Projekt Beschreibung

Der Gegensatz zwischen Jahwe und Amalek

Chronik einer untergegangenen Welt – Gabriele Tergits Roman „Effingers“

Der Roman wurde 1951 veröffentlicht und ist die Geschichte einer untergegangenen Welt. Er beginnt und endet mit einem Brief einer der Hauptpersonen, des Unternehmers Paul Effinger, aus den Jahren 1978 und 1942. Der Epilog blickt aus dem Jahr 1948 zurück. Der Roman wurde 2019 von Schöffling & Co. wiederveröffentlicht und in diversen Rezensionen mit Thomas Manns „Buddenbrooks“ verglichen. Ich habe eher an Marcel Prousts „A la recherche du temps perdu“, Giorgio Bassanis „Il giardino dei Finzi Contini“ oder Lion Feuchtwangers „Geschwister Oppermann“ gedacht. Untergegangene jüdische Welten, latenter und manifester Antisemitismus – das sind leitende Inhalte dieser drei Romane.

Der Romane und Novellen von Thomas Mann, auch die „Buddenbrooks“, prägende Gegensatz von Bürger und Künstler spielt als Zitat durchaus seine Rolle in „Effingers“, insbesondere „Tonio Kröger“. Unter den Frauen der „Effingers“ gibt es mehrere Künstlerinnen, aber sie leiden nicht an nicht erreichbarer Bürgerlichkeit, sondern daran, dass ihnen als Frauen von Männern Rollen zugewiesen werden, die sie kaum zu durchbrechen vermögen. Die „Effingers“ ist aus meiner Sicht auch ein feministischer Roman.

Frauen und Männer leiden unter dem Antisemitismus der preußisch-deutschen Mehrheitsgesellschaft. Es geht letztlich um die Möglichkeiten und Grenzen von Assimilation und Arrangement in einer latent antisemitischen Gesellschaft. Zunächst erscheint der Antisemitismus eher als wenig relevante Begleitmusik, durchaus auch als Karriere-Hindernis, er wird jedoch erst wirklich gefährlich, als sich im nächsten Umfeld Nazis organisieren. Gerade noch loyale Mitarbeiter*innen oder Kolleg*innen entpuppen sich fast von einem Tag auf den anderen als Nazis und Judenhasser.

Die Effingers sind eine Handwerkerfamilie aus der fränkischen Provinz, deren Sohn Benno nach England und deren Söhne Paul und Karl nach Berlin ziehen. Die beiden Neu-Berliner bauen in Weißensee eine Autofirma auf, beide heiraten Schwestern, die Töchter Annette und Klärchen der Bankiersfamilie Oppner, Kinder des Bankiers Markus Goldschmidt. Pauls Tochter Lotte heiratet Karls Sohn Erwin, es ist eine schwierige Ehe, Lotte Effinger wird unter dem Namen Angelika Oppen in den 1920er Jahren eine berühmte Schauspielerin. Klärchens und Annettes Schwester Sofie wird Künstlerin, lebt zeitweise in Paris, heiratet einen preußischen Leutnant der Reserve, von dem sie sich wieder scheiden lässt.

Marianne, Tochter von Karl und Klärchen, ist vielleicht die selbstbewussteste und emanzipierteste der Frauen. Sie beschäftigt sich mit sozialistischen Ideen, verpflichtet sich ihnen ehrenamtlich und beruflich, wird Regierungsbeamtin und muss 1933 erleben, wie sie von einem Tag auf den anderen entlassen wird. Ihre Kolleg*innen, die zunächst nur verstummten, wenn sie den Raum betrat, agieren mit der Zeit immer offener antijüdisch. Ein besonderer Fall ist der Revolutionär Schröder, der bolschewistische Positionen vertritt und später sich zwar von den Nazis distanziert, weil er glaubt, schlauer zu sein, sich ihnen aber dann hingibt und sich nicht mehr und nicht weniger antijüdisch und antisemitisch verhält wie sie. Marianne, die keine Zionistin sein wollte, findet ihre Zukunft in Palästina.

Beeindruckend ist die Gestalt des Onkels Waldemar, jüngster Sohn des Bankiers Markus Goldschmidt, der als Jude nicht Professor werden kann, aber im Roman vielleicht die die politischen Verhältnisse kommentierende Stimme der Autorin ist. Auch seine Frau, die er nach langer Bekanntschaft in hohem Alter heiratet, beeindruckt in ihrer Zerrissenheit, eine Opernsängerin, die mit ihrer ersten Ehe den Beruf aufgibt, dann durch wechselnde Wege ihres Schicksals bei Waldemar eine zumindest temporäre Stabilität des Alters findet, aber ansehen muss, wie die NS-Schergen ihren Waldemar verhaften.

Eine zentrale Rolle spielen die Berliner Häuser der Familien in der Tiergartenstraße und der Bendlerstraße. Heute sind diese Straßen Adressen von Botschaften und Landesvertretungen. Der Niedergang dieser großbürgerlichen Häuser nach dem Ersten Weltkrieg und unter den Nazis begleitet das Schicksal der dort lebenden Menschen, die Schikanen und Vertreibungen, die die Bewohner*innen erleiden, Das Schicksal der mit Ludwig Goldschmidt verheirateten Russin Eugenie Soloweitschick, deren Bruder in den Wirren der russischen Revolution getötet wird, sodass sie ihr Erbe verliert, zeigt den Weg von ihren rauschenden Festen zur immer kleiner werdenden Wohnung, die sie mit einquartierten Mietern teilen muss. Wie die Wohnverhältnisse verengen sich die gesellschaftlichen Spielräume.

Der im Buch abgedruckte Stammbaum der beiden Familien nennt bei mehreren Personen Todesdaten während der NS-Zeit bis 1942. Der letzte Brief Pauls datiert auf das Jahr 1942 und wurde wohl aus einem Vernichtungslager der Nazis herausgeschmuggelt. Es bleibt zum Schluss im Epilog die Haushälterin Frieda, die einen Gemüsegarten pflegt. Die Familien überwanden die Wechselfälle des Gründerkrachs, des Ersten Weltkriegs, der Spanischen Grippe, die Inflation – bei allen persönlichen und gesellschaftlichen Verlusten, aber nichts ist vergleichbar mit der Zeit der sich abzeichnenden und dann obsiegenden NS-Herrschaft. Das 142. Kapitel trägt den Titel „Macht“. Es herrschen Rollkommandos der SA und NS-Betriebszellen, in den Unternehmen, in den Theater, in allen öffentlichen Bereichen.

Eine große Stärke des Romans liegt im Aufbau. Jedes einzelne der 151 Kapitel ist in sich eine eigene kurze Geschichte, fast im Stil einer amerikanischen Short Story geschrieben, doch aus der Reihung der Kapitel, dem Verlauf der Geschichte und der Geschichten ergibt sich das Panorama des zwangsläufigen Untergangs jüdischer Welten im großbürgerlichen Berlin wie im honorigen Handwerksmilieu der fränkischen Provinz. Marianne und Waldemar diskutieren die Konsequenzen. Marianne: „Es war ein Irrtum. Die ganze Emanzipation. Die Entwurzelung der deutschen Juden, nämlich aus dem Judentum, war ein Irrtum. Eine Verwurzelung im Deutschtum kann ich nicht mehr anerkennen.“ Waldemar widerspricht: „Ich bin nie gläubig gewesen im Sinne des Glaubens an einen persönlichen Gott, aber ich glaube, dass die Ethik der Propheten, ja aller Weltreligionen heute notwendiger ist als je. Eine Lüge muss wieder eine Lüge genannt werden. Das ist der Gegensatz zwischen den Gläubigen des Rechts und den Anbetern der Macht, der Weltgegensatz zwischen denen, die, welchem Volk sie immer angehören, kämpfen für das Gesetz des Sinai. Das ist kein Gegensatz zwischen heute und morgen. Sondern dieser ist ewig. Es ist der Gegensatz zwischen Jahwe und Amalek.“

Dr. Norbert Reichel, Bonn