<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Baltische Staaten Archive - Demokratischer Salon:</title>
	<atom:link href="https://demokratischer-salon.de/portfolio_tags/baltische-staaten/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://demokratischer-salon.de/portfolio_tags/baltische-staaten/</link>
	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
	<lastBuildDate>Mon, 24 Nov 2025 05:45:58 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	
	<item>
		<title>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Oct 2025 07:17:48 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7564</guid>

					<description><![CDATA[<p>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin? „Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“ Lange wurde darüber diskutiert, war es umstritten, nun aber ist es da: am 16. Juni 2025 wurde das polnische Denkmal enthüllt! Es gedenkt der polnischen Opfer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Und sogleich wird es schlecht  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</strong></h1>
<h2><strong>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</strong></h2>
<p>Lange wurde darüber diskutiert, war es umstritten, nun aber ist es da: am 16. Juni 2025 wurde das polnische Denkmal enthüllt! Es gedenkt der polnischen Opfer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.</p>
<p>Und sogleich wird es schlecht gemacht. Es soll nur vorläufig sein, Platzhalter für etwas anderes, das eigentliche Denkmal, eingebettet in das „Deutsch-Polnische Haus“.</p>
<p>Dabei ist dieses Denkmal würdig und gut gestaltet – ein riesiger Stein, zentral und historisch gut ausgesucht, am Ort der ehemaligen Kroll-Oper, wo Hitler am 1. September 1939 den Krieg mit Polen verkündete. Ganz im Zentrum Berlins, in der Nähe des Kanzleramtes.</p>
<p>Weshalb soll es ein neues Denkmal geben? Weshalb soll das gerade aufgestellte temporär sein? Was fehlt ihm? Was steht dahinter? Soll das andere, neue, monumentaler sein? Gar in den Wettbewerb eintreten mit dem Holocaust-Denkmal? Das wäre in meinen Augen widersinnig und würde dem Anliegen des beabsichtigten Gedenkens nicht gerecht. Verstehen würde ich, wenn es den Wunsch gäbe, den – wie ich finde, sehr geeigneten – Stein um ein Kunstwerk zu ergänzen. Aber nicht, dies Denkmal durch ein neues zu ersetzen!</p>
<div id="attachment_7566" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7566" class="wp-image-7566 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7566" class="wp-caption-text">Die aktuelle Gedenktafel. Foto: NoRei.</p></div>
<p>Wenig zufriedenstellend dagegen ist in meinen Augen die Gedenkformel. Sie lautet: <em>„Den polnischen Opfern des Nationalsozialismus und den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft in Polen 1939-1945“</em>. Doch wer ist gemeint? Es müssten doch alle Opfer der Zweiten Republik Polen sein, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt am 1. September 1939 von Hitlerdeutschland überfallen wurde, und kurz danach, am 17. September, von Stalins Sowjetunion, die 52 % des polnischen Staatsgebiets besetzte. Es war gewissermaßen die vierte Teilung Polens. Im sowjetisch besetzten Gebiet lebten damals 13 Millionen polnische Staatsbürger, doch setzte sie sich folgendermaßen zusammen: fünf Millionen waren Ukrainer, drei Millionen Belarusen, zwei Millionen Juden und knapp drei Millionen waren ethnische Polen. Auch viele Deutsche lebten dort. Ab Juni 1941 kamen auch diese unter deutsche Besatzung. Wäre es nicht wichtig, dass die Gedenkformel sicht- und wahrnehmbar auch die Opfer dieser Minderheiten mit ihrer ethnischen Identität einbezieht – und dies auch in ihren eigenen Sprachen? Die Gedenkformel sollte deshalb dort außer Polnisch und Deutsch auch in Jiddisch, Ukrainisch, Belarussisch und Litauisch dort stehen.</p>
<p>Mein Vorschlag für diesen Text: <em>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</em>.</p>
<p>Es ist nun geplant, im Zentrum Berlins ein „Deutsch-Polnisches Haus“ zu schaffen. Hier soll an die polnischen Opfer durch Krieg und Besatzung erinnert werden, aber auch an die lange durchaus auch friedliche Beziehungsgeschichte zwischen Polen und Deutschen. Ausgangspunkt für diesen Plan ist die <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/19/237/1923708.pdf">Bundestagsresolution vom 30. Oktober 2020</a> (Drucksache 19/23708), die für einen polnischen Lernort in Berlin mit einem polnischen Denkmal eintritt. Sie war die Initiative einiger einflussreicher Abgeordneter, nachdem der Bundestag drei Wochen vorher schon ein <a href="https://www.stiftung-denkmal.de/wp-content/uploads/2020_10_09_Beschlossen_1923126.pdf">Dokumentationszentrum zum Gedenken an die deutsche Besatzung in Europa und den Vernichtungskrieg im Osten</a> (Drucksache 19/23126) beschlossen hatte. Auch in diesem spielte Polen eine wichtige Rolle, aber eingebettet in die größere Dimension des umfassenderen Vernichtungskrieges im Osten…</p>
<p>Leider wurde es in der folgenden Legislaturperiode versäumt, beide Projekte zusammenzuführen und so wurden sie getrennt voneinander verfolgt, gewissermaßen im Wettbewerb miteinander, beide seit 2021 betreut von der beziehungsweise dem Bundeskulturbeauftragten. Wegen der außenpolitischen Bedeutung Polens trat das bilaterale Projekt mehr und mehr in den Vordergrund. Gleichzeitig gibt es aber in Polen deutlich weniger Interesse am „Deutsch-Polnischen Haus“ als am Denkmal.</p>
<p>Dieser bis heute im Vordergrund stehende bilaterale Ansatz birgt jedoch große Risiken und Widersprüche.</p>
<p>Das gilt einmal grundsätzlich:</p>
<p>Wichtiger Hintergrund beider Projekte war, dass sich in Deutschland die Erinnerung an den Nationalsozialismus immer mehr auf das Gedenken an den Holocaust beschränkte. So sollten endlich auch andere Dimensionen der NS-Verbrechen in die Erinnerung und in das Gedenken einbezogen werden. Das gilt für die Millionen Opfer des von Beginn an so geplanten Dokumentationszentrum zum Vernichtungskrieg und der mörderischen Besatzung in Polen, Belarus, der Ukraine und Russland, aber eben auch in Jugoslawien, besonders im heutigen Serbien. Die Initiatoren des bilateralen Projektes mit Polen argumentierten mit der besonderen Nachbarschaft und der längsten Besatzungszeit, eben vom September 1939 bis 1945.</p>
<p>Doch ist das historisch überzeugend?</p>
<p>Bezeichnend war, dass in den Gedenkreden am 1. September 2025 der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 gar nicht erwähnt wurde. In Deutschland hat die Erinnerung an diese komplexe historische Verflechtung nazistischer und der Verbrechen der Sowjetunion keine Tradition &#8211; und vielfach weiß man auch wenig davon. Durch diesen Pakt und seine bis in die Gegenwart reichenden Folgen ist die Geschichte Polens, Finnlands, der baltischen Staaten, Moldaus und Rumäniens, aber eben auch der heute zu Belarus und der Ukraine gehörenden Territorien eng miteinander verbunden. Hier ein bilaterales deutsch-polnisches Haus zu planen, ist ein gewagtes Unterfangen (wären dort etwa die Verbrechen an den Ukrainern in Lemberg einbezogen – die in Kyjiw aber nicht…).</p>
<p>Dazu kommt die Darstellung der Verbrechen Stalins: Trägt nicht Deutschland durch diesen Pakt auch eine gewisse Mitverantwortung an den Verbrechen Stalins im von der Roten Armee besetzten östlichen Polen der Zweiten Republik seit 1939 (Gebiete, die die Sowjetunion nach 1945 behalten hat)? Dazu gehört der vieltausendfache Mord der polnischen Offiziere 1940, am bekanntesten die Massaker von Katyn?</p>
<p>Schwierige Fragen über Fragen…</p>
<p>Dazu kommt, dass ein bilaterales Projekt vermutlich auch ein Projekt beider Staaten wäre, wenn auch von Deutschland finanziert und in Berlin platziert. Doch ist das realistisch? Ich befürchte, das wird scheitern. Wer glaubt, dass sich ein offizielles deutsch-polnisches Team bilden lässt, das über die nächsten Jahre im Konsens ein Konzept erarbeitet, das dann auch umgesetzt wird, ist in meinen Augen ziemlich optimistisch oder gar fahrlässig blauäugig. Es gibt zwar das gute <a href="https://research.gei.de/de/projects/das-gemeinsame-deutsch-polnische-geschichtsbuch/">Beispiel des deutsch-polnischen Geschichtsbuches</a>, das in vier Bänden nach langen Jahren gemeinsamer Arbeit vorliegt und vielfach gerühmt wird. Doch war es von der PIS-Regierung in Polen jahrelang nicht zum Gebrauch zugelassen – und in Deutschland ebenfalls in Bayern nicht!</p>
<p>Ist es da nicht sinnvoller, das in der anderen Bundestagsresolution vom 9. Oktober 2020 beschlossene Projekt eines Dokumentationszentrums zum Vernichtungskrieg und zur deutschen Besatzung in Europa entschlossen in Angriff zu nehmen und hier – wie ursprünglich sowieso beabsichtigt – Polen einen angemessenen Platz zu geben? Es wäre ein deutsches Projekt, ein Lernort, der auch zuerst die deutsche Bevölkerung im Blick hat, da in Deutschland kaum jemand von dieser Geschichte des Nationalsozialismus weiß. Natürlich würden auch hier Fachleute aus den betroffenen östlichen Ländern zur Mitarbeit eingeladen werden, wobei die russischen oder belarusischen heute wohl im Exil leben.</p>
<p>Dies Dokumentationszentrum könnte dem polnischen Denkmal gegenüber gebaut werden, auf der anderen Straßenseite Richtung Reichstag – es würde nur die Rasenfläche ein Stück weit verringern. Hier fänden die Besucher des polnischen Denkmals die historischen Hintergründe und Zusammenhänge, die dies Denkmal begründen.</p>
<p>Gleichzeitig ist dieser Standort offen dafür, auch noch das tragische Schicksal anderer Völker mit einem eigenen Denkmal in den Blick zu nehmen. Angesichts des heutigen Krieges in der Ukraine und der ebenfalls in Millionen zählenden NS-Opfer in diesem Land – man geht von ca. acht Millionen aus – wäre hier demnächst an ein weiteres Denkmal für die ukrainischen Opfer zu denken. Mit Recht hat der ukrainische Botschafter schon mehrfach diesen Vorschlag gemacht.</p>
<p><strong>Markus Meckel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 27. Oktober 2025, Das Titelbild zeigt die am 16. Juni 2025 eingeweihte Gedenkstätte mit Stein und Tafel in der Heinrich-von-Gagern-Straße, an der Stelle der ehemaligen Kroll-Oper, in der Hitler am 1. September 1939 den Angriff auf Polen verkündete. In der Kroll-Oper tagte nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 der Reichstag. Foto: ReLo.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zwei Jahre Zeitenwende &#8211; eine durchwachsene Bilanz</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwei-jahre-zeitenwende-eine-durchwachsene-bilanz/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwei-jahre-zeitenwende-eine-durchwachsene-bilanz/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 01 Apr 2024 09:53:19 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=4592</guid>

					<description><![CDATA[<p>Zwei Jahre Zeitenwende – eine durchwachsene Bilanz Ein Gespräch mit dem Osteuropahistoriker Martin Aust „Die Erzählung vom osteuropäischen Widerstand zur Zeit des Zweiten Weltkriegs war kein großes europäisches Narrativ, nur ein Haufen national bedeutsamer Geschichten in den jeweiligen Ländern Osteuropas. Doch genau diese Geschichten ermöglichten die erneute Unabhängigkeit der baltischen Staaten. Genau diese Geschichte  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwei-jahre-zeitenwende-eine-durchwachsene-bilanz/">Zwei Jahre Zeitenwende &#8211; eine durchwachsene Bilanz</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Zwei Jahre Zeitenwende – eine durchwachsene Bilanz</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Osteuropahistoriker Martin Aust</strong></h2>
<p><em>„Die Erzählung vom osteuropäischen Widerstand zur Zeit des Zweiten Weltkriegs war kein großes europäisches Narrativ, nur ein Haufen national bedeutsamer Geschichten in den jeweiligen Ländern Osteuropas. Doch genau diese Geschichten ermöglichten die erneute Unabhängigkeit der baltischen Staaten. Genau diese Geschichte ermöglichten den Widerstand und die Revolution in der Ukraine. Genau wegen dieser Geschichten sind wir noch immer da und sprechen noch immer unsere Muttersprache.“ </em>(Sofi Oksanen, Putins Krieg gegen die Frauen, Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2024)</p>
<p>Die Unabhängigkeit, Integrität und Sicherheit der osteuropäischen Staaten, die sich in den 1990er Jahren aus dem Herrschaftsbereich der Sowjetunion befreiten und sich der Europäischen Union und der NATO anschlossen beziehungsweise erklärten, dies tun zu wollen, ist eine wesentliche Bedingung für die Stabilität der freiheitlichen Demokratien des Westens. Wie wichtig dies ist, wird allerdings auch kontrovers diskutiert. Dier von Putin und dem heutigen Russland ausgehende Bedrohung wird unterschiedlich bewertet. Das Fach Osteuropäische Geschichte kann dazu beitragen, dass Politik und Gesellschaft sich über die historischen Grundlagen und Entwicklungen informieren, sich in den Kontroversen mit all ihren Versionen orientieren und ihre jeweiligen Einschätzungen, Urteile und Vorurteile gegebenenfalls präzisieren oder auch revidieren.</p>
<div id="attachment_2769" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2769" class="wp-image-2769 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2769" class="wp-caption-text">Prof. Martin Aust. Foto: Barbara Frommann.</p></div>
<p>Martin Aust, Leiter der Abteilung Osteuropäische Geschichte der Universität Bonn, ist ein wichtiger Partner des Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salons</span> und zum zweiten Mal selbst Gast, zum ersten Mal im Januar 2023 in einem Gespräch mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltenwenden-zeitenwenden/">„Weltenwenden, Zeitenwenden“</a>. In diesem zweiten Gespräch geht es unter anderem um die Frage, wie es wiederum ein Jahr später ausschaut, zwei Jahre nach dem 24. Februar 2022 aus mit der von Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2024 verkündeten <em>„Zeitenwende“</em>? Was hat sich im Fach Osteuropäische Geschichte getan und wie sind die aktuellen Debatten über Krieg und Frieden in Europa zu bewerten?</p>
<h3><strong>Dezentrierung der Osteuropäischen Geschichte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat der 24. Februar 2022 für das Fach Osteuropäische Geschichte verändert?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Es hat sich viel verändert. Wir sind in der Öffentlichkeit lauter und sichtbarer geworden. Schon vor dem 24. Februar 2022 haben einzelne Vertreter:innen unseres Faches immer wieder die Öffentlichkeit gesucht. Nach diesem Tag hat dies ein größeres Ausmaß angenommen. Wir denken, dass wir auch vor diesem 24. Februar viel zur Aufmerksamkeit für Osteuropa hätten beitragen können, aber kaum gehört worden sind. Und wir wollen dafür sorgen, dass sich das nicht noch einmal wiederholt. Deshalb suchen wir die Öffentlichkeit ganz bewusst und stark und finden sie auch.</em></p>
<p><em>Zum zweiten läuft im Fach seitdem eine intensive Debatte der Selbstverständigung. Diese kreist um die nicht neue, aber nach wie vor aktuelle Frage, ob wir in der Vergangenheit uns zu sehr auf die Geschichte Russlands konzentriert und die Geschichte der anderen Länder vernachlässigt haben. Die Antwort fällt differenziert aus. Man kann uns sicherlich nicht vorwerfen, dass wir uns nur mit Russland beschäftigt hätten. Wir sind uns aber schon bewusst, dass wir bei den nicht-russischen Geschichten der Region erheblichen Nachholbedarf haben. Das verknüpft sich nicht nur mit der Frage nach der Aufmerksamkeit für einzelne Regionen, sondern verbindet sich auch mit der Suche nach neuen Begriffen und Konzepten im Fach. Stichworte in diesem Methodenwettstreit sind Dezentrierung und Dekolonisierung, zwei Begriffe, die miteinander konkurrieren. </em></p>
<p><em>Dezentrierung trifft es meines Erachtens besser. Wir suchen eine Emanzipation von imperialen Blicken auf die Region, von deutschzentrischen wie von russozentrischen Blicken. Dekolonialisierung ist ein etwas schwieriger Begriff, denn er impliziert, die Geschichte Russlands beziehungsweise der Sowjetunion epochenübergreifend an allen Orten als stets kolonial, als kolonialistisch zu beschreiben. Es gibt mit Recht kritische Fragen, ob das tatsächlich die Sachlage trifft. Kolonialismus ist ein Verhältnis, bei dem Andersartigkeit behauptet wird, sei es in der Art einer selbst angemaßten historischen Mission von Kolonialisierern, sei es in Form von Rassismus. Die kritische Frage lautet, ob Kolonialismus das russisch-ukrainische Verhältnis trifft und ob es auch den Geist trifft, aus dem heraus Putin diesen Krieg führt. Putin sagt der Ukraine ja nicht, er führe diesen Krieg gegen die Ukraine, weil die Menschen dort anders wären. Er ist der Auffassung, die Ukrainer gäbe es eigentlich nicht, sondern sie wären einfach auch Russen. Er glaubt, es gäbe eine Identität, die künstlich getrennt worden wäre und jetzt wiederhergestellt werden müsste. Insofern muss kritisch nachgefragt werden, ob der Kolonialismusbegriff weiterhilft, den aktuellen Krieg Russlands zu verstehen und andererseits auch die Geschichte Osteuropas neu zu denken.</em></p>
<p><em>Dazu kommt eine weitere Tendenz. Die Kooperation mit Institutionen in Russland liegt selbstverständlich auf Eis. Der Zugang zu Archiven in Russland bietet sich uns zurzeit nicht. Das konzeptionelle Vorhaben, die Geschichte Osteuropas zu dezentrieren, wird auch dadurch unterstützt, dass wir die Geschichte der Region mit Hilfe von Archiven außerhalb Russlands schreiben werden, zum Beispiel aus Estland, Lettland, Litauen, soweit der Krieg das zulässt aus der Ukraine, auch aus Georgien, Armenien, Aserbeidschan und den zentralasiatischen Staaten. </em></p>
<p><em>Wir sind zurzeit aber nach wie vor weitgehend im Krisenreaktionsmodus. Ich bin sehr stark damit beschäftigt, Grundlagenwissen ins Gespräch zu bringen. Die Forschung, in die man sich längere Zeit zurückziehen könnte, um sich konzentriert einem bestimmten Thema zu widmen, leidet darunter. Es wäre schon wichtig, wenn es gelänge, den Hebel umzulegen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Putin sagt, die Ukrainer sind Russen, sie sind dann sozusagen Separatisten. So erklärt sich auch sein Begriff der <em>„militärischen Spezialoperation</em>“. Es ist für ihn eine Polizeiaktion. Dass Putin nach zwei Jahren selbst den Kriegsbegriff verwendet, hat mit der massiven Unterstützung der Ukraine durch den Westen zu tun, den er damit zur Kriegspartei erklärt, ohne es ausdrücklich zu sagen. Mein Eindruck ist der, dass er den Begriff <em>„die sind wie wir“</em> sehr weit auslegt, er bezieht dies auch auf Staaten, die keine russischen Staaten sind wie die baltischen Staaten oder Moldawien. Dort beruft er sich dann auf angeblich unterdrückte Minderheiten, eine Sichtweise, die er auch im Hinblick auf die Ukraine zuspitzt, wenn er von einem <em>„Genozid“</em> an der dortigen russischsprachigen Bevölkerung spricht. Man könnte fast vermuten, er beziehe alle Länder in sein Narrativ ein, die bis in die 1990er Jahre hinein nicht zur NATO gehörten, möglicherweise sogar einschließlich der DDR. Eine seiner Forderungen lautet ja auch, die Mitgliedschaft in der NATO auf das Jahr 1997 zurückzusetzen.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Es ist sicherlich fraglich, ob wir die Intentionen Putins gegenüber anderen Ländern aus der gleichen Motivation erklären können, die er gegenüber der Ukraine anführt. Dahinter würde ich noch ein Fragezeichen setzen. Aber es gibt nicht erst seit Februar 2022, auch schon vorher, genügend Äußerungen von Putin, die diese Absichten erkennen lassen, angefangen mit der Forderung, dass alle NATO-Beitritte auf den Stand von 1997 zurückgeführt werden sollen bis hin zu Äußerungen über die baltischen Staaten oder über Polen. Auf einem Wirtschaftsforum in St. Petersburg fing Putin an, frei über Peter den Großen und sich selber zu sprechen. Er sagte, er mache eigentlich nichts anderes als Peter der Große. Der habe damals Regionen zu Russland zurückgeholt – so nannte er das. So würde er das jetzt auch machen. Daraus könnte man Ansprüche Putins auf das Baltikum ableiten. Das Argument, er müsse Russen im Ausland schützen, hat er vor einigen Monaten ausdrücklich gegenüber Lettland gebraucht, mit Blick auf die Sprachpolitik und die Staatsbürgerschaftspolitik in Lettland. </em></p>
<p><em>Man muss auch ganz hellhörig werden, wenn Putin etwas definitiv ausschließt. Er hat kürzlich ausgeschlossen, dass Russland vorhabe, Polen anzugreifen. Er fügte aber hinzu, es sei denn, es gehe ein aggressiver Akt von der polnischen Regierung aus. Er hat auch unmittelbar vor dem 24. Februar 2022 gesagt, dass er nicht die Absicht habe, die Ukraine anzugreifen. Solche Äußerungen lassen nicht nur aufhorchen, sondern lassen die Alarmglocken läuten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Anzuschließen wäre die Frage, wann Putin davon ausgeht, dass jemand Russland angreift. Ich erinnere mich an eine Äußerung Gerhard Schröders vor dem 24. Februar 2022, die Ukraine möge <em>„mit dem Säbelrasseln aufhören“</em>. Immer wieder höre ich auch von denjenigen, die im Westen versuchen, Putin zu rechtfertigen, die NATO wolle die Ukraine als <em>„Aufmarschgebiet“</em> gegen Russland nutzen.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Wenn man versucht, sich in den Kopf von Putin hineinzuversetzen, stößt man auf diese krude Argumentation, dass Russland im Grunde genommen gar nicht angreife, der Westen hätte ja längst schon Russland angegriffen und die Ukraine wäre das Instrument, über das dieses geschähe. Dieses Argument lässt sich beliebig auf alle weiteren Staaten übertragen, die seit 1997 der NATO beigetreten sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Spielt Panslawismus noch eine Rolle?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das vermag ich nicht zu erkennen.</em> <em> </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn wir alle ehemaligen Sowjetrepubliken unter den Begriff „Osteuropa“ subsummieren, gehören auch die zentralasiatischen Staaten dazu.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Damit beschäftigt sich osteuropäische Geschichte nicht erst seit gestern. In der Vergangenheit ergaben sich die Themen allerdings eher aus der Verbindung mit der russischen oder sowjetischen Geschichte, beispielsweise der Instabilität des Zarenreichs zu Beginn des Ersten Weltkriegs, Stalins Kollektivierungskampagne, die man dann im Hinblick auf ihre Auswirkungen in Randregionen der Sowjetunion untersucht.</em></p>
<p><em>Ich nenne drei Beispiele, die Dissertation von </em><a href="https://www.hsu-hh.de/hisost/mitarbeiter/prof-dr-joern-happel/"><em>Jörn Happel</em></a><em> über den Aufstand in Zentralasien im Zarenreich 1916 (Nomadische Lebenswelten und zarische Politik – Der Aufstand in Zentralasien 1916, Stuttgart, Franz Steiner Verlag, 2010) sowie die Studie von </em><a href="https://www.oei.fu-berlin.de/geschichte/Team/Team/Robert-Kindler-II/index.html"><em>Robert Kindler</em></a><em> über die Kollektivierungsverbrechen in Kasachstan (Stalins Nomaden – Herrschaft und Hunger in Kasachstan, Hamburg, Hamburger Edition 2014, zweite Auflage 2020). Zurzeit gibt es in unserer Abteilung das Dissertationsvorhaben von </em><a href="Anonymität%20und%20Omnipräsenz.%20Erinnerungen%20an%20stalinistische%20Verbrechen%20im%20post-sowjetischen%20Kasachstan%20und%20der%20Ukraine"><em>Hera Shokohi</em></a><em> mit dem Arbeitstitel „Anonymität und Omnipräsenz – Erinnerung an stalinistische Verbrechen im post-sowjetischen Kasachstan und der Ukraine“. </em></p>
<p><em>Andererseits gibt es für viele Länder oder Ländergeschichten in Deutschland eine Community von Expertinnen und Experten, beispielsweise für Polen, die baltischen Staaten, Tschechien, die Slowakei, auch im außeruniversitären Bereich. Es gibt auch einige Institute, das </em><a href="https://www.ikgn.de/"><em>Nordost-Institut in Lüneburg</em></a><em>, das sich mit den baltischen Staaten beschäftigt, das </em><a href="https://www.collegium-carolinum.de/"><em>Kollegium Carolinum in München</em></a><em> für die Geschichte Tschechiens und der Slowakei, das </em><a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/"><em>Deutsche Polen-Institut in Darmstadt</em></a><em>.</em></p>
<p><em>Das sind Ankerpunkte für die jeweiligen Communities. Ich glaube, es kommt auch an den Hochschulen jetzt darauf an, mehr Grundlagenforschung zu betreiben, um die Geschichte der osteuropäischen Länder stärker aus sich selbst heraus zu begreifen. Es wäre eine Bereicherung, wenn es weitere Kollegen und Kolleginnen gäbe, die diese Ländergeschichten um ihrer selbst willen zum Schwerpunkt ihrer Arbeit machten. Dazu wäre es aber erforderlich, die entsprechenden Sprachen zu lernen. Dazu sind die Universitäten zurzeit jedoch sehr schlecht aufgestellt. Es gibt kein grundständiges Sprachangebot. Es kommt viel Improvisation, viel Patchwork auf uns zu, mit Sommerkursen, mit DAAD-Austauschformaten. </em></p>
<p><em>Der DAAD ist dabei eine elementare Adresse, es gibt nicht nur das ERASMUS-Programm, auch Sommerkurse, Sprachkurse, Möglichkeiten, sich längere Zeit in dem gewählten Land aufzuhalten. Ob das wahrgenommen wird, hängt allerdings oft von der individuellen Initiative ab, von viel individuellem Engagement. Die Strukturen, die wir gerne schaffen wollen, entstehen nicht von einem Tag auf den anderen. </em></p>
<h3><strong>Eine Politisierung der Wissenschaft?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe den Eindruck, dass sich diese von dir genannten Institute zunehmend politisiert haben. Ich denke beispielsweise an die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/von-polen-lernen/">Geschichte des Deutschen Polen-Instituts</a>, das mit dem Anliegen der Übersetzung polnischer Literatur ins Deutsche begann und inzwischen ein breites Angebot politischer Analysen gestaltet.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Ich glaube, das ist Ausdruck eines größeren Wandlungsprozesses in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Als ich in den 1990er Jahren Geschichte studierte, hieß es noch, die Gegenwart wäre nicht Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Man bräuchte einen gewissen Abstand zu den Untersuchungszeiträumen. Alles, was nicht mindestens 30 Jahre zurückliegt, überließ man doch lieber den Politik- und Sozialwissenschaften. Das hat sich seit der Zeit, in der die Erinnerungskultur an Bedeutung gewann, doch sehr gewandelt, weil wir aus dem Umgang mit der Vergangenheit doch auch viel über die Gegenwart lernen. Das hat die Geschichtswissenschaft für Gegenwartsfragen geöffnet. Erinnerung ist ein stark politisierter Gegenstand, sodass dies automatisch dazu führt, dass sich auch die Geschichtswissenschaft viel häufiger zu politischen Fragen positioniert als dies noch vor 30 Jahren der Fall war.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In letzter Zeit wurde der Begriff der <em>„Geschichtspolitik“</em> meines Erachtens immer häufiger verwendet, in der Wissenschaft ebenso wie in den Feuilletons, die ich als Indikator für kulturelle Entwicklungen sehe, die eben auch die Geschichtswissenschaft erfassen. Feiertage, Gedenkstätten, Schulbücher – all das sind Themen, die zunehmend politisiert werden, und so hat sich auch die Osteuropäische Geschichte als Fach politisiert.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Man kann das so sagen wie du das formuliert hast: die Osteuropäische Geschichte hat sich politisiert. Ich glaube aber, man muss noch einmal nachfragen, was das genau heißt und wer das so wahrnimmt. Das geht an grundsätzliche Fragen des Wissenschaftsverständnisses. Kann man eine Trennung zwischen Wissenschaft und Politik ziehen? Bedeutet der Satz, ein Fach habe sich politisiert, einen Verlust an Wissenschaftlichkeit? Oder heißt das, dass Kultur- und Gesellschaftswissenschaften ihre Relevanz in der Beschäftigung mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen sehen, sodass es immer wieder zu einer Interdependenz zwischen politischen und wissenschaftlichen Fragen kommt? Wenn man dies bejaht, bedeutet Politisierung der Wissenschaft kein Verlassen des wissenschaftlichen Pfades, sondern, dass man sich bemüht, wissenschaftliche Themen, wissenschaftlich erworbenes, wissenschaftlich generiertes Wissen in das öffentliche Gespräch einzubringen. Vereinzelt trifft man noch die ältere Vorstellung, man müsse eine klare Trennlinie zwischen Wissenschaft und Politik ziehen, die reine Wissenschaft habe sich von der Politik fern zu halten. Das ist aus meiner Sicht erkenntnistheoretisch nicht durchhaltbar. Wenn man das machen wollte, kann man kaum noch begründen, warum wir uns für die Themen interessieren, für die wir uns interessieren. Man schafft eine antiquarische Wissenschaft, die um sich selbst kreist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlebe in Zeitungen, in Fernsehsendungen, dass sich auch zunehmend Politikwissenschaftler:innen auf historische Erkenntnisse beziehen, Historiker:innen sich auf politikwissenschaftliche Kontexte beziehen. Wissenschaft und Politik kommen ins Gespräch, es entstehen neue Dialogformate.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Es gibt auch gute Vorbilder. Aus der Bonner Perspektive fallen mir die Arbeiten von Karl Dietrich Bracher ein. Von ihm gibt es das Buch „Die Auflösung der Weimarer Republik“. Das gilt als Standardwerk, ein Buch, bei dem man aber nicht sagen kann, ob es ein politik- oder ein geschichtswissenschaftliches Buch ist. Ich hatte immer ein großes Interesse an Politikgeschichte und habe daher die beiden Fächer als benachbart und in engem Austausch gesehen. Das ist aber vielleicht nur meine Perspektive. Es gibt natürlich auch eine Politikwissenschaft, die vor allem an Theoriebildung interessiert ist, die bei einem Geschichtswissenschaftler dann schon den Eindruck erweckt, da wäre ein vorausgehendes Gespräch zwischen beiden Disziplinen sinnvoll gewesen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was bedeutet das für euer Lehrangebot in Bonn?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Bei der Lehrplanung ist von Bedeutung, dass diejenigen, die noch am Anfang ihrer wissenschaftlichen Arbeit stehen, die Möglichkeit erhalten, ihr eigenes Profil zu entwickeln. Aus der Sicht der Abteilung ist ein zweites wichtiges Kriterium, dass wir ein abwechslungsreiches Programm anbieten. Das geht allerdings nicht so weit, dass die Leitung der Abteilung strategische Vorgaben macht. Ich habe für mein eigenes Lehrangebot schon eigene Vorstellungen und werde vor allem Veranstaltungen zu den Beziehungen Deutschlands zu verschiedenen osteuropäischen Ländern anbieten. Ein wichtiger Schwerpunkt in der Lehre ist die ukrainische Geschichte, auch das russisch-ukrainische Verhältnis.</em></p>
<h3><strong>Deutsche Überheblichkeiten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir fällt immer wieder auf, dass die Ukraine ständig in Bezug auf andere Länder beschrieben wird, nie aus sich selbst, die Westukraine in Bezug auf Polen oder auf das Habsburger Reich, die Ostukraine in Bezug auf Russland, die Krim – das ist noch ein ganz eigenes Kapitel, in dem die Bedeutung der Krimtataren meistens unterschlagen wird. Im Hinblick auf das deutsch-ukrainische Verhältnis denke ich immer an Helmut Schmidt, der etwa um 2015 herum meinte, die Ukraine wäre eigentlich kein eigener Staat.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Da war Helmut Schmidt auf dem Holzweg</em>. <em>Leider hat ihm Jörg Baberowski sekundiert. Ich versuche einmal, aus der lokalen Bonner Perspektive zu argumentieren. Es macht durchaus Sinn, auf Beethoven zu verweisen. Von Beethoven gibt es eine Volksliedersammlung, in der er das ukrainische Volkslied „Їхав козак за Дунай“ unter dem Titel „Schöne Minka, ich muss scheiden“ aufgenommen und verarbeitet hat. Das zeigt, dass es damals – vor über 200 Jahren – eine deutsch-ukrainische Wahrnehmung gab, die dann im 19. Jahrhundert verloren ging, bis man sich im 20. Jahrhundert nur noch auf das deutsch-russische Verhältnis fixierte. </em></p>
<p><em>Aus deutscher Perspektive sollten wir uns immer klar machen, dass es für die Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert eine verhängnisvolle Weichenstellung war, dass die Staatsgründung nach dem Ersten Weltkrieg gescheitert ist. Das liegt nicht primär an inner-ukrainischen Defiziten, sondern hat sehr viel mit den Ansprüchen anderer Nationen, auswärtiger Mächte zu tun, unter anderem von der Seite des Deutschen Reiches. Deutschland hat im Februar 1918 im Frieden von Brest-Litowsk die Staatlichkeit der Ukraine anerkannt, darin aber nur eine Formalie gesehen und in den folgenden Monaten versucht, die Ukraine für die eigene Kriegsführung als Rohstofflieferantin auszubeuten. Das hat der Ukraine überhaupt nicht gutgetan und zu ihrer Schwächung beigetragen. Das ist eine historische Verantwortung, der wir uns stellen müssen. Wir müssen auch sehen, wie viel ukrainische Opfer der deutsche Vernichtungskrieg in Osteuropa erfordert hat. Für die Ukraine gilt, was wir eben schon zu anderen Ländern besprochen haben. Man muss sie in der Grundlagenforschung viel stärker um ihrer selbst willen betrachten. Vieles wissen wir einfach nicht. Eine Geschichte aller ukrainischer Regionen, die uns die Vielfalt dieses Landes zeigen würde, wäre eine große Zukunftsaufgabe.</em></p>
<p><em>Wir müssen unsere überhebliche Brille abnehmen. Es ist immer eine reizvolle intellektuelle Übung, sich diese immer noch verbreiteten Stereotype um die Ukraine vorzunehmen und danach zu fragen, mit welchem Inhalt man sie füllen könnte, wenn man sie auf Deutschland bezieht. Wenn man der Ukraine sagt, es wäre ein zerrissenes Land mit Ost und West, unterschiedlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften, wäre es auch interessant zu fragen, wie halten wir es in Deutschland eigentlich mit Ost und West und Nord und Süd, Katholizismus und Protestantismus? Bei diesen Spannungsverhältnissen innerhalb Deutschlands käme niemand auf den Gedanken, die Souveränität und den Bestand Deutschlands in Frage zu stellen. Warum tut man das bei der Ukraine? Solche Spiegelungen sollte man auch denen empfehlen, deren Wahrnehmung immer noch in alten Mustern eingeschliffen ist, um diese aufzubrechen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Doppelstandards?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Absolut. Es ist Arroganz, es ist Überheblichkeit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant finde ich auch die Sicht auf die baltischen Staaten. Sie werden in deutschen Medien in der Regel als Einheit adressiert, obwohl sie das schon rein sprachlich nicht sind.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>:<em> Estnisch ist eine </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Baltische_Sprachen"><em>finno-ugrische Sprache</em></a><em>, Litauisch und Lettisch sind </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Baltische_Sprachen"><em>baltische Sprachen</em></a><em>. Im 19. Jahrhundert gab es Nationalbewegungen in den baltischen Staaten, sie waren unabhängig in der Zeit von 1918 bis 1940. Nach dem Zeiten Weltkrieg hat die Diaspora der drei Länder den Wunsch nach Unabhängigkeit immer wieder erhoben und die Menschen, die dort nach wie vor lebten, taten dies 1989 bis 1991 ebenso. Da gibt es sehr viel Handfestes. Für jedes einzelne dieser Länder. Andererseits sieht man in den Ländern, dass es auch sehr unterschiedliche Geschichten, auch unterschiedliche Sicht der jeweiligen Nachbarn gibt, nicht nur im Hinblick auf Russland und Deutschland, auch auf Polen.</em></p>
<p><em>Für eine baltische Gemeinsamkeit gibt es natürlich auch Anknüpfungspunkte, beispielsweise der „Baltische Weg“, eine 650 Kilometer lange Menschenkette zum 50. Jahrestag des </em><a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/dossiers/der-hitler-stalin-pakt"><em>Hitler-Stalin-Paktes</em></a><em> am 23. August 1989. Durch alle drei Länder hindurch in Erinnerung daran, dass das Deutsche Reich in diesem Pakt diese Länder mit der Molotow-Ribbentrop-Linie der Sowjetunion ausgeliefert hat, die sie dann 1940 annektiert hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine schwierige Frage betrifft die Minderheitenpolitik in den baltischen Staaten. Putin versucht dort ständig Unruhe zu stiften, indem er auf eine Unterdrückung der russischen Minderheit behauptet. Ähnlich verhält es sich bei seinen Äußerungen zu Transnistrien. Dort stehen sogar russische Truppen. Muss man damit rechnen, dass es aus den baltischen Staaten oder aus Transnistrien an Putin gerichtete <em>„Hilferufe“</em> gibt, die ihn veranlassen, Truppen zum <em>„Schutz der russischen Minderheit“</em> zu schicken?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das sowjetische Muster beruhte auf offiziellen sogenannten „Hilferufen“, nicht auf „Hilferufen“ von Privatpersonen. Ich denke, dass wir sehr differenziert auf die russischen Minderheiten schauen müssen. Es wird in den baltischen Staaten sicherlich Leute geben, die für russische Propaganda empfänglich sind, aber es gibt auch viele, die wissen, dass sie davon profitieren, dass sie in der Europäischen Union und nicht in Russland leben.</em></p>
<p><em>Transnistrien unterscheidet sich sehr von Litauen, Lettland und Estland. Transnistrien ist ein Produkt der Auflösung der Sowjetunion, das von Russland jetzt künstlich am Leben gehalten wird. Die Vereinbarung über die Stationierung von russischen Truppen aus dem Jahr 1991 sah vor, dass diese nach einigen Jahren abziehen. Jetzt ist das fast 30 Jahre her und immer noch nicht geschehen. Hier gab es seit Auflösung der Sowjetunion keine Phase der Unabhängigkeit. </em></p>
<h3><strong>Grenzen des Fachs Osteuropäische Geschichte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Reichweite siehst du für das Fach Osteuropäische Geschichte?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: Ich<em> habe den Eindruck, dass wir eine Grenze unserer Reichweite erleben. Im ZDF-Politbarometer vom Februar 2024 kam – wie auch in anderen Umfragen – zum Ausdruck, dass es in Deutschland nach wie vor eine Mehrheit für die Unterstützung der Ukraine gibt, auch für die Lieferung von Waffen. Wir haben aber auch einen Anteil in der Bevölkerung von etwa 20 bis 30 Prozent in der Bevölkerung, die meinen, man müsse jetzt mit Putin verhandeln und die durch nichts zu überzeugen sind, welche Konsequenzen hätte, sowohl für die Ukraine als auch für sich. </em></p>
<p><em>Eine zweite Grenze ist der Bundeskanzler höchstpersönlich. Ich vermag nicht zu sagen, mit Blick auf wen er seine Entscheidungen trifft, mit Blick auf Umfragen, mit Blick auf die eigene Partei, mit Blick auf sein eigenes Gewissen? Es ist erkennbar, dass er große Vorbehalte hat, die Ukraine so zu unterstützen, wie diese es seit dem Tag 1 des totalen Überfalls Russlands gefordert hat, und ihr offenbar nicht das geben möchte, was sie braucht, um das Jahr 2024 zu überstehen. Das erfüllt mich mit großer Sorge. </em></p>
<p><em>Wenn wir aus der osteuropäischen Geschichte etwas beitragen können, ist es zu zeigen, welche Ziele Putin mit diesem Krieg verfolgt, und dass es in Russland niemanden gibt, der ihm in den Weg treten kann. Nachdem Deutschland bis 2022 die Augen davor verschlossen hatte, was Putin tut, wäre der 24. Februar eigentlich der Anlass zu sehen, was er vorhat und – wir sprachen es an – welche weiterführenden Äußerungen Putin getroffen hat. Aus Sicht der Osteuropäischen Geschichte ist das ernüchternd. Es könnte passieren, dass Ende 2024 eine Situation erreicht ist, in der man bedauert, dass man Anfang 2024 und im Jahr 2023 nicht entschiedener gehandelt hat. Ich will mir nicht ausmalen, welche Situation entsteht, wenn sich in den USA eine isolationistische Außenpolitik durchsetzt, Putin den Ukrainekrieg für sich entscheidet und dann gegen Moldawien, Georgen oder gegen die baltischen Länder vorgeht. Ich habe den Eindruck, wir sind darauf nicht wirklich vorbereitet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Cornelius Lilie hat in seinem jüngsten Beitrag für den Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> die Debatte in der SPD treffend beschrieben. Schon der Titel trifft den Kern: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/unbequem-und-schmerzhaft/">„Unbequem und schmerzhaft“</a>. Das Erbe Willy Brandts wird seines Erachtens – ich teile diese Einschätzung – unangemessen romantisiert, missverstanden und verfälscht.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Stärke und Abschreckung ist eine Komponente der Außen- und Verteidigungspolitik, von der auch Willy Brandt nicht abgerückt hat. Das </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Verteidigungsetat"><em>Verteidigungsbudget</em></a><em> betrug zum Beispiel im Jahr 1972 3,17 Prozent des Bundeshaushalts. </em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Aus der Abteilung Osteuropäische Geschichte entstanden weitere Texte für den Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> zum Themenfeld Osteuropa, beispielsweise ein Gespräch mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gewaltgeschichten-gefuehle-geschichtspolitik/">Katja Makhotina</a> (inzwischen an der Universität Göttingen tätig, auch Autorin weiterer Texte sowie des Buches <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind/">„Offene Wunden Osteuropas“</a>), unter anderem zur Erinnerungskultur in den osteuropäischen Ländern. Durch Vermittlung von Martin Aust entstanden mehrere Reportagen von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-spiel-mit-den-emotionen/">Ines Skibinski</a> zu Entwicklungen in Polen vor und nach der Wahl, die schon genannte Analyse von Cornelius Lilie zum Streit um das Russlandbild der SPD sowie ein Bericht der Kieler Osteuropahistorikerin <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-autoritaere-drohung/">Martina Winkler</a> über die Entwicklungen in der Slowakei nach der erneuten Amtsübernahme durch Robert Fico.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Jahr 2024, Internetzugriffe zuletzt am 27. März 2024, Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, Rechte bei der Künstlerin.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwei-jahre-zeitenwende-eine-durchwachsene-bilanz/">Zwei Jahre Zeitenwende &#8211; eine durchwachsene Bilanz</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/zwei-jahre-zeitenwende-eine-durchwachsene-bilanz/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Lebensretter</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lebensretter/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Apr 2023 13:43:31 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=3124</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der Lebensretter Alexander Ginsburg – ein jüdisches Leben in Deutschland „Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten.“ (Sanhedrin 37a) Es gibt eine idealtypische Lebensbeschreibung eines Juden, der nach seiner Haft im Konzentrationslager in Deutschland weiterlebte – oder jedenfalls aus Deutschland nicht auswanderte. Er hieß Aron Blank,  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lebensretter/">Der Lebensretter</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Der Lebensretter</strong></h1>
<h2><strong>Alexander Ginsburg – ein jüdisches Leben in Deutschland</strong></h2>
<p><em>„Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es angerechnet, als würde er die ganze Welt retten.“</em> (Sanhedrin 37a)</p>
<p>Es gibt eine idealtypische Lebensbeschreibung eines Juden, der nach seiner Haft im Konzentrationslager in Deutschland weiterlebte – oder jedenfalls aus Deutschland nicht auswanderte. Er hieß Aron Blank, und wie fast alles Idealtypische ist seine Lebensgeschichte gleichzeitig wahr und fiktiv. Blank ist der Held – Held? – des Romans „Der Boxer“ von Jurek Becker, und als ich den Roman Mitte der Siebzigerjahre gelesen hatte, glaubte ich, dadurch mehr von meinem Vater zu verstehen. Da war viel dran, auch wenn ich heute, Jahre nach dem Ende seines Lebens, manches genauer weiß, Zusammenhänge klarer zu sehen hoffe und einiges davon mitteilen kann.</p>
<p>Ein Sohn kann sicher nicht objektiv über seinen Vater schreiben. Schon gar nicht, wenn das Leben des Vaters zu einem wichtigen Teil ein Leben in der Öffentlichkeit war. Das gilt verstärkt für eine Lebensgeschichte wie die meines Vaters Alexander Ginsburg. Er selbst hätte das auch so gesehen, genau wie sein fiktiver, wahrer Leidensgenosse Blank. Dessen Leben will auch ein viel jüngerer Mensch beschreiben, und was lässt Becker den alten Blank dazu sagen? <em>„Du behauptest, du hast meine Geschichte aufgeschrieben, und ich behaupte, dass du dich irrst, es ist nicht meine Geschichte. Im günstigsten Fall ist es etwas, was du für meine Geschichte hältst.“</em></p>
<p>Ich versuche es trotzdem.</p>
<h3><strong>Leben, Lesen, Lernen in Lettland</strong></h3>
<p>Alexander Ginsburgs Vater war ein jüdisch-ritueller Metzger namens Jakow oder Jankel Ginsburg. Die Vorfahren stammten aus der russischen Kleinstadt Preili bei Dünaburg im Südosten des heutigen Lettland. Der Großvater Salman Itza Ginsburg, ein Lubawitscher Chassid und Vater von siebzehn Kindern, hatte seinen begabten Sohn Jankel als kleinen Jungen seinem Rebben vorgestellt. Der Lubawitscher Rebbe gab die Anweisung, das Kind zum koscheren Metzger ausbilden zu lassen.</p>
<p>Da Ginsburg später selbst seinen Angehörigen nur wenig über seine ersten drei Lebensjahrzehnte mitteilte, lässt sich vieles fast nur erraten. Um 1912 scheint die Familie nach Breslau gezogen zu sein – viele russische Juden emigrierten in dieser Zeit nach Deutschland auf der Suche nach Sicherheit vor dem Judenhass und in der Hoffnung, der gedrückten materiellen Lage zu entkommen. Das galt gerade auch für Männer, deren Broterwerb mit dem jüdischen Kultus zusammenhing: die deutschen Juden importierten deren im Westen gesuchte, in Osteuropa im Überfluss vorhandene Fähigkeiten.</p>
<p>Von Einleben der Familie Jankel Ginsburgs in Breslau war aber offenbar während der Jahre des Ersten Weltkrieges keine Rede, auch wenn in dieser Zeit mein Vater als fünftes von sechs Kindern zur Welt kam. Bald nach dem Weltkrieg waren die Ginsburgs wieder im nun unabhängigen Lettland, in Dünaburg (lettisch: Daugavpils), einer Mittelstadt mit starkem jüdischem Bevölkerungsanteil. Die Stadt hatte im Krieg erhebliche Zerstörungen erlitten; die siebenköpfige Familie – ein Sohn war als kleines Kind gestorben – lebte weiter in bescheidenen Verhältnissen. Immerhin genossen die Dünaburger koscheren Metzger wegen besonderer Fertigkeiten in ihrem vom Religionsgesetz streng regulierten Handwerk ungewöhnliches Ansehen über die Grenzen der Stadt hinaus.</p>
<p>Jankel Ginsburg und seine Frau Rachel – Tochter eines als Kaufmann berufstätigen Rabbiners namens Jechiel Lechovitzki – schickten ihre Kinder in gute Schulen. Alexander Ginsburg – Abraham Simcha war sein jüdischer Name, der zum Kosenamen Abrascha zusammengezogen wurde – besuchte eine jüdische, russisch-sprachige Grundschule und anschließend das lettisch-sprachige Gymnasium. Zur jiddischen Umgangssprache im Elternhaus und den beiden Unterrichtssprachen trat Hebräisch, das Abrascha seit frühester Kindheit durch traditionelle religiöse Bildung und später in der Jugendorganisation „Betar“ lernte. Von diesen vier Sprachen war Russisch für den Heranwachsenden die wichtigste, auch als Sprache der privaten Lektüre.</p>
<p>Deutsch spielte eine untergeordnete Rolle. Der Schüler Ginsburg lernte aber unter dem Einfluss von Lehrern und Bekannten ein Deutsch, das ohne alle jiddischen Anklänge etwas von der eigenartigen Färbung des Baltendeutschen annahm, wie es bis 1940 in Riga und den anderen Städten der Region gesprochen wurde. Er lernte die Sprache so gut, dass nach 1945 fast alle seine neuen Bekannten und Freunde in Süd- und Westdeutschland erst einmal annahmen, Deutsch sei seine ausschließliche Muttersprache gewesen. <em>„Die, die ich gerade rede</em>“, antwortete er einmal auf die Frage, in welcher Sprache er eigentlich denke.</p>
<p>Der kleine Abrascha Ginsburg war nach Erinnerung seiner Schwestern ein ungewöhnlich intelligentes Kind. Schon vor Schuleintritt las er gerne und viel. Er erhielt neben der Schulbildung die traditionelle religiöse Unterweisung eines orthodoxen jüdischen Knaben in Osteuropa – und mehr als das. Er war Schüler des Hauptes der Dünaburger chassidischen Juden, des Rabbiners Josef Rosin, der allgemein nach seinem Geburtsort „der Rogatschower“ oder auch nach dem Titel seines (natürlich hebräischen) Hauptwerks „Zofnat Paneach“ genannt wurde. Als Jugendlicher arbeitete Ginsburg, wohl als eine Art Bibliotheksgehilfe, für den unter orthodoxen Juden weltweit hoch verehrten Talmudgelehrten.</p>
<p>Rosins gewaltiger Ruf spiegelt sich zum Beispiel in einer viel zitierten Begegnung zwischen ihm und dem zionistischen und unreligiösen hebräischen Dichter Chaim Nachman Bialik wider. Bialik sagte nach einem Besuch bei dem Rabbiner in Dünaburg, die Intelligenz des Rogatschowers würde für <em>„zwei Einsteins“</em> reichen. Rosin wiederum sagte über Bialik – so erinnerte sich Ginsburg nach vielen Jahren –, der Dichter sei <em>„a goi gomer, ober sejr a fajner mentsch“</em> <em>(„ein kompletter Nichtjude, aber ein sehr feiner Mensch“</em>).</p>
<h3><strong>Viele Welten – viele Wahrheiten</strong></h3>
<p>Rosin und Bialik standen für die zwei gleichermaßen jüdischen Welten, zwischen denen Abrascha Ginsburg aufwuchs. Sein Weg führte fort von der Frömmigkeit des Vaters und des großen rabbinischen Lehrers. Wie das ablief, hat er nie mitgeteilt – bis auf die anekdotische Erzählung, er habe als Junge einmal seinen Lehrer (den Rogatschower persönlich oder einen braven Melamed?) mit der These schockiert, das Verhältnis des Kreisumfangs zum Kreisdurchmesser sei keineswegs exakt 3, wie es der gut fundamentalistische Lehrer gestützt auf den Talmud und den biblischen Bericht über König Salomons Tempelbau zu wissen glaubte. Aber war es wirklich nur die Differenz zwischen der mathematischen Zahl π und der nächstgelegenen natürlichen Zahl, die Ginsburg dem Lubawitscher Chassidismus entfremdete?</p>
<p>Seinem späteren Charakter hätte das gar nicht entsprochen: Jahrzehnte später, in erbitterten Diskussionen über israelische Verteidigungspolitik und bundesdeutschen Radikalenerlass, über Hollywoodfilme und Kommunismus, über ein NPD-Verbot, das Kölner Schauspielhaus und die Bonner Ostpolitik, unterlief mein Vater den Rigorismus seines eigenen heranwachsenden Sohnes mit der unwiderlegbaren Aussage, zwei und zwei sei vier, aber drei und eins sei auch vier. Ich höre das heute noch, wenn ich es aufschreibe: Es gab also viele Wahrheiten, das war für ihn eine unerschütterliche Wahrheit – mit der er unter den Chassidim mindestens so viele Probleme gehabt hätte wie mit der aus dem Mathematikunterricht in das Reich des Talmud transponierten geometrischen Erkenntnis.</p>
<p>Jedenfalls fand Alexander Ginsburg schon früh Ideale außerhalb der chassidischen Welt: in der zionistisch-nationalistischen Betar-Bewegung, die unter Führung Wladimir Zeev Jabotinskys die schnelle Errichtung eines jüdischen Staates in ganz Palästina forderte und für dieses Ziel zum militärischen Kampf gegen Araber und Briten aufrüsten wollte. Damit stand die Bewegung im Gegensatz zur relativ friedfertigen Mehrheit der Zionistischen Weltorganisation, aus der Jabotinsky und seine Gefolgsleute Anfang der Dreißigerjahre ausschieden, und natürlich auch zu der Jahrtausende alten religiösen Tradition, Erlösung und Rückkehr nach Zion nicht durch eigene Tat erzwingen zu wollen, sondern in frommem Studium, in Gebet und Wohltätigkeit herbeizusehnen. Der Betar organisierte sich in der osteuropäischen Diaspora in paramilitärischer Form mit Uniformierung (in braun!), Aufmärschen und Fahnenappellen, was seinen Gegnern Gelegenheit gab, die Gruppierung trotz ihres Bekenntnisses zur Demokratie als faschistisch abzustempeln.</p>
<p>In Lettland war dem Betar unter der Herrschaft des rechtslastigen Diktators Karlis Ulmanis seit 1935 wie allen möglichen politischen Organisationen die öffentliche Betätigung untersagt; intern funktionierte die Bewegung weiter und wahrte ihre starke Stellung innerhalb der jüdischen Gemeinschaft des Landes, die mit etwa hunderttausend Menschen um die fünf Prozent der lettischen Bevölkerung ausmachte.</p>
<p>Innerhalb dieser sich in der Zwischenkriegszeit rasch säkularisierenden Volksgruppe war die Politisierung stark. Keines der Kinder Jankel Ginsburgs blieb dem chassidischen Lebensstil verbunden: Die älteste Schwester Emma wandte sich der politischen Linken zu, der Bruder Jeschajahu, Schaj genannt, den rechtsliberalen „Allgemeinen Zionisten“, Alexander Ginsburg und seine Schwester Chana dem Betar am rechten Ende des jüdischen politischen Spektrums. Ginsburg zitierte später gerne den Widerwillen seiner Mutter gegen den führenden sozialistischen Zionisten David Ben-Gurion, der <em>„niemals eine Krawatte“</em> trug – seltsam, da der chassidische Ehemann Rachel Ginsburgs sicherlich dieses Kleidungsstück ebenfalls mied, wenn auch aus anderen Motiven als Ben-Gurion.</p>
<p>Während Chana Ginsburg in den Dreißigerjahren nach Palästina auswanderte, diente ihr jüngerer Bruder nach dem Abitur als Rekrut in der lettischen Armee – gegen jüdische Tradition, aber ganz im Sinne von Jabotinskys Forderung, junge Juden sollten sich schon in der Diaspora militärisch schulen. Abrascha Ginsburg war schon als Kind ein begeisterter Schwimmer und Ruderer gewesen. Am frühen Morgen seiner Barmitzwa, also mit kaum 13 Jahren, machte er, ganz gegen die religiöse Konvention, einen kurzen Badeausflug, der damit endete, dass er beim Schwimmen eine Frau vor dem Ertrinken rettete, also das höchste aller positiven Gebote der Religion erfüllte. Die gerettete Frau erschien wenige Stunden später bei der Barmitzwa und machte das sensationelle Ereignis gebührend bekannt. Dem jungen Lebensretter trug das gleichzeitig Lob und Schimpf durch seinen streng gläubigen Vater ein. So jedenfalls Alexander Ginsburgs eigene Erzählung, die zu den wenigen Bruchstücken aus der Geschichte seiner Kindheit gehörte, die er Jahrzehnte später offenbarte. Plausibler wäre die ebenfalls bemerkenswerte, aber nicht ganz so dramatische Variante, dass der 12-jährige Ginsburg seine Heldentat einige Tage oder Wochen vor seiner Barmitzwah vollbrachte, die fast ertrunkene Frau dann aber bis zu diesem Tag wartete, um ihrem Retter vor viel Publikum und zur großen Überraschung seiner Familie zu danken. Und in Daugavpils lebte noch in den Neunzigerjahren ein alter Herr, der erzählte, der junge Abrascha Ginsburg habe ihn vor vielen Jahren vor dem sicheren Ertrinken gerettet. Zwei parallele tatsächliche Begebenheiten? Oder einmal Dichtung, einmal Wahrheit?</p>
<p>Es ist nicht mehr zu ermitteln.</p>
<p>Dafür stehen Begebenheiten fest, die Jahrzehnte später viel unglaublicher klingen. Auf der Ostsee kreuzte im Sommer 1938 ein Segelschulschiff namens „Theodor Herzl“, gekauft und finanziert von revisionistischen (also Jabotinsky-treuen) Zionisten aus Riga. Einer der Matrosen war mein Vater, zu dieser Zeit Jurastudent in Riga. Die Eleven sollten nach Jabotinskys Vorstellung Soldaten einer zionistischen Kriegsmarine werden. Abrascha Ginsburg, der Lebensretter aus dem weitab vom Meer gelegenen Dünaburg, hoffte damals noch auf eine Ausbildung zum Marineoffizier im italienischen Civitavecchia. Jabotinsky hatte entsprechende Verhandlungen mit dem faschistischen Italien geführt, und einige Betar-Mitglieder hatten bereits einen entsprechenden Kurs begonnen. Damit war aber nach kurzer Zeit Schluss: Die Wandlung Mussolinis vom potenziellen Gegner zum Gefolgsmann Adolf Hitlers bedeutete für meinen Vater, dass er Italien erst 1953 kennen lernen sollte, als deutscher Tourist.</p>
<h3><strong>Lettland, Palästina und die Russen</strong></h3>
<p>Auch aus Ginsburgs ursprünglicher Studienabsicht – Medizin – war nichts geworden: wegen des gegen Juden gerichteten „Numerus clausus“ an der Universität Riga. Stattdessen begann er, vermutlich etwas lustlos, das Studium der Jurisprudenz, das in Riga dreisprachig – lettisch, russisch und deutsch – von Statten ging. Die Professoren waren Baltendeutsche, und viel später war das einzige lettisch-sprachige Buch im überquellenden Bücherschrank meiner Eltern das Lettische Bürgerliche Gesetzbuch der Zwischenkriegszeit, im Wesentlichen wohl das deutsche BGB in Übersetzung.</p>
<p>Ginsburg sagte später immer wieder, das Studium habe ihm intellektuell viel weniger gegeben als vorher die Gymnasialzeit. Tatsächlich hatte er als Gymnasiast eine eindrucksvolle literarische und historische Bildung erworben: Gerne zitierte er später vor allem die klassische russische Literatur (etwa Krilow, Puschkin, Dostojewskij), aber auch deutsche und französische Schriftsteller, die er zuerst meist in russischen Übersetzungen kennen gelernt hatte; stolz war er auch auf seine guten Lateinkenntnisse. Dagegen ging sein Interesse an juristischen Sachverhalten nie über unmittelbar berufsbezogene Angelegenheiten hinaus. Wenn er später rechtliche Fragen ansprach, dann oft in übermäßig vereinfachter Weise und mit Standardfloskeln, an die er sich klammerte.</p>
<p>Der Nutzwert des Jurastudiums muss ihm sowieso fraglich erschienen sein, denn der zionistische Impuls zur Auswanderung nach Palästina bestand sicherlich weiter, auch wenn die britische Mandatsmacht damals den Zuzug von Juden stark drosselte. Für jüdische Juristen war andererseits der Arbeitsmarkt in Lettland eng, da Juden nur in seltenen Ausnahmefällen in den Staatsdienst aufgenommen wurden. Dass Ginsburgs Bruder das geschafft hatte und Richter geworden war, hätte ihm selbst später vielleicht geholfen.</p>
<p>Ginsburg war an der Universität Riga Mitglied einer farbentragenden zionistischen Studentenverbindung, die dem Betar verbunden war. In den Reihen des Betar, der im Lettland des Diktators Ulmanis trotz der staatlichen Repression eine starke Stellung in der großen jüdischen Minderheit hatte, stieg er zum Spitzenfunktionär auf. Während seiner Studentenzeit nahm er an einer Weltkonferenz der Bewegung in Brünn in der Tschechoslowakei teil. Unter den rechtsgerichteten Zionisten gab es damals scharfe Spannungen: zwischen Jabotinsky und dem deutlich radikaleren, viel jüngeren Chef des polnischen Betar, Menachem Begin. Der prangerte alle Bemühungen Jabotinskys um Zweckbündnisse mit Nichtjuden als illusorisch an – der Antagonismus von Juden</p>
<p>und dem Rest der Menschheit war für Begin gleichsam naturgegeben, für Jabotinsky ein historisches Phänomen, das gerade der radikale Zionismus aus der Welt schaffen wollte. Aus Ginsburgs wenigen späteren Äußerungen ließ sich entnehmen, dass er damals für Jabotinsky und gegen Begin Partei ergriff.</p>
<p>Als Ende 1939 die sowjetische Bedrohung stärker wurde, gab der Diktator Ulmanis den politischen Bewegungen Lettlands wieder mehr Freiheit – eine kurze Blüte vor dem endgültigen Aus. Kurz vor der sowjetischen Besetzung, im Frühjahr 1940, trat Ulmanis in Dünaburg auf, nicht weit von der Grenze zum aggressiven Nachbarn entfernt. Bei dieser Gelegenheit stand Ginsburg an der Spitze der örtlichen Betar-Jugendlichen, die – vermutlich gemeinsam mit anderen, jüdischen und nichtjüdischen Gruppierungen – dem Staatschef ihre Unterstützung bekundeten. Der sprach die Worte: <em>„Jeder tue seine Pflicht! Ich an meinem Platz, ihr an eurem Platz!“</em> Es war vergebens.</p>
<p>Die sowjetische Annexion Lettlands veränderte Ginsburgs Lebensumstände. Der Student, der gerade erst das Examen zum „Magister Juris“ bestanden hatte, wurde Angestellter in einem Rigaer Verlag, wo er mit der Übersetzung der sowjetischen Gesetze aus dem Russischen ins Lettische beschäftigt war. Eine gute Zeit war das nicht für den jungen Mann. <em>„Du kennst die Russen nicht!“</em>, war drei Jahrzehnte später sein immer wiederkehrender Spruch, mit dem er seine Vorbehalte gegen die Ostpolitik Willy Brandts begründete. Aber das ist ein Vorgriff auf eine Zeit und auf eine Situation, die sich der junge jüdische Jurist im Riga des Jahres 1940 auch nicht mit der größten Phantasie hätte ausmalen können.</p>
<h3><strong>Das Ghetto</strong></h3>
<p>Am 22. Juni 1941, einem Sonntag, feierte Ginsburg seinen Geburtstag im Café Schwarz, das als beliebter Treffpunkt der Rigenser Deutschen eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Der baltendeutsche Humorist Heinz Ehrhardt hat über die Rigaer Cafés Schwarz und Reiner den Merkspruch überliefert: <em>„Bei Reiner ist der Kaffee schwarz, aber bei Schwarz ist er reiner“</em> – Erinnerung an harmlose Zeiten, die an diesem 22. Juni endeten.</p>
<p>In die Geburtstagsfeier platzte die Nachricht vom deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Binnen weniger Tage war ganz Lettland von der Wehrmacht erobert. Riga wurde Hauptstadt des „Reichskommissariats Ostland“, ein Nazi aus Lübeck übernahm das Bürgermeisteramt, die SS die Herrschaft über die Hansestadt, ihren lettischen Kollaborateuren gewährten die neuen Herren statt der Freiheit von Fremdherrschaft nur die Freiheit, beim Völkermord zu assistieren.</p>
<p>Die Schwestern Ginsburgs und seine Mutter konnten sich in den sowjetischen Machtbereich retten und überlebten den Massenmord an den europäischen Juden hinter den sowjetischen Linien in einer Kolchose bei Kuibyschew (heute Samara) an der Wolga, wo Emma als Buchhalterin arbeitete. Ginsburg, sein Vater und sein Bruder wurden Ghetto-Häftlinge. Der Vater und der Bruder wurden im Herbst 1941 am jüdischen Versöhnungstag bei einer Massenerschießung ermordet. Nach dem Krieg wurde berichtet, Jankel Ginsburg sei am Vorabend des hohen Feiertages von Mithäftlingen gefragt worden, ob unter den schrecklichen Lebensbedingungen im Ghetto das strenge Fastengebot für den Jom Kippur gelte. Er habe geantwortet: <em>„Die Gebote gelten für Menschen, wir sind keine Menschen mehr.“</em></p>
<p>Alexander Ginsburg war einer der wenigen lettländischen Juden, fast nur jüngere Männer, die den Mordaktionen des Jahres 1941 entgingen. In Riga bestand für diese Männer seit Ende 1941 das <em>„lettische Ghetto“</em> als kleiner, eigens abgesperrter Bereich des Judenghettos, in dem ansonsten die aus Mitteleuropa nach Riga verschleppten Juden zu wohnen hatten – ohne die sofort nach der Ankunft Ermordeten waren das etwa 12.000 Menschen. Die Juden wurden zur Zwangsarbeit in wechselnden so genannten „Kommandos“ zusammengefasst. In seiner Rigaer Häftlingszeit arbeitete Ginsburg zum Beispiel in einer Auto-Reparaturwerkstatt der Wehrmacht, beim Torfabbau in der Nähe des Dorfes Olaine nordwestlich von Riga und als eine Art Hausmeister und Einkäufer im deutschen Offizierheim am Wöhrmannschen Park unweit des Rigaer Hauptbahnhofs. Das aufwendig verzierte Jugendstilgebäude war vor 1940 Sitz des Lettischen Vereins gewesen, einer für die Nationalbewegung der Letten seit der Zarenzeit wichtigen Kulturvereinigung. Nach dem Krieg fand dort die für sowjetische Verhältnisse avantgardistische lettische Filmemacherszene ein Zuhause.</p>
<p>Der Wehrmacht diente das Haus als hotelartige Etappe auf dem Weg zwischen Heimat und Front, und einige Dutzend versklavter Juden fanden hier für relativ kurze Zeit einen Arbeitsplatz, an dem es zu essen gab, wo ausreichend geheizt, nicht geschlagen und nicht gemordet wurde. Zufall? Doch ein Indiz, dass es nicht nur <em>„Verbrechen der Wehrmacht“</em> in dieser Zeit gab? Wahrscheinlich war es das Werk einzelner Wehrmachtsangehöriger mit relativ niedrigen Dienstgraden, bei denen sich in heute nicht aufklärbarer Weise Mitleid mit der Einsicht vermengte, dass halbwegs menschlich behandelte Zwangsarbeiter mehr leisteten als solche, die nur gequält wurden. Unter den im Offiziersheim arbeitenden jüdischen Ghettohäftlingen lernte Ginsburg 1942 seine spätere Frau Liesel Frenkel kennen, die aus dem Rheinland nach Lettland verschleppt worden war.</p>
<p>Das Rigaer Ghetto wurde Anfang November 1943 aufgelöst. Ginsburg wurde Häftling im Konzentrationslager Kaiserwald, das sich im Rigaer Stadtgebiet befand. 1944 deportierte die SS die überlebenden Kaiserwalder Häftlinge über die Ostsee ins Reichsgebiet. Ginsburg kam ins KZ Stutthof bei Danzig, an das er später besonders schlimme, nie erzählte Erinnerungen hatte. Von dort wurde er abermals verschleppt. Im Frühjahr 1945 war er als Häftling des KZ Buchenwald in einem Außenlager im Magdeburger Stadtteil Buckau inhaftiert und arbeitete mit seinen Kameraden im Grusonwerk, einem Rüstungsbetrieb, der zum Krupp-Konzern gehörte. Wie er später berichtete, behandelten dort deutsche Volkssturmmänner als Vorarbeiter die Juden unmenschlicher, als er das von den SS-Männern gewohnt war.</p>
<p><strong>Befreit! </strong></p>
<p>Aber Ginsburg überlebte, und jetzt kann ich endlich über fünf Jahrzehnte in Freiheit berichten. Für den Sohn und Berichterstatter ist das viel angenehmer, aber wird er seinem väterlichen Objekt gerecht, wenn er schnell eine neue Seite aufschlägt? Jurek Beckers Blank warnt: <em>„Du musst nicht denken, so ein Lager ist von einem Tag auf den andern zu Ende. Schön wär das. Wirst befreit, gehst raus, und alles ist vorbei. So ist es leider nicht, ihr stellt euch das viel zu einfach vor, das Lager läuft dir hinterher.“</em> Mein Vater hat so etwas nie gesagt, wohl nicht, weil es für ihn anders war als für Blank, sondern weil er – keine Romanfigur, sondern ein Mensch – weil er schwieg.</p>
<p>Magdeburg wurde 1945 von der amerikanischen Armee befreit. Ginsburg wurde zusammen mit einer kleinen Gruppe lettländischer Lagerkameraden von den Amerikanern versorgt und in eine Stadtwohnung eingewiesen. Kurz darauf übernahmen die Sowjets in Magdeburg das Kommando. Die Sowjetische Militäradministration betrachtete die Juden aus dem Baltikum als eigene Bürger und nahm sie in ihre Dienste. Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse boten sich den Befreiten viele Möglichkeiten. Ginsburg schlug das Angebot aus, einen hohen Posten in der Magdeburger Kommunalverwaltung zu übernehmen, und arbeitete in der für Demontage zuständigen Abteilung der Militäradministration. Sein ihm vorgesetzter Offizier, so erinnerte sich Ginsburg später, gab sich nach Monaten der Zusammenarbeit als Jude zu erkennen. Er empfahl den meisten der befreiten jungen Juden, im Westen ein neues Leben zu beginnen, zu dem tüchtigen Ginsburg aber sagte er: <em>„Dich nehme ich mit nach Moskau zu Mikojan“</em> – damit Ginsburg unter dem mächtigen sowjetischen Handelsminister Karriere machen sollte.</p>
<p>Dieses Versprechen war für Ginsburg das Signal, aus dem sowjetischen Machtbereich zu fliehen. Gemeinsam mit den meisten seiner lettländisch-jüdischen Kameraden entkam er 1946 in den amerikanischen Sektor Berlins – für die Sowjets ein schweres Verbrechen. Nach kurzem Aufenthalt in Berlin siedelte er nach Bayern über, wo damals viele osteuropäische Juden in von den Amerikanern kontrollierten Aufnahmelagern als so genannte <em>„entwurzelte Personen“</em> <em>(„Displaced Persons“</em>, DPs) auf die Möglichkeit zur Reise in ein Einwanderungsland warteten. Ginsburg hielt sich eine Weile im DP-Lager Weilheim in Oberbayern auf, später zog er nach München. Ihren Lebensunterhalt verdienten viele DPs durch Schwarzhandel und Schmuggel. Ginsburg bot sich etwas anderes, Besseres: Ganz ähnlich wie viele andere nachmalige Funktionäre der nachkriegsdeutschen jüdischen Gemeinschaft wurde er in dieser Zeit Verbindungsmann zwischen der jüdischen Bevölkerungsgruppe und der Besatzungsmacht.</p>
<p>Ginsburg trat in die Dienste der amerikanischen Armee, die einen jungen Mann mit seinem Hintergrund, seinen Sprach- und Rechtskenntnissen offenbar gut gebrauchen konnte. Das war mit Gewissheit kein Seitenwechsel. Für Ginsburgs zionistische Tätigkeit in dieser Zeit gibt es einen Beleg: ein Photo aus dem Jahr 1947 oder 1948, das ihn als Redner bei einer zionistischen Versammlung in einem DP-Lager zeigt. Mit Ascher Ben-Nathan, dem Koordinator der aus britischer Sicht illegalen Einwanderung aus Süddeutschland und Österreich nach Palästina, war Ginsburg persönlich bekannt. Viel später berichtete Ginsburg, dass ihm damals ein Vertreter in den Lagern tätigen amerikanisch-jüdischen Wohlfahrtsorganisation Joint eine Außendienststelle in Marokko anbot – er musste das ablehnen, weil er nie Französisch gelernt hatte. Sein Dienst bei den Amerikanern führte auch nicht zur Auswanderung in die USA, und es kam auch nicht zur Übersiedlung nach Israel: ein biographischer Bruch, den aufzuklären dem Autor dieser Zeilen als Sohn ebenso wichtig wie schwierig geblieben ist.</p>
<p>Vorerst blieb Ginsburg also in Oberbayern – und in Deutschland blieb er auf Dauer. Das hat vor allem mit seiner Eheschließung mit einer aus Deutschland stammenden ehemaligen KZ-Kameradin zu tun, die nach dem Krieg an ihren Geburtsort Rheydt zurückgekehrt war und dort eine Textilhandlung betrieb. Im Jahr der Heirat 1949 wurde Ginsburg Angestellter des Landesinnenministeriums von Nordrhein-Westfalen in der Wiedergutmachungsabteilung. Der sozialdemokratische Innenminister Walter Menzel übertrug die langsam anlaufende Entschädigung von Opfern der Naziherrschaft am liebsten Mitarbeitern, die selber Verfolgte des Nationalsozialismus gewesen waren. So wurde Ginsburg zum Landesbediensteten, nachdem er sich in seiner schriftlichen Bewerbung auf die Mitteilungen beschränkt hatte, er sei 34 Jahre alt, Jurist und KZ-Überlebender.</p>
<h3><strong>Sollen Juden in Deutschland leben?</strong></h3>
<p>In seinen 24 Jahren im nordrhein-westfälischen öffentlichen Dienst blieb Ginsburg Angestellter, erhielt also nicht den für die Karriere viel zuträglicheren Beamtenstatus. Offenbar hatten die entscheidenden Politiker und hohen Beamten Bedenken über Ginsburgs wirkliche Loyalität in Konflikten zwischen jüdischen Antragsstellern und deutschem Interesse. In der Tat machte er später nie einen Hehl daraus, dass er die sehr oft ungerechten Regelungen des Bundesentschädigungsgesetzes stets im Sinne der NS-Opfer auszulegen geneigt war. Das kam seiner beruflichen Stellung nicht zu Statten – ebenso wie die Korruptionsvorwürfe und -verfahren gegen Wiedergutmachungsbeamte in anderen Bundesländern in den Fünfzigerjahren, die manche Politiker zu einem Generalverdacht gegen alle mit solchen Angelegenheiten befassten Mitarbeiter verleiteten.</p>
<p>Ginsburg war bis 1953 im Düsseldorfer Innenministerium tätig. Dann wurde in Nordrhein-Westfalen die Abwicklung der Wiedergutmachung aus dem Ministerium in die Regierungsbezirke verlegt. Fast zwei Jahrzehnte war Ginsburg beim Regierungspräsidenten in Köln beschäftigt, zuletzt über Jahre als stellvertretender Leiter des Wiedergutmachungsdezernats.</p>
<p>Bis 1957 lebte Ginsburg mit seiner Frau und dem 1951 geborenen Sohn in Rheydt (heute Mönchengladbach), dann zog die Familie an seinen Arbeitsort Köln um. Er wurde ein engagiertes Mitglied der Kölner Synagogengemeinde. Seit 1960 gehörte er zu den zwölf Mitgliedern der <em>„Repräsentanz“</em>, der Vertretungskörperschaft der Gemeinde. Nach kurzer Zeit wählten ihn die Repräsentanten in den ehrenamtlichen Gemeindevorstand, dem er bis Ende 1988 ununterbrochen angehörte, immer als faktisch erster unter Gleichen innerhalb des zwei- oder dreiköpfigen Gremiums. Bei den alle drei oder vier Jahre stattfindenden Neuwahlen der Repräsentanz wurde Ginsburg stets mit der höchsten Stimmenzahl aller Kandidaten wieder gewählt. Biographie und Wesen prädestinierten ihn zum Vermittler zwischen den religiös, landsmannschaftlich und vom Lebensschicksal während der Nazizeit sehr unterschiedlich geprägten Gemeindemitgliedern.</p>
<p>Wie wenige jüdische Funktionäre in Nachkriegsdeutschland vereinigte Ginsburg jüdische mit weltlicher Bildung, Kommunikationsfähigkeit gegenüber der Umwelt und Einfühlungsvermögen für die Emotionen der sich in Deutschland fremd fühlenden Nachkriegsjuden. Gegenüber dem Staat Israel äußerte er tiefe Zuneigung und unerschütterliche Loyalität. Er wandte sich aber leidenschaftlich gegen Bevormundung durch israelische Diplomaten und Emissäre. Er lehnte die These ab, die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik seien Übergangsgebilde, deren Ende durch Auswanderung und Aussterben abzusehen sei.</p>
<p>Ob Juden in Deutschland leben sollten oder nicht, war nach seiner Meinung die Entscheidung jedes Einzelnen, dem die offizielle jüdische Gemeinschaft <em>„weder zu- noch abraten“</em> könne. Allerdings sah Ginsburg die Gefährdung der Juden durch Antisemiten und Neonazis in Deutschland nicht als groß an, seit die in den Jahren zuvor erstarkte NPD 1969 den Einzug in den Bundestag verfehlt hatte. Er befürwortete auch den Aufbau der 1979 gegründeten Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg, die von vielen als Zeichen permanenter jüdischer Ansiedlung in der Bundesrepublik gesehen wurde. Dabei bemühte er sich, auf die Gefühle der Vertreter unterschiedlicher religiöser Strömungen in der jüdischen Gemeinschaft Rücksicht zu nehmen.</p>
<p>Ginsburgs eigene Religiosität war von einem gewissen Relativismus geprägt. Von religionskritischen oder philosophischen Fragen wollte er nichts hören, sofern sie ihm wie eine Beschädigung jüdischer Tradition erschienen. Gelegentlich äußerte er aber, dass er selbst nicht völlig verstehe, was dem Judentum letztlich zu Grunde liege. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgte er theologische Erörterungen zwischen Christen und Juden, wie sie in den Sechzigerjahren auf hohem Niveau in der Kölner Christlich-Jüdischen Gesellschaft stattfanden. Von seinen Auslandsreisen als Vertreter des Zentralrats der Juden zu internationalen jüdischen Begegnungen brachte er große Sympathien für Tendenzen der religiösen Reform mit – heftig hielt er allerdings daran fest, dass die Einheit des Judentums nicht gefährdet werden dürfe.</p>
<p>In Angelegenheiten der Kölner jüdischen Gemeinde kooperierte er reibungslos mit dem Rabbiner Emanuel Schereschewski, einem kompromisslosen Orthodoxen und religiösen Zionisten. Dass Schereschewski nach dem israelisch-arabischen Krieg von 1967 seinen Nationalismus in Expansionismus und Araberhass steigerte, störte Ginsburg nicht, der sich jetzt wieder zu den Ansichten des Ultranationalisten Jabotinsky bekannte – allerdings nur in Fragen des israelisch-arabischen Konflikts. Bezeichnenderweise hatte Ginsburg 1966 einmal wütend den Gottesdienst verlassen, als Schereschewski in einer Predigt die Opfer des nazistischen Massenmordes als <em>„Kontingente“</em> bezeichnete, deren Tod zur Wiedergeburt des Staates Israel beigetragen und damit einem guten Zweck gedient habe.</p>
<p>Ginsburg lehnte die Unterordnung des Diaspora-Judentums unter das israelische Zentrum scharf ab. Im privaten Kreis sagte er des Öfteren, dass für ihn die Einwanderung sämtlicher Juden der Welt nach Israel nicht wünschenswert sei. Er zitierte gern die Meinung Schereschewskis, das Judentum brauche durchaus Reformen, die aber von der Gesamtheit der Juden akzeptiert werden müssten: Es müsse daher einen neuen Sanhedrin geben – nach dem Vorbild der religiösen Gelehrtenversammlung, die im Jerusalem des Zweiten Tempels lange Zeit das Sagen hatte.</p>
<p>Die religiöse Praxis des orthodoxen Judentums spielte für Ginsburgs Alltagsleben keine große Rolle mehr. Ohne etwa Speise- und Schabbat-Vorschriften zu beachten, äußerte er großen Respekt vor rabbinischer Gelehrsamkeit und war regelmäßiger und aktiver Teilnehmer der Gottesdienste am Schabbat und an den Feiertagen. Oft äußerte er einen gleichsam patriotischen Stolz über die jüdische Religion, die er als große Kulturleistung des jüdischen Volkes verstand: Nicht Gott hatte Israel erwählt (obwohl Ginsburg eine solche klare Aussage immer vermieden hätte), sondern Israel Gott – und das konstituierte sowohl die welthistorische Rolle des Judentums als auch den Grund, warum Abfall vom jüdischen Volk für Ginsburg bei aller sonstigen Wandlung von der chassidischen Kindheit über die rechtszionistische Jugendphase zum weitgehend in Deutschland akkulturierten Juden undenkbar war.</p>
<p>In diesen Gedanken spiegelt sich seine Prägung durch den Agnostiker Jabotinsky, aber auch durch den einflussreichen nichtzionistischen Historiker Simon Dubnow, den Ginsburg kurz vor dessen Ermordung im Rigaer Ghetto 1941 noch gehört hatte. Dubnow, nach dessen Theorie die jüdische Religion stets ein Instrument zum Erhalt der jüdischen Nation gewesen war, äußerte nach Ginsburgs Erinnerung im Angesicht des eigenen Untergangs die Meinung, das Wüten der Nazis sei eine der zyklisch das jüdische Volk heimsuchenden Katastrophen – wie zuvor der Massenmord während der Kreuzzüge und die spanische Inquisition. Für Ginsburg, der inzwischen so zu sagen zum deutschen Juden geworden war, bedeutete diese Interpretation Dubnows sicher auch eine gewisse Relativierung der Shoah, die ihm die Etablierung in Deutschland leichter machte.</p>
<p>So deutlich war das von Ginsburg freilich nie zu hören. Eigene theologische oder geschichtsphilosophische Äußerungen vermied er. Das minderte nicht sein hohes Ansehen als Redner innerhalb der jüdischen Gemeinschaft. In seinen Reden, etwa bei Festveranstaltungen in der jüdischen Gemeinde, fiel er oft in die Sprechmuster der Freimaurerei („Baumeister aller Welten“ für Gott usw.), ohne dass sich daraus eine geschlossene Weltanschauung hätte ableiten lassen. Er war zusammen mit mehreren Männern aus seinem jüdischen Freundeskreis einer Freimaurerloge beigetreten, in dem offensichtlichen Bestreben, in Köln nichtjüdische Freunde zu finden, die mit dem Nationalsozialismus ganz bestimmt nichts zu tun gehabt hatten.</p>
<p>Von sonstigen formalen Bindungen hielt Ginsburg sich fern. 1949 hatte er bei der ersten Bundestagswahl noch die neonazistische Deutsche Rechtspartei gewählt, <em>„damit die so viel Stimmen bekommen, dass die Alliierten aufmerksam werden und einschreiten“</em>. Er erzählte das später ohne Rücksicht darauf, wie skandalös so etwas jetzt wirken musste, zumal im Vergleich zur späteren Einstellung dieses einstigen DRP-Wählers zu Deutschland und zum deutsch-jüdischen Verhältnis. Seit den frühen Fünfzigerjahren war er Stammwähler der SPD und galt auch in seinem beruflichen Umfeld als SPD-Sympathisant, ohne dass er je Mitglied der Partei wurde. Auch hierin nahm er Muster des deutschen Judentums an, die auf eine Zeit lange vor 1933 zurückgingen – Denk- und Verhaltensmuster, die ihm seine Frau und auch zumeist ältere deutsch-jüdische Freunde und Mitstreiter im privaten Bekanntenkreis wie in den jüdischen Organisationen vermittelten. In der Nachkriegszeit hatte er gegen einen der berühmten Auftritte des jüdischen Violinisten Jehudi Menuhin in Deutschland wegen Menuhins deutschfreundlicher Haltung demonstriert.</p>
<p>Später erschien Ginsburg seiner jüdischen und nichtjüdischen Umgebung geradezu als Exponent eines versöhnlichen Neuanfangs im Zusammenleben von Juden und Mehrheitsgesellschaft in Deutschland. Ganz verstanden hat er sich in dieser Hinsicht wahrscheinlich selbst nicht, sicher war nur, dass er extreme Urteile verabscheute, ganz wie der „Boxer“, wie Beckers Blank<em>: „Lassen wir die Frage offen, wie viel mir das Land hier bedeutet. (&#8230;) Wenn ich es hassen würde, würdest du nichts erfahren, und wenn ich es lieben würde, würdest du noch weniger erfahren. Jedes Mal, wenn ich einen darüber reden gehört hab, ist er mir lächerlich vorgekommen.“</em></p>
<h3><strong>Im Zentralrat der Juden in Deutschland</strong></h3>
<p>Seit 1961 bekleidete Ginsburg ehrenamtliche Spitzenstellungen im Zentralrat der Juden in Deutschland und in der Vermögensträger-Organisation „Jüdischer Gemeindefonds Nordwestdeutschlands“. Aus Ablehnung eines politischen Stils, den er als marktschreierisch und unproduktiv erachtete, war Ginsburg stets bestrebt, den Aufstieg des Berliner Gemeindevorsitzenden Heinz Galinski in eine überregionale Leitposition zu verhindern. Galinskis stetes Heischen nach öffentlicher Aufmerksamkeit und seine Neigung zu pauschalen Verdammungen war Ginsburg wesensfremd und ganz persönlich zuwider. Er unterstützte aus dieser Haltung heraus den langjährigen Generalsekretär des Zentralrats, Henrik George van Dam, und den Karlsruher Gemeindevorsitzenden Werner Nachmann, der für ein Bekenntnis der jüdischen Gemeinden zu Deutschland und für eine konservative politische Grundorientierung eintrat.</p>
<p>Nachmann, seit den Sechzigerjahren Vorsitzender des Zentralrats, wurde mit van Dams Tod 1973 zur politisch eindeutig tonangebenden Figur im organisierten westdeutschen Judentum. Ihm verdankte Ginsburg seine Wahl zum Generalsekretär des Zentralrats, ein Amt, das er im September 1973 antrat. Aus dem Staatsdienst schied er aus.</p>
<p>Nur sehr zögerlich machte sich der neue Generalsekretär Ginsburg vom Schatten seines verstorbenen Vorgängers van Dam frei, eines Rechtsanwalts aus Berlin, der die Nazizeit in England überlebt hatte, erklärtermaßen weder religiöse noch ethnische Bindungen mit seiner Zugehörigkeit zur jüdischen „Schicksalsgemeinschaft“ verband, nach 1945 jedoch als kluger Fürsprecher der Juden erst gegenüber der britischen Besatzungsmacht und dann gegenüber der Bundesregierung Einfluss auf die Rechtssystematik und die Praxis der bundesrepublikanischen Wiedergutmachungsleistungen genommen hatte. Dem ehrenamtlichen Vorsitzenden Nachmann, ein Jahrzehnt jünger und wesentlich dynamischer als Ginsburg – Nachmann war kein KZ-Überlebender, sondern hatte im französischen Untergrund die Zeit des Massenmordes überstanden – diente der neue Generalsekretär als bis zur Selbstverleugnung getreuer Adlatus. Das machte scheinbar seine Position scheinbar unangreifbar, minderte aber seine Bedeutung im jüdischen Leben Deutschlands. Das schon unter van Dam bescheidene Büro des Zentralrats in Düsseldorf wurde unter Ginsburg weiter verkleinert. Es war lange nicht erkennbar, welche wesentliche Aufgabe nach Verabschiedung der wichtigeren Bonner Wiedergutmachungsgesetze der Organisation noch verblieben war.</p>
<p>Aus der Rückschau waren zwei Ereignisse für die politische Rolle des Zentralrats bedeutsam, von denen eins noch vor Ginsburgs Wechsel ins Amt des Generalsekretärs fiel: der Mordanschlag auf die israelische Olympiamannschaft in München 1972 und der israelisch-arabische Krieg im Oktober 1973. Beides führte zu Verstimmungen zwischen den Regierungen in Bonn und Jerusalem, wegen derer die Bundesregierung offenbar erhebliche internationale Imageschäden befürchtete. Um dieses Risiko zu begrenzen, kultivierten der Außenminister Walter Scheel und andere Vertreter von Regierung und Opposition das Verhältnis zum Zentralrat in vorher ungekannter Weise. Die jüdischen Funktionäre sahen sich mehr denn je als für die jüdische Sache nützliche Mittler zwischen Deutschland und der Weltjudenheit sowie dem israelischen Staat, wogegen israelische Diplomaten eher befürchteten, der Zentralrat könne ihnen ins Handwerk pfuschen und sich schlimmstenfalls zur Bemäntelung einer Israel gegenüber feindlichen Politik Bonns hergeben. Diese Spannung zwischen den Zentralratsführern Nachmann und Ginsburg und der israelischen Botschaft in Bonn verstärkte sich im Laufe der 15 Jahre bis 1988 zeitweise zu hinter verschlossener Tür unverhüllter Antipathie.</p>
<p>Für Ginsburg, der sich selbst stets als hundertprozentigen Verfechter israelischer Belange sah – mit zunehmendem Alter bekannte er sich oft zu den radikal nationalistisch-zionistischen Positionen seiner Jugend –, bedeutete dieser Konflikt eine emotionale Belastung. Dass daraus auch eine Gefährdung seiner Stellung im jüdischen Leben erwachsen könnte, erschien vor Nachmanns Tod und den anschließenden Enthüllungen über dessen Unregelmäßigkeiten als Verwalter von Entschädigungsgeldern freilich schwer vorstellbar.</p>
<h3><strong>Außenpolitische und innenpolitische Bühnen</strong></h3>
<p>Um so wichtiger war es Ginsburg, dass er von führenden israelischen Politikern persönliche Anerkennung erfuhr: Vor 1977 war es der Außenminister Jigal Alon, der Ginsburg als nützlichen Mittler zwischen Jerusalem und Bonn akzeptierte und entsprechend würdigte; nach dem israelischen Regierungswechsel von 1977 entwickelte er insbesondere zu dem aus Deutschland stammenden Innenminister Josef Burg ein auch im persönlichen Umgang herzliches Verhältnis. Von besonderer politischer und emotionaler Bedeutung war für Ginsburg eine Begegnung mit dem grundsätzlich die deutsch-jüdische Annäherung ablehnenden Ministerpräsidenten Menachem Begin, der im kleinen Kreis 1979 oder 1980 eine Delegation des Zentralrats empfing und sie seiner Sympathie und seiner Liebe zur deutschen Kultur versicherte:</p>
<p>Für Ginsburg war das nicht nur ein Triumph der von ihm mit geführten deutsch-jüdischen Organisation, sondern auch die Legitimation seines ungewöhnlichen Lebensweges durch den Führer jener politischen Gruppe, in der er als Jugendlicher und Student seine Heimat hatte. <em>„Das ist ein schönes Land“</em>, hatte Begin Ginsburg zufolge über Israel gesagt – auf Deutsch, und das klang dann in den Ohren seines einstigen Betar-Kameraden wie ein Bekenntnis zu Israel und zu Deutschland zugleich. Ansonsten lag Ginsburgs Bedeutung bei derartigen Kontakten in Israel und mit jüdischen Persönlichkeiten aus anderen Ländern darin, dass er tief von der jüdischen Kultur Osteuropas geprägt war, fließend Jiddisch und Hebräisch sprach und sich auf Englisch verständigen konnte. All das traf auf Werner Nachmann oder auch den ewigen innerjüdischen Opponenten Heinz Galinski nicht zu.</p>
<p>Gerade wegen Ginsburgs komplexer Biographie konnte er den Konflikt zwischen Judentum und Leben in Deutschland, zwischen Israel-Begeisterung und dem Anspruch auf staatsbürgerliche Integration für sich selbst lösen: Im Grunde bekannte er sich zu einer doppelten Loyalität, die man Jahrzehnte später als <em>„multikulturell“</em> bezeichnet hätte. Mit Definitionen und feinsinnigen Erörterungen hielt er sich nicht lange auf, als offizieller Sprecher der Judenheit in Deutschland umschiffte er manche Klippe durch verbale Manöver (Zionist sein hieß dann <em>„das Aufbauwerk in Israel unterstützen“</em>). Bekennermut musste er sich selbst antrainieren – in den Sechzigerjahren traute er sich noch nicht, Tel Aviver Taxifahrern mitzuteilen, aus welchem Land er kam.</p>
<p>Das änderte sich irgendwann: Mit wirklichem Eifer kritisierte er jüdische Zeitgenossen, die sich mit Hinweis auf ihre Zugehörigkeit zum Judentum unter dem Motto <em>„Dies ist nicht mein Land“</em> von Deutschland distanzierten, und ebenso sehr verachtete er Diasporajuden, die nicht für Israel und nicht für die jüdische Gemeinschaft ihres Wohnlandes einstanden. Vielen Juden in Deutschland – bis hin zu Gemeindeführern und Zentralratsfunktionären – warf er vor, diese beiden negativen Attitüden in sehr egoistischer Absicht zu verquicken. Solche Bindungslosigkeit nannte er „doppelte Illoyalität“, und das war genau das Gegenteil seines Ideals, der doppelten Bindung an Deutschland und Israel, an Judentum und an universelle Ziele. Dieses Ideal gab Ginsburg nie auf, doch seine Umsetzbarkeit erschien ihm im Lauf der Jahre immer schwieriger. Vor allem erwies sich die Vorstellung als Illusion, auf Grund seiner doppelten Bindung sei er und mit ihm der Zentralrat prädestiniert, Verbindungen zwischen Bonn und Jerusalem, Deutschen und Israelis wesentlich mit zu formen.</p>
<p>Greifbarer als die Mittlerrolle des Zentralrats im deutsch-israelischen Verhältnis war seine Rolle in Bonn. Mit deutschen Politikern aus Bund und Ländern trafen Nachmann und Ginsburg in den Siebzigerjahren immer wieder zusammen. Die hierbei eröffneten Kontakte führten unter anderem – gegen den Widerstand der israelischen Regierung und darum auch Galinskis (der ein Jahrzehnt später in dieser Frage die Position seiner abgetretenen Gegner Nachmann und Ginsburg mit Leidenschaft und Erfolg vertreten sollte) – zur ersten Aufnahme sowjetischer Juden in der Bundesrepublik, vor allem aber zu einer Reihe von Fördermaßnahmen zugunsten der jüdischen Gemeinden und Landesverbände in den einzelnen Bundesländern, die in den Achtzigerjahren in der Regel zu Staatsverträgen führten, welche die Finanzierung der jüdischen Gemeinden sicher stellten. Diese starke Stellung der Zentralratsführer Nachmann und Ginsburg im politischen Leben kontrastierte mit der schwachen Stellung der Dachorganisation gegenüber den jüdischen Landesverbänden und Gemeinden – das galt besonders für Ginsburg persönlich, der im Gegensatz zu Nachmann das Licht der Öffentlichkeit geradezu scheute.</p>
<p>Dennoch entwickelte Ginsburg auch zu deutschen Politikern und hohen Beamten persönliche Beziehungen, wobei er allerdings fast immer hinter Nachmann zurückstand. So verhielt es sich im Kontakt der beiden zu Außenminister Hans-Dietrich Genscher und dessen engem Mitarbeiter und späteren Nachfolger Klaus Kinkel. Zu Ginsburgs bevorzugten Gesprächspartnern im Lauf seiner Amtszeit als Generalsekretär und zuvor zählten etwa der Staatssekretär Paul Frank aus dem Auswärtigen Amt, der Bundesinnenminister Gerhart R. Baum, der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau sowie einige Bundestagsabgeordnete, die der Zentralrat in den Siebzigerjahren zu einer gemeinsamen Reise nach Israel eingeladen hatte – was immer das auch am Ende bewirkte: Zu dieser Gruppe gehörte etwa der CDU-Politiker Philipp Jenninger, der sich viel später, in Ginsburgs Unglücksjahr 1988, mit einer völlig verunglückten Gedenkrede zum Jahrestag der Pogromnacht von 1938 um sein Amt als Bundestagspräsident brachte.</p>
<p>Genau zehn Jahre zuvor war die Welt für Ginsburg ganz anders. Mit größtem Stolz verzeichnete er die Tatsache, dass er am 40. Jahrestag des 9. November 1938 den Bundeskanzler Helmut Schmidt und den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses Nahum Goldmann zu Reden in einer Gedenkstunde in der Kölner Synagoge gewann. Die Veranstaltung mit dem gegenüber Israel sehr kritischen deutschen Regierungschef und dem einstigen jüdischen Hauptverhandler bei den Wiedergutmachungsabkommen wurde zum symbolischen Höhepunkt der Tätigkeit Ginsburgs. Goldmann, bürgerlicher zionistischer Politiker und Fürsprecher einer gegenüber Israel selbstbewussten Diaspora zugleich, Jude aus dem Baltikum und gleichzeitig deutscher Jude – der Mann, der in freundschaftlichem Verhandeln mit der politischen Elite Westdeutschlands Milliardenzahlungen zugunsten jüdischer Individuen und Organisationen initiiert hatte – war ganz offenbar Ginsburgs Vorbild. Weil Ginsburg, dem KZ-Überlebenden, die Selbstsicherheit und Souveränität des im Laufe eines langen Lebens vom Schicksal verwöhnten Goldmann jedoch fehlte, blieb ihm ein ähnlicher Erfolg versagt. Stattdessen lehnte er sich bedingungslos an den vergleichsweise mediokren Nachmann an: Ursache seines schließlich traurigen Abgangs von der jüdisch-politischen Bühne.</p>
<p>Und außerhalb dieser Bühne gab es für ihn immer weniger Leben. Gut: Alexander Ginsburg hatte eine Frau, einen Sohn, Freunde, mit denen er Karten spielte oder gelegentlich zum Fußball ging. Er las Bücher, aß mehr als ihm guttat – aber all das, den Eindruck erweckte er, ging ihn von Jahr zu Jahr weniger an. Das KZ, hatte er mir in einem der seltenen derartigen Gespräche einmal verraten, habe er nach eigener Meinung auch darum überstanden, weil er damals sicher war, dass er nicht mehr lange zu leben hatte – und dann wollte er, so der nachträgliche Bericht, das grauenhafte, aber welthistorisch höchst interessante Ereignis, zu dessen Opfern er gehörte, wenigstens auf das Genaueste beobachten, statt sich irgend welchen Emotionen hinzugeben. Also: In den schlimmsten Nöten lebte er nicht sein Leben, sondern beobachtete es.</p>
<p><strong>Schwindender Einfluss</strong></p>
<p>Daran – so glaube ich heute – hat sich nie mehr viel geändert. Wieder wie Arno Blank: <em>„Sie sind so inaktiv“</em>, sagt die Frau, die dem Romanhelden Beckers nach dem Krieg hilft, seinen Sohn wiederzufinden. Der KZ-Überlebende im Roman hat es aufgegeben, aktiv zu leben, und das wird im Lauf der Zeit immer ausgeprägter. Auf die Idee, ein Mensch mit diesem Handicap könnte gleichzeitig ein öffentliches Amt bekleiden, ist der Berliner Romancier nicht gekommen. So aber war es in der Realität des Zentralrats der Juden in Deutschland.</p>
<p>Von Werner Nachmann dominiert, richtete der Zentralrat seine Tätigkeit immer mehr auf Repräsentation aus; im innerjüdischen Leben in Deutschland verlor die Organisation zunehmend an Bedeutung. Bezeichnend für diese Entwicklung war, dass Nachmann an seinem Karlsruher Wohnsitz seit etwa 1980 eine Art Büroleiter des Zentralrats amtieren ließ, der de facto dem Generalsekretär die Geschäftsführung weiter Bereiche aus der Hand nahm. Außerhalb eines sehr engen Kreises um Nachmann war das niemandem bekannt. Es handelte es sich um einen Nichtjuden, den aus Karlsruhe stammenden früheren CDU-Bundestagsabgeordneten Gerold Benz, der hinter den Kulissen im Zusammenspiel mit Nachmann die typische Lobbyistenrolle eines in Verbandsdienste getretenen Ex-Politikers zu spielen suchte. Dass das offizielle Büro des Zentralrats Mitte der Achtzigerjahre von Düsseldorf nach Bonn umzog, war da fast nur noch von symbolischer Wichtigkeit.</p>
<p>Im innerjüdischen Bereich bemühte sich der Generalsekretär Ginsburg in den späten Siebzigerjahren um Aktivitäten, die sowohl von dem ganz auf die Außenrepräsentation konzentrierten Nachmann wie den auf ihre Eigenständigkeit bedachten Gemeinden kritisch gesehen wurden. Ergebnis waren die sechs „Jugend- und Kulturtagungen“, die der Zentralrat unter der Ägide Ginsburgs von 1977 bis 1983 in verschiedenen deutschen Städten veranstaltete. Diese Treffen, an denen jeweils um die hundert zumeist jüngere Juden teilnahmen, sollten nach dem Willen Ginsburgs und der mit ihm zusammen arbeitenden Initiatoren eine Art kleines Pendant zu den Kirchentagen und Katholikentagen der großen Konfessionen darstellen. Wieweit das erklärte Ziel erreicht wurde, dem schwachbrüstigen religiösen und kulturellen Leben der jüdischen Gemeinden Impulse zu geben, blieb schwer messbar; für die meisten Teilnehmer waren die Veranstaltungen jedenfalls wichtige Elemente jüdischer Erwachsenenbildung und Identitätsfindung. Der Generalsekretär selbst betrachtete die Aktivitäten seiner jugendlichen Mitwirkenden mit wohlwollender Skepsis: <em>„Wenn so eine Tagung zu einer einzigen Ehe von Teilnehmern führt, hat sie sich schon gelohnt“</em>, sagte er einmal halb im Scherz und beschrieb damit ein drängendes Problem der jüdischen Gemeinden – die Aufzehrung durch Assimilation an die Umwelt.</p>
<p>In den Gremien des Zentralrats musste Ginsburg die Tagungen stets verteidigen – zu groß war die Angst von Einwirkungen in die Gemeindeautonomie, vor weitgehend imaginären Verletzungen ängstlich gehüteter Traditionen durch junge, im Netz der Gemeindefunktionäre nicht verankerte Teilnehmer, vor eingebildeter Unterwanderung durch linkslastige alternativer Politik oder Lebensgestaltung zugeneigte Juden. Der Berliner Gemeindevorsitzende Galinski bemühte sich darum, dass aus der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland allenfalls Gegner des Projekts zu den Tagungen anreisten; auch Nachmann sah diese Aktivität seines Gefolgsmanns als bestenfalls dubiose Marotte an, während die israelische Botschaft die Kunde verbreitete, die Tagungen seien tendenziell antizionistische Umtriebe. All das führte dazu, dass die junge Tradition dieser Veranstaltungen einschlief, als die ursprünglichen jugendlichen Organisatoren wegen beruflichen Engagements und Familiengründungen ihre Aktivitäten einstellten.</p>
<p>Auch sonst ließ in dieser Zeit Ginsburgs Einfluss auf den Zentralrat weiter nach. Der konservative Nachmann war seit dem Bonner Regierungswechsel von 1982 auf den SPD-Sympathisanten Ginsburg weniger angewiesen. Vor allem war aber der Rückgang von Ginsburgs Elan überdeutlich fest zu stellen. Aus der Rückschau wird deutlich, dass der Mitsechziger unter frühen Stadien einer Hirnerkrankung litt, die er damals noch vor anderen und auch sich selbst gegenüber verbergen konnte. Im privaten Kreis wies er jeden Gedanken an einen Wechsel in den Ruhestand weit von sich – dass sein Kollege und Freund Nachmann ohne ihn im Amt nicht zu Recht kommen würde, ließ sich gut argumentieren. Wie sehr das stimmte, wusste Ginsburg selbst nicht: Nachmann war dringend darauf angewiesen, dass formal für die Geschäftsführung des Zentralrats jemand verantwortlich war, der ihn weder kontrollieren wollte noch konnte.</p>
<h3><strong>Treue</strong></h3>
<p>Nachmann und Ginsburg hatten 1980 ihren größten Erfolg in Bonn errungen: Als so genannte „Schlussgeste“ zur Wiedergutmachung des an Juden begangenen nationalsozialistischen Unrechts bewilligte die Regierung Schmidt Zahlungen in Gesamthöhe von 440 Millionen Mark. 40 Millionen Mark waren für den Zentralrat bestimmt; 400 Millionen Mark sollten von jüdischen Organisationen an bislang ohne Entschädigung gebliebene Überlebende gezahlt werden. Das Geld, so wurde vereinbart, ging je nach Bedarf in Tranchen an den Zentralrat, der es auf Anforderung an die jüdische Zentralorganisation Claims Conference in New York weiterleitete. Mit der komplizierten Regelung war Haushaltsvorschriften Genüge getan; gleichzeitig war sehr zum Unwillen der Regierung in Jerusalem und ihrer Diplomaten in Bonn der Staat Israel an der Verteilung der Gelder nicht beteiligt. Das lag durchaus in der Intention sowohl der Bundesregierung als auch des Zentralrats. Dessen Finanzgebaren als Transferstelle wurde in den folgenden Jahren von niemandem überwacht.</p>
<p>Völlig unbekannt – auch in den Gremien des Zentralrats – war die Tatsache, dass der Generalsekretär schon 1981 einem Wunsch Nachmanns entsprochen hatte. Er hatte dem Karlsruher Geschäftsmann alleiniges Zeichnungsrecht über das Konto eingeräumt, das dem Transfer der Millionensummen diente. Ginsburg erklärte seine Bereitwilligkeit später mit seinem Vertrauen in den Freund Nachmann und der Meinung, dieser habe als alleiniger Verwalter des Kontos seine Bonität als Kreditnehmer gegenüber seiner Hausbank verbessern können und wollen: Erklärungen, die angesichts der später in schwerster Form ausgebrochenen Demenzkrankheit Ginsburgs verständlich werden – mangelnde Urteilsfähigkeit verband sich mit kritiklosem Gehorsam gegenüber einer Person des Vertrauens.</p>
<p>Als Nachmann Anfang 1988 überraschend im Alter von 62 Jahren starb, war Ginsburg schon zu krank, als dass er mit den ihm schnell bekannten Problemen hätte fertig werden können. Nachmanns Sekretärin wies ihn auf Unterlagen hin, die Unterschlagungen im großen Stil zumindest nahelegten – kurz nach der eindrucksvollen Trauerfeier für Nachmann in Karlsruhe, bei der Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl dem Toten die letzte Ehre gaben. Helmut Kohl ging so weit, Ginsburg persönlich am Telefon zu drängen, er müsse jetzt das Amt Nachmanns übernehmen, damit im Zentralrat alles so gut weiter gehe wie bisher und nicht etwa der aus Kohls Sicht unbequeme Galinski das Ruder übernähme.</p>
<p>Was Kohl an Nachmann so geschätzt hatte, war dessen Politik der <em>„stillen Diplomatie“</em>: antisemitische Vorfälle niemals zum Anlass der Kritik an der Bundesrepublik im Allgemeinen zu machen, jede Verurteilung des Rechtsextremismus mit dem Hinweis zu verbinden, der Linksextremismus sei für die Juden genau so schlimm, Ablehnung auch nur der geringsten Kooperation mit kommunistenfreundlichen oder anderen linksradikalen Gruppierungen, immer wieder Lob des guten Einvernehmens zwischen den Juden und staatlichen Stellen (insbesondere dann, wenn an der Spitze der jeweiligen staatlichen Einrichtung Politiker des bürgerlichen Lagers standen; über Sozialdemokraten oder gar Grüne konnte sich Nachmann sehr abfällig äußern). Viele Juden kritisierten Nachmanns Linie als Leisetreterei: Ginsburg dagegen bezog stets für Nachmann Partei. Er begründete das damit, dass die Juden in Deutschland nur mit solcher Konzilianz ihre wichtigen Ziele erreichen könnten: eine dem Staat Israel gegenüber freundliche Bonner Politik, Unterstützung der Politiker für den Aufbau jüdischer Einrichtungen in Deutschland und ein Abflauen antisemitischer Einstellungen.</p>
<p>Für einen wirklichen Konflikt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft hatte Nachmann 1978 gesorgt, als er den wegen seiner Mitwirkung an Todesurteilen der NS-Marine schwer angegriffenen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger mit den gerade für Juden skandalösen Argumenten verteidigte, Filbinger habe nur seine Pflicht getan und überhaupt nichts besonders Schlimmes. Ginsburg hielt in diesem Konflikt treu zu Nachmann, half ihm mit Formulierungen zur schriftlichen Begründung seiner Position und setzte sein damals noch erhebliches Gewicht innerhalb des Zentralrats dafür ein, dass Nachmann die Affäre unbeschädigt überstand – ein Einsatz, der vielleicht am Anfang von Ginsburgs langsamem Machtverlust stand. Während Nachmann in Diskussionen mit Juden seine Haltung mit dem hanebüchenen Argument begründete, Filbinger habe ja nicht Juden zu Tode gebracht, sondern deutsche Soldaten, wogegen aus jüdischer Sicht nichts einzuwenden sei, verteidigte Ginsburg Nachmann mit dem unwesentlich weniger fragwürdigen Hinweis, die Juden seien auf die Gunst des baden-württembergischen Regierungschefs angewiesen, sonst werde es nichts mit der geplanten jüdischen Hochschule in Heidelberg. Sogar die von ihm selbst in anderen Zusammenhängen als moralisch dubios abgelehnte Idee, aus der Nazizeit belastete deutsche Politiker – Adenauers unseliger Staatssekretär Globke ließ grüßen – seien notgedrungen die für jüdische Anliegen Aufgeschlossensten, fand sich in seiner eher hilflosen Verteidigung.</p>
<p>Ginsburg hatte kein Verständnis für spontane, den Rahmen der Honoratiorenpolitik sprengende jüdische Protestaktionen gegen antisemitische Erscheinungen. Das zeigte sich bei den Vorgängen um den gemeinsamen Besuch Kohls und des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf einem Soldatenfriedhof mit Gräbern von SS-Leuten 1985 („Bitburg-Affäre“), als amerikanische jüdische Funktionäre ihr Befremden über die der Bundesregierung weit entgegenkommende Haltung des Zentralrats zeigten. Das zeigte sich im selben Jahr auch bei den Vorgängen um die durch jüdische Bühnenbesetzer verhinderte Uraufführung eines judenfeindlich wirkenden Theaterstücks in Frankfurt („Fassbinder-Affäre“) – Auseinandersetzungen, bei denen die in den Neunzigerjahren als Sprecher der Juden in Deutschland Ton angebenden Frankfurter Ignatz Bubis und Michel Friedman Ansehen gewannen. Nachmann blieb seiner gerade auch in jüdischen kreisen umstrittenen Politik zum Trotz weiter hochgeachtet und vielfach geehrt – Ginsburg dagegen war in diesen Jahren trotz seines Amtes zu einer Randfigur geworden. Deutlich wurde das bei der offiziellen Feier seines 70. Geburtstages in der Synagogengemeinde Köln – ranghöchste nichtjüdische Gäste waren der in seiner Partei kaltgestellte ehemalige Innenminister Baum, der Spitzenkandidat der wenige Wochen zuvor bei der Landtagswahl blamabel gescheiterten nordrhein-westfälischen CDU und der mit Ginsburg persönlich nicht bekannte Stellvertreter des Kölner Oberbürgermeisters, dessen Rede sich in einem Lob des Beitrags der heimatvertriebenen Schlesier für den Wiederaufbau der Domstadt erschöpfte.</p>
<h3><strong>Hilflos und resigniert</strong></h3>
<p>Ginsburgs weiterhin bedingungsloses Eintreten für die israelische Außenpolitik änderte nichts an seinem miserablen Verhältnis zur israelischen Botschaft. Der Botschafter Jitzchak Ben-Ari, mit dem Nachmanns und Ginsburgs Widersacher Galinski engen Kontakt pflegte, versuchte vermutlich, die Stellung der beiden Spitzenpersonen des Zentralrats zu unterminieren. Wegen des hohen Respekts der deutschen Diasporajuden vor der israelischen Staatlichkeit war ein solches Ziel für ihn jedenfalls kein Ding der Unmöglichkeit. <em>„Sie kommen auf die schwarze Liste der Feinde des jüdischen Volkes“</em> offenbarte Ben-Ari den beiden Funktionären einmal aus nichtigem Anlass, nachdem er sie von den Sicherheitsbeamten am Eingang seiner Botschaft gründlich hatte schikanieren lassen – als ob es sich um potenzielle Bombenleger gehandelt hätte. Sich in diesem Konflikt zu behaupten, ihn irgendwie beizulegen – dazu fehlte dem Generalsekretär des Zentralrats die Energie. Vorboten seiner Krankheit verbanden sich mit den Relikten seiner Lebensgeschichte zu einer unentrinnbaren Resignation. Hätte er mit mir darüber geredet, hätte es ähnlich geklungen wie in Jurek Beckers Roman: <em>„Ob ich mir nicht vorstellen könne, fragt er, dass es eine Art von Müdigkeit gibt, die jede Aktion unmöglich macht… Der Kampf gegen die Müdigkeit sei sein letzter und vielleicht der schwerste seines Lebens gewesen, er habe ihn verloren.“</em></p>
<p>Während Ginsburg in den letzten Jahren seiner Amtszeit fast verstummte, bot Nachmann immer wieder Angriffspunkte. So etwa Anfang 1986: Ein CSU-Bundestagsabgeordneter namens Fellner hatte wegen einer Wiedergutmachungsforderung Nachmanns wörtlich geäußert, immer, <em>„wenn in deutschen Taschen Geld ist“</em>, seien die Juden mit Forderungen da – Nachmann sprach ihn öffentlich gegenüber allen Vorwürfen frei. Kurz darauf machte der Ausspruch des Bürgermeisters einer Kleinstadt aus der Nähe von Düsseldorf die Runde in Deutschland, in Anbetracht der leeren Gemeindekasse sollte man am besten <em>„einen reichen Juden erschlagen“</em>. Die Gegenreaktion des Zentralrats war unhörbar, Ginsburg vertrat resigniert im kleinen Kreis die Meinung, der Ausspruch sei wohl eine Redensart, die man nicht ernst nehmen müsse. Eine entsprechende Nachsicht, öffentlich geäußert, brachte Ginsburg 1987 eine schlechte Presse: Der Deutschlandfunk, in dessen Rundfunkrat Ginsburg seit annähernd zwei Jahrzehnten den Zentralrat vertrat, kam durch Enthüllungen über die NS-Vergangenheit eines leitenden Mitarbeiters in Schwierigkeiten. Ginsburg äußerte sich auch vor Journalisten abwiegelnd über die Affäre und verniedlichte die Schuld des Betroffenen: eigentlich ganz im Sinne Nachmanns, der aber die problematische Wirkung solcher Äußerungen begriff. Nachmann hatte keine Skrupel, gegenüber anderen Journalisten die Haltung Ginsburgs auf Senilität zurück zu führen. Ginsburg hat das nie erfahren. Er hielt Nachmann über dessen Tod hinaus die Treue, auch noch, als er von Nachmanns Untreue erfuhr.</p>
<p>Um Nachmanns Nachfolge als Vorsitzender des Zentralrats bewarben sich nach dessen Tod im Januar 1988 Heinz Galinski aus Berlin und ein nach 1945 geborener Gegenkandidat. Anfang Februar hatte Nachmanns Sekretärin Ginsburg auf die Unregelmäßigkeiten im Verhalten des Verstorbenen hingewiesen. Mit einer Hilflosigkeit, die damals noch wie depressive Verzweiflung wirkte, erbat Ginsburg den Rat seiner Angehörigen. Die Familie drängte ihn, die beiden Nachfolgekandidaten und das Bundesfinanzministerium sofort ins Bild zu setzen und auf Grund seines hohen Alters sein Amt zur Verfügung zu stellen. Dass er diesen Rat scheinbar akzeptierte, dann aber ganz anders handelte, lässt sich nur mit der inzwischen für ihn selbst bedrohlichen, für Laien aber immer noch nicht wirklich erkennbaren Demenzkrankheit erklären.</p>
<p>Ginsburg suchte offenbar als Ersatz für den verstorbenen Nachmann eine neue Autorität, eine neue Anlehnungsperson: Er offenbarte sich einem über 80jährigen jüdischen Funktionär, der als Freund Galinskis und enger Vertrauensmann israelischer Einrichtungen bekannt war, dann auch Galinski, der um diese Zeit zum Nachfolger Nachmanns gewählt wurde. Galinski richtete es so ein, dass er später den Eindruck erwecken konnte, als erster habe ihn ein Vorstandsmitglied einer jüdischen Gemeinde in Nachmanns badischer Heimat auf die Unregelmäßigkeiten aufmerksam gemacht. Diese später auch in der Presse verbreitete Version sollte vermutlich davon ablenken, dass Ginsburg ein Vertuschen der Affäre innerhalb des Zentralrats nicht vorzuwerfen war. So weit ich weiß, hat Galinski nach seiner Wahl keinen Versuch unternommen, dem Generalsekretär den Rücktritt auch nur zu empfehlen: Der hilflose Mann im Amt war ihm offenbar noch einige Wochen nützlich.</p>
<p>In diese Zeit – April 1988 – fällt ein gemeinsamer Besuch Galinskis und Ginsburgs beim Minister in Helmut Kohls Kanzleramt. Aus dem, was Ginsburg unmittelbar danach berichtete, ließ sich nur Folgendes schließen: Wolfgang Schäuble stimmte mit den jüdischen Vertretern darin überein, dass die Affäre – vorzügliche Munition für Antisemiten – keinesfalls publik werden sollte; man vereinbarte Stillschweigen und diskrete Regulierung des finanziellen Schadens. Innerhalb des Zentralrats erfuhren jedoch mindestens die 18 Mitglieder des Direktoriums der Organisation rasch von den Vorgängen. Ginsburg hüllte sich in seiner Hilflosigkeit in ein Schweigen, das viele ihm später als Anerkenntnis von Schuld ankreideten. Hinzu kam, dass Nachmann größere Geldbeträge auf ein Konto Ginsburgs überwiesen hatte: Ginsburg teilte später mit, das sei in der Zeit nach der RAF-Terrorwelle geschehen, weil Nachmann fürchtete, entführt zu werden, und darum seinem Vertrauten Geld für einen eventuellen Freikauf anvertrauen wollte. Ginsburg überwies dieses Geld auf Drängen seiner Familie auf ein Konto des Zentralrats. In seiner Verwirrung informierte er aber niemanden im Zentralrat über diesen Schritt, so dass ein großes Rätselraten über die Millionenüberweisung und vermutete sinistre Motive des Generalsekretärs entstand.</p>
<p>Im Mai 1988 wurde die gesamte Angelegenheit aus einer nie aufgedeckten Quelle der Öffentlichkeit bekannt. Galinski erzwang noch am selben Tag die Beurlaubung des willenlos wirkenden Generalsekretärs, den er kommissarisch durch einen jüdischen Journalisten ersetzte, der seit Langem aus persönlichen Gründen in Ginsburg einen Feind gesehen hatte. Der Bundesregierung, die jetzt trotz des Schäuble-Gesprächs im April versicherte, bis dahin keine Ahnung von der Affäre gehabt zu haben, versprach Galinski die schonungslose Aufklärung des Falles. Das hatte zur Folge, dass potenzielle Endempfänger der Bonner Zahlungen am Ende keinen Schaden litten, weil die Bundesregierung sich öffentlich vernehmbar verpflichtete, eventuell für die Auszahlungen fehlendes Geld zu ersetzen.</p>
<p>Ansonsten beschränkte sich die Aufklärungsbereitschaft Galinskis und seines neuen Generalsekretärs im Wesentlichen darauf, einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer die Unterlagen des Zentralrats zu übergeben und der Presse Hinweise auf die angebliche Verstrickung Ginsburgs in Nachmanns Machenschaften zuzustecken, wobei sich diese Hinweise ausnahmslos als falsch oder irrelevant herausstellten. Galinski war offenbar der Meinung, er brauche einen lebenden Sündenbock für die Nachmann-Affäre, und das verband sich mit seiner jahrzehntelangen Animosität gegen Ginsburg und der entsprechenden Marschrichtung der israelischen Diplomatie.</p>
<p>Ginsburg, offenbar durch diese Ereignisse psychisch gebrochen, trat im Juni endgültig vom Amt des Generalsekretärs zurück. Seine Interessen gegenüber dem Zentralrat wie gegenüber der Öffentlichkeit ließ er nur noch von seinem Rechtsanwalt wahrnehmen, der in allen juristischen Fragen für schnelle Lösungen im Sinne seines Mandanten sorgte: Trotz entsprechender informeller Bemühungen von Seiten des Zentralrats sah die in Sachen des verstorbenen Nachmann ermittelnde Karlsruher Staatsanwaltschaft keinen Grund zu irgendwelchen Ermittlungen gegen Ginsburg, und in arbeitsrechtlicher Hinsicht verpflichtete sich der Zentralrat unter Galinskis Führung, gegen den ausgeschiedenen Generalsekretär keine Forderungen zu erheben. Hierbei spielte offenbar eine Rolle, dass Galinski als Mitglied der engsten ehrenamtlichen Führungsgruppe des Zentralrats zu Nachmanns Lebzeiten ebenso wenig wie der hauptamtlich tätige Ginsburg je auch nur einen Verdacht geschöpft hatte. Eine wirkliche Untersuchung der Vorgänge hätte womöglich Galinski und weitere jüdische Gemeindeführer in Schwierigkeiten gebracht, und an so einer Aussicht fanden auch Mitglieder der Bundesregierung kaum Gefallen.</p>
<p>Im Frühherbst 1988 zog der vom Zentralrat bestellte Prüfbericht der Frankfurter Buchprüfungsgesellschaft „Treuhand“ Bilanz des materiellen Schadens: Nachmann hatte insgesamt 29 Millionen Mark veruntreut, von denen ein Teil sichergestellt werden konnte, ein Teil in den maroden Privatfirmen des Unternehmers Nachmann versickert und ein Teil verschwunden war. Ungeachtet dieser Ergebnisse sorgte die neue Führung des Zentralrats für eine Intensivierung der Kampagne gegen Ginsburg, der sich immer noch an sein Amt als Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde Köln klammerte. Ohne den mindesten Anhaltspunkt wurde in jüdischen Kreisen das haltlose Gerücht geschürt, Ginsburg habe Geldmittel der Kölner Gemeinde veruntreut, und Galinski selbst machte Kölner jüdischen Opponenten Ginsburgs das später nie eingelöste Versprechen, einer der ihren werde nach erfolgtem Sturz Ginsburgs im Zentralrat ein hohes Amt einnehmen. Der Konflikt in Köln eskalierte und wurde gegen den Willen Ginsburgs und seiner verbliebenen Freunde in die Lokalpresse getragen. Gleichzeitig verzeichneten diese Freunde mit großem Schrecken den Abbau seiner geistigen Leistungsfähigkeit, den sie auf die üblen Erfahrungen des ablaufenden Jahres zurückführten. Ginsburg litt offenbar darunter, dass sich auch Weggefährten von ihm zurückzogen oder gar vernehmlich die angeblichen Aufklärungsbemühungen Galinskis lobten.</p>
<p><strong>Krankheit und Tod </strong></p>
<p>Im Dezember 1988 wurde die Repräsentanz der Kölner Synagogengemeinde neu gewählt. Zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten stand Ginsburgs Name nicht auf dem Stimmzettel, und damit endete auch sein Amt im Vorstand der Gemeinde. Es folgten wenige Jahre des von außen gesehen friedlichen Ruhestandes. Familienmitglieder und Freunde führten intellektuelle Ausfälle des zeitlebens hoch intelligenten, vielseitig interessierten und humorvollen Mannes auf Depression infolge der Ereignisse des Jahres 1988 wie auch infolge der Leidenszeit im KZ zurück. Immer wieder wurde ein langsam fortschreitender Verfall durch Erholungsphasen unterbrochen, und im Herbst 1991 stellte sich Ginsburg auch wieder in der von ihm so geliebten Synagogengemeinde zur Wahl. Nach Stimmenzahl auf Platz acht wurde er in die Repräsentanz der Gemeinde gewählt und eröffnete die erste Sitzung als Alterspräsident.</p>
<p>Wenige Wochen zuvor hatten Ärzte bei Ginsburg die Alzheimersche Krankheit festgestellt, die jetzt, nach langer Kaschierung, nicht mehr zu übersehen war. Dabei kämpfte Ginsburg erbittert den aussichtslosen Kampf gegen den Verlust des Intellekts. Noch nach der ihm bekannten Diagnose las er Zeitungsartikel über die Krankheit, die ihn befallen hatte – zu einem Zeitpunkt, da er Dinge, die ihn nie im Grunde seines Herzens interessiert hatten, buchstäblich vergessen hatte. Der einstige Fußballfan wusste etwa nicht mehr, was er da sah, wenn im Fernsehen Bundesligaspiele übertragen wurden. Schlimmer war das Vergessen des richtigen Umgangs mit den ganz banalen Gegenständen des Alltags: ein Martyrium für seine Frau, die ihn über Jahre pflegte. Andere Dinge, die ihm Zeit seines Lebens wichtig waren, blieben länger in seinem Gehirn haften: Im Frühsommer 1992 versuchte er noch, sich mit seinen Enkelkindern beim Minigolf zu amüsieren und seinem Sohn aus seinem Leben zu erzählen (was er in seiner guten Lebensphase fast nie getan hatte). Und fast ein Jahr nach der Diagnose – zum letzten Mal nach über 30 Jahren ohne Unterbrechung – trug Ginsburg am Versöhnungstag in der Kölner Synagoge das Buch des Propheten Jonah vor: ein langer hebräischer Text, fehlerfrei in traditioneller Melodie, nach 22 Stunden des Fastens am Nachmittag des Jom Kippur, und das zu einer Zeit, da er ihm zuvor fremde Texte nicht mehr lesen konnte. Monate später erzählte mir mein Vater ohne erkennbaren Anlass von der Begegnung des Rogatschowers mit Bialik: Fragment eines ungeschriebenen geistigen Testaments, in dem es um die Größe und Vielfalt des Judentums ging.</p>
<p>Die unheilbare Krankheit schritt fort. Im Frühjahr 1993 gab Ginsburg die Teilnahme an Sitzungen auf, bis zum Juli 1993 besuchte er noch jeden Schabbat den Gottesdienst. Danach konnte er auch die gewöhnlichsten alltäglichen Dinge nicht mehr ohne Hilfe verrichten; professionelle Pflege wurde erforderlich. Die Pflegerinnen waren Kontingentflüchtlinge aus der früheren Sowjetunion, mit denen er anfangs noch Russisch sprach; er half ihnen auch beim Deutsch lernen und erklärte ihnen Einzelheiten der jüdischen Religion. Der Richter, der im November 1993 seine Pflegebedürftigkeit feststellte, konstatierte in der nach einem Besuch bei dem Kranken gefällten Entscheidung, Ginsburg sei zwar selbst auf einfache Fragen – Name, Datum, Aufenthaltsort – nicht mehr in der Lage zu antworten (<em>„Desorientierung“ </em>nennen das die Psychiater), dabei aber von großer Freundlichkeit und offenbar bemüht, es dem Gesprächspartner in allem Recht zu machen. Angehörige hatten weiterhin den Eindruck, dass er mit dem Rest seines Verstandes seinen Zustand sehr wohl begriff und darunter unbeschreiblich litt.</p>
<p>All das hörte nach und nach auf. Im Sommer 1994 konnte Ginsburg kein Gespräch mehr führen und nur selten auf an ihn gerichtete Worte nachvollziehbar reagieren. Der Kranke war bettlägerig und nahm nichts mehr erkennbar wahr. Vielleicht auch seine Krankheit nicht mehr.</p>
<h3><strong>„Manhig Bejissrael“</strong></h3>
<p>Ginsburg starb am 5. Januar 1996. Bei seiner Beerdigung bezeichnete der Kölner Gemeinderabbiner den Verstorbenen, den er nicht mehr persönlich gekannt hatte, als <em>„Manhig Bejissrael“</em> – <em>„Führer in Israel“</em>, ein Titel des biblischen Moses. Der alte israelische Politiker Josef Burg, kurz zuvor über Ginsburgs Gesundheitszustand unterrichtet, sagte über ihn: <em>„Ich liebe ihn“</em>. Zu Ginsburgs 80. Geburtstag hatte Johannes Rau an seine Adresse geschrieben, er habe <em>„das wachsende Vertrauen zwischen Christen und Juden, die Zusammenarbeit des Landes Nordrhein-Westfalen mit seinen jüdischen Gemeinden und Mitbürgern nachhaltig gefördert und eigentlich erst möglich gemacht“</em>.</p>
<p>Die Erkrankung, die Ginsburgs letzten Lebensabschnitt verdüsterte, gehört durchaus in die Darstellung seines Lebensweges. Auch wenn das nicht die herrschende Meinung der Mediziner ist: Viel spricht dafür, dass die Anlage zur Demenzkrankheit schon lange vor ihrem fürchterlichen Ausbruch bestimmte Verhaltensweisen zeitigt. Dazu mag gewaltiger, früh selbst empfundene Mängel kompensierender Lerneifer gehören, eine atemberaubende biographische Wandlungsfähigkeit, disziplinierte Lebensführung, aber auch Gleichgültigkeit gegenüber vergangenen eigenen Lebensabschnitten und in ihnen wichtigen Personen, Angst vor eigener Kreativität und Originalität, Schroffheit, die durch bewusste Liebenswürdigkeit kompensiert wird, rhetorische Sprachgewalt, die sich in schriftlichen Äußerungen überhaupt nicht wiederspiegelt.</p>
<p>Ich beschreibe hier meinen Vater, und er ist in all diesen Beziehungen nicht der Einzige. Der Politiker Egon Bahr hat in seinen Memoiren einen ganz ähnlichen Menschen beschrieben, und ich zitiere das hier, weil manchen westdeutschen Lesern mittlerer und älterer Jahrgänge durch die Parallele einiges klar werden könnte. Was Alexander Ginsburg in der kleinen Welt der nachkriegsdeutschen Juden war, war in der deutschen Politik jener Zeit der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner. Über den schreibt Bahr<em>, „dass dieser Mann</em>, von seiner berühmten Rede, (mit der die SPD ihre Opposition gegen die Außenpolitik der CDU-Regierung aufgab, HJG) <em>im Juni 1960 abgesehen, keinen inhaltlich gestalteten, innovativen Vorschlag gemacht hat.(…).</em> <em>Es war nicht seine Sache, ein neues Konzept zu entwickeln oder eine Theorie oder ein Grundsatzprogramm (…). Aber es gab keinen, der wie Wehner mit vergleichbarer Kraft, Stärke, Entschiedenheit, Konsequenz eine politische Entscheidung, wenn sie einmal gefallen war oder klar war, wie sie fallen würde, durchsetzte, verfocht, erzwang, verteidigte.“</em></p>
<p>Im Sommer 1967, wenige Monate nach dem erstmaligen Eintritt von Jabotinskys Epigonen Menachem Begin in die Jerusalemer Regierung, lernte ich in Israel alte Betar-Kameraden meines Vaters kennen. Es sei schade, sagten sie, dass er nicht nach Israel ausgewandert war. Diese Klage kannte ich schon, die Begründung aber nicht: <em>„Wir könnten ihn heute als Minister so gut gebrauchen!“</em> Hatten sie Recht? Wäre Awraham Simcha Ginsburg – das waren ja die jüdischen Vornamen, die seine Eltern ihm gegeben hatten und die er in seiner Kölner Zeit auch in der Synagoge nie mehr benutzte – als Likud-Politiker noch halsstarriger gewesen als Menachem Begin? Oder vielmehr noch umlernfähiger und menschenfreundlicher als Eser Weizman, aber ebenso anfällig für die Verführungen des Amtes? Oder wäre er auch in Israel an einem Übermaß an Loyalität und Gutgläubigkeit gescheitert? Das vielleicht nicht, weil einem in der Vorkriegszeit nach Palästina ausgewanderten Mann die Deformation durch das KZ erspart geblieben wäre.</p>
<p>Doch all das ist nur Grübelei, angestellt von einem Menschen, den es in jedem dieser ausgedachten Fälle so nicht geben würde. Und der weiß, wie mangelhaft diese Erinnerungen sind, gemessen an Alexander Ginsburgs Wirklichkeit. Jeder Mensch ist eine Welt, lehren die jüdischen Weisen, und manche Welten sind besonders kompliziert. Aber das ist eben so, und Jurek Beckers Blank tröstet mich: <em>„Wenn du unbedingt objektiv sein willst, dann geh und beschreib ein Fußballspiel. Bei mir geht das nicht, ich gerate sonst in ein schiefes Licht.“</em></p>
<p>Was bleibt, wenn wir uns dementsprechend mit unserer Subjektivität bescheiden? Dann bleibt Alexander Ginsburg für seinen Sohn und überhaupt für alle, die noch an ihn denken, ein Überlebender der Katastrophe. Auch wenn die Überlebenden – paradox genug – sterblich sind: Für sie alle gilt der Ruf der Auschwitz-Häftlinge: <em>„Mir lebn ejwig!“</em> Mehr als für uns mit einer halbwegs normalen Biographie privilegierte Nachgeborene. Schwer ist es für uns, aus so einer Lebensgeschichte Schlüsse zu ziehen, gerade noch kann ich aber einen</p>
<p>Schluss finden: Auf dem Grat zwischen kindlicher Pietät, dem Versuch kritischer Würdigung und der Bemühung, mit familiärer Last fertig zu werden, fällt mir eine kleine Geschichte ein, die Alexander Ginsburg 1992 erzählte, gezeichnet von der Krankheit, welche die Zunge des verschwiegenen Mannes manchmal löste. Zuhörer waren sein sechsjähriger Enkel und sein Sohn. Wir fuhren im Auto, hörten Nachrichten, und der Name des damaligen Bundesfinanzministers Theo Waigel fiel im Radio. Aber jetzt lasse ich meinen Vater erzählen:</p>
<p><em>„Dem Waigel muss ich das Geld zurückgeben, wenn ich mal nach Bonn komme.“</em> Was für Geld, frage ich, sinnlose Äußerungen des Kranken gewohnt, aber auch in der Angst, das Trauma der Nachmann-Affäre peinige wieder einmal den alten Mann. Aber etwas ganz anderes höre ich jetzt: <em>„Für die Kinokarte.“</em> Gute Psychiater empfehlen, mit solchen Patienten zu plaudern, wie immer es geht, also: Welche Kinokarte? Und da weicht die Krankheit noch einmal aus dem Gesicht und der Diktion, und ich habe keinen Grund, die Wahrheit dieser Erzählung zu bezweifeln: <em>„Wir mussten außerhalb des Offiziersheims“ </em>– aha: Riga 1942! – <em>„den Judenstern tragen, und Sternträger durften da nicht auf dem Bürgersteig gehen. Ich wurde zum Einkaufen in die Stadt geschickt und zog den Mantel so über die Jacke, dass man den Stern nicht sah. Und da sah ich das Kino: Jud Süß mit Heinrich George. Geld hatte ich zum Einkaufen dabei, also habe ich eine Karte gekauft und bin hineingegangen.“</em> Wie bitte – der Ghettohäftling unterschlägt Geld der Wehrmacht, um unter Lebensgefahr ausgerechnet &#8230; <em>„Ich wollte wissen, was sie über uns sagen. Ja, und dann – mitten im Film: Das Licht geht an. Razzia, deutsche Polizei. Ich wusste, jetzt ist es aus. Da sieht mich eine Reihe hinter mir der Unteroffizier Weigel (&#8230;).“</em> Aus dem Offiziersheim? <em>„Lass ́ mich ausreden, sicher aus dem Offiziersheim, und als die Polizisten auf uns zu kommen, sagt der Weigel: ‘Der Mann gehört zu mir‘, steht auf und geht mit mir aus dem Kino ins Offiziersheim zurück. Also wenn ich in Bonn bin, kriegt der Waigel endlich das Geld zurück.“</em></p>
<p>Waigel, Weigel? Natürlich zwei verschiedene Menschen, das begreift der Gesunde sofort. Wie sich der Lebensretter schrieb, wusste Ginsburgs Frau genau: Schließlich saß sie 1942 im Offiziersheim als Zwangsarbeiterin an der Schreibmaschine. Meine Mutter wusste auch, dass Weigel den Krieg nicht überlebt hat. Die Geschichte hat Alexander Ginsburg ein halbes Jahrhundert lang keinem erzählt. Und wer heute und in Zukunft seiner gedenkt, möge den gerechten Unteroffizier nicht vergessen.</p>
<p><strong>Hans Jakob Ginsburg</strong>, Düsseldorf</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im April 2023. Der Text ist die aktualisierte und überarbeitete Fassung eines 2005 in „Trumah“, der Zeitschrift der Jüdischen Hochschule Heidelberg, erschienenen Artikels.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lebensretter/">Der Lebensretter</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die Deportation</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-deportation/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-deportation/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Mar 2023 08:07:15 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=3038</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die Deportation Von Düsseldorf nach Riga – der 11. Dezember 1941 „Der Weg zum Schlachthof war ein Leidensweg, ein Spießrutenlaufen. Die Bevölkerung gaffte uns an, als habe sie bisher noch keine Menschen gesehen. Auch dieser Weg hatte ein Ende, und wir kamen in den Schlachthof, der eben von den Tieren verlassen war – auch  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-deportation/">Die Deportation</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Die Deportation</strong></h1>
<h2><strong>Von Düsseldorf nach Riga – der 11. Dezember 1941</strong></h2>
<p><em>„Der Weg zum Schlachthof war ein Leidensweg, ein Spießrutenlaufen. Die Bevölkerung gaffte uns an, als habe sie bisher noch keine Menschen gesehen. Auch dieser Weg hatte ein Ende, und wir kamen in den Schlachthof, der eben von den Tieren verlassen war – auch demgemäß aussah. (…) So waren jetzt tausend Menschen, der gesamte Transport, versammelt.“ </em>(Liesel Ginsburg-Frenkel, Erinnerungen an die Deportation und das Ghetto Riga, ungedrucktes Typoskript, ca. 1946)</p>
<p>1.007 Menschen, jüdische Frauen, Männer und Kinder, mussten sich auf Befehl der Gestapo am Nachmittag des 10. Dezember 1941 am Düsseldorfer Schlachthof einfinden. Sie kamen ganz überwiegend aus dem links- und niederrheinischen Gebiet: aus Mönchengladbach, Krefeld, Moers und den umliegenden kleineren Städten und Dörfern, aus Goch und Emmerich; einige wenige auch aus Duisburg und Düsseldorf. Zum Teil hatten sich die Menschen bereits einen Tag zuvor in lokalen Sammelstellen einfinden müssen und wurden dann mit dem Zug nach Düsseldorf gebracht.</p>
<p>Es war nach den beiden Massendeportationen vom Oktober und November 1941 in die Ghettos in Łódź und Minsk die dritte Massendeportation, bei der der Düsseldorfer Schlachthof als zentrale Sammelstelle im Regierungsbezirk diente.</p>
<div id="attachment_3039" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3039" class="wp-image-3039 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Cover_Sherman-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Cover_Sherman-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Cover_Sherman-200x305.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Cover_Sherman.jpg 327w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /><p id="caption-attachment-3039" class="wp-caption-text">Courtesy Joachim Schröder.</p></div>
<p>Wir sind über den Ablauf der Deportation, über die mehrere Tage dauernde Fahrt nach Riga, über Leben, Überleben und Sterben im Ghetto Riga außerordentlich gut informiert, weil relativ viele schriftliche und mündliche Zeugnisse hierüber vorliegen. Z.B. von <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/289">Hilde Sherman</a> (1923-2011), geborene Zander, aus Rheydt und <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/alfred-winter-123">Alfred Winter</a> (1918-2001) aus Korschenbroich, die ihre Erinnerungen in Buchform veröffentlichten. Weitere Erinnerungen stammen von <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/heinz-samuel-139">Heinz</a> (*1920, Todesdatum unbekannt) und <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/heinz-samuel-139">Werner Samuel</a> (1918-2010) aus Krefeld, von Sophie und Emma Nathan aus Emmerich, von <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/heinz-samuel-139">Liesel Ginsburg</a> (1915-2018), geborene Frenkel, aus Mönchengladbach, von Irene Dahl (1926-2000) und <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/emmi-mendel-329">Emmi Mendel</a> (1921-2011) aus Dormagen oder von <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/erna-valk-224">Erna Valk</a> (1905-1993) aus Goch.</p>
<p>Es gibt auch einen gleichsam „offiziellen“ ausführlichen Bericht des Polizeioffiziers <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/paul-salitter-74">Paul Salitter</a> (1898-1972), der den Transport mit einem Kommando von insgesamt nur 15 Polizisten bewachte und nach Riga begleitete. Dieser <a href="https://www.testifyingtothetruth.co.uk/viewer/image/105285/3/#topDocAnchor">„Salitter“-Bericht</a> hat es zu trauriger Berühmtheit gebracht, weil er den Zynismus, den Antisemitismus und die Gefühlskälte des Verfassers offenbart, nicht zuletzt mit seiner beeindruckenden <a href="https://www.testifyingtothetruth.co.uk/viewer/image/105284/3/#topDocAnchor">Strichliste</a>.</p>
<h3><strong>Die „Vorbereitung“</strong></h3>
<p>Die Naziführung hatte im September 1941 beschlossen, dass mit der Deportation der Jüdinnen und Juden aus dem Reichsgebiet so schnell wie möglich begonnen werden sollte. Ursprünglich waren als Zielort die besetzten sowjetischen Gebiete eingeplant gewesen – der Kriegsverlauf führte dazu, dass davon zunächst Abstand genommen wurde. Die ersten Deportationen aus dem Reich führten deswegen in das Ghetto Łódź, eine Stadt, die die Nazis nach einem preußischen General und NSDAP-Mitglied „Litzmannstadt“ nannten – im sogenannten „Warthegau“. Das Ghetto in Łódź war jedoch rasch vollkommen überfüllt, so dass als Ausweichghettos nun die Ghettos in den Städten Minsk und Riga ausgesucht wurden.</p>
<p>Im November 1941 fuhren deswegen die ersten Deportationszüge mit Tausenden von deutschen Jüdinnen und Juden nach Minsk, das ebenfalls bald niemand mehr aufnehmen konnte. Ende November, Anfang Dezember 1941 wurden in mehreren deutschen Städten Transporte nach Riga zusammengestellt: Berlin, Nürnberg, Stuttgart, Wien, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Kassel, Hannover oder Bielefeld.</p>
<div id="attachment_3042" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3042" class="wp-image-3042 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_03_web-300x235.jpg" alt="" width="300" height="235" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_03_web-200x157.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_03_web-300x235.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_03_web-400x314.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_03_web-600x471.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_03_web-768x603.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_03_web-800x628.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_03_web.jpg 869w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3042" class="wp-caption-text">Erinnerungsort Alter Schlachthof. Foto: Eric Fritsch / HSD. Courtesy Joachim Schröder.</p></div>
<p>Innerhalb eines Jahres wurden rund 25.000 Menschen in 25 Transporten nach Riga deportiert. Nicht alle kamen im Ghetto von Riga an. Die Angehörigen des ersten Transportes aus Berlin wurden kurzerhand in den Wald von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wald_von_Rumbula">Rumbula</a>, im Süden, außerhalb von Riga, geführt und erschossen. Die Teilnehmer*innen der vier Transporte aus Nürnberg, Stuttgart, Wien und Hamburg kamen in das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gut_Jungfernhof_(Lager)">„Gut Jungfernhof“</a> – ein Arbeitslager der SS im Süden von Riga. Der Grund war einfach: im Ghetto von Riga war kein Platz, weil es bereits überfüllt war, mit lettischen Jüdinnen und Juden. Kurz nach dem Überfall auf die Sowjetunion hatten die Besatzer es eingerichtet.</p>
<p>Die deutschen Machthaber beschlossen nun, Platz für die Neuankömmlinge aus dem Deutschen Reich zu schaffen. In zwei „Aktionen“, am 30. November sowie am 8. Und 9. Dezember schafften deutsche und lettische Polizei- und SS-Angehörige mindestens 25.000 lettische Jüdinnen und Juden in den Wald von Rumbula und ermordeten sie dort. Es verblieben nur noch etwa 4.000 lettische Juden im Ghetto, fast ausschließlich Männer, die als Arbeitskräfte benötigt wurden. Dieser Massenmord ereignete sich nur wenige Tage, bevor sich 1.007 Jüdinnen und Juden aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf am Düsseldorfer Schlachthof einfanden.</p>
<h3><strong>Die Ankunft am Schlachthof und die Deportation</strong></h3>
<p>Der Transport war Wochen zuvor von den lokalen Polizei- und Gestapobehörden zusammengestellt worden. Die Altersgrenze lag bei 65 Jahren, die meisten der Deportierten waren „arbeitseinsatzfähig“, sieht man von den vielen Kindern ab, die mit ihren Eltern deportiert wurden. Insgesamt waren es 103 Kinder bis zum Alter von 14 Jahren! Die jüngste, Mirjam Leven aus Krefeld war noch keine drei Monate alt.</p>
<p>Die Anordnung, dass sie zum Arbeitseinsatz im Osten <em>„evakuiert“</em> werden sollten, hatten die Jüdinnen und Juden aus der Region einige Tage zuvor erhalten. Sie durften pro Person nur einen Koffer und ein Handgepäck mitnehmen. Aus den umliegenden Städten und Dörfern wurden sie entweder in LKWs transportiert oder in großen Gruppen mit dem Zug zum Düsseldorfer Hauptbahnhof gebracht. Von dort mussten sie zu Fuß einen recht beschwerlichen Weg bis zum Schlachthof antreten. Liesel Ginsburg berichtete, wie die Deportierten von der Düsseldorfer Bevölkerung angegafft wurden.</p>
<p>Am Schlachthof wurden die Menschen von Polizei- und Gestapobeamten empfangen und äußerst ruppig behandelt, es gab erste Misshandlungen, wie Hilde Zander, die spätere Hilde Sherman, später berichtete. Sie hatte sich freiwillig zum Transport gemeldet, weil sie mit ihrem Verlobten zusammenbleiben wollte, Kurt Winter aus Korschenbroich, der den <em>„Evakuierungsbefehl“</em> erhalten hatte. Als sie im großen Pulk von Menschen die schmale Treppe zum Untergeschoss der Viehhalle heruntergedrängt wurde, verlor sie ihn aus den Augen: <em>„Ich drehte mich um, wollte ihm etwas zurufen, als ich plötzlich einen Stoß in den Rücken bekam und die schmale Treppe in den Schlachthof hineinstürzte. Diesen Augenblick werde ich im Leben nicht vergessen. Oben bei der Treppe stand P </em>(gemeint ist <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/georg-putz-35">Georg Pütz</a>, 1906-1971, JS)<em> ein hoher Gestapobeamter. Mit wutverzerrtem Gesicht brüllte er hinter mir her: ‚Auf was wartest du noch? Auf die Straßenbahn? Die fährt für Dich niemals mehr.’“</em></p>
<p>Die Jüdinnen und Juden waren angesichts der zahlreichen gegen sie ergriffenen Maßnahmen einiges an Demütigungen gewohnt, und doch merkten viele, dass etwas Schreckliches passierte. <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/werner-chaim-rubsteck-344">Werner Rübsteck</a> (1927-2011): <em>„Eigentlich hat es auf dem Schlachthof in Düsseldorf bei mir klick gemacht. Ich hatte gefühlt, wo es hingeht. Und dann hat man uns ins Ghetto getrieben.“</em></p>
<div id="attachment_3043" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3043" class="wp-image-3043 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-682x1024.jpg 682w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-1200x1801.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-1365x2048.jpg 1365w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Erinnerungsort_05-Viehabstieg-scaled.jpg 1706w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-3043" class="wp-caption-text">Viehabstieg, heute Teil der Dauerausstellung des Erinnerungsortes Alter Schlachthof. Foto: Eric Fritsch / HSD. Courtesy Joachim Schröder.</p></div>
<p>In der Großviehhalle angekommen wurden die Menschen registriert, ihr Gepäck wurde durchsucht, zahlreiche Gegenstände konfisziert, wie Überlebende berichteten. Sie mussten ein Papier unterschreiben, dass sie auf ihr gegebenenfalls verbliebenes Vermögen verzichteten. Ihre Wohnungsschlüssel mussten sie abgeben. Das Finanzamt zog alles zugunsten des Deutschen Reiches ein, besiegelt durch Beamte des Amtsgerichts, die ebenfalls in der Viehhalle anwesend waren. Der gesamte mobile Besitz der Deportierten wurde in den nächsten Wochen von Finanzbeamten versteigert und von der Nachbarschaft günstig erworben. In die Wohnungen der Deportierten, zumeist sogenannte <em>„Judenhäuser“</em>, zogen andere Jüdinnen und Juden ein, die noch nicht <em>„an der Reihe“</em> gewesen waren. Oder sie wurden <em>„arisiert“</em>. <a href="http://wp.ge-mittelkreis.de/webfrie05/webinsch/jupage/valkernabe.htm">Erna Valk</a>: <em>„Wir standen in der nassen Halle ca. 24 Stunden. Jeder einzelne wurde einer Leibesvisitation unterzogen, und es wurden ihm alle wertvollen Sachen, doppelte Leibwäsche und das gesamte Reisegepäck abgenommen, ebenso alle Papiere. Am anderen Morgen standen wir stundenlang an einem Düsseldorfer Güterbahnhof. Die Kinder lagen im Schnee und weinten.“</em></p>
<p>Auf dem Weg zum Güterbahnhof versuchte ein Mann aus Verzweiflung, sich selbst zu töten. Am Bahnhof ging es äußerst hektisch zu, wie wir aus dem überlieferten Bericht des Polizeioffiziers Paul Salitter wissen. Er stand unter Zeitdruck und trieb die Menschen zur Eile an, natürlich ohne jede Rücksicht auf die Deportierten, sodass Familien auseinandergerissen wurden, und einige Wagen viel voller waren als andere. Die Fahrtkosten in Höhe von insgesamt 50 RM pro Person mussten die Deportierten selbst bezahlen.</p>
<p>Die Fahrt dauerte nach Riga drei Tage, wie Salitter seinen Vorgesetzten später berichtete. Die Menschen hatten zu wenig zu trinken dabei, auch die Essensvorräte waren schnell aufgebraucht. Die Heizung war in einigen Teilen des Zuges ausgefallen. Ich zitiere aus Salitters Bericht: <em>„Um 19.30 Uhr wurde Mitau (Lettland) erreicht. Hier machte sich schon eine erheblich kühlere Temperatur bemerkbar. Es setzte Schneetreiben mit anschließendem Frost ein. Die Ankunft in Riga erfolgte um 21.50 Uhr, wo der Zug auf dem Bahnhof 1 ½ Stunden festgehalten wurde. (…) Am 13.12., um 23.35 Uhr, erreichte der Zug nach vielem Hin- und Herrangieren die Militärrampe auf dem Bahnhof Skirotawa. Der Zug blieb ungeheizt stehen. Die Außentemperatur betrug bereits 12° unter Null.“</em></p>
<p>Der Frost machte Salitter allerdings nur insofern Sorgen, weil seine Polizeibeamten offenbar nicht genügend warme Kleidung bei sich hatten. Das Schicksal der Deportierten interessierte ihn nicht. Über das Schicksal der Menschen war er sich vollkommen bewusst, wie sein Bericht zeigt.</p>
<h3><strong>(Über)Leben und Sterben im Ghetto Riga und in anderen Lagern</strong></h3>
<p>Nach einer Nacht im unbeheizten Waggon wurden die frierenden Menschen von SS aus den Personenwagen getrieben. Am Bahnhof warteten Ghetto-Kommandanten Krause und weitere SS-Leute. Helma Translateur (1923- <em>„Als wir im Dezember 1941 auf dem Bahnhof Skirotawa ankamen, wurden diejenigen, „die nicht gut laufen konnten“, ganz freundlich aufgefordert, LKW’s zu besteigen. Im Gegensatz zu uns kamen diese Menschen nie im Ghetto an.“ </em>Sie wurden mit den LKW’s direkt in eine nahe gelegene Erschießungsstätte gefahren und ermordet.</p>
<p>Hilde Sherman berichtet über die Ankunft in Riga: <em>„Ein Mann aus unserem Transport, ein Herr Meyer, der bei seiner Frau stand und seine zwei kleinen Jungen von ungefähr drei und fünf Jahren aus den Armen trug, ging auf Krause zu und fragte sehr höflich: ‚Herr Kommandant, ist es sehr weit bis zum Ghetto?‘ Statt jeder Antwort hob Krause seinen schwarzen Krückstock mit silbernem Knauf und schlug Herrn Meyer damit ins Gesicht. Die beiden Kinder fielen auf den Boden, der Schäferhund sprang Meyer an und riss ihn um.“</em></p>
<div id="attachment_3044" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3044" class="wp-image-3044 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web-300x195.jpg" alt="" width="300" height="195" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web-200x130.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web-300x195.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web-400x261.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web-600x391.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web-768x500.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web-800x521.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Schroeder_Verschleppt-nach-Riga_web.jpg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3044" class="wp-caption-text">Früheres Armeebekleidungsamt in Riga, Einsatzort Zwangsarbeit. Courtesy Joachim Schröder.</p></div>
<p>Die Deportierten mussten zu Fuß mehrere Kilometer ins Ghetto von Riga marschieren, das in der <em>„Moskauer Vorstadt“</em> gelegen war – ein ärmlicher Stadtteil, mit einfachen Häusern, in dem mehrere Wohnblöcke mit Stacheldraht abgesperrt waren – das Ghetto war in einen lettischen und einen deutschen Bereich aufgeteilt, der ebenfalls durch Stacheldraht getrennt war. Den Deportierten wurden Wohnungen in Straßen zugewiesen, die die deutschen Ghettobewohner*innen nach <em>„ihren“</em> Transporten benannten – Düsseldorfer Straße, Kölner Straße, Bielefelder Straße usw.</p>
<p>Die Ankunft im Ghetto war ein Schock, denn die Spuren der unmittelbar vorangegangenen Morde der Polizei- und SS-Einheiten waren deutlich zu sehen. <a href="http://www.verastrobel.de/Projekte/Geschichte%20live/Mein%20Leben.pdf">Irene Dahl berichtete</a>: <em>„Man trieb uns in das ‚Rigaer Ghetto‘, einen Stadtteil mit den primitivsten Häusern, die dort existierten. Ringsherum mit Stacheldraht eingezäunt und von Posten bewacht. Den Anblick, der sich dort bot, werde ich nie in meinem Leben vergessen. Das Blut von erschossenen Frauen und Kindern lag in festgefrorenen Lachen auf den Straßen und in den Häusern stand das Essen festgefroren auf den Tischen.“</em></p>
<div id="attachment_3046" style="width: 257px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3046" class="wp-image-3046 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-247x300.jpg" alt="" width="247" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-200x243.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-247x300.jpg 247w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-400x486.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-600x729.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-768x933.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-800x972.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-843x1024.jpg 843w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-1200x1458.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA-1264x1536.jpg 1264w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/11199025_1-RIGA.jpg 1304w" sizes="(max-width: 247px) 100vw, 247px" /></a><p id="caption-attachment-3046" class="wp-caption-text">Erster Teil der Deportationsliste vom 11. Dezember 1941 (Arolsen Archives). Courtesy Joachim Schröder.</p></div>
<p>Die Wohnverhältnisse in den Häusern waren sehr beengt, mit bis zu zwölf Personen in einem Raum. Glücklich war, wer mit seiner Familie zusammenbleiben konnte. Dies erhöhte natürlich auch die Überlebenschancen. Alle, die arbeitsfähig waren, wurden zur Zwangsarbeit herangezogen: Straßenreinigung, Schneeschippen, bald auch Arbeitskommandos in der Stadt, außerhalb des Ghettos, Be- und Entladen von Schiffen im Hafen, Torfabbau, Arbeit in Werkstätten und Betrieben von privaten Firmen, von Wehrmacht und SS oder in deutschen Behörden. Das Arbeitsamt befand sich in der Nähe des Ghettos, es koordinierte den Einsatz der deutschen und lettischen Jüdinnen und Juden. Ilse Rübsteck beschrieb den „Arbeitstag“: <em>„Morgens um sieben Uhr war Appell, da wurden wir zur Arbeit eingeteilt. Wir machten alle Arten von Arbeit, wo uns die SS gerade gebrauchen konnte (…). Wir wussten nie, wohin es ging. Schon beim Appell konnte man sterben. Etwa, weil man nicht richtig stand oder falsch guckte. Das reichte aus, um einen Juden zu erschießen.“</em></p>
<p>Die Zwangsarbeit war überlebenswichtig, nur auf diese Weise war die Ernährung gesichert: weil man auf der Arbeitsstelle Essen erhielt und manchmal auch die Gelegenheit zum Tauschhandel hatte. Der allerdings bei Todesstrafe verboten war. Erna Valk über die Rückkehr ins Ghetto: <em>„Abends wurden die ins Ghetto hereinkommenden Kolonnen von der SS kontrolliert. Fand man bei jemandem Lebensmittel, so kostete das das Leben. Täglich wurden Frauen oder Mädchen erschossen und Männer erhängt. Das war die Beschäftigung des Kommandanten, SS-Obersturmführer Krause, später Roschmann und Gymnich. Der Galgen stand in der Mitte des Ghettos, und wenn wir abends todmüde von der Arbeit kamen, wurden wir dorthin geführt, um die Erhängten zu sehen.“</em></p>
<p>Das Ghetto wurde vom Kommandanten SS-Obersturmführer Kurt Krause geleitet, einem früheren Berliner Kriminalbeamten. Ihm unterstanden einige deutsche und lettische SS-Angehörige, sein Assistent, Max Gymnich, war ein Gestapobeamter aus Köln. Ansonsten gab es eine Selbstverwaltung, eigene Ärzte, die so gut wie keine Medizin zur Verfügung hatten – und auch eine eigene Lagerpolizei. Ihre Rolle war – wie überall – umstritten, weil sie Handlangerdienste der SS ausüben musste, beispielsweise bei den Exekutionen. Andererseits konnten Lagerpolizisten helfen, auch beim Schmuggel von Lebensmitteln.</p>
<p>Im Dezember ließ die SS ein weiteres Arbeitslager errichten, etwa 20 km südöstlich von Riga, in <a href="https://www.memorialmuseums.org/denkmaeler/view/79/Gedenkst%C3%A4tte-Salaspils">Salaspils </a>(<em>„erweitertes Polizeigefängnis und Arbeitserziehungslager“</em>). Aufgebaut wurde es durch sowjetische Kriegsgefangene und Juden. Auch viele deutsche, österreichische und tschechische Juden, die eben im Ghetto angekommen waren, wurden eingesetzt, fast 2.000. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren katastrophal, zumal angesichts der niedrigen Temperaturen. Überlebende bezeichneten das Lager als Vernichtungslager: verlangt wurde Schwerstarbeit, es gab viel zu wenig zu essen, es fehlte jede medizinische Versorgung. Ferner: tägliche Übergriffe, Misshandlungen und Terror seitens der SS-Wachen. Im Sommer wurden die Überlebenden in das Ghetto Riga zurückgebracht. Nur etwa die Hälfte der nach Salaspils geschickten Menschen hatte überlebt. Alfred Winter beschrieb später seine deprimierende Arbeit im <em>„Begräbniskommando“</em>, das täglich die Gestorbenen beerdigen musste: <em>„Während der Zeit, da ich, zusammen mit anderen, in den Apriltagen des Jahres 1942 beim Begräbniskommando war, mussten wir die Leichen ohne Handschuhe oder sonstige Ausrüstung mit den bloßen Händen anfassen. Da wir alle Frostwunden an den Händen hatten, holten sich viele der Juden Starrkrampfinfektionen. Vier, darunter mein eigener Bruder </em>(<a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/kurt-winter-120">Kurt</a>, 1912-1942, JS)<em>, starben daran.“</em></p>
<p>Im Ghetto von Riga und auch im SS-Gut Jungfernhof nahm die SS immer wieder Selektionen vor und sortierte Alte und kranke Menschen sowie Kinder aus. Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_D%C3%BCnam%C3%BCnde"><em>„Aktion Dünamünde“</em></a> – die Düna, lettisch: Daugava, polnisch: Dźwina am 15. März 1942 war die erste große Selektion: rund 1.900 Menschen wurden aussortiert. Die SS stellte ihnen leichtere Arbeit in einer Konservenfabrik in Dünamünde in Aussicht – so bestiegen die Ahnungslosen die bereitgestellten Busse, die sie direkt zu den Mordstädten im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wald_von_Bi%C4%B7ernieki">Wald von Biķernieki</a> brachten, der zweiten großen Massenmordstätte in Riga (neben dem Wald von Rumbula). Es folgten noch zahlreiche weitere solche <em>„Aktionen.“</em> Emmi Mendel berichtet (publiziert in: Historisches Jahrbuch der Stadt Dormagen, 1985: <em>„Der erste Todestransport aus dem Ghetto fand am 17. März 1942 statt. Aus Dormagen und Zons wurden Emilie Neuburger, Johanna Franken und Johanna Katz mit Gaswagen abtransportiert. (…) Wir haben Kenntnis von dem Tod nur dadurch erhalten, dass die Kleider und persönliche Habe der Betroffenen in der Kleiderkammer wiedergefunden wurden.“</em></p>
<p>Deutsche SS- und Polizeieinheiten ermordeten hier mit ihren lettischen SS-Helfern mindestes 35.000 Menschen, darunter 20.000 Jüdinnen und Juden aus Lettland, Deutschland, Österreich und Tschechien.</p>
<p>Als die Rote Armee 1944 näher rückte versuchten die Mörder, die Spuren zu verwischen. Aus jüdischen Häftlingen bestehende Sonderkommandos (Sk 1005) mussten die Massengräber öffnen, die stark verwesten Leichen verbrennen und die Knochen zermahlen. Anschließend wurden die Häftlinge als potentielle Zeugen erschossen. Leiter eines solchen Kommandos war der Breslauer Gestapobeamte und SS-Angehörige <a href="https://biografien.erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/person/walter-helfsgott-458">Walter Helfsgott</a> (1911-1980) – er fand in den 1950er Jahren über die Organisation Gehlen, den Vorläufer des BND, zum Landeskriminalamt NRW in Düsseldorf. 1962 wurde er verhaftet und wegen einer vorherigen Tätigkeit in einem Einsatzkommando, das in der Ukraine gewütet hatte, zu vier Jahren Haft verurteilt.</p>
<p>Repression und Willkür der SS im Ghetto waren grenzenlos. Im Oktober 1942 entdeckte die SS eine Widerstandsorganisation, die von Angehörigen der jüdischen lettischen Lagerpolizei gedeckt worden war. Als Vergeltung wurde der gesamte lettische Ordnungsdienst erschossen. Der damals nur zwölfjährige <a href="http://s139425345.online.de/helmut-sachs-aus-hemmerden">Helmut Sachs</a> aus Hemmerden war Augenzeuge der grausamen Erschießungsaktion, die erneut auf dem <em>„Blechplatz“</em> durchgeführt wurde: <em>„Ich konnte nur sehen, dass etwa 40 Meter von meinem Fenster entfernt auf dem Blechplatz sich ein kreisförmiges Gebilde von SD-Leuten gebildet hatte. Innerhalb dieses Kreises liefen, angefeuert durch lautes Schreien seitens der SD-Leute, eine Anzahl lettisch-jüdischer Lagerpolizisten. (…) Ich konnte beobachten, wie die jüdischen Lagerpolizisten immer im Kreise liefen und durch die Schüsse seitens der SD-Leute immer weniger wurden.“</em></p>
<h3><strong>Auflösung des Ghettos, Todesmärsche und Befreiung</strong></h3>
<p>Ab Juni 1943 wurde das Ghetto Riga nach und nach verkleinert, die verbliebenen Menschen wurden vor allem in das ebenfalls in Riga gelegene, seit März 1943 neu errichtete <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Riga-Kaiserwald">Konzentrationslager Kaiserwald</a> verlegt, was ihre Situation nochmals verschlechterte, vor allem die Ernährungslage. Männer und Frauen waren fortan getrennt untergebracht. Im November 1943 wurde das Ghetto ganz aufgelöst. Erneut führte die SS eine große Selektion durch, wie sich der Krefelder Heinz Samuel erinnert: <em>„Um 8.00 Uhr morgens kam der Befehl, Kinder und alte Leute antreten. [&#8230;] Die Leute wurden von der SS mit vorgehaltenen Revolvern aus den Wohnungen getrieben, mussten zum Appellplatz und wurden dort von dem Menschenmörder Krause aussortiert. (…) Viele junge Mütter versteckten ihre Kinder, gaben ihnen Schlafpulver, um jedes Schreiben oder Weinen zu vermeiden, doch die meisten wurden von den Verbrechern gefunden.“</em></p>
<p>Die hier <em>„selektierten“</em> Menschen kamen nach Auschwitz und wurden nach ihrer Ankunft ermordet. Die verbliebenen rund 12.000 Menschen kamen in das Konzentrationslager Kaiserwald – beziehungsweise in eines seiner zahlreichen Nebenlager im Stadtgebiet. Auch hier wurden sie zur Zwangsarbeit eingesetzt, etwa im Heeresbekleidungsamt der Wehrmacht, oder wieder im Hafen beim Ent- und Beladen von Schiffen, bei der Reichsbahn – auch die AEG betrieb ein eigenes Arbeitslager für jüdische Häftlinge in Riga.</p>
<p>Als die Rote Armee im Sommer 1944 immer weiter vorrückte, lösten die Deutschen den Komplex Konzentrationslager Kaiserwald nach und nach auf. Noch vorhandene Kinder sowie <em>„Arbeitsunfähige“</em> wurden vor der Flucht ermordet, die verbliebenen rund 10.000 Inhaftierten wurden auf verschiedenen Wegen in das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Stutthof">Konzentrationslager Stutthof</a> bei Danzig verschleppt.</p>
<p>Hier war der Leidensweg noch nicht zu Ende – im Gegenteil, die Lebensbedingungen wurden immer fürchterlicher, sofern es bei diesem Schrecken Steigerungsformen vorstellbar sind, sie waren es. Rund 5.000 Jüdinnen und Juden wurden zusätzlich zu den vorhandenen Häftlingen in das Konzentrationslager gepfercht. Die Menschen wurden immer schwächer und schwächer und dennoch zu Schwerstarbeit herangezogen, weshalb viele das Lager später – zumindest für diesen letzten zeitlichen Abschnitt – als <em>„Vernichtungslager“</em> bezeichnet haben.</p>
<p>Ende Januar 1945 wurde auch das Konzentrationslager Stutthof <em>„evakuiert“</em>, die Menschen wurden weiter nach Westen verschleppt. Wie viele noch in den letzten Wochen ermordet wurden, wissen wir nicht. Einige von ihnen gelangten von Stutthof über die Ostsee nach Hamburg in das Gefängnis Fuhlsbüttel, von dort in einem <em>„Todesmarsch“</em> in das rund 100 km entfernte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitserziehungslager_Nordmark">Arbeitserziehungslager „Nordmark“</a> bei Kiel. Dort wurden sie, wenige Tage vor Kriegsende, durch eine Mission des schwedischen Grafen <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Folke_Bernadotte">Folke Bernadotte</a> befreit.</p>
<div id="attachment_3047" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3047" class="wp-image-3047 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1-300x254.jpg" alt="" width="300" height="254" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1-200x169.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1-300x254.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1-400x339.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1-600x508.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1-768x650.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1-800x678.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Mariannes-Heimkehr_Hertha-und-Marianne-1.jpg 908w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-3047" class="wp-caption-text">Hertha und Marianne Stern. Foto: Privat</p></div>
<p>Sicher ist, dass nur 98 Menschen der 1.007 am 11. Dezember 1941 aus Düsseldorf nach Riga deportierten Menschen ihre Befreiung erleben durften. Die meisten kehrten ihrer Heimat den Rücken und zogen den Aufbau eines neuen Lebens im Ausland, in den USA, in Großbritannien, in Israel vor. Die wenigen, die in ihre Heimat zurückkehrten, hatten es in der Regel nicht leicht. Sie hatten den größten Teil oder ihre gesamte Familie und Freunde verloren. Und die Heimat nahm sie nicht mit offenen Armen auf, wie Ilse Rübsteck berichtet: <em>„Einem ehemaligen SS-Mann war das Haus inzwischen zugesprochen worden, weil niemand damit gerechnet hatte, dass von unserer Familie noch einer lebend wiederkommen würde. Na, und die mussten jetzt raus. (…) Das haben die uns für alle Ewigkeiten übelgenommen, dass wir zurückgekehrt sind.“ </em>Marianne Stern-Winter resignierte: <em>&#8222;Nachdem mir (…) beim Oberfinanzpräsidium </em>(1946, JS)<em> in schärfster Form erklärt worden war, dass ich nicht berechtigt sei, Gegenstände, die mir oder meinen Angehörigen gehört hatten, herauszuholen, habe ich die Suche eingestellt.“ </em></p>
<p>Die Geschichte der Remigration, die Geschichte der sogenannten „Wiedergutmachung“ und „Entschädigung“? Dies ist eine andere Geschichte.</p>
<p><strong>Joachim Schröder</strong>, Düsseldorf</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen und Weiterforschen</strong>:</h3>
<ul>
<li>
<div id="attachment_3040" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3040" class="wp-image-3040 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-400x568.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-600x852.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-721x1024.jpg 721w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-768x1091.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-800x1137.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-1081x1536.jpg 1081w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-1200x1705.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-1441x2048.jpg 1441w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Ausstellung_Ghetto-RIGA_DUS_Plakat-WEB-002-scaled.jpg 1802w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /><p id="caption-attachment-3040" class="wp-caption-text">Das Ausstellungplakat. Courtesy Joachim Schröder.</p></div></p>
<p>Der offizielle Ausstellungskatalog: Oliver von Wrochem, „Der Tod ist ständig unter uns“ – Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland, Berlin, Metropol, 2022.</li>
<li>Biografien der meiste in diesem Essay genannten Personen sind ebenso wie Hinweise auf deren Lebenszeugnisse und weitere Quellen auf der <a href="https://www.erinnerungsort-duesseldorf.de/">Internetseite des Erinnerungsortes Alter Schlachthof</a> zu finden. Am Erinnerungsort sind auch alle hier genannten unpublizierten Erinnerungen einsehbar.</li>
<li>Ilse Rübsteck: Bericht Ilse Rübsteck, zit. in: Rüdiger Röttger: Davon haben wir (nichts) gewusst. Jüdische Schicksale aus Hochneukirch/Rheinland 1933-1945, Düsseldorf 1998.</li>
<li>Helma Sherman, Zwischen Tag und Dunkel – Mädchenjahre im Ghetto, Frankfurt am Main / Berlin, Ullstein, 1984.</li>
<li>Helmut Sachs: Aussage Helmut Sachs im Ermittlungsverfahren gegen G. Maywald, Hamburg 20.1.1966, Yad Vashem Archives, TR.19/64, Bl. 13 f.</li>
<li>Heinz Samuel (1920-2007): <a href="https://www.testifyingtothetruth.co.uk/viewer/image/105761/4/#topDocAnchor">Kurzer Bericht von unserem Leidensweg (Juni 1945)</a>: in: Wiener Library.</li>
<li>Helma Translateur (1923-unbekannt)): Aussage im Ermittlungsverfahren gegen G. Maywald, Generalkonsulat in Los Angeles/USA, 21.5.1965, in: Yad Vashem Archives, TR.19/61.</li>
<li>Erna Valk: <a href="https://www.testifyingtothetruth.co.uk/viewer/image/105785/1/">Augenzeugenbericht ihrer Erfahrungen im Rigaer Ghetto und im Konzentrationslager Stutthof</a>, in: Wiener Library.</li>
<li>Alfred Winter (1918-2001): Zeugenaussage für den Nürnberger Prozess (15./16.10.1947) (NO 5448/5449). Zit. in: Herbert Schmid: Der Elendsweg der Düsseldorfer Juden, Essen 2005.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/unmenschlich-effizienter-terror/">Unmenschlich effizienter Terror</a> – Ein Gespräch von Norbert Reichel mit Joachim Schröder wurde im Februar 2022 im Internetmagazin Demokratischen Salon veröffentlicht.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2023, Internetzugriffe zuletzt am 22. Februar 2023. Der Text folgt einem Vortrag, den der Autor am 23. Februar 2023 im <a href="https://erinnerungsort.hs-duesseldorf.de/images/Veranstaltungen/2023_Riga-Ausstellung/2023_Riga_Flyer_Web_FINAL.pdf">Begleitprogramm der Ausstellung</a> im Alten Schlachthof Düsseldorf gehalten hat. Internetzugriffe zuletzt am 28. Februar 2023. Alle Bilder, auch das Titelbild, wurden vom Autor zur Verfügung gestellt. <span style="font-size: 16px;">Das Titelbild zeigt die Umzäunung des Ghettos Ria an der Lāčplēša iela 161-163. Bis zum 25. Oktober 1941 mussten über 30.000 Jüdinnen und Juden aus Riga in das Ghetto umziehen, Foto: Musejs &#8218;Ebreji Latvijā&#8216;.)</span></p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-deportation/">Die Deportation</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-deportation/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Weltenwenden &#8211; Zeitenwenden</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltenwenden-zeitenwenden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Jan 2023 06:43:03 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=2768</guid>

					<description><![CDATA[<p>Weltenwenden – Zeitenwenden Ein Gespräch mit dem Osteuropahistoriker Martin Aust „Eines ist sicher: Der Weltkrieg ist eine Weltwende. Es ist ein törichter Wahn, sich die Dinge so vorzustellen, dass wir den Krieg nur zu überdauern brauchen, wie der Hase unter dem Strauch das Ende des Gewitters abwartet, um nachher munter wieder in alten Trott  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltenwenden-zeitenwenden/">Weltenwenden &#8211; Zeitenwenden</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Weltenwenden – Zeitenwenden</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Osteuropahistoriker Martin Aust</strong></h2>
<p><em>„Eines ist sicher: Der Weltkrieg ist eine Weltwende. Es ist ein törichter Wahn, sich die Dinge so vorzustellen, dass wir den Krieg nur zu überdauern brauchen, wie der Hase unter dem Strauch das Ende des Gewitters abwartet, um nachher munter wieder in alten Trott zu verfallen.“ </em>(Rosa Luxemburg, Die Krise der Sozialdemokratie, 1916)</p>
<p>Gleichviel, ob <em>„Zeitenwende“</em> oder <em>„Weltwende“</em>. Wer sich ein wenig in der Geschichte auskennt oder zumindest versucht, sich in ihr zu orientieren, wird sehr schnell begreifen, dass die Dinge sich oft genug nicht so entwickeln, wie sich das diejenigen vorstellen, die meinen, das Steuer – eine so beliebte Metapher von Politiker*innen – fest in ihren Händen zu halten. Zurzeit – gegen Ende des Jahres 2022 – erleben wir, dass manche Politiker*innen, darunter auch diejenigen, die sich auf den Begriff einer <em>„Zeitenwende“</em> berufen oder diesen gar selbst propagiert und popularisiert haben, eher bestrebt sind, alles zu tun, damit diese <em>„Zeitenwende“</em> nicht stattfindet. Sie verhalten sich in der Tat <em>„wie der Hase unter dem Strauch“</em>. Und das betrifft bei Weitem nicht nur den Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine, das betrifft den Klimawandel, den Hunger in großen Teilen der Welt und all die anderen Konflikte, die es oft erst dann in die Nachrichten schaffen, wenn unser Nordhalbkugelwohlstand gefährdet ist oder die Ereignisse so augenfällig sind, dass wirklich niemand mehr wegschauen kann – so wie zurzeit im Iran.</p>
<p>Historiker*innen könnten dazu beitragen, die <em>„Zeitenwenden“</em>, die <em>„Weltwenden“</em> – wir sollten diese Begriffe bewusst im Plural verwenden – der Vergangenheit zu analysieren. Analogieschlüsse sind immer unvollkommen, gehen oft an den Wirklichkeiten – auch ein Plural – vorbei, zu oft, und mitunter scheint es so, als interessierten sich Politiker*innen nur wenig für historische Zusammenhänge. Die Entwicklung der Osteuropageschichte ist ein gutes Beispiel für das Wechselspiel zwischen Ignoranz auf der einen und solider Forschung auf der anderen Seite, das Fach leidet durchaus darunter, dass es nicht immer über die Ressourcen und die Zugänge zur Politik verfügt, über die es verfügen sollte. Der 24. Februar 2022 hat auch dies offengelegt.</p>
<div id="attachment_2769" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2769" class="wp-image-2769 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/01/Aust_Martin_Barbara_Frommann_Maerz_2022_02-002-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-2769" class="wp-caption-text">Martin Aust, Foto: Barbara Frommann</p></div>
<p>Über diese und andere Fragen rund um die Geschichte der osteuropäischen Länder forschte und forscht <a href="https://www.igw.uni-bonn.de/de/institut/abteilung-osteuropaeische-geschichte/personen/martin-aust">Martin Aust</a>, seit Oktober 2015 Vertreter des Fachs Osteuropäische Geschichte an der Universität Bonn. Er hat sich intensiv mit Fragen der Interaktionen zwischen Russland, der Ukraine und Polen, stets auch im Kontext mit anderen Ländern und Mächten auseinandergesetzt, nicht zuletzt mit der Rolle der deutschen Staaten und Regierungen der vergangenen 100 Jahre. Thema seiner Habilitationsschrift waren <em>„konkurrierende Erinnerungen“</em>. Zuletzt erschienen die Bücher „Die Russische Revolution – Vom Zarenreich zum Sowjetimperium“ (München, 2017), „Die Schatten des Imperiums – Russland nach 1991“ (München 2019) und „Erinnerungsverantwortung – Deutschlands Vernichtungskrieg und Besatzungsherrschaft im östlichen Europa 1939-1945“ (Bonn 2021). Diese Bücher erschienen bei C.H. Beck, sind aber zum Teil auch über die Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich. Zuletzt erschien im Herbst 2022 in der edition suhrkamp der von Martin Aust gemeinsam mit Angelika Nußberger, Andreas Heidemann-Grüber und Ulrich Schmid geschriebene Band „Osteuropa zwischen Mauerfall und Ukrainekrieg“. Das hier dokumentierte Gespräch fand am 1. November 2022 statt.</p>
<h3><strong>Ein Fach mit einer langen Geschichte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielt das Fach Osteuropäische Geschichte im Kontext mit anderen Disziplinen, die sich mit den osteuropäischen Ländern befassen, beispielsweise mit der Slavistik, der Polonistik oder der Bohemistik? Welche Rolle spielt es auch im Zusammenhang anderer Fächer, die sich mit der Philosophie, der Kultur, der Literatur, der Geschichte verschiedener Länder befassen und in der Regel in den Philosophischen Fakultäten der Universitäten zu Hause sind. Nun ist Osteuropäische Geschichte in diesen Fakultäten nicht das größte Fach.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Es ist nicht das größte Fach, aber es ist ein Fach mit einer langen Geschichte. Es ist Mitte des 19. Jahrhunderts in und aus der Slavistik entstanden. Die ersten Professuren gab es in Deutschland im späten 19. Jahrhundert. Seitdem gehört das Fach zum Fächerkanon in Deutschland. Es war lange Zeit ein sehr politisiertes Fach. Als es damals im Kaiserreich entstand, verstand es sich in Abgrenzung vom Zarenreich. Das hat sich im Nationalsozialismus in extremer Weise fortgesetzt. Es gilt auch noch für die frühe Phase des Kalten Krieges, für die 1950er Jahre. Seit den 1960er Jahren gibt es einen Professionalisierungs- und Verwissenschaftlichungsschub, der eigentlich die Osteuropäische Geschichte hervorgebracht hat, die wir heute kennen.</em></p>
<p><em>Das Fach hat eine eigentümliche Zwitterstellung zwischen der Geschichtswissenschaft und – aufgrund ihrer Herkunft – der Nachbarwissenschaft der Slavistik. Philologische Kenntnisse sind wichtig, Fremdsprachenkenntnisse ganz zentral. Der dritte Zweig, das sind die Fächer, die sich regional definieren, in ihrer Zuständigkeit für eine bestimmte Region, ein bestimmtes Land, einen bestimmten Kontinent. All das kommt in diesem Fach zusammen und macht es – wie ich es finde – zu einem sehr faszinierenden Fach.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann man in der Geschichte von einem Russo-Zentrismus des Fachs sprechen?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das ist ein Thema, das die Osteuropäische Geschichte lange begleitet hat. In der Tat ist es so, dass die Professuren für das Fach in Deutschland in der Mehrzahl mit Menschen besetzt ist, die den Schwerpunkt Russland haben. Aber das Fach befindet sich auch schon lange in einer Auseinandersetzung. </em><a href="https://www.uni-giessen.de/fbz/fb04/institute/geschichte/osteuropa/karteikartenseiten/Studium/veranstaltungsarchiv/2017/nachruf-zernack"><em>Klaus Zernack</em></a><em> (1931-2017) hat 1977 eine ganz grundlegende Einführung in das Studienfach Osteuropäische Geschichte geschrieben. Da hat er genau das beklagt. Der Russlandschwerpunkt sei viel zu ausgeprägt, wir bräuchten mehr Mittel- und Osteuropakompetenz. </em></p>
<p><em>Diesem Imperativ sind Taten gefolgt: vor allem nach 1989 und 1991, nach dem Ende des sowjetischen Kommunismus in Europa, sind viele Ressourcen hinzugekommen. Beispielsweise hat sich das </em><a href="https://www.herder-institut.de/"><em>Herder-Institut</em></a><em> in Marburg endgültig gewandelt, von einem Institut der Ostforschung zu einem Institut der Ostmitteleuropaforschung. Ostforschung – das war ein alter Forschungszweig, der nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist, als die Deutschen von ihrer Kulturträgerfunktion in Mittel- und Osteuropa schwärmten und dachten, sie könnten die Menschen dort lehren, was Kultur und Zivilisation wäre. Das hatte am Herder-Institut nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine Heimstätte. Nach 1989 wurde das endgültig überwunden.</em></p>
<p><em>Es gibt neue Institute wie das </em><a href="https://www.leibniz-gwzo.de/de"><em>GWZO</em></a><em> in Leipzig (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa), das als ausgesprochenes Ostmitteleuropainstitut gegründet wurde. Man sollte auch </em><a href="https://www.maxweberstiftung.de/institute/institute-dhi-warschau.html"><em>das Deutsche Historische Institut</em></a><em> in Warschau erwähnen. Nach 1991 gab es einen Zugewinn an Ukraine-Kompetenz in der Osteuropäischen Geschichte, der uns allerdings nach dem neuerlichen Überfall Russlands auf die Ukraine als noch zu schwach erscheint und in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche sagen, dass die Osteuropäische Geschichte in den vergangenen 20 bis 30 Jahren vernachlässigt worden wäre, weil viele Politiker*innen ihre Notwendigkeit aus einer angenommenen Bedrohung aus dem Osten, konkret aus Russland, begründeten. Diese hätte sich mit der Auflösung der Sowjetunion erledigt.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Ganz schwieriges Thema. Die Osteuropäische Geschichte musste auch Einbußen erleben. Es gibt mehrere Universitätsstandorte, an denen es keine Osteuropäische Geschichte mehr gibt, Hannover, Frankfurt am Main, Marburg. Da gab es Kürzungen. Aber man muss sagen, dass dies auch für andere Fächer gilt wie die Wirtschaftswissenschaften, ganz stark gilt es für die Politikwissenschaften, die von diesen Kürzungen viel mehr betroffen waren, in Maßen auch für die Slawistik. Auch das Bundesinstitut für internationale und osteuropäische Studien in Köln, das im Jahr 2000 geschlossen wurde, war eine ganz wichtige und zentrale Einrichtung. Das versucht man so langsam mit der Gründung des </em><a href="https://www.zois-berlin.de/"><em>ZOIS</em></a><em>, des Zentrums für osteuropäische und internationale Studien in Berlin, wettzumachen, das 2014 gegründet wurde. Vor allem die Sozialwissenschaften, die Politikwissenschaften, die Wirtschaftswissenschaften haben einen großen Nachholbedarf. Da hat die Politik in der Tat gedacht, ein Teil der Friedensdividende nach 1989 beziehungsweise 1991 könnte darin bestehen, dass man diese Fächer nicht mehr benötigt. Das hat sich im Nachhinein als schwerwiegender Fehler herausgestellt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wurde zuletzt auch in der Ausgabe des <a href="https://www.kulturrat.de/wp-content/uploads/2022/08/puk09-22.pdf">September 2022 der Zeitschrift Politik &amp; Kultur</a> thematisiert, u.a. mit einem Artikel von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gewaltgeschichten-gefuehle-geschichtspolitik/">Katja Makhotina</a> zum Fach Osteuropäische Geschichte. Thematisiert wurden auch die Indologie und andere Fächer, die sich mit östlich und südlich von Deutschland liegenden Ländern, in und außerhalb Europas beschäftigen. Dies betrifft auch kleinere Länder in unserer Nachbarschaft, beispielsweise die Niederlandistik. Die an den Universitäten von der Politik bereitgestellten Ressourcen scheinen sich mir an Konjunkturen zu orientieren.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das ist mit Sicherheit so. Wenn man fair ist, muss man in der Tat eingestehen, dass wir in der Geschichtswissenschaft mehr Osteuropakompetenz brauchen, aber auch mehr Stellen brauchen für eine Geschichtsschreibung, die sich mit Ländern in Afrika, in Asien oder in Amerika beschäftigt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man merkt es vielleicht auch an den Bezeichnungen. Es gibt ja nun nicht so etwas wie eine Westeuropäische Geschichte als Fach. Das ist schön nach Ländern sortiert: Frankreich, Italien, Spanien, das Vereinigte Königreich. Und dann sind wir gleich bei der Afrikanistik. Je größer der Raum ist, den ein Fach abdecken soll, um so schwieriger wird es vielleicht mit Differenzierungen. Es stellt sich für mich auch die Frage, welche Auswirkungen das auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Ländern in Mittel- und Osteuropa hat. So hat bis zur Trennung der Tschechoslowakei in zwei Staaten kaum jemand außer den damit befassten Expert*innen gewusst, dass das Tschechische und das Slowakische zwei Sprachen sind.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Unserem Fach möchte ich dieses Bewusstsein schon attestieren. Es gab immer eine Binnengliederung. Allen war klar, dass es keinen homogenen osteuropäischen Raum gibt, sondern dass dies ein Rahmen ist, mit vielen verschiedenen Kulturen, die aber sich aufeinander beziehen und in einem engen Austauschverhältnis zueinanderstehen.</em> <em>Diese enge Interaktion kann Konflikt und Krieg bedeuten, aber auch Nähe, Freundschaft, Verwandtschaft. Man hat das anfangs in Ostmitteleuropa gruppiert, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, in Südosteuropa, der gesamte Balkan, in Nordosteuropa mit Litauen, Lettland, Estland, dann schließlich das Ostslawische mit Russland, der Ukraine und Belarus. Aber dieser Regionen sind – wie wir schon sagten – unterschiedlich stark im Fach berücksichtigt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ist mit Ländern wie Georgien, Armenien, Aserbaidschan? Diese Länder werden in deinem Buch „Der Schatten des Imperiums“ alle bedacht.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Es gibt einige Kolleginnen und Kollegen, die sich mit diesen Ländern beschäftigen. Beispielsweise </em><a href="https://faculty.iliauni.edu.ge/arts/oliver-reisner/?lang=en"><em>Oliver Reisner</em></a><em> in Tbilissi – das ist so eine Brücke zwischen der georgischen und deutschen Geschichtswissenschaft. Mit Aserbaidschan beschäftigt sich hier in Bonn <a href="https://www.igw.uni-bonn.de/de/institut/abteilung-osteuropaeische-geschichte/personen/zaur-gasimov">Zaur Gasimow</a>, zu Armenien hat </em><a href="https://www.forschungsstelle.uni-bremen.de/de/3/20110628204021/20110620195632/Dr-_Maike_Lehmann.html"><em>Maike Lehmann</em></a><em> gearbeitet. Wir haben durchaus Leute, die sich damit beschäftigen. Sie sind aber für den Fachaustausch zu ihren Ländern auf die internationale Community angewiesen. Wir haben nicht so eine Breite, wie es sie in Deutschland für Polen oder Russland gibt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Mein Eindruck: wir haben viel Expertise, die einbezogen werden könnte, wenn es darum geht, politische Prozesse zu gestalten. Ich habe auch den Eindruck, dass ihr international ganz gut vernetzt seid.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Der Internationalisierungsgrad war in den letzten 30 Jahren ausgesprochen hoch. Osteuropäische Geschichte ist ein Fach, das in den USA, in den osteuropäischen Ländern, auch in Japan sehr intensiv bearbeitet wird. Die zentrale Institution, wo sich dieser gesamte internationale Betrieb jährlich im November trifft, das sind die </em><a href="https://www.aseees.org/convention"><em>Annual Conventions der amerikanischen Organisation</em></a><em> ASEEES</em><em>. Das wird sich reduzieren, weil wir zurzeit keine institutionelle Kooperation mit Russland haben. Wir haben nach wie vor individuelle Kontakte, aber keine institutionelle Kooperation mehr mit russischen Kolleg*innen. Die Internationalität des Faches bleibt erhalten, aber die Gewichte werden sich verschieben. Gerade jetzt nimmt die Kooperation mit der ukrainischen Wissenschaft an Fahrt auf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was lässt sich zur Situation der russischen Wissenschaft sagen?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Am wichtigsten ist es, sich klarzumachen, dass sich die russische Geschichtswissenschaft zurzeit in zwei Gruppen aufteilt. Die eine ist ins Exil gegangen, da haben wir nach wie vor Kooperationen, Gespräche. Die andere Gruppe bleibt aus ganz unterschiedlichen Gründen, auch aus familiären Gründen, im Land. Diejenigen, die dortbleiben, sind mit der Frage konfrontiert, wie sie mit dem Zugriff des Regimes auf Geschichtspolitik und Geschichtswissenschaft umgehen. Wahrscheinlich gibt es Menschen, die es mitspielen, sei es aus Überzeugung, sei es aus Unterwürfigkeit, und es wird andere geben, die versuchen werden, ihre Nischen zu finden und diese Anforderungen zu unterlaufen. Wie sich dies im Einzelnen darstellt, das ist für uns zurzeit noch schwer erfassbar. Da braucht es noch Zeit, dies zu beobachten. Es wird aber eine Frage sein, die uns lange begleiten wird. Vieles wird auch vom weiteren Kriegsverlauf abhängen.</em></p>
<h3><strong>Imperialismus und Faschismus</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wichtiges Thema ist meines Erachtens die Frage, wie wir mit Begriffen wie Imperialismus, Faschismus, Kolonialismus umgehen. Das sind nicht zuletzt auch Kampfbegriffe, aber sie haben ihren historischen Hintergrund. Du beginnst dein Buch „Die Schatten des Imperiums“ mit diesem Thema. Was bedeutet es, wenn jemand Putin als <em>„Faschisten“</em>, als <em>„Imperialisten“</em> bezeichnet? Wird man mit solchen Bezeichnungen der Sache gerecht oder ist es vielleicht sogar kontraproduktiv?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Ich finde, dass wir als Historikerinnen und Historiker versuchen sollten, die wissenschaftliche Logik im Umgang mit solchen Begriffen zu erläutern. Diese Begriffe sind Hilfsinstrumente, Maßstäbe, Schablonen, die wir über Beobachtungen legen. Wir fragen uns, ob die Begriffe helfen, diese Beobachtungen genauer zu fassen. Das kann zu starken Übereinstimmungen führen, aber auch zu Abweichungen, die aber ebenso zu Erkenntnissen führen können.</em></p>
<p><em>Der Begriff des Neo-Imperialismus, des Imperialismus, hilft meines Erachtens in der Tat zurzeit weiter. Das lässt sich aus zahlreichen Äußerungen von Putin herauslesen. Putin stand lange Zeit im Verdacht, er wolle die Sowjetunion wieder herstellen. 2005 hat er in einer Rede vor der Föderalen Versammlung in Russland den Untergang der Sowjetunion als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vor 17 Jahren!</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Vor 17 Jahren. Es wurde damals in der Öffentlichkeit bei uns nicht so sehr wahrgenommen, dass Putin seine Einschätzung daran festmachte, was dies für Russinnen und Russen außerhalb der Grenzen der Russischen Föderation von 1991 bedeutete. Darauf wollte er hinaus. Und auch der erneute Angriff auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 rechtfertigt er aus seiner – wie wir sagen würden sehr schrägen – Lesart der Geschichte Russlands. Es geht ihm darum, ein Imperium wieder zu errichten, das auf der Größe der russischen Nation beruht. Das ist auch eine Konzeption, die es im späten Zarenreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter Nationalisten gab, die sagten, man müsste die Vielfalt in diesem Vielvölkerstaat so gestalten, dass klar ist, dass die russische Nation die unangefochtene Führungsrolle spielt, dass dieses Imperium als Imperium der Russen betrachtet würde. </em></p>
<p><em>Das hat damals nicht geklappt, weil die Russen alleine dieses Imperium nicht unterhalten konnten. Putin hat in seiner Fernsehansprache vom 21. Februar 2022 sehr deutlich gemacht, er halte es für einen historischen Fehler, dass auf dem Territorium des ehemaligen Zarenreiches viele Nationalbewegungen ihre eigenen Staaten gründen konnten. Das ist eine Kritik an Finnland, Litauen, Lettland, Estland, Belarus, der Ukraine und Georgien. Diese Lesart der Geschichte setzt sich mit Putins Kritik an Lenin und Stalin fort. In seinen Ansprachen vom 21. und 24. Februar 2022 hat er ihnen vorgeworfen, sie hätten die Russifizierung und die Zentralisierung der Sowjetunion nicht weit genug vorangetrieben. Aus Putin spricht inzwischen ein Imperialist, der das Imperium im Sinne der russischen Nation wiederbeleben möchte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und ethnisch begründet?</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>:<em> Das wird schwierig, weil es in Russland zwei Identifikationsmöglichkeiten gibt. Man kann sich einerseits als russisch begreifen, dann spricht man über Kultur, Sprache, Literatur, und man kann sich russländisch begreifen, dann spricht man über den Staat, die Zugehörigkeit zu diesem Staat. Diese Zugehörigkeit ist wiederum nicht daran geknüpft, dass man ethnisch russisch ist, sie steht auch anderen offen. Russland ist nach wie vor ein Vielvölkerreich. Diese starke idealtypische Differenzierung verschwimmt, weil Putin das auch nicht so idealtypisch strikt angeht, sondern weil er es vor allem historisch angeht und versucht, aus der Tiefe der Geschichte Russlands zu erklären. So verschwimmen die Grenzen. Aber der Plan, ein Imperium wiederherzustellen, ist klar erkennbar. Putin nennt es nicht so, aber der Plan ist klar, dass es darum geht, andere Nationen im Sinne Russlands zu unterwerfen, zu erobern und in die Russländische Föderation einzugliedern. Das ist nun einmal ein Strukturmerkmal des Imperialismus.</em></p>
<p><em>Beim Faschismusbegriff stellt sich das etwas anders dar. Den gibt es auch in der englischsprachigen Variante von „Rushism“, so auch in der Ukraine sehr weit verbreitet. So wird versucht, das Regime Putins in seiner Ähnlichkeit zu faschistischen Staaten zu begreifen. Aus ukrainischer Perspektive ist das nachvollziehbar. Aus deutscher Perspektive, auch aus der Perspektive des Historikers sehe ich das etwas anders. Beim Faschismus wären die Vergleichsmaßstäbe Deutschland und Italien in den 1920er, 1930er und frühen 1940er Jahren. Es gibt Ähnlichkeiten, wenn wir auf die Ebene der staatlichen Akteure schauen, wenn wir uns anschauen, wie sich eine Diktatur entwickelt, an deren Spitze ein unangefochtener Führer steht, der starke nationalistische Programme entwirft, diese Programme zum Anlass von Expansion nimmt, der Religion und Militär nutzt, um dies zu rechtfertigen. Das hat durchaus einen faschistischen Anstrich.</em></p>
<p><em>Wenn man jedoch auf die Gesellschaft in Russland schaut, stößt man nicht auf diese unangefochtene Begeisterungswelle, die dies in den Menschen auslöst. Wenn man die öffentlichen Veranstaltungen mit Putin in Russland anschaut, sieht man, dass für diese Veranstaltungen die Menschen herbeigekarrt werden müssen. In Russland gibt es Menschen, die den Krieg unterstützen, die einen aus Überzeugung, andere aus Loyalität, es gibt Menschen, die sich apathisch verhalten und eigentlich gar nicht wissen wollen, was in der Ukraine passiert, und es gibt Menschen, die den Krieg offen kritisieren, die aus Russland auswandern. Auf mich macht das den Eindruck einer sehr fragmentierten Gesellschaft. Diese Begeisterung, dieser Rausch, der faschistische Gesellschaften prägt, für das faschistische Projekt, für die Gewalt, die damit verbunden ist, das findet man in dieser großen Breite, wie es sie in Deutschland und in Italien gab, in der russischen Gesellschaft nicht. Die Zahl der Menschen, die den Krieg unterstützen, ist leider hoch genug, um unfassbaren Schaden und entsetzliche Kriegsverbrechen mit Putins genozidaler Kriegsführung in der Ukraine auszurichten, aber wenn man mit dem Begriff des Faschismus arbeitet, sehe ich schon Abstufungen zu Deutschland und Italien in den 1930er Jahren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für die Anwendung des Faschismusbegriffs fehlt – so verstehe ich deine Analyse – die Existenz einer faschistischen Massenbewegung. Putin versucht zwar, auch über das Bildungssystem seine Sicht der Dinge durchzusetzen, aber eine Massenbewegung, wie es sie im Dritten Reich gab, scheint mir in Russland nie dagewesen zu sein.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das sehe ich genauso. Es gab mal den Versuch, eine Art Putin’sche Jugendbewegung zu gründen, „die Unsrigen“. Das hat sich im Sande verlaufen. Die Jugend Russlands ist in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts großgeworden, sie ist sehr medien- und internetaffin, sie lebt auf Facebook, Instagram und TikTok. In dieser Welt lebt Putin überhaupt nicht, er nutzt angeblich auch das Internet nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Grunde verfügt Putin nicht über das Charisma, das ein Hitler, ein Mussolini oder auch ein Stalin hatten.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das ist richtig. Es gab eine Phase, in der Putin sehr populär gewesen ist. Das waren die 2000er Jahre, auch noch die frühen 2010er Jahre, eine Zeit, in der es Putin gelungen ist, den Menschen den Eindruck zu vermitteln, er selbst habe die turbulenten 1990er Jahre im Rahmen der Transformation beendet und es bräche jetzt eine Ära der Stabilität an. Die sprudelnden Einkünfte aus dem Öl- und Gasexport haben in der Tat dazu geführt, dass es zu einem breit wahrnehmbaren Zuwachs von Wohlstand kam. Das haben die Menschen Putin zugerechnet. Sie übersahen, dass er und seine Unterstützer zu den Akteuren gehörten, die mit ihrer schamlosen Bereicherung dazu beitrugen, dass die 1990er Jahre so schwierig und wild waren wie sie es nun einmal waren. Ihm ist es geglückt, dieses Image zu vermitteln, dass er diesen Wandel herbeigeführt habe.</em></p>
<p><em>Seine Rückkehr in das Präsidentenamt im Jahr 2012 brachte seinem Ansehen einen ersten Knick. Das sahen viele Menschen in Russland kritisch. Diesen Popularitätseinbruch hat er mit der Annexion der Krim kompensiert. Das hat einige Monate zu einer merklichen patriotischen Aufwallung geführt, auch zu einer Zunahme seiner Popularität. Aber seitdem sinkt sie. Genaue Zahlen kennen wir nicht, weil man angesichts der Verhältnisse in Russland den dortigen Umfragen nicht trauen kann, aber es ist wahrnehmbar, dass seine Popularität abnimmt. Ich habe den Eindruck, Putin ist am Ende einer Fahnenstange angelangt. Zu den Popularitätswerten der 2000er Jahre wird er nicht zurückkehren können.</em></p>
<h3><strong>Projektionsfläche Russland</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf der anderen Seite gibt es diese Putinbegeisterung bei rechten und sehr rechten Parteien in den westeuropäischen Ländern, aber beispielsweise auch in östlichen Ländern wie in Ungarn oder bei verschiedenen Parteien in einigen anderen Staaten des ehemaligen sowjetisch beeinflussten Raumes.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das schreibt die Geschichte einer starken Projektion von Sehnsüchten auf Russland fort. Das sind gerade in Deutschland, in Frankreich, vor allem in den westlichen Ländern, zum großen Teil Menschen, die entweder nie oder nur selten in Russland waren, nicht russisch sprechen, auch niemanden aus Russland kennen, die aber dort eine Projektionsfläche finden, mit Patriotismus, Nationalstolz, Ablehnung von Feminismus und LSBTIQ*.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich lese immer wieder mit viel Gewinn in dem Buch „Der Russlandkomplex“ von <a href="http://gerd-koenen.eu/">Gerd Koene</a><a href="http://gerd-koenen.eu/">n </a> (München, C.H. Beck, 2005).</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Ich halte dieses Buch für ein ganz wichtiges Buch. Skeptisch war ich nur gegenüber einer Stelle am Schluss des Buches. Dort schrieb Gerd Koenen, dass sich dieser „Russlandkomplex“, diese Projektionsfläche Russland, nach 1945 und dann erst recht 1989 mit der Wiedervereinigung der beiden</em> <em>deutschen Staaten aufgelöst habe. Ich fand, schon damals war zu beobachten, dass diese sehr gegensätzlichen Russlandbilder weiterhin in Deutschland zu greifen waren. Es gab in den Medien auch immer deutliche Kritik an dem Autoritarismus und Zentralismus Putins, an seiner Einschränkung von Medienfreiheit, von Rechtsstaatlichkeit. Es gab aber auch immer eine große Faszination. Das ganze Jahr über wurde das russlandkritische Programm abgespult, aber in der Weihnachtszeit gab es dann wieder diese Filme, in denen alte Größen wie Gerd Ruge (1928-2021) in die Transsibirische Eisenbahn steigen und auf der Zugfahrt über die Weite der russischen Seele nachdenken. Das bedient starke Sehnsüchte in der deutschen Gesellschaft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die folkloristische Variante waren Alexandra (1942-1967), Ivan Rebroff (1931-2008), beide keine Russ*innen, sondern Deutsche, und der Chor der Don-Kosaken, die es meines Wissens immer noch gibt.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das gab es immer in Deutschland und es wurde wieder populär mit PEGIDA und anderen „Montagsdemonstrationen“ oder „Spaziergängen“. Da tauchten dann Leute auf, die Schilder hochhielten, auf denen stand: „Putin, hilf!“ Da gibt es eine ganz große gefühlte Russlandnähe. Das ist schon merkwürdig, hier in einem demokratischen Land mit Presse- und Meinungsfreiheit, mit guter sozialer Absicherung zu leben und zu glauben, dass Putin helfen könne. Da ist wohl ganz schwer etwas durcheinandergeraten. Das zeigt, dass dieser Russlandkomplex nach wie vor sehr lebendig ist. Auch die Äußerungen von Harald Welzer, Richard David Precht, Ulrike Guérot zum Krieg in der Ukraine weisen alle in diese Richtung. Die Überlegung – Überlegung möchte ich es gar nicht nennen – die Ansicht, man könnte die Augen verschließen vor Putins genozidaler Kriegsführung und Putins Kriegszielen und könnte einen irgendwie gearteten Frieden vermitteln, weil Einigkeit mit Russland der entscheidende Faktor für Frieden in Europa wäre, das ist für mich der ultimative Beleg, dass wir immer noch in diesem „Russland-Komplex“ leben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da hat die SPD ja einiges zu beigetragen. Stand so auch im Parteiprogramm. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zu-wandeln-die-zeiten/">Markus Meckel</a> berichtete, er habe versucht, Gerhard Schröder nach seinem Amtsantritt als Bundeskanzler zu überzeugen, dass die erste Reise nicht nach Moskau, sondern nach Warschau gehen sollte. Da habe noch die alte Linie von Egon Bahr gewirkt, Russland First im deutschen Blick auf Osteuropa.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Die SPD befindet sich zurzeit in schwierigen Gesprächen. Es gibt Politiker wie Rolf Mützenich oder Ralf Stegner, die nach wie vor auf dieser Fährte unterwegs sind, während andere versuchen, das kritische Gespräch in der SPD auf den Weg zu bringen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oft ist dieser unkritische Blick auf Russland gekoppelt mit einem genauso unkritischen Anti-Amerikanismus, der noch aus der Zeit des Vietnamkriegs und der späteren Friedensbewegung Ende der 1970er Jahre stammt und sich in den Amtszeiten von George W. Bush und Donald J. Trump – mit der Unterbrechung in der Anfangszeit von Barack Obama – nachhaltig erneuerte. Das sieht schon fast aus wie ein Nullsummenspiel zwischen den USA und Russland.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Absolut. Das beginnt schon nach dem Ersten Weltkrieg, als viele der Ansicht waren, dass sich Deutschland und Russland beziehungsweise die Sowjetunion in der Versailler Nachkriegs-Ordnung miteinander verbünden müssten. Das war immer auch mit einer starken Amerika-Kritik verbunden. Das sind kommunizierende Röhren. Ich würde nach wie vor sagen, dass Russland und die USA die beiden Länder sind, die politische Debatten in Deutschland am stärksten emotionalisieren. Und dies geschieht nicht unabhängig voneinander, sondern ist stark aufeinander bezogen. Auf der linken Seite ist es ja schon reflexartig. Sobald der linken Seite etwas zu Russland gesagt wird, erfolgt die Replik: aber die USA, aber die NATO! </em></p>
<p><em>Das ist ein Kapitel, darüber müsste man gesondert sprechen. Der völkerrechtswidrige Einmarsch in den Irak ist ein Thema, Vietnam ist ein Thema, viele Umsturzversuche, die von der CIA befördert wurden, sind ein Thema, aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass man sich jetzt reflexartig einer aggressiven Politik Russlands an den Hals wirft und diese beschönigt.</em></p>
<h3><strong>Bilder der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein populärer Akteur in der Debatte ist <a href="https://www.timothysnyder.org">Timothy Snyder</a>. Ich schätze ihn, die <a href="https://www.timothysnyder.org/books/bloodlands">„Bloodlands“</a>, auch <a href="https://www.timothysnyder.org/books/black-earth-tr">„Black Earth“</a>, die man meines Erachtens im Kontext lesen muss. Aber bei ihm gibt es auch einige schwierige Stellen, die Widerspruch geradezu herausfordern.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das ist in der Tat eine große Herausforderung.</em> <em>Timothy Snyder ist ein eindrucksvoller Historiker. Als erstes würde ich sein Buch </em><a href="https://www.timothysnyder.org/books/the-reconstruction-of-nations"><em>„The Reconstruction of Nations“</em></a><em> nennen, das 2003 erschien (Untertitel: „Poland, Ukraine, Lithuania, Belarus 1569-1999“). Es geht um die Nationenbildung auf dem Gebiet des ehemaligen Großherzogtums Litauen seit dem späten 16. Jahrhundert. Auf diesen großen strukturellen makroperspektivischen Überblick ließ er eine Reihe von dazu passenden Biographien und Familiengeschichten folgen. Das fand ich methodisch und geschichtswissenschaftlich sehr eindrucksvoll.</em></p>
<p><em>Zu „Bloodlands“: Es bringt die Perspektiven, die vor allem Menschen in Polen, in der Ukraine, in Belarus, in den baltischen Ländern auf den Zweiten Weltkrieg hatten, mehr in die Öffentlichkeit als sie das zuvor waren. Aber die Art und Weise, wie er in diesem Buch versucht, die ganze Geschichte des Zweiten Weltkriegs auf eine Interaktionsgeschichte von Stalinismus und Nationalsozialismus zu trimmen, Gewalt aus der Konkurrenz und Interaktion dieser beiden Systeme zu begreifen, überzeugt letztlich nicht. Dabei wird auch ausgeblendet, dass es auch außerhalb der „Bloodlands“ stalinistische und nationalsozialistische Gewalt gab, die in diesem Buch gar nicht vorkommt. </em></p>
<p><em>Die öffentlichen Auftritte, in denen Snyder die Thesen dieses Buches in immer neue politische Ansagen übersetzt, sind schwierig. Er stellt sich in Deutschland hin und sagt, die Deutschen müssten, wenn sie an den Zweiten Weltkrieg denken, sich vergewissern, dass ihre Verantwortung als erstes der Ukraine zu gelten hätte, weil die Eroberung, Ausbeutung und Unterjochung der Ukraine das Hauptkriegsziel Hitlers gewesen wäre. Das ist schlicht und ergreifend falsch. Einerseits haben es die Menschen in der Ukraine verdient, dass wir in Deutschland die Erfahrungen, die sie unter der deutschen Besatzung machen mussten, erheblich stärker zur Kenntnis nehmen, da haben wir wirklich Defizite, aber wenn man das in Exklusivitäten, in Singularitäten, in Superlative überführt, gerät die Erinnerungskultur auf eine schräge Bahn. Wir müssen sehr viel Mühe investieren, wenn wir erkennen wollen, welche Erfahrungen Belaruss*innen, Ukrainer*innen im Zweiten Weltkrieg gemacht haben.</em></p>
<p><em>So fürchterlich momentan Russlands genozidaler Angriffskrieg in der Ukraine ist, sollte das nicht dazu führen, dass wir in der deutschen Erinnerungskultur jetzt von einem Extrem ins andere verfallen. Der Blick auf die Opfer des Zweiten Weltkriegs war viel zu lange zu russozentrisch. Wir sollten das nicht dadurch kompensieren, dass wir jetzt nur noch über die ukrainischen und belarussischen Opfer sprechen und die russischen Opfer im Zweiten Weltkrieg vergessen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: An „Bloodlands“ faszinierte mich – unbeschadet Ihrer berechtigten Kritik – eine Landkarte, auf der die sogenannte Molotow-Ribbentrop-Linie des geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Pakts vom 23. August 1939 eingezeichnet ist. Abgesehen von den Grenzen der baltischen Staaten, die jetzt zur Europäischen Union gehören, sind das im Großen und Ganzen die Grenzen, die die Alliierten in Teheran, Jalta und Potsdam gezogen hatten und die nach wie vor die aktuelle Ostgrenze der Europäischen Union bestimmen. Sowjetische und deutsche imperiale Einflusssphären in Europa hatten nicht nur eine lange Vorgeschichte, sondern auch eine lange Nachwirkung, über den Kalten Krieg hinaus. Das sieht in Putins Reden alles irgendwo schon so aus, als ginge es darum, die Staatenbildungen nach dem ersten Weltkrieg rückgängig zu machen und wieder zu einer Art Dreikaisereck zurückzukehren, als es all die ost- und mitteleuropäischen Staaten, die heute der Europäischen Union angehören oder ihr – wie Georgien und die Ukraine – beitreten möchten, nicht gab. Seine Verweise auf Peter den Großen, Katharina II. und Alexander II. sprechen meines Erachtens Bände.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das ist vollkommen richtig. Stalinismus und Nationalsozialismus sind konkurrierende imperiale Projekte, die für eine kurze Zeit vom Hitler-Stalin-Pakt bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion kooperierten, aber dennoch sind es vollkommen entgegengesetzte Projekte. Das deutsche Projekt bestand darin, räumlich über die Grenzen des Friedens von Brest-Litowsk von 1918 hinauszugehen, möglichst die gesamte Sowjetunion zu erobern und die dort lebenden Menschen zu vernichten, zu deportieren oder zu versklaven. Stalins Projekt bestand darin, das Sowjetimperium so weit wie möglich nach Westen auszudehnen, was ihm als Resultat des Zweiten Weltkriegs auch geglückt ist.</em></p>
<h3><strong>Decolonizing</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Grunde sind nach dem Ersten und erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg die großen europäischen Kolonialreiche eines nach dem anderen zusammengebrochen. Die Auflösung begann schon in den 1920er Jahren, sie vollendete sich dann nach 1945. Die Briten verloren ihre Besitzungen – wie man das so nannte – außerhalb Europas ebenso wie Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande, dann auch Portugal im Zuge der Nelken-Revolution in den 1970er Jahren. Spanien hatte seine außereuropäischen Einflussbereiche schon 1898 verloren. Nur ein Kolonialreich blieb weitgehend unberührt: die Sowjetunion, die erst 1991 einen Großteil ihrer zentralasiatischen, der baltischen und der osteuropäischen Kolonien wie der Ukraine, Belarus, Armenien, Aserbaidschan und Georgien verlor.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Mein Blick hat sich nach dem 24. Februar 2022 noch einmal geändert. In meinem Buch „Die Schatten des Imperiums“ habe ich die These vertreten, dass die Auflösung der Sowjetunion ein ganz starker Einschnitt ist, der sich aber von der Auflösung des Zarenreichs nach 1917 unterscheidet. Die Sowjetunion war mehr oder weniger eine Re-Integration des Zarenreichs.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch weil es gelang, die Zugeständnisse des Friedens von Brest-Litowsk wieder rückgängig zu machen.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das war 1991 anders. Die Grenzen Russlands von 1991 bilden einen Zustand Russlands aus dem späten 17. Jahrhundert ab. Im Hinblick auf das, was in der Zeit danach hinzuerobert wurde, war 1991 ein Schnitt. Man kann sich fragen, wie Russland danach mit dem imperialen Erbe umgeht. Das Imperium aber ist Vergangenheit. Wir sehen jetzt, dass diese Einschätzung falsch war. Das Imperium ist aus den Köpfen nicht verschwunden, vor allem nicht aus Putins Kopf. Der Krieg ist der Versuch, dieses Imperium gewaltsam wiederherzustellen. Darin steckt auch eine gewisse Ähnlichkeit zu Großbritannien und Frankreich. Die waren im 20. Jahrhundert lange Zeit mit Dekolonisationsbewegungen konfrontiert, eigentlich schon nach dem Ersten Weltkrieg. Aber auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg haben sie sich gewaltsam gegen die Auflösung der Imperien gestellt, Frankreich in Vietnam und im Algerienkrieg, Großbritannien noch in den 1960er Jahren in Kenia. Das wiederholt sich jetzt im Falle von Russland.</em></p>
<p><em>Unsere Wahrnehmung, dass 1991 das Sowjetreich verhältnismäßig gewaltfrei auseinandergefallen ist, ist so nicht mehr haltbar. Wir sehen jetzt im Abstand von 30 Jahren, wie bedeutsam die Idee des Imperiums im Kopf Putins und in den Köpfen der Eliten ist. Sie stellen sich gewaltsam dagegen, aber um dem eine optimistische Note hinzuzufügen, es ist auch jetzt schon absehbar, dass dieses Projekt scheitern wird. Es gibt so viele Sollbruchstellen, in Russland, in den Nachbarländern, sodass nicht vorstellbar ist, dass die Absicht Putins funktionieren wird.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Beispiel Kasachstan, das die deutsche Außenministerin demonstrativ – so möchte ich das nennen – Ende Oktober, Anfang November 2022 besuchte.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Kasachstan hat immer schon versucht, eine trivektorale Politik zu betreiben und gute Beziehungen zu Russland, zur Europäischen Union und zu China zu erhalten. Das ändert sich jetzt gerade, obwohl der neue Präsident, Qassem Toqajew, sein Überleben russischen Interventionstruppen verdankt, als er mit Demonstrationen konfrontiert wurde. Jetzt ist er sehr auf Distanz zu Russland bedacht. Kasachstan nimmt – wie auch andere zentralasiatische Staaten – Flüchtende aus Russland auf, die sich der dortigen Mobilisierung entziehen. Kasachstan lässt Demonstrationen gegen Putins Krieg zu.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen unsere westliche Perspektive erheblich verändern. Ich denke an das Buch von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-wende-der-wende/">Ivan Krastev und Stephen Holmes „Das Licht das erlosch“</a> (deutsche Übersetzung 2019 bei Ullstein). Eine ihrer Thesen lautet, dass die 1989 und 1991 aus dem sowjetischen Machtbereich, aus der Sowjetunion beziehungsweise aus dem Warschauer Pakt ausgeschiedenen Staaten sich zunächst auf das Vorbild der westlichen Demokratien verließen, mit der Zeit jedoch auch aufgrund der westlichen Oberlehrer-Attitüde diese Form der Nachahmung des Westens aufgaben. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/von-polen-lernen">Agnieszka Ƚada-Konefał</a>, die stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts hat die damit entstandenen Probleme, in dem Gespräch, das ich mit ihr im Oktober 2022 führen konnte, beschrieben. Dies darf durchaus als Belastung für die deutsch-polnischen Beziehungen betrachtet werden.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Wir müssen uns klarmachen, dass 1989 für die Menschen in der DDR, in Ungarn, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Estland, in Lettland, in Litauen ein ganz großer Zugewinn an Handlungsspielraum und Selbstbewusstsein gewesen ist. Diese Menschen haben es geschafft, ihre Länder vom Kommunismus zu befreien und das in stillen und friedlichen Revolutionen. Das ist etwas ganz Fantastisches. Das konnten sie aber nicht in politische Gestaltungsmacht umsetzen, weil bei der deutschen Wiedervereinigung und dann beim Beitritt zur Europäischen Union Bonn beziehungsweise Brüssel gesagt haben, hier sind die Spielregeln, so funktioniert das, das ist der Katalog, den müsst ihr jetzt abarbeiten, und wenn ihr das geschafft habt, könnt ihr euch melden und beitreten. Da reduziert sich dieser Gewinn von Handlungsspielraum und Selbstertüchtigung auf einen Beitrittsprozess, in dem es nur noch darum geht, es zu tun oder zu lassen. Das hat der Begeisterung für die Rückkehr nach Europa sehr viel Abbruch zugetan. In den Ländern wurde jetzt darüber nachgedacht, wer sind wir eigentlich, wer ist Europa, was für ein Europa wollen wir. Das ist mit Sicherheit eine Quelle für Populismus. Das sehen wir in Polen, das sehen wir in Ungarn.</em></p>
<h3><strong>Wir brauchen eine neue Ost- und Mitteleuropa-Strategie </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manchmal habe ich den Eindruck, dass Putin Polen – um nur dieses Beispiel zu nennen – sogar einen Gefallen getan hat. Die aktuelle polnische Regierung lässt ja keine Gelegenheit aus, Bonn und Brüssel anzugreifen. Kaum jemand in Polen möchte die EU verlassen, aber man lässt sich nicht vom Westen diktieren, was man zu tun oder zu lassen hat. Jetzt aber haben die Politiker*innen des Westens, in Berlin, in Paris, in Brüssel erst einmal gemerkt, welche Gefahr Pol*innen in Russland sehen, und das auch schon vor dem 24. Februar 2022. Untersuchungen des Deutschen Polen-Instituts belegen, dass in Deutschland bei der Frage nach einer politischen, wirtschaftlichen und militärischen Bedrohung sich die Einschätzungen der Deutschen an die in Polen weitgehend angenähert haben. In Deutschland schaut man vielleicht heute aufmerksamer auf Polen, auf die baltischen Staaten, auf die Ukraine. In Ungarn sieht es noch etwas anders aus.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Das ist ein komplexes Beziehungsgefüge. Es war ja immer irgendwie frappierend, dass alle Äußerungen zur Nation, zur Gesellschaftspolitik von Putin, Orbán, von Kaczyński ähnlich klangen, es aber außenpolitisch einen ganz tiefen Graben zwischen Polen und Russland, vor allem aber auch zwischen Putin und Kaczyński gab und gibt. Kaczyński ist heute noch der Auffassung, dass die Präsidentenmaschine, in der sein Bruder nach Smolensk flog, von Russland zum Absturz gebracht wurde. </em></p>
<p><em>Dieser erneute Überfall Russlands auf die Ukraine hat nun die Strafmaßnahmen der EU gegen Polen und Ungarn wegen Rechtsverstößen stark in Frage gestellt. Aus polnischer Sicht ist auch nicht mehr nachvollziehbar, warum Orbán an seiner Linie gegenüber Putin festhält. Ob das Ganze tatsächlich in eine neue Kooperation der Europapolitik mündet, müssen wir abwarten. Ich fände das ausgesprochen wünschenswert und notwendig. Es müsste eigentlich damit anfangen, dass die deutsche Regierung, vor allem die SPD, eingesteht, dass sie Jahrzehnte lang auf dem Holzweg war und dass es ein großer Fehler war, die Befürchtungen aus Polen und aus den baltischen Staaten nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ob in der SPD der Erkenntniswille dazu ausreicht, das ist die kritische Frage Nummer 1. Die kritische Frage Nummer 2 ist die, ob bei Kaczyński die Einsicht so weit geht, dass es das deutsch-polnische Verhältnis belastet, seine Reparationsforderungen ausgerechnet am 3. Oktober zu stellen. </em></p>
<p><em>Da gibt es sehr große Hürden, man kann nur hoffen, dass es der Politik gelingt, über diese Hürden hinwegzukommen. Es wäre auch sehr stark im deutschen Interesse. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Ansehensverlust Deutschlands in Mittel- und Osteuropa unfassbar groß ist. Eine Europäische Union, in der Frankreich und Deutschland sagen, solange wir den vielzitierten Motor am Laufen halten, würde Europa funktionieren, gibt es nicht mehr. Wenn Deutschland Gestaltungs- und Integrationskraft in Europa zurückgewinnen will, muss es entschieden auf Polen und die baltischen Staaten zugehen und dies in neue Kooperationen und Formate mit Frankreich einbinden. Ob dazu in der SPD die Kraft ausreicht, ist für mich eine offene Frage. Die Grünen sehen das klar, bei der SPD habe ich meine Zweifel. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zweifel habe ich auch. Ich habe den Eindruck, dass Olaf Scholz keine andere Politik macht als Angela Merkel, auch in der Verständigung beziehungsweise Nicht-Verständigung mit Frankreich. Wirklich hilfreich wäre jetzt, dass das, was einmal zwischen Polen, Frankreich und Deutschland als <a href="https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/europa/zusammenarbeit-staaten/weimarer-dreieck-node">Weimarer Dreieck</a> begann, ein gutes und wirksames Instrument wäre, Europa voranzubringen. Ich habe aber nicht den Eindruck, als wenn das vom Bundeskanzler und seiner Partei so gesehen wird. Deutsche Alleingänge oder rein bilaterale Absprachen helfen nicht weiter. Die EU wird nicht auseinanderfallen, aber Deutschland macht schon den Eindruck, als ginge es um Germany First. Und das kann Putin nur gefallen.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Ich habe schon den Eindruck, dass die Debatte in Deutschland der Dramatik der Situation hinterherhinkt. Man ist immer noch in der Routine gefangen, dass wir ein großes und wirtschaftsstarkes Land in der Mitte der EU sind. Aber niemand kann sagen, ob das so bleiben wird. Und wenn es so bleiben soll, dann muss die Kooperation mit den osteuropäischen Ländern eine ganz neue Qualität bekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Möglicherweise liegt das Dilemma auch darin begründet, dass viele Deutsche gerne so etwas wie eine große Schweiz wären. Über China will ich jetzt gar nicht reden. Im Koalitionsvertrag steht, dass eine neue China-Strategie entwickelt werden soll. Die soll – so kürzlich die Außenministerin – nächstes Jahr vorliegen. Bis dahin kann noch einiges geschehen.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, in der Chinapolitik Lehren aus der Russlandpolitik zu ziehen. Aber danach sieht es gerade nicht aus, wenn man sieht, mit welchen Botschaften der Bundeskanzler nach China fliegen wollte. Das steht alles noch in einem enormen Spannungsfeld zu dem, was Annalena Baerbock „wertebasierte Außenpolitik“ nennt. Die wird man nicht eins zu eins umsetzen können, aber wenn man schon mit Autokratien Verträge schließt, sollte man zumindest sehen, dass man nicht von der einen Abhängigkeit in die andere hineinkommt. Wenn Deutschland da nicht umsteuert, wird die Bilanz in einigen Jahren oder Jahrzehnten umso bitterer ausfallen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was könnte denn jetzt ein entsprechendes Geschichtsbewusstsein dazu beitragen? Ich mag den Begriff der <em>„Erinnerungskultur“</em> so wie er oft verwendet wird eigentlich nicht, man müsste den Begriff meines Erachtens im Plural verwenden.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>:<em> Bei diesem Thema finde ich immer sehr überzeugend, was meine Bonner Kollegin Katja Makhotina dazu sagt. Man muss Opfern eine Stimme geben und ihren Nachfahren zuhören, was deren Erinnerungswünsche sind. Wenn man das in außenpolitische Programmatik überführt, entstünde daraus ein Programm des Zuhörens, das es erleichtert, Zugang zu anderen Gesellschaften zu finden. Das halte ich für zentral. Wenn man danach fragt, was man eigentlich tun muss, um diese Russo-Zentrik und Russo-Fantastik zu überwinden, betritt man ein Feld, dass noch viel größer ist als das Feld der Erinnerungskultur.  </em></p>
<p><em>Der Russland-Reflex hat in Deutschland ja eine lange Geschichte. Russland ist nach wie vor wichtig, aber man muss es unbedingt durch Kenntnisse anderer Kulturen und Gesellschaften ergänzen, die sich auf gleichem Kenntnisstand bewegen. Das betrifft zurzeit in erster Linie die Ukraine. Wer in Deutschland kennt ukrainische Literatur, Musik, Kunst? Wenn man auf der Straße nach Russland fragt, werden vielen Menschen Namen einfallen. Im Fall der Ukraine ist das anders Da brauchen wir ein ganz anderes Kultur-Aufbauprogramm. Sicherlich gilt das auch für andere Länder in Ost- und in Mitteleuropa. Nur so können wir die Asymmetrie in der Kenntnis von Kultur in Deutschland ausgleichen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir dürfen sie natürlich nicht durch eine neue Asymmetrie ersetzen. Es gibt Stimmen, die verlangen, dass russische Autor*innen nicht mehr gelesen, russische Musik nicht mehr gespielt werden soll. Aufmerksamkeit verdient auch die russische Oppositionskultur, die oft unter Gefahr für Leib und Leben versucht sich zu behaupten.</p>
<p><strong>Martin Aust</strong>: <em>Ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland genügend Menschen gibt, die das auch so sehen. So wie es die große Hilfsbereitschaft gegenüber ukrainischen Geflüchteten gibt, sollten wir auch einen genauso offenen Blick für all die Menschen haben, die sich dem Krieg widersetzen, von denen manche zu uns gekommen sind. Denen müssen wir Perspektiven bieten. Auch der Ansatz, den Krieg aus einer langen Geschichte russischer Kultur erklären zu wollen und nicht aus einem imperialen Verständnis dieser Geschichte, scheint mir ein Reflex angesichts der fürchterlichen Nachrichten aus der Ukraine zu sein.  </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2023, Internetzugriffe zuletzt am 3. Januar 2023, Titelbild: Arina Nâbereshneva, Submissive Chain Swallowing, das Bild wurde dem Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> von Katja Makhotina zur Verfügung gestellt.)<em> </em></p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltenwenden-zeitenwenden/">Weltenwenden &#8211; Zeitenwenden</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gewaltgeschichte(n), Gefühle, Geschichtspolitik</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/gewaltgeschichten-gefuehle-geschichtspolitik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 30 Apr 2022 09:59:52 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=1866</guid>

					<description><![CDATA[<p>Gewaltgeschichte(n), Gefühle, Geschichtspolitik Ein Gespräch mit der Osteuropahistorikerin Katja Makhotina „Rajzman sprach über die Bedingungen im Lager, über den vorgetäuschten Bahnhof. Der stellvertretende Kommandant, Kurt Franz, baute einen erstklassigen Bahnhof mit Signalen. Später wurde ein vorgetäuschtes Restaurant hinzugefügt, und Fahrpläne wurden ausgehängt mit Abfahrts- und Ankunftszeiten: Grodno, Suwałki, Wien, Berlin. Wie eine Filmkulisse. Um  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gewaltgeschichten-gefuehle-geschichtspolitik/">Gewaltgeschichte(n), Gefühle, Geschichtspolitik</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Gewaltgeschichte(n), Gefühle, Geschichtspolitik</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Osteuropahistorikerin Katja Makhotina</strong></h2>
<p><em>„Rajzman sprach über die Bedingungen im Lager, über den vorgetäuschten Bahnhof. Der stellvertretende Kommandant, Kurt Franz, baute einen erstklassigen Bahnhof mit Signalen. Später wurde ein vorgetäuschtes Restaurant hinzugefügt, und Fahrpläne wurden ausgehängt mit Abfahrts- und Ankunftszeiten: Grodno, Suwałki, Wien, Berlin. Wie eine Filmkulisse. Um die Leute zu beruhigen, erklärte Rajzman. Damit es keine Zwischenfälle gebe.“ </em>(Philippe Sands, Rückkehr nach Lemberg, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018)</p>
<p><a href="https://www.theguardian.com/law/2022/mar/30/vladimir-putin-ukraine-crime-aggression-philippe-sands">Philippe Sands</a> (*1960) geht es in „Rückkehr nach Lemberg“ um das Engagement der beiden in Lemberg ausgebildeten Juristen <a href="https://www.lcil.cam.ac.uk/about-centrehistory/sir-hersch-lauterpacht">Hersch Lauterpacht</a> (1897-1960) und <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451">Raphael Lemkin</a> (1900-1959). Sie schufen die juristischen Grundlagen für die Begriffe „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und „Genozid“, die Nürnberger Prozesse und die <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/218339/1951-un-voelkermordkonvention-tritt-in-kraft/">UN-Völkermordkonvention</a>, die 1951 in Kraft trat. Die dritte Hauptperson des Buches ist Hans Frank, Generalgouverneur der nicht annektierten Teile des besetzten Polen, der im ersten Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und anschließend hingerichtet wurde. Philippe Sands schuf in seinem Buch jedoch auch ein Denkmal für die vielen unbekannten Zeitzeug*innen, von denen nur wenige Gelegenheit erhielten, in einem Prozess gegen NS-Täter*innen auszusagen. Einer dieser Zeugen war Samuel Rajzman (1904-1979). Er überlebte das Vernichtungslager Treblinka, er war Buchhalter, er sprach Polnisch. Seine Aussage beschreibt Philippe Sands als <em>„ruhig und ausdruckslos“</em>.</p>
<p>Denkmäler, Gedenken zu schaffen ist die vornehme Aufgabe von Geschichtswissenschaften und Erinnerungskulturen. Dabei kommt es auf Nuancen an. Der Titel der englischen Ausgabe (sie erschien 2016 in London bei Weidenfeld &amp; Nicolson) spricht den Gegenstand des Buches direkt an: „East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity“. Dagegen klingt der Titel der deutschen Ausgabe eher so, als handele es sich um einen nostalgischen Reisebericht, vielleicht eine subtile Form von Verdrängung?</p>
<p><img decoding="async" class="alignleft wp-image-1842 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover-216x300.jpg" alt="" width="216" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover-200x278.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover-216x300.jpg 216w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover-400x556.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover.jpg 432w" sizes="(max-width: 216px) 100vw, 216px" />Einen mehr als passenden Titel wählten <a href="https://www.osteuropa.uni-bonn.de/mitarbeiter/dr.-katja-makhotina">Katja Makhotina</a> und <a href="https://www.gose.geschichte.uni-muenchen.de/personen/wiss_mitarbeiter/davies/index.html">Franziska Davies</a> für ihr am <a href="https://www.youtube.com/watch?v=z37TkHXVuNw">28. April 2022 im NS-Dokumentationszentrum</a> München erstmals vorgestelltes <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind">Buch „Offene Wunden Osteuropas“</a>. Das Datum hat durchaus Bedeutung. Es ist der Jom HaSchoah des Jahres 2022. Ich habe mit Katja Makhotina am 21. April 2022 über die Hintergründe ihrer Reisen zu Erinnerungsorten in Osteuropa sowie die Irrungen und Wirrungen diverser Erinnerungskulturen in Deutschland, in Polen, in den baltischen Staaten, vor allem in Litauen sowie in den post-sowjetischen Ländern gesprochen. Seit dem 24. Februar 2022 lässt sich dieses Thema nicht mehr ohne durchaus auch kontroverse Einschätzungen der von Putin befohlenen Invasion russischer Truppen in die Ukraine diskutieren. Was veränderte der 24. Februar?</p>
<h3><strong>Umwege einer deutschen Osteuropahistorikerin</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht beginnen wir mit Ihrem wissenschaftlichen Hintergrund.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Ich studierte zwei Jahre an der staatlichen Universität in Petersburg. Eigentlich war das kein Studium, sondern eher eine Suche nach mir selbst. Es war ein Zufall, dass ich überhaupt dort das Geschichtsstudium aufgenommen habe. Es ist wie vieles im Leben eines Menschen: eine Koinzidenz, ein Zufall. Ich wollte unbedingt etwas mit Sprachen machen. Germanistik war schon sehr beliebt und sehr elitär. Man musste schon – es war Ende der 1990er Jahre – sehr viel Schwarzgeld bezahlen. Ich habe mich dann umgeschaut und es gab noch eine nicht so elitäre Sprachrichtung: Orientalistik. Da lernt man Arabisch oder andere Sprachen aus Afrika und Asien. Das war das Unbeliebteste, aber für mich auch eine Chance. Nun habe ich trotz aller meiner Versuche die Aufnahmeprüfung nicht geschafft. Ich war nicht einverstanden, Schwarzgeld zu bezahlen, aber es war nun doch notwendig. Ich habe es nicht gemacht und bin bei der Aufnahmeprüfung glorreich gescheitert. Das Einzige, was noch übrig war, war das Historische Seminar. So kam es aus Verzweiflung dazu, dass ich mein Geschichtsstudium aufnahm. </em></p>
<p><em>Dort habe ich mich zwei Jahre mit Frontalunterricht abgequält, mit Geschichte, wie es gewesen ist, und bin dann nach Deutschland, weil ich in Petersburg ein deutsches Gymnasium besucht hatte, wo ich ein deutsches Sprachdiplom abgelegt hatte. Das bot mir die Möglichkeit, ein Hochschulstudium in Deutschland anzufangen. So bin ich mit diesem Sprachdiplom nach Karlsruhe, auch das ein Zufall. Dort habe ich an der Universität Technikgeschichte, Neueste Geschichte und Geschichte des Deutschen Widerstands studiert. Nun war es auch nicht das, was ich mein Leben lang machen wollte, aber es war nun einmal Deutschland. Ich habe daher zusätzlich in einem Fernstudium an der Universität Regensburg Tschechisch, Bohemistik studiert. Das war eine sehr weise Entscheidung, wie es sich später herausstellte. Es ermöglichte mir, mein Masterstudium in München zu machen. Dort wurde auf Transdisziplinarität Wert gelegt. Ich konnte sagen, ich habe sowohl Geschichte als auch Bohemistik, eine Art Slawistik studiert. </em></p>
<p><em><img decoding="async" class="alignright wp-image-1855 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Katja_Makhotina.jpg" alt="" width="267" height="285" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Katja_Makhotina-200x213.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Katja_Makhotina.jpg 267w" sizes="(max-width: 267px) 100vw, 267px" />Ich habe 2006 in München den Osteuropa-Studiengang aufgenommen. Das war ein sehr arbeitsintensives Studium. Wir mussten selbstständig ein Projekt machen, Praktika, Sommerschule, alles Mögliche. Zum Glück hatte ich ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung, sodass ich mich auf das Studium konzentrieren konnte. Anders wäre es nicht gegangen. Diese Schwerpunkte, gute Lehrer, die ich in München hatte, führten mich an die Forschungsfragen, mit denen ich mich heute beschäftige. Das sind Erinnerung an Gewalt, Gewaltgeschichte in Deutschland, in der Sowjetunion und in Ostmitteleuropa, Erinnerung an den Holocaust, Museen, Gedenkstätten, Friedhöfe, Denkmale. </em></p>
<p><em>In meinem eigenen Projekt habe ich zusammen mit <a href="https://www.memorial.de/">Memorial</a>, der Organisation, die jetzt in Russland liquidiert wurde, mit Memorial Petersburg, ein Projekt zu den Erinnerungsorten des Stalinismus gemacht, ein deutsch-russisches Forschungsprojekt, es war vielleicht auch ein Begegnungsprojekt. Bereits 2008 hatte ich mit Irina Papakhova einen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ktN_2sAg9d8">Film zur Erinnerung an die Stalinzeit in Karelien</a> gemacht. Das Projekt war sehr inspirierend, aus ihm ist meine Masterarbeit zu Erinnerungsorten des Stalinismus am Weißmeerkanal entstanden. Diese Masterarbeit wurde so gut bewertet, dass sie als Buch erscheinen konnte, der Titel: <a href="https://www.lehmanns.de/shop/sozialwissenschaften/27110159-9783631600061-stolzes-gedenken-und-traumatisches-erinnern">„Stolzes Gedenken und traumatisches Erinnern – Gedächtnisorte der Stalinzeit am Weißmeerkanal“</a> (Frankfurt am Main 2013). Das hat mich beflügelt und ich habe mit der Promotion angefangen. Ich habe mich mit litauischer Erinnerungskultur beschäftigt, dazu die litauische Sprache gelernt, ein Buch geschrieben. 2015 wurde ich promoviert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihre Doktorarbeit wurde 2017 mit dem Titel „Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen – Litauen und der Zweite Weltkrieg“ veröffentlicht Göttingen, Vandenhoek &amp; Rupprecht). Über Litauen werden wir gleich noch sprechen. Zu Ihren Sprachen: Sie sprechen Russisch, Deutsch, Litauisch, Tschechisch, sicherlich auch Englisch?</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Englisch klar. Und Spanisch. Das habe ich in Karlsruhe gelernt, weil es mit der Technikgeschichte so langweilig war. Ich habe dann versucht, mich durch andere Schwerpunkte zu stabilisieren, denn das Thema Holocaust und Erinnerung an den Holocaust ist nicht unbedingt ein aufbauendes oder lebensbejahendes Thema. Das ist mir schlecht gelungen. Ich werde seit Jahren auf eine Identität festgelegt. Vielleicht wegen meines russischen Hintergrunds. Ich sehe mich eigentlich als deutsche Osteuropahistorikerin und möchte auch so gesehen werden. Ich werde aber eingeladen zu Themen wie russischer Geschichtspolitik, über Erinnerung an die Belagerung Leningrads, weil ich ja nun aus Petersburg komme. Ich habe dazu geschrieben und publiziert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das, was mit Ihnen geschah, höre ich auch von Migrationsforscher*innen, die den sogenannten Migrationshintergrund haben. Sie haben alles Mögliche studiert, Wirtschaft, Psychologie, Sozialwissenschaften, und werden dann immer auf die Migrationsforschung festgelegt.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Ja, genau. Wie bei Griechen, die alle etwas zum Peleponnesischen Krieg sagen sollen.</em></p>
<h3><strong>Strafvollzug in Klöstern </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So eine Geschichte erzählt Mark Terkessidis in seinem Buch „Interkultur“ (Berlin, Suhrkamp, 2010). Er wurde in der Grundschule vom Lehrer als Perikles-Experte gefragt. Das Thema Ihrer Habilitationsschrift hat nun jedoch einen etwas anderen Schwerpunkt. Was ist das inhaltliche Thema der Arbeit?</p>
<div id="attachment_1892" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1892" class="wp-image-1892 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-300x169.png" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-200x113.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-300x169.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-400x225.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-600x338.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-768x432.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-800x450.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-1024x576.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-1200x675.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Klostergefaengnis-1536x864.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-1892" class="wp-caption-text">Courtesy Katja Makhotina.</p></div>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Klostergefängnisse als Strafpraxis im Russland des 18. Jahrhunderts. Dieser Forschungsschwerpunkt hat mit meiner Biographie gar nichts zu tun. Diese Arbeit bringt mich selbst weiter und baut mich auf: Klostergeschichte und Strafvollzug, Geschichte der Buße und der Reue, die Praxis in der frühen Neuzeit, die damit verbundenen Emotionen. Das ist der Gegenstand meiner Habilitationsschrift, ich bin gerade in den letzten Zügen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sind die Quellen für eine solche Arbeit gut zugänglich?</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>An die Klosterarchive kam ich gut heran. Jetzt würde ich da sicher nicht hinfahren, aber das Quellenstudium ist abgeschlossen. Die Klosterarchive sind gut erhalten, sie wurden kaum erforscht. Das ist eine Forschungslücke, das hat sich noch niemand systematisch angesehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie stelle ich mir die Strafpraxis in Klöstern vor?</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Sie kennen sicherlich die Zuchthäuser im deutschsprachigen Raum. Die waren zum Beispiel in Sachsen, in Preußen in säkularisierten Klöstern. In Russland wurden in Klöstern Menschen gefangen gehalten, sie lebten dort gemeinsam mit Mönchen oder Nonnen. Es ging von moralischen, ethischen Verfehlungen wie Ehebruch, Unzucht, Blasphemie, Majestätsbeleidigung, Zauberei bis hin zu Kriminalfällen. Politische Opponenten wurden dort auch gerne festgehalten. Ich denke, man sollte nicht unbedingt von Klostergefängnissen sprechen, sondern von Klosterverwahrung. Es waren keine eigens gebauten Gefängnisse, es waren funktionierende Klöster mit Zellen, Refektorien, da wo eben Platz war. </em></p>
<p><em>Es ging um Freiheitsentzug als humanere Strafe gegenüber körperlicher Peinigung oder Hinrichtung. In Klöstern ging es zunächst einmal darum, Menschen zu zähmen, zu züchtigen, durch Nahrungsentzug. Später ging es immer mehr darum, Menschen zu bessern. Durch bestimmte Bußübungen, regelmäßige Beichte, Kirchenzucht, bestimmte Arbeit, die zu erledigen war, regelmäßiges Beten, Besuche von Kirche, Messen. Religiöse Kommunikation sollte die Seele heilen und den Menschen bessern. Sobald er gebessert war, konnte er das Kloster verlassen und in seine Welt zurückkehren. </em></p>
<p><em>Insofern ist es ein Zwischenwesen zwischen mittelalterlichen Orten der Einsperrung, die es in der westkirchlichen Welt auch schon in Klöstern gab, und großen Gefängnissen bis hin zu den heutigen Justizvollzugsanstalten. Es gibt auch im Westen diese Tradition bis hin zu den Nazis, die in Klöstern Geisteskranke, Behinderte einsperrten und ermordeten. Auch in Frankreich dienten die säkularisierten Klöster als Zuchthäuser. Sie werden zum Beispiel bei Victor Hugo in „Les misérables“ beschrieben. Ehemalige Klöster, die zum Teil bis heute Gefängnisse sind.</em></p>
<div id="attachment_1890" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster.png"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1890" class="wp-image-1890 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-300x169.png" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-200x113.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-300x169.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-400x225.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-600x338.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-768x432.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-800x450.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-1024x576.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-1200x675.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Kirill-Belozerski-Kloster-1536x864.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1890" class="wp-caption-text">Blick auf die Klostermauer am Kirill-Belozerski-Kloster, in der auch Gefängniszellen waren. Courtesy Katja Makhotina.</p></div>
<p><em>Da war Russland nichts Besonderes. Das gab es im westlichen Europa schon im 16. Jahrhundert, im Zuge der Reformation. Dieses Know-How hat man in Russland praktisch importiert, um Menschen besser zu kontrollieren, zu normen, zu regulieren, zu erziehen und so weiter.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Strafpraxis in den Klöstern ist somit einer der diversen Importe Russlands aus dem Westen.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>So einiges wurde importiert. Die Klöster waren multifunktionale Institutionen. Sie waren nicht nur Gefängnisse, sie waren auch sogenannte „Tollhäuser“ für die Geisteskranken, Armenhäuser, Waisenhäuser. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das heißt letztlich, dass kirchliche Einrichtungen für staatliche Bedürfnisse verwendet wurden, Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Ja, das auf jeden Fall. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wo liegen diese Klöster in Russland, die sie untersucht haben?</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Vor allem im Norden. Es sind strenge Festungen aus den kriegerischen Auseinandersetzungen mit Schweden. Und je strenger diese Festungen waren, umso eher waren sie geeignet, Gefangene festzuhalten, damit sie nicht flüchten. Deswegen waren sie meistens im Norden. Aber eigentlich waren alle Klöster in Russland Orte der Verwahrung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ordne ich den Beginn dieser Praxis zeitlich ein?</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>In die Zeit des großen Nordischen Kriegs mit Schweden (1700-1721), auch noch davor.</em> <em>Auch schwedische Kriegsgefangene wurden in den Klöstern verwahrt.</em></p>
<h3><strong>Vergleichende Gewaltgeschichte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines ihrer Themen ist die europäische Gewaltgeschichte im 20. Jahrhundert. Dies ist Thema des Buches, das Sie am 28. April 2022 gemeinsam mit Ihrer Ko-Autorin Franziska Davies vorgestellt haben: „Offene Wunden Osteuropas“. Das Buch enthält neun Reiseberichte an Erinnerungsorte des Zweiten Weltkriegs und der Shoah. In Einleitung und Epilog rahmen Sie die diversen nationalen Erinnerungskulturen mit all ihren Leerstellen und Widersprüchen mit den Entwicklungen, die nicht erst am 24. Februar 2022 begannen, sondern auch schon ihre lange Vorgeschichte haben. Vielleicht sprechen wir über die Verbindungen, Verknüpfungen, Vergleiche, die in den Debatten um Erinnerungskultur diskutiert werden. Blinde Vergleiche, in denen einfach gesagt wird, das eine ist wie das andere, halte ich für gefährlich.</p>
<div id="attachment_1869" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1869" class="wp-image-1869 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-300x201.jpeg" alt="" width="300" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-200x134.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-300x201.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-400x268.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-600x402.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-768x514.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-800x536.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-1024x685.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-1200x803.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad.Lokomotive-1536x1028.jpeg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1869" class="wp-caption-text">Denkmal für die Toten der Evakuierung über die &#8222;Straße des Lebens&#8220; aus dem belagerten Leningrad 1941 &#8211; 1942. Foto: Katja Makhotina.</p></div>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Da bin ich absolut Ihrer Meinung. Vergleichen ist nicht Gleichsetzen. Im alltäglichen nicht wissenschaftlichen Bewusstsein bedeutet es jedoch oft Gleichsetzen. Das ist das Gefährliche. Das hatten wir schon in Zeiten der Totalitarismustheorie durch die sechs Merkmale der totalitären Strukturen, mit denen im Kalten Krieg so gerne gearbeitet wurde. Ein Punkt war, dass Nationalsozialismus und Sowjetunion stalinistischer Prägung totalitäre Staaten sind. Sie wurden so beschrieben, erforscht, erklärt. Dies wurde später durch die Revisionistenschule ad acta gelegt.</em></p>
<p><em>Der entscheidende Punkt ist der, dass es ständig zu Vergleichen kommt, zu Erwartungshaltungen, ob und wie die deutsche Art der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf die sowjetische und post-sowjetische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus angewendet werden kann. Damit meine ich, dass in der deutschen Diskussion eine Haltung formuliert wird: wir haben die Nazi-Zeit aufgearbeitet, wir haben Denkmale für die Opfer aufgestellt, wir waren selbstkritisch, wir haben eine eindeutige juristische Beurteilung dieses Regimes. In Russland wäre das nicht passiert, und damit werden schon die Systeme gleichgestellt, der Stalinismus wäre das Gleiche wie der Nationalsozialismus. Die Russen sollen das Gleiche machen wie wir in Deutschland. Das war lange Zeit auch der Standpunkt von Memorial. Dies prägte sich auf der Ebene der Repräsentation aus, die Frage, warum wir nicht in Russland wie in Deutschland Denkmale und Gedenkstätten wie in Buchenwald und Dachau haben. Das hat sich auch auf die Ebene der Projektion, der Erwartungen an die russische Gesellschaft ausgewirkt, die aber natürlich einen ganz anderen Bezug zur Vergangenheit hat oder haben musste als die deutsche Gesellschaft in Bezug auf die Nazi-Vergangenheit, den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg mit all ihren Auswirkungen auf die transatlantischen Strukturen und die sowjetischen Einflusszonen nach 1945. </em></p>
<p><em>Diese Reflexion fehlt komplett in Russland. Einmal gab es den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“, es gab keine Opfergruppe, die man als Russe vernichtet hatte und die vor der internationalen Gemeinschaft Russland oder die Sowjetunion hätte anklagen können. Die Russen, die Russländer, die russischen Bürger, die man auch als Opfer des Stalinismus sehen kann, haben von sich nicht als Opfer gesprochen. </em></p>
<p><em>Memorial hat viel für die Aufarbeitung gemacht, Quellen offengelegt, Archivforschung betrieben, sehr viele Publikationen veröffentlicht. Was aber Memorial nicht leisten kann: es kann nicht in die Köpfe der Menschen hineingehen, es kann sie nicht dazu bringen, den Stalinismus zu verurteilen. Es kann nicht diese Emotion von Wissen-wollen, von Verurteilen-wollen erzeugen. Und so blieb es in den russischen Köpfen so eine Art Naturkatastrophe. Der Onkel ist verschwunden, er wurde abgeholt, aber dank Stalin hatten wir einen starken Staat, wir hatten ein gutes Leben. Eine solche Diskussion wäre in Deutschland nicht denkbar. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hat sich Memorial mit seiner Botschaft in der russischen Bevölkerung verankern können?</p>
<div id="attachment_1868" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1868" class="wp-image-1868 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-225x300.jpeg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-200x267.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-225x300.jpeg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-400x533.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-600x800.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-768x1024.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-800x1067.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-1152x1536.jpeg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-1200x1600.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-1536x2048.jpeg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.8_Gedenksteine-scaled.jpeg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-1868" class="wp-caption-text">Gedenkstätte in Babij Jar. Diese Gedenkstätte wurde bereits in der Sowjetzeit errichtet. Foto: Katja Makhotina.</p></div>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Die Bevölkerung in Russland ist natürlich auch sehr gespalten, desintegriert. In der Bevölkerung gibt es durchaus ähnliche Diskurse, man müsse sich am deutschen Beispiel orientieren. Der Mehrheit der Russen sind die stalinistischen Verbrechen jedoch gleichgültig. Obwohl viele in der Familie jemanden haben, der gelitten hat oder getötet wurde. Ganz profan formuliert: Menschen glauben zu wissen, dass ihre Familie nicht im Stalinismus gelitten hat. Sie sagen, das war vielleicht übertrieben mit den stalinistischen Repressionen, aber in meiner Familie gab es keine. Dann beschäftigt man sich mit den Biographien und stellt fest, es gab Opfer, es gab einen Abgeholten, aber sie wollen es nicht wissen. Sie haben sich nie damit befasst, weil sie sich nicht dafür interessiert haben. Das fehlende Interesse ist die fehlende Zündung für die Auseinandersetzung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist ein interessanter Unterschied zu Deutschland. In Deutschland ist es inzwischen populär geworden, die eigene Familie oder bei den älteren Menschen sich selbst zu Opfern zu erklären. Diverse Forschungen belegen, dass immer mehr Deutsche – und das geht in mittlere zweistellige Prozentwerte – glauben, ihre Vorfahren wären Opfer gewesen, hätten Widerstand geleistet, hätten Juden versteckt. Keine Täter unter den Deutschen.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Man muss dazu allerdings auch sagen, dass es in den russischen Familien sowohl Täter als auch Opfer gab. Der eine Großvater wurde abgeholt, im Lager erschossen, der andere Großvater war eben ein NKWD-Offizier, der Befragungen von Abgeholten gemacht hat. Oft wissen sie nicht, was er gemacht hat, und wollen es auch gar nicht wissen. Ich denke, natürlich gibt es da Unterschiede, aber die menschliche Psyche ist universell. Man möchte sich nicht als Opfer sehen, nicht als Täter sehen, nicht mit unangenehmen Themen beschäftigen. Schauen wir uns die westeuropäische Situation an. Diejenigen, die diese Themen aufbrachten, das waren oppositionelle Lehrer, das war die linke Bewegung, die den deutschen Staat angeklagt hat, die auch gegenwartskritisch war, die Auseinandersetzung mit Geschichte wollte. In der Sowjetunion gab es keine solche Bewegung, die den Stalinismus anklagen wollte. Es gab Dissidenten, die sich aber auf ihre humanistische Position herauszogen und eigentlich keine Gedenkstätten bauten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland gab es <a href="https://www.piper.de/buecher/fritz-bauer-isbn-978-3-492-30709-3">Fritz Bauer</a> (1903-1968). Er hat den Auschwitzprozess möglich gemacht, er gab den entscheidenden Hinweis zur Enttarnung von Eichmann, die es ohne ihn nicht gegeben hätte. Gegen große Widerstände. Gibt es vergleichbare post-sowjetische Debatten, vielleicht sogar Prozesse?</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Die gab es weder in der Sowjetunion noch in den anderen post-sozialistischen Staaten. Und wo es sie dann gab, wurde sie als Keule benutzt, um Opponenten auszustechen. Jelzin war der große Demokrat der sowjetischen Geschichte. Aber auch er war eine Persönlichkeit der sowjetischen Geschichte. Er wird ja nicht gegen sich selbst ermittelt haben. </em></p>
<p><em>Das einzige Gesetz, das es in Russland zum Stalinismus gab, war das Rehabilitierungsgesetz zur Rehabilitierung der Opfer. Täter wurden nicht bestraft. Insofern gibt es die Erinnerung an den Stalinismus in dieser verkürzten Form, dieser verbogenen Form, in der durchaus an Opfer erinnert wird, aber nicht gesagt wird, welche Täter es gab. Welche Strukturen gab es?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Da gibt es wieder Ähnlichkeiten zu deutschen Diskussionen. Mit der Rehabilitierung von Opfern taten sich die Deutschen immer sehr schwer. Ich denke zum Beispiel an die nach Deutschland verschleppten <a href="https://www.bpb.de/themen/nationalsozialismus-zweiter-weltkrieg/ns-zwangsarbeit/227273/der-lange-weg-zur-entschaedigung">Zwangsarbeiter*innen</a> oder an die <a href="https://www.polendenkmal.de/">Debatte um eine Gedenkstätte an die Leiden, die Deutsche über Polen gebracht haben</a>.</p>
<div id="attachment_1875" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/1_Denkmal_Sandormoch-375x500-1.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1875" class="wp-image-1875 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/1_Denkmal_Sandormoch-375x500-1-225x300.jpeg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/1_Denkmal_Sandormoch-375x500-1-200x267.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/1_Denkmal_Sandormoch-375x500-1-225x300.jpeg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/1_Denkmal_Sandormoch-375x500-1.jpeg 375w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-1875" class="wp-caption-text">Denkmal &#8222;Menschen töten einander nicht&#8220; in Sandormoch. Es wurde auf Initiative Juri Dmitriews errichtet. Foto: Archiv Juri Dmitriew.</p></div>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Es ist die Frage, wer waren diese Menschen? Das ist die Frage von </em><a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-09/juri-dmitrijew-menschenrechtler-haftstrafe-russland-karelien-oberstes-gericht"><em>Juri Dmitriew</em></a><em>, der versucht hat, die Namen der Täter zu veröffentlichen. Er ist das Paradebeispiel. Juri Dmitriew ist Mitarbeiter von Memorial, Lokalhistoriker. <a href="https://erinnerung.hypotheses.org/1331">Er war der erste, der die geheimen Friedhöfe des NKWD am Weißmeerkanal finden konnte</a>. </em><em>Er hat die Gräber ausgehoben, die Leichen exhumiert, geforscht. </em><em>Er hat die Gräber ausgehoben, die Leichen exhumiert, geforscht. Er wollte nicht nur die Namen der Opfer publizieren, sondern auch Täterlisten. Dafür würde man in Deutschland eine ganze Forschungsinstitution beauftragen. Er macht alleine das, was man hier mit zehn Historiker*innen und sonstigen Projektstellen machen konnte. Daran können sie schon das Ausmaß vorstellen. Er wurde vor fünf Jahren vor Gericht gestellt. Ihm wurde in einer fingierten Anklage Pädophilie vorgeworfen. Das ist ein Totschlagargument in solchen Fällen, bei dem sich sogar Liberale bei der Verteidigung zurückhalten. Er wurde verurteilt und wird wohl bis an sein Lebensende in einem russischen Lager bleiben.</em></p>
<h3><strong>Mononationale Perspektiven</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn wir uns den gesamten post-sowjetischen Raum anschauen, interessiert mich, ob es Gemeinsamkeiten in der Praxis der Erinnerung an die Vergangenheit gibt.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Wenn man versucht, das zusammenzusehen, gibt es eine Dimension, die für alle diese Staaten gilt. Aus multinationalen Staaten wurden durch die deutsche Besatzung und die sowjetische Politik nationale Staaten. Die Geschichten dieser Gewalterfahrungen unter den Nazis und den Sowjets werden aus einer mononationalen Perspektive erzählt. Der multiplen Geschichte der verschiedenen Ethnien, auch der Juden, wird nicht sehr viel Platz zugemessen. Das ist eine Generallinie. Je nachdem, wo wir uns bewegen, müssen wir natürlich differenziert schauen, in welchem Verhältnis, in welchem Maße die jüdische Bevölkerung Repressionen ausgesetzt war. Das unterscheidet sich je nach Nationalstaat. Das Konzept, eigene Geschichte als Geschichte der Gewalt zu erzählen, bleibt jedoch gleich. Sie wird als Geschichte eines nationalen Traumas erzählt und nicht als Geschichte eines Traumas, das auch andere Ethnien betrifft, bei denen man nicht selbst Opfer war, allenfalls als By-Stander, Augen- und Ohrenzeuge oder sogar selbst als Täter. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben viel über Litauen geforscht. In dem Buch „Offene Wunden Osteuropas“ beeindruckte mich das Kapitel über das Wilner Ghetto. Sie beschreiben, wie stark in Litauen pro-deutsche Einstellungen aus anti-sowjetischen und später anti-russischen Einstellungen abgeleitet werden. Mich bestürzt, wie lange sich auch eine anti-jüdische Einstellung hält, weil Juden mit den sowjetischen Besatzern identifiziert wurden, sodass litauische Gruppen, beispielsweise die sogenannten <em>„Weißbändler“</em> die Deutschen bei der Ermordung der Juden so intensiv unterstützten. Im III. Reich wurden Juden als Drahtzieher des Bolschewismus, in der Sowjetunion als Agenten Hitlers verdächtigt. Und in den besetzten Staaten gab es je nach Besatzern vergleichbare Zuschreibungen.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Bis Februar 2022 hat es sicherlich nachgewirkt und man konnte es auch sehen. Ich denke, dass jetzt die Stimmen solcher Art in Litauen weniger Forum bekommen, weil man dann sozusagen über einen litauischen Nationalismus abwertend spräche und damit Putin etwas Gutes täte. Als ich mein Buch über Litauen publiziert habe, gab es auch eine Diskussion über nützliche Idioten. Gemeint waren Historikerinnen und Historiker, die etwas Problematisches in der nationalen Erinnerungskultur herausfinden, beispielsweise die Heroisierung von Bandera oder von antisemitischen Partisanen. Wenn man dann diese Figuren mit einer zweifelhaften Reputation kritisierte, wurde man als nützliche Idioten, als Putin-Agenten, als russische Agenten bezeichnet. Das ging nicht nur Historikerinnen wie mir so, die einen russischen Nachnamen haben, sondern auch polnischen, deutschen. Es gibt schon ein ganzes Dossier von solchen Geschichten. Vielleicht kann es in 20 Jahren interessant werden, darüber zu forschen. Es ist eine so einfache Strategie, jemanden als russischen Agenten zu bezeichnen. Dann braucht man keine Argumente mehr, um sich mit jemandem auseinanderzusetzen. Eine Art Post-Politik, man schaut nicht auf Inhalte, sondern kategorisiert in Schubladen, und schließt jemanden aus der Diskussion aus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Geht in die andere Richtung ja genauso, alles westliche Agenten.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Das ist nicht nur in Russland so. Wir müssen uns da nichts vormachen. Auch in unserer Demokratie gibt es solche Techniken, um unliebsame Meinungen loszuwerden. Man diffamiert, stigmatisiert, behauptet, dass das, was da gesagt wird, mit der eigenen Nation nichts zu tun hätte. Alles ausländische Agenten. So geht es auch meiner Wenigkeit. Ich gelte in Russland als deutsche hirngewaschene Agentin und stehe auf der gleichen Seite wie Hitler. In Deutschland werde ich von Nationalisten jeglicher Couleur als Putin-Agentin diffamiert. </em></p>
<h3><strong>Die traurige Erosion des Friedensbegriffs</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen eben von Veränderungen nach dem 24. Februar. Woran machen Sie diese Einschätzung fest? Wie massiv sind diese Veränderungen? Ich nenne ein Beispiel. Das vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt herausgegebene <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/publikationen/einzelveroeffentlichungen/mit-einer-stimme-deutsche-und-polen-ueber-den-russischen-angriff-auf-die-ukraine/">Deutsch-Polnische Barometer</a> zeigte in einer Sonderuntersuchung nach dem 24. Februar 2022 eine deutliche Veränderung auf der Seite der Deutschen. Deren Einschätzung einer politischen, wirtschaftlichen oder militärischen Bedrohung durch Russland hatte sich den polnischen Werten angeglichen. Offenbar nahm man auch die polnischen Befürchtungen jetzt ernst, nachdem man sie lange nicht ernst genommen hatte. Ob sich das in den nächsten regulären Untersuchungen bestätigen wird, müssen wir abwarten. Die nächste Untersuchung wird im Sommer 2022 veröffentlicht. Es hängt sicherlich auch vom weiteren Kriegsverlauf ab. Was ändert sich? Wir können gerne beim Beispiel Litauen bleiben.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob sich etwas ändert oder ob eine Furcht, das Gefühl, bedroht zu werden, das ohnehin schon da war, sich verstärkt. Es gibt nun auch reale Gründe, Angst zu haben, vielleicht nicht aus der Geschichte heraus als aus der Gegenwart begründet. Wir sehen seit etwa 2012, wie unberechenbar und aggressiv Russland wirkt. Was sich jedoch in Deutschland stark ändert, konnten wir am Wochenende bei den Ostermärschen sehen. Es ist heute schwierig, für Frieden zu werben. Frieden wird zu einem seltsam aufgeladenen Begriff. </em></p>
<div id="attachment_1871" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1871" class="wp-image-1871 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-300x224.jpeg" alt="" width="300" height="224" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-200x149.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-300x224.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-400x299.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-600x448.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-768x574.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-800x598.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-1024x765.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-1200x896.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.AusgebranntesHaus-1536x1147.jpeg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1871" class="wp-caption-text">Musealisierte Gedenklandschaft an die Schlacht in Stalingrad, im Hintergrund das Panorama-Museum Wolgograd. Foto: Katja Makhotina.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke, es spielt schon eine Rolle, dass die Deutschen die berechtigten Ängste in Polen und in den baltischen Staaten nicht ernst genommen haben. Ansonsten sind kontrafaktische Annahmen Spekulation. Putins Agenda war eigentlich schon lange klar. Ich lese zurzeit das Buch von <a href="https://www.theguardian.com/books/2020/apr/12/putins-people-by-catherine-belton-review-relentless-and-convincing">Catherine Belton „Putin’s People“</a> (London, HarperCollins, 2020), das eigentlich sehr genau zeigt, was seine Agenda und die seiner KGB-Freunde von Anfang an war. Ich weiß gar nicht, wie der Autorin diese Recherche gelungen ist. Das ist Investigativjournalismus höchster Qualität. Von den nachweisbaren Visionen Putins der Wiederherstellung eines von ihm geführten russischen Weltreichs, in einer Mischung von Zarenreich und Sowjetunion, wollte in Deutschland und auch anderswo niemand hören. Wo waren schon Georgien oder die Ukraine? Weit weg. Bis zum 24. Februar 2022.</p>
<p>Meines Erachtens wird der Friedensbegriff zurzeit von unterschiedlichen Seiten instrumentalisiert und verbogen. Ich las jetzt in einer wohlmeinenden Zeitschrift den Vorschlag, die USA möge mit Russland verhandeln, die russischen Interessen in der Ukraine anerkennen und im Gegenzug möge Russland die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen. Das wäre ein weiterer Rückfall in eine Zeit, in der sogenannte Großmächte über die anderen entscheiden und sozusagen die Welt unter sich aufteilen. Irgendwie ähnelt das Ganze einer K-O-Situation. Aber wer hat eine Lösung? Wer wäre in der Lage, eine tatsächlich wirksame Friedensinitiative zu schaffen? Wer könnte es schaffen, Putin zu überzeugen, dass er sich mit seinem Kurs selbst schadet? Ich sehe niemanden.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Ich auch nicht. Es geht aber auch nicht, dass hochrangige Politiker Teilnehmern der Ostermärsche vorwerfen, sie würden den Opfern von Butscha ins Gesicht spucken.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben recht, das geht gar nicht. Auch wenn ich nicht mit allen Schildern, die auf den Ostermärschen gezeigt werden, einverstanden bin, denke ich, das muss eine Demokratie zulassen. Und solche Äußerungen wie die von Ihnen zitierte sind einer Demokratie nicht würdig. Das ist Diffamierung. Wenn das einreißt, verhalten wir uns selbst wie ein autoritärer oder totalitärer Staat.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Mir kommt es so vor, zumindest in der deutschen Diskussion, dass es jetzt darum geht, einander zu beschimpfen und anzuprangern, einen Schuldigen festzustellen. In diesen erhitzten Debatten vermisse ich den eigentlichen Schuldigen, und das ist Putin. Das hört sich so an, als trüge Putin keine Schuld, wohl aber verschiedene deutsche Politiker. Es geht nicht darum, Menschen persönlich anzugreifen. Das ist eine Praxis, die ich aus meinen Studien über die Klostergefängnisse kenne. Da wurden Menschen auf dem Marktplatz öffentlich an den Pranger gestellt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Vergleich gefällt mir.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Wir sehen immer nur die aufgeladenen Plakate, auch Positionen, die schräg sind. Aber die meisten, die auf den Friedensmärschen mitlaufen, haben keine Schilder, wir wissen gar nicht, was sie konkret denken. Es wäre mal interessant, eine soziologische Studie über die Motive und Positionen der Teilnehmer an Friedensmärschen zu machen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht auch im Zeitvergleich.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Auch durch die Medien haben wir eine verzerrte Wahrnehmung, denn dort werden vor allem die schrägen Plakate gezeigt. Das habe ich in meinen Forschungen zu den Praktiken zum 9. Mai in Russland, in Litauen, in Deutschland festgestellt. Man fällt selbst auf die plakative Message, auf verstörende Bilder herein und glaubt sich ein Bild machen zu können. Sobald man beginnt, mit den Menschen zu sprechen, ergibt sich ein ganz anderes Bild, eine eigene Dynamik, und diejenigen, die da mitmarschieren, haben nichts damit zu tun, was Provokateure, welcher Couleur auch immer, in den Vordergrund schieben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong><em>: </em>Was haben Sie bei Ihren Forschungen zum 9. Mai konkret festgestellt?</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Wir haben konkret festgestellt, dass man diese feierliche Menge nicht als Putinisten diffamieren darf. Sie sind oft auch in Opposition zu Putin, sehen sich aber in der Pflicht, an ihre Großeltern, die im Krieg gelitten haben, zu erinnern. Das waren natürlich</em> <em>Forschungen</em> <em>aus den Jahren 2014 und 2015. Seitdem hat sich einiges verändert. Es geht vielen Menschen um ihre eigentlichen Familien, nicht um die Verkündung patriotischer Botschaften.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir bei dem Thema der Instrumentalisierung von Familiengeschichten durch Leute, die ihre politische Agenda durchsetzen wollen. Das ist das Gefährliche an Erinnerungskultur.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Geschichtspolitik ist ein Teil von Erinnerungskultur. Das ist in Deutschland nicht so stark ausgeprägt wie in anderen Staaten. Sie hat eine andere Funktion in Deutschland.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Meines Erachtens hat die deutsche Erinnerungskultur auch viel Entlastungsfunktion. Gerade an bestimmten Gedenktagen, am 27. Januar oder am 9. November. Das Leid der Opfer, das Trauma der Kinder und der Enkel*innen der Opfer, das interessiert weniger. Geschichtspolitik ist natürlich auch ein Aspekt der Debatte um die Totalitarismustheorie, in der meines Erachtens alles miteinander vermengt wird. Die Motive Stalins und Hitlers unterschieden sich deutlich. Stalin ließ bei all seinen Verbrechen kein Volk vernichten. Es gibt keine sowjetische Shoah. Ich habe den Eindruck, dass Hannah Arendt (1906-1975) und ihre Analysen totalitärer Herrschaft instrumentalisiert wurden, gerade in Deutschland, um den deutschen Vernichtungskrieg und die Shoah zu relativieren und den Sowjetkommunismus und die DDR als den eigentlichen Gegner zu identifizieren.</p>
<p><strong>Katja Makhotina</strong>: <em>Ich bin ein großer Bewunderer von Hannah Arendt und ihrer Philosophie. Ich habe neulich über das Unrecht nachgedacht, das ihr mit dem Buch </em><a href="ttps://www.piper.de/hannah-arendt-und-die-banalitaet-das-boesen"><em>„Die Banalität des Bösen“</em></a><em> widerfuhr. Sie sagte, das waren ganz normale Menschen, keine aus dem Weltall gelandete Monster, die diese Verbrechen verübten. Ich sehe das jetzt auch in meinem russischen Umfeld, wie schnell diese Krankheit von Faschismus, verbrecherischer Ideologie, auf der anderen Seite auch Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit sich verbreiten können. Es ist kein deutsches, kein Nazi-Phänomen, es ist ein universell-menschliches Phänomen. Jetzt sind es Russen, die das nicht wissen wollen, die versuchen, die Verbrechen zu rechtfertigen. Ich sehe hier wieder, wie recht Hannah Arendt hatte.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2022, alle Zugriffe im Internet zuletzt am 2. Mai 2022. Alle Bilder wurden mir von Katja Makhotina zur Verfügung gestellt. Es handelt sich um Fotos, die sie bei den Reisen gemacht hatte, die sie in „Offene Wunden Osteuropas“ dokumentieren. Verwendung ist nur mit ihrer Genehmigung möglich. Zu einem Datum folgende Ergänzung: Katja Makhotina spricht vom 9. Mai als Tag der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. In Deutschland gilt der 8. Mai als Tag des Kriegsendes. In Moskau war wegen der Zeitverschiebung jedoch schon der 9. Mai angebrochen. Das Titelbild ist ein Ausschnitt aus dem Bild &#8222;Submissive Chain Swallowing&#8220; der Petersburger Künstlerin Arina Nâberezhneva. Es wurde mir von Katja Makhotina zur Verfügung gestellt. Jede Verwendung ist nur mit ihrer Genehmigung möglich.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gewaltgeschichten-gefuehle-geschichtspolitik/">Gewaltgeschichte(n), Gefühle, Geschichtspolitik</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>&#8222;Sternenstaub im Wind&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 Apr 2022 03:45:58 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=1838</guid>

					<description><![CDATA[<p>„Sternenstaub im Wind“ Mit Franziska Davies und Katja Makhotina in Osteuropa „In diesem Europa, in dem die möglichst große Selbstständigkeit der Nationen das oberste Prinzip der Friedensschlüsse, Gebietsteilungen und Staatengründungen war, hätte es den europäischen und amerikanischen Kennern der Geographie nicht passieren dürfen, dass ein großes Volk von 30 Millionen in mehrere nationale Minderheiten  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind/">&#8222;Sternenstaub im Wind&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>„Sternenstaub im Wind“</strong></h1>
<h2><strong>Mit Franziska Davies und Katja Makhotina in Osteuropa</strong></h2>
<p><em>„In diesem Europa, in dem die möglichst große Selbstständigkeit der Nationen das oberste Prinzip der Friedensschlüsse, Gebietsteilungen und Staatengründungen war, hätte es den europäischen und amerikanischen Kennern der Geographie nicht passieren dürfen, dass ein großes Volk von 30 Millionen in mehrere nationale Minderheiten zerschlagen, in verschiedenen Staaten weiterlebe. Zwingt man sich (wider sein besseres Wissen) zu jener naiven Anschauung, dass die Nationen in Europa in säuberlich voneinander getrennten Gebieten leben, wie auf Schachbrettern, so ist nicht einzusehen, weshalb man ein großes Volk einfach vergaß und weshalb man das Gebiet, auf dem es lebt, nicht zusammenzuschließen versuchte, sondern neuerlich aufteilte. Die Ukrainer, die in Russland, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Rumänien vorhanden sind, verdienten gewiss einen eigenen Staat, wie jedes ihrer Wirtsvölker. Aber sie kommen in den Lehrbüchern, aus denen die Weltaufteiler ihre Kenntnisse beziehen, weniger ausführlich vor als in der Natur – und das ist ihr Verhängnis.“ </em>(zitiert nach: Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland, hrsg. von Jan Bürger, München, C.H. Beck, 2015)</p>
<p>Joseph Roth (1894-1939) schrieb diese Sätze im sechsten von acht Briefen, die die Frankfurter Zeitung veröffentlichte. Das Datum: 12. August 1928. Joseph Roth wurde in der galizischen Stadt Brody geboren. Brody ist im Jahr 2022 eine Stadt in der Ukraine, es liegt etwa 90 Kilometer nordöstlich von Lwiw. Im Jahr 1084 wurde es zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt, es gehörte damals zur Kiewer Rus. 1918 wurde die Stadt Teil der Westukrainischen Volksrepublik, sie wurde 1919 von Polen besetzt und war zur Zeit der Geburt Joseph Roths Teil der k. u. k. Monarchie. Brody war auch eine jüdische Stadt. In der Shoah vernichteten die Deutschen die jüdische Bevölkerung Brodys. Brody war in dieser Zeit Teil des sogenannten Generalgouvernements. Im Juli und im August 1944 vernichteten die Deutschen fast die gesamte Stadt. Nach 1945 wurde die Stadt der Sowjetunion zugeschlagen, sie wurde Teil der Ukrainischen SSR. Am 24. Februar 2022 wurde Brody von Putins Raketen getroffen.</p>
<h3><strong>Überleben in der Erinnerung?</strong></h3>
<p>Nicht die Pässe oder Staatsangehörigkeiten, die die Menschen der ost- und südosteuropäischen Länder im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte ständig wechselten, prägen ihre Identität. Obwohl wir annehmen dürfen, dass Groß- und Urgroßeltern der heutigen Bewohner*innen von Städten und Dörfern der Ukraine in anderen Regionen aufwuchsen, vermischen sich die Erinnerungen. Es gibt nicht nur individuelles, in gewissem Maße auch ein kollektives Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl. Wer sich in die Geschichte eines dieser Orte vertieft, wird sehr schnell vermerken, wie falsch die geschichtsrevisionistische Vision Putins ist, mit der er am 22. Februar 2022 – wie auch in früheren Reden und Aufsätzen, die jedoch niemand ernst nahm – vor der Weltöffentlichkeit seinen Anspruch auf die Ukraine und offensichtlich nicht nur auf diese begründete. Am 22. April 2022 war in den deutschen Medien eine Karte zu sehen, die seinen Anspruch auf die gesamte Schwarzmeerkünste dokumentierte, einschließlich ihres moldawischen Teils. Daraus ließen sich auch für Putins Vorstellung einer Neuordnung der Ostseeküste zwischen St. Petersburg und Kaliningrad Schlüsse ziehen.</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover.jpg"><img decoding="async" class="alignleft wp-image-1842 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover-216x300.jpg" alt="" width="216" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover-200x278.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover-216x300.jpg 216w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover-400x556.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Cover.jpg 432w" sizes="(max-width: 216px) 100vw, 216px" /></a>Die Shoah scheint in dem von Putin begonnenen Krieg keine Rolle zu spielen und dennoch ist sie in der gesamten Region präsent. Einer der Tage, an denen der ermordeten europäischen Jüdinnen und Juden gedacht wird, ist der Jom HaShoah. Er datierte im Jahr 2022 nach dem in Europa gängigen Kalender im Jahr 2022 auf den 28. April. Und an diesem 28. April 2022 stellten <a href="https://www.gose.geschichte.uni-muenchen.de/personen/wiss_mitarbeiter/davies/index.html">Franziska Davies</a> und <a href="https://www.osteuropa.uni-bonn.de/mitarbeiter/dr.-katja-makhotina">Katja Makhotina</a> im <a href="https://www.ns-dokuzentrum-muenchen.de/home/">NS-Dokumentationszentrum München</a> ihr Buch „Offene Wunden Osteuropas – Reisen zu Erinnerungsorten des Zweiten Weltkriegs“ vor. Das Buch erschien in Darmstadt bei wbg Theiss. Es enthält neun Berichte über Reisen nach Warschau, Lwiw, Babyn Jar, Minsk und Malyj Trostenez, Stalingrad, Leningrad, Wilna / Vilnius, die drei Dörfer Chatyn (nicht zu verwechseln mit Katyn), Pirćiupiś und Korjukiwka, Bełźec und Majdanek. Im Kapitel über die <em>„Gewaltgeschichte Lwiws“</em> wird auch der von mir verehrte Joseph Roth als Zeuge des jüdischen und habsburgischen Erbes der Stadt genannt.</p>
<div id="attachment_1855" style="width: 277px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1855" class="wp-image-1855 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Katja_Makhotina.jpg" alt="" width="267" height="285" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Katja_Makhotina-200x213.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Katja_Makhotina.jpg 267w" sizes="(max-width: 267px) 100vw, 267px" /><p id="caption-attachment-1855" class="wp-caption-text">Katja Makhotina</p></div>
<p>Die Autorinnen verwenden durchweg die jeweils ortsübliche Schreibweise der besuchten Orte, die ich deshalb auch hier verwende. Dies ist keine Missachtung der in diesen Orten lebenden russischsprachigen Menschen, aber wohl vor allem im Fall der am 24. Februar 2022 von Putins Russland überfallenen Ukraine eine Ehrerbietung. Viele der dort lebenden Menschen wuchsen in ihren Familien mit der russischen Sprache auf. Auch sie fühlen sich als Ukrainer*innen. Putin hat es geschafft, in der Ukraine ein Nationalgefühl zu stabilisieren, das in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder in Frage gestellt wurde, wie Parteienspektrum und Wahlergebnisse belegen. Dies ist vorbei. Ihre Heimat heißt Ukraine. Das Buch ist <em>„den Menschen in der Ukraine“</em> gewidmet.</p>
<div id="attachment_1856" style="width: 277px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1856" class="wp-image-1856 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Franziska-_Davies.jpg" alt="" width="267" height="285" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Franziska-_Davies-200x213.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Autorin.Franziska-_Davies.jpg 267w" sizes="(max-width: 267px) 100vw, 267px" /><p id="caption-attachment-1856" class="wp-caption-text">Franziska Davies</p></div>
<p>Eine andere galizische Stadt, auf die ich verweisen möchte, obwohl sie für das Buch nicht bereist wurde, ist Tscherniwzi, in Deutschland bekannt als Czernowitz. Diese Stadt hatte eine ähnlich wechselvolle Geschichte wie Brody. Zvi Yavetz (1925-2013) schrieb in seinen „Erinnerungen an Czernowitz“ (München, C.H. Beck, 2007) einen Satz, der für viele Städte Osteuropas lange Zeit gegolten haben dürfte: <em>„Czernowitz war eine Stadt voller Minderheiten; keine von ihnen war dominant, doch alle fühlten sich irgendwie benachteiligt.“</em> Heute liegt auch Czernowitz / Tscherniwzi in der Westukraine. Sie zeigt – so der Untertitel des Buches von Zvi Yavetz – <em>„Wie Menschen und Bücher lebten“</em>. Sie ist die Stadt, in der viele Poet*innen aufwuchsen, ich erlaube mir eine subjektive Auswahl: Lajser Ajchenrand (1911-1985), Aharon Appelfeld (1932-2018), Rose Ausländer (1901-1988), Paul Celan (1920-1970), Karl Emil Franzos (1848-1904), Itzik Manger (1901-1969), Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942), Moshe Rosenkranz (1904-2003), Eliezer Steinbarg (1880-1932). Sie schrieben in allen Sprachen, die in Tscherniwzi / Czernowitz gesprochen wurden. Die multikulturelle Welt der ost- und südosteuropäischen Städte ist untergegangen. Deutsche und sowjetische Besatzungen besorgten eine Monokulturalisierung dieser Welt im Zeichen des Unworts der „ethnischen Säuberung“.</p>
<div id="attachment_1841" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar2.Menora-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1841" class="wp-image-1841 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar2.Menora-scaled-e1651569587359-300x182.jpeg" alt="" width="300" height="182" /></a><p id="caption-attachment-1841" class="wp-caption-text">Denkmal an die jüdischen Opfer der Massenerschießung in Babyn Jar, aufgestellt am 29. September 1991. © Katja Makhotina</p></div>
<p>In der Literatur überleben Vielfalt und Schmerz. Wer die Erzählungen, Gedichte und Lieder der genannten und anderer hier nicht genannter Autor*innen der Region liest oder hört, ahnt vielleicht, welche Schwere Erinnerung haben mag, gerade in Osteuropa. Leitmotive Lajser Ajchenrands sind <em>„Asche“</em>, <em>„Schatten“</em>, <em>„Dunkelheit“, </em>er schreibt über die Auflösung alles Körperlichen, durchaus vergleichbar mit dem Bild vom <em>„Grab in den Wolken“</em> in Paul Celans „Todesfuge“. Ich zitiere die dritte Strophe eines Gedichts von Lajser Ajchenrand im jiddischen Original:</p>
<p><em>„di more-schchojre efnt izt ale ssam’ike wundn<br />
un brent asoj schwer un blind;<br />
si krizt ajn in di farleschndike ojgn<br />
di ssimoninm fun schtrof un sind.“</em></p>
<p>Die deutsche Übersetzung: <em>„Schwermut öffnet jetzt alle giftigen Wunden / Und brennt so schwer und blind; / Sie ritzt in die verlöschenden Augen / Die Male von Strafe und Sünd.“ </em>(zitiert nach der zweisprachigen Ausgabe von Hubert Witt, die 2006 bei Ammann in Zürich erschien).</p>
<p>Das Motto des von Hubert Witt herausgegebenen Bandes illustriert meines Erachtens angemessen den Tenor des Buches von Franziska Davies und Katja Makhotina: <em>„…un gib got / as wen undsere merder / weln in sich arajnkukn / sol sej onchapn a grojl / far sich alejn.“</em> (deutsch: <em>„… und gebe Gott: / Wenn unsre Mörder in sich hineinsehn, / Soll es ihnen vor sich selber / Grauen.“</em>) Sie schreiben von den Opfern, sie schreiben von den Mördern, sie schreiben darüber, wie Menschen sich heute an sie erinnern. Kann es eine Strafe für die Zerstörer dieser Welt des Ostens geben? Oder sollten die Namen der Täter*innen, all dieser Widergänger*innen Amaleks, ausgelöscht werden, yimakh shemo ve zikhro? Der fiktive Prozess gegen den Vorsitzenden des Judenrats des Ghettos von Ƚódź, Adam Czernaków, Thema des Romans „Fliegenfängerfabrik“ von Andrzej Bart, endet mit dem Urteil: <em>„Möge unsere Strafe sein, dass man ihn ewiglich als den in Erinnerung behält, der er war!“ </em>Ich zitiere diesen Satz aus der Dissertation von Lena F. Schraml mit dem Titel „Kollektives Gedächtnis und literarische Erinnerungskultur“ (Berlin, Frank &amp; Timme, 2022), über die ich in dem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/denkmal-der-unbekannten/">„Denkmal der Unbekannten“</a> schrieb, den ich gleichzeitig mit dem Essay, den Sie gerade lesen, veröffentlichte. Lena F. Schraml fragt, vielleicht als Quintessenz nicht nur des Romans von Andrzej Bart zu verstehen: <em>„Ist am Ende der Leser selbst der Richter?“</em></p>
<h3><strong>Die „Bloodlands“ – 1941 und 2022</strong></h3>
<p>Franziska Davies und Katja Makhotina richten nicht. Ihre Reiseberichte sind Beweisaufnahmen. Sie sorgen dafür, dass die Menschen Osteuropas als die erinnert werden, die sie waren und sind. Sie berichten von ihren Reisen in das heutige Polen, die Ukraine, Belarus und Litauen, Reisen in Länder, die Timothy Snyder als „Bloodlands“ bezeichnete, Regionen des Terrors von Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus. An einer Stelle zitieren sie Joan Didion (1934-2021) mit dem Motto von „The White Album“: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/empathische-distanz/"><em>„Wir erzählen uns selbst Geschichten, um zu leben“</em></a>. Kein Name soll ausgelöscht werden. Die Opfer leben in unseren Erinnerungen, die Namen der Täter*innen mögen uns mahnen.</p>
<div id="attachment_1843" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1843" class="wp-image-1843 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6-300x225.jpeg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6-200x150.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6-300x225.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6-400x300.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6-600x450.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6-768x576.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6-800x600.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec6.jpeg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1843" class="wp-caption-text">Bełźec, Massengräber mit schwarzen Steinen, Erinnerungslandschaft eröffnet im Jahr 2004. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Zentral in allen Reisen ist die Shoah, die zwar – darauf weisen die Autorinnen zu Recht hin – in „Bloodlands“ nicht im Mittelpunkt steht, wohl aber in Timothy Snyders „Black Earth“. Ich empfehle, beide Bücher im Zusammenhang zu lesen. Die Shoah, das waren nicht nur die Vernichtungslager, das waren auch die zahlreichen Erschießungsstätten, an denen Wehrmacht und SS, mitunter unter Mithilfe einheimischer Hilfstruppen, beispielsweise in den heutigen baltischen Staaten oder in der Ukraine, Menschen erschossen, nur weil sie Jüdinnen und Juden waren. Die Mörder mordeten nicht nur Jüdinnen und Juden, sie mordeten wahllos Menschen, die ihnen im Wege standen, deren Leben sie als unwert erachteten. Sie vernichteten die Bevölkerung ganzer Dörfer, so beispielsweise Chatyn, Pirćiupiś und Karjukiwka.</p>
<p>Das Buch beginnt mit einer einfachen Frage: <em>„Wozu erinnern?“</em> Die Antwort bezieht sich auf die Bombardierungen von Kyiv durch die Deutschen in den Tagen zwischen den 19. und 26. September 1941 sowie die am 24. Februar 2022 mit russischen Raketen. Die im Jahr 1941 für das Bombardement verantwortliche 6. Armee war auch für die Ermordung von 33.771 Jüdinnen und Juden in Babyn Jar am 29. und 30. September 1941 verantwortlich. Babyn Jar wurde am 1. März 2022 von einer russischen Rakete getroffen. Dieser historische Bogen bestimmt den Duktus des gesamten Buches. Franziska Davies und Katja Makhotina schreiben in ihrer Einleitung, dass sie das Manuskript nach dem 24. Februar 2022 überarbeitet haben. Einleitung und Epilog beziehen sich auf den russischen Überfall. Sie vergleichen die Jahre 1941 und 2022 jedoch nicht. Dies wäre auch unangemessen. Im „Großen Vaterländischen Krieg“ starben russische, ukrainische, belarussische, kasachische Soldaten, Soldaten aus allen Teilen der damaligen Sowjetunion, es starben eine Unzahl von Zivilist*innen, es starben über 27 Millionen Bürger*innen der damaligen Sowjetunion.</p>
<p>Aber: <em>„Dieser Krieg wird auch für Russland eine Zeitenwende, oder ist es schon.“</em> Die beiden Autorinnen beschreiben den <em>„Repressionsapparat“</em>, den Putin schrittweise aufgebaut hatte und ausbaut (wer sich genauer informieren möchte, lese Catherine Belton „Putin’s People“, London, HarperCollins, 2020, ein Buch des Investigativjournalismus höchster Qualität, das nicht nur im Titel an „Smiley’s People“ von John Le Carré denken lässt). Sie beschreiben die seit 2013 / 2014 betriebene <em>„anti-ukrainische Propaganda“</em>. Die Missachtung der eigenen sowjetischen beziehungsweise russischen, ukrainischen, belarussischen Geschichte lässt sich auch daran ablesen, dass in St. Petersburg eine Überlebende der deutschen Blockade Leningrads wegen ihres Protests gegen den <em>„Krieg“</em>, der in Russland als solcher bezeichnet werden darf, verhaftet wurde. Putin hat einen im post-sowjetischen Raum lange geltenden Konsens zerstört: <em>„Für manche Ukrainerinnen und Ukrainer war der sowjetische Sieg gegen den deutschen Faschismus eine Verbindung zu Russland. Der gemeinsame Mythos des ‚Großen Vaterländischen Krieges‘ dürfte nun der Vergangenheit angehören.“</em></p>
<div id="attachment_1862" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1862" class="wp-image-1862 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer-300x199.jpeg" alt="" width="300" height="199" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer-200x133.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer-300x199.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer-400x265.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer-600x398.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer-768x509.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer-800x530.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer-1024x678.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Chatyn.NamenderDoerfer.jpeg 1200w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1862" class="wp-caption-text">Chatyn (Belarus), Die Namen der vernichteten Dörfer. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Die Welt hat sich verändert: <em>„Hätte man einem Juden im damaligen polnischen Lwów in den 1930er Jahren gesagt, dass ein Jude zum Nationalheld und Anführer der Ukraine werden würde, er hätte es vermutlich nicht geglaubt. Und hätte man einem Ukrainer zu derselben Zeit gesagt, dass in einem europäischen Krieg niemand der Ukraine so entschlossen zur Seite stehen würde wie Polen, er hätte es ebenso wenig geglaubt.“</em> Berechtigt ist aber auch die folgende Frage: <em>„Hätte eine stärkere Sensibilisierung in Deutschland für ostmitteleuropäische Perspektiven auf den Krieg vielleicht dazu beigetragen, die Position der Ukraine in den letzten Jahren besser zu verstehen?“ </em>Franziska Davies und Katja Makhotina schlagen folgende Antwort vor <em>„Während für die Deutschen der Holocaust, die Ermordung des europäischen Judentums, Fluchtpunkt der Erinnerung ist, ist es für viele Länder in Ostmitteleuropa die Erfahrung der doppelten Besatzung und das eigene Leiden unter der deutschen Besatzung.“ </em>Damit stellen die beiden Autorinnen antisemitische Stimmungen und Taten in den Ländern des sowjetischen und post-sowjetischen Raums nicht in Frage, schon gar nicht die Singularität der Shoah, im Gegenteil, deutlich benennen sie das Ziel ihres Buches, das in deutscher Sprache und für ein deutsches Publikum geschrieben worden ist: Erinnerung hat viele Gesichter und sie sollen alle zu ihrem Recht kommen, ein Gesamtbild ergibt sich jedoch erst, wenn all diese Erinnerungen im Kontext verstanden werden.</p>
<h3><strong>Mythen, Legenden, Voids</strong></h3>
<p>Die Autorinnen zitieren diverse literarische Texte, die sich mit Erinnerung, mit Geschichte auseinandersetzen, ich nenne eine Auswahl: Ales Adamowitsch (1927-1994), Swetlana Alexijewitsch (*1948), Wassili Grossman (1905-1964), Katja Petrowskaja (*1970), Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), Natascha Wodin (*1945). Literatur verdichtet, Literatur dokumentiert, Literatur kann eine Form von Empathie schaffen, die Dokumente nicht vermögen zu schaffen. Zur Literatur gehören auch die vielen Biographien, Autobiographien, Tagebücher, in denen im Schicksal eines Menschen sich eine Welt verdichtet. Auch die Rezeptionsgeschichte ist von Bedeutung. Ein Beispiel ist das von Wassili Grossman gemeinsam mit Ilja Ehrenburg veröffentlichte „Schwarzbuch“, das in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden durfte, weil es nicht <em>„dem sowjetischen Mythos“</em> entsprach, <em>„dass die gesamte Bevölkerung dem deutschen Feind geschlossen Widerstand geleistet hätte“</em>, sondern auch die Kollaboration thematisiert.</p>
<p><a href="https://plus.tagesspiegel.de/kultur/die-rolle-der-kultur-in-kriegszeiten-heilsame-kunst-kann-grausam-sein-458406.html">Sasha Marianna Salzmann (*1985) hat dies in einem Interview mit Nadine Lange im Tagesspiegel vom 19. April 2022 so formuliert</a>: <em>„Ich glaube, es gibt eine große Spanne an Möglichkeiten, was Kunst in einer solchen Situation kann. Sie ist viel mehr als ein Festhalten dessen, was passiert. Sie kann emotionale Zustände veranschaulichen, wie wir das niemals in Zeitungen finden werden. Das interessiert mich am meisten: Wenn mir Bücher, Musik, Bilder, Fotos Situationen erfahrbar machen, die ich nicht kenne. Wenn Kunst von Dingen handelt, die nicht in Geschichtsbüchern stehen oder in Dokumentationen vorkommen. Für mich ist Kunst interessant, wenn sie die Innenseite des gelebten Lebens vergegenwärtigt. Die Marginalien. Das Gegenteil von Heldengeschichten.“</em></p>
<div id="attachment_1845" style="width: 228px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad_Tagebuch.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1845" class="wp-image-1845 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Leningrad_Tagebuch-218x300.jpeg" alt="" width="218" height="300" /></a><p id="caption-attachment-1845" class="wp-caption-text">Facsimile einer Tagebuchseite aus dem belagerten Leningrad. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Auch Tagebücher sind verdichtete Wirklichkeit. Die Tagebücher der Blockade Leningrads, aus denen Franziska Davies und Katja Makhotina zitieren, bezeugen die sich täglich steigernde Gewalt, die täglich steigende Verzweiflung: <em>„Die letzten Einträge erscheinen ohne Punkt und Komma und verzichten auf Deklination. Irgendwann folgt der Schlusssatz, dass man sich den Tod herbeiwünsche, da der Hunger nicht mehr zu ertragen sei.“</em> Die Blockade währte 872 Tage, erst der sechste Durchbruchsversuch der Roten Armee am 27. Januar 1944, ein Jahr vor der Befreiung von Auschwitz, war erfolgreich. Den Deutschen ging es nicht um Einnahme, sie wollten zerstören, vernichten, Menschen brechen. Es sind nicht nur die Bomben, die Granaten, die die Menschen terrorisieren. Die Menschen werden wehrlos, Solidarität und Widerstand werden zerstört, sie zerstören sich irgendwann selbst. <em>„Am Thema Essen zerbrechen auch menschliche, soziale Kontakte.“</em></p>
<p>Es geht um <em>„die Leerstellen der Erinnerung“</em>, Voids im Bewusstsein, die wiederum Legenden bilden. Die beiden Autorinnen mussten zur Kenntnis nehmen, dass viele Studierende so gut wie nichts über den Krieg in Osteuropa wissen. Die ständige Verwechslung des jüdischen Aufstands im Warschauer Ghetto im Jahr 1943 und des Warschauer Aufstands im Jahr 1944 ist nur die Spitze des Eisbergs der Unkenntnis und Ignoranz. <em>„Das Schweigen über den</em> <em>Vernichtungskrieg gegen Polen und die Sowjetunion manifestiert sich auch darin, dass es bisher keinen zentralen Erinnerungsort in Deutschland für seine Opfer gibt.“ </em>Selbst das <a href="https://www.museum-karlshorst.de/">deutsch-russische Museum in Berlin-Karlshorst</a>, dem Berliner Stadtteil, in dem zu DDR-Zeiten die KGB- und StaSi-Mitarbeiter*innen wohnten, zeigt nur Ausschnitte. Über einen Erinnerungsort an das Leid, das Deutsche über Polen brachten, wird noch gestritten. Die Reduzierung der Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden auf Auschwitz schafft weitere <em>„Leerstellen der Erinnerung“</em>. Die Deutschen ermordeten 6 Millionen Jüdinnen und Juden – diese Zahl kennen die meisten, aber wissen sie auch, dass 6 Millionen Polinnen und Polen ermordet wurden? Etwa die Hälfte der ermordeten 6 Millionen Polinnen und Polen waren Jüdinnen und Juden. Hinzu kommen die <em>„Leerstellen ‚vor der Haustür‘“</em>: 2,8 Millionen sogenannte „Ostarbeiter“ aus der Sowjetunion, 1,7 Millionen aus Polen.</p>
<div id="attachment_1846" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1846" class="wp-image-1846 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-300x225.jpeg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-200x150.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-300x225.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-400x300.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-600x450.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-768x576.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-800x600.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-1024x768.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-1200x900.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/BabynJar.9-1536x1152.jpeg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1846" class="wp-caption-text">Denkmal für die aus der Ukraine ins Deutsche Reich zur Zwangsarbeit verschleppten Menschen in Babyn Jar, aufgestellt im Jahr 2005. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Am Beispiel von Babyn Jar zeigen die beiden Autorinnen, wie unterschiedlich sich <em>„Leerstellen der Erinnerung“</em> darstellen können. Die eine Seite: <em>„Die Shoa vollzog sich zu einem erheblichen Teil auf einem Gebiet, das heute ukrainisch ist. Trotzdem aber ist die Ermordung der europäischen Juden noch nicht Teil des dominanten ukrainischen nationalen Gedächtnisses geworden.“</em> Die andere: <em>„In Babyn Jar geht es aber auch darum, derjenigen Millionen nicht-jüdischer Opfer in der Ukraine zu gedenken, die völlig unschuldig waren. Diese Opfer sind in Deutschland immer noch nicht Teil des kulturellen Gedächtnisses.“</em></p>
<p>Es geht nicht nur um das deutsche Bewusstsein, die deutsche Erinnerungskultur, es geht um Europa. <em>„Eine gemeinsame ‚europäische Erinnerung‘ ist kaum mehr als ein politischer Wunsch, aber sicherlich keine Realität.“</em> Stattdessen: <em>„Erinnern ist oft gerade kein Mittel zur Befriedung zwischenstaatlicher Spannungen, eher im Gegenteil: Erinnerung wird als Munition in zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen missbraucht oder propagandistisch ausgeschlachtet. Am gefährlichsten ist es, wenn Geschichte zur Waffe in diktatorischen Regimen wird wie derzeit in Putins Russland.“ </em>Nicht nur dort, dies gilt im Grunde für alle europäischen und außereuropäischen Staaten, in unterschiedlicher Weise, in unterschiedlicher Intensität. Geschichtspolitik ist eine Waffe, oft genug auch gegen die eigene Bevölkerung. Sie erfolgt über staatliche Gedenktage, Schulbücher und Medien.</p>
<p>Die beiden Autorinnen schreiben offen über ihre eigenen Familiengeschichten, in denen wir von Opfern und von Täter*innen lesen. Sie sprachen mit Überlebenden, mit deren Nachkommen, berichten von Veranstaltungen, darunter auch Podiumsdiskussionen, auf denen sie sich mit Nachkommen von NS-Tätern konfrontiert sahen. Vor allem in St. Petersburg hatten sie Gelegenheit, mit vielen Überlebenden der Blockade des damaligen Leningrads zu sprechen. Viele waren damals noch Kinder. Sie dokumentieren die Unterschiede und Gemeinsamkeiten diverser Erinnerungskulturen.</p>
<div id="attachment_1847" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1847" class="wp-image-1847 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-300x300.jpeg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-66x66.jpeg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-150x150.jpeg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-200x200.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-300x300.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-400x400.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-600x600.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-768x768.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-800x800.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-1024x1024.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-1200x1200.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Minsk.GEdenkanlage.Baeume-1536x1536.jpeg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1847" class="wp-caption-text">Der Wald von Blagowtschschina, ein Teil von Malyj Trostenec (Belarus). Die gelben Schilder an den Bäumen erinnern an die Namen der dort exekutierten und verscharrten Opfer des deutschen Terrors. Nach belarussischen Angaben wurden dort etwa 150.000 Menschen ermordet. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Sie haben Gedenkstätten und Friedhöfe besucht, die nicht immer in dem Zustand waren, den die Pietät geböte. Ein Beispiel sind die im Kapitel über Babyn Jar beschriebenen Friedhöfe in Berdytschiw und Winnyzja, die schwer zu finden waren, überwuchert. Der Zustand von Friedhöfen mag durchaus als Indikator für das Gedächtnis dienen, das in der jeweiligen Region gepflegt beziehungsweise missachtet wird. Vielleicht illustriert der Bericht über die Zerstörung des Lenindenkmals in Lwiw im Herbst 1990, wie mit Friedhöfen umgegangen wird. Lutz C. Klevemann beschreibt die Szene in seinem Buch „Lemberg – Die vergessene Mitte Europas“ (Berlin, Aufbau Verlag, 2017): <em>„So stürzte Lenin krachend zu Boden, wobei der Sockel in mehrere Stücke zerbrach. Die Menge jubelte und schwenkte ihre Fahnen. Männer traten vor, die Vorschlaghämmer fest umgriffen und bereit, die Reste des Denkmals zu zerstören. Doch da geschah etwas Sonderbares. Die Männer hielten inne, wichen zurück, ihre Blicke auf den zerbrochenen Sockel gerichtet, und erstarrten. Nun sahen es alle: unter einer dünnen Schicht roten Granits waren Steinplatten hervorgebrochen, die die sowjetischen Bauherren 1952 in den Sockel einzementiert hatten. Sie trugen, für alle erkennbar, hebräische Inschriften. Vögel, Herzen und Kronleuchter waren in sie eingraviert. Es waren <u>mazewot</u>, jüdische Grabsteine.“</em></p>
<p>Gerade am Beispiel Stalingrad zeigt sich – so Franziska Davies und Katja Makhotina – die <em>„Dialektik der Erinnerungskultur“</em>. In der sowjetischen und post-sowjetischen Erinnerung dominiert <em>„beispielloser Heroismus der Sowjetsoldaten“</em>, in der deutschen Erinnerung das <em>„Massensterben der deutschen Soldaten“</em>: „<em>Doch in beiden Erinnerungskulturen stehen die zivilen Opfer des Krieges im Schatten dieser Martyrer“</em>. In der deutschen Erinnerung dominiert der Winter, in der russischen Erinnerung dominieren die durch die Bombardements der deutschen Luftwaffe erlebten Brände. Die deutsche Erinnerung an Stalingrad wird – darauf verweisen die beiden Autorinnen mit Recht – nach wie vor durch Konsalik-Romane und Landser-Hefte geprägt, selbst bei denjenigen, die diese nie gelesen haben. Diese Romane und Hefte vermitteln eine <em>„militärische Rechtfertigungslegende“</em>, <em>„auch zehn Jahre nach dem Krieg die exotisierenden Diskurse von asiatischer Barbarei und zivilisatorischer Rückständigkeit“</em>, die deutschen Soldaten sind Opfer. Ich denke, eine solche Sicht ist vielleicht auch ein Ergebnis deutscher Schulbücher?</p>
<div id="attachment_1848" style="width: 234px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1848" class="wp-image-1848 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-224x300.jpeg" alt="" width="224" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-200x268.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-224x300.jpeg 224w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-400x536.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-600x803.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-765x1024.jpeg 765w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-768x1028.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-800x1071.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-1147x1536.jpeg 1147w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-1200x1607.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-1530x2048.jpeg 1530w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Stalingrad.Hauswand-scaled.jpeg 1912w" sizes="(max-width: 224px) 100vw, 224px" /></a><p id="caption-attachment-1848" class="wp-caption-text">Reste eines zerstörten Hauses als Denkmal für die Verteidigung von Stalingrad. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Franziska Davies und Katja Makhotina analysieren die Erinnerungen an Stalingrad anhand der Bücher von Wassili Grossman: <em>„Leben und Schicksal ist antifaschistisch und antistalinistisch zugleich – aber eben nicht antisowjetisch.“</em> Ein Problem der deutschen Erinnerungskultur ist die Vermischung von Sowjetunion, Stalinismus und Russland, gerade auch in der Kritik an Putin. Putin ist eben nicht Russland, er instrumentalisiert den „Großen Vaterländischen Krieg“, vereinnahmt die in der Roten Armee vertretenen Völker als Russen und spielt mit Träumen einer glorreichen Vergangenheit, gleichviel ob bezogen auf die Sowjetunion oder auf das Zarenreich, im Grunde vertritt er eine Vision von Russifizierung des post-sowjetischen Raums. <em>„Die Einsicht Grossmans ist eine einfache, doch offenbar politisch ungemein schwierige: Bei dem Holocaust handelt es sich um ein einmaliges Menschheitsverbrechen, und deswegen soll es den zentralen Stellenwert in der Erinnerungskultur bekommen. Die Feststellung der Befreiungsrolle der sowjetischen Menschen schließt zudem die Benennung sowjetischer Verbrechen keineswegs aus. Für den bundesdeutschen Diskurs ist es aber äußerst wichtig wahrzunehmen, dass ‚sowjetisch‘ nicht mit ‚russisch‘ gleichzusetzen ist. Die Rote Armee hatte einen multinationalen Charakter, schließlich dienten in ihr Menschen aus allen Sowjetrepubliken.“ </em></p>
<h3><strong>Opfer und Täter*innen</strong></h3>
<p>Zwiespältig ist die Erinnerung an den Krieg und Shoah nicht nur in Deutschland und Russland. Dies gilt beispielsweise für die Bewertung des Molotow-Ribbentrop-Pakts vom 23. August 1939 in Polen und in den baltischen Staaten. <em>„Aus der Sicht Polens und der baltischen Staaten wird der Pakt in eine Geschichte der imperialen Aggression zweier übermächtiger Nachbarstaaten integriert und als die Fortsetzung einer viel älteren Tradition des Angriffs auf die polnische Staatlichkeit bewertet.“</em> Im 19. Jahrhundert entstand das Bild von Polen als dem <em>„Christus unter den Völkern“</em>, der litt, aber wieder auferstand. Im Zentrum der Erinnerung steht auch der Warschauer Aufstand vom 1. August bis zum 2. Oktober 1944. Nach 1945 bestimmte jedoch Moskau <em>„die Erinnerung an den Aufstand“</em>, eine Liberalisierung erfolgte erst 1956, aber nach wie vor blieb die <em>„Rolle der Roten Armee (…) ein Tabu.“ </em>Die Rote Armee wartete auf dem rechten Weichsel-Ufer, bis die Deutschen den polnischen Aufstand niedergeschlagen hatten.</p>
<div id="attachment_1849" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1849" class="wp-image-1849 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-300x201.jpeg" alt="" width="300" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-200x134.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-300x201.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-400x268.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-600x402.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-768x514.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-800x536.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-1024x685.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-1200x803.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Warschau.Denkmal1944.2-1536x1028.jpeg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1849" class="wp-caption-text">Denkmal für den kleinen Aufständischen, Warszawa. Der Junge hat auf seinem Helm das Abzeichen der polnischen Heimatarmee (Armija Krajowa). © Katja Makhotina</p></div>
<p>Der Bericht über die Reise nach Warschau enthält eine detaillierte Beschreibung von Vorgeschichte und Verlauf des Aufstands im Warschauer Ghetto vom 19. April bis zum 16. Mai 1943 sowie des Warschauer Aufstands von 1944. Zur Geschichte des jüdischen Aufstands gehört auch die Rolle von Adam Czernaków, des Vorsitzenden des Judenrates, der sich am 22. Juli 1942 selbst tötete. Marcel Reich-Ranicki berichtet in seiner 1999 erschienenen Autobiographie „Mein Leben“ über seine Arbeit in den Büros von Judenrat und Archiv, das Emanuel Ringelblum besorgte. Wer war Adam Czernaków, war er ein Kollaborateur, der sich – so Emanuel Ringelblum und andere – die Methoden der SS zu eigen machte, oder war er – wie Marcel Reich-Ranicki <em>„‚ein Intellektueller, ein Märtyrer, ein Held‘, den die Deutschen ‚zum Henker der Warschauer Juden“ machen wollte“</em>? Wer sich einer Antwort auf diese Frage nähern möchte, vergleiche die Tagebücher von Adam Czernaków, Emanuel Ringelblum oder Janusz Korczak und anderen Autoren, die von Katja Makhotina und Franziska Davies zitiert werden. Oder sehe sich die entsprechenden Passagen der Dokumentation „Shoah“ von Claude Lanzmann an.</p>
<p>Die Methode, die Opfer zu Tätern zu erklären, war bei der SS verbreitet. Der SS-Mann Heinrich Unverhau schob in einem der Prozesse gegen das Personal der Vernichtungslager die Schuld auf die jüdischen Häftlinge, die <em>„die eigentliche ‚Tötungsarbeit‘ geleistet hätten“</em>. Als wenn sie eine Wahl gehabt hätten. Die meisten Angeklagten hatten mit dieser Strategie Erfolg, auch wenn ihnen dieses Argument wahrscheinlich dann doch kein Richter abnahm. Sie beriefen sich <em>„erfolgreich auf den Putativnotstand“</em>. Von den Tätern in Bełźec wurde nur einer, Josef Oberhauser, zu einer relativ milden Haftstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Die Gerichte unterschieden schließlich zwischen Tat und Überzeugung, so im Düsseldorfer Majdanek-Prozess im Fall von Hildegard Lächert, in dem – so <em>„eindeutig“</em> er war – das Gericht <em>„nicht als erwiesen an(sah), dass diese aus Überzeugung quälte und mordete. Es ging sogar so weit zu behaupten, dass sie ‚aus menschlicher Schwäche (den) ihr innerlich widerstrebenden Befehlen gehorcht‘ habe.“</em> Hildegard Lächert bewarb sich Ende der 1970er Jahre als Kandidatin für <em>„für die rechtsextreme Partei Aktionsgemeinschaft Nationales Europa (ANE)“</em>. Sie wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt, die sie nicht antreten musste, weil die polnische Haft angerechnet wurde.</p>
<p>Die Erinnerung an Kollaboration ist ein schwieriges Kapitel, das Franziska Davies und Katja Makhotina in mehreren Reisen begegnete. Die Deutschen machten Teile der örtlichen Bevölkerungen zu Komplizen. Es gibt Berichte, dass sich an dem Pogrom 1941 in Lwiw gegen die jüdische Bevölkerung sogar Sechsjährige beteiligten. Diese wären heute – wenn sie noch leben – 87 Jahre alt. Es war <em>„ein öffentliches Spektakel mit karnevalesken Elementen.“</em> Dies gilt für Polen, für die Ukraine, für Litauen, weniger für Belarus. <em>„In keinem anderen Teil des deutsch besetzten Europas war die Solidarität der nicht jüdischen Bevölkerung mit Jüdinnen und Juden so stark ausgeprägt wie in Belarus.“</em> Seit 2020 ist durch den Terror Lukaschenkos eine Gestaltung der Erinnerungsorte in Belarus nicht mehr möglich.</p>
<div id="attachment_1850" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1850" class="wp-image-1850 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-300x200.jpeg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-200x133.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-300x200.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-400x267.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-600x400.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-768x512.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-800x533.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-1024x683.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-1200x800.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.JuedischeStadtgeschichte-1536x1024.jpeg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1850" class="wp-caption-text">Portraits jüdischer Familien in Wilna / Vilnius aus der Zeit vor dem Krieg, die vergrößert an einem Haus angebracht worden sind, das zum Museum zum Gedenken an die jüdischen Opfer ausgebaut werden soll. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Litauen war für die Nazis <em>„Testgelände für die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden.“</em> Viele Erschießungsstätten sind kaum noch sichtbar, sie sind <em>„physisch und allegorisch tatsächlich Leerstellen“</em>. 2017 veröffentlichte Katja Makhotina ihre lesenswerte Dissertation <a href="https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/geschichte/osteuropaeische-geschichte/4528/erinnerungen-an-den-krieg-krieg-der-erinnerungen?">„Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen – Litauen und der Zweite Weltkrieg“</a> (Göttingen, Vandenhoek &amp; Rupprecht), im Grunde eine Art Fallstudie am Beispiel von Museen und Kriegsdenkmälern in Litauen. Sie bezeichnet die <em>„Erinnerungslandschaft“</em> in Litauen als <em>„höchst politisiert und sensibel“</em>. „Hier stehen sich zurzeit sämtliche Erinnerungsgemeinschaften gegenüber, die sich in die staatlich geförderte Erzählung nicht integriert sehen. Es sei jedoch <em>„kaum möglich“</em>, der <em>„Pluralität gerecht zu werden“</em>.</p>
<p>In „Offene Wunden Osteuropas“ schreiben Franziska Davies und Katja Makhotina: <em>„Entsprechend der massenhaften Beteiligung und der brachialen Gewalt, lässt sich von einer ‚unsystematischen Massengewalt‘ der Litauer an ihren jüdischen Nachbarn sprechen. Die deutschen Besatzer dokumentierten die von Litauern ausgetragenen Pogrome fotografisch und schufen somit eine blutige Komplizenschaft, deren Folgen in der litauischen Gesellschaft bis heute auf eine schmerzhafte Weise nachwirken.“ </em>An diese Komplizenschaft erinnert sich das heutige Litauen ungern. Beeindruckend ist die Dokumentation der Gespräche der beiden Autorinnen mit der 1922 geborenen und zur Zeit der Reise 96jährigen Untergrundkämpferin im Wilner Ghetto, Fania Brancovski: <em>„Ihr liegt sehr daran zu erzählen, was die deutsche Besatzung für die jüdische Bevölkerung bedeutete und wie der Holocaust in Litauen stattfinden konnte.“ </em>Sehenswert auch der <a href="https://www.erinnern.at/themen/e_bibliothek/videos/dokumentarfilmprojekt-lisa-ruft">Film „Lisa ruft!“</a> über die Shoah und den jüdischen Widerstand. Die Mobilisierungsparole „Lisa ruft“ sollte an Lisa Magun erinnern, eine Meldegängerin, die von den Deutschen erschossen wurde.</p>
<div id="attachment_1853" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1853" class="wp-image-1853 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-225x300.jpeg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-200x267.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-225x300.jpeg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-400x533.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-600x800.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-768x1024.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-800x1067.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-1152x1536.jpeg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-1200x1600.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-1536x2048.jpeg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Fania_Brancovska-scaled.jpeg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-1853" class="wp-caption-text">Fania Brancovski bei einer Führung durch das ehemalige Wilner Ghetto. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Der Kampf für die Befreiung Litauens von der Nazi-Herrschaft wurde Fania Brancovski nicht gedankt. Noch im Jahre 2008 versuchte die litauische Generalstaatsanwaltschaft sie als <em>„sowjetische Terroristin“</em> zu belangen. Sie berichtet, wie Juden von litauischen Partisanen als <em>„kommunistische Funktionäre“</em> verdächtigt wurden, dann als <em>„Profiteure“</em>, die für <em>„das litauische Leid während der Sowjetzeit“</em> verantwortlich waren. Die NS-Täter wurden in ihren Heimatgemeinden geschätzt und geschützt. Dies gilt beispielsweise für Karl Jäger, über den der Dokumentarfilm „Karl Jäger und Wir – die langen Schatten des Holocaust in Litauen“ (2016) berichtet und der erst 1959 inhaftiert wurde und sich dann tötete, ebenso wie für Franz Murer, der in Graz freigesprochen wurde. Erst 2015 wurde in Waldkirch, der Heimatgemeinde Karl Jägers, ein Mahnmal im Beisein von Fania Brancovski eingeweiht.</p>
<div id="attachment_1852" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-scaled.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1852" class="wp-image-1852 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-300x201.jpeg" alt="" width="300" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-200x134.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-300x201.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-400x268.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-600x402.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-768x514.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-800x536.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-1024x685.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-1200x803.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Wilna.Juedischer_Widerstand-1536x1028.jpeg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1852" class="wp-caption-text">Jüdische Partisanen des Widerstands im Ghetto Wilna / Vilnius. © Katja Makhotina</p></div>
<p>In Litauen wurde die Erinnerung an die <em>„jüdischen Partisanen“</em> unterdrückt. <em>„Abgesehen von Tafeln mit Ghettokämpfern im Jüdischen Museum, gibt es keine einzige Ausstellung dazu. Das sowjetische Partisanenmahnmal wurde in den 1990er-Jahren abgetragen und steht in einem Freizeitpark des Kommunismus im Dorf Grutas. Diese Schicksale passen nicht in die heutige Erinnerungskultur. Sogar im Jüdischen Museum dürfen die abgebildeten Partisanen und Partisaninnen keine sowjetische Uniform tragen – denn diese ist eindeutig negativ konnotiert. Diese Leerstelle zeichnet die Doppelbödigkeit der Erinnerung an das jüdische Schicksal in Litauen aus: Lediglich als Opfer dürfen die Jüdinnen und Juden erscheinen, doch nicht als aktive Kämpfer und Kämpferinnen gegen die Nazis und ihre Mithelfer in sowjetischen Verbänden.“</em> Und Efraim Zuroff (*1948), Direktor des Standorts Jerusalem des <a href="https://www.wiesenthal.com/">Simon-Wiesenthal-Centers</a>, <em>„gilt im heutigen Litauen als persona non grata, da er mitunter die Mittäterschaft heutiger nationaler Helden am Holocaust aufdeckte – antisowjetischer Partisanenkämpfer.“ </em></p>
<p>Ein weiteres Beispiel für verdrängte Erinnerungen ist die Vernichtung der jüdischen Gemeinde von Lwiw, der Verrat durch die lokale Bevölkerung, die gelegentliche Rettung einzelner Jüdinnen und Juden gegen Bezahlung, die, wenn sie nicht genug zahlen konnten, dann doch wieder denunziert wurden. Dies ist ebenso wie das von Polen und Deutschen gemeinsam verübte Massaker von Jedwabne vom 10. Juli 1941 eine <em>„Leerstelle“</em> in der polnischen wie in der deutschen Erinnerungskultur. Lwiw war damals polnisch, die Sowjets wollten es <em>„depolonisieren“</em>. Viele der nicht-jüdischen Einwohner*innen wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, kehrten sie zurück, wurden sie der Kollaboration bezichtigt. <em>„Die Ereignisse in Wolhynien und Ostgalizien sind der größte erinnerungskulturelle Konflikt zwischen der Ukraine und Polen – bis heute.“</em>  Erwähnt wird auch die kontroverse Bewertung von Stepan Bandera (1909-1959) als ukrainischem Nationalhelden, ein Antisemit und Nationalist, der mit den Deutschen kollaborierte, von diesen jedoch im KZ Sachsenhausen interniert wurde und in München vom KGB ermordet wurde.</p>
<h3><strong>Schafft Erinnerung Gerechtigkeit?</strong></h3>
<p>Im Leningrad-Kapitel referieren Katja Makhotina und Franziska Davies die <em>„Leningrader Affäre“</em>. Stalin befahl <em>„die Verhaftung und Repressionen gegen die Spitze des Leningrader ZK: Der lokale Heroismus durfte nicht groß geschrieben werden. (…) Das lokale Leningrader Narrativ (‚Wir– die heroische Stadt‘) wurde von Stalin und seinem Kreis zurückgedrängt, das Museum der Verteidigung und Blockade Leningrads wurde aufgelöst, seine wertvollen Exponate gingen an das Leningrader Revolutionsmuseum.“ </em>Dies änderte sich erst im Zuge der Tauwetterperiode und dann in der spät- und postsowjetischen Zeit. Inzwischen gibt es ein Gedenkritual mit der Verlesung der Namen von Opfern, in etwa vergleichbar der Praxis am Jom HaShoah, nicht nur in Israel.</p>
<div id="attachment_1854" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1854" class="wp-image-1854 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1-300x225.jpeg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1-200x150.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1-300x225.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1-400x300.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1-600x450.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1-768x576.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1-800x600.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Lwiw.Friedhof-1.jpeg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1854" class="wp-caption-text">Friedhof der Verteidiger von Lwiw. Hier sind die polnischen Gefallenen des polnisch-ukrainischen Kriegs begraben. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Wie widersprüchlich Erinnerungskultur sein kann, lässt sich am Beispiel des Lytschakiwski-Friedhofs in Lwiw und der Verehrung Stepan Banderas, <em>„jenem faschistischen Anführer, der von einer ethnisch homogenen Ukraine träumte“</em>, illustrieren. Auf der einen Seite finden wir <em>„von ihm eine überdimensionierte Statue. Für jüdische Ukrainerinnen und Ukrainer ist dies wie ein Schlag ins Gesicht.“</em> Andererseits <em>„ist die Wiedererrichtung der polnischen Grabanlagen (</em>im Jahr 2005, NR<em>) auf dem Lytschakiwski-Friedhof letztlich ein Beispiel dafür, dass es gelingen kann, über Erinnerungsgrenzen hinweg eine gemeinsame Sprache zu finden, aufeinander zuzugehen. Das muss nicht bedeuten, dass man eine gemeinsame Erzählung über die gewaltvolle Vergangenheit findet, aber dass man bereit ist zu akzeptieren, dass es unterschiedliche Erinnerungen an sie gibt. Zugleich aber ist der Friedhof im Zuge der jüngsten Ereignisse in der Ukraine abermals zu einem traurigen Ort geworden, denn hier liegen heute – wieder oftmals sehr junge – Menschen begraben, die im Krieg gegen Russland im Donbass gefallen sind.“</em></p>
<div id="attachment_1857" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec3.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1857" class="wp-image-1857 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec3-225x300.jpeg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec3-200x266.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec3-225x300.jpeg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec3-400x533.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec3-600x799.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Belzec3.jpeg 769w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-1857" class="wp-caption-text">Ein Teil der Gedenkstätte in Bełźec. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Im Epilog schreiben die Autorinnen, dass es ihnen darum gehe zu zeigen, <em>„dass es tatsächlich nach wie vor Leerstellen gibt, gerade was das Ineinandergreifen von Holocaust und Vernichtungskrieg im östlichen Europa gibt.“ </em>Die Einleitung trug die Überschrift <em>„Ein neuer europäischer Krieg“</em>, der Epilog beschwört das <em>„Europa der Lebenden“</em>. Im Kapitel über Bełźec und Majdanek denken die Autorinnen darüber nach, <em>„was für ein Land, was für eine Gesellschaft Polen heute wäre, hätten die Deutsche nicht unzählige ihrer jüdischen Gemeinden zerstört. Das Ausmaß dessen, was hier verloren gegangen ist, lässt sich nicht erfassen, nicht beschreiten. Uns fehlen die Worte.“</em> Vielleicht spricht die Tafel der 337 Vornamen in der 2004 eröffneten Gedenkstätte für die in Bełźec ermordeten Menschen für sich. In Bełźec wurden 470.000 Menschen ermordet, nach Auschwitz-Birkenau und Treblinka ist Bełźec der Ort mit den meisten Ermordeten.</p>
<p>Es geht um die Opfer ebenso wie die Täter*innen, für deren Enkel*innen und für deren Urenkel*innen: <em>„Wir können und dürfen sie vor diesem Wissen nicht schützen.“ </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/demokratie-ist-kein-luxusgut/">Marina Weisband hat eine fünfjährige Tochter. Sie sagte mir in unserem Gespräch vom 5. April 2022</a>: <em>„Wir haben nicht den Luxus, unsere Kinder davon zu verschonen. Ich höre oft von Deutschen: muss man denn schon mit so kleinen Kindern über den Holocaust reden? Jüdische Kinder haben nicht den Luxus, erst reif zu werden, ehe man mit ihnen über Bedrohung durch Antisemiten spricht.“</em></p>
<p>Hass und Pauschalurteile müssen bekämpft werden. Franziska Davies und Katja Makhotina warnen vor einer sich seit dem 24. Februar 2022 andeutenden <em>„Welle der Russophobie“</em>: <em>„Wir wissen aus der Geschichte, dass das stigmatisierende Hass-Denken die andere Seite hinter dem tyrannischen, ‚eigenen‘ Führer vereinigt.“ </em>Zu überwinden ist die Blindheit gegenüber der Geschichte, die ich im Sinne Immanuel Kants als <em>„selbstverschuldete Unmündigkeit“</em> bezeichnen möchte. Besserwisserische Hobby-Historiker*innen schwadronieren über die Ukraine als Nation oder Nicht-Nation, auch in Deutschland. Selbst wenn sie keine wäre – gäbe es einen Konjunktiv 3, wäre er hier angebracht – selbst dann <em>„hätte sie Anspruch auf die Unverletzbarkeit ihrer Grenzen. Das regelt das Völkerrecht, nicht die Geschichte.“</em></p>
<div id="attachment_1858" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune.jpeg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1858" class="wp-image-1858 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune-300x225.jpeg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune-200x150.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune-300x225.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune-400x300.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune-600x450.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune-768x576.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune-800x600.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/04/Majdanek.Zaeune.jpeg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-1858" class="wp-caption-text">Bauliche Überreste des Konzentrationslagers Majdanek. © Katja Makhotina</p></div>
<p>Schafft Erinnerung Gerechtigkeit? Lajser Ajchenrands Gedicht „Majn Folk“ lässt sich vielleicht als Quintessenz des Nicht-Erinnerten lesen:</p>
<p><em>„o, farloschener blik, / tunkl, kworimdik faschtumen;</em><br />
<em>wer git dir doss licht zurick</em><br />
<em>Woss men hot dir zugenumen?</em></p>
<p><em>undser untergang zeschtralt</em><br />
<em>a jam fun schwajgn,</em><br />
<em>schtiler noch wi wen ess falt</em><br />
<em>a blat fun di zwajgn. </em></p>
<p><em>schtiler – schtiler –</em></p>
<p><em>o, farloschener blick,</em><br />
<em>ale himlen fartunklt dajn zar;</em><br />
<em>jede rege firt uns zurick</em><br />
<em>zu a farschtejnertn goless-har.</em></p>
<p><em>mir lign zeschprejt</em><br />
<em>wi schterndiker schtojb in wint,</em><br />
<em>fun undsere lipn schrajt</em><br />
<em>doss blut noch beschass sse rint;</em></p>
<p><em>schtiler – schtiler –“</em></p>
<p>(deutsche Übersetzung: <em>„O erloschener Blick, / Grabstumm und fahl; / Wer gibt dir das Licht zurück, / Das man dir stahl? // Um unseren Untergang wogt / Ein Meer von Schweigen. / So still fällt kein Blatt / Von den Zweigen. // Stiller – stiller – // O erloschener Blick! / Alle Himmel verdunkelt dein Leid; Jeder Augenblick führt uns zurück / In Exil-Verlorenheit. / Wie Sternenstaub im Wind / Liegen wir hingestreut, / Von unsern Lippen rinnt / Das Blut, und schreit // Stiller – stiller –“</em>)</p>
<p>Vielleicht ist es das größte Verdienst des Buches „Offene Wunden Osteuropas“, all diese Leerstellen und Blindheiten sichtbar zu machen. Vielleicht ist dies eine Sisyphos-Arbeit. Bereisen lassen sich viele der beschriebenen Regionen und Städte zurzeit kaum. Die Lektüre eines Buches ist kein Ersatz für eine Reise, aber dieses Buch erfüllt alle Bedingungen, Gelesenes zu Erlebtem zu machen. Sicherlich trägt es dazu bei, dass sich der folgende Satz des russischen Regisseurs Andrej Tarkowskij, der so viele offizielle und offiziöse Erinnerungskulturen prägt, eben nicht bewahrheitet: <em>„Wir schauen, aber wir sehen nicht.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkung: Erstveröffentlichung im Mai 2022, alle Internetzugriffe zuletzt am 24. April 2022. Die in diesem Essay gezeigten Bilder wurden mir von Katja Makhotina zur Verfügung gestellt. Die Rechte liegen bei ihr. Ausschnitt von Sandra del Pilar, Treat me like a fool, treat me like I´m evil, 2017, Öl und Acryl auf Leinwand und transparenter Synthetikfaser, Slg. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, © Carlo Sintermann. Mit einer Variante des Satzes <em>„Wir schauen, aber wir sehen nicht“</em> von Andrej Tarkowskij schließt <a href="https://wolfgangmschmitt.de/">Wolfgang M. Schmitt</a> jede seiner Filmanalysen.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind/">&#8222;Sternenstaub im Wind&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
