Liebe Freund:innen des Demokratischen Salons,
dieser Newsletter informiert Sie über die zwischen Mitte August und Ende September 2026 veröffentlichten Texte. Wie üblich finden Sie Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen sowie auf einer eigenen Seite, nach Orten sortiert Vorschläge für den Besuch von Veranstaltungen und Ausstellungen.
Die ersten Tage des Monats Oktober stehen im Zeichen zweier Jahrestage.

Pictures of the participants of the Nova party who were murdered and kidnapped by the terrorist organization Hamas on October 7, 2023 are displayed while an artist plays music, at the site of the Nova music festival massacre, in Re’im, near the Israeli-Gaza border, November 28, 2023. Photo by Yonatan Sindel. Courtesy Jüdisches Museum Frankfurt am Main.
Am 7. Oktober jährt sich zum dritten Mal das Pogrom der Hamas. 1.200 Menschen wurden an diesem Tag ermordet und 251 Menschen entführt, die meisten waren Zivilist:innen, darunter viele, die sich für Frieden und Aussöhnung engagierten. Erst nach 738 Tagen konnte die letzte Geisel befreit werden. Viele starben in der Haft. Unter den Ermordeten und Entführten waren nicht nur Israelis, nicht nur Jüdinnen und Juden, auch Angehörige anderer Staaten mit deutscher, amerikanischer, französischer, thailändischer Staatsangehörigkeit, auch Christ:innen, Muslim:innen, beispielsweise Beduinen aus Israel. Inzwischen gibt es mehrere Studien zu den Wirkungen des Massakers. Einige werden in den Leseempfehlungen dieses Newsletters vorgestellt.
- Am 3. Oktober jährt sich zum 36. Mal der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, in anderen Worten „die Vollendung der deutschen Einheit“ nach der Friedlichen Revolution. Dazu finden Sie in den Leseempfehlungen einen Hinweis auf den meines Erachtens besten Kommentar zu den Wahlen in Sachsen-Anhalt, geschrieben von Ines Geipel. Mit diesem Thema befasst sich auch das Editorial, ein Gespräch mit dem Fotokünstler Ralf Baumgarten über sein Fotoprojekt „Denk ich an Deutschland …“. Seine Bilder dokumentieren die Vielfalt der Menschen in Deutschland, Zuversicht, Wertschätzung und manch kritischen Blick. Ein junger Sikh sagt nur ein Wort, das er mit Deutschland verbinde: „Heimat“. (Rubriken: Liberale Demokratie, Treibhäuser)
Themen der weiteren neuen Texte sind die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (Lena Kahle), Vielfalt im Fernsehen und in der Gesellschaft (Patricia Eckermann), 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland (Peter Joch), ein Porträt der ukrainischen Künstlerin Lesia Khomenko (Lesia Smyrna), georgisch-deutsche Kulturbeziehungen (Ana Margvelashvili), Doing Gender in der Moschee (Betül Karakoç-Kafkas), Erinnerungsarbeit mit muslimischen Jugendlichen (Sabeth Schmidthals), die Theodor Wonja Michael-Bibliothek in Köln (Glenda Obermuller), das private Handwerk in der DDR (Alexia Pooth, Thomas Schaarschmmidt), der ewige Augenblick in der Fotografie von Nicole Günther, emanzipatorischer Realismus in der Science Fiction (Lukas Meisner, Dominik Irtenkauf), Faschismus als Lebensform (Norbert Reichel).
Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen finden Sie zu folgenden Themen: Georg-Stefan-Troller-Preis, das neue Magazin von Weiter Schreiben sowie Auszeichnung des Programms mit der Rahel Varnhagen-von Ense-Medaille, 30 Jahre Bürgerstiftungen (Aktive Bürgerschaft), jüdisches Leben in Deutschland nach dem 7. Oktober (Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung), Hochschulen nach dem 7. Oktober (Therese Klein), die Stärken Europas (Anne Applebaum), die Arbeiter:innen und die SPD (Thomas Pickety), Wahl in Sachsen-Anhalt (Ines Geipel), Autoritarismus (Aus Politik und Zeitgeschichte), Erfolgsgeschichte Mönchengladbach (Henrik Rampe), PISA-Ergebnisse (Aladin El-Mafalaani), Radio Corax in Halle an der Saale (Marcel Laskus), Verfemte Erinnerung in Russland (Silke Bigalke), polnisch-belarusische Grenze (Emilia Smachowski), Gedenkstätten in Belarus (Ales Adamowitsch, Anna Kaminsky), missglücktes Volksbad in Berlin (Alice Hasters), Basketballer:innen (Nico Horn), Bildung für nachhaltige Entwicklung (UNESCO), Militärdiktatur Iran (Dibsa Mirzai, Nima Mina), Kakerlaken-Bewegung in Indien (Britta Petersen, Najeeb Jung), Untergehendes New Orleans (Benjamin von Brackel).
Inhalte der weiteren neu veröffentlichten Texte:
- Lena Kahle stellt in „Die Schule und das Grundgesetz“ die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe) vor. Sie beschreibt deren Unterstützungsleistungen für Lehrkräfte, auch im Kontext der Konflikte, die es zurzeit erschweren, Demokratie in der Schule zu thematisieren. (Rubrik: Liberale Demokratie)
- Patricia Eckermann, Fernseh- und Buchautorin, beschreibt in „Über Vielfalt“ die Praxis, Dramaturgie und (Un-)Sichtbarkeit (nicht nur) Schwarzer Menschen im Fernsehen, den „Roberto-Blanko-Effekt“, was Deutsch-Sein für Schwarze Menschen in Deutschland bedeutet und welche Bedeutung „Empathie und Solidarität“ (Rubriken: Treibhäuser, Afrikanische Welten)
- Peter Joch beschreibt in „Jüdisches Leben in der Demokratie“ Ziele und Inhalte der Ausstellung „Mit eigener Stimme – 75 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland“. Themen sind die wechselvolle Geschichte des Zentralrats, seine Erfolge in der Stärkung jüdischen Lebens sowie die Auseinandersetzung mit den Reflexen des Antisemitismus. (Rubriken: Jüdischsein, Liberale Demokratie).
- Lesia Smyrna porträtiert in „Fadenkreuze der Geschichte“ die ukrainische Künstlerin Lesia Khomenko, die sowjetische, post-sowjetische wie westliche Muster in ihren Bildern abstrahiert, transformiert und in ein „Postmemory“ überführt, in dem Regenbogenwelten, Wunderwelten und Spiegelungen entstehen. Das Auge wird Waffe im Kampf gegen falsche Nachahmung. (Rubriken: Kultur, Osteuropa)
- Ana Margvelashvili dokumentiert in „Georgien in der DDR“, was uns ein Foto über georgisch-deutsche Begegnungen in der DDR erzählt. Über den literarischen Salon bei Ekkehard Maaß entstanden Übersetzungen georgischer Literatur ins Deutsche. Beteiligt waren unter anderem die Fotografin Helga Paris und die Autorinnen Elke Erb und Sarah Kirsch. (Rubriken: Osteuropa, DDR, Kultur)
- Betül Karakoç-Kafkas, Religionspädagogin und Erziehungswissenschaftlerin, analysiert in „Doing Gender in der Moschee“ die Rolle von Imaminnen in Moscheen, die Moschee als Ort der Begegnung und der Bildung in Gemeinde und Stadtteil sowie Anzeichen für feministische Entwicklungen und für eine neue Generation junger männlicher Imame. (Rubriken: Gender, Islam)
- Sabeth Schmidthals, Leiterin der AG Erinnern einer Berliner Gesamtschule, arbeitet mit muslimischen, unter anderem palästinensischen Schüler:innen, die sie nach Israel, Polen, Frankreich und Italien begleitet. Ihre Erfahrungen beschreibt sie in „Meine Geschichte, deine Geschichte“. Grundlage ist ein Konzept von Elke Gryglewski. (Rubriken: Islam, Levantinische Aussichten, Shoah)
- Glenda Obermuller stellt die erste Schwarze Bibliothek in Nordrhein-Westfalen vor: „Die Theodor Wonja Michael Bibliothek“. Sie ist ein Hafen für Körper und Geist, ein Ort der Begegnung, ein Ort der Bewahrung (nicht nur) Schwarzer Literatur und Geschichte, sodass Träume wahr werden. Sie spielt eine Rolle in dem Roman „Kekeli“ von Jessica Lawson. (Rubriken: Kultur, Afrikanische Welten)
- Alexia Pooth und Thomas Schaarschmidt haben sich mit der Rolle und den Freiräumen des privaten Handwerks in der DDR befasst. Auch dort galt: „Handwerk hat goldenen Boden“. Die Studie ist ein Beitrag zur Alltagsgeschichte der DDR, einer Reparaturgesellschaft zwischen Planwirtschaft und Markt. Sie fragt auch nach den Folgen der Transformationszeit. (Rubrik: DDR)
- Nicole Günther führt uns mit ihren Fotografien in Platos Höhle. Sie schafft Augenblicke, die das Fotografierte auf das Wesentliche konzentrieren. Es entsteht ein nonverbaler Dialog mit anderen Fotokünstler:innen wie mit den Betrachtenden. In „Der ewige Augenblick“ porträtiert Norbert Reichel Ziele und Arbeitsformen der Bonner Fotokünstlerin anlässlich ihrer Ausstellung „Stage Stories“. (Rubrik: Kultur)
- Lukas Meisner befasst sich im Gespräch mit Dominik Irtenkauf mit der Frage, wie philosophisch und wie politisch Science Fiction ist. Könnte Science Fiction eine neue realistische Literatur werden? Science Fiction ist letztlich philosophisches Schreiben: „Auf dem Weg zu einem emanzipatorischen Realismus“. (Rubrik: Utopien / Science Fiction)
- Norbert Reichel analysiert in „Amerikanische Zustände“ mehrere aktuelle Studien Faschismus als Lebensform, unter anderem mit Bezug auf die fünfte Staffel der Serie „Fargo“. Race und Religion begründen ein Bildungsziel Grausamkeit, einen heiligen Krieg und ständige Radikalisierung. Der Essay endet mit drei Szenarien. (Rubriken: Weltweite Entwicklungen, Opfer und Täter:innen)
Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen:
- Georg-Stefan-Troller-Preis: Georg Stefan Troller sel. A. war und bleibt das große Vorbild für alle, die journalistisch arbeiten. Seine Filme, seine Interviews sind legendär. Mascha Malburg und Joshua Schultheis, beide in der Redaktion der Jüdischen Allgemeinen tätig, wurden im September 2026 mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet. Die Auszeichnung galt insbesondere ihrem Buch „Worüber Juden reden“, das im Verlag Hentrich & Hentrich erschien und in zehn Gesprächen mit jeweils vier Jüdinnen und Juden die Vielfalt jüdischer Biografien und jüdischen Lebens spiegelt. Ebenso ausgezeichnet wurde Thorsten Schmitz für den Artikel „Wer ein Warum hat, erträgt jedes Wie“, über Or Levi, der 491 Tage von der Hamas gefangen gehalten wurde, dessen Frau ermordet wurde und der seinen Sohn alleine erzieht (Süddeutsche Zeitung“ am 6. Februar 2026). Sharon On und Dirk Laucke wurden für das Hörspiel „Auch wenn es dunkel ist“ ausgezeichnet (Rundfunk Berlin-Brandenburg vom 5. Oktober 2025, in der ARD-Mediathek enthalten), ein dokumentarisches Hörspiel mit Berichten von Überlebenden und Angehörigen des 7. Oktober, Nicholas Potter für das Buch „Die neue autoritäre Linke“ (dtv), eine umfangreichen Recherche unter anderem zum Antisemitismus in linken Milieus. Anetta Kahane, Gründerin der Amadeu-Antonio-Stiftung, wurde für ihre Kolumnen in der „Frankfurter Rundschau“ gewürdigt. Der Preis wird vom Verband Jüdischer Journalistinnen und Journalisten (JJJ) und der Fazit-Stiftung Er wird am 11. Oktober 2026 in Frankfurt am Main verliehen. Die Laudatio hält Armin Laschet.
- Weiter Schreiben: Das Weiter Schreiben Magazin #8 enthält 48 Seiten mit einer beeindruckenden Bildstrecke von Sevil Amini. „Fäden, Stoffe, Schnitte“ lautet der Titel, der Ebtesam Ahmed, Tania Arcimovich, Lily Farhadpour, Mubeen Khishany, Karima Shabrang, Meral Şimşek und Fariba Vafi zu Gedanken über Kleidung und Handwerk sowie Reflexionen über Erzählstoffe und rote Fäden inspirierte. Viele Kleidungsstücke sind mit Erinnerungen an persönliche Ereignisse verbunden, häufig solchen aus der Kindheit. Ebenso kann das Sticken oder Weben zur politischen Aktion werden, in Belarus etwa, wo Tania Arcimovich 2020 gegen den Kontrollverlust stickte, oder in Afghanistan, wo ein selbstgewebtes Speisetuch „nicht bloß ein Stück Stoff war, sondern das kleine Stück Boden, das zu beherrschen der Frau gestattet war“, wie Karima Shabrang schreibt. Sie können das Magazin online lesen, als PDF herunterladen und am November 2026 im Acud in der Vetereanstraße in Berlin mit dem Team von Weiter Schreiben und den Autor:innen feiern (Pressemitteilung von Weiter Schreiben vom 18. September 2026). Darüber hinaus erhält Weiter Schreiben die von der Stiftung Preußische Seehandlung verliehene Rahel Varnhagen-von Ense-Medaille 2026. Die Preisverleihung findet am 24. November 2026 in der Staatsbibliothek zu Berlin statt. Annett Gröschner hält die Laudatio. Weitere Termine, auch mit Lesungen der Autor:innen, finden Sie auf der Internetseite von Weiter Schreiben.
- 30 Jahre Bürgerstiftungen: In der neuen Ausgabe ihres jährlich erscheinenden bürgerAktivMagazins 2026/2027 berichtet Aktive Bürgerschaft über die Aktivitäten des letzten Jahres und zugleich über ein Jubiläum. Das Magazin enthält ausgewählte Berichte sowie Testimonials aus 30 Jahren. Es begann mit 32 Stiftern. Inzwischen engagieren sich 435 Stiftungen und 400.000 ehrenamtliche Menschen. Wer wissen möchte, welche Bürgerstiftung in der Nähe ist, kann dies über den Bürgerstiftungsfinder Und wer eine gründen möchte, kann sich beraten lassen. „Bürgerstiftungen bauen langfristig einen Kapitalstock auf, um aus den Erträgen und durch zusätzliche Spenden lokale gemeinnützige Vereine und Initiativen zu fördern oder eigene Projekte umzusetzen. Wer die Idee für eine eigene Stiftung hat, kann diese unter dem Dach einer Bürgerstiftung verwirklichen. Da das Stiftungskapital auf ewig angelegt ist, dienen Bürgerstiftungen auch künftigen Generationen.“ (Pressemitteilung von Aktive Bürgerschaft vom 16. September 2026)
- Jüdisches Leben in Deutschland nach dem 7. Oktober: Das Kompetenzzentrum antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) hat die Ergebnisse seiner bundesweiten Studie zu den Auswirkungen des 7. Oktobers auf jüdische und israelische Communities in Deutschland veröffentlicht (der komplette Bericht ist ab dem 8. Oktober 2026 im Netz). Die Studie wurde von KOAS und FH Potsdam in Kooperation mit OFEK e.V. durchgeführt. Sie wurde von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gefördert. Autorinnen waren Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai. Methodisch wurde mit 80 narrativen Interviews, drei Gruppeninterviews mit 31 Personen und vier Dokumentationen von Selbstbeobachtung gearbeitet. Die einbezogenen Personen waren zwischen 16 und 80 Jahre alt und kamen aus unterschiedlichen Berufen und Regionen. Die Autorinnen dokumentieren eine „(kollektive) Überwältigungserfahrung“. Jüdinnen und Juden in Deutschland erfuhren, dass sie zum Angriffsziel wurden, in der Öffentlichkeit, im Beruf, in Bildungseinrichtungen, verbal wie körperlich, es entstand eine „Verdichtung antisemitischer Exklusion und Bedrohung in Deutschland in sämtlichen Alltagssphären in Deutschland“, zugleich eine große Solidarität unter Jüdinnen und Juden, die als unterstützend erlebt wird. „Für die jüdische Diaspora bedeutet der 7. Oktober nicht nur das tödlichste Massaker seit der Shoah, sondern auch den Verlust einer Idee von Israel als Schutzraum. Durch den demonstrativen Durchbruch des Grenzzauns, die medial verbreiteten Morde, Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Plünderungen und Geiselnahmen ist dieser Schutzraum fragil geworden. Hinzu kommen das Schweigen und die vielfach ausbleibende gesellschaftliche Verurteilung dieser Exzesse hier in Deutschland.“ (Mitteilung von KOAS vom 17. September 2026)
- Hochschulen nach dem 7. Oktober: Stellungnahmen von Dozent:innen, Studierenden an Hochschulen in Deutschland dokumentieren Julia Bernstein, Alfred Bodenheimer und Elisabeth Schilling in dem von ihnen herausgegebenen Band „Ausnahmezustand – Hochschule im deutschsprachigen Raum seit dem 7. Oktober – Zeugnis von Betroffenen“ (Göttingen, Wallstein, 2026). Therese Klein besprach den Band in der Jüdischen Allgemeinen unter der Überschrift „Schweigen als Überlebensstrategie“. Sie vermerkt, dass ein Viertel der in dem Band versammelten 61 Stimmen ein Pseudonym verwendet. „Die Wahrnehmung des 7. Oktober als Zäsur teilen alle Beiträge sowie das Entsetzen über das folgende dröhnende Schweigen als Antwort darauf. (…) Die Autorinnen und Autoren fühlen sich an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert, an die eigene Familiengeschichte, fühlen sich ausgestoßen, ausgegrenzt, bedroht.“
- Stärken Europas: Die Stärke Europas beschwor Anne Applebaum am 13. Mai 2026 in einem Vortrag während der Wiener Festwochen 2026 auf dem Wiener Judenplatz (dort steht eine Statue von Gotthold Ephraim Lessing) in ihrer „Rede an Europa – Die Stunde Europas“. Sie sagte: „Jenes Europa, das aus diesem Prozess hervorgegangen ist, stellt eine enorme Errungenschaft dar – eine in der Tat noch nie dagewesene Errungenschaft; eine, die weltweit ihresgleichen sucht. Dank der Bemühungen der Nachkriegsgeneration ist Europa heute sicherer, wohlhabender und friedlicher als je zuvor. Europäische Staaten sind zudem souveräner geworden. Dank acht Jahrzenten der kollektiven Abschreckung konnten die Menschen in Europa ihre eigenen Nationalkulturen in einem Klima des Friedens statt einem des ewigen Krieges entfalten. Dank der Europäischen Union können die Europäer ihre Kunstwerke, ihre Literatur und ihre Gebäude erhalten, wie jene, die uns hier auf diesem Platz umgeben. Mittels eines Netzwerks aus Verträgen und Abkommen haben sie Demokratien erschaffen, die individuelle Freiheits- und Bürgerrechte schützen.“ Doch diese Errungenschaften sind alles andere als gesichert. Menschenrechte werden von manchen als „etwas Sentimentales und Schwaches“ Anstelle des Konsenses wird größtmöglicher Dissens gesucht, Minderheiten werden als Schuldige markiert. Anne Applebaum verweist auf den russischen Angriff auf die Ukraine, russische Cyberangriffe in Europa, die geschwundene Verlässlichkeit der USA unter Trump. Europa wird von Putin wie von Trump und ihren Anhänger:innen als unfähig und schwach dargestellt. Europa hat jedoch alle Mittel, dem zu widerstehen: „Europa ist nach wie vor eine Oase der Sicherheit, Stabilität und Rechtsstaatlichkeit. Wir haben unabhängige Gerichte, die mehr sind als bloße Sprachrohre der Machthabenden. Wir halten unser Wort. Wir achten Verträge. Unser Kontinent respektiert und schätzt die Wissenschaft, befasst sich mit Geschichte, legt Wert auf Kultur und zieht Lehren aus der Geschichte. Wir sollten dies nutzen, um ein Anziehungspunkt für Investitionen, Innovationen und Menschen mit neuartigen Ideen zu werden. Es ist gerade unsere Berechenbarkeit, die uns in einer Welt der unberechenbaren Mächte einen Vorteil verschafft. (…) Jeden Tag vergrault Amerika potenzielle Besucher, Investoren und Forscher. Jeden Tag ermordet Russland unschuldige Menschen in einem blutigen und sinnlosen Kolonialkrieg. Und jeden Tag liefert Europa den Beweis dafür, dass alte Rivalen friedlich nebeneinander leben können, während sie nach Wohlstand streben.“
- Arbeiter:innen und die SPD: Nach Wahlen der letzten Wochen, Monate und Jahre wird in den Medien immer wieder diskutiert, warum die SPD die Stimmen der Arbeiter:innen verloren hätte. Schon im Jahr 2005 wechselten viele Arbeiter:innen in Nordrhein-Westfalen von der SPD zur CDU. Inzwischen wählen viele Arbeiter:innen und Angestellte die AfD. Wer der Frage nach dem Warum nachgehen möchte, lese Thomas Pickety „Kapital und Ideologie“ (deutsche Ausgabe bei C.H. Beck, 2020). Pickety belegt eindrucksvoll, wie sich dieser Trend schon seit mehreren Jahrzehnten entwickelte, nicht nur in Deutschland, auch in anderen europäischen Ländern und in den USA. In der Regel würden Europa und internationale Aspekte vorwiegend von einer akademischen Linken (Pickety nennt sie „brahmanische Linke“) und einer „kaufmännischen Rechten“ Das spiegele sich auch im Wandel der Mitgliederstrukturen. Arbeiter:innen und Angestellte hingegen bevorzugten nationalistisch denkende, „nativistische“ Parteien. Dies lasse sich beispielsweise aus den Abstimmungen in Frankreich über die Einführung des EURO und die europäischen Verträge ableiten. Pro Europa und pro Euro stimmten mehrheitlich akademische Linke und kaufmännische Rechte, Arbeiter:innen und Angestellte mehrheitlich dagegen. Ein weiterer Aspekt Picketys ist die Frage danach, wie Menschen ihren eigenen Status definieren. In den Ständegesellschaften früherer Jahrhunderte sei der Status eines Menschen qua Geburt definiert worden. Im 19. Jahrhundert wurde Eigentum zum eigentlichen Merkmal für den Status eines Menschen. Inzwischen vermischen sich Eigentum und Status qua Geburt. Thomas Pickety leitet daraus ab, dass Politik sich im Wesentlichen um die Frage drehe, ob und wie Ungleichheit gerechtfertigt würde. Er bietet in einem abschließenden Kapitel zahlreiche Vorschläge für eine Politik im Zeichen der Gerechtigkeit.
- Wahl in Sachsen-Anhalt: Unter den unzähligen Kommentaren möchte ich den von Ines Geipel in der Süddeutschen Zeitung hervorheben: „Die Scham des Westens vor der Schamlosigkeit des Ostens“. Eigentlich könnte man alles, was die AfD bei Übernahme der Regierung zu tun gedenkt, im Wahlprogramm lesen: „Sie haben vor, anderen Angst zu machen und wie in der Ukraine Menschenleben zu opfern. Sie wollen vermeintliche Feinde horten wie Notvorräte und den Gedenkstätten, der offenen Kultur, der Kirche den Hahn abdrehen. Die AfD nennt das Vision und lässt sie zur Bewegung werden.“ Es gelang der Partei jedoch, diese Absichten „qua dichter strategischer Wolke“ zu verdecken. Ines Geipel sieht in der Wahlentscheidung für die AfD den Versuch, die eigene Diktaturgeschichte aus dem Bewusstsein zu streichen und durch den „Bruch gegen den Westen und die Rückkehr ins Alte“ zu ersetzen. Das ist die eine Seite, aber wie ist es mit der Reaktion des Westens? Was hat der Westen dazu beigetragen, dass es so kam wie es kam? Der Westen habe versucht, seine Aufarbeitung der Shoah auf den Osten zu übertragen, doch dies habe nicht die gewünschten Ergebnisse gehabt. „Das vereinte Land wird nicht mehr daran vorbeikommen, die Doppeldiktatur im Osten gemeinsam in den Blick zu nehmen. Das muss Routinen kosten und hat bohrend wehzutun. Es kann keine Benennungsscheu mehr geben. Mit welchen Fabeln hat sich die Gesellschaft nach 1989 eingelullt, damit unter der Fahne des Vereintseins der Osten der Osten und der Westen der Westen bleiben konnte? Was braucht es, um das aufzulösen? Es geht doch gerade nicht um neue Verteilungsdebatten und Spaltungstexte.“ Ines Geipel fordert eine „selbstbewusste Erinnerungsnation“. Diese müsse „sich aus ihrem Taumel herausarbeiten und ihr Selbstverständnis neu ausloten.“ Zu diesem Thema lohnt sich die Lektüre des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel (S. Fischer, 2026), das im Demokratischen Salon in dem Essay „Die unerzählten Geschichten Buchenwalds“ vorgestellt worden ist.
- Autoritarismus: Die Ausgabe von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 22. August 2026 enthält sieben Beiträge von acht Autor:innen zum Thema „Autoritarismus“. Johannes Gerschewski (Berlin) bietet einen Überblick über liberale, autoritäre und totalitäre Entwicklungen. Er befasst sich darüber hinaus mit der in den Politik- und Sozialwissenschaften diskutieren Figur der „autoritären Persönlichkeit“. Ein zentraler Punkt ist die Zuverlässigkeit („accountability“) von Wahlen, die mit unterschiedlichen Instrumenten manipuliert werden könnten (durch Ausschluss oppositioneller Kandidat:innen, Änderungen im Wahlsystem, gezielte Fälschungen). Felix Wiebrecht (Liverpool) resümiert „25 Jahre weltweite Autokratisierung“, die sich in drei Wellen vollziehe, in den 1920er Jahren bis etwa 1945, von den späten 1950er in die 1970er Jahre hinein, seit etwa 1994 bis heute. Autokratisierungen erfolgen schleichend, viele kehren sich jedoch nach zum Teil nur fünf Jahren wieder um. Allerdings „bleiben Demokratien fragil, wenn die den Autokratisierungsepisoden zugrunde liegenden Ursachen, etwa eine tiefe Polarisierung der Gesellschaft, bestehen bleiben.“ Lars Lott (Erlangen-Nürnberg) und Aurel Croissant (Heidelberg) belegen die zunächst größere Effizienz von Autokratien, die sich jedoch langfristig nicht halte: „Im Durchschnitt zeigen Demokratien jedoch in vielen Politikfeldern robustere und langfristig stabilere Leistungsprofile.“ Steffen Kailitz (Dresden) untersucht in seinem Projekt „Varieties of Political Regimes“ „acht Legitimationsfamilien autokratischer Herrschaft“ und verweist auf mögliche Erschütterungen autokratischer Regime, „wenn maßgebliche Eliten den bisherigen Führungsanspruch oder die Regeln für Ämter und Nachfolge nicht mehr anerkennen“. Pippa Norris (Harvard) befasst sich mit dem diffusen, im Grunde rhetorischen Begriff des „Populismus“, mit dem ein Gegensatz zwischen einem sogenannten „Willen des Volkes“ und einem sogenannten „Establishment“ konstruiert werde. Im „Global Party Survey“ untersucht die Verfasstheit populistischer Rhetorik, nicht zuletzt im Hinblick auf ihre Ausrichtung nach bestimmten Personen, Dynastien, Ideologien. „Tech-Autokratie“ ist das Thema von Seraphine F. Maerz (Melbourne). Sie stellt im Anschluss an Manuel Castells fest, „dass die digitale Revolution nicht primär eine technologische, sondern eine gesellschaftliche Transformation ist.“ Nicholas Potter (Berlin) analysiert „Die neue autoritäre Linke“ (sein gleichnamiges Buch wurde mit dem Georg-Stefan-Troller-Preis ausgezeichnet), die insbesondere nach dem 7. Oktober 2023 „eine manichäische Ideologie“ verbreite und jede Kritik an Iran, Hisbollah, Hamas und deren „klerikalfaschistisches Weltbild“ für „paternalistisch“ beziehungsweise „kolonialistisch“ und autokratische Staaten zu „Verbündeten“ erkläre: „Der Angriff auf Israel diente als Katalysator für eine autoritäre Wende in erheblichen Teilen der globalen Linken“.
- Erfolgsgeschichte Mönchengladbach: Das Bürgeramt in Mönchengladbach galt lange Zeit als das schlechteste Bürgeramt in Deutschland. Endlose Wartezeiten, Schlägereien um Wertmarken und einen besseren Platz in der Warteschlange, Polizeieinsätze waren an der Tagesordnung. Manche stellten sich bereits in der Nacht mit Campingstühlen auf, um möglichst früh eine Wertmarke zu ergattern, viele dennoch erfolglos. Für 300 Menschen gab es 150 Wartenummern. Einmal schloss sich sogar die Security zur eigenen Sicherheit ein. Henrik Rampe beschreibt, wie es der Leiterin der Abteilung für Einwohnermeldeangelegenheiten Claudia Pflippen gelang, das Chaos zu bezwingen. Ihr gelang es, die Zahl der Mitarbeiter:innen von 24 auf 35 zu erhöhen und zahlreiche Vorgänge lassen sich inzwischen online erledigen. Ein Problem bleibt die noch nicht ausreichende Akzeptanz digitaler Verwaltung bei den Bürger:innen. Die Online-Funktion des Personalausweises nutzt beispielsweise bundesweit nur etwa ein Viertel der Bürger:innen. Anders sieht dies in den skandinavischen Ländern und in Österreich aus. In Österreich sind 450 Verwaltungsaufgaben in einem Portal gebündelt, in Deutschland zum Jahresanfang 2026 nur elf Prozent. Das Onlinezugangsgesetz soll diese schlechte Quote verbessern. „In Mönchengladbach versuchen Behörden, ihre Prozesse effizienter zu machen. Dazu erfassen Mitarbeiter genau, wie lange sie für einzelne Tätigkeiten brauchen. Eine Ummeldung innerhalb der Stadt dauert im Schnitt zehn Minuten, wer von außerhalb hinzuzieht, braucht 15 Minuten auf dem Amt. So wollen sie die Termine möglichst genau takten, sowohl Leerlauf an den Schaltern als auch überfüllte Wartezimmer vermeiden.“ Behördenleiter Kai Woitek kann berichten, dass sich auch die google-Bewertungen der Ämter in Mönchengladbach verbessert haben.
- PISA-Ergebnisse: Für die Süddeutsche Zeitung vom 18. September 2026 haben Jakob Biazza und Sarah Peschke den Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani Eine seiner Aussagen wird im Titel zitiert: „Dann wird das Kind eben bis in die Haupt- oder Förderschule heruntergereicht“. Man könnte von einer Art Bildungsfatalismus in Deutschland sprechen. Die Leistungen von Jugendlichen im Lesen, in der Mathematik und in den Naturwissenschaften sind in fast allen an der PISA-Studie beteiligten Ländern zurückgegangen. Aladin El-Mafaalani verweist ferner darauf, dass auch andere Studien wie IGLU zu den Kompetenzen in der Grundschule und die Daten des Berichts des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) belegen, dass die Leistungen von Schüler:innen nachlassen. Verbessert haben sich lediglich die Englischkenntnisse, was jedoch weniger auf die Schule als auf die Nutzung Sozialer Medien zurückzuführen ist. In Deutschland fehlt es unter anderem an einer durchgehenden Diagnostik, weil Leistungsschwächen erst relativ spät auffallen, aber auch an einer auf die jeweiligen individuellen Bedarfe abgestimmten Förderung. Schulen verfügen nicht über Budgets für eine solche individuelle Diagnostik und Förderung. Das Schulsystem sei „dysfunktional“, weil es nicht auf die reale „Superdiversität“ in den Schulen reagiert habe, sondern bei Problemen lediglich auf die schon in der Vergangenheit dysfunktionalen Maßnahmen mit „Selektionsprozessen“, dem Ausschluss bestimmter Kinder, reagiere. Einen wichtigen Grund sieht Aladin El-Mafaalani jedoch in der gesellschaftlichen Stimmung: „Die Pisa-Ergebnisse entwickeln sich positiv – oder stagnieren zumindest – in Ländern, die gerade einen Aufschwung erleben oder in denen allgemein daran geglaubt wird, dass sich Leistung lohnt. Noch entscheidender ist es andersherum. Ich habe selbst in Untersuchungen festgestellt, dass es eine starke Auswirkung besonders auf benachteiligte Menschen hat, wenn in einer Gesellschaft sich zunehmend die Meinung breitmacht, es wird noch schlimmer.“ Es fehle an „Gestaltungsoptimismus“, den Schule nicht zu vermitteln vermag, auch weil es der Gesellschaft, konkret den in der Regel überforderten Eltern nicht gelingt: „Sogar unsere Regierung vermittelt diesen Pessimismus.“ Erfolgreich seien allerdings Schulen, die sich nicht an die geltenden Regeln halten, beispielsweise individuelle Lernzeiten eingeführt hätten (eine solche Schule wurde am 26. September 2026 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet). Dies hänge jedoch von dem Mut der Schulleitungen ab, sich gegebenenfalls auch mit den Behörden anzulegen: „Das geschieht aber natürlich nur, wenn der Handlungsdruck da ist und eine kritische Masse an Lehrkräften an einer Schule gemeinsam dazu bereit ist. Besser wäre es, wir würden daraus ein flächendeckendes Prinzip machen.“ (Zum Thema siehe auch Aladin El-Mafaalani / Sebastian Kurtenbach / Klaus-Peter Strohmeier, Kinder – Minderheit ohne Schutz, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 2025).
- Radio Corax in Halle (Saale): Am 26. August 2026 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung eine Reportage von Markus Laskus über Radio Corax in Halle (Saale): „Hurra, wir leben – noch“. Der Gedankenstrich im Titel zeigt, welche Stimmung zurzeit bei dem kleinen Sender herrscht. Im AfD-Programm wird gefordert, dass die Landesmedienanstalt die Förderung von Radio Corax einstellten solle. Aber aufgeben will man nicht, im Gegenteil. Der Sender hat 13 Mitarbeiter:innen. „Seit zwanzig Jahren laufen um neun Uhr die Antifa-News, in denen es zum Beispiel um Prozesse gegen Neonazis geht, um Demo-Termine, und immer werden da auch die Geschichten von Opfern rechtsextremer Gewalt aus den letzten Jahrzehnten erzählt.“ Es gibt einen „linken Medienspiegel“ und das „queerfeministische Radio“, das Format „Common Voices“, das von Migrant:innen und Geflüchteten gemacht wird, insgesamt 180 Formate, die auch von ehrenamtlichen Mitgliedern des Vereins gestaltet werden. Der „Ton ist sachlich, nüchtern. Mehr Susanne Daubner als Greta Thunberg.“ Fürsprache erfährt der Sender nicht nur von links. Markus Laskus zitiert Ulrike Wünscher, seit 1999 für die CDU im Stadtrat von Halle. Die Programme träfen nicht ihren Geschmack, aber: „Es ist ganz wichtig, dass es das gibt in der Stadt. Wenn man sieht, wer sich da engagiert, dann kann einem nur das Herz aufgehen.“ Der Trägerverein versucht zurzeit, 959 Mitglieder zu finden, die alle 15 Euro Beitrag im Monat zahlen. Dann könnte das Radio auch ohne den Zuschuss der Landesmedienanstalt überleben.
- Verfemte Erinnerung in Russland: Manche sprechen von einer Re-Stalinisierung in dem von Putin beherrschten Russland. Silke Bigalke ist dem nachgegangen. Am 18. August 2026 veröffentlichte sie in der Süddeutschen Zeitung ihre Reportage „Wagt es, euch zu erinnern“. Sie hat mit Jelena Starostenkowa sprechen können, deren Großvater Michail Schik im Februar 1937 verhaftet und sieben Monate später erschossen wurde. Erst in den 1990er Jahren erfuhr sie, wo ihr Großvater begraben war. Zu diesem Gespräch gehört viel Mut, denn „Erinnerungen sind in Russland wieder riskant geworden. Der Staat geht gegen Gruppen vor, die der Opfer politischer Repression gedenken. Wer an die Verfolgten von damals erinnert, wird heute womöglich selbst verfolgt, als schlösse sich ein furchtbarer Kreis.“ Erinnerungstafeln an die Opfer Stalins werden zerstört, erneuert und wieder zerstört. Offiziell soll an Stalin als den Sieger des „Großen Vaterländischen Krieges“ gegen Deutschland erinnert werden, nicht jedoch an seine Verbrechen. Erinnerungen an deportierte Menschen sollen aus der Öffentlichkeit verschwinden „Schilder, die an die ‚letzte Adresse‘ eines verfolgten Menschen erinnern, werden in Moskau jetzt immer häufiger abgeschraubt, zerstört. Rechte Aktivisten attackieren regelmäßig Stadtführungen zu den ‚letzten Adressen‘, stellen Videos von ihren Angriffen ins Netz. In einem dieser Videos beschweren sich zwei von ihnen bei der Polizei über eine Erinnerungstafel an einer Wand. Diese Schilder zeigten doch nur, wie schlecht Russland sei, klagt einer der Männer, deshalb kämpften sie dagegen.“ Eine der Organisationen, die abgehängte Schilder wieder neu aufhängen, ist die Gruppe „Letzte Adresse“, die etwa 2.000 abgehängte Schilder wieder aufgehängt hat, vor allem in Moskau und in Sankt Petersburg.
- Polnisch-belarusische Grenze: Im ZEITmagazin vom 20. August 2026 wurde eine Reportage von Emilia Smachowski über die polnisch-belarusische Grenze, konkret den Białowieża-Wald, einem der letzten Urwälder Europas, seit 1979 UNESCO-Weltnaturerbe, veröffentlicht: „Der Wald, der ihr Gefängnis wurde“. Diktator Lukaschenka hatte 2021 in verschiedenen Ländern dafür geworben, man könne mit einem von Belarus ausgestellten Visum in die Europäische Union einreisen. Dies war Teil einer mit Putin abgesprochenen „hybriden Kriegsführung“. Polen reagierte, teilweise mit eigentlich widerrechtlichen Push-Backs. Inzwischen hat Polen eine umfassende Grenzanlage aufgebaut, zu der unter anderen eine 5,5 Meter hohe Mauer gehört. Die Gegend ist zwischenzeitlich auf polnischer Seite militärisches Sperrgebiet. Emilia Smachowski beschreibt die Fluchtwege und die Menschen, die versuchen, Flüchtenden humanitäre Hilfe zu geben, auch einen Prozess in Polen gegen Menschen, die das Elend der Flüchtenden nicht ansehen wollten, auch die schwere Lage polnischer Soldat:innen in der Region. „Der zivilisierte Mensch vergisst leicht, dass in der Natur zwischen Schönheit und Grausamkeit, zwischen Ruhe und Gefahr nur eine feine Linie verläuft. Es hängt davon ab, in welchem Zustand der Mensch ihr begegnet. Die Touristen jedenfalls kommen, nachdem die militärische Sperrzone wieder aufgehoben wurde, nur ungern in die Region zurück. Diese Ruhe im Wald, sie ist nun nicht mehr entspannend, sondern gespenstisch.“
- Erinnerungsorte in Belarus: Ales Adamowitsch, Janka Bryl und Uladsimir Kalesnik dokumentieren in dem Buch „Feuerdörfer“ (Berlin, Aufbau Verlag, 2024, Thomas Weiler erhielt 2025 den Preis der Leipziger Buchmesse für die beste Übersetzung) Berichte von Zeitzeug:innen über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Belarus. Die belarusische Ausgabe war bereits im Jahr 1975 erschienen. Das Vorwort der deutschen Übersetzung schrieb Irina Scherbakowa, eines der bekanntesten Gesichter der in Russland verbotenen Organisation Memorial. Sie verweist auf die pazifistische Einstellung von Ales Adamowitsch, der schon früh die Perestroika von Michael Gorbatschow unterstützte. Er starb im Jahr 1994 und musste nicht mehr erleben, wie Putin und Lukaschenka Russland beziehungsweise Belarus in Diktaturen verwandelten. Es ist müßig zu spekulieren, ob Andrej Sacharow oder Ales Adamowitsch, wenn sie länger gelebt hätten, dies hätten verhindern können. „Wie dem auch sei – alles, wovor Adamowitsch in seinen Büchern und Reden gewarnt hat, alles wozu er gemahnt hat, klingt, als spräche er gerade heute zu uns. Und dass es ungeheuer wichtig ist, Zeugnisse über Kriegsverbrechen, über Verbrechen in der Zivilbevölkerung der Ukraine in diesen Tagen zu sammeln, steht außer Frage.“ Wir erleben in Russland und in Belarus eine Renaissance Stalins. Seine Verbrechen geraten aus dem Blickfeld. Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, hat den Band „Erinnerungsorte an die Opfer des Kommunismus in Belarus“ herausgegeben (Berlin, Metropol, 2010). Der Band enthält vier Beiträge von Iryna Kashtalian, Ronny Heidenreich, Elena Temper und Felix Ackermann. Das Vorwort schrieb Anna Kaminsky. Der Band dokumentiert darüber hinaus auf etwa 200 Seiten die Gedenkorte, gegliedert nach West-, Zentral- und Ostbelarus sowie der Hauptstadt Minsk. Der Band erschien nach den Protesten der Wahlfälschungen im Jahr 2010 (die Proteste von 2020 waren nicht die ersten Proteste gegen Wahlfälschungen). Ronny Heidenreich schreibt: „Für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung gehören die stalinistischen Gewaltexzesse zu einer verschütteten Geschichtslandschaft, die im offiziellen Geschichtsbild des Landes bislang keinen Platz gefunden hat. Das autoritäre Regime des seit nunmehr fünfzehn Jahren (inzwischen sind es 26 Jahre, NR) amtierenden Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka unterbindet pluralistische Geschichtsdiskurse und damit die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Kommunismus weitgehend.“ Zu Erinnerungsorten sowie zu Auseinandersetzungen um Geschichte und Erinnerung in den ehemaligen sowjetisch beherrschten Ländern veröffentlichten im Jahr 2022 Katja Mikhotina und Franziska Davis den Band „Offene Wunden Osteuropas“, der inzwischen bei der Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich ist (das Buch wurde im Demokratischen Salon unter dem Titel „Sternenstaub im Wind“ vorgestellt).
- Missglücktes Volksbad: Die Berliner Volksbühne meinte es gut. Sie hatte vor ihrer Spielstätte am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin ein kleines Schwimmbad eingerichtet, in dem man für mehrere Wochen kostenlos baden konnte. Dies war zunächst ein Signal an die Berliner Politik, der es nicht gelingt, die Berliner Schwimmbäder zur Zufriedenheit aller zu pflegen, die dort gerne einmal den ein oder anderen Tag verbringen wollen. Sie wollte gemeinsam mit der Organisation Each One Teach One Schwarzen Kindern sechs exklusive Stunden ermöglichen, um sich im Wasser zu vergnügen. Eigentlich ist dies nicht ungewöhnlich, denn in Schwimmbädern gibt es immer wieder Sperrungen für das allgemeine Publikum, wenn Vereine, Schwimmgruppen oder Schulen die Bahnen oder auch das ganze Bad für sich reservieren. Doch dann ging alles schief. Es gab heftige und beschämende Reaktionen im Netz darüber, dass bei dieser Veranstaltung weiße Menschen ausgeschlossen würden, unter anderem betrieben von dem rechten Portal Nius, einer örtlichen CDU-Politikerin und der AfD bis hin zu deren Bundesspitze. Das Projekt wurde wegen Sicherheitsbedenken wieder abgesagt. Im Tagesspiegel äußerte sich am 26. August 2026 die Buchautorin und Podcasterin Alice Hasters im Gespräch mit Julia Weiss zu dem Vorgang: „Für Schwarze Menschen ist es brutal, wenn über sie debattiert wird“. „Wenn Schwarze Kinder einen Raum bekommen sollen, in dem sie unter sich und unbeobachtet sein können, ist ein Bad, das Teil eines Theaters ist, nicht der richtige Ort. Man kann Schwarze Kinder nicht in einen Safer Space schicken, der zugleich eine Bühne ist.“ Mit der Gegenkampagne hätte man rechnen müssen. Im Gespräch verwies Alice Hasters darauf, dass Schwarze Menschen ohnehin in Schwimmbädern sich immer wieder Kommentare anhören müssten, die sich auf ihren Körper bezögen, sie würden häufiger kontrolliert und ihnen würde oft genug unterstellt, sie benähmen sich unangemessen. EOTO und Volksbühne hätten die Veranstaltung ohne ein wirksames Sicherheitskonzept geplant. Die Debatte fixierte sich vorwiegend auf die Volksbühne. „Die wenigsten gingen von den Schwarzen Kindern oder Eoto aus – und davon, was es für Schwarze Menschen bedeutet, wenn Debatten auf ihrem Rücken ausgetragen werden. So sehr, dass es für sie zum Sicherheitsrisiko wurde, überhaupt ins Volksbad zu gehen. Es ist für Schwarze Menschen eine brutale Erfahrung, wenn über sie debattiert wird.“ Rechte Politiker:innen lernten wieder einmal, dass ihre Kampagnen wirken. Aber auch diejenigen, die sich dagegenstellten, hätten die Debatte forciert. Alice Hasters befürchtet, dass „Institutionen daraus lernen: Wenn sie das Antidiskriminierungsgesetz anwenden und Maßnahmen für Schwarzes Empowerment umsetzen, gibt es nur Ärger – das sei zu anstrengend.“ Daran änderten die durch die Ereignisse generierten großen Spenden für EOTO nichts. Der Skandal liege auch darin, dass Rassismus in einer scheinbaren Nebensache thematisiert werde, nicht jedoch als grundsätzliches Problem in der Gesellschaft.
- Basketballer:innen: Dürfen Trans-Frauen im Frauensport mitmachen? Es gibt zwar keine einzige Trans-Basketballerin in der US-amerikanischen Profiliga WNBA, der Women’s National Basketball Association, aber offenbar ein Thema, mit dem sich die Basketballerinnen auseinandersetzen müssen. Nico Horn berichtete am 26. August 2026 in ZEIT-Online: „Ein Kulturkampf auf Kosten der Basketballerinnen“. Die MAGA-Bewegung und nicht zuletzt der Präsident lassen keine Gelegenheit aus, die Möglichkeit der Teilnahme einer Transfrau am Frauensport zu skandalisieren. Die US-Basketballerinnen selbst haben eigentlich die Nase voll von diesen Angriffen, auch davon, dass eine US-Basketballerin wie Sophie Cunningham, die sich für den Schutz von Mädchen ausspricht, von MAGA-Seite gegen ihren Willen vereinnahmt wird. Ein Hintergrund der Anfeindungen: „die WNBA gilt als besonders progressive Liga, noch progressiver als die NBA. Viele Spielerinnen sind Schwarz, viele zählen sich zur LGBTQ-Community, viele äußern sich politisch, weshalb die Liga zum einen ein beliebtes Ziel der Maga-Bewegung ist.“ Das IOC hat inzwischen einen verpflichtenden Gen-Test für alle Frauen beschlossen, auch mehrere Verbände einzelner Sportarten, nicht jedoch die WNBA. „‚Die Berichterstattung über die WNBA dreht sich um alles Mögliche – nur nicht um Basketball‘, sagt dann sogar Sophie Cunningham. ‚Da fragt man sich doch: Was machen wir hier eigentlich?‘“
- Bildung für nachhaltige Entwicklung: Die UNESCO hat am 17. September 2026 drei Leitfäden zur Stärkung von Bildung für nachhaltige Entwicklung in Bildungseinrichtungen vorgestellt. Sie wurden im UNESCO-Projekt „Transforming Futures: Enhancing practice for ESD for 2030 through action research” Beteiligt waren 35 Schulen in zehn Ländern (Brasilien, Costa Rica, Elfenbeinküste, Kuba, Deutschland, Japan, Kenya, Malaysia, Rumänien and Slovenien). Grundlage ist der Whole Institution Approach. Die gesamte Bildungseinrichtung (Schule, Einrichtungen der nichtformalen Bildung) entwickelt sich im Sinne der nachhaltigen Entwicklung beziehungsweise der Umsetzung der SDG-Ziele der Agenda 2030. (Quelle: Newsletter des BNE-Portals vom 1. September 2026)
- Militärdiktatur Iran? Auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung analysiert Diba Mirzaei, Mitarbeiterin im Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg, die Machtverhältnisse im Iran: „Der Sicherheitsapparat rückt ins Zentrum“ (Newsletter der Bundeszentrale für politische Bildung vom 2. September 2026). Modschtaba Khamenei, der Nachfolger des am ersten Tag der amerikanisch-israelischen Luftangriffe getöteten Revolutionsführers Ali Khamenei, ist als Person bisher nicht in Erscheinung getreten. Umso häufiger zeigen sich führende Mitglieder der Revolutionsgarden, oft in Uniform. Diba Mirzaei kommt zu dem Schluss, dass die religiösen Autoritäten in Zukunft zunehmend als „Symbolfiguren“ fungieren dürften. Sie referiert die Herkunft und den Aufstieg der Revolutionsgarden seit dem Krieg zwischen Iran und Irak. Seit 1989 sind die Revolutionsgarden auch eine wirtschaftliche Macht im Iran, eine Position, die sie ständig ausgebaut haben. Über dasselbe Thema schreibt der Iranist Nima Mina in der Septemberausgabe 2026 der Blätter für deutsche und internationale Politik: „Iran und der Krieg: Die hartnäckige Herrschaft der alten Garde“. Nima Mina stellt fest, dass die „Uneinigkeit innerhalb der iranischen Führung“ ebenso zu der unklaren Lage beiträgt wie die Unberechenbarkeit von Donald Trump. Der Iran habe es geschafft zu überleben, mit der Straße von Hormus „ein neues Machtmittel“ entdeckt, aber für eine wirtschaftliche Entwicklung fehle die Perspektive. In der Bevölkerung gebe es eine „Trennung von nationaler Bindung und politischer Loyalität“. Mit Hinrichtungen und Verhaftungen wird die Bevölkerung eingeschüchtert. Man könnte es auch so formulieren: Trump und Netanjahu haben für die Bevölkerung im Iran nichts erreicht, sofern sie dies überhaupt jemals in Erwägung gezogen haben. Stattdessen haben sie dem Iran eine Militärdiktatur aus Revolutionsgarden, Basidsch-Milizen und Nachrichtendiensten beschert, die die religiösen Vorschriften der Mullahs nur als ideologische Grundlage ihres Machtanspruchs nutzen. Diba Mirzaei formuliert etwas vorsichtiger: „Ausschlaggebend wird vielmehr sein, ob religiöse Legitimation weiterhin politische Macht begründet oder ob sie zunehmend zur symbolischen Fassade eines Herrschaftssystems wird, dessen Entscheidungen von einem sicherheitspolitischen Machtzirkel getroffen werden.“ Für die Bevölkerung ändert sich jedoch nichts. Zur Lage im Iran siehe im Demokratischen Salon zuletzt das Gespräch mit Bahram Moradi über sein Buch „Das Gewicht der anderen“ (Juni 2026).
- Kakerlaken-Bewegung in Indien: Die Kakerlaken-Bewegung in Indien, die Cockroach Janta Party, war bereits Thema im Newsletter September – Oktober 2026 des Demokratischen In der Septemberausgabe 2026 der Blätter für deutsche und internationale Politik veröffentlichte Britta Petersen, Leiterin des Indien-Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung, ihren Beitrag „‚Kakerlaken‘-Proteste: Indiens zerbrochener Gesellschaftsvertrag“. Sie verweist darauf, dass es in Indien einen „beispiellosen Mangel an Arbeitsplätzen für Akademiker:innen“ gibt, Familien jedoch alle zur Verfügung stehenden Finanzen einsetzen, um ihren Kindern beziehungsweise einem Kind die Möglichkeit zu geben zu studieren und eine Stelle, vorzugsweise im Staatsdienst, zu erhalten. Auf die Prüfungen bereiten sich die Studierenden mit teuren Tutorien vor. Wird das Examen wegen Unregelmäßigkeiten abgesagt, können sich viele den zweiten Versuch nicht mehr leisten. Im letzten Jahr nahmen sich deshalb über 40 Studierende das Leben. Es gibt Zusammenhänge mit Protesten von Arbeiter:innen. Im April 2026 hatte es massive Proteste von Fabrik- und Leiharbeiter:innen in Noida im Bundesstaat Uttar Pradesh gegeben. Die dortige Regierung ordnete zwar eine Erhöhung der Mindestlöhne um 20 Prozent an: „Doch anders als die Studierenden aus der Mittelklasse sitzen viele der protestierenden Arbeiter:innen noch heute im Gefängnis.“ Es sieht nicht so aus, dass die protestierenden jungen Menschen ähnlich wie 2025 in Nepal die „sogenannten Gen-Z-Proteste“ den Sturz der Regierung Modi erreichen, aber die Lage wird unübersichtlich. Britta Petersen zitiert Najeeb Jung, den Vorsitzenden des Advanced Study Institute of Asia: „Die Regierung hat bisher keinen Plan, wie sie damit umgehen soll. Die Hoffnung, dass überwältigender staatlicher Druck die Jugend abschrecken kann, wird vermutlich fehlschlagen.“
- Untergehendes New Orleans: New Orleans ist wohl die erste Küstenstadt, die im Meer versinken wird. In der Süddeutschen Zeitung berichtete am 4. September 2026 Benjamin von Brackel: „Diese Stadt ist verloren“. Wissenschaftler:innen raten inzwischen, die Bevölkerung systematisch umzusiedeln. Die Reportage zeigt Zerstörungen in der Stadt, beispielsweise nach dem Hurrikan Katrina im Jahr 2005 und dem Hurrican Ida im Jahr 2021. Mehrere Stadtteile liegen inzwischen unter dem Meeresspiegel. Das Entwässerungssystem der Stadt stößt an Grenzen. Der Boden sinkt wegen der Öl- und Gasbohrungen in der Region schneller ab als an anderen Orten. Es ist absehbar, dass die Stadt in diesem Jahrhundert komplett von Wasser umgeben sein wird. Nach dem Hurrikan Katrina hat die Stadt etwa ein Viertel der Bewohner:innen verloren. Während Menschen der Mittelklasse sich den Umzug in Regionen weiter nördlich leisten können, bleiben „Alte, Kranke, Mittellose“ zurück. Im Jahr 2023 wurde ein Projekt von drei Milliarden Dollar genehmigt, um durch gezielte Ablagerung von Sedimenten, die der Mississippi aufgrund seiner Eindeichung nicht mehr mit sich führte, den Anstieg des Wasserspiegels zu verlangsamen, doch ein Jahr später strich Jeff Landry, der neu gewählte Gouverneur von Louisiana, die Mittel wieder. Landry ist inzwischen der Sondergesandte Trumps für Grönland: „Landry reiste nach Nuuk, in die Hauptstadt der Arktisinsel, und versuchte Maga-Kappen unter die Leute zu bringen, um Werbung für sein Land zu machen, wie die Zeitschrift New Yorker berichtete (Link im Beitrag, NR). Kindern bot er an, nach Louisiana zu kommen, wo sie so viel Schokoladenkekse bekommen könnten, wie sie wollten.“ Jesse Keenan, der sich als Professor mit dem Klimawandel beschäftigt, verließ 2021 New Orleans. Er kam nach Philadelphia und stellte fest, dass der Hurrikan Ida auch dort seine Spur der Zerstörung hinterlassen hatte. Auf tief gelegenen Straßen fuhren statt Autos Kajaks. „Für Keenan ist das eine wichtige Lektion: Ja, es gibt Orte, an denen das Risiko geringer ist. Aber vor dem Klimawandel kann man sich nirgends verstecken.“
Der Newsletter des Demokratischen Salons erscheint in der Regel etwa alle sechs bis acht Wochen. Neue Beiträge werden wie bisher laufend veröffentlicht.
Mit den besten Grüßen verbleibe ich
Ihr Norbert Reichel
P.S.: Sollte jemand an weiteren Sendungen meines Newsletters nicht interessiert sein, bitte Nachricht an info@demokratischer-salon.de. Willkommen sind unter dieser Adresse natürlich auch wertschätzende und / oder kritische Kommentare und / oder sonstige Anregungen.
(Internetzugriffe in diesem Newsletter zuletzt am 4. Oktober 2026.)
