em>„The Orville“</em></a><em> auf. Ein Ranking der Themen lässt sich meines Erachtens nicht erstellen, aber der Zeitgeist prägt die Science-Fiction und damit auch Star Trek enorm. In 20 Jahren sehen wir wahrscheinlich wieder andere Themen als heute oder vor 20 Jahren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch Figuren verändern sich. Der Spock der Originalserie ist ein anderer Spock als der Spock in Discovery und in Strange New Worlds. Spock erscheint zunächst zwischen seinen Identitäten als Vulkanier und als Mensch gespalten, mit dem striktem Bemühen, so wenig Menschliches wie möglich zuzulassen. Das ist natürlich Anlass für immer neue Konflikte, aber in Strange New Worlds wird das erheblich differenzierter und auch lockerer, gerade im Hinblick auf seine Liebesgeschichte mit Nurse Christine Chapel, die hier eine viel aktivere Rolle hat als in der Originalserie, abgesehen von der Episode, in der sie eingeführt wird („What are little Girls made of?“), oder die Konflikte mit der Familie seiner vulkanischen Verlobten T’Pring, die in der Ponfarr-Episode („Amok Time“) zu Beginn der zweiten Staffel der Originalserie auch schon eine – hier allerdings nicht in Frage gestellte – Rolle spielt. Als wir zuletzt noch einmal die Originalserie anschauten, sagte meine Frau, dass der Umgang der Crew mit Spock in den ersten Folgen geradezu rassistisch war. Das änderte sich mit der Zeit, aber ich muss sagen, sie hatte recht.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob wir Spock mit dem Thema Rassismus in Verbindung bringen können. Es ist auch immer die Frage, ob er diskriminiert wird, weil er Vulkanier ist. Ich sehe andere Charaktere, bei denen das viel krasser deutlich wird, dass sie aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert werden. Ich denke an die Figur von Lieutenant Worf, weil hier dargestellt wird, dass er eben nicht dieselben Möglichkeiten wie seine menschlichen Kolleginnen und Kollegen hat. Oft genug eben auch mit dem Hinweis, dass er Klingone ist und oft auch darauf angesprochen wurde, er solle sich nicht „zu klingonisch“ als Mitglied der Sternenflotte benehmen. In der dritten Staffel von Picard spielt das natürlich keine Rolle mehr. </em></p>
<p><em>Ein Paradebeispiel ist in Deep Space Nine der Ferengi Nog, der sich von seiner Herkunft, von seinem Vater und seinem Onkel, zu emanzipieren versucht, immer noch mit Rückfällen, beispielsweise beim Double-Date mit Jake Sisko und seinem Versuch, sich als kompetenter Händler zu erweisen, der er nicht ist. Er sagt, er könne sich vorstellen, in der Sternenflotte Dienst zu tun und die Werte zu teilen, auch weil er die Werte der Ferengi eben nicht vertreten konnte. Vermutlich auch, weil er auf DS9 in einem multikulturellen Umfeld aufgewachsen ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie auch schon sein Vater Rom, der zunächst vor allem unter seinem Bruder Quark zu leiden hat, der ihn immer wieder als <em>„Idioten“</em> bezeichnet. Der ferengi-hafte Ferengi diskriminiert seinen Bruder Rom, der in seinen Augen sich nicht ferengi-haft benimmt und sogar einen erfolgreichenStreik gegen die ausbeuterische Praxis von Quark in seinem Etablissement organisiert.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: Richtig, <em>und Nog erhält von Sisko die Absage, Teil der Sternenflotte zu werden, weil er eben einfach Ferengi ist und das prinzipiell schon nicht geht. Das ist schon ein sehr offensichtlicher Fall von Rassismus in einer Organisation, die sich selbst als sehr integrativ versteht. Ähnliche Vorbehalte gab es viele Jahre zuvor gegenüber Worf.</em></p>
<div id="attachment_3906" style="width: 232px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3906" class="wp-image-3906 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek_Shatner_Nimoy_Kirk_Spock-222x300.jpg" alt="" width="222" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek_Shatner_Nimoy_Kirk_Spock-200x270.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek_Shatner_Nimoy_Kirk_Spock-222x300.jpg 222w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek_Shatner_Nimoy_Kirk_Spock-400x540.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek_Shatner_Nimoy_Kirk_Spock-600x810.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek_Shatner_Nimoy_Kirk_Spock.jpg 640w" sizes="(max-width: 222px) 100vw, 222px" /><p id="caption-attachment-3906" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Star_Trek_Shatner_Nimoy_Kirk_Spock_(cropped).JPG">James T. Kirk und Spock</a>. NBC Television. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deep Space Nine wird der Rassismus von zwei Seiten überwunden, von der Seite der Sternenflotte – Sisko ändert seine Meinung und schätzt Nog als Offizier – und von der Seite der Ferengi selbst, auch wenn sich Quark eigentlich nie so richtig mit dem Werdegang seines Bruders und seines Neffen abfinden will. Letztlich fügt er sich ins Unvermeidliche. Sein Ferenginar gehört schließlich der Vergangenheit an.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Das geht auch noch weiter. In den neuen Star-Trek-Serien gibt es als Thema den Umgang mit den Orionern. Hier werden aber Klischees und Stigmata durchbrochen und eben aufgelöst. Diese Sichtweise war ja früher gar nicht vorgesehen, weil es immer ein klassisches Freund-Feind-Schema brauchte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Lower Decks gibt es ein orionisches Crewmitglied, Ensign D-Vana Tendi, die wir auch in Strange New Worlds in der zweiten Staffel sehen („Those Old Scientists“), als einer ihrer Kollegen, Ensign Boimler durch ein Zeitportal auf der Enterprise landet. In anderen Serien sind Orioner jedoch eindeutig negativ belegt.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Ich finde es spannend, dass Star Trek selbst diese Bilder durchbricht, das alle Orioner kriminell, alle Ferengi raffgierige Kapitalisten, alle Klingonen gewalttätige Schlächter und alle Romulaner gewalttätig und hinterhältig zugleich wären. Auch in den begleitenden Romanen wird dies viel stärker thematisiert und ein plurales Bild der oben genannten Gesellschaften gezeigt. Auch wenn die Ausreißer noch in der Minderheit zu sein scheinen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man muss natürlich einige Folgen sehen, um zu sehen, wie Bilder dekonstruiert werden. Interessant finde ich auch die Personen der Crew, die eine gebrochene Vergangenheit aufweisen, gerade bei den Brückenoffizieren. Das trifft auch auf Worf zu, der in Minsk von menschlichen Adoptiveltern aufgezogen wurde, das trifft auf Tom Paris zu, der von Janeway aus der Strafkolonie geholt wird, auf die Crew-Mitglieder des Maquis auf der Voyager ohnehin. Bei Worf, beim Spock der Originalserie, auch bei Nog habe ich sogar den Eindruck, dass sie ihre Herkunft durch Überanpassung zu bewältigen versuchen, Worf durch das Überklingonische, Spock durch das Übervulkanische, Nog dadurch, dass er sich als ganz besonders diensteifriger Sternenflottenoffizier beweisen möchte.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Wenn man die Auskopplung der neuen Star-Trek-Filme der Kelvin-Timeline (ab 2009) schaut, sieht man, dass Spock vor ein Auswahlgremium gestellt wird, das ihm sagt, dass er trotz seiner Einschränkung in die vulkanische Akademie aufgenommen werden soll. Als er fragt, welche Einschränkung das sei, erhält er zur Antwort: Ihre menschliche Mutter. Er verabschiedet sich hochachtungsvoll aber nach dem Motto, dann macht es doch alleine, ohne mich. Wenn man an dem einen Ort nicht mehr zu Hause ist, geht man eben an einen anderen Ort, und der ist dann die Sternenflotte.</em></p>
<h3><strong>Ein Kommentar auf US-amerikanische Politik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Star Trek war und ist immer wieder ein Kommentar auf US-amerikanische Politik und gibt oft genug ein ganz anderes Bild als das, das wir hier in Europa oder in Deutschland so in unseren Köpfen haben. Eigentlich ist das Star-Trek-Universum ein sehr liberales Universum.</p>
<div id="attachment_3907" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3907" class="wp-image-3907 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Camping_Star_Trek_Style-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Camping_Star_Trek_Style-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Camping_Star_Trek_Style-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Camping_Star_Trek_Style-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Camping_Star_Trek_Style-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Camping_Star_Trek_Style.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3907" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Camping_Star_Trek_Style.jpg">Camping im Star-Trek-Style</a>. Foto: Heath Alseike. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a>.</p></div>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Star Trek ist ein Kommentar auf amerikanische Politik, war es immer schon, eher selten mit dem Hang, sich außenpolitisch zu äußern, zum Beispiel mit einem Blick nach Europa. Star Trek hat sich auf die US-amerikanische Politik konzentriert und dieser so etwas wie einen Spiegel vorgehalten. Deshalb ist es auch immer etwas schwierig, eine politische Debatte aufzumachen und über die Werte des Liberalismus zu diskutieren, wie wir ihn in Deutschland verstehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlaube mir die Zwischenbemerkung, dass auch hier in Deutschland 100 Liberale 102 verschiedene Vorstellungen davon haben, was Liberalismus sein könnte.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>:<em> Stimmt schon. In den USA ist es vielleicht etwas einfacher. Es gibt immer ein paar Hauptströmungen, aus deren Sicht sich dann über Star Trek sprechen lässt. Das ist aus unserer Sicht schon etwas schwieriger, weil wir eben nicht in den USA leben. Es ist auch so: Hollywood macht sich das Leben nicht einfach, wenn es versucht, über Star Trek politischen Zeitgeist zu kommentieren. Einerseits muss Star Trek verkaufen, authentisch sein, und wenn man damit auch noch politische Kontexte kommentieren möchte, kann man das nie mit dem Anspruch machen, vollständig zu sein, es fehlt immer etwas, das eben nicht erzählt wird, nicht kommentiert wird. Und schon hagelt es Kritik. Am Ende hat man etwa 60 Minuten Zeit für eine Episode und wenn man alle Stilmittel integrieren wird, ist das für eine richtige Story nicht sehr viel. Es gibt auch keine Staffeln mehr mit 25 Episoden im Jahr à 45 Minuten, die aufeinander aufbauen könnten. Eine Folge wie „Wem gehört Data?“ („The Measure of A Man“) mit dem Gerichtsprozess, ob Data Eigentum der Sternenflotte ist oder ein Recht auf seine eigene Persönlichkeit hat, ein Individuum mit Freiheitsrechten, wird heute schwierig. Da wird nur verhandelt, es wird kein Phaser abgefeuert, das hat inhaltliche Tiefe. Ob das heute vom Publikum genauso aufgenommen würde wie damals, weiß ich nicht. Ich denke erst einmal nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gerichtsverhandlungen gibt es bei Star Trek immer wieder. Wir hatten es gerade in Strange New Worlds in der zweiten Folge der zweiten Staffel („Ad Astra per Aspera“) mit dem Prozess gegen Una Chin-Riley, die – wie alle anderen auf ihrem Heimatplaneten auch – genetisch verändert ist, um dort überleben zu können, und deshalb verurteilt werden sollte, weil genetische Veränderungen seit der Geschichte von Khan Noonien Singh und den Eugenischen Kriegen in der Föderation verboten sind. Oder auch die Folge der siebten Staffel von Voyager („Author, Author“), in der der holographische Doktor mit Unterstützung von Janeway und Tuvok um seine Autorenrechte an dem von ihm verfassten Holo-Roman kämpft. Die diversen Folgen, in denen Crew-Mitglieder sich wegen eines von ihnen gar nicht begangenen Mordes vor dem Gericht einer fremden Zivilisation verantworten müssen, will ich gar nicht näher thematisieren, Scotty in der Originalserie, Tom Paris in Voyager, Chief O’Brien in Deep Space Nine.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Voyager hat sich damals noch Zeit gelassen, weil man in der Anzahl der Episoden pro Staffel</em> <em>viel mehr unterbringen konnte. Heute sind es in der Regel zehn oder allenfalls ein oder zwei Episoden mehr, in Discovery, in Strange New Worlds, in Picard. So wird die Story verdichtet. Eine politische Diskussion leidet in einer solchen Verdichtung. Gut finde ich aber, dass in Strange New Worlds einzelne Episoden, durchaus mit rotem Faden, vorgestellt werden, man aber nicht die ganze Staffel sehen muss, um alles zu verstehen. Vielleicht führt diese Erfahrung dazu, dass man sich in Zukunft wieder mehr Zeit nimmt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die durcherzählte Geschichte war bei Discovery ein Problem. In der zweiten Staffel war meines Erachtens die Geschichte der Bedrohung durch Control, die Künstliche Intelligenz, überdehnt, in der dritten Staffel hatte ich den Eindruck, dass nach dem Verschwinden von Philippa Georgiou in ihrer ursprünglichen Dimension man nicht mehr so richtig wusste, wie man „The Burn“ an ein Ende bringt. Ich fand es schon merkwürdig, dass all dies durch einen psychisch durchgeknallten Kelpianer verursacht sein sollte. Die vierte Staffel war da schon kohärenter. Gut durcherzählt ist meines Erachtens die dritte Staffel von Enterprise, die vierte Staffel hat mehrere aufeinander aufbauende Folgen, in der Regel zwei oder drei. Die dritte Staffel ist 9/11 pur, mit allem Drum und Dran. Diese Staffel hat durchaus eine ganz gute Balance zwischen der Gesamterzählung und dem gefunden, was man in einer einzelnen Episode erzählen kann. Meines Erachtens wird diese Serie von vielen in ihrer Qualität einfach unterschätzt.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Absolut. Hier hat man wirklich am falschen Ende gespart. Man hätte aus Enterprise noch einiges machen lassen. Aber vielleicht war der Markt schon gesättigt. Die Rollen waren gut verteilt, der Cast war gut, die Stories, die Personen entwickelten sich gut. Es war vielleicht die richtige Serie zum falschen Zeitpunkt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wir haben wieder die Geschichte einer Zivilisation, die anders ist als man denkt, die der Vulkanier. T’Pau, die schon in der Originalserie als Staatschefin auftritt, ist 70 Jahre zuvor in Enterprise Widerstandskämpferin gegen ein autoritäres Regime („The Forge“ und „Awakening“). Die entscheidende Bemerkung macht meines Erachtens der vulkanische Botschafter auf der Erde, Soval, der zu Archer sagt, man habe wohl so viele Vorbehalte gegen die Menschen von der Erde, weil sie den Vulkaniern so ähnlich wären, in der Geschichte, im Verhalten.</p>
<div id="attachment_3911" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek-_Discovery_36402929122.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3911" class="wp-image-3911 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek-_Discovery_36402929122-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek-_Discovery_36402929122-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek-_Discovery_36402929122-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek-_Discovery_36402929122-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek-_Discovery_36402929122-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Star_Trek-_Discovery_36402929122.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3911" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Star_Trek-_Discovery_(36402929122).jpg">Die Darsteller:innen der Crew der ersten Staffel von &#8222;Discovery&#8220; auf der Star Trek Convention San Diego (California)</a>, von links nach rechts: Sonequa Martin-Green (Michael Burnham), Jason Isaacs (Captain Gabriel Lorca) und Doug Clure (Saru). Foto: vagueonethehow from Tadcaster, York, England, Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a>.</p></div>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Diese Storyline hatte sehr viel Potenzial. Die Serie endet ja mit dem Gründungsakt der Föderation, die letzte Folge aber spielte dann sechs Jahre nach den vorangegangenen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Abschluss unseres heutigen Gesprächs, das ja nur der Auftakt sein soll, möchte ich einen Schauspieler nennen, der es schafft, immer wieder andere Personen und Persönlichkeiten in den diversen Staffeln zu spielen. Ich bin ein großer Fan von Jeffrey Combs.</p>
<p><strong>Martin Thoma</strong>: <em>Wer nicht?</em> <em>Welche Rollen hat der alle gespielt? Irgendwo gibt es eine Liste, den Ferengi-Bürokraten Brunt und den Vorta Weyhoun in Deep Space Nine, den Andorianer Shran in Enterprise, dazu dann noch mehrere Einzelauftritte. </em></p>
<h3><strong>Die beiden Staffeln von Star Trek und die Politik:<br />
</strong></h3>
<h4><strong>Erste Staffel</strong>:</h4>
<ol>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=5b6_YWdh_Aw&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn">Star Trek und der Liberalismus</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=_l16G0NqnwA&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=2">Star Trek und die Ökonomie</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Mftz90MMNC8&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=3">Star Trek und die Institutionen der Galaxie</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=N4QjLHxKfI0&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=4">Star Trek und der Rassismus</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=wnjq4w-I1jk&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=5">Star Trek und der Feminismus</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=PTjneCGHGdI&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=6">Star Trek und die Religion</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=rJM_F5FawPo&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=7">Star Trek und die Krisen unserer Zeit</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=ZcwK3TfFbPA&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=8">Star Trek und die Freiheit von Forschung und Wissenschaft</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=CEuANMN_oZI&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=9">Star Trek und das Holodeck als virtuelles Archiv und kulturelles Gedächtnis</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=UoQ0zeflX_0&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=10">Star Trek und die Außenpolitik</a>.</li>
</ol>
<p>Zwei Episoden zum Thema „Star Trek und der Krieg“ wurden wegen des russischen Überfalls auf die Ukraine aus dem Programm genommen.</p>
<h4><strong>Zweite Staffel</strong>:</h4>
<ol>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=G2lBSJmhDaQ&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=13">Star Trek und die menschlichen Maschinen</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=o6sVUVXseXE&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=14">Star Trek und die Rechte künstlichen Lebens</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=PDZh_RDw3L4&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=15">Star Trek und die Diversität</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=p3QC6NWy470&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=16">Star Trek und die Würde des extraterrestrischen Lebens</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=LDK4p_mT6ks&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=17">Star Trek und die Ethik des modernen Heilens</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=RonC4DdJEgM&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=18">Star Trek und der Feminismus – Teil 2</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=5AlCm_WjZdw&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=19">Star Trek und der Imperialismus</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3Lxgx4JbRtc&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=20">Star Trek und die Utopie</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=oWW13zmK--c&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=21">Star Trek und die Sprache der Diplomatie</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=ZYn2QfOZMOg&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=22">Star Trek und die Moral</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=2O0uMBTtV6E&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=23">Star Trek und die Kulturen der Galaxis</a>.</li>
<li><a href="https://www.youtube.com/watch?v=2O0uMBTtV6E&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn&amp;index=23">Star Trek, Star Wars und The Orville im politischen Vergleich</a>.</li>
</ol>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Die folgende Leseliste hat Martin Thoma zusammengestellt (i.d.R. mit ISBN-Nummern):</p>
<ul>
<li>Henrik Hansemann, Die Philosophie bei Star Trek: Mit Kirk, Spock und Picard auf der Reise durch unendliche Weiten, 978-3527507283</li>
<li>Michael C. Bauer, Neue Welten &#8211; Star Trek als humanistische Utopie? 8-3662574485</li>
<li>Katja Kanzler, Christina Schwarke, Star Trek: Discovery: Gesellschaftsvisionen für die Gegenwart, 978-3-658-27610-2</li>
<li>Thomas A. Herrig, &#8230;wo noch nie eine Frau zuvor gewesen ist&#8230; 45 Jahre Star Trek und der Feminismus, 9783828825673</li>
<li>Niko Switek, „Politik in Fernsehserien &#8211; Analysen und Fallstudien zu House of Cards, Borgen &amp; Co“, 978-3-8376-4200-1</li>
<li>Andreas Rauscher, Das Phänomen Star Trek: Virtuelle Räume und metaphorische Weiten, 978-3930559985</li>
<li>Star Trek &#8211; Deep Space Nine: Die Mythen und Legenden der Ferengi, 978-3893658794</li>
<li>Star Trek: Die Klingonische Kunst des Krieges, 978-3864254383</li>
<li>George A. Gonzalez, The Politics of Star Trek. Justice, War, and the Future, 9781137549402</li>
<li>Judith Barad/Ed Robertson, The Ethics of Star Trek, 9780060933265:</li>
<li>Jason T. Eberl/Kevin S. Decker, Star Trek and Philosophy. The Wrath of Kant, 9780812696493</li>
<li>Jason T. Eberl/Kevin S. Decker, The Ultimate Star Trek and Philosophy: The Search for Socrates (The Blackwell Philosophy and Pop Culture Series), 978-1119146001</li>
<li>Sabrina Mittermeier, Mareike Spychala, Fighting for the Future: Essays on Star Trek: Discovery, 978-1789621761 oder 9781802077834</li>
<li>Frank Lesske, Zukunft im Film: Sozialwissenschaftliche Studie zu Star Trek und anderer Science-fiction, 978-3-933046-47-5</li>
<li>Kristina Jaspers, Things to Come: Science Fiction Film, 9783735602176</li>
<li>Sebastian Stoppe, Is Star Trek Utopia? Investigating a Perfect Future, 978-1-4766-8636-3</li>
<li>Kristina Jaspers, Nils Warnecke, Gerlinde Waz, Rüdiger Zill, Future Worlds. Science-Fiction-Film, 9783865052506</li>
<li>Björn Sülter Verlag in Farbe und Bunt, Es lebe Star Trek &#8211; Ein Phänomen, zwei Leben</li>
<li>Björn Sülter Reinhard Prahl Thorsten Walch, Die Star-Trek-Chronik &#8211; Teil 1: Star Trek: Enterprise, Die Star-Trek-Chronik &#8211; Teil 2: Star Trek: Raumschiff Enterprise, Die Star-Trek-Chronik &#8211; Teil 3: Star Trek: The Next Generation</li>
<li>Mike Hillenbrand und Christian Humberg, TREKminds &#8211; nur der Himmel ist die Grenze</li>
<li>Thomas Höhl, Dies sind die Abenteuer&#8230; 40 Jahre Star Trek, 9783898806688</li>
<li>Mike Hillenbrand, Star Trek in Deutschland: Wie Captain Kirk nach Deutschland kam, 9783868520064</li>
<li>Manu Saadia, Trekonomics: The Economics of Star Trek by Manu Saadia, 978-1941758755</li>
<li>Sophia Ebert, Johannes Glaese, Ökonomische Utopien, 978-3958080089</li>
<li>Lawrence Krauss, Physics of Star Trek (Star Trek Series), 978-0465002047</li>
<li>Lawrence M. Krauss, Die Physik von Star Trek, 9783453109810</li>
<li>Stefan Thiesen, Star Trek Science. Die Zukunft hat schon begonnen, 783612264466</li>
<li>Stefan Thiesen, Trek Science. Mit Warpgeschwindigkeit in die Zukunft? 9783934195066</li>
<li>Thomas Richards, Star Trek. Die Philosophie eines Universums, 978-3453136748</li>
<li>Nina Rogotzki, Helga Brandt , Paul M. Hahlbohm, Faszinierend! Star Trek und die Wissenschaften Band 1, 978-3933598257</li>
<li>Nina Rogotzki, Thomas Richter, Faszinierend! – Star Trek und die Wissenschaften Band 2, 978-3-933598-69-1</li>
<li>Metin Tolan, Die STAR TREK Physik: Warum die Enterprise nur 158 Kilo wiegt und andere galaktische Erkenntnisse, 978-3492310840</li>
<li>Sebastian Stoppe, Unterwegs zu Neuen Welten &#8211; Star Trek als politische Utopie, 978-3-941310-61-2</li>
<li>Klaus Vieweg, Die Philosophie in Star Trek, 9783966581769</li>
<li>Klaus Vieweg, Die Literatur in Star Trek, 9783966584050</li>
<li>Kai-Uwe Hellmann, Arne Klein, &#8222;Unendliche Weiten&#8230;&#8220;. Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie, 978-3596135790</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2023, Internetzugriffe zuletzt am 11. Oktober 2023. Nach unserem Gespräch hat Martin Thoma geheiratet und heißt jetzt Martin Reif. Er arbeitet in der Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach, die auf dem Titelbild im Ausgang des Holodecks der Star-Trek-Reihe der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zu sehen ist.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Politik der Science Fiction</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Sep 2023 06:23:15 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Politik der Science-Fiction Ein Gespräch mit der Politologin Isabella Hermann „It is the unknown that defines our existence.” (Benjamin Sisko im Pilotfilm der Serie „Deep Space Nine”) „Deep Space Nine” ist die dritte Serie im Star-Trek-Universum. Benjamin Sisko möchte die Raumstation eigentlich wieder verlassen, doch endet er nach seiner ersten Begegnung mit den  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Die Politik der Science-Fiction</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Politologin Isabella Hermann</strong></h2>
<p><em>„It is the unknown that defines our existence.” </em>(Benjamin Sisko im Pilotfilm der Serie „Deep Space Nine”)</p>
<p>„Deep Space Nine” ist die dritte Serie im Star-Trek-Universum. Benjamin Sisko möchte die Raumstation eigentlich wieder verlassen, doch endet er nach seiner ersten Begegnung mit den Propheten Bajors im Himmlischen Tempel, dem Wurmloch zwischen Alpha- und Gammaquadranten. Gegenstand seines Gesprächs mit den Propheten ist die Zeit. Ist sie linear? Für Menschen ist sie es. Er erklärt dies den Propheten anhand eines Baseball-Spiels. Jeder Wurf, jeder Schlag enthält in sich Hunderte von Möglichkeiten der Weiterentwicklung des Spiels. Und so ist es wohl auch im richtigen Leben, auf das sich Benjamin Sisko mit seiner Crew in der Raumstation einlassen wird. Baseball begleitet seine Zeit, immer wieder greift er nach dem Ball auf seinem Tisch und dieser Ball liegt auch im Finale der siebten Staffel noch dort, obwohl Sisko vorerst wieder im Himmlischen Tempel entschwunden ist, aber seine Kolleg:innen und wir als Zuschauer:innen wissen, wir erleben nicht das Ende einer Entwicklung, das Unbekannte lockt nach wie vor – oder in der Sprache der Einleitungen der Originalserie und von „The Next Generation“: <em>„the final frontier“</em>, doch selbst diese Grenze ist überschreitbar, nichts ist endlich, es gibt immer wieder neue Grenzen zu entdecken, nicht nur im Weltraum.</p>
<div id="attachment_3713" style="width: 307px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3713" class="wp-image-3713 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-297x300.jpg" alt="" width="297" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-200x202.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-297x300.jpg 297w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-400x404.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-600x606.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-768x775.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-800x808.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-1014x1024.jpg 1014w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-1200x1211.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/09/Isabella-Hermann-©-Stiftung-Zukunft-Berlin-1522x1536.jpg 1522w" sizes="(max-width: 297px) 100vw, 297px" /><p id="caption-attachment-3713" class="wp-caption-text">Isabella Hermann © Stiftung Zukunft Berlin</p></div>
<p>Science-Fiction – das ist der Traum der Entdeckung des Unbekannten, der Zukunft, wie sie sein könnte oder wie wir sie gerne hätten. Die Politologin Isabella Hermann hat sich die Analyse der Science-Fiction zur Aufgabe gemacht. Sie verdient ihren Lebensunterhalt mit politischer Bildung und mit Science-Fiction. Sie hat ihre Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht. Was kann Besseres geschehen? Im Jahr 2023 erschien ihre <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/reisen-in-die-welt-der-science-fiction/">Einführung in die Science-Fiction</a>, die wir im Demokratischen Salon vorgestellt haben. <a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/">Das Motto ihrer Internetseite</a>: <em>„Science-Fiction zwischen Zukunft und Metapher“. </em>Über die Internetseite findet wer möchte Vorträge, Podcasts und Auftritte im Rundfunkt, in denen Isabella Hermann die Bezüge zwischen Science-Fiction und der Politik erklärt.</p>
<h3><strong>Zukünftige Welten und die Gegenwart</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du bist Politologin und verdienst dein Geld mit Science-Fiction. Eine ungewöhnliche Kombination?</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Ich glaube schon, wenn man es so hört. Das gibt es nicht als Jobprofil. Kaum jemand wird Politikwissenschaften studieren, um dann als Science-Fiction-Analyst:in zu arbeiten. Auf den ersten Blick ist die Verbindung vielleicht ungewöhnlich, aber wenn man es genauer nachverfolgt, wird ein roter Faden ersichtlich. Ich war schon als Kind von Science-Fiction fasziniert. Mich haben allerdings an der Science-Fiction in erster Linie das Soziale und das Politische interessiert, nicht so sehr die Technik. Die Technik ermöglicht neue Welten, aber ich interessierte mich für die vielen neuen sozialen und politischen Konstellationen, zum Beispiel in Star Trek. In diesem Universum ist es vielleicht sogar am offensichtlichsten. Wir haben die Replikatoren, das Beamen, den Warp-Antrieb, den Universalübersetzer – all diese technischen Gimmicks ermöglichen die neue Welt in der Zukunft und vor allem auch Erreichbarkeit und Kommunikation. Fasziniert hat mich schließlich dieses postkapitalistische System der Föderation, der Umgang mit den Alien-Zivilisationen, die Frage, wie sich die Menschheit nach dem </em><a href="https://memory-alpha.fandom.com/de/wiki/Dritter_Weltkrieg"><em>Dritten Weltkrieg</em></a><em>, der von 2026 bis 2053 stattfand, doch zusammengerauft hat. </em></p>
<p><em>Mein Interesse betraf aber nicht nur die Science-Fiction, ich hatte allgemein politisches Interesse. Daher kam es zum Studium der Politikwissenschaften mit einem Schwerpunkt auf Internationale Beziehungen. Während des Studiums stellte sich heraus, dass es noch mehr Leute gibt, die so denken wie ich. Mittlerweile gibt es in den Politikwissenschaften eine Subdisziplin mit der Bezeichnung </em><a href="https://www.e-ir.info/publication/popular-culture-and-world-politics/"><em>„Popular Culture in Global Politics“</em></a><em>. Auf den wichtigen Fachkonferenzen sind Populärkultur und hier vor allem die Science-Fiction selbstverständlicher Teil geworden – und es gibt sogar eigene Konferenzen dazu. So konnte ich meine Interessen ineinanderfließen lassen. Nach dem Studium und nach der Promotion ließ mich das nicht mehr los. Nach und nach hat es dann geklappt, dass ich mich hauptberuflich mit Science-Fiction beschäftigen kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dein Promotionsthema klingt noch etwas anders oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Da ging es um die Beziehungen zwischen den USA und Venezuela, damals sehr aktuell im Kontext der Präsidentschaften von George W. Bush und Hugo Chávez. Ich war ein halbes Jahr in Venezuela zur Recherche. Thematisch also eher eine klassische Arbeit im Kontext der internationalen Beziehungen. Doch ein bisschen kritischer betrachtet könnte man sagen, dass das gesamte Feld der internationalen Beziehungen schon selbst eine Art Science-Fiction ist. Es gibt große Theoriegebäude, wie beispielsweise Realismus oder Liberalismus, auf die dann die tatsächlichen Realitäten bezogen werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Beispiel die Feministische Außenpolitik?</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Das wäre vielleicht utopische Science-Fiction. Aber auch realistische und neo-realistische Kontexte sind solche Modelle, die beschreiben, wie Staaten sich zueinander verhalten und miteinander verhandeln. Meine Analyseperspektive in meiner Doktorarbeit waren Identitätskonstruktionen. Wie kann es sein, dass das Verhältnis zwischen den USA und Venezuela so schlecht ist? Was geschieht da in den Diskursen? Ich habe mir angeschaut, wie Hugo Chávez in seinen Reden, in Dokumenten die Identität der USA konstruiert und umgekehrt. Es geht darum, wie der Konflikt legitimiert werden kann, Venezuela als ein Land auf dem Weg zum Sozialismus und als Anti-Modell zu den USA, die USA mit der Erzählung, es handele sich um ein Land, das zuvor ein großer Verbündeter der USA war, aber jetzt in eine sozialistische Diktatur wegdriftet. Mit diesen beiden Erzählungen verschlechterte sich das Verhältnis zunehmend. Und es ist auch bis heute nicht besser geworden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte meinen, wir erlebten eine Art Retraumatisierung auf beiden Seiten in der Rückerinnerung an den Verlauf und an die Akteure der sogenannten Kuba-Krise. Schließlich wurden die Beziehungen Venezuelas zu Kuba nach der Wahl von Hugo Chávez zum Präsidenten immer enger.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Durchaus. Mit dieser Methodik gehe ich auch an die Science-Fiction. Wie wird in der Science-Fiction die Welt konstruiert und wie werden diese Konstrukte legitimiert? Damit ließe sich ein wenig um die Ecke denken, um neue Sichtweisen einzunehmen. Ein Beispiel wäre „The Handmaid’s Tale“ von Margaret Atwood aus dem Jahre 1985. Wir haben in diesem Roman die Umweltkatastrophen mit der Folge der weitgehenden Unfruchtbarkeit der Frauen. Wir haben den amerikanischen Gottesstaat, in dem die Frauen entrechtet, in dem die noch fruchtbaren Frauen, die Mägde, als Gebärmaschinen instrumentalisiert werden. In den USA demonstrieren Frauen inzwischen in den Kostümen der Mägde für ihre Rechte, beispielsweise zum Recht auf Abtreibung. Es gibt solche Bilder aus dem Frühjahr 2023 im Kontext des Urteils des Supreme Courts, der die Entscheidung von Roe vs. Wade aufhob und die Zuständigkeit von der Bundesebene auf die Einzelstaaten verschob. Dabei liefert das Buch keine reale Zukunftsvision, es zeigt aber Trends auf, denn die Debatte in den USA ist stark religiös geprägt. Es kommt nicht von ungefähr, dass es inzwischen eine populäre Fernsehserie gibt, die auf dem Roman aufbaut.</em></p>
<p><em>„The Handmaid’s Tale“ zeigt darüber hinaus – gerade auch als Fiktion –, was mit Gesellschaften in Extremsituationen geschehen kann. Auch während der Corona-Pandemie hatten wir eine Extremsituation. Ältere Menschen werden stark geschützt, junge Menschen stark benachteiligt. </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-unsichtbaren/"><em>Studien belegten schon zu Beginn der Pandemie</em></a><em>, dass und wie die Care-Arbeit wieder viel mehr auf Frauen verschoben wird, auch, dass weibliche Wissenschaftlerinnen in dieser Zeit nicht mehr so viel publizieren konnten wie vorher. Es gibt so etwas wie ein konservatives Roll-Back. „The Handmaid’s Tale“ zeigt, dass und wie Extremsituationen dazu führen, dass bestimme Personengruppen weniger Rechte oder Möglichkeiten haben. </em></p>
<h3><strong>Kein Genre, sondern eine Denkweise</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu Beginn der Pandemie stiegen in Deutschland die Verkaufszahlen für Juli Zehs „Corpus Delicti“ aus dem Jahr 2009. Es hieß, sie habe in diesem Roman eine Gesundheitsdiktatur beschrieben. Als man sie danach fragte, sagte sie, dass sie dies nicht so geplant hätte. Das heißt nicht, dass es in dem Buch keine Science-Fiction-Elemente gäbe. Wie viel Science-Fiction habe ich in Büchern wie „The Handmaid’s Tale“ oder „Corpus Delicti“? Was ist Science-Fiction, was Utopie, was Dystopie? Ich möchte das noch etwas ausweiten: auch nicht alle Utopien bieten schöne Aussichten. Platos Atlantis und Thomas Morus‘ Utopia sind abgeschottete Orte, die die Außenwelt nicht hineinlassen, einmal ist es eine Insel, einmal ein Ort mit einer großen Mauer drumherum.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Das sind zwei Fragen. Die erste allgemein zur Science-Fiction, die zweite zu Utopie und Dystopie. Juli Zeh und Margaret Atwood behaupten beide, dass sie keine Science-Fiction schreiben. Juli Zeh lehnte 2020 den </em><a href="http://www.kurd-lasswitz-preis.de/"><em>Kurd-Laßwitz-Preis</em></a><em> ab. Auch Margaret Atwood lehnte lange den Begriff Science-Fiction ab und bezeichnet ihr Werk als „Speculative Fiction“, weil dies näher an der Realität läge, als die üblichen Science-Fiction-Geschichten im Weltraum, all diese Space Operas mit Raumschiffen. Dies war auch Gegenstand einer </em><a href="https://www.theguardian.com/books/2009/aug/29/margaret-atwood-year-of-flood"><em>Auseinandersetzung vom August 2009 zwischen Margaret Atwood und Ursula K. LeGuin</em></a><em>, bei der Ursula K. LeGuin die Meinung vertrat, dass Margaret Atwoods Bücher an Qualität verlören, wenn sie nicht (auch) als Science-Fiction gedeutet würden. </em></p>
<p><em>Die Frage lautet: wie definiere ich dieses Feld? Ich gehe mittlerweile weg von einer Genre-Definition mehr hin zur Definition einer Denkweise. In dem Sinne, dass wir von jetzt gesehen in eine Welt kommen, die in der Zukunft liegt, die plausibel begründet ist, und in der Dinge geschehen, die mit unserer heutigen Welt kompatibel sind. Science-Fiction ist ein Modus, in dem man Geschichten in einer fortschrittsorientierten Welt erzählen kann, in der es – das impliziert der Begriff Fortschritt – auch immer um die Erweiterung technischer Möglichkeiten geht und um Wissenschaft. Dann ist Science-Fiction vielleicht sogar <u>der</u> Erzählmodus unserer Zeit. Zum Glück beschränkt sich Science-Fiction inzwischen nicht mehr auf Technik und Naturwissenschaften. Der Begriff der „Science“ ist heute viel weiter gefasst, er erfasst auch die Geistes- und Sozialwissenschaften.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das trifft meines Erachtens auch den Kern diverser Klassiker der Science-Fiction wie „Brave New World“ (1931) oder „1984“ (1949). Bei beiden Romanen dominiert das Thema der völligen repressiven Überwachung der Menschen in einem autoritären System. Bei Aldous Huxley geht es noch einen Schritt weiter, indem die Gentechnologie, die genetische Reproduktion von Menschen für unterschiedliche Klassen, denen sie angehören und angesichts ihrer gentechnischen Verfassung nicht entkommen können, hinzukommt. Das System lebt von der biologistischen Legitimation einer kapitalistischen Sklavenhaltergesellschaft. Vielleicht noch ein Blick auf die Originalserie von Star Trek. Kirk, Spock und McCoy begegnen immer wieder autoritären Herrschern auf diversen Planeten, von denen manche dem Modell des Mad Scientist entsprechen. Sie konstruieren Menschen nach ihrem Willen, oft als Androiden, die als willige Sklav:innen agieren. Mir erscheinen diese autoritären Herrscher oft genug als Psychopathen im Weltraum. Und sie haben immer die Möglichkeit der totalen Überwachung. Sie haben Kameras oder Kameraroboter, die ihnen zeigen, was Kirk, Spock und McCoy planen, um sich dem repressiven System zu entziehen.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Damit sind wir auch wieder bei Aldous Huxley und George Orwell. Beide Bücher werden inzwischen als Dystopien gelesen, aber nur aus der Sicht der Gegner der Dystopien, einer Außensicht. Die Mehrheit der Personen in den Büchern empfindet die Situation als wunderbar. Bei George Orwell ist im Grunde nur eine Person – die auch noch Winston heißt – Gegner. Alle anderen unterstützen das System.</em></p>
<p><em>Wir leben im Grunde ja in dystopischen Zeiten, die Corona-Pandemie, der Krieg um die Ukraine, das Damoklesschwert des Klimawandels. Dies spiegelt sich in dystopischen Erzählungen, die Geschichten sind düster, so dass vielerorts größere, stärkere positive utopische Erzählungen gefordert werden. In der Science-Fiction-Community wird diskutiert, wie man Utopien schafft, in denen eben niemand ausgeschlossen wird, der dann nicht mehr Teil der Utopie ist. Utopie soll schon etwas sein, das Verhandlung zulässt. Demokratie wäre somit schon eine schöne Utopie, gerade weil sie Meinungspluralismus zulässt. Grenzen schafft die wehrhafte Demokratie gegen diejenigen, die die Demokratie abschaffen wollen. Aber es gibt keine Personen, keine Gruppen, die komplett ausgeschlossen werden müssen oder sich zwangsanpassen müssen, denn wir haben in der Demokratie die Möglichkeit, kontrovers zu diskutieren, verschiedene Parteien zu wählen, eine Opposition in die Regierung hineinzuwählen und umgekehrt. Ich finde es wichtig und interessant, dieses demokratische System so zu vermitteln, dass es als positiv wahrgenommen wird. Und ich finde es beängstigend, dass zurzeit die AfD in den Umfragen bei etwa 20 Prozent liegt. Offenbar haben sie die stärkere Erzählung, wenn sie definitiv auf Ausgrenzung setzen. Und sind damit durchaus dystopisch aufgestellt, auch in ihrem Versprechen einer Erlösung, die natürlich nur von ihnen kommen kann. </em></p>
<h3><strong>Bildung via Science-Fiction?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich nenne als Beleg eine schleichende Entwicklung: vor etwa zwanzig Jahren gab es viele Vorbehalte gegen die Überwachung des öffentlichen Raums mit Kameras. Heute wehrt sich kaum noch jemand dagegen. Viele Menschen denken, ich habe mir ja nichts vorzuwerfen, da muss ich mich vor der Überwachung auch nicht fürchten. Wenn wir dies weiterdenken, sind wir schnell bei dem chinesischen System mit der Verteilung von Sozialpunkten oder beim iranischen System, wo unter anderem mit Hilfe deutscher Technologien Bekleidungsvorschriften überwacht werden, um die Frauen, die sich nicht an diese halten, identifizieren und bestrafen zu können. Ich wage die These, wenn die Nazis die heutigen technologischen Möglichkeiten der Überwachung in In- und Ausland gehabt hätten, wäre damals kaum noch jemand entkommen.</p>
<p>Darin enthalten ist auch immer der Traum vom Neuen Menschen, einer Menschheit, in der alle eins sind, alle gleich, alle gleichgeschaltet sind und damit zufrieden sind. Vereinfacht gesprochen ist es das Ziel der AfD und vergleichbarer Parteien, dass die Männer dominieren, die Frauen zu Hause Kinder gebären und alle als fremd gelesenen Menschen wieder verschwunden sind, wohin auch immer.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Es ist ein Fantasiegebilde, das in keiner Form der Wirklichkeit entspricht, weder real noch normativ. Die Frage lautet, wie kann ich Erzählungen schaffen, um dies zu entlarven. Da kann Science-Fiction eine Rolle spielen. Deshalb finde ich es gut, dass Huxley und Orwell Teil des Schulkanons sind. Wenn man Jugendlichen den Konflikt zwischen Utopie und Dystopie nahebringt, lässt sich da Gutes erreichen. Man müsste meines Erachtens aber noch viel mehr tun. Science-Fiction könnte in der Gesamtheit der politischen Bildung viel stärker eingesetzt werden, bei jüngeren Schüler:innen genauso wie bei älteren, bei Studierenden. Ich denke, dass damit demokratisches Denken trainiert würde. Wenn man die Texte kritisch liest!</em></p>
<div id="attachment_3359" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.junius-verlag.de/Programm/Zur-Einfuehrung/Science-Fiction-zur-Einfuehrung.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3359" class="wp-image-3359 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/06/Hermann_Science-Fiction-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/06/Hermann_Science-Fiction-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/06/Hermann_Science-Fiction-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/06/Hermann_Science-Fiction.jpg 300w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-3359" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diesen Vorschlag hast du in deiner Einführung in die Science-Fiction am Schluss ausgeführt, allein dieses Kapitel ist schon ein Grund, das Buch zu kaufen und zu lesen. Es gehört eigentlich in jede Handbibliothek zur politischen Bildung, dazu gehören nicht nur Politiklehrer:innen, auch alle anderen. Aber wie schafft man es, den Realitätsbezug der Science-Fiction zu vermitteln? Viele lesen oder sehen Science-Fiction ja dann doch als realitätsferne Unterhaltung.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Ich bin da eigentlich ganz zuversichtlich. Das ist auch meine Erfahrung aus diversen Vorträgen. Da geht es weniger um Schüler:innen, sondern dann eher um junge Erwachsene, ich bin zwar keine Pädagogin, aber das ist eine gute Zielgruppe, zum Beispiel Stipendiat:innen von politischen Stiftungen, die verpflichtet sind, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Das mache ich seit etwa zehn Jahren. Mit dem Thema einer politischen Betrachtung der Science-Fiction können viele zunächst gar nichts anfangen. Sie haben die Bilder im Kopf, die wohl auch Margaret Atwood im Kopf hatte, als sie ablehnte, ihre Bücher der Science-Fiction zuzuordnen. Science-Fiction, das ist für sie dann so ein Weltraum-Quatsch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die meisten dürften an Star Wars denken.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Oder Star Trek. Star Wars ist aus meiner Sicht auch eher Fantasy, mit all den lustigen Laser-Schwertern. In meinen Veranstaltungen habe ich in der Regel längere Slots von etwa zwei bis drei Stunden, auch mit Filmbeispielen. Man braucht schon gute Beispiele. Gut funktioniert es mit Filmen und Serien, weil das audiovisuell ist. Ein Beispiel ist der Film „District 9“ von Neill Blomkamp. Ein UFO kommt über Johannesburg in Südafrika zum Stehen, es wird geentert, die Außerirdischen müssen in einen District, eine Art Flüchtlingslager. Sie werden parallel zur Apartheid in einem besonderen Maße ausgegrenzt, eine Apartheid in der Apartheid. Es ist eigentlich schon sehr klar, dass die Aliens eine Metapher für Ausgrenzung sind. Aber stilistisch ist es eindeutig Science-Fiction, mit den Motiven der Außerirdischen, der Raumschiffe, des Weltalls. Am Schluss haben wir einen durchaus Hollywood üblichen spektakulären Showdown. Das macht es etwas schwierig, dass die Filme am Schluss immer diese Action brauchen. Aber das Beispiel lässt sich gut verwenden: vor allem die jungen Frauen kommen dann zu mir und sind überrascht, dass der Film ein Ausgangspunkt sein kann, politische Themen zu diskutieren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Rezeption?</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>:<em> Ich weiß nicht so recht. Männer sind vielleicht zum Genre der Science-Fiction etwas affiner, mit all der Technik. Aber das vermischt sich inzwischen sehr. Die jungen Frauen waren zu Beginn eher skeptisch, aber man kann die Leute gut gewinnen. Sie sind auch in den Diskussionen dabei.</em></p>
<h3><strong>Nur Krieg und böse Buben?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gehen wir noch einmal über zu Star Trek. Es gab den Dritten Weltkrieg, ein Nuklearkrieg mit über 600 Millionen Toten, etwa zehn Mal so viele wie im Zweiten Weltkrieg, es gab die Eugenischen Kriege und wir erleben jetzt eine zumindest im Ansatz friedliebende Föderation, in der nur Planeten Mitglied sein können, die nicht in interne Kriege verwickelt sind. In der letzten Staffel der Serie „Enterprise“ wird im Finale der Gründungsakt der Föderation gezeigt. Dieses Finale spielt sechs Jahre später als der Rest der Serie und wird auch noch dadurch hervorgehoben, dass es als Holodeck-Reproduktion inszeniert wird, die sich William Riker und Deanna Troi in ihrer Zeit auf der Enterprise von „The Next Generation“ anschauen. In „Enterprise“ erleben wir das gesamte Dilemma. Man ist als Forschungsschiff gestartet, findet aber sehr schnell, schon in der ersten Staffel, überall nur Krieg, Gewalt und böse Buben.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Nur Krieg und böse Buben! Das Raumschiff „Enterprise“ ist in der Tat ein Forschungsschiff, aber von vorne bis hinten militärisch durchorganisiert, mit den besten Waffen, mit klaren Hierarchien. Wehrhaft eben. Der Wertekanon bezieht sich sehr stark auf die individuelle Entwicklung einzelner Personen. Man arbeitet nicht für Geld, sondern für die Ideale der Sternenflotte. In der Organisation entscheidet jedoch der Captain. Das ist in der Tat schon ein Gegensatz. Aber die Mitglieder der Föderation teilen einen Wertekanon und haben es geschafft, friedlich zusammenzuleben. Es gibt auch keinen Rassismus mehr.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Vorgeschichte, die die Serie „Enterprise“ zeigt, gibt es diesen Rassismus noch. Nach dem erfolgreichen Kampf gegen die Xindi in der dritten Staffel wird auf der Erde der denobulanische Schiffsarzt Doctor Phlox rassistisch angegriffen und muss von seinen Crew-Kollegen verteidigt werden. Er zieht die Konsequenz, dass er seine freie Zeit nicht mehr auf der Erde verbringen will.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Das ist die Vorgeschichte. In der Originalserie aus den 1960er Jahren erleben wir die multinationale und multiethnische Crew auf dem Schiff, zu einer Zeit als Afroamerikaner:innen noch nicht die gleichen Rechte hatten, haben wir eine Woman of Color als Chief Communications Officer, es gibt den vulkanischen Ersten Offizier, einen asiatischen Steuermann, ab der zweiten Staffel einen Russen auf der Brücke. Gene Roddenberry hat im Grunde die Konflikte der 1960er Jahre auf der Brücke der Enterprise befriedet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlaube mir den Hinweis, dass in „Strange New Worlds“, das mit Captain Christopher Pike wenige Jahre vor der „Enterprise“ des Captain Kirk spielt, die Crew noch erheblich diverser ist. Sie ist multiplanetarer, es gibt eben nicht nur den Halb-Vulkanier Spock, sie ist auch weiblicher. Die Erste Offizierin, Number One, Una Chin-Riley, ist – wie in dem Pilotfilm der Originalserie, der wegen der politischen Vorbehalte gegen eine Frau als führende Figur auf der Brücke zurückgezogen werden musste – eben eine Frau und sie ist darüber hinaus noch eine Illyrierin, die genetische Vorteile hat, die sie angesichts des Verdikts der Föderation gegen genetisch veränderte Personen vor Gericht bringt, wo sie jedoch von einer Schwarzen Anwältin und dank der Solidarität der Crew herausgehauen wird (übrigens ein Aspekt, der in dem zurückgezogenen Film der Originalserie noch nicht benannt war). Die Darstellung der modernen Una Chin-Riley ist feministisch und anti-rassistisch zugleich.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Mit der Zeit wurden die Personen immer differenzierter und immer diverser. Der Rassismus wurde schon in der Originalserie auf außerirdische Planeten verlagert, beispielsweise in der 15. </em><em>Folge der dritten Staffel „Let This Be Your Last Battlefield“. </em><em>Der Krieg des besuchten Planeten ist ein Krieg zwischen Humanoiden, die auf der rechten Seite schwarz und auf der linken weiß sind, mit ihnen identischen Humanoiden, bei denen allerdings die linke Seite schwarz und die rechte weiß ist. Das Problem erweist sich als unlösbar. Aber durchgehend sind die Klingonen die Spezies, die am ehesten an die aktuellen politischen Konflikte der Entstehungszeit der Originalserie erinnern. Sehr archaisch und aggressiv, ein ausschließlich an Gewalt orientierter Wertekodex, ein grobes Bild aus amerikanischer Sicht für die Sowjetunion im Kalten Krieg.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nur wenig beachtet ist meines Erachtens, dass die Klingonen eine schwarze Hautfarbe haben. In „The Next Generation“ wird der Brückenoffizier Worf von einem Schwarzen Schauspieler gespielt, Michael Dorn. Der Schauspieler von General Martok in „Deep Space Nine“; der zum Schluss Kanzler wird, John Noah Hertzler, ist allerdings weiß. Die gute Schwarze ist von Anfang an natürlich Nyota Uhura, die Kommunikationsoffizierin der Originalserie, die aber dann in „Strange New Worlds“ eine erheblich aktivere Rolle erhält, die sie im Original noch nicht hatte.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Der Konflikt dreht sich immer darum, dass die Föderation und ihre außerirdischen Gegner, die Klingonen oder die Romulaner, als der Gegensatz schlechthin inszeniert werden, durchaus passend zur Zeit des Kalten Krieges.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine meines Erachtens unterschätzte Serie ist „Enterprise“. Die dritte Staffel repliziert mit dem Kampf gegen die Xindi das Thema von 9/11. Die Föderation gibt es noch nicht. Die Vulkanier sind noch eine sehr autoritäre Kultur. T’Pau, die in der Originalserie als Staatschefin eingeführt wurde, war noch Widerstandskämpferin, der es mit Hilfe von Captain Archer und der vulkanischen Ersten Offizierin T’Pol gelingt, das autoritäre System zu besiegen. Aber auch Captain Archer ist kein Engel. Er foltert Außerirdische, um Informationen über die Xindi zu erhalten, nicht mit Waterboarding, aber durch Entzug der Atemluft. Die Crew ist entsetzt, er selbst relativiert sich später. Oder nehmen wir den Andorianer Shran, gespielt von meinem Lieblingsschauspieler Jeffrey Combs, ein Militär reinsten Wassers aus einer völlig militärischen Zivilisation, der nach der Zerstörung seines Raumschiffs degradiert wird. Die außerirdischen Zivilisationen kommen nicht gut weg. Die Erde ist mehr oder weniger der zivilisierte Planet schlechthin, der die anderen auf einen guten Weg bringt.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Die einzelnen Serien spiegeln die jeweilige aktuelle US-Außenpolitik. Das ist eigentlich der Kern. In Selbstbild und im Fremdbild. Das finde ich gerade so spannend, weil Science-Fiction damit als Kommentar der Gegenwart erscheint. Es lohnt sich, Science-Fiction auf die aktuelle Zeit zu beziehen. Das gelingt in Star Trek mit einem Setting im 23. und 24. Jahrhundert. Die Verlagerung der Episoden der Discovery ins 31. Jahrhundert ist da eine Ausnahme. Je nachdem, wann die Serien gedreht wurden, prägt unser Zeitgeist, unsere Art, wie wir die Welt wahrnehmen, die Gestaltung der Serien. Das meinte ich auch mit dem Gedanken der Subdisziplin der „Popular Cultures in Global Politics“. Es gibt eine sehr ergiebige wissenschaftliche Auseinandersetzung über Star Trek als Spiegel der US-Außenpolitik. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der binäre Code funktioniert selbst noch im 31. Jahrhundert, nur sind das in „Discovery“ keine Konflikte zwischen Ideologien. Die vierte Staffel von „Discovery“ zeigt zwar eine tödliche Bedrohung der gesamten Erde. Diese stellt sich jedoch als Irrtum heraus, der sich mit Kommunikation, mit Diplomatie aufklären lässt. In „Enterprise“ hingegen haben wir im vom Zeitreisenden Crewman Daniels immer wieder vorgeführten 31. Jahrhundert Krieg und Zerstörung. Daniels ist beauftragt, die Zeitlinie im „Temporal Cold War“ zu erhalten. Genau diese wollen die „Builders“ mit Hilfe der Xindi und dem Ziel der Erweiterung ihrer eigenen Macht zerstören, indem sie die Erde als Ursache einer angeblichen späteren Zerstörung der Xindi-Zivilisation hinstellen.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Ein anderes Beispiel ist die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ Ende der Nullerjahre. Es geht um die USA im Zeitalter nach 9/11. Viele Konflikte, die es damals gab, kamen messerscharf zur Geltung, zum Beispiel der Trade-Off zwischen Sicherheit und Freiheit, die Frage nach dem Primat der Politik über das Militär, Ethische Dilemma um Foltern und Geheimnisverrat, ohne Zeigefingerpädagogik. Aber auch Star Trek ist ja keine pädagogische Veranstaltung. Es geht um Unterhaltung, um Emotionen, man will mitgenommen werden, so funktioniert die politische Botschaft allerdings auch viel besser. Das macht Science-Fiction aus, sonst könnte ich mir auch einen beliebigen Scenario-Text anschauen. </em></p>
<h3><strong>Discovery und Strange New Worlds, die Spiegeluniversen </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie beurteilst du die beiden neuen Franchises des Star-Trek-Universums, „Discovery“, inzwischen wurde die fünfte Staffel angekündigt, und „Strange New Worlds“, dessen zweite Staffel mit einem gigantischen Cliffhanger und dem Hinweis „To Be Continued“ endete. Die Dreharbeiten verschieben sich leider wegen des Streiks der Drehbuchautor:innen in Hollywood. Wir werden wohl noch etwas warten müssen. Sowohl in „Discovery“ als auch in „Strange New Worlds“ finden wir viele Elemente der Genderdebatten.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>„Discovery“ bietet meines Erachtens eine Millennial-Perspektive. Es geht um individuelle Befindlichkeiten, man spricht ja auch von der „Snowflake“-Komponente. Ich sage das jetzt etwas polemisch: es gibt kaum eine „Discovery“-Folge, in der niemand heult, entweder Michael Burnham oder jemand anders. Es ist ein ständiger Befindlichkeitsdiskurs. Das spricht wohl eine bestimmte Zuschauerschaft an und ist wohl auch eine Grundlage des Erfolgs. In „The Next Generation“ unter Jean-Luc Picard wäre es undenkbar, dass solche Diskurse geführt werden. Bei „Strange New Worlds“ kam der Humor zurück. Bei „Discovery“ gibt es eigentlich keinen Humor und auch keine richtige Sexualität, trotz der homosexuellen Beziehung zwischen Schiffsarzt und Chefingenieur. Bei „Strange New Worlds“ gab es immer wieder ein Augenzwinkern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei „Strange New Worlds“ gefallen mir die Beziehungen zwischen Spock und Christine Chapel, die im Unterschied zur Originalserie hier eine tragende Rolle hat, beziehungsweise zwischen Spock und T’Pring. Die Vulkanierin und ihre Familie sind vielleicht so etwas wie ein Reflex auf humorlose Zeiten, aber auch in der Originalserie hat Spock durchaus seine humorvollen Seiten, obwohl McCoy das nicht immer merkt.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Ich fand es sehr gelungen. Es ist auch gut, dass wir wieder in sich geschlossene Einzelepisoden haben. „Strange New Worlds“ ist wieder eine Anthologie-Serie, man muss nicht den gesamten Handlungsbogen verfolgen und kann sich die ein oder andere Folge auch anschauen, ohne alle anderen gesehen zu haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das gelingt vor allem in der zweiten Staffel, in der jede Folge mehr oder weniger einer einzigen Person gewidmet ist. Eine Art Zusammenfassung der Entwicklungen der einzelnen Persönlichkeiten bildet dann die vorletzte Folge „Subspace Rhapsody“, die als Musical gedreht wurde, in der die Personen, wenn sie singen, ihre Gefühle äußern, die sie sonst nicht äußern. Die letzte Folge „Hegemony“ kehrt dann erst wieder zu einem Großkonflikt zurück, dem Konflikt mit den Gorn, die schon ziemlich schrecklich, fast in der Art der „Alien“-Filme dargestellt werden und nicht mehr als niedliche Krokodilmenschen wie in der ersten Staffel der Originalserie in „Arena“.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>In „Discovery“ wurden mehrere Charaktere nicht weiter ausgeführt, teilweise auch ohne plausible Erzählung aus der Serie herausgeschrieben. Ein Highlight war natürlich Michelle Yeoh als Captain Philippa Giorgiou beziehungsweise als Imperatorin aus dem Paralleluniversum. Die Paralleluniversen sind im Grunde der „Black Mirror“, den wir in fast allen Serien erleben. Vielleicht ist es aber auch so, wie die Föderation von den Außerirdischen gesehen wird. Vielleicht ist die Föderation für die anderen wirklich das Terran Empire.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das passt gut auf Kira Nerys in „Deep Space Nine“, die ehemalige Freiheitskämpferin und Terroristin als Verbindungsoffizierin zwischen Föderation und Bajor, die im Paralleluniversum als intrigante und völlig skrupellose Intendantin dargestellt wird. Vielleicht ist auch Kira Nerys für manche genau das.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Es funktioniert auf vielen Ebenen. Es ist einmal eine erweiterte Perspektive innerhalb der Serie, aber auch eine Kritik an dem utopischen Setting an sich, auch ein Augenzwinkern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sollten hier im „Westen“ vielleicht auch darüber nachdenken, wie uns andere Länder und Kontinente sehen. Wir sind nicht nur die Guten.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Genau das ist ein wichtiger Aspekt der Bildungsarbeit mit Science-Fiction. Star Trek anschauen, das Spiegeluniversum analysieren und daraus Gedanken über den Blick der anderen entwickeln. Das wäre eine softere Hinleitung als jeder Einstieg mit den üblichen Anklagen, was im und vom „Westen“ alles an schlimmen Dingen in die Welt gebracht wurde, an Rassismus, Kolonialismus, Imperialismus. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das passt auch zu dem Thema der Bedrohungsszenarien. Das „Dominion“ agiert so wie es agiert, weil es sich bedroht fühlt. Etwa 25 Jahre vor Putin. Ob es wirklich bedroht wird, ist eine ganz andere Frage. In „Picard“ erleben wir in der dritten Staffel wieder etwas anderes: die Borg und die Formwandler des Dominion verbünden sich und hier haben wir eine Bedrohung, die sich nicht mehr mit Diplomatie auflösen lässt wie es Kathryn Janeway gelang, allerdings auch immer wieder mit Hinterlist, die nicht nur erst im Finale zur Zerstörung der Borg führte. Aber die Borg kamen immer wieder. In „Strange New World“ scheinen aber die Gron die Borg als Hauptbösewichte abzulösen. Der Kontakt zu den Borg bestand zu dieser Zeit aber auch noch nicht.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Was eine wirkliche Bedrohung ist, ist die andere Frage und es gilt meines Erachtens für viele aktuelle Konflikte. </em></p>
<h3><strong>Künstliche Intelligenzen und Mad Scientists</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein tragendes Thema der zweiten Staffel von „Discovery“ war die zerstörerische Kraft Künstlicher Intelligenz (Artificial Intelligence). In der Originalserie erleben wir diese zerstörerische Kraft ebenso wie später in „Voyager“. B’Elanna Torres muss zwei Mal Massenvernichtungswaffen aus dem Verkehr ziehen, von denen sie eine sogar als Maquis-Mitglied gegen die Cardassianer programmiert hatte, Waffen, die selbstständig denken und versuchen, diejenigen, die sie entschärfen wollen, auszutricksen. Die Figur des Data in „The Next Generation“ war eine Ausnahme dieser bösen Varianten Künstlicher Intelligenz. Das wird nicht zuletzt durch den bösen Bruder „Lore“ deutlich, der mehrfach aus dem Verkehr gezogen werden muss, weil er so etwas wie eine autoritäre Herrschaft einrichten wollte, in „Descent“ mit Hilfe von aus dem Kollektiv gelösten Borg-Dronen. Data hingehen wurde mit der Zeit immer menschlicher und auch in Konflikten siegt immer seine gute Seite. Letztlich wird Künstliche Intelligenz immer wieder mit dem Thema Massenvernichtung verknüpft.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Absolut. Nicht nur in Star Trek. Es gibt jede Menge Filme, Bücher, Serien mit diesem Thema. Wir haben nicht nur Roboter und Androiden, sondern auch die mächtigen Computersysteme und Assistenzsysteme. Isaac Asimovs Kurzgeschichten „I Robot“ begannen in den 1940er Jahren und wurden in den 1950er Jahren publiziert. Das Thema des technologischen Fortschritts wird immer wieder mit dem Traun der Herstellung eines künstlichen Menschen verbunden. In der Antike gab es das ja auch schon, mit der Pygmalion-Erzählung, in der eine weibliche Statue zum Leben erweckt wird, es gab die Golem-Erzählung in der jüdischen Mystik, dann später Mary Shelley, bei der Frankenstein seine Kreatur aus verschiedenen menschlichen Teilen zusammensetzt. In der industrialisierten technologischen Zeit haben wir es geschafft, verschiedene Gestalten zu schaffen, die „smart“ sind, intelligent, dem Menschen Vieles abnehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlaube mir gerne den bösen Satz, dass die kleinen Geräte, die manche im Ohr tragen, um ihr I-Phone besser zu hören, der erste Schritt zur Assimilation der Menschheit durch die Borg sind. Vielleicht gehört auch Barbie in diese Kategorie, zumindest in dem Film von Greta Gerwig, in dem sie wie die Statue des Pygmalion zum Leben erweckt wird.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Das Thema KI ist allgegenwärtig. Bei „Discovery“ fand ich spannend, dass das Thema mit maschinellem Lernen verbunden wurde. In der zweiten Staffel hat das Risk Assessment Tool einfach überlernt. Es wurde immer mit konfliktbehafteten Daten gefüttert und was macht es? Es sieht überall Konflikte, die mit Gewalt gelöst werden müssen. Auch das ist durchaus zeitgeistangemessen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine gängige Figur ist in diesem Kontext der verrückte Wissenschaftler. Im Star Trek Universum paradigmatisch in der Person des Dr. Arik Soong verkörpert, der später als Dr. Noonien Soong auftritt, dann in „Picard“ als Adam Soong, obwohl niemand so richtig weiß, ob alle Clone des ersten Dr. Soong sind oder ob dieser vielleicht menschliche Nachkommen hatte. Immerhin bleibt es in der Familie. Genialer verrückter Vater, genialer verrückter Sohn und so fort. Die Community spekuliert. Gespielt werden alle Soongs von Brent Spiner, der auch Data und Lore spielt. Eine legendäre Figur ist natürlich Khan, der – gespielt vom Filmbösewicht Ricardo Montalban,– schon in der Originalserie in „Space Seed“ auftauchte und auf die Eugenischen Kriege rückverweist. Ohnehin eine sehr dankbare Rolle, wie später ein fantastischer Benedict Cumberbatch in „Into Darkness“ beweist.</p>
<p><strong>Isabella Hermann</strong>: <em>Auch die Figur des verrückten Wissenschaftlers ist ein Abbild unserer fortschrittlich westlichen Welt, in der wir so gerne einzelne geniale Helden haben. Wissenschaftler:innen arbeiten eigentlich im Team, aber wir erzählen die Geschichte immer so, als handele es sich um eine einzige geniale Person. </em></p>
<p><em>Es ist eben immer die eine Person, auf die es ankommt, die die Welt rettet oder zerstört. Und wenn es mehrere gemeinsam schaffen, ist es eben eine Gruppe genialer Personen. Über die verschiedenen Serien hinweg ist dabei die Wissenschaft immer von zentraler Bedeutung, auch die Verhandlung von Wissenschaft. So ist das Raumschiff als Forschungsschiff unterwegs, verfolgt aber eine politische Mission. Im Wertekanon von Star Trek gehören Freiheit, Wissenschaft und Fortschritt eng zusammen, auch in der Bewertung anderer Zivilisationen. So tauchen immer wieder Fragen auf, die in der Serie gelöst werden müssen, oder die wir als Zuschauer:innen analysieren können: Hängen wissenschaftlicher und sozialer Fortschritt zusammen? Steht der Schutz der Allgemeinheit über dem der Wissenschaftsfreiheit? Darf man Ausnahmen guter wissenschaftlicher Praxis zulassen, wenn es um die eigenen Interessen geht? Oder Probleme auf später verschieben, in der Hoffnung der wissenschaftliche Fortschritt wird sie dann schon lösen? Star Trek ist die popkulturelle Fassung eines wissenschaftlichen Fortschrittsglaubens, der politisch und mitunter militärisch durchgesetzt wird. Es geht nicht nur um Wissenschaft, sondern auch ganz konkret um Wissenschaftspolitik. </em> <em> </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung Ende September 2023, Internetzugriffe zuletzt am 3. September 2023, das Titelbild zeigt einen Ausschnitt aus der Startseite des Internetauftritts von Isabella Hermann.)</p>
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		<title>Reisen in die Welt der Science-Fiction</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 09 Jun 2023 15:52:12 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Reisen in die Welt der Science-Fiction Mit Isabella Hermann, Sascha Mamczak und natürlich Star Trek „Welche Vorstellung fürchtete ich mehr: die einer endlosen Welt ohne Wände und Begrenzungen oder die einer endlichen, eines engen Schiffs, in dem nur wir leben?“ (Angela und Karlheinz Steinmüller, Andymon – Eine Weltraum-Utopie, 1982, Neuauflage bei Memoranda 2018) Utopie  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Reisen in die Welt der Science-Fiction</strong></h1>
<h2><strong>Mit Isabella Hermann, Sascha Mamczak und natürlich Star Trek</strong></h2>
<p><em>„Welche Vorstellung fürchtete ich mehr: die einer endlosen Welt ohne Wände und Begrenzungen oder die einer endlichen, eines engen Schiffs, in dem nur wir leben?“ </em>(Angela und Karlheinz Steinmüller, Andymon – Eine Weltraum-Utopie, 1982, Neuauflage bei <a href="https://www.memoranda.eu/">Memoranda</a> 2018)</p>
<p>Utopie oder Dystopie? Wie sieht die Zukunft aus, fragt sich Beth, der Erzähler in „Andymon“. Welche Rolle spielen Natur und Technik, welche Rolle sollten sie spielen? Was gewinnt der Mensch in welchen Räumen, in welchem Alter, in welcher Zeit? Gibt es so etwas wie eine ultimativ letzte Grenze, <em>„the final frontier“</em> oder verschieben sich Grenzen ständig, immer im Blick eine <em>„new frontier“</em>? Welchen Einfluss habe ich als Mensch? Ist die Zukunft utopisch, dystopisch oder gar nicht mehr vorhanden, weil die Apokalypse droht? Wer sich etwas intensiver mit Science-Fiction befasst, schafft es vielleicht, die diversen denkbaren Dystopien und Utopien gleichermaßen zu dekonstruieren, um sich so auch der eigenen Wirklichkeit – beziehungsweise den vielen nebeneinander erfahrbaren Wirklichkeiten – zu nähern und erfährt aus der Science-Fiction womöglich mehr über sich selbst und die Zeit, in der wir leben. Jede Gegenwart trägt Zukunft in sich. Und vielleicht ist es geradezu besonders menschlich, sich Zukünfte vorzustellen, die sich – in Variation des Star-Trek-Mottos – noch niemand vorgestellt hat, hat vorstellen können.</p>
<h3><strong>Literarische Gattung und Wirtschaftsbranche</strong></h3>
<p>Es ist ein geradezu wagemutiges Unterfangen, sich in der Welt der Science-Fiction zu orientieren. Einerseits lässt sich trefflich streiten, was überhaupt dazu gehört und was eher weniger. Gehören beispielsweise das Marvel- und das DC-Universum zur Science-Fiction oder nicht eher zum Reich der Fantasy, wie Märchen heute vermarktungskonform genannt werden, ungeachtet der unbestreitbaren Tatsache, dass auch Fantasy-Produkte Elemente der Science-Fiction verwenden. Manche Fans spitzen diese Frage zu, wenn sie über die Unterschiede zwischen „Star Wars“ und „Star Trek“ debattieren. Unbestritten ist, dass sich Science-Fiction – wie eben auch Fantasy – an der Grenze zwischen sogenannter <em>„Hoch- und Popkultur“</em> bewegen. Sascha Mamczak referiert diese und verwandte Fragen in seinem 2021 in der 100-Seiten-Reihe des Reclam-Verlages veröffentlichten Band zur Science-Fiction.</p>
<p>Sascha Mamczak ist Herausgeber von Science-Fiction-Literatur und wird im September 2023 im Heyne-Verlag ein weiteres Buch zum Thema veröffentlichen: „Die Kunst der Science-Fiction“. In seinem Band der 100-Seiten-Reihe verweist er auf Marcel Reich-Ranicki, der der Science-Fiction jeden künstlerischen Wert abgesprochen hat, obwohl er gerade einmal ein wenig Jules Verne und Stanisław Lem gelesen hat. Sascha Mamczak zählt Jules Verne im Übrigen eher zur Bewegungs- beziehungsweise Reiseliteratur. Immer ist irgendjemand auf einer Reise, gleichviel ob zum Mond, zum Mittelpunkt der Erde, an den Baikal-See, in die Tiefsee oder einfach nur so einmal in 80 Tagen um die Welt. Natürlich sind bei Jules Verne die Franzosen die Guten, die Deutschen eher nicht, die Engländer spleenig und die US-Amerikaner ein bisschen verrückt. Jedem seine Reise.</p>
<p>Sascha Mamczak brennt ein Feuerwerk an Name-Dropping ab. Filme, Bücher, Serien – all dies ist heute ein <em>„kulturelles Phänomen“</em> und ein <em>„Milliardenmarkt“</em> zugleich. Auch <em>„Computerspiele“</em> werden als Teildisziplin erwähnt. Es ist bei der Masse an Publikationen, die der Science-Fiction zugerechnet sind oder über sie reflektieren, nicht möglich, auch nur annähernd Vollständigkeit zu erreichen. Insofern mag es beckmesserisch sein zu monieren, dass die sowjetische und russischsprachige Science-Fiction (allen voran die Strugazki-Brüder) oder auch die Science-Fiction der DDR (wer mehr darüber wissen möchte, lese <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Karlheinz Steinmüllers „sehr kurze Geschichte der ostdeutschen Science-Fiction“</a>) in Sascha Mamczaks Buch keine Rolle spielen. Aus Osteuropa werden ausschließlich Stanisław Lem und Karel Čapek erwähnt. Letztlich landet er beim US-amerikanisch dominierten Markt, sodass sein Buch selbst Teil des <em>„Milliardenmarkts“</em> ist. Im Literaturverzeichnis empfiehlt er allerdings mit Recht und durchaus als Gegenstück die Lektüre von Dietmar Daths „Niegeschichte – Science-Fiction als Kunst- und Denkmaschine“ (Berlin Matthes &amp; Seitz, 2019).</p>
<p>Als wesentliches Kriterium der Science-Fiction sieht Sascha Mamczak die Verbindung verschiedener Realitäten im Sinne einer <em>„Allegorie“</em>, <em>„eine Science-Fiction-Allegorie ist weitaus mehr als nur eine Allegorie, weil die Science-Fiction nicht das Reale mit dem Realen aus anderer Perspektive verbindet, sondern das Reale mit einem anderen, neuen, größeren Realen.“</em> Es gehe letztlich um <em>„Differenzerfahrung“</em>, aber auf die Wirkung komme es an: <em>„In der Sci-Fi ist alles Überwältigung, ist alles Ereignis, ist alles Effekt.“</em></p>
<p>Eine solche Einschätzung ließe sich meines Erachtens auf griechische Tragödien mit ihren übernatürlichen Aspekten – ich denke an Ödipus und Iphigenie – oder jede Art von Reiseliteratur oder Road-Movie anwenden (womit wir wieder bei Jules Verne wären). Ein kleines Geschwisterchen oder auch – wenn man so will – eine Vorform wäre vielleicht der Abenteuerroman, über den Volker Klotz 1989 in rowohlts enzyklopädie schrieb. Science-Fiction wirkt meines Erachtens im Grunde durch zwei Elemente, denkbare Vorstellungen (Fiction!) einer wie auch immer gearteten Zukunft wahlweise einer kontrafaktischen Vergangenheit, die auf in der Regel technologisch innovativen Wegen erreicht werden soll, und – in Abgrenzung zu utopischer, dystopischer bis apokalyptischer Literatur – die wissenschaftliche (Science!) beziehungsweise technologische Komponente.</p>
<p>Mit der Zeit steigen die Ansprüche. Sascha Mamczak weist mit Recht darauf hin, dass im 19. Jahrhundert die Erfindungen der Montgolfière oder der Dampfmaschine technologische Innovationen waren, die dazu führten, dass die Dosis an technologischer Innovation erhöht werden musste. Dies gilt erst recht für das 21. Jahrhundert, dessen technologisches Tempo die Erhöhung der Ansprüche an die Science-Fiction weiter beschleunigt: <em>„Wir müssen nicht mehr darüber spekulieren, ob man virtuelle Kriege führen, Haustiere klonen, mit Robotern Sex haben oder Computer zur Datenverarbeitung in Paralleluniversen schicken kann – das alles geschieht inzwischen.“</em> Mehr oder weniger zumindest, auch wenn die Sache mit den <em>„Paralleluniversen“</em> vielleicht doch etwas zu abgedreht klingt.</p>
<p>Sascha Mamczak beschreibt <em>„Science-Fiction als Diskurs über das Mögliche und Machbare, als menschliche Aneignung der Welt und ihrer Wunder, als unaufhörlicher Aufbruch und Unterwegssein.“</em> Er schreibt als Fan, als Historiker der Science-Fiction, in einigen Passagen vielleicht auch als Philosoph. Er referiert historische Wurzeln in Ciceros „Somnium Scipionis“, bei Lukian, in der französischen Literatur (von Cyrano de Bergerac über Voltaires „Micromégas“ bis hin zu Louis Sébastien Merciers „L’an 2440“), nennt Mary Shelleys „Frankenstein or the Modern Prometheus“ und E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, um schließlich im 20. Jahrhundert neben den bekannten auch diverse Science-Fiction-Magazine (Pulp!) und Blockbuster in seinen kulturhistorischen Parforceritt einzubeziehen. „Star Trek“, das er (leider) nicht sonderlich schätzt, nennt er die <em>„ultimative Science-Fiction-Maschine“</em>. Hätte er sich auf „Star Trek“ etwas ausführlicher eingelassen, hätte er kaum einen besseren Beleg für seine <em>„Allegorie“</em>-These finden können. Aber das ist letztlich auch Geschmackssache.</p>
<h3><strong>Ein politisches Thema – ein philosophisches Thema</strong></h3>
<p>Einen völlig anderen Ansatz zur ersten Orientierung wählt Isabella Hermann. Die promovierte Politikwissenschaftlerin verbindet ihre Professionalität mit ihrer Liebe zur Science-Fiction. Auch sie ist Fan. Sie ist Ko-Direktorin des Berlin Sci-fi Filmfestes und Mitglied im Vorstand der <a href="https://www.stiftungzukunftberlin.eu/">Stiftung Zukunft Berlin</a>. Im Jahr 2023 veröffentlichte sie im Junius Verlag ihr erstes Buch mit dem Titel „Science-Fiction – Zur Einführung“. Ihnen Ansatz beschreibt sie programmatisch auf der <a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/">Startseite ihres Internetauftritts</a>: <em>„Science-Fiction zwischen Zukunft und Metapher“</em>. Ebenso programmatisch ist der Titel ihres seit dem 7. Juni 2023 im SWR gemeinsam mit Andreas Brandhorst gestalteten Podcasts: <a href="https://www.swr.de/swr2/hoerspiel/podcast-das-war-morgen-100.html"><em>„Das war morgen“</em></a>.</p>
<div id="attachment_3359" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.junius-verlag.de/Programm/Zur-Einfuehrung/Science-Fiction-zur-Einfuehrung.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3359" class="wp-image-3359 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/06/Hermann_Science-Fiction-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/06/Hermann_Science-Fiction-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/06/Hermann_Science-Fiction-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/06/Hermann_Science-Fiction.jpg 300w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-3359" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Isabella Hermanns Buch ist ein philosophisch inspiriertes und politisches Buch. Sie entwickelt auf 204 Seiten eine Methode, mit der sich letztlich fast jedes technologische, natur- und sozialwissenschaftliche Thema aus der Science-Fiction erforschen ließe. Gegenstand sind nach der theoretischen Einführung drei Bereiche, die Künstliche Intelligenz, der Weltraum und der Klima- und Umweltschutz. Das Schlusskapitel gibt einen Ausblick auf Science-Fiction als Gegenstand in Bildungsprozessen, <em>„Beschäftigung mit Science-Fiction ist deshalb per se politische Zukunftsbildung“</em>. Eigentlich schade, dass manche Lehrer*innen vor der Gattung Science-Fiction scheuen, weil sie sie offenbar – siehe Marcel Reich-Ranickis Verdikt – für nicht ausreichend seriös halten. Das Gegenteil ist der Fall und so kann man Isabella Hermanns Vorschlag nur zustimmen, dass Science-Fiction Thema des Schulunterrichts sein sollte. Es gibt kaum ein geeigneteres Genre, um über das Thema „Zukunft“ nachzudenken.</p>
<p>In ihrem Buch verbindet Isabella Hermann wie auch in ihren Essays die Popularität utopischer, dystopischer oder gar apokalyptischer Literatur mit den verschiedenen Formen der Science-Fiction in Literatur, Film und Serien. Ihr Ziel: ein Blick auf <em>„theoretische Grundlagen“</em> der Science-Fiction als <em>„Ideengeberin und Kommentatorin“</em>. Sie fragt, was Science-Fiction über uns aussagt und was mit ihr vermittelt wird. Dabei schließt sie an mehrere Autor*innen und Kommentator*innen zeitgenössischer Science-Fiction an, die diese als Metapher verstehen. Dies zeige sich beispielsweise beim Motiv der Zeitreise: <em>„Oft wird die Zeitreise zur Metapher dafür, dass wir Menschen unseren kollektiven und individuellen Schwächen nicht entkommen können – immer wieder geraten wir in die gleichen Dilemma-Situationen oder lösen durch unseren Wunsch, das Schicksal zu verändern, wie in einer griechischen Tragödie das Unglück erst aus.“</em> Es wäre müßig, die Begriffe der „Allegorie“ (Sascha Mamczak) und der „Metapher“ (Isabella Hermann) gegeneinander auszuspielen. Der Kern beider Begriffe betrifft die Frage nach über Science-Fiction mögliche Selbsterkenntnis. Ein dritter passender Begriff wäre vielleicht die „Analogie“.</p>
<p>Ich erlaube mir Isabella Hermanns Methode auf Star-Trek anzuwenden und bekenne mich als Fan dieser Serie. Ich darf an ein ausgesprochen gelungenes Vorbild der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit anknüpfen, das eine eigene ausführlichere Darstellung verdiente. In zwei Staffeln präsentierte Martin Thoma gemeinsam mit Wissenschaftler*innen und Journalist*innen jeweils etwa eine Stunde dauernde Features zum Thema „Star Trek und die Politik“. Themen waren Liberalismus, Wirtschaft, Wissenschaft, Rassismus, Feminismus, Medizin und vieles mehr. Alle Folgen sind nach wie vor auf dem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5b6_YWdh_Aw&amp;list=PLsUFri7IDhCxEgl-P-8PWAIqD-oQ_v8fn">youtube-Kanal der Stiftung</a> vorhanden.</p>
<p><strong>Künstliche Intelligenzen</strong></p>
<p>Isabella Hermann analysiert die Grundlage jeder heutigen Science-Fiction zur Künstlichen Intelligenz, beginnend mit dem Automaten „Olympia“ in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ (1816) und dem Urbild aller Science-Fiction, Mary Shelleys „Frankenstein or the Modern Prometheus“ (1818). Etwa 125 Jahre später formulierte Isaac Asimov seine Roboter-Gesetze (1942): <em>„So drehen sich die mit der KI-Trope verbundenen Ängste häufig um einen Konflikt zwischen Menschen und Maschinen, ein Phänomen, welches Isaac Asimov als ‚Frankenstein-Komplex‘ bezeichnet hat, als den menschlichen Wunsch, eine künstliche Kreatur zu schaffen, bei gleichzeitiger Angst, dass diese Kreatur zu einer Bedrohung wird.“ </em></p>
<p>Im Star-Trek-Universum wäre das die Alternative „Data“ oder „Lore“. Captain Jean-Luc Picard diskutiert die Frage nach den Aufgaben künstlicher Intelligenzen mit Guinan und kommt mit ihr zum Schluss, dass es sich letztlich um <em>„Sklaverei“</em> handelt, was der Mensch mit einem Androiden versuche und in die Tat umsetze. Isabella Hermann sieht in der Forschung den Konsens, dass es der größte Wunsch eines Androiden ist, menschlich zu werden. Data versucht sich als Musiker, als Maler, er hat ein persönliches Verhältnis zu seiner Katze, er schafft Töchter (in „The Next Generation“, 1987-1994, und in „Picard“, 2020-2023). Sein Zwillingsbruder „Lore“ verfügt jedoch anders als er über einen Emotionschip, vermag Data auch kurzfristig auf seine Seite zu ziehen – ein Erzählmotiv, das mehrfach genutzt wird, variiert in der Serie „Picard“ – doch endet es stets mit dem Sieg des guten „Data“ über den bösen „Lore“. In ähnlichen Konflikten – so Isabella Hermann – agiert die von Arnold Schwarzenegger dargestellte Gestalt des Terminators (1984, 1999, 2001). Im Blade-Runner-Franchise (nach Philip K. Dicks Roman „Do Androids Dream of Electric Cheep?“ aus dem Jahr 1968, Verfilmungen unter der Regie von Ridley Scott 1982 und Denis Villeneuve 2017) stellt sich eine vergleichbare Frage, beispielsweise im ersten Film im tragischen Tod des um die Anerkennung seines Rechts auf Leben kämpfenden von Rutger Hauer dargestellten Roy Batty.</p>
<p>Die Frage nach der Menschlichkeit Künstlicher Intelligenz wird in der siebten Staffel der „Voyager“-Serie (1995-2001) aus dem Star-Trek-Franchise versöhnlicher gelöst, zumindest in der Perspektive. Das Holographische Medizinische Notfallprogramm (EMH) übernimmt auf der „Voyager“ die Rolle des Chef-Mediziners, entwickelt sich, auch mit von ihm selbst zugefügten Subroutinen, singt Opern, spielt Golf, verliebt sich, hat sogar – es wird mehrfach erwähnt – wohl sexuelle Kontakte. All dies im fernen Delta-Quadranten. Diese Entwicklung bleibt seinen Kollegen im Alpha-Quadranten verwehrt. Diese werden ausrangiert und müssen in Minen Dilithium abbauen. Als der bis zuletzt aus eigener Entscheidungsschwäche namenlos bleibende Doktor einen Holo-Roman über die Missachtung seiner Menschenrechte verfasst, wird dieser Roman unter seinen degradierten Kollegen bekannt, vielleicht sogar Auftakt einer zukünftigen Revolte? Völlig gegenläufig hingegen agiert die Künstliche Intelligenz in der zweiten Staffel von „Discovery“ (die Serie läuft seit 2017). Sie war eigentlich dazu da, Kriege zu verhindern, kann dieses jedoch offenbar nur erreichen, indem sie die Ursache aller Kriege, die Menschen mit Vernichtung bedroht, aber daher letztlich selbst vernichtet werden muss.</p>
<p>All diese Aspekte Künstlicher Intelligenz dürften auf den ersten Blick die Roboter-Gesetze Isaac Asimovs rechtfertigen, denen Isabella Hermann ein Unterkapitel widmet. Mit <a href="https://turingarchive.kings.cam.ac.uk/">Alan Turing</a> benennt sie aber auch die Schwierigkeit, <em>„einer KI Regeln fürs Leben zu geben.“</em> In „2001 – A Space Odyssey“ (1968) gelingt und misslingt dies zugleich. Zumindest für unsere Augen. Was geschieht nach der Abschaltung von HAL, was könnte geschehen, in welcher Welt landet David Bowman, der einzige Überlebende der Crew von „Discovery One“ wirklich? (Interessant wäre ein Vergleich des ebenfalls von Isabella Hermann genannten Romans „Dave“ von Raphaela Edelbauer mit diversen Klassikern der KI-Filmo- und Bibliographie. Wie zufällig ist der gewählte Name der Künstlichen Intelligenz bei Raphaela Edelbauer?)</p>
<p>Letztlich stellt Isabella Hermann in Anlehnung an den Philosophen <a href="https://www.philosophie.uni-bonn.de/de/personen/professoren/prof.-dr.-markus-gabriel-2">Markus Gabriel</a> die Frage nach der Freiheit, die erst in den Fehlern eines Menschen sichtbar würde. Dieser Gedanke ließe sich entfalten: das Böse als Zeichen von Freiheit? Isabella Hermann verweist ausdrücklich auf das von Isaac Asimov später hinzugefügte Nullte Roboter-Gesetz, demzufolge ein Roboter weder aktiv zu einer Verletzung eines Menschen beitragen noch eine solche durch Unterlassung hinnehmen dürfe. Damit sind wir aber im Feld der ethischen Güterabwägung, die sich beispielsweise in der Debatte um Güterabwägungen autonomer Steuersysteme für Automobile darstellt. Kann eine Künstliche Intelligenz das Dilemma einer Triage lösen? Auch hierzu gibt es eine Folge in der Voyager-Serie, als Captain Janeway eine Erinnerung des holographischen Doktors löschte, in der er eine Triage durchführte, die Ensign Kim rettete, aber den Tod eines anderen ihm persönlich ferner stehenden Crew-Mitglieds in Kauf nahm. Der Doktor bekommt die Manipulation heraus, wehrt sich und wir sehen, wie er zum Schluss, natürlich mit Unterstützung der Crew, das erlebte Dilemma zu verarbeiten versucht.</p>
<p>All diese Dilemmata thematisiert Isabella Hermann an diversen Beispielen. Sie verweist allerdings auch darauf, wie Künstliche Intelligenzen menschliche Verhältnisse spiegeln. Der Pygmalion-Mythos aus den „Metamorphosen“ Ovids prägt so manches Design: <em>„Diese Sichtweise auf Frauen spiegelt einen Sexismus in der Tech-Welt wider, in der auch die Stimmen von Assistenzsystemen wie beispielsweise Siri oder Alexa häufig weiblich konstruiert werden, obwohl Technik per se kein binäres Geschlecht hat (…).“</em> Und schon sind wir wieder bei dem Thema der von Picard und Guinan diskutierten <em>„Sklaverei“</em>. Welche Rechte haben Künstliche Intelligenzen? In „The Next Generation“ und in „Voyager“ gibt es jeweils eine Folge, in der die Rechte Datas beziehungsweise des holographischen Doktors vor Gericht verhandelt werden, in beiden Fällen mit zumindest einem Teilerfolg. Data darf nicht zum Zwecke wissenschaftlicher Studien demontiert werden, der Doktor erhält die Rechte des von ihm geschriebenen Holo-Romans.</p>
<h3><strong>Universelles Universum?</strong></h3>
<p>Der Weltraum ist ein <em>„Sehnsuchtsort“</em>. Der Mond, der Mars, ferne Planeten und Galaxien. Aber auch im Weltraum bleibt der Mensch der Mensch. Gerade die Verfilmung des Romans „Solaris“ von Stanisław Lem (1961) durch Andrej Tarkowski (1972) <em>„steht symbolisch als Bild dafür, dass sich der Mensch auch in den Weiten des Weltraums nicht von seinen Dämonen befreien kann.“</em> Ein intelligentes Wesen, dass in den Augen der Menschen als unendlicher einen ganzen Planeten bedeckender Ozean erscheint, vermag es, den es beobachtenden Menschen Projektionen ihrer Vergangenheit, ihrer Träume und Ängste vorzuspiegeln, im Grunde eine gigantische und immer wieder neu variierende Fata Morgana. Es ist nicht nur die Grenze des Raumes, sondern auch die Grenze des eigenen Selbst. Auch hier – so Isabella Hermann – sei „2001 – A Space Odyssey“ <em>„bahnbrechend“</em>.</p>
<p>Isabella Hermann findet für diese Sicht eine treffende Formulierung: <em>„Der Weltraum, egal ob als einladender oder abweisender Ort, ist die ultimative Metapher für das Mysterium der menschlichen Existenz. Die Aliens, denen wir im Weltraum begegnen, konstruieren unseren Platz im Universum, wenn sie Feinde, Freude oder gar unsere Vorfahren repräsentieren.“</em> Geht es auf anderen Planeten gerechter zu? Nicht unbedingt. Isabella Hermann zitiert eine Konversation aus „Star Trek VI – The Undiscovered Country“ (1991). Pavel Chekov und die Klingonin Azebut streiten sich über den Begriff der Menschenrechte. Als Chekov die universelle Gültigkeit der Menschenrechte betont, antwortet Azebut, er solle sich selbst einmal zuhören, was er das sagt: <em>„Menschenrechte“</em>: <em>„Der bloße Name ist rassistisch. Die Föderation ist nichts anderes als ein Homo-Sapiens-Only-Club.“</em> (Übersetzung NR). Nun bietet das politische System der Klingonen sicherlich nicht das, was eine Demokratie auszeichnet. Chinesische, afrikanische oder arabische Diktatoren dürften eben dieses Argument gegenüber Hinweisen – oder sollte ich sagen: „Anmaßungen“ – des „Westens“ nennen, sie möchten doch bitte die „Menschenrechte“ achten. Über wen sagt die zitierte Szene also etwas aus? Die Menschen oder die Anderen, für die hier die Klingonen stehen? Oder über beide und ihre Art der Auseinandersetzung?</p>
<p>Ganz so universell ist das Universum eben nicht. In der Serie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zum Star-Trek-Franchise (2021-2023) wurde immer wieder angesprochen, dass eigentlich nirgendwo so richtig klar wird, worauf die Föderation eigentlich beruht und wie demokratisch und liberal sie wirklich ist. In der oft leider unterschätzten Serie „Enterprise“ (2001-2005) gründet sich in der letzten Folge die Föderation, auf maßgebliches Betreiben der Menschheit. Die Vulkanier haben sich demokratisiert, ihr zuvor eher autoritäres System wird von einer Gruppe von Freiheitskämpfer*innen unter Führung von T’Pau und mit Unterstützung Captain Jonathan Archers und seiner Ersten Offizierin T‘Pol durch ein die Rechte aller Mitglieder der Gesellschaft achtendes System abgelöst, ohne dass jedoch deutlich wird, wie das System tatsächlich aussehen wird. Diese Entwicklung deutete sich bereits an, als bereits früh, in der ersten Staffel, die Enterprise-Crew ein vulkanisches Kloster als gegen die Andorianer gerichteten Spähposten enttarnt.</p>
<p>Isabella Hermann weist darauf hin, dass die Prime Directive als Gegenstück zum Kolonialismus verstanden werden kann. Ob sie dies tatsächlich ist, wäre eine interessante Frage. Zumindest scheint der Zweck der Achtung fremder Kulturen, sprich Planeten mit ihren jeweilig eigenen politischen Verfassungen, in der Regel prioritär zu sein. Durchhalten lässt sich dies nicht. Insofern wirkt Janeways Entscheidung, Tom Paris zu bestrafen, weil er gegen ihre Weisung einen Planeten vor einer ökologischen Katastrophe retten wollte, geradezu widersprüchlich gegenüber ihrem Verhalten in anderen Kontexten, beispielsweise bei der Zerstörung der Raumstation des Fürsorgers zur Rettung der Ocampa im Pilotfilm, bei ihren Eingriffen zur Rettung von „Unimatrix Zero“ im Reich der Borg oder in der Schlussfolge „The Endgame“, wo sie auch noch gegen die oberste temporale Direktive verstößt, um die Voyager 16 Jahre früher nach Hause zu bringen. Wie vergeblich ein Frieden stiftender Einsatz ist, erlebt in der Originalserie (1964-1969, in dieser Zeit zwei Pilotfilme und drei Staffeln) Captain James T. Kirk mit seiner Crew auf einem Planeten, in dem sich zwei Gruppen bekämpfen, die eine schwarz auf der rechten und weiß auf der linken Körperhälfte, die andere umgekehrt gezeichnet. Der Krieg setzt sich fort.</p>
<p>Mit Recht verweist Isabella Hermann auf die diversen Zeichnungen des Spiegeluniversums, in dem die jeweiligen Crews als Böse auftauchen, in dem – so in „Deep Space Nine“ (1993-1999) und in „Discovery“ ein terranisches Reich mit brutalen Methoden herrscht. Besonders beachtenswert sind zwei Figuren aus dem Terranischen „Empire“ in „Discovery“: Captain Gabriel Lorca in der ersten Staffel, der sich als Akteur des Spiegel-Empires herausstellt und die von Michelle Yeoh gespielte Kaiserin des Empire Philippa Giorgiou, die bis fast zum Ende der dritten Staffel im Universum der Föderation gefangen bleibt, aber vielleicht die in sich widersprüchlichste und gleichzeitig klarste Vertreterin unter Menschen möglicher Herrschaft ist.</p>
<p>Das gesamte System funktioniert nach dem Muster der Externalisierung: <em>„Doch selbst wenn wir glauben, dass im <u>Star-Trek</u>-Universum innerhalb der Menschheit die Menschenrechte voll verwirklicht sind, werden Rassismus und Ressentiments in der serieneigenen Logik schlichtweg ins Weltall verlagert.“</em> Aber es gibt auch noch eine andere Seite: <em>„Über die Jahrzehnte lässt sich an <u>Star Trek</u> allerdings auch die Emanzipationsgeschichte von Frauen und andern benachteiligten Personengruppen in der Gesellschaft ablesen.“</em> Es begann mit dem Kuss des <em>weißen</em> Captain Kirk und der Schwarzen Offizierin Nyota Uhura in der Originalserie. Die diverseste Crew hat die „Discovery“, allerdings gibt es bei „Deep Space Nine“ auch mit dem Trill Jadzia Dax – in der siebten Staffel Erie Dax – die erste queere Person im Star-Trek-Universum, deren über 300 Jahre alter Symbiont auf Leben als Mann und Leben als Frau, als Ehemann und Vater, als Frau und Mutter zurückblicken kann. Die <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RonC4DdJEgM">zweite Feminismusfolge der Reihe der Friedrich-Naumann-Stiftung</a> thematisiert unter anderem diesen Fall.</p>
<h3><strong>Politische Bildung mit Science-Fiction</strong></h3>
<p>Die Serie, die die Problemlage der Erde am deutlichsten zeigt und damit vielleicht am ehesten auch das Etikett „Realismus“ verdient, ist nach Isabella Hermann „The Expanse“ (2015-2022): <em>„<u>The Expanse</u> zeigt eine neorealistische Extrapolation von politischen Konstellationen der Gegenwart und Vergangenheit, seien es der militärische und ideologische Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion im Kalten Krieg, Rohstoffausbeutung, Unterdrückung und Emanzipationsbewegungen im Zuge der europäischen Kolonisierung sowie eine Vielzahl von Ressentiments gegenüber Andersartigkeit (….).“ </em>Die Serie hat es immerhin auf neun Staffeln gebracht. Ob die Serie zur politischen Bildung beiträgt oder einfach nur alte Muster repetiert, ist eine andere Frage.</p>
<p>Wer vermag die Welt zu retten? Isabella Hermann analysiert Filme wie „Deep Impact“ (1998), „Armageddon“ (1998), in denen am Ende <em>weiße</em> männliche amerikanische Helden die Katastrophe verhindern. Parodistisches Gegenstück ist „Don’t Look Up“ (2021), wo Merryl Streep eine Art weiblichen Trump spielt, der von dem drohenden Meteoriteneinschlag nichts wissen will, bis zum Scheitern an die wirtschaftliche Ausbeutung der Rohstoffe des Kometen glaubt, dann für sich selbst und alle, die sie für wichtig hält, eine Gelegenheit findet, in den Weltraum zu flüchten, dort aus der Stasis erwacht, um auf dem zufällig entdeckten Planeten von überdimensional großen Vögeln gefressen zu werden. Es hilft alles nichts – so könnte die Botschaft lauten. Es sei denn, man spielt eine Aufnahme des Country-Songs <a href="https://www.youtube.com/watch?v=HBuk1HXcz1k">„Indian Love Call“</a>. Dieser lässt in „Mars Attacks“ (1996) die Köpfe der die Erde besetzenden Marsianer platzen. Traditionelle Werte? Vielleicht, aber die Welt ist gerettet.</p>
<p>In „The Day After Tomorrow“ (2004) flüchten US-Bürger*innen als <em>„Kälteflüchtlinge in Richtung Mexiko“</em>. Allerdings weist Isabella Hermann auch darauf hin, dass der Film bestätig, dass die Menschen es immer wieder schaffen können. <em>„Climate Fiction“</em> ist eine Spielart dystopisch-apokalyptischer Filme. Greta Thunbergs Reden lesen sich – so Isabella Hermann – <em>„wie dystopische Zukunftsszenarien der Science-Fiction“.</em> Die Ausbeutung von Rohstoffen ist Thema in „Dune“ (Romane von Frank Herbert 1965-1985, Film von David Lynch 1984, von Denis Villeneuve 2021) und in „Avatar“ (2009), Überflutungen sehen wir in „Waterworld“ (1995), eine Gesellschaft, die die Frauenrechte wieder abgeschafft hat, in Margaret Atwoods „The Handmaid’s Tale“ (1985), das inzwischen auch als Fernsehserie adaptiert wurde (seit 2017). Isabella Hermann referiert die Ergebnisse einer Umfrage in Großbritannien zum Film „The Day After Tomorrow“, dass die Zuschauer*innen <em>„zumindest kurzfristig nach dem Kinobesuch besorgter über den Klimawandel und andere Umweltrisiken waren als zuvor, aber Schwierigkeiten hatten, wissenschaftliche Fakten von dramatisierter Science-Fiction zu unterscheiden.“</em></p>
<p>Wenn die in den Science-Fiction-Romanen und Filmprodukten gezeigten Geschichten konkrete Konflikte unserer Zeit in möglichst drastischer Form präsentieren, fließen offenbar Fiktion und Wirklichkeit ineinander über, wie das bei Allegorien und Metaphern offenbar so ist. Margaret Atwood formulierte lapidar: <em>„Es ist nicht der Klimawandel, es der Wandel von allem.“</em> (zitiert nach Isabella Hermann, Übersetzung NR). Vielleicht passt dazu auch Isabella Hermanns Formel aus ihrem 2022 erschienenen Essay: <a href="https://zff.openlibhums.org/article/id/7941/#heading5">„Die Dystopie ist da, die Utopie ist tot – es lebe die Anti-Dystopie“</a>: <em>„Des einen Utopie ist des anderen Dystopie – eine anti-dystopische Haltung stellt sich dabei gegen Extreme der Dystopie und der (Anti-)Utopie und sieht, dass Menschen beides in sich tragen.“ </em></p>
<p>Anders gesagt: Science-Fiction löst die Probleme der Menschheit nicht. Aber sie kann schon dazu beitragen, Utopien, Dystopien und Apokalypsen zu hinterfragen, zu dekonstruieren und Gegenbilder zu formulieren. Im Grunde geschieht das, was Siegfried Kracauer in seinem Buch „From Caligari to Hitler“ (1947) schrieb: das, was wir in den Filmen sehen, wird uns nicht nur von Hollywood (und anderen) vorgesetzt, sondern es ist das, was wir selbst wünschen. Produktion und Rezeption agieren reziprok, im Ansatz dialektisch. Wer das Buch von Isabella Hermann liest, erfährt viel darüber, wie das funktioniert. Ihre Methodik überzeugt.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2023, Internetzugriffe zuletzt am 7. Juni 2023. Das Titelbild wurde von Thomas Franke zur Verfügung gestellt, der eine große Zahl von Science-Fiction-Literatur illustriert hat. Es zeigt einen Ausschnitt aus der von Thomas Franke illustrierten Neuausgabe von Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“. Die Rechte für dieses Bild liegen beim Illustrator. Siehe hierzu auch das Interview mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – Synergetisch gebrochen“</a>.)</p>
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