Der endlose Weg zur „Integration“

Analysen und Perspektiven der Autorin und Beamtin Souad Lamroubal

„Ich schreibe stets von Fragen aus, aber nicht, um Antworten zu finden. Ich bin sicher auch nicht mehr die, die die Zeilen geschrieben hat, die Sie gelesen haben. Wenn ich schreibe, bin ich Lena, aber wenn ich geschrieben habe, bin ich Lena Gorelik, ich bin die deutsch-jüdische, die deutsch-russische, die russisch-deutsche, die jüdisch-deutsche, die russisch-jüdische Autorin, ich habe sicher eine Mischung, eine Zuschreibung vergessen, ich bin auch noch, so sagen sie, engagiert. Ich bin die engagierte Autorin, die politische, die feministische, die queere, ich darf nie Autorin ohne Adjektiv sein.“ (Lena Gorelik, Ich schreibe, weil ich, glaube ich bin, Berlin, Verbrecher Verlag, 2024)

Wenn die Menschen um jemanden herum glauben, dass zwei dieser Adjektive, die im gängigen Polit-Jargon „Identitäten“ genannt werden, sich nicht vertragen, sind wir für den Fall, dass die Träger:innen dieser Adjektive sich aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz dennoch mögen oder gar lieben sollten, schnell bei einer mehr oder weniger melodramatischen Romeo-und-Julia-Geschichte. Manchmal gibt es ein Happy End, so bei Meron Mendel und Saba-Nur Cheema, er Deutscher, Israeli und Jude, sie Deutsche, das Kind pakistanischer Eltern und Muslima. In einer ihrer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlichten Kolumnen unter der Überschrift „Muslimisch jüdisches Abendbrot“ (2024 in einer Sammlung bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) haben sie die Bindestriche ihres Lebens, mit denen sie ihre Kindererziehung praktizieren (müssen), in die Formel gepackt: „Wie man ein muslimisch-israelisch-jüdisch-pakistanisch-hessisches Kind erzieht“. Aber vielleicht sind alle Debatten um die sogenannte „Integration“ Kapitel einer endlosen Romeo-und-Julia-Geschichte. Manchmal mit glücklichem, viel zu oft jedoch mit tragischem Ausgang.

Die „Privilegierte“

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Zuschreibungen mit und ohne Bindestrich sind Alltag für Souad Lamroubal, nur haben nicht alle ihre Kundinnen und Kunden die Ressourcen, über die sie, Meron Mendel und Saba-Nur Cheema verfügen, um sich in unserer Gesellschaft zu behaupten. Vielen fehlt die Sprache, fehlen die Begriffe, das zu beschreiben, was für sie wichtig ist, um ein sicheres und respektiertes Leben in Deutschland zu führen. Souad Lamroubal verfügt sogar über eine ganz besondere Ressource: Sie ist Beamtin.

Souad Lamroubal wurde im Jahr 1982 in Dormagen (Rhein-Kreis Neuss) geboren. Sie arbeitete 15 Jahre in der Bonner und zwei Jahre in der Düsseldorfer Stadtverwaltung. Seit 2024 leitet sie in Niederkassel (Rhein-Sieg-Kreis) die Stabsstelle „Gleichstellung und Inklusion“, die direkt beim Bürgermeister angesiedelt ist. Seit 2021 beteiligt sie sich an der Bielefelder Mitte-Studie, deren 2025-er Ausgabe unter dem Titel „Rein oder Raus? Immer rund um die Mitte“ im Demokratischen Salon vorgestellt wurde.

Im Bonner Dietz-Verlag hat sie zwei Bücher veröffentlicht: „Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ (2023) und „Die Demokratie der anderen – Was der Kampf um Zugehörigkeit mit uns macht“ (2025). Ein drittes Buch bereitet sie zurzeit vor. Sie betont, dass sie aus einer ganz bestimmten Perspektive schreibt, die sich jedoch nicht auf einen klar definierbaren und eindeutigen Begriff bringen lasse. Einige der zurzeit gängigen Begriffe sind inzwischen zu Kampfbegriffen geworden, beispielsweise „Mitte“, „Integration“, „Normalität“, „Diversität“, „Zugehörigkeit“, „Einwanderungsland“, „Minderheit“ oder eben auch „Migrationshintergrund“ und „Zuwanderungsgeschichte“. Sie grenzen ab, sie grenzen ein, sie werten ab, sie schließen aus. All solche Begriffe stellt Souad Lamroubal in ihren Büchern zur Disposition. Sie fragt nach der „Deutungshoheit“: Wer darf über Menschen urteilen? Mit welchen Konsequenzen? Haben wir überhaupt eine Sprache und Begriffe, um die jeweils mitschwingenden Macht- und Gewaltverhältnisse zu sprechen? Johan Galtungs bekannte Studie „Strukturelle Gewalt“ (Reinbek, Rowohlt, 1982) erhält in Einwanderungsgesellschaften eine erweiterte Bedeutung.

Die persönliche Geschichte von Souad Lamroubal ist eine Aufstiegsgeschichte, eine Geschichte von Empowerment und Selbstwirksamkeit. Sie sagt daher, sie sei „privilegierter“ als viele andere. Als Beamtin erfüllt sie eine hoheitliche Aufgabe, sie darf über die Zukunft von Menschen entscheiden, die wie sie aus einer Familie kommen, die ihr „Deutschsein nicht über Generationen nachweisen können. Hier gibt es natürlich Abstufungen, Hierarchien, zahlreiche individuelle Geschichten. Und dennoch erwecken Politik und Medien immer wieder den Eindruck, als handele es sich durchweg um Geflüchtete (im allgemeinen Sprachgebrauch „Flüchtlinge“) beziehungsweise „Asylbewerber“, die ihren Aufenthalt in Deutschland wie in einer Casting-Show erwerben wollten. Dabei spielen ihre Fähigkeiten nur eine geringe Rolle. Entscheidend ist für Politik und Medien offenbar die Frage, warum sie aus einem Land, dass allgemein als „Heimatland“ bezeichnet wird, unbedingt nach Deutschland kommen wollen oder müssen.

Souad Lamroubal hat als Kommunalbeamtin vielleicht sogar den höchstmöglichen Grad von „Integration“ erreicht: „Ich bin so privilegiert, mitentscheiden zu dürfen, wer ein Stigma tragen muss und wer nicht.“ Es kann lange dauern, bis jemand dieses „Stigma“ der Nicht-Zugehörigkeit verliert. Wenn Sportler:innen mit einem nicht genuin deutsch klingenden Namen eine Medaille bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften gewinnen, wird dies zwar in Medien und Politik akzeptiert, ihre Einbürgerung wird, wenn erforderlich, rechtzeitig vor entscheidenden Wettkämpfen schnell „gewährt“ – so heißt das im deutschen Amtsjargon –, aber damit ist noch nichts über Erlebnisse und Erfahrungen dieser Sportler:innen und ihrer Familien im deutschen Alltag außerhalb der Sportarenen gesagt. Das „Stigma“ trifft auch sie. Torsten Körner hat in seinem Film „Schwarze Adler“ über Schwarze Profifußballer:innen in Deutschland diese hässliche Seite des deutschen Fußballs dokumentiert.

Souad Lamroubal betont in ihren beiden Büchern, dass sie selbst sich zwar als „privilegierte deutsche Migrationsexpertin“ betrachten darf, gleichzeitig aber all die exkludierenden Mechanismen erlebt, mit denen Menschen mit einem nicht genuin als deutsch wahrgenommenen Namen, mit einer dunkleren Hautfarbe oder gar einer anderen als der christlichen Religion (Zwischenfrage: Wie viele Deutsche sind heute noch praktizierende Christ:innen?) drangsaliert und abgewertet werden.

Gleichzeitig sind die Bücher von Souad Lamroubal ein eindrucksvolles Plädoyer für Empowerment und Teilhabe. Es reicht nicht aus, Anlässe für Benachteiligung und Diskriminierung anzuprangern. Es geht darum, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Selbstwirksamkeit und Resilienz wirken, sodass letztlich der lange Weg zur sogenannten „Integration“ abgeschlossen werden kann. Bleibt ein frommer Wunsch, dass dies gelingen könnte? Oder gibt es kein Ende auf dem langen Weg der „Integration“ in die „Mehrheitsgesellschaft“? Mehr oder weniger selbsternannte Vertreter:innen dieser „Mehrheitsgesellschaft“ behaupten, wer dazugehören wolle, müssen sich an eine „Leitkultur“ anpassen, obwohl sie selbst kaum beschreiben können, was dies eigentlich sei. Die Forderung nach einer solchen „Leitkultur“ lässt sich allenfalls in ihrer Funktion beschreiben. Sie ist Teil einer Inszenierung der „Mehrheitsgesellschaft“ als „Dominanzgesellschaft“ oder „Dominanzkultur“ (Birgit Rommelspacher). Es geht letztlich um Macht, um – so Souad Lamroubal – „Deutungshoheit“.

Kommunizierende Röhren: Mehrheit(en) und Minderheit(en)

Das Elend von Menschen, die einer Gruppe angehören, die in der Gesellschaft als „Minderheit“ bezeichnet wird, ist ungeachtet verschiedener Abstufungen die ständige Erfahrung, dass jemand jemanden auf eine bestimmte „Identität“ festlegen will und diese dann möglichst auch noch mit dem bestimmten Artikel versieht, sodass der Eindruck entsteht, als gelte das, was man von dieser einen Person denkt, für alle Personen gleichermaßen, die in irgendeiner Form diese mutmaßliche Identität teilen. Dann entstehen die allseits bekannten Bilder von dem Juden, dem Afrikaner, dem Araber, dem Türken. Eine Besonderheit in dieser Bilderfolge ist der Islam: Niemand spricht von den Muslimen, es geht gleich um die Religion an sich, von der interessierte Angehörige der „Mehrheitsgesellschaft“ behaupten, dass sie mit „Deutschsein, wahlweise der „Demokratie“, grundsätzlich nicht kompatibel wäre.

Diese Liste ist beliebig erweiterbar und hat etwas sehr Selbstreferentielles. Denn mit der Bezeichnung eines anderen mit dem bestimmten Artikel bezeichnet man letztlich sich selbst, so inszeniert man sich dann als der Deutsche und konstruiert eine binäre Sicht auf die Welt und die Menschen. All diese Bezeichnungen und Selbstbezeichnungen sind letztlich Gewaltakte mit dem grundlegenden Ziel der Bestätigung von Machtstrukturen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn bei solchen Bildern die weiblichen Bezeichnungen systematisch vermieden werden.

Usch Kiausch hat dies in einem Essay mit dem Titel „Expeditionen in die literarischen Universen von Doris Lessing und Margaret Atwood“ auf den Punkt gebracht (in: Usch Kiausch, Andere Welten – Interviews zur Science Fiction Band 1 Die weibliche Perspektive, Berlin, Memoranda, 2023). Es ist die Sprache, mit der Herrschaft ausgeübt und ihre Dauer gesichert wird. „Bei Atwood kann der theokratische Fundamentalistenstaat Gilead seine Macht nur dadurch aufrechterhalten, dass den Frauen Schrift und Literatur – und damit das Wissen – verboten wird.“ Treffender kann man die politischen Fantasien eines Donald J. Trump und eines Vladimir Vladimir Vladimirowitsch Putin nicht beschreiben.

Autoritäre und totalitäre Regime festigen ihre Macht, indem Wörter verboten, mit einer anderen Bedeutung versehen werden, siehe George Orwells Konzept des „Newspeak“, siehe die Liste der von der Trump-Regierung verbotenen Wörter. Komplexes wird in binären Strukturen, Gut und Böse, Freund und Feind, männlich und weiblich, weiß und Schwarz aufgelöst. Dieses Verfahren tan Carl Schmitts Definition der „Souveränität“. Der „Souverän“ bestimmt, was in der Wissenschaft erforscht werden darf, was Museen zeigen dürfen, was im Theater gespielt werden darf, was nicht, was Staaten, was Kommunen fördern und was sie verdammen. „Identität“ gibt es dann nur noch im Singular, als „Norm“ (die AfD plakatiert „Deutschland, aber normal“) und sie definiert sich durchweg durch ihr Gegenteil. Sylvia Sasse hat diese Strategie in ihrem Essay „Verkehrungen ins Gegenteil – Über Subversion als Machttechnik“ (Berlin, Matthes & Seitz, 2023) an zahlreichen Beispielen eindrucksvoll analysiert.

Dies gilt auch für das Verhältnis von „Minderheit“ und „Mehrheit“ zueinander. „Minderheit“ ist nicht mehr und nicht weniger als eine Zuschreibung aus Sicht einer sich selbst als „Mehrheit“ inszenierenden Gruppe. „Minderheit“ und „Mehrheit“ werden in diesem Sprachgebrauch auf eine ganz bestimmte Rolle reduziert. Die Macht der „Mehrheit“ bestätigt sich, weil sie andere auf den Status der „Minderheit“ festzulegen versteht. Die Existenz von „Minderheiten“ ist für das Selbstbewusstsein so mancher Mitglieder der „Mehrheitsgesellschaft“ konstitutiv. Wenn Mitglieder von „Minderheiten“ jedoch nicht mehr auf eine einzige Rolle reduziert würden, hörten sie auf „Minderheiten“ zu sein. Der ausschließende, diskriminierende Blick hätte sich aufgelöst und wäre möglicherweise nur noch eine historische Erinnerung, die Macht der „Mehrheit“ zerfiele. Jedes einzelne Mitglied einer „Minderheit“ hingegen würde als eigenständige und in der Gesamtgesellschaft gleichberechtigte Persönlichkeit wahrgenommen, mit all ihren verschiedenen Eigenschaften.

Exklusivität erhält eine doppelte Bedeutung, einerseits in der Selbstbestätigung der sich Inkludierenden, andererseits in der Exklusion derjenigen, die eben nun partout nicht dazu gehören (sollen). Wer zur „Minderheit“ gezählt wird, bleibt letztlich austauschbar – oder kann wie in den zu Beginn dieses Essays zitierten Sätzen von Lena Gorelik beschrieben – jederzeit neu gefasst und erweitert werden. Die Spielregeln der „Mehrheitsgesellschaft“ ändern sich sozusagen im laufenden Verfahren. Wer gestern noch ein:e respektierte:r Bürger:in war, kann morgen zur Staatsfeind:in werden. Souad Lamroubal spricht in „Yallah Deutschland“ explizit „Deutschland“ an: „Ich lasse jetzt mal unkommentiert, dass Deine Definition von Minderheiten längst überholt ist und wir das mit dem Zählen noch mal lernen müssen. (1, 2, 3, 4, 5, 6…).“

Deutschseinund „Deutschwerden

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Souad Lamroubal ist Deutsche, sie ist Marokkanerin, sie ist Beamtin, sie ist Mutter, sie engagiert sich in ihrem Privatleben ehrenamtlich, sie ist Buchautorin. Es ließen sich noch manch andere Rollen ergänzen. „Integration“ ist jedoch auch eine Frage des Standorts. Dies erlebt Souad Lamroubal in Marokko, dem Herkunftsland ihrer Eltern, wo sie erlebt, dass ihre Mutter dort „glücklich“ ist, sie sich selbst jedoch als „Ausländerin“ fühlt. „Integration“ ist ein Prozess. Die erste Generation in Deutschland (nicht nur die Gastarbeitergeneration) lebt in der Regel in „Abhängigkeit ohne Zugehörigkeit“. Souad Lamroubal hat zwei Kinder, die sozusagen die dritte Generation einer Familie sind, die den Weg nach Deutschland gefunden hat, aber immer wieder auch mit den Problemen zu kämpfen hat, die die erste Generation erlebte, jedoch diese oft beschwieg, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. „Zugehörigkeit“ ist relativ, Eigenschaften, aus denen in der Mehrheitsgesellschaft auf eine „Nicht-Zugehörigkeit“ geschlossen wird, werden mitunter geradezu vererbt. Dies erlebt Souad Lamroubal unmittelbar bei ihrem Sohn (dazu später).

In ihren Büchern dekonstruiert Souad Lamroubal den Begriff der „Integration“, möchte – so schreibt sie in der Einführung von „Die Demokratie der anderen“ „die Realität hinter der Fassade“ entlarven: „Integration“ wirke in Wirklichkeit „wie eine Probezeit“, eine „Bewährungszeit“, die offenbar jede Generation für sich ungeachtet unterschiedlicher Ausgangslagen wieder neu durchlaufen muss. Ein Ende dieser Zeit scheint nicht absehbar. Daraus schließt Souad Lamroubal: „Ich bin nicht integriert“. „Integriert“ ist offensichtlich nur, wer „funktioniert“, aber: „Was ist eigentlich die Bezeichnung für Deutsche, die nicht funktionieren?“ Und was bedeutet eigentlich „funktionieren“? Sind die syrische Pflegekraft, der polnische Handwerker, die iranische Ärztin, die libanesische Abiturientin „integriert“? Offensichtlich „funktionieren“ sie, werden als Fachkräfte geschätzt, aber reicht dies aus? Je nach Aufenthaltsstatus sind sie nicht vor Anfeindungen oder gar vor einer Abschiebung aus Deutschland geschützt.

„Die Demokratie der anderen“ enthält 21 Kapitel, jedes ein Statement, das auch für sich gelesen werden kann. Im Vorwort schreibt Souad Lamroubal: „Ein Buch, das nicht anklagend wirkt, sondern einen Perspektivwechsel ermöglicht und in jeglicher Art und Weise den Zusammenhalt fördert. Dennoch werden Menschen sich angegriffen fühlen, sich aufregen. Aber das hat weniger mit diesem Buch als mit ihren eigenen Ängsten und Konflikten zu tun.“ So werden rassistische oder rassifizierende Äußerungen zu Projektionen, zu Spiegelungen eigener Unsicherheiten oder zumindest zu vor- oder unbewussten Annahmen, was es mit einem „Deutschsein auf sich haben könnte, das in der Gesellschaft die „Norm“, die „Leitvorstellung“ wäre, der alle zu folgen hätten: „Ich schaue in die Zeit zurück, in der es bei mir nicht ums Deutschsein, sondern ums Deutschwerden ging. Was machte das Deutsche so wertvoll für mich?“ Manche verkrampfen angesichts des ständigen Gefühls, trotz aller Anstrengungen zu scheitern: „Wieso versuchen viele, so krankhaft zu beweisen, dass sie deutsch sind? Wieso ist auch mir das so wichtig? Ich frage mich, ob wir die richtigen Debatten führen.“ Letztlich ist „Deutschsein ebenso wenig klar definierbar wie „Mitte“, „Integration“ und all die anderen Begriffe, mit denen über Ein- und Zuwanderung, über Migration gesprochen wird.

„Yallah Deutschland, wir müssen reden!“ klingt durch den Untertitel „Aus dem Leben einer deutsch-marokkanischen Beamtin“ – hier wieder der Bindestrich, möglicherweise ein Ergebnis des Lektorats – autobiographisch, doch bietet das Buch viel mehr als Einblicke in die individuellen Erlebnisse und Erfahrungen eines einzelnen Menschen. Probleme löst man nicht, indem man auf einzelne Schuldige verweist, eine Hol- oder Bringschuld beschreibt, sondern indem man Strukturen verändert. Vielleicht ist es – so beispielsweise Marina Weisband – ein ständiges Manko (nicht nur) der deutschen Politik, nachhaltige Strukturveränderungen zu scheuen.

„Yallah Deutschland“ ist ein langer Brief von Souad Lamroubal an Deutschland, das die Autorin mit „Du“ – großgeschrieben – direkt anspricht. Das bedeutet wiederum nicht, dass Deutschland eine Art Kollektivpersönlichkeit besäße, in der alle Deutsch-Deutschen (den Bindestrich muss ich mir einfach erlauben) kollektiv das Gleiche denken und fühlen, so als wären sie alle eine Variante der Borg wie wir sie aus der Star-Trek-Welt kennen. Es geht hier aber nicht um den Versuch, allen Deutsch-Deutschen eine kollektive Identität zuzuschreiben, sondern um die in dieser deutschen Gesellschaft von einer beträchtlichen Zahl von Mitgliedern der „Mehrheitsgesellschaft“ verursachten Gefühle, um die von vielen – oft auch gewollt und systematisch – verursachten Hindernisse, die sprichwörtlichen Steine, die jemandem in den Weg gelegt werden und ihn:sie hindern, am gesellschaftlichen, beruflichen, politischen Leben teilzuhaben. Es geht letztlich um ein Land, das Strukturen verändern muss, beispielsweise eine beschleunigte Anerkennung von im Ausland erworbenen Abschlüssen, die Berechtigung, nicht nur Steuern zu zahlen, sondern auch an Wahlen teilzunehmen. Und für diese Strukturveränderungen müssen Mehrheiten geschaffen werden. Wenn dies gelänge, würde – so Souad Lamroubal – irgendwann die „Demokratie der anderen“ zu einer „Demokratie für alle“.

Doch der Weg zu einer „Demokratie für alle“ ist noch weit. Souad Lamroubal sieht sich gerne in der „Rolle der Europäerin“, andererseits: „Ich bin Teil einer rassistischen Gesellschaft, Rassismus wird durch die Strukturen des Landes begründet.“ Solange „Demokratie“ in Deutschland aus Sicht von Menschen mit Ein- und Zuwanderungsgeschichte, in welcher Generation auch immer, ein „Privileg“ der autochthonen Bevölkerung bleibt, eben jene „Demokratie der anderen“, stellt sich dieselbe Frage immer wieder neu: „Deutschseinwird zu einem ständigen Prozess des „Deutschwerdens. Man kann sich mit der Zeit davon lösen, aber es bleibt doch immer wieder „die Suche nach Heimat, Identität, aber vor allem nach Gerechtigkeit, die mich treibt.“ Souad Lamroubal konstatiert: „Heimat ist dort, wo ich frei sein kann.“ Ein weiterer Kampfbegriff, der es inzwischen auch in die Benennung deutscher Ministerien geschafft hat, ist eben diese „Heimat“, wo auch immer diese verortet wird.

Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah haben 14 Autor:innen versammelt, die in dem Band „Eure Heimat ist unser Albtraum“ (Berlin, Ullstein, 2019) die Wirkungen dieses „Kampfbegriffs“ ausgehend von Alltagsbegriffen illustrieren, beispielsweise: „Arbeit“ (Fatma Aydemir), „Vertrauen“ (Deniz Utlu), „Liebe“ (Sharon Dodua Otoo), „Essen“ (Vina Yun), „Zusammen“ (Simone Dede Ayivi). Olga Grjasnowa schrieb über „Privilegien“: „Aber was ist das überhaupt, die Integration? Schon hier fängt die Ungleichheit an: Wenn wir davon ausgehen, dass wir jemanden in die Gesellschaft integrieren müssen, dann meinen wir damit auch, dass es eine Gesellschaftsnorm gibt, die besser und überlegener ist als andere.“ Auch die Künste sind in diesem Sinne hierarchisierbar. Was ist – so Olga Grjasnowa – eigentlich „Migrationsliteratur“ oder „Weltmusik“?

Seit Erscheinen dieses Buches im Jahr 2019 ist die Welt nicht gelassener geworden, im Gegenteil: Der Ton verschärft sich. Viele Menschen fühlen sich in eine Ecke gedrängt, aus der sie kaum noch herauszufinden glauben, abgesehen von so manchem intellektuellen Zweckoptimismus, denn Aufgeben ist auch keine Lösung. Prominentes Beispiel ist der dialogisch aufgebaute Band „Alles auf Anfang – Auf der Suche nach einer neuen Erinnerungskultur“ von Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2025). Dieses Buch ist eine schonungslose Bestandsaufnahme der Gefühle von Menschen, die das nachhaltig wirkende Gefühl haben, sie gehörten in dieser deutschen Gesellschaft einfach nicht dazu. Man muss dieses Buch bis zum Ende durchhalten, um eine optimistische Perspektive zu entdecken. Die beiden Autor:innen verwenden das Bild einer „Tischgemeinschaft“, an der eigentlich „genug Platz für alle“ sein sollte, ein Bild, das Aladin El-Mafalaani in seinem Buch „Das Integrationsparadox“ eingeführt hatte (Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2018).

Wer ist WIR?

So ist das bei uns, so heißt es immer wieder. Es wäre schön, wenn dieses „Wir“ inklusiv gedacht wäre. Müsste es nicht heißen: Wer sind „WIR“? Souad Lamroubal zitiert in „Yallah Deutschland“ die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison: „Es gibt keine Fremden, sondern nur unterschiedliche Versionen unserer selbst.“ Es ist dieselbe Botschaft, die Chimanda Ngozi Adichie in ihrem TED-Talk „The Danger of a Single Story“ vermittelt. Gefundene, zugeschriebene und andere Identitäten, die mit einem „Wir“ der Mehrheitsgesellschaft verbinden oder davon trennen, beschreiben afrodeutsche Autor:innen, wie sie Jeannette Oholi („Für eine ‚Germanistik der radikalen Vielfalt‘“) in ihren Büchern vorstellte, oder die Berliner Autorin schwäbischer Herkunft Dilek Güngör („Vor dem Spiegel“). Es ließen sich noch viele andere zitieren. Souad Lamroubal fügt ihnen die Perspektive einer deutschen Beamtin hinzu, die sich gleichermaßen wissenschaftlich, pädagogisch, literarisch und aktivistisch engagiert, all dies als Mittel gegen „die Überforderung aus der Vergangenheit“. Es sind letztlich die Strukturen, die Institutionen, die zählen und die auf ihren „institutionellen Rassismus“ überprüft werden müssten.

Die Forderung nach „Integration“ heißt letztlich immer wieder: Werdet so wie „wir“, eine Formel, mit der:die Sprecher:in sich selbst zu einer „Norm“ erklärt. In beiden Büchern dekonstruiert Souad Lamroubal dieses „Wir“. Sie verweist darauf, dass sie sich an der Kampagne „#IchDuWirNRW“ des Landes Nordrhein-Westfalen beteiligt hat. „Ich bin kein Opfer. Betroffen ja, aber kein Opfer. Ich sollte mich da nicht so reinsteigern. Es geht mir gut. (…) Ich bin definitiv privilegiert. Ich gehöre dazu. Ich darf an der langen Schlange vorbeilaufen und nach oben in mein schönes Büro mit Blick auf die Warteschlange unten.“

Souad Lamroubal formuliert stets nicht soziologisch abstrakt, sondern als Ich-Botschaft, „dass ich mich mit einer Mitte identifiziere, die eine neue deutsche Gesellschaft realistisch abbildet. Ich löse mich also von dem alten Begriff der Mitte, einer Mitte privilegierter Einheimischer, und glaube fest daran, dass eine neue Mitte längst entstanden ist. (…). Der Begriff Mitte ist ambivalent. Er löst auf der einen Seite den Wunsch nach Zugehörigkeit aus, kann aber genauso zu Distanz und Ablehnung führen, vor allem dann, wenn sich rechtspopulistische Parteien damit schmücken, die Partei der Mitte zu sein.“

In meinem Essay zur Bielefelder Mitte-Studie 2025 habe ich versucht, den Begriff der „Mitte“ mit anderen Begriffen zu verbinden, die eine Art von Gemeinschaftsgefühl einer wie auch immer gearteten Mehrheit in unserer Gesellschaft erzeugen sollen. Dazu gehören beispielsweise „bürgerlich“, „Familie“, auch „Demokratie“. Sobald ein Begriff eine fiktive Gemeinschaft beschreiben soll, stellt sich die Frage nach denjenigen, die nicht zur Gemeinschaft gehören, die „Anderen“, die nicht zum „Wir“ gehören (sollen).

Bürokratie der Exklusion

Sobald darüber gesprochen wird, dass wer auch immer nicht beziehungsweise noch nicht oder nicht mehr zu der Gemeinschaft gehört, zu der man sich selbst zugehörig fühlt, verschieben sich politische Debatten und Verwaltungspraxis. In „Yallah Deutschland“ vermerkt Souad Lamroubal, dass die Umsetzung des „Aufenthaltsgesetzes“ nicht in einer „Willkommensbehörde“, sondern in einer „Ordnungsbehörde“ erfolgt. Hinzu kommt die Frage, wie viel Zeit die Sachbearbeiter:innen oder unterstützende Beratungsstellen haben, sich um jemanden zu kümmern. In der Regel zu wenig. Fließbandarbeit? Souad Lamroubal fragt, warum es eigentlich keine Studien zu rassistischen beziehungsweise rassifizierenden Strukturen in Ausländerbehörden gibt.

Souad Lamroubal beschreibt zahlreiche Aspekte einer Bürokratie, die Menschen, die aus welchen Gründen auch immer in der Ausländerbehörde einer Kommune vorsprechen, das Leben erschweren. Dazu gehören höchst komplizierte Anerkennungsverfahren von im Herkunftsland erworbenen Qualifikationen. Je nachdem, welche Ereignisse neue Wanderungsbewegungen verursachen, befindet sich eine Ausländerbehörde im „Ausnahmezustand“. Nach Carl Schmitt ist souverän, wer über den „Ausnahmezustand“ entscheidet. So zeigt sich, dass der Streit zwischen Angela Merkel („Wir schaffen das“) und Horst Seehofer („Wir schaffen das nicht“) letztlich ein Streit um Macht war, nicht mehr und nicht weniger. Die Angela Merkel, die 2015 die Grenzen öffnete und die Dublin-Regeln aussetzte, war auch die Angela Merkel, die im Jahr 2010 sagte: „Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert.“ Subtext: Wozu soll sich der Staat noch um „Integration“ kümmern? Die Holschuld des Staates wird ausschließlich zur Bringschuld der Bewerber:innen um „Integration“ erklärt. Politiker:innen agieren aus einem Augenblick heraus, reagieren auf eine bestimmte Situation und vereinfachen und verallgemeinern etwas, das eigentlich in seinem historischen wie kontextuellen Rahmen analysiert werden müsste. Sie verlangen und praktizieren Eindeutigkeit. Da fällt dann so manches unter den Tisch, an dem bei Weitem nicht alle mehr Platz haben werden.

Behörden üben Macht aus, auf der Grundlage von Gesetzen, die – so betont Souad Lamroubal – sie in ihrer Eigenschaft als Beamtin auch gar nicht in Frage stellt. Macht und Gesetze gelten nicht nur in Ausländerbehörden, sondern letztlich in allen Behörden. Es werden nicht die möglichen Stärken von Ein- und Zuwandernden gesucht. „Wir wachsen auf in Vielfalt. Aber für Dich, Deutschland war es Einfalt, denn du bündeltest uns nach unseren vermeintlichen Schwächen.“ So die Schule, in der die Lehrkräfte ungeachtet der jeweiligen Zeugnisse Kinder mit dem sogenannten Migrationshintergrund auf die Hauptschule schicken, oft mit der Begründung, dass die Eltern ja ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen könnten. Schulleistungsstudien werden nicht müde, die sprachlichen und sonstigen schulischen Defizite von „migrantischen“ Kindern und Jugendlichen zu betonen, aber sie machen durchaus Unterschiede: Beispielsweise werden der Fleiß und die guten Schulleistungen von vietnamesischen Kindern betont. Souad Lamroubal verweist auf die Gesundheitsämter, die bei einer „Läusekontrolle“ in der Schule eine Art Racial Profiling betreiben.

Aus Sicht der Behörden kommt es darauf an, dass die „Regeln“ eingehalten werden: „Regel ist Deine zweite Natur“, ungeachtet der Spielräume, die eine Behörde manchmal hat, deren Nutzung jedoch wiederum von jeder einzelnen Sachbearbeitung abhängt. An grundlegenden Defiziten können die Sachbearbeiter:innen natürlich nichts ändern, beispielsweise an der ständigen Streichung der Mittel für Sprach- und Integrationskurse oder der Verlagerung der Zuständigkeit für geflüchtete Ukrainer:innen in das „Asylbewerberleistungsgesetz“, durch die die Vermittlung einer Arbeitsstelle erheblich erschwert, wenn nicht gar unmöglich wird. „Integration“ wird zwar in politischen Reden immer wieder gefordert, aber dennoch systematisch verhindert. Die Schuldigen sind dann diejenigen, die sich nicht „integriert“ hätten.

Die Sicherheit der anderen

Freiheit bedeutet auch „Sicherheit“. Wessen „Sicherheit“? In „Yallah Deutschland“ berichtet Souad Lamroubal von einem Vorfall am 31. Oktober 2020 in Düsseldorf. Es ist der Tag eines rassistischen Angriffs auf ihren Sohn, der sich seit dieser Zeit zurückzieht. Angesichts des Terrors von ICE in den USA ließe sich schlussfolgern, dass es auch ohne diesen Terror schon möglich ist, Menschen zu drangsalieren und zu demotivieren. Souad Lamroubal konnte mit ihrem Sohn darüber sprechen (das ist nicht allen Eltern und ihren Kindern gegeben), er berichtete: „Ich habe mehrfach versucht, in die Bahn zu flüchten. Ich war froh, dass ich mich von ihm lösen konnte. Er hat gedroht, mich zu töten, mich geschlagen und mich gewürgt, immer und immer wieder. Ich habe gerufen, geschrien, aber ich wurde nicht gehört. Obwohl der Bahnsteig voller Menschen war und die Bahn ebenfalls, wurde ich weder gehört noch gesehen.“ Souad Lamroubal dokumentiert die Aussage ihres Sohnes über drei Seiten. Seine Konsequenz: „Ich fahre halt einfach nicht mehr mit der Bahn in Zukunft. Ich warte, bis ich meinen Führerschein habe. Ich denke, das ist das Beste für alle.“

Wer sich nicht sicher fühlt, zieht sich zurück, wird einsam. Souads Sohn sagt: „Einsam zu sein, ist das Resultat dessen, wie Menschen miteinander umgehen. Ich habe das Vertrauen verloren. Mache ich einen Fehler, zeigen sie mit dem Finger auf mich, und bin ich in Not, wenden sie ihre Blicke ab. Sag mir Mama, was verbindet mich noch mit diesen Menschen, die sich gegenseitig entmenschlichen? Einsamkeit gibt mir Frieden. Einsamkeit ist mein Schutz. Ich muss mich nicht mit ihnen identifizieren. Ich habe so die Freiheit, anders zu sein. Das gibt mir Frieden.“ Souad Lamroubal kommentiert: „Seine Worte schnüren mir den Atem ab. Was er auch anspricht: die Fehlerkultur oder besser gesagt: die fehlende Fehlerkultur.“ Es bleibt – so schreibt sie in „Yallah Deutschland“ „die Fragilität Deiner Strukturen“.

Wer in Deutschland über „Sicherheit“ spricht, kann Unklarheiten nicht brauchen. Er oder sie braucht ein klares Bild der „Täter“. Die müssen gefunden, bestraft und möglichst aus der Gesellschaft entfernt, das heißt bei Ein- und Zugewanderten, ausgewiesen („abgeschoben“ schreiben die Medien, „rückgeführt“ die Verwaltung) werden. Auch hier ist Deutschland natürlich nicht sehr konsequent, denn die Bundesregierung will zwar möglichst rasch syrische Straftäter nach Syrien ausweisen, hat sich aber bisher nicht bereiterklärt, im Gegenzug deutsche Straftäter, die in Syrien wegen ihrer Beteiligung an den Verbrechen des Islamischen Staates inhaftiert sind, zurückzunehmen. Und um die Zahlen für „Abschiebungen“ zu heben, werden auch Menschen abgeschoben, die eine Arbeitsstelle haben, eine Ausbildung machen möchten oder sich ehrenamtlich engagieren, die sozusagen bestens „integriert“ sind. Die sind aber leichter aufzufinden als so mancher Straftäter.

Bundeskanzler Friedrich Merz suggerierte zu Beginn der vom nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Reul (beide Mitglieder der CDU) später als „versemmelt“ bezeichneten Stadtbilddebatte, alle Probleme ließen sich lösen, wenn zu- und eingewanderte Männer nicht mehr in Deutschland blieben. Er erntete viel Widerspruch, relativierte seine Aussage, aber letztlich bleibt der Eindruck doppelter Standards. Es gab vor der Bundestagswahl heftige Debatten in Politik und Medien über die Täter in Aschaffenburg, Mannheim, Solingen, aber gibt es auch eine in der Intensität vergleichbare Debatte über den 12jährigen Deutschen, der Ende Januar 2026 in Dormagen einen 14jährigen Eritreer tötete? Wo sind die ARD-Brennpunkte, wo die Talk-Shows, in denen über Ursachen und Konsequenzen dieser Tat gestritten würde? Und was hätten die Ausländerbehörden (Souad Lamroubal nennt sie mehrfach „(R)ausländerbehörden“) veranlasst, wenn der junge Eritreer in vier Jahren seinen 18. Geburtstag hätte feiern können? Nun warnte die Polizei davor, die Tat aus Dormagen als „rassistisch motiviert“ zu bezeichnen, weil dazu noch keine Erkenntnisse vorlägen.

Souad Lamroubal zitiert den Kriminalitätsforscher Thomas Hestermann: „Der kriminelle Ausländer ist eine zentrale Angstfigur.“ Gemeint sind oft muslimische Männer beziehungsweise Männer, die für Muslime gehalten werden. Zu diesen Zuschreibungen gehört auch eine einseitige Zuschreibung bei Frauen, die ein Kopftuch tragen. Es wird durchweg aufgrund unbegründeter Annahmen pauschalisiert und verdächtigt. Immer ist die Rede von „Ausländerkriminalität“, aber – so fragt Souad Lamroubal – wer spricht von „Deutschenkriminalität“ oder „Männerkriminalität“? Am 11. Februar 2026 berichteten Amrei Coen, Johannes Laubmeier und Vanessa Vu über „Rechtsextreme Jugendkultur“ und die Verzweiflung mancher Lehrkräfte, die nicht mehr wüssten, wie sie dem entgegentreten sollten. Das, was in deutschen Diskussionen, Debatten, in Gesellschaft und Politik Sicherheit gibt, ist offensichtlich immer die „Kriminalität der anderen“, so der Titel eines eigenen Kapitels im Demokratiebuch.

Auch in der Sicherheitsdebatte wird „Demokratie“ zum Synonym für den Staat, von dem als Leistung Sicherheit erwartet werden darf, jedoch nicht gewährleistet wird. In einem Interview, das in der Bielefelder Mitte-Studie 2025 abgedruckt wurde, sagte Souad Lamroubal: „Man fühlt sich ausgeliefert, weil es einerseits zu wenige Schutzräume für Menschen mit Migrationsgeschichte gibt und die Normalisierung rechtsextremer und / oder rechtspopulistischer Strukturen unaufhaltsam erscheint. Man verliert das Vertrauen in Politik und Justiz. Die größte Gefahr ist eine Desillusionierung oder ein Rückzug aus demokratischen Prozessen, weil die Erfahrung vorherrscht, dass die Demokratie einen nicht schützt.“

„Demokratie“ erhält hier einen exklusiven, exkludierenden Unterton. Auch das ist eine Spielart von Rassismus. Es wird bei der Beurteilung von Kriminalität auf Persönlichkeitsmerkmale geschaut, nicht jedoch auf extremistische Einstellungen, die kriminelles Verhalten verursachen. Andererseits ist auch dies nicht so einfach, denn die „AfD hat es geschafft, uns zu spalten.“ „Ich verliere die Kontrolle, kann Gefahren nicht mehr einschätzen. Ich kann nicht mehr einschätzen, wie die Demokratiefeinde aussehen. Einige von ihnen sehen inzwischen aus wie ich. Es wird unübersichtlich. Es wird trüb. Wo bin ich noch sicher?“

„Sicherheit“ ist relativ. Souad Lamroubal berichtet von Maria, geboren in Kolumbien, heute Intensivkrankenschwester in einer Klinik. „Ich bin der festen Überzeugung, dass es längst eine ganz neue Mitte gibt, die aber noch nicht sichtbar ist. Maria zählt dazu.“ Maria berichtet von ihrer Anwerbung, ihrer Ankunft, ihrer Arbeit, auch dem Heimweh nach ihrer Familie in Kolumbien. „Aber es ging ihr nicht um die Frage, ob sie ihre Heimat vermisst, sondern ob sie dort in Sicherheit leben kann“. In Deutschland – so sagt sie – sei sie sicher, sie habe um 23 Uhr ihren Sohn im Kinderwagen um den Block schieben können, damit er sich beruhige. Dies wäre in Kolumbien nicht möglich: „Die einzigen Orte, wo Kinder ausgelassen spielen könnten, seien Einkaufszentren.“

Souad Lamroubal kommentiert: „Was ist also Heimat? Ist sie nicht gerade der Ort, an dem ich sicher leben kann? / Die Frage nach dem Deutschsein rückt für mich durch diese Erkenntnis noch viel mehr in den Hintergrund. Ich stelle fest, dass wir uns oft in Identitätskonflikten verlieren. Marie geht es nicht darum, deutsch zu sein oder es zu werden, sondern darum, ihre Rechte und Pflichten in Deutschland zu kennen und diese zu wahren. Dafür erhält sie etwas, das sie wertschätzt. Ist sie Teil der deutschen Mitte? Sie ist genau das, was die Mitte ausmacht. Sie arbeitet hart und trägt ihren Teil dazu bei, dass dieses Land funktioniert. Wenn dieses Land funktioniert, kann sie hier in Sicherheit leben. Dass sie ihren Beitrag leistet, ist für sie mehr als selbstverständlich.“

Vielleicht lesen Politiker:innen, die so gerne mit Inbrunst die „hart arbeitende Mitte“ beschwören, auch diese Sätze. Vielleicht hilft es. Irgendwann. Wir brauchen auf jeden Fall eine andere Sprache jenseits der Bindestriche und Pseudo-Normen und vielleicht eine Art neuer Bürgerrechtsbewegung. Es gibt sicherlich eine Vielzahl von Initiativen, die sich in den letzten 40 bis 50 Jahren etabliert haben und für Vielfalt einsetzen, aber diese werden entweder bedroht oder sind in erster Linie damit beschäftigt, ihre reine Lehre zu postulieren und sich von anderen Initiativen, und vor allem von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft, die eigentlich ähnliche Ziele verfolgen abzugrenzen. Zu Vielfalt gehören jedoch gegenseitiger Respekt, der Verzicht auf Kampfbegriffe und die Bereitschaft, sich füreinander zu öffnen. Souad Lamroubal belegt eindrucksvoll, dass dies nicht immer einfach, aber auch immer möglich ist. Ein Grund mehr, ihre Bücher zu lesen und weiterzuempfehlen.    

Norbert Reichel, Bonn

(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 15. Februar 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer).