Jüdisches Leben in der Demokratie
Eine Ausstellung über 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland
„Die demokratiehistorische Bedeutung des Zentralrats liegt dabei auch in seiner institutionellen Form: Er macht jüdische Belange im politischen Prozess verhandelbar, ohne sie zu privatisieren oder zu marginalisieren. Der Zentralrat trat als politischer Akteur auf, der das Gemeinwesen gestaltet, nicht als Gast auf Zeit. Darin spiegelt sich ein Grundprinzip der Demokratie: Pluralität ist keine Zugabe, sondern eine grundlegende Bedingung einer vielseitigen demokratischen Gesellschaft. Wo jüdisches Leben wieder Raum gewinnt, wo jüdische Perspektiven gehört werden, erweitern sich Blick und Maßstab des Ganzen. Und wo der Staat sich als Partner einer jüdischen Selbstvertretung begreift, zeigt sich, dass er Minderheitenschutz als Kernaufgabe und nicht als Geste versteht.“ (Kai-Michael Sprenger, Direktor der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, in seinem Grußwort zum Katalog der Ausstellung „Mit eigener Stimme“)
In Deutschland leben etwa 200.000 Jüdinnen und Juden. Etwa 100.000 Jüdinnen und Juden sind Mitglied einer der 104 jüdischen Gemeinden. Die Gemeinden sind wiederum Mitglied von 23 Landesverbänden und letztlich im Zentralrat der Juden in Deutschland, eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Staatsverträge regeln das Zusammenwirken des Zentralrats beziehungsweise der Landesverbände mit Bundesregierung und Landesregierungen. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ist einer der sechs Wohlfahrtsverbände, die sich in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossen haben. Zu den regelmäßigen Aktivitäten des Zentralrats gehören unter anderem für den Sport Makkabi, für Musik und Tanz junger Jüdinnen und Juden die Jewrovision und der Gemeindetag, das Begegnungsprogramm Meet A Jew.
Ein Meilenstein war das Festjahr „1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ im Jahr 2021. Grundlage war das erste Dokument jüdischen Lebens in Köln aus dem Jahr 321, ein Edikt des damaligen römischen Kaisers Konstantin, der den Kölner Juden unter anderem das Recht verlieh, in den Rat der Stadt berufen zu werden. In zahlreichen Projekten des Festjahres wurde die Vielfalt jüdischen Leben in Deutschland sichtbar. Eine Auswahl der guten Ergebnisse wurden im August 2023 im Demokratischen Salon im Gespräch mit der Generalsekretärin Sylvia Löhrmann und dem Geschäftsführer Andrei Kovacs vorgestellt.
Das Städtische Museum Braunschweig zeigt im Jahr 2026 die Ausstellung „Mit eigener Stimme – 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland“. Kuratiert hat diese Ausstellung Peter Joch, Leiter des Städtischen Museums in Braunschweig, gemeinsam mit Fedor Besseler. Der beeindruckende Katalog wurde vom Leipziger Verlag Hentrich & Hentrich gestaltet. Der Katalog enthält mehrere grundlegende Beiträge zur Geschichte und zu den Tätigkeiten des Zentralrats, beispielsweise zum Vertrag vom 27. Januar 2003 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden in Deutschland, zum Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, zur jüdischen Bildungs- und Erziehungsarbeit und zur Beschneidungsdebatte. Die Ausstellungsobjekte werden ausführlich mit ihren Geschichten vorgestellt.
Peter Joch (*1962) leitet seit 2017 das Städtische Museum in Braunschweig. Davor hat er die Kunsthalle Darmstadt geleitet und an mehreren Universitäten sowie in der freien Wirtschaft gearbeitet. Er hatte Kunstgeschichte und Germanistik Berlin, Aachen und Rom studiert und unter anderem sich mit Provenienzforschung befasst, die auch eines der Themen verschiedener Ausstellungen im Städtischen Museum in Braunschweig ist. Peter Joch lebt in Berlin und in Braunschweig.
Eine ermutigende Erzählung zum Judentum in Deutschland
Norbert Reichel: Wie kam es zu der Ausstellung „Mit eigener Stimme“?

Peter Joch, Foto: privat.
Peter Joch: Das Thema hat in meinem Leben schon oft eine Rolle gespielt. Die Idee zur Ausstellung entstand, als ich mich mit Stella Leder vom Institut für Neue Soziale Plastik in Berlin ausgetauscht hatte. Wir wollten dem aktuellen Antisemitismus im Kulturbetrieb etwas entgegensetzen. In Berlin wie auch in anderen Städten grassiert ein Antisemitismus, wie wir ihn uns vor einigen Jahren noch nicht haben vorstellen können. Wir dachten, wir müssten den Spieß umdrehen. Eine Ausstellung gegen Antisemitismus kann die Vielfalt jüdischen Lebens nicht abbilden. Daher kam uns die Idee, zu zeigen, wie verdienstvoll die Arbeit des Zentralrats der Juden ist. Wir haben dann entdeckt, wie viel Spaß es uns macht, die positiven Energien des Zentralrats und seine positiven Energien für die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland abzubilden. Wir wollten die Leistungen des Zentralrats hervorheben, auch, um Antisemitismus vor diesem positiven Hintergrund erfolgreich auszuhebeln, nicht nur ex negativo gegen Antisemitismus zu argumentieren. Antisemitismus selbst ist aber natürlich auch ein Thema der Schau. Mit diesem Konzept war der Zentralrat einverstanden. Ich darf sagen, dass unsere Idee mit Begeisterung aufgenommen wurde. Für die Erarbeitung der Inhalte konnten wir den versierten Frankfurter Historiker Fedor Besseler gewinnen, Kooperationspartner und Hauptförderer wurde die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte in Frankfurt.
Norbert Reichel: Die jüdische Community in Deutschland stand nach 1945 vor großen Akzeptanzproblemen.

Spaten mit Gravur „Jüdische Akademie“, Replikat eines Spatens, wie er beim offiziellen Spatenstich für die Akademie 2021 verwendet wurde. Foto: Städtisches Museum Braunschweig, Dirk Scherer.
Peter Joch: Ich möchte ein Beispiel für die Verdienste der jüdischen Community und des Zentralrats für das Deutschland der Nachkriegszeit anführen: Wir müssen uns nur vorstellen, welches Image die junge Bundesrepublik hatte, als sie im Jahr 1949 gegründet wurde. Sie war das Land der Mörder, das Land unvorstellbarer Verbrechen. Das Land war definitiv isoliert in der Welt. Es gab kaum Vertrauen in die neue politische Struktur. Dennoch sind Jüdinnen und Juden in Deutschland oder nach Deutschland zurückgekehrt. Die Jüdinnen und Juden in Amerika und im neu gegründeten Israel fragten offen, was Jüdinnen und Juden in Deutschland noch wollten, im Land der Täter mit der Sprache der Mörder. Die jüdische Community blieb und gab so zu verstehen, dass sie an die junge Demokratie glaubte. Das war der erste Moment für die Herausbildung eines Judentums im Deutschland der Nachkriegszeit. Am 19. Juli 1950 wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet, damals noch mit einer Geschäftsstelle in Düsseldorf.
Norbert Reichel: Die jüdischen Gemeinden waren in den Jahren 1949 / 1950 deutlich kleiner als heute. Wie kam es, dass in der Bundesrepublik Jüdinnen und Juden den Versuch wagten, wieder eine zentrale Organisation zu schaffen, die sie in der Politik, in der Gesellschaft vertrat?
Peter Joch: Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Wenn ich mir die Situation im Jahr 1949 vorstelle, sehe ich verschiedene widersprüchliche Zuständigkeiten in Deutschland, die auch das Judentum betrafen. Das Land war in vier Besatzungszonen zerschnitten, es bildeten sich schließlich zwei Staaten heraus – die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik, die bis Oktober 1990 nebeneinander und in Konkurrenz zueinander bestanden. Es existierten bis in die 1950er Jahre hinein voneinander unabhängige Strukturen, die das Judentum betrafen, zum Beispiel die Displaced Persons Camps neben den sich zaghaft etablierenden Gemeinden. In dieser Ära der Zerklitterung am Ende der 1940er Jahre existierte noch keine Struktur, die das Judentum Deutschland als Ganzes abbilden konnte. Den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatten die Nazis zerschlagen. Wenn Sie mir eine Metapher nachsehen: Die mit dem Judentum verbundenen Organisationen bildeten eine Art Mikado-Spiel mit zahlreichen einzelnen Stäben, die zunächst keine Verbindung zueinander hatten und sich gegenseitig im Weg zu liegen schienen. Aus diesen vereinzelten Momenten galt es, eine Stimme zu schaffen, die überhaupt wahrnehmbar war. Die in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden hatten die Shoah überlebt. Sie hatten eine Unzahl von Angehörigen verloren. In dieser Lage wollten und mussten sie eine Interessenvertretung gegenüber der bundesrepublikanischen Regierung und anderen gesellschaftlichen Kräften schaffen. Das war unabdingbar.
Norbert Reichel: Es gab im von den Nazis befreiten Deutschland nach wie vor Antisemitismus. Nicht nur aus diesem Grund war es erforderlich, in Deutschland Akzeptanz für jüdische Präsenz, erst recht für eine jüdische Vertretung zu schaffen. Ebenso schwierig war es, Akzeptanz in Israel zu schaffen. Deutschland war damals für viele Jüdinnen und Juden in Israel eine No-Go-Area. Selbst viele deutschstämmige Jüdinnen und Juden, die nach Palästina beziehungsweise Israel geflüchtet waren, wollten auf keinen Fall etwas mit Deutschland zu tun haben. Sie wollten auch nicht mehr die deutsche Sprache sprechen. Und zum dritten brauchte man eine Akzeptanz in den Ländern, die Deutschland überfallen und ausgebeutet hatte beziehungsweise die dazu beigetragen haben, die Naziherrschaft in Deutschland zu beenden.
Peter Joch: Aus diesem Grund war die Entscheidung von Jüdinnen und Juden für Deutschland als Lebensmittelpunkt tatsächlich schwer zu vermitteln. Gerade von israelischer Seite wurde angeführt, man habe doch gerade einen Staat gegründet, der Jüdinnen und Juden Sicherheit geben würde, in den Jüdinnen und Juden problemlos auswandern könnten. Zuweilen wurde das Verhalten der deutschen Jüdinnen und Juden in Deutschland sogar als mangelnde Solidarität gegenüber Israel aufgefasst. Auch in den folgenden Jahrzehnten gab es immer wieder auch eine kritische Distanz von israelischer Seite gegenüber der jüdischen Community in der Bundesrepublik Deutschland.
Norbert Reichel: Der Zentralrat brauchte Zeit, sich zu etablieren. Er wurde in Frankfurt am Main gegründet, hatte eine Geschäftsstelle in Düsseldorf, zog 1999 nach Berlin um. Heinz Galinski (1912-1999) sagte, am Tisch des Zentralrats sei auch immer ein Platz für die Jüdinnen und Juden in der DDR frei. Man hatte schon den Anspruch, sich für Gesamtdeutschland einzusetzen. 1990 nahm man fünf Landesverbände aus der ehemaligen DDR auf. In Ihrem Ausstellungskatalog zitieren Sie eine Studie aus dem Jahr 1997 mit folgender Aussage: „Viele der nach dem Holocaust geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Juden entwickelten weiterhin kein Heimatgefühl für dieses Land.“ Daran wollte der Zentralrat etwas ändern. Hans-Jakob Ginsburg (*1951) und der damalige Geschäftsführer des Zentralrats Alexander Ginsburg (1915-1996) haben 1977 die erste Jugendkulturtagung gestaltet. Das war einer von mehreren Meilensteinen der Entwicklung über die Jahrzehnte.
Peter Joch: Neben solchen fruchtbaren Aktionen, die sicher auch ein jüdisches Identitätsgefühl in Deutschland vermitteln konnten, entwickelte der Zentralrat, glaube ich, noch ein übergeordnetes Vorgehen: Wie konnte man Deutschland zur „Heimat“ für Jüdinnen und Juden werden lassen? Durch engagiertes Eintreten für die junge Demokratie, die Minderheiten Sicherheit bieten könnte.
Ich möchte an dieser Stelle etwas weiter ausholen. Am Anfang habe ich versucht zu verstehen, was für den Zentralrat die Grundverfassung, die elementarste Basis war, über die man sich in den frühen Jahren verständigte. Den Zentralrat kennzeichnete der Versuch, so sagte es Ignatz Bubis (1927-1999), über die Grenzen des Judentums hinaus an demokratische Gepflogenheiten zu erinnern und Demokratie einzufordern. Zu Beginn der 1990er Jahre ereignete sich eine Reihe rassistischer, rechtsextremistischer Anschläge auf asiatische und türkischstämmige Migrant:innen sowie auf Geflüchtete, in Rostock-Lichtenhagen, in Solingen, in Mölln, in Hoyerswerda und an anderen Orten. Ignatz Bubis erklärte sich solidarisch mit den Opfern. Bubis folgt hier einer Ethik, die weit über das Judentum hinausreicht. Diese Ethik spiegelt auch Yad Vashem wider. In der Gedenkstätte wird nicht nur der ermordeten Jüdinnen und Juden gedacht, sondern auch der Sinti und Roma, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Tora-Mantel des Militärrabbinats zum Transport der Tora bei Auslandseinsätzen. Foto: Städtisches Museum Braunschweig, Dirk Scherer.
Ein anderes Beispiel für die ethische Basis des Zentralrats ist die Reaktion von Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats, auf die skandalöse documenta fifteen. Botmann verwies eindringlich auf das Grundgesetz der Bundesrepublik, um die antisemitischen Momente der Ausstellung zu geißeln – ganz im Sinne von Ignatz Bubis, der für eine Ethik einstand, die nicht nur das Judentum betraf. Daniel Botmann forderte die Beachtung des Grundgesetzes. Genau das ist die Grundlage, mit der der Zentralrat erfolgreich war und ist. Er bezieht sich zuvorderst auf nicht relativierbare ethische Grundlage unserer Demokratie. Er ist Teil und Anwalt der Demokratie in Deutschland.
Diese Ethik verweist auch auf eine alte jüdische Denktradition. Nach dem Krieg gab es einige Stimmen, die die Tradition der Kabbala aufgriffen. Der aus Berlin stammende Gelehrte Gershom Sholem (1897-1982), der als Hochschullehrer in Jerusalem wirkte, gehörte zu ihnen. Dieses Interesse an der Kabbala ist vielleicht einer Suche nach jüdischer Identität, Tradition und Mystik nach der Shoah zu verdanken, einer Rückbesinnung. Ein zentrales Prinzip bekannter kabbalistischer Schriften – zum Beispiel bei Isaak Luria – ist nun Tikkun Olam, die Reparatur der Welt, die als ethisches Ziel angestrebt wird und über das Judentum hinaus verweist. Ich glaube, genau dieses uralte Prinzip lässt sich auf die Positionen von Ignatz Bubis und Daniel Botmann bei der Bearbeitung von Konflikten in Zusammenhang mit dem Judentum anwenden. Tikkun Olam heißt in diesem Fall, das der Zentralrat natürlich Partei für das Judentum ergreift, zum anderen aber auch über die Grenzen des jüdischen Umfelds hinaus nach einer ethischen Basis sucht und diese Basis konsequent anwendet. Genau das ist das Rezept, durch das der Zentralrat Respekt einflößt. Zumindest geht es mir so, aber ich denke, auch vielen anderen Menschen, nicht nur in Deutschland.
Der 7. Oktober – immer wieder die alten Reflexe
Norbert Reichel: Der 7. Oktober 2023 veränderte fast alles. Es entwickelte sich eine zuvor kaum für möglich gehaltene Welle von Antisemitismus, die nach wie vor anhält. Dieser Antisemitismus kam nicht aus dem Nichts. Ronen Steinke hatte 2020 in seinem Buch „Terror gegen Juden“ auf über 100 Seiten Morde und Mordversuche dokumentiert, deren Opfer Jüdinnen und Juden in Deutschland waren. Nach dem 7. Oktober legte er eine aktualisierte Neuausgabe vor.

Aussprache zwischen Ignatz Bubis und Martin Walser, Frankfurt am Main 1998, Foto: Barbara Klemm.
Sie erwähnen mit Recht die Verdienste von Ignatz Bubis. Er beklagte jedoch am Ende seines Lebens, er habe nichts erreicht. Auch damals schien es um die Akzeptanz des Judentums in Deutschland nicht gut zu stehen. Ich denke an die Paulskirchenrede von Martin Walser vom 11. Oktober 1998, die bis heute nachhallt. Martin Walser sprach von der „Auschwitzkeule“ und der „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“. Ich gehe einmal wohlwollend davon aus, dass viele im Saal nicht richtig zugehört hatten, als sie stehend applaudierten. Ignatz Bubis blieb als einziger sitzen und applaudierte nicht. Alexander Gauland, einer der Gründer der AfD, formulierte seine Kritik an der deutschen Erinnerungskultur mit ähnlichen Worten. Ein gängiges Meme wurde die Bezeichnung des Mahnmals für die ermordeten europäischen Juden in Berlin durch Politiker:innen der AfD als „Denkmal der Schande“.
Peter Joch: Ich glaube, Ignatz Bubis hat – trotz aller eigener Bedenken – vor allem eines erreicht. Er hat sich mit seiner großen Popularität gegen rechte Vordenker wie Martin Walser gewendet und dessen gefährliche Forderung nach Beendigung der Erinnerungskultur, dessen Schlussstrichmentalität scharf kritisiert. Gerade das zeigt ja nun bereits seine Reaktion auf Walsers Paulskirchenrede, die – wir sehen es leider in unseren Tagen – tatsächlich aktuelles rechtes Gedankengut vorgeprägt hat.
Bubis hat mit seiner Kritik eine weitreichende Auseinandersetzung bewirkt. Eine andere wichtige Diskussion hatte Ignatz Bubis durch die Proteste gegen die Aufführung des Stücks „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Faßbinder am 31. Oktober 1985 in Frankfurt am Main angestoßen.
Norbert Reichel: Das Stück von Rainer Werner Faßbinder enthielt antisemitische Anspielungen, insbesondere in der Figur des „reichen Juden“, eines Immobilienspekulanten.
Peter Joch: Bei der Aktion gegen dieses abstoßende Puzzle von antisemitischen Stereotypen konnte Ignatz Bubis einer breiten Öffentlichkeit antisemitische Muster in der aktuellen, sich als kritisch gebenden Kulturszene vor Auge führen. Er konnte also tatsächlich etwas bewirken. Andererseits kann ich auch nachvollziehen, wenn Ignatz Bubis davon sprach, wenig erreicht zu haben. Eine solche pessimistische Auffassung drängt sich einem gerade in jüngster Zeit wieder auf. Ich möchte in diesem Zusammenhang natürlich wieder die Zäsur des 7. Oktober aufgreifen. Seit dem Massaker der Hamas erleben wir einen Antisemitismus, wie wir ihn uns zuvor kaum hätten vorstellen können. Die Logik ist pervers: Unvorstellbare Gewalt gegen Jüdinnen und Juden hat zur Folge, dass, gerade auch in Deutschland, antisemitische Gewalt gegen Jüdinnen und Juden entsteht. Dieser Antisemitismus tarnt sich als Israelkritik, reproduziert aber uralte Diffamierungsstrategien gegenüber Jüdinnen und Juden, die unter anderem als bestialische Mörder:innen im Gaza-Streifen gebrandmarkt werden. Im Kleinen haben wir auch hier im Museum mit solchen projektiven antisemitischen Mustern zu tun gehabt. Ich geriet in Zusammenhang mit der Zentralratsausstellung immer wieder in merkwürdige Diskussionen, die sozusagen in Endlosschleife verliefen. Ich wurde immer wieder mit Äußerungen konfrontiert, selbst von kulturell gebildeten Menschen, Israel sei ein kolonialistisches, kriegstreiberisches Land, das sein Existenzrecht verwirkt habe. Als Kurator einer Ausstellung zum Zentralrat der Juden in Deutschland wurde ich oft als Verteidiger Netanjahus klassifiziert. Es ist schwer, darauf zu reagieren. Meine Ausstellung hatte und hat nichts mit der israelischen Regierung zu tun, deren Politik auch als Argument für antisemitische Hetze genutzt wird. Es ist wirklich kein Wunder, dass sich in jüdischen Kreisen zuzeiten Resignation breit macht, wie sie Ignatz Bubis als eigene Lebensbilanz benannte.
Das betrifft auch die Sicht auf die Shoa. Es wurden Menschen ermordet, die Nachkommen haben mit diesem Trauma zu leben. Der Massenmord soll nun vergessen werden, soll nicht länger den Antisemitismus an seiner Ausbreitung hindern – so vielleicht der Gedankengang, der eine Vielzahl heutiger Diskussionen betrifft. Kurz gesagt: Antisemitismus wird über viele merkwürdige Verschlingungen wieder hochgefahren, mit sogenannter „Israelkritik“ vermischt. Gerade angesichts der Enttäuschung über diese Entwicklung ist es, glaube ich, wichtig und unabdingbar, aufzuklären und die Perspektiven von Jüdinnen und Juden in ihrer Vielfalt zu vermitteln. Und genau das soll unsere Ausstellung vollbringen.
Norbert Reichel: Der 7. Oktober ist in der Tat ein Fanal, wie Sie sagen, in doppelter Hinsicht. Er hat dazu geführt, dass selbst die Jüdinnen und Juden angegriffen werden, die nichts mit dem Staat Israel zu tun haben oder sich, falls sie die israelische Staatsbürgerschaft haben, vehement gegen Netanjahu und seine in Teilen rechtsextremistische Regierung wenden. Doch offensichtlich werden hier Sippenhaft und Kollektivschuld gepflegt. Marlene Knobloch schrieb am 2. September 2026 in der ZEIT: „Es geht tatsächlich um Herkunft“: Sie berichtet von der Literaturagentin Deborah Harris, die unter anderem David Grossmann und Zeruya Shalev vertritt, deren Bücher sie zurzeit nicht im Ausland verkaufen könne. So gibt es auch nach wie vor keine englische Übersetzung des jüngsten Buches von Ayelet Gundar-Goshen „Ungebetene Gäste“, eine deutsche Übersetzung erschien bei Kein & Aber in der Schweiz. Etgar Keret, der keine Gelegenheit auslässt, Netanjahus Regierung zu kritisieren, wird von Veranstaltungen ausgeladen oder erst gar nicht mehr eingeladen. Noch schlimmer: Etablierte Literat:innen, die eigentlich wissen sollten, was sie tun, unterstützen diesen Boykott israelischer Autor:innen. Marlene Knobloch schrieb: „Zunächst – nein, es geht hier nicht um Ben-Gvir, um Smotrich und andere gefährliche Rechtsextreme. Man kann sich dazu den Massenaufruf gegen israelische Verlage ansehen, den inzwischen 7.000 (!) teils sehr berühmte Autoren (Sally Rooney, Annie Ernaux, Ocean Vuong) unterschrieben haben.“ Mit Aufklärung stoßen wir an Grenzen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass der große Erfolg des Festjahres „1.700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ zunichte gemacht wurde.
Peter Joch: Den Eindruck von Frau Knobloch kann – oder muss – ich leider vollständig teilen. Ich glaube, das Festjahr war in der Tat ein sehr großer Erfolg. Es hat die Vielfalt und Bandbreite des jüdischen Lebens sichtbar gemacht, in verschiedenen Epochen, in verschiedenen religiösen und säkularen Ausformungen. Doch nach dem 7. Oktober setzten wieder altgewohnten antisemitische Reflexe ein. Erschreckend war am 7. Oktober die resignative Prophetie, die in vielen jüdischen Kreisen aufkam. Ich war an dem Tag im Kreis von jüdischen Freund:innen und Kolleg:innen. Es erfolgte in der extrem bedrückten Diskussion über das Massaker eine Art Dreierschritt: Der erste Schritt war die existenzielle, verzweifelte Sorge um die Geiseln. Der zweite Schritt betraf die Sorge um den eigenen Alltag. Was geschieht jetzt zum Beispiel, wenn man Kinder in eine jüdische Schule schickt? Welche Gefährdungen entstehen? Der dritte Schritt betraf nun die Angst vor neu aufkeimendem Antisemitismus. Es erschien sicher, dass die die Strategie der Hamas unter anderem in Deutschland aufgehen würde: Netanjahu musste die israelische Bevölkerung verteidigen, seine absehbar strikte Reaktion würde wiederum Antisemitismus bewirken und der Hamas in die Hände spielen. Und die Strategie ging tatsächlich auf.
Norbert Reichel: Das ungeschickte Handeln deutscher Regierungen ist ein anderes Thema, sollte aber auch kurz erwähnt werden. Der Berliner Senat meinte beispielsweise, er könne gegen Antisemitismus vorgehen, wenn er Schüler:innen vom Unterricht ausschließe, die eine Kufiye tragen. Wer so agiert, muss sich nicht wundern, wenn diese Schüler:innen denen in die Arme getrieben werden, die tatsächlich die Hamas und ähnliche Terrorgruppen unterstützen. Darüber hätte man auch in der Klasse debattieren können, aber es wurde nur verfügt und so wie israelische und jüdische Autor:innen von Debatten ausgeschlossen wurden, wurden auch alle, die in irgendeiner Form die israelische Besatzungspolitik kritisierten, ausgeschlossen, auch jüdische Wissenschaftler:innen. Man schuf Fronten, wo man Gespräche hätte führen müssen.
Peter Joch: Ja, durchaus. Konfrontationen, wie Sie sie erwähnen, haben viele Facetten. Ich habe in Zusammenhang mit der Ausstellung auch die Erfahrung gemacht, dass es Kreise gibt, die beileibe nicht offen antisemitisch reagieren oder polemisieren, aber schlichtweg vom bisherigen Modus des Dialogs zum vielsagenden Schweigen wechseln. Diese verstummten Menschen bleiben höflich, sind unangreifbar und agieren ja nun auch nicht als offensichtliche Antisemit:innen. Das sind Schranken, die man bei der Ausgestaltung von Projekten zum Judentum wohl immer wieder erlebt und die vielleicht die Vorstufe dafür darstellen, dass das Thema Judentum aus dem öffentlichen Leben versuchsweise ausgeblendet wird. Auf der anderen Seite stand ich vielfach Projektionen gegenüber. Ich wurde mit der israelischen Politik in einen Topf geworfen, in einigen Artikeln wurde ich als Israeli bezeichnet, verbunden mit der beharrlichen Frage nach meiner Haltung gegenüber der Netanjahu-Regierung.
Norbert Reichel: Ignatz Bubis musste erleben, dass jemand meinte, sein Vaterland sei doch Israel. Er war deutscher Staatsbürger!
Peter Joch: Genau diesen projektiven Effekt konnte ich ja im Kleinen erleben. Ich glaube, dieses verhängnisvolle Denkmuster kann verschiedene Gründe haben. Die Vermischung von israelisch und jüdisch kann ein antisemitisches Verleugnen der deutschen Staatsbürgerschaft und Identität der betroffenen Jüdinnen und Juden darstellen. Gleichzeitig kann sie aber sicherlich auch – zumindest teilweise – auf fehlende Kenntnisse zurückzuführen sein. Im Laufe der Ausstellung habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Kreise der Bevölkerung nur über sehr begrenzte Kenntnisse über das Judentum und jüdisches Leben verfügen. Man weiß vielleicht gerade noch etwas über den Schabbat. Zudem vermitteln die Gruppen von Schüler:innen den Eindruck, dass die jüngere Generation mehr über den Islam als über das Judentum weiß.
Norbert Reichel: Quantitativ vielleicht, aber sicher nicht qualitativ. Da gibt es eine ganze Menge falsche Vorstellungen und Projektionen, was denn nun tatsächlich islamisch wäre. Ich wage zu behaupten, dass auch das Wissen um das Christentum nicht sonderlich ausgeprägt ist.
Peter Joch: Ich kann Ihnen nur zustimmen. Für die mangelnde Kenntnis des Judentums ist sicher auch die relativ geringe Zahl von jüdischen Schüler:innen in Deutschland ein Grund. Die Kenntnisse über das Judentum sind gering – und gleichzeitig sind die Einschätzungen jüdischen Lebens äußerst instabil. Die Erfahrung zeigt: Manchmal reichen ein einzelner Anlass oder eine einzelne Begegnung, um antisemitischen Reflexe und Projektionen wachzurufen.
Wir brauchen Wissen und emotionale Bereitschaft

Modell der Jüdischen Akademie, die im Herbst 2026 in Frankfurt am Main eröffnet wird © Zvonko Turkali Architekten.
Norbert Reichel: Es fehlt auf jeden Fall an Wissen. Das wollen Sie mit der Ausstellung und dem ausgesprochen gelungenen Katalog vermitteln. Sie haben viele interessierte Besucher:innen, es kommen Schulklassen, Volkshochschulkurse, Vereine. Welche Erfahrungen machen Sie? Welche Ziele verfolgen Sie mit der Ausstellung?
Peter Joch: Ganz verschiedene…. Das erste Ziel ist natürlich, einfach zu erklären, welche Aufgaben der Zentralrat wahrnimmt. Dabei würdigen wir vor allem die Verdienste des Zentralrats, der stets die Demokratie in Deutschland einfordert und unterstützt, auf das Grundgesetz verweist und sich Antisemitismus in jeder Form entgegenstellt. Wir zeigen aber auch viele Objekte, die veranschaulichen, was Judentum im Alltag bedeutet, beispielsweise bei der Feier des Schabbat. Was ist ein Gebetsriemen, wozu benutzt man den? Was ist ein Rabbiner, auch im Unterschied zu einem katholischen oder evangelischen Geistlichen? Solche Fragen greifen wir gerne auf.
Wir versuchen schließlich, durch die Ausstellung eine emotionale Bereitschaft zu erzeugen, sich mit dem Judentum zu beschäftigen. Und hierzu gehört nun die Bereitschaft, sich mit Verbrechen gegen das Judentum zu beschäftigen. In diesem Zusammenhang möchten wir auch eine in die Zukunft gerichtete Perspektive vermitteln. In Führungen erzähle ich oft von der Geschichte hinter „Eagles over Auschwitz“: Im Jahr 2003 flogen drei F-15 Eagle Kampfjets der Israeli Air Force über Auschwitz. Ein Pilot, der Angehörige während der Shoa verloren hatte, versicherte über Funk Überlebenden, die auf dem Lagergelände versammelt waren, dass die israelischen Streitkräfte Jüdinnen und Juden jederzeit beschützen und vernichtenden Angriffen vorbeugen würden., Mit dem Flugmanöver und dem anrührenden Moment wurde das Bild von Auschwitz – vielleicht auch nur für einen kurzen Moment – verändert. Auschwitz war nun nicht mehr nur ein Tor des Todes, es war auch ein Zeichen dafür, dass sich Jüdinnen und Juden nunmehr zu wehren wissen.
Norbert Reichel: Eine wichtige Konsequenz, die viele in Deutschland nicht verstehen: Nie wieder wehrlos!
Peter Joch: Ja. Nie weder wehrlos… Ich glaube, dass die Überwindung von Wehrlosigkeit einerseits und der gerechte Umgang mit dem Judentum andererseits nicht nur der Aufklärung sondern auch emotionaler Power bedürfen. Die erforderlicherweise auch emotionale Qualität einer Begegnung mit dem Judentum und seiner Geschichte wird oft ignoriert. Sie wird oft versteckt, indem Verbrechen gegen Jüdinnen und Juden entweder nur pflichtschuldigst abgehakt oder gar geleugnet werden.

Fußball von Makkabi Deutschland und dem Projekt Zusammen 1. Foto: Städtisches Museum Braunschweig, Dirk Scherer.
Einige emotionale Momente der historisch-sachlichen Schau möchte ich gerne nennen: Wir zeigen Aufnahmen vom Festival Jewrovision, das jedes Jahr vom Zentralrat organisiert wird. Hier ist zu sehen, wie die Kids eine bunte Show auf die Bühne bringen, vom Gangster-Rap bis zum Musical-Sound, mit vielen Strahlern, vielen Gefühlen und zuweilen durchaus einigem Pathos. Es ist eine Freude, die große Menge junger Jüdinnen und Juden feiern zu sehen. Genauso präsentieren wir die jüdische Sportvereinigung Makkabi, deren riesiger Maskottchen-Bär das Publikum begrüßt. In diesem Zusammenhang erzählen wir auch die Geschichte von den europäischen Makkabi-Spielen 2015 im Berliner Olympiastadion, das die Nazis für die Olympiade 1936 gebaut hatten. Durch die European Maccabi Games in Berlin entstanden große emotionale Momente. 1936 waren Jüdinnen und Juden schikaniert, ausgeschlossen, bedroht und verfolgt worden. 2015 erfreuten sich junge Jüdinnen und Juden gerade an diesem diabolischen Ort an ihrem Sport, wetteiferten miteinander – und feierten natürlich.

Gefüllt mit wohlriechenden Gewürzen brachte die Besamimbüchse von David Schuster Ruhe und Segen des Schabbat hinüber in die neue Woche. Privatbesitz Josef Schuster. Foto: Städtisches Museum Braunschweig, Dirk Scherer.
Wenn ich darf, erzähle ich noch von einem anderen emotionalen Moment: Ein besonderer Moment für mich war, als ich eine Nachricht des aktuellen Präsidenten des Zentralrates Herrn Dr. Josef Schuster erhielt, dass wir ein Objekt aus dem Nachlass seines Vaters, eine Besamimbüchse in Form eines Fisches zeigen dürften. Josef Schuster berichtet auch in dem Katalogtext, was dieses Objekt für ihn bedeutet: „Es ist ein Stück Familiengeschichte, als Teil der Geschichte der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. Wenn ich heute auf diesen Fisch blicke, sehe ich die jüdischen Rituale und die vielen Menschen, die im Deutschland der Nachkriegszeit jüdisches Leben neu beginnen ließen, so wie mein Vater. (…) So erzählt dieser Fisch von einem religiösen Brauch, aber auch von Vertrauen in die Zukunft.“. Dass wir diese persönliche, auch emotionale, Erinnerung vermitteln dürfen, macht mich sehr dankbar.
Dies sind Beispiele für emotionale Geschichten, die wir erzählen wollen und müssen. Wir sind dankbar, dass uns vertraut wird, dass wir persönliche Geschichten erzählen dürfen. Wir müssen das Gefühl für die jüdische Vergangenheit und Gegenwart wecken. Die Traumata der Schoah sind eine für spätere Generationen nicht vorstellbare emotionale Größe, die nach politischer Verantwortung für die Gestaltung unserer heutigen Gesellschaft, aber auch nach Empathie und Verständnis verlangt.
„Das ewige Dennoch“ (Leo Baeck)
Norbert Reichel: Ein Punkt ist die Überwindung von Trauma und Traumatransfer bis in die dritte, inzwischen vierte Generation, sowie die Anerkennung und der Respekt der Mehrheitsgesellschaft vor diesem Trauma. Der andere Punkt sind Empowerment und Resilienz. Dazu darf ich vielleicht auf mein Gespräch mit Rabbinerin Rebekka Blady verweisen, die das von ihr geleitete Programm Hillel Deutschland genau so begründete: Empowerment für junge Jüdinnen und Juden, die vielleicht mit der Zeit Führungskräfte in jüdischen Organisationen oder auch in nicht-jüdischen Organisationen werden: „How to Create Jewish Joy and Pride“. Leo Baeck nannte es mal „Das ewige Dennoch“.

Stolperstein für Philipp Auerbach, Reproduktion, 2025, STIFTUNG – SPUREN – Gunter Demnig, das Original wurde im Hamburger Stadtteil Harvestehude verlegt. Foto: Städtisches Museum Braunschweig, Dirk Scherer.
Peter Joch: Genau das ist der richtige Weg! Zu der Form jüdischen Empowerments gehören auch die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, die der Zentralrat im Jahr 1979 gründete, und das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland, das auch sozusagen identitätsstiftend wirkt. Beide Institutionen sind Themen der Ausstellung. Aus der Geschichte der Jüdischen Hochschule in Heidelberg zeigen wir einen originalen Karteikasten, wie er in den frühen Jahren der Institution in Gebrauch war. Unter Projektteilnehmer:innen und Besucher:innen, die dort studiert hatten, gab es nun einen Wettbewerb, wer den frühesten Studienbeginn nachweisen konnte, also die niedrigste Matrikelnummer hätte. Gewonnen hat der bekannte und renommierte Historiker Michael Brenner, der auch einen Beitrag über die Geschichte der Präsidenten des Zentralrats für unseren Katalog geschrieben hat: „Der Zentralrat der Juden als Spiegel bundesdeutscher Geschichte“. Brenner bietet eine kleine Geschichte der Präsidenten des Zentralrats, verschweigt aber auch nicht die Tragödie Philipp Auerbachs (1906-1952) und den Skandal um Werner Nachmann (1925-1988). Sein Beitrag endet mit folgendem sehr wichtigen Fazit: „Gewiss hat die unterschiedliche Rolle der Zentralratspräsidenten mit ihrer jeweiligen Persönlichkeit zu tun. Doch mehr noch reflektierte sie den Wandel der Zeiten: zunächst den Wiederaufbau und die Restitution, dann den Umgang mit der ‚Aufarbeitung‘ der deutschen Vergangenheit, die Integration zahlreicher neuer Gemeindemitglieder und schließlich den zunehmenden Antisemitismus. (…) Die Zukunft jüdischen Lebens hierzulande wird letztendlich nicht nur von der weiteren Entwicklung Deutschlands, sondern auch jener der restlichen Welt abhängen.“
Zum Zentralarchiv pflegen wir eine enge kollegiale Verbindung. Der Leiter des Archivs, Herr Dr. Jens Hoppe, war auch an der Entwicklung unserer Ausstellung beteiligt. In seinem Katalogbeitrag beschreibt er die wechselhafte Geschichte wichtiger Archiv-Bestände und die Rolle des Archivs bei der wissenschaftlichen Erschließung der Geschichte des Judentums in Deutschland.
Norbert Reichel: In Frankfurt am Main gibt es eine eigene Bildungsabteilung des Zentralrats, aus der die Jüdische Akademie hervorgegangen ist. Lehrkräfte, die Hintergrundinformationen für ihren Unterricht oder für ihre Projekte suchen, finden dort eine Menge anspruchsvolles und verlässliches Material, nicht zuletzt auf der Grundlage mehrerer gemeinsamer Erklärungen von Zentralrat und Kultusministerkonferenz.
Peter Joch: Die Jüdische Akademie ist für mich ein hervorragendes Beispiel für die Integration des Judentums in die übergreifenden Diskurse der Gesellschaft und für die Stärkung ganzheitlicher jüdischer Lebenswelten, die natürlich auch die Wissenschaft und eine lebendige Debattenkultur einschließen. Die Akademie wird im November 2026 eröffnet und zeigt als eines ihrer ersten Projekte übrigens – so die Planung – unsere Ausstellung. Josef Schuster sagte, mit der Akademie solle ein Forum kritischen Denkens für Juden und Nicht-Juden geschaffen werden. Gerade diese Grundidee eines offenen Austauschs macht die Akademie für mich zu einer wegweisenden Institution. Ich bin gespannt!

Keshet, die jüdische LBTIQ*-Initiative beim Christopher Street Day 2022. Foto: Keshet Deutschland e.V.
Neben Forschungsinstituten fördert der Zentralrat vielfach Projekte, die sich unmittelbar der Unterstützung jüdischer Lebenswelten widmen. So erzählen wir in unserer Schau von Keshet, der Vereinigung, die die Interessen der queeren jüdischen Community vertritt und im Rahmen der Ausstellung extrem interessante Veranstaltungen ausgerichtet hat. Auch OFEK, eine Einrichtung für psychologische, psychosoziale und rechtliche Beratung bei Antisemitismus-Vorfällen, ist bei uns beteiligt. Wir dokumentieren in der Ausstellung Stimmen zum 7. Oktober, die über das von OFEK-Leiterin Marina Chernivsky ins Leben gerufene Projekt Kolot-Stimmen, gesammelt wurden.
Norbert Reichel: Sie informieren in der Ausstellung und im Katalog über jüdische Feste. Mir gefällt ja sehr, dass es zu den Festen immer Unterschiedliches zu essen gibt, mal die Latkes, mal den Käsekuchen. Der Schabbat, der Seder sind mit einem guten Essen verbunden.
Peter Joch: Ja, zum Glück! Der Genuss verbindet, hebt die Stimmung und erleichtert die Verständigung. Zur Festlaune braucht es halt gutes Essen, durch das man sich auch gerne an Traditionen erinnert. Und man feiert das Leben!
Norbert Reichel: Dazu gibt es ja auch den leicht sarkastischen Spruch: „Sie versuchten uns zu töten, wir überlebten, lasst uns essen.“ Bei manchen interkulturellen Veranstaltungen scheint es auch vor allem um das Essen zu gehen. In einer Schule denken manche, man habe etwas für mehr Verständigung getan, aber es bleibt bei einem Essen, vorzugsweise mit türkischen, arabischen, vielleicht afrikanischen Gerichten. Aber warum nicht, auch das ist ein Anfang der Begegnung. Gegessen wird auch auf dem Gemeindetag.
Peter Joch: Ja, aber der Gemeindetag bietet vielleicht noch mehr… Nach meinem Eindruck wird er wirklich sehr positiv aufgenommen, wird geschätzt als ein wichtiges Forum, das Interessen verbindet und Kontakte auch zwischen den ganz kleinen und den ganz großen Gemeinden ermöglicht.
Konflikte sind lösbar – wenn man sie zulässt
Norbert Reichel: Zum Austausch gehört auch die Frage, wie man sich in schwierigen Situationen verhält. Eine schwierige Situation ergab sich aus dem Beschneidungsurteil in Köln aus dem Jahr 2012. Es ging damals um einen vierjährigen muslimischen Jungen, aber das Urteil hatte Auswirkungen auf die im Judentum vorgeschriebene Brit Mila. Der Arzt wurde wegen Körperverletzung angeklagt, das Gericht entschied, die körperliche Unversehrtheit des Kindes wiege schwerer als Religionsfreiheit und Erziehungsrecht der Eltern. Im Katalog hat Shila Erlbaum, Abteilungsleiterin Politik und Religion beim Zentralrat und Co-Herausgeberin des Buches „Lehre mich, Ewiger, deinen Weg – Ethik im Judentum“ (Leipzig, Hentrich & Hentrich, 2015), das Ayala Goldmann in der Jüdischen Allgemeinen mit Recht ein „Standardwerk“ nannte, über Inhalte und Verlauf der Beschneidungsdebatte ausführlich beschrieben. Dazu hat sie zahlreiche juristische und theologische Texte ausgewertet.
Peter Joch: Mir gefällt an der Beschreibung von Shila Erlbaum sehr, dass sie mit einer Grundrechtedebatte beginnt. Sie beschreibt zugleich, dass die Brit Mila zur jüdischen Identität, zum Selbstverständnis von jüdischem Leben gehört. Wie Sie es gerade treffend beschrieben, standen in der Debatte um Beschneidung zunächst zwei unvereinbare Perspektiven einander gegenüber. Der Konflikt konnte jedoch gelöst werden: Der Deutsche Bundestag beschloss, dass die medizinisch und religiös hierzu befähigten Verantwortlichen in einer Gemeinde eine Beschneidung vornehmen dürften. Die jüdische Community vernahm diesen Beschluss mit großer Erleichterung. Hätte der Bundestag anders entschieden, wäre eine religiöse Tradition gebrochen worden, wären religiöse Gefühle zutiefst verletzt worden, wäre Deutschland in dieser Hinsicht kein jüdisches Zuhause mehr gewesen. Ich fand es sehr schön, dass Shila Erlbaum das Thema aus einer sehr persönlichen Sicht beleuchtete. Sie war schwanger, als sie sich intensiv mit dem Thema befasste, und dachte an die Zukunft ihre Kindes. Das Kind – auch das schreibt sie – war aber dann ein Mädchen.

Rabbinerin Bea Wyler – die sich stets nur Rabbiner nannte – mit Tallit und Torarolle, o. J. Foto: Angela Weiß.
Norbert Reichel: Ich möchte einen weiteren Punkt ansprechen, der auch nicht konfliktfrei ist. In der Jüdischen Gemeinde Braunschweig wirkte Rabbinerin Bea Wyler (*1951). Sie war die erste deutsche Rabbinerin nach der Shoah, nach Rabbinerin Regina Jonas, die 1936 ordiniert und von den Nazis ermordet wurde. Rabbinerin Elisa Klapheck hat sie in dem Buch „Fräulein Rabbiner Jonas“ porträtiert (Leipzig, Hentrich & Hentrich 2026, der Band enthält auch den grundlegenden Text von Regina Jonas „Kann eine Frau das rabbinische Amt bekleiden?“) Elisa Klapheck hat zum Katalog einen eigenen Beitrag über Rabbinerinnen in der Bundesrepublik beigesteuert.
Peter Joch: Die Geschichte um Bea Wyler hat viel mit der langjährigen Vorsitzenden der Gemeinde Braunschweig zu tun, mit Renate Wagner-Redding, die auch den Katalogtext über Bea Wyler verfasst hat. Frau Wagner-Redding – Ehrenbürgerin der Stadt Braunschweig – ging und geht es um die Unterstützung von Frauen und Frauenrechten im Judentum. Aber zurück zu Bea Wyler: In der Gemeinde waren 1992 die Kantoren- und Rabbinerstellen unbesetzt. Angesichts einer schwierigen Finanzlage schlossen sich die Gemeinden von Oldenburg und Braunschweig zusammen, um einen gemeinsamen Rabbiner oder eine gemeinsame Rabbinerin zu finden. Die Vorsitzende der Oldenburger Gemeinde lernte in New York Bea Wyler kennen und war von der angehenden Rabbinerin vollends überzeugt. Die Braunschweiger Gemeinde schloss sich dieser Einschätzung an. Auch der Landesverband stimmte zu, und so konnte Bea Wyler als Rabbinerin gewonnen werden. Bea Wyler arbeitete gleichzeitig für die Gemeinden in Braunschweig und Oldenburg sowie für die Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Damit entfiel auf Braunschweig ein Drittel einer Rabbinerstelle. Bea Wyler leistete aus diesem Grund Hilfe zur Selbsthilfe und lehrte die Gemeinde, auch ohne Rabbiner die Gottesdienste auszurichten. Bea Wyler ist eine recht emanzipierte Frau und bevorzugte eine ganz eigene Sprachregel: Sie bestand darauf, als „Rabbiner“ angesprochen zu werden, um die Gleichberechtigung der Frau auch sprachlich stets zu vermitteln. Eine Art umgekehrtes Gendern…. Die weibliche Power im Rabbinat ist vielleicht noch nicht überall präsent, aber Bea Wyler konnte vielleicht ein wenig Vorbild sein.
Norbert Reichel: Die Welt ändert sich, so verändert sich auch das Judentum. Eine wesentliche Veränderung im deutschen Judentum war die Zuwanderung aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten in den 1990er Jahren, die die demokratische Volkskammer der DDR durch einen Beschluss vom 12. April 1990 ermöglicht hatte. Diese Zuwanderung hatte zur Folge, dass die meisten Gemeindeblätter der jüdischen Gemeinde heute noch zweisprachig, in deutscher und in russischer Sprache, erscheinen, insbesondere für die älteren Gemeindemitglieder eine Erleichterung der Lektüre. Ich erlaube mir, das Jüdische Echo Westfalen (J.E.W.) des Landesverbandes Westfalen-Lippe als besonders gelungenes Beispiel zu nennen.
Peter Joch: Ja, tatsächlich war der Volkskammerbeschluss eine Art Blaupause für das sogenannte Kontingentflüchtlingsgesetz, das dann für die ganze BRD galt. Der Zuzug hat das Judentum in Deutschland nachhaltig verändert. Viele Gemeinden leisteten eine enorme Vermittlungsarbeit, halfen den Einwander:innen bei der Suche nach Wohnung und Job, integrierten sie – so gut es eben ging. Viele Menschen aus der ehemaligen – durchaus religionsfeindlichen – Sowjetunion waren nicht eng mit der jüdischen Tradition verbunden. Auch in dieser Hinsicht leisteten die Gemeinden engagiert Hilfe und führten die Neuankömmlinge in das Gemeindeleben ein. Die Zahl der Zuwander:innen war immens. Vielfach überstieg sie die Zahl der bisherigen Gemeindemitglieder.
Norbert Reichel: Das war eine riesige Integrationsleistung in den Gemeinden, die alle Wertschätzung verdient!
Peter Joch: Ja, ich glaube auch, dass die Gemeinden stolz auf ihre Leistung sein können. Auch der Zentralrat hat sich sehr engagiert um die Zuwander:innen gekümmert. Die Frage der sozialen Versorgung, der Anerkennung von Arbeitszeiten für die Renten, der Altersarmut unter zugewanderten Jüdinnen und Juden sind nach wie vor Themen, die der Zentralrat nicht müde wird anzusprechen.
Die Jüdische Allgemeine
Norbert Reichel: Kontroversen in der Gesellschaft und im Judentum sind ständiges Thema der vom Zentralrat herausgegebenen Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. Die Zeitung berichtet und debattiert über Politik und Kultur in Deutschland und in Israel, über das Leben in den Gemeinden. Sie bietet Ausblicke in Gemeinden anderer Länder, von Argentinien bis Ungarn. Auf zwei Seiten werden religiöse und ethische Fragen verhandelt. Die letzte Seite enthält immer eine der Karikaturen von Ben Gershon, Schöpfer des liebenswerten, oft aber doch recht ungeschickten Jewy Louis, seiner Mamme und seines Rabbiners (Ben Gershons Bücher sind im Ariella-Verlag erhältlich).
Peter Joch: Ich bewundere die Zeitung sehr. Sie weist nur eine relativ überschaubare Printauflage auf, ihr Online-Angebot wird aber millionenfach angenommen. Die Beiträge sind aus meiner Sicht immer sehr scharfsinnig verfasst. Einige Artikel haben mich nachhaltig fasziniert. So erinnere ich mich an einen erhellenden Beitrag, in dem die Begrifflichkeiten, die man heutzutage bei der Beschreibung von Computer Clouds verwendet, mit religiöser Terminologie verglichen werden, um die soziale Rolle der Informationstechnologie zu umreißen. Die Argumentation in den Artikeln ist oft feinsinnig, perfekt aufgebaut, greift sozusagen auch schon einmal talmudische Finesse auf. Gleichzeitig hat sie auch etwas Augenzwinkerndes. Die Zeitung pflegt so neben allen informativen Inhalten zuzeiten auch einen wunderbaren ironischen, doppelbödigen Stil.
Norbert Reichel: Die Glossen in der Rubrik Talmudisches haben sehr oft einen solchen Stil. Ich lese sie auch sehr gerne und mit Gewinn. Zu diesem Stil passte vielleicht auch ein Beitrag auf der Religionsseite zur Frage, ob der Messias weiblich sein könnte, illustriert mit einem großen Bild von Gal Gadot als Wonder Woman.
Peter Joch: Tja, wenn man es recht überlegt – wenn es die Menschen denn zum Nachdenken über den Messias bringt – warum eigentlich nicht?
Norbert Reichel: Jüdische Vielfalt spiegelt sich auch in den politischen Beiträgen. Sabine Brandes, die in Tel Aviv lebende Redakteurin für Israel, vertritt zu Israel, zu Gaza oft eine völlig andere Position als Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur. Aber wenn ich mir eine Meinung bilden möchte, brauche ich genau diese Vielfalt der Meinungen.
Peter Joch: Ja, das ist auch mein Eindruck, nur diese Vielfalt schafft ein realistisches, ausgewogenes Bild.
Norbert Reichel: Die Redaktionsbeiträge zu den am Oktober 2026 anstehenden Wahlen sind alle sehr eindeutig. Ich habe noch niemanden gefunden, der die Regierung Netanjahus durchweg positiv bewertet. Es gibt auch sehr heftige Kritik an Gestalten wie Itamar Ben-Gvir.
Peter Joch: Die Kritik an Ben-Gvir halte ich für berechtigt und nachvollziehbar. Die Jüdische Allgemeine zeichnet durchgehend ein facettenreiches Bild von Israel und Judentum. Das ist umso wichtiger, als in Deutschland immer wieder die Neigung besteht, Israel einseitig darzustellen und zu diskreditieren. Oft verbindet sich dann – wie schon in unserem Gespräch angerissen – vermeintliche Israelkritik mit antisemitischen Deutungsmustern. Gerade vor diesem Hintergrund ist eine Stimme wie die Jüdische Allgemeine – genauso wie die des Zentralrats – dringend nötig.
Norbert Reichel: Ich kann nur empfehlen, die Jüdische Allgemeine zu lesen, so wie ich auch empfehlen möchte, die Ausstellung zu besuchen oder zumindest den Katalog zu erwerben.
Peter Joch: Vielleicht darf ich zum Abschluss noch eines sagen. Die Ausstellung entstand aus gegenseitigem Vertrauen. Die Leihgeber:innen vermittelten mir, dass ich ihre persönliche Geschichte hinter den Objekten aufgreifen, erzählen, erklären durfte. Dieses Vertrauen hat das Museumsteam und mich sehr stolz gemacht. Wir waren extrem erfreut über den sehr positiven menschlichen Austausch mit vielen Partner:innen, es ergaben sich facettenreiche Debatten, bei denen wir vieles lernen durften. „Mit eigener Stimme…“ ist die persönlichste Ausstellung, die ich je ausgerichtet habe. Und es geht weiter. Wir arbeiten hier im Museum bereits an einem neuen Projekt aus dem jüdischen Umfeld. Was bleibt mir zu sagen? Schalom.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 6. September 2026. Titelbild: Dortmund 8. Juni 2025, Jewrovision 2025, Jachad Köln & Kavanah Aachen, Foto: Gregor Matthias Zielke. Peter Joch und Annika Hille danke ich herzlich dafür, dass sie mir die in diesem Text gezeigten Bilder zur Verfügung gestellt haben.)


