Liebe Freund:innen des Demokratischen Salons,
dieser Newsletter informiert Sie über die zwischen Anfang Juli und Mitte August 2026 veröffentlichten Texte. Wie üblich finden Sie weitere Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen sowie auf einer eigenen Seite, nach Orten sortiert, Vorschläge für den Besuch von Veranstaltungen und Ausstellungen.

Leipzig, Figurengruppe Faust und Mephisto. Foto: Dguendel. Creative Commons Attribution 4.0 International license. Wikimedia Commons.
Vielleicht bieten die beiden Teile von Goethes „Faust“ nach wie vor eine der besten Analysen wissenschaftlicher wie politischer Hybris und Dialektik. „Verweile doch, du bist so schön ….“ – mit diesem Satz hätte Faust eigentlich seinen Untergang besiegelt, aber er wird gerettet: „Wer immer strebend sich bemüht, ….“. In der Sommerausgabe 2026 von Lettre International bietet Philipp Humm, Autor von „The Last Faust“, einen Essay voller Einsichten und Perspektiven: „Letzter Faustischer Pakt“: „Unsere Zivilisation (…) kennt nur ein Gebot: weiter. Weiter optimieren, weiter delegieren, weiter beschleunigen. Was Faust fürchtete – den Augenblick – ist zum Motor unserer Ordnung geworden. / Doch in dem Moment, in dem Prozesse nicht mehr unterbrochen werden dürfen, in dem Entscheidungen nicht mehr revidiert werden können und dem niemand mehr vergeben kann, verwandelt sich Fortschritt in Schicksal. / Die größte Gefahr der künstlichen Intelligenz ist nicht, daß Maschinen uns vernichten. Sie ist, daß wir im letzten faustischen Pakt verlernen, innezuhalten.“ Es ließe sich spekulieren, dass wir in einer ewigen Möbiusschleife landen könnten, wenn wir nicht „innehalten“, aber Goethes Faust bietet auch eine weitere beruhigende Botschaft: „Es irrt der Mensch, solang er strebt, ….“. Und vielleicht haben wir Menschen doch ein Gespür dafür, Irrtümer zu erkennen und innehaltend neue Stärke zu gewinnen.
Als Editorial empfehle ich mein Gespräch mit Volker Wissing: „Der Wahrheit verpflichtet“ über sein Buch „Verantwortung“, seine Erfahrungen als Strafrichter, sein Selbstverständnis als Christ, über Menschenwürde, Empathie und Nächstenliebe, die Bedeutung Europas und kritische Auseinandersetzungen um die Zukunft des Liberalismus. (Rubriken: Liberale Demokratie, Europa)
Themen der weiteren neuen Texte sind die Ausstellung „Mishpocha – The Art of Collaboration“ im Jüdischen Museum Frankfurt am Main (Franziska Krah), die Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. (Hans-Gerd Angel), (nicht nur) islamische Religionspädagogik (Harry Harun Behr), das Wissen der Deutschen über den Holocaust (Christian Schmittwilken), die Arbeit des Vereins ZWEITZEUGEN e.V. (Ruth-Anne Damm), die aktuellen Konstellationen im polnischen Parteiensystem (Ines Skibinski), ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg (Mykola Riabchuk), der lange Schatten Wolhyniens (Liana Blikharska und Ela Kwiecińska), Musik in und für Science Fiction (Fritz Heidorn), das Archiv für alternatives Schrifttum (Jürgen Bacia und Miriam Bajorat), rechtextremistischer Geschichtsrevisionismus auf TikTok (Charlotte Heim und Ida-Maria Tolle), neue Prioritäten in der Kriminalpolitik (Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger), was von der Mitte übrigbleibt (Norbert Reichel).
Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen finden Sie zu folgenden Themen: 65 Jahre Berliner Mauer (Bundeszentrale für politische Bildung), 250 Jahre US-Verfassung (Dieter Grimm), Checks and Balances (Winfried Thaa), Völkerrecht (Heike Krieger), Kunstfreiheit und Kunstförderung (Nils Weinberg und David Villaume), Erfolg gegen die AfD (Verein Wildtulpe), Autorinnen im Exil (Helen Wolff Grants), Migrantische Erfolgsgeschichte (Luisa Jacobs), Stimmen nach dem 7. Oktober (Kolot), Aufarbeitung des an Sinti und Roma begangenen Unrechts (Stiftung EVZ), Frauen in der extremen Rechten (Cynthia Möller), Generation Z in Indien (Fiona Weber-Steinhaus und Bilal Kuchay), Faschismus in Indien (Arundhati Roy, Amadeus Marzai), Künstler:innen im Iran (Stefan Frank), Hinrichtungen im Iran (Mahtab Qulizadeh), Mädchen und Frauen in Afghanistan (Nilofar Ayoubi, Neda Noran und Atousa Azar), Palästinensischer Widerstand gegen die Hamas (Mohammed Altlooli), Sudan (Aus Politik und Zeitgeschichte), Migration der Milliardäre (Xifan Yang und Kristin Surak), Staatspiraterie und Meerengen (Nicholas Mulder), Fiktion und Realität in der Science Fiction, (Marietta Auer), Science Fiction rückwärts (Hannes Stein), hebräischer Verlag „Altneuland“ (Ayala Goldmann).
Inhalte der weiteren neu veröffentlichten Texte:
- Franziska Krah stellt in „Viele Stimmen – Verschwimmende Grenzen – die Familie“ die von ihr kuratierte interaktive Ausstellung „Mishpocha – The Art of Collaboration“ vor, die zugleich als Hommage an die erweiterte Familie in Musik und Subkultur sowie als künstlerische Spurensuche zum kulturellen Erbe in Exil und Diaspora konzipiert wurde. (Rubriken: Jüdischsein, Kultur)
- Hans-Gerd Angel stellt in „Magnifica humanitas“ die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. Sie steht in der Tradition zahlreicher Sozialenzykliken und darf als politisches Programm des Papstes gelesen werden. Sie behandelt die ganze „Bandbreite menschlicher Fähigkeiten“ in einer von Kriegen, Künstlicher Intelligenz und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit geprägten Zeit. (Rubrik: Liberale Demokratie)
- Harry Harun Behr stellt in „Bildungsziele Debattenkultur und Weltfähigkeit“ sein Konzept einer (nicht nur) islamischen Religionspädagogik vor. Der Koran formuliert das Recht auf Glück, das Recht auf Differenz, verbindet Religion, Philosophie und Demokratie. Die Entwicklung des einzelnen Menschen ist Bedingung gesellschaftlicher Entwicklung. (Rubriken: Liberale Demokratie, Islam)
- Christian Schmittwilken stellt in „Ein offenes Geheimnis“ die von ihm kuratierte Ausstellung der Stiftung Topographie des Terrors „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ Die Ausstellung zeigt Dokumente und Bilder aus dem Alltag, zu Hause, auf der Straße, in der Kirche, am Arbeitsplatz, auf Reisen sowie drei ausführliche Biographien. (Rubriken: Shoah, Opfer und Täter*innen)
- Ruth-Anne Damm, Geschäftsführerin des Vereins ZWEITZEUGEN e.V., reflektiert in „Es beginnt mit dem Feuer im Herzen“ die mit der Ausstellung HOLO-VOICES mögliche Erinnerungsarbeit mit Zeitzeug*innen unter Nutzung von Hologrammen und das in der Zusammenarbeit mit Schüler:innen wirkende psychologische und sozialpädagogische Feingefühl. (Rubriken: Shoah, Opfer und Täter*innen)
- Ines Skibinski analysiert in „Der Duopol bröckelt“ die Lage der polnischen Parteien vor den Wahlen 2027. Die bisherige Konfrontation zwischen der KO mit Donald Tusk und der PiS mit Jarosław Kaczyński scheint sich aufzulösen. Allerdings könnte die KO ihre Koalitionspartner verlieren und am rechten Rand von PiS haben mindestens zwei Formationen Erfolgsaussichten. (Rubrik: Osteuropa)
- Mykola Riabchuk reflektiert in „Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg“ den Streit um die Massaker in Wolhynien. Er beschreibt die historischen Hintergründe und entwickelt Optionen, wie der ukrainische Präsident sich zu den (offensichtlich innenpolitisch motivierten) Reaktionen des polnischen Staatspräsidenten verhalten könnte. (Rubrik: Osteuropa)
- Liana Blikharska und Ela Kwiecińska sprechen in „Der lange Schatten Wolhyniens“ aus der Sicht einer ukrainischen und einer polnischen Historikerin über den schwierigen Weg zur Versöhnung zwischen Polen und der Ukraine, die öffentlichen und politischen Deutungskämpfe um die Massenmorde in Wolhynien sowie die Chancen einer umfassenden Feldforschung. (Rubrik: Osteuropa)
- Fritz Heidorn bietet in „Musikalisches Weltall“ einen unterhaltsamen Überblick über Musik in der Science Fiction, Science-Fiction-Elemente und Texte in der Musik, Musik als Gegenstand verschiedener Romane sowie die Entwicklung elektronischer Musik. Die im Text besprochenen Musikstücke können jeweils über einen Link angehört werden. (Rubriken: Utopien / Science Fiction, Kultur)
- Jürgen Bacia und Miriam Bajorat stellen das Archiv für alternatives Schrifttum in Duisburg vor: „Werft eure Geschichte nicht weg!“ Das Archiv sammelt Zeitschriften und Broschüren, Audiodateien, Filme, Gegenstände aus den Protestbewegungen in Deutschland. Es bietet einen einzigartigen Fundus zur Erforschung dieses Teils der deutschen Geschichte. (Rubrik: Kultur, Treibhäuser)
- Ida Tolle und Charlotte Heim dokumentieren und analysieren in „Geschichtsrevisonismus via TikTok“, wie die extreme Rechte mit Memes und Videos in jugendliche Lebenswelten eindringt. Die Plattform bietet ideale Bedingungen für populistische Inhalte und die NS-Zeit verfälschende und verharmlosende Narrative. (Rubrik: Treibhäuser)
- Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger, Kriminologinnen aus Köln, plädieren mit ihrem Buch „True Criminology“ „Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik“. Thema sind Ursachen verzerrter Wahrnehmungen. Die reguläre Präsentation von Statistiken gibt ein falsches Bild der Kriminalität. Erforderlich sind vor allem Dunkelfeldstudien. (Rubrik: Treibhäuser)
- Norbert Reichel dokumentiert in „Was von der Mitte übrigbleibt“ ein düsteres Bild der Metaphern und des Framings der politischen Kämpfe im 21. Jahrhundert, in deren „Arenen“ (Steffen Mau und andere) und an deren „Spaltungslinien“ (Philip Manow) ein „Kampf zwischen Gut und Böse“ in eine Art autoritäre Anarchie zu münden scheint. (Rubriken: Treibhäuser, Weltweite Entwicklungen)
Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen:
- 65 Jahre Berliner Mauer: Die Bundeszentrale für politische Bildung hat Anfang August 2026 ein Dossier zum 65. Jahrestag des Baus der Berliner Mauer am 13. August 1961 vorgelegt. Das Dossier enthält Hintergründe zum Status Berlins, zur damaligen Massenflucht, zu Chruchtschows Berlin-Ultimatum, der Rolle der West-Alliierten, zum Tag des Mauerbaus selbst und zahlreiche weitere Zahlen und Fakten, unter anderem zu den Opfern an der deutsch-deutschen Grenze. Darüber hinaus gibt es eine Bildergalerie zur Chronik der Mauer.
- 250 Jahre US-Verfassung: Die Unabhängigkeitserklärung und Gründungsurkunde der USA vom Juli 1776 beginnt mit den legendären Worten: „We, the people …“. Sie war anlässlich des 250. Jahrestags Thema zahlreicher Berichte und Stellungnahmen. Die ZEIT gab dem ehemaligen Verfassungsrichter Dieter Grimm Gelegenheit zu einem Gastbeitrag: „We, The President“. Dieter Grimm ist nicht sehr zuversichtlich. Zu befürchten sei, „dass Trumps Zerstörungswerk so groß ist, dass der Wiederaufbau lange dauern werde.“ Vor der Unabhängigkeitserklärung gab es mehrere Versuche, gemeinsam mit der britischen Krone eine einvernehmliche Lösung zu finden. Erst als König Georg III. von einem „Aufruhr“ in den Kolonien sprach, kam es zu dem Beschluss vom 2. Juli 1776 zur Unabhängigkeit und am 4. Juli 1776 zur Verkündigung der maßgeblich von Thomas Jefferson entworfenen „Declaration of Independence“. Der Text versprach, es sei „self-evident“, dass alle Menschen gleich geschaffen seien, gleichwohl wurde dieser hohe Anspruch nicht durchgehalten, nicht zuletzt im Hinblick auf den Fortbestand der Sklaverei. Revolutionär war – so Dieter Grimm – der Wandel des Verfassungsbegriffs „vom empirischen zum normativen. Da alle Herrschaftsbefugnisse auf das Volk zurückgeführt wurden und nur zu den vom Volk in der Verfassung bestimmten Bedingungen ausgeübt werden durften, genoss die Verfassung Vorrang vor allen Herrschaftsakten einschließlich der Gesetze. Das ist der Maßstab für Konstitutionalismus bis heute.“ In anderen Worten: Die Verfassung dokumentiert nicht was ist, sondern gibt vor was sein soll. Doch gleichwohl ist die Verfassung der USA „in mancher Hinsicht veraltet“. Dazu gehört, dass der Präsident im Electoral College von einer Mehrheit der Wahlmänner gewählt werden kann, die nicht immer der Mehrheit der Stimmen im gesamten Land entspricht. Dies geschah in jüngster Zeit zwei Mal (George W. Bush vs. Al Gore und Donald Trump vs. Hillary Clinton). Die Exekutive hat eine überbordende Macht, wie sich angesichts der „Rechtsferne“ Trumps zeigt: „Die Gewaltenteilung ist weitgehend lahmgelegt, weil die Partei Trumps in beiden Häusern des Kongresses eine Mehrheit hat, die zudem ganz auf den Präsidenten eingeschworen ist, sodass der Kongress selbst Befugnisse, die eindeutig ihm zugewiesen sind, nicht wahrnimmt.“ Trump setzt das Recht als Waffe ein, insbesondere „indem Gegner mit grundlosen Strafverfahren oder riesigen Schadenersatzforderungen überzogen werden.“
- Checks and Balances: Ein zweites zentrales Dokument der Verfassungsdebatten in den USA sind die „Federalist Papers“, die in den Jahren 1785 bis 1787 entstanden. Diese sind kein systematischer Text, sondern eine Sammlung von 85 Artikeln beziehungsweise Essays, die später als Gesamtwerk herausgegeben wurden. Autoren sind Alexander Hamilton, James Madison und John Jay, eine deutsche Ausgabe gibt es in der Übersetzung von Barbara Zehnpfennig (Darmstadt 1993). In den Blättern für deutsche und internationale Politik veröffentlichte Winfried Thaa, Professor für Politische Theorie- und Ideengeschichte an der Universität Trier, den Beitrag „1776 oder die Vereinigten Staaten als Avantgarde“, Untertitel: „Von der Gründung zur Zerstörung politischer Selbstregierung“. Winfried Thaa beschreibt den Unterschied zwischen Frankreich und den USA unter Bezug auf die Analyse von Hannah Arendt „Über die Revolution“: „Die Französische Revolution habe den Volkswillen absolut gesetzt, quasi an Stelle des im Ancien Régime über dem Gesetz stehenden Monarchen. In der Amerikanischen Revolution dagegen habe sich die Auffassung durchgesetzt, die einmal beschlossene Verfassung genieße eine besondere Autorität und Dauerhaftigkeit und müsse für die weitere politische Willensbildung bindend bleiben. Während also im französischen Fall die Überzeugung geherrscht habe, der Wille der Nation müsse über dem Gesetz stehen, seien sich die Akteure in den nordamerikanischen Kolonien darin einig gewesen, jede Regierungsgewalt, auch die des Volkes, durch Gesetze zu beschränken.“ James Madison knüpft an die Fehlbarkeit des Menschen an: „Solange der menschliche Verstand fehlbar bleibt und der Mensch die Freiheit hat, ihn zu gebrauchen, solange wird es auch unterschiedliche Meinungen geben. Und solange sein Verstand mit seiner Eigenliebe verbunden ist, werden seine Meinungen und Leidenschaften sich wechselseitig beeinflussen.“ Aus dieser Einsicht leiten sich die „checks and balances“ ab, die die amerikanische Verfassungstheorie und -praxis auszeichnen, die jedoch durch die Annahme, es wäre möglich oder sogar wünschenswert, eine „imaginierte Kollektividentität durch eine starke Führerpersönlichkeit zu verkörpern“, konterkariert werden können. Dies „verwischt schließlich die Differenz zwischen Demokratie und Diktatur“. Die totalitäre Praxis eines Autokraten ist die eine Seite, eine andere ist die Versuchung, sich auch von linker Seite auf angebliche Interessen „des ‚wahren Volkes‘“ zu berufen. Winfried Thaa mahnt „die linke Seite des politischen Spektrums“, sie möge „sich dieses Zusammenhangs bewusst sein“. Die Demokratie ist bedroht, „wenn die politische Macht von einer – angeblich – für das Ganze stehenden Gruppe besetzt wird“.
- Völkerrecht: Die Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 25. Juli 2026 widmet sich in sieben Beiträgen dem Thema „Völkerrecht“. Die Grundlinie formuliert ein Essay der Berliner Völkerrechtlerin Heike Krieger: „Das Völkerrecht als Zeitkapsel – Warum das ‚Gerede‘ darüber wichtig bleibt“. Die Relativierungen des Völkerrechts in den Reaktionen des Bundeskanzlers, der EU-Kommissionspräsidentin und so mancher Medien auf das US-amerikanische Vorgehen in Venezuela und im Iran irritieren. Hat das Völkerrecht ausgedient? Heike Krieger kommentiert lapidar: „Das Verhältnis von Macht und Recht ist nicht nur im Völkerrecht ambivalent.“ Es ist wie in allen anderen Rechtsgebieten auch. Wenn jemand ein Recht missachtet, bedeutet dies nicht, dass dieses Recht nicht gelte: „Verletzen Großmächte und andere Staaten das Gewaltverbot, bedeutet das also noch lange nicht, dass dieses Verbot seine faktische Geltung verliert.“ „Wirksamkeit und Geltung“ dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Die Autorin nennt mehrere Beispiele: Die Krim bleibt nach wie vor „ein Teil der Ukraine, solange die Ukraine einer Gebietsübertragung nicht wirksam zustimmt.“ Auch die baltischen Staaten hatten ihre Staatlichkeit im Jahr 1940 nach der Annexion durch die Sowjetunion nicht verloren. Ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH, nicht zu verwechseln mit dem IStGH, dem Internationalen Strafgerichtshof) hat zuletzt „zu den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten ausdrücklich festgestellt“, dass „Drittstaaten“ „in bestimmter Weise auf Rechtsverletzungen zu reagieren“ Damit ist nicht gesagt, wie sie dies tun sollen, aber es gibt „die Pflicht, keine Unterstützung zur Aufrechterhaltung der rechtswidrigen Situation zu leisten.“ Die deutsche Bewerbung um einen der nicht ständigen Sitze im UN-Sicherheitsrat scheiterte womöglich vor allem daran, dass die deutsche Unterstützung der Ukraine im „Widerspruch zur fehlenden oder zögerlichen Verurteilung völkerrechtswidrigen Handelns Israels und der USA“ gesehen wurde, nicht zuletzt „im Hinblick auf den Gaza-Konflikt, die US-Intervention in Venezuela oder den Krieg gegen Iran.“ Daraus ergibt sich für Politik, Wissenschaft und Medien gleichermaßen das Dilemma, „die Bedeutung des Völkerrechts in einer widersprüchlichen Weise zu überzeichnen und gleichzeitig zu unterschätzen.“ Ähnlich argumentiert der in Helsinki lehrende Völkerrechtler Martti Koskenniemi. Er konstatiert, dass in vielen Debatten „Begriffe wie ‚Völkermord‘, ‚Aggression‘ und ‚Selbstverteidigung‘“ eine Eigendynamik entwickeln, „die nichts mit juristischen Kniffen und effektiver Durchsetzung zu tun haben.“
- Kunstfreiheit und Kunstförderung: Ein Dauerthema, nicht zuletzt in der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats Politik & Kultur: In der Ausgabe Juli / August 2026 kommentiert Nils Weinberg, assoziierter Wissenschaftler am Lehrstuhl für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, die rechtlichen Möglichkeiten: „Wie frei ist die öffentlich geförderte Kunst? Das prekäre Recht der Kunstfreiheit“. Unter anderem geht es um Vorschläge, die staatliche (oder kommunale) Kunstförderung von bestimmten inhaltlichen Vorgaben abhängig zu machen: „Die Regierung darf schon mangels gesetzlicher Grundlage eine Museumsdirektorin nicht anweisen, ein bestimmtes Kunstwerk zu entfernen. Solange das Zeigen des Kunstwerks keinen Straftatbestand verwirklicht, muss die Regierung dessen Ausstellung hinnehmen.“ Nils Weinberg verweist auf Gesetzesvorbehalte, die beispielsweise auch für zuletzt diskutierte sogenannte „Antisemitismusklauseln“ Im Übrigen werde Kunst, die eine solche Förderung erhält, dennoch „keine Staatskunst“. Ein weiterer kritischer Punkt ist die Frage, wer wen ein- oder ausladen darf und wer sich einer Einflussnahme enthalten sollte. Alles in allem bleibt – nicht zuletzt angesichts der Erfahrungen in manch anderen Ländern – das Fazit: „Nicht alles, was verfassungsrechtlich möglich ist, ist auch verfassungspolitisch klug.“ Wie es niemals werden darf, beschreibt Katarzyna Wielga-Skolimowska, an den Beispielen aus Belarus, der Slowakei, dem Ungarn Orbáns und Russlands. Gefährlich sei die unter Druck entstehende Neigung zur Selbstzensur, zu der der Verzicht auf Protest oder gezielte Ausladungen gehören. Sie empfiehlt die Studie des Niederländischen Raad voor Cultuur „Creating under Pressure“, der in seiner Analyse auch einen Weg nennt, wie die Kunst- und Kulturfreiheit bewahrt werden könnte: „Most people hold moderate views and are troubled by extreme voices. Most of society also values the democratic society. The main task, therefore, is to keep this group engaged with the democratic institutions of civil society. Art has a role to play in this.“ Kunst muss sich in der und für die Demokratie engagieren, auch mit Hilfe der kulturellen Bildung: „Arts education also has an emancipatory function.“ Çiğdem Uzunoğlu, Direktorin des Grimme-Instituts, plädiert durchaus in diesem Sinne dafür, „Räume für Konflikte (zu) bewahren.“ In einem weiteren Beitrag fragt David Villaume, Geschäftsführer des Deutschen Musemsbundes: „Was hier ist eigentlich skandalös?“. Das Dilemma: „In einem Land, in dem Kultur in hohem Maße öffentlich finanziert wird, ist es legitim, dass der Staat Rahmenbedingungen definiert, innerhalb derer sich Kunstfreiheit entfalten kann. Die entscheidende Frage lautet dann jedoch, wie sichergestellt wird, dass diese Rahmenbedingungen eingehalten werden – ohne dabei die Freiheit selbst auszuhöhlen.“
- Erfolg für die Demokratie in Mösthinsdorf (Sachsen-Anhalt): In der Bundestagswahl erhielt in dem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt die AfD fast jede zweite Stimme. Doch anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, beschlossen die Menschen vom Heimatverein Wildtulpe: Wir müssen etwas tun. Ihre Idee ist bestechend einfach: Sie bringen Menschen zusammen, um zu reden. Sie organisieren Dorfpicknicks und Ideenbrunches. Alle bringen etwas mit, der Verein kocht Kaffee, stellt frische Brötchen auf den Tisch – und dann wird diskutiert. Darüber, was die Menschen wütend macht, was ihnen fehlt und was im Dorf anders laufen muss. Und Schritt für Schritt verändert sich etwas. Es wird gestritten und nach Lösungen gesucht. Aus einem „Alles ist schlecht“ wird die Frage: „Was können wir gemeinsam besser machen?“ In ganz Sachsen-Anhalt hängen AfD-Plakate mit Botschaften, die ausgrenzen und spalten, in Mösthinsdorf selbst hängt kein einziges AfD-Plakat. Vielleicht ist das ein Zufall. Oder vielleicht liegt es daran, dass die Menschen hier noch miteinander reden. Die Amadeu Antonio Stiftung unterstützt den Heimatverein Wildtulpe. Denn die Verteidigung der Demokratie beginnt nicht immer im Bundestag oder in einer großen Talkshow. Manchmal beginnt sie an einem Tisch in einem 300-Einwohner-Dorf – mit Kaffee, frischen Brötchen und der Entscheidung, einander zuzuhören. Mit einer regelmäßigen Spende können Sie dafür sorgen, dass die Stiftung Initiativen wie diese auch in Zukunft noch unterstützen kann. (Pressemitteilung der Amadeu Antonio Stiftung vom 12. August 2026)
- Helen Wolff Grants für politisch verfolgte Autorinnen: Die Helen Wolff Grants wurden von Nachkommen von Helen und Kurt Wolff ins Leben gerufen. Sie wurden im Jahr 2026 zum vierten Mal vergeben. Gefördert werden 13 Autorinnen und Journalistinnen mit insgesamt 7.800 Euro an Autorinnen und Journalistinnen aus Afghanistan, Belarus und Gaza. Die Stipendien sollen es politisch verfolgten oder von politischer Verfolgung gefährdeten Autorinnen ermöglichen, trotz schwierigster Umstände weiterzuschreiben. Drei der Grants gehen an afghanische Autorinnen, die im Exil leben, zwei an afghanische Journalistinnen. Außerdem werden fünf Autorinnen aus Gaza und drei aus Belarus ausgezeichnet. Die Ausgezeichneten arbeiten zu einem weiten Themenspektrum und sind teilweise neben dem Schreiben in verschiedensten Bereichen tätig. Aus Sicherheitsgründen werden ihre Namen hier nicht genannt. Die Nachkommen der Familie von Helen und Kurt Wolff vergeben die Grants in Zusammenarbeit mit Weiter Schreiben (hierzu siehe im Demokratischen Salon den Beitrag „Weltliteratur im Exil“ vom Januar 2024). Die Namensgeberin des Stipendiums, Helen Wolff, war selbst Autorin. Sie wurde 1933 als junge Frau ins Exil gezwungen. Zusammen mit ihrem Mann Kurt Wolff, der in den 1910er und 1920er Jahren ein bekannter Verleger war, baute sie in den 1940er Jahren in New York den Verlag Pantheon Books auf und wurde zu einer wichtigen transatlantischen Literaturvermittlerin. Erst 2020 wurde ihr Roman „Hintergrund für Liebe“ wieder entdeckt und im Weidle Verlag veröffentlicht. Das Auswahlverfahren der Grants findet in einer internationalen Jury statt. Initiativbewerbungen sind nicht möglich. (Quelle: Pressemitteilung von Weiter Schreiben vom 10. Juli 2026)
- Migrantische Erfolgsgeschichte: In ZEIT-online wurde am 18. Juli 2026 ein Protokoll von Luisa Jacobs veröffentlicht, das die Erfolgsgeschichte einer kleinen Familie aus Eritrea aus der Sicht der Frau dokumentiert, die als Physiotherapeutin in Hamburg arbeitet und seit 2022 keine Sozialleistungen mehr braucht. Sie wurde in Eritrea mit 70 anderen Menschen sechs Monate inhaftiert, weil sie in einer evangelikalen Kirche gebetet hatten. Ihr Mann flüchtete über das Mittelmeer und kam zuerst nach Hamburg. Ehefrau und Kind durften etwa eineinhalb Jahre später nachkommen. Sie beschreibt Deutschland als ein Land, in dem die Menschen ihre Arbeit lieben, aber leider in der Öffentlichkeit sehr schweigsam sind und kaum Kontakt aufnehmen, beispielsweise in der Straßenbahn. „Rassismus haben wir noch nicht oft erlebt. Einmal wollte sich eine Patientin nicht von mir behandeln lassen, weil ich schwarz bin. Meine Chefin stand hinter mir. Am nächsten Tag hat sich die Kundin entschuldigt.“ Natürlich fehlt ihr die Familie in Eritrea, aber sie ist sehr dankbar für den kostenfreien Sprachkurs – sie hat das Niveau B 2 erreicht – und die ebenso kostenfreie Schule, die ihr Kind besucht. Der Ehemann arbeitet in Vollzeit als Anlagenmechaniker. Am Sonntag gehen alle in die Kirche und treffen dort Menschen aus 51 Nationen: „Es bereichert meinen Alltag, dass ich mich nun nicht mehr fürchten muss zu beten.“ Der Traum: Ein Haus im Hamburger Umland kaufen, das durchaus auch „etwas heruntergekommen sein“ darf, aber ihr Mann sei „handwerklich begabt“.
- Stimmen nach dem 7. Oktober 2023: Das von Marina Chernivsky 2024 gegründete Projekt KOLOT (Kolot ist das hebräische Wort für Stimmen) reflektiert in narrativen Interviews die Folgen der Massaker des 7. Oktober 2023 für die jüdische Gemeinschaft in Europa und beleuchtet die Gleichzeitigkeit und Nachwirkungen von Gewalt in jüdischen Biografien. Darunter sind beispielsweise Interviews mit Mirna Funk, Igor Levit, Sharon Ryba-Kahn, Hannah Esther Veiler, Erica Zingher, Ruthe Zuntz. Alle Videos sind auf der KOLOT-Website und auf YouTube Die Veröffentlichung von weiteren Videos wird vorbereitet.
- Aufarbeitung des an Sinti und Roma begangenen Unrechts: Die Bundesregierung hat am 6. Juli 2026 beschlossen, eine Arbeitsgruppe zur Aufarbeitung des an Sinti und Roma in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR begangenen Unrechts nach 1945 einzusetzen. Die Geschäftsstelle der Kommission liegt bei der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Sie wird von Petra Čagalj Sejdi Eine erste Sitzung findet im Herbst 2026 statt. Die Stiftung EVZ informierte mit einer Pressemitteilung vom 7. Juli 2026 über die Einrichtung der Kommission und die Ziele: Die neue Kommission soll dazu beitragen, das nach 1945 an Sinti und Roma begangene Unrecht umfassend aufzuarbeiten, bislang ungehörte Perspektiven einzubeziehen und den Erfahrungen der Betroffenen und ihrer Nachkommen einen festen Platz in der deutschen Erinnerungskultur zu geben. Ziel ist es, die Folgen dieses Unrechts anzuerkennen und Impulse für eine nachhaltige gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit Antiziganismus und seinen Kontinuitäten zu geben. Mit der Einsetzung der Kommission reiht sich Deutschland in eine europäische Entwicklung staatlicher Aufarbeitungsprozesse ein. Zugleich trägt Deutschland eine besondere historische Verantwortung. Die Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Sinti und Roma und die Aufarbeitung des nach 1945 begangenen Unrechts sind untrennbar miteinander verbunden. Die Arbeiten orientierten sich unter anderem an dem 2021 veröffentlichten Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus. Hintergrundinformationen bieten auch die im Demokratischen Salon veröffentlichten Gespräche mit Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, vom Dezember 2019 und mit Mehmet Daimagüler, dem damaligen Antiziganismusbeauftragten der Bundesregierung, vom August 2024.
- Frauen in der extremen Rechten: Für die Bundeszentrale für politische Bildung hat Cynthia Möller ein Dossier zum Engagement von Frauen in der extremen Rechten In Öffentlichkeit und Medien erscheinen – mit wenigen Ausnahmen – vor allem Männer, doch spielen Frauen in den jeweiligen Parteien und Gruppierungen eine wichtige Rolle. Das Titelbild zeigt eine junge Frau, auf deren T-Shirt eine halbierte „Schwarze Sonne“ (ein Symbol der SS) zu sehen ist, umrahmt von der Inschrift „Auch ohne Sonne braun“. Cynthia Möller nennt verschiedene Organisationen, in denen sich Frauen in der extremen Rechten engagieren. Sie nennt die spektakulären Vorbilder von Leni Riefenstahl bis Beate Zschäpe ebenso wie Internetpräsenzen zum Themenkreis, von den „Tradwives“ zu den „Ostmullen“. Sie verfolgen eine Strategie, in der politische Mobilisierung durch scheinbar unpolitische Themen betrieben wird: „Die Mobilisierung durch extrem rechte Frauen erfolgt vor allem über Themen mit hoher gesellschaftlicher Sensibilität. Dazu zählen insbesondere der Schutz von Frauen und Kindern, Fragen von Migration sowie Debatten um Geschlecht und Sexualität. Die Mobilisierung erfolgt weniger über offene Ideologie als über emotional aufgeladene Narrative. Angst, Empörung und moralische Entrüstung spielen dabei eine zentrale Rolle. Feministische Anliegen wie Gleichberechtigung oder Schutz vor Gewalt werden aufgegriffen, jedoch in exkludierende, biologistische und nationalistische Argumentationen überführt. Zugleich zeichnen sich diese Strategien durch eine hohe Anschlussfähigkeit an Alltagsdiskurse aus.“
- Generation Z in Indien: In Deutschland wird die sogenannte Generation Z gerne beschimpft, sie wäre uninteressiert, unengagiert, faul. Das ist natürlich Unsinn. Wie engagiert die Generation Z jedoch in manchen Ländern dazu beiträgt, Ungerechtigkeiten zu benennen und mitunter sogar erfolgreich zu bekämpfen, haben wir in Serbien, in Nepal und anderswo erlebt und erleben es jetzt auch in Indien. Dort schaffte es die Kakerlaken-Bewegung, dass der indische Premierminister Narendra Modi seinen Bildungsminister absetzte. Fiona Weber-Steinhaus und Bilal Kuchay haben in der ZEIT die Hintergründe beschrieben: „Das Kakerlaken-Problem der indischen Regierung“. Anlass waren Betrügereien bei Prüfungen zur Zulassung für ein Medizinstudium. Wer das Geld hatte, konnte sich die Lösungen vorher besorgen. Als das herauskam, setzte der Bildungsminister eine Wiederholung der Prüfungen mit schwereren Aufgaben an. Dagegen wehrten sich die jungen Leute. Den Namen gab der Bewegung Abhijeet Dipke, ein 30jähriger junger Mann, inspiriert durch eine Äußerung des Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs, der junge Leute als „Kakerlaken“ bezeichnet hatte. Sie wären einfach faul, Ungeziefer. In Indien sind etwa 40 Prozent der jungen Menschen bis zum Alter von etwa 15 Jahren arbeitslos. Die Familien investieren erhebliche finanzielle Mittel in die Vorbereitung ihrer Kinder für Prüfungen. Abhijeet Dipke hatte es geschafft, er durfte sogar in Boston (USA) studieren. „Als Anführer der Kakerlaken erreichten ihn viele Nachrichten von jungen Leuten: wie korrupt das Bildungssystem sei, wie wenig sie sich von der Politik repräsentiert fühlten. Und er fühlte sich verantwortlich, sich zu kümmern, vielleicht auch weil er selbst weiß, dass ein sozialer Aufstieg nicht selbstverständlich ist.“ Fiona Weber-Steinhaus und Bilal Kuchay dokumentieren die große Solidarität, die die Bewegung erhielt, vom Oppositionsführer Rahul Gandhi, von der Schriftstellerin Arundhati Roy, von Bollywood-Schauspielerinnen. Die Proteste wurden zu grundsätzlichen Protesten gegen die Regierung Modi. Ein Ziel wurde erreicht, ob es weitere Ziele geben wird, weitere Aktionen, bleibt offen.
- Faschismus in Indien? Indien ist nach wie vor eine Demokratie, aber die Regierung von Narendra Modi tut alles, um diese Demokratie einzuschränken, nicht zuletzt in ihrem ethononationalistischen Vorgehen gegen alle, die keine Hindus sind. Ethnonationalistische und faschistische Tendenzen zeichneten sich auch schon vor dem Amtsantritt der Hindu-nationalistischen Partei Narendra Modis ab. Arundhati Roy hat in den vergangenen 20 Jahren mehrfach darüber geschrieben. Einige ihrer Beiträge sind in deutscher Sprache nachlesbar. Welche Auswüchse die muslimfeindliche Politik der herrschenden hindustisch-nationalistischen Partei von Narendra Modi hat, fasst sie in dem Satz zusammen: „Wir sind zu Nazis geworden“ (Dies ist auch der Titel der von den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ in ihrer Novemberausgabe 2023 veröffentlichten Dankesrede zur Verleihung des europäischen Essay-Preises 2023 durch die Charles-Veillon-Stiftung am 12. September 2023, Untertitel: „Indiens Weg in den Faschismus“, Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Greven). Ihre Diagnose: „Die Banalität des Bösen, die Normalisierung des Bösen zeigt sich jetzt in unseren Straßen, in unseren Klassenzimmern, an sehr vielen öffentlichen Orten. Die Mainstream-Medien, die hunderte von 24-Stunden-Nachrichtensendern, werden für die Sache der faschistischen Tyrannei der Mehrheit eingespannt. Die indische Verfassung ist faktisch außer Kraft gesetzt worden.“ Indien kann aus ihrer Sicht „keinesfalls mehr als eine Demokratie bezeichnet werden.“ Vor 15 Jahren äußerte sich Arundhati Roy zu diesem Thema in der Herbstausgabe 1998 von „Lettre International“ mit ihrem Essay „Das Ende der Phantasie“ (englisch: „The End of Imagination“, Übersetzung von Martin Pfeiffer, Untertitel: „Die indische Bombe und die Gefahr des Faschismus“.) In der Dezemberausgabe 2023 der „Blätter“ schrieb Amadeus Marzai unter dem Titel „Modis Vision, Indiens Verhängnis“ zu diesem Thema: „Ein zentrales Motiv der Hindutva-Geschichtsschreibung ist also die Beschwörung einheimischer Tugendhaftigkeit und auswärtiger Aggression, wobei die Jahrhunderte vor dem Kolonialzeitalter fast ausschließlich als fortwährender Konflikt zwischen Hinduismus und Islam gelesen werden.“ Betroffen sind nicht nur Muslim:innen, auch Christ:innen, Amadeus Marzai schreibt, das Land „ist drauf und dran, sich in eine faschistoide Tyrannei der Mehrheit zu entwickeln.“ Zur Erinnerung: Der Hindu Mahatma Ghandhi wurde von einem Hindu-Nationalisten ermordet.
- Künstler:innen im Iran: Auf der Plattform mena-watch berichtete Stefan Frank über das brutale Vorgehen der Behörden und Gerichte der Islamischen Republik Iran gegen Künstler:innen: „74 Peitschenhiebe für das Zeigen von Haar“. Zu dieser „Strafe“ wurden im Juni 2026 Anita Popist, eine Teheraner Underground-Künstlerin, und Parastoo Ahmadi. Sie waren ohne Kopftuch aufgetreten. Das Karvansara-Konzert von Parastoo Amadi aus dem Jahr 2024 ist in voller Länge auf youtube zu hören, ebenso der Song „Barbashtam“ von Anita Popist. Parastoo wurde außerdem zu einem zweijährigen Ausreiseverbot und dem Verbot ihrer künstlerischen Tätigkeit verurteilt. Verurteilt werden auch Männer: Im März 2026 erhielt Mehdi Yarrahi Peitschenhiebe. Eines seiner Lieder trägt den Titel „Nimm dein Kopftuch ab“. Der Beitrag von Stefan Frank enthält Informationen über zahlreiche weitere Künstler:innen, die inhaftiert, ausgepeitscht und mit Berufsverbot belegt wurden, darunter Shervin Hajipour, der die inoffizielle Hymne von „Frau Leben Freiheit“ geschaffen hatte: „Baraye“. Einige wenige Künstler:innen hatten ins Ausland fliehen können, an den meisten wurden die jeweiligen Haft- und Körperstrafen vollzogen. Shervin Hajipour erhielt die zusätzliche Auflage, Musik über „Amerikas Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu machen. Stefan Frank resümiert: „Frauen, die singen, und das womöglich ohne Kopftuch, sind für das Ayatollah-Regime eine mehrfache Bedrohung. Es ist aufgebaut auf Unterdrückung der Frau und des Individualismus. Gesang aber steht wie kaum etwas anderes für individuelle schöpferische Entfaltung: Kein Gesang klingt wie der andere. Dann die Texte: Selbst wenn die Texte nicht sozialkritisch sind, erzählen sie doch Geschichten aus einer Welt, die nicht vom Regime beherrscht wird, und eröffnen die Hoffnung auf privates Glück sowie die Freiheit, ein eigenes Leben zu führen. Wenn eine Frau singt, dann hat das in dem obskuren Weltbild der Mullahs auch noch eine sexuelle Komponente – der Gesang könnte Männer aufreizen. Darum muss er unterdrückt werden.“
- Hinrichtungen im Iran: Der Tagesspiegel veröffentlichte am 4. August 2026 den Augenzeugenbericht eines jungen Menschen von Hinrichtungen im Iran. Mahtab Qulizadeh dokumentiert den Mut eines jungen Mannes, der, begleitet von seiner Mutter, die ihn nicht alleine lassen wollte, wagte, gegen eine Hinrichtung auf dem Alikhani-Platz zu protestieren, einem mit den Massakern vom Januar 2026 eng verbundenen Ort. Der junge Mann, dessen eigentlicher Name nicht genannt wird, sagte angesichts der hohen Präsenz von Sicherheitskräften: „Ich habe mich jetzt vom Gebiet entfernt, damit ich Nachrichten verschicken kann (…). Viele Menschen hatten ihre Handys aber überhaupt nicht mitgebracht, weil sie Angst hatten, dass die Sicherheitskräfte im Falle einer Festnahme Zugriff auf den Inhalt ihrer Geräte bekommen würden.“ Auf seine Mutter wurde geschossen, es dauerte etwa 24 Stunden, bis eine Meldung kam, dass beide in Sicherheit waren. Seit März 2026 wurden 53 Gefangene hingerichtet, 27 wegen ihrer Teilnahme an den Januarprotesten. Das sind im Durchschnitt drei Hinrichtungen pro Woche. Die Leichen werden von den Behörden abtransportiert und an Orten fern von ihren Familien verscharrt.
- Mädchen und Frauen in Afghanistan: Die afghanische Journalistin Nilofar Ayoubi informiert in einem Gastbeitrag auf Middle East Uncovered über das Schicksal von Mädchen und Frauen in Afghanistan nach der neuerlichen Machtübernahme der Taliban. Der englische Originaltext wurde von Alexander Gruber für die Plattform mena-watch übersetzt: „1.735 Tage ohne Schule“. Mädchen und Frauen erleben, wie sich ihre physische wie psychische Gesundheit verschlechtert. Die Zahl von Kinderheiraten ist angestiegen, ebenso die Selbstmordrate von Mädchen und Frauen. Im Gesundheitssystem fehlen die Frauen, Ärztinnen wie Krankenpflegerinnen, die zuvor dafür sorgten, dass kranke Menschen versorgt werden konnten. Die Zahl 1.735 zählt die Tage, in denen Mädchen nicht mehr in die Schule gehen durften, seit September 2021 bis zur Veröffentlichung des Beitrags von Nilofar Ayoubi im Juni 2026. „Seit 2021 haben die Taliban mehr als siebzig Dekrete unterzeichnet, die Frauen und Mädchen das Recht auf Bildung, Arbeit, Reisen und sogar das Recht, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, entziehen. UNICEF schätzt mittlerweile, dass etwa 2,2 Millionen Mädchen im Teenageralter vom Unterricht ausgeschlossen sind.“ Unter hohem Risiko für alle Beteiligten gibt es „Untergrundunterricht“, der etwa 18.000 Mädchen erreicht haben soll. Junge Mädchen sind ein Kostenrisiko, das durch den „Brautpreis“ kompensiert werden soll. Die Taliban weisen jeden Hinweis auf ihr Vorgehen als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten zurück. Nilofar Ayoubi schließt ihren Beitrag mit einem Appell an die internationale Staatengemeinschaft: „Geschlechterapartheid sollte benannt und gesetzlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verankert werden. Es sollte keine Anerkennung, keine freigegebenen Milliarden und keine normalen Beziehungen zu diesem Regime geben, bis sich die Schultore wieder öffnen. Jemand muss für den Untergrundunterricht aufkommen und die Frauen schützen, die dort unter Einsatz ihrer Freiheit unterrichten. Und der Rest von uns muss sich an jedem einzelnen Tag weigern, wegzuschauen. Hinter jeder hier erwähnten Statistik stehen afghanische Mädchen, die still die Jahre zusammenzählen, die ihnen geraubt werden. Sie sind immer noch da. Sie warten immer noch. Und was wir ihnen schulden, ist nicht noch ein weiterer Tag des Schweigens.“ (Links im Text wurden aus dem Beitrag von NA übernommen). Alexander Gruber verweist auf einen weiteren Beitrag im englischen Guardian von Neda Noran und Atousa Azar für Zan Times über die steigende Zahl der Heirat von Mädchen. Das frühere Mindestalter von 15 Jahren wurde von den Taliban gestrichen (zum Vergleich: im Iran liegt das Mindestalter bei neun Jahren). Der Guardian berichtet unter anderem über ein achtzehnjähriges Mädchen, das mit 13 Jahren verheiratet wurde und inzwischen vier Kinder geboren hat, die Müttersterblichkeitsrate in Afghanistan stieg inzwischen „auf 600 pro 100.000 Lebendgeburten, verglichen mit 16 bzw. 155 in den Nachbarländern Iran und Pakistan. (Zum Vergleich: In Österreich sind es 5 pro 100.000.)“ Pakistan und Iran schieben systematisch afghanische Geflüchtete nach Afghanistan ab, in Deutschland beschränkte sich die Abschiebung von Menschen aus Afghanistan bisher auf männliche Straftäter, doch neue Vorgaben des Bundesinnenministeriums lassen inzwischen auch die Abschiebung von Menschen ohne Vorstrafen zu, wie in einem Fall am 28. Juli 2026 auch erstmals geschehen.
- Palästinensischer Widerstand gegen die Hamas: Auf mena-watch berichtet Mohammed Nafez Altlooli seit mehreren Jahren regelmäßig über palästinensischen Widerstand gegen die Hamas. Seine Forderung Ende Juli 2026: „Europa muss jene Palästinenser schützen, die zum Ziel von Extremisten werden, weil sie sich für Koexistenz mit Israel und gegen die Hamas einsetzen.“ Die europäischen Debatten konzentrieren sich „auf humanitäres Leid, Diplomatie und die Zukunft des israelisch-palästinensischen Konflikts. Weitaus weniger Aufmerksamkeit wird einer anderen Realität geschenkt: der Behandlung von Palästinensern, die den Extremismus öffentlich ablehnen und sich offen für Frieden mit Israel einsetzen.“ Der israelische Channel 12 ließ in Antwerpen lebende Geflüchtete zu Wort kommen. Thomas von der Osten-Sacken berichtete, ebenfalls auf mena-watch, dass die Hamas auch Kritiker:innen in Europa bedrohe. Mohammed Altlooli: „Anstatt mit einer Debatte zu beginnen, warfen viele Social-Media-Nutzer diesen jungen Palästinensern Verrat, Kollaboration und Versagen vor. Ihre Namen und Fotos kursierten im Internet, begleitet von Beleidigungen, Einschüchterungen und öffentlichen Kampagnen, die darauf abzielten, sie zum Schweigen zu bringen. Die Botschaft war unmissverständlich: Jeder Palästinenser, der sich offen für ein Zusammenleben ausspricht, läuft Gefahr, zur Zielscheibe zu werden.“ Viele Gegner:innen der Hamas schweigen aus Angst, umso größer ist der Mut derjenigen zu bewerten, die sich öffentlich gegen die Hamas äußern und für Frieden und Koexistenz mit Israel einsetzen.
- Sudan: In der Ausgabe der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 8. August 2026 befassen sich sieben Autor:innen in sechs Beiträgen mit dem Sudan, einem in Europa weitgehend ignorierten Konflikt mit genozidalem Charakter. Es gibt beispielsweise im Beitrag des in Genf lebenden Historikers Roman Decker „Zwischen Kolonialerbe und Elitenversagen“ eine Fülle von Informationen über die Geschichte der Region seit Beginn des 19. Jahrhunderts, die Rolle des Osmanischen Reiches, den Mahdi-Aufstand, das Eingreifen Großbritanniens, Frankreichs und Belgiens bis hin zur Spaltung in Sudan und Südsudan sowie der Abfolge von Diktaturen im 20. bis ins 21. Jahrhundert. Peter Woodward schrieb sarkastisch, es handele sich bei dem Sudan nicht um einen Staat mit Armee, sondern um eine Armee mit Staat („An Army with a State Attached“, in: Sudan Studies 65/2022), heute im Grunde von zwei Armeen mit entsprechenden Ansprüchen, die sich seit dem 15. April 2023 gegenseitig bekämpfen, und dabei von unterschiedlichen externen Akteuren unterstützt werden. Mehr als 14 Millionen Menschen wurden zur Flucht gezwungen, etwa 19,5 Millionen Menschen, das sind etwas mehr als 40 Prozent der Bevölkerung, hungern. Etwa 87 Prozent der Geflüchteten sind nach Schätzungen der UN Frauen und Kinder. Die Zahl der Menschen aus dem Sudan, die versuchen, über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen, vor allem nach Griechenland und Italien steigt. Gerrit Kurtz analysiert „Auslöser, Akteure und Dynamik“ des aktuellen Krieges, Lutz Oette, Professor für internationale Menschenrechte in London, befasst sich mit dem Kampf um die Menschenrechte Marcus Engler und Samule Zwedie Hagos, beide Mitarbeiter im Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), mit den humanitären Folgen des Krieges. Aber es gäbe auch Hoffnungszeichen, zunächst nach der Revolution, die den islamistischen Diktator Umar al-Bashir stürzte. Safa Kheir Osman, die bis zum Kriegsausbruch an der Bahri Universität in Alkadroo bei Khartum lehrte, beschreibt die Geschichte der sudanesischen Frauenbewegungen, deren Erbe hoch bedroht ist. Durch Plünderungen und Bombardierungen ist ein großer Teil des Archivs der Frauenbewegung verloren. Fatin Abbas, Autorin des Romans „Zeit der Geister“ (Rowohlt 2024) referiert den Widerstand in Literatur und Film gegen Islamismus und Diktatur. Zahlreiche Autor:innen befassten sich mit den verschiedenen Phasen der Unterdrückung und des Fanatismus vor der Dezemberrevolution sowie den prekären sozialen Bedingungen, in denen Menschen versuchen sich durchzuschlagen. Einige Romane „verzichten auf eine ‚allwissende‘ Erzählperspektive und lassen verschiedene Figuren zu Wort kommen, um deren individuelle Sichtweise wiederzugeben.“ Verschiedene Spiel- und Dokumentarfilme zeigen das Leben von Menschen in Khartum, das Verhältnis der Geschlechter, beispielsweise in dem Film „Khartoum Offside“ am Beispiel von Frauen, die Fußball spielen. Das Fazit von Fatin Abbas: „Die Kunst, die im Umfeld dieser Revolution aufblühte, hält die Vision eines neuen Sudan am Leben.“
- Migration der Milliardäre: In ZEIT online vom 6. Juli 2027 ist ein Interview von Xifan Yang mit Kristin Surak, Soziologin an der London School of Economics, zu lesen: „Sie schüren Nationalismus, werben aber um Milliardäre in aller Welt“. Im Jahr 2023 veröffentlichte sie bei Harvard University Press das Buch „The Golden Passport – Global Mobility for Millionaires“. Es gibt Schätzungen, dass etwa 142.000 Dollar-Millionäre im Jahr 2025 ihren Wohnsitz gewechselt haben, nicht unbedingt als Person, aber mit der Etablierung eines weiteren Standorts ihrer Geschäftstätigkeiten. Kristin Surak forscht seit etwa zehn Jahren über solche Entwicklungen, zunächst „aus Russland, China oder dem Nahen Osten“, inzwischen jedoch auch aus den USA, weil „immer mehr US-Bürger Goldene Visa oder eine zweite Staatsbürgerschaft nach(fragen)“, auch „wohlhabende Europäer“: „Je volatiler die Lage im eigenen Land und je größer die geopolitischen Spannungen, desto stärker wird das Bedürfnis, sich gegen Risiken aller Art abzuschirmen.“ Immer mehr Staaten handeln mit Visa und Staatsangehörigkeiten. „Das größte ‚Golden Passport‘-Programm hat die Türkei: Wer dort 400.000 US-Dollar in eine Immobilie investiert, kann Staatsbürger werden.“ Kristin Surak sieht dahinter die Einstellung, den Staat zunehmend nur als „Dienstleister“ zu sehen. Sie nennt fünf Länder in der Karibik, in der Europäischen Union Malta und Zypern. Auch in anderen Ländern gibt es entsprechende Möglichkeiten, beispielsweise in Neuseeland mit der Einbürgerung von Peter Thiel oder in Frankreich mit dem Snapchat-Gründer Evan Spiegel, der keinen einzigen Tag in Frankreich lebte. Argentinien und die USA richten entsprechende Programme ein. Deutsche Influencer:innen ziehen vorzugsweise nach Dubai, insbesondere aus steuerlichen Gründen.
- Staatspiraterie und Meerengen: Wir erleben zurzeit ein Hin und Her um die Durchfahrt von Tankern durch die Straße von Hormus. Mal behauptet einer der Kontrahenten, die Straße sei offen, mal werden Schiffe vom Iran beschossen, mal fordert der Iran eine Maut, mal kündigt Trump an, er wolle die Straße blockieren oder freie Fahrt geben, gegebenenfalls gegen Zahlung eines Schutzgeldes (das er natürlich nicht so nannte und auch wenige Tage später wieder zurücknahm – wie er so ist). Nicholas Mulder, Historiker an der Cornell University, referiert in „Empires of Flow Control” (deutsche Übersetzung in der Juli-Ausgabe 2026 des Merkur) die Geschichte der Herrschaft beziehungsweise Herrschaftsansprüche verschiedener Mächte auf die Kontrolle von Meerengen. Im Jahr 1507 stritten sich Portugal und Persien über die Durchfahrt durch die Straße von Hormus. Afonso de Albuquerque gelang es dank seiner Artillerie, Hormus zu einem zentralen Stützpunkt seines Seehandels zu machen und Tributzahlungen von Hormus zu erzwingen. 1622 gelang es Persien dank englischer Unterstützung, Hormus zurückzuerobern. Das war nicht der erste Fall eines Kontrollversuchs: „Schon seit den 1430er Jahren hatte Dänemark Zölle für die Durchfahrt durch eine der Meerengen erhoben, die die Ostsee mit der Nordsee verbinden.“ Der Gedanke einer freien Durchfahrt entstand auf Initiative der Aktionäre der Niederländischen Ostindien-Kompanie, die Hugo Grotius beauftragte. Dieser rechtfertigte Gewalt gegen diejenigen, „die versuchte(n), ein solches ungerechtes ‚abgeschlossenes Meer‘ (mare clausum) unter Verletzung dessen aufrechtzuerhalten, was er als ‚mare liberum‘ bezeichnete.“ Nicholas Mulder nennt weitere Beispiele, nicht zuletzt die staatlich geförderte Piraterie, die alle Seemächte, allen voran England (zum Beispiel der in historischen Romanen, Filmen und Fernsehspielen präsente Sir Francis Drake!) bis ins 19. Jahrhundert betrieben. Im 20. Jahrhundert gab es weitere Streitigkeiten, beispielsweise um chinesische Manöver in der Taiwanstraße in den 1940er Jahren, in den 1980er Jahren vor der libyschen Küste, aktuell US-amerikanische Seeblockaden gegen Venezuela und Kuba. Der Anspruch der USA auf Grönland führte noch nicht zu Blockaden. Die Widersprüche sind offensichtlich: „In der Karibik untergraben die USA die Freiheit der Meere, im Arabischen Meer hingegen beanspruchen sie, für ebendiese Freiheit einzustehen. Das Problem dabei ist nicht allein die offensichtlich heuchlerische Rhetorik, das Problem ist vielmehr, dass die USA durch dieses Vorgehen ihre Rolle als glaubwürdiger Garant der Sicherheit auf See gefährden.“
- Fiktion und Realität in der Science Fiction: In ihrem Beitrag „Digitale Moderne als Science Fiction“ (in der Juli-Ausgabe 2026 des Merkur) befasst sich Marietta Auer, Direktorin am Max-Plack-Institut für Rechtsgeschichte und Rechtstheorie in Frankfurt am Main, mit der „Vermischung von Fiktion und Realität“. Wir leben in einer Zeit, „in der Politik als Meme-taugliches Sprachspiel betrieben wird, als Strategiespiel rund um alternative Fakten, digital manipulierte Kunstwelten und ‚flood the zone‘.“ Es präge die Debatten um „die neue digitale Freiheit“, dass sie „Science – die alte Utopie des Alles-Wissen-, Alles-Sehen-, Alles-Berechnen-Könnens – mit Fiction, dem neuen Versprechen, sich durch digitale Technologien eine utopische Parallelwelt zu erschaffen, in der die physischen, psychischen und intellektuellen Grenzen des Menschen aufgehoben sind. Sie ist mit anderen Worten, Science Fiction.“ Die Autorin konkretisiert dies am Beispiel von drei Romanen beziehungsweise Erzählungen, „Foundation Trilogy“ von Isaac Asimov (1951), „At the Mountains of Madness“ von H.P. Lovecraft (1931) und „Liberation Day“ von George Saunders (2022). Stets geht es um das Verhältnis von Wissenschaft und Freiheit, letztlich um die Kontrolle von Daten und die Grenzen zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Alle Techniken sind letztlich „humanoide Technik“: „Die KI ist dystopisch, totalitär, faschistoid? Wir selbst sind all dies, die KI hält uns nur den Spiegel vor.“ Im Demokratischen Salon wurden solche Fragen mehrfach am Beispiel der Romane von Aiki Mira verhandelt, zuletzt zu dem Roman „Denial of Service“ unter der Überschrift „Fluide Subversivität“.
- Science Fiction rückwärts: Hannes Stein wurde vor allem durch seinen kontrafaktischen Roman „Der Komet“ einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Das Attentat des Gavrilo Princip (welch ein Name für einen Terroristen, in deutscher Sprache wäre das etwa so viel wie Gabriel Prinzip!) fand nicht statt, weil Franz Ferdinand vorher lieber nach Hause fuhr. Es gab keine Weltkriege, keine Nazi-Herrschaft, keine Sowjetunion, keinen Aufschwung der USA, die drei europäischen Kaiserreiche überdauerten, die Deutschen flogen schon in den 1940er Jahren von Peenemünde auf den Mond, den sie dann auch besiedelten, Star Wars wurde in Budapest als Oper „Luke und Leia“ des Komponisten Györgyi Lucas uraufgeführt. Steins neuer Roman trägt den Titel „Das Messias-Komplott“ (Frankfurt am Main, Edition Faust, 2026). Bereits seit 300 Jahren gibt es in Palästina einen friedlichen Staat, alle Religionen und Ethnien leben einträchtig zusammen, es gab keine Pogrome, keine Shoah, der heutige Nahost-Konflikt hatte keine Grundlage. Das hat alles irgendwie mit dem Auftreten des eigentlich falschen Messias Schab’tai Zwi zu tun. Hannes Stein nahm den Roman zum Anlass, in der Sommerausgabe 2026 von Lettre International unter der Überschrift „Literatur der Verlierer“ über „positive Geschichtsutopien“ nachzudenken, eine Variante kontrafaktischer Geschichtsschreibung. Hannes Stein verwendet den Begriff der „Uchronie“. Er referiert auch die bekannten Dystopien, beispielsweise solche, in denen Hitler den Krieg gewonnen oder zumindest überlebt hätte. Er zitiert Ursula K. Le Guin „The Left Hand of Darkness“: „Die Science-Fiction sagt nichts voraus, sie beschreibt. Vorhersagen sind das Geschäft von Propheten, Wahrsagen und Futurologen. Das Geschäft der Romanciers ist es, zu lügen.“ Neben seinem eigenen Roman bezieht sich Stein auf „Ada oder das Verlangen“ von Vladimir Nabokov, „An den Feuern der Leyermark“ von Carl Amery, „Cachokai Jazz“ von Francis Tufford. Alles gut? Nicht unbedingt. Mitunter könnten uchronische Utopien reale Entwicklungen verdecken. Hannes Stein stellt sich vor, wie es wäre, wenn die Südstaaten die Schlacht von Gettysburg 1863 gewonnen hätten. Aber was geschah wenige Jahre später? „Schwarze wurden in die Schuldknechtschaft gezwungen. Selbstverständlich wurde das Wahlrecht für dunkelhäutige Amerikaner sofort wieder kassiert. Ein grausames Apartheidregime etablierte sich; die Demokratische Partei – damals die weiße Rassistenpartei – blieb für die nächsten hundert Jahre (bis zum Civil Rights Act von 1964) an der Macht. Der schwarze Schriftsteller W.E.B. DuBois schrieb: „der Sklave wurde befreit; stand für einen kurzen Augenblick im Sonnenlicht; und kehrte wieder in die Sklaverei zurück.“ Das ist die eine Seite, die andere: „Positive Uchronien sind ein ästhetisches Spiel. Sie sind schön wie Fabergé-Eier und auch ungefähr so nützlich. Keine Partei, keine Bewegung könnte sich je auf sie berufen“. Sie distanzieren sich und die Leser:innen von jedem teleologischen Geschichtsbild, welcher Provenienz auch immer: „Deshalb – so könnte man zumindest in einem Augenblick des hellen Wahnsinns behaupten – sind sie so revolutionär wie kein anderes Genre.“
- Der hebräische Verlag „Altneuland“: In der Jüdischen Allgemeinen porträtierte Ayala Goldmann den in Neukölln gegründeten ersten säkularen hebräischen Verlag in der Diaspora „Altneuland Press“: „Bücher als portatives Vaterland“. Verleger sind zwei Israelis, der Romanautor Moshe Sakal und der Lyriker Dory Manor. Beide beklagen die schwierige Lage auf dem israelischen Buchmarkt, er sei „total kaputt“. Es gebe in Israel keine Zensur, wohl aber müssten junge Autor:innen bis zu 20.000 EUR vorschießen, um einen Roman zu veröffentlichen. Problematisch sei auch, dass der Sapir-Preis, der wichtigste israelische Literaturpreis, nur an Autor:innen vergeben werde, die in Israel leben. Der Verlag „Altneuland“ sei kein „Exil-Verlag“, Ziel sei es, die Bücher überall auf der Welt in die Buchläden zu bringen. In Zusammenarbeit mit dem Berliner Kanon Verlag werden die Bücher „nicht nur auf Hebräisch, sondern auch auf Deutsch oder Englisch“ veröffentlicht. Ayala Goldmann notiert, es sei „nicht übertrieben, wenn zwei Exil-Israelis mit dem Anspruch auftreten, die ‚Kultur des Volkes des Buches‘ zu retten“. Sie zitiert Moshe Sakal: ‚Wir machen uns natürlich auch ein bisschen über uns selbst lustig, wenn wir etwas so Großes sagen. Heinrich Heine sprach über das Buch als ‚portatives Vaterland‘. Er sprach dabei über die Tora, aber auch über die Idee des Buchs.‘“ Es gehe nicht nur um die hebräische Sprache an sich. Dory Monor beklagt: „Ich schreibe auf Hebräisch, ich liebe Hebräisch, aber ich habe im Kopf, was Hebräisch heute bedeuten kann, wenn ich israelisches Radio höre. Dann kann ich manchmal nicht glauben, dass die Sprache, die ich höre, Hebräisch ist. Nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie vollkommen zur Sprache des Militärs geworden ist.“
Der Newsletter des Demokratischen Salons erscheint in der Regel etwa alle sechs bis acht Wochen. Die nächste Ausgabe erhalten Sie gegen Ende September / Anfang Oktober 2026. Neue Beiträge werden wie bisher laufend veröffentlicht.
Mit den besten Grüßen verbleibe ich
Ihr Norbert Reichel
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(Internetzugriffe in diesem Newsletter – wenn nicht anders vermerkt – zuletzt am 15. August 2026.)
