Bildungsziele Debattenkultur und Weltfähigkeit

Der Erziehungswissenschaftler Harry Harun Behr über (nicht nur) islamische Religionspädagogik

„Das entscheidende Bildungsziel des Islams ist Weltfähigkeit. Das ist mein gedanklicher Vorwindkurs. Neulich will jemand wissen, wo denn die Ewigkeitsfähigkeit bleibe. Gute Frage. Der Islam richtet, wenn von Himmel und Erde die Rede ist, das Manifeste und das Arkane, das Zähle und Erzählen aufeinander zu. Es geht um den Islam nicht nur als das muslimisch Eigene und proprietär Religiöse, sondern um eine Wissensordnung und Wissenskultur. Von dort entstammt der erzieherische Impetus zu Zivilisierung und Kultivierung.“ (Harry Harun Behr im Vorwort zu seinem Buch „Islamische Religionspädagogik – Einführung“, Baden-Baden, Nomos Verlagsgesellschaft, 2026)

Harry Harun Behr, Foto: privat.

Weltfähigkeit“, „Zivilisierung“, „Kultivierung“ – diese Begriffe lassen den Islam und sicherlich auch manch andere Religion als Teil eines Zivilisationsprozesses sehen, durchaus im Sinne von Norbert Elias, der insbesondere steigende „Affektkontrolle“ als Indikator zivilisatorischen Fortschritts beschrieb. Religionspädagogik analysiert jedoch nicht die langfristig wirksamen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, auch wenn sie immer wieder auf diese reagieren wird, sondern zielt auf die persönliche Entwicklung eines jeden einzelnen Menschen. Harry Harun Behr benennt das Ziel: „Narrative Identitätsherstellung (…) ist ein lebenslanger Prozess der Bewerkstelligung von Kohärenz zwischen der Magie der frühen Kindheit und der Klarheit des Alters.“

Ein solcher pädagogisch inspirierter und begleiteter Entwicklungsprozess sollte gegen identitäre Versuchungen schützen: „Wenn identitäre Sprache auf religiöse Narrative zugreift, verbindet sich Religiosität mit dem romantischen Bedürfnis nach bewährter und moralischer Ordnung.“ Aber nicht nur der einzelne Mensch, auch die Religion selbst braucht Schutz. Eine zivilisierende Religionspädagogik entwickelt „integrative und interdisziplinäre Ansätze“, die Gemeinsamkeiten mit Demokratiepädagogik und – dies ist ein besonderes Anliegen von Harry Harun Behr – Philosophieunterricht findet. So könnte es möglich werden, über Bildungsprozesse eine offene, sich durch gegenseitigen Respekt auszeichnende Debattenkultur zu schaffen und zu stärken.

Entwicklung des Einzelnen – Entwicklung der Gesellschaft

Norbert Reichel: Dein Plädoyer für ein Bildungsziel Weltfähigkeit ist ein hoher Anspruch für die Pädagogik wie für die gesellschaftliche Debattenkultur, in der es zurzeit nicht zum Besten steht. Du hättest es meines Erachtens auch für die Pädagogik in anderen Religionen schreiben können, für das Judentum, für das Christentum, sicherlich auch für manch andere Religion, die ihre Wurzeln nicht in der Region rund um Jerusalem hat. Du sagst, Religion, Religiosität, Spiritualität kann man nicht von oben verfügen, das muss jeder Mensch für sich entwickeln. Dein Buch zur „Islamischen Religionspädagogik“ bietet aus meiner Sicht in diesem Sinne eine attraktive liberale und demokratische Perspektive für Religion in unserer Zeit.

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Harry Harun Behr: Das ist ein komplexer Einstieg, aber der Entwicklungsgedanke betrifft aus meiner Sicht zwei Bereiche. Das eine ist die Entwicklung des Subjekts über die Biografie hinweg, die Reifung, der Zuwachs, die zunehmende Erfahrung, zunehmende Trittsicherheit, sich durch die Welt, die Umwelt zu bewegen. Auf die Religionspädagogik bezogen gibt es den arabischen Begriff tazkīya. Der Aspekt von Bildung als Entwicklung ist jedoch zunächst ein pädagogischer Gedanke ohne Bezug auf Religion. Der zweite Aspekt ist ebenfalls ein pädagogischer Gedanke ohne Bezug auf Religion, die Entwicklung der Gesamtheit, der Gesellschaft, ich wage nicht zu sagen, der Menschheit insgesamt, das wäre mir zu populationsesoterisch – so nenne ich das mal.

Es geht um die Entwicklung des Einzelnen zum Besseren. Ich drücke das optimistisch aus, es kann ja auch alles schief gehen. Die Entwicklung des Einzelnen und die Entwicklung der Gesellschaft, in der der Einzelne lebt, beziehen sich aufeinander wie der rechte und der linke Schritt eines gemeinsamen Leibes – wenn man so will. Ich denke, das gestattet, dass wir, wenn wir von islamischer Religionspädagogik sprechen, erst einmal die Religion und den Islam weglassen können und von einem pädagogischen Konzept sprechen, das sich auch anders rahmen ließe als konfessionell.

Der Koran bringt dieses Wechselverhältnis von Subjekt und Gesellschaft auf den Punkt. Interessanterweise argumentiert der Koran in 13:11 säkular, ohne direkten Bezug auf die Religion oder den Glauben, in arabischer Sprache: ʾinna llāha lā yuġayyiru mā bi-qawmin ḥattā yuġayyirū mā bi-ʾanfusihim, in meiner deutschen Übersetzung: „Die Lage eines Volkes, einer Nation, einer Gemeinschaft, eines Stammes, sagen wir hier, die Lage eines Landes ändert sich nicht, bis jeder Einzelne anfängt, das zu ändern, was in seinem Herzen wohnt.“ Die wortgetreue Übersetzung wäre: „Gott ändert die Lage eines Volkes nicht, bis die Menschen ändern, was bei ihnen ist.“ Gemeint ist – wenn man in die Kommentare guckt – die Selbstregulierung des Subjekts, die Fähigkeit, sich selbst auf Ziele zuzubewegen, die dem Wohle des Ichs (istiṣlāḥ) und zum Wohle des anderen (maṣlaḥa) dienen. Selbst die Frage des Glaubens löst der Koran in Sure 31 Vers 12 in die Formel auf: „Wer glaubt, glaubt für sich selbst.“ Oder anders gesagt: „Zu seinem eigenen Vorteil.“ Der Koran wirft die gesamte Entwicklungsdynamik von Religion zunächst auf das Subjekt.

Karl Marx würde vielleicht widersprechen, denn erst, wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich ändern, wäre der Raum für den Einzelnen da, seine Potenziale zu entfalten. Das wäre von der dialektischen Gesellschaftstheorie her ein anderer Zugang, den es in der islamischen Tradition übrigens auch gibt. Es bleibt bei dem Wechselspiel ohne das Primat des einen über das andere, losgelöst von Religion. Der Koran bettet die zitierte Aussage aus Sure 31 zwar in die gesamte religiöse Botschaft ein, aber die Argumentation ist unabhängig von Religion zu sehen.

Geschichtlich gesprochen, verbindet der Koran eine religiöse Aspiration mit einer staatlich politischen Aspiration. Nehmen wir einmal Islam und Demokratie. Es sind drei Punkte.

  • Der erste Punkt: Religiöse und politische Aspiration sind beide aus der Dystopie heraus geboren, aus einer Zerstörungserfahrung, der Erfahrung der Regellosigkeit. In der Regellosigkeit galt als einzige Regel das Recht des Stärkeren. Der Koran gruppiert dieses um andere Begriffe der Dystopie herum: fitna, die Versuchung, fasād, die Zerstörung, safak al-damm, das Blutvergießen, ǧāhilīya, die Regellosigkeit.
  • Der zweite Punkt: Beide formulieren die Notwendigkeit, dass sich das Subjekt entwickelt, weil jedes System nur dann trägt, wenn die Individuen, die dieses System wollen, das System tragen. Der Souverän in der Demokratie ist das menschliche Subjekt. Und deshalb sind die Artikel des Grundgesetzes subjektive Rechte und keine kollektiven Rechte, keine Verbandsrechte, keine Rechte bestimmter Gruppen. Das ist ein besonderes Kennzeichen unseres Grundgesetzes, geboren aus den Erfahrungen im Nationalsozialismus.
  • Die dritte Gemeinsamkeit religiöser und politischer Aspiration ist das Versprechen einer besseren Zukunft für alle. Mich fasziniert im Islam, dass von einer besseren Zukunft für alle Menschen gesprochen wird, nicht nur für alle Muslime. Dies wird in einer Art eines zivilisatorischen Aufbaus entfaltet. Deshalb spreche ich von Weltfähigkeit. Religionspädagogisch kann ich nur sagen, Bildung und Erziehung in einer gut gerahmten Religion, ich hätte fast gesagt, in einer vernünftigen Religion, kann es schaffen, dass im kleinen experimentalen Raum der religiösen Gemeinschaft emblematisch Verhaltensweisen eingeübt werden können, die der gesamten Gesellschaft zugutekommen, Tugenden, Charaktereigenschaften des Guten, das sozial Gute, wie es in der Soziologie genannt wird, arabisch al-maʿrūf. Für dessen Begründung braucht man übrigens auch keine Religion. Auch das formuliert der Koran komplett im säkularen Zusammenhang. Es geht um das geteilte Wissen der Menschen darum, was gut und was richtig ist und was falsch. Ich habe das einmal in einem Aufsatz mit Peter L. Berger als Third Scheme bezeichnet. So sehe ich das zurzeit.

Der Islam – vom Menschen her gedacht

Norbert Reichel: In der fundamentalistischen Interpretation von Religion wird definiert, wie der Mensch zu sein habe, und dass alles, was dem entgegenstünde, eliminiert werden müsste. So sehen das auch alle anderen Systeme, die sich von der Demokratie ab- und autoritären oder gar totalitären Systemen zuwenden. Wer die vorgegebene Wahrheit in diesen Systemen verkündet, inszeniert sich selbst als unfehlbar. Entscheidend ist jedoch meines Erachtens, ob man sich als Mensch als fehlbar begreift. Dies gilt auch für Muhammad. Du zitierst Sure 73, in der von Muhammads Selbstzweifeln die Rede ist.

Harry Harun Behr: Es geht um die Empfindung der Unzulänglichkeit, der Verunsicherung Muhammads. Seine Ehefrau Chadidscha tröstet ihn, gibt ihm Worte der Zuversicht und des Trostes, aber auch eine Anleitung: Steh auf, wasch dich, reinige deine Kleidung, hoch mit dir, komm auf deine Beine, sozusagen nach viktorianischem Erziehungsideal „stiff upper lip“.

Das ist schwierig zu verstehen, denn die Muhammad-Bilder, die in einem ideologisierten Islam verbreitet sind, sind sehr ikonenhaft. Es gibt sozusagen das Attribut der ʿiṣma, Muhammad wäre maʿṣūm, das heißt befreit von jedem Makel, er wäre Uswah, leuchtendes Vorbild. So wird er auch im Koran bezeichnet. Aber auch Ibrahim wird als Uswah bezeichnet und Ibrahim macht im Koran einen Fehler nach dem anderen. Von der Schrift her allein ist es ein schwieriges Label zu sagen, Muhammad wäre unfehlbar. Unfehlbarkeit ist eher ein katholischer Ausdruck, den man ohnehin nicht übertragen kann. Die theologische, ideologisierte Idee, dass es sozusagen eine brillante, strahlende Reinform des Islam gäbe, den vollkommenen Menschen im Rahmen der richtigen Religion, ist ein Bild, das es in vielen Ideologien, auch unabhängig von Religion gibt. Dieses Bild entsteht als menschliches Verlaufsmuster irgendwie aus einer grundlegenden Defizitannahme heraus. Das betrifft auch die Erziehung: Kindes- und Jugendalter werden in den verschiedenen Verhaltensstadien oft als defizitär gesehen, messbar an einem erreichbaren Stand.

Der Koran reißt dieses Kartenhaus ein. Als Muhammad gefragt wird, was die bei Gott angesehenste Religion sei, die Gott am meisten liebt, erwarten die Fragenden, dass er antwortet: Der Islam. Wenn man nur genug Islam inhaliert, frisst, wird man schon der richtige Mensch. Muhammad sagt jedoch lapidar: al-ḥanīfīya al-samḥa. Das heißt: Die Güte und die Toleranz. Er spiegelt zurück, was in den Herzen der Fragenden liegt. Warum stellt ihr diese Frage? Macht ihr eine Tür auf oder eine Tür zu? Er verunsichert die Fragenden, weil diese Attribute auch auf andere Glaubenssysteme anwendbar sind, auf die Entwicklungsstadien von defizitären, verunsicherten Mängelwesen hin zu dem, das der Koran imām nennt, ein Vorbild.

Die Kriterien für Vorbildhaftigkeit sind relational. Der Koran setzt sie nicht in Relation zu einem objektiven Sachanspruch, zu von außen gesetzten Normen, sondern in Relation zu dem Entwicklungspotenzial, das jeder einzelne Mensch hat. Und diese Entwicklungspotenziale sind unterschiedlich. Hier liegt der Ausgangspunkt zu einer religiösen Anthropologie. Wir denken den Islam vom Menschen aus.

Norbert Reichel: Was bedeutet das für Bildung und Erziehung?

Harry Harun Behr: Jedes Stadium, das ein Kind, ein Jugendlicher in der Entwicklung durchläuft, ist in sich genommen ein voll gültiges Stadium, ganz losgelöst von jeder Defizitannahme. Natürlich gibt es Störfaktoren wie Unreife, jugendliche Delinquenz. Vom Menschenbild her gedacht aber ist jedes Kind, jeder Jugendliche ein Mensch, der von Gott in dem Stadium für vollgültig erklärt wird, in dem er sich gerade befindet, in dem er gesehen wird.

Das Gesehen-Werden ist sehr wichtig. Wir haben zu dieser Frage über 100 muslimische Jugendliche im Rhein-Main-Gebiet interviewt. Die einen beten, die anderen nicht, die einen waren schon einmal in einer Moschee, die anderen nicht, die einen können den Koran lesen, die anderen nicht, die einen haben einen islamisch klingenden Namen, andere nicht. Wir haben gefragt, was war deine beste, was deine schlechteste Erfahrung in der Schulzeit? Durch die Antworten zieht sich ein roter Faden: Die schrecklichste Erfahrung war, dass ich von meiner Lehrerin, meinem Lehrer nicht als der Mensch gesehen wurde, der ich bin, sondern als der Mensch, für den sie mich halten, dass ich zur Projektionsfläche werde für etwas, das ich gar nicht bin, bis hin zum Spezieswesen Islam oder zum Spezieswesen Migrant. Das schönste Erlebnis war, wenn dieses Muster durchbrochen wurde. Es ist bedrückend, dass die Projektionserfahrung der Regelfall ist und die Durchbrechung in dieser unguten Matrix der Sonderfall. Dies führt allerdings auch dazu, dass einige dieser Kinder bildungsbeschleunigt durch die Schule kommen, zum Beispiel Lehrerin oder Lehrer werden wollen, weil sie gespürt haben, wie wichtig diese Erfahrung ist.

Religion is a remedy. Hier kann Religion – ich bleibe beim Islam, du weißt, dass ich auch als Jude sprechen kann – sehr sehr wichtig werden, weil sie ein stablisierendes Moment in die grundlegende Verunsicherung einführt, auf die du in Bezug auf Sure 73 hingewiesen hast, sodass Kinder und Jugendliche begreifen, dass sie von Gott gesehen werden, als die, die sie sind, als die, die sie sein wollen. Sie dürfen dies an Gott in ihren Bittgebeten adressieren, auch wie sie nicht sein wollen. Daran basteln junge Menschen, spätestens, wenn sie morgens vor dem Spiegel stehen und versuchen, sich eine complexion, ein Bild, eine Erscheinungsform zu geben, sodass sie sagen können, jetzt wird der Tag gut. Oder denken wir an das bei jungen Menschen verbreitete Gefühl, irgendwie im eigenen Körper nicht zuhause zu sein, zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß, zu schwach, im falschen Geschlecht. Das sind Fragmentierungserfahrungen, die zu bewältigen Jugendliche im Sinne einer Re-Fragmentierung lernen müssen.

Der Islam ist in diesem Sinne eine pädagogisch und entwicklungsorientiert gedachte Religion. Es gibt natürlich auch andere Dinge, über die diese Erfahrung möglich ist, zum Beispiel die Kunst, die Musik, denn Entwicklungserfahrungen haben viel mit ästhetischer Erfahrung zu tun. Ich bleibe hier bei der Religion, weil sie die Verbindung zu einer sinnstiftenden höheren Ordnung herstellt, die mich sieht und in der ich mich geborgen fühlen darf, weil diese Ordnung entschieden hat, dass ich lebe, und irgendwann entscheiden wird, dass ich wieder aus diesem Leben gehen werde. Dieses Lebensgefühl ist für mich der tiefere Grund, dass ich einen Sinn im Religionsunterricht sehe, obwohl ich eigentlich lieber Philosophieunterricht als Religionsunterricht in der Schule sähe. Das wäre eine Religionspädagogik mit einem – wenn du so willst – gesellschaftstherapeutischen Impetus, ausgehend davon, je besser deine Entwicklung wird, desto besser für uns alle.

Das Recht auf Glück

Norbert Reichel: Die Projektionserfahrung, von der du sprichst, betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern mehr oder weniger alle Menschen, die in Deutschland – oder auch in benachbarten Ländern leben und Muslime sind oder für Muslime gehalten werden. Das Bild vom Islam ist – ich erlaube mir, es drastisch zu formulieren – in vielen medialen und politischen Debatten wieder auf dem Niveau der Kreuzzüge gelandet.

Harry Harun Behr: Höflich gesagt: Der Islam hat ein Imageproblem. Auf der anderen Seite muss man sagen, Musliminnen und Muslime verursachen auch Probleme, nach denen sie sich fragen lassen müssen. Positiv gewendet würde ich sagen, es ist auch eine gute Situation, weil alles offen ist, eine Situation der höchstmöglichen Kontingenz. Wenn alles in einem labilen und nicht in einem stabilen Gleichgewicht ist, es nach rechts wie nach links herunterkullern kann, liegt darin auch eine Chance. Ich sehe sie darin, dass Menschen, die von der Gesellschaft als muslimisch markiert und damit in eine Schublade gesteckt werden, eine Aufforderung spüren, sich zum Islam zu verhalten. Dies impliziert einen Bildungsanspruch, religiös informiert zu sein, islamische Dinge verstehen und einordnen zu können, sprechfähig zu sein zu diesen Themen, über die Vokabeln zu verfügen und den Mut zu haben, darüber zu sprechen, sei es, dass man sagt, ich bin bekennender Muslim, sei es, dass man sagt, der Islam hat für mich ausgedient. Ich nehme beide mit ins Boot. Es geht aber darüber hinaus. Es werden nicht nur Muslime in der Gesellschaft in eine Schublade gesteckt. In eine Schublade gesteckt werden Frauen, Kinder und Jugendliche, alleinerziehende Mütter, die Flaschensammler am Hauptbahnhof, sozial marginalisierte Menschen, denen unterstellt wird, sie würden die Sozialsysteme plündern, migrantisch gelesene Menschen, Ossis aus der Sicht von Wessis, Wessis aus der Sicht von Ossis und so weiter und so fort.

Wir haben es mit einem Regime von Markierungen zu tun, das zurzeit auch von der Bundesregierung bedient wird, indem sie nichts Besseres zu tun hat als die gesellschaftlichen Segmente gegeneinander aufzubringen und in Aufruhr zu versetzen: Rente versus Bafög, Mütterrente und all diese Dinge aus dem Wimmelbuch der Politik. Das ist blamabel und schrecklich angesichts dessen, dass wir bei WiIly Brandt und Helmut Schmidt erfahren durften, wie man die Gesellschaft als Ganze im Blick behält. Ich nenne die beiden jetzt einmal, weil ich als Junge mit ihnen meine ersten Erfahrungen in der Politik machte, abgesehen davon, dass alle in meiner Familie SPD-Wähler und Opel-Fahrer waren.

Das Entscheidende ist für mich, dass religiöse Bildung identitäre Muster, die Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit definieren, aufbrechen kann, indem sie den Blick auf den Menschen richten, Ibn Arabi würde sagen, auf den Menschen mit seinem Anrecht auf Glück. Ibn Arabi war im Grunde der Erfinder des Individuums. Er war ein maßgeblicher Impulsgeber für die Renaissance und die abendländische Aufklärung.  

Norbert Reichel: Der „pursuit of happiness“.

Harry Harun Behr: Das ist ein antikes Motiv aus Platons Politeia. Ibn Arabi greift es auf und sagt, dass jeder das Recht hat, ein glückliches Leben zu führen. Interessant ist, dass Muhammad, als er gefragt wurde, warum er da wäre, sagte: „Um euch glücklich zu machen und nicht unglücklich.“ So ähnlich drückt es auch der Koran in Sure 2 Vers 185 oder in Sure 20 Vers 2 aus. Als Dscha’far al-Tayyār vom äthiopischen Kirchenfürsten Ashama ibn-Abdschar gefragt wird, wer denn dieser Muhammad sei, antwortet er nicht, er sei der Gesandte Gottes, sondern sagt: „Wir lebten in der Regellosigkeit und er wurde geschickt, um uns zu lehren, Menschen zu sein.“ Diese Brechung von der konfessionellen Formatierung eines Religionsunterrichts auf das Weltganze, das Ganze der Gesellschaft, wenigstens im Hinblick auf die Kommune, in der man lebt, ist für mich ein ganz wichtiges Motiv in der Begründungslogik, warum religiöse Bildung und Erziehung für die Gesellschaft wichtig ist und nicht nur für die, die im Konfirmationsunterricht, im jüdischen Bethaus oder in der islamischen Gemeinde sitzen.

Das Recht auf Differenz – ein Recht auf Debatte

Norbert Reichel: Die aktuellen negativen Projektionen auf den Islam sind leider mehrheitsfähig. Religionen müssen mit vielen Zuschreibungen leben, der Islam, das Judentum, auch das Christentum in seinen verschiedenen Ausprägungen. Beim Christentum haben wir in Deutschland (noch) eine Mehrheit gegenüber denjenigen, die keiner Religion angehören. Aber die Zuschreibungen werden auch aus bestimmten Kreisen bedient, beispielsweise von einem Pete Hegseth mit seinem Kreuzzugstattoo, der seine Religion zur einzig seligmachenden Religion erklärt. Ob er alles richtig versteht, lassen wir mal dahingestellt. Die Geschichte, wie er eine Pseudo-Bibelstelle aus Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ für die Begründung seiner Sicht von Religion und Politik nutzte, obwohl es diese Stelle in der Bibel gar nicht gibt, spricht für ein gewisses Maß an Bildungsverwahrlosung. Aber solche Phänomene haben wir nun einmal bei Radikalen in allen Religionen und Ideologien. Ich erlebe das leider auch in Schulen. Da gibt es inzwischen junge männliche Muslime, die ihre Klassenkameraden, vorzugsweise auch ihre Schwestern mit allen möglichen Vorschriften schikanieren und terrorisieren, die sie für unverzichtbar muslimisch halten, beispielsweise im Hinblick auf Bekleidung, Ernährung, Fasten, woher sie diese auch immer haben, wohl eher nicht aus eigener Koran-Lektüre, sondern von selbsternannten islamistischen Influencern. Sie tragen natürlich zu dem Image-Problem des Islam bei, das du schon angesprochen hast. Aber wie gesagt, der Islam ist nicht die einzige Religion, die pervertierbar wäre. Siehe Pete Hegseth und seinen Pastor Doug Wilson.

Harry Harun Behr: Wechseln wir mal von Hegseth auf den konvertierten Katholiken JD Vance. Vielleicht wird er ja der nächste Präsident der USA. Ich nehme einmal an, dass er daraufhin arbeitet. Aber mal schauen. Vance verweist auf Religion als Institution in einem politischen Diskurs im Interesse einer politischen Lobby, auch im Hinblick auf einen innerkirchlichen Diskurs.

Ich steige einmal von einer anderen Seite in deinen Impuls ein. François Jullien hat dieses schöne Buch geschrieben: „Es gibt keine kulturelle Identität“ (deutsche Ausgabe in der edition suhrkamp). Jullien geht von den systemischen Theorien der Ressourcenorientierung aus. Er sagt, es gebe keine kulturelle Identität, sondern nur die bestmögliche Kultivierung im Sinne des sozialen Kapitals, durchaus im Sinne von Pierre Bourdieu. Das Recht auf Differenz ist daher ein zumindest demokratisches Erfordernis. Es bedeutet, dass Muslime unbehelligt ihre Religion ausüben dürfen. So steht es im Grundgesetz. Man darf ihnen nicht mit „Remigration“ drohen, sie durch ICE-Agents oder ähnliche Akteure unter Druck setzen oder, wie manche Politiker, nicht nur der AfD-Mann Albrecht Glaser, behaupten, der Islam sei keine Religion, sondern eine politische Ideologie.

Norbert Reichel: Der erste, der diese Auffassung popularisierte, war nach meiner Erinnerung Geert Wilders in den Niederlanden. Er lieferte damit ein Argumentationsmuster für viele Rechtspopulisten und Rechtsextremisten in Europa. Leider nehmen auch manche Konservative und manche Sozialdemokraten dieses Nicht-Argument auf.

Harry Harun Behr: Es wäre ein schwerer Fehler, diese Auffassung nur auf die AfD zu schieben. Diesen ganzen Mist, der uns droht, schaffen wir auch ohne AfD.

Das Recht auf Differenz ist ein sehr schönes Recht, weil es so etwas wie lebensweltliche, religiöse, lebensstilorientierte Diversität und Vielfalt birgt und damit einen Aspekt der Freiheitlichkeit. Das Recht auf Differenz steht unter Druck. Uns muss gelingen, dies in die Debatte zu bringen. Zu viele Dinge werden einfach gesetzt und nicht in die Debatte geführt. Uns fehlt Debattenkultur.

Ich sage das als jemand, der im englischen Weymouth Ende der 1970er Jahre eine Secondary High besucht hat. Dort gab es einen Debattierklub, in dem wir lernten, unter bestimmten Hausregeln zu debattieren, in dem auch die Fetzen fliegen durften, aber nichts wurde auf den Schulhof getragen. Social Media gab es damals noch nicht, es galt die Chatham House Rule. Es galt, dass mögliche Verletzungen, mögliche Angriffe, Polemik, Ironie, aber auch Streit um die Sache in einem geschützten Format bleiben, in der Hoffnung, dass alle etwas mit nach Hause nehmen, das sie zum Nachdenken und zum Weiterverfolgen einer Debatte bringt. Dafür braucht man einen Regelapparat.

Seit dem 7. Oktober 2023 – zu diesem Datum muss ich nichts sagen – habe ich mich auf dem Campus intensiv damit beschäftigt. Ich habe mit Sabena Donath, Direktorin der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden, zusammengearbeitet. Wir haben mit unserem Diversity Office an der Universität Frankfurt ein Teach-and-Talk-Format aufgelegt, in dem wir 2024 bis ins Jahr 2025 ganz intensiv mit dem lehrenden Personal in der Universität in die Debatte eingestiegen sind. Wie funktioniert eine Debatte? Gibt es so etwas wie eine Didaktik der Debatte, der Befähigung zur Debatte?

Das vermisse ich. Ich beobachte auch auf dem Campus entweder allseitiges Schweigen aus Angst vor Markierung, oder Eskalation: Das Verstummen oder das Schreien. Das erinnert mich an Koran Sure 31 Vers 19: „Seid nicht wie die Esel!“ Die Leute fragten Muhammad, warum die Esel. Er antwortete, sie können nur stumm oder laut. Kommt miteinander ins Gespräch.

Gibt es für das Recht auf Differenz einen Resonanzraum? Das wäre ein Raum, der durch bestimmte Bezugspunkte, Koordinaten definiert ist.

  • Das eine ist der Bezug zu Institutionen, zum Beispiel wenn es um die Einschränkung des Rechts auf Differenz durch eine bestimmte Regel gibt, die Schule, das Gericht, der Arbeitsplatz, Medien, Freibäder.
  • Das zweite ist die Bedeutung für den Einzelnen. Ich habe schon gesagt: Die Arbeit des Einzelnen an sich selbst ist eine Grundvoraussetzung für die positive Entwicklung der Gesellschaft. Es geht darum, dass ein solches Thema oder Motiv Relevanz hat. Ich beziehe mich auf Alfred Schütz und seine Theorie der Relevanz. Es geht um subjektive Relevanz.
  • Das dritte ist das Framing, die Frage, wo die Debatte stattfindet. Ein Debattierclub ist ein spezielles Framing, ein anderes wäre Markus Lanz, ein drittes der Mut von Lehrkräften, mit ihren Schülerinnen und Schülern in eine Diskussion zu gehen. Publikationen, Kommentare in Zeitungen sind weitere Formen eines solchen Framings.

Es ist wichtig zu verstehen, dass solche Debatten in einem Resonanzraum stattfinden und dass man bestimmte Bedingungen dieses Resonanzraumes definieren kann und andere nicht. Was dann aber stattfindet, sind Markierungen. Es ist offensichtlich hilfreich in Debatten, anderen ein Label zu verpassen. Vorsicht! Das ist gefährlich, spätestens, wenn man selbst auch nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden möchte.

Für diese Markierungen gibt es wiederum bestimmte Koordinaten, die immer wieder auftauchen. Man kann diese tausendfache Varietät von Markierungen, östlich, westlich, orientalisch, okzidentalisch, zivilisiert, unzivilisiert, christlich, muslimisch, jüdisch, männlich, weiblich, arm, reich, faul, fleißig, schön, hässlich, auf vier Aspekte konzentrieren:

  • Das eine ist Identität, dass bestimmte Markierungen dem anderen als identitäres Proprium zugeschrieben werden können: Ihr seid einfach so. Ich bin halt so!
  • Das zweite ist territorial. Alles findet in territorialen Zuschreibungen statt. Das zeigen uns die rechten ethnopluralistischen Narrative vom Europa der Nationen: Frankreich den Franzosen, Deutschland den Deutschen und so weiter. Das bezieht sich auf Territorien, die mutmaßlich anders sein sollen als das mutmaßlich eigene. Ein wichtiger Begriff ist Grenze. Wir sprechen auch von Grenzregimen.
  • Das dritte ist Ideologie. Aus dem identitären und dem territorialen Merkmal wird eine ideologische Devianz oder Repräsentanz extrapoliert. Das ist ein Grund dafür, dass der Islam über politische Kategorien ins Gespräch gebracht wird: Politischer Islam, Clan-Islam, migrantischer Islam. Das dem Islam zugeschriebene Territorium ist der Orient – eine Orientalisierung, das wissen wir seit Edward Said. Mit dieser Orientalisierung werden ideologische Begriffe verbunden wie undemokratisch, unfreiheitlich, antihumanistisch, frauenfeindlich und so weiter und so fort.
  • Das vierte Element ist englisch „affiliation“ oder „behaviour“, das Verhalten der Menschen. Das Zuspätkommen eines muslimischen Schülers wird völlig anders interpretiert als das Zuspätkommen von Inge oder Heinz. Auch wenn alle einfach verschlafen haben, wird bei dem muslimischen Schüler, wenn zum Beispiel Ramadan ist, direkt unterstellt, das hätte etwas mit dem Fasten zu tun: Ihr setzt halt andere Prioritäten, das ist bei euch nun einmal so.

Solange diese vier Grundmuster unreflektiert bleiben, wird es schwierig, eine Debatte zu sortieren. Das ist enorm wichtig: Was ist ein relevanter Faktor? Welchen Faktor kann ich verändern? Ich kann ja nichts an einer Zuschreibung ändern, aber ich kann ins Gespräch über Verhalten kommen. Was könnte man am Verhalten verändern, damit dieser Triggerpunkt in der feindseligen Kulturalisierung entfällt? Die Hoffnung, dass man dies durch Assimilation erreichen könnte, dass beispielweise auch gläubige Muslime im Biergarten ein Weißbier trinken können, hat sich verfehlt. Das funktioniert einfach nicht. Die Rassifizierung bleibt. Wir wissen aus der Forschung, dass je stärker eine Hyperassimilierung ist, desto stärker sind die Ablehnungseffekte in der Konkurrenzsituation. Der Besuch eines Biergartens ist keine Konkurrenzsituation, aber die Wohnungssuche ist eine. Das führt ins Nichts. Für diese Erkenntnis brauchen wir keinen Islam. Das wissen wir aus der Gewaltforschung seit Johan Galtung oder Gordon W. Allport, oder wir erfahren es regelmäßig aus der Bielefelder Mittestudie oder der Leipziger Autoritarismusstudie.

Hier könnte eine gute islamische Religionspädagogik, die diese Diskursprinzipien und diese Orientierungspunkte auf in der Schrift gesättigte Bezugspunkte rückführt, bewirken, dass zumindest die betroffenen Muslime in der Lage sind, zu einer besseren Debattenkultur beizutragen. Denn der Koran sagt in Sure 41 Vers 34: ʾdfaʿ bi-llatī hiya ʾaḥsan, in deutscher Übersetzung: „Antworte auf eine bessere Art und Weise!“ Das ist ein religiöses Gebot!

Regeln einer demokratischen Debattenkultur

Norbert Reichel: Dieses Gebot sollte aus meiner Sicht für alle Fachdisziplinen gelten, für alle Unterrichtsfächer in der Schule, alle Diskursgelegenheiten in der Gesellschaft, ganz unabhängig von Religion. Du sagtest es zu Beginn unseres Gesprächs: Der Koran formuliert eine säkulare Botschaft, doch diese lässt sich religiös begründen. Letztlich ist es das, was du mit deiner Forderung nach einer umfassenden philosophischen Bildung und Ausbildung verbindest.

Harry Harun Behr: Das wäre ein guter Weg. Man könnte auch religionsbezogene Zusatzangebote in die Schule einführen. Man müsste die Hermetik von Schule öffnen und sie stärker mit außerschulischen Lernorten, beispielsweise der Kommune als Lernort zu vernetzen. Zur Kommune gehören die Religionsgemeinschaften ebenso wie die Geschäfte, die Arbeitgeber und die Dienstleister. Benjamin Barber schrieb in seinem schönen Buch „If Mayors Ruled the World – Dysfunctional Nations, Rising Cities” über Community Development. Einer meiner alten islamischen Lehrer in Indonesien, Muhammad Natsir, sagte: „Dakwah is Community Development“. Dakwah ist der islamische Begriff für den Ruf zum Islam. Er unterscheidet nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Dafür wurde Natsir von konservativen Muslimen sehr angefeindet.

Man muss Religion nicht aus der Schule verbannen. Man könnte sie aber intelligenter integrieren, als Kernfach, das eben hilft, in einer übergeordneten Matrix. Noam Chomsky würde von einer tiefergelegenen Grammatik sprechen. Es gilt, die Kunst und Kompetenz der Debatte in die Schule zu integrieren. Das könnte Philosophieunterricht leisten, verbunden mit dem Kernwissen der philosophischen Grammatik, wie sie sich durch die Religionen zieht, die hier vor Ort bei uns von Belang sind, Christentum, Judentum und Islam.

Norbert Reichel: Du zitierst Chimamanda Ngozi Adichie mit dem Satz aus „The Danger of a single story“: „Culture does not make people. People make culture.” An einer anderen Stelle in deinem Buch über die Islamische Religionspädagogik beziehst du dich auf „die alte Weisheit des commonwealth of Nations: There is no pluralism without a healthy amount of separatism.”  

Harry Harun Behr: Das sind Antworten auf das Motiv der feindseligen Kulturalisierung. Wir müssen uns nur näher anschauen, was zurzeit im Kernland des Commonwealth auf den Straßen geschieht. Kultur ist etwas, das wir herstellen, nicht etwas, das Menschen mitbringen. Ich habe einmal Christian Wulff, als er Bundespräsident war, nach Bangladesch und nach Indonesien begleitet. In dem Flieger hatten wir 15 Stunden Zeit. Der Bundespräsident lud zum Gespräch und öffnete die ein oder andere Flasche kalten Weißweins. Es war ein offenes, entspannendes Gespräch. Es war vor 2015, aber es gab schon Flüchtende über das Mittelmeer. Er fragte mich, warum diese Menschen von Süd nach Nord oder Ost nach West zu uns kommen, ob es darin einen Sinn gebe. Ich habe geantwortet, wir haben vor 150 Jahren aus Mesopotamien das Ischtar-Tor nach Berlin geholt und im Pergamon-Museum aufgebaut. Jetzt kommen zu uns die Nachfahren der Menschen, die gewohnt waren, durch dieses Tor hindurchzugehen. Das Ischtar-Tor war ein Tor ohne Tore! Ob du durch dieses Portal hinein- oder hinausgehst, obliegt dir! Der Gesellschaft obliegt es, dir die Möglichkeit zu geben zu bleiben oder zu gehen. Das bringt der Koran in Sure 4 Vers 98 zum Ausdruck. Ich sagte, dass wir in einer segensreichen Zeit leben, weil der liebe Gott – ich wusste, dass Herr Wulff im Hinblick auf den „lieben Gott“ adressierbar ist – in seiner Gnade diese Menschen zu uns schickt, damit sie uns als Gesellschaft etwas geben, das wir zu verlieren drohen, nämlich im Falle der Bedrückung und des drohenden Scheiterns nicht anderen die Schuld zu geben, sondern an uns selbst zu arbeiten.

Der Regelfall in der Geschichte ist der, dass die Fluchtboote von Nord nach Süd und von West nach Ost fuhren. Das ist jetzt eine Ausnahmesituation. Muhammad würde so anfangen: Sa yaʾtī sanawāt. Es werden Zeiten kommen – ich wage dies zu sagen –, dass die Fluchtmigration wieder von Europa wegführt, von Nord nach Süd und von West nach Ost. Das fand er total einleuchtend und sagte dann, was er noch bräuchte, wäre eine Sprache, die ihm hilft, dies in politisches Handeln zu übersetzen. Aber da habe er jede Hoffnung verloren.

Norbert Reichel: Das ist bedrückend. Mir haben viele Dinge, die Christian Wulff sagte, Hoffnung gegeben, Zuversicht, aber aus heutiger Sicht liegt die von dir zitierte Skepsis leider wohl näher.

Harry Harun Behr: Ja, er war damit bezogen auf unser System und auf die Entwicklung zu etwas Besserem, die wir zu Beginn unseres Gesprächs formulierten, in dem Augenblick pessimistisch.

Norbert Reichel: Ein auf den ersten Blick eher optimistisches Buch hat Parag Khanna geschrieben: „Move“ (die deutsche Ausgabe erschien 2021 bei Rowohlt). Ich habe das Buch unter der Überschrift „Zukunftschance Migration“ besprochen. Khanna geht von einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von etwa vier Grad Celsius bis zum nächsten Jahrhundertwechsel aus, viele Regionen werden unbewohnbar, aber die Menschen migrieren in Richtung der Pole und in Neuseeland, in der Antarktis, in Skandinavien, Sibirien, Kanada und Grönland entstehen große wohlhabende Städte. Dem entgegen steht der Widerstand vieler Menschen gegen jede Migration, die Eva von Redeker in ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026) zu der These veranlasste, dass sich der neue Faschismus durch das Gefühl definiere, überall drohe die „Plünderung“ eines Besitzes, obwohl dieser in Wirklichkeit nur ein „Phantombesitz“ sei. Doch wem gehört „unser Land“? Die Antwort ließe sich in deiner Sicht des Ischtar-Tores im antiken Babylon finden.

Harry Harun Behr: Ja. In Sure 7 Vers 128 lässt Gott wen er will das Land erben. Das Thema der Debattenkultur haben wir in dem angesprochenen Teach-and-Talk-Format – da standen ja Israel und Gaza im Fokus – noch etwas regelhafter weitergeführt. Die Frage war, wie sich aus der Analyse Regeln und dann eine Strategie und einer Didaktik generieren ließen. Wir haben uns auf vier Bezugspunkte geeinigt.

  • Das ist zuerst die Haltung des Subjekts, Haltung im Sinne der Frage, auf welcher Etappe ich mich zurzeit befinde und ob ich weiterkommen möchte oder nicht. Darunter haben wir die Bedeutung von Menschlichkeit, Gesetz und öffentlicher Ordnung subsummiert. Wir fanden es notwendig, ganz konkrete Items zu benennen und es nicht in einer abstrakten bildungstheoretischen Analyse zu belassen. Dazu gehört eine klare Absage an Hass und Gewalt, die von allen Diskursteilnehmern als eine Art Geschäftsordnung eingefordert wird.
  • Ein zweiter Punkt war, dass jemand, der etwas in eine Debatte einspeist, damit rechnen muss, dass er aufgefordert wird, die relevanten Fakten zu nennen und offenzulegen, woher eine Information kommt. Es geht um die Zuverlässigkeit von Informationen.
  • Das dritte ist die Perspektivität. Debattenbeteiligte müssen sich fragen lassen, warum sie gerade etwas sagen, was der Hintergrund ihres performativen Sprechakts ist und welche Zukunft man vor Augen hat. Wo würden wir in zehn, 20 oder 30 Jahren stehen?
  • Das vierte ist „compassion“, Emotionen, Leidenschaft, empathische Beteiligung zuzulassen und sie zunächst als gleichrangige Botschaft anzuerkennen und ihnen Geltung in der Debatte zu verschaffen.

Diese vier Punkte, Haltung, Objektivität, Perspektivität und Empathie, schienen uns unverzichtbar. Das konnte man mit einem Bouquet an Blüten ausbauen, aber diese vier Punkte würden wir gerne curricular verankern.

Norbert Reichel: Das müsste doch zumindest an Hochschulen realisierbar sein.

Harry Harun Behr: Leider ist es schon an der Universität nur schwer realisierbar, aber die Forderung bleibt bestehen. Das ist es, das wir wollen und uns auch für die Schulen wünschen!

Harry Harun Behr im Demokratischen Salon:

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 21. Juli 2026. Titelbild: Grablegemoschee Imam Schafii in Kairo, Foto: Harry Harun Behr.)