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	<title>Klimaschutz Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Leben wie in einem Science-Fiction-Roman</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Mar 2026 09:28:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Leben wie in einem Science-Fiction-Roman Seuchen und Pandemien in Wissenschaft und Literatur „Meine Interpretation der Ereignisse seitdem ist, dass die Pandemie uns mit der Erkenntnis konfrontiert hat, dass unser Leben aus den Fugen geraten kann, dass wir tatsächlich sterben können, dass die Biosphäre sich erheben und alles verändern kann.“ (Kim Stanley Robinson in einem  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Leben wie in einem Science-Fiction-Roman</strong></h1>
<h2><strong>Seuchen und Pandemien in Wissenschaft und Literatur</strong></h2>
<p><em>„Meine Interpretation der Ereignisse seitdem ist, dass die Pandemie uns mit der Erkenntnis konfrontiert hat, dass unser Leben aus den Fugen geraten kann, dass wir tatsächlich sterben können, dass die Biosphäre sich erheben und alles verändern kann.“ </em>(<a href="https://sammatey.substack.com/p/interview-kim-stanley-robinson-science">Kim Stanley Robinson in einem Gespräch mit Sam Matey-Coste</a>, deutsche Übersetzung Fritz Heidorn)</p>
<p>Unsere Biosphäre versorgt uns Menschen, kann uns aber auch schweren Schaden zufügen und uns im schlimmsten Fall töten. Kim Stanley Robinson bezeichnete die COVID-19-Pandemie als Weckruf. Wir Menschen sollten uns unsere Verletzlichkeit und unserer Abhängigkeit von der Natur des Planeten Erde bewusstwerden und sorgfältig mit ihr umgehen. Damit lenkt Robinson den Blick auf ein Thema, dass in der Geschichte der Menschheit dramatische Auswirkungen hatte und das in der Wissenschaft und in der Literatur ausführlich behandelt worden ist. Zur Erinnerung:</p>
<ul>
<li>Der Schwarze Tod, die Pest-Pandemie des Spätmittelalters, forderte zwischen den Jahren1346 und 1353 wahrscheinlich 25 bis 50 Millionen Todesopfer in Europa. Die Auswirkungen der Pandemie auf gesellschaftliche Entwicklungen waren über die Todesfälle hinaus dramatisch, die Judenpogrome beispielsweise begannen in dieser Zeit.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Spanische Grippe forderte in den Jahren 1918 bis 1920 schätzungsweise zwischen 20 und 50 Millionen Todesopfer in Europa, 500 Millionen Menschen hatten sich infiziert.</li>
</ul>
<ul>
<li>Der COVID-Pandemie der Jahre 2020 bis 2024 fielen weltweit mehr als sieben Millionen Menschen zum Opfer.</li>
</ul>
<p>Gleichviel ob wir uns mit einer Pandemie, dem Klimawandel oder welcher Krise auch immer beschäftigen, wir müssen uns mit Dystopien auseinandersetzen, wenn wir überleben wollen. Kim Stanley Robinson plädierte daher: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dystopien-jetzt/">„Dystopien – Jetzt“</a>.</p>
<h3><strong>Leben in einer Risikogesellschaft</strong></h3>
<p>Wir leben in Deutschland seit den ersten Unfällen in Atomkraftwerken, spätestens seit dem Super-GAU in Tschernobyl am 26. April 1986, in einer Industriegesellschaft, die der Soziologe Ulrich Beck als <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/ulrich-beck-risikogesellschaft-t-9783518113653"><em>„Risikogesellschaft“</em></a> bezeichnet hat. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden. Es blieb nicht bei diesem einen Unfall, auch wenn manche Politiker:innen sich angesichts der aktuellen Energie- und Klimakrise nicht mehr daran erinnern möchten. Im Jahre 2020 sahen wir uns weiteren gesellschaftlichen Ausnahmezuständen ausgesetzt: der durch ein Corona-Virus verursachten COVID-19-Pandemie oder bereits seit längerem dem fortschreitenden Klimawandel. Die Virus-Pandemie des Jahres 2020 wird nicht die letzte sein, die die Menschheit bedroht und der Klimawandel wird die Erde noch viele Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte im Griff halten und verändern.</p>
<p>Die Menschheit verfügt über zwei Instrumente zum Verständnis solcher Katastrophen: die Wissenschaft und die Literaturgattung der Science Fiction. Die Wissenschaft liefert das rationale Fundament, um die Wirkungen, die Folgen und mögliche Abwehrmechanismen solcher Ausnahmezustände zu begreifen. Science Fiction kann die sachliche Analyse der Wissenschaft ergänzen und erweitern, indem sie die Wirkungsmechanismen und die Zeithorizonte solcher Ereignisse weit über die normalen Erfahrungsmöglichkeiten von Menschen in ihrem Alltagsleben hinaus beschreibt. Science Fiction kann aber noch viel mehr: sie liefert Ideen für Mögliches und Unmögliches, regt die Fantasie an und hilft bei der Bewältigung der Krisen. Schauen wir einmal ein wenig tiefer in einige Beiträge zum Umgang mit und zum Verständnis von Krisen und Katastrophen.</p>
<p>In einem <a href="https://www.theguardian.com/books/2015/aug/07/science-fiction-realism-kim-stanley-robinson-alistair-reynolds-ann-leckie-interview">Interview mit Richard Lea im Guardian sagt Kim Stanley Robinson</a>: „<em>Ich glaube, ich schreibe Science Fiction, weil ich das Gefühl habe, dass, wenn man Realismus über unsere Zeit schreiben will, Science Fiction einfach das beste Genre ist, in dem man das machen kann. Das liegt daran, dass wir jetzt in einem großen Science Fiction Roman leben, den wir alle gemeinsam schreiben. Man schreibt innenpolitischen Realismus, und man ist in einem winzig kleinen Teil einer viel größeren Realität gefangen. Man schreibt Science Fiction und schreibt tatsächlich über die Realität, in der wir uns wirklich befinden, und genau das sollten Romane tun. &#8222;Wir mögen uns in einem sehr steilen Moment des technologischen und historischen Wandels befinden, aber das bedeutet nicht, dass er so steil bleiben oder sich sogar beschleunigen wird. Praktische und theoretische Zwänge, die selbst über Probleme wie den Klimawandel, mit denen wir jetzt kämpfen, hinausgehen, werden uns schließlich bremsen. Ich gehe davon aus, dass es einige fundamentale Probleme gibt, die uns davon abhalten werden, die Dinge viel spektakulärer zu tun, als wir es jetzt tun.“</em></p>
<p>Die COVID-Pandemie war eines dieser von Robinson erwähnten <em>„fundamentalen Probleme der Gegenwart“,</em> die uns davon abhalten, die Dinge des Alltäglichen, des Politischen, des Vorhersagbaren oder einfach des Status Quo einfach weiterlaufen zu lassen oder <em>„spektakulärer“</em> zu entwickeln. Wir stehen vor einem radikalen gesellschaftlichen und sozialen Wandel und Science Fiction ist zur Gegenwartsliteratur geworden. Einige ihrer alten Katastrophenschilderungen sind eingetroffen, was übrigens nicht nur am Corona-Beispiel, sondern auch an technologischen Katastrophen wie Tschernobyl oder Fukushima deutlich wird. Einige Fantasien der Science Fiction sind Realität geworden. Manche ihre Lösungsvorschläge sind nicht nur interessant und lesenswert, sondern vielleicht sogar realistisch und anwendbar.</p>
<p>Zielsetzung ist das, was beispielsweise der Germanist Eckhard Schumacher in seiner Analyse der Popkultur (<a href="https://res.cloudinary.com/suhrkamp/image/upload/v1742121023/37484.pdf">„Gerade Eben Jetzt – Schreibweisen der Gegenwart“</a>, 2003) als <em>„Revolution der lahmenden Verhältnisse“</em> bezeichnet. Science Fiction kann dazu beitragen, die zerstückelte Weltwahrnehmung aufzuhellen und – vielleicht – dazu beitragen, die Welt tatsächlich zu verbessern. Der Bedarf danach ist jetzt schon groß und wird nach dem Abflauen der Corona-Krise – und vor dem Aufscheinen der nächsten Krise – noch größer werden. Marie Schmidt schrieb dazu am 16. April 2020 in ihrem Beitrag <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-corona-1.4877583">„Eine Pandemie sucht ihren Autor“</a> in der Süddeutschen Zeitung: <em>„Die Wirkung der Corona-Literatur indes wird sich, um im Bild zu bleiben, in der Nachsorge einstellen. Wenn sich aus all den Tagebucheinträgen, Essays, Mitschriften die Geschichte der Gegenwart zusammensetzt.“ </em></p>
<h3><strong>Womit wir es zu tun haben: eine Vielzahl von Unsicherheiten </strong></h3>
<p>Das Alltagsleben in der „COVID-Zeit“ lässt sich soziologisch nicht mehr als <em>„fraglose Gegebenheit“ </em>kennzeichnen, mit der Alfred Schütz und Thomas Luckmann die Strukturen der Lebenswelt in den Industriegesellschaften des zwanzigsten Jahrhunderts beschrieben hatten (in: <a href="https://www.beck-shop.de/schuetz-luckmann-strukturen-lebenswelt/product/20872513">„Strukturen der Lebenswelt“</a>, 1984). In den damaligen Alltagsstrukturen fand der gesunde Menschenverstand einen routinemäßigen Lebensprozess vor, den man verstehen und bewerten konnte und in dem man sich durch sachgemäßes Handeln den Gefahrenpotenzialen weitgehend entziehen konnte. Nach dem Super-GAU des Atomkraftwerks Tschernobyl stand das Thema der unsichtbaren radioaktiven Verstrahlung ganzer Regionen und die Bedrohung des Lebens durch weitere unsichtbare Gefahren wie Chemieunfälle wie in Seveso, Italien, am 10. Juli 1976 oder Bhopal, Indien, am 3. Dezember 1984 oder ganz generell die Vergiftung von Lebensmitteln im Vordergrund soziologischer Untersuchungen.</p>
<p>Ulrich Beck beschreibt die Risikogesellschaft derart präzise, dass seine Analyse noch in der heute zutreffend ist: <em>„Die Risikogesellschaft ist eine katastrophale Gesellschaft. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden. (…) Gefahren werden zu blinden Passagieren des Normalkonsums. Sie reisen mit dem Wind und mit dem Wasser, stecken in allem und in jedem und passieren mit dem Lebensnotwendigsten – der Atemluft, der Nahrung, der Kleidung, der Wohnungseinrichtung – alle sonst so streng kontrollierten Schutzzonen der Moderne. Wo nach dem Unfall Abwehr und Vermeidungshandeln so gut wie ausgeschlossen sind, bleibt als (scheinbar) einzige Aktivität: Leugnen…“ </em></p>
<p>Der Zustand in der Risikogesellschaft der COVID-Zeit ähnelt dem Zustand der Risikogesellschaft in der heutigen Zeit der Atomunfälle und Chemiekatastrophen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sehr, unterscheidet sich aber fundamental in einem Punkt: der sozialen Distanzierung. Vergleichbar sind die Versuche, die Wahrheit zu verstecken, zu beschönigen und zu leugnen, was passieren könnte – dann aber tatsächlich passiert. Dann folgen die Erfindung und die Verbreitung von Gerüchten und Schuldzuschreibungen im Alltagsleben, insbesondere zu der Frage, wer die Krankheit eingeschleppt habe und wer der erste Überträger gewesen sei. Natürlich kommen solche Krankheiten immer <em>„von außen“,</em> also aus dem Fremden, Unbekannten, meist versehen mit rassistischen, religiösen oder ethnischen Zuschreibungen. Man sucht <em>„Sündenböcke“</em> für das Unheil. Die Menschen arbeiten sich an irrelevanten Fragestellungen ab, weil sie ihre Angst nicht beherrschen können. Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk schreibt in seinem Essay <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/coronavirus-pamuk-pandemie-pest-gastbeitrag-1.4892304">„Als die Pandemie die Welt teilte“</a> (Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 1. Mai 2020): <em>„Die erste Reaktion auf den Ausbruch einer Pandemie ist stets das Leugnen gewesen. Nationale und lokale Behörden haben immer mit Verzögerungen reagiert. Sie haben die Fakten verzerrt und die Zahlen geschönt, um einen Ausbruch zu verschleiern.“</em></p>
<p>Eines dagegen ist in der „COVID-Zeit“ neu: die Menschen selbst sind Überträger der lebensbedrohlichen Krankheit geworden, nicht mehr technologische Strukturen oder Chemikalien, die der Mensch selbst zuvor geschaffen hatte. Wir verfangen uns nicht nur in unseren eigenen künstlichen Produkten, die wir in unserer Hybris der Natur abgerungen und ihr übergestülpt haben, sondern wir sind uns selbst zur Bedrohung geworden. Damit zerstören wir den Kern unserer Menschlichkeit. Wir verlieren Nähe, Berührung und Vertrauen ineinander. Hoffentlich vergessen wir nicht auch noch, was das war oder ist und was es an Humanität eigentlich ausmacht.</p>
<p>Ende April 2020 erscheinen zahlreiche Produkte von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Lock-Down. Die <em>Rolling Stones veröffentlichen am 23. April 2020 den Song und das Youtube-Video zur Lage: </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=LNNPNweSbp8&amp;list=RDLNNPNweSbp8&amp;start_radio=1"><em>„Living in a Ghost Town“,</em></a> einen traurigen Blues über die Leere in den Städten der Menschen und in ihren Herzen, weil das pulsierende Gemeinschaftsleben fehlt:<em> „Life was so beautiful, then we all got locked down. </em><em>(…) I´m going nowhere, shut up all alone. (…) You can look for me, but I can´t be found.”</em></p>
<h3><strong>Pandemien in Katastrophen-Thrillern</strong></h3>
<p>Pandemien werden bereits in den Erzählungen der 1970er Jahre in Romanen und in Filmen geschildert. <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?531">Richard Matheson</a> ist einer der Schriftsteller, die mit „I am Legend“ (1954, „Ich bin Legende“, 1982, 2007, oder: „Ich, der letzte Mensch“, 1968) ein globales Katastrophenszenario beschreiben, in dem die Menschheit durch verunglückte Experimente mit Biowaffen und medizinischer Forschung untergeht und nur noch wenige Menschen übrigbleiben, während andere zu Zombis oder Monstern mutieren. Die letzten Menschen kämpfen um ihr Überleben, aber eben auch darum, Sozialkontakte zu anderen Überlebenden zu finden und eine wie immer geartete Zivilisation wiederherzustellen.</p>
<p>Auf dem Roman von Richard Matheson basieren die Filme: „The Omega Man“ (1971) von Boris Sagal mit Charlton Heston in der Hauptrolle und „I am Legend“ (2007) von Francis Lawrence mit Will Smith in der Hauptrolle. Beide sind unter zeitkritischen Gesichtspunkten interessant und beide sind gut.</p>
<p><em>Beim „Omega Man“ gibt</em> es am Anfang eine lange Autofahrt durch das leere Los Angeles, von oben gefilmt, so dass der Zuschauer schon hier einen Schauer am Rücken fühlt. Der letzte Mensch geht in ein leeres Kino, in dem vor der Katastrophe der Film „Woodstock“ seit Jahren auf dem Spielplan stand hatte, wirft den Projektor an und schaut den Menschenmassen des größten Rockfestivals auf der Leinwand zu. <em>„Solche Filme werden heute nicht mehr gedreht“</em> – sagt der Hauptdarsteller Charlton Heston, bevor er wieder in die Einsamkeit und den Horror der verwaisten Stadt zurückkehrt. Ein Film im Film als Symbol der untergegangenen Menschheitskultur – das ist stark in Szene gesetzt.</p>
<p>Charlton Heston war in den 1970er Jahren der diensthabende Macho des Hollywood-Kinos und gut für alle Rollen, in denen der Kämpfer in großen Rollen des dystopischen Kinos oder den Bibel-Verfilmungen gefordert wurde und seinen Einsatz mit dem Leben bezahlte. Er spielt den Militärarzt Dr. Robert Neville, der als einziger die Seuche überlebt hat und der sich nun in seinem Apartment in Los Angeles vor den Mitgliedern <em>„der Familie“</em>, den mutierten Monstern, verbarrikadiert. Sie kommen nur nachts aus ihrem Versteck und wollen ihn, den letzten Vertreter von Wissenschaft und Technik, beseitigen. Sie schaffen es auch fast, allerdings wird Neville zunächst von einer kleinen Gruppe Überlebender gerettet, die eine Patchwork-Familie aus mehreren Kindern, einer Afro-Amerikanerin und ihrem jüngeren Bruder sowie einem Hippie gebildet hat.</p>
<p>Neville versucht, aus den Antikörpern in seinem Blut ein Anti-Serum herzustellen, was ihm auch gelingt. Allerdings stirbt Robert Neville am Schluss des Films, nachdem er das Serum den letzten Menschen übergeben hat. Vorher darf er die schwarze Darstellerin Rosalind Cash küssen, was im Jahre 1971 noch einen Verstoß gegen den rassistischen Sittenkodex in den USA darstellte. Der Gegenspieler von Charlton Heston war Matthias, gespielt von Anthony Zerbe, ein ehemaliger Nachrichtensprecher des Fernsehens, bevor er mutierte und <em>„die Familie“</em> anführt, um die Erde vom Makel der Wissenschaft und der Technik zu <em>„reinigen“</em>.</p>
<p>Charlton Heston war Hauptdarsteller in mehreren anderen Katastrophen-Filmen dieser Zeit, die mit der Thematik dieses Essays ebenfalls zu tun haben: Der Film „Jahr 2022…die überleben wollen“(„Soylent Green“, 1973) von Richard Fleischer schildert die Zustände in einem von Menschen völlig überbevölkerten New York im Jahre 2022, wo es keine Nahrungsmittel mehr gibt und die Industrie das Lebensmittel „Soylent Green“ aus Leichen herstellt. Als Vorlage zum Film diente der Roman <a href="https://www.phantastik-couch.de/titel/2129-new-york-1999-soylent-green/">„New York 1999“</a> („Make Room! Make Room!, 1966, deutsche Ausgabe: 1999) von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?28">Harry Harrison</a>.</p>
<p>Der Film „Planet der Affen“ („Planet of the Apes“, 1968) von Franklin J. Schaffner basiert auf dem Buch von Pierre Boulle und erzählt die Geschichte von Astronauten, die durch einen Zeitsprung wieder auf der Erde der Zukunft landen, die durch einen Atomkrieg der Menschheit zerstört wurde und auf der die Nachkommen der Affen das Regime übernommen haben.</p>
<p>Der Film „I am Legend“ (2007) ist moderner und actionreicher, die Bedrohung durch die in der Plage zu einer Art von Zombies mutierten Menschen ist unmittelbarer, direkter und permanenter. Der Hauptdarsteller Will Smith, der die Zeit des Tageslichts so heldenhaft meistert, liegt in einer Einstellung mit seinem Schäferhund zitternd vor Angst in der Badewanne und versucht trotz des Heulens der Monster draußen den Verstand nicht zu verlieren. Die Zuschauer werden unmittelbar in das rasante Geschehen mit einbezogen und der scheinbaren Ausweglosigkeit überlassen. Der von Will Smith gespielte Virologe Lt. Colonel Dr. Robert Neville, der scheinbar letzte Mensch in New York City, findet schließlich das Gegenmittel und überreicht es den anderen Überlebenden, die in einem Lager in Vermont leben. Nevilles selbstloser Kampf für das Heilmittel wird als seine Legende für die letzten Menschen angesehen.</p>
<p>Interessant ist bei dieser Film-Version, dass es ein alternatives Ende des Films auf DVD gibt, das näher am Schluss des Romans von Richard Matheson liegt. Hier stellen die Menschen fest, dass ihre Gegenspieler keine seelenlosen Zombies sind, sondern eine neue Menschheit sind, die eine eigene Zivilisation aufbauen werden, in der die alte Menschheit nur noch ein Störfaktor ist. Im Roman sind die Neuen die einzig übrig gebliebene Zivilisation der Menschheit der Zukunft.</p>
<p>Es gibt eine Reihe anderer Filme, die sich direkt mit dem Ausbrechen eine Pandemie beschäftigen und die sehenswert sind. Ich möchte besonders auf die Filme <em>„Outbreak – Lautlose Killer“ </em>(<em>„Outbreak“, </em>1995) von Wolfgang Petersen und <em>„Contagion</em>“ (2011) von Steven Soderbergh hinweisen, der am dichtesten an der gegenwärtigen Realität dran ist. Beide Filme zeigen eindringlich und hautnah, wie sich eine Epidemie zur Pandemie auswächst und wie verzweifelt versucht wird, der exponentiell angewachsenen Bedrohung Herr zu werden.</p>
<h3><strong>Was wir in Krisenzeiten lesen sollten: Zeit für Science Fiction</strong></h3>
<p>Am 28. April 2020 erscheint der Roman zur COVID-19-Zeit: <a href="https://www.lawrencewright.com/">Lawrence Wright</a>, der das Drehbuch für den visionären Kino-Thriller „Ausnahmezustand“ (1998) schrieb, der die Situation in New York beim Terroranschlag 9/11 im September 2001 vorwegnahm, und der für sein Buch über die Geschichte von al-Qaida „Der Tod wird euch finden“ (2006) im Jahre 2007 den Pulitzer-Preis gewonnen hatte, legt seinen zweiten Roman vor: „The End of October“ (2020). Darin schildert er den Ausbruch einer Pandemie durch einen erfundenen Grippevirus namens „Kongoli-Grippe“ und erzählt, wie drei Millionen Menschen in Mekka in Quarantäne sitzen. In einem Interview mit Georg Mascolo vom 23. April 2020 in der Süddeutschen Zeitung sagt er über sein Buch: <em>„Das Buch sollte ein Warnruf sein, denn ich war davon überzeugt, dass wir eine Pandemie eines Tages erleben würden. Eines Tages, aber eben nicht heute. Ich versuche zu beschreiben, was dies für die Politik, die Wirtschaft, die Welt bedeuten könnte.“ </em>(Titel des Interviews: <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/lawrence-wright-coronavirus-pandemie-trump-1.4886058">„Meine Fantasie hätte nicht gereicht“</a>.)</p>
<p>Die Warnrufe der Romane von Lawrence Wright wurde nicht erhört, nicht von der Obama-Regierung oder der Bush-Regierung geschweige denn von der ersten Trump-Regierung, die Lawrence Wright für einen <em>„Totalausfall“</em> hält. Nuklearkriege und Pandemien seien aber dennoch das größte Risiko für die Menschheit, auch wenn die Politik dies ignorieren würde.</p>
<p>In der Zeit nach der COVID-Krise werden andere Katastrophen das Menschheitsexperiment bedrohen, vor allem das Thema <em>„Klimawandel“,</em> das sich nach der Meinung von vielen Wissenschaftlern als noch bedrohlicher für die Menschheit darstellen wird. Der von <a href="https://www.carl-amery.de/">Carl Amery</a> eingeführte Begriff <em>„Wiedergeburt nach totaler Katastrophe</em>“, die sich <em>„immer mehr von der atomaren auf die biologisch-ökologische Ebene verlagert hat“, </em>wird im Zeitalter des Anthropozäns auf die globale Dimension mit enormer zeitlicher Ausdehnung und immenser planetarer Schadenswirkung ausgedehnt.</p>
<h3><strong>Klassiker der Seuchen-Dystopie</strong></h3>
<p>Es gibt seit langem zahlreiche Klassiker in der Science Fiction Literatur, die uns gewarnt haben, was da kommen könnte. Ich meine nicht nur die Horrorvisionen der Seuchen-Endzeit-Thriller, sondern insbesondere die Erzählungen über andere Zukünfte für die Menschheit auf dem Planeten Erde. Dazu sollen einige beispielhafte Romane vorgestellt werden.</p>
<p>Carl Amery: <a href="https://www.battenberg-bayerland.de/produkt/der-untergang-der-stadt-passau">„Der Untergang der Stadt Passau“</a> (1975): In diesem Buch, schildert Carl Amery das Leben in einem Doomsday-Szenario in Deutschland des Jahres 2013. Eine <em>„Seuche“</em> hat fast die gesamte Menschheit ausgerottet, man weiß nicht, ob es eine Strafe Gottes war oder das Werk von verrückten Wissenschaftlern. Das Land ist wüst und leer und kleine Gruppen von Nachgeborenen versuchen, ihr karges Leben neu zu organisieren. Konflikte zwischen autark in Subsistenzwirtschaft lebenden Bauern und Städtern in Passau und Rosenheim entstehen. Am Schluss kulminieren die Auseinandersetzungen und Kämpfe bis zum Untergang der Stadt Passau.</p>
<p>Am interessantesten an diesem historischen SF-Klassiker sind die Erzählungen vom Leben in der Subsistenzwirtschaft und die Auseinandersetzungen um eine funktionierende Stadt mit funktionierenden Verwaltungssystemen und zivilisatorischer Grundversorgung durch Elektrizität, Maschinen und Lebensmittel. Es geht um die Frage, wer die wichtigen Ressourcen herstellt, die die Organisationseinheit <em>„Stadt“</em> benötigt. Landbevölkerung und Stadtbevölkerung hängen voneinander ab und versuchen, ihren Wohlstand neu zu bestimmen. Carl Amery bezeichnet seinen Roman im Vorwort als <em>„Fingerübung“ </em>im klassischen Genre der Science Fiction mit dem Oberbegriff <em>„Wiedergeburt nach totaler Katastrophe</em>“ und schreibt, dass sich diese <em>„immer mehr von der atomaren auf die biologisch-ökologische Ebene verlagert hat.“</em> Sein Roman sei angeregt worden durch den Klassiker der atomaren Katastrophe von Walter M. Miller jr. „Lobgesang auf Leibowitz“ (1971).</p>
<p><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?99">Connie Willis</a>: „Die Jahre des schwarzen Todes“, „The Doomsday Book“. (1992, deutsche Ausgabe: 2011, Oxford im Jahre 2054: Die Universität unterhält in der Historischen Fakultät einen Forschungszweig, in dem Zeitreisen dazu benutzt werden, das Mittelalter zu erforschen. Kivrin, die Hauptdarstellerin, ist Studentin und soll vor Weihnachten einige Tage zurück in das Jahr 1320 reisen, um die Sitten und Gebräuche der Menschen zu studieren. Im Mittelalter angekommen, stellt sie fest, dass sie eine schwere Grippe mitgebracht hat, die sie ans Bett fesselt und die damaligen Krankenpflegemethoden kennenlernen lässt. Sie befindet sich, bedingt durch einen technischen Fehler bei der Zeitreise, im Zeitalter der schwarzen Pest des Jahres 1348.</p>
<p>Während Kivrin die Pestgefahr des Mittelalters aushalten muss, indem sie Kranke pflegt, fürchten die Menschen im Jahre 2054, dass durch die Zeitreisen eine Grippe-Epidemie in die Gegenwart geholt worden ist. Connie Willis schildert in ihrem farbenprächtigen Erzählstil viele Parallelen in der Behandlung der Epidemien des Mittelalters und der nahen Zukunft in Oxford und die Tatsache, dass sich vieles nicht grundsätzlich geändert hat. Menschen infizieren sich und werden krank, auch Vater Roche, der Kivrin bei ihrer Grippeerkrankung geholfen hat und ebenso Prof. Dunworthy, der Kivrin aus der falschen Zeit zurückholen will.</p>
<p>Vater Roche hat gesehen, wie Kivrin in einem Feld aus Licht ankam und glaubt, sie sei eine Botin Gottes, wie er ihr auf seinem Sterbebett anvertraut. Prof. Dunworthy und Colin finden Kivrin schließlich in der Kapelle mit dem gestorbenen Vater Roche, verändert mit kurz geschnittenen Haaren, gekleidet in eine Männerjacke, verdreckt und blutüberströmt durch die Pflege der Kranken und Sterbenden. Kivrin kehrt verstört und traumatisiert in ihre Gegenwart zurück. Sie und Prof. Dunworthy unterhalten sich am Schluss des Buches über ihre Erfahrungen in der Zeit des schwarzen Todes: <em>„‚Ich habe alles aufgezeichnet‘, sagte sie. ‚Alles, was geschehen ist.‘ Wie John Clyn, dachte er. Sein Blick streifte ihr verfilztes, abgeschnittenes Haar, das schmutzige Gesicht. Eine wahre Historikerin, die in der leeren Kirche, umgeben von Gräbern, ihre Aufzeichnungen machte. Und damit nicht Geschehnisse, die des Erinnerns wert sind, mit der Zeit vergehen und aus dem Gedenken derer verschwinden, die nach uns kommen werden, habe ich, der ich so viele Übel und die ganze Welt in den Klauen des Bösen gesehen habe, all die Dinge, deren Zeuge ich geworden bin, schriftlich niedergelegt.“</em></p>
<p>Der Roman „Leben ohne Ende“ (1949, 2016) von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?1235">George R. Stewart</a> ist ein gelungenes und sehr eindringliches frühes Beispiel für einen dystopischen Seuchen-Thriller, der die Leser in seinen Bann zieht und schildert, wie der Protagonist versucht, mit dem plötzlichen Alleinsein und der Auslieferung an eine von Menschen scheinbar entvölkerte Welt klarzukommen. Der Protagonist wird von einer Schlange gebissen und überlebt deshalb irgendwie die Seuche. Nach der mehrtägigen Genese von dem Schlangenbiss geht er nach draußen und findet die Reste der menschlichen Zivilisation, beispielsweise eine Zeitung, in der er das Folgende liest: <em>„Ärzte und Krankenpflegerinnen waren auf ihren Posten geblieben, und Tausende hatten sich als Helfer zur Verfügung gestellt. Ganze Stadtgebiete waren zu Lazarettlagern und Sammelstellen erklärt worden. Das gesamte Geschäftsleben hatte aufgehört, aber Lebensmittel wurden auf Grund von Notstandsmaßnahmen weiterverkauft.“</em></p>
<p>Er sucht weiter nach Überlebenden, findet aber zunächst keinen Menschen. <em>„Niemand da, dachte er. Dann traf ihn der unerbittliche Sinn dieser Worte wie ein Keulenschlag. Keine Menschen. Keine Lebenden. Keine Toten. (…) Was würde aus der Welt und ihren Geschöpfen ohne den Menschen werden? Das war es, was zu sehen übriggeblieben war.“ </em>Er gibt nicht auf und sucht weiter nach Überlebenden. <em>„Dann aber gab er diesem Gefühl eine rationale Basis, indem er sich klarmachte, dass die Seuche wohl kaum das gesamte Land heimgesucht haben konnte – dass irgendwo noch eine Gemeinschaft übriggeblieben sein musste, die es zu finden galt.“ </em></p>
<p>Er findet schließlich andere Menschen und die Erzählung endet mit einer Erkenntnis: <em>„Dann wandte er den Kopf und sah, obwohl er kaum noch etwas erkennen konnte, wieder auf die jungen Menschen. Sie werden mich der Erde übergeben, dachte er. Aber ich übergebe sie gleichfalls der Erde. Denn nur aus ihr und durch sie lebt der Mensch. Ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt, die Erde aber steht in Ewigkeit.“</em></p>
<p>Die Geschichte von Stewart aus dem Jahre 1949 ist spannend und gut und genauso verstörend wie das von ihm seinem Buch vorangestellte Motto aus dem Jahre 1947: <em>„Wenn plötzlich durch Mutation ein todbringender Virus-Typ entstehen sollte, könnte er infolge der schnellen Übertragungsmöglichkeiten, wie sie die heutige Zeit mit sich bringt, in die fernsten Winkel der Erde gelangen und den Tod von Millionen von Menschen verursachen.“ </em>W.M. Stanley in: Chemical and Engineering News vom 22. Dezember 1947.</p>
<p>Uwe Neuhold hat viele Seuchen-Klassiker in dem Nachwort des Buches „Leben ohne Ende“ (1949 von George R. Stewart) unter der Überschrift „Superseuchen und das Leben danach“ umfangreich und übersichtlich zusammengestellt und mit medizinischen Studien untermauert.</p>
<p>Damals, im Jahre 1947, gab es noch keine globalisierte Welt mit Billigflügen um den Globus und internationalen Handelsströmen und Warengeschäften. Die <em>„schnellen Übertragungsmöglichkeiten“ </em>von damals sind heute rasend schnell und exponentiell angewachsen, genauso wie die Informationen darüber. Die damalige Vorausschau des Medizinforschers Dr. Stanley vom Rockefeller Institute for Medical Research an der Princeton Universität in New Jersey über die Gefahren globaler Pandemien ist heute Gewissheit geworden und sicher ist die Covid-19-Pandemie nicht die letzte ihrer Art. Wir werden Vorsorge für die Zukunft treffen müssen. Was kann unser Verständnis dafür schärfen?</p>
<p>Interessant und lesenswert sind in diesem Kontext natürlich nach wie vor der fiktive Tatsachenbericht von Daniel Defoe „Die Pest zu London“ (1772, vollständiger englischer Titel: A Journal of the Plague Year. Beeing Observations or Memorials, Of the most Remarkable Occurrences, As well Publick as Private, which happened in London During the last Great Visitation In 1665) und der Roman von Albert Camus „Die Pest”” (1947).</p>
<p>Die Pest des Spätmittelalters war für alle Menschen in Europa ein großes Mysterium. Niemand wusste irgendetwas Verlässliches über ihre Ursache, ihre Herkunft, ihren Verlauf oder über mögliche Behandlungsmethoden, selbst die kundigen Schriften der Heiler aus dem Orient waren verloren gegangen. Man machte Ausdünstungen, sogenannte Miasmen, für die Verbreitung der Krankheit verantwortlich, versuchte Linderung durch einen Aderlass zu erreichen und schrieb die Schuld für die Krankheit auf die Juden. Das einzig probate Mittel war die Flucht aus den verseuchten Gebieten. Der Arzt und Autor Klaus Bergdolt bilanziert in seinem sachkundigen Buch <a href="https://www.chbeck.de/bergdolt-schwarze-tod-europa/product/17678716">„Der Schwarze Tod in Europa – Die Große Pest und das Ende des Mittelalters“</a> (1994, 2021): <em>„Die spätmittelalterlichen Ärzte kannten weder die Ursache noch den Verbreitungsmodus der Pest.“ </em>Klaus Bergdolt zieht das bittere Fazit, dass die Pest in der heutigen modernen Welt durchaus wieder pandemisch auftreten könnte: <em>„Beunruhigend bleibt, dass die modernen Mikrobiologen Katstrophen wie die von 1348/51 für die Zukunft keinesfalls ausschließen können. Mutationen oder die Anwendung bakteriologischer Waffen hätten auch heute verheerende Folgen.“ </em>Dies ist auch Thema des kanadischen Autors <a href="https://danielkalla.com/">Daniel Kalla</a> in seinem Roman „Patient Null – Wer wird überleben?“ (2020, „We all fall down“, 2019).</p>
<p>Was wäre, wenn die Pest des Mittelalters heute wieder pandemisch auftreten würde? Könnte die Menschheit die Ausbreitung der Pest eingrenzen und den Seuchentod vieler Meschen durch den Einsatz moderner Hilfsmittel und mit den Erkenntnissen der Wissenschaft und der Medizin verhindern? Oder würde durch die eingespielten Reisewege der Neuzeit eine erneute Ausbreitung der Pest zu einer globalen Pandemie führen? Daniel Kalla sagt in seinem Nachwort: <em>„Meine Geschichte ist fiktiv, aber die Wissenschaft und Historie dahinter sind alles andere als das.“ </em></p>
<h3><strong>Man hätte es wissen können </strong></h3>
<p>Eine Aufarbeitung der COVID-Pandemie ist nach wie vor schwierig. Es gibt zwar einige Enquête-Kommissionen, in einigen wenigen Ländern sogar Untersuchungsausschüsse. Man liest und hört wenig davon in den Medien. Das <a href="https://www.rki.de/DE/Home/home_node.html">Robert-Koch-Institut</a> (RKI) hatte im Jahre 2012 gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bundesbehörden ein Virus-Verbreitungsszenario durchgespielt, das dem realen Verlauf der COVID-19 Pandemie im Frühjahr 2020 fast aufs Haar entsprach. Die Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-Sars“ wurde in der <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/17/120/1712051.pdf">Drucksache 17/12051 des Deutschen Bundestages vom 3. Januar 2013</a> veröffentlicht. In dem Szenario wird angenommen, dass Deutschland durch ein modifiziertes, von Asien ausgehendes Sars-Virus von einer schlimmen Epidemie getroffen werden könnte. Auf dem Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle sind nach etwa 300 Tagen ungefähr sechs Millionen Menschen an Modi-Sars erkrankt. Das Gesundheitssystem bricht schrittweise zusammen. Nach der ersten Welle folgen zwei weitere schwächere Wellen, bis nach drei Jahren ein Impfstoff vorhanden ist. Die gesamte Fläche Deutschlands und alle Bevölkerungsgruppen sind nach diesem Szenario von der Epidemie betroffen und zwar über einen langen Zeitraum. Am Ende sind mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland an der Krankheit gestorben.</p>
<p>Die Verfasser der Studie sprechen von einem <em>„reasonable worst case“, </em>also einem annehmbaren schlimmsten Fall. Die Eintrittswahrscheinlichkeit wird angegeben mit <em>„Klasse C: bedingt wahrscheinlich: ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt“. </em>Das Krankheitsbild entspricht ziemlich genau dem realen Krankheitsbild von COVID-19 Patienten im Jahre 2020. Die Verläufe werden als dramatisch geschildert: <em>„Über den Zeitraum der ersten Welle (Tag 1 bis 411) erkranken insgesamt 29 Millionen, im Verlauf der zweiten Welle (Tag 412 bis 692) insgesamt 23 Millionen und während der dritten Welle (Tag 693 bis 1052) insgesamt 26 Millionen Menschen in Deutschland. Für den gesamten zugrunde gelegten Zeitraum von drei Jahren ist mit mindestens 7,5 Millionen Toten als direkte Folge der Infektion zu rechnen. Zusätzlich erhöht sich die Sterblichkeit sowohl von an Modi-SARS Erkrankten als auch anders Erkrankter sowie von Pflegebedürftigen, da sie aufgrund der Überlastung des medizinischen und des Pflegebereiches keine adäquate medizinische Versorgung bzw. Pflege mehr erhalten können.“ </em></p>
<p>Das Schadensausmaß für die Gesundheit der Menschen, auf die Volkswirtschaft und auf die immateriellen Schäden für die öffentliche Sicherheit und Ordnung sowie die politischen, psychologischen und kulturellen Auswirkungen sind erheblich. Des weiteren werden in dem Bericht Maßnahmen zur Vorbereitung auf unterschiedlichen Ebenen geschildert, die helfen können, sich auf eine solche Pandemie vorzubereiten und damit die möglichen schweren Verläufe abzumildern, insbesondere durch die Ausarbeitung von Krisenplänen und das Üben von Notfällen. „<em>Die zuständigen Behörden, zunächst die Gesundheitsämter und dort vornehmlich die Amtsärzte, haben Maßnahmen zur Verhütung übertragbarer Krankheiten zu ergreifen.</em>“ Der Bericht schließt mit der pessimistischen Einschätzung, dass <em>„die zuständigen Behörden im Verlauf des hier geschilderten Ereignisses vor große und mitunter nicht mehr zu bewältigende Herausforderungen“ </em>gestellt wären.</p>
<p>Man hätte manches wissen können, man hätte sich besser vorbereiten können, wobei mit <em>„man“</em> in erster Linie die Politik auf Bundes- und auf Länderebene, die Gesundheitsbehörden und die Krankenhäuser gemeint sind. Sie hätten sich auf einen solchen Katastrophenfall durch die ausreichende Bereitstellung und Lagerung von Schutzmaterialien und die Ausarbeitung und das Einüben von Notfallplänen vorbereiten müssen. Damit ist auch die Einrichtung ausreichender Plätze in Intensivstationen gemeint, andererseits ein radikales Umdenken gefordert für eine Epidemie-Vorsorge in Ballungsräumen mit krankheitsanfälligen Patienten wie alten Menschen und solchen mit Vorerkrankungen. Altersheime, Seniorenzentren, Krankenhäuser und Begegnungsstätten hätten ein vorsorgendes Notfallkonzept gebraucht, was beim Auftreten der ersten Fälle schnell hätte wirksam umgesetzt werden können. Davon ist damals nahezu nichts realisiert worden. Warum nicht?</p>
<p><strong>Neuordnung der Welt – Ordnung einer neuen Welt</strong></p>
<p>In der Zeit nach der COVID-Krise werden uns andere Katastrophen einholen, vor allem das Thema <em>„Klimawandel“ </em>wird durchschlagen<em>,</em> das sich nach der Meinung von vielen Wissenschaftlern als noch bedrohlicher für die Menschheit darstellen wird. Der von Carl Amery eingeführte Begriff <em>„Wiedergeburt nach totaler Katastrophe</em>“, die sich <em>„immer mehr von der atomaren auf die biologisch-ökologische Ebene verlagert hat“, </em>wird im Zeitalter des Anthropozäns auf die globale Dimension mit enormer zeitlicher Ausdehnung und immenser planetarer Schadenswirkung ausgedehnt werden.</p>
<p>Aber auch die klassischen Themen der Science Fiction enthalten bedenkenswerte Hinweise. Science Fiction beschäftigt sich mit <em>Ordnungen einer neuen Welt</em> und beschreibt mögliche   oder absurde Szenarien von alternativen menschlichen Gesellschaftsmodellen oder von Alien-Kulturen, was natürlich schwieriger, meistens aber interessanter ist. Aus der Vielzahl an Romanen über Außerirdische möchte ich zum Abschluss dieses Essays zwei Klassiker hervorheben, die den Rahmen für Erzählungen der Verheerung und für Wiederaufbaus darstellen.</p>
<ul>
<li>In dem Klassiker von H.G. Wells „Krieg der Welten“ (1898) werden die technisch überlegenen Marsianer, die die Erde verwüsten, schließlich von unscheinbaren Mikroben besiegt und durch Bakterien oder Viren aus den Biokreisläufen der Erde getötet. Die technische und militärische Überlegenheit der Außerirdischen geht plötzlich und still zu Ende, ohne dass die Menschen etwas dafür getan hätten, sozusagen als Reinigungsprozess von <em>„Gaia“, </em>der Erdmutter<em>,</em> gegen die Eindringlinge gewendet. Das Muster wurde später in dem Blockbuster „Independence Day“ aufgenommen und in „Mars Attacks“ (beide 1996) persifliert.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die <em>„Overlords“</em> aus <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/odyssee-in-den-weltraum/">Arthur C. Clarkes</a> Roman „Die letzte Generation“ (1953) haben die Erdbevölkerung besiegt und unterjocht, allerdings zu deren Vorteil, denn sie verordnen den Weltfrieden, besiegen den Hunger und die Krankheiten und führen die medizinische Versorgung für alle Menschen ein. Das Leben auf der Erde scheint in einem Paradies neuer Prägung stattzufinden, allerdings ohne die Selbstbestimmung des Homo sapiens. Die Menschheit findet schließlich heraus, wer ihnen das neue Paradies beschert hat. Ein Leben ohne Mitgestaltungsmöglichkeiten ist auch in Zukunft nicht wünschenswert – vor allem dann nicht, wenn der Wohltäter der Menschheit die vermeintliche Personifizierung des Bösen ist.</li>
</ul>
<p>Es war und ist die Zeit für Science Fiction. Science Fiction wird zumindest für einen gewissen Zeitraum realer werden und das wirkliche Leben wird immer wieder in Science-Fiction-Romanen auftauchen, die aus der Vergangenheit zu kommen scheinen und die wir alle in der Gegenwart gemeinsam schreiben, um für eine bessere Zukunft vorbereitet zu sein.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. März 2026, Titelbild: pixabay.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Ein philosophisches Genre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Nov 2025 07:21:10 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein philosophisches Genre Lukas Dubro über Science Fiction aus China „Zwei Atomkriege in nur 30 Jahren hatten fast alles vernichtet. Trotzdem konnten sie die Welt ein weiteres Mal aus den Ruinen heben, und fürchteten fortan ihre eigenen Fähigkeiten. / Wir sind so mächtig, dass ein einziger Mensch die Welt zerstören kann, sagte Ruian. /  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Ein philosophisches Genre </strong></h1>
<h2><strong>Lukas Dubro über Science Fiction aus China</strong></h2>
<p><em>„Zwei Atomkriege in nur 30 Jahren hatten fast alles vernichtet. Trotzdem konnten sie die Welt ein weiteres Mal aus den Ruinen heben, und fürchteten fortan ihre eigenen Fähigkeiten. / Wir sind so mächtig, dass ein einziger Mensch die Welt zerstören kann, sagte Ruian. / Wir sind so impulsiv, dass ein einziger Streit einen Krieg auslösen kann, sagte Kyoko Yamashita. / Wir können die wahren gewalttätigen Neigungen in unseren Seelen nicht bändigen und lassen unsere Aggressionen auf andere niederprasseln. Es wäre also das Beste, wenn wir uns voneinander fernhalten würden, sagte Aixiia.“ </em>(Chi Hui, Der Algorithmus des Artifiziellen, in: Chi Hui, Das Erbe der Menschheit und andere Geschichten, Augsburg, MaroVerlag, 2022)</p>
<div id="attachment_7640" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/270-kapsel-05-der-einsiedler-9783875128574.html"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7640" class="wp-image-7640 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-200x306.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-400x612.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-600x919.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-669x1024.jpg 669w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-768x1176.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-800x1225.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1003x1536.jpg 1003w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1200x1837.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1338x2048.jpg 1338w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-scaled.jpg 1672w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-7640" class="wp-caption-text">Kapsel No. 5. Cover: Marius Wenker. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Science Fiction aus China wird in der Regel mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a> verbunden, dessen Trisolaris-Romane inzwischen auch verfilmt wurden. Eine erste Staffel erschien bei Netflix unter dem Titel „The Three Body Problem“, die zweite ist angekündigt. Aber es gibt in China noch viel mehr zu entdecken. Es ist das Verdienst eines jungen Teams, Lukas Dubro, Felix Meyer zu Venne, Chong Shen, Marius Wenker und Konrad B. Winkler, junge und aktuelle Autor:innen der chinesischen Science Fiction in der deutschen Öffentlichkeit bekannter zu machen. Vier Ausgaben der „Kapsel“ erschienen bei <a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin">„Frue</a><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin">hwerk“</a>. Seit 2022 wird die <a href="https://kapsel-magazin.de/">Zeitschrift „</a><a href="https://kapsel-magazin.de/">Kapsel“</a> im <a href="https://www.maroverlag.de/">MaroVerlag</a> veröffentlicht. Dort erscheinen auch weitere Bände mit Erzählungen, die ebenso wie die Zeitschrift alle nicht nur literarisch, sondern auch künstlerisch ausgesprochen kreativ gestaltet werden, zuletzt im Oktober die Sammlung „Im Ozean ein Mutterschiff“ von Gu Shi, zuvor im Jahr 2023 die Sammlung „Das Erbe der Menschheit“ von Chi Hui, und Anfang des Jahres 2025 die dritte Auflage der Anthologie „Sechs Geschichten von heute über morgen“ mit unter anderem Xia Jia, Regina Kanyu Wang und Qiufan Chen. Alle Ausgaben der „Kapsel“ erscheinen zweisprachig, deutsch und chinesisch.</p>
<p>Fritz Heidorn hat im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> die chinesische Science Fiction in europäische und US-amerikanische Traditionen eingeordnet. Der Titel seines Essays <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-chinesische-spiegel/">„Der chinesische Spiegel“</a> zeigt bereits, dass die in der Science Fiction verhandelten Utopien und Dystopien sich weltweit ähneln, ungeachtet ihrer jeweils individuellen literarischen Gestaltung, mitunter transponiert in ferne Welten, oft genug auch als fast schon unabweisbar erscheinende Verlängerung des Heutigen in eine gar nicht so ferne Zukunft: Klimaschutz, Plastikmüll in den Meeren, künstliche Intelligenzen, die nach allen wissenschaftlich begründeten Wahrscheinlichkeiten durch das Eingreifen des Menschen selbst gefährdete Zukunft der Menschheit. Die zu Beginn zitierte Szene der Erzählung von Chi Hui mündet in die vielleicht grundsätzliche Frage, die wir Menschen uns angesichts der absehbaren Möglichkeiten, Risiken und Wahrscheinlichkeiten einer Welt, in der perfektionierte Artifizialität uns Menschen optimieren oder gar ersetzen könnte, stellen müssen: <em>„Sind wir dann … noch Menschen?“ </em>Eben diese Frage prägt auch die chinesische Science Fiction. Anlass genug, sich mit einem der Macher:innen der Publikationen der „Kapsel“ ausführlicher zu unterhalten.</p>
<h3><strong>Chinesische Science Fiction – eine höchst lebendige Szene</strong></h3>
<div id="attachment_7641" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7641" class="wp-image-7641 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-300x237.jpg" alt="" width="300" height="237" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-200x158.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-300x237.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-400x316.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267.jpg 419w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7641" class="wp-caption-text">Lukas Dubro, Foto: Yanina Isla.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist das Kapsel-Projekt entstanden und wie haben Sie die Autor:innen aus China, deren Erzählungen Sie veröffentlichen, entdeckt?</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Es war eine Folge von Zufällen. Ich habe Angewandte Literaturwissenschaft an der Freien Universität in Berlin studiert. Dort wird man sehr praxisnah an die Literatur herangeführt. Mit Marius Wenker, der unsere Kapsel-Hefte gestaltet, hatte ich bereits ein Fanzine über den Berliner Pop-Unterground gemacht, das „Cartouche“ hieß. Zu diesem Zeitpunkt las ich sehr gerne Science Fiction. Ich habe auch immer Sinologie studieren wollen, aber leider wegen des sehr hohen NC keinen Studienplatz erhalten, konnte aber wenigstens in einem Bachelor-Grundkurs ein wenig Chinesisch lernen. Hinzu kam, dass ich mich für chinesische Literatur interessierte und dass es so viele Möglichkeiten gab, günstig zu den abenteuerlichsten Themen zu publizieren. Und so kam ich auf die Idee, eine Zeitschrift für chinesische Science Fiction herauszugeben.</em></p>
<p><em>Als wir im Jahr 2015 mit der „Kapsel“ anfingen, gab es noch keine Übersetzungen chinesischer Science Fiction. Die deutschen Übersetzungen von Cixin Liu erschienen erst ab dem Jahr 2016 bei Heyne. Ich war  kein Experte für chinesische Literatur und somit auch nicht für chinesische Science Fiction. In der Mensa lernte ich über einen Freund aus dem Chinesisch-Kurs Chong Shen kennen, der sich von Anfang an bis heute an der Übersetzung der Texte beteiligt und damals auch bei der Konzeption und der Recherche half. Der nächste Zufall war, dass es zu diesem Zeitpunkt an der FU ein Seminar gab, geleitet von </em><a href="https://de.linkedin.com/in/frederike-schneider-vielsäcker"><em>Frederike Schneider-Vielsäcker</em></a><em>, die sich mit chinesischer Science Fiction befasst.</em></p>
<p><em>Ich hatte Chong damals gebeten, einen „Hilferuf“ abzusetzen, um eine chinesische Science-Fiction-Autorin zu finden. Das haben wir über Douban, das größte soziale Netzwerk</em><em> für Buch-, Film- und Musikliebhaber </em><em>in China, getan, wir wollten ein Magazin machen, könnte uns jemand eine Geschichte vorschlagen? Über Douban meldete sich dann eine Userin, die Mitglied eines Science-Fiction-Clubs in Shanghai war, den Regina Kanyu Wang mitgegründet hatte. Regina Kanyu Wang haben wir später in der sechsten Ausgabe der „Kapsel“ mit der Erzählung „Zhurong auf dem Mars“ ein eigenes Heft gewidmet. Die Userin sagte, sie habe gerade eine Arbeit über Chi Hui zu dem Thema Utopien in der Science Fiction geschrieben. Sie empfahl uns eine Geschichte von Chi Hui, die auch in „Das Erbe der Menschheit“ vorkommt: „Das Insektennest“. Wir haben dann den Kontakt zu Chi Hui hergestellt und sie für unsere erste Ausgabe über den Messenger QQ interviewt. Frederike half uns bei der Auswahl der Texte.</em></p>
<div id="attachment_7649" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7649" class="wp-image-7649 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-1200x1601.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1.jpg 1276w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7649" class="wp-caption-text">Felix Meyer zu Venne in Chengdu. Foto: Kapsel.</p></div>
<p><em>Ich muss noch eines ergänzen: Ich fliege nicht, weil ich Angst davor habe. Über die Science Fiction und das Kapsel-Projekt hatte ich dann die Möglichkeit, China zu mir zu holen. Mir war gar nicht bewusst, was für ein Fenster ich damit geöffnet habe. Auf die erste Ausgabe gab es viele positive Reaktionen. Sie erschien damals noch nicht bei MaroVerlag, sondern bei </em><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin"><em>„Frue</em><em>hwerk“</em></a><em>. Das war ein weiterer Zufall: Unser erster Verleger Ruben Pfizenmaier von Fruehwerk saß damals neben mir im Chinesischkurs. Und dann gab es noch den, dass über einen Freund Felix Meyer zu Venne als Übersetzer hinzukam. Er war damals gerade in China und traf sich mit Xia Jia, einer anderen in China sehr bekannten Science-Fiction-Autorin. Und schon hatten wir eine Geschichte für die zweite Ausgabe der „Kapsel“. Felix, der gerne und viel nach China fliegt, kennt dort inzwischen viele tolle Autor:innen. Im Jahr 2023 war er auf der </em><a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/triff-die-zukuenfte-ein-bericht-von-der-worldcon-2023-chengdu-china"><em>WorldCon in Chengdu</em></a><em>. In Chengdu gibt es sogar ein riesiges </em><a href="https://arquitecturaviva.com/works/museo-de-ciencia-ficcion-en-chengdu"><em>ScienceFiction-Museum</em></a><em> mit einer beeindruckenden Architektur. Felix schickte mir ein Selfie nach dem anderen – immer anderen Autor:innen, die wir schon in der Kapsel hatten oder haben wollten. </em></p>
<p><em>Das erste Heft der „Kapsel“ erschien 2017 (es ist leider vergriffen). Damals nahmen wir an der </em><a href="https://www.hkw.de/programme/events/miss-read-2025"><em>„Miss Read“</em></a><em> teil, einer Messe für Independent Publishing. Da saß auf einmal Sarah Käsmayr neben mir – ein weiterer toller Zufall. Daraus entstand eine Freundschaft. Seit 2017 beteiligt sie sich als Lektorin und als Freundin, gibt uns regelmäßig Tipps und Ratschläge, auch Korrekturvorschläge. Irgendwann kam die Idee, die „Kapsel“ beim MaroVerlag zu veröffentlichen. Bei „Fruehwerk“ erschienen die ersten vier Ausgaben, seit 2022 erscheinen „Kapsel“ und die Erzählbände bei Maro.</em></p>
<p><em>Wir haben inzwischen ein gutes Netzwerk in Deutschland und in China. Mehrere Autor:innen hatten wir auch schon zu Gast in Berlin. Ich hätte mir damals, als wir mit „Kapsel“ losgelegt haben, in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass es so weit kommen könnte. Dass das alles gelang, ist eigentlich auch schon selbst eine Science-Fiction-Geschichte – und allen zu verdanken, die mit ihrer großartigen Arbeit und Expertise zu der Zeitschrift beigetragen haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie verbreitet ist Science-Fiction-Literatur beziehungsweise utopische Literatur in China? Die WorldCon, das Museum deuten auf ein großes Publikum hin.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Die Szene in China ist sehr lebendig. </em><em>Über den internationalen Erfolg von Cixin Liu wurde die chinesische Science Fiction in China fast über Nacht über die Science Fiction-Kreise hinaus bekannt und schaffte damit Zugang zu einem immer breiter werdenden Publikum. Durch Cixin Liu begeistern sich viele Leser:innen für Science Fiction. </em><em>Die im Jahr 1979 gegründete Science Fiction World hatte einmal eine Auflage von um die 400.000 Exemplaren. Es gibt viele Leute, die schreiben, überall Fanclubs. Gleichwohl ist Science Fiction nach wie vor eine Nische, wenn auch die Szene wächst. Charakteristisch für die Szene in China ist, dass die Anhänger:innen im Vergleich zu anderen Ländern deutlich jünger sind.  </em></p>
<p><em>Das ist eine Art von „geweckt werden von außen“ und spricht auch dafür, dass dieses Genre per se international vernetzt ist. </em></p>
<h3><strong>Utopien, Dystopien, Kontroversen und Konflikte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Geschlechterverteilung ändert sich zurzeit auch in Europa, es sind eben nicht nur Männer, in Deutschland beispielsweise <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-climate-fiction-und-die-politik/">Theresa Hannig</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/realistische-fantastik/">Zara Zerbe</a>, <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957">Patricia Eckermann</a> oder <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/">Aiki Mira</a>, deren Romane sich durchaus im Sinne von Ursula K. Le Guin weiter fassen lassen, nicht nur als Science Fiction, sondern als Speculative Fiction. Es geht eben nicht nur um Entwicklungen durch Technologie und Wissenschaft, sondern auch um Entwicklungen in Gesellschaft und Politik. Ich bin ganz zuversichtlich, dass sich die männliche Dominanz unter den Autor:innen auch bei uns langsam auflösen wird.</p>
<div id="attachment_7643" style="width: 187px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/266-sechs-geschichten-von-heute-ueber-morgen-9783875128604.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7643" class="wp-image-7643 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-177x300.jpg" alt="" width="177" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-177x300.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-200x339.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-400x678.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-600x1018.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-604x1024.jpg 604w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-768x1302.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-800x1357.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-906x1536.jpg 906w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-1200x2035.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-1208x2048.jpg 1208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke.jpg 1358w" sizes="(max-width: 177px) 100vw, 177px" /></a><p id="caption-attachment-7643" class="wp-caption-text">Eine der sechs Geschichten ist die von Xia Jia über Drachenpferd. Covergestaltung: Marius Wenker, Illustration: Claudia Schramke. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Unter den erfolgreichen Autor:innen in China sind viele Frauen. Die Autor:innen, mit denen wir arbeiten, haben alle sehr unterschiedliche Stile. Bei Xia Jia gibt es eine Fülle fantastischer Elemente, sodass man ihre Erzählungen gar nicht unbedingt als Science Fiction-Geschichte liest. Es fliegen Inseln in den Wolken, es gibt keine Menschen mehr, es gab irgendeine Katastrophe, aber die wird nicht weiter ausgeführt. Eine ihrer Geschichten wurde von einem Holzpferd inspiriert. In Nantes, der Stadt, in der </em><a href="https://julesverne.nantesmetropole.fr/"><em>Jules Verne</em></a><em> geboren wurde, stehen um eine Halle herum viele Holzfiguren, darunter auch eine Art Drachenpferd. Daraus machte Xia Jia eine Geschichte: Ein Drachenpferd wacht in einer Welt ohne Menschen auf, lernt eine Fledermaus kennen, mit der es sich dann Geschichten aus der Welt erzählt, in der es noch Menschen gab. Eine eher nostalgische Geschichte, durchaus typisch für die Geschichten von Xia Jia.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und zugleich ist die Geschichte wie es sich für Science Fiction gehört eine technologisch-futuristische Vision. Ich darf eine kurze Passage aus der Erzählung „Nachtstreifzug des Drachenpferds“ zitieren: <em>„Was sind das alles für gute Geister und Dämonen? Sie kommen in allen erdenklichen Formen, Farben, Stoffen und Linien. (…) Sie alle sind genau wie er: hybride Wesen aus Tradition und Moderne, Mythos und Technologie, Traum und Wirklichkeit. Sie alle sind von Menschenhand gemacht und zugleich ein Teil der Natur.“ </em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Ein anderer Autor ist Jiang Bo, der sich für Künstliche Intelligenz interessiert und sich mit der Technologie und den Fragen, die dadurch aufgeworfen werden, auseinandersetzt. In der dritten Ausgabe der „Kapsel“ gab es eine Geschichte, die in einer Art Krankenhaus spielt. Achtung Spoiler: Dort kommt eine KI zum Einsatz, die anhand von Kalkulationen über Leben und Tod entscheidet. Eine Patientin ist so krank, dass sie sich die Behandlung nicht mehr leisten kann und die KI entscheidet, dass man sie doch einfach töten könnte, um der Familie viel Geld zu ersparen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Triage und Sterbehilfe sind überall ein kritisches Thema und werden in letzter Zeit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">auch im Kontext von k</a><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">ünstlicher Intelligenz debattiert</a>. Das Thema wird auch in „Eine Einführung zu Ouvertüre 2181, zweite Auflage“ literarisch bearbeitet. Die Grundsituation: Eine Welt, in der nach dem Ausbruch des Yellowstone-Vulkans im Jahr 2084 nur noch eine Milliarde Menschen leben. Es gibt große Kälteschlafstädte, die eine <em>„Alternative zur Sterbehilfe“</em> bieten. Dann schreibt Gu Shi: <em>„Es dauerte nur dreißig Jahre, um die menschliche Vorstellung von Leben, Tod und Zeit zu revolutionieren, was aus heutiger Sicht unglaublich erscheint. Wenig überraschend mischten sich in dieser Zeit alle möglichen Stimmen in die Debatte ein, auch Gegner, von denen nicht wenige mit Anschlägen drohten.“ </em>Eltern verlassen ihre Kinder in den Kälteschlaf, traditionelle menschliche Beziehungen verschwinden, die Macht der Unternehmen wächst. Man könnte hier sogar von einer Spielart der Kapitalismuskritik sprechen: <em>„Wie ein Konzept entstanden ist oder welche Gewinnabsichten dahinterstecken, ist im Grunde nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass es von allen angenommen wird und die Leute bereit sind, für die Produkte zu zahlen. Das zeigt, dass wir es brauchen.“ </em>Die Gegner:innen des Kälteschlafs sind <em>„die Übriggebliebenen“.</em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>In dieser Erzählung können Menschen aus dem Kälteschlaf in einer Welt aufwachen, in der sie jünger sind als ihre Kinder. Was passiert dann? Wie entwickelt sich dann das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern? Ich mag an dieser Geschichte, dass sie fast schon ein bisschen journalistisch erzählt wird, dass die Protagonistinnen wechseln und Gu Shi so ein sehr heterogenes Bild der Möglichkeiten gibt. Es gibt Leute, die gesund werden wollen, welche, die ihren Lebenstraum erfüllen wollen, solche, die reich werden wollen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „An der wilden Furt ist niemand“ wird eine KI, genannt <em>„KA-I“</em> ausgebildet. <em>„Der Lehrer (…) war überzeugt, dass KA-I früher oder später alle Dichter und Komponisten der Welt ersetzen könnte.“</em> KA-I wird mit der Zeit erwachsen, die Lehrerin kündigt eine letzte Prüfung an: <em>„Die Menschen sahen mit seinen Augen, hörten mit seinen Ohren, vertrauten ihm ihre ganze Freude an, sie achteten jedoch nicht mehr auf die Schönheit der Jahreszeiten und vernachlässigten ihre Familien. Sie waren wie Maschinen. Und nun war KA-I erwacht. Er besaß ihre Gefühle, kontrollierte ihre Fantasie. Er war der einzige Mensch auf der Welt. Lange Zeit schwieg er. Schließlich setzte er zu einer Antwort an. Seine Geschichte begann so: ‚Die Menschheit wird sterben.‘“</em> Der letzte ist dann auch der erste Satz der Erzählung. Es ist die Geschichte eines unabwendbaren und geradezu unerbittlich logischen und konsequenten Prozesses.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Chi Hui, die Autorin der ersten „Kapsel“ und des Bandes „Das Erbe der Menschheit“, wirkte während ihres Besuchs in Deutschland eher introvertiert. In der Titelgeschichte des Buches verabschieden sich die Menschen von dem Planeten, den sie zerstört haben. Es bleiben die Ratten, die in dieser Welt zu überleben verstehen. </em></p>
<div id="attachment_5904" style="width: 208px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/273-das-erbe-der-menschheit-9783875128581.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5904" class="wp-image-5904 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5904" class="wp-caption-text">Covergestaltung: Marius Wenker; Illustration: Theresa Klenke. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Chi Hui schreibt: <em>„Dort ist lebhaft spürbar, dass die Macht der Menschheit in Wirklichkeit sehr groß ist. Wir sind nicht klein und niemals unbedeutend. Die ‚Menschheit‘ als Ganzes ist riesig, der Müll, den wir wegwerfen, bedeckt die Weltmeere, unsere Taten erschüttern im Verborgenen unsere ganze Welt.“ </em>Und nach ihrer Rückkehr werden die Menschen vielleicht zu Archäolog:innen der Zerstörung: <em>„Vielleicht kommt der Tag, an dem unsere Nachfahren von fernen Sternen zurückkehren. Sie werden auf dem Kontinent Rabbilia im Pazifischen Ozean landen und geduldig Plastikmüll ausgraben: erste Luftreifen aus dem Jahr 1945, Ansichtskarten der Weltausstellung 2010, Regencape-Fitzel aus Russland und Plüschkängurus aus Australien … Das gesamte Plastikzeitalter – von dessen Geburt bis hin zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft – wird auf diesem Müllkontinent komprimiert sein und von unseren Kindern und Enkelkindern untersucht werden.“</em> Ich selbst erlaube mir gelegentlich die Bemerkung, dass von unserer Zivilisation in einigen 1.000 Jahren vielleicht nur ein Haufen Tupperware übrigbleibt.</p>
<p>Aber wir hätten es in der Hand. Haben wir es in der Hand? Ich erlaube mir diese rhetorische Frage, die niemand beantworten kann, es sei denn man ist davon überzeugt, dass Murphys Law stimmt, dass es – sinngemäß zitiert – immer dann, wenn etwas zur Katastrophe führen kann, jemanden geben wird, der diese Katastrophe auslöst.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Regina Kanyu Wang beginnt ihre Erzählung „Zhurong auf dem Mars“, die wir in der sechsten Ausgabe der „Kapsel“ veröffentlicht haben, in der fiktiven Marsstadt „Magna Deserta“. Qiufan Chen erzählt Cyberpunk-Geschichten. Das sind alles Themen, die es auch in der westlichen Science Fiction gibt. Die chinesische Science Fiction wurde durchaus durch westliche Science Fiction beeinflusst, vielleicht versucht sie auch, sich abzugrenzen, um eine andere Perspektive zu eröffnen, so wie es beispielsweise Xia Jia gemacht hat, die einen ganz eigenen Stil entwickelt hat, der ins Fantastische geht. Wie in der westlichen Science Fiction gibt  es aber auch Hard Science Fiction, in der die Dinge, die es jetzt schon gibt, einfach nur ins Extrem gesteigert werden, zum Beispiel von Cixin Liu, Liu Yang oder Jiang Bo.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Motiven wie dem Drachenpferd von Xia Jia dachte ich an ein altes aus der europäischen Mythologie stammendes Motiv, den Hippogryphen, den es schon bei Ariost im „Orlando Furioso“ als Reittier gibt, mit dem der Ritter Astolfo auf den Mond reist, um dort all den verlorenen Verstand von Menschen in Flaschen aufgezogen vorzufinden. Der Hippogryph hat es ja dann auch in die Harry-Potter-Welt geschafft. Nun gibt es auch in der chinesischen Mythologie eine Menge Fabelexistenzen.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Es gibt immer wieder enge Bezüge zur chinesischen Mythologie. Wir versuchen in der „Kapsel“, die Bezüge zur chinesischen Kultur zu erklären. Das Drachenpferd von Xia Jia verlässt irgendwann seinen Körper und fliegt in die Welt der Götter. Gu Shi zitiert klassische chinesische Gedichte. Die klassische chinesische Literatur wird in Form von Zitaten oder von bestimmten Personen immer wieder aufgegriffen, nicht nur bei Gu Shi, und vor allem neu interpretiert oder kreativ umgedeutet. Ich bin daher sehr froh, dass Chong und Felix dies mit ihrer Kompetenz erklären und kommentieren können. Bei „Zhurong auf dem Mars“ haben die beiden gegeneinander kämpfenden künstlichen Intelligenzen die Namen der Götter Zhurong und Gonggong. Zhurong ist Gott des Feuers, Gonggong Gott des Wassers (Zhurong war übrigens auch der Name des chinesischen Marsrovers). Bei der Übersetzung gab es eine Herausforderung: Regina Kanyu Wang verwendet für Zhurong ein geschlechtsneutrales Pronomen und für Gonggong ein Pronomen, das im Chinesischen üblicherweise für Tiere und Gegenstände genutzt wird. Wir haben uns in der Übersetzung für das weibliche Pronomen entschieden, weil „künstliche Intelligenz“ in der deutschen Sprache den weiblichen Artikel hat. Die Götter aus der Geschichte haben in der chinesischen Mythologie allerdings ein männliches Geschlecht.</em></p>
<div id="attachment_7644" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/306-im-ozean-ein-mutterschiff-9783875128611.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7644" class="wp-image-7644 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-400x607.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-600x911.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-768x1166.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-800x1215.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1012x1536.jpg 1012w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1200x1822.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1349x2048.jpg 1349w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-scaled.jpg 1686w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-7644" class="wp-caption-text">Cover: Sebastian Vogt. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir hat die Erzählung „Die letzte Datei“ von Gu Shi sehr gefallen, eine Erzählung, in der es um eine Technologie geht, mit der man sich in eine andere Zeit versetzen kann: <em>„Der technische Fortschritt hatte dafür gesorgt, dass der Raum biegsam wurde. Entfernungen definierten sich nun nicht mehr durch die eigentliche Strecke, sondern durch die für ihre Überwindung benötigte Zeit. ‚Von Peking nach New York in nur einer Stunde‘, hieß es in einem Werbespot.“</em> Es gibt ein Unternehmen, das dies organisiert: <em>„Bereust du etwas? Wähl Timeline!“</em> Es gibt die Möglichkeit, <em>„dass ihr für den Rest eures Lebens an der Welt der anderen teilhaben könnt, vorausgesetzt ihr schließt mit euren Freunden einen Vertrag zum gemeinsamen Speichern ab.“</em></p>
<p>Bei Regina Kanyu Wang in „Zhurong auf dem Mars“ erleben die künstlichen Intelligenzen Empathie wie reale Menschen auch. Sie denken über Leben und Tod nach. Am Schluss der Erzählung lesen wir: <em>„Kurz vor ihrem Ende erlangte Zhurong die Antwort auf ihre Frage. Wenn sie jetzt starb, musste sie also doch gelebt haben.“ </em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Mir hat die Idee sehr gefallen, eine KI auf dem Mars auf Sinnsuche zu schicken. </em> <em>Jede Geschichte hat für sich selbst eine große Kraft. Bei Xia Jia gibt es die Geschichte eines Arztes, der sehr krank ist und einen Roboter einsetzt, um seinen Patient:innen zu helfen. Er holt sie zu sich, um sie dann aus dem Bett heraus mit dem Roboter zu behandeln. Das ist natürlich irgendwie auch fast schon romantisch. Diese Geschichte hat Xia Jia ihrem Großvater und der älteren Generation gewidmet, weil sie fand, dass diese ihr gezeigt haben, dass das Leben so nah am Tod nichts ist, vor dem man sich fürchten muss. Ich will damit zeigen, dass die Autor:innen sehr viel von sich selbst in die Geschichten hineinstecken, sodass man auch ein anderes Bild von China bekommt, obwohl viele Autor:innen sagen, dass es nicht ihre Absicht ist, Wissen über China zu vermitteln. In China machen sich Menschen ebenfalls Gedanken über Armut und Reichtum, Städteplanung und Klimawandel, Feminismus, Gesundheit, Leben und Tod, alles Fragen, mit denen auch wir uns in Deutschland, in Europa befassen.</em></p>
<h3><strong>Gedankenspiele der Zukunft </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Spiel mit Raum und Zeit scheint mir in den von Ihnen veröffentlichten Texten immer wieder thematisiert zu werden. Ein experimentierfreudiges Genre, eigentlich daher auch ein philosophisches Genre. Das spiegelt sich nicht zuletzt in der weltweiten Anerkennung. <a href="https://nebulas.sfwa.org/">Nebula Award</a>, <a href="https://www.thehugoawards.org/">Hugo Award</a> und manches mehr.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Die Geschichten sind einfach toll. Den Hugo Award gewonnen haben zum Beispiel Cixin Liu, Hao Jingfang für </em><a href="https://literaturschock-forum.de/forum/thread/49261-hao-jingfang-peking-falten/"><em>„Peking falten“</em></a><em>. Gu Shi und Regina Kanyu Wang waren in den vergangenen zwei Jahren nominiert.</em></p>
<p><em>Ich bin nicht der absolute Science-Fiction-Nerd. Mich interessiert die philosophische Ebene. Science Fiction setzt sich meist mit der Gegenwart auseinander. Man kann aber in andere Welten hineinschauen und sich mit den Ideen anderer auseinandersetzen. Es gibt immer wieder die nicht-menschliche Perspektive, die Perspektive einer KI, ebenso wie menschliche Perspektiven, oft im Wechsel zueinander. All das hatte ich vor meiner Entdeckung der chinesischen Science Fiction so noch nicht gelesen. Es ist experimentierfreudig, spielt mit den Formen.</em></p>
<div id="attachment_5905" style="width: 206px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/283-kapsel-06-zhurong-auf-dem-mars-9783875128598.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5905" class="wp-image-5905 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6.jpg 304w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5905" class="wp-caption-text">Cover: Marius Wenker. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>An der chinesischen Science Fiction interessiert mich gerade auch der Alltagsbezug. Die Technologie ist einfach da und man schaut, wie man damit umgeht und passt sich an. Regina Kanyu Wang sagte im Interview, das wir in „Kapsel Nr. 6“ abgedruckt haben: „Technologien wie das Internet und Smartphones sind ein untrennbarer Teil von vielen von uns geworden und haben unser Leben und sogar unser Denken dramatisch verändert. Von Herzschrittmachern über mechanische Prothesen bis hin zu Gehirn-Computer-Schnittstellen haben kybernetische Veränderungen am menschlichen Körper Einzug in unseren Alltag gefunden. Wie kann man da noch eine klare Grenze zwischen Technik und Natur, zwischen organisch und anorganisch ziehen?“ </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte aus dem Dystopischen etwas Utopisches ableiten. Ich sehe auf jeden Fall, dass die chinesische Science Fiction in der Lage ist, uns eine ganze Menge Denkanstöße zu liefern, in etwa das, was Ursula K. Le Guin mit <em>„Speculative Fiction“</em> meint.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Genau das ist unser Ziel: Wir wollen Denkanstöße liefern. Die Idee der „Kapsel“ war, Themen zu präsentieren, die in meiner Generation eine wichtige Rolle spielen. Manche interessieren sich nicht so sehr für das Morgen. Aber durch den technischen Fortschritt geschieht so viel, das wir um das Morgen gar nicht herumkommen. Das sollte uns doch anregen, uns mit Fragen zu befassen, was geschieht, was sich entwickelt, wenn Roboter oder Algorithmen die Arbeit übernehmen, welche Möglichkeiten es gibt. Hat man in Zukunft als Mensch mehr Freizeit, mehr Zeit zum Philosophieren? Oder was geschieht mit unserem Wohlstand? Da passiert so viel, aber die Fragen nach der Verteilung des Wohlstands werden kaum gestellt. Und was bleibt vom Menschen in einer hoch technologisierten Welt noch übrig? Das ist ein zentrales Thema der Autor:innen unserer „Kapsel“.</em></p>
<p><em>Bei Gu Shi haben wir das auf dem Klappentext festgehalten: „Die chinesische Autorin und Stadtplanerin Gu Shi verwebt Zukunftsvisionen mit existenziellen Fragen. Ihre Figuren bewegen sich in Szenarien, in denen technologische Durchbrüche Verluste markieren – an Fantasie, an Autonomie, an Menschlichkeit – aber auch vielfältige Möglichkeiten versprechen.“ Es muss ja nicht die Welt untergehen, es könnte auch alles einfach nur schön werden. </em></p>
<p><em>So bin ich an die chinesische Science Fiction herangegangen. Ich dachte auch daran, dass China uns in manchen technologischen Dingen so weit voraus ist, auch im Einsatz von Technologie im Alltag. Wie sehen dort die Menschen die Zukunft? Es ging uns darum, Ideen zu sammeln. Die philosophische Dimension ist das, was mich an Literatur so begeistert. Es ist die Suche nach Gedankenspielen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein solches Gedankenspiel ist die Erzählung „Der Algorithmus der Artifiziellen“ von Chi Hui. Es gibt in dem asiatischen Mian-City im Jahr 2042 nur 2248 <em>„Echte“</em> und 11,26 Millionen <em>„Artifizielle“</em>, weltweit 7,2 Milliarden <em>„Artifizielle“</em> und 1,44 Millionen <em>„Echte“</em>, <em>„nur 127 von ihnen kennen die Wahrheit über diese Welt.“ </em>Ein Einstieg, der unwillkürlich an die „Matrix“-Filme der Wachowskis denken lässt. Am Schluss stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch <em>„Echte“</em> braucht. Wozu sind wir Menschen noch gut? Oder geht von uns die eigentliche Gefahr aus? <em>„Wenn sich ein Mensch in einer Illusion verloren hat und nicht mehr weiß, wen er hassen soll, dann wird er alles hassen. Wenn die Freiheit durch die Umstände zerstört wird, wird er alles zerstören wollen … wie bei Pharells Eltern hat der Algorithmus die Gewaltbereitschaft nicht wirklich eliminiert, im Gegenteil, er hat die manischen Ausprägungen der Echten verdoppelt.“ </em>Die Utopie der <em>„Artifiziellen“</em> und die Dystopie der <em>„Echten“</em> – eine versöhnliche Perspektive scheint es da nicht mehr zu geben.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>In Chi Huis Geschichten gibt es immer eine Außenseiterfigur, die sich gegen irgendetwas behaupten muss. Dazu passt diese Textstelle, die Sie eben zitiert haben. Chi Hui lässt darin ihren gesamten Frust über die Menschheit, wie sie sie erlebte, heraus. Chi Hui lebt heute als freischaffende SF-Schriftstellerin alleine mit ihrer Katze in Chengdu. Das komplette Gegenmodell. </em></p>
<p><em>Vielleicht entsteht mit all diesen Geschichten ein Anlass für einen größeren Austausch. Deshalb versuchen wir in der „Kapsel“ auch immer Leute zu gewinnen, die die Texte kommentieren, wir haben Interviews und Hintergrundinformationen, Fußnoten mit Erklärungen, um beim Textverständnis zu helfen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hier haben Sie ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Verlagen. Ihre Art der Kombination verschiedener Genres rund um einen Text beziehungsweise eine:n Autor:in ist sehr gelungen. Und das alles zu einem sehr verträglichen Preis. Man bekommt für 15 EUR pro „Kapsel“ eine Menge geboten. Dazu all die anspruchsvollen Zeichnungen und Bilder, die man sich im Detail nicht lange genug anschauen kann. Das gilt für die Zeitschrift wie für die Bücher und ist im Übrigen auch ein Alleinstellungsmerkmal des MaroVerlags, das ich immer gerne betone.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Danke. Das freut mich sehr. Es ist einfach eine Einladung, ein Genre und ein Land und dazu viele spannende Autor:innen zu entdecken, die sonst wahrscheinlich niemand entdecken würde.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 10. November 2025, Titelbild: Gruppenfoto in Shanghai, vorne links Xia Jia, vorne rechts Regina Kanyu Wang, der junge Mann mit der gelben Kappe ist Marius Wenker. Foto: Kapsel.)</p>
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		<title>Polen 2025</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Nov 2025 08:55:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Polen 2025 Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte „Poland is therefore just one example of a country where the political culture of post-traumatic sovereignty has become visible to foreign observers.” (Jarosław Kuisz, The new politics of Poland – A case of post-traumatic sovereignty, Manchester University Press, 2023) Wer sich in Deutschland mit polnischer Geschichte,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3"><h1></h1>
<h1><strong>Polen 2025</strong></h1>
<h2><strong>Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte</strong></h2>
<p><em>„Poland is therefore just one example of a country where the political culture of post-traumatic sovereignty has become visible to foreign observers.” </em>(Jarosław Kuisz, The new politics of Poland – A case of post-traumatic sovereignty, Manchester University Press, 2023)</p>
<p>Wer sich in Deutschland mit polnischer Geschichte, Gesellschaft oder Politik beschäftigt, sollte einen Blick in die lange Geschichte des Landes wagen. Der Historiker <a href="https://www.rees.ox.ac.uk/people/dr-jaroslaw-kuisz">Jarosław Kuisz</a> versucht dies in der zitierten Studie in drei Kapiteln, die jeweils unterschiedliche Zeitfenster öffnen. Das erste Fenster öffnet sich im Jahr 2015 mit dem Wahlsieg der PiS, deren Vorsitzender Jarosław Kaczyński damals ankündigte, er und seine Partei bräuchten drei Legislaturperioden, um Polen in ihrem rechts-konservativen Sinne zu verändern. Die dritte Legislaturperiode blieb der PiS zwar vorerst verwehrt, doch die Wahl des von der PiS nominierten neuen Präsidenten Karol Nawrocki im Mai 2025 könnte auf einen neuerlichen Wahlsieg der PiS im November 2027 hindeuten. Das zweite Fenster öffnet sich im Jahr 1989, das dritte über einen Zeitraum von über 150 Jahren, im Grunde sogar noch weiter auf die 123 Jahre, in denen Polen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zwischen drei europäisch-kontinentalen Großmächten aufgeteilt war.</p>
<p>Ein souveräner Staat wurde Polen als Zweite Polnische Republik erst wieder im Jahr 1918. Deren Souveränität konnte Polen im August 1920 im polnisch-sowjetischen Krieg aufgrund des sogenannten „Wunders an der Weichsel“ verteidigen. Mit dem Molotow-Ribbentrop-Pakt vom 23. August 1939 wurde Polen erneut zwischen zwei Großmächten aufgeteilt: Am 1. September 1939 überfielen Truppen des damaligen Deutschen Reichs Polen, am 17. September 1939 ließ Stalin das damalige Ostpolen besetzen und rückte bis zum Bug vor. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschoben die Siegermächte Großbritannien, Sowjetunion und USA die polnischen Grenzen dauerhaft nach Westen. Stalin konnte die im September 1939 besetzten Gebiete behalten. Polen erhielt die deutschen Gebiete östlich der sogenannten Oder-Neiße-Linie, die von deutscher Seite erst endgültig mit dem 2+4-Vertrag im Jahr 1990 als polnische Westgrenze anerkannt wurde.</p>
<h3><strong>2025 – ein Schlüsseljahr?</strong></h3>
<p>Ohne Kenntnis der wechselvollen polnischen Geschichte lässt sich der lange Schatten polnischer Vorbehalte gegenüber Deutschland nicht erklären. Jarosław Kuisz spricht psychologisierend von einem <em>„Trauma“</em> (so auch in dem von ihm gemeinsam mit Karolina Wigura geschriebenen Essay <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/posttraumatische-souveraenitaet-t-9783518127834">„Posttraumatische Souveränität“</a>, der 2023 bei Suhrkamp erschien). Die andere Seite ist das deutsche Unverständnis, oft auch gepaart mit Desinteresse am östlichen Nachbarn.</p>
<p>Das Jahr 2025 darf aufgrund der Wahlergebnisse in Polen und in Deutschland durchaus auch als ein Schlüsseljahr bezeichnet werden, nicht unbedingt, weil sich ein seit Jahren langsam abzeichnender negativer Trend in den deutsch-polnischen Beziehungen verstärken könnte, wohl aber weil das Jahr 2025 grundlegende Hinweise gibt, worauf Politiker:innen beider Länder angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen achten müssten, um die Zukunft der Europäischen Union nicht zu gefährden.</p>
<div id="attachment_7631" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7631" class="wp-image-7631 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-200x286.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025.png 281w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a><p id="caption-attachment-7631" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Deutschen Polen-Instituts über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die besondere Bedeutung der Entwicklungen im Jahr 2025 belegt das am 18. November 2025 erschienene 25. <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025">Deutsch-Polnische Barometer</a>, nach wie vor die einzige bilaterale Langzeit- und Vergleichsstudie dieser Art (<a href="https://www.isp.org.pl/en/employers/dr-jacek-kucharczyk">Jacek Kucharczyk</a>, <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/institut/ansprechpartner/dr-agnieszka-lada-konefal">Agnieszka Łada-Konefał</a>, Gemeinsame Herausforderungen, unterschiedliche Sichtweisen, Deutsches Polen-Institut / Instytut Spraw Publicznych, Darmstadt/Warszawa 2025, auf der Internetseite sind auch <a href="https://www.deutsch-polnisches-barometer.de/">vorangegangene Ausgaben</a> verfügbar, auf der Projektseite kann man selbstständig Daten zusammenstellen, analysieren, vergleichen und Trends im Zeitvergleich erforschen).</p>
<p>Ebenso aufschlussreich sind weitere Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts, die wie in den vergangenen Jahren im <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/index.ahtml">Harassowitz Verlag</a> erschienen:</p>
<ul>
<li>Das „Jahrbuch Polen 2025“ des Deutschen Polen-Instituts befasst sich mit dem Thema „Energie“. Gegenstand sind nicht nur die Frage einer nachhaltigen Energiepolitik, die Zukunft von Kohle, Atomkraft und Erneuerbaren, sondern auch gesellschaftliche Energien. Solche gesellschaftlichen Energien spiegeln sich in den jeweiligen Einstellungen gegenüber den Nachbarländern.</li>
</ul>
<ul>
<li>Małgorzata Kopka Piąntek und Agnieszka Łada-Konefał schließen gemeinsam mit fünf weiteren Autor:innen in dem ebenfalls vom Deutschen Polen-Institut herausgegebenen Band „Osteuropakompetenz in Polen – Ressourcen, Institutionen, Tendenzen“ unter anderem an das „Jahrbuch Polen 2023“ an, dessen Rahmenthema „Osten“ war. Sie fragen nach Wissen und Einstellungen in Polen gegenüber den östlichen Nachbarn, die ebenso wie Polen seit 1989 ihre Unabhängigkeit von der zuvor sie beherrschenden Sowjetunion erkämpften.</li>
</ul>
<p>Ergänzend lohnt sich der regelmäßige Blick in die online erscheinenden Polen-Analysen und Podcasts des Deutschen Polen-Instituts.</p>
<p>Hervorzuheben ist schließlich die im Harassowitz-Verlag 2023 und 2025 in zwei Bänden erschienene Studie „Emotionale Nachbarschaft“ von Jacek Szczepaniak, Gesine Lenore Schiewer und Janusz Pociask. Diese Studie entstand mit Mitteln der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung. Die Autoren analysieren mit den Methoden der Diskurslinguistik und der Wissenssoziologie sieben Medienereignisse, die in Polen und in Deutschland allein schon durch die jeweils gewählte Sprache Gefühle triggerten, die sich durchaus im Sinne der Analyse von Jarosław Kuisz aus lange wirkenden historischen Entwicklungen erklären lassen.</p>
<p>All diese Veröffentlichungen bieten im Jahr 2025 ebenso wie in den vergangenen Jahren eine Fülle von Material, das in Polen und in Deutschland nicht nur wahrgenommen und nach Kenntnisnahme ad acta gelegt, sondern beherzigt werden sollte, in der Politik, in den Medien, in der Gesellschaft. Vielleicht wird es so mit der Zeit möglich, die vielen fatalen Fehlurteile und Fehleinschätzungen aufzulösen. Deutschland und Polen müssen sich als verlässliche Bündnispartner anerkennen, möglichst und weitestgehend im europäischen Kontext, den nicht zuletzt das mit Frankreich gebildete Weimarer Dreieck symbolisieren sollte, dessen wechselvolle Geschichte die Höhen und Tiefen der Beziehungen nicht nur dieser drei Länder spiegelt. Die gemeinsame Zukunft kann nur in einem freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Europa liegen, gerade in einer Zeit, in der in Russland und in den USA autoritäre Tendenzen die Welt in Unglück zu stürzen drohen.</p>
<p>Im ersten Halbjahr 2025 hatte Polen die Präsidentschaft in der Europäischen Union inne. Sie war weitgehend vom Krieg um die Ukraine und von den nach wie vor ungelösten Fragen des Umgangs mit illegaler Migration geprägt. Gegen Ende der polnischen EU-Präsidentschaft wurde in Polen ein neuer Präsident gewählt. Die regierende Koalition unter Führung von Donald Tusk hoffte, dass der von ihr unterstützte Kandidat Rafał Trzaskowski die unter dem von der PiS gestellten Andrzej Duda gepflegten Blockaden beenden könnte. <a href="aender-analysen.de/polen-analysen/351/die-innenpolitische-situation-in-polen-nach-den-praesidentschaftswahlen-2025/">Diese Hoffnung erfüllte sich nicht</a>, weil die rechts von der PiS angesiedelte Konfederacja ein starkes Ergebnis einfuhr und im zweiten Wahlgang den PiS-Kandidaten unterstützte, nicht zuletzt aber auch, weil manche Wähler:innen der Regierungsparteien sich enttäuscht von diesen abwandten. Sie rechneten ihr an, dass sie ihre Wahlversprechen nicht durchsetzte, obwohl dies in fast allen Fällen ausschließlich am Verhalten des Präsidenten lag. Mit einer Ausnahme: In der Frage der Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen versagte einer der Koalitionspartner, der Dritte Weg (Trzecia Droga), die Zustimmung.</p>
<p>Sogenannte <em>„Familienwerte“</em>, zu denen neben der Frage der Schwangerschaftsabbrüche auch die Einstellungen zu LGBTIQ*-Themen zählen, spalten das links-liberale Lager (das in Polen so links nicht ist, sondern weitgehend eher dem Spektrum entspricht, das in Deutschland CDU, CSU, FDP und SPD vertreten). Der Hype der <em>„Familienwerte“</em> ist inzwischen in vielen Ländern nichts Außergewöhnliches mehr. In der Slowakei beispielsweise gelang es dem dortigen Regierungschef Robert Fico im Herbst 2025, die Opposition über das Thema behaupteter <em>„Familienwerte“</em> – Stichwort: es gibt nur zwei Geschlechter – zu spalten und eine letztlich anti-europäisch gedachte Verfassungsänderung durchzusetzen. Martina Winkler sah in diesem Vorgehen ein <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">„Drehbuch zur Demontage der Demokratie“</a>. Eine entscheidende Rolle spielen in diesem Rahmen immer die Kirchen (in Polen die katholische Kirche, in anderen Ländern evangelikale Kirchen oder die russisch-orthodoxe Kirche). Bei anderen Themen, nicht zuletzt in der Frage der <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/352/migrationspolitik-in-polen-wo-sind-wir-und-wohin-gehen-wir/">Flüchtlingspolitik</a>, gibt es keine großen Unterschiede zwischen den polnischen Parteien. Einigkeit besteht in der Unterstützung der Ukraine ebenso wie in einer weiterhin wachsenden Skepsis gegenüber Geflüchteten, nicht zuletzt gegenüber aus der Ukraine geflohenen Menschen.</p>
<h3><strong>Kernaussagen des deutsch-polnischen Barometers 2025</strong></h3>
<p>Es lohnt sich, alle Verlautbarungen, Kommentare und Veröffentlichungen über polnisch-deutsche Zustände und Entwicklungen mit den Ergebnissen des Deutsch-Polnischen Barometers zu spiegeln. Eine wichtige Rolle bei der Meinungsbildung spielen Parteipräferenzen und Informationsquellen. Selbst die eindeutig pro-europäischen Kräfte in Polen können sich bestimmten Stimmungen nicht verschließen, sodass <em>„die polnische Regierung (…) bei der Zusammenarbeit mit Deutschland im europäischen Kontext sehr vorsichtig ist, um nicht den Unmut des antideutsch eingestellten Teils der Wählerschaft zu wecken, obgleich ihre eigenen Anhänger für antideutsche Narrative nicht besonders empfänglich zu sein scheinen.“</em> Es besteht durchaus die Gefahr einer Selffulfilling Prophecy, sodass sich negative Einstellungen gegenüber dem Nachbarland in Polen verstärken könnten, während auf deutscher Seite weiterhin steigendes Desinteresse vorzuherrschen droht.</p>
<p>Politische Präferenzen und mediale Informationsquellen beeinflussen mehr oder weniger alle Werte. Es gibt ein eindeutiges Rechts-Mitte/Links-Gefälle, ebenso einen deutlichen Unterschied im Hinblick auf den Konsum öffentlicher beziehungsweise sozialer Medien. Wie weit all diese Ergebnisse mit allgemeinen Stimmungslagen zusammenhängen und diese möglicherweise auf Polen beziehungsweise auf Deutschland projiziert werden, wäre eine interessante Frage, der nachzugehen sich mit Sicherheit lohnen würde.</p>
<p>Das deutsch-polnische Barometer dokumentiert einen verschlechterten Stand der Beziehungen zwischen Deutschland und Polen. In der Vorstellung des deutsch-polnischen Barometers am 24. November 2025 in den Räumen des Berliner Tagesspiegel wies Agnieszka Łada-Konefał darauf hin, dass das Deutschlandbild in Polen die schlechtesten, das Polenbild in Deutschland jedoch die besten Werte seit 25 Jahren aufweist. Es gab in der Diskussion zu dieser Vorstellung unterschiedliche Interpretationen. Einerseits ist das polnische Selbstbewusstsein gestiegen, Deutschland ist nicht mehr ein Vorbild wie es das vielleicht einmal war, andererseits spielt die nicht nur gefühlte deutsche Dominanz in Europa eine entscheidende Rolle. Besonders kritisch zu sehen ist die deutsche Weigerung, sich mit dem von Deutschen den Menschen in Polen im Zweiten Weltkrieg zugefügten Leid ernsthaft auseinanderzusetzen. Die polnische Forderung nach Reparationen, die eine hohe Bedeutung für Wahlerfolge der PiS hat, ist nur ein Zeichen für dieses in Polen empfundene Unbehagen.</p>
<p>Nur noch 32 Prozent der Pol:innen hegen Sympathie für Deutsche. Dies ist gegenüber einem mehrjährigen Aufwärtstrend ein starker Rückgang. Etwa 25 Prozent hegen sogar ausgesprochene Abneigungen. Diese Werte korrelieren mit der politischen Einstellung: Anhänger:innen der PiS (Prawo i Sprawiedliwość), der Konfederacja (Konfederacja Wolność i Niepodległość) und der Partei Krone (Konfederacja Korony Polskiej) haben häufiger Vorbehalte gegenüber Deutschland als Angehörige der Regierungsparteien. Ein Vergleich mit der Bewertung anderer Länder ordnet dies ein. Abgesehen von <em>„Türken“</em>, die auch synonym mit der Religion des Islam gewertet werden können, werden die beiden Nachbarländer Deutschland und Ukraine am schlechtesten bewertet. <em>„Die Zuneigung der Polen zu den Deutschen ist damit deutlich geringer als zu den Tschechen (55 %), Briten (50 %), Amerikanern (48 %) oder Franzosen (43 %). Dagegen übersteigt sie den Prozentsatz der Wohlgesinnten gegenüber Ukrainern (22 %) und Türken (21 %).“</em></p>
<p>Die Akzeptanzwerte für Menschen aus dem Nachbarland sind in Deutschland deutlich besser als in Polen. Sie <em>„stieg im Vergleich zur Umfrage von 2022 um mehrere Prozentpunkte und ist somit die höchste seit Beginn unserer Untersuchung.“</em> Die Sympathiewerte sind in Deutschland mit etwa 42 Prozent stabil, die Abneigung sank deutlich auf neun Prozent. Diese Werte könnten jedoch auch als Zeichen eines wachsenden Desinteresses gedeutet werden, je weiter Polen entfernt zu sein scheint. Höhere Sympathiewerte gibt es interessanterweise in Grenzregionen. <em>„Noch überraschender ist, dass die Wähler der Alternative für Deutschland (AfD) (55 %) sowie der Freien Demokratischen Partei (FDP) (61 %) häufiger Sympathien für die Polen äußern als die Wähler von anderen Parteien.“</em></p>
<p>Interessant ist auch der Vergleich mit den Einstellungen zu Russland: <em>„In den neuen Bundesländern ist die Sympathie für die Russen doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern (30 % zu 15 %), und auffallend hoch auch bei den Anhängern der AfD (38 %) und des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) (27 %). Befragte, die einen Migrationshintergrund angeben, sympathisieren ebenfalls häufiger mit den Russen (26 %) als Befragte ohne Migrationshintergrund (15 %). Eine ähnliche Tendenz bezüglich der Sympathie ist im Verhältnis zu den Türken zu beobachten, während dies bei den Ukrainern nicht der Fall ist.“ </em>Das eher positive Verhältnis zu Russen und das eher negative Verhältnis zu Ukrainern dürfte miteinander korrelieren. Schwer erklärbar ist vielleicht die Sympathie für Türken (wer wird überhaupt als Türke wahrgenommen?), die möglicherweise mit der Einschätzung Erdoğans und mit geteilten sogenannten <em>„Familienwerten“</em> (nur zwei Geschlechter, gegen Schwangerschaftsabbrüche, Familienarbeit als Aufgabe der Frauen) zusammenhängen könnten.</p>
<p>Die Beziehungen der beiden Länder zueinander bewertet etwa die Hälfte der befragten Pol:innen und Deutschen als gut, doch ist auch dies ein deutlicher Rückgang gegenüber 2024. Etwa ein Drittel der befragten Pol:innen sieht die deutsche Europapolitik positiv, etwa die gleiche Zahl betrachtet Deutschland als Ursache von Problemen und Konflikten. Von deutscher Seite liegen positive und negative Bewertungen Polens etwa auf derselben Höhe. Interessant ist die unterschiedliche Bewertung der USA nach der Wiederwahl Trumps. Während etwa zwei Drittel der Deutschen eine Verschlechterung für ihr Land erwarten und nur ein Viertel sich hoffnungsvoll oder neutral äußert, erwarten nur etwa 35 % der Pol:innen eine Verschlechterung für ihr Land, während immerhin 46 % die weiteren Entwicklungen hoffnungsvoll oder neutral bewerten.</p>
<p>Die im Jahr 2025 eingeführten Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Polen werden in beiden Ländern mehrheitlich positiv bewertet.</p>
<h3><strong>Polnische Energiewenden und das Jevons-Paradoxon</strong></h3>
<div id="attachment_7632" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Jahrbuch_Polen_36_%282025%29/title_8456.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7632" class="wp-image-7632 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-219x300.jpg" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-200x274.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-219x300.jpg 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-400x548.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-600x822.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-747x1024.jpg 747w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-768x1053.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-800x1097.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz.jpg 1063w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7632" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das „Jahrbuch Polen 2025“ enthält eine kurze Einführung von Andrzej Kaluza und Julia Röttjer mit dem provokanten Titel „Mehr als nur der Strom aus der Steckdose“. Es folgen in einem ersten Teil sieben Beiträge, darunter zwei Interviews, unter der Überschrift „Der polnische Energiemix“. Der zweite Teil enthält vier Beiträge zum Thema „Politik &amp; Gesellschaft“. Den Band illustrieren zahlreiche Tabellen und Auszüge aus Originaldokumenten und Statements verschiedener Akteure. Die Umschlaggestaltung übernahm <a href="http://www.lexdrewinski.com/bio.html">Lex Drewinski</a>, der viele Jahre im Bereich Grafikdesign an der Fachhochschule Potsdam und an der Kunstakademie in Szczecin lehrte.</p>
<p>Der Beitrag von Wojciech Jakóbik zur Transformation in der polnischen Energiewirtschaft (<a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/346/polen-energiewirtschaft-transformation/">der Beitrag erschien auch in den Polen-Analysen</a>) enthält einen Satz, dessen Inhalt auch die weiteren Beiträge programmatisch durchzieht, aber andererseits auch immer wieder angesichts diverser Positionierungen der Parteien in Frage gestellt wird: <em>„Die Energiewende Polens ist eine Tatsache.“ </em>Die Grundlagen der Debatten in Deutschland und in Polen ähneln einander, allerdings lohnt sich die Lektüre des Buches vor allem deshalb, weil es belegt, dass offenbar so mancher EU-Staat versucht, das Energieproblem für sich selbst und unabhängig von anderen zu lösen, so eben auch Polen und Deutschland, vielleicht nicht so extrem wie Ungarn oder die Slowakei mit ihrer Konzentration auf russisches Gas.</p>
<p>Zu den im Buch dokumentierten Tabellen gehört beispielsweise eine über die Länder der Europäischen Union mit den höchsten Strompreisen im Jahr 2024. Am teuersten ist Strom in Deutschland, mit 39,5 Cent pro Kilowattstunde fast doppelt so teuer wie in Polen (21,1 Cent). Dies bedeutet jedoch nicht, dass es in Polen keine Debatte über Strompreise gäbe. Donald Tusk spricht von einem <em>„Dilemma“</em>: <em>„Wir wollen billige Energie, wir wollen mit dem Rest der Welt konkurrieren, wir wollen eine wirklich wettbewerbsfähige Wirtschaft haben. Wir wollen, dass sich die Menschen auch in Polen über die Energiepreise sicher fühlen.“</em> Gefordert und debattiert werden unter anderem auch Technologien, deren <em>„praktische Umsetzung noch in weiter Ferne scheint oder die heute noch völlig hypothetisch sind“</em>. Interessant ist die von Kacper Szulecki zitierte <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0959378015000758">Studie von Bruce Tranter und Kate Booth</a>, <em>„dass der sogenannte ‚Techno-Optimismus‘, also der Glaube an die Lösung von Umweltproblemen primär durch Fortschritt und Wissenschaft, in der Regel mit einem geringeren Umweltbewusstsein einhergeht.“</em></p>
<p>Nachhaltige Entwicklung ist in der polnischen Gesetzgebung – so Kacper Szulecki – verankert, aber dennoch bremst der Staat immer wieder, sodass sich inzwischen auch eine Art <em>„Klimafatalismus“</em> verbreitet habe, für den die <em>„Gemengelage zwischen Regierung und Wirtschaft“</em> die Verantwortung trage. Die Energiekonzerne hatten beispielsweise die drei in Polen stattfinden Weltklimagipfel (2008 in Posen, 2013 in Warschau, 2018 in Kattowitz) gesponsert. Ewelina Kochanek konstatiert: <em>„Polen besitzt seit vielen Jahren keine durchdachte und inhaltlich gefestigte Energiestrategie, die eine auf Jahrzehnte gerichtete Perspektive einnimmt.“</em> Dies gelte auch für das zentrale Dokument zur <em>„Energiepolitik Polens bis zum Jahr 2040“</em>. Man befindet sich aber wohl in guter Gesellschaft. Ewelina Kochanek beschreibt, dass die deutsche Energiewende einerseits in ihren ursprünglichen Zielen bewundert wurde, doch mit der Zeit die deutsche Wankelmütigkeit zunehmend irritiert. Deutschland trug in der EU zu einer Energiewende als <em>„Basis des Europäischen Grünen Deals“</em> bei, vertrat aber schließlich auch die Anrechnung der Kernenergie als umweltschonende Energie<em>. „Das am häufigsten kritisierte Element der Energiewende sind die hohen Kosten der Transformation“</em>, in Polen wie in Deutschland.</p>
<p>Kernenergie war und ist in Polen ein Thema, das mal mehr, mal weniger konfliktträchtig zu sein scheint, durchaus ähnlich wie in den Debatten in Deutschland, auch wenn es in Polen jeweils immer nur um ein einziges Kernkraftwerk ging, die Zahl der Kernkraftwerke in Deutschland bis zur Stilllegung der letzten Meiler im Frühjahr 2023 jedoch deutlich höher war. Ursprünglich gab es in Polen Planungen für ein Kernkraftwerk in Źarnowiec, dessen Geschichte Piotr Wróblewski ausführlich beschreibt. Er spricht vom <em>„Traum von einem polnischen Atomkraftwerk“ </em>als Symbol für Fortschritt und Unabhängigkeit. Allerdings gab es auch in Polen große Demonstrationen gegen die Planungen. Gegen Źarnowiec opponierte auch die oberschlesische Kohlelobby. Der Staat profitierte vom Kriegsrecht 1981, als man Gegner einfach verhaften ließ. 1990 wurden die Planungen für Źarnowiec aufgegeben, das polnische Kernenergieprogramm wurde 2009 neugestartet, es gab einen neuerlichen Zwischenstopp nach der Katastrophe von Fukushima, doch inzwischen gibt es in der Bevölkerung nach Umfragen wieder eine relativ hohe Zustimmung zur Kernenergie. Zurzeit gibt es Planungen für ein Kernkraftwerk an der Ostsee in Liubatowo-Kopalino, das 2036 (beziehungsweise angesichts vorhersehbarer Verzögerungen 2040) fertiggestellt werden soll. Die PiS unterstützte dieses Vorhaben als Regierungspartei zunächst nicht, denn sie befürchtete, die Kernenergie werde die Kohle als Energieträger verschwinden lassen. Das hat sich inzwischen geändert. Im Parlament schließen inzwischen weder die Linke (Lewica), die auf Erneuerbare setzt, noch die PiS mit ihrer Sympathie für die Kohle den Bau des Kernkraftwerks aus.</p>
<p><em>„Tschernobyl ist lange her“</em>, konstatiert Agnieszka Hreczuk. Auch Fukushima! Agnieszka Hreczuk betont aber auch die hohe Naivität in Bevölkerung und Politik. Es gebe keinerlei Bewusstsein für Kosten und Dauer, sodass das von Tusk beschriebene <em>„Dilemma“</em> nur rhetorisch auflösbar zu sein scheint. Es bleibt wie es ist: Michał Hetmański, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender der <a href="https://instrat.pl/en/about-instrat/">Instrat-Stiftung</a>, kommentiert dies in seinem Gespräch mit Krzysztof Story mit dem lapidaren Satz: <em>„Wir leben in einer Welt, in der ‚schmutziger‘ Strom auch teurer Strom ist.“ </em></p>
<p>Das <em>„Dilemma“</em> der Energiepolitik analysieren Michał Orszewski, Chefredakteur der Krakauer Ausgabe der Gazeta Wyborcza, und der Bauingenieur und Umweltjournalist Piotr Sergej anhand des Buches „The Coal Question“ von William Stanley Jevons (1835-1882, es gibt eine Neuauflage des Buches aus dem Jahr 2017 über die CreateSpace Independent Publishing Platform). Der Titel ihres Beitrags: „Das Jevons-Paradoxon – Von der Vergeblichkeit des Energiesparens“. Jevons <em>„fand heraus, dass die Erfindung effizienterer Dampfmaschinen nicht zu einer Verringerung des Kohleverbrauchs in Großbritannien geführt hatte. Ganz im Gegenteil: James Watts sparsamerer Dampfmaschinentyp wurde so populär, dass es binnen kurzem zu einer erhöhten Nachfrage nach Kohle in den Bergwerken kam.“</em> Dieses Paradox wirke auch in der <em>„Geschichte des Automobilwesens“</em>. Steigende Benzinpreise führen zu einer Nachfrage nach sparsameren Autos. Werden sparsamere Autos gebaut, sinken die Preise zunächst, es werden größere und schwerere Autos gebaut und die Wirkung der Energieeinsparung verpufft. Dies ließe sich auch auf die Förderung der E-Mobilität übertragen. Sogenannte „Verbrenner“ werden mit der Zeit verschwinden, die mit der E-Mobilität verbundenen Strombedarfe werden jedoch steigen. Orszewski und Sergej formulieren ein beunruhigendes Fazit: <em>„Unser Planet kann sich zweifellos keine globale Mittelschicht leisten. Die Mittelschicht ist in ihrer Masse energieintensiv und pflegt eine Reihe kostspieliger Gewohnheiten, die mit einem schonenden Umgang mit Energie nichts gemein haben: großzügige Einfamilienhäuser in den Vorstädten, möglichst zwei Autos davor, Urlaub in wärmeren Gefilden, Skifahren, Mobilität.“</em> Anders gesagt: Solange niemand den Mut hat, eine Energiewende zu fördern, die auch Verzicht – eigentlich eine klassische konservative Eigenschaft – fordert, wird das von Tusk beschriebene <em>„Dilemma“</em> nicht auflösbar sein, weder in Polen noch in Deutschland noch in der EU.</p>
<h3><strong>Identitäten, Mythen, Ressentiments </strong></h3>
<p>Der zweite Teil des „Jahrbuchs Polen 2025“ befasst sich mit <em>„gesellschaftlichen Energien“.</em> Dazu gehören auch skurrile Phänomene wie Para-Religion und Esoterik, mit denen sich Olga Drenda befasst. Sie konstatiert die hohe <em>„Popularität esoterischer Publikationen“</em>, nennt vier <em>„Orte geheimer Energie in Polen“</em>, die in frühe Vorzeiten zurückwiesen, aber auch etwas mit Hippie-Bewegungen, Panslawismus und Katholizismus zu tun haben. Es gibt synkretistische Elemente wie Verbindungen zu Hindu-, Germanen- oder Slawen-Mythen, Wunderheilungen und kosmischen Strahlungen, letztlich polnische Varianten der New-Age-Bewegungen, die wir in aller Welt finden. Dies mag vielleicht ein Nebenschauplatz sein, doch könnte es auch mit der Sympathie mancher Parteien mit fundamentalistischen Spielarten einer Religion korrelieren. Die polnische Partei Krone vertritt einen theokratischen Staat, in dem Jesus Christus König ist. In den USA gibt es im Integralismus katholischer Politiker (zu denen der Vizepräsident und der Außenminister gehören) sowie einigen evangelikalen Bewegungen ähnliche Vorstellungen. Es würde sich auch lohnen, Parallelen zum Iran und zu einigen radikal sunnitischen Bewegungen oder auch die Vorstellungen radikaler israelischer Parteien zu untersuchen. Theokratische Politik scheint weltweit attraktiv zu werden.</p>
<p>Zofia Oslislo-Piekarska befasst sich mit dem Thema „Die Vergangenheit erschürfen – Steinkohle als Identitätsstiftung“, vor allem in Oberschlesien. Dies war auch schon Thema im Jahrbuch 2021. Der Journalist Józef Krzyk schrieb über den <em>„Abschied von der Kohle“</em>; der sich für manche <em>„wie das Ende der Welt“</em> anfühlte. In Zabrze gibt es ein Kohlebergbaumuseum und die Guido-Grube, <em>„die europaweit längste unterirdische touristische Route“</em>. Im Jahrbuch 2025 können wir eine Fotostrecke mit Produkten aus Kohle der Firma Brokat bewundern: <em>„</em><a href="https://pracowniabrokat.pl/sklep-kolekcja/klasyczna/"><em>Schmuck aus Kohle</em></a><em> – das war der Hit! Handlich und dazu noch ein ausgesprochen oberschlesisches Geschenk.“</em> Die Bergbaukultur – so Zofia Oslislo-Piekarska – findet sich wieder <em>„auf der Ebene der Identität.“</em> Sie referiert mehrere literarische und literaturwissenschaftliche Autor:innen, auch Filmschaffende, die die <em>„Entstehung der oberschlesischen Mythologie“</em> erfassen: <em>„Die Identität ist zu einer Frage der persönlichen Entscheidung geworden, was die Menschen ermutigt hat, ihre Wurzeln zu erforschen und eine Verbindung zu ihrem Heimatort aufzubauen.“</em> Die heute mögliche Mobilität, weite Reisen und Wohnortwechsel <em>„bewirken oft eine Reflexion über die eigene Identität und lösen den Wunsch aus, in den ‚eigenen‘ Raum zurückzukehren, der oft auch ein mythischer ist.“</em> Dies betrifft eben auch die nach wie vor gegebene Wertschätzung des Berufs des Bergmanns und der Bergbaukultur, ein Phänomen, das im Ruhrgebiet und in der Lausitz nicht unbekannt sein dürfte.</p>
<p>Eine andere Variante gesellschaftlicher Energien, die sich vielleicht am besten mit dem Begriff des Ressentiments beschreiben lassen, dokumentiert Philipp Fritz, Auslandskorrespondent der WELT und der einzige deutsche Autor im Jahrbuch. Er beginnt mit dem Motto <em>„TKM“</em>, kurz für <em>„teraz, kurwa, my“</em>, deutsch etwa <em>„Jetzt, verdammt noch mal, sind wir dran“</em>. In Polen grassiert offensichtlich ständig das Gefühl, andere, nicht zuletzt Deutschland, aber auch Großbritannien, die Niederlande, Österreich, <em>„überholen“</em>, <em>„jagen“</em> (<em>„gonić“</em>) zu müssen, eine Wortwahl, die es auch in anderen Ländern gibt und die auf einen aggressiveren politischen Stil verweist. Damit einher geht ein gewandeltes Bild von Deutschland, das polnischen Erfolg verspricht: <em>„Ambitionslosigkeit, Misserfolg und eine verfehlte Russlandpolitik stehen heute für Deutschland, so, wie die Begriffe „Exportweltmeister‘ und ‚Ordnung‘“</em>. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis der frühen 1990er Jahre habe sich verkehrt, nicht nur bei der PiS, die sich in ihren Wahlkämpfen regelmäßig mit ausgesprochen deutschkritischen bis deutschfeindlichen Parolen profiliert. <em>„Das spielt Europa feindlich gesinnten Akteuren in die Hände. Diese Wahrnehmung deutscher Fehler oder Lebenslügen – es lässt sich nicht oft genug sagen – ist nicht an die PiS oder die (…) Bürgerkoalition (…) von Tusk gebunden. Sie hat sich parteiübergreifend durchgesetzt.“</em> Dies bestätigt auch das deutsch-polnische Barometer 2025. Die positiven Bewertungen der deutschen Europapolitik haben sich in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert. Sie sanken von 62 Prozent auf 32 Prozent. Auf deutscher Seite ist die Zahl derjenigen, die sich kein Urteil zur polnischen Europapolitik erlauben möchten, deutlich gestiegen und <em>„größer als die der positiven und negativen Meinungen zur polnischen Europapolitik.“</em> Gleichgültige Deutsche stehen sich radikalisierenden Pol:innen gegenüber?</p>
<p>Versöhnlich wirkt im zweiten Teil des Jahrbuchs 2025 der Beitrag des DJ Piotr Mulawka über „Kraftwerk &amp; Co – Die deutsche elektronische Musik und ihr Einfluss auf Polen.“ Der Beitrag stellt auch polnische Musiker:innen und Musikfestivals vor, die es wert wären, in Deutschland und anderswo rezipiert zu werden, ähnlich wie in es bereits in den 1970er Jahren polnischen Jazzmusiker:innen gelang.</p>
<h3><strong>Emotionen, Appelle, Triggerpunkte</strong></h3>
<div id="attachment_7633" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Emotionale_Nachbarschaft_Affekte_in_deutschen_und_polnischen_medialen_Diskursen_Teil_I/title_7338.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7633" class="wp-image-7633 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-219x300.png" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-200x274.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-219x300.png 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-400x548.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag.png 438w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7633" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die im „Jahrbuch Polen 2025“ beschriebenen Energiewendedebatten unterscheiden sich in Polen und in Deutschland nur graduell. In anderen Debatten ist es komplizierter. Dies dokumentiert die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ von Jacek Szeczepaniak, Gesine Lenore Schiewer und Janusz Pociask. Der erste Band präsentiert Theorie und Methode und das Medienereignis Nordstream, der zweite Band dokumentiert sechs weitere Ereignisse, die in der polnischen und in der deutschen Presse unterschiedlich thematisiert wurden. Es handelt sich um die deutsche Fernsehserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ und die darin erkennbare Auffassung von Geschichte, das Thema LGBTQ*, die Frage von Reparationszahlungen Deutschlands an Polen für das im Zweiten Weltkrieg verursachte Leid, der Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Auschwitz, die Flüchtlingspolitik und die polnische Rechtsstaatlichkeit.</p>
<p>Im Grunde weisen all diese Debatten auf etwas hin, das Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser in ihrer Studie über die deutsche Gegenwartsgesellschaft <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848"><em>„Triggerpunkte“</em></a> (Berlin, edition suhrkamp, 2023) nannten. Innenpolitische Konflikte lassen sich zwar mitunter in Diskussionsrunden wie sie Mau, Lux und Westheuser zu Forschungszwecken einrichteten ebenso entschärfen wie über <a href="https://dev.mehrdemokratie.de/">Bürgerräte</a> in politischen Prozessen. Im außenpolitischen Rahmen ist dies erheblich schwieriger. Hier spielen Mentalitäten und Einstellungen eine Rolle, die sich nicht so einfach miteinander versöhnen lassen, nicht zuletzt weil man im Allgemeinen einfach zu wenig über das jeweilig andere Land weiß oder auch gar nichts wissen will und daher nicht versteht, was andere umtreibt: <em>„Die Deutschen tun sich schwer damit, die Geschichte der Völker Mittel- und Osteuropas nachzuempfinden und damit auch ihre heutige Befindlichkeit zu verstehen.“</em>.</p>
<p>Es war das Ziel der Studie, <em>„aufzuzeigen, wie Affekte als Zeichenkomplexe und affektive Praktiken in medialen Diskursen in Deutschland und Polen konstruiert werden.“</em> Die Analyse befasst sich mit Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, in einem Beitrag auch mit Titelseiten von Magazinen, die <em>„als Instrumente der Gruppenkonstruktion bzw. -integration“</em> verwendet werden, beispielsweise wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel in Fotomontagen PiS-naher polnischer Zeitungen und Zeitschriften in Posen gezeigt wird, mit denen ihre Politik in die Nähe der NS-Politik gerückt werden soll. In einem Bild ist sie beispielsweise in der Haltung zu sehen, in der Hitler sich mit Mussolini über eine Karte beugte. (Ähnliche Bilder, zum Beispiel Angela Merkel in SS-Uniform, waren auch in den Medien anderer Länder, beispielsweise in Griechenland während der EURO-Krise, zu sehen). Deutschland eignet sich aufgrund der beiden von ihm verursachten Weltkriege immer noch als geeignetes Feindbild, auch dies ein Beispiel für die Dauer und Übertragbarkeit einmal entstandener Vorbehalte.</p>
<p>Im Falle des Streits um die Ostseepipeline Nordstream war vom <em>„Pakt-Putin-Schröder“</em> die Rede. In den polnischen Medien wurde die dubiose Rolle des ehemaligen Stasi-Mitarbeiters Matthias Warnig bei den Verhandlungen zwischen Deutschland und Russland über die Pipeline hervorgehoben. So erschien <em>„Deutschland als Verbündeter Russlands und seiner Gaspolitik.“</em> Die Rede war auch davon, dass Nordstream eben nicht – wie Angela Merkel stets betonte und sogar kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 auch noch Olaf Scholz – ein <em>„rein wirtschaftliches Projekt war“.</em> Es handele sich aus polnischer Sicht um <em>„Trojanisches Gas“</em>. Das Vorgehen Deutschlands und Russlands bestätigte – so die Kommentare in polnischen Medien – den <em>„Topos des Deutschen als ewigen Feindes“</em> und von <em>„Polen als Opfer der deutsch-russischen Komplizenschaft“</em>. Die Studie fasst die <em>„agonalen Punkte“</em> (beziehungsweise <em>„Triggerpunkte“</em> im Sinne der Studie von Steffen Mau) wie folgt zusammen: Polen wurde bei den Verhandlungen und Entscheidungsprozessen übergangen, die polnischen Interessen wurde ignoriert, sodass Nordstream zu einer Gefahr nicht nur für die europäische Energiepolitik, sondern letztlich zu einer Gefahr für die Sicherheit Polens geworden ist. Ausführlich hat die historischen Kontexte Martin Schulze Wessel in seinem Buch <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-fluch-imperiums/product/34659704">„Der Fluch des Imperiums“</a> (München, C.H. Beck, 2023) analysiert. Polen musste sich in seiner Geschichte immer wieder – wie auch die baltischen Staaten oder die Ukraine – zwischen den Ansprüchen und Bedrohungen durch die jeweiligen deutschen und russischen Staaten orientieren. Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ belegt, wie sich dies in den verschiedenen Debatten der vergangenen zwei Jahrzehnte immer wieder aufs Neue bestätigt.</p>
<h3><strong>Monologische Ressentiments</strong></h3>
<div id="attachment_7634" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Emotionale_Nachbarschaft_Affekte_in_deutschen_und_polnischen_medialen_Diskursen_Teil_2/title_7463.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7634" class="wp-image-7634 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-219x300.png" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-200x274.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-219x300.png 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-400x548.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag.png 438w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7634" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Studie listet sogenannte <em>„Stigmawörter“</em> ebenso wie bestimmte <em>„Phrasen“</em> und Kombinationen von Wörtern oder Sätzen, die Emotionen triggern sollen, mit denen die eigene Identität gestärkt werden soll, denn kaum etwas einigt mehr als ein gemeinsames Feindbild. Dazu eignet sich Deutschland aufgrund der langen Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen ebenso wie Russland als Nachfolger der Sowjetunion. Polen ist das in seiner Souveränität bedrohte und verfolgte Land schlechthin. Der lange Schatten der deutsch-polnisch-russischen Beziehungen wird immer deutlicher sichtbar, etwa nach dem Motto, es war immer so und wird auch immer so sein: <em>„Historische Vergleiche beziehen sich in erster Linie auf das im polnischen historischen und politischen Denken präsente Erfahrungsmuster des ‚Geopolitischen Fluchs‘.“</em></p>
<p>Durchweg werden in Polen Beiträge emotionaler gestaltet als in Deutschland, wo die Zeitungen und Zeitschriften sprachlich zumindest den Anschein von Objektivität wahren möchten. Aber in beiden Fällen gilt, das in Diskursen nicht nur <em>„Wissen“</em>, sondern auch <em>„Macht“</em> produziert wird. So könne vor allem bei dem Streit um die Rechtsstaatlichkeit in Polen <em>„von einem diskursiven Krieg gesprochen werden“</em>, denn in diesem Diskurs <em>„wird wie in keinem anderen der untersuchten Diskurse das Ringen um Geltungsansprüche und Machtverhältnisse so erkennbar.“</em> Die in den verschiedenen Kontexten provozierten Emotionen sind vielfältig: Angst, Ärger, Ekel, Empörung, Enttäuschung, Scham, Überraschung, Verachtung, Wut und Zorn. <em>„Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass unter Affekt bzw. Emotion in der vorliegenden Studie nicht der Ausdruck subjektiven Erlebens oder ein angeborener Verhaltensmechanismus verstanden wird, sondern ein diskursives Konstrukt, das seine jeweilige spezifische Realisierung in einer konkreten sozialen Praxis erfährt und dem eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben werden kann.“</em></p>
<p>Auf deutscher Seite sah dies anders aus. Die deutschen Medien pflegten eine betont sachlichen Ton und kritisierten durchweg die hohe Emotionalität der polnischen Medien. Sie schafften es auf diese Art und Weise, die polnischen Interessen im Polen-Bild ihrer Leser:innen zu delegitimieren. <em>„Während die polnischen Medien eine starke Affinität zur Emotionalisierung von Inhalten aufweisen, bleibt der deutsche Pressediskurs eher emotionsneutral und sachorientiert, was nicht zuletzt auf tief verwurzelte Unterschiede in den medialen Kulturen der beiden Länder hindeutet.“ </em>Im deutschen Journalismus gelten <em>„Emotionen als potenzieller Störfaktor“</em>.</p>
<p>Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ konstatiert <em>„nationale Monologe“</em> in Deutschland und in Polen. Dies gilt nicht nur für die Nordstream-Debatte, sondern auch für die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs in der deutschen TV-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“, die in Polen als <em>„Geschichtsfälschung“</em> und Versuch der <em>„Relativierung der Schuld und der Verantwortung der Deutschen für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg“</em> wahrgenommen wurde. Die Frage der Reparationen, die die PiS in ihren Wahlkämpfen immer wieder auf die Tagesordnung stellt, lässt jedoch auch die deutsche Seite nicht kalt: <em>„Im Diskurs um Kriegsreparationen dominieren auf deutscher Seite Emotionen wie ANGST vor neuen Konflikten und die Abwehr gegen Forderungen, während auf polnischer Seite verstärkt die EMPÖRUNG über das Ausblieben materieller Wiedergutmachtung und ENTTÄUSCHUNG über rein symbolische Gesten vorherrschen.“ </em>Ein Thema war in Polen auch eine angenommene Benachteiligung Polens gegenüber Frankreich und den Juden. Die Deutschen – so wird in polnischen Medien immer wieder angedeutet – versuchen sich aus der Verantwortung heraus zu stehlen, beispielsweise durch <em>„sprachliche Entnationalisierung“</em>, indem sie nicht die Deutschen als Täter benennen, sondern die <em>„Nazis“</em>, als handele es sich bei diesen um eine von den Deutschen unabhängig zu denkende Gruppe. Der Besuch Angela Merkel in Auschwitz wurde <em>„als Gelegenheit genutzt, um tief verankerte Fragen nach Schuld und der Verantwortung Deutschlands für die NS-Verbrechen zu thematisieren.“</em> In diesem Kontext hätte die deutsche Seite eigentlich verstehen müssen, welche Erinnerungen die <a href="https://www.polish-online.com/atelier-polen/barack-obama-verargert-die-polen/">Bemerkung Barack Obamas anlässlich einer Ehrung des polnischen Widerstandskämpfers Jan Karski von den <em>„polnischen Konzentrationslagern“</em></a> wecken musste. Immerhin entschuldigte sich das Weiße Haus. <em> </em></p>
<p>Auch hier lohnt sich eine Spiegelung der Ergebnisse der Studie durch die Ergebnisse des deutsch-polnischen Barometers 2025: <em>„Während die große Mehrheit der Deutschen der Meinung ist, dass aktuelle und künftige Themen im Mittelpunkt der deutsch-polnischen Beziehungen stehen sollten (70 %), wird diese Ansicht von weniger als jedem zweiten Befragten in Polen geteilt (48 %). Entsprechend verweisen doppelt so viele Polen (34 %) wie Deutsche (16 %) auf den Vorrang der Aufarbeitung der Vergangenheit.“ </em>Auch hier gibt es wieder unterschiedliche Einstellungen von Seiten der Anhänger:innen der polnischen Regierungsparteien beziehungsweise der PiS, der Konfederacja und der Partei Krone sowie je nach Medienkonsum. Eher rechts orientierte Menschen legen mehr Wert auf die Aufarbeitung der Vergangenheit als auf die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, eher liberal oder links eingestellte Menschen sehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen bedeutend. Männer sowie Menschen mit niedrigerem Bildungsstand halten es ebenfalls für wichtiger, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Es gibt eine deutliche Korrelation zwischen der Forderung, man müsse sich mehr mit der polnischen Vergangenheit beschäftigen als mit Gegenwart und Zukunft, und der Abneigung gegenüber Deutschen. In diesem Kontext sind auch die Forderungen nach Reparationen zu bewerten.</p>
<p>Ein Unbehagen an mangelnder Bereitschaft und mangelndem Interesse von deutscher Seite für die polnische Geschichte und nicht zuletzt für das von Deutschen verursachte Leid ist in Polen durchweg festzustellen. Gelegentliche Statements des Bundespräsidenten oder vereinzelte Besuche deutscher Spitzenpolitiker:innen an in Polen gelegenen Gedenkstätten der NS-Verbrechen reichen nicht aus. Der Geschichtsunterricht in deutschen Schulen wäre ein eigenes Thema. Sollte die AfD irgendwann einmal Einfluss auf Lehrpläne und Schulbücher erhalten, dürften die von Deutschen an den Menschen in Polen verübten Verbrechen einen noch geringeren Stellenwert erhalten als dies ohnehin schon der Fall ist. Nicht nur unter AfD-Anhänger:innen gilt in Deutschland auch hier die Forderung nach dem so oft zitierten <em>„Schlussstrich“</em>.</p>
<h3><strong>Polen zwischen Deutschland und Russland</strong></h3>
<div id="attachment_7635" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Osteuropakompetenz_in_Polen/title_8462.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7635" class="wp-image-7635 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-210x300.png" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-200x286.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-210x300.png 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz.png 281w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a><p id="caption-attachment-7635" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der von <a href="https://www.isp.org.pl/en/employers/malgorzata-kopka-piatek-kopka-piatek">Małgorzata Kopka Piąntek</a> und Agnieszka Łada-Konefał herausgegebene Band „Osteuropakompetenz in Polen“ untersucht die Folgen der wechselvollen Geschichte Polens anhand der Arbeiten polnischer Denkfabriken (Agata Włodkowska), Universitäten und Hochschulen (Małgorzata Nocuń), der Bedeutung des Russischunterrichts in Polen (Elźbieta Źak), den polnischen Medien (Agnieszka Lichnerowicz), dem Verhältnis zu Migration und Minderheiten (Magdalena Lachowicz). Piotr Pogorzelski verfasste einen übergreifenden Beitrag: „Die Kultur Osteuropas in Polen – Präsent, aber nur marginal“: <em>„Eingangs sei demnach klargestellt: Die Polen wissen insgesamt wenig über die Kultur ihrer Nachbarn, egal, ob über Tschechen, Litauer oder Deutsche.“ </em>(Dies ließe sich sicherlich auch über die Deutschen und Russen und so manch andere Länder sagen, im Grunde ein europäisches Phänomen, das sich von Land zu Land unterscheidet, weil es letztlich immer irgendwo ein reaktivierbares Feindbild gibt.) Die beiden Herausgeberinnen stellen fest: <em>„Abgesehen von der Sicherheitsfrage ist der Osten das einzige Thema, das die polnische Gesellschaft, die politische Klasse und Fachleute im Allgemeinen nicht polarisiert.“ </em>Nicht zuletzt angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar 2022.</p>
<p>Gegenüber den östlichen Nachbarn sei in Polen ein <em>„kolonialer Blick“ </em>feststellbar. <em>„Man könnte sogar die These wagen, dass sie auf diese Weise den durch westliche Partner hervorgerufenen Minderwertigkeitskomplex reflexartig abreagieren. Eine solche Haltung spiegelt sich gleichfalls in den Aktivitäten einiger Wissenschaftler und anderer Fachleute wider.“ </em>Die Sorge um Angriffe Russlands auf Staaten der EU und der NATO hat allerdings noch ein weiteres Element: die Sorge, dass nach Ende des Krieges <em>„Deutschland gegenüber Russland früher oder später zum business as usual zurückkehren wird.“</em> Die Sorge ist nicht grundlos, denn immerhin haben Parteien, die die Westbindung Deutschlands grundsätzlich in Frage stellen, bei den letzten Wahlen zum Deutschen Bundestag etwa ein Viertel der Stimmen erreicht, und einige führende Politiker:innen, vor allem aus den östlichen Bundesländern, werden nicht müde, eine solche Re-Normalisierung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Russland einzufordern. Insofern ist es realistisch – so Agata Włodkowska in ihrem Beitrag, <em>„dass die nächste große Debatte über die Ost-West-Beziehung nach dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges stattfinden wird.“ </em></p>
<p>Ein besonders kritisches Thema ist die Frage der Migration. Polen verfolgt einen ausgesprochen restriktiven Kurs, nicht zuletzt aufgrund der Praxis Russlands und von Belarus, Geflüchtete über die polnische Ostgrenze in die EU zu schleusen, um die dortigen Stimmungen in der Bevölkerung zu beeinflussen, eine Praxis, unter der auch Finnland und die baltischen Staaten leiden. Auf der anderen Seite – dies berichtet Magdalena Lachowicz – gibt es in Polen für die ukrainische und belarusische Diaspora ein großes Netzwerk an Unterstützungsorganisationen. Im Jahr 2024 wurde ein <em>„Institut für die sprachliche Vielfalt der Republik Polen“</em> gegründet.</p>
<p>Zu den kritischen Punkten gehört auch die Frage nach den sogenannten Lehren aus der Geschichte. Die beiden Herausgeberinnen vermerken, dass der Beitritt Polens und anderer Länder des ehemaligen sowjetischen Machtbereichs zur NATO im Jahr 1999 und zur Europäischen Union im Jahr 2004 möglicherweise nicht bewirkt habe, dass die bei den neuen Mitgliedern vorhandene <em>„Perspektive auf den Osten (…) tatsächlich angemessen genutzt wurde.“ </em>Deutschland und Russland ließen sich lange <em>„von gegenseitiger Faszination und der gegenseitigen Bereitschaft, die jeweiligen Einflusssphären in Europa zu respektieren“</em>, leiten.</p>
<p>Dies ist die eine Seite, eine andere ist die Frage, was Polen selbst dazu beigetragen haben könnte, einen abwertenden Blick auf alles, was sich östlich der jeweiligen Grenzen befindet, zu etablieren und zu verstetigen. Dazu gehört die in mehreren Beiträgen angesprochene Analyse des polnischen <em>„Prometheismus“</em>, die <em>„Selbstaufopferung zum Wohle anderer“. </em>Agata Włodkowska sieht im <em>„Prometheismus“</em> <em>„ein wichtiges Instrument der polnischen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit“</em>. Adam Balcer habe 2013 sogar von der <em>„Tendenz zu einer Orientalisierung des Ostens“</em> gesprochen. Agnieszka Lichnerowicz spricht von einer <em>„Giedroyc-Doktrin“</em>: <a href="https://www.dekoder.org/de/gnose/jerzy-giedroyc/">Jerzy Giedroyc</a> (1906-2000), der 53 Jahre lang bis zu seinem Tod in Paris die Zeitschrift „Kultura“ herausgab, <em>„distanzierte sich von der normativen Perspektive, lehnte jedweden polnischen Paternalismus ab (der bis heute in der Solidarität eines Teils der Polen mitschwingt) und gab dem Pragmatismus den Vorzug vor Messianismus, Emotionen und Ideologien.“</em> Polen müsse – so Agata Włodkowska – nicht nur sein Verhältnis gegenüber Deutschland, sondern auch seine Sicht auf die östlichen Nachbarn, insbesondere Belarus und die Ukraine klären, indem es <em>„ein Bündnis mit Ukrainern und Belarusen“</em> suche.</p>
<p>Auf der anderen Seite – so Małgorzata Nocuń – war Polen für Russen, Ukrainer, Belarusen auch <em>„ein Fenster zur Welt“</em>. (Dies gilt auch für die DDR, wie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-in-der-ddr-eine-fallstudie/">Paweł Zajas in seiner Studie „Sozialistische Transnationalisierung“</a> belegt, die ebenfalls 2025 bei Harassowitz erschien). Allerdings gab es auch differenzierende Einschätzungen, insbesondere gegenüber der Sowjetunion. Diese <em>„wurde folglich in einer Doppelrolle wahrgenommen: als Unterdrücker, der brutal seine Macht ausübte und Polen seiner Freiheit beraubt, und als Heimat der Freidenker und Dissidenten.“</em> Eine solche Ambivalenz sieht Agnieszka Lichnerowicz beispielsweise in einer Äußerung von Adam Michnik, der sich als <em>„antisowjetischen Russophilen“</em> bezeichnete. Es gibt Studien des <a href="https://mieroszewski.pl/en/the-centre/about-us">Juliusz-Mieroszewski-Dialogzentrums</a>, die <em>„die Akzeptanz und das Verständnis für die kulturelle Nähe zum russischen Volk bei gleichzeitiger Missbilligung des Vorgehens des Putinregimes (die sich nach der Annexion und Besetzung der Krim nach 2014 verschärfte)“</em> dokumentieren.  Fehleinschätzungen der Absichten Putins gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen.</p>
<p>In Polen gab es in Wirtschaft und Hochschulen durchaus Nachfrage nach Osteuropaexpertise. Allerdings gibt es seit 2022 einen Wandel, weil <em>„der polnische Arbeitsmarkt“</em> in Unternehmen <em>„mit zugewanderten Menschen aus der Ukraine und Belarus gesättigt ist“</em>. Entscheidender war jedoch nicht zuletzt für den Wahlerfolg der PiS im Jahr 2015, dass in Polen sich ein Gefühl der Kolonisierung durch den Westen durchgesetzt habe. Ivan Krastev und Stephen Holmes hatten unter anderem in ihrem Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">„The Light That Failed“</a> (die deutsche Ausgabe erschien 2019 bei Ullstein) die Oberlehrerolle des Westens kritisiert, die zunehmend bei den neuen EU-Mitgliedern, insbesondere in Polen, Widerstand erzeugt habe.</p>
<p>Die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 veränderte viel. Dieser Krieg wird – so Agnieszka Lichnerowicz – in Polen nicht als ein Krieg wie jeder andere wahrgenommen. Dies belegen zahlreiche Vergleiche mit dem Überfall Deutschlands auf der Westerplatte, dem Warschauer Aufstand, dessen Niederschlagung durch die deutsche Wehrmacht die Sowjetarmee auf dem anderen Ufer der Weichsel abwartend zusah bis hin zur Vernichtung der europäischen Juden in den von den Deutschen auf polnischem Gebiet eingerichteten Lagern. Die Lage bleibt fragil, auch im Hinblick auf aktuelle und zukünftige Entwicklungen.</p>
<p>Kritische Themen waren in jüngster Zeit die Proteste polnischer Bauern gegen ukrainische Getreideimporte, die Russland (mit hoher Wahrscheinlichkeit) zuschreibbaren Drohnenflüge auf polnischem Gebiet, die deutschen Grenzkontrollen, die Polen durch eigene Grenzkontrollen beantwortete, allerdings nicht unbedingt in Reaktion auf das deutsche Vorgehen als auf die Präsenz privater Milizen, die verhindern wollten, dass Deutschland Geflüchtete wieder nach Polen zurückschickt. Letztlich werden die verschiedenen aktuellen Entwicklungen immer wieder durch den Rekurs auf den langen Schatten der polnischen Geschichte im Spannungsfeld zwischen Russland und Deutschland überformt. Es gibt Tendenzen, sich zu isolieren, bei gleichzeitigen großen Mehrheiten für die Mitgliedschaft in EU und NATO.</p>
<h3><strong>Die Wirkung ständiger Wiederholungen</strong></h3>
<p>Die Autor:innen des deutsch-polnischen Barometers 2025 kommen letztlich zu der folgenden Einschätzung: <em>„Es zeigt sich, dass eine andauernde Rhetorik mit Blick auf Reparationsfragen und die Vergangenheit in den gegenseitigen Beziehungen direkte Auswirkungen auf das Deutschlandbild insgesamt hat, einschließlich seiner Politik und Gesellschaft. Polen, die der Meinung sind, dass in den Beziehungen zu den Deutschen zunächst die historischen Fragen geklärt werden sollten, bewerten die gegenseitigen Beziehungen weniger positiv als diejenigen, die auf die Bedeutung von Gegenwart und Zukunft verweisen.“ </em></p>
<p>Ständige Wiederholungen wirken. Fintan O’Toole, Advising Editor des New York Review of Books, formulierte in seiner <a href="https://www.nybooks.com/articles/2025/11/20/the-lingering-delusion-107-days-kamala-harris/">Analyse des Buches „107 Days”</a>, in dem Kamala Harris die Gründe ihres Scheiterns im Wahlkampf gegen Donald Trump zu analysieren versuchte, die These: <em>„Trump understands that we have entered a political era in which the alternative to radicalism is redundancy. </em><em>If the Democrats do not grasp the potency of his insight, that alternative awaits them.”</em> Man könnte auch sagen: Revolutionen brauchen keine Gewalt, sondern sie sind das Ergebnis solch ständiger Wiederholungen. Eben dies gilt auch in vielen anderen Kontexten, in Europa, in Polen, in Deutschland. Wenn Politiker:innen lange und oft genug behaupten, dass beispielsweise Migration die Wurzel allen Übels wäre, steigt auch die Zahl der Menschen, die diese Ansicht teilen. Dem zu widersprechen wird immer schwieriger, auch migrationsfreundliche Parteien und Organisationen, stimmen in den Chor der Migrationsgegner ein. Man muss sich schon intensiv mit den Kontexten beschäftigen, eben auch mit historischen Entwicklungen im Sinne der von Fernand Braudel (1902-1985) konstatierten <em>„longue durée“. </em>Jazek Kucharczyk und Agnieszka Łada-Konefał sehen die polnischen und deutschen Einstellungen als eine Art kommunizierender Röhren: <em>„Die Verantwortung dafür sollte jedoch nicht allein der Rhetorik der polnischen Rechten zugeschrieben werden. Gedeihen konnte diese nämlich erst vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen prorussischen Haltung führender deutscher Politiker sowie einer kontroversen Migrationspolitik, was beides in Polen auf allgemeines Unverständnis stieß und zu einer nachhaltig reservierten Haltung gegenüber Deutschland und den Deutschen führte.“ </em></p>
<p>Der lange Schatten der versagten und ständig bedrohten polnischen Souveränität im Spiel von Großmächten überträgt sich auf die Zeiten nach 1989, nach 2015 und wirkt auch heute nach. Andererseits ließe sich die These formulieren, dass eine Analyse der polnischen Erfahrungen und Entwicklungen auch auf andere Staaten Ost- und Südosteuropas übertragen ließe, in den Worten von Jarosław Kuisz: <em>„Polish national populism makes a special demand for recognition in the European and regional context centered on the issue, typical for the dramatic history of Central and Eastern European conturies, of restored sovereignty.“ </em>Innen- und außenpolitische Ansichten, Perspektiven und Entwicklungen sind eng miteinander verwoben. Der Osteuropahistoriker Adam Balcer begründete dies in seinem in den Polen-Analysen des Deutschen Polen-Instituts herausgegebenen Polen-Analysen veröffentlichten Beitrag <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/polen-aussenpolitik-ostpolitik-geschichtspolitik-identitaetspolitik-ukraine/aussenpolitik-geschichte-identitaet/">„Die polnische Außenpolitik im Schatten von Geschichte und Identität“</a>.</p>
<p>Gefährlich ist das laut deutsch-polnischem Barometer 2025 sinkende Interesse am jeweiligen Nachbarland: <em>„Vergleicht man die aktuellen Antworten der polnischen Befragten mit denen aus dem Jahr 2022, so ist ein deutlicher Rückgang der Prozentsätze bei allen Kategorien mit Ausnahme der sozialen Medien zu erkennen. Dies könnte die Tatsache widerspiegeln, dass Informationen über Deutschland weniger verfügbar sind (im Vergleich zu zahlreichen anderen Informationen), oder auch ein abnehmendes Interesse der Polen an Deutschland festgestellt werden muss.“</em> Dies bedeutet noch nicht, dass in Polen mit Deutschland vorwiegend negative Gefühle verbunden sein müssen, erhöht aber nicht zuletzt aufgrund der hohen Bedeutung der sozialen Medien die Wahrscheinlichkeit. Umgekehrt gibt es auf deutscher Seite stabile Werte für das Interesse an Polen, allerdings sind die Faktenkenntnisse eher gering einzuschätzen. Es ist leider kaum davon auszugehen, dass in deutschen Schulen und Hochschulen in Zukunft ein differenziertes Bild von Polen und anderen osteuropäischen (eigentlich müsste man sagen: mitteleuropäischen) Ländern vermittelt werden dürfte. Dies liegt nicht zuletzt an engen zeitlichen und finanziellen Ressourcen.</p>
<h3><strong>Versöhnliche Zukünfte?</strong></h3>
<p>Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ endet versöhnlich mit einer Vision des ehemaligen polnischen Außenministers und Mitglied des Europäischen Parlaments <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/titel_7208.ahtml">Bronisław Geremek (1932-2008), dem das Deutsche Polen-Institut 2023 einen eigenen Band widmete</a> (er erschien ebenfalls bei Harassowitz): <em>„Ich wünsche mir, dass zwischen Polen und Deutschen nicht nur ein Gefühl der Interessengemeinschaft existiert, sondern auch eine emotionale Bindung, die unser Vertrauen zueinander ausdrückt.“ </em></p>
<p>In einer Rede vom 4. Oktober 2025 im polnischen Parlament, dem Sejm, erinnerte <a href="http://markusmeckel.eu/lebenslauf/">Markus Meckel</a> (*1952), im Jahr 1990 Außenminister der einzigen demokratischen DDR-Regierung, an den 60. Jahrestag der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zukunft-braucht-weisheit-und-mut/">Ostdenkschrift der EKD und den Brief der katholischen Bischöfe</a>. Am 18. November 2025 gedachten die deutschen und polnischen Bischöfe des 60. Jahrestags dieses Briefwechsels mit einer Kranzniederlegung am Denkmal für Kardinal Bolesław Kominek, einer der maßgeblichen Initiatoren des Briefwechsels (<a href="https://www.dbk.de/themen/historischer-briefwechsel#c12965">weitere Informationen zu diesem Treffen auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz</a>). Papst Leo XIV. hatte in einem Gruß an polnische Pilger auf dem Petersplatz am 16. November 2025 an die Versöhnungsbotschaft der polnischen an die deutschen Bischöfe nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert.</p>
<p>Markus Meckel plädiert für einen weiteren Schritt zur Gestaltung des am 16. Juni 2025 eingeweihten Denkmals für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper, dem Ort, an dem Hitler am 1. September 1939 den deutschen Überfall auf Polen verkündete: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">„Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?“</a> Der Text erschien wenige Tage nach seiner Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> auch im Berliner Tagesspiegel. Markus Meckel schlug eine erweiterte Inschrift vor, die aller von Deutschen in Osteuropa ermordeten und verschleppten Menschen gedenke: <em>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</em>. Die Würdigung und das Gedenken der Opfer des deutschen Vernichtungskrieges sollte sich auch sprachlich spiegeln und daher auch in<em> „Jiddisch, Ukrainisch, Belarussisch und Litauisch“</em> zu lesen sein.</p>
<p>Dieser Text blieb nicht unwidersprochen. Der Tagesspiegel gab <a href="https://cbh.pan.pl/de/robert-traba-0">Robert Traba</a> (*1958), mit Markus Meckel Ko-Vorsitzender des Rates der <a href="https://sdpz.org/die-stiftung/uber-uns">Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit</a>, Raum, seine Skepsis gegenüber dem Vorschlag von Markus Meckel zu Papier zu bringen: <a href="https://www.tagesspiegel.de/kultur/debatte-um-die-erinnerung-an-die-deutschen-kriegsverbrechen-in-polen-deutschland-braucht-unbedingt-ein-polnisches-denkmal-14915411.html">„Deutschland braucht unbedingt ein polnisches Denkmal“</a>. Ein übergreifendes Denkmal werde dem polnischen Leid nicht gerecht und impliziere Opferkonkurrenzen. Er beklagt mit Recht die Ignoranz deutscher Schulbücher, die im Jahr 2018 das <a href="https://cbh.pan.pl/de/robert-traba-0">Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften</a> festgestellt hat. <em>„</em><em>Ich vermute, dass der deutsche Durchschnittsbürger heute mehr über den polnischen Antisemitismus weiß als zum Beispiel über die Ermordung der polnischen Eliten, die Vernichtung Hunderter polnischer Dörfer, die Vertreibung Hunderttausender polnischer Bürger 1939, um an ihrer statt im Rahmen der Aktion ‚Heim ins Reich‘ Deutsche anzusiedeln, über die Arisierung polnischer Kinder oder die mehr als drei Millionen polnischen Zwangsarbeiter, die für das ‚Tausendjährige Reich‘ arbeiten mussten.“</em></p>
<p>Markus Meckel und Robert Traba haben beide recht. Wir brauchen beides, das Nationen übergreifende Gedenken an die Gräuel des deutschen Vernichtungskrieges ebenso wie das spezifische Gedenken an die Opfer jeder einzelnen Nation, jeder einzelnen Gruppe. In diesem Kontext wäre auch die Lektüre des neuen Buches von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“</a> (München, C.H. Beck, 2025) von Interesse. Am besten wäre es sicherlich, die oben bereits genannten Bücher von Jarosław Kuisz und dieses Buch von Martin Schulze Wessel im Kontext zu lesen und die Lektüre weiterer Bücher, beispielsweise über die baltischen Staaten oder Belarus, anzuschließen.</p>
<p>Nach dem Wahlsieg von Donald Tusk gab es eine kurze Phase der Renaissance des Weimarer Dreiecks. Ob sich diese in den nächsten Monaten und Jahren fortsetzen wird, bleibt eine schwer zu beantwortende Frage, deren Beantwortung letztlich auch von der Stabilität beziehungsweise Labilität der jeweiligen Regierungen abhängen dürfte. Während der Vorstellung des deutsch-polnischen Barometers am 24. November 2025 wurde im Übrigen sehr deutlich gesagt, dass ein entscheidender Punkt der Umgang mit den polnischen Überlebenden des Zweiten Weltkriegs durch Deutschland sei. Namen und Adressen sind bekannt, sodass es einfach wäre, von deutscher Seite das erfahrene Leid dieser Menschen ideell <u>und</u> finanziell zu würdigen. Das wäre ein erster Schritt.</p>
<p>Am 4. August 2024 reagierte die vom Deutschen Polen-Institut und der <a href="https://krzyzowa.pl/de/">Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung</a> eingesetzte Kopernikusgruppe auf die Ergebnisse der deutschen Bundestagswahlen und der polnischen Präsidentschaftswahl mit der Erklärung <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/themen-projekte/politik/kopernikus-gruppe/kopernikus-apell">„Es gibt keine Alternative für die deutsch-polnische Zusammenarbeit!“</a>: <em>„Notwendig ist es, schnellstmöglich und auf eine die polnische Seite überzeugende Weise die strittigen Fragen zu klären, die die beiderseitigen Beziehungen belasten und die antideutschen Narrative in Polen stärken. Man kann keine guten Beziehungen zum Nachbarn errichten, ohne sich offen und ehrlich mit der schwierigen Geschichte auseinanderzusetzen, darunter auch mit dem Erbe der antipolnischen Politik Preußens und Deutschlands seit Mitte des 18. Jahrhunderts, und ohne eine Wiedergutmachung für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu leisten. Notwendig ist es auch, die Präsenz polnischer Sprache, Geschichte und Kultur im deutschen Bildungssystem zu vergrößern und die polnische Bevölkerung in Deutschland aktiv zu unterstützen. Unmittelbar sollte außerdem – im Geist der europäischen Solidarität – das Problem der wieder eingeführten Grenzkontrollen gelöst werden. Sie verursachen erhebliche Schäden für Image und Wirtschaft, vor allem aber widersprechen sie der Idee der europäischen Integration.“</em> Man kann es nicht oft genug wiederholen.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 20. November 2025, Titelbild: pixabay.)</p>
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		<title>Visionen wagen</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/visionen-wagen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Nov 2025 10:54:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Visionen wagen! Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society „Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ (Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage) Lino Alexander Zeddies sieht sich auf seiner Internetseite als „Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“. Er wurde im  [...]</p>
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<h1><strong>Visionen wagen!</strong></h1>
<h2><strong>Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society </strong></h2>
<p><em>„Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ </em>(Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage)</p>
<p>Lino Alexander Zeddies sieht sich <a href="https://linozeddies.de/">auf seiner Internetseite</a> als <em>„Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“</em>. Er wurde im Jahr 1990 in Hannover geboren und hat in Berlin Volkswirtschaftslehre studiert. Er ist eine:r der Gründer:innen des Think Tanks <a href="https://www.realutopien.de/">„Reinventing Society“</a>. Im Münchner oekom-Verlag hat Reinventing Society im Jahr 2024 den Band <a href="https://realutopien.info/zukunftsbilder-2045/">„Zukunftsbilder 2025“</a> veröffentlicht, der im Demokratischen Salon in dem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">„Mehr Anti-Dystopien wagen“</a> vorgestellt worden ist. Im Jahr 2020 veröffentlichte Lino Zeddies im Selbstverlag den Roman „Utopie 2048“, ein Buch an der Grenze zwischen Roman und Sachbuch, das inzwischen seine fünfte Auflage erreicht hat.</p>
<div id="attachment_7617" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7617" class="wp-image-7617 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7617" class="wp-caption-text">Lino Alexander Zeddies, Foto: Jacqueline Schulz.</p></div>
<p>Die zentrale Frage lautet: <a href="https://www.realutopien.de/unser-warum/">Wie schaffen wir eine zukunftsfähige Welt?</a> Anders gefragt: Wie können wir erreichen, dass die schon im Jahr 1992 in der in Rio de Janeiro von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossenen <a href="https://www.bmz.de/de/service/lexikon/agenda-21-13996">Agenda 21</a> enthaltenen Ziele auch tatsächlich umgesetzt werden? Es gab eine Vielzahl konkretisierender Beschlüsse, aber auch immer wieder mächtige Widerstände, Rückzüge und Rückschläge, die wir in den vergangenen inzwischen über 30 Jahren erleben mussten, zuletzt den neuerlichen Ausstieg der USA aus den in Paris im Jahr 2015 vereinbarten Klimaabkommen. Klimaschutz und Artenschutz, der Schutz der Meere, die Reduzierung von Plastikmüll, der Schutz indigener Völker – all dies wird immer wieder von politisch maßgeblichen Akteuren in Frage gestellt. Doch Resignation ist der falsche Weg. <a href="https://www.realutopien.de/unser-warum/">In einem Video-Crashkurs</a> hat Lino Zeddies seine Vorschläge zusammengefasst: Beeindruckend ist die von ihm und seinen Mitstreiter:innen gepflegte Verbindung von Ökologie und Ästhetik, sodass Nachhaltigkeit eine kulturelle Perspektive erhält, die sich wiederum auf gesellschaftliche Entwicklungen auswirken sollte.</p>
<h3><strong>Reinventing Society – die Organisation</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würden Sie „Reinventing Society“ beschreiben? Als Nicht-Regierungsorganisation? Als Thinktank? Als Unternehmen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Vielleicht von allem ein bisschen. Wir haben uns im Jahr 2020 gegründet, auch inspiriert von dem Buch </em><a href="https://www.beck-shop.de/laloux-reinventing-organizations/product/34267343"><em>„Reinventing Organisations“</em></a>. <em>Wir haben den darin enthaltenen Grundgedanken, dass es eine neue Evolutionsstufe für Organisationen geben muss dahingehend weiterentwickelt, dass es auch eine neue Evolutionsstufe von Gesellschaft und Kultur braucht, für die Art und Weise, in der wir uns koordinieren und strukturieren. Es war von Anfang an unser Anspruch, auf unserer kleinen Ebene das zu leben, wofür wir auch im Großen an Werten und Prinzipien stehen wollen. Das ist ein sehr systemischer Ansatz mit der Ausrichtung auf das Positive, auf Lösungen. Wie können wir ins Neue vorangehen statt nur am Alten herumzunörgeln? </em></p>
<p><em>Wir haben Reinventing Society zu siebt als gemeinnützigen Verein gegründet und seit dieser Zeit viel erlebt und erforscht. Von den sieben sind jetzt noch drei dabei. Eine von uns, </em><a href="https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/B/beck_katharina-1043580"><em>Katharina Beck</em></a><em>, wurde über die Hamburger Landesliste für Bündnis 90 / Die Grünen in den Bundestag gewählt und hat eine Kollegin als Mitarbeiterin mitgenommen. Ein Kollege ging in ein Auslandssemester, eine Kollegin hat mit ihrem Freund ein eigenes Unternehmen mit einer ähnlichen Ausrichtung gegründet. Andere sind hinzugekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sind Sie mit anderen Think Tanks oder Organisationen vernetzt, die ähnliche Ziele verfolgen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir kooperieren mit vielen Organisationen. Ich nenne beispielsweise die </em><a href="https://pioneersofchange.org/"><em>Pioneers of Change</em></a><em> aus Österreich. Wir sind aber keine klassische Nicht-Regierungsorganisation, sondern eher Teil eines Netzwerks. Unser Alleinstellungsmerkmal sind die Visionsbilder und das Experimentelle in unserem Ansatz. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie die Möglichkeit, Ihre Visionen auch in politischen Öffentlichkeiten vorzustellen, beispielsweise in Berlin, in Brüssel, in Wien?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Unser Bildband „Zukunftsbilder 2045“ hatte – auch dank des oekom Verlages – eine große Reichweite. Meine Kolleg:innen und ich sind auch viel auf verschiedenen Tagungen unterwegs, auf denen wir Impulsvorträge halten oder Arbeisgruppen leiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bleibt zur Einführung die Frage nach der Finanzierung.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir finanzieren uns mit einem bunten Mix aus Spenden, über Förderanträge, Teilnahmebeiträge aus Seminaren, Honoraren für Vorträge, Tantiemen für die Bücher und Aufträge aus Städten.</em></p>
<h3><strong>Es gibt nicht die eine Lösung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe gewagt, meine Besprechung Ihres Buches „Zukunftsbilder 2045“ mit einer Studie über Horrorromane und Horrorfilme einzuleiten und dann ihre Zukunftsvisionen als Gegenbild vorgestellt. Sie haben schon in Ihrem Roman „Utopia 2048“, der vor der Gründung von „Reinventing Society“ erschien, geschrieben, dass Utopien keine <em>„dogmatische Vision“</em> sein dürften, sondern Anstoß für einen offenen Prozess. Sie wollen Denkanstöße entwickeln.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Utopien sind eine Einladung und es wäre eigentlich wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft eine Art Visionsministerium hätten, über das wir kollektiv Visionen entwickeln und verhandeln. Das geschieht aktuell ein kleines Stück weit über Wahlen und über Parteien, aber die wenigsten Parteien haben Visionen. Sie haben Grundwerte, für die sie einstehen, aber diese sollte man nicht mit Visionen verwechseln, wie die Zukunft aussehen und gestaltet werden könnte. Es fehlt an größeren Gesellschaftsentwürfen. Aber genau diese bräuchten wir eigentlich. Wir müssen uns allerdings immer darüber im Klaren sein, dass es nicht <u>die</u> Lösung für alle gibt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist es nicht eigentlich der Sinn und die Aufgabe von Parteien, Visionen zu entwickeln, wie die Welt ausschauen könnte?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das wäre ihre Aufgabe, aber de facto tun sie es nicht. Wir erleben immer wieder ein sehr kurzfristiges von den Medien getriebenes Gekämpfe um politische Macht, ein kurzfristiges Durchwurschteln. Ich habe in den letzten Jahren bei diesem permanenten Krisenmodus, in dem Politik geschieht, das Gefühl, dass es primär darum geht, mit dem Schiff nicht unterzugehen. Aber wo ist der sichere Hafen, über den wir aus dem Sturm herauskommen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre dann Ihr Ziel. Sie wollen, dass Visionen entwickelt werden, die dann auch von den politisch verantwortlichen Menschen, von den Parteien, von den Regierungen, bedacht werden.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Im Idealfall. Das eine ist natürlich die Vision, das andere der Weg dahin, die Transformationsbegleitung. Wir müssen die Visionen auch herunterbrechen, darüber nachdenken, wie wir Menschen inspirieren können, ermutigen, bestärken. Wir erforschen eben auch, <u>wie</u> dies möglich werden könnte. Wir hatten zuletzt eine größere Veranstaltung zum Thema durchgeführt, in der es darum ging, wie lebendige Führung aussehen könnte, wie Macht und Organisationsstrukturen, Kulturpraktiken funktionieren. Wir sehen uns hier auch als Pioniere. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer kommt in Ihre Seminare, Ihre Veranstaltungen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das sind sehr unterschiedliche Menschen. Wir bieten unterschiedliche Formate an. Wir haben beispielsweise Workshops für Interessierte aus dem kommunalen Bereich, städtische Akteure aus Stadt- und Gemeindeverwaltungen, in den Kommunen politisch aktive Leute aus den Räten. Es gibt jedoch auch andere Formate, zu denen einfach interessierte Menschen kommen, die sich für ähnliche Visionen wie wir begeistern, Wandel vorantreiben wollen und Gleichgesinnte suchen, mit denen sie neue Visionen, neue Methoden entwickeln können. </em></p>
<h3><strong>Über Nachhaltigkeit hinausdenken</strong></h3>
<div id="attachment_7619" style="width: 444px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7619" class="wp-image-7619" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-300x225.jpg" alt="" width="434" height="326" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 434px) 100vw, 434px" /><p id="caption-attachment-7619" class="wp-caption-text">Frankfurt am Main, Hauptwache. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/render-vision/">Render Vision</a>. Quelle: www.realutopien.de.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei den Visionen, die Sie veröffentlicht haben, sind mir vor allem zwei Dinge aufgefallen. Zum einen sind diese Visionen unserer Städte und Gemeinden sehr grün. Es gibt viele Pflanzen, Bäume, Räume, in denen man Schatten findet. Zum zweiten sind ihre Visionen eher städtisch.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Unsere Konzentration auf Städte hat einen pragmatischen Grund. Wir wollen Visionen für möglichst viele Menschen schaffen. Eine Graphik zu Hamburg erreicht dann natürlich viel mehr Menschen als eine Graphik für eine eher kleine Gemeinde mit etwa 1.000 Einwohner:innen. Wir haben natürlich auch dörfliche Strukturen aufgenommen und ländliche Graphiken erstellt. Wenn ich aber beispielsweise die Lüneburger Heide nehme, ist es schwerer, eine Vorher-Nachher-Graphik zu machen, weil dort bereits viel Natur ist – bei städtischen grauen Betonwüsten ist der Kontrast eindrücklicher. Aber es ist auch eine Frage der Auftraggeber. Wer kann den Auftrag bezahlen, eine solche Zukunftsgraphik zu entwickeln? Das erforderliche Budget haben dann doch eher die größeren Städte.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das pragmatische Argument kann ich gut verstehen. Andererseits gibt es viele ländliche Räume, die nur scheinbar ökologisch intakt sind, die jedoch weitgehend ausgeräumt sind, durch Intensivlandwirtschaft, durch über die Jahrzehnte und Jahrhunderte erfolgte Rodungen.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das stimmt. Es ist bei ländlichen Räumen einfach schwieriger, einen Wow-Effekt zu erzeugen. Wenn man eine Vorher-Nachher-Graphik für eine Stadt erstellt, ist dieser einfach größer. Wenn ich beispielsweise ein renaturiertes Bergbaugebiet zeige, sieht man etwas Wald, einen See, aber das sehen viele Menschen als Natur und eben nicht als etwas Besonderes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht als Anregung: In manchen Wäldern hat der Borkenkäfer gewütet. Wenn man sich solche Wälder anschaut, wäre ein Wow-Effekt mit einer Renaturierung sicherlich erzeugbar.</p>
<p>Sie werben für eine <em>„regenerative Kultur“</em>. Sie werben dafür, dass wir uns auf die Ressourcen beschränken, die grundsätzlich erneuerbar sind. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird dieses Thema oft auf die Energieversorgung reduziert.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir wollen mehr. Wir wollen auch über Nachhaltigkeit hinausdenken. In der öffentlichen Diskussiongeht es hauptsächlich darum, Schaden zu verringern, Schaden zu vermeiden und„klimaneutral“ zu werden. Wir finden, dass wir das Ganze auch positiv wenden können. Was ist das größte Potenzial von uns Menschen auf diesem Planeten? Wie können wir zu mehr Lebendigkeit, zu mehr Biodiversität, zu mehr Schönheit beitragen? Wie können wir uns wieder in den Kreislauf der Ökosysteme einfügen, sodass wir nicht wie Parasiten leben, sondern symbiotisch mit der Natur, sodass unser Leben, unser Verhalten auf eine gesunde Weise allen dient? Dies ist bei vielen Tieren der Fall. Zu Wölfen gibt es eine interessante Studie nach Wiederansiedelung im Yellowstone Park in den USA. Alles wurde wieder lebendiger, weil sie manche Tiere dezimieren, die Bäume und Hecken zerstören. Es gibt wieder mehr Schmetterlinge, die Flüsse wurden kraftvoller. Das gesamte Ökosystem wurde in ein besseres Gleichgewicht gebracht. Man denkt vielleicht zunächst, dass die Wölfe nur andere Tiere entnehmen, aber offenbar schaffen sie insgesamt einen gesunderen Platz und tragen zu mehr Lebendigkeit bei. Indigene Völker wissen, wie sie sich in der Natur bewegen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Brandenburg oder in Niedersachsen gibt es inzwischen zahlreiche Wolfsrudel, zunehmend auch in anderen Bundesländern. Diskutiert werden sie jedoch vor allem als Bedrohung für die Schafe und andere Weidetiere, auch für die Menschen. Und damit sind wir bei oft massiven und sehr emotional geführten Konflikten. In Ihren Büchern beschreiben Sie Strukturen, in denen solche Konflikte verhandelt werden können, bis hin zu einem Weltparlament, das Sie in „Utopia 2048“ in Singapur angesiedelt haben. Zurzeit geht es allerdings in der Politik eher in die andere Richtung.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es ist nicht so einfach, solche Konflikte mit unseren gewohnten Denkstrukturen in Einklang zu bringen. Wir erlauben uns, einfach auch einmal zu träumen, was denkbar, was schön wäre, was wir uns einfach einmal vorstellen dürfen sollten. Viele Errungenschaften der Vergangenheit waren ja auch erst einmal Träume und Visionen. Sie erschienen weltfremd, aber jemand wagte es, sie aufzuschreiben und an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. In unseren Workshops trainieren wir sozusagen den Visionsmuskel. Wie können wir die neuen Welten, die wir denken, auch in uns kultivieren?</em></p>
<div id="attachment_7655" style="width: 443px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7655" class="wp-image-7655 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-300x225.jpg" alt="" width="433" height="325" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-600x449.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-768x575.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-800x599.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1024x767.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1200x899.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1536x1151.jpg 1536w" sizes="(max-width: 433px) 100vw, 433px" /><p id="caption-attachment-7655" class="wp-caption-text">Dresden, Postplatz. Reinvention Society. Artist: <a href="http://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle: www.realutopien.de</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber wie werden solche Visionen mehrheitsfähig? Muss es erst zu einer Katastrophe kommen? In dem Szenario „Zukunftsbilder 2045“ kommt es Ende der 2020er, Anfang der 2030er Jahre erst einmal zu einem ökonomischen und ökologischen Kollaps. Erst dann besinnen sich die Menschheit beziehungsweise ihre politischen Repräsentant:innen und ändern ihren Kurs. Dieser Gedanke brachte mich übrigens auf die Idee, die Vorstellung Ihres Buches mit einem Rekurs auf das Horrorgenre einzuleiten.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Ich denke zyklisch. Das wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische System, das wir zurzeit haben, liegt im Sterben. Ich glaube nicht, dass wir die derzeitigen Probleme mit diesem System lösen können. Wir brauchen ein großes System-Update. Das alte System muss sterben und Raum schaffen, damit Neues geboren werden kann. Der nächste Frühling erfordert, dass zuvor Herbst und Winter kommen, alte Pflanzen sterben, damit neue Pflanzen sprießen. Wir haben aber als Kultur eine ganz schwierige Beziehung zum Sterben, zum Nichtstun, dazu, etwas einfach geschehen zu lassen. Ich glaube, es wird auf jeden Fall ein Winter kommen. Jede Gesellschaft ist irgendwann einmal untergegangen. Auch unsere wird einmal untergehen und Raum schaffen für etwas Neues. Die Frage ist, ob wir uns dem Prozess hingeben können oder ob wir es schaffen, unser System etwas runterzufahren, wie zum Beispiel Tiere im Winterschlaf, und uns die Chance geben, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir könnten weniger reisen, anders konsumieren und so Raum für etwas Neues schaffen. Oder beharren wir auf dem Konsumniveau, auf dem wir uns zurzeit befinden? Wenn wir das tun, wird die Krise immer unangenehmer. Ein Baum kann auch nicht einfach seine Blätter festhalten, wenn der Herbst kommt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gegenwärtig habe ich den Eindruck, dass sich manche genau so verhalten wie Sie beschreiben, geradezu zwanghaft.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Gegenwärtig ja, aber es ist auch eine individuelle Entscheidung. Nehme ich die Veränderungen an? Gebe ich mich den Veränderungen hin? Oder bereite ich mich auf Veränderungen hin?</em></p>
<h3><strong>Experimente mit der Unsicherheit</strong></h3>
<div id="attachment_7656" style="width: 444px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7656" class="wp-image-7656 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-300x225.jpg" alt="" width="434" height="326" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 434px) 100vw, 434px" /><p id="caption-attachment-7656" class="wp-caption-text">Neumarkt in der Oberpfalz. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle:  www.realtuopien.de</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurzeit haben wir den Trend einflussreicher Politiker:innen, das Alte zu glorifizieren und alles zu tun, damit sich nur ja nichts ändert. Das ist meines Erachtens ein Problem der Politik, weniger der Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft sähe, dass die Politik verlässlich handelt und nicht alle paar Monate die Parameter ändert, indem eine Förderung für beispielsweise regenerative Energien mal erhöht, mal reduziert, mal sogar ganz gestrichen wird. Das ist nur ein Beispiel für viele. Und den Bürger:innen geht es genau so. Was gilt denn jetzt? Was gilt morgen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das Festhalten am Alten schafft Leid, Anstrengungen und Kampf. Es wäre viel einfacher, wenn wir mehr loslassen könnten. Aber die Angst vor Kontrollverlust ist enorm. Niemand weiß, was geschieht, wenn sich die Dinge radikal ändern. Das ist radikale Unsicherheit. Wir können nicht wissen, wie die Welt in fünf, in zehn oder in hundert Jahren aussieht, aber es fällt vielen schwer anzuerkennen, dass das nicht vorhersehbar ist. Daher auch der vorherrschende Modus des Beharrens auf dem, was man aus der Vergangenheit zu kennen glaubt.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie werden solche Fragen, wie wir sie eben angesprochen, in Ihren Workshops diskutiert?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es gibt nicht <u>den</u> Workshop, wir haben unterschiedliche Formate. Es gibt zunächst Formate, in denen es darum geht, Methodenwissen zu entwickeln. Wir hatten gerade auch einen experimentellen Summit, in dem es darum ging, Führung, Macht und Wandel zu erforschen, auch kollektive Führung unter Unsicherheit. Dazu haben wir Pläne losgelassen und teilweise sogar die Moderation weitgehend zurückgenommen, um zu erforschen, was entsteht, wenn wir die Kontrolle abgeben und den Raum sich selbst überlassen. Das Ziel war, auch eine Form der Selbstführung zu ermöglichen: Was spüren wir gemeinsam? Was wollen wir tun? Was ist in diesem Moment lebendig? Dazu haben wir auf jegliche Planung verzichtet und einen offenen Raum entstehen lassen.</em></p>
<p><em>Der äußere Rahmen hätte dafür kaum besser sein können: ein wunderschöner Ort, volle Kühlschränke, inspirierende Menschen – alles, was man sich wünschen kann, um sichere Bedingungen für Veränderung zu schaffen. Und dennoch: Viele Teilnehmer:innen, die sich eigentlich leidenschaftlich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, waren von dieser Offenheit tief verunsichert. Schon ein einziger Tag ohne klare Struktur genügte, um große Unsicherheit auszulösen.</em></p>
<p><em>Anschließend ging es darum, dies zu reflektieren. Dazu brauchten wir psychologische Unterstützung, wir hatten ein Emotional Support Team engagiert, Expert:innen, die die Leute aufgefangen haben. Das war auch unbedingt nötig. Das psychologische Team war im Dauereinsatz.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Hilflosigkeit, die die Teilnehmer:innen Ihres Workshops erlebten, spiegelt meines Erachtens sehr gut die aktuelle politische Lage in vielen Ländern angesichts der verschiedenen Krisen. Manche ziehen sich zurück in eine Art Cocooning, das nichts Krisenhaftes mehr an sich heranlässt, andere radikalisieren sich.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir waren eine Mikrogesellschaft, in der Tat ein Spiegel der Makrogesellschaft. Manche Teilnehmenden fanden das super, weil sie jetzt machen konnten, was sie wollten. Andere hatten das Bedürfnis nach Sicherheit. Es war der klassische Zielkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit; Neues wagen oder an Bewährtem festhalten? Nur ja nicht zu schnell die Veränderung wagen! Es war möglich, diesen Konflikt wiederum in sich selbst zu beobachten, für alle Teilnehmer:innen, jede:r für sich. Kann ich in der Gruppe jetzt einen Vorschlag machen? Darf ich das? Überfordere ich die anderen? Bekomme ich Ärger? Es war sehr erhellend, sich diese Spannung bewusst zu machen, und das in einem absolut sicheren Setting!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch Thema in Ihren Büchern: „Utopia 2048“ haben Sie zu Beginn der Corona-Pandemie geschrieben, dann mehrfach aktualisiert und überarbeitet. Die Pandemie war eine Ausnahmesituation, in der eigentlich niemand mehr genau wusste, was zu tun war. Es gab viel Trial und Error. Und die Strukturen, die es dann gab, waren in einem hohen Maße autoritäre Strukturen, die wiederum Leute auf den Plan riefen, die selbst höchst autoritär denken, aber meinten, sie würden sich mit ihren Forderungen für die Freiheit einsetzen.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das war rückblickend eine spannende und zugleich sehr unangenehme Phase. Wie unterschiedlich die Leute sie wahrnahmen, hing zu einem Teil auch mit Privilegien zusammen. Wer beispielsweise einen großen Garten hatte, erlebte die Pandemie und die Phasen des Lockdowns anders als jemand, der in einer kleinen Wohnung oder gar in einem einzigen Zimmer gefangen war. Man konnte aber auch merken, dass das Runterfahren eines Systems mit weniger Verpflichtungen, mit dem Home-Office, dem engeren Kontakt in der Kernfamilie, mit den Kindern, neben den unangenehmen Seiten manchen auch Entspannung brachte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den letztgenannten Aspekt sehe ich vor allem bei Menschen der sogenannten upper middle class.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es hängt eben mit Privilegien zusammen, die die einen haben und die anderen nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es sind letztlich soziale Unterschiede, die die unterschiedliche Wahrnehmung bedingen, wie auch bei den anderen Krisen unserer Zeit, zum Beispiel der Frage nach der Energieversorgung oder einer nachhaltigen Landwirtschaft.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir können das nicht voneinander trennen. Wir können großen Teilen der Bevölkerung nicht sagen, sie müssten jetzt ihr Leben ändern. Viele kann ich nicht dafür gewinnen, sich als Teil des ökologischen Systems zu sehen, wenn ich die sozialen Rahmenbedingungen oder Konsequenzen nicht mit bedenke. Es darf nicht zu einem Entweder-Oder kommen, entweder die Ökologie oder das Soziale. </em></p>
<h3><strong>Realutopien</strong></h3>
<div id="attachment_7657" style="width: 442px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7657" class="wp-image-7657" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-300x225.jpg" alt="" width="432" height="324" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-768x577.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-800x601.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1024x769.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1200x901.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1536x1153.jpg 1536w" sizes="(max-width: 432px) 100vw, 432px" /><p id="caption-attachment-7657" class="wp-caption-text">Bonn-Beuel. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle: www.realutopien.de.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Prognosen sind immer schwierig und wir alle sind keine Propheten. Aber wie sehen Sie die Möglichkeiten, die von Ihnen für die Jahre 2045 beziehungsweise 2048 formulierten Ziele bei allen Unwägbarkeiten und Widerständen zu erreichen? Interessant finde ich, dass Ihre Vorschläge eigentlich gar nicht so weit hergeholt sind. Eigentlich gibt es das alles schon, als einzelnes Projekt zum Beispiel, als gute Praxis in der ein oder anderen Kommune, aber eben nur nicht in der Fläche. Vom Urban Gardening über Schwammstädte bis hin zu alternativen Mobilitäts- und Versorgungskonzepten und so manches mehr. Manches wurde real erprobt, manches als Fantasie beschrieben, beispielsweise im <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/solarpunk/">Solarpunk</a>.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir haben manches, das es schon gibt, einfach größer gedacht. Wir haben aber auch vieles miteinander verwoben und aus vereinzelten eher unbekannten Lösungen ein systemisches Gesamtgefüge zusammengebaut. Das war der Grundgedanke: Technisch ist das, was wir mit unseren Visionen beschreiben, absolut machbar. Die Lösungen sind technisch alle da, auch das Geld, aber es ist eine Frage des Willens. Das haben wir in der Pandemie festgestellt und im Ukrainekrieg. Wenn der politische Wille da ist, ist auch das Geld da. Wir haben keine irrealen Fantasien entwickelt, basierend auf existierenden Lösungen, die wir als Gesellschaft hochskalieren könnten und die man, wenn man etwas herumreist, auch schon überall beobachten kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit dem Ukrainekrieg und der Pandemie nennen Sie zwei Beispiele, in denen man auf eine von außen ausgelöste Krise reagiert. Das sind keine Beispiele für eine Vision im Sinne Ihrer Zukunftsbilder.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Sie zeigen aber, dass die Verwirklichung unserer Zukunftsbilder möglich wäre. Sie haben natürlich recht, dass die Politik zurzeit sehr reaktiv und kurzfristig agiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir gefällt der von Ihnen verwendete Begriff der <em>„Realutopie“. </em>Seit 2022 gibt es auf Ihrer Internetseite die <a href="https://realutopien.info/">Infothek für Realutopien</a>. Mich erinnert der Begriff an den von <a href="https://ernst-bloch-gesellschaft.de/">Ernst Bloch</a> geprägten Begriff der <em>„konkreten Utopie“</em>. Ein anderer Begriff, den Sie gewählt haben ist der Begriff der <em>„offenen Utopie“</em>. <em> </em></p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Auch dann, wenn man sich auf der großen Ebene Anderes wünscht, haben wir auf der kleinen lokalen Ebene großen Spielraum, den wir nur erkennen müssen. In der Nachbarschaft, auf dem Arbeitsplatz kann man sich eine andere Realität schaffen, eine andere Kultur, wertschätzende Arbeitsverhältnisse aufbauen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, das ist viel Arbeit. Man muss sich Wissen aneignen, recherchieren, welche Realutopien es gibt, wie man sie gestaltet, wie man Beziehungen etabliert und nutzt, um diese Ziele zu erreichen. Wenn man sich auf die Suche begibt, wird man all diese Lösungen finden. Und wenn man sie umsetzt, kann man in der eigenen persönlichen Realität eine Realutopie schaffen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dem will ich nicht widersprechen. Aber ein lokales Projekt ist noch keine umfassende Strukturpolitik.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das stimmt. Aber wenn sich viele Menschen die Macht, die sie haben, noch mehr nehmen würden, schaffen viele kleine Realutopien auch eine große Realutopie. Der Grundgedanke ist der, dass sich viele Menschen mit ihren kleinen Realutopien miteinander verbinden und ihre jeweils eigenen Utopien verweben. So entstehen auch Strukturen. Auch wenn es im Großen düster wirkt und Hoffnung verloren geht, muss man sich diese Macht erhalten, damit man nicht ausgeliefert ist. Wenn man dies im Kleinen tut, reibt man sich nicht im Großen auf. Es geht im Grunde auch um das Erlebnis von Selbstwirksamkeit. Utopie bedeutet eigentlich „Unort“. Wir könnten aus Utopia ein Eutopia machen, einen „guten Ort“.   </em><strong> </strong><em> </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. November 2024. Titelbild: Berlin Friedrichstraße Utopia 2048. Artist: Aeeroscape &amp; Lino Zeddies, Quellen: www.realutopien.de sowie Wikimedia Commons, Genehmigung: <a href="https://realutopien.info/visuals/berlin-friedrichstrasse-utopia-2048/">Visual » Berlin Friedrichstraße Utopia 2048</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>Archäologie der Zukunft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 14:58:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Archäologie der Zukunft Ein Porträt des Erzählers Jack McDevitt „Die einfache Wahrheit ist, dass der Planet zu klein geworden ist. Nicht für unsere Bevölkerung, sondern für unsere Träume. Wir haben eine Verabredung mit den Sternen.“ (Jack McDevitt, Moonfall, 1998) Der Autor Jack McDevitt schrieb schon in jungen Jahren, entdeckte jedoch erst im Alter von  [...]</p>
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<h1><strong>Archäologie der Zukunft</strong></h1>
<h2><strong>Ein Porträt des Erzählers Jack McDevitt </strong></h2>
<p><em>„Die einfache Wahrheit ist, dass der Planet zu klein geworden ist. Nicht für unsere Bevölkerung, sondern für unsere Träume. Wir haben eine Verabredung mit den Sternen.“ </em>(Jack McDevitt, Moonfall, 1998)</p>
<p>Der Autor <a href="https://www.jackmcdevitt.com/">Jack McDevitt</a> schrieb schon in jungen Jahren, entdeckte jedoch erst im Alter von 45 Jahren, als Sechzigjähriger, sein Talent. Er hatte zwar schon als Neunzehnjähriger im Jahre 1954 an einem „Freshman Short Story Contest“ des LaSalle Colleges teilgenommen und diesen sogar mit der Story „A Pound of Cure“ gewonnen, war jedoch nachdem er „David Copperfield“ gelesen hatte der Meinung, dass sein Talent angesichts der Werke eines großen Schriftstellers wie Charles Dickens nicht bestehen könne. In den nächsten 25 Jahren schrieb er keine Fiction mehr.</p>
<p>McDevitt wurde in 1935 in Philadelphia geboren. Er studierte am La Salle College, schloss im Jahre 1957 mit einem BA ab. Er setzte sein Studium an der Wesleyan University fort, wo er im Jahre 1971 den Master für Literatur erwarb. Jack McDevitt wollte Journalist werden und bewarb sich beim „Philadelphia Inquirer“ und bei der „Washington Post“, wurde aber nicht eingestellt. Deshalb begann er eine wechselhafte Berufslaufbahn als Taxifahrer, Motivationstrainer, Soldat, Zollbeamter und Lehrer. Er unterrichtete von 1963 bis 1973 Englisch, Geschichte und Theater. Von 1973 bis zum Eintritt ins Pensionsalter im Jahre 1995 arbeitete er für das US Customs Department, die amerikanische Zollbehörde.</p>
<p>Erst im Alter von fünfundvierzig Jahren begann Jack McDevitt auf Anregung seiner Frau Maureen zu schreiben und widmete sich nach seiner Pensionierung im Jahre 1995, also im Alter von sechzig Jahren, professionell dem Verfassen von Kurzgeschichten und Romanen. Er erinnert sich noch im 90sten Lebensjahr im August 2025 in einer E-Mail an mich, dass es seine Frau Maureen war, die ihm mehr zutraute als er sich selbst: <em>„Maureen hat mich überzeugt, dass ich schlauer bin, als ich dachte.“ </em>Seine erste veröffentlichte Kurzgeschichte „The Emerson Effect“ erschien 1981 in „Twilight Zone“, für seinen ersten Roman „The Hercules Text“ aus dem Jahr 1986 erhielt er den <a href="https://locusmag.com/2025/06/2025-locus-awards-winners/">Locus Award</a> für das beste Romandebut . Im Jahre 2015 erhielt Jack McDevitt den <a href="https://nss.org/national-space-society-heinlein-award/">Robert A. Heinlein Award</a> für ein <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?192">Lebenswerk von damals 21 Romanen und mehr als 80 Kurzgeschichten</a>. Bekannt wurde Jack McDevitt vor allem mit zwei Romanserien, der Academy-Serie um die Pilotin Priscilla Hutchins und der Alex Benedict-Serie, die aus der Sicht der Geschäftspartnerin und Pilotin Chase Kolpath erzählt wird.</p>
<h3><strong>„Imaginäre Erfahrungen“ </strong></h3>
<p>Jack McDevitt hat eine Vorliebe für weibliche Protagonistinnen. Diese kommt aus seinen Erfahrungen mit Teambuilding-Fortbildungen, die er beim amerikanischen Zoll durchführte. Er berichtet in dem <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/title.cgi?2821942+2">Interview mit Thomas Harbach</a> für die <a href="https://phantastisch.net/">Zeitschrift „phantastisch!“</a> im Jahre 2004 (abgedruckt in: Jack McDevitt, Outbound, 2006), dass bei den fiktiven Überlebenstrainings von Gruppen bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste nur die rein weiblichen Besetzungen überlebt hätten. Die gemischten Gruppen starben, weil die Männer das Kommando an sich rissen und das Überleben an ihrer Überheblichkeit scheiterte.</p>
<p>In dem Interview mit Thomas Harbach erzählt Jack McDevitt, der schwierigste Teil beim Schreiben sei für ihn, eine gute Idee zu finden, die die Erzählung trägt. Wenn er dann eine Lösung für das Problem oder das Rätsel gefunden habe, sei das Schreiben einfach. Die Kurzgeschichte sei für ihn die beste Form für Science Fiction, aber die Leserinnen und Leser verlangten nach Romanen, weil sie mehr Zeit mit den Charakteren und der Handlung verbringen wollten.</p>
<p>Science Fiction ist für Jack McDevitt, wie er in dem Essay „Science Fiction: An Eye On Tomorrow in Outbound“ (2006) schreibt, keine Erzählung über Wissenschaft, sondern eine Erzählung über Menschen, die dem Unbekannten begegnen und sich mit den Konsequenzen neuer Erkenntnisse auseinandersetzen müssten. Science Fiction habe mit dem <em>„Vielleicht“</em> und dem <em>„Was wäre, wenn?“</em> zu tun. <em>„Literatur soll es uns ermöglichen, imaginäre Erfahrungen zu durchleben.“</em> Science Fiction handele von <em>„Veränderungen“</em> – und es sei deshalb kein Zufall, dass der erste Kuss zwischen einer schwarzen Frau und einem weißen Mann im amerikanischen Fernsehen in einer Science-Fiction-Serie stattgefunden habe: In der Star-Trek-Episode „Plato’s Stepchildren“ aus dem Jahre 1968 küssen sich Uhura (Nichelle Nichols) und Captain Kirk (William Shatner).</p>
<p>Die literarischen Möglichkeiten der neuen Raumfahrtvisionen im 21. Jahrhundert finden sich im Vorwort von Jack McDevitt für das Buch und die Kurzgeschichte „Melville auf Iapetus“ (1983, deutsche Übersetzung 2012). Er schreibt über das Ende der Raumfahrt und skizziert völlig neue Möglichkeiten durch das unerwartete Auftauchen eines von Außerirdischen geschaffenen Kunstwerks auf dem Saturnmond Iapetus. Die Erzählung beginnt wie folgt: <em>„Gegen Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts war die Ära der bemannten Raumfahrt längst vorbei. (…) Dann erlebte die Welt einen Schock, als eine automatische Sonde Bilder vom Saturnmond Iapetus zurückschickte. Die Fotos zeigten ein eindeutig nichtmenschliches Geschöpf, das auf zwei Beinen stand und in Richtung des beringten Planeten blickte, welcher aufgrund der gebundenen Rotation dauerhaft knapp über einer Hügellinie am Himmel stand. / Das Ding war aus Stein geschnitten und mit Eis überzogen. Gleichmütig stand es auf jener öden, schneebedeckten Ebene &#8211; eine Albtraumgestalt mit gekrümmten Klauen, surrealen Augen und schlankem, geschmeidigem Körperbau. Die Lippen waren geöffnet, gewölbt, nahezu lasziv. Ich war nicht sicher, warum es so beunruhigend war. Es lag an mehr als nur den Krallen oder den unverhältnismäßig langen unteren Gliedmaßen. Es war sogar mehr als die Andeutung philosophischer Wildheit, die in den kristallinen Gesichtszügen festgehalten war. Es barg etwas Furchterregendes – gefangen in der Spannung zwischen der vielsagenden Geometrie und der weiten Ebene, auf der es stand. / Das Bildnis auf der Ebene ist furchterregend, ja. Doch nicht, weil es Klauen und Schwingen oder mitleidlose Augen hat. Sondern weil es allein ist.“ </em></p>
<p>In dieser Kurzgeschichte ist alles enthalten, was die literarische Qualität des Ausnahme-Science-Fiction Schriftstellers Jack McDevitt auszeichnet. McDevitt zeichnet sich vor allem durch zwei Eigenheiten aus, die ihn von den anderen Autoren des Genres unterscheiden. Er beschreibt kunstvoll die menschlichen Seiten der handelnden Protagonistinnen, vor allem von Priscilla Hutchins, Chase Kolpath und Alex Benedict, die für die Leserinnen und Leser fast schon zu Familienmitgliedern werden und die sie mit auf Reisen in das Unbekannte nehmen. Die Protagonisten seiner Erzählungen ermöglichen es uns, eine Verbindung von der Gegenwart bis in weit entfernte Zukünfte der Menschheit zu ziehen und zu verstehen, was uns dort erwarten könnte – obgleich das Wesen der Menschen gleichbleiben wird, wie Jack McDevitt in einem Essay betont. Die Umstände einer Zukunft in Zeit und Raum ändern sich, der Mensch selbst aber nicht. Verbindungsglieder seiner Erzählungen sind oft Diskussionsforen wie Fernsehshows oder Vereinstreffen, die in der Gegenwart und in der Zukunft ziemlich gleich aussehen. Dies ist ein kleiner literarischer Trick, der uns eine Brücke in die Zukunft baut. Die zweite Eigenheit der Erzählungen von Jack McDevitt ist die Form der historischen oder archäologischen Science Fiction, bei der Rätsel oder Probleme beschrieben werden, die gelöst werden müssen, und zwar in einer Rückschau aus der Handlungsebene der Protagonisten in der Zukunft zurück in ihre Vergangenheit, die für uns die Zukunft ist.</p>
<h3><strong>Das Zusammenspiel von Physik und Archäologie</strong></h3>
<p>Die Absonderlichkeiten des Universums sind nicht nur in der Wissenschaft beschrieben worden, sondern wurden auch von vielen Autorinnen und Autoren in ihren fiktiven Erzählungen benutzt, so von Jack McDevitt in seiner Kurzgeschichte „Melville auf Iapetus“: <em>„Das Universum sollte</em> e<em>igentlich gar nicht existieren. Um zu funktionieren, zusammenzuhalten, braucht es eine ganze Reihe von Absurditäten: Vierdimensionalen Raum, gekrümmten Raum, relative Zeit, die Gravitationskonfigurationen müssen exakt stimmen &#8211; wären sie etwas stärker, würden die Sterne zu schnell kollabieren, etwas schwächer und sie würden sich gar nicht erst bilden. Ich weiß, all das hört sich nach einer Hintertür zur Theologie an und vielleicht ist es das auch, aber ich glaube, jede wirklich fortschrittliche Rasse würde sich dem Thema gegenüber zumindest einen offenen Geist bewahren. (…) Die Sterne waren hart und kalt und die Räume zwischen ihnen lasteten auf mir, wie sie auf ihr gelastet haben mussten. Saturn schwebte über der Ebene, seine Ringe leuchtstark und großartig. Einige andere Monde waren am Himmel verteilt. Es fiel mir ein, dass der Planet sich nicht von der Stelle gerührt hatte, seit sie hier gestanden hatte, vor wie langer Zeit? (…) Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“</em></p>
<p>Diese Zitate aus Kurzgeschichten von Jack McDevitt zeigen ihn als Meister sprachlicher Schönheit über Zustände im Universum, die für uns Menschen eigentlich unfassbar sind und die von Dunkelheit, Leere, Kälte, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit triefen. Darin, im unendlichen All, findet Jack McDevitt Momente menschlicher Souveränität, Solidarität und Freundschaft. In der Unfassbarkeit des Kosmos tauchen winzige Inseln des Menschlichen auf, die der Autor in Form von Sprache für seine Leserinnen und Leser ausbreitet. Jack McDevitt ist ein Meister der Poesie in der Suche des Menschen nach sich selbst im Universum.</p>
<p>Jack McDevitt hat eine eigene Thematik und ein eigenes narratives Konzept entwickelt und zur literarischen Perfektion ausgearbeitet, die <em>„archäologische Science-Fiction“</em>, wie sie <a href="https://shoemaker.space/">Martin L. Shoemaker</a> in seinem Vorwort zum Buch von Jack McDevitt „A Voice in the Night“ (2018) unter der Überschrift „Jack McDevitt, History Builder“ charakterisiert. Shoemaker schreibt im Vorwort zu dieser umfangreichen und farbigen Kurzgeschichtensammlung von Jack McDevitt über ihn als <em>„Weltenbauer“</em>, der nicht einfache Welten baut, sondern <em>„Historien“</em> konstruiert, also Betrachtungen komplexer Vergangenheitsbeziehungen entwirft, in denen die Protagonisten seiner Erzählungen verworrenen Handlungsmustern unterworfen sind, die sie große und kleine menschliche Probleme erleben, aushalten und bewältigen lassen. Es geht dabei oft um die Untersuchung von alten, untergegangenen Zivilisationen der Vergangenheit aus der Erzählerperspektive, die in unserer Zukunft liegen.</p>
<p>Archäologische Science Fiction spielt mit Gedankenexperimenten der menschlichen Zukunft, die durch einen literarischen Kniff in die Vergangenheit der Erzählerin gelegt werden, beispielsweise von Chase Kolpath, der Pilotin aus der Alex-Benedict-Reihe. Alex Benedict und Chase Kolpath untersuchen oft Fragen nach dem Scheitern dieser historischen Zivilisationen im Licht der Unzulänglichkeiten ihrer gegenwärtigen menschlichen Zukunft zehntausend Jahre nach unserer Zeit.</p>
<p>Im Roman „Firebird“ (2011) spricht Chase Kolpath über die Zusammenarbeit mit Alex Benedict in ihrem Unternehmen Rainbow Enterprises: <em>„Alles ist vergänglich, so sagte er gern. Darum war Rainbow so erfolgreich, weil die Leute immer wieder versuchen, ein Stück Vergangenheit zurückzuholen. Sich daran festzuhalten, so gut sie nur können.“ </em></p>
<h3><strong>Zu den Sternen</strong></h3>
<p>Jack McDevitt schrieb wunderbar spannende und ironische Kurzgeschichten, die nach der Meinung von <a href="https://www.phantastik-couch.de/autoren/844-charles-sheffield/">Charles Sheffield</a> dazu geeignet seien, <em>„die eigenen Interessen und Obsessionen eines Autors zu verraten</em>.“ Sheffield schreibt in der Einführung zur Kurzgeschichtensammlung „Übersetzung aus dem Kolosianischen“ (2009, deutsche Fassung von „Standard Candles“, 1996), dass Jack McDevitt über die Fähigkeit verfüge, <em>„richtige Menschen zu schaffen</em>“ und lobt die Erzählweise des Autors: <em>„Die emotionale Reise wird an manchen Stellen etwas rau. Allerdings können Sie sich selbst an den holprigsten Stellen des Ritts entspannen. Sie sind in sicherer Hand. Um nichts auf der Welt würde Jack McDevitt Sie im Stich lassen.“</em></p>
<p>Ein gutes Beispiel für die Erzählkunst von Jack McDevitt in der kurzen Form und von Charles Sheffield als <em>„ultimative Rechtfertigung für Science-Fiction-Leser</em>“ bezeichnet bietet die Story „Zur Hölle mit den Sternen“ eine amüsante, philosophisch hintergründige und ironische Erzählung, in der ein Junge am Heiligabend in einer weiten Zukunft mit seinem Vater über den Sinn der Raumfahrt zu den Sternen streitet und die alten Geschichten der Science-Fiction-Schriftsteller erwähnt. Von diesen hält sein Vater überhaupt nichts, weil die Menschen genug Platz im Sonnensystem hätten und sie die Sterne niemals erreichen würden. Der Junge aber beharrt darauf, dass es irgendwann einmal einen Weg zu den Sternen geben kann: <em>„Der uralte Ruf hallte über den Welten wider – substanzlos, verlockend, unwiderstehlich. Die alten Träumer waren, wieder einmal, unterwegs zu den Sternen.“</em></p>
<p>Jack McDevitt hat mit dem NASA-Wissenschaftler <a href="https://www.lesjohnsonauthor.com/">Les Johnson</a>, Chef-Technologe am NASA George C. Marshall Space Flight Center in Huntsville, Alabama, ein Sachbuch über Fiktionen und technische Möglichkeiten geschrieben, die Sterne zu erreichen – und zwar ausschließlich basierend auf den gegenwärtigen Erkenntnissen darüber, wie das Universum funktioniert. Also ohne Schneller-als-Licht-Technologien, Hyperraumsprünge oder Wurmlochverbindungen in ein anderes Universum: Les Johnson and Jack McDevitt, „Going Interstellar“ (2012).</p>
<p>Der Grund für solche Reisen zu den Sternen liegt nach der Meinung der Herausgeber in der Tatsache begründet, dass die Menschheit der Gegenwart der Erde auf einem Pulverfass sitzt: <em>„Wir haben daher ein starkes Argument dafür, einen Teil von uns in den Weltraum und aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu bringen. Wenn wir uns die Geschichte und die aktuellen Ereignisse in der Welt ansehen, wissen wir, dass der Verlauf der Ereignisse völlig unvorhersehbar und potenziell tödlich ist. Wohin gehen wir also? Und wie kommen wir dorthin?“</em></p>
<p>Ad Astra! Zu den Sternen!</p>
<p>Übrigens: Les Johnson hat das letzte Romanfragment von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ben-bovas-grand-tour/">Ben Bova</a> zu dem gemeinsamen Roman „Pluto“ verarbeitet: Wissenschaft und Fiktion Hand in Hand!</p>
<h3><strong>Alex Benedict und Chase Kolpath</strong></h3>
<p>Die Serie um die Archäologin Alex Benedict und die Pilotin Chase Kolpath zehntausend Jahre in der Zukunft spielend, besteht aus diesen Romanen, die jeweils abgeschlossene Werke sind (die jeweils zweite Jahreszahl nennt das Erscheinungsjahr der deutschen Übersetzung).</p>
<ul>
<li>A Talent for War (1989, Die Legende von Christopher Sims, 1990)</li>
<li>Polaris (2004, Polaris, 2006)</li>
<li>Seeker (2005, Die Suche, 2008)</li>
<li>The Devil´s Eye (2008, Das Auge des Teufels, 2009)</li>
<li>Echo (2010, Echo 2011)</li>
<li>Firebird (2011, Firebird, 2012)</li>
<li>Coming Home (2014, Apollo, 2016)</li>
<li>Village in the Sky (2023, keine deutsche Übersetzung)</li>
</ul>
<p>Die Erzählungen gehen von einem Rätsel aus, das im Laufe verschlungener Pfade ausgebreitet und gelöst wird. Man findet archäologische oder kriminaltechnische Techniken, die der Autor in seine Erzählungen einarbeitet, ebenso wie philosophische und wissenschaftliche Erkenntnisprozesse, die in die Erzählungen handlungsleitend eingearbeitet sind. Dazu bietet der Autor spannende Abläufe, interessante Persönlichkeitsmerkmale seiner Probanden und überraschende Wendungen im Erzählfluss. Dies ist Science Fiction von besonderer Güte und literarischer Qualität.</p>
<p>Ein beispielhaftes Meisterwerk ist nach meiner Meinung der Roman „Firebird“ (2011) aus der Alex-Benedict-Serie. Dieser Roman darf als exemplarisch für Plots und Erzählweisen von Jack McDevitt gelesen werden, wird daher im Folgenden auch etwas ausführlicher beschrieben. „Firebird“ geht von dem Rätsel aus, dass der Wissenschaftler Christopher Robin (das ist der Name des Jungen im Kinderbuchklassiker „Winnie the Pooh“ beziehungsweise „Pu, der Bär“), der das Buch „Multiversum“ verfasst hat, spurlos verschwunden ist. Er hatte an den Grenzen der Wissenschaft gearbeitet und wurde deshalb von der Fachwelt verachtet und von den Lesern geliebt. Es gibt sogar einen Christopher Robin-Verein, der seiner Arbeiten gedenkt und sich regelmäßig zu Vereinstreffen zusammenfindet, um die Arbeiten von Robin zu diskutieren. Christopher Robin ist vor einigen Jahrzehnten verschwunden und die Archäologiejäger Alex Benedict und Chase Kolpath versuchen, sein Verschwinden zu enträtseln.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath nehmen an einem Vereinstreffen teil, das Jack McDevitt wie eine Science Fiction Convention mit absurder Note gestaltet und zu einem Diskussionsforum wilder Theorien über das Multiversum ausarbeitet. Robin war <em>„auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Grenzen zwischen den Universen zu überwinden“</em> und er hat <em>„gedacht, wir bekämen vielleicht gelegentlich Besuch aus einem anderen Universum“. </em>Die Erzählung changiert zwischen Wissenschaft, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Realität und Ausflügen in das Absurde.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath begeben sich auf eine Suche nach ihm und dem Grund seines Verschwindens. Sie stoßen dabei auf ein Rätsel verschwundener Raumschiffe, die nach vielen Jahren in bestimmten Raum-Zeit-Zonen für kurze Zeit wieder aus dem Hyperraum auftauchen und in denen Menschen gesehen worden sind. Zur Erklärung dieses Phänomens werden Störungen im Raum-Zeit-Kontinuum durch Schwarze Löcher erwähnt, die dafür verantwortlich sind, dass Raumschiffe, die vor Jahrtausenden gestartet sind, jetzt alle paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte wieder für einige Zeit aus dem Hyperraum auftauchen und dann wieder verschwinden. Die Menschen an Bord dieser Raumschiffe leben in einem anderen Zeitstrahl, für sie vergehen lediglich Stunden, Tage oder Wochen, aber aus der Außensicht sind Jahrhunderte oder Jahrtausende vergangen und ihr Schicksal wird sein, dass sie bis zum Verdursten und Verhungern oder bis zum Ende ihrer Energievorräte an Bord ihrer Raumschiffe im Zwischenraum zwischen den Welten verloren sind.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath starten eine Rettungsmission auf der Grundlage einer Theorie, die kaum jemand teilt. Die Rettungsmission bestätigt zwar die Theorie über die verschwundenen Raumschiffe, ist aber durch die kurze Zeit, die für die Rettung aus den Raumschiffen bleibt, zum Scheitern verurteilt. Eine Retterin wird in den Hyperraum mitgerissen, während zwei Mädchen von ihrem Vater getrennt und an Bord des Raumschiffs von Alex Benedict und Chase Kolpath geholt werden können.</p>
<h3><strong>Neue Wirklichkeiten</strong></h3>
<p>Der Schluss von „Firebird“ ist ein besonders kunstvoll arrangiertes Stück literarischer Qualitätsarbeit über die Relativität von Zeit. Die Rettungsaktion ist gescheitert und die Pilotin Dot Garber ist an Bord des im Hyperraum verschwundenen Raumschiffs gefangen. In der Gegenwart der Erzählebene findet ihre Beerdigung statt und die Dot-Garber-Stiftung zur Rettung schiffbrüchiger Raumfahrer wird gegründet. Damit ist die Erzählung eigentlich beendet, aber Jack McDevitt schließt noch ein weiteres Kapitel an, einen Epilog, und schildert die Erlebnisse von Dot Garber an Bord des im Hyperraum gestrandeten Raumschiffs. Für sie vergehen nur wenige Augenblicke an Bord, bevor ein erneuter Rettungsversuch von außen im normalen Raum-Zeit-Gefüge stattfindet, in den das Raumschiff wieder eingetreten ist. Die Retter erklären ihr, dass sie jetzt siebenundsechzig Jahre später in einer neuen Realität angekommen ist und dass diese Rettungsaktion von der Dot-Garber-Stiftung durchgeführt werde. Zurück auf der Raumstation kündigt sich der Besuch alter Freunde an.</p>
<p>Ein Wermutstropfen betrifft die anderen geretteten Insassen: Sie haben ihre Zeit weit hinter sich gelassen und sind erneut gestrandet: <em>„Sie waren in der fernen Zukunft angelangt.“</em></p>
<p>Ein Nebenstrang der Handlung ist der Besuch von Alex Benedict und Chase Kolpath bei der Suche nach Christopher Robin  auf dem Planeten Villanueva. Dieser Planet ist eine historische Gründung der drei großen monotheistischen Weltreligionen der Menschen, die hier mit tausenden Gotteshäusern ihr eigenes Glaubensreich eingerichtet haben. In der Gegenwart der Erzählung sind die Menschen vor tausenden von Jahren einer kosmischen Katastrophe zum Opfer gefallen und jetzt gibt es nur noch die dienstbaren Geister der künstlichen Intelligenzen, die aus ihrer sinnlosen Tätigkeit auf dem verlassenen Planeten befreit werden wollen. Alex Benedict und Chase Kolpath nehmen eine KI – Charlie – mit, denn diese KI hat ihnen glaubhaft versichert, dass sie über Bewusstsein verfügt und hat ihnen ihr Leid geklagt: <em>„Ich und viele andere, die sind wie ich, sind auf dieser Welt gestrandet. Wir sitzen seit dem großen Sterben hier fest. Ohne eine Zukunft, aber ausgestattet mit der Erinnerung an eine Vergangenheit, in der wir danebenstehen und zusehen mussten, wie eine Katastrophe ihren Lauf genommen hat.“</em></p>
<p>Zurück auf ihrer Heimatwelt versuchen Alex Benedict und Chase Kolpath, Solidarität mit den künstlichen Intelligenzen unter den Menschen zu wecken und eine Rettungsmission zu organisieren. Jack McDevitt greift zu einem seiner bevorzugten Stilmittel und lässt Alex Benedict in verschiedenen Talkshows auftreten, in denen kontrovers diskutiert wird, ob KIs über ein Bewusstsein verfügen oder nicht. KIs werden nämlich überall als dienstbare Werkzeuge eingesetzt, die alle möglichen Aufgaben im Haushalt oder in der Steuerung von Raumschiffen übernehmen, aber sind sie eigenständige, bewusste Lebewesen? Diese Frage wird in dem Roman „Firebird“ (2011) quasi nebenbei ausführlich diskutiert, ein Thema, das eigentlich eine eigene Erzählung in dem Roman ist.</p>
<p>Die Stimmung unter den Menschen schlägt schließlich um, als Alex Benedict die KI Charlie in einer Talkshow präsentiert und diese die Menschen umstimmt mit den Worten: <em>„Ich möchte, dass Sie die Verzweiflung begreifen, die wir empfinden. Die </em>ich<em> empfinde. Wir können uns nicht selbst helfen. Wir sind programmiert, dieses Leben bis in alle Ewigkeit zu ertragen. Zu reparieren, was reparaturbedürftig ist, zu ersetzen, was nicht mehr repariert werden kann. Nach Ihren Maßstäben sind wir unsterblich. Aber für uns geht nie der Mond auf. Wir haben im wahrsten Sinne des Wortes keine Musik. Sie fragen, was ich will. Ich sage es noch einmal: Ich will, dass Sie begreifen, wer wir sind. Dass Sie begreifen, dass wir ihre Kinder sind. Menschen haben uns geschaffen. Sie haben eine Verantwortung uns gegenüber.“</em></p>
<h3><strong>Die Academy-Serie und Priscilla Hutchins</strong></h3>
<p>Die Academy-Serie über die Pilotin Priscilla Hutchins spielt um das Jahr 2200. Die Welt wird von einem World Council regiert, die USA und Kanada haben sich zur Nordamerikanischen Union zusammengeschlossen und die Welt wird von Überbevölkerung, Klimakatastrophen und religiösen Konflikten geplagt. Medien spielen eine wichtige Rolle bei der Diskussion gesellschaftlicher Konflikte und die Akademie schickt Erkundungsmissionen ins Weltall. Die junge Priscilla Hutchins lässt sich zur Pilotin ausbilden und erlebt spannende Abenteuer in Raum und Zeit.</p>
<p>Die Erzählweise des Autors bei den Alex Benedict und Chase Kolpath Romanen findet sich auch bei den Stories über Priscilla Hutchins wieder, hier nur manchmal noch mehr durch die scheinbar endlose Einsamkeit auf ihren Flügen zugespitzt. Obschon technologische Wunderwerke das Leben der Menschen bestimmen, wird der Sinn der Raumfahrt in Frage gestellt und diskutiert, wie weit der Entdeckerdrang der Menschen ihn führen soll.</p>
<p>Jack McDevitt schreibt gekonnt über naturwissenschaftliche Prinzipien und über technologische Erfindungen, obwohl diese nicht im Zentrum seiner Narrative stehen. Zu diesen gehören: Der Überlicht-Antrieb von Raumschiffen, Anti-Schwerkraft-Technik, künstliche Schwerkraft, das Flickinger-Feld als personengebundener Schutzschild, künstliche Intelligenz, dreidimensionales Fernsehen. Diese Technologien werden als Hilfsmittel in Problemlösungswege eingebunden, sie stehen nicht im Zentrum der Erzählung. Der Autor Jack McDvitt ist ein zutiefst humaner Denker und Erzähler, der menschliche Probleme der Gegenwart nur ein wenig in die Zukunft verlegt hat, um uns einen Spiegel vorzuhalten, was auf uns zukommen könnte.</p>
<p>Zur Academy-Serie über die Pilotin Priscilla Hutchins gehören diese Romane (in Klammern auch hier das Erscheinungsjahr der deutschen Übersetzung:</p>
<ul>
<li>The Engines of God (1994, Gottes Maschinen, 1996)</li>
<li>Deepsix (2001, Die Sanduhr Gottes, 2004)</li>
<li>Chindi (2002, Chindi, 2004)</li>
<li>Omega (2003, Omega, 2005)</li>
<li>Odyssey (2006, Odyssee, 2008)</li>
<li>Cauldron (2007, Hexenkessel, 2008)</li>
<li>Starhawk (2013, keine deutsche Übersetzung)</li>
<li>The Long Sunset (keine deutsche Übersetzung)</li>
</ul>
<h3><strong>Drei philosophische Grundprobleme in der Science Fiction</strong></h3>
<p>Zu dem Thema „Rechte von künstlichen Intelligenzen“ hat Jack McDevitt mehrere Romane, zum Beispiel „Firebird“ (2012) und „Polaris“ (2006) und eine brillante Kurzgeschichte geschrieben. In der nur knapp vier Druckseiten starken Story „The Wrong Way“ (2021. Nachgedruckt in: Return to Glory, Subterranean Press, Burton MI, 2022) erzählt er auf sehr ironische Weise, wie die dienstbaren künstlichen Intelligenzen in den USA etwa dreihundert Jahre in unserer Zukunft versuchen, die US-amerikanische Staatsangehörigkeit zu bekommen und als Individuen angesehen zu werden. Der von ihnen angesprochene Senator Whitcomb verweigert diese Idee als absurd, weil sie ja nur eine <em>„Ansammlung von Kabeln und Verbindungen in einem Generator auf meinem Schreibtisch“</em> wären und bekommt als Erwiderung, dass er, der Senator, ja nur eine <em>„Sammlung von Zellen, Organen, Geweben und verschiedenen Nährstoffen“</em> wäre. Die Diskussion zwischen KI und Mensch führt zu keiner Einigung und der Mensch bekommt die Folgen zu spüren, als seine einlaufenden Anrufe ihm klarmachen, dass die KIs beginnen, alle Alltagsgeräte abzuschalten. Das Auto lässt sich nicht mehr starten, die Wäscherei schließt – und er sei an all dem schuld. Schließlich ruft das Weiße Haus an….</p>
<p>Diese wunderbar kurze Erzählung verweist auf die philosophischen Grundprobleme aller KI-Erzählungen: Was ist Intelligenz? Was ist Bewusstsein? Was macht den Menschen aus? Gibt es eine Seele? Was sind die Stärken von biologischen Lebewesen, was sind die Stärken von Maschinen? Was ist Natürlichkeit, was ist Künstlichkeit?</p>
<p>Das Kapitel „Zeitreise“ gehört zum Standardthema des Genres der Science Fiction und ist in der Kraft der Vorstellung angesiedelt sein als in der technischen Realisation. Vielleicht würde eine tatsächliche Zeitreise hin zu all den interessanten Ereignissen der Geschichte der Menschheit oder in eine unbekannte Zukunft uns Zeitreisende nur überfordern oder uns unsere Illusionen rauben. Vielleicht hat Jack McDevitt, der selbst sehr schöne Zeitreise-Romane geschrieben hat, mit seinem Statement recht: <em>„Ich vermute, dass wir dankbar sein sollten für die menschliche Vorstellungskraft. Sie ist das einzige Fahrzeug, mit dem wir die Grenzen überschreiten können, die uns von der physikalischen Realität gesetzt wurden. Jedenfalls für den Augenblick.“ </em>(Jack McDevitt: Journal 205, 16. März 2016). Der Autor hat dies unter anderem in seinem Roman „Zeitreisende sterben nie“ (2011, „Time Travellers Never Die“, 1996) und in vielen Alex Benedict und Chase Kolpath Geschichten wunderbar ausgeführt.</p>
<p>Jack McDevitt hat immer wieder witzige, nachdenkenswerte und philosophisch tiefgründige Erzählungen über das Zusammentreffen von Menschen und Außerirdischen geschrieben. In der Kurzgeschichte „Cosmic Harmony“ (2022) in dem Sammelband „Return to Glory“ (2022) schreibt er über einen Asteroiden, der unerwarteterweise auf die Erde zurast und durch eine Intervention von freundlichen Aliens abgewehrt wird. Diese funken an die Erde das Lied „Moon River“ zurück und die Protagonisten auf der Erde interpretieren dies als Lied, <em>„aufgeladen mit Leidenschaft“</em>, dass die Außerirdischen zur Erde gebracht hätte und dass diese dann bemerkt hätten, dass die Menschen in Schwierigkeiten waren. Was in dieser kurzen Zusammenfassung so simpel klingt, fügt sich im Text von Jack McDevitt als lyrische Kadenz eines Schriftstellers, der sein Handwerk versteht und die emotionale Kraft von Musik als intergalaktisches Kommunikationsmittel benutzt (nicht so ganz ungewöhnlich, wenn wir daran denken, was sich beispielsweise auf den CD’s der Voyager-Missionen findet).</p>
<p>In der Kurzgeschichte „Tidal Effects“ (2022) in „Return to Glory“ (2022) geht Jack McDevitt den entgegengesetzten Weg und schreibt über das Alleinsein der Menschheit. Radioastronomen haben mit den besten Instrumenten der Menschheit keine Sauerstoffsignaturen auf anderen Planeten im All entdecken können und kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Erde eine kosmische Anomalie sei. Es sähe so aus, dass wir tatsächlich allein seien. Diese Kurzgeschichte verbindet einen verzweifelten und gescheiterten Rettungsversuch beim Schwimmen im Meer mit der furchtbaren Wahrheit, dass die Menschheit keine Brüder im All findet. Diese kurze Geschichte erzählt eine große Angst, von der Arthur C. Clarke in einem Bonmot sagte, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, die gleichermaßen erschreckend seien: Entweder sind wir allein im Universum – oder wir sind es nicht.</p>
<p>Jack McDevitt hat sich allerdings seine Hoffnung nach einem galaktischen Treffen mit Freunden aus dem All erhalten. Er schreibt in „The Long Sunset“ (2018): <em>„Was ich immer machen wollte, war, mit jemandem aus einer Millionen Jahre alten Zivilisation zusammenzusitzen und Ideen auszutauschen.“</em></p>
<h3><strong>Ein Optimist – trotz allem</strong></h3>
<p>Der alte Traum der Science Fiction muss weitergeträumt werden, bis, ja vielleicht bis wir endlich auf außerirdische Intelligenzen stoßen. Ob die uns freundlich gesonnen sind, ist natürlich eine andere Frage.</p>
<p>Jack McDevitts Einstellungen zum Leben und zur literarischen Erzählkunst werden am deutlichsten in seinem <a href="https://locusmag.com/2005/Issues/10McDevitt.html">Interview in der Zeitschrift LOCUS vom Oktober 2005</a>. Hier spricht er darüber, wie das 23. Jahrhundert, über das er in seinen Romanen schreibt, aussehen könnte, nämlich katastrophal: die gesamte Antarktis sei in den Ozean kollabiert, es herrsche Überbevölkerung auf der Erde, zu viele Diktatoren würden herrschen, es gebe viel mehr Technik im Alltagsleben, was die Welt viel gefährlicher machen würde.<em> „Ich vermute, wir würden einen Kipppunkt erreichen, an dem die Technologie komplett außer Kontrolle geraten würde.“ </em>Er spricht an mehreren Stellen über den Einfluss von Religionen und sagt, <em>„eine Welt voller Agnostiker wäre viel einfacher zu managen als mit diesen sogenannten wahren Gläubigen.“</em></p>
<p>Weiterhin spricht Jack McDevitt darüber, dass er glaubt, dass sich die menschliche Natur auch in tausend Jahren nicht wirklich ändern wird. Alles andere würde sich ändern, die Wissenschaft zum Beispiel, aber die Menschen eben nicht. Hier liegt vermutlich die Grundlage für die Beschreibung seiner Protagonistinnen Alex Benedict, Chase Kolpath und Priscilla Hutchins, die uns so bekannt vorkommen, obwohl sie in fremden Welten der Zukunft agieren, mal etwas näher, mal etwas weiter entfernt von unserer Zeit.</p>
<p>McDevitt schreibt, dass er regelmäßig Workshops mit Menschen veranstaltet, die Schriftsteller werden wollen. Wenn er sie fragen würde, was eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller machen, antworteten sie: Geschichten erzählen. Dies sei aber falsch. <em>„Was ein Schriftsteller macht, ist Erfahrungsmöglichkeiten zu inszenieren.“ </em>Er äußert sich auch über radikale politische Entwicklungen in der Welt und Rechtstendenzen in den USA und schließt mit der Bemerkung, dass er ein Optimist sei. Das LOCUS-Interview endet mit einer Aussage, die wie eine Botschaft an die heutige Gesellschaft in den USA, zwanzig Jahre später, klingt: <em>„Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass gesunder Menschenverstand und menschliche Anständigkeit letztendlich die Oberhand gewinnen werden. Es gibt gute Gründe, darauf zu hoffen. Wir sind klüger und zäher, als die Pessimisten oder Fanatiker uns zugestehen wollen.“</em></p>
<p>Und so endete auch meine kurze E-Mail Konversation mit dem 90jährigen Schriftsteller vom August 2025 mit seinem Rat an junge Autorinnen und Autoren: <em>„Angehende Schriftsteller sind oft talentierter, als ihnen bewusst ist. Mein Rat? Geben Sie nicht auf. Und lassen Sie mich wissen, wenn Sie Erfolg haben.“</em></p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 28. Oktober 2025, Titelbild: Aiki Mira, erstellt mit openart.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Atwoodian Utopias</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/atwoodian-utopias/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Sep 2025 09:45:41 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7483</guid>

					<description><![CDATA[<p>Atwoodian Utopias Zerbrechliche Menschlichkeit – nicht nur ein Kunstprojekt „Doch ich, der ich mich viele Jahre lang damit aufgerieben hatte, eitle, müßige utopische Gedanken anzubieten, und schließlich vollständig daran verzweifelt war, verfiel zu meinem Glück auf diesen Vorschlag….“ (Jonathan Swift, Ein bescheidener Vorschlag / A Modest Proposal, 1729, zitiert nach der Übersetzung von Helga  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Atwoodian Utopias</strong></h1>
<h2><strong>Zerbrechliche Menschlichkeit – nicht nur ein Kunstprojekt</strong></h2>
<p><em>„Doch ich, der ich mich viele Jahre lang damit aufgerieben hatte, eitle, müßige utopische Gedanken anzubieten, und schließlich vollständig daran verzweifelt war, verfiel zu meinem Glück auf diesen Vorschlag….“ </em>(Jonathan Swift, Ein bescheidener Vorschlag / <a href="https://dn721809.ca.archive.org/0/items/ost-english-a-modest-proposal-by-dr/A%20Modest%20Proposal,%20by%20Dr.pdf">A Modest Proposal</a>, 1729, zitiert nach der Übersetzung von Helga Pfetsch in der im Claassen Verlag, Düsseldorf, 1987, erschienenen Ausgabe von Margaret Atwood, Der Report der Magd)</p>
<p>„Der Report der Magd“ („The Handmaid’s Tale“) steht in der Tradition von Jonathan Swift. Margaret Atwood zitiert Jonathan Swift in ihrem Roman mit Bedacht als eines von drei Mottos. Atwood trifft Swift. Swift beschrieb einen Vorschlag zur Behebung der in Irland grassierenden Kinderarmut durch Förderung von Kannibalismus, Atwood eine Welt, in der Frauenrechte wieder abgeschafft wurden. Utopien – Dystopien? Satire oder Groteske?</p>
<p>In der aktuellen Ausstellung „Heldinnen / Sheroes“ im ersten <a href="https://frauenmuseum.de/">Frauenmuseum</a> weltweit treffen sich im Jahr 2025 derzeit nicht nur herausragende historische Frauenfiguren, sondern auch Frauen, die Gegenwart weiterdenken. Es trifft Literatur auf Bildkunst, Utopie auf Surrealismus – und Margaret Atwood auf Max Ernst.</p>
<h3><strong>Literarisches Heldinnentum in zerbrechender Realität</strong></h3>
<div id="attachment_7487" style="width: 472px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7487" class="wp-image-7487 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-2-300x300.jpeg" alt="" width="462" height="462" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-2-66x66.jpeg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-2-150x150.jpeg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-2-200x200.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-2-300x300.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-2-400x400.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-2-600x600.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-2.jpeg 640w" sizes="(max-width: 462px) 100vw, 462px" /><p id="caption-attachment-7487" class="wp-caption-text">Corinna Heumann: Margaret Atwood begegnet Max Ernst</p></div>
<p>In Anspielung auf Max Ernsts <a href="https://www.moma.org/collection/works/illustratedbooks/25930">„Une semaine de bonté ou les sept éléments capitaux“</a> (in deutschen Ausgaben gelegentlich mit dem Untertitel: „Bilderbuch von Güte, Liebe und Menschlichkeit“, 1934) werden in Objekt-Collagen schwangere Barbie-Puppen, Atwood‘sche Zukunftsbilder einer Romanverfilmung von „Der Report der Magd“ mit den subversiven Rückblicken Max Ernsts auf das viktorianische Zeitalter kombiniert. Paradoxerweise bildet „Une semaine de bonté“ den Ausgangspunkt für eine feministische Reflexion, ein politisches Statement und eine künstlerische Hommage – eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Macht, Kontrolle, Körperpolitik und der Frage, was unsere Menschlichkeit im Kern ausmacht.</p>
<p>Margaret Atwood ist auch eine Heldin unserer Zeit. Nicht nur, weil sie mit schonungsloser Klarheit patriarchale und politische Machtverhältnisse offenlegt, sondern weil sie die literarische Stimme kritischer Reflexion über Aspekte ist, welche in unserer Gegenwart gerne übergangen werden. Ihre <a href="https://www.lightspeedmagazine.com/nonfiction/interview-margaret-atwood/"><em>„spekulative Fiktion</em><em>“</em> (<em>„</em><em>speculative fiction</em><em>“</em>)</a> – wie sie ihre Werke selbst nennt, durchaus in Abgrenzung zur gängigen Science Fiction – ist keine ferne Dystopie, sondern eine akribische Fortschreibung der Gegenwart. In Geschichten wie „Der Report der Magd“ (1985) oder der Fortsetzung in „Die Zeuginnen“ („The Testaments“, 2019) entwirft sie erschreckend realistische Zukunftsszenarien totalitärer Kontrolle, in denen weibliche Körper zur politischen Ressource werden.</p>
<p>Im Gegensatz zu traditionellen Romanillustrationen werden in den ausgestellten Objekt-Collagen aus Literaturrezeption und surrealistischen Bilderwelten die Narrative aufgegriffen und in eine eigene künstlerische Sprache übersetzt. Die Kombinationen aus digitalen Collagen und schwangeren Barbie-Puppen mit aufklappbaren Plastikbäuchen, eine Konstruktion, die sogar Raum für Plastik-Zwillinge bereitstellt, verbindet Kunst mit Kommerz sowie Atwoods dystopische Welt mit dem surrealistischem Vokabular Max Ernsts auf unheimliche und geradezu abstruse Weise. Es entstehen Szenerien zwischen Mythos und Wahnsinn, in denen Körper, Objekte, Maschinenwelten und Symbolik ineinander übergehen. Hier wird die Zersetzung sichtbar, die Atwood literarisch andeutet: Das Zerbrechen von Realität, die Verschmelzung von Mensch und System, das Verstummen des Individuums im Getriebe gesellschaftlicher Machtmechanismen.</p>
<h3><strong>Post-heroisch und antiromantisch?</strong></h3>
<p>Diese Objekt-Collagen sind dabei nicht nur visuelle Reflexion, sondern ein aktiver Dialog: Sie laden ein, Atwoods literarisches Werk neu zu sehen – durch die Brille surrealer Bildwelten, durch eine künstlerische Sprache, die unter die Oberfläche geht. In diesem Spannungsfeld zwischen Schrift und Bild, Popkultur und Kunstgeschichte entstehen visuelle Narrative, die sich mit der Frage beschäftigen: Wie sieht Widerstand aus, wenn Heldinnentum nicht heroisch auf dem Scheiterhaufen endet, sondern leise, angepasst, überlebend ist?</p>
<p>Die Ausstellung „Heldinnen“ im Frauenmuseum Bonn ist damit nicht nur eine Hommage an große weibliche Vorbilder, sondern ein künstlerischer Aufruf zu Wachsamkeit. Die Werkserie öffnet einen Raum, in dem Literatur, Kunst und Gegenwart miteinander ins Gespräch kommen – unbequem, poetisch, verstörend und berührend.</p>
<div id="attachment_7488" style="width: 529px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7488" class="wp-image-7488 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-5-300x300.jpeg" alt="" width="519" height="519" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-5-66x66.jpeg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-5-150x150.jpeg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-5-200x200.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-5-300x300.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-5-400x400.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-5-600x600.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-5.jpeg 640w" sizes="(max-width: 519px) 100vw, 519px" /><p id="caption-attachment-7488" class="wp-caption-text">Corinna Heumann: Margaret Atwood begegnet Max Ernst</p></div>
<p>In Margaret Atwoods Werken treffen die großen Fragen der Zeit auf bedrückende Antworten. Sie reihen sich ein in die Weltliteratur und gehören mit George Orwells „1984“ (1949) und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ („Brave New World“, 1932) zu den berühmtesten Dystopien des 20. Jahrhunderts. Mit Atwoods starker visuellen Ausdruckskraft wurden insbesondere ihre beiden Bücher, „Der Report der Magd“ und „Die Zeuginnen“ Teil einer neuen gesellschaftspolitischen Popkultur.</p>
<p>Margaret Atwood schreibt <em>„</em><em>speculative fiction</em><em>“</em><em>.</em> Sie erfindet keine fantastischen zukünftigen Welten in fernen Galaxien, wie man das im Bereich Science Fiction üblicherweise tut. Mit ihrer Fähigkeit, fundierte Kenntnis historischer Entwicklungen in herausragende literarische Erfindungskraft zu verwandeln, spekuliert sie über mögliche Ausformungen allzu bekannter totalitärer Machtstrukturen und -charaktere. Thomas Mann wird der Satz zugeschrieben, Fantasie heiße nicht, sich etwas auszudenken, sondern sich aus den Dingen etwas zu machen. Eben dies tut Margaret Atwood. Spekulation wird politisch. Atwoods Mix aus Weltgeist, Katastrophen, Kontroll- und Machtfantasien beschreibt plausible Wege, die verzweifelte Gesellschaften im Zustand von Angst und Schrecken einschlagen könnten. In ihrer Erzählweise verschwimmen die Grenzen zwischen einer Autorin, die Literaturgeschichte schreibt und ihren Heldinnen, die von den Zeitläuften überrollt werden. Sie zeichnet ein düsteres Bild dessen, welches ungeheure menschliche Unterdrückungspotential sich inmitten einer Zivilgesellschaft ausprägen kann, wenn es im Umgang mit den Herausforderungen unserer Gegenwart nicht entschieden genug eingehegt wird. Denn die Romane machen deutlich, dass jeder einzelne Aspekt ihrer Spekulationen in unserer Wirklichkeit oder in der nahen Zukunft, ohne große Vorstellungskraft bemühen zu müssen, durchaus denkbar sind.</p>
<p>Anhand ihrer spekulativen Geschichten analysiert Atwood scharfsinnig und mit neuartigem popkulturellen Unterhaltungswert bekannte gesellschaftliche Konzepte, denen insgesamt der weibliche Teil der Gesamtbevölkerung zum Opfer fällt. Auf dem Hintergrund von Klimakatastrophe und Kriegen entwickeln sich unter uns Menschen, wie wir sie aus der Nachbarschaft kennen könnten, starke weibliche Protagonistinnen. Romantische Retterinnen sind allerdings nicht in Sichtweite. In Atwoods totalitären Systemen entsteht eine Gesellschaft auf der Grundlage von Geschlechterrollen, die weit über traditionelle Rollenbilder hinausgehen. Macht und Misstrauen durchdringen sie. Über alltagstaugliche Narrative und Bilderwelten legt sich der lähmende Nebel einer neuen Dimension, einer Art Zwischenwelt aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Düster schillernde „dramatis personae” bewegen sich, als würde die Sonne nie wieder aufgehen. Sie erstarren in einer verstörenden Gleichzeitigkeit. Die Autorin, ihre Heldinnen und Leser:innen agieren wie Zwischenwesen in einer gewaltgetränkten Atmosphäre streng hierarchischer Machtverhältnisse. Dieses versteinerte Setting macht romantisch vertrauensvollen Eskapismus unmöglich. Der Begriff <em>„atwoodian</em><em>“</em> entsteht.</p>
<h3><strong>„Atwoodian” – Ende der Imagination?</strong></h3>
<div id="attachment_7489" style="width: 523px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7489" class="wp-image-7489 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-3-300x300.jpeg" alt="" width="513" height="513" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-3-66x66.jpeg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-3-150x150.jpeg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-3-200x200.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-3-300x300.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-3-400x400.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-3-600x600.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-und-Max-Ernst-3.jpeg 640w" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" /><p id="caption-attachment-7489" class="wp-caption-text">Corinna Heumann: Margaret Atwood begegnet Max Ernst</p></div>
<p>Ausgeliefert und schutzlos überleben Atwoods Heldinnen roboterhaft unter dem Einfluss totaler physischer und seelischer Kontrolle. Dabei lotet die Autorin aus, wie nicht nur durch männliche Kooperationsbereitschaft die Ausübung von Gewalt und ihre tiefe Verankerung im Alltag des fiktiven Staatswesens Gileads zum Selbstzweck mutiert. Um möglichst effizient Macht auch über Frauen auszuüben, rekrutiert und instrumentalisiert der männliche Teil der Bevölkerung seit jeher willige weibliche Personen. Die Frauen selbst etablieren Netzwerke für die Ausbildung von Mädchen für ihre zukünftige Bestimmung und verwalten damit höchst effizient die grausame männliche Dominanz. Diese privilegierte Gruppe der Frauen, die sogenannten <em>„Tanten</em><em>“</em>, setzen als Ausbildungs- und Aufsichtspersonen die Regeln der Unterdrückung äußerst manipulativ ein. An physisch brutaler Fantasie herrscht genauso wenig Mangel. Mit atemberaubender Konsequenz zeigt Atwood, wie Frauen und Mädchen von Kindheit an gezwungen werden, auf jeder Ebene Männern zu dienen. Sie dürfen nicht lesen, haben keinen Besitz und müssen Kinder gebären. Demokratie und Freiheitsrechte waren als kontraproduktiv für das Überleben der Menschheit erklärt und abgeschafft worden.</p>
<p>Schwindende weibliche Fruchtbarkeit wird hier zum Symbol für die Unfähigkeit, den Herausforderungen durch Umweltkatastrophen und Kriegen zu begegnen. Unter dem Vorwand, die Menschheit zu retten, verliert im fiktiven Gilead das menschliche Individuum jeden Schutz – ein erstaunlicher Widerspruch. Atwood beschreibt den tyrannischen Bruch mit unseren vielfältigen kulturellen Überlieferungen. Jede ansatzweise menschliche Sehnsucht an eine bessere Zukunft wird ausnahmslos und sofort durch nackte Gewalt zertreten. Auf unsere Wirklichkeit übertragen, rückt der Roman humane Lösungsansätze in unerreichbare Ferne. Jede Lebendigkeit, jede Neugier, jede Fantasie, jede Erinnerung an eine menschliche Gesellschaft, die es ja nun einmal in der Vergangenheit gab, muss sterben. Atwoods Erzählung beschreibt, wie in einer totalitären Gesellschaft mit der weiblichen Fruchtbarkeit lebensbejahende Freiheit und menschliche Kreativität enden. In den totalitären Machtstrukturen Gileads wird Fruchtbarkeit, sei sie positiv oder negativ, in jeder Hinsicht zum Fluch. Totale Kontrolle über die Leben von Menschen und ihre Selbstbestimmung ist gleichzeitig das Ende der Imagination, die vollständige Erstarrung und ein mögliches Ende der Welt. Das Ende des Romans wird hier jedoch nicht verraten.</p>
<h3><strong>Popkulturelle Wende einer Dystopie</strong></h3>
<div id="attachment_7495" style="width: 531px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7495" class="wp-image-7495 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-300x300.jpg" alt="" width="521" height="521" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Corinna-Heumann-Margaret-Atwood-begegnet-Max-Ernst-und-Barbie.jpg 1280w" sizes="(max-width: 521px) 100vw, 521px" /><p id="caption-attachment-7495" class="wp-caption-text">Corinna Heumann: Margaret Atwood und Max Ernst begegnen Barbie</p></div>
<p>Tatsache ist, dass sich die visuellen Ideenwelten von Margaret Atwood nach wie vor und weiterhin popkulturell verselbständigen und das Potential für eine eigene spannende Rezeptionsgeschichte entwickelt haben, indem sie Bürger:innenrechtsbewegungen inspirieren, die sich gegen ein Rollback der Erfolge feministischer Kämpfe und Politik wehren. Die Leipziger Autoritarismusstudie 2022 benannte den Anti-Feminismus als Brückenideologie für die Entwicklung rechtsextremer Einstellungen. Nicht nur die imaginäre Tracht der Mägde ist mittlerweile Teil einer politischen Popkultur und wird auf feministischen Demonstrationen getragen. Junge reale Heldinnen gründen Clubs und Interessengruppen, beispielsweise <a href="https://www.instagram.com/handmaidsriot/">„Handmaidsriot“ auf Instagram</a>, um auf höchst gefährliche gesellschaftliche Ideen, Experimente und politische Programme aufmerksam zu machen.</p>
<p><strong>Corinna Heumann</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Der Beitrag beruht auf Texten, die die Autorin im <a href="https://utopiensammlerin.com/2025/02/20/atwoodian-utopias-weltliteratur-und-popkultur/">Februar</a> und im <a href="https://utopiensammlerin.com/2025/02/20/atwoodian-utopias-weltliteratur-und-popkultur/">Mai</a> 2025 im Blog „Die Utopiensammlerin“ veröffentlicht hat. Erstveröffentlichung in dieser Fassung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im September 2025. Internetzugriffe zuletzt am 20. September 2025. Rechte aller Bilder bei Corinna Heumann. Zur Ausstellung „Heldinnen / Sheroes“ siehe im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> auch das im August 2025 veröffentlichte Gespräch mit einer der beiden Kuratorinnen, Regina Hellwig-Schmid: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kunst-mit-dem-koerper/">„Kunst mit dem Körper“</a>.</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>Utopien bauen!</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopien-bauen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 27 Sep 2025 08:40:30 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Utopien bauen! Lisa Poettingers Buch „Klimakollaps und soziale Kämpfe“ „Die Klimakrise umfasst und bedroht alle Bereiche unseres Lebens, egal ob uns das bewusst ist oder nicht. Ihr Ausmaß und ihre Komplexität führen dazu, dass viele Menschen verzweifeln oder sich vom Thema abwenden – es ist einfach zu viel, um damit fertig zu werden. Aber  [...]</p>
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<h1><strong>Utopien bauen!</strong></h1>
<h2><strong>Lisa Poettingers Buch „Klimakollaps und soziale Kämpfe“</strong></h2>
<p><em>„Die Klimakrise umfasst und bedroht alle Bereiche unseres Lebens, egal ob uns das bewusst ist oder nicht. Ihr Ausmaß und ihre Komplexität führen dazu, dass viele Menschen verzweifeln oder sich vom Thema abwenden – es ist einfach zu viel, um damit fertig zu werden. Aber genau das müssen wir schaffen und ich bin überzeugt davon, dass wir es auch <u>können</u>.“ </em>(Lisa Poettinger im Vorwort ihres Buches <a href="https://www.oekom.de/buch/klimakollaps-und-soziale-kaempfe-9783987261480">„Klimakollaps und soziale Kämpfe – Über Klimaschutz in einer ungerechten Welt“</a>, München, oekom, 2025)</p>
<p>Zuversicht in unserer Zeit? Lohnt es sich überhaupt noch, sich für mehr Gerechtigkeit, für eine gesunde Umwelt zu engagieren? Oder haben Menschen, die sich für Klima- und Artenschutz, für soziale Gerechtigkeit einsetzen, keine Chance gegen die Macht von Unternehmen und Regierungen, die sich inzwischen von ursprünglich vereinbarten Zielen verabschieden? Diese Fragen sind höchst aktuell und werden in manchen Medien oft mit der Annahme verbunden, dass sich jüngere Menschen doch nicht mehr für Politik interessierten. Nichts falscher als das. Auf der einen Seite sind viele junge Leute in der letzten Zeit in Parteien eingetreten, insbesondere bei der Linken und bei den Grünen, auf der anderen Seite belegen einschlägige Jugendstudien schon seit etwa mehr als 20 Jahren, dass junge Menschen sich gerne engagieren möchten und dies auch tun, allerdings weniger in festgefügten Organisationen wie Parteien, Kirchen oder Gewerkschaften, wohl aber in örtlichen Initiativen mit ihren ganz konkreten auf den Alltag bezogenen Projekten.</p>
<h3><strong>Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit</strong></h3>
<div id="attachment_7476" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.oekom.de/buch/klimakollaps-und-soziale-kaempfe-9783987261480"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7476" class="wp-image-7476 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-Klimakollaps-oekom-Verlag-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-Klimakollaps-oekom-Verlag-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-Klimakollaps-oekom-Verlag-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-Klimakollaps-oekom-Verlag.jpg 350w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-7476" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Es gibt Lichtblicke und Grund zu Zuversicht. Bei den Kommunalwahlen im September 2025 in Nordrhein-Westfalen wählten nur etwa zehn Prozent der jungen Leute eine rechtsradikale und in weiten Teilen rechtsextremistische Partei. Aber das ist vielleicht nur eine oberflächliche Diagnose und Momentaufnahme. Marina Weisband hat mit ihrem aula-Projekt nachgewiesen, dass junge Menschen, Schülerinnen und Schüler jeden Alters, sich in demokratischen Prozessen miteinander austauschen, Entscheidungen vorbereiten und diese dann auch im Einvernehmen umsetzen können, natürlich im Dialog mit der Schulleitung und den Lehrkräften, in geordneten Verfahren, in denen sie Demokratie nicht nur simulieren, sondern in ihren Schulen lebendig werden lassen. Zahlreiche Beispiele hat Marina Weisband in ihrem Buch „Die neue Schule der Demokratie – Wilder denken, wirksam handeln“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024) dokumentiert (es wurde im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> unter anderem in dem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/selbstwirksamkeit-schafft-resilienz/">„Selbstwirksamkeit schafft Resilienz“</a> vorgestellt). Manch indigene Initiative, die Lisa Poettinger in ihrem Buch vorstellt, handelt im Grunde nach demselben Prinzip.</p>
<p>Lisa Poettinger zeigt eine andere Seite des Engagements von jungen Menschen, die landläufig in den Medien als <em>„Aktivismus“</em> markiert wird, aber im Grunde ein Zeichen des unbedingten Willens ist, sich für eine gerechte(re) Welt einzusetzen. In ihrem Buch „Klimakollaps und Soziale Kämpfe“, das der Münchner oekom-Verlag am 6. August 2025 veröffentlicht hat, beschreibt sie, wie sich junge und ältere Menschen in Deutschland und in vielen anderen Ländern engagieren. Das Buch kommt genau zur richtigen Zeit und es ist aus meiner Sicht komplementär zu dem eben empfohlenen Buch von Marina Weisband. Zwei Perspektiven für dieselben Probleme. Das eine Buch beschreibt Methoden zur Demokratiebildung, das andere bietet Hintergrundinformationen und Strategieentwürfe für gesellschaftliches, zivilgesellschaftliches Engagement.</p>
<p>Entstanden ist Lisa Poettingers Buch als Abschlussarbeit ihres Studiums im Fach „Environmental Studies“. Sie hatte Schulpsychologie und Bildung für nachhaltige Entwicklung und Environmental Studies studiert, in Bayern in dieser Kombination als Lehramtsstudium möglich (auch das Fach „Schulpsychologie“ als Lehramtsstudium gibt es in dieser Form nur in Bayern). Außerdem hat sie sich zur Kinderpflegerin weitergebildet. Sie war Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Arbeit wurde sehr gut benotet. Dies motivierte die Autorin, einen Verlag zu suchen. Dies gelang bei einem Verlag, der immer wieder Bücher zur nachhaltigen Entwicklung veröffentlicht, beispielsweise zuletzt auch mit dem Buch <a href="https://realutopien.info/zukunftsbilder-2045/">„Zukunftsbilder 2045“</a> der Gruppe Reinventing Society. Die Veröffentlichung von „Klimakollaps und soziale Kämpfe“ wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Kurt Eisner Verein für politische Bildung e.V. unterstützt. Der Verlag bietet die Möglichkeit, Solidaritätsexemplare für Leute zu bestellen, die sich ein solches Buch nicht leisten können, ganz einfach per e-mail. Dies wurde über eine Kampagne organisiert.</p>
<p>Lisa Poettinger stellt zu Beginn klar, das Buch sei <em>„kein Handbuch, wie man aus der Klimakrise am besten herauskommt“</em>. Es gehe um <em>„verschiedene Perspektiven und Überlegungen“</em>. In unseren Gesprächen sagte sie, es sei ihr sehr wichtig gewesen, ein Buch zu veröffentlichen, <em>„das man auch gut lesen kann, wenn man nicht aus einer Akademikerfamilie kommt, auch lesen kann, wenn man nach der Arbeit müde ist, es abschnittsweise lesen, hin- und herspringen kann.“ </em>Dieses Ziel erreicht sie nicht nur mit den Texten, sondern auch mit den von ihr selbst gestalteten Bildern. So unterscheidet sich das Buch deutlich von vielen anderen Büchern zum Thema.<em> „Ich habe das Gefühl, der Klimadiskurs und Klimaliteratur ist sehr oft von Akademiker:innen für Akademiker:innen geschrieben.“ </em>Im Grunde kann man über jedes einzelne Bild, jede einzelne Seite nachdenken oder sie nutzen, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Weitere Informationen kann man sich über QR-Codes und das umfassende Literaturverzeichnis erschließen. Zahlen werden durch Vergleiche anschaulich, nur ein Beispiel: 20 Flüge eines Milliardärs emittieren genau so viel CO2 wie der Durchschnitt der Weltbevölkerung in 300 Jahren.</p>
<p>Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert: „Klima(Un)gerechtigkeit“, „Kapitalismus &amp; die Umwelt“, „Was uns bewegt“ und „Strategien für Umweltgerechtigkeit“. Jedes Kapitel beginnt mit einer allgemeinen Einleitung, beispielsweise im zweiten Kapitel mit Ausführungen zum Allmende-Dilemma, zum Thema Lithium, zum Greenwashing durch Wirtschaft und Regierungen, bezieht anschließend Stellung zu politischen Reaktionen von den Sustainable Development Goals (SDG) bis hin zur kritischen Würdigung der These eines <em>„grünen Kapitalismus“</em>.</p>
<p>Die Art der Gestaltung erlaubt, dass das Buch – auch in Auszügen – in Bildungsprozessen gut eingesetzt werden kann, um Debatten zu ermöglichen, die in der Regel in Bildungsprozessen kaum oder gar nicht stattfinden, nicht zuletzt, weil manche Lehrkräfte sich scheuen, ein solch heißes Eisen anzufassen. Oft fehlen ihnen aber einfach auch Informationen. Solche Informationen bietet das Buch ohne zu agitieren. Im Gegenteil: Es fordert die Leser:innen geradezu auf, weiterzudenken: <em>„Dieses Buch wird immer eine unabgeschlossene Arbeit bleiben, da die Welt sich immer weiter verändert – zuletzt immer schneller.“</em></p>
<p>Genau dort ließe sich ansetzen. Wir sollten jungen Leuten einfach zutrauen, dass sie sich mit solchen Thesen wie sie die Autorin formuliert, auseinandersetzen können. Und wenn Lehrkräfte noch zweifeln, empfiehlt es sich, die einschlägigen Beschlüsse der KMK zu studieren, beispielsweise 2024 zur <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/veroeffentlichungen_beschluesse/2024/2024_06_13-BNE-Empfehlung.pdf">Bildung für nachhaltige Entwicklung</a> (BNE) oder 2018 zur <a href="https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2009/2009_03_06-Staerkung_Demokratieerziehung.pdf">Demokratiebildung</a>. Es ist allerdings durchaus ein Problem, dass viele Lehrkräfte, leider auch diejenigen, die die Lehrpläne schreiben oder Fortbildungen anbieten, diese KMK-Beschlüsse nicht kennen. Läsen sie sie, wüssten sie, dass Bücher wie das von Buch von Lisa Poettinger, ihnen helfen kann, einen ansprechenden Unterricht zu den aktuellen Zukunftsthemen zu gestalten. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der immer wieder zitierte <a href="https://www.bpb.de/die-bpb/ueber-uns/auftrag/51310/beutelsbacher-konsens/">Beutelsbacher Konsens</a> nicht – wie oft behauptet – <em>„Neutralität“ </em>gebiete, sondern <em>„Kontroversität“</em>. Weitere Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses sind das <em>„Überwältigungsverbot“</em> und die <em>„Schülerorientierung“</em>. Eben dies führt die KMK unter anderem in ihren Beschlüssen zur Demokratiebildung aus.</p>
<p>In einem unserer Gespräche verwies Lisa Poettinger auf einen Sozialkundelehrer, der sie sehr geprägt habe: <em>„Wir haben bei ihm über das Thema „Aktive Bürgergesellschaft“ gesprochen. Es reicht in einer Demokratie eben nicht, alle vier oder fünf Jahre bei einer Wahl sein Kreuz zu machen und dann wieder in Starre verfallen. Demokratie lebt von demokratischem Streit, vom Aushandeln von Meinungen, von Perspektiven, von Menschen, die sich nicht nur für ihr eigenes beschauliches Leben interessieren, sondern auch für Gruppen, denen die Möglichkeit genommen wird, sich einzusetzen. Demokratie lebt davon, dass wir die Grundrechte verteidigen, dass wir sie nicht nur gegen menschenfeindliche Ideologien verteidigen, sondern sie auch als Schutzrechte gegen Übergriffe durch Staaten verstehen. Ich denke, dass Dinge nur besser werden können, Menschen nur Repräsentation erfahren können, wenn sie sich auch organisieren können.“</em></p>
<h3><strong>Demokratin und Antikapitalistin </strong></h3>
<div id="attachment_7477" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7477" class="wp-image-7477 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--300x228.png" alt="" width="300" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--200x152.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--300x228.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--400x304.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--600x456.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--768x584.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--800x608.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--1024x778.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--1200x912.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/We-are-the-99--1536x1167.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7477" class="wp-caption-text">Lisa Poettinger, We are the 99 %</p></div>
<p>Die Autorin vertritt klare Positionen, die sie sachkundig und ausführlich begründet. Man muss nicht alle Positionen im Detail teilen, aber alle Positionen bieten in einem an den Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses orientierten Unterricht Gelegenheit, sich zu streiten und gemeinsam neue Perspektiven zu erschließen, vielleicht sogar, manche zu eigenem Engagement zu ermutigen.</p>
<p>Auf der einen Seite veranschaulicht Lisa Poettinger die Grundlagen eines kapitalistischen Systems, das einen wirksamen Klima- und Umweltschutz, der zugleich auch soziale Gerechtigkeit garantiert, be- oder sogar verhindere. Auf der anderen Seite kritisiert sie die in der Politik und in den Medien gängige Verlagerung der Problemlösungen auf jeden einzelnen Menschen. Es werde nicht in Strukturen gedacht, sondern an jeden Einzelnen appelliert, beispielsweise das Licht auszuschalten, wenn man einen Raum verlässt, weniger Fleisch zu essen, weniger Auto zu fahren, eine andere umweltverträglichere Heizung einzubauen. (Ich erlaube mir den Hinweis, dass die schlechten Wahlergebnisse der Grünen der letzten Zeit viel damit zu tun haben, dass es ihnen nicht gelungen ist, in der Zeit ihrer Beteiligung an der Bundesregierung die von ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen als Strukturmaßnahmen zu debattieren. Stattdessen erweckten sie – auch dank der Polemik ihrer Gegner:innen – den Eindruck, sie wollten die Menschen mit ihren Vorschlägen drangsalieren.)</p>
<p>Eben dies ist ein zentraler Punkt, denn die gängige <em>„Konsumkritik missachtet die großen Unterschiede hinsichtlich CO2, den Möglichkeiten von Armen und Reichen und klammert die Produktion aus. Die Verantwortung wird so von klimazerstörenden Konzernen auf Individuen geschoben.“ </em>Im Gespräch führte sie aus: <em>„Gruppen oder auch Unternehmen sagen oft, die Bürger:innen wären selbst schuld, wenn sie so viel Plastik kommunizieren oder nicht in den Bioladen gehen. Das missachtet, dass viele Leute gar nicht das Geld haben, in den Bioladen zu gehen, dass Menschen, die kaum ihren Alltagsstress bewältigen, bei jedem einzelnen Produkt genau wissen, was das für den Planeten bedeutet, und entsprechend einkaufen, obwohl es oft gar keine entsprechenden Produkte gibt oder nur zu exorbitant teuren Preisen.“ </em>Lisa Poettinger plädiert dafür, dass die Produkte so nachhaltig und sozialverträglich wie möglich produziert werden. Dazu gehört auch, dass diejenigen, die sie produzieren, auch davon leben können. Lisa Poettinger schreibt: <em>„Reformen können reale Verbesserungen erzielen, aber nicht die dem Kapitalismus innewohnenden Zwänge wie Wachstum oder Profitstreben aushebeln. Sie reichen damit nicht für eine klimagerechte Welt.</em></p>
<p>Lisa Poettinger stellt fest: <em>„Demokratie ist keine Dienstleistung, sondern etwas Wertvolles, das wir organisieren.“ </em>Hier trifft sie sich mit den Botschaften des von Marina Weisband geleiteten aula-Projekts. Marina Weisband formulierte als Bildungsauftrag, aus <em>„Konsumenten“ „Gestalter“</em> werden zu lassen. Oder in den Worten von Andreas Voßkuhle, des ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, anlässlich des Festaktes „100 Jahre Volkshochschule in Deutschland“ in der Frankfurter Paulskirche über den „Bildungsauftrag des Grundgesetzes“ (nachlesbar in der Ausgabe zum Grundgesetz von <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/289234/grundgesetz/">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 15. April 2019</a>): <em>„Ein Schlüssel zum <u>status activus</u> des Staatsbürgers ist Bildung. Bildung nicht im klassischen, die Ungebildeten ausschließenden Sinne, sondern Bildung verstanden als „Empowerment“. Das Grundgesetz will den kritischen und informierten, vor allem aber neugierigen Bürger.“ </em>Ein solches <em>„Empowerment“</em> führt zu der Erfahrung von <em>„Selbstwirksamkeit“. </em></p>
<p>Lisa Poettinger spricht in ihrem Buch über den drohenden Aufstieg von <em>„Faschismus“</em> (nicht nur in Deutschland), formuliert aber auch die Fragen, die man denen stellen müsse, die sich rechten Thesen annähern oder diese gar übernehmen: <em>„Der Rechtsextremismus kommt als Gegenbewegung zu humanistischen Prinzipien mehr und mehr in Schwung, indem er toxische Freiheiten verficht: Ja, wir finden es total in Ordnung, wenn andere für unsere Freiheit, uns nicht zu impfen, unseren Wohlstand oder unsere Vorliebe, fossil zu heißen, sterben.“ </em>Den Gedanken der <em>„toxischen Freiheiten“</em> hat Lisa Poettinger sinngemäß von <a href="https://www.youtube.com/@muellertadzio">Tadzio Müller</a> übernommen („Zwischen friedlicher Sabotage und Klimakollaps: wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben (Wien, Mandelbaum Verlag, 2024).</p>
<p>Einen ähnlichen Gedanken fand sie in dem Buch <a href="https://www.fes.de/asd/buch-essenz/amlinger-und-oliver-nachtwey-2022-gekraenkte-freiheit-aspekte-des-libertaeren-autoritarismus">„Gekränkte Freiheit – Aspekte des libertären Autoritarismus“</a> von Caroline Amlinger und Oliver Nachtwey (Berlin, Suhrkamp, 2022). Es gebe immer mehr Gruppen, die Freiheit als absolute Freiheit verstehen, die auch auf Kosten der Freiheit aller anderen durchgesetzt werden dürfte, immer mehr Menschen, die sich nur noch für ihre eigenen Belange interessierten. Darin stecke, dass man auf niemanden mehr Rücksicht nehmen müsse. <em>„Kapitalismus“</em> oder <em>„Freiheit“</em> werden dann zur Chiffre für einen extremen Egoismus, eine extreme Ich-Bezogenheit. Lisa Poettinger verweist auf den Film „Don’t Look Up“, in dem die US-Regierung, geführt von einer von Meryl Streep gespielten sehr an Trump erinnernden Präsidentin, alles tut, die drohende Katastrophe angesichts bevorstehender Wahlen herunterzuspielen oder gar zu ignorieren. Hinschauen, die Bedrohungen ernst nehmen, das wäre die erste Botschaft.</p>
<p>Die Autorin ist überzeugte Antikapitalistin. Damit steht sie nicht allein. Einer der Bestseller im Bereich der Sachbücher war in den vergangenen Jahren das Buch <a href="https://www.dtv.de/buch/systemsturz-28369">„Systemsturz – Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“</a> des japanischen Marxologen und Marxisten Kohei Saito (München, dtv, 2023), ein vehementer Verfechter der „Degrowth“-Bewegung. Welche Wirkungen das Buch auf die Politik haben könnte, bleibt offen. Das Buch von Lisa Poettinger ist erheblich anschaulicher, pragmatischer und weniger theoretisch aufgebaut, wäre aber eine wichtige Ergänzung einer Lektüre des Buches von Kohei Saito. Das von Lisa Poettinger formulierte Ziel klingt eigentlich ganz einfach: <em>„Utopien bauen: An verschiedenen Orten des Widerstandes werden Formen eines solidarischen, nachhaltigen Zusammenlebens bereits erfahrbar gemacht.“</em> Es ist letztlich <em>„die Sache, die so einfach, doch so schwer zu machen ist.“</em> (Bertolt Brecht) Ein Schlüsselbegriff des Buches, den sie ebenfalls von Tadzio Müller übernommen hat, lautet: <em>„Solidarische Kollapspolitik“.</em> Das mag etwas sperrig klingen, aber ist letztlich ein politisches Programm in den Zeiten zunehmender Zerstörung unserer <em>„natürlichen Lebensgrundlagen“</em>, die der Staat laut Grundgesetz eigentlich schützen sollte: <em>„Was sagt dein Herz, wenn du kämpfst?“ </em></p>
<h3><strong>Lisa Poettinger, kreative Nonkomformistin &#8211; ein Gespräch</strong></h3>
<div id="attachment_7478" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7478" class="wp-image-7478 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-300x171.jpg" alt="" width="300" height="171" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-200x114.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-300x171.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-400x229.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-600x343.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-768x439.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-800x457.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-1024x585.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-1200x686.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Antifatransparent-1536x878.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7478" class="wp-caption-text">Foto: Lisa Poettinger</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie organisieren Demonstrationen, zuletzt im September 2025 die Proteste gegen die Internationale Automobilausstellung (IAA) in München oder Anfang Februar 2025 Demonstrationen gegen rechts in Reaktion auf die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-29-januar-2025/">Abstimmung im Deutschen Bundestag vom 29. Januar 2025</a>. Oft ist die Rede von <em>„zivilem Ungehorsam“</em>, meines Erachtens ein unpassender Begriff, denn es handelt sich doch nicht um <em>„Ungehorsam“,</em> sondern um die Wahrnehmung von Grundrechten.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das würde ich auch so sagen, denn es ist alles vom Versammlungsrecht abgedeckt. Es ist im Grunde sogar erwünscht, wenn wir von einer aktiven Bürgergesellschaft ausgehen. Vom Versammlungsrecht sind nicht nur angemeldete Demonstrationen abgedeckt, sondern auch unangemeldete Blockaden. Oder das Aufhängen oder Verteilen von Flyern in der U-Bahn oder wo auch immer. Manches ist vielleicht an der Grenze. Wichtig sind Haustürgespräche. Ich bin zum Beispiel mit vielen Beschäftigten im ÖPNV ins Gespräch gekommen, bin auf Social Media unterwegs. Manchmal hängen wir auch das ein oder andere Banner auf. Es ist ziemlich bunt, was wir versuchen zu tun. Zurzeit planen wir ein Mobilitätswendecamp, das in München stattfinden soll. Zu unserem Spektrum gehören Waldbesetzungscamps, auch Miethäusersyndikate. Es gibt viele Projekte dieser Art. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Buch zitieren Sie Martin Luther King Jr.: <em>„Die Rettung der Menschheit liegt in den Händen kreativer Nonkomformisten.“</em> Aber welche Reaktionen erhalten Sie?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Sehr unterschiedlich. Es gibt schöne Momente, in denen man Leute überzeugen kann, aber eben auch die anderen. Es kommt darauf an, an welchem Ort man was zu welchem Thema macht. In der Münchner Innenstadt treffen wir natürlich auf viele Tourist:innen, die sich nicht so sehr interessieren, weil sie eben auf der Durchreise sind. In prekären Vierteln, zum Beispiel im Hasenbergl, gab es viele positive Reaktionen. Da ging es um einen Tunnel von BMW. Manche wollten gar nicht mit uns reden, andere gingen sehr vorsichtig an die Tür, andere haben sich sehr gefreut, dass wir sie unterstützen, ihre Parks und Spielplätze zu erhalten. </em></p>
<p><em>Bei den ÖPNV-Beschäftigten freuten sich viele über die Unterstützung, zögerten aber, wenn es darum ging, ob sie selbst auch an solchen Aktionen teilnehmen könnten. Aber das ist ja auch nicht verwunderlich, denn wenn man Vollzeit arbeitet, wenn man Kinder hat, schauen muss, dass man finanziell über die Runden kommt, hat man einfach nicht die Zeit. Wir müssen aber diejenigen, die die Zeit nicht haben, in unseren sozialen Kämpfen mitbedenken und ihre Anliegen miteinschließen. Diese kann man aber nur kennenlernen, wenn man den direkten Kontakt sucht. Daher ist eine gegenseitige Offenheit schon wichtig. Letztlich brauchen wir alle im Boot. Aber ein Engagement kann auch darin bestehen, dass ich im Brotzeitraum einem Kollegen, einer Kollegin, die etwas Rassistisches sagt, widerspreche. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und die Polizei, die Bediensteten der Stadt?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das KVR ist sehr kooperativ. Aufgabe der Polizei ist es, die Grundrechte zu schützen. Dazu gehört auch das Versammlungsrecht. Aber leider schützen sie dann doch eher die Profite. Ich vermeide es daher, mit Polizist:innen zu reden. Natürlich gibt es immer einzelne Polizist.innen, die Verständnis haben, aber sie alle unterliegen Befehlen. Und wenn der Befehl lautet, hart durchzugreifen, dann tun sie es auch, und das manchmal auch völlig überzogen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielen in Ihrem Engagement Parteien?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Ich bin seit 2021 Mitglied der Linken, aber nicht sonderlich aktiv. Ich denke schon, dass man zumindest bei der Linken in München mitmachen kann. Es gibt auch immer Einstiegsangebote. Ich habe beispielsweise bei der Aufstellung der Bundestagsliste der bayerischen Linken als Delegierte mitgewählt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und die Grünen?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Die Grünen sind für viele junge Leute eine große Enttäuschung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Luisa Neubauer?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Luisa Neubauer und ich haben viele unterschiedliche Ansichten, aber sie hat mich in der Pressekonferenz zu meinem Berufsverbot sehr unterstützt. Aber eine Luisa Neubauer wird die Grünen nicht verändern. Die Grünen können Luisa Neubauer allerdings sehr gut als Aushängeschild verwenden. In meinem Buch formuliere ich die These „Grüner Kapitalismus ist Grüner Imperialismus“. Was tun wir eigentlich, wenn wir in anderen Ländern Kohle oder Lithium ausbeuten? Auch die neuen Technologien, KI und E-Mobilität, verbrauchen erhebliche Ressourcen. </em></p>
<p><em>Die Grünen haben erheblich mit dazu beigetragen, dass Klimaschutz ein in der Gesellschaft inzwischen so unbeliebtes Thema ist. Sie haben CO2-Steuern eingeführt, aber kein Klimageld. Die Frage ist natürlich berechtigt, ob eine CO2-Steuer überhaupt wirkt, denn diejenigen, die den meisten Schaden anrichten, interessiert das wenig, sie können trotzdem mit ihrem Privatjet in ihre Zweit- oder Drittvilla fliegen. Und diese tasten die Grünen auch nicht an.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Linke hatte in der letzten Bundestagswahl ein sehr schönes Plakat: <a href="https://taz.de/Die-Linke-im-Bundestagswahlkampf/!6054510/"><em>„Ist dein Dorf unter Wasser, steigen Reiche auf die Jacht.“</em></a> Solche Plakate würde ich als Lehrer als Gesprächsanlässe nehmen. Das wird eine spannende Unterrichtsstunde.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das kann man so machen, wenn man auch die Plakate der anderen Parteien nutzt. Man muss auch deutlich machen, dass es bei Umverteilungen, zum Beispiel durch eine Vermögens- oder Erbschaftsteuer, nicht um das kleine Häuschen der Oma geht, sondern um Vermögen, deren Größe sich kaum jemand vorstellen kann, um Dividenden, Aktienhandel in großem Stil. </em><strong> </strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben „Environmental Studies“ und „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auf Lehramt studiert. Ist mehr Bildung eine Lösung?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das ist zu kurz gegriffen, denn es ignoriert die Verhältnisse, unter denen Menschen leben. Es ist ein recht elitärer Diskurs, weil manche Menschen einfach nicht den Zugang zu höherer Bildung haben. Es ist auch ganz schön frech, Menschen vorzuwerfen, wir hätten die Klimakrise, weil sie nicht genug Bildung hätten. Schauen wir uns einfach einmal das Konsumverhalten an. Es ist sicher gut, wenn man Informationen hat. Aber dazu gehört mehr: Ist das, was ich brauche, verfügbar? Schränkt es mein Leben ein? Kann ich mir das leisten? Diese Zusammenhänge muss man berücksichtigen, auch in Bildungsprozessen.  </em> <em>  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Würden Sie Ihr Engagement als Engagement einer Nicht-Regierungsorganisation bezeichnen?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>:<em> Ich glaube, wir sind eher eine Basisorganisation. Eine NGO hat eine gewisse Institutionalisierung. Wir haben einfach Treffen, wo man kommen kann, wann man möchte, es gibt keine festen Mandate, keine bezahlten Funktionen, keine Vereinsstruktur. Manchmal sind es auch Gruppen, die sich spontan für ein bestimmtes Thema finden und nachher wieder auseinandergehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber braucht man nicht doch irgendwie eine langfristige Strategie?</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das geht auch ohne Vereinsstruktur. Wichtig ist mir die Vision. Wenn Sie mich fragen würden, wie ich mich in 15 Jahren sehe, dann würde ich sagen: in einer demokratisierten Wirtschaft, die sich an den Bedürfnissen der Menschen und den planetaren Grenzen orientiert. Ich bin aber keine Optimistin, eher eine Realistin </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber Sie sind auch keine Pessimistin. Sonst hätten Sie das Buch nicht geschrieben.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger </strong>(macht eine längere Pause): <em>Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass Veränderung möglich ist. Doch zurzeit zeichnet sich ab, dass es nicht so viele Menschen gibt, die sich aufraffen und gegen die Entwicklungen wehren. Deshalb halte ich doch eher eine düstere Zukunft für realistisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im selben Verlag, in dem Sie veröffentlicht haben, hat die Gruppe „Reinventing Society“ ein Buch über <a href="https://www.oekom.de/buch/zukunftsbilder-2045-9783962383862">„Zukunftsbilder 2045“</a> veröffentlicht. Das, was die Gruppe beschreibt, entspricht in vielen Punkten dem, was Sie in Ihrem Buch vorschlagen. Aber das Ganze hat einen Haken. Im Buch beschreibt die Gruppe, dass es Ende der 2020er Jahre zu einem Kollaps kommen muss, einem fast totalen Zusammenbruch der Wirtschaft kommen, bevor sich die Menschheit besinnt. So weit sollten wir es eigentlich nicht kommen lassen. Aber ich kenne auch Leute, die sagen, das Anliegen des Klimaschutzes würden sie gerne unterstützen, aber mit einer antikapitalistischen Einstellung könnten sie nicht so viel anfangen, das klänge ihnen doch zu gefährlich, es müsse doch auch mit vorsichtigen Reformen gelingen, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Sie schreiben aber in Ihrem Buch: <em>„Reformen können reale Verbesserungen erzielen, aber nicht die dem Kapitalismus innewohnenden Zwänge wie Wachstum oder Profitstreben aushebeln. Sie reichen damit nicht für eine klimagerechte Welt.“ </em>Bei solchen Sätzen bekommen manche Gänsehaut.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Das kann man auf verschiedene Faktoren zurückführen. Auf der einen Seite ist es Propaganda, wenn Antikapitalist:innen – vereinfacht gesprochen – als diese vermummten Linken dargestellt werden, die die Fenster einschlagen. Manche halten Antikapitalismus einfach für Extremismus. Auf der anderen Seite haben sich viele Leute noch gar nicht mit diesen Zusammenhängen beschäftigt. Wenn man konkreter wird, kann man sich dann doch auf Vieles einigen, beispielsweise dass es mehr Mitbestimmung im Bereich Wirtschaft geben sollte. Damit ist man sehr schnell im antikapitalistischen Bereich. Ich glaube aber auch, dass viele gar nicht so genau wissen, was sie meinen, wenn sie sich für Klimaschutz aussprechen. Es reicht aber auch nicht aus, bestimmte Personen in bestimmte Ämter zu wählen. Es braucht eine gesellschaftliche Gegenmacht zum Status Quo. Ich schlage in dem Buch den politischen Streik vor. Das halte ich für einen sehr demokratischen Prozess.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Politische Streiks sind in Deutschland verboten. In Frankreich sieht das anders aus. Um dieses Instrument zu etablieren und dann auch zu nutzen, brauchen Sie die Gewerkschaften.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Zu dem Verbot gibt es unterschiedliche Auffassungen. Aber über all diese Themen müssen wir diskutieren! Ich höre dann völlig Unterschiedliches. Es kommt auch darauf an, woher die Leute kommen. Manche haben die Sorge, ich wollte ihnen die Heizung im Winter wegnehmen. Das will ich natürlich überhaupt nicht. Dann gibt es Leute, die meinen, man könnte alles technisch lösen, es reiche, mehr E-Autos zu schaffen. Aber wenn man weiter nachfragt, wie das denn mit den Ressourcen sei, die man dazu braucht, die zukünftigen Müllberge aufgebrauchter Batterien, gibt es natürlich Leute, die alles, was mit Klimaschutz zu tun hat, pauschal ablehnen, aber es gibt eben auch andere. </em></p>
<p><em>Es geht eben letztlich um ein wirksames Konzept der Klimagerechtigkeit. Ich glaube, Begegnungen helfen, wenn man mit Leuten aus ganz unterschiedlichen Richtungen spricht. Ich finde das unglaublich interessant. Ich diskutiere sehr gerne mit Leuten, auch wenn das manchmal sehr anstrengend ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Buch zitieren Sie den Hegemonie-Gedanken von Antonio Gramsci. Wir brauchen gesellschaftliche Mehrheiten, weil politische Mehrheiten nicht reichen. Die können bei der nächsten Wahl schon wieder ganz anders aussehen. Eben dies haben wir auch bei dem Scheitern der Ampel-Koalition erlebt. Und Gramsci wird zurzeit intensiv von Rechten gelesen und praktiziert.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Rechte sind sehr erfolgreich darin, Hegemonie zu schaffen. Es ist inzwischen „normal“ geworden, rassistische, chauvinistische und sexistische Ansichten zu verbreiten. Es ist „normal“ geworden, Menschen über eine Leistung zu definieren, um darüber zu entscheiden, ob ihr Leben lebenswert ist. Abgesehen davon, dass es gar keine „Leistung“ ist, wenn man – wie das viele Rechte behaupten – deutsche Eltern und Großeltern hat. Eine solche „Normalität“ hat die Rechte hinbekommen und es ist tragisch, dass es so ist. Ich glaube, es ist wichtig, Menschen in die Verantwortung zu nehmen, aber auch zu zeigen, wie Hegemonie entsteht. Wir dürfen niemanden und nichts direkt ablehnen, sondern müssen schauen, dass wir ins Gespräch kommen, dort, wo man Menschen erreichen kann, dort, wo man Risse in die Hegemonie der Rechten hineinargumentieren kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie organisieren letztlich solche Begegnungen, auf den Demonstrationen, beim Verteilen von Flyern, aber auch Gesprächskreise. Daran nehmen sicherlich keine dezidiert Rechten teil, aber auch unter denen, die weitgehend Ihre Ansichten teilen, gibt es mit Sicherheit unterschiedliche Auffassungen, was wie zu bewerten, was wie zu tun wäre.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Unser Klimatreffen ist offen (die Gruppe heißt „Antikapitalistisches Klimatreffen“. Wir sprechen darüber, wie wir eine Aktion gestalten, wie ein Flyer aussehen soll oder wie eine Rede vorbereitet werden kann. Daran nehmen ganz unterschiedlich viele Leute teil. Mal 20 Leute, mal weniger, manchmal arbeiten fünf Leute oder auch nur eine:r. Wir haben Schüler:innen, Studierende, Auszubildende, Leute, die schon ihren Beruf haben, in der Regel so etwa zwischen 14 und 40 Jahren. </em></p>
<div id="attachment_7481" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7481" class="wp-image-7481 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-300x228.png" alt="" width="300" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-200x152.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-300x228.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-400x304.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-600x456.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-768x584.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-800x608.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-1024x778.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-1200x912.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Climate-Justice-Approach-5-1536x1167.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7481" class="wp-caption-text">Lisa Poettinger: Climate Justice Approach</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wichtiger Aspekt ist der internationale Charakter des Buches. Sie beschreiben das Projekt der <a href="https://www.cafe-libertad.de/zapatismus">Zapatistas</a> in Chiapas, die Initiativen und Erfolge indigener Gruppen, die schon die Agenda 21 im Jahr 1992 ebenso wie die <a href="https://indigenousnavigator.org/files/media/document/IndigenousNavigatorTrainingModule5-HuRiSDGs-FINAL.pdf">Agenda 2030</a> hervorhob, die (leider ins Stocken geratene) <a href="https://www.greenbeltmovement.org/">Green-Belt-Initiative</a> in Afrika südlich der Sahara, aber auch Phänomene des <em>„Umweltrassismus“</em>, die Dimension von durch den Klimawandel <em>„erzwungene Migration“</em> sowie die gängige Ignoranz, Afrika nach dem Mercator’schen Schnitt auf Landkarten viel kleiner abzubilden als es in Wirklichkeit ist.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Die Klimabewegung ist in letzter Zeit viel internationaler geworden. Viele verstehen, wie Klimakrise und Kolonialismus zusammenhängen. Ihnen ist bewusst, dass Menschen im globalen Süden von der Klimakrise viel stärker betroffen sind, obwohl sie kaum etwas zur Erderwärmung beitragen. Es gibt eine große Offenheit innerhalb der Bewegung. Außerhalb ist es schwer, weil viele sagen, das habe nichts mit ihnen zu tun, das interessiere sie nicht. Aber damit sind wir wieder beim Hegemoniebegriff. Dann heißt es: Mich interessiert nur, was mich direkt betrifft. Das ist eine sehr kapitalistische Haltung, weil es nur um das eigene Leistungsvermögen und die eigenen Ziele geht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu kommt, dass junge Männer sich inzwischen mehr nach rechts orientieren, Frauen jedoch eher nach links. Das ist vor allem in Regionen ein Problem, aus denen junge Frauen abwandern und die dortigen jungen Männer dann die Frauen beschuldigen, dass sie keine Partnerin fänden. Ich möchte auf keinen Fall alles, was an unliebsamen Wahlergebnissen festzustellen ist, auf Ostdeutschland schieben, aber dort ist das beschriebene Missverhältnis deutlich zu sehen.</p>
<p><strong>Lisa Poettinger</strong>: <em>Ostdeutschland ist sicherlich ein Beispiel für die soziologische These, dass ein Rechtsrutsch vor allem in Regionen wirkt, die von Unsicherheit und sozialem Abstieg geprägt sind, weniger Infrastruktur, niedrige Renten, prekäre Arbeitsverhältnisse. Das gilt aber auch für manche alt-industriellen Regionen in Westdeutschland. Die Zeit des fossilen Zeitalters ist eigentlich vorbei, doch wir tun uns schwer, die auf der Hand liegenden Alternativen zu nutzen. </em></p>
<h3><strong>Der bayerische Staat hat sich verirrt</strong></h3>
<div id="attachment_7480" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7480" class="wp-image-7480 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-300x227.jpg" alt="" width="300" height="227" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-200x151.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-300x227.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-400x302.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-600x453.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-768x580.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten-800x604.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Lisa-Poettinger-im-Waldkindergarten.jpg 990w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7480" class="wp-caption-text">Lisa Poettinger mit den von ihr betreuten Kindern im Waldkindergarten. Foto: privat.</p></div>
<p>Eigentlich sollte das Land Bayern stolz auf eine zukünftige Lehrerin wie Lisa Poettinger sein. Eigentlich. Der bayerische Staat interessierte sich nach dem abgeschlossenen Studium aber leider nicht für die guten Noten und ihre differenzierende und differenzierte Argumentation. Er verweigerte ihr die Aufnahme der zweiten Phase der Lehrerausbildung als Referendarin. Das ist nicht nur ein <em>„Berufsverbot“</em>, sondern ein Verbot, die Ausbildung zur Lehrerin abzuschließen. Dies verweigerten die Behörden in den 1970er Jahren nicht einmal ausgewiesenen DKP-Funktionären. Der durch das Vorgehen des bayerischen Staats verursachte Rechtsstreit war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags noch nicht abgeschlossen. Lisa Poettinger erfuhr zwischenzeitlich viel Solidarität, nicht nur an ihrer Arbeitsstelle und in ihrem näheren Umfeld. Es gibt eine Unterschriftenkampagne <a href="https://lasstlisalehren.de/">„Lasst Lisa lehren“</a>.</p>
<p>Offenbar halten die zuständigen Behörden eine antikapitalistische Einstellung für antidemokratisch und verfassungsfeindlich. Wer Lisa Poettingers Buch liest, wird sehr schnell feststellen, dass Antikapitalismus und Demokratie kein Widerspruch sind und sie sich mit ihren Argumenten im Rahmen des Grundgesetzes bewegt. Die bayerischen Behörden übersehen, dass das Grundgesetz keine Wirtschaftsform vorgibt, wohl aber in <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20a.html">Artikel 20a</a> Nachhaltigkeit verlangt: <em>„Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und </em>die Rechtsprechung.“ In <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_14.html">Artikel 14, Absatz 2</a> verlangt das Grundgesetz: <em>„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“</em></p>
<p>Bayern war in Sachen „Berufsverbote“ schon immer ein besonderes Land. Es war Ende der 1970er Jahre das Land, das am längsten brauchte, die damalige Berufsverbotspraxis mit Regelanfrage beim Verfassungsschutz für alle Bewerber:innen im öffentlichen Dienst wieder abzuschaffen. Die vorsichtigen von der GEW initiierten, aber letztlich gescheiterten Versuche zur Aufarbeitung und Entschädigung der Betroffenen wurden im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zerrissenen/">„Die Zerrissenen“</a> vorgestellt. Im Jahr 2025 wird diskutiert, ob eine solche Praxis möglicherweise auf zukünftige wie aktuelle AfD-Beamt:innen angewandt werden sollte. Aber Bayern geht erheblich weiter und schafft Fakten, nicht im Hinblick auf die AfD, sondern im Hinblick auf Menschen, die sich für Klimagerechtigkeit engagieren. In diesen Kontext passt auch, dass die Münchner Staatsanwalt fünf Aktivist:innen der „Letzten Generation“ als Mitglieder einer <em>„kriminellen Vereinigung“</em> angeklagt hat, ein in Deutschland einmaliges Verfahren. <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/vier-durchsuchungen-in-berlin-bundesweite-razzia-gegen-letzte-generation--zunachst-keine-festnahmen-9867452.html">Diverse Razzien gab es auch in anderen Bundesländern</a>.</p>
<p>Eigentlich sollte Bayern stolz sein, wenn sich junge Menschen friedlich gegen Rechtsextremismus und für Klimagerechtigkeit engagieren. Sie widersprechen der Annahme, die sogenannte Generation Z sei ausschließlich an ihrem eigenen Wohlergehen interessiert. Diese jungen Menschen sind eigentlich Vorbilder, auch wenn man nicht jede ihrer Positionen teilen muss, aber das ist ja auch der Grundgedanke von Demokratie, dass man sich über die Wege der Politik streiten darf. Michel Friedman brachte dies in einem Buchtitel auf den Punkt: <a href="https://michelfriedman.info/streiten-unbedingt/">„Streiten? Unbedingt!“</a> Nur im demokratischen Streit können wir die Bedrohung von rechts abwenden und verhindern, dass junge Menschen in die rechtsextreme Szene eintauchen und sich dort verlieren. Manche Kommentator:innen sprechen schon von einem Revival der sogenannten <em>„Baseballschlägerjahre“</em> (den Begriff prägte Christian Bangel) die Rede: <em>„Vielleicht liegt der Weg, mehr Menschen zu erreichen, darin, sie zu überraschen. Ihnen zu zeigen, dass Dinge möglich sind, an die sie selbst nicht geglaubt hätten. Gibt&#8217;s nicht? Doch schon. Vor wenigen Jahren etwa, als linke Parteien in Berlin die Mieten für Hunderttausende per Gesetz senkten. Oder als die Ampel urplötzlich allen ermöglichte, zum Preis eines großen Cheeseburgers überall in Deutschland Zug, Bus und Bahn zu fahren. Die Rechtsextremen können nur zerstören, die Aufgabe der Linken ist es, Dinge zu erfinden.“ </em>(Christian Bangel, <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-08/links-sein-vorurteile-politische-linke-debatte/komplettansicht">Reden wir von denselben Menschen?</a> In: Die ZEIT online 30. August 2025)</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025. Die Gespräche mit Lisa Poettinger, aus denen hier zitiert wird, fanden im Juli und im September 2025 statt. Internetzugriffe zuletzt am 25. September 2025.  Rechte aller Bilder und Graphiken einschließlich des Titelbildes bei Lisa Poettinger.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Vom Untertan zum Bürger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 04 Sep 2025 09:32:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vom Untertan zum Bürger Programme und Projekte von Wadi e.V. im Nordirak und benachbarten Ländern „Die Sorge um Familie, Land, Nation war in der bürgerlichen Gesellschaft eine Realität, die Achtung der Menschheit eine Ideologie. So lange aber ein einziger Mensch durch die bloße Einrichtung der Gesellschaft elend ist, enthält die Identifikation mit dieser Ordnung  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vom Untertan zum Bürger</strong></h1>
<h2><strong>Programme und Projekte von Wadi e.V. im Nordirak und benachbarten Ländern </strong></h2>
<p><em>„Die Sorge um Familie, Land, Nation war in der bürgerlichen Gesellschaft eine Realität, die Achtung der Menschheit eine Ideologie. So lange aber ein einziger Mensch durch die bloße Einrichtung der Gesellschaft elend ist, enthält die Identifikation mit dieser Ordnung im Namen der Menschlichkeit einen Widersinn.“</em> (Max Horkheimer, in: <a href="https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Zeitschrift_fuer_Sozialforschung_8_1939-40.pdf">Zeitschrift für Sozialforschung 8, 1939</a>)</p>
<p>Vor elf Jahren, am 3. August 2014, begann im nordirakischen Sindschar (beziehungsweise Šingal oder Sindjar) der Genozid an den Êzîd:innen durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Tausende wurden ermordet, Frauen und Mädchen verschleppt, versklavt, viele gelten bis heute als vermisst. Trotz offiziellen Gedenkens und der politischen Anerkennung der Massaker als Völkermord <a href="https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2023/kw03-de-jesiden-927032">durch den Deutschen Bundestag</a> hat sich für die Überlebenden nur wenig verbessert. Noch immer leben Hunderttausende in provisorischen Camps, in ständiger Angst und Unsicherheit. In Deutschland leben zurzeit etwa 400.000 Êzîd:innen, weltweit die größte êzîdische Gemeinschaft außerhalb ihrer Heimat. Insbesondere Baden-Württemberg und Brandenburg haben zahlreiche Êzîd:innen aufgenommen, einige Länder, beispielsweise Schleswig-Holstein, bieten Êzîd:innen besonderen Schutz. Doch dennoch leben viele Êzîd:innen in Deutschland seit Jahren mit unsicherem Aufenthaltsstatus und sind akut von Abschiebung bedroht – zurück in ein Land, in dem ihre Sicherheit nach wie vor nicht gewährleistet werden kann. Die Nicht-Regierungsorganisation Wadi e.V. und <a href="https://www.proasyl.de/">Pro Asyl</a> haben sich am 2. August 2025 angesichts der nach wie vor fehlenden Sicherheitsgarantien für in Deutschland lebende Êzîd:innen <a href="https://wadi-online.de/2025/08/02/zum-elften-jahrestag-des-volkermords-an-den-ezidinnen-erklarung-von-pro-asyl-und-wadi-e-v/">mit einer gemeinsamen Presseerklärung</a> für ein dauerhaftes Bleiberecht für êzîdische Geflüchtete eingesetzt. <a href="https://wadi-online.de/wp-content/uploads/2025/08/yazidicampsrepor.pdf">Die aktuelle Lage in den Camps im Irak ist dramatisch</a>, die jüngste Abschiebung einer êzîdischen Familie in den Irak wurde in der deutschen Presse kritisch begleitet, doch eine Rückkehr scheint nicht in Sicht. Die Zerstörung des Hilfsprogramms USAID durch die US-Regierung verschärft die Lage erheblich.</p>
<h3><strong>Êzîd:innen – Eine ganze Gesellschaft wurde ihrer Rechte beraubt </strong></h3>
<p>(Auszug aus einer Rede von <strong>Basma Aldakhi</strong>, langjährige Mitarbeiterin von Wadi, Projektkoordinatorin von ADWI, Suleymaniah, auf einer Pressekonferenz in Erbil am 2. Juli 2025 zur Situation der Êzîd:innen)</p>
<div id="attachment_7437" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7437" class="wp-image-7437 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/ezidisches-Camp-©-Wadi-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7437" class="wp-caption-text">êzîdisches Camp © Wadi e.V.</p></div>
<p>In den Vertriebenenlagern im Regierungsbezirk Dohuk leben die Menschen nicht einfach nur unter schwierigen Bedingungen. Sie leben auch in einem Schwebezustand zwischen einer Vergangenheit, die sie mit all ihren Schrecken verfolgt, und einer unbekannten Zukunft.</p>
<p>Das Leben in den Lagern ist kein Leben. Es ist ein Warten.</p>
<p>Warten auf eine Rückkehr, auf Würde, auf eine politische Entscheidung, die sie von einer Realität befreit, mit der sie sich niemals abfinden können. Dieses Warten dauert schon lange an. Es brauchte Jahre, bis aus dem Zelt ein Haus und aus dem Lager eine vorübergehende Heimstätte wurde. Das Leben im Lager wurde dauerhaft, jedoch ohne irgendwelche Garantien oder Rechte.</p>
<p>Bei der Vertreibung der Jesiden geht es nicht um eine vorübergehende humanitäre Krise, sondern um eine ganze Gesellschaft, die ihres Landes, ihrer Rechte, ihrer Geschichte und ihrer Sicherheit beraubt wurde, und deren Vertrauen von den Mächtigen, der Welt und manchmal sogar vom Leben selbst zerstört wurde.</p>
<p>Zurückkehren!?</p>
<p>Einige von Ihnen werden sich vielleicht fragen: <em>„Warum kehren die Binnenvertriebenen nicht in ihre Heimat zurück?“ </em>Eine scheinbar einfache Frage, doch die Antwort ist bitter und kompliziert.</p>
<p>Jede:r Vertriebene hat eine Geschichte, die sich nicht einfach zusammenfassen lässt, und die Gründe, nicht zurückzukehren, sind vielfältig. Vor allem sind die ursprünglichen Gebiete zu einem Schauplatz von Auseinandersetzungen geworden, zu einer Konfliktzone. Sie sind zu einem Spielball in den Händen von Parteien verkommen, die sich nicht um die Menschen in der Region scheren.</p>
<p>Gewiss, es gibt Menschen, die nach Šingal zurückgekehrt sind, aber sie sind immer noch Vertriebene. Denn in ihren ursprünglichen Dörfern gibt es nicht einmal das Nötigste für ein menschenwürdiges Leben. Die Infrastruktur ist zu 80 Prozent oder mehr zerstört, es gibt so gut wie keine Versorgung. Šingal ist der einzige Bezirk im Irak, der seit Jahren keine funktionierende Verwaltung mehr hat, und die Regierungen haben es versäumt, diese Krise zu lösen.</p>
<p>Das Entschädigungsverfahren ist eine weitere Katastrophe.</p>
<p>Letzten Monat habe ich mehrere Familien getroffen, die zurückgekehrt sind und vor vier Jahren Entschädigungsschecks von der Regierung erhalten haben. Aber diese Schecks sind bis heute nicht ausbezahlt worden.</p>
<p>Die Vertreibungen sind zu einem politischen Spiel geworden, von dem leider viele profitieren. Es gibt Familien, die sagen: <em>„Wir sind bereit, morgen zurückzukehren. Wenn wir nur glauben könnten, dass das Land, in das wir zurückkehren werden, unsere Kinder nicht wieder verschlucken wird.&#8220; </em>Aber was sagen wir einer Mutter, die befürchtet, dass ihr Haus bombardiert wird? Was einem Vater, der die Überreste seiner Söhne, die in Massengräbern liegen, noch nicht begraben konnte? Was einer Familie, die ihr Haus verloren hat und kein Obdach hat? Was einem Vater, dessen Name nicht auf den Entschädigungslisten auftaucht? Das ist der bittere Widerspruch:</p>
<p>Die irakische Regierung verkündete, das Kapitel der Vertreibungen beenden zu wollen. Sie stellte die Hilfe für die Lager ein unter dem Vorwand, dass alle in Würde nach Hause zurückkehren könnten. Seit dieser Entscheidung ist mehr als ein Jahr vergangen, und die Menschen befinden sich immer noch unter schwierigsten humanitären Bedingungen in den Lagern.</p>
<p>Andererseits aber hat das Ministerium für Einwanderung die Ausstellung von <em>„Rückkehrbriefen“</em> eingestellt, ohne die Binnenvertriebene nicht zurückkehren dürfen!</p>
<p>Auch die meisten humanitären Organisationen zogen sich nach dem Regierungsbeschluss zurück; ihre Projekte in den Lagern wurden nicht fortgeführt. Was das Problem noch verschlimmerte, war die Entscheidung der US-Regierung, die Unterstützung einzustellen. Das hat die Binnenvertriebenen sehr stark getroffen.</p>
<p>Der Umgang mit den Vertriebenen ist voller Fragezeichen. Sicher ist: Die Frauen tragen die Hauptlast. Es gibt keine Gesundheitsfürsorge, keine angemessene psychologische Unterstützung, und viele Frauen tragen Verantwortung für ganze Familien. Einige wurden frühverheiratet, andere mussten für Niedrigstlöhne in ausbeuterischen Verhältnissen arbeiten, einfach weil es keine Alternativen gibt. Die jüngste Entscheidung der US-Regierung, die Unterstützung von vielen humanitären Organisationen einzustellen, hatte erhebliche Auswirkungen auf Frauen und Kinder. In jedem Lager gab es mehr als 300 Menschen – meist Frauen und Kinder –, die von Projekten profitierten, die von US-Organisationen finanziert wurden. Nun sind diese Projekte fast vollständig zum Erliegen gekommen.</p>
<p>Da die irakische Regierung ihre Hilfe unter dem Vorwand eingestellt hat, <em>„das Kapitel der Vertreibungen (zu) beenden“</em>, liegt die einzige Hoffnung für die Binnenvertriebenen in dieser Situation auf der Zivilgesellschaft und humanitären Organisationen.</p>
<p>Und was ist mit der Umwelt? Sie leidet wie die Menschen. Abfälle häufen sich an. Einige Lager liegen in der Nähe von Erdölförderanlagen, was zu einer hohen Umweltbelastung führt. Man hat dort schwere Erkrankungen festgestellt, die auf das jahrelange Einatmen verschmutzter Luft zurückzuführen sind.</p>
<p>Psychosoziale Unterstützung? Sie ist schwach ausgestattet, nicht verlässlich vor Ort und nicht in der Lage, mit dem Ausmaß des kollektiven Traumas Schritt zu halten, unter dem die Menschen seit 2014 und bis heute dort leiden. Einige Organisationen arbeiten, aber ihre Projekte decken nur 20% des tatsächlichen Bedarfs ab. Selbst die Gesetze, die die Opfer eigentlich schützen sollten, sind zu Instrumenten geworden, um sie zu quälen.</p>
<p>Die „<em>Rückkehrbriefe“</em> wurden eingestellt, die Entschädigungszahlungen ausgesetzt, und die fehlende Koordination zwischen Bagdad und Erbil hat ein Übriges dazu beigetragen, die Vertreibung zu einer dauerhaften Realität werden zu lassen, statt zu einer vorübergehenden.</p>
<p>Wissen Sie, was es bedeutet, zehn Jahre lang vertrieben zu sein?</p>
<p>Man verliert seine Jugend, die Kinder wachsen ohne Stabilität und ohne Identität auf. Die meisten Kinder im Lager wissen nicht, dass sie aus Sinjar stammen, und wenn man sie fragt <em>„Woher kommt Ihr“</em>, sagen sie, aus diesem oder jenem Lager. Wissen Sie, was es bedeutet, wenn Ihre Zukunft von Versprechungen abhängt, die sich nicht erfüllen?</p>
<p>Vertriebene Êzîd:innen verlangen nicht das Unmögliche.</p>
<p>Sie bitten nur um eine würdige, sichere und geordnete Rückkehr. In bewohnbare Häuser, in Gebiete mit einer echten Zivilverwaltung, mit einer Schule, einem Gesundheitszentrum und einer Arbeitsmöglichkeit. Sie wollen keine Subventionen. Sie wollen Gerechtigkeit.</p>
<p>Doch die Gerechtigkeit will nicht kommen. Das Warten selbst ist zu einem Zwang geworden, an dem sie ersticken. Ihre einzige Hoffnung ist heute, dass die Unterstützung der Zivilgesellschaft und der internationalen Gemeinschaft so lange anhält, bis die Zeit für eine echte Rückkehr in Würde gekommen ist.“</p>
<h3><strong>Prekärer Schutzstatus in Deutschland und ein kleiner Lichtblick</strong></h3>
<p>(<strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>, Geschäftsführer von WADI e.V., im Juli 2025)</p>
<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-7438 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-300x282.jpg" alt="" width="300" height="282" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-200x188.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-300x282.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-400x376.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-600x564.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-768x723.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-800x753.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-1024x963.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-1200x1129.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V-1536x1445.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/©-Wadi-e.V.jpg 1773w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich vergangenes Jahr die Einleitung zu unserem Sommerrundbrief 2025 aus einem Park in Suleymaniah schrieb und darin unter anderem feststellte, dass viel zu früh die unerträgliche Hitze eingezogen sei. Es gab Zeiten, da versuchte man zu erklären, was es für Menschen heißt, unter solchen Temperaturen leben zu müssen. Nun, inzwischen kletterte das Thermometer auch im Rhein-Main-Gebiet auf annähernd 40 Grad und es bedarf keiner solchen Erklärungen mehr. Jede und jeder muss nun am eigenen Leib erleben, was solche Hitze bedeutet.</p>
<p>Wir erleben hautnah, dass der Klimawandel vor nationalen Grenzen keinen Halt macht, und diese alte Idee, dass es so etwas wie <u>eine</u> Menschheit gibt, die sich eben diesen Planeten irgendwie zu teilen hat und entweder eine Zukunft gemeinsam oder keine hat, stellt sich mit neuer Dringlichkeit – auch wenn sie gerade nicht einmal mehr in Sonntagsreden sonderlich populär ist. Zwar leiden die Menschen in Südostasien, dem Nahen Osten und großen Teilen Afrikas derzeit ungleich stärker unter den Folgen des Klimawandels als die Happy Few in den Industrienationen des Nordens, doch langsam wird auch diesen klar, dass auf Dauer die Lebensgrundlagen aller gefährdet sind. Wenn es so weitergeht, wird letztlich niemand ungeschoren davonkommen.</p>
<p>Umso wichtiger wäre es daher – nicht nur, wenn es ums Klima geht –, diese Idee von Menschheit wieder stark zu machen statt zu glauben, man könne sich auf Dauer erfolgreich abschotten, indem man Grenzen schließt und große Teile eben dieser Menschheit dem Elend überlässt. Leider aber steht genau dies gerade auf der Tagesordnung, und so trifft es am Ende mal wieder die am härtesten, die dringend auf Schutz und Unterstützung angewiesen wären.</p>
<p>Im Rahmen ihrer <em>„Asyl- und Migrationswende“</em> stoppte die neue große Koalition gerade im Bundestag den, wie es im Fachjargon heißt, <em>„Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte“</em>. Genauer gesagt hatte bereits die Vorgängerregierung eine Obergrenze von jährlich maximal 12.000 Menschen verordnet. Unter <em>„subsidiär Schutzberechtigte“</em> fallen in Deutschland auch geschätzt 30.000 Jesidinnen und Jesiden, die als Überlebende des vom „Islamischen Staat“ (IS) 2014 verübten Genozids in Deutschland um Asyl baten. Individuelle Verfolgung lag in der Regel nicht vor – dem IS ging es schließlich darum, die Êzîd:innen als Kollektiv zu vernichten (das ist das Wesen eines Genozids). Da deshalb zuständige Bundesbehörden und Gerichte bis Ende 2017 Êzîd:innen eine Gruppenverfolgung attestierten, bekamen diese in Deutschland einen Schutzstatus als so genannte subsidiär Schutzberechtigte. Dieser kann regelmäßig überprüft werden und ist weniger „stark“ als eine Anerkennung nach § 16a des deutschen Grundgesetzes.</p>
<p>Inzwischen wurde von einigen deutschen Gerichten entschieden, dass es keine Gruppenverfolgung für Êzîd:innen im Irak mehr gäbe. Das heißt für viele: Ihr Schutzstatus wird ihnen entzogen und es kommt immer häufiger zu Abschiebungen in ein Land, das keinerlei Zukunft für sie bereithält. Diejenigen, deren Status bis jetzt noch nicht revidiert wurde, hatten darauf gesetzt, dass ihre Familienangehörigen, die weiter in Camps im Irak leben müssen, nachgeholt werden können. Dafür warteten sie, ließen unzählige bürokratische Prozeduren über sich ergehen, nur um nun zu erfahren, dass aus all dem nichts wird, denn der Familiennachzug wird, wie es heißt, für zwei Jahre ausgesetzt. Was dies für Betroffene bedeutet, kann man sich nur schwer ausmalen.</p>
<p>Überhaupt, um beim Thema zu bleiben, sind es kleine Meldungen in den Medien, die dann große und verheerende Folgen haben, von denen kaum jemand etwas erfährt. Als eine seiner ersten Amtshandlungen strich US-Präsident Donald Trump einen Großteil der amerikanischen Entwicklungshilfe und kündigte an, USAID abwickeln zu wollen. Damit fielen quasi über Nacht weltweit 40 Prozent aller internationalen Hilfen weg – natürlich mit katastrophalen Auswirkungen in unzähligen Ländern.</p>
<p>Diese Entscheidung traf auch – fast möchte man sagen: wie sollte es anders ein? – all jene Êzîd:innen, die weiterhin, elf Jahre nach dem Genozid, in IDP-Camps leben müssen. Auf einen Schlag verschlechterte sich die Gesundheits- und Sozialversorgung noch einmal, Kindergärten wurden geschlossen, und selbst an der Müllabfuhr hapert es seitdem.</p>
<p>Unsere êzîdischen Kolleg:innen, die seit 2014 für Wadi in den Camps tätig sind, haben in den letzten Monaten eine Bestandsaufnahme der Lage gemacht. Wir haben dies zum Anlass genommen, in Erbil eine Konferenz zu organisieren, um lokale und internationale Medien, Regierungsvertreter:innen aus dem Irak und Mitarbeiter:innen europäischer Konsulate über die Lage vor Ort zu informieren und zu besprechen, was man nach Wegfall der US-amerikanischen Gelder unternehmen könnte, damit sich die Lebensbedingungen der Campbewohner:innen nicht noch weiter verschlechtern.</p>
<p>Natürlich ist auch uns bewusst, dass Konferenzen, Appelle und Berichte in der Regel wenig ändern, ja oft nur aktivistischer Ausdruck der eigenen Ohnmacht sind. Diese Konferenz allerdings war ein ausdrücklicher Wunsch, geäußert von den Partrnerorganisationen der „Active Citizenship“-Kampagne, die wir gerade mit großer Resonanz im Nordirak umsetzen. Im Zentrum dieser Kampagne steht, wie wir schon im vergangenen Rundbrief länger ausgeführt haben, das Konzept von aktiver bürgergesellschaftlicher Organisation und Partizipation, wie etwa der Anspruch, dass alle Bürgerinnen und Bürger vor dem Gesetz gleich und mit gleichen Rechten ausgestattet sind.</p>
<p>Dies gilt sowohl für heimatvertriebene Êzîd:innen wie auch für alle anderen Iraker:innen. So war es der Wunsch und Anspruch der „Active Citizenship“-Kampagne, das Elend in den Camps als eines von Mitbürger:innen zu adressieren und nicht etwa als humanitäres Problem einer bedauernswerten Minderheit.</p>
<p>Diesen Ansatz und Anspruch hatten wir schon immer, und wir haben in allen Projekten versucht, ihn umzusetzen. Daher ist es in so trüben Zeiten wie den heutigen sehr erfreulich, zu sehen, welche Bedeutung inzwischen dieses Konzept von Citizenship gerade unter jüngeren Menschen nicht nur in Irakisch-Kurdistan und dem Irak hat.</p>
<p>Nach dem überraschenden Sturz der furchtbaren Assad-Diktatur durch Milizen der islamistischen HTS waren viele Syrerinnen und Syrer, die das Ende dieses Regimes überall feierten, nicht nur konfrontiert mit all dem Horror, der sich ihnen zeigte, als sich die Türen der berüchtigten Foltergefängnisse öffneten. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gab es auch Freiräume, sich zu organisieren, und die Menschen nutzten das ausgiebig. In Damaskus gründete sich vor einiger Zeit die <a href="https://wadi-online.de/2025/03/27/syrisch-kurdische-parteien-einigen-sich-auf-gemeinsame-haltung-gegenuber-damaskus/">„Syrian Equal Citizenship Alliance“</a>, eine Plattform aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen, kleineren Parteien und anderen Akteuren. <em>„Die Religion gehört Gott und die Heimat gehört allen“</em> ist einer ihrer Slogans. Seit Jahren schon stehen wir mit unterschiedlichen Partnern aus der syrischen Opposition in Kontakt, haben unter anderem das Projekt „Vom Untertan zum Bürger“ mit ihnen durchgeführt und sind nun froh, das im Irak gesammelte Wissen und Know How erneut in Syrien nutzbar machen zu können. So haben Wadi-Mitarbeiter:innen im Januar eine Reise nach Syrien unternommen und sich dort mit Partnern ausgetauscht. Nun arbeiten wir daran, das Active Citizenship Konzept auch dort umzusetzen. Die syrische Gesellschaft steht vor schier unbewältigbaren Herausforderungen, das Land ist weitgehend zerstört, die Infrastruktur liegt am Boden, 80 Prozent der Menschen leben unter dem Existenzminimum. Dazu kommen all die politischen und sozialen Spannungen sowie das tiefe Misstrauen vieler Menschen, darunter auch unserer Partner, ob die neue Regierung ihre Versprechen einhält oder das Land doch schleichend in einen islamischen Staat verwandeln will.</p>
<p>Wir jedenfalls werden, wie wir das im Irak seit nunmehr fast 35 Jahren tun, im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen, Initiativen und Projekte zu unterstützen, die Entwicklung und Citizenship miteinander verbinden.</p>
<p>Ebenso führen wir unsere Kampagnen gegen Gewalt und Genitalverstümmelung und für Umwelt- und Klimaschutz gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort im Irak fort – auch wenn sich angesichts der allgemeinen Entwicklung vieles noch einmal schwerer gestaltet, denn der Wegfall amerikanischer Hilfsgelder macht sich überall bemerkbar. Natürlich verändern sich dadurch auch Prioritäten: Wo Menschen akut von Hunger, Krankheit oder dem Verlust ihrer Wohnungen bedroht sind, muss geholfen werden. Da Geld knapp ist, geht dies auf Kosten all jener Projekte und Programme, die wie unsere nicht auf Nothilfe, sondern langfristige Entwicklung und Veränderung zielen.</p>
<h3><strong>Kinderrechte, Frauenrechte, Menschenrechte – eine Kampagne von Wadi e.V.</strong></h3>
<div id="attachment_7439" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7439" class="wp-image-7439 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Demokratie-lernen-©-Wadi-e.V-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7439" class="wp-caption-text">Gemeinsam Demokratie lernen © Wadi e.V.</p></div>
<p>Im Sommer begann Wadi e.V zusammen mit seinen lokalen Partnerorganisationen eine Kampagne zur Stärkung der Rechte von Kindern und Jugendlichen. Es ging dabei um die sowohl international als auch in der irakischen Verfassung verbrieften Rechte auf Bildung und das Aufwachsen ohne Gewalt. Die Mitarbeiter:innen, die regelmäßig Kinder in Dörfern und Schulen besuchen, waren entsetzt, dass viele von ihnen noch nie davon gehört hatten, dass sie Rechte haben und diese sogar einklagbar sein sollten. Immerhin stellten sie auch fest, dass in jenen Schulen, mit denen wir seit einigen Jahren im Rahmen unserer Anti-Gewalt Kampagne kooperieren, das Wissen um solche Rechte deutlich ausgeprägter war. Das ist ein kleiner Trost in Zeiten, die insgesamt so wenig tröstlich sind.</p>
<p>Die Kinder und Jugendlichen, die durch diese Kampagne zum ersten Mal von ihren Rechten hörten, sind keineswegs Ausnahmen. Ganz im Gegenteil, erst langsam wird bekannt, wie wenig die Rechte von Kindern, auf die so gerne und oft in Sonntagsreden verwiesen wird, weltweit überhaupt zählen. Auch hier bleibt der Glaube an Fortschritt leider Illusion.</p>
<p>Einem jüngst veröffentlichten <a href="https://news.un.org/en/story/2024/10/1155566">Bericht der Weltgesundheitsorganisation</a> (WHO) zufolge erlebt <em>„insgesamt mehr als eine Milliarde Minderjährige jedes Jahr Gewalt. Bei drei von fünf Kindern und Jugendlichen sei es körperliche Gewalt zu Hause, bei jedem fünften Mädchen und jedem siebten Jungen sexuelle Gewalt.“</em> Zudem leidet <a href="https://www.unicef.lu/not-the-new-normal-2024-one-of-the-worst-years/?_adin=132415900">laut UNICEF</a> im Jahr 2024 eines von vier Kindern weltweit unter schwerer Unter- beziehungsweise Mangelernährung während, so die Organisation weiter, mehr als 250 Millionen Kinder an keinerlei Schulunterricht teilnehmen.</p>
<p>Das sind die nüchternen Zahlen und sie sprechen Bände davon, wie alle vollmundigen Erklärungen sich als Makulatur erweisen, man wolle zumindest den Hunger von Kindern in Zeiten, in denen eigentlich genug für alle da wäre, beenden oder allen wenigstens die Teilnahme an Grundbildung ermöglichen.</p>
<p>Erinnert man heute den John F. Kennedy zugeschriebenen Satz, Kinder seien <em>„die lebendige Botschaft, die wir in eine Zeit senden, die wir nicht mehr erleben werden“</em>, so spricht aus ihm, anders als vor über vierzig Jahren, nicht Hoffnung, sondern er ist eher Ausdruck kläglichen Scheiterns. So nämlich haben die Zeiten sich geändert. Nicht nur in den USA. In Deutschland machten einst die Grünen mit dem etwas kitschigen Slogan, man habe diesen Planeten von seinen Kindern nur geborgt, Wahlkampf, so wie überhaupt die bessere Zukunft für <em>„unsere“</em> oder <em>„die“ </em>Kinder in aller Munde war. Diese Idee kann man vermutlich sogar als grundsätzlichen Glaubenssatz der Moderne auffassen, der lange klassenübergreifend geteilt wurde und den mittelalterlichen Glauben ans Seelenheil im Jenseits quasi ablöste.</p>
<p>Schon dieser kleine, aber feine Unterschied, ob es denn <em>„unseren“</em> oder <em>„allen“</em> Kindern besser gehen solle, verweist auf jenen Widersinn, von dem Max Horkheimer 1939 schrieb. Denn, man kennt es aus unzähligen US-Filmen, der Kampf ums Überleben oder Wohlergehen der eigenen Familie kann oft aus ganz egoistischen Motiven geführt werden, ja ganz bewusst die Schädigung anderer in Kauf nehmen. Schnell kann die Sorge um <em>„unsere“</em> Kinder umschlagen in die Idee, es müssten dann notfalls eben <em>„andere“</em> den Kürzeren ziehen. Anders ausgedrückt, der Citoyen, der einst mit dem Versprechen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für alle Menschen und damit auch alle zukünftigen antrat, verwandelt sich schnell in den Bourgeois, dem ein Wohlergehen vornehmlich des eigenen Nachwuchses zum zentralen Anliegen wird.</p>
<p>Nun scheint es dieser Tage so, als sei, zumindest in der westlichen Welt, diesem selbst der Glaube an die Zukunft der eigenen Kinder abhandengekommen, denn fast alle Länder Europas gelten inzwischen als so genannte <em>„aging societies“</em> oder, um es mit John F. Kennedy auszudrücken, immer weniger potentielle lebendige Botschaften an eine zukünftige Zeit kommen hier überhaupt noch zur Welt. Noch mehr aber fällt auf, dass in den USA, wo Kinder und Familie einstmals von der Politik und der Populärkultur sehr ins Zentrum gestellt wurden, Töne wie die von John F. Kennedy eigentlich nicht mehr vernehmbar sind.</p>
<p>Ausgerechnet in dem Land also, dessen Bewohner, gerade auch im Vergleich mit Europa, früher zu notorischem Optimismus neigten und wo in Hollywood das Happy End erfunden wurde, gewann nun ein Kandidat die Wahl, der die Zukunft meist in düsteren Farben zeichnet und sich in seinen Reden vornehmlich in dystopischen Visionen ergeht. Ausgerechnet in den USA, die früher vom unerschütterlichen Vertrauen in ein stetig lebenswerteres Morgen geprägt war, versprach dieser Kandidat im Wahlkampf, vergangene Größe wiederherzustellen. So stellt der linksliberale britische <a href="https://www.theguardian.com/us-news/2024/nov/09/the-us-has-lost-faith-in-the-american-dream-is-this-the-end-of-the-country-as-we-know-it">Guardian in einem Kommentar zur Wahl</a> auch treffend fest, ausgerechnet den Amerikanern sei offenbar der Glaube an die Zukunft verloren gegangen.</p>
<p>Wenn aber der Blick nach vorn sich eigentlich rückwärts wendet, man, was vergangen ist, wiederbeleben möchte – und genau dies erträumen momentan global immer mehr Regierende –, so ist es um reale Zukunft und damit auch die von denen, die ihr Leben noch vor sich haben, schlecht bestellt. Und das ist die überwältigende Mehrheit der Weltbevölkerung im so genannten Globalen Süden, denn dort sind, obwohl dort ebenfalls die Geburten zurückgehen, die meisten Menschen jünger als dreißig Jahre.</p>
<p>Wäre der Glaube an Menschheit mehr als nur Ideologie und die Sorge um Kinder eine, die alle auf der Welt umschlösse, gälte es stattdessen gerade jetzt, mit allen Mitteln jenem Slogan vom geborgten Planeten zu seinem Recht zu verhelfen und alles zu tun, auf dass denen, die heute jung sind, wenn schon nicht eine bessere, so doch wenigstens irgendeine lebenswerte Zukunft geboten wird.</p>
<p>Von etwas, das auch nur annähernd nach einfachem und grundvernünftigem Programm klingt, scheint die Menschheit heute allerdings weiter entfernt als zuvor. Eigentlich nichts spricht nämlich dafür, dass in den kommenden Jahren weniger gehungert, geschlagen oder die natürlichen Ressourcen geplündert würden.</p>
<p>Zugleich werden, wie es schon jetzt überall geschieht, die vergleichsweise geringen Gelder, die global dazu aufgewendet werden, um diese Missstände zu bekämpfen, weiter gekürzt. Dazu muss man nicht über den Atlantik schauen, auch der Bundeshaushalt für 2025 sah drastische Einschnitte in diesem Bereich vor. Während Hilfsgelder gekürzt wurden, stiegen die Ausgaben für Grenzsicherung erneut massiv an. Denn Kriege, Armut, Klimawandel und Unterdrückung nehmen, wie gesagt, nicht ab, sondern zu, und deshalb auch globale Fluchtbewegungen. Die Zahl derer, die von der UN als Flüchtlinge oder Binnenvertriebene (IDPs) registriert sind, übersteigt inzwischen 120 Millionen, fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.</p>
<p>Kurzum, die Entwicklungen sind so, dass man einmal mehr resigniert aufgeben möchte. Umso wichtiger ist es deshalb, all dem ohne große Attitüde ein Trotzdem entgegenzustellen, indem, zum Thema passend, ja auch der Trotz zum Ausdruck kommt, mit dem Kinder sich gegen Zustände oder Vorschriften wehren, die sie als Zumutung empfinden.</p>
<p>Es ist <u>trotzdem</u> möglich, auch innerhalb der herrschenden Verhältnisse, die so wenig Anlass zur Hoffnung geben, nicht nur im Kleinen für Veränderungen zu sorgen, sondern auch weiterhin an jener Idee festzuhalten, die im Begriff Menschheit aufgehoben ist. Dies gilt ganz besonders für die neue „Active Citizenship- Kampagne“ von Wadi e.V., ebenso wie im Rückblick, etwa auf zwanzig Jahre rollende Spielmobile. Wadi e.V. wird gemeinsam mit allen lokalen Partnern auch im kommenden Jahr – eben trotzdem – weitermachen, immerhin im nunmehr 34ten Jahr seines Bestehens.</p>
<h3><strong>„Acitive Citizenship“ – basisdemokratisch, bürgerorientiert und interdisziplinär</strong></h3>
<p>(<strong>Isis Elgabali</strong>, Mitarbeiterin von Wadi Deutschland)</p>
<div id="attachment_7440" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7440" class="wp-image-7440 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Green-City-Halabja-©-Wadi-e.V.-2-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7440" class="wp-caption-text">Green City Halabja © Wadi e.V.</p></div>
<p>Im letzten Jahr hat Wadi zusammen mit seinen Partnern eine neuen basisdemokratischen, bürgerorientierten und interdisziplinären Ansatz für unsere Arbeit entwickelt – das Konzept <em>„Active Citizenship“</em>. In diesen Ansatz fließen viele Jahre Erfahrung aus konkreter Projektarbeit vor Ort ein, vor allem auch die Erkenntnis, welche Konzepte funktionieren und welche nicht.</p>
<p>Es stellt sich immer wieder heraus, dass zwar in Entwicklungszusammenarbeit viel von Nachhaltigkeit, Grassroots und Zivilgesellschaft die Rede ist, die Praxis dann aber oft leider ganz anders aussieht. Das führt immer öfter auch dazu, dass Hilfsorganisationen vor Ort generell äußerst kritisch gesehen werden und eben nicht als der richtige Ansprechpartner, wenn es um basisdemokratische Veränderungen geht. Deshalb steht <em>„Citizenship“</em>, also die Idee aktiven bürgerschaftlichen Engagements, auch im Zentrum dieses neuen, auf mehrere Jahre angelegten, Programms.</p>
<p>2017 hatte Wadi für Nordsyrien und Irakisch-Kurdistan, auch als Reaktion auf die Umwälzungen in Folge des arabischen Frühlings in der Region, das damals sehr erfolgreiche Projekt <em>„Vom Untertan zum Bürger“</em> entwickelt, das Menschen die lokale Demokratie und Formen bürgerschaftlicher Teilhabe näherbrachte. Jetzt wird dieser Faden noch einmal aufgenommen, aber mit einem etwas anderen Ansatz. Das neue Programm ist eher praktisch orientiert und konzentriert sich auf die Entwicklung eines selbstbewussten Bürgerrechtsverständnisses und den Aufbau von sinnvollen Netzwerken und Strukturen um bestimmte Themen herum, wie etwa <em>„Umwelt“</em>. Es geht darum, verschiedene Gruppen und Institutionen zusammenzubringen, um gemeinsam an einem Problem zu arbeiten. Im Jahr 2024 konnten der Ansatz auf viele lokale Partnerorganisationen ausgeweitet werden, unterstützt vom niederländischen Konsulat im Irak.</p>
<p>Langfristiges Ziel des Programms ist es, an einem neuen Verständnis von aktiver Bürgerschaft zu arbeiten. Es geht darum, verschiedene Teile der Gesellschaft &#8211; zivilgesellschaftliche Organisationen, lokale Gemeinden, Studenten, Schulen, Religionsgemeinschaften, verschiedene ethnische Gruppen, lokale Journalist:innen, Bürgerjournalist:innen, Gesundheitsexpert:innen und Aktivist:innen zusammenbringen, um Aktivitäten und Projekte zu entwickeln, bei denen die aktive Teilhabe als Bürger:innen im Mittelpunkt steht. Umwelt, öffentliche Gesundheit, bürgerschaftliches Engagement von Studenten, Bürgerjournalismus und Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt sind die zentralen Themen dieses Programms. All diese Themen haben untereinander Berührungspunkte, und zum ersten Mal können wir sie auf kohärente Weise angehen, weil wir diese Berührungspunkte bewusst nutzen und auf dieser Grundlage Netzwerke schaffen.</p>
<p>Dies geschieht in einer kritischen Zeit in der kurdischen Autonomieregion; gerade haben Wahlen stattgefunden, und viele Menschen sind vollauf mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Spricht man mit einem durchschnittlichen Menschen auf der Straße, hört man häufig, dass die Dinge nicht gut laufen. Viele empfinden große Frustration, da sie das Gefühl haben, der Gesellschaftsvertrag sei gebrochen. In einem der Seminare brachte eine Teilnehmerin es zugespitzt so auf den Punkt: <em>„Die Bürger betrachten den Staat als Feind und der Staat betrachtet die Bürger als Feind.“</em></p>
<p>Es mangelt an Vertrauen in die Regierung und auch in große internationale Hilfsorganisationen, die oft eher wie Megakonzerne daherkommen und so gar nicht als Akteure wahrgenommen werden, mit denen vor Ort Betroffene zusammenkommen und gemeinsam nach Lösungen suchen können. Nach einer langen Planungs- und Diskussionsphase, in der Wadi zusammen mit allen Partnern in einem über 80-seitigen Dokument die verschiedenen Probleme und mögliche Lösungen zu Papier brachten und intensiv mit den Kollegen vom niederländischen Konsulat diskutierten, die ihre, nämlich die staatliche, Sicht einbrachten, während wir die nicht-staatliche vertraten, begann im Sommer eine erste Pilotphase dieses Programms.</p>
<p>So begannen unter anderem in Halabja Aktivitäten der langjährigen <a href="https://nwe-organization.org/about/">Partnerorganisation NWE</a> zur Umweltproblematik, und zwar in Form von Bürgerräten unter freiem Himmel, in denen die grundlegenden Ideen des Projekts über interaktive Spiele vorgestellt wurden. Außerdem gab es Präsentationen der örtlichen Jugendlichen über die Umweltprobleme in ihren Gemeinden sowie anschließende Diskussionen. Die Jugendlichen wurden in Teams aufgeteilt und mussten Lösungen für die Umweltprobleme der jeweils anderen erarbeiten. Die Idee bestand darin, konkret darüber nachzudenken, wie man lokale demokratische Strukturen in diesem Bereich schaffen kann. Es ging darum, mittels Debatten einen Einblick in die Perspektive und Denkweise einer anderen Gruppe zu gewinnen und so ein größeres Verständnis dafür zu entwickeln, wie ein und dasselbe Problem auf verschiedene Weise angegangen werden kann. Zukünftige Aktivitäten werden weiterhin auf diesem Konzept aufbauen; die von den Jugendteams vorgeschlagenen Ideen werden dabei in die Umweltprojekte mit einbezogen.</p>
<p>Im Vorfeld der kurdischen Parlamentswahlen am 20. Oktober 2024 gab es eine Kooperation von <a href="https://kirkuknow.com/en">KirkukNow</a> und <a href="https://adwi-organisation.com/">ADWI</a> („Awareness and Development for Women and Children in Iraq“), um einen Leitfaden für Neuwähler:innen, die mit achtzehn Jahren das erste Mal wählen dürfen, zu erstellen: <em>„Deine erste Stimme“</em>. Vielen fällt es schwer, das Wahlsystem und die vielen Ideologien und politischen Parteien, die zur Auswahl stehen, zu verstehen. Die Mitarbeiter:innen von Wadi haben sich die Zeit genommen, den Wahlprozess in Kurdistan ausführlich zu erklären – wohin ihre Stimme geht und wie sie sie richtig abgeben! <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rNIvSlTxCGM&amp;feature=youtu.be">Das zugehörige Video</a> erläuterte ebenfalls wichtige Fragen. Der Produktionsprozess dieses Videos war bereits für sich genommen ein hervorragendes Beispiel für kreative Zusammenarbeit und <em>„Networking“</em>, für den Einsatz neuer Konzepte und neuer Medien.</p>
<p>Ein wichtiger Schwerpunkt des Projekts ist der Aufbau von Netzwerken zwischen Organisationen, um die gemeinsamen Fähigkeiten bestmöglich einzusetzen. Dafür wurden Schulungen zu organisatorischen Themen wie Dokumentation, Finanzmanagement, Budgetplanung und Berichterstattung durchgeführt. Außerdem fördert Wadi den Aufbau von Netzwerken und die Kommunikation zwischen allen Partnern, damit sie von den Fachkenntnissen der anderen lernen und als Organisationen weiterwachsen können.</p>
<p>Alle Partner haben bereits aktiv in ihrem jeweiligen Bereich gearbeitet. Sie berichteten als Journalist:innen über die Wahlen. Sie arbeiteten mit Schulen und Jugendlichen, um demokratische Prozesse und Partizipation zu fördern. Sie erweiterten die Recycling-Infrastruktur. Sie intensivieren bestehende Kampagnen gegen Gewalt und zur Stärkung von Kinder- und Jugendrechten. Sie engagierten sich für die Umwelt und förderten dafür die Selbstorganisation an Schulen, in Universitäten und Flüchtlingslagern. Im Jahr 2025 werden das Feedback der Teilnehmenden an den Aktivitäten vor Ort ausgewertet und mit den Netzwerkpartnern fortgesetzt. Der Erfolg lässt sich auch durchaus sehen. Beispielsweise meinte ein êzîdischer Teilnehmer eines Citizen-Workshops, es sei das erste Mal seit zehn Jahren – den Massakern des Islamischen Staates –, dass mit Wadi e.V. eine Organisation gekommen sei, um die Menschen über ihre Rechte als Bürger:innen aufzuklären, umso wichtiger sei dies, weil viele Menschen in den Flüchtlingslagern nicht wissen, wie sie ihre Rechte einfordern sollen und können, auch wenn sie ja auch irakische Staatsbürger:innen seien.</p>
<h3><strong>Ein zwanzigjähriges Jubiläum: Das Spielbusprogramm in Irakisch-Kurdistan</strong></h3>
<p><strong>(Bakhan Jamal</strong>, Projektkoordinatorin von ADWI, Suleymaniah)</p>
<div id="attachment_7441" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7441" class="wp-image-7441 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Gemeinsam-Sport-treiben-©-Wadi-e.V-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7441" class="wp-caption-text">Gemeinsam Sport treiben © Wadi e.V.</p></div>
<p>2004 fuhr zum ersten Mal ein Wadi-Spielbus in entlegene Dörfer im Nordirak. Damals war die Idee Spielplätze- und -möglichkeiten an Orte zu bringen, an denen es so etwas nicht gab, noch völlig neuartig. Sie hat sich so bewährt, dass die Busse seit nunmehr zwanzig Jahren fahren und aus einem Bus vier geworden sind. Sie erfüllen dabei auch eine wichtige Rolle für Familien und lokale Gemeinschaften, deren Alltag oft nur wenig Raum für kindliche Bildung und Freizeitgestaltung lässt.</p>
<p>Das Spielbusprojekt wurde damals in der Region Germian unter der Leitung von Wadi ins Leben gerufen. Aufgrund des großen Erfolgs wurde es später auf die Regionen Ranya und Erbil ausgeweitet, wodurch noch mehr bedürftige Kinder erreicht werden konnten. Im Jahr 2019 wurde die Verantwortung für das Projekt an die lokale Organisation „Awareness and Development for Women and Children in Iraq“ (ADWI) übertragen. Diese Übergabe erfolgte im Rahmen einer langfristigen Strategie von Wadi, erfolgreiche Projekte auszugliedern und die Verantwortung an lokale Akteure zu übergeben. Inzwischen betreut Wadi’s Partner Jinda in Dohuk einen vierten Spielbus, der in den Flüchtlingslagern arbeitet, in denen Êzîd:innen leben, die 2014 vor dem Islamischen Staat geflohen sind.</p>
<p>Das Spielbus-Team besteht aus drei geschulten Mitarbeiter:innen, die mit einem Bus unterwegs sind, der mit zahlreichen Spielen und Spielzeugen beladen ist. Jeder Besuch gliedert sich in mehrere Phasen, die so gestaltet sind, dass sie Kinder verschiedener Altersgruppen und Interessen ansprechen, von 2 bis 16 Jahren. Nach der Ankunft in einem Dorf oder Stadtteil beginnt das Team mit energiegeladenen Bewegungsspielen, die den Kindern helfen, aktiv zu werden, Kontakte zu knüpfen und durch gemeinsames Toben sich zu öffnen und Verbindungen zu schaffen. Für viele Kinder ist dies eine seltene Gelegenheit, mit echten Spielsachen zu spielen, und ihre Begeisterung ist deutlich spürbar. Ein Kind sagte kürzlich: <em>„Ich freue mich so darauf, mit einem richtigen Ball zu spielen und nicht mit Steinen oder einem kaputten Ball von meinen älteren Brüdern und Cousins.“</em></p>
<p>Nach dieser ersten aktiven Spielstunde versammelt das Team die Kinder zu ruhigeren, kreativen Aktivitäten wie Malen, Färben oder Perlenarbeiten. Bei diesen spielerischen Tätigkeiten haben die Kinder die Möglichkeit, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Dies ist auch eine Gelegenheit für die Teammitglieder, mit den Kindern über wichtige Themen zu sprechen. Dabei kann es sich um aktuelle Ereignisse, Missstände vor Ort, Gesundheitsprobleme oder auch umwelt- und sozialpolitische Fragen handeln. Auch erfahren unsere Teams so, ob unter Umständen Kinder Misshandlungen oder Vernachlässigungen zu Hause ausgesetzt sind und können dann, wenn nötig, intervenieren. Die Sozialarbeiterinnen schaffen einen geschützten Raum, um solche relevanten Themen auf altersgerechte Weise anzusprechen und den Kindern zu helfen, die Welt um sie herum zu verstehen und zu verarbeiten. Anschließend wird der Aufenthalt mit einer weiteren sportlichen Aktivität abgeschlossen, um die Kinder gestärkt und frisch in den Tag zu entlassen.</p>
<p>Wir hören hin und wieder schöne Geschichten darüber, wie der Spielbus wirken konnte. Der Vater eines Kindes mit Autismus drückte seine Dankbarkeit so aus: <em>„Ich habe ein autistisches Kind, das normalerweise nicht mit anderen Kindern spielt. Dank des Spielbus-Teams kommt er endlich aus dem Haus und spielt jetzt gerne draußen. Das hilft ihm, mit anderen in Kontakt zu kommen. Wir freuen uns sehr. Das haben wir dem Spielbus zu verdanken. Es wäre toll, wenn Ihr öfter kommen könntet, damit er noch mehr Fortschritte macht.“</em></p>
<p>Das Spielbus-Team wählt die Spiele und Aktivitäten sorgfältig aus, um den Interessen und Bedürfnissen möglichst aller Kinder gerecht zu werden. Geschlecht, Alter und kulturelle Vorlieben werden dabei berücksichtigt. Dieser integrative Ansatz hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Programm in den Gemeinden so beliebt ist und großes Vertrauen genießt. Auch die Erwachsenen erkennen, dass der Spielbus den Kindern Spiel- und Lernmöglichkeiten bietet, die ihnen sonst möglicherweise nicht zugänglich wären. Dadurch erfährt das Projekt eine überwältigende Akzeptanz &#8211; der Schlüssel für jede erfolgreiche soziale Initiative.</p>
<p>Ein elfjähriges Mädchen aus einem Dorf erzählte einmal: <em>„Wir sind Dorfleute. Wir haben noch nie etwas von Spielplätzen oder Vergnügungsparks gehört. Wir wissen nur, wie man sich um Tiere kümmert und die täglichen Aufgaben erledigt. Unsere Familie nimmt uns nirgendwohin mit, wo wir Spaß haben können.“</em>  Kinder wie dieses Mädchen kennen es nicht, dass man sie nach ihren Wünschen oder Bedürfnissen fragt. Beim Spielbus ist das anders, hier wird auf sie eingegangen. Deshalb ist der Spielbus so etwas Besonderes für sie &#8211; hier können sie einfach nur Kind sein.</p>
<p>Das Spielbusprojekt bereitet den Kindern nicht nur Freude, sondern trägt auch zur Bildung bei und stärkt ihr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Durch die Verbindung von Freizeitgestaltung mit kindgerechten Dialogen kann das Projekt niedrigschwellig Themen wie Gesundheit, soziales Wohlbefinden und Umweltbewusstsein ansprechen und bearbeiten. Der Spielbus bietet nicht nur einen Ort zum Spielen, sondern fördert auch eine Generation, die informiert, engagiert und ihrer Community positiv verbunden ist.</p>
<p>Die im Laufe der Zeit durch den Spielbus aufgebauten Kontakte und Netzwerke haben Wadi/ADWI dazu inspiriert, weiter gehende gemeinschaftsorientierte Initiativen zu starten, wie zum Beispiel die Kampagne <a href="https://wadi-online.de/kampagne-nein-zu-gewalt-2/">„Nein zu Gewalt“</a>. Die Mitarbeiterinnen der Spielbusse hörten von den Kindern immer wieder Berichte darüber, wie rüde und gewaltvoll Kinder von Lehrern oder anderen Autoritätspersonen behandelt werden. Zu diesem Programm passen auch die <a href="https://wadi-online.de/2025/08/27/patriarchaler-kontrolle-entkommen-der-kampf-fur-reproduktive-gesundheit-im-nordirak/">Initiativen gegen Genitalverstümmelung und zur Stärkung der reproduktiven Rechte von Frauen</a>, Motto: „Der patriarchalen Kontrolle entkommen“. So nahm eine Kampagne ihren Anfang, die sich öffentlichkeitswirksam für einen positiven, respektvollen Umgang mit Kindern in Schulen und Familien einsetzt. Ein Kind fragte die Mitarbeiterinnen eines Spielbusses einmal: <em>„Warum seid ihr Sozialarbeiterinnen so nett zu uns? Unsere Lehrer behandeln uns nicht so.“</em>  Solche und ähnliche Reaktionen motivieren die Teams jeden Tag aufs Neue, in abgelegene Dörfer oder benachteiligte Stadtquartiere zu ziehen und dort neben freudigen Erlebnissen auch Mitgefühl, Verständnis und Würde zu fördern und vorzuleben.</p>
<p>Auf ähnliche Weise startete ADWI im Juni 2024 eine <a href="https://wadi-online.de/kampagne-nein-zu-gewalt-2/">Kampagne für Kinderrechte</a>. Diese Initiative entstand aus Gesprächen mit Kindern, die mit ihren Rechten nicht vertraut waren. „Wir hören von unseren Pflichten zu Hause, aber niemand spricht über unsere Rechte“, sagten viele Kinder. Daraufhin nahm ADWI die Aufklärung der Kinder über ihre Rechte in ihr laufendes Active<em> Citizenship Program</em> auf. Kinder in Irakisch-Kurdistan sollen ihre Rechte kennen und über Möglichkeiten, sich im Falle von Übergriffen und Grenzüberschreitungen zu schützen, Bescheid wissen.</p>
<p>Payam Ahmed, ADWI-Teammitglied und Rechtsanwältin aus Erbil, beschreibt die Wirkung des Projekts so: <em>„Es wärmt mir immer wieder das Herz, zu sehen, wie diese Kinder, deren Leben wirklich nicht leicht ist, sich über die Spiele freuen, die wir ihnen bringen. Da spüre ich, wie heilig meine Arbeit ist! Alle Müdigkeit verfliegt, wenn ich sehe, wie die Kinder freudestrahlend auf unseren Spielbus zurennen und alles ausprobieren wollen. Die Dörfer sind oft weit entfernt und wir brauchen ein oder zwei Stunden, um sie zu erreichen, meist über holprige, staubige oder schlammige Straßen. Das erschwert unsere Arbeit. Aber diesen Kindern, die nur selten die Gelegenheit dazu haben, Spiel und Freude zu bringen, ist wichtiger als alle Mühen. Ein weiterer sinnvoller Aspekt unserer Arbeit besteht darin, die Kinder über ihre Rechte aufzuklären, selbst wenn es nur zehn Minuten sind. Als Juristin ist es mir ein besonderes Anliegen, dieses Wissen weiterzugeben, und ich sehe das auch als einen wichtigen Teil meiner Aufgabe an.“</em></p>
<h3><a href="https://wadi-online.de/2024/11/08/plastikrecycling-in-garmyan-neue-losungen-fur-alte-probleme/"><strong>Recyceln von Plastik in Germian</strong></a><strong> – Neue Lösungen für alte Probleme</strong></h3>
<p>(Dieser Abschnitt ist ein Auszug aus einem Artikel, der im Oktober 2024 auf kurdisch vom viersprachigen <a href="https://kirkuknow.com/en">Medienportal Kirkuk Now</a> publiziert wurde. Er dokumentiert die Fortschritte der Umweltkampagne von Wadi und zeigt, dass sie auch in lokalen Medien auf breite Resonanz stößt.)</p>
<div id="attachment_7442" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7442" class="wp-image-7442 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V-1536x1152.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Recyling-Projekt-4-©-Wadi-e.V.jpg 1600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7442" class="wp-caption-text">Recycling Projekt © Wadi e.V.</p></div>
<p>Das Sammeln und Recyceln von Plastikmüll &#8211; ein wichtiger Beitrag zum Umweltschutz &#8211; setzt sich in Germian immer mehr durch. Viele Projekte und Initiativen, die auf dieses Ziel hinarbeiten, wurden von kleinen Betrieben mit einfachsten Maschinen begonnen. Sie recyceln Plastik und schaffen damit nicht nur Arbeitsplätze für junge Menschen, sondern fördern auch das Bewusstsein für Umweltschutz in der Bevölkerung und sorgen ganz konkret für eine sauberere Umwelt.</p>
<p>Einer dieser Betriebe befindet sich in Kifri und ist in einem Haus auf nur 120 Quadratmetern untergebracht. Die Maschinen wurden lokal hergestellt; nur wenige Spezialteile wurden importiert. Beim Aufbau halfen verschiedene NGOs. Die Kosten für die Errichtung der Anlage beliefen sich auf 15.000 US-Dollar, die von Wadi und dem BMZ zur Verfügung gestellt wurden. Die Vorbereitungen begannen Ende 2022; mittlerweile ist auch ADWI in das Projekt eingebunden. Wadi hat bereits ähnliche Projekte in Halabja und in einem Lager für Binnenflüchtlinge (IDPs) in der Provinz Dohuk realisiert. Bakhan Jamal, Projektkoordinatorin von ADWI, berichtet, dass einer der Gründe für die Errichtung des Betriebs in Kifri <em>„die mangelhafte Infrastruktur und die Vernachlässigung des Bezirks ist. Kifri ist eines der Gebiete, die zwischen der irakischen Regierung und der Regionalregierung Kurdistans umstritten sind. Die unklaren Zuständigkeiten betreffen auch den Umweltschutz. Wir sehen bereits schwere Umweltschäden.“</em></p>
<p><em>„Ich begann, zu Hause Plastik zu sammeln und es in den Betrieb zu bringen“</em>, erzählt Sheni Hashem, die mit drei anderen in dem Betrieb arbeitet: <em>„Wir komprimieren täglich 50 Kilogramm Plastikflaschen für Wasser, Shampoo und Speiseöl und verkaufen eine Tonne davon für 140 Dollar.“</em> Ein Teil des Plastikmülls wird recycelt und zu Stühlen und Tischen, Müllbehältern und Blumentöpfen verarbeitet. Dafür wird er zuerst auf hohe Temperaturen gebracht, damit er für die menschliche Gesundheit ungefährlich ist. Die Recyclinganlage in Kifri unterscheidet sich von anderen dadurch, dass sie Plastik nicht nur zerkleinert, sondern daraus auch noch Gebrauchsgegenstände herstellt. Sie kann recyclingfähige Kunststoffmaterialien vom Typ PET und HDPI verarbeiten.</p>
<p>In Kifri sammeln Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, vor allem aber Schulkinder, den Plastikmüll und bringen ihn zu den Recyclinganlagen. Seit sechs Jahren hat Amina Abdullah, eine 56-jährige Frau aus dem Viertel Shahidan im Bezirk Kalar, keinen Plastikmüll mehr weggeworfen. Wenn sie Plastik verwenden muss, sammelt sie es und ruft alle ein bis zwei Monate einen jungen Mann an, der den Plastikmüll abholt und zu den Zerkleinerungsanlagen bringt: <em>„Ich habe viel über die Gefahren von Plastik gehört. Ich verwende es selten, weil es die Umwelt verschmutzt und meine Gesundheit und die meiner Kinder beeinträchtigt.“</em> Als Umweltaktivistin sensibilisiert sie für das Thema, angefangen bei ihren Kindern. <em>„Ich habe zwei verheiratete Töchter, denen ich auch gesagt habe, dass sie Plastikmüll sammeln und zur Recyclinganlage bringen lassen sollen.“ </em>Sie glaubt, dass ohne die Recyclinganlagen der ganze Müll einfach in der Umwelt landen würde. <em>„Täglich liefern mir Jugendliche mit ihren dreirädrigen Motorrädern Recyclingmaterial an. Wir haben sie dazu gebracht, altes Plastik einzusammeln, das auf den Straßen liegt. Damit verdienen sie bei uns etwas Geld,“</em> so Omid Ali. <em>„Heute konkurrieren die jungen Männer darum, wer am meisten Plastikmüll sammelt und zu uns bringt; früher waren die Straßen voller Müll, vor allem in den Geschäftsvierteln.“</em> Der Recyclingbetrieb stellt große Eisenkörbe zur Verfügung, um den Müll zentral zu sammeln: <em>„Die Menge des täglich gesammelten Plastiks ist gestiegen, und in Schulen und Kindergärten besteht eine große Nachfrage nach den Recyclingprodukten unseres Betriebs“</em>, bestätigt auch Sheni Hashem, die ursprünglich zu Hause arbeitete und nun von all ihren Freunden und Verwandten beim Plastiksammeln unterstützt wird.</p>
<p>Bakhan Jamal berichtet, dass insgesamt 18 Sammelbehälter aufgestellt wurden, um Wasserflaschen in Schulen, vor Sportstudios und an öffentlichen Orten zu sammeln: <em>„Wir haben auch im Nachbarbezirk Kalar 10 Behälter an Schulen und öffentlichen Plätzen aufgestellt.“ „Wenn der Plastikmüll in Kalar nicht verkauft wird, wird er zum Recyclingbetrieb nach Kifri transportiert,“</em> erklärt Jamal. Eines der Ziele ist dabei, ein Netzwerk von Schulen, Fitnessstudios, öffentlichen Gebäuden, Regierungsbehörden und Restaurants aufzubauen. <em>„Wir wollen diese Einrichtungen miteinander verbinden und den Austausch unter ihnen fördern, um gemeinsam zum Schutz der Umwelt beizutragen. Unser Motto ist Green Germian!“ „Die Erziehung zu mehr Umweltbewusstsein ist einer der wichtigsten Aspekte unseres Projekts. Für uns ist es wichtig, Kindern von klein auf Plastikvermeidung beizubringen und sie über die Gefahren von Plastik und Möglichkeiten des Recyclings zu informieren“</em>, sagt Jamal. Deshalb hat der Recyclingbetrieb in Kifri schon an 30 Schulen Aufklärungskampagnen organisiert; diese Aktivitäten wollen sie auf fast 100 Bildungszentren vom Kindergarten bis zur Mittelschule ausweiten. Bakhan Jamal bestätigt: <em>„Die Bildungsdirektion arbeitet mit uns zusammen und hat uns erlaubt, Plastiksammelboxen in Schulen aufzustellen. Die Gemeinde und das Bildungsministerium sind von der Relevanz des Recyclingbetriebs überzeugt, aber darüber hinaus wurden bis jetzt noch keine weiteren Schritte unternommen.“</em> Sie glaubt, dass die für das Projekt und das Recycling von Plastikmüll nötige Überzeugungsarbeit noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird: <em>„Die Trennung von Müll ist für die Menschen hier noch lange keine Selbstverständlichkeit.“</em></p>
<p>Wadi unterstützt neben drei Recycling-Centern eine Fülle anderer Umweltprojekte, die im Internet unter <a href="https://wadi-online.de/keep-kurdistan-green/">„keep-kurdistan-green“</a> dokumentiert sind.</p>
<h3><strong>Die Selbstorganisation von Partnern unterstützen</strong></h3>
<p>(Beitrag von Wadi e.V.)</p>
<div id="attachment_7443" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7443" class="wp-image-7443 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Erste-Hilfe-Kurs-©-Wadi-e.V-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7443" class="wp-caption-text">Erste Hilfe Kurs © Wadi e.V.</p></div>
<p>Wadi unterstützt seit je her die Selbstorganisation von Partnern. Ein ganz besonderes Beispiel ist die Organisation <strong>Zinobia</strong>, die seit diesem Jahr im Norden Syriens Binnenvertriebene unterstützt. Denn sie entstand als Initiative von einigen Syrerinnen und Syrern, die sich zuvor auf Lesbos in Griechenland bei den <a href="https://wadi-online.de/2025/04/13/aktivitaten-der-moria-white-helmets-in-lesbos-fur-2024/">„Moria White Helmets“</a> engagiert hatten, einer der Flüchtlingsselbsthilfsorganisationen, denen Wadi bei der Gründung 2020 mitten im Corona-Chaos beigestanden haben und die seitdem als unsere Partner im Flüchtlingslager wichtige Arbeit leisten. Einige davon sind auch nach ihrer Anerkennung in Griechenland geblieben und haben nun ihre eigene Organisation gegründet – eben Zinobia, benannt nach der berühmten antiken Königin aus Palmyra. Sie organisieren nun Hilfe vor Ort für die nordsyrische Region Idlib, die weiterhin nicht unter Kontrolle des Assad-Regimes steht und in der hunderttausende Binnenvertriebene aus anderen Teilen des Landes unter katastrophalen Bedingungen leben müssen. So ist aus einem Partner, den „Moria White Helmets“, deren wichtige Arbeit Wadi auch weiterhin in Griechenland unterstützen will, ein neuer entstanden, und wir versuchen nach Kräften auch Zinobia dabei zu unterstützen, in den syrischen Camps zu helfen.</p>
<p>Ebenfalls aus der Arbeit in Griechenland kennt Wadi viele Flüchtlinge aus dem Gazastreifen, die sich 2020 in Leros selbst organisierten. Inzwischen leben die meisten in anderen europäischen Ländern. Einige waren in der Vergangenheit schon im Gaza Youth Movement (es gibt allerdings mehrere Gruppierungen, die diesen Namen beanspruchen) aktiv, einer Gruppe, die 2019 die Proteste gegen die Hamas in Gaza organisierte. Nun wollen sie auch in Europa weitermachen. Wie schon damals wünschen sie, gerade angesichts der jüngsten katastrophalen Entwicklung in ihrer ehemaligen Heimat, eine Zukunft ohne Krieg, Unterdrückung und Fanatismus. Es sind dies etwas andere Stimmen aus Gaza, die man viel zu selten vernimmt. Gemeinsam mit einer Gruppe von Israelis haben sie die <strong>Initiative „Freedom and Peace“ </strong>(inzwischen umbenannt in <a href="https://gazel4peace.com/">GazEl4Peace</a> – Together for freedom and trust), ins Leben gerufen, um eine Plattform in Europa zu schaffen, auf der sich Palästinenser:innen und Israelis, die – der Name ist Programm – eine gemeinsame Zukunft in Frieden und Freiheit wünschen, treffen, austauschen und gemeinsame Aktionen und Projekte planen können.</p>
<p><strong>Basma Aldikhi</strong>, Mitarbeiterin von Wadi e.V. in Dohuk, <strong>Ilis Eligabali</strong>, Mitarbeiterin von Wadi Deutschland, <strong>Bakhan Jamal</strong>, Projektkoordinatorin von ADWI, Suleymaniah, <strong>Thomas von der Osten-Sacken</strong>, Geschäftsführung von Wad, Frankfurt am Main / Suleymaniah (Anmoderation und Lektorat: <strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn, Auswahl des Eingangszitats Thoms von der Osten-Sacken</p>
<p>(Anmerkungen: Der Beitrag beruht auf Informationen und Beiträgen der <a href="https://wadi-online.de/category/publikationen/rundbriefe/">Rundbriefe von WADI</a> vom Winter 2024 / 2025 und vom Sommer 2025. Die Beiträge wurden für die Veröffentlichung im Demokratischen Salon im September 2025 bearbeitet, Internetzugriffe zuletzt am 4. September 2025. Das Titelbild zeigt eine Demonstration im Lager Khanke für den Erhalt der dortigen Schule © Wadi e.V.)</p>
<div id="attachment_7444" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7444" class="wp-image-7444 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-300x210.jpg" alt="" width="300" height="210" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-200x140.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-300x210.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-400x280.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-600x420.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-768x538.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-800x560.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V-1024x717.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/30-Jahre-Wadi-Rundbriefe-©-Wadi-e.V.jpg 1118w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7444" class="wp-caption-text">30 Jahre Wadi-Rundbriefe © Wadi e.V.</p></div>
<h3><strong>Weitere Beiträge im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> zum Thema</strong>:</h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/neues-syrien-neue-levante/">Neues Syrien, neue Levante?</a> Thomas von der Osten-Sacken über Chancen einer syrischen Demokratie, Februar 2025.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/prioritaet-menschenrechte/">Priorität Menschenrechte</a> – ein Gespräch mit dem Außen- und Menschenrechtspolitiker Max Lucks, Januar 2025.</li>
<li>Norbert Reichel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Weil sie Êzîd:innen sind</a> – Der 74. Völkermord – Zehn Jahre nach dem 3. August 2014, August 2024.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/irakischer-alltag-und-europa/">Irakischer Alltag und Europa</a> – ein Gespräch mit Thomas von der Osten-Sacken, Geschäftsführer von Wadi e.V. Juli 2023.</li>
</ul>
<h3><strong>Spenden für Wadi e.V.</strong>:</h3>
<p>Wadi wird auf unterschiedlichen Wegen finanziell unterstützt, beispielsweise bei den Spielbussen durch das Deutsche Generalkonsulat in Erbil. Die Unterstützung bezieht sich jedoch oft nur auf wenige Monate und auf Anschaffungskosten (Anschubfinanzierung). Eine wichtige Grundlage für die Kontinuität der Arbeit sind Spenden. Wer für Wadi e.V. spenden möchte, kann dies über das Konto über das Konto Postbank Frankfurt, IBAN: DE43 5001 0060 0612 305602, BIC: PBNKDEFF tun.</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Wir sind Sternenstaub</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-sind-sternenstaub/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 03 Sep 2025 08:42:54 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7430</guid>

					<description><![CDATA[<p>Wir sind Sternenstaub Carl Sagan – Wissenschaftler, Visionär, Ratgeber der Menschheit „Wie lange ist eine Milliarde Jahre? In einer Milliarde Jahren wäre der Kontinent Erde so verändert, dass wir die Oberfläche unseres eigenen Planeten nicht mehr erkennen würden. Vor eintausend Millionen Jahren waren die komplexesten Lebensformen auf der Erde Bakterien. Inmitten des nuklearen Wettrüstens  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Wir sind Sternenstaub</strong></h1>
<h2><strong>Carl Sagan – Wissenschaftler, Visionär, Ratgeber der Menschheit</strong></h2>
<p><em>„Wie lange ist eine Milliarde Jahre? In einer Milliarde Jahren wäre der Kontinent Erde so verändert, dass wir die Oberfläche unseres eigenen Planeten nicht mehr erkennen würden. Vor eintausend Millionen Jahren waren die komplexesten Lebensformen auf der Erde Bakterien. Inmitten des nuklearen Wettrüstens schien unsere Zukunft, selbst auf kurze Sicht, eine zweifelhafte Angelegenheit zu sein. Diejenigen von uns, die das Privileg hatten, an der Erstellung der Voyager-Botschaft mitzuwirken, taten dies mit einem Gefühl der heiligen Absicht. Es war vorstellbar, dass wir wie Noah die Arche der menschlichen Kultur zusammensetzten, das einzige Artefakt, das bis in die unvorstellbar ferne Zukunft überleben würde.&#8220; </em>(Carl Sagan, in: Billions and Billions. Thoughts on Life and Death at the Brink of the Millennium, 1997)</p>
<p>Die Menschheit im zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts braucht Ratgeber und Visionäre, die in der Lage sind, Zuversicht zu geben, um die drohenden Katastrophen des Anthropozäns zu verhindern. Ratgeber, die gehört werden, weil sie uneigennützige und die Kulturen übergreifende Vorschläge für das globale Überleben der Menschheit präsentieren. Ratgeber, denen man gern zuhört und denen man glaubt. Ratgeber, die Menschen in allen Erdteilen und Kulturen anregen, sich für das globale Gemeinwohl einzusetzen. Solche Ratgeber sind immer Visionäre, die sich trauen, ungewöhnliche und neue Konzepte zu denken und zu wagemutigen Aktionen aufrufen. Mahatma Ghandi war ein solcher Ratgeber, der Dalai Lama ebenso und viele andere Menschen auch. Wir brauchen Anti-Dystopien oder gelebte Utopien als gelungene Beispiele, wie beispielsweise Isabella Hermann dies in ihrem Buch „Zukunft ohne Angst“ beschreibt (München, oekom, 2025, im Demokratischen Salon unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">„Mehr Anti-Dystopie wagen“</a> vorgestellt).</p>
<p>Wir brauchen Visionäre und Ratgeber auch und besonders an den Schnittstellen von Technologien und gesellschaftlichem Wandel, also in den Diskursfeldern: Künstliche Intelligenz, Verkehrswende, Energiewende, Raumfahrt. Elon Musk hätte ein solcher Visionär werden können (und war es kurzfristig), durch seine innovativen Konzepte bei Tesla und SpaceX. Leider hat er seinen Ruf durch die negative Energie als Regierungsberater von Donald Trump völlig verspielt und er wird als Zerstörer von gut eingespielten Regierungsstrukturen in den USA in die Geschichte eingehen.</p>
<p>Schauen wir zurück in die Zeit der aufstrebenden Raumfahrt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert. In. dieser Zeit finden wir einige große Visionäre und Ratgeber für die Menschheit, die sich durch große Weisheit und großes Engagement auszeichnen. Solche Menschen – und vor allem: Frauen als Ratgeberinnen – brauchen wir jetzt. In diesem Essay möchte ich <a href="https://carlsagan.com/">Carl Sagan</a> vorstellen, den überragenden Visionär des Raumfahrtzeitalters im 20. Jahrhundert. Leider ist Carl Sagan viel zu früh im Alter von 62 Jahren am 20. Dezember 1996 an <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/myelodysplastische-syndrome-6c18b1d7-6a50-4811-b337-c0c8d04d178e">Myelodysplasie</a> gestorben. Die amerikanische <a href="https://www.nsf.gov/">National Science Foundation</a> würdigte ihn als einen Forscher, dessen Arbeiten die Planetaren Wissenschaften transformiert haben und dessen Geschenke an die Menschheit unendlich seien.</p>
<h3><strong>Ein Grenzgänger</strong></h3>
<p>Naturwissenschaftler, die ihren Forschungsbereich verlassen, verlieren zumeist ihre fachliche Reputation. Sie werden oft kritisiert, als Spinner, als halsstarrig oder als engstirnig bezeichnet. Aber eines haben sie alle erreicht: Sie haben das Verständnis der Menschheit zu ihrem Arbeitsgebiet entscheidend beeinflusst und den menschlichen Erfahrungsschatz bereichert, indem sie komplizierte wissenschaftliche Theorien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Zu diesen Wissenschaftspropagandisten im positiven Wortsinn zähle ich insbesondere Carl Sagan (geboren 9. November 1934, gestorben 20. Dezember 1996), der mit seiner PBS-Fernsehserie <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt0081846/">„Cosmos: A Personal Voyage“</a> etwas bislang Unerreichtes geschaffen hatte. „Cosmos“ war in den 1980er Jahren die am weitesten verbreitete Fernsehserie in der Geschichte des öffentlichen amerikanischen Fernsehens (bis zum Jahre 1990) und war von mehr als 500 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer in 60 Ländern der Erde begeistert aufgenommen worden.</p>
<p>„Cosmos: A Personal Voyage“ (1980) ist eine dreizehnteilige US-amerikanische Fernsehserie von Carl Sagan, Ann Druyan und Steven Soter mit der Musik von Vangelis. Im Jahre 2014 wurde die Serie unter dem Titel <a href="https://www.youtube.com/watch?v=f_iCr35TVmY&amp;list=PLEUbJSilJ0U24KnlCz7KGbBKg332ZNjG-">„Unser Kosmos: Die Reise geht weiter“</a> neu aufgelegt und von Neil deGrasse Tyson präsentiert. Bis heute wurde die Serie von Fernsehstationen in mehr als sechzig Ländern der Erde gesendet und von mehr als 500 Millionen Menschen gesehen. Das Begleitbuch „Cosmos“ (1980) von Carl Sagan wurde im Jahre 2013 neu herausgegeben und mit einem Vorwort von Ann Druyan und einem Essay von Neil deGrasse Tyson versehen. Der Nachfolgeband ist „Pale Blue Dot: A Vision of the Human Future in Space“ (1994, deutsch: „Blauer Punkt im All – Unsere Zukunft im Kosmos“, 1996).</p>
<p>„Cosmos“ (1980) ist das Opus Magnum von Carl Sagan, wie Neil deGrasse Tyson in seinen einführenden Reflektionen zur Neuauflage des Buches im Jahre 2013 schreibt. Der andauernde Erfolg der Serie und des <em>Buches „offenbart auch den verborgenen Hunger in uns allen, etwas über unseren Platz im Universum zu erfahren und zu begreifen, warum das intellektuell, kulturell und emotional wichtig ist.“</em> Carl Sagans Umgänglichkeit und Intelligenz haben dafür gesorgt, dass Information in Wissen und Wissen in Staunen verwandelt würde. Dies sei die Grundlage und das Geheimnis von „Cosmos“ (1980). Carl Sagan habe immer die Grenzen der traditionellen Fachwissenschaften überschritten und neue Forschungsfelder und Wissensgebiete erschlossen. Neil deGrasse Tyson schreibt:<em> „In den Jahrzehnten nach der Veröffentlichung des Buches entstanden hybride Studienrichtungen wie Astrobiologie, Astroteilchenphysik, Astrochemie und Planetengeologie, die zum Teil noch mit Bindestrichen versehen sind.“ </em>Besonders die Astrophysik würde sich mit rasender Geschwindigkeit weiterentwickeln und man könnte der Annahme sein, dass sich darüber kein zeitloses Buch würde schreiben lassen. „Cosmos“ (1980) sei eine Ausnahme, hier <em>„erfahren Sie, was das epische Abenteuer der wissenschaftlichen Forschung für die Erde, für unsere Spezies – für Sie – bedeutet. Und dieses Rezept funktioniert zu jeder Zeit, an jedem Ort und für jede Generation.“</em></p>
<p>Die Zeitlosigkeit des Buches „Cosmos“ (1980) von Carl Sagan wird bereits im ersten Satz deutlich: <em>„Der Kosmos ist alles, was ist oder jemals war oder jemals sein wird.“ </em>Der letzte Absatz klingt wie ein Versprechen: <em>„Denn wir sind die lokale Verkörperung eines Kosmos, der sich seiner selbst bewusst geworden ist. Wir haben begonnen, über unseren Ursprung nachzudenken: Sternenmüll, der über die Sterne nachdenkt, organisierte Ansammlungen von zehn Milliarden Milliarden Milliarden Atomen, die über die Entwicklung der Atome nachdenken; die lange Reise nachverfolgen, auf der zumindest hier das Bewusstsein entstanden ist. Unsere Loyalität gilt der Gattung und dem Planeten. Wir sprechen für die Erde. Unsere Verpflichtung zum Überleben gilt nicht nur uns selbst, sondern auch dem uralten und riesigen Kosmos, dem wir entspringen.“</em></p>
<p>Carl Sagan hat „Cosmos“ (1980) seiner dritten Ehefrau und Mitarbeiterin an der Fernsehserie Ann Druyan gewidmet, mit zeitlos schönen Zeilen: <em>„Für Ann Druyan: In den Weiten des Raums und der Unermesslichkeit der Zeit ist es mir eine Freude, einen Planeten und seine Epoche mit Annie zu teilen.“ </em>Ann Druyan berichtet in ihrem Vorwort, dass die U.S. Library of Congress „Cosmos“ (1980) als eines der achtundachtzig Bücher ausgewählt hat, die Amerika geformt haben.</p>
<p>Carl Sagan hat mit seinen populärwissenschaftlichen Werken wie „Blauer Punkt im All. Unsere Zukunft im Kosmos“ (1996, 1994) die Erforschung des Sonnensystems für eine breite Öffentlichkeit interessant, verstehbar und nachvollziehbar gemacht. Er ist in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der große Popularisierer der Raumfahrt gewesen. Sein Werk ist auch eine moderne und auf den Erkenntnissen der NASA-Sonden, die zu den Planeten geschickt wurden, basierende Fortführung der Popularisierung der Raumfahrt in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, die vor allem durch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/odyssee-in-den-weltraum/">Arthur C. Clarke</a> angestoßen worden war.</p>
<h3><strong>Voyager 1 und 2 – Geschenk an die Menschheit</strong></h3>
<p>Als Sagans größter Erfolg bei der Erforschung des Sonnensystems wird allgemein sein Beitrag zur Botschaft der Menschheit auf dem „Golden Record“ an Bord der Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 angesehen, die im Jahre 1977 gestartet wurden und die unser Sonnensystem inzwischen verlassen haben. Voyager 1, gestartet am 5. September 1977, hat den interstellaren Raum im Jahre 2012 erreicht. Die Sonde ist mehr als 21 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt und fliegt nun mit 17 Kilometern pro Sekunde bzw. 6.120 Stundenkilometern weiter ins All. Voyager 1 wird den nächsten Stern im Sternbild der Giraffe (Camelopardalis), 1,6 Lichtjahre entfernt, in 40.000 Jahren erreichen. Ob seine Erbauer, die Menschen, dann noch existieren?</p>
<p>An Bord der beiden Voyager-Raumsonden sind die Golden Records, zwei identische goldene Schallplatten, fest angebracht. Die Schallplatten enthalten Töne, Musik und Bilder von der Erde und einen Lageplan der Erde im Kosmos. Die Voyager Raumsonden 1 und 2 haben das Sonnensystem bereits verlassen und sind jetzt auf dem Wege zum nächsten Stern, Gliese 445, den sie in 40.000 Jahren erreichen werden. Sie sind Zeitkapseln, die Außerirdischen etwas über das Leben auf der Erde mitteilen könnten, wenn dieses schlimmstenfalls bereits ausgestorben sein könnte. Carl Sagan sagte dazu: <em>„Das Raumschiff wird nur dann angetroffen und die Platte abgespielt werden, wenn es im interstellaren Raum fortgeschrittene raumfahrende Zivilisationen gibt, aber der Start dieser ‚Flaschenpost‘ in den kosmischen ‚Ozean‘ sagt etwas sehr Hoffnungsvolles über das Leben auf diesem Planeten aus.“</em></p>
<p>Die Planer für den „Golden Record“ an der Raumsonde Voyager 1, Carl Sagan und Frank Drake, waren sich dieser Problematik durchaus bewusst. In der Einführung der wunderbaren Dokumentation über den „Voyager Golden Record“ schreiben die Producer: <em>„Dieses bezaubernde Artefakt, offiziell Voyager Interstellar Record genannt, könnte das letzte Zeugnis unserer Zivilisation sein, nachdem wir für immer verschwunden sind“. </em></p>
<p>Voyager 2, gestartet am 20. August 1977, hat unser Sonnensystem im Jahre 2020 verlassen. Die beiden Raumsonden haben erstaunliche Beiträge zur Erforschung unseres Sonnensystems geleistet. Voyager 1 lieferte das erste gemeinsame Foto von Erde und Mond im September 1977, zwei Wochen nach dem Start. Zwei Jahre später folgten Bilder vom Großen Roten Fleck auf Jupiter und den aktiven Vulkanen auf dem Jupiter-Mond Io. Im folgenden Jahr 1980 gab es erste Fotos von den Ringen des Saturn in beeindruckender Auflösung. Voyager 2 lieferte im Jahre 1986 Bilder vom Uranus und entdeckte zehn bislang unbekannte Monde, die den Planeten umkreisen. Im Jahre 1989 konnte Voyager 2 als erstes künstliches Objekt den Neptun in einer Flughöhe von 5.000 Kilometern über seinem Nordpol untersuchen.</p>
<p>Nachdem die beiden Raumsonden die äußeren Planeten fotografiert hatten, konnte Carl Sagan die NASA überzeugen, die Kameras von Voyager 1 zur Sonne zurückzuschwenken und das erste Foto unseres Sonnensystems von seinen äußeren Grenzen aufzunehmen. Am Valentinstag 1990, dem 14. Februar 1990, entstanden 90 Einzel-Bilder, die zu dem beeindruckenden „<a href="https://science.nasa.gov/resource/first-ever-solar-system-family-portrait-1990/">Solar System Portrait</a>“ mit Mars und Merkur im Sonnenglanz zusammengesetzt wurden. Im Zentrum steht, aus einer Entfernung von sechs Milliarden Kilometern fotografiert, der „Pale Blue Dot“, der hellblaue Punkt im All, die Erde. Carl Sagan hat seine Ideen, Visionen und technischen Umsetzungen bei der NASA in „Blauer Punkt im All (1996, 1994) beschrieben und wunderbar illustriert. Dieses Buch ist nicht nur eine Dokumentation über die frühe Raumfahrt der Menschheit, sondern auch ein Wegweiser für unsere nächsten Schritte ins All.</p>
<p>Die Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 werden von den Produzenten der Dokumentation <a href="https://science.nasa.gov/mission/voyager/voyager-golden-record-overview/">„The Voyager Golden Record“</a> nicht nur als Geschenk der Menschheit an den Kosmos, sondern auch als Geschenk an die Menschheit selbst angesehen. Vielleicht werden unsere Nachkommen eines Tages in der Rückschau erkennen, welche außerordentliche Bedeutung diese kleinen technischen „Spielzeuge“ des zwanzigsten Jahrhunderts für die Menschheit der Zukunft hatten. Voyager 1 und Voyager 2 sind die ersten Sendboten einer in das Weltall aufbrechenden Menschheit, die damals noch keinerlei Vorstellung von ihrer Zukunft hatte.</p>
<h3><strong>Der politische Denker </strong></h3>
<p>Carl Sagan war ein politischer Denker und seine Beiträge zur Erforschung des <em>„Nuklearen Winters“,</em> der nach einem Atomwaffenkrieg auf der Erde herrschen und die Lebensgrundlagen der Menschheit vernichten würde, waren seinerzeit ein großer Beitrag zur globalen Friedensforschung. Sagan hat die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu mit anderen Forschern auf einem Symposium und in dem Buch „The Cold and the Dark – The World after Nuclear War“ (1984) präsentiert.</p>
<p>Carl Sagan war ein überragender Denker und Visionär für die Zukunft der Menschheit im Kosmos. Er war „David Duncan Professor für Astronomie und Weltraum-Wissen schaften“ und Direktor des Labors für Planetare Studien an der Cornell Universität in Ithaca, New York. Carl Sagan war Berater der NASA seit den 1950er Jahren und hat die Mariner-, Viking-, Voyager-, Galileo- und Apollo-Missionen beraten sowie dazu beigetragen, die Rätsel von hohen Temperaturen auf der Venus (verursacht durch einen massiven Treibhauseffekt), den jahreszeitlichen Wechsel auf dem Mars (verursacht durch Staub-Stürme) und den rötlichen Dunst auf Titan (verursacht durch komplexe organische Moleküle) zu lösen.</p>
<p>Carl Sagan dachte in großen Zeiträumen und Entfernungen. In dem nach seinem Tode erschienenen Buch „Billions and Billions – Thoughts on Life and Death at the Brink of the Millennium“ (1997) finden sich seine Wünsche für die Zukunft der Raumfahrt ebenso wie seine Relativierung der schnellen Erreichbarkeit der großen Ziele in Raum und Zeit: <em>„Wir stehen jetzt kurz davor, Tausende von nahen Sternen auf der Suche nach ihren Begleitern zu durchforsten. Ich halte es für wahrscheinlich, dass wir in den kommenden Jahrzehnten Informationen über mindestens hunderte anderer Planetensysteme in der riesigen Milchstraßengalaxie haben werden – und vielleicht sogar über ein paar kleine blaue Welten, die mit Wasserozeanen, Sauerstoffatmosphären und den verräterischen Zeichen von wundersamem Leben ausgestattet sind.“ </em></p>
<h3><strong>Eine „ziemliche Platzverschwendung“ im All</strong></h3>
<p>In diesem Zusammenhang muss natürlich auch der Ausflug eines berühmten Wissenschaftlers in die literarische Science Fiction erwähnt werden. Mit „Contact“ (1985) legte Sagan einen klugen fiktiven Bericht über die Gestaltung der ersten Begegnung und Kommunikation der Menschen mit außerirdischen Intelligenzen vor, der in einem nicht minder berühmten Film von Robert Zemeckis mit dem gleichen Titel im Jahre 1997 für die große Leinwand dramatisiert wurde.</p>
<p>Carl Sagan war bereits ein äußerst erfolgreicher Wissenschaftler, Professor und Labordirektor an der Cornell University und der führende Forscher in Zusammenarbeit mit der NASA zur Erforschung des Sonnensystems, Pulitzerpreisträger des Jahres 1978 für das Buch „The Dragons of Eden“ (1977) und höchst anerkannter Wissenschafts-Popularisierer der 1970er und 1980er Jahre weltweit durch seine Fernsehserie „Cosmos“ im Jahre 1980, als ihm der Verlag Simon &amp; Schuster Anfang 1981einen Vorschuss von zwei Millionen US-Dollar zahlte, um seinen einzigen Roman zu schreiben: „Contact“ (1985). Sagan hatte schon lange über dieses Thema wissenschaftlich gearbeitet und bereits im Jahre 1966 gemeinsam mit dem russischen Astronomen I.S. Shklovskii ein grundlegendes wissenschaftliches Buch geschrieben: „Intelligent Life in the Universe“ (1966). Das Buch „Contact“ (1985) war Carl Sagans Beitrag zur Popularisierung des SETI-Programms.</p>
<p>Das Buch wurde von Robert Zemeckis im Jahre 1997 mit Jodie Foster in der Rolle der Ellie Arroway verfilmt und ist einer der schönsten, wundervollsten und wissenschaftlich korrektesten Filme über einen möglichen Erstkontakt mit außerirdischen Intelligenzen. Die Handlung entwickelt sich entlang der Leitlinie über Leben und die Unendlichkeit im Universum, die die junge Ellie Arroway, das Alter Ego von Carl Sagan, von ihrem Vater hört und mit dem der Film auch endet: „<em>Wenn wir die Einzigen sind, ist das eine ziemliche Platzverschwendung.“</em></p>
<p>Der Schluss des Buches ist etwas anders gestaltet, hier schildert Carl Sagan eine Dichotomie zwischen der Bedeutung von Ellies Leben und dem großen Sinn des Lebens im Universums: <em>„Sie hatte ihre Karriere damit verbracht, mit den entlegensten und fremdartigsten Außerirdischen Kontakt aufzunehmen, während sie in ihrem eigenen Leben kaum mit irgendjemandem in Kontakt gekommen war. Sie hatte mit Eifer die Schöpfungsmythen anderer entlarvt und die Lüge, die ihrem eigenen Leben zugrunde lag, nicht bemerkt. Sie hatte ihr ganzes Leben lang das Universum studiert, aber seine deutlichste Botschaft übersehen: Für kleine Lebewesen wie uns ist die Weite nur durch Liebe erträglich.&#8220;</em></p>
<p>Der Schlussabsatz des Buches sagt etwas darüber aus, dass das Universum nach einem Plan geschaffen wurde und dass es Lebewesen gibt, die über allem stehen. Der Atheist Carl Sagan beendet seinen Roman mit einer religiösen Aussage: <em>„Das Universum wurde mit Absicht geschaffen&#8230; (&#8230;) Im Gewebe des Raums und in der Natur der Materie ist, wie in einem großen Kunstwerk, die Signatur des Künstlers klein geschrieben. Über den Menschen, Göttern und Dämonen, über den Verwaltern und Tunnelbauern steht eine Intelligenz, die älter ist als das Universum.“</em></p>
<h3><strong>Arthur C. Clarke, Stephen Hawking und</strong> <strong>Carl Sagan über Gott, das Universum und alles andere</strong></h3>
<p>Arthur C. Clarke hat nach eigener Aussage Carl Sagan das erste Mal im Jahre 1964 getroffen, wie er in der Würdigung von Sagan in dem Buch von Roddy McDowall: „Double Exposure Take Three“ (1992) schreibt. Bei einem gemeinsamen Besuch der Weltausstellung 1964 in New York seien sie bei einsetzendem Regen in ein Zelt geflüchtet und hätten einen Film über die Wunder des Universums gesehen. Dieser endete mit einer Werbebotschaft für Gott, über die sich Carl Sagan sehr aufgeregt und sich bei einem Platzanweiser darüber beschwert hätte.</p>
<p>Was Sagan als <em>„intellektuelle Unehrlichkeit“</em> bezeichnete, nahm Clarke etwas gelassener hin und sagte zu seinem Freund, dass der Veranstalter sie immerhin trocken gehalten und kostenfrei betreut hätte, dass sie einen interessanten Film gesehen hätten und dass der Platzanweiser sicher nicht der Drehbuchautor gewesen sei. Clarke vermutet, dass diese Begegnung der Samen für die Fernsehserie „Cosmos<em>“ </em>(1980) von Carl Sagan gewesen sein könnte. Clarke schließt seine Würdigung von Carl Sagan mit den Worten: <em>„Nach einem Vierteljahrhundert ist Carl nicht viel milder geworden. Ich bin mir sicher, dass er Gott immer noch gerne ein paar hilfreiche Ratschläge geben würde, wie das Universum gestaltet sein sollte“.</em></p>
<p>Arthur C. Clarke, Carl Sagan und Stephen Hawking haben in der Fernsehdiskussion <a href="https://www.youtube.com/watch?v=HKQQAv5svkk">„God, The Universe and Everything Else”</a> (1988, unter anderem auf youtube und auf Netflix verfügbar) diese im Jahre 1964 aufgeworfene Diskussion fortgeführt. Die Diskussion beginnt mit der Vorstellung des Buches von Stephen Hawking: „Eine kurze Geschichte der Zeit“<em> (1988</em>) und dem Wunsch der Naturwissenschaftler, zu verstehen, <em>„wie das Universum funktioniert“. </em>Hawking glaubt, dass die Physiker bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eine <em>„Grand Unified Theory – GUT, die große, vereinheitlichende Theorie“ </em>vorliegen haben, die die Relativitätstheorie und die Quantenphysik zusammenfügt und das Universum als Ganzes verstehbar macht.</p>
<p>Carl Sagan spricht zunächst über die Schwächen des Schulsystems, das eher Entmutigung als ein wissenschaftliches Verständnis lehren würde. Wissenschaft sei aber die Methode zum Verständnis des Universums und Arthur C. Clarke sagt auf die Frage des Moderators nach der Rolle von Science Fiction, dass viele Menschen und insbesondere viele Astronauten ihm gesagt hätten, dass seine Bücher sie in ihrer Jugend angeregt und für Fragen nach dem Universum aufgeschlossen hätten.</p>
<p>Die Diskussion geht über zur Frage nach dem Big Bang und was davor war. Carl Sagan erklärt, dass solche Fragen eigentlich über das Vermögen der Menschen weit hinausgingen. Natürlich könne man fragen, wer das Universum erschaffen hätte und dann müsse man weiterfragen, wer den Schöpfer erschaffen habe. Er verspricht sich einiges an Erkenntnissen von dem neuen Hubble-Teleskop, das im kommenden Jahr in den Weltraum geschossen werden sollte (der Start fand tatsächlich am 24. April 1990 statt). Der Moderator fragt <em>„den Poeten“</em> Arthur C. Clarke und dieser sagt, dass die Menschheit, wenn sie die nächsten Jahre überstehen würde, natürlich zu den Sternen fliegen würde. Clarke demonstriert an einem IBM-Computer als Analogie für ein schwarzes Loch die Visualisierung einer <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/mathematik/mandelbrot-menge/6155">„Mandelbrot-Menge“</a>.</p>
<p>Die Gesprächsrunde dreht sich weiter um den Begriff der <em>„Imaginären Zeit“</em> und der Zeitreise sowie die Frage, ob man durch ein Schwarzes Loch hindurchfliegen und an seinem anderen Ende wieder in einem anderen Universum herauskommen könne. Stephen Hawking bejaht dies, hält aber Zeitreisen für nicht möglich, denn dann wären bereits Zeitreisende aus der Zukunft bei uns gewesen. Das folgende Thema dreht sich darum, ob Science Fiction Wirklichkeitsflucht sei. Clarke äußert, dass seiner Meinung nach Science Fiction eher die <em>„Flucht <u>in</u> die Realität“ </em>(Hervorhebung: FH) sei und dass sie sich mit realen Dingen beschäftigen würde.</p>
<p>Der Kontakt zu außerirdischen Intelligenzen ist Thema der Diskussion und wird von Carl Sagan als <em>„philosophische Schlüsselfrage der Menschheit“</em> bewertet. Stephen Hawking sagt, dass er lieber Abstand halten würde und erinnert an die Ureinwohner Amerikas, die durch die ankommenden Europäer vernichtet worden seien. Alle Kolonialisierung hätte eine Veränderung der Kolonie zur Folge. Clarke bemerkt, dass die Kolonialisierung des Mars uns verändern würde. Carl Sagan führt aus, dass wir ja keine Wahl oder Entscheidungsfreiheit mehr hätten, denn die Radio- und Fernsehsignale würden bereits seit dem Ende der vierziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts ins All hinausgehen und hätten bereits mehr als vierzig Lichtjahre überwunden. Clarke gibt einige mögliche Erklärungen zum <a href="https://domiversum.de/fermi-paradoxon-erklaert/">Fermi-Paradox</a> zum Besten, beispielsweise, dass die Außerirdischen eine Quarantäne über die Erde verhängt hätten, dass sie vielleicht schon unerkannt hier gewesen seien, dass sie aufgrund der riesigen Entfernungen nur alle paar tausend Jahre vorbeikämen oder dass sie uns einfach ignorieren würden. Die Gruppe einigt sich auf die Hoffnung auf <em>„ein freundliches 21. Jahrhundert“</em>, das Ethik und Moral in das Zentrum des menschlichen Handels stellt.</p>
<p>Zum Schluss wird noch einmal das Thema eines <em>„Schöpfers“</em> aufgegriffen und gefragt, ob Gott an die physikalischen Gesetze des Universums gebunden sei. Stephen Hawking bemerkt, dass man auch fragen könne, ob Gott einen Stein erschaffen könne, der so schwer sei, dass er ihn nicht anheben könne (das auch in Religionen, zum Beispiel bei Thomas von Aquin diskutierte <em>„Allmachtsparadox“</em>). Clarke wird von dem Moderator an sein Zitat erinnert: <em>„Ich glaube nicht an Gott, aber ich bin sehr an ihr </em>(im Original: „her“, FH) <em>interessiert“.</em> Carl Sagan beschreibt mehrere Konzepte von Gott und erinnert an die französische deistische Version des <em>„Do-nothing-Kings“.</em></p>
<p>Diese Fernseh-Diskussionsrunde zwischen einem interessierten Moderator, einem großen Physiker, einem großen Science-Fiction Schriftsteller und einem großen Weltraum-Wissenschaftler ist eine Sternstunde des intellektuellen Austausches zwischen Wissenschaft und Fiktion, verbunden mit einer deutlichen Betonung von humaner Philosophie und Ethik. Die Rolle, die der Science-Fiction-Schriftsteller Arthur C. Clarke dabei einnimmt, ist damals außergewöhnlich und in der heutigen Zeit fast schon einzigartig, in der weder die wissenschaftliche Kosmologie noch die spekulative Fiktion eine tragende gesellschaftliche Rolle spielen.</p>
<h3><strong>„Science as a candle in the dark”</strong></h3>
<p>Das umfangreiche Werk von Carl Sagan zu politischen Fragen an den Schnittstellen von Forschungen insbesondere zu Fragen der Astronomie, zur Wissenschaft und Wissenschaftsvermittlung allgemein sowie zum Überleben der Menschheit auf der Erde und ihrer Zukunft im Kosmos basiert auf der fundamentalen Bedeutung der Wissenschaft für ihn, die im Untertitel seines Buches „The Demon-Haunted World“ (1996) deutlich wird: <em>„Science as a candle in the dark“. </em></p>
<p>Sagan argumentiert, dass ein Außerirdischer, der die Erde besuchen würde, durch das Anschauen unseres Fernsehens und unserer Nachrichtensendungen erschrecken und den Eindruck bekommen müsste, dass wir grausame Mörder, Vergewaltiger und konsumsüchtige Wesen sind. Er fragt, welche Art von Gesellschaft wir schaffen könnten, wenn wir sie stattdessen mit Wissenschaft und einem Stückchen Hoffnung ausstatten würden. Sagan schreibt: <em>„Die Wissenschaft ist weit davon entfernt, ein perfektes Instrument der Erkenntnis zu sein. Sie ist nur das Beste, was wir haben. In dieser Hinsicht, wie in vielen anderen, ist es wie mit der Demokratie. Die Wissenschaft allein kann keine Handlungsempfehlungen für den Menschen geben, aber sie kann sicherlich die möglichen Folgen alternativer Handlungsweisen beleuchten.“</em></p>
<p>Diese Art des Denkens, wie Sagan die Wissenschaft kennzeichnet, ist gerade heutzutage, im Zeitalter der Zerstörung des US-amerikanischen Wissenschaftsbetriebes durch die Trump-Administration, besonders wichtig und höchst aktuell. Dreißig Jahre nach dem Buch von Carl Sagan sehen sich deutsche Spitzenwissenschaftler genötigt, einen Leitartikel in der Süddeutschen Zeitung mit der Überschrift zu schreiben: <a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/wissenschaftsfreiheit-beschraenkung-demokratie-usa-li.3266762">„Freiheit der Wissenschaft ist eine Bedingung für Demokratie“</a> (von Armin Nassehi und Matthias Tschöp am 12. Juni 2025). Ihr zentraler Satz lautet: <em>„Es gibt keine angemessene Wissenschaft ohne Freiheit, und es gibt keine Freiheit ohne Wissenschaft.“</em></p>
<p>Carl Sagan hat die Überschrift „<em>Science as a candle in the dark“ </em>von <a href="https://www.controverscial.com/Thomas%20Ady.htm">Thomas Ady</a> aus dem Jahre 1656 übernommen, der in seinem Buch gegen den Hexenverfolgungswahn schreibt, mit dem die Menschen damals getäuscht werden sollten. Sind wir im Jahre 2025 wieder so weit, dass die Wissenschaft als Instrument der Wahrheitsfindung nötig ist, um die Täuschungsmanöver mancher Politiker zu entlarven? Übrigens erlaube ich mir zu ergänzen: Die Schönheit der Wissenschaft wir deutlich in den Vorlesungen von Michael Faraday zur <a href="https://www.gutenberg.org/files/70687/70687-h/70687-h.htm">„Naturgeschichte einer Kerze“</a> aus dem Jahre 1861 (im Internet in der Gutenberg Bibliothek verfügbar).</p>
<h3><strong>Ratgeber der Menschheit</strong></h3>
<p>Carl Sagan wollte in seinem Leben <em>„etwas Bedeutungsvolles“</em> tun, wie Ann Druyan, seine dritte Ehefrau und Mitproduzentin der Fernsehserie „Cosmos“ auf einer Veranstaltung der Library of Congress sagte. Dafür hat er sehr hart gearbeitet, achtzehn Stunden täglich. Sagan war überzeugt von dem, was er dachte und tat, und das brachte ihm viele Freunde und viele Feinde. Neid und Missgunst waren die Folge, wie einer der Biografen, <a href="https://william-poundstone.com/">William Poundstone</a> in: „Carl Sagan: A Life in the Cosmos“ (1999) schrieb. Es gibt mehrere Biografien in Buchform über Carl Sagan, einige Feindschaften von Carl Sagan, vor allem aus dem Lager der religiösen Fundamentalisten, finden sich noch heute in Büchern mit Versuchen, seine angeblich falschen Aussagen zu dokumentieren. Für seine Mitarbeit am „Blue Book“ Projekt der U.S. Air Force über die Untersuchengen zu UFOS erhielt er Morddrohungen, weil er zu dem Schluss gekommen war, dass es keine Belege für die Besuche von Aliens auf der Erde gebe. Carl Sagan hatte nicht nur das damalige politische Establishment in den USA durch seine Arbeiten zum Nuklearen Winter verärgert, sondern auch die UFO-Fanatiker.</p>
<p>In der Gesamtschau des Lebenswerks von Carl Sagan kann der Schluss gezogen werden, dass er sicherlich der kreativste, berühmteste und einflussreichste Wissenschaftsvermittler des 20. Jahrhunderts und ein wahrer Ratgeber der Menschheit gewesen ist. Das schönste Geschenk von Carl Sagan an die Menschheit, so meine ich, war seine Idee, die NASA zu bitten, ein Foto von der Erde aus der bislang größtmöglichen Entfernung aufzunehmen. Sagan schlug vor, die Kamera von Voyager 1 zurückschauen zu lassen und die Erde aus einer Entfernung von sechs Milliarden Kilometern oder 40,5 Astronomischen Einheiten (AE) zu fotografieren. Am 14. Februar 1990, nachdem Voyager 1 alle Missionsziele erfüllt hatte, wurde die Kamera um 180 Grad gedreht und fotografierte eine Serie aus 39 Weitwinkel- und 21 Teleaufnahmen von der weit entfernten Erde. Daraus entstand das ikonografische Foto der Erde als <em>„Pale Blue Dot“</em>, das im Jahre 2001 zu einem der zehn besten Fotos der Weltraumwissenschaften ausgewählt wurde.</p>
<p>Die Menschheit sah zum ersten Mal, wie unbedeutend der schöne blaue Planet, unsere Heimatwelt, im Angesicht des Kosmos eigentlich ist. Was uns Carl Sagan in seinen Werken hinterlassen hat, ist so viel mehr: Ein Vermächtnis von Erkenntnis und Verpflichtung zu einer Conditio Humana, die Hannah Arendt in ihrem philosophischen Hauptwerk „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1960) mit <em>„tätiges Leben“</em> als Grundvoraussetzung der menschlichen Existenz bezeichnet. Carl Sagan hat dazu einen umfassenden Beitrag geliefert, der Naturwissenschaften, Astronomie, Raumfahrt, Philosophie und Kultur als vereinheitlichende Erkenntniskategorie umfasst.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2025, Internetzugriffe zuletzt am 26. August 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pale_Blue_Dot_with_quote.png">Pale Blue Dot with quote of Carl Sagan</a>, NASA Voyager 1, Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>Mehr Dystopie wagen!</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 06 Aug 2025 09:59:23 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Mehr Anti-Dystopie wagen! Eine popkulturelle Annäherung „Wir nehmen Zuflucht in Fantasieschrecken, damit die echten Schrecken uns nicht überwältigen, indem sie uns auf der Stelle gefrieren lassen und es uns unmöglich machen, im Alltag zu funktionieren. Wir begeben uns in die Dunkelheit eines Kinos und hoffen darauf, schlecht zu träumen – weil die Welt in  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Mehr Anti-Dystopie wagen!</strong></h1>
<h2><strong>Eine popkulturelle Annäherung </strong></h2>
<p><em>„Wir nehmen Zuflucht in Fantasieschrecken, damit die echten Schrecken uns nicht überwältigen, indem sie uns auf der Stelle gefrieren lassen und es uns unmöglich machen, im Alltag zu funktionieren. Wir begeben uns in die Dunkelheit eines Kinos und hoffen darauf, schlecht zu träumen – weil die Welt in unserem normalen Leben stets so viel besser aussieht, wenn der schlechte Traum endet.“ </em>(Stephen King, Danse macabre – Die Welt des Horrors, München, Wilhelm Heyne Verlag, 2011, zitiert nach: Tammo Hobein, Horror verstehen – Über die Faszination am Schrecken, Berlin, Memoranda, 2022)</p>
<p>Es mag etwas ungewöhnlich erscheinen, einen Essay über Utopien und Dystopien mit einem Statement zur Popularität von Horrorerzählungen, -filmen und -serien zu beginnen. Aber wenn wir in die gängigen Medien hineinschauen, liegt der Gedanke vielleicht gar nicht mehr so fern. Vielleicht hilft es wirklich, sich gegen die realen Apokalypsen mit der Flucht in fiktive zu schützen. Ich nehme das letzte Wochenende des Juli 2025, an dem in drei Qualitätsmedien, ZEIT beziehungsweise ZEIT-Magazin, Tagesspiegel und FAZ Texte zu lesen waren, die uns nicht zuletzt deshalb beunruhigen dürften, weil wir Leser:innen den weiteren Gang der beschriebenen Entwicklungen selbst nicht beeinflussen können. Thema waren <a href="https://www.zeit.de/zeit-magazin/2025-07/daniel-kokotajlo-kuenstliche-intelligenz-think-tank-technologie-wettruesten">die drohende Vernichtung der Menschheit durch sich selbst programmierende Künstliche Intelligenz</a> (ZEIT-Magazin), <a href="https://www.zeit.de/kultur/2025-07/peter-thiel-paypal-palantir-unternehmen-tech-milliardaer/komplettansicht">die apokalyptische Welt des Peter Thiel und seines Lehrers René Girard</a> (ZEIT), der Weg der USA zu einer <em>„Scheindemokratie“</em> im <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/schriftsteller-olivier-guez-ueber-amerika-unter-trump-110605598.html">„siècle des dictateurs“</a> – so ein Buchtitel von Olivier Guez (Perrin, 2019) (FAZ) – und der irgendwann drohende <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/leben-auf-italiens-supervulkan-forscher-warnt-vor-katastrophe-im-urlaubsgebiet-14068535.html">Ausbruch des Supervulkans unter den Phlegräischen Feldern rund um Neapel</a> (Tagesspiegel). Drohen (nur noch) apokalyptische und postapokalyptische Zeiten?</p>
<h3><strong>Die Lust am Schrecken</strong></h3>
<p>Dystopien, Apokalypsen verkaufen sich gut und fesseln uns im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. Aber gibt es vielleicht auch Auswege? Immerhin schickt die ZEIT ihren Abonnent:innen jedes Wochenende einen Newsletter, der nur <em>„gute Nachrichten“</em> enthält. Zwei <a href="https://www.oekom.de/">Publikationen des Münchner oekom-Verlages</a> bieten eine ebenso ermutigende Perspektive. <a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/">Isabella Hermann</a> veröffentlichte im Jahr 2025 ihr Buch „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“ und die Gruppe <a href="https://www.realutopien.de/ueber-uns/">„Reinventing Society“</a> veröffentlichte eben dort im Jahr 2023 den Band „Zukunftsbilder 2045 – Eine Reise in die Welt von morgen“, ein Buch, das nicht zuletzt mit seinen Bildern an Fantasien des <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/solarpunk/">Solarpunk</a> erinnert. Beide Bücher haben – ebenso wie die zu Beginn zitierte Einführung in die „Welt des Horrors“ – eine popkulturelle Note und bieten zugleich Prolegomena für ein zukunftsfähiges politisches Programm. Es fehlt eigentlich nur noch die reale Welt-Regierung, die es auch umsetzt. In „Zukunftsbilder 2045“ scheint es so etwas zu geben, eine Art Allianz von Wissenschaft, Regierungen und Zivilgesellschaft.</p>
<p>Utopien statt Dystopien – das wäre eine schöne Botschaft, aber so einfach ist es nun leider nicht, sodass ich in den beiden ersten Kapiteln dieses Essays erst einmal versuchen möchte, mich einem möglichen Verständnis der Lust an der Dystopie, an der Apokalypse zu nähern. Wir sollten wissen und darüber nachdenken, was uns an Dystopien, Apokalypse und Horror so fasziniert und warum wir vielleicht auch im realen Leben eher an eine apokalyptische Zukunft glauben als an eine Zukunft, in der Demokratie, Menschen- und Naturrechte gleichermaßen respektiert werden. Sind das nur Sehgewohnheiten? Oder steckt mehr dahinter? Erst wenn wir diese Fragen ernsthaft analysieren, können wir uns auf den Weg der <em>„Anti-Dystopien“</em> begeben und an der Verwirklichung mehr oder weniger konkreter <em>„Utopien“</em> arbeiten.</p>
<p>Apokalyptische Szenarien sind Möglichkeiten, aber wie viele und welche die Menschen, die sie rezipieren, für mögliche, aber abwendbare Szenarien oder für unabwendbare Gewissheiten halten, ist eine weitere wichtige Frage. Die Macht apokalyptischer Prophezeiungen liegt in uns selbst begründet. So ist es in der Tat sicherlich bequem und hilfreich, sich in fiktiven Horror zurückzuziehen, um den real drohenden Horror ignorieren zu können.</p>
<p>Die Glaubwürdigkeit der Apokalypsen steigt mit der Inszenierung von wirtschaftlichem Erfolg – so Ijoma Mangold in der ZEIT: <em>„Thiels eigene Thesen sind also auf den ersten Blick oft so obskur, dass man ihn nicht einmal als Hofnarren dulden würde, wären seine Gedankenspiele nicht durch seine Geschäftserfolge geadelt.“ </em>Douglas Rushkoff, dessen Buch „Survival of the Richest – Escape Fantasies of the Tech Billionaires“ (New York, W.W. Norton &amp; Company, 2022), 2025 bei Suhrkamp in deutscher Sprache erschien, geht noch einen Schritt weiter. Er beschreibt eindrucksvoll, wie sich diejenigen, die es sich finanziell leisten können, auf die anstehenden Katastrophen, nicht zuletzt die Folgen des Klimawandels, den sie gar nicht leugnen, vorbereiten, und sich entweder auf den Mars zurückzuziehen gedenken (Elon Musk) oder an der eigenen Unsterblichkeit arbeiten (Peter Thiel): <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rette-sich-wer-kann/">„Rette sich, wer kann“</a>.</p>
<p>Naomi Klein und Astra Taylor nennen dies einen <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/juni/aufstieg-des-endzeitfaschismus">„Aufstieg des Endzeitfaschismus“</a> (in: Blätter für deutsche und internationale Politik Juni 2025): „<em>Kurz gesagt, die mächtigsten Menschen der Welt bereiten sich auf das Ende der Welt vor, ein Ende, das sie selbst frenetisch beschleunigen. Das ist gar nicht so weit entfernt von der massentauglicheren Vision von Nationen als Festungen (…). In einer Zeit ständiger Gefahr positionieren offen suprematistische Bewegungen in diesen Ländern ihre relativ wohlhabenden Staaten als bewaffnete Bunker.“</em> Die beiden Autorinnen belegen dies mit Äußerungen von Peter Thiel, Curtis Yarvin, Steve Bannon und anderen. Sie belegen, dass diese Weltsicht <em>„viel mit der christlich-fundamentalistischen Interpretation der biblischen ‚Entrückung‘ gemeinsam“ </em>hat. Die schwerreichen Prepper definieren sozusagen ihre eigene Heilsgeschichte, in der aber nicht das Heil der Menschheit, sondern nur ihr eigenes Heil gesucht wird: JD Vance versuchte Papst Leo XIV. zu erklären, dass das Gebot der Nächstenliebe (Moses III, 19,18) nur für die Menschen in der eigenen Nähe gelte, Papst Leo XIV. widersprach.</p>
<p>Wollen wir so etwas wirklich lesen? Glauben wir, was wir lesen, oder ist es einfach zu abstrus? Und wir retten uns in das noch viel Abstrusere der Fantasy und Science Fiction? Wer einmal auf einer Buchmesse den Stand des <a href="https://www.festa-verlag.de/">Berliner Festa-Verlags</a> besucht hat, wird feststellen, dass vor allem junge Frauen ein Faible für fiktiven Horror haben, nicht zuletzt für Hardcore-Horrorromane ohne ISBN-Nummer, die nur beim Verlag selbst erwerbbar sind. Populär sind zum Beispiel Teeny-Slasher-Produkte, wie sie David Lynch in seiner Twin-Peaks-Serie im Schicksal der Laura Palmer ästhetisiert hat. Vielleicht hat Stephen King recht, wenn er eine solche Lektüre als eine Art Eskapismus erklärt. So schlimm wie es in all diesen fiktiven Horrorszenarien, in Serien wie „The X-Files“, „American Horror Story“ oder „Penny Dreadful“ oder Romanen des Klassikers aller Horrorromane, H.P. Lovecraft, und seiner Epigonen ausschaut, ist es nun in der Wirklichkeit doch nicht! Oder etwa doch? Vielleicht hilft eine solche Strategie der Wirklichkeitsvermeidung tatsächlich gegen die Allgegenwart der aktuellen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/"><em>„Polykrisen“</em></a>. Frau schaut Teeny-Slasher-Filme und kann zumindest für einige Augenblicke #Metoo, Femizide und nicht zuletzt die Weltsicht derjenigen ignorieren, die – das ist das Geschäftsmodell rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Parteien in Europa und in den USA – die gesamte Welt als ein einziges Horrorszenario darstellen, in dem ständig dunkle Männer helle Frauen verfolgen, vergewaltigen und töten.</p>
<h3><strong>„Abwehrzauber“</strong></h3>
<div id="attachment_7371" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1769"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7371" class="wp-image-7371 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-400x622.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Tammo-Hobein-Horror-verstehen-Memoranda.jpg 659w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7371" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Vielleicht handelt es sich bei der Popularität von Horrorprodukten tatsächlich um eine Form von Magie, eine Art <em>„Abwehrzauber“</em>? Tammo Hobein erklärt die Popularität des Horrorgenres am Beispiel der Serie <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rOM0rziqEY4">„Penny Dreadful“</a>: <em>„Anhand der Figur des Caliban wird immer wieder die Frage aufgeworfen, was eigentlich einen Menschen ausmacht, was der Mensch denn sei – in seinem eigenen Wunsch, ein Mensch zu sein, begegnet Caliban den unterschiedlichsten Facetten des Mensch-Seins, und auch der Zuschauer muss sich zwangsläufig, möchte er an Calibans Schicksal partizipieren, damit auseinandersetzen.“</em> Mit <em>„Caliban“</em> sind wir bei Shakespeare: Was ist der Mensch? Was kann er? Welche Fragen?</p>
<p>Thomas Assheuer verwendet den Begriff des <em>„Abwehrzaubers“ </em>in seiner in der ZEIT veröffentlichten Analyse des Krisenbegriffs: <a href="https://www.zeit.de/2025/31/krise-begriff-sprache-geopolitik-klimakrise">„Luftnummer mit fünf Buchstaben“</a>: <em>„Dass der Wortabwehrzauber eine Weile krisenfest funktioniert, verdankt sich den magischen Qualitäten der Sprache. Sie nimmt Dinge ‚in Obacht‘, macht sie namhaft und ‚merkfähig‘. Was benannt ist, ist gebannt, man kann damit umgehen, wie beruhigend. Aber die Macht der Benennung, das Fest-Stellende, ist zweischneidig. Wiederholt man das Wort Krise nur oft genug, dann wirkt es hypnotisch und bringt das darin Gemeinte zum Verschwinden – indem die Krise ins Wort eingeschlossen wird, bleiben ihre Ursachen ausgeschlossen. Man klebt Wörter an Probleme und glaubt, man sei sie los.“</em> Aber auch das Gegenteil ist denkbar und der <em>„Abwehrzauber“</em> sediert lediglich. Vorsicht ist geboten! Verschwörungserzählungen, die die aktuellen politischen Krisen zur Metapher erklären, sind nicht mehr weit hergeholt. Susan Sontag hat analysiert, wie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-sprache-der-pandemie/">Krankheiten zu Metaphern erklärt</a> werden, obwohl sie nichts anderes sind als eben Krankheiten, gleichviel, ob Krebs, AIDS oder – diese Pandemie erlebte Susan Sontag nicht mehr – COVID 19.</p>
<p>Tammo Hobein schließt sich dem amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) an, der im fiktiven Horror eine Art vierfachen Schriftsinn entdeckt wie ihn im Mittelalter Bibelexegeten anwandten. Campbell <em>„stellte in seinen Arbeiten vier verschiedene Funktionen heraus, die Mythen oder mythische Geschichten gemeinsam haben: die metaphysisch-mystische Perspektive, die kosmologische Perspektive, die gesellschaftliche Perspektive und die psychologische Perspektive.“</em> Als Beispiel zitiert er das Märchen um Frau Holle und wagt einen Ausflug in die sogenannte schwarze Pädagogik: <em>„Schreckfiguren werden auch genutzt, um Kinder zu erziehen.“</em> Extremistische Akteure machen sich dies zunutze und stellen die ihrer Ansicht nach Verantwortlichen nach dem Muster von „Stürmer“-Karikaturen dar. Sie profitieren von einer gehörigen Portion <em>„Aberglaube“</em>, der sich im Horrorgenre in der Form von <em>„Creepypasta“</em> im Internet vervielfältigt, aber genauso mit realen Verschwörungserzählungen in den sozialen Medien funktioniert, wie dem von Renaud Camus, Martin Sellner und ihren Anhänger:innen propagierten „Great Reset“. Vor diesen Verschwörungserzählungen schützt der Konsum von fiktivem Horror nicht. Aber es ist nicht ausgemacht, ob dieser Konsum möglicherweise die Wirkung von realen Verschwörungserzählungen verstärken könnte. Das wäre dann die Gegenthese zur These von Stephen King.</p>
<p>Wenn schon kein realer Bruce Willis („Armageddon“, „The 5th Element“) hilft, gibt es eigentlich nur noch zwei Wege, mit den drohenden Katastrophen zurechtzukommen, sich zu sedieren oder einfach nur zu reflektieren, was da geschieht. Eine Lösung ist nicht in Sicht, aber auch die Erkenntnis des Schreckens könnte vielleicht helfen, die Contenance zu bewahren. Intellektuelle möchten das gerne glauben. Ijoma Mangold vermutet dies in seinem Porträt von Peter Thiel: <em>„Vielleicht können wir die Lage wieder besser erkennen, wenn wir uns dieses dunklen Denkens im Dunstkreis von Peter Thiel, das ja auch als <u>‚dark enlightenment‘</u> apostrophiert wird, wie eines Kontrastmittels bedienen. Wie heißt es bei Theodor Däubler, den Thiels Held Carl Schmitt so gerne zitierte: Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Vielleicht hilft das Denken des politischen Gegners einem selbst dabei, wieder die Deutungshoheit über die Wirklichkeit zurückzugewinnen. / Zugeben, wer sich mit dem Teufel an einen Tisch setzt, braucht einen langen Löffel. Aber es kann nicht schaden, dem Teufel Intelligenz zu unterstellen, wenn man herauszufinden versucht, wie er tickt.“ </em></p>
<p>Wer kennt außer einigen wenigen Germanist:innen schon <a href="https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/daeubler.html">Theodor Däubler</a>? Aber ein anderer Name ist selbst zur allseits bekannten Metapher geworden: Franz Kafka. Olivier Guez beendet seinen bereits zitierten Gastbeitrag in der FAZ über die <em>„Gleichgültigkeit“</em> in den USA und anderswo gegenüber Trump mit einem Blick auf den unvollendeten Amerika-Roman Kafkas: <em>„Es gibt kein gelobtes Land mehr; der Ort der Zuflucht fehlt. An seine Stelle ist eine nationalistische, unberechenbare und zugleich berechnende Macht getreten. Zu diesem Reich passt eher die Sicht von Karl Roßmann, der gerade in New York in den Hafen einläuft. Am Anfang von ‚Der Verschollene‘ (1927) erblickt der junge Emigrant die Göttin der Freiheit: ‚Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor‘, schreibt Kafka. Ein bedrohliches Schwert ersetzt nun die Flamme von Recht und Freiheit.“</em></p>
<h3><strong>„Zukunftsbilder 2045“</strong></h3>
<div id="attachment_7369" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://realutopien.info/zukunftsbilder-2045/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7369" class="wp-image-7369 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Zukunftsbilder-2045_Ansicht-print_reinventing-society-1536x864.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7369" class="wp-caption-text">Weitere Informationen der Herausgeber:innen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Welt in 20 Jahren. Das ist keine lange Zeit. Klimaneutralität soll in Deutschland bis 2045 erreicht werden, in der EU bis 2050. Allerdings gibt es inzwischen auch Überlegungen, dieses Datum zu verschieben. Nicht einmal die Grünen trauen sich zurzeit, allzu laut für Klimaschutz zu werben. Im Band „Zukunftsbilder 2045“ ist von diesen Debatten keine Rede, denn die Ziele wurden – wie es sich für eine anständige Utopie gehört – erreicht.</p>
<p>Der Band „Zukunftsbilder 2045“ ist aufwendig gestaltet, enthält viele ausgesprochen ansprechende Bilder in einem großen Format, jeweils über Doppelseiten. Ergänzend zu den Texten gibt es QR-Codes mit weiteren Informationen. Vorgestellt werden 17 Kommunen, 15 in Deutschland, dazu Wien und Zürich. Zwei Kommunen liegen in Ostdeutschland, Leipzig und Wiesenburg, das die einzige ländliche Kommune ist. Haan bei Düsseldorf steht als Beispiel für eine kleine Kommune im Speckgürtel einer wohlhabenden Stadt. Die weiteren Städte: Berlin, Bremerhaven, Düsseldorf, Emden, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Leipzig, Ludwigsburg, Lüneburg, Stuttgart, München.</p>
<p>Der Band wird nach dem Vorwort der vier Gestalter:innen Stella Schaller, Ute Scheub, Sebastian Vollmar und Lino Zeddies von der fiktiven Journalistin Liliana Morgentau eingeleitet, die 21 Jahre in Lateinamerika, insbesondere in Peru und Argentinien, gearbeitet hat. Sie möchte uns Leser:innen einladen, sie auf ihrer Reise zu begleiten: <em>„Auf meiner Reise will ich erkunden, ob es uns gelungen ist, (…) Frieden mit der Natur zu schließen.“ </em>Der Band endet mit einem Fragebogen, in den die Leser:innen ihre eigenen Visionen eintragen können, sowie mit einer Vorstellung der Ziele und Arbeitsweisen von Reinventing Society.</p>
<p>Die 17 Orte werden mit fiktiven Interviews vorgestellt, alle vorgestellten Initiativen haben bereits heute erprobte Vorbilder, die in der Regel jedoch nur an einzelnen Orten und dort oft nur mit einzelnen Projekten Wirklichkeit wurden. Zu diesen Initiativen gehören Ökodörfer, Urban Gardening, Forschungsergebnisse zur Agrarwende, <a href="https://www.leuphana.de/portale/utopie-konferenz/programm.html">Utopiekonferenzen</a>, wie es sie seit 2018 an der Universität Lüneburg gibt, Bürgerräte nach dem Modell von <a href="https://www.mehr-demokratie.de/">Mehr Demokratie e.V.</a>, Maßnahmen zur Klimaanpassung, zum Beispiel Ersatz von Asphalt, der sonst in der Hitze schmilzt. Schulen wie die <a href="https://www.margret-rasfeld.de/">Margret-Rasfeld</a>-Schule folgen der <a href="https://igh-heidelberg.com/images/download/IGH_FAQs.pdf">Dalton-Pädagogik</a>, bieten Räume nach dem <a href="https://daten.didaktikchemie.uni-bayreuth.de/grundbegriffe_fd/C_Fraktale_Schule.pdf">Modell der Fraktalen Schule</a>, Banken arbeiten mit <a href="https://www.sparda-b.de/ueber_uns/verantwortung_und_nachhaltig/nachhaltigkeitsziele.html"><em>„Gemeinwohlbilanzierungen“</em></a>.</p>
<p>Auf den Bildern sehen wir viel Grün, wenig Autos, Busse, Shuttles, Fahrräder, gut erreichbare Gastronomie mit Cafés in der Innenstadt, natürliche Wasserkreisläufe und Schwammstädte, die Nähe von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen, attraktive Naherholung. Die Nutzung repräsentativer Gebäude durch Bürgerinitiativen und Vereine wird öffentlich gefördert, es gibt bundesweite <em>„Bürgerwerkstätten“</em>. Das <em>„Kriegsministerium“</em> ist zum <em>„Ministerium für Demokratie und Gemeinwohl“</em> geworden, es gibt eine <em>„Bundesministerin für integrale Gesellschaftsentwicklung“</em>, es gab im Jahr 2030 eine große Steuerreform, die für mehr Gerechtigkeit sorgte, der <em>„Deep State“</em> wurde zur <em>„Deep Democracy“</em>. Ein wichtiger Stichwortgeber – man könnte ihn auch Influencer nennen – war der (fiktive) Buchautor Leonardo Merwald mit seiner „Regeneratopia“-Reihe, die durchaus Anklänge an Romane von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-utopischer-visionaer/">Kim Stanley Robinson</a> verrät, nicht zuletzt an „Das Ministerium für die Zukunft“ (deutsche Erstausgabe 2021 bei Heyne).</p>
<p>Der Band bietet ein überzeugendes Gegenbild zu so manchen politischen Ansätzen der 2020er Jahre, in denen wir nicht ohne Grund befürchten müssen, dass sich die Welt eben nicht zum Besseren entwickeln wird. Aber wie konnte es zu dem von Reinventing Society imaginierten besseren Ende kommen? Die Antwort ernüchtert: Durch Katastrophen. Es gab Temperaturen von bis zu 46 Grad Celsius im Rheinland, einen Finanzcrash im Jahr 2029, aber dann gab es ein Umdenken, weltweit!</p>
<p>Eine fiktive Transformationsforscherin mit dem sprechenden Namen Henrike Schirmbauer aus Bremerhaven erinnert an die 2020er Jahre: <em>„Die 2020er waren eine Zeit großer Paradoxien und Widersprüche. So wie Pflanzenreste zum Humus für neue Gewächse werden, hat der Zusammenbruch des alten Systems ein Aufkeimen neuer Ideen, Lösungen und Praktiken ermöglicht. In den krisenhaften 2020er Jahren ist die globale regenerative Bewegung erstarkt. Deren Mitglieder bauten Pionierprojekte und Inseln regenerativer Kulturen auf. Eine wichtige Inspiration für mich war das Buch </em><a href="https://www.phaenomen-verlag.de/buch/regenerative-kulturen-gestalten/"><em>‚Regenerative Kulturen gestalten‘</em></a><em> von </em><a href="https://www.danielchristianwahl.com/"><em>Daniel Christian Wahl</em></a><em>, einem Vordenker auf diesem Gebiet.“ </em>(Dieses Buch und diesen Autor gibt es wirklich, Internetlinks im Zitat NR).</p>
<div id="attachment_7372" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7372" class="wp-image-7372 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-300x163.jpg" alt="" width="300" height="163" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-200x109.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-300x163.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-400x217.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-600x326.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-768x417.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-800x434.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-1024x556.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-1200x652.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Koeln-Hohenzollernbruecke-Zukunftsbild-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0-Foto-Maximilian-Schoenherr-1536x834.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7372" class="wp-caption-text">Köln Hohenzollernbrücke, Zukunftsbild 2045 / Reinventing Society &amp; loomn (CC BY NC SA 4.0, Foto: Maximilian Schönherr)</p></div>
<p>In den 2030er Jahren wurden – metaphorisch gesprochen – aus nachhaltigen Inseln nachhaltige Kontinente und Meere, ein nachhaltig wirtschaftender Planet. Henrike Schirmbauer: <em>„Die wilden 2030er sind in eine Phase von größerer Erdung und Stabilität übergegangen. In den letzten Jahren gelang uns ein kraftvoller Umbau unserer Gesellschaft. Nach vielen Experimenten haben sich viele gute Lösungen etabliert. Die Wirtschaft mehrt unseren Wohlstand und hält überwiegend die planetaren Leitplanken ein.“</em></p>
<p>Als Leser wurde ich an diesem Punkt skeptisch. Globales Umdenken? In einem so kurzen Zeitraum? Die Ziele, die 2045 erreicht wurden, überzeugen, aber wie kommt die Welt dorthin? Nur über Katastrophen? Was wurde aus den 46 Grad im Rheinland? Gibt es noch Kriege? Müssen Menschen wegen eines Krieges oder wegen der durch den Klimawandel ausgelösten Katastrophen ihre Heimat nach wie vor verlassen wie in den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts?</p>
<p>Es ließe sich auch ein anderes Szenario denken, eine reine Anpassungsstrategie an eine Erderwärmung um vier Grad Celsius im Durchschnitt wie sie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zukunftschance-migration/">Parag Khanna in seinem Buch „Move“</a> als Jahrhundertprojekt vorstellt: Die Menschheit gibt im Verlauf des 21. Jahrhunderts zahlreiche Siedlungsgebiete auf und erschließt durch Migration neue in der Nähe der Polarkreise. Das ist Migration in größtem Stil, der alle heutigen Szenarien um ein Vielfaches übertrifft. Die Konflikte, die wir bereits heute weltweit erleben, und die wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch in der nächsten Zukunft erleben werden, wären noch ein anderes Thema. Ausgetrocknete Böden, versteppte Landschaften, Wasserknappheit, Artensterben und Pandemien, weil der Mensch bei einer immer weiter eingeengten Wildnis mit Viren in Kontakt kommt, die er sonst nie kennengelernt hätte. Wie gehen die Städte und Dörfer der Zukunft damit um, wie Politik und Gesellschaften?</p>
<p>„Zukunftsbilder 2045“ imaginiert eine mögliche und wünschenswerte Zukunft, aber reicht es aus, nur über Gegenbilder zur Dystopie der Gegenwart nachzudenken? Hier kommt Isabella Hermann mit ihrem Buch „Zukunft ohne Angst“ ins Spiel. Sie fordert ein anti-dystopisches Denken.</p>
<h3><strong>„Zukunft ohne Angst“</strong></h3>
<div id="attachment_7370" style="width: 201px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.oekom.de/buch/zukunft-ohne-angst-9783987261510"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7370" class="wp-image-7370 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-191x300.jpg" alt="" width="191" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-191x300.jpg 191w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-200x315.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-400x629.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-600x944.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-651x1024.jpg 651w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-768x1208.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-800x1258.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-977x1536.jpg 977w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-1200x1887.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag-1302x2048.jpg 1302w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/08/Isabella-Hermann-Zukunft-ohne-Angst-oekom-Verlag.jpg 1547w" sizes="(max-width: 191px) 100vw, 191px" /></a><p id="caption-attachment-7370" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Buch von Isabella Hermann enthält sechs Kapitel. Es beginnt mit „Die dystopische Gegenwart“ und „Die utopische Forderung“, definiert anschließend ausgehend von Kim Stanley Robinsons „Das Ministerium für die Zukunft“ den Begriff der „Anti-Dystopie“, konkretisiert dies mit mehreren „antidystopischen Geschichten“ und schließt mit Vorschlägen für „Anti-dystopisches Verhalten im Hier und Jetzt“ sowie dem resümierenden Kapitel „Die Anti-Dystopie als anschlussfähiges Narrativ und Konzept“. Etwa 100 Seiten Text lesen sich ausgesprochen konzentriert und zugleich so unterhaltsam, dass manche Leser:innen auf den Geschmack kommen werden, die einzelnen empfohlenen Romane zu lesen. Darüber hinaus bietet das Buch einen Werkzeugkasten, mit dem sich andere als utopisch oder dystopisch charakterisierte Romane, Filme, Serien analysieren lassen.</p>
<p>Dystopien sind für Isabella Hermann der <em>„Ausdruck gegenwärtiger Zukunftsängste, die in ein düsteres Extrem gesteigert werden.“ </em>Grundlage sind das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/un-doing-climate-fiction/"><em>„Anthropozän“</em></a>, ein Begriff von <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-030-82202-6_2">Paul J. Crutzen und Eugene F. Stoermer</a>, beziehungsweise das <em>„Kapitalozän“</em>, ein von <a href="https://www.e-flux.com/journal/75/67125/tentacular-thinking-anthropocene-capitalocene-chthulucene">Donna Haraway</a> ergänzend eingeführter Begriff. Isabella Hermann verweist auf den Roman „Parable of the Sower“ (1993) von <a href="https://www.octaviabutler.com/">Octavia Butler</a>, der im Jahr 2024 spielt, etwa 30 Jahre nach Erscheinen: <em>„Die prekären Lebensbedingungen treffen Weiße genauso wie People of Color, was aber nicht zwingend zu einer Solidarisierung führt. Stattdessen herrscht oft großes Misstrauen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen.“</em> Das ist nicht nur eine Fiktion, sondern lässt durchaus an diverse identitätspolitische Debatten der heutigen Zeit denken.</p>
<p>Isabella Hermann geht einen Schritt weiter, indem sie die Akteure des <em>„Anthropozäns“</em> beziehungsweise des <em>„Kapitalozäns“</em> benennt, die sich in dystopischen Erzählungen gegenseitig zu übertreffen versuchen: <em>„Zu erwähnen ist, dass die über weite Strecken sehr angloamerikanisch, männlich und weiß geprägte Geschichte der SF seit den 1970ern zunehmend mit feministischen, antirassistischen, postkolonialen und queeren Perspektiven erfolgreich herausgefordert wird.“</em> Eine der bekanntesten Autorinnen ist vielleicht <a href="https://margaretatwood.ca/">Margaret Atwood</a> mit ihrem inzwischen auch in Filmen und Serien präsenten Werk „The Handmaid’s Tale“ (1985). Die Perspektiven ändern sich auch, weil die Autor:innen vielfältiger werden, es entstehen weibliche oder afrikanische Perspektiven. Dazu gehört beispielsweise die nigerianische Schriftstellerin <a href="https://www.octaviabutler.com/">Nnedi Okorafor</a>, die ihr Werk <em>„als Africanfuturism in Abgrenzung zum Afrofuturismus“</em> definiert und damit afrikanische Perspektiven in den Vordergrund stellt, die sich von den Perspektiven afroamerikanischer, afroeuropäischer oder afrodeutscher Autor:innen unterscheiden. Dies bedeutet nicht, dass auf Grund dieser Vielfalt die humanistischen, utopischen Kräfte dominieren müssten. Das ist schon in der frauenfeindlichen Dystopie Margaret Atwoods nicht der Fall. In <a href="https://www.sarahhallauthor.com/">Sarah Halls</a> Roman „The Carhullan Army“ (2007) entpuppt sich die Befreierin Jacky <em>„als manipulative Gewaltherrscherin“</em>, ein angesichts des Schicksals mancher Befreiungsbewegungen gar nicht so weit hergeholtes Szenario (zum Beispiel das Ehepaar Ortega in Nicaragua, Mugabe in Zimbabwe).</p>
<p>Vielleicht sorgt Vielfalt auch dafür, dass in den Dystopien Perspektiven einer Utopie entstehen? Isabella Hermann konstatiert allerdings: <em>„Des einen Utopie ist des anderen Dystopie – und umgekehrt. Dies heißt Utopien stets zu hinterfragen oder sich gleich vor ihnen in Acht zu nehmen, denn sie könnten nicht nur eine unerreichbare Träumerei, sondern auch gefährlich sein.“</em> Man muss sich im Grunde nur die Utopien anschauen, die die Milliardäre rund um Donald Trump oder ein Vladimir Putin verbreiten, um diesen Satz zu verstehen. Ein Gegengift wären jedoch <em>„kritische Utopien“</em>. Diese <em>„legen den Fokus auf den fortwährenden Prozess der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Idealen und die Akzeptanz von Unterschieden und Unvollkommenheiten innerhalb der Utopie.“</em> Als Beispiele nennt Isabella Hermann <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/ursula-k.-le-guin/">Ursula K. LeGuins</a> „The Dispossessed“ (1974), <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?343">Ernest Callenbachs</a> „Ecotopia” (1975), <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">Angela und Karlheinz Steinmüllers</a> „Andymon“ (1982), aber auch <a href="https://theresahannig.de/">Theresa Hannigs</a> „Pantopia“. <em>„Der Gedanke ist also, dass Utopien im Gegensatz zu Dystopien nicht nur warnen, sondern als positive Visionen auch zum konstruktiven Handeln anregen sollen.“</em></p>
<p>Eine <em>„kritische Utopie“</em> ist somit immer auch <em>„Anti-Dystopie“</em>. Sie ist – so Isabella Hermann – <em>„dynamisch“</em> und betont den Widerstand der Akteure in einem zunächst dystopisch erscheinenden Szenario. Man könnte die Autor:innen, die anti-dystopische Texte schreiben, auch als Teilnehmer:innen eines Diskurses bezeichnen, die wagen, in Alternativen, in Gegensätzen, in dialektischen Prozessen zu denken. Eben dies ist auch der Grundgedanke von Kim Stanley Robinson im „Ministerium für die Zukunft“, den Isabella Hermann wie folgt zitiert: <em>„It’s not a utopian novel, because they haven’t solved the problems, but have resisted dystopia.“</em> Anders gesagt: <em>„Die Anti-Utopie ist unperfekt“</em>. Es gibt keine einfachen Lösungen: <em>„Wie dann im Sinne der Anti-Dystopie Gerechtigkeit ausgestaltet, Gemeinschaft gebildet und Veränderung herbeigeführt und durchlebt werden, müssen wir in der Realität selbst aushandeln – das kann uns kein Kim Stanley Robinson abnehmen. Was Autor:innen allerdings eröffnen, sind Möglichkeitsräume, um Zukunftsideen zu diskutieren.“ </em>(Wer es bildungsbürgerlich mag, möge an Friedrich Hölderlin und sein so oft zitiertes Gedicht <a href="https://www.gedichte7.de/patmos.html">„Patmos“</a> denken, in dem gleich zu Beginn die folgende These formuliert wird:<em> „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. </em>Wie auch immer es ausschauen mag, jenseits von Superheld:innen nachempfundenen Figuren.)<em>    </em></p>
<h3><strong>Ingenieure, Hazardeure und Geisterjäger retten die Welt</strong></h3>
<p>Können wir die weitere Erwärmung der Erde noch verhindern oder bleibt nur noch Klimaanpassung? Ist die Apokalypse verhinderbar oder können wir uns nur noch darauf vorbereiten, in einer postapokalyptischen Zukunft zu überleben? Mit der biblischen Apokalypse hat das nicht mehr viel zu tun. Isabella Hermann beschreibt die säkulare Wende religiöser Vorstellung in postapokalyptischer Literatur: <em>„In der Postapocalyptic Fiction als Subgenre der Science-Fiction ist der Grund des Weltendes zwar nicht mehr direkt religiöser Natur, doch geht es um das menschliche Überleben nach einem Ereignis, das zum Zusammenbruch der Erde geführt, seien es Klimakatastrophen, missglücktes Geoingineering, Meteoriteneinschläge, Alien-Invasionen, Pandemien oder der Einsatz von Waffen globalen Ausmaßes. (…) Oft sind diese Settings dystopisch, da die Menschheit in einen Zustand fällt, in dem das Recht des Stärkeren gilt und Macht durch Gewalt ausgeübt wird.“</em> Hier wird <em>„eine Stunde null“</em> imaginiert, nach der unterschiedliche Szenarien möglich sind, eine Besinnung der Menschheit auf eine nachhaltige und friedliche Zukunft – wie in der Utopie von „Zukunftsbilder 2045“ – oder eine Art Eskapismus à la Elon Musk auf den Mars.</p>
<p>Allerdings könnte sich Elon Musk vielleicht öfter diverse Star-Trek-Episoden anschauen, in denen es immer wieder einmal darum geht, Apokalypsen zu verhindern. Das geht mitunter so weit, dass die Bedrohungen im All genozidale Auswirkungen zu haben drohen. Im Franchise „Discovery“ verschärft sich dies von Staffel zu Staffel, zum Beispiel in der vierten Staffel, in der die Spezies 10C überzeugt werden muss, dass eine von ihr durchgeführte Maßnahme ungewollt die Zerstörung ganzer Zivilisationen mit sich bringt. Ökologische Katastrophen, Genozide können dank der Genialität der diversen Star-Trek-Ingenieure oft genug mit technischen Mitteln, über die die Sternenflotte verfügt, verhindert werden. Das Fiktionale wird hier geradezu zur Metapher.</p>
<p>Fortgeschrittene Ingenieurskunst ist nur eines der Instrumente, mit denen dies den jeweiligen Kommandant:innen der Sternenflotte gelingt, die Welt zu retten. In <a href="https://memory-alpha.fandom.com/wiki/Year_of_Hell_(episode)">„Year of Hell“</a>, eine Doppel-Episode von „Voyager“, versucht der Anführer der Krenim, Captain Annorax (übrigens der Name des Wissenschaftlers in dem Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne), eine Zeitlinie wiederherzustellen, in der seine tote Ehefrau wieder lebt. Die Wiederherstellung dieser Zeitlinie gelingt jedoch immer nur zu einem Teil, mitunter mit bis über 90 Prozent, nur seine Frau bleibt nach wie vor tot. Die Veränderungen haben katastrophale Auswirkungen auf ganze Zivilisationen, sie sind in Kauf genommene Genozide. Als letztes Mittel riskiert Captain Janeway die Vernichtung der Voyager. Natürlich mit Erfolg, die ursprüngliche Zeitlinie wird wiederhergestellt, das Jahr der Hölle hat nicht stattgefunden, nicht nur für die Crew der Voyager, auch für die Krenim, deren Anführer sein Ziel erreicht hat: seine Frau lebt.</p>
<p>Oder brauchen wir vielleicht doch eher professionelle Geisterjäger:innen, echte Ghostbuster? Patricia Eckermann lässt sie in ihrem Roman <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957">„Elektro Krause“</a> dafür sorgen, dass eine Elektrofirma aus Troisdorf-Sieglar mit einer eigenen Kompetenz als Ghostbuster im Bonn des Jahres 1989, kurz vor dem Mauerfall, eine Art Nazi-Zombies daran hindert, die Abgeordneten des Deutschen Bundestages durch ein Portal zu infiltrieren und auf diese Weise die Macht zu übernehmen. Damit wären wir wieder beim Horror-Genre, in dem es eben auch immer diejenigen gibt, die die Ursachen des Horrors beseitigen. Suchen Sie sich aus, wem Sie mehr vertrauen, Ingenieure:innen, Hazardeur:innen oder Geisterjäger:innen!</p>
<p>Die Apokalypse hat viele Gesichter, es gibt aber eben auch viele Szenarien, sie zu verhindern. Isabella Hermann: <em>„Diese Widersprüche der unterschiedlichen Antworten auszuhalten ist anti-dystopisch.“</em> Sie zitiert zum Abschluss Octavia Butler: <em>„Was wir im Angesicht einer sehr komplexen Krise tun können, ist, dass wir sie mit unserer eigenen Komplexität beantworten. Wir sind selbst sehr komplex in unserem Empfinden, Denken und Handeln. Demzufolge gibt es auch nicht nur eine einzige Antwort auf die Frage, was wir tun können, im Gegenteil: Unsere Antworten gebären eine ganz neue Welt.“</em> Nicht ohne Grund verweist Isabella Hermann im Abschlusskapitel auf das Buch „Erzählende Affen“ von Samira El Ouassil und Friedemann Karig (Berlin, Ullstein, 2021). Horrorerzählungen, Apokalypsen, Dystopien gehören dazu, aber eben auch die Geschichten, wie sie überwunden werden könnten. Beispielsweise findet jede Episode der „X-Files“ dank Fox Mulder und Dana Scully findet ein weitgehend gutes Ende. Oder es bleibt zumindest – wie in „Twin Peaks“ denkbar, wenn auch vielleicht in einer anderen Zeit-Dimension. Die Möglichkeit einer Überwindung ist auch die Botschaft der vorbildlich humanistischen Welt von Star Trek, der Mensch hat eine zentrale Fähigkeit. Am Ende der ersten Staffel des Franchise „Picard“ benennt sie Jean-Luc Picard im Gespräch mit Data: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/its-imagination/">„It’s imagination“</a>. In der Tat. So wie wir ein Kino verlassen, sollten wir auch den realen Horror verlassen können.</p>
<p>Vielleicht wäre aber auch denkbar, dass Politiker:innen zugleich kluge Ingenieur:innen, mutige Hazardeur:innen oder gar erfolgreiche Geisterjäger:innen werden? Vielleicht sollten sie einfach nur mehr anti-dystopisches Denken wagen? Petra Pinzler und Stefan Schmitt veröffentlichten am 26. Juni 2025 in der ZEIT ihren Essay <a href="https://www.zeit.de/2025/27/zukunft-visionen-angst-optimismus-wissenschaft">„Das wird gut“</a>, in dem sie sich ausdrücklich auf Kim Stanley Robinson und Isabella Hermann bezogen: Sie erinnern an das UNESCO-Konzept der <a href="https://www.zukunftsbauer.de/futures-literacy">„Futures Literacy“</a>, das inzwischen auch in diversen Workshops diskutiert und erprobt wird: <em>„Nicht fantasieren, sondern Existierendes in die Zukunft verlängern“</em>. Eigentlich bräuchte man dazu nur den politischen Willen, die erforderlichen Mehrheiten zu organisieren. Dann werden vielleicht auch Zukunftsbilder Wirklichkeit, wie sie Reinventing Society imaginiert. Und das wäre dann nicht mehr nur Science Fiction. Vielleicht.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2025, Internetzugriffe zuletzt am 6. August 2025. Titelbild: Thomas Franke,</p>
<p>Illustration zur Erzählung „Ascheglühen“ von Wolf Welling und mit der Collage gedruckt in EXODUS 49, Holzstichcollage auf Chromolithografie / 29,8 x 39,3 cm / 2024.. Der Künstler gab der Collage den folgenden Titel: <em>„Visualisierung einiger Konstellaterationen im komaschatischen Wunderland mit dem vom Patakosmologen Klaúdios Ptolemaíos installerierten Induktions-Inklinatorium sowie dem von seinem Konkurrenten Niclas Koppernigk einmontierten Erdinduktor, welche die Feldlinien des Wunderlandischen Magnetfeldes zum nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses des Visualisierers beeinflussen, womit sich dessen alternativlosende Zuneigung zur Wissenschaft offenbart. In den sich daseinsabschließend zusehends fragmentarisierenden neuronalen Verschaltungen, die einen Fluß moderat dahintreibender magnetfeldischer Strömungen erzeugen, quellen Nanobots an die Oberfläche und enthüllen ihr wahres Wesen als weltzerfressende Pac-Mans im in die Wirklichkeit transformulierten Labyrinth ‚Wunderland‘, &#8211; gierig mit dem japanischen lautmalerischen Ruf ‚paku paku!‘ nach dem nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses schnappend. Das in diese virtualitätige Visualisierung integrierte alte Schulhaus im Sonnenuntergang beobachtend, lauert der Boschfroschlakai und suggeriert als Erscheinung, daß das Froschsein als Zustand zwar etwas nicht Erstrebenswertes, allerdings etwas Vorübergehendes sein könnte. Und also schwirrelt einer der durch die unglückliche Einwürgung des Doppler-Effekts verdoppelten Alice, als A-Lice und Be-Lice zu sehen, in diesem Zusammenhang die klügliche Be-Hauptung des antiken Dichters Petronius durch den Kopf: ‚qui fuit rana, nunc est rex‘. A-Lice hingegen denkt über sich und komaschatische Wunderländer nach und singt das Lied ‚The Me I Never Knew‘“.&#8220;</em> Alle Rechte beim Künstler.)</p>
</div></div></div></div></div>
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