Es beginnt mit dem Feuer im Herzen
Ruth-Anne Damm über das Engagement „ZWEITZEUGEN e.V.“
„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ (Primo Levi in: Die Untergegangenen und die Geretteten, übersetzt aus dem Italienischen von Moshe Kahn, München, Hanser, 1990)

Ruth-Anne Damm, Foto: privat.
Erinnerungen können mit der Zeit verblassen, an Bedeutung verlieren. Sie können sich verändern, durch konkurrierende Erinnerungen ersetzt werden. Auch regelmäßige Rituale können nicht verhindern, dass und wie sich Erinnerungen verändern. Viele wissen viel zu wenig und manche wollen die zwölf Jahre nationalsozialistischen Terrors lieber aus dem Gedächtnis streichen. Gleichzeitig sind viele junge Menschen ausweislich der von der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft initiierten MEMO-Studien sehr interessiert, sogar interessierter als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Der zivilgesellschaftliche Verein ZWEITZEUGEN e.V. greift dieses Interesse auf und sorgt dafür, Erinnern, Gedenken, Nachdenken zeitgemäß und zukunftsfähig zu gestalten. Sitz des Vereins ist Essen. Gemeinsam mit einem engagierten Team hat die Geschäftsführerin Ruth-Anne Damm ein bundesweites Netzwerk aufgebaut, in dem Menschen zu Zweitzeug:innen ausgebildet werden. Sie wurde 2025 von einer Jury des Handelsblatts als Sozialunternehmerin des Jahres ausgezeichnet. Ihr Ziel ist es, in Workshops und Ausstellungen ein Feuer im Herzen der Besucher:innen und Teilnehmer:innen zu entfachen, die Bereitschaft, sich für die Lebensgeschichten der Überlebenden der Shoah zu öffnen und sie weiterzuerzählen, damit das, was geschah, nie wieder geschieht.
Am 27. Januar 2026 war ZWEITZEUGEN e.V. Teil der Eröffnung von „HOLO-VOICES: Begegnen – Fragen – Weitersagen“ auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein. Das Projekt mit Hologramm-Saal und zwei Ausstellungen wurde vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW initiiert und von der Technischen Universität Dortmund als Projektträger umgesetzt und ist einzigartig in Europa. HOLO-VOICES ermöglicht mit „KI-Technik eine lebendige Interaktion mit Zeitzeug:innen des Holocausts“. Grundlagen waren unter anderem Interviews des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek in Zusammenarbeit mit der Shoa Foundation und die Frankfurter Ausstellung „Frag nach!“.
Seit Februar 2026 wird durch ZWEITZEUGEN e.V. ein didaktisches Begleitprogramm für Schulklassen/Jugendgruppen (ab ca. 14 Jahre) und Erwachsene umgesetzt. Weitere begleitende Formate werden auf der Internetseite von ZWEITZEUGEN e.V. vorgestellt. Anmeldungen sind jederzeit möglich über das Kontaktformular auf HOLO-VOICES.de oder unter holo-voices@zweitzeugen.de. Über die Angebote des Vereins kann man sich auch jederzeit informieren lassen, indem man den Newsletter abonniert. Für Pädagog:innen gibt es einen eigenen Newsletter.
Der Verein „ZWEITZEUGEN“ – Grundkonzept und Geschichte

Schulklassen-Workshop im Ausstellungsprojekt HOLO-VOICES am 22. Januar 2026 © MKW/Lars Berg.
Norbert Reichel: Kennengelernt haben wir uns bei der Eröffnung der Ausstellung „HOLO-VOICES“. Den Verein „ZWEITZEUGEN e.V.“ gibt es jedoch seit etwa 16 Jahren. Wie kam es zur Gründung des Vereins? Was sind die Ziele?
Ruth-Anne Damm: Ich bin Geschäftsführerin von „ZWEITZEUGEN e.V.“ und gehöre auch zu den Mitgründerinnen. Die Vorgeschichte begann im Jahr 2010. Ich war damals 22 Jahre alt. Sarah Hüttenberend und meine Schwägerin Anna Damm haben alles gestartet – damals haben sie an der FH Münster Design und Fotografie studiert. Ihr Projekt hieß „Heimatsucher – Shoah-Überlebende heute“. Ziel war es, mit den Werkzeugen des Designs und der Fotografie Geschichten zugänglich zu machen, die zu wenig gehört wurden. Die Grundidee ihres Projektes war, mit Überlebenden des Holocaust nicht nur darüber zu sprechen, was sie erlebt hatten, sondern auch darüber, wie sie es geschafft hatten, nach 1945 weiterzumachen. Ich war damals für ein Auslandssemester in den USA und engagierte mich bei Amnesty International. Ich hatte eine Art Grundzuversicht, dass wir, wenn wir wollen, alles verändern können.
Mich persönlich hat das Thema unglaublich angesprochen. Ein ganz großes Thema war für mich die folgende Frage: Warum reden wir über die Ermordung der europäischen Juden und anderer damals verfolgter Menschen – Sinti und Roma, Menschen im Widerstand, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen und weitere – nur bis zum 8. Mai 1945? Warum endet alles mit diesem Tag? Antisemitismus war nach dem 8. Mai 1945 alles andere als vorbei und ist bis heute präsent.
Eingestiegen bin ich über die Mithilfe beim Transkribieren von Interviews von einer Reise nach Israel, wo die ersten zehn Überlebenden bereit waren, sich interviewen zu lassen. Einer dieser Menschen war Eliezer Ayalon. Er berichtete von den fünf Konzentrationslagern, in denen er inhaftiert war, und seinem Leben nach der Befreiung. Ich habe aus seinem Mund von so vielen Orten gehört, die ich vorher gar nicht kannte, und habe alles nachrecherchiert. Das war der Anfang. Es hat mich unglaublich bewegt und hier kann ich sagen, bin ich zur Zweitzeugin geworden. Bis heute haben wir 40 Interviews geführt. Wir haben Überlebende getroffen, ihre Familien, haben uns überlegt, wie wir diese Geschichten weitertragen können. Wir haben ein didaktisches Konzept entwickelt, eine eigene Ausstellung. Das ist jetzt 16 Jahre her. Neun Jahre habe ich im Ehrenamt gearbeitet, seit 2019 bin ich hauptamtliche Geschäftsführerin.
Wir sind von einem studentischen Projekt mit ausschließlich ehrenamtlichen Strukturen zu einer Art sozialem Unternehmen gewachsen. Wir haben fest angestellte Mitarbeitende, sodass wir mittlerweile jeden Tag in Deutschland Workshops für Kinder und Jugendliche anbieten können, die wir zu Zweitzeug:innen ausbilden. Neben den hauptamtlichen Kolleg:innen engagieren sich etwa 100 Ehrenamtliche. Wir bilden auch Erwachsene aus, Lehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte. Seit Januar 2026 betreuen wir das pädagogische Programm zu HOLO-VOICES und haben eine der beiden Ausstellungen – zur Zwangsarbeit im Ruhrgebiet – konzipiert. Bei HOLO-VOICES können Jugendliche und Erwachsene den Hologrammen der Shoah-Überlebenden Fragen stellen. Für uns ist das ein Weg, Menschen zu Zweitzeug:innen zu machen.
Dank der KI-Technik ist es bei HOLO-VOICES möglich, den Hologrammen Fragen zu stellen. Die KI ermittelt anhand von Schlüsselbegriffen die Antwort, die am besten zur Frage passt. Es handelt sich NICHT um eine generative KI. Die Antworten der Holocaust-Überlebenden werden nicht verfremdet, zusammengeführt, gekürzt oder ergänzt. Wer eine Frage stellt, hört immer die Original-Schilderung der Zeitzeug:innen, sodass eine direkte Begegnung und eine lebendige Interaktion möglich werden.

Rolf Abrahamson © Zweitzeugen e.V.
Der Ansatz unserer Bildungsarbeit ist eigentlich ganz banal. Wir erzählen die Geschichten weiter und ermöglichen anderen, dass sie ebenfalls diese Geschichten weitererzählen. Wir zitieren gerne Elie Wiesel, Überlebender der Shoah und Friedensnobelpreisträger, der einmal sagte: „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.” Hier hilft jede Geschichte. Niemand kann sich die Zahl von sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden vorstellen, aber die Geschichte von Rolf Abrahamsohn aus Marl im Kreis Recklinghausen können alle verstehen, ebenso wie die Geschichten von Elisheva Lehmann, von Chanoch Mandelbaum, von Eva Weyl und vielen anderen, die Eltern hatten, Geschwister, die Hobbys hatten, mal gerne, mal weniger gerne in die Schule gegangen sind, Fußball gespielt haben und und und. Das sind Lebensgeschichten, denen wir uns nahefühlen können. Wir können über ihre Lebensgeschichten so viel lernen, wie es war, wie es sich anfühlte, was es für sie jeweils ganz konkret bedeutete, als die NSDAP am 30. Januar 1933 die Regierung übernahm, antijüdische Gesetze einführte, Jüdinnen und Juden immer mehr vom alltäglichen Leben ausschloss, und in welchem Tempo dies geschah. Letztlich ermöglichen wir historisches Lernen an Hand von Biographien, von ganz konkreten Lebensgeschichten.
In unseren Bildungsangeboten fragen wir, wie viele solcher antijüdischen Gesetze es wohl gab. Die Vermutung oft: vielleicht fünfzig oder vielleicht hundert? Es waren zwischen 1933 und 1942 über 2.000 Gesetze. Da geht dann ein Raunen durch den Raum. Wie ist das passiert? Ich finde es so unglaublich wichtig, auch für unsere heutige Zeit, zu erkennen, wo und wie Unrecht geschieht, zu sehen, wie unsere demokratischen Strukturen missbraucht werden können. Wir können den Blick zurück nutzen, um ihn auf das Hier und Jetzt zu beziehen, um zu verstehen, wozu der Mensch imstande ist. Es tut weh, aber es ist wichtig, zu sehen, dass Erinnerung keine Floskel ist, die an einigen Gedenktagen gepflegt wird, an denen ich vielleicht einmal betreten gucke, sondern dass es etwas ist, das wirklich verstanden und verinnerlicht wird. Das ist unsere Vision, dass jede und jeder zu Zweitzeug:innen wird und sich für Demokratie, für Toleranz, für Vielfalt, für Offenheit einsetzt, dass wir einander zuhören, dass wir alles dafür tun, dass „Nie wieder ist Jetzt!“ nicht nur eine Floskel ist.
Wo waren die Täter?

Schulklassen-Workshop HOLO-VOICES am 22. Januar 2026 © MKW/Lars Berg.
Norbert Reichel: Wir wissen eigentlich viel über Täter:innen, wir wissen viel darüber, was Deutsche gewusst haben. Die Topographie des Terrors bietet Antworten in der Ausstellung mit dem Titel „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ Das ist die eine Seite, die andere ist die, die wir aus den MEMO-Studien der vergangenen Jahre immer wieder erfahren. Während immer klarer wird, wie viel die Deutschen damals wussten und wie sehr viele persönlich zum Terror der Vernichtungskriege und des Holocausts beigetragen haben, als Täter:innen oder als Bystander, steigt die Zahl der Deutschen, die glauben, ihre Eltern hätten Verfolgten geholfen. Sie liegt inzwischen bei etwa einem Drittel der Befragten.
Ruth-Anne Damm: Ja genau, mich hat schon bei der Studie erschrocken, wie viele denken, dass ihre Großeltern oder Urgroßeltern im Widerstand gewesen wären. Tatsächlich liegt die Zahl unter einem Prozent.
Wir haben viele verschiedene, sich ergänzende Methoden, um die Komplexität deutlich zu machen. Wir erzählen beispielsweise in einem Klassenraum nicht 40 Geschichten. Damit wären alle überfordert. Wir erzählen eine Geschichte. Wir sprechen darüber, über welche Zeit wir eigentlich sprechen. Wir schauen, was die jeweilige Person erlebt hat. Anhand dieser Geschichte können wir auch auf weitere Aspekte eingehen bis hin zum Antisemitismus nach 1945.
Die Lebensgeschichten, die wir erzählen, starten oft zu Beginn oder in der Mitte der 1920er Jahre. Es ist wichtig zu zeigen, dass es 1933 nicht einfach eine Machtübernahme gab, bei der der böse Adolf Hitler als Einzelner kam. Es gab eine groß gewordene Partei, es gab Unterstützung in der Bevölkerung, es gab Wahlen, mit denen die NSDAP überhaupt so weit kam, dass der Reichspräsident Hitler am 30. Januar 1933 die Reichskanzlerschaft übertrug.
Norbert Reichel: Eine absolute Mehrheit hatte die NSDAP im Übrigen nie. Sie hatte in der DNVP und auch einigen ehemals demokratischen Politikern Partner. Vor allem aber reichte die Übernahme der Reichskanzlerschaft, um in einem atemberaubenden Tempo alle demokratischen und kommunistischen Oppositionskräfte zu zerschlagen, führende Personen, viele Parteimitglieder zu verhaften und mit dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 schließlich den Reichstag zu entmachten, dies mit Zustimmung aller demokratischen Parteien mit Ausnahme der SPD. Die KPD war schon längst aus dem Reichstag entfernt worden. Freie Wahlen gab es nicht mehr.
Ruth-Anne Damm: Das gehört auch zu der Erzählung: Wir sehen die Stimmung im Land, die Wirtschaftskrise, letztendlich, wie die Propaganda der NSDAP gegriffen hat. Wo beginnt eigentlich die Täterschaft? Viele neigen sehr schnell dazu, Täterschaft zu externalisieren, das waren doch nur die anderen, wir nicht! Man schiebt es von sich weg. Das zeigt sich auch in den Familienbiografien. Wer hat jedoch wie profitiert? Auch bei den Novemberpogromen 1938: Wir wissen, dass eine Vielzahl jüdischer Wohnungen und Geschäfte von den Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft geplündert wurden.
Es geht nicht darum, mit dem Zeigefinger auf jemanden zu zeigen, aber wir müssen verstehen, was da eigentlich geschah. Das gilt auch im Hinblick auf heute. Darüber sprechen wir mit unseren Zielgruppen. Wo beginnt es? Es beginnt schon mit dem Wegschauen statt dem Hinschauen. Man kann etwas sagen, man kann Hilfe holen. Das lässt sich auch im Blick auf die Zeit vor 1933 sagen, das kann ich im Blick auf die Vergangenheit beobachten. Täter:innen waren nicht nur die Menschen, die in den Vernichtungslagen Menschen in die Gaskammern schickten. Täterschaft umfasst viel mehr Menschen.
Eine ganz besonders interessierte Gruppe: junge Menschen mit Fluchterfahrung

Schulklassen-Workshop am 22. Januar 2026 © MKW/Lars Berg.
Norbert Reichel: In den Gruppen, mit denen Sie arbeiten, begegnen Sie nicht nur Kindern, Enkeln, Urenkeln von Deutschen, sondern auch viele, die eine ganz andere Biographie haben, viele, weil sie selbst oder ihre Eltern aus einem anderen Land flüchten mussten, vor Krieg, vor Unterdrückung, vor Folter, Menschen, die in ihrer ursprünglichen Heimat um ihr Leben fürchten mussten. Julia Bernstein hat mir in einem Gespräch einmal gesagt, sie knüpfe bei ihren Studierenden der Sozialen Arbeit bei deren Lebensgeschichten an, wenn sie Themen wie Antisemitismus oder die Shoah anspreche. Wenn sie über den Terror, den sie oder ihre Eltern erlebten, sprechen können, können sie sich sehr gut vorstellen, was 1933 bis 1945 geschah.
Ruth-Anne Damm: Das kann ich aus meinen Erfahrungen bestätigen. Als ich angefangen hatte, habe ich selbst eine unglaubliche Wut und Trauer empfunden. Da hatte ich viel Respekt vor den Kindern und Jugendlichen, denen ich gegenübersaß. Ich fragte mich, was löse ich da aus? Ich will und darf niemanden traumatisieren oder retraumatisieren. Ebenso wenig darf und will ich bagatellisieren. Ich bin für die Erfahrung dankbar zu erleben, dass gerade Kinder, die eine Zuwanderungsgeschichte haben, vielleicht sogar eine Fluchtgeschichte, selbst Ausgrenzung und Diffamierung erfahren haben, aus den Geschichten, die wir erzählen, noch viel mehr Aspekte für sich verinnerlichen.
Wir erzählen Geschichten von Menschen, mit denen wir darüber gesprochen haben, was nach 1945 passiert ist, die durch pure Gewalt traumatisiert wurden, denen ihre Kindheit und ihre Bildung geraubt wurde, die aber dann erzählen, wie sie sich nach und nach Kindheit, Bildung zurückerobert haben, sich wieder auf Menschen eingelassen haben. Das sind unglaublich starke Geschichten. Das hilft Kindern und Jugendlichen, die selbst betroffen sind, weil es ihnen Mut macht. Wir haben auf unserer Internetseite Briefe von Kindern, die geschrieben haben, dass die Menschen, von denen sie erfahren haben, für sie ein Vorbild sind. Sie hätten den Mut gefunden, auch irgendwie weiterzumachen. Das hätte ich vorher so nicht erwartet, dass auch das eine Wirkung unserer Arbeit sein kann, Menschen Mut zu machen.
Ich werde immer wieder nach dem steigenden Antisemitismus gefragt. Nach dem 7. Oktober hat sich die Zahl antisemitischer Straftaten mehr als verdoppelt. Unsere Workshops sind gefragt, viele Menschen wollen sich mit uns austauschen. Gerade dort, wo Schulklassen oder Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte sind, ist das Interesse besonders hoch.
Psychologisches und sozialpädagogisches Feingefühl
Norbert Reichel: Bei jüdischen Themen erfahre ich zurzeit immer wieder, dass es eine Menge Leute gibt, die alle Jüdinnen und Juden in Kollektivhaftung für das nehmen, was Rechtsextremisten in der israelischen Regierung tun.
Ruth-Anne Damm: Das spielt in unseren Veranstaltungen und Workshops auch eine Rolle. Die Situation ist sehr verhärtet. Viele meinen, sie müssten jetzt auf der einen oder auf der anderen Seite stehen. Wir versuchen im Dialog zu zeigen, dass das viel zu kurz gedacht ist. Wir müssen darüber sprechen. Kritik an der israelischen Regierung steht selbstverständlich außer Frage. Das ist nicht das Problem. Weltweit falsch ist die Kollektivierung von Israelis oder gar von Jüdinnen und Juden außerhalb Israels. Wir brauchen in den Dialogen mehr Differenzierung. Das ist für mich das Schwierigste, das viele nur in schwarz oder weiß denken. Dann wird zum Beispiel eine „Staatsraison“ thematisiert.
Norbert Reichel: Was auch immer das sein soll. Der ständige Elefant im Raum.
Ruth-Anne Damm: Es geht um die Sicherheit Israels. Diese zu schützen und zu verteidigen ist von grundlegender, existenzieller Bedeutung. Das bedeutet jedoch nicht, dass man mit allen Handlungen der israelischen Regierung einverstanden sein muss und darüber kann man doch sprechen. Dass dies möglich ist, zeigt sich auch in den öffentlichen Debatten und Demonstrationen innerhalb Israels.
Norbert Reichel: Es lohnt sich, die Dimension zu veranschaulichen. Wenn Demonstrationen der Größenordnung, wie wir sie seit mehreren Jahren regelmäßig in Israel erleben, in Deutschland stattfänden, hätten wir regelmäßig Demonstrationen von mehreren Millionen Menschen vor dem Brandenburger Tor.
Ruth-Anne Damm: So ist es. Es ist so schade, dass das kaum gesehen wird. Stattdessen erleben wir diese Dämonisierung von Menschen in Israel, von Menschen außerhalb Israels, bloß weil sie Jüdinnen oder Juden sind. Hier müssen wir doch aktiv werden. Was wir tun können, ist darüber zu sprechen und zu versuchen, darauf hinzuweisen.
Norbert Reichel: Das ist für diejenigen, die die Workshops durchführen, eine sehr hohe Anforderung. Man braucht historische Kenntnisse, psychologisches Geschick, sozialpädagogisches Feingefühl in der Gesprächsführung und in der Wahrnehmung dessen, was diejenigen denken und sagen, die an den Workshops teilnehmen. Wie schulen Sie die Menschen, die die Workshops durchführen, die ehrenamtlichen wie die hauptamtlichen?
Ruth-Anne Damm: Wir haben ein intensives Ausbildungsprogramm für alle, die unsere Bildungsformate durchführen. Darüber hinaus haben wir unmittelbar nach dem 7. Oktober darüber nachgedacht und gesprochen, was das gesamte Team braucht. Es gibt auch regelmäßige Treffen mit kollegialer Fallberatung. Wir haben ein Coaching-Angebot, das Förderpartner ermöglicht haben. Das haben nicht alle wahrnehmen wollen, aber es war sehr wertvoll.
Wir verschriftlichen unsere Gespräche, Überlegungen und Erfahrungen auch. Es gibt ein Dokument zum Umgang mit schwierigen Situationen. Wir schauen auch, dass wir unser Team regelmäßig fortbilden. Es gibt sogenannte Kaminabende, in der Regel digitale Abende, an denen wir alle zu Hause an unseren Rechnern sitzen, zu denen wir Menschen mit besonderer Expertise einladen. Wir versuchen Impulse zu setzen, für die eigene Fortbildung, für die Aneignung von Wissen, zugleich bieten wir ein Ohr und hören einfach zu.
Erinnerungsarbeit mit Hologrammen: HOLO-VOICES

Briefe © Zweitzeugen e.V.
Norbert Reichel: Zurzeit wird oft darüber diskutiert, was wir tun, wenn es keine Zeitzeug:innen mehr gibt. Es gibt nur noch wenige Überlebende der Shoah, die meisten sind über 90 Jahre alt und nicht alle sind gesundheitlich so fit, dass sie noch in Schulklassen gehen können. Eine Methode, wie man die Präsenz Überlebender auch in Zukunft sichern kann, ist das Projekt HOLO-VOICES, das am 27. Januar 2026 eröffnet wurde.
Ruth-Anne Damm: Auf die Idee ist die nordrhein-westfälische Ministerin für Kultur und Wissenschaft, Ina Brandes, gekommen. Sie besuchte auf einer Reise in die USA das Illinois Holocaust Museum and Education Center in Chicago und erlebte dort Hologramme von Zeitzeug:innen. Man konnte den Hologrammen Fragen stellen, zu denen dann die Originalantwort aus einem gespeicherten Interview eingespielt wurde. Sie war so beeindruckt, dass sie dies auch in Nordrhein-Westfalen haben wollte. Es gab schon verschiedene digitale Ansätze, aber einen solchen Ansatz mit Hologrammen noch nicht. Wir hatten damals mit ihr Kontakt wegen eines anderen Projektes und so kamen wir in den Austausch.
Mich hat das total gepackt. Wir haben schon mit über 60.000 Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Das sind mindestens dreistündige Workshops, in der Regel Projekttage von sechs Stunden, und manchmal ganze Projektwochen. Wir merken in den vergangenen Jahren schon, dass sich etwas in der Aufmerksamkeitsspanne, in der Konzentration verändert. Wir müssen schauen, was Jugendliche besonders interessiert, welche moderne Technik es gibt, um Jugendliche interessiert zu halten. Wir müssen uns auch vor Augen führen, dass für junge Menschen der Abstand zur Zeit des Nationalsozialismus immer größer wird. Sie haben oft auch keine Großeltern mehr, die sie fragen können. Da könnten die Hologramme helfen.
Zugleich stellte ich mir auch die ethische Frage, ob es verantwortbar ist, hier mit KI zu arbeiten? Für das Ministerium für Kultur und Wissenschaft und den Projektträger TU Dortmund war es von vornherein absolut klar, dass die KI nur Fragen mit Antworten matcht, nicht generativ ist, nicht halluziniert und Dinge erzählt, die die Befragten nie gesagt haben. Das war für mich entscheidend. Grundbedingung für das Ministerium und für die TU Dortmund war immer, dass die historische Richtigkeit oberste Priorität hat.
Wir haben im Frühjahr 2025 ein Pilotprojekt mit digitalen Programmen durchgeführt, noch nicht mit Hologrammen, und Jugendliche gefragt, was sie interessiert. Sie waren sehr interessiert, gerade weil sie selbst jetzt Fragen stellen durften. Die Fragen waren nicht mehr durch ein Schulbuch oder ein anderes Medium vorgegeben. Sie selbst konnten den Verlauf des Gesprächs bestimmen. Der Kern war die Interaktivität der Kinder und Jugendlichen mit den Zeitzeug:innen selbst. Wir konnten mit den Jugendlichen auch über Grenzen und Chancen von KI sprechen. Das waren richtig spannende ethische Dialoge. Auch das ist wertvoll, weil junge Menschen heute einem Überangebot von Informationen im Internet, von Fake News, von Avataren, von Deep Fakes ausgesetzt sind.
Norbert Reichel: Vielen Politiker:innen fällt dazu nur ein, Jugendlichen bis zu einem bestimmten Alter den Zugang zu Social Media zu verbieten.
Ruth-Anne Damm: Es war einfach interessant, mit den Jugendlichen darüber zu sprechen, was sie da rezipieren, was für Quellen im Internet zu finden sind, welche nicht.
Norbert Reichel: Im Grunde entsteht so Medienkompetenz.
Ruth-Anne Damm: Wir haben dank dieser Gespräche Räume geöffnet, mit Hilfe von KI den Kontakt zu Zeitzeug:innen zu ermöglichen. Ich bin dem MKW NRW sehr dankbar, auch der TU Dortmund, die das als Projektträger umgesetzt hat. Es sind auch schon Interviews mit neuen Gesprächspartner:innen für Hologramme geführt worden. Natürlich brauchen wir auch Förderpartner. Ohne die ginge es nicht. Möglich habe dies die RAG-Stiftung, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und die Brost-Stiftung gemacht.
Seit Eröffnung von HOLO-VOICES auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein Zollverein am 27. Januar 2026 wird das Team mit Anfragen überrannt. HOLO-VOICES-Führungen für Schulklassen sind auf Monate hin ausgebucht.
Es gibt fast täglich Führungen und Workshops, oft drei Gruppen parallel, auch durch die Zusatzausstellung „Unter Tage – unter Zwang“ zur NS-Zwangsarbeit im Ruhrbergbau. In dieser Ausstellung reden wir darüber, was ganz konkret an diesem Ort, der Zeche Zollverein, passiert ist. Dann über das, was in der Montanindustrie und anderen Orten im Ruhrgebiet geschah. Das ist für manche Unternehmen, mit denen der Verein ZWEITZEUGEN e.V. zusammenarbeitet, nicht leicht, aber es ist ihnen auch wichtig zu belegen, was in ihren Unternehmen geschah, wie sie Zwangsarbeiter:innen einsetzten, wie sie mit jüdischen Mitarbeiter:innen umgingen. Darüber sprechen wir mit den Kindern und Jugendlichen, aber eben auch mit allen, die in der Vermittlung tätig sind, den Lehrkräften ebenso wie mit den Menschen in den Unternehmen.
Es ist ein Widerspruch in unserer Zeit. Auf der einen Seite erlebe ich Geschichtsrevisionismus, Leugnungen, Schlussstrichdebatten. Das macht mich ganz krank. Aber auf der anderen Seite erlebe ich, wie die Gruppen kommen, Schulen wie Unternehmen. Das macht mir Mut, das gibt mir Hoffnung. HOLO-VOICES kann schon etwas bewirken. Wir sind als „ZWEITZEUGEN e.V.“ in die didaktische Begleitung eingebunden, gestalten die Workshops, die Führungen. Wir sind sehr sehr dankbar, dass wir Teil davon sein dürfen.
Norbert Reichel: Wird HOLO-VOICES auch an anderen Orten zu sehen sein?
Ruth-Anne Damm: Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft und die TU Dortmund konnten erreichen, dass HOLO-VOICES mindestens noch ein weiteres Jahr auf Zeche Zollverein zu erleben sein wird. Wie es danach weitergeht, entscheiden das Ministerium und die TU Dortmund.
Mit Kopf, Herz und Hand

Schulklassen-Workshop am 22. Januar 2026 © MKW/Lars Berg.
Norbert Reichel: Vor 20 oder 30 Jahren hätte man empfohlen, ein Buch zu lesen, das Zeitzeug:innen geschrieben haben. In HOLO-VOICES kann man Lebensgeschichten, die man sonst nur über ein Buch kennengelernt hätte, unmittelbar erleben.
Ruth-Anne Damm: Ich würde nicht sagen: Statt Buch Hologramm. Ich sage: Hologramm und Buch und TV-Dokumentation und und und. Es ist ein anderes Medium. Es geht nicht darum, nur ein Medium anzubieten. Es ist gut, dass es Gleichzeitigkeiten geben darf.
Ich bin selbst über die Stimmen aus den Interviews zum Thema gekommen. Ich hatte ein Gespräch auf dem Ohr, habe es transkribiert, alles aufgesogen, Interviews gelesen, Bücher gelesen, Filme und Dokumentationen geguckt. Für mich war das der Einstieg und dann habe ich Überlebende persönlich kennengelernt.
Ich bin so dankbar für meine Ersterfahrung. Ich war gepackt und wollte mehr erfahren. Ich habe das am Tag der Eröffnung auch gesagt: Erinnerung darf kein einmaliges Ereignis sein. Es ist ein Prozess. Wenn es möglich ist, komme ich nach Essen und habe Kontakt mit den Hologrammen. Und danach denke ich darüber nach, was damals passiert ist, und dann möchte ich mehr erfahren. Ich würde mir wünschen, dass man dann selbst auf Spurensuche geht. Es gibt so viele Mahn- und Gedenkstätten in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen. Es wäre auch eine Idee, sich auf lokale Spurensuche zu begeben: Ich finde heraus, was in meiner Stadt, in meiner Familie geschehen ist. Es ist so viel möglich.
Wir orientieren uns am didaktischen Grundkonzept: Mit Kopf, Herz und Hand. Wir wollen über die persönlichen Geschichten die Herzen der Menschen erreichen. Das funktioniert, wenn Zweitzeug:innen in die Schulklasse kommen und wir von den Geschichten der Zeitzeug:innen erzählen, mit Audio- oder Videoeinspielungen. Oder es funktioniert in Essen über die Hologramme und die Ausstellungen. Entscheidend sind die persönlichen Geschichten. Kopf, das heißt: Wir wollen Wissen vermitteln, gegen so viel Unwissen, gegen falsche Kontextualisierungen. Wir wollen helfen, das Thema historisch einzuordnen. Wir reden auch von Kontinuitäten des Antisemitismus. Die jungen Leute gehen nach draußen und verstehen, dass Antisemitismus nicht nur ein Phänomen der Nazis war. Das haben die Nazis nicht erfunden, das gab es schon vorher und das gibt es heute. Hand, das heißt: es wird greifbar und fortführbar, im Alltag. Wir wollen ermutigen, das ist die Königsdisziplin. Es kann sein, dass die Menschen dann sagen, wir wollen weitererzählen, wir möchten vielleicht sogar etwas Eigenes machen, in einem Verein mitwirken oder sogar einen eigenen Verein gründen, einen Podcast einrichten, in der Schülerzeitung berichten. Oder eben auch weiter forschen!
Norbert Reichel: Es ist aus meiner Sicht immer eine Frage des Einstiegs. Da hilft natürlich Methodenvielfalt. Vielleicht ist der erste Schritt sogar der schwerste, gerade in einer Zeit, wo es immer mehr Menschen zu geben scheint, die gar nichts mehr von einer Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit wissen wollen. Eine Partei hat das ausdrücklich in ihrem Wahlprogramm. In Sachsen-Anhalt fordert diese Partei, sich an die Jahre 1871 und 1813 zu erinnern. Ich stelle mir nicht nur am Rande die Frage, ob da wieder antifranzösische Ressentiments geschürt werden sollen. Der französische Rassemblement National weiß schon sehr genau, warum man mit dieser deutschen Partei nichts zu tun haben will. Der Vorsitzende dieser Partei meinte zuletzt in einer Talkshow, es könnte ja auch mal wieder eine Bedrohung aus Polen geben. Die Shoah und die deutschen Vernichtungskriege spielen keine Rolle im Denken dieser Partei, offenbar angesichts der genannten Daten die Friedliche Revolution 1989 auch nicht mehr.
Ruth-Anne Damm: Wir sprechen hier über die AfD. Mich besorgen ihre Positionen sehr. Wenn die Auseinandersetzung mit der Shoah und den nationalsozialistischen Verbrechen relativiert oder aus dem öffentlichen Bewusstsein gedrängt werden soll, dann ist das eine ernsthafte Gefahr für unsere Demokratie Gerade deshalb ist unsere Bildungsarbeit so wichtig: Sie stärkt historisches Wissen, fördert demokratische Haltung und befähigt Menschen, menschenfeindliche Ideologien zu erkennen und ihnen entgegenzutreten.
Wir schauen, dass wir einen möglichst niedrigschwelligen Weg finden, um Zugang zu finden. Wir haben eine interaktive Wanderausstellung, eine Bannerausstellung, die Workshops, die wir bundesweit umsetzen, wir arbeiten nicht nur in Schulen, sehr intensiv auch im Sport, außerhalb der Schulen. In Sportvereinen arbeiten wir mit Trainer:innen, wir arbeiten mit Fußballbundesligisten. Die berichten von Situationen, die jede Woche auf dem Fußballplatz passieren. Die sind nicht alle antisemitisch, sie sind auch rassistisch, sexistisch, homophob. Das sind Anlässe, um miteinander zu sprechen.
Es geht letztlich um Haltung. Die Zugänge, die wir bieten, eröffnen einen Weg, erst einmal sein Herz zu öffnen und zu verstehen, wohin Hass führen kann. Das kann man sich so einfach gar nicht vorstellen. Ich dachte immer, ich könnte “alle” Fragen beantworten, je tiefer ich eintauche. Aber das ist nicht so. Je tiefer ich eintauche, umso erdrückender ist für mich das, wozu der Mensch fähig ist. Das ist eine grauenhafte Erkenntnis. Zugleich ist sie wichtig, weil sie mich durch mein Leben navigiert. Ich muss nicht immer den Teufel an die Wand malen, aber so zu tun, als wäre alles nicht so schlimm, ist auch der falsche Weg. Wir haben mit der AfD – ich nenne sie jetzt explizit – eine Partei, die offensiv Geschichtsrevisionismus betreibt. Das ist hochgradig gefährlich. Wenn man sich die Wahlprogramme anschaut, erschrecke ich. Wir müssen alarmiert sein. Wir alle können und müssen etwas tun, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Aber erst einmal ist es das Feuer im Herzen. Damit beginnt es.
(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 3. August 2026. Titelbild: Postkarten © Zweitzeugen e.V.)
