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	<title>Österreich Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Vermächtnisse der Bukowina</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Jun 2025 14:57:47 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vermächtnisse der Bukowina Reflexionen zur Shoah bei Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger „Ist ‚Heilung‘ überhaupt möglich und angemessen als Wort, um diese Handlungserfahrung zu beschreiben? Unabhängig davon, ob wir uns im Rahmen des Möglichen oder des Unmöglichen befinden, erweist sich die Akzeptanz der schrecklichen Realität als eine gestalterische Fähigkeit, in der vorhandenen Zeit anders  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Vermächtnisse der Bukowina</strong></h1>
<h2><strong>Reflexionen zur Shoah bei Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger</strong></h2>
<p><em>„Ist ‚Heilung‘ überhaupt möglich und angemessen als Wort, um diese Handlungserfahrung zu beschreiben? Unabhängig davon, ob wir uns im Rahmen des Möglichen oder des Unmöglichen befinden, erweist sich die Akzeptanz der schrecklichen Realität als eine gestalterische Fähigkeit, in der vorhandenen Zeit anders unterzukommen und für sich Spielräume zu (er)finden. Anders gesagt, in der Dunkelheit wird ein Danach geformt. Ich bin nicht sicher, ob ich diesen Prozess ohne Metaphern beschreiben kann.“ </em>(Kateryna Mishchenko, <a href="https://weiterschreiben.jetzt/texte/erste-gedanken-an-heilung/">Erste Gedanken an Heilung</a>, veröffentlicht im Oktober 2024 auf der Plattform „Weiter Schreiben“)</p>
<p>Die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltliteratur-im-exil/">Plattform „Weiter Schreiben“</a> gibt Autor:innen, die durch Krieg und Terror ihre Heimat verloren haben, die Gelegenheit, in dem Land ihres Exils weiter zu schreiben. Kateryna Mishchenko ist Ukrainerin. Die Autorin engagiert sich unter anderem im Verlag Medusa. Sie stellt eine, vielleicht sogar <u>die</u> entscheidende Frage, die sich allen stellt, stellen müsste, die versuchen, den Schrecken von Terror und Krieg in Worte zu fassen, ihn literarisch – so heißt es empathiereduziert oft – aufzuarbeiten.</p>
<p>Die Ukraine, nicht zuletzt die West-Ukraine, ist die Heimat eines bedeutenden Teils der deutschsprachigen Literaturgeschichte, die zugleich eine Geschichte der von Jüdinnen und Juden geschriebenen Literatur ist. Ein geradezu mythisch aufgeladener Ort ist Czernowitz, nicht nur, weil Czernowitz einer der größten jüdischen Gemeinden Osteuropas Heimat war. <a href="https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/290248#:~:text=Czernowitz%20%28deutsch%20auch%20Tschernowitz%3B%20ukrainisch%20%D0%A7%D0%B5%D1%80%D0%BD%D1%96%D0%B2%D1%86%D1%96%20%2F%20Tscherniwzi%3B,Karpatenvorland%2C%20haupts%C3%A4chlich%20am%20rechten%20Ufer%20des%20Flusses%20Pruth.">Die verschiedenen Schreibweisen des Ortsnamens</a> spiegeln die wechselvolle Geschichte der Stadt, deutsch auch Tschernowitz, ukrainisch Чернівц / Tscherniwzi, russisch Черновцы / Tschernowzy, rumänisch Cernăuţi, polnisch Czerniowce, jiddisch טשערנאָװיץ Tschernowitz). Die Stadt liegt am Fluss Pruth in der Landschaft der Bukowina, die wiederum ein Teil des ebenso mythisch aufgeladenen Galiziens ist.</p>
<h3><strong>What Poems and Music Can Tell</strong></h3>
<p><a href="https://www.uni-saarland.de/fakultaet-p/gutenberg.html">Norbert Gutenberg</a> hat für die Edition Noack &amp; Block zwei Bände gestaltet, die einer Autorin und einem Autor gewidmet sind, die in der Bukowina, in Czernowitz aufgewachsen sind: Paul Antschel, bekannt als Paul Celan, und Selma Meerbaum-Eisinger. Beide schrieben in deutscher Sprache, beide repräsentieren eine mit der Shoah zerstörte Kultur, die deutschsprachige jüdische Kultur in Osteuropa.</p>
<p>Paul Celan überlebte die Shoah und wurde zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker, Selma Meerbaum-Eisinger erlebte nach ihrem frühen tragischen Tod im Lager Michailowka ihre Wiederentdeckung nicht mehr, gehört aber nach einer aufregenden Überlieferungs- und Publikationsgeschichte zu den berühmten in deutscher Sprache schreibenden Autorinnen und Autoren der Bukowina. Wer mehr über die Biographien von Paul Celan und Selma Meerbaum-Eisinger wissen möchte, greife zu den bei Hentrich &amp; Hentrich erscheinenden „Jüdischen Miniaturen“. Helmut Braun schrieb das Buch <a href="https://www.hentrichhentrich.de/autor-helmut-braun.html">„Selma Meerbaum – ‚Ich will nicht sterben‘“</a>, Gernot Wolfram den Band <a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-paul-celan.html">„Paul Celan – Der Dichter des Anderen“</a>.</p>
<p>Bevor ich im Detail auf die beiden Bände von Gutenberg eingehe, erlaube ich mir einige grundsätzlichen Überlegungen, im Anschluss an den Gedanken von Kateryna Mishchenko. Ist es möglich, über die Shoah, über einen Genozid ohne Metaphern zu schreiben oder sind Metaphern unabdingbar, um Unsagbares in irgendeiner Art lesbar und hörbar, weniger unerträglich zu machen?</p>
<p>Diese Frage belastet alle, die die Shoah in ihre Texte aufnehmen, im Übrigen weil sie wohl gar nicht anders können, als sie, wenn sie schreiben, aufzunehmen: Wie lässt sich über den Schrecken, den Terrorregime und Milizen dieser Welt verbreiten, sprechen oder schreiben? Oder müssen wir Adornos Diktum aus dem Jahr 1951 akzeptieren, nach Auschwitz wäre es <em>„barbarisch“</em>, Gedichte zu schreiben? Oder ist es doch nicht eher so, dass gerade Gedichte helfen, die Welt wieder neu zusammenzusetzen, zumindest den Anschein einer neu zusammengesetzten Welt zu erzeugen? Wolfgang Hildesheimer deutete in seinen Frankfurter Vorlesungen (Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1969) an, dass Gedichte oder kurze an Gedichte mahnende Prosaformen (unter anderem am Beispiel der „Maulwürfe“ des in seiner NS-Vergangenheit umstrittenen Günter Eich) helfen könnten. Seine zweite Vorlesung überschrieb Hildesheimer mit „Das absurde Ich“: <em>„Das absurde Ich konstatiert die greifbaren Dinge in seiner Welt, es stellt Überlegungen an über ihre oft rätselvolle Funktion und definiert das eigene Verhältnis zu ihnen.“</em></p>
<p>Ein Gedicht wie „Todesfuge“ von Paul Celan, vielleicht das bekannteste Gedicht zur Shoah in deutscher Sprache überhaupt, lässt diesen Gedanken vertiefen. Eine „Fuge“ verbindet als Musikstück wie als Bauelement Unverbundenes, verschachtelt es, kittet, aber in der Verbindung mit dem „Tod“ mahnt sie als „Todesfuge“ an den Zivilisationsbruch der Shoah (Dan Diner), mit der die Welt wohl für immer aus den Fugen geraten ist. Provokativ gefragt: Gäbe es eine Zukunft für Hamlet?</p>
<p>Nicht nur für Hamlet. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Das Volk der Êzîd:innen erlitt 74 Genozide</a>. Ronya Othman sucht in ihrer Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Êzîd:innen in ihren Romanen und in ihren Gedichten einen geeigneten Modus und findet Hybride von Roman, Geschichtsbuch, Reportage und Autobiographie. Diese Mischung spiegelt die Unsicherheit, die geeignete literarische Gattung zu finden. Im Zentrum landet immer wieder das „Ich“. Es ist und bleibt in höchstem Maße persönlich. Lena Gorelik formulierte diesen Gedanken in ihrer Poetikvorlesung „Ich schreibe weil ich glaube ich bin“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2024): <em>„So wie alles, was ich schreibe, ein Text ist und es andere sind, die eine Gattung darüber legen, Roman, autofiktionaler Roman oder autobiographischer Roman, als könne man den fiktionalen Anteil mit einem Lineal vermessen, Essay, Geschichte, aber ich, ich warte einfach, bis ich diese Stimme hören kann, die Melodie. Bis ich nur noch zu tippen brauche, was die Stimme diktiert, Worte, Töne, Zwischentöne, Pausen, Lücken, den Text.“ </em>Überleben in der Literatur, im literarischen, im poetischen Schaffen?</p>
<p>Aber was kann die Kunst, was darf sie, was soll sie leisten? Peter E. Gordon stellte im New York Review of Books vom 17. Oktober 2024 in dem Essay <a href="https://www.nybooks.com/articles/2024/10/17/music-and-memory-times-echo-jeremy-eichler/">„Music and Memory”</a> ein Buch von Jeremy Eichler vor: „The Second World War, the Holocaust, and the Music of Remembrance” (Knopf, 2024). Gegenstand des Buches sind unter anderem „Ein Überlebender von Warschau“ von Arnold Schoenberg, die „Metamorphosen“ von Richard Strauss, das „War Requiem“ von Benjamin Britten und der erste Satz der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=acDDPoopgvw">13. Symphonie in B-Moll op. 113 von Dmitri Schostakowitsch</a>, der mit einem Chor beginnt, der auf einem Gedicht von Yevgeny Yevtuschenko über die Ermordung von über 33.000 Jüdinnen und Juden durch Wehrmacht und SS am 29. und 30. September 1941 in Babyn Yar beruht. Paul Celan hat dieses Gedicht ins Deutsche übersetzt: <em>„Über Babi Jar, da steht keinerlei Denkmal. Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein. Mir ist angst. Ich bin alt heute, so alt wie das jüdische Volk. Ich glaube, ich bin jetzt ein Jude.” </em>(zitiert nach Natan Sznaider, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/erst-wurden-die-opfer-ermordet-dann-die-erinnerung/">Erst wurden die Opfer ermordet, dann die Erinnerung – Über das Gedenken an die jüdischen Opfer in Babi Jar</a>, in: Jüdische Allgemeine 7. Oktober 2016.)</p>
<p>Peter E. Gordon schreibt: <em>„No historical interpretation, no matter how elaborate, will succeed in nailing down its meaning once and for all.” </em>Natan Sznaider stellt fest, dass Juden in der sowjetischen Erinnerung keinen Platz hatten. Katja Makhotina und Franziska Davies nannten dies eine der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sternenstaub-im-wind/">„Offenen Wunden Osteuropas“</a>, denen sie in ihrem gleichnamigen Buch nachgingen (Darmstadt, WBG Theiss, 2022). Peter E. Gordon nennt das Zeitfenster, das Dmitri Schostakowitsch im Jahr 1962 nutzen konnte, in seiner Symphonie zugleich an die von den Nazis ermordeten Juden zu erinnern <u>und</u> an das sowjetische Vergessen. Aber die Aussage Adornos bleibt auf der Tagesordnung und muss stets von Neuem erörtert werden: <em>„But we must ask: Are there any limits to what art can tell? </em><em>Are some events simply too gruesome for aesthetic transfiguration? Is writing music after Auschwitz ‚barbaraic’, as Adorno famously said about poetry.” </em>Und was bleibt von Czernowitz? Czernowitz liegt heute im Westen der Ukraine. Es gibt eine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-war-einmal-galizien/">höchst aktive Germanistik in der Ukraine</a>, die nicht nur an die deutsche Sprache erinnert, sondern auch an die in der Region mit ihr verbundene jüdische Kultur. Das österreichische Außenministerium fördert diese Erinnerung, in Deutschland weiß man davon nur unter Spezialist:innen.</p>
<h3><strong>Die Shoah ist die Shoah ist die Shoah</strong></h3>
<p>Metaphern, Bilder, Allegorien – all dies sollen Schüler:innen im Deutschunterricht analysieren, aber damit landen sie in einer literarischen Sackgasse. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich im Deutschunterricht zu Beginn der 1970er Jahre, als Gymnasiast in der Oberstufe, ein Gedicht, das ein Autor geschrieben hatte, von dem meine Mitschüler und ich damals nicht mehr wussten als dass er dieses Gedicht geschrieben hatte, auf Metaphern untersuchen sollte, es war „Todesfuge“ von Paul Celan. Was hat es auf sich mit <em>„schwarze Milch“</em>, <em>„Meister aus Deutschland“</em>, <em>„Grab in den Lüften“</em>, <em>„dein aschenes Haar, Sulamith“</em>?</p>
<p>In meiner Schulzeit kamen Auschwitz, die Zeit des Nationalsozialismus, im Übrigen nicht vor. Dass <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-zeitenwandler/">Walter Scheel zum 30. Jahrestag des 8. Mai 1945</a> von <em>„Befreiung“</em> sprach, merkte kaum jemand. Erst <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/niemals-taeter/">zehn Jahre später platzierte Richard von Weizsäcker den Begriff der <em>„Befreiung“</em></a> erfolgreich in der deutschen Erinnerungskultur, allerdings noch ohne das Bekenntnis, wie viele Deutsche die Nazis bei ihrem Vernichtungswerk unterstützten. Ob mein Deutschlehrer wusste, was es mit „Todesfuge“ auf sich hatte, weiß ich nicht. Ich vermute, eher nein, oder vielleicht wollte er es als Schüler des erst spät wegen seiner NS-Vergangenheit umstrittenen Bonner Germanisten Benno von Wiese auch nicht wissen. Das Gedicht stand eben im Lesebuch, ebenso wie andere Lesebuchgedichte, die Autor oder Autorin verschwinden ließen (das Schicksal von Ingeborg Bachmanns „Reklame“ ließe sich als weiteres Beispiel nennen, auch dies ein Gedicht, in dem Schüler:innen viel zu oft etwas such(t)en, was es darin gar nicht gibt, und darüber das Eigentliche verpassen). Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass es in „Todesfuge“ keine einzige Metapher gibt, keine Allegorien. Alles ist real. Was tranken die in Auschwitz eingesperrten Menschen? Was geschah mit den Ermordeten? Wie nannten sich die SS-Aufseher? Und die <em>„Asche“</em>?</p>
<p>Die Edition Noack &amp; Bock in der Frank &amp; Timme GmbH hat – wie auch mit anderen ihrer Publikationen – den Mut, ein Buch zu veröffentlichen, das mit den vielen mysteriösen Versuchen der Interpretation von Literatur aufräumt. Sie hatte den Mut, das von Norbert Gutenberg herausgegebene Buch „Celan und die Anderen – Eine Anthologie zur <em>Todesfuge</em>“ zu veröffentlichen. Das Buch bietet viel mehr als der bescheidene Titel vermuten lässt. Norbert Gutenberg war Professor für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung an der Universität des Saarlandes. Er hat eine Einführung geschrieben, die im Titel die Begriffe <em>„Metaphern- und Sprachengeflechte“</em> nennt, die er auch in der Literatur über das Gedicht vorfand. Woher diese beiden Begriffe stammen, lässt sich – so scheint es – nicht mehr im Detail ermitteln.</p>
<p>Letztlich erinnert mich das Vorgehen von Norbert Gutenberg an Susan Sontags Essay „Against Interpretation“ sowie ihre Plädoyers, dass Krankheiten keine <em>„Metaphern“</em> sind. Krankheiten sind Krankheiten sind Krankheiten – so ließe sich vielleicht in Anlehnung an Gertrude Steins Rose sagen. Oder: Die Shoah ist die Shoah ist die Shoah. Susan Sontag schrieb: <em>„Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen. Indem man das Kunstwerk auf seinen Inhalt reduziert und diesen dann interpretiert, zähmt man es. Die Interpretation macht die Kunst manipulierbar, bequem.“ </em>(Zitiert nach der Übersetzung von Mark W. Rien, in: Susan Sontag, Kunst und Antikunst – 24 literarische Analysen, Fischer Taschenbuch Verlag, 1982.) Worte verlieren Klarheit, Prägnanz, Wirklichkeit, wenn sie nur als Metaphern gelesen werden.</p>
<h3><strong>Die Singularität von „Todesfuge“</strong></h3>
<div id="attachment_6386" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/norbert-gutenberg-hg-celan-und-die-anderen/backPID/norbert-gutenberg-hg.html"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6386" class="wp-image-6386 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Celan-und-die-Anderen.jpg 827w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-6386" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Norbert Gutenberg geht noch einen Schritt weiter. Er versteht „Todesfuge“ nicht nur als Gedicht, sondern – unter Bezug auf die Pittsburgher Komparatistin Amy-Diana Colin – auch als Kaddisch, in der Melodie erinnere „Todesfuge“ an einen Tango. Das Gedicht ermöglicht somit ein synästhetisches Erlebnis des Sprechens und Singens über die Shoah, sei aber von dem mittelalterlichen Genre des „Totentanzes“ abzugrenzen. „Todesfuge“ und andere Gedichte Celans verbänden sich im „Bezug zur Mutter Celans“: <em>„Die Todesfuge war für Celan das einzige Grabmal für seine Mutter!“</em></p>
<p>„Todesfuge“ ist – so führt Gutenberg seinen Gedankengang fort – einzigartig im Werk Celans wie im Werk zeitgenössischer Autor:innen, die sich in ihren Texten ebenfalls mit der Shoah auseinandersetzten. Gutenberg belegt die herausgehobene Stellung von „Todesfuge“ (nicht nur) im Werk von Paul Celan, indem er versucht, solche Parallelen in Gedichten von Paul Celan selbst sowie von 13 anderen internationalen Autor:innen in Tanach und Siddur zu suchen. So fand er einen anonymen Text in deutscher, englischer und französischer Sprache („Das Todestango“, „Le Tango de la Mort“, „The Deathtango“), der zwar nicht aus Auschwitz, sondern aus dem Lager Janowska bei Lemberg stammt und möglicherweise Celan inspiriert haben könnte. Nachweisbar ist dies nicht, aber plausibel. In seiner Einleitung kommentiert Gutenberg mögliche Vergleiche. Ein Beispiel: <em>„‚O die Schornsteine‘ von Nelly Sachs ist ein schlagender Beweis für die These, dass identische Erfahrungen zu zumindest ähnlichen sprachlichen Verarbeitungen führen.“ </em></p>
<p>Gutenberg teilt die Auffassung mehrerer Interpret:innen, <em>„die Shoah-Gedichte wörtlich zu nehmen: aus der gleichen Erfahrung resultieren gleiche oder ähnliche Sprachbilder.“</em> Allerdings versteht er dies nicht als Argument gegen die Singularität von „Todesfuge<em>“</em>, die Gutenberg mehrfach hervorhebt<em>: „Die zentralen Motive der Todesfuge kommen in keinem anderen Gedicht vor: die schwarze Milch, das Grab in den Lüften (nur einmal heißt es ‚das Grab in den Wolken‘), der Mann, der mit den Schlangen spielt, der Tod, der ein Meister aus Deutschland ist, Margarete mit dem goldenen und Sulamith mit dem aschenen Haar.“</em></p>
<p>Drei Überschriften verwenden den Begriff <em>„Metapherngeflecht“</em>: <em>„Das bukowinische Metapherngeflecht“</em>,<em> „Das außerbukowinische Metapherngeflecht“ und „Das (nicht nur) bukowinische Sprachgeflecht“</em>, dieses mit neun Übersetzungen ins Rumänische, Ukrainische, Jiddische, Französische, Russische, Englische, Iwrit, Italienische, Portugiesische. Eine Literaturliste und Kurzbiografien der vorgestellten Autor:innen runden den inhaltlichen Teil ab.</p>
<p>Liest man „Todesfuge“ als religiösen Text, wie Gutenberg mit Amy-Diana Colin sagt, als Kaddisch, liegt auch der musikalische Gedanke nicht fern, zumindest im zu wählenden Vortragsstil, auch in der Prosodie. Diesen findet er in weiteren Texten, zum Beispiel „Die Blutfuge“ von Moses Rosenkranz, der „Todesreigen“ von Immanuel Weißglas“ oder auch Paul Celans Gedicht „An den Wassern Babels (Chanson juive)“. Das Musikalische ist ein Modus des Sprechens, des Vortrags, es ist kein Bild, keine Metapher und schon gar keine Allegorie. Es ist kein Verweis auf die Praxis in einer Synagoge oder bei einem jüdischen Begräbnis, es ist was es ist: Ein Epitaph für sechs Millionen ermordete Juden, wie meines Erachtens sonst nur noch in Elfriede Jelineks grandios-gigantischem Roman <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-shoah-erzaehlen/">„Die Kinder der Toten“</a> gibt oder in Schostakowitschs 13. Symphonie.</p>
<p>Der Klang der Sprache: Eine Besonderheit, die Gutenbergs Buch ein Alleinstellungsmerkmal gibt, sind die Tonaufnahmen, die über QR-Codes abgerufen werden können. Auch die Links sind gelistet. Das Buch profitiert von Gutenbergs Expertise als Sprechwissenschaftler und Sprecherzieher. Mit dieser Expertise eröffnet Gutenberg einen völlig neuen Blick auf das Gedicht, denn er weiß zu vermitteln, was es bedeutet, ein solches Gedicht zu hören und wie schwer es sein mag, es überhaupt zu sprechen. Er unterscheidet den Vortrag eines Gedichtes vom Vortrag eines Theaterschauspielers. Ihm ist es gelungen, unter diesem Kriterium ausgezeichnete Sprecher:innen zu gewinnen, auch für die Übersetzungen.</p>
<p>Mit Recht kritisiert Gutenberg die Ansicht von Günter Grass, als dieser den Vortrag von Paul Celan in der Gruppe 47 im Jahr 1952 in Niendorf nicht verstand oder vielleicht auch nicht verstehen wollte. <em>„Grass erzählt von ‚priesterlicher‘ Stilisierung durch Kerzenanzünden beim Vorlesen.“</em> Ein Teilnehmer soll sogar gesagt haben, Celan lese wie Goebbels und alle hätten gelacht. Ob das stimmt, lässt sich nicht mehr überprüfen, aber die Anekdote belegt selbst wenn sie nur erfunden ist immerhin, wie Unverständnis die Gedichte Paul Celans begleitete und auch heute noch begleitet. Paul Celan war ein Außenseiter. Dass in der Gruppe 47 Menschen, die im Exil überlebt hatten, nicht sonderlich geschätzt wurden, hat <a href="https://nachtundtag.blog/">Nicole Seifert</a> in ihrem Buch „… und einige Herren sagten etwas dazu“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2024), belegt.</p>
<p>Über Celans Vortragsstil schreibt Gutenberg: <em>„Diese Formhöhe der Sprache verlangt einen Sprechstil der gleichen Kategorie. Dass Celan darüber hinaus auch noch sich als Dichterorakel zelebrierte, seine Gedichte wohl auch selbst als auratisch empfand und sich gerne George-haft inszenierte, muss einen wie Grass natürlich befremdet haben. Dass er nicht versteht, dass die Celan’schen Gedichte nicht einfach sachlich abgelesen werden dürfen, sondern den hohen Ton brauchen, das ist schon irritierend. Dass aber Grass von Pathos nichts versteht, das sieht man an seiner hohlen Hymne ‚Ich singe dich, Espede.‘ Celan wäre das nicht passiert.“</em></p>
<p>Mit den letzten beiden Sätzen sind wir allerdings auch bei einem kleinen Problem des Buches. Norbert Gutenberg formuliert mitunter recht polemisch, man merkt seiner Sprache an, dass er sich über manche Einlassungen sehr geärgert haben muss. Mit Recht. Das Unverständnis und der Unwille zahlreicher Autoren der Gruppe 47 ist bekannt. Mit Autor:innen, die sich mit der Shoah auseinandersetzten oder diese gar im Exil überlebt hatten, konnten Hans-Werner Richter und Kollegen nicht viel anfangen. Deshalb sind die harten Formulierungen Norbert Gutenbergs auch angemessen. <em>„Celans Gedichte vertragen keinen sachlichen, unterkühlten, reduzierten Sprechstil; so etwas ist ihnen völlig unangemessen. Es muss nicht, z.B. bei der Todesfuge, die Art sein, wie Celan das Hymnische realisiert, aber der Klagehymnus muss erklingen.“</em></p>
<p>Ich empfehle, sich das Buch zu Hause an einen Ort zu legen, an dem man immer schnell zugreifen kann, um die darin enthaltenen Texte zu lesen und – das gehört dazu – zu hören! Dies wird den Zugang zu Paul Celans Gedicht erleichtern, nicht zuletzt auch zu ihm als Autor. „Todesfuge“ ist kein <em>„Theater“</em>, auch wenn – so Gutenberg – Schauspieler:innen beim Vorlesen von Gedichten gerne Theater spielen. <em>„Celans Stil hat damit nichts zu tun! Er mimt überhaupt nichts. Mag sein, er klingt für Heutige zu sakral, aber die Formhöhe ist für die Texte unentbehrlich. </em><em>“ </em>Wie gesagt: <em>„What Art Can Tell!”</em> Peter E. Gordon: <em>„We are strange creatures gifted with two kinds of inventiveness for killing and for creating. Our capacity for violence seems boundless, but so too our capacity for art.” </em>Realismus pur!</p>
<h3><strong>Chasak – Sei stark</strong></h3>
<div id="attachment_6387" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/selma-meerbaum-eisinger-bluetenlese-gilu/backPID/selma-meerbaum-eisinger.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6387" class="wp-image-6387 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-768x1152.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu-800x1200.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Gutenberg_Bluetenlese-–-Gilu.jpg 827w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-6387" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Im Falle von Paul Celan stand ein einziger Text im Vordergrund, im Fall von Selma Meerbaum-Eisinger stellt Norbert Gutenberg alle Gedichte der Autorin vor. Auch dieses Buch verdient zu Hause einen herausgehobenen Platz. Die Ausgabe der Gedichte soll an den 100. Geburtstag der Autorin erinnern. Das Cover ziert die Skulptur von Selma Meerbaum-Eisinger von Wolodymyr Cisaryk, die am 7. Mai 2023 in Czernowitz enthüllt wurde. Wir sehen eine junge Frau, die ein Buch umarmt, an dem sie sich vielleicht sogar festhält, vielleicht ein Zeichen für ihr Überleben in der Literatur.</p>
<p>Gutenberg beschreibt die Unterschiede zu anderen Ausgaben. Grundlage sei für ihn das auf der Plattform von Jad Vashem vorhandene digitalisierte Original gewesen, das über einen QR-Code auch im Buch verfügbar wird. Gutenbergs Ausgabe trägt den Titel „Blütenlese – Gilu! – Alle Gedichte“. Auch in diesem Band kann man die Gedichte hören und man sollte diese Gelegenheit nutzen. Sie werden von Anabel Möbius vorgetragen, sie sich auch an dem Celan-Band beteiligt hatte. Jedem Gedicht folgt ein QR-Code.</p>
<p>Norbert Gutenberg befasst sich mit der literarischen und musikalischen Qualität der Gedichte, thematisiert aber auch den politischen Hintergrund des nationalsozialistischen Terrors. Gleich in der Einführung verweist er auf inhaltliche Diskrepanzen, die die die Gedichte Lesenden und Hörenden irritieren könnten. Es geht um das einfach klingende Wort <em>„Weh“</em>. <em>„Natürlich hat Selma mit ‚Weh‘ nicht die Shoah gemeint, sondern ihren Liebesschmerz. Aber nach ihrem eigenen Schicksal als Opfer in der Shoah kann man die Zeile nicht mehr lesen, ohne an das große jüdische Weh zu denken, und im Klang ihres Liedes hört man die Klage darüber mit.“</em> Wir wissen natürlich nicht, ob Selma Meerbaum-Eisinger in diesem Begriff nicht doch auch mehr sah als nur die Gefühle der jungen Frau, die sie nun einmal war, als sie das Gedicht schrieb. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass individuelle und über-individuelle Gefühle sich nicht miteinander vermischen. Damit ist noch nichts darüber gesagt, was die junge Dichterin empfand, als sie die Gedichte schrieb.</p>
<p>Liest man das mit „Wiegenlied“ überschriebene Gedicht, wird der mehrfache Schriftsinn in den Gedichten sehr deutlich. Dieses Gedicht ist höchst aktuell, es ließe sich auch als ein Kommentar zum 7. Oktober lesen (und war Gegenstand einer unter anderem vom Rezensenten mitgestalteten literarischen und musikalischen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">szenischen Collage zum 7. Oktober</a>, die von der nordrhein-westfälischen Antisemitismusbeauftragten gefördert wurde). Norbert Gutenberg kommentiert: <em>„Besonders das ‚Wiegenlied‘ ist erstaunlich, weil es ein völlig unromantisches Verständnis von Alija und zionistischer Siedlung dokumentiert.“ </em>Obwohl Selma Meerbaum-Eisinger wohl in ihrem Leben nie einen Araber gesehen hat, war ihr klar, dass die Jüdinnen und Juden, die nach Palästina ausgewandert waren, dort nicht in Frieden lebten. Von den Pogromen des Jahres 1936 muss sie gewusst haben. Die vierte Strophe dieses Gedichtes lautet: <em>„Sieh die Araber in weißem Gewand / sie schleichen von hinten sich an. / Bald steht das Zelt, bald die Wiege in Brand. / bald schreien Kranke im Wahn.“</em> Im Gedicht folgen Widerstand und Hoffnung: <em>„Doch nein. Dein Vater und viele mit ihm, / sie hüten dein Glück. / Sie geben für dich ihr Leben hin / und ihren letzten Blick.“ </em>In der letzten Strophe lassen der <em>„Pflug in der Hand“ </em>und die nächtliche <em>„Wacht“</em> ein gutes Ende erhoffen, ein Ende, das Selma Meerbaum-Eisinger selbst nicht erlebte.</p>
<p>Den Anspruch der zionistischen Bewegung, etwas Neues aufzubauen, sodass Jüdinnen und Juden in Sicherheit leben konnten, lässt sich in dem aus dem Lager Michailowka erhalten Brief Selma Meerbaum-Eisingers an ihre Freundin Renée Abramovici finden, der mit dem Wort <em>„Chasak“</em> endet, in deutscher Übersetzung <em>„Sei stark“</em>. Dies war – wie Amy-Diana Colin in ihrem programmatisch mit „Chasak“ überschriebenen Beitrag ausführt – der <em>„Gruß der zionistischen Bewegung“</em>. An dem Gymnasium, das Selma Meerbaum-Eisinger besuchte, befand sich auch <em>„der Sitz des jiddischen sozialdemokratischen Arbeiter-Bildungsvereins ‚Morgenroit‘</em>“. Sie <em>„war auch Mitglied der zionistischen Jugendorganisation ‚Haschomer-Hazair‘“</em>.</p>
<h3><strong>Märchen, Gedichte und die Fantasie</strong></h3>
<p>Amy-Diana Colin zitiert Jürgen Serke, dessen Sammlung im <a href="https://www.verfolgte-kuenste.com/">Zentrum für verfolgte Künste in Solingen</a> zu sehen ist und der Selma Meerbaum-Eisinger, Rose Ausländer und Paul Celan zum <em>„literarischen Dreigestirn der Stadt Czernowitz“</em> zählte. Sie referiert die mit dem grundlegenden Artikel von Jürgen Serke vom 8. Mai 1980 im „Stern“ beginnende deutsche Editionsgeschichte, das große Interesse auf der einen Seite, die Probleme, einen Verlag zu finden, auf der anderen Seite. Jürgen Serke finanzierte <em>„auf eigene Kosten einen Privatdruck in 400 Exemplaren“</em>. Nicht zuletzt sorgten mit der Zeit <em>„theatralische Aufführungen“</em> und Lesungen, vor allem von <a href="https://www.irisberben.de/">Iris Berben</a>, eine der besten Sprecherinnen deutscher Literatur, dafür, dass die Gedichte in Deutschland immer bekannter wurden.</p>
<p>Die Editionsgeschichte der Gedichte Selma Meerbaum-Eisingers hat eine Vorgeschichte. Es gibt eine geradezu abenteuerliche Überlieferungsgeschichte, die Amy-Diana Colin detailliert beschreibt und in der Freundinnen eine Rolle spielten, die die Shoah überlebten, Else Schächter und Renée Abramavoci, sowie ihr Lehrer Hersch Segal, der auch der erste Herausgeber ihrer Gedichte war. Amy-Diana Colin nennt einige der Fragen, die Hersch Segal beschäftigten: <em>„Wieso schrieb eine junge jüdische Lyrikerin, die in Rumänien zur Welt gekommen war, deutsche Gedichte? Welche Rolle spielte die Dichtung und insbesondere das Schreiben deutschsprachiger Gedichte in ihrem Leben? Warum schrieb sie überhaupt deutsche Gedichte zu einer Zeit, da deutsche Nazis und rumänische Faschisten im Zuge der Besetzung ihrer Geburtsstadt fast dreitausend Juden ermordet hatten und die Überlebenden in ein Ghetto trieben, um sie von dort in die Vernichtungslager in Transnistrien zu verschleppen?“</em> Diese Fragen wären auch genau die Fragen, die sich Historiker:innen, Literaturwissenschaftler:innen, auch Künstler:innen eigentlich automatisch stellen dürften, wenn sie die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger lesen. Es geht letztlich immer um die Frage der Durchdringung des Coming of Age einer jungen Frau in einer aus den Fugen gebrachten Welt.</p>
<p>Selma Meerbaum-Eisinger war nicht einsam mit ihrem Schreiben. Der an der Universität Czernowitz lehrende Literaturwissenschaftler Petro Rychlo beschreibt in seinem Beitrag den <em>„Czernowitzer Dichterkreis“</em>, in dem sie verkehrte. Es handelte sich nicht um eine fest gefügte Organisation, sondern eher um eine informelle Form, sich untereinander auszutauschen. Es trafen sich fast ausschließlich Mädchen, aber auch Paul Antschel spielte eine tragende Rolle. Man las Gedichte, Szenen aus Dramen, trug eigene Gedichte vor. Petro Rychlo vergleicht in seiner Analyse die Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger, Rose Ausländer und Paul Celan. Journalismus und Wissenschaft befassten sich nach dem erwähnten Artikel von Jürgen Serke mit Selma Meerbaum-Eisinger, wenn auch zunächst <em>„zögerlich“</em>. Immer wieder <em>„wird vor allem die frappierende Schicksalsähnlichkeit mit Anne Frank betont, aber auch Versuche unternommen, Selmas Gedichte aus dem ästhetischen und poetologischen Standpunkt her zu charakterisieren.“</em></p>
<p>Gleichviel, ob man nun Anne Frank oder Selma Meerbaum-Eisinger in den Vordergrund einer literarisch motivierten Erinnerung an die Shoah stellen mag, so bleibt auch die Frage, was mit Texten vieler anderer Frauen und Männer geschah, die nicht über die bekannten Zufälle der Nachwelt überliefert wurden. Insofern werden Anne Frank und Selma Meerbaum-Eisinger auch zu Stellvertreterinnen und Botinnen all derjenigen, die von den Nazis und ihren Helfershelfern ermordet wurden. Bei Selma Meerbaum-Eisinger kommt – wie auch bei Paul Celan – hinzu, dass sie Bot:innen einer untergegangenen Kultur sind, der Kultur jüdischer Autor:innen und Künstler:innen deutscher Sprache in der Bukowina.</p>
<p>Vielleicht passt das Gedicht „Märchen“ mit seiner zweiten Strophe am besten zu diesem Gedanken: <em>„So geht wohl jedes Märchen aus. / denn sonst – ist es nicht wahr: / Einer allein in den Wind hinaus / und die Nacht ist sein Altar.“</em> Lebte sie ein Märchen? Hoffte sie auf ein Märchen? Das Märchen, das Theodor Herzl versprach, wenn Jüdinnen und Juden nur wollten, hat viele Formen, Wirklichkeit zu werden, nicht zuletzt in der Literatur. Norbert Gutenberg lässt diesen Gedanken anklingen, wenn er den wesentlichen Unterschied seiner Ausgabe zu anderen Ausgaben benennt. Amy-Diana Colin habe ihn inspiriert, <em>„Selmas Originaltitel mit dem Titel ihres chronologisch ersten Gedichts zu kombinieren: ‚Gilu‘. Das Wort bedeutet ‚Freut euch‘ und bezeichnet einen Tanz, den Selma in ihrem Text beschreibt.“</em> Eben diese Freude war vielleicht die Hoffnung, die Selma hatte, als sie ihr Manuskript bei der Deportation ihrem Freund Lejser Fichmann zusteckte.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 20. Juni 2025. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Czernowitz_Univ_Rum%C3%A4n.jpg">Universität Czernowitz in der Zwischenkriegszeit</a>, unbekannter Fotograf. Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>Eine literarische Zeitreise nach Galizien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2025 06:15:33 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Eine literarische Zeitreise nach Galizien</strong></h1>
<h2><strong>Zwei Anthologien der Jahre 2012 und 2014 und ihre Aktualität im Jahr 2025</strong></h2>
<p>Galizien ist heute ein Land, dessen historische Gestalt nur wenigen bewusst ist. Umso wichtiger ist es, sich mit dieser Landschaft, diesem Land aus literarischer Sicht zu beschäftigen. Man wird mehrere Sprachen und Traditionen entdecken, das Ukrainische, Deutsche, Polnische, Jiddische. Leider ist auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zurzeit keine umfassende Anthologie solcher literarischen Texte verfügbar.</p>
<p>In den Jahren 2012 und 2014 erschienen in L‘viv (Lemberg) zwei mehrsprachige Anthologien, die wiederentdeckt werden sollten. Beide Anthologien sind zweisprachig gehalten. Neben der deutschen Übersetzung findet sich auch das ukrainische, selten das polnische Original. Beide Anthologien entstanden in der Germanistik der Universität Lviv. Die erste Anthologie trägt den Titel „Es war einmal Galizien“. Sie wurde von Alla Paslawska, Jurko Prochasko, Tobias Vogel herausgegeben und enthält Texte von 19 Autorinnen und Autoren. Die zweite Anthologie trägt den Titel „Galizien – Aus dem großen Krieg“ und präsentiert 23 Autorinnen und Autoren. Sie wurde ebenfalls von Alla Paslawska und Tobias Vogel herausgegeben, diesmal gemeinsam mit Wolodymyr Kamianets.</p>
<p>Beide Anthologien sollen hier kurz vorgestellt werden. Und vielleicht entdeckt ein Verlag sein Interesse an einer Neuauflage an Anthologien? Wer sich mit der Vielfalt der Traditionen im Westen der Ukraine befassen möchte, sollte diese beiden Anthologien kennenlernen.</p>
<h3><strong>Mythos Galizien</strong></h3>
<p>1772, bei der Ersten Teilung Polens, war Galizien eine Idee, geboren in den Köpfen Wiener Bürokraten, die diesen Akt politischer Willkür zu legitimieren suchten. Sie beriefen sich auf eine kurze Zugehörigkeit der ruthenischen Fürstentümer Halyč und Wolodymyr zur ungarischen Stephanskrone, die wiederum seit 1526 im Besitz der Habsburger war. Aber schon die Namensgebung, das <em>„G“</em> in <em>„Galizien“</em> anstelle des <em>„H“</em> von <em>„Halyč“</em>, zeigt, dass mit dem neuen Namen auch eine neue politische Realität erfunden werden musste. Mit Hilfe einer Reihe von Maßnahmen – politischen, administrativen und ideologischen – wurde aus zwei ursprünglich unterschiedlichen Gebieten , einem ruthenischen und einem polnischen Teil, ein einheitliches Kronland geschaffen, flächenmäßig das größte des Kaiserreichs Österreich.</p>
<p>Fast 150 Jahre lang bestand dieses Land – bis zum Untergang der Donaumonarchie im Ersten Weltkrieg. In den Jahren danach ließ und lässt sich bis heute ein gegenteiliger Prozess bemerken, denn die politische Realität, das, worauf sich der Name <em>„Galizien“</em> bezieht, ist lange schon verschwunden. Der Name aber steht heute für einen Komplex von Vorstellungen, die vor allem von der Literatur, von Texten in verschiedenen Sprachen, die unterschiedlichen Gattungen angehören, geprägt werden.</p>
<p>Schon in den späten 1930er Jahren hatte Joseph Roth, heute der wohl bekannteste galizische Autor überhaupt, in manchen seiner Romane und Erzählungen das Bild dieses Galizien vor 1918 in einer sehr positiven Weise als Ort des harmonischen Miteinanders unterschiedlicher Nationalitäten geprägt. Während des Zweiten Weltkriegs und danach wurden Roth und sein Galizien vergessen, und erst in den 1960er und 1970er Jahren kam es zu deren Wiederentdeckung durch Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, die aus Gebieten der ehemaligen k.-und-k.-Monarchie stammten – allen voran den Triestiner Germanisten Claudio Magris, der mit dem Titel seiner Dissertation „Der habsburgische Mythos in der Österreichischen Literatur“ (1966) auch einen der zentralen Begriffe lieferte, mit dem man die so unterschiedlichen Vorstellungen von Galizien fassen konnte, den des Mythos.</p>
<p>Wahrend Magris die literaturhistorische Perspektive auf Roths Galizien neu eröffnete, kam es in einem anderen ehemaligen Teil der Doppelmonarchie, im sozialistischen Polen, im ehemaligen Westgalizien, zu einer anderen Form der Wiedergeburt Galiziens. In den frühen 1970er Jahren häuften sich die belletristischen Rekonstruktionen der Zeit vor 1918, sodass man explizit von einer <em>„galizischen Strömung“</em> in der zeitgenössischen polnischen Prosa sprach.</p>
<p>Autoren dreier Generationen – solche, die noch in Galizien geboren worden waren, andere, die dessen Traditionen aus ihren Familien übernommen hatten, und schließlich jüngere Literaten, die überhaupt keinen genetischen Bezug mehr zu Galizien hatten, ließen in einer großen Anzahl von Romanen, Erzählungen und Essays das alte Galizien wieder aufleben. Die Verklärung der Zeit vor 1914, die betonte Harmonie von polnischen und österreichischen Interessen, die Einbeziehung Galiziens als Teil der Habsburgermonarchie in die Kultur des abendländischen Westens, das alles diente nicht nur der historischen Rekonstruktion, sondern hatte auch eine deutlich systemkritische Note. Man konnte zwischen den Zeilen lesen, dass es im alten Galizien besser gewesen sei als in der Volksrepublik Polen Jahrzehnte später, vor allem, was die Verbindungen mit dem Westen Europas betraf.</p>
<p>So verwundert es nicht, dass diese literarische Strömung mit der Wende von 1989 ein jähes Ende fand, nicht aber die polnische Galizien-Nostalgie, die seit den frühen 1990er Jahren ganz andere Formen annahm, die der Kommerzialisierung. Galizien wurde zum Markenzeichen der Konsumgüterindustrie, von Mineralwasser mit dem Portrait Franz Josephs über Restaurants mit galizischer Küche bis hin zu privaten <em>„galizischen“</em> Radiosendern.</p>
<p>Was das Jahr 1989 für Polen war, bedeutete das Jahr 1991 für die Ukraine. Mit der Unabhängigkeitserklärung des Landes und der Loslösung aus dem Sowjetimperium war das Interesse am westlichen Erbe der ukrainischen Kultur mit einem Mal geweckt, und in der Westukraine wurde Ostgalizien und damit auch das österreichische Erbe entdeckt. Bevor noch die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Erbes einsetzte, kam es zur kreativen Aneignung galizischer <em>„Reste“</em> in der Literatur einer jungen Generation, die sich ebenso programmatisch wie provokant von überkommenen Diskursen früherer Generationen absetzte. Jurij Andruchovyč ist wohl der berühmteste Vertreter dieser Generation, aber er ist nicht der einzige.</p>
<p>Der ukrainische Galizien-Diskurs der 1990er Jahre und danach unterscheidet sich deutlich vom polnischen mehr als zwanzig Jahre früher: Es geht nicht mehr um die Rekonstruktion einer vergangenen Zeit, es geht um eine Neubestimmung der Gegenwart mit Hilfe von historischen Versatzstücken, die mehr oder weniger zufällig überdauert haben. Dazu kommen deutliche Impulse aus der zeitgenössischen Malerei. Auch dort wird das historische Fragment kreativ umgestaltet, es geht häufig ein in eine Collage von heterogenem Material, die damit einen spezifisch <em>„galizischen“</em> Zug bekommt. Seit einigen Jahren ist aber auch in der Westukraine, vor allem in Lviv, jenes Phänomen nicht zu übersehen, das auf die kreative Galizien-Phase in der Kunst folgt – die Kommerzialisierung, die galizische Namen zum gut verkäuflichen Markenzeichen macht.</p>
<p>Galizien ist auch ein beliebtes Gebiet geisteswissenschaftlicher Forschung geworden. Geschichtsforschung, Literatur- und Sprachwissenschaft, aber auch die Kulturwissenschaften mit ihrem breiten Spektrum an Forschungsinteressen haben in Galizien ein fast unerschöpfliches Reservoir gefunden. Die westeuropäische und amerikanische Galizienforschung konzentriert sich gegenwärtig auf die jüdischen Traditionen in und aus Galizien. Dabei rücken auch neue Namen ins Blickfeld, die vor dreißig Jahren noch so gut wie unbekannt waren – Soma Morgenstern, Samuel Joseph Agnon, Helene Deutsch, Hermann Blumenthal und andere. Fast alle jüdischen Autoren, die deutsch schrieben, stammten aus Ostgalizien, wuchsen in Kleinstädten auf, die heute ukrainisch sind – sie sind aber bis heute in der Ukraine kaum bekannt.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-5855 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-300x182.jpg" alt="" width="300" height="182" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-200x121.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-400x242.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-600x363.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-768x465.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-800x485.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-1024x620.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588.jpg 1030w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Es darf als ein besonderes Verdienst der Anthologie „Es war einmal Galizien“ gelten, dass mehrere Passagen von Salcia Landmanns „Erinnerungen an Galizien“ (1983) zum ersten Mal dem ukrainischen Leser zugänglich gemacht wurden, im Einzelnen: „Liebe und Ehe sind zweierlei“, „Der jüdische Vater des Kardinals“, „Die Welt der Außenseiter“, „Bordellwelt“, „Das wird dein Ende sein!“. Ein kurzer Auszug aus „Die Welt der Außenseiter“ belegt den verbreiteten Tenor: <em>„Verachtung tut weh, wenn sie einseitig, nur in einer einzigen Richtung verläuft. Dann brechen bei dem Verachteten Zorn, Hass, Neid und Gier nach Revolte und Rache hervor. Anders liegen die Dinge, wenn in einem Lande verschiedene Religions- und Volksgruppen sich gegenseitig ein wenig verachten. Die Ruthenen, oft Analphabeten und sehr arme Bauern, hatten natürlich zu wenig Selbstgefühl, um auf die polnischen Herren und die talmudgebildeten Juden herabzuschauen. Sie duldeten demütig oder empfanden einen dumpfen Hass, der sich aber in friedlichen Zeiten nicht artikulierte.“ </em>Es folgen Beschreibungen des Selbstbildes von Polen und Juden. Ähnliches gilt auch für Nathan Samuelys Beschreibung des assimilierten jüdischen Lebens in Lemberg in seinem Text <em>„Nur nicht jüdisch“</em>. Nicht fehlen darf auch in dieser Sammlung ein lang schon wieder entdeckter deutsch-jüdischer Autor, über den in den letzten Jahren sehr viel geforscht und publiziert wurde, der aber bislang nur wenig ins Ukrainische übersetzt wurde – Karl Emil Franzos.</p>
<p>Viel schlechter steht es um jene jüdischen Autoren, die polnisch geschrieben haben. Sie werden heute weder vom deutschsprachigen noch vom ukrainischen Leserpublikum wahrgenommen, mit einer Ausnahme: Bruno Schulz, der achtzig Jahre nach seinem Tod in Drohobyč auch dem ukrainischen Leser kein Unbekannter mehr ist (im deutschsprachigen Raum ist er vielleicht durch die Neuübersetzung der „Zimtläden“ von Doreen Daume aus dem Jahr 2000 sowie durch <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/maxim-biller/im-kopf-von-bruno-schulz.html">Maxim Biller „Im Kopf von Bruno Schulz“</a> etwas bekannter geworden, das 2013 erschien). Die Anthologie „Es war einmal Galizien“ hat mit einem Stück aus Józef Wittlins Erinnerungsbuch „Mój Lwów“ (1975, deutsche Übersetzung: Mein Lemberg, Frankfurt, Suhrkamp, 1994) einen weiteren Autor aus dieser Gruppe mit aufgenommen.</p>
<p>Früher oder später wird man wohl auch Julian Stryjkowski, den wohl berühmtesten Autor aus der Stadt Stryj, entdecken, dessen Schilderungen des ostgalizischen Judentums sicher zu den eindrucksvollsten gehören. Zu den positiven Seiten dieser Auswahl gehört auch die Aufnahme ukrainischer realistischer Autoren um 1900: Erzählungen von Bohdan Lepkyj, Osyp Makovej und Vasylʼ Stefanyk zeigen, dass die galizische Wirklichkeit aus der Sicht der Zeitgenossen bei weitem nicht so rosig war wie sie in manchen Rekonstruktionen oder auch der Kommerzkultur erscheint – vor allem nicht für die ruthenischen Untertanen des Kaisers Franz Joseph in Ostgalizien.</p>
<p><img decoding="async" class="alignleft wp-image-5977 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide.jpg 307w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" />Ein Phänomen der besonderen Art stellt die deutsche Galizien-Publizistik und -Belletristik der letzten drei Jahrzehnte dar, die sich wesentlich den politischen Veränderungen in Ostmitteleuropa verdankt. Seit man auch ins ehemalige Ost-Galizien wieder problemlos reisen kann, häufen sich die Reiseberichte, sei es in den Feuilletons großer Zeitungen, sei es in Buchform. Verena Dohrns „Reise nach Galizien“ (1991), Kaspar Schnetzlers „Meine galizische Sehnsucht“ (1991) und Roswitha Schiebs „Reise nach Schlesien und Galizien“ (2000) sind Beispiele für eine Gattung, die zwischen Spurensuche und eigenem Erlebnis, Rekonstruktion und Fiktion pendelt. Martin Pollack, in der Anthologie mehrfach vertreten, hat seine <em>„galizische“</em> Karriere mit einer Reisebeschreibung begonnen, er ist inzwischen zu einem vielbeachteten Sachbuchautor avanciert.</p>
<p>Ein Wort noch zu Stanisław Vincenz: In seinem vierbändigen Werk „Na wysokiej połoninie“ (deutsch: „Auf der hohen Bergweide“, 1936–1979) hat dieser polnische Autor die Folklore der Huzulen in einem einzigartigen Ausmaß gesammelt. Dieses Werk steht aber in einem dichten Netz von Bezügen zur ukrainischen Folklore, zur Dobosch-Erzählung des 19. Jahrhunderts und zu Chotkevyč’ Romanen und Erzählungen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Auch die deutschen Huzulen-Texte von Leopold von Sacher-Masoch (einer davon findet sich in der Sammlung) und Karl-Emil Franzos lassen sich in diesen Kontext integrieren. Die literarische Gestaltung der Erzähltradition der Huzulen zeigt besonders deutlich, wie sich ukrainische, polnische, deutsche und jüdische Traditionen in der Literatur Galiziens zu einem untrennbaren Ganzen verbinden, das immer im übernationalen, mehrsprachigen Kontext gelesen werden sollte.</p>
<h3><strong>Der Erste Weltkrieg </strong></h3>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-5859 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-768x530.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-800x552.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien.jpg 822w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Eine besondere Bedeutung hat für Galizien der Erste Weltkrieg. Er hat deshalb auch in den Literaturen des ehemaligen Kronlands und seiner Nachfolgestaaten ein besonders starkes Echo hinterlassen. In diesem Krieg kämpften zwei der zahlenmäßig größten Nationalitäten Galiziens auf beiden Seiten der Front, Polen und Ukrainer standen einander in Uniformen der zaristischen wie auch der k.-und-k.-Armee gegenüber. Dasselbe gilt für Juden, die ebenso von beiden Seiten eingezogen wurden. Galizien war schließlich, im Unterschied zu anderen Gebieten der Habsburgermonarchie, Kriegsschauplatz und als solcher von den tragischen Geschehnissen besonders betroffen.</p>
<p>Die von der Publizistik immer wieder beschworene Funktion des <em>„antemurale christianitatis“</em> sollte sich auf ihre Weise bewahrheiten: der größere Teil des Landes wurde bei Kriegsausbruch im Herbst 1914 von den russischen Truppen überrollt, die erst kurz vor Krakau zum Stehen kamen (die Metapher von der <em>„russischen Dampfwalze“</em> wurde damals geprägt). Im Frühjahr 1915 erfolgte die österreichisch-deutsche Gegenoffensive zwischen Gorlice und Tarnów. Mit größten Anstrengungen gelang es im Lauf der nächsten Monate, die feindlichen Truppen wieder auf die Ausgangspositionen zurückzudrängen, die Hauptstadt Lemberg wurde zurückerobert, um noch einmal für drei letzte Jahre österreichisch zu werden. Die gewaltigen Schlachten an der Ostfront hatten mehr als eine halbe Million Tote gekostet, von Verwundeten und Gefangenen ganz abgesehen; Dörfer und kleinere Städte waren verwüstet, eine Unzahl von neuen Friedhöfen markierte den Frontverlauf (mehr als hundert dieser Kriegerfriedhöfe sind im Südosten Polens bis heute erhalten).</p>
<p>Galizien als Kriegsschauplatz ist vor allem in der deutsch-, der polnisch- und der ukrainischsprachigen Literatur präsent (in kleinerem Ausmaß auch in der tschechischen und russischen), wobei man in den meisten nationalliterarischen Narrativen eine bestimmte Gesetzmäßigkeit feststellen kann: auf eine große Begeisterung bei Kriegsausbruch folgte sehr bald eine Ernüchterung und im Zusammenhang damit die Einsicht in den Wahnsinn des Massensterbens bis hin zu apokalyptischen Schreckensvisionen, wie wir sie zum ersten Mal schon im Herbst 1914 in Georg Trakls „Grodek“ finden, das wohl in keiner Anthologie zum Ersten Weltkrieg fehlen darf.</p>
<p>Es ist bekannt, dass sich große österreichische Schriftsteller der Jahrhundertwende, wie Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr von der Kriegsbegeisterung hinreißen ließen und propagandistische Texte verfassten. Auch bei den ukrainischen Autoren Galiziens überwiegt in den ersten beiden Kriegsjahren Begeisterung und die Überzeugung vom Sieg der Mittelmächte, an den man große Hoffnungen knüpfte, von der Schaffung eines eigenen ukrainischen Kronlands im Rahmen der Monarchie bis zur Vereinigung der österreichischen mit der russischen Ukraine in einem eigenen, unabhängigen Staat.</p>
<p>Spätestens seit 1916 überwiegen andere Töne, wie etwa die große Klage um die vielen Toten und der Protest gegen das sinnlose Sterben im Namen einer allgemeinen Humanität. Die Szene „Ein Traum“ der großen ukrainischen Autorin aus der Bukowina, Olha Kobyljanska, ist ein schönes Beispiel. Ein kurzer Auszug: <em>„Jetzt werden wir wie verstreuter Müll zusammengefegt… aber wohin mit uns? Das braucht ihr nicht zu wissen. Ja, ihr müsst nicht wissen, wohin man uns getrieben hat, was das heißt ein <u>weiter</u> Weg. Wir werden einmal in die eine Ecke, einmal in die andere geschoben… Und man wirft die Knochen des Hasses zwischen uns, damit wir uns an ihnen vergiften, damit wir uns mit Gedanken an euch quälen und daran verzweifeln, was uns erwartet, wenn wir zurückkehren. Unter unseren Füßen wird der Boden aufgerissen…/ Durch Worte und den Eid zu einer Einheit gekettet – trösten wir uns. / Hört ihr nicht unseren weit entfernten Gesang? Weit, weit weg, wo uns Wölfe umgeben, wo man uns mit Brettern und Erde bedeckt, damit die anderen darüber gehen können. / Wir sind noch nicht fertig. / Wie konnten wir so schnell fertig sein? / Das weiße Pferd neben uns ist noch nicht erschienen, hat noch nicht fröhlich gewiehert, noch keine gute Nachricht gebracht. / Wir sind keine Vögel mit Flügeln, um uns in die Höhe zu erheben.“ </em></p>
<p>Der zitierte Text wurde im Jahr 2014 in der Anthologie „Galizien – Aus dem großen Krieg“ veröffentlicht. Es war die erste Anthologie von Texten zum Ersten Weltkrieg, die dem Echo dieser Ereignisse in den Literaturen Galiziens auch nur einigermaßen gerecht wurde. Umso höher ist das Verdienst der Herausgeber dieser Anthologie zu werten. Jede Sammlung von Texten zu diesem Krieg kann nur eine Auswahl darstellen, die zum einen repräsentativ für eine oder mehrere nationalliterarische Traditionen, zum anderen für bestimmte ideologische Tendenzen ist.</p>
<p>In diesem Fall beschränkte sich die Auswahl auf ukrainische und deutschsprachige Texte, die vielfach auch von jüdischen Autoren verfasst wurden; sie zeigt zum anderen vermehrt den Protest gegen die unmenschlichen Seiten des Kriegs, und nicht die pseudopatriotische Begeisterung, wie sie sich in vielen Texten über die <em>„Großen Tage“</em> von 1914/15 äußert. So sind in dieser Anthologie große österreichische Autoren vertreten, die entweder aus Galizien stammen wie Joseph Roth, der selbst als Freiwilliger in den Krieg gezogen war, oder Georg Trakl und Stefan Zweig, die im Zuge der Kriegshandlungen nach Galizien kamen, Trakl als Sanitäter, Zweig als Kriegsberichterstatter, in dessen Berichten bald der Schrecken des Krieges überhandnehmen sollte. Zu diesen bekannten Stimmen kommen aber großenteils unbekannte Stimmen jüdischer Autoren, die deutsch schrieben und österreichische Staatsbürger waren, wie Hermann Blumenthal, Sigmund Bromberg-Bytkowski, die schon genannte Salcia Landmann und andere.</p>
<p>Die jüdische Bevölkerung Galiziens hatte unter der russischen Besetzung 1914–1916 besonders stark zu leiden (eine große Anzahl jüdischer Bürger war aus Angst vor den Russen schon im September 1914 nach Wien geflohen), und es gibt zahlreiche Berichte über Gewalttaten und Misshandlungen vor allem durch russische Kosakeneinheiten, gleichviel ob wir sie in belletristischen Texten wie etwa bei Hermann Blumenthal (der 1942 von den NS-Schergen aus Wien deportiert wurde) oder in publizistischen wie den ebenso in diese Anthologie aufgenommenen Beiträgen von Sigmund Bromberg-Bytkowski finden.</p>
<p>Eine Anthologie, die in der ukrainischen Germanistik entstanden ist, wird erwartungsgemäß den Anteil der ukrainischen Literatur an der Schilderung des Ersten Weltkriegs herausstellen, und darin liegt auch ein großer Verdienst dieser Sammlung, denn viele der zitierten Autoren sind deutschen Lesern nach wie vor unbekannt, auch wenn sie zu den Klassikern der ukrainischen Literatur zählen. Noch weniger weiß man außerhalb der Ukraine um deren literarischen Beitrag zur Bewältigung der <em>„Urkatastrophe“</em> (den Begriff prägte George F. Kennan 1979) des 20. Jahrhunderts. So finden sich von den ukrainischen Klassikern Iwan Franko, der bis zu seinem Tod im November 1916 die russische Besatzung Lembergs erlebte, neben den großen Autorinnen des späten 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende Olha Kobyljanska, Katrja Hrynewytschewa, (Kateryna Hrynewytsch). Sie alle sind mehr oder minder Zeitgenossen der erwähnten österreichischen und jüdischen Autoren und bringen eine wertvolle zusätzliche Perspektive ein.</p>
<p>Über zeitgenössische Autoren wie Jurij Wynnytschuk und Andrij Sodomora wird darüber hinaus eine Brücke zur Gegenwart geschlagen – auch der Österreicher Christoph Ransmayr passt gut in diesen Kontext –, die zeigt, dass der Erste Weltkrieg keine Sache der Geschichtsbücher und Museen ist: Die Kriegserinnerung ist auch dort lebendig, wo sie von Nachgeborenen in das eigene künstlerische Werk miteinbezogen wird. So ist auch der Erste Weltkrieg <em>„Erinnerungsort“</em> im Sinn von Pierre Nora, ein Ort, an dem sich Geschichte und Gedächtnis überschneiden, an dem Geschichte lebendig wird und betroffen macht, ganz unabhängig vom Krieg in der Ukraine, die dem Gedenken an 1914 in den Jahren 2014 und dann 2022 eine völlig unerwartete neue Dimension verleiht.</p>
<p><strong>Alois Woldan, </strong>Wien</p>
<p>(Anmerkungen: Der Text führt in einer aktualisierten Form die beiden Beiträge von Alois Woldan in den beiden hier vorgestellten Anthologien zusammen. Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im April 2025, Internetzugriffe zuletzt am 4. April 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lw%C3%B3w_-_Lemberg._Rynek_(01).jpg">Lv’iv, Rynek</a>, 1911, unbekannter Autor, Wikimedia Commons.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-war-einmal-galizien/">Es war einmal Galizien</a> – ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska, in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> März 2025 (in diesem Text sind unter anderem ausführlichere Beschreibungen, zum Teil auch mit Textauszügen zu Ivan Franko, Leopold von Sacher-Masoch, Karl-Emil Franzos, Osyp Makowej, Bohdan Lepkyj, Vasyl Stefanik, Osyp Turjansky und Taras Schewtschenko zu finden, darüber hinaus Informationen zur Germanistik in der Ukraine).</li>
</ul>
<ul>
<li>Jaroslaw Hrycak, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-galizische-paradigma/">Das galizische Paradigma – Lehren aus einem dreißigjährigen Krieg im Westen der Ukraine</a>, in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> Februar 2025 (dieser Text ist eine aktualisierte Fassung des Beitrags des Autors in „Galizien – Aus dem großen Krieg“ mit einer Darstellung der Geschichte Galizien und der ukrainischen Sprache).</li>
</ul>
<ul>
<li>Peter Deutschmann / Michael Moser / Alois Woldan, Hg., Die Ukraine – vom Rand ins Zentrum, Berlin, Frank &amp; Timme, 2024 (Gegenstand sind die Geschichte der ukrainischen Sprache und Literatur, mit einem Ausblick auf den Ukrainediskurs 2014 und 2022 in russischen TV-Talkshows sowie den Auswirkungen der russländischen Vollinvasion auf Kunst und Kultur in Russland und in der Ukraine).</li>
</ul>
<ul>
<li>Alla Paslawska, Alois Woldan, Hg., Taras Schewtschenko – Nun gut, es waren scheinbar Worte nur …, Klagenfurt, Wieser Verlag, 2024 (das Buch enthält Einleitungen von Herausgeberin und Herausgeber sowie ausgewählte Gedichte und Prosatexte von Taras Schewtschenko).</li>
</ul>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Es war einmal Galizien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Mar 2025 05:45:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es war einmal Galizien Ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska „Dieses in Galizien Unmögliche scheint mir, um es in drei Worten zu sagen, eine legale Wahl zu sein. Eine Wahlkampagne, bei der nicht nur kein Regierungsorgan seine Amtsgewalt missbrauchte, kein einziger Wähler verhaftet, kein einziger Stimmzettel gestohlen und umgetauscht, keine einzige Wählerliste  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Es war einmal Galizien </strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska</strong></h2>
<p><em>„Dieses in Galizien Unmögliche scheint mir, um es in drei Worten zu sagen, eine legale Wahl zu sein. Eine Wahlkampagne, bei der nicht nur kein Regierungsorgan seine Amtsgewalt missbrauchte, kein einziger Wähler verhaftet, kein einziger Stimmzettel gestohlen und umgetauscht, keine einzige Wählerliste gefälscht wäre, sondern auch kein einziger Bezirkshauptmann auf Ortsrichter und Bauern außeramtliche Pressionen ausübte, kein einziger Steuerexekutor den oppositionell Stimmenden ins Haus geschickt, keine einzige Bauernversammlung wegen lächerlichen Formalitäten verboten oder aufgelöst, kein einziger oppositioneller Wahlagitator verhaftet und dagegen jeder Bestechungs- oder Erpressungsversuch nach der Strenge des Gesetzes geahndet wurde. Man wird das alles vielleicht lächerlich, weil selbstverständlich finden, bei uns in Galizien ist das aber ganz und gar unmöglich, und ich kann nicht hoffen, eine solche Wahlkampagne zu erleben!“</em> (Ivan Franko, Unmögliches in dem Land der Unmöglichkeiten, zitiert nach: Alla Paslawska, Jurko Prochasko, Tobias Vogel, Hg., Es war einmal Galizien, Lviv 2012)</p>
<p>Die Wahlkampagne, von der Ivan Franko berichtet, fand vor über 120 Jahren statt. Ivan Franko ist mit Taras Schewtschenko der vielleicht berühmteste ukrainische Autor. Beide sind nach wie vor in der Ukraine hoch angesehen und werden immer wieder zitiert und gelesen.</p>
<p>Die Germanistin Alla Paslawska befasst sich mit der ukrainischen Literatur, die in verschiedenen Sprachen geschrieben wurde, in Ukrainisch, Deutsch, Russisch, Polnisch, Jiddisch, je nach Herkunft der jeweiligen Autorinnen und Autoren. Sie lehrt an der <a href="https://lnu.edu.ua/en/">Ivan-Franko-Universität Lviv</a>. Sie ist Vorsitzende des ukrainischen Deutschlehrer- und Germanistenverbandes. Sie arbeitet eng mit dem Wiener Slawisten Alois Woldan zusammen, der im Jahr 2024 im Berliner Verlag Frank &amp; Timme (gemeinsam mit Peter Deutschmann und Michael Moser) den Band <a href="https://slawistik.univie.ac.at/forschung/einzelansicht-publikationen/news/die-ukraine-vom-rand-ins-zentrum/">„Die Ukraine – vom Rand ins Zentrum“</a> herausgegeben hat, in dem die wechselvolle Geschichte der Ukraine und der ukrainischen Sprache sowie die Vielfalt der ukrainischen Kultur vorgestellt werden.</p>
<p>Alla Paslawska und Alois Woldan haben im März 2025 gemeinsam einen Band mit Gedichten von Taras Schewtschenko (1814-1861) herausgegeben: <a href="https://www.wieser-verlag.com/buecher/nun-gut-es-waren-scheinbar-worte-nur/">„Nun gut, es waren scheinbar Worte nur …“</a> (Klagenfurt, Wieser Verlag, 2025). Der Band enthält einleitende Texte von Alla Paslawska („Der ukrainische Prophet“) und von Alois Woldan („Taras Schewtschenko, der größte Dichter der Ukraine“), einen autobiographischen Text von Taras Schewtschenko, eine Auswahl seiner Gedichte, das programmatische Lang-Gedicht „Der Traum – Eine Komödie“ und das Prosastück „Der Sträfling“. Der Band schließt mit einem Verzeichnis der Gedichte mit ihrem ukrainischen Originaltitel sowie der Nennung der Übersetzerinnen und Übersetzer, darunter unter anderem auch Ivan Franko.</p>
<h3><strong>Deutsch lernen in der Ukraine</strong></h3>
<div id="attachment_5854" style="width: 271px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5854" class="wp-image-5854 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-261x300.jpg" alt="" width="261" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-200x230.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-261x300.jpg 261w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-400x460.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-600x689.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-768x882.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-800x919.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-891x1024.jpg 891w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1200x1379.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1337x1536.jpg 1337w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1782x2048.jpg 1782w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917.jpg 1920w" sizes="(max-width: 261px) 100vw, 261px" /><p id="caption-attachment-5854" class="wp-caption-text">Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Vorsitzende des ukrainischen Deutschlehrer- und Germanistenverbandes. Welche Aufgaben erfüllt der Verband?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>In unserem Verband treffen sich Wissenschaftler, Deutschlehrer und Studierende, die Deutschlehrer werden wollen. Diese Verbindung ist sehr schön, weil sie die Verbindung zwischen der Schule und der Universität herstellt. Wir schicken unsere Studierenden beispielsweise zum Praktikum in Schulen und können so – wenn wir Glück haben – dort auch ein wenig für unser Studienfach werben. </em></p>
<p><em>Der Verband wurde 1989 gegründet. Zu den Hauptaufgaben gehört die Förderung der deutschen Sprache in der Ukraine. Wir unterstützen Deutsch als Fremdsprache (DAF), machen Fortbildungen für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Jedes Jahr findet eine Jahrestagung statt, zu der wir unsere Mitglieder aus allen Regionen der Ukraine einladen, auch die Krimtataren, deren Namen und Adressen wir allerdings geheim halten, weil das für sie gefährlich werden könnte. Jedes Jahr führen wir zwei Wettbewerbe durch, einen Wettbewerb für Studierende, Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer und einen Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler. </em></p>
<p><em>Im Jahr 2025 planen wir folgende Themen: „Mein bester Deutschunterricht“ für Schülerinnen und Schüler sowie „Deutsche, österreichische und schweizerische Spuren in der Ukraine“ für Studierende, Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Aus diesem Wettbewerb wollen wir eine große Karte erstellen, die dann in Klassen an die Wand gehängt werden kann. Die Karte soll alle 24 Regionen der Ukraine einschließlich der Krim und die dortigen Denkmäler deutscher, österreichischer und schweizerischer Herkunft zeigen, architektonische Denkmäler, Gärten, die von Deutschen, Österreichern oder Schweizern angelegt wurden, zum Beispiel ein Wasserturm in Mariupol, Sagen und Legenden. So wollen wir das Interesse nicht nur für die deutsche Sprache wecken, sondern auch für die deutsche, österreichische und schweizerische Kultur und die Beziehungen dieser Kulturen zur ukrainischen Kultur.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie viele Studierende der deutschen Sprache und der Germanistik gibt es in der Ukraine?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Eine genaue Zahl kann ich Ihnen leider nicht sagen. Aber es gibt Zahlen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. In den 1970er und in den 1980er Jahren waren der Anteil der Studierenden der deutschen Sprache etwa 16 Prozent aller Sprachen. Dieser Anteil ist inzwischen auf etwa fünf Prozent gesunken. Das betrifft Deutsch als erste Fremdsprache. Als zweite Fremdsprache wird Deutsch allerdings noch gerne studiert. Inzwischen haben wir leider eine Sprache, die alle anderen Sprachen dominiert, das Englische. Die ukrainische Sprachenpolitik neigt auch dazu, das Englische durchzusetzen. Es gibt ein Gesetz, das das Englische als obligatorisches Unterrichtsfach vorschreibt. Dies geht natürlich auf Kosten aller anderen Fremdsprachen. Man findet nur noch wenig Zeit für die zweite Fremdsprache. Oft muss Deutsch außerhalb des Pflicht-Unterrichts erlernt werden, oft auch mit zusätzlicher Bezahlung.</em></p>
<h3><strong>Die Ukraine – ein mehrsprachiges Land</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben sich intensiv mit Galizien befasst, zum Beispiel in dem ukrainisch-deutschen Sammelband „Es war einmal in Galizien“, der 2012 in Lviv erschien, aber bisher leider keinen deutschen Verlag gefunden hat. Galizien ist ein Land, in dem deutsche, ukrainische, polnische, russische, jiddische Literatur gleichermaßen verbreitet war, ein Land der Vielfalt der europäischen Literaturgeschichte und ein Juwel eben auch der deutschen Literaturgeschichte. Viel der dort in deutscher Sprache schreibenden Autoren waren Juden.</p>
<p><strong><em>Alla Paslawska</em></strong><em>: </em><em>Die deutschsprachige Literatur ist ein wichtiger Teil der ukrainischen Literatur. Es ist ukrainische Literatur in deutscher Sprache. </em><em>Es ging uns darum, all die Autoren zu entdecken, die in der Ukraine deutsch geschrieben haben, in dem Buch, das Sie nannten, aber auch in einem zweiten Buch zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs mit dem Titel „</em><em>Galizien – Aus dem Großen Krieg“. Wir haben nicht alle Autoren entdeckt, es werden ständig neue gefunden. Wir haben sie in den beiden Bänden in deutscher Sprache und in ukrainischer Übersetzung versammelt. Einige der Autoren haben auch auf Polnisch geschrieben. </em></p>
<p><em>Die deutschsprachig schreibenden Autoren waren praktisch zu 100 Prozent jüdischer Herkunft. Das liegt auch daran, dass weder Jiddisch noch Hebräisch in Galizien zu den offiziellen Sprachen gehörte. Man musste sich entweder polonisieren oder germanisieren lassen. Die meisten haben daher auf Deutsch geschrieben. Zu Hause haben sie auch Jiddisch oder Hebräisch gesprochen, aber geschrieben eben in deutscher Sprache.</em></p>
<p><em>Die in deutscher Sprache schreibenden Autoren haben die ukrainische Literatur wesentlich beeinflusst. Zu nennen wäre auch Samuel Josef Czaczkes (Samuel Agnon, 1887-1970), obwohl er seine Werke fast ausschließlich auf Hebräisch schrieb, ein jüdischer Autor aus der Ukraine,  der 1960 gemeinsam mit Nelly Sachs (1891-1970) den Literaturnobelpreis erhielt, der bisher einzige ukrainische (und zugleich einzige israelische) Literaturnobelpreisträger. </em></p>
<div id="attachment_5864" style="width: 255px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5864" class="wp-image-5864 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-245x300.png" alt="" width="245" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-200x245.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-245x300.png 245w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-400x491.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-600x736.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893.png 640w" sizes="(max-width: 245px) 100vw, 245px" /><p id="caption-attachment-5864" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr._Karl_Emil_Franzos_1893_Der_Floh_(Unsere_einstigen_Mitarbeiter).png">Karl Emil Franzos 1893</a>. Foto: Der Floh (Unsere einstigen Mitarbeiter). Signiert: R. Weber oder R. Heber. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Andere wie Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) oder Karl Emil Franzos (1848-1904) haben zum ersten Mal die Ukraine zu einer Landschaft in der europäischen Literatur gemacht. Über die Juden in der Ukraine hat zum ersten Mal Ivan Franko (1858-1916) geschrieben. Meines Wissens zum ersten Mal wurde ein Jude in seinen Werken Hauptprotagonist. Ivan Frankos Muttersprache war Ukrainisch, er sprach aber genauso gut Deutsch und Polnisch. Er hat für etwa 16 deutsche, österreichische und jüdische Zeitungen auf Deutsch geschrieben. </em></p>
<p><em>Über die deutsche Sprache entstanden Kontakte nach Europa. Über die deutsche Sprache entwickelte sich die Literatur in der Ukraine. Auch über die Deutschen entwickelte sich die Landwirtschaft, die Stadtplanung. Über die deutsche Sprache kam Fortschritt in die Ukraine, nach Galizien. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Titel des Bandes „Es war einmal Galizien“ erinnerte mich an Theodor Herzl und seinen Satz: <em>„Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“</em> Daher meine Frage: Hatte die deutsche Sprache eine Bedeutung für die Staatlichkeit der Ukraine?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Ich möchte nicht sagen, dass die deutsche Sprache viel zur Staatlichkeit der Ukraine beigetragen hat. Am besten hat sich die deutsche Sprache unter der K.u.k.-Monarchie entwickelt. Aber man hat in dieser Zeit auch versucht, eine Region wie Galizien zu germanisieren. Man hat zum Beispiel an der Universität Lemberg die Germanistik eingeführt. Die Österreicher waren allerdings nicht so hartnäckig und daher hat es mit der Germanisierung nicht so geklappt. Die Polen waren hartnäckiger und ihnen ist es gelungen, die Ukraine zu polonisieren. Wer herrschte, versuchte über seine Sprache, das Deutsche, das Polnische, das Russische, das Land zu kolonisieren. Es gab kleine, kurze Perioden der Freiheit für die ukrainische Sprache, aber im Grunde hat sich niemand bemüht, das Ukrainische zu entwickeln. Deshalb war es so wichtig, über die ukrainische Sprache die eigene Macht durchzusetzen.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je mehr ich mit Menschen in der Ukraine spreche, ukrainische Literatur lese oder historische Abhandlungen über die Geschichte des Landes, habe ich den Eindruck, dass die Ukraine immer zwischen verschiedenen Großmächten zerrieben zu werden drohte und auch zerrieben wurde: das zaristische Russland und die Sowjetunion, das Deutsche Reich, das K.u.k.-Reich. Auch das Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine war in der Vergangenheit ja nicht gerade unproblematisch. Die ukrainische Sprache wurde immer wieder verboten.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Die Ukraine hat in der Tat eine sehr komplizierte Geschichte. Die uralten Staaten entstanden früher als das russische Reich, als Moskowien. Immer wieder beanspruchte ein Imperium das Territorium der Ukraine, im Osten Russland, im Westen die beiden deutschsprachigen Reiche, natürlich auch Polen. Die Ukrainer mussten immer kämpfen, um sich durchzusetzen. Je nach Regime – es war immer ein Regime, mal lockerer, mal strenger – musste man die ukrainische Sprache durchsetzen. Unter der österreichischen Herrschaft war es etwas besser. Man durfte Ukrainisch zumindest in der Schule lernen, später haben es die Polen verboten. In Russland wurde Ukrainisch ununterbrochen und immer wieder durch Gesetze verboten. Es gibt eine Tafel der ukrainischen Sprache, auf der sie sehen, wann zum Beispiel die Fibel auf Ukrainisch verboten wurde, wo und wann verboten wurde, Kindern ukrainische Namen zu geben, ukrainische Kirchenlieder nicht mehr gesungen werden durften, die ukrainische Sprache generell, ukrainischer Buchdruck verboten wurde. Es war unterschiedlich grausam. In Russland, noch schlimmer in der Sowjetunion, gibt es ganze Generationen erschossener Schriftsteller, Dichter, Priester, Intellektuelle, zum Beispiel 1937 unter Stalin. Sie kennen sicherlich den Begriff der „erschossenen Wiedergeburt“ (ukrainisch: </em><em>Розстріляне Відродження</em><em>), als etwa 200 ukrainische Intellektuelle ihr Leben verloren, entweder erschossen oder aufgrund ihrer Verschleppung in sibirische Lager. </em></p>
<p><em>Die Geschichte der Ukraine ist total mit Blut begossen. In der Ukraine ist die Sprache auch deshalb so wichtig. Wir haben als Nation vielleicht nur durch unsere Sprache überlebt.</em></p>
<h3><strong>Mythos Galizien – Die Aktualität des Ivan Franko</strong></h3>
<div id="attachment_5856" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5856" class="wp-image-5856 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1.jpg 640w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-5856" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ivan_Franko,_Lychakivskiy_Cemetery,_Lvov,_Ukraine_2007.jpg">Grab von Ivan Franko auf dem Lychakivskiy Friedhof in Lviv</a>. Foto: Jerzy Ostapczuk. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:GNU Free Documentation License" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:GNU_Free_Documentation_License">GNU Free Documentation License</a>, Version 1.2 or any later version published by the <a class="extiw" title="w:en:Free Software Foundation" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Free_Software_Foundation">Free Software Foundation</a>.</p></div>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Trotz allem: Galizien ein Traumland?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Doch, ja. Es klingt immer sehr nostalgisch. Aber es ist eigentlich ein Mythos. Das ist vielleicht die beste Bezeichnung. „Es war einmal in Galizien“ – der Titel war meine Idee. So etwa wie: „Es war einmal ein König“. Bei Galizien dachte man meistens an ein Märchen: Alle waren glücklich, es gab keine Kriege, alle mochten den Kaiser, der Kaiser stand im Zentrum des Weltalls, er war gerecht, und wenn mal etwas Schlimmes passierte, wusste er natürlich nichts davon. </em></p>
<p><em>Ich wollte, dass das Buch wie ein Märchen beginnt. Aber je tiefer man in den Wald geht, desto mehr Angst bekommt man und desto schlimmer sieht die Realität aus. So ist es auch in unserem Buch. Es zeigt: Den herrschenden Klassen, den Österreichern, den Polen ging es relativ gut, aber was die Ukrainer anbetrifft, die Juden anbetrifft, sah es anders aus: Sie waren sehr arm, sie waren nicht glücklich. Deshalb ist Galizien eben nur ein Mythos. Dieser Mythos entwickelte sich zu verschiedenen Zeiten. Auch heutzutage. Das geht so weit, dass inzwischen nach Galizien zum Beispiel ein Apfelsaft benannt wird. In West-Galizien, das im heutigen Polen liegt, gibt es weitere verschiedene Produkte, die nach Galizien benannt sind. „Galizisch“ gilt als Zeichen für eine gute Marke, für gute Qualität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus dem Vorwort Ihres Kollegen Alois Woldan zu „Es war einmal Galizien“ zitieren: <em>„Der ukrainische Galizien-Diskurs der 1990er Jahre und danach unterscheidet sich aber deutlich vom polnischen mehr als zwanzig Jahre früher: es geht nicht mehr um die Rekonstruktion einer vergangenen Zeit, es geht um eine Neubestimmung der Gegenwart mit Hilfe von historischen Versatzstücken, die mehr oder weniger zufällig überdauert haben. Dazu kommen deutliche Impulse aus der zeitgenössischen Malerei: auch dort wird das historische Fragment kreativ umgestaltet, es geht häufig ein in eine Collage von heterogenem Material, die damit einen spezifisch ‚galizischen‘ Zug bekommt. Seit einigen Jahren ist aber auch in der Westukraine, vor allem in L’viv, jenes Phänomen nicht zu übersehen, das auf die kreative Galizien-Phase in der Kunst folgt – die Kommerzialisierung, die galizische Namen zum gut verkäuflichen Markenzeichen macht.“ </em>Es ist ja ein weltweit feststellbares Phänomen, die Kommerzialisierung von Kunst, von ganzen Ländern. Genau schaut da niemand mehr hin.</p>
<p>Interessant fand ich in diesem Kontext den Text von Ivan Franko: „Unmögliches im Land der Unmöglichkeiten“. Ein Gegenbild. Ivan Franko beschreibt eine Fantasie, einen Traum, wie es bei Wahlen eigentlich sein sollte, aber eben nun einmal in Galizien nicht ist, sodass eine faire Wahl ein unerfüllbarer Traum bleibt, ebenso wie eine an Gerechtigkeit orientierte Bürokratie mit all ihren Polizisten und Steuereinnehmern.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Den Text hat Ivan Franko für eine westliche deutschsprachige Zeitung aufgrund einer Anforderung geschrieben. Für ihn war es ein wunder Punkt. Er hatte drei Mal für das Parlament in Galizien kandidiert, drei Mal wurde er nicht gewählt, weil die Stimmen gekauft wurden. Das war auch in der Ukraine lange Zeit so. Deshalb las man Ivan Franko, unter Janukowitschs Präsidentschaft bis 2014 sowieso, als wenn man das, was er beschrieb, heute erlebte. Gekaufte Stimmen, Kandidaten, die verhindert wurden. Natürlich war Franko auch beleidigt, dass er nicht gewählt wurde.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die aktuelle Leseweise Frankos in der Zeit von Janukowitsch finde ich schon interessant. Über einhundert Jahre später.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>:<em> Franko hat sehr kritisch und sehr sarkastisch über die politischen Verhältnisse seiner Zeit geschrieben. Viele, die ihn lasen, dachten, es habe sich ja in den letzten 100 Jahren nichts verändert, die Methoden sind die gleichen gewesen. Man hatte zwar noch kein Internet, aber man konnte damals wie heute alles kaufen, die Leute unter Druck setzen, mit Alkohol zum Beispiel. All das beschreibt Franko. Franko war zu seiner Zeit eine große Autorität; auch für die Jugend. So war es dann zu Beginn des Ersten Weltkrieges: Verse aus seinen Gedichten wurden wieder aktuell und überall zitiert. Es gab Poster mit seinen Versen. Auch heute finde ich es sehr schön, dass man Franko wieder liest und ihn für eine Autorität ansieht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Ivano-Frankisk wurde sogar eine Stadt nach ihm benannt.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Das fand ich aber nicht so gut </em>(lacht)<em>. Bis 1962 hieß die Stadt Stanislaw. Das ist ein historischer Name. Ich weiß nicht, ob das so unbedingt nötig war. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn man Ivan Franko liest und dann darüber nachdenkt, dass die Stadt zur sowjetischen Zeit nach ihm benannt wurde, klingt das schon etwas merkwürdig.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Schauen Sie sich aber auch einmal die damaligen Ausgaben seiner Werke an oder auch die der Werke von Taras Schwetschenko. Es gab zur Sowjetzeit ungeheuer viele Neuauflagen. Man hat beide als revolutionäre Demokraten dargestellt, die gegen die Kapitalisten, gegen die Unterdrückung der Bauern, für die armen Leute geschrieben hätten. Man hat sie vereinnahmt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wie Luther in der DDR vereinnahmt wurde, obwohl Luther in den Bauernkriegen alles andere als eine bauernfreundliche Position vertreten hatte.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Etwa so. Franko war nicht arm, er schrieb vor allem gegen den Zaren. In manchen Auflagen von Franko und Schewtschenko fehlen manche Werke und manche Stellen, die auch der Sowjetmacht gefährlich erschienen. Schewtschenko hat sich heftig gegen den Zaren und die Zarin geäußert und wusste, dass das nicht ungestraft bleiben würde. Genauso hat es Ivan Franko gemacht. </em><em>Er hat sich zum Beispiel einmal gegen Adam Mickiewicz geäußert, den größten polnischen Dichter, in der Wiener Zeitung </em><em>„Die Zeit“, Titel des Beitrags: „Ein Dichter des Verrats“. </em><em>So war Franko, so war Schewtschenko. </em></p>
<p><strong>Leopold von Sacher-Masoch und Karl Emil Franzos  </strong></p>
<div id="attachment_5857" style="width: 245px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5857" class="wp-image-5857 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-235x300.jpg" alt="" width="235" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-200x255.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-235x300.jpg 235w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-400x510.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-600x765.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch.jpg 640w" sizes="(max-width: 235px) 100vw, 235px" /><p id="caption-attachment-5857" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leopold_von_Sacher-Masoch,_portrait_3.jpg">Leopold von Sacher Masoch</a>. Unbekannter Fotograph. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welchen Autor würden Sie neben Ivan Franko gerne vorstellen?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Unter den deutschsprachigen Autoren mag ich vor allem Leopold von Sacher-Masoch. Er hat auch für Lviv eine besondere Bedeutung. In Lviv gibt es in der Stadtmitte eine moderne Darstellung von Leopold von Sacher-Masoch. Dahinter befindet sich ein Masoch-Café, das natürlich an Masochismus erinnert. Man wird dort angekettet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zum Thema Kommerzialisierung.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Jede Frau soll bei der Statue von Sacher-Masoch tief in die Tasche greifen, dann bekäme sie Glück in der Liebe. Aber das ist eine andere Geschichte, leider die Geschichte, die sich durchgesetzt hat. Wir wissen, wie sich dies entwickelt hat, wir kennen die Biographie von Sacher-Masoch. Manche sagen, er hätte selbst dieses Kapitel seiner Biographie erfunden, um berühmt zu werden. Wer weiß?</em></p>
<p><em>Leopold von Sacher-Masoch hat die Ukraine mit solcher Liebe dargestellt. Seine erste Sprache war Ukrainisch. Er hatte ein ukrainisches Dienstmädchen, mit dem er sich auf Ukrainisch unterhalten hat. Ihm wurden ukrainische Geschichten, ukrainische Märchen erzählt, die er sich merkte. Irgendwann fing er an, auf Deutsch zu schreiben. Er erhielt Zuspruch von Freunden. Er hat dann eben über Galizien geschrieben und wie aufgeregt er immer war, wenn er zurück nach Galizien fuhr. Galizien war für ihn seine zweite Heimat. Er setzte sich auch für die jüdischen Traditionen ein, im Unterschied zu Karl Emil Franzos, der vertrat, dass man auf die alten jüdischen Traditionen verzichten sollte. Leopold von Sacher-Masoch mochte diese Traditionen, obwohl sie zum Teil auch sehr grausam waren. Wir beschreiben in unserem Buch die Sitten für Frauen, für junge Mädchen. Das war alles nicht so einfach. Das traditionelle Leben war für die jüdischen Gemeinschaften sehr wichtig, aber manchmal doch sehr grausam.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Insofern sind Karl Emil Franzos und Leopold von Sacher-Masoch zwei Antagonisten?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Auf eine bestimmte Art ja. Sacher-Masoch war nicht so reich und nicht so beliebt. Franzos war schon zu seiner Lebenszeit ein sehr geachteter und viel gelesener Autor. Franzos war eigentlich ein Anhänger der Germanisierung. Die deutsche Kultur war für ihn die höchste Kultur. Als dann der Antisemitismus begann, musste er sich dies ein wenig anders überlegen. </em></p>
<h3><strong>Die <em>„verwischten Grenzen“</em> (Joseph Roth)</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich gestehe, dass ich ein großer Verehrer von Joseph Roth (1894-1939) bin.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Joseph Roth ist für mich nicht nur der Autor, der auch sehr ironisch und sehr sarkastisch schreiben konnte. Er ist für mich auch sehr traurig. Auch nostalgisch. Der Zusammenbruch der K.u.k.-Monarchie war auch seine eigene Tragödie. Man verbindet Joseph Roth natürlich auch sehr eng mit der Geschichte Galiziens. Seinen Vater hat er eigentlich nie gesehen. Sein Vater war geisteskrank. Damit wollte Joseph Roth sich nicht abfinden. Er kommt in seinen Werken immer wieder vor, zum Beispiel als Offizier. Ich mag auch den Hotelmythos, in „Hotel Savoy“. I</em><em>n Lviv gab es als mögliches Vorbild das Hotel George in der Stadtmitte. Andere behaupten, das Vorbild sei ein polnisches Hotel in Łódź. In den oberen Etagen wohnen die Armen, in den unteren Etagen die Reichen.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Joseph Roth ist in den 1920er Jahren für die Frankfurter Zeitung in der Ukraine gewesen und hat berichtet. Es gibt eine sehr schöne und schmale Ausgabe einiger weniger dieser Berichte: „Reisen in die Ukraine und nach Russland“ (München, C.H. Beck textura, 2015). Da schreibt er zum Beispiel auch über „Ukrainomanie – Berlin neuste Mode“, ein Artikel aus dem Jahr 2020, dies im Kontrast zu den Reiseberichten nach Lemberg und der Lage der Ukrainer als Minderheit im damaligen Polen. Lemberg nennt er <em>„die Stadt der verwischten Grenzen“</em>.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>In unseren Büchern haben wir auch einige galizische Autoren vorgestellt, die nicht auf Deutsch geschrieben haben, sondern auf Ukrainisch. </em></p>
<div id="attachment_5860" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5860" class="wp-image-5860 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej.jpg 559w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5860" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Osyp_Makowej.JPG">Osyp Makowej</a>. Quelle: Peter Rychlo / Oleg Liubkinsky, Literaturstadt Czernowitz, 2. verbesserte Auflage 2009. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Zum Beispiel Osyp Makowej (1867-1925) und seine kurze Erzählung „Die Grenze“: Die Geschichte spielt nach einer der polnischen Teilungen und der Erzähler spricht mit einem Bauern, dessen Tochter jetzt auf der anderen Seite der neuen Grenze lebt. „Dort, jenseits des Flusses, ist mein Kind und mein Feld, ich aber bin hier. Mein Großvater und mein Vater fuhren hin und her – niemand hielt sie auf. Und sehen Sie, jetzt sind irgendwelche Dahergelaufenen gekommen und haben am Fluss eine Wache aufgestellt, und ich kann weder zu meinem Kind noch zu meinem Feld. Einmal, noch am Anfang, fuhr ich mit einem Kahn ans andere Ufer. Da fingen mich diese Zigeuner, verprügelten mich und schickten mich zurück. Schießen wollten sie auch noch auf mich! Seit einem Jahr habe ich mein Kind nicht mehr gesehen und lebe in großer Armut, denn dort, jenseits des Flusses, habe ich mehr Boden als hier. Muss es sein, dass man die Menschen durch Grenzen trennt?“ Dann sehen sie eine Krähe, die ganz einfach über die Grenze fliegt. Der Erzähler schließt mit einer Hoffnung: </em>„<em>Mein Bekannter sah mit seinem einfachen Verstand weit, weit voraus – in eine unbekannte Zukunft. Gut möglich, dass die ganze Welt einmal so denkt, aber bis dahin war die Tochter des Bauern und sein Feld hinter der Grenze, in einem anderen Staat, er aber musste hier in großer Armut leben. Bis dahin hatte eine dumme Krähe mehr Freiheit als ein Mensch.“  </em></p>
<p><em>Ein anderer ukrainischer Autor ist Bohdan Lepkyj (1872-1941). Wir haben seine Erzählung „Wir verlassen das Haus nicht“ aufgenommen. Die Geschichte von Juden, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen: „Die Stadt ist eine hundertköpfige Hydra. / Überall stehen Wachposten, überall sind Soldaten mit Bajonetten. / Die Soldaten sind so gefährlich und gehorsam wie ihre Bajonette. / Seit einigen Tagen gehen wir nicht aus dem Haus. / Wir gehen im Hause wie auf einem Schiff hin und her. / Die Füße haben sich dem festen Boden entwöhnt. Im Kopf mahlt eine Mühle. Das Mühlwasser braust, der Stein zerreibt das Korn. / Das Korn unserer Erinnerungen und Eindrücke…/ Wie schändlich ist es zu fliehen!“</em></p>
<p><em>Schließlich Vasyl Stefanik (1871-1936), „Ein kindliches Erlebnis“. </em>Ein Mädchen erlebt den Tod seiner Mutter im Krieg<em>: „Siehst du, Nastja, die Kugel summte und tötete die Mutter, und du bist schuld: musstest du heulen, als jener Soldat die Mutter umarmen wollte? Was störte dich das? Sie floh, und die Kugel pfiff … / Und jetzt wirst du keine Mutter mehr haben und wirst dienen gehen müssen… Die Mutter spricht nicht mehr, sie ist doch gestorben. Ich würde dich am liebsten schlagen, aber du bist ja jetzt eine Waise. Und was ist ein solches Mädchen schon wert?“ </em></p>
<p><em>Ich habe mich in diese Literatur verliebt. Viele dieser Autorinnen und Autoren habe ich vorher gar nicht gekannt. Nachdem ich mich mit den Texten vertraut gemacht habe, mit den Lebensläufen der Autorinnen und Autoren, fand ich alle sehr schön. </em></p>
<p><em>Erwähnen möchte ich auch die Texte von Alexander von Guttry (1887-1955), ein Schriftsteller polnischer Abstammung. Sie merken in dem Buch immer sofort an den Texten, welcher Abstammung der Autor war. Jeder hatte etwas mehr Sympathie für das eigene Volk, besonders deutlich ist das bei Alexander von Guttry. Er beschreibt die Polen, die Ruthenen, die Juden. Die Polen sind bei ihm natürlich die schönsten, die größten und sie singen die schönsten Lieder. Die Ruthenen sind ausgebeutet, aber dennoch ein starkes Volk, die Juden furchtbar schmutzig, aber ungeheuer treu gegenüber ihrer Religion, unheimlich sensibel. Das sind Texte aus dem Jahr 1916. Diese Beschreibungen sind natürlich auch sehr interessant mit ihren Klischees. Der Nationalismus blühte.   </em></p>
<h3><strong>1914 – 2014 </strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-5859 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-768x530.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-800x552.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien.jpg 822w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Norbert Reichel</strong>: Das Kriegsthema spielte schon in dem Band „Es war einmal Galizien“ eine Rolle. Der zweite Sammelband, den Sie mit Alois Woldan über die Literatur in Galizien herausgegeben haben, befasst sich explizit mit dem Ersten Weltkrieg.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Wir haben mit den Arbeiten an dem Buch 2013 angefangen. Und 2014 überfallen die Russen die Krim. Als wir die Texte übersetzten und redigierten, dachten wir zunächst, die Texte wären sehr expressionistisch, viele Metaphern, Adjektive, alles irgendwie schwer geschrieben. Doch dann bricht der Krieg aus und plötzlich liest man die Texte mit anderen Augen. Ich habe beim Redigieren geweint. Die Texte wurden sehr realistisch und mir wurde klar, dass man über solche Grausamkeiten nicht anders schreiben kann. Man kann all diese menschlichen Leiden nicht beim Namen nennen. Man braucht eine übertragene Bedeutung, sonst weint man nur beim Schreiben. </em></p>
<div id="attachment_5861" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5861" class="wp-image-5861 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-300x208.jpg" alt="" width="300" height="208" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-200x139.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-300x208.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-400x278.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-600x416.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5861" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Minna-Lachs-Park,_Mariahilf_06.jpg">Minna-Lachs-Park in Wien</a>, Mariahilf. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p><em>Wir haben die Texte so aufgebaut, wie es auch in der Wirklichkeit oft war, dass zu Beginn des Krieges alle begeistert sind. Im ersten Text „Die Kriegserklärung“, den Minna Lachs (1907-1993) geschrieben hat, sagt ein Vater zu seiner Tochter: Du wirst stolz sein, dass du diesen Anfang, diese Proklamation erlebt hast. Im Verlauf der Erzählungen und Gedichte des Buches wird es dann immer schlimmer, die ersten Opfer, die ersten Leiden. Und dann steht man in einer zerbrochenen Welt, vor Ruinen, und man versteht, was der Krieg eigentlich bedeutet. So ist jeder Krieg. Kein Krieg ist eine Ausnahme. Jeder Krieg bedeutet Tod, Leiden, Vernichtung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Überschrift des ersten großen Kapitels, die dieser Text von Minna Lachs einleitet, lautet: „Morgen war Krieg“. Eigentlich hätte man schon wissen müssen, was geschehen wird. Ein <em>„Morgen“</em> ohne Hoffnung, dass es sich verhindern ließe. Wurde der Band auch so wie Sie es beschreiben rezipiert?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Ja, es wurde auch so verstanden. Krieg bedeutet immer Leiden, Ungerechtigkeit, es gibt auch immer jemanden, der tötet, und jemanden, der getötet wird. Ich finde das Vorwort von Jaroslaw Hrycak genial. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe es unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-galizische-paradigma/">„Das galizische Paradigma“</a> im Februar 2025 in einer leicht aktualisierten Form veröffentlichen dürfen, die erste Veröffentlichung dieses Textes in einem deutschen Medium. Dafür darf ich Ihnen und Alois Woldan herzlich danken.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Jaroslaw Hrycak sagt auch, wenn Polen und Ukrainer sich zusammengefunden hätten, statt gegeneinander zu kämpfen, hätte die Ukraine einen anderen Weg wählen können. Aber in der Geschichte gibt es keinen Konjunktiv. </em></p>
<p><em>Ein Symbol für die Zeit ist das von uns auch in den Band aufgenommene Gedicht „Grodek“ von Georg Trakl (1887-1914). Trakl war in der Nähe von Lviv an der Front. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Gedicht, das wie später „Todesfuge“ von Paul Celan, in seinem Realismus erschlägt. Solche Gedichte gehören in deutschen Schulen zum Schulstoff, aber ich zweifle daran, dass jemand, der Krieg nur aus dem Fernsehen kennt, wirklich nachvollziehen kann, was diese Gedichte beschreiben. Aber vielleicht gelingt es, die Einbildungskraft, die Imagination so zu schulen, dass ein annäherndes Verständnis möglich wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihr Band dazu einiges beitragen kann. Das zweite große Kapitel, in dem auch „Grodek“ zu finden ist, trägt den denkwürdigen Titel: „Es schlug keine Stunde, als ihr sterben musstet“.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Am meisten mag ich vielleicht den Text von Osyp Turjansky (1880-1933): „Jenseits der Schmerzgrenze“. Der Text beginnt mit folgenden Sätzen: „Ich und meine Freunde fielen einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer. / Es war ein Verbrechen, das die Menschen und die Natur zuließen und das uns zu Verbrechern gegen den Geist der Menschheit machte. / Und so war es uns bestimmt, zu Lebzeiten durch die Hölle zu gehen, die uns über die Grenzen des menschlichen Schmerzes hinausführte – in den Abgrund des Wahnsinns und des Todes. / Die Schatten meiner Kameraden erscheinen mir im Traum und in der Wirklichkeit. Ich sehe Gesichter lebender Leichen.“</em></p>
<p><em>Es ist eigentlich ein Prosatext, aber auch ein lyrischer Text, in seiner Rhythmik. Er beschreibt das Leben der Menschen in einer Art, die man sich kaum vorstellen kann. Es ist eine Hymne gegen den Krieg, gegen die Leiden der Menschen im Krieg. Die Texte gehören in die Periode des Expressionismus, des Impressionismus, die Texte geben ein ästhetisches Erlebnis, spitzen die Gefühle zu. Ein weiteres Beispiel: Katrja Hrynewytschewa (1875-1947), eine ukrainische Autorin, beschreibt in „Tagebuchseite“ sehr konkret und eindrucksvoll ihre Leiden im Flüchtlingslager Gmünd in Niederösterreich.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieser Text belegt diese Schwere, von der Sie sprachen und die manche Texte vielleicht auch schwer zugänglich macht, aber man sollte sich unbedingt auf solche Texte einlassen, um unsere Welt besser zu verstehen. Ich erlaube mir eine Passage zu zitieren: <em>„Das Auge der Seele sieht wie das Auge eines Paranoiden alles, auch was nur leicht umrissen ist, ein schwaches Zeichen im Bewusstsein, ähnlich einer Traumgestalt. Alles, was außerhalb des reinen Sehvermögens liegt, was die Schwelle des Bewusstseins nie übertritt, kann es in solch einer Nacht schnell und genau erkennen, so wie man Bazillen durch ein Vergrößerungsglas erkennt, doch ein geöffnetes Klavier oder die in sich versunkene, alabasterne Chrysis damit nicht zu sehen sind.“ </em>Der vorletzte Absatz lautet: <em>„Alles ist hier so verbissen! – beendet er seine Elegie und fährt sich verzweifelt mit der Hand durch sein Haar, worauf alle um ihn herum zu lachen beginnen. Nein, das ist kein Gelächter, es ist ein sonderbarer, von Sehnsucht betrunkener Schrei, den die tödlich besorgte Seele über die Maske des menschlichen Gesichtes zieht.“</em></p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Der Band enthält auch einen Eintrag aus dem Tagebuch von Stefan Zweig (1881-1942) vom September 1914 und ein Gedicht von Ivan Franko aus dem Jahr 1916; „Worte des Zaren“, der letzte Text im dritten großen Kapitel mit dem Titel: „Krieg dem Kriege“. Er beschreibt in diesem Gedicht das zaristische Russland und eine Fantasie: „Das unterjochte Russland gibt‘s nicht mehr.“ Aber er verweist auch auf das Russland des russischen Bären, der jedem seine Freundschaft anbietet, aber jeder weiß, was diese Freundschaft bedeutet: Er wird dich zerdrücken. Dieses Motiv finden wir auch in dem Text „Der Traum – Eine Komödie“, den wir in unseren Sammelband mit Gedichten von Taras Schewtschenko aufgenommen haben. </em></p>
<h3><strong>Literatur könnte Brücken bauen</strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-5865 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-178x300.jpg" alt="" width="178" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-178x300.jpg 178w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-200x337.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko.jpg 264w" sizes="(max-width: 178px) 100vw, 178px" />Norbert Reichel</strong>: Wie populär Taras Schewtschenko ist und wie sehr russländische Behörden seine Verse fürchten, belegt der Prozess gegen die 19jährige Darja Kosyrewa. Alexander Estis (<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/darja-kosyrewa-putin-russland-ukraine-denkmal-lux.GMphX34VcQeaH8o8Vq1bfg">„Und das habt zum Zeichen“</a>) und Silke Bigalke (<a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/putin-darja-kosyrewa-russland-e737218/">„Und sie lächelt trotzdem“</a>) berichteten in der Süddeutschen Zeitung. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Darja drohen siebeneinhalb Jahre Straflager, weil sie an eine Statue des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko einen Zettel mit Versen des Gedichtes „Vermächtnis“ (ukrainisch: „Sapowit“) befestigt und hinter den Versen ein Ausrufezeichen an Stelle eines Punktes geschrieben hatte. Ein Wunsch wurde somit zu einem politisch interpretierten Aufruf. In der deutschen Übersetzung von Gustav Specht, die Sie und Alois Woldan verwenden, lautet die letzte Strophe des Gedichts: <em>„So begrabt mich und erhebt euch! / Die Ketten zerfetzet! Mit dem Blut der bösen Feinde / Die Freiheit benetzet! / Meiner sollt in der Familie, / In der großen, ihr gedenken, / Und sollt in der freien, neuen / Still ein gutes Wort mir schenken.“</em> Darja hatte diese Verse in ukrainischer Sprache zitiert. Der Polizist, der sie verhaftete, konnte kein Ukrainisch, er hielt den Text für <em>„irgendwelche Beschwörungsformeln“</em>.</p>
<p>Der Band mit den Texten von Taras Schewtschenko wurde auf der Leipziger Buchmesse 2025 vorgestellt. Darf ich nach Ihrem nächsten Projekt fragen?</p>
<div id="attachment_5863" style="width: 220px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5863" class="wp-image-5863 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-200x285.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-210x300.jpg 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-400x571.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-600x856.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy.jpg 640w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /><p id="caption-attachment-5863" class="wp-caption-text">Mykola Chwylovyj. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Mein nächstes Projekt ist eine Anthologie mit Texten von Mykola Chwylowyj. Er ist ein ukrainischer Autor, väterlicherseits russischer Abstammung, hat sich aber immer als Ukrainer identifiziert. Er hat sich auch am Ersten Weltkrieg beteiligt, auch an der Revolution 1917. Zunächst war er ein überzeugter Revolutionär, bei der Roten Armee, doch allmählich erlebt er die Enttäuschung, wie grausam die Revolution ist und wie grausam in einem Krieg und in einer Revolution Menschen werden. Seine Werke sind gleichzeitig sehr romantisch, aber so grausam, dass man sich wundert, wie man in einem Werk beides haben kann. Irgendwann war er durch die Verfolgung seiner Freunde, von Schriftstellern, so enttäuscht, er beobachtete die Hungersnot, den Holodomor, hat eine Reise auf das Land organisiert und selbst gesehen, wie Hunderte von Menschen auf Fuhren weggefahren wurden, weil sie trotz reicher Ernte verhungert sind, weil man ihnen alles weggenommen hat. Er hat seine Freunde eingeladen und sich dann in einem Nebenzimmer erschossen. </em></p>
<p><em>Wir haben nur wenige Werke von ihm, ein Stück aus einem Brief, eine Art Autobiographie, vier Novellen neu übersetzt. Wir haben noch keine fertige Finanzierung, aber eine Studentin hat sich bereiterklärt, die Übersetzung zu bezahlen. Es ist diesmal sehr schön, dass wir die Übersetzer bezahlen können, was sonst nicht geschieht. Es fehlt noch etwas Geld für den Druck des Buches. Wir wollen das Buch wieder in Österreich herausgeben, damit es in die Bibliotheken hineinkommt und im Ausland gekauft werden kann. In der Ukraine kennt man den Autor inzwischen. Kürzlich erschien ein sehr guter Film: </em><a href="https://www.imdb.com/de/title/tt7526894/?language=de-de"><em>„Budynok Slowo“</em></a><em>. Der Film beschreibt ein schönes Hochhaus, in dem die Sowjetunion in den 1920er Jahren Schriftsteller untergebracht hatte. Sie wurden alle beobachtet und abgehört. Und nach einiger Zeit wurden sie einer nach dem anderen entführt und erschossen. An einem Abend wurde der eine abgeholt, am nächste der zweite und so ging es immer weiter. Das war auch einer der Gründe, warum Chwylowyj sich umgebracht hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht ein Fazit Ihrer Arbeit zum Abschluss unseres Gesprächs?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Die Literatur, Sprachen, das sind Brücken, die Menschen verbinden. Wenn man manche Bücher einer Literatur gelesen hat, baut man Stereotype ab, man lernt die Geschichte voneinander, man lernt ein anderes Volk, ein anderes Land auch über die Gefühle kennen, die Literatur auslöst. Insbesondere für die Deutschen spielt die Literatur eine wichtige Rolle. Es wird viel gelesen. Man kann die Deutschen gut über die Literatur erreichen. Manche wahrscheinlich nicht, beispielsweise diejenigen, die an Sahra Wagenknecht glauben oder an die AfD. </em></p>
<p><em>Es macht natürlich auch einen Unterschied, was jemand liest. Ich finde es wichtig, dass ukrainische Literatur in Deutschland bekannt wird, dass man ukrainische Bücher ins Deutsche und deutsche Bücher ins Ukrainische übersetzt. Uns fehlen Bücher in ukrainischer Übersetzung, die uns helfen würden, Deutsche zu verstehen, auch Leute, die AfD oder Sahra Wagenknecht wählen. Wir brauchen Bücher, die uns helfen, den durchschnittlichen Deutschen – wer auch immer das ist – zu verstehen. Ich weiß nicht, ob sie dieselbe Literatur lesen, aber es gibt viele Bücher, die für die meisten Deutschen interessant und wichtig wären.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 5. März 2025. Für die Vermittlung des Kontakts zu Alla Paslawska danke ich meinem ukrainischen Kollegen Pavlo Shopin, der an der Drahomanov-Universität in Kyiv unterrichtet und mit seinen Studierenden unter anderem zahlreiche Texte aus dem Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> ins Ukrainische übersetzt und im <a href="https://md-eksperiment.org/">Portal Eksperiment</a> veröffentlicht. Titelbild: Cover von „Es war einmal Galizien.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Das galizische Paradigma</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 23 Feb 2025 05:41:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das galizische Paradigma Lehren aus einem dreißigjährigen Krieg im Westen der heutigen Ukraine „Politisch sehen wir uns dem Heranwachsen von nazistischen Nationalismen gegenüber. Das geschieht in der Ukraine und in anderen Republiken, dasselbe gibt es in Polen. Wenn diese Explosion stattfindet, wird sie blind sein, die Menschen werden einander töten, die Probleme von Lwiw,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Das galizische Paradigma</strong></h1>
<h2><strong>Lehren aus einem dreißigjährigen Krieg im Westen der heutigen Ukraine</strong></h2>
<p><em>„</em><em>Politisch sehen wir uns dem Heranwachsen von nazistischen Nationalismen gegenüber. Das geschieht in der Ukraine und in anderen Republiken, dasselbe gibt es in Polen. Wenn diese Explosion stattfindet, wird sie blind sein, die Menschen werden einander töten, die Probleme von Lwiw, des Friedens von Riga werden akut werden, und in dem Fall sollten wir bereit sein, endgültig unter der Last dieser Katastrophe zugrunde zu gehen“. </em>(Jerzy Giedroyć, Herausgeber der polnischen <a href="https://www.zfo-online.de/portal/zfo/article/view/8821/8820">Exilzeitschrift „Kultura“</a> in Paris, in einem Brief vom 5. Dezember 1969 an Czesław Miłosz über die Welt, die nach dem Sturz des Kommunismus in Osteuropa entstehen wird)</p>
<p>Mit dem <em>„Problem von Lwiw“</em> meinte Giedroyc den polnisch-ukrainischen Krieg um das ehemalige österreichische Galizien und dessen Hauptstadt. Dieser Krieg begann am 1. November 1918, zehn Tage vor dem Ende des Ersten Weltkrieges. Strategisch war der Krieg weder für die Pole, noch für die Ukrainer sinnvoll. Ihre strategischen Interessen lagen woanders: Der neue polnische Staat musste mit den Deutschen im Westen zurechtkommen, während sich das Schicksal des ukrainischen Staates weiter im Osten, in Kyiv, entschied, wo die Truppen der Ukrainischen Volksrepublik nach dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen und der Regierung von Skoropadskyj der russischen Roten und Weißen Armee Widerstand leisten mussten.</p>
<h3><strong>Ein Gemisch der Nationalismen</strong></h3>
<div id="attachment_5821" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5821" class="wp-image-5821 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-300x217.jpg" alt="" width="300" height="217" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-300x217.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-400x289.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692-600x433.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_BildID_15681692.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5821" class="wp-caption-text">Foto aus einer Serie zur <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Holzverarbeitung_im_winterlichen_Galizien_(BildID_15681692).jpg">Holzverarbeitung im winterlichen Galizien</a>. Es handelt sich um russische Kriegsgefangene, dahinter ein österreichischer Bewacher. Das Bild ist mit großer Wahrscheinlichkeit nach der Brusilovoffensive 1916 entstanden. K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle &#8211; Wien. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Die Ukrainer Galiziens bildeten nur 20-25% der ethnisch ukrainischen Bevölkerung. Trotzdem stellten sie eine Armee auf, die zahlenmäßig der Armee der Ukrainischen Volksrepublik ebenbürtig war und sie an militärischer Disziplin und Effektivität sogar noch übertraf. Wenn die Ukrainische Galizische Armee, sich ihren östlichen Brüdern hätte anschließen können statt gegen die Polen um Lwiw zu kämpfen, hätten die Bolschewiken weniger Chancen gehabt, Kyiv zu erobern. Dementsprechend hätte die Geschichte einen anderen Weg einschlagen können. Aber die Polen und Ukrainer brachten einander lieber im Krieg um Galizien und Lwiw um als an strategische Interessen zu denken.</p>
<p>Dieses Beispiel zeigt: Galizien gehört zu jenen historischen Gebieten, deren Bedeutung ihre Größe und ihren Status übertrifft. Hier befand sich ein gordischer Knoten der geopolitischen Interessen, dessen Lösung ganz Osteuropa beeinflussen vermochte. So war es am Ende des Ersten Weltkrieges und auch vor dessen unmittelbarem Anfang. Galizien war einer der wichtigsten Casus Belli zwischen Wien und Sankt-Petersburg. Der Wichtigkeit nach war der galizische Faktor in diesem Zusammenhang nur der Balkanfrage unterlegen. Am Vorabend des Krieges beschloss das russische Generalkommando, die Hauptstoßrichtung seiner Attacke von Preuβen nach Galizien zu verlegen.</p>
<p>In der Vorstellung der russischen Regierung stellte das österreichische Galizien ein Nest polnischer und ukrainischer Nationalismen dar, die für das Bestehen des Russischen Reiches eine tödliche Gefahr darstellten. Deshalb musste Galizien besetzt und von Anfang an neutralisiert werden.</p>
<h3><strong>Das vergessene Galizien</strong></h3>
<div id="attachment_5822" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5822" class="wp-image-5822 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-300x169.png" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-200x113.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-300x169.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-400x225.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806-600x338.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_1789-1806.png 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5822" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:01789_Spezial-Karte_um_des_Koenigreichs_Galizien_und_Lodomerien_westlichen_Kreisen_Nro._35_(1789-1806).png">Karte des Königsreichs Galizien und Lodomerien 1789-1806</a>. Franz Johann Joseph von Reilly. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Der Erste Weltkrieg begann als ein Krieg der Imperien und endete als ein Krieg der Nationen. Galizien spielte eine besondere Rolle im ersten und im zweiten Fall. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen dem, was Galizien während des Krieges in der Tat war, und dem Wenigen, das wir darüber wissen oder woran wir uns als Zeitgenossen erinnern können. Wer zum Beispiel weiß heutzutage, dass am Anfang des 20.Jahrhunderts Galizien der drittgrößte Erdölförderer war, und dass die deutsche Marine zu Kriegsende das galizische Erdöl verbrauchte? Und dass das galizische Erdöl eine der Hauptfragen war, die den Verlauf der Verhandlungen während der Konferenz von Versailles beeinflussten?</p>
<p>Dieses Vergessen Galiziens wurde durch eine Reihe von Faktoren verursacht. Wie Larry Wolff in seinem brillanten Buch „The Idea of Galicia“ (Stanford University Press, 2012) zeigte, war dieses österreichische Land das erste Territorium, auf dem die Gestalt Osteuropas – eine Art Quasi-Europa – konstruiert wurde. Man pflegte über Galizien mit Ironie zu sprechen, als ein Symbol der osteuropäischen Not und Rückständigkeit. Es sei hier Schwejk, der „Held“ des Romans von Jaroslav Hašek, zitiert: <em>„In der ganzen Welt habe ich nichts gesehen, was majestätischer wäre als dieses idiotische Galizien.“</em> Man behauptete, dass aus einem solchen Lande, ähnlich wie aus dem neutestamentarischen Nazareth nichts Gutes oder Edles stammen könne (Joh. 1,46). Daher sei es größerer Beachtung nicht wert.</p>
<p>Der andere Grund für die Amnesie war die allgemeine Lage an der Ostfront. Bis zum Frühjahr 1917 war der Verlauf des Ersten Weltkrieges an dieser Front ziemlich arm an interessanten Ereignissen. Die dramatischsten Ereignisse fanden zu Beginn des Krieges statt, als die russischen Truppen Galizien und Lemberg besetzten. Die russische Besatzung dauerte aber nicht allzu lange. Im Herbst 1915 war die russische Armee nach der gemeinsamen Gegenoffensive der österreichisch-ungarischen und der deutschen Armee gezwungen, nicht nur die kürzlich eroberten Territorien zu verlassen, sondern auch das benachbarte bis dahin russische Wolhynien abzugeben. Im Sommer 1916 versuchten die russischen Truppen während der sogenannten Brussilow-Offensive ihren Erfolg zu wiederholen. Aber diese Versuche waren nur teilweise erfolgreich. Sie konnten nur die Territorien an der Ostgrenze Galiziens erobern. Eine wiederholte Offensive im Sommer 1917 endete für Russland mit einem Fiasko.</p>
<p>Auch war die Geschichte des Ersten Weltkrieges hier nicht durch solche menschlichen Katastrophen gekennzeichnet wie die Schlachten an der Marne oder bei Ypern an der Westfront. Spricht man nicht vom Maßstab, sondern von der Dramatik der Ereignisse, so kann nur die lang andauernde Verteidigung der Kriegsfestung in Przemysl im Oktober 1915 mit diesen Schlachten mithalten. Aber sogar dieses Beispiel hält keinem Vergleich mit den Ereignissen an der Westfront stand. Ist das vielleicht die Erklärung dafür, dass es keiner hiesigen Literatur einen Autor und ein Werk zu liefern gelang, das dem Roman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque (1928) gleichgestellt werden könnte?</p>
<p>Es versteht sich von selbst, dass Krieg immer Krieg ist. Und damit waren natürlich auch die Kriegsereignisse an der Ostfront von großen Verlusten unter Soldaten und ziviler Bevölkerung begleitet. Was Galizien betrifft, so hat sich nach meiner Kenntnis leider niemand mit der genauen Einschätzung dieser Verluste beschäftigt. Eine zehn Jahre nach dem Krieg unter ukrainischen Schülern durchgeführte Umfrage bietet ein ungefähres Bild dessen, was der Krieg für die zivile Bevölkerung bedeutete. Sie erinnerten sich daran, dass der Feind mit dem Gewehrkolben den Freund erschlug, dass der Bruder zur Erschießung gebracht wurde, dass die Feinde vor ihren Augen die Schwester vergewaltigten, ferner fielen ihnen viele sterbende Menschen und Leichen auf dem Kampffeld ein. Zu diesen mit dem Krieg unmittelbar verbundenen Verlusten und Grausamkeiten müssen hunderttausende gebrochene Menschenschicksale hinzugefügt werden, die durch Verhaftungen, Zwangsaussiedlung, Flucht vor dem Feind und so weiter verursacht wurden. Die österreichisch-ungarische Armee suchte nach den Ursachen oder eher nach der Rechtfertigung ihrer unehrenhaften Niederlage in Galizien in den ersten Tagen des Krieges.</p>
<h3><strong>Ruthenen und Juden als Sündenböcke</strong></h3>
<p>Zum Sündenbock wurden dabei meistens die hiesigen Ruthenen (Ukrainer) und Juden gemacht, die zugunsten der russischen Armee spioniert hätten. Verhaftungen und Hinrichtungen nach Urteilen von Standgerichten sowie Pogrome, die ungarische Truppen unternahmen, gehörten für galizische Ruthenen und Juden zu den tragischsten Momenten des Ersten Weltkrieges. Zum Symbol antiruthenischer Repressionen wurde das k.u.k.-Interniertenlager Thalerhof bei Graz, in dem zwischen September 1914 und Mai 1917 etwa 20.000 galizische Ruthenen interniert wurden. Diese beiden Gruppen – Juden und Ruthenen – waren auch die Hauptleidtragenden von Repressionen seitens des russischen Besatzungsregimes in Galizien, dessen Verhalten sogar in Petersburg als <em>„</em><em>europäischer Skandal“</em> bezeichnet wurde.</p>
<p>Die Kenntnis dieser Tatsachen ist heute das Monopol von Fachhistorikern. Die meisten Menschen wissen darüber sehr wenig oder überhaupt nichts. Im ukrainischen Fall sind die Hauptgründe die Besonderheiten der sozialen Struktur der lokalen Bevölkerung. Sie bestand hauptsächlich aus Bauern, die in ihrer Mehrheit ungebildet waren. Und obwohl Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr Bauern ihre Kinder in die Schule, in Gymnasien und auf Universitäten schickten, war das allgemeine Bildungsniveau der galizischen Ruthenen im Vergleich zu anderen Volksgruppen beklagenswert. Studien zur Zusammensetzung des Offizierskorps zeigen, dass der Anteil der Offiziere unter jeder Bevölkerungsgruppe von der Anzahl der Personen mit Hochschulbildung abhing. Hierbei belegten die Ruthenen mit 3,6 % an Akademikern den letzten Platz. Dementsprechend belegten sie auch den letzten Platz ihrer Anzahl an Offizieren der österreichisch-ungarischen Armee (0,4%), während ihr prozentualer Anteil an Soldaten mit 7,8% exakt ihrer Anzahl im nationalen Bestand des Imperiums entsprach.</p>
<p>Übersetzt man die Sprache der Statistik in natürliche Sprache, bedeutet das, dass diejenige Erinnerung die höchste Chance auf Bestehen hat, die schriftlich festgehalten wurde. Da aber das Gedächtnis des Krieges in Galizien mehrheitlich das Gedächtnis von des Lesens und des Schreibens unkundiger Soldaten war, starb es zusammen mit ihren Trägern aus. Daraus folgt noch eine weitere Besonderheit: Über den Ersten Weltkrieg in Galizien schrieben meist nicht Ruthenen (Ukrainer), sondern Polen oder Juden, unter denen der Anteil gebildeter Menschen höher war.</p>
<p>Es gab aber eine wichtige Ausnahme: Die ukrainischen Sitsch-Schützen. Mitglied dieser nationalen Legion waren etwa 2.500 Personen, vorwiegend Absolventen von Gymnasien und Studenten. Als Freiwillige gingen sie an die Front, um gegen das russische Imperium zu kämpfen und auf dessen Trümmern einen unabhängigen ukrainischen Staat aufzubauen. Ihr Verhältnis zu Russland spiegelte nicht die Stimmung aller galizischen Ruthenen wider. Es gibt Quellen, die zeigen, dass die Bauern die Donkosaken im Allgemeinen positiv einschätzten, weil sie unter anderem gläubige Menschen waren und eifrig beteten. Das Verhältnis der Freischützen spiegelte nur die Meinung der galizischen Ruthenen wider, die sich als Ukrainer identifizierten.</p>
<h3><strong>Ruthenen werden Ukrainer</strong></h3>
<div id="attachment_5823" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5823" class="wp-image-5823 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-300x182.jpg" alt="" width="300" height="182" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-200x121.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-400x243.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463-600x364.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lwow_-_Lemberg._Rynek_01-e1744610657463.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5823" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lw%C3%B3w_-_Lemberg._Rynek_(01).jpg">Lv’iv, Rynek</a>, 1911, unbekannter Autor, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Der Krieg wurde zu einem mächtigen Katalysator der Transformation der Ruthenen in Ukrainer. Wie weit dieser Prozess während des Krieges ging, ist wegen des Mangels an konkreten Forschungsarbeiten schwer zu sagen. Deshalb ist nur schwer nachvollziehbar, wie groß der Anteil an der galizisch-ruthenischen Gesellschaft war, deren Einstellung, mit der der Freischützen übereinstimmte. Wichtig ist jedenfalls, dass es ihnen gelang, einige besonders anziehende Kulturgüter einschließlich melodischer und oft humorvoller Lieder zu schaffen. Wenn ein zeitgenössischer Ukrainer etwas über den Krieg weiß, dann ist es ein national geprägtes und vorwiegend heroisch-romantisches Bild des Krieges, geschaffen von Freischützen, und nicht die Schützengrabenerfahrungen der hunderttausenden ruthenischen Bauern, die stumm während des Krieges oder einige Jahrzehnte danach starben.</p>
<p>Und hier nähern wir uns der letzten, aber freilich der wichtigsten Ursache, warum dem galizischen Thema im Ersten Weltkrieg wie auch des Weltkrieges allgemein in Osteuropa so wenig gedacht und sich daran erinnert wird. Diese Ursache ist sehr einfach: Das, was nach dem Krieg geschah, verdrängte die Erinnerungen an den Krieg an sich. Die Erinnerung an die Novemberrevolution (die Ausrufung der Westukrainischen Volksrepublik am 1. November 1918 und der Kampf gegen die Polen um Lwiw) überlagerte die Erinnerung an die russische Besatzung von Lwiw. Ähnlich verblasst die Erinnerung an die österreichisch-ungarische oder russische Grausamkeit am Anfang des Krieges 1914 im Vergleich zu der Politik Polens gegenüber nationalen Minderheiten in der Zwischenkriegszeit oder im Vergleich zu den sowjetischen Repressionen 1939-1941.Im Fall der Juden rücken die tragischen Erinnerungen an die antijüdischen Pogrome aus der Zeit des Ersten Weltkrieges in den Hintergrund, wenn es um den Holocaust geht.</p>
<p>Ein solches Überlagern der Erinnerungen hängt nicht nur mit den Mechanismen des Gedächtnisses zusammen, sondern auch mit der historischen Realität. Forschungen von Historikern zeigen, dass selbst in der formal friedlichen Zwischenkriegszeit die Einwohner Osteuropas Gräuel erlebten, wie sie die restlichen Europäer nicht einmal in der Kriegszeit durchgemacht haben! Das wird überzeugend durch den Vergleich der Lebenserwartung von Ukrainern und den restlichen Europäern im Laufe des gesamten 20.Jahrhunderts gezeigt. Die niedrigste Lebenserwartung im Westen Europas, sei es im Ersten (42 Jahre für Männer im Jahr 1916) oder im Zweiten Weltkrieg (49 Jahre im Jahr 1942) entspricht den durchschnittlichen 42-49 Jahren Lebenserwartung für Ukrainer in der Zwischenkriegszeit. Am kürzesten war das durchschnittliche Leben eines Ukrainers jedoch nicht während des Ersten Weltkrieges (31 Jahre im Jahr 1916), sondern 1933 (11,3) und 1942 (17,7)!</p>
<p>Diese Statistik in Betracht ziehend kann man mit einigem Recht sagen, dass, wenn es um Osteuropa und seine Bevölkerung geht, es wenig sinnvoll ist, von Erstem und Zweitem Weltkrieg und der Zwischenkriegszeit zu sprechen, sondern von einem durchgehenden dreißigjährigen Krieg, der 1914 begann und erst 1945 zu Ende war (oder wie manche behaupten, bis zum Tod Stalins oder sogar bis zum Fall des Eisernen Vorhangs andauerte). Der dreißigjährige Krieg des 20. Jahrhunderts hat das Gesicht Osteuropas einschließlich Galiziens völlig verändert: Er hat hier der Existenz traditioneller ukrainischer Dörfer oder polnisch-ukrainisch-jüdischer Städtchen, die in der relativ liberalen Atmosphäre der Habsburger-Monarchie existierten, ein Ende gesetzt, indem er sie in kollektivierte sowjetische Dörfer und Städte mit ukrainischer Mehrheit und relativ großer russischer Minderheit verwandelte. Man kann sich kaum ein anderes Land vorstellen, das eine so tiefe und gewaltsame Transformation in so kurzer Zeit durchgemacht hat. Die Tiefe dieses kollektiven Traumas erklärt, warum die Bevölkerung dieser Region ein so großes Problem mit ihrem historischen Gedächtnis hat. Und in diesem Sinne ist der Erste Weltkrieg keine Ausnahme, sondern die Regel.</p>
<h3><strong>1914 und 2014</strong></h3>
<div id="attachment_5824" style="width: 263px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5824" class="wp-image-5824 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-253x300.jpg" alt="" width="253" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-200x238.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-253x300.jpg 253w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-400x475.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997-600x713.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Jerzy_Giedroyc_1997.jpg 640w" sizes="(max-width: 253px) 100vw, 253px" /><p id="caption-attachment-5824" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jerzy_Giedroyc_1997.jpg">Jerzy Giedroyc</a> (1906-2000) im Jahr 1997. Foto: Mariusz Kubik. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:GNU Free Documentation License" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:GNU_Free_Documentation_License">GNU Free Documentation License</a>, Version 1.2 or any later version published by the <a class="extiw" title="w:en:Free Software Foundation" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Free_Software_Foundation">Free Software Foundation</a>.</p></div>
<p>Die Verarbeitung der Vergangenheit ist eine Herausforderung für ganz Osteuropa und für Galizien im Einzelnen. Hier haben wir einige Erfolge erzielt: Nach dem Sturz des Kommunismus gelang es den Ukrainern, sich mit den Polen in Bezug auf Lwiw und Galizien zu versöhnen. Daher ist die Gefahr eines polnisch-ukrainischen Krieges um Lwiw, den Giedroyć 1969 noch befürchtete, hoffentlich für immer verschwunden. Schlimmer ist aber die Lage an der Ostgrenze der Ukraine. In dem Moment, in dem diese Zeilen geschrieben werden, im Jahr 2014, versuchen prorussische Separatisten, ihre Herrschaft in einigen Städten des Donezk-Beckens zu etablieren und diese Region von der Ukraine abzuspalten. Das Donezk-Becken ist das geworden, was Galizien vor hundert Jahren darstellte: Eine historische Region, deren Bedeutung ihre Größe und ihren Status übertrifft, ein geopolitischer Casus Belli, diesmal zwischen der Ukraine und Russland.</p>
<p>Der ukrainisch-russische Konflikt dauert an. Aber abgesehen davon, womit, wie und wann ihm ein Ende gesetzt wird, bestehen verschiedene Aufgaben, die auf jeden Fall erfüllt werden müssen. Eine der wichtigsten Aufgaben ist die Bewältigung der Vergangenheit. Offensichtlich hätte es den Konflikt nicht gegeben, oder er hätte weniger Chancen auf Eskalation gehabt, wenn in Russland in den letzten Jahren – bereits vor 2014 – keine hemmungslose Heroisierung des Krieges stattgefunden hätte. Unter solchen Bedingungen wird das historische Gedächtnis zum schlimmsten Gift, produziert von der Chemie des Gehirns. Widerstand kann diesem Gift nur geleistet werden, indem das Gegengift produziert wird – ein solches, wie dieses Buch, zu dem dieser Text als Einleitung geschrieben wurde, das auf künstlerische und überzeugende Weise zeigt, was der Krieg wirklich ist.</p>
<p><strong>Jaroslaw Hrycak</strong>, Lwiw</p>
<p>Der Autor ist Historiker und Publizist, Professor an der <a href="https://ucu.edu.ua/en/">Ukrainischen Katholischen Universität in Lwiw</a>. Er ist Direktor des Instituts für historische Forschung an der <a href="https://lnu.edu.ua/en/">Nationalen Iwan-Franko-Universität Lwiw</a>. Der Text war die Einleitung zu dem von Alla Paslawska, Tobias Vogel und Wolodymir Kamianets herausgegebenen zweisprachig ukrainischen und deutschen Band „Galizien – Aus dem Großen Krieg“, der 2014 in Lwiw erschien. Der Band wurde in Deutschland leider nicht verlegt. Alla Paslawska, Lwiw, und Alois Woldan, Wien, ermöglichten, diesen nach wie vor wichtigen und aktuellen Text im Demokratischen Salon zu veröffentlichen. Er wurde aus dem Ukrainischen von Alla Paslawska und Tobias Vogel übersetzt und am Schluss behutsam an die Lage nach der Vollinvasion Russlands in der Ukraine vom 24. Februar 2022 angepasst.</p>
<p>(Anmerkungen: Veröffentlichung im Demokratischen Salon im Februar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 18. Februar 2025. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;Es ist Mai und wir sitzen im Garten&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-ist-mai-und-wir-sitzen-im-garten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 10 Feb 2025 15:13:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Es ist Mai und wir sitzen im Garten“ Ein Gespräch mit Miriam Bistrovic über Erinnern und Aufbewahren „‚Erinnere dich!‘ Ist im Judentum mehr als nur eine bloße historische Mahnung oder liturgische Pflicht. Die Aufforderung durchdringt den Alltag, sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart.“ (Miriam Bistrovic und David Brown im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen  [...]</p>
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<h1><strong>„Es ist Mai und wir sitzen im Garten“</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Miriam Bistrovic über Erinnern und Aufbewahren</strong></h2>
<p><em>„‚Erinnere dich!‘ Ist im Judentum mehr als nur eine bloße historische Mahnung oder liturgische Pflicht. Die Aufforderung durchdringt den Alltag, sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart.“ </em>(Miriam Bistrovic und David Brown im Vorwort zu dem von ihnen herausgegebenen Buch „Stolpertexte – Literatur gegen das Vergessen“, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich 2024.)</p>
<p><em>„Erinnere dich!“ – „Zachor!“ – </em>das ist das Programm der Geschichten, die Geschichte und vor allem die vielen Menschen lebendig werden lassen, denen in Deutschland und in Österreich die Heimat geraubt wurde. Dies ist das Anliegen, der Auftrag der im von jüdischen Emigrierten im Jahr 1955 gegründeten <a href="https://www.lbi.org/de/">Leo-Baeck-Institut</a> tätigen Menschen. Das Institut hat drei Standorte: In Jerusalem, in London und in New York City. Letzteres agiert zusätzlich als transatlantische Brücke mit einer Archivdependance und Repräsentanz in Berlin.</p>
<div id="attachment_5738" style="width: 227px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-stolpertexte.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5738" class="wp-image-5738 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-217x300.jpg" alt="" width="217" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-200x276.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-217x300.jpg 217w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte-400x553.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Stolpertexte.jpg 434w" sizes="(max-width: 217px) 100vw, 217px" /></a><p id="caption-attachment-5738" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die ausgebildete Historikerin und Kunsthistorikerin Miriam Bistrovic arbeitet seit 2013 im Berliner Standort des New Yorker Instituts, den sie selbst mit aufgebaut hat. Sie hat im Jahr 2024 gemeinsam mit David Brown und Matthias Pfeffer beim Leipziger <a href="https://www.hentrichhentrich.de/">Verlag Hentrich &amp; Hentrich</a> den Band „Stolpertexte“ veröffentlicht, in dem 22 Autorinnen und Autoren die Geschichte von Menschen erzählen, die in der NS-Zeit Deutschland verließen oder ermordet wurden. Grundlage waren in New York gesammelte Dokumente. Einige Texte wurden an einem Abend der Leipziger Buchmesse 2024 im Capa-Haus, in den Räumen des Verlags, vorgestellt, der Band erschien dann im Herbst und wurde – seinen Zielen und seiner Bedeutung angemessen – in einem Zelt auf dem Berliner Bebel-Platz, dem Ort der Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933, vorgestellt.</p>
<p>Die „Stolpertexte“ sind beispielhaft für die Arbeit des Leo-Baeck-Instituts New York | Berlin. Dies gilt für den in deutscher und englischer Sprache gehaltenen Band „In Echtzeit“ beziehungsweise „Posts from the Past“ aus dem Jahr 2020, der jeden Tag des Jahres 1938 aus jüdischer Perspektive dokumentiert. Diesen Band hat Miriam Bistrovic gemeinsam mit Frank Mecklenburg, William H. Weitzer und Magdalena Wrobel herausgegeben. David Brown und Barbara Ann Schmutzler haben sich um die Übersetzungen gekümmert. Er erschien ebenfalls bei Hentrich &amp; Hentrich. Ein drittes Produkt ist die am 7. Dezember 2023 gestartete Podcast-Reihe „Exil“ beziehungsweise „Exile“, ebenfalls in deutscher und in englischer Sprache verfügbar. Die deutsche Fassung wird von Iris Berben gesprochen, im Englischen leiht Mandy Patinkin den Episoden seine Stimme. Der Podcast präsentiert zwölf Geschichten bekannter und weitestgehend unbekannter jüdischer Persönlichkeiten, basierend auf persönlichen Briefen, Tagebüchern und Interviews und wird im Deutschen als Koproduktion mit der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben.</p>
<h3><strong>Ein langer Weg (nicht nur) nach Berlin</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es war nicht einfach, nach 1945 ein Institut in Deutschland anzusiedeln, das sich dem Judentum verpflichtet sah. Da gab es viele Vorbehalte, gerade auch auf Seiten der jüdischen Community. Deutschland – das war das Land der Täter, der Mörder. Manche wollten lange Jahre nicht einmal mehr deutsch sprechen. Andererseits war die deutsche Sprache für viele Muttersprache.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das war in der Tat eine schwierige Debatte. Es gab das Leo-Baeck-Institut in New York, in London und in Jerusalem, den drei Zentren jüdischer Emigration, die alle zeitgleich im Jahr 1955 gegründet worden sind. Es entstanden sehr schnell unterschiedliche Schwerpunkte. In New York war sehr schnell klar, dass man versuchen sollte, das zu bewahren, was vom deutschsprachigen Judentum erhalten und nicht zerstört worden war. </em></p>
<p><em>Es gab aber immer wieder die Überlegung, wie man den Kontakt nach Deutschland halten konnte, sollte oder vielleicht auch wollte und gleichzeitig sicherstellte, dass man kein Institut in Deutschland gründete. Eine der Lösungen war 1989 die Gründung der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo-Baeck-Instituts (WAG), in dem sich deutschsprachige Forscherinnen und Forscher zusammenfanden. Eine weitere Lösung war schon in den 1950er Jahren ein Förderverein, der ursprünglich in Frankfurt am Main saß und jetzt seit 2020 in unserem Büro in Berlin sitzt. Seit etwa zwei Jahrzehnten heißt es Leo-Baeck-Institut New York / Berlin. Wie kam es dazu? Der Hauptgrund liegt in der Tatsache, dass das Leo-Baeck-Institut New York immer das Archiv des Instituts war. </em></p>
<div id="attachment_5745" style="width: 239px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5745" class="wp-image-5745 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-229x300.jpg" alt="" width="229" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-200x262.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-229x300.jpg 229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-400x524.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer-600x786.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Elaobad-Lene-Schneider-Kainer.jpg 611w" sizes="(max-width: 229px) 100vw, 229px" /></a><p id="caption-attachment-5745" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer. Elaobad. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Sehr früh meldeten sich die ersten Emigrierten und sagten, sie hätten ihre Familiennachlässe, ihre Bibliotheken, Bestände gerettet, die sie unbedingt bewahren wollten. Einige hatten unterschiedliche Bestände in ihren Koffern mitgebracht, ganz private Aufzeichnungen, Dokumentationen. Andere hatten ihre Memoiren aufgeschrieben sobald sie in den USA angekommen waren, Manuskripte mit Titeln wie „Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933“. Viele Materialien sind auf sehr komplexen Wegen, teilweise über verschiedene Orte des Exils, in die USA gekommen. Aber eben in die USA. Wer diese Materialien einsehen wollte, Forschende ebenso wie Menschen, die ein privates Interesse hatten, mussten in die USA reisen, ein oft sehr beschwerlicher und auch sehr kostspieliger Weg. Es gab noch kein Internet, man fuhr mit dem Schiff, Flüge waren extrem teuer. Israelische Forschende berichteten beispielsweise oft mit großem Gram, wie schwierig es doch sei, in die USA zu kommen, um dort zu forschen. </em></p>
<p><em>Das änderte sich, als </em><a href="https://www.jmberlin.de/thema-w-michael-blumenthal"><em>Michael Blumenthal</em></a><em> sich in Berlin für ein Jüdisches Museum einsetzte. Als US-Amerikaner, der er inzwischen war, fand er es überlegenswert, mit dem Leo-Baeck-Institut in New York zusammenzuarbeiten. Anlässlich der Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin im Jahr 2001 kamen erstmals Bestände als Mikrofilme und Mikrofiches aus New York nach Berlin. Es handelte sich um etwa 90 Prozent des damaligen Bestandes, der in New York beherbergt wurde und so kam auch Berlin in den Namen des Leo-Baeck-Instituts New York | Berlin hinein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für wen sind die Quellen verfügbar?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Im Prinzip für alle Interessierten. Man kann sich an uns wenden, man kann sich anmelden. In New York seit 1955. Im Jüdischen Museum seit 2001. Jetzt nähern wir uns langsam der Gründung der Berliner Repräsentanz des Leo-Baeck-Instituts New York: Seit 2012 gab es durch unser Projekt DigiBaeck eine unglaubliche Welle der Digitalisierung. Es wurde möglich, etwa 95 Prozent unserer Bestände online zu recherchieren. Nicht nur der Katalog, der in mühevoller Handarbeit zusammengestellt wurde, ist sichtbar. Man sieht die Fotos, man sieht die Texte, die handschriftlichen Notizen und man kann alles am heimischen PC durchsuchen. 2013 war es dann so weit, dass das Berliner Büro Gestalt annahm.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wie kamen Sie selbst ins Leo-Baeck-Institut?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Ich bin ausgebildete Historikerin und Kunsthistorikerin. Aufgrund voriger Tätigkeiten wurde ich 2013 gefragt, ob ich in Berlin ein Büro aufbauen wollte. Ich wusste von den beeindruckenden Sammlungen im Leo-Baeck-Institut in New York, die es Forschenden weltweit ermöglichen, sich mit deutschsprachiger jüdischer Geschichte zu befassen. Genau das wollte ich machen und unterstützen. In meinem Leben habe ich viele Überlebende und Ausgewanderte kennengelernt. Man hätte mich somit nicht zwei Mal fragen brauchen. Ich bin sehr froh, dass das Institut und unser Büro inzwischen seit mehreren Jahren ein fester Bestandteil auch der deutschen Erinnerungslandschaft ist und dass es uns gelingt, den Spagat weiterhin zu bewahren, als transatlantische Brücke zu agieren, die Nachfahren als Zielgruppe zu erreichen, aber auch die inzwischen sehr heterogene deutschsprachige Gesellschaft hier in Europa, in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz anzusprechen.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Berlin ist dann natürlich genau der richtige Ort.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das ist wahr. Man kommt von Berlin auch gut überall hin. Man kann überregional mit anderen Ländern interagieren, dort, wo es früher jüdische Gemeinden gab. Man landet schnell in Prag, in Krakau, in Warschau, in Wien. </em></p>
<p><em>Bei unseren „Stolpertexten“ und auch in anderen Publikationen sieht man, dass wir zugleich einen sehr starken österreichischen Fokus haben. Fast 30 Prozent unserer Bestände kommen aus Österreich. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es einen grundlegenden Unterschied zwischen deutschen und österreichischen Quellen?</p>
<div id="attachment_5750" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5750" class="wp-image-5750 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-300x216.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-400x287.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-768x552.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-800x575.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1024x736.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1200x862.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Franz-und-Grete-Hillinger-mit-Klaus-und-Edith-in-Trabzon-1536x1104.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5750" class="wp-caption-text">Franz und Grete Hillinger mit Edith und Klaus in Trabzon (Türkei). Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> Die Frage wird mir immer wieder gestellt. Der Unterschied besteht ein wenig darin, dass viele, die aus Österreich geflohen sind, schon sehr früh geflohen sind, weil sie sahen, was sich in Deutschland entwickelte. Mit dem „Anschluss“ ist diese Entwicklung mit all ihren Repressalien und Entrechtungen innerhalb weniger Tage in Österreich umgesetzt worden. Es gab zwar schon davor den Austrofaschismus, das – zwar verbotene, aber dennoch aktive – Unwesen der österreichischen Nazis, aber die Vehemenz, wie sich der nationalsozialistische Terror nach dem Anschluss realisierte, wirkte binnen weniger Stunden. Man sah, wie Flaggen gehisst wurden, Nachbarn zusammengeschlagen, Fenster eingeschlagen, Wohnungen ausgeraubt wurden. Es fanden wilde Arisierungen statt. Es war, als hätte man der Hölle Tür und Tor geöffnet. Wir haben viele Berichte, die genau diesen Zeitraum wiedergeben, diese ein oder zwei Tage. Wer noch auswandern wollte, wer noch seine Bestände retten wollte, musste sehr schnell handeln. Das war 1938 schon schwieriger als 1933 oder 1934. Man musste jung genug sein, möglichst schon Geld im Ausland haben, Familie im Ausland oder gute Freunde, die bereit waren, für einen zu bürgen. Man brauchte idealerweise die Fremdsprachenkenntnisse. Und nur die wenigsten hatten das Glück, dass sie sofort in die USA kamen. 1938 standen etwa zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung auf Wartelisten der US-Konsulate.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 1938 war auch das Jahr der Evian-Konferenz, an der unter anderen Golda Meir teilnahm und völlig desillusioniert zurückkehrte. Nur die Dominikanische Republik war bereit, einige Jüdinnen und Juden aus Deutschland aufzunehmen.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Mit der Evian-Konferenz waren unglaubliche Hoffnungen verbunden, aber es war rückblickend ein furchtbares Scheitern. Hier sieht man sehr genau den Unterschied zwischen der zeitlichen Wahrnehmung damals und der Rückschau. Wir könnten jetzt auch über die Kindertransporte sprechen und die Frage, wie die Amerikaner und andere damals reagierten. Die Kinder, die gerettet wurden, wurden sobald sie 18 Jahre alt waren, in Großbritannien auf der Isle of Man und anderen Camps als enemy aliens interniert. Sie waren ja Deutsche und die Deutschen waren die Feinde, auch die deutschen Juden.  </em></p>
<h3><strong>Die Erinnerungen zugänglich machen</strong></h3>
<div id="attachment_5751" style="width: 218px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5751" class="wp-image-5751 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-208x300.jpg" alt="" width="208" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x288.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-208x300.jpg 208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x576.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x863.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-712x1024.jpg 712w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x1105.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x1151.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1067x1536.jpg 1067w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x1727.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1423x2048.jpg 1423w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Bertha-und-Martin-Grigoleit-in-Brieselang-mit-Klaus-Hillinger_Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1574w" sizes="(max-width: 208px) 100vw, 208px" /></a><p id="caption-attachment-5751" class="wp-caption-text">Bertha und Martin Grigoleit in Brieselang mit Klaus Hillinger. Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Die Recherche in einem Archiv ist nicht immer leicht. Ich denke, dass viele Interessierte, die sich an Sie wenden, nur wenig Erfahrung in der Arbeit mit und in Archiven haben.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Man braucht natürlich ein paar Vorkenntnisse, wie Archive aufgebaut sind, aber im Prinzip können alle Interessierten recherchieren, ohne Paywall, ohne weitere Restriktionen, weil es uns sehr sehr wichtig ist, die Dinge zugänglich zu machen. Es gibt immer wieder Familienangehörige, die recherchieren wollen. Es ist oft schwierig, in manchen Ländern Informationen zu bekommen, wenn man nicht den direkten Zugriff hat. Wir wollen sicherstellen, dass wir etwas gegen Falschinformationen, gegen die Fälschung von Geschichte anbieten können. Das, was man bei uns findet, sind die authentischen Materialien, die authentische Geschichte, der Nachweis, dass diese Menschen tatsächlich gelebt haben und das, was ihnen passiert ist, tatsächlich passiert ist, dass das, was sie berichten, ihnen auch wirklich am Herzen lag. Die Vermittlung der Originaldokumente ist ein prioritäres Anliegen unseres Berliner Büros. Wir möchten gerne sicherstellen, dass die Bestände des Leo-Baeck-Instituts nicht nur bewahrt werden, sondern der Öffentlichkeit bekannt sind, und dass sie helfen, Geschichte und Geschichten zu vermitteln.</em></p>
<p><em>Von der Entwicklungsgeschichte war das Leo-Baeck-Institut immer eine Anlaufstelle für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Zunächst haben sich Akademikerinnen und Akademiker mit den Dokumenten befasst. Zu finden sind auch Korrespondenzen, die helfen, das Leben und das Werk von Berühmtheiten zu erforschen. Viele schauen darauf, wie sahen die Netzwerke aus, wie die Verbindungen untereinander? Dies lässt sich dort sehr gut nachvollziehen. Man hat Briefe, die privaten Sammlungen, Fotografien. Es eröffnet sich ein breites Geflecht, wenn man sich immer tiefer in das Archiv hineingräbt.</em></p>
<p><em>Natürlich ist es für Historikerinnen und Historiker eher zugänglich als für jemanden, der noch nie in einem Archiv war und daher Unterstützung benötigt. Das ist der Moment, in dem unsere Projekte greifen. Wir versuchen, die Materialien auch für Personen zugänglich zu machen, die nicht so genau wissen, wie sie einen Nachlass finden, damit sie ihre Scheu verlieren und die Lust erfahren, sich immer weiter zu vertiefen.</em></p>
<h3><strong>„Leuchtend roter Mohn“</strong></h3>
<div id="attachment_5739" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-in-echtzeit-posts-from-the-past.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5739" class="wp-image-5739 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-300x275.jpg" alt="" width="300" height="275" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-200x183.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-300x275.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit-400x366.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Cover_Echtzeit.jpg 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5739" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu tragen Sie auch mit Büchern wie „Stolpertexte“ oder „In Echtzeit“ bei.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Bei „In Echtzeit“ war es so, dass wir uns als Institut das Ziel gesetzt hatten, im Jahr 2018 jeden Tag des Jahres einen Beitrag zu veröffentlichen, der den jeweiligen Tag des Jahres 1938 dokumentiert. Wir haben uns entschlossen, es nicht nur aus unseren Archivalien zu realisieren, sondern haben auch bei anderen Institutionen angefragt. Viele haben Beiträge mitgeliefert, allerdings stellten wir fest, dass wir oft viel genauer wussten, auf welchen Tag sich die Materialien bezogen. Das ist aber auch nur möglich, weil wir Archivarinnen und Archivare haben, die seit Jahren an diesem Material arbeiten. Selbst wenn wir nicht nur etwas zu dem Datum, sondern auch zu einer bestimmten Perspektive haben wollten, konnten wir gezielt recherchieren, beispielsweise zur Sichtweise einer emanzipierten Frau. In diesem Moment griffen die persönliche Beziehung zu den Sammlungen, die eigene Institutserfahrung und die genaue Kenntnis des Materials ineinander. </em></p>
<p><em>Es war ein ziemlich großer Kraftakt, aber wir haben es geschafft, mit vielen helfenden Händen, die 365 Tage zusammenzubekommen. Die Beiträge sind oft sehr persönlich. Jedes Dokument, jede Postkarte, jedes noch so unauffällige kleine Ding berichtet viel über die jeweilige Person. Man muss sich nur darauf einlassen. Uns war es bei dem 1938er Projekt wichtig, eben nicht aus unserer Zeit zu blicken, sondern die Unmittelbarkeit herzustellen, bei den Postings nicht in die Zukunft zu schauen. Wer zum Beispiel wissen möchte, ob sich das Gesuch eines jungen Mannes nach einem Affidavit oder der Wunsch auszuwandern realisierte, muss sich an die Sammlung heransetzen und genau gucken, wo in unserem Katalog die bibliographischen Angaben zu finden sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei den „Stolpertexten“ ist es ähnlich. Es sind oft Momentaufnahmen. Sehr beeindruckend fand ich die Geschichte „Leuchtend roter Mohn“, der Stolpertext von Juli Zeh für Edith Hillinger. Ich darf einige wenige Sätze zitieren: <em>„Als Edith ihr neues Leben in Istanbul begann, waren die Hügel entlang des Bosporus kaum bebaut. Dort wuchs wilder Mohn in riesigen Feldern. / Da waren sie wieder, die knallroten Blumen mit den weichen Blütenblättern, die Edith und ihre Großmutter in der alten Heimat so geliebt hatten. Alles in der neuen Welt war unvertraut, die Sprache, die Gewohnheiten – aber die Pflanzen waren die gleichen wie zu Hause und vermittelten dem kleinen Mädchen ein Gefühl von Geborgenheit. Der rote Mohn wurde zu einer Brücke, die das alte und das neue Leben miteinander verband.“</em></p>
<div id="attachment_5740" style="width: 296px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5740" class="wp-image-5740" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x204.jpg" alt="" width="286" height="195" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x136.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x204.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x272.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x407.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x521.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x543.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1024x695.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x815.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1536x1043.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Edith-Hillinger-an-Bertha-und-Martin-Grigoleit-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1573w" sizes="(max-width: 286px) 100vw, 286px" /></a><p id="caption-attachment-5740" class="wp-caption-text">Postkarte von Edith Hillinger an ihre Großmutter Bertha Grigoleit. Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> An diese Geschichte erinnere ich mich besonders, weil in der Zeit, in der Juli Zeh noch recherchierte, meine New Yorker Kollegen eine Kiste fanden, die noch nicht erschlossen worden war. Als sie einen Brief in der Kiste öffneten, rieselten ihnen die Mohnblüten entgegen. Deshalb griffen wir diese Geschichte auch im Vorwort auf. Als David mir davon erzählte, war das so ein Moment, in dem man merkt, dass das Historische so unglaublich nahbar sein kann. Diese Mohnblüten waren nie bewegt worden und rieselten aus dem Umschlagheraus, als dazu geforscht wurde. Ein Brief wurde erst entdeckt, als die Stolpertexte geschrieben wurden. In diesem Brief waren die Mohnblüten. Juli Zeh hatte zuvor schon herausgefunden, dass die junge Künstlerin immer wieder in ihrem Leben diese Mohnblüten aufgegriffen hatte, aber es war noch nicht bekannt, dass es diesen Brief gab. </em></p>
<h3><strong>„So geht die Geschichte</strong><strong>“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auffällig ist in den Texten auch immer die sehr beeindruckende Wortwahl. Hilde Schlesinger-Schiff aus Eisenstadt im Burgenland, über die Konstantin Schmidtbauer geschrieben hat, schrieb beispielsweise: <em>„die Wurzeln aus der Erde ziehen“</em>, <em>„keine schmerzlose Angelegenheit, wie man uns die Heimatliebe ausgebläut hat“. </em>Sie verwendet den Begriff<em> „Leichenraub“. </em></p>
<div id="attachment_5746" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5746" class="wp-image-5746 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-300x215.jpg" alt="" width="300" height="215" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-400x287.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-768x551.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-800x574.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1024x735.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1200x861.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581-1536x1103.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Friedl-Roth-um-1920_Joseph-Roth-Sammlung-scaled-e1739200157581.jpg 1843w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5746" class="wp-caption-text">Friedl Roth um 1920. Joseph-Roth-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p>Mich hat auch der Stolpertext „So geht die Geschichte“ von Lena Gorelik über Friederike („Friedl“) Roth sehr berührt. Ich verehre Joseph Roth sehr, aber er war ja auch kein einfacher Mensch. Das Schicksal seiner Frau ist sehr tragisch. Sie wurde mit 692 anderen Patient:innen in der NS-Euthanasie-Anstalt im Schloss Hartheim ermordet. Joseph Roth hatte ihr Leben sogar in einem seiner Romane verarbeitet, aber ihre Eltern gebeten, ihr nichts davon zu erzählen. Dieser Text endet mit folgenden Sätzen: <em>„Er</em> (Joseph Roth, NR) <em>hat, so geht die Geschichte, vielen Jüdinnen und Juden zu helfen versucht. Auf einem Bild trägt Friederike Reichler, die Geehelichte, ein gestreiftes Kleid. Auf einem anderen einen am Kragen mit Pelz besetzten Mantel, ihre Haare kurz. Sie stemmt auf den meisten Bildern die Hände in die Hüften, ich denke ir, sie tat das gerne, trotzig und frech. Ich denke mir Friederike, ich hoffe, dass die Stimmen aufgehört haben zu kreischen. Eine rauchen mit dir, du im Sommer, in jenem gestreiften Kleid.“  </em></p>
<p>22 Stolpertexte, aber das ist nicht alles.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Es sind 22 Texte im Buch, aber wir haben über 30 Texte, die schon geschrieben und zum Teil auch in Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Die ursprüngliche Absicht war, diese Texte in regionalen Tageszeitungen zu veröffentlichen. Später kam dann die Idee, sie in einem Buch zusammenzufassen. Wir haben aber viel mehr Material, an digitalisierten Dokumenten über fünf Millionen Seiten. Wir bewahren etwa 2.500 unveröffentlichte Memoiren und Manuskripte, die erstmals in den 1950er Jahren auftauchten, von denen vielleicht das ein oder andere inzwischen im Buchhandel erschienen ist, aber bei Weitem nicht alles.</em></p>
<div id="attachment_5754" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5754" class="wp-image-5754 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-300x232.jpg" alt="" width="300" height="232" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-200x155.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-300x232.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-400x309.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-600x464.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer-768x593.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Mud-Construction-in-the-High-Atlas-Morocco-Lene-Schneider-Kainer.jpg 800w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5754" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer, Lehmhäuser im Hohen Atlas, Marokko. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Sie haben ja schon erwähnt, dass die Wortwahl, die Direktheit in der Sprache bei der Lektüre mitreißt. Das merkt man gerade bei sehr frühen Manuskripten, die in einer großen Direktheit sprechen, dann lange Zeit nicht mehr, inzwischen wieder. Es ist schon von Interesse, wie die Überlebenden mit ihrer eigenen Situation umgehen, wie sich das auch innerhalb der einzelnen Communities abbildet. Viele Manuskripte fangen mit der Aussage an, dass man sich im eigenen Umfeld ausgetauscht hatte und zu hören bekam, wozu man das denn noch brauche, denn daran wolle sich doch niemand erinnern. Aber es ist das Gegenteil davon: Die meisten wollen, dass man sich nicht nur ihrer eigenen Geschichten erinnert, sondern auch, dass wir uns an die erinnern, die nicht mehr selbst für sich sprechen können. Versuche, die Erinnerung wachzuhalten, versuchen das zu tun, was andere nicht mehr machen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Deshalb haben manche bei ihrer Flucht, bei ihrer Deportation, Fotographien mitgenommen. Manche konnten diese bis zu ihrer Befreiung bewahren oder haben sie an andere übergeben, die sie bewahren konnten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das verdeutlicht nur umso mehr, wie wichtig es ist, gegen diesen Vernichtungswillen aufzubegehren. Einer der Aspekte, der in den „Stolpertexten“ anklingt, der ebenso in unserem 1938er-Projekt und in unserem Podcast immer mitschwingt, ist die Tatsache, dass es nicht immer der große Widerstand war, wie er heute oft im Vordergrund steht, sondern dass es viele kleine Momente des Widerstandes gab, die oft vergessen wurde, aber deutlich zeigten, dass jeder in seinem kleinen Rahmen aufbegehren konnte. Und das Wichtigste war dann zu bewahren. Damit es am Ende den Nazis nicht gelang, alles an Erinnerung auszulöschen. In vielen Fällen ist es gelungen, Erinnerungsstücke zu bewahren. An diesen kleinen bruchstückhaften Elementen und Momenten lässt sich wieder ein ganzes Leben entdecken und die Namen aus dem Vergessen zu reißen.</em></p>
<div id="attachment_5741" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5741" class="wp-image-5741 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-300x208.jpg" alt="" width="300" height="208" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-200x139.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-300x208.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-400x278.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-600x417.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-768x534.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-800x556.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-1024x712.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung-1200x834.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/ernst-and-erna-feder-Ernst-Feder-Sammlung.jpg 1265w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5741" class="wp-caption-text">Ernst und Erna Feder. Ernst-Feder-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört zum Beispiel auch der Brief von Ernst an Erna Feder. Er ist in Marseille, sie ist noch in Deutschland. Besser kann man Hoffnung bei aller Bedrohung nicht darstellen. Olga Grjasnowa schrieb den Stolpertext für Ernst Feder: „Ich brauche dich, Erna“. Ein doppeltes „Stolpern“? Olga Grjasnowa, die an Ernst Feder erinnert, aber über den Briefe schreibenden Ernst auch an Erna: <em>„Fast jeder seiner Briefe fing mit der Ansprache ‚Meine geliebte Erna‘ an oder auch ‚Meine Inniggeliebte‘. Doch auch Erna war klar, dass sie nur zwei Menschen von sehr vielen waren und dass es kaum jemanden kümmerte, ob sie überleben würden oder nicht. Ihre Leben zählten nicht. Seine Aufgabe war es, sie von dieser Tatsache abzulenken, Zuversicht zu bieten. Er war es nicht gewohnt, von Erna getrennt zu sein, auf Reisen war es manchmal, als er durch die USA gereist war, oder die Niederlande, aber das war so lange her – in einem anderen Leben.“</em></p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>In all diesen „Stolpertexten“ merkt man, was diese kleinen Momente der persönlichen Stärke, des persönlichen Aufbegehrens bedeuten, die sich so unglaublich schwer aus der Vergangenheit retten lassen aber gleichzeitig – wenn man sich damit auseinandersetzt – durch ihre Emotionalität sowie durch ihre zeitübergreifende Wirkung bis heute Menschen ansprechen und dann auch in Erinnerung bleiben.</em></p>
<h3><strong>„Erinnern ist ein Prozess der Gegenwart“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Texte, die Sie besonders berührt haben?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Es gibt immer wieder Geschichten, die besonders in Erinnerung bleiben, aber es würde mir schwerfallen, einen Liebling herauszufinden. Es ist eher immer ein kurzes Aufblitzen, ein ungewöhnlicher Moment oder ein leicht zu übersehendes Detail, das in Erinnerung geblieben ist. Dazu gehört die Geschichte von Edith Hillinger und den Mohnblüten. Ähnlich war es mit dem Stolpertext „Flieder“ von Tara Meister für Helen Bilber: „Es ist Mai und wir sitzen im Garten, die ganze Familie beisammen. Mein Vater zeigt uns seine Blumen, Pfingstrosen und Begonien, das Tränende Herz, Akeleien, Rhododendron, Klematis, Lichtnelken, Schwertlilien und Flieder. Ich erzähle meiner Großmutter, die neben mir am Tisch sitzt, von dem Projekt, bei dem ich mitmachen werde, von den Stolpertexten.“</em></p>
<p><em>Das ist einer der Texte, die mehrere Generationen überbrücken und zeigen, wie sich Geschichte an den kleinsten Dingen festhalten lässt und wie sehr sie einen auch mitnehmen kann, sodass man selbst in den unbedarftesten Momenten davon überrascht werden kann, wie gegenwärtig etwas noch ist, wie man in einer scheinbar vertrauten Umgebung plötzlich Risse entdeckt, Dinge wiederentdeckt, die man vielleicht in einem archivarischen Text gelesen hat. In diesem Fall ging es auch noch darum, dass sie mit ihrer eigenen Großmutter sprach, die selbst Journalistin war und Frauen interviewt hat, um deren Geschichten aufzunehmen, damit dieses gesprochene Erinnern im Wortlaut nicht verloren geht.  </em></p>
<div id="attachment_5742" style="width: 261px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5742" class="wp-image-5742 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-251x300.jpg" alt="" width="251" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-200x239.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-251x300.jpg 251w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-400x479.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-600x718.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-768x919.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-800x957.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-856x1024.jpg 856w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-1200x1436.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim-1284x1536.jpg 1284w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Portrait-von-Bertha-Pappenheim.jpg 1379w" sizes="(max-width: 251px) 100vw, 251px" /></a><p id="caption-attachment-5742" class="wp-caption-text">Porträt von Bertha Pappenheim. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Sehr beeindruckt hat mich auch das Bild von <a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/bertha-pappenheim">Bertha Pappenheim</a>, das wohl gerettet werden konnte. Sie zeigen dieses Bild, ein Jugendbild, vor dem Stolpertext „Vielleicht Quittengelee“ für Helene Krämer von Mascha Jacobs: <em>„Bertha Pappenheim hat auch Helene Krämers Leben stark beeinflusst. Helene Krämer wurde 1881 geboren und wuchs in einem Kinderheim des Jüdischen Frauenbundes auf. Ihr Vater, ein Lehrer, verstarb kurz vor ihrer Geburt und die Mutter konnte die acht Kinder nicht versorgen.“</em> Einige Absätze weiter lesen wir: <em>„Vielleicht mochte Helene Quittengelee. Vielleicht las sie viel und hatte eine Vorliebe für einander ins Wort fallende Sätze. Für Tanzabende. Ich vermute, sie mochte Bilder und Karikaturen, vielleicht hing in ihrem Arbeitszimmer eine Lithographie von Honoré Daumier.“ </em>1938 wurde der Jüdische Frauenbund verboten. Der Stolpertext endet mit den Deportationen und der Ermordung der Frauen, die in diesem Heim lebten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das Bild Bertha Pappenheims ist auf den ersten Blick unscheinbar, aber es war für viele unglaublich es zu sehen, weil kaum jemand wusste, dass es überhaupt existierte. Wenn man genau wissen will, wie Bertha Pappenheims letzten Tage und Stunden waren, kann man das in unseren Sammlungen finden. Diejenigen, die ihren Weg begleitet haben, haben davon berichtet. Sie war so krank, dass ihr die Ärzte geraten hatten, das Haus nicht mehr zu verlassen. Sie tat es trotzdem und hat versucht, im Polizeigefängnis einen ihrer Schützlinge, eine junge Frau, herauszuboxen. Wenige Wochen später ist sie gestorben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „Flieder“ finden wir einen grundlegenden Satz zu dem gesamten Projekt des Aufbewahrens und Erinnerns, am Schluss: <em>„Erinnern ist ein Prozess der Gegenwart. Es ist Spätsommer, als ich den Text fertig schreibe, und die Blätter färben sich bereits an den Rändern. Ich denke, nächstes Jahr blüht der Flieder wieder.“ </em></p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Die Texte zeigen immer wieder, wie unterschiedlich man mit dem Material umgehen kann. Wir haben den Autorinnen und Autoren keine Vorgaben gemacht. Wir wollten ihnen Gelegenheit geben, sich mit den Biographien auseinanderzusetzen und ihren eigenen Zugang zu finden. Das Ergebnis ist beeindruckend, weil man immer neue Wege findet, wie man Geschichten freilegen kann, wie bruchstückhaft ein Leben dargelegt werden kann, aber dass diese Brüche nicht in sich etwas Negatives sein müssen, sondern dass diese Leerstellen gerade zeigen, wie sich die Dinge abrupt verändern können. </em></p>
<p><em>Die Autorinnen und Autoren haben versucht, nicht nur eigenen biographischen Hintergrund hineinzubringen. Gleichzeitig schwingt er in der Wortwahl mit. Wir haben unterschiedliche Generationen, unterschiedliche Persönlichkeiten, mit unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen und mehrschichtigen Biographien. Damit haben wir auch einen gewissen Bruch zum vorherrschenden  „gesamtdeutschen“ Erinnerungsnarrativ, das sich sehr lange durchgesetzt hat. Das zu hinterfragen, auch aufzubrechen, war ein langer Prozess. </em></p>
<h3><strong>Wer bewahrt unsere Geschichte?</strong></h3>
<div id="attachment_5747" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5747" class="wp-image-5747 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-400x613.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-600x920.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-668x1024.jpg 668w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung-768x1177.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/hans-landshut-ww1-Klaus-G-Loewald-Familiensammlung.jpg 779w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5747" class="wp-caption-text">Hans Landshut. Klaus-G.-Loewald-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist – wenn ich das sagen darf – auch gelungen. Einen biographischen Hintergrund, der mich sehr berührt hat, fand ich in dem Stolpertext mit dem scheinbar so didaktisch klingenden Titel „Erinnerung lernen“ für Hans Landshut von Ulrike Draesner. Sie schreibt, als Fünfzehnjährige habe sie gemerkt, dass ihre Eltern sich ohne Hitler nie kennengelernt hätten. So war das auch bei mir: Mein Vater kam aus Schlesien, meine Mutter aus Köln. Wäre mein Vater nicht über den „Umweg“ über Russland und Kriegsgefangenschaft in Belgien nach Köln gekommen, hätten meine Mutter und er sich nie kennen und lieben gelernt. Wenn man dies begreift, stockt einem schon der Atem.</p>
<p>Das ist der Punkt: Wie kann ich ehrlich und aufrichtig Gegenwart und Vergangenheit miteinander verbinden? So sind die letzten Sätze von „Flieder“ vielleicht so etwas wie das Programm des Leo-Baeck-Instituts, so wie ich es verstanden habe: <em>„Es ist Spätsommer, als ich den Text fertigschreibe, und die Blätter färben sich bereits an den Rändern. Ich denke: Nächstes Jahr blüht der Flieder wieder.“</em> Die erinnernde Autorin – so möchte ich es sagen – rahmt die Erinnerungen von und an Helen Bilber und schafft über den „Flieder“ einen Zusammenhalt, eine neue Gemeinsamkeit, eine Gemeinschaft über die Generationen, über die verschiedenen Welten hinaus, etwas dass es vorher so nicht gab und das erst durch den „Stolpertext“ entsteht.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>In gewisser Weise ist das unser Programm. Es ist ein ziemlicher Spagat, denn jeder Standort des Leo Baeck Instituts hat seine eigenen Schwerpunkte und Zielgruppen – sei es in London, Jerusalem oder bei uns in New York und Berlin. Zum einen ist das Leo Baeck Institut ein Forschungsinstitut. Zum anderen ein Archiv, das inzwischen wohl größte für deutsch-jüdische Geschichte und Diaspora weltweit und zugleich, wie manche sagen, das wohl bestgehütete Geheimnis von New York. Es ist aber auch ein sicherer Ort für Nachfragen und Nachfahren der dritten und vierten Generation, die die Geschichte des Leo-Baeck-Instituts noch von ihren Groß- oder Urgroßeltern kennen. </em></p>
<p><em>Es war die Exil-Zeitung der Aufbau, es war – egal wie man zu Deutschland stand – der Kaffee, der am Sonntag, wenn man es noch retten konnte, zusammen mit dem guten Porzellan auf der Tischdecke stand. Es war nicht nur das, es war auch die Frage: „Wer bewahrt unsere Geschichte, wenn wir nicht mehr sind?“ Da war das Leo-Baeck-Institut immer ein sicherer Hafen, an den man sich wenden konnte. Solange sie es körperlich noch schaffen, kommen Angehörige der ersten und zweiten Generation ins Institut. Sie entschlüsseln Texte, sehen sich Fotos an, sagen: „Das ist die Straße, die Person kenne ich noch…“. Einfach um sicherzustellen, das, was in unseren Beständen vorhanden ist, auch in der Form aufbewahrt werden kann, dass man Namen, Orte, Geschichte identifizieren und miteinander verbinden kann.</em></p>
<p><em>Manche kommen erst, nachdem sie aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Sie sagen, ich möchte etwas Sinnstiftendes machen, nicht nur für meine Familie, für die gesamte Community.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es fällt manchen Menschen gar nicht so leicht zu erzählen. Es sind nicht nur die Täter, die nichts über ihre Taten erzählen wollen, es sind auch die Opfer, die nicht erzählen wollen, was sie erlitten haben. Es gibt Forschungen über das Schweigen, über Überlebende der Shoah, die ihren Kindern nichts erzählten oder nur Andeutungen machten.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Das ist sehr oft der Fall. Es gibt viele Menschen in der zweiten Generation, die nichts über ihre Familienangehörigen wissen, die vielleicht nur subkutan erahnen, dass es da etwas geben muss, über das sie von den Eltern aber keine Auskunft erhielten. Es ist dann anders mit den Enkelkindern, die schon sehr früh mit den Geschichten konfrontiert werden, weil die Großeltern langsam anfangen, sie aufzuarbeiten.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir ist aufgefallen, dass mehrere der Autorinnen und Autoren der „Stolpertexte“ an einem Schreibseminar von Ulrike Draesner teilgenommen hatten.</p>
<div id="attachment_5752" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5752" class="wp-image-5752 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Fotos-und-Briefe-aus-der-Franz-und-Grete-Hillinger-Sammlung.jpg 1280w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5752" class="wp-caption-text">Fotos und Briefe aus der Franz und Grete Hilllinger-Sammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Die jungen Studierenden bei Ulrike Draesner waren nicht nur sehr engagiert,</em> <em>sondern haben sich auch selbst organisiert. Einige sind nach New York gereist, um sich vor Ort mit den Originalen auseinanderzusetzen, um mit David Brown in Austausch zu treten. Das machte auch etwas mit den Texten, dieses persönliche Interesse an den Personen spiegelte sich in ihnen. Der Austausch endete auch nicht mit den Texten. </em></p>
<p><em>Bei einigen wissen wir, dass sie zum Beispiel mit dem MDR zusammen an einem Podcast arbeiten, um dort einige der biographischen Aspekte unterzubringen, die sie in den Texten nicht unterbringen konnten. Sie konnten auch mit einigen Familienangehörigen der Personen sprechen, deren Dokumente sie sich angeschaut hatten. Gerade wenn man sich den Stolpertext „Hoffentlich ist es dann nicht zu spät“ von Victor Sattler über Robert Bachrach und Theo Hochner anschaut. Diesen Text haben wir nur in Auszügen im Buch publiziert, </em><a href="https://www.lbi.org/projects/podcast/episode-17/"><em>den kompletten Text haben wir auf unserer Website veröffentlicht</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Es wurden viele familiäre Bezüge konsultiert, Personen in Austausch gebracht, die selbst über Jahrzehnte keinen Kontakt zueinander hatten. Es entstanden neue Verbindungen, die ohne das Projekt nicht entstanden wären. Das haben wir auch bei dem 1938er Projekt festgestellt: Je mehr man versucht, über eine Person herauszufinden, desto intensiver beschäftigt man sich mit Familienbiographien und versucht, die verschiedenen Familienzweige zu konsultieren. Daraus ergeben sich plötzlich Kontakte mit Personen, die gar nichts davon wussten, dass sie eine Verbindung hatten. Beispielsweise über einen Brief, über den beide Seiten miteinander in Verbindung kamen und man anhand dieser einen Begebenheit herausfinden konnte, wie eng verzweigt Geschichte sein kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kann das gut nachvollziehen. Erst nach dem Tod meines Vaters erfuhr ich über seinen Nachlass, den er in seinem Nachtschränkchen und anderswo aufbewahrte, dass ich Verwandte in Polen habe. Die Schwestern meines Großvaters hatten alle Polen geheiratet. Eine Tochter, eine Großkusine von mir, hatte einen kompletten Stammbaum erstellt, den manche in der Familie schon kannten, von dem ich aber noch nie etwas erfahren hatte.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Manchmal sind das ganz kleine Dinge. Geschenkte Bücher mit einer kleinen Eintragung, Widmungen. Oder Schulfotos, wo man erfährt, da ist meine Großtante drauf, oder die war eine Freundin meiner Großmutter.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es einen zweiten Band? Und welche weiteren Pläne haben Sie?</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>: <em>Ich will mich noch nicht auf ein Datum festlegen.</em> <em>Ich denke jedoch, dass wir den nächsten Band 2026 oder 2027 veröffentlichen können. Material gibt es sicherlich genug. </em></p>
<h3><strong>„Exil“ – manchmal auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort</strong></h3>
<div id="attachment_5743" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5743" class="wp-image-5743 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-600x600.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-768x768.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-800x800.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1024x1024.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1200x1200.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/EXIL-Podcast-1536x1536.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-5743" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Leo Baeck Instituts über den Podcast erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein weiteres Projekt ist der Podcast „Exil“, im Grunde auch eine Spielart von „Stolpertext“.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic:</strong> <em>Aktuell sind wir dabei, die zweite Staffel des englischsprachigen Podcasts abzuschließen und </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/"><em>die deutsche Staffel</em></a><em> herauszubringen. Für erfolgreiche Geschichtsvermittlung braucht es ziemlich viel Energie, um auch Personen zu erreichen, die nicht direkt das nächste Buch in die Hand nehmen. Wir versuchen daher zurzeit, etwas aktueller zu werden und verschiedene Wege und Formate der Vermittlung aufzugreifen. Ein Podcast ist eine gute Lösung, auch wenn in der Vorbereitung und Umsetzung das ein oder andere ineinandergreift.</em></p>
<p><em>Der Podcast trägt den Titel „Exile“ beziehungsweise „Exil“. Im Englischen wird er von Mandy Patinkin gesprochen, im Deutschen von Iris Berben. Wir haben auch hier den biographischen Ansatz gewählt. Jede Folge befasst sich mit einer Protagonistin, einem Protagonisten, die etwa in dem Zeitraum 1910 bis 1950 lebten und zeigen, was es heißt, ins Exil zu gehen, was das mit jemandem macht, wie das Leben davor und danach aussieht. Eine Episode widmet sich </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-11/"><em>Stefan Zweig und Joseph Roth</em></a><em>, eine andere </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-3/"><em>Albert Einstein</em></a><em> und seinem Sommerhaus in Caputh, eine weitere </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-12/"><em>Ruth Westheimer</em></a><em>. Wir haben aber nicht nur Berühmtheiten ausgewählt, die fast alle kennen. Viele Personen kennen die Zuhörenden wahrscheinlich nicht, aber ihre Geschichten sind auf jeden Fall hörenswert. </em></p>
<div id="attachment_5744" style="width: 223px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung.png"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5744" class="wp-image-5744" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-234x300.png" alt="" width="213" height="273" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-200x257.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-234x300.png 234w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-400x513.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-600x770.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-768x985.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-798x1024.png 798w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-800x1026.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-1197x1536.png 1197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung-1200x1539.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Florence-Mendheim-Mendheim-Familiensammlung.png 1559w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" /></a><p id="caption-attachment-5744" class="wp-caption-text">Florence Mendheim. Mendheim-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Die erste Episode handelt von </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-1/"><em>Florence Mendheim</em></a><em>. Sie war eine junge Frau aus New York, die als Bibliothekarin arbeitete, aber dann angeworben wurde, in nazinahen Communities zu spionieren und deren Umtriebe zu melden. Sie hat sich ein Pseudonym zugelegt und ist am Abend in diese pronazistischen Versammlungen gegangen, war sehr erschüttert von dem, was sie dort erlebte, aber in der Lage, dann sehr detaillierte Berichte zu verfassen, was sie gesehen und gehört hatte und wer dabei war. Man muss sich vor Augen halten, dass im Madison Square Garden eine große Naziversammlung stattfand, andererseits aber vor dem Madison Square Garde Protestaktionen stattfanden, deren Akteure sehr deutlich machten, dass sie nicht passiv zusehen würden, wie sich die USA in einen profaschistischen Staat verwandeln. Dass wir so viele Details darüber wissen, basiert zu großen Teilen auf Berichten von Personen wie Florence Mendheim. Ohne sie und andere, die ebenfalls ihre Beobachtungen festhielten, wären diese Nazi-Expats und mit den Nationalsozialisten sympathisierenden Gruppen sowie deren Umtriebe als Teil des Spektrums freier Meinungsäußerung oder als eine beliebige Art von Heimatverbundenheit abgetan worden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Nazis hatten in den USA durchaus ihre Sympathisanten. Ich nenne nur Henry Ford und Charles Lindbergh. Die waren durchaus populär, eindeutig antisemitisch und pronazistisch.</p>
<p><strong>Miriam Bistrovic</strong>:<em> Das waren die großen Namen der Szene. Wir wollten zeigen, was eine einzelne Person wie Florence Mendheim bewegen konnte. Es war ein sehr mutiger und auch gefährlicher Protest. Es war klar, warum sie das machte. Sie stand mit ihrer Tante in Berlin in Briefkontakt, die schrieb, dass sie zu alt sei, um auszuwandern. Wir wissen, dass sie kurze Zeit später ermordet wurde, obwohl Florence ihr immer zuredete, sie solle doch in die USA kommen, sie würden das schon gemeinsam schaffen.</em></p>
<div id="attachment_5748" style="width: 244px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5748" class="wp-image-5748 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-234x300.jpg" alt="" width="234" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-200x256.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-234x300.jpg 234w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-400x512.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer-600x768.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/Lene-Schneider-Kainer.jpg 625w" sizes="(max-width: 234px) 100vw, 234px" /></a><p id="caption-attachment-5748" class="wp-caption-text">Lene Schneider-Kainer. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.</p></div>
<p><em>Eine weitere Frau, die ich gerne nenne, ist, ist </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-5/"><em>Lene Schneider-Kainer</em></a><em>. Sie war eine in Berlin sehr aktive Künstlerin, die auch in der Galerie Gurlitt ausstellte und noch vor dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft mit Bernhard Kellermann auf den Spuren von Marco Polo die alte Seidenstraße entlang reiste. Die beiden berichteten in verschiedenen Berliner Tageszeitungen darüber. Sie hat aber auch Tagebuch geführt und unzählige Aquarelle gemalt, in denen sie das, was sie gesehen hatte, festhielt. Sie war in vielem ihrer Zeit voraus, weil sie sich nicht auf die üblichen Rollen von Frauen und Männern festlegen ließ. Sie packte sich die ohnehin kurzen Haare zur Seite, band sich die Brust ab, ging ins Bordell oder in die Opiumhöhle, um zu sehen, was dort passiert. So recherchiert man halt. Aus heutiger Sicht gar nicht so ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber, dass dies in den 1920er Jahren geschah. Sie hat auch einen Film aufgenommen, der jetzt wiederentdeckt worden ist und den wir einigen aktuellen Regisseuren gezeigt haben, die sahen, wie sehr sich die Räume verändert hatten, wie damals bestimmte gesellschaftliche Interaktionen stattfanden. Vieles von dem Gezeigten wäre heute kaum noch vorstellbar. </em></p>
<p><em>Wir haben versucht, nicht nur sogenannte Opfergeschichten zu präsentieren. Wir wollten das Selbstbestimmte zeigen, das Engagement. </em><a href="https://www.lbi.org/de/projects/exil-podcast/folge-10/"><em>Eva Kollisch</em></a><em>, die ihr ganzes Leben als Radikale verbrachte, die sich als junge Geflüchtete in den USA zunächst für kommunistische Ideen begeisterte, dann aber feststellte, dass auch die sehr misogynen Strukturen im Kommunismus ihr überhaupt nicht entsprachen. Sie machte sich dann als Feministin einen Namen. Es gibt viele Stationen, die sich in einer Biographie zeigen lassen. Jede einzelne Biographie offenbart, dass es ganze Bewegungen nicht gegeben hätte, wenn sich diese Menschen nicht so klar und mutig geäußert und engagiert hätten. Sie hatten in der Regel wenig Unterstützung, aber ihre Geschichten zeigen, wie viel sich bewegen lässt, wenn man den Mut dazu aufbringt und zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 6. Februar 2025. Titelbild: Alma Landshut 1932. Klaus-G.-Loewald-Familiensammlung. © Leo Baeck Institute New York | Berlin.)</p>
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		<title>Der 29. Januar 2025</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-29-januar-2025/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Feb 2025 05:22:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der 29. Januar 2025 Phänomenologie einer planlosen Zeitenwende „Nota bene: Ich fürchte nicht, dass CDU und CSU sich in faschistische Parteien verwandeln. Nein, ich fürchte, dass sie zerbrechen; dass sie sich in je einen Pro- und einen Anti-AfD-Verein spalten. Jeder Politikwissenschaftler weiß, dass es gegen rechten Extremismus nur einen Schutz gibt: eine starke konservative  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Der 29. Januar 2025 </strong></h1>
<h2><strong>Phänomenologie einer planlosen Zeitenwende</strong></h2>
<p><em>„Nota bene: Ich fürchte nicht, dass CDU und CSU sich in faschistische Parteien verwandeln. Nein, ich fürchte, dass sie zerbrechen; dass sie sich in je einen Pro- und einen Anti-AfD-Verein spalten. Jeder Politikwissenschaftler weiß, dass es gegen rechten Extremismus nur einen Schutz gibt: eine starke konservative Partei. Wenn das Wasser anfängt, aus diesem Damm zu rieseln, dauert es nicht mehr lange, bis die Schlammflut kommt.“ </em>(Hannes Stein, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/wir-machen-uns-sorgen-um-euch/">Wir machen uns Sorgen um euch</a>, in: Jüdische Allgemeine 28. September 2023)</p>
<p>Österreich darf als Beispiel gelten, was geschieht, wenn eine konservative Partei nicht so recht weiß, wohin sie will. Verena Mayer kommentierte in der Süddeutschen Zeitung den Auftrag an Herbert Kickl, eine Regierung zu bilden, mit dem lapidaren Satz: <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/rechtspopulismus-oesterreich-oevp-fpoe-kommentar-li.3180161">„Die ÖVP hatte keinen Plan A, keinen Plan B, keinen Plan C“</a>: <em>„Es ist fast tragisch mitanzusehen, wie kopflos eine frühere Großpartei agieren kann, die über Jahrzehnte die Geschicke ihres Landes bestimmt hat. Wie sie auf der Suche nach sich selbst ist und zerrieben wird zwischen Kräften, die bei der Zusammenarbeit mit Herbert Kickl Schmerzgrenzen haben, und denen, die um jeden Preis ihren politischen Einfluss sichern wollen. Wie sich die einen nun verbiegen und die anderen abspringen, weil sie das nicht mitmachen wollen.“ </em></p>
<p>Die Abstimmung am 29. Januar 2025 im Deutschen Bundestag über die zukünftige deutsche Migrationspolitik erlebte einen Friedrich Merz, bei dem sich angesichts seines ausdrücklichen Bedauerns nach der Abstimmung nicht sagen lässt, ob er wirklich geglaubt hat, SPD und Grüne für den (weitgehend grundgesetz- und europarechtswidrigen) Fünf-Punkte-Plan der CDU gewinnen zu können, oder ob er einfach nur Krokodilstränen weinte (sorry, liebe Krokodile, für eure Physiologie könnt ihr nichts). Unerwartet wurde dann am 31. Januar das von der CDU eingebrachte „Zustrombegrenzungsgesetz“ abgelehnt. CDU, CSU, FDP, AfD und BSW haben 372 Abgeordnete, das Gesetz erhielt jedoch nur 338 Stimmen, 350 Abgeordnete stimmten mit nein, fünf enthielten sich. 12 CDU- und 16 FDP-Abgeordnete beteiligten sich nicht an der Abstimmung.</p>
<p>Ob der 29. Januar 2025 ungeachtet des Ergebnisses vom 31. Januar ein Schritt in Richtung österreichische Verhältnisse war, werden wir sehen, nicht zuletzt, wenn nach der Wahl vom 23. Februar CDU und CSU mit SPD oder Grünen über eine neue Regierungsbildung verhandeln müssen, Verhandlungen, deren Scheitern sich die Union eigentlich nicht erlauben kann. Die Atmosphäre zwischen den demokratischen Parteien darf vorerst als vergiftet bezeichnet werden. Noch schwieriger dürfte es werden, wenn Friedrich Merz als Bundeskanzler seine Ankündigung vom 1. Februar 2025 mit dem Versuch wahrmachen sollte, die Inhalte des vom Bundestag abgelehnten Gesetzes per Richtlinienkompetenz zu erlassen.</p>
<h3><strong>Generalisierte Angststörung in der CDU?</strong></h3>
<p>Der Katholik Friedrich Merz spielte ein wenig den Luther, da stand er und konnte offenbar nicht anders (<em>„alternativlos“?</em>). Ihn schien die Angst umzutreiben, dass die AfD nur noch stärker würde, wenn er nicht deren Positionen zur Migration verträte. Diese Angst war in Stimmlage und Mimik seines Generalsekretärs deutlich erkennbar: Wenn wir nicht heute …, dann droht morgen …! Irgendwie glaubt er wohl, die Bürger:innen hielten die Parteien für einen Lieferdienst. Was sie wirklich wollen, hat er nie gefragt. Meinungsumfragen sind keine Bürgerbeteiligung, sondern spiegeln lediglich den Duktus der jeweiligen Debatten. All das, was wir in den Tagen rund um den 29. Januar erlebten, war im Grunde pure lähmende Angst.</p>
<p>Schaufel für Schaufel grub sich die CDU eine Grube. Und sie ist schon so weit hineingefallen, dass es bald schwer werden könnte, wieder herauszuklettern. Die ÖVP wird es wohl nicht mehr schaffen. <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/rechte-gewalt-in-den-1990er-jahren-2022/515769/baseballschlaegerjahre/">Christian Bangel</a>, einer der besten Kenner der verschiedenen Szenen des Rechtsextremismus, kommentierte in der ZEIT die österreichischen Koalitionsverhandlungen: <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-01/cdu-afd-rechtsruck-oesterreich-oevp-fpoe-union/komplettansicht">„Es kann ganz schnell gehen“</a>, allen Unterschieden zum Trotz: <em>„Grundlegend unterscheiden sich die Parteien bei der Frage der Westbindung, dem Verhältnis zu Russland und dem Krieg in der Ukraine. Bei Fragen der Migration, in der Klima-, Wirtschafts- und Sozialpolitik und auch in den sogenannten Kulturkämpfen hingegen stehen die beiden Parteien nicht in unterschiedlichen Lagern, sondern unterscheiden sich nur mehr in ihrer Radikalität.“</em></p>
<p>So weit sind wir in Deutschland nicht. Noch kann die CDU sich aus der selbst gegrabenen Grube befreien, um dem Schicksal anderer konservativer Parteien in Europa zu entgehen. Es sind aber erste Spaltungstendenzen in der CDU zu erkennen.</p>
<p>Acht CDU-Abgeordnete, darunter Monika Grütters und Annette Widmann-Mauz, die Kulturstaatsministerin und die Integrationsbeauftragte der letzten Regierung unter Angela Merkel, Marko Wanderwitz, die Bundestagsvizepräsidentin Yvonne Magwas, Roderich Kiesewetter, Thomas Heilmann, Sabine Weiss und Astrid Timmermann-Fechter beteiligten sich wie auch acht FDP-Abgeordnete – wohl aus (meines Erachtens falsch verstandener) Fraktionsdisziplin – nicht an der Abstimmung. Die CDU-Abgeordnete Antje Tillmann stimmte gegen den Antrag, zwei FDP-Abgeordnete enthielten sich. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (parteilos) und Stefan Seidler vom Südschleswigschen Wählerverband (SSW) stimmten gegen den Antrag. Wie sich ausgewiesene CDU-Integrationspolitiker wie Armin Laschet und Serap Güler oder ein liberaler Politiker wie Norbert Roettgen bei oder nach ihrer Zustimmung fühlen, wäre sicherlich interessant zu erfahren. <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/ich-ertrage-diese-nahe-zur-afd-nicht-cdu-politikerin-grutters-hat-beim-unions-migrationsplan-nicht-abgestimmt-13107526.html">Der Tagesspiegel dokumentierte das Abstimmungsverhalten </a>, <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/bundestag-afd-cdu-csu-abstimmung-migration-antraege-antje-tillmann-marco-wanderwitz-yvonne-magwas-lux.4hD3PW4tksV1neYqwpn2ss">ebenso wie die Süddeutsche Zeitung</a>. <a href="https://michelfriedman.info/">Michel Friedman</a> kündigte seinen Austritt aus der CDU an.</p>
<p><a href="https://www.buero-bundeskanzlerin-ad.de/erklaerungen/erklaerung-von-bundeskanzlerin-a-d-dr-angela-merkel-zur-abstimmung-im-/">Angela Merkel distanzierte sich</a> nach der Abstimmung vom Vorgehen des Friedrich Merz (hier im vollen Wortlaut zitiert): <em>„In seiner Rede am 13. November 2024 im Deutschen Bundestag hat der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Kanzlerkandidat von CDU und CSU, Friedrich Merz, ausweislich des stenografischen Protokolls des Deutschen Bundestags unter anderem erklärt: ‘Für die wenigen verbleibenden Entscheidungen, die ohne Bundeshaushalt möglich sein könnten, will ich Ihnen hier einen Vorschlag machen: Wir sollten mit Ihnen, den Sozialdemokraten, und Ihnen, die Grünen, vereinbaren, dass wir nur die Entscheidungen auf die Tagesordnung des Plenums setzen, über die wir uns zuvor mit Ihnen von der SPD und den Grünen in der Sache geeinigt haben, sodass weder bei der Bestimmung der Tagesordnung noch bei den Abstimmungen in der Sache hier im Haus auch nur ein einziges Mal eine zufällige oder tatsächlich herbeigeführte Mehrheit mit denen da von der AfD zustande kommt. Diese Verabredung möchte ich Ihnen ausdrücklich vorschlagen, meine Damen und Herren. Denn das hätten diese Damen und Herren von rechts außen doch gerne, dass sie plötzlich die Mehrheiten besorgen, und sei es mit Ihnen von den beiden Minderheitsfraktionen bei der Bestimmung der Tagesordnung. Wir wollen das nicht. Ich hoffe, Sie sehen das auch so, liebe Kolleginnen und Kollegen.’ Dieser Vorschlag und die mit ihm verbundene Haltung waren Ausdruck großer staatspolitischer Verantwortung, die ich vollumfänglich unterstütze. Für falsch halte ich es, sich nicht mehr an diesen Vorschlag gebunden zu fühlen und dadurch am 29. Januar 2025 sehenden Auges erstmalig bei einer Abstimmung im Deutschen Bundestag eine Mehrheit mit den Stimmen der AfD zu ermöglichen. Stattdessen ist es erforderlich, dass alle demokratischen Parteien gemeinsam über parteipolitische Grenzen hinweg, nicht als taktische Manöver, sondern in der Sache redlich, im Ton maßvoll und auf der Grundlage geltenden europäischen Rechts, alles tun, um so schreckliche Attentate wie zuletzt kurz vor Weihnachten in Magdeburg und vor wenigen Tagen in Aschaffenburg in Zukunft verhindern zu können.”</em></p>
<p>Im Prinzip verhalten sich Friedrich Merz, die CDU und die CSU wie so manche (nicht nur konservative) Partei wie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/hasenfuesse-und-kaninchen/">das sprichwörtliche Kaninchen</a>. Es ließe sich sogar spekulieren, vor wem oder was sie größere Angst verspüren: vor Migranten, zu hohen Schulden, Gendersternchen, Windrädern und Lastenrädern oder vor der AfD und gewaltbereiten Rechtsextremisten? Jede Angst ist gefährlich und kann sich schnell, wenn man sie pflegt, zu einer Art kollektiver <a href="https://psychenet.de/de/psychische-gesundheit/informationen/generalisierte-angststoerung.html">generalisierter Angststörung</a> (GSA) auswachsen.</p>
<h3><strong>Kompromisslosigkeit ist keine Standfestigkeit</strong></h3>
<p>Niemand darf sich jetzt in die Schmollecke zurückziehen. Friedrich Merz schien das vor dem 29. Januar begriffen zu haben, siehe seine Rede vom 13. November 2024. Aber auch in anderen Themen wirkte er versöhnlich. So ließ Merz schon verlautbaren, die <a href="https://www.rnd.de/politik/cdu-chef-friedrich-merz-will-neue-gaskraftwerke-bauen-atomkraft-nicht-ausgeschlossen-4OA64D4EHVBNHH3BWWK5JKMOMY.html">Reaktivierung abgeschalteter Atomkraftwerke werde von Tag zu Tag weniger wahrscheinlich</a> und <a href="https://taz.de/Friedrich-Merz-und-Klimaschutz/!6014718/">es gebe noch zu wenig Wärmepumpen</a>, bei der Migration könne man <a href="https://www.home.cdu.de/artikel/zuwanderung-braucht-klare-regeln">auf dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz aufbauen</a>. Friedensangebote für Schwarz-Grün? Könnte man meinen. Ohnehin geben sich die Grünen ausgesprochen kompromissbereit, auch wenn sie Grünen die Schmerzgrenze der Kompromisse in der Ampel schon so weit ausgereizt haben, dass sie einen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gemeinsam-progressiv/">Teil ihrer Klientel an Kleinparteien wie Klimaliste und Tierschutzpartei verloren</a>. Die bürgerlich-linksliberale vor allem an Europa orientierte Klientel hatte in den Europawahlen VOLT in vielen größeren Städten zu ansehnlichen Ergebnissen deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde verholfen.</p>
<p>Der 29. Januar 2025 erweckte einen anderen Eindruck. Es sah so aus, als wollte die CDU – entschuldigen Sie bitte die saloppe Ausdruckweise – mit dem Hintern wieder abräumen, was man mit den Händen, auch in Abgrenzung zu Markus Söder, aufgebaut hat. Die rechtliche Unzulässigkeit hat <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/friedrich-merz-einreiseverbot-europarecht-aschaffenburg-li.3187945">in der Süddeutschen Zeitung Ronen Steinke</a> aufgearbeitet, der <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/familiennachzug-bundespolizei-begrenzung-als-ziel-das-umstrittene-merz-gesetz-im-faktencheck-13101901.html">Tagesspiegel in einem Faktencheck</a>. Unbegrenzte Abschiebehaft verstößt gegen das Grundgesetz, Grenzschließungen verstoßen gegen europäisches Recht, Haftbefehle können nur Staatsanwaltschaften erlassen, nicht die Polizei, Länderzuständigkeiten lassen sich nicht so einfach mit einem Bundesgesetz außer Kraft setzen. Abgesehen davon ändern die CDU-Vorschläge nichts an <em>„den Lebensumständen, die in Flüchtlingsunterkünften bewirken, dass viel zu viele junge Männer auf die schiefe Bahn geraten oder krank werden“. </em>Auch nicht an den offenen Strukturfragen der Zusammenarbeit der Sicherheits- und Ausländerbehörden in Bund, Ländern und Kommunen.</p>
<p>Hat Friedrich Merz am 29. Januar 2025 seinen Kemmerich-Moment erlebt? Nach der Zustimmung des Bundestags könnte die CDU liberale Stimmen an SPD und Grüne verlieren. Hätte der Bundestag nicht zugestimmt, hätte die CDU vielleicht riskiert, Stimmen an die AfD zu verlieren. Auch die SPD läuft nach wie vor Gefahr, dass sie angesichts der Popularität der Forderungen der CDU und der CSU in der Bevölkerung Stimmen verliert. So oder so – alles war und ist Wahlkampf pur und schlug Pflöcke für die Koalitionsverhandlungen ein, die CDU und CSU nach derzeitigem Stand auf jeden Fall mit der SPD oder den Grünen führen müssen. Nicht mehr und nicht weniger. Oder doch mehr?</p>
<p>Wäre es denkbar, dass sich eine CDU/CSU-Minderheitenregierung von der AfD tolerieren (und erpressen) ließe? Nach den derzeitigen Aussagen von Merz nicht. Udo Knapp hält in seinem <a href="https://taz.de/Der-F2-Kommentar-von-Udo-Knapp/!vn6062368/">Kommentar in taz Futur 2</a> eine Koalition zwischen CDU und AfD nach der Bundestagswahl jedoch für nicht unwahrscheinlich. Unwahrscheinlich vielleicht noch 2025, aber nicht mehr nach der Wahl im Jahr 2029, bei der wir möglicherweise eine Erosion der CDU als großer konservativer Partei erleben, sodass sich die Prophezeiung von Hannes Stein bewahrheiten könnte, dass sich in der CDU radikal konservative Kräfte und liberal konservative Kräfte gegenüberstehen, sich die Partei spaltet und in Teilen marginalisiert wie bereits in Frankreich, Italien oder Österreich geschehen. Udo Knapp benennt den Grund, der ein solches Szenario Wirklichkeit werden lassen könnte: <em>„Die Zukunftslosigkeit des liberaldemokratischen Spektrums“</em>. Sein Vorwurf an die demokratischen Parteien lautet: <em>„Keine diese Parteien zeigt die Kraft und den Willen, ein Land und seine Gesellschaft in die Zukunft zu führen. Die Erfolge und Fortschritte in allen Zukunftsfragen der Zivilisation bieten dazu beste Voraussetzungen. Eigentlich. Stattdessen agieren sie alle im Klein-Klein ihrer eigenen, auf Wahlperioden bezogenen Machtträume. Und jenseits jeder Vernunft- und Verantwortungsethik.“ </em></p>
<p><a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-01/bundestagswahlkampf-friedrich-merz-cdu-afd-alice-weidel/komplettansicht">Robert Pausch diagnostiziert <em>„eine Kaskade des Kontrollverlusts“</em></a>: <em>„Womit wir also bei Friedrich Merz wären, dessen Kanzlerkandidatur derzeit auf einen ähnlich gefährlichen Punkt zusteuert. Plötzlich macht er Fehler, die er eigentlich sorgsam vermieden hatte. Und plötzlich bestätigt er Klischees, die er eigentlich vertreiben wollte.“</em> Vor allem die signalisierte Kompromisslosigkeit sorge dafür, dass die CDU, nicht zuletzt angesichts der Äußerungen ihres Generalsekretärs, massiven Schaden nehmen könnte: <em>„Will die CDU wirklich in die Opposition gehen, wenn nicht einhundert Prozent ihrer Forderungen erfüllt sind? Sind nicht gerade die Christdemokraten eine Partei, deren Wesenskern der Kompromiss ist? Ist es nicht gerade das, was sie seit je von den prinzipienreiterischen Linken unterscheidet? Ist dem CDU-Generalsekretär überhaupt klar, was er da redet?“ </em></p>
<p>Man sollte Standfestigkeit nicht mit Kompromisslosigkeit verwechseln. Diese Verwechslung gibt es auch bei Linken und Grünen. Sie sollten endlich damit aufhören, sich mit verschiedenen Spielarten einer falsch verstandenen <em>„Identitätspolitik“</em> und falsch verstandener <em>„Prinzipien“ </em>zu schwächen. Es darf nicht der Eindruck erweckt werden, man schütze die falschen, wenn man sich beispielsweise gegen die Abschiebung verurteilter Straftäter nach Afghanistan oder in andere vergleichbare Staaten ausspricht, das Auslesen von Handy-Daten bei der Einreise ablehnt oder auf Datenschutzregelungen beharrt, die verhindern, dass sich Sicherheitsbehörden effektiv und effizient über Gefährder austauschen. Der Kern des Problems liegt in der Tat an der völlig unzureichenden <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/plaedoyer-fuer-eine-neue-sicherheitsarchitektur/">Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden</a>, ein Thema, auf das Irene Mihalic und andere bereits schon vor längerer Zeit immer wieder hingewiesen haben, die aber offenbar ebenso regelmäßig an den Egoismen der jeweiligen Behörden scheitert. Darüber sollte die CDU mit SPD und Grünen verhandeln!</p>
<h3><strong>„Wir“ gegen die Anderen</strong></h3>
<p>Was hier geschieht, ist die Personalisierung einer dringend erforderlichen Strukturdebatte. Es reicht nicht aus, sich mit migrantischen Straftätern und Gefährdern zu befassen und zu hoffen, dass man sie aus dem Verkehr ziehen könnte. Abgesehen davon: Was ist mit den rechtsextremen und über jedes Maß hinaus bewaffneten Gefährdern und Straftätern der Neo-Nazi- und Reichsbürgerszene? Mitunter könnte man den Eindruck haben, in konservativen Kreisen wäre man froh, endlich nicht mehr über Rechtsextremismus reden zu müssen.</p>
<p>Es ist jetzt etwa 15 Jahre her, dass die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble vehement für die strikte Einhaltung sogenannter Stabilitätskriterien eintraten, damit (fast) alle Kollegen in der Europäischen Union drangsalierten. Deutsche Bürgerinnen und Bürger schimpften heftig auf die Griechen, die angeblich mit ihrer Schuldenkrise den Wohlstand in Deutschland gefährdeten. Robert Menasse beschrieb am 20. Mai 2010 in der ZEIT, wie er erlebte, wie deutsche Touristen in einem Brüsseler Lokal aufführten so unflätig über <em>„die Griechen“</em> schimpften, dass sich der Kellner genötigt sah, sie zu bitten, das Lokal zu verlassen.</p>
<p>Déjà Vu im Jahr 2025? Mit anderen Akteuren, aber mit derselben Stimmung, die inzwischen sogar eine Partei gefunden hat, die wie keine andere die Welt in <em>„Wir“</em> und <em>„die Anderen“</em> unterscheidet und nicht müde wird zu fordern, man müsse nur alle anderen loswerden, Migranten, die Bundesregierung, die EU-Kommission, wen auch immer und es herrsche wieder Ordnung im Land. Die AfD hat schon mehrfach betont, dass es ihr Ziel ist, die CDU so sehr zu destabilisieren, dass sie gar nicht mehr anders könne, als spätestens nach den Wahlen 2029 mit ihr zu koalieren.</p>
<p>Manchmal versuchen demokratische Politiker und Politikerinnen <em>„Zusammenhalt“</em> zu beschwören, so der Bundespräsident, der sein im Jahr 2024 bei Suhrkamp erschienenes Buch demonstrativ mit dem Titel „Wir“ überschrieb, aber auch nicht so genau zu sagen weiß, wen er alles in dieses <em>„Wir“</em> integrierte und wen nicht (da war Christian Wulff präziser). Doch je lauter Bundespräsident und Bundeskanzler in Weihnachts- und Sylvesteransprachen sowie so manch andere den <em>„Zusammenhalt“</em> der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland beschwören, desto weniger glaubt ihnen jemand, es gäbe keine <em>„Spaltung“</em> in der Gesellschaft. Es hat etwas von einem Pfeifen im Walde.</p>
<p>Nach den Festtagen sieht es wieder etwas anders aus, ungeachtet der zum Teil kriegsähnlichen Auswüchse privater Sylvesterfeuerwerke. Fast jede politische Auseinandersetzung wird inzwischen als <em>„Spaltung“</em> geframt. Die sogenannte <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-lampedusa-syndrom"><em>„Migrationskrise“</em> ist mit all ihren Lebenslügen</a> das ständig wiederkehrende Beispiel für einen solchen Diskurs, weil sich da so schön eine ganze Gruppe ins Abseits stellen lässt, um die eigene Wohlanständigkeit zu preisen. Eine andere Gruppe, die immer wieder einmal gerne ins Abseits gestellt wird, sind <a href="https://www.zeit.de/arbeit/2025-01/arbeitsmoral-beschaeftigte-motivation-arbeitseinstellung/komplettansicht"><em>„die Faulen“</em>, denen <em>„die Fleißigen“</em> gegenübergestellt werden</a>, für die sich ihr Fleiß wieder lohnen solle – eine Parole, die schon mehrere Wahlkämpfe überstanden hat. Wer nun wirklich <em>„faul“</em> ist, wer <em>„fleißig“</em>, wird nicht näher definiert, aber Krankenschwestern, Pflegekräfte, Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten, Menschen, die gerade einmal den Mindestlohn erhalten oder mit dem sogenannten <em>„Bürgergeld“</em> das geringe Verdienst aufstocken müssen, werden sich ihren eigenen Reim auf solche Parolen machen.</p>
<h3><strong>„Ich“ ist „Wir“!</strong></h3>
<p>Und dann ist da noch Donald Trump, für manche ein Vorbild (Stichwort: Klartext, der tut, was er sagt), für andere ein Schreckgespenst (Stichwort: Abschaffung der Demokratie). Solche Ängste kann man weder aussitzen noch durch Appeasement bewältigen. Richard Sennett hatte sich bereiterklärt, gemeinsam mit Peter Kümmel die Amtseinführung Trumps im Fernsehen anzuschauen. <a href="https://www.zeit.de/kultur/2025-01/inauguration-day-donald-trump-richard-sennett-usa/komplettansicht">Sein Kommentar</a>: „<em>Trumps Rückkehr ist eine enorme Bedrohung für Deutschland. Ich habe nicht das Gefühl, dass Ihr das schon so recht realisiert habt. Es würde ihm nicht das Geringste ausmachen, sollte Deutschland den Bach runtergehen; das würde er als Gelegenheit, als wirtschaftliche Chance sehen. Und auf der anderen Seite ist Putin. Ihr Deutschen seid jetzt in der Mitte des Konflikts.“ </em>Es geht eben nicht darum, wie Europa die kommenden vier Jahre einfach übersteht, sondern dass Europa (und maßgeblich Deutschland) eine Strategie entwickelt, die diversen Krisen so weit möglich aus eigener Kraft zu bewältigen und zu steuern. Europa ist nicht das Problem, Europa ist die Lösung. Die Präsidentin der EU-Kommission verdient all unsere Unterstützung. Ob alle politisch Verantwortlichen in Europa das begriffen haben, ist eine andere Frage.</p>
<p>Wer zu laut von einem fiktiven, nicht näher definierbaren <em>„wir“</em> spricht, sollte sich nicht wundern, wenn sich mit der Zeit jemand in den Vordergrund schiebt, der laut <em>„Ich“</em> ruft. Jemand, der sich für den Kopf seiner Partei halten darf, aber nicht bei der Partei Halt machen möchte, ist Markus Söder. Ob Markus Söder immer tut, was er sagt, ist eine gute Frage. Niemand sollte darauf wetten, welche Positionen er in vier oder gar in acht Jahren vertreten wird. Anfang Januar 2025 verkündete er, er wolle nach einem Wahlsieg von CDU und CSU die E-Mobilität fördern. Anzunehmen ist, dass er auch seine Plädoyers für Atom- und gegen Windkraft schnell abräumen wird. Und dass er niemals, wirklich niemals, nein, auf gar keinen Fall, mit den Grünen in einer Regierung zusammenarbeiten wird, ist letztlich – wie vieles in seiner Biographie – wandlungsfähig. Er persönlich wird dies sicherlich nicht tun, denn er wird nach dem 23. Februar 2025 bayerischer Ministerpräsident bleiben und kann daher immer verkünden, dass er nun wirklich nicht mit den Grünen in einer Regierung säße und Bundeskanzler und Koalitionspartner von der Seitenlinie attackieren.</p>
<p>Aber Markus Söder ist nicht das Problem. CDU und CSU bilden immer noch einen der größten konservativen Blöcke in den verschiedenen europäischen Ländern. Viele konservative Parteien wurden in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren marginalisiert (zum Beispiel in Frankreich und in Italien), manche haben sich mehr oder weniger nach rechts radikalisiert (zum Beispiel in Großbritannien und in Polen) oder sehen ihre potenziellen Bündnispartner vorwiegend auf Rechtsaußen (zum Beispiel in Österreich und Spanien). Thomas Biebricher hat diese <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rechtsgedreht/">auf rechts gedrehte Parteienwelt</a> in seinem Buch „Mitte / Rechts“ (Berlin, Suhrkamp, 2023) beschrieben, aber (damals) auch darauf hingewiesen, dass wir in Deutschland noch weit davon entfernt sind. Stets gab es Personen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die diese Rechtswendung verkörperten: Nicolas Sarkozy, Boris Johnson, Giorgia Meloni, oder auch die großen Vorbilder aller autoritär gestrickten Politiker, Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński.</p>
<p>Die programmatische Annäherung zwischen Konservativen und der politischen Rechten ist ein schleichender Prozess. Ein Vergleich der CSU- und der AfD-Programmatik von 2021 und 2025 ergab, dass sich die CSU zunehmend den Positionen der AfD annäherte, während diese sich noch weiter radikalisierte und so ihren Druck erhöhte. <a href="https://www.sueddeutsche.de/bayern/bundestagswahl-2025-soeder-csu-afd-positionen-analyse-li.3186208">Thomas Balbierer belegte dies in der Süddeutschen Zeitung</a> an den Beispielen Migrationspolitik, Klimaschutz, Energie und geschlechtsgerechter Sprache (vulgo: <em>„Gendern“</em>). Ungeachtet der hohen Zustimmungswerte der CSU in Umfragen erinnert dies doch an den Weg der britischen Tories, der letztlich aber nicht so erfolgreich war wie Boris Johnson und andere sich das vorgestellt hatten. <a href="https://www.volksverpetzer.de/analyse/rechtspopulisten-mehr-migration/">Eine vom Volksverpetzer zusammengefasste Studie</a> belegt, dass nach dem Brexit der Zuzug aus EU-Staaten gesunken, der Zuzug aus Ländern außerhalb der EU jedoch deutlich gestiegen ist. Attraktiv sind offenbar vor allem für wenig Geld arbeitende Arbeitsmigrant:innen.</p>
<p>Die Gefahr einer Verkleinerung des konservativen Blocks in Deutschland zugunsten einer rechtspopulistischen bis rechtsextremistischen Partei sollten wir jedoch nicht unterschätzen, erst recht nicht, wenn die CDU die Regierung nach dem 23. Februar 2025 führen wird, auf jeden Fall mehr oder weniger gemeinsam mit der CSU, gleichviel ob mit der SPD oder den Grünen oder gegebenenfalls noch einem weiteren Partner. Die Regierungsparteien dürften erleben, dass ihre Zustimmungswerte bröckeln. Das kann sich in mancher Landtagswahl auswirken und entspräche im Grunde den Erfahrungen der diversen Bundesregierungen der vergangenen 50 Jahre. Die Landtagswahlen, die deutschen Midterms, waren schon immer ein schwieriges Feld für die jeweiligen Regierungen, nur haben die Wähler:innen heute mehr Alternativen. Es gibt eben schon lange nicht mehr den verlässlichen Wechsel zwischen einer konservativ-christdemokratischen und einer sozialdemokratischen Partei. Noch gibt es keine Koalitionen der CDU mit der AfD auf Landesebene, das unterscheidet Deutschland von Österreich, wo es inzwischen fünf Landesregierungen mit Koalitionen aus ÖVP und FPÖ gibt.</p>
<p>Wenn nun Markus Söder und Friedrich Merz nicht müde werden zu betonen, dass sie mit der AfD keine Regierung bilden werden, ist dies keine Botschaft an die AfD, die das ohnehin schon weiß und für ihre Propaganda zu nutzen versteht, sondern eine Botschaft an eigene Parteimitglieder, die sich erinnern, dass so manche AfD-Position doch vor etwa 40 Jahren in der CDU und in der CSU mehrheitsfähig war. Man muss sich nur damalige Reden und Statements aus konservativen Kreisen zur deutschen Geschichte anhören und mit heutigen Reden aus Kreisen der AfD vergleichen.</p>
<p>Auch in den anderen Parteien setzt man auf einzelne Personen. Robert Habeck wurde der Wunsch nach <em>„Beinfreiheit“</em> angedichtet, für die eigentlich Peer Steinbrück das Urheberrecht hat. Die SPD setzt auf Olaf Scholz und von der Seitenlinie kommentieren wahlweise <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/verteidigungsminister-pistorius-interview-nato-trump-putin-e763500/">Boris Pistorius</a> und Rolf Mützenich. Erstmals kandidiert in Deutschland eine Partei, die ihre Spitzenkandidatin im Namen trägt. Die AfD hat eine Kanzlerkandidatin, die sich als Kanzlerin im Wartestand inszeniert, dazu allerdings dann auch Hilfe von außen zu brauchen scheint, sodass man den Eindruck gewinnen könnte, eigentlich wäre Elon Musk der Spitzenkandidat dieser Partei. Nur die FDP hat keinen Kanzlerkandidaten, aber den braucht sie auch nicht so sehr, weil alle wissen, dass sie eigentlich nur noch aus Christian Lindner besteht. Die FDP hat aber durchaus Chancen, für eine Regierungsbildung nach dem 23. Februar gebraucht zu werden und in einer anderen Konstellation den destruktiven Kurs fortzusetzen, den sie während der Ampel-Ära pflegte. Sofern sie die Fünf-Prozent-Hürde überspringt.</p>
<p>Markus Linden hat diesen Hang zur Personalisierung in einem Essay für den Merkur <em>„neuer Präsidentialismus“</em> genannt: <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/le-choix-c-est-moi-a-mr-79-1-71/">„Le choix c’est moi“</a>. So agierten in Deutschland zwei Ministerpräsidenten im Herbst 2024. Dietmar Woidke erklärte in Brandenburg, er wolle nur im Amt bleiben, wenn seine Partei vorne läge, und Kevin Kühnert fügte hinzu, es sei <em>„die entscheidende Frage dieses Abends, wer auf Platz eins liegt“. </em>Markus Linden stellt lakonisch fest: <em>„Er verwechselte das parlamentarische mit einem präsidentiellen Regierungssystem.“</em> Dies tut im Übrigen erst recht, wer das Gerede eines Herbert Kickl, er werde <em>„Volkskanzler“</em>, für wichtiger hält als die erschreckenden anti-europäischen, anti-demokratischen und anti-liberalen Ziele seiner Partei. Es geht <em>„um die Schaffung einer Identitätsfaktion“</em>, mit dem <em>„Ich“</em>, das das neue <em>„Wir“</em> verkörpert. Allerdings gibt es auch einen anderen Aspekt: <em>„Personen sind abwählbar, Verhandlungsprozesse nicht.“</em> Daher die ständige Kritik von Oppositionsparteien, die jeweilige Regierung sei einfach nicht in der Lage, das zu liefern, was sie versprochen habe. Im Grunde haben die CDU und die CSU sowie die an der Regierung beteiligte FDP in der letzten Legislaturperiode nichts anderes getan: Alles ist schlecht, nur wir sind gut, wir sind für Atomkraftwerke, Verbrennerautos, gegen Gendern in der Schule, gegen das Bürgergeld, eine lange Liste ließe sich anfügen. Schuld an der wirtschaftlichen Flaute sei die Regierung, vorwiegend SPD und Grüne, und wenn das nicht reicht, muss auch die EU-Kommission einmal als Sündenbock herhalten. Das Ergebnis: In einer <a href="https://www.n-tv.de/politik/Arzte-und-Polizei-geniessen-das-groesste-Vertrauen-article24636553.html">Umfrage von Forsa</a> liegen die Europäische Union mit 35 Prozent und der Bundestag mit 31 Prozent ganz weit hinten auf der Liste der Institutionen, denen die Menschen vertrauen.</p>
<p>Immerhin liegt das Bundesverfassungsgericht mit 74 Prozent auf dem dritten Platz hinter Ärzten und Polizei – beide jeweils mit 81 Prozent. Dies ist einerseits ein gutes Zeichen, andererseits aber auch ein weiterer Beleg für die <a href="https://www.fr.de/kultur/literatur/philip-manow-unter-beobachtung-die-liberale-demokratie-bringt-ihre-feinde-selbst-hervor-93177299.html">These von Philip Manow</a>, der eine zu weit gehende Verrechtlichung der Politik kritisierte. Anders gesagt: Wenn die Parlamente versagen, holen wir eben die Polizei und ziehen vor Gericht. Die Erfahrung zeigt: Einmal in der Regierung sorgen populistische Parteien sehr schnell dafür, dass Polizei und Gerichte von ihren Parteigängern besetzt werden, damit diese in ihrem Sinne entscheiden. Das ist dann – wie wir zurzeit in Polen erleben – schwer rückgängig zu machen. Donald Trump hat es in seiner ersten Amtszeit geschafft, den Supreme Court mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit republikanischer und zum Teil erzkonservativer Personen zu besetzen. Markus Linden: <em>„Der neue Präsidentialismus verdient sein Adjektiv nicht zuletzt deshalb, weil er über die Nähe zum Populismus hinaus im Kontext anderer Trends steht, die ebenfalls die vermittelnde Sphäre aus angestammten Medien, Parteien und Parlamenten unter Druck setzen.“</em></p>
<h3><strong>Spitze des Eisbergs: Die Debatte um Elon Musk</strong></h3>
<p>Der Aufstieg Vladimir Putins hatte viel damit zu tun, dass Oligarchen in den 1990er Jahren im Grunde machten was sie wollten, es aber keine demokratischen Kräfte gab, die sich ihnen wirksam entgegenstellten. Putin wirkte dagegen bescheiden und verlässlich, er galt in einem in Russland verbreiteten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=JKTkzvaZWrs">Pop-Song</a> als der Mann, der nicht trinkt, der seine Frau nicht schlägt und – wie man dann sah – Oligarchen bekämpfte (außer denen, die ihm selbst nützten). Ob alle, die den Song hörten, gemerkt haben, dass das eine Satire war? Ich möchte Donald Trump nicht mit Putin vergleichen, aber ein Trump hat es überhaupt nicht nötig, sich als jemand Sittenstrenges zu inszenieren, der Frauenrechte achtet und auf Alkohol verzichtet. Man könnte dies geradezu als ein Freiheits-Paradox bezeichnen. Trump ist auch abhängiger von seinen Oligarchen-Freunden als Putin. Man mag ihm alles Mögliche zutrauen, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass demnächst ihm unbotmäßig erscheinende Menschen irgendwo im Ausland aus Fenstern fallen oder vergiftet werden. Ob es in den USA vermeintliche oder gegebenenfalls auf realen Grundlagen beruhende Korruptionsprozesse geben wird wie sie Putin gegen Michail Khodorkovski, Alexej Nawalny und andere betrieb, ist eher denkbar, wenn auch mit anderen Ergebnissen. Finanzieller Ruin in Folge eines solchen Prozesses wäre eine durchaus ernst zu nehmende Drohung.</p>
<p>Mit den Trump verehrenden Oligarchen erleben wir die Macht derjenigen, die es sich leisten können, ihre Position in der Welt zu verbreiten. Das waren früher Zeitungs- und Medienmagnaten vom Schlage eines Rupert Murdoch, Axel Springer oder Silvio Berlusconi. Heute reicht dies nicht aus und man kauft sich ein soziales Netzwerk. Siehe Elon Musk. Kate Conger und Ryan Mac haben ausführlich belegt, wie Elon Musk Twitter zerstörte („Character Limit: How Elon Musk Destroyed Twitter“). Die deutsche Ausgabe erschien im November 2024 bei Rowohlt. Es ist auch eine Beziehungsgeschichte zwischen Trump und Musk: <em>„Einige von Musks Ansichten im Jahr 2024 waren nicht mehr von den Parolen zu unterscheiden, die Trump im letzten Wahlkampf von sich gegeben hatte.“ </em>Die Gründer von Twitter <em>„hatten nichtsahnend eine Plattform entwickelt, die zu einflussreich war, als dass die Superreichen ihr hätten widerstehen können, und so rissen diese sich darum, sie zu kontrollieren.“</em></p>
<p>Die Debatte um Elon Musk geht aber an den eigentlichen Problemen vorbei. Sie ist nur die Spitze des Eisbergs. Äußern kann sich Elon Musk so viel er möchte. Ob eine deutsche Zeitung ihm ein Forum geben sollte, wie es die WELT tat, ist eine andere Frage. Im Übrigen mischt sich Elon Musk nicht nur in Deutschland ein, auch in Italien und in Großbritannien kritisierte er die jeweiligen Regierungen mit mitunter recht heftigen Worten. WELT-Chefredakteur Jan Philipp Burgard begründete seine Entscheidung im Gespräch mit Michael Hanfeld, das <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/interview-mit-welt-chef-jan-philipp-burgard-zu-gastbeitrag-von-elon-musk-110205557.html">in der FAZ am 2. Januar 2025</a> veröffentlicht wurde. Burgard sagte, <em>„unsere Aufgabe als Journalisten ist es, Meinungen abzubilden, auch solche, die nicht unseren eigenen und nicht unseren Werten entsprechen. So haben wir in der ‚Welt‘ einen Gastbeitrag des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek gedruckt, der sich offen zum Kommunismus bekennt. Wir hatten Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi als Gastautoren. Wir wollen Debatten anstoßen, wir stehen für Klartext, Kontext, Meinungsfreiheit.“</em> Er verwies auch auf Wahlaufrufe von Olaf Scholz für Emmanuel Macron und den <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-06/ueberfall-auf-die-sowjetunion-1941-europa-russland-geschichte-wladimir-putin">Abdruck eines Putins-Artikels in der ZEIT</a> im Juni 2021.</p>
<p><a href="https://d.docs.live.net/95b37afd2fc11ad3/Norbert-One%20Drive/Norbert%20Blog/Newsletter/Editorials/•%09Ronen%20Steinke%20in%20der%20SZ%20am%204.1.">Ronen Steinke reagierte in der Süddeutschen Zeitung gelassen</a>: Einmischungen in andere Wahlkämpfe habe es auch von deutscher Seite gegeben, Luisa Neubauer machte Haustürwahlkampf in den USA, Steinmeyer bezeichnete Trump als <em>„Hassprediger“ </em>(und da war er nicht der einzige, der das tat)<em>. </em><a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/wahlen-in-der-tuerkei-gruene-rufen-zur-abwahl-erdogans-auf-a-23ab87f8-99d5-4202-9e28-13ef7b921d40">Der Vorstand der Grünen rief 2023 in der Türkei zur Abwahl von Erdoǧan auf</a>. <em>„Das wirkliche, ernste Problem beginnt erst dort, wo ein Tech-Milliardär deutschen Politikern nicht bloß die Meinung sagen, sondern ihnen im Diskurs effektiv auch den Saft abdrehen kann. Das ist eine Möglichkeit, über die Elon Musk verfügt – zumindest sektoral, in dem sozialen Medium X, das er mitsamt der dort seit Jahren eingespielten Gesprächsräume gekauft hat. Es braucht bloß ein paar kleine Änderungen am Algorithmus. Ein paar interne Klicks, die unter das Betriebsgeheimnis fallen. Schon werden die Stimmen der Rechtspopulisten stärker gepusht, die Stimmen der Moderaten gedimmt.“ </em></p>
<p>Bisher hat keine demokratische Partei ein Konzept, wie man mit der Macht der sozialen Medien umgehen soll. Stattdessen wird – in der Regel wirkungslos – reguliert, reguliert und noch einmal reguliert. Jetzt auch noch Facebook?! Aber warum fluten Demokrat:innen und Liberale nicht Facebook oder X mit ihren Botschaften? Warum unterstützt man nicht in großem Stil Faktenchecker wie <a href="https://correctiv.org/faktencheck/">CORRECTIV</a>? Auch von der israelischen Armee ließe sich einiges lernen. Warum streicht man Mittel für Demokratieprojekte in Bundes- und Landeshaushalten? Warum sorgt man in den Schulen nicht für eine umfassende Medienbildung, sondern debattiert stattdessen nur darüber, ob Kinder und Jugendliche überhaupt Zugang zu sozialen Netzwerken haben sollten? Augen zu und durch? Was machen die Kinder und Jugendlichen denn dann wohl in der Freizeit?</p>
<p>Die Strategie der populistischen Medien und Partei ist recht einfach: <em>„Antipolitik“ </em>und<em> „Grenzüberschreitung“</em>. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gilles-deleuzes-grenzueberschreitung-linken-begriff-wird-rechte-parole-110237517.html">Tania Martini merkte anlässlich des 100. Geburtstags von Gilles Deleuze in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung an</a>, dass dies ursprünglich eine linke Strategie gewesen sei, die die Rechte okkupiert habe: <em>„Trump und die neue Rechte praktizieren eine Antipolitik, die Politik durch Grenzüberschreitung ersetzt. Ob demokratische Regeln oder institutionelle Verfahrensweisen, ob moralische Übereinkünfte oder geopolitische Verträge. Alles kann zur Spielmasse werden. Darin liegt auch etwas zutiefst Anarchisches. Rhetorik und Praxis der Grenzüberschreitung sind zu einer Domäne der neuen Rechten geworden. Das war nicht immer so.“ </em>Die sozialen Medien sind heute im Grunde das, was unter Linken früher <em>„Gegenöffentlichkeit“</em> genannt wurde. Autoritäre Regierungen sorgen sehr schnell dafür, dass die gängigen öffentlichen Medien geschwächt und die ihnen wohl gesonnenen Medien so weit gestärkt werden, dass sie sogar eine Monopolstellung einnehmen können. Wir erleben dies zurzeit beispielsweise <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-slowakei-ist-in-einer-tiefen-krise/">in der Slowakei</a>. Die Medienunternehmen von Berlusconi profitierten erheblich von seiner Zeit als Regierungschef. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-gute-mensch-von-rom/">Giorgia Meloni</a> kann bei ihren Initiativen zur Schwächung des unabhängigen Journalismus in der RAI darauf aufbauen.</p>
<p>Wir befinden uns in einem hybriden Krieg mit Putins und Musks Netzwerken. In der ZEIT schrieb Georg Diez: <a href="https://www.zeit.de/kultur/2024-12/elon-musk-afd-wahlwerbung-techno-feudalismus/komplettansicht">„Der Feudalismus ist zurück“</a>. Das, was Musk, Trump, Putin und manch andere ihres Schlags praktizieren, ist <em>„das Gegenteil des demokratischen Diskurses, der auf die Macht des Arguments aufbaut und Streit als etwas sieht, das eine Gesellschaft weiterbringt. In der Brachiallogik von Musks </em><em>X</em><em>, das er vom offenen Kommunikationsmedium, das Twitter trotz aller Schwächen war, zu einer algorithmusgetriebenen Propagandamaschine umgebaut hat, gibt es nur Sieger und Verlierer – und die Sieger, das zeigt sich immer deutlicher, profitieren von der machtvollen Verbindung von wirtschaftlichen und technologischen Faktoren.“</em> Die Strategie ist <em>„Schock“ </em>und<em> „Sprengkraft“</em> und manche derjenigen, die dies kritisieren, gehen dieser Strategie auf den Leim. <em>„Hier agiert jemand mit fürstlichem Selbstverständnis.“ </em>Es gibt allerdings auch einen Unterschied: Musk versucht die Wahlen in Deutschland ganz offen zu beeinflussen, Putin braucht hingegen dafür seine Geheimdienste.</p>
<h3><strong>Libertäre Versuchungen </strong></h3>
<p>Verbunden ist der Erfolg einer solchen Schock-Strategie mit dem <em>„Immerschlimmerismus“, </em>so nannte es <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/nuchtern-ins-neue-jahr-geblickt-berlin-es-ist-zeit-fur-pragmatismus-12925975.html">Bernd Matthies im Tagesspiegel</a>. Jede Kleinigkeit wird hochgespielt, nichts funktioniert mehr, alles geht den Bach runter: <em>„Der Immerschlimmerismus, die deutsche Generalideologie des neuen Jahrtausends, ist dabei nicht hilfreich, er macht nur schlechte Laune, stärkt das Trennende statt des Gemeinsamen. Unzählige Menschen auf der ganzen Welt möchten unsere Probleme haben – behalten wir sie lieber selbst.“ </em>Ein Gegenbild versucht Robert Habeck mit seinem Buch „Den Bach rauf“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2025). Er plakatiert: <em>„Zuversicht“</em>. Ob sich diese Redefigur durchsetzen wird, wird sich zeigen. Immerhin ist es nicht unwahrscheinlich, dass von den drei Regierungsparteien der Ampel die Grünen als einzige die Wahl am 23. Februar 2025 ohne Verluste überstehen könnten.</p>
<p>Die von den demokratischen Parteien im Wahlkampf betriebene Gegenstrategie lautet, alles mit Geld zuzuschütten. Mehr vom Netto, mehr Geld für alle, Steuererleichterungen, Leistung müsse sich wieder lohnen – das gesamte bekannte Arsenal vergangener Wahlkämpfe wird bemüht, aber aus der Erfahrung vergangenen Wahlen weiß die Wahlbevölkerung sehr gut, dass die Versprechungen unerfüllbar sind. Krankenschwestern, Pflegekräfte, Erzieherinnen, Verkäuferinnen an den Supermarktkassen – sie alle werden sich ihren eigenen Reim auf solche Versprechungen machen.</p>
<p>Die Süddeutsche Zeitung hat <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wirtschaft/bundestagswahl-einkommen-buerger-steuer-versprechen-parteien-e995388/">die versprochenen Wohltaten aufgelistet</a>: <em>„Als Erstes fällt auf, dass die Parteien ihre geplanten finanziellen Verbesserungen sehr unterschiedlich auf die einzelnen Einkommensgruppen verteilen. Sie zerfallen grob in zwei Lager. SPD, Grüne, BSW und Linke wollen vor allem Haushalte mit niedrigen Einkommen und die Mittelschicht finanziell besserstellen – und Beziehern hoher Einkommen eher Geld wegnehmen. / Ganz anders dagegen Union, FDP und AfD: Sie versprechen ein Finanzplus, das mit zunehmendem Gehalt nicht nur in Euro und Cent immer höher ausfallen soll, sondern auch prozentual. Anders gesagt: Je mehr ein Haushalt verdient, desto stärker wird er im Verhältnis zum bisherigen Einkommen entlastet. Fünf bis zehn Prozent mehr sind so für Topverdiener drin, während alle anderen gesellschaftlichen Gruppen weniger bis nichts erhalten.“</em> Union und FDP scheinen noch an Reagans Trickle-Down-Versprechen zu glauben. Die AfD interessiert sich in keiner Weise für ein solches Trickle-Down. Sie hat ein extrem libertäres Wirtschafts- und Sozialprogramm, das in Thesen der sogenannten „Chicago Boys“ wurzelt und in Javier Millei und Elon Musk die Apolegeten gefunden hat, die am lautesten sagen können: „Alles meins!“</p>
<p>Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn man über die fatalen Konsequenzen der Politik der von Musk gelobten AfD spräche statt sich an einer einzelnen Person, so reich sie auch sein mag, abzuarbeiten? Wer – wie die AfD – den Austritt aus der EU und einen Anschluss an die von Russland geführte Eurasische Wirtschaftsunion in Erwägung zieht, plädiert letztlich für die Zerstörung von Wohlstand, Sozialstaat und Demokratie und sorgt für Abhängigkeit von Russland.</p>
<p>Daraus ließe sich eine Debatte über soziale (Un-)Gerechtigkeit ableiten. Aber wird diese geführt? <a href="https://taz.de/Bundesparteitag-der-Linkspartei/!6059843/">Zurzeit wohl nur von der Linken</a>, die auf drei Direktmandate hofft, um in den Bundestag einzuziehen, in einigen Umfragen aber auch wieder bei fünf Prozent liegt, zum Teil sogar vor dem BSW. Es bleibt bei CDU, CSU, FDP und SPD, weniger bei den Grünen, bei der Hoffnung auf ein Trickle-Down. Wenn es denen oben besser geht, wird es auch irgendwann denen da unten besser. Dass das nicht funktioniert, ist bekannt, also muss man diese Lücke wiederum damit schließen, dass die Sozialleistungen nicht mehr an Leute ausgezahlt werden, die es angeblich nicht verdienen, weil sie nicht dazugehören oder nicht <em>„fleißig“</em> genug. Und schon sind wir wieder bei der Migrationsdebatte, die im Grunde in vielen Punkten die Kehrseite der nicht geführten Gerechtigkeitsdebatte ist. Wer aber diese Debatte nicht führt, wird die von Hannes Stein beschriebene Gefahr verstärken.</p>
<h3><strong>Europa in höchster Gefahr? Europa ist die Lösung!</strong></h3>
<p>All das, was zurzeit geschieht, ist nichts Neues. Es ließe sich gut analysieren, wenn man den Peleponnesischen Krieg von Thukydides läse. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/pflichtlektueren-fuer-demokraten-thukydides-und-der-krieg-110226527.html">Andreas Kilb empfahl allen Politiker:innen, dieses Buch <em>„im Reisegepäck</em> (zu) <em>haben“</em></a><em>. „Die attische Volksherrschaft war nie demokratisch in unserem heutigen Sinn; nur Vollbürger, also ein Bruchteil der Bevölkerung, nahmen aktiv an ihr teil. Trotzdem hatte das komplizierte, von Kleisthenes ersonnene Regelwerk etwa siebzig Jahre lang funktioniert. Aber schon bald war die eigentliche Macht in die Hände einzelner Männer gelangt, die die Volksversammlung in ihrem Sinn zu lenken verstanden, und nach Kriegsausbruch wurde der athenische Staat endgültig zum Spielball von Demagogen. Auf den maßvollen Perikles folgte der rabiate Populist Kleon, auf diesen der neureiche und abergläubische Nikias, und zuletzt kam mit Alkibiades eine Mischung aus Popstar und Despot ans Ruder, ein ebenso genialer wie skrupelloser Abenteurer, der mal seine Landsleute an Spartaner und Perser, mal diese an die Athener verriet.“ </em>Eine Schlüsselstelle ist der Melier-Dialog im fünften Buch, der sich auf das Verhältnis zwischen Putins Russland und der Ukraine und auch manch andere imperialistische Aktion anwenden ließe. Die Melier hatten keine Unterstützung, das war ihr Untergang. Die Ukraine hat Unterstützung. Noch hat sie sie, aber haben die Europäer begriffen, dass Putin nicht nur die besetzten Teile der Ukraine beansprucht?</p>
<p>Wer meint, jedes Bemühen um eine funktionierende – das heißt auch abschreckende – Verteidigungspolitik als <em>„Kriegstreiberei“</em> anprangern zu müssen, hat nicht verstanden, in welcher Gefahr Europa ist. Ich würde sogar von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/identitaerer-frieden/"><em>„Realitätsverlust“</em></a> sprechen. Es gibt nun wirklich niemanden in der EU oder in der NATO, der einen Angriffskrieg vorbereiten wollte. Claudia Major, die ab März 2025 beim transatlantischen Thinktank German Marshall Fund für transatlantische Sicherheit zuständig sein wird, formulierte <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-01/donald-trump-usa-ukraine-claudia-major/komplettansicht">im Gespräch mit Jörg Lau und Rieke Havertz für die ZEIT</a> eine entscheidende Frage, der sich die europäischen Staaten stellen müssen, nicht zuletzt Deutschland, das aufgrund seiner Größe die Rolle einer Führungsmacht hat, gleichviel ob Deutschland das will oder nicht. <em>„Militärische Gewalt löst keine Probleme? Aus russischer Sicht funktioniert das super. Wir sind in einer Umbruchphase, in der unsere liberalen Demokratien infrage gestellt und unterwandert werden. Nicht nur über Kriege, auch über Propaganda und Sabotage, etwa von kritischer Infrastruktur. Darauf sind wir verdammt schlecht vorbereitet.“ </em></p>
<p>Zurzeit sieht es so aus, dass Europa vor allem auf Giorgia Meloni, Donald Tusk und Ursula von der Leyen zählen kann. Es ist dringend an der Zeit, dass auch Deutschland und Frankreich wieder ernst zu nehmende Akteure in der Europäischen Union werden und aufhören, sich an Trump, Musk und Orbán abzuarbeiten. Noch weiß niemand, wie viel Show hinter Trumps Inszenierung am 20. Januar 2025 stand und wie viel davon in den nächsten Wochen oder Monaten noch Bestand haben wird. Trumps Antrittsrede war eine Fortsetzung seines Wahlkampfs, in den Worten eines Kommentars von Andreas Ross in der FAZ: <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/usa-unter-trump/donald-trumps-amerikanischer-blitzkrieg-sein-erster-tag-im-amt-110244774.html">„Trump überwältigt Freund und Feind“</a>. Und so geht es mit seinen <em>„executive orders“</em> weiter, gleichviel wie viele davon Bestand haben werden. Die Demokraten sind noch in Schockstarre, sodass zurzeit nur Gerichte ein Gegengewicht bilden können. Es ist bekannt, dass Trump nur diejenigen leiden mag, die sich ihm unterwerfen. Aber genau den Gefallen sollte ihm niemand tun. Das werden übrigens nicht einmal die Milliardäre tun, die ihn jetzt noch hofieren. Auch das ist Show.</p>
<p>Es gibt Hoffnungsschimmer, die polnische Wahl vom 15. Oktober 2023, die Stärke der Zivilgesellschaften in vielen Ländern, in der Slowakei, in Italien, in Georgien, auch der Sturz von Assad in Syrien oder die Regierungswechsel in <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/prantls-blick-li.3173376">Bangladesh</a> und im <a href="https://www.freiheit.org/de/westafrika/demokratischer-aufbruch-senegal-unzaehlige-moeglichkeiten-fuer-investitionen">Senegal</a>. Selbst in Ungarn gab es bei den Europawahlen keine Mehrheit mehr für die Partei von Viktor Orbán. Es spaltete sich eine neue konservativ-liberale Partei unter Peter Magyar ab. Autokraten können sich nicht darauf verlassen, dass sie auf Dauer ihre Mehrheit behalten, so zuletzt in Indien geschehen. Und nicht zuletzt: Die Ukraine hat sich gegen Putins Truppen gut behauptet und hätte dies sicherlich noch besser tun können, wenn die NATO-Staaten, nicht zuletzt Deutschland zumindest mehr Luftabwehrsysteme geliefert hätten. Im Grunde ist Putin nicht viel weitergekommen als er schon 2014 war. Nur könnte er jetzt möglicherweise endlich das erreichen, was er immer schon wollte: Verhandlungen mit den USA, möglichst ohne Ukraine und Europa, Zeit sich zu regenerieren und dann in einigen Jahren auch den Rest der Ukraine (und nicht nur diese) anzugreifen.</p>
<p>Wer mehr über die europäischen Irrungen und Wirrungen lesen möchte, lese Robert Menasse, seine Romane und seine Essays. Am 20. Mai 2010, auf dem Höhepunkt der damaligen Finanzkrise rund um Griechenland, schrieb er in der ZEIT: <em>„Die Regierungschefs, die im Rat sitzen, haben weder den Mut, ihren Wählern die Wahrheit zuzumuten, noch (in der Regel) die politische Größe, über die Legislaturperiode hinaus zu denken.“ </em>Und heute? Es wird nicht nur, aber viel von der deutschen Positionierung abhängen. Vor allem sollten wir einen Donald Trump oder Elon Musk nicht zur Schlange und uns nicht zu Kaninchen machen (lassen). Navid Kermani brachte es in seinem Gastbeitrag <a href="https://www.zeit.de/2024/55/elon-musk-bundestagswahlkampf-afd-demokratie">„Musk gegen die Demokratie“</a> in der ZEIT auf den Punkt: „<em>Viel wichtiger als die Frage, ob der nächste Bundeskanzler auf die Neuaufnahme von Schulden oder die Reduzierung von Ausgaben setzt, ist daher: Wird er ein entschiedener Europäer wie zuletzt Helmut Kohl sein?“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 31. Januar 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Deciphering Photographs“.)</p>
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		<title>Jenseits der Fußnoten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 31 May 2024 08:03:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Jenseits der Fußnoten Die wahre Tragödie Mitteleuropas Als sich die russischen Truppen in den ersten Tagen des März 2022 den Außenbezirken von Kyiv näherten und sich internationale Medien vor allem auf die ukrainischen Frontlinien konzentrierten, zog die Informelle Tagung der EU-Staats- und Regierungschefs vom 11. und 12. März 2022 in Versailles bei den Journalisten  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Jenseits der Fußnoten</strong></h1>
<h2><strong>Die wahre Tragödie Mitteleuropas</strong></h2>
<p>Als sich die russischen Truppen in den ersten Tagen des März 2022 den Außenbezirken von Kyiv näherten und sich internationale Medien vor allem auf die ukrainischen Frontlinien konzentrierten, zog die Informelle Tagung der EU-Staats- und Regierungschefs vom 11. und 12. März 2022 in Versailles bei den Journalisten wenig Aufmerksamkeit auf sich noch wurde das von ihnen beschlossene Dokument sorgfältig ausgewertet. Die trockene Sprache der <a href="https://www.consilium.europa.eu/media/54802/20220311-versailles-declaration-de.pdf">Erklärung von Versailles</a> unterschied sich nicht sehr von vorherigen EU-Statements über die Ukraine. Sie beschränkte sich in der Essenz auf eine unverbindliche Anerkennung der <em>„europäischen Bestrebungen der Ukraine und der Entscheidung für Europa“</em> der Ukraine und vage Versprechungen, <em>„unverzüglich unsere Beziehungen weiter </em>(zu) <em>stärken und unsere Partnerschaft </em>(zu) <em>vertiefen, um die Ukraine auf ihrem europäischen Weg zu unterstützen.“ </em>Dieses Mal wurde jedoch diesen rituellen Gesten ein kurzer Satz hinzugefügt, der einen wahrhaften Durchbruch in den langen und vieldeutigen Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine bedeutete. So einfach und gewöhnlich er klingt, wäre er einige Wochen zuvor noch völlig undenkbar gewesen: <em>„Die Ukraine ist Teil unserer europäischen Familie.“</em></p>
<p>Es mag zu offensichtlich sein, sogar trivial, müssten wir uns nicht daran erinnern, dass über die vergangenen Jahrzehnte hinweg die offizielle Sprache der EU sorgfältig jede Wendung vermied, die auf den europäischen Charakter der Ukraine hingewiesen hätte. Denn ein solcher Hinweis – dies glaubten die Offiziellen der EU, hätte zumindest theoretisch die Möglichkeit einer Mitgliedschaft der Ukraine in der EU impliziert. Und dies war ein wahrer Albtraum für die EU wie mir ein französischer Diplomat einmal sagte, vergleichbar nur dem möglichen Beitritt der Türkei. Aus diesem Grund hatte bisher kein einziges EU-Dokument sich jemals auf die Ukraine als <em>„europäischen Staat“</em> bezogen, sondern verwendete stattdessen trickreiche Euphemismen wie <em>„Partnerland“</em> oder <em>„Nachbarland“</em> und brachte es auf die geistigen Landkarten in einer sicheren Distanz, in einen einer Art nebulösen Raum, den man <em>„GUS (Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten)“</em>,<em> „Eurasien“</em> oder <em>„NUS (Die Neuen Unabhängigen Staaten)“</em> nannte<em>. </em>So trafen alle Öffnung der Ukraine gegenüber der EU auf eine höfliche <em>„Anerkennung“</em> ihrer <em>„europäischen Bestrebungen“</em> – eine frustrierende Phrase, die so etwas meinte wie <em>„gib mir deine Telefonnummer, ich rufe dich später an“</em>.</p>
<p>Die wahre Bedeutung dieser Höflichkeit wurde in weniger formellen Erklärungen vieler EU-Offizieller deutlich. Es reicht die <a href="https://www.economist.com/europe/2004/12/02/another-faraway-country">notorische Bemerkung von Romano Prodi</a> zu erwähnen, dass <em>„die Ukraine genau so viel Grund hat, EU-Mitglied zu werden wie Neuseeland“</em> (weil Neuseeländer nach seinen Worten ebenfalls eine europäische Identität haben), oder das so vielsagende <a href="https://www.euractiv.com/section/med-south/opinion/the-eu-s-unwanted-stranger/">Bonmot von Günter Verheughen</a>, dass jeder, der denke, die Ukraine solle in die EU aufgenommen werden, vielleicht mit dem Argument daherkommen könne, dass Mexiko in die USA aufgenommen werden sollte. Für viele Ukrainer, die, unter allen ihren Regierungen, überschwänglich einen Beitritt zur EU unterstützten, war das in der Tat eine kalte Dusche. Vor allem für diejenigen, die mit der blauen EU-Flagge 2014 auf dem Maidan unter den Schlagstöcken der Polizei und den Kugeln der Scharfschützen standen und die ihre <em>„Zugehörigkeit zu Europa“</em> als ein Schlüsselelement ihrer ukrainischen Identität liebten und schätzten.</p>
<h3><strong>Zwei Zurückweisungen</strong></h3>
<p>Die hartnäckige westliche Zurückweisung der europäischen Identität der Ukraine ging Hand in Hand mit der russischen Zurückweisung der ukrainischen Existenz. Politisch wurden diese beiden Zurückweisungen unterschiedlich gerahmt und hatten unvergleichbar verschiedene Konsequenzen – rein institutionell im einen Fall und militärisch-genozidal im anderen. (Wie weit die erste Zurückweisung zur zweiten beitrug oder diese erleichterte, ist ein anderes Thema.) Epistomologisch gesehen kamen beide Zurückweisungen aus derselben Wurzel, die nach Michel Foucault und Edward Said und sicherlich nach <a href="https://cultures.rice.edu/emeriti-faculty/ewa-m-thompson">Ewa Thompson</a> als <em>„imperiales Wissen“</em> (<em>„imperial knowledge“</em>) bezeichnet werden kann – ein System von Narrativen, wie es jedes Imperium über sich selbst und die Kolonien entwickelt, um seine Hegemonie zu stärken und zu legitimieren. In beiden Fällen war es das <u>russische</u> imperiale Wissen, dass beide Sichtweisen prägte, den russischen und den westlichen Blick auf die Ukraine, auch wenn es im zweiten Fall natürlich mit einiger lokaler Erfahrung und ideologisch-ethisch verknüpften Einschränkungen verbunden war.</p>
<p>Die russische Zurückweisung der Ukraine hat viel tieferliegende ontologische Wurzeln. Sie ist eng mit der Art und Weise verbunden, in der die russische imperiale Identität aufgebaut war – durch Aneignung ukrainischer (und belarussischer) Geschichte, des Territoriums und der Identität und durch die Platzierung der Ukraine und Kyivs in das unmittelbare Zentrum des imperialen Ursprungsmythos. Eine unabhängige Ukraine unterminiert durch ihre bloße Existenz diese Mythologie und fordert die Gründungserzählung der russischen (imperialen) Identität heraus. Als souveräner Nationalstaat provoziert die Ukraine unter imperial gesinnten Russen ontologische Unsicherheit und Ängste. Putin, der eine unabhängige Ukraine <em>„Anti-Russland“</em> nennt und sie als eine <em>„existenzielle Bedrohung“</em> seines Landes definiert, ist in einer Art korrekt – mit zwei Vorbehalten: Die Ukraine ist in der Tat <em>„Anti-Russland“</em>, insofern als ihre nationale Identität mit der russischen imperialen Identität unvereinbar ist. Und sie ist in der Tat eine <em>„existenzielle Bedrohung“ </em>für Russland als Imperium, obwohl sie auch eine Chance für die Entstehung Russlands als Nation wäre – wie <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/ohne-die-ukraine-ist-russland-keine-grossmacht-5419849.html">Zbigniew Brzezinski</a> es vor langer Zeit scharfsinnig anmerkte.</p>
<p>Westliche Nationen, die seit dem 18. Jahrhundert das russische imperiale Wissen unkritisch akzeptierten und normalisierten, akzeptierten weitgehend auch die Zurückweisung der Ukraine als Teil dieses Wissens. Sie teilten dieses <em>„Wissen“</em> über die 1990er Jahre hinaus und viele teilen es immer noch, aber ihre Zurückweisung der Ukraine wird nicht von irgendeiner ontologischen Unsicherheit und Angst getrieben. Sie spiegelt einfach die russische Mythologie, die perfekt zu ihrer eigenen zynischen aka <em>„realistischen“</em> Politik gegenüber Russland und gegenüber der Ukraine passte. Als die Sowjetunion zusammenbrach, akzeptierten sie die Unabhängigkeit der Ukraine als ein <em>fait accompli</em>, gestützt eher durch rechtliche Normen und Verfahren als durch kulturelle und historische Argumente (die in einer perversen Form Putin und seinen Gehilfen so lieb sind).</p>
<p>Der Wunsch der Ukraine, <em>„nach Europa zurückzukehren“</em>, das heißt euro-atlantischen Institutionen beizutreten, war eine andere Geschichte. Man mag allgemeiner argumentieren, dass der Wunsch von Osteuropäern (und insbesondere der Ukraine), der EU und der NATO beizutreten, das etablierten Verständnis dessen herausforderte, was <em>„europäisch“</em> bedeute (<em>„Europeanness“</em>), und in gewisser Weise einige Art ontologischer Verwirrung stiftete. Während sich die Angst der Russen vom Gefühl ableitete, dass ihre imperiale Identität ohne die Ukraine unvollständig wäre, leitete sich die Angst der Europäer von dem entgegengesetzten Gefühl ab, dass ihre Identität (nicht nur ihr Wohlergehen) von einem zweifelhaften, fremdartigen Körper bedroht würde. Es war für sie nur natürlich, sich von der alten, epistemologisch induzierten Zurückweisung der Ukraine zu einer passenderen Zurückweisung der ukrainischen Identität und Zugehörigkeit zurückzubesinnen.</p>
<p>Um dieses neue grundsätzlich anti-ukrainische Narrativ zu stützen, wurden einige Elemente des russischen imperialen Wissens (das im Westen nie wirklich revidiert und aufgegeben worden war) wieder verwendet. Das vielleicht wichtigste war unter den neuen Bedingungen das verwelkte Narrativ von der ursprünglichen engen russisch-ukrainischen Verbindung, der Nähe, der Affinität, der Verbundenheit und virtuellen Unfähigkeit, der zufolge dass das eine oder das andere nicht existieren könnte. Dieses Argument war auch in praktischer Hinsicht hilfreich, da es eine zynische <em>„Russia-First“</em>-Politik auf Kosten seiner früheren Satelliten rechtfertigte und diese stillschweigend in den <em>„legitimen russischen Einflussbereich“</em> aka den <em>„russischen Hinterhof“</em> verwies.</p>
<p>So erklärte der ehemalige US-Botschafter in Moskau <a href="https://www.nybooks.com/articles/2000/02/24/the-nowhere-nation/">Jack F. Matlock Jr. den Lesern der angesehenen New York Review of Books</a>, die Ukraine wäre eine <em>„Nowhere Nation“</em>, eine <em>„Nirgendwo-Nation“</em>, und ihre Sprache habe sich im 16. Jahrhundert aus der russischen entwickelt (sic!), <a href="https://www.batory.org.pl/doc/policy_paper.pdf">die deutschen und französischen Außenministerien</a> schlussfolgerten in einem gemeinsamen geheimen Bericht, dass die <em>„Zulassung der Ukraine (zur EU) die Isolation Russlands impliziere“</em>, sodass <em>„es ausreicht, sich mit einer engen Kooperation mit Kiev </em>(sic!) <em>zu begnügen“</em>, <a href="https://archiwum.rp.pl/artykul/583586-Europa-pod-sciana.html">der ehemalige französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing argumentierte</a>, dass <em>„ein Teil der Ukraine einen europäischen Charakter“</em>, während der andere Teil <em>„einen russischen Charakter“</em> habe, sodass beide Teile <em>„nicht zur Europäischen Union gehören können, so lange Russland nicht in die EU aufgenommen wurde“</em>, und sein deutscher Kollege, <a href="https://www.nybooks.com/articles/2023/02/23/ukraine-in-our-future-timothy-garton-ash">der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, versicherte</a> laut einem Beitrag von Timothy Garton Ash den Lesern der New York Review of Books, dass <em>„niemand im Westen, auch nicht 1990, daran zweifelte, dass die Ukraine Jahrhunderte lang zu Russland gehört. Seitdem wurde die Ukraine ein unabhängiger Staat, aber sie ist kein Nationalstaat.“</em> (Anhänger einer kritischen Diskursanalyse würden sicherlich diesen zutiefst manipulativen Schlenker schätzen, die rhetorische Verwandlung einer zweifelhaften allgemeinen Weisheit <em>– „niemand zweifelte“</em> – in ein bewiesenes Faktum: <em>„Ukraine ist</em> (immer noch) <em>kein Nationalstaat.“</em>)</p>
<p>In einem kürzlich publizierten Artikel <a href="https://www.nybooks.com/articles/2023/02/23/ukraine-in-our-future-timothy-garton-ash/">erinnert Timothy Garton Ash daran</a>, wie er nach der spektakulären orangenen Revolution den Präsidenten der Europäischen Kommission José Manuel Barroso dringlich gebeten habe, öffentlich zu sagen dass die Europäische Union wünsche, die Ukraine würde eines Tages ihr Mitglied. Barroso antwortete: <em>„Wenn ich das täte, würde ich sofort von zwei größeren Mitgliedstaaten</em> (Frankreich und Deutschland) <em>geprügelt.“</em> <em>„Zuerst brauchen wir eine Debatte, ob das Land ein europäisches Land ist“</em>, stellte eine Sprecherin des Vertreters der EU für Außen- und Sicherheitspolitik unmissverständlich klar.</p>
<h3><strong>Unerwiderte Liebe</strong></h3>
<p>Nur in diesem Kontext mag man die tektonische Veränderung in der EU-Haltung gegenüber der Ukraine richtig einschätzen, wie sie sich in dem kurzen Satz der oben zitierten Versailles-Erklärung zeigt. Der Satz kam jedoch zu spät und das zu einem zu hohen Preis. Weite Landstriche des ukrainischen Territoriums waren besetzt, Städte zerstört und Tausende von Bürgern getötet. Die Ukrainer mögen gute Gründe für anti-westliches Ressentiment haben, seit sie durchweg in ihrer Geschichte von den westlichen Gefährten eher betrogen und vernachlässigt wurden als anerkannt und unterstützt. Aber die einzige Alternative war Russland, ein bösartiger autokratischer Staat, darauf aus, die Ukrainer entweder zu assimilieren oder physisch zu zerstören. Die ukrainische nationale Identität war fundamental unvereinbar mit der russischen imperialen Identität.</p>
<p>Wer in welchen Farben auch immer die Ukraine als Nation aufbaute, verstand das perfekt und neigte sich dennoch nach Westen, obwohl diese verzweifelte Liebe unerwidert blieb. Die Ukrainer sahen dort zumindest eine Chance, so klein und unwahrscheinlich sie auch war, während auf der gegenüberliegenden Seite keine Chance blieb, welche auch immer. Die pro-westliche Orientierung der Ukraine war ihr <em>modus vivendi</em>, ihr <em>sine qua non </em>für das Überleben gegenüber einem feindlichen Nachbarn, der seine Zurückweisung der Ukraine zu einer imperialen Glaubenswahrheit machte. Man mag sagen, die Ukrainer wurden <em>„westlich wegen des Fehlens einer Alternative“</em>: sie hatten wenig Wahl, westliche Werte und Diskurse zu akzeptieren, auch wenn sie sich mit ihnen nicht immer wohl fühlten.</p>
<p>Wir mögen dies seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nachverfolgen, als <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Taras_Schewtschenko">Taras Shevchenko</a> und seine ukrainophilen Gefährten der <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Brotherhood_of_Saints_Cyril_and_Methodius">Bruderschaft der Heiligen Cyril und Methodius</a> die Reihen der imperialen Slavophilen mit subversiven Ideen von Föderalismus und Republikanismus aufbrachen; wir können dies in den offiziellen Dokumenten der kurzlebigen <a href="https://www.britannica.com/place/Ukraine/World-War-I-and-the-struggle-for-independence#ref404525">Ukrainischen Nationalen Republik</a> (1918-1920) und programmatischen Artikeln ihres Kopfes Myhailo Hrushevsky finden, von denen einer den bemerkenswerten Titel trägt: <em>„Unsere westliche Orientierung“</em>. Wir können die gleichen Argumente und Imperative in den prowestlichen Positionen ukrainischer Dissidenten der 1960er und 1970er Jahre finden, auch in den dominierenden Einlassungen ukrainischer Politiker und weiter Teile der ukrainischen Bevölkerung seit der Unabhängigkeit.</p>
<p>Nicht mythische Nationalisten (oder <em>„Nazis“</em> wie Putin sich ausdrückt), sondern der postkommunistische Präsident Leonid Kravchuk und das kommunistisch dominierte Parlament lehnten in den frühen 1990er Jahren Ukraines vollständige Mitgliedschaft in der russisch geführten Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) ab und schützten sich gegen gegebenenfalls viele weitere von Moskau beförderte Integrationsinitiativen. Ein anderer postkommunistischer Präsident (der russisch sprach, wenn es jemanden interessiert, und aus der im Südosten gelegenen Stadt Dniepropetrovsk, ukrainisch Dnipro, kam), Leonid Kuchma, unterzeichnete im Jahr 1998 einen Erlass über die <em>„erneute Bestätigung der Strategie der Integration der Ukraine in die Europäische Union“</em> und fünf Jahre später das Gesetz <em>„Über die Grundlagen der Nationalen Sicherheit der Ukraine“. </em>Artikel 6 dieses Gesetzes stellt unter anderem fest, dass die Ukraine <em>„die Integration in den europäischen politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Raum anstrebt, mit dem Ziel der Mitgliedschaft in der Europäischen Union, ebenso wie in den Euro-Atlantischen Sicherheitsraum, mit dem Ziel der Mitgliedschaft in der NATO“</em>. Bemerkenswert ist, dass Kuchmas Premierminister zu dieser Zeit der ehemalige Gouverneur von Donetsk war, Viktor Yanukovych, der als Präsident über ein Assoziationsabkommen mit der Europäischen Union grübelte und diese Idee erst nach starkem Druck aus Moskau ad acta legte (was Massenproteste bewirkte und letztlich Yanukovichs Fall).</p>
<p>Im Gegensatz zu der im Allgemeinen medial verbreiteten westlichen Auffassung gab es in der ukrainischen Gesellschaft lange vor der „Euromaidan Revolution“ 2013/2014 einigen Konsens über die <em>„Europäische Integration“</em> der Ukraine, auch wenn viele Menschen (reichlich naiv) hofften, die westliche Ausrichtung der Ukraine mit guten Beziehungen zu Russland zu verbinden. Sie unterstützten nicht den Versuch der Ukraine zu einer Mitgliedschaft in der NATO, im vollen Bewusstsein der Empfindlichkeit dieses Themas für Moskau, aber sie erwarteten zu dieser Zeit nicht, dass ein rein wirtschaftliches Abkommen mit der EU einen ähnlichen Zorn hervorriefe. Um Moskau zu beruhigen entschied sich Präsident Yanukovich im Jahr 2012 offiziell für den bündnisfreien Status der Ukraine und verlängerte die Überlassung der Marinebasis in Sevastopol an Russland für weitere 24 Jahre ohne Gegenleistung. Im Jahr 2014 besetzten russische Truppen die Krim und organisierten eine vorgetäuschte <em>„Rebellion“ </em>im Donbas.</p>
<p>Die russische Invasion änderte die Zuneigung zur EU kaum, da diese ohnehin immer positiv gewesen war, aber sie bewirkte eine radikal veränderte Haltung zur NATO – wie alle Meinungsumfragen seit 2014 bestätigen. Dies spiegelt zu einem gewissen Grad den Ausschluss eines substanziellen Bevölkerungsanteils in Krim und Donbas von der Erhebung (und von der Teilnahme an den nationalen Wahlen), aber zuerst und vor allem resultiert daraus die Radikalisierung des verbleibenden Teils der Bevölkerung. Moskau lehrte die Ukrainer brutal, dass ihnen weder der bündnisfreie Status noch der Verzicht auf eine NATO-Mitgliedschaft gegenüber ihrem bösartigen Nachbarn Sicherheit schuf.</p>
<p>Kurze Zeit nach dem Euromaidan führte das <a href="https://kiis.com.ua/?lang=eng">Kyiv International Institute of Sociology</a> eine <a href="https://www.kiis.com.ua/?lang=eng&amp;cat=reports&amp;id=529&amp;page=1">nationweite Untersuchung</a> durch, in der sie die Menschen fragte, welche Werte nach ihrer Meinung Ukrainer mit den Russen und welche sie mit den Europäern teilten. In beiden Fällen war es den Befragten erlaubt, drei der am besten zutreffenden Aussagen aus der Liste auszuwählen. Im Ergebnis zeigte sich, dass Ukrainer glaubten, sie teilten mit Russland <em>„Geschichte und Traditionen“</em> (46 %), <em>„Kultur“</em> (26 %), <em>„Ethnie“</em> (18 %), <em>„Religion“</em> (15 %) und <em>„Sprache“</em> (12 %). Das war im Jahr 2015; heute würden sie sich wahrscheinlich verweigern, diese Frage überhaupt zu bedenken. Aber bemerkenswerterweise listeten sie damals eine fundamental verschiedene Liste von Werten, die sie mutmaßlich mit dem Westen teilten (oder vielleicht zu teilen wünschten): <em>„Rechte und Freiheiten“</em> (28 %), <em>„Demokratie“</em> (27 %), <em>„Rechtsstaat</em>“ (14 %), <em>„Respekt für die Menschen“</em> (14 %), <em>„wirtschaftliche Entwicklung“</em> (12 %). Alles in allem belegen die Ergebnisse klar, dass Ukrainer ihre reale oder mythische Enge zu den Russen als etwas wahrnehmen, das exklusiv durch die Vergangenheit bestimmt ist, während ihre Nähe zum Westen als wünschenswert für die Zukunft gesehen wird.</p>
<h3><strong>Kunderas Textbuch</strong></h3>
<p>Die Versailler Erklärung von 2022 hat endlich die Zugehörigkeit der Ukraine zu <em>„unserer europäischen Familie“</em> anerkannt und eröffnete einen dornenreichen Weg zu einer eventuellen Mitgliedschaft in der EU. Sie brachte die ukrainischen <em>„europäischen Träume“</em> der Ukraine so nahe an die Wirklichkeit heran wie niemals zuvor. Im selben Jahr jedoch wurden mit der umfassenden russischen Invasion die <em>„Eurasischen Albträume“</em> der Ukraine ebenso wirklich wie nie zuvor. Dies setzt die Markierungen im aktuellen Kampf, indem es die Notwendigkeit der Mobilisierung aller Ressourcen einschließlich der symbolischen, höchst wichtigmacht.</p>
<p>Die öffentliche Meinung ist sicherlich eine solche Ressource, zu Hause wie international. Zu Hause ist es leichter diese Ressource auszubeuten, zumal die Ukrainer sich dessen sehr bewusst sein, worum es in dem Krieg geht und wofür sie kämpfen. In den wenigen vergangenen Jahren verloren sie jede Art von Ambivalenz gegenüber Russland, dem Westen oder nationaler Unabhängigkeit; sie wissen heute, dass dies ein Krieg um das nationale Überleben ist – ein existenzieller Krieg, und sie benutzen keine erhabenen Wörter, um ihre Gefühle auszudrücken – wie Freiheit, Würde, Souveränität; es ist eher das Geschäft der Intellektuellen, diese Dinge zu diskutieren, während die gewöhnlichen Menschen diesen Krieg in weltlichen Kategorien fassen wie <em>„unser Land“</em>, „<em>Recht und Unrecht“, „richtig“ </em>oder <em>„falsch“, „wahr“ oder „unwahr“. </em>Oder wie <a href="https://kyivindependent.com/from-kremlin-friendly-politician-to-leading-defense-of-hometown-against-russia/">der Bürgermeister von Kryvyi Rih, Oleksandr Vilkul</a>, (einer der vielen ukrainischen Politiker und Ukrainer im Allgemeinen, die als <em>„prorussisch“ </em>bezeichnet wurden, aber heute für die Ukraine kämpfen) seine Wahl ausdrückte: <em>„Wir sind hier geboren. Die Gräber unserer Angehörigen sind hier. Wir haben keinen Ort, an den wir hingehen könnten.“</em></p>
<p>Ukrainer fühlen es einfach und sie brauchen nicht viele Worte, um überzeugt und mobilisiert zu werden. Aber die internationale Meinung ist eine andere Sache. Und <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/milan-kundera/der-entfuehrte-westen.html">Milan Kunderas fruchtbarer Essay „Der entführte Westen – Die Tragödie Mitteleuropas“</a> (1983) mag uns hier einige Lektionen vermitteln, welche rhetorischen Strategien verwendet werden können und welche eher nicht, welche Wirkungen erzielt könnten und welche Nebenwirkungen vermieden werden sollten.</p>
<p>Durchweg verfolgt Kundera in seinem Essay zwei klare Ziele: Zunächst will er westliche Leser überzeugen, dass das sogenannte <em>„Mitteleuropa“ </em>(im Grunde nur drei Nationen des ehemaligen Habsburger Reichs, die von der Sowjetunion besetzt wurden) eine gemeinsame Kultur und Geschichte mit dem Westen teilt, bis zu einem solchen Grad, dass Westeuropa (= Europa im Allgemeinen) ohne dies unvollständig, ontologisch unsicher bleibt. Zum zweiten will er die Menschen im Westen an ihre Schuld und ihre Sünden gegenüber <em>„Mitteleuropa“</em> erinnern, in erster Linie Sünden der Vernachlässigung und des Betrugs, um ein Gefühl von Schuld und Empathie zu erzeugen und es in ein höheres öffentliches Bewusstsein und eine stärkere Unterstützung für seine <em>„europäischen“</em>, schließlich anti-sowjetischen / anti-kommunistischen Bestrebungen zu überführen.</p>
<p>Es gibt auch ein drittes ergänzendes Narrativ, das diese beiden Diskurslinien stützt, ein wiederkehrender Bezug auf Russland und / oder die Sowjetunion, der im Hinblick auf eine dunkle <em>„asiatische“</em> Macht einen passenden Kontrast zum tadellosen europäischen Charakter (<em>„Europeanness“</em>) der drei auserwählten Nationen Kunderas vermittelt und anderseits implizit an den Verrat von Yalta und an andere westliche Missetaten erinnert, die zu dem Spiel der gegenseitigen Vorwürfe und dem westlichen Schuldgefühl beitragen.</p>
<p>Es gibt jedoch keine klaren Belege, dass Kunderas Essay einen nennenswerten Einfluss auf westliche Leser jenseits des kleinen Kreises von Intellektuellen hatte, die in der Tat etwas wussten und sich ein wenig um die osteuropäischen Angelegenheiten sorgten. Einige eilten zur Verteidigung der heiligen Kuh, der sogenannten <em>„Großen Russischen Kultur“</em>, die Kundera angeblich unterminierte, einige verwiesen auf zahlreiche Übertreibungen, Fehler und Manipulationen in seinem Text, und einige entnahmen seinen Essay eine mutige Herausforderung an die Konventionen der Post-Yalta-Diskurse und des Status Quo im Kalten Krieg.</p>
<p>Timothy Garton Ash, einer der zugewandetesten und scharfsinnigsten Beobachter von Ost-Mitteleuropa, schätzte Kunderas Konzept als zeitgemäße Erinnerung an die Menschen im Westen, dass diese Region etwas mehr ist als <em>„Fußnoten der Soviotologie“</em>. <a href="https://www.nybooks.com/articles/1986/10/09/does-central-europe-exist/">Er schrieb (im Jahr 1986!)</a>: „Ost-Berlin, Prag und Budapest sind nicht in derselben Lage wie Kyiv oder Vladivostok“ und <em>„Sibirien beginnt nicht am Checkpoint Charlie.“</em> (Ob Sibirien etwa in Kyiv beginnt und ob die Hauptstadt der Ukraine genau <em>„in derselben Lage wie Vladivostok“</em> ist, wurde seinerzeit nicht diskutiert, mit einigen dramatischen heute offensichtlichen Konsequenzen).</p>
<p>In Osteuropa wurde Kunderas Essay illegal verbreitet, er spielte vermutlich eine dort mächtigere mobilisierende Rolle als zu dieser Zeit im Westen. Er wurde breit als ein Argument für die Zugehörigkeit der Region zu Europa und ein leidenschaftliches Plädoyer für die <em>„Rückkehr nach Europa“</em> zu <em>„Normalität“</em> und zur Befreiung von der sowjetischen Dominanz wahrgenommen. Ich erinnere mich daran, dass wir den Text in Polen üblicherweise in der polnischen Übersetzung lasen (die ukrainische Übersetzung war weniger verfügbar seit der Text in Canada in dem Diaspora-Journal „Dialog“ veröffentlicht wurde), und dass wir seinem exklusivistischen Charakter zu dieser Zeit nicht viel Aufmerksamkeit schenkten, wie gegebenenfalls viele Kritiker feststellten. Kundera schrieb die Ukraine aus der Geschichte heraus, als ein Beispiel für eine verschwindende Nation, und wertete sie zur Fußnote ab, aber wir hatten wenig harte Gefühle gegenüber dem Autor: Die Furcht vor einem völligen Verschwinden war ziemlich real. Wir feierten den Essay als ein Manifest der Freiheit, als Ruf für Befreiung, einen Plan Richtung Westen, weg von Moskau.</p>
<p>Die exklusivistische Essenz von Kunderas Konzept kam viel später zum Vorschein, in den 1990er Jahren, als der Begriff von den auserwählten mitteleuropäischen Nationen instrumentalisiert wurde, um ihren Weg in die Eliteclubs von EU und NATO durchzuboxen, an ihren weniger <em>„zentralen“</em> und weniger <em>„europäischen“</em> Mithäftlingen desselben sowjetischen Lagers vorbei. <a href="https://www.eurozine.com/dreams-of-europe">Wie der ukrainische Philosoph Volodymyr Yermolenko bitterlich beklagte</a>: <em>„Die Idee des ‚gestohlenen Westens‘ war womöglich befreiend für Mitteleuropa, aber für das weiter östlich liegende Europa war sie desaströs. Statt die Mauer zwischen Ost und West niederzureißen, verschob sie sie einfach nur weiter ostwärts. Die Idee hätte genutzt werden können, um Totalitarismus überall zu bekämpfen, aber stattdessen verortete es sie geographisch in den Territorien der ehemaligen UdSSR und sorgte damit für einen ständigen ‚Fluch‘ auf unseren osteuropäischen Ländern. Anstatt seinem eigenen Diktum treu zu bleiben und zu sehen wie sehr Diversität insgesamt auf dem europäischen Kontinent verbreitet ist, wählte </em>(Kundera)<em> sie in zwei Teile aufzuspalten, in Opposition zueinander – der humanistische Westen gegen den dämonischen Osten, der dem Westen den </em>(mitteleuropäischen)<em> Teil gestohlen hätte.“ </em></p>
<p>Heute verwenden Ukrainer in ihren Botschaften an den Westen alle einst von Kundera verwendeten Narrative. Sie betonen ihren europäischen Charakter (<em>„Europeanness“</em>), ihre kulturelle Affinität und ihre historische Verbindung. Sie erinnern die Menschen im Westen an ihre Fehler und Tölpelhaftigkeiten gegenüber der Ukraine und gegenüber Russland, ihr lange Zeit währendes Appeasement gegenüber einem bösartigen Regime, ihren Betrug des <a href="https://en.wikisource.org/wiki/Ukraine._Memorandum_on_Security_Assurances">Budapester Memorandums</a> und viele andere Fehltaten, im offensichtlichen Bestreben, bei ihren Gesprächspartnern Schulbewusstsein zu erzeugen. Sie konstruieren das Bild der Ukraine als grundlegend gegensätzlich zum dämonischen Russland und tragen vor, dass dieses heute doch nun eher ein Land von Lügnern und Mördern ist als von großen Komponisten und Schriftstellern, was zu viele gutgläubige Menschen im Westen nur zu gern glauben. Aud nicht zuletzt verwenden Ukrainer ein weiteres Argument, das Kundera nur einmal nannte, gleich zu Beginn seines Essays, als er sich auf die letzten Worte des ungarischen Radiosenders während des Aufstands in Budapest bezog: <em>„Wir werden für Ungarn und für Europa streben.“ </em>Diese Satz scheint für viele Ukrainer heute <u>die</u> Botschaft zu sein: <em>„Wir sterben für eure Sicherheit, eure Freiheit, eure Werte. Wir sterben für internationale Ordnung, Prinzipien, Gerechtigkeit.“</em></p>
<p>Bei aller rhetorischen Ähnlichkeit gibt es auch einen tiefgehenden Unterschied. Ukrainer können sich heute auf Argumente beziehen, über die Kundera zu seiner Zeit nicht verfügte. Weil die Ordnung des Kalten Krieges auf den Vereinbarungen von Yalta beruhte, die durch die Vereinbarungen von Helsinki bestätigt wurden, bemerkte der polnische Literaturhistoriker Przemisław Czapliński treffend: <em>„nienaruszalność granic, a więc – nienaruszalność narracji“ </em>(<em>„Unverletztlichkeit der Grenzen und daher – Unverletztlichkeit der Erzählung“</em>). Ukrainer können heute legale Argumente verwenden, die völlig auf ihrer, nicht auf Moskaus Seite sind. Die kulturellen und historischen, sogar moralischen Argumente (insbesondere in der Politik) sind bestreitbar, während geschriebene Regeln und Vereinbarungen viel klarer definiert sind. Was auch immer Putin über die <em>„Künstlichkeit“</em> der Ukraine fantasieren mag oder über Russlands besondere Erwähltheit, dies zu zerstören, so gibt es die unbestreitbare Tatsache der Aggression gegen den souveränen Staat, eine schreiende Verletzung der UN-Charta und bilateraler und multilateraler Dokumente, ein offensichtliches Kriegsverbrechen und einen zunehmend offensichtlichen Völkermord. Dies macht historische, kulturelle und andere Argumente nicht irrelevant oder redundant, aber verweist sie unvermeidbar in eine zweitrangige, hilfsweise heranziehbare Rolle.</p>
<p>Ukrainer mögen die gleichen Illusionen über den Westen haben, die Kundera und seine Generation hatten, aber sie haben sicherlich mehr Selbstvertrauen, das sich aus der neu errungen historischen Situation herleitet. Dies wurde vom ukrainischen Präsidenten am ersten Tag des Krieges in seiner kolportierten Antwort an amerikanische Diplomaten ausgezeichnet ausgedrückt, als diese ihm die Evakuierung aus Kyiv zu einem sicheren Ort anboten: <em>„Ich brauche Munition, keine Reise.“</em></p>
<p>Die wahre Tragödie des neuen ostwärts verschobenen <em>„Mitteleuropas“</em> liegt darin, dass sie zu spät erkannt wurde und dies zu einem zu hohen Preis. Aber die Abrechnung ist noch nicht endgültig.</p>
<p><strong>Mykola Riabchuk</strong>, Kyiv</p>
<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mykola_Rjabtschuk">Der Autor</a> ist Schriftsteller und Publizist, Ehrenpräsident des <a href="https://pen.org.ua/en">PEN Ukraine</a>, Mitbegründer der Zeitschrift „Krytyka“ und führender Wissenschaftler am Institut für politische und ethnische Studien der <a href="https://www.nas.gov.ua/UA/Pages/default.aspx">Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine</a>. Seit 2014 ist er Vorsitzender der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mitteleurop%C3%A4ischer_Literaturpreis_Angelus">Jury des internationalen Angelus-Preises für die besten Romanautoren Mittel- und Osteuropas</a>. Seine Bücher sind ins Polnische, Serbische, Ungarische, Deutsche und Französische übersetzt worden. Sein jüngstes Buch ist „Das Lexikon des Nationalisten und andere Aufsätze“ (2021).</p>
<p>(Anmerkungen: <a href="https://krytyka.com/ua/articles/osiahannia-subiektnosty">Erstveröffentlichung des ukrainischen Originaltextes in Krytyka</a>, eine <a href="https://www.eurozine.com/no-longer-a-footnote/">englische Fassung erschien in Eurozine</a>. Erstveröffentlichung der deutschen Übersetzung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Juni 2024, Internetzugriffe zuletzt am 31. Mai 2024, Übersetzer aus der englischen Fassung: Norbert Reichel. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli.)</p>
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		<title>Warum nicht Klagenfurt</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/warum-nicht-klagenfurt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 May 2024 07:28:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Warum nicht Klagenfurt Auch eine Berliner Geschichte In gewisser Weise ist dies auch eine Berliner Geschichte. Niemals war mir diese Stadt ein Ganzes, und sie ist es auch gegenwärtig nicht. Und das liegt nicht daran, dass sie noch nicht zusammengewachsen ist, da kann sie wachsen wie sie will, ihre Teilungen wachsen mit. Für die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Warum nicht Klagenfurt</strong></h1>
<h2><strong>Auch eine Berliner Geschichte</strong></h2>
<p>In gewisser Weise ist dies auch eine Berliner Geschichte. Niemals war mir diese Stadt ein Ganzes, und sie ist es auch gegenwärtig nicht. Und das liegt nicht daran, dass sie <em>noch </em>nicht zusammengewachsen ist, da kann sie wachsen wie sie will, ihre Teilungen wachsen mit. Für die folgenden Generationen wird das nicht mehr in gleicher Weise gelten. Aber für meine Generation, für mich wird diese Stadt immer auseinandergerissen sein, und diese Art von Rissen und Zerfetzungen ist in mich eingewachsen. Das Zerrissene, das Zerfetzte bin auch ich.</p>
<p>Ein Foto: Ich sitze auf den Stufen, die zum Eingang des Berliner Doms hinaufführen. Ich trage Sandaletten und eine Dreiviertelhose. Blickrichtung ist die Straße Unter den Linden, an deren Ende sich das Brandenburger Tor erhebt. Ich bin 16 Jahre alt, es ist Ende August 1961. Wenige Wochen zuvor hatte ich meiner Mutter verkündet, ich ginge in den Westen. Mein Vater, der in München lebte, würde gezwungenermaßen für die Internatskosten aufkommen müssen. In einem Anfall unsäglicher Enttäuschung und Wut hatte ich die Schule geschmissen. Statt über eines der gewünschten und stillschweigend vorausgesetzten Vorbilder Thälmann, Lenin zu schreiben, hatte ich eine moralische Idee, eine Geste, gewählt, eine Geschichte aus Rilkes Malte Laurids Brigge. Mein empörter und in der Empörung beim Sprechen spuckende Deutschlehrer schrie etwas von unerträglichem und verbotenem bürgerlich-revisionistischen Gedankengut, dem ich offenbar verfallen sei. Er war Einsen für meine Aufsätze gewohnt. Er gab mir eine Drei. Seine Form von Kompromiss oder Entgegenkommen. Ich sagte, die Mittelmäßigkeit einer Drei sei unmöglich, es kämen nur eine Eins oder eine Fünf in Frage. Da schrie er: Wie du willst! Fünf! Aus! Und ich packte all meine Bücher, knallte sie auf den Lehrertisch und schrie: In diese verdammte Schule komme ich nie wieder! Ich nahm meine Schultasche und ging. Ich weiß nicht, sagte ich verflucht oder verdammt, aber es war eins dieser Worte von biblischer Wucht. Ein wunderbarer dramatischer Moment, ich schwenke meinen Pferdeschwanz, richte mich auf, strecke meinen Arm aus und verfluche die Schule. Noch immer lache ich, wenn ich daran denke. Auf dem Nachhauseweg weinte ich unablässig, erschrocken über mich und erleichtert zugleich, ängstlich, was nun werden solle, meine arme Mutter würde in zitterndes Gestammel verfallen. Allein die Elternversammlungen in den Schulen ihrer drei Töchter versetzten sie schon Tage zuvor in Erstarrung.</p>
<p>Ich färbte mir am gleichen Tag die Haare blond und schrieb einen langen Brief an den Lehrer einer westdeutschen Freundin, den ich im Jahr zuvor kennengelernt hatte, er möge mir ein Internat suchen. An dem Tag, an dem ich meiner Mutter sagte, ich würde in den Westen gehen, eröffnete meine Mutter mir, auch sie trage sich des längeren mit der Absicht und bitte mich zu warten, bis sie ihre <em>Dinge geregelt</em> habe. Der Bitte konnte ich mich allein schon deswegen nicht verschließen, weil meine sogenannte Republikflucht unweigerlich meine Mutter ins Visier der Staatsschützer gerückt hätte. Ich blieb, während wir, meine Mutter, meine Schwestern und ich die zu <em>regelnden Dinge</em> in winzigen Portionen Wäsche, Hammer, Nagel, Geschirr und Papieren auf unserer Haut über die Grenze brachten. Ihr Ratgeber, mein Onkel Karl aus Köln, hatte sie derart mit Besorgnis und Existenzangst vollgeimpft, dass jedes Stück in den Westen transportieren Hausrats ein Stück Sicherheit mehr und ein Stück Panik weniger bedeutete.</p>
<p>Am 13. August war ein Teil unserer Dinge weg im Westen, aber wir waren noch da. In den Monaten darauf setzte meine Mutter alles daran, wieder in den Besitz zumindest der Familienpapiere und der Fotos zu gelangen. Ein Freund des Lehrers meiner westdeutschen Freundin Anne brachte sie einzeln und an seiner Haut zu­rück über die Grenze.</p>
<p>Als Zeichen ihrer Dankbarkeit abonnierte meine Mutter eine Reihe von Konzerten und Opern in der Staatsoper Unter den Linden. Wenn sie ihn nicht begleitete, tat ich es. In der Pause zu <em>Boris Godunow</em> fragte mich Henry, ob ich die <em>Bilder einer Ausstellung</em> kennen würde, und ich fragte, welcher denn. Die erste meiner eigenen Schallplatten, die ich mir kurz danach kaufte, abzuspielen auf einem Kofferplattenspieler, den Anne mir angeschleppt hatte, war Mussorgskys <em>Bilder einer Ausstellung</em> mit Svjatislav Richter.</p>
<p>Anne war zum Studium nach Hamburg gezogen. Von dort organisierte sie einen westdeutschen Pass für mich und schickte mir Kleidung; von der Unterhose bis zum Söckchen und zum Lippenstift Westzeug. Als es soweit war, wurden Passierscheine eingeführt. Ebenso verhielt es sich mit einem geborgten ausländischen Pass. Ich musste bleiben, wo ich war. Und wenn Anne mich fortan in Friedrichshagen besuchte, brachte ich sie anschließend zum Übergang Bahnhof Friedrichstraße. Wir rauchten unablässig in der kalten S-Bahn. Und wenn ich dann allein zurückfuhr in die Enge meines Lebens, war mir übel vor Kummer und Hoffnungslosigkeit.</p>
<p>Ein zweites Foto: Februar 1982, ich bin hochschwanger mit meinem dritten Kind, noch immer trage ich eine der eulenrunden Brillen, die ich bevorzugte. Die erste war eine Spezialanfertigung von einem Optiker in der Frankfurter Allee (Bei Augenqual zu Zapplethal), die ich hatte mehrmals reparieren lassen, bis kein Kleber mehr hielt. Schnee fällt. Ich befinde mich auf einem der Aussichtstürme an der Berliner Mauer, der Blick geht über die verschneite Fläche des Potsdamer Platzes, an dessen Ende sich eine Nebelwand erhebt. Das Weiß der Ebene geht über in verschwommene sich im Winterweiß verlierende Bauten und in einen weißen Himmel über all dem, über mir genauso wie über der Mauer und dem Platz und dem in der Ferne gewussten Ostberlin.</p>
<p>In meiner Wohnung in der Stauffenbergstraße hingen beide Fotos nebeneinander an einer Wand im Flur. Und sehr oft, wenn mein Blick darauf fiel, fühlte ich ein Gefühl von Teilung und Verdoppelung, von gleichzeitiger Gegenwart und Vergangenheit. Ich fühlte, wie sich die Zeit ineinanderschob, sodass Gegenwart in der Vergangenheit auftauchte und das Vergangene plötzlich gegenwärtig schien. Beider Blick geht ins Andere, in die versperrte Zukunft und die versperrte Vergangen­heit, und beides ist in beiden Fällen eins. Und das Gehirn der 37jährigen sendet in das Gehirn der Sechzehnjährigen eine Nachricht: Ich bin jetzt da, wo du damals sein wolltest. Aber in der Zwischenzeit habe ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meines Erwachsenenlebens, meiner Kraft und meiner Phantasie dort investiert, und mein Herz hängt an diesen Stufen und dem Berliner Dom und dem Himmel darüber und dem kleinen geheimen Zugang unterhalb des Doms zum Kanal, wo ich manchmal mit meinen Zeichnungen saß. Und ich würde gern von Zeit zu Zeit dort gewesen sein mit einem neuen Zeichenheft und mit meiner kleinen Tochter, die im Westen geboren werden wird.</p>
<p>Meine Mutter zu verlassen, wäre einfach für mich gewesen. Ich hatte ihr lange genug beigestanden, ich war meinem Vater nicht nach München gefolgt, als er mir diese Möglichkeit <em>offerierte</em>, ich bin sicher, <em>gebeten</em> hatte er mich nicht. Zu meinem Vater zu ziehen, war hingegen undenkbar, so gründlich war er in seinem neuen Leben mit neuer Frau und neuen Töchtern und aus meinem verschwunden. Dennoch wäre ich ihm näher gerückt. Jetzt, als ich frisch im Westen war, war ich ihm tatsächlich näher gerückt. Ich schrieb ihm, ich teilte ihm in dürren Worten meine und die Ankunft der Kinder im Westen mit und ersehnte im Stillen Väterliches, Rat und Unterstützung, ein herzliches Willkommen, all das, was meinen Erfahrungen gründlich widersprach und doch als Sehnsucht nicht auszurotten war. Eine Erinnerungslücke: Ich weiß nicht mehr, ob er mir überhaupt geantwortet hat und wenn ja, mit welchen Worten. Ich denke, wenn er es getan hatte, wüsste ich es, würde es irgendetwas ausgelöst haben in mir zwischen Enttäuschung, Verletzung, Ernüchterung. Aber vielleicht war es genau das und fügte sich nur ununterscheidbar in die Reihe anderer Enttäuschungen und Ernüchterungen ein.</p>
<p>Meine Mutter und meine Schwestern waren Anfang der 70er Jahre mit Hilfe einer Fluchtorganisation in den Westen gegangen. Bei den darauffolgenden Verhören wurde ich gefragt: Was wollen Sie noch hier? Was geschieht nun, da Ihre Mutter nicht mehr da ist, mit ihren Kindern, wenn Sie ins Gefängnis kommen?</p>
<p>Die zwischen den Fotos liegenden Jahre waren bestimmt vom Fußfassen im Er­wachsenenleben, von der „Kommune 1 Ost“, von einem Schwein namens Erich, von unendlich vielen Anfängen, die ins Leere liefen, aber angefangen werden mussten, was sonst wäre dieses Leben? Kindertheater, Lesungen, Ausstellungen&#8230; Zermürbt von Bespitzelung, Verhören, Hausdurchsuchungen, in den Westen geschubst, kam ich 1977 mit den Kindern nach Westberlin. Wir wohnten zunächst bei Anne, die eine einjährige Gefängnisstrafe im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck verbüßt hatte wegen irgendwelcher zusammenkonstruierter Fluchtgeschichten, in die nicht sie, sondern offenbar ihr Auto, das sie verliehen hatte, verstrickt war. Sie sprach nicht über diese Zeit, sie tat sie ab, sie tat, als könne ihr als einer Westfrau im Osten nichts wirklich Schlimmes widerfahren. Wir waren beide in einem merkwürdig somnambulen Zustand, von dem aus wir einander und unsere alten Geschichten kaum mehr erkannten.</p>
<p>Und doch gab es glückliche Momente, ein plötzliches Wiedererkennen und eine Er­innerung an Kaugummiautomaten, und die begehrten Fingerringe, die Micky-Maus-Hefte, das Haus in Neukölln, in dem eine Tante gewohnt hatte, U-Bahn-Eingänge, der Zoo, die Kinos, die Gerüche &#8230; Und in diesem Wiederfinden lag eine private kleine eigene Insel in diesem Meer aus Fremde. Und die konnte ich den Kindern zeigen und ihnen Erinnerungen aufzählen, die so gierig waren nach etwas, worüber sie sich freuen konnten und die so gierig danach waren, auf Freude bei mir zu stoßen.</p>
<p>Ich war nicht frei, ich war nicht offen für Zukunft, nicht für die Gegenwart, ich war nicht einmal selbst gegenwärtig, obwohl ich mich so anstrengte. Das Verschwun­dene war ja mehr als ein Land, eine Heimat und biografische Gegend. Ich war nicht gekommen, um hier zu sein, sondern weil ich dort wegmusste. Diese Art von gefühlter Staatenlosigkeit erleichtert ein Ankommen in der wirklichen Wirklichkeit nicht gerade. Wie Uwe Johnson sagte, die gesellschaftliche Lüge saß auch hier in Stich und Faden, aber die Weberichtung war eine andere und die Wahrheit schien an ganz unverdächtigen Stellen durch.</p>
<p>Ich war ja auch eins dieser verstoßenen Kinder von Vater Staat und Mutter Ideologie, denen es zusteht, mit den Eltern zu rechten und ihnen all ihre Enttäuschung und Verzweiflung vor die Füße zu schleudern oder ihnen entgegenzuspeien – der Grad der Enttäuschung erlaubt den Rückschluss auf das Ausmaß der Bereitschaft. Die es aber nicht ertragen, wenn von satter anderer Seite beschrieben und beurteilt wird. Da springt dann plötzlich dieses „Wir“ und dieses „Bei uns“ aus einem heraus. Oder womöglich diejenigen, denen die DDR ohne eine Überprüfung auf Wahrheit ein Ort der Erfüllung schien. Das wurde so vorgefunden. Schnell erwies es sich als lebenswichtig, Vereinnahmungen zu erkennen und ihnen auszuweichen. Es war nun so schwer nicht, Gleichgesinnte und Gleichgestimmte zu finden. Und mit ihnen zusammen einen eigenen definierten Raum in der Fremde zu schaffen, der sowohl genügend offene Türen als auch schützende Winkel vorzuweisen hatte, aber es dauerte.</p>
<p>Johnson sagt im „Dritten Buch über Achim“, es stelle sich heraus, dass der Westdeut- sche den Ostdeutschen nicht verstehe und dass der Ostdeutsche die Art, wie der Westdeutsche das Leben in Ostdeutschland zu erklären versuche, vehement missbillige. Sie haben eine gemeinsame Sprache mit Wörtern, die ähnlich klingen, aber für jeden einzelnen sind diese Wörter mit einer bestimmten Ordnung, einem System, einem bestimmten Wertsystem assoziiert und beziehen sich jeweils auf unterschiedliche Positionen. Was Johnson zu seiner Zeit nicht kennen konnte, wog womöglich noch schwerer, <em>der Westdeutsche</em>, den es naturgemäß ohnehin nicht gibt, hatte sich wie ein Regenwurm in hundert Einzelteile mit hundert politischen Spielarten geteilt, deren einige einer linken Gesinnung zuzuordnen waren, die sich als extrem einäugig und vereinnahmend erwiesen.</p>
<p>Ich existierte in einem schwer zu fixierenden und zu beschreibenden fragilen Zustand, der ständig drohte, in einen anderen fragilen überzugehen und zu zerbrechen oder sich zu verflüssigen und auszulaufen. Das wahrhaft Beängstigende daran war, dass ich ihn als einen solchen nicht erkannte, nicht anerkennen durfte, sondern ganz im Gegenteil, alles daransetzen musste, ihn vor mir selbst, den Kindern, allen ande­ren Menschen zu leugnen und zu verschleiern. Ich war lange Zeit damit befasst so zu tun als ob. Das hatte einige provokativ trotzige Züge: Egal, an welcher Stelle der Welt es mich verschlägt, ich werde nicht aufhören, Falsches und Ungerechtes zu bemerken und zu benennen (die Wahrheit erkennen, die überall durchscheint).</p>
<p>Und es hatte deutliche Zeichen eines tiefen Unglücks. Ich wachte oftmals mitten in der Nacht mit einem Ruck auf, zitternd, und in dem Bewusstsein einer geradezu kindlichen, säuglingshaften Ängstlichkeit und Hilflosigkeit. Dann wusste ich, so erwachsen konnte ich gar nicht werden, dass ich imstande wäre, all die zur Sicherung unserer Existenz notwendigen Dinge zu tun, einschließlich Hoffnung, Fröhlichkeit und Gewissheit für die Kinder. Ich hatte mit dem Trinken angefangen, aber ich vertrug nichts, also ließ ich es wieder sein. Eine zumindest sporadische mit Gelassenheit verbundene Einnebelung alles Schweren und Dunklen hätte mir gefallen. In den schlaflosen Stunden schrieb ich. Und las. In den nur mir gehörenden Räumen voller alter literarischer Freunde, voller Zwiesprachen, voller wieder und wieder Gelesenem – das war mein Trost, das war meine Verankerung in der Welt der Worte. Lesen ist immer Handeln, es ist der vertraute Boden, auf dem sich zwei Bewusstseine berühren, und ebenso zwei Unterbewusstseine.</p>
<p>Eine der wenigen Dinge, die von wirklicher und am Ende erfüllter Erwartungsfreude begleitet waren, waren Bücher, Buchhandlungen, Bibliotheken, die diese im Osten geborene unstillbare Gier nach Literaturen, nach Gedichten, Romanen, Philosophie befriedigten. Ich entdeckte Dylan Thomas, ich las Virginia Woolf, Brink­mann, Handke, ich traf Helga Novak wieder, die von allen am Heimwehkrankeste. Sie briet mir Lammkoteletts in der Eisenbahnstraße, sie sagte, erzähl mir von Grün­heide, von Erkner, von Köpenick, und bei jedem Buch auf Tisch und Stuhl, das ich in die Hand nahm, sagte sie, nimm es mit, nimm es mit.</p>
<p>Wieder Johnson: Denn in Wahrheit ist es nicht allein die Sonne, der Himmel, der Steg am See oder die Ruine von Chorin, um deretwillen das Leben nötig ist, sondern zugleich das Gespräch darüber.</p>
<p>Meine erste eigene Wohnung hatte ich mir unter Zuhilfenahme einer gefälschten Bürgschaft von Prof. Dr. F.X. Eder erschlichen. Auf diese Weise hatte ich doch noch meinen Vater gezwungen, mir beizustehen. Im Grunde war die Wohnung eine Katastrophe, sie lag genau dort, wo der Westen, der Kapitalismus, die aggressive Warenwelt am Ungebrochensten und mit voller Wucht auf einen traf, Kantstraße, Ecke Wilmersdorfer. Ich behielt sie nicht lange. Sie wurde modernisiert, ich konnte sie nicht bezahlen, in meinem Unverstand kündigte ich und saß dann ohne etwas da. Vorübergehende Rettung kam von einem Menschen, der sich in meinem Umfeld bewegte und mir seine Wohnung für eine Zeit anbot. Zwei Zimmer, die wir vollgestellt hatten mit unseren Bücherkisten und Möbeln, es blieb kaum Platz für die Matratzen, den Kindern gefiel so viel Improvisiertheit. Später stellte es sich heraus, dass dieser Mensch für die Stasi gearbeitet hat, wie es ja einige taten im Westen und was ebenfalls vorsorglich zunächst geleugnet werden musste. Nach 89 rief er mich mehrmals an, er jaulte, er flehte um Bestätigung, dass er mir nie geschadet habe.</p>
<p>Ich erinnere mich an eine schöne Woche in der Kantstraße. Es hatte ununterbrochen geschneit, der Verkehr lag lahm, Schneeberge türmten sich zu beiden Seiten einer kaum befahrbaren Straße, alle Geräusche waren auf ein Gesumme und auf Gesäusel reduziert. Meine Tochter Fini und ich gingen jeden Tag spazieren, wir sangen laut und fassten uns bei den Händen und schlenkerten mit den Armen und erzählten uns Geschichten. Die einzige Zeit, in der nichts ausgespart war und in der es sich vollkommen natürlich ergab, dass wir auch von einem Früher sprachen und vom Schnee von gestern.</p>
<p>1979 zog ich mit den Kindern in die riesige Wohnung in der Stauffenbergstraße, die mir der damalige Kultursenator bzw. einer seiner Mitarbeiter verschafft hatte. Ein Gefühl von Behausung stellte sich ein, durch den Umstand erleichtert, dass sie quasi am Stadtrand lag, zwischen Tiergarten und der Mauer zum Potsdamer Platz.</p>
<p>Ich schrieb an einem Vorwort für ein Buch über die Jenaer. Ich war im Bahro- Komitee und beteiligt an der Vorbereitung des Kongresses. Ich hielt eine Rede. Heinrich Vormweg veröffentlichte sie in seiner L 76 und lud mich nach Köln ein. In der nächsten Ausgabe erschien meine Kurzprosa. Ich hatte Vormweg Gedichte von Frank-Wolf Matthies geschickt mit der Bitte, sie im gleichen Heft zu veröffentlichen. Das geschah. Und war ein Stück Vergewisserung und Besiegelung, dass Flugrouten für Worte immer existieren würden.</p>
<p>Das Fremde, es gibt kaum ein Wort von solch mysteriöser Beladenheit, Aufgeladenheit – das Fremde ist ja auch zu einem großen Teil deswegen fremd, weil es genährt wird von Verlust und Trennung. Das Fremde ist mehr als das Unbekannte. Es gibt nicht das Fremde an sich. In dem grandiosen Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader gibt es eine Szene, die mir nach Jahren und Jahren noch einmal und mit einem heftigen Schlag meinen damaligen Zustand von einem geradezu zwanghaften Bemühen um Beheimatung in der Fremde vergegenwärtigte, du stehst dir selbst im Wege und gleichzeitig bettelst du um Beheimatung und fahndest nach Beweisstücken, nach Dingen, die sich mit dir und deiner alten Geschichte und deiner alten Identität verknüpfen lassen. Und so steht denn auch Stefan Zweig mit einem Notizblock inmitten südamerikanischer Zuckerplantagen und versucht so zu agieren und so auszusehen wie der, den er in Erinnerung hat aus der alten Welt, der wie eh und je Recherchen betreibt und arbeitet und daraus seine Identität schöpft und verlängert und neu definiert. Trügerisch. Verzweifelt. Das gelingt nie. Und muss doch getan werden. Manchmal vergehen Jahre. Manche krie­gen nicht die Zeit.</p>
<p>Ein anderes Element aus diesen ersten Jahren ist das einer schnell laufenden Zeit, die mir nicht genügend Raum im Gegenwärtigen lässt, sondern schon weiter geeilt ist ins Zukünftige. Ich eile hinterher, ich kann nicht lange genug im Heute verweilen, um das, was ich wahrnehme und erfahre und erlebe zu vertiefen. Und so ist es der Mangel und die Flüchtigkeit, die sich vermehren, wenn ich einigermaßen mit dem Verlauf der Zeit Schritt halten will. Und nichts will ich lieber, als erschöpft die Zeit anzuhalten, statt atemlos hinter ihr hinterherzurennen. Aber ich kann auch nicht Halt oder Stop rufen, ich bin verloren, wenn ich mich dem Sog überlassen, der mich dann unweigerlich zurückzieht ins Vergangene und in einen Stillstand und in irgendeinen wie Tod und Verderben gefürchteten Strudel reißt. Wir erinnern uns fortwährend und fortwährend schauen wir in die noch unbetretene Zukunft. Die Gegenwart trägt immer alle Dichte des Vorher und Nachher in sich.</p>
<p>Meine subjektive Zeit fand keinen Halt und keinen Anschluss an die tatsächliche Zeit der Gegenwart. Das bedeutete ein immenses Leid. Eine Art Kleinkind-Verunsicherung, die sofort als lebensbedrohlich empfunden wird. Das Aufeinandertreffen und Auseinanderdriften von anscheinend Gleichem, Mensch, Sprache, der uns umgebenden alltäglichen Dinge, Speise Fahrzeug, der uns alle betreffende Regen, Winter &#8230; schafft im höchsten Maße eine Verdächtigung: Das alles hier hat seine offenkundige Berechtigung und Kontinuität, nur du selbst bist falsch darin.</p>
<p>In einer Zeit, in der mein Leben perforiert war von Unsicherheit und Ängstlichkeiten, einem schwankenden existentiellen Boden, wo allein die monatliche Miete, die Gänge zu Ämtern und Behördenbriefe einem den Angstschweiß auf die Stirn treiben können, saß ich durchaus nicht in eine Ecke gekauert und biss mir auf die Lippen, sondern ich strengte mich an, ich schrieb, ich kümmerte mich um meine Freunde im Osten, ich kaufte Babycremes und Windeln, und schickte die Dinge durch Freunde, die in den Osten fahren durften. Ich machte mich mit jedem einzelnen Lehrer und jeder Lehrerin der neuen Schule in der Nähe der neuen Wohnung bekannt, um für meine ostschulgeschädigte Tochter jemand Verständnisvolles ausfindig zu machen (was gelang), ich hatte immer das Haus voller Gäste und immer stand eine Suppe auf dem Herd.</p>
<p>Wieder eine Erinnerungslücke: Ich kann mich nicht erinnern, mit welchen Worten und in welcher Weise mir Heinrich Vormweg von Klagenfurt erzählte: War es eine Mitteilung, er habe mich nach Klagenfurt eingeladen, war es ein Vorschlag, verbunden mit den Worten: Könnten Sie sich vorstellen &#8230; Gab es eine Erörterung, eine Erkundigung, ob ich so weit wäre &#8230; Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht mehr, wie viel Zeit mir blieb, vermutlich einige Monate. Denkbar ist, dass ich auf eine Frage von Vormweg so etwas wie „warum nicht?“ geantwortet habe. Eine der vielen Sonderbarkeiten, die mir geschahen und denen ich begegnete, als wären sie ganz natürlich, aber hatten mit mir doch nichts oder wenig oder nur in einem sehr abstrakten Sinne zu tun. Ich war eingeladen nach Paris, und ich flog und hielt eine Rede und flog wieder zurück. Ich berichtete den Freundinnen und Freunden. Es war mir wichtig, dass sie mich für einen Menschen hielten, der sich überall in der Welt zu bewegen weiß, und dass sie mich weiterhin als auf „ihrer Seite“ stehend wussten, der „bei uns“ und „wir“ sagte.</p>
<p>Ich schrieb an einem Text für Klagenfurt. Ich wusste, in der Jury saßen Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki. Ich wusste, du liest deinen Text und ziehst dich dann als Person zurück, sitzt stumm da, während die Kritiker schlimmstenfalls über den Text herfallen und bestenfalls etwas Anerkennenswertes finden können. Ich hatte mir einmal eine Übertragung im Radio gehört. Und natürlich las ich Ingeborg Bachmann. Dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar sei, wusste ich schon in der DDR. Aber Klagenfurt und Bachmann waren nicht dasselbe, mir schien sogar, als hätte das eine mit der anderen gar nichts zu schaffen. Ich konnte mich irren. Denkbar ist auch, dass ich jedes Stück Wirklichkeit bestehend aus den Elementen Ankunft in Klagenfurt, Auslosung der Reihenfolge, Lesung, Kritik, Unterkunft, Österreich &#8230; vollständig aus meinem Bewusstsein gelöscht hatte, wie ich vieles löschte, um einen Tag nach dem anderen zu bestehen, um Schritt für Schritt zurücklegen zu können. Was ziehst du an, fragte mich eine Freundin. Ich war vollkommen verdutzt von dieser Frage. Je näher der Termin kam, desto größer wurde der Spalt zwischen dem Wirklichen und der Unwirklichkeit. Ich bekam Telegramme und Fahrscheine und eine Mappe mit Unterlagen. Die dafür verantwortliche Dame hieß Romy. Sie wünschte mir eine gute Reise. Da war ich vor Angst wie erfroren. Am Tag vor meiner Abreise hätte ich Heinrich Vormweg antworten können: Nein, ich bin nicht so weit, in jeder nur denkbaren Hinsicht. Der Text bin ganz ich, ich bin der Text. An meinem Herzen werden sie reißen, an meinen Eingeweiden zerren, das werde ich alles nicht ertragen können. Aber ich hatte diese Worte nicht. Ich sollte mich dem obersten Gericht stellen, ich war aber nur ein kleines Mädchen, und ich hatte nichts Schlimmes getan. Ich schickte ein Telegramm, ich käme nicht, ich sei krank.</p>
<p><strong>Franziska Groszer</strong>, Berlin</p>
<h3><strong>Die Autorin:</strong></h3>
<div id="attachment_4553" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4553" class="wp-image-4553 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-768x1251.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-943x1536.jpg 943w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1200x1955.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1257x2048.jpg 1257w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1.jpg 1571w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-4553" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">Ines Geipel</a> porträtierte <a href="https://franziskagroszer.de/">Franziska Groszer</a> in dem von ihr mit Joachim Walther sel. A. 2015 im <a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/">Lilienfeld Verlag</a> herausgegebenen Buch „Gesperrte Ablage“. Das Buch wurde im Jahr 2024 neu aufgelegt und erhielt ein neues ausführliches Nachwort, in dem Ines Geipel die Rezeptionsgeschichte der in der DDR unveröffentlichten Autor:innen beschreibt, darunter auch ausführlich zu Franziska Groszer.</p>
<p>Franziska Groszer wurde 1945 in Berlin-Friedrichshagen geboren, wo sie auch heute lebt. Sie war 1969 eine der Gründer:innen der „Kommune 1 Ost“. Sie schrieb schon immer, hatte jedoch nur einen einzigen öffentlichen Auftritt mit Thomas Brasch und Bettina Wegner, nach dem sie Schreib-, Auftritts- und Veröffentlichungsverbot erhielt. Auch das von ihr gegründete Kindertheater wurde verboten. Sie protestierte unter anderem gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns sowie gegen die offizielle Lesart der Verbrennung von Oskar Brüsewitz. Sie verließ die DDR im Jahr 1977. In West-Berlin arbeitete sie unter anderem in der Initiative „Frauen für den Frieden“. Sie erhielt 1987 den Erich-Kästner-Kinder-und-Jugendbuchpreis für „Rotz und Wasser“. Im Jahr 2008 wurde sie vom tschechischen Staatspräsidenten für ihre Proteste gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei 1968 geehrt. Sie erhielt 2012 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Demnächst erscheint ein Buch von Franziska Groszer über das Jahr 1956.</p>
<h3><strong>Bücher von Franziska Groszer:</strong></h3>
<ul>
<li>Rotz und Wasser – eine Jugend in Osterberlin, 1987.</li>
<li>Kaos mit Katze, 1988.</li>
<li>Tilly in der Pfütze, 1990.</li>
<li>Julia Augenstern, 1991.</li>
<li>Das Landei, 1995.</li>
<li>Claire und Sophie, 2004 (alle in Hamburg bei Dressler).</li>
<li>Der blaue König und sein Reich, Leipzig, Altberliner 2005.</li>
<li>Anton und das unheimliche Haus, München, Terzio, 2008.</li>
</ul>
<p><a href="https://franziskagroszer.de/buecher/">Weitere Veröffentlichungen sind auf Franziska Groszers Internetseite zu sehen</a>. Ein Beispiel ist der Text „Wenn meine Schuhe vor Müdigkeit weinen“, in: Julia Franck, Hg.‘in, Grenzübergänge, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2009.</p>
<p>(Anmerkungen: Der Text „Warum nicht Klagenfurt“ entstand im Jahr 1979, er wurde bisher nicht veröffentlicht, aber im Jahr 2021 im RBB vorgetragen. Diese Veröffentlichung ist die erste nachlesbare Veröffentlichung des Textes. Erstveröffentlichung im Mai 2024, Internetzugriffe zuletzt am 28. April 2024. Auf dem Titelbild ist Franziska Groszer auf der Westseite der Berliner Mauer zu sehen, Foto: privat.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>Traumzeit im Traumland</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/traumzeit-im-traumland/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 06 May 2023 14:56:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Traumzeit im Traumland Die Buchreihe „Forum: Österreich“ im Berliner Verlag Frank &amp; Timme „Stellen Sie sich Folgendes vor: Wenn die Zeit irreal ist, wie wir heute wissen, dann sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eigentlich gleichzeitig vorhanden. Ähnlich einem dreidimensionalen Block lassen sich die vermeintlich aufeinanderfolgenden Momente lesen als nahe aneinanderliegend. Das heißt; die Zeit  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Traumzeit im Traumland</strong></h1>
<h2><strong>Die Buchreihe „Forum: Österreich“ im Berliner Verlag Frank &amp; Timme</strong></h2>
<p><em>„Stellen Sie sich Folgendes vor: Wenn die Zeit irreal ist, wie wir heute wissen, dann sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eigentlich gleichzeitig vorhanden. Ähnlich einem dreidimensionalen Block lassen sich die vermeintlich aufeinanderfolgenden Momente lesen als nahe aneinanderliegend. Das heißt; die Zeit wird eher zu einer Raumrichtung als zu etwas, das die Dinge je verändern würde. Es ist kompliziert.“ </em>(Raphaela Edelbauer, Das flüssige Land, Stuttgart, Cotta’sche Buchhandlung, 2019)</p>
<p>Diese Sätze spricht die Physikerin Ruth Schwarz in Raphaela Edelbauers Debütroman. Ruth ist nach längerer Irrfahrt mit einem ziemlich heftig lädierten Auto in Groß-Einland angekommen, das es auf den Landkarten gar nicht gibt, aber der Ort ist, an dem ihre Eltern begraben werden wollten, und trifft im Gasthof zur Tausendjährigen Eiche einen Maskenhändler, der ihr von der Traumzeit der australischen Aborigines erzählt: <em>„Somit wird die ganze Welt eigentlich Metapher. Sie sind Metapher und ich in unserer gesamten Leiblichkeit.“</em> Eigentlich hören die beiden einander kaum zu, doch Ruth kauft zwei Masken zu einem überzogenen Preis, der ihrem Gesprächspartner ermöglicht, seine Schulden im Gasthof zu begleichen. Ruth Schwarz weiß noch nicht, dass sie in Groß-Einland bleiben wird, dieser Enklave autarker Anti-Demokratie unter der fürsorglich-autoritären Herrschaft einer alten Gräfin, ein Ort, der vielleicht auch ein wenig an die Stadt Perle erinnert, die ein anderer kakanischer Autor, Alfred Kubin in seinem Roman „Die andere Seite“ als einen Sehnsuchtsort entstehen ließ, den die Ankunft eines erzkapitalistischen Amerikaners zusammenbrechen ließ.</p>
<p>Perle und Groß-Einland mögen vielleicht so aussehen, wie viele Nicht-Österreicher*innen sich dieses Land vorstellen. André Heller nannte Österreich in seinen Performances gelegentlich das <em>„Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten</em>“. Nicht gerade zufällig philosophierte Robert Musils in seinem Magnum Opus über <em>„Möglichkeitssinn“</em> und <em>„Wirklichkeitssinn“</em>. Solche Gedanken finden wir in der österreichischen Literatur immer wieder, so beispielsweise bei Franz Blei, dessen unvollendeter Mallorca-Roman „Das trojanische Pferd“ im Frühjahr 2023, kurz vor der Leipziger Buchmesse 2023, in der Österreich <em>„Gastland“</em> war, als 17. Band der von <a href="https://www.avldigital.de/de/vernetzen/forscherinnen-verzeichnis/forscherinnen/helga-mitterbauer/">Helga Mitterbauer</a> und <a href="https://creg.univ-tlse2.fr/accueil/membres-de-lequipe/membres-permanents/lajarrige-jacques#/">Jacques Lajarrige</a> im <a href="https://www.frank-timme.de/de">Verlag Frank &amp; Timme</a> herausgegebenen Reihe „Forum: Österreich“ erschien. Der Roman war verschollen, ob die fehlenden Teile jemals gefunden werden, bleibt zu hoffen. Auch bei Franz Blei vermischen sich Wirklichkeiten, Möglichkeiten, Träume, Zeiten, Räume: <em>„Der Mensch lebt eben nicht nur vom Brot, viel wichtiger ist ihm, dünkt ihm sein Traum, seine Illusion, irgendwas aus der realen Welt seiner physischen Existenz nichts Ableitbares.“</em></p>
<p>Das Spiel der Wirklichkeiten und Unmöglichkeiten hat jedoch bei Autor*innen wie Franz Blei einen ernsten Hintergrund, ein Leben als eine Art Displaced Person in den Zwischenwelten des Exils. Vielleicht ist das Kakanien des Robert Musil immer die Bezugsgröße, die aber ebenso immer wieder von dem Maghrebinien des Gregor von Rezzori konterkariert wird. Was bleibt, wenn nicht die österreichische <em>„Traumzeit“</em>?</p>
<div id="attachment_3216" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3216" class="wp-image-3216 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Mitterbauer_Lajarrige.1-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3216" class="wp-caption-text">Jacques Lajarrige, Helga Mitterbauer und Norbert Reichel am 28. April 2023 auf der Buchmesse in Leipzig. Foto: Georg Deutsch</p></div>
<p>Über diese Dinge haben am 28. April 2023 Helga Mitterbauer, Jacques Lajarrige und Norbert Reichel auf der Leipziger Buchmesse im Rahmen einer Vorstellung der Buchreihe „Forum: Österreich“ gesprochen. Der Demokratische <span style="color: #678f20;">Salon</span> dokumentiert dieses Gespräch in einer gleichzeitig resümierenden und erweiternden Form.</p>
<h3><strong>Zur Präsenz österreichischer Literatur </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der erste Band der Reihe „Forum: Österreich“ erschien 2015. Inzwischen sind es 17 Bände. Weitere sind in Vorbereitung. Was finden wir in der Reihe?</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Unsere Reihe enthält Monographien, Sammelbände und Text-Editionen. Der Schwerpunkt liegt auf Tagungsbänden, Hochschulschriften und schwer zugänglichen Originaltexten, beispielsweise erschien im Jahr 2023 der Exilroman „Das trojanische Pferd“ von Franz Blei (1871-1942).</em></p>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>Zu den Editionen zählen auch die Briefwechsel zwischen Andreas Latzko (1876-1943) und Stefan Zweig (1881-1942) sowie die Erinnerungen von Andreas Latzko. Zu den Monographien gehören Bücher über Joseph Roth und Elfriede Jelinek, in Sammelbänden befassen sich Expertinnen und Experten aus verschiedenen Ländern mit Marlen Haushofer und Franz Blei.    </em></p>
<div id="attachment_3221" style="width: 222px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/soma_morgenstern-von_galizien_ins_amerikanische_exil-soma_morgenstern-de_la_galicie_a_lexil_americain"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3221" class="wp-image-3221 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Soma_Morgenstern-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Soma_Morgenstern-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Soma_Morgenstern-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Soma_Morgenstern-400x567.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Soma_Morgenstern.jpg 500w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-3221" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant ist der Doppelpunkt zwischen Forum und Österreich. Österreich ist einerseits das Forum, andererseits der Gegenstand des Forums.</p>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>Das war eine Idee des Verlags. Es gibt auch weitere Foren, beispielsweise gibt es das Forum: Bulgarien und das Forum: Rumänien.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte vielleicht sagen, dass der Verlag mit diesen Reihen eine Lobby für „Kleine Literaturen“ im Sinne von Gilles Deleuze und Félix Guattari geschaffen hat (in: Kafka – Für eine kleine Literatur, aus dem Französischen von Burkhart Kroeber, Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1976). <em>„Klein“</em> soll dabei nicht als wertender Begriff verstanden werden, das Wort bezieht sich auf die Größe eines Landes oder einer Region. Vielleicht hat das aber auch ein wenig mit der vorhandenen oder fehlenden Aufmerksamkeit für diese Literaturen zu tun? Herausgeber*innen der Reihe „Forum: Österreich“ sind eine in Brüssel lehrende Österreicherin und ein in Toulouse lehrender Franzose. Ich habe den Eindruck, dass die österreichische Literatur in Belgien, in Frankreich erheblich stärker rezipiert und erforscht wird als in der deutschen Germanistik. In Ihrer Reihe schreiben Autor*innen in deutscher, englischer und in französischer Sprache.</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Es ist schon sichtbar, dass über die österreichische Literatur sehr viel aus dem Ausland geforscht wird. Das hängt mit der Situation an den Universitäten zusammen, an denen viele Professuren, die sich mit Österreich beschäftigt haben, nicht mit diesem Schwerpunkt nachbesetzt wurden. Wichtige Zentren der Austriazistik befinden sich heute in Frankreich, Belgien, den USA und in Großbritannien. In Frankreich, Großbritannien und den USA werden mehr und bedeutendere Fachzeitschriften der Austrian Studies herausgegeben als in Österreich selbst oder in Deutschland. In Belgien beschäftigt sich der überwiegende Teil der germanistischen LiteraturwissenschaftlerInnen mit österreichischen Fragestellungen. In diesem Fall hat das neben ästhetischen auch historische Gründe, die mit der Verbindung der beiden Länder in der Geschichte zusammenhängen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wie kommt es zu dem hohen Interesse an österreichischer Literatur in Frankreich?</p>
<div id="attachment_3226" style="width: 221px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/andreas_latzko_und_stefan_zweig-eine_schwierige_freundschaft-der_briefwechsel_19181939"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3226" class="wp-image-3226 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Zweig-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Zweig-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Zweig-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Zweig-400x568.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Zweig.jpg 500w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3226" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong data-wp-editing="1">Jacques Lajarrige</strong>: <em>Es kommt vor allem daher, dass die Germanistik seit den 1970er Jahren in Frankreich andere Wege eingeschlagen hat. Zuvor beschränkte sich die französische Germanistik auf Deutschland. Peu à peu interessierte sich die französische Germanistik für die DDR, ein Schwerpunkt, den es nach wie vor gibt, dann gab es viele Auslandsösterreicher, die an den französischen Universitäten Karriere machten und die österreichische Literatur sozusagen mitgebracht haben. Dazu gehören auch Exil-Österreicher wie Felix Kreissler (1917-2004), der im Jahr 1975 die </em><a href="https://journals.openedition.org/austriaca/945"><em>Zeitschrift Austriaca</em></a><em> gegründet hat. Die Zeitschrift erscheint zwei Mal im Jahr. Ich bin inzwischen geschäftsführender Herausgeber dieser Zeitschrift. </em></p>
<p><em>Es gab sogar eine Zeit, in der etwa 70 Prozent der Dissertationen in der Germanistik einen österreichischen Schwerpunkt hatten. Das hat sich inzwischen wieder etwas geändert. Es gibt wieder mehr deutsche Themen, auch nach wie vor zur DDR. Es entstand mit der Zeit ein Gleichgewicht, vor allem nach der großen </em><a href="https://www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/vergangene-ausstellungen/wien-1900/"><em>Ausstellung zur Wiener Moderne im Centre Beaubourg</em></a><em>. </em></p>
<p><em>In Frankreich gab es eine richtige Österreichwelle. Nicht nur an den Universitäten, auch in der allgemeinen Öffentlichkeit Die Franzosen sind große Österreichfans. Stefan Zweig ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren in Frankreich.</em></p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Auch Hermann Broch (1886-1951). Ich würde sogar sagen, er ist dort populärer als in Österreich. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und populärer als in Deutschland.</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong><em>: Das denke ich sowieso </em>(alle lachen). <em>Es gab kürzlich allerdings einige Broch-Tagungen in Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht haben Franzosen und Belgier einen anderen Blick auf die österreichische Literatur?</p>
<div id="attachment_2676" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/poetologie_nach_auschwitz"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-2676" class="wp-image-2676 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Ortner-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Ortner-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Ortner-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Ortner-400x567.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2022/12/Ortner.jpg 500w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-2676" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Es gibt diesen Blick gerade auf den Avantgarde-Aspekt der österreichischen Literatur, während man in Deutschland stärker auf das Erzählen setzt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verändert hat sich mit der Zeit auch die Situation österreichischer Verlage.</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Dies hängt eng mit der Geschichte des Verlagswesens zusammen und geht zurück in das Jahr 1886, als die Habsburger Monarchie nicht der </em><a href="https://www.wipo.int/treaties/fr/ip/berne/"><em>Berner Konvention</em></a><em> beigetreten ist. Deshalb entwickelte sich in Österreich keine Verlagsszene. Bücher, die auf dem Gebiet der Monarchie gedruckt wurden, konnten jederzeit nachgedruckt werden, weil für sie kein Urheberrecht galt. Dies zeigt sich schön am Beispiel Samuel Fischer (1859 – 1934), der in Ungarn geboren worden war und in Wien gelebt hatte, bevor er seinen Verlag in Berlin gegründet hat. Es war einfach viel vorteilhafter bei deutschen Verlagen zu veröffentlichen. Für Dramatiker war es wichtig, in Münchner oder Berliner Theatern aufgeführt zu werden, zumal die Wiener Szene noch sehr konservativ war. Avantgarde hatte es schwer, dort auf die Bühnen zu kommen. Der deutschsprachige Markt ist immer ein gemeinsamer Markt gewesen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und mit den Nazis kam der Bruch?</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Dann kam das Exil. Eine bestimmte Gruppe von österreichischen ebenso wie von deutschen Autoren und Verlegern wurde ausgegrenzt, es gibt eine ganze Reihe von Verlegern, die ins Exil gehen mussten. Nach dem Krieg kamen dann einige wieder zurück, beispielsweise Zsolnay aus der Schweiz, der längst lebende Verlag in Wien, der 1924 gegründet wurde (seit 1996 gehört der Verlag zu Hanser, nach wie vor auch unter dem Namen Zsolnay). Der Gründer des Verlags, Paul Zsolnay, stammte übrigens auch aus Budapest.</em></p>
<h3><strong>Österreichische Literatur – inter- und transnational</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ist überhaupt österreichische Literatur? Wir haben bis 1918 Kakanien, dann die Zeit bis 1938, anschließend die Nazi-Herrschaft über Österreich, Exil-Literatur, dann die Nachkriegszeit. Mal so gefragt: Ist Franz Kafka (1883-1924) ein österreichischer Autor?</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Darüber streitet man nicht mehr in der Fachwelt.</em> <em>Kafka ist als Autor eine transnationale Erscheinung. Er ist österreichischer, deutscher, tschechischer und jüdischer Autor. Wir finden gerade bei Franz Kafka etwas für die österreichische Literatur Typisches: die Ironie. Franz Kafka hat über seine eigenen Texte gelacht und wenn er sie im Freundeskreis vorlas, haben sich alle kräftig amüsiert. Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Elfriede Jelinek, deren ironische Qualität allzuoft überlesen wird. Sie ist bei Weitem nicht so ernst wie sie rezipiert wird, was die historischen und sozialen Abgründe, in die sie uns in ihren Werken Blicken lässt, nicht reduziert, sie aber durch eine weitere Ebene bereichert. Diese Spannung zwischen Tragik und Ironie finden wir bei vielen österreichischen Autorinnen und Autoren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und heute bei Autor*innen wie Raphaela Edelbauer (*1990). Vielleicht würde Kafka so wie sie schreiben, wenn er heute lebte. Manches erinnert mich auch an den berüchtigten britischen Humor, so à la Monty Python. Verstehen Deutsche das nicht? Rhetorische Frage. Führen wir den Gedanken fort, den wir mit Franz Kafka eingeleitet haben. Wie österreichisch sind Prager Autorinnen und Autoren, die deutsch schreiben? <em> </em></p>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>Nehmen wir Franz Werfel (1890-1945). Ein Prager, der kein Tschechisch kann. Mit Alma Mahler (1879-1964) verheiratet, einer gebürtigen Wienerin. Er war ein gebürtiger Österreicher wie auch Franz Kafka. Von Werfel kann man schon sagen, er war von Anfang an Österreicher. Politisch und historisch betrachtet. Wir haben noch keinen Werfel-Band in unserer Reihe, aber das wäre kein Problem.</em></p>
<div id="attachment_3217" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/joseph_roth-staedtebilder"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3217" class="wp-image-3217 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Joseph_Roth-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Joseph_Roth-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Joseph_Roth-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Joseph_Roth-400x567.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Joseph_Roth.jpg 500w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-3217" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Sie haben mit Recht nach der Nachkriegsliteratur gefragt. Die Jahrhundertwende um 1900 ist die erste Epoche,</em> <em>in der österreichische Literatur internationale Aufmerksamkeit gewinnt. Ich habe natürlich auch an Franz Grillparzer (1791-1872) gedacht, aber zu dessen Lebzeiten war das Inter- oder Transnationale der kakanischen Literatur noch nicht so stark etabliert wie zur Jahrhundertwende. Wenn man sich die Autoren und Autorinnen – überwiegend leider Autoren – anschaut, hat da jeder irgendwie Wurzeln im Bereich der Monarchie, außerhalb des nach 1918 übrig gebliebenen Restgebiets Österreich. Dies gilt insbesondere für die Vertreter der Wiener Moderne, die ihre Verbindungen, ihre Wurzeln in vielen Regionen Zentral- und Süd-/Osteuropas haben. Joseph Roth (1894-1939) zum Beispiel, den Sie so schätzen, schauen Sie, wo der überall war. Wohin gehört Roth? Man kann nicht festmachen, wohin er gehört. Er gehört zu vielen Orten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht erschließt sich Österreich im Spannungsfeld von Kakanien und Maghrebinien? Manche sagen, es erkläre sich von der Peripherie, nicht aus dem Zentrum. Das betrifft natürlich in ganz besonderer Weise die Autorinnen und Autoren, die ins Exil flüchten mussten. Joseph Roth sowieso, Stefan Zweig, der sich in Brasilien das Leben nahm. Eine andere Frage ist natürlich die nach dem Publikum der Autoren und Autorinnen im Exil.</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Das lässt sich an Franz Blei so schön zeigen.</em> <em>Es ist daher auch so wichtig, Franz Blei in unsere Reihe aufzunehmen. Auch als Exil-Autor in einer Zeit, in der viele Exil-Autoren veröffentlicht werden. Der Veröffentlichung des Romanfragments „Das trojanische Pferd“ werden 2023 noch ein Tagungsband und eine Biographie in Briefen folgen.  </em></p>
<p><em>Gerade in jüngster Zeit ist das Interesse an der Exilzeit wieder stark gestiegen, Denken Sie an den autobiographischen Roman „Der Kampf um das Schloss“ (Berlin / New York, Berlinica, 2022) von Julius Meier-Graefe (1867-1935), der stark rezipiert wurde. Wo Meier-Graefe allerdings stark autobiographisch schreibt, bemüht sich Franz Blei einen psychologisch-essayistischen Roman nach dem Modell von André Gide (1869-1951) oder James Joyce (1882-1941) zu verfassen. Seine Bedeutung erfassen wir vielleicht, wenn wir uns seine Nähe zu Robert Musil und vor allem zu Hermann Broch in Erinnerung rufen. Musil betonte, bevor die beiden sich entzweit haben, ohne Franz Blei hätte es viel weniger Geist in der Welt gegeben. Seine extreme Belesenheit und sein Spürsinn für literarische Innovation schlagen sich deutlich im Roman nieder, der sehr diskursiv gestaltet ist und die Bedrohungen des Faschismus hinter dem Versuch, einen „normalen“ Alltag zu leben, spürbar werden lässt. Seine Figuren haben keinen Handlungsspielraum, man könnte sie als postmoderne Ausgesetzte lesen, denn alles, was sie aufzubauen versuchen, ist von vorneherein aussichtslos, weil es von den Frankisten / Faschisten / Nationalsozialisten zerstört werden wird. </em></p>
<div id="attachment_3218" style="width: 221px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/das-trojanische-pferd"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3218" class="wp-image-3218 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Blei_Trojanisches_Pferd-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Blei_Trojanisches_Pferd-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Blei_Trojanisches_Pferd-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Blei_Trojanisches_Pferd-400x568.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Blei_Trojanisches_Pferd.jpg 500w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3218" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>Der Schauplatz Mallorca verweist nicht nur auf eine wenig beachteten Exilort, an dem sich deutsche Flüchtlinge vor dem aufkommenden Nationalsozialismus ab 1930 niedergelassen haben, sondern der Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 macht diesen Ort generell zu einem Laboratorium des Fliehens vor politischer Verfolgung, dem die vergebliche Hoffnung eingeschrieben ist. Blei hat den Roman ja erst 1940/41 fertiggestellt, als er in Südfrankreich hungernd auf die Ausreise in die USA gewartet hat und reihum seine Bekannten und Freunde in Lagern interniert wurden.</em></p>
<p><em>Eine weitere Qualität hat „Das trojanische Pferd“, weil darin gezeigt wird, dass die Exilsituation den Menschen nicht per se zu einem besseren Wesen macht: Durch das multiperspektivische Erzählen, wo eine Geschichte erst von einer Figur, dann aus der Sicht anderer Figuren erzählt wird, wird nichts beschönigt, wie das in anderen Exilromanen immer wieder passiert: Die Exilanten halten nicht etwa besonders zusammen, sondern ihre Abgründe und Oberflächlichkeit bzw. Kleingeistigkeit werden auf erschreckende Weise sichtbar gemacht. Die Figuren des Romans sind wahrlich keine Helden mehr! </em></p>
<h3><strong>Von der Peripherie ins Zentrum der Aufmerksamkeit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sorgen dafür, dass Autorinnen und Autoren aus der Peripherie ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden.</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Wenn wir eine Linie in unserem Programm sehen wollen, könnte man schon sagen, dass wir uns sehr deutlich um Autorinnen und Autoren kümmern, die viel mehr Aufmerksamkeit verdienten, &#8230;</em></p>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>… aber an den Rand gedrängt wurden!</em></p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Zum Beispiel Soma Morgenstern (1890-1976). Das Buch „Von Galizien ins Exil“ ist der erste Band unserer Reihe. Das trifft auf Gregor von Rezzori (1914-1994) zu, auf Andreas Latzko. Raoul Schrott (*1964) gehört dazu. Stefan Zweig gehört natürlich nicht dazu, aber wir haben durchaus eine politische Intention, dass das Exil ein wichtiges Thema ist. Wir haben Österreich-Frankreich-Beziehungen, Richard Beer-Hoffmann (1866-1945) im Kontext der Wiener Moderne, die ja nicht aus Arthur Schnitzler (1862-1931) oder Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) bestanden hat, sondern aus vielen weiteren Autorinnen und Autoren des Umfelds. </em></p>
<div id="attachment_3006" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/marlen_haushofer-texte_und_kontexte"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3006" class="wp-image-3006 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Capovilla-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Capovilla-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Capovilla-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Capovilla.jpg 300w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3006" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>Mit Vicki Baum (1888-1960) und Marlen Haushofer (1920-1970) haben wir Autorinnen, auf die das genauso zutrifft: Vicki Baum war eine ganz wichtige Autorin der 1920er Jahre. Die Romane von Vicki Baum sind alle als günstige Taschenbücher wieder aufgelegt worden. In den USA wurden ihre Bücher mit prominenten Schauspielerinnen und Schauspielern verfilmt, beispielsweise mit Greta Garbo. Die Weimarer Republik war eine Epoche, in der erstmals viele Frauen, darunter zahlreiche Österreicherinnen, geschrieben haben. Manche – so auch Vicki Baum – wurden als Kolportage abgewertet, aber inzwischen kommt es zunehmend zu einer Rehabilitation. </em></p>
<p><em>Elfriede Jelinek ist zwar Nobelpreisträgerin, aber da gibt es natürlich auch den Versuch der politischen Verdrängung von rechter Seite in Österreich. Die Arbeit von Jessica Ortner in unserer Reihe über Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ zeigt hervorragend, wie einer bekannten Autorin nicht zugestanden wird, dass sie so unangenehme Themen wie die unaufgearbeitete Verstrickung von Österreich in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und den Holocaust offen anspricht. Einer der Gründe für die Beliebtheit österreichischer Literatur ist das Kontroversielle, das Unangepasste, die fehlende Angst vor Streit. Das trifft auf Jelinek zu, auf Handke in anderer Weise. Es trifft auf alle Autorinnen und Autoren in unserer Reihe in unterschiedlicher Form zu.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Reihe Forum: Österreich haben Sie zwei Tagungsbände Marlen Haushofer gewidmet. Sie musste erleiden, dass man ihre Bücher als <em>„Hausfrauenliteratur“</em> abwertete. Das tat sogar ihr Mentor Hans Weigel (1908-1991), der sie sonst als Mentor sehr unterstützte. Ich halte sie für eine Autorin mit einem durchaus avantgardistischen, zuweilen sogar surrealen Anspruch.</p>
<div id="attachment_3005" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/dekonstruktion_der_symbolischen_ordnung_bei_marlen_haushofer"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3005" class="wp-image-3005 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Dekonstruktion-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Dekonstruktion-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Dekonstruktion-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Dekonstruktion.jpg 300w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3005" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>Marlen Haushofer ist einerseits bekannt durch ein Buch wie „Die Wand“, das auch verfilmt wurde, allerdings erst lange Jahre nach ihrem Tod. Sie steht oft im Schatten von Ingeborg Bachmann, ist aber nicht weniger bedeutend. Ich denke an Romane wie „Die Mansarde“ oder „Die Tapetentür“. In „Die Mansarde“ ist die weibliche Hauptperson und Erzählerin mit einem Mann verheiratet, der jeden Sonntag in das Heeresgeschichtliche Museum in Wien geht und sich dort jedes Mal dieselben Vitrinen anschaut. Das ist sein Umgang mit der Vergangenheit <u>und</u> mit der Gegenwart.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht sind die Erzählerin mit ihrem Rückzug in die Literatur und ihr Ehemann zwei Seiten einer Medaille? Ich lese Marlen Haushofer als feministische Autorin. Ist sie dies?</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Das ist sie. Sie schreibt sehr zurückhaltend, sie hätte sich vielleicht selbst nicht als Feministin bezeichnet. Der Begriff war in den 1950er und 1960er Jahren noch nicht so sehr verbreitet. Aber ihre Themen sind eindeutig feministische Themen.</em></p>
<h3><strong>Innovative Avantgarde</strong></h3>
<div id="attachment_3222" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/heterotopien_in_den_hotelromanen_vicki_baums"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3222" class="wp-image-3222 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Vicki_Baum-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Vicki_Baum-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Vicki_Baum-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Vicki_Baum-400x568.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Vicki_Baum.jpg 500w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3222" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in ihrer Reihe einige sehr unangepasste und originelle Autorinnen und Autoren. Ich denke an Maélys Vaillant, die in ihrer Arbeit über Vicki Baum die Hotelsituation mit der Methodik von Michel Foucault (1926-1984), dem Gedanken der <em>„Heterotopie“</em>, analysiert hat. Aus meiner Sicht sehr gelungen.</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>In unserer Reihe sind sehr gute junge Literaturwissenschaftlerinnen vertreten, die einerseits sehr belesen sind, andererseits Theorien perfekt durchschauen und weiterentwickeln. Nach der Studie über die Hotelromane Vicki Baums konzentriert sich Maélys Vaillant gerade auf ein umfangreicheres Korpus der Exilliteratur </em></p>
<p><em>Sie arbeitet dabei mit dem Konzept der Heterotopie von Michel Foucault, bei dem es um die Mehrdeutigkeit von Orten geht. Das Hotel im Werk von Vicki Baum ist auch Gefängnis, zumindest für diejenigen, die es nicht verlassen können, weil sie keinen anderen Ort mehr haben. Es ist ein Übergangsort für diejenigen, die abwarten, ob der Ort, an den sie sich flüchten wollen, sie aufnimmt. Es ist der Ort der heimlichen Liebesbeziehungen von Wirtschaftsleuten. Die verschiedenen Bedeutungen von Orten für die Menschen, die sich dort aufhalten, hat Foucault in seinen Vorträgen und Büchern immer wieder beschrieben. Ich habe das Thema der Heterotopie auch an anderen Beispielen beschrieben, bei Gregor von Rezzori, der an allen oder an gar keinem Ort zu Hause war; auch das Exil, das wir bei Franz Blei mit seinem Schicksal auf Mallorca schon angesprochen haben, wäre ein „anderer Ort“, also eine Heterotopie.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte noch einmal auf die Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich zurückkommen, zentrales Thema bei Elfriede Jelinek, bei Ingeborg Bachmann (1926-1973), eher verhalten, aber auch präsent bei Marlen Haushofer. Damit kämen wir zur Heterochronie als Gegenstück oder Ergänzung der Heterotopie.</p>
<div id="attachment_3219" style="width: 221px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/gregor_von_rezzoris_tanz_mit_dem_jahrhundert"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3219" class="wp-image-3219 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Rezzori-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Rezzori-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Rezzori-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Rezzori-400x568.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Rezzori.jpg 500w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3219" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>Sehr deutlich auch bei Gregor von Rezzori.</em> <em>Obwohl er sich maliziös immer wieder als Dilettanten und teilnahmslosen Beobachter seiner Zeit bezeichnet hat, stellt sein Werk einen komplexen Prozess der historischen Verortung und Verhandlung dar, vor allem gegenüber dem „Anschluss“ und Hitlers Rede am Heldenplatz, die er live erlebte. Als „Epochenverschlepper“ hat er sich in seinen Romanen und anderen autobiographischen Texten immer wieder mit der österreichischen Geschichte und seinen vergangenen Ansichten auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Das gilt für die „Denkwürdigkeiten eines Antisemiten“, für sein „Greisengemurmel“, und noch mehr für seine eigentliche Autobiographie „Mir auf der Spur“, in der er mit sich hart ins Gericht geht. Seine Zeit als Rundfunkberichterstatter bei den Nürnberger Prozessen gibt jedoch ein ganz anderes Bild von Rezzori. </em></p>
<p><em>Diesen noch weitgehend unterbeleuchteten Aspekt seines Schreibens dokumentiert der in unserer Reihe erschienene Band „Rezzoris Tanz mit dem Jahrhundert“. Einer der Texte befasst sich mit der historisch und politisch hochbrisanten Medienproblematik, wobei dazu mehrere Ebenen in Augenschein zu nehmen sind. Zuerst Rezzoris Rundfunkarbeiten und seine Bedeutung als Pionier des Rundfunks nach 1945, insbesondere seine Tätigkeit beim von der englischen Bestatzungsmacht neu organisierten NWDR (Nordwestdeutscher Rundfunk). Und über den historisch-biographischen Aspekt hinaus Rezzoris Eignung für den Rundfunk, die sich durch seine schriftstellerische Aktivität vor und während des Zweiten Weltkriegs in Berlin erklären lässt. </em></p>
<p><em>Die Mitarbeit am Medium Rundfunk prägte tatsächlich seine Schreibpraxis in den Nachkriegsjahren entscheidend mit, dermaßen, dass es zu einer effektiven Verschränkung von literarischer Fiktion, soziologischer Analyse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft und Zeitgeschichte führte. So etwa in den von ihm verantworteten, gestalteten oder geleiteten Sendungen beim NWDR wie dem „Kabarett der Zeit“, oder der von Axel Eggebrecht übernommenen Sendung „Um den Runden Tisch“, die mitunter brandaktuellen Themen gewidmet war und Rezzoris Teilnahme am Urteilsspruch der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse oder an der wichtigen Nachtprogramm-Serie zum Nationalsozialismus begründet.</em></p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>:<em> Indirekt</em> <em>ist die Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich auch bei Soma Morgenstern vorhanden.</em></p>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>Soma Morgenstern widmete sich der erste Band unserer Buchreihe. Wie zahlreiche andere Intellektuelle seiner Generation der schmerzhaften Erfahrung des Exils ausgesetzt, flüchtete er 1938 aus Wien, das den Ausgangspunkt seiner Irrwege durch Frankreich markierte, die ihn unter anderem nach Paris, Toulouse und Marseille führten, bevor er letztlich Zuflucht in New York finden konnte. Dort verstarb er 1976, ohne sich im deutschsprachigen Raum einen richtigen Namen als Schriftsteller gemacht zu haben. Morgensterns Tätigkeit als Musik-, Literatur- und Theaterkritiker, vor allem für die Frankfurter Zeitung, seine Kontakte zu bedeutenden Persönlichkeiten seiner Zeit (G. Scholem, W. Benjamin, Th. W. Adorno, F. Kafka, R. Musil, J. Roth, A. Berg u.a.) und die Briefwechsel, die zum Teil aus diesen Kontakten entstanden, sind jedoch ganz bedeutende Aspekte, weil sie oft Anlass waren zu interessanten Analysen der politischen Lage im Austrofaschismus und des Aufstiegs des Nationalsozialismus. Die Prägnanz und Wiederkehr gewisser Ereignisse und markanter Persönlichkeiten (Brand des Justizpalastes, Anwachsen der Spannungen zwischen Heimwehr und Republikanischem Schutzbund, Seipel, Dollfuß etc.) zeugen nicht nur von einem scharfsinnigen Blick, sondern auch von einer bemerkenswerten politischen Hellsicht<strong>. </strong></em></p>
<h3><strong>Wohin geht die Reise?</strong></h3>
<div id="attachment_3227" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/andreas_latzko-18761943-ein_vergessener_klassiker_der_kriegsliteratur-andreas_latzko-18761943-un_classique"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3227" class="wp-image-3227 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko-400x568.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko.jpg 500w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3227" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wird das Thema Aufarbeitung der NS-Zeit in Österreich auch in weiteren Bänden eine Rolle spielen?</p>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>Wir bereiten einen Band über H.C. Artmann (1921-2000) vor, in dem dieses Thema eine Rolle spielen wird. Ich hoffe, dass der Band bis zum Herbst 2023 vorliegt. Bei ihm spielt dies eine sehr verspielte Art und Weise Kriegsverarbeitung, auch in den barockisierenden Texten aus den 1950er und 1960er Jahren eine Rolle.</em> <em>In seinem 1955 veröffentlichten „Manifest“ hat er zum Beispiel auch gegen die Wiederbewaffnung Österreichs unmissverständlich protestiert.</em></p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>In Vorbereitung ist auch ein Band über </em><a href="http://www.marlenestreeruwitz.at/"><em>Marlene Steeruwitz</em></a><em> (*1950), ein weiterer über Elfriede Gerstl (1932-2009). Bei Elfriede Gerstl geht es um die kleinen Formen, um den Versuch, so kurz wie möglich zu schreiben, um so auf das jahrelange Verstecktsein während der Zeit des Nationalsozialismus zu verweisen.</em> <em>Bei Marlene Steeruwitz geht es auch um die feministische Seite. Das verbindet sie mit Elfriede Jelinek. Das Thema der beiden ist die latente Präsenz des Nationalsozialismus gerade im Kontext der Unterdrückung der Frau.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <a href="https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/neue-leipziger-autoritarismus-studie-erschienen-2022-11-09">Leipziger Autoritarismusstudie</a> bezeichnet den Anti-Feminismus – meines Erachtens treffend – als <em>„Brückenideologie“</em> auf der rechten und rechtsextremen Seite. Das war nun eine deutsche Studie, aber so viele Unterschiede wird es da gegenüber Österreich nicht geben.</p>
<p><strong>Helga Mitterbauer</strong>: <em>Rechtsextremismus basiert grundsätzlich darauf, dass eine als „wir“ definierte Gruppe ihre Identität damit begründet, andere, insbesondere schwächere auszugrenzen und zu verfolgen, üblicherweise sind das in erster Linie Frauen, Juden und Migranten. </em></p>
<div id="attachment_3220" style="width: 222px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/lebensfahrt-erinnerungen"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3220" class="wp-image-3220 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Lebensfahrt-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Lebensfahrt-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Lebensfahrt-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Lebensfahrt-400x567.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/Latzko_Lebensfahrt.jpg 500w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-3220" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein – ich wage den Begriff – geradezu prophetischer Autor ist Andreas Latzko. Seine ersten Texte schrieb er noch auf Ungarisch, dann deutsch, später lebte er in den Niederlanden und manches erschien posthum zunächst auf Niederländisch. Sie haben seine „Erinnerungen“, die „Lebensfahrt“, ergänzt um deren Fortschreibung durch seine Frau Stella Latzko-Otaroff, in Ihrer Reihe veröffentlicht. Manche seiner Bücher sind in deutscher Sprache nicht lieferbar. Wer seinen „Lafayette“ sucht, findet eine englische Ausgabe.</p>
<p><strong>Jacques Lajarrige</strong>: <em>Interessant an Latzko ist, dass er zu einer Kategorie von Autoren gehört, die zeitlebens zu großer Berühmtheit und Anerkennung fanden und seit ihrem Tod zu Unrecht wieder in Vergessenheit geraten sind. Großes Ansehen brachte ihm auf eindrückliche Weise sein 1917 zuerst anonym erschienenes Antikriegsbuch „Menschen im Krieg“, das neben Henri Barbusses Roman „Le Feu“ (1915) als eines der wichtigsten Antikriegswerke Werke galt und ihn weit über die Grenzen der zerfallenen Doppelmonarchie bekannt machte. In den kriegsführenden Staaten mit sofortigem Verbot belegt, genoss Latzko einen kurzen aber wirksamen internationalen Erfolg, was nicht ohne Bedeutung für die pazifistischen Kreise Frankreichs und der Schweiz blieb. Der erste Weltkrieg, den Latzko als „Men-schen-sa-lat!“ charakterisiert hat, und dessen Folgen stehen auch im Zentrum des Briefwechsels mit zwei wichtigen österreichischen Zeitgenossen, Hermann Bahr und Stefan Zweig. </em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen – die Bände der Reihe „Forum: Österreich“ (Stand Mai 2023)</strong>:</h3>
<ol>
<li>Jacques Lajarrige, Hg., Soma Morgenstern – Von Galizien ins amerikanische Exil. Soma Morgenstern – De la Galicie à l’exil américain.</li>
<li>Marc Lacheny, Littérature ‚d’en haut‘, littérature ‚d’en bas‘? La dramaturgie canonique allemande et le théâtre populaire viennois de Stranitzky à Nestroy.</li>
<li>Stéphane Pesnel / Erika Tunner / Heinz Lunzer-Talos, Hg., Joseph Roth – Städtebilder – Zur Poetik, Philologie und Interpretation von Stadtdarstellungen aus den 1920er und 1930er Jahren.</li>
<li>Jessica Ortner, Poétologie ‚nach Auschwitz‘ – Narratologie, Semantik und sekundäre Zeugenschaft in Elfriede Jelineks Roman <em>Die Kinder der Toten.</em></li>
<li>Andreas Latzko / Stella Latzko-Otaroff, Lebensfahrt – Erinnerungen, herausgegeben und kommentiert von Georg B. Deutsch.</li>
<li>Sylvie Grimm-Hamen, La carte et la pioche – Raoul Schrott, poète ‚entre deux eaux‘.</li>
<li>Jacques Lajarrige / Fried Nielsen, Hg., Gregor von Rezzoris ‚Tanz mit dem Jahrhundert‘.</li>
<li>Hans Weichselbaum, Hg., Andreas Latzko und Stefan Zweig – eine schwierige Freundschaft – Der Briefwechsel 1918-1939.</li>
<li>Sylvie Arlaud / Marc Lacheny / Jacques Lajarrige / Eric Leroy du Cardonney, Hg., Dekonstruktion der symbolischen Ordnung bei Marlen Haushofer – Die Wand und Die Mansarde.</li>
<li> Irène Cageau / Sylvie Grimm-Hamen / Marc Lacheny, éd., Les traducteurs, passeurs culturels entre la France et l‘Autriche.</li>
<li>Matthias Meert, Intertextualität im dramatischen Werk Richard Beer-Hoffmanns.</li>
<li>Marc Lcheny / Maria Piok / Sigurd Paul Scheichl / Karl Zieger, Hg., Französische Österreichbilder – Österreichische Frankreichbilder.</li>
<li>Hans Weichselbaum, Hg., Andreas Latzko und Hermann Bahr – eine Freundschaft aus rebellischem Geist – Der Briefwechsel 1919 – 1933 – Mit zwei Erzählungen von Andreas Latzko.</li>
<li>Maélys Vaillant, Heterotopien in den Hotelromanen Vikki Baums.</li>
<li>Jacques Lajarrige, Hg. Unter Mitwirkung von Kerstin Terler, Andreas Latzko (1876-1943) – Ein vergessener Klassiker der Kriegsliteratur? Andreas Latzko – un classique de la littérature de guerre oublié?</li>
<li>Andrea Capovilla, Hg., Marlen Haushofer – Texte und Kontexte.</li>
<li>Franz Blei, Das trojanische Pferd – Romanfragment – herausgegeben von Helga Mitterbauer.</li>
<li>In Vorbereitung: Bände zu Franz Blei (darunter ein Briefband), H.C. Artmann, Elfriede Gerstl und Marlene Steeruwitz.</li>
</ol>
<h3><strong>Der Verlag Frank &amp; Timme im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></strong></h3>
<ul>
<li>Maélys Vaillant, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/im-goldenen-kaefig/">Im Goldenen Käfig &#8211; Heterotopien in den Hotelromanen Vicki Baums</a>.</li>
<li>Zu Marlen Haushofer: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/a-world-of-her-own/">A World of Her Own – Feministische Anarchie und Surrealitäten bei Marlen Haushofer</a>.</li>
<li>Zu Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-shoah-erzaehlen/">Die Shoah erzählen – Jessica Ortner und Jana Hrdličká über scheinbare Hermetik</a>.</li>
<li>Zur Erinnerung in polnischer und persischer Literatur: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/denkmal-der-unbekannten/">Denkmal der Unbekannten – Lena F. Schraml über literarische Erinnerungskulturen</a>.</li>
</ul>
<h3><strong>Weitere Texte zum Thema Österreich im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></strong></h3>
<ul>
<li>Über Geschichte und Präsenz von Antisemitismus in Österreich: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-antisemitische-achterbahn/">Die antisemitische Achterbahn – Studien und Einschätzungen zum Antisemitismus in Österreich</a>.</li>
<li>Zu Gregor von Rezzoris „Denkwürdigkeiten eines Antisemiten“: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/et-in-kakania-ego/">Et in Kakania ego – Oder was Donald J. Trump noch zum erfolgreichen Faschisten fehlt</a>.</li>
</ul>
<p>(Anmerkung: Erstveröffentlichung im Mai 2023, Internetzugriffe zuletzt am 10. Mai 2023. Das Titelbild zeigt die <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brody._Synagoga.jpg">Große Synagoge in Brody</a>, dem Geburtsort von Joseph Roth, Fotograph unbekannt, Quelle: Wikimedia Commons)</p>
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		<title>A World of Her Own</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/a-world-of-her-own/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Mar 2023 05:58:17 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>A World of Her Own Feministische Anarchie und Surrealitäten bei Marlen Haushofer „Zwei Tage liegen nun vor mir, zwei Tage Zeit, um niederzuschreiben, was ich zu schreiben habe. Aber ich kann mich schlecht sammeln, seit dieser Vogel in der Linde schreit. Es wäre mir lieber, ich hätte ihn heute früh nicht entdeckt. Das verdanke  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>A World of Her Own</strong></h1>
<h2><strong>Feministische Anarchie und Surrealitäten bei Marlen Haushofer</strong></h2>
<p><em>„Zwei Tage liegen nun vor mir, zwei Tage Zeit, um niederzuschreiben, was ich zu schreiben habe. Aber ich kann mich schlecht sammeln, seit dieser Vogel in der Linde schreit. Es wäre mir lieber, ich hätte ihn heute früh nicht entdeckt. Das verdanke ich meiner schlechten Gewohnheit, stundenlang am Fenster zu stehen und in den Garten zu starren. Hätte ich nur einen flüchtigen Blick hinausgeworfen, wäre er mir nie aufgefallen. Sein Gefieder ist so grüngrau wie die Rinde des Baumes. Erst nach einer halben Stunde bemerkte ich ihn, weil er zu schreien und zu flattern anfing. Er ist noch so jung, dass er nicht fliegen und noch viel weniger Mücken fangen kann.“ </em>(Marlen Haushofer, Wir töten Stella)</p>
<p>Die Erzählerin von „Wir töten Stella“ möchte etwas aufschreiben, sie will ihren Beitrag zum Tod Stellas beichten, ein tödlicher Unfall im Straßenverkehr. Stella wurde von einem LKW überfahren. Für die Erzählerin war der Unfall <em>„Mord“</em>, sodass sich eine Reminiszenz an den letzten Satz in Ingeborg Bachmanns dreizehn Jahre nach „Wir töten Stella“ erschienen Roman „Malina“ geradezu aufdrängt: <em>„Es war Mord.“</em> Ab wann die Begleitumstände eines Todes und die diversen Kontakte der Überlebenden mit dem beziehungsweise der Toten als <em>„Mord“</em> oder zumindest als Beihilfe betrachtet werden könnten, wird zu einer völlig subjektiven Emotion, losgelöst von jeder juristischen Würdigung.</p>
<div id="attachment_3003" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3003" class="wp-image-3003 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Geburtshaus_2-300x192.jpg" alt="" width="300" height="192" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Geburtshaus_2-200x128.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Geburtshaus_2-300x192.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Geburtshaus_2-400x256.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Geburtshaus_2-460x295.jpg 460w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Geburtshaus_2-600x383.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Geburtshaus_2.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3003" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marlen-Haushofer-Geburtshaus_2.jpg">Das Geburtshaus von Marlen Haushofer in Molln, Effertsbach 6</a>. Fotograf: Christoph Waghubinger, Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a>.</p></div>
<p>Mann und Kinder sind nicht da, aber die Erzählerin von „Wir töten Stella“ wird abgelenkt: Ein junger Vogel ist ihr nicht mehr <em>„gleichgültig“</em>, sie fühlt sich fast schon für ihn verantwortlich, fast so wie sie sich für Stella und nicht zuletzt Stellas Tod verantwortlich fühlt. Andererseits fühlt sie sich durch den Tod Stellas von einer Belastung in der Familie befreit. Sie unterstellte Stella, dass ihr Mann mit ihr ein erotisches Verhältnis hatte, was möglicherweise auch stimmte, obwohl wir nur aus der Perspektive der Erzählerin davon erfahren. Diese Verantwortung sucht sie durch ein Bekenntnis zu bewältigen, letztlich erfolglos. Sie tut letztlich das Gegenteil von dem, was sie selbst fordert: <em>„Aber ich schaue nicht zurück, denn es lohnt sich nicht zurückzuschauen.“</em> Aber der Mensch hat ja keinen Einfluss auf das, was geschieht, was geschehen wird. So glaubt sie: <em>„Natürlich könnte ich auch an die Zukunft denken, aber das tue ich nie. Sie wird ganz ohne mein Zutun kommen und uns auf unheimliche Weise zu dem machen, was wir nie sein wollten. Jede Minute, jede Sekunde verwandelt uns weiter fort von uns.“</em> Die Gegenwart ist die eigentliche Last.</p>
<h3><strong>Schlechtes Gewissen </strong></h3>
<p>„Wir töten Stella“ erschien im Jahr 1958, ein Jahr nach „Die Tapetentür“, sechs Jahre nach „Das fünfte Jahr“. Fünf Jahre nach „Wir töten Stella“ erschien „Die Wand“, sechs weitere Jahre später „Die Mansarde“. In fast allen Erzählungen oder Romanen dreht es sich um eine einsame oder sich zumindest einsam fühlende Frau, die auch gleichzeitig die Erzählerin ist. In den Romanen „Das fünfte Jahr“ und „Himmel, der nirgendwo endet“ sind ein etwa fünf- beziehungsweise zweieinhalbjähriges Mädchen die Hauptpersonen. Ihre Geschichten werden aus ihrer Perspektive in erlebter Rede erzählt, sie sind von einem ähnlichen Unverständnis gegenüber der sie umgebenden Welt gezeichnet wie die Welten der erwachsenen Erzählerinnen bei Marlen Haushofer. In „Die Tapetentür“ gibt es eine Mischform, die Hauptperson Annette als Erzählerin und Tagebuchschreiberin, dazu erzählende Passagen in der dritten Person, aber auch diese in erlebter Rede, ähnlich dem Flaubert’schen „discours indirect libre“.</p>
<p>Wenn die Welt schweigt, was bedeutet dann Gott? Marili, das kleine Mädchen in „Das fünfte Jahr“ denkt: <em>„Der liebe Gott war längst eingeschlafen und hatte sie mit ihm allein gelassen.“</em> Die Tagebuchschreiberin in „Die Tapetentür“ sieht den in ihrer realen Welt allmächtig gedachten Gott machtlos: <em>„Man könnte sogar annehmen, dass Christus nichts anderes bedeutet als die Aufgabe der Schmerzlosigkeit Gottes. Einem Gott, der leidet und erniedrigt wird, haben die Geschöpfe nichts mehr voraus.“</em> Ein Hauch von Theodizee? Doch wer sind die Götter, der Gott? Aus soziologischer Sicht ließe sich vermuten, dass möglicherweise internalisierte gesellschaftliche Erwartungen als Ersatz solcher Götter fungieren oder möglicherweise sogar als ihre wahre Essenz?</p>
<div id="attachment_3004" style="width: 210px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3004" class="wp-image-3004 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Gedenktafel_am_Haus_Berggasse_81_in_Steyr_1-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Gedenktafel_am_Haus_Berggasse_81_in_Steyr_1-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Gedenktafel_am_Haus_Berggasse_81_in_Steyr_1-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Gedenktafel_am_Haus_Berggasse_81_in_Steyr_1-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Marlen-Haushofer-Gedenktafel_am_Haus_Berggasse_81_in_Steyr_1.jpg 640w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-3004" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marlen-Haushofer-Gedenktafel_am_Haus_Berggasse_81_in_Steyr_1.jpg">Gedenktafel für Marlen Haushofer an der Fassade des Hauses Berggasse 81 in Steyr</a> (Ecke Berggasse/Pfarrgasse). Graviert von Christian Pramesberger (HTL Steyr), angebracht Ende März 2020 vom Marlen Haushofer Literaturforum (OÖN vom 25. März 2020, Beilage Steyrer Zeitung). Fotograf: Christoph Waghubinger, Wikimedia  Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a>.</p></div>
<p>Daniela Strigl, Autorin einer umfassenden Marlen-Haushofer-Biographie mit dem Titel: „Wahrscheinlich bin ich verrückt…“ (Erstveröffentlichung 2007 bei Ullstein), zitiert den letzten Brief, den Marlen Haushofer vor ihrem Tod schrieb: <em>„Auch wenn du mit einer Seele behaftet wärest, sie wünscht sich nichts als tiefen, traumlosen Schlaf. Der ungeliebte Körper wird nicht mehr schmerzen. Blut, Fleisch, Knochen und Haut, alles wird ein Häufchen Asche sein und auch das Gehirn wird endlich aufhören zu denken. Dafür sei Gott bedankt, den es nicht gibt.“</em> Daniela Strigl verweist auch auf die unliebsame Begegnung von Marili in „Das fünfte Jahr“ mit dem Bild des Gekreuzigten. Marili sieht einerseits den <em>„sagenhaft gütigen, Geschichten erzählenden Großvater“</em> als den <em>„lieben Gott“</em>, anderseits den bösen Gekreuzigten, der <em>„das Kind durch sein vorwurfsvolles Schweigen“</em> erschreckt, das die Großmutter noch verstärkt, indem sie <em>„Marili erzählt, dass Christus den Tod am Kreuz ‚für unsere Sünden büßt‘“</em>, obwohl Marili keine Ahnung hat, was <em>„Sünden“</em> sein sollen. Schuld ist letztlich eine Zuschreibung, die Erwachsene als Begründung sie verwirrender oder gar schockierender Ereignisse vornehmen. Zu einer solchen Zuschreibung sind Kinder noch nicht in der Lage, aber die Erzählungen der Erwachsenen sorgen dafür, dass sie es bald sind.</p>
<p>Ein unerwarteter oder zugleich offenbar sehnsüchtig erwarteter Tod in „Wir töten Stella“, die von einem unbekannten physikalischen Phänomen verursachte Isolation von der Außenwelt in „Die Wand“, der Rückzug aus einer <em>„Welt, die rund und ungebrochen war und die es nicht mehr gibt“</em> in die Einsamkeit eines eigenen Zimmers in „Die Mansarde“, in die hinein die Erzählerin fern von allen alltäglichen Aufgaben – scheinbar ungestört – ihrer Gegenwart entfliegt – das sind Grundsituationen, die vor den Augen der Welt um die Erzählerin herum noch nicht einmal gerechtfertigt zu sein scheinen. In „Die Tapetentür“ sinniert die Erzählerin: <em>„Vielleicht ist das Tagebuch einfach ein Laster wie Rauchen und Trinken.“</em> Das schlechte Gewissen begleitet alle Träume, alle kreativen Versuche.</p>
<p>Die jeweilige Selbstabwertung des Schreibaktes durch die Erzählerinnen bei Marlen Haushofer haben ihr Gegenstück in der Rezeption. Ein kurzer Dialog aus „Die Tapetentür“ zwischen Annette und dem eigentlich verständnisvoll scheinenden Onkel Eugen: <em>„‚Phantasie‘, sagte sie</em> <em>selbstvergessen, ‚ist es was sehr Übles und Verdächtiges, findest du nicht?‘ / Er lächelte artig und nickte. In diesem Augenblick sah er sehr weise und wissen aus, aber so sah er da jetzt immer aus; es war nicht einmal sicher, dass er ihr zugehört hatte, und sie hoffte, es wäre nicht der Fall gewesen.“ </em></p>
<h3><strong>Fragile Ordnung</strong></h3>
<p>Marlen Haushofer wurde als Autorin durchaus wertgeschätzt, oft aber wird sie unterschätzt oder sogar abgewertet. Sie wurde immer wieder nicht in der Rolle der kreativen Autorin, sondern als frustrierte Hausfrau, die sie oberflächlich betrachtet vielleicht auch war, gesehen, ihr Werk wurde mitunter als <em>„Hausfrauenprosa“</em> bezeichnet, selbst – so berichtet Daniela Strigl – von ihrem literarischen Mentor Hans Weigl. Der Gegenstand wurde einfach mit dem Werk verwechselt. Nun präsentierte sich Marlen Haushofer nicht so schrill, polarisierend und politisierend wie Elfriede Jelinek, nicht so schlecht gelaunt wie Thomas Bernhard oder sich selbst bemitleidend wie Peter Handke.</p>
<p>Das Besondere an Marlen Haushofers Erzählungen und Romanen liegt einfach darin, dass der scheinbar banale Gegenstand immer wieder geradezu surreal gebrochen und dekonstruiert wird, dies aber so dezent geschieht, dass man schon sehr genau hinschauen muss, um es angemessen zu würdigen. „Die Wand“ ist vielleicht der Roman, in dem diese surrealen Brechungen allein durch das Setting, das Aufwachen in einer von einer gläsernen Kuppel abgeschlossenen Welt bei gleichzeitigem Tod alles Lebenden außerhalb dieser Kuppel, offensichtlich werden. Der eigentlich surreale Akt besteht jedoch darin, dass die eingeschlossene Erzählerin beginnt, ein Protokoll des Eingeschlossen-Seins aufzuschreiben. Solange der Vorrat an Papier reicht.</p>
<p>Marlene Krisper, die Marlen Haushofer persönlich kannte, schrieb den Essay „Das <em>ordentliche</em> Leben der Marlen Haushofer“ (im Original kursiv, Ernsthaler Verlag Steyr 2009). Zunächst bietet sie eine psychologische Erklärung: <em>„Um die Spannung zwischen intellektuellem und provinziellem Leben zu verkraften, verschreibt sich Marlen ein Ordnungskorsett: ein selbstgebasteltes Gefängnis aus Vernunft und Disziplin. Wenn sie den Pflichten des Tages nicht nachkommt oder die vermeintlichen Erwartungshaltungen anderer nicht erfüllen kann, greift sie zur Selbstbestrafung.“</em> Interessant ist die Identifikation der Autorin mit der Erzählerin beziehungsweise Protagonistin der Erzählung, hier in „Die Tapetentür“. Diese Identifikation scheint mir große Teile des Schreibens über Marlen Haushofer zu bestimmen. Aber wie auch immer: Marlene Krisper würdigt diese Ambivalenzen im Denken und Schreiben Marlen Haushofers und der von ihr geschaffenen Erzählerinnen und Protagonistinnen als <em>„Beiträge zur Soziologie ihrer Zeit.“</em></p>
<p>Vielleicht hängt dieser Wusch nach <em>„Ordnung“</em>, <em>„Vernunft und Disziplin“</em> auch mit dem Drang zur Verdrängung der Vergangenheit in der österreichischen Nachkriegsgesellschaft zusammen. Marlene Krisper definiert, was sie mit <em>„ihrer Zeit“</em>, der Zeit der Marlen Haushofer, meint: <em>„Entweder wird darüber geschwiegen oder die Erinnerung daran in eine erklärbare Ordnung gebracht. Gutes Benehmen als Ersatz für Vergangenheitsbewältigung – nach den moralischen Verheerungen des Nationalsozialismus – an welchen man unwissend, ahnend, als Mitläufer oder Täter beteiligt war – müssen wieder ordentliche Verhältnisse einkehren.“ </em>So ergeben sich der <em>„Putzzwang“</em> und schließlich die <em>„Domestizierung weiblicher Kreativität durch ständig sich wiederholende eintönige Tätigkeiten. Eine Art Austreibungsritual.“</em></p>
<p>Daniela Strigl beschreibt den möglichen Einfluss der NS-affinen Professoren, die Marlen Haushofer nach ihrer Immatrikulation im Jahr 1940 an der Universität Wien erlebte: Josef Nadler und Hans Sedlmayr waren darunter, beide auch nach 1945 mit Einfluss auf die Studierenden einiger Jahrzehnte. Das Buch „Verlust der Mitte“ von Hans Seldmayr wurde geradezu zu einem Kultbuch. all derjenigen, die eine intellektuelle Erklärung für den Zusammenbruch der bisher gepflegten Weltanschauung suchten, sie aber nicht unbedingt in allen Teilen aufgeben wollten. Es ist im Grunde wie das manische Weißeln der Häuser in Max Frischs „Andorra“, das im Jahr 1961 uraufgeführt wurde.</p>
<p>Parallelen sieht Marlen Krisper bei den Beschreibungen ihrer Mütter durch Peter Handke und Thomas Bernhard. In dieser Welt ist es eben schwierig, sich als Schreibende zu behaupten: <em>„Marlen muss sich einreden, dass Schreiben etwas Ordentliches ist und keine – wie sie es nennt – ‚unbürgerliche Ausschweifung‘.“</em> Marlene Krisper sieht Marlen Haushofer jedoch nicht nur als Opfer ihrer Zeit, sondern auch die Art und Weise, wie es ihr in ihren Texten gelingt, <em>„das Nichtvereinbare in Gegenpolen zu vereinen“</em>. <em>„Die wie ein roter Faden durchgehende Antithese Erinnern und Vergessen ist rettend und bedrohlich zugleich.“</em> Es ist kein Zufall, dass die Erzählerinnen in „Die Wand“, „Die Tapetentür“, „Die Mansarde“ oder in „Wir töten Stella“ alle mehr oder weniger im Duktus einer Beichte, eines Lebensberichtes, eines Bekenntnisses schreiben, das nicht unbedingt für jemand Dritten bestimmt sein muss, auch wenn diese Möglichkeit nie völlig ausgeschlossen wird.</p>
<h3><strong>Räume des Absurden</strong></h3>
<p>Wer dem Bild des Werks der Marlen Haushofer weiter auf den Grund gehen möchte, sollte sich zwei Bände anschauen, die im <a href="https://www.frank-timme.de/de">Berliner Verlag Frank &amp; Timme</a> erschienen sind. Es handelt sich um zwei Tagungsberichte, die rund um das Jahr des 100. Geburts- und 50jährigen Todestages der Autorin entstanden sind. Beide Berichte machen Lust darauf, die Texte Marlen Haushofers neu zu entdecken, jenseits des patriarchalischen Verdikts der <em>„Hausfrauenprosa“</em>. Beide Bücher bieten umfangreiche Literaturverzeichnisse, die zeigen, wer wo in welchen Kontexten zu Marlen Haushofer geforscht hat.</p>
<div id="attachment_3005" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/dekonstruktion_der_symbolischen_ordnung_bei_marlen_haushofer"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3005" class="wp-image-3005 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Dekonstruktion-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Dekonstruktion-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Dekonstruktion-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Dekonstruktion.jpg 300w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3005" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Im Jahr 2019 erschien der von Sylvie Arlaud, Marc Lacheny, Jacques Lajarrige und Eric Leroy du Cardonnoy herausgegebene Band „Dekonstruktion der symbolischen Ordnung bei Marlen Haushofer“. Er dokumentiert eine Tagung, die 2019 in Paris stattfand. 15 Autor*innen befassen sich in österreichisch-französischer Zusammenarbeit vorwiegend mit den Romanen „Die Wand“ und „Die Mansarde“ aus verschiedenen Perspektiven: einer eher philosophischen Perspektive unter dem Stichwort „Entfremdung“ (fünf Texte), einer feministischen Perspektive unter dem Stichwort „Weibliche Stimmen“ (vier Texte) und einer historisierenden Sicht unter dem Stichwort „Geschichte“ (fünf Texte). Die Texte wurden in deutscher beziehungsweise in französischer Sprache veröffentlicht.</p>
<p>Drei Jahre später, im Jahr 2022, erschien der von Andrea Capovilla herausgegebene Band „Marlen Haushofer: Texte und Kontexte“. Elf Autor*innen verfassten die elf darin dokumentierten Beiträge, die bei einer Konferenz am Ingeborg Bachmann Centre in London anlässlich des 100. Geburtstages und 50. Todestages der Autorin vorgestellt wurden. Diese Texte wurden in englischer beziehungsweise in deutscher Sprache veröffentlicht.</p>
<p>An beiden Bänden beteiligt war Daniela Strigl. Beide Bände sind Teil der wunderbaren Reihe „Forum: Österreich“ des Verlags Frank &amp; Timme, die von Helga Mitterbauer und Jacques Lajarrige herausgegeben wird.</p>
<p>In der Einleitung zu „Dekonstruktion der symbolischen Ordnung“ benennen die Herausgeber*innen den roten Faden des Buches: <em>„Die unsichtbare Wand und die Mansarde sind mehrfach kodierte symbolische Räume, an denen sich die künstlerische Sublimierung <u>und</u> der existentielle Bezug des Menschen zur Welt ausloten und ablesen lassen.“</em> Das hervorgehobene <em>„und“</em> signalisiert bereits, dass sich das Werk Marlen Haushofers nicht auf einen einzigen Begriff bringen lässt. Wenige Sätze später betonen die Herausgeber*innen die <em>„Verbindung mit dem spielerischen Formalismus des Absurden“</em>.</p>
<p>Marlen Haushofers Erzählungen wurden in der Zeit geschrieben, in der auch die Romane des Nouveau Roman und die Theaterstücke des „Theaters des Absurden“ (Martin Esslin) erschienen. Samuel Beckett lässt sich beiden literarischen Strömungen zuordnen. „Die Wand“ hat durchaus etwas von einem „Endspiel“, der Duktus folgt durchaus einem Romantitel von Samuel Beckett: „Comment c’est“ (1961) – „Wie es ist“ oder auch der in „Malone meurt“ (1951) erzählten Geschichte eines Sterbens. Die Autor*innen beider Sammelbände thematisieren darüber hinaus Marlen Haushofers Bezüge zur Science Fiction (einschließlich ihrer <em>„Schwäche für Groschenromane“</em> wie „Perry Rhodan“), zu Märchen, zu utopischer und dystopischer Literatur, zu den „Prinzessinnendramen“ Elfriede Jelineks, zu ökologischen, feministischen wie existentialistischen Ansätzen bis hin zu einer Art von <em>„Zivilisationskritik“</em> (Ralf Zschachlitz in: Arlaud und andere).</p>
<p>Daniela Strigl verweist auf einen Fragebogen, in dem Marlen Haushofer <em>„als für sie wichtige Schriftsteller“</em> unter anderen <em>„Laurence Sterne, Iwan Gontscharow und Anton Tschechow“</em> nennt. Vor allem Tschechow habe sie immer lesen können. Daniela Strigl resümiert (in: Capovilla): <em>„Dass es in jedem Fall einen Zusammenhang zwischen dem Schreiben und der gesellschaftlichen Situation gibt, ob es nun um postapokalyptische Szenarien geht oder um den österreichischen Alltag, darüber besteht überhaupt kein Zweifel.“ </em>Marlen Haushofer ist jedoch nicht nur Zeitzeugin, sie ist Zeugin der Unabweisbarkeit des Schreibwillens und Schreibprozesses, in den Worten Daniela Strigls: <em>„Was die Erzählerin gegen die Gefahr der Ich-Auflösung setzt, ist das Schreiben.“</em></p>
<p>Marlen Mairhofer (auch in: Capovilla) sieht schon in der Auseinandersetzung zwischen der Erzählerin Annette in „Die Tapetentür“ und ihrem Mann über die Bezeichnung eines Baumes ein grundlegendes Gefühl des Zweifels an der Sinnhaftigkeit der Welt: <em>„Immer wieder verlieren Haushofers Figuren die Fähigkeit, der Welt um sich herum Sinn abzugewinnen.“</em> Immer wieder sehen die Erzählerinnen Marlen Haushofers Bäume und Vögel, Tiere und Natur, letztlich aber eine <em>„Anti-Idylle“</em>. Elisabeth Kargl und Aurélie Le Née zitieren im Titel ihres Beitrags (in: Arlaud und andere) Marlen Haushofer mit dem Satz <em>„Es stimmt nicht, dass ich nicht idyllisch sein <u>will</u>.“</em></p>
<p>Auch wenn Marlen Haushofer es nicht explizit ausspricht, würden Bedrohungen der Zeit, beispielsweise ein Nuklearkrieg, die Zerstörung allen Lebens, ein neuer Zweiter Weltkrieg angetriggert, in „Die Wand“ reflektiere die Erzählerin <em>„Für ein unendliches Heer von Toten ist die einzige Möglichkeit des Menschen für immer vertan (….).“</em> Es ließe sich durchaus auch darüber nachdenken, wie Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ geschrieben worden wäre, wenn das Motiv der gläsernen Wand, vielleicht um die dortige Pension Alpenrose herum, aufgenommen worden wäre. Nur im Schreibakt gibt es Rettung? Aber ob der Schreibakt geeignet ist, <em>„die Gleichgültigkeit der sie umgebenden Umwelt“</em> aufzuheben, wie Sylvie Grimm-Hamen in ihrem Beitrag (in: Arlaud und andere, Übersetzung aus dem Französischen NR) zunächst formuliert, bleibt offen. Es bleibt auch die Angst, dass der Akt des Schreibens be- und verhindert wird, ein – so Sylvie Grimm-Hamen – <em>„<u>Leitmotiv</u> </em>(im Original deutsch) <em>in der Korrespondenz und im Austausch mit ihren Nächsten wie mit ihren Verlegern.“ </em></p>
<p>Das Gegenbild zum Schreibakt der Erzählerinnen beziehungsweise Tagebuchschreiberinnen in „Die Tapetentür“, „Die Wand“ oder „Die Mansarde“ – alles Bezeichnungen von Grenz- und Schwellenräumen innerhalb eines Hauses, nur „Die Wand“ spielt definitiv außerhalb von Häusern, obwohl die dortigen Häuser und Landschaften Räume in einem großen einschließenden Raum sind – sind die Versuche des Ehemanns Hubert in „Die Mansarde“, der sich mit alten Schlachten oder Museumsbesuchen beschäftigt. Auffällig ist schon, dass dabei die jüngere österreichische Geschichte, schon gar nicht die Zeit des Nationalsozialismus, keine Rolle in dieser solipsistischen Beschäftigung mit der Vergangenheit spielen, durchaus auch lesbar als Parallele zur sich in ihre <em>„Mansarde“</em> zurückziehenden Ehefrau.</p>
<p>Jacques Lajarrige verfasste für den Band „Dekonstruktion der symbolischen Ordnung“ einen sehr lesenswerten Essay über die Bedeutung des Museums in „Die Mansarde“ (Übersetzung aus dem Französischen NR): <em>„Bei Marlen Haushofer stellt das Museum keinen Ort neutralen Erhalts dar, in dem der Besucher sich damit zufriedengeben könnte, in völliger Sorglosigkeit umherzuschweifen.</em> <em>Im Hinblick auf den Bruch des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs hat es für die Romanautorin notwendig die Unschuld eines Archivs verloren.“ </em>Museen sorgen gleichzeitig für <em>„Orte der Inklusion und der Exklusion“</em>. Es geht letztlich immer um den <em>„Graben der österreichischen Nachkriegsgesellschaft zwischen jüngster Geschichte und der Akkumulation eines instrumentalisierten historischen Wissens.“</em> Damit sind die Texte Marlen Haushofers – so Jacques Lajarrige – keine apolitischen Texte. Allerdings erscheint das Politische in der Regel erst, wenn sich Leser*innen auf die Tiefenstruktur der Texte einlassen und sich von der scheinbaren Belanglosigkeit des erzählten Alltags lösen, zu dem eben auch ein sonn- oder feiertäglicher Museumsbesuch gehören mag.</p>
<p>Die Mansarde ist der Gegenraum zum Museum. Das Hobby der Erzählerin, das Schreiben, ist die Gegentätigkeit zum Hobby des Ehemanns mit seinen historischen Studien. Und vielleicht auch umgekehrt, denn von den Gefühlen des Ehemannes erfahren wir nur das, was seine Ehefrau vermutet. Schreiben wird zur existenzialistisch lesbaren Befreiung in einer Welt, in die man – auch dies existenzialistisch verstehbar – hineingeworfen wird, sodass man letztlich keine Wahl hat als sich einen Ort des Rückzugs zu schaffen, vielleicht im Sinne des „Room of her own“ Virginia Woolfs, auf den auch mehrfach in den Beiträgen der beiden Sammelbände verwiesen wird. Vielleicht sind die Lektüren und Museumsbesuche der Versuch des Ehemanns, sich seinen „Room of his own“ zu schaffen, wohl weniger als Antiraum zu seiner Ehefrau als zum allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Erbe der österreichischen Verstrickung in Nationalsozialismus und Faschismus. Eine ausführliche Analyse der Männergestalten im Werk Marlen Haushofers wäre als Ergänzung sicherlich interessant.</p>
<p>Daniela Strigl spitzt diese existenzialistisch inspirierte Sichtweise zu (in: Arlaud und andere): <em>„Haushofers existenzialistischer Zeitbegriff ist an die individuelle Existenz geknüpft und mit einer solipsistischen Vorstellung verbunden: Im Dasein der Einsiedlerin wird die Vergesellschaftung der Zeit rückgängig gemacht. Die Zeit der Endzeit ist die Zeit des letzten Menschen.“ </em>In „Die Wand“ kann man – spätestens nach dem Mord an dem Mörder von Hund und Stier – den Gedanken <em>„des letzten Menschen“</em> wörtlich verstehen. Die in dem Begriff des <em>„Letzten Menschen“</em> bei Nietzsche gegebene Banalität eines nur noch auf aktualistische Bedürfnisse reduzierten menschlichen Lebens ist darin überwunden, weil es in der Welt der „Wand“ solche Bedürfnisse auch gar nicht mehr geben kann.</p>
<h3><strong>Ecriture féminine – ein Widerstandsakt</strong></h3>
<p>So wie die Mansarde nach Daniela Strigl so etwas ist wie <em>„ein reduzierter Elfenbeinturm“</em> ist der Raum innerhalb der gläsernen Wand eben gerade dies nicht, weil es die für einen <em>„Elfenbeinturm“</em> erforderliche Bezugsgröße einer Außenwelt mit anderen Menschen gar nicht mehr gibt. Evelyne Polt-Heinzl (in: Arlaud und andere) lässt ahnen, wie sich die Scheinwelt des Alltags auflösen ließe: <em>„Haushofers Frauenfiguren reflektieren durchaus, dass die von ihnen geduldig und emsig aufgebauten Eigenheimidyllen nur potemkinsche Wände ergeben. Zur Aufrechterhaltung der idyllischen Familienkulisse gehört die eiserne Disziplin der Hausfrau.“</em> Die Landschaften, in denen die Erzählungen spielen, die Vögel, die Bäume, die sich vor den Häusern zeigen, in denen die Erzählerinnen leben, verweisen immer wieder auf die Unabweisbarkeit einer Selbst-Isolation. Régine Battiston schreibt (in: Arlaud und andere): <em>„Dieser Bildkomplex der Isolierung, der vorwiegend weibliche Figuren betriff, durchzieht das ganze Werk wie ein roter Faden.“ </em>Darin sieht sie die feministische Dimension des Schreibens der Marlen Haushofer. In „Die Tapetentür“ lässt Marlen Haushofer Annette über Bücher reflektieren, in denen Männer über Frauen schreiben: <em>„Auch jede Frau in den von Männern geschriebenen Romanen war ein Unding, und das hatte sie beim Lesen noch immer geärgert und verstimmt; derartige Romane waren anmaßend und unwahr.“</em> Frauen brauchen ihre eigene Sprache und diese Sprache bräuchte eine eigene Öffentlichkeit, die sie aber – zumindest in den Erzählungen von Marlen Haushofer – nicht hat.</p>
<div id="attachment_3006" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/marlen_haushofer-texte_und_kontexte"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3006" class="wp-image-3006 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Capovilla-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Capovilla-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Capovilla-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/Capovilla.jpg 300w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-3006" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Régine Battiston sieht in der Alm aus „Die Wand“ aber auch eine <em>„kosmische Dimension“</em>, die nach dem Mord an dem Mörder des Hundes und des Tiers vom Locus amoenus zu einem Locus terribilis mutiert, der nicht mehr, nie wieder mehr besucht werden kann. <em>„Marlen Haushofers Werk macht Frauen zu Gefangenen und zu Überlebenden.“</em> Der Ort, an dem das Überleben möglich wird, wird einem Gefängnis immer ähnlicher, weil es kaum noch Ausweichmöglichkeiten gibt, nur in der Fantasie. In „Die Wand“ schreibt die Erzählerin: <em>„Manchmal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich den großen Auszug aus dem Wald. Aber das sind nur Träume. Offenbar hört ein Mensch nie auf, bei Tag zu träumen.“</em></p>
<p>Sylvie Grimm-Hamen, Sarah Neelsen und Ulrike Tanzer beschreiben ausdrücklich feministische Elemente im Werk Marlen Haushofers (alle in: Arlaud und andere). Aber auch in anderen Texten des Bandes spielt diese feministische Dimension eine wichtige Rolle. Evelyne Polt-Heinzl beginnt ihren Essay mit den Sätzen: <em>„Marlen Haushofers Frauenfiguren haben meist viel zu beschweigen. Am lautesten schweigen sie über jene Abgründe, die ihr Leben in ein radikales Davor und Danach geteilt haben.“</em> Eben dies ist die Frage: sind die Bekenntnisse der Erzählerinnen Marlen Haushofers eine Fortsetzung des Schweigens, weil das Publikum, das Schreibende eigentlich bräuchten, fehlt oder womöglich gar nicht (mehr) gesucht wird?</p>
<p>Evelyne Polt-Heinzl weist allerdings auch darauf hin, dass der Ehemann der Erzählerin in „Die Mansarde“ nicht möchte, dass seine Frau mit ihrer Kunst Geld verdient, und damit den Rückzug in die Mansarde maßgeblich bedingt: <em>„Ihrer künstlerischen Tätigkeit Öffentlichkeit zu verwehren, ist Huberts Anteil an seiner Errichtung.“ </em>Evelyne Polt-Heinzl bezieht diese Einstellung auch auf die Nicht-Aufarbeitung der NS-Zeit. Während Hubert sich in Büchern und Museen vergangener Großartigkeit entsinnt, ähnlich dem, wie viele Männer dies in Ehemaligen-Verbänden und -Bünden taten, haben Frauen diese Rückzugsmöglichkeiten in ein scheinbar immer gleiches Österreich nicht.</p>
<p>Schreiben wird zum Widerstandsakt, zum Schritt in eine Gegenwelt. So Sylvie Grimm-Hansen (Übersetzung aus dem Französischen NR): Marlen Haushofer <em>„unterstreicht, dass Schreiben bedeutet, die Gleichgültigkeit ihrer Umwelt zu überwinden und sich einer manchmal tyrannischen Feindseligkeit entgegenzustellen.“</em> Schreiben sei immer <em>„eine ambivalente Tätigkeit“</em>, ein <em>„Akt des Widerstands“</em> (<em>„acte de résistance“</em>), <em>„ein machtvolles Gegengift angesichts einer Welt, die mal als ein in stürmischer, mal in einer versteinerten und versteinernden Bewegung gefangen ist.“</em> Auf diese Weise erschließe sich eine Möglichkeit, die Welt zu verstehen und zu bewältigen, es entstehe ein <em>„Möglichkeitsraum, in den das Ich seine Widersprüche hineinprojizieren kann ohne jemals das Trauma und den Riss zu leugnen, die sie heimsuchen.“</em></p>
<p>Feministische und existenzialistische Diskurselemente bedingen und verstärken sich bei Marlen Haushofer gegenseitig. In diesem Kontext erscheinen die Erzählerinnen und Frauengestalten Marlen Haushofers als in eine im traditionellen Sinne männlich genannte Welt Hineingeworfene, die wie der Sisyphus des Albert Camus letztlich <em>„ein glücklicher Mensch“</em> werden könnten. Wenn sie nur schreiben, wenn sie nur ihrer Kunst nachgehen. So entsteht Ordnung, eine feministische Ordnung. Sie verändert die männliche Ordnung nicht, entwickelt sich aber in sich kohärent und zumindest temporär unabhängig.</p>
<p>In diesem Sinne stimmt die These von Sylvie Grimm-Hansen: <em>„Die Erzählerin versteht sich auch als eine ordnende Kraft.“</em> So schwer dies sein mag. In „Die Tapetentür“ ist die Befreiung aus dem Alltag durch Sichtung der Manuskripte oder das Schreiben selbst ebenso schwer wie der Alltag selbst. Das Geheimnis des Schreibens muss gewahrt und offenbar vor der Entdeckung in der männlich dominierten Welt geschützt werden: <em>„Den Schlüssel immer wieder aus dem Versteck holen zu müssen, war ihr an der ganzen Tagebuchschreiberei das Lästigste. Immer waren es diese Kleinigkeiten, die ihr am ärgsten zusetzten, den Briefkasten täglich aufzusperren, die Zeitung jeden Morgen auf dieselbe Weise zu falten, drei Stück Zucker in den Kaffee zu geben und jeden Abend die Armbanduhr aufzuziehen. Es war ermüdend und zermürbte sie mehr als ein richtiger großer Ärger. Aber wollte man eines Tages diesen Zwang abschütteln, so wäre, laut Tante Johanne, der Unordnung Tür und Tor geöffnet.“</em></p>
<h3><strong>Nachkriegsgesellschaft</strong></h3>
<p>Daniela Strigl zitiert im Titel ihres Essays (in: Capovilla) eines der berühmtesten Dramen von Edward Albee, das vor allem durch die Verfilmung mit Richard Burton und Elizabeth Taylor in den Hauptrollen Furore machte, weil man nie wusste, ob die beiden nicht auch sich selbst spielten: „Wer hat Angst vor Marlen Haushofer?“ Deutlicher kann man sich auf die österreichische Vergangenheit und deren Aufarbeitung nicht beziehen, weil hier die Parallelen zu <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-shoah-erzaehlen/">Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“</a> oder Ingeborg Bachmanns „Unter Mördern und Irren“ unmittelbar ins Auge fallen. Der Tod Stellas erhält die historisch-politische Dimension des Wegschauens und Zulassens. Auch wenn niemand Stella umgebracht hat, waren alle irgendwie an ihrem Tod beteiligt: <em>„Der ungesühnte Massenmord ist die Wunde, an der alle, bewusst oder unbewusst, leiden. Dabei machen Haushofers weibliche Figuren sich mit den Tätern gemein. In <u>Wir töten Stella</u> deckt Anna die Machenschaften ihres Ehemanns, indem sie dazu schweigt. In <u>Die Mansarde</u> ist die Erzählerin sogar drauf und daran mit jenem X, den sie für einen Mörder hält und dessen Hände sich ‚immer neugieriger benehmen‘, ein neues Leben zu beginnen.“ </em></p>
<p>Ich weiß nicht, ob ich Daniela Strigl folgen soll, wenn sie <em>„Sarkasmus“</em> als das Stilmittel Marlen Haushofers benennt, mit dem sie der männlich verfassten, post-nazistischen Welt der österreichischen Gesellschaft der 1950er und 1960er Jahre begegnet. Man mag es so lesen. Eine andere Lesart wäre die surreale. Die Welten der Erzählungen Marlen Haushofers wirken – abgesehen von der Grundsituation in „Die Wand“ – alle ausgesprochen banal, aber sie sind es nicht, denn überall entstehen Fluchten. Selbst Huberts Beschäftigung mit alten Schlachten, selbst seine Museumsbesuche sind solche Fluchten. Sie unterscheiden sich von denen seiner Ehefrau dadurch, dass sie gesellschaftlich akzeptiert sind was offenbar das Schreiben von Romanen dies offenbar nicht ist, vor allem dann, wenn es durch eine Frau geschieht.</p>
<p>Eine Frau muss sich sagen lassen, sie verfasse <em>„Hausfrauenprosa“</em>, sie kann sich kaum dagegen wehren, wie die Rezeptionsgeschichte Marlen Haushofers immer wieder zeigt. Ein Mann muss nichts begründen, nichts rechtfertigen, unabhängig davon, ob er in dem, was er tut, eine besondere Fantasie oder Kreativität an den Tag legt. In diesem Sinne ließen sich die Romane und Erzählungen Marlen Haushofers durchaus auch als verzögerte „Coming-of-Age“-Romane verstehen. Justyna Górny legt diesen Verdacht in ihrem Essay „Bilder aus der Schulzeit“ (in: Capovilla) nahe. In diesem Sinne sind Marlen Haushofers Erzählungen über eine Hausfrauenwelt Fortsetzungen von Internatsromanen wie sie Christa Winsloe oder Grete von Urbanitzky – diese beiden Autorinnen nennt Justyna Górny – geschrieben haben: <em>„Der Aufenthalt im Internat kann dabei als Metapher für das Leben einer durchregulierten und oppressiven Gesellschaft gelesen werden.“</em> <em>„Regeln und Vorstellungen“</em> sind der äußere Rahmen, nicht mehr und nicht weniger, sie sind aber nicht der Kern eines Lebens im umbauten bürgerlich regulierten Raum. Die Befreiung liegt nicht im Ausbruch, sondern in der weiteren Verengung des äußeren Raums, surreal überhöht in „Die Wand“.</p>
<p>Die zwischenmenschlichen Beziehungen von Frauen in diesen Räumen versucht Justyna Górny mit Adrienne Richs <em>„Idee des ‚lesbian continuum‘ als eine fließende Vielfalt von weiblichen Interaktionen“</em> zu beschreiben. Dies ließe sich beispielsweise durchaus über die unausgesprochene, aber in ihrer gegenseitigen Anziehungskraft kontinuierliche Beziehung zwischen der Erzählerin in „Die Mansarde“ und der sie regelmäßig besuchenden <em>„lieben Dame“</em>, die keinen Namen hat, sich immer genau so verhält, wie man denkt, dass sich eine Dame verhalten sollte, aber letztlich ebenso wie die Erzählerin in den regelmäßigen Treffen vielleicht doch ganz andere Träume haben könnte. Wir erfahren es angesichts der Erzählperspektive nicht. Die <em>„liebe Dame“</em> lebt in den Augen der Erzählerin in einer Art <em>„Paradies auf Erden“</em>. Aber wer weiß? Die surreale Wahrheit liegt vielleicht gerade im Gegenteil. <em>„Warum sollte ich eigentlich nicht fliegen können?“</em> Ein Traum in „Die Mansarde“. In „Die Wand<em>“: „Manchmal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich den großen Auszug aus dem Wald. Aber das sind nur Träume. Offenbar hört ein Mensch nie auf, bei Tag zu träumen.“</em></p>
<h3><strong>Sisyphus</strong></h3>
<div id="attachment_3007" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3007" class="wp-image-3007 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/640px-Grab_Marlen_Haushofers_2-300x222.jpg" alt="" width="300" height="222" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/640px-Grab_Marlen_Haushofers_2-200x148.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/640px-Grab_Marlen_Haushofers_2-300x222.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/640px-Grab_Marlen_Haushofers_2-400x296.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/640px-Grab_Marlen_Haushofers_2-600x443.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/03/640px-Grab_Marlen_Haushofers_2.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3007" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grab_Marlen_Haushofers_2.jpg">Grab Marlen Haushofers am Steyrer Taborfriedhof</a>. Fotograf: Christoph Waghubinger, Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/3.0/at/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.en">Attribution-Share Alike 3.0 Austria</a> license.</p></div>
<p>Der Schreibakt in „Die Wand“ ist ein <em>„Selbstgespräch“</em>, in „Die Mansarde“ und in „Die Tapetentür“ erscheinen nicht nur die Tagebücher, auch alle anderen Gespräche als eben solche Selbstgespräche. Wir erleben – so die Erzählerin in „Die Mansarde“: <em>„eine Welt, die rund und ungebrochen war und die es nicht mehr gibt“</em> und damit eine Hoffnung auf die Wiederherstellung einer Vergangenheit, die sich jedoch als Illusion erweisen muss: <em>„Deshalb haben wir auch immerzu Angst, die Dinge könnten ihre unendliche Geduld ablegen, den Bann brechen und ihrer wahren, schrecklichen Gestalt auf uns einstürzen. Jede Gestalt wäre schrecklich, weil sie uns ganz fremd wäre. Die Dinge könnten uns unter ihrer Fremdheit begraben, wir vergäßen ihre Namen und würden selber zu namenlosen Dingen.“</em> Diese Tagebuchnotiz in „Die Mansarde“ beginnt mit dem Lösen von Kreuzworträtseln, mit einem Schmetterling, der natürlich nicht weiß, warum er so heißt, wie die Menschen ihn nennen. Die Tagebuchschreiberin und Erzählerin stellt lapidar fest: <em>„Unser Mut ist bewundernswert, wenn er auch vielleicht nur aus Angst und Starrsinn besteht, aber wozu ist es gut? Wenn ich will, kann ich am Tag zwanzig Kreuzworträtsel lösen, und je mehr ich löse, desto weniger verstehe ich von der Welt.“</em> Es folgt eine Bemerkung zum aufgeblühten Seidelbast: <em>„Der Seidelbast ist aufgeblüht. Ich schneide ihn nicht ab, er könnte ja schreien, und ich wüsste es gar nicht.“</em></p>
<p>In „Die Wand“ sieht die Erzählerin eine „weiße Krähe“, vielleicht eine Reminiszenz an die Todeswünsche, von denen sie berichtet. Die Erzählerin kann nichts mehr aufschreiben, denn sie hat kein Papier mehr. Es sind die Vögel, die bleiben: <em>„Die Krähen haben sich erhoben und kreisen schreiend über dem Wald. Wenn sie nicht mehr zu sehen sind, werde ich auf die Lichtung gehen und die weiße Krähe füttern. Sie wartet schon auf mich.“</em></p>
<p>Auch die Gespräche zwischen der <em>„lieben Dame“</em> und der Erzählerin in „Die Mansarde“ haben etwas ebenso Solipsistisches, etwas Rituelles. Die immerwährende Wiederholung solcher Rituale, zu denen eben auch die Träume und Selbstgespräche gehören – das sind die Überlebenshilfen eines Sisyphus, im Falle Marlen Haushofers eines weiblichen Sisyphus. Darüber nachzudenken, ob sie so glücklich ist, wie Albert Camus dies bei seinem männlichen Sisyphus vermutet, bleibt uns Leser*innen überlassen, aber immerhin: A World of Her Own.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkung: Erstveröffentlichung im März 2023, Internetzugriffe zuletzt am 28. Februar 2023. Titelbild: pixabay.)</p>
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