Projekt Beschreibung

Die Verb(r)annten

Ein Gespräch mit Jürgen Kaumkötter über die Sammlung Jürgen Serke

Das Museum Zentrum für verfolgte Künste in Solingen verfügt neben der Sammlung Gerhard Schneider, über die ich mit Jürgen Kaumkötter vor einigen Monaten gesprochen habe (www.demokratischer-salon.de/beitrag/der-tod-hat-nicht-das-letzte-wort), über die Sammlung Jürgen Serke, eine beeindruckende literarische Sammlung mit einer Fülle von Dokumenten, Fotografien, Urkunden und Büchern von Autor*innen, die aufgrund ihrer Vertreibung, ihrer Verfolgung, ihres Exils nicht im Rampenlicht der Aufmerksamkeit der durch Literaturkritik und Literaturwissenschaften geprägten Welt standen.

Die Entstehung der Sammlung Jürgen Serke

Norbert Reichel: Eine der beiden großen Sammlungen Zentrum für verfolgte Künste (www.verfolgte-kuenste.de) trägt den Namen von Jürgen Serke. Jürgen Serke wurde 1938 in Landsberg an der Warthe (Gorzów Wielkopolski) geboren, dem Ort, in dem 1929 Christa Wolf geboren wurde. Diese Koinzidenz ist vielleicht nicht von Bedeutung, aber ich denke, dass Herkünfte ein Leben durchaus prägen. Erinnerung, Aufarbeitung von und Auseinandersetzung mit Vergangenheit – das ist ein Lebensthema von Christa Wolf wie von Jürgen Serke.

Jürgen Kaumkötter: Jürgen Serke ist von seiner Ausbildung her Journalist. Er fing an bei United Press International (UPI) und war dort für Osteuropa zuständig. Während des „Prager Frühlings“ war er als Korrespondent vor Ort und hat diese Stimmung in Prag, den Wunsch nach Freiheit, nach einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ erlebt. Er war politischer Korrespondent, hatte sich aber auch damals schon der Literatur zugewandt und Kontakt zu Künstler*innen in Prag. Jürgen Serke hat auch die damals junge Generation kennengelernt, beispielsweise Vaclav Havel (1936-2011) oder Milan Kundera (*1929). So erlebte er natürlich auch die große Enttäuschung, die große Niedergeschlagenheit nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“. Er hat in den Jahren 1967, 1968 gleichermaßen die Entwicklungen in Deutschland, die Osterunruhen in Berlin, die Radikalisierung der Studentenbewegung verfolgt. Er war stets vor Ort, aber immer auf der Seite der Künstler*innen, in seinem Falle der schreibenden Zunft.

Das war der Startschuss für seine Sammlung. Er hatte auf seinen Reisen immer schon Geschichten gesammelt, er ging dann zum STERN, fing dort als Gerichtsreporter an, also so ähnlich wie Gerhard Mauz (1925-2003) beim SPIEGEL. Er schrieb ein Buch über Staatsanwälte, Rechtsanwälte, kannte Otto Schily. Er hat auf seinen Reisen immer Bücher gesammelt und fand dabei auch Autor*innen, die in Deutschland nicht mehr bekannt waren, zum Beispiel Irmgard Keun (1905-1982) oder Ernst Toller (1898-1939). Davon hat er nach den Redaktionssitzungen bei einer Flasche Rotwein Henri Nannen (1913-1996) erzählt. Henri Nannen war fasziniert und sagte ihm, er solle ein Jahr losfahren, er solle dann mit einer Serie wiederkommen. Das wäre heute im Journalismus nicht mehr möglich. Aber der STERN war damals ein großes Blatt mit einer Auflage von über zwei Millionen und konnte sich das leisten.

Jürgen Serke ist dann mit einem Fotografen, Wilfried Bauer (1944-2005), losgefahren und hat recherchiert. Die Serie kam zustande. Ich kürze das etwas ab. Die Serie ergab ein Buch, „Die verbrannten Dichter“, das 1977 erschien. Ich weiß nicht, wie viele Auflagen erschienen sind. Es gab viele. Das war eine Initialzündung der verfolgten und vergessenen Exilant*innen. Viele Auflagen, große Resonanz. Der Begriff der „verbrannten Dichter“ ist geradezu zu einem geflügelten Wort geworden. Jürgen Serke hat dann gesammelt, nicht im Sinne eines Sammlers, dem es auf Erstausgaben oder Widmungsexemplare angekommen wäre. Er sammelte, um die Geschichten zu schreiben. Er hat sich mit den Autor*innen, die noch lebten, getroffen, mit Hugo Sonnenscheins Sohn, der ihm Briefe gab, oder mit Werner Lüning, Freund und Lektor von Wolfgang Borchert (1921-1947), der ihm Briefe von Wolfgang Borchert gab. Das ist ganz wichtig, um unsere Sammlung in Solingen zu verstehen.

Dann wurde Jürgen Serke schließlich auch ein gefragter Literaturkritiker, ein Schriftsteller über Literatur. Er hat nicht nur diejenigen recherchiert, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, sondern auch die Dissident*innen in Osteuropa, die er in Prag kennengelernt hatte. Wir haben unglaubliche Fotos von Czesław Miłosz (1911-2004), der in Berkeley Professor geworden war und in dieser kurzen Solidarność-Phase, kurz vor Verhängung des Kriegsrechts, noch von Adam Michnik (*1946) und Lech Wałęsa (*1943) empfangen worden war. Jürgen Serke hatte ihn in Berkeley mit Wilfried Bauer getroffen, und dann sind sie gemeinsam mit Czesław Miłosz nach Warschau geflogen und hatten dann auch wieder Fotos gemacht. Adam Michnik hat Czesław Miłosz durch Warschau geführt, und Wilfried Bauer hat fotografiert, und diese Fotos haben wir bei uns im Museum. 

Ich war mal im Auswärtigen Amt eingeladen. Adam Michnik saß im Weltsaal auf dem Podium. Ich hatte die Fotos in der Tasche, in der Größe einer Visitenkarte, habe dann in der Pause Adam Michnik angesprochen und ihm die Fotos gegeben. Ich sah dann, wie er auf dem Podium die Fotos herumzeigte. Nachher haben wir miteinander gesprochen. Er konnte sich überhaupt nicht mehr daran erinnern, dass irgendjemand bei diesem Rundgang dabei gewesen war. Für die polnische Geschichte war das ein wichtiges Ereignis, waren das wichtige Dokumente.

Auch von Josef Brodsky (1940-1996), der russische Autor, der im Exil in New York City lebte, haben wir Fotos. Jürgen Serke hat nach dem Buch „Die verbrannten Dichter“ ein Buch mit dem Titel „Die verbannten Dichter“ geschrieben. Heute sagt er, es sei eigentlich ein Fehler gewesen, ein Buch so ähnlich zu nennen, weil das phonetisch doch schnell durcheinander geht. Aber auch von diesem Buch haben wir Autografen, Urkunden, Familienfotos, Bücher – all dies hat Jürgen Serke auf seinen Reisen gesammelt.

Dann kamen die Hitlertagebücher. Jürgen Serke hat daraufhin den STERN verlassen. Als einziger ist er aufgrund dieser Geschichte gegangen. Henri Nannen versuchte ihn noch zu halten, aber der STERN brach dann auch auseinander.

Norbert Reichel: Die Hitlertagebücher haben dem STERN den Hals gekostet, das gesamte Renommée.

Jürgen Kaumkötter: Ja, und wenn man sich das heute anschaut, ist es ein Witz. Ich habe mir damals, das war 1983, die Hitlertagebücher auch gekauft. Unglaublich dick, 400 Seiten, mit einer Wahnsinnsoptik. Jürgen Serke hat den STERN aus Überzeugung verlassen, hat dann weitere Bücher über Autor*innen in der DDR geschrieben, ein Buch mit dem Titel „Böhmische Dörfer“ über Autor*innen dieser Region.

„Frauen schreiben“ und ein Hauch von Kakanien

Norbert Reichel: Interessant fand ich auch das Buch „Frauen schreiben“. Dieses Buch enthält ausschließlich Texte über schreibende Frauen. Ich finde das sehr wichtig, weil in der Rezeption der Literaturkritik, der Germanistik, auch in anderen Literaturen lange Zeit die männlichen Autoren dominierten.

Jürgen Kaumkötter: Jürgen Serke hat Themen, die im Raum standen, aufgegriffen, und dazu gehörte auch die Literatur von Frauen. Das ist seine Fähigkeit als Journalist. Er veröffentlichte 1976 die Serie, 1977 das Buch über die „Verbrannten Dichter“, die Serie „Holocaust“ erschien 1979 im deutschen Fernsehen. Das ist genau die Phase, in der die Achtundsechziger die Erinnerungskultur, die wir heute haben, entwickelten. Das war damals ihre zentrale Frage, wie konnte das eigentlich geschehen? Jürgen Serke war Avantgardist der Erinnerungskultur, hat Themen gesetzt, gleichzeitig waren und wurden die Themen aktuell. Das gilt auch für die „Böhmischen Dörfer“. Franz Kafka kennt man, vielleicht noch Franz Werfel, aber welch unglaublich vielfältige und spannende Landschaft deutscher Literatur Böhmen gewesen ist, das wissen wenige. Der erste surreale Roman deutscher Sprache von Melchior Fischer ist in Aussig an der Elbe, in Ùstí nad Labem, entstanden. Der Autor war mit den Ćapeks befreundet, die das absurde Theater mit entwickelt haben. Es ist schon eine einzigartige literarische Landschaft. Der Titel des Buches passt schon sehr gut.

Unsere Sammlung ist kein Literaturkanon. Man wird die Eckpfeiler der Literatur des 20. Jahrhunderts, Thomas Mann, Erich Maria Remarque, Günter Grass, lange suchen, wird sie nicht finden. Dazu muss man nach Marbach gehen oder in die Deutsche Nationalbibliothek nach Frankfurt. Bei uns sind die Autor*innen vertreten, die im Abseits standen und die Jürgen Serke wiederentdeckt hat.

Norbert Reichel: Es sind Autor*innen, die nach dem Exil nach Deutschland zurückkamen, aber keinen Fuß mehr fassten. Sie konnten nicht wie Thomas Mann sagen, dass dort, wo sie – wo auch immer in der Welt – gerade wären, die deutsche Kultur zu Hause wäre. Ein ganz trauriges Beispiel ist beispielsweise Irmgard Keun.

Jürgen Kaumkötter: Irmgard Keun war eine Wiederentdeckung von Jürgen Serke. Er hat sie damals in Köln getroffen. Immer, wenn er über sie redet, ist das ein Anekdotenschatz, hat auch viel mit Alkohol zu tun, mit Perücken und mit viel Lebensfreude und Spaß. Man muss das im Zusammenhang sehen. Es gab damals eine ganz andere Medienlandschaft als heute. Das kann man nicht miteinander vergleichen. Wenn man im STERN etwas über 15 Seiten schrieb, erreichte man zwanzig Millionen Menschen. Das gab Zweit- und Drittleser*innen, es gab Lesezirkel. Jürgen Serke hat mir das alles einmal erklärt. Das erreicht man heute vielleicht noch – wenn man Glück hat – mit der Tagesschau, wenn etwas Besonderes passiert ist. Das erreicht man nicht einmal mit dem Fernsehen. Er hat damals einen Artikel über Irmgard Keun gebracht, und damit ist sie dann auch wiederentdeckt worden. Es ist müßig zu fragen, was wäre wenn. Wäre Jürgen Serke nicht gewesen, wäre es vielleicht jemand anders gewesen…

Norbert Reichel: … oder vielleicht auch niemand.

Jürgen Kaumkötter: Die Sammlung ist im Grunde das Ergebnis der Recherchen von Jürgen Serke.

© Jörg von Bruchhausen

Norbert Reichel: Die Sammlung hat – du hast das schon angesprochen – auch ein osteuropäisches Flair. Prag spielt eine große Rolle. Czernowitz ist einer der Orte. Ihr zeigt zum Beispiel das Manuskript der Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger. Im Grunde hat die Sammlung auch einen Hauch von Kakanien.

Jürgen Kaumkötter: Wir haben die größte böhmisch-deutsche Sammlung, sicherlich wesentlich mehr als das Prager Literaturhaus (www.prager-literaturhaus.com) mit seiner Sammlung. Ich habe fünf Jahre in Prag gelebt und mich dort oft mit Jürgen Serke getroffen. Mit einem leichten Augenzwinkern haben wir die Kollegen auch ein wenig geärgert, weil die eigentliche Hauptstadt der pragerdeutschen Literatur Solingen wäre.

Norbert Reichel: Vielleicht hängt das auch ein wenig damit zusammen, dass in Prag bis 1989 andere Themen im Vordergrund standen.

Jürgen Kaumkötter: Die tschechische Ausgabe der Böhmischen Dörfer“ wurde allerdings auch zum Buch des Jahres in der Tschechischen Republik. Das war natürlich erst nach 1989 möglich.

Ein Fixpunkt der Ausstellung: Else Lasker-Schüler

Norbert Reichel: Das Zentrum hat eine enge Verbindung zur Else-Lasker-Schüler-Stiftung. Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft gab es ja schon seit längerer Zeit.

© Jörg von Bruchhausen

Jürgen Kaumkötter: Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft (www.else-lasker-schuler-gesellschaft.com) wurde Anfang der 1990er Jahre von Hajo Jahn (*1941) gegründet. Jürgen Serke war einer der Mitgründer. Als die Unterkünfte von Menschen, die in Deutschland um Asyl gebeten hatten, in Hoyerswerda, in Rostock-Lichtenhagen brannten, als die Häuser von in Deutschland lebenden türkeistämmigen Menschen in Solingen und in Mölln angezündet wurden, riefen Hajo Jahn und Jürgen Serke die Aktion ins Leben: „Dichter lesen in Asylbewerberheimen“. Ihr Ziel war es unter anderem, die Ghettoisierung der Menschen zu verhindern. Sie haben Autor*innen gewinnen können, von Günter Grass bis Herta Müller. Die Aktion war ein großer Erfolg. Die Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft war bei ihrer Gründung eine kleine literarische Gesellschaft mit etwa 200 Mitgliedern. Nach der Aktion hatte sie etwa 2.000 Mitglieder. Sie war damit eine der größten deutschen Literaturgesellschaften.

1994 wurde dann die Else-Lasker-Schüler-Stiftung gegründet, die damals schon im Untertitel den Namen „Zentrum für verfolgte Künste“ führte. Diese Stiftung hat die Sammlung von Jürgen Serke gekauft. 2008 hat die Stiftung die erste Dauerausstellung in Solingen eröffnet. Etwa 50 Autor*innen, darunter Salman Rushdie, Herta Müller und Günther Grass haben einen Aufruf zur Gründung eines „Zentrums für verfolgte Künste“ unterzeichnet. Die Stiftung hat die Gründung eines „Zentrums für verfolgte Künste“ vorangetrieben, dann die Sammlung von Jürgen Serke gekauft und damit eine Dauerausstellung ermöglichte. Das war noch vor der offiziellen Gründung des Zentrums. Es hat dann noch sieben Jahre bis 2015 gedauert, bis das Zentrum eröffnet wurde. Es gab damals getrennt voneinander die Bürgerstiftung für verfolgte Künste und die Else-Lasker-Schüler-Stiftung. Eine Grundvoraussetzung für unser heutiges Museum war die Fusion der beiden Stiftungen im Jahr 2014. Heute hat die Stiftung deshalb den abstrusen Titel: „Bürgerstiftung für verfolgte Künste – Else-Lasker-Schüler-Zentrum – Kunstsammlung Gerhard Schneider“. Dieser Bandwurmtitel hat auch etwas damit zu tun, dass der Name Else Lasker-Schüler im Titel auftauchen sollte.

Norbert Reichel: Der Name wirbt ja auch. Else Lasker-Schüler ist bekannt, sie ist Schulbuchautorin…

Jürgen Kaumkötter: … und sie ist eine Mehrfachbegabung, Dichterin, Schriftstellerin, Malerin, Performance-Künstlerin. Sie ist ein Fixpunkt in der Sammlung. In dem Buch „Die verbrannten Dichter“ gibt es ein großes Kapitel über Else Lasker-Schüler. So haben wir – ich sage einmal „The Battle of the Best“ auch eine große Sammlung von Zeichnungen und Collagen von Else Lasker-Schüler, die ihre literarischen Texte ergänzt. Sicherlich verfügt die Bibliothek der Hebrew University in Jerusalem (hierzu auch www.laskerschuelerarchives.org) über eine größere Sammlung. Aber wenn ich dann noch weitersuche, weiß ich nicht, wer noch in Frage käme. Wir haben mit 30 Collagen und dem Gesamtwerk von außergewöhnlichen Ausgaben, beispielsweise der Hugo Stinnes (1870-1924) gewidmeten Ausgabe des Themenbandes, Autografen, Fotografien wahre Schmuckstücke in der Sammlung.

Die Begegnung von Wort und Bild

Norbert Reichel: In deinem Essay zum Katalog der „verbrannten Dichter“ hast du geschrieben, dass es euch in der Sammlung um die „Verlierer“, nicht um die „Täter“ gehe. Es gibt in der Sammlung jedoch ein Bild, auf dem ein Täter zu sehen ist, Adolf Hitler in Landsberg während seiner sogenannten „Festungshaft“. Parallel dazu habt ihr ein Bild von Ernst Toller, der zeitgleich ebenfalls dort inhaftiert war.

© Jörg von Bruchhausen

Jürgen Kaumkötter: Es gibt auch einen Film der Bücherverbrennung mit den „Feuersprüchen“. Das war eine Entwicklung. Als Jürgen Serke und ich die Ausstellung konzipierten, habe ich viele Werke das erste Mal entdeckt. Ich war Kunsthistoriker und hatte diese Bücher daher nicht gelesen. Ich kannte vielleicht „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert, ein bisschen von Ernst Toller. Das war das Gute in der Konzeption der Dauerausstellung, dass Jürgen Serke mir daher alles erklären musste. Dann habe ich das ausgeschrieben, auch das ein oder andere gelesen, aber ich war unwissend wie die unwissendsten Besucher*innen. Ich konnte das daher auf einer ersten Ebene alles so einfach erklären, wie ich es mir selbst erklären musste.

Norbert Reichel: Dafür hattest du einen anderen Vorteil. Du konntest als Kunsthistoriker zwischen Texten und Bildern Bezüge herstellen, so dass sich die Sammlungen Gerhard Schneider und Jürgen Serke – ich sage einfach – kongenial ergänzen. Im Katalog zur Sammlung Jürgen Serke habt ihr auch ein Bild von Felix Nussbaum (1904-1944), du sprachst ja auch von den Doppelbegabten. Im Grund habt ihr eine intermediale Ausstellung geschaffen.

Jürgen Kaumkötter: Ja, natürlich. Vielleicht noch ein Satz, warum die Nazis in der Ausstellung nicht vorkommen. In einer ersten Konzeption hing die Hakenkreuzfahne an der Decke. Wir haben dann darüber nachgedacht, ob das Regime durch eine solche Präsentation nicht perpetuiert werde. Diese Bedrohlichkeit, die auch damals noch von dieser Inszenierung ausgelöst würde, war so gewalttätig und so bildgewaltig, dass die Opfer, die ja nur flüstern konnten, verschwanden. Daher haben wir gesagt, dass wir die Täter so weit wie möglich herauslassen müssen, damit wir den Opfern genug Platz geben und auch ihr eigenständiges Handeln sichtbar werden lassen. Das war unsere beste Entscheidung. Dass wir „Mein Kampf“ aufgenommen haben, liegt an der Parallele zu Ernst Toller.

© Jörg von Bruchhausen

Ernst Toller und Adolf Hitler haben beide in einem Infanterieregiment im Ersten Weltkrieg gedient. Beide wollten eine Revolution durchführen, Hitler nannte sie eine „Revolution der Gewalt“, Ernst Toller eine „Revolution der Liebe“. Beide wurden zu Festungshaft verurteilt, beide schrieben in der Festungshaft ein Buch, Ernst Toller „Der entfesselte Wotan“, in dem er sich unmittelbar auf Hitler bezieht. Ernst Toller kämpft die gesamte Zeit gegen den Nationalsozialismus. 1933 nach der „Machtergreifung“ – im April oder Mai 1933 – gab es in Ragusa / Dubrovnik die letzte internationale Konferenz des PEN. Dort hatte sich Ernst Toller der englischen Delegation angeschlossen und hielt eine flammende Rede, in der er sagte: „Verantwortung kennt kein Zögern“, er rief dazu auf, jetzt zu handeln: „Wenn ihr nicht jetzt handelt, morgen ist es zu spät.“ Aus diesem Grund haben wir die beiden Bücher parallel gesetzt.

Das nächste, das an der Literaturausstellung besonders ist, ist die Art und Weise der Präsentation. Wir sitzen beide in unserer Videokonferenz in einem Raum mit Büchern im Hintergrund. Bücher stehen in Regalen. In der ersten Konzeption der Ausstellung hatten wir natürlich Regalbretter. Wir haben dann festgestellt, dass wir nicht das machen konnten, was ich als Kunsthistoriker gewohnt bin, dass eine Geschichte an einer Wand erzählt wird. Irgendwann haben wir dann in einer Verzweiflungstat die Regalbretter entfernt und haben uns dafür entschieden, die Geschichte an einer Wand zu erzählen und die Bücher vor dieser Wand zu drapieren. Das funktioniert bis heute. Die Ausstellung ist technisch in die Jahre gekommen. Wir werden sie überarbeiten müssen und werden das auch tun, aber die Art und Weise der Präsentation hat sich bewährt. Wir werden mit den neuen technischen Möglichkeiten, der Anbindung der digitalen Welt in die reale Welt, beispielsweise mit „Augmented Reality“ überarbeiten. Ich bin sehr gespannt auf all die Ideen, die dabei entstehen werden. Ein Buch muss man lesen. Das kann man in einer Ausstellung nicht.

Norbert Reichel: Aber wir können ein Buch als eigenständiges Kunstwerk präsentieren. Eine Ausstellung wie die der Sammlung Jürgen Serke kann meines Erachtens mehrere Ziele verfolgen und erreichen. Sie kann dazu beitragen, dass die Besucher*innen sich Bücher, die sie in der Ausstellung gesehen haben, besorgen und lesen, andererseits auch dazu, dass sie von Büchern erzählt, die die Besucher*innen nicht lesen können, weil sie gar nicht die Zeit dazu haben.

Jürgen Kaumkötter: Und wenn wir die Verknüpfungen sehen, kann man in der Abteilung Czernowitz Rose Ausländer, Paul Celan, Selma Meerbaum-Eisinger begegnen. Über die digitalen Medien kann man sich dann beispielsweise die „Todesfuge“ von Paul Celan vorlesen lassen. Oder die kuratierte Auswahl von Selma Meerbaum-Eisinger: Wir haben Lesungen mit Iris Berben gemacht. Das war ein sehr intensives Erlebnis. Zurzeit ist die Ausstellung stumm, aber in ihrer Überarbeitung wird die Ausstellung auch über das Hören sinnlicher werden.

Ein Exil-Museum in Berlin – Partner oder Konkurrenz?

Norbert Reichel: Ein weiterer Name, der für das Haus von Bedeutung ist, ist Herta Müller (*1953), die dazu aufgerufen hat, ein Exil-Museum in Berlin zu schaffen.

Herta Müller bei der Eröffnung der von Jürgen Kaumkötter kuratierten Ausstellung “Im Heimweh ist ein blauer Saal” am 11. März 2019 im Zentrum für verfolgte Künste © Zentrum für verfolgte Künste

Jürgen Kaumkötter: Herta Müller gehört zu den Erstunterzeichner*innen des Aufrufs zu unserem Zentrum. Ich habe sie über Jürgen Serke kennengelernt, wir stehen in einem lockeren Kontakt. 2019 habe ich eine große Ausstellung ihrer Collagen in Solingen kuratiert. Es war ein Anruf. Ich fragte, wir wollten gerne eine Doppelausstellung mit ihren Werken und den Werken von Else Lasker-Schüler gestalten. Sie war sofort einverstanden. Wir haben dann diese Arbeiten auch nach Polen gebracht, ins MOCAK Museum für Gegenwartskunst in Krakau. Eine großartige Ausstellung mit einer tollen Resonanz.

Herta Müller konzentriert sich zurzeit auf das Exil-Museum. Ihr schwebt vor allem das literarische Exil vor. Gründungsdirektor ist zurzeit noch Christoph Stölzl. Es gibt einen Vorschlag für den Anhalter Bahnhof. Ich bin gespannt, wie sie das Vorhaben realisieren können. Ich drücke die Daumen. Gegenüber befindet sich das „Zentrum gegen Vertreibung“ (www.z-g-v.de), die ehemalige Steinbach-Initiative. Das hat heute nichts mehr mit den revanchistischen Absichten von Erika Steinbach zu tun.

Norbert Reichel: An den ersten Ideen zu diesem „Zentrum gegen Vertreibung“ war neben Erika Steinbach Peter Glotz beteiligt. Leider besteht der wissenschaftliche Beirat ausschließlich aus Männern. Zum Thema „Vertreibung“ empfehle ich gerne die Lektüre von Christa Wolf „Kindheitsmuster“ und Ulrike Draesner „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“. Aber das nur am Rande. Aus meiner Sicht wäre das Berliner Exil-Museum am vorgesehenen Standort nach wie vor auch ein Kontrastprogramm zur Sammlung gegenüber.

Carl von Ripper, Merry go round (Karussell), 1938, Lithographie Le Pressier Paris © Museum Gedenkstätte Sachsenhausen

Jürgen Kaumkötter: Ich glaube, es wird noch viel Zeit ins Land gehen. Ein größeres Museum lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag einrichten. Ich werde oft gefragt, ob das in Berlin geplante Exil-Museum nicht ein Konkurrenzmuseum zum Zentrum für verfolgte Künste wäre. Ich kann immer nur sagen: Nein, warum Konkurrenz. Es ist gut, wenn das Thema auch in Berlin platziert wird und wir eine enge Beziehung zu weiteren Einrichtungen entwickeln. Wir haben über Herta Müller und über Rudolph Carl von Ripper (1905-1960), einen Künstler, den wir im Sommer zeigen werden, ein Portfolio, dass auch gut in das Portfolio des Exil-Museums passen würde. Selbstverständlich werden wir alles ermöglichen, dass eine Ripper-Ausstellung auch in Berlin realisiert werden kann. Wir haben viele Verknüpfungspunkte, aber auch große Unterschiede. Wir sind ein Museum für alle Künste, und wir haben eine umfangreiche Sammlung mit der Sammlung Jürgen Serke und der Sammlung Gerhard Schneider. Das Exil-Museum in Berlin hat keine eigene Sammlung und es bezieht sich auf das literarische Exil. Bei uns geht es bis in die unmittelbare Gegenwart hinein und wir berücksichtigen mehrere Kunstsparten. Wir haben im Kern natürlich den Nationalsozialismus als Thema. Wir berücksichtigen aber auch die kommunistischen, die bolschewistischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, aber auch die Verwerfungen der unmittelbaren Gegenwart.

Gebrochene, zerstörte Biografien

Norbert Reichel: Ich zitiere immer gerne Bernd Faulenbach, der die Formel prägte, die Shoah zu erinnern ohne den Kommunismus zu bagatellisieren. Das gelingt euch in eurer Sammlung.

Roger Loewig, Noch tönt Gesang unter der zerbrochenen Brücke, 1962, Öl auf Leinwand, 60x80cm © Roger Loewig Gesellschaft e.V.

Jürgen Kaumkötter: Genau das ist es. Es gibt keine Vergleichbarkeit. Die Shoah ist ein singuläres Menschheitsverbrechen. Aber das heißt nicht, dass das Drama, das Menschen unter dem Kommunismus, auch unter der DDR gelitten haben, nicht gelitten hätten. Wir haben auch einige Autor*innen – es werden immer weniger – im Programm, die unfassbar unter der DDR-Diktatur gelitten haben. Wir haben gerade eine Ausstellung von Roger Loewig (www.roger-loewig.de) abgebaut.

Norbert Reichel: Ihr habt auch Jürgen Fuchs im Programm, auch Inge und Heiner Müller, auch nicht ganz einfach im Hinblick darauf, dass Heiner Müller sich das Werk seiner Frau nach ihrem Tod mehr oder weniger angeeignet hat, so dass ihr Beitrag zum gemeinsamen Werk heute nicht mehr erkennbar ist.

Jürgen Kaumkötter: Bei uns ist Inge Müller der Mittelpunkt. Die Roger-Loewig-Gesellschaft hat sich an uns gewandt, weil wir das Thema pflegen. Die Zusammenarbeit mit Yad Vashem über Selma Meerbaum-Eisinger zeigt natürlich auch, wie groß in unserem Haus die Bedeutung der Verbrechen der Shoah ist. Die nächsten Ausstellungen in unserem Haus haben die Überschrift „Widerstand gegen das NS-Regime“, das ist die Kunstsammlung aus Sachsenhausen mit Leo Haas (1901-1983, www.art.holocaust-education.net), mit Hans Grundig (1901-1958, www.hans-lea-grundig.de), mit Peter Edel (1921-1983), der dann später IM bei der Stasi wurde. Wir sind keine moralischen Richter, wir versuchen zu schildern, was geschehen ist, und stellen Fragen. Die Antworten sollen sich die Besucher*innen selber geben.

Wir haben Peter Edel mit spitzen Fingern angefasst, haben dann aber mit dem Zentrum für Migrationsforschung an der Universität Osnabrück umfangreich recherchieren lassen. Bei Peter Edel können wir sagen, er war ein gebrochener Mensch. Er ist als Jugendlicher bei Kollwitz in die Lehre gegangen, er wollte ein linker, liberaler Künstler werden, er hatte keine Lobby, er war dann im Fälscherkommando in Sachsenhausen, wurde dann als Überlebender in der DDR ein Funktionärskünstler, dann hat er sich in den 1970er Jahren dem Regime untergeordnet und für die Stasi gespitzelt.

Norbert Reichel: Solche Biografien gab es auch in der NS-Zeit.

Jürgen Kaumkötter: Hans Grundig war in Sachsenhausen in der SS-Brigade Dirlewanger, die Kriegsverbrechen zu begehen hatte und beging. Er stand vor der Wahl, erschossen zu werden oder sich einer Kompanie anzuschließen, die dann zu Sonderkommandos eingesetzt wurde. Es stellt sich immer wieder heraus, dass die Schwarz-Weiß-Zuteilung nicht funktioniert. Diese Schubladen, die wir gerne haben, um ein klares Weltgefüge zu erhalten, funktionieren eben nicht.

Internationale Annäherungen – Demut und Bescheidenheit

Norbert Reichel: Vielleicht sprechen wir noch ein wenig über die Partner des Zentrums für verfolgte Künste. Wir erwähnten schon Yad Vashem (www.yadvashem.org). Du hast eine enge Zusammenarbeit mit MOCAK in Krakau (https://en.mocak.pl). In diesem Zusammenhang darf ich noch einmal für eure gemeinsame Publikation „Polyphonie des Holocaust“ werben, 2020 bei Wallstein erschienen. Ein ausgezeichnetes Buch, gerade in der Unterschiedlichkeit der Äußerungen und Stellungnahmen der beteiligten Künstler*innen, Autor*innen, Politiker*innen.

Jürgen Kaumkötter: Die Kooperation trägt unser Museum mit dem Begriff „Zentrum“ schon im Namen. Wir sehen uns als „Zentrum“ zwar im Mittelpunkt, aber es gibt viele Wege zum Zentrum und vom Zentrum in andere Regionen, die dann wiederum eigene Zentren sind. Wir sind auch konsequent international ausgerichtet. Das hat auch etwas mit meinem Alter zu tun. Meine Eltern wurden nach dem Krieg geboren. Meine Großeltern waren im Krieg noch sehr jung. Ich bin dritte Generation. Vieles, was in der Narration der Familien besprochen wird, hat eine gewissen Distanz. Als ich das erste Mal in Israel war, in Yad Vashem, spürte ich noch eine gewisse Distanz. Man respektierte uns mit dem, was wir taten, aber man wollte nicht unbedingt mit uns zusammenarbeiten. Wir wurden nicht abgelehnt, aber man war distanziert. Das habe ich so auch in Frankreich erlebt, als wir auf den Spuren von Felix Nussbaum recherchierten.

Norbert Reichel: Weil du aus Deutschland kamst.

Jürgen Kaumkötter: Weil ich aus Deutschland kam. Jetzt, in der dritten Generation, hat sich das grundlegend gewandelt. Diejenigen, mit denen ich zusammenarbeite, sind oft in meinem Alter. Sie sind offener. Das hat sicherlich etwas mit den Narrationen in den Familien zu tun, auch damit, ob man die Shoah selbst erlebte oder aus Erzählungen davon erfuhr.

Als ich in Auschwitz gearbeitet habe und dort die Kustodin Irena Szymańska (1921-1999), Shoah-Überlebende und langjährige Leiterin der Kunstsammlung, besuchte, hat sie eigentlich gar nicht mit mir gesprochen. Das war sehr ablehnend. Es hat fünf Jahre gedauert, bis sie offen wurde. Als sie offen wurde, waren es wunderbare Begegnungen. Es war nun einmal so. Sie hat sich mit mir auseinandergesetzt, mit dem, was ich vorhatte, aber es war nicht das wohlwollende, sondern das kritische Beobachten. Was ist das für ein junger Typ, lange Haare, möchte eine Kunstsammlung in Auschwitz aufmachen? Da ist Zurückhaltung verständlich. Das kann ich absolut verstehen, denn man weiß ja nicht, was die Leute mit der Sammlung machen wollen.

Das hat sich deutlich verändert, ich bin natürlich mit meiner Arbeit auch bekannter geworden. Es gibt eine Ausrichtung auf Zusammenarbeit. Auch die Zusammenarbeit mit Yad Vashem, mit dem Mémorial de la Shoah (www.memorialdelashoah.org), die Kazerne Dossin in Mechelen (www.kazernedossin.eu), das Musée des Beaux Arts in Brüssel, das große königliche Museum, das eine Kuratorin hat, die sich sehr für das Thema engagiert. Wir hatten überlegt, eine Ausstellung zu Brüssel als Fluchtpunkt zu machen, eine Ausstellung, die von Jean Améry (1912-1978) bis zu Felix Nussbaum, Leo Breuer (1893-1975, www.leobreuer.de) und Carl Rabus (1898-1983) reicht, die alle in Brüssel saßen, dann weiterflüchteten, aber auch immer wieder nach Brüssel zurückkehrten. 

© Zentrum für verfolgte Künste

Die Vereinten Nationen wollten uns ausstellen, im Hauptquartier in New York City. Natürlich wollten wir glänzen und zeigen, was wir machen. Ich habe herumtelefoniert und gesagt, dass wir auch die anderen Institutionen, MOCAK, Yad Vashem, zeigen. Mir ist es wichtig, dass man in dieser Zusammenarbeit eine bestimmte Demut und Bescheidenheit zeigt, das zeigt, was man zusammen schaffen kann. Ohne diese Zusammenarbeit gäbe es das Zentrum für verfolgte Künste nicht. Die UN-Ausstellung ist jetzt digital zu sehen (www.7places.org).

Norbert Reichel: Es ist meines Erachtens ein Problem der deutschen Erinnerungskultur, dass darin so eine gewisse Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit enthalten ist. Internationale Einbettung kann das natürlich verhindern. Du nanntest die Begriffe „Demut“ und „Bescheidenheit“, die ich für sehr wichtig halte.

Jürgen Kaumkötter: Von 2000 bis 2015 habe ich viel in Prag, in Polen, in Israel gelebt, etwa die Hälfte meiner damaligen Lebenszeit. Irgendwann hatte ich das Gefühl wie Neo in „Matrix“, dass ich die Matrix sehen konnte, dass ich die deutsche Position verlassen hatte und verstand, was die Polen an der deutschen Erinnerungskultur nervt, was sie als Angriff empfinden, oder warum die Tschechen bei vielen Dingen so zurückhaltend sind und wie wichtig die Erinnerung an die Shoah für den Staat Israel ist, nicht nur in der Wehrhaftigkeit, auch in dem Selbstverständnis. Das kann man nur verstehen, wenn man sich lange mit den Menschen beschäftigt, viele Gespräche führt. Dazu gehört dann zu wissen, dass eben nicht alle Israelis Juden sind …

Norbert Reichel: …etwa 80 Prozent…

Jürgen Kaumkötter: … und nicht alle Israelis sind religiös, bei weitem nicht. In Prag habe ich erlebt, dass ich angesprochen wurde, warum seid ihr hier, warum helft ihr uns nicht in Israel. Ich war dann plötzlich in einem Konfliktfeld. Hätte ich das nicht gewusst, was ich in den Gesprächen gelernt hatte, wäre ich untergegangen. Ich habe es erlebt, dass Deutsche in Auschwitz, in Polen, in Streitgespräche zwischen Juden und Polen gerieten und das ganz schrecklich fand. Ich verstehe, woher die Antipathien kommen, warum die PiS-Regierung so extrem reagiert. Das ist auch eine Abwehrhaltung, weil eben der Antisemitismus in Polen unglaublich weit verbreitet ist. Antisemitismus und Xenophobie.

Norbert Reichel: Das ist die eine Seite. Das sind Dinge, die man sich in Polen – und anderswo – nicht gerne vorwerfen lässt, und schon gar nicht von Deutschen, die dafür verantwortlich waren, dass und wie die Menschen in Polen unter dem Nationalsozialismus litten. Das zum Thema deutscher Selbstgerechtigkeit.

Jürgen Kaumkötter: Wir sollten uns sehr zurückhalten und eben nicht den Polen vorschreiben, wie sie ihre Erinnerungskultur zu gestalten hätten. Delfina Jałowik und eine weitere Kollegin aus dem MOCAK begleiteten mich nach Israel, wir hatten uns verabredet, dass gemeinsam zu machen. Wir waren bei Greta Klingsberg (*1929), die in Auschwitz war und in Theresienstadt in der Kinderoper „Brundibár“ (www.holocaustmusic.ort.org/places/theresienstadt/brundibar/) von den 52 Aufführungen 48mal die Hauptrolle gesungen hat, die Aninka.

Greta ist eine wunderbare offene Frau. Sie sagte, komme mit den Freundinnen, sie empfängt uns großartig, hört dann aber im Englischen wie im Deutschen den polnischen Akzent, fragt, ob meine Begleiterinnen Polinnen wären. Die Stimmung schlug sofort um. Es kam zu einer Spannung, die sich nicht auflösen ließ. Wir haben gegessen, die haben sich noch etwas angegiftet, und dann sind wir gegangen. Greta erzählte mir später, dass die Kapo in Auschwitz eine Polin gewesen wäre und beim Appell immer auf Polnisch gezählt wurde. Sie sagte, sie könne die polnische Sprache nicht ertragen. Sie konnte das Deutsche auch nicht ertragen, aber sie sagte, ihr habt wenigstens die Schuld akzeptiert. In Polen ist das noch nicht so weit. Es geht ja nicht um das Aufwiegen von Schuld, aber dass dort der Antisemitismus noch täglich spürbar ist. Ich kann die Berührungsprobleme nachvollziehen. Und wenn dann noch die PiS-Regierung versucht, die Geschichte umzudeuten, wird es ganz schwierig.

Qualitätsdilemma

Norbert Reichel: Das ist ohnehin eine Tendenz in vielen Ländern, die eigene Geschichte zu heroisieren, in Polen, in Ungarn, in der Türkei, auch anderswo, und in Deutschland gibt es eine ganze Partei, aber auch Menschen in anderen Parteien, die die deutsche Geschichtswahrnehmung und die deutsche Erinnerungskultur verändern wollen. Ich erinnere an den Verweis auf die „1000 Jahre deutsche Geschichte“ und „die Leistungen deutscher Soldaten in den beiden Weltkriegen“, die ein führender Politiker der AfD anführte, um die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Verbrechen zu bagatellisieren. Sogenannte „Schlussstrichdebatten“ belasten die Geschichte der deutschen Erinnerungskultur von Anfang an und sie entstehen immer wieder neu.

Zu all diesen Versuchen einer Bagatellisierung der Shoah oder der kommunistischen Verbrechen gehört meines Erachtens auch eine andere Debatte. Im Nachgang zu einer Veranstaltung, die ich mit Ines Geipel und Kirsten Stüssel über verfemte Autorinnen* in der DDR gemacht habe (www.demokratischer-salon.de/beitrag/verfemte-literatur-in-der-ddr) gab es in einer Nachbesprechung mit Studierenden die Frage nach der Qualität. Gibt es künstlerische Qualität oder ist das nur ein Dokument? Meines Erachtens eine zweite Abwertung der Arbeit der Künstler*innen.

Else Lasker-Schüler, Mein blaues Klavier © Jörg von Bruchhausen

Jürgen Kaumkötter: Das diskutieren wir täglich. Das ist der stetige Kamp:, ist es Kunstgeschichte oder Künstler*innengeschichte? Wir stellen die Lebensumstände vor und dann ergibt sich natürlich auch, dass die Arbeiten der Künstler*innen die jeweilige Zeit, in der sie entstanden, reflektieren, dokumentieren, dass sie als Quelle genutzt werden können. Ich merke das bei jeder Führung. Die Schicksale, die Verfolgung betrifft den Menschen, wir sind aber das Zentrum für verfolgte Künste, nicht das Zentrum für verfolgte Künstler*innen. In der Ausstellung selbst sind wir ein Kunstmuseum und zeigen Kunstwerke. Das sind zwei Ebenen: es ist Kunstwerk und Quelle zugleich. Bei der Sachsenhausen-Ausstellung trieben wir es auf die Spitze. Wir banden Biografie und Werk zusammen, in großen Medienterminals mit Touch-Screen, so dass man sich chronologisch durch das Werk scrollen konnten, aber in einem zweiten Bereich dann die Lebensgeschichte erfahren konnte.

Um noch einmal auf Jürgen Serke zurückzukommen: Für ihn sind die Bücher Bestandteil der Biografie. Das deckt sich im Grunde mit der Herangehensweise von Yad Vashem. Er schreibt auch Biografien, erzählt das Leben der Autor*innen. Er sagt auch immer, er erzählt Lebensgeschichten, in denen die Bücher vorkommen. Er sagt auch, die Literaturgeschichte, die Literaturwissenschaft akzeptiere ihn nicht. Sie nehme ihn zwar wahr, seine Leistung würde jedoch nicht so gewertschätzt, wie er sich das wünscht. Wenn ich mir eine Literaturgeschichte anschaue, verstehe ich auch warum. Da werden die Bücher analysiert und seziert, und es wird manchmal auch in den Kontext der Lebensgeschichte der Autor*innen gesetzt.

Das heißt natürlich nicht, Mozart war schlecht drauf und hat deshalb ein Requiem geschrieben. Natürlich hat die Biografie bei Flucht, Vertreibung einen unmittelbaren Bezug zum Kunstwerk, aber das ist nur ein Teil des Wertes eines Kunstwerks.

Norbert Reichel: Niemand käme auf die Idee, „Guernica“ von Picasso ausschließlich als Zeitdokument, als Quelle zu rezipieren. Die künstlerische Qualität würde von niemandem in Frage gestellt. Bei weniger bekannten Künstler*innen sieht das dann schon anders aus. Wer den Namen nicht hat, dessen Werke werden dann als Zeugnisse ihrer Zeit, als Dokumente rezipiert. Das ist dann die Geschichte einer doppelten Missachtung. Im Grunde ist das eine zweite Verfolgung, eine zweite Vertreibung, eine zweite Verbannung, bei manchen eine zweite Ermordung.

Das Museum Zentrum für verfolgte Künste in Solingen

Jürgen Kaumkötter: Das ist das wirklich Besondere an unserem Museum und an den Sammlungen. Die Zeit, in der die Werke entstanden, spielt immer eine Rolle, aber die Wertschätzung der künstlerischen Leistung ist der Kern. Du sagtest ja gerade, die zweite Verfolgung, dass die eben nicht stattfinden darf, die Reduzierung auf Opferkunst, die Reduzierung der Künstler*innen auf ein Objekt unserer Betrachtung. Wir sehen die Kunstwerke als eigenständige Objekte, die wir in einem Kunstzusammenhang zeigen. Wir sind kein historisches Museum, das eben auch einige Kunstwerke zeigt. Wir sind ein Kunstmuseum. Das war schon vor 15 Jahren eine bewusste Entscheidung, ist aber nach wie vor ein theoretischer und kritischer Prozess, mit dem wir täglich umgehen, wie wir die biografischen Informationen an die Besucher*innen bekommen, ohne sie mit umfangreichen Biografien zu konfrontieren. Dazu gehört auch die Frage, wie wir dazu die neuen Medien nutzen.

Wir wollen unser kuratorischen Verantwortung gerecht werden und die Momente herausgreifen, die entscheidend sind, um ein Werk in einem Kontext zu erkennen. In unserer neuen Dauerausstellung werden wir auch reine kunsttheoretische Fragestellungen aufnehmen. Wir werden auch das ein oder andere Sujet herausgreifen, beispielsweise die Portraitkunst, und zeigen, wie sich bestimmte Portraits der von uns präsentierten Künstler*innen in diesem Genre einordnen, es vielleicht auch sprengen und überwinden. Wir wollen deutlich zeigen: bitte trennt das Werk von der Biografie, denn sonst landen wir wieder in dieser Tätersicht. Die historische Wahrnehmung wurde durch die Täter gesteuert. Wir wollen eben nicht die Verfolgung der Opfer und die Struktur der Täter zu einer Struktur unseres Museums machen. Wir zeigen eigenständige Kunstwerke, die ihren Eigenwert haben. Nur so werden die Menschen, die sie geschaffen haben, in ihrer Einzigartigkeit und in ihrer Lebensleistung angemessen gewürdigt.

(Anmerkung: Alle Internetzugriffe am 26.4.2021, alle Bilder wurden mir vom Zentrum für verfolgte Künste zur Verfügung gestellt).