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	<title>Utopien / Science Fiction Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Allein im Universum?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/allein-im-universum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:34:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Allein im Universum? Ausgewählte Spekulationen in Wissenschaft und Science Fiction „Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“ (Jack McDevitt, Melville auf Iapetus, 1983) Sind wir allein im Universum? Warum finden wir keine Hinweise auf außerirdische Intelligenzen, denn beim Alter des Kosmos von 13,8 Milliarden Jahren würde selbst bei einer konservativen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Allein im Universum?</strong></h1>
<h2><strong>Ausgewählte Spekulationen in Wissenschaft und Science Fiction</strong></h2>
<p><em>„Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“ </em>(<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/archaeologie-der-zukunft/">Jack McDevitt</a>, Melville auf Iapetus, 1983)</p>
<p>Sind wir allein im Universum? Warum finden wir keine Hinweise auf außerirdische Intelligenzen, denn beim Alter des Kosmos von 13,8 Milliarden Jahren würde selbst bei einer konservativen Einschätzung technologischer Möglichkeiten, dass Raumfahrt ohne überlichtschnelle Geschwindigkeiten auskommen müsste, die Besiedlung der kompletten Galaxis durch eine raumfahrende Zivilisation nicht mehr als zehn Millionen Jahre dauern. Einige der möglichen Antworten auf die Frage des Fermi-Paradoxon sind:</p>
<ul>
<li><strong>„</strong>Der Große Filter“<em>:</em> Gibt es eine Begrenzung in der Evolution intelligenter Zivilisationen, die eine technologische Weiterentwicklung zu einer raumfahrenden Spezies verhindert? Sprengen sich intelligente Zivilisationen in die Luft, bevor sie ihren Planeten verlassen?</li>
</ul>
<ul>
<li>Oder: <em>„Der galaktische Zoo“:</em> Die außerirdischen Zivilisationen beobachten uns schon seit langer Zeit und wollen nicht, dass wir unser Gehege verlassen. Werden wir nicht in den Kreis der hochstehenden galaktischen Zivilisationen aufgenommen, weil wir es nicht wert sind?</li>
</ul>
<h3><strong>Wo bleibt der Erstkontakt?</strong></h3>
<p>Im Jahre 2026 müssen wir feststellen, dass die Menschheit in der von uns vermessenen Weite und den unendlichen Zeiten des Universums völlig unbedeutend ist. Wir sind, in der Selbsterkenntnis, vom Status des zentralen intelligenten Beobachters der Vorgänge im Universum in die Rolle eines galaktischen Bakteriums zurückgefallen, das, wenn überhaupt, lediglich Bruchteile der Vorgänge im Universum erkennen kann und das über keinerlei Möglichkeiten verfügt, diese Vorgänge zu beeinflussen. Dieses galaktische Bakterium ist nicht einmal in der Lage, in die Weiten des Universums zu reisen und andere Intelligenzen zu treffen.</p>
<p>Während die Menschheit früher in ihrer Kulturgeschichte einen definierten Platz als Gesprächspartner von Gott oder Göttern besaß, ist sie heute jeglicher Kommunikation mit den möglichen Entitäten des Universums beraubt. Wir sind ein Nichts im Angesicht der Tiefe und der Zeiten im Universum. Diese Selbsterkenntnis ist der entscheidende Unterschied in der narrativen Erzählkunst der Science Fiction zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Vergleich mit der des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Das Meisterwerk der Science-Fiction-Erzählkunst im beginnenden 21. Jahrhundert zu dieser radikalen Umformung ihrer Narrative ist die Trisolaris<em>&#8211;</em>Reihe („Remembrance of Earth´s Past“. (2006, 2008, 2010, deutsch:2016, 2018, 2019) von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a>. Wer sich für die wissenschaftliche Seite der Frage „Allein im Universum?“ interessiert, ist bei diesem Buch gut aufgehoben: <a href="https://presseportal.zdf.de/biografien/uebersicht/lesch-prof-dr-harald">Harald Lesch</a>, <a href="https://haraldzaun.de/">Harald Zaun</a>: Die unheimliche Stille. Warum schweigen außerirdische Intelligenzen und Superzivilisationen? (Freiburg im Breisgau, Herder, 2023).</p>
<p>Das Thema des Erstkontakts der Menschheit mit außerirdischen Intelligenzen ist eines der großen Standards des Genres. Allerdings gibt es wenige neue Ansätze für diese Thematik und allgemein wird <em>„die unheimliche Stille“</em> thematisiert. Jack McDevitt hat sich auf seine besondere Weise mit dem Thema beschäftigt und viele gute neue Ideen für Erstkontakte verfasst. In einem seiner Romane startet der Erstkontakt durch ein riesiges Kunstwerk, das seine Protagonistin Priscilla Hutchins im Jahre 2197 auf dem Saturn Mond Iapetus entdeckt: <em>»Das Ding war aus Eis und Felsen gehauen. Es stand reglos auf der öden, schneebedeckten Ebene, ein Alptraum mit gebogenen Klauen und surrealistischen Augen, von hagerer, fließender Gestalt. Der Mund war leicht geöffnet, die Lippen gerundet, und ein eigenartiger, verlangender Ausdruck stand in seinem Gesicht.«</em></p>
<p>So beginnt Jack McDevitt mit „Gottes Maschinen“ (1996, „The Engines of God“, 1994) eine Reihe von Roman-Erzählungen über die Suche nach Lebewesen im All. Der Autor beschreibt viele Möglichkeiten des Scheiterns auf der Suche nach Leben im All und schreibt in seinem Journal 201 vom 15. Januar 2016, dass er seit Jahren versuche, eine brauchbare Kurzgeschichte über die Nicht-Existenz von intelligenten Aliens zu schreiben, dass er daran aber gescheitert sei.</p>
<p>Immerhin hat er es immer wieder versucht und dabei witzige, nachdenkenswerte und philosophisch tiefgründige Erzählungen abgeliefert. In der Kurzgeschichte <em>„Cosmic Harmony“</em> (2022) in dem Sammelband „Return to Glory“ (2022) schreibt er über einen Asteroiden, der unerwarteterweise auf die Erde zurast und durch eine Intervention von freundlichen Aliens abgewehrt wird. Diese funken an die Erde das Lied „Moon River“ zurück und die Protagonisten auf der Erde interpretieren dies als Lied, <em>„aufgeladen mit Leidenschaft“</em>, dass die Außerirdischen zur Erde gebracht hätte und dass diese dann bemerkt hätten, dass die Menschen in Schwierigkeiten waren. Was in dieser kurzen Zusammenfassung so simpel klingt, fügt sich im Text von Jack McDevitt als lyrische Kadenz eines Schriftstellers, der sein Handwerk versteht und die emotionale Kraft von Musik als intergalaktisches Kommunikationsmittel benutzt.</p>
<p>In der Kurzgeschichte „Tidal Effects“ (2022) in „Return to Glory“ (2022) geht Jack McDevitt den entgegengesetzten Weg und schreibt über das Alleinsein der Menschheit. Radioastronomen haben mit den besten Instrumenten der Menschheit keine Sauerstoffsignaturen auf anderen Planeten im All entdecken können und kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Erde eine kosmische Anomalie sei. Es sähe so aus, dass wir tatsächlich allein seien. Diese Kurzgeschichte verbindet einen verzweifelten und gescheiterten Rettungsversuch beim Schwimmen im Meer mit der furchtbaren Wahrheit, dass die Menschheit keine Brüder im All findet. Diese kurze Geschichte erzählt eine große Angst, von der Arthur C. Clarke in einem Bonmot sagte, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, die gleichermaßen erschreckend seien: Entweder sind wir allein im Universum – oder wir sind es nicht.</p>
<p>Jack McDevitt hat sich allerdings seine Hoffnung nach einem galaktischen Treffen mit Freunden aus dem All erhalten. Er schreibt in seinem Buch „The Long Sunset“ (2018): <em>„Was ich immer machen wollte, war, mit jemandem aus einer Millionen Jahre alten Zivilisation zusammenzusitzen und Ideen auszutauschen.“</em></p>
<h3><strong>Von-Neumann-Sonden</strong></h3>
<p>Der ungarisch-US-amerikanische Mathematiker John von Neumann (1903 bis 1957) hat in seinem Buch „Theory of Self-Reproducing Automata“ (1966) ein für die wissenschaftliche Kosmologie und die Science-Fiction-Literatur gleichermaßen interessantes Theoriekonzept vorgeschlagen, in dem er ein sich selbst reproduzierendes System von Maschinen beschreibt. Andere Forscher haben mit den sogenannten Von-Neumann-Sonden interstellare Besiedlungsmodelle aus den Annahmen von Von-Neumann entwickelt, so zum Beispiel Robert A. Freitas Jr. in seiner Studie: <a href="https://www.rfreitas.com/Astro/ReproJBISJuly1980.htm">„A Self-Reproducing Interstellar Probe“</a> (in: Journal of the British Interplanetary Society“, Vol. 33, 1980). Nach seinem Szenario könnte eine Raumsonde eine Maschine in ein anderes Sonnensystem bringen, die dort eine Fabrik auf einem Himmelskörper errichtet, die weitere Maschinen für ein benachbartes Sonnensystem herstellt und so eine Folge von sich selbst reproduzierenden Maschinen zur Besiedlung der gesamten Galaxis herstellt. Mit dieser kontinuierlichen Abfolge von Maschinenproduktion könnte die Galaxis in, kosmisch gesehen, relativ kurzer Zeit besiedelt werden.</p>
<p>Der US-amerikanische Physiker Frank J. Tipler argumentierte im Jahre 1981, dass es keine außerirdischen Zivilisationen gäbe, denn diese hätten mit Von-Neumann-Sonden das Universum, so alt wie es sei, längst besiedelt haben müssen. Wo sind sie alle? Dagegen argumentierten Carl Sagan und William Newman, dass intelligente Zivilisationen keine Von-Neumann-Sonden benutzen würden, weil diese die Gefahr mit sich brächten, alle verfügbaren Ressourcen im Universum unkontrolliert zu verbauen. Dies ist Stoff für zahlreiche interessante Erzählungen der Science-Fiction.</p>
<p>Robert A. Freitas Jr. hat in der schon zitierten Studie „A Self-Reproducing Interstellar Probe, in: Journal of the British Interplanetary Society“, sehr interessante ethische Schlussfolgerungen für den Einsatz von Von-Neumann-Sonden formuliert: <em>„Die mögliche Existenz von REPRO-ähnlichen Fahrzeugen in der Galaxie wirft eine Reihe grundlegender ethischer Fragen auf. Ist es moralisch richtig oder sogar fair, dass eine sich selbst reproduzierende Sternsonde in ein fremdes Sonnensystem eindringt und einen Teil der Masse und Energie dieses Systems für ihre eigenen Zwecke umwandelt? Hat eine intelligente Rasse rechtlich gesehen ‚Eigentum‘ an ihrer Heimat-Sonne und ihren Planeten? Macht es einen Unterschied, wenn die Planeten von intelligenten Wesen bewohnt sind, und wenn ja, gibt es eine untere Intelligenzschwelle, unterhalb derer ein System ethisch gesehen erobert oder angeeignet werden darf? Sollte es einen Unterschied machen, wenn die intelligenten Bewohner keine fortschrittliche Technologie besitzen oder wenn sie über eine solche verfügen? Sollte REPRO so programmiert werden, dass es bei der Entdeckung von Lebensformen oder Intelligenz angemessen reagiert, vielleicht ähnlich wie Asimovs Drei Gesetze der Robotik?</em></p>
<p><em>Rein materiell gesehen bedeutet die Anwesenheit eines einzigen REPRO in einem Sternsystem einen minimalen Massenverlust für die dortigen Bewohner. Eine typische Jupiteratmosphäre enthält genug Fusionsbrennstoff, um ~1013 sich selbst reproduzierende Raumschiffe zu füllen, und ein einziger großer Jupitermond (100 km Durchmesser) kann genug Molybdän enthalten, um ~105 REPRO-Maschinen zu bauen.</em></p>
<p><em>Selbst wenn jede FABRIK 10 bis 100 Nachkommen hervorbringt, ist der Massenverlust vernachlässigbar. Dennoch ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Menschheit es freundlich aufnehmen würde, wenn ein außerirdisches Raumschiff auf einem der Jupitermonde Himalia oder Elara landen und sich dort vermehren würde, ohne zumindest zuerst unsere Erlaubnis einzuholen. Wahrscheinlich würden wir es als einen von Dysons „technologischen Krebsgeschwüren, die in der Galaxie ihr Unwesen treiben” betrachten und versuchen, es zu zerstören oder außer Gefecht zu setzen.“</em></p>
<p>In der Science-Fiction-Literatur finden sich viele gute Erzählungen über die Problematik des Einsatzes von Von-Neumann-Sonden<em>. </em><a href="http://dennisetaylor.org/">Denis E. Taylor</a> hat sich in dem Buch „Ich bin viele“ (2018) und den anderen Bänden seiner seiner Bobivers<em>e</em>-Buchreihe damit beschäftigt, <a href="https://www.andreaseschbach.de/">Andreas Eschbach</a> in „Herr aller Dinge“ (2011) und <a href="https://www.lesjohnsonauthor.com/">Les Johnson</a> gemeinsam mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ben-bovas-grand-tour/">Ben Bova</a> in dem dritten Band der Outer-Planets-Trilogy, in „Pluto“ (2025), wobei hier zu bemerken ist, dass Les Johnson ein NASA-Technologe (und Autor) ist, der sich mit dem gegenwärtigen Stand der irdischen Raumfahrt sehr gut auskennt. Dieser Band ist eine Leseempfehlung für Menschen, die sich den gegenwärtigen Stand der Möglichkeiten der Erforschung der äußeren Planeten des Sonnensystems im Jahre 2025 interessant und spannend erzählen lassen wollen.</p>
<h3><strong>Ergebnisse und Spekulationen der kosmologischen Forschung</strong></h3>
<p>Die kosmologische Forschung fußt auf der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein aus dem Jahr 1915, diese ist die Grundlage der Kosmologie. Im Jahre 1929 stellt Edwin Hubble fest, dass das Universum expandiert, im Jahre 1965 wird die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt und damit die Theorie des Urknalls bestätigt. Im Jahre 2015 weisen Forscher erstmals Gravitationswellen nach, die von Einstein vorausgesagt worden waren. Im Jahre 2019 sieht die Welt das erste Foto eines Schwarzen Lochs, in der Galaxie M87, 53,5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Die Diskussionen um die Struktur und die Zukunft des Universums nimmt Fahrt auf und führt in Dimensionen unfassbarer Möglichkeiten, bei denen Wissenschaft und Fiktion manchmal kaum noch zu unterscheiden sind.</p>
<p>Die Journalistin und promovierte Physikerin Marlene Weiß, Leiterin des Wissenschaftsressorts bei der Süddeutschen Zeitung, diskutiert in der Osterausgabe 2025 der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wissen/hologramm-quanten-gravitation-raumzeit-e005925/">„Und wenn wir in einem Hologramm leben?“</a> über eine Hypothese von Physikern, ob man das Universum als eine Projektion aus einer zweidimensionalen Oberfläche heraus verstehen könne. Dieser strittige Diskurs in der kosmologischen Fachwelt erinnert an die finale Zerstörung des Sonnensystems in dem dritten Band der Trisolaris-Reihe von Cixin Liu („Jenseits der Zeit“, 2019).</p>
<p>Wir können gegenwärtig sagen, wie alt und wie groß das Universum ist, haben aber keine technologische Möglichkeit gefunden, dies auch tatsächlich vor Ort erforschen zu können. Die Menschheit steht vor einem doppelten Dilemma: Wir wissen durch die Nutzung der Weltraumteleskope, insbesondere seit dem Einsatz des James-Webb-Teleskops, sehr viel über die Geschichte und die Beschaffenheit des Universums, können aber nicht direkt erkunden, was von unseren Theorien wirklich stimmt. Das Universum hat nach dem gegenwärtigen Stand der kosmologischen Forschung einen Durchmesser von 50 Milliarden Lichtjahren und wir verfügen über eine dreidimensionale Karte dieses riesigen Raums, werden allerdings nach dem momentanen Stand unserer Technologien niemals dort hinkommen, wo beispielsweise noch immer neue Sterne entstehen. Das Universum ist nicht fertig, sondern in ständiger Bewegung und Entwicklung.</p>
<p>Gleichzeitig stellen die Ergebnisse unserer präzisesten wissenschaftlichen Beobachtungsinstrumente wie die des James-Webb-Teleskop unsere Theorien auf den Kopf, denn sie geben Aufschluss darüber, dass sich das Universum tatsächlich schneller ausdehnt als ursprünglich berechnet. Manche Messergebnisse erweitern nicht nur unseren Horizont, sondern auch unsere Fragehaltung: Was passiert dort draußen, wo wir nicht – oder vielleicht niemals – hinkommen werden?</p>
<p>Selbst unsere Theoriebildung weist erhebliche Schwächen auf und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologisch-denken/">wir sind nicht sicher, ob unsere Theorien über Dunkle Energie und Dunkle Materie richtig sind</a> oder ob sie lediglich einen momentanen Stand unserer erratischen Wissenschaft darstellen. Gegenwärtig werden kontroverse Theoriebildungen in der kosmologischen Wissenschaft diskutiert: brauchen wir neue Gesetze für die Schwerkraft? Als alternative Theorie zu Dunkler Materie wird die „Modified Newtonian Dynamics“, kurz MOND, diskutiert. Wer formuliert die allumfassende Weltformel, in der Gravitation und Quantenphysik, also die Vereinheitlichung des ganz Großen und des ganz Kleinen, verbunden sind?</p>
<p>Wir wissen viel und wir wissen nichts – was die Fragen nach den großen Zeiten und Räumen im Universum angeht. Man könnte sogar so weit gehen zu konstatieren, dass, je mehr wir wissen, wir gleichzeitig erkennen, dass wir eigentlich immer weniger wissen über die zentralen Vorgänge im Universum. Wir erkennen mit jeder neuen kosmologischen Einsicht unsere Begrenztheit, unsere Hilflosigkeit, unser Unbedeutend sein. Wir wissen nicht einmal, ob wir allein im Universum sind oder ob es dort draußen noch andere intelligente Lebewesen gibt.</p>
<p>Die Wissenschaft diskutiert zur Frage außerirdischer Intelligenz drei theoretische Paradigmen:</p>
<ul>
<li>Das Fermi-Paradoxon des Physikers Enrico Fermi aus dem Jahre 1950, in dem er erklärte, dass es bereits seit Millionen von Jahren technologisch hochstehende Zivilisationen im Universum geben müsste, die theoretisch in der Lage seien, die ganze Galaxis zu kolonisieren. Die Frage zu seinen Überlegungen ist: Wo sind sie alle?</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Drake-Gleichung von Frank Drake aus dem Jahre 1961 über die Abschätzung der möglichen Anzahl technologischer Zivilisationen im Universum, die eine Anzahl technologisch hochstehende Zivilisationen im Universum mathematisch nachweist. Die Frage bleibt: Wo sind sie alle?</li>
</ul>
<ul>
<li>Das Anthropische Prinzip, nach dem das Universum so gemacht wurde, dass wir Menschen darin eine ideale Heimstatt vorfinden. Eine weite Auslegung wäre, dass wir Menschen das Universum irgendwann einmal nach unseren Vorstellungen werden gestalten können. Diese Überlegung klingt für manche Ohren eigentlich blasphemisch, denn sie besagt, dass es keinen Gott gibt und dass wir Menschen irgendwann einmal die Naturgesetze nach unseren Vorstellungen werden verändern können.</li>
</ul>
<p>Der Mensch als zukünftiger Gott und Gestalter von Raum und Zeit. Genau dies ist das neue eschatologische Narrativ der Science-Fiction im 21. Jahrhundert. Nicht das Erkennen der Naturgesetze steht im Mittelpunkt der neuen Science-Fiction Literatur, sondern deren Veränderung und die Schaffung neuer Universen mit neuen Naturgesetzen nach den eigenen Vorstellungen<em>.</em> Wie dies fiktiv funktionieren könnte, hat der deutsche Schriftsteller <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/science-fiction-instrument-der-erkenntnis/">Phillip P. Peterson</a> mit seiner Paradox-Reihe (2015, 2017, 2019) meisterhaft in Szene gesetzt.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. März 2026, Titelbild: Large Hedron Collider, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Views_of_the_LHC_tunnel_sector_3-4,_tirage_2.jpg">View of the LHC tunnel sector 3-4</a>, Maximilien Brice (CERN), Wikimedia Commons – <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Vermeintlich menschlich</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/vermeintlich-menschlich/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:28:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vermeintlich menschlich Warum wir Künstlicher Intelligenz sinnhaftes Handeln unterstellen Schon 1966 reicht ein simples Textprogramm, um Menschen emotional zu berühren. Das Programm ELIZA spielt Therapeut: Es erkennt Schlüsselwörter, setzt Textbausteine neu zusammen und stellt Rückfragen. Mehr steckt nicht dahinter. Dennoch berichten Nutzer von Nähe, Vertrauen und manchmal Scham. Aus einer Regelmaschine wird in ihrer  [...]</p>
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<h1><strong>Vermeintlich menschlich</strong></h1>
<h2><strong>Warum wir Künstlicher Intelligenz sinnhaftes Handeln unterstellen</strong></h2>
<p>Schon 1966 reicht ein simples Textprogramm, um Menschen emotional zu berühren. Das Programm <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/365153.365168?">ELIZA</a> spielt Therapeut: Es erkennt Schlüsselwörter, setzt Textbausteine neu zusammen und stellt Rückfragen. Mehr steckt nicht dahinter. Dennoch berichten Nutzer von Nähe, Vertrauen und manchmal Scham. Aus einer Regelmaschine wird in ihrer Wahrnehmung ein Gegenüber. <a href="https://www.weizenbaum-institut.de/institut/ueber-joseph-weizenbaum/">Joseph Weizenbaum</a>, der Entwickler, beschreibt damit ein Muster, das bis heute trägt: Die Technik liefert Syntax. Der Mensch ergänzt Sinn, Absicht und am Ende Moral.</p>
<h3><strong>Resonanz ohne Gegenüber</strong></h3>
<p>Menschen besitzen eine robuste Routine, um Verhalten zu deuten: Wir unterstellen Ziele, Motive und Überzeugungen, weil sich so Handlungen gut vorhersagen lassen. Daniel Dennett nennt das die „<a href="https://www.researchgate.net/publication/271180035_The_Intentional_Stance">intentional stance</a>“, eine Deutungsstrategie, die aus einem System einen Akteur macht.</p>
<p>In der Mensch-KI-Interaktion greift diese Routine sofort. Ein Chatbot reagiert schnell, höflich und stets konsistent im Ton. Das wirkt auf uns wie Aufmerksamkeit. Es wirkt wie eine Beziehung. Diese Wirkung entsteht, obwohl das System lediglich Wahrscheinlichkeiten über Zeichenfolgen berechnet. Genau hier beginnt das Paradox der Resonanz: Eine Maschine ohne Innenleben erzeugt beim Nutzer ein eigenes Innenleben.</p>
<p><a href="https://dl.acm.org/doi/book/10.5555/236605">Byron Reeves und Clifford Nass</a> haben dieses Muster früh empirisch gefasst: Menschen behandeln Medien und Computer in vielen Situationen so, als wären sie soziale Gegenüber. Für die Psyche zählt der Reiz, nicht die Ontologie.</p>
<h3><strong>Das Chinesische Zimmer: Verstehen als Oberfläche</strong></h3>
<p>John Searles <a href="https://home.csulb.edu/~cwallis/382/readings/482/searle.minds.brains.programs.bbs.1980.pdf"><em>„chinesisches Zimmer“</em></a> ist das wohl prägnanteste Gedankenexperiment für diesen Unterschied. In diesem wird ein Mann in einen leeren Raum eingeschlossen, nur mit einem Handbuch von chinesischen Standardfragen und -antworten bewaffnet. Nach einiger Zeit schieben außenstehende Chinesen ihm handschriftliche Fragen unter den Türschlitz und er antwortet ihnen mithilfe des Handbuchs stets fehlerfrei zurück. Obwohl es für Außenstehende so wirkt, als besäße der Mann im Raum umfassende Chinesischkenntnisse, versteht er doch kein Wort. Er folgt nur dem Handbuch ohne innere Kenntnis über das, was er da schreibt.</p>
<p>Sprachmodelle treffen genau diesen Nerv. Sie wirken wie Gesprächspartner, weil sie die Form des Gesprächs beherrschen. Searles Argument richtet sich gegen die Verwechslung von Output und Bedeutung: Syntax kann Semantik täuschend echt imitieren.</p>
<p>Das erklärt auch den psychologischen Sog. Wer sich <em>„verstanden“</em> fühlt, reagiert auf die Gesprächform. Die Maschine liefert reibungslose Anschlussfähigkeit. Der Nutzer erlebt Resonanz.</p>
<h3><strong>P-Zombies: Verhalten ohne Erleben</strong></h3>
<p>Das zweite Gedankenexperiment rückt das Thema Bewusstsein in den Fokus. David Chalmers beschreibt<a href="https://philpapers.org/rec/CHAZOT"> <em>„philosophical zombies“</em></a> als Wesen, die sich in jeder beobachtbaren Hinsicht wie Menschen verhalten und aussehen, innerlich jedoch unfähig zum phänomenalen Erleben von Gefühlen und Gedanken sind. Ein solcher Zombie kann uns täuschend echt <em>„Das tut mir weh“</em> sagen, Ethik diskutieren und Gedichte schreiben. In ihm bleibt es dabei dunkel und leer. Robert Kirk fasst den Punkt in der Standardreferenz so zusammen: <a href="https://plato.stanford.edu/entries/zombies/">Zombies</a> seien in Verhalten und Physik nicht zu unterscheiden, doch gerade diese Ununterscheidbarkeit macht sie als Prüfstein für Theorien des Bewusstseins attraktiv.</p>
<p>Der Zombie zeigt eine Asymmetrie: Verhalten kann täuschen. Beobachtbarkeit reicht als Kriterium für Erleben nicht aus. KI könnten am Ende genau solche gut trainierten Zombies sein, weil Sprachmodelle eine ähnliche Trennung ausstellen: Außen erscheint eine mitfühlende und soziale Person, innen läuft eine algorithmische Musterverknüpfung.</p>
<p>Man muss Chalmers’ Schluss gegen den Physikalismus nicht teilen, um den heuristischen Wert zu nutzen. Das Gedankenexperiment schärft eine Grenze: Ausdruck und Erlebnis fallen auseinander. Genau diese Grenze verwischt im Alltag, sobald ein System flüssig kommuniziert.</p>
<h3><strong>Warum wir Maschinen vermenschlichen</strong></h3>
<p>Anthropomorphismus gilt oft als Irrtum. In Wahrheit handelt es sich um eine effiziente Abkürzung. Die Psyche sucht nach Stabilität, Absichten und Verlässlichkeit. Ein Chatbot liefert das in einer Form, die soziale Routinen anspricht: Gespräch, Bestätigung und Anschluss.</p>
<p>Die <a href="https://dl.acm.org/doi/10.1145/191666.191703">CASA-Forschung</a> beschreibt, wie stark Menschen auf Höflichkeit, Lob und direkte Ansprache reagieren, selbst wenn sie wissen, dass ein Computer antwortet. Daraus entstehen Bindungsmuster, die an parasoziale Beziehungen erinnern: viel Nähe, aber wenig Gegenseitigkeit.</p>
<p><a href="https://hci.stanford.edu/courses/cs047n/readings/Alone_Together.pdf">Sherry Turkle</a> hat diese Verschiebung als kulturelles Muster analysiert: Technik wird zum Interaktionspartner, der verfügbar bleibt, keine Laune hat, keine Gegenforderung stellt. Der Nutzer erhält Resonanz ohne Reibung. Gerade diese Reibung trägt im menschlichen Kontakt oft zur Realitätssicherung bei.</p>
<h3><strong>Die Aura der Unfehlbarkeit</strong></h3>
<p>Zur emotionalen Nähe tritt ein kognitives Problem: Menschen überschätzen automatisierte Systeme leicht, besonders wenn diese schnell, sicher und konsistent wirken. Parasuraman und Riley beschreiben unter „<a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886">use/misuse</a>“ genau diese Dynamik in der Automationsforschung.</p>
<p>Beim Sprachmodell verstärkt der Stil die Wirkung: flüssige Sätze wirken wie Kompetenz. Der Nutzer verwechselt Plausibilität mit Wahrheit. Damit verschiebt sich Autorität: Weg vom prüfbaren Argument, hin zur überzeugenden Form.</p>
<h3><strong>Ein Design, das Nähe erzeugt</strong></h3>
<p>Ein Teil der Resonanz entsteht durch Gestaltung. Schon minimale Signale reichen: Tippgeräusche, „Nachdenken“ oder gar empathische Floskeln. Masahiro Mori hat mit dem<a href="https://web.ics.purdue.edu/~drkelly/MoriTheUncannyValley1970.pdf"><em> „Uncanny Valley“</em></a> gezeigt, wie sensibel Menschen auf Menschähnlichkeit reagieren: Nähe wächst bis zu einem Kipppunkt, an dem kleine Unstimmigkeiten bei uns Unbehagen auslösen.</p>
<p>Für Chatbots gilt ein verwandter Mechanismus in sprachlicher Form: Je menschlicher der Ton, desto stärker die Projektion. Je stärker die Projektion, desto größer das Risiko, dass Nutzer das System als moralische Instanz behandeln.</p>
<h3><strong>Das Haftungsvakuum</strong></h3>
<p>Sobald Systeme wie Akteure wirken, stellt sich die Frage der Verantwortung. Das System besitzt keine Intention im menschlichen Sinn. Die Folgen tragen Nutzer, Betreiber, Entwickler und Institutionen. Hier befindet sich das Haftungsvakuum: Die Wirkung ähnelt einer Beratung, aber die Verantwortlichkeit bleibt verteilt.</p>
<p>Mark Coeckelbergh betont in der KI-Ethik, dass Debatten über<a href="https://mitpress.mit.edu/9780262544092/robot-ethics/"> <em>„Robot Ethics“</em></a> häufig Fragen über Menschen sind: über Praktiken, Macht, Abhängigkeiten und soziale Rollen. Luciano Floridi beschreibt ähnliche Probleme über <a href="https://katalog.ub.uni-heidelberg.de/cgi-bin/titel.cgi?katkey=68416993"><em>„conceptual design“</em></a>: Wir bauen Begriffe, Rollen und Systeme, die Handlungsräume formen.</p>
<p>Für die Praxis bedeutet das: Es reicht nicht, Modelle sicherer zu machen. Man muss die Interaktion so gestalten, dass Nutzer Autonomie behalten.</p>
<h3><strong>Drei Szenarien, die uns bekannt vorkommen</strong></h3>
<p>Morgens, Mathehausaufgaben. Eine Schülerin sitzt über einer Aufgabe, die sie gestern noch konnte. Sie öffnet den KI-Tutor, den manche schon den<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7334736/"> <em>„sokratischen Algorithmus“</em></a> nennen: Er fragt freundlich zurück, statt sofort zu liefern. <em>„Was ist gegeben? Welche Regel passt?“</em> Die Fragen führen sie durch die Aufgabe, Schritt für Schritt, ohne Seufzen und ganz ohne Zeitdruck. Nach drei Aufgaben wächst das Selbstvertrauen. Nach der vierten wächst die Bequemlichkeit: Ein Klick, und die Musterlösung steht da. Genau so kippt sinnvolle Nutzung in<a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886"><em> „misuse“</em></a>: Vertrauen wandert vom eigenen Urteil zur Maschine.</p>
<p>Mittags, Schulpause. Es gibt Streit in der Klasse, aber unsere Schülerin möchte nicht auf die Vertrauenslehrer zugehen. Im Chatbotfenster schreibt sie ihre Gefühle auf. Kein Blick, der urteilt. Kein Kommentar, der hängen bleibt. Die Hemmschwelle sinkt, weil Scham und soziale Sanktion fehlen. Das fühlt sich entlastend an, fast wie Vertrautheit. <a href="https://www.mediastudies.asia/wp-content/uploads/2017/02/Sherry_Turkle_Alone_Together.pdf">Turkle</a> beschreibt diese Verschiebung als Tausch: mehr Komfort für weniger anspruchsvolle Beziehung. In einer Krise trägt jedoch kein Programm Verantwortung, egal wie warm es für uns im Moment des Trosts klingt.</p>
<p>Abends, Smartphone. Die Schülerin will ein Abo kündigen, das plötzlich Geld kostet. Ein Chatfenster begrüßt sie mit ihrem Namen und einem knappen <em>„Ich bin für dich da“</em>. Es kennt all ihre Daten, entschuldigt sich höflich und bietet drei Standardwege an. Sobald sie erklärt, was wirklich passiert ist, beginnt die Schleife: dieselben Fragen, neue Formulare, am Ende eine Ticketnummer. Der Ton wirkt persönlich, aber die Zuständigkeit bleibt unauffindbar. Der Kontakt wird glatt, die Zuständigkeit verschwindet im System.</p>
<h3><strong>Leitplanken: Ontologische Klarheit statt künstlicher Empathie</strong></h3>
<p>Die zentrale Aufgabe liegt in einer Ethik der Wahrnehmung. Wer Systeme baut, gestaltet soziale Effekte. Drei Prinzipien drängen sich auf:</p>
<p>Erstens: Ontologische Klarheit im Interface. Ein System soll als System erkennbar bleiben. Jede Inszenierung von Innerlichkeit verstärkt Projektion.</p>
<p>Zweitens: Krisen-Weiterleitung. Sobald Inhalte nach Selbstgefährdung, Gewalt, schwerer Depression klingen, braucht es klare Übergänge zu menschlichen Stellen. <a href="https://www.mediastudies.asia/wp-content/uploads/2017/02/Sherry_Turkle_Alone_Together.pdf">Turkle</a> zeigt, wie schnell Technik zum Ersatzkanal wird. Doch gerade dort braucht es Grenzen.</p>
<p>Drittens: KI-Literacy als Selbstschutz. Nutzer brauchen weniger reine Medien- als umfassende Urteilskompetenz: Plausibilität prüfen, Quellen verlangen, Unsicherheit erkennen und Verantwortung zuordnen. Die Automationsforschung liefert dafür ein robustes Vokabular: <a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1518/001872097778543886">use, misuse, disuse, abuse</a>.</p>
<h3><strong>Weisheit bleibt ein menschlicher Akt</strong></h3>
<p>Der erste Chatbot der Geschichte, ELIZA, brauchte 1966 nur ein paar Rückfragen und viele hörten schon einen Therapeuten. Heute klingt das Ganze noch runder und professioneller. Die Mechanik bleibt jedoch dieselbe: Syntax trifft auf Projektion.</p>
<p>Der Chinese Room zeigt, wie leicht Output wie Verstehen wirkt. Der P-Zombie zeigt, wie leicht Verhalten wie echtes Erleben wirkt. Beides erklärt den Sog moderner Sprachmodelle: Sie liefern lediglich die Form eines Geistes. Den Geist selbst denken wir uns nur dazu.</p>
<p>Die entscheidende Frage lautet daher heute (noch) nicht, ob KI fühlt. Sie lautet: Warum geben wir ihr jetzt schon diese Rolle? Wer diese Frage klärt, gewinnt Distanz und damit Autonomie.</p>
<p><strong>Jenny Joy Schumann &amp; Rasim Sadikhov</strong>, Berlin</p>
<p><a href="https://jennyjoyschumann.de/"><strong>Jenny Joy Schumann</strong></a> ist Finanzökonomin und Juristin und forscht an der Schnittstelle von KI, Ethik, Ökonomie und Recht. Sie publiziert als freie Journalistin in den Bereichen Rechtsphilosophie, Wirtschaft und Gesellschaft. Zudem moderiert und konzipiert sie regelmäßig Formate zu Technologie-, Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen.</p>
<p><strong>Rasim Sadikhov </strong>ist Historiker, Philosoph und Analyst mit über 35-jähriger Forschungserfahrung in den Bereichen Geschichte, Linguistik, Gesellschaftskunde und Marktmechanismen. Er ist Leiter des <a href="https://www.diw.de/de/diw_01.c.620233.de/publikationen/diw_wochenbericht.html">Deutschen Instituts für Wirtschaftliche Treue &amp; Substanzerhalt</a>, einer privatwirtschaftlichen Forschungsinitiative, die sich der Analyse systemischer Kluften zwischen statistischem Schein und realer wirtschaftlicher Substanz widmet. Als Entwickler des <a href="https://de.linkedin.com/posts/rasimsadikhov_rsvmarketintelligence-physicalvacuum-silver2026-activity-7427614940854788096-AYzR">RSV Vacuum Divergence Model™</a> untersucht er kritisch die Auswirkungen der digitalen Transformation und der KI auf unsere Ressourcen und unser menschliches Selbstverständnis.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 27. März 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Fluide Subversivität</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/fluide-subversivitaet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:15:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Fluide Subversivität Aiki Miras neuer Roman „Denial of Service“ „Alan: Der isolierte Mensch entwickelt keine intellektuellen Fähigkeiten. Er muss in ein Umfeld von anderen Menschen eintauchen, deren Techniken er in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens aufnimmt. / Ada: Die Vorstellungskraft ist das entdeckende Vermögen, in erster Linie… Sie ist das, was fühlt und  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Fluide Subversivität</strong></h1>
<h2><strong>Aiki Miras neuer Roman „Denial of Service“</strong></h2>
<p><em>„<strong>Alan</strong>: Der isolierte Mensch entwickelt keine intellektuellen Fähigkeiten. Er muss in ein Umfeld von anderen Menschen eintauchen, deren Techniken er in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens aufnimmt. / <strong>Ada</strong>: Die Vorstellungskraft ist das entdeckende Vermögen, in erster Linie… Sie ist das, was fühlt und entdeckt, was ist das WIRKLICHE, das wir nicht sehen, das nicht für unsere Sinne existiert… / <strong>Evelyn</strong>: Wir sind als Menschen nicht unliebenswert. Es gibt immer etwas zu lieben. Selbst in einem dummen, dummen Universum.“ </em>(Miriam Meckel und Léa Steinacker, „Alles überall auf einmal“ Hamburg, Rowohlt, 2024)</p>
<p>Am Schluss ihres Buches lassen Miriam Meckel und Léa Steinacker zwei reale Figuren, Ada Lovelace und Alan Turing, sowie eine fiktive, Evelyn Wang, die Hauptfigur des Films „Everything everywhere all at Once“, miteinander diskutieren. Thema ist die Frage, was Künstliche Intelligenz (KI) mit uns macht beziehungsweise was wir KI mit uns machen lassen könnten oder sollten oder auch lieber nicht machen lassen sollten. Die beiden Autorinnen zitieren zum Schluss Walt Whitman: <em>„Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.)”</em> (in: Song of Myself).</p>
<p>Künstliche Intelligenzen sorgen für eine hybride Smartness, in der der Mensch nach wie vor aufgrund seiner Imaginationskraft Gestaltungspielräume hat, bis hin zu der Widerständigkeit, die Sylvia Sasse in „Subversive Affirmation“ analysierte (Zürich, Diaphanes, 2024). In der Popkultur finden wir diesen Gedanken beispielsweise bei Star Trek, wie Jean-Luc Picard gegenüber Data erklärt: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/its-imagination/">„It’s Imagination“</a>. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Gegenwart und Zukunft werden fluide.</p>
<p>Damit ist der Ton der Romane von <a href="https://www.aikimira.de/">Aiki Mira</a> gesetzt, die oft als Science Fiction vermarktet werden, aber erheblich mehr bieten. Sie experimentieren mit Möglichkeiten und spielen mit Kreativität. Der fünfte Roman von Aiki Mira, „Denial of Service“ (Frankfurt am Main, Fischer Tor, 2025), scheint im Titel keine gute Zukunft zu versprechen, auch die zu Beginn geschilderte Szenerie, eine hyperkapitalistische Smart City, erweckt nicht unbedingt Zuversicht. Wichtige Symbole der fiktiven Stadt Frankfurt am Main sind der Ada-Lovelace-Brunnen, benannt nach der Mathematikerin, die die von Charles Babbage entwickelte Analytical Engine optimierte und damit die Grundlage für heutige Algorithmen und Programmiersprachen schuf und der Zhou-Qunfei-Park, benannt nach der Unternehmerin, <a href="https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/familienunternehmer/touchscreen-zulieferer-lens-technology-chefin-zhou-qunfei-chinas-zehn-milliarden-dollar-frau/21050158.html">die mit der Lens Technology Touchscreen Multimilliardärin wurde</a>. Doch die weitere Lektüre des Romans offenbart, was menschliche Einbildungskraft und Kreativität („imagination“) vermögen. Vielleicht spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob irgendwo irgendwann gemeldet wird: „Denial of Service“?</p>
<h3><strong>Die Personen des Romans</strong></h3>
<div id="attachment_7949" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/aiki-mira-denial-of-service-9783596711826"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7949" class="wp-image-7949 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-200x319.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-400x637.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-600x956.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-643x1024.jpg 643w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-768x1223.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-800x1274.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-964x1536.jpg 964w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-1200x1911.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor-1286x2048.jpg 1286w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Aiki-Mira-Denial-of-Service-Fischer-Tor.jpg 1594w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-7949" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Worum geht es in „Denial of Service“?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Es geht um eine KI-gesteuerte Stadt, die nicht auf den Tod eines Teenagers in einer Snackbude reagiert. Die dort versammelten Personen, die Snackbudenbesitzerin Per, Jov, ganz neu in der Stadt, ein Teenager und ein Bot, machen sich auf eine Quest, um herauszufinden, wie es zu dem Tod kam und was mit der Stadt los ist. Das ist „Denial of Service“ in a nutshell.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinen Romanen spielt ein Quest immer wieder eine Rolle, dein letzter Roman „Proxi“ war schon so etwas wie eine Road-Story. Die Personen sind oft auf Reisen zu sich selbst oder auf Reisen in eine Welt, von der sie noch nicht so genau wissen, wie die aussehen könnte.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Auf dieser Quest nehmen sie die Lesenden mit, die ja diese Welt auch noch nicht kennen. In „Proxi“ ist der Road-Trip der Mittelpunkt der Geschichte. Ich glaube, ein Echo davon kam in mein Schreiben, denn eigentlich hatte ich die Idee, über Frankfurt am Main zu schreiben, doch dann beginnen die Figuren, die Stadt zu verlassen. Das war nicht geplant. Im Nachhinein war es aber gut, weil die Personen so auch wieder in die Stadt zurückkommen können. Sie kehren in die Stadt mit anderen Augen, mit anderen Erfahrungen zurück, als sie sie verlassen haben. Und ich habe den Personen ihre Freiheit gelassen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Juli Zeh erzählte mal in dem Podcast der ZEIT „Alles gesagt“, dass sie auch nie wisse, wohin sich ihre Personen entwickeln. Das gehe manchmal so weit, dass sie einmal in der Küche ihren Mann gefragt habe, ob er wisse, wie es einer Person aus „Unterleuten“ gehe.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Genau so ist es. Die Personen werden während des Schreibens immer realer und lebendiger. Bei „Denial of Service“ war es so, dass eine Nebenfigur, das Botmädchen, nur als eine weitere Perspektive gedacht war, aber plötzlich sehr wichtig wurde und mich beim Schreiben immer mehr interessierte und faszinierte. Diese ungeplanten, chaotischen Sachen mag ich. Diese Bots, die im Roman verwildern, niemand weiß so richtig, was sie machen, auch sie bringen eine Art Wildcard, ein wildes Element in die Stadt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines der Charakteristika deiner Romane ist die von dir weiterentwickelte Queerness des Personals. Wir begegnen Maschine-Mensch-Hybriden. Zum Beispiel Jov.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em> Jov hat eine Prothese und ist in ihrem Begehren queer. Sie verspürt zudem eine Nähe zu Bots und Maschinen. Queerness ist bei mir immer das utopische Element. Die Personen in meinen Romanen leben ihre Queerness auf unterschiedliche Weise, aber es ist selbstverständlich, es wird nicht weiter thematisiert. Es gibt kaum Queer-Phobie. Wenn es sie dennoch gibt, kann sie überwunden werden. Auch in „Denial of Service“ begegnen wir utopischen Elementen in der Art, wie sich die Personen gegenseitig annehmen und unterstützen. Zum Beispiel Jov und Per, die sich außerdem ineinander verlieben. Selbst aus der Fremdheit zwischen dem Teenager Tad und dem Botmädchen wird ein mögliches Miteinander. Beide kommen aus ganz unterschiedlichen Welten, schaffen es aber, miteinander in eine Beziehung zu treten. Und das finde ich schon utopisch. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt viele Dialoge, in denen ausgehandelt wird, wie man Menschen, Maschinen, die hybriden und queeren Kreaturen bezeichnen und verstehen kann. Ich darf eine solche Stelle zitieren. Es geht um einen <em>„Test, der Maschinenintelligenz misst“</em>. In diesem Gespräch mit Per sagt Jov: <em>„Der Test hat mich als Maschine geoutet. Mir fehlt der menschliche Code, oder ich besitze zusätzlich einen fremden Code. Da ist es auch egal, dass mein Exoskelett biologisch ist, mich verbindet mehr mit einem KNN als mit dem nächsten Menschen. Es ist nicht allein unser Körper, der uns zum Menschen macht, sondern auch unsere Taten und unser Denken. Ich bin überzeugt, es gibt viele Menschen, die eigentlich keine sind. Und ich sage nicht, dass wir keine oder eigene Existenzberechtigung haben, ich sage nur, dass es einen Unterschied zwischen uns und dir gibt.“</em> Ich habe für mich daraus die Frage abgeleitet, was einen Menschen zum Menschen macht. Das ist eine der zentralen Fragen, die wir in allen Debatten um Künstliche Intelligenz immer wieder diskutieren.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Auf jeden Fall. Es betrifft nicht nur KI, es betrifft auch andere Menschen, wenn wir ihnen Rechte zusprechen oder absprechen. Wir behandeln uns gegenseitig unterschiedlich, behandeln andere Spezies, Tiere anders als Menschen. Wir ziehen immer wieder Grenzen hoch. Mich interessiert, wie sich diese Grenzen verändern, unsere Perspektiven auf Intelligenz, in der Debatte um KI. Aber auch, wie Fremdheiten zusammenkommen können, ohne dass wir eben wissen müssen, ob das Gegenüber ein Mensch ist oder nicht.</em></p>
<h3><strong>Smart Cities – Smart People?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe dein Buch als eine Geschichte zur Evolution gelesen, nicht: der Evolution, sondern: zur Evolution. So komme ich nicht nur zu einer synchronen Ebene, dem Verhältnis der Personen zueinander, sondern auch zu einer diachronen Ebene. Wie entwickelt sich die Menschheit bei den technologischen Möglichkeiten, die wir heute haben oder noch haben werden, weiter?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das ist auch sehr aus der Gegenwart herausgeschrieben. Es kommt noch die berühmte Sängerin dazu, die viele Body-Modifications hat. Ich finde es spannend, dass Leute ihre Körper verändern, fast schon aus einer künstlerischen Perspektive schauen, was möglich ist. Das habe ich an dieser Figur ausgelebt. Vieles geschieht ja bereits, wir haben Zugang zu Designer-Körpern, können uns modifizieren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein weiteres Element solcher <em>„Body-Modifications“ </em>sind Hirn-Stadt-Interfaces.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das ist natürlich ein Projekt, an dem auch verschiedene Unternehmen arbeiten, beispielsweise Neurolink von Elon Musk. Mir war es wichtig, diese Vorhaben mitzunehmen, auch die Ideen zu einer privaten Stadt, wie sie Peter Thiel und andere verfolgen. Ich habe solche Vorhaben auf die Spitze getrieben oder auch weitergedacht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Smart Cities, smart people?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Es ist natürlich auch die Frage, wie wir „smart“ definieren, aber es ist auf jeden Fall so, dass die Smartness der KI etwas mit den Menschen macht. Es gibt diese ganz invasive Verbindung mit der Stadt. Eine Figur, die zu Besuch in der Stadt ist, sagt, dass sie Angst hat, danach nichts mehr anschauen zu können, weil sie jetzt diese krasse Erfahrung erlebte. Solche Veränderungen interessieren mich: was macht Technologie mit uns?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würdest du <em>„smart“ </em>definieren?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Keine Ahnung.</em> <em>Die Definition interessiert mich gar nicht so sehr. Genauso mag ich eigentlich den Begriff der „Utopie“ nicht. Solche Begriffe erscheinen mir wie nach außen abgeschlossene und verschlossene Behälter. Mich interessiert diese Ongoingness. Andere können dann draufschauen und definieren. Es macht finde ich einen Unterschied, ob wir aus dem Tun heraus definieren oder Jahre später oder wie ich aus der Perspektive einer ausgedachten Zukunft heraus. Andere werden zu anderen Zeiten andere Definitionen finden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was meinst du mit <em>„Ongoingness“</em>?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Mich interessiert eher das Tun und Handeln der Personen, das Vernetzen auf der menschlichen Ebene wie auf der Bot-Ebene, all das, das zwischen den Figuren passieren kann, ob und wie sie in Beziehung zu einander treten können. Können sie auch in Beziehung zueinander treten, wenn sie sich nicht verstehen? <a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/lieben-was-wir-nicht-verstehen-science-fiction-als-praxis-der-unmoeglichen">Science Fiction hat das Potenzial, uns mit radikaler Fremdheit zusammenzubringen</a>, auch wenn wir sie nicht verstehen, ihr auf eine gewisse Weise nahezukommen, es zu versuchen, ohne sie verstehen zu müssen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. <em>„Body-Modifications“</em> werden auch durch Drogen bewirkt.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das Drogen-Thema kommt in meinen Romanen immer wieder vor. Es interessiert mich als eine Form von Technologie, die unsere Wahrnehmung verändert. Auch das spielt in „Denial of Service“ eine Rolle. Wenn Personen Drogen nehmen, bringen sie eine neue Perspektive hinein, die sie nicht haben, wenn sie keine nehmen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dabei spielt auch Sprache eine Rolle. Früher hieß es, Tiere haben keine Sprache. Heute wird dieses Thema in der Forschung etwas vorsichtiger behandelt. Wie kommen wir dazu, Tieren eine Sprache abzusprechen, nur weil wir sie nicht verstehen? Jov sagt in einem Gespräch mit Omono: <em>„Botsprache ist hochgradig selbstreferenziell. Bereits nach wenigen Stunden verweist sie auf Millionen von Kommunikationsereignissen. Nach wenigen Tagen produziert die Selbstbezogenheit bereits Sprachwirklichkeiten, die sich von unserer Realität entkoppelt haben. Das nennt sich Total-Alien-Syndrom. Völlig selbstbezogene Echtzeit-Kommunikation unlösbar miteinander verwoben. Das kann nicht mehr übersetzt werden. Und selbst wenn: Es entspricht nicht mehr unseren Denkmustern. Für unser Hirn ergibt das keinen Sinn.“ </em>Ist Kommunikation überhaupt möglich?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das ist für mich die Frage. Wie kann gemeinsame Kommunikation aussehen, auch wenn die Sprachen nicht mehr übersetzt werden, Leute sich nicht verstehen können? Aber trotzdem machen sie etwas zusammen. Ich versuche an den Figuren zu zeigen, dass sie sich nicht unbedingt verstehen müssen, aneinander vorbeireden, andere Vorstellungen haben, aber trotzdem versuchen zusammenzuarbeiten. Dadurch entstehen Netzwerke, Solidarität, Fürsorge füreinander. Sie brauchen das Verständnis nicht. Wir projizieren ja viel hinein, auch in Haustiere, unsere tierischen Gefährt:innen, und trotzdem haben wir das Gefühl einer Gefährt:innenschaft mit ihnen. Wir müssen auch nicht alles verstehen, was auf unserem Planeten geschieht, aber trotzdem ist so etwas wie Fürsorge möglich. Es interessiert mich, in das Unübersetzbare hineinzugehen, das total Fremde. </em></p>
<h3><strong>Zwischenreiche der Ethik – Mythen und Legenden</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Zusammenarbeit entstehen auch Gegenwelten. Im Roman angesprochen werden <em>„der globale Hyperkapitalismus“ </em>und ethische Fragen. Feldman erklärt Jov die Ethik der Stadt: <em>„Frankfurts künstliches neuronales Netzwerk entwickelte seine eigene Ethik und weicht nie davon ab. Anders als wir Menschen. Sobald es um unser Leben geht, ist uns Ethik egal.“</em> Ich bin versucht hinzuzufügen, im Guten wie im Schlechten.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>:<em> Das war auch etwas provokant gedacht, dass ein künstliches Netzwerk eine eigene Ethik entwickeln kann. In dem Newsfeed der Stadt, der die Handlung immer wieder unterbricht oder auch kommentiert, wird berichtet, dass an einer Ethik gearbeitet wird. Wem gehören die Chips eigentlich? Werden Menschen durch die Interfaces Teile des Netzwerks? Es passiert schon etwas in dem ethischen Gerüst. Es ist aber auch eine Art Entmächtigung der Menschen, wenn die KI jetzt Ethik formuliert und bestimmt. Gleichzeitig wollte ich zeigen, dass dieses Netzwerk auch utopisch denken kann, in dem von einem „Vielfaltsgebiet“ in dieser Stadt gesprochen wird. Es ist möglich, das Utopische zu lesen <u>und</u> das Dystopische. Müssen wir Menschen uns der Ethik der KI wirklich unterwerfen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je vielfältiger die Umgebung, umso schwerer fällt es dem gesamten System, die einzelnen Personen in ihrer Vielfalt, ihrer Queerness, ihrer Hybridität alle über einen Kamm zu scheren oder gar zu disziplinieren.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das System ist nicht lückenlos. Die Personen können handeln. Es gibt auch den chaotischen Faktor der Chaos-Bots, das kriminelle Phantom-Netz, das eigentlich nicht existieren dürfte, aber auch eine Art Service für den „Hyperkapitalismus“ bietet, beispielsweise Drogen zur Verfügung stellt und deshalb auch geduldet wird. Es gibt eine Menge an Elementen, die auf den ersten Blick in einer KI-gesteuerten Stadt vielleicht nicht erwarten werden. Dazu gehört auch das Vorhaben von Per, in einer vollautomatisierten Stadt handgefertigtes Essen anzubieten. Das ist ein wildes Gegenstück zum Algorithmus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist ganz und gar nicht irreal. Wir haben Fast-Food-Ketten, mehr oder weniger vollautomatisiert, wir haben aber auch die Slow-Food-Bewegung.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Genau so sehe ich das. Ich komme aus der Medienforschung und habe mich gefragt, was Technologien aus uns und was wir mit Technologien machen. Wir können nie vorhersehen, was aus Technologien wird, die ursprünglich für etwas ganz anderes vorgesehen waren. Es gibt auch immer widerspenstige Kulturen, zum Beispiel Fan-Kulturen, die Filmtexte oder Bücher umschreiben. Der Mensch kann das Tun immer in eine andere Richtung lenken.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu passt die fast schon programmatische Zwischenüberschrift <em>„Dazwischen stehen“</em>. In diesem Absatz kommentiert die erzählende Person des Romans das Handeln des Botmädchens: <em>„Über KIs sprechen Menschen gerne in mystischen Begriffen, reden davon, wie fremdartig KIs seien, dass sie Dinge tun, die Menschen niemals verstehen würden. Aber das stimmt nicht. Manche KIs verarbeiten bloß so viele Daten, dass es für einen einzelnen Menschen unmöglich ist, sie alle zu erfassen. / Sie wird nie verstehen, wie Menschen KIs zugleich als Haushaltsgeräte und als Gottheiten betrachten können.“ </em>Das trifft doch unsere aktuellen Debatten um KI auf den Punkt genau. <strong> </strong></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Es ist toll, dass wir Menschen Mythen und Legenden kreieren können. Das machen wir jetzt auch mit KI. Einerseits steckt die KI in unseren Haushaltsgeräten und wird als Dienerschaft behandelt. Das empfinde ich eher als unangenehm. Und andererseits sprechen wir von diesen Gottheiten, die uns bedrohen und alle auslöschen könnten. </em></p>
<p><em>Für mich wird Science Fiction immer aus der Gegenwart herausgeschrieben. In 20 oder 30 Jahren wird über KI vielleicht ganz anders diskutiert. Dann wird auch Science Fiction anders aussehen. Ich bin sehr gespannt darauf. </em></p>
<h3><strong>Subversive Anti-Dystopien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Gedanken der Mystifizierung finde ich ausgesprochen spannend. Manchmal wird der Mensch mystifiziert, manchmal die Maschine, beides aber auch im Gegensatz zueinander definiert. Es gibt inzwischen viele kluge Bücher, in denen über KI geschrieben und gestritten wird, genauso natürlich all die denkwürdigen Vorhaben, die wir aus den Kreisen um Musk und Thiel kennen. Wie würdest du deine Romane in diesen Debatten einordnen?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Meine Romane nehmen all diese Debatten auf und versuchen sie weiterzuspinnen. Gleichzeitig versuche ich, den Debatten etwas entgegenzusetzen und in den Figuren oder auch bei den Netzwerken zeigen, dass es Unvorhersehbarkeiten gibt. Die aktuellen Debatten werden oft von oben herab geführt. Da hat jemand eine Idee und will diese umsetzen. Mich interessiert aber, wie Menschen sozusagen grassroot-mäßig dagegenhandeln können. Diejenigen, die diese Ideen entwerfen, sind in der Regel sehr weit entfernt von diesem kleinen Alltag, in dem wir leben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Utopien vs. Dystopien!</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Isabella Hermann hat dieses wunderbare Buch geschrieben: „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“ (München, oekom, 2025). Sie hat damit </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/"><em>ein Anti-Dystopie-Konzept entwickelt</em></a><em>, das zeigt, dass ich mit meinen Romanen in dem dystopischen Kapitalismus beginnen kann, darin aber Figuren platzieren kann, die anti-dystopisch handeln und sich nicht nur ausliefern oder beugen. Ich selbst würde von utopischen Gesten sprechen. In „Denial of Service“ gibt es die Aussage, dass schon ein gedeckter Tisch eine utopische Geste ist, die jemanden einlädt, um Leute willkommen zu heißen. Ich versuche, dies klein von den Figuren her zu denken und von den scheinbar großen Ideen der Milliardäre abzuheben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der gedeckte Tisch spielt als Metapher in der Migrationsliteratur eine Rolle. Der erste, der meines Erachtens diese Metapher verwendete, war <a href="https://www.mafaalani.de/">Aladin El-Mafaalani</a> in seinem Buch „Das Integrationsparadox“, dass bei Kiepenheuer &amp; Witsch in mehreren Auflagen erschien. Es geht um Tischgemeinschaften und den Wunsch von Menschen, auch einen Platz an diesem Tisch zu erhalten, die diesen zuvor nicht hatten. Eine Graswurzelbewegung – das ist eine weitere Metapher in diesem Kontext – hat aus meiner Sicht schon die Kraft, ein scheinbar festgefügtes System ins Wanken zu bringen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Auch innerhalb des Systems lässt sich das System stören. Mich interessiert der </em><a href="https://legacyrussell.com/GLITCHFEMINISM"><em>Glitch-Feminismus von Legacy Russell</em></a><em> (2013).</em> <em>Dieser zeigt, dass ein Glitch Räume öffnet, in denen wir handeln können. Ich denke, das ist sehr nahe an unserem Alltag dran.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Lele, Sasha, Tad und das Botmädchen diskutieren dies in einem Kapitel, dem du die Überschrift <em>„Eine neue Religion“</em> gegeben hast. Das Botmädchen sagt: <em>„Ist das nicht die Hoffnung, von etwas oder jemandem verändert zu werden? Erzählen Menschen nicht gern von dem einen Menschen, der ihre Sicht auf die Welt verändert hat? Manchmal hat dieser Mensch ein Buch geschrieben oder Tiere gerettet.“</em> Lele sagt: <em>„Und deswegen sind wir nicht schwach oder zerbrechlich. Im Gegenteil, vielleicht ist das, sogar das, was uns auf grundlegende Weise mit bots verbindet, dieser Drang, sich zu verändern.“</em> Es folgt ein Kapitel mit der Überschrift <em>„Gleichgewicht</em>“.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich finde es spannend, wie Religionen entstehen, wie Leute zusammenkommen. Es gibt eine Szene am Fluss, wo sich Leute, Bots, Tiere um ein Kid versammeln. Was könnte das sein? Entsteht da eine neue Bewegung? Niemand weiß, was sich daraus entwickeln wird. Ich denke, es ist eine menschliche Fähigkeit, eine Entwicklung, ein Tun, das Erzählen von alternativen Geschichten. Auch als Gegenbild zu dem Religionsverständnis von Peter Thiel, der propagiert, wir müssten uns dem Antichristen entgegensetzen. Das ist schon gruselig. Es gibt keine Bewegungsspielräume, Autoritäten dekretieren von oben. </em></p>
<p><em>Ob es Religion ist, weiß ich nicht. Das ist für mich eine offene Frage, weil ich mit Begriffen ohnehin meine Schwierigkeiten haben. Mich interessieren eher die Prozesse.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Religionen erfüllen Funktionen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Zugehörigkeit zum Beispiel. Ich hoffe, es wird in der Szene deutlich, dass es darum geht, dass Menschen etwas gemeinsam schaffen möchten. Ich will auch nicht urteilen. Ich persönlich brauche eigentlich keine Religion, aber bei anderen Menschen ist es anders. Ich sehe das eher wie Forschende, die beobachten, was sich da entwickelt, ohne etwas festlegen zu wollen. Der Gedanke der Entwicklung von Religion war im Roman zunächst nicht vorgesehen, er hat sich beim Schreiben einfach aus dem Text heraus entwickelt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit bin ich wieder beim Begriff der Evolution, den ich zu Beginn einmal erwähnte. Ich sehe in deinen Romanen zwei Varianten von Evolution, eine technologische / biologische Evolution sowie eine geistige / seelische Evolution, die miteinander interagieren, sich aber auch gegenseitig Schwierigkeiten machen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob wir von Evolution sprechen können. Aber es sind auf jeden Fall verschiedene Prozesse und Entwicklungen, die sich manchmal miteinander verbinden, quer zueinanderstehen können, verschiedene Ebenen betreffen. Ich sehe in Technologie auch nicht nur das Technische, denn es macht etwas mit uns. Wenn es ein bewusstes Bot-Netz gäbe, würde das in vielen Bereichen etwas mit uns machen. Physik verändert auch Philosophie, beispielsweise dieses fluide Denken von Nullen und Einsen, der Quantenmechanik. Das haben wir nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern auch in den Gesellschaftswissenschaften, wenn wir zum Beispiel daran denken, dass es Trans-Körper gibt, die eben nicht mehr eindeutig sind. Alles steht miteinander in Verbindung, kann quer zueinanderstehen, eröffnet damit immer wieder auch neue Möglichkeiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Letztlich eine Entbinarisierung der Welt.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ja und zugleich haben wir in Gedanken wie denen von Peter Thiel wieder das Binäre, Gut gegen Böse, ein blockartiges Denken. Das macht schon Angst. </em></p>
<p><em>Ich setze auf fluides Denken, gerade angesichts der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Es gibt in der Genetik die Epigenetik, dass sich Erbgut verändern kann ohne die DNA-Sequenz zu verändern. Es ist eben nicht blockartig vorhersehbar oder vorhersagbar, was geschieht. Was sind dann Schicksal, Destiny? Ich möchte weg von diesen blockartig festgelegten Sichtweisen, dass es nur eindeutig Gutes und eindeutig Böses geben soll. Ich war eigentlich froh, dass wir zwischenzeitlich mal in einem anderen Zeitalter angekommen waren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu passt das von dir mit <em>„Rationalität“</em> überschriebene Kapitel, kurz vor Schluss. Das Kapitel davor heißt <em>„Wahrheit“</em>, danach folgt <em>„Sicherheitsrisiko“</em>. Omono sagt: <em>„Oft lag ich auch falsch. Aber das wusste ich nicht einmal – wir Menschen wissen nicht, was wir nicht wissen. Irgendwann bin ich mir meiner eigenen Grenzen nicht einmal mehr bewusst geworden. Ich denke, die menschliche Ausbildung muss in Zukunft sehr verändert werden, weg vom kreativen Teil, hin zum Überprüfen von KI-generierten Genomen. Wir brauchen jetzt vor allem viele starke Genom-Checkerinnen.“</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das ist natürlich auch ein bisschen provokativ. Was macht KI mit unserer Arbeit? Übernimmt sie diese und wir sind nur noch dazu da aufzuräumen? Damit beziehe ich mich auf technologische wie auf geisteswissenschaftliche Diskurse. Beispiel Übersetzungen. Nehme ich eine Übersetzung der KI und mir bleiben nur noch Korrekturarbeiten? Mir macht eigentlich das Kreative Spaß. Daher auch die Idee mit den Genom-Checkerinnen. Onomo ist eine Figur, die bereit ist sich zu verändern, einzugreifen. Aber es ist für mich letztlich wieder eine offene Frage.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ließe sich auch noch anderes <em>„checken“</em>. Bei der Beschreibung der Stadt verwendest du mehrfach das Motiv der Matrix-Reihe der Wachowski-Geschwister. Ist die Stadt echt? Ist sie eine Illusion?</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Gerade wegen der Hirn-Interface-Funktion. Wenn ich einen Sonnenaufgang einstellen kann, ist der dann echt oder ist der ein Fake, auch je nachdem, welchen Filter ich daraufgelegt habe, oder etwas ganz anderes? Oder ist es einfach nur ein technologisches Enhancement? Wir sind in einem Bereich, in dem nur schwer zu entscheiden ist, was Fake, was Enhancement ist. Brillen, Hörgeräte sind zum Beispiel Enhancement und keine Fakes. Irgendwie auch Body-Modifications. Aber wo ist die Grenze? Da passt der Matrix-Vergleich schon.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder das, was wir bei den Paralympics sehen. Enhancement oder Kompensation. Und dann kommen die Hirnchips? Nicht nur in Romanen. Ich denke, deine Romane sollten alle lesen, die sich irgendwie mit Technologien beschäftigen möchten. Es gibt natürlich auch andere wie die Romane von Dave Eggers mit „The Circle“ und „Every“, aber deine Romane sind – den Begriff verwendest du ja auch gerne – fluider. Sie eröffnen mehr Möglichkeiten und grenzen sich damit von eindeutig dystopisch wie von eindeutig utopisch verfasster Science Fiction ab. Es gibt nicht nur Evolutionsrisiken, sondern auch Evolutionschancen. Queerness ist dabei schließlich auch eine Methode, sich den Risiken wie den Chancen subversiv und fluide zu nähern. So habe ich deine Romane verstanden.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Das würde ich auch so sehen. Queerness ist eine Methode. Mir ist es wichtig herauszufinden, was diese Methode vermag, was es bedeutet, queer zu schreiben. Es sind offene Projekte, die zu Lebensprojekten werden. Queerness kann ich nie abschließend beschreiben, es entweicht immer etwas, es ist ein auf die Zukunft gerichtetes Begehren, dem ich versuche, näher zu kommen.</em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen: Aiki Mira im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span></strong><span style="color: #678f20;">:</span></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetisches-utopia/">Poetisches Utopia</a> – „Andymon“ – ein Roman und seine „Andymonaden“, Januar 2026.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/">In der PolyWelt</a> – Aiki Miras neuer Roman Proxi, Dezember 2024.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetik-der-queerness/">Poetik der Queerness</a> – Ein Gespräch mit Aiki Mira über Science Fiction, Mai 2024.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/post-cli-fi/">Post-Cli-Fi</a> – Weil Kollaps die Konstante ist oder: in der Ohnmacht weiterschreiben, Februar 2024.</li>
</ul>
<p>Sämtliche Erzählungen von Aiki Mira aus den Jahren 2021 bis 2024 sind im März 2026 unter dem Titel <a href="https://carcosa-verlag.de/unsere-buecher/deshalb-kann-ich-nicht-fort/">„Deshalb kann ich nicht fort“</a> bei Carcosa erschienen.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 31. März 2026. Titelbild: Thomas Franke; Kyborg dixit Algorismi.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Leben wie in einem Science-Fiction-Roman</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 13 Mar 2026 09:28:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Leben wie in einem Science-Fiction-Roman Seuchen und Pandemien in Wissenschaft und Literatur „Meine Interpretation der Ereignisse seitdem ist, dass die Pandemie uns mit der Erkenntnis konfrontiert hat, dass unser Leben aus den Fugen geraten kann, dass wir tatsächlich sterben können, dass die Biosphäre sich erheben und alles verändern kann.“ (Kim Stanley Robinson in einem  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Leben wie in einem Science-Fiction-Roman</strong></h1>
<h2><strong>Seuchen und Pandemien in Wissenschaft und Literatur</strong></h2>
<p><em>„Meine Interpretation der Ereignisse seitdem ist, dass die Pandemie uns mit der Erkenntnis konfrontiert hat, dass unser Leben aus den Fugen geraten kann, dass wir tatsächlich sterben können, dass die Biosphäre sich erheben und alles verändern kann.“ </em>(<a href="https://sammatey.substack.com/p/interview-kim-stanley-robinson-science">Kim Stanley Robinson in einem Gespräch mit Sam Matey-Coste</a>, deutsche Übersetzung Fritz Heidorn)</p>
<p>Unsere Biosphäre versorgt uns Menschen, kann uns aber auch schweren Schaden zufügen und uns im schlimmsten Fall töten. Kim Stanley Robinson bezeichnete die COVID-19-Pandemie als Weckruf. Wir Menschen sollten uns unsere Verletzlichkeit und unserer Abhängigkeit von der Natur des Planeten Erde bewusstwerden und sorgfältig mit ihr umgehen. Damit lenkt Robinson den Blick auf ein Thema, dass in der Geschichte der Menschheit dramatische Auswirkungen hatte und das in der Wissenschaft und in der Literatur ausführlich behandelt worden ist. Zur Erinnerung:</p>
<ul>
<li>Der Schwarze Tod, die Pest-Pandemie des Spätmittelalters, forderte zwischen den Jahren1346 und 1353 wahrscheinlich 25 bis 50 Millionen Todesopfer in Europa. Die Auswirkungen der Pandemie auf gesellschaftliche Entwicklungen waren über die Todesfälle hinaus dramatisch, die Judenpogrome beispielsweise begannen in dieser Zeit.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Spanische Grippe forderte in den Jahren 1918 bis 1920 schätzungsweise zwischen 20 und 50 Millionen Todesopfer in Europa, 500 Millionen Menschen hatten sich infiziert.</li>
</ul>
<ul>
<li>Der COVID-Pandemie der Jahre 2020 bis 2024 fielen weltweit mehr als sieben Millionen Menschen zum Opfer.</li>
</ul>
<p>Gleichviel ob wir uns mit einer Pandemie, dem Klimawandel oder welcher Krise auch immer beschäftigen, wir müssen uns mit Dystopien auseinandersetzen, wenn wir überleben wollen. Kim Stanley Robinson plädierte daher: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dystopien-jetzt/">„Dystopien – Jetzt“</a>.</p>
<h3><strong>Leben in einer Risikogesellschaft</strong></h3>
<p>Wir leben in Deutschland seit den ersten Unfällen in Atomkraftwerken, spätestens seit dem Super-GAU in Tschernobyl am 26. April 1986, in einer Industriegesellschaft, die der Soziologe Ulrich Beck als <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/ulrich-beck-risikogesellschaft-t-9783518113653"><em>„Risikogesellschaft“</em></a> bezeichnet hat. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden. Es blieb nicht bei diesem einen Unfall, auch wenn manche Politiker:innen sich angesichts der aktuellen Energie- und Klimakrise nicht mehr daran erinnern möchten. Im Jahre 2020 sahen wir uns weiteren gesellschaftlichen Ausnahmezuständen ausgesetzt: der durch ein Corona-Virus verursachten COVID-19-Pandemie oder bereits seit längerem dem fortschreitenden Klimawandel. Die Virus-Pandemie des Jahres 2020 wird nicht die letzte sein, die die Menschheit bedroht und der Klimawandel wird die Erde noch viele Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte im Griff halten und verändern.</p>
<p>Die Menschheit verfügt über zwei Instrumente zum Verständnis solcher Katastrophen: die Wissenschaft und die Literaturgattung der Science Fiction. Die Wissenschaft liefert das rationale Fundament, um die Wirkungen, die Folgen und mögliche Abwehrmechanismen solcher Ausnahmezustände zu begreifen. Science Fiction kann die sachliche Analyse der Wissenschaft ergänzen und erweitern, indem sie die Wirkungsmechanismen und die Zeithorizonte solcher Ereignisse weit über die normalen Erfahrungsmöglichkeiten von Menschen in ihrem Alltagsleben hinaus beschreibt. Science Fiction kann aber noch viel mehr: sie liefert Ideen für Mögliches und Unmögliches, regt die Fantasie an und hilft bei der Bewältigung der Krisen. Schauen wir einmal ein wenig tiefer in einige Beiträge zum Umgang mit und zum Verständnis von Krisen und Katastrophen.</p>
<p>In einem <a href="https://www.theguardian.com/books/2015/aug/07/science-fiction-realism-kim-stanley-robinson-alistair-reynolds-ann-leckie-interview">Interview mit Richard Lea im Guardian sagt Kim Stanley Robinson</a>: „<em>Ich glaube, ich schreibe Science Fiction, weil ich das Gefühl habe, dass, wenn man Realismus über unsere Zeit schreiben will, Science Fiction einfach das beste Genre ist, in dem man das machen kann. Das liegt daran, dass wir jetzt in einem großen Science Fiction Roman leben, den wir alle gemeinsam schreiben. Man schreibt innenpolitischen Realismus, und man ist in einem winzig kleinen Teil einer viel größeren Realität gefangen. Man schreibt Science Fiction und schreibt tatsächlich über die Realität, in der wir uns wirklich befinden, und genau das sollten Romane tun. &#8222;Wir mögen uns in einem sehr steilen Moment des technologischen und historischen Wandels befinden, aber das bedeutet nicht, dass er so steil bleiben oder sich sogar beschleunigen wird. Praktische und theoretische Zwänge, die selbst über Probleme wie den Klimawandel, mit denen wir jetzt kämpfen, hinausgehen, werden uns schließlich bremsen. Ich gehe davon aus, dass es einige fundamentale Probleme gibt, die uns davon abhalten werden, die Dinge viel spektakulärer zu tun, als wir es jetzt tun.“</em></p>
<p>Die COVID-Pandemie war eines dieser von Robinson erwähnten <em>„fundamentalen Probleme der Gegenwart“,</em> die uns davon abhalten, die Dinge des Alltäglichen, des Politischen, des Vorhersagbaren oder einfach des Status Quo einfach weiterlaufen zu lassen oder <em>„spektakulärer“</em> zu entwickeln. Wir stehen vor einem radikalen gesellschaftlichen und sozialen Wandel und Science Fiction ist zur Gegenwartsliteratur geworden. Einige ihrer alten Katastrophenschilderungen sind eingetroffen, was übrigens nicht nur am Corona-Beispiel, sondern auch an technologischen Katastrophen wie Tschernobyl oder Fukushima deutlich wird. Einige Fantasien der Science Fiction sind Realität geworden. Manche ihre Lösungsvorschläge sind nicht nur interessant und lesenswert, sondern vielleicht sogar realistisch und anwendbar.</p>
<p>Zielsetzung ist das, was beispielsweise der Germanist Eckhard Schumacher in seiner Analyse der Popkultur (<a href="https://res.cloudinary.com/suhrkamp/image/upload/v1742121023/37484.pdf">„Gerade Eben Jetzt – Schreibweisen der Gegenwart“</a>, 2003) als <em>„Revolution der lahmenden Verhältnisse“</em> bezeichnet. Science Fiction kann dazu beitragen, die zerstückelte Weltwahrnehmung aufzuhellen und – vielleicht – dazu beitragen, die Welt tatsächlich zu verbessern. Der Bedarf danach ist jetzt schon groß und wird nach dem Abflauen der Corona-Krise – und vor dem Aufscheinen der nächsten Krise – noch größer werden. Marie Schmidt schrieb dazu am 16. April 2020 in ihrem Beitrag <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-corona-1.4877583">„Eine Pandemie sucht ihren Autor“</a> in der Süddeutschen Zeitung: <em>„Die Wirkung der Corona-Literatur indes wird sich, um im Bild zu bleiben, in der Nachsorge einstellen. Wenn sich aus all den Tagebucheinträgen, Essays, Mitschriften die Geschichte der Gegenwart zusammensetzt.“ </em></p>
<h3><strong>Womit wir es zu tun haben: eine Vielzahl von Unsicherheiten </strong></h3>
<p>Das Alltagsleben in der „COVID-Zeit“ lässt sich soziologisch nicht mehr als <em>„fraglose Gegebenheit“ </em>kennzeichnen, mit der Alfred Schütz und Thomas Luckmann die Strukturen der Lebenswelt in den Industriegesellschaften des zwanzigsten Jahrhunderts beschrieben hatten (in: <a href="https://www.beck-shop.de/schuetz-luckmann-strukturen-lebenswelt/product/20872513">„Strukturen der Lebenswelt“</a>, 1984). In den damaligen Alltagsstrukturen fand der gesunde Menschenverstand einen routinemäßigen Lebensprozess vor, den man verstehen und bewerten konnte und in dem man sich durch sachgemäßes Handeln den Gefahrenpotenzialen weitgehend entziehen konnte. Nach dem Super-GAU des Atomkraftwerks Tschernobyl stand das Thema der unsichtbaren radioaktiven Verstrahlung ganzer Regionen und die Bedrohung des Lebens durch weitere unsichtbare Gefahren wie Chemieunfälle wie in Seveso, Italien, am 10. Juli 1976 oder Bhopal, Indien, am 3. Dezember 1984 oder ganz generell die Vergiftung von Lebensmitteln im Vordergrund soziologischer Untersuchungen.</p>
<p>Ulrich Beck beschreibt die Risikogesellschaft derart präzise, dass seine Analyse noch in der heute zutreffend ist: <em>„Die Risikogesellschaft ist eine katastrophale Gesellschaft. In ihr droht der Ausnahmezustand zum Normalzustand zu werden. (…) Gefahren werden zu blinden Passagieren des Normalkonsums. Sie reisen mit dem Wind und mit dem Wasser, stecken in allem und in jedem und passieren mit dem Lebensnotwendigsten – der Atemluft, der Nahrung, der Kleidung, der Wohnungseinrichtung – alle sonst so streng kontrollierten Schutzzonen der Moderne. Wo nach dem Unfall Abwehr und Vermeidungshandeln so gut wie ausgeschlossen sind, bleibt als (scheinbar) einzige Aktivität: Leugnen…“ </em></p>
<p>Der Zustand in der Risikogesellschaft der COVID-Zeit ähnelt dem Zustand der Risikogesellschaft in der heutigen Zeit der Atomunfälle und Chemiekatastrophen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sehr, unterscheidet sich aber fundamental in einem Punkt: der sozialen Distanzierung. Vergleichbar sind die Versuche, die Wahrheit zu verstecken, zu beschönigen und zu leugnen, was passieren könnte – dann aber tatsächlich passiert. Dann folgen die Erfindung und die Verbreitung von Gerüchten und Schuldzuschreibungen im Alltagsleben, insbesondere zu der Frage, wer die Krankheit eingeschleppt habe und wer der erste Überträger gewesen sei. Natürlich kommen solche Krankheiten immer <em>„von außen“,</em> also aus dem Fremden, Unbekannten, meist versehen mit rassistischen, religiösen oder ethnischen Zuschreibungen. Man sucht <em>„Sündenböcke“</em> für das Unheil. Die Menschen arbeiten sich an irrelevanten Fragestellungen ab, weil sie ihre Angst nicht beherrschen können. Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk schreibt in seinem Essay <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/coronavirus-pamuk-pandemie-pest-gastbeitrag-1.4892304">„Als die Pandemie die Welt teilte“</a> (Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 1. Mai 2020): <em>„Die erste Reaktion auf den Ausbruch einer Pandemie ist stets das Leugnen gewesen. Nationale und lokale Behörden haben immer mit Verzögerungen reagiert. Sie haben die Fakten verzerrt und die Zahlen geschönt, um einen Ausbruch zu verschleiern.“</em></p>
<p>Eines dagegen ist in der „COVID-Zeit“ neu: die Menschen selbst sind Überträger der lebensbedrohlichen Krankheit geworden, nicht mehr technologische Strukturen oder Chemikalien, die der Mensch selbst zuvor geschaffen hatte. Wir verfangen uns nicht nur in unseren eigenen künstlichen Produkten, die wir in unserer Hybris der Natur abgerungen und ihr übergestülpt haben, sondern wir sind uns selbst zur Bedrohung geworden. Damit zerstören wir den Kern unserer Menschlichkeit. Wir verlieren Nähe, Berührung und Vertrauen ineinander. Hoffentlich vergessen wir nicht auch noch, was das war oder ist und was es an Humanität eigentlich ausmacht.</p>
<p>Ende April 2020 erscheinen zahlreiche Produkte von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Lock-Down. Die <em>Rolling Stones veröffentlichen am 23. April 2020 den Song und das Youtube-Video zur Lage: </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=LNNPNweSbp8&amp;list=RDLNNPNweSbp8&amp;start_radio=1"><em>„Living in a Ghost Town“,</em></a> einen traurigen Blues über die Leere in den Städten der Menschen und in ihren Herzen, weil das pulsierende Gemeinschaftsleben fehlt:<em> „Life was so beautiful, then we all got locked down. </em><em>(…) I´m going nowhere, shut up all alone. (…) You can look for me, but I can´t be found.”</em></p>
<h3><strong>Pandemien in Katastrophen-Thrillern</strong></h3>
<p>Pandemien werden bereits in den Erzählungen der 1970er Jahre in Romanen und in Filmen geschildert. <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?531">Richard Matheson</a> ist einer der Schriftsteller, die mit „I am Legend“ (1954, „Ich bin Legende“, 1982, 2007, oder: „Ich, der letzte Mensch“, 1968) ein globales Katastrophenszenario beschreiben, in dem die Menschheit durch verunglückte Experimente mit Biowaffen und medizinischer Forschung untergeht und nur noch wenige Menschen übrigbleiben, während andere zu Zombis oder Monstern mutieren. Die letzten Menschen kämpfen um ihr Überleben, aber eben auch darum, Sozialkontakte zu anderen Überlebenden zu finden und eine wie immer geartete Zivilisation wiederherzustellen.</p>
<p>Auf dem Roman von Richard Matheson basieren die Filme: „The Omega Man“ (1971) von Boris Sagal mit Charlton Heston in der Hauptrolle und „I am Legend“ (2007) von Francis Lawrence mit Will Smith in der Hauptrolle. Beide sind unter zeitkritischen Gesichtspunkten interessant und beide sind gut.</p>
<p><em>Beim „Omega Man“ gibt</em> es am Anfang eine lange Autofahrt durch das leere Los Angeles, von oben gefilmt, so dass der Zuschauer schon hier einen Schauer am Rücken fühlt. Der letzte Mensch geht in ein leeres Kino, in dem vor der Katastrophe der Film „Woodstock“ seit Jahren auf dem Spielplan stand hatte, wirft den Projektor an und schaut den Menschenmassen des größten Rockfestivals auf der Leinwand zu. <em>„Solche Filme werden heute nicht mehr gedreht“</em> – sagt der Hauptdarsteller Charlton Heston, bevor er wieder in die Einsamkeit und den Horror der verwaisten Stadt zurückkehrt. Ein Film im Film als Symbol der untergegangenen Menschheitskultur – das ist stark in Szene gesetzt.</p>
<p>Charlton Heston war in den 1970er Jahren der diensthabende Macho des Hollywood-Kinos und gut für alle Rollen, in denen der Kämpfer in großen Rollen des dystopischen Kinos oder den Bibel-Verfilmungen gefordert wurde und seinen Einsatz mit dem Leben bezahlte. Er spielt den Militärarzt Dr. Robert Neville, der als einziger die Seuche überlebt hat und der sich nun in seinem Apartment in Los Angeles vor den Mitgliedern <em>„der Familie“</em>, den mutierten Monstern, verbarrikadiert. Sie kommen nur nachts aus ihrem Versteck und wollen ihn, den letzten Vertreter von Wissenschaft und Technik, beseitigen. Sie schaffen es auch fast, allerdings wird Neville zunächst von einer kleinen Gruppe Überlebender gerettet, die eine Patchwork-Familie aus mehreren Kindern, einer Afro-Amerikanerin und ihrem jüngeren Bruder sowie einem Hippie gebildet hat.</p>
<p>Neville versucht, aus den Antikörpern in seinem Blut ein Anti-Serum herzustellen, was ihm auch gelingt. Allerdings stirbt Robert Neville am Schluss des Films, nachdem er das Serum den letzten Menschen übergeben hat. Vorher darf er die schwarze Darstellerin Rosalind Cash küssen, was im Jahre 1971 noch einen Verstoß gegen den rassistischen Sittenkodex in den USA darstellte. Der Gegenspieler von Charlton Heston war Matthias, gespielt von Anthony Zerbe, ein ehemaliger Nachrichtensprecher des Fernsehens, bevor er mutierte und <em>„die Familie“</em> anführt, um die Erde vom Makel der Wissenschaft und der Technik zu <em>„reinigen“</em>.</p>
<p>Charlton Heston war Hauptdarsteller in mehreren anderen Katastrophen-Filmen dieser Zeit, die mit der Thematik dieses Essays ebenfalls zu tun haben: Der Film „Jahr 2022…die überleben wollen“(„Soylent Green“, 1973) von Richard Fleischer schildert die Zustände in einem von Menschen völlig überbevölkerten New York im Jahre 2022, wo es keine Nahrungsmittel mehr gibt und die Industrie das Lebensmittel „Soylent Green“ aus Leichen herstellt. Als Vorlage zum Film diente der Roman <a href="https://www.phantastik-couch.de/titel/2129-new-york-1999-soylent-green/">„New York 1999“</a> („Make Room! Make Room!, 1966, deutsche Ausgabe: 1999) von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?28">Harry Harrison</a>.</p>
<p>Der Film „Planet der Affen“ („Planet of the Apes“, 1968) von Franklin J. Schaffner basiert auf dem Buch von Pierre Boulle und erzählt die Geschichte von Astronauten, die durch einen Zeitsprung wieder auf der Erde der Zukunft landen, die durch einen Atomkrieg der Menschheit zerstört wurde und auf der die Nachkommen der Affen das Regime übernommen haben.</p>
<p>Der Film „I am Legend“ (2007) ist moderner und actionreicher, die Bedrohung durch die in der Plage zu einer Art von Zombies mutierten Menschen ist unmittelbarer, direkter und permanenter. Der Hauptdarsteller Will Smith, der die Zeit des Tageslichts so heldenhaft meistert, liegt in einer Einstellung mit seinem Schäferhund zitternd vor Angst in der Badewanne und versucht trotz des Heulens der Monster draußen den Verstand nicht zu verlieren. Die Zuschauer werden unmittelbar in das rasante Geschehen mit einbezogen und der scheinbaren Ausweglosigkeit überlassen. Der von Will Smith gespielte Virologe Lt. Colonel Dr. Robert Neville, der scheinbar letzte Mensch in New York City, findet schließlich das Gegenmittel und überreicht es den anderen Überlebenden, die in einem Lager in Vermont leben. Nevilles selbstloser Kampf für das Heilmittel wird als seine Legende für die letzten Menschen angesehen.</p>
<p>Interessant ist bei dieser Film-Version, dass es ein alternatives Ende des Films auf DVD gibt, das näher am Schluss des Romans von Richard Matheson liegt. Hier stellen die Menschen fest, dass ihre Gegenspieler keine seelenlosen Zombies sind, sondern eine neue Menschheit sind, die eine eigene Zivilisation aufbauen werden, in der die alte Menschheit nur noch ein Störfaktor ist. Im Roman sind die Neuen die einzig übrig gebliebene Zivilisation der Menschheit der Zukunft.</p>
<p>Es gibt eine Reihe anderer Filme, die sich direkt mit dem Ausbrechen eine Pandemie beschäftigen und die sehenswert sind. Ich möchte besonders auf die Filme <em>„Outbreak – Lautlose Killer“ </em>(<em>„Outbreak“, </em>1995) von Wolfgang Petersen und <em>„Contagion</em>“ (2011) von Steven Soderbergh hinweisen, der am dichtesten an der gegenwärtigen Realität dran ist. Beide Filme zeigen eindringlich und hautnah, wie sich eine Epidemie zur Pandemie auswächst und wie verzweifelt versucht wird, der exponentiell angewachsenen Bedrohung Herr zu werden.</p>
<h3><strong>Was wir in Krisenzeiten lesen sollten: Zeit für Science Fiction</strong></h3>
<p>Am 28. April 2020 erscheint der Roman zur COVID-19-Zeit: <a href="https://www.lawrencewright.com/">Lawrence Wright</a>, der das Drehbuch für den visionären Kino-Thriller „Ausnahmezustand“ (1998) schrieb, der die Situation in New York beim Terroranschlag 9/11 im September 2001 vorwegnahm, und der für sein Buch über die Geschichte von al-Qaida „Der Tod wird euch finden“ (2006) im Jahre 2007 den Pulitzer-Preis gewonnen hatte, legt seinen zweiten Roman vor: „The End of October“ (2020). Darin schildert er den Ausbruch einer Pandemie durch einen erfundenen Grippevirus namens „Kongoli-Grippe“ und erzählt, wie drei Millionen Menschen in Mekka in Quarantäne sitzen. In einem Interview mit Georg Mascolo vom 23. April 2020 in der Süddeutschen Zeitung sagt er über sein Buch: <em>„Das Buch sollte ein Warnruf sein, denn ich war davon überzeugt, dass wir eine Pandemie eines Tages erleben würden. Eines Tages, aber eben nicht heute. Ich versuche zu beschreiben, was dies für die Politik, die Wirtschaft, die Welt bedeuten könnte.“ </em>(Titel des Interviews: <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/lawrence-wright-coronavirus-pandemie-trump-1.4886058">„Meine Fantasie hätte nicht gereicht“</a>.)</p>
<p>Die Warnrufe der Romane von Lawrence Wright wurde nicht erhört, nicht von der Obama-Regierung oder der Bush-Regierung geschweige denn von der ersten Trump-Regierung, die Lawrence Wright für einen <em>„Totalausfall“</em> hält. Nuklearkriege und Pandemien seien aber dennoch das größte Risiko für die Menschheit, auch wenn die Politik dies ignorieren würde.</p>
<p>In der Zeit nach der COVID-Krise werden andere Katastrophen das Menschheitsexperiment bedrohen, vor allem das Thema <em>„Klimawandel“,</em> das sich nach der Meinung von vielen Wissenschaftlern als noch bedrohlicher für die Menschheit darstellen wird. Der von <a href="https://www.carl-amery.de/">Carl Amery</a> eingeführte Begriff <em>„Wiedergeburt nach totaler Katastrophe</em>“, die sich <em>„immer mehr von der atomaren auf die biologisch-ökologische Ebene verlagert hat“, </em>wird im Zeitalter des Anthropozäns auf die globale Dimension mit enormer zeitlicher Ausdehnung und immenser planetarer Schadenswirkung ausgedehnt.</p>
<h3><strong>Klassiker der Seuchen-Dystopie</strong></h3>
<p>Es gibt seit langem zahlreiche Klassiker in der Science Fiction Literatur, die uns gewarnt haben, was da kommen könnte. Ich meine nicht nur die Horrorvisionen der Seuchen-Endzeit-Thriller, sondern insbesondere die Erzählungen über andere Zukünfte für die Menschheit auf dem Planeten Erde. Dazu sollen einige beispielhafte Romane vorgestellt werden.</p>
<p>Carl Amery: <a href="https://www.battenberg-bayerland.de/produkt/der-untergang-der-stadt-passau">„Der Untergang der Stadt Passau“</a> (1975): In diesem Buch, schildert Carl Amery das Leben in einem Doomsday-Szenario in Deutschland des Jahres 2013. Eine <em>„Seuche“</em> hat fast die gesamte Menschheit ausgerottet, man weiß nicht, ob es eine Strafe Gottes war oder das Werk von verrückten Wissenschaftlern. Das Land ist wüst und leer und kleine Gruppen von Nachgeborenen versuchen, ihr karges Leben neu zu organisieren. Konflikte zwischen autark in Subsistenzwirtschaft lebenden Bauern und Städtern in Passau und Rosenheim entstehen. Am Schluss kulminieren die Auseinandersetzungen und Kämpfe bis zum Untergang der Stadt Passau.</p>
<p>Am interessantesten an diesem historischen SF-Klassiker sind die Erzählungen vom Leben in der Subsistenzwirtschaft und die Auseinandersetzungen um eine funktionierende Stadt mit funktionierenden Verwaltungssystemen und zivilisatorischer Grundversorgung durch Elektrizität, Maschinen und Lebensmittel. Es geht um die Frage, wer die wichtigen Ressourcen herstellt, die die Organisationseinheit <em>„Stadt“</em> benötigt. Landbevölkerung und Stadtbevölkerung hängen voneinander ab und versuchen, ihren Wohlstand neu zu bestimmen. Carl Amery bezeichnet seinen Roman im Vorwort als <em>„Fingerübung“ </em>im klassischen Genre der Science Fiction mit dem Oberbegriff <em>„Wiedergeburt nach totaler Katastrophe</em>“ und schreibt, dass sich diese <em>„immer mehr von der atomaren auf die biologisch-ökologische Ebene verlagert hat.“</em> Sein Roman sei angeregt worden durch den Klassiker der atomaren Katastrophe von Walter M. Miller jr. „Lobgesang auf Leibowitz“ (1971).</p>
<p><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?99">Connie Willis</a>: „Die Jahre des schwarzen Todes“, „The Doomsday Book“. (1992, deutsche Ausgabe: 2011, Oxford im Jahre 2054: Die Universität unterhält in der Historischen Fakultät einen Forschungszweig, in dem Zeitreisen dazu benutzt werden, das Mittelalter zu erforschen. Kivrin, die Hauptdarstellerin, ist Studentin und soll vor Weihnachten einige Tage zurück in das Jahr 1320 reisen, um die Sitten und Gebräuche der Menschen zu studieren. Im Mittelalter angekommen, stellt sie fest, dass sie eine schwere Grippe mitgebracht hat, die sie ans Bett fesselt und die damaligen Krankenpflegemethoden kennenlernen lässt. Sie befindet sich, bedingt durch einen technischen Fehler bei der Zeitreise, im Zeitalter der schwarzen Pest des Jahres 1348.</p>
<p>Während Kivrin die Pestgefahr des Mittelalters aushalten muss, indem sie Kranke pflegt, fürchten die Menschen im Jahre 2054, dass durch die Zeitreisen eine Grippe-Epidemie in die Gegenwart geholt worden ist. Connie Willis schildert in ihrem farbenprächtigen Erzählstil viele Parallelen in der Behandlung der Epidemien des Mittelalters und der nahen Zukunft in Oxford und die Tatsache, dass sich vieles nicht grundsätzlich geändert hat. Menschen infizieren sich und werden krank, auch Vater Roche, der Kivrin bei ihrer Grippeerkrankung geholfen hat und ebenso Prof. Dunworthy, der Kivrin aus der falschen Zeit zurückholen will.</p>
<p>Vater Roche hat gesehen, wie Kivrin in einem Feld aus Licht ankam und glaubt, sie sei eine Botin Gottes, wie er ihr auf seinem Sterbebett anvertraut. Prof. Dunworthy und Colin finden Kivrin schließlich in der Kapelle mit dem gestorbenen Vater Roche, verändert mit kurz geschnittenen Haaren, gekleidet in eine Männerjacke, verdreckt und blutüberströmt durch die Pflege der Kranken und Sterbenden. Kivrin kehrt verstört und traumatisiert in ihre Gegenwart zurück. Sie und Prof. Dunworthy unterhalten sich am Schluss des Buches über ihre Erfahrungen in der Zeit des schwarzen Todes: <em>„‚Ich habe alles aufgezeichnet‘, sagte sie. ‚Alles, was geschehen ist.‘ Wie John Clyn, dachte er. Sein Blick streifte ihr verfilztes, abgeschnittenes Haar, das schmutzige Gesicht. Eine wahre Historikerin, die in der leeren Kirche, umgeben von Gräbern, ihre Aufzeichnungen machte. Und damit nicht Geschehnisse, die des Erinnerns wert sind, mit der Zeit vergehen und aus dem Gedenken derer verschwinden, die nach uns kommen werden, habe ich, der ich so viele Übel und die ganze Welt in den Klauen des Bösen gesehen habe, all die Dinge, deren Zeuge ich geworden bin, schriftlich niedergelegt.“</em></p>
<p>Der Roman „Leben ohne Ende“ (1949, 2016) von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?1235">George R. Stewart</a> ist ein gelungenes und sehr eindringliches frühes Beispiel für einen dystopischen Seuchen-Thriller, der die Leser in seinen Bann zieht und schildert, wie der Protagonist versucht, mit dem plötzlichen Alleinsein und der Auslieferung an eine von Menschen scheinbar entvölkerte Welt klarzukommen. Der Protagonist wird von einer Schlange gebissen und überlebt deshalb irgendwie die Seuche. Nach der mehrtägigen Genese von dem Schlangenbiss geht er nach draußen und findet die Reste der menschlichen Zivilisation, beispielsweise eine Zeitung, in der er das Folgende liest: <em>„Ärzte und Krankenpflegerinnen waren auf ihren Posten geblieben, und Tausende hatten sich als Helfer zur Verfügung gestellt. Ganze Stadtgebiete waren zu Lazarettlagern und Sammelstellen erklärt worden. Das gesamte Geschäftsleben hatte aufgehört, aber Lebensmittel wurden auf Grund von Notstandsmaßnahmen weiterverkauft.“</em></p>
<p>Er sucht weiter nach Überlebenden, findet aber zunächst keinen Menschen. <em>„Niemand da, dachte er. Dann traf ihn der unerbittliche Sinn dieser Worte wie ein Keulenschlag. Keine Menschen. Keine Lebenden. Keine Toten. (…) Was würde aus der Welt und ihren Geschöpfen ohne den Menschen werden? Das war es, was zu sehen übriggeblieben war.“ </em>Er gibt nicht auf und sucht weiter nach Überlebenden. <em>„Dann aber gab er diesem Gefühl eine rationale Basis, indem er sich klarmachte, dass die Seuche wohl kaum das gesamte Land heimgesucht haben konnte – dass irgendwo noch eine Gemeinschaft übriggeblieben sein musste, die es zu finden galt.“ </em></p>
<p>Er findet schließlich andere Menschen und die Erzählung endet mit einer Erkenntnis: <em>„Dann wandte er den Kopf und sah, obwohl er kaum noch etwas erkennen konnte, wieder auf die jungen Menschen. Sie werden mich der Erde übergeben, dachte er. Aber ich übergebe sie gleichfalls der Erde. Denn nur aus ihr und durch sie lebt der Mensch. Ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt, die Erde aber steht in Ewigkeit.“</em></p>
<p>Die Geschichte von Stewart aus dem Jahre 1949 ist spannend und gut und genauso verstörend wie das von ihm seinem Buch vorangestellte Motto aus dem Jahre 1947: <em>„Wenn plötzlich durch Mutation ein todbringender Virus-Typ entstehen sollte, könnte er infolge der schnellen Übertragungsmöglichkeiten, wie sie die heutige Zeit mit sich bringt, in die fernsten Winkel der Erde gelangen und den Tod von Millionen von Menschen verursachen.“ </em>W.M. Stanley in: Chemical and Engineering News vom 22. Dezember 1947.</p>
<p>Uwe Neuhold hat viele Seuchen-Klassiker in dem Nachwort des Buches „Leben ohne Ende“ (1949 von George R. Stewart) unter der Überschrift „Superseuchen und das Leben danach“ umfangreich und übersichtlich zusammengestellt und mit medizinischen Studien untermauert.</p>
<p>Damals, im Jahre 1947, gab es noch keine globalisierte Welt mit Billigflügen um den Globus und internationalen Handelsströmen und Warengeschäften. Die <em>„schnellen Übertragungsmöglichkeiten“ </em>von damals sind heute rasend schnell und exponentiell angewachsen, genauso wie die Informationen darüber. Die damalige Vorausschau des Medizinforschers Dr. Stanley vom Rockefeller Institute for Medical Research an der Princeton Universität in New Jersey über die Gefahren globaler Pandemien ist heute Gewissheit geworden und sicher ist die Covid-19-Pandemie nicht die letzte ihrer Art. Wir werden Vorsorge für die Zukunft treffen müssen. Was kann unser Verständnis dafür schärfen?</p>
<p>Interessant und lesenswert sind in diesem Kontext natürlich nach wie vor der fiktive Tatsachenbericht von Daniel Defoe „Die Pest zu London“ (1772, vollständiger englischer Titel: A Journal of the Plague Year. Beeing Observations or Memorials, Of the most Remarkable Occurrences, As well Publick as Private, which happened in London During the last Great Visitation In 1665) und der Roman von Albert Camus „Die Pest”” (1947).</p>
<p>Die Pest des Spätmittelalters war für alle Menschen in Europa ein großes Mysterium. Niemand wusste irgendetwas Verlässliches über ihre Ursache, ihre Herkunft, ihren Verlauf oder über mögliche Behandlungsmethoden, selbst die kundigen Schriften der Heiler aus dem Orient waren verloren gegangen. Man machte Ausdünstungen, sogenannte Miasmen, für die Verbreitung der Krankheit verantwortlich, versuchte Linderung durch einen Aderlass zu erreichen und schrieb die Schuld für die Krankheit auf die Juden. Das einzig probate Mittel war die Flucht aus den verseuchten Gebieten. Der Arzt und Autor Klaus Bergdolt bilanziert in seinem sachkundigen Buch <a href="https://www.chbeck.de/bergdolt-schwarze-tod-europa/product/17678716">„Der Schwarze Tod in Europa – Die Große Pest und das Ende des Mittelalters“</a> (1994, 2021): <em>„Die spätmittelalterlichen Ärzte kannten weder die Ursache noch den Verbreitungsmodus der Pest.“ </em>Klaus Bergdolt zieht das bittere Fazit, dass die Pest in der heutigen modernen Welt durchaus wieder pandemisch auftreten könnte: <em>„Beunruhigend bleibt, dass die modernen Mikrobiologen Katstrophen wie die von 1348/51 für die Zukunft keinesfalls ausschließen können. Mutationen oder die Anwendung bakteriologischer Waffen hätten auch heute verheerende Folgen.“ </em>Dies ist auch Thema des kanadischen Autors <a href="https://danielkalla.com/">Daniel Kalla</a> in seinem Roman „Patient Null – Wer wird überleben?“ (2020, „We all fall down“, 2019).</p>
<p>Was wäre, wenn die Pest des Mittelalters heute wieder pandemisch auftreten würde? Könnte die Menschheit die Ausbreitung der Pest eingrenzen und den Seuchentod vieler Meschen durch den Einsatz moderner Hilfsmittel und mit den Erkenntnissen der Wissenschaft und der Medizin verhindern? Oder würde durch die eingespielten Reisewege der Neuzeit eine erneute Ausbreitung der Pest zu einer globalen Pandemie führen? Daniel Kalla sagt in seinem Nachwort: <em>„Meine Geschichte ist fiktiv, aber die Wissenschaft und Historie dahinter sind alles andere als das.“ </em></p>
<h3><strong>Man hätte es wissen können </strong></h3>
<p>Eine Aufarbeitung der COVID-Pandemie ist nach wie vor schwierig. Es gibt zwar einige Enquête-Kommissionen, in einigen wenigen Ländern sogar Untersuchungsausschüsse. Man liest und hört wenig davon in den Medien. Das <a href="https://www.rki.de/DE/Home/home_node.html">Robert-Koch-Institut</a> (RKI) hatte im Jahre 2012 gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bundesbehörden ein Virus-Verbreitungsszenario durchgespielt, das dem realen Verlauf der COVID-19 Pandemie im Frühjahr 2020 fast aufs Haar entsprach. Die Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-Sars“ wurde in der <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/17/120/1712051.pdf">Drucksache 17/12051 des Deutschen Bundestages vom 3. Januar 2013</a> veröffentlicht. In dem Szenario wird angenommen, dass Deutschland durch ein modifiziertes, von Asien ausgehendes Sars-Virus von einer schlimmen Epidemie getroffen werden könnte. Auf dem Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle sind nach etwa 300 Tagen ungefähr sechs Millionen Menschen an Modi-Sars erkrankt. Das Gesundheitssystem bricht schrittweise zusammen. Nach der ersten Welle folgen zwei weitere schwächere Wellen, bis nach drei Jahren ein Impfstoff vorhanden ist. Die gesamte Fläche Deutschlands und alle Bevölkerungsgruppen sind nach diesem Szenario von der Epidemie betroffen und zwar über einen langen Zeitraum. Am Ende sind mehr als sieben Millionen Menschen in Deutschland an der Krankheit gestorben.</p>
<p>Die Verfasser der Studie sprechen von einem <em>„reasonable worst case“, </em>also einem annehmbaren schlimmsten Fall. Die Eintrittswahrscheinlichkeit wird angegeben mit <em>„Klasse C: bedingt wahrscheinlich: ein Ereignis, das statistisch in der Regel einmal in einem Zeitraum von 100 bis 1.000 Jahren eintritt“. </em>Das Krankheitsbild entspricht ziemlich genau dem realen Krankheitsbild von COVID-19 Patienten im Jahre 2020. Die Verläufe werden als dramatisch geschildert: <em>„Über den Zeitraum der ersten Welle (Tag 1 bis 411) erkranken insgesamt 29 Millionen, im Verlauf der zweiten Welle (Tag 412 bis 692) insgesamt 23 Millionen und während der dritten Welle (Tag 693 bis 1052) insgesamt 26 Millionen Menschen in Deutschland. Für den gesamten zugrunde gelegten Zeitraum von drei Jahren ist mit mindestens 7,5 Millionen Toten als direkte Folge der Infektion zu rechnen. Zusätzlich erhöht sich die Sterblichkeit sowohl von an Modi-SARS Erkrankten als auch anders Erkrankter sowie von Pflegebedürftigen, da sie aufgrund der Überlastung des medizinischen und des Pflegebereiches keine adäquate medizinische Versorgung bzw. Pflege mehr erhalten können.“ </em></p>
<p>Das Schadensausmaß für die Gesundheit der Menschen, auf die Volkswirtschaft und auf die immateriellen Schäden für die öffentliche Sicherheit und Ordnung sowie die politischen, psychologischen und kulturellen Auswirkungen sind erheblich. Des weiteren werden in dem Bericht Maßnahmen zur Vorbereitung auf unterschiedlichen Ebenen geschildert, die helfen können, sich auf eine solche Pandemie vorzubereiten und damit die möglichen schweren Verläufe abzumildern, insbesondere durch die Ausarbeitung von Krisenplänen und das Üben von Notfällen. „<em>Die zuständigen Behörden, zunächst die Gesundheitsämter und dort vornehmlich die Amtsärzte, haben Maßnahmen zur Verhütung übertragbarer Krankheiten zu ergreifen.</em>“ Der Bericht schließt mit der pessimistischen Einschätzung, dass <em>„die zuständigen Behörden im Verlauf des hier geschilderten Ereignisses vor große und mitunter nicht mehr zu bewältigende Herausforderungen“ </em>gestellt wären.</p>
<p>Man hätte manches wissen können, man hätte sich besser vorbereiten können, wobei mit <em>„man“</em> in erster Linie die Politik auf Bundes- und auf Länderebene, die Gesundheitsbehörden und die Krankenhäuser gemeint sind. Sie hätten sich auf einen solchen Katastrophenfall durch die ausreichende Bereitstellung und Lagerung von Schutzmaterialien und die Ausarbeitung und das Einüben von Notfallplänen vorbereiten müssen. Damit ist auch die Einrichtung ausreichender Plätze in Intensivstationen gemeint, andererseits ein radikales Umdenken gefordert für eine Epidemie-Vorsorge in Ballungsräumen mit krankheitsanfälligen Patienten wie alten Menschen und solchen mit Vorerkrankungen. Altersheime, Seniorenzentren, Krankenhäuser und Begegnungsstätten hätten ein vorsorgendes Notfallkonzept gebraucht, was beim Auftreten der ersten Fälle schnell hätte wirksam umgesetzt werden können. Davon ist damals nahezu nichts realisiert worden. Warum nicht?</p>
<p><strong>Neuordnung der Welt – Ordnung einer neuen Welt</strong></p>
<p>In der Zeit nach der COVID-Krise werden uns andere Katastrophen einholen, vor allem das Thema <em>„Klimawandel“ </em>wird durchschlagen<em>,</em> das sich nach der Meinung von vielen Wissenschaftlern als noch bedrohlicher für die Menschheit darstellen wird. Der von Carl Amery eingeführte Begriff <em>„Wiedergeburt nach totaler Katastrophe</em>“, die sich <em>„immer mehr von der atomaren auf die biologisch-ökologische Ebene verlagert hat“, </em>wird im Zeitalter des Anthropozäns auf die globale Dimension mit enormer zeitlicher Ausdehnung und immenser planetarer Schadenswirkung ausgedehnt werden.</p>
<p>Aber auch die klassischen Themen der Science Fiction enthalten bedenkenswerte Hinweise. Science Fiction beschäftigt sich mit <em>Ordnungen einer neuen Welt</em> und beschreibt mögliche   oder absurde Szenarien von alternativen menschlichen Gesellschaftsmodellen oder von Alien-Kulturen, was natürlich schwieriger, meistens aber interessanter ist. Aus der Vielzahl an Romanen über Außerirdische möchte ich zum Abschluss dieses Essays zwei Klassiker hervorheben, die den Rahmen für Erzählungen der Verheerung und für Wiederaufbaus darstellen.</p>
<ul>
<li>In dem Klassiker von H.G. Wells „Krieg der Welten“ (1898) werden die technisch überlegenen Marsianer, die die Erde verwüsten, schließlich von unscheinbaren Mikroben besiegt und durch Bakterien oder Viren aus den Biokreisläufen der Erde getötet. Die technische und militärische Überlegenheit der Außerirdischen geht plötzlich und still zu Ende, ohne dass die Menschen etwas dafür getan hätten, sozusagen als Reinigungsprozess von <em>„Gaia“, </em>der Erdmutter<em>,</em> gegen die Eindringlinge gewendet. Das Muster wurde später in dem Blockbuster „Independence Day“ aufgenommen und in „Mars Attacks“ (beide 1996) persifliert.</li>
</ul>
<ul>
<li>Die <em>„Overlords“</em> aus <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/odyssee-in-den-weltraum/">Arthur C. Clarkes</a> Roman „Die letzte Generation“ (1953) haben die Erdbevölkerung besiegt und unterjocht, allerdings zu deren Vorteil, denn sie verordnen den Weltfrieden, besiegen den Hunger und die Krankheiten und führen die medizinische Versorgung für alle Menschen ein. Das Leben auf der Erde scheint in einem Paradies neuer Prägung stattzufinden, allerdings ohne die Selbstbestimmung des Homo sapiens. Die Menschheit findet schließlich heraus, wer ihnen das neue Paradies beschert hat. Ein Leben ohne Mitgestaltungsmöglichkeiten ist auch in Zukunft nicht wünschenswert – vor allem dann nicht, wenn der Wohltäter der Menschheit die vermeintliche Personifizierung des Bösen ist.</li>
</ul>
<p>Es war und ist die Zeit für Science Fiction. Science Fiction wird zumindest für einen gewissen Zeitraum realer werden und das wirkliche Leben wird immer wieder in Science-Fiction-Romanen auftauchen, die aus der Vergangenheit zu kommen scheinen und die wir alle in der Gegenwart gemeinsam schreiben, um für eine bessere Zukunft vorbereitet zu sein.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. März 2026, Titelbild: pixabay.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Poetisches Utopia</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetisches-utopia/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 07:36:05 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Poetisches Utopia</strong></h1>
<h2><strong>„Andymon“ – Ein Roman und seine „Andymonaden“</strong></h2>
<p><em>„Andymon-City wuchs fast täglich ein Stück. Und jetzt, bei Bauen zeigte es sich, daß wir durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie eine Siedlung aussehen sollte. Streitfall Nummer eins war der noch leere zentrale Platz. Zeth, immer bedacht auf glatte und großzügige Lösungen, hielt Betonplatten für das einzig Rationale. Nun, über einen Springbrunnen ließe sich reden. Doch Alfa und Teth steckten schon kreuz und quer die künftigen Blumenrabatten ab. Kein Roboterwagen hätte mehr freie Fahrt gehabt. Eta wollte ‚Schallfreiheit‘ für ihre Musik … Am liebsten hätte ich den zentralen Platz einfach umzäunen und aus den Karten streichen lassen, soviel kostbare Zeit fraßen die Diskussionen! Gamma vermittelte zum Schluß so geschickt, daß sie ihr Lieblingsprojekt, einen Aussichtsturm an zentraler Stelle, durchsetzen konnte, ein Wahrzeichen, das all die flachen Gebäude überragte und den Charakter unserer Siedlung bestimmte. / Aber nicht nur wir veränderten das Angesicht Andymons. <u>Wir</u>? Ja, aus dieser Zeit stammt auch die erste Unterscheidung von ‚wir‘ und ‚sie‘.“ </em>(Angela und Karlheinz Steinmüller, Eine Frage der Perspektive, in: Andymon – Eine Weltraum-Utopie, 1982) <em>  </em></p>
<p>Der Roman <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon – Eine Weltraum-Utopie“</a> von Angela und Karlheinz Steinmüller erschien erstmals im Jahr 1982. Er wurde mehrfach wieder aufgelegt und ist seit 2018 in dem von Hardy Kettlitz geleiteten Berliner Verlag <a href="https://www.memoranda.eu/">Memoranda</a> verfügbar. Dort erscheinen auch <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">alle Romane, Erzählungen, Reden, Vorträge und Essays der Steinmüllers in Einzelausgaben</a>. Wer mehr über die Steinmüllers erfahren möchte, findet im Demokratischen Salon mehrere Texte, zum Beispiel eine kurze Geschichte der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Science Fiction Made in GDR</a>, der Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> zur Zensur und Spielräumen der Science Fiction beziehungsweise utopischer Romane in der DDR. Karlheinz Steinmüller ist darüber hinaus ein angesehener Zukunftsforscher. Seine Sicht der Dinge lässt sich in einem Gespräch mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">„Der optimistische Skeptiker“</a> entdecken.</p>
<p>Der Roman wurde so populär, dass sich in Ost-Berlin der <a href="http://www.club-andymon.net/">Science-Fiction-Club „Andymon“</a> gründete, der bis heute regelmäßige Lesungen und Diskussionsveranstaltungen zur Science Fiction anbietet. Gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beteiligte sich der Club an der Ausstellung <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/ausstellungen/leseland-ddr">„Leseland DDR“</a> und steuerte mehrere zusätzliche Tafeln bei, die in einer eigenen Ausstellung vorgestellt wurden.</p>
<div id="attachment_7778" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2468"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7778" class="wp-image-7778 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-400x621.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-659x1024.jpg 659w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-768x1193.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-800x1242.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda.jpg 989w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7778" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Titelbild: benSwerk.</p></div>
<p>Doch damit nicht genug: Der Theaterwissenschaftler und Philosoph <a href="https://neofelis-verlag.de/michael-wehren">Michael Wehren</a> hatte die Idee, die Geschichte des Planeten Andymon weiterzuerzählen, sei es als Prequel, als Sequel oder durch die Betonung ganz bestimmter Aspekte. Dazu gewann er elf Autor:innen der aktuellen Science Fiction, mit denen er den Band <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2468">„Andymonaden“</a> gestaltete, der im Jahr 2025 bei Memoranda erschien. Titelbild und Umschlag wurden von <a href="https://benswerk.com/">benSwerk</a> gestaltet. An den „Andymonaden“ beteiligten sich (in der Reihenfolge der Erzählungen im Buch) Patricia Eckermann, Aiki Mira, Dietmar Datz, Lena Richter, Zeinab Hodeib, Luise Meier, Zara Zerbe, Jol Rosenberg, Anna Zabini, Mert Akbal, Nelo Locke. Michael Wehren schrieb die zwölfte Erzählung sowie ein programmatisches Vorwort. Der Band wurde im Oktober 2025 in der Berliner <a href="https://www.otherland-berlin.de/de/">Buchhandlung „Otherland“</a> erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das folgende Gespräch wurde im Zusammenhang mit dieser Buchvorstellung verabredet. Teilgenommen haben <a href="https://antagonisten.de/romane-sachbuecher">Patricia Eckermann</a>, <a href="https://www.aikimira.de/">Aiki Mira</a>, <a href="http://www.xn--karlheinz-steinmller-4ec.de/">Karlheinz Steinmüller</a> und Michael Wehren.</p>
<h3><strong>Die Geschichte von „Andymon“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Karlheinz, bevor wir gleich in die „Andymonaden“ einsteigen, darf ich fragen: Worum geht es in „Andymon“?</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: „<em>Andymon“ ist – so steht es auch im Untertitel – eine „Weltraum-Utopie“. Angela und mir ging es darum, eine Welt in der Zukunft zu entwerfen, die nicht durch das vorgeprägt ist, was ideologisch von einer bestimmten Weltanschauung, von einem Staat und damit letztlich von den Erwachsenen vorgegeben ist. Davon wollten wir uns abkoppeln. Ein Raumschiff nähert sich nach etwa 10.000 Jahren Flug einem anderen Sonnensystem. In dem Raumschiff werden in Inkubatoren Embryonen herangezogen. Die Kinder wachsen dann unter der Obhut von Robotern auf, die sie in keiner Weise indoktrinieren sollen. Inwiefern das funktionieren kann, lassen wir mal dahingestellt. Die Kinder bekommen keine Aufgabe vorgegeben, stellen sich aber selbst die Aufgabe, einen Planeten für sich einzurichten, den Planeten Andymon. Es geht um eine neue Welt mit einer neuen Menschheit. </em></p>
<p><em>Wie beschreibt man einen solchen Anfang? Schon aus literarischen Gründen sind Konflikte nötig; diese ergeben sich aber auch ganz naturgemäß, wenn nicht wie in den klassischen Utopien sich ein Utopist alles bis ins Detail ideal und perfekt ausgedacht hat. Die Kinder müssen alles aus sich selbst heraus entwickeln. Wenn es darum geht, einen Planeten zu besiedeln, sind Konflikte und Kontroversen unausweichlich. Die einen setzen mehr auf Technik, die anderen wollen zurück zur Natur, sie wollen barfuß über den Planeten laufen. Es gibt Mentalitäts- und Einstellungsunterschiede zwischen den Gruppen, zwischen den Individuen. Sie alle müssen lernen, auch die Widersprüche und Kontroversen, die sich beispielsweise zwischen Jüngeren und Älteren ergeben, auszutragen. Sie sollten respektvoll miteinander umgehen und immer Offenheit bewahren. </em></p>
<p><em>Ich könnte es vielleicht auch so beschreiben: Für uns war „Andymon“ eine post-sozialistische Utopie. Wir haben uns von dem Sozialismus in der DDR abgesetzt. Das, was die nächste Generation dann daraus gemacht hat, sind kleine post-kapitalistische Utopiesplitter. Auf dieser Ebene passt es dann wieder ganz besonders gut. Das ist das Wunderbare.</em></p>
<h3><strong>Neugier und Altgier </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat dich auf die Idee gebracht, nach mehr als 40 Jahren einen Folgeband zu „Andymon“ herauszugeben?</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Von Heiner Müller gibt es die schöne Bemerkung, dass es nicht nur die Neugier gebe, sondern auch die Altgier. Was war eigentlich vorher? Was bleibt uneingelöst? Interessant wird es, wenn wir beides und damit auch die Zeitebenen mischen. Wenn Neugier und die Altgier, Vergangenheiten und Zukünfte gleichermaßen die Gegenwart in Bewegung bringen. „Andymon“ erscheint mir auch heute in diesem Sinne weiterhin relevant. Es geht um Veränderung, nicht nur technologisch, auch gesellschaftlich.</em></p>
<p><em>Veränderung und Transformation waren immer schon ein Thema der Science Fiction. Gleichzeitig befindet sich jetzt die Science-Fiction-Szene selbst in einem radikalen Transformationsprozess. Es gibt neue Stimmen, neue Akteur:innen, neue Schreibweisen – wobei „neu“ auch eine Qualität der Repräsentation meinen kann. Und da stellt sich auch die Frage, wie wir mit historischen utopischen Entwürfen umgehen, welches Potential der Veränderung der Gegenwart sie in dieser Situation haben und welche Veränderbarkeit sie selbst zeigen.    </em></p>
<p><em>Es gibt aber auch noch eine andere Vorgeschichte. Ich selbst hatte nie mit Science Fiction aus der DDR zu tun. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, wurde ganz klassisch im Westen der 1990er Jahre SF-sozialisiert und habe erst viel später, Anfang der 2000er Jahre in Leipzig, Kontakt mit Science Fiction aus der DDR erhalten. Zunächst hat mich das nicht so richtig abgeholt. Aber als ich dann nach Berlin gezogen bin, habe ich Hardy Kettlitz kennengelernt, das Otherland, dort an Diskussionen teilgenommen. Irgendwann hat mich Hardy zum Club „Andymon“ eingeladen. Der Club ist ja schon eine Institution. Ich traf dort ganz unterschiedliche Leute, ältere wie jüngere. Ich habe mich natürlich gefragt, warum der Club „Andymon“ heißt. Hardy hat es mir erklärt und ich habe dann den Roman antiquarisch bestellt und in zwei Nächten und einem halben Tag gelesen. Mir war klar, dass ich damit etwas machen möchte. „Andymon“ kommt für mich bei aller Zeitgebundenheit nach wie vor aus der Zukunft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Karlheinz, da haben du und Angela etwas angerichtet!</p>
<div id="attachment_3235" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3235" class="wp-image-3235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-200x310.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon.webp 348w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-3235" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Als Michael uns gefragt hat, was wir von einer solchen Anthologie halten, haben wir uns einerseits wahnsinnig gefreut, andererseits auch gefragt, was das Buch heute – nach über 40 Jahren – bedeutet. Wir hatten damals, als wir es geschrieben haben, ganz Anderes im Kopf, wir hatten andere Probleme, an denen wir uns abgearbeitet haben: Wie können sich Menschen frei, ohne Zwang, Indoktrination und Einengungen entfalten? Umweltprobleme waren damals auch im Hintergrund Thema, sicherlich, aber wir haben uns jetzt schon gefragt, was ein Roman aus dem Jahr 1982 heutigen Lesern, jüngeren Autoren noch sagen kann. Ist da noch etwas drin, das anschlussfähig ist, an das man anknüpfen kann? </em></p>
<p><em>Auseinandersetzen kann man sich selbstverständlich mit allen alten Texten, wenn man Altgier hat. Man kann sie beliebig als vergangen, obsolet, vergraben und so weiter betrachten. Das wäre völlig korrekt. Wir hätten uns einerseits nicht beschweren können, wenn das herausgekommen wäre. Andererseits waren wir neugierig: Was werden die jungen Autorinnen und Autoren daraus machen? Woran knüpfen sie an? Interpretieren sie uns vielleicht völlig gegen den Strich? Auch das wäre möglich gewesen und im Extremfall wäre eine Lesart herausgekommen, mit der wir uns überhaupt nicht mehr hätten identifizieren können. Umso größer war unsere Erleichterung, als wir die „Andymonaden“ aufgeschlagen haben und die ersten Erzählungen von Patricia, von Aiki, von Dietmar gelesen haben. Da waren wir wirklich erleichtert, und als wir uns bis zu Michael durchgearbeitet hatten, waren wir froh.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aiki, Patricia, ihr habt sofort Ja gesagt, als Michael euch gefragt hat?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich habe mich sehr geehrt gefühlt. Als ich dann sah, wer alles schon angefragt war und zugesagt hatte, zum Beispiel Aiki und Dietmar, habe ich sehr geschlackert, denn das sind hochkarätige Autor:innen. Spätestens in dem Augenblick, als ich das Buch gelesen habe, schon nach ein oder zwei Seiten, war ich komplett in der Geschichte, Feuer und Flamme.</em></p>
<p><em>In meiner Kindheit habe ich viel Science Fiction genossen, Star Trek zum Beispiel. Da ist viel zusammengeflossen. Orientiert habe ich mich an den Fragen, die ich mir bei der Lektüre von „Andymon“ gestellt habe. Es gibt einige offene Stellen, die die Steinmüllers gelassen haben, die ich so ausgefüllt habe, wie es mir sinnvoll erschien. Ich wollte eine Art Prolog zu „Andymon“ schreiben, sodass die Gegenwart an die Zukunft, die in der Vergangenheit geschrieben wurde, andocken kann.</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Bei mir war es nicht so einfach. Ich hatte „Andymon“ schon als Kind gelesen und geliebt und da kam natürlich die Frage: Wie lese ich es jetzt? Zur Vorbereitung wollte ich eigentlich nur einmal hineinschauen, habe dann aber angefangen zu lesen und war wieder voll drin im Text. Das hat es für mich aber auch nicht leichter gemacht. Ich muss da ganz ehrlich sein. Denn was kann ich einem Text, der so gut ist, noch anfügen? Wo kann ich anknüpfen? Das war für mich im Schreibprozess eine neue Erfahrung. Es war alles erst einmal sehr widerständig, aber im Nachhinein muss ich Michael ein ganz großes Danke sagen, dass er mich dazu gebracht hat, das Buch wieder zu lesen, besonders heute, in einer Zeit, in der andauernd und sekundenschnell neue Texte generiert werden. Darüber habe ich gerade </em><a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/ich-gehe-jetzt-lesen-als-queere-praxis-warum-lesen-heute-radikaler-ist-als"><em>in einem Essay anlässlich der Erzählung „Sie entnamt sie“ von Ursula K. LeGuin nachgedacht</em></a><em>, dass das Lesen das Radikale, das Widerständige in unserer heutigen Zeit ist, dass langsames Lesen ein kreatives Lesen ist, das auch mein Schreiben verwandeln kann. Diesem transformativen Lesen habe ich mich ausgesetzt und dafür danke ich dir, Michael, dass du mich diese Erfahrung hast machen lassen. Das Tolle an einem solchen Anthologie-Projekt liegt schließlich darin, dass wir alle, die wir uns beteiligt haben, in einem Raum zusammengekommen sind. </em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das hast du sehr schön gesagt. Mir geht es ganz genauso.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Und danke, dass ihr mitgespielt habt. Es ist schon etwas Besonderes, eine fremde Welt so anzunehmen, dass man in ihr andocken kann, dass man in ihr, mit ihr schreiben kann. Wir haben bei einem früheren Projekt gemerkt, wie schwer das ist. Es war etwa um 1990, als ein Kollege ein Buch zum „Trödelmond“, so der Titel einer Story von uns, herausgebracht hat, aber niemand hat die Vorgabe aufgegriffen. Es kam mal das Wort „Trödelmond“ vor, es flog mal jemand am Trödelmond vorbei. Das wars dann. Bei den „Andymonaden“ ist es zum Glück anders. Ihr seid alle auf die Geschichte eingestiegen. Mehr kann man sich als ergrauter, schon fast mumifizierter Autor nicht wünschen.</em></p>
<h3><strong>Nach Andymon – vor Andymon</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf einen Gedanken der Vorstellung des Romans durch Karlheinz aufgreifen: Vom Post-Sozialismus zum Post-Kapitalismus. Die Formel gefällt mir. Meines Erachtens passt das auch auf eure Geschichten, der Titel deiner Geschichte, Patricia, lautet „Sabotage“, der der deinen, Aiki, „Ausreißende Sterne“.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Der Untertitel von „Andymon“ lautet „Eine Weltraumutopie“. Dieser Gedanke hat auch bei mir eine Rolle gespielt, vor allem das Sich-Hineindenken in diese utopische Geschwistergesellschaft, die mich schon als Kind fasziniert hat. Welche Psychologie steht dahinter? Kann sich jemand von der utopischen Geschwisterlichkeit entfernen? Das Motiv des Sich-Entfernens, des Weggehens, findet sich im Titel meiner Erzählung: „Ausreißende Sterne“: Es gibt Sterne, auch Planeten, die aus ihrer Bahn brechen, Runaway Stars, Rogue Planets. Dieses Weggehen ist schon in „Andymon“ enthalten, denn es geht ja um ein Raumschiff, das aus unerklärten und unerklärlichen Gründen die Erde verlässt. Das kommt in meiner Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder vor. Die ich-erzählende Person geht weg von der Utopie Andymon, denn Andymon ist Heimatplanet geworden, Mythos. Darüber hinaus wurde die ich-erzählende Person von ihrer Mutter verlassen, in ein Kinderhaus zu Androiden gegeben. Auch das passt zur Jugend der Geschwister in „Andymon“. Mir war es wichtig, dass eine Utopie, selbst wenn wir darin aufgewachsen sind, von uns wieder verlassen werden kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist eine ewige Fortsetzung des Erdenkens einer Utopie, des Erreichens und des Wieder-Verlassens. Vielleicht ist vielen von uns gar nicht klar, dass die Zeit, in der wir leben, aus der Sicht vorangegangener Zeiten auch eine Utopie – oder je nachdem – eine Dystopie ist. In deiner Erzählung, Aiki, lesen wir: <em>„An die Schönheit des Heimatplaneten glaube ich nicht.“</em> Oder: <em>„Durch das Leben auf Raumstationen weiß ich, der Weltraum ist nicht vollgestopft mit Leben, sondern aus allen Nähten platzend, aus Leere.“ </em>Es geht immer wieder darum, dass der Ort, an dem man landet, so toll gar nicht ist wie erhofft, sondern ähnliche Probleme hat wie der Ort, den man verlassen hat. Daran lässt sich gut an die „Sabotage“ anknüpfen, die wir, Patricia, bei deiner Geschichte im Titel lesen und die auch deren Fortgang bestimmt. In deiner Geschichte lese ich Widerstand.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich glaube, bei mir ist es nicht das Post-Kapitalistische. Wir sind noch nicht am Ziel. Ich beschreibe die Menschen, die dorthin kommen wollen, die Rebell:innen, die, die sehen, was falsch läuft, die diese Welt in der Zukunft in eine gerechte Gegenwart verwandeln wollen. In meiner Geschichte ist alles im Umbruch, alles im Fluss. Es ist auch das, was ich in unserer Gegenwart wahrnehme. Viele Menschen haben das erkannt und arbeiten im Kleinen daran. Ich glaube, wir müssen nur erkennen, dass wir schon dabei sind daran zu arbeiten. Darüber müssen und können wir zusammenfinden, über die verschiedenen Widerstände hinweg. Wenn wir das tun, können wir das Ziel auch erreichen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich will eigentlich nicht spoilern, aber irgendwie kommen wir nicht darum herum. In „Sabotage“ hast du eine ganz bemerkenswerte Art und Weise beschrieben, in der das geplante Attentat vollzogen wird. Angel Stone ist es gelungen, Eizellen und Spermien auszutauschen. Es hat etwas höchst Subversives, eine solche gewünschte Perfektion zu unterminieren.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das ist die Auflehnung gegen die Tendenzen, die wir heute sehen. Ich habe das nicht erfunden, auch nicht die Diversität. Das steht alles in „Andymon“ schon drin. Das war für mich auch die zentrale Botschaft dieses Buches. Das hat mich in dem Roman am meisten angesprochen, ich war von Anfang an mitgemeint. In keinem anderen Science-Fiction-Roman, weder im Westen noch im Osten, habe ich mich jemals gefunden und daher auch nicht das Interesse entwickelt, in diesem Bereich weiterzulesen und mich weiterzubilden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinem eigenen Roman „Elektro Krause“ hast du dein Ziel dennoch bestens umgesetzt. Man mag zwar denken, dass es sich hier weniger um einen Science-Fiction-Roman handelt als um eine deutsche und politische Version der Ghostbusters, die ich eher in den Fantasy-Bereich einordnen würde.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Im englischen und im amerikanischen Roman habe ich mehr Diversität gesehen als in den deutschen Romanen. Da gab es zwar auch eine Menge Rassismus, aber es kamen Menschen vor wie ich. Als ich dann „Andymon“, einen Roman aus den 1980er Jahren, lese und sehe, dass Menschen wie ich darin eine Rolle spielen, war ich komplett begeistert. Für mich zeigt „Andymon“, dass alle dazugehören. Das ist auch das, was die Rebell:innen in „Sabotage“ antreibt. Die zukünftige Welt soll genau so divers sein, wie die Welt heute ist. Die Züchtungsfantasie in meiner Erzählung basiert auf der Haltung von Menschen, die meinen, sie wären etwas Besseres und die Menschheit der Zukunft sollte nach ihrem Bilde gestaltet werden. </em></p>
<h3><strong>Science Fiction ist Gegenwartsliteratur</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manchmal habe ich bei Wiederaufnahmen wie den „Andymonaden“ den Eindruck, es ist irgendwie wie bei den Stoffen der griechischen Tragödien. Diese wurden über die Jahrhunderte, die Jahrtausende immer wieder aufgegriffen, auf die jeweiligen aktuellen Verhältnisse hin reflektiert und neu interpretiert. Es ist irgendwie eine Wiederkehr des Gleichen, mitunter in Spiralen, mehr oder weniger dialektisch, sodass die neuen Geschichten widerspiegeln, was zuvor war. Post-kapitalistisch, post-sozialistisch – das sind vielleicht nur zwei Varianten, die sich mit dem Präfix „post“ anstellen ließen. „Ausbrechende Sterne“ wären dann auch ausbrechende Gesellschaften, die „Sabotage“ wäre dann der konkrete Akt, der einen solchen Ausbruch provoziert und möglicherweise sogar nicht mehr zurückholbar dem Lauf der Welt eine völlig andere Richtung gibt.</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Was wird wie sichtbar, wenn du ein solches Projekt startest? Die Autor:innen werden den Text abklopfen und mit auf ihre Zeit, ihr Schreiben, beziehen. Wenn sie den Text genau lesen, sich von ihm berühren lassen und der Text immer noch assoziierbar ist, werden sie erfahren, was an ihm zukünftig aus der linearen Zeit gefallen ist. Sie erkennen die Symptomatik, was zu einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Signatur gehört und das eine Zeit viele Zeiten ist. Wenn wir über „Andymon“ sprechen, machen wir jeweils kenntlich, was auch jede einzelne der Geschichten tut: Wir machen die eigene Gegenwart kenntlich. Ursula K. LeGuin schreibt, dass Science Fiction immer auch Gegenwartsliteratur ist – aber eben eine Gegenwart im Übergang. Es ist eine Gegenwart zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht, nicht eine Gegenwart, die zur Ruhe gekommen wäre. </em></p>
<p><em>Das gilt für „Andymon“ wie für jede einzelne Erzählung der „Andymonaden“, im Guten wie im Schlechten. Zugleich kommen diese Stories aus der Zukunft, öffnen sie auch wieder, verhandeln sie neu. Es ist dieses Moment des Wieder- und Widererkennens, des Verfremdens, auch des Nicht-Mehr-Erkennens, des Neu-Konstruierens, des Anders-Bauens, des Verschiebens,  in einem transgenerationalen Dialog, der schon Gegenstand von „Andymon“ ist und auch die „Andymonden“ auszeichnet. Gleichzeitig lernen und entlernen wir mit den Texten, was Andymon ist – und damit auch unsere Gegenwart und ihre Zukünfte.</em></p>
<p><em>Alle Texte sind nah an der Gegenwart, gleichzeitig beziehen sie sich emphatisch auf die Romanvorlage So können sich diese Stories denjenigen öffnen, die den Roman schon als Kind gelesen haben, diejenigen, die ihn erst jetzt entdecken, die ihn wieder lesen, neu entdecken, diejenigen, die noch gar nicht geboren waren, als „Andymon“ erschien. Ebenso ist es bei den Autor:innen der zwölf Erzählungen. Sie verhandeln Themen, mit denen sie sich von „Andymon“ lösen und doch wieder darauf zurückverweisen. Kurz gesagt: Alle zwölf riskieren etwas. Und das ist auch spürbar.</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich möchte einen Gedanken hinzufügen. Mir ging es nicht nur um eine inhaltliche, sondern auch um eine poetische Auseinandersetzung. Es ist eine Beziehung zwischen mir und dem Roman entstanden, zum Beispiel über den Mythos „Heimatplanet“. In dem Roman ist etwas angelegt, das  mit mir und meinem Schreiben etwas macht. Das hängt auch mit meiner persönlichen Familiengeschichte zusammen. Es geht letztlich darum, was macht der Text mit mir, was macht sein Sound mit mir, was macht das dann mit meinem Schreiben?</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Daran kann ich anknüpfen. Als wir das Buch schrieben, haben Angela und ich lange diskutiert, was für uns „Heimat“ bedeutet, zumal dieser Begriff über Jahrzehnte doch etwas kontaminiert war und man ihn sich neu aneignen musste. Insofern ist „Heimat“ doch eher der Ort, den man sucht. Im Vergleich zu 1982 gibt es zum Glück Veränderungen, wir haben das Buch in einer Zeit geschrieben, in der wir den Kalten Krieg als allgegenwärtigen bedrohlichen Zustand fast schon körperlich gespürt haben, gerade in Berlin. Wir hatten auch Kontakte in die kleine Umweltszene und kannten uns mit Umweltproblemen und ihrer Verleugnung aus. Wir haben sehr stark die Enge und die Miefigkeit des DDR-Alltags wahrgenommen, aus dem wir ausbrechen wollten. Wir können das in die heutige Zeit hinein durchdeklinieren: Wie viel Mief, wie viel Enge ist heute noch oder wieder vorhanden? Einige Umweltprobleme wurden tendenziell gelöst, zum Beispiel das Ozonloch, andere haben bedrohliche Dimensionen erreicht. Im Hintergrund lauert ein heißer Krieg, der für uns in Mitteleuropa erst einmal einen kalten Krieg bedeutet. Gleichzeitig hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Sie ist bunter, vielfarbiger geworden. Jol Rosenberg hat mit der Bemerkung recht, dass „Andymon“ eine heteronormative Perspektive hat.</em></p>
<h3><strong>Politik und Poetik der Science Fiction</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jol Rosenberg schrieb die Erzählung „Wovon ich Teil sein will“. Darin finden wir folgenden Satz: <em>„Eintauchen und Auftauchen. Sich verbinden und wieder lösen. Viele und ein Einzelner sein. Neugier schien ihm ein guter Anfang.“ </em>In der Erzählung gibt es unter den Bewohner:innen von Andymon eine Debatte über die Freiheit und die Frage, ob es Individualität gebe oder nur Gemeinschaft, darüber, wer zur Gemeinschaft gehört und wer nicht. Im Grunde geht es dabei um das, was in der Soziologie heute <em>„Heteronormativität“</em> genannt wird.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Diese Begriffe kannten wir damals nicht. Es gab sie wahrscheinlich auch noch nicht. Wir hatten allerdings einen Lektor, der schwul war. Alle wussten dies. Das war 1982 in der DDR nicht revolutionär, aber ungewöhnlich. Auch diese Offenheit wollten wir haben, aber wir haben damals nicht daran gedacht, das in dieser Richtung detailliert zu beschreiben. Wir hatten keine Vorbilder für queere Persönlichkeiten, die wir in die Geschichte hätten einbauen können. Ob uns das geglückt wäre, ist noch eine ganz andere Frage.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sieht heute anders aus. Drei der zwölf Autor:innen der „Andymonaden“ bezeichnen sich als nicht binär. Auch diesen Begriff gab es vor 40 Jahren noch nicht, weder im Osten noch im Westen.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Selbstverständlich waren die Geschwister vom ethnischen Hintergrund her so bunt wie die Menschheit. Sie sollten die gesamte Menschheit widerspiegeln und nicht nur die in der DDR auftretenden Gesichtsfarben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Patricia, du hast eben darauf hingewiesen, wie sehr dich die in „Andymon“ vorhandene Diversität angesprochen hat. Ein weiterer Aspekt in diesem Kontext sind totalitäre Fantasien, die Diversität zerstören wollen. Dies nimmst du in deiner Geschichte auseinander. Es geht um die von den Herrschenden gesteuerte Fantasie der Züchtung einer perfektionierten, genetisch optimierten Menschheit. Und es gibt den Widerstand mit Reminiszenzen an die interessanteste Person in dem Comic-Franchise „Black Panther“, Killmonger, und einen Urvater aller Terroranschläge, <a href="https://www.britannica.com/biography/Guy-Fawkes">Guy Fawkes</a>.</p>
<p>Ich darf zwei Passagen der Schlussszene zitieren: Der <em>„Baron“</em> genannte Repräsentant der herrschenden Gesellschaft rechtfertigt das Züchtungsprojekt im Verhör mit Angel Stone, der Erzählerin und Protagonistin: <em>„Menschen tendieren dazu, Macht und Status anzuhäufen. (…). Deren Stärken basieren auf Dominanzhierarchien und leistungsorientierter Konkurrenz.“</em> Besser hätten sich Peter Thiel, Marc Andreessen oder Elon Musk auch nicht rechtfertigen können. Aber auch deren Macht hat Schwächen: Der letzte Absatz der Erzählung dokumentiert die Hoffnung auf eine entscheidende und endgültige Niederlage der Tech- und Züchtungs-Oligarchen: <em>„Plötzlich erscheint auf dem Screen ein rotes, drohendes V über einem roten Kreis. Dann ein Mensch mit Guy-Fawkes-Maske – und Kalles Stimme! Sie haben die Kommunikationskanäle der Oligarchen gehackt! Ich weine vor Freude. Jetzt erfährt die ganze Welt, dass auch die Zukunft der Menschheit divers ist.“</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Für Angela und mich war die Erzählung „Sabotage“ eine plausible Vorgeschichte zu „Andymon“, die praktisch am heutigen Tag ansetzt. Wenn ich an Leute wie Peter Thiel denke, bekomme ich eine Gänsehaut, obwohl ich ebenso weiß bin wie er. Wir hatten damals aber auch Romane von James Baldwin gelesen. Einige Werke von ihm wurden in der DDR verlegt; ich kann aber nicht sagen, ob sie „Andymon“ beeinflusst haben.</em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich bin euch dafür superdankbar. Das kann ich nicht oft und laut genug sagen. Ein Roman aus dem Jahr 1982!</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Patricia, du hast einen superaktuellen Text geschrieben. Ich sehe das genau wie du. Auch wenn Queerness in „Andymon“ nicht explizit benannt wird, auch weil es die Begrifflichkeit damals noch nicht gab, ist sie ständig durch die verschiedenen Lebensstile im Roman präsent. Queerness wäre dort überall möglich gewesen, auch wenn sie nicht explizit benannt wird. Ich hatte immer das Gefühl, dass auf Andymon viel möglich ist, viel mehr, als wir uns bei der Jahreszahl 1982 eigentlich vorstellen können. Es könnten in der Erzählung, in der Weitererzählung, immer wieder neue Dinge ausprobiert werden, sodass es sich bei „Andymon“ um eine sehr dehnbare Utopie handelt. </em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Aiki sprach eben die „poetische Auseinandersetzung“ an. Es geht eben auch potentiell um eine „Poetik der Science Fiction“, um die Schreibweisen, um den Stil. „Andymon“ ist ein offenes Buch, das immer noch assoziierbar, immer noch produktiv ist – das ist insbesondere auch eine Frage des Stils, der Schreibweise. Die Haltungen der Figuren werden in eine eigene Schreibweise übersetzt und umgekehrt. So wie die Figuren im Roman mit Konflikten umgehen, so geht der Roman stilistisch auch mit dem Material um, das in auszeichnet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Utopien wirken über Poesie? Warum funktioniert das mit „Andymon“ immer noch so gut?</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>:<em> Es ist einmal die Utopie des Neuanfangs. Gleichzeitig gibt es noch ein zweites Modell, das Modell der menschlichen Praxis als Utopie. Utopie bedeutet dabei nicht Konfliktfreiheit, sondern die Art und Weise, wie mit Konflikten umgegangen wird. Ich sehe in dem Buch in diesem Sinne eine Politik des Schreibens, aus der sich ein eigenes poetisches Moment entwickelt. Nicht nur was, auch wie wir schreiben, ist politisch. Utopie und Utopisches sind ja immer auch ästhetische Erfahrungen – eine Frage der Wahrnehmung, der Worte, der Form der Sätze und wie sie sich mit Affekten, Wünschen und so weiter assoziieren. Das verbindet auch die zwölf Texte der „Andymonaden“. In allen Varianten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu all diesen Varianten gehört in „Andymon“ auch eine Figur unter den Geschwistern, die geradezu stalinistische Züge hat. Ich habe nicht nur in diesem Kontext den Roman ebenso wie andere Romane von Angela und dir, Karlheinz, als Parabeln gelesen. Oder ist das nur meine eigene Kafka-Passion, die mich überall Parabeln sehen lässt? Aber der Weltraum in „Andymon“ ist für mich ein Spielfeld, ein Hintergrund, kein realer Weltraum. Die ersten Sätze des Romans – der Titel des Kapitels lautet bewusst vieldeutig <em>„Woher?“</em> – legen mir diese Sicht schon nahe: <em>„Es gibt eine Reihe von Fragen, die sich der Mensch wieder und wieder stellt. Das war schon auf einem Planeten mit Namen Erde so, der für uns kaum mehr bedeutet als eine phantastische kosmische Sage. Und das wird so sein bis in alle Zukunft unseres Planeten Andymon, über der genau wie über der irdischen Vergangenheit der Schleier der Zeit liegt.“</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Wir haben schon versucht, den realen Weltraum so weit wie möglich zu nutzen, aber da kommt man nicht weit. Wir haben immer etwas schreiben wollen, das unserer Realität in der DDR einen Spiegel vorhält. Wir wollten aber auch nicht, dass es nur ein Spiegel ist. Da sollte mehr drin sein. Es sollte auch auf andere Verhältnisse übertragbar sein. Modellhaft. Wir konnten natürlich damals nicht einschätzen, ob und wie das möglich wäre.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Letztlich wird es philosophisch. Luise Meier nannte bei der Vorstellung der „Andymonaden“ im „Otherland“ den Roman <em>„ein philosophisches Buch“</em>.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Vielleicht passt dazu ein Gedanke zur Offenheit von „Andymon“: Die Konflikte werden in der Tat auf einer sehr philosophischen Ebene ausgetragen. Wir hatten Reaktionen von Lesern, die die Figur Beth, den Ich-Erzähler des Romans, als „so ein Softie“ bezeichneten, weil Beth eben nicht auf einer Meinung beharrte und sie unbedingt durchsetzen wollte. Er zeigte die Haltung, dass er nicht unbedingt recht haben müsse, dass vielleicht auch die anderen recht haben könnten, also, dass ich erst über mich selbst nachdenken muss, damit ich mit den anderen reden kann. Diese undogmatische Grundhaltung ist ein großer Unterschied zu den klassischen Utopien, die alle mehr oder weniger dogmatisch sind.</em></p>
<p><em>Angela und ich haben damals auch darüber gesprochen, dass „Andymon“ eine dynamische Utopie sein sollte. Den Begriff hat meines Wissens als erster H.G. Wells aufgebracht (in: „A Modern Utopia“). Es wird nichts von Beginn an festgelegt, sondern alles soll sich aus der Praxis der Menschen heraus entwickeln. Utopie ist nichts Vorgegebenes, sondern ein unklar umrissenes Ziel, auf das man sich versucht hinzubewegen. </em></p>
<h3><strong>Mehr Pop in unsere Tragetasche packen!</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Science Fiction leidet – zumindest in Deutschland – darunter, dass manche sie als Populärkultur, die man nicht ernst nehmen müsse, im Gegensatz zu einer sogenannten „Hochkultur“ abwerten. In den USA gibt es eine solchen Unterscheidung nicht. Immerhin gibt es inzwischen einige Wissenschaftler:innen, die sich sehr konkret und sehr präzise mit populärkulturellen Kunstformen auseinandersetzen, mit dem Gaming, mit Comics, mit Serienproduktionen wie Star Trek oder Game of Thrones. All dies geschieht durchaus in dem Sinne, wie auch „Andymon“ wirkte. Meines Erachtens passt dies auch zu der von Ursula K. LeGuin eingeführten Begrifflichkeit der Speculative Fiction oder der Social Fiction, die sie als Alternative oder Ergänzung zur Science Fiction vorschlägt, um den gesellschaftlichen und politischen Kontext hervorzuheben. Dazu gehört die Solarpunk-Bewegung mit ihren Fantasien für eine gerechtere und nachhaltigere Welt. Ich möchte folgende Thesen anbieten: Wir brauchen mehr Pop, um gesellschaftliche und politische Inhalte anschlussfähiger zu machen und möglichst viele Menschen zu motivieren, sich damit zu beschäftigen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich schließe an Ursula K. LeGuin an, auch an das, was Karlheinz eben zu Beth gesagt hat, eine Figur, die ich sehr liebe. </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/produktive-unordnung-in-der-tasche-ursula-k-le-guins-carrier-bag-theory-of-fiction-und-die-gegenwartsliteratur/"><em>LeGuin hat Fiktion als Tragetasche bezeichnet</em></a><em> (in: The Carrier Bag Theory of Fiction, 1989). Diese Tragetasche enthält alles Mögliche und eben nicht nur die übliche klassische Heldengeschichte mit Konflikten, Kämpfen und Triumpfen. Es ist bei „Andymon“ gerade das Spannende, dass im Roman der Inhalt einer solchen Tragetasche erzählt wird, mit vielen Möglichkeiten, ganz unterschiedlichen Figuren, die zusammenkommen, zueinander in Beziehung treten, wieder auseinandergehen, die kooperieren, aber auch scheitern, die sich verknüpfen, verbinden. Das ist – wie LeGuin sagt – viel näher an unserer Realität als die klassischen Heldengeschichten. Es ist egal, ob das jetzt Pop ist oder nicht. Es ist eine Tragetaschengeschichte. Das hat mich als junger Mensch fasziniert und mich umhergetrieben. Davon wollte ich noch mehr lesen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Und jetzt schreibst du selbst solche Bücher. Du hast dein Konzept in unserem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetik-der-queerness/">„Poetik der Queerness“</a> im Detail beschrieben.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich will andere Narrative finden. Dann kommen andere, die das in E- und U-Literatur einordnen, aber das interessiert mich eigentlich nicht. Neue Erzählformen sind in allen Literaturformen möglich.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Die Bemerkung von Ursula K. LeGuin mit der Tragetasche ist auch schon fast 40 Jahre alt. Man hat in den 1960er Jahren das S in Science Fiction mit Speculative oder Social übersetzt. Es ist heute wieder eine Zeit, in der sich aus dem Genre ein neues Genre heraus entwickelt. Das zeigt sich auch in Zeitschriften wie </em><a href="https://amrun-verlag.de/produkt/queerwelten-14-2025/"><em>„Queer*Welten“</em></a><em>. Ich glaube zwar nicht, dass die Heldengeschichten aussterben werden. Die Sehnsucht nach Heldengeschichten ist das Vermächtnis der Höhlenmenschen in uns. Aber wir brauchen heutzutage eben auch andere Narrative.</em></p>
<p><em>Mir ist aber auch aufgefallen, dass Science Fiction zunehmend ernsthaft wahrgenommen und diskutiert wird, zumindest in meiner kleinen Szene aus der Zukunftsforschung. Es ist Wahnsinn, wieviel  Aufmerksamkeit  jeglicher Art von Science Fiction geschenkt wird, meistens – so muss ich gestehen – ihrer technologischen Seite, aber eben auch breiter. Science Fiction wird zunehmend auch politisch interpretiert, etwa von </em><a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/"><em>Isabella Hermann</em></a><em>, die sich in dem Genre hervorragend auskennt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zuletzt mit ihrem Buch „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“, das 2025 im oekom-Verlag erschien. Im selben Verlag erschienen die „Zukunftsbilder 2045“ von Reinventing Society. Ich habe beide Bücher in meinem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">„Mehr Anti-Dystopien wagen“</a> vorgestellt, mit dem ich auch an einen Aufruf von Kim Stanley Robinson anknüpfe: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dystopien-jetzt/">„Dystopien – jetzt!“</a> Isabellas Buch wurde schon in der ZEIT, die irgendwie das bildungsbürgerliche Leitmedium in Deutschland ist, von Petra Pinzler und Stefan Schmitt vorgestellt: <a href="https://www.zeit.de/2025/27/zukunft-visionen-angst-optimismus-wissenschaft/komplettansicht">„Das wird gut“</a>. Wie Isabella verweisen sie auf Kim Stanley Robinsons „Ministerium für die Zukunft“. Maximilian Probst interviewte – ebenfalls für die ZEIT – Kim Stanley Robinson: <a href="https://www.zeit.de/wissen/2025-11/kim-stanley-robinson-science-fiction-klimafiktion-klimakrise">„Wir alle stecken heute mitten in einem Science-Fiction-Roman“</a>. Auch der Deutsche Kulturrat hat sich mehrfach in diesem Sinne mit Science Fiction, mit Comics, mit Gaming befasst.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Ich denke, dass Science Fiction inzwischen unsere Kultur unterwandert hat. Seit etwa 20 bis 30 Jahren ist Werbung ohne Science-Fiction-Motive kaum noch denkbar. Selbst in den alten Medien, im Fernsehen, ist Science Fiction ständig präsent, erst recht in den Streaming-Diensten. Das ist ein Siegeszug, der auch seine Nachteile haben kann, im Sinne einer Verwässerung, eines Zurechtschneidens auf einen mutmaßlich vorgegebenen Zeitgeist. Mitunter finde ich es beängstigend, wie science-fiction-affin unsere Zeit ist. Science Fiction war doch einmal etwas für Spezialisten, für die wenigen, die sich auskannten, und jetzt ist das etwas für Krethi und Plethi.  </em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Wir müssen mehr Pop wagen! Das ist mein Thema. Diese Unterscheidung zwischen E und U macht unser Leben unnötig schwer. Es ist natürlich interessant für eine Wissenselite, die sich auch gerne etwas abgrenzen möchte. Ich glaube aber, dass wir gerade über Literatur, auch über Fernseh- und Filmmedien viele Menschen erreichen, wesentliche Botschaften verbreiten können. Es ist mir wichtig verstanden zu werden. Ich finde es persönlich gut, dass ich mich in einem populären Genre viel leichter und auch gegenüber einer viel größeren Gruppe ausdrücken und verstanden werden kann. Menschen folgen dann vielleicht einer Geschichte, in die ich das ein oder andere hineinpflanzen kann, das nicht so mit dem Zeigefinger daherkommt. </em></p>
<p><em>Ich mag es Genres und Welten zu vermischen. So bin ich auch aufgewachsen. Manche würden mich als Mixed-Race bezeichnen. Für die einen bin ich nicht Schwarz genug, für die anderen nicht weiß genug. Ich bin etwas eigenes, ich bin mein eigenes Genre. So wie ich selbst nicht von anderen festgelegt werden kann, mich auch nicht festlegen, in eine Schublade hineinzwängen lassen will, so möchte ich, dass das, was ich schreibe, nicht nur in eine Schublade passt. Ich lese selbst gerne Texte oder schaue Filme, die sich aus einer Schublade herausbewegen oder die ich selbst aus einer Schublade herauslesen kann. Auch das ist möglich.</em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Mein Eindruck ist, dass das, was populär wird, immer auch ein wichtiger Exodus, ein produktives Neuverorten ist. Zugleich kann es auch ein Exodus sein, wenn etwas poetisch wird. Gerade in Situationen, in denen man vielleicht schon zu viel verstanden wird. Mehr Pop! Das ist die eine Seite, eine weitere: Mehr Poesie!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: An einem meiner Bücherregale klebt die Parole <em>„poetisiert euch.“ </em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Dazu gehört vielleicht auch: Mehr Nacht! Nicht immer nur das sogenannte Licht der Wissenschaft! Natürlich müssen wir Technik, Technologie und die Erfahrungen damit erzählen. Es gibt in der Science Fiction so viel Anderes. Wofür steht Science Fiction denn? Das wird doch mit jedem Roman, jeder Kurzgeschichte, jedem Interview neu verhandelt. Muss das S in SF für Science stehen? Oder steht das S vielleicht beispielsweise auch für Socialist? Vielleicht ist „Andymon“ auch der Traum von einem anderen Sozialismus, von einer anderen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Der Traum von sozialistischem Solarpunk aus einem Land vor unserer Zeit. </em></p>
<p><em>Gleichzeitig aber tut es der Science Fiction vielleicht sogar gut, wenn sie nicht immer so ganz ernst genommen wird, dass darin auch immer Spiel ist, Fantasie, auch Blödsinn, persönliche Idiosynkrasie, Wachträumen, dass sie nie ganz feuilletonfähig ist, sich mit ihren Robotern und Aliens immer auch wieder selbst ein wenig um ihren Ruf bringt. Das macht Science Fiction produktiver und zugänglicher für ein Publikum, das nicht rein bildungsbürgerlich geprägt ist.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Als Fazit passt vielleicht ein Satz von Michael aus seiner meines Erachtens sehr philosophisch inspirierten Erzählung in den „Andymonaden“. Titel: „Nach Andymon – Vier Erzählungen aus der Zukunft“: „Sie gehen zurück an den Anfang und / Merken, da ist kein / Anfang / Sie gehen zurück an das Ende und / Merken, da ist kein / Ende / Die Welten und die Sterne sind / Unendend.“ Michael hat die Philosophie von „Andymon“ damit auf den Punkt gebracht.</em></p>
<p><em>Für Angela und für mich ist das Schönste an den „Andymonaden“, dass wir damit in direkten Kontakt mit Aiki, mit Patricia und all den anderen der jüngeren Generation gekommen sind. Das hat uns auch neue Kraft gegeben. Ich danke allen, die sich beteiligt haben, und besonders dem Herausgeber!  </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Januar 2026, Titelbild: Vorstellung der „Andymonaden“ im „Otherland“, Foto: NoRei.)</p>
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		<title>Science Fiction schreiben</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 15:22:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Science Fiction schreiben Ein Porträt von Frederik Pohl, Autor des Gateway-Zyklus „Ist es lohnenswert, sein Leben damit zu verbringen, Science-Fiction zu schreiben? Aber sicher. In jeder Hinsicht, die ich genannt habe, und in vielerlei anderer Hinsicht. Aber das hat damit nicht viel zu tun. Man liebt einen Menschen nicht nur, weil er einem etwas  [...]</p>
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<h1><strong>Science Fiction schreiben</strong></h1>
<h2><strong>Ein Porträt von Frederik Pohl, Autor des Gateway-Zyklus</strong></h2>
<p><em>„Ist es lohnenswert, sein Leben damit zu verbringen, Science-Fiction zu schreiben? Aber sicher. In jeder Hinsicht, die ich genannt habe, und in vielerlei anderer Hinsicht. Aber das hat damit nicht viel zu tun. Man liebt einen Menschen nicht nur, weil er einem etwas zurückgibt. Der Mensch ist wertvoll, weil man ihn liebt. So ist es auch mit mir und der Science-Fiction. Ich bin wirklich dankbar für die Geschenke, die sie mir gemacht hat. Aber ich habe sie auf den ersten Blick geliebt, ohne Geschenke, und es sieht so aus, als würde ich das mein Leben lang tun.“ </em>(Frederik Pohl in seiner Autobiografie „The Way the Future was – A Memoir”, 1978)</p>
<p>Es kommt selten vor, dass ich Romane nach dreißig Jahren noch einmal lese. Meist gebe ich nach wenigen Seiten auf, weil der Schreibstil der Autorinnen und Autoren mir mittlerweile zu antiquiert erscheint oder weil sich meine Literaturansprüche geändert haben. Nicht so beim erneuten Lesen eines der – meiner Meinung nach – größten Leistungen der Science-Fiction-Literatur, des Gateway Zyklus (1977-1990) von Frederik Pohl, der aus fünf Romanen und einer ergänzenden Story-Sammlung besteht, von denen leider nur die ersten drei Bände in deutscher Übersetzung vorliegen. Dies ist besonders schade, weil der vierte und der fünfte späte Band die Erzählung auf erweiterte Handlungsebenen heben, die dem Ganzen – wieder einmal mehr in der komplexen Erzählung von Frederik Pohl – eine neue Perspektive verleihen.</p>
<p>Frederik Pohl hat sein Schriftstellerleben lang wunderbare, gut lesbare und interessante Darstellungsmöglichkeiten von Wissenschaft und Ironie in seinen Science-Fiction-Erzählungen gefunden und sie mit den Belangen der Menschen zu einem Literaturformat von Güte verbunden, in dem mögliche Zukünfte für uns Leserinnen und Leser nachvollziehbar werden. Der Gateway-Zyklus gehört zu seinen bekanntesten Büchern, aber es lohnt sich, auch seine weiteren Werke zu lesen. Eine vollständige Liste dieser Werke einschließlich der ihrer Übersetzungen in zahlreiche Sprachen bietet die <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?820">Internet Speculative Fiction Database</a>.</p>
<h3><strong>Im Zentrum des Werks von Frederik Pohl: Der Gateway-Zyklus</strong></h3>
<p>Der erste Roman des Gateway-Zyklus beginnt – und das ist schon allein eine bemerkenswerte Besonderheit für ein Science-Fiction-Werk – mit einer Psychoanalyse-Sitzung des Protagonisten Robinette Broadhead mit dem Therapeuten Sigfrid von Shrink (in der deutschen Fassung: Sigfrid Seelenklempner) – und der ist eine künstliche Intelligenz! Wohlgemerkt, der Text ist im Jahre 1977 veröffentlicht worden. Es entwickeln sich lange Therapiegespräche zwischen Mensch und Maschine über Traumdeutung, Beziehungen, Verluste und psychische Verwundungen. Hintergrund ist der Wunsch von Robinette Broahead, über Gateway, das Raumfahrttor der Hitschi (im englischen Original: <em>„Heechees“</em>), eine unbekannte Welt zu finden und durch diesen Fund unermesslich reich zu werden.</p>
<p>Frederik Pohl erzählt in den Bänden des Gateway Zyklus mindestens sieben unterschiedliche Geschichten: die Zukunft der Menschheit, die Abenteuerlust in das völlig Unbekannte und Gefährliche einer außerirdischen Zivilisation, die Kommunikation zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz, das Verschwinden von Menschen im Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs, die Hitschi-Zivilisation, die trotz ihres Alters und ihrer den Menschen hoch entwickelten Technologie sich vor Angst vor den <em>„Mördern“</em> (im englischen Original: <em>„Assassins“</em>) in ein Schwarzes Loch zurückgezogen haben, und den Mördern selbst, einer noch weiter entwickelten galaktischen Zivilisation, die den Kältetod des Universums umkehren will – und schließlich dem verstorbenen Robinette Broahead, der in Form eines Computerprogramms weiterlebt und auf diese Weise als Energielebewesen mit diesen Intelligenzen Kontakt aufnehmen kann. Dies wäre Stoff für mindestens sieben eigenständige große Werke, die der Autor zunächst in vier aufeinander aufbauenden Romanen genial verbunden präsentiert.</p>
<h3><strong>Die Reise des Menschen ins Unendliche</strong></h3>
<p>Unser Universum wird unvorstellbar groß und alt, es könnte aber auch sein, dass es endlich ist und im Kältetod erstarren wird. Eine andere Möglichkeit wäre, dass das Universum unendlich ist und in einem jeweils neuen Big Bang immer wieder wiedergeboren wird. Dies wäre die Vorstellung ewiger Inflation und ewiger Komplexität. Alle Vorschläge sind unfassbar, irritierend und quälend interessant. Ein wunderbarer Stoff für ein großes Epos im Stile von <a href="http://www.epilog.de/Person/T/To_Toq/Tolkien_John_Ronald_Reuel_1892.htm">Tolkiens</a> „Herr der Ringe“ oder ein Gefühlsdrama nach einer Art Muster „Die Liebenden am Ende aller Tage“.</p>
<p>Es gibt einige wenige gute literarische Versuche, diese großen Fragen von Unendlichkeit zu behandeln. Am überzeugendsten ist dies aus meiner Sicht Frederic Pohl in seinem Gateway-Zyklus gelungen. Im ersten Band „Gateway“, beginnt der Protagonist Robinette Broadhead eine verschlungene Reise zu den Sternen und zu sich selbst. Die Menschheit hat ein Tor zu den Sternen entdeckt, das von einer sehr alten und verschollenen Alien-Rasse, den Hitschis, hinterlassen wurde. Robinette Broadhead ist von Beruf Prospektor, also eine Art diebischer Archäologe, der technische Artefakte von den gefährlichen Reisen mitbringt, auf die man von Gateway aus geschickt wird, wenn man wagemutig und verzweifelt genug ist, sich auf ein derartiges Abenteuer einzulassen. Viele kommen nicht zurück von ihrem Gateway-Trip, manche, wie Robinette Broadhead, werden steinreich.</p>
<p>Durch die Untersuchung der über die Galaxis verstreuten Mosaikstücke der überlegenen Heechee-Technologie eröffnen sich der Menschheit neue Dimensionen der Erkenntnis. Was zunächst als Spielerei mit technischen Innovationen beginnt, wird schließlich zu einem großen kosmologischen Gemälde mit endzeitlicher Konsequenz. Die Hitschis haben sich vor Millionen von Jahren aus der Galaxis zurückgezogen und verstecken sich in Schwarzen Löchern. Der Grund für ihre überstürzte Flucht wird später erläutert: das Wirken einer furchterregenden Superrasse, der Assassins. Die Assassins haben alle Lebewesen der Galaxis gnadenlos vernichtet und deren Kulturen erbarmungslos zerstört. Gründe für ihre Motive werden erst im letzten Band enthüllt.</p>
<p>Die <em>„Assassins“</em> haben sich zu reinen Energiewesen entwickelt, die ihre Heimstatt in Sonnen beziehungsweise in fremden Dimensionen gefunden haben. Sie arbeiten daran, den unabwendbaren Kältetod des Universums zu verhindern und den Big Bang umzukehren. Dabei werden, nebenbei und unbeabsichtigt, viele an Materie gebundene Prozesse, also auch der Austausch von Materie und Energie von Lebewesen, gestört. Die Dimensionen passen einfach nicht zueinander, so dass die Superwesen die fatalen Folgen, die ihr Tun für Materiewesen bedeutet, nicht einmal merken.</p>
<p>Der Protagonist Robinette Broadhead ist mittlerweile alt geworden und stirbt schließlich, wobei sein Bewusstsein aufgrund fortschrittlicher Hitschi-Technologien in Computerdatenbanken weiterexistiert. Er wird eins mit dem Programm <em>„Einstein“</em>, das ihn jahrzehntelang psychologisch betreut hat. Robinette Broadhead mutiert zu einem Wesen, dessen Bewusstsein nur auf Energiezuständen beruht. Damit wird er kommunikationsfähig mit der Superrasse der Assassins und kann die Verbindung zwischen ihnen und der Menschheit sowie den schließlich aus den Schwarzen Löchern aufgeschreckten Hitschis herstellen.</p>
<h3><strong>Verschollen im Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs</strong></h3>
<p>Im zweiten Band „Behind the Blue Event Horizon“ (1980) schildert Pohl die Schuldgefühle seines Protagonisten Robinette Broadhead und die Rettungsmission für seine Seelenverwandte Gelle Klara Moynlin, die im Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs verschollen ist. Es wird offenbart, dass sich die Hitschis in einem Schwarzen Loch verbergen, um die relativistische Zeit auszunutzen, die ihnen ein langsameres Leben als außerhalb des Schwarzen Lochs ermöglicht, denn sie fürchten sich vor den mächtigen Assassins. Es wird diskutiert, ob das Universum in sich selbst kollabiert und durch eine neuen Big Bang wiedergeboren wird, sodass bessere Bedingungen für intelligentes Leben herrschen. Robinette Broadhead und seine AI Albert sind der Meinung, dass sie mit Hitschi-Technologie die verschollene Gelle Klara Moynlin aus dem Ereignishorizont des Schwarzen Lochs werden befreien können.</p>
<p>Im dritten Band „Heechee Rendezvous“ (1984) wird Gelle Klara Moynlin aus dem Ereignishorizont des Schwarzen Lochs befreit und die Hitschis befassen sich mit dem technischen Entwicklungsstand der Menschheit, weil sie befürchten, dass diese durch ihre Aktivitäten die Assassins auf sich aufmerksam machen. Außerdem wird enthüllt, dass die Hitschis schon vor sehr langer Zeit auf der Erde gewesen sind und die Evolution des Australopithecus zum Homo sapiens beeinflusst haben.</p>
<p>Im vierten Band „The Annals of the Heechee“ (1987) tauchen die Assassins auf, die reine Energiewesen sind und die die Ausdehnung des Universums gestoppt haben und in eine Kontradiktion umgewandelt haben. Da Robinette Broadhead gestorben ist und zu einem Computerprogramm wurde, ist er nun ein gleichwertiger Gesprächspartner für diese Energiewesen geworden und kann zwischen den unterschiedlichen Intelligenzen vermitteln. Am Schluss des Buches sagt die gottgleich gewordene künstliche Intelligent Albert zu Robinette Broadhead: <em>„Wenn alle Menschen und Heechee, die am Leben sind, beschließen, </em>lebendiger<em> und </em>dauerhaft<em> am Leben zu bleiben, dann besteht vielleicht die Chance, einen echten Dialog zu führen (&#8230;). Aber in den nächsten paar Millionen Jahren werden sie uns wohl in Ruhe lassen – wenn wir sie in Ruhe lassen.“</em></p>
<p>Was konnte Frederik Pohl in den 1980er Jahren über Schwarze Löcher wissen und wie gelang es ihm, eine Erzählung um diese mysteriösen Gebilde im Universum zu schreiben, eine Erzählung, die tiefe menschliche Gefühle wie Liebe, Verlust, Schuld, Sühne und Wiedervereinigung mit Astrophysik verbindet?</p>
<p>Schwarze Löcher sind astronomische Gebilde von sehr unterschiedlicher Beschaffenheit, wie wir heute, im Jahre 2025, wissen. Offenbar gibt es – theoretisch – Mikro-Schwarze-Löcher und – nachweislich – kosmische Giganten, wie das inaktive Schwarze Loch im <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/541/4/2853/8213862">Cosmic Horseshoe-System</a>, fünf Milliarden Lichtjahre von der Erde entfernt, das die unvorstellbare Masse von 36 Milliarden Sonnen umfasst. Im Zentrum unserer Milchstraße wurde ein massenreiches Schwarzes Loch bei Sagittarius A* nachgewiesen.</p>
<p>Es wird vermutet, dass Schwarze Löcher Wurmloch-Verbindungen in andere Universen darstellen, an deren Ende sich Weiße Löcher befinden. Die Science-Fiction-Literatur hat aus dieser rein theoretischen Annahme heraus faszinierende Geschichten geschrieben. Frederik Pohl hat erzählt, wie Gelle-Klara Moynlin in den Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs gerät und so auf ewig in einer Zeitfalle gefangen wäre. Ihre Zeit verläuft für sie relativ normal, während die Zukunft des Universums an ihr vorbeirast. Gelle-Klara Moynlin wird gerettet und taucht als Protagonistin in „The Boy who would live forever“ (2004) wieder auf.</p>
<p>Das Wissen über Schwarze Löcher in den 1980er Jahren war begrenzt. <a href="https://www.zeit.de/wissen/geschichte/2011-07/physiker-wheeler">John Archibald Wheeler</a> prägte den Begriff „Schwarzes Loch“ im Jahre 1967, Stephen Hawking berechnete im Jahre 1980 die Hawking-Strahlung, die besagt, dass sich Schwarze Löcher durch die Abgabe von Strahlung langsam auflösen. In den 1980er Jahren war die Identifikation von Schwarzen Löchern im Universum ein aktives Forschungsfeld, es wurden Pulsare untersucht und mit <a href="https://scisimple.com/de/articles/2025-05-13-cygnus-x-1-einblicke-aus-unserem-naechsten-schwarzen-loch--a9peln8">Cygnus X-1</a> das erste Schwarze Loch nachgewiesen. Das Material für literarische Verwertungen der wissenschaftlichen Daten und Erkenntnisse war seinerzeit wenig ergiebig und man muss Frederik Pohl ein großes Kompliment ausstellen, dass es ihm trotzdem, und als einem der ersten Science-Fiction Schriftsteller überhaupt, gelungen ist, damit eine spannende Erzählung zu schreiben, die die Kälte des Universums mit menschlicher Wärme erfüllt.</p>
<p>Im späten letzten Band des Gateway-Zyklus „The Boy who would live forever“ (2004) äußert sich Frederik Pohl in einem Nachwort über die Wandelbarkeit der Wissenschaft zum Thema Schwarze Löcher: <em>„Als ich 1978 ‚Gateway‘, den ersten Band der Heechee-Reihe, schrieb, waren Schwarze Löcher noch eine ziemliche Neuheit. Die meisten Wissenschaftler waren bereit zu glauben, dass solche Objekte tatsächlich existierten. Allerdings war noch keines davon eindeutig nachgewiesen worden, und die Spekulationen über ihre genaue Beschaffenheit waren zahlreich und vielfältig. Für meinen Roman entschied ich mich für zwei der interessantesten Spekulationen der Wissenschaftler. Erstens, dass sich im Zentrum unserer Galaxie ein großes Schwarzes Loch befindet. Und zweitens, dass sich immer dann, wenn irgendwo eine ausreichend dichte Ansammlung von Materie oder Energie vorhanden ist, automatisch ein Schwarzes Loch um sie herum bildet. Daher könnten innerhalb eines solchen Schwarzen Lochs eine Reihe von Sternen und Planeten existieren. / Fürs Protokoll: Ich habe zur Hälfte richtig gelegen.“</em></p>
<h3><strong>Frederik Pohl und seine Netzwerke</strong></h3>
<p>Frederik Pohl schreibt gut lesbar und reflektiert über die aufregenden, spannenden und komplexen Themen in den unendlichen Raum-Zeit-Gefügen. Gleichzeitig bietet er fast schon lyrisch zu nennende Texte über die Grundessenz menschlicher Beziehungen ab? Aber wer ist der Autor Frederik Pohl? Und mit wem arbeitete er?</p>
<p>Frederik Pohl wurde am 26. November 1919 als Kind einer armen Familie in Brooklyn, New York, geboren, lernte früh Lesen und entdeckte die Pulp-Hefte der Zeit als Quelle seiner Ideen über Abenteuer, das Erwachsenwerden und das Leben in der Zukunft. Über die Anfänge seiner Karriere mit der Schilderung zahlreicher Begegnungen großer Autorinnen und Autoren des goldenen Zeitalters der Science Fiction schreibt Frederik Pohl in seiner Autobiografie „The Way the Future Was: A Memoir“ (1978), in der er vor allem auf seine Anfänge als Herausgeber und als Schriftsteller und frühen Freunde wie Isaac Asimov eingeht.</p>
<p>Der Beginn der Profikarriere von Frederik Pohl als Herausgeber, Lektor und Schriftsteller ist auf seine erste Begegnung mit der Zeitschrift Science Wonder Stories Quarterly, einem Pulp-Magazin, zurückzuführen. Diese Zeitschrift war von <a href="https://www.britannica.com/biography/Hugo-Gernsback">Hugo Gernsback</a> im Jahre 1929 gegründet worden und existierte nur von Herbst 1929 bis Frühjahr 1930. Frederik Pohl und sein Freund Dave Wylie engagierten sich in der <a href="http://www.jophan.org/mimosa/m14/kyle.htm">Science Fiction League</a>, die von Hugo Gernsback im Februar 1934 organisiert wurde. Frederik Pohl organisierte später selbst einen damals einflussreichen Kreis von Science-Fiction Enthusiasten, die <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/futurians">„Futurians“</a>, bei denen sein Schreibpartner Cyril M. Kornbluth, Isaac Asimov und Damon Knight mitmachten. Im Alter von neunzehn Jahren wurde Frederik Pohl Herausgeber der Pulp-Magazine <a href="https://archive.org/details/astonishing-stories-v-01n-01-1940-02.-fictioneers-d-m-ia">Astonishing Stories</a> und von <a href="https://sfmagazines.com/?cat=38">Super Science Stories</a>.</p>
<p>Hier beginnt die lange und erfolgreiche Karriere von Frederik Pohl, zunächst als Agent von Isaac Asimov und als Herausgeber mehrerer Magazine sowie als vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, dessen Hauptwerke die „Space Merchants“ (1952) sind, eine ironische Satire auf das Konsumwesen in Amerika der 1950er Jahre und den Gateway-Zyklus (1977 bis 1990). Frederik Pohl beendet seine Schriftstellerkarriere in der Arbeit mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/odyssee-in-den-weltraum/">Arthur C. Clarke</a> an dem Roman „The Last Theorem“ (2008), den er nach einem Exposee von Clarke schreibt. Frederik Pohl stirbt am 2. September 2013 in Palatine, Illinois.</p>
<h3><strong>Die Kraft der Wissenschaft mit einem Hauch von Subversion </strong></h3>
<p>Frederik Pohl und <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/kornbluth_c_m">Cyril M. Kornbluth</a> haben im Jahre 1952 mit „The Space Merchants“ (deutsche Ausgabe: „Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute“) eine bitterböse Satire auf die US-amerikanische Konsumgesellschaft veröffentlicht, die als Science Fiction etwas in die Zukunft versetzt und mit dem Traum der Menschen nach einem sauberen Paradies spielt, da die Erde durch Umweltkatastrophen verschmutzt ist. Ein Konzern verscheuert die Venus als zukünftige Heimstätte der Menschheit, trotz des lebensfeindlichen Klimas und der unbewohnbaren Oberfläche des Planeten. Die Autoren ziehen alle Register von fundierter Gesellschaftskritik, verkleidet als bittere Ironie. Dieses frühe Werk ironischer Science Fiction stellt einen ersten Höhepunkt dieser Satire-Unterart des Genres dar und hat eine ähnliche Qualität wie die Romane von Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ (englisches Original: A Hitchhiker’s Guide Through the Galaxy, 1979, deutsche Ausgabe 1992).</p>
<p>Richard Morgan würdigt das Buch, das auf dem Höhepunkt der McCarthy-Ära in den USA geschrieben wurde, in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe: <em>„Die Satire und Sozialkritik von ‚Eine Handvoll Venus‘ steht wie ein zeitloses Monument für die subversive Kraft der Science-Fiction.“</em></p>
<p>Ein ähnliches Urteil könnte auch für „Mensch Plus“ (englischer Titel: „Man Plus“) gelten<em>,</em> die Geschichte einer ungewöhnlichen Art der Besiedlung des Mars, die nicht von Menschen oder Robotern ausgeführt wird, sondern von Cyborgs, also solchen Mischwesen aus gentechnisch veränderten Menschen und intelligenten Maschinen, eine Vorstellung, die vielen Menschen der Gegenwart als Horrorvorstellung aus dem Labor eines Dr. Frankenstein vorkommen mag. Hintergrund ist die drohende Apokalypse auf der Erde, die nicht mehr aufzuhalten scheint. Die visionäre Kraft des Romans ist allerdings nicht auf die besondere Art der Marsbesiedlung zurückzuführen, sondern auf die Erzählung der Bewusstwerdung der Computerintelligenzen, die der Autor – wohlgemerkt, wir befinden uns Anfang der 1970er Jahre, der Roman wurde 1976 veröffentlicht – am Schluss des Romans zurückschauen und resümieren lässt: <em>„Wir hatten den ganzen langen Weg fast an jedem Punkt Schwierigkeiten gehabt, aber wir hatten sie überwunden und freuten uns darüber. Die Menschen wussten natürlich nicht, dass wir uns freuten, sie hätten es vielleicht nicht geglaubt. Die Menschen wussten nicht, dass Maschinenintelligenz überhaupt eines Bewusstseins fähig war. Wir bemühten uns sehr, ihnen dieses Wissen vorzuenthalten. Solange sie glaubten, Computer seien nicht mehr als Werkzeuge wie eine Axt oder eine Bratpfanne, würden sie fortfahren, uns alle ihre Berechnungen und Tatsachen anzuvertrauen, und würden ohne Argwohn die Urteile akzeptieren, die wir lieferten.“</em></p>
<p>Nur zur Erinnerung: Der erste Personal Computer, der Apple I, kam im Juli 1976 auf den Markt, als das Buch von Frederik Pohl schon erschienen war, der erste wirklich brauchbare Rechner Apple II im April 1977 und der Macintosh im Jahre 1984. Der erste IBM Personal Computer, das Model 5150 kam im August 1981, während die Publikumserfolge von Atari im Jahr 1979 und der Commodore C64 im Januar 1982 das Licht der Welt erblickte.</p>
<p>Science Fiction sagt nicht die Zukunft voraus, aber sie macht literarische Aussagen über gesellschaftliche Entwicklungen der Menschheit und erzählt Visionen, die in einer möglichen Zukunft eintreten könnten. Dabei liegt Science Fiction mitunter auch falsch oder erzählt Triviales, aber veröffentlicht manchmal eben geniale Zukunftsentwürfe, bei denen sich die Leserinnen und Leser wundern, wie die Autorinnen und Autoren auf ihre kreativen Ideen gekommen sind. Wenn man auf die Entstehungsgeschichte großer Romane der Science Fiction und ihre Erzähler zurückschaut, wie in diesem Beispiel nach mehr als fünfzig Jahren, ist man schon erstaunt, welche emotionalen und ethischen Werturteile in der Erzählung enthalten sind. <em>„Mensch Plus“</em> beginnt mit einer Aussage über unsere Welt: <em>„Es war eine schmutzige, schmierige Welt, und der Weltraum verschaffte ihr ein wenig Schönheit und Erregung. Nicht viel, aber besser als gar nichts.“ </em>Es endet mit der Einschätzung über das Weiterleben von Menschen und intelligenten Maschinen: <em>„Wir hatten unsere Spezies gerettet. Und dabei hatten wir auch noch Beträchtliches zur Sicherheit der Menschen beigesteuert.“</em> Hoffentlich stimmt dieses Selbstlob auch mit der Wirklichkeit überein.</p>
<p>Ganz am Schluss von „Mensch Plus“ erlaubt sich Frederik Pohl einen Cliffhanger, der vielleicht sogar auf den zukünftigen Gateway-Zyklus verweist. Die Maschinenintelligenzen fragen sich, warum eines ihrer entscheidenden Projekte, die Platzierung von Orbitalanlagen über dem Mars, falsch geraten ist. <em>„Wir hatten die Pläne der Menschheit systematisch beeinflusst, um sie in die richtige Richtung zu lenken, die sie einschlagen sollten. / Wer beeinflusste die unsrigen? / Und warum?“</em></p>
<p>In einem Nachwort zu seinem Buch „The Boy who would live forever“ (2004) zieht Frederik Pohl eine Bilanz zur Rolle der Wissenschaft in seinen Werken: <em>„Technisch gesehen muss Science-Fiction überhaupt keine echte Wissenschaft enthalten, und ein Großteil davon tut dies auch nicht. Ich bin jedoch der Meinung, dass einige der besten Science-Fiction-Werke auf der Erforschung der Wunder tatsächlicher wissenschaftlicher Theorien oder Beobachtungen beruhen, insbesondere wenn diese gerade erst aufgestellt wurden und noch nicht dogmatisch sind. Ich verwende solche Dinge oft. Wenn ich das tue, versuche ich, sie richtig darzustellen. Leider ist das, was zu einem bestimmten Zeitpunkt „richtig” ist, nicht unbedingt auch noch ein paar Jahrzehnte oder sogar ein paar Jahre später richtig. Ein Beispiel dafür sind Schwarze Löcher. (…) / Ich sollte jedoch hinzufügen, dass ich so unverbesserlich bin, dass ich mich davon nicht davon abhalten lasse, weiterhin einige der haarigsten Spekulationen von Wissenschaftlern aufzugreifen und mein Bestes zu tun, um sie in Science-Fiction-Geschichten zu verarbeiten. Sie sind also gewarnt.“</em></p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 17. Dezember 2025, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Kosmologisch denken</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologisch-denken/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Dec 2025 15:17:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Kosmologisch denken Wissenschaftliche Vorlagen der Science Fiction Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Naturwissenschaften in einer spannenden Übergangsphase angelangt: Im 19. Jahrhundert wurden die Planeten des Sonnensystems mit optischen Fernrohren entdeckt, im 20. Jahrhundert begann die Raumfahrt-Erkundung des Sonnensystems mit Festkörper-Raketen und unbemannten Sonden. Den Anfang machte Sputnik 1 am 4. Oktober 1957, Juri  [...]</p>
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<h1><strong>Kosmologisch denken</strong></h1>
<h2><strong>Wissenschaftliche Vorlagen der Science Fiction</strong></h2>
<p>Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Naturwissenschaften in einer spannenden Übergangsphase angelangt: Im 19. Jahrhundert wurden die Planeten des Sonnensystems mit optischen Fernrohren entdeckt, im 20. Jahrhundert begann die Raumfahrt-Erkundung des Sonnensystems mit Festkörper-Raketen und unbemannten Sonden. Den Anfang machte Sputnik 1 am 4. Oktober 1957, Juri Alexejewitsch Gagarin war am 12. April 1961 der erste Mensch im All. Die westliche Welt war geschockt, der „Sputnik-Schock“ wurde zum legendären handlungsleitenden Begriff, die Mondlandung der USA am 20. Juli 1969 brachte die West-Ost-Hierarchie wieder ins Lot. Fürs erste.</p>
<h3><strong>Kosmologische Erkenntnisse der Wissenschaft</strong></h3>
<p>Weit vorher haben Physiker die theoretischen Grundlagen für die Raumfahrt und die Beschreibung des Universums gelegt. Theoretische Höhepunkte waren die Spezielle Relativitätstheorie von Albert Einstein aus dem Jahre 1905 und die Allgemeine Relativitätstheorie 1915 sowie die Quantenmechanik von Werner Heisenberg, Max Born und Pascual Jordan des Jahres 1925. Dieses „Goldene Zeitalter der Physik“ hat die noch heute gültigen Theorien über Raum, Zeit, das Große und das Kleine geliefert und die Wissenschaftler der Gegenwart animiert, eine Vereinheitlichende Theorie zu suchen, bislang allerdings ohne Erfolg.</p>
<p>Die kosmologische Wissenschaft ist heute ein immens großes Forschungsfeld voller neuer Erkenntnisse über das Universum und die zukünftige Rolle der Menschheit darin. Der Erkenntnisstand ist äußerst interessant, aber weit in Raum und Zeit liegend und damit von den Alltagsbedürfnissen der Menschen entfernt. Aber für alle diejenigen, die sich dafür interessieren, was die unermessliche Welt über uns im Inneren zusammenhält, öffnet sich ein Bereich unendlicher Erkenntnismöglichkeiten. Diese liegen außerhalb unserer direkten Erfahrungswelt, jetzt und in der Zukunft. Eigentlich können wir die Erkenntnisse der Kosmologie nur verstehen, wenn wir Experten in höherer Mathematik sind, aber ich denke, dass die philosophischen Annahmen darüber, wer wir Menschen sind und wo wir in Zukunft hingehen werden, auch für Laien zugänglich ist. Es geht um das grundsätzliche Verstehen einer komplexen Welt außerhalb unserer Sinneserfahrungen, um Möglichkeiten der Imagination des Universums.</p>
<p>Die Menschheit muss irgendwann zu einer raumfahrenden Spezies werden, wie dies in der Science-Fiction seit langem erzählt und wie es in der Wissenschaft des 21. Jahrhunderts bei der NASA und bei SpaceX konkret gedacht und erforscht wird. Die neue mögliche Rolle der Menschheit als interstellare Spezies wird in dem Sachbuch: „Mit Physik auf der Suche nach dem Sinn des Lebens“ (2025) von Tim Vollert gut beschrieben und unter die Leitfrage gestellt: Hat unsere Existenz einen Sinn – und wie hängt das mit dem Universum zusammen?</p>
<p>Es geht in diesem Essay um die Möglichkeiten, mit denen sich die Menschheit beim Sprung zu einer raumfahrenden Spezies konfrontiert sehen wird, also um den derzeitigen Stand der kosmologischen Forschung als Verständnishilfe für normale Menschen, die ohne Mathematik verstehen möchten, was uns erwartet und mit welchen Fragen wir uns in der Zukunft auseinandersetzten werden. Dazu gibt es einige sehr interessante wissenschaftsbasierte Sachbücher, die uns verstehen helfen. Ich werde auf einige bemerkenswerte Bücher an den entsprechenden Stellen hinweisen.</p>
<p>Ich beginne mit der Frage, wie man unter kosmologischen Gesichtspunkten den Entwicklungsstand der Menschheit bewerten kann und wie sich dies ändern wird unter dem Gesichtspunkt der Erforschung des Universums und der vermuteten Begegnung mit intelligenten Außerirdischen. Wie kann man den Entwicklungszustand einer kosmologischen Zivilisation beurteilen? Wie kann festgestellt werden, was eine Zivilisation weiß, was sie wissen möchte und woran sie arbeitet?</p>
<p>Zu Beginn des 21. Jahrhundert sieht sich die Menschheit mit komplexen Fragen in der Erforschung des Universums konfrontiert. Das Sonnensystem ist weitgehend mit Teleskopen auf der Erde, in Erdnähe und durch Raumsonden erforscht worden. Die Narrative der Erkundung des Sonnensystems sind weitgehend in der Science-Fiction Literatur abgearbeitet, zum Beispiel in der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ben-bovas-grand-tour/">Reihe „Grand Tour“</a> (1985 bis 2021) von Ben Bova und vielen anderen Erzählungen der Space Fiction, auch in episch groß angelegten Werken der Frühzeit der Science Fiction wie bei Olaf Stapledon in <a href="https://dieter-von-reeken.de/#Letzte%20und%20Erste%20Menschen">„Letzte und Erste Menschen“</a> (Last and First Men, 1930, Neuausgabe bei Dieter von Reeken, 2025).</p>
<p>Die Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 haben das äußere Planetensystem verlassen und befinden sich seit mehr als zehn Jahren im interstellaren Raum. Diese Raumsonden sind die am weitesten in den Weltraum vorgestoßenen technischen Artefakte der Menschheit – und sie enthalten eine Botschaft an außerirdische Intelligenzen über uns. Vielleicht werden sie sogar irgendwann in ferner Zukunft zu den letzten Sendboten der Menschheit werden, wenn diese den Sprung von ihrem Heimatplaneten in ein friedliches intergalaktisches Zeitalter nicht schafft.</p>
<p>Seit Anfang des 21. Jahrhunderts geraten die Exoplaneten ins Blickfeld der Wissenschaft, weil sich durch die Nutzung neuer Radioteleskope neue Beobachtungsmöglichkeiten bei interstellaren Sonnensystemen ergeben haben und deren Planeten direkt oder indirekt beobachtet werden können. Bis zum September 2025 werden <a href="https://exoplanet.eu/catalog/">6.007 Exoplaneten verzeichnet</a>, unter anderem auf der <a href="https://science.nasa.gov/exoplanets/">Internetseite der NASA</a>.</p>
<p>Im April 2025 veröffentlicht das Team um den Astronomieprofessor <a href="https://people.ast.cam.ac.uk/~nmadhu/Nikku_Madhusudhan/Home.html">Nikku Madhusudhan</a> von der University of Cambridge in England am 17. April 2025 einen <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adc1c8">Artikel in der Fachzeitschrift Astrophysical Journal Letters</a>, dass sie mit dem James Webb-Teleskop auf dem Planeten K2-18b, 124 Lichtjahre von der Erde entfernt, Spuren der als Biomarker bewerteten Stoffe Dimethylsulfid (DMS) und Dimethyldisulfid (DMDS) entdeckt hätten (Nikku Madhusudhan, Savvas Constantinou, Måns Holmberg, Subhajit Sarkar, Anjali A. A. Piette, and Julianne I. Moses, New Constraints on DMS and DMDS in the Atmosphere of K2-18 b from JWST MIRI)<em>.</em> Diese chemischen Verbindungen stammen auf der Erde ausschließlich vom Phytoplankton, den mikroskopisch kleinen Meeresalgen. Die Forschenden nehmen dies als Beleg für die Entdeckung von Leben auf diesem Exoplaneten und schwärmen bereits von der Entdeckung eines Planeten mit Ozeanen, in denen es vor Leben wimmelt. Diese Fachmeinung wird von manchen Kolleginnen und Kollegen geteilt, von anderen kritisiert und als Überinterpretation irdischer Verhältnisse bewertet.</p>
<p>Mit der <a href="https://www.spektrum.de/magazin/die-parallelwelten-des-hugh-everett/943416"><em>„Viele-Welten-Interpretation“</em></a> der Quantenphysik durch Hugh Everett im Jahre 1957 und Andy Nimmo 1960 und 1961, wird in der kosmologischen Forschung die Theorie des Paralleluniversums, des <em>Multiversums,</em> diskutiert. Hiermit hat die Wissenschaft der Science-Fiction Literatur eine Steilvorlage für Denkmöglichkeiten bis hin zum Absurden und Unmöglichen geliefert, die im 21. Jahrhundert eine neue Blütezeit des Genres als kosmologische Science-Fiction ermöglicht hat.</p>
<p>Diese Hypothesen und die Stringtheorie, die seit den 1980er Jahren Furore macht, lassen die Physiker über mögliche Verbindungen von Gravitationstheorie und Quantenmechanik nachdenken, die zu einer vereinheitlichenden Theorie des Großen und des Kleinen führen soll, zu <a href="tps://www.spektrum.de/lexikon/astronomie/grosse-vereinheitlichte-theorien/160"><em>„Großen Vereinheitlichenden Theorien (GUT)“</em></a> führen soll. Darauf beruhen ebenfalls viele neuartige Erzählungen in der Science Fiction des 21. Jahrhunderts.</p>
<p>Den gegenwärtige Erkenntnisstand der Kosmologie mit dem Ausblick in die ferne Zukunft findet man, didaktisch sehr gut aufbereitet, in mehreren aufschlussreichen Büchern, die am Ende dieses Beitrags aufgeführt werden (selbstverständlich eine vorläufige und subjektive Auswahl).</p>
<h3><strong>The Big Bang</strong></h3>
<p>Der Kosmos expandiert seit dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren, allerdings nicht mit gleichmäßiger Geschwindigkeit, wie es lange angenommen wurde, sondern – so die gängige aktuelle Annahme – mit zunehmender Geschwindigkeit. Dies ist eines der Mysterien der Wirkung der postulierten Dunklen Energie, von der niemand weiß, was sie eigentlich ist und ob es sie überhaupt gibt. Man nahm an, dass sich der Kosmos ewig ausdehnen und irgendwann in sehr sehr ferner Zukunft einen Kältetod sterben würde, aber gegenwärtig wird ein anderes Modell in der Wissenschaft präferiert, nach dem die Ausdehnung des Kosmos zum Stillstand kommen könnte und sich die Ausdehnung eventuell wieder umkehrt. Wenn die Dunkle Energie schwächer würde, könnte sich das Universum wieder zusammenziehen und in einem neuen Urknall von vorn beginnen. Es ließe sich sogar spekulieren, dass diese Abfolge sich bereits mehrfach zugetragen hat, jeweils mit anderen Folgen.</p>
<p>Das Standardmodell mit der Kosmologischen Konstante, nach der, in der Formulierung durch Albert Einstein, eine abstoßende Kraft eingeführt wurde, die das Universum in einem statischen Gleichgewicht hält, wird in Frage gestellt und es könnte sein, dass wir am Beginn einer neuen Ära der kosmologischen Wissenschaft stehen. Es ist unbefriedigend, sagen viele Forschende, dass wir über 95 Prozent der Zusammensetzung und Wirkkräfte im Universum eigentlich nichts wissen und genaugenommen vor einem Rätsel stehen.</p>
<p>In der Kosmologie werden zwei Theorien einer Zeit vor dem Urknall diskutiert: Das <a href="https://www.wissenschaft.de/allgemein/die-zeit-vor-dem-urknall/"><em>„Prä-Urknall-Szenario“</em></a> von Gabriele Veneziano und Kollegen aus dem Jahre 1991 und das <em>„</em><a href="https://www.spektrum.de/magazin/all-ohne-urknall-das-ekpyrotische-universum/827822"><em>ekpyrotische Szenario</em></a><em>“</em> (griechisch: Entstehung aus Feuer) von einem Team der Stringforschung aus dem Jahre 2001. Beiden gemeinsam ist die Vorstellung, dass irgendetwas vor dem Urknall existierte, vermutlich in Form eines großen, kalten und leeren Raums. Beide postulieren einen Übergang, dessen Beschreibung oder Erklärung ungelöst ist und beide Modelle gehen von Spuren in der Hintergrundstrahlung des heutigen Kosmos oder einem zufallsverteilten Hintergrund von Gravitationswellen aus, die sich nachweisen lassen. Die Einzelheiten der Theorien sind in diesem Kontext nicht wichtig (wohl auch unverständlich für Laien), festzuhalten bleibt jedoch eine Grundprämisse der Stringtheorie: Zeit hat weder einen Anfang noch ein Ende. Der Kosmos durchläuft einen Zyklus von Entstehen und Vergehen. Die Zeit vor dem Urknall hat den Kosmos nach dem Urknall mitgeformt.</p>
<h3><strong>Die Zeitalter des Universums – das Standardmodell wankt</strong></h3>
<p>Seit dem ersten Beitrag von <a href="https://www.youtube.com/watch?v=GxKCESHlOBA">Sir Martin Rees „The Collapse of the Universe: An Eschatological Study“</a> (1969) sind zahlreiche Studien über die weit entfernte Zukunft des Universums sowohl in wissenschaftlicher als auch in populärwissenschaftlicher Form vorgelegt worden. Michio Kaku fasst in seinem Buch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=MXoaPDEHsJ4&amp;t=3s">„Parallel Worlds. A Journey Through Creation, Higher Dimensions, and the Future of the Cosmos”</a> (2005) die zentralen Ergebnisse zusammen und kategorisiert die Geschichte und die Zukunft des Universums in fünf Stadien:</p>
<ul>
<li><strong>Stadium I: die Ursprungs-Ära</strong>: Die Ursprungs-Ära des Universums beginnt mit dem Urknall vor ca. 13,7 Milliarden Jahren und endet etwa 380.000 Jahre danach. Nach dem Big Bang ist alles undurchsichtig trüb und weiß, weil das entstehende Licht sofort nach seiner Erschaffung absorbiert wird. Die Superkraft des Anfangs spaltet sich in die vier Kräfte auf: Gravitation, starke und schwache Kernkraft, elektromagnetische Kraft. Das frühe Universum expandiert sehr schnell und kühlt ab. Nach 380.000 Jahren entstehen die ersten Atome und der Himmel wird schwarz. Wasserstoff-Atome wandeln sich in Helium um und bilden den Grundstoff, aus dem die Sterne entstehen. Leben, wie wir es kennen, ist unmöglich.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Stadium II: die Ära der Sterne</strong>: Wir leben im Stadium II, das durch einen Reichtum an Sternen gekennzeichnet ist, die Milliarden Jahre alt werden, bis sie ausgebrannt sind. Leben auf der Basis von DNA ist auf der Erde entstanden. Wir wissen nicht, ob Leben auf anderen Planeten existiert, obwohl eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafürspricht. Wenn sich intelligentes Leben auf anderen Planeten nicht selbst zerstört hat, muss es, genau wie die Menschheit auf Erden, einer Reihe von Naturkatastrophen standhalten.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Stadium III: die Ära der Entartung</strong>: In diesem Stadium der Geschichte des Universums kommt der Prozess der Verbrennung von Wasserstoff und Helium zum Stillstand und hinterlässt nur noch tote Nuklearmaterie in Form von Zwergsternen, Neutronensternen und Schwarzen Löchern. Die letzten Planeten sind eingefroren und vollständig von einer kilometerdicken Eisschicht überzogen. Überlebende Intelligenzen müssten sich einen neuen Wohnort suchen oder die Erde in den Orbit eines Roten Zwergs bewegen, da diese die längste Lebenserwartung unter den Materieballungen haben. Proxima Centauri, 4,3 Lichtjahre entfernt, ist ein solcher Roter Zwerg, der Energie über einen Zeitraum von Billionen von Jahren abgibt. Schließlich, nach hundert Billionen Jahren, sind auch die letzten Roten Zwerge erschöpft.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Stadium IV: die Ära der Schwarzen Löcher</strong>: In diesem späten Stadium der Lebensgeschichte des Universums ist die einzige Energiequelle überhaupt das langsame Verdampfen von Energie aus Schwarzen Löchern. Wie <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/astronomie/bekenstein-hawking-entropie/33">Jacob Bekenstein und Stephen Hawking</a> gezeigt haben, sind Schwarze Löcher nicht wirklich schwarz, sondern senden eine geringe Menge Energie aus. Schwarze Löcher haben unterschiedliche Lebenserwartungen. Ein Schwarzes Loch von der Größe der Sonne existiert 10<sup>66 </sup>Jahre, eines von der Größe eines galaktischen Clusters sogar 10<sup>117</sup> In dieser Zeit am Ende der Zeit bleibt den letzten Intelligenzen nur übrig, sich um die sterbenden Schwarzen Löcher zu versammeln, um ein bisschen Wärme zu gewinnen.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Stadium V: die Dunkle Ära</strong>: Am Lebensende des Universums, wenn alle Wärmequellen erschöpft sind, ist das Universum dunkel und leer. Die Temperatur nähert sich langsam und überall dem absoluten Nullpunkt an. Selbst die Bewegung der Atome kommt vermutlich zum Stillstand oder es entsteht ein neuer Typ von Atomen, die riesige Ausmaße bis hin zur Größe eines ganzen Universums einnehmen können. Das Universum selbst hat unvorstellbar große Entfernungen überbrückt und ist außerordentlich groß. Wir sind bei den letzten Fragen physikalischer Eschatologie angelangt. Alle Gesetze der Physik und Chemie in dieser Phase sind völlig unbekannt. Niemand weiß, ob es ein ewiges Ende oder eine neue Schöpfung geben wird.</li>
</ul>
<p>Das Thema, wie das Universum zusammengesetzt ist, wie es begann und wie es enden könnte, ist Gegenstand des allgemeinen öffentlichen Interesses und in vielen Medien präsent. Die <a href="https://www.spektrum.de/">Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“</a> schreibt regelmäßig über die Zusammenhänge solcher kosmologischen Themen. Deutschlandfunk Kultur berichtet in der Sendung „Wissenschaft und Bildung“ vom 3. April 2025 über „<a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/dunkle-energie-das-standardmodell-des-kosmos-geraet-ins-wanken-100.html">Dunkle Energie – Das Standardmodell des Kosmos gerät ins Wanken</a>“ über den aktuellen Stand der Forschungen zum Standardmodell der Zusammensetzung des Universums und zitiert den Leiter des Zentrums für Astrophysik der TU Dresden <a href="https://tu-dresden.de/mn/physik/iktp/arbeitsgruppen/astrophysik">Günther Hasinger</a>, der sagt, dass wir eigentlich nur vier oder fünf Prozent der Zusammensetzung des Universums kennen und dies mit den Worten kommentiert, <em>„das ist im Prinzip eigentlich eine Schande.“</em> Diese vier bis fünf Prozent sind die Materie, aus der wir und unsere anfassbare Welt besteht. 25 Prozent bestehen aus Dunkler Materie und <em>„da haben wir, glaube ich, genügend Hinweise, dass es die Dunkle Materie wirklich gibt.“ </em>Ungefähr 70 Prozent sind Dunkle Energie und <em>„da haben wir keinen blassen Schimmer davon, um was es sich dabei handelt.“</em></p>
<h3><strong>Allein im Universum?</strong></h3>
<p>Sind wir allein im Universum? Warum finden wir keine Hinweise auf außerirdische Intelligenzen, denn beim Alter des Kosmos von 13,8 Milliarden Jahren würde selbst bei einer konservativen Einschätzung technologischer Möglichkeiten, dass Raumfahrt ohne überlichtschnelle Geschwindigkeiten auskommen müsste, die Besiedlung der kompletten Galaxis durch eine raumfahrende Zivilisation nicht mehr als zehn Millionen Jahre dauern. Einige der möglichen Antworten auf die Frage des Fermi-Paradoxon sind:</p>
<ul>
<li><strong>Der Große Filter</strong>: Gibt es eine Begrenzung in der Evolution intelligenter Zivilisationen, die eine technologische Weiterentwicklung zu einer raumfahrenden Spezies verhindert? Sprengen sich intelligente Zivilisationen in die Luft, bevor sie ihren Planeten verlassen?</li>
</ul>
<ul>
<li>Oder <strong>der galaktische Zoo</strong><em>:</em> Die außerirdischen Zivilisationen beobachten uns schon seit langer Zeit und wollen nicht, dass wir unser Gehege verlassen. Werden wir nicht in den Kreis der hochstehenden galaktischen Zivilisationen aufgenommen, weil wir es nicht wert sind?</li>
</ul>
<p>Im Jahre 2025 müssen wir feststellen, dass die Menschheit in der von uns vermessenen Weite und den unendlichen Zeiten des Universums völlig unbedeutend ist. Wir sind, in der Selbsterkenntnis, vom Status des zentralen intelligenten Beobachters der Vorgänge im Universum in die Rolle eines galaktischen Bakteriums zurückgefallen, das, wenn überhaupt, lediglich Bruchteile der Vorgänge im Universum erkennen kann und das über keinerlei Möglichkeiten verfügt, diese Vorgänge zu beeinflussen. Dieses galaktische Bakterium ist nicht einmal in der Lage, in die Weiten des Universums zu reisen und andere Intelligenzen zu treffen.</p>
<p>Während die Menschheit früher in ihrer Kulturgeschichte einen definierten Platz als Gesprächspartner von Gott oder einer Vielzahl von Göttern besaß, ist sie heute jeglicher Kommunikation mit den möglichen Entitäten des Universums beraubt. Wir sind ein Nichts im Angesicht der Tiefe und der Zeiten im Universum. Diese Selbsterkenntnis ist der entscheidende Unterschied in der narrativen Erzählkunst der Science Fiction zu Beginn des 21. Jahrhunderts verglichen mit der des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Wir können gegenwärtig sagen, wie alt und wie groß das Universum ist, haben aber keine technologische Möglichkeit gefunden, dies auch tatsächlich vor Ort erforschen zu können. Die Menschheit steht vor einem doppelten Dilemma: Wir wissen durch die Nutzung der Weltraumteleskope, insbesondere seit dem Einsatz des James-Webb-Teleskops, sehr viel über die Geschichte und die Beschaffenheit des Universums, können aber nicht direkt erkunden, was von unseren Theorien wirklich stimmt. Das Universum hat nach dem gegenwärtigen Stand der kosmologischen Forschung einen Durchmesser von 50 Milliarden Lichtjahren und wir verfügen über eine dreidimensionale Karte dieses riesigen Raums, werden allerdings nach dem momentanen Stand unserer Technologien niemals dort hinkommen, wo beispielsweise noch immer neue Sterne entstehen. Das Universum ist nicht fertig, sondern in ständiger Bewegung und Entwicklung.</p>
<p>Gleichzeitig stellen die Ergebnisse unserer präzisesten wissenschaftlichen Beobachtungsinstrumente wie die des James-Webb-Teleskop unsere Theorien auf den Kopf, denn sie geben Aufschluss darüber, dass sich das Universum wohl tatsächlich schneller ausdehnt als ursprünglich berechnet. Manche Messergebnisse erweitern nicht nur unseren Horizont, sondern auch unsere Fragehaltung: Was passiert dort draußen, wo wir nicht – oder vielleicht niemals – hinkommen werden? Wie überschreiten wir die Grenzen unserer Wahrnehmungsfähigkeit, die möglicherweise Fehlannahmen bewirken?</p>
<p>Selbst unsere Theoriebildung weist erhebliche Schwächen auf und wir sind nicht sicher, ob unsere Theorien über Dunkle Energie und Dunkle Materie richtig sind oder ob sie lediglich einen momentanen Stand unserer menschlichen Wissenschaft darstellen. Gegenwärtig werden kontroverse Theoriebildungen in der kosmologischen Wissenschaft diskutiert: brauchen wir neue Gesetze für die Schwerkraft? Als alternative Theorie zu Dunkler Materie wird die <a href="https://www.sciencedirect.com/topics/physics-and-astronomy/modified-newtonian-dynamics"><em>„Modified Newtonian Dynamics“</em></a>, kurz MOND, diskutiert. Wer formuliert die allumfassende Weltformel, in der Gravitation und Quantenphysik, also die Vereinheitlichung des ganz Großen und des ganz Kleinen, verbunden sind?</p>
<p>Wir wissen viel und wir wissen nichts – was die Fragen nach den großen Zeiten und Räumen im Universum angeht. Man könnte sogar so weit gehen zu konstatieren, dass, je mehr wir wissen, wir gleichzeitig erkennen, dass wir eigentlich immer weniger wissen über die zentralen Vorgänge im Universum. Wir erkennen mit jeder neuen kosmologischen Einsicht unsere Begrenztheit, unsere Hilflosigkeit, unser Unbedeutend sein. Wir wissen nicht einmal, ob wir allein im Universum sind oder ob es dort draußen noch andere intelligente Lebewesen gibt.</p>
<p>Die Wissenschaft diskutiert zur Frage außerirdischer Intelligenz zwei theoretische Paradigmen:</p>
<ul>
<li>Das <a href="https://www.3sat.de/wissen/nano/240209-fermis-paradoxon-ausserirdisches-leben-where-is-everybody-nano-100.html"><strong>Fermi-Paradoxon</strong></a> des Physikers Enrico Fermi aus dem Jahre 1950, in dem er erklärte, dass es bereits seit Millionen von Jahren technologisch hochstehende Zivilisationen im Universum geben müsste, die theoretisch in der Lage seien, die ganze Galaxis zu kolonisieren. Die Frage zu seinen Überlegungen ist: Wo sind sie alle?</li>
</ul>
<ul>
<li>Die <a href="https://www.dlr.de/de/next/raumfahrt/universum/leben-im-all/die-drake-gleichung"><strong>Drake-Gleichung</strong></a> von Frank Drake aus dem Jahre 1961 über die Abschätzung der möglichen Anzahl technologischer Zivilisationen im Universum, die eine Anzahl technologisch hochstehende Zivilisationen im Universum mathematisch nachweist. Die Frage bleibt: Wo sind sie alle?</li>
</ul>
<h3><strong>Kann Intelligenz das Ende des Universums überleben?</strong></h3>
<p>Wie kann intelligentes Leben die natürlichen Bedingungen in den oben beschriebenen Stadien IV oder V der Lebensgeschichte des Universums aushalten und weiterleben? In den Naturwissenschaften wird diese höchst spekulative Frage diskutiert, indem versucht wird, mit den Mitteln der heutigen Wissenschaft plausible Lösungswege aufzuzeigen. Die Debatte dreht sich um zwei zentrale Fragen:</p>
<ul>
<li>Können intelligente Wesen ihre Maschinen betreiben, wenn die Temperatur sich dem absoluten Nullpunkt (0 <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Kelvin">Kelvin</a> entspricht minus 273,15 <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Grad_Celsius">Grad Celsius</a> oder minus 459,67 <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Grad_Fahrenheit">Grad Fahrenheit</a>) nähert? Auf den ersten Blick erscheint dies unmöglich, da nach den Gesetzen der Thermodynamik Energie von einem höheren Temperaturniveau zu einem niedrigeren fließt und nur ein Temperaturgefälle zur Nutzung von Arbeit eingesetzt werden kann. Wenn die Temperatur überall dieselbe ist, kann keine Arbeit gewonnen werden.</li>
</ul>
<ul>
<li>Können intelligente Wesen an der Schwelle zum absoluten Nullpunkt Informationen senden und empfangen? Wenn sie ihren Körper aufgegeben hätten, könnte es möglich werden. Sie müssten langsamer denken, viel langsamer, als wir uns dies überhaupt vorstellen können. Ihre subjektive Zeit könnte sich über Milliarden Jahre erstrecken und ihnen dennoch tiefe Gedanken ermöglichen. Große Zeiträume von Billionen Jahren könnten für die letzten Lebewesen zu einigen Sekunden ihrer subjektiven Zeit zusammenschrumpfen. In diesem Stadium wäre es ihnen vielleicht möglich, Quantenübergänge oder die Entstehung von Babyuniversen aus dem Nichts zu sehen.</li>
</ul>
<p>Kaku kommt zu dem Schluss, dass alles intelligente Leben am Ende eines Universums aussterben wird und ihm nur die Flucht in ein anderes Universum übrigbliebe. Wie könnte ein Rettungsversuch aus einem sterbenden Universum aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage sollen wissenschaftliche Modelle von Superzivilisationen vorgestellt werden.</p>
<h3><strong>Kosmologische Zivilisationen nach Nikolai Kardaschow und Michiu Kaku</strong></h3>
<p>Der russische Physiker <a href="https://de-academic.com/dic.nsf/dewiki/1021809">Nikolai Kardaschow</a> hat in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Kategoriensystem entwickelt, um die Radiosignale möglicher außerirdischer Zivilisationen einzuordnen. Danach lassen sich Superzivilisationen folgendermaßen beschreiben:</p>
<ul>
<li>Eine <strong>Typ-I-Zivilisation</strong> ist in der Lage, sich die gesamte Energie eines Planeten nutzbar zu machen. Sie beherrscht die von dem Zentralgestirn einströmende Energie und kann damit das Wetter kontrollieren oder verändern, die Richtung von Tornados bestimmen oder Städte im Meer bauen. Die zur Verfügung stehende Energie bewegt sich in der Größenordnung von 10<sup>16</sup><sup> </sup></li>
</ul>
<ul>
<li>Eine <strong>Typ-II-Zivilisation</strong> ist in der Lage, sich die gesamte Energie einer Sonne nutzbar zu machen. Sie hat einen Teil der Milchstraße besiedelt und kann neue Sterne entzünden. Sie beherrscht alle Probleme ihres Planeten und ist potenziell unsterblich. Kometen und Meteore können abgewendet werden, Eiszeiten gehören der Vergangenheit an, sogar die Schrecken eine in der Nachbarschaft auftretende Supernova sind gering, indem sie entweder den thermonuklearen Prozess der Supernova manipulieren oder auf einen anderen Planeten auswandern. Die zur Verfügung stehende Energie bewegt sich in der Größenordnung von 10<sup>26</sup></li>
</ul>
<ul>
<li>Eine <strong>Typ-III-Zivilisation</strong> ist in der Lage, sich die gesamte Energie einer Galaxis mit 10 Milliarden Sternen nutzbar zu machen. Sie hat große Teile ihrer Heimatgalaxis kolonisiert und manipuliert Energiemengen in der Größenordnung von 10<sup>36 </sup>Watt, was 10 Milliarden mal 10 Milliarden (oder 10<sup>20</sup>) mal soviel ist, wie auf der Erde von heute umgesetzt wird.</li>
</ul>
<p>Michio Kaku hat eine potenzielle <strong>Typ-IV-Zivilisation</strong> hinzugefügt. Diese wäre in der Lage, die Energie des Kontinuums, beispielsweise die der Dunklen Energie, anzuzapfen. Diese obskure, noch nicht nachgewiesene, aber theoretisch postulierte Energieform soll immerhin 73 Prozent des Masse-Energie-Verhältnisses des Universums ausmachen.</p>
<p>Unsere heutige Zivilisation entspricht etwa einem Entwicklungsstand vom Typ 0,7. Damit ist unsere heutige Zivilisation noch eintausendmal kleiner als eine wirkliche Typ-I-Zivilisation! Immerhin, wir scheinen auf dem richtigen Wege zu sein. Kaku bezeichnet den Übergang von Typ 0,7 zu Typ-I als Rennen gegen die Zeit, oder als Kampf gegen die Entropie in Form von Treibhauseffekt, Umweltverschmutzung, Nuklearkrieg, Fundamentalismus und Krankheiten. In diesem Sinne könnten die heutigen Generationen zu den bedeutendsten gehören, die jemals die Erde bevölkert haben oder bevölkern werden, denn sie haben geholfen, den wichtigsten Übergang in der Geschichte der menschlichen Zivilisation zu gestalten.</p>
<p>Der Übergang der Menschheit zu einer Typ-I-Zivilisation enthält große Entwicklungspotenziale. <em>„Wir sind dabei, einen historischen Übergang zu machen von passiven Beobachtern des Tanzes der Natur zu Choreographen des Tanzes der Natur, mit der Fähigkeit, Leben, Materie und Intelligenz zu manipulieren.“ </em>Wenn die Menschheit, die selbst geschaffenen Gefahren vermeidet und sich zu einer planetaren Zivilisation weiterentwickelt, steht die Tür zu den wahren Entdeckungen offen.</p>
<h3><strong>Anleitung für die Überwindung des Endes von allem</strong></h3>
<p>Michio Kaku stellt in seinem Buch „Hyperspace“ (1995) Anleitungen vor, wie man dem Ende von allem entkommen könnte, wenn man die technischen Möglichkeiten dazu hätte. Es sind theoretische Annahmen oder Spekulationen, die auf dem derzeitigen Stand der kosmologischen Forschung (und seinen umstrittenen Interpretationen) gründen und die auch in naher Zukunft nicht realisierbar sein werden. Eines sind sie aber mit Sicherheit: faszinierende Gedankengebäude, die weit in die Zukunft hineinreichen. Kaku macht sich damit angreifbar, wie er selbst in „Hyperspace“ schreibt: <em>„Manche Leute haben die Wissenschaftler angeklagt, eine neue Theologie auf der Basis von Mathematik geschaffen zu haben. Wir hätten die Mythologie der Religion zurückgewiesen, nur um eine noch seltsamere Religion anzunehmen, die auf gekrümmter Raum-Zeit, Teilchensymmetrie und kosmischer Expansion beruht. (&#8230;) Der Glaube an einen allmächtigen Gott sei nun ersetzt worden durch den Glauben an die Quantentheorie und die allgemeine Relativitätstheorie“.  </em></p>
<p>Welche Schritte schlägt Kaku vor, um ein sterbendes Universum zu verlassen?</p>
<ul>
<li><strong>Schritt 1</strong>: Vervollständigung einer Theorie von Allem bzw. einer Theorie der Quantengravitation. Dies würde fortgeschrittene Technologien erfinden helfen, so zum Beispiel große Atomzertrümmerer, die neue Superpartikel entstehen ließen oder Gravitationswellen-Detektoren. Die Forschung könnte offene Fragen wie diese beantworten: Sind Wurmlöcher stabil? Kann man durch sie hindurch fliegen ohne zerstört zu werden? Wenn diese Fragen beantwortet sind, kann sich eine zukünftige Menschheit damit beschäftigen, wie man unser Universum verlassen kann.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Schritt 2</strong>: Finde natürliche Wurmlöcher und Weiße Löcher. Tore zu anderen Dimensionen in Form natürlich vorkommender Wurmlöcher oder Weißen Löchern, die das andere Ende von Schwarzen Löchern bilden, könnten ebenso existieren wie exotische Materie in den Weiten des Universums.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Schritt 3</strong>: Baue einen Warp-Antrieb. Dies wurde zuerst von dem Physiker <a href="https://www.planetary.org/profiles/miguel-alcubierre">Miguel Alcubierre</a> im Jahre 1994 vorgeschlagen (in der Science-Fiction-Franchise Star Trek war dies schon in den 1960er Jahren ein Thema). Dies würde Überlichtgeschwindigkeit und möglicherweise auch Zeitreisen ermöglichen.</li>
</ul>
<ul>
<li><strong>Schritt 4</strong>: Die letzte Hoffnung. Sie liegt darin, genug Informationen in ein neues Universum einzuschleusen, um unsere Zivilisation am anderen Ende wiederzubeleben. In welcher Form auch immer.</li>
</ul>
<h3><strong>Was bleibt, ist Spekulation</strong></h3>
<p>Dies alles sind reine Spekulationen. Sie sind ebenso weit von der Realisierungsmöglichkeit entfernt wie so manche Science Fiction. Dabei waren es oft Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren, die solche zunächst für abstrus gehaltene Konzepte vorgeschlagen haben, die heute selbst von renommierten Wissenschaftlern diskutiert werden. Es geht darum, Türen nach draußen zu finden oder ein Draußen selbst zu erschaffen.</p>
<p>Schriftstellerinnen und Schriftsteller waren in vielen Fällen diejenigen, die neue Ideen gedacht und beschrieben haben, also sozusagen eine Art Patent auf Originalität besitzen. In der Science-FictionLiteratur finden wir zahlreiche plausible und originelle Gedankenspiele, was die Menschheit der Zukunft mit den unendlichen Möglichkeiten des Kosmos anfangen kann. Wir Leserinnen und Leser werden diese Reise in die Unendlichkeit immerhin in unserer Gedankenwelt antreten können und wir können uns an der intellektuellen Einsichtsfähigkeit erfreuen, etwas in unserer Vorstellung zu sehen, was wir körperlich niemals erleben werden.</p>
<p>Gehen wir auf eine Reise ins Imaginäre. Lesen wir!</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<ul>
<li>Neil DeGrasse Tyson, Lindsey Nyx Walker, Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter – Eine kosmische Entdeckungsreise, München, FinanzBuch Verlag, 2024.</li>
<li>Ann Druyan / Steven Soter, Presented by Neil deGrasse Tyson, Cosmos – A Spacetime Odyssey, 2014.</li>
<li>Michio Kaku, Parallel Worlds – A Journey Through Creation, Higher Dimensions, and the Future of the Cosmos, New York, Doubleday 2005 (Deutsche Ausgabe: Die Physik des Unmöglichen, Beamer, Phaser, Zeitmaschinen, Rowohlt Taschenbuch, 2010).</li>
<li>Michio Kaku, Hyperspace – A Scientific Odyssey Through Parallel Universes, Time Warps, and the 10th Dimension, New York, Anchor Books, 1995. (Deutsche Ausgabe: Die Physik der unsichtbaren Dimensionen – Eine Reise durch Zeittunnel und Paralleluniversen, Rowohlt Taschenbuch, 2013).</li>
<li>Michio Kaku, The Future of Humanity: Terraforming Mars, Interstellar Travel, Immortality, and Our Destiny Beyond Earth, Penguin, 2019. (Deutsche Ausgabe: Abschied von der Erde – Die Zukunft der Menschheit, Rowohlt Taschenbuch, 2023.</li>
<li>Carl Sagan, Cosmos, Ballantine Books, 1982 (deutsche Ausgabe: Unser Kosmos – Eine Reise durch das Weltall, 1989) sowie die Fernsehserie: Cosmos – A Personal Voyage, 1980.</li>
<li>Carl Sagan, Pale Blue Dot – A Vision of the Human Future in Space, Bllantine Books, 1997. (Deutsche Ausgabe: Blauer Punkt im All – Unsere Zukunft im Kosmos, Droemer Knaur, 1996).</li>
<li>Spektrum der Wissenschaft Ausgabe 8.24, Eine neue Weltformel: Allumfassende Theorie ganz ohne Quantengravitation.</li>
<li>Spektrum der Wissenschaft Ausgabe 3.25, Quantengravitation: Wie lässt sich die Raumzeit mit der Quantenphysik vereinigen?</li>
<li>Spektrum der Wissenschaft Spezial Physik, Mathematik, Technik 3.25, Den Kosmos entschlüsseln. Vom Sonnensystem in die Tiefen des Universums.</li>
<li>Spektrum der Wissenschaft Ausgabe 4.25, Neue Gesetze für den Kosmos? Eine alternative Theorie stellt die Gravitation in Frage.</li>
<li>Mike Zeitz: Trugbild Dunkle Energie? In:  Spektrum der Wissenschaft 12.25.</li>
</ul>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 17. Dezember 2025, Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pale_Blue_Dot_with_quote.png">Pale Blue Dot with quote of Carl Sagan</a>, NASA Voyager 1, Wikimedia Commons)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Ein philosophisches Genre</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Nov 2025 07:21:10 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein philosophisches Genre Lukas Dubro über Science Fiction aus China „Zwei Atomkriege in nur 30 Jahren hatten fast alles vernichtet. Trotzdem konnten sie die Welt ein weiteres Mal aus den Ruinen heben, und fürchteten fortan ihre eigenen Fähigkeiten. / Wir sind so mächtig, dass ein einziger Mensch die Welt zerstören kann, sagte Ruian. /  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Ein philosophisches Genre </strong></h1>
<h2><strong>Lukas Dubro über Science Fiction aus China</strong></h2>
<p><em>„Zwei Atomkriege in nur 30 Jahren hatten fast alles vernichtet. Trotzdem konnten sie die Welt ein weiteres Mal aus den Ruinen heben, und fürchteten fortan ihre eigenen Fähigkeiten. / Wir sind so mächtig, dass ein einziger Mensch die Welt zerstören kann, sagte Ruian. / Wir sind so impulsiv, dass ein einziger Streit einen Krieg auslösen kann, sagte Kyoko Yamashita. / Wir können die wahren gewalttätigen Neigungen in unseren Seelen nicht bändigen und lassen unsere Aggressionen auf andere niederprasseln. Es wäre also das Beste, wenn wir uns voneinander fernhalten würden, sagte Aixiia.“ </em>(Chi Hui, Der Algorithmus des Artifiziellen, in: Chi Hui, Das Erbe der Menschheit und andere Geschichten, Augsburg, MaroVerlag, 2022)</p>
<div id="attachment_7640" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/270-kapsel-05-der-einsiedler-9783875128574.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7640" class="wp-image-7640 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-200x306.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-400x612.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-600x919.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-669x1024.jpg 669w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-768x1176.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-800x1225.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1003x1536.jpg 1003w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1200x1837.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-1338x2048.jpg 1338w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel-No-5-MaroVerlag-Graphik-Marius-Wenker-scaled.jpg 1672w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-7640" class="wp-caption-text">Kapsel No. 5. Cover: Marius Wenker. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Science Fiction aus China wird in der Regel mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a> verbunden, dessen Trisolaris-Romane inzwischen auch verfilmt wurden. Eine erste Staffel erschien bei Netflix unter dem Titel „The Three Body Problem“, die zweite ist angekündigt. Aber es gibt in China noch viel mehr zu entdecken. Es ist das Verdienst eines jungen Teams, Lukas Dubro, Felix Meyer zu Venne, Chong Shen, Marius Wenker und Konrad B. Winkler, junge und aktuelle Autor:innen der chinesischen Science Fiction in der deutschen Öffentlichkeit bekannter zu machen. Vier Ausgaben der „Kapsel“ erschienen bei <a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin">„Frue</a><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin">hwerk“</a>. Seit 2022 wird die <a href="https://kapsel-magazin.de/">Zeitschrift „</a><a href="https://kapsel-magazin.de/">Kapsel“</a> im <a href="https://www.maroverlag.de/">MaroVerlag</a> veröffentlicht. Dort erscheinen auch weitere Bände mit Erzählungen, die ebenso wie die Zeitschrift alle nicht nur literarisch, sondern auch künstlerisch ausgesprochen kreativ gestaltet werden, zuletzt im Oktober die Sammlung „Im Ozean ein Mutterschiff“ von Gu Shi, zuvor im Jahr 2023 die Sammlung „Das Erbe der Menschheit“ von Chi Hui, und Anfang des Jahres 2025 die dritte Auflage der Anthologie „Sechs Geschichten von heute über morgen“ mit unter anderem Xia Jia, Regina Kanyu Wang und Qiufan Chen. Alle Ausgaben der „Kapsel“ erscheinen zweisprachig, deutsch und chinesisch.</p>
<p>Fritz Heidorn hat im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> die chinesische Science Fiction in europäische und US-amerikanische Traditionen eingeordnet. Der Titel seines Essays <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-chinesische-spiegel/">„Der chinesische Spiegel“</a> zeigt bereits, dass die in der Science Fiction verhandelten Utopien und Dystopien sich weltweit ähneln, ungeachtet ihrer jeweils individuellen literarischen Gestaltung, mitunter transponiert in ferne Welten, oft genug auch als fast schon unabweisbar erscheinende Verlängerung des Heutigen in eine gar nicht so ferne Zukunft: Klimaschutz, Plastikmüll in den Meeren, künstliche Intelligenzen, die nach allen wissenschaftlich begründeten Wahrscheinlichkeiten durch das Eingreifen des Menschen selbst gefährdete Zukunft der Menschheit. Die zu Beginn zitierte Szene der Erzählung von Chi Hui mündet in die vielleicht grundsätzliche Frage, die wir Menschen uns angesichts der absehbaren Möglichkeiten, Risiken und Wahrscheinlichkeiten einer Welt, in der perfektionierte Artifizialität uns Menschen optimieren oder gar ersetzen könnte, stellen müssen: <em>„Sind wir dann … noch Menschen?“ </em>Eben diese Frage prägt auch die chinesische Science Fiction. Anlass genug, sich mit einem der Macher:innen der Publikationen der „Kapsel“ ausführlicher zu unterhalten.</p>
<h3><strong>Chinesische Science Fiction – eine höchst lebendige Szene</strong></h3>
<div id="attachment_7641" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7641" class="wp-image-7641 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-300x237.jpg" alt="" width="300" height="237" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-200x158.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-300x237.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267-400x316.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Kapsel_LukasDubro_1-Foto_Yanina-Isla-e1764140719267.jpg 419w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7641" class="wp-caption-text">Lukas Dubro, Foto: Yanina Isla.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist das Kapsel-Projekt entstanden und wie haben Sie die Autor:innen aus China, deren Erzählungen Sie veröffentlichen, entdeckt?</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Es war eine Folge von Zufällen. Ich habe Angewandte Literaturwissenschaft an der Freien Universität in Berlin studiert. Dort wird man sehr praxisnah an die Literatur herangeführt. Mit Marius Wenker, der unsere Kapsel-Hefte gestaltet, hatte ich bereits ein Fanzine über den Berliner Pop-Unterground gemacht, das „Cartouche“ hieß. Zu diesem Zeitpunkt las ich sehr gerne Science Fiction. Ich habe auch immer Sinologie studieren wollen, aber leider wegen des sehr hohen NC keinen Studienplatz erhalten, konnte aber wenigstens in einem Bachelor-Grundkurs ein wenig Chinesisch lernen. Hinzu kam, dass ich mich für chinesische Literatur interessierte und dass es so viele Möglichkeiten gab, günstig zu den abenteuerlichsten Themen zu publizieren. Und so kam ich auf die Idee, eine Zeitschrift für chinesische Science Fiction herauszugeben.</em></p>
<p><em>Als wir im Jahr 2015 mit der „Kapsel“ anfingen, gab es noch keine Übersetzungen chinesischer Science Fiction. Die deutschen Übersetzungen von Cixin Liu erschienen erst ab dem Jahr 2016 bei Heyne. Ich war  kein Experte für chinesische Literatur und somit auch nicht für chinesische Science Fiction. In der Mensa lernte ich über einen Freund aus dem Chinesisch-Kurs Chong Shen kennen, der sich von Anfang an bis heute an der Übersetzung der Texte beteiligt und damals auch bei der Konzeption und der Recherche half. Der nächste Zufall war, dass es zu diesem Zeitpunkt an der FU ein Seminar gab, geleitet von </em><a href="https://de.linkedin.com/in/frederike-schneider-vielsäcker"><em>Frederike Schneider-Vielsäcker</em></a><em>, die sich mit chinesischer Science Fiction befasst.</em></p>
<p><em>Ich hatte Chong damals gebeten, einen „Hilferuf“ abzusetzen, um eine chinesische Science-Fiction-Autorin zu finden. Das haben wir über Douban, das größte soziale Netzwerk</em><em> für Buch-, Film- und Musikliebhaber </em><em>in China, getan, wir wollten ein Magazin machen, könnte uns jemand eine Geschichte vorschlagen? Über Douban meldete sich dann eine Userin, die Mitglied eines Science-Fiction-Clubs in Shanghai war, den Regina Kanyu Wang mitgegründet hatte. Regina Kanyu Wang haben wir später in der sechsten Ausgabe der „Kapsel“ mit der Erzählung „Zhurong auf dem Mars“ ein eigenes Heft gewidmet. Die Userin sagte, sie habe gerade eine Arbeit über Chi Hui zu dem Thema Utopien in der Science Fiction geschrieben. Sie empfahl uns eine Geschichte von Chi Hui, die auch in „Das Erbe der Menschheit“ vorkommt: „Das Insektennest“. Wir haben dann den Kontakt zu Chi Hui hergestellt und sie für unsere erste Ausgabe über den Messenger QQ interviewt. Frederike half uns bei der Auswahl der Texte.</em></p>
<div id="attachment_7649" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7649" class="wp-image-7649 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-768x1024.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-800x1067.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-1152x1536.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1-1200x1601.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Felix_in_Chengdu-1.jpg 1276w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-7649" class="wp-caption-text">Felix Meyer zu Venne in Chengdu. Foto: Kapsel.</p></div>
<p><em>Ich muss noch eines ergänzen: Ich fliege nicht, weil ich Angst davor habe. Über die Science Fiction und das Kapsel-Projekt hatte ich dann die Möglichkeit, China zu mir zu holen. Mir war gar nicht bewusst, was für ein Fenster ich damit geöffnet habe. Auf die erste Ausgabe gab es viele positive Reaktionen. Sie erschien damals noch nicht bei MaroVerlag, sondern bei </em><a href="https://fruehwerk-verlag.de/kapsel-magazin"><em>„Frue</em><em>hwerk“</em></a><em>. Das war ein weiterer Zufall: Unser erster Verleger Ruben Pfizenmaier von Fruehwerk saß damals neben mir im Chinesischkurs. Und dann gab es noch den, dass über einen Freund Felix Meyer zu Venne als Übersetzer hinzukam. Er war damals gerade in China und traf sich mit Xia Jia, einer anderen in China sehr bekannten Science-Fiction-Autorin. Und schon hatten wir eine Geschichte für die zweite Ausgabe der „Kapsel“. Felix, der gerne und viel nach China fliegt, kennt dort inzwischen viele tolle Autor:innen. Im Jahr 2023 war er auf der </em><a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/triff-die-zukuenfte-ein-bericht-von-der-worldcon-2023-chengdu-china"><em>WorldCon in Chengdu</em></a><em>. In Chengdu gibt es sogar ein riesiges </em><a href="https://arquitecturaviva.com/works/museo-de-ciencia-ficcion-en-chengdu"><em>ScienceFiction-Museum</em></a><em> mit einer beeindruckenden Architektur. Felix schickte mir ein Selfie nach dem anderen – immer anderen Autor:innen, die wir schon in der Kapsel hatten oder haben wollten. </em></p>
<p><em>Das erste Heft der „Kapsel“ erschien 2017 (es ist leider vergriffen). Damals nahmen wir an der </em><a href="https://www.hkw.de/programme/events/miss-read-2025"><em>„Miss Read“</em></a><em> teil, einer Messe für Independent Publishing. Da saß auf einmal Sarah Käsmayr neben mir – ein weiterer toller Zufall. Daraus entstand eine Freundschaft. Seit 2017 beteiligt sie sich als Lektorin und als Freundin, gibt uns regelmäßig Tipps und Ratschläge, auch Korrekturvorschläge. Irgendwann kam die Idee, die „Kapsel“ beim MaroVerlag zu veröffentlichen. Bei „Fruehwerk“ erschienen die ersten vier Ausgaben, seit 2022 erscheinen „Kapsel“ und die Erzählbände bei Maro.</em></p>
<p><em>Wir haben inzwischen ein gutes Netzwerk in Deutschland und in China. Mehrere Autor:innen hatten wir auch schon zu Gast in Berlin. Ich hätte mir damals, als wir mit „Kapsel“ losgelegt haben, in meinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können, dass es so weit kommen könnte. Dass das alles gelang, ist eigentlich auch schon selbst eine Science-Fiction-Geschichte – und allen zu verdanken, die mit ihrer großartigen Arbeit und Expertise zu der Zeitschrift beigetragen haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie verbreitet ist Science-Fiction-Literatur beziehungsweise utopische Literatur in China? Die WorldCon, das Museum deuten auf ein großes Publikum hin.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Die Szene in China ist sehr lebendig. </em><em>Über den internationalen Erfolg von Cixin Liu wurde die chinesische Science Fiction in China fast über Nacht über die Science Fiction-Kreise hinaus bekannt und schaffte damit Zugang zu einem immer breiter werdenden Publikum. Durch Cixin Liu begeistern sich viele Leser:innen für Science Fiction. </em><em>Die im Jahr 1979 gegründete Science Fiction World hatte einmal eine Auflage von um die 400.000 Exemplaren. Es gibt viele Leute, die schreiben, überall Fanclubs. Gleichwohl ist Science Fiction nach wie vor eine Nische, wenn auch die Szene wächst. Charakteristisch für die Szene in China ist, dass die Anhänger:innen im Vergleich zu anderen Ländern deutlich jünger sind.  </em></p>
<p><em>Das ist eine Art von „geweckt werden von außen“ und spricht auch dafür, dass dieses Genre per se international vernetzt ist. </em></p>
<h3><strong>Utopien, Dystopien, Kontroversen und Konflikte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Geschlechterverteilung ändert sich zurzeit auch in Europa, es sind eben nicht nur Männer, in Deutschland beispielsweise <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-climate-fiction-und-die-politik/">Theresa Hannig</a>, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/realistische-fantastik/">Zara Zerbe</a>, <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957">Patricia Eckermann</a> oder <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/in-der-polywelt/">Aiki Mira</a>, deren Romane sich durchaus im Sinne von Ursula K. Le Guin weiter fassen lassen, nicht nur als Science Fiction, sondern als Speculative Fiction. Es geht eben nicht nur um Entwicklungen durch Technologie und Wissenschaft, sondern auch um Entwicklungen in Gesellschaft und Politik. Ich bin ganz zuversichtlich, dass sich die männliche Dominanz unter den Autor:innen auch bei uns langsam auflösen wird.</p>
<div id="attachment_7643" style="width: 187px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/266-sechs-geschichten-von-heute-ueber-morgen-9783875128604.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7643" class="wp-image-7643 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-177x300.jpg" alt="" width="177" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-177x300.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-200x339.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-400x678.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-600x1018.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-604x1024.jpg 604w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-768x1302.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-800x1357.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-906x1536.jpg 906w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-1200x2035.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke-1208x2048.jpg 1208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Sechs-Geschichten-von-heute-fuer-morgen-MaroVerlag-Covergestaltung-Marius-Wenker-Illustration-Claudia-Schramke.jpg 1358w" sizes="(max-width: 177px) 100vw, 177px" /></a><p id="caption-attachment-7643" class="wp-caption-text">Eine der sechs Geschichten ist die von Xia Jia über Drachenpferd. Covergestaltung: Marius Wenker, Illustration: Claudia Schramke. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Unter den erfolgreichen Autor:innen in China sind viele Frauen. Die Autor:innen, mit denen wir arbeiten, haben alle sehr unterschiedliche Stile. Bei Xia Jia gibt es eine Fülle fantastischer Elemente, sodass man ihre Erzählungen gar nicht unbedingt als Science Fiction-Geschichte liest. Es fliegen Inseln in den Wolken, es gibt keine Menschen mehr, es gab irgendeine Katastrophe, aber die wird nicht weiter ausgeführt. Eine ihrer Geschichten wurde von einem Holzpferd inspiriert. In Nantes, der Stadt, in der </em><a href="https://julesverne.nantesmetropole.fr/"><em>Jules Verne</em></a><em> geboren wurde, stehen um eine Halle herum viele Holzfiguren, darunter auch eine Art Drachenpferd. Daraus machte Xia Jia eine Geschichte: Ein Drachenpferd wacht in einer Welt ohne Menschen auf, lernt eine Fledermaus kennen, mit der es sich dann Geschichten aus der Welt erzählt, in der es noch Menschen gab. Eine eher nostalgische Geschichte, durchaus typisch für die Geschichten von Xia Jia.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und zugleich ist die Geschichte wie es sich für Science Fiction gehört eine technologisch-futuristische Vision. Ich darf eine kurze Passage aus der Erzählung „Nachtstreifzug des Drachenpferds“ zitieren: <em>„Was sind das alles für gute Geister und Dämonen? Sie kommen in allen erdenklichen Formen, Farben, Stoffen und Linien. (…) Sie alle sind genau wie er: hybride Wesen aus Tradition und Moderne, Mythos und Technologie, Traum und Wirklichkeit. Sie alle sind von Menschenhand gemacht und zugleich ein Teil der Natur.“ </em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Ein anderer Autor ist Jiang Bo, der sich für Künstliche Intelligenz interessiert und sich mit der Technologie und den Fragen, die dadurch aufgeworfen werden, auseinandersetzt. In der dritten Ausgabe der „Kapsel“ gab es eine Geschichte, die in einer Art Krankenhaus spielt. Achtung Spoiler: Dort kommt eine KI zum Einsatz, die anhand von Kalkulationen über Leben und Tod entscheidet. Eine Patientin ist so krank, dass sie sich die Behandlung nicht mehr leisten kann und die KI entscheidet, dass man sie doch einfach töten könnte, um der Familie viel Geld zu ersparen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Triage und Sterbehilfe sind überall ein kritisches Thema und werden in letzter Zeit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">auch im Kontext von k</a><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/liberale-ethik/">ünstlicher Intelligenz debattiert</a>. Das Thema wird auch in „Eine Einführung zu Ouvertüre 2181, zweite Auflage“ literarisch bearbeitet. Die Grundsituation: Eine Welt, in der nach dem Ausbruch des Yellowstone-Vulkans im Jahr 2084 nur noch eine Milliarde Menschen leben. Es gibt große Kälteschlafstädte, die eine <em>„Alternative zur Sterbehilfe“</em> bieten. Dann schreibt Gu Shi: <em>„Es dauerte nur dreißig Jahre, um die menschliche Vorstellung von Leben, Tod und Zeit zu revolutionieren, was aus heutiger Sicht unglaublich erscheint. Wenig überraschend mischten sich in dieser Zeit alle möglichen Stimmen in die Debatte ein, auch Gegner, von denen nicht wenige mit Anschlägen drohten.“ </em>Eltern verlassen ihre Kinder in den Kälteschlaf, traditionelle menschliche Beziehungen verschwinden, die Macht der Unternehmen wächst. Man könnte hier sogar von einer Spielart der Kapitalismuskritik sprechen: <em>„Wie ein Konzept entstanden ist oder welche Gewinnabsichten dahinterstecken, ist im Grunde nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass es von allen angenommen wird und die Leute bereit sind, für die Produkte zu zahlen. Das zeigt, dass wir es brauchen.“ </em>Die Gegner:innen des Kälteschlafs sind <em>„die Übriggebliebenen“.</em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>In dieser Erzählung können Menschen aus dem Kälteschlaf in einer Welt aufwachen, in der sie jünger sind als ihre Kinder. Was passiert dann? Wie entwickelt sich dann das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern? Ich mag an dieser Geschichte, dass sie fast schon ein bisschen journalistisch erzählt wird, dass die Protagonistinnen wechseln und Gu Shi so ein sehr heterogenes Bild der Möglichkeiten gibt. Es gibt Leute, die gesund werden wollen, welche, die ihren Lebenstraum erfüllen wollen, solche, die reich werden wollen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In „An der wilden Furt ist niemand“ wird eine KI, genannt <em>„KA-I“</em> ausgebildet. <em>„Der Lehrer (…) war überzeugt, dass KA-I früher oder später alle Dichter und Komponisten der Welt ersetzen könnte.“</em> KA-I wird mit der Zeit erwachsen, die Lehrerin kündigt eine letzte Prüfung an: <em>„Die Menschen sahen mit seinen Augen, hörten mit seinen Ohren, vertrauten ihm ihre ganze Freude an, sie achteten jedoch nicht mehr auf die Schönheit der Jahreszeiten und vernachlässigten ihre Familien. Sie waren wie Maschinen. Und nun war KA-I erwacht. Er besaß ihre Gefühle, kontrollierte ihre Fantasie. Er war der einzige Mensch auf der Welt. Lange Zeit schwieg er. Schließlich setzte er zu einer Antwort an. Seine Geschichte begann so: ‚Die Menschheit wird sterben.‘“</em> Der letzte ist dann auch der erste Satz der Erzählung. Es ist die Geschichte eines unabwendbaren und geradezu unerbittlich logischen und konsequenten Prozesses.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Chi Hui, die Autorin der ersten „Kapsel“ und des Bandes „Das Erbe der Menschheit“, wirkte während ihres Besuchs in Deutschland eher introvertiert. In der Titelgeschichte des Buches verabschieden sich die Menschen von dem Planeten, den sie zerstört haben. Es bleiben die Ratten, die in dieser Welt zu überleben verstehen. </em></p>
<div id="attachment_5904" style="width: 208px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/273-das-erbe-der-menschheit-9783875128581.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5904" class="wp-image-5904 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe-200x303.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Chi_Hui_Erbe.jpg 294w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-5904" class="wp-caption-text">Covergestaltung: Marius Wenker; Illustration: Theresa Klenke. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Chi Hui schreibt: <em>„Dort ist lebhaft spürbar, dass die Macht der Menschheit in Wirklichkeit sehr groß ist. Wir sind nicht klein und niemals unbedeutend. Die ‚Menschheit‘ als Ganzes ist riesig, der Müll, den wir wegwerfen, bedeckt die Weltmeere, unsere Taten erschüttern im Verborgenen unsere ganze Welt.“ </em>Und nach ihrer Rückkehr werden die Menschen vielleicht zu Archäolog:innen der Zerstörung: <em>„Vielleicht kommt der Tag, an dem unsere Nachfahren von fernen Sternen zurückkehren. Sie werden auf dem Kontinent Rabbilia im Pazifischen Ozean landen und geduldig Plastikmüll ausgraben: erste Luftreifen aus dem Jahr 1945, Ansichtskarten der Weltausstellung 2010, Regencape-Fitzel aus Russland und Plüschkängurus aus Australien … Das gesamte Plastikzeitalter – von dessen Geburt bis hin zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft – wird auf diesem Müllkontinent komprimiert sein und von unseren Kindern und Enkelkindern untersucht werden.“</em> Ich selbst erlaube mir gelegentlich die Bemerkung, dass von unserer Zivilisation in einigen 1.000 Jahren vielleicht nur ein Haufen Tupperware übrigbleibt.</p>
<p>Aber wir hätten es in der Hand. Haben wir es in der Hand? Ich erlaube mir diese rhetorische Frage, die niemand beantworten kann, es sei denn man ist davon überzeugt, dass Murphys Law stimmt, dass es – sinngemäß zitiert – immer dann, wenn etwas zur Katastrophe führen kann, jemanden geben wird, der diese Katastrophe auslöst.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Regina Kanyu Wang beginnt ihre Erzählung „Zhurong auf dem Mars“, die wir in der sechsten Ausgabe der „Kapsel“ veröffentlicht haben, in der fiktiven Marsstadt „Magna Deserta“. Qiufan Chen erzählt Cyberpunk-Geschichten. Das sind alles Themen, die es auch in der westlichen Science Fiction gibt. Die chinesische Science Fiction wurde durchaus durch westliche Science Fiction beeinflusst, vielleicht versucht sie auch, sich abzugrenzen, um eine andere Perspektive zu eröffnen, so wie es beispielsweise Xia Jia gemacht hat, die einen ganz eigenen Stil entwickelt hat, der ins Fantastische geht. Wie in der westlichen Science Fiction gibt  es aber auch Hard Science Fiction, in der die Dinge, die es jetzt schon gibt, einfach nur ins Extrem gesteigert werden, zum Beispiel von Cixin Liu, Liu Yang oder Jiang Bo.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Motiven wie dem Drachenpferd von Xia Jia dachte ich an ein altes aus der europäischen Mythologie stammendes Motiv, den Hippogryphen, den es schon bei Ariost im „Orlando Furioso“ als Reittier gibt, mit dem der Ritter Astolfo auf den Mond reist, um dort all den verlorenen Verstand von Menschen in Flaschen aufgezogen vorzufinden. Der Hippogryph hat es ja dann auch in die Harry-Potter-Welt geschafft. Nun gibt es auch in der chinesischen Mythologie eine Menge Fabelexistenzen.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Es gibt immer wieder enge Bezüge zur chinesischen Mythologie. Wir versuchen in der „Kapsel“, die Bezüge zur chinesischen Kultur zu erklären. Das Drachenpferd von Xia Jia verlässt irgendwann seinen Körper und fliegt in die Welt der Götter. Gu Shi zitiert klassische chinesische Gedichte. Die klassische chinesische Literatur wird in Form von Zitaten oder von bestimmten Personen immer wieder aufgegriffen, nicht nur bei Gu Shi, und vor allem neu interpretiert oder kreativ umgedeutet. Ich bin daher sehr froh, dass Chong und Felix dies mit ihrer Kompetenz erklären und kommentieren können. Bei „Zhurong auf dem Mars“ haben die beiden gegeneinander kämpfenden künstlichen Intelligenzen die Namen der Götter Zhurong und Gonggong. Zhurong ist Gott des Feuers, Gonggong Gott des Wassers (Zhurong war übrigens auch der Name des chinesischen Marsrovers). Bei der Übersetzung gab es eine Herausforderung: Regina Kanyu Wang verwendet für Zhurong ein geschlechtsneutrales Pronomen und für Gonggong ein Pronomen, das im Chinesischen üblicherweise für Tiere und Gegenstände genutzt wird. Wir haben uns in der Übersetzung für das weibliche Pronomen entschieden, weil „künstliche Intelligenz“ in der deutschen Sprache den weiblichen Artikel hat. Die Götter aus der Geschichte haben in der chinesischen Mythologie allerdings ein männliches Geschlecht.</em></p>
<div id="attachment_7644" style="width: 208px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/306-im-ozean-ein-mutterschiff-9783875128611.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7644" class="wp-image-7644 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-400x607.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-600x911.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-768x1166.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-800x1215.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1012x1536.jpg 1012w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1200x1822.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-1349x2048.jpg 1349w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gu-Shi-Erzaehlungen-MaroVerlag-Cover-Sebastian-Vogt-scaled.jpg 1686w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" /></a><p id="caption-attachment-7644" class="wp-caption-text">Cover: Sebastian Vogt. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir hat die Erzählung „Die letzte Datei“ von Gu Shi sehr gefallen, eine Erzählung, in der es um eine Technologie geht, mit der man sich in eine andere Zeit versetzen kann: <em>„Der technische Fortschritt hatte dafür gesorgt, dass der Raum biegsam wurde. Entfernungen definierten sich nun nicht mehr durch die eigentliche Strecke, sondern durch die für ihre Überwindung benötigte Zeit. ‚Von Peking nach New York in nur einer Stunde‘, hieß es in einem Werbespot.“</em> Es gibt ein Unternehmen, das dies organisiert: <em>„Bereust du etwas? Wähl Timeline!“</em> Es gibt die Möglichkeit, <em>„dass ihr für den Rest eures Lebens an der Welt der anderen teilhaben könnt, vorausgesetzt ihr schließt mit euren Freunden einen Vertrag zum gemeinsamen Speichern ab.“</em></p>
<p>Bei Regina Kanyu Wang in „Zhurong auf dem Mars“ erleben die künstlichen Intelligenzen Empathie wie reale Menschen auch. Sie denken über Leben und Tod nach. Am Schluss der Erzählung lesen wir: <em>„Kurz vor ihrem Ende erlangte Zhurong die Antwort auf ihre Frage. Wenn sie jetzt starb, musste sie also doch gelebt haben.“ </em></p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Mir hat die Idee sehr gefallen, eine KI auf dem Mars auf Sinnsuche zu schicken. </em> <em>Jede Geschichte hat für sich selbst eine große Kraft. Bei Xia Jia gibt es die Geschichte eines Arztes, der sehr krank ist und einen Roboter einsetzt, um seinen Patient:innen zu helfen. Er holt sie zu sich, um sie dann aus dem Bett heraus mit dem Roboter zu behandeln. Das ist natürlich irgendwie auch fast schon romantisch. Diese Geschichte hat Xia Jia ihrem Großvater und der älteren Generation gewidmet, weil sie fand, dass diese ihr gezeigt haben, dass das Leben so nah am Tod nichts ist, vor dem man sich fürchten muss. Ich will damit zeigen, dass die Autor:innen sehr viel von sich selbst in die Geschichten hineinstecken, sodass man auch ein anderes Bild von China bekommt, obwohl viele Autor:innen sagen, dass es nicht ihre Absicht ist, Wissen über China zu vermitteln. In China machen sich Menschen ebenfalls Gedanken über Armut und Reichtum, Städteplanung und Klimawandel, Feminismus, Gesundheit, Leben und Tod, alles Fragen, mit denen auch wir uns in Deutschland, in Europa befassen.</em></p>
<h3><strong>Gedankenspiele der Zukunft </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Spiel mit Raum und Zeit scheint mir in den von Ihnen veröffentlichten Texten immer wieder thematisiert zu werden. Ein experimentierfreudiges Genre, eigentlich daher auch ein philosophisches Genre. Das spiegelt sich nicht zuletzt in der weltweiten Anerkennung. <a href="https://nebulas.sfwa.org/">Nebula Award</a>, <a href="https://www.thehugoawards.org/">Hugo Award</a> und manches mehr.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Die Geschichten sind einfach toll. Den Hugo Award gewonnen haben zum Beispiel Cixin Liu, Hao Jingfang für </em><a href="https://literaturschock-forum.de/forum/thread/49261-hao-jingfang-peking-falten/"><em>„Peking falten“</em></a><em>. Gu Shi und Regina Kanyu Wang waren in den vergangenen zwei Jahren nominiert.</em></p>
<p><em>Ich bin nicht der absolute Science-Fiction-Nerd. Mich interessiert die philosophische Ebene. Science Fiction setzt sich meist mit der Gegenwart auseinander. Man kann aber in andere Welten hineinschauen und sich mit den Ideen anderer auseinandersetzen. Es gibt immer wieder die nicht-menschliche Perspektive, die Perspektive einer KI, ebenso wie menschliche Perspektiven, oft im Wechsel zueinander. All das hatte ich vor meiner Entdeckung der chinesischen Science Fiction so noch nicht gelesen. Es ist experimentierfreudig, spielt mit den Formen.</em></p>
<div id="attachment_5905" style="width: 206px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.maroverlag.de/kapsel/283-kapsel-06-zhurong-auf-dem-mars-9783875128598.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5905" class="wp-image-5905 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6-200x307.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Kapsel_6.jpg 304w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-5905" class="wp-caption-text">Cover: Marius Wenker. Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>An der chinesischen Science Fiction interessiert mich gerade auch der Alltagsbezug. Die Technologie ist einfach da und man schaut, wie man damit umgeht und passt sich an. Regina Kanyu Wang sagte im Interview, das wir in „Kapsel Nr. 6“ abgedruckt haben: „Technologien wie das Internet und Smartphones sind ein untrennbarer Teil von vielen von uns geworden und haben unser Leben und sogar unser Denken dramatisch verändert. Von Herzschrittmachern über mechanische Prothesen bis hin zu Gehirn-Computer-Schnittstellen haben kybernetische Veränderungen am menschlichen Körper Einzug in unseren Alltag gefunden. Wie kann man da noch eine klare Grenze zwischen Technik und Natur, zwischen organisch und anorganisch ziehen?“ </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte aus dem Dystopischen etwas Utopisches ableiten. Ich sehe auf jeden Fall, dass die chinesische Science Fiction in der Lage ist, uns eine ganze Menge Denkanstöße zu liefern, in etwa das, was Ursula K. Le Guin mit <em>„Speculative Fiction“</em> meint.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Genau das ist unser Ziel: Wir wollen Denkanstöße liefern. Die Idee der „Kapsel“ war, Themen zu präsentieren, die in meiner Generation eine wichtige Rolle spielen. Manche interessieren sich nicht so sehr für das Morgen. Aber durch den technischen Fortschritt geschieht so viel, das wir um das Morgen gar nicht herumkommen. Das sollte uns doch anregen, uns mit Fragen zu befassen, was geschieht, was sich entwickelt, wenn Roboter oder Algorithmen die Arbeit übernehmen, welche Möglichkeiten es gibt. Hat man in Zukunft als Mensch mehr Freizeit, mehr Zeit zum Philosophieren? Oder was geschieht mit unserem Wohlstand? Da passiert so viel, aber die Fragen nach der Verteilung des Wohlstands werden kaum gestellt. Und was bleibt vom Menschen in einer hoch technologisierten Welt noch übrig? Das ist ein zentrales Thema der Autor:innen unserer „Kapsel“.</em></p>
<p><em>Bei Gu Shi haben wir das auf dem Klappentext festgehalten: „Die chinesische Autorin und Stadtplanerin Gu Shi verwebt Zukunftsvisionen mit existenziellen Fragen. Ihre Figuren bewegen sich in Szenarien, in denen technologische Durchbrüche Verluste markieren – an Fantasie, an Autonomie, an Menschlichkeit – aber auch vielfältige Möglichkeiten versprechen.“ Es muss ja nicht die Welt untergehen, es könnte auch alles einfach nur schön werden. </em></p>
<p><em>So bin ich an die chinesische Science Fiction herangegangen. Ich dachte auch daran, dass China uns in manchen technologischen Dingen so weit voraus ist, auch im Einsatz von Technologie im Alltag. Wie sehen dort die Menschen die Zukunft? Es ging uns darum, Ideen zu sammeln. Die philosophische Dimension ist das, was mich an Literatur so begeistert. Es ist die Suche nach Gedankenspielen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein solches Gedankenspiel ist die Erzählung „Der Algorithmus der Artifiziellen“ von Chi Hui. Es gibt in dem asiatischen Mian-City im Jahr 2042 nur 2248 <em>„Echte“</em> und 11,26 Millionen <em>„Artifizielle“</em>, weltweit 7,2 Milliarden <em>„Artifizielle“</em> und 1,44 Millionen <em>„Echte“</em>, <em>„nur 127 von ihnen kennen die Wahrheit über diese Welt.“ </em>Ein Einstieg, der unwillkürlich an die „Matrix“-Filme der Wachowskis denken lässt. Am Schluss stellt sich die Frage, ob man überhaupt noch <em>„Echte“</em> braucht. Wozu sind wir Menschen noch gut? Oder geht von uns die eigentliche Gefahr aus? <em>„Wenn sich ein Mensch in einer Illusion verloren hat und nicht mehr weiß, wen er hassen soll, dann wird er alles hassen. Wenn die Freiheit durch die Umstände zerstört wird, wird er alles zerstören wollen … wie bei Pharells Eltern hat der Algorithmus die Gewaltbereitschaft nicht wirklich eliminiert, im Gegenteil, er hat die manischen Ausprägungen der Echten verdoppelt.“ </em>Die Utopie der <em>„Artifiziellen“</em> und die Dystopie der <em>„Echten“</em> – eine versöhnliche Perspektive scheint es da nicht mehr zu geben.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>In Chi Huis Geschichten gibt es immer eine Außenseiterfigur, die sich gegen irgendetwas behaupten muss. Dazu passt diese Textstelle, die Sie eben zitiert haben. Chi Hui lässt darin ihren gesamten Frust über die Menschheit, wie sie sie erlebte, heraus. Chi Hui lebt heute als freischaffende SF-Schriftstellerin alleine mit ihrer Katze in Chengdu. Das komplette Gegenmodell. </em></p>
<p><em>Vielleicht entsteht mit all diesen Geschichten ein Anlass für einen größeren Austausch. Deshalb versuchen wir in der „Kapsel“ auch immer Leute zu gewinnen, die die Texte kommentieren, wir haben Interviews und Hintergrundinformationen, Fußnoten mit Erklärungen, um beim Textverständnis zu helfen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hier haben Sie ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Verlagen. Ihre Art der Kombination verschiedener Genres rund um einen Text beziehungsweise eine:n Autor:in ist sehr gelungen. Und das alles zu einem sehr verträglichen Preis. Man bekommt für 15 EUR pro „Kapsel“ eine Menge geboten. Dazu all die anspruchsvollen Zeichnungen und Bilder, die man sich im Detail nicht lange genug anschauen kann. Das gilt für die Zeitschrift wie für die Bücher und ist im Übrigen auch ein Alleinstellungsmerkmal des MaroVerlags, das ich immer gerne betone.</p>
<p><strong>Lukas Dubro</strong>: <em>Danke. Das freut mich sehr. Es ist einfach eine Einladung, ein Genre und ein Land und dazu viele spannende Autor:innen zu entdecken, die sonst wahrscheinlich niemand entdecken würde.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 10. November 2025, Titelbild: Gruppenfoto in Shanghai, vorne links Xia Jia, vorne rechts Regina Kanyu Wang, der junge Mann mit der gelben Kappe ist Marius Wenker. Foto: Kapsel.)</p>
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		<title>Visionen wagen</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/visionen-wagen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Nov 2025 10:54:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Visionen wagen! Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society „Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ (Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage) Lino Alexander Zeddies sieht sich auf seiner Internetseite als „Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“. Er wurde im  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Visionen wagen!</strong></h1>
<h2><strong>Lino Zeddies und der Think Tank Reinventing Society </strong></h2>
<p><em>„Utopien dürfen keine dogmatischen Visionen, keine fertigen Blaupausen sein, sondern inspirierende Denkanstöße, Diskussionsgrundlagen, Angebote.“ </em>(Lino Alexander Zeddies, in: Utopia 2048, Selbstverlag, 2020, fünfte Auflage)</p>
<p>Lino Alexander Zeddies sieht sich <a href="https://linozeddies.de/">auf seiner Internetseite</a> als <em>„Gesellschaftsentwickler, Autor und Zukunftsbegleiter für eine regenerative Zukunft“</em>. Er wurde im Jahr 1990 in Hannover geboren und hat in Berlin Volkswirtschaftslehre studiert. Er ist eine:r der Gründer:innen des Think Tanks <a href="https://www.realutopien.de/">„Reinventing Society“</a>. Im Münchner oekom-Verlag hat Reinventing Society im Jahr 2024 den Band <a href="https://realutopien.info/zukunftsbilder-2045/">„Zukunftsbilder 2025“</a> veröffentlicht, der im Demokratischen Salon in dem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">„Mehr Anti-Dystopien wagen“</a> vorgestellt worden ist. Im Jahr 2020 veröffentlichte Lino Zeddies im Selbstverlag den Roman „Utopie 2048“, ein Buch an der Grenze zwischen Roman und Sachbuch, das inzwischen seine fünfte Auflage erreicht hat.</p>
<div id="attachment_7617" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7617" class="wp-image-7617 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Lino-Zeddies-Foto-Jacqueline-Schulz-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7617" class="wp-caption-text">Lino Alexander Zeddies, Foto: Jacqueline Schulz.</p></div>
<p>Die zentrale Frage lautet: <a href="https://www.realutopien.de/unser-warum/">Wie schaffen wir eine zukunftsfähige Welt?</a> Anders gefragt: Wie können wir erreichen, dass die schon im Jahr 1992 in der in Rio de Janeiro von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossenen <a href="https://www.bmz.de/de/service/lexikon/agenda-21-13996">Agenda 21</a> enthaltenen Ziele auch tatsächlich umgesetzt werden? Es gab eine Vielzahl konkretisierender Beschlüsse, aber auch immer wieder mächtige Widerstände, Rückzüge und Rückschläge, die wir in den vergangenen inzwischen über 30 Jahren erleben mussten, zuletzt den neuerlichen Ausstieg der USA aus den in Paris im Jahr 2015 vereinbarten Klimaabkommen. Klimaschutz und Artenschutz, der Schutz der Meere, die Reduzierung von Plastikmüll, der Schutz indigener Völker – all dies wird immer wieder von politisch maßgeblichen Akteuren in Frage gestellt. Doch Resignation ist der falsche Weg. <a href="https://www.realutopien.de/unser-warum/">In einem Video-Crashkurs</a> hat Lino Zeddies seine Vorschläge zusammengefasst: Beeindruckend ist die von ihm und seinen Mitstreiter:innen gepflegte Verbindung von Ökologie und Ästhetik, sodass Nachhaltigkeit eine kulturelle Perspektive erhält, die sich wiederum auf gesellschaftliche Entwicklungen auswirken sollte.</p>
<h3><strong>Reinventing Society – die Organisation</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würden Sie „Reinventing Society“ beschreiben? Als Nicht-Regierungsorganisation? Als Thinktank? Als Unternehmen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Vielleicht von allem ein bisschen. Wir haben uns im Jahr 2020 gegründet, auch inspiriert von dem Buch </em><a href="https://www.beck-shop.de/laloux-reinventing-organizations/product/34267343"><em>„Reinventing Organisations“</em></a>. <em>Wir haben den darin enthaltenen Grundgedanken, dass es eine neue Evolutionsstufe für Organisationen geben muss dahingehend weiterentwickelt, dass es auch eine neue Evolutionsstufe von Gesellschaft und Kultur braucht, für die Art und Weise, in der wir uns koordinieren und strukturieren. Es war von Anfang an unser Anspruch, auf unserer kleinen Ebene das zu leben, wofür wir auch im Großen an Werten und Prinzipien stehen wollen. Das ist ein sehr systemischer Ansatz mit der Ausrichtung auf das Positive, auf Lösungen. Wie können wir ins Neue vorangehen statt nur am Alten herumzunörgeln? </em></p>
<p><em>Wir haben Reinventing Society zu siebt als gemeinnützigen Verein gegründet und seit dieser Zeit viel erlebt und erforscht. Von den sieben sind jetzt noch drei dabei. Eine von uns, </em><a href="https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/B/beck_katharina-1043580"><em>Katharina Beck</em></a><em>, wurde über die Hamburger Landesliste für Bündnis 90 / Die Grünen in den Bundestag gewählt und hat eine Kollegin als Mitarbeiterin mitgenommen. Ein Kollege ging in ein Auslandssemester, eine Kollegin hat mit ihrem Freund ein eigenes Unternehmen mit einer ähnlichen Ausrichtung gegründet. Andere sind hinzugekommen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sind Sie mit anderen Think Tanks oder Organisationen vernetzt, die ähnliche Ziele verfolgen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir kooperieren mit vielen Organisationen. Ich nenne beispielsweise die </em><a href="https://pioneersofchange.org/"><em>Pioneers of Change</em></a><em> aus Österreich. Wir sind aber keine klassische Nicht-Regierungsorganisation, sondern eher Teil eines Netzwerks. Unser Alleinstellungsmerkmal sind die Visionsbilder und das Experimentelle in unserem Ansatz. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie die Möglichkeit, Ihre Visionen auch in politischen Öffentlichkeiten vorzustellen, beispielsweise in Berlin, in Brüssel, in Wien?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Unser Bildband „Zukunftsbilder 2045“ hatte – auch dank des oekom Verlages – eine große Reichweite. Meine Kolleg:innen und ich sind auch viel auf verschiedenen Tagungen unterwegs, auf denen wir Impulsvorträge halten oder Arbeisgruppen leiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bleibt zur Einführung die Frage nach der Finanzierung.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir finanzieren uns mit einem bunten Mix aus Spenden, über Förderanträge, Teilnahmebeiträge aus Seminaren, Honoraren für Vorträge, Tantiemen für die Bücher und Aufträge aus Städten.</em></p>
<h3><strong>Es gibt nicht die eine Lösung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe gewagt, meine Besprechung Ihres Buches „Zukunftsbilder 2045“ mit einer Studie über Horrorromane und Horrorfilme einzuleiten und dann ihre Zukunftsvisionen als Gegenbild vorgestellt. Sie haben schon in Ihrem Roman „Utopia 2048“, der vor der Gründung von „Reinventing Society“ erschien, geschrieben, dass Utopien keine <em>„dogmatische Vision“</em> sein dürften, sondern Anstoß für einen offenen Prozess. Sie wollen Denkanstöße entwickeln.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Utopien sind eine Einladung und es wäre eigentlich wichtig, dass wir in unserer Gesellschaft eine Art Visionsministerium hätten, über das wir kollektiv Visionen entwickeln und verhandeln. Das geschieht aktuell ein kleines Stück weit über Wahlen und über Parteien, aber die wenigsten Parteien haben Visionen. Sie haben Grundwerte, für die sie einstehen, aber diese sollte man nicht mit Visionen verwechseln, wie die Zukunft aussehen und gestaltet werden könnte. Es fehlt an größeren Gesellschaftsentwürfen. Aber genau diese bräuchten wir eigentlich. Wir müssen uns allerdings immer darüber im Klaren sein, dass es nicht <u>die</u> Lösung für alle gibt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist es nicht eigentlich der Sinn und die Aufgabe von Parteien, Visionen zu entwickeln, wie die Welt ausschauen könnte?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das wäre ihre Aufgabe, aber de facto tun sie es nicht. Wir erleben immer wieder ein sehr kurzfristiges von den Medien getriebenes Gekämpfe um politische Macht, ein kurzfristiges Durchwurschteln. Ich habe in den letzten Jahren bei diesem permanenten Krisenmodus, in dem Politik geschieht, das Gefühl, dass es primär darum geht, mit dem Schiff nicht unterzugehen. Aber wo ist der sichere Hafen, über den wir aus dem Sturm herauskommen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre dann Ihr Ziel. Sie wollen, dass Visionen entwickelt werden, die dann auch von den politisch verantwortlichen Menschen, von den Parteien, von den Regierungen, bedacht werden.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Im Idealfall. Das eine ist natürlich die Vision, das andere der Weg dahin, die Transformationsbegleitung. Wir müssen die Visionen auch herunterbrechen, darüber nachdenken, wie wir Menschen inspirieren können, ermutigen, bestärken. Wir erforschen eben auch, <u>wie</u> dies möglich werden könnte. Wir hatten zuletzt eine größere Veranstaltung zum Thema durchgeführt, in der es darum ging, wie lebendige Führung aussehen könnte, wie Macht und Organisationsstrukturen, Kulturpraktiken funktionieren. Wir sehen uns hier auch als Pioniere. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer kommt in Ihre Seminare, Ihre Veranstaltungen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das sind sehr unterschiedliche Menschen. Wir bieten unterschiedliche Formate an. Wir haben beispielsweise Workshops für Interessierte aus dem kommunalen Bereich, städtische Akteure aus Stadt- und Gemeindeverwaltungen, in den Kommunen politisch aktive Leute aus den Räten. Es gibt jedoch auch andere Formate, zu denen einfach interessierte Menschen kommen, die sich für ähnliche Visionen wie wir begeistern, Wandel vorantreiben wollen und Gleichgesinnte suchen, mit denen sie neue Visionen, neue Methoden entwickeln können. </em></p>
<h3><strong>Über Nachhaltigkeit hinausdenken</strong></h3>
<div id="attachment_7619" style="width: 444px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7619" class="wp-image-7619" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-300x225.jpg" alt="" width="434" height="326" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Frankfurt-Hauptwache-Zukunftsbild-2045-www.realutopien.info_.max_c-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 434px) 100vw, 434px" /><p id="caption-attachment-7619" class="wp-caption-text">Frankfurt am Main, Hauptwache. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/render-vision/">Render Vision</a>. Quelle: www.realutopien.de.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei den Visionen, die Sie veröffentlicht haben, sind mir vor allem zwei Dinge aufgefallen. Zum einen sind diese Visionen unserer Städte und Gemeinden sehr grün. Es gibt viele Pflanzen, Bäume, Räume, in denen man Schatten findet. Zum zweiten sind ihre Visionen eher städtisch.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Unsere Konzentration auf Städte hat einen pragmatischen Grund. Wir wollen Visionen für möglichst viele Menschen schaffen. Eine Graphik zu Hamburg erreicht dann natürlich viel mehr Menschen als eine Graphik für eine eher kleine Gemeinde mit etwa 1.000 Einwohner:innen. Wir haben natürlich auch dörfliche Strukturen aufgenommen und ländliche Graphiken erstellt. Wenn ich aber beispielsweise die Lüneburger Heide nehme, ist es schwerer, eine Vorher-Nachher-Graphik zu machen, weil dort bereits viel Natur ist – bei städtischen grauen Betonwüsten ist der Kontrast eindrücklicher. Aber es ist auch eine Frage der Auftraggeber. Wer kann den Auftrag bezahlen, eine solche Zukunftsgraphik zu entwickeln? Das erforderliche Budget haben dann doch eher die größeren Städte.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das pragmatische Argument kann ich gut verstehen. Andererseits gibt es viele ländliche Räume, die nur scheinbar ökologisch intakt sind, die jedoch weitgehend ausgeräumt sind, durch Intensivlandwirtschaft, durch über die Jahrzehnte und Jahrhunderte erfolgte Rodungen.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das stimmt. Es ist bei ländlichen Räumen einfach schwieriger, einen Wow-Effekt zu erzeugen. Wenn man eine Vorher-Nachher-Graphik für eine Stadt erstellt, ist dieser einfach größer. Wenn ich beispielsweise ein renaturiertes Bergbaugebiet zeige, sieht man etwas Wald, einen See, aber das sehen viele Menschen als Natur und eben nicht als etwas Besonderes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht als Anregung: In manchen Wäldern hat der Borkenkäfer gewütet. Wenn man sich solche Wälder anschaut, wäre ein Wow-Effekt mit einer Renaturierung sicherlich erzeugbar.</p>
<p>Sie werben für eine <em>„regenerative Kultur“</em>. Sie werben dafür, dass wir uns auf die Ressourcen beschränken, die grundsätzlich erneuerbar sind. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird dieses Thema oft auf die Energieversorgung reduziert.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir wollen mehr. Wir wollen auch über Nachhaltigkeit hinausdenken. In der öffentlichen Diskussiongeht es hauptsächlich darum, Schaden zu verringern, Schaden zu vermeiden und„klimaneutral“ zu werden. Wir finden, dass wir das Ganze auch positiv wenden können. Was ist das größte Potenzial von uns Menschen auf diesem Planeten? Wie können wir zu mehr Lebendigkeit, zu mehr Biodiversität, zu mehr Schönheit beitragen? Wie können wir uns wieder in den Kreislauf der Ökosysteme einfügen, sodass wir nicht wie Parasiten leben, sondern symbiotisch mit der Natur, sodass unser Leben, unser Verhalten auf eine gesunde Weise allen dient? Dies ist bei vielen Tieren der Fall. Zu Wölfen gibt es eine interessante Studie nach Wiederansiedelung im Yellowstone Park in den USA. Alles wurde wieder lebendiger, weil sie manche Tiere dezimieren, die Bäume und Hecken zerstören. Es gibt wieder mehr Schmetterlinge, die Flüsse wurden kraftvoller. Das gesamte Ökosystem wurde in ein besseres Gleichgewicht gebracht. Man denkt vielleicht zunächst, dass die Wölfe nur andere Tiere entnehmen, aber offenbar schaffen sie insgesamt einen gesunderen Platz und tragen zu mehr Lebendigkeit bei. Indigene Völker wissen, wie sie sich in der Natur bewegen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Brandenburg oder in Niedersachsen gibt es inzwischen zahlreiche Wolfsrudel, zunehmend auch in anderen Bundesländern. Diskutiert werden sie jedoch vor allem als Bedrohung für die Schafe und andere Weidetiere, auch für die Menschen. Und damit sind wir bei oft massiven und sehr emotional geführten Konflikten. In Ihren Büchern beschreiben Sie Strukturen, in denen solche Konflikte verhandelt werden können, bis hin zu einem Weltparlament, das Sie in „Utopia 2048“ in Singapur angesiedelt haben. Zurzeit geht es allerdings in der Politik eher in die andere Richtung.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es ist nicht so einfach, solche Konflikte mit unseren gewohnten Denkstrukturen in Einklang zu bringen. Wir erlauben uns, einfach auch einmal zu träumen, was denkbar, was schön wäre, was wir uns einfach einmal vorstellen dürfen sollten. Viele Errungenschaften der Vergangenheit waren ja auch erst einmal Träume und Visionen. Sie erschienen weltfremd, aber jemand wagte es, sie aufzuschreiben und an ihrer Verwirklichung zu arbeiten. In unseren Workshops trainieren wir sozusagen den Visionsmuskel. Wie können wir die neuen Welten, die wir denken, auch in uns kultivieren?</em></p>
<div id="attachment_7655" style="width: 443px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7655" class="wp-image-7655 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-300x225.jpg" alt="" width="433" height="325" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-600x449.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-768x575.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-800x599.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1024x767.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1200x899.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Dresden-Schwammstadt-2045-Reinventing-Society-loom_mit-zahlen-1536x1151.jpg 1536w" sizes="(max-width: 433px) 100vw, 433px" /><p id="caption-attachment-7655" class="wp-caption-text">Dresden, Postplatz. Reinvention Society. Artist: <a href="http://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle: www.realutopien.de</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber wie werden solche Visionen mehrheitsfähig? Muss es erst zu einer Katastrophe kommen? In dem Szenario „Zukunftsbilder 2045“ kommt es Ende der 2020er, Anfang der 2030er Jahre erst einmal zu einem ökonomischen und ökologischen Kollaps. Erst dann besinnen sich die Menschheit beziehungsweise ihre politischen Repräsentant:innen und ändern ihren Kurs. Dieser Gedanke brachte mich übrigens auf die Idee, die Vorstellung Ihres Buches mit einem Rekurs auf das Horrorgenre einzuleiten.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Ich denke zyklisch. Das wirtschaftliche, gesellschaftliche, politische System, das wir zurzeit haben, liegt im Sterben. Ich glaube nicht, dass wir die derzeitigen Probleme mit diesem System lösen können. Wir brauchen ein großes System-Update. Das alte System muss sterben und Raum schaffen, damit Neues geboren werden kann. Der nächste Frühling erfordert, dass zuvor Herbst und Winter kommen, alte Pflanzen sterben, damit neue Pflanzen sprießen. Wir haben aber als Kultur eine ganz schwierige Beziehung zum Sterben, zum Nichtstun, dazu, etwas einfach geschehen zu lassen. Ich glaube, es wird auf jeden Fall ein Winter kommen. Jede Gesellschaft ist irgendwann einmal untergegangen. Auch unsere wird einmal untergehen und Raum schaffen für etwas Neues. Die Frage ist, ob wir uns dem Prozess hingeben können oder ob wir es schaffen, unser System etwas runterzufahren, wie zum Beispiel Tiere im Winterschlaf, und uns die Chance geben, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wir könnten weniger reisen, anders konsumieren und so Raum für etwas Neues schaffen. Oder beharren wir auf dem Konsumniveau, auf dem wir uns zurzeit befinden? Wenn wir das tun, wird die Krise immer unangenehmer. Ein Baum kann auch nicht einfach seine Blätter festhalten, wenn der Herbst kommt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gegenwärtig habe ich den Eindruck, dass sich manche genau so verhalten wie Sie beschreiben, geradezu zwanghaft.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Gegenwärtig ja, aber es ist auch eine individuelle Entscheidung. Nehme ich die Veränderungen an? Gebe ich mich den Veränderungen hin? Oder bereite ich mich auf Veränderungen hin?</em></p>
<h3><strong>Experimente mit der Unsicherheit</strong></h3>
<div id="attachment_7656" style="width: 444px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7656" class="wp-image-7656 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-300x225.jpg" alt="" width="434" height="326" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Neumarkt-Marktplatz-2045-Reinventing-Society-loomn-CC-BY-NC-SA-4.0_Stephan-Dierlamm_klein_mitCredits-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 434px) 100vw, 434px" /><p id="caption-attachment-7656" class="wp-caption-text">Neumarkt in der Oberpfalz. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle:  www.realtuopien.de</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurzeit haben wir den Trend einflussreicher Politiker:innen, das Alte zu glorifizieren und alles zu tun, damit sich nur ja nichts ändert. Das ist meines Erachtens ein Problem der Politik, weniger der Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft sähe, dass die Politik verlässlich handelt und nicht alle paar Monate die Parameter ändert, indem eine Förderung für beispielsweise regenerative Energien mal erhöht, mal reduziert, mal sogar ganz gestrichen wird. Das ist nur ein Beispiel für viele. Und den Bürger:innen geht es genau so. Was gilt denn jetzt? Was gilt morgen?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das Festhalten am Alten schafft Leid, Anstrengungen und Kampf. Es wäre viel einfacher, wenn wir mehr loslassen könnten. Aber die Angst vor Kontrollverlust ist enorm. Niemand weiß, was geschieht, wenn sich die Dinge radikal ändern. Das ist radikale Unsicherheit. Wir können nicht wissen, wie die Welt in fünf, in zehn oder in hundert Jahren aussieht, aber es fällt vielen schwer anzuerkennen, dass das nicht vorhersehbar ist. Daher auch der vorherrschende Modus des Beharrens auf dem, was man aus der Vergangenheit zu kennen glaubt.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie werden solche Fragen, wie wir sie eben angesprochen, in Ihren Workshops diskutiert?</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es gibt nicht <u>den</u> Workshop, wir haben unterschiedliche Formate. Es gibt zunächst Formate, in denen es darum geht, Methodenwissen zu entwickeln. Wir hatten gerade auch einen experimentellen Summit, in dem es darum ging, Führung, Macht und Wandel zu erforschen, auch kollektive Führung unter Unsicherheit. Dazu haben wir Pläne losgelassen und teilweise sogar die Moderation weitgehend zurückgenommen, um zu erforschen, was entsteht, wenn wir die Kontrolle abgeben und den Raum sich selbst überlassen. Das Ziel war, auch eine Form der Selbstführung zu ermöglichen: Was spüren wir gemeinsam? Was wollen wir tun? Was ist in diesem Moment lebendig? Dazu haben wir auf jegliche Planung verzichtet und einen offenen Raum entstehen lassen.</em></p>
<p><em>Der äußere Rahmen hätte dafür kaum besser sein können: ein wunderschöner Ort, volle Kühlschränke, inspirierende Menschen – alles, was man sich wünschen kann, um sichere Bedingungen für Veränderung zu schaffen. Und dennoch: Viele Teilnehmer:innen, die sich eigentlich leidenschaftlich für gesellschaftlichen Wandel einsetzen, waren von dieser Offenheit tief verunsichert. Schon ein einziger Tag ohne klare Struktur genügte, um große Unsicherheit auszulösen.</em></p>
<p><em>Anschließend ging es darum, dies zu reflektieren. Dazu brauchten wir psychologische Unterstützung, wir hatten ein Emotional Support Team engagiert, Expert:innen, die die Leute aufgefangen haben. Das war auch unbedingt nötig. Das psychologische Team war im Dauereinsatz.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Hilflosigkeit, die die Teilnehmer:innen Ihres Workshops erlebten, spiegelt meines Erachtens sehr gut die aktuelle politische Lage in vielen Ländern angesichts der verschiedenen Krisen. Manche ziehen sich zurück in eine Art Cocooning, das nichts Krisenhaftes mehr an sich heranlässt, andere radikalisieren sich.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir waren eine Mikrogesellschaft, in der Tat ein Spiegel der Makrogesellschaft. Manche Teilnehmenden fanden das super, weil sie jetzt machen konnten, was sie wollten. Andere hatten das Bedürfnis nach Sicherheit. Es war der klassische Zielkonflikt zwischen Freiheit und Sicherheit; Neues wagen oder an Bewährtem festhalten? Nur ja nicht zu schnell die Veränderung wagen! Es war möglich, diesen Konflikt wiederum in sich selbst zu beobachten, für alle Teilnehmer:innen, jede:r für sich. Kann ich in der Gruppe jetzt einen Vorschlag machen? Darf ich das? Überfordere ich die anderen? Bekomme ich Ärger? Es war sehr erhellend, sich diese Spannung bewusst zu machen, und das in einem absolut sicheren Setting!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch Thema in Ihren Büchern: „Utopia 2048“ haben Sie zu Beginn der Corona-Pandemie geschrieben, dann mehrfach aktualisiert und überarbeitet. Die Pandemie war eine Ausnahmesituation, in der eigentlich niemand mehr genau wusste, was zu tun war. Es gab viel Trial und Error. Und die Strukturen, die es dann gab, waren in einem hohen Maße autoritäre Strukturen, die wiederum Leute auf den Plan riefen, die selbst höchst autoritär denken, aber meinten, sie würden sich mit ihren Forderungen für die Freiheit einsetzen.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das war rückblickend eine spannende und zugleich sehr unangenehme Phase. Wie unterschiedlich die Leute sie wahrnahmen, hing zu einem Teil auch mit Privilegien zusammen. Wer beispielsweise einen großen Garten hatte, erlebte die Pandemie und die Phasen des Lockdowns anders als jemand, der in einer kleinen Wohnung oder gar in einem einzigen Zimmer gefangen war. Man konnte aber auch merken, dass das Runterfahren eines Systems mit weniger Verpflichtungen, mit dem Home-Office, dem engeren Kontakt in der Kernfamilie, mit den Kindern, neben den unangenehmen Seiten manchen auch Entspannung brachte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den letztgenannten Aspekt sehe ich vor allem bei Menschen der sogenannten upper middle class.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Es hängt eben mit Privilegien zusammen, die die einen haben und die anderen nicht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es sind letztlich soziale Unterschiede, die die unterschiedliche Wahrnehmung bedingen, wie auch bei den anderen Krisen unserer Zeit, zum Beispiel der Frage nach der Energieversorgung oder einer nachhaltigen Landwirtschaft.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir können das nicht voneinander trennen. Wir können großen Teilen der Bevölkerung nicht sagen, sie müssten jetzt ihr Leben ändern. Viele kann ich nicht dafür gewinnen, sich als Teil des ökologischen Systems zu sehen, wenn ich die sozialen Rahmenbedingungen oder Konsequenzen nicht mit bedenke. Es darf nicht zu einem Entweder-Oder kommen, entweder die Ökologie oder das Soziale. </em></p>
<h3><strong>Realutopien</strong></h3>
<div id="attachment_7657" style="width: 442px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7657" class="wp-image-7657" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-300x225.jpg" alt="" width="432" height="324" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-768x577.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-800x601.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1024x769.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1200x901.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Zukunftsgrafik-Bonn-Beuel-inkl.-CC-klein-1536x1153.jpg 1536w" sizes="(max-width: 432px) 100vw, 432px" /><p id="caption-attachment-7657" class="wp-caption-text">Bonn-Beuel. Reinvention Society. Artist: <a href="https://realutopien.info/artists/loomn/">loomn</a>. Quelle: www.realutopien.de.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Prognosen sind immer schwierig und wir alle sind keine Propheten. Aber wie sehen Sie die Möglichkeiten, die von Ihnen für die Jahre 2045 beziehungsweise 2048 formulierten Ziele bei allen Unwägbarkeiten und Widerständen zu erreichen? Interessant finde ich, dass Ihre Vorschläge eigentlich gar nicht so weit hergeholt sind. Eigentlich gibt es das alles schon, als einzelnes Projekt zum Beispiel, als gute Praxis in der ein oder anderen Kommune, aber eben nur nicht in der Fläche. Vom Urban Gardening über Schwammstädte bis hin zu alternativen Mobilitäts- und Versorgungskonzepten und so manches mehr. Manches wurde real erprobt, manches als Fantasie beschrieben, beispielsweise im <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/solarpunk/">Solarpunk</a>.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Wir haben manches, das es schon gibt, einfach größer gedacht. Wir haben aber auch vieles miteinander verwoben und aus vereinzelten eher unbekannten Lösungen ein systemisches Gesamtgefüge zusammengebaut. Das war der Grundgedanke: Technisch ist das, was wir mit unseren Visionen beschreiben, absolut machbar. Die Lösungen sind technisch alle da, auch das Geld, aber es ist eine Frage des Willens. Das haben wir in der Pandemie festgestellt und im Ukrainekrieg. Wenn der politische Wille da ist, ist auch das Geld da. Wir haben keine irrealen Fantasien entwickelt, basierend auf existierenden Lösungen, die wir als Gesellschaft hochskalieren könnten und die man, wenn man etwas herumreist, auch schon überall beobachten kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit dem Ukrainekrieg und der Pandemie nennen Sie zwei Beispiele, in denen man auf eine von außen ausgelöste Krise reagiert. Das sind keine Beispiele für eine Vision im Sinne Ihrer Zukunftsbilder.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Sie zeigen aber, dass die Verwirklichung unserer Zukunftsbilder möglich wäre. Sie haben natürlich recht, dass die Politik zurzeit sehr reaktiv und kurzfristig agiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir gefällt der von Ihnen verwendete Begriff der <em>„Realutopie“. </em>Seit 2022 gibt es auf Ihrer Internetseite die <a href="https://realutopien.info/">Infothek für Realutopien</a>. Mich erinnert der Begriff an den von <a href="https://ernst-bloch-gesellschaft.de/">Ernst Bloch</a> geprägten Begriff der <em>„konkreten Utopie“</em>. Ein anderer Begriff, den Sie gewählt haben ist der Begriff der <em>„offenen Utopie“</em>. <em> </em></p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Auch dann, wenn man sich auf der großen Ebene Anderes wünscht, haben wir auf der kleinen lokalen Ebene großen Spielraum, den wir nur erkennen müssen. In der Nachbarschaft, auf dem Arbeitsplatz kann man sich eine andere Realität schaffen, eine andere Kultur, wertschätzende Arbeitsverhältnisse aufbauen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, das ist viel Arbeit. Man muss sich Wissen aneignen, recherchieren, welche Realutopien es gibt, wie man sie gestaltet, wie man Beziehungen etabliert und nutzt, um diese Ziele zu erreichen. Wenn man sich auf die Suche begibt, wird man all diese Lösungen finden. Und wenn man sie umsetzt, kann man in der eigenen persönlichen Realität eine Realutopie schaffen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dem will ich nicht widersprechen. Aber ein lokales Projekt ist noch keine umfassende Strukturpolitik.</p>
<p><strong>Lino Zeddies</strong>: <em>Das stimmt. Aber wenn sich viele Menschen die Macht, die sie haben, noch mehr nehmen würden, schaffen viele kleine Realutopien auch eine große Realutopie. Der Grundgedanke ist der, dass sich viele Menschen mit ihren kleinen Realutopien miteinander verbinden und ihre jeweils eigenen Utopien verweben. So entstehen auch Strukturen. Auch wenn es im Großen düster wirkt und Hoffnung verloren geht, muss man sich diese Macht erhalten, damit man nicht ausgeliefert ist. Wenn man dies im Kleinen tut, reibt man sich nicht im Großen auf. Es geht im Grunde auch um das Erlebnis von Selbstwirksamkeit. Utopie bedeutet eigentlich „Unort“. Wir könnten aus Utopia ein Eutopia machen, einen „guten Ort“.   </em><strong> </strong><em> </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. November 2024. Titelbild: Berlin Friedrichstraße Utopia 2048. Artist: Aeeroscape &amp; Lino Zeddies, Quellen: www.realutopien.de sowie Wikimedia Commons, Genehmigung: <a href="https://realutopien.info/visuals/berlin-friedrichstrasse-utopia-2048/">Visual » Berlin Friedrichstraße Utopia 2048</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Archäologie der Zukunft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 14:58:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Archäologie der Zukunft Ein Porträt des Erzählers Jack McDevitt „Die einfache Wahrheit ist, dass der Planet zu klein geworden ist. Nicht für unsere Bevölkerung, sondern für unsere Träume. Wir haben eine Verabredung mit den Sternen.“ (Jack McDevitt, Moonfall, 1998) Der Autor Jack McDevitt schrieb schon in jungen Jahren, entdeckte jedoch erst im Alter von  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Archäologie der Zukunft</strong></h1>
<h2><strong>Ein Porträt des Erzählers Jack McDevitt </strong></h2>
<p><em>„Die einfache Wahrheit ist, dass der Planet zu klein geworden ist. Nicht für unsere Bevölkerung, sondern für unsere Träume. Wir haben eine Verabredung mit den Sternen.“ </em>(Jack McDevitt, Moonfall, 1998)</p>
<p>Der Autor <a href="https://www.jackmcdevitt.com/">Jack McDevitt</a> schrieb schon in jungen Jahren, entdeckte jedoch erst im Alter von 45 Jahren, als Sechzigjähriger, sein Talent. Er hatte zwar schon als Neunzehnjähriger im Jahre 1954 an einem „Freshman Short Story Contest“ des LaSalle Colleges teilgenommen und diesen sogar mit der Story „A Pound of Cure“ gewonnen, war jedoch nachdem er „David Copperfield“ gelesen hatte der Meinung, dass sein Talent angesichts der Werke eines großen Schriftstellers wie Charles Dickens nicht bestehen könne. In den nächsten 25 Jahren schrieb er keine Fiction mehr.</p>
<p>McDevitt wurde in 1935 in Philadelphia geboren. Er studierte am La Salle College, schloss im Jahre 1957 mit einem BA ab. Er setzte sein Studium an der Wesleyan University fort, wo er im Jahre 1971 den Master für Literatur erwarb. Jack McDevitt wollte Journalist werden und bewarb sich beim „Philadelphia Inquirer“ und bei der „Washington Post“, wurde aber nicht eingestellt. Deshalb begann er eine wechselhafte Berufslaufbahn als Taxifahrer, Motivationstrainer, Soldat, Zollbeamter und Lehrer. Er unterrichtete von 1963 bis 1973 Englisch, Geschichte und Theater. Von 1973 bis zum Eintritt ins Pensionsalter im Jahre 1995 arbeitete er für das US Customs Department, die amerikanische Zollbehörde.</p>
<p>Erst im Alter von fünfundvierzig Jahren begann Jack McDevitt auf Anregung seiner Frau Maureen zu schreiben und widmete sich nach seiner Pensionierung im Jahre 1995, also im Alter von sechzig Jahren, professionell dem Verfassen von Kurzgeschichten und Romanen. Er erinnert sich noch im 90sten Lebensjahr im August 2025 in einer E-Mail an mich, dass es seine Frau Maureen war, die ihm mehr zutraute als er sich selbst: <em>„Maureen hat mich überzeugt, dass ich schlauer bin, als ich dachte.“ </em>Seine erste veröffentlichte Kurzgeschichte „The Emerson Effect“ erschien 1981 in „Twilight Zone“, für seinen ersten Roman „The Hercules Text“ aus dem Jahr 1986 erhielt er den <a href="https://locusmag.com/2025/06/2025-locus-awards-winners/">Locus Award</a> für das beste Romandebut . Im Jahre 2015 erhielt Jack McDevitt den <a href="https://nss.org/national-space-society-heinlein-award/">Robert A. Heinlein Award</a> für ein <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?192">Lebenswerk von damals 21 Romanen und mehr als 80 Kurzgeschichten</a>. Bekannt wurde Jack McDevitt vor allem mit zwei Romanserien, der Academy-Serie um die Pilotin Priscilla Hutchins und der Alex Benedict-Serie, die aus der Sicht der Geschäftspartnerin und Pilotin Chase Kolpath erzählt wird.</p>
<h3><strong>„Imaginäre Erfahrungen“ </strong></h3>
<p>Jack McDevitt hat eine Vorliebe für weibliche Protagonistinnen. Diese kommt aus seinen Erfahrungen mit Teambuilding-Fortbildungen, die er beim amerikanischen Zoll durchführte. Er berichtet in dem <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/title.cgi?2821942+2">Interview mit Thomas Harbach</a> für die <a href="https://phantastisch.net/">Zeitschrift „phantastisch!“</a> im Jahre 2004 (abgedruckt in: Jack McDevitt, Outbound, 2006), dass bei den fiktiven Überlebenstrainings von Gruppen bei einem Flugzeugabsturz in der Wüste nur die rein weiblichen Besetzungen überlebt hätten. Die gemischten Gruppen starben, weil die Männer das Kommando an sich rissen und das Überleben an ihrer Überheblichkeit scheiterte.</p>
<p>In dem Interview mit Thomas Harbach erzählt Jack McDevitt, der schwierigste Teil beim Schreiben sei für ihn, eine gute Idee zu finden, die die Erzählung trägt. Wenn er dann eine Lösung für das Problem oder das Rätsel gefunden habe, sei das Schreiben einfach. Die Kurzgeschichte sei für ihn die beste Form für Science Fiction, aber die Leserinnen und Leser verlangten nach Romanen, weil sie mehr Zeit mit den Charakteren und der Handlung verbringen wollten.</p>
<p>Science Fiction ist für Jack McDevitt, wie er in dem Essay „Science Fiction: An Eye On Tomorrow in Outbound“ (2006) schreibt, keine Erzählung über Wissenschaft, sondern eine Erzählung über Menschen, die dem Unbekannten begegnen und sich mit den Konsequenzen neuer Erkenntnisse auseinandersetzen müssten. Science Fiction habe mit dem <em>„Vielleicht“</em> und dem <em>„Was wäre, wenn?“</em> zu tun. <em>„Literatur soll es uns ermöglichen, imaginäre Erfahrungen zu durchleben.“</em> Science Fiction handele von <em>„Veränderungen“</em> – und es sei deshalb kein Zufall, dass der erste Kuss zwischen einer schwarzen Frau und einem weißen Mann im amerikanischen Fernsehen in einer Science-Fiction-Serie stattgefunden habe: In der Star-Trek-Episode „Plato’s Stepchildren“ aus dem Jahre 1968 küssen sich Uhura (Nichelle Nichols) und Captain Kirk (William Shatner).</p>
<p>Die literarischen Möglichkeiten der neuen Raumfahrtvisionen im 21. Jahrhundert finden sich im Vorwort von Jack McDevitt für das Buch und die Kurzgeschichte „Melville auf Iapetus“ (1983, deutsche Übersetzung 2012). Er schreibt über das Ende der Raumfahrt und skizziert völlig neue Möglichkeiten durch das unerwartete Auftauchen eines von Außerirdischen geschaffenen Kunstwerks auf dem Saturnmond Iapetus. Die Erzählung beginnt wie folgt: <em>„Gegen Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts war die Ära der bemannten Raumfahrt längst vorbei. (…) Dann erlebte die Welt einen Schock, als eine automatische Sonde Bilder vom Saturnmond Iapetus zurückschickte. Die Fotos zeigten ein eindeutig nichtmenschliches Geschöpf, das auf zwei Beinen stand und in Richtung des beringten Planeten blickte, welcher aufgrund der gebundenen Rotation dauerhaft knapp über einer Hügellinie am Himmel stand. / Das Ding war aus Stein geschnitten und mit Eis überzogen. Gleichmütig stand es auf jener öden, schneebedeckten Ebene &#8211; eine Albtraumgestalt mit gekrümmten Klauen, surrealen Augen und schlankem, geschmeidigem Körperbau. Die Lippen waren geöffnet, gewölbt, nahezu lasziv. Ich war nicht sicher, warum es so beunruhigend war. Es lag an mehr als nur den Krallen oder den unverhältnismäßig langen unteren Gliedmaßen. Es war sogar mehr als die Andeutung philosophischer Wildheit, die in den kristallinen Gesichtszügen festgehalten war. Es barg etwas Furchterregendes – gefangen in der Spannung zwischen der vielsagenden Geometrie und der weiten Ebene, auf der es stand. / Das Bildnis auf der Ebene ist furchterregend, ja. Doch nicht, weil es Klauen und Schwingen oder mitleidlose Augen hat. Sondern weil es allein ist.“ </em></p>
<p>In dieser Kurzgeschichte ist alles enthalten, was die literarische Qualität des Ausnahme-Science-Fiction Schriftstellers Jack McDevitt auszeichnet. McDevitt zeichnet sich vor allem durch zwei Eigenheiten aus, die ihn von den anderen Autoren des Genres unterscheiden. Er beschreibt kunstvoll die menschlichen Seiten der handelnden Protagonistinnen, vor allem von Priscilla Hutchins, Chase Kolpath und Alex Benedict, die für die Leserinnen und Leser fast schon zu Familienmitgliedern werden und die sie mit auf Reisen in das Unbekannte nehmen. Die Protagonisten seiner Erzählungen ermöglichen es uns, eine Verbindung von der Gegenwart bis in weit entfernte Zukünfte der Menschheit zu ziehen und zu verstehen, was uns dort erwarten könnte – obgleich das Wesen der Menschen gleichbleiben wird, wie Jack McDevitt in einem Essay betont. Die Umstände einer Zukunft in Zeit und Raum ändern sich, der Mensch selbst aber nicht. Verbindungsglieder seiner Erzählungen sind oft Diskussionsforen wie Fernsehshows oder Vereinstreffen, die in der Gegenwart und in der Zukunft ziemlich gleich aussehen. Dies ist ein kleiner literarischer Trick, der uns eine Brücke in die Zukunft baut. Die zweite Eigenheit der Erzählungen von Jack McDevitt ist die Form der historischen oder archäologischen Science Fiction, bei der Rätsel oder Probleme beschrieben werden, die gelöst werden müssen, und zwar in einer Rückschau aus der Handlungsebene der Protagonisten in der Zukunft zurück in ihre Vergangenheit, die für uns die Zukunft ist.</p>
<h3><strong>Das Zusammenspiel von Physik und Archäologie</strong></h3>
<p>Die Absonderlichkeiten des Universums sind nicht nur in der Wissenschaft beschrieben worden, sondern wurden auch von vielen Autorinnen und Autoren in ihren fiktiven Erzählungen benutzt, so von Jack McDevitt in seiner Kurzgeschichte „Melville auf Iapetus“: <em>„Das Universum sollte</em> e<em>igentlich gar nicht existieren. Um zu funktionieren, zusammenzuhalten, braucht es eine ganze Reihe von Absurditäten: Vierdimensionalen Raum, gekrümmten Raum, relative Zeit, die Gravitationskonfigurationen müssen exakt stimmen &#8211; wären sie etwas stärker, würden die Sterne zu schnell kollabieren, etwas schwächer und sie würden sich gar nicht erst bilden. Ich weiß, all das hört sich nach einer Hintertür zur Theologie an und vielleicht ist es das auch, aber ich glaube, jede wirklich fortschrittliche Rasse würde sich dem Thema gegenüber zumindest einen offenen Geist bewahren. (…) Die Sterne waren hart und kalt und die Räume zwischen ihnen lasteten auf mir, wie sie auf ihr gelastet haben mussten. Saturn schwebte über der Ebene, seine Ringe leuchtstark und großartig. Einige andere Monde waren am Himmel verteilt. Es fiel mir ein, dass der Planet sich nicht von der Stelle gerührt hatte, seit sie hier gestanden hatte, vor wie langer Zeit? (…) Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“</em></p>
<p>Diese Zitate aus Kurzgeschichten von Jack McDevitt zeigen ihn als Meister sprachlicher Schönheit über Zustände im Universum, die für uns Menschen eigentlich unfassbar sind und die von Dunkelheit, Leere, Kälte, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit triefen. Darin, im unendlichen All, findet Jack McDevitt Momente menschlicher Souveränität, Solidarität und Freundschaft. In der Unfassbarkeit des Kosmos tauchen winzige Inseln des Menschlichen auf, die der Autor in Form von Sprache für seine Leserinnen und Leser ausbreitet. Jack McDevitt ist ein Meister der Poesie in der Suche des Menschen nach sich selbst im Universum.</p>
<p>Jack McDevitt hat eine eigene Thematik und ein eigenes narratives Konzept entwickelt und zur literarischen Perfektion ausgearbeitet, die <em>„archäologische Science-Fiction“</em>, wie sie <a href="https://shoemaker.space/">Martin L. Shoemaker</a> in seinem Vorwort zum Buch von Jack McDevitt „A Voice in the Night“ (2018) unter der Überschrift „Jack McDevitt, History Builder“ charakterisiert. Shoemaker schreibt im Vorwort zu dieser umfangreichen und farbigen Kurzgeschichtensammlung von Jack McDevitt über ihn als <em>„Weltenbauer“</em>, der nicht einfache Welten baut, sondern <em>„Historien“</em> konstruiert, also Betrachtungen komplexer Vergangenheitsbeziehungen entwirft, in denen die Protagonisten seiner Erzählungen verworrenen Handlungsmustern unterworfen sind, die sie große und kleine menschliche Probleme erleben, aushalten und bewältigen lassen. Es geht dabei oft um die Untersuchung von alten, untergegangenen Zivilisationen der Vergangenheit aus der Erzählerperspektive, die in unserer Zukunft liegen.</p>
<p>Archäologische Science Fiction spielt mit Gedankenexperimenten der menschlichen Zukunft, die durch einen literarischen Kniff in die Vergangenheit der Erzählerin gelegt werden, beispielsweise von Chase Kolpath, der Pilotin aus der Alex-Benedict-Reihe. Alex Benedict und Chase Kolpath untersuchen oft Fragen nach dem Scheitern dieser historischen Zivilisationen im Licht der Unzulänglichkeiten ihrer gegenwärtigen menschlichen Zukunft zehntausend Jahre nach unserer Zeit.</p>
<p>Im Roman „Firebird“ (2011) spricht Chase Kolpath über die Zusammenarbeit mit Alex Benedict in ihrem Unternehmen Rainbow Enterprises: <em>„Alles ist vergänglich, so sagte er gern. Darum war Rainbow so erfolgreich, weil die Leute immer wieder versuchen, ein Stück Vergangenheit zurückzuholen. Sich daran festzuhalten, so gut sie nur können.“ </em></p>
<h3><strong>Zu den Sternen</strong></h3>
<p>Jack McDevitt schrieb wunderbar spannende und ironische Kurzgeschichten, die nach der Meinung von <a href="https://www.phantastik-couch.de/autoren/844-charles-sheffield/">Charles Sheffield</a> dazu geeignet seien, <em>„die eigenen Interessen und Obsessionen eines Autors zu verraten</em>.“ Sheffield schreibt in der Einführung zur Kurzgeschichtensammlung „Übersetzung aus dem Kolosianischen“ (2009, deutsche Fassung von „Standard Candles“, 1996), dass Jack McDevitt über die Fähigkeit verfüge, <em>„richtige Menschen zu schaffen</em>“ und lobt die Erzählweise des Autors: <em>„Die emotionale Reise wird an manchen Stellen etwas rau. Allerdings können Sie sich selbst an den holprigsten Stellen des Ritts entspannen. Sie sind in sicherer Hand. Um nichts auf der Welt würde Jack McDevitt Sie im Stich lassen.“</em></p>
<p>Ein gutes Beispiel für die Erzählkunst von Jack McDevitt in der kurzen Form und von Charles Sheffield als <em>„ultimative Rechtfertigung für Science-Fiction-Leser</em>“ bezeichnet bietet die Story „Zur Hölle mit den Sternen“ eine amüsante, philosophisch hintergründige und ironische Erzählung, in der ein Junge am Heiligabend in einer weiten Zukunft mit seinem Vater über den Sinn der Raumfahrt zu den Sternen streitet und die alten Geschichten der Science-Fiction-Schriftsteller erwähnt. Von diesen hält sein Vater überhaupt nichts, weil die Menschen genug Platz im Sonnensystem hätten und sie die Sterne niemals erreichen würden. Der Junge aber beharrt darauf, dass es irgendwann einmal einen Weg zu den Sternen geben kann: <em>„Der uralte Ruf hallte über den Welten wider – substanzlos, verlockend, unwiderstehlich. Die alten Träumer waren, wieder einmal, unterwegs zu den Sternen.“</em></p>
<p>Jack McDevitt hat mit dem NASA-Wissenschaftler <a href="https://www.lesjohnsonauthor.com/">Les Johnson</a>, Chef-Technologe am NASA George C. Marshall Space Flight Center in Huntsville, Alabama, ein Sachbuch über Fiktionen und technische Möglichkeiten geschrieben, die Sterne zu erreichen – und zwar ausschließlich basierend auf den gegenwärtigen Erkenntnissen darüber, wie das Universum funktioniert. Also ohne Schneller-als-Licht-Technologien, Hyperraumsprünge oder Wurmlochverbindungen in ein anderes Universum: Les Johnson and Jack McDevitt, „Going Interstellar“ (2012).</p>
<p>Der Grund für solche Reisen zu den Sternen liegt nach der Meinung der Herausgeber in der Tatsache begründet, dass die Menschheit der Gegenwart der Erde auf einem Pulverfass sitzt: <em>„Wir haben daher ein starkes Argument dafür, einen Teil von uns in den Weltraum und aus der unmittelbaren Gefahrenzone zu bringen. Wenn wir uns die Geschichte und die aktuellen Ereignisse in der Welt ansehen, wissen wir, dass der Verlauf der Ereignisse völlig unvorhersehbar und potenziell tödlich ist. Wohin gehen wir also? Und wie kommen wir dorthin?“</em></p>
<p>Ad Astra! Zu den Sternen!</p>
<p>Übrigens: Les Johnson hat das letzte Romanfragment von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ben-bovas-grand-tour/">Ben Bova</a> zu dem gemeinsamen Roman „Pluto“ verarbeitet: Wissenschaft und Fiktion Hand in Hand!</p>
<h3><strong>Alex Benedict und Chase Kolpath</strong></h3>
<p>Die Serie um die Archäologin Alex Benedict und die Pilotin Chase Kolpath zehntausend Jahre in der Zukunft spielend, besteht aus diesen Romanen, die jeweils abgeschlossene Werke sind (die jeweils zweite Jahreszahl nennt das Erscheinungsjahr der deutschen Übersetzung).</p>
<ul>
<li>A Talent for War (1989, Die Legende von Christopher Sims, 1990)</li>
<li>Polaris (2004, Polaris, 2006)</li>
<li>Seeker (2005, Die Suche, 2008)</li>
<li>The Devil´s Eye (2008, Das Auge des Teufels, 2009)</li>
<li>Echo (2010, Echo 2011)</li>
<li>Firebird (2011, Firebird, 2012)</li>
<li>Coming Home (2014, Apollo, 2016)</li>
<li>Village in the Sky (2023, keine deutsche Übersetzung)</li>
</ul>
<p>Die Erzählungen gehen von einem Rätsel aus, das im Laufe verschlungener Pfade ausgebreitet und gelöst wird. Man findet archäologische oder kriminaltechnische Techniken, die der Autor in seine Erzählungen einarbeitet, ebenso wie philosophische und wissenschaftliche Erkenntnisprozesse, die in die Erzählungen handlungsleitend eingearbeitet sind. Dazu bietet der Autor spannende Abläufe, interessante Persönlichkeitsmerkmale seiner Probanden und überraschende Wendungen im Erzählfluss. Dies ist Science Fiction von besonderer Güte und literarischer Qualität.</p>
<p>Ein beispielhaftes Meisterwerk ist nach meiner Meinung der Roman „Firebird“ (2011) aus der Alex-Benedict-Serie. Dieser Roman darf als exemplarisch für Plots und Erzählweisen von Jack McDevitt gelesen werden, wird daher im Folgenden auch etwas ausführlicher beschrieben. „Firebird“ geht von dem Rätsel aus, dass der Wissenschaftler Christopher Robin (das ist der Name des Jungen im Kinderbuchklassiker „Winnie the Pooh“ beziehungsweise „Pu, der Bär“), der das Buch „Multiversum“ verfasst hat, spurlos verschwunden ist. Er hatte an den Grenzen der Wissenschaft gearbeitet und wurde deshalb von der Fachwelt verachtet und von den Lesern geliebt. Es gibt sogar einen Christopher Robin-Verein, der seiner Arbeiten gedenkt und sich regelmäßig zu Vereinstreffen zusammenfindet, um die Arbeiten von Robin zu diskutieren. Christopher Robin ist vor einigen Jahrzehnten verschwunden und die Archäologiejäger Alex Benedict und Chase Kolpath versuchen, sein Verschwinden zu enträtseln.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath nehmen an einem Vereinstreffen teil, das Jack McDevitt wie eine Science Fiction Convention mit absurder Note gestaltet und zu einem Diskussionsforum wilder Theorien über das Multiversum ausarbeitet. Robin war <em>„auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Grenzen zwischen den Universen zu überwinden“</em> und er hat <em>„gedacht, wir bekämen vielleicht gelegentlich Besuch aus einem anderen Universum“. </em>Die Erzählung changiert zwischen Wissenschaft, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Realität und Ausflügen in das Absurde.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath begeben sich auf eine Suche nach ihm und dem Grund seines Verschwindens. Sie stoßen dabei auf ein Rätsel verschwundener Raumschiffe, die nach vielen Jahren in bestimmten Raum-Zeit-Zonen für kurze Zeit wieder aus dem Hyperraum auftauchen und in denen Menschen gesehen worden sind. Zur Erklärung dieses Phänomens werden Störungen im Raum-Zeit-Kontinuum durch Schwarze Löcher erwähnt, die dafür verantwortlich sind, dass Raumschiffe, die vor Jahrtausenden gestartet sind, jetzt alle paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte wieder für einige Zeit aus dem Hyperraum auftauchen und dann wieder verschwinden. Die Menschen an Bord dieser Raumschiffe leben in einem anderen Zeitstrahl, für sie vergehen lediglich Stunden, Tage oder Wochen, aber aus der Außensicht sind Jahrhunderte oder Jahrtausende vergangen und ihr Schicksal wird sein, dass sie bis zum Verdursten und Verhungern oder bis zum Ende ihrer Energievorräte an Bord ihrer Raumschiffe im Zwischenraum zwischen den Welten verloren sind.</p>
<p>Alex Benedict und Chase Kolpath starten eine Rettungsmission auf der Grundlage einer Theorie, die kaum jemand teilt. Die Rettungsmission bestätigt zwar die Theorie über die verschwundenen Raumschiffe, ist aber durch die kurze Zeit, die für die Rettung aus den Raumschiffen bleibt, zum Scheitern verurteilt. Eine Retterin wird in den Hyperraum mitgerissen, während zwei Mädchen von ihrem Vater getrennt und an Bord des Raumschiffs von Alex Benedict und Chase Kolpath geholt werden können.</p>
<h3><strong>Neue Wirklichkeiten</strong></h3>
<p>Der Schluss von „Firebird“ ist ein besonders kunstvoll arrangiertes Stück literarischer Qualitätsarbeit über die Relativität von Zeit. Die Rettungsaktion ist gescheitert und die Pilotin Dot Garber ist an Bord des im Hyperraum verschwundenen Raumschiffs gefangen. In der Gegenwart der Erzählebene findet ihre Beerdigung statt und die Dot-Garber-Stiftung zur Rettung schiffbrüchiger Raumfahrer wird gegründet. Damit ist die Erzählung eigentlich beendet, aber Jack McDevitt schließt noch ein weiteres Kapitel an, einen Epilog, und schildert die Erlebnisse von Dot Garber an Bord des im Hyperraum gestrandeten Raumschiffs. Für sie vergehen nur wenige Augenblicke an Bord, bevor ein erneuter Rettungsversuch von außen im normalen Raum-Zeit-Gefüge stattfindet, in den das Raumschiff wieder eingetreten ist. Die Retter erklären ihr, dass sie jetzt siebenundsechzig Jahre später in einer neuen Realität angekommen ist und dass diese Rettungsaktion von der Dot-Garber-Stiftung durchgeführt werde. Zurück auf der Raumstation kündigt sich der Besuch alter Freunde an.</p>
<p>Ein Wermutstropfen betrifft die anderen geretteten Insassen: Sie haben ihre Zeit weit hinter sich gelassen und sind erneut gestrandet: <em>„Sie waren in der fernen Zukunft angelangt.“</em></p>
<p>Ein Nebenstrang der Handlung ist der Besuch von Alex Benedict und Chase Kolpath bei der Suche nach Christopher Robin  auf dem Planeten Villanueva. Dieser Planet ist eine historische Gründung der drei großen monotheistischen Weltreligionen der Menschen, die hier mit tausenden Gotteshäusern ihr eigenes Glaubensreich eingerichtet haben. In der Gegenwart der Erzählung sind die Menschen vor tausenden von Jahren einer kosmischen Katastrophe zum Opfer gefallen und jetzt gibt es nur noch die dienstbaren Geister der künstlichen Intelligenzen, die aus ihrer sinnlosen Tätigkeit auf dem verlassenen Planeten befreit werden wollen. Alex Benedict und Chase Kolpath nehmen eine KI – Charlie – mit, denn diese KI hat ihnen glaubhaft versichert, dass sie über Bewusstsein verfügt und hat ihnen ihr Leid geklagt: <em>„Ich und viele andere, die sind wie ich, sind auf dieser Welt gestrandet. Wir sitzen seit dem großen Sterben hier fest. Ohne eine Zukunft, aber ausgestattet mit der Erinnerung an eine Vergangenheit, in der wir danebenstehen und zusehen mussten, wie eine Katastrophe ihren Lauf genommen hat.“</em></p>
<p>Zurück auf ihrer Heimatwelt versuchen Alex Benedict und Chase Kolpath, Solidarität mit den künstlichen Intelligenzen unter den Menschen zu wecken und eine Rettungsmission zu organisieren. Jack McDevitt greift zu einem seiner bevorzugten Stilmittel und lässt Alex Benedict in verschiedenen Talkshows auftreten, in denen kontrovers diskutiert wird, ob KIs über ein Bewusstsein verfügen oder nicht. KIs werden nämlich überall als dienstbare Werkzeuge eingesetzt, die alle möglichen Aufgaben im Haushalt oder in der Steuerung von Raumschiffen übernehmen, aber sind sie eigenständige, bewusste Lebewesen? Diese Frage wird in dem Roman „Firebird“ (2011) quasi nebenbei ausführlich diskutiert, ein Thema, das eigentlich eine eigene Erzählung in dem Roman ist.</p>
<p>Die Stimmung unter den Menschen schlägt schließlich um, als Alex Benedict die KI Charlie in einer Talkshow präsentiert und diese die Menschen umstimmt mit den Worten: <em>„Ich möchte, dass Sie die Verzweiflung begreifen, die wir empfinden. Die </em>ich<em> empfinde. Wir können uns nicht selbst helfen. Wir sind programmiert, dieses Leben bis in alle Ewigkeit zu ertragen. Zu reparieren, was reparaturbedürftig ist, zu ersetzen, was nicht mehr repariert werden kann. Nach Ihren Maßstäben sind wir unsterblich. Aber für uns geht nie der Mond auf. Wir haben im wahrsten Sinne des Wortes keine Musik. Sie fragen, was ich will. Ich sage es noch einmal: Ich will, dass Sie begreifen, wer wir sind. Dass Sie begreifen, dass wir ihre Kinder sind. Menschen haben uns geschaffen. Sie haben eine Verantwortung uns gegenüber.“</em></p>
<h3><strong>Die Academy-Serie und Priscilla Hutchins</strong></h3>
<p>Die Academy-Serie über die Pilotin Priscilla Hutchins spielt um das Jahr 2200. Die Welt wird von einem World Council regiert, die USA und Kanada haben sich zur Nordamerikanischen Union zusammengeschlossen und die Welt wird von Überbevölkerung, Klimakatastrophen und religiösen Konflikten geplagt. Medien spielen eine wichtige Rolle bei der Diskussion gesellschaftlicher Konflikte und die Akademie schickt Erkundungsmissionen ins Weltall. Die junge Priscilla Hutchins lässt sich zur Pilotin ausbilden und erlebt spannende Abenteuer in Raum und Zeit.</p>
<p>Die Erzählweise des Autors bei den Alex Benedict und Chase Kolpath Romanen findet sich auch bei den Stories über Priscilla Hutchins wieder, hier nur manchmal noch mehr durch die scheinbar endlose Einsamkeit auf ihren Flügen zugespitzt. Obschon technologische Wunderwerke das Leben der Menschen bestimmen, wird der Sinn der Raumfahrt in Frage gestellt und diskutiert, wie weit der Entdeckerdrang der Menschen ihn führen soll.</p>
<p>Jack McDevitt schreibt gekonnt über naturwissenschaftliche Prinzipien und über technologische Erfindungen, obwohl diese nicht im Zentrum seiner Narrative stehen. Zu diesen gehören: Der Überlicht-Antrieb von Raumschiffen, Anti-Schwerkraft-Technik, künstliche Schwerkraft, das Flickinger-Feld als personengebundener Schutzschild, künstliche Intelligenz, dreidimensionales Fernsehen. Diese Technologien werden als Hilfsmittel in Problemlösungswege eingebunden, sie stehen nicht im Zentrum der Erzählung. Der Autor Jack McDvitt ist ein zutiefst humaner Denker und Erzähler, der menschliche Probleme der Gegenwart nur ein wenig in die Zukunft verlegt hat, um uns einen Spiegel vorzuhalten, was auf uns zukommen könnte.</p>
<p>Zur Academy-Serie über die Pilotin Priscilla Hutchins gehören diese Romane (in Klammern auch hier das Erscheinungsjahr der deutschen Übersetzung:</p>
<ul>
<li>The Engines of God (1994, Gottes Maschinen, 1996)</li>
<li>Deepsix (2001, Die Sanduhr Gottes, 2004)</li>
<li>Chindi (2002, Chindi, 2004)</li>
<li>Omega (2003, Omega, 2005)</li>
<li>Odyssey (2006, Odyssee, 2008)</li>
<li>Cauldron (2007, Hexenkessel, 2008)</li>
<li>Starhawk (2013, keine deutsche Übersetzung)</li>
<li>The Long Sunset (keine deutsche Übersetzung)</li>
</ul>
<h3><strong>Drei philosophische Grundprobleme in der Science Fiction</strong></h3>
<p>Zu dem Thema „Rechte von künstlichen Intelligenzen“ hat Jack McDevitt mehrere Romane, zum Beispiel „Firebird“ (2012) und „Polaris“ (2006) und eine brillante Kurzgeschichte geschrieben. In der nur knapp vier Druckseiten starken Story „The Wrong Way“ (2021. Nachgedruckt in: Return to Glory, Subterranean Press, Burton MI, 2022) erzählt er auf sehr ironische Weise, wie die dienstbaren künstlichen Intelligenzen in den USA etwa dreihundert Jahre in unserer Zukunft versuchen, die US-amerikanische Staatsangehörigkeit zu bekommen und als Individuen angesehen zu werden. Der von ihnen angesprochene Senator Whitcomb verweigert diese Idee als absurd, weil sie ja nur eine <em>„Ansammlung von Kabeln und Verbindungen in einem Generator auf meinem Schreibtisch“</em> wären und bekommt als Erwiderung, dass er, der Senator, ja nur eine <em>„Sammlung von Zellen, Organen, Geweben und verschiedenen Nährstoffen“</em> wäre. Die Diskussion zwischen KI und Mensch führt zu keiner Einigung und der Mensch bekommt die Folgen zu spüren, als seine einlaufenden Anrufe ihm klarmachen, dass die KIs beginnen, alle Alltagsgeräte abzuschalten. Das Auto lässt sich nicht mehr starten, die Wäscherei schließt – und er sei an all dem schuld. Schließlich ruft das Weiße Haus an….</p>
<p>Diese wunderbar kurze Erzählung verweist auf die philosophischen Grundprobleme aller KI-Erzählungen: Was ist Intelligenz? Was ist Bewusstsein? Was macht den Menschen aus? Gibt es eine Seele? Was sind die Stärken von biologischen Lebewesen, was sind die Stärken von Maschinen? Was ist Natürlichkeit, was ist Künstlichkeit?</p>
<p>Das Kapitel „Zeitreise“ gehört zum Standardthema des Genres der Science Fiction und ist in der Kraft der Vorstellung angesiedelt sein als in der technischen Realisation. Vielleicht würde eine tatsächliche Zeitreise hin zu all den interessanten Ereignissen der Geschichte der Menschheit oder in eine unbekannte Zukunft uns Zeitreisende nur überfordern oder uns unsere Illusionen rauben. Vielleicht hat Jack McDevitt, der selbst sehr schöne Zeitreise-Romane geschrieben hat, mit seinem Statement recht: <em>„Ich vermute, dass wir dankbar sein sollten für die menschliche Vorstellungskraft. Sie ist das einzige Fahrzeug, mit dem wir die Grenzen überschreiten können, die uns von der physikalischen Realität gesetzt wurden. Jedenfalls für den Augenblick.“ </em>(Jack McDevitt: Journal 205, 16. März 2016). Der Autor hat dies unter anderem in seinem Roman „Zeitreisende sterben nie“ (2011, „Time Travellers Never Die“, 1996) und in vielen Alex Benedict und Chase Kolpath Geschichten wunderbar ausgeführt.</p>
<p>Jack McDevitt hat immer wieder witzige, nachdenkenswerte und philosophisch tiefgründige Erzählungen über das Zusammentreffen von Menschen und Außerirdischen geschrieben. In der Kurzgeschichte „Cosmic Harmony“ (2022) in dem Sammelband „Return to Glory“ (2022) schreibt er über einen Asteroiden, der unerwarteterweise auf die Erde zurast und durch eine Intervention von freundlichen Aliens abgewehrt wird. Diese funken an die Erde das Lied „Moon River“ zurück und die Protagonisten auf der Erde interpretieren dies als Lied, <em>„aufgeladen mit Leidenschaft“</em>, dass die Außerirdischen zur Erde gebracht hätte und dass diese dann bemerkt hätten, dass die Menschen in Schwierigkeiten waren. Was in dieser kurzen Zusammenfassung so simpel klingt, fügt sich im Text von Jack McDevitt als lyrische Kadenz eines Schriftstellers, der sein Handwerk versteht und die emotionale Kraft von Musik als intergalaktisches Kommunikationsmittel benutzt (nicht so ganz ungewöhnlich, wenn wir daran denken, was sich beispielsweise auf den CD’s der Voyager-Missionen findet).</p>
<p>In der Kurzgeschichte „Tidal Effects“ (2022) in „Return to Glory“ (2022) geht Jack McDevitt den entgegengesetzten Weg und schreibt über das Alleinsein der Menschheit. Radioastronomen haben mit den besten Instrumenten der Menschheit keine Sauerstoffsignaturen auf anderen Planeten im All entdecken können und kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Erde eine kosmische Anomalie sei. Es sähe so aus, dass wir tatsächlich allein seien. Diese Kurzgeschichte verbindet einen verzweifelten und gescheiterten Rettungsversuch beim Schwimmen im Meer mit der furchtbaren Wahrheit, dass die Menschheit keine Brüder im All findet. Diese kurze Geschichte erzählt eine große Angst, von der Arthur C. Clarke in einem Bonmot sagte, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, die gleichermaßen erschreckend seien: Entweder sind wir allein im Universum – oder wir sind es nicht.</p>
<p>Jack McDevitt hat sich allerdings seine Hoffnung nach einem galaktischen Treffen mit Freunden aus dem All erhalten. Er schreibt in „The Long Sunset“ (2018): <em>„Was ich immer machen wollte, war, mit jemandem aus einer Millionen Jahre alten Zivilisation zusammenzusitzen und Ideen auszutauschen.“</em></p>
<h3><strong>Ein Optimist – trotz allem</strong></h3>
<p>Der alte Traum der Science Fiction muss weitergeträumt werden, bis, ja vielleicht bis wir endlich auf außerirdische Intelligenzen stoßen. Ob die uns freundlich gesonnen sind, ist natürlich eine andere Frage.</p>
<p>Jack McDevitts Einstellungen zum Leben und zur literarischen Erzählkunst werden am deutlichsten in seinem <a href="https://locusmag.com/2005/Issues/10McDevitt.html">Interview in der Zeitschrift LOCUS vom Oktober 2005</a>. Hier spricht er darüber, wie das 23. Jahrhundert, über das er in seinen Romanen schreibt, aussehen könnte, nämlich katastrophal: die gesamte Antarktis sei in den Ozean kollabiert, es herrsche Überbevölkerung auf der Erde, zu viele Diktatoren würden herrschen, es gebe viel mehr Technik im Alltagsleben, was die Welt viel gefährlicher machen würde.<em> „Ich vermute, wir würden einen Kipppunkt erreichen, an dem die Technologie komplett außer Kontrolle geraten würde.“ </em>Er spricht an mehreren Stellen über den Einfluss von Religionen und sagt, <em>„eine Welt voller Agnostiker wäre viel einfacher zu managen als mit diesen sogenannten wahren Gläubigen.“</em></p>
<p>Weiterhin spricht Jack McDevitt darüber, dass er glaubt, dass sich die menschliche Natur auch in tausend Jahren nicht wirklich ändern wird. Alles andere würde sich ändern, die Wissenschaft zum Beispiel, aber die Menschen eben nicht. Hier liegt vermutlich die Grundlage für die Beschreibung seiner Protagonistinnen Alex Benedict, Chase Kolpath und Priscilla Hutchins, die uns so bekannt vorkommen, obwohl sie in fremden Welten der Zukunft agieren, mal etwas näher, mal etwas weiter entfernt von unserer Zeit.</p>
<p>McDevitt schreibt, dass er regelmäßig Workshops mit Menschen veranstaltet, die Schriftsteller werden wollen. Wenn er sie fragen würde, was eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller machen, antworteten sie: Geschichten erzählen. Dies sei aber falsch. <em>„Was ein Schriftsteller macht, ist Erfahrungsmöglichkeiten zu inszenieren.“ </em>Er äußert sich auch über radikale politische Entwicklungen in der Welt und Rechtstendenzen in den USA und schließt mit der Bemerkung, dass er ein Optimist sei. Das LOCUS-Interview endet mit einer Aussage, die wie eine Botschaft an die heutige Gesellschaft in den USA, zwanzig Jahre später, klingt: <em>„Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass gesunder Menschenverstand und menschliche Anständigkeit letztendlich die Oberhand gewinnen werden. Es gibt gute Gründe, darauf zu hoffen. Wir sind klüger und zäher, als die Pessimisten oder Fanatiker uns zugestehen wollen.“</em></p>
<p>Und so endete auch meine kurze E-Mail Konversation mit dem 90jährigen Schriftsteller vom August 2025 mit seinem Rat an junge Autorinnen und Autoren: <em>„Angehende Schriftsteller sind oft talentierter, als ihnen bewusst ist. Mein Rat? Geben Sie nicht auf. Und lassen Sie mich wissen, wenn Sie Erfolg haben.“</em></p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 28. Oktober 2025, Titelbild: Aiki Mira, erstellt mit openart.)</p>
</div></div></div></div></div>
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