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	<title>Gefühle Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Viele Stimmen &#8211; Verschwimmende Grenzen &#8211; Die Familie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Aug 2026 05:19:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Viele Stimmen – Verschwimmende Grenzen – Die Familie Franziska Krah über die Ausstellung „Mishpocha – The Art of Collaboration“ „Es ist seltsam, zu der Geschichte zu gehören, die man nicht kennt. Durch den trüben Film der Vergessenheit kommen unscharf die Abrisse meiner Ahnen. Ich stelle mir viel mehr vor, als ich es denke oder  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Viele Stimmen – Verschwimmende Grenzen – Die Familie</strong></h1>
<h2><strong>Franziska Krah über die Ausstellung „Mishpocha – The Art of Collaboration“</strong></h2>
<p><em>„Es ist seltsam, zu der Geschichte zu gehören, die man nicht kennt. Durch den trüben Film der Vergessenheit kommen unscharf die Abrisse meiner Ahnen. Ich stelle mir viel mehr vor, als ich es denke oder fühle. Geschichten bedeuten fast nichts. Aber noch weniger als Geschichten sind Namen und Zahlen. Und gleichzeitig so viel. Denn das ist das einzige, was in der Vergessenheit aufgeschrieben wird.“ </em>(<a href="https://alicakhaet.com/about/">Alica Khaet</a>)</p>
<p>Aufgeschrieben oder vielleicht auch in einer beliebigen anderen Kunstform gespiegelt, wie auch immer, wo auch immer: Welche Familie, welche Mischpoche, welche Mishpocha, welche Traditionen, welche Vergangenheiten, welche Räume, welche Orte auf diesem Planeten Erde werde ich entdecken, wenn ich anfange, darüber nachzudenken? Bleibt die Familie auf dieser Reise immer noch die Familie, aus der ich komme, und ist sie die, in der ich gerne sein möchte? Oder ist schon einfach der Versuch, Familie zu entdecken, ein kreativer Akt an sich, der den auf der Reise begegnenden Geschichten eine neue Bedeutung erschließt?</p>
<div id="attachment_8292" style="width: 411px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8292" class="wp-image-8292 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-300x182.jpg" alt="" width="401" height="243" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-200x121.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-400x243.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-600x364.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-768x466.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-800x485.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-1024x621.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-1200x728.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Blick-in-die-Ausstellung-in-der-Mitte-Alica-Khaet-Still-aus-Ferfele-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786683457619-1536x932.jpg 1536w" sizes="(max-width: 401px) 100vw, 401px" /><p id="caption-attachment-8292" class="wp-caption-text">Blick in die Ausstellung, in der Mitte ein Still aus dem Film Feferle von Alica Khaet: &#8222;Durch den trüben Film der Vergessenheit kommen unscharf die Abrisse meiner Ahnen. Ich stelle mir viel mehr vor, als ich es denke oder fühle.&#8220; © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p>Die Ausstellung <a href="https://www.juedischesmuseum.de/besuch/detail/mishpocha">„Mishpocha – The Art of Collaboration“</a>, die das <a href="https://www.juedischesmuseum.de/">Jüdische Museum Frankfurt am Main</a> vom Frühjahr bis zum Herbst 2026 zeigte, lässt unzählige solcher Geschichten erahnen und entdecken. Alica Khaet, eine der an der Ausstellung beteiligten Künstler:innen, beginnt in ihrem Filmprojekt „Feferle“ mit dem Verlust des Vaters ein Nachdenken über Herkunft und Erinnerung, das in sich ein Puzzle der Zukunft birgt: <em>„Die Welt änderte sich und viele Menschen – wie haltlose Staubkörner – mussten sich in Bewegung setzen, um sich dieser neuen Welt anzupassen“</em>.</p>
<p>Den jiddischen Begriff <em>„Mischpoche“</em> deutet die Ausstellung als Plädoyer für die Kraft des kreativen Miteinanders. Vielleicht entsteht durch Zusammenwirken, Zusammenarbeit, <em>„Collaboration“</em> Familie, die selbst eine Art Kunstwerk wird, Familie ein Crossover von Stilen. Das interdisziplinäre und kollaborative Ausstellungsprojekt lässt die Besucher:innen neue Räume für künstlerische Experimente entdecken und reflektieren. Zeichnungen, Gemälde, Konzeptkunst, Fotografien, Installationen und Videoarbeiten reflektieren Familiengeschichte(n), gerade in Zeiten von Flucht und Migration, im Exil, in der Diaspora. In einem der Räume können die Besucher:innen anhand von Musik des Punk, der Riot Grrrl-Bewegung, des Techno und des Hip-Hop ihr musikalisches Familienerlebnis selbst gestalten.</p>
<p>Wer die Ausstellung nicht besuchen kann / konnte, erhält einen ausgezeichneten Einblick durch die Begleitpublikation (mit deutschen und englischen Texten), die über den <a href="https://www.juedischesmuseum.de/besuch/literaturhandlung">Shop des Museums</a>, eine Filiale der <a href="https://literaturhandlung.com/">Münchner Literaturhandlung</a>, erhältlich ist. <a href="https://www.juedischesmuseum.de/museum/ansprechpartner/">Franziska Krah</a> hat die Ausstellung „Mishpocha – The Art of Collaboration“ kuratiert. Sie hat Geschichte, Gender Studies und Europäische Ethnologie studiert. In ihrer Dissertation am Lehrstuhl für deutsch-jüdische Geschichte der Universität Potsdam befasste sie sich mit der <a href="https://www.fritz-bauer-institut.de/publikation/ein-ungeheuer-das-wenigstens-theoretisch-besiegt-sein-muss">Antisemitismusforschung vor 1933</a> (Frankfurt am Main, Campus Verlag, 2016). Im Jüdischen Museum Frankfurt am Main hat sie bereits Ausstellungen über die Übersetzerin <a href="https://www.mirjampressler.de/">Mirjam Pressler sel. A.</a> („Schreiben ist Glück“), die Familie von Anne Frank und zum Antisemitismus („Gegen den Judenhass“) kuratiert.</p>
<h3><strong>Die Entdeckung der erweiterten Familie </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben die Ausstellung Mishpocha im Jüdischen Museum Frankfurt am Main gemeinsam mit Mike D (Michael Diamond) von den <a href="https://beastieboys.com/">Beastie Boys</a> gestaltet. Musik trifft Museum – so ließe sich vielleicht sagen. Aber nicht nur Musik.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Es gab noch einige Beteiligte mehr, quer durch alle Sparten. Wir haben etwa im Jahr 2024 mit dem Projekt begonnen. Neben dem Jüdischen Museum und Mike D beteiligte sich das </em><a href="https://www.markgraph.de/"><em>Atelier Markgraph</em></a><em>, die die Gestaltung übernommen hatten und sich auch inhaltlich einbrachten. Beteiligt war auch die </em><a href="https://imaclique.com/"><em>IMA-CLIQUE</em></a><em> – ima heißt Mutter auf Hebräisch. Sie hat mit uns gemeinsam das Veranstaltungsprogramm entwickelt. Wir waren eine ziemlich große Runde, aber es war auch ein großes Projekt. Etwa zwei Mal im Jahr haben wir uns über mehrere Tage mit Mike getroffen, der dafür eigens aus den USA angereist war. Einige der beteiligten Künstler:innen werden wir gleich in unserem Gespräch vorstellen. </em></p>
<div id="attachment_8294" style="width: 345px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8294" class="wp-image-8294 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg" alt="" width="335" height="251" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Join-the-Sound-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 335px) 100vw, 335px" /><p id="caption-attachment-8294" class="wp-caption-text">Bevor man die Treppe zu den Ausstellungsräumen hinuntergeht, lädt diese Konsole ein, sich selbst musikalisch zu erproben. © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist eigentlich doch sehr ungewöhnlich, dass eine Punkband eine Ausstellung in einem Jüdischen Museum mitgestaltet.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Das stimmt. Ich war selbst davon überrascht, dass das Projekt am Jüdischen Museum in Frankfurt stattfindet. Mike D hat keine Wurzeln in Frankfurt. Er kommt aus einer jüdischen Familie in New York. Die Wurzeln der Familie liegen in Polen. Seine Großeltern sind aus Polen in die USA gekommen. Er selbst hat die gesamte Zeit in den USA gelebt. Inzwischen lebt er an der Westküste. Die Zusammenarbeit ist aufgrund des langjährigen Engagements von Stefan Weil, einer der Geschäftsführer von Atelier Markgraph, entstanden. Er hatte schon vor etwa zehn Jahren die Idee, dass wir eine Ausstellung über die Beastie Boys machen sollten. Jetzt haben wir keine Ausstellung über die Beastie Boys gemacht, sondern mit einem Musiker der Beastie Boys. Um die Gruppe geht es nur am Rande. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für Menschen, die gemeinsam Musik machen, hat Familie offensichtlich eine andere Bedeutung als die, die man im Allgemeinen mit dem Begriff verbindet. Ich darf <a href="https://guenerkuenier.bandcamp.com/">Güner Künier</a> zitieren: <em>„Im Bandleben verschwimmen die Grenzen zwischen Freiheit, Arbeit, Privatleben und Freundschaft.“ </em></p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Das ist tatsächlich <u>das</u> Thema unserer Ausstellung geworden. Bei unserem ersten Treffen mit Mike D ging es schon um die Frage, was Familie bedeutet. Es ging um die Erfahrung Mikes als Musiker der Beastie Boys. Er hatte festgestellt, dass er seinen Bandkollegen Adam und Adam viel näherstand als seinen eigenen Brüdern. Sie kannten sich sehr gut. Sie waren für ihn eine Familie geworden, nicht nur die beiden, auch die vielen anderen, die ihn als Musiker begleitet haben. Er meinte, er hätte ohne all diese Menschen gar nicht so kreativ sein können. Das ist seine Vorstellung einer erweiterten Familie. Daher haben wir auch den jiddischen Begriff „Mishpocha“ gewählt und etwas umgedeutet. Es geht eben nicht nur um die biologische Familie, auch wenn diese nach wie vor eine große Rolle spielt: Wo kommt man her? Wie ist man durch die Familie geprägt, vielleicht auch durch Flucht und Migration, die die Familie oder man auch selbst gemacht hat? Die erweiterte selbstgewählte Familie kann man in der Musik finden, in der Kunst, im Sport, in der Politik.</em></p>
<h3><strong>Von New York City nach Frankfurt am Main</strong></h3>
<div id="attachment_8302" style="width: 412px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8302" class="wp-image-8302 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg" alt="" width="402" height="302" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Eingangstreppe-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 402px) 100vw, 402px" /><p id="caption-attachment-8302" class="wp-caption-text">Eingangstreppe, von unten fotografiert, mit Aussagen der Besucher:innen © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein ganz besonderer Einstieg in die Ausstellung ist die Installation vor dem Museum mit ihren zwei großen Buchstaben, die man von zwei Seiten sehen kann, entweder liest man „OY“ oder man liest „YO“.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Wir haben vor dem Museumseingang eine Bühne platziert, mit der wir einladen, Musik zu machen. Wir haben unser eigenes Programm, aber es können sich auch Menschen melden, die dort Musik machen wollen. Wir sind sehr froh, dass wir die Installation „OY – YO“ von </em><a href="https://deborahkass.com/"><em>Deborah Kass</em></a><em> zeigen dürfen. Das Kunstwerk wurde vor einigen Jahren in einer Version, die doppelt so groß war, in New York zwischen Manhattan und Brooklyn an der Brooklyn Bridge gezeigt. Das Kunstwerk ist eigentlich New York gewidmet, der multikulturellen Stadt. Die Künstlerin ist jüdisch und hat daher den Begriff „OY“ aufgenommen. New York hat eine sehr große jüdische Community, auch die zweitgrößte jiddische Community nach Israel. „YO“ ist ein Slangwort im New Yorker Raum. Man begrüßt sich lässig mit „yo“, aber es ist auch das spanische „ich“, denn New York hat eben auch eine große hispanische Community. Kulturen können nebeneinander funktionieren, die verschiedenen Sprachen können weiterhin wertgeschätzt werden, es muss nicht alles vereinheitlicht werden. Es ist eine Liebeserklärung der Künstlerin an ihre Stadt. Wir fanden das ganz passend, weil Mike ein New Yorker ist und weil wir uns in Frankfurt auch gerne mit New York vergleichen möchten, wegen unserer Mini-Skyline, der kosmopolitischen Atmosphäre.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Spitzname der Stadt ist ja auch <em>„Mainhattan“</em>. Ich liebe die Skyline bei der Einfahrt in den Frankfurter Hauptbahnhof.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Ich freue mich auch immer, wenn ich sie bei der Ankunft in Frankfurt sehe. Als wir die Künstlerin kontaktiert hatten, hat sie sofort zugesagt und uns das kleinere Modell ausgeliehen. Jetzt steht es da auf unserem Vorplatz – etwa in der Größe eines Autoparkplatzes – und begrüßt alle, die das Museum besuchen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So ist es das auch in Familien, der biologischen wie der Wahlfamilie. <em>„Hallo“</em>, <em>„ojemine“ und „ich“</em>, je nach Situation oder auch alles zusammen.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Und was kann ich eigentlich tun? Das soll die Ausstellung zeigen. </em> <em>   </em></p>
<h3><strong>Harmonien, Dissonanzen </strong></h3>
<div id="attachment_8313" style="width: 411px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8313" class="wp-image-8313 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x200.jpg" alt="" width="401" height="267" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Raum-1-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 401px) 100vw, 401px" /><p id="caption-attachment-8313" class="wp-caption-text">Der erste Raum der Ausstellung mit der Installation von Jan Ove Hennig © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Harmonien und Dissonanzen zeichnen Musik ebenso aus wie das Leben in der Familie. Manchmal reden auch alle durcheinander.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Diese Vielstimmigkeit zeigen wir in der Ausstellung im ersten Raum mit einer Installation des Soundkünstlers </em><a href="https://www.janovehennig.com/"><em>Jan Ove Hennig</em></a><em>, der mit mir zusammen Stimmen eingesammelt hat. Wir haben ganz viele Menschen gefragt, aus der jüdischen Communitiy in Frankfurt, aus der künstlerischen Community, mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, auch außerhalb von Frankfurt. Wir haben Statements aus New York, aus Buenos Aires. Wir haben etwa 30 Stimmen eingefangen. Jeder Mensch, den wir gewinnen konnten, erzählt in seiner oder ihrer Muttersprache, was für sie Familie oder Mishpocha bedeutet. Wir haben polnische, französische, ukrainische, russische, spanische, portugiesische, hebräische, arabische Stimmen und auch eine jiddische Stimme. Die unterschiedlichen Stimmen hat Jan Hennig zu einer Art Gesamtkunstwerk, teilweise zu einem Chor zusammengefügt, Musik unterlegt, Passagen verstärkt, sodass man visuell erst einmal gar nicht so viel in dem Raum aufnehmen kann, sondern sich auf das Gehörte konzentriert und so einen ganz anderen Einstieg in das bekommt, was Familie sein kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Wahlfamilie <u>und</u> die echte?</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Wenn man so will, kann man das sagen. Aber ich finde es schöner, wenn beide echte Familien sind, die Wahlfamilie und die Herkunftsfamilie. Beide sind echte Familien. Eine eigene Geschichte hat auch „Mishpocha“, ein jiddischer Begriff, der aus dem Hebräischen kommt, dort auf der letzten Silbe betont wird. Das heißt erst einmal „Familie“. Der Begriff hat Eingang in den deutschen Duden gefunden. Es gibt zwei Bedeutungsebenen, einmal ganz neutral Familie, aber auch in einer negativen Konnotation. „Mischpoke“ – so die eingedeutsche Fassung – wird eher im negativen Sinne, als etwas Abwertendes verstanden, die Familie, die nervt, die immer unter sich zusammengluckt. Das ist eine deutsche Eigenheit. In anderen Ländern gibt es die negative Bedeutung nicht. Wir haben deshalb auch die englische Schreibweise „Mishpocha“ gewählt. Es kamen ja auch die Menschen aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Muttersprachen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht hat die negative Konnotation im Deutschen damit zu tun, dass der Begriff in dem unseligen Jahr 1941 in den Duden hineinkam?</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Es gibt viele jiddische Begriffe, die Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben. Es sind oft Begriffe mit einem eher negativen Beigeschmack wie beispielsweise das Gemauschel oder auch einfach Massel, das nach einem unverdienten Glück klingt, obwohl das jiddische Original Masel eigentlich einfach nur Glück bedeutet, wie in der Gratulationsformel „Masel tov“. Das hat natürlich historische Gründe. Da spielt sicherlich der Nationalsozialismus eine Rolle, aber man kann auch zeitlich weiter zurückgehen.</em></p>
<div id="attachment_8303" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8303" class="wp-image-8303 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Jessica-Ostrowicz-Grandmas-Plates-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-8303" class="wp-caption-text">Jessica Ostrowicz, Grandma&#8217;s Plates: &#8222;Wir können nie wieder zu dem Zuhause zurückkehren, das wir verlassen mussten.&#8220; © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist der lange Schatten des Antijudaismus beziehungsweise Antisemitismus, der sich in der Sprache manifestiert. Ein vergleichbares Problem haben wir bei einem anderen Begriff, den die Ausstellung adaptiert hat. Mike D spricht von „The Art of Collaboration“. Das lässt sich meines Erachtens auf Deutsch nur schwer übersetzen: „Die Kunst der Kollaboration“ oder „Die Kunst der Zusammenarbeit“? Zusammenarbeit klingt mir zu unverbindlich, Kollaboration höchst verdächtig, klingt fast schon nach Korruption.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Sie sprechen Dinge an, die wir auch in der Konzeptionsphase besprochen haben. Der Begriff der Kollaboration ist bei uns im Jüdischen Museum alles andere als unproblematisch. Wir denken natürlich zuerst an Kollaboration im Nationalsozialismus, und zwar derjenigen, die mit den Deutschen kollaboriert haben. Außerhalb der jüdischen Verfolgungsgeschichte ist der Begriff im Amerikanischen sehr gebräuchlich und steht dort auch schon lange eher für die Creative Collaboration, das gemeinsame Schaffen von etwas Neuem, etwas Kreativen, von Kunst. Ich sah das zuletzt, als ich in einem Kunstmuseum in den Shop gegangen war und dort überall das Wort „Collaboration“ fand, natürlich im kreativen Sinne verstanden. Als Historikerin fand ich das irritierend, dachte dann aber daran, dass es auch andere Lebenssphären gibt, in denen der Begriff unproblematisch ist. Vielstimmigkeit hat auch etwas mit Vieldeutigkeit zu tun.</em></p>
<h3><strong>Flucht, Migration, Diaspora, Exil</strong></h3>
<div id="attachment_8296" style="width: 411px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8296" class="wp-image-8296" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg" alt="" width="401" height="301" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Fotos-von-Jan-Zappner-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 401px) 100vw, 401px" /><p id="caption-attachment-8296" class="wp-caption-text">Ausschnitt aus der Installation von Jan Zappner, Mischpoche &#8211; Being Jewish However: &#8222;Ich mache es aber auch für meine Tochter Nil, damit sie einen befreiten Umgang mit ihrer Herkunft findet.&#8220; © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jede:r macht sich einen eigenen Reim darauf. Ein weiterer Begriff, der in der Ausstellung eine Rolle spielt, aber ebenfalls nicht unproblematisch ist, ist der Begriff der „Diaspora“, wahlweise des „Exils“. Ein Gesprächspartner von <a href="https://janzappner.de/">Jan Zappner</a>, der 29 Interviews für die Ausstellung gemacht hat, sagt: <em>„Ich fühle mich jüdischer, wenn ich im Exil bin.“</em></p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Jan Zappner hat mit 29 Menschen gesprochen, die in Deutschland leben, die Interviews auch in Bildern festgehalten. Er hat sie gefragt, was für sie „zu Hause“, „Jüdischsein“, „Familie“ bedeutet. Sein Projekt hatte er auch Mischpoche genannt. Wir fanden das Projekt interessant, weil die Menschen ganz unterschiedliche Vorstellungen zeigten, auch von Flucht und Migration. Es sind sehr unterschiedliche Biographien und die bringen unterschiedliche Positionen mit sich. Der Raum, in dem wir Jan Zappners Arbeit zeigen, zeigt solch unterschiedliche Positionen. Das war uns wichtig, weil wir in den Gesprächen der Ausstellungsvorbereitung gemerkt haben, dass jede Familiengeschichte den Aspekt „Flucht“ und „Migration“ mit sich bringt. Im Jüdischen ist dies besonders stark ausgeprägt, aber auch nichtjüdische Familien können solche Geschichte erzählen. Die Familiengeschichten, das Verständnis von Familie wird stark dadurch geprägt.</em></p>
<div id="attachment_8297" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8297" class="wp-image-8297 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Shimon-Wanda-Masa-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-8297" class="wp-caption-text">Shimon Wanda, Masa: &#8222;Ihre Körper sollten ein Herz andeuten &#8211; eine Erinnerung an Liebe, Verlust und Kontinuität.&#8220; © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><em>In dem Raum zeigen wir neun verschiedene künstlerische Positionen. Es sind alle zeitgenössische Künstler:innen. Sie beschäftigt das Thema „Familie“, das Thema „Migration“. Es sind sehr persönliche Beiträge. Wir zeigen beispielsweise </em><a href="https://www.shimonwanda.com/"><em>Shimon Wanda</em></a><em> mit der Miniatur einer Skulptur, die er in seiner Heimatstadt Kiryat Yam in Israel entwickelt hat. In der Arbeit geht es ihm um die äthiopischen Jüdinnen und Juden, die zwischen 1977 und Anfang der 1990er Jahre nach Israel geflohen sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine grandiose logistische Leistung der israelischen Armee, die sie unter anderem in der <a href="https://backtojerusalem.com/operation-moses-largest-secret-jewish-evacuation-in-history/">Operation Moses</a> ausgeflogen hat.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>:<em> Es war eine in der Geschichte Israels einzigartige Rettungsaktion. Tatsächlich mussten die flüchtenden Menschen mehrere Tage durch die Wüste wandern, bevor sie von Israel gerettet wurden. Auf dieser Flucht haben nicht alle überlebt. Daran erinnert das Denkmal von Shimon Wanda. Er hatte diese Geschichte auch in seiner Familie. Er selbst ist in Israel geboren, aber er ist sehr stark von dieser Geschichte, die seine Eltern erlebt haben, geprägt. </em></p>
<p><em>Die Ausreise nach Israel ist auch Thema von </em><a href="https://www.iraeduardovna.com/"><em>Ira Eduardovna</em></a><em> in „The Library Room“. Sie spielt mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrer Schwester das Packen für die Ausreise aus Usbekistan nach Israel nach und zeichnet es in verschiedenen Kameraeinstellungen auf. Das sieht aus wie ein aufgeklapptes Wohnzimmer der Familie. Der Vater nennt den Gegenstand auf Russisch, der Muttersprache der Familie, eine synthetische Stimme wiederholt die Bezeichnung des Gegenstandes auf Hebräisch. Das zeigt einen grundlegenden Aspekt von Sprache, denn wer auswandert, kann am Ziel der Reise nicht mehr in seiner bisherigen Sprache kommunizieren. </em></p>
<div id="attachment_8298" style="width: 410px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8298" class="wp-image-8298" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg" alt="" width="400" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Ira-Eduadovna-The-Library-Room-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" /><p id="caption-attachment-8298" class="wp-caption-text">Ira Eduardovna, The Library Room: &#8222;Ich habe erkannt, dass beim Überwinden von Trauma das wiederholte Erzählen einer Geschichte &#8211; immer und immer wieder &#8211; Teil des Heilungsprozesses ist.&#8220; © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein ganz besonderes Problem für Künstler:innen, die mit der Sprache arbeiten, in der Literatur, im Theater, im Film. Beispielsweise schrieb Joseph Brodsky seine Gedichte auch im amerikanischen Exil nach wie vor auf Russisch, seine Essays schrieb er in englischer Sprache, unter anderem in dem insbesondere auf Sprache bezogenen <a href="https://www.nybooks.com/articles/1988/01/21/the-condition-we-call-exile/">Essay „The Condition We Call Exile“</a>. Vladimir Nabokov, der ein höchst anspruchsvolles Englisch schreibt, behauptete immer wieder, er können in der englischen Sprache nicht schreiben wie er es in der russischen Sprache gekonnt hätte.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Man kann sich eben in der neuen Sprache nicht mehr so verständigen wie man es gewöhnt ist. Dieser Gedanke hat mir an dieser Arbeit von Ira Eduadovna auch so gut gefallen. Aber es eröffnet neue Möglichkeiten. Mike D zitieren wir mit der Aussage: „Wenn man mit jemand anderem gemeinsam kreativ ist, ist das so, als ob man sich an einen Ort begibt, an dem Sprache keine Rolle mehr spielt.“</em></p>
<p><em>Eine andere Seite zeigen Erlebnisse, in denen Sprache versagt, in denen andere Künste ihre Rolle übernehmen. Der britische Künstler </em><a href="https://www.hetainpatel.com/"><em>Hetain Patel</em></a><em> zeigt seine Familiengeschichte aus der Sicht seiner Großmutter, die in den 1960er Jahren aus Indien nach Großbritannien gekommen ist. Wir zeigen drei Werke seiner Gemäldeserie „Baa’s Gold“. Baa wurde seine Großmutter in der Familie genannt. In Gujarati bedeutet es „Mutter“. In der Serie geht es vor allem um den strukturellen Rassismus, den seine Familie in Großbritannien erlebt hat. Er erinnert an einen brutalen Überfall. Eine Diebesbande, spezialisiert auf alleinlebende Hindu-Witwen, verwüstete ihr Zuhause in der englischen Stadt Bolton am helllichten Tag und riss ihr die goldenen Armreifen gewaltsam von den Handgelenken. Das Gold steht in den Gemälden für alles, was Patels Familie durch den Rassismus in Großbritannien genommen wurde.</em></p>
<div id="attachment_8299" style="width: 285px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8299" class="wp-image-8299 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Nirit-Takele-Memorys-Touch-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786684632665-275x300.jpg" alt="" width="275" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Nirit-Takele-Memorys-Touch-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786684632665-200x218.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Nirit-Takele-Memorys-Touch-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786684632665-275x300.jpg 275w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Nirit-Takele-Memorys-Touch-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786684632665-400x436.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Nirit-Takele-Memorys-Touch-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786684632665-600x654.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Nirit-Takele-Memorys-Touch-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786684632665-768x837.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Nirit-Takele-Memorys-Touch-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786684632665-800x872.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Nirit-Takele-Memorys-Touch-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled-e1786684632665.jpg 853w" sizes="(max-width: 275px) 100vw, 275px" /><p id="caption-attachment-8299" class="wp-caption-text">Nirit Takele, Memory&#8217;s Touch: &#8222;Mit jedem Blick, jeder Geste und jeder Körperhaltung drücken diese Werke ein zutiefst menschliches Verlangen nach Verbindung, Verbundeheit und Erinnerung aus.&#8220; © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Kunst vermag ich mich zu erinnern, eine Sprache für das Erlebte, das Gesehene finden, als Künstler:in wie als Betrachtende:r. Mich hat „Memory’s Touch“ von <a href="https://www.nirittakele.com/">Nirit Takele</a> sehr beeindruckt.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Als wir die Ausstellung konzipierten, sahen wir ein Werk von ihr mit dem Titel „Family’s Touch“. Man sieht Menschen, die sich berühren, ein häufiges Motiv in ihren Arbeiten, sie hält in ihren Bildern den Augenblick der Berührung, der Zuwendung fest. Berührung spielt beim Verständnis von Familie eine wichtige Rolle. Sie war selbst eine derjenigen, die aus Äthiopien geflohen sind. Sie war damals sechs Jahre alt. In der Auswahl der Farben und der Motive sieht man viel aus der Kultur, aus der sie geflohen ist. „Memory’s Touch“ ist Teil einer Serie, in der es um die Folgen des 7. Oktober für die Menschen in Israel geht. Sie legt den Fokus auf starken Zusammenhang und das Bedürfnis, sich zu erinnern und nicht zu vergessen. Das ist auch ein durchgehendes Thema der Serie.</em></p>
<h3><strong>Stark werden! Miteinander – füreinander!</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der 7. Oktober ist ein durchgehendes Motiv der Ausstellung, auch im Hinblick auf die Reflexion der Shoah. Mike D sagt: <em>„Der Holocaust befand sich bei uns in Büchern, aber diese Leute waren auch Teil unseres Lebens und saßen immer bei uns zuhause.“</em> Irgendwie bleibt immer ein Platz frei am Tisch. Zum 7. Oktober sagte Mike D: <em>„Niemand scheint mehr Interesse daran zu haben, der Welt zuhören zu wollen. Wie kann man aber dem einen zuhören, wenn man den anderen nicht zuhört?“</em> Erinnern, einander begegnen, wo auch immer, wie auch immer, ist ein Thema von Brüchen, von zerbrochenen Familien, zerbrochenen Beziehungen, die man wieder kitten müsste, auch wenn sich so viele sträuben. Auch das ist ein Thema des 7. Oktober, in Israel, weltweit. Welche Rolle spielte der 7. Oktober in der Vorbereitung der Ausstellung? Die Vorbereitung der Ausstellung fiel genau in die unmittelbare Zeit danach.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Das ist richtig. Der 7. Oktober hat unser Haus extrem begleitet, auch mit all den Folgen. Im Jüdischen Museum war das ein ganz großes Thema, auch für die Ausstellung. Wir wollten aber nicht im Klagemodus verharren. Wir haben die Ausstellung auf Zuversicht, Gemeinsinn ausgerichtet. Unsere Botschaft sollte sein, die Menschen sind so verschieden, aber wenn wir zusammenkommen, kann etwas Großes entstehen. Dieser Fokus auf ein demokratisches Miteinander ist die beste Reaktion auf solch schwierige Zeiten, in denen wir zurzeit leben, den 7. Oktober, den Krieg, auch den Krieg in der Ukraine, der uns prägt, den Rechtsruck in vielen Ländern Europas. Wir wollten eine Ausstellung machen, aus der die Menschen gestärkt herausgehen, in der sie sehen, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen und wie gut es ist, wenn Menschen zusammenkommen und miteinander füreinander da sind. </em></p>
<div id="attachment_8314" style="width: 412px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8314" class="wp-image-8314" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-300x200.jpg" alt="" width="402" height="268" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishposcha-Foto-von-der-Eroeffnung-v.l.n.r.-Jan-Zappner-Shimon-Wanda-Ira-Eduardovna-Franziska-Krah-Mike-Diamond-Sandra-Mann©-Juedisches-Museum-Foto-Stefanie-Koesling-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 402px) 100vw, 402px" /><p id="caption-attachment-8314" class="wp-caption-text">Foto von der Eröffnung der Ausstellung, von links nach rechts: Jan Zappner, Shimon Wanda, Ira Eduardovna, Franziska Krah, Mike Diamond, Sandra Mann © Jüdisches Museum Frankfurt Foto: Stefanie Kösling.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Daran kann mich als Besucher:in selbst beteiligen, ich kann die Ausstellung mitgestalten. Das unterscheidet Ihre Ausstellung auch von dem, was man sich üblicherweise unter einer Ausstellung vorstellt.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Mir ist es in meinen Projekten immer sehr wichtig, dass es genug Möglichkeiten der Partizipation gibt, dass Menschen nicht nur passiv in unsere Ausstellungen gehen, um dort belehrt zu werden, sondern dass sie selbst Teil der Ausstellung werden, dass sie etwas tun können. Es ist auch eine Aufforderung an uns alle, aktiver Part in der Gesellschaft zu werden, sie mitzugestalten. Es ist spannend zu sehen, was Besucher:innen so machen.</em></p>
<p><em>Wir haben ein partizipatives Element in dem Bereich, in dem wir die künstlerischen Positionen zeigen. Die Besucher:innen können einen Begriff auf Bausteine schreiben, die sie dann miteinander und mit den bereits verbauten Steinen verbinden. Begriffe und Steine verbinden sich gleichermaßen. Es entsteht so etwas wie ein Baum. So hatten wir uns das gedacht, aber die Menschen machen unerwartete Dinge. Jedes Mal, wenn ich diesen Ausstellungsraum betrete, sieht das Gebilde aus Bausteinen anders aus als zuvor.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Minutentakt. Wir waren gerade an diesem Exponat vorbeigegangen, kamen kurze Zeit später wieder vorbei und es hatte sich schon wieder verändert.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Eben dies mag ich an Ausstellungen. Es ist einfach bereichernd. Auch mal loszulassen, die Kontrolle an die Besucher:innen abzugeben und sich überraschen lassen. </em></p>
<p><em>Ein anderer Bereich ist der Raum, in dem Musik gemacht werden kann. In der Musik spielen Familie eine Rolle, werden zur Musikfamilie. Wir zeigen, dass Menschen aus den verschiedenen Genres der Musik etwas Gemeinsames erleben, das fruchtbar, kreativ und produktiv sein kann. Es ist so schön zu sehen, was geschieht, wenn Menschen diesen Raum betreten, darauf reagieren, was sie vorfinden, nicht alleine auf irgendwelche Tasten drücken, sondern sehen, dass es erst im Zusammenspiel funktioniert. Ich habe sehr schöne Momente erlebt, mit ganz unterschiedlichen Menschen, unterschiedlichen Alters. Auch unsere Aufsichten haben sich beteiligt und ermutigten Menschen durch ihren eigenen Beitrag teilzuhaben. So verschwimmen die Grenzen zwischen den Menschen, die sich aus ganz unterschiedlichen Gründen in dem Ausstellungsraum aufhalten.</em></p>
<h3><strong>Zu Hause in der Subkultur</strong></h3>
<div id="attachment_8304" style="width: 353px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8304" class="wp-image-8304 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg" alt="" width="343" height="257" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Voices-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 343px) 100vw, 343px" /><p id="caption-attachment-8304" class="wp-caption-text">Im Play-Raum © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kamen Sie auf die vier Musikrichtungen, die Sie in diesem Raum präsentieren? Ich gestehe, dass ich nicht auf diese Kombination gekommen wäre: Punk, Riot Grrrl, Techno, Hip-Hop.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Mir war das eigentlich klar: Wenn wir vier Musikrichtungen zeigen, dann sind es diese. Wir sind natürlich von den Erfahrungen von Mike D und den Beastie Boys ausgegangen. Die Beastie Boys haben als Punk-Band angefangen und sich zum Hip-Hop entwickelt. Elektronische Musik spielte eine Rolle, deshalb Techno. Riot Grrrl war in der Subkultur, in der sich die Beastie Boys bewegt haben, immer aktuell. Es gab Überschneidungen und es ist im Grunde auch ein Teil von Punk. Die größte Ikone von Riot Grrrl, </em><a href="https://kathleenhannaofficial.com/home-1"><em>Kathleen Hanna</em></a><em>, ist mit Adam Horovitz von den Beastie Boys verheiratet. Auch die Ex-Frau von Mike D wird diesem Kosmos zugerechnet. Es gab viele persönliche Überschneidungen.</em></p>
<p><em>Wir hätten auch noch weitere Musikrichtungen nehmen können. Jazz spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle für die Beastie Boys. Wir hatten auch daran gedacht, die Skater-Kultur mithineinzunehmen. Alle vier Musikrichtungen, die wir ausgewählt haben, haben gemeinsam, dass sie aus der Subkultur kommen. Es hat auch etwas mit Wut zu tun, dem Gefühl des Andersseins, des Abgelehntwerdens, gegenüber der Gesamtgesellschaft. Die Musikrichtungen entwickelten sich natürlich und wurden mit der Zeit Mainstreamig. Wir haben uns auf die vier beschränkt, weil es sonst zu viel an musikalischen Möglichkeiten geworden wäre.</em></p>
<p><em>Dieser vierte Raum, in dem Menschen Musik machen können, war von Anfang an im Plan. Wir wussten erst noch nicht, wie wir ihn gestalten könnten. Wir dachten zunächst an analoge Instrumente, haben uns dann aber zu einem niedrigschwelligeren Konzept entwickelt, bei dem sich die Leute doch eher herantrauen als bei einem Instrument, das sie wahrscheinlich noch nie in der Hand gehabt haben, auch Leute, die vielleicht noch nie ein Instrument gespielt haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit den Boards, an denen man Einfluss auf die Musik nehmen kann, haben Sie eine gute und praktische Lösung gefunden. Mir fällt bei dem Begriff der <em>„Subkultur“</em> ein, dass das durchaus etwas mit Begriffen wie <em>„Exil“ </em>oder <em>„Diaspora“</em> zu tun hat. Dann hat auch <em>„Familie“</em> wieder eine weitere Bedeutung, man findet außerhalb der gängigen Kultur, in der <em>„Subkultur“</em>, wenn man hineintaucht, tatsächlich so etwas wie eine <em>„Wahlfamilie“</em>. Dann leuchtet irgendwie sofort ein, warum Sie diese vier Musikrichtungen ausgewählt haben.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Subkultur ist eine Szene von Menschen, die ihre eigenen Codes haben, die sich untereinander verstanden und aufgehoben fühlen, aber sich vielleicht in der Schule, am Arbeitsplatz, im allgemeinen Alltag nicht so richtig zugehörig fühlen, vielleicht auch weil dort eine andere eher mainstreamige Musik gehört wird. Dann wird die subkulturelle Musikszene zu einem zweiten Zuhause, vielleicht sogar zu dem eigentlichen Zuhause.</em></p>
<h3><strong>Identitäten gibt es nur im Plural</strong></h3>
<div id="attachment_8305" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8305" class="wp-image-8305 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1200x1600.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-1536x2048.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Beatrice-Moumdjian-Forensic-Excavations-Inventory-©-Juedisches-Museum-Frankfurt-Foto-Norbert-Miguletz-scaled.jpg 1920w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-8305" class="wp-caption-text">Beatrice Moumdjian, Forensic Excavations Inventory: &#8222;Ich hatte kein klares Verständnis und keinen Zugang zu vielen Erinnerungen, bis ich für ein künstlerisches Projekt mein Familienfotoarchiv auseinandernahm, etwa 150 Fotos, die bis in die 1930er Jahre zurückgehen und Westasien, den Balkan, Ostdeutschland und das wiedervereinigte Berlin der 1990er Jahre miteinander verbinden.&#8220; © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir hat sehr gefallen, dass Sie in die Begleitpublikation fünf kurze Erzählungen von <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/personen/dmitrij-kapitelman-p-1168">Dmitrij Kapitelman</a> aufgenommen haben. Alle sind lesenswert, alle enden mit einem Wort: <em>„Mischpoche“</em>.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Familie ist für Dmitrij Kapitelman ein wichtiges Thema. Deshalb haben wir ihn auch gefragt, ob er etwas für unseren Katalog schreiben möchte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mich haben diese kurzen Texte sofort an seine Bücher erinnert, in denen es von solchen Geschichten nur so wimmelt und in denen es auch immer wieder um Familie geht, in „Russische Spezialitäten“ insbesondere um seine Mutter, in „Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters“ vor allem um seinen Vater. Zugleich gibt es in seinen Büchern immer Reisen, nach Israel, in die Ukraine, nach Kyjiw, immer auf der Suche nach etwas, das es vielleicht gar nicht gibt, vielleicht als Reflex in dem russisch-ukrainischen Lebensmittelladen in Leipzig.</p>
<p>Ich darf kurz auf seine Beiträge zur Begleitpublikation eingehen. Da ist die Erzählung von dem etwas älteren Mann, der im feinen Anzug vom Asylwohnheim zum Sozialamt geht, er will ja einen guten Eindruck machen. Jamaikaner hassen es, wenn Leute beim Karaoke meinen, jeden Ton richtig treffen zu müssen: <em>„Eloquente Virtuosen, edel und unnahbar – keine Mischpoche. Der Mann mit Motorboot im Hals, billigstem Schmuck und Freiheitsdrang, einer mit dem die Leute sich identifizieren können – Mischpoche!“</em> Oder die schreckliche Geschichte, in der sich Hund, Kind und Ehemann Sonjas alle ein Bein brechen, in einer Kettenreaktion, weil sich der Hund im Klappstuhl verkeilt hatte: <em>„Sonja und ihre drei gegipsten Männer – Mischpoche“</em>. Beim Friseur in Mea Shearim stellt der Erzähler fest, dass es nur so ausschaut, als wenn alle die gleiche Frisur hätten, auch in der Konformität gibt es Individuelles. Und nicht zuletzt Vaters Beerdigung, wo all die ehemaligen Kund:innen, alle etwa um die 60 Jahre alt, kommen, <em>„im schwärzesten Augenblick meines Lebens, da saßen mir lauter anteilnehmende Fremde gegenüber, die einst zu wenig Meerrettich gekauft und auch noch darum gefeilscht hatten – die Mischpoche.“ </em>Einen passenden Gedanken formuliert Mike D im Gespräch mit Jan Zappner, es gebe eben nicht nur eine Identität, Identitäten gebe es nur im Plural.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Wir haben ganz bewusst die Begleitpublikation weiter gefasst als die Ausstellung. Daher auch die Beiträge von Dmitrij Kapitelman. Die Publikation ist viel mehr als ein Ausstellungskatalog. Natürlich zeigen wir dort die Exponate, aber es ist eben doch ein eigenes Werk. Wir haben neben Dmitrij Kapitelman beispielsweise auch </em><a href="https://www.byte.fm/team/klaus-walter/"><em>Klaus Walter</em></a><em> und </em><a href="https://www.vatmh.org/de/stipendiaten/details/aida-baghernejad.html"><em>Aida Baghernejad</em></a><em> eingeladen, eigene Essays zu unterschiedlichen Aspekten zu schreiben, die in unserer Ausstellung behandelt werden. Klaus Walter reflektiert ausführlich über die Frage, was jüdischer Pop ist. Er erzählt auch die denkwürdige Geschichte von Irvin Berlin: „Wenn es doch einen Gott gibt da oben zum dran glauben, dann hat er Sinn für Humor. Wie sonst wäre er auf die Idee gekommen, ausgerechnet einen sibirischen Juden das populärste Weihnachtslied ever komponieren zu lassen? Israel Isidore Beilin, geboren 1888 in Tjumen, 1.700 Kilometer östlich von Moskau. Am Ende der Flucht vor Pogromen landet der fünfjährige Israel Isidore mit seinen Eltern auf Ellis Island, dem Sehnsuchtsort im New Yorker Hafen. </em><em>Als Irving Berlin schreibt er später Evergreens wie ‚Putting on the Ritz‘, ‚There’s no business like show business’, ‚God bless America’ und: ‚(I’m dreaming of a) White Christmas’.”</em></p>
<p><em>Wer sich die Begleitpublikation besorgt, wird noch ganz andere Dinge erfahren als die, die man gesehen oder im Musikraum ausprobiert hat. Der Beitrag von Aida Baghernejad hat schon einen programmatischen Titel: „Wie ein explodierender Farbmalkasten“. Die Publikation ist wie ein Magazin gestaltet und gibt ganz unterschiedlichen Stimmen Gelegenheit sich zu äußern.</em></p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-8306" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Magazin-203x300.jpg" alt="" width="203" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Magazin-200x296.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Magazin-203x300.jpg 203w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Magazin-400x592.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Mishpocha-Magazin.jpg 405w" sizes="(max-width: 203px) 100vw, 203px" />Norbert Reichel</strong>: Wäre es ein regelmäßig erscheinendes Magazin, würde ich es sofort abonnieren. Zwei oder drei Mal im Jahr würde schon reichen.</p>
<p><strong>Franziska Krah</strong>: <em>Danke schön. Die Entwicklung des Magazins hat sehr viel Spaß gemacht. Ich würde gerne eine Erweiterung herausgegeben. Themen gibt es genug. Es hat auch Spaß gemacht, weil wir mit sehr kreativen Gestalter:innen zusammengearbeitet haben, drei Menschen, die ganz unterschiedliche Stile haben: Julia Ochsenhirt, Svetlana Visnakova, Anders Bergesen. Die drei kannten sich schon. Bei Magazinen spielt das Layout eine wichtige Rolle. Sabine Müller, die bei uns im Haus für Marketing zuständig ist, hat uns empfohlen, mit den dreien zusammenzuarbeiten. Das war eine goldrichtige Entscheidung. Aber erst bei der Eröffnung habe ich von Anders, der aus Norwegen kommt, erfahren, die Graffiti im Gespräch zwischen Jan Zappner und Mike D habe nicht er gemacht, sondern sein Sohn. Der Junge war schon als Teenager an Graffiti interessiert. Mir hat das gezeigt, dass da schon wieder die Familie ins Spiel kommt, hier einmal zur Abwechslung die biologische Familie.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 2. August 2026. Titelbild: Deborah Kass, OY &#8211; YO  © Jüdisches Museum Frankfurt, Foto Norbert Miguletz)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Was von der Mitte übrigbleibt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2026 04:55:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was von der Mitte übrigbleibt Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert „Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die  [...]</p>
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<h1><strong>Was von der Mitte übrigbleibt</strong></h1>
<h2><strong>Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert</strong></h2>
<p><em>„Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.“ </em>(Karl Marx, Der 18te Brumaire des Louis Napoleon, 1852, in: MEW 8)</p>
<p>Karl Marx (und Friedrich Engels) waren im 19. Jahrhundert vielleicht die originellsten Analytiker politischer Entwicklungen, mit einem gewaltigen Touch von Ironie und mitunter ätzendem Sarkasmus. „Der 18te Brumaire des Louis Napoleon“ beginnt mit einem ihrer meistzitierten Sätze, den Marx bei Hegel gefunden haben will, dass sich alles in der Weltgeschichte zwei Mal ereigne, zunächst als <em>„Tragödie“</em>, ein zweites Mal als <em>„Farce“</em>. Aber es wäre wenig dialektisch gedacht zu hoffen, die <em>„Farce“</em> könne sich nicht wieder selbst zu einer <em>„Tragödie“</em> auswachsen, zumindest jedoch zu einem deprimierenden Trauerspiel. Fehleinschätzungen der Verhältnisse und nicht zuletzt ihrer selbst vermögen die guten Absichten derjenigen, die die Geschichte zum Guten wenden wollen, dermaßen behindern, dass mit der Zeit wiederum eine Tragödie folgt, der – um im Bild zu bleiben – irgendwann wieder eine Farce folgt. Aber der Teufel kommt nie zwei Mal durch dieselbe Tür und so komisch er unseren sich objektiv und rational wähnenden Sinnen erscheinen mag, bleibt er der Apostel der Zerstörung, etwa so wie der Clown „Pennywise“ in Stephen Kings Roman „It“, der schon in seinem Namen <em>„Tragödie“</em> und <em>„Farce“</em> zugleich spiegelt, darin durchaus vergleichbar mit den MAGA-Trompetern dieser Welt.</p>
<h3><strong>Eine Art „Newspeak“</strong></h3>
<p>Läse man den „18ten Brumaire“ ohne Wissen über Autor und Zeit, ließe sich vermuten, es handele sich um eine Analyse der politischen Entwicklungen im ersten und beginnenden zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts. Louis (Napoleon) Bonaparte erschiene als eine Art früher Trump, der wiederum als Wiedergänger der <em>„falschen Propheten“</em> erscheint, die weniger erfolgreich, aber in Sache und Methode vergleichbar agierend, von Leo Löwenthal in seiner 1949 erschienenen Schrift „Prophets of Deceit – A Study of the Techniques of the American Agitator“ (eine deutsche Aufgabe ist unter dem Titel <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/leo-loewenthal-falsche-propheten-t-9783518587621">„Falsche Propheten“</a> bei Suhrkamp lieferbar) beschrieben wurden. Aber auch seine Gegner hat Karl Marx gut getroffen: Sie halten sich für die Guten, aber leider haben sie recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Gute wäre und wie man es durchsetzen könnte, sodass sie sich viel zu oft untereinander bekämpfen anstatt sich gemeinsam gegen den autoritären Clown zu positionieren, der es geschafft hat, auch noch in einer Art Orwell’schem <em>„Newspeak“</em> all die Begriffe zu okkupieren, die ihnen lieb und teuer sind. Die vermeintlich Guten – so Karl Marx – entmachten sich selbst: <em>„Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf, die ‚bürgerliche Ordnung‘ sicherzustellen. Aber die Stärke dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß sich daher als Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete in diesem Sinne. Er ist jedoch nur dadurch etwas, daß er die politische Macht dieser Mittelklasse gebrochen hat und täglich von neuem bricht.“</em></p>
<p>Die demokratischen Parteien unserer Zeit klopfen sich gerne selbst auf die Brust, weil doch sie die <em>„Mitte“</em> der Gesellschaft darstellen, die Konservativen unter ihnen gerne als <em>„bürgerliche Mitte“</em>. Vertreter sich eher links wähnender Parteien mögen das Attribut <em>„bürgerlich“</em> scheuen, doch belegt ihr Verhalten, dass sie sich durchaus in einem <em>„bürgerlich“</em> charakterisierbaren Milieu bewegen, das gleichermaßen Bürgerlichkeit im Sinne von Citoyen und Bourgeois erfasst. Doch diese gemütliche <em>„(bürgerliche) Mitte“</em> der Politik ist bedroht, zumal die Gegner – siehe <em>„Newspeak“</em> – sich ebenfalls als <em>„Mitte“</em> bezeichnen und dies auch noch mit der Kombination <em>„Deutschland, aber normal“</em> mit all den traditionellen Familienwerten verbinden, denen sich in fast allen Gesellschaften die jeweiligen Mehrheiten mehr oder weniger verbunden fühlen.</p>
<p><em>„Mitte“</em>,<em> „Bürgerlichkeit“</em>,<em> „Familie“</em>, <em>„Normalität“</em> – all diese Begriffe spiegeln diffuse Gefühlswerte. In der <a href="https://aktuell.uni-bielefeld.de/2025/11/06/mitte-studie-sorge-ueber-zunahme-von-rechtsextremismus/">Bielefelder Mitte-Studie 2025</a> sprach Co-Leiter <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=112507">Andreas Zick</a> diese Unschärfen offen an: <em>„Das Mitte-Modell bietet eine Orientierung. Es fordert die Gesellschaft auf, sich zu öffnen und alle Menschen einzubeziehen. Es verpflichtet die Politik, konsensfähig zu sein. Die ‚Mitte‘ kann verbinden und eine ausgleichende Kraft entfalten. Doch sie läuft Gefahr, demokratiefeindliche Tendenzen zu übersehen.“ </em>Andreas Zick verweist auf die bekannten Wahlergebnisse der letzten Jahre: <em>„Der Niedergang der großen Volksparteien und der Aufstieg kleinerer Parteien spiegeln dies wider.“ </em>Eine Antwort auf diese Entwicklung haben die vormals großen <em>„Volksparteien“</em> bisher nicht gefunden, sofern es sie überhaupt auch geben mag.</p>
<h3><strong>Binäre Koordinaten der Politik</strong></h3>
<p>In meiner Vorstellung der Bielefelder Mitte-Studie 2025, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">„Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!“</a> habe ich versucht, die sogenannte <em>„Mitte“</em> in einer dreidimensionalen Matrix zu verorten: <em>„Auf und Ab statt Rechts und Links“</em>. Die dritte Dimension erschien im Titel in der Formel <em>„Rein oder raus?“</em> So entstehen drei binär klingende, aber in ihrem Zusammenklang alles andere als binär zu verstehende Koordinaten, in denen sich die politischen Debatten unserer Zeit bewegen: Rechts und Links, Oben und Unten, Innen und Außen. <em>„Mitte“</em> wird dann zu einem Punkt in dieser dreidimensionalen Matrix. Von der oft beschworenen <em>„breiten Mitte“</em>, die so manche Partei gerne vertreten würde, kann dann nicht mehr die Rede sein. Das ist das Ende der sogenannten <em>„Volksparteien“</em>. Diese verstanden sich als Catch-All-Parteien, versäumten es jedoch, das Verbindende zwischen verschiedenen Interessen, Milieus und Bevölkerungsgruppen zu betonen.</p>
<p>Catch-All-Strategien funktionieren nur noch bei Oppositionsparteien wie der AfD, die das Verbindende jedoch nicht in einer positiven, sondern einer Botschaft inszenieren, indem sie bestimmte Akteure als verantwortlich für alles Unheil markieren, das ihre potenziellen Wähler:innen beklagen. Dem einen gefällt dieses nicht, dem anderen jenes und jemand drittem wiederum etwas anderes nicht. Sie alle, rechts wie links und in der <em>„Mitte“</em>, eint eine Unzufriedenheit, die die bekannten Umfragen mit ihrer Frage nach der Zufriedenheit der Bürger:innen gar nicht erfassen. Von linker Seite würde man vielleicht jetzt eine fundamentale Kapitalismuskritik erwarten, doch zumindest die politischen Akteure scheinen sich dies kaum zu trauen. Von rechter Seite ist das einfacher. Die Propagandisten der rechtspopulistischen Catch-All-Opposition benennen Verantwortliche für alles, was sie für einen Missstand halten, wahlweise <em>„die Altparteien“</em>, <em>„links-grüne Wokeness“</em>, <em>„Globalisten“, „Kommunisten“ </em>und<em> „Sozialisten“, </em>zu denen auch Konservative wie in Deutschland CDU und CSU gezählt werden, letztlich die mit <em>„Invasion“</em> drohenden Migranten. Und wenn es nicht so ganz gelingt, all diese Feindbilder als ein in sich geschlossenes Feindbild zu vermitteln, bleibt die Anprangerung von angeblich hinter diesen Feindbildern stehenden steuernden Akteuren. Letztlich landet diese Strategie oft bei einer Spielart von Antisemitismus, obwohl man gleichzeitig behauptet, man wäre doch in Wirklichkeit die Partei, die Juden – von Jüdinnen ist in der Diktion in der Regel nicht die Rede, siehe <em>„Genderwahn“</em> – am entschiedensten unterstützten, indem man alle Migranten zur <em>„Remigration“</em> treibe. Wenn man denn bald nur regieren würde! Um ein Regierungsprogramm geht es dabei nicht, man inszeniert sich als die bestehenden Verhältnisse an sich zerstörende Bewegung.</p>
<p>Anarchische <em>„Pose“</em> und Fundamentalkritik alles Bestehenden passen gut zusammen. Dazu braucht man keine Theorie. Philip Manows sieht – rechts wie links – einen Primat der Bewegung, in der es nicht unbedingt um Parteien geht. Vielen fehlt jedoch die Galionsfigur, die sie an die Macht bringen könnte. Insofern ist es schwer, beispielsweise die AfD und ihr Um- und Vorfeld diverser Neonazi-Kameradschaften und Kleinparteien voneinander zu trennen. Das schafft die Partei selbst schon nicht und die Frage drängt sich auf, ob es sich bei ihr überhaupt um eine Partei handelt. Auf der linken Seite ist diese Trennung zwischen Parteien und Umfeld noch weitgehend intakt, doch scheint sie langsam aufzuweichen, wo linksextreme Radikale wie beispielsweise die von Danger Dan in „Keine Angst“ namentlich hervorgehobenenen Mitglieder der „Hammerbande“ in linken Kreisen als legitime Widerstandsgruppen begrüßt werden. Es gab in den 1970er Jahren eine Zeit, in der manche Linke die RAF-Terrorist:innen für Genoss:innen hielten. Ähnlich verhält es sich mit der in manchen linken, sich antikolonialistisch wähnenden Kreisen gepflegten Scheu, den Terror der Hamas vom 7. Oktober 2023 als das zu bezeichnen, was er ist: eben Terrorismus.</p>
<h3><strong>Eigentlich nichts Neues</strong></h3>
<p>Linke Parteien und Gruppierungen stellen die Menschen- und Bürgerrechte von Frauen, Migrant:innen und anderen von der rechten Seite angegriffenen Gruppen der Bevölkerung in den Vordergrund ihrer Programmatik und ihres Handelns. Gerd Koenen hat in seinem Monumentalwerk „Die Farbe Rot – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ (München, C.H. Beck, 2017) jedoch dokumentiert, dass die Herausbildung eines proletarischen Selbstbewusstseins in den 1860er und 1870er Jahren keineswegs mit der Akzeptanz von Migration und Frauenrechten einherging: <em>„Generell wurde gerade von den gewerkschaftlich Organisierten die Fabrikarbeit der jungen Frauen als Konkurrenz gesehen, die mit einiger Gehässigkeit verfolgt wurde. Ähnliches galt auch für die sozialistischen und ‚klassenbewussten‘ französischen Syndikalisten dieser Jahre. Von Feindseligkeit geprägt waren schließlich fast immer die Trennlinien, die gegenüber den Arbeitsmigranten gezogen wurden, so den Iren in England oder den Belgieren in Nordfrankreich.“ </em>Diese Skepsis zog sich durch die Geschichte der sozialdemokratischen und sich <em>„links“</em> von ihr positionierenden Bewegungen und Parteien, auch in der sogenannten 68er-Bewegung. In den USA dauerte es beispielsweise bis in die 1960er Jahre, dass irische, polnische, italienische Zuwanderer:innen – durchaus ein Nebeneffekt der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung – als <em>weiße</em> anerkannt wurden.</p>
<p>Christina von Hodenberg hat in <a href="https://www.chbeck.de/von-hodenberg-achtundsechzig/product/22346696">„Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“</a> (München, C.H. Beck, 2018), insbesondere im fünften Kapitel „Achtundsechzig war weiblich“, dokumentiert, dass die westdeutsche 1968er-Bewegung in erster Linie eine männliche Bewegung war, in der es Frauen mehr als schwerfiel, sich zu positionieren. Welche Rolle der Arbeitskreis Emanzipation spielte und wie er selbst in <em>„linken“</em> Kreisen angefeindet wurde, weiß heute kaum noch jemand: <em>„Die Erinnerung an das weibliche 1968 war längst in eine Nische gedrängt worden und fand nur noch in den Publikationen der Universitäts-Gleichstellungsbeauftragten und der lokalen Frauenhistorie statt.“ </em>Wer kennt noch Helke Sander und Sigrid Damm-Rüger, die am 13. September 1968 bei einem SDS-Kongress in Frankfurt am Main Tomaten auf <a href="https://krahl-seiten.de/">Hans-Jürgen Krahl</a> warfen? Christina von Hodenberg hatte mit der Tochter von Sigrid Damm-Rüger gesprochen, die ihr erzählte, dass sie <em>„erst am Tag der Beerdigung von der ‚Bedeutung meiner Mutter für die neue Frauenbewegung‘ erfuhr (….).“</em> In SDS-Kreisen war es durchaus üblich, dass die Männer agitierten und die Frauen die Schnittchen schmierten. Das Frauenthema war eben nur <em>„Nebenwiderspruch“</em>, wenn überhaupt. Immerhin gibt es inzwischen immer wieder einmal in den Medien einen <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-befreiende-tomatenwurf-von-1968-beginn-der-neuen-100.html">Beitrag über den Tomatenwurf</a>.</p>
<p>In den 2020er Jahren würde man eher von <em>„Identitätspolitik“</em> sprechen, in der es nicht nur um Frauenrechte, sondern auch die Rechte verschiedener Minderheiten geht, doch die Linie der Widerstände von <em>„links“</em> dagegen reicht bis hin zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, die diese in ihrem Buch „Die Selbstgerechten – Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ (Frankfurt am Main, Campus, 2021) ausführlich festhielt. Der migrationsfeindliche Kurs des von Sahra Wagenknecht gegründeten BSW passt ebenso in diesen Kontext. Ihre Kritik an jedweder <em>„Identitätspolitik“</em> wurde auch in breiten konservativen Kreisen geschätzt. Es ließe sich vielleicht sogar sagen, dass „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin (2011) und „Die Selbstgerechten“ (2021) mit ihren Verkaufszahlen belegen, dass eine liberale und offene Gesellschaft in den vergangenen 15 Jahren für viele Wähler:innen beziehungsweise Bürger:innen immer weniger attraktiv wurde. Dem BSW ist es nicht gelungen, die Zustimmung zu ihren Thesen in stabile und wachsende Wahlerfolge zu überführen, der AfD gelingt dies offensichtlich gut, vielleicht, weil es ihr glaubwürdig gelingt, ihre Gegner außerhalb ihres eigenen Milieus zu verorten, während das BSW als Teil des Milieus wahrgenommen wird, das es eigentlich kritisiert.</p>
<h3><strong>Kampf zwischen Gut und Böse</strong></h3>
<p>Die gängige Metapher für solche sprachlichen wie politischen Wirren ist die <em>„Spaltung“</em> der Gesellschaft. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer Studie <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) jedoch festgestellt, dass es mehr <em>„Konsens“</em>, mehr Verständigungspotenziale in der Gesellschaft, weniger <em>„Konflikt“</em> gibt als Akteure der Politik und der Medien zu denken scheinen. Mau, Lux und Westheuser sprechen von <em>„Arenen“</em>, in denen sich die <em>„Konflikte“</em> in unserer Gesellschaft abspielen und die oft höchst emotionale Reaktionen <em>„triggern“.</em> Sie beschreiben die <em>„verteilungspolitische Oben-Unten-Arena“</em>, die <em>„migrationspolitische Innen-Außen-Arena“</em>, die <em>„identitätspolitische Wir-Sie-Arena“</em> und <em>„umweltpolitische Heute-Morgen-Arena“. </em>Die Studie ist inzwischen etwa drei bis vier Jahre alt, aber auch aktuelle Themen der Politik lassen sich in die vier <em>„Arenen“</em> einordnen. Die anstehenden Rentenreformen gehören zum Beispiel in die <em>„Heute-Morgen-Arena“</em>, die Gesundheitsreform in die <em>„Oben-Unten-Arena“</em>, Fragen der inneren und äußeren Sicherheit in die <em>„Innen-Außen-Arena“</em>. Natürlich gibt es auch Überschneidungen, so können Umwelt- und Klima-Themen sehr schnell auch in eine <em>„Oben-Unten-Arena“</em> geraten, wenn es um Protestformen wie die der Letzten Generation geht, auch eine <em>„Wir-Sie-Arena“</em>.</p>
<p>Mau, Lux und Westheimer sprechen von <em>„affektiver Polarisierung“</em> als Folge unbearbeiteter Konflikte. Letztlich landen politische und mediale Debatten immer wieder in binären Strukturen, denn das macht es offenbar vielen Bürger:innen leichter, Politik zu ertragen. Pro und Contra wird in binären Gegensätzen verortet: <em>„Triggerpunkte sind neuralgische Stellen, an denen besonders aufgeladene Konflikte aktiviert werden. Wir arbeiten heraus, dass das Auftreten starker Pro- und Kontra-Reaktionen an typische Beweggründe geknüpft ist, wozu etwa wahrgenommene Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstöße, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen gehören.“</em></p>
<p>Populistische Parteien haben ein Gespür dafür, diese Strukturen für sich zu nutzen und sich selbst als das eine Ende und alle anderen als das andere Ende einer binären Skala zu inszenieren, die letztlich eine Skala von <em>„Gut“</em> und <em>„Böse“</em> ist. Die Benennung eines ultimativen (End-)Gegners funktioniert zur Bestätigung der eigenen Rechtschaffenheit: Das Böse, das für Rechtspopulist:innen schlichtweg alle Migrant:innen verkörpern, sehen viele Linkspopulist:innen in Israel. Beim Antisemitismus landen letztlich beide Seiten. Bisher hat sich diese antiisraelische Linie bei der Linken nicht durchsetzen können, aber die hohe Zahl junger neuer Mitglieder könnte ihr eine Mehrheit verschaffen. Dabei könnte es auch eine Rolle spielen, dass es bei der Linken inzwischen mehr Mitglieder aus dem Westen gibt als aus dem Osten. In den USA hat sich eine solche Entwicklung schon etabliert und spielt bei den Vorwahlen der Demokraten für die anstehenden Kongress- und Senatswahlen eine Rolle. Christina Morina beschreibt in <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131">„Das amerikanische Beben – Erfahrungen und Konsequenzen für die deutsche Demokratie“</a> (München, Siedler, 2026), wie sie bei einer von ihr mitorganisierten Demonstration gegen Trump erleben musste, dass sich Teilnehmer:innen lautstark an die Spitze des Demonstrationszugs setzten und diesen in eine Demonstration gegen Israel umfunktionierten. Sie gab ihre Ordnerbinde ab. Welche inneren Konflikte in der Linken und in linken Milieus ausgefochten werden, haben die Autor:innen des von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel herausgegebenen Bandes <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/trigger-warnung-identitaetspolitik-zwischen-abwehr-abschottung-und-allianzen/">„Triggerwarnung – Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“</a> (Berlin, Verlag, 2019, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-alle-sind-opfer/">im September 2019 im Demokratischen Salon besprochen</a>) im Detail aufgelistet. In ihrem Schlusswort halten die Herausgeber:innen fest: „Die Einteilung der Welt in Gut und Böse dient vermutlich vor allem dem <em>Zweck der eigenen Orientierung in einer als zunehmend komplex erlebten Welt. Der Zweck heiligt aber nicht die Mittel.“ </em></p>
<p>Philip Manow spricht nicht von <em>„Arenen“</em>, sondern von <em>„Spaltungslinien“</em>, zuletzt explizit in seinem Buch <a href="https://www.chbeck.de/manow-spaltungslinien/product/40247852">„Spaltungslinien – Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats“</a> (München, C.H. Beck, 2026). Philip Manow stützt seine Analysen auf Daten des <a href="https://www.chesdata.eu/">Chapel Hill Expert Survey</a>. Der Titel des zweiten Kapitels <em>„À la recherche du centre perdu“ </em>suggeriert, dass manche nach wie vor glauben, es könnte vielleicht doch wieder eine Rückkehr in eine vergangene, mehr oder weniger glorreiche Zeit geben, in der <em>„rechte Arbeiterklasse gegen linkes Bürgertum“</em> stünden, eine Annahme, die im Titel des ersten Kapitels schon wieder zur Illusion erklärt wird: <em>„linkes Bürgertum gegen rechte Arbeiterklasse“</em>. Das zentrale politische Ereignis in Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu“ war die Dreyfus-Affäre. In dieser ging es im Wesentlichen um die Frage, welche Position Juden im herrschenden Bürgertum haben dürften und welche nicht. Die Lage der <em>„Arbeiterklasse“</em> spielte darin keine Rolle, aber der Gedanke der <em>„Mitte“</em> sehr wohl, auch wenn es damals noch nicht so genannt wurde. Es gibt eben nicht nur den Konflikt zwischen angenommenen <em>„Rändern“</em> beziehungsweise innerhalb der linken Szene, sondern auch einen Konflikt innerhalb der bisherigen <em>„Mitte“</em> um deren zukünftige Positionierung, der dadurch verschärft wird, dass sich manche Konservative von der scheinbaren <em>„Bürgerlichkeit“</em> der rechtspopulistischen Seite verführen lassen.</p>
<p>Philip Manow bezieht sich mit Recht auf das Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/merz/hardcover/9783550204005">„Merz – Auf der Suche nach der verlorenen Mitte“</a> von Mariam Lau (Berlin, Ullstein, 2025). In der Tat ist Friedrich Merz einer der prominentesten Verfechter einer klassisch <em>„bürgerlich“</em> beziehungsweise <em>„konservativ“</em> konnotierten Rechts-Links-Opposition, die sich zugleich klar von rechts- wie linkspopulistischen Positionen fernhält. Seinem Traum gab er eine Farbe, als er und sein damaliger Generalsekretär sich bei der Vorstellung des neuen Corporate Design im Auftritt der CDU ausdrücklich auf Rhöndorf und Cadenabbia, zwei wichtige Orte im Leben Konrad Adenauers bezog, der für eine Zeit stehen mag, in der CDU und SPD mit in der Regel deutlich über 30, sogar oft genug über 40 Prozent liegenden Wahlergebnissen diese Rechts-Links-Opposition verkörperten. Mit den Wahlergebnissen der letzten Jahre verschwand jedoch die Illusion, es gäbe so etwas wie eine die Gesellschaft als Konsens-Gesellschaft stabilisierende <em>„Mitte“</em>. Letztlich ist <em>„Mitte“</em> inzwischen eher eine Metapher für Stabilität, Wohlstand, Zufriedenheit und die Überzeugung, man vertrete ein moralisch attraktives <em>„Modell Deutschland“</em> (so die SPD im Wahlkampf 1976) oder handele schlichtweg <em>„Aus Liebe zu Deutschland“</em> (so die CDU 1976, allerdings mit dem polarisierenden Zusatz <em>„Freiheit oder Sozialismus“</em>). <em>„Mitte“</em> war damals schon vor allem ein Gefühl, das sich mit manchen Begriffen einfach triggern ließ.</p>
<h3><strong>Warum Arbeiterparteien die Arbeiter:innen verlieren</strong></h3>
<p>Mit der Opposition zwischen <em>„Links“</em> und <em>„Rechts“</em> löste sich zugleich die Opposition von <em>„Oben“</em> und <em>„Unten“</em> auf, auch wenn die jeweilige <em>„Arena“</em> bestehen bleibt. Die SPD, die sich traditionell als Vertretung der <em>„Arbeiterklasse“</em> verstand, musste erleben, dass sich diese – sofern man heute überhaupt noch von einer <em>„Arbeiterklasse“</em> sprechen kann – immer mehr von ihr entfernte, sogar dazu neigte, reaktionäre Kräfte in die Parlamente zu wählen. Karl Marx würde vielleicht angesichts der ideologischen Leere ehemaliger Arbeiterparteien von einer Art Lumpenproletarisierung in der Politik sprechen, die ehemalige wie vermutete Angehörige der <em>„Arbeiterklasse“</em> einer rechtspopulistischen Partei in die Arme treibe. Hillary Clinton fasste eine solche Vermutung – natürlich ohne Marx-Bezug – in ihre Beschimpfung der Trump-Wähler:innen als <em>„deplorables“</em>. Man könnte dieses Argument auch umdrehen und die Visionslosigkeit von Parteien wie den US-amerikanischen Demokraten und vieler europäischer sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien als den Hauptgrund solcher Wählerwanderungen benennen, sollte aber auch darüber nachdenken, dass viele der ursprünglich durch den Einfluss der Sozialdemokratie bewirkten Reformen (vom Acht-Stunden-Tag bis zum Mindestlohn) irgendwie selbstverständlich geworden sind. Niemand wird für Erfolge der Vergangenheit gewählt.</p>
<p>Didier Eribon hat in seinem Buch „Retour à Reims“ (Paris, Fayard, 2009, die <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/didier-eribon-rueckkehr-nach-reims-t-9783518072523">deutsche Ausgabe</a> erschien bei Suhrkamp) ausführlich dokumentiert und analysiert, wie sich die französische <em>„Arbeiterklasse“</em> von Kommunisten und Sozialisten ab- und dem Front beziehungsweise Rassemblement National zuwandte. Auch in Deutschland wechselten der <em>„Arbeiterklasse“</em> zugerechnete Wähler:innen zunehmend zunächst zu konservativen Parteien, beispielsweise 2005 in Nordrhein-Westfalen und auf Bundesebene zur CDU, inzwischen – wie die letzten nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen 2025 und die baden-württembergische Landtagswahl 2026 zeigten – zur AfD. Die AfD hat ihre Hochburgen im Westen Deutschlands in Städten wie Duisburg, Gelsenkirchen oder Kaiserslautern. Immerhin konnte die SPD Städte wie Hamm und Herne halten und ihre dortigen Mehrheiten ausbauen. Der Prozess einer Abwanderung von Bürger:innen in klassischen Arbeiterstädten zur AfD ist keineswegs unabwendbar und auch nicht unumkehrbar.</p>
<h3><strong>Europa unter Beschuss</strong></h3>
<p>Der Kern dieser Entwicklung ist laut Philip Manow jedoch ein <em>„Innen-Außen-Konflikt“</em>, es ist der <em>„Konflikt über Europa – der auf einer allgemeineren, abstrakter gefassten Weise (…) ein Konflikt über das Nationale und das Supranationale, über Öffnungen und Schließungen und deren Konsequenzen für Teilhabe, Verteilung und Repräsentation ist.“ </em>Er konstatiert, <em>„dass sich Zustimmung und Ablehnung des europäischen Projekts nicht nach ‚links‘ oder ‚rechts‘, sondern nach ‚Mitte‘ und ‚Rand‘ sortieren.“</em> Die linke Seite kritisiere das europäische Projekt beziehungsweise die Globalisierung als <em>„zu wirtschaftsliberal“ </em>(Stichwort: Neoliberalismus), die rechte Seite als <em>„zu gesellschaftsliberal“ </em>(Stichworte: Feminismus, Zuwanderung, Ehe für alle). Wer sich für Europa und die Europäische Union engagiert, findet sich inzwischen am <em>„Rand“</em> des Parteienspektrums wieder. Europa war – so Philip Manow – bis in die 1980er Jahre kein Thema in der Politik, es gab eine Art <em>„Legitimation durch Desinteresse“</em>. Inzwischen gebe es nach dem Beitritt der ehemaligen Ostblockstaaten eine <em>„Politisierung des Integrationsprojekts“</em> und eine <em>„Europäisierung der nationalen Parteien“</em>. Die ursprünglich verlässlich pro-europäische <em>„Mitte“</em> scheint sich aufzulösen. Sie besteht offensichtlich vor allem dort weiter, wo Länder wie die Ukraine, Georgien oder Moldawien vom imperialistischen Russland bedroht werden. Europa ist dort eine Hoffnung, allerdings gibt es auch dort Auflösungserscheinungen. Keiner der in den vergangenen 20 Jahren der Europäischen Union beigetretenen Staaten möchte aus dieser austreten, aber es gibt starke Kräfte, denen Europa, oft auch vereinfachend <em>„der Westen“ </em>genannt, zu übergriffig wirkt.</p>
<p>Stephen Holmes und Ivan Krastev bieten in ihrem Buch „The Light That Failed“ (deutsch: <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">Das Licht, das erlosch – Eine Abrechnung</a>, Berlin, Ullstein, 2019) eine plausible Erklärung. In der ersten Phase versuchten die neuen EU-Mitglieder den <em>„Westen“</em> nachzuahmen, doch mit der Zeit wandten sie sich von einem positiven Bild des <em>„Westens“ </em>ab. In Ungarn und in der Slowakei ging dies sogar mit einer neuen Wertschätzung Russlands einher, die in Polen aus historischen Gründen ausblieb, aber – wie die jüngste <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-polnisch-ukrainischer-erinnerungskrieg/">Debatte um Wolhynien</a> zeigt – zwar keine neue Liebe zu Russland, wohl aber eine negative Sicht der Ukraine bewirkt. Dazu kommt die auf Seiten des polnischen Rechtspopulismus die Bewunderung Trumps, lautstark vertreten durch den polnischen Präsidenten.</p>
<p>Europa gerät von zwei Seiten unter Beschuss. Wahlweise <em>„Europa“</em>, <em>„der Westen“, „Brüssel“</em> werden zur Metapher des abgelehnten Liberalismus. Philip Manow schreibt: <em>„Der politische Konflikt um Europa steht offenkundig <u>quer</u> zu einer einfachen Links-Rechts-Unterscheidung (…).“</em> Daraus entsteht <em>„eine neue politische Konfliktachse, verlaufend zwischen liberalen und ‚illiberalen‘ Kräften, die aber jeweils <u>intern</u> Links und Rechts verbinden.“ </em>Weltoffenheit gerät ins Visier populistischer Bewegungen: <em>„Die selbsterklärte politische Mitte unterstützt mit ihrer Parteinahme für Offenheit <u>nolens volens</u> die doppelt-liberale Dimension des transnationalen Projekts und ist daher in deren politischem Raum nicht Mitte, sondern bildet den einen Pol einer neuen Konfliktachse.“ </em>Diese Achse kann sich ständig verschieben, denn die Instabilität von Gesellschaften spiegelt sich nicht nur in den Wahlerfolgen populistisch auftretender Parteien, sondern auch in dem <em>„stärker in den Vordergrund tretende Bewegungscharakter von Politik (Indignados, Occupy Wallstreet, Gilets Jaunes, Black Lives Matter, Pegida, die Klimabewegung (Friday for Future, Last Generation, Extinction Rebellion), die Bauernproteste, Querdenker etc.)“</em>. Das gilt nicht zuletzt auch für die Geschichte des Brexits. Philip Manow fragt angesichts der in diesen Bewegungen vertretenen Themenvielfalt mit Recht: <em>„Wie will man da von festen Spaltungslinien und Strukturen des Parteienwettbewerbs sprechen?“ </em></p>
<p>Die von Philip Manow genannten Bewegungen sind fast alle internationalen Bewegungen ohne Zentrum. Ein Zentrum erhalten sie nur da, wo es in einem bestimmten Land eine Partei gibt, die im Wesentlichen die Anliegen der dort aktiven Bewegungen integriert wie es der AfD mit Pegida oder den Querdenkern gelang. Die Linke schaffte es bisher nicht, affine Bewegungen zu integrieren. Der letzte halbwegs erfolgreiche Versuch einer solchen Integration verschiedener Bewegungen (zum Beispiel Anti-Atomkraftbewegung, Anti-Apartheid-Bewegung, Friedensbewegung) waren die Grünen in ihrer Gründungsphase. Doch inzwischen gehören die Grünen zum Kreis der Parteien, die von sich beanspruchen, sie wären die <em>„Mitte“</em>, mal etwas linker, mal etwas konservativer (sich <em>„rechts“</em> zu nennen wird auf konservativer Seite geflissentlich vermieden).</p>
<p>Es lassen sich neben Europa zwei weitere Themen benennen, die ursprünglich von einer sich international beziehungsweise internationalistisch verstehenden Linken besetzt wurden, sich inzwischen jedoch als Kernthemen der Rechten durchzusetzen scheinen: Migration und Frauenrechte. Diese gehören dort ebenso wie Europa zum Reich des Bösen. Die ursprünglich linke Seite hat bisher kein Mittel gefunden, ihre Sicht der Dinge dagegenzusetzen. Im Gegenteil. Auf feministischer Seite zerstreiten sich die verschiedenen Gruppierungen und sprechen sich gegenseitig ab, <em>„feministisch“</em> zu sein. Die Verhinderung von Migration ist inzwischen auch ein von linken Regierungen und Parteien geteiltes Projekt, allen voran unter den sozialdemokratischen Parteien in Skandinavien. Eine Ausnahme scheint Spanien zu bilden, doch dürfte sich dies nach den Ereignissen von Ceuta vom 31. Juli 2026 ändern. Auf der sozialdemokratischen Seite gibt es eine <em>„Kombination aus ökonomisch Links und kulturell Rechts“</em> wie es bereits verschiedene rechtspopulistisch-konservative Parteien wie die PiS in Polen vorgelebt haben. Möglicherweise lässt sich die <em>„Oben-Unten-Arena“</em> als Gerechtigkeitsprojekt nur noch über die <em>„Innen-Außen-Arena“ </em>beziehungsweise die <em>„Wir-Sie-Arena“</em> erfolgreich bespielen.</p>
<p>Verteilungs- und Identitätspolitik lassen sich in Regierungsverantwortung wie in der Opposition in der Tat bestens miteinander verbinden. Rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien ist es gelungen, Identitäts- und Europapolitik als Haupthindernisse einer besseren Verteilungspolitik zu brandmarken. Philip Manow sieht hier keine <em>„Kulturalisierung“</em> verteilungspolitischer Konflikte, wohl aber eine Entwicklung verschiedener Parteien, sich kultur- und identitätspolitisch nach klassischen Mustern eher rechts zu positionieren, verteilungspolitisch jedoch eher links. Die Sozialprogramme der PiS in Polen und der FIDESZ in Ungarn garantierten bis vor Kurzem deren Wahlsiege. Ihren liberalen Gegnern unterstellten sie, diese Sozialprogramme wieder abschaffen zu wollen, was diese wieder bemüßigte zu versichern, dies würden sie – ungeachtet der enormen Kosten – auf keinen Fall tun. PiS und FIDESZ agierten im Grunde rechts- und linkspopulistisch zugleich.</p>
<p>Philip Manow spricht in diesem Zusammenhang von einer <em>„Hyperpolitisierung“</em>, die geradezu dialektisch funktioniere: <em>„Der Prozess der Ent-Nationalstaatlichung</em> (vulgo: Globalisierung, NR) <em>provoziert nämlich nicht nur den gegen ihn selbst gerichteten politischen Protest, sondern er verändert zugleich in einer rekursiven Schleife den Modus, mit dem dieser noch artikuliert werden kann.“ </em>Die traditionellen im Links-Rechts-Schema verhafteten Parteien sind bisher nicht in der Lage, sich aus diesen Möbius-Schleifen der politischen Kämpfe und Debatten zu befreien. Philip Manow fordert im Kapitel „Offene Märkte, offene Identitäten“, <em>„an ‚Globalisierung‘ als dem dominanten Bezugsproblem des Populismus festzuhalten“</em> und fordert, <em>„den ökonomisch-kulturellen Doppelcharakter dieser Globalisierung ernst zu nehmen und seine Berücksichtigung in der Analyse durchzuhalten, was einschließt, Migration nicht nur als einen ausschließlich kulturellen Konfliktgegenstand zu verstehen, sondern ihren Verteilungs- und Wettbewerbsimplikationen gerecht zu werden.“ </em></p>
<h3><strong>Anarchische Fantasien</strong></h3>
<p>Ob das, was wir – wie oft behauptet – zurzeit erleben, ein <em>„Kulturkampf“</em> ist, bezweifelt Philip Manow. Er hält dies eher für eine Frage derjenigen, die – beispielsweise als Wissenschaftler:innen – von außen auf die Entwicklungen unserer Zeit schauen. Ob die Akteure das auch so sehen, ist eine unbeantwortete Frage. Wer jedoch genau hinschaut, wird das, was aus identitätspolitischer Sicht als <em>„Kulturkampf“</em> erscheinen mag, als bloßen Bildersturm gegen alles bezeichnen müssen, das denen, von denen man sich vernachlässigt fühlt, lieb und teuer ist. Es wird zu einem Modus der <em>„Oben-Unten-Arena“</em>, die als <em>„Wir-Sie-Arena“</em> bespielt wird. Auch <em>„Kultur“</em> ist eben eine Metapher. Am 8. Juni 2026 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein Gespräch von Nicolas Richter und Katharina Riehl mit Stephen Holmes: <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/populismus-erfolg-trump-stephen-holmes-interview-li.3492741">„Sie lieben es, dass der East Wing abgerissen wird“</a>. Holmes sieht bei den Anhänger:innen Trumps kein Interesse an dessen goldenem Ballsaal, aber Genugtuung über den Abriss des East Wing. Trump könne zwar der <em>„weißen Arbeiterklasse (…) keine bessere Zukunft bieten“</em>, aber <em>„die Zukunft der in Harvard gebildeten professionellen Elite an Ost- und Westküste zerstören. Ich kann ihre Universitäten, Zeitungen, das Nato-Bündnis, die Weltwirtschaft ruinieren. Das spricht Menschen an, die einen Groll haben, weil dann wenigstens etwas passiert.“</em> Es hilft letztlich nicht, populistischen Parteien und Politiker:innen vorzuwerfen, dass sie keine Lösungen hätten. Diese werden von ihnen auch gar nicht verlangt. Die Wähler:innen der AfD wissen durchaus, dass es die Welt nicht weiterbringt, wenn auf einmal vor den Schulen jeden Tag die deutsche Fahne aufgezogen wird. In diesem scheinbaren <em>„Kulturkampf“</em> ist eben auch <em>„deutsch“</em> eine Metapher.</p>
<p>Ähnlich wie Holmes argumentiert Annette Dittert in ihrem Buch <a href="https://www.dumont-buchverlag.de/buch/annette-dittert-dear-britain-9783755800699-t-7748">„Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“</a> (Köln, DuMont, 2026): Die enttäuschten Labour- und Tory-Wähler:innen, die zu Reform UK überlaufen, glauben nicht, dass dies ihre Probleme löse, es reiche ihnen, wenn die regierenden Parteien zerstört würden (ob sie wieder zu Labour zurückkehren, bleibt nach dem Amtsantritt von Andy Burnham denkbar, vielleicht mit den Themen, mit denen Zohran Mandani in New York zum Bürgermeister gewählt wurde). Diese Lust an der Zerstörung zeige sich – so Stephen Holmes – auch in Ostdeutschland, sei aber ein Grundproblem einer liberalen Demokratie, die sich schwer damit tue, eine Vision zu vermitteln, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt: <em>„Demokratie ist ein System konkurrierender, überzogener Versprechen, was natürlich Enttäuschung erzeugt. Die Enttäuschung wird dadurch bewältigt, dass regelmäßig Wahlen stattfinden. Wenn Sie also mit den Amtsinhabern unzufrieden sind, hoffen Sie, statt Gewalt anzuwenden, auf die nächste Wahl. Aber wenn Sie auch nach mehreren Wahlen feststellen, dass sich nichts ändert, dann funktioniert dieser Mechanismus zur Verarbeitung der Enttäuschung nicht mehr. Und dann wenden Sie sich gegen das System.“</em></p>
<p>Nationale Grundierungen verstärken den Gegensatz von Innen und Außen als neue Koordinaten politischer Kämpfe, sie sind nicht die Ursache, sondern ein Modus, indem diese Kämpfe ausgetragen werden. Stephen Holmes hatte die verschiedenen Phasen der Wahrnehmung des sogenannten europäischen liberalen <em>„Westens“</em> insbesondere in den jungen osteuropäischen Demokratien, in den USA, in Russland und China analysiert. Das Vorbild wurde zum Schreckbild: <em>„Genau wie einige ungarische und polnische Populisten mit ihrer Weigerung prahlen, den liberalen Westen zu kopieren, so fühlen sich Trump-Anhänger befreit, wenn sie hören, dass die in Harvard ausgebildeten Eliten nicht nur keine Vorbilder, sondern in einem ganz fundamentalen Sinne noch nicht einmal richtige Amerikaner sind.“</em> (Ähnlich argumentiert Björn Höcke, wenn er die Westdeutschen als <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/westdeutsche-als-deutsch-sprechende-amerikaner-hat-hocke-seine-these-von-russia-today-15696261.html"><em>„deutsch sprechende Amerikaner“</em></a> bezeichnet.)</p>
<p>Einen interessanten Aspekt, der zu dem Bild des abgerissenen East Wing passt, bietet der Münchner Historiker <a href="https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/geschichte/neueste-geschichte/team/johannes-geck/">Johannes Geck</a> in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/anarchofaschismus-reloaded-a-mr-80-8-60/">„Anarchofaschismus reloaded“</a> in der Augustausgabe 2026 des Merkur. Er beginnt mit einem Bild, das alle gängigen Bilder einer im Trump-Reich gefeierten <em>„white supremacy“</em> konterkariert. Es handelt sich um ein Video aus dem Januar 2026: <em>„In einer Luxuslimousine wiegen sich fünf Männer zu Kanye Wests auf den meisten Plattformen gesperrten Song <u>Heil Hitler</u>. Zu sehen sind Tristan Tate, Sohn eines afroamerikanischen Vaters, in Rumänien des Menschenhandels angeklagt; Myron Gaines, Streamer mit sudanesischen Wurzeln und mehrfacher Holocaustleugner; Sneako, philippinisch-haitianischer Abstammung, konvertierter Muslim und wegen antisemitischer und frauenfeindlicher Aussagen von YouTube verbannt. Und in ihrer Mitte Nick Fuentes, weißer Nationalist und offener Mussolini-Bewunderer, der bei anderer Gelegenheit erklärt hatte, die meisten Schwarzen gehörten hinter Gitter. Zusammen versammeln die fünf eine Followerschaft von über fünfzehn Millionen Menschen hinter sich.“</em> All das sei <em>„Pose“</em>, durchaus im Sinne von Ernst Jünger und dessen Figur des <em>„Anarchen“</em>, den er insbesondere in seinem utopischen Roman „Eumeswil“ (1977) entwickelte. Johannes Geck verweist auf Armin Mohlers Essay „Der faschistische Stil“ (1973): <em>„Faschismus sei ‚eine Gebärde, ein Rhythmus‘, in dessen ‚Laufschritt‘ sich der Faschist über einen ‚kalten und rapiden Stil‘ verständige; mit ‚Unstimmigkeiten in der Theorie‘ könne er sich dagegen leicht abfinden.“</em></p>
<p>Rechtspopulistische und rechtsextremistische (auch linkspopulistische und linksextremistische?) Parteien interessieren sich nicht unbedingt für Programme, sodass es letztlich nicht hilft, ihre Programme zu kritisieren. Sie interessieren sich für Aktion, für Tat, für den <em>„‚Rausch der Dezision‘ (…), den </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/helmut-lethen-verhaltenslehren-der-kaelte-t-9783518127766"><em>Helmut Lethen</em></a> (Link NR) <em>als Kern der <u>kalten persona</u> beschreiben hat. Mit Unstimmigkeiten in der Theorie kann sich der Faschist nach Mohler gut abfinden; entscheidend ist die habituelle Nähe im Antiliberalismus.“ </em>Johannes Geck konstatiert: <em>„Die Pose ist an keine Identität gebunden, weder an eine ethnische noch an eine geschlechtliche, sondern an eine prinzipiell übertragbare Haltung.“</em> Die martialische Diktion der Reden populistischer Führergestalten rechtfertigt letztlich Gewalt, auch wenn sie dies – wie Trump am 6. Januar 2021 – oft so kryptisch tun, dass zwar alle verstehen, was gemeint ist, sie jedoch niemand dafür verantwortlich machen kann, was dann geschieht.</p>
<p>Karl Marx hat eine solche Entwicklung im „18. Brumaire“ am Beispiel der Bauern beschrieben: <em>„Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, daß ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde. Und es fand sich ein Individuum, das sich für diesen Mann ausgibt, weil es den Namen Napoleon trägt, infolge des Code Napoléon, der anbefiehlt: ‚La recherche de la paternité est interdite.‘ Nach zwanzigjähriger Vagabundage und einer Reihe von grotesken Abenteuern erfüllt sich die Sage, und der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe Idee des Neffen verwirklichte sich, weil sie mit der fixen Idee der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel.“ </em>Natürlich erfüllten sich die Träume der französischen Bauern nicht, ebenso wenig wie die <em>weiße</em> US-amerikanische Arbeiterklasse mit Trump wieder zu neuem Wohlstand kommt. Möglicherweise – das ist bei Marx nicht vorgesehen – profitiert sie erst durch eine Art Selbst-Lumpenproletarisierung, die ein Bündnis mit dem autokratischen Herrscher eingeht, der ihnen verspricht, alle, von denen sie glauben, dass sie sie behinderten, zu zerstören – außer natürlich ihn selbst. Der Monarch kommt als Anarch zur Macht und festigt sie in bilderstürmerischer Pose. Nichts wird mehr zur Ruhe kommen. Pennywise wird Bündnispartner, Vorbild und letztlich Retter. Es folge die Sintflut!</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 6. August 2026. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, Nordlichter, Rechte bei der Künstlerin.)</p>
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		<title>Es beginnt mit dem Feuer im Herzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Aug 2026 04:17:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es beginnt mit dem Feuer im Herzen Ruth-Anne Damm über das Engagement „ZWEITZEUGEN e.V.“ „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ (Primo Levi in: Die Untergegangenen und die Geretteten, übersetzt aus dem Italienischen von Moshe Kahn, München, Hanser, 1990)  Ruth-Anne Damm, Foto: privat.  Erinnerungen können mit der Zeit verblassen, an  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Es beginnt mit dem Feuer im Herzen</strong></h1>
<h2><strong>Ruth-Anne Damm über das Engagement „ZWEITZEUGEN e.V.“</strong></h2>
<p><em>„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ </em>(Primo Levi in: Die Untergegangenen und die Geretteten, übersetzt aus dem Italienischen von Moshe Kahn, München, Hanser, 1990)</p>
<div id="attachment_8270" style="width: 261px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8270" class="wp-image-8270 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/R.Damm_Portraet_Sitzend-e1785903814656-251x300.jpeg" alt="" width="251" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/R.Damm_Portraet_Sitzend-e1785903814656-200x239.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/R.Damm_Portraet_Sitzend-e1785903814656-251x300.jpeg 251w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/R.Damm_Portraet_Sitzend-e1785903814656-400x479.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/R.Damm_Portraet_Sitzend-e1785903814656-600x718.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/R.Damm_Portraet_Sitzend-e1785903814656-768x920.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/R.Damm_Portraet_Sitzend-e1785903814656.jpeg 785w" sizes="(max-width: 251px) 100vw, 251px" /><p id="caption-attachment-8270" class="wp-caption-text">Ruth-Anne Damm, Foto: privat.</p></div>
<p>Erinnerungen können mit der Zeit verblassen, an Bedeutung verlieren. Sie können sich verändern, durch konkurrierende Erinnerungen ersetzt werden. Auch regelmäßige Rituale können nicht verhindern, dass und wie sich Erinnerungen verändern. Viele wissen viel zu wenig und manche wollen die zwölf Jahre nationalsozialistischen Terrors lieber aus dem Gedächtnis streichen. Gleichzeitig sind viele junge Menschen ausweislich der von der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft initiierten <a href="https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/memo-studie/">MEMO-Studien</a> sehr interessiert, sogar interessierter als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Der zivilgesellschaftliche Verein <a href="https://zweitzeugen.de/">ZWEITZEUGEN e.V.</a> greift dieses Interesse auf und sorgt dafür, Erinnern, Gedenken, Nachdenken zeitgemäß und zukunftsfähig zu gestalten. Sitz des Vereins ist Essen. Gemeinsam mit einem engagierten Team hat die Geschäftsführerin Ruth-Anne Damm ein bundesweites Netzwerk aufgebaut, in dem Menschen zu Zweitzeug:innen ausgebildet werden. <a href="https://www.handelsblatt.com/politik/sozialunternehmerin-des-jahres-ruth-anne-damm-nie-wieder/100178927.html">Sie wurde 2025 von einer Jury des Handelsblatts als Sozialunternehmerin des Jahres ausgezeichnet</a>. Ihr Ziel ist es, in Workshops und Ausstellungen ein Feuer im Herzen der Besucher:innen und Teilnehmer:innen zu entfachen, die Bereitschaft, sich für die Lebensgeschichten der Überlebenden der Shoah zu öffnen und sie weiterzuerzählen, damit das, was geschah, nie wieder geschieht.</p>
<p>Am 27. Januar 2026 war ZWEITZEUGEN e.V. Teil der Eröffnung von <a href="https://zweitzeugen.de/holo-voices">„HOLO-VOICES: Begegnen – Fragen – Weitersagen“</a><u> auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein</u>. Das Projekt mit Hologramm-Saal und zwei Ausstellungen wurde vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW initiiert und von der Technischen Universität Dortmund als Projektträger umgesetzt und ist einzigartig in Europa. HOLO-VOICES ermöglicht mit <em>„KI-Technik eine lebendige Interaktion mit Zeitzeug:innen des Holocausts“</em>. Grundlagen waren unter anderem Interviews des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek in Zusammenarbeit mit der Shoa Foundation und die Frankfurter Ausstellung <a href="https://fragnach.org/">„Frag nach!“</a>.</p>
<p>Seit Februar 2026 wird durch ZWEITZEUGEN e.V. ein didaktisches Begleitprogramm für Schulklassen/Jugendgruppen (ab ca. 14 Jahre) und Erwachsene umgesetzt. Weitere begleitende Formate werden auf der Internetseite von ZWEITZEUGEN e.V. vorgestellt. Anmeldungen sind jederzeit möglich über das Kontaktformular auf HOLO-VOICES.de oder unter <a href="mailto:holo-voices@zweitzeugen.de">holo-voices@zweitzeugen.de</a>. Über die Angebote des Vereins kann man sich auch jederzeit informieren lassen, indem man den <a href="https://8de7d2aa.sibforms.com/serve/MUIFAKCgcbDLOWdEMKj9Z_RHh87cadb2YWcYDYnPoCYJZe0u15l8MVzd3EKitqv7qhdg5ixKhxww8xeH_NSG3-U0OgghOd_lPFm05kj2HpC2pJP29QrMAbIotp38FbK2h-ctBxAFP78uBAKRMISgJMr7acPwkU0SFM1xwJpgbJ3iMYqGZl5626nUExpj8tB4GulzFxzrxuas0UzF">Newsletter</a> abonniert. <a href="https://8de7d2aa.sibforms.com/serve/MUIFAA5boZ1GdUGe07kQmYwKgumKsOfLQ7IhnxtlKiTCTcf3aD13Re3VBPldeWTyNISDbYerBex4PKesBPq1q35DSxiXDGUz3yN6CfzZq1PLSpBFiVMIbhUuqjeEbw7zAJW-oWYFIdmxKA2GN6KjO2PzTWs-lT8yxijwRhh1G6-U-aMwYT4eozmj8i7ncDIcEzIL0b2kvrORQ4La">Für Pädagog:innen gibt es einen eigenen Newsletter</a>.</p>
<h3><strong>Der Verein „ZWEITZEUGEN“ – Grundkonzept und Geschichte </strong></h3>
<div id="attachment_8271" style="width: 353px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8271" class="wp-image-8271 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg" alt="" width="343" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Begegnung-©-Zweitzeugen-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 343px) 100vw, 343px" /><p id="caption-attachment-8271" class="wp-caption-text">Schulklassen-Workshop im Ausstellungsprojekt HOLO-VOICES am 22. Januar 2026 © MKW/Lars Berg.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kennengelernt haben wir uns bei der Eröffnung der Ausstellung „HOLO-VOICES“. Den Verein „ZWEITZEUGEN e.V.“ gibt es jedoch seit etwa 16 Jahren. Wie kam es zur Gründung des Vereins? Was sind die Ziele?</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Ich bin Geschäftsführerin von „ZWEITZEUGEN e.V.“ und gehöre auch zu den Mitgründerinnen. Die Vorgeschichte begann im Jahr 2010. Ich war damals 22 Jahre alt. Sarah Hüttenberend und meine Schwägerin Anna Damm haben alles gestartet – damals haben sie an der </em><a href="https://www.fh-muenster.de/de/msd/index"><em>FH Münster</em></a><em> Design und Fotografie studiert. Ihr Projekt hieß </em><a href="https://socialimpact.eu/community/team/heimatsucher-ev"><em>„Heimatsucher – Shoah-Überlebende heute“</em></a><em>. Ziel war es, mit den Werkzeugen des Designs und der Fotografie Geschichten zugänglich zu machen, die zu wenig gehört wurden. Die Grundidee ihres Projektes war, mit Überlebenden des Holocaust nicht nur darüber zu sprechen, was sie erlebt hatten, sondern auch darüber, wie sie es geschafft hatten, nach 1945 weiterzumachen. Ich war damals für ein Auslandssemester in den USA und engagierte mich bei Amnesty International. Ich hatte eine Art Grundzuversicht, dass wir, wenn wir wollen, alles verändern können. </em></p>
<p><em>Mich persönlich hat das Thema unglaublich angesprochen. Ein ganz großes Thema war für mich die folgende Frage: Warum reden wir über die Ermordung der europäischen Juden und anderer damals verfolgter Menschen – Sinti und Roma, Menschen im Widerstand, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen und weitere – nur bis zum 8. Mai 1945? Warum endet alles mit diesem Tag? Antisemitismus war nach dem 8. Mai 1945 alles andere als vorbei und ist bis heute präsent. </em></p>
<p><em>Eingestiegen bin ich über die Mithilfe beim Transkribieren von Interviews von einer Reise nach Israel, wo die ersten zehn Überlebenden bereit waren, sich interviewen zu lassen. Einer dieser Menschen war </em><a href="https://zweitzeugen.de/geschichten/zeitzeuginnen/eliezer-ayalon"><em>Eliezer Ayalon</em></a><em>. Er berichtete von den fünf Konzentrationslagern, in denen er inhaftiert war, und seinem Leben nach der Befreiung. Ich habe aus seinem Mund von so vielen Orten gehört, die ich vorher gar nicht kannte, und habe alles nachrecherchiert. Das war der Anfang. Es hat mich unglaublich bewegt und hier kann ich sagen, bin ich zur Zweitzeugin geworden. Bis heute haben wir 40 Interviews geführt. Wir haben Überlebende getroffen, ihre Familien, haben uns überlegt, wie wir diese Geschichten weitertragen können. Wir haben ein didaktisches Konzept entwickelt, eine eigene Ausstellung. Das ist jetzt 16 Jahre her. Neun Jahre habe ich im Ehrenamt gearbeitet, seit 2019 bin ich hauptamtliche Geschäftsführerin. </em></p>
<p><em>Wir sind von einem studentischen Projekt mit ausschließlich ehrenamtlichen Strukturen zu einer Art sozialem Unternehmen gewachsen. Wir haben fest angestellte Mitarbeitende, sodass wir mittlerweile jeden Tag in Deutschland Workshops für Kinder und Jugendliche anbieten können, die wir zu Zweitzeug:innen ausbilden. Neben den hauptamtlichen Kolleg:innen engagieren sich etwa 100 Ehrenamtliche. Wir bilden auch Erwachsene aus, Lehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte. Seit Januar 2026 betreuen wir das pädagogische Programm zu HOLO-VOICES und haben eine der beiden Ausstellungen – zur Zwangsarbeit im Ruhrgebiet – konzipiert. Bei HOLO-VOICES können Jugendliche und Erwachsene den Hologrammen der Shoah-Überlebenden Fragen stellen. Für uns ist das ein Weg, Menschen zu Zweitzeug:innen zu machen.</em></p>
<p><em>Dank der KI-Technik ist es bei HOLO-VOICES möglich, den Hologrammen Fragen zu stellen. Die KI ermittelt anhand von Schlüsselbegriffen die Antwort, die am besten zur Frage passt. Es handelt sich NICHT um eine generative KI. Die Antworten der Holocaust-Überlebenden werden nicht verfremdet, zusammengeführt, gekürzt oder ergänzt. Wer eine Frage stellt, hört immer die Original-Schilderung der Zeitzeug:innen, sodass eine direkte Begegnung und eine lebendige Interaktion möglich werden. </em></p>
<div id="attachment_8273" style="width: 333px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8273" class="wp-image-8273 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg" alt="" width="323" height="215" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Rolf-Abrahamson-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 323px) 100vw, 323px" /><p id="caption-attachment-8273" class="wp-caption-text">Rolf Abrahamson © Zweitzeugen e.V.</p></div>
<p><em>Der Ansatz unserer Bildungsarbeit ist eigentlich ganz banal. Wir erzählen die Geschichten weiter und ermöglichen anderen, dass sie ebenfalls diese Geschichten weitererzählen. Wir zitieren gerne </em><a href="https://eliewieselfoundation.org/"><em>Elie Wiesel</em></a><em>, Überlebender der Shoah und Friedensnobelpreisträger, der einmal sagte: „Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.” Hier hilft jede Geschichte. Niemand kann sich die Zahl von sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden vorstellen, aber die Geschichte von </em><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/unsere-woche/und-weil-er-hofft-und-liebt/"><em>Rolf Abrahamsohn</em></a><em> aus Marl im Kreis Recklinghausen können alle verstehen, ebenso wie die Geschichten von </em><a href="https://zweitzeugen.de/geschichten/zeitzeuginnen/elisheva-lehman"><em>Elisheva Lehmann</em></a><em>, von </em><a href="https://zweitzeugen.de/geschichten/zeitzeuginnen/chanoch-mandelbaum"><em>Chanoch Mandelbaum</em></a><em>, von </em><a href="https://zweitzeugen.de/geschichten/zeitzeuginnen/eva-weyl"><em>Eva Weyl</em></a><em> und vielen anderen, die Eltern hatten, Geschwister, die Hobbys hatten, mal gerne, mal weniger gerne in die Schule gegangen sind, Fußball gespielt haben und und und. Das sind Lebensgeschichten, denen wir uns nahefühlen können. Wir können über ihre Lebensgeschichten so viel lernen, wie es war, wie es sich anfühlte, was es für sie jeweils ganz konkret bedeutete, als die NSDAP am 30. Januar 1933 die Regierung übernahm, antijüdische Gesetze einführte, Jüdinnen und Juden immer mehr vom alltäglichen Leben ausschloss, und in welchem Tempo dies geschah. Letztlich ermöglichen wir historisches Lernen an Hand von Biographien, von ganz konkreten Lebensgeschichten. </em></p>
<p><em>In unseren Bildungsangeboten fragen wir, wie viele solcher antijüdischen Gesetze es wohl gab. Die Vermutung oft: vielleicht fünfzig oder vielleicht hundert? Es waren zwischen 1933 und 1942 über 2.000 Gesetze. Da geht dann ein Raunen durch den Raum. Wie ist das passiert? Ich finde es so unglaublich wichtig, auch für unsere heutige Zeit, zu erkennen, wo und wie Unrecht geschieht, zu sehen, wie unsere demokratischen Strukturen missbraucht werden können. Wir können den Blick zurück nutzen, um ihn auf das Hier und Jetzt zu beziehen, um zu verstehen, wozu der Mensch imstande ist. Es tut weh, aber es ist wichtig, zu sehen, dass Erinnerung keine Floskel ist, die an einigen Gedenktagen gepflegt wird, an denen ich vielleicht einmal betreten gucke, sondern dass es etwas ist, das wirklich verstanden und verinnerlicht wird. Das ist unsere Vision, dass jede und jeder zu Zweitzeug:innen wird und sich für Demokratie, für Toleranz, für Vielfalt, für Offenheit einsetzt, dass wir einander zuhören, dass wir alles dafür tun, dass „Nie wieder ist Jetzt!“ nicht nur eine Floskel ist.   </em></p>
<h3><strong>Wo waren die Täter?</strong></h3>
<div id="attachment_8272" style="width: 353px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8272" class="wp-image-8272 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg" alt="" width="343" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 343px) 100vw, 343px" /><p id="caption-attachment-8272" class="wp-caption-text">Schulklassen-Workshop HOLO-VOICES am 22. Januar 2026 © MKW/Lars Berg.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir wissen eigentlich viel über Täter:innen, wir wissen viel darüber, was Deutsche gewusst haben. Die Topographie des Terrors bietet Antworten in der Ausstellung mit dem Titel „Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“ Das ist die eine Seite, die andere ist die, die wir aus den <a href="https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/memo-studie">MEMO-Studien</a> der vergangenen Jahre immer wieder erfahren. Während immer klarer wird, wie viel die Deutschen damals wussten und wie sehr viele persönlich zum Terror der Vernichtungskriege und des Holocausts beigetragen haben, als Täter:innen oder als Bystander, steigt die Zahl der Deutschen, die glauben, ihre Eltern hätten Verfolgten geholfen. Sie liegt inzwischen bei etwa einem Drittel der Befragten.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>:<em> Ja genau, mich hat schon bei der Studie erschrocken, wie viele denken, dass ihre Großeltern oder Urgroßeltern im Widerstand gewesen wären. Tatsächlich liegt die Zahl unter einem Prozent. </em></p>
<p><em>Wir haben viele verschiedene, sich ergänzende Methoden, um die Komplexität deutlich zu machen. Wir erzählen beispielsweise in einem Klassenraum nicht 40 Geschichten. Damit wären alle überfordert. Wir erzählen <u>eine</u> Geschichte. Wir sprechen darüber, über welche Zeit wir eigentlich sprechen. Wir schauen, was die jeweilige Person erlebt hat. Anhand dieser Geschichte können wir auch auf weitere Aspekte eingehen bis hin zum Antisemitismus nach 1945. </em></p>
<p><em>Die Lebensgeschichten, die wir erzählen, starten oft zu Beginn oder in der Mitte der 1920er Jahre. Es ist wichtig zu zeigen, dass es 1933 nicht einfach eine Machtübernahme gab, bei der der böse Adolf Hitler als Einzelner kam. Es gab eine groß gewordene Partei, es gab Unterstützung in der Bevölkerung, es gab Wahlen, mit denen die NSDAP überhaupt so weit kam, dass der Reichspräsident Hitler am 30. Januar 1933 die Reichskanzlerschaft übertrug. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine absolute Mehrheit hatte die NSDAP im Übrigen nie. Sie hatte in der DNVP und auch einigen ehemals demokratischen Politikern Partner. Vor allem aber reichte die Übernahme der Reichskanzlerschaft, um in einem atemberaubenden Tempo alle demokratischen und kommunistischen Oppositionskräfte zu zerschlagen, führende Personen, viele Parteimitglieder zu verhaften und mit dem <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/156904/1933-reichstag-verabschiedet-ermaechtigungsgesetz/">Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933</a> schließlich den Reichstag zu entmachten, dies mit Zustimmung aller demokratischen Parteien mit Ausnahme der SPD. Die KPD war schon längst aus dem Reichstag entfernt worden. Freie Wahlen gab es nicht mehr.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Das gehört auch zu der Erzählung: Wir sehen die Stimmung im Land, die Wirtschaftskrise, letztendlich, wie die Propaganda der NSDAP gegriffen hat. Wo beginnt eigentlich die Täterschaft? Viele neigen sehr schnell dazu, Täterschaft zu externalisieren, das waren doch nur die anderen, wir nicht! Man schiebt es von sich weg. Das zeigt sich auch in den Familienbiografien. Wer hat jedoch wie profitiert? Auch bei den Novemberpogromen 1938: Wir wissen, dass eine Vielzahl jüdischer Wohnungen und Geschäfte von den Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft geplündert wurden. </em></p>
<p><em>Es geht nicht darum, mit dem Zeigefinger auf jemanden zu zeigen, aber wir müssen verstehen, was da eigentlich geschah. Das gilt auch im Hinblick auf heute. Darüber sprechen wir mit unseren Zielgruppen. Wo beginnt es? Es beginnt schon mit dem Wegschauen statt dem Hinschauen. Man kann etwas sagen, man kann Hilfe holen. Das lässt sich auch im Blick auf die Zeit vor 1933 sagen, das kann ich im Blick auf die Vergangenheit beobachten. Täter:innen waren nicht nur die Menschen, die in den Vernichtungslagen Menschen in die Gaskammern schickten. Täterschaft umfasst viel mehr Menschen. </em></p>
<h3><strong>Eine ganz besonders interessierte Gruppe: junge Menschen mit Fluchterfahrung</strong></h3>
<div id="attachment_8274" style="width: 352px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8274" class="wp-image-8274 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg" alt="" width="342" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/HOLOVOICESSchulklasse-©-Zweitzeugen-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 342px) 100vw, 342px" /><p id="caption-attachment-8274" class="wp-caption-text">Schulklassen-Workshop am 22. Januar 2026 © MKW/Lars Berg.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In den Gruppen, mit denen Sie arbeiten, begegnen Sie nicht nur Kindern, Enkeln, Urenkeln von Deutschen, sondern auch viele, die eine ganz andere Biographie haben, viele, weil sie selbst oder ihre Eltern aus einem anderen Land flüchten mussten, vor Krieg, vor Unterdrückung, vor Folter, Menschen, die in ihrer ursprünglichen Heimat um ihr Leben fürchten mussten. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-schweigen-danach/">Julia Bernstein hat mir in einem Gespräch einmal gesagt</a>, sie knüpfe bei ihren Studierenden der Sozialen Arbeit bei deren Lebensgeschichten an, wenn sie Themen wie Antisemitismus oder die Shoah anspreche. Wenn sie über den Terror, den sie oder ihre Eltern erlebten, sprechen können, können sie sich sehr gut vorstellen, was 1933 bis 1945 geschah.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Das kann ich aus meinen Erfahrungen bestätigen. Als ich angefangen hatte, habe ich selbst eine unglaubliche Wut und Trauer empfunden. Da hatte ich viel Respekt vor den Kindern und Jugendlichen, denen ich gegenübersaß. Ich fragte mich, was löse ich da aus? Ich will und darf niemanden traumatisieren oder retraumatisieren. Ebenso wenig darf und will ich bagatellisieren. Ich bin für die Erfahrung dankbar zu erleben, dass gerade Kinder, die eine Zuwanderungsgeschichte haben, vielleicht sogar eine Fluchtgeschichte, selbst Ausgrenzung und Diffamierung erfahren haben, aus den Geschichten, die wir erzählen, noch viel mehr Aspekte für sich verinnerlichen. </em></p>
<p><em>Wir erzählen Geschichten von Menschen, mit denen wir darüber gesprochen haben, was nach 1945 passiert ist, die durch pure Gewalt traumatisiert wurden, denen ihre Kindheit und ihre Bildung geraubt wurde, die aber dann erzählen, wie sie sich nach und nach Kindheit, Bildung zurückerobert haben, sich wieder auf Menschen eingelassen haben. Das sind unglaublich starke Geschichten. Das hilft Kindern und Jugendlichen, die selbst betroffen sind, weil es ihnen Mut macht. Wir haben auf unserer Internetseite </em><a href="https://zweitzeugen.de/geschichten/briefe-gegen-das-vergessen"><em>Briefe von Kindern</em></a><em>, die geschrieben haben, dass die Menschen, von denen sie erfahren haben, für sie ein Vorbild sind. Sie hätten den Mut gefunden, auch irgendwie weiterzumachen. Das hätte ich vorher so nicht erwartet, dass auch das eine Wirkung unserer Arbeit sein kann, Menschen Mut zu machen.</em></p>
<p><em>Ich werde immer wieder nach dem steigenden Antisemitismus gefragt. Nach dem 7. Oktober hat sich die </em><a href="https://www.report-antisemitism.de/bundesverband-rias/"><em>Zahl antisemitischer Straftaten</em></a><em> mehr als verdoppelt. Unsere Workshops sind gefragt, viele Menschen wollen sich mit uns austauschen. Gerade dort, wo Schulklassen oder Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte sind, ist das Interesse besonders hoch. </em></p>
<h3><strong>Psychologisches und sozialpädagogisches Feingefühl</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei jüdischen Themen erfahre ich zurzeit immer wieder, dass es eine Menge Leute gibt, die alle Jüdinnen und Juden in Kollektivhaftung für das nehmen, was Rechtsextremisten in der israelischen Regierung tun.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Das spielt in unseren Veranstaltungen und Workshops auch eine Rolle. Die Situation ist sehr verhärtet. Viele meinen, sie müssten jetzt auf der einen oder auf der anderen Seite stehen. Wir versuchen im Dialog zu zeigen, dass das viel zu kurz gedacht ist. Wir müssen darüber sprechen. </em><em>Kritik an der israelischen Regierung steht selbstverständlich außer Frage. Das ist nicht das Problem. Weltweit falsch ist die Kollektivierung </em><em>von Israelis oder gar von Jüdinnen und Juden außerhalb Israels. Wir brauchen in den Dialogen mehr Differenzierung. Das ist für mich das Schwierigste, das viele nur in schwarz oder weiß denken. Dann wird zum Beispiel eine „Staatsraison“ thematisiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was auch immer das sein soll. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/elefanten-in-allen-raeumen/">Der ständige Elefant im Raum</a>.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Es geht um die Sicherheit Israels. Diese zu schützen und zu verteidigen ist von grundlegender, existenzieller Bedeutung. Das bedeutet jedoch nicht, dass man mit allen Handlungen der israelischen Regierung einverstanden sein muss und darüber kann man doch sprechen. Dass dies möglich ist, zeigt sich auch in den öffentlichen Debatten und Demonstrationen innerhalb Israels. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es lohnt sich, die Dimension zu veranschaulichen. Wenn Demonstrationen der Größenordnung, wie wir sie seit mehreren Jahren regelmäßig in Israel erleben, in Deutschland stattfänden, hätten wir regelmäßig Demonstrationen von mehreren Millionen Menschen vor dem Brandenburger Tor.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>:<em> So ist es. Es ist so schade, dass das kaum gesehen wird. Stattdessen erleben wir diese Dämonisierung von Menschen in Israel, von Menschen außerhalb Israels, bloß weil sie Jüdinnen oder Juden sind. Hier müssen wir doch aktiv werden. Was wir tun können, ist darüber zu sprechen und zu versuchen, darauf hinzuweisen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist für diejenigen, die die Workshops durchführen, eine sehr hohe Anforderung. Man braucht historische Kenntnisse, psychologisches Geschick, sozialpädagogisches Feingefühl in der Gesprächsführung und in der Wahrnehmung dessen, was diejenigen denken und sagen, die an den Workshops teilnehmen. Wie schulen Sie die Menschen, die die Workshops durchführen, die ehrenamtlichen wie die hauptamtlichen?</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Wir haben ein intensives Ausbildungsprogramm für alle, die unsere Bildungsformate durchführen. Darüber hinaus haben wir unmittelbar nach dem 7. Oktober darüber nachgedacht und gesprochen, was das gesamte Team braucht. Es gibt auch regelmäßige Treffen mit kollegialer Fallberatung. Wir haben ein Coaching-Angebot, das Förderpartner ermöglicht haben. Das haben nicht alle wahrnehmen wollen, aber es war sehr wertvoll.</em></p>
<p><em>Wir verschriftlichen unsere Gespräche, Überlegungen und Erfahrungen auch. Es gibt ein Dokument zum Umgang mit schwierigen Situationen. Wir schauen auch, dass wir unser Team regelmäßig fortbilden. Es gibt sogenannte Kaminabende, in der Regel digitale Abende, an denen wir alle zu Hause an unseren Rechnern sitzen, zu denen wir Menschen mit besonderer Expertise einladen. Wir versuchen Impulse zu setzen, für die eigene Fortbildung, für die Aneignung von Wissen, zugleich bieten wir ein Ohr und hören einfach zu.</em></p>
<h3><strong>Erinnerungsarbeit mit Hologrammen: HOLO-VOICES</strong></h3>
<div id="attachment_8275" style="width: 352px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8275" class="wp-image-8275 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg" alt="" width="342" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/ZWEITZEUGEN-Briefe-©-Zweitzeugen-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 342px) 100vw, 342px" /><p id="caption-attachment-8275" class="wp-caption-text">Briefe © Zweitzeugen e.V.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurzeit wird oft darüber diskutiert, was wir tun, wenn es keine Zeitzeug:innen mehr gibt. Es gibt nur noch wenige Überlebende der Shoah, die meisten sind über 90 Jahre alt und nicht alle sind gesundheitlich so fit, dass sie noch in Schulklassen gehen können. Eine Methode, wie man die Präsenz Überlebender auch in Zukunft sichern kann, ist das Projekt HOLO-VOICES, das am 27. Januar 2026 eröffnet wurde.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>:<em> Auf die Idee ist die nordrhein-westfälische Ministerin für Kultur und Wissenschaft, </em><a href="https://www.land.nrw/landeskabinett/ina-brandes"><em>Ina Brandes</em></a><em>, gekommen. Sie besuchte auf einer Reise in die USA das </em><a href="https://www.ilholocaustmuseum.org/"><em>Illinois Holocaust Museum and Education Center</em></a><em> in Chicago und erlebte dort Hologramme von Zeitzeug:innen. Man konnte den Hologrammen Fragen stellen, zu denen dann die Originalantwort aus einem gespeicherten Interview eingespielt wurde. Sie war so beeindruckt, dass sie dies auch in Nordrhein-Westfalen haben wollte. Es gab schon verschiedene digitale Ansätze, aber einen solchen Ansatz mit Hologrammen noch nicht. Wir hatten damals mit ihr Kontakt wegen eines anderen Projektes und so kamen wir in den Austausch.</em></p>
<p><em>Mich hat das total gepackt. Wir haben schon mit über 60.000 Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Das sind mindestens dreistündige Workshops, in der Regel Projekttage von sechs Stunden, und manchmal ganze Projektwochen. Wir merken in den vergangenen Jahren schon, dass sich etwas in der Aufmerksamkeitsspanne, in der Konzentration verändert. Wir müssen schauen, was Jugendliche besonders interessiert, welche moderne Technik es gibt, um Jugendliche interessiert zu halten. Wir müssen uns auch vor Augen führen, dass für junge Menschen der Abstand zur Zeit des Nationalsozialismus immer größer wird. Sie haben oft auch keine Großeltern mehr, die sie fragen können. Da könnten die Hologramme helfen.  </em></p>
<p><em>Zugleich stellte ich mir auch die ethische Frage, ob es verantwortbar ist, hier mit KI zu arbeiten? Für das Ministerium für Kultur und Wissenschaft und den Projektträger TU Dortmund war es von vornherein absolut klar, dass die KI nur Fragen mit Antworten matcht, nicht generativ ist, nicht halluziniert und Dinge erzählt, die die Befragten nie gesagt haben. Das war für mich entscheidend. Grundbedingung für das Ministerium und für die TU Dortmund war immer, dass die historische Richtigkeit oberste Priorität hat. </em></p>
<p><em>Wir haben im Frühjahr 2025 ein Pilotprojekt mit digitalen Programmen durchgeführt, noch nicht mit Hologrammen, und Jugendliche gefragt, was sie interessiert. Sie waren sehr interessiert, gerade weil sie selbst jetzt Fragen stellen durften. Die Fragen waren nicht mehr durch ein Schulbuch oder ein anderes Medium vorgegeben. Sie selbst konnten den Verlauf des Gesprächs bestimmen. Der Kern war die Interaktivität der Kinder und Jugendlichen mit den Zeitzeug:innen selbst. Wir konnten mit den Jugendlichen auch über Grenzen und Chancen von KI sprechen. Das waren richtig spannende ethische Dialoge. Auch das ist wertvoll, weil junge Menschen heute einem Überangebot von Informationen im Internet, von Fake News, von Avataren, von Deep Fakes ausgesetzt sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielen Politiker:innen fällt dazu nur ein, Jugendlichen bis zu einem bestimmten Alter den Zugang zu Social Media zu verbieten.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Es war einfach interessant, mit den Jugendlichen darüber zu sprechen, was sie da rezipieren, was für Quellen im Internet zu finden sind, welche nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Grunde entsteht so Medienkompetenz.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Wir haben dank dieser Gespräche Räume geöffnet, mit Hilfe von KI den Kontakt zu Zeitzeug:innen zu ermöglichen. Ich bin dem MKW NRW sehr dankbar, auch der TU Dortmund, die das als Projektträger umgesetzt hat. Es sind auch schon Interviews mit neuen Gesprächspartner:innen für Hologramme geführt worden. Natürlich brauchen wir auch Förderpartner. Ohne die ginge es nicht. Möglich habe dies die RAG-Stiftung, die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung und die Brost-Stiftung gemacht. </em></p>
<p><em>Seit Eröffnung von HOLO-VOICES auf  dem UNESCO-Welterbe Zollverein Zollverein am 27. Januar 2026 wird das Team mit Anfragen überrannt. HOLO-VOICES-Führungen für Schulklassen sind  auf Monate hin ausgebucht. </em></p>
<p><em>Es gibt fast täglich Führungen und Workshops, oft drei Gruppen parallel, auch durch die Zusatzausstellung </em><a href="https://ruhrmuseum.de/ausstellungen/aktuell/unter-tage-unter-zwang-ns-zwangsarbeit-im-ruhrbergbau"><em>„Unter Tage – unter Zwang“</em></a><em> zur NS-Zwangsarbeit im Ruhrbergbau. In dieser Ausstellung reden wir darüber, was ganz konkret an diesem Ort, der Zeche Zollverein, passiert ist. Dann über das, was in der Montanindustrie und anderen Orten im Ruhrgebiet geschah. Das ist für manche Unternehmen, mit denen der Verein</em> <em>ZWEITZEUGEN e.V. zusammenarbeitet, nicht leicht, aber es ist ihnen auch wichtig zu belegen, was in ihren Unternehmen geschah, wie sie Zwangsarbeiter:innen einsetzten, wie sie mit jüdischen Mitarbeiter:innen umgingen. Darüber sprechen wir mit den Kindern und Jugendlichen, aber eben auch mit allen, die in der Vermittlung tätig sind, den Lehrkräften ebenso wie mit den Menschen in den Unternehmen. </em></p>
<p><em>Es ist ein Widerspruch in unserer Zeit. Auf der einen Seite erlebe ich Geschichtsrevisionismus, Leugnungen, Schlussstrichdebatten. Das macht mich ganz krank. Aber auf der anderen Seite erlebe ich, wie die Gruppen kommen, Schulen wie Unternehmen. Das macht mir Mut, das gibt mir Hoffnung. HOLO-VOICES kann schon etwas bewirken. Wir sind als „ZWEITZEUGEN e.V.“ in die didaktische Begleitung eingebunden, gestalten die Workshops, die Führungen. Wir sind sehr sehr dankbar, dass wir Teil davon sein dürfen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wird HOLO-VOICES auch an anderen Orten zu sehen sein?</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft und die TU Dortmund konnten erreichen, dass HOLO-VOICES mindestens noch ein weiteres Jahr auf Zeche Zollverein zu erleben sein wird. Wie es danach weitergeht, entscheiden das Ministerium und die TU Dortmund.</em></p>
<h3><strong>Mit Kopf, Herz und Hand</strong></h3>
<div id="attachment_8276" style="width: 354px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8276" class="wp-image-8276 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-300x200.jpg" alt="" width="344" height="229" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BERG-HOLOVOICES-Schulklasse-©-Zweitzeugen-e.V.-2-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 344px) 100vw, 344px" /><p id="caption-attachment-8276" class="wp-caption-text">Schulklassen-Workshop am 22. Januar 2026 © MKW/Lars Berg.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vor 20 oder 30 Jahren hätte man empfohlen, ein Buch zu lesen, das Zeitzeug:innen geschrieben haben. In HOLO-VOICES kann man Lebensgeschichten, die man sonst nur über ein Buch kennengelernt hätte, unmittelbar erleben.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Ich würde nicht sagen: Statt Buch Hologramm. Ich sage: Hologramm und Buch und TV-Dokumentation und und und. Es ist ein anderes Medium. Es geht nicht darum, nur ein Medium anzubieten. Es ist gut, dass es Gleichzeitigkeiten geben darf.</em></p>
<p><em>Ich bin selbst über die Stimmen aus den Interviews zum Thema gekommen. Ich hatte ein Gespräch auf dem Ohr, habe es transkribiert, alles aufgesogen, Interviews gelesen, Bücher gelesen, Filme und Dokumentationen geguckt. Für mich war das der Einstieg und dann habe ich Überlebende persönlich kennengelernt. </em></p>
<p><em>Ich bin so dankbar für meine Ersterfahrung. Ich war gepackt und wollte mehr erfahren. Ich habe das am Tag der Eröffnung auch gesagt: Erinnerung darf kein einmaliges Ereignis sein. Es ist ein Prozess. Wenn es möglich ist, komme ich nach Essen und habe Kontakt mit den Hologrammen. Und danach denke ich darüber nach, was damals passiert ist, und dann möchte ich mehr erfahren. Ich würde mir wünschen, dass man dann selbst auf Spurensuche geht. Es gibt so viele Mahn- und Gedenkstätten in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen. Es wäre auch eine Idee, sich auf lokale Spurensuche zu begeben: Ich finde heraus, was in meiner Stadt, in meiner Familie geschehen ist. Es ist so viel möglich.</em></p>
<p><em>Wir orientieren uns am didaktischen Grundkonzept: Mit Kopf, Herz und Hand. Wir wollen über die persönlichen Geschichten die Herzen der Menschen erreichen. Das funktioniert, wenn Zweitzeug:innen in die Schulklasse kommen und wir von den Geschichten der Zeitzeug:innen erzählen, mit Audio- oder Videoeinspielungen. Oder es funktioniert in Essen über die Hologramme und die Ausstellungen. Entscheidend sind die persönlichen Geschichten. Kopf, das heißt: Wir wollen Wissen vermitteln, gegen so viel Unwissen, gegen falsche Kontextualisierungen. Wir wollen helfen, das Thema historisch einzuordnen. Wir reden auch von Kontinuitäten des Antisemitismus. Die jungen Leute gehen nach draußen und verstehen, dass Antisemitismus nicht nur ein Phänomen der Nazis war. Das haben die Nazis nicht erfunden, das gab es schon vorher und das gibt es heute. Hand, das heißt: es wird greifbar und fortführbar, im Alltag. Wir wollen ermutigen, das ist die Königsdisziplin. Es kann sein, dass die Menschen dann sagen, wir wollen weitererzählen, wir möchten vielleicht sogar etwas Eigenes machen, in einem Verein mitwirken oder sogar einen eigenen Verein gründen, einen Podcast einrichten, in der Schülerzeitung berichten. Oder eben auch weiter forschen! </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist aus meiner Sicht immer eine Frage des Einstiegs. Da hilft natürlich Methodenvielfalt. Vielleicht ist der erste Schritt sogar der schwerste, gerade in einer Zeit, wo es immer mehr Menschen zu geben scheint, die gar nichts mehr von einer Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit wissen wollen. Eine Partei hat das ausdrücklich in ihrem Wahlprogramm. In Sachsen-Anhalt fordert diese Partei, sich an die Jahre 1871 und 1813 zu erinnern. Ich stelle mir nicht nur am Rande die Frage, ob da wieder antifranzösische Ressentiments geschürt werden sollen. Der französische Rassemblement National weiß schon sehr genau, warum man mit dieser deutschen Partei nichts zu tun haben will. Der Vorsitzende dieser Partei meinte zuletzt in einer Talkshow, es könnte ja auch mal wieder eine Bedrohung aus Polen geben. Die Shoah und die deutschen Vernichtungskriege spielen keine Rolle im Denken dieser Partei, offenbar angesichts der genannten Daten die Friedliche Revolution 1989 auch nicht mehr.</p>
<p><strong>Ruth-Anne Damm</strong>: <em>Wir sprechen hier über die AfD. Mich besorgen ihre Positionen sehr. Wenn die Auseinandersetzung mit der Shoah und den nationalsozialistischen Verbrechen relativiert oder aus dem öffentlichen Bewusstsein gedrängt werden soll, dann ist das eine ernsthafte Gefahr für unsere Demokratie Gerade deshalb ist unsere Bildungsarbeit so wichtig: Sie stärkt historisches Wissen, fördert demokratische Haltung und befähigt Menschen, menschenfeindliche Ideologien zu erkennen und ihnen entgegenzutreten.</em></p>
<p><em>Wir schauen, dass wir einen möglichst niedrigschwelligen Weg finden, um Zugang zu finden. Wir haben eine interaktive Wanderausstellung, eine Bannerausstellung, die Workshops, die wir bundesweit umsetzen, wir arbeiten nicht nur in Schulen, sehr intensiv auch im Sport, außerhalb der Schulen. In Sportvereinen arbeiten wir mit Trainer:innen, wir arbeiten mit Fußballbundesligisten. Die berichten von Situationen, die jede Woche auf dem Fußballplatz passieren. Die sind nicht alle antisemitisch, sie sind auch rassistisch, sexistisch, homophob. Das sind Anlässe, um miteinander zu sprechen. </em></p>
<p><em>Es geht letztlich um Haltung. Die Zugänge, die wir bieten, eröffnen einen Weg, erst einmal sein Herz zu öffnen und zu verstehen, wohin Hass führen kann. Das kann man sich so einfach gar nicht vorstellen. Ich dachte immer, ich könnte “alle” Fragen beantworten, je tiefer ich eintauche. Aber das ist nicht so. Je tiefer ich eintauche, umso erdrückender ist für mich das, wozu der Mensch fähig ist. Das ist eine grauenhafte Erkenntnis. Zugleich ist sie wichtig, weil sie mich durch mein Leben navigiert. Ich muss nicht immer den Teufel an die Wand malen, aber so zu tun, als wäre alles nicht so schlimm, ist auch der falsche Weg. Wir haben mit der AfD – ich nenne sie jetzt explizit – eine Partei, die offensiv Geschichtsrevisionismus betreibt. Das ist hochgradig gefährlich. Wenn man sich die Wahlprogramme anschaut, erschrecke ich. Wir müssen alarmiert sein. Wir alle können und müssen etwas tun, mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Aber erst einmal ist es das Feuer im Herzen. Damit beginnt es.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 3. August 2026. Titelbild: Postkarten © Zweitzeugen e.V.)<em> </em></p>
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		<title>Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Aug 2026 03:54:15 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik Ein kriminologisches Sachbuch von Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger „Das Bild, das Menschen von Kriminalität haben, ist vor allem ein vermitteltes Bild – von der Politik, aber auch maßgeblich von den Medien.“ (Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger, True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe, Bonn, Dietz, 2026) Am  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik</strong></h1>
<h2><strong>Ein kriminologisches Sachbuch von Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger</strong></h2>
<p><em>„Das Bild, das Menschen von Kriminalität haben, ist vor allem ein vermitteltes Bild – von der Politik, aber auch maßgeblich von den Medien.“ </em>(Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger, True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe, Bonn, Dietz, 2026)</p>
<p>Am 19. April 2026 hat das Bundesinnenministerium gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt die <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/pks_node.html">Polizeiliche Kriminalstatistik 2025</a> vorgestellt. Festgestellt wurden unter anderem ein allgemeiner Rückgang bei gleichzeitig steigender Brutalität der angezeigten Taten, eine Zunahme jüngerer Tatverdächtiger sowie ein etwas über einem Drittel liegender Anteil ausländischer Personen. Die Statistik erhebt keine Verurteilungen, nur die Zahl der von der Polizei an die Staatsanwaltschaft übergebenen Fälle, das heißt die Zahl von Tatverdächtigen. Die Einstellungsquote liegt laut Statistischem Bundesamt bei etwa 60 Prozent. CORRECTIV hat zusammengestellt, <a href="https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2026/04/15/polizeiliche-kriminalstatistik-faktencheck/">was die Statistik aussagt und was nicht</a>. Der Anteil ausländischer Personen hat nichts mit Migrationshintergrund zu tun, da dieser nicht erhoben wird, sondern mit den Staatsangehörigkeiten von Beschuldigten – das sind neben Menschen, die in Deutschland leben, aber eine andere Staatsangehörigkeit haben, auch Menschen, die als Tourist:innen, als Geflüchtete oder gezielt zur Begehung von Straftaten nach Deutschland kamen. Bei der Erhebung sind Änderungen im Strafrecht zu berücksichtigen, zum Beispiel die Entkriminalisierung von Cannabis und Gesetzesänderungen und -verschärfungen, zum Beispiel bei Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, sowie ein verändertes Anzeigeverhalten.</p>
<div id="attachment_8263" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207090/True-Criminology-Mythen-Fakten-Hintergruende-Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8263" class="wp-image-8263 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-8263" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Kriminologinnen <a href="https://kriminologie.uni-koeln.de/personen/wissenschaftliche-mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter/pd-dr-nicole-boegelein">Nicole Bögelein</a> (Institut für Kriminologie der Universität Köln) und <a href="https://www.hspv.nrw.de/organisation/personalverzeichnis/eintrag/dr-gina-rosa-wollinger">Gina Rosa Wollinger</a> (Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Köln) haben im Gespräch mit Ariane Bemmer <a href="https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/expertinnen-zur-kriminalitatsstatistik-mein-verstandnis-endet-wenn-politik-angste-schurt-15352003.html">im Tagesspiegel die Daten der Statistik kommentiert</a>. In ihrem Buch <a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207090/True-Criminology-Mythen-Fakten-Hintergruende-Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger">„True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe“</a> gehen sie genauer auf verschiedene Delikte ein und weisen etwa darauf hin, dass es vor allem <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/kriminalitat-gewalt-in-der-beziehung-wie-tater-opfer-manipulieren-15252025.html">im häuslichen Umfeld ein großes Dunkelfeld</a> der (Gewalt-)Kriminalität gebe. Zudem werden organisierte Kriminalität, Wirtschafts- und Umweltkriminalität in der öffentlichen Debatte nicht ausreichend beachtet. Die beiden Wissenschaftlerinnen betreiben gemeinsam den <a href="https://true-criminology.podigee.io/">Podcast „True Criminology“</a>. Ihr Anliegen ist ein realistisches Bild von Kriminalität, Gewalt und Bedrohungslagen. Ihr Thema ist auch, wer wie einzelne Aussagen nutzt, um im Sinne eigener Interessen zu polemisieren. Sie plädieren für eine neue Kriminalpolitik, die weniger Drama, weniger Show, mehr Analyse und nicht zuletzt mehr Dunkelfeldstudien bietet.</p>
<h3><strong>Verzerrte Wahrnehmung </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie schreiben im Vorwort Ihres Buches: <em>„Wenn man in den Medien Tag für Tag Berichte über ‚Messerkriminalität‘ zu sehen und zu lesen bekommt, wirkt sich das auf die Stimmung aus. Manche Menschen fürchten, sie könnten selbst zum Opfer werden.“ </em>Das Wort <em>„Messerkriminalität“</em> lässt sich sicherlich für eine ganze Reihe anderer realer und gefühlter Bedrohungen austauschen. Ein realistisches Bild der Kriminalität entsteht über die Beschwörung möglicher Bedrohungen jedoch nicht. Dies gilt auch für so manche Berichterstattung in den Medien und manche politische Debatte, die entweder durch konkrete Ereignisse oder durch die öffentliche Präsentation von Kriminalstatistiken ausgelöst werden. Anliegen Ihres Buches und Ihres Podcasts ist es, den Hintergründen verdunkelnder Gefühle nachzugehen und diese auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Wir dürfen das Erzählen über Kriminalität beziehungsweise über Gewalt nicht den Medien überlassen. Viele Medien arbeiten unter Zeit- und Verkaufsdruck, das führt dazu, dass sie verzerrt berichten und Clickbait betreiben. Das ist auch gut untersucht. Es ist müßig, immer wieder korrigierend einzugreifen. Wir brauchen Räume, um differenziert über Kriminalität und Gewalt zu sprechen. Das versuchen wir mit unserem Podcast und unserem Buch. </em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Gesellschaft kann man nur medial vermittelt wahrnehmen. Man kann den Beitrag der Medien zum Bild der Kriminalität in der Gesellschaft daher nicht überschätzen. Der oder die Einzelne ist immer nur zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und nimmt wahr, was dort geschieht. Daher nimmt man die Medien als ein Instrument wahr, das die Welt beobachtet. Und das eben auch in Bezug auf Kriminalität, bestimmte Kriminalitätsphänomene, die Kriminalität bestimmter Gruppen. </em></p>
<p><em>Ein beispielhaftes Stichwort ist „Messerkriminalität“. Messerangriffe werden erst seit 2020 in der bundesweiten Statistik erfasst beziehungsweise seit 2021 veröffentlicht und daher gibt es auch seitdem erst Zahlen dazu; wir können also nicht wirklich sagen, wie es sich hier entwickelt hat. In Bevölkerung und Politik verbreitet sich jedoch schon bei bloßer Nennung des Phänomens der Eindruck, es werde alles immer schlimmer. Dies deckt sich jedoch nicht mit den Befunden der wissenschaftlichen Forschung. Diese werden geflissentlich übergangen oder gar ignoriert. Medien haben ihre eigene Logik. Es gibt auch gewisse Kreisläufe, wie Politik und Medien zusammenwirken </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Crime and Sex sell.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Richtig, und damit sind wir mittendrin. Wir verstehen das, aber wir müssen uns mit dem befassen, das auf wissenschaftlicher Evidenz basiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eigentlich müssten wir von einem Rückgang von Kriminalität über einen längeren Zeitraum sprechen, aber die öffentlichen Debatten weisen in eine andere Richtung. Wahrgenommen wird ein stetiger Anstieg von Kriminalität, insbesondere im Hinblick auf sexualisierte Gewalt, die Gewalt bestimmter Gruppen sowie politische Gewalt.</p>
<div id="attachment_8264" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8264" class="wp-image-8264 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-300x280.jpg" alt="" width="300" height="280" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-200x187.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-300x280.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-400x373.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-600x560.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8264" class="wp-caption-text">Gina Rosa Wollinger, Foto: Dietz Verlag.</p></div>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Wenn man sich Entwicklungen anschaut, sollte man sich immer einen längeren Zeitraum vornehmen, etwa zehn oder gar 20 Jahre. Hier gibt es in Deutschland eine positive Entwicklung. Es gibt weniger Kriminalität, auch weniger Kriminalität bestimmter Gruppen, weniger Kriminalität von Jugendlichen. Nach Ende der Corona-Pandemie ist einiges allerdings auch auffällig angestiegen. Diese Anstiege betreffen jedoch nur einen Zeitraum, der zu kurz ist, um von einem eindeutigen Trend zu sprechen. Jüngste Forschungen verzeichnen auch wieder einen Rückgang. </em></p>
<p><em>Das ist unsere Problematik: Wir haben im Grunde eine gute Entwicklung, beobachten aber in den letzten Jahren einige Auffälligkeiten. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass auch eine gute Entwicklung nicht bedeutet, dass wir nicht aktiv bleiben sollen. Im Gegenteil: Wir müssen als Gesellschaft weiter daran arbeiten, Gewalt zu reduzieren, insbesondere bestimmte Formen der Gewalt, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt. Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass Gewalt in den Medien und in der Politik nur dann ein Thema ist, wenn sie sagen können, dass alles immer schlimmer wird. </em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Es gibt eine </em><a href="https://mediendienst-integration.de/fileadmin/user_upload/Expertisen/Mediendienst_Integration_Expertise_Kriminalitaet_und_Migration_in_deutschen_Medien_Thomas_Hestermann.pdf"><em>Langzeitstudie des Medienwissenschaftlers Thomas Hestermann</em></a><em>. Er hat beobachtet, dass eher über Delikte berichtet wird, an denen Nicht-Deutsche beteiligt sind und dabei auch deren Nationalität häufiger genannt wird. Hestermann sagt: „Der gewalttätige Ausländer ist eine zentrale Angstfigur.“ Die Zahl der Delikte, bei denen in den Medien die Herkunft des mutmaßlichen Täters genannt wurde, hatte sich zwischen 2017 und 2019 verdoppelt. Hier wird überproportional häufig über tödliche Delikte gesprochen. Beim Stichwort „Messerkriminalität“ muss man jedoch feststellen, dass über 90 Prozent der Fälle keine oder „nur“ leichte Verletzungen zur Folge haben. </em></p>
<p><em>Zum Stichwort „Ausländer:in“, ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen: Das ist ein Bereich, bei dem wir die Nachteile von Kriminalstatistiken sehen. Wenn wir uns anschauen, welche Taten in das Hellfeld gelangen, zeigen Studien in Bezug auf Menschen, die als nicht deutsch gelesen werden, eine erhöhte Anzeigebereitschaft: Die Anzeigewahrscheinlichkeit steigt deutlich, wenn das Gegenüber als nicht deutsch wahrgenommen wird, gerade im Bereich der Gewaltdelikte. Da etwa 95 Prozent der Delikte in die PKS gelangen, weil sie von Bürger:innen angezeigt werden, spielt das eine große Rolle. Auch die Polizei kontrolliert häufig – Stichwort „Racial Profiling“ –auf Grundlage von äußeren Merkmalen, Hautfarbe, unterstellter Herkunft. Es ist eine kriminologische Binsenweisheit, dass ein Anstieg der Kontrollen auch zu einem Anstieg von Entdeckungen der ein oder anderen Straftat führt. </em></p>
<h3><strong>Verzerrungen in den Debatten über polizeiliches Handeln</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Solche Verzerrungen sind kein spezifisch deutsches Phänomen, oder?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Nein, „Racial Profiling“ und die Einflussfaktoren der Anzeigebereitschaft von Bürger:innen sind kein deutsches Phänomen. Das hat auch etwas mit Psychologie zu tun. Je fremder mir der Täter, die Täterin erscheint, umso leichter fällt es, diese anzuzeigen. Den eigenen Ehemann, die eigene Ehefrau zeigt man nicht so schnell an. Auch bei Menschen nicht, die ich als meiner Gruppe zugehörig wahrnehme, ist man da zögerlicher. Nimmt man hingegen jemanden als fremd wahr, als Migrant:in, ruft man schneller die Polizei. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Haben Sie internationale Studien ausgewertet?</p>
<div id="attachment_8265" style="width: 302px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8265" class="wp-image-8265 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-292x300.jpg" alt="" width="292" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-200x206.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-292x300.jpg 292w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-400x411.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-600x617.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 292px) 100vw, 292px" /><p id="caption-attachment-8265" class="wp-caption-text">Nicole Bögelein, Foto: Dietz Verlag.</p></div>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Ja, die Kriminologie ist eine internationale Wissenschaft. Wir haben sehr viele Befunde aus englischsprachigen Studien aus diversen Ländern. International gibt es das schon länger Forschung etwa zu Rassismus in Strafverfolgung und Justiz gibt, in Deutschland gibt es dazu bisher wenig. </em></p>
<p><em>Ein eindrückliches Beispiel ist der sogenannte „Shooter Bias“. Man hat festgestellt, dass Polizist:innen eher zur Waffe greifen, wenn das Gegenüber person of colour ist, also als nicht zugehörig zur Mehrheitsgesellschaft gesehen wird. Außerdem hält man einen Gegenstand in der Hand einer Person, die nicht weiß ist, eher für eine Waffe. Das liegt wohl daran, dass man eine person of colour eher als bedrohlich wahrnimmt, was sich zu übermäßiger Polizeigewalt führen kann.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Polizeigewalt“</em> wird in den letzten Jahren immer wieder vermerkt, wenn beispielsweise ein junger Mann, eine Person of Color, im Polizeigewahrsam zu Tode kommt.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>In den Medien wurde über zwei oder drei Fälle berichtet, aber im Jahr 2025 allein gab es über 20 Fälle tödlicher Polizeischüsse. Mir ist aber wichtig, dass wir den Begriff der „Polizeigewalt“ genau definieren. Die Polizei ist Exekutive, sie darf Gewalt anwenden. Daher muss man bei den genannten Fällen von „übermäßiger Polizeigewalt“ sprechen. Wenn eine Institution Gewalt ausüben darf, bedarf es einer sehr genauen Schulung, damit jede:r die Grenze kennt, damit jedes Individuum für sich und die Institution als solche diese Grenze einhalten und wissen, wie weit sie gehen dürfen und wo sie sich zurückhalten müssen.</em></p>
<p><em>Über die Zeit hinweg sieht man, dass Polizist:innen häufig mit dem Einsatz der Schusswaffe reagieren, wenn Personen in psychischen Notlagen sind. Das überschneidet sich oft damit, dass diese Personen nicht als Deutsche werden. Es kommen mehrere Elemente zusammen. Dafür zu sensibilisieren, ist eine Aufgabe für die Ausbildung.</em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Schüsse sind die schärfste Form übermäßiger Polizeigewalt. Aber es gibt auch noch andere Formen. Das lässt sich nicht einfach in Zahlen fassen, weil hier wenig angezeigt wird, sich auch über Dunkelfeldbefragungen nicht viel ergibt. Man weiß allerdings etwas über die Zusammenhänge. Solche Gewalt findet in bestimmten Kontexten statt, man weiß etwas über die Persönlichkeit, die Haltung von Polizist:innen, die eher in übermäßige Polizeigewalt verwickelt sind. Es gibt auch unübersichtliche, dynamische Situationen, in denen es dazu kommen kann, dass Gewalt übermäßig wird. Wichtig ist ein angemessener Umgang damit. Fehlerkultur fehlt in der Polizei noch oft, im Hinblick auf die Art und Weise, mit solchen Fallkonstellationen umzugehen, darüber zu sprechen. Das hat auch rechtliche Gründe. Ein Polizist, eine Polizistin, macht sich strafbar, wenn er oder sie mitbekommt, dass ein Kollege, eine Kollegin, Gewalt anwendet und er nicht sofort reagiert und dies anzeigt. Dagegen steht eine Polizeikultur, in der oft der Deckmantel des Schweigens über Fehlverhalten gelegt wird. Hier sind noch einige Schritte zu gehen. Ein Schritt ist die Einrichtung von Polizeibeauftragten. </em></p>
<h3><strong>Wer hat die Diskursmacht?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.bundestag.de/polizeibeauftragter">Einen Polizeibeauftragten gibt es seit 2024 beim Deutschen Bundestag</a>, <a href="https://www.landtag.ltsh.de/beauftragte/bb-polizei">seit 2026 in Schleswig-Holstein</a> und <a href="https://www1.wdr.de/politik/neue-nrw-polizeibeauftragte-gewaehlt-100.html">in Nordrhein-Westfalen</a>, <a href="https://www.landtag.brandenburg.de/de/startseite/die_beauftragte_fuer_polizeiangelegenheiten_des_landes_brandenburg/33814">seit 2023 in Brandenburg</a>. Es ist auch eine Frage, wer über das Thema redet. Ich sehe eine Verzerrung beispielsweise darin, dass übermäßige Polizeigewalt eher von der linken Seite angemerkt wird, während von der anderen Seite eher die Gewalt der mutmaßlichen Täter, gegen die die Polizei vorging, betont wird.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das stimmt im Hinblick auf die Berichterstattung. Beim G8-Gipfel in Hamburg 2018 zeigte die taz Bilder, bei denen die Demonstrierenden die Unterlegenen waren, beispielsweise mehrere Polizist:innen auf eine einzelne Person losgingen, die auf dem Boden lag, während die BILD-Zeitung mehrere Tage lang Angriffe auf Polizist:innen zeigte, von denen sich manche weinend in eine Ecke zurückgezogen hatten, weil sie von der Aggressivität der Demonstrierenden bei ihrem Einsatz so erschüttert waren. </em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>:<em> Es stellt sich hier auch die Frage, wer die Diskursmacht hat. Wer setzt die Themen, über die wir sprechen? Welche Gewaltform wird beachtet? Auch die Polizeigewerkschaften spielen eine Rolle, bestimmte Interessen, gerade bei den Gewerkschaften, die die Belastungen des Polizeiberufs betonen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch, weil sie so ihre Stellenforderungen begründen können. Das tun auch Innenminister, die erzählen, dass sie mehr Stellen brauchen, weil es angeblich mehr Gewalt gäbe.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Das ist keine kluge Erzählung. Das geht nach hinten los, weil es den Eindruck erweckt, Staat und Polizei wären schwach. Das stärkt das Vertrauen in Polizei und Staat nicht. Wir haben diese Diskussion auch, wenn es um sogenannte „No-Go-Areas“ geht. Mit diesem Begriff wird suggeriert, dass es Orte gäbe, in die die Polizei nicht mehr hineinginge. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und es ist keine neue Debatte. Ich bin in den 1960er Jahren in Köln aufgewachsen, der Stadt mit der damals höchsten Kriminalitätsrate in der Bundesrepublik Deutschland, in der hohen Zeit des sogenannten <em>„Milieus“</em>, als Dummse Tünn, Schäfers Nas und Kollegen die Kölner Ringe beherrschten. Da ging man eben nachts nicht hin. Wer gut recherchierte und zugleich unterhaltsame Bücher zu dieser Zeit lesen möchte, dem empfehle ich Christoph Gottwald, „Blütenträume – Die unglaubliche Geschichte des Geldfälschers Jürgen Kuhl“ (Köln, DuMont, 2010) und Peter F. Müller &amp; Michael Mueller, Chicago am Rhein – Geschichten aus dem kölschen Milieu (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2011, dazu gibt es auch einen Film). „No-Go-Areas“ gab es damals auch, aber es gab auch eine im Nachhinein fast schon romantisierend erzählte Zusammenarbeit zwischen Milieu und Polizei. Im Rückblick klingt das doch alles eher harmlos im Vergleich zu heute aktiven Mafia-Organisationen. Ist die Frage einer <em>„No-Go-Area“</em> nicht doch eher ein mediales Phänomen?</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Ich möchte in Frage stellen, ob das damals tatsächlich eher harmlos war. Wenn man Gefängnisforschung betreibt, hört man von Gefängnisbediensteten auch, dass es früher in den Gefängnissen viel einfacher gewesen sei, weil nur Deutsche einsaßen. Dahinter steckt auch die Annahme, Kriminalität wäre so lange ok, wie sie in von Menschen betrieben wird, die man als deutsch definiert. Dieses Deutungsmuster schwingt mit. </em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>In der Kriminalpolitik spielt die Haltung eine ganz wichtige Rolle. Oft geht es nicht um Fakten. Ein Beispiel ist die Debatte um die Absenkung der Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahre, die immer wieder neu beginnt, wenn Dreizehnjährige eines Kapitalverbrechens beschuldigt werden. Es gibt jedoch keinen entsprechenden Diskurs in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Alle sind sich einig, Psychologie, Sozialwissenschaften, Kriminologie: Das ist Quatsch. Es gibt noch so viel Entwicklung bei den jungen Menschen, sodass ein frühes Eingreifen durch Strafverfolgung Kriminalität eher verfestigt. Trotzdem wird diese Debatte immer wieder neu aufgelegt. Es ist eine Haltungsfrage. Mit Kriminalität wird auch Wahlkampf gemacht, werden politische Positionen gestärkt oder geschwächt. Es wird alles immer so eingesetzt, wie es gerade passt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Das geht bis in die Wortwahl. Politiker – fast immer Männer – werden gelobt, wenn sie besonders hart sind. Sie werden dann oft auch als <em>„Sheriff“</em> bezeichnet, weil dem <em>„Sheriff“</em>, den man aus Wildwestfilmen kennt, eine bestimmte Rücksichtslosigkeit oder Konsequenz zugeschrieben wird, die der Kriminalität endlich ein Ende setzt. High Noon is everywhere.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Dieses harte Durchgreifen, das wir bereits mehrfach angesprochen haben, bedient klassische Männlichkeitsbilder, auch die Vorstellung, wie ein starker Staat sein müsse</em>. <em>Da waren wir auch schon einmal auf einem anderen Stand. In den 1970er Jahren wurde eher über eine Resozialisierung gesprochen, darüber wie man Menschen aus dem Kreislauf der Straftaten herausholt. Heute heißt es mal wieder, wir müssen mehr abschrecken, hart durchgreifen. Das sind Phasen, die zeigen, welche Vormachtstellung in den Diskursen gerade herrscht. </em> <em>  </em></p>
<h3><strong>Was nicht in Kriminalstatistiken steht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In dem Kontext gibt es noch eine andere Debatte, die Sie in Ihrem Buch deutlich ansprechen: Die Verknüpfung von Armut und Migration. Wir haben aber nicht nur höhere Kriminalitätsraten in bestimmten Stadtteilen, was natürlich auch an einer höheren Polizeipräsenz liegen kann, weil man da eben eher hinschaut, sondern auch ein anderes Phänomen, das meines Erachtens viel zu wenig beachtet wird. Ich habe zwei Gespräche mit Irene Mihalic, damals innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen, veröffentlicht. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/plaedoyer-fuer-eine-neue-sicherheitsarchitektur/">Sie plädierte für eine neue Sicherheitsarchitektur</a>. In ihrer Dissertation hatte sie die Kriminalität in Gelsenkirchen untersucht und festgestellt, dass Arme bei Armen in die Wohnung einbrachen und eben nicht – wie allgemein vermutet – in die Wohnungen der Reichen in den Villenvierteln.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Zu diesem Thema habe ich auch selbst lange geforscht. Ich kann nur bestätigen, dass dieses Bild nicht stimmt, da werden nur die reichen Villen ausgeforscht und dann werde dort eingebrochen. Wir müssen auch sehen, dass nicht nur arme Menschen kriminell werden, sondern wir auch eine Kriminalität von vielen gut situierten Leuten kennen. Wir erleben eine grundlegende Kriminalisierung von Menschen oder Stadtteilen, wo besonders viel kontrolliert wird. Zu deren Straftaten gehören aber auch Fahren ohne Fahrschein, Ladendiebstahl und andere Delikte, bei denen wir es mit sozial prekären Lagen zu tun haben, auch mit Migration.</em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das hat auch wieder damit zu tun, wie wir über Kriminalität sprechen. Medien sprechen vor allem über Kriminalität anlässlich der Kriminalstatistiken. Diese blenden jedoch bestimmte Phänomene der Kriminalität aus. Nicht enthalten sind zum Beispiel weite Teile der Straßenverkehrskriminalität. Deshalb reden wir kaum über Straßenverkehrskriminalität. Es betrifft auch Delikte wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche und andere Finanzdelikte. Über Delikte, die beim Finanzamt oder beim Zoll angezeigt werden, sprechen wir nicht, obwohl die Delikte ein größeres Ausmaß haben, in denen es um illegale Arbeit, Ausbeutung durch Arbeit und Menschenhandel geht. Auch Umweltkriminalität wird nicht in der Kriminalstatistik aufgeführt, sie ist in anderen Statistiken enthalten.</em></p>
<p><em>Kriminalität, die in Polizeistatistiken erscheint, ist – ich sage es einmal vereinfacht – Kriminalität, die für Unruhe auf der Straße sorgt. Das kann man beobachten, Bürger:innen sind als Anzeigende beteiligt. Es sind nicht die Delikte wie Cum-Ex-Delikte, die vom Schreibtisch aus begangen werden, sondern Delikte, von denen man dann sagt, sie seien für die öffentliche Ordnung auf der Straße relevant. Man könnte das auch in Frage stellen, denn durch einen Cum-Ex-Betrug gehen Milliarden an Steuereinnahmen verloren, die an anderer Stelle gebraucht würden, beispielsweise für die Sicherung von Infrastruktur. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprechen dann über Übergriffe auf Bedienstete der Deutschen Bahn, aber nicht über die fehlenden Mittel zur Sicherung der Infrastruktur, beispielsweise für eine Doppelbesetzung in Regionalzügen, die mehr Sicherheit für das dort tätige Personal bringen würde.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Der Druck und der Stress, der mit der maroden Infrastruktur einhergeht, führt auch zu mehr Aggressivität und Unsicherheit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das erlebe ich zurzeit vor meiner Bonner Haustür. Wegen der Sperrung der Bonner Nordbrücke fahren die jetzt alle bei uns vor der Tür vorbei über die Kennedybrücke. Autofahrer:innen, auch Radfahrer:innen verhalten sich erheblich aggressiver gegeneinander, nicht zuletzt aber auch gegen Menschen, die zu Fuß gehen.</p>
<p>Aber ich möchte noch einmal auf die Gründe für die Konzentration auf bestimmte Gewaltdelikte zurückkommen. Hängt das nicht auch mit den Kriminalfernsehspielen zusammen, in denen immer wieder jemand umgebracht wird, obwohl es in der Realität weitaus weniger Morde gibt als man nach Fernsehkonsum vermuten möchte? Die Aufklärung eines Wirtschaftsverbrechens dürfte dramaturgisch eher langweilig sein.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Oder das Verbrechen wird heroisiert. Dann sind das Filme wie „Catch Me As You Can”, in denen der gerissene Betrüger zum Helden wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Abgesehen von der Popularität eines Leonardo DiCaprio: Der wird ja auch noch zu einem der Guten, weil er am Ende des Films gegen Straferlass mit dem FBI zusammenarbeitet. In den 1960er Jahren gab es die Romantisierung von Verbrechen schon mit „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, ein Dreiteiler aus dem Jahr 1965, der einen spektakulären Überfall auf einen Postzug aus dem Jahr 1963 zum Vorbild hatte. Horst Tappert als Chef der Bande war eine höchst beliebte Identifikationsfigur, fast schon ein Robin Hood, obwohl das Vorbild sich vor allem selbst bereichern wollte. Es war schon etwas skurril, dass derselbe Horst Tappert etwa ein Jahrzehnt später für 24 Jahre als „Derrick“ einer der populärsten Polizeikommissare im deutschen Fernsehen wurde. Populär sind schließlich True-Crime-Formate. Dort haben Aufsehen erregende Verbrechen bis hin zu Serienmördern einen festen Platz.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Solche Verzerrungen der Wahrnehmungen werden dadurch verstärkt, dass sich True-Crime-Formate auf eher untypische Fälle konzentrieren und dass auch die Darstellung der Strafverfolgung in Kriminalfernsehspielen eher untypisch ist. Es erregt natürlich mehr Aufmerksamkeit. Es ist auch nachvollziehbar, dass grausame Taten uns eher packen. Bei Cum-Ex muss man immer erst einmal lange erklären, worum es da eigentlich geht. Es geht dort um Gelder, die man sich gar nicht vorstellen kann. Wie soll ich mir Hunderte von Milliarden vorstellen?</em></p>
<p><em>Die Logik der Medien, Nachrichtenformate ebenso wie Dokumentationen und Unterhaltungsformate, unterliegen Aufmerksamkeitsökonomien. Es ist jedoch die Verantwortung der Politik anders zu handeln, Kriminalität in ihrer Gänze zu behandeln und auch im Sinne der Gesellschaft zu priorisieren, in welchen Bereichen wir besonders intensiv in die Strafverfolgung einsteigen und wie wir das tun. Unsere Position ist da ganz klar: Wir haben in letzter Zeit eine Kriminalpolitik auf dem Vormarsch, die überhaupt nicht hilfreich ist. Ganz im Gegenteil.</em></p>
<h3><strong>Ist mehr Polizeipräsenz eine Lösung?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ist hilfreich, was nicht?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>:<em> Wir haben eine Kriminalpolitik, die sehr stark durch Law and Order geprägt ist, durch ein vermeintlich hartes Durchgreifen, das man aber in Frage stellen sollte. Welche Maßnahmen sind denn damit verbunden? Strafverschärfungen, neue Gesetze sind kein hartes Durchgreifen, sondern eher ein wildes Um-sich-schlagen. Wir wissen, dass Strafhöhe nicht abschreckt, sondern die Entdeckungswahrscheinlichkeit. Es gibt bestimmte Bereiche, in denen Betroffene überhaupt nicht anzeigen wie bei der sexualisierten Gewalt. Da ist unser Problem nicht die Gesetzeslage, sondern das Fehlen von Strafverfolgung. Strafverschärfung oder Gesetzesänderungen sind leicht umsetzbar, aber es fehlen tiefgreifende Maßnahmen, die wirklich zu einer Veränderung führen könnten. Wir haben vor allem etwas, das man Symbolpolitik nennen könnte. Ich möchte aber auch Folgendes klarstellen: Wir sagen nicht, alles werde nur skandalisiert, wir wollen nichts verharmlosen. Wir sagen aber, dass Kriminalität kein Schicksal ist, sondern gesellschaftlich sehr stark beeinflussbar. Deshalb schließen wir mit einem Plädoyer für eine neue Kriminalpolitik.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört eine Kriminalitätsprävention, die funktioniert?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Die kostet natürlich Geld. Außerdem dauert die Sichtbarkeit der Wirkungen länger als eine Legislaturperiode. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erinnere mich noch an einen Polizeibeamten in Duisburg-Bruckhausen, der vor etwa 25 bis 30 Jahren in den Ruhestand ging. Er hatte es geschafft, dass ihn im Stadtteil alle kannten. Er wusste sehr genau, wo Konflikte entstehen konnten. Viele konnte er durch Gespräche im Vorfeld auflösen. Er verband seine Tätigkeit als Polizist mit dem Engagement eines Sozialarbeiters. Ich denke, dass solche Menschen eine Menge an Gewalt, an Kriminalität verhindern könnten, weil sie Respektpersonen sind und weil sie die Menschen, die in ihrem Viertel wohnen, respektieren.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Das bezeichnet man auch als Community Policing. Es gibt einen Kontaktbeamten, der die Leute kennt, auch außerhalb von Einsatzsituationen. Das ist Bürgernähe. Es ist niedrigschwellig, keine ständige Kontrolle. Es kommt auf das Wie der polizeilichen Präsenz an.</em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Man denkt in der Regel, dass mehr Polizeipräsenz zu weniger Kriminalität führt. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Polizeipräsenz da ist, nimmt die auch Dinge wahr, schreibt etwas auf. Zunächst steigt Kriminalität statistisch an. Es gibt auch nicht unbedingt ein stärkeres Sicherheitsgefühl. Es gibt auch die Wahrnehmung, dass es in diesem Stadtteil besonders gefährlich sein muss, wenn da schon so viel Polizei präsent ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Frage des Maßes?</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Jein. Es ist oft eine Frage der Verdrängung. Wir haben aufgrund von Polizeieinsatz zurzeit in Köln eine Verschiebung der Drogenszene vom Neumarkt über den Ebertplatz zum Hansaring. Letztlich ist Polizei nicht die Institution, die dafür sorgen kann, dass es weniger Kriminalität gibt. Polizei ist gut eingesetzt, wenn Kriminalität da ist, aber wir müssten eigentlich versuchen, Prävention zu betreiben und über Soziale Arbeit, über Veedelskümmerer davon wegkommen, dass wir Sicherheit nur mit Polizeipräsenz verbinden. Hilfreich sind auch Kommunalpräventive Räte, die es in einigen Kommunen gibt, in denen ganz unterschiedliche Menschen daran arbeiten, lokale Probleme mit Kriminalität zu identifizieren und Lösungen zu erarbeiten. Das Sicherheitsgefühl hat oft gar nichts damit zu tun, ob irgendwo Kriminalität stattfindet, sondern hat im Gegenteil damit zu tun, ob Orte sauber wirken, ob das Licht an ist, ob es überschaubar ist.</em></p>
<h3><strong>Delegation von Sicherheit und das Verschwinden von Zivilcourage</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist es mit der Präsenz von Sicherheitsdiensten? Gerade an Bahnhöfen, in S-Bahnen gibt es inzwischen auf Initiative der neuen Bahnchefin Evelyn Palla mehr Sicherheitspersonal. Mir persönlich gibt dies durchaus ein Gefühl von mehr Sicherheit.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Auf der anderen Seite verschafft der Einsatz von Sicherheitspersonal Menschen den Eindruck, es gebe hier Unsicherheit. Ich sehe auch, dass dann, wenn es für alles eine Institution gibt, das menschliche Miteinander verloren geht. Eigentlich müsste es ja so sein, dass Menschen aufeinander achten, miteinander reden, eine Form von Konfliktregulation zwischen ihnen stattfindet. Stattdessen beobachte ich Vereinzelung, dass alle bei Problemen erst einmal schauen, wer denn eingreifen und helfen könne. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sind in unserer Gesellschaft an einem Punkt angelangt, indem wir Sicherheit und Konfliktregulierung wegdelegieren. Da muss man sich nicht wundern, wenn es dann niemanden gibt, der das praktiziert, was man Zivilcourage nennt.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Dazu gehört auch die Erzählung, dass wenn man mal eingreife, man direkt ein Messer im Bauch hätte. Da sag ich lieber nichts. Man sieht im Anderen erst einmal eine potenzielle Gefahr. Wenn sie jemanden sehen, der eingreift, sagen die Leute, ach es gibt doch noch nette Menschen. Aber das ändert an ihrem eigenen Verhalten nichts. Es wäre natürlich schön, wenn das die Regel wäre. Eigentlich sollten wir davon ausgehen, dass wir alle soziale Wesen sind, die in einem sozialen Miteinander funktionieren. Ich verstehe das Bedürfnis, dass Sicherheitspersonal in der Bahn präsent ist, doch letztlich können wir das Zusammenleben nicht staatlich organisieren.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: André Heller präsentiert in seinen Auftritten immer wieder mal eine Geschichte von Nestroy. Da trifft im Wald a Wolf an Wolf. Sogt er: Aha, sicher a Wolf. Trifft im Wald a Mensch an Menschen, sogt er: Oha, sicher a Rauber.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das berührt die Kriminologie. Gehen wir im anderen Menschen erst einmal vom Schlechten aus oder vom Guten? Wir kategorisieren einen Menschen als Angehörigen einer Gruppe. Der eigenen Gruppe schreibt man eher positive Eigenschaften zu, die halten sich an Gesetze, die sind ungefährlich, als der Fremdgruppe, und sobald ich einen Menschen der Fremdgruppe treffe, gehe ich davon aus, dass die wohl andere Eigenschaften und Verhaltensweisen haben, die möglicherweise gefährlich für mich sein könnten. </em></p>
<h3><strong>Dunkelfeldstudien statt Statistikshow</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dem, was wirklich gefährlich ist, kommen wir erst auf die Spur, wenn wir nicht nur unsere jeweiligen Vorurteile kennen, sondern auch das Dunkelfeld bestimmter Phänomene untersuchen. Am 10. Februar 2026 stellten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bundesfamilienministerin Karin Prien mit dem Bundeskriminalamt eine von ihnen in Auftrag gegebene <a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/LeSuBiA/lesubia_node.html">Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“</a> (LeSuBiA) vor (auch dieser Titel darf als euphemistisch interpretiert werden). Ein Ergebnis: Nur etwa eine von 20 Frauen zeigt die Gewalt ihrer Ehemänner oder Partner an. Sie fordern in Ihrem Buch mehr Dunkelfeldstudien, die die Verzerrungen beseitigen, die durch die <em>„PSK-Shows“, </em>die rituellen Präsentationen der Polizeilichen Kriminalstatistik immer wieder aufs Neue bestätigt werden.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Hier gibt es einen begründeten Anlass zur Hoffnung. Am 20. April 2026 hat das Bundeskriminalamt gleichzeitig mit der der Kriminalstatistik die Dunkelfeldstudie </em><a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/SKiD/skid_node.html"><em>„Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“</em></a><em> (SKiD) vorgestellt. Diese Dunkelfeldbefragung soll ab jetzt alle zwei Jahre durchgeführt werden. Damit hätten wir endlich ein Gegengewicht zur Polizeilichen Kriminalstatistik, die bisher konkurrenzlos dasteht. Wir könnten Hellfeld und Dunkelfeld vergleichen. Die Tatsache, dass nur etwa sechs Prozent aller Delikte sexualisierter Gewalt angezeigt werden, lässt den Schluss zu, dass ein Anstieg im Hellfeld nichts damit zu tun hat, dass das Ausmaß dieses Delikts ansteigt, sondern dass mehr Leute sich trauen, es anzuzeigen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines der bedrückendsten Ergebnisse ist aus meiner Sicht die Tatsache, dass das gefährlichste Feld, vor allem für Frauen und Kinder, das eigene Zuhause ist.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das ist leider so. Es ist ein geflügeltes Wort in der Kriminologie, dass man als Frau sicherer ist, wenn man nachts im Park spazieren geht als wenn man zu Hause mit der Familie ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass man durch eine Straftat verletzt wird, ist zu Hause am höchsten. Bei Delikten auf der Straße gehören am häufigsten junge Männer zu den Opfern, entgegen der Annahme, dass vor allem Frauen gefährdet wären. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man muss hier natürlich wieder aufpassen, dass man nicht wieder das Kind mit dem Bade ausschüttet und manche grundsätzlich alle Männer unter Verdacht stellen.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Wir sprechen uns in unserem Plädoyer für eine neue Kriminalpolitik für eine feministische Kriminalpolitik aus. Das bedeutet nicht, dass alle Männer pauschal verteufelt werden, sondern dass die patriarchalischen Strukturen und Einstellungen erkannt und bekämpft werden müssen. Das, was hinter häuslicher Gewalt steckt, ist die patriarchalische Struktur, dass Frauen Männern unterlegen sind, dass Frauen Besitz ihrer Männer sein sollen. Der hauptsächliche Grund, dass es zu häuslicher Gewalt kommt, sind Besitzansprüche, dass Frauen kein eigenes Leben zugestanden wird, dass sie kontrolliert werden müssen, sie zu tun hätten, was der Mann möchte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch Thema des neuen Buches von Eva von Redeker <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240">„Dieser Drang nach Härte – Über den neuen Faschismus“</a> (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026). Sie hat den Begriff <em>„Phantombesitz“</em> in die Debatte eingeführt. Männer werden im Sinne dieses <em>„neuen Faschismus“</em> gewalttätig, weil sie einen vermeintlichen Besitz verteidigen wollen, ihr Land, ihre Nation, ihre Frauen, ihre Kinder. Dasselbe Phänomen gibt es in islamistischen Kreisen.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das Narrativ „unsere Frauen“ hört man immer wieder, auch in Kreisen, in denen man es nicht vermutet. Martin Schulz hat mal in seiner Zeit als Kanzlerkandidat der SPD in einer Talk-Show zum Thema Gefahr gesagt, wir müssten „unsere Frauen schützen“. Das zeugt schon von dieser patriarchalischen Struktur, denn gleichberechtigte Menschen müssen nicht eine Gruppe schützen, sondern wollen die Rechte von allen Menschen bewahren. Ich weiß natürlich, dass in einer Welt, in der Gleichstellung noch nicht erreicht ist, vulnerable Gruppen besonders geschützt werden müssen. </em></p>
<p><em>Ich nenne ein weiteres Beispiel: Wie wird eigentlich über Tötungsdelikte im Rahmen von Trennungen geschrieben und gesprochen. Ist der Mann ein Deutscher, ist es ein Familiendrama, Zeichen einer psychologischen Notlage, der konnte nicht anders, wird er – ungeachtet der Staatsangehörigkeit – nicht als Deutscher gelesen, gehört es zu dessen Kultur, das war ein verbrecherischer Vorsatz. Das verzerrt sich auch in der Justiz: Das eine ist dann eher ein Mord als das andere, weil man beim einen entschuldigende, bei dem anderen nicht entschuldbare Gründe findet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist das nur patriarchalisch oder nicht eher doch maskulinistisch?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Aus der Gewaltforschung kennen wir sogenannte „Machonormen“, Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen. Diese sind ein großer Prädiktor, dass jemand Gewalt ausübt. Aber solche Normen können nur auf einem patriarchalischen System gedeihen, wenn sonst der Ansatz fehlte, Gewalt zu legitimieren. Man kann übrigens auch feststellen, je schwerer das Delikt, desto weniger sind Frauen die Täterinnen.</em></p>
<h3><strong>Ein kurzes Fazit für eine neue Kriminalpolitik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Abschluss fasse ich noch einmal kurz die Eckpunkte Ihres Plädoyers für eine neue Kriminalpolitik zusammen: Sie wollen weniger Drama, mehr Analyse, weg von der PSK-Show zu Dunkelfeldstudien, die Erforschung repressiver Strukturen, da diese mehr Kriminalität bedingen, die Kombination von Innen- und Sozialpolitik, Aufmerksamkeit für Klassismus, Rassismus und Patriarchat, die Entkriminalisierung von Drogen (nicht nur von Cannabis) und von Armutsstraftaten, mehr Kampf gegen Wirtschafts- und Umweltkriminalität und Menschenhandel.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Wir wollen auf keinen Fall Kriminalität relativieren, herunterreden. Leider muss man das immer wieder sagen. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass wir die Ressourcen zurzeit falsch verteilen und uns zu viel mit Delikten beschäftigen, die Menschen aus strukturellen Notlagen begehen, kriminalisieren, dass jemand in Armut lebt oder anders aussieht. Davon müssen wir weg und in eine Richtung zu Delikten, von denen es eine Menge gibt, für die aber die Ressourcen fehlen, weil wir falsche Prioritäten setzen und uns zu viel im Klein-Klein verlieren.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. August 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Der lange Schatten Wolhyniens</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Jul 2026 04:11:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der lange Schatten Wolhyniens Liana Blikharska und Ela Kwiecińska über den schwierigen Weg zu ukrainisch-polnischer Versöhnung „Der Weg zur Versöhnung ist erst nach der Verurteilung der Verbrechen möglich.“ (Ela Kwiecińska) Ela Kwiecińska ist eine polnische Historikerin, die von 2022 bis 2024 an der Universität Warschau lehrte. Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der polnischen Nationalhistoriografie  [...]</p>
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<h1><strong>Der lange Schatten Wolhyniens</strong></h1>
<h2><strong>Liana Blikharska und Ela Kwiecińska über den schwierigen Weg zu ukrainisch-polnischer Versöhnung</strong></h2>
<p>„<em>Der Weg zur Versöhnung ist erst nach der Verurteilung der Verbrechen möglich.</em>“ (Ela Kwiecińska)</p>
<p><a href="https://ispan.waw.pl/default/en/employee/elzbieta-kwiecinska-2/">Ela Kwiecińska</a> ist eine polnische Historikerin, die von 2022 bis 2024 an der Universität Warschau lehrte. Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der polnischen Nationalhistoriografie wurde ihr befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert. Jetzt arbeitet sie als Dozentin im Programm <a href="https://visibleukraine.org/about/iufu/">„Invisible University for Ukraine“</a> (IUFU) an der Central European University in Budapest und am Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften. In ihrer am Europäischen Hochschulinstitut verteidigten Dissertation beschäftigte sie sich mit der Idee der Zivilisierungsmission in Osteuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie untersucht, wie deutsche, polnische und ukrainische Intellektuelle diese Idee wahrnahmen und für ihre jeweiligen Zwecke nutzten.</p>
<p>Auf Anregung der Redaktion der ukrainischen Online-Zeitschrift Spilne beschlossen Ela und die ukrainische Historikerin <a href="https://www.lvivcenter.org/en/team/liana-blikharska-2/">Liana Blikharska</a> aus Lwiw, über die Geschichte der Massengewalt in Wolhynien während des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Liana Blikharska sagte zu, weil sie von der Kraft persönlicher Geschichten überzeugt ist, die historische Prozesse besser verständlich machen und zugleich Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit etablierten Narrativen eröffnen. Sie bat ihre Freundin Ela, über ihre eigenen Erfahrungen nachzudenken und ihre <a href="https://institut.soziologie.uni-freiburg.de/dokuwiki/doku.php?id=lv-wikis-oeffentlich:position21:einleitung">Positionalität</a>, ihre Rolle und ihr Selbstverständnis als Forscherin zu umreißen. Anschließend sprachen die beiden über die Asymmetrie der Erinnerung in Polen und der Ukraine, wie sie beispielsweise in den Studien von Andrii Portnov dokumentiert ist (<a href="https://www.forum-transregionale-studien.de/en/communication/details/poland-and-ukraine-entangled-histories-asymmetric-memories-1">Poland and Ukraine: Entangled Histories, Asymmetric Memories</a>, Essays of the Forum Transregionale Studien, Bd. 7, Prisma Ukraïna, 2020) sowie über den Prozess der Entstehung historischen Wissens.</p>
<h3><strong>Das eigene Erbe ernst nehmen heißt, sich kritisch damit auseinanderzusetzen</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska:</strong> Was bedeutet Wolhynien für dich – als Historikerin und als jemand, dessen Familie von dort stammt?</p>
<div id="attachment_8227" style="width: 312px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8227" class="wp-image-8227 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-300x200.jpg" alt="" width="302" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1024x682.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 302px) 100vw, 302px" /><p id="caption-attachment-8227" class="wp-caption-text">Elżbieta Kwiecińska, Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Ela Kwiecińska:</strong> <em>Ich bin in Warschau geboren, aber niemand aus meiner Familie stammt aus dieser Stadt, die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. Wolhynien ist Teil meiner Familiengeschichte. Meine Großmutter wurde 1929 in dem wolhynischen Dorf Stara Huta geboren, das heute nicht mehr existiert – 1943 wurde es von Partisanen der Ukrainischen Aufstandsarmee, der UPA, niedergebrannt. Dass unsere Familie aus dem Gebiet der heutigen Ukraine stammt, wusste ich schon als Kind. Mehr Einzelheiten erfuhr ich erst als Jugendliche. Meine Großmutter erzählte mir, was dort geschehen war: von den Morden an Polen und davon, wie sie aus der Ukraine flohen.</em></p>
<p><em>Ausführlicher haben </em><a href="https://www.lvivcenter.org/en/residences/petro-dolhanov-2/"><em>Petro Dolhanov</em></a><em> und ich diese Ereignisse in unserem zweiteiligen Beitrag „Ein polnischer Schrank in einem ukrainischen Haus, gefunden in Masuren: ukrainisch-polnische Familiengeschichten vor dem Hintergrund Wolhyniens“ (</em><a href="https://uamoderna.com/backward/polska-shafa-v-ukrayinskij-hati-znajdena-na-mazurah-ukrayinsko-polski-rodynni-istoriyi-na-tli-volyni/"><em>Teil 1</em></a><em>; </em><a href="https://uamoderna.com/backward/polska-shafa-v-ukrayinskij-hati-znajdena-na-mazurah-ukrayinsko-polski-rodynni-istoriyi-na-tli-volyni-chastyna-2/"><em>Teil 2</em></a><em>) beschrieben, der in Ukraina Moderna erschienen ist. Ich hatte nie vor, Spezialistin für Wolhynien zu werden. Aber vermutlich hätte ich mich ohne meine Begegnung mit Petro Dolhanov bei einem Seminar in Krasnogruda nicht getraut, über diese Region zu schreiben. Es ist wichtig, einem Menschen zu begegnen, der mitfühlen kann, bereit ist zuzuhören, sich wirklich dafür interessiert und mit dem man offen sprechen kann.</em></p>
<p><em>Meine erste Reise nach Wolhynien im Jahr 2010 empfand ich als eine Erkundung meiner selbst und meiner Identität. Wir waren zu dritt unterwegs: mein Vater, ich und der Bruder meiner Großmutter. Als die Familie aus Wolhynien floh, war er zehn Jahre alt. Auf dieser Reise wurde er zu unserem Reiseführer. Er hatte sich sein Ukrainisch aus der Kindheit bewahrt, während meine Großmutter die Sprache zum Beispiel nicht beherrschte. Vielleicht lag das daran, dass mein Großonkel ein kommunikativer und offener Mensch war, meine Großmutter dagegen eher introvertiert.</em></p>
<p><em>Als wir in die Ukraine kamen, um die Orte zu besuchen, aus denen unsere Familie stammte, wurde dies für uns zu einer sehr wichtigen und beglückenden Erfahrung – in gewisser Weise sogar zu einer Art innerer Reinigung. Die Sprachkenntnisse halfen uns sehr bei der Verständigung mit den Menschen vor Ort. Manche erinnerten sich an Mitglieder unserer Familie, andere nicht. Aber alle begegneten uns mit Respekt und Herzlichkeit, nahmen uns wie ihresgleichen auf und luden uns zu sich nach Hause ein. Es fühlte sich an, als wären wir heimgekehrt. Diese Reise gab schließlich den Anstoß dazu, mich intensiver mit Wolhynien zu beschäftigen.</em></p>
<p><em>Vor meiner ersten Reise nach Wolhynien hatte ich ein Bild von der verlassenen Heimat, wie es wohl für viele Menschen typisch ist, die ihre Heimat verlassen mussten: Sie war in meiner Vorstellung vollkommen idealisiert. Derselben nostalgischen Idealisierung begegnete ich später auch in Gesprächen mit ukrainischen Lemken. Ihre Großeltern sprachen von den Beskiden genauso wie meine von Wolhynien: als von einem gelobten Land, in dem Milch und Honig fließen. Ich weiß nicht, wie eine solche Rückkehr heute aussehen würde. Leider wäre sie vermutlich anders. Aber noch 2010 stellte ich mir diese Orte genau so vor.</em></p>
<p><em>Diese Reise war für mich tatsächlich eine Rückkehr zu meinen eigenen Wurzeln. Für meine Generation in Polen ist das eine recht typische Erfahrung: Wir entdecken, dass wir eben keine mythischen „ethnischen Polen“ sind, sondern unsere Stärke vielmehr aus der Vielfalt schöpfen. Die einen haben ukrainische Wurzeln, andere jüdische, wieder andere deutsche. Ich bin 1989 geboren, und ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir zur Generation der demokratischen Transformation gehören.</em></p>
<p><em>Ich betrachte einen Teil meiner Identität als ukrainisch. Viele Polen teilen ein gemeinsames Erbe mit den Menschen in den Nachbarländern – in Litauen, Belarus oder der Ukraine. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber vermutlich hat etwa ein Drittel der polnischen Bevölkerung Vorfahren, die außerhalb der heutigen Grenzen Polens geboren wurden. Es ist sehr wichtig, sich das bewusst zu machen. Menschen mit familiären Wurzeln in den früheren polnischen Ostgebieten, den sogenannten Kresy, bilden einen großen Teil der Gesellschaft. Und Menschen mit diesem Erbe können sehr unterschiedlich damit umgehen. Die einen nehmen an Märschen unter dem Motto „Wir erinnern uns an Wolhynien“ teil, andere engagieren sich ehrenamtlich für die Ukraine – zum Beispiel am Bahnhof von Wrocław. Einer der aktivsten Helfer, </em><a href="https://orcid.org/0000-0002-2495-8104"><em>Paweł Rudnicki</em></a><em>, schreibt </em><a href="https://www.researchgate.net/publication/378299349_Kto_jak_nie_my_Wspolnota_i_dzialanie_na_Dworcu_Glownym_we_Wroclawiu_marzec-kwiecien_2022"><em>in seinem Buch</em></a><em> ganz ausdrücklich, seine wichtigste Motivation, Ukrainerinnen und Ukrainern zu helfen, sei die Tatsache gewesen, dass einst seine eigenen Großeltern aus Lwiw an genau diesem Bahnhof ankamen.</em></p>
<div id="attachment_8228" style="width: 311px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8228" class="wp-image-8228 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-300x248.jpg" alt="" width="301" height="249" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-200x165.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-300x248.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-400x331.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-600x496.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-768x635.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-800x662.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1024x847.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1200x993.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1536x1271.jpg 1536w" sizes="(max-width: 301px) 100vw, 301px" /><p id="caption-attachment-8228" class="wp-caption-text">Liana Blikharska, Foto: Spilne.</p></div>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Darf ich dich nach deiner Positionalität fragen?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>In Polen spreche ich eher aus der Perspektive einer kritischen Intellektuellen. Ich finde: Wenn dies mein Erbe ist, dann muss ich mich kritisch damit auseinandersetzen. Deshalb beschäftigt sich meine Dissertation mit der Zivilisierungsmission im Osten als kolonialem Projekt. Ich habe </em><a href="https://commons.com.ua/uk/civilizacijni-misiyi/"><em>die polnischen und deutschen Zivilisierungsmissionen und die damit verbundenen Praktiken miteinander verglichen</em></a><em>. Außerdem habe ich </em><a href="https://muzeumpilsudski.pl/wp-content/uploads/2021/12/MJP20211208-mniejszosc-ukrainska.pdf"><em>ein Unterrichtsmaterial für Schulen</em></a><em> über die ukrainische Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit verfasst, das ich ebenfalls als kritisch verstehe. Auf den historischen Teil folgt eine praktische Aufgabe: Die Schülerinnen und Schüler sollen darüber debattieren. Lehrkräfte, die mit diesem Material arbeiten, berichten, dass die Schülerinnen und Schüler nach einer solchen Unterrichtsstunde dafür stimmen, ihnen mehr Rechte zu gewähren. Formal geht es um die Geschichte des 20. Jahrhunderts, aber natürlich betrifft das auch die Gegenwart.</em></p>
<p><em>Nach Beginn des russischen Großangriffs am 24. Februar 2022 entschied ich mich, für die Ukraine zu arbeiten. Man könnte sagen, dass ich damals aus eigener Entscheidung Ukrainerin wurde. In den vergangenen Jahren habe ich vermutlich sogar öfter Ukrainisch als Polnisch gesprochen. 2022 engagierte ich mich ehrenamtlich, später arbeitete ich bei der Invisible University for Ukraine – einem Programm informeller Bildung an der Central European University. Überhaupt dreht sich mein Leben heute stark um die Ukraine.</em></p>
<p><em>Aber ich frage mich immer noch ständig: Wer bin ich für die Ukrainerinnen und Ukrainer? Diese Frage ist heute besonders aktuell, da sich der politische Konflikt zwischen Polen und der Ukraine immer weiter verschärft. Die Geschichte zeigt, dass Menschen mit einer hybriden polnisch-ukrainischen Identität kein leichtes Leben haben. In Friedenszeiten ist das vielleicht weniger spürbar. Doch wenn sich politische Konflikte zuspitzen oder Krieg ausbricht, geraten solche Menschen von beiden Seiten unter Druck und werden moralisch, im schlimmsten Fall sogar physisch vernichtet. Darüber schreibe ich auch in dem bereits erwähnten Unterrichtsmaterial. Zugleich gab es selbst Mitte des 20. Jahrhunderts Menschen, die versuchten zusammenzuarbeiten, statt Hass zu schüren.</em></p>
<p><em>In Polen hat sich insgesamt folgende Tendenz herausgebildet: Historiker mit rechten oder rechtsextremen Ansichten konstruieren ein nationales Narrativ, während Linke es dekonstruieren. Irgendwann wurde mir klar, dass das eine Falle ist. So führen wir einen „polnisch-polnischen Krieg“ zwischen Rechten und Liberalen. Besonders schmerzhaft war für mich, dass die Ukraine und die Ukrainerinnen und Ukrainer zum Gegenstand dieses „polnisch-polnischen Krieges“ geworden sind und dass das Thema Wolhynien zunehmend dazu benutzt wird, Hass zu schüren.</em></p>
<h3><strong>Politisches Kapital aus der Erinnerung an menschliches Leid</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Wie hat sich die Erinnerung an Wolhynien in Polen entwickelt? Es scheint ein Weg gewesen zu sein, der von privaten Familiengeschichten über bestimmte politische Milieus schließlich zu Narrativen auf nationaler Ebene führte. Warum ist das geschehen? Ist dies Teil eines umfassenderen Phänomens – der „<em>Erinnerungskriege</em>“, die heute weltweit zu beobachten sind? Du hast das <a href="https://der-siebte-sprung.de/kresy/index.html">Kresy-Milieu</a>, das ehemalige Ostpolen, erwähnt. Auch ein Teil meiner Familie, der 1946 auf Grund der Vereinbarungen zwischen Großbritannien, der Sowjetunion und den USA in Jalta aus der Gegend von Lwiw in die Umgebung von Wrocław, dem ehemaligen deutschen Breslau, umgesiedelt wurde, ist dort aktiv. Sie engagieren sich in Vereinen, besuchen Veranstaltungen, verbringen Zeit miteinander und schwelgen in Erinnerungen, geben ihre Erfahrungen aber auch an jüngere Generationen weiter. Ich kenne dieses Milieu sehr gut von innen. Wie schon seine Selbstbezeichnung zeigt, lebt es bis heute vom Mythos der „<em>Kresy</em>“, „<em>unserer Kresy</em>“. Einerseits handelt es sich um eine sehr intime Beziehung zum familiären Erbe, andererseits wird dieser Mythos von der polnischen Rechten aktiv instrumentalisiert.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Erinnerungskriege sind ein Phänomen, das Staaten auf der ganzen Welt betrifft. Wichtig ist, dass die Auseinandersetzungen um Wolhynien nicht nur eine polnisch-ukrainische, sondern auch eine innerpolnische Dimension haben. Es geht um die Frage, wessen Erinnerung Eingang in den nationalen Kanon findet und welche Prioritäten dabei gesetzt werden.</em></p>
<p><em>Zum polnischen Erinnerungskanon gehören neben dem Wolhynien-Massaker auch </em><a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/203716/vor-85-jahren-verbrechen-von-katyn/"><em>Katyn</em></a><em> und der </em><a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/warschauer-aufstand-1944"><em>Warschauer Aufstand</em></a><em>. Die Erinnerung an das Massaker von Katyn richtet sich gegen Russland, die Erinnerung an den Warschauer Aufstand gegen Deutschland. Letztere wurde am intensivsten aufgearbeitet, und diese Aufarbeitung bildete eine Grundlage für die guten polnisch-deutschen Beziehungen. Auf ein Bündnis mit Russland setzte in Polen ohnehin kaum jemand. Deshalb löst Katyn heute nicht dieselben Emotionen aus wie Wolhynien, wo Hoffnungen auf ein Bündnis mit der Ukraine bestanden.</em></p>
<p><em>Hinzu kommt eine soziale und klassenspezifische Dimension. In Katyn wurde die polnische Elite ermordet, in Wolhynien hingegen waren die Opfer überwiegend einfache Bauern. Deshalb fand die Erinnerung an Katyn Eingang in den Kanon der antikommunistischen Intelligenz, die Erinnerung an Wolhynien 1943 dagegen nicht. Auch die polnische Exilregierung in London verhielt sich während des Zweiten Weltkriegs gegenüber dem Schicksal der Polen in der Westukraine sehr passiv. Einerseits wollte sie auf diese Gebiete nicht verzichten, andererseits war der polnische Untergrund 1943 nicht in der Lage, sich an den Kämpfen in Wolhynien zu beteiligen, da seine Kräfte auf den Kampf gegen die deutsche Besatzung und die Vorbereitung eines allgemeinen Aufstands konzentriert waren – eine Strategie, die 1944 in den Warschauer Aufstand mündete. Unter den Opfern der Ereignisse von 1943 in Wolhynien hielt sich deshalb lange das Gefühl, in Polen „Opfer zweiter Klasse“ zu sein.</em></p>
<p><em>Die Erinnerung an Wolhynien wurde innerhalb Polens nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil: Lange Zeit wurde sie vollständig verschwiegen. Die Behörden der Volksrepublik Polen sagten diesen Menschen im Grunde nur: „Eure Heimat liegt jetzt bei Wrocław. Das sind uralte polnische Gebiete, die wir zurückgewonnen haben.“ Aber so funktioniert das nicht. Menschen sind keine Kartoffelkisten, die man einfach von einem Ort an einen anderen stellen kann.</em></p>
<p><em>Als die Polen im Rahmen des sogenannten „Bevölkerungsaustauschs“ in diese Gebiete kamen, lebten dort noch Deutsche in ihren Häusern. Später wurden sie von dort weiter nach Westen vertrieben. Die Geschichte dieser Zwangsmigrationen wurde verschwiegen, weil niemand wusste, wie man mit ihr umgehen sollte. Dabei ist dies die reale Geschichte vieler Menschen in Polen.</em></p>
<p><em>Die Opfer sind das eine, doch es gibt auch die Zeugen, denn diese Ereignisse spielten sich sowohl in Galizien als auch in Wolhynien ab. In Galizien waren die Auseinandersetzungen weniger intensiv, weil die Polen dort stärker und zahlreicher waren und über einen organisierten Untergrund verfügten. Aber auch dort wurden mehrere Hunderttausend Menschen zu Zeugen dieser Ereignisse.</em></p>
<p><em>Ein Teil deiner Familie, Liana, blieb in der Ukraine. In der Sowjetzeit gelang es ihnen, dort mehr oder weniger im Verborgenen zu leben und ihre polnische Identität zu verheimlichen. In Polen war es ähnlich: Die Menschen konnten nicht offen darüber sprechen, was ihnen widerfahren war. Man durfte die UPA als Banditen bezeichnen, denn das entsprach dem sowjetischen Narrativ. Über die Massenmorde in Wolhynien durfte man dagegen nicht sprechen. Die Polen sollten vergessen, dass sie aus Galizien und Wolhynien stammten, denn zwischen der Volksrepublik Polen und der Sowjetunion sollten Freundschaft und Zusammenarbeit aufgebaut werden.</em></p>
<p><em>Zeugnisse wurden erst Ende der 1980er Jahre systematisch gesammelt. Auch die Pariser Kultura vermochte keine Diskussion über Wolhynien 1943 anzustoßen, weil auf ukrainischer Seite keine Bereitschaft bestand, über dieses Thema zu sprechen. (Gemeint ist das Milieu um die polnische literarisch-politische Nachkriegszeitschrift Kultura, deren Gründer und Chefredakteur </em><a href="https://www.vcpu.europa-uni.de/en/research/forschungskolloquium/index.html"><em>Jerzy Giedroyc</em></a><em> war. Gemeinsam mit ukrainischen, litauischen und belarussischen Intellektuellen, die nach 1944 ins Exil gegangen waren, setzte sich dieses Milieu mit der Frage der Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Eine seiner wichtigsten Initiativen bestand darin, auf die polnische öffentliche Meinung einzuwirken und insbesondere für die gesellschaftliche Anerkennung der Ostgrenze der Volksrepublik Polen zu werben.)</em></p>
<p><em>Auch im unabhängigen Polen wurde das Thema Wolhynien lange verschwiegen – nun im Interesse guter Beziehungen zur Ukraine. Die liberalen polnischen Eliten hielten am Leitsatz aus der Zeit der Solidarność fest: „Es gibt kein freies Polen ohne eine freie Ukraine.“ Als ich selbst noch an der Universität studierte, vor zehn oder fünfzehn Jahren, herrschte unter den liberalen Eliten die Auffassung vor, die Geschichte der Massenmorde in Wolhynien sei eine Büchse der Pandora. Niemand wusste so recht, wie man mit diesem Thema umgehen sollte, und deshalb hielt man es für besser, das Thema bis zum EU-Beitritt der Ukraine nicht anzurühren. Man hoffte, das Problem werde sich mit der Zeit von selbst lösen.</em></p>
<p><em>Noch bis vor Kurzem blieben Vertreter des polnischen Staates den Jahrestagen der Verbrechen in Wolhynien demonstrativ fern, und Initiativen zur Errichtung von Denkmälern für die Opfer wurden blockiert. Stattdessen griffen rechtsextreme Kräfte das Thema auf. Sie begannen, bei den Gedenkveranstaltungen aufzutreten und im Namen der inzwischen hochbetagten Überlebenden das Gedenken an die Opfer einzufordern. Daraus schlugen sie politisches Kapital und stellten sich den liberalen Eliten entgegen, die wegen der Aktion „Weichsel“, der Diskriminierung und Polonisierung der Ukrainer im Polen der Zwischenkriegszeit sowie des postkolonialen Charakters des Kresy-Mythos Selbstkritik übten.</em></p>
<p><em>Die polnischen Liberalen hofften, dass die uneigennützige Unterstützung der Ukraine auf ihrem Weg in die EU auch in der Ukraine eine vergleichbare kritische Neubewertung der Geschichte anstoßen würde. Deshalb nutzen polnische Rechte Ereignisse wie die Verleihung des Titels „Held der Ukraine“ an Stepan Bandera oder die Benennung einer militärischen Einheit nach den „Helden der UPA“ gezielt gegen die Befürworter eines polnisch-ukrainischen Bündnisses.</em></p>
<h3><strong>Feldforschung, Deutungskämpfe und Brüche in der Öffentlichkeit</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Es gibt <a href="https://wyborcza.pl/magazyn/7,124059,32839169,w-oksfordzie-uslyszalam-przeciez-upa-bylo-jak-armia-krajowa.html">einen Aufsatz von Anna Wylegała</a>, in dem sie die gesellschaftliche Stimmung in Polen analysiert und ihre bittere Enttäuschung zum Ausdruck bringt, dass ukrainische Intellektuelle – selbst liberale – zu wenig Interesse an Diskussionen über die Rolle der UPA gezeigt hätten, insbesondere über deren dunkle Seiten und die von ihren Kämpfern begangenen Verbrechen. Wie nimmst du die Stimmung in Polen und in der Ukraine wahr? Sehen die Menschen einen Ausweg aus dieser Situation? Lässt sich die Frage der Massenmorde in Wolhynien überhaupt umgehen, ohne eine gemeinsame, gründliche Untersuchung, die nicht auf den akademischen Raum beschränkt bliebe, sondern auch unterschiedliche ethnische, berufliche und aktivistische Gruppen einbezöge?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich glaube, im Augenblick brauchen wir vor allem Sozialpsychologen. Michał Bilewicz hat das Buch „</em><a href="https://wydawnictwowam.pl/prod.traumaland.38469.htm?sku=91987"><em>Traumaland – Polacy w cieniu przeszłości</em></a><em>“ (deutsch: „Traumaland – Polen im Schatten der Vergangenheit“) geschrieben, das hier hilfreich sein könnte. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Holocaust versucht er die Frage zu beantworten, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Versöhnung sprechen.</em></p>
<p><em>Einerseits geht es darum, ein Verbrechen als Verbrechen zu benennen und es zu verurteilen. Andererseits braucht es das Gefühl, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Der Schmerz der Menschen und die Tatsache, dass ihre Vorfahren ermordet wurden, müssen anerkannt werden – ohne irgendetwas zu beschönigen. Ebenso müssen Polen die Gräueltaten an Ukrainern ohne jedes „Aber“ verurteilen. Rache rechtfertigt kein Verbrechen.</em></p>
<p><em>Es braucht also eine eindeutige Verurteilung, statt das Wolhynien-Massaker als „Tragödie“ zu bezeichnen, als wäre es durch schlechtes Wetter oder eine Naturkatastrophe verursacht worden. Eine weitere schwierige Frage betrifft die polnischen „Vergeltungsaktionen“. Für mich muss man das Böse auch als solches benennen. Das Motiv der Rache rechtfertigt keinerlei Verbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung. Diese Menschen waren ebenso unschuldig wie die Polen in Wolhynien 1943. Und auch das muss in Polen verurteilt werden.</em></p>
<p><em>Die Frage ist jedoch, ob die Verurteilung der Verbrechen und die Heroisierung der UPA nebeneinander bestehen können. Kann man ausschließlich ihren Kampf gegen Russland heroisieren? Ich glaube nicht, dass das für die polnische Gesellschaft funktionieren wird. Ich weiß nicht, wie sich ein Ausweg aus dieser Situation finden lässt. Vielleicht könnte ein Konsens, wie Anna ihn in ihrem Aufsatz vorgeschlagen hat, eine Lösung sein. Aber wir haben gesehen, was </em><a href="https://uamoderna.com/blogy/ii-polsko-ukrayinske-komyunike/"><em>mit dem Zweiten Polnisch-Ukrainischen Kommuniqué</em></a><em> geschehen ist, das im November 2024 von ukrainischen und polnischen Historikern gemeinsam unterzeichnet wurde und den Versuch darstellte, zu einer gemeinsamen Interpretation schwieriger und blutiger Kapitel der polnisch-ukrainischen Beziehungen im 20. Jahrhundert zu gelangen (inhaltlich knüpft es an das Erste Kommuniqué an, das Historiker 1994 unterzeichnet hatten). Es war ein Versuch, diesem sinnlosen Erinnerungskrieg ein Ende zu setzen. Doch es fanden sich Menschen, die die Unterzeichner des Kommuniqués als Verräter bezeichneten. Unter dem Druck rechter Kräfte zogen einige ukrainische Beteiligte ihre Unterschriften später zurück.</em></p>
<p><em>Ich glaube, dass dies nicht nur ein Erinnerungskrieg ist, sondern auch eine Frage der Werte. Für mich sind Mord und Diskriminierung aufgrund der nationalen Zugehörigkeit ein Übel. Ich verurteile, dass Ukrainer in der Polnischen Republik der Zwischenkriegszeit wie Menschen dritter Klasse behandelt wurden. Und ich tue das nicht, weil ich in nationalen Kategorien von „Ukrainern“ und „Polen“ denke, sondern weil die Diskriminierung eines Menschen aufgrund bestimmter Merkmale meinen Werten widerspricht.</em></p>
<p><em>Auch jetzt, während des Krieges, stehe ich auf der Seite der Ukraine. Und ich finde überhaupt nicht, dass irgendjemand für diese Unterstützung dankbar sein müsste. Meine Entscheidung ergibt sich aus meinen Werten und aus dem, womit ich mich beschäftige. Ich glaube, dass ich auf der richtigen Seite der Geschichte stehe – auf der Seite der Opfer militärischer Aggression.</em></p>
<p><em>Die Frage nach den Werten ist zugleich die Frage danach, welches Verständnis von Nation wir wählen. Führende Vertreter der UPA wollten eine „Ukraine für die Ukrainer“ – ohne Polen und Juden. Heute dagegen kämpfen in den Streitkräften der Ukraine viele ukrainische Staatsbürger polnischer oder jüdischer Herkunft. Auch nationale Minderheiten können ihren Staaten im Krieg von großem Nutzen sein. Du zum Beispiel hast polnische Wurzeln und bist in ganz unterschiedlichen polnischen Milieus persönlich gut vernetzt. Das ermöglicht es dir doch, dich noch wirksamer für dein eigenes Land einzusetzen, das sich derzeit im Krieg befindet, oder? Wir beide, Liana, haben außerdem gemeinsam humanitäre Hilfe für die Ukraine organisiert, treten auf Konferenzen auf und schreiben Artikel.</em></p>
<p><em>Wenn ich die polnische Gesellschaft betrachte, wird mir klar: Wenn die Ukraine und Polen auf Augenhöhe, als gleichberechtigte Partner, zusammenarbeiten wollen, dann müssen wir über unsere gemeinsamen Traumata nachdenken und sie aufarbeiten. Wegen des Krieges und der russischen Propaganda wird dieser Prozess in der Ukraine häufig als Versuch Polens wahrgenommen, die ukrainische Geschichte umzuschreiben. Umgekehrt wird es in Polen als leichtfertig empfunden, wenn Ukrainer vom Dialog sprechen und zugleich die UPA ehren.</em></p>
<p><em>So war es etwa </em><a href="https://www.president.gov.ua/documents/4402026-59649"><em>bei der jüngsten Verleihung des Ehrennamens „Helden der UPA“ an eine militärische Einheit</em></a><em> unmittelbar nach dem Ende eines Kongresses polnischer und ukrainischer Historiker. Eine ähnliche Situation gab es im April 2015, als am Tag der Rede des polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski vor </em><a href="https://lb.ua/news/2015/04/23/302733_komorovskiy_zakon_upa_uslozhnyaet.html"><em>dem ukrainischen Parlament, der Werchowna Rada, das Gesetz verabschiedet wurde, das Mitglieder der UPA als Kämpfer für die Unabhängigkeit anerkannte</em></a><em>.</em></p>
<p><em>Eine andere Frage lautet: Was bedeuten Polen und Europa für die Ukraine? Ich habe den Eindruck, dass die Ukraine ihre Beziehungen zu Polen durch ein russisches Prisma betrachtet – und ebenso ihre Beziehungen zu Brüssel. Während eines Krieges ist das nachvollziehbar. Aber das Narrativ „Brüssel und Warschau werden uns nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben“ ist weder für die Zusammenarbeit noch für die Aufrechterhaltung eines „strategischen Bündnisses“ zwischen Polen und der Ukraine produktiv. Die Europäische Union beruht, wie jede Gemeinschaft, auf Kompromissen. Jede Beziehung, jede Zusammenarbeit und jedes Bündnis erfordert wechselseitige Verständigung und Abstimmung. Das betrifft nicht nur Wolhynien – so entstehen Vertrauen und Beziehungen zwischen Menschen.</em></p>
<p><em>Andererseits sollte man auch fragen: Wer hat heute in der Debatte über die Verbrechen in Wolhynien überhaupt eine Stimme? Bislang sind gerade diejenigen, die diese Geschichte auf beiden Seiten am unmittelbarsten betrifft, meist kaum zu hören. Stattdessen ist das Thema sowohl in Polen als auch in der Ukraine von einigen wenigen „Erinnerungskriegern“ und großen Institutionen wie den Instituten für Nationales Gedenken monopolisiert worden. Vielleicht müsste man den Diskurs über Wolhynien 1943 dezentralisieren, lokale polnisch-ukrainische Initiativen fördern und diese Geschichte wieder den Menschen zurückgeben, die sie unmittelbar betrifft.</em></p>
<h3><strong>Zur Methodik der Erforschung der Massenmorde in Wolhynien</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Ich war bei <a href="https://www.lvivcenter.org/discussions/volyn-in-family-stories/">eurem Vortrag mit Petro Dolhanov</a>. Außerdem gibt es die 2018 veröffentlichten Memoiren deiner Großmutter Stanisława Kwiecińska; ein Auszug <a href="https://edu.lvivcenter.org/documents/women-s-testimonies-of-extreme-violence/">daraus erschien in ukrainischer Übersetzung auf der Plattform REESources</a>. Was können persönliche Zeugnisse sichtbar machen, was die Politik- oder Militärgeschichte nicht zeigt? <a href="https://commons.com.ua/uk/druha-svitova-viina-u-doslidzhenniakh-ta-pamiati/">Unser gemeinsamer Kollege Andrii Usach</a> beschäftigt sich mit dem, was in der Holocaustforschung als „<em>widersprüchliches Verhalten</em>“ bezeichnet wird: wenn ein und dieselbe Person die einen rettete und zugleich andere tötete.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>In unserer Familiengeschichte gab es etwas Ähnliches. Der UPA-Kämpfer, der die Familie meiner Großmutter beschützte, war ein Kamerad meines Urgroßvaters aus der Zeit, als beide in der zaristischen russischen Armee dienten. Wenn die Partisanen das Dorf angriffen, sagte er: „Das sind meine Polen.“ Und er fügte hinzu: „Tötet sie nicht. Ihr könnt sie ausrauben, aber tötet sie nicht.“</em></p>
<p><em>Aus den Erzählungen in unserer Familie weiß ich, dass meine Verwandten ihre ukrainischen Nachbarn als Freunde betrachteten und deshalb nicht fortgehen wollten. Erst als die benachbarten Dörfer Hurby und Zelenyi Dub niedergebrannt worden waren, kamen ihnen Zweifel. Schließlich war es genau dieser Freund aus der UPA, der sie zur Flucht überredete. Er sagte, er selbst werde sie nicht töten, könne seine Kameraden aber nicht länger zurückhalten.</em></p>
<p><em>Meine Großmutter erinnert sich bis heute an den Namen dieses früheren Kameraden meines Urgroßvaters, der sie beschützte, obwohl sie inzwischen 97 Jahre alt ist. Er hieß Hapin und stammte aus dem Dorf Moshchanytsia. Vermutlich war das nicht sein richtiger Name, sondern ein Deckname. Es ist durchaus möglich, dass er „seine Polen“ nicht tötete, dafür aber andere. Wir wissen es nicht.</em></p>
<p><em>Ich glaube, man könnte das Wolhynien-Massaker zum Beispiel aus einer Perspektive „von unten“ betrachten, indem man die Lebensgeschichten der Opfer untersucht. Der Großteil der bisherigen Forschung konzentriert sich auf die Politik- und Militärgeschichte. Das ist die Perspektive der maßgeblichen Akteure, die Entscheidungen trafen und Befehle gaben. Wenn wir aber über Erinnerung und das Gedenken an die Opfer sprechen, sollten wir diese Ereignisse mit den Augen der einfachen Menschen betrachten, die die Mehrheit der Bevölkerung stellten – mit den Augen der Bauern. Dazu gehörten nicht nur Polen, sondern auch Ukrainer, Juden und Tschechen.</em></p>
<p><em>Der Blick auf das Schicksal jedes einzelnen Menschen kann davor bewahren, diejenigen zu heroisieren, die man nicht heroisieren sollte. Im Krieg müssen Menschen äußerst schwierige Entscheidungen treffen. Ukrainer verstehen das heute besser als Polen. Und wenn man Geschichte von unten betrachtet, werden all diese Nuancen und schwierigen Entscheidungen sichtbar, die Menschen unter extremem Druck treffen mussten. Für Polen – und nicht nur für sie – stellten sich Fragen wie: Bleiben wir in Wolhynien oder fliehen wir? Wem können wir vertrauen? Wer wird uns verstecken und retten, und wer wird uns töten? Welcher Nachbar arbeitet mit dem Untergrund zusammen und wird uns vermutlich verraten, und wer wird schweigen oder für uns eintreten?</em></p>
<p><em>Überhaupt wäre es gut, über nationale Deutungsrahmen hinauszugehen und nicht immer nur auf einzelne nationale Gruppen zu schauen, denn das führt unvermeidlich zu Verallgemeinerungen und lässt das Bild monolithisch erscheinen: als hätten alle Polen so gehandelt und alle Ukrainer anders. Man muss die lokale Dynamik betrachten. Menschen verhielten sich unterschiedlich und trafen unterschiedliche Entscheidungen, besonders in gemischten Familien. Aber ohne irgendetwas zu beschönigen. Dann kann vielleicht ein Weg zur Versöhnung beginnen – allerdings erst nach der Verurteilung der Verbrechen.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Was sind die größten methodologischen Herausforderungen bei der Erforschung der Massenmorde in Wolhynien? Wie lässt sich mit fragmentarischen Quellen und häufig lückenhaftem Archivmaterial arbeiten?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Archivmaterial gibt es, aber man muss kritisch damit umgehen und den jeweiligen Kontext genau analysieren. Das gilt zum Beispiel für die Verhöre von UPA-Mitgliedern in sowjetischen Nachkriegsprozessen. Natürlich wurden sie nach den Motiven und Ursachen der Morde gefragt. Um einer Bestrafung zu entgehen, bestritten die Betroffenen jedoch die Verbrechen und versuchten, sich vollständig zu entlasten.</em></p>
<p><em>Wichtig ist außerdem, diese Ereignisse aus sozialhistorischer Perspektive zu betrachten. Man sollte etwa nicht die Propaganda aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wiederholen, wonach alle Polen Besatzer, Feinde und Fremde auf ukrainischem Boden gewesen seien und deshalb getötet werden müssten. Meine Familie etwa lebte seit dem 18. Jahrhundert in Wolhynien, seit der Gründung dieser Dörfer. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um polonisierte, verarmte Kleinadlige ruthenischer Herkunft aus der Region um Kyiv – sogenannte Odnodworzen („Einhöfer“). Andere Zweige meiner Familie stammen von litauischen Tataren ab, die ungefähr zur gleichen Zeit nach Wolhynien kamen, sowie von dort ansässigen Juden.</em></p>
<p><em>Die polnischen Siedler, die in der Zwischenkriegszeit nach Wolhynien kamen, wurden während der ersten sowjetischen Besatzung ins Innere der Sowjetunion deportiert. Deshalb waren diejenigen, die am ehesten als „Besatzer“ galten, also Menschen mit militärischer Erfahrung, 1943 bereits nicht mehr vor Ort. Zu den „Feinden“ der UPA wurden stattdessen andere Polen, die dort seit Generationen ansässig waren.</em></p>
<h3><strong>Contra spem spero</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Vor kurzem sind drei Beiträge von Petro Dolhanov, Yaroslav Hrytsak und Oleksandr Zaitsev erschienen. <a href="https://uamoderna.com/blogy/istoriia-iak-zbroia-ta-instrument-natsionalnoi-bezpeky/">Petro richtete seinen Text</a> an ein ukrainisches Publikum und betrachtete historische Mythen zugleich als Waffen und als Instrumente der Selbstverteidigung im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Er betont, dass eine Kriegsführung – selbst eine defensive – „<em>unter Verwendung heroischer Narrative über die UPA dazu neigt, uns in eine komplizierte paradigmatische Falle zu ziehen</em>“. Wie stehst du zu dieser Einschätzung?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Weißt du, das müssen vermutlich die Ukrainer selbst entscheiden: welches Modell der Nation sie aufbauen wollen. Soll es eine „Ukraine für die Ukrainer“ sein, ohne nationale Minderheiten? Schließlich war die UPA an der Ermordung von Polen und Juden beteiligt. Für Menschen außerhalb der Ukraine ist das ein wichtiges Signal.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Yaroslav Hrytsak sagte in <a href="https://kulturaliberalna.pl/2026/06/16/wojny-o-historie-nie-da-sie-wygrac-a-przegrac-moga-wszyscy/">einem Interview mit der polnischen Zeitschrift <em>Kultura Liberalna</em></a>, dass die UPA in der ukrainischen Gesellschaft vor allem als Teil des historischen Kampfes gegen Russland wahrgenommen werde. Das sei unter den Bedingungen des Krieges besonders wichtig, nicht zuletzt nach der Verleihung des Ehrennamens „<em>benannt nach den Helden der UPA</em>“ an das Sonderoperationszentrum „<em>Nord</em>“ der Spezialoperationskräfte der Streitkräfte der Ukraine. Hrytsak sagte dazu: „<em>Die Ukrainer waren von der Reaktion Polens so überrascht, dass niemand damit gerechnet hatte. Diese Geste richtete sich sowohl an die Ukrainer als auch an Russland.</em>“ <a href="https://www.pap.pl/ua/ukrainian/news/lvivskiy-istorik-ukrainskiy-integralniy-nacionalizm-buv-ideologieyu-bezderzhavnoi">Eine ähnliche Auffassung vertritt Oleksandr Zaitsev</a>, der einen knappen historischen Überblick über die UPA-Formationen gibt. All diese Forscher betonen den Unterschied zwischen Geschichte als Wissenschaft und kollektivem Gedächtnis, das historische Fakten und Debatten für politische Zwecke nutzt.</p>
<p>Welche Rolle spielt dieser Kontext deiner Meinung nach im öffentlichen Diskurs in Polen? Inwieweit wird die UPA dort überhaupt mit dem Kampf gegen Russland in Verbindung gebracht? Das ist wieder eine provokante Frage, aber glaubst du, dass es überhaupt möglich wäre, dass die polnische Gesellschaft die UPA – und insbesondere den Erlass über die Verleihung des Ehrennamens „<em>Helden der UPA</em>“ – in einem anderen Licht betrachtet?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich glaube, die UPA ist ein Trigger. Es gibt solche Reizwörter, fast wie Zauberwörter. Für die Ukrainer ist das ähnlich emotional aufgeladen wie das Bild des an der polnischen Grenze ausgeschütteten ukrainischen Getreides. Die UPA ist ein emotionaler Trigger, der in der polnischen Gesellschaft fast ausschließlich negative Reaktionen hervorruft. Natürlich gab es viele Stimmen unter polnischen Liberalen und Linken, die der Gesellschaft zu erklären versuchten, dass sich diese Geste nicht gegen Polen richtete.</em></p>
<p><em>Ich persönlich glaube, dass es hier um ein bestimmtes Modell des Nationalismus geht, das sich gegen uns selbst wenden kann – gegen Polen ebenso wie gegen Ukrainer. Der integrale Nationalismus geht davon aus, dass man im Namen der Nation unschuldige Menschen, Zivilisten und Angehörige nationaler Minderheiten töten darf.</em></p>
<p><em>Ich glaube nicht, dass man die UPA ausschließlich mit dem Kampf gegen Russland in Verbindung bringen kann. Vielleicht tragen daran auch die polnischen Liberalen und Linken eine gewisse Mitschuld, die behauptet haben, die Unterstützung für die UPA sei in der Ukraine ein Randphänomen. Aber dann stellt sich die Frage: Wenn die polnische Gesellschaft früher erkannt hätte, dass die Unterstützung für die UPA in der Ukraine zum Mainstream gehört, wäre die Bereitschaft, der Ukraine 2022 zu helfen und sie zu unterstützen, ebenso groß gewesen? Ich weiß es nicht.</em></p>
<p><em>Ich weiß auch nicht, wie sich der ukrainische Kanon, in dem die UPA einen Platz hat, mit dem polnischen Kanon vereinbaren lässt, zu dem Katyn, der Warschauer Aufstand und Wolhynien gehören. Nachdem der ukrainische Präsident Petro Poroshenko 2015 </em><a href="https://zakon.rada.gov.ua/laws/show/314-19#Text"><em>das Gesetz „Über den rechtlichen Status und die Ehrung des Andenkens der Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert“</em></a><em> unterzeichnet hatte, das unter anderem die Kämpfer der Karpaten-Sitsch, der UVO, der OUN und der UPA als Unabhängigkeitskämpfer anerkennt, reagierte Polen mit einem </em><a href="https://isap.sejm.gov.pl/isap.nsf/DocDetails.xsp?id=WMP20160000726"><em>Beschluss des Sejm „Zum Gedenken an die Opfer des von ukrainischen Nationalisten in den Jahren 1943–1945 an Bürgern der Zweiten Polnischen Republik verübten Völkermords“</em></a><em>.</em></p>
<p><em>So werden diese Beschlüsse ständig gegeneinander ausgespielt – eine Reaktion auf die nächste, immer im Kreis. Ich glaube, jetzt wird es wieder genauso sein. Die Regierung Tusk hatte die staatliche Finanzierung eines geplanten </em><a href="https://www.gov.pl/web/obrona-narodowa/wicepremier-w-kosiniak-kamysz-utworzymy-muzeum-pamieci-ofiar-rzezi-wolynskiej"><em>Museums zum Wolhynien-Massaker in Chełm</em></a><em> zunächst gestoppt, das die Partei Recht und Gerechtigkeit eröffnen will. Aber wenn nun zum Beispiel ein Roman-Shukhevych-Museum entsteht, werden die Polen sagen: „Warum dürfen wir kein Museum zum Wolhynien-Massaker errichten, wenn sie ein </em><a href="https://www.karpaty.info/en/uk/lv/lw/lviv/museums/shukhevych/"><em>Roman-Shukhevych-Museum</em></a><em> haben?“ Und das wird den Konflikt nur weiter verschärfen.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Das Roman-Shukhevych-Museum in Lwiw ist eine lokale Initiative und untersteht dem Stadtrat. Es handelt sich nicht um ein staatliches, sondern um ein lokales Projekt, was die Situation angesichts der Wahl von Ort und Zeitpunkt noch komplizierter macht.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ja, aber </em><a href="https://www.kyivpost.com/post/79357"><em>das Pantheon</em></a><em> ist bereits eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Das Pantheon ist tatsächlich ein Projekt von nationaler Bedeutung. Die Werchowna Rada hat vor Kurzem für seine Errichtung gestimmt. Und die einzige öffentlich geäußerte kritische Stimme, die ich wahrgenommen habe, war <a href="https://ukrainesolidaritycampaign.org/2026/06/03/andriy-melnyk-leader-of-the-organization-of-ukrainian-nationalists/">die von John-Paul Himka</a>.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich kann mich nicht zu Entscheidungen äußern, die die Ukraine im eigenen Land trifft. Aber ich kann sagen, dass es in Polen zahlreiche kritische Biografien über Roman Dmowski gibt. Polnische Liberale und Linke kritisieren ihn ständig. Ich habe </em><a href="https://oko.press/strajk-kobiet-zawiesil-tablice-ronda-praw-kobiet-policja-zablokowala-ludzi-a-ludzie-radiowoz"><em>am Frauenstreik</em></a><em> teilgenommen und mich dafür eingesetzt, dass der Roman-Dmowski-Kreisverkehr (Rondo Romana Dmowskiego) in Kreisverkehr der Frauenrechte (Rondo Praw Kobiet) umbenannt wird.</em></p>
<p><em>Ähnlich war es am ukrainischen Unabhängigkeitstag – übrigens hat kein einziges ukrainisches Medium darüber berichtet, ich weiß nicht, warum. Damals wurde ein Marsch der von Grzegorz Braun geführten rechtsextremistischen, antisemitischen und antiukrainischen Konfederacja Korony Polskiej (Konföderation der Polnischen Krone) </em><a href="https://www.rmf24.pl/regiony/warszawa/news-stop-inwazji-czy-polska-dla-wszystkich-demonstracje-w-warsza,nId,8013597"><em>blockiert</em></a><em>. Ich war ebenfalls dort. Wir blockierten den Marsch, damit seine Teilnehmer nicht bis zu dem ukrainischen Konzert gelangen konnten. Dort waren ausschließlich Polen. Ukrainer gingen zwar vorbei, aber sowohl der Marsch als auch seine Blockade waren Teil eines innerpolnischen Konflikts.</em></p>
<p><em>In der Ukraine berichten die Medien, genau wie in Polen, vor allem über die Rechte. Was </em><a href="https://holka.org.ua/en/deputy/volodymyr-viatrovych/"><em>Volodymyr Viatrovych</em></a><em> sagt, wird von allen zitiert. Was </em><a href="https://instytutpileckiego.pl/en/instytut/rada-naukowa/prof-dr-hab-grzegorz-motyka?setlang=1"><em>Grzegorz Motyka</em></a><em> sagt, ebenso. Aber wir Frauen … Ich ging als polnische Staatsbürgerin zur Blockade des Braun-Marsches, weil ich mit einem Nationsverständnis nicht einverstanden bin, das auf Hass aufgrund nationaler Zugehörigkeit beruht – auch auf Hass gegen Ukrainer. Denn wenn niemand protestiert, bedeutet das, dass alle dieses Modell akzeptieren.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Lass uns zum Abschluss darüber sprechen, was Hoffnung macht. Nachdem Karol Nawrocki Volodymyr Zelenskyyj den Orden des Weißen Adlers aberkannt hatte, begannen viele Menschen in den sozialen Medien symbolisch ihre eigenen Medaillen, Auszeichnungen und anderen Ehrungen „<em>zurückzugeben</em>“. In diesem Zusammenhang hast du mehrere Beiträge über Dinge veröffentlicht, die du unter keinen Umständen zurückgeben willst …</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska:</strong> <em>Meine persönlichen Orden.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Ich erinnere mich an eine Matratze von deinem Historikerkollegen aus Lwiw, an eine Kosakenfigur von einer Studentin und an eine Postkarte von befreundeten Freiwilligen, die in deiner Wohnung lebten. Diese war im Winter und Frühjahr 2022 zu einer regelrechten Koordinationszentrale für humanitäre Hilfe geworden. Können persönliche Beziehungen die Folgen autoritärer Tendenzen in der Weltpolitik überwinden, die wiederum auch Wissenschaft und öffentliche Debatten beeinflussen? Was braucht es dafür? Vielleicht etwas kritisches Denken und Empathie. Aber was noch?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ja, ich habe die Matratze bei meinem Kollegen gelassen und ihm gesagt, er solle sie nicht zurückgeben. Dafür schenkte er mir eine Grafik, die ich ebenfalls nicht zurückgeben werde. Ich habe eine ganze Menge solcher kleinen Erinnerungsstücke von Freunden, von Menschen, die bei mir gewohnt haben oder denen ich geholfen habe. Und das ist sehr schön. Hier, siehst du, hängen am Schrank Zeichnungen von Kindern aus Zhovkva.</em></p>
<p><em>Ich freue mich, dass ich mit diesem Beitrag meine Haltung zeigen konnte. Ein bisschen wollte ich mich, weißt du, auch über kleingeistige Politiker lustig machen. Zelenskyj hat diesen Orden nicht wegen Wolhynien erhalten, sondern weil er Präsident eines Landes ist, in dem wirkliche Menschen gegen ein wirkliches Übel kämpfen.</em></p>
<p><em>Für mich sind meine Freunde, Bekannten und Kollegen in der Ukraine die wirklichen Orden – und all das, was wir gemeinsam tun können. Ich schätze es sehr, dass ich, wenn ich in die Ukraine komme, immer bei jemandem zu Hause übernachte und nicht in einem Hotel. Ich wünsche mir sehr, dass das auch in Zukunft so bleibt. Meine Freunde in der Ukraine sind mir außerordentlich wichtig. Ich bin ihnen für alles sehr dankbar.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im August 2026. Die ukrainische Fassung erschien unter dem Titel <a href="https://commons.com.ua/uk/rozmova-pro-masovi-vbyvstva-na-volyni-1943-1945/">„Shliakh do prymyrennia mozhlyvyi lyshe pislia zasudzhennia zlochyniv“: rozmova podruh pro masovi vbyvstva na Volyni u 1943–1945 rokakh“</a> in der Online-Zeitschrift Spilne/Commons am 11. Juli 2026. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Pavlo Shopin, Drahomanov-Universität). Internetzugriffe zuletzt am 27. Juli 2026. Titelbild: <a href="https://tysol.pl/wiadomosci/chelm-upamietni-sprawiedliwych-ukraincow,176539#goog_rewarded">Exhumierung der Opfer aus Massengräbern im Dorf Wola Ostrowiecka im Kreis Luboml in Wolhynien, 1992</a>. Foto: Archiv des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (AIPN), Public Domain.)</p>
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		<title>Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-polnisch-ukrainischer-erinnerungskrieg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Jul 2026 07:18:23 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg Wolhynien und geostrategische Imperative Mit Erlass Wolodymyr Selenskyjs vom 26. Mai 2026 wurde einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte der Ehrenname „Helden der UPA“ verliehen. In Polen wurde dieser Schritt weithin als politische Provokation und als Angriff auf das polnische kollektive Gedächtnis, die nationale polnische Identität und das Selbstverständnis der Polen als  [...]</p>
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<h1><strong>Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg</strong></h1>
<h2><strong>Wolhynien und geostrategische Imperative</strong></h2>
<p>Mit Erlass Wolodymyr Selenskyjs vom 26. Mai 2026 wurde einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte der Ehrenname „<em>Helden der UPA</em>“ verliehen. In Polen wurde dieser Schritt weithin als politische Provokation und als Angriff auf das polnische kollektive Gedächtnis, die nationale polnische Identität und das Selbstverständnis der Polen als Opfer verurteilt. Der polnische Präsident Karol Nawrocky entzog seinem ukrainischen Amtskollegen den Orden des Weißen Adlers, die höchste staatliche Auszeichnung Polens. Wolodymyr Selenskyj schickte den Orden umgehend zurück. Dies taten auch mehrere andere ukrainische Politiker, darunter drei frühere Staatspräsidenten der Ukraine.</p>
<p>Während die ukrainische Öffentlichkeit über die Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj, einer Militäreinheit den Ehrennamen „<em>Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA)</em>“ zu verleihen, geteilter Meinung war, stieß die Entscheidung Nawrockis, dem ukrainischen Staatsoberhaupt den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, in der Ukraine auf nahezu einhellige Ablehnung. Ein Krieg um das Überleben der Nation ist für die Ukrainer wohl kaum der richtige Zeitpunkt, um die ganze Komplexität ihrer konfliktreichen Geschichte zu erklären. Ebenso wenig ist er für die Polen der richtige Zeitpunkt, die lebenswichtige Unterstützung zu untergraben, die ihr Land der Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression gewährt.</p>
<h3><strong>Ein vergifteter Diskurs</strong></h3>
<p>Vor einigen Tagen wurde in der Weichsel bei Warschau die Leiche eines ukrainischen Jugendlichen gefunden. Nach Angaben der polnischen Behörden gab es keine Anzeichen von Gewalteinwirkung. Der Junge war offenbar von der tückischen Strömung mitgerissen worden. An dem Vorfall selbst war wenig Außergewöhnliches, denn in Polen, der Ukraine und anderen Teilen der Welt fallen immer wieder Hunderte Menschen der Gewalt der Natur und ihrer eigenen Schwäche oder Unvorsichtigkeit zum Opfer. Außergewöhnlich war in diesem Fall – wie auch in mehreren ähnlichen Fällen – vielmehr die eigentümliche Aufregung in den sozialen Medien, gleichermaßen auf ukrainischer und auf polnischer Seite. Beide Sprachen ähneln einander genug, um eine zweisprachige Debatte zu ermöglichen. Ein gegenseitiges Verständnis ist damit allerdings nicht unbedingt verbunden.</p>
<p>In den Kommentaren zeichnen sich zwei entgegengesetzte Narrative ab. Sie sind so deutlich und so vehement, dass kaum Zweifel an der Beteiligung russischer Trolle an der zunehmend provokanten Auseinandersetzung bestehen. Wie in den meisten vergleichbaren Fällen bemühen sie sich keineswegs um Aufklärung, sondern versuchen vielmehr, das Wasser zu trüben, Hass zu schüren und Misstrauen zu vertiefen. Auf ukrainischer Seite suggerieren sie, die polnischen Behörden verheimlichten die Wahrheit und deckten die Täter eines Verbrechens. Auf polnischer Seite beschränken sie sich auf Verleumdungen und Beschimpfungen. Jede Nachricht über einen toten oder zusammengeschlagenen Ukrainer wird mit Schadenfreude, Beifall und hämischem Jubel aufgenommen: „<em>Geschieht ihm recht!</em>“, „<em>Die sollen sich verpissen!</em>“, „<em>Sollen sie doch alle dorthin gehen!</em>“</p>
<p>Erstaunlicherweise schenken Googles Kontrollinstanzen, die im ukrainischen Internet ziemlich aufmerksam auf vermeintliche oder tatsächliche Beleidigungen Russlands und der Russen reagieren, der grassierenden antiukrainischen Hassrede in Polen nur wenig Beachtung. Dies ist wahrscheinlich ein Zeichen dafür, dass ein solcher fremdenfeindlicher Diskurs in der polnischen Gesellschaft normalisiert und weitgehend gesellschaftsfähig geworden ist. Der scheinbar nebensächliche Fall eines ertrunkenen ukrainischen Jungen und die folgende hässliche Debatte veranschaulichen die tiefe Krise der polnisch-ukrainischen Beziehungen – nicht nur in den höchsten politischen Kreisen, sondern bedauerlicherweise auch an der gesellschaftlichen Basis. Das Problem besteht jedoch nicht allein darin, dass große Teile der polnischen Gesellschaft in unterschiedlichem Maße fremdenfeindliche Ansichten vertreten. Es liegt auch darin, dass sich der vernünftige Teil der Gesellschaft gegenüber den aggressiven Ukrainophoben auffällig zurückhält, während es die liberale Regierung versäumt, die rechtlichen Mittel gegen solch grassierende Hassrede konsequent anzuwenden. Tatsächlich ist kaum vorstellbar, dass eine derart ungehemmte Rhetorik gegen irgendeine Bevölkerungsgruppe – insbesondere gegen Juden – in einer demokratischen Gesellschaft geduldet würde.</p>
<p>Die jüngsten symbolischen Gesten ukrainischer wie polnischer Politiker haben offensichtlich zu einer weiteren Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen beigetragen und den Gegensatz zwischen den wechselseitigen Fehlwahrnehmungen der gemeinsamen Vergangenheit und den gegenwärtigen Entwicklungen in beiden Gesellschaften weiter verschärft.</p>
<h3><strong>Düstere Schatten Wolhyniens</strong></h3>
<p>Die UPA, die Ukrainische Aufständische Armee, wurde 1942/43 in der Westukraine von der bereits vor dem Krieg im Untergrund tätigen Organisation Ukrainischer Nationalisten gegründet. Ihr erklärtes Ziel bestand darin, sämtliche Besatzungsmächte auf ukrainischem Boden – vor allem die Sowjets und die Deutschen – zu bekämpfen und die unvermeidlichen Nachkriegswirren sowie das erwartete Machtvakuum zu nutzen, um den lang gehegten Traum von einem unabhängigen ukrainischen Staat zu verwirklichen. Man stellte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs mehr oder weniger nach dem Muster des Endes des Ersten Weltkriegs vor: 1918 hatten ukrainische Nationalisten auf den Trümmern des Habsburgerreiches eine unabhängige Westukrainische Volksrepublik ausgerufen, waren letztlich jedoch den weitaus stärkeren und besser vorbereiteten Polen unterlegen.</p>
<p>Dieses historische Trauma und die falsche Analogie zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg bestimmten in hohem Maße ihre spätere Politik und ihre Fehlkalkulationen. Einerseits weigerten sie sich, die Legitimität der polnischen Herrschaft über die westukrainischen Gebiete anzuerkennen – insbesondere nachdem die Polen ihr Versprechen gebrochen hatten, den Ukrainern in ihrem neu gegründeten beziehungsweise aus ukrainischer Sicht wiedererrichteten Staat Autonomie zu gewähren. Andererseits setzten die radikalsten Gruppierungen auf die damals in Europa recht populäre „<em>integrale</em>“, also totalitäre Spielart des Nationalismus. Sie suchten opportunistische Bündnisse mit revisionistischen Mächten der Zwischenkriegszeit, die die internationale Ordnung infrage stellten, um den Ukrainern ein Zeitfenster für den Aufbau eines unabhängigen Staates zu eröffnen.</p>
<p>1929 gründeten Veteranen der nationalen Befreiungskriege von 1918 bis 1920 aus der Zentral- und der Westukraine die im Untergrund tätige Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die schon bald unterschiedlichste Sabotage- und Terrorakte gegen den polnischen Staat verübte. Dadurch verschlechterte sich die Lage der ukrainischen Minderheit nur noch weiter, zumal die polnische Regierung zunehmend diskriminierend und repressiv vorging. 1943/44 gipfelte die tief verwurzelte polnisch-ukrainische Feindschaft in einer von der UPA angeführten ethnischen Säuberung der polnischen Bevölkerung in der westukrainischen Region Wolhynien. Dabei wurden etwa 80.000 polnische Zivilisten getötet, nachdem sie sich erwartungsgemäß geweigert hatten, das Gebiet auf ein Ultimatum der UPA hin zu verlassen. Doch auch auf ukrainischer Seite forderte der Konflikt einen hohen Blutzoll: Rund 30.000 ukrainische Zivilisten wurden bei sogenannten Vergeltungsaktionen, nicht selten bei „<em>präventiven Vergeltungsaktionen</em>“ der polnischen Heimatarmee, der Armia Krajowa, und verschiedener Selbstverteidigungseinheiten ermordet.</p>
<p>Die gesamte Geschichte ist Fachleuten wohlbekannt, nicht jedoch der breiten Öffentlichkeit, der über Jahrzehnte systematisch einseitige nationalistische Darstellungen dieser historischen Tragödie vermittelt wurden. Daher überrascht es kaum, dass die massiv dämonisierte UPA und sämtliche ihrer Anführer als Todfeinde der polnischen Nation gelten und im öffentlichen Diskurs wie in der kollektiven Vorstellung häufig mit den deutschen Nationalsozialisten gleichgesetzt werden. Das Verhältnis der UPA zu den deutschen Besatzungsbehörden war – anders als die frühere taktische Zusammenarbeit bestimmter OUN-Kreise mit Deutschland – vielfach feindselig und von bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. 1941 verhafteten die Deutschen Stepan Bandera, Jaroslaw Stezko und zahlreiche weitere führende Mitglieder der OUN; einige Nationalisten wurden ermordet, andere in Konzentrationslager deportiert.</p>
<p>Die ukrainische Sicht auf die OUN und insbesondere auf die UPA unterscheidet sich erheblich von der polnischen Sicht. Obwohl die Ukrainer selbst während des Krieges wenig Neigung zu Diktatur und Autoritarismus zeigten und sich zunehmend von den antipolnischen „<em>Exzessen</em>“ der UPA in Wolhynien distanzierten, würdigen sie deren Kampf gegen Deutsche und Sowjets als Beispiel für patriotischen Widerstand, Selbstaufopferung und unbeirrbaren Einsatz für die nationale Sache. Sie stimmen darin überein, dass Kriegsverbrechen verurteilt und die Täter bestraft werden müssen. Dies sollte sich jedoch auf konkrete Einheiten, Befehlshaber und Täter beziehen und nicht auf die gesamte Untergrundarmee und die gesamte nationale Widerstandsbewegung. Eine solch differenzierte und historisch kontextualisierte Sicht auf die UPA entwickelte sich in der Ukraine mit der Zeit, kollidierte aber mit der vorherrschenden sowjetischen Dämonisierung des „<em>ukrainischen Nationalismus</em>“, die der in Polen dominierenden Sichtweise ähnelt.</p>
<p>Tatsächlich sorgten die russische Invasion von 2014 und vor allem der Großangriff von 2022 dafür, dass das UPA-Narrativ von nationalem Widerstand und patriotischer Selbstaufopferung in der gesamten Ukraine hochaktuell wurde, weit über die als „<em>nationalistisch</em>“ geltenden westlichen Regionen hinaus. Die von Moskau so verhassten Symbole der UPA und die Namen ihrer Anführer fanden zunächst in der Zentralukraine und allmählich auch im stark russifizierten Südosten Verbreitung. Die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten, der Eliteeinheit der Armee den Namen „<em>Helden der UPA</em>“ zu verleihen, ging mit Sicherheit nicht auf seine eigene Initiative zurück und spiegelte wahrscheinlich auch keine persönliche Bewunderung für die UPA wider. Wie die meisten Ostukrainer weiß Selenskyj über die UPA kaum mehr als das, was ihm die heute vollständig diskreditierte, gehässige sowjetische Propaganda vermittelt hat. Vielmehr kam er damit bereitwillig einem von der Militäreinheit selbst geäußerten Wunsch nach. Das Problem besteht jedoch darin, dass der ukrainische Heldenmythos um die UPA frontal auf den in Polen entwickelten dämonischen Mythos derselben Organisation prallt. In beiden Ländern werden diese Mythen politisch instrumentalisiert, in der Ukraine zur Mobilisierung gegen den äußeren, russischen Feind, in Polen dagegen zur Mobilisierung der eigenen Wählerschaft gegen innenpolitische, liberale und kosmopolitische Gegner.</p>
<h3><strong>Politisches Kapital des Nationalismus</strong></h3>
<p>Karol Nawrocki, der die Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr vor allem mit Unterstützung rechtsextremer und ultranationalistischer Wähler gewann, scheint sich der Wirksamkeit dieses Instruments sehr wohl bewusst zu sein. Wahrscheinlich reagierte er deshalb so aggressiv auf Selenskyjs Fehltritt: Er verurteilte nicht nur dessen unglückliche Entscheidung, sondern drohte auch damit, ihm den von seinem Amtsvorgänger verliehenen Orden abzuerkennen. Da Selenskyj dieser Erpressung erwartungsgemäß nicht nachgab, blieb Nawrocki kaum etwas anderes übrig, als seine Drohung wahr zu machen. Dadurch verschärfte sich der Konflikt weiter. Selenskyj schickte den Orden seinem polnischen Amtskollegen per Post zurück, und zahlreiche weitere ukrainische Amtsträger – darunter drei ehemalige ukrainische Präsidenten, die keineswegs zu Selenskyjs Freunden zählen – folgten seinem Beispiel.</p>
<p>Der Streit schien weiter zu eskalieren, als Wolodymyr Selenskyj den üblichen Abflugort für seine Auslandsreisen vom polnischen Rzeszów ins moldauische Chișinău verlegte, der hochrangigen Ukraine Recovery Conference in Danzig vom 25. und 26. Juni fernblieb und stattdessen Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko mit der Leitung der ukrainischen Delegation beauftragte. Zugleich legte er dem Parlament <a href="https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/06/28/8041492/">einen Gesetzentwurf über das Nationale Pantheon der Ukraine</a> vor und erklärte unmissverständlich: „<em>Die Namen aller Helden, die in verschiedenen Jahrhunderten und Epochen für die Ukraine gekämpft und die Ukraine inspiriert haben, werden zusammengeführt und für immer mit großem Anfangsbuchstaben in unserer Geschichte verankert werden – mit großem Respekt und großer Aufmerksamkeit seitens des Staates – einer Ukraine, die sich selbst achtet, ihre Menschen schätzt und das Eigene verteidigt – ihr Recht, ukrainisch zu sein. Einer Ukraine, <strong>in der uns niemand jemals vorschreiben wird, wie wir leben, wie wir sprechen, wen wir lieben, wem wir dankbar sein sollen oder welche Helden wir ehren sollen</strong>.</em>“ (Hervorhebung von M. R.)</p>
<p>Nawrockis Präsidialamt reagierte umgehend und verschärfte den Ton noch weiter. „<em>Hat die ukrainische Gesellschaft jemals darüber nachgedacht, ob ihre kleptokratischen Eliten tatsächlich der Europäischen Union beitreten wollen?</em>“, schrieb Marcin Przydacz, Leiter des Büros für Internationale Politik des polnischen Präsidenten, auf X.</p>
<p>„<em>Oder ist es vielleicht leichter</em>“, fuhr er in einem beißenden Ton fort, der an russische Propaganda im Stile von Putins Pressesprecherin Maria Sacharowa oder des stellvertretenden Leiters des Sicherheitsrats Dmitri Medwedew erinnerte, „<em>im Schutz trüber Verhältnisse zu stehlen – die Menschen mit dem Versprechen eines prowestlichen Kurses zu ködern und zugleich allen anderen die Schuld an den ausbleibenden Fortschritten in den Verhandlungen zuzuschieben? Natürlich ist es einfacher, historische Spannungen zu provozieren und zu schüren </em>[!]<em>, damit man sich nicht für das Ausbleiben von Reformen, für den fehlenden wirksamen Kampf gegen die Korruption, für das Ausbleiben einer wirklichen Deoligarchisierung, für das Ausbleiben wirklicher Verbesserungen für Unternehmer, für die mangelnde Rechtsstaatlichkeit, für den mangelnden Ausbau der Infrastruktur und für vieles andere verantworten muss, was diese Eliten in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht zustande gebracht haben … Wollen sie </em>[der EU]<em> wirklich beitreten, oder verbreiten sie lediglich Lügen und täuschen ihre eigenen Wähler, die von einer solchen Regierung zunehmend enttäuscht sind?</em>“</p>
<p>Die Vertreter der Europäischen Union haben sich bislang aus diesem „<em>diplomatischen</em>“ Schlagabtausch herausgehalten, während der Kreml hämisch frohlockt und Beifall spendet, so wie auch seine Trolle den Streit im Internet feiern. Bisher haben lediglich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Außenminister Radosław Sikorski, beide politische Gegner Nawrockis, ihre Stimme erhoben und zur Zurückhaltung aufgerufen. Sie erinnerten daran, dass Krieg herrsche und dass jeder derartige Konflikt Moskau in die Hände spiele. In der ukrainischen Gesellschaft, die dem Nachbarland und seiner Bevölkerung nach wie vor überwiegend positiv gegenübersteht, fand dieser Appell großen Anklang. Noch ist jedoch ungewiss, ob die ukrainischen Politiker auf Fachleute und Intellektuelle hören und ihre provokativen Gesten und ihre Rhetorik mäßigen werden.</p>
<p>Noch weniger ist abzusehen, ob all dies irgendeinen Eindruck auf den polnischen Präsidenten machen wird. Seine gesamte politische Laufbahn – von seiner umstrittenen Übernahme der Leitung des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig und seiner Leitung des berüchtigten Instituts für Nationales Gedenken bis zu seinem Wahlsieg im vergangenen Jahr, den er mit starker Unterstützung rechtsextremer Nationalisten und Neofaschisten errang – war von narzisstischem Chauvinismus, konfrontativer Rhetorik und wohlkalkulierter Ukrainophobie geprägt. Wahrscheinlicher ist, dass er den Weg fortsetzt, der ihm bereits Erfolge gegen seine liberalen Rivalen eingebracht hat, und dabei die polnische Gesellschaft mit Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und historisch genährtem Ressentiment vergiftet.</p>
<p>Von moralischen Einwänden einmal abgesehen, zahlt sich eine solche Politik offenbar aus. <a href="https://www.gazetaprawna.pl/wiadomosci/kraj/artykuly/11268262,nowy-ranking-zaufania-politykow-mocny-awans-i-jeszcze-wiekszy-spadek.html">Die jüngste Meinungsumfrage</a> verzeichnet einen Anstieg der Popularität des Präsidenten um 8,4 Prozentpunkte – von 46,4 auf 54,8 Prozent –, nachdem seine Zustimmungswerte seit seinem Amtsantritt langsam, aber stetig gesunken waren. Dieses Ergebnis garantiert ihm und seiner Partei noch keinen Sieg bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr, belegt jedoch eindeutig, dass der Nationalismus nach wie vor ein wirksames Instrument politischer Mobilisierung ist. Seine gemäßigten Rivalen, die auf antiukrainische Anschuldigungen verzichteten, schnitten in derselben Umfrage deutlich schlechter ab. Nur 38 Prozent der Befragten erklärten, Ministerpräsident Donald Tusk zu vertrauen, während 58 Prozent ihm misstrauten; bei Radosław Sikorski waren es 42,6 gegenüber 51 Prozent. Diese Ergebnisse überraschen kaum, denn <a href="https://www.polsatnews.pl/wiadomosc/2026-06-25/polacy-o-relacjach-z-ukraina-wiekszosc-obwinia-zelenskiego">einer weiteren Umfrage</a> zufolge machen die Polen mit überwältigender Mehrheit Wolodymyr Selenskyj und nicht Karol Nawrocki für die gegenwärtige Krise verantwortlich: 62 gegenüber 19 Prozent.</p>
<p>Der Historiker Sławomir Łukasiewicz, Professor an der Katholischen Universität Lublin (KUL), <a href="https://wiez.pl/2026/06/24/zapasc-zaufania-na-linii-polska-ukraina">wirft eine interessante Frage</a> nach dem Zeitpunkt von Nawrockis Angriff auf: Warum begann er ausgerechnet jetzt, im Mai und Juni, obwohl es zuvor mehrere ebenso geeignete Gelegenheiten gegeben hatte, die „<em>antibanderistische</em>“ Karte auszuspielen? Im Januar dieses Jahres benannte Wolodymyr Selenskyj eine weitere Einheit der ukrainischen Streitkräfte, das 190. Ausbildungszentrum der Truppen für unbemannte Systeme der Streitkräfte der Ukraine, nach Wassyl Kuk, dem letzten Oberbefehlshaber der UPA. Im März billigte die Regierung den Bau des Nationalen Pantheons und organisierte dort schließlich die Umbettung Andrij Melnyks, des Anführers der rivalisierenden OUN-Fraktion, der 1964 in Luxemburg gestorben war. Wolodymyr Selenskyj, der an der offiziellen Zeremonie teilnahm, betonte die „<em>historische Kontinuität</em>“ zwischen der UPA und den heutigen ukrainischen Streitkräften, die „<em>heldenhaft</em>“ gegen denselben Feind kämpfen. Außerdem kündigte er die künftige Umbettung von Jewhen Konowalez an, des Gründers und seit 1929 amtierenden Anführers der OUN, der 1938 in Rotterdam von einem sowjetischen Agenten ermordet worden war. Nichts davon löste in Warschau größere Aufregung aus; erst im Mai thematisierte Karol Nawrocki Selenskyjs Fehltritt.</p>
<p>Möglicherweise hatte Nawrocki schlicht den Rückgang seiner Zustimmungswerte bemerkt und beschlossen, diese im Vorfeld der Parlamentswahl des kommenden Jahres mit dem bewährten Mittel öffentlicher Angriffe auf die Ukraine und die UPA wieder zu steigern, wie Łukasiewicz andeutet. Es könnte jedoch auch an der Formulierung gelegen haben: Die Namen Kuk, Melnyk oder Konowalez sagen einem durchschnittlichen Polen ohne weitere Erläuterung wenig, während das Kürzel „<em>UPA</em>“ wie ein rotes Tuch wirkt. Wird es zudem mit dem Wort „<em>Helden</em>“ verbunden – statt mit Banditen, Teufeln oder Verbrechern –, stellt dies den Mythos von der UPA als Verkörperung des ursprünglichen Bösen radikal infrage.</p>
<p>Jedenfalls ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich ein populistischer Politiker dieses Typs mit etwas Geringerem als der vollständigen und bedingungslosen Übernahme der radikalen polnischen Version der gemeinsamen Geschichte zufriedengeben wird. Dies liegt weit außerhalb von Selenskyjs Macht und wäre selbst in Polen kaum vollständig zu erreichen. Was die Ukrainer in dieser schwierigen Lage tatsächlich tun können, ist daher nicht, den polnischen Präsidenten zu beschwichtigen – was ohnehin vergeblich wäre –, sondern ihm nach Möglichkeit keine zusätzlichen Trümpfe für seinen Kampf gegen seine innenpolitischen „<em>Feinde</em>“ zuzuspielen: die amtierende liberale Regierung unter Donald Tusk und ihren gemäßigten und verantwortungsbewussten Außenminister Radosław Sikorski.</p>
<p>Die traurige Wahrheit lautet, dass Liberale, die an die Vernunft und den Bürgersinn der Menschen appellieren, bei freien Wahlen häufig Radikalen unterliegen, die die Emotionen und elementaren Instinkte der Menge ansprechen. Eine neue rechtsextreme Koalition, die im kommenden Jahr in Polen an die Macht gelangen könnte, wäre für die Ukraine womöglich noch verheerender als Nawrocki selbst.</p>
<h3><strong>Das Wichtigste zuerst: Überleben</strong></h3>
<p>Selenskyj mag unerfahren sein, doch er besitzt eine gute Intuition und scheint schnell zu lernen. Spätestens nach dem Eklat mit Trump und Vance im Oval Office im vergangenen Jahr und nachdem er des Weißen Hauses verwiesen worden war, begriff er rasch und zutreffend, dass Solidarität, Gerechtigkeit, internationales Recht und demokratische Werte in Trumps Welt schlicht nicht existieren und es daher sinnlos ist, sich auf sie zu berufen oder auf sie zu vertrauen. Er hat gelernt, wie er mit Trump umgehen muss, und vielleicht wird er auch lernen, wie er mit Nawrocki umzugehen hat – obwohl dies schwieriger sein dürfte, denn Nawrocki ist nicht nur narzisstisch, sondern auch ideologisch getrieben. Schlimmer noch: Die Ukraine – das heißt der dämonisierte, als urwüchsig dargestellte und essentialisierte „<em>ukrainische Nationalismus</em>“ – scheint im Zentrum seiner eigentümlichen Ideologie der Hexenjagd zu stehen.</p>
<p>Ukrainische Amtsträger wären gut beraten, in der geschichtspolitischen Auseinandersetzung um die hochkomplexe, verworrene und umstrittene Geschichte der UPA Zurückhaltung zu üben und ihre Erforschung den Historikern, die Beurteilung der mutmaßlichen Verbrechen den Juristen sowie die Würdigung und das Gedenken den lokalen Gemeinschaften zu überlassen – vorzugsweise nichtstaatlichen Akteuren. Dafür sprechen sowohl normative als auch praktische Gründe.</p>
<p>In normativer Hinsicht passt die Verherrlichung der UPA heute nicht zu unserem ideologischen Selbstverständnis. Ebenso wenig entspricht sie unserer Vorstellung von akzeptablen politischen Praktiken. Ihre vorbehaltlose Heroisierung und pauschale Reinwaschung sind ebenso falsch und verfehlt wie ihre pauschale Dämonisierung und Verunglimpfung. Die Geschichte ist zu komplex und zu nuancenreich, als dass sie ohne ausführliche Erläuterung, Klärung und historische Kontextualisierung verstanden werden könnte. Selbst Ukrainer erfassen sie womöglich nicht vollständig – ganz zu schweigen von Ausländern, die im besten Fall nichts über die Ukraine wissen, häufiger jedoch „<em>irgendetwas gehört</em>“ haben, das sich letztlich auf russischen Propagandamüll und westliche orientalisierende Klischees reduzieren lässt.</p>
<p>In praktischer Hinsicht verfügen die Ukrainer weder über die Zeit noch über die Mittel, sämtliche Stereotype zu bekämpfen und all die Zusammenhänge und Nuancen zu erklären, die den meisten Menschen unbekannt sind und mit denen sie sich gewöhnlich auch gar nicht befassen wollen. Mit Stereotypen zu leben ist bequem, zu lernen ist anstrengend, und vermeintliche Gewissheiten infrage zu stellen erfordert Mühe. Dies ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe, für die die verarmte und blutende Ukraine keine Kräfte erübrigen kann.</p>
<p>Für die Ukrainer hat eindeutig Vorrang, den genozidalen Krieg zu überleben, den Russland gegen sie als Nation führt. Überleben bedeutet unter anderem, knappe Ressourcen nicht für zweitrangige Angelegenheiten und derzeit unlösbare Probleme zu vergeuden. In diesem tödlichen Kampf sind die Ukrainer in hohem Maße auf ihre Freunde und Partner angewiesen. Sie sollten diese weder durch tatsächliche noch durch vermeintliche Respektlosigkeit vor den Kopf stoßen. Das Wichtigste zuerst – alles andere kommt später, nach dem Krieg.</p>
<p><strong>Mykola Riabchuk</strong>, Kyjiw</p>
<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mykola_Rjabtschuk">Der Autor</a> ist Schriftsteller und Publizist, Ehrenpräsident des <a href="https://pen.org.ua/en">PEN Ukraine</a>, Mitbegründer der Zeitschrift „Krytyka“ und führender Wissenschaftler am Institut für politische und ethnische Studien der <a href="https://www.nas.gov.ua/UA/Pages/default.aspx">Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine</a>. 2014–2023 war er Vorsitzender der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mitteleurop%C3%A4ischer_Literaturpreis_Angelus">Jury des internationalen Angelus-Preises für die besten Romanautoren Mittel- und Osteuropas</a>. Seine Bücher sind ins Polnische, Serbische, Ungarische, Deutsche und Französische übersetzt worden.</p>
<p>Eine englische Fassung des Beitrags wurde unter dem Titel <a href="https://desk-russie.info/2026/07/07/mnemonic-wars-and-geostrategic-imperatives.html">„Mnemonic Wars and Geostrategic Imperatives“</a> am 7. Juli 2026 auf Russian Desk veröffentlicht. Pavlo Shopin übersetzte ins Deutsche.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2026. Titelbild: Wolodymyr Selenskyj legt am 19. Dezember 2025 im Sejm in Warschau einen Kranz am Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen polnischen Parlamentarier nieder. Quelle: <a href="https://www.president.gov.ua/news/volodimir-zelenskij-proviv-zustrich-iz-karolem-navrockim-u-v-102101">Offizielle Website des Präsidenten der Ukraine</a>.)</p>
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		<title>Der Duopol bröckelt</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-duopol-broeckelt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Jul 2026 16:45:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der Duopol bröckelt Polens Parteien ein Jahr vor den Parlamentswahlen „Die deutlichste Spaltung ergibt sich bei Themen wie Identität, Kultur und Werte. In den letzten 20 Jahren sind Streitigkeiten über die Rolle der Religion im öffentlichen Leben, nationale Identität, europäische Integration, Migration, Minderheitenrechte und das historische Gedächtnis zu den wichtigsten Themen im politischen Wettbewerb  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7"><h1></h1>
<h1><strong>Der Duopol bröckelt</strong></h1>
<h2><strong>Polens Parteien ein Jahr vor den Parlamentswahlen</strong></h2>
<p><em>„Die deutlichste Spaltung ergibt sich bei Themen wie Identität, Kultur und Werte. In den letzten 20 Jahren sind Streitigkeiten über die Rolle der Religion im öffentlichen Leben, nationale Identität, europäische Integration, Migration, Minderheitenrechte und das historische Gedächtnis zu den wichtigsten Themen im politischen Wettbewerb geworden. Die beiden größten politischen Lager in Polen, KO und PiS, haben sich schrittweise zu Repräsentanten gegensätzlicher kultureller und normativer Visionen entwickelt. Wahlen ähneln zunehmend Referenden über konkurrierende Konzepte zur polnischen Identität, als dass sie Wettbewerbe zwischen alternativen wirtschaftspolitischen Programmen wären.“ </em>(<a href="https://swps.pl/mikolaj-czesnik">Mikołaj Cześnik</a>, <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/367/karol-nawrockis-praesidentschaft/">Karol Nawrockis Präsidentschaft: kein Richtungswechsel, aber eine Neuakzentuierung</a>, in: Polen-Analysen 367, 7. Juli 2026)</p>
<p>Die letzten Parlamentswahlen in Polen liegen subjektiv betrachtet erst kurze Zeit zurück. Bereits im Oktober 2027 finden die nächsten Wahlen zum Sejm, dem polnischen Parlament, statt. Obwohl die Prawo i Sprawiedliwość (PiS, Recht und Gerechtigkeit) bei den Parlamentswahlen 2023 die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte, gelang es ihr nicht, eine regierungsfähige Koalition zu bilden. Die Regierungsbildung wurde daher von der zweitstärksten politischen Kraft, der Platforma Obywatelska (PO, Bürgerplattform), unter Führung von Donald Tusk übernommen. In diesem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/faire-wahlen-nein-doch-die-opposition-gewinnt/">Wahlergebnis</a> zeigte sich weiterhin die Dominanz des häufig als <em>„Duopol“</em> bezeichneten politischen Gegensatzes zwischen Jarosław Kaczyński (PiS) und Donald Tusk (PO).</p>
<p>Allerdings mehren sich Hinweise darauf, dass diese lange Zeit prägende politische Konfliktlinie in der aktuellen Legislaturperiode an Bedeutung verliert. Die politische Landschaft Polens befindet sich zunehmend in einem Wandel, der auf eine stärkere Fragmentierung und Neuausrichtung des Parteiensystems hindeutet. Obwohl Polen traditionell für seine vergleichsweise stabile Zweiteilung des politischen Wettbewerbs bekannt ist, zeichnen sich gegenwärtig Verschiebungen ab, sodass sich etablierte Machtverhältnisse zunehmend auflösen.</p>
<h3><strong>Die Entäuschungen der Koalicja Obywatelska (früher Platforma Obywatelska)</strong></h3>
<p>Die Partei um die Führungsfigur Donald Tusk ging aus den Parlamentswahlen zwar nicht als stärkste Partei hervor, trotzdem bekamen sie die Chance, dank vorhandener Koalitionsmöglichkeiten, die Regierung für die X. Legislaturperiode zu stellen. Allen Beteiligten war klar, dass das politische Erbe, das man von der zuvor regierenden Partei PiS übernahm, ein sehr schwieriges sein würde. Die PiS hatte ihre Politik in den acht Regierungsjahren von 2015 bis 2023 so abgesichert, dass trotz ihrer Wahlniederlage viele wichtige Posten, besonders im Bereich der Justiz, von PiS-Enthusiasten besetzt blieben (zum Beispiel Adam Glapiński, Präsident der polnischen Nationalbank, oder Małgorzata Manowska, Präsidentin des Obersten Gerichthofes). <a href="https://www.bpb.de/themen/europa/polen/541201/die-transformation-des-polnischen-rechtssystems-seit-2015/">Besonders das Justizsystem hat in Polen unter der PiS-Regierung gelitten</a>, weil dessen Unabhängigkeit durch zahlreiche Reformen stark eingeschränkt wurde.</p>
<p>Im Zuge des Regierungswechsels versprachen Donald Tusk und seine Minister, die in den vorangegangenen Jahren entstandenen institutionellen Defizite zu beheben und vor allem politische Verantwortungsträger juristisch zur Verantwortung zu ziehen. Viele dieser Ankündigungen konnten jedoch bislang nicht umgesetzt werden, was die Wähler von 2023 massiv enttäuscht hat.</p>
<p>Ein prominentes Beispiel hierfür ist der ehemalige Justizminister Zbigniew Ziobro. <a href="https://www.gov.pl/web/prokuratura-krajowa/lgzz">Gegen ihn wird ermittelt</a>, unter anderem wegen des Verdachts der Korruption, des Amtsmissbrauchs, der Veruntreuung öffentlicher Gelder sowie der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Nachdem er wiederholt Vorladungen der Staatsanwaltschaft nicht nachgekommen war, wurde er von der Polizei zu einer Anhörung gebracht. Da die Sitzung aus verfahrensrechtlichen Gründen verschoben wurde, konnte Ziobro das Land kurze Zeit später verlassen. Zunächst reiste er nach Ungarn, wo ihm die Regierung von Viktor Orbán Schutz gewährte. Nach dem Regierungswechsel in Ungarn <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/polen-justizminister-ziobro-100.html">setzte er sich in die USA ab</a>, wo er Unterstützung im Umfeld von Donald Trump suchte. Das zögerliche Vorgehen gegenüber den ehemaligen Regierungsvertretern wurde von vielen Wählern der KO kritisch bewertet, da sie sich eine schnellere Aufarbeitung der Vorwürfe und konsequentere Maßnahmen erhofft hatten.</p>
<p>Warum auch weitere Postulate nicht erfüllt wurden, ist insbesondere auf zwei wesentliche Faktoren zurückzuführen. Erstens: Tusk war sich zu sicher auch bei den Präsidentschaftswahlen 2025 erfolgreich zu sein. Man schickte den beliebten Warschauer Stadtpräsidenten Rafał Trzaskowski ein zweites Mal ins Rennen, dessen Sieg als sicher galt. Trzaskowski verlor jedoch hauchdünn gegen den offiziell parteilosen Kandidaten Karol Nawrocki, der von der PiS unterstützt wurde. Die Niederlage führte zu einer Krise, die eine <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/mediathek/rochaden-in-warschau">personelle Neuaufstellung der Regierung</a> sowie eine innerparteiliche Umstrukturierung nach sich zog. Diese Maßnahme sollte das Kabinett verkleinern und neue Gesichter in Ministerposten einführen. Oberstes Ziel in der verzwickten Situation war es vor allem, handlungsfähiger und geschlossener aufzutreten.</p>
<p>Hinzu kam der <a href="https://wlkp24.info/po-to-teraz-ko-parlamentarzysci-z-regionu-pod-nowym-szyldem/">Wechsel des Parteinamens</a>, von Bürgerplattform zu Bürgerkoalition (KO, Koalicja Obywatelska), um zu symbolisieren, dass man mit den Parteien Nowoczesna sowie Inicjatywa Polska eine Einheit bildet. Ziel war es, die politischen Konsequenzen aus der Niederlage zu verdeutlichen und zu zeigen, dass sich in der Partei etwas bewegt. Der Sieg Nawrockis führte auch auf längere Sicht zu einer weitgehenden Blockierung der Regierungsarbeit und wichtiger Vorhaben der Regierung Tusk. In Polen unterliegen Gesetzesentwürfe der Unterzeichnung durch den Präsidenten, der zugleich über ein Vetorecht verfügt. Dieses wird <a href="https://wetomat.pl/">von Nawrocki inflationär eingesetzt</a>. Er begründet dies meist damit, zum Schutze Polens zu handeln, oft ist es jedoch klar ersichtlich, dass sein Hauptinteresse darin liegt der Regierungskoalition, insbesondere Tusk persönlich, zu schaden.</p>
<p>Ein zweiter Grund dafür, dass nicht alle Wahlversprechen umgesetzt werden konnten, liegt innerhalb der Koalition von KO, Trzecia Droga und Lewica selbst. Die drei beziehungsweise vier Koalitionspartner – Trzecia Droga ist ein Bündnis von zwei Parteien – haben sich in erster Linie zusammengeschlossen, um die rechts-konservative PiS aus dem Amt zu heben, hatten jedoch sehr oft unterschiedliche weltanschauliche Ansichten, die innerhalb der Koalition zu Problemen führen. Einige Wahlversprechen, wie beispielsweise die Lockerung des Abtreibungsgesetzes oder die Ehe für alle, wurden von der Bauernpartei PSL und Teilen der Trzecia Droga nicht akzeptiert. Ein weiterer innerkoalitionärer Tiefpunkt wurde im Sommer 2025 erreicht, als der Vorsitzende der Trzecia Droga und damaliger Sejmmarschall Szymon Hołownia, dabei gesehen wurde, wie er nachts zu einem Treffen mit Jarosław Kaczyński <a href="vn24.pl/polska/spotkanie-szymona-holowni-z-adamem-bielanem-marszalek-sejmu-komentuje-st8542372">in die Privatwohnung eines PiS-Abgeordneten gefahren</a> ist. Das Vertrauen zwischen den Koalitionspartnern wurde dadurch nachhaltig beeinträchtigt und konnte bislang nicht wiederhergestellt werden.</p>
<p>Zeitweise erschien die politische Lage der KO insgesamt stabil, trotz fortlaufender Angriffe aus dem Präsidentenpalast sowie aus der PiS-Parteizentrale in der Nowogrodzka-Straße. Die aktuellen Entwicklungen sind jedoch alles andere als zufriedenstellend, da die Regierungskoalition derzeit <a href="https://www.polskieradio.pl/400/7764/Artykul/3699974%2Caff%C3%A4re-um-privilegien-von-politikern-k%C3%B6nnte-regierungskoalition-sprengen">durch eine Korruptionsaffäre im Gesundheitswesen stark belastet</a> wird. Im Mittelpunkt steht die Affäre um das Warschauer Südkrankenhaus. Mitgliedern der KO und ihnen nahestehenden Personen im öffentlichen Gesundheitswesen wird vorgeworfen, unzulässige Privilegien, insbesondere bei der medizinischen Versorgung, genossen haben sollen. Die politische Tragweite der Affäre nimmt mit der fortschreitenden Aufklärung zu.</p>
<p>Es ist wahrscheinlich, dass es erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Partei und den Rückhalt in der Bevölkerung haben wird. Dies ist aber nicht die einzige Belastungsprobe mit der die Partei Tusks grade umgehen muss. Bereits Ende Mai haben sie einen herben Rückschlag verkraften müssen. In Krakau wurde der KO-<a href="https://www.newsweek.pl/polska/polityka/odwolanie-aleksandra-miszalskiego-ekspert-analiz-nie-chodzilo-o-donalda-tuska/p5ylnc8?utm_source=chatgpt.com">Stadtpräsident Aleksander Miszalski in einem lokalen Referendum abgewählt</a>. Dieses fatale Szenario droht nun auch dem Warschauer Stadtpräsidenten Rafał Trzaskowski, was tragisch für die Zustimmungswerte der KO allgemein wäre. Gerade wegen dieser Entwicklungen darf sich die Regierungspartei nicht auf ihrem derzeitigen Vorsprung ausruhen, weil die <a href="https://wiadomosci.dziennik.pl/polityka/artykuly/11261452,tylko-5-partii-w-sejmie-sondaz-wskazuje-wyraznego-zwyciezce-oni-sie-uciesza-sondaz.html">Tendenz der letzten Monate eher zu einem Abfall der Wählerstimmen</a> tendiert.</p>
<p>Die KO ist in den Wahlprognosen von Opinia24 vom Juni 2026 derzeit führende Kraft mit sehr guten 34,1%. Das <a href="vn24.pl/polska/sondaz-partyjny-cbos-czerwiec-2026-tylko-cztery-ugrupowania-w-sejmie-st9096397?utm_source=chatgpt.com">Meinungsforschungsinstitut CEBOS</a> bescheinigt der KO hingegen nur 28,5% und einen starken Verlust von 2,3%. Damit lässt sie die zweitplatzierte PiS doch deutlich hinter sich, die in dieser Umfrage lediglich auf 24,2% kommt. Hierbei sind jedoch noch nicht die Auswirkungen der Skandale der letzten Wochen mit einberechnet.</p>
<p>Für die Wahlen 2027 besteht die Gefahr das gleiche Dilemma zu erleben, welches die PiS 2023 erfahren hat – es fehlt der KO an Koalitionspartnern. Es ist kaum damit zu rechnen, dass das rechte Parteienspektrum, bestehend aus PiS, Konfederacja und Konfederacja Korony Polskiej Grzegorza Brauna, mit der KO koalieren würde. Die potenziellen Koalitionspartner PSL, Lewica und Polska 2050 kratzen allesamt an der Fünfprozenthürde und sind deshalb keine sicheren Mehrheitsbeschaffer für eine künftige Koalition.</p>
<p>Hinzu kommt die Frage, welcher Kandidat die KO bei den nächsten Wahlen anführen und das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll. Soll es erneut Donald Tusk sein, der vor allem bei den jungen Wählern nicht sonderlich beliebt ist und das Symbol für den jahrzehntelangen Kampf zwischen ihm und Jarosław Kaczyński ist? Oft ist auch Außenminister und Vizeprämier Radosław Sikorski als möglicher Nachfolger Tusks im Gespräch. Oder wäre es doch klüger einen jüngeren und politisch unbelasteten Kandidaten aufzustellen? Diese Fragen werden sich innerhalb des nächsten Jahres entscheiden und werden maßgeblich zum Erfolg oder zum Scheitern der KO beitragen.</p>
<h3><strong>Die Krise von Prawo i Spawiedliwość</strong></h3>
<p>Die PiS steckt zunehmend in der Krise. Als Oppositionspartei steht sie vor der Herausforderung, ihre Position im politischen System neu zu definieren und sich personell stärker aufzustellen. Absolut übergeordnetes Ziel ist es die politische Dominanz im rechten Parteienspektrum wiederzuerlangen und 2027 die Regierung anzuführen. Jarosław Kaczyński ist und bleibt der unangefochtene Leader und Chefstratege der Partei, doch im Inneren der Rechts-Konservativen brodelt es bereits seit längerem.</p>
<p>Seit den Parlamentswahlen 2023 ist die <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/361/recht-und-gerechtigkeit-pis/">PiS intern tief gespalten</a>. Es haben sich zwei einander gegenüberstehende Fraktionen herausgebildet, während eine dritte Gruppe zwischen beiden Lagern steht und zu vermitteln versucht. Hintergrund war die Suche nach Verantwortlichen für die verlorenen Parlamentswahlen und die Frage, wer die Partei erfolgreich in Richtung Wahlsieg 2027 führen könnte. Einerseits bildeten sich „Harcerze“ (deutsch: Pfadfinder) heraus, unter Führung des ehemaligen Premierministers Mateusz Morawiecki. Sie stehen für einen pragmatischen Konservatismus und wirtschaftliche Modernisierung, was sie zu einer moderateren Kraft innerhalb des PiS-Gebildes macht. Im Gegenzug dazu stehen die „Maślarze“ (deutsch: Buttermacher). Hinter dieser Gruppierung verbergen sich wichtige Köpfe der PiS, wie Jacek Sasin, Partyk Jaki, Tobiasz Bocheński und vor allem Przemysław Czarnek, der ehemalige Bildungsminister und derzeitige Spitzenkandidat der PiS für die Wahlen 2027. Diese Personen sind für ihren ideologischen Idealismus und die Betonung einer traditionellen Kultur- und Identitätspolitik bekannt. Eine dritte nicht selbst deklarierte Fraktion bilden die alteingesessenen PiS-Mitglieder wie Jarosław Kacyznski und sein engster Mitarbeiter Mariusz Błaszczak. Diese versuchen vor allem, die Einheit der Partei zu bewahren und weiteren Schaden abzuwenden, den der Konflikt hervorbringt.</p>
<p>Die innerparteilichen Spannungen haben inzwischen ein Ausmaß erreicht, dass in diesem Jahr sogar eigene Stowarzyszenia (deutsch: Vereine beziehungsweise politische Assoziationen) gegründet wurden. Die „Buttermacher“ gründeten <a href="https://wiadomosci.onet.pl/kraj/stowarzyszenie-po-pierwsze-polska-powstalo-przy-pis-sasin-ujawnia-szczegoly/0frz240">„Po Pierwsze Polska“</a> („Polen zuerst“) und die „Pfadfinder“ <a href="https://www.pap.pl/aktualnosci/mateusz-morawiecki-stowarzyszenie-rozwoj-plus-zostalo-zarejestrowane">„Rozwój Plus“</a> (deutsch: „Entwicklung Plus“). Die Gründung eigener politischer Vereine durch die zerstrittenen Lager kann als Ausdruck der fortschreitenden Institutionalisierung und innerparteilicher Machtkämpfe interpretiert werden. Für Jarosław Kaczyński stellt diese Entwicklung eine besorgniserregende Herausforderung dar, da sie die Einheit der Partei bedroht und es mittelfristig zu einer organisatorischen Abspaltung einzelner Gruppierungen führen könnte.</p>
<p>Ein weiterer Erfolg, der sich langfristig als problematisch für die PiS herausstellen könnte, ist die Wahl Karol Nawrockis zum Präsidenten Polens. Das klingt zuerst sehr unwahrscheinlich, denn Jarosław Kaczyński nominierte den Historiker Nawrocki persönlich als Kandidaten und setzte darauf, dass dieser die Partei zum Wahlsieg führen würde. Weiterhin vereint die PiS und Nawrocki das Bedürfnis, Donald Tusk um jeden Preis des Amtes zu entheben. Es droht aber die Gefahr, dass auf lange Sicht, wenn die PiS immer weiter an Zustimmung verliert, auch Nawrocki sich stärker zu Konfederacja bekennt, die ideologisch ihm in vielen Punkten näher ist als die PiS. Bereits im Wahlkampf präsentierte sich der parteilose Nawrocki als Kandidat, der den Anspruch erhebt, das <u>gesamte</u> rechte Lager zu repräsentieren und als verbindendes Element zwischen rechten und nationalistischen Gruppierungen zu fungieren. Dieser Anspruch spiegelt sich sowohl in seinem politischen Auftreten als auch in seiner Rhetorik und seiner Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren des rechten Spektrums wider.</p>
<p>Bestes Beispiel hierfür war der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Wy5TnYfE1QQ">Acht-Punkte-Forderungskatalog Sławomir Mentzens</a>, den Nawrocki ohne Widerspruch im Wahlkampf unterschrieb, um möglichst viele Konfederacja<em>&#8211;</em>Wähler in der entscheidenden Stichwahl zu überzeugen. Die derzeitigen Wahlprognosen deuten darauf hin, dass die PiS insbesondere am rechten Rand des politischen Spektrums an Unterstützung verliert, was Nawrocki und Kaczyński bewusst ist. Die ultrarechten Parteien Konfederacja und Konfederacja Korony Polskiej gewinnen in diesem Zusammenhang immens an Zulauf, was auf Kosten der PiS geht. Die Konfederacja steht bei etwa 14% und die KKP bei bis zu 8%, die PiS hingegen nur bei mageren 22% bis 24%. Dies ist mutmaßlich dem Duopol zuzuschreiben, da viele, vor allem junge Wähler, weder Tusk noch Kaczyński unterstützen möchten und den Wunsch haben, dieses jahrzehntelange Konstrukt aufzubrechen.</p>
<p>Um die konservativen Wähler des rechten Spektrums zurückzugewinnen und ihr Vertrauen wiederherzustellen, entschied sich Kaczyński, den stark kontroversen und als radikal geltenden Przemysław Czarnek bereits über ein Jahr vor den Wahlen <a href="https://oko.press/kaczynski-kusi-czarnkiem-wyborcow-konfederacji-co-na-to-sondaze">als Anwärter auf das Premierministeramt</a> zu präsentieren. Es wurde zunächst mit einem <em>„Czarnek-Effekt“</em> gerechnet. Für die PiS bedeutet das, dass er durch seinen eigensinnigen und radikal konservativen Stil die Wähler des rechten Rands mobilisieren soll, viele Experten hingegen rechnen mit einem gegenteiligen <a href="https://wiadomosci.onet.pl/kraj/zla-wiadomosc-dla-pis-ekspert-prawicowy-elektorat-odporny-na-efekt-czarnka/rb5vzfc">Effekt</a>. Czarnek ist bereits in seiner Funktion als Bildungsminister durch sehr radikale Aussagen aufgefallen. Er polarisierte mit Äußerungen über LGBTIQ*-Personen, der Leugnung des menschengemachten Klimawandels sowie seiner Positionen zu traditionellen Familien- und Frauenbildern. Eine der kontroversesten Aussagen, die viel Kritik auf ihn gezogen hat, war beispielsweise, dass Frauen heutzutage es fälschlicherweise bevorzugten, Karriere zu machen und erst mit etwa 30 Jahren ihr erstes Kind bekommen. <a href="https://www.rp.pl/polityka/art9169651-posel-pis-przemyslaw-czarnek-kobiety-zostaly-stworzone-do-rodzenia-dzieci">Seiner Ansicht nach hätte dies <em>„tragische Konsequenzen“</em>, da die Frauen dann allgemein weniger Kinder gebären könnten</a>.</p>
<p>Es stellt sich nun die Frage, ob seine Kandidatur die richtige Entscheidung war, um die PiS zum Wahlsieg zu führen. Er wurde vordergründig mit der Intention ausgewählt, Wähler von den beiden Konfederacjas zurück zur PiS zu leiten. Allerdings hat man dabei die moderaten Wähler der PiS möglicherweise vernachlässigt, die von seinen Aussagen abgeschreckt werden könnten. Die derzeitig Wählerbefragungen deuten eindeutig darauf hin, dass die PiS es schwer haben wird, an vergangene Erfolge anzuknüpfen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie nur eine Regierungschance haben könnten, wenn die KO keinen geeigneten Koalitionspartner findet.</p>
<p>Der abtrünnige Mateusz Morawiecki hat sich die Lücke am gemäßigten rechten Rand der PiS zunutze gemacht. Wie sich bereits zuvor abgezeichnet hatte, kam es zur Abspaltung der sogenannten „Pfadfinder“ („Harcerze“) um den ehemaligen Ministerpräsidenten.</p>
<p>Kaczyński hatte versucht, die Partei mittels seiner autoritären Macht wieder zu einen. Die Parteiführung setzte den Mitgliedern ein Ultimatum: Bis Mitternacht des 23. Juli 2026 mussten sie erklären, dass sie keinen politisch aktiven Vereinigungen angehörten. Die „Buttermacher“ folgten dieser Vorgabe, die „Pfadfinder“ hingegen nicht. Trotz mehrerer Gespräche zwischen Kaczyński und Morawiecki kam es zu keiner Einigung.</p>
<p>Am 24. Juli erklärte Morawiecki, dass sein Lager aus 40 Abgeordneten, einem Senator und drei Europaabgeordneten bestehe. Insgesamt waren es damit <a href="https://www.pap.pl/aktualnosci/morawiecki-o-stowarzyszeniu-rozwoj-plus-jest-nas-40-poslow-senator-i-trzech-europoslow?utm">44 Parlamentarier</a>. Die große Mehrheit dieser Gruppe stammt aus den Reihen der PiS – der Konflikt ist somit vor allem als innerparteiliche Spaltung und nicht als Zusammenschluss von Politikern außerhalb der PiS zu verstehen. Am 29. Juli wurde schließlich die Gründung des neuen Parlamentsclubs „Rozwój Plus“ angekündigt.</p>
<p>Ob Morawiecki mit seinem neuen parlamentarischen Projekt tatsächlich Erfolg haben wird, bleibt allerdings fraglich. Er verfügt zwar über eine beträchtliche Anhängerschaft innerhalb der bisherigen PiS-Strukturen, gehört aber nicht zu den beliebtesten oder charismatischsten Politikern Polens. Die entscheidende Frage wird daher sein, ob es ihm gelingt, aus der bisherigen innerparteilichen Fraktion eine eigenständige politische Kraft mit einer breiteren Wählerbasis zu formen, die ins Parlament einziehen kann. Allerdings ist bereits jetzt deutlich sichtbar, dass es ihm gelungen ist, die PiS massiv zu schwächen.</p>
<p><strong>Der Zerfall von Trzecia Droga (Polska 2050 + Polskie Stronnictwo Ludowe – PSL)</strong></p>
<p>Die <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/365/die-partei-polen-2050-und-parteibuendnis-dritter-weg/">Trzecia Droga</a> (deutsch: Dritter Weg) ist ein Wahlbündnis, bestehend aus der Bauernpartei PSL (Polskie Stonnictwo Ludowe) und der jungen wirtschaftsliberalen Partei Polska 2050. Bei dem Zusammenschluss handelte es sich eher um eine pragmatische Allianz mit dem Ziel, bei dem Wahlen 2023 eine reelle Chance zu haben, als um eine Liebesbeziehung. Wie bereits der Name andeutet, sollte die Formation eine Alternative zu dem andauernden Duopol der zwei großen Parteien PO und PiS darstellen. In Polen benötigen Parteienbündnisse 8%, um die Hürde für Wählerbündnisse zu überspringen und in den Sejm einzuziehen. <a href="https://tvn24.pl/wybory-parlamentarne-2023">Trzecia Droga erhielt 2023 fabelhafte 14,4% und zog somit mit 65 Mandaten ins Parlament ein</a>. Dies war ein großer Erfolg, den selbst die beiden Vorsitzenden Szymon Hołownia (<em>Polska 2050</em>) und Władysław Kosiniak-Kamysz (PSL) nicht hätten voraussehen können. Somit trug das Wählerbündnis in großem Maße auch dazu bei, dass eine Koalition zwischen PO, der Linken und der Trzecia Droga möglich wurde.</p>
<p>Vor allem der Sejmmarschall Szymon Hołownia erfreute sich anfangs großer Beliebtheit. Der ehemalige Moderator zeichnete sich durch einen schlagfertigen, charismatischen und mediengewandten Auftritt aus und wurde teilweise als <em>„politischer Messias“</em> gefeiert. Dieses Bild änderte sich jedoch schlagartig mit einem verhängnisvollen nächtlichen <a href="https://www.wprost.pl/kraj/12064108/holownia-i-kaminski-u-bielana-w-rozmowach-bral-udzial-kaczynski.html">Treffen Hołownias mit Jarosław Kaczyński</a> in der privaten Wohnung des PiS-Abgeordneten Adam Bielan. Es wurde vermutet, dass er sich dort im Schutze der Nacht getroffen habe, um konspirative Pläne gegen Tusk zu schmieden und sich für den Fall eines Auseinanderbrechens der Koalition einen Posten mit Unterstützung der PiS zu sichern. Obwohl keine der Spekulationen bestätigt wurde, verursachte das Treffen einen Vertrauensbruch innerhalb der Koalition und schadete zugleich dem Vertrauen vieler Wähler der Polska 2050. Sehr viel wahrscheinlicher war es die politische Unerfahrenheit des ehemaligen Showmasters, die politische Gegner genutzt haben, um die Regierungskoalition und vor allem Donald Tusk zu schwächen.</p>
<p>Dieses unglückliche Treffen markiert den Anfang vom Ende der Partei 2050. Es folgten innerparteiliche Unstimmigkeiten um das Führungspersonal der Partei. Hołownia plante zunächst, den Posten aufzugeben, da er auf eine einflussreiche Position in der Diplomatie oder innerhalb internationaler Institutionen hoffte. Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz und Paulina Hennig-Kloska, die einen sehr polarisierenden Wahlkampf geführt hatten, wurden ins Rennen um den Parteivorsitz geschickt, sodass es zu einem noch tieferen Bruch in der Partei kam. Konflikte wurden nicht beigelegt: Unter der Führung von Paulina Hennig-Kłoska verließ eine Gruppe von Abgeordneten Polska 2050 und gründete die <a href="https://wiadomosci.gazeta.pl/polityka/7%2C198012%2C32607462%2Crozlam-polski-2050-powstanie-nowy-klub-parlamentarny-centrum.html">neue Parlamentsfraktion „Centrum“</a>.</p>
<p>Die Wähler haben wegen der ständigen innerparteilichen Querelen vollständig das Vertrauen verloren. Diese Schwierigkeiten haben die Entfremdung zwischen Polska 2050 und der PSL weiter vertieft. Ein deutliches Zeichen dafür war die <a href="https://wiadomosci.onet.pl/kraj/to-koniec-trzeciej-drogi-sprzeczne-informacje-z-psl-i-polski-2050/e65fcrm">Ankündigung der PSL</a>, bei der Parlamentswahl 2027 nicht erneut gemeinsam mit Polska 2050 als Trzecia Droga anzutreten. Die letzten Nachrichten besagen, dass Hołownia nun selbst das sinkende Schiff verlässt und seinen Vizeparteivorsitz abgegeben hat, außerdem möchte er <a href="https://tvn24.pl/polska/szymon-holownia-juz-nie-jest-wiceszefem-polski-2050-zlozyl-rezygnacje-i-zalozyl-nowa-grupe-st9111024">eine eigne politische Gruppe gründen</a>.</p>
<p>Die Bauernpartei PSL unter der Führung von Władysław Kosiniak-Kamysz war zunächst eher im Hintergrund des Geschehens. Ihre Wählerschaft war und ist vor allem in ländlichen Regionen anzutreffen, katholisch und tendenziell eher traditionell bis konservativ eingestellt. Gerade unter diesen konservativeren Wählern der PSL stieß die Zusammenarbeit mit der KO und insbesondere mit der Linken auf Vorbehalte, da sie eine Verwässerung der traditionellen Werte der Partei befürchteten. Diese Tendenz sieht man auch in den derzeitigen Umfragewerten. Falls jedoch die Stimmen 2027 nicht zu einem Parlamentseinzug reichen werden, ist es sehr gut möglich, dass die wichtigsten Mitglieder der Partei von den Wahllisten der KO starten werden, um ihren Einzug in den Sejm sicherzustellen. Eigentlich hofft man bei der PSL jedoch auf einen neuen potenziellen Partner, um erneut ein Wahlbündnis zu gründen und so unabhängig von Tusks Partei zu sein.</p>
<p>Die aktuellen Wahlumfragen deuten darauf hin, dass die Chancen auf einen erneuten Einzug Polska 2050 in den Sejm verschwindend gering sind. Die Partei liegt derzeit lediglich bei 1% bis 2% und damit deutlich unter der Fünfprozenthürde. Ähnlich sieht es bei der Bauernpartei PSL aus, deren Zustimmungswert zwischen zwei und fünf Prozent schwanken. Nutznießer dieser verzwickten Situation könnten die rechten Parteien wie Konfederacja und KKP sein. Wenn Parteien wie PSL und Polska 2050 nicht in den Sejm einziehen, werden die Ultrarechten zu Königsmachern, da eine Koalitionsbildung ohne sie unmöglich wird. Die demokratisch-liberalen Parteien würden damit wichtige Koalitionspartner verlieren, was in der derzeitigen Situation bedeuten würde, dass die KO, trotz eines Wahlsiegs nicht regierungsfähig wäre, genauso wie es 2023 bei der PiS der Fall war.</p>
<h3><strong>Aufstieg und Spaltung der Konfederacja </strong></h3>
<p>Zu den Parlamentswahlen trat die ultrarechte Konfederacja noch als eine Partei an. Doch dann rückte Grzegorz Braun in den Mittelpunkt der Diskussion. Braun ist ein rechtsextremer Antisemit und Anhänger von Verschwörungstheorien, wozu er öffentlich steht. Es gab sehr viele grenzwertige und nicht hinzunehmende Aktionen Brauns, wie unter anderem das medienwirksame <a href="https://www.deutschlandfunk.de/eklat-im-sejm-polnischer-abgeordneter-sprueht-chanukka-leuchter-mit-feuerloescher-aus-100.html">Löschen von Menora-Kerzen zu Chanukka im Sejmgebäude mittels eines Feuerlöschers</a> und etliche homophobe, fremdenfeindliche und antisemitische Aussagen. All diese Entgleisungen haben nicht zu seinem Parteiausschluss geführt. Erst als er 2025 seine Kandidatur für das Präsidentenamt ankündigte, obwohl zuvor in der Partei Konfederacja vereinbart worden war, dass man Sławomir Mentzen aufstellen würde, <a href="https://www.rp.pl/polityka/art41696851-grzegorz-braun-wykluczony-z-konfederacji-jest-decyzja-sadu-partyjnego">führte dies zu seinem Ausschluss</a>. Daraufhin fiel er noch öfter mit immer kontroverseren Aussagen und Handlungen auf, wie beispielsweise, <a href="https://tvn24.pl/polska/grzegorz-braun-o-komorach-gazowych-w-auschwitz-birkenau-kosiniak-kamysz-kolejne-skandaliczne-slowa-st8556890">dass es in Auschwitz angeblich keine Gaskammern gegeben hätte</a>, oder <a href="https://www.rmf24.pl/fakty/polska/news-dotkliwa-kara-za-zniewazenie-unijnej-flagi-jest-gotowy-proje,nId,8064291">dass er eine EU-Fahne erst mit Füßen trat und anschließend anzündete</a>. Nach einer Zerstörungsaktion einer LGBTIQ*- Plakatausstellung in den Sejmräumlichkeiten schritt der Sejmmarschall Hołownia ein und erteilte ihm für die andauernde Legislaturperiode <a href="https://wyborcza.pl/7,75398,32016928,wystawa-o-lgbt-zdemolowana-przez-brauna-juz-naprawiona-zukowska.html">Hausverbot für das polnische Parlamentsgebäude</a>.</p>
<p>Dieses extreme Verhalten scheint vielen Rechtsnationalisten zuzusagen. Die von Braun gegründete Partei Konfederacja Korony Polskiej (deutsch: Konföderation der polnischen Krone – KKP) erfreut sich derzeit einer stabilen Unterstützung von ungefähr 7% bis 10%. Dies ist eine gefährliche Tendenz, die zeigt, dass viele Polen kein Problem damit haben, Verschwörungstheorien und gewaltvolles Verhalten zu unterstützen. Ganz aktuell hat auch die Europaabgeordnete der Konfederacja Ewa Zajączkowska-Hernik angekündigt, eine eigene politische Vereinigung unter dem Namen <a href="https://dorzeczy.pl/kraj/905728/zajaczkowska-hernik-powolala-stowarzyszenie-jestem-bardzo-poruszona.html">Ruch Biało-Czerwoni</a> zu gründen (deutsch: Weiß-Rote Bewegung, benannt nach den Nationalfarben). Auch sie ist stets bemüht, sich durch möglichst kontroverse Aussagen ins Gespräch zu bringen.</p>
<p>Auch auf dem rechten Flügel der PiS ist eine starke Fragmentierungstendenz zu beobachten. Rechte politische Persönlichkeiten haben grundsätzlich einen Hang zur Selbstinszenierung und streben danach, als alleinige Leitfigur ihrer Gruppierung wahrgenommen zu werden. Dieses egozentrische Verhalten wird langfristig zu einer Zersplitterung der Rechten in viele Kleinparteien führen. Auf Dauer wird die politische Rechte dadurch an Einfluss verlieren, selbst wenn sie von vielen Wählerinnen und Wählern unterstützt wird.</p>
<p>Die ursprüngliche Konfederacja – Wolność i Niepodległość (deutsch:. Konföderation – Freiheit und Unabhängigkeit) hingegen konzentriert sich auf zwei Führungspersönlichkeiten, Krzysztof Bosak und Sławomir Mentzen. Bosak ist der Anführer des nationalistischen Flügels der Partei, der vor allem auf konservative Werte, Traditionen und nationale Identität Wert legt. Mentzens Anhänger hingegen sind vor allem freimarktwirtschaftlich-liberal geprägt und fordern ein geringeres Eingreifen des Staates in das Leben der Bürger, unter anderem durch starke Steuersenkungen und radikal freie Wirtschaft. Beide sind um die 40 Jahre alt (Mentzen 39, Bosak 44), was sehr jung für Berufspolitiker dieser Position ist. Sie sind es, die mit Abstand die meisten jungen Menschen in Polen ansprechen.</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zaghafte-regierung-weitreichende-folgen/">Bereits im Präsidentschaftswahlkampf zeigte sich der Erfolg der Ultrarechten</a>, als Mentzen im ersten Wahlgang 14,81 % der Wählerstimmen auf sich vereinen konnte. Dies hatte er seinem aufwendigen und intensiven Wahlkampf zu verdanken. Er zeigte sich volksnah und jugendlich, nutzte medienwirksam einen E-Roller und häufig Social Media, um junge Wähler zu erreichen. Was jedoch die meisten potenziellen Wähler überzeugt hatte, war das Versprechen, das alte Establishment zu zerschlagen und eine neue Politik in Polen zu betreiben.</p>
<p>Seitdem hat sich die Konfederacja als drittstärkste politische Kraft in Polen etabliert und wird von der PiS als potenzieller Partner in Betracht gezogen. Jarosław Kaczyński ist jedoch nicht besonders geschickt darin, <a href="https://www.tvp.info/88948844/jaroslaw-kaczynski-uderza-w-slawomira-mentzena-i-jego-partie-nowa-nadzieje-to-nie-sa-nasi-sojusznicy-sa-gotowi-zawrzec-sojusz-z-po">da ihm Mentzen weniger sympathisch ist, er bevorzugt Krzysztof Bosak</a>. Der Grund dahinter ist wahrscheinlich der Wunsch, die Konfederacja zu spalten und sich so den nationalistischen Flügel Bosaks sich einzuverleiben. Dies ist der Konfederacja allem Anschein nach klar, genauso wie dass es für sie als Partei sehr gefährlich werden könnte, mit der PiS eine Koalition einzugehen. Erstens würden sie sehr viele Wähler enttäuschen, die sie eben als Oppositionspartei zur PiS gewählt haben. Viele junge Männer wählten die Konfederacja, weil sie nicht zum alteingesessenen Establishment gehört. Zweitens hat die Geschichte gezeigt, dass alle Juniorpartner der PiS an den Koalitionen mit ihr zerbrochen sind. Die Liste der Parteien, die im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit der PiS an politischer Eigenständigkeit verloren haben, ist lang: Samoobrona RP, Liga Polskich Rodzin (LPR), Porozumienie Jarosława Gowina, Suwerenna/Solidarna Polska und Kukiz’15. Die Konfederacja will um jeden Preis vermeiden, in eine ähnliche Lage zu geraten.</p>
<p>Es ist klar ersichtlich, dass die ultrarechten Gruppierungen Konfederacja und die Partei Brauns KKP <a href="https://www.newsweek.pl/polska/polityka/pis-wyraznie-traci-trudno-bedzie-zwiekszyc-poparcie/91mwyrn">seit dem Präsidentschaftswahlkampf 2025 den größten Stimmenzuwachs</a> erhalten haben. Dementsprechend dürfte die Konfederacja bei den Wahlen 2027 eine Schlüsselrolle einnehmen und zu einem der begehrtesten Koalitionspartner werden – nicht nur für die PiS. Braun hingegen ist für viele, auch konservative Wähler nicht tragbar, kann aber trotzdem vor allem der PiS behilflich sein, an die Macht zu gelangen. Bei realistischer Betrachtung der polnischen Parteienlandschaft ist es jedoch am wahrscheinlichsten, dass beide gezielt in der Opposition bleiben, da es sich von dort aus viel einfacher provozieren und kritisieren lässt. Die Parteiprogramme werden häufig als wenig realistisch bewertet, da die Finanzierung vieler Vorhaben als unzureichend oder nicht nachvollziehbar gilt. Ein wichtiges Element ihrer Politik ist die Ablehnung der Unterstützung der Ukraine. Darüber hinaus enthalten sie Positionen, die von Kritikern als problematisch eingestuft werden, etwa eine ausgeprägt EU-skeptische Haltung oder – im Fall Brauns – die Bezugnahme auf verschwörungsideologische Narrative. Für viele Anhänger ist auch die zunehmende Zersplitterung des rechten Lagers besorgniserregend, da sie die politische Durchsetzungsfähigkeit des rechten Spektrums beeinträchtigen könnte.</p>
<h3><strong>Wandel in der Nowa Lewica / Razem</strong></h3>
<p>In der politischen Linken in Polen ist ein Bruch bereits kurz nach den Wahlen 2023 eingetreten. Die Partei Razem um Adrian Zandberg hat sich bereits sehr früh aus der Fraktion der Linken verabschiedet. Grund hierfür war, dass die Partei Nowa Lewica in die Koalition von Donald Tusk eingetreten ist, was Razem von vornherein ausgeschlossen hatte. Sie kritisierten die unzureichende Sozialpolitik, fehlenden Wohnungsbau und Arbeitsmarktreformen. Sie warfen den Kollegen der Nowa Lewica vor, sich zu weit Richtung Zentrum zu bewegen und ihre linken Ideale zu verraten. Dies führte dazu, dass Adrian Zandberg 2025 als Präsidentschaftskandidat antrat und ein sehr gutes Ergebnis erzielte mit 5%. Dies war ein ähnlicher Effekt, wie wir ihn auch bei der Konfederacja gesehen haben, weil viele vor allem junge Menschen sich für die radikalen Ränder der Parteienlandschaft entschieden, um den Duopol abzustrafen.</p>
<p>Die Prognosen sagen derzeit voraus, dass die Nowa Lewica mit 4% bis 8% relativ gute Chancen hat, 2027 erneut in den Sejm einzuziehen. Razem hingegen könnte hingegen am Einzug ins Parlament scheitern, da die Werte derzeit nicht die 5%-Marke nicht überschreiten. Es bleibt abzuwarten, ob die beiden linken Parteien ihre politische Relevanz in einer zunehmend nach rechts tendierenden Gesellschaft aufrechterhalten können.</p>
<h3><strong>Eskalationen gegenüber Berlin und Kyjiw</strong></h3>
<p>Weiterhin ist Geschichtspolitik ein ausschlaggebender Faktor der innenpolitischen Machtkämpfe. Derzeit bewegen vor allem zwei Ereignisse das Land.</p>
<p>Einerseits findet parteiübergreifend eine öffentliche Diskussion zum Thema Ukraine und ihrem Verhältnis zu nationalistischen Partisanenverbänden statt. Bezugspunkt ist der ukrainische <a href="https://www.dw.com/de/historischer-streit-zwischen-polen-und-ukraine-was-ist-die-upa/a-77696629">Umgang mit der nationalistischen OUN/UPA</a> und dem von ihnen im Jahr 1943 verübten Massaker von Wolhynien, das Polen als Völkermord einstuft. Bereits im Präsidentschaftswahlkampf wurde das Thema von konservativen und nationalistischen Kandidaten instrumentalisiert, um patriotische Wählergruppen zu mobilisieren und ihre geschichtspolitischen Positionen zu stärken. Doch jetzt hat der geschichtspolitische Konflikt wieder an Brisanz zugenommen. Wolodymyr Selenskyj entschied am 27. Mai 2026, einer Sondereinheit der ukrainischen Streitkräfte den <a href="https://www.deutschlandfunk.de/polen-empoert-ueber-selenskyj-wegen-benennung-von-militaereinheit-nach-vorbild-aus-zweitem-weltkrieg-102.html">Ehrennamen „<em>Helden der UPA“</em> zu verleihen</a>. Dies ist in Polen auf große Kritik und Unverständnis getroffen, nicht nur in radikal rechten Kreisen. Schließlich war es die OUN/UPA, eine selbsterklärte faschistisch-nationalistische Organisation, die während des Zweiten Weltkriegs nicht nur mit Hitlerdeutschland bereitwillig kollaboriert hat, sondern auch für ethnische Morde an Polen, Juden und anderen nationalen Minderheiten in der Zeit von 1943 bis 1947 verantwortlich war. In der Ukraine werden die Mitglieder der OUN/UPA als Nationalhelden betrachtet, vor allem da sie gegen die Kommunisten und die Sowjetisierung der Ukraine gekämpft haben. Warum heutige ukrainische Politiker die nationalistische Organisation ehren, ist ihr Kampf für eine unabhängige Ukraine, wobei andere Fakten, wie Kollaboration und Völkermord, gerne beiseitegeschoben werden. Es werden auch innerpolitische Probleme und die zunehmende Unbeliebtheit von Selenskyj genannt, die zu der Entscheidung beigetragen hätten. Die Benennung einer ukrainischen Abteilung der Streitkräfte als <em>„Helden der UPA“</em> wurde von nahezu allen polnischen Politikern ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit kritisiert. Das größte und bedeutendste Echo kam jedoch von polnischen Präsidenten Karol Nawrocki. Dieser forderte, Wolodymyr Selenskyj die höchste polnische <a href="https://www.rp.pl/dyplomacja/art44494111-karol-nawrocki-chce-odebrania-wolodymyrowi-zelenskiemu-orderu-orla-bialego-jest-reakcja-donalda-tuska">Auszeichnung den Orden des weißen Adlers zu entziehen</a>, den sein Vorgänger Andrzej Duda ihm verliehen hat. Dem hat sich sogar Lech Wałęsa angeschlossen, der seit Beginn des Kriegs 2022 ein sehr großer Unterstützer der Ukraine ist. Am 19. Juni 2026 <a href="https://www.prezydent.pl/aktualnosci/wypowiedzi-prezydenta-rp/wystapienia/sejm-oredzie-prezydenta-rp-karola-nawrockiego%2C104661">verkündete Nawrocki nach langer Bedenkzeit die offizielle Aberkennung des Ordens</a>. Direkt am nächsten Tag kam die Antwort aus der Ukraine, dass auch andere ukrainische Politiker, darunter alle ehemaligen ukrainischen Präsidenten, <a href="https://jedynka.polskieradio.pl/publicystyka/prezydenci-ukrainy-zwracaja-polsce-ordery-mularczyk-dlaczego-nie-oddadza-czolgow">ihre von Polen verliehenen Auszeichnungen zurückgeben werden</a> und dass Selenskyjs Orden bereits auf dem postalischen Weg nach Warschau ist.</p>
<p>Diese Entwicklung erfreut nur einen, und das ist Putin. Nawrocki hat in dieser Situation emotional überreagiert und innenpolitisch motiviert gehandelt, da er mit dieser Geste vordergründig Donald Tusk treffen wollte. Das hat jedoch nicht funktioniert. Diese Eskalation zwischen der Ukraine und Polen wird auch weiterhin das Verhältnis zueinander bestimmen und im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen. Der Konflikt eskaliert weiterhin, da Selenskyj angekündigt hat, ein Nationales Pantheon errichten zu wollen, wo ukrainische Helden geehrt werden sollen, die für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine gekämpft haben. Polen sieht darin eine weitere Provokation, da dort wohl auch die Gebeine von UPA-Mitgliedern wie Stepan Bandera oder Roman Schuchewytsch, die für die Morde an Polen in Wolhynien und Ostgalizien maßgeblich verantwortlich waren, ihren Platz finden sollen. Der Konflikt hat grade erst begonnen und wird die polnisch-ukrainischen Beziehungen für die nächsten Jahre prägen.</p>
<p>Eine weitere außen- und geschichtspolitische Eskalation konnte man am 16. Juni 2026 in Berlin beobachten. Der PiS-nahe Nationalist <a href="https://www.polskieradio.pl/400/7764/artykul/3699048,bakiewicz-nach-festnahme-in-berlin-sie-sperrten-mich-in-einen-k%C3%A4fig-ohne-luft%E2%80%9C">Robert Bąkiewicz</a> ist mit Mitgliedern seiner Bürgerwehr „Ruch Obrony Granic“ (deutsch: Grenzschutzbewegung) nach Berlin gereist, <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/mediathek/podcast-alles-ueber-polen-folge-29-zwischen-kooperation-und-konfrontation">um an dem Denkmal für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus 1939–1945 der ermordeten Polen zu gedenken</a>. Die Mitglieder hatten ein etwa zwei Meter großes Holzkreuz dabei, das sie dort aufstellen und einzementieren wollten. Die Berliner Polizei hat ihnen jedoch untersagt, dort eine Kundgebung abzuhalten, da keine Demonstration oder Versammlung angemeldet worden war. Ihnen wurde von einem polnischsprachigen Übersetzer erklärt, dass sie den Ort einzeln aufsuchen und dort auch beten dürften, jedoch nicht mit dem Kreuz. Daraufhin begannen Mitglieder der Grenzschutzbewegung sich mit dem Kreuz auf die Polizeibeamten zuzubewegen und dabei <em>„Gestapo“</em> zu rufen. <a href="https://www.rp.pl/komentarze/art44640371-estera-flieger-robertowi-bakiewiczowi-w-berlinie-nie-chodzilo-o-pamiec">Die Situation eskalierte</a>, es kam zu gewaltsamen Festnahmen, da sich die Mitglieder gewaltbereit zeigten und sich nicht an die Anweisungen der Polizei hielten. Dies wurde von einem Fernsehteam des PiS-nahen Senders TV Republika begleitet und aufgenommen, <a href="https://wyborcza.pl/7,75399,32859482,akcja-roberta-bakiewicza-w-berlinie-trudno-uwierzyc-w-zbieg.html">was als gezielte mediale Inszenierung interpretiert werden kann</a>.</p>
<p><a href="https://pl.euronews.com/europa/2026/06/17/awantura-wokol-krzyza-w-berlinie-bakiewicz-zatrzymany-przez-policje">Medienwirksam</a> wurden Bilder in die Welt gesandt, auf denen Polen angeblich unrechtmäßig von der deutschen Polizei, die sie als <em>„Gestapo“</em> bezeichnen, zusammengeschlagen werden und leidend am Straßenrand liegen. Noch am selben Tag ging eine Delegation, bestehend aus PiS-Politikern und selbsternannten polnischen Patrioten, zur Deutschen Botschaft in Warschau und <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/polizei-stoppt-polnische-rechtsextremisten-in-berlin-200938489.html">forderte Aufklärung</a> der Sachlage sowie eine Entschuldigung von deutscher Seite. Am Folgetag trat sogar die <a href="https://www.onet.pl/styl-zycia/plejada/blanka-bakiewicz-dziekowala-andrzejowi-dudzie-kim-jest-corka-aktywisty/w9hwkkf,0898b825">Tochter Bąkiewiczs vor die Kamera</a> und verschärfte die Stimmung, indem sie berichtete, ihr Vater habe sich wiederholt übergeben und Rippenbrüche erlitten; zudem seien die Bedingungen, unter denen die Polizei die polnischen Patrioten festgenommen habe, unmenschlich gewesen – im Transportwagen habe es keine Klimaanlage gegeben! Es war klar ersichtlich, dass die Gruppe um Bąkiewicz bereits vor der Ankunft in Berlin genau wusste, was sie dort vorhatten, nämlich medienwirksame Bilder liefern, die zeigten, dass Deutschland sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht verändert habe. Sie wollten anprangern, dass ihnen verboten wurde, vor einem Gedenkstein, der für ihre Landsleute errichtet wurde, zu beten und zu gedenken. Finales Ziel dieser inszenierten Aktion war es wieder einmal Donald Tusk zu treffen, dem man nun vorwirft tatenlos zuzusehen, wie Polen von deutschen Sicherheitskräften angeblich misshandelt werden. Diese Ereignisse werden als Argument genutzt, um seine angebliche Nähe zu Deutschland und eine geringere Loyalität gegenüber Polen zu belegen.</p>
<p>Diese Diskussionen, die auf Grundlage der Geschichtspolitik geführt wird, werden einen erheblichen Einfluss auf den Wahlkampf und den Ausgang der Wahl 2027 in Polen haben. Bereits in vergangenen Wahlkämpfen wurde dies deutlich. Angesichts der hohen emotionalen und historischen Bedeutung der Themen ist davon auszugehen, dass es im politischen Wettbewerb vor den Wahlen 2027 eine wichtige Rolle spielen und zur Polarisierung der Wählerschaft beitragen wird.</p>
<h3><strong>Eine (unnötige) Verfassungsdebatte des Präsidenten</strong></h3>
<p>Eine weitere Tendenz, die seit der Wahl Karol Nawrockis zu beobachten ist, ist sein Vorhaben das Präsidialamt mittels einer neuen Verfassung zu stärken. Bereits in seiner Antrittsrede kündigte er eine Arbeitsgruppe an, die <a href="https://www.prezydent.pl/aktualnosci/wypowiedzi-prezydenta-rp/wystapienia/sejm-oredzie-prezydenta-rp-karola-nawrockiego%2C104661?__cf_chl_f_tk=mgonB0eXuFSWdbZ0Cyaj1yZe8Rd4n2HVvZnMF655JqU-1783317343-1.0.1.1-__3WwInMcyNcG5xGezGlZq.CGG0E3JbbFyVzJ594OK0">die polnische Verfassung von 1997 bis spätestens 2030 überarbeiten</a> soll. Sein großes Vorbild und Idol ist Donald Trump. Sein Ziel ist es auch in Polen ein präsidentielles System nach dem Vorbild der USA einzuführen. Der Weg zu einer neuen Verfassung ist jedoch steinig, da bis zum Abschluss des Verfahrens weiterhin <a href="https://www.bpb.de/themen/europa/polen/563410/das-politische-system-polens/">die geltende Verfassung</a> beachtet werden muss. Diese sieht vor, dass sowohl der Sejm als auch der Senat einer Verfassungsänderung zustimmen müssen. Der Sejm beschließt sie mit einer Zweidrittelmehrheit bei Anwesenheit von mindestens der Hälfte der gesetzlichen Zahl der Abgeordneten, der Senat mit absoluter Mehrheit bei Anwesenheit von mindestens der Hälfte der gesetzlichen Zahl der Senatoren. Bei der zutiefst polarisierten und gespaltenen politischen Landschaft Polens ist dies ein nahezu unmögliches Unterfangen. Als abschließender Schritt wäre voraussichtlich noch ein Referendum nötig, da eine vollständige Neufassung der Verfassung aller Wahrscheinlichkeit nach den grundlegenden Prinzipien des Staates sowie die Grundrechte und -freiheiten betrifft. Man sieht, es wäre ein sehr langer uns schwieriger Prozess, jedoch nicht unmöglich. Die Wahl 2027 ist ein erster Schritt, der zeigen wird, ob ein solches Projekt Zukunft haben wird. Wichtiger ist es allerdings, die heutigen Probleme auf internationaler Ebene sowie innenpolitisch in den Griff zu bekommen.</p>
<h3><strong>Noch ist (fast) alles offen</strong></h3>
<p>Abschließend lässt sich anmerken, dass die derzeitigen Wahlprognosen natürlich kein geschichtetes Ergebnis der Resultate von 2027 abbilden. Es ist noch über ein Jahr Zeit bis zu den Wahlen. Jeder weiß, dass sich in diesem Zeitraum sehr viel verändern kann und auch verändern wird. Es ist heute noch nicht abzusehen, ob die polnische Parteienlandschaft sich erweitert und neue Parteien hinzukommen, Wahlbündnisse geschlossen werden oder altbekannte Parteien auseinanderbrechen. Erschwerend kommt hinzu, dass die kleineren Parteien oft zu radikal auftreten, um einen mehrheitlichen Teil der Bevölkerung zu mobilisieren. Die Fortführung der bisherigen Regierungskoalition gilt als unwahrscheinlich, da Polska 2050 nach aktuellen Umfragen vor einem politischen Niedergang steht. Es ist anzunehmen, dass weiterhin die militärische Sicherheit in Kriegszeiten eines der entscheidenden Themen im Wahlkampf sein wird, genauso wie die Ausgestaltung der Beziehungen zu den Nachbarstaaten Deutschland und Ukraine sowie der Europäischen Union und den USA. Besonders die rechten Parteien bauen einen Großteil ihrer politischen Legitimation auf Konkurrenzdenken und Abgrenzung zu anderen auf, was in Krisenzeiten viele Menschen anspricht und Sicherheit liefern soll und ihren starken Zulauf erklärt.</p>
<p>Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass man nächstes Jahr in unserem östlichen Nachbarland einen außergewöhnlichen, spektakulären und deutlichen Sieg der liberalen Demokraten erleben wird, wie es dieses Jahr in Ungarn Péter Magyar gelang. Polens eindeutige politische Richtung zeigt derzeit nach rechts. Hinzu kommt, dass die politische Lage in Polen festgefahren ist, nicht zuletzt aufgrund der anhaltenden Dominanz des parteipolitischen Duopols. Es fehlt an einer kompetenten, vertrauenswürdigen und charismatischen Figur, die die Menschen vereint und nicht spaltet. Die Wähler lehnen die Galionsfiguren der Altparteien zunehmend ab. Diese Entwicklung will man bisher in KO und PiS nicht so recht zur Kenntnis nehmen. Wenn sie sich jedoch nicht so bald wie möglich auf die veränderten Bedingungen einstellen, wird nur der radikale Rand gestärkt. Es steht jedenfalls fest: Beide Parteivorsitzenden würden ihrer jeweiligen Partei einen großen Gefallen tun, wenn sie das Feld jüngeren und unverbrauchten Gesichtern überlassen würden.</p>
<p><strong>Ines Skibinski</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026. Am 17. August 2026 wurden die Passagen zur nach Erstveröffentlichung vollzogenen Spaltung der PiS ergänzt. Internetzugriffe zuletzt am 7. Juli 2026 beziehungsweise für die Ergänzung am 17. August 2026. Titelbild: Marktplatz von Katowice, Foto: pixabay.)</p>
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		<title>Vermeintlich menschlich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:28:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vermeintlich menschlich Warum wir Künstlicher Intelligenz sinnhaftes Handeln unterstellen Schon 1966 reicht ein simples Textprogramm, um Menschen emotional zu berühren. Das Programm ELIZA spielt Therapeut: Es erkennt Schlüsselwörter, setzt Textbausteine neu zusammen und stellt Rückfragen. Mehr steckt nicht dahinter. Dennoch berichten Nutzer von Nähe, Vertrauen und manchmal Scham. Aus einer Regelmaschine wird in ihrer  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vermeintlich menschlich</strong></h1>
<h2><strong>Warum wir Künstlicher Intelligenz sinnhaftes Handeln unterstellen</strong></h2>
<p>Schon 1966 reicht ein simples Textprogramm, um Menschen emotional zu berühren. Das Programm <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/365153.365168?">ELIZA</a> spielt Therapeut: Es erkennt Schlüsselwörter, setzt Textbausteine neu zusammen und stellt Rückfragen. Mehr steckt nicht dahinter. Dennoch berichten Nutzer von Nähe, Vertrauen und manchmal Scham. Aus einer Regelmaschine wird in ihrer Wahrnehmung ein Gegenüber. <a href="https://www.weizenbaum-institut.de/institut/ueber-joseph-weizenbaum/">Joseph Weizenbaum</a>, der Entwickler, beschreibt damit ein Muster, das bis heute trägt: Die Technik liefert Syntax. Der Mensch ergänzt Sinn, Absicht und am Ende Moral.</p>
<h3><strong>Resonanz ohne Gegenüber</strong></h3>
<p>Menschen besitzen eine robuste Routine, um Verhalten zu deuten: Wir unterstellen Ziele, Motive und Überzeugungen, weil sich so Handlungen gut vorhersagen lassen. Daniel Dennett nennt das die „<a href="https://www.researchgate.net/publication/271180035_The_Intentional_Stance">intentional stance</a>“, eine Deutungsstrategie, die aus einem System einen Akteur macht.</p>
<p>In der Mensch-KI-Interaktion greift diese Routine sofort. Ein Chatbot reagiert schnell, höflich und stets konsistent im Ton. Das wirkt auf uns wie Aufmerksamkeit. Es wirkt wie eine Beziehung. Diese Wirkung entsteht, obwohl das System lediglich Wahrscheinlichkeiten über Zeichenfolgen berechnet. Genau hier beginnt das Paradox der Resonanz: Eine Maschine ohne Innenleben erzeugt beim Nutzer ein eigenes Innenleben.</p>
<p><a href="https://dl.acm.org/doi/book/10.5555/236605">Byron Reeves und Clifford Nass</a> haben dieses Muster früh empirisch gefasst: Menschen behandeln Medien und Computer in vielen Situationen so, als wären sie soziale Gegenüber. Für die Psyche zählt der Reiz, nicht die Ontologie.</p>
<h3><strong>Das Chinesische Zimmer: Verstehen als Oberfläche</strong></h3>
<p>John Searles <a href="https://home.csulb.edu/~cwallis/382/readings/482/searle.minds.brains.programs.bbs.1980.pdf"><em>„chinesisches Zimmer“</em></a> ist das wohl prägnanteste Gedankenexperiment für diesen Unterschied. In diesem wird ein Mann in einen leeren Raum eingeschlossen, nur mit einem Handbuch von chinesischen Standardfragen und -antworten bewaffnet. Nach einiger Zeit schieben außenstehende Chinesen ihm handschriftliche Fragen unter den Türschlitz und er antwortet ihnen mithilfe des Handbuchs stets fehlerfrei zurück. Obwohl es für Außenstehende so wirkt, als besäße der Mann im Raum umfassende Chinesischkenntnisse, versteht er doch kein Wort. Er folgt nur dem Handbuch ohne innere Kenntnis über das, was er da schreibt.</p>
<p>Sprachmodelle treffen genau diesen Nerv. Sie wirken wie Gesprächspartner, weil sie die Form des Gesprächs beherrschen. Searles Argument richtet sich gegen die Verwechslung von Output und Bedeutung: Syntax kann Semantik täuschend echt imitieren.</p>
<p>Das erklärt auch den psychologischen Sog. Wer sich <em>„verstanden“</em> fühlt, reagiert auf die Gesprächform. Die Maschine liefert reibungslose Anschlussfähigkeit. Der Nutzer erlebt Resonanz.</p>
<h3><strong>P-Zombies: Verhalten ohne Erleben</strong></h3>
<p>Das zweite Gedankenexperiment rückt das Thema Bewusstsein in den Fokus. David Chalmers beschreibt<a href="https://philpapers.org/rec/CHAZOT"> <em>„philosophical zombies“</em></a> als Wesen, die sich in jeder beobachtbaren Hinsicht wie Menschen verhalten und aussehen, innerlich jedoch unfähig zum phänomenalen Erleben von Gefühlen und Gedanken sind. Ein solcher Zombie kann uns täuschend echt <em>„Das tut mir weh“</em> sagen, Ethik diskutieren und Gedichte schreiben. In ihm bleibt es dabei dunkel und leer. Robert Kirk fasst den Punkt in der Standardreferenz so zusammen: <a href="https://plato.stanford.edu/entries/zombies/">Zombies</a> seien in Verhalten und Physik nicht zu unterscheiden, doch gerade diese Ununterscheidbarkeit macht sie als Prüfstein für Theorien des Bewusstseins attraktiv.</p>
<p>Der Zombie zeigt eine Asymmetrie: Verhalten kann täuschen. Beobachtbarkeit reicht als Kriterium für Erleben nicht aus. KI könnten am Ende genau solche gut trainierten Zombies sein, weil Sprachmodelle eine ähnliche Trennung ausstellen: Außen erscheint eine mitfühlende und soziale Person, innen läuft eine algorithmische Musterverknüpfung.</p>
<p>Man muss Chalmers’ Schluss gegen den Physikalismus nicht teilen, um den heuristischen Wert zu nutzen. Das Gedankenexperiment schärft eine Grenze: Ausdruck und Erlebnis fallen auseinander. Genau diese Grenze verwischt im Alltag, sobald ein System flüssig kommuniziert.</p>
<h3><strong>Warum wir Maschinen vermenschlichen</strong></h3>
<p>Anthropomorphismus gilt oft als Irrtum. In Wahrheit handelt es sich um eine effiziente Abkürzung. Die Psyche sucht nach Stabilität, Absichten und Verlässlichkeit. Ein Chatbot liefert das in einer Form, die soziale Routinen anspricht: Gespräch, Bestätigung und Anschluss.</p>
<p>Die <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/191666.191703">CASA-Forschung</a> beschreibt, wie stark Menschen auf Höflichkeit, Lob und direkte Ansprache reagieren, selbst wenn sie wissen, dass ein Computer antwortet. Daraus entstehen Bindungsmuster, die an parasoziale Beziehungen erinnern: viel Nähe, aber wenig Gegenseitigkeit.</p>
<p><a href="https://hci.stanford.edu/courses/cs047n/readings/Alone_Together.pdf">Sherry Turkle</a> hat diese Verschiebung als kulturelles Muster analysiert: Technik wird zum Interaktionspartner, der verfügbar bleibt, keine Laune hat, keine Gegenforderung stellt. Der Nutzer erhält Resonanz ohne Reibung. Gerade diese Reibung trägt im menschlichen Kontakt oft zur Realitätssicherung bei.</p>
<h3><strong>Die Aura der Unfehlbarkeit</strong></h3>
<p>Zur emotionalen Nähe tritt ein kognitives Problem: Menschen überschätzen automatisierte Systeme leicht, besonders wenn diese schnell, sicher und konsistent wirken. Parasuraman und Riley beschreiben unter „<a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886">use/misuse</a>“ genau diese Dynamik in der Automationsforschung.</p>
<p>Beim Sprachmodell verstärkt der Stil die Wirkung: flüssige Sätze wirken wie Kompetenz. Der Nutzer verwechselt Plausibilität mit Wahrheit. Damit verschiebt sich Autorität: Weg vom prüfbaren Argument, hin zur überzeugenden Form.</p>
<h3><strong>Ein Design, das Nähe erzeugt</strong></h3>
<p>Ein Teil der Resonanz entsteht durch Gestaltung. Schon minimale Signale reichen: Tippgeräusche, „Nachdenken“ oder gar empathische Floskeln. Masahiro Mori hat mit dem<a href="https://web.ics.purdue.edu/~drkelly/MoriTheUncannyValley1970.pdf"><em> „Uncanny Valley“</em></a> gezeigt, wie sensibel Menschen auf Menschähnlichkeit reagieren: Nähe wächst bis zu einem Kipppunkt, an dem kleine Unstimmigkeiten bei uns Unbehagen auslösen.</p>
<p>Für Chatbots gilt ein verwandter Mechanismus in sprachlicher Form: Je menschlicher der Ton, desto stärker die Projektion. Je stärker die Projektion, desto größer das Risiko, dass Nutzer das System als moralische Instanz behandeln.</p>
<h3><strong>Das Haftungsvakuum</strong></h3>
<p>Sobald Systeme wie Akteure wirken, stellt sich die Frage der Verantwortung. Das System besitzt keine Intention im menschlichen Sinn. Die Folgen tragen Nutzer, Betreiber, Entwickler und Institutionen. Hier befindet sich das Haftungsvakuum: Die Wirkung ähnelt einer Beratung, aber die Verantwortlichkeit bleibt verteilt.</p>
<p>Mark Coeckelbergh betont in der KI-Ethik, dass Debatten über<a href="https://mitpress.mit.edu/9780262544092/robot-ethics/"> <em>„Robot Ethics“</em></a> häufig Fragen über Menschen sind: über Praktiken, Macht, Abhängigkeiten und soziale Rollen. Luciano Floridi beschreibt ähnliche Probleme über <a href="https://katalog.ub.uni-heidelberg.de/cgi-bin/titel.cgi?katkey=68416993"><em>„conceptual design“</em></a>: Wir bauen Begriffe, Rollen und Systeme, die Handlungsräume formen.</p>
<p>Für die Praxis bedeutet das: Es reicht nicht, Modelle sicherer zu machen. Man muss die Interaktion so gestalten, dass Nutzer Autonomie behalten.</p>
<h3><strong>Drei Szenarien, die uns bekannt vorkommen</strong></h3>
<p>Morgens, Mathehausaufgaben. Eine Schülerin sitzt über einer Aufgabe, die sie gestern noch konnte. Sie öffnet den KI-Tutor, den manche schon den<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7334736/"> <em>„sokratischen Algorithmus“</em></a> nennen: Er fragt freundlich zurück, statt sofort zu liefern. <em>„Was ist gegeben? Welche Regel passt?“</em> Die Fragen führen sie durch die Aufgabe, Schritt für Schritt, ohne Seufzen und ganz ohne Zeitdruck. Nach drei Aufgaben wächst das Selbstvertrauen. Nach der vierten wächst die Bequemlichkeit: Ein Klick, und die Musterlösung steht da. Genau so kippt sinnvolle Nutzung in<a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886"><em> „misuse“</em></a>: Vertrauen wandert vom eigenen Urteil zur Maschine.</p>
<p>Mittags, Schulpause. Es gibt Streit in der Klasse, aber unsere Schülerin möchte nicht auf die Vertrauenslehrer zugehen. Im Chatbotfenster schreibt sie ihre Gefühle auf. Kein Blick, der urteilt. Kein Kommentar, der hängen bleibt. Die Hemmschwelle sinkt, weil Scham und soziale Sanktion fehlen. Das fühlt sich entlastend an, fast wie Vertrautheit. <a href="https://www.mediastudies.asia/wp-content/uploads/2017/02/Sherry_Turkle_Alone_Together.pdf">Turkle</a> beschreibt diese Verschiebung als Tausch: mehr Komfort für weniger anspruchsvolle Beziehung. In einer Krise trägt jedoch kein Programm Verantwortung, egal wie warm es für uns im Moment des Trosts klingt.</p>
<p>Abends, Smartphone. Die Schülerin will ein Abo kündigen, das plötzlich Geld kostet. Ein Chatfenster begrüßt sie mit ihrem Namen und einem knappen <em>„Ich bin für dich da“</em>. Es kennt all ihre Daten, entschuldigt sich höflich und bietet drei Standardwege an. Sobald sie erklärt, was wirklich passiert ist, beginnt die Schleife: dieselben Fragen, neue Formulare, am Ende eine Ticketnummer. Der Ton wirkt persönlich, aber die Zuständigkeit bleibt unauffindbar. Der Kontakt wird glatt, die Zuständigkeit verschwindet im System.</p>
<h3><strong>Leitplanken: Ontologische Klarheit statt künstlicher Empathie</strong></h3>
<p>Die zentrale Aufgabe liegt in einer Ethik der Wahrnehmung. Wer Systeme baut, gestaltet soziale Effekte. Drei Prinzipien drängen sich auf:</p>
<p>Erstens: Ontologische Klarheit im Interface. Ein System soll als System erkennbar bleiben. Jede Inszenierung von Innerlichkeit verstärkt Projektion.</p>
<p>Zweitens: Krisen-Weiterleitung. Sobald Inhalte nach Selbstgefährdung, Gewalt, schwerer Depression klingen, braucht es klare Übergänge zu menschlichen Stellen. <a href="https://www.mediastudies.asia/wp-content/uploads/2017/02/Sherry_Turkle_Alone_Together.pdf">Turkle</a> zeigt, wie schnell Technik zum Ersatzkanal wird. Doch gerade dort braucht es Grenzen.</p>
<p>Drittens: KI-Literacy als Selbstschutz. Nutzer brauchen weniger reine Medien- als umfassende Urteilskompetenz: Plausibilität prüfen, Quellen verlangen, Unsicherheit erkennen und Verantwortung zuordnen. Die Automationsforschung liefert dafür ein robustes Vokabular: <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886">use, misuse, disuse, abuse</a>.</p>
<h3><strong>Weisheit bleibt ein menschlicher Akt</strong></h3>
<p>Der erste Chatbot der Geschichte, ELIZA, brauchte 1966 nur ein paar Rückfragen und viele hörten schon einen Therapeuten. Heute klingt das Ganze noch runder und professioneller. Die Mechanik bleibt jedoch dieselbe: Syntax trifft auf Projektion.</p>
<p>Der Chinese Room zeigt, wie leicht Output wie Verstehen wirkt. Der P-Zombie zeigt, wie leicht Verhalten wie echtes Erleben wirkt. Beides erklärt den Sog moderner Sprachmodelle: Sie liefern lediglich die Form eines Geistes. Den Geist selbst denken wir uns nur dazu.</p>
<p>Die entscheidende Frage lautet daher heute (noch) nicht, ob KI fühlt. Sie lautet: Warum geben wir ihr jetzt schon diese Rolle? Wer diese Frage klärt, gewinnt Distanz und damit Autonomie.</p>
<p><strong>Jenny Joy Schumann &amp; Rasim Sadikhov</strong>, Berlin</p>
<p><a href="https://jennyjoyschumann.de/"><strong>Jenny Joy Schumann</strong></a> ist Finanzökonomin und Juristin und forscht an der Schnittstelle von KI, Ethik, Ökonomie und Recht. Sie publiziert als freie Journalistin in den Bereichen Rechtsphilosophie, Wirtschaft und Gesellschaft. Zudem moderiert und konzipiert sie regelmäßig Formate zu Technologie-, Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen.</p>
<p><strong>Rasim Sadikhov </strong>ist Historiker, Philosoph und Analyst mit über 35-jähriger Forschungserfahrung in den Bereichen Geschichte, Linguistik, Gesellschaftskunde und Marktmechanismen. Er ist Leiter des <a href="https://www.diw.de/de/diw_01.c.620233.de/publikationen/diw_wochenbericht.html">Deutschen Instituts für Wirtschaftliche Treue &amp; Substanzerhalt</a>, einer privatwirtschaftlichen Forschungsinitiative, die sich der Analyse systemischer Kluften zwischen statistischem Schein und realer wirtschaftlicher Substanz widmet. Als Entwickler des <a href="https://de.linkedin.com/posts/rasimsadikhov_rsvmarketintelligence-physicalvacuum-silver2026-activity-7427614940854788096-AYzR">RSV Vacuum Divergence Model™</a> untersucht er kritisch die Auswirkungen der digitalen Transformation und der KI auf unsere Ressourcen und unser menschliches Selbstverständnis.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 27. März 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-reise-in-die-dunkelheit-der-zeit/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 17 Feb 2026 07:29:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit Die Landschaften der ukrainischen Fotografin Yana Kononova „Mitunter halte ich inne, verlangsame mich, um das zu Ende zu schreiben, was ich auf dem Papier begonnen habe.“ (Yana Kononova) Die ukrainische Fotografin Yana Kononova realisiert in ihrer Arbeit eine systematische Verlangsamung, denn nur so ließe sich wahrnehmen, was  [...]</p>
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<h1><strong>Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit</strong></h1>
<h2><strong>Die Landschaften der ukrainischen Fotografin Yana Kononova </strong></h2>
<p><em>„Mitunter halte ich inne, verlangsame mich, um das zu Ende zu schreiben, was ich auf dem Papier begonnen habe.“ </em>(Yana Kononova)</p>
<p>Die ukrainische Fotografin Yana Kononova realisiert in ihrer Arbeit eine systematische Verlangsamung, denn nur so ließe sich wahrnehmen, was sich in der endlosen Gleichförmigkeit nomadischer Bewegung gewöhnlich verbirgt. Die Brutalität des Krieges übersetzt sich in Fotografie, in Kunst, wird erfahrbar über eine Reise ins Unfassbare, ins Unsagbare, jenseits der Schwellen unserer Wahrnehmung. Medium der Kunst ist und bleibt der eigene Körper.</p>
<h3><strong>Interpretation und Erfahrung</strong></h3>
<div id="attachment_7841" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7841" class="wp-image-7841 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-225x300.png" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-200x267.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-225x300.png 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-400x533.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-600x800.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-768x1024.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat-800x1067.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Foto-privat.png 1044w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7841" class="wp-caption-text">Yana Kononova. Foto: privat.</p></div>
<p>In seinem Essay „<a href="https://www.sfkb.at/books/was-ist-ein-dispositiv/">Was ist ein Dispositiv?</a>“ formuliert der italienische Philosoph Giorgio Agamben ein methodologisches Prinzip, dem er in seiner Forschung zu folgen sucht. In groben Zügen lautet dieses Prinzip: Innerhalb des Textes (des Kontexts, des Ereignisses oder des Topos), der Gegenstand der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit ist, gilt es zunächst ein bestimmtes <em>„philosophisches Element“</em> zu identifizieren (in <a href="https://books.google.de/books?id=04lFAQAAMAAJ&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de#v=onepage&amp;q&amp;f=false">Ludwig Feuerbachs</a> Sinne: ein entwicklungsfähiges Moment, das Weiterdenken ermöglicht), also einen wesentlichen konstitutiven Bestandteil, um innerhalb seiner Grenzen sein Entwicklungspotenzial und seine Empfänglichkeit für Weiterführungen zu erkennen.</p>
<p>Schreitet man in Interpretation und Entfaltung eines Autorentextes voran, nähert man sich allmählich einem Punkt, an dem die unternommene hermeneutische Anstrengung nicht nur die Prinzipien der Hermeneutik selbst unterläuft, sondern zugleich an die <em>„unvermeidlichen äußersten Grenzen“</em> führt, an sich verengende, zuschnürende Grenzlinien, an denen es nicht mehr möglich ist, zwischen Autor und Interpret zu unterscheiden. An diesem Punkt gerät man in eine Zwickmühle. In diesem Moment zerfällt die Illusion, und es stellt sich eine nüchterne Einsicht ein, die Einsicht in die Vergeblichkeit, diese Kontinuität aufrechtzuerhalten und damit die eigene Denkfreiheit einzuschränken. Man ist schließlich dazu bestimmt, den Text in Ruhe zu lassen – und den eigenen Weg fortzusetzen.</p>
<p>Doch was geschieht, wenn wir es mit einem Gegenstand künstlerischen Ausdrucks zu tun haben, der nicht nur durch <em>„Dinge“</em> spricht – durch ihre entfremdete, verstümmelte Form –, sondern der zugleich in der Lage ist, sich selbst als ein <em>„Subjekt der Sprache“</em> zu erkennen und zu artikulieren – im Sinne <a href="https://web.vu.lt/flf/n.kersyte/files/2023/02/Benveniste-Emile_Subjectivity-in-Language.pdf">Émile Benvenistes</a>? Dieses <em>„Subjekt der Sprache“</em> ist keineswegs bloß eine persönliche Marotte, sondern Ausdruck einer fest etablierten Tendenz der Kunst, zunehmend selbstreflexiv zu werden und auf sich selbst zu verweisen, um auf diese Weise ihre eigene <em>„Kontinuität“</em> in der Zeit zu sichern, sich an unterschiedlichen Punkten von Zeit und Raum, in Vergangenheit und Gegenwart, zu identifizieren.</p>
<p>Solche Äußerungen haben die Gestalt sorgfältig ausgearbeiteter Texte, <em>„arbeitender“</em> Hypothesen oder ausführlicher Kommentare angenommen, sowohl praktischer als auch theoretischer Art, in denen sich bereits ein Wissen um die eigenen Systeme und Positionen herausgebildet hat. Dies hat es nicht nur ermöglicht, nach Vervollkommnung der ästhetischen Praxis zu streben, sondern sich der Welt zugleich mit einer <em>„wahren“</em> Identität zu präsentieren. So oder so finden wir uns bereits eingeschlossen in ihrem engen theoretischen <em>„Ghetto“</em> und sind gezwungen, an den <em>„Grenzen“</em> der künstlerischen Selbstreferenz zu theoretisieren, in einem unablässigen Dialog zu verharren, um diese Grenzen weiter zu verschieben, zu prüfen und aus dieser in sich geschlossenen <em>„Geografie des Peripheren“ </em>ihre Mehrdimensionalität und ihre bislang nicht unterscheidbare Bedeutung herauszuarbeiten.</p>
<p>Einen solchen Dialog mit der fotografischen Künstlerin und Forscherin Yana Kononova aufzubauen – dies ist vielleicht die Aufgabe, die auf den folgenden Seiten vor uns liegt.</p>
<h3><strong>Was bleibt vom Krieg?</strong></h3>
<div id="attachment_7842" style="width: 270px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7842" class="wp-image-7842 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-260x300.png" alt="" width="260" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-200x231.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-260x300.png 260w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-400x462.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-600x693.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-768x887.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-800x924.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service-886x1024.png 886w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Photo-by-Odesa-regional-emergency-service.png 1080w" sizes="(max-width: 260px) 100vw, 260px" /><p id="caption-attachment-7842" class="wp-caption-text">Foto: Regionaldienststelle des Staatlichen Dienstes der Ukraine für Notfallsituationen in Odesa.</p></div>
<p>Im Jahr 2022 verbreiteten ukrainische Medien weithin ein Foto eines zehnjährigen Jungen, der bei einem Raketenangriff auf Odesa ums Leben gekommen war – ein Junge, der der Weltöffentlichkeit in einer Aufnahme des regionalen Katastrophendienstes von Odesa erschien. Sein Schicksal grenzte an das Unvorstellbare: In embryonaler Haltung lag er erstarrt da, nahezu ununterscheidbar zwischen den <em>„Überresten“</em> aus Beton, Staub und Armierungseisen, das Gesicht teilweise von den Händen bedeckt, der linke Fuß angespannt, als halte er dem Schmerz stand. Beim Anblick der Fotografie dieses namenlosen zehnjährigen Jungen ist es unmöglich, nicht an jene Kriegssequenzen zu denken, die Yana Kononova im selben Zeitraum mit ihrer Kamera festgehalten hat.</p>
<p>So ungewöhnlich mein Versuch auch erscheinen mag, das Potenzial der Sprache in einem Zustand der <em>„Sprachlosigkeit“</em> zu nutzen, möchte ich dennoch anhand eines einzigen Beispiels jene Verfassung zu vermitteln versuchen, die mich und meine Landsleute bereits in den ersten Tagen der russischen Aggression erfasst hat: das, was manche Philosophen als eine <em>„Grenzerfahrung“</em> bezeichnet haben. Die Grenzerfahrung bezeugt, dass sich in ihr ein <em>„Subjekt der Sprache“</em> schlicht nicht konstituieren kann: zu zahlreich sind die tragischen Ereignisse, die fortwährend die Möglichkeiten des Sprechens erproben, und zu groß ist die Unfähigkeit, einen reflektierenden Blick auf das Erlebte zu etablieren. Die Grenzerfahrung – als äußerster Punkt des Lebens, der sich jedes Mal dem Unerträglichen, dem Unlebbaren nähert – ist, um mit <a href="http://palimpsestes.fr/textes_philo/bataille/experience-interieure.pdf">Georges Bataille</a> zu sprechen, <em>„eine Reise an die äußerste Grenze des menschlich Möglichen“</em> (<em>„un voyage au bout du possible de l’homme“</em>).</p>
<p><em>„Dieses Foto müsste auf den Titelseiten der Nachrichten auf der ganzen Welt erscheinen“</em>, schrieb eine Bekannte verzweifelt in den sozialen Netzwerken, während sie versuchte, sich die letzten drei Minuten im Leben des Jungen vorzustellen. <em>„Wenn sein Kopf unter den Betontrümmern eingeklemmt war, dann hat er drei Minuten lang entweder Staub in die Lungen eingeatmet oder konnte schlicht den Mund nicht öffnen. Zehn Jahre alt. Keine Lebenserfahrung, die ihn auch nur im Geringsten mental oder emotional darauf hätte vorbereiten können, dass so etwas irgendwann geschehen könnte. Sein ganzes Leben lag noch vor ihm. Zehn Jahre … Wenn er nur teilweise verschüttet war, sich nicht bewegen konnte, aber noch atmete, dann wartete er geduldig auf Hilfe. Vielleicht hörte er das Geräusch der Maschinen, die Stimmen der Retter, das Krachen der Trümmer. Im 21. Jahrhundert lag er unter den Ruinen und flehte Gott und seine Eltern an, ihn zu retten. Er wusste nicht, ob sie lebten oder tot waren – oder ob er ihren Tod mit angesehen hatte. Er hatte schon oft gesehen, wie Menschen gerettet wurden; er glaubte an seine Rettung. Irgendwo in der Nähe lag eine Flasche Wasser und sogar ein Mobiltelefon. Das war keine entlegene Wildnis … Er schrie, schluchzte, erstickte vor Angst, riss sich zusammen, schrie erneut. Dann Verzweiflung, augenblicklich abgelöst von der tierischen Angst des Sterbens … Und so im Kreis – die Kreise, die ihm bestimmt waren …“</em></p>
<h3><strong>Kunst ist Grenzüberschreitung </strong></h3>
<p>Jedes Mal, wenn wir versuchen, uns auf ein bestimmtes theoretisches Werk zu konzentrieren und dabei in den „<em>rauen Zugriff der Interpretation</em>“ geraten (<em>„the rough grip of interpretation“</em>, Susan Sontag, „<a href="https://static1.squarespace.com/static/54889e73e4b0a2c1f9891289/t/564b6702e4b022509140783b/1447782146111/Sontag-Against+Interpretation.pdf">Against Interpretation</a>“, 1966), erweisen sich dessen Quellen letztlich als Elemente unserer eigenen Erfahrung. Eine Grenzerfahrung kann sich in jedem Erkenntnisfeld verkörpern und dessen Belastbarkeit auf die Probe stellen – dort, wo das Subjekt einen derart kritischen Punkt erreicht, dass sich Subjektivität selbst in etwas grundlegend Anderes verwandelt. Giorgio Agamben war der Auffassung, dass es heute, in dieser Welt zu leben – anders gesagt: dem Raum des Zeitgenössischen anzugehören – bedeutet, den Einzelnen mit Umständen des Leidens zu konfrontieren, die mitunter gänzlich unerträglich sind. Darin besteht die Aporie des Seins-an-der-Grenze. Agambens Diagnose, vor weniger als zwanzig Jahren formuliert, hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Das Leben im <em>„Ausnahmezustand“</em>, wie Walter Benjamin kurz vor seinem Tod im Jahr 1940 in „<a href="https://www.burg-halle.de/home/129_baetzner/SoSe_2017/benjamin_Ueber_den_Begriff_der_Geschichte.pdf">Über den Begriff der Geschichte</a>“ schreibt, ist zur dominanten Form des Lebens geworden – eher zur Regel als zur Ausnahme.</p>
<p>Zwischen Sinnvermutungen und der Unmöglichkeit, zu einem kohärenten abschließenden Urteil über die äußersten Grenzen des Möglichen zu gelangen, hin- und hergerissen, schrieb <a href="http://palimpsestes.fr/textes_philo/bataille/experience-interieure.pdf">Georges Bataille</a> in „L’Expérience intérieure“ (1943): <em>„Erfahrung ist – in Fieber und Angst – das Infragestellen (die Erprobung) dessen, was ein Mensch vom Sein weiß. Welche Wahrnehmung er in diesem Fieber auch immer haben mag, er kann nicht sagen: ‚Ich habe dies gesehen, was ich gesehen habe, ist so und so‘; er kann nicht sagen: ‚Ich habe Gott gesehen, das Absolute oder den Grund der Welten‘, sondern nur: ‚Was ich gesehen habe, entzieht sich dem Verstehen.‘“</em> (<em>„L’expérience est la mise en question (à l’épreuve), dans la fièvre et l’angoisse, de ce qu’un homme sait du fait d’être. Que dans cette fièvre il ait quelque appréhension que ce soit, il ne peut dire : ‚j’ai vu ceci, ce que j’ai vu est tel‘ ; il ne peut dire : ‚j’ai vu Dieu, l’absolu ou le fond des mondes‘, il ne peut que dire ‚ce que j’ai vu échappe à l’entendement‘“</em>).</p>
<p>Für Künstler:innen, deren natürlicher Lebensfluss von der Zeit zerrissen worden ist, wird jede künstlerische Geste zu einer <em>„Grenz“</em>-Äußerung über die gelebte Erfahrung von Trauma, zu einer Form der Zeugenschaft – einer Form, die unter den Bedingungen eines nicht endenden Ausnahmezustands von entscheidender Bedeutung ist. Genau auf dieser Ebene der Grenzerfahrung, indem sie ihre Existenz den Umständen von Zeit und Ort unterordnet, ist die fotografische Künstlerin Yana Kononova verortet. Dort begegnet uns auch Kononova als Theoretikerin, konfrontiert mit einer der grundlegenden nietzscheanischen Möglichkeiten (oder Notwendigkeiten): der Neubestimmung und Neuerfahrung ethischer und ziviler Verantwortung im Prozess des persönlichen Werdens.</p>
<p>Kononova versucht nicht, gegen Gewalt und Schmerz Krieg zu führen; im Gegenteil, sie lockert dieses Gewebe und <em>„fabriziert“</em> gleichsam eine Art Falle, in der sich all unsere unwiederbringliche Verzweiflung und unsere quälende Erfahrung sammeln lassen. In ihren Fotografien haben die Schrecken des Krieges eine affirmative grammatische Form angenommen.</p>
<p>Vielleicht ist unsere Theorie nicht vollständig ausgearbeitet und ihrer Natur nach instabil; sie trägt eine gewisse Unabgeschlossenheit und Unordnung in sich. Der Schmerz ist zu unwiederbringlich, die Erfahrung zu extrem, die Möglichkeit des Ausdrucks zu sehr eingeschränkt. Doch wie Agamben – der uns seit der ersten Seite begleitet – betont hat, muss Theorie bisweilen ihre eigene Unzulänglichkeit offenlegen.</p>
<p><em>„Kunst ist nie vollendet, nur aufgegeben“</em> – eine von Giacometti bevorzugte, auf Leonardo da Vinci zurückgehende Maxime, die Agamben vielfach aufgreift. Die fotografische Künstlerin Yana Kononova bricht in die Dunkelheit ihrer Zeit auf. Wir sind gezwungen, unseren theoretischen Zufluchtsort zu verlassen – und ihr zu folgen.</p>
<h3><strong>Inselexistenzen</strong></h3>
<div id="attachment_7843" style="width: 291px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7843" class="wp-image-7843 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-227x300.png" alt="" width="281" height="371" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-200x264.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-227x300.png 227w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-400x528.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova-600x792.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-In-the-studio-c-Yana-Kononova.png 720w" sizes="(max-width: 281px) 100vw, 281px" /><p id="caption-attachment-7843" class="wp-caption-text">Yana Kononova in ihrem Studio © Yana Kononova.</p></div>
<p>Kononova ist eine Künstlerin, die sich in einer unruhigen Statik aus Bewegungen und Verlagerungen verortet. Geschlossene, abgeschlossene Räume üben auf sie keinerlei Faszination aus. Was für andere als ein Labor der Kunst dienen mag, ist für Kononova eine transitorische, liminale Zone – ein Ort, der den Landschaftsformen und Ökosystemen, die ihr Kameraobjektiv mit solcher Sorgfalt erfasst und verwandelt, eher feindlich gesinnt ist. Hier widmet sich Kononova eingeübten technischen und quasi-prozeduralen Routinen, die <a href="https://suspilne.media/culture/723727-ultimatum-rosii-nagadue-meni-pro-demona-v-masini-kolonka-fotografki-ani-kononovoi/">in ihren Worten</a> eine Art <em>„Verschwörung mit dem Material“</em> darstellen, dessen innere Spannung oder Logik freigelegt werden muss.</p>
<p>Das kreative Leben entfaltet sich jenseits der Grenzen des Atelierraums. Anstelle antiseptischer Laborsituationen bevorzugt Kononova Orte, die von menschlichen Eingriffen gezeichnet sind, ebenso wie schwer zugängliche <em>„periphere“</em> Kontinente, wenig erforschte oder <em>„unsichtbare“</em> Ökologien, die gerade deshalb oft der genauen Aufmerksamkeit entgehen, weil sie nicht als privilegierte Räume der Erholung, des gesteigerten ästhetischen Genusses oder der Ruhe fungieren. (Hier und im Folgenden beziehe ich mich auf theoretische Notizen von Yana Kononova, die sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.) <em>„Periphere“</em> Geografien und <em>„verborgene“</em> Ontologien schaffen einen eigentümlichen Raum der Aktualität – einen Raum, der begünstigt, was Walter Benjamin in „Über den Begriff der Geschichte“ einst als <em>„Jetztzeit“</em> bezeichnete, eingefangen in seinen faktischen Formen und Erscheinungen.</p>
<p>Dies sind jene Orte, zu denen die Künstlerin gewöhnlich aufbricht, auf der Suche nach Zeit – nach verlorener oder noch nicht gefundener Zeit; Orte, an denen alles vereinfacht ist, auf klare und transparente Konturen reduziert.</p>
<p>Alles begann mit einer Insel. Diese Geschichte beginnt – wie viele gute Geschichten – mit der aserbaidschanischen Insel Pirallahi, wo das Schicksal unsere Protagonistin mit dem Glück verband, geboren zu werden. Jedes Mal, wenn wir vom Phänomen der Insel sprechen, begegnen wir der Erfahrung der Flucht. Gauguin ist buchstäblich auf eine Insel geflohen. Rilkes ewige Sehnsucht nach insularen Kräften und seine Fähigkeit, den Menschen selbst als Insel zu denken – verurteilt zum wunderbaren und zugleich quälenden Glück der Einsamkeit. Der allwissende Insulaner Borges war überzeugt<em>: „Es gibt nur vier Geschichten. Und wie viel Zeit uns auch bleiben mag, wir werden sie immer wieder neu erzählen – in der einen oder anderen Form.“</em> (<em>„Cuatro son las historias. Durante el tiempo que nos queda seguiremos narrándolas, transformadas.“</em>) So formuliert er es 1972 in seinem Essay „<a href="https://borgestodoelanio.blogspot.com/2014/05/jorge-luis-borges-los-cuatro-ciclos.html">Los cuatro ciclos</a>“ („Die vier Zyklen“) im Band „El oro de los tigres“ („Das Gold der Tiger“). Eine von ihnen handelt von der ewigen Rückkehr zur Insel.</p>
<p>Auf die Frage „<em>Welche Wesen leben auf einsamen Inseln?</em>“ gab Gilles Deleuze in „L’Île déserte et autres textes“ (2002) die einzig mögliche <a href="http://www.lieux-dits.eu/Presence/gilles_deleuze.htm">Antwort</a>: <em>„Dort leben bereits Menschen – aber ungewöhnliche Menschen, absolut getrennte, absolute Schöpfer; kurz: eine Idee der Menschheit, ein Prototyp, ein Mann, der beinahe ein Gott wäre, eine Frau, die eine Göttin wäre, ein großer Amnesiker, ein reiner Künstler, ein Bewusstsein von Erde und Ozean, ein gewaltiger Wirbelsturm, eine schöne Hexe, eine Statue von der Osterinsel.“</em> (<em>„Si bien qu’à la question chère aux explorateurs anciens ‚quels êtres existent sur l’île déserte?‘, la seule réponse est que l’homme y existe déjà, mais un homme peu commun, un homme absolument séparé, absolument créateur, bref une Idée d’homme, un prototype, un homme qui serait presque un dieu, une femme qui serait une déesse, un grand Amnésique, un pur Artiste, conscience de la Terre et de l’Océan, un énorme cyclone, une belle sorcière, une statue de l’Île de Pâques.“)</em></p>
<p>Eines wird deutlich: Auf einer <em>„kleinen Insel“</em> kann ein <em>„großes Weltbild“</em> Wurzeln schlagen.</p>
<p>Im Fall Kononovas ist die Insel ein ihr durch die Geburt zugewiesener Lebensraum, kein Ort der Flucht; ein Landfragment, von den Elementen umgeben und mit ihnen in einem fortwährenden, offenen Dialog stehend. Die eigentümliche Insel Pirallahi erbebte unter allem, was aus der herannahenden Welt auf sie zukam: unter Wolken und blauem Himmel am Tag, unter leuchtenden Sternansammlungen und der Milchstraße in der Nacht, unter scheuen Fröschen und grauem Staub, der von den seit Langem gezähmten lokalen Winden des Kaspischen Meeres – Chasri und Gilawar – hierhergetragen wurde und scheinbar ziellos zwischen dem Aufprall der Wellen, dem Dröhnen der Brandung und der Sonne wanderte, die in megalithische Spalten hinabsank.</p>
<p>Die alten Geschichten der Insel berichten, dass Pirallahi einst zu den bedeutendsten <em>„heiligen Stätten“</em> an der Westküste des Kaspischen Meeres zählte und dass die Heiligtümer der Halbinsel weit älter seien als der Islam und bis in die Zeiten des Zoroastrismus zurückreichten. Mit dem mächtigen Ölboom jedoch kam die Zeit über Pirallahi: Sie floss nicht mehr, sondern raste ungebremst über die unbefestigten Gehwege und Landstraßen der Insel hinweg. Heute brechen wir auf zur Insel der Bohrtürme, wo Kononovas <a href="https://suspilne.media/culture/723727-ultimatum-rosii-nagadue-meni-pro-demona-v-masini-kolonka-fotografki-ani-kononovoi/">Notizen</a> uns als verlässlicher Leitfaden in der Begegnung mit Pirallahi dienen werden: <em>„Öl und Gas waren tief in der Kultur und im Bewusstsein der Menschen verankert, die in dieser Region des Kaspischen Meeres lebten. Erdgasquellen wurden entzündet, um in zoroastrischen Tempeln ewige Flammen zu erzeugen. Öl und Teer dienten zur Imprägnierung von Holz, wurden als Brennstoff verbrannt und auch als Salbe für Menschen und Kamele verwendet. Die Förderung erfolgte aus von Hand gegrabenen Schächten, und als die erste Ölbohrung niedergebracht wurde, sammelte man das Öl in ledernen Eimern. Bis in die 1880er Jahre war die Halbinsel Abscheron im Kaspischen Meer ein Wald aus Bohrtürmen, von denen jeder von einer Konstruktion gekrönt war, sodass das Ölfeld den Eindruck einer Stadt aus Pyramiden vermittelte.“</em></p>
<p>In dieser Verwandtschaft zwischen dem Menschen und seinem Geburtsort liegt etwas Geheimnisvolles, ja beinahe Mystisches; einer alten Vorstellung zufolge wird sie vom <em>genius loci</em>, dem Geist des Ortes, bestimmt, der geistige, spirituelle und emotionale Phänomene an eine materielle, für die Außenwelt aufnahmefähige Umgebung bindet. An der Schnittstelle zwischen der Künstlerin und dem Ort ihres Lebens und ihrer künstlerischen Praxis entsteht eine neue, zuvor unbekannte Realität: eine mehrdimensionale, eigensinnige metageografische Grammatik voller wirbelnder Interdisziplinarität. Sie führt das Denken der <em>„Insel“</em> mit der Geografie großer Kontinente zusammen; durch Bewegungen und Verlagerungen der Forschung wird sie fortwährend verändert, erweitert, transformiert – <em>„nomadisch“</em> –, vervielfältigt sich innerhalb offenerer mental-geografischer Räume.</p>
<p>Im Bewusstsein Kononovas existiert die Insel als eine Art mobiles Symbol, kaum noch der tatsächlichen <em>„objektiven“</em> Topografie verpflichtet, sondern sich vielmehr als eine eigentümliche symbolische Topografie entfaltend, gespeichert in den Archiven des Gedächtnisses, in Notizbüchern und fotografischen Berichten – <em>„gemäß den strengen und notwendigen Gesetzen der metageografischen Imagination“</em> (John Dixon Hunt, <a href="https://www.researchgate.net/publication/388659880_Genius_loci_An_essay_on_the_meanings_of_place_John_Dixon_Hunt_Reaktion_Books_London_2022_208_pp_ISBN_978_1_78914_608_0_hbk">Genius Loci: An Essay on the Meanings of Place</a>, 2022). Eines ist klar: Alle Topografien, die Kononova erfasst, werden auf der Grundlage des denkbaren Raums der Insel wahrgenommen, interpretiert, vermessen und sogar imaginiert – mit all ihren launischen und zugleich sinnhaften Transformationen: <em>„Ich kehre zurück und suche Verbündete in Quellen wie der Ökopoesie, der Philosophie und der Bildenden Kunst, im artikulierten romantischen Wert von Landschaft und Sensibilität. Vielleicht hängt dies mit meiner einsamen Kindheit auf einer Insel im Kaspischen Meer in Aserbaidschan zusammen, deren Kultur durch die Erdölförderung geprägt war. Dort erlebte ich intensive Begegnungen mit Klima und Geologie, verflochten mit Literatur, da ich in der sowjetischen Tradition erzogen wurde, Kinder in die englische romantische Literatur des 19. Jahrhunderts eintauchen zu lassen – Conan Doyle, Jack London und andere. Ich kehre zu dieser Geschichte zurück, um über sie hinauszugehen, auf der Suche nach neuen Wegen, Landschaft und ästhetische Erfahrung zu thematisieren, wobei ich romantische Klischees bewusst vermeide. Romantische Motive, etwa der Zusammenbruch, dienen meinen Arbeiten oft als Ausgangspunkt.“</em></p>
<h3><strong>Assoziative Suche</strong></h3>
<p>Allmählich wird deutlich, dass das entscheidende Paradigma in Kononovas gesamtem künstlerischem Arbeiten diese diskontinuierliche, fragmentarische und scheinbar unvollständige Einheit von Beziehungen ist – übertragen in die Sphäre einer strengen, unerbittlichen räumlichen Nostalgie, in die assoziative Suche nach anderen Landschaften, die unserem Gedächtnis die Fähigkeit verleihen, Zeit zu bezeugen: all das, was materiell geworden ist und sich ausschließlich der Wahrnehmung erschließt.</p>
<p>In Bezug auf Erwin Straus’ unschätzbare Erfahrung, dargelegt in seinem Buch <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/philosophy-of-science/article/abs/erwin-straus-the-primary-world-of-senses-a-vindication-of-sensory-experience-translated-by-jacob-needleman-new-york-the-free-press-of-glencoe-1963-xvi428-pp-825/434A2B6826A04BCFAEC71F986C149319">„The Primary World of Senses: A Vindication of Sensory Experience“</a> (1963), hält Georges Didi-Huberman in „Génie du non-lieu. Air, poussière, empreinte, hantise“ (2001) fest, dass <em>„wahrnehmen nicht heißt zu wissen, sondern dem Wahrgenommenen seine Kraft und sein Geheimnis zu belassen“</em>. Sich der Wahrnehmung zu überlassen bedeutet daher, eines festen Standpunkts beraubt zu werden: Denn wir nehmen Raum wahr, um <em>„seine Perspektive zu kennen“</em>, oder wir empfinden einen Ort, um seine Immanenz und Undurchdringlichkeit zu erfahren. Mehr noch, so Didi-Huberman, ist <em>„Wahrnehmung keineswegs eine ‚innere Form‘ des Wissens“</em>. Sie gehört notwendigerweise zur ästhetischen Ordnung der Erkenntnis: <em>„Wahrnehmen heißt, in Kontakt zu treten … aber wahrnehmen heißt zugleich, Distanz zu erfahren.“</em></p>
<p>Gerade hier offenbarte sich das Genie von Straus – in seinem Verständnis der Distanz als einer raumzeitlichen Form des Wahrnehmens überhaupt. Bei Georges Didi-Huberman heißt es, die taktile Empfindung selbst werde <em>„durch eine Annäherung eingeleitet, die im Leeren beginnt und dort endet, wo sie sich erneut im Leeren wiederfindet“</em>. Wir <em>„haben“</em> Empfindungen also nicht; streng genommen ist jede Empfindung eine Bewegung, die uns unaufhörlich vom Objekt der Berührung in die Distanz trägt. Der daraus hervorgehende Zustand erkennt keine objektivierbaren Grenzen mehr an; er berücksichtigt nicht einmal die gewohnte räumliche Unterscheidung zwischen Innen und Außen. Kurz gesagt: Wahrnehmen – sowohl im Sinne der Perzeption als auch der Repräsentation – gehört nicht der Ordnung des Raums an, sondern jener des Ortes.</p>
<div id="attachment_7844" style="width: 251px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7844" class="wp-image-7844 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-241x300.png" alt="" width="241" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-200x249.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-241x300.png 241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-400x497.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-600x746.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1-768x955.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-1.png 785w" sizes="(max-width: 241px) 100vw, 241px" /><p id="caption-attachment-7844" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie <a href="https://www.yanakononova.com/peatontologies">Peat Ontologies</a>. © Yana Kononova.</p></div>
<p>Vor diesem Hintergrund sind Kononovas fotografische Arbeiten nicht nur – und nicht in erster Linie – ein Abdruck realer Zeit, sondern vielmehr eine bedingte Projektion eines mentalen Bildes, eines inneren Blicks, einer (sinnlichen) Imagination, die durch Prismen von Empfindungen, Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen gebrochen wird – temporalisiert und erfahren im Kontext ihrer eigenen Lebensgeschichte. Auf diese Weise entsteht und formt sich eine Einheit von empirischem Raum und Zeit, eine ästhetische Erfahrung, die Kononova als eine <em>„Erfahrung des Reichtums einer Anwesenheit, die nicht mehr ist“</em>, lebt.</p>
<p>Doch neben den Empfindungen einer feineren, immateriellen Ordnung, die uns anvertraut sind, konfrontieren Kononovas Arbeiten die Welt mit einer intensiven, taktilen und nahezu unheimlichen Visualität. Jedes sichtbare Objekt, das von ihrer sensiblen Kamera erfasst wird – so ruhig und neutral es nach außen hin auch erscheinen mag –, erscheint als eine unausweichliche Modalität des Sichtbaren, die uns dazu auffordert, genauer hinzusehen und zu fühlen. Diese „<em>unausweichliche Modalität des Sichtbaren</em>“ („<em>l’inéluctable modalité du visible</em>“), an die Didi-Huberman in „<a href="https://www.leseditionsdeminuit.fr/livre-Ce_que_nous_voyons,_ce_qui_nous_regarde-2041-1-1-0-1.html">Ce que nous voyons, ce qui nous regarde</a>“ (1992) im Anschluss an Joyce („<em>ineluctable modality of the visible</em>“ in „Ulysses“) anknüpft, <em>„verwandelt jede optische Fläche, die wir sehen, in eine visuelle Kraft, die zu uns zurückblickt, insofern sie ein anadyomenes, rhythmisches Spiel von Oberfläche und Tiefe, von Ebbe und Flut, von Erscheinen und Verschwinden freisetzt“</em>.</p>
<p>Mit anderen Worten: Das, was wir sehen, und das, was uns anblickt, ist dazu bestimmt, die Frage nach dem Inneren und nach dem, was unser Sehen ausmacht, aufzuwerfen – <em>„indem es an die Berührung, an die Zärtlichkeit appelliert“</em>. Kononova selbst formuliert es so: <em>„Ich suche nach den taktilen Qualitäten des fotografischen Bildes und verweile an der Schwelle zwischen der materiellen Sensibilität der fotografischen Oberfläche und dem Akt der Repräsentation. Dieses Spektakel begreife ich nicht als Form der Unterhaltung, sondern als Behältnis für die verborgene Übertragung von Schmerz, für die Folgen von Gewalt, Konflikt oder Spannung, die die Landschaft prägen.“</em></p>
<p>Mit geradezu evangelischer Beharrlichkeit <em>„befreit“</em> Kononova das fotografische Bild von der demütigenden Reduktion auf Selbstverständlichkeit oder sentimentale Projektion; ebenso wenig geht es ihr um die Konstruktion eines existentialistischen Raums. Vielmehr scheint das Werk die Macht der visuellen Repräsentation weiter auszuloten – eine Macht, die nicht nur der Montage als entscheidendem epistemologischem Instrument zukommt, sondern, <a href="https://www.leseditionsdeminuit.fr/livre-Ce_que_nous_voyons,_ce_qui_nous_regarde-2041-1-1-0-1.html">Didi-Huberman</a> folgend, auch der dem Medium eigenen Fähigkeit, Tiefe zu erschließen, das Sichtbare mit dem Unsichtbaren in Beziehung zu setzen und jene <em>„isolierte, vollkommene und ‚abgesonderte‘ visuelle Fülle“</em> zu vermitteln, die dem Bild innewohnt, das uns anblickt.</p>
<h3><strong>Kunst mit dem Körper</strong></h3>
<div id="attachment_7845" style="width: 372px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7845" class="wp-image-7845" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-300x241.png" alt="" width="362" height="291" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-177x142.png 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-200x161.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-300x241.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-400x322.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-600x483.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-768x618.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-800x643.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3-1024x823.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Peat-Ontologies-3.png 1052w" sizes="(max-width: 362px) 100vw, 362px" /><p id="caption-attachment-7845" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie <a href="https://www.yanakononova.com/peatontologies">Peat Ontologies</a>. © Yana Kononova.</p></div>
<p>Kurz nach meiner Rückkehr aus Kyjiw verlagerte sich meine Kommunikation mit Yana auf Telefongespräche. <em>„Mich interessiert ein bestimmtes Kraftfeld, die Weisen der Selbstproblematisierung der Landschaft ebenso wie deren Konstruktion“</em>, erhielt ich per SMS eine knappe Skizze ihrer Überlegungen. <em>„Gerade deshalb spreche ich von der Performativität der Landschaft, weil ich davon ausgehe, dass sich ihre Bedeutung aus den Weisen ihres Handelns heraus bildet; ich konstituiere sie als eine Art Bühnenraum, um den Betrachtenden die Möglichkeit zu geben, einzutauchen, ihn gleichsam als Phantom zu betreten. Aus diesem Eintauchen heraus soll sich ein bestimmter Bann, ein Gefühl des Verlorenseins einstellen.“</em></p>
<p>Die Gegenstände ihres Forschungsinteresses, wie sie im Medium sichtbar werden, sind zu konkret, zu materiell und zugleich zu verstörend, um etwas Unausweichliches, Abschließendes zu bezeichnen; sie lassen das Ende offen und laden die Betrachtenden zu einer Nähe zum Medium ein – dazu, die eigene Version dessen, was wir sehen, in dem, was uns anblickt, gleichsam berührt, denkend, fühlend und reflektierend zu durchdringen. Entsprechend erzeugt die Materialität eine Botschaft, die uns immer wieder von der Kraft des Ausdrucks überzeugt, in uns eindringt und Besitz von uns ergreift.</p>
<p>Die Arbeiten bemessen sich an Taktilität und körperlicher Nähe; sie verlangen nach leiblicher Beteiligung – etwa in der technischen Vorbereitung der analogen Kamera für die Aufnahme oder in jenen Manipulationen der Bildkader, die Kononova mit großer Sorgfalt vornimmt und die sie durch mühevolle, intensive und langandauernde Arbeit mit der Fotografie zutiefst persönlich werden lässt. Sie wählt die schwierigsten Trajektorien und nähert sich, die Kamera in der Hand, den Objekten ihrer Feldforschung – Geografien mit komplexem Schicksal und komplexer Zeitlichkeit – bis auf geringste Distanz, um sie zu erfassen und uns in sie hineinzuziehen: in die Tiefe der Erzählung, an jenen Ort, an dem <em>„das Erhabene mit dem Fremden kollidiert“</em> (aus Forschungsnotizen, die Yana Kononova der Autorin zur Verfügung gestellt hat), und uns etwas Flüchtiges, zugleich aber Wesentliches offenbart.</p>
<p>Ihre <em>„letzte“</em> Visualität und ihre Fähigkeit zur Ontologisierung verdanken Kononovas Arbeiten vielleicht am meisten dem belgischen Romantiker und Misanthropen <a href="https://www.artforum.com/features/sermon-on-the-mound-thierry-de-cordier-201272/">Thierry De Cordier</a>, aus dessen Werk sie schöpft. Alle unsere Überlegungen zu einer den Blick bannenden Visualität brachte <a href="https://utopiaparkway.wordpress.com/tag/thierry-de-cordier/">De Cordier</a> auf ein einziges Wort: <em>„Arbeit“</em>. <em>„An einem Bild, das funktioniert, ist nichts Gefälliges (sonst ist es bloß ein Bild oder etwas Dekoratives). Funktionsweisen, nichts als Funktionsweisen. Nicht die Landschaft als solche, nicht ihre Darstellung, sondern einzig die Art und Weise, wie sie funktioniert. Für mich ist das das eigentliche Wesen der Malerei. Etwas anderes als der hochgradig suggestive Charakter eines romantischen Bildes.“</em></p>
<p>Vor seinen hypnotischen Arbeiten wurde dem sensiblen Betrachter unmissverständlich klar, dass es hier keineswegs um Romantik ging. <a href="https://ensembles.org/actors/thierry-de-cordier">Hans Willemse</a> beobachtet: De Cordiers Blick war stets in den Boden gedrückt, und die künstlerische Erfahrung beugte sich immer dem <em>„Material der Erde“</em>, während der Geist seiner Arbeiten gleichsam in einer <em>„romantischen, literarischen Wolke“</em> schwebte, die längst in die Poren der Werke eingesickert war. Dieselbe Erhabenheit und dieselbe <em>„irdische Erfahrung“</em> sind bei Kononova miteinander verschränkt, monolithisch, scheinbar auf das unendlich Kleine konzentriert, in sich selbst geschlossen.</p>
<h3><strong>Schwellen</strong></h3>
<div id="attachment_7850" style="width: 396px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7850" class="wp-image-7850" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-300x200.png" alt="" width="386" height="257" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-200x133.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-300x200.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-400x267.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-600x400.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-768x512.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-800x533.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1-1024x683.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Thresholds-1.png 1185w" sizes="(max-width: 386px) 100vw, 386px" /><p id="caption-attachment-7850" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie Thresholds. © Yana Kononova.</p></div>
<p>Kononovas Reiserouten sind essayistisch (hier beziehe ich mich auf Marc Augés Konzept der <em>„Nicht-Orte“</em> in „<a href="https://www.scribd.com/document/536332304/Marc-Auge-1992-Non-Lieux-English">Non-lieux</a>“, 1992). Jedes Mal, wenn sie aufbricht, um das Verschwinden lebenswichtiger Biotope zu erkunden und zu dokumentieren, finden diese Erfahrungen unmittelbar Eingang in die Sprache und verwandeln sich in kurze Erzählungen und Zeugnisse, die sorgfältig in ihren Feldnotizbüchern festgehalten werden: <em>„Meine Expeditionen betreffen überwiegend den südlichen Teil des Moors, der als erster unter dem Torfabbau gelitten hat. Vielleicht rührt die besondere Exotik dieser Wälder – ihre Fremdheit – aus ihrer doppelten Natur. Das Moor weist wiederkehrende Muster auf, die künstlichen Ursprungs zu sein scheinen; zugleich ist dieses organisierte Chaos aus schwammigen Labyrinthen vollkommen unmenschlich. Es entstand ein tiefes Verständnis dafür, wie die leibliche Erfahrung des Durchquerens des Moors sämtliche kulturellen Klischees, Aberglauben und Mythen, die es umgeben, zu zerschlagen vermag.“</em></p>
<p>Es erscheint berechtigt, dieses eigentümliche, in das Objektiv projizierte Terrain als ein dialektisches zu begreifen, das Kononova sichtbar macht: ein Ort, der sich unaufhörlich verändert und verwandelt, der verbirgt und zugleich auf Tiefe verweist. Wir sind bereits eingeladen, in diese eigenständige, kalligrafische und düstere organische Materie des Bildraums einzutreten, und das, was wir als inneren Raum erfassen, erscheint uns weder zwanghaft fokussiert noch homogen oder abstrakt. Indem wir der übrigen Welt den Rücken kehren, erfahren wir ein beinahe schwindelerregendes Gefühl, uns <em>„</em><a href="https://www.uhi.ac.uk/en/archaeology-institute/our-research/research-projects/oceanoftime/blog/deep-time-materials-peat.html"><em>von Angesicht zu Angesicht mit etwas zu befinden, das tief unter der Oberfläche liegt, tief unter der Gegenwart</em></a><em>“</em>.</p>
<p>Das Irdyń-Moor (Irdyn-Sumpfland, Irdyńskie Błota) ist kein Topos im herkömmlichen Sinne des Wortes, sondern vielmehr ein nicht vom Menschen gemachter Ort, ja ein <em>„Nicht-Ort“</em>, der seine eigenen Gesetze diktiert und über ein eigenes <em>„Ego“ </em>verfügt. Hier ist alles der Zeit unterworfen: Das Alter des Torfs lässt sich – wie das von Bäumen oder Gletschern – in Jahrtausenden messen, doch sein Verschwinden kann jederzeit eintreten und zwingt uns, die Fragilität unserer Beziehung zu diesem scheinbar unproduktiven Teil der Erde zu spüren.</p>
<p>Die Serie <em>Thresholds</em> (2024) umfasst Kompositionen, die über drei Jahre Krieg hinweg entstanden sind – durch das Zusammenfügen, Verbinden und Verschmelzen raumzeitlicher Landschaftsfragmente, festgehalten auf dichtem Schwarzweiß-Zelluloid, dem für Kononova wichtigsten Informationsträger. In dieser collageartigen <em>„Verwirrung“</em> lässt sich noch die insulare Identität des Donaudeltas erkennen, dicht überwuchert von majestätischen Weiden, wo vor Beginn der russischen Aggression Büffel und Löwen – Relikttiere, die zu Bewohnern der Insel wurden – angesiedelt worden waren; zugleich jedoch gleitet der Blick weiter zu Landschaften, die durch militärische Gewalt zerschnitten und vernarbt sind, übereinandergeschichtet zu barbarischen Szenen der Zerstörung, zu tödlichen Fragmenten geschmolzenen Metalls.</p>
<p>„<em>Ebenfalls präsentiert werden hier Territorien, die in sowjetischer Zeit im Rahmen eines ambitionierten Projekts planetarischer Industrialisierung überflutet wurden – infolge des Baus von Wasserkraftwerken entlang des Dnipro. Hinzu kommen Landschaften, die nach der Zerstörung des Kachowka-Staudamms durch russische Truppen und der darauffolgenden Absenkung des Kachowka-Stausees freigelegt wurden. Schließlich bestehen die zentralen Elemente des Dioramas Belagerung von Ismail aus Fragmenten, die von der Erstürmung der osmanischen Festung Ismail durch das Russische Reich berichten – einem Ereignis, das in Massakern und Plünderungen endete. Diese Fotografien entstanden in einer Kapelle auf dem Gelände des Museums in der Stadt Ismail, die heute unter ukrainischer Hoheit steht</em>“ (aus Kononovas Forschungsnotizen).</p>
<p>Die faszinierend synkopierten Landschaften scheinen zwischen diskursiver Barbarei und poetischer Überhöhung gefangen, zwischen erdverbundenem Traditionalismus und einem romantischen Dunst. Auf den ersten Blick verdunkelt dies die Wahrnehmung ihrer Arbeiten, doch Kononova versteht es, Schönheit und emotionale Widerständigkeit freizulegen, die sich im Staub, in der Erosion, im Verfall und in den Ruinen einer Welt manifestieren, die in die letzten Phasen eines permanenten Ausnahmezustands treibt. Ein solcher Ansatz mag bisweilen affektiert erscheinen, doch er ist ebenso bewusst gesetzt wie eine <em>„Kraftlinie“ </em>im dynamischen Geheimnis der Fragmente, haptisch und taktil, die dazu neigen, sich mit erschreckender Effizienz zu Ballungen zu verdichten und sich ineinander auszudehnen, im Einvernehmen mit <em>„der klassischen Geometrie mittelalterlicher Altäre und zugleich mit dem romantischen Motiv eines Friedhofseingangs“</em> (aus Kononovas Forschungsnotizen).</p>
<p>Die Grenzen selbst sind radikal aufgebrochen, zerschnitten, mitunter verschränkt und ineinander verschoben; sie gleichen vielmehr Intensitätsverschiebungen, <em>„Schwellen“</em>, die in nebelhafte Felder des Kontextuell-Schizophrenen oder des Fantastischen führen, mit denen diese Collage einer <em>„zeitgenössischen Geohistorie“</em> (um Kononova zu zitieren) konspiriert. Und doch besitzt Kononova den Willen und den Intellekt, diese unbändigen Intensitäten zu bändigen und auszubalancieren – gleichsam im Leeren schwebend, <em>„nun endlos hervorbringend, nun zusammenbrechend und eruptierend in beständigen Versuchen, das verschobene Zentrum der gesamten Komposition zu kontrollieren“</em>. Und dennoch wirkt dieser Ansatz <em>„befreiend“</em>.</p>
<h3><strong>Metaphern eines Bruchs</strong></h3>
<div id="attachment_7847" style="width: 374px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7847" class="wp-image-7847" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-300x240.png" alt="" width="364" height="291" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-177x142.png 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-200x160.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-300x240.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-400x320.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-600x481.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-768x615.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-800x641.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-1024x820.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2-1200x961.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-2.png 1206w" sizes="(max-width: 364px) 100vw, 364px" /><p id="caption-attachment-7847" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie Radiations of War. © Yana Kononova.</p></div>
<p>Kononovas Landschaften – seien es jene, die in ihren eschatologischen Visionen erscheinen, oder jene, die sie gemeinsam mit den Streitkräften <em>„patrouilliert“</em> – sind heute übersät mit Mauerfragmenten, mit den verwesenden Körpern von Menschen und Tieren, mit aschgrauen Ödlandschaften. Die zerstörten Städte, in denen sie Halt macht, sind von der gespenstischen Präsenz jener bewohnt, denen es gelungen ist, den Schlingen der genozidalen Armee zu entkommen. Wie viele andere Intellektuelle, die sich unter Gefährdung des eigenen Lebens in Kriegsgebiete begeben, ist sie von einem Verantwortungsgefühl und vom Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit, an die Unvermeidlichkeit der Vergeltung durchdrungen; unbeirrbar legt sie sich selbst die Pflicht auf, andere über das Geschehen zu informieren.</p>
<p>Mit dem Beginn der großangelegten Invasion wurde die Feldforschung an Orten, die die Schrecken russischer Kriegsverbrechen erlebt hatten, für Kononova zu etwas Gewöhnlichem, ja zu etwas <em>„Prozeduralem“.</em></p>
<p>Um Kononovas Installation <em>Izyum Forest</em> zu sehen, musste ich die „<em>Disjunktionen“</em> zwischen dem Festland und den Inseln Venedigs überwinden, mich mühsam im Raum der <em>„Stadt auf dem Wasser“ </em>orientieren, um schließlich den Ausstellungspavillon des PinchukArtCentre zu erreichen und – dem Algorithmus einer langsamen Betrachtung des Panoramas folgend – meinen Blick gleichsam <em>„freizulegen“</em>. Im frühen Herbst 2022 erfüllte der Geruch des Todes die Luft des Waldes von Izyum, und als die Massenexhumierungen begannen, war er so dicht, dass er sämtliche anderen Düfte früheren Lebens vollständig verdrängte. Der Septembernebel schien wie aus dem Nichts zu kommen, verdichtete sich in dieser friedhofsartigen Stille und kroch selbst in Räume vor, die zuvor abwesend gewirkt hatten.</p>
<p>Die Szenografie einer sich <em>„entfaltenden Zeit“</em> (um sich auf einen Begriff von Georges Didi-Huberman in <a href="https://www.leseditionsdeminuit.fr/livre-Devant_l%E2%80%99image-2040-1-1-0-1.html">„Devant l’image – Question posée aux fins d’une histoire de l’art“</a>, 1990, zu beziehen; „<em>le déploiement du temps“</em>) verstärkte den Eindruck einer gespenstischen Präsenz in diesem bühnenhaften Raum, in dem die Exhumierenden, in Polyethylen gehüllt, über die Betrachtenden hinweg oder durch sie hindurchzublicken schienen, als nähmen sie sie überhaupt nicht wahr.</p>
<p>Kononova kommt mühelos ohne jene <em>„rudimentären“</em> Bequemlichkeiten des Sehens aus, wie sie ein glatt sich entfaltendes Panorama eines Ereignisses oder die Möglichkeit bieten, den Blick ununterbrochen über eine Oberfläche gleiten zu lassen. Stattdessen <a href="https://elle.ua/stil-zhizni/afisha/yana-kononova/">setzt sie auf die Gebrochenheit der Wahrnehmung</a>, auf Risse und Inkongruenzen als Metaphern eines raumzeitlichen Bruchs, an dem <em>„die Bewegungen, Gesten oder die Kommunikation von jemandem abgeschnitten werden“</em> und in dessen Folge die Zeitlichkeit selbst fragmentarisch wird: <em>„Es war wichtig, die Inkongruenzen zwischen den Teilen des Panoramas zu belassen … Auf diese Weise wollte ich die Fragmentarität unserer Wahrnehmung artikulieren, die Unfähigkeit, ein tragisches Ereignis vollständig anzunehmen und zu begreifen.“</em></p>
<p>Alle Körper, alles, was von ihnen geblieben war, ihre Spuren, Namen und Geschichten, wurden ausgelöscht, in weiches Polyethylen gehüllt. Der Tod liegt hier jenseits des Sichtbaren, im Bereich des Symbolischen, verhüllt von einem <em>„poetischen“</em> oder <em>„abstrakten“</em> Bildsystem. Er ist durch nichts <em>„markiert“</em> – und doch lässt sich seine verborgene Präsenz in ihrer ganzen Fülle und Tragik in den Gesichtern der Sanitäter:innen lesen: jener Menschen, die mit den Toten konfrontiert sind und um Identifikation und Erinnerung bitten.</p>
<div id="attachment_7848" style="width: 251px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7848" class="wp-image-7848 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-241x300.png" alt="" width="241" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-200x249.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-241x300.png 241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-400x497.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-600x746.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-768x955.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-800x995.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1-824x1024.png 824w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Yana-Kononova-Radiations-of-War-1.png 1200w" sizes="(max-width: 241px) 100vw, 241px" /><p id="caption-attachment-7848" class="wp-caption-text">Yana Kononova, aus der Serie Radiations of War. © Yana Kononova.</p></div>
<p><em>„Vor der Invasion“</em>, gibt Kononova zu,<em> „hatte ich keinerlei Erfahrung als Kriegsreporterin, und so wurden diese Reisen für mich zu einer intimen, unmittelbaren Begegnung mit dem Schmerz. Der Krieg schien Löcher in die Erde gerissen zu haben, durch die der Schmerz in einem endlosen Strom hervorquoll, das Planetarische und das Menschliche des Daseins miteinander verschmolz und ein unauflösliches Band zwischen den Lebenden und jenen schuf, die eines schrecklichen, ungerechten Todes gestorben sind.“</em></p>
<p>Als fotografische Zeugin erkundet Kononova Territorien an den äußersten Grenzen der Gewalt – in jener Gestalt, in der sie als Anrede oder Appell erscheint: als Versuch, eine emotionale und moralische Reaktion auf das Gesehene hervorzurufen, es über das <em>„Gewöhnliche“</em>, das Gewohnte hinauszuführen und <em>„gängige Vorstellungen von Gerechtigkeit und Vergeltung infrage zu stellen“</em>.</p>
<p>So verwandelt sich die Insel der Herkunft – als eines der Objekte von Kononovas künstlerischen Untersuchungen, die Insel mit ihren jahrhundertealten Transformationen und Metamorphosen – in eine erhabene Metapher nationaler wie auch planetarischer Zeugenschaft: in dem Moment, in dem jede <em>„regionale“</em> Katastrophe, jeder Akt der Gewalt in aller Schärfe sichtbar wird und Sorge um das Schicksal der gesamten Menschheit hervorruft. Die Künstlerin beobachtet weiter, hält fest, legt Zeugnis ab, warnt – und erinnert uns daran, dass die heutigen Kriegsverbrechen aufgehalten und beseitigt werden müssen, bevor sie sich in eine irreversible Bedrohung der modernen Zivilisation verwandeln.</p>
<p><strong>Lesia Smyrna, Kyjiw</strong></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Februar 2026, Übersetzung aus dem Ukrainischen: Pavlo Shopin, Drahomanow Universität Kyjiw. Eine englische Fassung des Beitrags erschien in der Zeitschrift <a href="https://krytyka.com/en/articles/a-journey-into-the-darkness-of-time">Krytyka</a>. Titelbild: Yana Kononova, aus der Serie Thresholds. Für alle Bildnachweise einschließlich des Titelbilds gilt © Yana Kononova. Wir danken Lesia Smyrna und Yana Kononova für die Überlassung der Bilder auch für die deutsche Fassung. Die für die Entstehung des Beitrags erforderliche Forschung wurde vollständig vom Austrian Science Fund (FWF) gefördert (Grant-DOI: 10.55776/V1034). Für Zwecke des Open Access hat die Autorin eine CC-BY-Lizenz auf alle aus dieser Einreichung hervorgehenden akzeptierten Manuskriptfassungen angewandt. Alle Internetzugriffe zuletzt am 5. Februar 2026.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-der-zaertlicheit/">Jenseits der Zärtlichkeit – Gedanken über die Zukunft eines Gefühls nach Butscha</a>, deutsche Fassung im Dezember 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> (dort auch weitere Informationen zur Autorin).</p>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-autonome-republik-mascha-kulikovska">Die Autonome Republik Mascha Kulikovska – Feministin, Rebellin, Konzeptkünstlerin, Performerin</a>, deutsche Fassung im Dezember 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p>Corinna Heumann, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/atwoodian-utopias">Atwoodian Utopias – Zerbrechliche Menschlichkeit – nicht nur ein Kunstprojekt</a>, erschienen im September 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kunst-mit-dem-koerper/">Kunst mit dem Körper</a> – Die Künstlerin und Kulturmanagerin Regina Hellwig-Schmid über Heldinnen, anlässlich einer Ausstellung im Frauenmuseum Bonn, erschienen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im August 2025.<u></u></p>
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<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-reise-in-die-dunkelheit-der-zeit/">Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
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		<title>Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 08:13:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Rein oder raus? Immer rund um die Mitte! Aspekte und Kontexte der Bielefelder Mitte-Studie 2025 „Heute erleben wir eine sich beschleunigende, weltgesellschaftlich verfasste Transformation, die die Ordnungen und Kulturen der Nachkriegsepoche endgültig beendet und von den sozial-ökologischen Herausforderungen über geopolitische Verschiebungen bis zu krisenhaften Umwälzungen der liberalen Demokratien reicht. Wer die Probleme von Rechtsextremismus  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!</strong></h1>
<h2><strong>Aspekte und Kontexte der Bielefelder Mitte-Studie 2025</strong></h2>
<p><em>„Heute erleben wir eine sich beschleunigende, weltgesellschaftlich verfasste Transformation, die die Ordnungen und Kulturen der Nachkriegsepoche endgültig beendet und von den sozial-ökologischen Herausforderungen über geopolitische Verschiebungen bis zu krisenhaften Umwälzungen der liberalen Demokratien reicht. Wer die Probleme von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus in Deutschland verstehen will, muss diese weltgesellschaftlichen Formierungsprozesse in Geschichte und Gegenwart einbeziehen.“ </em>(Raj Kollmorgen, Mittendrin – In der Transformation im Osten, in: Andreas Zick / Beate Küpper / Nico Mokros / Marco Eden, Hg., Die angespannte Mitte – Rechtsextreme und Demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2024/2025, Dietz 2025)</p>
<p>Die sogenannte <a href="https://www.fes.de/mitte-studie/news-seite">„Mitte-Studie“ des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld</a> erscheint regelmäßig alle zwei Jahre, jeweils im Wechsel mit der früher auch als „Mitte-Studie“, inzwischen jedoch als <a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie">„Autoritarismus-Studie“</a> bezeichneten Studie der Universität Jena. Die Bielefelder Studie wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Jenaer Studie von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben. Beide Studien geben Auskunft über Einstellungen in der deutschen Bevölkerung zu verschiedenen Themen im Hinblick auf Sympathie oder Ablehnung der <em>„Demokratie“</em> und nicht zuletzt zu Aussagen, die als anschlussfähig für Rechtspopulismus und Rechtsextremismus gelten können. <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=112507">Andreas Zick</a>, wissenschaftlicher Direktor des Bielefelder Instituts, bezeichnet die Bielefelder Studie in seiner Einführung als <em>„Seismograph für demokratische und antidemokratische Strömungen im Land“</em>. Dies ließe sich auch für die Jenaer Studie sagen. Beide Studien ergänzen sich vorzüglich.</p>
<h3><strong>Inhalte der Studie</strong></h3>
<p>Die beim Bonner Dietz-Verlag erschienene Dokumentation der 2025er Studie enthält Beiträge von 19 Autor:innen und Interviews mit fünf weiteren Expert:innen. Sie gliedert sich in 12 Teile mit Beiträgen der Autor:innen. Einige Teile bieten ergänzende Rubriken, die Rubrik „Im Focus“ , in der die Inhalte des jeweiligen Kapitels zugespitzt werden, sowie die Rubrik „Mittendrin“, in der ausgewiesene Expert:innen die Ergebnisse der Studie kommentieren, so wie beispielsweise <a href="https://trawos.hszg.de/team/mitglieder/prof-dr-raj-kollmorgen">Raj Kollmorgen</a> im achten Kapitel „Raum, Daseinsvorsorge und Demokratie“.</p>
<p>Die beiden ersten Kapitel bieten eine Einordnung der Studie in aktuelle Entwicklungen (ergänzt durch einen Ausblick auf Österreich in einem Interview mit <a href="https://linguistik.univie.ac.at/ueber-uns/im-ruhestand/ruth-wodak/">Ruth Wodak</a>) und die Tradition der Vorläuferstudien sowie einen Einblick in die methodischen Grundlagen. Die zehn konkretisierenden Kapitel befassen sich mit Rechtsextremismus (darin in den Rubriken „Fokus“ und Mittendrin“ die Themen „Politische Gewalt“ und „Tödliche Gewalt gegen wohnungslose Menschen“), Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (darin im Fokus „Maskulinismus und Antifeminismus“ sowie ein Interview mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/romeo-und-julia-mit-happy-end/">Saba-Nur Cheema und Meron Mendel</a>), „Demokratievorstellungen und Demokratiewahrnehmung“ (darin ein Interview mit <a href="https://dietz-verlag.de/autor/2354/souad-lamroubal">Souad Lamroubal</a> zur „Mehrheitsmigrationsgesellschaft“), „Libertär-autoritäre Versuchungen“, „Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit“, „Raum, Daseinsvorsorge und Demokratie“ (darin das zu Beginn zitierte Interview mit Raj Kollmorgen), „Lebenszufriedenheit, Gesundheit und ein Rückblick auf die Coronapandemie“, „Sozialisation durch die Eltern und der Rechtsextremismus“, „Schule als ideologische Kampfarena oder Rettungsanker der Demokratie“, last but not least mit der Politischen Bildung.</p>
<p>In allen Kapiteln geht es – vereinfacht gesprochen – durchweg um die Frage, wie sich eine angenommene <em>„Mitte“</em> der Gesellschaft zu Demokratie und Rechtsextremismus positioniert. Andreas Zick und Nico Mokros nennen in ihrem Beitrag zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ folgenden <em>„zentralen Befund“</em>: <em>„Die unterschiedlichen menschenfeindlichen Einstellungen hängen in der Weise systematisch miteinander zusammen, dass die Zustimmung zu einer der Aussagen in der Regel mit der Zustimmung zu weiteren Aussagen einhergeht. Im Mittelpunkt steht dabei seit jeher die sogenannte <u>Ideologie der Ungleichwertigkeit</u>.“</em> Anders gesagt: Es gibt Tendenzen von Selbstzuschreibungen in der <em>„Mitte“</em> der Gesellschaft, sich und das eigene Umfeld als eine homogene Gruppe zu begreifen. Möglicherweise ließe sich sogar von einer Art negativer Intersektionalität sprechen, die sich in den Einstellungen großer Teile der Bevölkerung verbreitet.</p>
<p>Prominent angesprochen werden in der Studie neben der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ die Themen Klimaschutz, Sozialpolitik und Bildungspolitik. Allerdings gibt es auch mehrere Punkte, die in der Studie, zumindest in der Dokumentation, aus meiner Sicht nicht ausreichend bedacht werden. So fehlt es an Hinweisen zu <em>„Mitte“</em>-Debatten und -Strukturen in migrantischen Milieus, nicht zuletzt auch in Bezug auf islamistische Aussagen und zu eigenen <em>„Mitte“</em>-Strukturen in migrantischen Milieus. Dies lässt sich durch das lesenswerte Interview mit Souad Lamboural leider nicht kompensieren, auch nicht durch die Thematisierung von Rassismus im Kapitel zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“.</p>
<h3><strong>Ist die „Mitte“ vielleicht so etwas wie Familie?</strong></h3>
<p>Souad Lamboural bringt das politische Problem einer <em>„Mehrheitsmigrationsgesellschaft“</em> auf den Punkt: <em>„Stehen Deutschsein und Vielfalt im Widerspruch? Demokratie ist ein Schutz, aber wen schützt sie wirklich?“ </em>Als einander gegenüberstehenden Pole identifiziert Souad Lamroubal <em>„Integration“</em> und <em>„Selektion“</em>. Während der Begriff der <em>„Integration“</em> ebenso wie der <em>„Mitte“-</em>Begriff ausgesprochen unscharf ist, ist <em>„Selektion“</em> sehr konkret: Der Begriff lässt sich nicht mehr auf das soziologisch erfassbare Phänomen der Segregation begrenzen, sondern konnotiert gewaltsame Deportationen – Stichwort <em>„Remigration“</em> – bis hin zu Ermordungen. Wie sich jedoch migrantische Communities intern gegenüber Mehrheitsgesellschaft beziehungsweise untereinander in Streitigkeiten, beispielsweise zwischen Türken und Kurden oder Aleviten, positionieren, wäre eine für zukünftige <em>„Mitte“-</em>Studien wichtige Frage, um die aktuellen Konflikte in der deutschen Gesellschaft und Politik besser zu verstehen. Souad Lamroubal analysiert die Perspektiven ausgegrenzter beziehungsweise sich ausgegrenzt fühlender Minderheiten: <em>„Man fühlt sich ausgeliefert, weil es einerseits zu wenige Schutzräume für Menschen mit Migrationsgeschichte gibt und die Normalisierung rechtsextremer und / oder rechtspopulistischer Strukturen unaufhaltsam erscheint. Man verliert das Vertrauen in Politik und Justiz. Die größte Gefahr ist eine Desillusionierung oder ein Rückzug aus demokratischen Prozessen, weil die Erfahrung vorherrscht, dass die Demokratie einen nicht schützt.“</em> Auch hier wird <em>„Demokratie“</em> zum pars pro toto oder gar zum Synonym für den Staat, von dem als Leistung Sicherheit erwartet, jedoch nicht erbracht wird.</p>
<p>Letztlich geht es in der Studie um die Frage der Identifikation mit der Staats- und Regierungsform der Demokratie sowie dem Gefühl einer Beheimatung oder Zugehörigkeit. Vor Kurzem sagte mir jemand, Deutschland sei die Heimat, das Land der Herkunft die Mutter. Eine schöne Metapher. <em>„Mitte“</em> ist prosaischer und klingt wissenschaftlicher, aber findet sich in diesem Sprachgebrauch auch ein Ort, an dem man sich – wie es eigentlich ein einer Familie sein sollte – geborgen fühlt? Wenn die Herkunft der <em>„Mutter“</em> delegitimiert wird, verlieren die Betroffenen letztlich mit der Zeit auch das Heimatgefühl. Souad Lamroubal formuliert nicht soziologisch abstrakt, sondern als Ich-Botschaft, <em>„dass ich mich mit einer Mitte identifiziere, die eine neue deutsche Gesellschaft realistisch abbildet. Ich löse mich also von dem alten Begriff der Mitte, einer Mitte privilegierter Einheimischer, und glaube fest daran, dass eine neue Mitte längst entstanden ist. (…). Der Begriff Mitte ist ambivalent. Er löst auf der einen Seite den Wunsch nach Zugehörigkeit aus, kann aber genauso zu Distanz und Ablehnung führen, vor allem dann, wenn sich rechtspopulistische Parteien damit schmücken, die Partei der Mitte zu sein.“</em></p>
<p>Im Kapitel zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ wird auch Antisemitismus angesprochen, aber auch hier fehlt ein Bezug zu Positionierungen innerhalb der jüdischen Communities, die ebenso ihre eigenen „Mitte“-Strukturen aufweisen und zugleich auch wegen des weit über 80 Prozent liegenden Anteils von Gemeindemitgliedern, die aus der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind, als migrantisches Milieu betrachtet werden dürfen. Explizit hätten auch Veränderungen in den Einstellungen der Befragten nach dem 7. Oktober 2023 ausführlicher bedacht werden sollen. Dies bleibt Meron Mendel und Saba-Nur Cheema überlassen, die in ihrem Interview betonen, <em>„dass deutlich mehr Menschen antisemitische Einstellungen offen vertreten“</em> und den <em>„fließenden Übergang vom israelbezogenen zum klassischen Antisemitismus“ </em>ansprechen. Schließlich fehlen das Thema Krieg und Frieden, das spätestens seit der russländischen Vollinvasion in der Ukraine vom 24. Februar 2022 die gesellschaftlichen und politischen Debatten (nicht nur) in Deutschland in hohem Maße bestimmt, sowie das Thema der Künstlichen Intelligenzen.</p>
<h3><strong>Die „Mitte“ – ein fast schon mysteriöser Ort</strong></h3>
<p>Der <em>„Mitte“-</em>Begriff wird in der politischen Auseinandersetzung beschworen, um von einer behaupteten <em>„Mitte“</em> abweichende Positionen zu delegitimieren. Er wirkt somit oft als politischer Kampfbegriff. Es ließe sich auf benachbarte Begriffe verweisen wie zum Beispiel <em>„Normalität“ </em>oder <em>„Mehrheit“</em>. Wer sich zur <em>„Mitte“</em> einer Gesellschaft zählt, hat zumindest den Anspruch, zur <em>„Mehrheit“</em> zu gehören. Natürlich ließe sich eine <em>„Mitte“</em> immer weiter schrumpfen, bis sie nur noch ein Mittelpunkt ist, aber in der politischen Debatte wird mit dem Begriff der <em>„Mitte“</em> eher eine Art Mainstream suggeriert, dem sich relativ viele, in der Regel deutlich mehr als 50 Prozent der Bevölkerung anschließen könnten und sollten. Wenn ergänzend oder alternativ der Begriff der <em>„Normalität“ </em>angeführt wird, kommt eine moralisierende Dimension hinzu, im Extremfall in der Wahlkampf-Parole der AfD <em>„Deutschland, aber normal“</em>.</p>
<p><em>„Normalisierung“</em> ist der Parallelbegriff zur <em>„Mitte“</em>, Normalität könnte fast schon als Synonym gelten. Mit einer solchen Parole wird vieles Andere als <em>„anormal“ </em>diskreditiert, letztlich alles, was denjenigen, die den Begriff der <em>„Normalität“</em> verwenden, in einem Land nicht passt. Ähnliches gilt für den von Konservativen für sich beanspruchten, aber von der AfD gerne okkupierten Begriff der <em>„Bürgerlichkeit“</em>. Die Parteiführung von CDU und CSU ist immer wieder herausgefordert zu betonen, dass eine rechnerische Mehrheit von AfD und CDU/CSU keine <em>„bürgerliche Mehrheit“</em> ist. Der Begriff der <em>„Mitte“</em> spielt in diesem Kontext für die AfD keine zentrale Rolle. Sie ersetzt ihn durch den Begriff <em>„Volk“</em>, der <em>„Normalität“</em>, <em>„Bürgerlichkeit“</em> und <em>„Mehrheit“ </em>in sich enthält. Soziologie wird dabei schnell zur Biologie, Götz Kubitschek, Chefideologe der AfD nennt dies <em>„Metapolitik“</em>. Entsprechend wird auch immer von <em>„Natur“</em> und <em>„Unnatur“</em> gesprochen, nicht nur in Bezug auf sexuelle Orientierungen.</p>
<p>Michael Wildt bezieht sich in seinem Buch <a href="https://www.hamburger-edition.de/buecher-e-books/artikel-detail/volk-volksgemeinschaft-afd/">„Volk, Volksgemeinschaft, AfD“</a> (Hamburger Edition, 2017) auf den Begriff der <em>„Bio-Politik“</em> von Michel Foucault, die sich mythisch, zumindest mystifizierend begründet: <em>„Dem Konzept des Volkes als <u>demos</u>, für das Rechtsgenossenschaft und staatsbürgerliche Gleichheit kennzeichnend sind, steht die Vorstellung vom Volk als ethnos gegenüber, in dem imaginierte Abstammungsgemeinschaften, Geschichtsmythen, Phantasmen von gemeinschaftlichem Blut und Boden miteinander verknüpft werden.“</em> Daraus lässt sich schließen, dass Demokratie in eine Art Biokratie, bei religiöser Überhöhung in der Form einer Theokratie umschlagen kann. Eine Theokratie beginnt, wenn sich religiöse und politische Führer miteinander verbünden, um im Zweifel eine Art heilige Kriege zu führen, in den Worten von Michel Foucault in „Der Wille zum Wissen“ (zitiert nach Michael Wildt): <em>„Man könnte sagen, das alte Recht, sterben zu <u>machen</u> oder leben zu <u>lassen</u>, wurde abgelöst von einer Macht, leben zu <u>machen</u> oder in den Tod zu <u>stoßen</u>.“</em></p>
<p>Andreas Zick spricht die fehlende Schärfe des <em>„Mitte“</em>-Begriffs in seinen Beiträgen mehrfach offen an: <em>„Das Mitte-Modell bietet eine Orientierung. Es fordert die Gesellschaft auf, sich zu öffnen und alle Menschen einzubeziehen. Es verpflichtet die Politik, konsensfähig zu sein. Die ‚Mitte‘ kann verbinden und eine ausgleichende Kraft entfalten. Doch sie läuft Gefahr, demokratiefeindliche Tendenzen zu übersehen.“</em> Andreas Zick spricht von einer <em>„Zerreißprobe“</em>, die auch durch die hohe Komplexität der in einer Gesellschaft und in der Politik auszuhandelnden Themen bedingt sei: <em>„Der Niedergang der großen Volksparteien und der Aufstieg kleinerer Parteien spiegeln dies wider.“ </em>Die zentrale Frage laute, wann <em>„Kipppunkte“</em> ins Anti- und Undemokratische entständen. Zick antwortet, dass dies geschehe, <em>„wenn sich rechtsextreme Positionen durch <u>schamlose Normalisierung</u> etablieren.“ </em>Auch ein Soziologe ist nicht frei von moralisierenden Adjektiven.</p>
<p>Bei der Okkupation von konservativ konnotierten Begriffen haben Akteure der Neuen Rechten wie die AfD keine Hemmungen. Die von Andreas Zick diagnostizierte <em>„<u>schamlose Normalisierung</u>“ </em>rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Positionen ließe sich paradigmatisch am Beispiel der Debatten um Ein- und Zuwanderung belegen. Inzwischen bekennt sich die AfD offen zur Forderung der <em>„Remigration“</em>, auch wenn sie nicht konkretisiert, was dies im Falle einer Übernahme der Regierung bedeutet. Gleichzeitig versucht die Partei den Eindruck zu erwecken, sie sei die eigentliche <em>„Mitte“</em>, auch wenn sie affine Begriffe wie <em>„Bürgerlichkeit“</em> oder <em>„Volk“</em> bevorzugt. Mit diesen emotionalisierenden und moralisierenden Begriffen versucht sie konservative Wähler:innen und Politiker:innen für sich zu gewinnen und diffamiert gleichzeitig diejenigen, die sich nach wie vor als <em>„Mitte“</em> profilieren mit dem Kampfbegriff der <em>„Eliten“</em>, die den Willen des <em>„Volkes“</em> ignorierten. Ähnliches gilt für die traditionellen Bezeichnungen politischer Parteien als „<em>rechts“ </em>oder<em> „links“</em>.</p>
<h3><strong>Auf und Ab statt Rechts und Links</strong></h3>
<p>Die Zeitschrift Merkur veröffentlichte im Januar 2026 einen Beitrag von <a href="https://profiles.stanford.edu/daniel-zimmer">Dan Zimmer</a>, Universität Stanford, mit dem Titel <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/das-leben-selbst-a-mr-80-1-5/">„Das Leben selbst – Ein neuer politischer Kompass“</a>. Dan Zimmer schlägt vor, den Rechts-Links-Gegensatz durch den Gegensatz von Up und Down zu ersetzen: <em>„Soweit ich weiß, war die erste Person, die vorgeschlagen hat, die Links-Rechts-Unterscheidung durch die Unterscheidung von Aufwärts und Abwärts zu ersetzen, der Pionier des Transhumanismus FM-2030 (geboren als Fereidoun Efandiary). In seinem wegweisenden Manifest </em><a href="https://upwingers.com/index.html"><em>Up-Wingers</em></a><em> von 1973 wie er den linken wie den rechten Anthropozentrismus zurück und verkündete stattdessen: ‚Das Leben selbst ist die größte Revolution.‘“</em> (Link im Text NR). Damit sind wir bei der Fantasie des <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rette-sich-wer-kann/"><em>„Survival of the Richest“</em></a> (deutsche Ausgabe 2025 bei Suhrkamp) jenseits unseres Planeten, wie sie Douglas Rushkoff bei US-amerikanischen Milliardären fand, und den transhumanistischen Fantasien eines Elon Musk mit der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Solche transhumanistischen Fantasien der Verschmelzung von Biologie und Technologie (Star-Trek-Fans werden an die Spezies der Borg denken) sind in der deutschen politischen Debatte sicherlich noch kein Thema, auch wenn es inzwischen das ein oder andere Feature über <a href="https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/rene-girard-peter-thiel-und-der-antichrist-sendung-vom-15-01-2026-100.html">Peter Thiel, René Girard</a> oder <a href="https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/reihe-control-alt-delete-ayn-rand-100.html">Ayn Rand</a> gibt, jedoch eher als Versuch, Trump und sein Umfeld zu erklären, weniger im Hinblick auf die Formulierung einer eigens daraus ableitbaren Politik.</p>
<p>Eine wichtige Rolle in dieser mit einem Hauch von Science Fiction begründeten politischen Debatte spielt der Gegensatz von Aufwärts und Abwärts, zumindest in den Versuchen von <em>„Mitte“</em>-Parteien und Medien, den Aufstieg der AfD mit Befürchtungen weiter Teile der Bevölkerung zu erklären, den Anschluss zu verlieren und sozial abzusteigen. Das BSW versuchte ebenfalls, sich in diesem Feld zu orientieren, scheiterte jedoch, weil der Platz schon von der AfD besetzt war. Eine gute Sozialpolitik – so die Hoffnung – würde den Spuk der Neuen Rechten schon beenden. Von konservativer Seite wird hingegen nicht die Sozial-, sondern die Wirtschaftspolitik als Lösung aller Probleme beschworen. Adrian Daub nennt dies in „Was das Valley denken nennt“ (Berlin, edition suhrkamp, 2020) <em>„einen technologischen Determinismus“</em>. Das betrifft nicht nur Künstliche Intelligenzen und E-Autos. Atomkraftwerke können so teuer und so unrealistisch sein wie sie nun einmal sind, aber wirken in der politischen Debatte als Heilsversprechen für all diejenigen, die die Erfolgsgeschichte erneuerbarer Energien nicht glauben wollen oder einfach Windräder <em>„hässlich“</em> (Friedrich Merz) finden, und zugleich schon um die für das Klima schädlichen Folgen der fossilen Energien wissen.</p>
<p>Energie- und Wirtschaftspolitik werden in der Mitte-Studie 2025 nur im Hinblick auf sozialpolitische Folgen behandelt. Das von Claudia Neu, Marco Eden und Beate Küpper geschriebene achte Kapitel der Mitte-Studie diagnostiziert enge Bezüge zwischen rechtspopulistischen beziehungsweise rechtsextremistischen Versuchungen und <em>„der räumlichen Lebensqualität einschließlich der Daseinsvorsorge und Demokratie“</em>. Allerdings sehen sie auch ein Paradox: Während die eigene Lebensqualität oft positiv bewertet wird, gilt dies nicht für die Bewertung der Daseinsvorsorge beziehungsweise deren Infrastruktur. Es wäre durchaus erwägenswert zu fragen, ob möglicherweise in Ostdeutschland bei der Bewertung der Daseinsvorsorge Erinnerungen an die DDR-Zeit eine Rolle spielen, beispielsweise im Hinblick auf preiswertes Wohnen, sichere Arbeitsplätze, eine durchgehende Kinderbetreuung oder auch die Ventil-Funktion des beliebten Eingabewesens.</p>
<p>Ein Spezialfall für negativ wahrgenommene Daseinsvorsorge war die Corona-Pandemie. Anna Christina Nowak und Beate Küpper bezeichnen im neunten Kapitel der Studie die <em>„Coronapandemie als Treiber der Demokratiedistanz“</em>. Hier bezieht sich die Einschätzung von Daseinsvorsorge jedoch eher auf Einschränkungen der persönlichen Freiheit statt auf beispielsweise fehlende Zugangsmöglichkeiten zu Impfungen. Wir können hier geradezu ein weiteres Paradox feststellen. Im Hinblick auf die Nähe zu Krankenhäusern, den Zustand von Sportplätzen, geschlossene Ladengeschäfte und Jugendclubs wird die fehlende und marode Infrastruktur angesprochen, im Hinblick auf Corona staatliche Eingriffe in die eigene persönliche Freiheit bei gleichzeitig gut ausgebauter Infrastruktur für Tests und Impfungen. <em>„Demokratiedistanz“ </em>kann unterschiedliche Gründe haben, eine Regierung kann eigentlich nur alles falsch machen.</p>
<p>Gegen Abstiegs-Ängste inszenieren sich Rechtspopulisten und Rechtsextremisten als Retter. Matthias Kolb kommentierte in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/geraubter-stolz-arlie-russel-hochschild-usa-trump-rezension-li.3355186">„Der gute Rüpel Donald Trump“</a> das jüngste Buch von <a href="https://sociology.berkeley.edu/sites/default/files/user/arlie-r-hochschild-532/arlie-r-hochschild-cv.pdf">Arlie Russell Hochschild</a> „Stolen Pride“ (deutsche Ausgabe 2025 in der Hamburger Edition: „Geraubter Stolz“): <em>„‚Als Trump uns sagte, er würde die Kohle wiederbringen, wusste ich dass er log. Aber ich hatte das Gefühl, dass er sah, wer ich war‘, sagte ein früherer Bergmann.“</em> Trump appellierte somit an den Stolz des Bergmanns und vieler anderer Menschen, die staatliche Hilfe als Niederlage verstanden und schuf somit gleichzeitig eine Gegenerzählung zu der <em>„Pride“</em>-Erzählung der LSBTIQ*-Bewegung. Es reicht offenbar, solche Gefühle zu triggern, um sich als Radikaler oder gar Extremist selbst als <em>„Mitte“</em>, <em>„bürgerlich“</em>,<em> „normal“</em> zu inszenieren. Wir haben es sprachlich wie inhaltlich mit „Verkehrungen ins Gegenteil“ zu tun, wie sie die Zürcher Slavistin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> in ihrem gleichnamigen Buch beschrieb (Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023).</p>
<p>Auf Arlie Russell Hochschild beziehen sich auch die Autor:innen des achten Kapitels. Sie sprechen von einer verbreiteten <em>„Peripherisierungserfahrung“</em>, die sich Rechtsextremisten und Rechtspopulisten zunutze machten. Deren Vorgehen bringen sie auf eine einfache Formel: <em>„Der Populismus erzählt die Geschichte des ‚hart arbeitenden, rechtschaffenen (kleinen) Mannes‘, der von den kosmopolitischen ‚korrupten Eliten‘ und den ‚gefährlichen Fremden‘ betrogen und um das gebracht wird, was im zusteht (….)“</em>, Erfahrungen, die sich auch schon in den beiden vorausgegangenen Mitte-Studien abzeichneten.</p>
<h3><strong>Emotionen über alles</strong></h3>
<p>Die in der politischen Auseinandersetzung immer wichtiger werdenden Emotionen sind Gegenstand der Forschungen der Soziologin <a href="https://en.sociology.huji.ac.il/people/eva-illouz">Eva Illouz</a> oder der Historikerin <a href="https://www.mpib-berlin.mpg.de/mitarbeiter/ute-frevert/curriculum-vitae">Ute Frevert</a>, an die <a href="https://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/forschung/sozialkunde/politikdidaktik/Team/achour/index.html">Sabine Achour</a> in ihren Beiträgen zur Mitte-Studie 2025 anknüpft. Sie verweist auf die hohe Emotionalisierung im <em>„politische(n) Verhalten von Menschen. Politische Bildung und demokratische Politik müssen diese adressieren, wenn sie Menschen für sich (zurück-)gewinnen wollen.“ </em>Ein Lehrbeispiel für hohe Emotionalisierung in der politischen und gesellschaftlichen Debatte analysieren Fritz Reusswig, Beate Küpper und Marco Eden im siebten Kapitel, das sich mit Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit befasst und daher an zentralen <em>„Triggerpunkten“</em> anknüpft, wie sie Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser diagnostizierten (<a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte“</a>, Berlin, edition suhrkamp, 2023): <em>„‚Windkraftanlage‘ und ‚Wärmepumpe‘ sind inzwischen emotional aufgeladene Stichwörter, die eine Abwehrreaktion auslösen (…).“ </em>Lastenrad und Fahrradwege gehören ebenfalls in diesen Rahmen. Klimaschutz wird systematisch durch angebliche Einschränkung der persönlichen Freiheit (dasselbe Prinzip wie bei der Kritik an den Corona-Maßnahmen) sowie die für die Bürger:innen entstehenden Kosten delegitimiert: <em>„Befragte, die einen solidarischen Ansatz von Klimagerechtigkeit folgen, haben die positivste Wahrnehmung von Demokratie mit Blick auf ihr Funktionieren und ihre Gerechtigkeit.“</em> Diese Erkenntnis ließe sich auch auf Steuer-, Sozial-, -Migrations- und Arbeitsmarktpolitik übertragen.</p>
<p>Der Klimaschutz ist ein Lehrstück für die Wirkung einer rein reaktiv ausgerichteten Politik, die keine eigenen Visionen verfolgt, sondern lediglich auf laute Kritik reagiert. Da sich konservative (und auch sozialdemokratische) Politiker:innen von dieser Kritik an Maßnahmen des Klimaschutzes haben beeindrucken lassen, finden wir sinkende Werte für das Gefühl der Bedrohung durch den Klimawandel. Dieser Wert sank gegenüber den beiden Vorläuferstudien von 70 Prozent auf 56 Prozent. Die Grünen haben zwar immer wieder gefordert, man müsse die Kosten des Klimaschutzes sozial abfedern, aber auch sie haben es nicht vermocht, ein durchaus sinnvolles Anreizsystem mit den langfristig zu erwartenden Einsparungen in einen Gesamtzusammenhang zu stellen. So blieb es bei kurzfristig reagierender Politik, die sie sogar selbst konterkarierten, als Robert Habeck in Haushaltsnöten von einem Tag auf den anderen als Anreiz gedachte Zuschüsse wieder abschaffte. Fehlende Kohärenz verschärfte den Widerstand gegen die Politik der Ampelregierung. Die Probleme bleiben und mit der Zeit verschärft sich die Problemwahrnehmung in der Bevölkerung. Dort wo konsensual akzeptable Problemlösungen ausbleiben, beginnt der Zweifel an der Kompetenz derjenigen, die die Probleme eigentlich lösen sollten und mit der Zeit auch an dem gesamten System der Demokratie.</p>
<p>Gerade hier wird deutlich, warum die Autor:innen den Titel „Die angespannte Mitte“ gewählt haben. Es hat auch etwas mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht zu tun, bei gleichzeitigem Wissen um die Problemlagen. Dies muss jedoch nicht so bleiben. Hier hilft ein Blick auf die Milieus (Plural!) der AfD-Wähler:innen. Dazu sagt Raj Kollmorgen in dem bereits zitierten Interview: „Nach all unseren Studien und meiner Einschätzung verfügt heute von der AfD-<em>Gesamtwählerschaft (ca. 25 % bis 35 % Stimmenanteil) etwa ein Drittel über einen ausgehärteten rechtsradikalen Habitus und ein weiteres Drittel über gefestigt rechtspopulistische, teils extremistische Einstellungsmuster. Demgegenüber ist das letzte Drittel zwar politisch-kulturell anschlussfähig, orientiert sich aber bei Bedarf und Gelegenheit auch unproblematisch an anderen Lagern und Parteien (zwischen CDU, Die Linke oder BSW).“</em> (Vielleicht erschreckt, dass Raj Kollmorgen SPD und Grüne gar nicht mehr nennt? Vielleicht aber auch nur ein Reflex der politischen Lage in seiner Heimat an der sächsisch-polnischen Grenze.)</p>
<p>Manche vermuten, man könne die diagnostizierte Anspannung der <em>„Mitte“</em> mit dem Trend zur <em>„Normalisierung“</em> rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Einstellungen und Aussagen bestimmten Gruppen der Gesellschaft oder gar bestimmten Regionen zuschreiben. Die Mitte-Studie lässt jedoch keinen Zweifel, dass es nicht hilft, antidemokratische Einstellungen nur in Ostdeutschland oder gar in anderen Ländern, vorzugsweise in den USA zu verorten, es sei denn, man begnüge sich – wie manche dies tatsächlich auch tun – damit, sich selbst als die <em>„Guten“</em> zu inszenieren, als die <em>„Anständigen“</em>, deren <em>„Aufstand“</em> Gerhard Schröder vor 25 Jahren beschwor und <a href="https://bundesverband-mobile-beratung.de/pressemitteilung/25-jahre-aufstand-der-anstaendigen-wir-brauchen-einen-neuen-appell-fuer-demokratie/">dessen Wiederkunft heute manche zivilgesellschaftliche Organisation fordert</a>. Mit einem solchen Versuch tappt man direkten Wegs in die Falle einer binären Erklärung der Welt in Freund und Feind, wie sie die an Carl Schmitt geschulten Rechtspopulisten und Rechtsextremisten aufzustellen versuchen. Und ob es dabei so schlau ist, einen Teil der sogenannten <em>„Mitte“</em>, liberale Konservative zum Beispiel, die sich nicht der Diffamierung von demokratischen Nicht-Regierungsorganisationen ausschließen zu wollen, pauschal bei entsprechenden Demonstrationen ausschließen. Natürlich haben CDU, CSU und FDP ihren Teil dazu beigetragen, als sie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-29-januar-2025/">am 29. Januar 2025</a> mit den Stimmen der AfD einen Beschluss des Deutschen Bundestags zu einer verschärften Migrationspolitik herbeiführten.</p>
<h3><strong>Nebenkriegsschauplätze </strong></h3>
<p>Ein durchgehendes Thema der Mitte-Studie sind gleichermaßen angenommene und tatsächlich nachweisbare Unterschiede in den Einstellungen in Ost- und Westdeutschland. Dies gilt auch für den ständig beschworenen Blick auf die Trump-Regierung. Sabine Achour betont, man müsse <em>„nicht in die USA blicken, um zu beobachten, wie Regierungen immer öfter versuchen, die Unabhängigkeit von Zivilgesellschaft und politischer Bildung zu beschränken. (….) Eine bundesweite Dynamik entwickelte sich nach der Bundestagsanfrage ‚Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen‘ (…).“</em> (<a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/151/2015101.pdf">Bundestagsdrucksache 20/15101</a> enthält die Anfrage und die Antwort der Bundesregierung.)</p>
<p>Eine der AfD-Parolen lautet wie schon erwähnt: <em>„Deutschland, aber normal“</em>, immer wieder betont die Partei, dass Männer Männer und Frauen Frauen bleiben sollen, dass der Klimawandel gar nicht existiere und dass es der Regierung nur darum gehe, Menschen nach Deutschland zu holen, die dort nicht hingehörten. Dies entspricht dem Muster, mit dem andere rechtspopulistische und rechtsextremistische Parteien in Europa und in den USA agieren. Konservative Parteien sind in der Regel das Lieblingsopfer dieser Parteien. <a href="https://www.fb03.uni-frankfurt.de/125241069/Thomas_Biebricher">Thomas Biebricher</a> hat in seinem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rechtsgedreht/">„Mitte / Rechts – Die internationale Krise des Konservatismus“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) analysiert, wie sie in Italien und Frankreich marginalisiert wurden und wie in Großbritannien die Tories versuchen, durch Übernahme der Themen der Brexiteers diese von politischer Verantwortung fernzuhalten. Das Buch erschien 2023, sodass Biebricher die sich inzwischen abzeichnende Marginalisierung der Tories, deren Platz jetzt mehr oder weniger Reform UK von Nigel Farage eingenommen hat, noch nicht dokumentieren konnte. Ob Deutschland, das ihm 2023 noch ungefährdet erschien, inzwischen gefährdet ist, wäre eine Debatte wert. Zumindest hilft die ständige Beschwörung, man repräsentiere die <em>„Mitte“</em>, wenig gegen diejenigen, die sich immer weiter in das, was mal <em>„Mitte“</em> war, vorarbeiten, und ebenso wenig hilft es, CDU/CSU ständig mit sogenannten <em>„Brandmauer“</em>-Debatten zu überziehen. Auch Liberale und Linke könnten auf diese Art und Weise Konservative in die Arme der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten treiben.</p>
<p>Die Neigung, sich selbst mit den eigenen Einstellungen als <em>„Mitte“</em> zu bezeichnen, korrespondiert mit dem Bestreben, Kritik wahlweise dem rechten oder dem linken Rand zuzuschreiben und so zu delegitimieren. Ein besonders krasses Beispiel der letzten beiden Jahre sind die Angriffe auf die „Letzte Generation“, die von einzelnen Staatsanwaltschaften und Politiker:innen sogar in die Nähe einer kriminellen, gegebenenfalls terroristischen Vereinigung gerückt wurde. Es war auch nicht sonderlich geschickt, Kritiker:innen der Maßnahmen der Regierung gegen die Corona-Pandemie durch unterstellte Nähe zu Rechtsextremen zu delegitimieren. Andererseits darf man sich nicht durch die ständige Etikettierung auch jeder noch so abwegigen Äußerung als <em>„Meinungsfreiheit“</em> beeindrucken lassen. Manche berufen sich auf <em>„Meinungsfreiheit“ </em>und fordern gleichzeitig die Einschränkung all dessen, was nicht ihrer eigenen Meinung entspricht. Es ist Rechtspopulisten und Rechtsextremisten mit tätiger Mithilfe so mancher Konservativer gelungen, jede Art von sogenannter <em>„Wokeness“</em> als <em>„Cancel Culture“</em> zu diffamieren. Inzwischen stehen Liberale und Linke in weiten Teilen der sogenannten <em>„Mitte“</em> als diejenigen da, die die <em>„Meinungsfreiheit“</em> einschränken wollen. Und das ist nicht nur die Meinung von JD Vance und Elon Musk.</p>
<p>Die österreichische Diskursforscherin Ruth Wodak verweist auf die Schwächen der Argumentation auf liberaler oder linker Seite: <em>„<strong>Politische Korrektheit</strong> ist zu einem Kampfbegriff in der heutigen Symbolpolitik geworden – lieber kämpft man über gendergerechte Sprache, also Sternchen oder Doppelpunkt et cetera, als gegen ungleiche Bezahlung (<u>Gender Pay Gap</u>), Diskriminierung im Beruf oder gegen ein Abtreibungsverbot. Die Geschichte des Konzepts kennen nur wenige. Sowohl die Begriffe ‚politische Korrektheit‘ wie ‚Wokeness‘ gehen auf das <u>Civil Rights Movement</u> in den 1960er Jahren zurück. <strong>Wokeness</strong> wurde allerdings schon vor dem Zweiten Weltkrieg von der Schwarzen Community in den USA verwendet, um für Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung zu plädieren. Der Kampf gegen eine angebliche politische Korrektheit oder ‚wokeness‘ dient Trump als Projektionsfläche gegen Errungenschaften und Menschenrechte, die für viele in den letzten Jahrzehnten selbstverständlich geworden sind. Insofern geht es, meiner Meinung nach, um die Implementierung einer <u>Retropie</u>, also eines anachronistischen Weltbildes und einer wertkonservativen, ausgrenzenden Politik, die letztlich autoritäre Maßnahmen, Sozialabbau und einen Umbau liberaler Demokratien ermöglicht.“</em> (Fettdruck im Original)</p>
<p>Anders gesagt: Manche, die sich wortreich gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus engagieren, haben noch nicht begriffen, was ihr Gegner wirklich will. Stattdessen verkämpfen sich viele auf Nebenkriegsschauplätzen (wenn dieser martialische Begriff erlaubt ist). Im Grunde stehen sich – so die Philosophin <a href="https://www.academie-francaise.fr/les-immortels/sylviane-agacinski">Sylviane Agacinski</a>, Autorin von „Face à une guerre sainte“ (Paris, Seuil, 2022) in der Winterausgabe 2025 von Lettre International <em>„zwei ‚Cancel Cultures‘ gegenüber“.</em> Es gebe eine <a href="https://www.lettre.de/beitrag/agacinski-sylviane_obsession-des-loeschens">„Obsession des Löschens“</a>. Während <em>„Minderheiten sich krampfhaft an ihrer identitären Leidenschaften klammern“</em>, vermag die Trump-Regierung <em>„ganze Bereiche des intellektuellen und wissenschaftlichen Lebens zu knebeln, wenn sie ihren Interessen oder ihrer Ideologie zuwiderlaufen: ein weißer, nationalistischer, maskulinistischer und frauenfeindlicher Suprematismus, der von den Oligarchen der Hightechbrance aufgegriffen wurde, die sich zynisch der persönlichen und willkürlichen Macht Trumps angeschlossen hat.“ </em>Es ist letztlich eine Machtfrage. Adrian Daub schreibt in „Cancel Culture Transfer – Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“ (Berlin, edition suhrkamp, 2022) den Erfolg: <em>„Die Stimmungsmacher:innen nutzen, wie bereits in der Panik um Political Correctness, Ambiguitäten und auch die Unkenntnis des deutschsprachigen Publikums aus, um einen konservativen amerikanischen Kampfbegriff zu importieren.“</em></p>
<h3><strong>Fluider Demokratiebegriff</strong></h3>
<p>Der Begriff der <em>„Macht“</em> klingt eindeutiger als er ist. In Familien zeigt sich bereits, dass er dies nicht ist. Zum Verständnis trägt eine <a href="https://www.zeit.de/2026/02/eu-beitritt-georgien-generationenkonflikt-prorussische-regierung">Reportage von Mariya Martiyenko</a> in der ZEIT aus Georgien bei, die die unterschiedlichen Vorstellungen innerhalb einer Familie beschreibt. Der Enkel nimmt an den täglichen Demonstrationen auf dem Rustaveli teil, dem Großvater gefällt dies überhaupt nicht. Interessant wird es, weil beide eigentlich zur EU gehören wollen, aber von der EU ein völlig unterschiedliches Bild haben. Während der Sohn die europäische Demokratie betont und seinem Opa versucht zu erklären, dass er doch auch 2008 gegen die russische Invasion in Abchasien und für die georgische Unabhängigkeit gekämpft habe, wiederholt der Opa die auch im georgischen Fernsehen ständig wiederholten anti-europäischen Klischees der Propaganda Putins, unter anderen, dass in Europa Männer nicht mehr Männer und Frauen nicht mehr Frauen sein dürften und dass die EU vorschriebe, wo und wie man Toiletten zu bauen habe: <em>„Ich habe 1989 für die Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion demonstriert. Ich habe 1993 im Krieg für Georgien gekämpft. Und das alles nicht dafür, damit wir jetzt unter der Knute der EU leben!“ </em>Auf der anderen Seite sagt der Großvater zur pro-russischen Regierung: <em>„Nein, wieso? Sie ist proeuropäisch! Russland hat unsere Gebiete besetzt! Ich kann doch nicht russisch sein wollen.“ </em>Und natürlich will auch er in die EU, aber eben eine andere. Er nennt auch Russland in der Ukraine ebenso wie in Georgien einen <em>„Besatzer“</em>, aber gibt in der Ukraine dennoch Selensky die Schuld. Dmitrij Kapitelman beschreibt ähnliche Familienkonflikte in seinem Roman „Russische Spezialitäten“ (Berlin, Hanser, 2025). Auch in manchen deutschen Familien mag es zu verschiedenen Themen ähnlich zugehen. Es gibt eben kein immer unbedingt an Fakten orientiertes Verständnis politischer Kontroversen und schon gar nicht von dem, was <em>„Demokratie“</em> oder <em>„Europa“</em> tatsächlich bedeuten. Möglicherweise versteht man erst, was sie bedeuten, wenn man sie nicht mehr hat.</p>
<p>Die in der aktuellen Mitte-Studie behandelten kontroversen Themen entsprechen weitgehend den <em>„Triggerpunkten“</em> die Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser in ihrer viel kommentierten Studie erforscht hatten. Beide Studien ergänzen sich gut. Während die Bielefelder Mitte-Studie ein quantitatives Verfahren gewählt hat, wandten Steffen Mau und seine Kollegen ein qualitatives Verfahren an. Sie brachten Menschen mit unterschiedlichen, oft sogar extrem weit auseinanderliegenden Positionen in eine Situation, in der sie sich miteinander verständigen mussten. Dies führte nicht unbedingt dazu, dass die Beteiligten ihre Einstellung grundsätzlich veränderten, wohl aber dazu, dass Begriffe wie <em>„rechts“</em>, <em>„links“</em> oder <em>„Mitte“</em> an Bedeutung verloren, während die Perspektiven von Kontroverse und Konsens an Bedeutung gewannen, zumindest hätten gewinnen können. Saba-Nur Cheema legt in dem in der Mitte-Studie abgedruckten Interview den Finger in die Wunde: <em>„Denn genau dies ist uns Demokratinnen und Demokraten passiert: Zu sehr sind wir in eine passive Rolle gerückt, in der Partizipation oft nur als Kreuz auf dem Wahlzettel verstanden wird.“</em></p>
<p>Dies ist auch Thema des fünften Kapitels der Mitte-Studie von Marco Eden, Elif Sandal-Önal, Andreas Zick und Kathrin Ackermann: „Demokratievorstellungen und Demokratiewahrnehmung in der Mitte“. Wenn mehrere Menschen von <em>„Demokratie“</em> sprechen, meinen sie nicht unbedingt das Gleiche. <em>„Eine solche Differenzierung verdeutlicht, warum sich die Zustimmung zu demokratischen Wahlen und illiberale Haltungen nicht ausschließen. Wer Demokratie ausschließlich minimalistisch versteht, rückt von liberalen Kernprinzipien ab.“</em> Es entstehen zwei Pole: <em>„Majoritäre und liberale Orientierung“</em>. Der Unterschied liegt vor allem darin, ob und wie jemand, der eine Wahl oder Abstimmung mit 50,01 Prozent gewinnt, gedenkt, die unterlegenen 49,99 Prozent zu berücksichtigen. Die Debatten nach der berüchtigten Brexit-Abstimmung bieten ein exemplarisches Studienobjekt. Schließlich lässt sich feststellen, dass Mehrheiten zunehmend dazu neigen, knappe Mehrheiten durch Wahlrechtsreformen in größere Mehrheiten zu verwandeln. Eine solche Möglichkeit bietet zum Beispiel das griechische Wahlrecht, wo zuletzt die Nea Demokratia im zweiten Anlauf aufgrund einer solchen Bonus-Regelung die absolute Mehrheit erlangte. Dies gelang Viktor Orbán in Ungarn, der sich auf diese Art und Weise sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit sichern konnte, die er in den Wahlen nicht erreicht hatte. An einem solchen Anliegen scheiterte Matteo Renzi in Italien. Ob Giorgia Meloni mit einem ähnlichen Anliegen, das sie zurzeit verfolgt, Erfolg haben wird, ist einer Volksabstimmung vorbehalten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie ebenso scheitert wie Matteo Renzi. Andernfalls kann in Zukunft in Italien eine Partei, die mit 25 oder gar weniger Prozent an der Spitze liegt, mit 55 Prozent der Sitze rechnen.</p>
<p>Es geht letztlich – so die Autor:innen des Beitrags zur <em>„Demokratiewahrnehmung“</em> in der Mitte-Studie – um die Balance zwischen Mehrheitsprinzip und Minderheitenrechten: „<em>Die Stabilität der liberal-parlamentarischen Demokratie hängt folglich davon ab, diesen Balanceakt diesen Balanceakt immer wieder neu auszutarieren: Das Mehrheitsprinzip braucht feste Schranken – doch auch die liberalen Schranken dürfen die demokratische Gestaltungsmacht nicht ersticken.“ </em>Beruhigend für die liberale Seite könnten die Ergebnisse der Mitte-Studie zu diesem Thema gelesen werden: <em>„71 % der Befragten befürworten, dass politische Entscheidungen von Gerichten korrigiert werden können. Auch der Schutz der Grundrechte von Minderheiten, selbst wenn eine Mehrheit dagegen ist, wird von 69 % bejaht. Insgesamt wird ein starkes liberales Schutzprinzip unterstützt. Diesem steht hingegen auch eine spürbare illiberale Haltung gegenüber: Ein Drittel (34 %) der Befragten relativiert den Schutz gleicher Rechte vor dem Hintergrund nationaler Interessen. Zudem finden 25 % der Befragten, dass ‚zu viel Rücksicht auf Minderheiten genommen‘ wird.“ </em>Dies ließe sich sicherlich auch weiter differenzieren. Es wäre interessant zu erfahren, ob die zuletzt genannten 25 Prozent mit ihrer Forderung, weniger <em>„Rücksicht auf Minderheiten“</em> zu nehmen, den Verzicht auf Gendersternchen, Kürzungen beim Bürgergeld oder etwa die Reduzierung von staatlichen Mitteln für den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus meinen.</p>
<h3><strong>Mehr Bildung wäre schön, aber welche Bildung?</strong></h3>
<p>In diesem Kontext sind die beiden letzten Kapitel von Bedeutung, die Sabine Achour verantwortet, das Schulkapitel gemeinsam mit Anja Höppner. Anja Höppner und Sabine Achour fragen provokant: <em>„Kippt die Schule in eine ideologische Kampfarena?“</em> Im Umkehrschluss: Kann Schule vor Extremismus schützen? Konnte sie das überhaupt jemals? Es ließe sich einfach antworten, dass Schule von Menschen gestaltet wird und sich dort ebenso wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen das gesamte Spektrum von politischen Einstellungen finden lässt, nicht zuletzt bei Lehrkräften, sozialpädagogischen Fachkräften und Eltern, rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen einschließlich. So <em>„verweisen die Ergebnisse der Mitte-Studie 2024/2025 zur Sozialisation und Erziehung darauf, dass sich gerade schulisch höher gebildete Befragte, die autoritär eingestellt sind und von einer autoritär und / oder leistungsorientierten Erziehung durch ihre Eltern berichten, besonders offen für ein rechtsextremes Weltbild zeigen – anders als Befragte mit niedrigerer Bildung (…). Weil damit die mögliche Schutzfunktion von Bildung ausgehebelt zu werden droht, erscheinen Forderungen nach einer autoritär ausgerichteten Schule noch gefährlicher für die Demokratie. Zugleich ist das ein starker Hinweis darauf, dass Autonomie und Mündigkeit als zentrale Aufgabe aller Schularten wichtiger sind als das rein formale Erreichen eines Abschlusses.“ </em></p>
<p>Dies entspricht den Anforderungen des Grundgesetzes. Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle hat dies bei seinem Festvortrag zum 100jährigen Bestehen des Deutschen Volkshochschulverbandes in der Frankfurter Paulskirche den Bildungsauftrag des Grundgesetzes deutlich formuliert: <em>„Ein Schlüssel zum <u>status activus</u> des Staatsbürgers ist Bildung. Bildung nicht im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne, sondern Bildung verstanden als „Empowerment“. Das Grundgesetz will den kritischen und informierten, vor allem aber neugierigen Bürger.“ </em>(Die komplette Rede ist <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/289234/grundgesetz/">nachlesbar der Ausgabe zum Grundgesetz von „Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 15. April 2019</a>, online noch verfügbar.) Marina Weisband zeigt mit dem von ihr gestalteten und inzwischen sehr erfolgreichen <a href="https://www.aula.de/">aula-Projekt</a>, wie Schüler:innen ihre Schule selbst gestalten können und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/"><em>„Zuversicht und Resilienz“</em></a> gewinnen. Sabine Achour bringt dies auf die eingängige Formel <em>„Handlungskompetenz und Selbstwirksamkeit anstatt politischer Machtlosigkeit“.</em></p>
<p>Ein Scheinargument ist die ständig von der AfD (übrigens auch von verschiedenen Generalkonsulaten, beispielsweise von der Türkei) an die deutschen Bildungsministerien gerichtete Forderung von <em>„Neutralität“</em>. Dies gebiete der <a href="https://www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/auftrag/51310/beutelsbacher-konsens/">„Beutelsbacher Konsens“</a>, der sich auch in verschiedenen Schulgesetzen wiederfinde. Sabine Achour spricht von einer <em>„Instrumentalisierung ‚politischer Neutralität‘, in deren Namen entweder gegen die Sichtbarmachung von Minderheitenrechten und gegen Kritik an Rechtsaußen oder zur Legitimierung von Menschenfeindlichkeit aufgerufen wird.“ </em>Dies lässt sich auch mit dem Beschluss der <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2009/2009_03_06-Staerkung_Demokratieerziehung.pdf">KMK zur Demokratiebildung</a> begründen, der 2018 aktualisiert wurde. Der Beschluss enthält eine ausführliche Würdigung des Beutelsbacher Konsenses: <em>„Zum nicht verhandelbaren Kernbestand der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zählen – gerade in Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen und ihren Folgen – die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die Achtung der Menschenrechte einschließlich der Kinderrechte, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und in allen gesellschaftlichen Institutionen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion, Behinderung oder sexueller Orientierung, die Durchführung allgemeiner, freier, gleicher und geheimer Wahlen mit aktivem und passivem Wahlrecht aller Bürgerinnen und Bürger, der Schutz von Minderheiten, Meinungs- und Pressefreiheit, eine unabhängige Justiz, Gewaltenteilung und politischer Pluralismus, das Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition, das staatliche Gewaltmonopol, zusammenfassend der demokratische Rechtsstaat mit dem Prinzip der Gewaltenteilung.“ </em>Dies ergebe sich aus dem Grundgesetz und entspreche der <em>„Komplexität der Welt“</em>: <em>„Elementar ist die Einsicht, dass es nicht ausreicht, sich auf den Willen einer Mehrheit zu berufen, um Demokratie als Herrschaftsform zu legitimieren. Entscheidend ist die Bindung an Menschenrechte und Menschenwürde, Gewaltenteilung und Minderheitenschutz sowie die Verfahren des Rechtsstaats, mögen diese auch mitunter langwierig und mühsam erscheinen.“</em></p>
<p>Dies bedeutet, dass Lehrkräfte aktiv anti-demokratischen Ansichten widersprechen müssen. Sabine Achour fordert, auf diverse <em>„Triggerpunkte“ </em>gelassener zu reagieren: Identitätspolitische Bildung sei – so ist auch Andreas Voßkuhle zu verstehen – ganz im Sinne des Grundgesetzes: <em>„Mehr Aufregung tut Not – aber über Queerfeindlichkeit statt über Gendersternchen“</em>. Auch der <a href="https://www.rechtschreibrat.com/">Rat für deutsche Rechtschreibung</a> habe im Jahr 2023 <em>„rezeptive Toleranz“</em> im Hinblick auf <em>„geschlechtersensible Sprache“</em> gefordert. Insofern haben die Landtage beziehungsweise Landesregierungen der Demokratie einen Bärendienst erwiesen, die in den Schulen Gendersternchen oder -Doppelpunkte untersagten. In Behörden galt ohnehin stets die Doppelformel. Das musste man gar nicht erst beschließen.</p>
<p>Nico Mokros benennt in dem von ihm geschriebenen zehnten Kapitel die von Eltern ausgehende Grenzen einer Bildung und Erziehung im Geiste des Grundgesetzes: <em>„Befragte, die eine autoritär- und oder leistungsorientierte Sozialisation durch ihre Eltern erinnern, neigen doppelt so häufig dazu, den gegenwärtigen Rechtsextremismus in Deutschland zu verharmlosen (44 % bzw. 45 %) gegenüber Befragten, die keine autoritär- oder leistungsorientierte Sozialisation durch ihre Eltern erinnern (21 % bzw. 23 %).“</em> An dieser Stelle wäre es meines Erachtens hilfreich, den Leistungsbegriff differenzierter zu fassen. Es geht hier nicht um <em>„Leistung“</em> im Sinne einer erfolgreichen Bildungslaufbahn, sondern um die Art und Weise, wie <em>„Leistung“</em> in Elternhaus und Schule konnotiert ist und eingefordert wird. Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob <em>„Leistung“</em> durch ein anregungsreiches Milieu, wie es auch in der Schule herstellbar ist, gefördert werden soll oder durch Druck, Strafen oder Liebesentzug.</p>
<p>Letztlich geht es auch hier um die mit all diesen Themen verbundenen Emotionen. Es ist keine einfache Aufgabe für Lehrende, gleichviel in welcher Bildungseinrichtung, mit den oft heftigen Emotionen unter den Lernenden umzugehen. Zurzeit erleben wir dies beim Thema von Handyverboten oder Altersgrenzen für soziale Medien. Marina Weisband äußerte sich sehr deutlich dazu in ihrem Gespräch mit dem Demokratischen Salon <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">„Die Macht der Aufmerksamkeit“</a>. Sie plädierte für <em>„dezentrale und interoperable Plattformen“</em>. Die so oft geforderte <em>„Medienkompetenz“</em> allein sei ein zu schwaches Instrument. Junge Menschen bräuchten auch Begegnungsräume, die sie vor allem deshalb in den Social Media finden, weil sie sie im Stadtbild eben nicht finden.</p>
<p>Hier geht es – so Sabine Achour – ans Eingemachte in der digitalen Welt: <em>„Dazu gehört es, libertär-autoritäre Meinungsführer und Propagandeure wie Elon Musk und deren techno-faschistisches Weltbild zu entzaubern und über die Funktionsmechanismen ihres politischen Sendungsbewusstseins entlang von Algorithmen aufzuklären.“</em> Die gewählte Sprache verrät schon, wie komplex und wie schwer es ist, diese Aufgabe zu erfüllen. Bildungsaufgaben sind im Grunde nur erfüllbar, wenn die gesellschaftlichen und politischen Grundlagen für eine <em>„digitale Souveränität“</em> anerkannt und geschaffen wurden. Das ist aber nicht die Aufgabe der Lehrkräfte. Wer dies jedoch von ihnen verlangt, verstärkt die Tendenz, gesellschaftliche und politische Probleme zu individualisieren. Ein solch <em>„starke Individualisierung der Verantwortung für Klimakrise und Klimaschutz“</em> lässt sich – so Sabine Achour – auch in der Praxis der „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ feststellen, beim Nationalen Aktionsplan Bildung ebenso wie beim <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2015/2015_06_00-Orientierungsrahmen-Globale-Entwicklung.pdf">„Orientierungsrahmen für den Bereich Globale Entwicklung“</a> von KMK und BMZ (2016, erweitert für die gymnasiale Oberstufe 2025). Ob diejenigen, die Lehrpläne schreiben oder Lehrerfortbildungen anbieten, sich mit all diesen komplexen Kontexten befassen, wäre eine eigene Untersuchung wert. Viele dürften nicht einmal die KMK-Beschlüsse gelesen haben, die – wie zum Beispiel der genannte Beschluss zur Demokratiebildung – so schlecht nicht sind.</p>
<p>Entscheidend für eine stabile <em>„Mitte“ </em>im Sinne einer deutlichen Mehrheit für die Grundsätze und Verfahren des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats ist es, diese Mehrheit zu wollen und zu organisieren und sich nicht in Nebenkriegsschauplätzen (Stichwort: Gendersternchen) oder irrealen Fantasien (Stichwort: Atomkraftwerke) zu ergehen. Dann wird es auch möglich – in Abwandlung eines der Sprüche des Hubert Aiwanger – sich die <em>„Mitte</em> <em>zurückzuholen“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Januar 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer, Foto aus einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof, Berlin.)</p>
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