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	<title>Treibhäuser Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Memesis</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/memesis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Oct 2026 05:55:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Memesis Oder wie leicht es ist, nicht nur fiktive Gemeinschaften zu schaffen „Indem solche memes nämlich die Grenzen des guten Geschmacks und der sogenannten ‚political correctness‘ verletzen, scheiden sie die – amüsiert lächelnden – Eingeweihten von den – sich irritiert und verstört abwendenden – normies (…). (Sie) formulieren (…) ein Identifikationsangebot, das allein auf  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Memesis</strong></h1>
<h2><strong>Oder wie leicht es ist, nicht nur fiktive Gemeinschaften zu schaffen</strong></h2>
<p><em>„Indem solche memes nämlich die Grenzen des guten Geschmacks und der sogenannten ‚political correctness‘ verletzen, scheiden sie die – amüsiert lächelnden – Eingeweihten von den – sich irritiert und verstört abwendenden – normies (…). (</em>Sie<em>) formulieren (…) ein Identifikationsangebot, das allein auf der Verletzung, der Verstörung, der Befremdung der ›anderen‹ beruht, also auf einer trennscharfen Scheidung von einer ‚out-group‘, mit der keine Verständigung möglich oder überhaupt wünschenswert ist.“ </em>(Joanna Nowotny / Julian Reidy, Memes – Formen und Folgen eines Internetphänomens, Bielefeld, transcript, 2022)</p>
<p><a href="https://www.germanistik.unibe.ch/ueber_uns/personen/dr_nowotny_joanna/index_ger.html">Joanna Nowotny</a> und <a href="https://www.germanistik.unibe.ch/ueber_uns/personen/pd_dr_reidy_julian/index_ger.html">Julian Reidy</a> – Germanist:innen und Kulturwissenschaftler:innen – haben im Jahr 2022 im Bielefelder transcript-Verlag das Buch <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-6124-8/memes-formen-und-folgen-eines-internetphaenomens/">„Memes – Formen und Folgen eines Internetphänomens“</a> veröffentlicht. Das Buch liegt inzwischen auch in einer signifikant erweiterten und aktualisierten englischen Fassung vor: <a href="https://www.taylorfrancis.com/books/mono/10.4324/9781003597247/meme-message-joanna-nowotny-julian-reidy">„The Meme as the Message“</a>. Der englische Titel verweist eindeutiger als der deutsche auf die berühmte Aussage von <a href="https://marshallmcluhan.com/biography/">Marshall McLuhan</a>: <a href="https://www.mit.edu/~allanmc/mcluhan.mediummessage.pdf"><em>„The medium is the message“</em></a>. Man könnte auch Karl Marx zitieren, der darüber nachdachte, wie das <em>„gesellschaftliche Sein“</em> das <em>„Bewusstsein bestimmt“ </em>(in: „Zur Kritik der politischen Ökonomie“; MEW 13), doch was bedeutet dies im Zeitalter einer <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/felix-stalder-kultur-der-digitalitaet-t-9783518126790">„Kultur der Digitalität“</a> (Felix Stalder, Suhrkamp, 2016)? Was ist <em>„gesellschaftliches Sein“</em>, was <em>„Bewusstsein“</em> und mit welchen Sprach- und Bildmustern beeinflussen sich die beiden Faktoren gegenseitig? Welche Botschaft(en) vermittelt das Internet? Offensichtlich ist es nicht nur ein Tool, sondern prägt nachhaltig unser Denken und Handeln.</p>
<div id="attachment_8536" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-6124-8/memes-formen-und-folgen-eines-internetphaenomens/"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8536" class="wp-image-8536 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Joanna-Nowotny-Julian-Reidy-Memes-transcript-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Joanna-Nowotny-Julian-Reidy-Memes-transcript-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Joanna-Nowotny-Julian-Reidy-Memes-transcript-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Joanna-Nowotny-Julian-Reidy-Memes-transcript-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Joanna-Nowotny-Julian-Reidy-Memes-transcript-600x913.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Joanna-Nowotny-Julian-Reidy-Memes-transcript-673x1024.jpg 673w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Joanna-Nowotny-Julian-Reidy-Memes-transcript-768x1168.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Joanna-Nowotny-Julian-Reidy-Memes-transcript.jpg 789w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-8536" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Das Buch ist per open access verfügbar.</p></div>
<p>Joanna Nowotny und Julian Reidy befassen sich mit diesen Fragen in sieben Kapiteln, die neben der Einleitung und dem Fazit zentrale Begriffe und Phänomene der Meme-Kultur analysieren und kommentieren: Referentialität, Humor, Politik, Mainstream und Kanonisierung. Sie fragen beispielsweise danach, wie sich Memes kanonisieren, wer davon profitiert, welche Bewegungen und Gegenbewegungen das eine oder andere Meme herausheben und was Kriegsverbrecher und Nobelpreisträger gemeinsam haben. Ein zentraler Begriff im Buch ist die „Memesis“. In diesem Begriff verbinden die beiden Autor:innen die Begriffe der <em>„Mimesis</em>“, des <em>„Memes“</em> und der <em>„Nemesis“ </em>und verweisen damit auf den Doppelcharakter eines <em>„Memes“</em>, das Abbild und Gegenbild zugleich ist. Die entscheidende Frage lautet jedoch, wem es gelingt, <em>„Memes“</em> als Abbilder einer Wirklichkeit zu platzieren, die von einer Mehrheit in der Gesellschaft als selbstverständlich und wünschenswert angesehen wird. Mit ihrem Buch leisten die beiden Autor:innen einen grundlegenden Beitrag zum Verständnis der <em>„Kultur der Digitalität“</em> und zur Kommunikation in Politik und Gesellschaft.</p>
<h3><strong>Ein Gemeinschaft stiftendes Phänomen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit <em>„Meme“</em> wird in der Regel etwas bezeichnet, das in unserer Kommunikation die Wirklichkeit für eine bestimmte Gruppe erkennbar abbildet. Woher kommt der Begriff, was meint er genau?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Der Begriff „Meme“ stammt aus dem vordigitalen Zeitalter. Der Evolutionsbiologe </em><a href="https://de.richarddawkins.net/"><em>Richard Dawkins</em></a><em> prägte den Begriff in </em><a href="https://richarddawkins.com/books/book/the-selfish-gene"><em>„The Selfish Gene“</em></a><em> (1976, deutsche Fassung: „Das egoistische Gen“) als soziokulturelles Analogon zum Gen. Gemeint sind kulturelle Informationseinheiten wie Kinderreime oder Tänze, die sich durch Kommunikation verbreiten, verändern und auf Nachahmung beruhen. Dawkins leitete das Wort „Meme“ vom griechischen „Mimesis“ ab. Der Begriff der „Mimesis“ bezeichnet seit Aristoteles die schöpferische Nachahmung der Wirklichkeit in der Kunst.</em></p>
<p><em>Mit dem Siegeszug des Internets entstand eine neue mediale Form, die früh mit Dawkins’ Begriff beschrieben wurde und zugleich darüber hinausgeht. Memes sind zumeist multimediale Informationseinheiten, die gemeinschaftlich weitergegeben und transformiert werden. Sie bestehen in der Regel aus einem stabilen Template und variablen Elementen und passen sich fortlaufend technischen Bedingungen an – von textbasierten Formaten über Bilder, Gifs und Videos bis hin zu KI-generierten Inhalten. </em></p>
<p><em>Das Moment der Veränderung ist entscheidend für Memes: Aus der Mimesis wird in der Digitalkultur mit ihren Möglichkeiten zu einer niedrigschwelligen Partizipation eine von weiten Kreisen praktizierte Memesis, die mit viraler Geschwindigkeit neue, möglichst originelle kulturelle Formen hervorbringt, die zugleich Abbild und Gegenbild sind. Techniken der Memesis sind etwa ironische Zitation, parodistische Unterwanderung oder Übersteigerung – sozusagen ‚rhetorische‘ Verfahren, die es natürlich schon lange vor dem digitalen Zeitalter gab und die es noch immer auch jenseits des Digitalen gibt, die aber im Digitalen von einer ungleich breiteren Bevölkerungsschicht in einem nie dagewesenen Tempo angewendet werden. Überhaupt ist das Digitale ja dadurch charakterisiert, dass viel mehr Menschen als je zuvor kulturelle Einheiten produzieren und gehört, oder gesehen oder gelesen werden können, und zwar weltweit. </em></p>
<div id="attachment_8538" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8538" class="wp-image-8538 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons-1536x1024.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Protest-in-Hong-Kong-8.-Dezember-2019-Foto-doctorho-from-Hong-Kong-wikimedia-Commons.jpg 1920w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8538" class="wp-caption-text">Pepe, ursprünglich ein harmloser Comicfrosch, wurde von rechtsextremer Seite angeeignet. In einer ganz anderen Kultur konnte er dennoch anders verwendet werden: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2019.12.08_Hong_Kong_Protest_(49199299266).jpg">In Hong Kong tauchte er im Rahmen der Demokratiebewegung auf</a>. Foto: Alan Ho. Wikimedia Commons. <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">Attribution 2.0 Generic</a> license.</p></div>
<p><em>Typischerweise werden einzelne Memes zwar durch Individuen produziert, aber ein ganzes Meme-Cluster beziehungsweise die Gesamtheit eines Memes und seiner Varianten hat eine kollektive Autor:innenschaft – und natürlich ist ein Meme erst ein Meme, wenn viele Menschen es variieren, wenn es also zu einem kollektiven Bedeutungsträger wird. Manchmal kann aus einem Accountnamen auf ein Individuum in der offline-Welt geschlossen werden, sodass bekannt ist, wer ein Meme oder zumindest eine memetische Figur ‚erfunden‘ hat. Das ist etwa der Fall beim berühmten grünen Comicfrosch Pepe, der durch den Comickünstler </em><a href="https://mattfurie.com/"><em>Matt Furie</em></a><em> geschaffen wurde. Oft ist die Autorschaft einzelner Memes aber insofern anonym, als ein Account nicht direkt mit einer eruierbaren Person verbunden ist. Obwohl ‚gelungene‘ Memes durchaus mit Verfahren arbeiten, die etwa auch im Bereich der Kunst existieren – Originalität, Pointiertheit etc. –, lassen sich einzelne ‚Meme Creators‘ somit kaum in ein Paradigma einschreiben, das ‚begabte Individuen‘ besonders wertschätzt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu einem Meme gehören Wiedererkennung und Wiedererkennbarkeit, die Bestätigung, dass man zu einer bestimmten Community gehört, die die Bedeutung eines Memes wiedererkennt, auch in Abgrenzung zu anderen, zum Beispiel religiösen Symbolen wie Kreuz, Magen David, Kopftuch, Flaggen, Key-Words, Abzählreime, Schlaflieder, Trojanisches Pferd, Autobahn und Fahrradweg. Ein Meme ist Teil einer Großerzählung. Eine Community, die sich über Memes definiert, wendet psychologische Strategien an. Sie pflegt Kanonisierung und Subkulturen, oft mit Geheimcodes, die nur intern eine Rolle spielen. Beispiele sind diskriminierende, rassistische oder sexistische Botschaften über antisemitische Tarnwörter wie <em>„Globalisten“</em>,<em> „Ostküstenkapital“</em>, despektierliche Karikaturen, Figuren aus Comics, oder auch Parolen wie <em>„Wir sind das Volk“</em>,<em> „Wir sind Papst“</em>,<em> „Make America Great Again“,</em> oder <em>„Deus vult“</em>, ein Tattoo, mit dem der US-amerikanische <em>„Kriegsminister“</em> Pete Hegseth sich in die Tradition der Kreuzzüge des Mittelalters stellt. Auch <em>„Allahu Akbar“</em>, Schlachtruf der Terroristen der Hamas am 7. Oktober, gehört in diese Reihe. Welche Wirkungsabsichten verfolgen Memes und was bewirken sie?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Memes können ganz unterschiedliche Wirkungsabsichten verfolgen und verschiedene Reaktionen hervorbringen – vom Lachen und der kurzweiligen Unterhaltung über das Vermitteln einer Information oder das Kreieren eines Gemeinschaftsgefühls bis hin zum Aufruf, eine Handlung in der ‚offline-Welt‘ zu vollziehen, möglicherweise bis hin zum Mord. </em></p>
<p><em>Memes kreieren in den endlosen Feeds der Plattformen aus verschiedenen Gründen Aufmerksamkeit: Sie enthalten meistens visuelle Elemente beziehungsweise Bilder, sie sind sehr verkürzt und pointenorientiert, sie fordern zur Produktion eigener Meme-Varianten auf etc. Sie funktionieren über Wiedererkennung und Abweichung. Wenn ich ein Meme in meinem Feed sehe, erkenne ich zum Beispiel sofort das Template oder einzelne Elemente und Anspielungen, bin aber herausgefordert, das ganze Meme zu ‚entschlüsseln‘ und im richtigen Kontext zu verorten, damit die Wirkungsabsicht des Memes erreicht wird: Beispielsweise ein Lachen oder die Zustimmung zur Vermittlung eines bestimmten Wissensbestands, der sich durchaus auch als Geheimwissen inszenieren mag. </em></p>
<p><em>Solches ‚Entschlüsseln‘ des Memes basiert in der Regel auf geteilten Wissenshorizonten und einem gemeinsamen Wertehorizont. Memes sind besonders starke referentielle kulturelle Einheiten. Sehr viele Memes arbeiten mit Schichten um Schichten von Anspielungen auf Popkultur, auf andere Memes, auf politische, kulturelle und sogar religiöse Kontexte etc. Damit sind sie für ‚Aussenstehende‘ oft kaum zu verstehen. Sie eignen sich daher besonders gut für das Schaffen oder Verstärken von Gemeinschaften, die sich eindeutig von anderen Gemeinschaften abgrenzen. Wer ein solches Meme verwendet, gibt Gleichgesinnten zu verstehen, dass er oder sie dazugehört. Ein Meme schafft Gemeinschaft und zugleich Ausgrenzung.</em></p>
<h3><strong>Fangemeinschaften</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke an Fangemeinschaften im Sport oder in der Pop-Musik, von Ultras im Sport bis hin zu Teilnehmenden eines Cosplay-Events. Lassen sich Meme-Kulturen auch damit in Verbindung setzen?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Meme-Kultur war ursprünglich stark mit digitalen Fandom-Kulturen verschränkt, sei es im Bereich von Games, Comics oder Fernsehsendungen. Jede Online-Subkultur prägte auch ihr eigenes Meme-Vokabular aus. Ob man die entsprechenden Memes versteht oder nicht, ist auch ein Statement über Zugehörigkeit. Mittlerweile agieren große Teile der Gesellschaft (auch) digital, was bedeutet, dass sämtliche politischen und weltanschaulichen Gruppierungen in Teilen auch mit Memes operieren. In den letzten Jahren hat der digital operierende Rechtsextremismus beziehungsweise die extreme Rechte weltweit viel Aufmerksamkeit erhalten: Von der ersten Trump-Wahl 2016 bis zur gegenwärtigen AfD operieren rechte Akteure gerne und gekonnt mit Memes. Typischerweise wird in diesem Umfeld durchaus bewusst eine Spannung erzeugt zwischen dem, was für breite Schichten verständlich ist, und einer ‚geheimen‘, ideologisch extremen Bedeutung. </em></p>
<p><em>Die Umkodierung des schon erwähnten grünen Comicfroschs Pepe the Frog zum rechten Hasssymbol war das erste Lehrstück in dieser Hinsicht und auch die erste ‚Aktion‘, egal wie strategisch oder chaotisch sie im Endeffekt war, die massenmedial breite Aufmerksamkeit erhalten hat. Die Berichterstattung über solch hassschürende Memes und digitale Kampagnen hat freilich immer ein Janusgesicht. Die Forscherin </em><a href="https://journalism.uoregon.edu/directory/faculty-and-staff/all/wphilli2"><em>Whitney Phillips</em></a><em> spricht von „the oxygen of amplification“, um auszudrücken, dass etwa jeder Artikel in einem Massenmedium über dadaistisch-hasserfüllte digitale Aktionen für deren Urheber:innen de facto ein Sieg ist. Tatsächlich ist zu beobachten, dass sich das ‚Overton Window‘, also das Feld dessen, was in der Öffentlichkeit verhandelt wird und als akzeptabel gilt, in den letzten Jahren deutlich verschoben hat. Das hängt sicher nicht zuletzt mit den öffentlichkeitswirksamen digitalen Kampagnen extrem rechter Akteure zusammen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das funktioniert offenbar wie eine Hundepfeife. Schon kommen auf diesen Pfiff dressierte oder anders gesagt gut erzogene Hunde gelaufen. Wer ein bestimmtes Meme sieht, reagiert fast schon in einer Art Pawlow’schem Reflex.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Für die digitale Agitation der extremen Rechten und die Fragen nach Gemeinschaften überhaupt ist das Konzept von „Dogwhistles“ relevant – gemeint sind Sprechakte mit einer offensichtlichen und einer versteckten Bedeutung, die nur wenige Eingeweihte erkennen. Darunter fallen etwa verschiedene Slogans der extremen Rechten (TND, Totally Nice Day – beziehungsweise Total N* Death, bestimmte Zahlenkombinationen wie 14, 18 oder 88) oder bestimmte Emojis und Symbole, etwa das Fruchtsaftemoji, das aufgrund der Homophonie von „Juice“ mit „Jews“ als Codewort für jüdisch gelesene Menschen verwendet wird und etwa unter Posts von (vermeintlichen) Juden und Jüdinnen platziert wird. Auch eine solche Logik ist ‚memetisch‘ – sie operiert mit Wiederholung und Variation und schafft Gemeinschaften, und zwar hier auf äußerst exkludierende Weise.</em></p>
<h3><strong>„Verkehrungen ins Gegenteil“</strong></h3>
<div id="attachment_7923" style="width: 176px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html?lid=2"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7923" class="wp-image-7923 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-166x300.jpg" alt="" width="166" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-166x300.jpg 166w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz-200x361.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Sylvia-Sasse-Verkehrungen-ins-Gegenteil-Matthes-Seitz.jpg 277w" sizes="(max-width: 166px) 100vw, 166px" /></a><p id="caption-attachment-7923" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf diese Art und Weise lassen sich Gerüchte verbreiten, Kontexte schaffen, Öffentlichkeiten lenken. Oft wird an gängige Bilder und Sprachmuster angeknüpft, die dann <a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html">im Sinne des Buches von Sylvia Sasse ins Gegenteil verkehrt werden</a>. Diese doppelte Bedeutung finden wir auch schon beim Frosch Pepe oder im Marvel-Universum bei Captain America, wie ihr in eurem Buch zeigt. Das funktioniert mit Zitaten wie beispielsweise dem legendären <a href="https://fandomwire.com/american-nazis-werent-happy-when-marvel-made-captain-america-humiliate-hitler-steve-rogers-co-creator/">Faustschlag Captain Americas gegen Hitler</a>. In eurem Buch nennt ihr eine Menge solcher Beispiele. Memes werden ironisierend und dekonstruierend verwendet.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Memes haben als kulturelle Einheiten immer das Potenzial, vorhandene kulturelle Bedeutungen nicht nur zu zitieren, sondern sie zu verschieben und zu subvertieren. Sie sind im vollen Umfang des Wortes subversiv. Die zwei Pole der Meme-Produktion sind ja immer die Zitation und die Referenz auf der einen Seite mit dem Ziel der Wiedererkennung, der Stiftung von Gemeinschaften über geteilte Wissenshorizonte und auf der anderen Seite die Transformation, die Verwandlung einer Vorlage in etwas Neues, Originelles. </em></p>
<p><em>Diese Feststellung ist zunächst einmal quasi politisch neutral. Memes können prinzipiell in den Dienst jeder denkbaren Ideologie gestellt werden. Die 2010er Jahre waren im Rückblick eine Ära, in der im Bereich der ‚sozialen Gerechtigkeit‘ und der Sichtbarkeit von Minderheiten große Fortschritte erzielt wurden. Verschiedene ‚progressive‘ oder zumindest machtkritische Memes und Meme-Kulturen waren im Mainstream durchaus präsent. Populär und in vielen Kreisen akzeptiert wurde die Regenbogenfahne. ‚Progressive‘ Memes prägten die Digitalkultur, etwa die Plattform Tumblr, die zuhauf Memes produzierte, die durchaus einem intersektionalen Feminismus entsprachen. Ohnehin ist die ‚frühe‘ Meme-Kultur und Digitalkultur überhaupt seit etwa den 2000er Jahren auch durch große Hoffnungen geprägt: Da das Digitale ungleich mehr Menschen eine kulturelle Partizipation ermöglichte, ging man davon aus, dass eben gerade auch die Stimmen von Minderheiten endlich gehört würden und die Gesellschaften damit allgemein ‚gerechter‘ und gleicher würden. Die frühe Studie der Kommunikationswissenschaftlerin </em><a href="https://limorshifman.huji.ac.il/"><em>Limor Shifman</em></a><em> über Memes – die </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/limor-shifman-meme-t-9783518126813"><em>deutsche Ausgabe</em></a><em> erschien 2014 bei Suhrkamp – atmet diesen optimistischen Geist der Nullerjahre. Gerne analysierte Beispiele waren etwa der sogenannte arabische Frühling, Proteste, die oft digital organisiert wurden und in Teilen auch mit Memes arbeiteten. Im Fokus war in den USA auch Occupy Wallstreet oder in Frankreich die Gelbwesten-Bewegung.</em></p>
<p><em>Heute hat sich das Blatt allerdings gewendet und eine ganz andere Art der Analyse ist dominant geworden. In den Worten des Politologen </em><a href="https://sebastianstier.com/"><em>Sebastian Stier</em></a><em>: So wie Shifman eine Exponentin der sogenannten ‚Mobilisierungsthese‘ ist, der These, dass eine digitale Öffentlichkeit im Endeffekt demokratiefördernd sei, hängen viele Kommentator:innen heute der ‚antidemokratischen Hypothese‘ an, die besagt, dass die Verlagerung des Öffentlichen ins Digitale genau umgekehrt wirkt, demokratiehemmend, sogar demokratiezerstörend, etwa, weil die Plattformen, über deren Algorithmen sie verbreitet werden, keiner demokratischer Kontrolle unterliegen, weil sie gesellschaftliche Polarisierung vorantreiben und nicht zuletzt weil gerade auch extreme Gruppierungen im Digitalen sehr erfolgreich agieren und neue Anhänger:innen rekrutieren können.</em></p>
<h3><strong>Der Fall Pepe</strong></h3>
<div id="attachment_1507" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1507" class="wp-image-1507 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-768x1168.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick.jpg 842w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-1507" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Pepe-Geschichte ist ein Musterbeispiel für diese Wende. Simon Strick zeigt Pepe in seinem Buch <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/">„Rechte Gefühle – Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“</a> (Bielefeld, transcript, 2021) auf dem Titelbild. Das Bild zeigt eine Frau, die man heute vielleicht der Bewegung der Tradwives zuordnen könnte, die sich an den starken, mit Orden behangenen Frosch schmiegt, der offensichtlich hier als ausgesprochen erfolgreicher Militär präsentiert wird. Auf diesem Bild wirkt der Frosch zu allem Überfluss auch noch wie der Prinz aus dem bekannten Märchen, <em>„in dem das Wünschen noch geholfen hat“</em>. Kannst du mehr über die Bedeutung von Pepe in der Meme-Kultur erzählen? Ist diese Figur beispielhaft für ‚extreme‘ Memes?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ich erzähle gerne ein bisschen ausführlicher, wie sich die Pepe-Geschichte entwickelt hat. Ursprünglich war das ein harmloses Webcomic-Meme mit einem grünen Frosch, der als typischer ‚Slacker‘ und Verlierer dargestellt wurde. Doch dann eigneten sich rechte Online-Milieus die Figur Pepe schrittweise an und luden sie politisch auf. Anhänger von Donald Trump assoziierten den damaligen Präsidentschaftskandidaten etwa ab 2015 mit der Figur; Pepe-Memes wurden von Trump selbst und später von Regierungsaccounts weiterverbreitet. Das Kampagnenteam von Hillary Clinton, der damaligen Gegenbewerberin, sah sich bemüßigt, einen ‚Explainer‘ zu Pepe zu publizieren, der diesen als Hasssymbol bezeichnete. Die Varianten wurden in der Tat immer extremer, von Ku-Klux-Clan Pepes zu Nazi-Pepes. </em></p>
<p><em>Durch massenhafte Verbreitung und besonders toxische Varianten wie Nazi-Pepe und die resultierende mediale Aufmerksamkeit wurde Pepe zu einem weithin bekannten Hasssymbol, über das vielfach in den Medien berichtet wurde. Solche Berichterstattung über ein gerade ‚aktives‘ Meme bleibt dabei aber immer ambivalent. Um es noch einmal zu sagen: Whitney Phillips spricht von „the oxygen of amplification“, um zu illustrieren, dass sämtliche massenmediale Berichterstattung über menschenverachtende digitale Kampagnen der extremen Rechten für diese einen Gewinn darstellt. Sie ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zur medialen Dominanz und Normalisierung menschenverachtender Positionen, die extrem rechte Akteure betreiben. </em></p>
<p><em>Der Fall Pepe hat eines ganz deutlich gezeigt: Motiviert waren die Kodierung und die Verbreitung extremer Varianten offensichtlich auch durch eine diebische Freude am Schock und am Unverständnis der breiten Öffentlichkeit. Die Verwendung von extremen Pepe-Varianten ist damit auch vergleichbar mit einer Praxis, die das Digitale schon lange strukturiert: das Trolling, eine rhetorische Praxis, die vor allem auf Provokation und ‚Übertölpelung‘ von ‚anderen‘ zielt, eben etwa von Menschen, die nicht der eigenen digitalen Subkultur angehören.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Pepe als Troll?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Dieses ‚Trolling‘ einer breiten Öffentlichkeit ist mittlerweile zur dominanten Strategie extrem rechter Akteure geworden, was sich gerade dann erweist, wenn sie an der Macht sind, wie in den USA zur Zeit der zweiten Präsidentschaft Trumps. Regierungsaccounts produzieren zuhauf hassschürende, schockierende Memes, verwenden Deportationen als Sujet für geschmacklose Witze, generieren mittels KI eine Zukunft, in der ihrer Macht keine Grenzen mehr gesetzt sind, und so weiter, und so fort. </em></p>
<p><em>Die Beiträge überfluten das Netz mithilfe der Algorithmen der Plattformen, sei es, weil eine Plattform wie X mit Musk einen Besitzer hat, der dieselbe Ideologie verfolgt, oder sei es, weil die aufmerksamkeitsökonomische Logik der Plattformen ohnehin Beiträge ‚belohnt‘ und weiterverbreitet, die möglichst viele und starke Reaktionen hervorrufen, egal, ob diese Reaktionen zustimmend oder ablehnend sind. Es handelt sich hier um eine zentrale digitale Strategie der extremen Rechten: die Überflutung, die Gegner:innen hilflos und überfordert zurücklässt oder zumindest zurücklassen soll. Steve Bannon, der einen Podcast und Video-Stream namens „War Room“ betreibt, brachte es schon in den 2010er Jahren auf den Punkt: „Flood the zone with shit“. </em></p>
<h3><strong>Memetische Logik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ihr schreibt in eurem Buch: <em>„Gerade in nominell demokratischen, aber de facto zumindest partiell ‚postdemokratischen‘ Gemeinwesen können Memes, wie das Beispiel Pepe zeigt, auch eine Form un- oder antidemokratischer Subversion sein. (…) ‚Mehr Information‘ bedeutet nicht automatisch ‚mehr Verständigung‘, ‚mehr Konsens‘ oder ‚mehr Partizipation‘, sondern kann Überdruss und Überforderung erzeugen, lähmende Resignation begünstigen – und schlimmstenfalls die Maschinerien von Ausgrenzung und Diskriminierung ölen, sie umso effizienter arbeiten lassen.“</em> Es ist eine alte traurige Wahrheit politischer Kommunikation: Das Dementi verstärkt das Dementierte, abgesehen davon, dass zwischen einer unwahren Behauptung und dem Dementi immer einige Zeit vergeht, in der sich das zu Dementierende schon weit verbreitet hat. Wenn Journalist:innen kritisch berichten oder kommentieren, werden sie dann schnell als <em>„Lügenpresse“ </em>diffamiert. Es klingt ein wenig nach dem alten logischen Paradox von dem Kreter, der sagt, dass alle Kreter lügen, oder der Frage danach, wer einen Barbier rasiert, der nun einmal qua Definition alle rasiert, die sich nicht selbst rasieren.</p>
<div id="attachment_8537" style="width: 198px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.wagenbach.de/buecher/titel/memokratie.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8537" class="wp-image-8537 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Wolfgang-Ullrich-Memokratie-Wagenbach-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Wolfgang-Ullrich-Memokratie-Wagenbach-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Wolfgang-Ullrich-Memokratie-Wagenbach-200x319.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Wolfgang-Ullrich-Memokratie-Wagenbach.jpg 376w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-8537" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Auch hier ist wieder eine memetische Logik im Spiel, die ewige Variation der immer gleichen memetischen und kulturellen Templates, die Gegner:innen abstoßen, Unterstützer:innen aber ansprechen. </em><em>Der Medientheoretiker und Kunsthistoriker </em><a href="https://www.fonds-daku.de/personen/wolfgang-ullrich/"><em>Wolfgang Ullrich</em></a><em> beschreibt diese Entwicklung in seinem im Frühling 2026 bei Wagenbach erschienenen Buch als </em><a href="https://www.wagenbach.de/buecher/titel/memokratie.html"><em>„Memokratie“</em></a><em>. Memokratie ist bei Ullrich eine politische Öffentlichkeit, in der demokratische Auseinandersetzungen zunehmend von der affektgeladenen Logik digitaler Plattformen geprägt werden. Wenn heutzutage selbst ein von Trump propagandistisch als „Alligator Alcatraz“ vermarktetes Internierungslager in Florida zum Ausgangspunkt zahlloser ‚lustiger‘ Memes wird, verschwimmen die Grenzen zwischen politischer Gewalt und digitaler Unterhaltung, und die extreme Rechte hat eine Art </em><em>‚</em><em>lustigen‘ Mitmach-Faschismus erschaffen, der Leute zur Meme-Produktion animiert.</em></p>
<p><em>Natürlich kann und soll man nun fragen, ob eine pessimistische Deutung der gegenwärtigen Entwicklungen im Sinne der </em><em>‚</em><em>antidemokratischen Hypothese‘ (Sebastian Stier) einfach wieder ein weiterer Debattenzyklus ist, nicht mehr ein bloß</em> ‚<em>modischer’ Blick auf die Digitalkultur, der optimistischeren Sichtweisen weichen wird. </em></p>
<p><em>Prinzipiell bin ich durchaus der Meinung, dass optimistischere Deutungen auch wieder Aufwind erhalten werden, aber eines muss deutlich gesagt werden: Die sozialen Plattformen, die das Internet in den letzten Jahren beispiellos dominiert haben, operieren nach Prinzipien, die im Großen und Ganzen schwer mit einer produktiven, debattenfreudigen Öffentlichkeit zu vereinen sind. Ihnen unterlegt sind algorithmische Strukturen, die absolut intransparent für die Nutzenden sowie für die Forschenden sind. Sie sind deutlich darauf ausgelegt, das sogenannte </em><em>‚</em><em>Engagement‘ in die Höhe zu treiben, sogar suchtähnliche Symptome hervorzurufen, auch zum Preis von Spaltung, Provokation und Hass. Wir alle werden permanent mit digitalen Inhalten konfrontiert, die algorithmisch für uns ausgewählt werden, und haben weder über die Auswahlkriterien Kontrolle noch über die Daten, die wir durch unsere digitalen Aktivitäten selbst den Firmen zur Verfügung stellen. Solche Umgebungen operieren profitorientiert und nicht als idealisierte </em><em>‚</em><em>Agora‘, als Schauplatz transparenter öffentlicher Debatte. Als Gesellschaft müssen wir damit nicht nur über einzelne (toxische oder subversive) digitale Artefakte debattieren und uns wundern, warum bestimmte Akteure digital so erfolgreich agieren. </em></p>
<div id="attachment_5454" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5454" class="wp-image-5454 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-768x1151.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-800x1199.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-1024x1536.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-1200x1799.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-1366x2048.jpg 1366w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Joanna_Nowotny-scaled.jpg 1707w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-5454" class="wp-caption-text">Joanna Nowotny. Foto: privat.</p></div>
<p><em>Wir müssen uns ernsthaft fragen, wie das Digitale überhaupt strukturiert sein sollte, um gesellschaftlich produktiv zu wirken, und uns mit den Prinzipien und technischen Voraussetzungen der Digitalplattformen beschäftigen, die das digitale Leben bis an seinen Kern prägen. Dazu gehören rege gesellschaftliche Debatten ebenso wie ein Bewusstsein dafür, dass Digitalkultur anders aussehen kann – und auch schon mal anders aussah. Und zuletzt werden diese Fragen auch politisch beantwortet werden müssen.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. Oktober 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pepe_the_Frog_Santa_plush.jpg">Pepe the Frog</a>, Foto: Studio Incendo, Wikimedia Commons, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en">Attribution 2.0 Generic</a> license)</p>
<h3><strong>Joanna Nowotny im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></strong></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/good-jewish-boys/"><strong>Good Jewish Boys</strong></a><strong> – Jüdische Verbrecherfiguren in Film und Comic</strong>, Mai 2024.</li>
</ul>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/super-helden/"><strong>Super Helden!</strong></a><strong> Joanna Nowotny über Comicheld:innen in Comic Books und Film – Teil 1</strong>, November 2024.</li>
</ul>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragil-ist-das-neue-super/"><strong>Fragil ist das neue Super!</strong></a> <strong>Joanna Nowotny über Comicheld:innen in Comic Books und Film – Teil 2</strong>, Dezember 2024.</li>
</ul>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Über Vielfalt</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-vielfalt/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-vielfalt/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Sep 2026 14:07:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Über Vielfalt Ein Gespräch mit der Fernseh- und Buch-Autorin Patricia Eckermann „Diversität ist ein Medientrend geworden. In der Werbung, in Film und Fernsehen – und natürlich auch in der Literatur. Verlage schmücken sich mit Schwarzen Autor:innen, deren Werke eine große Zielgruppe ansprechen sollen. Da die Mehrheit der Menschen in den deutschsprachigen Ländern weiß ist,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Über Vielfalt</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Fernseh- und Buch-Autorin Patricia Eckermann</strong></h2>
<p><em>„Diversität ist ein Medientrend geworden. In der Werbung, in Film und Fernsehen – und natürlich auch in der Literatur. Verlage schmücken sich mit Schwarzen Autor:innen, deren Werke eine große Zielgruppe ansprechen sollen. Da die Mehrheit der Menschen in den deutschsprachigen Ländern weiß ist, liegt es im Interesse der Verlage, dass diese Werke zuallererst die Bedürfnisse und Erwartungen weißer Leser:innen befriedigen. Was nichts anderes bedeutet, als dass es immer auch um das Anders-sein gehen soll. Um das Nicht-weiß-sein und damit um die Themen Rassismus und Diskriminierung. (… ) Mit anderen Worten: Wir müssen Geschichten, Welten UND Figuren neu denken und anders schreiben. Damit erschreiben wir uns eine neue, literarische Normalität, aus der die Diversität nicht mehr herauszulösen ist.“ </em>(Patricia Eckermann, <a href="https://www.tor-online.de/magazin/mehr-phantastik/diversitaet-der-deutschsprachigen-phantastik">Diversität in der deutschsprachigen Phantastik</a>, in: Tor Online, 13. Mai 2022)</p>
<p>Diversität, Diversity, Vielfalt – wie auch immer man es nennt – ist ein zurzeit hochkontroverses Thema. Begriffe wie <em>„woke“</em> oder <em>„Identität“</em>, <em>„Kultur“ oder „Integration“</em> sind zu Kampfbegriffen geworden. Die Debatten entzünden sich in allen denkbaren Kontexten immer wieder, mal bezogen auf eine reale oder vermutete Herkunft, mal auf Hautfarbe, mal auf das Geschlecht, mal auf Religionen oder auf alles zugleich, was denjenigen, die das Thema zu skandalisieren verstehen, nicht gefällt. Letztlich geht es immer darum, wem in der Gesellschaft die Zugehörigkeit zu- oder abgesprochen wird. Dabei geht es nicht nur darum, welche Themen – beispielsweise in der Literatur – angesprochen werden, es wird sehr schnell persönlich und die Autor:innen eines Romans, Darsteller:innen in einem Film werden als Menschen angegriffen und abgewertet.</p>
<div id="attachment_8498" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8498" class="wp-image-8498 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-300x200.jpeg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-200x133.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-300x200.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-400x267.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-600x400.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-768x512.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-800x533.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-1024x682.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne-1200x800.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Foto-Laurence-Chataigne.jpeg 1280w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8498" class="wp-caption-text">Patricia Eckermann, Foto: Laurence Chataigne.</p></div>
<p>Die in Bielefeld geborene und in Köln lebende Autorin <a href="https://antagonisten.de/ueber-uns">Patricia Eckermann</a> (*1969) positioniert sich in ihren Romanen und ihren essayistischen Beiträgen klar: Es gibt keine Normalität ohne Diversität. Patricia Eckermann ist ausgebildete Fernmeldehandwerkerin. Während einer zweiten Ausbildung zur Beamtin holte sie das Abitur an einem Abendgymnasium nach und studierte dann in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Anglistik und Pädagogik. Hauptberuflich schreibt sie gemeinsam mit ihrem Partner und Lebensgefährten Stefan Müller Unterhaltungs-Shows fürs Fernsehen, Drehbücher für Filme und Serien. So ganz nebenher schreibt sie Romane. Ihr vielleicht bekanntester Roman ist <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957">„Elektro Krause“</a>. Zuletzt schrieb sie als eine von zwölf Autor:innen eine kurze Folgegeschichte zu einem berühmten Roman der Science Fiction in der DDR: <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon“</a> von Angela und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">Karlheinz Steinmüller</a>. Die <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2468">„Andymonaden“</a> wurden bei Memoranda veröffentlicht. Sie wurden im Demokratischen Salon in einem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetisches-utopia/">Gruppeninterview</a> mit ihr sowie dem Herausgeber Michael Wehren, Karlheinz Steinmüller und Aiki Mira vorgestellt.</p>
<h3><strong>Fernsehgewohnheiten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diversität, Vielfalt, diese Begriffe sind – man muss es leider so martialisch sagen – unter Beschuss, viel zu oft nicht nur verbal. Anschläge auf Menschen, die die Angreifer:innen in der von ihnen propagierten Gesellschaft weder respektieren noch akzeptieren wollen, nehmen zu, auf Schwarze Menschen, auf queere Menschen, auf Jüdinnen und Juden, auf Muslime, auf Menschen, die keine Wohnung haben. Die Liste ließe sich fortsetzen. In den USA haben Trump und seine Regierung eine <a href="https://www.diepresse.com/19458933/die-mehr-als-200-woerter-die-donald-trump-behoerden-verboten-hat">Liste von etwa 200 Wörtern</a> veröffentlicht, die in Behörden, Schulen, Universitäten nicht mehr verwendet werden dürfen, von <em>„activists“ </em>und<em> „antiracist“ </em>über<em> „immigrants“ </em>und<em> „inclusivity“ </em>bis<em> „victim“ </em>und<em> „women“</em>. Hochschulen und Unternehmen wurden aufgefordert, DEI-Programme (DEI = „Diversity, Equity, Inclusion“) abzuschaffen. Aber auch in Deutschland gibt es bedenkliche Entwicklungen. Die eigentlich als liberal eingeschätzte Bildungs- und Familienministerin Karin Prien hat die von ihr geplanten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=JsIrIEOhztU">Änderungen beim Programm „Demokratie leben“</a> unter anderem damit begründet, dass <em>„Vielfalt“</em> kein Förderziel und die Ausrichtung vieler bisher geförderter Projekte zu <em>„linksliberal“</em> wäre. Sie sei allergisch gegen jede <em>„Identitätspolitik“</em>, die Förderung von <em>„Vielfalt“</em> wäre <em>„ideologisch“.</em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich kenne die persönliche Motivation von Karin Prien nicht, sich so zu äußern. Aber sie macht sich so zum Sprachrohr vieler privilegierter Menschen beziehungsweise von Menschen, die gerne privilegierter wären. Für diese Menschen ist Diversität, Vielfalt eher eine Bedrohung, vielleicht weil die anderen ihren Job genauso gut oder sogar besser machen könnten? Aber was ist eigentlich das Gegenteil von „Vielfalt“? „Einfalt“? </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Ein-Falt“</em> vielleicht mit Bindestrich?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Dann ginge es um Menschen, die nicht einem „ein-fältigen“ Bild von Gesellschaft entsprechen. Diese Menschen würden dann alle unterdrückt oder zumindest ignoriert. Man tut, als gäbe es sie nicht oder als solle es sie nicht geben. Sie stören offensichtlich.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn Politiker:innen gegen <em>„Vielfalt“</em> argumentieren, weil sie die Präsenz von Menschen kritisieren, die anders leben, anders aussehen als sie selbst, denke ich darüber nach, warum sie das überhaupt nötig haben. Sie sind in jeder Hinsicht privilegiert, haben allenfalls Probleme mit anderen Politiker:innen, die in der Regel genauso aussehen wie sie, die gleichen Karrieren durchlaufen haben.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich glaube schon, dass es in deren Interesse ist, Vielfalt zu unterdrücken. Es kommt natürlich darauf an, welcher Partei beziehungsweise welcher Gruppe in der jeweiligen Partei sie angehören. Sie zeigen damit auch, wie sie die Gesellschaft sehen und wie sie die Gesellschaft sehen möchten. Wenn Karin Prien sagt, sie halte nichts von Vielfalt, bedeutet das aber vielleicht auch, dass sie kaum Berührung mit Vielfalt in ihrem Alltag hat, sondern nur mit Menschen, die wie sie selbst aussehen und durch ihre Ausbildung und ihre finanziellen Möglichkeiten privilegiert sind. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du bist in zwei Branchen unterwegs. Kennengelernt haben wir uns über die Literatur. Hauptberuflich schreibst du Unterhaltungs-Shows fürs Fernsehen sowie Drehbücher für Filme und Serien. Wie wirkt sich das Thema Diversität in deiner beruflichen Praxis aus?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Mit Entertainment-Shows könnte man Vielfalt fördern, indem man Menschen aller Hautfarben, Menschen mit und ohne Behinderungen, queere Menschen zeigt, einfach die Gesellschaft wie sie ist. Weil man in manchem Sender sich jedoch vor Shitstorms fürchtet, entscheidet man sich leider oft dafür, dass man diese Vielfalt nicht zeigen möchte. Man wählt vielleicht Moderator:innen entsprechend aus, spricht bestimmte Themen nicht an, lädt bestimmte Gäste nicht ein. Ich sehe das, wenn in Redaktionen ernsthaft darüber diskutiert wird, man brauche wegen der Vielfalt noch eine queere Person, könne vielleicht die oder den nehmen, aber man könne dann eine andere bereits vorgesehene Person nicht nehmen, weil die ja auch queer wäre.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das klingt schon ziemlich schräg! Wenn ich das mal so sagen darf.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das sind absurde Diskussionen! Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden vor dem Fernseher stört, wenn in einer Talkrunde oder einer Serie einmal zwei queere Personen sitzen. Dann reduziere ich Personen auf einen ganz bestimmten Teil ihrer Identität.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich finde es ganz interessant, dass bei Politiker:innen gerne hervorgehoben wird, wenn sie schwul sind, lesbisch schon eher weniger, obwohl das über ihre politische Arbeit gar nichts aussagt.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Es interessiert auch nicht. Aber es interessiert die Leute, die das Gefühl haben, wir müssen ja schon ein bisschen Diversity zeigen, denn das ist nun einmal die Gesellschaft, denn wir wollen ja bestimmte Gruppen, Parteien, Individuen „nicht vor den Kopf stoßen“. Dann wird geschaut: Vielleicht ein queerer Mensch als „Paradiesvogel“, aber der Rest sollte bitte schön „normal“ sein. Ähnlich bei Schwarzen Personen, Frauen mit Kopftüchern. Dann nehmen wir eine davon. Es wird immer noch angenommen, die Norm sähe aus wie der berühmte Max Mustermann. Man könnte natürlich eine Schwarze Frau mit Kopftuch einladen, dann bräuchte man nur eine und nicht zwei, die der angeblichen Norm nicht entsprechen. </em></p>
<h3><strong>Bildungsauftrag</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wenn die dann noch lesbisch ist, hat man gleich drei Bedingungen für Vielfalt erfüllt. Entschuldige bitte diesen Sarkasmus.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Perfekt. Du sagst es. Du wärst perfekt fürs Fernsehen! Es ist nicht überall so im Fernsehen, aber es gibt schon die ein oder andere Entscheidung, bei der das so läuft. Es ist auch viel Angst im Spiel. Du kennst die Geschichte, als das ZDF der </em><a href="https://www.zdf.de/shows/die-anstalt-104"><em>„Anstalt“</em></a><em> verboten hat, einen Song von Danger Dan und Igor Levit zu bringen, weil er angeblich zur Gewalt aufriefe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der letzte Satz des Songs war schon grenzwertig. Da wurden die Vornamen von vier jungen Leuten genannt, die mit Gewalt, unter anderem mit Hämmern, Rechtsextremisten angegriffen und verletzt haben. Sie stehen wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht, wurden zum Teil auch schon zu empfindlichen Strafen verurteilt. Aber ob Danger Dan damit zu einer Gewalttat aufrief oder die Hilflosigkeit in manchen linken Szenen beschrieb, will ich nicht bewerten. Ein Text ist auch immer das, was die Leser:innen oder Hörer:innen daraus machen.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Du hast recht. Genau das aber wäre zu diskutieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Redaktion der „Anstalt“ genau das vorgehabt hat. „Die Anstalt“ ist <u>das</u> Format im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in dem schwierige, kritische Themen sehr verständlich, auch allgemein verständlich, eingeordnet werden. Die hätten schon eine gute Nummer daraus gemacht, die uns alle in der Gesellschaft weitergebracht hätte. Die Jurist:innen des ZDF hatten das ja auch – so wie ich es gelesen habe – schon durchgewunken, es handele sich nicht um einen Aufruf zu Gewalt, es sei von der „Kunstfreiheit“ gedeckt, könnte gespielt werden. Niemand weiß, was nach dem Song gekommen wäre. Es hätte mit Sicherheit einen Aufschrei aus der rechten Szene – insbesondere von einer bestimmten Partei – gegeben, dass ein solcher Song im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gespielt würde. Deshalb wurde die Reißleine gezogen. Aus meiner Sicht ist das ein Einknicken, das das Fernsehen nicht nötig hat. Denn gerade im öffentlich-rechtlichen Rundfunk soll aufgeklärt werden. Er soll uns die Möglichkeit geben, uns eine eigene Meinung zu bilden. Wir sollen selbstständig denkende Individuen werden, die mit entsprechendem Wissen zur Wahl gehen und entscheiden, wen sie dann wählen. Das ist der Bildungsauftrag gemäß </em><a href="https://gesetze.jurafuchs.de/gesetz/mstv-sl/26-auftrag"><em>§ 26 Medienstaatsvertrag</em></a><em> (MStV). Ich halte es für falsch, die Zuschauer:innen, Zuhörer:innen für unfähig zu erklären, selbst zu entscheiden, was sie für gut und richtig halten und was nicht. Was ist das für ein Menschenbild?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es hätte zum Beispiel so laufen können, dass – wie es auch oft in der „Anstalt“ geschieht, ein Song gebracht wird, der dann hinterher kommentiert und auseinandergenommen wird. Es wäre mit Sicherheit diskutiert worden, dass es ein Unterschied ist, ob jemand mit den „Omas gegen Rechts“ oder anderen Initiativen demonstriert oder ob jemand Rechtsextremisten verprügelt oder gar verletzt.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das ist ein fundamentaler Unterschied!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine kabarettistische Aufarbeitung dieses Unterschieds hätte mit Sicherheit auch ein paralleles Ereignis einbeziehen können. Etwa zeitgleich trat der Kabarettist <a href="https://d.docs.live.net/95b37afd2fc11ad3/Norbert-One%20Drive/Norbert%20Blog/Newsletter">Uwe Steimle bei einer AfD-Veranstaltung</a> auf und witzelte, dass man Angela Merkels Bild an die Wand stellen könne, wenn es nicht an der Wand hängen bliebe. Seine Formulierung konnte man aber auch so verstehen, als wolle er Angela Merkel an die Wand stellen. Die zweite Geschmacklosigkeit war seine Frage, wo Stauffenberg wäre, wenn man ihn mal brauche, und suggerierte ein Attentat auf Friedrich Merz. Weder Chrupalla noch Siegmund, die beide im Publikum waren, griffen ein. Sie sangen mit Uwe Steimle zu allem Überfluss auch noch die DDR-Nationalhymne.</p>
<p>Die beiden Ereignisse fanden in einem unterschiedlichen Setting statt. Ob das eine oder andere als „Volksverhetzung“ nach <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__130.html">§ 130 StGB</a> zu bewerten ist, wäre eine von den Staatsanwaltschaften und gegebenenfalls, falls es zu einer Anklage kommt, eine offene Frage. So viel ich weiß, wurde das Verfahren gegen Uwe Steimle eingestellt. Danger Dan und Uwe Steimle können sich aus meiner Sicht beide im Grunde auf die Kunstfreiheit (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html">Art. 5 Abs. 3 Grundgesetz</a>) berufen. Zu vergleichbaren Fällen hat sich Ronen Steinke sehr kompetent in seinem Buch <a href="https://www.piper.de/buecher/meinungsfreiheit-isbn-978-3-8270-1534-1">„Meinungsfreiheit“</a> in diesem Sinne geäußert.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>:<em> In den Medien wurden beide Ereignisse jedoch sehr unterschiedlich diskutiert. Aber mir geht es nicht nur um diese beiden konkreten Fälle. Von Seiten der AfD beziehungsweise von Kreisen, die der AfD nahestehen, kennen wir diese Aufrufe zur Gewalt schon seit Jahren. Marginalisierte Menschen wie ich leben seit Jahren in Sorge angesichts dessen, was wir nicht nur sprachlich, sondern auch an körperlicher Gewalt erleben beziehungsweise befürchten müssen. Meine Teenagerjahre waren die 1980er Jahre. Damals gab es schon Ecken, die wir meiden mussten, weil wir wussten, dass dort Leute sind, die gewalttätig werden, wenn Menschen wie ich in ihr Blickfeld kommen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das gab es schon in den 1960er Jahren, in denen ich aufgewachsen bin. Immerhin ist inzwischen in der Bevölkerung und in den zuständigen Behörden ein Bewusstsein für diese Bedrohungslage entstanden. Allein die <a href="https://www.antidiskriminierungsstelle.gov.de/DE/startseite/startseite-node.html">Einrichtung von Antidiskriminierungsbeauftragten</a> spricht dafür. Nur haben wir inzwischen auch eine Partei, die diese Bedrohungslage leugnet und beispielsweise – wie jetzt die AfD in Sachsen-Anhalt – die Schutzkonzepte für queere Menschen, beispielsweise bei CSD-Veranstaltungen, und natürlich auch alle Antidiskriminierungsstellen abschaffen will. Immer wieder wird in diesen Kreisen behauptet, dass es doch überhaupt keinen Rassismus gäbe, also bräuchte man auch keinen Schutz der von Rassismus betroffenen Menschen.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Es hat sich auch noch etwas anderes verändert: Wenn man aktuell jemandem „Rassismus“ vorwirft oder etwas, das jemand gesagt hat, als „rassistisch“ bezeichnet, fühlt die jeweilige Person sich angegriffen und betreibt eine Täter-Opfer-Umkehr. Wenn ich einem weißen Menschen sage, er möchte doch nicht das N-Wort benutzen, geht dieser sofort zum Gegenangriff über – und dank der Sozialen Medien zieht das oft weite Kreise. Es ist auch immer noch kein Bewusstsein dafür da, dass Rassist sein und rassistisch handeln nicht unbedingt dasselbe sind. Es gibt sicherlich viele Menschen, die von sich sagen, sie seien auf keinen Fall Rassisten, wollten auf keinen Fall auch welche sein, denn für sie seien alle Menschen gleich. Aber sie sind nun einmal in unserer Gesellschaft aufgewachsen und haben all die Rassismen internalisiert, die dazu führen, dass sich jemand rassistisch ausdrückt oder rassistische Annahmen pflegt. Wenn ich das anspreche, kommt als Antwort selten die Bereitschaft, man könnte jetzt vielleicht etwas dazulernen, sondern eher eine defensive Reaktion: „Du hast mich jetzt als rassistisch bezeichnet, also bist du der Störenfried.“ </em></p>
<p><em>Wir bräuchten eigentlich eine vernünftige Aufklärung. Die müsste schon im Kindergarten anfangen, in der Schule, über die Medien. Ich bin ursprünglich zum Fernsehen gegangen, weil ich gedacht habe, über das Fernsehen könnte man alle Menschen erreichen, man müsse nicht unbedingt akademisch sein, man könne auch schwere Inhalte einfach vermitteln. Das macht „Die Anstalt“ sehr gut.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Na ja. Es ist doch ein ziemlich elaboriertes Format, schon von der Sprache und dem meines Erachtens erforderlichen Hintergrundwissen, um die Tragweite der einzelnen Texte zu verstehen. Auch die Sendezeit spricht nicht dafür, dass ein größeres Publikum erreicht werden könnte. Das ist eine Zeit, zu der Menschen, die am nächsten Morgen früh zur Arbeit aufstehen, kaum noch den Fernseher einschalten.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Da hast du natürlich recht, auch wenn der Zugriff über die Mediatheken zu jeder Uhrzeit möglich ist. Natürlich bringt man das so spät, weil die Einschaltquote für nicht hoch genug gehalten wird, um es zur Prime Time zu bringen. Die Sprache ist schon auch sehr anspruchsvoll. Ein anderes Format wäre die „heute-show“, die die Dinge weniger intellektuell, mehr mit Humor, einfacher auf den Punkt bringt. Dafür hat die „heute-show“ mit gleich drei Schwerpunktthemen pro Ausgabe nicht die Möglichkeit, komplexe Zusammenhänge zu erklären, wie das „Die Anstalt“ mit den großen Schautafeln macht.</em></p>
<h3><strong>Der Roberto-Blanco-Effekt</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Einstellungen sich in den letzten Jahrzehnten veränderten, lässt sich vielleicht an einem Beispiel aus dem Fußball zeigen. Kaum jemand weiß heute noch, <a href="https://ga.de/bonn/stadt-bonn/1975-bonner-frauen-holen-ersten-meistertitel-im-fussball_aid-129184509">dass die Frauenmannschaft des Bonner SC im Jahr 1975 die deutsche Fußballmeisterschaft gewann</a>. Im Endspiel gewannen die Bonnerinnen gegen den FC Bayern München mit 4:2. Eine der Spielerinnen war die Jamaikanerin <a href="https://alchetron.com/Beverly-Ranger">Beverly Ranger</a>. Beverly Ranger war auch die erste Frau, die <a href="https://www.sportschau.de/tor-des-monats/video-tor-des-monats-juni-sp-144.html">in der ARD-Sportschau als Schützin des Tors des Monats ausgezeichnet</a> wurde. Dieses Tor hatte schon <a href="https://www.youtube.com/watch?v=KY40__rBvSk">die Qualität des zweiten Tors von Diego Maradona 1986 gegen England</a>. Aber wer erinnert sich noch an Beverly Ranger? Torsten Körner hat ihre Geschichte in seinem Film mit dem so wunderbar doppeldeutigen Titel <a href="https://www.schwarzeadler-film.com/">„Schwarze Adler“</a> erzählt. Als Beverly ausgezeichnet wurde, ließ die Redaktion der Sportschau den von Vico Torriani gesungenen Schlager spielen: <a href="https://www.songtexte.com/songtext/vico-torriani/schon-und-kaffeebraun-3bf8e41c.html"><em>„Schön und kaffeebraun / sind alle Frau‘n / in Kingston Town“</em></a>. Wir sind im Jahr 1975! Samstag, 18 Uhr.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann </strong>(lacht): <em>Um Gottes Willen.</em> <em>Das haben alle gesehen! </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Außer denen, die lieber zur selben Zeit im ZDF <a href="https://www.serienjunkies.de/daktari/">Daktari</a> geguckt haben. Das wäre auch ein interessantes Thema. Ein <em>weißer</em> Tierarzt mit <em>weißer</em> Crew in Afrika, ab und zu mal eine Schwarze Person in einer helfenden Rolle. Das war etwa die Zusammensetzung der Crew im Großwild-Tierfänger-Epos <a href="https://www.ardmediathek.de/video/hatari/hatari/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC9GMjAxN1dPMDA5NjQyQTA">Hatari</a> von Howard Hawks mit John Wayne aus dem Jahr 1962.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Der Rassismus in unserer Gesellschaft ist sehr gut erkennbar, aber in den meisten Fällen in unserem Alltag ist er erst einmal unbewusst. Deswegen ist er so schwer zu greifen und anzusprechen.</em></p>
<p><em>Ich kann das auch verstehen. Viele haben zum Beispiel keinen Kontakt zu Schwarzen Menschen. Man möchte eigentlich ein guter Mensch sein und sagt etwas, das in der Welt, in der man lebt, völlig normal ist, weil es alle so sagen. Und dann steht man plötzlich vor einer Schwarzen Person, die sagt, das, was man gerade gesagt hätte, sei rassistisch. Dann bricht erst einmal ein Weltbild zusammen, weil man sich von denjenigen, die offen rassistisch sind und sich auch so benehmen, abgrenzen möchte.</em></p>
<p><em>Ich denke, es müsste in unserem Land mehr Bereitschaft geben anzuerkennen, dass da etwas nicht stimmt. Aber das hat etwas mit Fehlerkultur zu tun. Und da sind wir nicht die besten in der Welt.</em></p>
<p><em>Wie war das denn bei dir? Wann hast du angefangen, dich mit dem Thema zu befassen?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als ich in den 1960er Jahren aufgewachsen bin, war das gar kein Thema. Es kam im Alltag nicht vor. Die einzigen, die es gab, waren die Gastarbeiter. Die sah man allerdings nicht, allenfalls gelegentlich bei der Müllabfuhr, wenn die einmal in der Woche die Mülltonnen leerten. Ansonsten waren die Gastarbeiter unter sich. In der Schule gab es keine Gastarbeiterkinder, auch keine Schwarzen Kinder. Der Exot in meiner Klasse im Gymnasium war ein Junge, der weder katholisch noch evangelisch war, sondern griechisch orthodox. Die Gastarbeiter sah man erst, als sie ihre Familien nach Deutschland holten. Sie zogen natürlich in die Stadtteile, wo ohnehin schon die Kollegen wohnten. Das ist auch völlig verständlich, denn man möchte erst einmal dort leben, wo Leute leben, deren Gewohnheiten, deren Alltag, deren Ansichten man kennt. Das war bei den Deutschen, Iren, Polen, Italienern, die im 19. Jahrhundert und später in die USA ausgewandert sind, nicht anders. Die hatten alle ihre eigenen Viertel.</p>
<p>Ich hatte mit der Zeit eher einen literarischen Zugang zum Thema, das mich schon faszinierte, weil es für mich auch ein Fenster zur Welt war. Filme spielten dabei auch immer eine Rolle, beispielsweise die Filme von Stephen Frears über das multikulturelle London, zum Beispiel <a href="https://www.imdb.com/de/Title/tt0091578/">„My Beautiful Laundrette“</a>, in dem es nicht nur um People of Color, sondern auch noch um ein schwules Paar geht, oder <a href="https://www.youtube.com/watch?v=kRsm1jGjScs">„Sammy and Rosie get Laid“</a>. Mich hat später das Buch <a href="https://archive.org/details/corrosionofchara00senn/page/n5/mode/2up">„The Corrosion of Character“</a> von Richard Sennett (1998) sehr beeindruckt. Er beschreibt unter anderem, wie sich die italienische Community in New York City bildete, zurechtfand, Bäckereien betrieb, sich aber mit der Zeit auflöste, weil die kleinen Bäckereien durch Supermärkte und automatisierte Großbäckereien abgelöst wurden, in denen kaum noch jemand backen konnte. Lediglich zwei Vietnamesen konnten noch backen.</p>
<p>Im Alltag war es der Fußball. Ich sah, wie schon in den 1960er Jahren die Mannschaften diverser wurden – wie man heute sagen würde. Da spielten erst einmal viele Jugoslawen, dann kam der ein oder andere Brasilianer oder Türke. 1978, als der 1. FC Köln Deutscher Meister wurde, waren die Außenbahnen durch einen Belgier und einen Japaner besetzt. Mit der heutigen Diversität von Fußballmannschaften lässt sich das natürlich nicht vergleichen. Allerdings spielten in der Bundesliga von Anfang an auch Spieler wie Jimmy Hartwig und Erwin Kostedde, die in Deutschland geboren waren, deren Väter aber US-amerikanische GI’s waren. Torsten Körner hat auch ihre Geschichte mit all den Anfeindungen, die sie erleben mussten, in „Schwarze Adler“ erzählt. Inzwischen gibt es in den deutschen – wie in den meisten europäischen – Fußballmannschaften viele Spieler aus afrikanischen Ländern, ebenso wie viele Schwarze Spieler, die im jeweiligen Land geboren und aufgewachsen sind. Es passiert leider ständig, dass vor allem Schwarze Spieler in den sogenannten Sozialen Netzwerken übel beschimpft werden, wenn ihre Mannschaft verliert oder sie gar selbst einen Elfmeter verschossen haben. <a href="https://www.rnd.de/wissen/was-der-tauhid-zeigefinger-im-islam-wirklich-bedeutet-2WLUBFBG6ZBSJC5FWUUGNGVAKA.html">Als sich der deutsche Spieler Antonio Rüdiger als gläubiger Muslim mit dem Tauhid-Finger zeigte</a>, der nicht mehr und nicht weniger bedeutet, als dass er sich zu dem einen Gott bekennt, also kein Polytheist ist, wurde er sofort in den Medien beschimpft, als wäre er ein Sympathisant islamistischer Terroristen, aus dem einzigen Grund, dass diese sich auch gerne mit dem Tauhid-Finger zeigen. Einer meiner ersten Beiträge zum Thema „Afrikanische Welten“ im Demokratischen Salon befasste sich mit Fußball: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-weisse-blick/">„Der <em>weiße</em> Blick“</a>. Das ist ein ganz spannendes Kapitel.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Es ist eigentlich immer so. Die ersten, die als „Andere“ in die Mehrheits-Bubble vordringen, müssen viel kämpfen, viele Kompromisse eingehen. Ich nenne das den Roberto-Blanco-Effekt. Wenn ich heute auf </em><a href="https://roberto-blanco.com/"><em>Roberto Blanco</em></a><em> schaue – oder auf </em><a href="https://music.youtube.com/channel/UC37M9ZNPz1F91xaIdZ-jMRg"><em>Billy Mo</em></a><em> mit seiner Lederhose – dann ist das nur schwer zu ertragen. Roberto Blanco ist für mich zu devot, zu sehr Klischee. Der bayerische Innenminister Joachim Hermann sagte beispielsweise in einer ARD-Talk-Show: „</em><a href="https://www.deutschlandfunk.de/ard-talkshow-csu-politiker-bezeichnet-roberto-blanco-als-100.html"><em>Roberto Blanco war immer ein wunderbarer N****</em></a><em>, der den weißen Deutschen gefallen hat. Und beim FC Bayern spielen auch eine ganze Menge mit schwarzer Hautfarbe mit.“ Das war im Jahr 2015, brachte ihm jede Menge Kritik ein, bewegte sich aber genau in dem Klischee, in dem Roberto Blanco in Deutschland gesehen wurde. </em></p>
<p><em>Doch dann denke ich darüber nach, wie Roberto Blanco in Deutschland ankam, wo und wie er seine Karriere hat aufbauen können und müssen, seine gesamte Musiker- und Entertainment-Karriere. Er musste all diese Kompromisse machen, sonst wäre er nicht dort angekommen, wo er angekommen ist. Manche sagen, er hätte es ja auch lassen können. Aber wenn er es damals nicht gemacht hätte, könnten alle anderen, die heute auf seinen Schultern stehen, es nicht machen. Dann hätte ein anderer auf sich nehmen müssen, was Roberto Blanco auf sich genommen hatte. Das muss man in der Bewertung immer mit einpreisen. Der Respekt vor denen, die uns den Weg geebnet haben, ist wichtig. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die einzige Schwarze Figur in den Lektüren meiner Kindheit war Michael Endes <a href="https://michaelende.de/jimknopf">Jim Knopf</a>. Der war für mich einfach ein toller Typ. Auf die Hautfarbe habe ich nicht geschaut, das machte ihn vielleicht sogar noch interessanter, weil man nicht so richtig wusste, woher er kam. Wir erfahren es ja im Roman mit der Zeit. Niemand hat damals darüber nachgedacht, was es damit auf sich hatte, dass er in Lummerland als ein <em>„N****baby“</em> ankommt. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, ihn als <em>„Schwarzes Baby“</em> einzuführen.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Schwarz wäre damals für manche sogar das schlimmere Wort gewesen. Es gab das Spiel „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“, das ich in den 1970er Jahren auch gespielt habe. Ich habe nicht daran gedacht, dass das etwas mit meiner Hautfarbe zu tun haben könnte. Ich habe mich als Kind auch nicht als Schwarz wahrgenommen. Ich habe eher gesagt, ich bin braun. Dann in den 1980er Jahren kam der Begriff „afrodeutsch“ auf, und etwas später hieß es dann, wir sind „Schwarz“. Damals gab es viel Bewegung in der Schwarzen Community. Wir hatten in den 1980er Jahren die Bewegung mit Audre Lorde und May Ayim, dann die </em><a href="https://isdonline.de/"><em>Initiative „Schwarze Menschen in Deutschland“</em></a><em>. Aber das waren Diskussionen und Debatten unter Erwachsenen. Unter Kindern war das noch eine andere Sache. Ich erinnere mich daran, dass ich im Kindergarten nie über mich als Schwarze nachgedacht habe, sondern nur als nicht weiß. Ich bin nicht mit dem Bewusstsein aufgewachsen, was ich bin, sondern mit dem Bewusstsein, was ich nicht bin. Das ist eine Erfahrung, die ich mit vielen Leuten teile, die in unserem Land einer Minderheit angehören. Sie wachsen erst einmal mit dem Bewusstsein auf, was sie nicht sind, was sie alles nicht erreichen können, weil sie nicht so wie die anderen sind.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber die deutschen Frauen gingen alle auf die Sonnenbank, um eine dunklere Haut zu bekommen.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich bin auch auf die Sonnenbank gegangen. Die haben mich angeguckt, als wäre ich der Weihnachtsmann. Das hat mir sehr gefallen, einfach um die zu ärgern.</em></p>
<h3><strong>Dramaturgische Enge</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe mal in der Sauna erlebt, dass ein <em>weißer</em> zu einem Schwarzen sagte, er hätte es ja viel leichter, weil Schwarze die Hitze ja wohl gewohnt wären. Der Schwarze antwortete, nein, ist nicht so, wir schwitzen genau so. Das sind so diese merkwürdigen Vorstellungen, die die Leute so im Alltag hatten. Vielleicht hat der junge <em>weiße</em> Mann nachher seinen Kumpels erzählt, hört mal, die Schwarzen – wahrscheinlich hat er die N**** gesagt oder die Afrikaner – schwitzen genauso wie wir. Hat er doch etwas gelernt! Nicht alles, was er hätte lernen können, aber immerhin etwas.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong> (lacht):<em> Es ist immer das Gleiche. Man lernt, wenn man miteinander zu tun hat, nicht wenn man sich nie begegnet und nie miteinander redet. Dann lösen sich viele Probleme von selbst, weil man sieht, der Andere ist ja nicht anders, der ist ja genau so. Der sieht ja nur anders aus, ansonsten sind wir gleich.</em></p>
<p><em>Deshalb wollte ich auch zum Fernsehen. Ich glaube noch immer: über Serien, über Shows können wir in ganz Deutschland ein Bild zeigen, wie wir wirklich sind. Wir sind ja auch sehr divers. Wenn du durch Köln gehst, ist es sicherlich noch viel diverser als in einem Dorf in der Eifel. Aber das Fernsehen bekommen die Leute auch in der Eifel mit. Da sehen sie: So ist das in der Stadt! Da gibt es Schwarze Menschen, da gibt es Frauen mit Kopftuch, da gibt es Leute mit langen Bärten, da gibt es alte Leute, junge Leute, Menschen mit Behinderungen. Alte Leute sieht man im Fernsehen schon immer öfter, aber viel zu wenig Leute mit Behinderungen. Denk mal darüber nach, wo du im Fernsehen Leute mit Behinderungen siehst.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bkHjdcvvHXk&amp;list=PL-UBrIhLGPeegQkNqxMMOrFeLFeocFrNe">„Ziemlich beste Freunde“</a>?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Da gehört das zur Geschichte, dass einer von den beiden im Rollstuhl sitzt, natürlich der reiche weiße Mann. Der Schwarze kommt aus prekären und kriminellen Verhältnissen und soll ihm helfen, was er zunächst eigentlich gar nicht will. Dramaturgisch durch den Gegensatz verständlich, aber auch das ist Klischee – selbst wenn es auf einer wahren – französischen! – Geschichte basiert. Aber mein Punkt ist hier ein anderer: Wenn du Menschen mit Behinderungen im Fernsehen siehst, siehst du sie in acht oder neun von zehn Fällen, weil die Behinderung eine Rolle in der Dramaturgie spielt. Dass jemand in einem Film eine Behinderung hat, die keine Rolle in der Dramaturgie spielt, gibt es viel zu selten. Das gilt auch für Frauen mit Kopftuch oder für Schwarze Menschen, für Queers. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir kommt es etwa vor wie die Geschichte von dem Tschechow‘chen Gewehr: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss irgendwann im weiteren Verlauf des Stücks damit geschossen werden. Irgendwie werden Behinderungen, Hautfarbe, geschlechtliche Orientierungen genau so eingesetzt. Aber gibt es nicht auch Ausnahmen, vielleicht die Fernsehserie <a href="https://www.fernsehserien.de/die-heiland-wir-sind-anwalt">„Die Heiland“</a>? Die Anwältin Romy Heiland ist blind, hat dafür aber ein exzellentes Gehör, mit dem sie sogar erkennt, ob jemand lügt. Also doch kein Grenzfall?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ein Beispiel wäre noch ChrisTine Urspruch in der Rolle von Dr. Valerie Klein in der Serie </em><a href="https://www.fernsehserien.de/die-heiland-wir-sind-anwalt"><em>„Dr. Klein“</em></a><em>. Ihre Körpergröße von 1,32 Meter spielt eine Rolle und doch wieder nicht. In dem Münsteraner Tatort, in dem sie die Mitarbeiterin des Pathologen Dr. Börne spielt, ist ihre Körpergröße ständig Gegenstand der Witzeleien ihres Chefs, die sie jedoch selbstbewusst kontert. ChrisTine Urspruch spielt selbstbewusste, starke, emanzipierte Frauen, ihre Körpergröße wird zwar immer wieder thematisiert, spielt aber keine oder kaum eine Rolle in der Dramaturgie. Davon müsste es mehr geben. Das ist aus meiner Sicht eigentlich der Auftrag des Fernsehens.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber was heißt eigentlich <em>„Norm“</em> oder <em>„Abweichung von einer Norm“</em>? Wenn von fünfzehn Leuten zehn gleich aussehen, sind die dann die <em>„Norm“</em>?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Im Grunde ja. Es gibt natürlich niemanden, der verbindlich für alle sagt, das ist die Norm und so haben wir alle auszusehen. Du hast zum Beispiel einen Film, für den du eine Casting-Agentur anforderst. Die Drehbuchautor:innen schreiben ins Drehbuch, wie die Figuren aussehen sollen. Früher war man da sehr genau: Grüne Augen, 1,80 Meter groß, schlank und so weiter. Die Casting-Agentur hat dann entsprechend gesucht. Es gibt jedoch auch andere Herangehensweisen, zum Beispiel das Colorblind Casting. Da wird nicht vorgegeben, wer wie aussieht. Das war zum Beispiel in der Serie </em><a href="https://www.netflix.com/de/title/80232398"><em>„Bridgerton“</em></a><em> der Fall, die auf Netflix läuft. Die Serie spielt in der Vergangenheit, einer Zeit, in der die meisten Figuren hätten weiß sein müssen. Aber viele Figuren sind Schwarz, Asiatisch, haben Behinderungen. Manche Serienfans überfordert das auch, weil sie sagen, das wirke viel zu gewollt, so etwas habe es früher gar nicht gegeben, das wäre doch historisch falsch. Für Leute wie mich ist das natürlich superschön zu gucken. Mit dieser Geschichte möchte ich sagen, dass du, wenn du als Regisseur:in oder Casting-Person ein Drehbuch bekommst, in den seltensten Fällen Figuren vor Augen hast, die nicht so aussehen wie du selbst. Du suchst in der Regel nach Figuren, die aussehen wie du – und die sind deshalb meist alle weiß.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nehmen wir einmal einen anderen Fall: <a href="https://www.serienjunkies.de/downton-abbey/">„Downtown Abbey“</a> um die Familie Crawley beziehungsweise den sechsten Earl of Grantham. Die Serie und die drei Filme spielen zwischen 1912 und 1930. Drei Figuren sind etwas anders. Der eine ist der irische Chauffeur Tom Branson, der sich in die dritte Tochter, in Sybil verliebt, sie auch in ihn. Sie heiraten, aber Sybil stirbt bei der Geburt ihres Kindes. Tom integriert sich hervorragend in die Familie, bleibt aber bei seinen sozialistischen Ansichten, die er pragmatisch im Sinne der Familie einsetzt. Die zweite Figur ist Thomas Barrow, der erste Diener. Seine Homosexualität macht ihm das Leben schwer. Er versucht sogar eine ihn selbst schädigende Therapie. Schließlich wird er Butler und findet – im zweiten Film – sein Glück, den Menschen, mit dem er sein Leben verbringen möchte und darf, einen berühmten amerikanischen Schauspieler, dem er in die USA folgt. Die dritte Figur ist John Bates, der persönliche Diener des Earls of Grantham. Er hinkt wegen einer Verletzung aus dem Burenkrieg. Er versucht dies mit einem untauglichen Hilfsmittel zu korrigieren. In allen drei Fällen gibt es rund um diese Problemlagen Konflikte, die die Handlung voranbringen, aber letztlich lösen sich alle Konflikte auf. Selbst das Sprachrohr der radikal Konservativen, der Butler Jim Carson, fügt sich in die neue Zeit, sogar in seine eigene Vergangenheit als ehemaliger Vaudeville-Akteur in dem Duo „The two Charlies“.</p>
<p>Es gibt nur einen Fall, der nicht in Harmonie endet. Cousine Rose, ein junges Mädchen, das gerne tanzen geht, verliebt sich in einen Schwarzen Musiker. Sie ist sehr verliebt, aber er sagt ihr auf einer romantischen Bootsfahrt, dass sie als Paar nie die Akzeptanz erhalten würden, die sie bräuchten. Rose findet später ihr Glück, aber der Musiker verschwindet aus der Serie. Der Ire und der Schwule werden nach langem Hin und Her akzeptiert, der Behinderte ohnehin, der Schwarze bleibt jedoch draußen, wird nicht Mitglied der Familie.</p>
<p>Die Handlung spielt – das muss man deutlich sagen – in den 1910er und 1920er Jahren.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Bezeichnend ist: du siehst über sechs Staffeln und drei Filme nur eine einzige Schwarze Figur. Das haben wir so auch in deutschen Serien, die in der damaligen Zeit spielen. Denke an Babylon Berlin, an Charité, an die Oktoberfest-Miniserien. Du hast einen rein weißen Cast und da drin eine Schwarze oder sonst wie anders gelesene Figur. Ich kann mir die Story mit dem Schwarzen Musiker in „Downtown Abbey“ in dem Bewusstsein anschauen, dass es heute anders ist, aber die Serie selbst spielt weiterhin – ich sage es einmal so – im ausschließlich weißen Gewässer. Hättest du ein Colorblind Casting wie bei „Bridgerton“, hättest du das nicht. Da gäbe es schon in der Familie Crawley Schwarze Personen, ohne dass es weiter erklärt werden müsste. Das wäre zwar historisch falsch – oder besser: stark übertrieben, würde aber mir als einem Teil dieser Gesellschaft helfen, mich in Geschichten wiederzufinden, die in der Vergangenheit meines Landes spielen. Man muss sich natürlich darüber im Klaren sein, was man mit der Serie erreichen will.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Kernpunkt in „Downtown Abbey“ sind die Frauenrechte. „Downtown Abbey“ zeigt, wie sich die knochentrocken konservative englische höhere Gesellschaft in den 1920er Jahren entwickeln konnte beziehungsweise hätte entwickeln können, wenn sich alle – mit der genannten Ausnahme – so tolerant und weltoffen gezeigt hätten wie die Familie Crawley. Ich sehe das schon als eine emanzipatorische Botschaft der Serie. Jetzt spoilere ich mal: Am Anfang, im Jahr 1912 konnte Mary, die älteste Tochter nicht erben, weil ein früherer Earl of Grantham festgelegt hatte, dass nur Männer erben dürfen. Am Ende des Finales im dritten Film, im Jahr 1930, wird sie die Hauptverantwortliche für die Liegenschaft – und das als geschiedene Frau!</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das ist natürlich ein Super-Bogen. Ich finde ohnehin, dass das englische Fernsehen tolle Serien hervorgebracht hat, toll konzipiert, toll gespielt, aus denen man auch etwas lernt, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, wie wir an den beiden Serien gesehen haben. Das wäre auch für die deutsche Fiktion gut. Allerdings werden viele Menschen, die zur aktuellen Gesellschaft gehören, komplett ausgeblendet, weil man sich immer darauf beruft, euch hat es früher ja nicht gegeben, dann können wir die Geschichte auch nicht mit euch im Personal erzählen.</em></p>
<p><em>Ich komme noch einmal auf das Casting in „Bridgerton“ zurück. In „Bridgerton“ hast du eine Schwarze Königin, der Sidekick der Königin ist ebenfalls Schwarz. Die Mitglieder der Familie Bridgerton sind zwar alle weiß, aber sie heiraten fast alle nicht weiß. Der Cast ist sehr multikulturell und zwar so multikulturell, dass man darüber gar nicht mehr reden muss. Er ist so besetzt, dass die Zuschauenden (nicht mal unbedingt bewusst) merken: ach guck mal, Menschen, die anders aussehen als ich, anders aufgewachsen sind als ich, die denken, fühlen ähnlich wie ich. Das fördert den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Deshalb ist Fernsehen auch so wichtig. Fernsehen kann so viel erreichen. Deshalb verstehe ich aber auch, warum gerade von rechts aktuell so viel auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen geschossen wird. Es ist dessen Auftrag, die Vielfalt in unserer Gesellschaft abzubilden. Du musst dir nur einmal anschauen, was in den Regionalprogrammen läuft, wie zum Beispiel der WDR seinem Bildungsauftrag folgt, da ist für alle etwas dabei. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben über gute Beispiele aus Netflix gesprochen. Dort gibt es auch Filme über <a href="https://www.netflix.com/de/title/70308063">Nina Simone</a>, <a href="https://www.netflix.com/de/title/80144402">James Baldwin</a> oder von <a href="https://www.netflix.com/tudum/articles/14th-release-date-news">Ada DuVernay</a> im Angebot, leider nicht alle auf Dauer, aber immerhin. Ich stimme dir zu, dass der WDR in der Tat ein tolles Programm fährt. <a href="https://www.mafaalani.de/">Aladin El-Mafaalani</a> hat mal so schön gesagt, dass man bei ARD und ZDF kaum noch eine Nachrichtensendung schauen kann, ohne dass ein Migrantenkind die Nachrichten vorliest. Man nimmt es kaum noch wahr, nur dann, wenn jemand mal wieder Dunja Hayali angreift, weil ihm irgendetwas nicht passt, was sie gesagt hat.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>:<em> Da sieht man schon, welch großen Schritt wir weitergekommen sind. Jetzt wäre es für mich als Medienschaffende aber wichtig, dass nicht nur die Menschen vor der Kamera, die Moderator:innen, Expert:innen und die Schauspieler:innen divers sind, sondern dass eben auch hinter der Kamera Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Diskriminierungserfahrungen, Menschen mit Behinderungen, queere Menschen mehr Einfluss haben, die Programme zu gestalten. So weit sind wir noch nicht. </em>       <em> </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Gruppe, die es am besten geschafft hat, überall eine wichtige Rolle zu spielen, sind Schwule.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Weil es Männer sind. Überwiegend weiße oder weiß gelesene Männer. Männer haben es in unserer Gesellschaft immer am leichtesten. Schwule Männer sind zwar in unserem Patriarchat nicht so sehr angesehen, aber sie sind immer noch Männer. Deswegen stehen sie, auch wenn sie schwul sind, immer noch über der Frau. Nach ihnen in der Hierarchie kommt dann die weiße Frau. Wenn sie nicht weiß ist, wird es schon wieder etwas schwieriger.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sollten nicht vergessen, dass auch die soziale Schicht eine Rolle spielt. Das ist ein wichtiger Punkt in der Forschung zur Intersektionalität nach <a href="https://kimberlecrenshaw.com/bio">Kimberlé Crenshaw</a>. Dazu gehört auch, dass beispielsweise Schwarze Männer aus der Oberschicht relativ oben in der Hierarchie stehen, weiße Frauen aus der Unterschicht jedoch ziemlich weit unten. Da spürt man nichts von Solidarität untereinander.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das stimmt. Wenn man sich auf den Stand in der Gesellschaft bezieht, sollte man da noch einmal genau hinschauen. Wie wäre es bei einer Schwarzen Anwältin oder Ärztin mit ausreichend finanziellen Ressourcen im Vergleich zu einer weißen Frau ohne Ausbildung und ohne Einkommen? Geld, Macht, Klasse spielen eine entscheidende Rolle. Der Rassismus in seinen vielfältigen Formen aber auch. Da sieht man, dass das Thema der Hierarchie wie alles andere auch nur auf den ersten Blick passt. Wenn man auf die Individuen schaut, dreht sich das Bild etwas, je nachdem wie privilegiert man ist, zum Beispiel in der Bildung, in den Finanzen. </em></p>
<h3><strong>Wer oder was ist „deutsch“?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der rechtspopulistischen beziehungsweise rechtsextremistischen Szene versucht man zurzeit systematisch, Ärzt:innen zu delegitimieren, die dort nicht als Deutsche gesehen werden. Die hätten ja nicht die richtige Ausbildung, die sprächen kein richtiges Deutsch, das schade den deutschen Patient:innen, so heißt es da. Vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt wurde das von der AfD immer wieder heruntergebetet. Ich möchte dieses Argument, das keines ist, umdrehen: Wer so sehr darauf besteht, dass nur ein Deutsch-Sein über mehrere Generationen legitimiert, hier in Deutschland zu leben, hat offensichtlich nichts anderes, um das eigene Selbstbewusstsein zu bestätigen. Im Übrigen unterscheidet sich das von dem Arier-Nachweis der Nazis nur noch graduell: Man urteilt einfach nach Aussehen, den Nazi-Ahnenpass erspart man dann doch der eigenen Klientel.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das glaube ich auch. Ich frage mich persönlich aber auch, was bedeutet für diese Menschen „deutsch“?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir hatten den Fall, dass der Parteivorsitzende der AfD von einem Kinderreporter gefragt wurde, was er damit meine. Er antwortete: <em>„Deutsche Gedichte“</em>. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=2OPWZxDTmEo">Er wurde nach seinem Lieblingsgedicht gefragt, aber da fiel ihm nichts ein</a>. Hätte er nicht so sehr auf dem Attribut <em>„deutsch“</em> bestanden, wäre es mir völlig egal, ob er deutsche Gedichte kennt oder nicht. Aber so?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das ist aber auch eine dösige Antwort: „deutsche Gedichte“. Wie siehst du das denn? Du bist doch Deutscher. Fühlst du dich als Deutscher oder eher als Europäer oder als Bonner oder als Berliner?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel </strong>(zögert mit der Antwort): Ich habe mich nie als Deutscher gefühlt. Deutsche Literatur ja, sonst hätte ich nicht unter anderem Germanistik studiert. Aber mich als Deutscher fühlen? Das war mir immer fremd.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das ist krass. Auch nicht von deinem Elternhaus her?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe Deutschsein eher als etwas Problematisches empfunden. Zwei Weltkriege verursacht, die Verbrechen der Nazis. Ich habe mich eher als Rheinländer gefühlt, später wegen der Geschichte meines Vaters auch schlesisch, nicht als Schlesier, denn ich habe nie da gelebt. Ich habe mich schon in der Schule vor allem als Europäer gefühlt, mir sogar bei der Bundestagswahl im Jahr 1972 den Button einer kleinen Partei angesteckt, die sich für ein föderalistisches Europa einsetzte. Europa war ein Grund, warum ich Fremdsprachen studiert habe, neben der Germanistik und Romanistik Vergleichende Literaturwissenschaften, die in Bonn immer einen sehr guten Ruf hatten.</p>
<p>Im Beruf, vor allem im damaligen Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft, hatte ich viel mit internationalen Arbeitsgruppen zu tun, im Rahmen von EU, OECD, einmal sogar auf der Ebene der Vereinten Nationen. Meine Sprachkenntnisse waren schon so etwas wie die Eintrittskarte in die damaligen Kreise der Europäischen Union (die damals noch Europäische Gemeinschaften hießen) und irgendwie war ich sehr geschmeichelt, als mir Kolleg:innen aus südlichen Ländern sagten: <em>„Tu es un sudiste“ </em>oder auf Englisch: <em>„Someone between North and South“</em>. Auf die Idee wäre im asiatischen oder arabischen Raum oder in Afrika niemand gekommen. Da wäre ich immer der <em>weiße</em> Europäer geblieben. Alles in allem bedaure ich sehr, dass ich nicht auch die ein oder andere skandinavische oder slawische Sprache gelernt habe oder wenigstens eine außereuropäische Sprache. Sprachen verbinden, natürlich auch die deutsche Sprache, die ich mich möglichst gut zu schreiben bemühe. Aber <em>„deutsch“</em>? Die Sprache, die Literatur, die Kultur, die Landschaft – all das liebe ich, aber was soll das sein,<em> „sich deutsch fühlen“</em>?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich kann das verstehen. Du bist als weißer Deutscher in den 1960er und den 1970er Jahren aufgewachsen. Damals ist man meines Erachtens noch viel mehr mit der Schuld von Eltern oder Großeltern aufgewachsen, sodass man Deutsch-Sein, Deutschtümelei eher als Problem gesehen hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Thema <em>„Schuld“</em> war eher ein Gefühl. In der Schule war nichts davon zu hören, nicht einmal im Geschichtsunterricht. In der Familie war das schon eher ein Thema. Mein Vater hatte seine Heimat verloren, war im Krieg und in Kriegsgefangenschaft, meine Mutter war fest davon überzeugt, dass die Nazis nach den Juden die Katholiken verfolgt hätten. Unwahrscheinlich war das nicht. Es war aber alles auch eher diffus, weil grundlegendes Wissen nicht vermittelt wurde. Natürlich war die Ohrfeige ein Thema, die Beate Klarsfeld dem Bundeskanzler und ehemaligen Nazi Kurt-Georg Kiesinger verpasste. Man wusste schon warum. Aber das ist ein anderes Kapitel und führt hier vielleicht zu weit. Wie ist es bei dir? Du bist Deutsche.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich bin 1969 in Bielefeld geboren, bin also in den 1970er Jahren aufgewachsen. Als du Teenager warst, war ich noch ein Baby. Als ich ein Teenager war, so Anfang der 1980er Jahre, fing es bei mir an, so eine Art Gefühl, dass es im Land Leute und Strömungen gibt, die mich hier nicht haben wollen und die mir absprechen, dass ich hier lebe. Ich reagierte mit Trotz: Ich bin deutsch und ich bin froh, dass ich Deutsche bin. Das war kein Stolz, denn stolz kann ich nur auf etwas sein, was ich selbst geschaffen und verantwortet habe. Ich wurde in das Deutsch-Sein hineingeworfen, aber es ist nun einmal meins.</em></p>
<p><em>Ich habe keinen Migrationshintergrund, ich kenne nur meine deutsche Mutter und meinen deutschen Stiefvater, der mein Papa ist. Meinen leiblichen Vater, der aus der Karibik kommt, habe ich nie kennengelernt. Ich habe in der Familie auch nie eine andere Kultur kennengelernt als unsere deutsche, auch kein anderes Selbstverständnis. Was ich bin, ist das, was alle anderen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, auch sind. Daher setzte in mir in den Teenagerjahren eine Art Trotz ein, mich gerade als Deutsche zu zeigen. Bei meinen Reisen als 20jährige, oft ins Ausland, hat mir es immer sehr viel Freude und ein gutes Gefühl gegeben, auf Leute zu treffen, zum Beispiel in Amerika, die mich fragten, woher ich käme und ich habe geantwortet: „Ich bin Deutsche“. Das gab große Augen. Was ist das, in Deutschland gibt es Schwarze? Wie ist es denn da? Lebt da nicht noch Hitler? Die haben mir schon wirklich absurde Fragen gestellt. Es gefiel mir, über mein Land zu sprechen, dass es da Licht und Schatten gibt, aber auch viele Menschen wie mich. Das war ein schönes Gefühl und ist immer noch ein schönes Gefühl.</em></p>
<h3><strong>Demokratie heißt einander aushalten können</strong></h3>
<div id="attachment_8499" style="width: 199px" class="wp-caption alignright"><a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8499" class="wp-image-8499 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Elektro-Krause-189x300.webp" alt="" width="189" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Elektro-Krause-189x300.webp 189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Elektro-Krause-200x317.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Patricia-Eckermann-Elektro-Krause.webp 303w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a><p id="caption-attachment-8499" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine junge Schwarze Elektrikerin aus Troisdorf-Sieglar – einem Ort ganz in der Nähe von Bonn – kennt sich nicht nur mit Elektrizität aus, sondern auch mit Geistern der Vergangenheit, die sie mit Hilfe ihrer diversen Freund:innen bekämpfen muss. Im Deutschen Bundestag droht eine Katastrophe, weil Nazi-Geister ein Portal gefunden haben, durch das sie die Körper der Bundestagsabgeordneten – damals noch im Bonner Wasserwerk – in Besitz nehmen können. Das ist die Geschichte deines ausgesprochen unterhaltsamen und zugleich anspruchsvollen Romans <a href="https://shop.autorenwelt.de/products/elektro-krause-von-patricia-eckermann?variant=39287256612957">„Elektro Krause“</a>, der heute angesichts mancher Entwicklungen in Politik und Gesellschaft aktueller erscheint denn je. Dein Buch erinnert durchaus und gewollt an die US-amerikanischen Ghostbusters mit Bill Murray und Dan Aykroyd aka Elroyd Blues. Was wäre das schön, wenn sich auf diese Weise so mancher böse Geist der heutigen Politik wieder verbannen ließe? Am Schluss geht es in dem Roman in einer kleinen Szene um die Hautfarbe. Die Hauptperson sagt, dass es jetzt nicht um Hautfarbe ginge, sondern darum, die Rückkehr der Nazi-Geister zu verhindern.</p>
<p>Ich dachte an diese Szene, als <a href="https://ocasio-cortez.house.gov/">Alexandria Ocasio-Cortez</a> vor Kurzem die Woke-Ära für beendet erklärte. Die meisten, die durch die aktuellen Anti-Vielfalt-Kampagnen von rechts bedroht sind, haben sich zu dieser Einsicht von AOC noch nicht durchringen können. Da kämpfen traditionelle Feministinnen gegen Trans-Aktivist:innen und umgekehrt, eine Freundin erzählte mir, sie sei zuletzt als TERF beschimpft worden, als <em>„Trans Excluding Feminist“</em>, einen Begriff, den ich vorher noch nie gehört hatte. FLINTAs kämpfen gegen jeden sogenannten Cis-Mann, egal, welche Position der auch immer in welchem Kontext vertreten mag. Auszusehen wie einer reicht. Es gibt eine lange Liste der bedrohten Identitäten, die sich manchmal untereinander mehr zu hassen scheinen als den eigentlichen rechtsextremistischen beziehungsweise rechtspopulistischen Gegner. Es müsste doch möglich sein, sich auf Grundlegendes zu einigen. Steffen Mau und sein Team haben in ihrem Projekt <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte“</a> gezeigt, dass ungeachtet der Streitpunkte die meisten Menschen sich viel näher sind als es die Politiker:innen glauben möchten, die offensichtlich von behaupteten Unversöhnlichkeiten leben.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Du sagst es. Wir müssen lernen miteinander zu reden und wir müssen lernen auszuhalten, wenn unser Gegenüber nicht unser Weltbild teilt. Wir müssen aushalten, wenn unser Gegenüber im Hinblick auf bestimmte Begriffe noch nicht so weit ist wie wir es gerne hätten oder einfach etwas konservativer ist als wir es wünschen, weil wir halt eher progressiv sind. Das gilt auch umgekehrt, denn man muss auch uns aushalten können.</em></p>
<p><em>Nur leider schleicht sich ein, dass jede Gruppe ihre – so sage ich es jetzt einmal – Kriegsziele hat und die werden dann ohne Rücksicht durchgekämpft. Wenn man so handelt, gibt es erhebliche Verluste: Da werden Leute ausgeschlossen, die eigentlich Bündnispartner:innen sein könnten. Dann können wir nicht zusammenarbeiten, obwohl wir das gleiche Ziel haben. So treten wir auf der Stelle und bekriegen uns gegenseitig. Die andere Seite hingegen steht zusammen und kämpft ihre Sache durch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die andere Seite muss nicht einmal konkret werden. Es reicht, vage Gerüchte zu streuen.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Mit dem Thema „vage bleiben“ sprichst du etwas Wichtiges an. Das ist für uns, die wir für Offenheit in der Gesellschaft, für Zusammenhalt sind, schwierig, weil wir die Dinge klar benennen wollen, weil wir möglichst präzise sein wollen. Je genauer man sein will, desto angreifbarer macht man sich. Je mehr man von allen verstanden werden will, desto mehr muss man Farbe bekennen, macht dann aber auch Fehler, indem man Menschen ausschließt, Zusammenhänge zu einfach darstellt oder sie verdeckt, indem man vielleicht auch Begriffe verwendet, die niemand mehr versteht. Da kann immer eingegriffen werden und es entwickeln sich auch Skandale. Wer vage bleibt, hat es leichter. Mir hat eine Dozentin einmal im Studium gesagt, dass man in der Wissenschaft gar nicht von allen verstanden werden will. Ich denke jedoch das Gegenteil: Es geht darum, eine Sprache zu finden, die möglichst alle verstehen. Und wenn nicht, müssen wir uns erklären, miteinander reden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist eigentlich eine Übersetzungsleistung.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Stimmt, aber jemand, der in diesem Sinne übersetzt, hat mit zwei Polen zu tun und muss immer zwischen beiden vermitteln. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann es nicht sein, dass der Kern der Identitätspolitiken – man muss das schon im Plural sagen – darin liegt, dass man irgendwie der Mehrheitsgesellschaft zugehörig sein möchte, aber merkt, dass es einem immer schwer gemacht wird?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich fühle mich im Grunde allen zugehörig, die sich als Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft zurechtfinden müssen. Da ist es mir doch egal, wenn vor mir eine Gruppe von muslimischen Frauen mit Kopftüchern steht oder eine Gruppe von behinderten Menschen, die diskriminiert werden. Da fühle ich doch mit allen und kann mich auch da – zumindest ein Stück weit – hineinversetzen. Es sind nur andere Kontexte eines Nicht-Mitgedacht-Werdens. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Empathie und Solidarität – das ist eine wunderbare Kombination. Ich fände es auch nicht schlecht zu differenzieren. Kopftuch ist nicht Kopftuch. Da gibt es viele verschiedene Motivationen und Erscheinungsformen.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>:<em> Wenn man näher hinschaut. Wenn man wieder etwas mehr aus der Ferne betrachtet, beispielsweise beim Fernsehen, dann ist Kopftuch Kopftuch. Ich glaube, wir müssen als Gesellschaft lernen, dass es nicht mehr möglich ist wie früher Dinge in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Eins und Null einzuteilen. Es gibt einfach viel mehr dazwischen. Von Weitem kann man vielleicht eine ganze Gruppe in Gut und Böse einteilen. Wenn man aber genauer auf die „böse“ Gruppe schaut, entdeckt man, dass es da ganz verschiedene Gruppenmitglieder gibt, auch welche am Rand, die vielleicht grundsätzlich gut sind und sich freundlich oder respektvoll gegenüber anderen Gruppen verhalten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine eindrucksvolle Liste der Vielfalt der AfD-Wähler:innen hat Monchi, der Frontmann von „Feine Sahne Fischfilet“ in seinem Buch <a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/monchi-jenseits-der-brandmauer-9783462055306">„Jenseits der Brandmauer“</a> vorgelegt. Er zeigt, wie man in einem Ort, in diesem Falle Jarmen in Mecklenburg-Vorpommern, miteinander umgeht, wenn bei der Bundestagswahl 54 Prozent die AfD gewählt haben. Man trifft sich im Alltag, man muss irgendeinen Weg finden. Mit seinem Festival <a href="https://wastedinjarmen.de/">„Wasted in Jarmen“</a>, dem Bau einer Skaterbahn und einigen anderen Aktionen schafft er es, die Fronten aufzuweichen und manchen vielleicht auch zu überzeugen, dass es keine so gute Idee ist, die AfD zu wählen.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Man muss halt immer genau hinschauen. Das ist uns verloren gegangen, weil wir Angst davor haben, nicht mehr abschließend sagen zu können, wer im Recht und wer im Unrecht ist. Es kann eben nicht alles abschließend und ein für allemal geklärt werden. Manchmal ist auch beides gleichzeitig wahr. Manchmal können zwei Menschen beide recht haben, weil es auf unterschiedliche Perspektiven ankommt, unterschiedliche Hoffnungen, je nachdem wie man sich in der Welt einrichtet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.evredecker.net/de/">Eva von Redeker</a> hat in ihrem Buch <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240">„Dieser Drang nach Härte“</a> unter anderem über Verlustängste geschrieben, die faschistischen oder faschistoiden Einstellungen zugrunde liegen. Sie nannte dies <em>„Phantombesitz“</em>, weil die Dinge, die angeblich verloren wurden, einem gar nicht gehören. Was soll das heißen: <em>„Unser Land“, „unser Volk“, „unsere Religion“, „unsere Frauen“, „unsere Identität“</em>?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Wer sich von Diversity und Vielfalt bedroht fühlt, fühlt sich in Dingen bedroht, die er oder sie nie besaß. Es gibt kein Recht, immer die erste Person in der Schlange zu sein, immer die höchste auf der Leiter, von der man das gesamte Fußballspiel sehen kann. Man verhält sich dann wie ein Fahrer eines großen Autos, der meint, er habe ein Recht auf jeden Parkplatz, was wollen denn all die kleinen Autos da? Es ist kein Recht, das er einfordert, sondern nur eine Gewohnheit, die zu einem gefühlten Recht geworden ist. So ist das auch mit Privilegien. Und jetzt gibt es plötzlich eine Frauenquote! Wo kommt die denn her? Das ist doch ungerecht! Natürlich fühlt sich das ungerecht an, denn es war ein Leben lang anders, aber dass es für die anderen lange Zeit ungerecht war, blendet man dann aus. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. September 2026. Titelbild: pixabay.)<em>  </em></p>
<h1><em>    </em></h1>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;Denk ich an Deutschland &#8230;&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 12 Sep 2026 06:47:24 +0000</pubDate>
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<h1><strong>„Denk’ ich an Deutschland &#8230;“</strong></h1>
<h2><strong>Ein Fotoprojekt von Ralf Baumgarten</strong></h2>
<p><em>„Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht, / Ich kann nicht mehr die Augen schließen, / Und meine heißen Tränen fließen.“ </em>(Heinrich Heine, Nachtgedanken, 1844)</p>
<p>Heinrich Heine formulierte diesen Gedanken aus der Sicht eines Menschen, der sich aus dem französischen Exil nach Deutschland zurücksehnt. Er sehnt sich nach seiner Mutter, die er nicht in die Arme schließen kann. In der Rezeption werden in der Regel nur die ersten beiden Verse zitiert, aus denen viele schließen, in dem Gedicht gehe es um Deutschland als Schreckensort. Das ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit.</p>
<p>Deutschland ist ein Land voller Widersprüche – wie eigentlich jedes andere Land auch. Es irritiert, nicht zuletzt aufgrund der langen Geschichte deutscher Verbrechen. Inzwischen scheint das Land jedoch seinen Frieden in der Europäischen Union gefunden zu haben. Deutschland ist ein attraktives Land geworden, eines der wohlhabendsten Länder der Welt, das für viele Menschen ein Sehnsuchtsort, ein Traumland ist, weil sie sich von Deutschland versprechen, dass es dort gute Arbeit gibt, es sich lohnt, eine Familie zu gründen und zu eigenem Wohlstand beizutragen wie zu dem des Landes und der Welt. Und dennoch greift nach innen wie nach außen immer wieder eine merkwürdige Angst um sich. <em>„German angst“</em> hat es in manch andere Sprachen geschafft, ebenso wie <em>„weltanschauung“, „kindergarten“</em>, <em>„gemuetlichkeit“, „waldsterben“ </em>und <em>„blitzkrieg“</em>. In US-amerikanischen Regionen mit ehemals hoher deutscher Zuwanderung feiern Menschen <em>„Octoberfest“</em> oder <em>„German gemuetlichkeitsfest“</em>.</p>
<p>Der Fotokünstler <a href="https://ralfbaumgarten.com/">Ralf Baumgarten</a> hat sich all dieser Widersprüche angenommen. Er hat in seinem Fotoprojekt „Denk’ ich an Deutschland“ Menschen, die in Deutschland leben, Menschen, die dort geboren sind, Menschen, die irgendwann aus welchen Gründen auch immer in Deutschland eingewandert sind, gebeten, die ersten vier Worte des Gedichts von Heine zu vervollständigen: <em>„Denk ich an Deutschland ……“. </em>Heinrich Heines Gedicht endet vielleicht überraschend: Auch in fernem Land gibt es jemanden, der eine schöne Gegenwart verkörpert: <em>„Gottlob! durch meine Fenster bricht / Französisch heitres Tageslicht; / Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, / Und lächelt fort die deutschen Sorgen.“ </em>Nun ja, sorgen muss man sich in und um Deutschland wohl schon, aber vielleicht gibt es doch eine ganze Menge verschiedener Perspektiven, worum man sich sorgen sollte.</p>
<h3><strong>Eine Zeitreise mit Kamera</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Worum geht es in Ihrem Projekt?</p>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8455 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Die-Kamera-Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Ralf Baumgarten</strong>: <em>In meinem Projekt fotografiere ich Menschen in Deutschland mit einer alten Fachkamera, einer Plaubel. Das ist eine längst untergegangene Marke aus Frankfurt am Main, die in meinem Geburtsjahr, dem Jahr 1960, eingeführt wurde. Es dauert einige Zeit, sie aufzubauen. Wenn ich dann mit dem Auslöser in der Hand vor den Menschen stehe, die ich fotografieren möchte, bitte ich sie, in das Objektiv zu schauen. Ich sage ihnen, denken Sie, denke du doch bitte jetzt an Deutschland. Dann macht es Klick und ich habe das Bild im Kasten. Unmittelbar danach frage ich die Leute, was sie in dem Augenblick des Klicks gedacht haben. </em></p>
<p><em>Die Menschen, die ich fotografiere, sind vorgewarnt, dass diese Frage kommt. Ich bitte jedoch alle, sich vorher nichts zurechtzulegen, und hoffe, dass sie sich einigermaßen daranhalten. Das weiß man natürlich nie. Es gibt nun einmal auch Leute, die drei schlaflose Nächte verbringen und sich ständig überlegen, was sie in dem Augenblick, in dem es Klick macht, denken könnten. Und dann gibt es die Spontanen. Die sind natürlich die einfachsten und mir eigentlich auch die liebsten. So oder so kommen ganz spannende Zitate heraus, manchmal auch sehr unerwartete.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit der Wahl der Kamera reisen Sie mit den von ihnen fotografierten Menschen in eine vergangene Zeit. Viele der Menschen, die sie fotografieren, waren noch nicht geboren, als diese Kamera konzipiert und gebaut wurde. Was zeichnet diese 66 Jahre alte Kamera aus?</p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-8437" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-800x534.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Ralf-Baumgarten-mit-Kamera-1536x1025.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Ralf Baumgarten</strong>: <em>Die Kamera ist ziemlich statisch, sehr schwer. Sie steht auf einem schweren Stativ. Sie besteht aus einer sogenannten optischen Bank, das ist eine Art Rohr sowie aus einer Vorder- und einer Hinterstandarte. Dazwischen befindet sich eine lichtdichte Kammer. Je nachdem, wie ich den Abstand zwischen Vorder- und Hinterstandarte wähle, wird das Bild schärfer oder weniger scharf. An der Vorderstandarte befindet sich ein ebenfalls ziemlich schweres Objektiv, hinten eine Mattscheibe, die ungefähr DIN-A-4-groß ist, auf die man schaut. Ich bewege Vorder- und Hinterstandarte zueinander, bis das Bild an einer bestimmten Stelle scharf wird. Ich möchte jetzt nicht im Einzelnen die dahinter liegenden optischen Gesetze erklären. Auf jeden Fall findet eine Projektion der Welt vor der Kamera statt, das Licht wird auf die Mattscheibe projiziert, das Bild steht auf dem Kopf. </em></p>
<p><em>Man muss sich sehr genau überlegen, wo und wie man fotografieren möchte. Die Personen, die ich fotografiere, versuche ich immer ein wenig aus der Mitte des Bildes herauszurücken, in einer Art Goldenem Schnitt. Ich muss darauf achten, dass an der Kamera alles schön parallel eingestellt ist. Sie hat sehr viele Verstellmöglichkeiten, von denen ich die meisten gar nicht nutze. Was ich aber nutze, ist das Rückteil an der Hinterstandarte, das ich nach oben oder nach unten bewege, um die Position und die Höhe der Person im Bild zu regulieren. Ich versuche bei der Komposition oben und unten den richtigen Abstand zum Rand zu halten. </em></p>
<p><em>Bevor ich die große Kamera aufbaue, suche ich mit einer kleinen Digitalkamera, einer Spiegelreflexkamera mit einem Normalobjektiv, die optimale Position: Wo ich die Person aufnehme, wo die Kamera zu stehen hat. Mit Hilfe der eingebauten Wasserwaagen sorge ich dann dafür, dass die Kamera erstmal gerade steht. </em></p>
<h3><strong>Die Menschen vor der Kamera</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie arbeiten Sie mit den Personen, die Sie fotografieren? Es handelt sich ja um ganz normale Menschen, keine professionellen Models.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Wir erarbeiten das Entstehen der Fotografie gemeinsam. Wir besprechen alle Details. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, die sich mehr oder weniger von einander unterscheiden, ob man breitbeinig steht, in einer Stand-Spielbeinhaltung, leicht schräg, wenn ja, in welche Richtung, ob man die Hüfte etwas vor- oder zurücknimmt, ob man ein Knie belastet, die Hände in den Hosentaschen hat oder sie überkreuzt, vielleicht die Hände aneinander reibt wie die Gewichtheberin, die ich fotografiert habe, mit der Kreide, bevor sie die Stange anfasst, an deren Ende die Gewichte montiert sind. Ich habe erlebt, dass es für die Menschen, die vor der Kamera stehen, ein spannendes Erlebnis ist, das so mitzumachen und an dem Prozess beteiligt zu sein. Es macht den Fotografierten auch Spaß. Ich habe noch niemanden erlebt, der oder die ungeduldig mit den Füßen scharrt, weil es noch nicht losgeht. Mitunter verschwinde ich unter dem schwarzen Tuch, das hinten über der Mattscheibe hängt. Das Tuch hat einen Bleirand, damit es nicht vom Wind hoch geweht wird. Dabei kontrolliere ich die Schärfe noch einmal und bitte die Leute, sich dann nicht mehr zu bewegen, weil das Bild sonst unscharf würde.</em></p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-8457" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-10-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Norbert Reichel</strong>: Wie haben Sie die Leute gefunden?</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Man kennt jemanden, der jemanden kennt. Oder ich sehe jemanden auf der Straße, den ich spannend finde, der mich interessiert. Verschiedene Leute habe ich auf der Straße angesprochen, zum Beispiel einen Herrn mit Lederkappe, der gerade zu einem Fetischfestival ging. Als ich auf dem Heimweg bei ihm mit dem Fahrrad vorbeifuhr, habe ich spontan angehalten und ihn angesprochen. Das habe ich schon mehrfach so gemacht. Ich habe dabei relativ viel Erfolg gehabt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wann findet die erste Ausstellung statt?</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Es beginnt mit einer Ausstellung in Saarbrücken, in der </em><a href="https://www.albertherbigart.de/galerie-sali-e-tabacchi/infos">Galerie Sali e Tabacchi</a><em>. Die Vernissage findet am 8. November 2026 statt, die Ausstellung ist dann ab dem 9. November bis zum 6. Dezember 2026 zu sehen. Den Betreiber der Galerie, Albert Herbig, kenne ich seit Jugendtagen. Er macht auch selbst Kunst, ist sehr engagiert. Er hat sich mit dieser kleinen Galerie im Saarland einen Namen gemacht.  </em></p>
<h3><strong>Rückblick im Alter</strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8439 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-241x300.jpg" alt="" width="241" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-200x249.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-241x300.jpg 241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-400x497.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-600x746.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-768x955.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-800x994.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-824x1024.jpg 824w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-1200x1492.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-1236x1536.jpg 1236w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-11-1648x2048.jpg 1648w" sizes="(max-width: 241px) 100vw, 241px" />Norbert Reichel</strong>: Ich schlage vor, dass wir uns jetzt einige Menschen anschauen, die Sie fotografiert haben.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Der erste, den ich fotografiert habe, war Michael. Er ist 74 Jahre alt und hat vor seiner Pensionierung als Lehrer gearbeitet. Er sagte: „Ich habe an Helmut Kohl gedacht. Nee wirklich, ohne Sch…!“ Er hat das Sch-Wort natürlich ausgesprochen. Ich habe es dann mit Pünktchen abgekürzt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit diesem Sch-Wort sagt er ja nichts über Helmut Kohl. Er ist nur einfach erstaunt, dass er eben an Helmut Kohl gedacht hat.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Das ist nicht ungewöhnlich. Michael gehört etwa zu unserer Altersgruppe. Helmut Kohl hat uns alle über Jahrzehnte begleitet, mitgeprägt. Wir fanden ihn alle entweder mehr oder weniger gut. Er ist, ob wir es wollen oder nicht, Teil unserer Identität.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben ihn schon Mitte der 1970er Jahre erlebt, als er noch – zunächst erfolglos – gegen den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt ein Ergebnis holte, das knapp unter 50 Prozent lag, aber dann doch nicht reichte, weil SPD und FDP miteinander koalierten. Es gibt eine ganze Menge Leute, nicht in unserer Altersgruppe, aber bei denen, die in den späten 1970er oder in den 1980er Jahren geboren sind, die nie jemand anderen als Kanzler erlebt haben, bis in das Jahr 1998, als Helmut Kohl die Wahl gegen Gerhard Schröder verlor, im Übrigen die einzige Bundestagswahl, bei der nach der Wahl nur Parteien die Regierung stellten, die in der Legislaturperiode davor nicht an der Regierung beteiligt waren. Es war später ähnlich bei denen, die in den 2000er Jahren geboren wurden und nur Angela Merkel als Kanzlerin kannten, bis 2021.</p>
<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8440 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-241x300.jpg" alt="" width="241" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-200x249.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-241x300.jpg 241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-400x499.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-600x748.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-768x957.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-800x997.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-822x1024.jpg 822w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-1200x1496.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-1232x1536.jpg 1232w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-12-1643x2048.jpg 1643w" sizes="(max-width: 241px) 100vw, 241px" />Deutsche Geschichte inspiriert die Aussagen von mehreren Personen. Andreas ist 64 Jahre alt und war einmal Schulleiter. Er sagte: <em>„Da kann ich nicht sagen: Adolf, Willy Brandt oder Bismarck. Das ist zu komplex!“</em> Sie kommentieren, er <em>„fühlt sich durch die deutsche Geschichte belastet“</em>.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Ich finde die Aussage eigentlich ein bisschen kopfig. Aber vielleicht ist das auch nur mein Gefühl. Andreas ist einer meiner besten Freunde. Er hat das jetzt nicht so einfach rausgehauen, aber hat es wohl in dem Moment auch genau so empfunden. Er fühlte sich vielleicht auch überfordert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Er war Schulleiter, vielleicht war er sogar Geschichtslehrer, mit der ganzen deutschen Geschichte im Kopf.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Vielleicht. Er kommt aber eher aus dem Kunst- und Gestaltungsbereich. Er hat mit mir Kunst- und Kommunikationsdesign studiert und ist dann erst später in den Schuldienst gewechselt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir gefällt Maria Josefine, eine 102 Jahre alte Rentnerin mit Rollator, die einfach sagt: <em>„… wie lieb ich Deutschland“. </em>Sie – so schreiben Sie – <em>„sieht all das Gute im Vergleich zu vergangenen Zeiten.“ </em>Das – so denke ich – sollten sich viele Menschen einmal vor Augen führen! Es ist furchtbar, dass viele immer nur das Schlechte sehen wollen.</p>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8441 alignleft" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-239x300.jpg" alt="" width="239" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-200x251.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-239x300.jpg 239w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-400x501.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-600x752.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-768x962.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-800x1002.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-817x1024.jpg 817w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-1200x1503.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-1226x1536.jpg 1226w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-16-1635x2048.jpg 1635w" sizes="(max-width: 239px) 100vw, 239px" />Ralf Baumgarten</strong>: <em>Wir haben das Foto im Jahr 2024 gemacht. Inzwischen ist sie 105 Jahre alt. Sie hat erlebt, wie die Nazis aufmarschiert sind. Sie sieht unser jetziges Deutschland sehr positiv, gerade, weil sie schon ganz andere Zeiten erlebt hat.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jahrgang 1921. Sie war elf oder zwölf Jahre alt, als die Nazis an die Macht kamen. Und sie erlebte zwölf Jahre lang die Verbrechen der Nazis, Holocaust und Krieg.</p>
<p>Zu den etwas älteren Menschen des Fotoprojekts gehört auch Gerhard. Er ist 66 Jahre alt und schaut doch schon sehr skeptisch in die Kamera. Sein Gedanke: <em>„Es steht sehr schlecht um Deutschland.“</em></p>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8442 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-239x300.jpg" alt="" width="239" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-200x251.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-239x300.jpg 239w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-400x501.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-600x752.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-768x962.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-800x1002.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-817x1024.jpg 817w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-1200x1503.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-1226x1536.jpg 1226w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-17-1635x2048.jpg 1635w" sizes="(max-width: 239px) 100vw, 239px" />Ralf Baumgarten</strong>: <em>Er schaut auch sehr eindringlich. Er drückt aus, dass das Leben nicht immer einfach ist. Nicht jeder lebt nur auf der Sonnenseite des Lebens. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die körperlichen Dinge können Menschen so sehr belasten, dass man auch schlechte Stimmung bekommt. Aber Gerhard spezifiziert nicht, was er an schlechten Dingen sieht. Das können ganz verschiedene Dinge sein.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Das können wir nur interpretieren. Ich denke, eher kulturell &#8211; aber sicher nicht nur. </em></p>
<h3><strong>Kritische Blicke in der Jugend</strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8462 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-239x300.jpg" alt="" width="239" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-200x251.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-239x300.jpg 239w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-400x501.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-600x752.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-768x962.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-800x1002.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-817x1024.jpg 817w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-1200x1503.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-1226x1536.jpg 1226w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-13-1-1635x2048.jpg 1635w" sizes="(max-width: 239px) 100vw, 239px" />Norbert Reichel</strong>: Tibjan ist 24 Jahre alt, studierte Ethnologie und erforscht Rassismus im Alltag. Sie sagt: <em>„Kritisch bleiben“</em>. Ich nehme an, sie weiß sehr genau, was Rassismus im Alltag bedeutet. Daher der klare Appell an uns alle! Und wahrscheinlich auch an sich selbst.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Wenn man sich mit ihr unterhält, bekommt man ein Deutschlandbild mit, das wir so nicht kennen. </em></p>
<p><em><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8444 alignleft" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-241x300.jpg" alt="" width="241" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-200x249.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-241x300.jpg 241w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-400x498.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-600x747.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-768x957.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-800x997.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-822x1024.jpg 822w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-1200x1495.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-1233x1536.jpg 1233w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-15-1644x2048.jpg 1644w" sizes="(max-width: 241px) 100vw, 241px" />Das gilt auch für Marline, 21 Jahre alt, eine Schülerin, die als junges Mädchen aus dem Südsudan kam. Sie sagte „grumpy men“, „mürrische Menschen“. Das war wohl auch ihr erster Eindruck, als sie als Geflüchtete in Bayern ankam. Sie hat auf ihrer Flucht über Ägypten in ihrer frühen Jugend einiges erlebt, bei weitem nicht immer schöne Sachen. Sie hat sich durchgekämpft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zeigt auch ihre Körperhaltung, so etwa in dem Sinne: Ich weiß schon, wo es langgeht. Jetzt lebt sie in Köln und scheint sich irgendwie mit der Stadt zu identifizieren oder zumindest gut zurechtzufinden. Das schließe ich aus ihrem Käppi mit der Aufschrift „KÖLN“ – in Großbuchstaben, aber auch aus ihrer Körperhaltung. Sie ist irgendwie auf dem Sprung. Der Südsudan ist einer der schlimmsten Gegenden dieser Welt. Wer dieser Weltgegend entkommen ist, lässt sich von nichts mehr erschrecken.</p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-8445" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-14-1639x2048.jpg 1639w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Ralf Baumgarten</strong>: <em>Ich habe in keinem der Fotos etwas gestylt. Alle zeigen sich so, wie sie sich zeigen möchten. Ich habe sie in dem Outfit, in dem sie auf dem Foto zu sehen ist, am Tag vor der Aufnahme auf der Straße getroffen, gemeinsam mit einem jungen Mann, Abdul Aziz, ebenfalls 21 Jahre alt, aber aus der Ukraine, der sagte: „Schnitzel und AfD“. Sie sind mir beide sofort aufgefallen. Ich habe mit dem Fahrrad angehalten, ihnen von meinem Projekt erzählt und sie gefragt, ob sie mitmachen möchten. Wir haben uns für einen der nächstenTage an einer konkreten Stelle verabredet, dort noch ein bisschen nach dem passenden Hintergrund gesucht. Dann habe ich die Kamera aufgebaut.</em></p>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8459 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-3-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Norbert Reichel</strong>: <em>„Die Würde des Menschen ist antastbar.“</em> Das sagt Nicolas Jean Philippe, ein Franzose, 38 Jahre alt, Bildhauer. Im Kommentar zitieren Sie aus dem Gespräch mit ihm: <em>„In Deutschland immer der ‚Franzose‘, in Frankreich immer der ‚Deutsche‘.“</em> Das geht ja vielen Menschen so, die eigentlich in zwei Welten zu Hause sein könnten, aber in keiner dieser beiden Welten so richtig akzeptiert werden. Interessant finde ich, dass es auch einem Deutsch-Franzosen, wenn ich das mal so annehmen darf, so geht und nicht nur Deutsch-Türk:innen, Deutsch-Ukrainer:innen, Deutsch-Afrikaner:innen.</p>
<h3><strong>Mut und Zuversicht</strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8446 alignleft" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-1639x2048.jpg 1639w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Norbert Reichel</strong>: Was ist mit Dirk, 57 Jahre alt, selbstständiger Zweiradmechaniker? Um ihn herum jede Menge Fahrräder<em>.</em></p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Dirk sagt: „Schönes Land, Schönes Land.“ Er besitzt hunderte Fahrräder, in verschiedenen Lagerräumen, vollgestopft mit Rädern, darunter selbst Räder, die mehr als 100 Jahre alt sind. Ich beschäftige mich mit Vintage-Rädern und bekomme bei ihm jedes Ersatzteil. Seine Devise ist „Leben und leben lassen“. Ich habe ihn auch schon in der Straße erlebt, in der er lebt, beispielsweise in seinem  fürsorglichen Verhalten gegenüber älteren Damen bei sommerlicher Hitze. Dann erkundigt er sich sich nach ihrem Befinden, ist sehr hilfsbereit. Er ist eigentlich eine Art Anarchist, sehr individuell, aber sozial sehr integriert. Ich fand es sehr schön, dass er sich wider mein Erwarten so positiv geäußert hat. Bei ihm hätte ich mir auch vorstellen können, dass er etwas Negatives über Deutschland sagen könnte. Tat er aber nicht. </em></p>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8453 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-2-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Norbert Reichel</strong>: Vielleicht hat er diese positive Energie aus seinem Leben in der Nachbarschaft, im Veedel, wie das so in Köln heißt? Justus, 22 Jahre alt, Dualer Student, ist viel skeptischer, seine Worte: <em>„… eine Mischung aus Hoffnung und Angst“</em>. Sie ergänzen aus dem Gespräch mit ihm, <em>„dies empfinde er so, da er ‚ja noch so jung‘ sei.“</em> Er steht vor vier Filmplakaten, wahrscheinlich sogar vor einem Kino, in dem diese Bilder gerade gezeigt werden?</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Justus interessiert sich stark für Kino, ist sehr engagiert, war bei den Messdienern. Er ist ein Klassenkamerad meiner Tochter. Ich fand sehr offen und mutig, was er sagte. Gerade in dem Alter, in dem viele junge Männer Stärke zeigen wollen, zeigt er seine Verletztlichkeit.</em></p>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8443 alignleft" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-4-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Norbert Reichel</strong>: Emma, 21 Jahre alt, studiert Medizin. Nach dem Abitur war sie in Afrika. Sie sagt: <em>„Kartoffeln und Friedrich Merz.“ </em>Mit den vor dem Oberkörper verschränkten Armen signalisiert sie aus meiner Sicht eine Art Abwehrhaltung, auch wenn sie andererseits den rechten Fuß etwas vorstellt, als wolle sie gleich doch auf jemanden zugehen. Friedrich Merz ist schon etwas Besonderes. Er hatte ewig anmutende Zeiten lang kein politisches Amt, schien auch darunter zu leiden. Er war aber immer präsent, viele sahen ihn als eine Art Gegenbild zu Angela Merkel.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Emma hat nach dem Abi in einem Krankenhaus in Afrika gearbeitet.</em> <em>Ich weiß nicht, wie Friedrich Merz reagieren würde, wenn er zum Beispiel nach Düsseldorf zum Tag der Deutschen Einheit käme und dieses Bild sähe. Vielleicht findet er es gut, wer weiß. Es ist ja auch nichts Schlimmes. Ich sehe ihre Körperhaltung nicht unbedingt als Abwehrhaltung, sondern als Herausforderung. Sie steht vor einer solchen Herausforderung und nimmt sie an. Sie weiß, dass sie es schaffen wird. </em></p>
<p><em>Sie ist auch ein bisschen frech, positiv frech. Sie ist schon in der ganzen Welt herumgereist, in Afrika, in Mexiko und wo auch immer. Das muss man sich in diesem Alter erst einmal trauen. Und sie ist ein sehr schlaues Mädchen, sonst hätte sie auch nicht so schnell einen Medizinstudienplatz bekommen. Eine tolle junge Frau.</em></p>
<p><strong><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8447 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-5-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Norbert Reichel</strong>: Laurenz, 28 Jahre alt, ist Stallpfleger auf einem Pferdehof in Bergisch Gladbach: <em>„Ich dachte an Islandpferde.“</em></p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: Das ist sein tägliches Leben, sein Deutschland. <em>Den Job hat er sich selbst gesucht. Vorher hat er in einem Bestattungsinstitut gearbeitet. Von ihm habe ich vor Allem gelernt, was er alles kann. </em></p>
<h3><strong>Heimatgefühle</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Detlev steht auf einem Friedhof. Er ist 61 Jahre alt, Bestatter: „Ich dachte, dass es mir gut geht.“ Sie ergänzen: <em>„Er sieht das auch im Vergleich, wie es anderen Menschen geht, Krieg, Hunger …“ </em>Ein Motiv, das wir schon mehrfach gefunden haben. Ich möchte das ausdrücklich hervorheben, dass die meisten Menschen, die Sie fotografieren, doch eher eine positive Lebenseinstellung und ein eher positives Bild von Deutschland haben.</p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-8448" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-6-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Ralf Baumgarten</strong>: <em>Detlev hat einen sehr humanistischen Ansatz. Er sieht die Welt, auch seine Welt, eigentlich positiv, obwohl er so viel mit dem Tod zu tun hat. Ich finde bei meinem Projekt die vielen unterschiedlichen Sichtweisen so spannend. Das war auch einer der Gründe, dass ich dieses Thema ausgewählt habe. Mir ist gerade mit dem Heinrich-Heine-Zitat aufgefallen, dass selbst prominente Künstler in den Medien das Zitat nutzen, um total schlecht über Deutschland zu sprechen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die meisten kennen das Heinegedicht nur bis zum zweiten Vers. Schlaflosigkeit sehen sie nur als etwas Schreckliches. Dass es hier um Liebe geht, kommt ihnen offenbar nicht in den Sinn. Nur spricht Heine aus seiner Situation im französischen Exil. In Deutschland hatte es ihm als Juden auch nichts genützt, sich taufen zu lassen. Und in dem Gedicht geht es darum, dass er seine Mutter nicht umarmen kann. Am Morgen sieht alles wieder gut aus, weil seine Frau da ist und alle Sorgen mit ihrem Lächeln verschwinden lässt. Es hilft offensichtlich, Gedichte und auch andere Texte bis zum Ende zu lesen.</p>
<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-8449 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-7-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Mir gefällt, dass so viele sich gegen diesen Trend äußern, alles nur schlecht zu machen. Wer ist denn Ron Hieronymus von Meranien, Performance-Künstler, 35 Jahre alt? Schon der Name ist irgendwie Programm. Und dann lesen wir einen Satz, den wir ihm so wie er da steht, nicht zugerechnet hätten. Er dachte: <em>„Die schöne Natur Mecklenburgs.“ </em>Das passt doch wunderbar zu unserem Thema gegen den Trend!</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>Er ist ein recht auffälliger Künstler. Er fiel mir auf der Straße auf, ich habe mit dem Auto angehalten und ihn angesprochen. Im Vorgespräch fiel mir auf, dass er mit den Händen gestikulierte und eine herrschaftliche Haltung einnahm. Ich dachte, das könnte bei ihm gut passen. Und so zeigt er sich ja auch auf dem Bild. Ich möchte bei meinem Projekt zeigen, wie unterschiedlich die Menschen sind und dass sie alle dazugehören und dass wir eben nicht nur „alte weiße Männer“ in Deutschland haben.</em></p>
<p><strong><img decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-8450" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-240x300.jpg" alt="" width="240" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-200x250.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-240x300.jpg 240w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-400x500.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-600x750.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-768x960.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-800x1000.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-819x1024.jpg 819w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-1200x1500.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-1229x1536.jpg 1229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/09/Denk-ich-an-Deutschland-©-Ralf-Baumgarten-9-1638x2048.jpg 1638w" sizes="(max-width: 240px) 100vw, 240px" />Norbert Reichel</strong>: Das behaupten manche und andere behaupten das Gegenteil, es gäbe nur noch <em>„Fremde“</em>. Beides ist ausgemachter Unsinn.</p>
<p><strong>Ralf Baumgarten</strong>: <em>In der Tat. Vielleicht zum Abschluss: Ich habe einen Blumenhändler mit Turban fotografiert, einen Sikh. Der dachte bei Deutschland nur an ein einziges Wort: „Heimat“. Deutschland ist seine Heimat. Er sagte, dass er damals – weil gerade Fußballweltmeisterschaft war – an die deutsche Fußballnationalmannschaft gedacht habe. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. September 2026. Titelbild: Zwei Fotos aus dem Fotoprojekt. Titelbild und alle Bilder im Text © Ralf Baumgarten.)</p>
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		<title>Was von der Mitte übrigbleibt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2026 04:55:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was von der Mitte übrigbleibt Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert „Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die  [...]</p>
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<h1><strong>Was von der Mitte übrigbleibt</strong></h1>
<h2><strong>Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert</strong></h2>
<p><em>„Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.“ </em>(Karl Marx, Der 18te Brumaire des Louis Napoleon, 1852, in: MEW 8)</p>
<p>Karl Marx (und Friedrich Engels) waren im 19. Jahrhundert vielleicht die originellsten Analytiker politischer Entwicklungen, mit einem gewaltigen Touch von Ironie und mitunter ätzendem Sarkasmus. „Der 18te Brumaire des Louis Napoleon“ beginnt mit einem ihrer meistzitierten Sätze, den Marx bei Hegel gefunden haben will, dass sich alles in der Weltgeschichte zwei Mal ereigne, zunächst als <em>„Tragödie“</em>, ein zweites Mal als <em>„Farce“</em>. Aber es wäre wenig dialektisch gedacht zu hoffen, die <em>„Farce“</em> könne sich nicht wieder selbst zu einer <em>„Tragödie“</em> auswachsen, zumindest jedoch zu einem deprimierenden Trauerspiel. Fehleinschätzungen der Verhältnisse und nicht zuletzt ihrer selbst vermögen die guten Absichten derjenigen, die die Geschichte zum Guten wenden wollen, dermaßen behindern, dass mit der Zeit wiederum eine Tragödie folgt, der – um im Bild zu bleiben – irgendwann wieder eine Farce folgt. Aber der Teufel kommt nie zwei Mal durch dieselbe Tür und so komisch er unseren sich objektiv und rational wähnenden Sinnen erscheinen mag, bleibt er der Apostel der Zerstörung, etwa so wie der Clown „Pennywise“ in Stephen Kings Roman „It“, der schon in seinem Namen <em>„Tragödie“</em> und <em>„Farce“</em> zugleich spiegelt, darin durchaus vergleichbar mit den MAGA-Trompetern dieser Welt.</p>
<h3><strong>Eine Art „Newspeak“</strong></h3>
<p>Läse man den „18ten Brumaire“ ohne Wissen über Autor und Zeit, ließe sich vermuten, es handele sich um eine Analyse der politischen Entwicklungen im ersten und beginnenden zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts. Louis (Napoleon) Bonaparte erschiene als eine Art früher Trump, der wiederum als Wiedergänger der <em>„falschen Propheten“</em> erscheint, die weniger erfolgreich, aber in Sache und Methode vergleichbar agierend, von Leo Löwenthal in seiner 1949 erschienenen Schrift „Prophets of Deceit – A Study of the Techniques of the American Agitator“ (eine deutsche Aufgabe ist unter dem Titel <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/leo-loewenthal-falsche-propheten-t-9783518587621">„Falsche Propheten“</a> bei Suhrkamp lieferbar) beschrieben wurden. Aber auch seine Gegner hat Karl Marx gut getroffen: Sie halten sich für die Guten, aber leider haben sie recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Gute wäre und wie man es durchsetzen könnte, sodass sie sich viel zu oft untereinander bekämpfen anstatt sich gemeinsam gegen den autoritären Clown zu positionieren, der es geschafft hat, auch noch in einer Art Orwell’schem <em>„Newspeak“</em> all die Begriffe zu okkupieren, die ihnen lieb und teuer sind. Die vermeintlich Guten – so Karl Marx – entmachten sich selbst: <em>„Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf, die ‚bürgerliche Ordnung‘ sicherzustellen. Aber die Stärke dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß sich daher als Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete in diesem Sinne. Er ist jedoch nur dadurch etwas, daß er die politische Macht dieser Mittelklasse gebrochen hat und täglich von neuem bricht.“</em></p>
<p>Die demokratischen Parteien unserer Zeit klopfen sich gerne selbst auf die Brust, weil doch sie die <em>„Mitte“</em> der Gesellschaft darstellen, die Konservativen unter ihnen gerne als <em>„bürgerliche Mitte“</em>. Vertreter sich eher links wähnender Parteien mögen das Attribut <em>„bürgerlich“</em> scheuen, doch belegt ihr Verhalten, dass sie sich durchaus in einem <em>„bürgerlich“</em> charakterisierbaren Milieu bewegen, das gleichermaßen Bürgerlichkeit im Sinne von Citoyen und Bourgeois erfasst. Doch diese gemütliche <em>„(bürgerliche) Mitte“</em> der Politik ist bedroht, zumal die Gegner – siehe <em>„Newspeak“</em> – sich ebenfalls als <em>„Mitte“</em> bezeichnen und dies auch noch mit der Kombination <em>„Deutschland, aber normal“</em> mit all den traditionellen Familienwerten verbinden, denen sich in fast allen Gesellschaften die jeweiligen Mehrheiten mehr oder weniger verbunden fühlen.</p>
<p><em>„Mitte“</em>,<em> „Bürgerlichkeit“</em>,<em> „Familie“</em>, <em>„Normalität“</em> – all diese Begriffe spiegeln diffuse Gefühlswerte. In der <a href="https://aktuell.uni-bielefeld.de/2025/11/06/mitte-studie-sorge-ueber-zunahme-von-rechtsextremismus/">Bielefelder Mitte-Studie 2025</a> sprach Co-Leiter <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=112507">Andreas Zick</a> diese Unschärfen offen an: <em>„Das Mitte-Modell bietet eine Orientierung. Es fordert die Gesellschaft auf, sich zu öffnen und alle Menschen einzubeziehen. Es verpflichtet die Politik, konsensfähig zu sein. Die ‚Mitte‘ kann verbinden und eine ausgleichende Kraft entfalten. Doch sie läuft Gefahr, demokratiefeindliche Tendenzen zu übersehen.“ </em>Andreas Zick verweist auf die bekannten Wahlergebnisse der letzten Jahre: <em>„Der Niedergang der großen Volksparteien und der Aufstieg kleinerer Parteien spiegeln dies wider.“ </em>Eine Antwort auf diese Entwicklung haben die vormals großen <em>„Volksparteien“</em> bisher nicht gefunden, sofern es sie überhaupt auch geben mag.</p>
<h3><strong>Binäre Koordinaten der Politik</strong></h3>
<p>In meiner Vorstellung der Bielefelder Mitte-Studie 2025, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">„Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!“</a> habe ich versucht, die sogenannte <em>„Mitte“</em> in einer dreidimensionalen Matrix zu verorten: <em>„Auf und Ab statt Rechts und Links“</em>. Die dritte Dimension erschien im Titel in der Formel <em>„Rein oder raus?“</em> So entstehen drei binär klingende, aber in ihrem Zusammenklang alles andere als binär zu verstehende Koordinaten, in denen sich die politischen Debatten unserer Zeit bewegen: Rechts und Links, Oben und Unten, Innen und Außen. <em>„Mitte“</em> wird dann zu einem Punkt in dieser dreidimensionalen Matrix. Von der oft beschworenen <em>„breiten Mitte“</em>, die so manche Partei gerne vertreten würde, kann dann nicht mehr die Rede sein. Das ist das Ende der sogenannten <em>„Volksparteien“</em>. Diese verstanden sich als Catch-All-Parteien, versäumten es jedoch, das Verbindende zwischen verschiedenen Interessen, Milieus und Bevölkerungsgruppen zu betonen.</p>
<p>Catch-All-Strategien funktionieren nur noch bei Oppositionsparteien wie der AfD, die das Verbindende jedoch nicht in einer positiven, sondern einer Botschaft inszenieren, indem sie bestimmte Akteure als verantwortlich für alles Unheil markieren, das ihre potenziellen Wähler:innen beklagen. Dem einen gefällt dieses nicht, dem anderen jenes und jemand drittem wiederum etwas anderes nicht. Sie alle, rechts wie links und in der <em>„Mitte“</em>, eint eine Unzufriedenheit, die die bekannten Umfragen mit ihrer Frage nach der Zufriedenheit der Bürger:innen gar nicht erfassen. Von linker Seite würde man vielleicht jetzt eine fundamentale Kapitalismuskritik erwarten, doch zumindest die politischen Akteure scheinen sich dies kaum zu trauen. Von rechter Seite ist das einfacher. Die Propagandisten der rechtspopulistischen Catch-All-Opposition benennen Verantwortliche für alles, was sie für einen Missstand halten, wahlweise <em>„die Altparteien“</em>, <em>„links-grüne Wokeness“</em>, <em>„Globalisten“, „Kommunisten“ </em>und<em> „Sozialisten“, </em>zu denen auch Konservative wie in Deutschland CDU und CSU gezählt werden, letztlich die mit <em>„Invasion“</em> drohenden Migranten. Und wenn es nicht so ganz gelingt, all diese Feindbilder als ein in sich geschlossenes Feindbild zu vermitteln, bleibt die Anprangerung von angeblich hinter diesen Feindbildern stehenden steuernden Akteuren. Letztlich landet diese Strategie oft bei einer Spielart von Antisemitismus, obwohl man gleichzeitig behauptet, man wäre doch in Wirklichkeit die Partei, die Juden – von Jüdinnen ist in der Diktion in der Regel nicht die Rede, siehe <em>„Genderwahn“</em> – am entschiedensten unterstützten, indem man alle Migranten zur <em>„Remigration“</em> treibe. Wenn man denn bald nur regieren würde! Um ein Regierungsprogramm geht es dabei nicht, man inszeniert sich als die bestehenden Verhältnisse an sich zerstörende Bewegung.</p>
<p>Anarchische <em>„Pose“</em> und Fundamentalkritik alles Bestehenden passen gut zusammen. Dazu braucht man keine Theorie. Philip Manows sieht – rechts wie links – einen Primat der Bewegung, in der es nicht unbedingt um Parteien geht. Vielen fehlt jedoch die Galionsfigur, die sie an die Macht bringen könnte. Insofern ist es schwer, beispielsweise die AfD und ihr Um- und Vorfeld diverser Neonazi-Kameradschaften und Kleinparteien voneinander zu trennen. Das schafft die Partei selbst schon nicht und die Frage drängt sich auf, ob es sich bei ihr überhaupt um eine Partei handelt. Auf der linken Seite ist diese Trennung zwischen Parteien und Umfeld noch weitgehend intakt, doch scheint sie langsam aufzuweichen, wo linksextreme Radikale wie beispielsweise die von Danger Dan in „Keine Angst“ namentlich hervorgehobenenen Mitglieder der „Hammerbande“ in linken Kreisen als legitime Widerstandsgruppen begrüßt werden. Es gab in den 1970er Jahren eine Zeit, in der manche Linke die RAF-Terrorist:innen für Genoss:innen hielten. Ähnlich verhält es sich mit der in manchen linken, sich antikolonialistisch wähnenden Kreisen gepflegten Scheu, den Terror der Hamas vom 7. Oktober 2023 als das zu bezeichnen, was er ist: eben Terrorismus.</p>
<h3><strong>Eigentlich nichts Neues</strong></h3>
<p>Linke Parteien und Gruppierungen stellen die Menschen- und Bürgerrechte von Frauen, Migrant:innen und anderen von der rechten Seite angegriffenen Gruppen der Bevölkerung in den Vordergrund ihrer Programmatik und ihres Handelns. Gerd Koenen hat in seinem Monumentalwerk „Die Farbe Rot – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ (München, C.H. Beck, 2017) jedoch dokumentiert, dass die Herausbildung eines proletarischen Selbstbewusstseins in den 1860er und 1870er Jahren keineswegs mit der Akzeptanz von Migration und Frauenrechten einherging: <em>„Generell wurde gerade von den gewerkschaftlich Organisierten die Fabrikarbeit der jungen Frauen als Konkurrenz gesehen, die mit einiger Gehässigkeit verfolgt wurde. Ähnliches galt auch für die sozialistischen und ‚klassenbewussten‘ französischen Syndikalisten dieser Jahre. Von Feindseligkeit geprägt waren schließlich fast immer die Trennlinien, die gegenüber den Arbeitsmigranten gezogen wurden, so den Iren in England oder den Belgieren in Nordfrankreich.“ </em>Diese Skepsis zog sich durch die Geschichte der sozialdemokratischen und sich <em>„links“</em> von ihr positionierenden Bewegungen und Parteien, auch in der sogenannten 68er-Bewegung. In den USA dauerte es beispielsweise bis in die 1960er Jahre, dass irische, polnische, italienische Zuwanderer:innen – durchaus ein Nebeneffekt der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung – als <em>weiße</em> anerkannt wurden.</p>
<p>Christina von Hodenberg hat in <a href="https://www.chbeck.de/von-hodenberg-achtundsechzig/product/22346696">„Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“</a> (München, C.H. Beck, 2018), insbesondere im fünften Kapitel „Achtundsechzig war weiblich“, dokumentiert, dass die westdeutsche 1968er-Bewegung in erster Linie eine männliche Bewegung war, in der es Frauen mehr als schwerfiel, sich zu positionieren. Welche Rolle der Arbeitskreis Emanzipation spielte und wie er selbst in <em>„linken“</em> Kreisen angefeindet wurde, weiß heute kaum noch jemand: <em>„Die Erinnerung an das weibliche 1968 war längst in eine Nische gedrängt worden und fand nur noch in den Publikationen der Universitäts-Gleichstellungsbeauftragten und der lokalen Frauenhistorie statt.“ </em>Wer kennt noch Helke Sander und Sigrid Damm-Rüger, die am 13. September 1968 bei einem SDS-Kongress in Frankfurt am Main Tomaten auf <a href="https://krahl-seiten.de/">Hans-Jürgen Krahl</a> warfen? Christina von Hodenberg hatte mit der Tochter von Sigrid Damm-Rüger gesprochen, die ihr erzählte, dass sie <em>„erst am Tag der Beerdigung von der ‚Bedeutung meiner Mutter für die neue Frauenbewegung‘ erfuhr (….).“</em> In SDS-Kreisen war es durchaus üblich, dass die Männer agitierten und die Frauen die Schnittchen schmierten. Das Frauenthema war eben nur <em>„Nebenwiderspruch“</em>, wenn überhaupt. Immerhin gibt es inzwischen immer wieder einmal in den Medien einen <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-befreiende-tomatenwurf-von-1968-beginn-der-neuen-100.html">Beitrag über den Tomatenwurf</a>.</p>
<p>In den 2020er Jahren würde man eher von <em>„Identitätspolitik“</em> sprechen, in der es nicht nur um Frauenrechte, sondern auch die Rechte verschiedener Minderheiten geht, doch die Linie der Widerstände von <em>„links“</em> dagegen reicht bis hin zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, die diese in ihrem Buch „Die Selbstgerechten – Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ (Frankfurt am Main, Campus, 2021) ausführlich festhielt. Der migrationsfeindliche Kurs des von Sahra Wagenknecht gegründeten BSW passt ebenso in diesen Kontext. Ihre Kritik an jedweder <em>„Identitätspolitik“</em> wurde auch in breiten konservativen Kreisen geschätzt. Es ließe sich vielleicht sogar sagen, dass „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin (2011) und „Die Selbstgerechten“ (2021) mit ihren Verkaufszahlen belegen, dass eine liberale und offene Gesellschaft in den vergangenen 15 Jahren für viele Wähler:innen beziehungsweise Bürger:innen immer weniger attraktiv wurde. Dem BSW ist es nicht gelungen, die Zustimmung zu ihren Thesen in stabile und wachsende Wahlerfolge zu überführen, der AfD gelingt dies offensichtlich gut, vielleicht, weil es ihr glaubwürdig gelingt, ihre Gegner außerhalb ihres eigenen Milieus zu verorten, während das BSW als Teil des Milieus wahrgenommen wird, das es eigentlich kritisiert.</p>
<h3><strong>Kampf zwischen Gut und Böse</strong></h3>
<p>Die gängige Metapher für solche sprachlichen wie politischen Wirren ist die <em>„Spaltung“</em> der Gesellschaft. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer Studie <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) jedoch festgestellt, dass es mehr <em>„Konsens“</em>, mehr Verständigungspotenziale in der Gesellschaft, weniger <em>„Konflikt“</em> gibt als Akteure der Politik und der Medien zu denken scheinen. Mau, Lux und Westheuser sprechen von <em>„Arenen“</em>, in denen sich die <em>„Konflikte“</em> in unserer Gesellschaft abspielen und die oft höchst emotionale Reaktionen <em>„triggern“.</em> Sie beschreiben die <em>„verteilungspolitische Oben-Unten-Arena“</em>, die <em>„migrationspolitische Innen-Außen-Arena“</em>, die <em>„identitätspolitische Wir-Sie-Arena“</em> und <em>„umweltpolitische Heute-Morgen-Arena“. </em>Die Studie ist inzwischen etwa drei bis vier Jahre alt, aber auch aktuelle Themen der Politik lassen sich in die vier <em>„Arenen“</em> einordnen. Die anstehenden Rentenreformen gehören zum Beispiel in die <em>„Heute-Morgen-Arena“</em>, die Gesundheitsreform in die <em>„Oben-Unten-Arena“</em>, Fragen der inneren und äußeren Sicherheit in die <em>„Innen-Außen-Arena“</em>. Natürlich gibt es auch Überschneidungen, so können Umwelt- und Klima-Themen sehr schnell auch in eine <em>„Oben-Unten-Arena“</em> geraten, wenn es um Protestformen wie die der Letzten Generation geht, auch eine <em>„Wir-Sie-Arena“</em>.</p>
<p>Mau, Lux und Westheimer sprechen von <em>„affektiver Polarisierung“</em> als Folge unbearbeiteter Konflikte. Letztlich landen politische und mediale Debatten immer wieder in binären Strukturen, denn das macht es offenbar vielen Bürger:innen leichter, Politik zu ertragen. Pro und Contra wird in binären Gegensätzen verortet: <em>„Triggerpunkte sind neuralgische Stellen, an denen besonders aufgeladene Konflikte aktiviert werden. Wir arbeiten heraus, dass das Auftreten starker Pro- und Kontra-Reaktionen an typische Beweggründe geknüpft ist, wozu etwa wahrgenommene Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstöße, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen gehören.“</em></p>
<p>Populistische Parteien haben ein Gespür dafür, diese Strukturen für sich zu nutzen und sich selbst als das eine Ende und alle anderen als das andere Ende einer binären Skala zu inszenieren, die letztlich eine Skala von <em>„Gut“</em> und <em>„Böse“</em> ist. Die Benennung eines ultimativen (End-)Gegners funktioniert zur Bestätigung der eigenen Rechtschaffenheit: Das Böse, das für Rechtspopulist:innen schlichtweg alle Migrant:innen verkörpern, sehen viele Linkspopulist:innen in Israel. Beim Antisemitismus landen letztlich beide Seiten. Bisher hat sich diese antiisraelische Linie bei der Linken nicht durchsetzen können, aber die hohe Zahl junger neuer Mitglieder könnte ihr eine Mehrheit verschaffen. Dabei könnte es auch eine Rolle spielen, dass es bei der Linken inzwischen mehr Mitglieder aus dem Westen gibt als aus dem Osten. In den USA hat sich eine solche Entwicklung schon etabliert und spielt bei den Vorwahlen der Demokraten für die anstehenden Kongress- und Senatswahlen eine Rolle. Christina Morina beschreibt in <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131">„Das amerikanische Beben – Erfahrungen und Konsequenzen für die deutsche Demokratie“</a> (München, Siedler, 2026), wie sie bei einer von ihr mitorganisierten Demonstration gegen Trump erleben musste, dass sich Teilnehmer:innen lautstark an die Spitze des Demonstrationszugs setzten und diesen in eine Demonstration gegen Israel umfunktionierten. Sie gab ihre Ordnerbinde ab. Welche inneren Konflikte in der Linken und in linken Milieus ausgefochten werden, haben die Autor:innen des von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel herausgegebenen Bandes <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/trigger-warnung-identitaetspolitik-zwischen-abwehr-abschottung-und-allianzen/">„Triggerwarnung – Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“</a> (Berlin, Verlag, 2019, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-alle-sind-opfer/">im September 2019 im Demokratischen Salon besprochen</a>) im Detail aufgelistet. In ihrem Schlusswort halten die Herausgeber:innen fest: „Die Einteilung der Welt in Gut und Böse dient vermutlich vor allem dem <em>Zweck der eigenen Orientierung in einer als zunehmend komplex erlebten Welt. Der Zweck heiligt aber nicht die Mittel.“ </em></p>
<p>Philip Manow spricht nicht von <em>„Arenen“</em>, sondern von <em>„Spaltungslinien“</em>, zuletzt explizit in seinem Buch <a href="https://www.chbeck.de/manow-spaltungslinien/product/40247852">„Spaltungslinien – Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats“</a> (München, C.H. Beck, 2026). Philip Manow stützt seine Analysen auf Daten des <a href="https://www.chesdata.eu/">Chapel Hill Expert Survey</a>. Der Titel des zweiten Kapitels <em>„À la recherche du centre perdu“ </em>suggeriert, dass manche nach wie vor glauben, es könnte vielleicht doch wieder eine Rückkehr in eine vergangene, mehr oder weniger glorreiche Zeit geben, in der <em>„rechte Arbeiterklasse gegen linkes Bürgertum“</em> stünden, eine Annahme, die im Titel des ersten Kapitels schon wieder zur Illusion erklärt wird: <em>„linkes Bürgertum gegen rechte Arbeiterklasse“</em>. Das zentrale politische Ereignis in Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu“ war die Dreyfus-Affäre. In dieser ging es im Wesentlichen um die Frage, welche Position Juden im herrschenden Bürgertum haben dürften und welche nicht. Die Lage der <em>„Arbeiterklasse“</em> spielte darin keine Rolle, aber der Gedanke der <em>„Mitte“</em> sehr wohl, auch wenn es damals noch nicht so genannt wurde. Es gibt eben nicht nur den Konflikt zwischen angenommenen <em>„Rändern“</em> beziehungsweise innerhalb der linken Szene, sondern auch einen Konflikt innerhalb der bisherigen <em>„Mitte“</em> um deren zukünftige Positionierung, der dadurch verschärft wird, dass sich manche Konservative von der scheinbaren <em>„Bürgerlichkeit“</em> der rechtspopulistischen Seite verführen lassen.</p>
<p>Philip Manow bezieht sich mit Recht auf das Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/merz/hardcover/9783550204005">„Merz – Auf der Suche nach der verlorenen Mitte“</a> von Mariam Lau (Berlin, Ullstein, 2025). In der Tat ist Friedrich Merz einer der prominentesten Verfechter einer klassisch <em>„bürgerlich“</em> beziehungsweise <em>„konservativ“</em> konnotierten Rechts-Links-Opposition, die sich zugleich klar von rechts- wie linkspopulistischen Positionen fernhält. Seinem Traum gab er eine Farbe, als er und sein damaliger Generalsekretär sich bei der Vorstellung des neuen Corporate Design im Auftritt der CDU ausdrücklich auf Rhöndorf und Cadenabbia, zwei wichtige Orte im Leben Konrad Adenauers bezog, der für eine Zeit stehen mag, in der CDU und SPD mit in der Regel deutlich über 30, sogar oft genug über 40 Prozent liegenden Wahlergebnissen diese Rechts-Links-Opposition verkörperten. Mit den Wahlergebnissen der letzten Jahre verschwand jedoch die Illusion, es gäbe so etwas wie eine die Gesellschaft als Konsens-Gesellschaft stabilisierende <em>„Mitte“</em>. Letztlich ist <em>„Mitte“</em> inzwischen eher eine Metapher für Stabilität, Wohlstand, Zufriedenheit und die Überzeugung, man vertrete ein moralisch attraktives <em>„Modell Deutschland“</em> (so die SPD im Wahlkampf 1976) oder handele schlichtweg <em>„Aus Liebe zu Deutschland“</em> (so die CDU 1976, allerdings mit dem polarisierenden Zusatz <em>„Freiheit oder Sozialismus“</em>). <em>„Mitte“</em> war damals schon vor allem ein Gefühl, das sich mit manchen Begriffen einfach triggern ließ.</p>
<h3><strong>Warum Arbeiterparteien die Arbeiter:innen verlieren</strong></h3>
<p>Mit der Opposition zwischen <em>„Links“</em> und <em>„Rechts“</em> löste sich zugleich die Opposition von <em>„Oben“</em> und <em>„Unten“</em> auf, auch wenn die jeweilige <em>„Arena“</em> bestehen bleibt. Die SPD, die sich traditionell als Vertretung der <em>„Arbeiterklasse“</em> verstand, musste erleben, dass sich diese – sofern man heute überhaupt noch von einer <em>„Arbeiterklasse“</em> sprechen kann – immer mehr von ihr entfernte, sogar dazu neigte, reaktionäre Kräfte in die Parlamente zu wählen. Karl Marx würde vielleicht angesichts der ideologischen Leere ehemaliger Arbeiterparteien von einer Art Lumpenproletarisierung in der Politik sprechen, die ehemalige wie vermutete Angehörige der <em>„Arbeiterklasse“</em> einer rechtspopulistischen Partei in die Arme treibe. Hillary Clinton fasste eine solche Vermutung – natürlich ohne Marx-Bezug – in ihre Beschimpfung der Trump-Wähler:innen als <em>„deplorables“</em>. Man könnte dieses Argument auch umdrehen und die Visionslosigkeit von Parteien wie den US-amerikanischen Demokraten und vieler europäischer sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien als den Hauptgrund solcher Wählerwanderungen benennen, sollte aber auch darüber nachdenken, dass viele der ursprünglich durch den Einfluss der Sozialdemokratie bewirkten Reformen (vom Acht-Stunden-Tag bis zum Mindestlohn) irgendwie selbstverständlich geworden sind. Niemand wird für Erfolge der Vergangenheit gewählt.</p>
<p>Didier Eribon hat in seinem Buch „Retour à Reims“ (Paris, Fayard, 2009, die <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/didier-eribon-rueckkehr-nach-reims-t-9783518072523">deutsche Ausgabe</a> erschien bei Suhrkamp) ausführlich dokumentiert und analysiert, wie sich die französische <em>„Arbeiterklasse“</em> von Kommunisten und Sozialisten ab- und dem Front beziehungsweise Rassemblement National zuwandte. Auch in Deutschland wechselten der <em>„Arbeiterklasse“</em> zugerechnete Wähler:innen zunehmend zunächst zu konservativen Parteien, beispielsweise 2005 in Nordrhein-Westfalen und auf Bundesebene zur CDU, inzwischen – wie die letzten nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen 2025 und die baden-württembergische Landtagswahl 2026 zeigten – zur AfD. Die AfD hat ihre Hochburgen im Westen Deutschlands in Städten wie Duisburg, Gelsenkirchen oder Kaiserslautern. Immerhin konnte die SPD Städte wie Hamm und Herne halten und ihre dortigen Mehrheiten ausbauen. Der Prozess einer Abwanderung von Bürger:innen in klassischen Arbeiterstädten zur AfD ist keineswegs unabwendbar und auch nicht unumkehrbar.</p>
<h3><strong>Europa unter Beschuss</strong></h3>
<p>Der Kern dieser Entwicklung ist laut Philip Manow jedoch ein <em>„Innen-Außen-Konflikt“</em>, es ist der <em>„Konflikt über Europa – der auf einer allgemeineren, abstrakter gefassten Weise (…) ein Konflikt über das Nationale und das Supranationale, über Öffnungen und Schließungen und deren Konsequenzen für Teilhabe, Verteilung und Repräsentation ist.“ </em>Er konstatiert, <em>„dass sich Zustimmung und Ablehnung des europäischen Projekts nicht nach ‚links‘ oder ‚rechts‘, sondern nach ‚Mitte‘ und ‚Rand‘ sortieren.“</em> Die linke Seite kritisiere das europäische Projekt beziehungsweise die Globalisierung als <em>„zu wirtschaftsliberal“ </em>(Stichwort: Neoliberalismus), die rechte Seite als <em>„zu gesellschaftsliberal“ </em>(Stichworte: Feminismus, Zuwanderung, Ehe für alle). Wer sich für Europa und die Europäische Union engagiert, findet sich inzwischen am <em>„Rand“</em> des Parteienspektrums wieder. Europa war – so Philip Manow – bis in die 1980er Jahre kein Thema in der Politik, es gab eine Art <em>„Legitimation durch Desinteresse“</em>. Inzwischen gebe es nach dem Beitritt der ehemaligen Ostblockstaaten eine <em>„Politisierung des Integrationsprojekts“</em> und eine <em>„Europäisierung der nationalen Parteien“</em>. Die ursprünglich verlässlich pro-europäische <em>„Mitte“</em> scheint sich aufzulösen. Sie besteht offensichtlich vor allem dort weiter, wo Länder wie die Ukraine, Georgien oder Moldawien vom imperialistischen Russland bedroht werden. Europa ist dort eine Hoffnung, allerdings gibt es auch dort Auflösungserscheinungen. Keiner der in den vergangenen 20 Jahren der Europäischen Union beigetretenen Staaten möchte aus dieser austreten, aber es gibt starke Kräfte, denen Europa, oft auch vereinfachend <em>„der Westen“ </em>genannt, zu übergriffig wirkt.</p>
<p>Stephen Holmes und Ivan Krastev bieten in ihrem Buch „The Light That Failed“ (deutsch: <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">Das Licht, das erlosch – Eine Abrechnung</a>, Berlin, Ullstein, 2019) eine plausible Erklärung. In der ersten Phase versuchten die neuen EU-Mitglieder den <em>„Westen“</em> nachzuahmen, doch mit der Zeit wandten sie sich von einem positiven Bild des <em>„Westens“ </em>ab. In Ungarn und in der Slowakei ging dies sogar mit einer neuen Wertschätzung Russlands einher, die in Polen aus historischen Gründen ausblieb, aber – wie die jüngste <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-polnisch-ukrainischer-erinnerungskrieg/">Debatte um Wolhynien</a> zeigt – zwar keine neue Liebe zu Russland, wohl aber eine negative Sicht der Ukraine bewirkt. Dazu kommt die auf Seiten des polnischen Rechtspopulismus die Bewunderung Trumps, lautstark vertreten durch den polnischen Präsidenten.</p>
<p>Europa gerät von zwei Seiten unter Beschuss. Wahlweise <em>„Europa“</em>, <em>„der Westen“, „Brüssel“</em> werden zur Metapher des abgelehnten Liberalismus. Philip Manow schreibt: <em>„Der politische Konflikt um Europa steht offenkundig <u>quer</u> zu einer einfachen Links-Rechts-Unterscheidung (…).“</em> Daraus entsteht <em>„eine neue politische Konfliktachse, verlaufend zwischen liberalen und ‚illiberalen‘ Kräften, die aber jeweils <u>intern</u> Links und Rechts verbinden.“ </em>Weltoffenheit gerät ins Visier populistischer Bewegungen: <em>„Die selbsterklärte politische Mitte unterstützt mit ihrer Parteinahme für Offenheit <u>nolens volens</u> die doppelt-liberale Dimension des transnationalen Projekts und ist daher in deren politischem Raum nicht Mitte, sondern bildet den einen Pol einer neuen Konfliktachse.“ </em>Diese Achse kann sich ständig verschieben, denn die Instabilität von Gesellschaften spiegelt sich nicht nur in den Wahlerfolgen populistisch auftretender Parteien, sondern auch in dem <em>„stärker in den Vordergrund tretende Bewegungscharakter von Politik (Indignados, Occupy Wallstreet, Gilets Jaunes, Black Lives Matter, Pegida, die Klimabewegung (Friday for Future, Last Generation, Extinction Rebellion), die Bauernproteste, Querdenker etc.)“</em>. Das gilt nicht zuletzt auch für die Geschichte des Brexits. Philip Manow fragt angesichts der in diesen Bewegungen vertretenen Themenvielfalt mit Recht: <em>„Wie will man da von festen Spaltungslinien und Strukturen des Parteienwettbewerbs sprechen?“ </em></p>
<p>Die von Philip Manow genannten Bewegungen sind fast alle internationalen Bewegungen ohne Zentrum. Ein Zentrum erhalten sie nur da, wo es in einem bestimmten Land eine Partei gibt, die im Wesentlichen die Anliegen der dort aktiven Bewegungen integriert wie es der AfD mit Pegida oder den Querdenkern gelang. Die Linke schaffte es bisher nicht, affine Bewegungen zu integrieren. Der letzte halbwegs erfolgreiche Versuch einer solchen Integration verschiedener Bewegungen (zum Beispiel Anti-Atomkraftbewegung, Anti-Apartheid-Bewegung, Friedensbewegung) waren die Grünen in ihrer Gründungsphase. Doch inzwischen gehören die Grünen zum Kreis der Parteien, die von sich beanspruchen, sie wären die <em>„Mitte“</em>, mal etwas linker, mal etwas konservativer (sich <em>„rechts“</em> zu nennen wird auf konservativer Seite geflissentlich vermieden).</p>
<p>Es lassen sich neben Europa zwei weitere Themen benennen, die ursprünglich von einer sich international beziehungsweise internationalistisch verstehenden Linken besetzt wurden, sich inzwischen jedoch als Kernthemen der Rechten durchzusetzen scheinen: Migration und Frauenrechte. Diese gehören dort ebenso wie Europa zum Reich des Bösen. Die ursprünglich linke Seite hat bisher kein Mittel gefunden, ihre Sicht der Dinge dagegenzusetzen. Im Gegenteil. Auf feministischer Seite zerstreiten sich die verschiedenen Gruppierungen und sprechen sich gegenseitig ab, <em>„feministisch“</em> zu sein. Die Verhinderung von Migration ist inzwischen auch ein von linken Regierungen und Parteien geteiltes Projekt, allen voran unter den sozialdemokratischen Parteien in Skandinavien. Eine Ausnahme scheint Spanien zu bilden, doch dürfte sich dies nach den Ereignissen von Ceuta vom 31. Juli 2026 ändern. Auf der sozialdemokratischen Seite gibt es eine <em>„Kombination aus ökonomisch Links und kulturell Rechts“</em> wie es bereits verschiedene rechtspopulistisch-konservative Parteien wie die PiS in Polen vorgelebt haben. Möglicherweise lässt sich die <em>„Oben-Unten-Arena“</em> als Gerechtigkeitsprojekt nur noch über die <em>„Innen-Außen-Arena“ </em>beziehungsweise die <em>„Wir-Sie-Arena“</em> erfolgreich bespielen.</p>
<p>Verteilungs- und Identitätspolitik lassen sich in Regierungsverantwortung wie in der Opposition in der Tat bestens miteinander verbinden. Rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien ist es gelungen, Identitäts- und Europapolitik als Haupthindernisse einer besseren Verteilungspolitik zu brandmarken. Philip Manow sieht hier keine <em>„Kulturalisierung“</em> verteilungspolitischer Konflikte, wohl aber eine Entwicklung verschiedener Parteien, sich kultur- und identitätspolitisch nach klassischen Mustern eher rechts zu positionieren, verteilungspolitisch jedoch eher links. Die Sozialprogramme der PiS in Polen und der FIDESZ in Ungarn garantierten bis vor Kurzem deren Wahlsiege. Ihren liberalen Gegnern unterstellten sie, diese Sozialprogramme wieder abschaffen zu wollen, was diese wieder bemüßigte zu versichern, dies würden sie – ungeachtet der enormen Kosten – auf keinen Fall tun. PiS und FIDESZ agierten im Grunde rechts- und linkspopulistisch zugleich.</p>
<p>Philip Manow spricht in diesem Zusammenhang von einer <em>„Hyperpolitisierung“</em>, die geradezu dialektisch funktioniere: <em>„Der Prozess der Ent-Nationalstaatlichung</em> (vulgo: Globalisierung, NR) <em>provoziert nämlich nicht nur den gegen ihn selbst gerichteten politischen Protest, sondern er verändert zugleich in einer rekursiven Schleife den Modus, mit dem dieser noch artikuliert werden kann.“ </em>Die traditionellen im Links-Rechts-Schema verhafteten Parteien sind bisher nicht in der Lage, sich aus diesen Möbius-Schleifen der politischen Kämpfe und Debatten zu befreien. Philip Manow fordert im Kapitel „Offene Märkte, offene Identitäten“, <em>„an ‚Globalisierung‘ als dem dominanten Bezugsproblem des Populismus festzuhalten“</em> und fordert, <em>„den ökonomisch-kulturellen Doppelcharakter dieser Globalisierung ernst zu nehmen und seine Berücksichtigung in der Analyse durchzuhalten, was einschließt, Migration nicht nur als einen ausschließlich kulturellen Konfliktgegenstand zu verstehen, sondern ihren Verteilungs- und Wettbewerbsimplikationen gerecht zu werden.“ </em></p>
<h3><strong>Anarchische Fantasien</strong></h3>
<p>Ob das, was wir – wie oft behauptet – zurzeit erleben, ein <em>„Kulturkampf“</em> ist, bezweifelt Philip Manow. Er hält dies eher für eine Frage derjenigen, die – beispielsweise als Wissenschaftler:innen – von außen auf die Entwicklungen unserer Zeit schauen. Ob die Akteure das auch so sehen, ist eine unbeantwortete Frage. Wer jedoch genau hinschaut, wird das, was aus identitätspolitischer Sicht als <em>„Kulturkampf“</em> erscheinen mag, als bloßen Bildersturm gegen alles bezeichnen müssen, das denen, von denen man sich vernachlässigt fühlt, lieb und teuer ist. Es wird zu einem Modus der <em>„Oben-Unten-Arena“</em>, die als <em>„Wir-Sie-Arena“</em> bespielt wird. Auch <em>„Kultur“</em> ist eben eine Metapher. Am 8. Juni 2026 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein Gespräch von Nicolas Richter und Katharina Riehl mit Stephen Holmes: <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/populismus-erfolg-trump-stephen-holmes-interview-li.3492741">„Sie lieben es, dass der East Wing abgerissen wird“</a>. Holmes sieht bei den Anhänger:innen Trumps kein Interesse an dessen goldenem Ballsaal, aber Genugtuung über den Abriss des East Wing. Trump könne zwar der <em>„weißen Arbeiterklasse (…) keine bessere Zukunft bieten“</em>, aber <em>„die Zukunft der in Harvard gebildeten professionellen Elite an Ost- und Westküste zerstören. Ich kann ihre Universitäten, Zeitungen, das Nato-Bündnis, die Weltwirtschaft ruinieren. Das spricht Menschen an, die einen Groll haben, weil dann wenigstens etwas passiert.“</em> Es hilft letztlich nicht, populistischen Parteien und Politiker:innen vorzuwerfen, dass sie keine Lösungen hätten. Diese werden von ihnen auch gar nicht verlangt. Die Wähler:innen der AfD wissen durchaus, dass es die Welt nicht weiterbringt, wenn auf einmal vor den Schulen jeden Tag die deutsche Fahne aufgezogen wird. In diesem scheinbaren <em>„Kulturkampf“</em> ist eben auch <em>„deutsch“</em> eine Metapher.</p>
<p>Ähnlich wie Holmes argumentiert Annette Dittert in ihrem Buch <a href="https://www.dumont-buchverlag.de/buch/annette-dittert-dear-britain-9783755800699-t-7748">„Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“</a> (Köln, DuMont, 2026): Die enttäuschten Labour- und Tory-Wähler:innen, die zu Reform UK überlaufen, glauben nicht, dass dies ihre Probleme löse, es reiche ihnen, wenn die regierenden Parteien zerstört würden (ob sie wieder zu Labour zurückkehren, bleibt nach dem Amtsantritt von Andy Burnham denkbar, vielleicht mit den Themen, mit denen Zohran Mandani in New York zum Bürgermeister gewählt wurde). Diese Lust an der Zerstörung zeige sich – so Stephen Holmes – auch in Ostdeutschland, sei aber ein Grundproblem einer liberalen Demokratie, die sich schwer damit tue, eine Vision zu vermitteln, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt: <em>„Demokratie ist ein System konkurrierender, überzogener Versprechen, was natürlich Enttäuschung erzeugt. Die Enttäuschung wird dadurch bewältigt, dass regelmäßig Wahlen stattfinden. Wenn Sie also mit den Amtsinhabern unzufrieden sind, hoffen Sie, statt Gewalt anzuwenden, auf die nächste Wahl. Aber wenn Sie auch nach mehreren Wahlen feststellen, dass sich nichts ändert, dann funktioniert dieser Mechanismus zur Verarbeitung der Enttäuschung nicht mehr. Und dann wenden Sie sich gegen das System.“</em></p>
<p>Nationale Grundierungen verstärken den Gegensatz von Innen und Außen als neue Koordinaten politischer Kämpfe, sie sind nicht die Ursache, sondern ein Modus, indem diese Kämpfe ausgetragen werden. Stephen Holmes hatte die verschiedenen Phasen der Wahrnehmung des sogenannten europäischen liberalen <em>„Westens“</em> insbesondere in den jungen osteuropäischen Demokratien, in den USA, in Russland und China analysiert. Das Vorbild wurde zum Schreckbild: <em>„Genau wie einige ungarische und polnische Populisten mit ihrer Weigerung prahlen, den liberalen Westen zu kopieren, so fühlen sich Trump-Anhänger befreit, wenn sie hören, dass die in Harvard ausgebildeten Eliten nicht nur keine Vorbilder, sondern in einem ganz fundamentalen Sinne noch nicht einmal richtige Amerikaner sind.“</em> (Ähnlich argumentiert Björn Höcke, wenn er die Westdeutschen als <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/westdeutsche-als-deutsch-sprechende-amerikaner-hat-hocke-seine-these-von-russia-today-15696261.html"><em>„deutsch sprechende Amerikaner“</em></a> bezeichnet.)</p>
<p>Einen interessanten Aspekt, der zu dem Bild des abgerissenen East Wing passt, bietet der Münchner Historiker <a href="https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/geschichte/neueste-geschichte/team/johannes-geck/">Johannes Geck</a> in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/anarchofaschismus-reloaded-a-mr-80-8-60/">„Anarchofaschismus reloaded“</a> in der Augustausgabe 2026 des Merkur. Er beginnt mit einem Bild, das alle gängigen Bilder einer im Trump-Reich gefeierten <em>„white supremacy“</em> konterkariert. Es handelt sich um ein Video aus dem Januar 2026: <em>„In einer Luxuslimousine wiegen sich fünf Männer zu Kanye Wests auf den meisten Plattformen gesperrten Song <u>Heil Hitler</u>. Zu sehen sind Tristan Tate, Sohn eines afroamerikanischen Vaters, in Rumänien des Menschenhandels angeklagt; Myron Gaines, Streamer mit sudanesischen Wurzeln und mehrfacher Holocaustleugner; Sneako, philippinisch-haitianischer Abstammung, konvertierter Muslim und wegen antisemitischer und frauenfeindlicher Aussagen von YouTube verbannt. Und in ihrer Mitte Nick Fuentes, weißer Nationalist und offener Mussolini-Bewunderer, der bei anderer Gelegenheit erklärt hatte, die meisten Schwarzen gehörten hinter Gitter. Zusammen versammeln die fünf eine Followerschaft von über fünfzehn Millionen Menschen hinter sich.“</em> All das sei <em>„Pose“</em>, durchaus im Sinne von Ernst Jünger und dessen Figur des <em>„Anarchen“</em>, den er insbesondere in seinem utopischen Roman „Eumeswil“ (1977) entwickelte. Johannes Geck verweist auf Armin Mohlers Essay „Der faschistische Stil“ (1973): <em>„Faschismus sei ‚eine Gebärde, ein Rhythmus‘, in dessen ‚Laufschritt‘ sich der Faschist über einen ‚kalten und rapiden Stil‘ verständige; mit ‚Unstimmigkeiten in der Theorie‘ könne er sich dagegen leicht abfinden.“</em></p>
<p>Rechtspopulistische und rechtsextremistische (auch linkspopulistische und linksextremistische?) Parteien interessieren sich nicht unbedingt für Programme, sodass es letztlich nicht hilft, ihre Programme zu kritisieren. Sie interessieren sich für Aktion, für Tat, für den <em>„‚Rausch der Dezision‘ (…), den </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/helmut-lethen-verhaltenslehren-der-kaelte-t-9783518127766"><em>Helmut Lethen</em></a> (Link NR) <em>als Kern der <u>kalten persona</u> beschreiben hat. Mit Unstimmigkeiten in der Theorie kann sich der Faschist nach Mohler gut abfinden; entscheidend ist die habituelle Nähe im Antiliberalismus.“ </em>Johannes Geck konstatiert: <em>„Die Pose ist an keine Identität gebunden, weder an eine ethnische noch an eine geschlechtliche, sondern an eine prinzipiell übertragbare Haltung.“</em> Die martialische Diktion der Reden populistischer Führergestalten rechtfertigt letztlich Gewalt, auch wenn sie dies – wie Trump am 6. Januar 2021 – oft so kryptisch tun, dass zwar alle verstehen, was gemeint ist, sie jedoch niemand dafür verantwortlich machen kann, was dann geschieht.</p>
<p>Karl Marx hat eine solche Entwicklung im „18. Brumaire“ am Beispiel der Bauern beschrieben: <em>„Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, daß ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde. Und es fand sich ein Individuum, das sich für diesen Mann ausgibt, weil es den Namen Napoleon trägt, infolge des Code Napoléon, der anbefiehlt: ‚La recherche de la paternité est interdite.‘ Nach zwanzigjähriger Vagabundage und einer Reihe von grotesken Abenteuern erfüllt sich die Sage, und der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe Idee des Neffen verwirklichte sich, weil sie mit der fixen Idee der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel.“ </em>Natürlich erfüllten sich die Träume der französischen Bauern nicht, ebenso wenig wie die <em>weiße</em> US-amerikanische Arbeiterklasse mit Trump wieder zu neuem Wohlstand kommt. Möglicherweise – das ist bei Marx nicht vorgesehen – profitiert sie erst durch eine Art Selbst-Lumpenproletarisierung, die ein Bündnis mit dem autokratischen Herrscher eingeht, der ihnen verspricht, alle, von denen sie glauben, dass sie sie behinderten, zu zerstören – außer natürlich ihn selbst. Der Monarch kommt als Anarch zur Macht und festigt sie in bilderstürmerischer Pose. Nichts wird mehr zur Ruhe kommen. Pennywise wird Bündnispartner, Vorbild und letztlich Retter. Es folge die Sintflut!</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 6. August 2026. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, Nordlichter, Rechte bei der Künstlerin.)</p>
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		<title>Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Aug 2026 03:54:15 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik Ein kriminologisches Sachbuch von Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger „Das Bild, das Menschen von Kriminalität haben, ist vor allem ein vermitteltes Bild – von der Politik, aber auch maßgeblich von den Medien.“ (Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger, True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe, Bonn, Dietz, 2026) Am  [...]</p>
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<h1><strong>Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik</strong></h1>
<h2><strong>Ein kriminologisches Sachbuch von Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger</strong></h2>
<p><em>„Das Bild, das Menschen von Kriminalität haben, ist vor allem ein vermitteltes Bild – von der Politik, aber auch maßgeblich von den Medien.“ </em>(Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger, True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe, Bonn, Dietz, 2026)</p>
<p>Am 19. April 2026 hat das Bundesinnenministerium gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt die <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/pks_node.html">Polizeiliche Kriminalstatistik 2025</a> vorgestellt. Festgestellt wurden unter anderem ein allgemeiner Rückgang bei gleichzeitig steigender Brutalität der angezeigten Taten, eine Zunahme jüngerer Tatverdächtiger sowie ein etwas über einem Drittel liegender Anteil ausländischer Personen. Die Statistik erhebt keine Verurteilungen, nur die Zahl der von der Polizei an die Staatsanwaltschaft übergebenen Fälle, das heißt die Zahl von Tatverdächtigen. Die Einstellungsquote liegt laut Statistischem Bundesamt bei etwa 60 Prozent. CORRECTIV hat zusammengestellt, <a href="https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2026/04/15/polizeiliche-kriminalstatistik-faktencheck/">was die Statistik aussagt und was nicht</a>. Der Anteil ausländischer Personen hat nichts mit Migrationshintergrund zu tun, da dieser nicht erhoben wird, sondern mit den Staatsangehörigkeiten von Beschuldigten – das sind neben Menschen, die in Deutschland leben, aber eine andere Staatsangehörigkeit haben, auch Menschen, die als Tourist:innen, als Geflüchtete oder gezielt zur Begehung von Straftaten nach Deutschland kamen. Bei der Erhebung sind Änderungen im Strafrecht zu berücksichtigen, zum Beispiel die Entkriminalisierung von Cannabis und Gesetzesänderungen und -verschärfungen, zum Beispiel bei Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, sowie ein verändertes Anzeigeverhalten.</p>
<div id="attachment_8263" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207090/True-Criminology-Mythen-Fakten-Hintergruende-Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8263" class="wp-image-8263 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-8263" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Kriminologinnen <a href="https://kriminologie.uni-koeln.de/personen/wissenschaftliche-mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter/pd-dr-nicole-boegelein">Nicole Bögelein</a> (Institut für Kriminologie der Universität Köln) und <a href="https://www.hspv.nrw.de/organisation/personalverzeichnis/eintrag/dr-gina-rosa-wollinger">Gina Rosa Wollinger</a> (Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Köln) haben im Gespräch mit Ariane Bemmer <a href="https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/expertinnen-zur-kriminalitatsstatistik-mein-verstandnis-endet-wenn-politik-angste-schurt-15352003.html">im Tagesspiegel die Daten der Statistik kommentiert</a>. In ihrem Buch <a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207090/True-Criminology-Mythen-Fakten-Hintergruende-Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger">„True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe“</a> gehen sie genauer auf verschiedene Delikte ein und weisen etwa darauf hin, dass es vor allem <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/kriminalitat-gewalt-in-der-beziehung-wie-tater-opfer-manipulieren-15252025.html">im häuslichen Umfeld ein großes Dunkelfeld</a> der (Gewalt-)Kriminalität gebe. Zudem werden organisierte Kriminalität, Wirtschafts- und Umweltkriminalität in der öffentlichen Debatte nicht ausreichend beachtet. Die beiden Wissenschaftlerinnen betreiben gemeinsam den <a href="https://true-criminology.podigee.io/">Podcast „True Criminology“</a>. Ihr Anliegen ist ein realistisches Bild von Kriminalität, Gewalt und Bedrohungslagen. Ihr Thema ist auch, wer wie einzelne Aussagen nutzt, um im Sinne eigener Interessen zu polemisieren. Sie plädieren für eine neue Kriminalpolitik, die weniger Drama, weniger Show, mehr Analyse und nicht zuletzt mehr Dunkelfeldstudien bietet.</p>
<h3><strong>Verzerrte Wahrnehmung </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie schreiben im Vorwort Ihres Buches: <em>„Wenn man in den Medien Tag für Tag Berichte über ‚Messerkriminalität‘ zu sehen und zu lesen bekommt, wirkt sich das auf die Stimmung aus. Manche Menschen fürchten, sie könnten selbst zum Opfer werden.“ </em>Das Wort <em>„Messerkriminalität“</em> lässt sich sicherlich für eine ganze Reihe anderer realer und gefühlter Bedrohungen austauschen. Ein realistisches Bild der Kriminalität entsteht über die Beschwörung möglicher Bedrohungen jedoch nicht. Dies gilt auch für so manche Berichterstattung in den Medien und manche politische Debatte, die entweder durch konkrete Ereignisse oder durch die öffentliche Präsentation von Kriminalstatistiken ausgelöst werden. Anliegen Ihres Buches und Ihres Podcasts ist es, den Hintergründen verdunkelnder Gefühle nachzugehen und diese auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Wir dürfen das Erzählen über Kriminalität beziehungsweise über Gewalt nicht den Medien überlassen. Viele Medien arbeiten unter Zeit- und Verkaufsdruck, das führt dazu, dass sie verzerrt berichten und Clickbait betreiben. Das ist auch gut untersucht. Es ist müßig, immer wieder korrigierend einzugreifen. Wir brauchen Räume, um differenziert über Kriminalität und Gewalt zu sprechen. Das versuchen wir mit unserem Podcast und unserem Buch. </em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Gesellschaft kann man nur medial vermittelt wahrnehmen. Man kann den Beitrag der Medien zum Bild der Kriminalität in der Gesellschaft daher nicht überschätzen. Der oder die Einzelne ist immer nur zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und nimmt wahr, was dort geschieht. Daher nimmt man die Medien als ein Instrument wahr, das die Welt beobachtet. Und das eben auch in Bezug auf Kriminalität, bestimmte Kriminalitätsphänomene, die Kriminalität bestimmter Gruppen. </em></p>
<p><em>Ein beispielhaftes Stichwort ist „Messerkriminalität“. Messerangriffe werden erst seit 2020 in der bundesweiten Statistik erfasst beziehungsweise seit 2021 veröffentlicht und daher gibt es auch seitdem erst Zahlen dazu; wir können also nicht wirklich sagen, wie es sich hier entwickelt hat. In Bevölkerung und Politik verbreitet sich jedoch schon bei bloßer Nennung des Phänomens der Eindruck, es werde alles immer schlimmer. Dies deckt sich jedoch nicht mit den Befunden der wissenschaftlichen Forschung. Diese werden geflissentlich übergangen oder gar ignoriert. Medien haben ihre eigene Logik. Es gibt auch gewisse Kreisläufe, wie Politik und Medien zusammenwirken </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Crime and Sex sell.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Richtig, und damit sind wir mittendrin. Wir verstehen das, aber wir müssen uns mit dem befassen, das auf wissenschaftlicher Evidenz basiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eigentlich müssten wir von einem Rückgang von Kriminalität über einen längeren Zeitraum sprechen, aber die öffentlichen Debatten weisen in eine andere Richtung. Wahrgenommen wird ein stetiger Anstieg von Kriminalität, insbesondere im Hinblick auf sexualisierte Gewalt, die Gewalt bestimmter Gruppen sowie politische Gewalt.</p>
<div id="attachment_8264" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8264" class="wp-image-8264 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-300x280.jpg" alt="" width="300" height="280" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-200x187.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-300x280.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-400x373.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-600x560.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8264" class="wp-caption-text">Gina Rosa Wollinger, Foto: Dietz Verlag.</p></div>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Wenn man sich Entwicklungen anschaut, sollte man sich immer einen längeren Zeitraum vornehmen, etwa zehn oder gar 20 Jahre. Hier gibt es in Deutschland eine positive Entwicklung. Es gibt weniger Kriminalität, auch weniger Kriminalität bestimmter Gruppen, weniger Kriminalität von Jugendlichen. Nach Ende der Corona-Pandemie ist einiges allerdings auch auffällig angestiegen. Diese Anstiege betreffen jedoch nur einen Zeitraum, der zu kurz ist, um von einem eindeutigen Trend zu sprechen. Jüngste Forschungen verzeichnen auch wieder einen Rückgang. </em></p>
<p><em>Das ist unsere Problematik: Wir haben im Grunde eine gute Entwicklung, beobachten aber in den letzten Jahren einige Auffälligkeiten. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass auch eine gute Entwicklung nicht bedeutet, dass wir nicht aktiv bleiben sollen. Im Gegenteil: Wir müssen als Gesellschaft weiter daran arbeiten, Gewalt zu reduzieren, insbesondere bestimmte Formen der Gewalt, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt. Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass Gewalt in den Medien und in der Politik nur dann ein Thema ist, wenn sie sagen können, dass alles immer schlimmer wird. </em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Es gibt eine </em><a href="https://mediendienst-integration.de/fileadmin/user_upload/Expertisen/Mediendienst_Integration_Expertise_Kriminalitaet_und_Migration_in_deutschen_Medien_Thomas_Hestermann.pdf"><em>Langzeitstudie des Medienwissenschaftlers Thomas Hestermann</em></a><em>. Er hat beobachtet, dass eher über Delikte berichtet wird, an denen Nicht-Deutsche beteiligt sind und dabei auch deren Nationalität häufiger genannt wird. Hestermann sagt: „Der gewalttätige Ausländer ist eine zentrale Angstfigur.“ Die Zahl der Delikte, bei denen in den Medien die Herkunft des mutmaßlichen Täters genannt wurde, hatte sich zwischen 2017 und 2019 verdoppelt. Hier wird überproportional häufig über tödliche Delikte gesprochen. Beim Stichwort „Messerkriminalität“ muss man jedoch feststellen, dass über 90 Prozent der Fälle keine oder „nur“ leichte Verletzungen zur Folge haben. </em></p>
<p><em>Zum Stichwort „Ausländer:in“, ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen: Das ist ein Bereich, bei dem wir die Nachteile von Kriminalstatistiken sehen. Wenn wir uns anschauen, welche Taten in das Hellfeld gelangen, zeigen Studien in Bezug auf Menschen, die als nicht deutsch gelesen werden, eine erhöhte Anzeigebereitschaft: Die Anzeigewahrscheinlichkeit steigt deutlich, wenn das Gegenüber als nicht deutsch wahrgenommen wird, gerade im Bereich der Gewaltdelikte. Da etwa 95 Prozent der Delikte in die PKS gelangen, weil sie von Bürger:innen angezeigt werden, spielt das eine große Rolle. Auch die Polizei kontrolliert häufig – Stichwort „Racial Profiling“ –auf Grundlage von äußeren Merkmalen, Hautfarbe, unterstellter Herkunft. Es ist eine kriminologische Binsenweisheit, dass ein Anstieg der Kontrollen auch zu einem Anstieg von Entdeckungen der ein oder anderen Straftat führt. </em></p>
<h3><strong>Verzerrungen in den Debatten über polizeiliches Handeln</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Solche Verzerrungen sind kein spezifisch deutsches Phänomen, oder?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Nein, „Racial Profiling“ und die Einflussfaktoren der Anzeigebereitschaft von Bürger:innen sind kein deutsches Phänomen. Das hat auch etwas mit Psychologie zu tun. Je fremder mir der Täter, die Täterin erscheint, umso leichter fällt es, diese anzuzeigen. Den eigenen Ehemann, die eigene Ehefrau zeigt man nicht so schnell an. Auch bei Menschen nicht, die ich als meiner Gruppe zugehörig wahrnehme, ist man da zögerlicher. Nimmt man hingegen jemanden als fremd wahr, als Migrant:in, ruft man schneller die Polizei. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Haben Sie internationale Studien ausgewertet?</p>
<div id="attachment_8265" style="width: 302px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8265" class="wp-image-8265 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-292x300.jpg" alt="" width="292" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-200x206.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-292x300.jpg 292w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-400x411.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-600x617.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 292px) 100vw, 292px" /><p id="caption-attachment-8265" class="wp-caption-text">Nicole Bögelein, Foto: Dietz Verlag.</p></div>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Ja, die Kriminologie ist eine internationale Wissenschaft. Wir haben sehr viele Befunde aus englischsprachigen Studien aus diversen Ländern. International gibt es das schon länger Forschung etwa zu Rassismus in Strafverfolgung und Justiz gibt, in Deutschland gibt es dazu bisher wenig. </em></p>
<p><em>Ein eindrückliches Beispiel ist der sogenannte „Shooter Bias“. Man hat festgestellt, dass Polizist:innen eher zur Waffe greifen, wenn das Gegenüber person of colour ist, also als nicht zugehörig zur Mehrheitsgesellschaft gesehen wird. Außerdem hält man einen Gegenstand in der Hand einer Person, die nicht weiß ist, eher für eine Waffe. Das liegt wohl daran, dass man eine person of colour eher als bedrohlich wahrnimmt, was sich zu übermäßiger Polizeigewalt führen kann.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Polizeigewalt“</em> wird in den letzten Jahren immer wieder vermerkt, wenn beispielsweise ein junger Mann, eine Person of Color, im Polizeigewahrsam zu Tode kommt.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>In den Medien wurde über zwei oder drei Fälle berichtet, aber im Jahr 2025 allein gab es über 20 Fälle tödlicher Polizeischüsse. Mir ist aber wichtig, dass wir den Begriff der „Polizeigewalt“ genau definieren. Die Polizei ist Exekutive, sie darf Gewalt anwenden. Daher muss man bei den genannten Fällen von „übermäßiger Polizeigewalt“ sprechen. Wenn eine Institution Gewalt ausüben darf, bedarf es einer sehr genauen Schulung, damit jede:r die Grenze kennt, damit jedes Individuum für sich und die Institution als solche diese Grenze einhalten und wissen, wie weit sie gehen dürfen und wo sie sich zurückhalten müssen.</em></p>
<p><em>Über die Zeit hinweg sieht man, dass Polizist:innen häufig mit dem Einsatz der Schusswaffe reagieren, wenn Personen in psychischen Notlagen sind. Das überschneidet sich oft damit, dass diese Personen nicht als Deutsche werden. Es kommen mehrere Elemente zusammen. Dafür zu sensibilisieren, ist eine Aufgabe für die Ausbildung.</em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Schüsse sind die schärfste Form übermäßiger Polizeigewalt. Aber es gibt auch noch andere Formen. Das lässt sich nicht einfach in Zahlen fassen, weil hier wenig angezeigt wird, sich auch über Dunkelfeldbefragungen nicht viel ergibt. Man weiß allerdings etwas über die Zusammenhänge. Solche Gewalt findet in bestimmten Kontexten statt, man weiß etwas über die Persönlichkeit, die Haltung von Polizist:innen, die eher in übermäßige Polizeigewalt verwickelt sind. Es gibt auch unübersichtliche, dynamische Situationen, in denen es dazu kommen kann, dass Gewalt übermäßig wird. Wichtig ist ein angemessener Umgang damit. Fehlerkultur fehlt in der Polizei noch oft, im Hinblick auf die Art und Weise, mit solchen Fallkonstellationen umzugehen, darüber zu sprechen. Das hat auch rechtliche Gründe. Ein Polizist, eine Polizistin, macht sich strafbar, wenn er oder sie mitbekommt, dass ein Kollege, eine Kollegin, Gewalt anwendet und er nicht sofort reagiert und dies anzeigt. Dagegen steht eine Polizeikultur, in der oft der Deckmantel des Schweigens über Fehlverhalten gelegt wird. Hier sind noch einige Schritte zu gehen. Ein Schritt ist die Einrichtung von Polizeibeauftragten. </em></p>
<h3><strong>Wer hat die Diskursmacht?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.bundestag.de/polizeibeauftragter">Einen Polizeibeauftragten gibt es seit 2024 beim Deutschen Bundestag</a>, <a href="https://www.landtag.ltsh.de/beauftragte/bb-polizei">seit 2026 in Schleswig-Holstein</a> und <a href="https://www1.wdr.de/politik/neue-nrw-polizeibeauftragte-gewaehlt-100.html">in Nordrhein-Westfalen</a>, <a href="https://www.landtag.brandenburg.de/de/startseite/die_beauftragte_fuer_polizeiangelegenheiten_des_landes_brandenburg/33814">seit 2023 in Brandenburg</a>. Es ist auch eine Frage, wer über das Thema redet. Ich sehe eine Verzerrung beispielsweise darin, dass übermäßige Polizeigewalt eher von der linken Seite angemerkt wird, während von der anderen Seite eher die Gewalt der mutmaßlichen Täter, gegen die die Polizei vorging, betont wird.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das stimmt im Hinblick auf die Berichterstattung. Beim G8-Gipfel in Hamburg 2018 zeigte die taz Bilder, bei denen die Demonstrierenden die Unterlegenen waren, beispielsweise mehrere Polizist:innen auf eine einzelne Person losgingen, die auf dem Boden lag, während die BILD-Zeitung mehrere Tage lang Angriffe auf Polizist:innen zeigte, von denen sich manche weinend in eine Ecke zurückgezogen hatten, weil sie von der Aggressivität der Demonstrierenden bei ihrem Einsatz so erschüttert waren. </em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>:<em> Es stellt sich hier auch die Frage, wer die Diskursmacht hat. Wer setzt die Themen, über die wir sprechen? Welche Gewaltform wird beachtet? Auch die Polizeigewerkschaften spielen eine Rolle, bestimmte Interessen, gerade bei den Gewerkschaften, die die Belastungen des Polizeiberufs betonen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch, weil sie so ihre Stellenforderungen begründen können. Das tun auch Innenminister, die erzählen, dass sie mehr Stellen brauchen, weil es angeblich mehr Gewalt gäbe.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Das ist keine kluge Erzählung. Das geht nach hinten los, weil es den Eindruck erweckt, Staat und Polizei wären schwach. Das stärkt das Vertrauen in Polizei und Staat nicht. Wir haben diese Diskussion auch, wenn es um sogenannte „No-Go-Areas“ geht. Mit diesem Begriff wird suggeriert, dass es Orte gäbe, in die die Polizei nicht mehr hineinginge. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und es ist keine neue Debatte. Ich bin in den 1960er Jahren in Köln aufgewachsen, der Stadt mit der damals höchsten Kriminalitätsrate in der Bundesrepublik Deutschland, in der hohen Zeit des sogenannten <em>„Milieus“</em>, als Dummse Tünn, Schäfers Nas und Kollegen die Kölner Ringe beherrschten. Da ging man eben nachts nicht hin. Wer gut recherchierte und zugleich unterhaltsame Bücher zu dieser Zeit lesen möchte, dem empfehle ich Christoph Gottwald, „Blütenträume – Die unglaubliche Geschichte des Geldfälschers Jürgen Kuhl“ (Köln, DuMont, 2010) und Peter F. Müller &amp; Michael Mueller, Chicago am Rhein – Geschichten aus dem kölschen Milieu (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2011, dazu gibt es auch einen Film). „No-Go-Areas“ gab es damals auch, aber es gab auch eine im Nachhinein fast schon romantisierend erzählte Zusammenarbeit zwischen Milieu und Polizei. Im Rückblick klingt das doch alles eher harmlos im Vergleich zu heute aktiven Mafia-Organisationen. Ist die Frage einer <em>„No-Go-Area“</em> nicht doch eher ein mediales Phänomen?</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Ich möchte in Frage stellen, ob das damals tatsächlich eher harmlos war. Wenn man Gefängnisforschung betreibt, hört man von Gefängnisbediensteten auch, dass es früher in den Gefängnissen viel einfacher gewesen sei, weil nur Deutsche einsaßen. Dahinter steckt auch die Annahme, Kriminalität wäre so lange ok, wie sie in von Menschen betrieben wird, die man als deutsch definiert. Dieses Deutungsmuster schwingt mit. </em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>In der Kriminalpolitik spielt die Haltung eine ganz wichtige Rolle. Oft geht es nicht um Fakten. Ein Beispiel ist die Debatte um die Absenkung der Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahre, die immer wieder neu beginnt, wenn Dreizehnjährige eines Kapitalverbrechens beschuldigt werden. Es gibt jedoch keinen entsprechenden Diskurs in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Alle sind sich einig, Psychologie, Sozialwissenschaften, Kriminologie: Das ist Quatsch. Es gibt noch so viel Entwicklung bei den jungen Menschen, sodass ein frühes Eingreifen durch Strafverfolgung Kriminalität eher verfestigt. Trotzdem wird diese Debatte immer wieder neu aufgelegt. Es ist eine Haltungsfrage. Mit Kriminalität wird auch Wahlkampf gemacht, werden politische Positionen gestärkt oder geschwächt. Es wird alles immer so eingesetzt, wie es gerade passt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Das geht bis in die Wortwahl. Politiker – fast immer Männer – werden gelobt, wenn sie besonders hart sind. Sie werden dann oft auch als <em>„Sheriff“</em> bezeichnet, weil dem <em>„Sheriff“</em>, den man aus Wildwestfilmen kennt, eine bestimmte Rücksichtslosigkeit oder Konsequenz zugeschrieben wird, die der Kriminalität endlich ein Ende setzt. High Noon is everywhere.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Dieses harte Durchgreifen, das wir bereits mehrfach angesprochen haben, bedient klassische Männlichkeitsbilder, auch die Vorstellung, wie ein starker Staat sein müsse</em>. <em>Da waren wir auch schon einmal auf einem anderen Stand. In den 1970er Jahren wurde eher über eine Resozialisierung gesprochen, darüber wie man Menschen aus dem Kreislauf der Straftaten herausholt. Heute heißt es mal wieder, wir müssen mehr abschrecken, hart durchgreifen. Das sind Phasen, die zeigen, welche Vormachtstellung in den Diskursen gerade herrscht. </em> <em>  </em></p>
<h3><strong>Was nicht in Kriminalstatistiken steht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In dem Kontext gibt es noch eine andere Debatte, die Sie in Ihrem Buch deutlich ansprechen: Die Verknüpfung von Armut und Migration. Wir haben aber nicht nur höhere Kriminalitätsraten in bestimmten Stadtteilen, was natürlich auch an einer höheren Polizeipräsenz liegen kann, weil man da eben eher hinschaut, sondern auch ein anderes Phänomen, das meines Erachtens viel zu wenig beachtet wird. Ich habe zwei Gespräche mit Irene Mihalic, damals innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen, veröffentlicht. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/plaedoyer-fuer-eine-neue-sicherheitsarchitektur/">Sie plädierte für eine neue Sicherheitsarchitektur</a>. In ihrer Dissertation hatte sie die Kriminalität in Gelsenkirchen untersucht und festgestellt, dass Arme bei Armen in die Wohnung einbrachen und eben nicht – wie allgemein vermutet – in die Wohnungen der Reichen in den Villenvierteln.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Zu diesem Thema habe ich auch selbst lange geforscht. Ich kann nur bestätigen, dass dieses Bild nicht stimmt, da werden nur die reichen Villen ausgeforscht und dann werde dort eingebrochen. Wir müssen auch sehen, dass nicht nur arme Menschen kriminell werden, sondern wir auch eine Kriminalität von vielen gut situierten Leuten kennen. Wir erleben eine grundlegende Kriminalisierung von Menschen oder Stadtteilen, wo besonders viel kontrolliert wird. Zu deren Straftaten gehören aber auch Fahren ohne Fahrschein, Ladendiebstahl und andere Delikte, bei denen wir es mit sozial prekären Lagen zu tun haben, auch mit Migration.</em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das hat auch wieder damit zu tun, wie wir über Kriminalität sprechen. Medien sprechen vor allem über Kriminalität anlässlich der Kriminalstatistiken. Diese blenden jedoch bestimmte Phänomene der Kriminalität aus. Nicht enthalten sind zum Beispiel weite Teile der Straßenverkehrskriminalität. Deshalb reden wir kaum über Straßenverkehrskriminalität. Es betrifft auch Delikte wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche und andere Finanzdelikte. Über Delikte, die beim Finanzamt oder beim Zoll angezeigt werden, sprechen wir nicht, obwohl die Delikte ein größeres Ausmaß haben, in denen es um illegale Arbeit, Ausbeutung durch Arbeit und Menschenhandel geht. Auch Umweltkriminalität wird nicht in der Kriminalstatistik aufgeführt, sie ist in anderen Statistiken enthalten.</em></p>
<p><em>Kriminalität, die in Polizeistatistiken erscheint, ist – ich sage es einmal vereinfacht – Kriminalität, die für Unruhe auf der Straße sorgt. Das kann man beobachten, Bürger:innen sind als Anzeigende beteiligt. Es sind nicht die Delikte wie Cum-Ex-Delikte, die vom Schreibtisch aus begangen werden, sondern Delikte, von denen man dann sagt, sie seien für die öffentliche Ordnung auf der Straße relevant. Man könnte das auch in Frage stellen, denn durch einen Cum-Ex-Betrug gehen Milliarden an Steuereinnahmen verloren, die an anderer Stelle gebraucht würden, beispielsweise für die Sicherung von Infrastruktur. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprechen dann über Übergriffe auf Bedienstete der Deutschen Bahn, aber nicht über die fehlenden Mittel zur Sicherung der Infrastruktur, beispielsweise für eine Doppelbesetzung in Regionalzügen, die mehr Sicherheit für das dort tätige Personal bringen würde.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Der Druck und der Stress, der mit der maroden Infrastruktur einhergeht, führt auch zu mehr Aggressivität und Unsicherheit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das erlebe ich zurzeit vor meiner Bonner Haustür. Wegen der Sperrung der Bonner Nordbrücke fahren die jetzt alle bei uns vor der Tür vorbei über die Kennedybrücke. Autofahrer:innen, auch Radfahrer:innen verhalten sich erheblich aggressiver gegeneinander, nicht zuletzt aber auch gegen Menschen, die zu Fuß gehen.</p>
<p>Aber ich möchte noch einmal auf die Gründe für die Konzentration auf bestimmte Gewaltdelikte zurückkommen. Hängt das nicht auch mit den Kriminalfernsehspielen zusammen, in denen immer wieder jemand umgebracht wird, obwohl es in der Realität weitaus weniger Morde gibt als man nach Fernsehkonsum vermuten möchte? Die Aufklärung eines Wirtschaftsverbrechens dürfte dramaturgisch eher langweilig sein.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Oder das Verbrechen wird heroisiert. Dann sind das Filme wie „Catch Me As You Can”, in denen der gerissene Betrüger zum Helden wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Abgesehen von der Popularität eines Leonardo DiCaprio: Der wird ja auch noch zu einem der Guten, weil er am Ende des Films gegen Straferlass mit dem FBI zusammenarbeitet. In den 1960er Jahren gab es die Romantisierung von Verbrechen schon mit „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, ein Dreiteiler aus dem Jahr 1965, der einen spektakulären Überfall auf einen Postzug aus dem Jahr 1963 zum Vorbild hatte. Horst Tappert als Chef der Bande war eine höchst beliebte Identifikationsfigur, fast schon ein Robin Hood, obwohl das Vorbild sich vor allem selbst bereichern wollte. Es war schon etwas skurril, dass derselbe Horst Tappert etwa ein Jahrzehnt später für 24 Jahre als „Derrick“ einer der populärsten Polizeikommissare im deutschen Fernsehen wurde. Populär sind schließlich True-Crime-Formate. Dort haben Aufsehen erregende Verbrechen bis hin zu Serienmördern einen festen Platz.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Solche Verzerrungen der Wahrnehmungen werden dadurch verstärkt, dass sich True-Crime-Formate auf eher untypische Fälle konzentrieren und dass auch die Darstellung der Strafverfolgung in Kriminalfernsehspielen eher untypisch ist. Es erregt natürlich mehr Aufmerksamkeit. Es ist auch nachvollziehbar, dass grausame Taten uns eher packen. Bei Cum-Ex muss man immer erst einmal lange erklären, worum es da eigentlich geht. Es geht dort um Gelder, die man sich gar nicht vorstellen kann. Wie soll ich mir Hunderte von Milliarden vorstellen?</em></p>
<p><em>Die Logik der Medien, Nachrichtenformate ebenso wie Dokumentationen und Unterhaltungsformate, unterliegen Aufmerksamkeitsökonomien. Es ist jedoch die Verantwortung der Politik anders zu handeln, Kriminalität in ihrer Gänze zu behandeln und auch im Sinne der Gesellschaft zu priorisieren, in welchen Bereichen wir besonders intensiv in die Strafverfolgung einsteigen und wie wir das tun. Unsere Position ist da ganz klar: Wir haben in letzter Zeit eine Kriminalpolitik auf dem Vormarsch, die überhaupt nicht hilfreich ist. Ganz im Gegenteil.</em></p>
<h3><strong>Ist mehr Polizeipräsenz eine Lösung?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ist hilfreich, was nicht?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>:<em> Wir haben eine Kriminalpolitik, die sehr stark durch Law and Order geprägt ist, durch ein vermeintlich hartes Durchgreifen, das man aber in Frage stellen sollte. Welche Maßnahmen sind denn damit verbunden? Strafverschärfungen, neue Gesetze sind kein hartes Durchgreifen, sondern eher ein wildes Um-sich-schlagen. Wir wissen, dass Strafhöhe nicht abschreckt, sondern die Entdeckungswahrscheinlichkeit. Es gibt bestimmte Bereiche, in denen Betroffene überhaupt nicht anzeigen wie bei der sexualisierten Gewalt. Da ist unser Problem nicht die Gesetzeslage, sondern das Fehlen von Strafverfolgung. Strafverschärfung oder Gesetzesänderungen sind leicht umsetzbar, aber es fehlen tiefgreifende Maßnahmen, die wirklich zu einer Veränderung führen könnten. Wir haben vor allem etwas, das man Symbolpolitik nennen könnte. Ich möchte aber auch Folgendes klarstellen: Wir sagen nicht, alles werde nur skandalisiert, wir wollen nichts verharmlosen. Wir sagen aber, dass Kriminalität kein Schicksal ist, sondern gesellschaftlich sehr stark beeinflussbar. Deshalb schließen wir mit einem Plädoyer für eine neue Kriminalpolitik.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört eine Kriminalitätsprävention, die funktioniert?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Die kostet natürlich Geld. Außerdem dauert die Sichtbarkeit der Wirkungen länger als eine Legislaturperiode. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erinnere mich noch an einen Polizeibeamten in Duisburg-Bruckhausen, der vor etwa 25 bis 30 Jahren in den Ruhestand ging. Er hatte es geschafft, dass ihn im Stadtteil alle kannten. Er wusste sehr genau, wo Konflikte entstehen konnten. Viele konnte er durch Gespräche im Vorfeld auflösen. Er verband seine Tätigkeit als Polizist mit dem Engagement eines Sozialarbeiters. Ich denke, dass solche Menschen eine Menge an Gewalt, an Kriminalität verhindern könnten, weil sie Respektpersonen sind und weil sie die Menschen, die in ihrem Viertel wohnen, respektieren.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Das bezeichnet man auch als Community Policing. Es gibt einen Kontaktbeamten, der die Leute kennt, auch außerhalb von Einsatzsituationen. Das ist Bürgernähe. Es ist niedrigschwellig, keine ständige Kontrolle. Es kommt auf das Wie der polizeilichen Präsenz an.</em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Man denkt in der Regel, dass mehr Polizeipräsenz zu weniger Kriminalität führt. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Polizeipräsenz da ist, nimmt die auch Dinge wahr, schreibt etwas auf. Zunächst steigt Kriminalität statistisch an. Es gibt auch nicht unbedingt ein stärkeres Sicherheitsgefühl. Es gibt auch die Wahrnehmung, dass es in diesem Stadtteil besonders gefährlich sein muss, wenn da schon so viel Polizei präsent ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Frage des Maßes?</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Jein. Es ist oft eine Frage der Verdrängung. Wir haben aufgrund von Polizeieinsatz zurzeit in Köln eine Verschiebung der Drogenszene vom Neumarkt über den Ebertplatz zum Hansaring. Letztlich ist Polizei nicht die Institution, die dafür sorgen kann, dass es weniger Kriminalität gibt. Polizei ist gut eingesetzt, wenn Kriminalität da ist, aber wir müssten eigentlich versuchen, Prävention zu betreiben und über Soziale Arbeit, über Veedelskümmerer davon wegkommen, dass wir Sicherheit nur mit Polizeipräsenz verbinden. Hilfreich sind auch Kommunalpräventive Räte, die es in einigen Kommunen gibt, in denen ganz unterschiedliche Menschen daran arbeiten, lokale Probleme mit Kriminalität zu identifizieren und Lösungen zu erarbeiten. Das Sicherheitsgefühl hat oft gar nichts damit zu tun, ob irgendwo Kriminalität stattfindet, sondern hat im Gegenteil damit zu tun, ob Orte sauber wirken, ob das Licht an ist, ob es überschaubar ist.</em></p>
<h3><strong>Delegation von Sicherheit und das Verschwinden von Zivilcourage</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist es mit der Präsenz von Sicherheitsdiensten? Gerade an Bahnhöfen, in S-Bahnen gibt es inzwischen auf Initiative der neuen Bahnchefin Evelyn Palla mehr Sicherheitspersonal. Mir persönlich gibt dies durchaus ein Gefühl von mehr Sicherheit.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Auf der anderen Seite verschafft der Einsatz von Sicherheitspersonal Menschen den Eindruck, es gebe hier Unsicherheit. Ich sehe auch, dass dann, wenn es für alles eine Institution gibt, das menschliche Miteinander verloren geht. Eigentlich müsste es ja so sein, dass Menschen aufeinander achten, miteinander reden, eine Form von Konfliktregulation zwischen ihnen stattfindet. Stattdessen beobachte ich Vereinzelung, dass alle bei Problemen erst einmal schauen, wer denn eingreifen und helfen könne. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sind in unserer Gesellschaft an einem Punkt angelangt, indem wir Sicherheit und Konfliktregulierung wegdelegieren. Da muss man sich nicht wundern, wenn es dann niemanden gibt, der das praktiziert, was man Zivilcourage nennt.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Dazu gehört auch die Erzählung, dass wenn man mal eingreife, man direkt ein Messer im Bauch hätte. Da sag ich lieber nichts. Man sieht im Anderen erst einmal eine potenzielle Gefahr. Wenn sie jemanden sehen, der eingreift, sagen die Leute, ach es gibt doch noch nette Menschen. Aber das ändert an ihrem eigenen Verhalten nichts. Es wäre natürlich schön, wenn das die Regel wäre. Eigentlich sollten wir davon ausgehen, dass wir alle soziale Wesen sind, die in einem sozialen Miteinander funktionieren. Ich verstehe das Bedürfnis, dass Sicherheitspersonal in der Bahn präsent ist, doch letztlich können wir das Zusammenleben nicht staatlich organisieren.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: André Heller präsentiert in seinen Auftritten immer wieder mal eine Geschichte von Nestroy. Da trifft im Wald a Wolf an Wolf. Sogt er: Aha, sicher a Wolf. Trifft im Wald a Mensch an Menschen, sogt er: Oha, sicher a Rauber.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das berührt die Kriminologie. Gehen wir im anderen Menschen erst einmal vom Schlechten aus oder vom Guten? Wir kategorisieren einen Menschen als Angehörigen einer Gruppe. Der eigenen Gruppe schreibt man eher positive Eigenschaften zu, die halten sich an Gesetze, die sind ungefährlich, als der Fremdgruppe, und sobald ich einen Menschen der Fremdgruppe treffe, gehe ich davon aus, dass die wohl andere Eigenschaften und Verhaltensweisen haben, die möglicherweise gefährlich für mich sein könnten. </em></p>
<h3><strong>Dunkelfeldstudien statt Statistikshow</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dem, was wirklich gefährlich ist, kommen wir erst auf die Spur, wenn wir nicht nur unsere jeweiligen Vorurteile kennen, sondern auch das Dunkelfeld bestimmter Phänomene untersuchen. Am 10. Februar 2026 stellten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bundesfamilienministerin Karin Prien mit dem Bundeskriminalamt eine von ihnen in Auftrag gegebene <a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/LeSuBiA/lesubia_node.html">Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“</a> (LeSuBiA) vor (auch dieser Titel darf als euphemistisch interpretiert werden). Ein Ergebnis: Nur etwa eine von 20 Frauen zeigt die Gewalt ihrer Ehemänner oder Partner an. Sie fordern in Ihrem Buch mehr Dunkelfeldstudien, die die Verzerrungen beseitigen, die durch die <em>„PSK-Shows“, </em>die rituellen Präsentationen der Polizeilichen Kriminalstatistik immer wieder aufs Neue bestätigt werden.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Hier gibt es einen begründeten Anlass zur Hoffnung. Am 20. April 2026 hat das Bundeskriminalamt gleichzeitig mit der der Kriminalstatistik die Dunkelfeldstudie </em><a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/SKiD/skid_node.html"><em>„Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“</em></a><em> (SKiD) vorgestellt. Diese Dunkelfeldbefragung soll ab jetzt alle zwei Jahre durchgeführt werden. Damit hätten wir endlich ein Gegengewicht zur Polizeilichen Kriminalstatistik, die bisher konkurrenzlos dasteht. Wir könnten Hellfeld und Dunkelfeld vergleichen. Die Tatsache, dass nur etwa sechs Prozent aller Delikte sexualisierter Gewalt angezeigt werden, lässt den Schluss zu, dass ein Anstieg im Hellfeld nichts damit zu tun hat, dass das Ausmaß dieses Delikts ansteigt, sondern dass mehr Leute sich trauen, es anzuzeigen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines der bedrückendsten Ergebnisse ist aus meiner Sicht die Tatsache, dass das gefährlichste Feld, vor allem für Frauen und Kinder, das eigene Zuhause ist.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das ist leider so. Es ist ein geflügeltes Wort in der Kriminologie, dass man als Frau sicherer ist, wenn man nachts im Park spazieren geht als wenn man zu Hause mit der Familie ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass man durch eine Straftat verletzt wird, ist zu Hause am höchsten. Bei Delikten auf der Straße gehören am häufigsten junge Männer zu den Opfern, entgegen der Annahme, dass vor allem Frauen gefährdet wären. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man muss hier natürlich wieder aufpassen, dass man nicht wieder das Kind mit dem Bade ausschüttet und manche grundsätzlich alle Männer unter Verdacht stellen.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Wir sprechen uns in unserem Plädoyer für eine neue Kriminalpolitik für eine feministische Kriminalpolitik aus. Das bedeutet nicht, dass alle Männer pauschal verteufelt werden, sondern dass die patriarchalischen Strukturen und Einstellungen erkannt und bekämpft werden müssen. Das, was hinter häuslicher Gewalt steckt, ist die patriarchalische Struktur, dass Frauen Männern unterlegen sind, dass Frauen Besitz ihrer Männer sein sollen. Der hauptsächliche Grund, dass es zu häuslicher Gewalt kommt, sind Besitzansprüche, dass Frauen kein eigenes Leben zugestanden wird, dass sie kontrolliert werden müssen, sie zu tun hätten, was der Mann möchte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch Thema des neuen Buches von Eva von Redeker <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240">„Dieser Drang nach Härte – Über den neuen Faschismus“</a> (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026). Sie hat den Begriff <em>„Phantombesitz“</em> in die Debatte eingeführt. Männer werden im Sinne dieses <em>„neuen Faschismus“</em> gewalttätig, weil sie einen vermeintlichen Besitz verteidigen wollen, ihr Land, ihre Nation, ihre Frauen, ihre Kinder. Dasselbe Phänomen gibt es in islamistischen Kreisen.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das Narrativ „unsere Frauen“ hört man immer wieder, auch in Kreisen, in denen man es nicht vermutet. Martin Schulz hat mal in seiner Zeit als Kanzlerkandidat der SPD in einer Talk-Show zum Thema Gefahr gesagt, wir müssten „unsere Frauen schützen“. Das zeugt schon von dieser patriarchalischen Struktur, denn gleichberechtigte Menschen müssen nicht eine Gruppe schützen, sondern wollen die Rechte von allen Menschen bewahren. Ich weiß natürlich, dass in einer Welt, in der Gleichstellung noch nicht erreicht ist, vulnerable Gruppen besonders geschützt werden müssen. </em></p>
<p><em>Ich nenne ein weiteres Beispiel: Wie wird eigentlich über Tötungsdelikte im Rahmen von Trennungen geschrieben und gesprochen. Ist der Mann ein Deutscher, ist es ein Familiendrama, Zeichen einer psychologischen Notlage, der konnte nicht anders, wird er – ungeachtet der Staatsangehörigkeit – nicht als Deutscher gelesen, gehört es zu dessen Kultur, das war ein verbrecherischer Vorsatz. Das verzerrt sich auch in der Justiz: Das eine ist dann eher ein Mord als das andere, weil man beim einen entschuldigende, bei dem anderen nicht entschuldbare Gründe findet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist das nur patriarchalisch oder nicht eher doch maskulinistisch?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Aus der Gewaltforschung kennen wir sogenannte „Machonormen“, Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen. Diese sind ein großer Prädiktor, dass jemand Gewalt ausübt. Aber solche Normen können nur auf einem patriarchalischen System gedeihen, wenn sonst der Ansatz fehlte, Gewalt zu legitimieren. Man kann übrigens auch feststellen, je schwerer das Delikt, desto weniger sind Frauen die Täterinnen.</em></p>
<h3><strong>Ein kurzes Fazit für eine neue Kriminalpolitik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Abschluss fasse ich noch einmal kurz die Eckpunkte Ihres Plädoyers für eine neue Kriminalpolitik zusammen: Sie wollen weniger Drama, mehr Analyse, weg von der PSK-Show zu Dunkelfeldstudien, die Erforschung repressiver Strukturen, da diese mehr Kriminalität bedingen, die Kombination von Innen- und Sozialpolitik, Aufmerksamkeit für Klassismus, Rassismus und Patriarchat, die Entkriminalisierung von Drogen (nicht nur von Cannabis) und von Armutsstraftaten, mehr Kampf gegen Wirtschafts- und Umweltkriminalität und Menschenhandel.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Wir wollen auf keinen Fall Kriminalität relativieren, herunterreden. Leider muss man das immer wieder sagen. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass wir die Ressourcen zurzeit falsch verteilen und uns zu viel mit Delikten beschäftigen, die Menschen aus strukturellen Notlagen begehen, kriminalisieren, dass jemand in Armut lebt oder anders aussieht. Davon müssen wir weg und in eine Richtung zu Delikten, von denen es eine Menge gibt, für die aber die Ressourcen fehlen, weil wir falsche Prioritäten setzen und uns zu viel im Klein-Klein verlieren.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. August 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>&#8222;Werft eure Geschichte nicht weg!&#8220;</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/werft-eure-geschichte-nicht-weg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Aug 2026 12:23:57 +0000</pubDate>
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<h1><strong>„Werft eure Geschichte nicht weg!“</strong></h1>
<h2><strong>Jürgen Bacia, Miriam Bajorat und das Archiv für alternatives Schrifttum </strong></h2>
<p><em>„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor <u>uns</u> erscheint, da sieht <u>er</u> eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist <u>dieser</u> Sturm.“ </em>(Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 1940, zitiert nach Walter Benjamin, Illuminationen – Ausgewählte Schriften, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 19. Auflage 2021)</p>
<div id="attachment_8249" style="width: 265px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8249" class="wp-image-8249 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons-255x300.jpg" alt="" width="255" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons-200x236.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons-255x300.jpg 255w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons-400x471.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons-600x707.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons-768x905.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons-800x943.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons-869x1024.jpg 869w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Paul-Klee-Angelus-Novus-1920-Foto-Christian-Mantey-Public-domain-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 255px) 100vw, 255px" /><p id="caption-attachment-8249" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Klee_~_Angelus_Novus_~_1920.jpg">Paul Klee, Angelus Novus</a>, Foto: Christian Mantey, Public Domain, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>1940 sah Walter Benjamin in der Tat <em>„Trümmer“ </em>oder anders gesagt Fragmente, die sich nur schwer zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, aus dem sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erklären ließen<em>. </em>Es gilt im Grunde für alle Zeiten, sich auf die Fragmente einzulassen, um daraus dann doch besser zu verstehen, in welcher Zeit wir leben und wie wir die Zukunft gestalten könnten. Dieser Aufgabe stellen sich die Geschichtswissenschaften, die aber auf Archive angewiesen sind, in denen die Quellen zu finden sind, die wir brauchen, um uns in unserer Welt zu orientieren, ohne von dem von Walter Benjamin beschriebenen <em>„Sturm“</em> verweht zu werden.</p>
<p>Archive speichern unsere Vergangenheit, unser kulturelles Erbe, im Guten wie im Schlechten. Sie leisten unverzichtbare Beiträge für das kulturelle Gedächtnis eines Landes, einer Kommune, einer Gesellschaft. Das <a href="https://afas-archiv.de/">Archiv für alternatives Schrifttum</a> (afas) in Duisburg ist ein Freies Archiv, das vor Kurzem sein 40jähriges Bestehen feierte. Es sammelt sparten- und themenübergreifend Materialien aus linksalternativen Protestbewegungen und Gegenöffentlichkeiten seit 1945. Es ist inzwischen das bundesweit größte Archiv dieser Art. Wer sich auf die höchst differenzierte Geschichte der Protestbewegungen einlässt, erfährt nicht nur etwas über die Auf- und Umbrüche beispielsweise der 1950er, 1960er, 1970er oder 1980er Jahre, sondern auch etwas über die folgende Entwicklung der heutigen politischen Parteien, nicht zuletzt der Grünen.</p>
<p>Das Material steht allen interessierten Personen zur Verfügung, die sich mit der Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen beschäftigen wollen. Das Archivgut kann jederzeit angefragt werden und eine Datenbank hilft bei der Recherche. Jürgen Bacia, einer der Mitgründer, und Miriam Bajorat, eine der fünf Mitarbeiter:innen, stellen das Archiv im Folgenden vor, mit seinen Zielen, seiner Geschichte, der immer kritischen Frage der Finanzierbarkeit sowie an mehreren konkreten Beispielen, die zur weiteren Recherche anregen dürften. Das Archiv für alternatives Schrifttum versteht sich auch als Appell an all diejenigen, die sich in verschiedenen linksalternativen Gruppierungen engagiert haben, durchaus in doppeltem Sinne, einerseits als Aufforderung, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, andererseits aber auch, das gesammelte Material im afas auch für andere Interessierte zur Verfügung zu stellen. Daher das Motto: <a href="https://afas-archiv.de/werft-eure-geschichte-nicht-weg/"><em>„Werft eure Geschichte nicht weg!“</em></a></p>
<h3><strong>Geschichte, Ziele und Arbeitsweisen des afas</strong></h3>
<div id="attachment_8250" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8250" class="wp-image-8250 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Jubilaeumsbroschuere-©-AfaS-300x284.jpeg" alt="" width="300" height="284" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Jubilaeumsbroschuere-©-AfaS-200x189.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Jubilaeumsbroschuere-©-AfaS-300x284.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Jubilaeumsbroschuere-©-AfaS-400x378.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Jubilaeumsbroschuere-©-AfaS-600x567.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Jubilaeumsbroschuere-©-AfaS.jpeg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8250" class="wp-caption-text">Jubiläumsbroschüre 40 Jahre afas © afas.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht beginnen wir mit einer kurzen Einführung in die Geschichte des Archivs.</p>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>: <em>Ich bin Mitgründungsmitglied des Archivs. Initiator:innen waren wenige Leute aus meinem persönlichen Umfeld. Ich selbst hatte in Berlin an der Freien Universität studiert und im APO-Archiv gearbeitet. Dadurch wusste ich, was es dort an links-alternativen Dokumenten gab und was nicht. Als die Idee an der FU gescheitert war, ein bundesweites Archiv der Protestbewegungen aufzubauen, haben wir beschlossen, auf eigene Kosten das Archiv für alternatives Schrifttum in Duisburg zu gründen. Es gab zwar bereits einige andere Archive, beispielsweise Frauenarchive, die aus den Frauenbewegungen der Zeit hervorgegangen waren, aber es war klar, dass ein Archiv fehlte, das die Gegenöffentlichkeit der verschiedenen Protestbewegungen systematisch sammelte. Den Schwerpunkt haben wir zunächst aber auf Nordrhein-Westfalen gelegt, weil wir uns dort ansiedeln und auch eine Förderung der Landesregierung erreichen wollten. </em></p>
<p><em>Wir haben mit der Zeit unsere bundesweite Sammeltätigkeit ausgeweitet. Die Idee war, dass wir die Dokumente der vielen kleinen freien, alternativen Gruppen, Initiativen und Projekte bewahren wollten, weil sie Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sind, aber in den klassischen Archiven nicht bewahrt werden. </em><em>Wir verstehen uns</em><em> inzwischen</em><em> als Auffangarchiv, das heißt wir nehmen alles auf, was </em><em>zu unserem Sammelgebiet passt. Dazu gehören zum Beispiel auch ganze Archive oder Dokumentationsstellen von Projekten, die nicht mehr weiterarbeiten können.</em></p>
<p><strong>Miriam Bajorat</strong>: <em>Das afas ist das größte Freie Archiv der Neuen Sozialen Bewegungen. Wir sammeln Dokumente von 1945 bis heute, tagesaktuell. Es ist natürlich schwierig, an tagesaktuelles Material heranzukommen. Jürgen hat mit den anderen damals das Archiv aufgebaut, indem er von einer Gruppe zur nächsten gefahren ist, über Mundpropaganda von weiteren Gruppen erfahren hat, sodass mit der Zeit auch größere Gruppen von sich aus auf uns zugekommen sind. So haben wir in den letzten Jahren immer größere Bestände übernommen. </em></p>
<p><em>Wir unterscheiden uns als Freies Archiv von kommunalen Archiven, Landesarchiven und dem Bundesarchiv. Bei uns </em><em>gibt es keine </em><em>Abgabepflichten seitens der Materialgeber:innen, wie sie für die staatlichen und kommunalen Archive im Archivrecht geregelt sind. Alle Materialien wurden und werden freiwillig an uns abgegeben. Teilweise müssen wir uns darum kümmern, dass das Material zu uns kommt, teilweise kommen aber Gruppen auch auf uns zu. </em></p>
<p><em>Wir sind aber auch nicht das einzige Freie Archiv in Deutschland. Es gibt verschiedene Freie Archive, die eigene Sammlungsschwerpunkte haben. Es gibt Frauenarchive, Archive, die sich mit Umweltschutz und Ökologie befassen, beispielsweise sich auf die Anti-AKW-Bewegung spezialisiert haben. Wir sammeln thematisch spartenübergreifend, angefangen von A wie Antifa und Autonome Szene, durch das ganze Alphabet hindurch, über Dokumente der Friedensbewegung, Ökologiebewegung, Frauen-, Lesben- und Schwulenbewegung, Internationale Solidarität, Studierendenbewegung, bis hin zu Hausbesetzungen. Wir wollen ganz bewusst breit sammeln und uns nicht auf eine Thematik festlegen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich eure Arbeitsweise von der Arbeit klassischer Archive?</p>
<div id="attachment_8251" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8251" class="wp-image-8251 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Blick-ins-Archiv-©-AfaS-300x260.jpeg" alt="" width="300" height="260" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Blick-ins-Archiv-©-AfaS-200x173.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Blick-ins-Archiv-©-AfaS-300x260.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Blick-ins-Archiv-©-AfaS-400x347.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Blick-ins-Archiv-©-AfaS-600x520.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Blick-ins-Archiv-©-AfaS.jpeg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8251" class="wp-caption-text">Blick ins Archiv © afas.</p></div>
<p><strong>Miriam Bajorat</strong>: <em>Unsere Arbeitsweise unterscheidet sich von der Arbeit in klassischen Archiven, weil wir aus einer selbstorganisierten Initiative kommen. Es gibt keine klassischen Hierarchien, keine feste Aufgabenteilung. Alle machen alles. Ich mag das, weil man so alle Arbeitsabläufe mitbekommt, von den persönlichen Gesprächen mit den Materialgeber:innen, dem Erschließen der Materialien, dem Eintragen in unsere Datenbank und dann kommen schließlich auch Menschen vorbei, die dieses Material nutzen möchten. Dadurch wird es nie langweilig. Immer wieder kommen Anfragen für die Nutzung. Oft recherchieren die Interessierten bereits auf unserer Internetseite und können sich so einen ersten Überblick verschaffen. </em></p>
<p><em>In unserem Onlinekatalog können neben Zeitschriften, Broschüren sowie Plakaten auch Archivalien nach Stichworten durchsucht werden. Wer auf unserer Web-Seite recherchiert, erhält eine Trefferliste, mit der man sich dann an uns wenden kann, um einen Termin zu vereinbaren und bei uns vor Ort vorbeizukommen. Der Unterschied zu einer Bibliothek liegt darin, dass man nicht einfach vorbeikommen und in irgendeinem Karton stöbern kann, sondern dass man einen Termin vereinbaren muss. Das Material kann in unserem Lesesaal eingesehen werden, in dem es auch einen PC mit Archivdatenbank gibt und so natürlich die Möglichkeit, in Materialien zu suchen, auf die wir aus Datenschutzgründen nicht im Internet hinweisen dürfen. Wir können auch Tipps zu den Beständen geben. Die Nutzung ist sehr niedrigschwellig, wir sind gut zugänglich und es reicht in der Regel, einen Termin zwei oder drei Tage vorher zu vereinbaren.</em></p>
<p><em>Wir sind mit vielen anderen Freien Archiven in Kontakt und arbeiten ebenfalls mit der klassischen Archivwelt zusammen. Dazu gehört auch der </em><a href="https://www.vda.archiv.net/aktuelles.html"><em>Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V.</em></a><em> (VdA), der Fachverband des deutschen Archivwesens, in dem sich Landesarchive, kommunale Archive, Uni- und Wissenschaftsarchive, Wirtschaftsarchive, Kirchenarchive, Kulturarchive, Freie Archive und viele weitere, zusammenfinden. Wir nehmen an Tagungen teil, nutzen die Austauschmöglichkeiten. Jürgen hat schon vor 20 Jahren dafür gesorgt, dass die Freien Archive dort sichtbar sind. Gerade in der Zusammenarbeit ergeben sich neue Erkenntnisse und Sichtweisen. In kommunalen Archiven gibt es zum Beispiel Unterlagen über Demonstrationen und kommunale Protokolle. Wir haben die andere Seite, wie wurde was organisiert, was wurde publiziert? Vollständigkeit erreicht man erst, wenn man beide Seiten der Medaille anschaut, die behördliche ebenso wie die zivilgesellschaftliche Seite. Da es keinen gesetzlichen Auftrag für die Überlieferungen der Neuen Sozialen Bewegungen gibt, ist unsere Arbeit besonders wichtig. </em></p>
<p><em>Die klassische Archivwelt hat die wertvolle Rolle der Freien Archive in den letzten Jahren immer mehr gewürdigt. Durch Kooperationen wie mit der </em><a href="https://www.archivschule.de/"><em>Archivschule Marburg</em></a> wird dies besonders deutlich:<em> Wir werden dort zu Gesprächskreisen eingeladen oder stellen unsere Arbeit den Studierenden vor, die später in Archiven arbeiten werden.  </em></p>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>: <em>Die Mitgliedschaft im VdA ist freiwillig. Es ist im Grunde eine Berufsorganisation, die allen Archivar:innen und allen Archiven offensteht. Die Akzeptanz in diesem Verband für unsere Arbeit ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Die Verbindung zum VdA zeigte sich gut vor Kurzem bei unserer 40Jahr-Feier. Der Präsident des </em><a href="https://www.archive.nrw.de/landesarchiv-nrw"><em>Landesarchivs Nordrhein-Westfalen</em></a><em> zum Beispiel würde sich jederzeit für uns einsetzen und auch der Präsident des </em><a href="https://www.bundesarchiv.de/"><em>Bundesarchivs</em></a><em> war anwesend und hat in einem Grußwort unsere Arbeit gewürdigt. </em></p>
<p><em>Die Akzeptanz in der Archiv-Szene ist hoch. Wichtig wäre es allerdings, in der Politik noch mehr zu der Einsicht beitragen zu können, dass das, was wir sammeln, nicht das ist, was wir in unseren Köpfen haben, sondern eine Überlieferung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Das ist der Punkt, an dem es hapert: Wir haben immer wieder damit zu kämpfen, dass wir mit den Materialien, die wir haben, identifiziert werden nach dem Motto: „Wenn die so etwas sammeln, müssen die auch selber so sein“. Ich sage dann gerne, wenn wir uns mit allen Inhalten identifizieren würden, die wir sammeln, wären wir schizophren oder gar multiple Persönlichkeiten. Es geht einfach darum, die Disparitäten und Konflikte in der Gesellschaft zu dokumentieren. Also: die klassischen Archive haben wir auf unserer Seite, auf der Seite der Politik ist es noch schwierig. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir werden dies gleich noch etwas ausführlicher ansprechen, wenn es um die Finanzierung geht. Wer nutzt euer Archiv?</p>
<p><strong>Miriam Bajorat</strong>: <em>Es kommen ganz unterschiedliche Leute. Du bist selbst ein gutes Beispiel. Du hast in den 1970er Jahren eine kleine Zeitschrift herausgegeben und möchtest noch einmal hineinschauen um zu sehen, was für einen Sinn oder Unsinn du da geschrieben hast. Es kommen Menschen, die ihre eigenen Texte wiederfinden möchten, aber auch Menschen, die journalistisch oder wissenschaftlich engagiert sind, beispielsweise aus den Politikwissenschaften, die Abschlussarbeiten an der Uni schreiben, über das ein oder andere Thema promovieren. Es kommen auch Gruppen von Uni-Seminaren, zum Beispiel kam kürzlich ein Dozent mit Studierenden vorbei, der gerade ein Seminar zum Thema Umweltwissenschaften anbietet und möchte, dass die Studierenden eine andere Art von Recherche mit Originalquellen erlernen, die über die Recherche in der Universitätsbibliothek hinausgeht. Das ist meistens der erste Berührungspunkt mit einem Freien Archiv, mit Originalmaterialien. In letzter Zeit nutzen auch vermehrt Kulturschaffende die Materialien. Sie arbeiten nicht nur mit den inhaltlichen Informationen, sondern interessieren sich vor allem für das Visuelle, weil jedes Jahrzehnt auch mit einer gewissen Ästhetik einhergeht. Sie nutzen das Material, um es visuell weiterzuverarbeiten, sei es in einem Theaterstück oder in einem Kunstprojekt. Ich habe das Gefühl, dass auf diese Weise auch Barrieren abgebaut werden können, denn es gibt noch manche Stereotype, dass Archive geheimnisvolle staubige Orte sind. Wir sind jedoch ein offener Ort, an dem wer will, recherchieren kann, mit welchem Interesse auch immer.</em></p>
<h3><strong>Finanzierung und Finanzierbarkeit </strong></h3>
<div id="attachment_8252" style="width: 285px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8252" class="wp-image-8252 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Teamfoto-©-AfaS-225x300.jpeg" alt="" width="275" height="367" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Teamfoto-©-AfaS-200x267.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Teamfoto-©-AfaS-225x300.jpeg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Teamfoto-©-AfaS-400x533.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Teamfoto-©-AfaS-600x800.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Teamfoto-©-AfaS.jpeg 640w" sizes="(max-width: 275px) 100vw, 275px" /><p id="caption-attachment-8252" class="wp-caption-text">Foto anlässlich der Übergabe der Michael Kleff Research Collection. Von links nach rechts: Claudia Spahn (afas), Michael Kleff, Bernd Barenberg (afas), Jürgen Bacia (afas), Tiffany Colannino (Archivarin des Woodie Guthrie Archivs) und Miriam Bajorat (afas) © afas.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich betrachte eure Arbeit als einen Beitrag zum Kulturellen Erbe in Deutschland. Dazu wäre eine verlässliche, möglichst dauerhafte Finanzierung mehr als wünschenswert. Ich weiß aber aus meinen Erfahrungen in der Landes- und Bundespolitik, wie schwierig es viele engagierte Initiativen haben, sich dauerhaft zu finanzieren, nicht zuletzt wegen der Jährlichkeit der öffentlichen Haushalte und der Einschränkung, dass in der Regel nur Projektförderung möglich ist, jedoch keine institutionelle dauerhafte Finanzierung. Viele schlagen sich, so wichtig ihre Arbeit ist, immer wieder von Jahr zu Jahr durch. Euch geht es nicht anders – so zumindest mein Eindruck.</p>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>:<em> Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen ist unser Hauptgeldgeber. In der Aufbauphase haben wir sehr viel ehrenamtlich gearbeitet oder uns über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen finanziert. Ich hatte an der Universität promoviert, daher die Qualifikation für eine wissenschaftliche Stelle und zwei Mal jeweils für zwei Jahre Geld von der Bundesanstalt für Arbeit erhalten. Anfang der 1990er Jahre, als wir schon eine imposante Sammlung hatten, haben wir beim Land nachgefragt. Der Kontakt kam unter anderem über den damaligen Leiter der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf zustande. Ganz zögerlich lief in den 1990er Jahren eine Projektförderung durch das Land an.</em></p>
<p><em>Wir haben in den 1990er Jahren schon am Hungertuch genagt. Aber je größer wir wurden und je mehr Ansehen wir in Fachkreisen erreichten, umso deutlicher wurde den Verantwortlichen im Ministerium unsere Bedeutung. Es blieb jedoch stets bei einer Projektförderung. Dauerhafte Stellen hatten wir nie. Die Jährlichkeit des Haushalts war ein Problem. Jedes Jahr, wenn die Mittel im März oder April freigegeben wurden, konnte mich das afas für ein halbes oder dreiviertel Jahr einstellen, zum Jahresende habe ich mich dann wieder arbeitslos gemeldet und auf die Freigabe der Landesmittel des nächsten Jahres gewartet. Durchbrochen wurde dieser unbefriedigende Zyklus zur Jahrtausendwende, als wir das Archiv der Anti-Apartheid-Bewegung übernommen haben. Damals hatte sich gerade die </em><a href="https://www.sue-nrw.de/die-stiftung/ueber-uns/"><em>Landesstiftung Umwelt und Entwicklung</em></a><em> gegründet, die uns in größter Not vor dem finanziellen Bankrott gerettet hat, indem sie die Erschließung des AAB-Archivs durch zwei Zwei-Jahres-Projekte finanzierte. Zu der Zeit hatte das Land seine Finanzierung für einige Jahre zurückgefahren oder sogar ganz eingestellt. </em><em>Ein weiterer Förderer ist zurzeit die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur (WIKU).</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es weitere Finanzierungsbeiträge?</p>
<p><strong>Miriam Bajorat</strong>:<em> In den letzten Jahren haben wir Projektgelder über die beiden nordrhein-westfälischen Landschaftsverbände erhalten. Zurzeit erhalten wir auch einen Zuschuss der Stadt Duisburg. Wir haben natürlich auch unsere Mitgliedsbeiträge als afas e.V., der der Träger des Archivs ist. Im November 2025 haben wir den Förderverein des Archivs für alternatives Schrifttum e. V. gegründet, über den wir auch Spendengelder erhalten können. Vom Ministerium haben wir seit 2025 erstmals eine institutionelle Förderung erhalten. Diese ist jedoch nach wie vor knapp. Wir arbeiten mit fünf Leuten auf zweieinhalb Stellen. Um dem Arbeitsaufwand und der Materialfülle gerecht zu werden, bräuchten wir eigentlich mehr. Es reicht nicht aus, aber es funktioniert irgendwie.     </em></p>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>: <em>Etwa 80 Prozent unserer Förderung kommen über das Kulturministerium. Die Beträge der Landschaftsverbände bewegen sich zwischen 5.000 und 10.000 EUR im Jahr. Dazu kommen dann die Mittel der Stadt Duisburg und die Mitgliedsbeiträge. Unser Minimalbedarf liegt bei 250.000 EURO pro Jahr. Da kommen wir aber nicht ran. Auch kleine Beträge sind wichtig, weil sie zeigen, dass unsere Arbeit für viele Leute eine Bedeutung hat.</em></p>
<p><em>Durch Inflation und Tariferhöhungen wird das Geld, auch wenn die Gesamtsumme gleichbleibt, weniger. 2028 ist nach derzeitigem Stand eine Grenze erreicht, sodass eine Person das Archiv verlassen muss, wenn sich nichts ändert. In dem Zusammenhang ist es natürlich traurig, dass das </em><a href="https://www.his-online.de/"><em>Hamburger Institut für Sozialforschung</em></a><em>, das Jan-Philipp Reemtsma in den 1980er Jahren gegründet und das uns über viele Jahre immer wieder aus der Patsche geholfen hat, abgewickelt wird. Dort gab es ein Archiv der Protestbewegungen. Dessen Arbeit wird eingestellt, die Materialien gehen ins Bundesarchiv. Der Präsident des Bundesarchivs hat jedoch schon gesagt, dass man keine Kapazitäten habe, diese Arbeit weiterzuführen. Das heißt, dass wir die einzige Einrichtung sind, die diese Aufgabe noch leisten kann. Um dies auch in Zukunft leisten können – das wird der Kampf der nächsten Jahre sein.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht dies im Vergleich zu anderen Freien Archiven aus?</p>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>: <em>Bei den meisten Freien Archiven ist es noch schwieriger, vor allem bei denen, die kleiner sind als wir. Es gibt aber auch einige größere Archive in der Freien Szene, das </em><a href="https://ffbiz.de/"><em>FFBIZ</em></a> <em>– das feministische Archiv und </em><a href="https://spinnboden.de/"><em>das Spinnboden Lesbenarchiv</em></a><em>, beide in Berlin, beispielsweise, die auch keine Regelförderung haben, aber dauerhaft installierte Projektmittel nach der Zwölftelregel. Sie erhalten im Dezember mit Verabschiedung des Haushalts zwar noch keine Zusage, aber im Folgejahr immerhin schon im Januar erst einmal ein Zwölftel der bisherigen Förderung, sodass sie ihr Personal halten können. Das einzige Freie Frauenarchiv, das eine dauerhafte Förderung hat, ist </em><a href="https://addf-kassel.de/"><em>das Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel</em></a><em>. Von den Archiven der DDR-Opposition ist es der </em><a href="https://www.havemann-gesellschaft.de/ueber-uns/wer-wir-sind/"><em>Robert Havemann-Gesellschaft</em></a><em> in Berlin ebenfalls gelungen, eine Regelförderung durch den Bund und das Land Berlin zu bekommen. </em></p>
<h3><strong>Zwei Städte und ein Plädoyer für das Haptische</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich schlage vor, dass wir im Folgenden am Beispiel von zwei Städten beschreiben, was man bei euch alles finden kann.</p>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>: <em>Aus den Städten haben wir mehr Material als aus dem Umland. Das ist aber auch kein Wunder, denn in den Städten passierte immer mehr als auf dem Land. Nehmen wir das Beispiel Bonn.</em></p>
<div id="attachment_8253" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8253" class="wp-image-8253 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Keine-Fruechte-aus-Suedafrika-©-afas-300x261.jpeg" alt="" width="300" height="261" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Keine-Fruechte-aus-Suedafrika-©-afas-200x174.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Keine-Fruechte-aus-Suedafrika-©-afas-300x261.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Keine-Fruechte-aus-Suedafrika-©-afas-400x348.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Keine-Fruechte-aus-Suedafrika-©-afas-600x521.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Keine-Fruechte-aus-Suedafrika-©-afas.jpeg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8253" class="wp-caption-text">© afas.</p></div>
<p><em>Bonn war Bundeshauptstadt und in Bonn sitzen daher auch heute noch einige Organisationen, die bundesweit arbeiten. Dazu gehörte die </em><a href="https://afas-archiv.de/wordpress/wp-content/uploads/2025/09/AAB.pdf"><em>Anti-Apartheid-Bewegung</em></a><em> (AAB), die es nicht mehr gibt, weil der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika erfolgreich war. Die AAB hat sehr stark versucht, in das bundesdeutsche Parlament hineinzuwirken mit dem Ziel, die offiziellen Kontakte zum Apartheidregime in Südafrika zu hinterfragen, dagegen zu protestieren. Ein weiteres Beispiel ist der ebenfalls bundesweit tätige </em><a href="https://bbu-online.de/"><em>Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz</em></a><em> (BBU), dessen Geschäftsstelle nach wie vor von Bonn aus arbeitet. Der Verband koordiniert bundesweit Aktivitäten zu Ökologie und Umweltschutz, inzwischen nicht mehr so sichtbar wie in den 1970er und 1980er Jahren, aber dennoch nach wie vor aktiv. Ein drittes Beispiel ist das </em><a href="https://www.koop-frieden.de/"><em>Koordinationsbüro der Friedensbewegung</em></a><em>, das wie der BBU nach wie vor von Bonn aus tätig ist. </em></p>
<p><em>Neben den großen Organisationen gab es in Bonn auch eine breite Präsenz verschiedener Sponti-Organisationen. Eine hatte beispielsweise eine Zeitschrift, die sich etwas ironisch LUST-Schriften nannte. LUST war die Abkürzung für Liste Undogmatischer Studenten. Der Name richtete sich ein bisschen gegen die Kaderpolitik, gegen das entfremdete Arbeiten der maoistischen und anderer kommunistischer Gruppen. In dieser undogmatischen Tradition ist 1978 auch die alternative Stadtzeitung </em><a href="https://schnuess.de/index_main.html"><em>De Schnüss</em></a><em> entstanden, die es bis heute gibt. Im benachbarten Köln war die linksalternative Szene allerdings größer. Legendär war das Kölner Volksblatt, das über lange Zeit erschien und Gegenöffentlichkeiten koordinierte. Solche Gegenöffentlichkeiten haben bundesweit seit den 1970er Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. </em></p>
<p><strong>Miriam Bajorat</strong>: <em>In Oberhausen arbeitete das </em><a href="https://wirfrauen.de/das-internationale-frauenfriedensarchiv-fasia-jansen/"><em>Internationale Frauenfriedensarchiv</em></a> <em>Fasia Jansen e.V. Diese spannende Sammlung wurde maßgeblich von </em><a href="https://friedenskultur-leben.de/index.php/gedanken-zum-frieden/friedens-aufsaetze/2853-ellen-diederich-krieg-loest-keine-probleme-krieg-ist-das-problem"><em>Ellen Diederich</em></a><em> und ihrer Partnerin, der Schwarzen Liedermacherin </em><a href="https://www.frauenruhrgeschichte.de/frg_biografie/fasia-jansen/"><em>Fasia Jansen</em></a><em> aufgebaut. Sie sahen die Friedensbewegung aus einer feministischen Sicht, auch jenseits des klassischen Ost-West-Konflikts. Sie haben Projekte in Nordrhein-Westfalen, im Ruhrgebiet unterstützt, weltweit an Konferenzen teilgenommen, egal ob in den USA, oder in Nairobi. Sie haben Frauen weltweit, aber auch lokal konkret in ihren Kämpfen unterstützt, beispielsweise bei den Werkschließungen des Krupp-Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen. Den dortigen Widerstand hat Fasia Jansen musikalisch begleitet. Es gab Infoblätter, Broschüren, Treffen. Das gesamte Material in Oberhausen wurde nach Fasias Tod 1997 von Ellen weitergeführt und lag bis zur Abgabe ans Oberhausener Stadtarchiv im Weltladen „Vier Himmelsrichtungen“, einem Nebengebäude des K 14. Im Stadtarchiv lag die Sammlung unbearbeitet und war auch dort thematisch nicht sonderlich gut aufgehoben. So kamen wir ins Gespräch und das Archiv wurde offiziell mit Ellens Einverständnis in das afas überführt. Im Jahr 2025 haben wir angefangen, einen Teil der über 500 Aktenordner, sowie Tausenden von Fotos, unzähligen Tonmaterialien, Plakaten und vereinzelten Objekten, die weltweit gesammelt worden sind, zu erschließen. Es ist ausgesprochen spannend, weil dort gleichermaßen Materialien zu konkreten Aktivitäten im Ruhrgebiet und internationale, beispielsweise zur Frauenkonferenz in Nairobi, vorhanden sind. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Beispiele aus Bonn und Oberhausen zeigen, wie vielfältig euer Material ist. Es ist nicht nur bedrucktes Papier. Nur eine Randbemerkung: In Berlin gab es eine Debatte, ob man in Zeiten der Digitalisierung papiernes Material überhaupt noch aufheben sollte. Papier bräuchte eben zu viel Platz. Darüber denkt sicher auch mancher andere Finanzverantwortliche nach, der die Miete für das ein oder andere Archiv einsparen möchte. Ich sehe in solchen Plänen die Gefahr eines Kulturverlusts. Denn auch die haptische Qualität von Dokumenten spielt für die Rezeption eine Rolle. Es ist auch etwas anderes, ob ich digital herunterscrolle oder in einer Broschüre blättere. Ihr habt eine ganze Materialfülle vorzuweisen, zum Beispiel Flugblätter, Zeitschriften, Broschüren, Protokolle von größeren Veranstaltungen und Gremiensitzungen, interne Korrespondenzen&#8230;</p>
<div id="attachment_8254" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8254" class="wp-image-8254 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BBU-Material-©-afas-300x225.jpeg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BBU-Material-©-afas-200x150.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BBU-Material-©-afas-300x225.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BBU-Material-©-afas-400x300.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BBU-Material-©-afas-600x450.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BBU-Material-©-afas-768x576.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BBU-Material-©-afas-800x600.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/BBU-Material-©-afas.jpeg 1024w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8254" class="wp-caption-text">Material des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz © afas.</p></div>
<p><strong>Miriam Bajorat</strong>: <em>I</em><em>ch möchte auf jeden Fall auch noch Audiodateien und Fotos ergänzen, die besonders spannend sind. Auch haben wir viele Objekte, die aus den Bewegungen entstanden sind: Aufkleber, Buttons, T-Shirts, Flaggen, Kalender, Stelltafeln, Transparente. Das ist Material, das für den Moment geschaffen worden ist, manches wurde erst kurz vor einer Demonstration aufgemalt. Es wurde ja nicht hergestellt, um über Hunderte von Jahren in einem Archiv gelagert zu werden, sondern zum schnellen Gebrauch, zum schnellen Transport einer Botschaft in der jeweiligen Aktion. Wir denken, dass Objekte Geschichte noch einmal ganz anders erzählen können als Papiermaterial, als reine Flachware, wie wir es nennen.</em></p>
<p><em>Andere Archive haben eher wenige Objekte, weil man diese auch fachgerecht lagern muss. Fotografien dürfen beispielsweise nicht der Sonne ausgesetzt werden. Die Verpackung muss so gestaltet werden, dass die Fotos nicht aufeinander aufliegen. Große Materialien wie Transparente brauchen viel Platz. Dieser Materialfundus ist hochinteressant und kann mit anderen Materialien korrespondieren. </em><em>Visuell spannend sind die Materialien allemal, aber auch haptisch zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Objekten</em><em>. Was früher mal sogenannte Spuckis waren, sind heute selbstklebende Aufkleber, die nicht mehr befeuchtet werden müssen um zu kleben. Natürlich gibt es auch immer wieder Altersspuren zu entdecken, manches Papier vergilbt. Dünnes Durchschlagpapier aus den 1970er Jahren wird mit </em><em>der Zeit immer fragiler, sodass man Angst hat es anzufassen, weil es möglicherweise zerreißt. Aber auch das erzählt eine Geschichte.</em><em>  </em></p>
<h3><strong>Der Blick hinter die Kulissen </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eben haben wir schon verschiedene Archive der Frauenbewegung angesprochen. Ich habe den Eindruck, dass die Frauenbewegung von allen Bewegungen am besten dokumentiert ist. Das mag auch die Anti-Apartheid-Bewegung betreffen, eine Bewegung, die erfolgreich war, sicherlich nicht allein mit der Bonner Stelle, aber als Teil einer internationalen Bewegung, die mit der Isolation, mit Boykotten des südafrikanischen Regimes dazu beitrug, dass es nicht mehr haltbar war. Bei euch kann ich dann im Einzelnen erforschen, mit welchen Argumenten, Aktionen und Partnern eine Organisation wie eben beispielsweise die Anti-Apartheid-Bewegung gearbeitet hat, auch sicherlich, wie sich die einzelnen Mitglieder oder Fraktionen untereinander gestritten haben.</p>
<div id="attachment_8259" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8259" class="wp-image-8259 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Solidaritaet-mit-Nicaragua-©-AfaS-300x300.jpeg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Solidaritaet-mit-Nicaragua-©-AfaS-66x66.jpeg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Solidaritaet-mit-Nicaragua-©-AfaS-150x150.jpeg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Solidaritaet-mit-Nicaragua-©-AfaS-200x200.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Solidaritaet-mit-Nicaragua-©-AfaS-300x300.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Solidaritaet-mit-Nicaragua-©-AfaS-400x400.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Solidaritaet-mit-Nicaragua-©-AfaS-600x600.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Solidaritaet-mit-Nicaragua-©-AfaS.jpeg 631w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8259" class="wp-caption-text">© afas.</p></div>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>: <em>Die haben sich heftig gestritten. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Publikationen, die in Universitäten verteilt oder in Buchläden ausgelegt worden sind und dem eigentlichen Archiv einer Organisation, das die internen Prozesse dokumentiert. Das kann man gerade bei der Anti-Apartheid-Bewegung nachvollziehen, denn diese war ein Konglomerat von vielen verschiedenen einzelnen Initiativen und Gruppierungen. Anti-Apartheid war zunächst ein Punkt, der alle linken und alternativen Gruppen interessierte, gerade gegen Ende der 1970er Jahre, als viele Gruppen zerfielen, die Maoisten, die Stalinisten, die Trotzkisten. Die hatten ihre Zeit hinter sich und suchten einen Ort, bei dem sie sich einklinken konnten. Die Anti-Apartheid-Bewegung bot sich an, sodass sich dort Jusos, Ex-Maoisten, Spontis, Kirchenleute zusammenfanden. Es gab Kampagnen, Kongresse. </em></p>
<p><em>Nun aber gab es in Südafrika verschiedene Befreiungsbewegungen: Die einen blickten nach Moskau, die anderen nach China. Und wenn dann zum Beispiel ein Kongress gegen die militärisch-nukleare Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik und Südafrika geplant werden sollte, dann ging der Zirkus in der Vorbereitungsgruppe los: Man stritt sich darüber, welche Vertreter von Befreiungsbewegungen eingeladen werden sollten, welche Botschafter oder Politiker auf dem Kongress sprechen sollten, welche nicht. Wie die Debatten gelaufen sind, kann man wunderbar in den internen Protokollen der Vorbereitungsgruppe nachlesen. Das erfährt man nicht, wenn man diese Dokumente nicht kennt. Hier liegt auch die eigentliche Bedeutung von Archiven. Das Plakat, auf dem dann draufsteht, zu welchem Kongress, welcher Demonstration, mit welchen Redner:innen wohin auch immer eingeladen wird, zeigt 17 Organisationen, aber man fragt sich natürlich, warum beispielsweise die Jusos oder vielleicht Kirchengruppen nicht dabei sind. Welche Streitpunkte es gegeben hat, lässt sich aus den Protokollen der Vorbereitungsgruppe erfahren. Das Archivgut eröffnet einen Blick hinter die Kulissen.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich wage mal die These, dass die 1970er Jahre eine sehr vielfältige Zeit war. Die Studentenbewegung – den Begriff der Studierendenbewegung verwendete damals noch niemand, sie war ohnehin sehr männlich dominiert – zerfiel in eine Vielzahl von Gruppen. Ich nehme nur die maoistischen Gruppen als Beispiel. Die einen orientierte sich an Peking, andere an Albanien und wieder andere hatten andere Vorbilder. Es gab die moskautreue DKP und ihre Organisationen. Es gab aus der Sozialdemokratie entstandene Gruppen wie den SHB, der nie so recht wusste, wo er eigentlich hingehörte. Die SPD trennte sich 1960 vom SDS, 1972 vom SHB. Daneben gab es eine Vielzahl von Befreiungsbewegungen. Fast jedes Land, das sich aus der Kolonialherrschaft befreit hatte oder noch bestrebt war, dies zu tun, hatte sein eigenes Solidaritätskomitee in den Universitätsstädten, das in der Regel aus einigen wenigen Mitgliedern bestand, die sich in Kneipen trafen, um dort ihre Aktionen vorzubereiten. Besondere Originalität beanspruchten Basisgruppen mit Namen wie Vorstadtindianer Kaiserslautern, Bewegung Undogmatischer Frühling in Göttingen oder Spontifex Maximus in Marburg. Ein Name wie Lust für Liste unabhängiger oder undogmatischer Studenten klang da noch recht konventionell. In den 1980er Jahren veränderte sich das wieder, nicht zuletzt durch die Gründung der Grünen, die sich aus vielen dieser Gruppen entwickelten. Darunter waren nicht nur linke Gruppen.</p>
<div id="attachment_8255" style="width: 255px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8255" class="wp-image-8255 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Demo-Vorbereitung-©-afas-225x300.jpeg" alt="" width="245" height="327" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Demo-Vorbereitung-©-afas-200x267.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Demo-Vorbereitung-©-afas-225x300.jpeg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Demo-Vorbereitung-©-afas-400x533.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Demo-Vorbereitung-©-afas-600x800.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Demo-Vorbereitung-©-afas.jpeg 640w" sizes="(max-width: 245px) 100vw, 245px" /><p id="caption-attachment-8255" class="wp-caption-text">Ordner mit Dokumenten zur Vorbereitung einer Demonstration © afas.</p></div>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>:<em> In der Gründungsphase der Grünen beteiligten sich auch manche konservative bis äußerst rechte Gruppe, insbesondere aus Süddeutschland. </em></p>
<p><em>Bewegungen bewegen sich. Und es war eine bewegte Zeit. Die Bundesrepublik war im Umbruch. Schon in den 1960er Jahren mit dem SDS: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren“. Die Dünkelhaftigkeit der Professoren war Anlass zur Kritik, aber nicht nur diese: Die Bundesrepublik der 1950er Jahre, der Adenauer-Ära, die nicht aufgearbeitete NS-Zeit, die Aufnahme ehemaliger Nazis in hohe Regierungsämter, in die Gerichte. Es stand ein Modernisierungsschub an. Es gab in den 1950er Jahre zwar die Rockerkrawalle, aber in die Parteien hinein wirkte erst der SDS. Der SDS wurde zwar 1960 aus der SPD ausgeschlossen, aber damit fing die außerparlamentarische Arbeit an. Die 1960er Jahre waren ein Aufbruch an den Universitäten aus den Selbstverständlichkeiten, die bis dahin galten, durchaus auch verbunden mit einer Portion Größenwahn. Was kann daraus werden? Wie kann man die Gesellschaft erreichen? Wie kann man die Gesellschaft verändern?</em></p>
<p><em>Ende der 1960er Jahre vollzog sich ein ähnlicher Umbruch wie Ende der 1970er Jahre. Es war kein Zufall, dass sich der SDS 1970 auflöste und die Mitglieder sich in zahlreichen Gruppen verteilten. Die einen fingen an, sich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung zu befassen und wollten die 1956 verbotene KPD wieder neu gründen. Die größten Stalinisten waren nicht die Leute aus der DKP, sondern die Maoisten. Einige hatten auf den Titelblättern ihrer Publikationen nicht nur Marx, Engels und Lenin, sondern auch Stalin und Mao. Das machte die DKP nie. Es fand eine Ausdifferenzierung statt. </em></p>
<p><em>Es gab auch einige Gruppen und Projekte, die in die Stadtteile gingen, um eine Alternativbewegung – diesen Begriff hatten wir noch nicht genannt – zu schaffen, die vor Ort Alternativen für eine bessere Gesellschaft schaffen wollten. In den 1970er Jahren explodierte die Gegenöffentlichkeit. In den 1960er Jahren gab es diese Möglichkeiten noch nicht, erst später wurden neue Druckereien gegründet, es wurde massenhaft produziert, es gab Treffen, Auseinandersetzungen und Konflikte. Man hat sich gefetzt! Ende der 1970er Jahre war dies an ein Ende gekommen. Manche Bewegungen bzw. Milieus hatten sich stabilisiert, beispielsweise die Frauenbewegung und die Undogmatische Linke. Die maoistischen Parteien dagegen lösten sich eine nach der anderen auf.</em></p>
<p><em>Dann kamen ab 1979/1980 die Grünen und sagten, man müsse koordiniert arbeiten, um ins herrschende Parteiensystem hineinwirken zu können. So sind viele Menschen aus den zerfallenden Organisationen mit großen Hoffnungen in den Grünen aufgegangen. Rudi Dutschke sagte damals sinngemäß: Wir haben ein parlamentarisches Spielbein und ein außerparlamentarisches Standbein. Die außerparlamentarische Bewegung sollte stark bleiben, um in die Parteien hineinwirken zu können.</em></p>
<p><em>Das gesamte Kuddelmuddel des bunten Spektrums der Neuen Sozialen Bewegungen, das in den 1970er Jahren entstanden ist, ist, was die schriftlichen Überlieferungen angeht, recht gut dokumentiert. Es gibt das </em><a href="https://www.berliner-geschichtswerkstatt.de/initiative/apo-archiv-archiv-ausserparlamentarische-opposition-und-soziale-bewegungen/"><em>APO-Archiv</em></a><em> an der FU Berlin, das in Freiburg ansässige </em><a href="http://www.archivsozialebewegungen.de/"><em>Archiv Soziale Bewegungen</em></a><em>, das Archiv der sozialen Bewegungen in Hamburg, einige Eine Welt- beziehungsweise Dritte Welt-Archive, und eben das afas. Die Frauenbewegung hat schon sehr früh und systematisch damit begonnen, Archive anzulegen und sich zu vernetzen. Eine wichtige Parole lautete: Frauen gemeinsam sind stark! Und in der Tat ist die Frauenbewegung die stärkste und nachhaltigste Bewegung, die aus der 68er Studentenbewegung hervorgegangen ist. Sie hat sich nicht nur bundesweit vernetzt, sondern auch mit Frauengruppen aus anderen deutschsprachigen Ländern, Österreich, Schweiz und Südtirol. </em></p>
<p><em>Archive sind zu Beginn eher am Rande der Bewegungen entstanden. Nach und nach erkannte man ihre historische Bedeutung und sie begannen ein Eigenleben. Das afas ist diesbezüglich eher eine Kopfgeburt, denn es ist nicht direkt aus einem politischen Milieu entstanden. Vielmehr haben sich einige Leute, die in verschiedenen politischen Kontexten aktiv waren, zur Gründung des afas zusammengetan. Einige persönliche Sammlungen bildeten den Grundstock der afas-Sammlung. Nach der afas-Gründung 1985 ging die systematische Sammelei los. Lücken mussten geschlossen werden. Das afas hat für die 1970er Jahre noch sehr viel Materialien zusammentragen können. In den 1980er Jahren haben wir dann systematisch versucht, Lücken gar nicht erst entstehen zu lassen. Wir haben Kontakte zu allen möglichen Gruppen und Initiativen aufgenommen und sie gebeten, sobald sie etwas druckten, uns direkt ein Belegexemplar zu schicken. So sind die Defizite bei bestimmten Gruppen immer kleiner geworden.</em></p>
<p><strong>Miriam Bajorat</strong>: <em>Du sagtest, Jürgen, dass sich in den 1970er und 1980er Jahren auch selbstorganisierte Initiativen bildeten, zum Beispiel Wohngemeinschaften, Kommunen, Kinderläden, selbstorganisierte Werkstätten. Das kennen wir auch heute wieder, beispielsweise Repair-Cafés. Es sind Orte, wo Menschen zusammenkommen und vor Ort Gemeinschaft und Vernetzung schaffen. Die Ökologiebewegung in den 1970er Jahren war auch eine Art Kontrastprogramm zum Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre. Man machte einen kleinen Tante-Emma-Laden mit selbstgebackenem Brot, vegetarischem Essen. Das startete in den 1970er Jahren, schlief dann etwas ein und inzwischen gibt es wieder viele Initiativen dieser Art.</em> <em>  </em></p>
<h3><strong>Ein Ausblick: Die Relevanz der Archive für die heutige Zeit  </strong></h3>
<div id="attachment_8256" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8256" class="wp-image-8256 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Roter-Kalender-1975-©-AfaS-300x300.jpeg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Roter-Kalender-1975-©-AfaS-66x66.jpeg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Roter-Kalender-1975-©-AfaS-150x150.jpeg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Roter-Kalender-1975-©-AfaS-200x200.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Roter-Kalender-1975-©-AfaS-300x300.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Roter-Kalender-1975-©-AfaS-400x400.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Roter-Kalender-1975-©-AfaS-600x600.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Roter-Kalender-1975-©-AfaS.jpeg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8256" class="wp-caption-text">© afas.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kenne eine ganze Menge Jugendhilfe-Projekte, die nach diesem Prinzip arbeiten. In größerem Maßstab bilden sich inzwischen Genossenschaften, beispielsweise in München und in manch anderen Städten, indem Mieter:innen sich zusammenfinden, um das Haus, in dem sie leben, zu übernehmen und sozial verträgliche Mieten zu erreichen. Im Grunde könnte man von kleineren und größeren Graswurzelbewegungen sprechen.</p>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>: <em>Es haben sich ein paar Leute zusammengetan und ein kleines Ladenlokal gemietet, Brot selbst gebacken, Tofu angesetzt, Kontakt zu Landkommunen aufgenommen, die Gemüse und Obst anlieferten. Solche kleinen innovativen Gruppen wurden zu Beginn belächelt oder sogar bekämpft, aber als offensichtlich wurde, dass in der Gesellschaft ein Defizit besteht, das sie beseitigen könnten, wurden sie zu den Nachfolgern der Reformhausbewegung. Je mehr Leute Interesse zeigten, desto größer musste man produzieren. Heute haben Denn’s, Alnatura, Bio Company und andere die kleinen Initiativen und Läden weitgehend verdrängt. So ist es auch mit Genossenschaften. Wenn das, was eine Basisbewegung vertritt, stärker in die Gesellschaft hineinwirkt und Bedarf besteht, überlebt sich die Basisbewegung. </em></p>
<p><em>Es ist gut, dass es die großen Bio-Supermärkte gibt, aber der Preis ist der, dass die kleinen Initiativen verschwunden sind. Wer in die Gesellschaft hineinwirken will, muss Kompromisse schließen. </em><em>Das ist auch das Problem der Grünen.</em><em> In den Parlamenten machen sie Kompromisse und dann gibt es Stimmen, die sagen, hier verratet ihr unsere Ideale. Aber dort, wo Innovationen stattfinden, gehen alte Organisationen und Initiativen den Bach runter. Das ist schmerzhaft, aber Bewegungen heißen nicht umsonst Bewegungen, weil sie sich eben bewegen und wenn sie größer werden, sich auch verändern, manchmal bis zur Unkenntlichkeit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manchmal hält sich auch eine ältere Initiative. In Bonn-Beuel, wo ich wohne, gibt es einen Alnatura-Supermarkt und etwa 100 Meter weiter Momo, eine Kooperative, die in den 1970er Jahren entstanden ist und ganz ähnliche Angebote hat. Interessant ist auch die Geschichte einer solchen Kooperative. Vor etwa 30 Jahren hatte Momo noch – an anderer Stelle im Stadtteil – ein Schaufenster gegenüber vom Laden, in dem auch die ein oder andere politische Botschaft ausgestellt war, unter anderen die Forderung nach Freiheit für die politischen Gefangenen in der Bundesrepublik. Gemeint waren RAF-Terrorist:innen. Das war in der damals linksalternativen Szene durchaus gängig, wäre aber heute undenkbar. Auch das ist eine Geschichte, die erzählt werden könnte. Ich schätze an eurem Archiv, dass man sine ira et studio all solche Entwicklungen an ganz konkreten Beispielen erforschen kann. Vielleicht lässt sich daraus auch manches für die Erfordernisse unserer heutigen Zeit ablesen, auch Unangenehmes: In der rechtsextremistischen Szene werden inzwischen Aktionsformen der früheren linksalternativen Szene kopiert, beispielsweise kopiert die Identitäre Bewegung Aktionsformen von Greenpeace, indem sie sich – wie geschehen – im Jahr 2016 <a href="https://www.deutschlandfunk.de/identitaere-bewegung-rechte-besetzen-brandenburger-tor-100.html">auf dem Brandenburger Tor platzierten</a>.</p>
<p><strong>Jürgen Bacia</strong>: <em>Es gibt Rechtsextremisten, die Che-Guevara-Mützen tragen. Damit sind wir bei dem Punkt der Relevanz früherer Bewegungen für die heutige Zeit. Es gibt einige Themen, die seit den 1970er Jahren bis heute relevant sind: Das sind die AKW- und Umweltbewegung, das ist die Friedensbewegung, das ist das Thema Kolonialismus beziehungsweise Imperialismus, heute als Post-Kolonialismus präsent, dann das Thema Männer und Frauen, das sich als Gender-Debatte immer weiter ausdifferenziert hat, auch zu heftigen Spaltungen führte. Ich sehe da einige Parallelen zu den Mechanismen der politischen Organisationen früherer Zeiten: Denken und leben in Blasen. Wenn Du nicht mein Freund bist, bist Du mein Feind. </em></p>
<p><em>Ein weiteres ganz kritisches Thema ist der Komplex Naher Osten, Israel, Palästina, Antisemitismus, politischer Islam, antimuslimischer Rassismus. Es ist eine irre und unentwirrbare Gemengelage, durch die Freundschaften auseinandergehen. Gerade dieser Punkt ist für mich zum Verzweifeln. Du hast eben die RAF erwähnt. Die RAF hat sich damals von palästinensischen Guerilla-Organisationen ausbilden lassen, um den bewaffneten Befreiungskampf in die Bundesrepublik zu tragen. Und natürlich hatte sie große Sympathie für den palästinensischen Befreiungskampf. Hier stellt sich aber auch die Frage, welches Verhältnis die RAF zu Israel hatte. War sie antisemitisch oder „nur“ antizionistisch? An den heutigen Debatten nach dem 7. Oktober 2023, als die Hamas aus dem Gazastreifen heraus israelische Dörfer, Kibbuzim und ein Musikfestival überfiel und den daran ausbrechenden Debatten in den verschiedenen deutschen Milieus sieht man, wie aktuell – und ungelöst – die alten Debatten sind. Ich will das als Thema hier nur anreißen, aber der Kern auch all der anderen gerade genannten Probleme ist die Art, wie man miteinander umgeht, miteinander streitet. Es ist enorm wichtig aufzuarbeiten, was und wie damals schon diskutiert worden ist. Wer hat sich wann wo und wie positioniert? Und was kann man daraus lernen? Um da ein wenig weiterzukommen, kann ein Besuch im afas durchaus hilfreich sein.</em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<div id="attachment_8257" style="width: 259px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8257" class="wp-image-8257 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/aus-dem-Michael-Kleff-Archiv-©-AfaS-300x300.jpeg" alt="" width="249" height="249" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/aus-dem-Michael-Kleff-Archiv-©-AfaS-66x66.jpeg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/aus-dem-Michael-Kleff-Archiv-©-AfaS-150x150.jpeg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/aus-dem-Michael-Kleff-Archiv-©-AfaS-200x200.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/aus-dem-Michael-Kleff-Archiv-©-AfaS-300x300.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/aus-dem-Michael-Kleff-Archiv-©-AfaS-400x400.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/aus-dem-Michael-Kleff-Archiv-©-AfaS-600x600.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/aus-dem-Michael-Kleff-Archiv-©-AfaS.jpeg 640w" sizes="(max-width: 249px) 100vw, 249px" /><p id="caption-attachment-8257" class="wp-caption-text">Material der Michael Kleff Research Collection © afas.</p></div>
<p>Zu den Neuzugängen des afas gehörte im Jahr 2026 die <a href="https://www.michaelkleff.com/index.de.html">Michael Kleff Research Collection</a> mit Audiodateien, Zeitschriften- und Zeitungsbeiträgen sowie Interviews mit Musiker:innen und Liedermacher:innen aus der Bundesrepublik Deutschland, in der DDR und in den USA, die er auch im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt hat: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/this-land-is-your-land/">„This Land is (Y)our Land“</a>. Die Michael Kleff Research Collection belegt eindrucksvoll, welch bedeutende Rolle Musik in verschiedenen Bürgerrechts- und Widerstandsbewegungen spielt und gespielt hat. Einen Einblick in das Kapitel DDR bietet auch das von Michael Kleff gemeinsam mit Hans-Eckhard Wenzel herausgegebene Buch „Kein Land in Sicht – Gespräche mit Liedermachern und Kabarettisten der DDR“ (Berlin, Ch. Links Verlag, 2019) mit Interviews der frühen 1990er Jahre, das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wo-man-singt/">„Wo man singt, ….“</a> vorgestellt worden ist.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 23. Juli 2026. Titelbild: Ein Blick ins Archiv © afas.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Geschichtsrevisionismus via TikTok</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/geschichtsrevisionismus-via-tiktok/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Aug 2026 04:19:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Geschichtsrevisionismus via TikTok Wie die extreme Rechte in jugendliche Lebenswelten eindringt „Um gesamtgesellschaftlichen Radikalisierungsprozessen begegnen zu können, müssen wir verstehen, wie der Konsum von Inhalten auf TikTok zur Bildung und Festigung radikaler Meinungen beiträgt.“ (Deborah Schnabel und Eva Berendsen, „Das TikTok-Universum der (extremen) Rechten – Trends, Strategien und Ästhetik in der Social-Media-Kommunikation“, Frankfurt am  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Geschichtsrevisionismus via TikTok</strong></h1>
<h2><strong>Wie die extreme Rechte in jugendliche Lebenswelten eindringt</strong></h2>
<p><em>„Um gesamtgesellschaftlichen Radikalisierungsprozessen begegnen zu können, müssen wir verstehen, wie der Konsum von Inhalten auf TikTok zur Bildung und Festigung radikaler Meinungen beiträgt.“</em> (Deborah Schnabel und Eva Berendsen, <a href="https://www.bs-anne-frank.de/mediathek/publikationen/das-tiktok-universum-der-extremen-rechten">„Das TikTok-Universum der (extremen) Rechten – Trends, Strategien und Ästhetik in der Social-Media-Kommunikation“</a>, Frankfurt am Main, Bildungsstätte Anne Frank, 2024)</p>
<p>Die zitierte Dokumentation der Bildungsstätte Anne Frank ist eine der umfassendsten Übersichten über das Phänomen rechtsextremer Propaganda über die Plattform TikTok und darf daher als eine zentrale Grundlage dieses Beitrags gelten. Wir können davon ausgehen, dass digitale Plattformen sich zu zentralen Orten politischer Meinungsbildung entwickelt haben und zunehmend den gesellschaftlichen Umgang mit demokratischer Verantwortung und Erinnerung prägen. Dabei gibt es eine Fülle von Parallelen und Verknüpfungen zur AfD. Zahlreiche Hinweise geben auch Veröffentlichungen der Bundeszentrale für politische Bildung und des NS-Dokumentationszentrums Köln, die hier beispielhaft für viele andere ausgewertet werden konnten.</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">Die 2025 veröffentlichte Bielefelder Mitte-Studie</a> beschreibt eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung und Normalisierung rechtsextremer Positionen, obwohl die Zahlen für Menschen mit einem gefestigten rechtsextremen Welt- und Menschenbild im Vergleich zu den Jahren 2022 und 2023 gesunken sind. Rechtsextrem affine Aussagen jedoch gewinnen an Zustimmung. Auch junge Menschen verorten sich häufiger an den politischen Rändern, rechtsextreme Einstellungen und deren öffentliche Artikulation gewinnen an Sichtbarkeit und <a href="https://www.tagesschau.de/inland/bundestagswahl/wahlverhalten-bevoelkerungsgruppen-umfragen-bundestagswahl-2025-100.html">der AfD gelingt es zunehmend, junge Wähler:innen zu erreichen</a>. Andererseits positionieren sich auch viele junge Wähler:innen auf der Seite der Linken. Doch die Attraktivität der Linken ist nicht Gegenstand dieses Beitrags. Hier geht es um die geschichtsrevisionistischen Thesen, mit denen die AfD über die ihr zur Verfügung stehenden Kanäle, nicht zuletzt TikTok, versucht, Jugendliche zu beeinflussen.</p>
<p>Bei der Bundestagswahl 2021 lag die AfD unter den 18- bis 24- jährigen Wähler:innen bei rund 7%. 2025 erreichte sie in dieser Altersgruppe 21% der Stimmen; ihre Zustimmung unter jungen Erwachsenen hat sich innerhalb von vier Jahren nahezu verdreifacht.</p>
<h3><strong>Demokratische Erinnerungskultur unter Druck</strong></h3>
<div id="attachment_8235" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://nsdok.de/Publikationen"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8235" class="wp-image-8235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-600x848.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-724x1024.jpg 724w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-768x1086.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-800x1131.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-1086x1536.jpg 1086w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-1200x1697.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-1448x2048.jpg 1448w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-scaled.jpg 1810w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-8235" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über die Publikationen des NS-Informationszentrums in Köln erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>In diesem Rahmen gerät auch die demokratische Erinnerungskultur verstärkt unter Druck – so Eva Maria Krane in ihrem Beitrag <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">„Bildungsarbeit zur extremen Rechten als gedenkstättenpädagogisches Handlungsfeld“</a> in dem Sammelband „Positionierte Orte“ (Köln, NS-Dokumentationszentrum, 2025). Fachkräfte aus Gedenkstätten und erinnerungspolitischen Einrichtungen berichten seit einigen Jahren von einer Zunahme offener Bezüge zum Nationalsozialismus, geschichtsrevisionistischer Äußerungen sowie gezielter Provokationen gegenüber der historischen Bildungsarbeit.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund kommt digitalen Plattformen eine besondere Bedeutung zu: TikTok ist eine der wichtigsten Informations- und Unterhaltungsplattformen für junge Menschen. <a href="https://www.bpb.de/lernen/bewegtbild-und-politische-bildung/themen-und-hintergruende/lernen-mit-und-ueber-tiktok/523781/was-ist-tiktok/">Nach Schätzungen</a> sind rund 80 % der weltweiten TikTok-Nutzerinnen zwischen 16 und 34 Jahre alt. Dadurch erreicht die Plattform viele junge Menschen in einer Lebensphase, in der sich politische Einstellungen und gesellschaftliche Orientierungen entwickeln und ausprägen. Gleichzeitig hat sich die Plattform zu einem bedeutenden politischen, jedoch weitgehend unregulierten Diskursraum entwickelt, der sowohl marginalisierten Gruppen Sichtbarkeit verschafft als auch von rechtsextremem Akteur:innen gezielt zur Verbreitung menschenfeindlicher und demokratiefeindlicher Inhalte genutzt wird. Die hohe Reichweite rechtspopulistischer Accounts, insbesondere von AfD-Politiker:innen, lässt ahnen, welche Bedeutung die Plattform für die politische Meinungsbildung junger Menschen hat.</p>
<p>Auch die Interaktionen mit parteipolitischen TikTok-Accounts während des Bundeswahlkampfes 2025, <a href="https://fgzrisc.hypotheses.org/5841">die das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenarbeit analysiert hat</a>, verdeutlichen die hohe Sichtbarkeit rechter Inhalte auf der Plattform. Gemessen an Aufrufen, Likes, Kommentaren und Reposts erzielte die AfD in allen Kategorien Höchstwerte und übertraf die übrigen Parteien teilweise deutlich. Diese Interaktionszahlen sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Da die Werte verschiedener Einzelvideos zusammengefasst werden, können besonders erfolgreiche Beiträge den Gesamteindruck stark beeinflussen.</p>
<p>Es besteht kein linearer Zusammenhang zwischen TikTok-Nutzung und dem Wahlerfolg der AfD oder dem Anklang rechter Ideologien. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Gemengelage aus verschiedenen Faktoren. Unzureichende (historisch-) politische Wissensbestände treffen auf die Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Medien sowie die Verunsicherung junger Menschen im Kontext der sogenannten Polykrise. Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Lebenskosten, Wohnraummangel und gesellschaftliche Polarisierung prägen die Lebenswirklichkeit und Sorgen vieler junger Menschen und beeinflussen ihre politische Orientierung, so Deborah Schnabel im Vorwort der oben genannten Publikation.</p>
<p>Der Anstieg der Zustimmung zur AfD unter jungen Menschen ist somit nicht allein durch soziale Medien erklärbar, verweist jedoch auf die zunehmende Relevanz digitaler Plattformen wie TikTok als Orte politischer Meinungsbildung. Das unterstreicht, warum die Verbreitung rechtsextremer und geschichtsrevisionistischer Inhalte auf der Plattform zunehmend in die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rückt.</p>
<h3><strong>TikTok – die idealen Bedingungen für populistische Inhalte</strong></h3>
<p>Ursprünglich fanden sich auf TikTok vor allem Tanzvideos und Lipsyncs – also Videos, in denen Nutzer:innen zu trendenden Songs oder Sounds die Lippen bewegen. Heute ist die App ein Massenmedium der Generation Z und dient als Suchmaschine, Informationsquelle und Unterhaltungsplattform. Offiziell ist sie ab 13 Jahren nutzbar, beim Registrieren erfolgt jedoch keine Altersprüfung. Jede:r Nutzer:in kann eigene Inhalte erstellen, hochladen und selbst Creator:in werden.</p>
<p>TikTok ist eine Kurzvideoplattform; die durchschnittliche Videolänge liegt bei etwa 30 Sekunden. Nutzer:innen verbringen im Schnitt täglich 95 Minuten auf der App; jüngere Menschen tendenziell mehr. Welche Inhalte ihnen in dieser Zeit begegnen, ist stark vom Algorithmus abhängig – stärker noch als beispielsweise bei Instagram. TikTok analysiert kontinuierlich das Nutzverhalten (Likes, Kommentare, Verweildauer) und spielt darauf basierend neue Inhalte aus. Es entsteht eine individuelle For You Page, die sich umgehend nach Öffnen der App öffnet, den gesamten Bildschirm ausfüllt und Videos im Loop abspielt. Das nächste Video startet, wenn man nach unten swipet. So entsteht ein endloser, auf die eigenen Interessen zugeschnittener Videofluss.</p>
<p>Viele Creator:innen versuchen daher – so Deborah Schnabel – gezielt, <em>„zu aktuellen Trends möglichst viele, schnelle und kurze Videos zu produzieren, um die Chance zu verbessern, im algorithmisch ausgespielten Videostrom (…) aufzutauchen“.</em> Inhalte werden möglichst prägnant, emotionalisierend und in einfache Botschaften verpackt, komplexe politische Themen werden in kürzester Zeit erklärt und somit zwangsläufig verkürzt dargestellt. Die Struktur TikToks bietet also die ideale Fläche, politische Inhalte auf rechtspopulistische Art zu platzieren. Gleichzeitig wächst bei Nutzer:innen auch das Gefühl, sich möglichst schnell zu politischen und gesellschaftlichen Themen positionieren zu müssen. Sie können zügig in eine politisch einseitige Radikalisierungsspirale geraten – bestehend aus antidemokratischen, menschenfeindlichen Inhalten.</p>
<p>Der Erfolg der rechtspopulistischen AfD ist zum einen auf diese Plattformlogik zurückzuführen. Parteien mit stärker differenzierten Inhalten haben es schwieriger, Reichweite zu erzielen. Zum anderen spielt ihre – in Vergleich mit anderen Parteien – strategisch frühe Nutzung der Plattform eine Rolle: dieser bedeutende Teil jugendlicher Lebenswelten wurde ihr lange Zeit überlassen. Hinzu kommt die Polykrise: belastende gesellschaftliche Themen prallen im Sekundentakt auf Nutzer:innen ein, während Raum für Verarbeitung und, aufgrund des jungen Alters, das nötige Hintergrundwissen zur kritischen Einordnung fehlen. Rechtsextreme Creator:innen nutzen diese Unsicherheiten gezielt aus und schaffen Feindbilder, denen sie die Ursachen verschiedener Krisen pauschal zuschreiben und deren Ausgrenzung als vermeintliche Lösung präsentiert wird.</p>
<p>Insgesamt bieten die Rahmenbedingungen von TikTok den idealen Raum dafür, das umzusetzen, was Populismus ausmacht<strong>: </strong>verkürzen, pauschalisieren und emotionalisieren. Politische Themen differenziert darzustellen, mehrere Perspektiven auf einen Sachverhalt aufzuzeigen und gesellschaftliche Kontroversen abzubilden, kollidiert mit der Plattformlogik des schnellen, endlosen und zielgerichteten Videoflusses.</p>
<h3><strong>Extrem rechte Narrative auf TikTok</strong></h3>
<div id="attachment_8236" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.bs-anne-frank.de/mediathek/publikationen"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8236" class="wp-image-8236 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte-211x300.png" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte-200x285.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte-211x300.png 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte-400x569.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte.png 527w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-8236" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über Publikationen der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Deborah Schnabel und Eva Berendsen identifizieren eine Vielzahl rechter Narrative auf TikTok:</p>
<ul>
<li>Rechtsextreme Symbole und Botschaften: sowohl offen (zum Beispiel Reichsflaggen oder Sounds aus dem Rechtsrock) als auch subtiler in Form von Emoji-Codes (zum Beispiel der winkende Mann als Anspielung auf den Hitlergruß),</li>
<li>nationalistische, ethnopluralistische und völkische Ideologien,</li>
<li>Rassismus und Forderungen nach <em>„Remigration“</em> als vermeintliche Lösung gesellschaftlicher Probleme (der Begriff steht hier in Anführungsstrichen, da er – so Jochen Oltmer <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/glossar-migration-integration/270628/rueckwanderung/">zum Thema für die Bundeszentrale für politischer Bildung</a> – inzwischen von rechtspopulistischen und rechtsextremen Akteur:innen als <em>„Euphemismus (…) für die Forderung nach massenhaften Ausweisungen von Menschen mit Migrationshintergrund“</em> (Oltmer, 2017/2024) verwendet wird),</li>
<li>geschlechterspezifische Narrative mit Bezug auf stereotype und aggressive Männlichkeitsbilder,</li>
<li>die Abwertung von FLINTA* und queeren Personen,</li>
<li>die normierende Umdeutung rechter Politik sowie</li>
<li>antisemitische und verschwörerische Inhalte.</li>
</ul>
<p>Diese Liste ließe sich um den Begriff des Geschichtsrevisionismus erweitern, der nicht immer als alleinstehendes Phänomen auftritt, sondern als Querschnittsnarrativ verstanden werden kann.</p>
<h3><strong>Geschichtsrevisionismus der extremen Rechten</strong></h3>
<p>Geschichtsrevisionismus bezeichnet die Umdeutung historischer Ereignisse für persönliche oder politische Zwecke sowie deren Relativierung in Vergleich zu anderen Ereignissen. Es existieren verschiedene Ansätze zur Kategorisierung geschichtsrevisionistischer Narrative. Wir beziehen uns im Folgenden auf mehrere Beiträge aus der vom NS-Dokumentationszentrum in Köln von Hans-Peter Killguss und Martin Langebach herausgegebenen Publikation <a href="https://de.book-info.com/isbn/3-938636-24-6.htm">„Opa war in Ordnung!“</a> – Erinnerungspolitik der extremen Rechten“, indem wir die dort genannten sechs Formen von Geschichtsrevisionismus im Kontext der nationalsozialistischen Vergangenheit erfassen, die durchaus auch Schnittflächen haben und daher ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken können.</p>
<p><strong>Viktimisierung: </strong>Viktimisierung meint Narrative, in denen die Deutschen als die eigentlichen Leidtragenden des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus dargestellt werden. Ein Beispiel ist dieses Zitat des AfD-Politikers Alexander Gauland aus einem <a href="https://www.zeit.de/2016/17/alexander-gauland-afd-cdu-konservatismus">Interview mit der ZEIT aus dem Jahr 2016</a>: <em>„Ja. Hitler hat sehr viel mehr zerstört als die Städte und die Menschen, er hat den Deutschen das Rückgrat gebrochen weitgehend“</em>. Gauland konstruiert die Deutschen als Opfer der NS-Herrschaft, indem der Fokus auf dem Schaden liegt, der ihnen selbst zugefügt worden sei. Eine solche Perspektive ist viktimisierend, da nur einzelne Akteure des Nationalsozialismus als Hauptverantwortliche erscheinen, während die deutsche Gesellschaft als Opfer ihrer Herrschaft dargestellt wird. So entsteht der Eindruck, der Nationalsozialismus sei den Deutschen aufgezwungen worden und sie hätten kaum Handlungsspielräume gehabt – dazu Michael Sturm in seinem Beitrag <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">„‚Dieses Gedenkstättenzeug‘ – Die AfD und ihr Umgang mit der NS-Vergangenheit“</a> in dem Sammelband „Positionierte Orte“. Die Verantwortung weiter Teile der deutschen Gesellschaft für die NS-Verbrechen sowie das Leid der eigentlichen Opfer- und Verfolgten-Gruppen werden vollkommen ausgeblendet.</p>
<p><strong>Heroisierung: </strong>Heroisierende Narrative charakterisieren sich dadurch, dass die Deutschen, insbesondere deutsche Soldaten, als Helden dargestellt werden. So postete der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete <a href="https://www.facebook.com/benjamin.nolte.afd/photos/-am-heutigen-heldengedenken-erinnern-wir-uns-an-all-jene-die-in-schweren-zeiten-/1099040418887698/">Benjamin Nolte am Volkstrauertag im Jahr 2024 auf Facebook</a>: <em>„In einer Zeit, in der unsere Geschichte oft verzerrt dargestellt wird, ist es umso wichtiger, an die Leistungen und Entbehrungen unserer Vorfahren zu erinnern.“ </em>Damit schließt er durchaus auch an die <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/article254583192/Geschichtsrevisionismus-AfD-Politiker-beleben-NS-Tradition-des-Heldengedenkens-wieder.html">Umbenennung des Volkstrauertags in einen <em>„Heldengedenktag“</em> durch die Nationalsozialisten</a> an. Nolte hebt die <em>„Leistungen“</em> und <em>„Entbehrungen“</em> der Vorfahren hervor und betont damit Eigenschaften wie Opferbereitschaft, Pflichterfüllung und Durchhaltevermögen. Gleichzeitig wird durch die Aussage, die deutsche Geschichte werde <em>„oft verzerrt dargestellt“</em>, der Eindruck vermittelt, die Erinnerungskultur zeichne ein unverhältnismäßig negatives Bild der deutschen Geschichte, indem sie die Zeit des Nationalsozialismus zu stark in den Vordergrund stelle. Die Verantwortung deutscher Soldaten und weiterer Teile der deutschen Gesellschaft für die NS-Verbrechen sowie das Leid der Opfer treten dabei in den Hintergrund, während die Vorfahren pauschal als ehrenhaft und leidensfähig dargestellt werden.</p>
<p><strong>Verharmlosung</strong>: Verharmlosende Narrative bagatellisieren die Verbrechen des Nationalsozialismus oder schwächen sie ab. Ein Beispiel hierfür ist die Aussage des AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Protschka aus dem Jahr 2023, der auf einer Kundgebung erklärte, man lasse sich heute vorschreiben, was man zu tun habe, <em>„weil vor 80 Jahren ein Österreicher was angestellt habe“</em> (zitiert von <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">Michael Sturm in der Dokumentation „Positionierte Orte“</a>). Die umgangssprachliche Formulierung <em>„was angestellt“</em> verharmlost die nationalsozialistischen Verbrechen, indem sie den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg sprachlich mit einem alltäglichen Fehlverhalten gleichsetzt. Die systematische Ermordung von Millionen Menschen sowie die Dimension der nationalsozialistischen Gewalt werden dadurch sprachlich abgeschwächt. Zugleich reduziert die Bezeichnung Hitlers als <em>„Österreicher“</em> die Verantwortung auf eine einzelne Person. Die Mitwirkung weiter Teile der deutschen Gesellschaft und staatlicher Institutionen an den nationalsozialistischen Verbrechen bleibt dadurch ausgeblendet.</p>
<p><strong>Beschönigung</strong>: Beschönigende Narrative zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Fokus auf vermeintlich positive Seiten des Nationalsozialismus lenken, teilweise auch durch Auslassungen und Teilwahrheiten. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung, ohne Hitler gäbe es keine Autobahnen. Abgesehen davon, dass dieses Narrativ ohnehin eine einzelne infrastrukturelle Entwicklung hervorhebt und Verbrechen des NS-Regimes ausblendet, bleibt zudem unberücksichtigt, dass die ersten Autobahnen bereits während der Weimarer Republik fertiggestellt wurden.</p>
<p><strong>Rechtfertigung: </strong>Rechtfertigende Narrative stellen nationalsozialistische Verbrechen als nachvollziehbar, legitim, kriegsnotwendig oder sogar wünschenswert dar. Dies zeigt sich beispielhaft in einem privaten Facebook-Chat von Marcel Grauf (ein ehemaliger Mitarbeiter zweier AfD Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg): <em>„Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde.“</em> (zitiert nach <a href="https://correctiv.org/faktencheck/politik/2020/02/05/die-meisten-dieser-zitate-stammen-von-afd-politikern-einige-sind-aber-unbelegt/">Bianca Hoffmann und Alice Echtermann 2020 bei Correctiv</a>, bestätigt durch ein <a href="https://oberlandesgericht-karlsruhe.justiz-bw.de/pb/,Lde/Startseite/Medien/Oberlandesgericht+Karlsruhe+erlaubt+Berichterstattung+ueber+rechtsextreme+Aeusserungen+eines+Mitarbeiters+zweier+AfD+Landtagsabgeordneter+in+Facebook-Chats/">Urteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe</a>). Die Äußerung stellt den Holocaust nicht als beispielloses Menschheitsverbrechen dar, sondern präsentiert ihn als vermeintlich politisches Mittel, dessen <em>„Nutzen”</em> abhängig von den gegebenen Umständen sei. Dadurch wird nationalsozialistische Gewalt implizit gerechtfertigt und das Leid der Opfer vollständig ausgeblendet.</p>
<p><strong>Entkriminalisierung: </strong>Entkriminalisierende Narrative versuchen, die extreme Rechte dadurch von den Verbrechen des Nationalsozialismus zu entlasten, indem dieser als vermeintlich linke Ideologie dargestellt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Behauptung von Alice Weidel, 2025, in einem Livestream-Talk auf der Plattform X mit Elon Musk: <em>„Adolf Hitler war ein Linker“ </em>(<a href="https://www.youtube.com/watch?v=kEqDks-h-qM">Ntv Nachrichten, 2025, Min. 01:45</a>). Mit dieser historisch falschen Aussage wird die ideologische Einordnung des Nationalsozialismus verfälscht, indem die Verantwortung für die NS-Verbrechen von der extremen Rechten auf das politisch linke Spektrum verschoben wird.</p>
<h3><strong>Geschichtsrevisionismus als Kampffeld </strong></h3>
<p>Es wird deutlich: Die Darstellung von Geschichte lässt sich mithilfe von Sprache formen. Daher „<em>bleibt der Umgang mit Geschichte </em>(für die extreme Rechte, IT / CH)<em> ein bedeutsames politisches Kampffeld“</em> (so C. Kopke und K. Wilke in „Heldengeschichten als Gegenerzählungen – Extrem rechte Narrative und Inszenierungen zum Zweiten Weltkrieg“ (in dem Sammelband „Opa war in Ordnung!“ – Erinnerungspolitik der extremen Rechten“, Köln: NS-Dokumentationszentrum, 2016).</p>
<p>Wer geschichtsrevisionistische Narrative bedient und damit nationalsozialistische Verbrechen relativiert, kann eigene gegenwärtige rechtsextreme Haltungen und Ideologien legitim erscheinen lassen und von der historischen Verbindung zum Nationalsozialismus entkoppeln und entlasten, <a href="https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/574498/geschichtsrevisionismus-digital-wie-rechtsextreme-akteure-auf-social-media-geschichte-umdeuten/#footnote-target-5">wie Berit Kö und Jakob Schergaut für die Bundeszentrale für politische Bildung belegen</a>.</p>
<p>Bereits unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stieß die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen auf erheblichen Widerstand aus dem rechten Spektrum. Bereits unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stieß die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen auf erheblichen Widerstand aus dem rechten Spektrum. Fabian Virchow und Joachim Schröder haben dies in dem vom NS-Dokumentationszentrum Köln und dem Erinnerungsort Alter Schlachthof herausgegebenen Band <a href="https://nsdok.de/downloads/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">„Positionierte Orte“</a> in einem Interview zur <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">„Schnittstelle von Rechtsextremismusforschung und Erinnerungsarbeit“</a> im Detail ausgeführt. Daneben sind auch geschichtsrevisionistische Verschwörungserzählungen innerhalb der extremen Rechten spätestens seit den 1950er Jahren verbreitet, insbesondere in antisemitischer Form, etwa durch die fälschliche Zuschreibung der Verantwortung für die Shoah an jüdische Menschen oder die Verfälschung von Opferzahlen – der <a href="https://www.adl.org/resources/hate-symbol/271k">Code <em>„271k“</em> wird in letzter Zeit in diesem Kontext zur entsprechenden Verfälschung verwendet</a>.</p>
<div id="attachment_8237" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8237" class="wp-image-8237 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-300x212.png" alt="" width="300" height="212" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-200x141.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-300x212.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-400x283.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-600x424.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-768x543.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-800x566.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-1024x724.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-1200x848.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-1536x1086.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8237" class="wp-caption-text">Screenshot: Collage aus Kommentaren unter Beiträgen der Tagesschau auf TikTok und Instagram im März 2026 (Abruf durch die Autorinnen: 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Heute ist vermehrt ein unverhüllter positiver Bezug zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu beobachten – und das nicht mehr nur innerhalb neonazistischer Milieus, die sich unter anderem durch diese positive Bezugnahme charakterisieren. Auf Social Media wird das etwa in der Kommentarspalte unter einem Beitrag der Tagesschau mit der Aufschrift <a href="https://www.instagram.com/p/DWCenxCiF1V/"><em>„Waren die (Ur-)Großeltern Nazis?“</em></a> sichtbar, der über die Einsicht in NSDAP-Mitgliedkarteien informiert. Ein Blick in die Kommentarspalten auf TikTok und Instagram zeigt, wie verschiedene Formen von Geschichtsrevisionismus nebeneinanderstehen.</p>
<p>So finden sich mit <em>„Ich war enttäuscht. Mein Opa war nicht mit dabei“</em>, <em>„Mit Stolz“</em> oder <em>„Das waren Helden“</em> etwa heroisierende Aussagen. Kommentare wie die Frage <em>„was daran ist jetzt schlimm“</em> verharmlosen NS-Verbrechen. Wiederum andere Kommentare bedienen sich viktimisierender Narrative und verschieben die Opferperspektive auf die deutschen Soldaten: <em>„viele hatten keine Wahl“, „Seine Jugend gibt ihm niemand zurück“</em>. Kommentare wie „(ist) <em>mir scheißegal steckt euch euren schuldkult (sic!) ganz tief da rein, wo keine Sonne scheint“</em> signalisieren eine klare Ablehnung von Erinnerungskultur, die als unnötig und lästig empfunden wird. Dabei wird auf den verschwörerischen Begriff <em>„Schuldkult“</em> zurückgegriffen, der die Erinnerung an NS-Verbrechen als übersteigert und unterdrückend bewertet und dadurch relativiert. Hinzu kommen antisemitische Äußerungen und Forderungen nach <em>„Remigration“</em>; die Verwendung des Euphemismus kann im Kontext von NS-Geschichte als positive Bezugnahme auf Vertreibung und Deportation interpretiert werden.</p>
<h3><strong>Erinnerungskultur der AfD</strong></h3>
<p>Die zuvor zitierten Aussagen verschiedener AfD-Funktionär:innen verdeutlichen, dass geschichtsrevisionistische Positionen innerhalb der Partei keine Einzelfälle darstellen, sondern sich als wiederkehrendes Muster erkennen lassen. Geschichtsrevisionismus darf dabei nicht lediglich als eine alternative Deutung historischer Ereignisse verstanden werden, sondern <a href="https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/574498/geschichtsrevisionismus-digital-wie-rechtsextreme-akteure-auf-social-media-geschichte-umdeuten/#node-content-title-1"><em>„richtet sich damit systematisch gegen die etablierte Erinnerungskultur“</em></a>.</p>
<p>Die AfD knüpft inhaltlich an die erinnerungspolitischen Abwehrhaltungen der extremen Rechten an und verfolgt eine strategische Umdeutung der heutigen Erinnerungskultur. Im Zentrum steht die Forderung, die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen zugunsten einer positiven nationalen Geschichtserzählung zurückzudrängen. Im Bundestagswahlprogramm 2025 formuliert die Partei: <em>„Die offizielle Erinnerungskultur darf sich nicht nur auf die Tiefpunkte unserer Geschichte konzentrieren, sie muss auch die Höhepunkte im Blick haben. Ein Volk ohne Nationalbewusstsein kann auf Dauer nicht bestehen“</em>.</p>
<p>Damit wird der Nationalsozialismus implizit als ein <em>„Tiefpunkt unter vielen“</em> eingeordnet und damit in seiner Singularität als beispielloses Menschheitsverbrechen relativiert. Die Forderung nach einer stärkeren Betrachtung nationaler <em>„Höhepunkte“</em> dient einer positiven Neurahmung deutscher Geschichte, bei der die kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen an Bedeutung verlieren würde. Die AfD fordert somit keinen vollständigen Bruch mit der Erinnerungskultur, sondern eine grundlegende Verschiebung ihrer Schwerpunkte. <a href="https://www.geschichte-und-politik.info/politik/aktuell/vogelschiss/gauland.html">Alexander Gauland sagte am 2. Juni 2018</a>: <em>„Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“.</em> Im <a href="https://afd-lsa.de/wp-content/uploads/2026/07/AfD_Sachsen-Anhalt_Regierungsprogramm_2026_230726-web.pdf">Kapitel Schulbildung des Wahlprogramms 2026 der AfD in Sachsen-Anhalt</a> wird die Partei deutlicher: Sie fordert, die Erinnerungskultur auf die Jahre 1813 und 1871 zu konzentrieren, sodass die Frage erlaubt sein muss, ob dies eine neuerliche Konfrontation mit Frankreich bedeutet, wie es sie eigentlich seit 1963 durch De Gaulle und Adenauer nicht mehr geben dürfte.</p>
<p>Auch im politischen Handeln der Partei zeigt sich diese erinnerungspolitische Strategie: Durch parlamentarische Anfragen und Anträge versucht die AfD wiederholt, die Arbeit von Gedenkstätten und erinnerungspolitischen Institutionen zu diskreditieren, zu erschweren, insbesondere durch Mittelstreichungen. Gleichzeitig fordern AfD-Vertreter:innen die Teilnahme an Gedenkveranstaltungen oder nutzen diese gezielt, um ihre politischen Positionen zu platzieren. Die Erinnerungskultur ist gezielten politischen Angriffen der AfD ausgesetzt, auch hierzu ausführlich <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">Fabian Virchow und Joachim Schröder in der schon zitierten Publikation „Positionierte Orte“</a>.</p>
<h3><strong>Geschichtsrevisionistische Erscheinungsformen auf TikTok</strong></h3>
<p>Auf TikTok ist zu beobachten, dass geschichtsrevisionistische Narrative in unterschiedlichen Beitragsformen eingebettet sind. Auch wenn die Motive der Creator:innen aus den folgenden Beispielen nicht immer eindeutig geschichtsrevisionistisch eingeordnet werden können, verbreiten sie dennoch geschichtsrevisionistische Narrative und anschlussfähige Deutungsmuster. Deborah Schnabel und Eva Berendsen führen in ihrer oben genannten Publikation verschiedene Beitragsformen auf. In diesen lassen sich geschichtsrevisionistische Deutungsmuster finden. Wir können hier wiederum auf die Dokumentation von Eva Berendsen und Deborah Schnabel zurückgreifen.</p>
<p><strong>Persönliche, direkte Anspracheform: </strong>Bei der persönlichen, direkten Anspracheform stehen einzelne Akteur:innen im Vordergrund, die ihre Zuschauer:innen in einem (vermeintlich) professionellen und authentischen Stil direkt ansprechen. Insbesondere wiederkehrende Personen im gleichen Videostil können das Entstehen parasozialer Beziehungen zwischen Akteur:in und Zuschauer:in fördern. TikToks dieser Art weisen häufig nur eine geringe inhaltliche Tiefe auf, wirken jedoch durch ihre emotionale Darstellung besonders relevant. Die niedrigen Zugangshürden der Plattform ermöglichen es jeder Person, als vermeintliche Expert:innen oder Aufklärer:innen aufzutreten.</p>
<div id="attachment_8238" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8238" class="wp-image-8238 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-300x148.jpg" alt="" width="300" height="148" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-200x99.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-300x148.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-400x198.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-600x297.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-768x380.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-800x396.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-1024x507.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-1200x594.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-1536x760.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2.jpg 1649w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8238" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video von Maximilian Krah (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Ein Beispiel dafür ist der AfD-Politiker Maximilian Krah, der immer wieder durch rechtsextreme und -populistische Aussagen auffällt. In einem Video erklärt Krah unter anderem: <em>„Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher. Wir haben allen Grund, stolz auf unser Land zu sein</em>&#8220; sowie <em>„Deutsche Lieder, deutsche Wertarbeit, deutsche Gedichte, deutsche Gedanken – (…) wunderbarer Klang&#8220;</em>. Das Video konstruiert ein ausschließlich positives Bild deutscher Vergangenheit, indem Vorfahren als leidende und leistungsstarke Menschen dargestellt werden, während ihre mögliche Beteiligung an den Verbrechen des Nationalsozialismus vollständig ignoriert wird. Dadurch entsteht eine pauschale Entlastung der deutschen Bevölkerung. Zugleich wird deutsche Kultur ästhetisch überhöht und als Begründung für nationalen Stolz herangezogen. Das TikTok-Video verbindet somit Heroisierung, Viktimisierung und Entkriminalisierung deutscher Vorfahren und trägt durch das selektive Ausblenden zentraler historischer Zusammenhänge zu einer geschichtsrevisionistischen Umdeutung der Vergangenheit bei.</p>
<p><strong>Audiovisuelle Form: </strong>Hier geht es vor allem um Selbstinszenierung: Durch das Nutzen von Sounds soll vor allem ein bestimmter Vibe transportiert werden. Oft reicht es, zu entsprechenden Sounds (Rechtsrock-Lieder wie von Landser oder Reden nationalsozialistischer Akteure wie Göbbels) zu lipsyncen oder zu posen. Szenen können sich durch die Unterstützung des Algorithmus bestimmte Sounds aneignen. Ein Beispiel hierfür ist der Song „L’amour toujours“, der nach seiner rassistischen Umdeutung zunehmend in rechten TikToks genutzt wurde. Nicht immer treten User:innen selbst vor die Kamera; auch ästhetisierte Edits und Collagen, beispielsweise stereotypischer rechtsextremer Kleidung, gehören zur audiovisuellen Form. Dieses Phänomen schafft bei Nutzer:innen ein Gefühl von Dazugehörigkeit in einer vermeintlichen <em>„verschworenen Gemeinschaft“</em>, und darf keineswegs unterschätzt werden. Die politischen Botschaften geraten zugunsten der ästhetischen Selbstinszenierung in den Hintergrund, werden jedoch nebenher konsumiert und können extrem identitätsstiftend wirken.</p>
<div id="attachment_8239" style="width: 148px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8239" class="wp-image-8239 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-138x300.jpg" alt="" width="138" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-138x300.jpg 138w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-200x435.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-400x870.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-471x1024.jpg 471w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-600x1304.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-706x1536.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-768x1670.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-800x1739.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-942x2048.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-scaled.jpg 1177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-1200x2609.jpg 1200w" sizes="(max-width: 138px) 100vw, 138px" /><p id="caption-attachment-8239" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video: Lipsync zu dem Sound „Du bist ein arisches Kind“ (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Das untersuchte Beispiel folgt genau diesem Muster. Die politische Botschaft wird nicht ausgesprochen, sondern über einen Sound transportiert, dessen Liedtext auf völkische und rassistische Vorstellungen eines <em>„arischen Kindes&#8220;</em> Bezug nimmt. Ergänzt wird dies durch den in der Videobeschreibung verwendeten Zahlencode <em>„88“</em>, der in rechtsextremen Kontexten als Chiffre für <em>„Heil Hitler</em>“ verwendet wird. Durch die ästhetische Inszenierung erscheint das Video zunächst als harmloser Trend, während rechtsextreme Inhalte über emotionale und musikalische Codes normalisiert werden. Gerade diese Verbindung aus Emotionalisierung, Ästhetisierung und subtiler Codierung macht die Inhalte besonders anschlussfähig für junge Nutzer:innen.</p>
<p><strong>Memes: </strong>Memes kombinieren Bild oder Video mit kurzem Text und manchmal Ton. Sie transportieren Meinungen und Haltungen in kurzer, prägnanter und vermeintlich humorvoller Form und tragen im politischen Kontext zur vereinfachten, polarisierenden Darstellung von Inhalten bei. Sie laden durch Fokus auf den Unterhaltungsfaktor dazu ein, sie ohne weiteren Kontext und kritisches Fragen zu konsumieren. Menschenverachtende Botschaften können beiläufig konsumiert und normalisiert werden. Auch hier werden Sounds wiederkehrend genutzt.</p>
<div id="attachment_8240" style="width: 148px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8240" class="wp-image-8240 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-138x300.jpg" alt="" width="138" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-138x300.jpg 138w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-200x435.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-400x870.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-471x1024.jpg 471w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-600x1304.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-706x1536.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-768x1670.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-800x1739.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-942x2048.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-scaled.jpg 1177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-1200x2609.jpg 1200w" sizes="(max-width: 138px) 100vw, 138px" /><p id="caption-attachment-8240" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video: Goebbels-Meme (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Ein besonders offensichtliches Beispiel zeigt Joseph Goebbels, einen der zentralen Propagandisten des Nationalsozialismus, in positiv konnotierter Weise, wodurch ein führender Vertreter des NS-Regimes verharmlosend dargestellt wird.</p>
<p>Weniger eindeutig, aber gerade deshalb besonders anschlussfähig, ist ein Meme, in dem auf die Frage <em>„Wie kannst du die AfD wählen?&#8220;</em> Björn Höcke mit der Antwort <em>„Mit einem Kugelschreiber in meiner RECHTEN HAND!&#8220;</em> erscheint. Die Hervorhebung der rechten Hand kann als Anspielung auf den Hitlergruß verstanden werden (dem durch die vermutlich humorvolle Intention des Memes ein verharmlosender Charakter verliehen wird), bleibt jedoch mehrdeutig. Menschen mit (extrem) rechten Einstellungen können diese Botschaft entsprechend verstehen, während Creator:innen bei Kritik auf die wörtliche Bedeutung verweisen können. Dieses Phänomen erinnert an die Kommunikationsstrategie der <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11229-024-04600-4">Plausible Deniability</a>, bei der die beabsichtigte Bedeutung einer Aussage erkennbar ist, der postenden Person aber genügend Interpretationsspielraum bleibt, um Verantwortung zurückzuweisen, im Übrigen eine gängige Strategie in der Kommunikation der AfD.</p>
<p>Memes können sich also in Grauzonen bewegen und ermöglichen es so, Sympathien für den Nationalsozialismus und geschichtsrevisionistische Narrative sowohl offen als auch in codierter Form zu verbreiten und die Problematik dahinter zu relativieren.</p>
<p><strong>Edits: </strong>Unter Edits versteht man stark bearbeitete Videos, bei deren Konsum Nutzer:innen vielen Reizen auf einmal ausgesetzt sind. Sie zeichnen sich aus durch heftige, auf den Beat des Sounds passende Schnitte und populäre Filter. Genau wie Sounds können sich auch Filter von Szenen angeeignet werden.</p>
<p>Das Beispiel greift inhaltlich dieselben Narrative wie das TikTok-Video von Maximilian Krah auf, präsentiert sie jedoch durch die Musik, schnelle Bildwechsel und Effekte in einer deutlich emotionaleren und ästhetischeren Form. Durch die vielen Reize tritt die politische Aussage in den Hintergrund, während die emotionale Wirkung und Identifikation mit den vermittelten Botschaften verstärkt werden.</p>
<p><strong>Core-Ästhetiken: </strong>Bei den sogenannten Core-Ästhetiken handelt es sich um identitätsstiftende und zunächst harmlos wirkende Bilder und Videos. Hier werden rechtsextreme Inhalte, wie beispielsweise Runen, SS-Lieder oder die Ablehnung von Queerness, in vermeintlich ästhetische Lebensentwürfe eingebettet, die sich an heteronormativen, stereotypen Bildern von Familie und Frau orientieren.</p>
<p>Zu sehen sind beispielsweise romantisierte Bilder junger Frauen in traditionellen Kleidern, begleitet von einem Trend-Sound. Der eingeblendete Begriff <em>„Mädelbund Core“</em> erzeugt Assoziationen zu Gemeinschaft, Tradition und Zusammenhalt und erinnert zugleich an den von den Nationalsozialisten für alle jungen Mädchen verpflichtend gemachten <em>„Bund Deutscher Mädels“</em>. Auf diese Weise werden traditionelle Geschlechterrollen und vermeintlich „ursprüngliche“ Lebensformen positiv aufgeladen und, wenn auch zunächst versteckt, mit ideologischen Bezügen zum Nationalsozialismus verknüpft. Das Profilbild des Accounts zeigt außerdem das Logo der Jungen Nationalisten – der Jugendorganisation der rechtsextremen Partei „Die Heimat”, ehemals NPD.</p>
<div id="attachment_8242" style="width: 148px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8242" class="wp-image-8242 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-138x300.jpg" alt="" width="138" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-138x300.jpg 138w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-200x435.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-400x870.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-471x1024.jpg 471w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-600x1304.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-706x1536.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-768x1670.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-800x1739.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-942x2048.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-scaled.jpg 1177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-1200x2609.jpg 1200w" sizes="(max-width: 138px) 100vw, 138px" /><p id="caption-attachment-8242" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video über Sport und Gemeinschaft mit rechtsextremen Symbolen, unter anderem der Zahl 88, Chiffre für HH = Heil Hitler, (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p><strong>Männer als Wanderer und Kampfsportler: </strong>Auch hier handelt es sich um identitätsstiftenden Content, der an stereotype und aggressive Männlichkeitsvorstellungen anknüpft. Männer aus dem rechten Spektrum inszenieren sich häufig als körperlich stark, diszipliniert und kampfbereit – häufig zeigen sie sich beim Kampfsport und verstärken diese Atmosphäre durch düstere Sounds. Oft finden sich in diesen Inhalten rechtsextreme Symboliken wie Reichsflaggen oder SS-Totenköpfe, wodurch deren politische Einordnung leichtfällt; User:innen zeigen sich offen rechts und gewaltbereit.</p>
<p>Das Beispiel verbindet Bilder von Kampfsport, körperlicher Stärke, Natur und Gemeinschaft mit rechtsextremen Symbolen wie dem Zahlencode 88 (zweimal der 8. Buchstabe im Alphabet = Heil Hitler). Dadurch werden zentrale Männlichkeitsideale des Nationalsozialismus – Körperkult, Kampfbereitschaft und Kameradschaft – ästhetisiert und aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst: rechte Ideologie wird als attraktiver Lifestyle inszeniert. Geschichtsrevisionismus zeigt sich hier in der positiven Übernahme nationalsozialistisch geprägter Lebensentwürfe, während deren historische Verantwortung verdrängt werden.</p>
<p><strong>KI und Deepfakes: </strong>Unter Deepfakes versteht man vollständig oder teilweise durch KI erstellte Bild-, Video- und Tonfälschungen, die teilweise schwer als gefälscht identifiziert werden können. Häufig dienen sie dem Konstruieren von Feindbildern.</p>
<div id="attachment_8243" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8243" class="wp-image-8243 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-300x151.jpg" alt="" width="300" height="151" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-200x101.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-300x151.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-400x202.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-540x272.jpg 540w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-600x303.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-768x388.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-800x404.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-1024x517.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-1200x606.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8.jpg 1206w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8243" class="wp-caption-text">Screenshot von @zdfheute Instagram-Post über Hitler-Deepfake im WM-Stadion (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Ein Beispiel für das geschichtsrevisionistische Potenzial solcher Inhalte ist ein KI-generiertes Video, das Adolf Hitler als Besucher eines Deutschlandspiels bei der WM 2026 zeigt. Die realitätsnahe Darstellung, die jubelnde Menschenmenge und die positive Inszenierung lassen Hitler als gewöhnliche Person erscheinen: seine historische Bedeutung als Hauptverantwortlicher der NS-Verbrechen spielt keine Rolle.</p>
<p>Das Beispiel stammt nicht von TikTok, verdeutlicht jedoch die Möglichkeiten, geschichtsrevisionistische Inhalte mit KI zu erstellen. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von KI-generierten Videos ist davon auszugehen, dass entsprechende Inhalte zukünftig auch auf TikTok verstärkt auftreten.</p>
<p>Es lässt sich festhalten: Geschichtsrevisionistische Elemente, insbesondere verharmlosender Art, werden auf TikTok nicht ausschließlich verbalisiert und sprachlich vermittelt, sondern vermehrt visuell dargestellt und/oder in identitätsstiftende Ästhetiken eingebettet.</p>
<h3><strong>„TikTok-Guerilla“ </strong></h3>
<p>Eva Berendsen und Deborah Schnabel zitieren den ehemaligen Social-Media-Strategen und Kampagnenmanager Erik Ahrens: <em>„90 Minuten in deren Gehirn, wo man reinsenden kann.“</em> Mit diesen Worten beschreibt er das Potenzial von TikTok. Das Zitat verdeutlicht, wie bewusst Akteur:innen der extremen Rechten TikTok/Social Media als strategischen Raum zur Beeinflussung junger Menschen verstehen und nutzen. Ahrens ist Gründer der rechtsextremen <em>„GegenUni</em><em>”</em> und war Berater von AfD-Politikern wie Maximilian Krah in Fragen der TikTok-Kommunikation. Ahrens zählte zu den zentralen Strategen der digitalen Kommunikation im Umfeld der AfD. In diesem Zusammenhang prägte er den Begriff der <em>„TikTok-Guerilla</em><em>“</em>.</p>
<p>Dahinter steckt eine koordinierte Strategie zur massenhaften Verbreitung politischer Inhalte. Im Zentrum stehen sogenannte Multiplikationsaccounts, die Reden, Videoclips und/oder Beiträge offizieller AfD-Kanäle übernehmen, teilweise mit anderen Sounds, Filtern oder Schnitten versehen und anschließend erneut veröffentlichen. Innerhalb dieses Netzwerks werden die Videos gegenseitig geliked, geteilt, weitergeleitet und wieder neu hochgeladen. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Strom ähnlicher, bis nahezu identischer Videos, der die Sichtbarkeit der Inhalte erheblich steigert.</p>
<p>Diese Strategie bespielt gezielt die Funktion des TikTok Algorithmus, der Inhalte mit hoher Interaktion (Likes, Kommentare, Weiterleitungen) und vielen Aufrufen vermehrt auf der For You Page abspielt; die Inhalte erreichen dadurch über die bestehende Anhängerschaft hinaus ein junges Publikum. Koordiniert wird diese Vorgehensweise teilweise über Messenger-Dienste wie Telegram.</p>
<div id="attachment_8244" style="width: 178px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8244" class="wp-image-8244 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-168x300.jpg" alt="" width="168" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-168x300.jpg 168w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-200x358.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-400x716.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-572x1024.jpg 572w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-600x1073.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-768x1374.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-800x1431.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2.jpg 857w" sizes="(max-width: 168px) 100vw, 168px" /><p id="caption-attachment-8244" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video: mehrdeutiges rechte Hand-Meme (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Die Folge ist eine Vervielfachung rechtsextremistischer und geschichtsrevisionistischer Inhalte auf TikTok, die den digitalen Raum mit AfD-nahen Narrativen überschwemmt. Gleichzeitig wird dadurch eine Moderation der Plattform erschwert. Werden einzelne Videos aufgrund von Hassrede, Desinformationen oder Verstößen gegen Community-Richtlinien gelöscht, bleiben zahlreiche ähnliche bis gleiche Kopien auf anderen Accounts online. Das Netzwerk bleibt dadurch weniger anfällig für Deplatforming, da Inhalte ihre Reichweite auch nach Entfernungen einzelner Accounts beibehalten können.</p>
<h3><strong>TikTok als Verstärker geschichtsrevisionistischer Narrative</strong></h3>
<p>Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass TikTok durch seine Plattformstrukturen einen idealen Raum bietet, populistische und extremistische Inhalte zu verbreiten – sowohl auf Politiker:innen-Ebene als auch innerhalb entsprechender Szenen. Geschichtsrevisionistische Narrative, die häufig auf Verkürzungen und Vereinfachungen beruhen, lassen sich in verschiedenen Beitragsformen und Kommentarspalten einbetten und erreichen so ein breites Publikum.</p>
<p>Dabei werden sie auf der Plattform nicht nur mit sprachlichen Mitteln verbreitet, sondern auch vermehrt ästhetisch inszeniert und als identitätsstiftende Angebote präsentiert. Das kann insbesondere auf junge Nutzer:innen in Phasen der Identitätsfindung und Orientierung eine besondere Wirkung entfalten.</p>
<p>Die Plattform wird dabei sowohl strategisch von Politiker:innen zur Verbreitung entsprechender Inhalte genutzt, als auch aktiv durch Akteur:innen aus entsprechenden Szenen mitgetragen und weiterverbreitet. Auch wenn nicht jeder Beitrag intentional geschichtsrevisionistisch ist, enthalten sie häufig entsprechend anschlussfähige Inhalte.</p>
<p>Diese Vielfalt an anschlussfähigen geschichtsrevisionistischen Deutungsformen ist, vor allem im Kontext der Normalisierung rechtsextremer, menschenfeindlicher Einstellungen eine höchst gefährliche Entwicklung. Es entsteht eine Wechselwirkung, durch die sich antidemokratische gesellschaftliche Entwicklungen und die Logik sozialer Medien, in diesem Fall TikTok, gegenseitig verstärken und die Verbreitung geschichtsrevisionistischer Narrative und Deutungsmuster in der Lebenswelt junger Menschen begünstigen.</p>
<h3><strong>Doch was ist jetzt zu tun?</strong></h3>
<p>Es gibt keine Patentrezepte, aber dennoch Handlungsmöglichkeiten, die hier kurz angesprochen werden sollen. Eine gute Übersicht bietet beispielsweise das von der Medienanstalt Rheinland-Pfalz verantwortete Angebot <a href="https://www.klicksafe.de/fileadmin/cms/download/Material/Rechts_Eltern_Brosch%C3%BCre_09.25.pdf">„Klicksafe“</a> mit einer Übersicht zu rechtextremen Codes und konkreten Handlungsstrategien für Eltern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im folgenden verschiedene Möglichkeiten genannt, präventiv wie interventiv:</p>
<p>Auf individueller Ebene:</p>
<ul>
<li>TikTok als Lebenswelt nicht verteufeln, sondern verstehen und ernst nehmen,</li>
<li>für Risiken von TikTok sensibilisieren,</li>
<li>Peer-to-Peer andere dazu empowern, TikTok ernst zunehmen,</li>
<li>Gespräche statt vorschneller Verurteilung: unreflektiert reproduzierte Inhalte Jugendlicher als Anlass zur Auseinandersetzung nutzen,</li>
<li>nicht interagieren, aber melden: durch Melde-Statistiken können Problematiken nachgewiesen werden, sich durch Kommentare, Likes und Reposts mit Nutzer:innen solidarisieren, die sich gegen Rechtsextremismus positionieren und demokratiebildende Inhalte posten,</li>
<li>auf eigene Kapazitäten achten!</li>
</ul>
<p>Auf der Ebene der politischen Bildungsarbeit und Pädagogik:</p>
<ul>
<li>Politische Bildung und Medienbildung zusammendenken,</li>
<li>TikTok als Ort der politischen Meinungs- und Wissensbildung ernstnehmen,</li>
<li>Kinder und Jugendliche empowern, eine eigene kritische Haltung zu entwickeln,</li>
<li>Ausbau von Digital Streetwork,</li>
<li>Ressourcen sehen, TikToks produzieren: Informationstunnel als Gegenentwurf zum Radikalisierungstunnel,</li>
<li>Kindern und Jugendlichen niedrigschwellige Gesprächseinstiege ermögliche,</li>
<li>Gespräche statt vorschneller Verurteilung: unreflektiert reproduzierte Inhalte Jugendlicher als Anlass zur Auseinandersetzung nutzen,</li>
<li>bestehende erinnerungskulturelle und demokratiebildende nutzen: <a href="https://www.arolsen-school.org/">Arolsen School</a>, <a href="https://fhd-my.sharepoint.com/personal/ida-maria_tolle_study_hs-duesseldorf_de/Documents/Zweitzeugen%20e.V.">Zweitzeugen e.V.</a>, lokale Gedenkstätten, Jugendringe etc.,</li>
<li>kontinuierliche Forschung zu TikTok und Radikalisierung,</li>
<li>digitale Quellenkritik im Unterricht vermitteln.(<a href="https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/574498/geschichtsrevisionismus-digital-wie-rechtsextreme-akteure-auf-social-media-geschichte-umdeuten/#footnote-target-5">dazu ausführlicher Berit Kö und Jakob Schergaut</a>).</li>
</ul>
<p>Last but not least sind Bund und Länder auf der staatlichen Ebene gefordert, in politische Bildungsarbeit und Erinnerungsarbeit zu investieren!</p>
<p><strong>Ida-Maria Tolle </strong>und<strong> Charlotte Heim</strong>, Hochschule Düsseldorf</p>
<h3><strong>Die Autorinnen:</strong></h3>
<ul>
<li>Ida Tolle studiert Soziale Arbeit im Bachelor an der Hochschule Düsseldorf mit den Schwerpunkten Zivilgesellschaft und Kulturpädagogik. Als Werkstudentin ist sie beim Jugendring Düsseldorf im Bereich der politischen Bildungsarbeit tätig.</li>
<li>Charlotte Heim studiert Soziale Arbeit im Bachelor an der Hochschule Düsseldorf mit den Schwerpunkten Beratung und Zivilgesellschaft. Neben ihrem Studium arbeitet sie in einer offenen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Der Beitrag beruht auf einem Vortrag vom 21. Januar 2026 im <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/unmenschlich-effizienter-terror/">Erinnerungsort Alter Schlachthof</a> in Düsseldorf. Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 3. August 2026.)</p>
</div></div></div></div></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Climate Fiction &#8211; Engagierte Literatur unserer Zeit</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/climate-fiction-engagierte-literatur-unserer-zeit/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Jun 2026 13:32:06 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=8099</guid>

					<description><![CDATA[<p>Climate Fiction – Engagierte Literatur unserer Zeit Themen, Autor:innen und die Hoffnung auf eine fairträgliche Zukunft „Ich vertrete schon seit Längerem die Position, dass Science Fiction auf einer Art Doppelprinzip beruht, wie die Brillen, die man im 3-D-Kino trägt. Eine Linse der künstlerischen Maschinerie der Science Fiction stellt eine Zukunft dar, die tatsächlich einmal  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Climate Fiction – Engagierte Literatur unserer Zeit</strong></h1>
<h2><strong>Themen, Autor:innen und die Hoffnung auf eine fairträgliche Zukunft</strong></h2>
<p><em>„Ich vertrete schon seit Längerem die Position, dass Science Fiction auf einer Art Doppelprinzip beruht, wie die Brillen, die man im 3-D-Kino trägt. Eine Linse der künstlerischen Maschinerie der Science Fiction stellt eine Zukunft dar, die tatsächlich einmal so eintreten könnte; das ist eine Art vorausgreifender Realismus. Die andere Linse zeigt eine metaphorische Version unserer Gegenwart, vergleichbar einem Symbol in einem Gedicht. Diese beiden Sichtweisen verbinden sich miteinander, und heraus kommt eine Vision von GESCHICHTE, die sich auf magische Weise in die Zukunft erstreckt.“ </em>(Kim Stanley Robinson, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dystopien-jetzt/">Dystopien jetzt!</a> in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> Mai 2024 sowie in: Fritz Heidorn, Kim Stanley Robinson – Erzähler des Klimawandels, Berlin, Hirnkost, 2022.)</p>
<p>Viele Menschen scheinen der Klimakrise überdrüssig geworden zu sein. Zumindest lassen manche Politiker:innen, manche Journalist:innen und viele ganz normale Menschen, die so tun, als wenn sie noch nie davon gehört hätten, diesen Eindruck entstehen. Nur noch einzelne Extremwetter-Katastrophen wie Überschwemmungen, Erdrutsche und Stürme schaffen es in die Nachrichten. Isolierte Meldungen, die hinter immer neuen Kriegen und politischen Verwerfungen verblassen. Dabei ist die Klimakrise keinesfalls vorbei! Stattdessen nimmt sie seit dem sprunghaften Temperaturanstieg in den Ozeanen im Frühjahr 2023 immer schneller Fahrt auf, für 2026 befürchten Klimaforschende mit einem starken El Niño sogar neue Hitze-Rekorde. Am 15. Mai 2026 dokumentierte Christoph Gertsch in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wissen/permafrost-blatten-klimawandel-arktis-e992905/">„Das große Tauen“</a>, welche fürchterlichen Dimensionen diese Katastrophen noch erreichen, wenn absehbar der Permafrost auftaut.</p>
<p>Wir bräuchten also dringend mehr Klimaschutz und nicht weniger. Aber angesichts der multiplen Krisen scheinen immer mehr Menschen zu resignieren, die Dystopie erscheint ihnen unausweichlich. So schenken sie Fakten und Handlungsaufrufen kaum noch Aufmerksamkeit – könnten hier vielleicht Geschichten helfen? Schließlich gehören Geschichten zur menschlichen Kultur, wie die ältesten kulturellen Überlieferungen in religiösen Schriften belegen. Auch große literarische Erzählungen sind wichtig für menschliche Kulturen. Die Climate Fiction, meist als Untergenre der Science Fiction eingeordnet, bietet fiktiv-plausiblen Klima-Geschichten mit „Was wäre, wenn?“ und „Wie könnte es werden?“ Szenarien, ganz im Sinne des von Kim Stanley Robinson angesprochenen <em>„Doppelprinzips“</em> mit der Science Fiction als eine Art <em>„3-D-Brille“</em>? Könnte die Kraft des Narrativen Menschen aus ihrer Resignation zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung und den gewaltigen Veränderungen motivieren? Eine diverse Autor:innenschaft lässt genauso diverse Held:innen Lösungen finden und Hoffnung schöpfen.</p>
<h3><strong>Wüsten</strong></h3>
<p>Eines der frühen Climate Fiction-Werke ist <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?30">Frank Herberts</a> Wüstenepos „Dune“ (1965, deutsch: Dune – Der Wüstenplanet, 1967). David Lynch hatte es bereits 1984 verfilmt, Denis Villeneuve 2021 und 2023 mit der epischen zweiteiligen Verfilmung – die er noch um „<a href="https://www.filmstarts.de/kritiken/324508.html">Dune 3: Messiah</a>“ ergänzen will – wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Der Stoff ist topaktuell und erzählt von Entbehrungen und extremen Anpassungen nach einem Ökosystem-Kollaps in einer planetenweiten Wüste, dem Wüstenplaneten Dune.</p>
<p>Die Romanidee hatte Frank Herbert schon 1957, als er als Journalist in Florence (Oregon) unterwegs war und über ein Regierungsprojekt zur Stabilisierung der wandernden Sanddünen schreiben wollte. Dies beschrieb Nathaniel Scharping im März 2024 in dem von der BBC veröffentlichten Beitrag <a href="https://www.bbc.com/future/article/20240229-dune-part-two-the-oregon-sands-that-inspired-frank-herberts-arrakis">„Dune: The ‚terraformed&#8216; Oregon dunes that inspired Frank Herbert&#8217;s sci-fi epic“</a>. Dort bewegten sich ausgedehnte Sanddünen, angetrieben von den Winden des Pazifischen Ozeans ostwärts und begruben auf ihrem Wege landeinwärts alles unter sich – konnte man eine solch verwüstete Landschaft durch menschliche Eingriffe wieder ergrünen lassen? Im Guardian war am 3. Juli 2025 ein Beitrag von Hari Kunzu zu lesen: <a href="https://www.theguardian.com/books/2015/jul/03/dune-50-years-on-science-fiction-novel-world">„Dune, 50 years on: how a science fiction novel changed the world”</a><em>. </em>Allerdings – so der Autor – dauerte es schon einige Zeit, bis Roman und Film wirkten.</p>
<p>Seinen geplanten Artikel „They Stopped the Moving Sands“ beendete Frank Herbert nie, aber sein Interesse an Wüsten war geweckt. So entwarf er unter dem Eindruck der gewaltigen Sanddünen sein Epos „Dune“: In einer fernen Zukunft, in fernen Sternsystemen verleiht der Imperator seinem Gefolgsmann Herzog Leto Atreides den Wüstenplaneten Arrakis als Lehen. Leto ist für die Gewinnung des Rohstoffs Spice, der für die Raumfahrt benötigt wird, gegenüber dem Imperator verantwortlich und siedelt mit seiner Konkubine Lady Jessica und ihrem gemeinsamen Sohn und Erben Paul Atreides über. In der planetenweiten Wüste leben das indigene, wüstenaffine Volk der Fremen.</p>
<p>Als das Herrscherhaus der Harkonnen Letos Wüstensiedlung überfällt, entkommen nur Lady Jessica und Paul Atreides mit Unterstützung des Ökologen Liet-Kynes in die Wüste und finden Zuflucht bei den Fremen. Dort erfahren sie die Herkunft des Spice und lernen die Symbiose der Fremen mit den Sandwürmern kennen. Paul schließt Freundschaft mit dem Wüstenvolk, bewährt sich und wird schließlich als Messias verehrt. Als religiöser und politischer Führer führt er den Aufstand gegen die Harkonnen an.</p>
<p>Die komplexe Wüstenökologie mit ihrer Wassermangel-Zivilisation hat Herbert wissenschaftsbasiert durchdacht und detailliert ausgearbeitet, sodass er als früher Umweltschützer gilt. Der Wüstenplanet mit den epischen Sandlandschaften und der Spiritualität hat jedenfalls Science Fiction-Maßstäbe gesetzt und spätere Produktionen wie George Lucas’ „Star Wars“ inspiriert.</p>
<p>Andere Wüsten-Climate Fiction liest sich irdischer: In <a href="https://www.clairevayewatkins.com/bio/">Claire Vaye Watkins’</a> (*1984) „Gold Fame Citrus“ (2015, deutsch: Gold Ruhm Zitrus, 2016) ist Kalifornien in der nahen Zukunft nahezu zur Wüste geworden. Wasser ist Mangelware. Wer es sich leisten kann, hat Städte und Land längst verlassen. Die in den Ruinen des ehemaligen Wohlstands hausenden Zurückgebliebenen werden vom Roten Kreuz mit Not-Rationen versorgt, frische Lebensmittel wie Obst sind nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich.</p>
<p>Wasser dient nur noch als Trinkwasser und ist höchstens für wenige Stunden am Tag verfügbar. In der wüsten Einöde ohne Bäume und andere Pflanzen hausen staubverkrustete dauerdurstige Menschen, meist illegal. Das ehemalige Model Luz und der desertierte Soldat Ray schlagen sich durch das Katastrophengebiet und wollen schließlich in bessere Regionen fliehen.</p>
<p>So bricht das ungleiche Paar per Auto in die lebensfeindliche Wüste zu einem wahnwitzigen Road-Trip auf. Dort walzt die gigantische Düne Amargosa durch das trockene Land und begräbt Siedlungen und andere menschliche Relikte unter sich. Ihren Namen verdankt sie der Mischung aus Sand und Salz – Amargosa heißt „die Bittere“. Die dystopische Wüstenlandschaft ist voller Geröll, weiß leuchtender Salzfelder, Dünen und gelben, nach Schwefel riechenden Pfützen. Schließlich zieht Ray allein weiter und Luz trifft im gallertartigen Licht der Amargosa auf ein Camp von Neo-Beduinen, Hippies, die sich im Niemandsland der staatlichen Ordnung entziehen.</p>
<p>Sowohl die Flucht in die Wüste als auch die Erfindung einer heilbringenden Sekte sind wiederkehrende Motive der Climate Fiction und zitieren die Flucht der Juden unter Moses` Führung in die Wüste. Der Titel „Gold Fame Citrus“ beschreibt Luz’ Sehnsucht nach einer goldgelben Zitrusfrucht so intensiv, dass man ihren Duft aus den Seiten aufsteigend zu wittern vermeint. Dass im heutigen Zitrus-Paradies Kalifornien, das den Rest der USA mit diesen Früchten beliefert, in der nahen Zukunft ein für den Alltag bedeutendes Nahrungsmittel ein fast unerreichbares Luxusgut darstellt, ist beklemmend und so wird die goldene Zitrusfrucht zum Symbol der Vertreibung aus dem Paradies.</p>
<p>Typisch für Climate Fiction gibt Claire Vaye Watkins über neutral formulierte Einschübe wie Zeitungsmeldungen, anonyme Berichte der Umweltbehörde und Chroniken Background und Fakten und erzeugt Authentizität und Aktualität. Der Wassermangel und Wasserkonflikt sind nicht nur in Kalifornien längst zur Tatsache geworden: Seit Jahren kämpfen indigene Stämme der südwestlichen Bundesstaaten um ihren Anteil am Wasser des Colorados und die Trump-Regierung ist sind gerade dabei, ihrer Klientel reicher Landbesitzer einen höheren Anteil am Colorado-Wasser zuzuschanzen als die sorgfältig austarierte Wasserverteilung des Staats Kalifornien ihnen zugesteht.</p>
<p><a href="https://windupstories.com/">Paolo Bacigalupi</a> beschreibt in „The Water Knife“ (2015, (deutsch: „Water – der Kampf beginnt“, 2016) ebenfalls ein Zukunftsszenario extremer Wasserknappheit und den Kampf um die verbliebenen Wasserreserven und Wasserrechte am Colorado River im US-amerikanischen Südwesten. Sandstürme brechen über große Städte herein, die ohne ausreichend Zugang zum kostbaren Nass in Hitze und Staub verelenden. Wasser ist ein teures und knappes Gut geworden, das sich nicht mehr jeder leisten kann und mit der Dürre kommt auch die Nahrungsknappheit. Einige Bundesstaaten wurden bereits aufgegeben, an den Grenzen zu Staaten, die noch Wasservorräte haben, patrouillieren bewaffnete Wachen. Ausgemergelte Flüchtlinge aus Texas, Arizona und Mexiko werden vom Roten Kreuz und der Heilsarmee versorgt. Privilegierte Menschen mit ausreichend Einkommen und gut bezahlten Jobs ziehen in von der Außenwelt abgeschlossene bewachte Habitate, die Arkologien – Oasen in der Wüste, temperiert durch Umweltkontrollsysteme und mit verschwenderisch viel Wasser zum Trinken, für die Körperhygiene, auf Aquaponik-Plantagen und sogar für Wasserspiele.</p>
<p>Die Washingtoner Regierung hat kaum noch Kontrolle und so führen manche regionale Behörden ein Eigenleben. Wie Catherine Case, die „Königin des Colorado“. Sie verwaltet als Chefin der Wasserbehörde von Nevada das Wasser des Colorado und einiger Seen. Ihre Interessen verteidigt sie mit allen juristischen Mitteln und brutalen Sondereinsatzkommandos der Nationalgarde von Nevada, die auf Befehl mit Gewalt ganzen Stadtvierteln das Wasser abstellt.</p>
<p>Der Protagonist Angel Vasquez ist ein „Water Knife“ in solch einem Sondereinsatzkommando. Als das Gerücht über neu entdeckte Urkunden über unbekannte Wasserrechte aufkommt, schickt Catherine Case Angel Vasquez auf die Suche und die Leser:innen lernen seinen erbarmungslosen Alltag kennen: Verarmte Menschen prostituieren sich für den Zugang zu Wasser. Internationale Hilfsorganisationen und Chinesen leisten Entwicklungshilfe beim Aufbau von Wasserinfrastruktur und verteilen mitleidig Wasser oder Almosen an durstige US-Bürger:innen – der chinesische Yüan ist eine begehrte Währung. Zahlungsunfähige Menschen müssen einen Wettlauf mit hungrigen Hyänen antreten, die sie meist bei lebendigem Leib fressen – zum Zeitvertreib Privilegierter.</p>
<p>Bacigalupis Klimakrise macht US-Bürger:innen zu nahezu rechtlosen Flüchtlingen und hält heutigen US-Bürgern den Spiegel vor, für ihren verächtlichen Umgang mit Einwanderern vor allem aus Mittel- und Südamerika (siehe dazu <a href="https://www.cambridge.org/core/books/abs/cambridge-companion-to-twentyfirst-century-american-fiction/climate-fiction/09945EE121E9B62E2BB67A4DF5583CBD">Heather Houser in ihrem Aufsatz „Climate Fiction“</a>, 2021). Er extrapoliert in diesem Plot die aktuellen Entwicklungen zum umkämpften Wasser des Colorado-Rivers bedrückend real in die nahe Zukunft.</p>
<h3><strong>Fluten</strong></h3>
<p>Andere Climate-Fiction-Erzählungen spielen Szenarien für dicht besiedelte Küstenstreifen mit Metropolen bei steigendem Meeresspiegel durch. Eine der bekanntesten und eine Utopie par excellence ist Kim Stanley Robinsons „New York 2140“ (2018). In dieser Erzählung entwickelt er ein New York, in dem Lower Manhattan nach zwei gewaltigen Flutwellen 15 Meter unter Wasser steht. Die Wolkenkratzer-Immobilien, um deren Fundamente nun der Atlantik brandet, haben rapide an Wert verloren. Statt finanzstarker Firmen und Privatpersonen werden sie nun von Communities bewohnt, in denen viele Menschen in kleinen Abschnitten wohnen und dazu Gemeinschaftseigentum zum Arbeiten, Essen und für andere Tätigkeiten teilen.</p>
<p>Robinsons New York ist eine halb-aquatische Utopie: Aus Straßen sind Kanäle geworden, hohe Hängebrücken verbinden einzelne Türme und Quartiere miteinander, große Teile des Lebens sind genossenschaftlich organisiert und klimafreundlich, von Nahrungsmitteln bis zu Segelbooten und Luftschiffen. Angesichts neuer Stürme planen die Bewohner der Met Life-Tower-Community gemeinsam, die restliche Stadt aus den Klauen der Vermögenden und Börsenspekulation zu reißen und führen dafür einen couragierten Coup durch.</p>
<p>Weniger bekannt ist <em>„</em>Blackfish City“ (2018) – Blackfish ist eine englische Bezeichnung für Orcas. Darin beschreibt <a href="https://samjmiller.com/">Sam J. Miller</a> eine mögliche nahe Zukunft, in der sich viele Menschen wegen der Flutwellen in höhere Breitengrade zurückgezogen haben. Wie nach Qaanaaq, ein Ortsname, der an Grönland denken lässt: Diese Meeresmetropole ragt auf den stählernen Grundfesten einer ehemaligen Bohrplattform aus dem arktischen Ozean empor. Dort leben Flüchtlinge der untergegangenen Zivilisationen, in Stadtvierteln auf den stählernen Ausleger-Armen der Plattform getrennt nach Besitzenden und Besitzlosen. So schlafen in Arm 5 die Arbeiter in gestapelten Boxen, während andere Stahlarme bewachte, große Luxus-Domizile beherbergen. Qaanaaq ist abgeschieden, digitalisiert und durch Geothermie mit Energie versorgt. Diese nordische Meeresmetropole ist fragmentierter und rauer als eine heutige europäische Stadt: Die staatliche Ordnung ist implodiert und in den neuen Communitys herrschen extremistische religiöse Gruppen, kriminelle Banden oder Milizen.</p>
<p>Eines Tages taucht eine geheimnisvolle Frau per Boot in der HighTech-Meeresenklave auf, in Begleitung eines Eisbären und eines Orcas. Gewandet in Leder und Pelze und mit den beiden furchteinflößenden Tieren sorgt sie für Aufsehen und Aufregung. Sie ist genetisch manipuliert, ungeheuer stark und über Nanobonding mit Orca und Eisbär verbunden, ein Relikt eines gescheiterten biologischen Experiments des Transhumanismus aus der Vergangenheit. Aufgrund ihrer Verbindung mit dem Schwertwal wird sie <em>„Orcamancer“</em> genannt – in Anlehnung an den bekannteren Begriff <a href="https://www.onlinesprache.de/begriffe/netzkultur/necromancer/">Necromancer</a>. Die Ankunft der Orca-Lady lässt Miller aus der Sicht einiger Bewohner:innen Qaanaaqs erzählen. Einige haben gute Jobs und leben davon zufrieden, andere existieren in stetiger Angst ums Überleben. Das World Wide Web existiert nicht mehr, dafür gibt es das lokale Stationsnetz <em>„City Without A Map“</em>.</p>
<p>Das Leben in Qaanaaq ist ein typisches Climate-Fiction-Szenario: Nach dem Zusammenbruch staatlicher Ordnungen haben private Aktionäre diese Stadt errichtet, Immobilienmagnaten und kriminelle Organisationen betreiben und kontrollieren sie. Ihre Bewohner:innen bestehen aus Flüchtlingen unterschiedlicher Kulturen, Qaanaaq ist ein kultureller Schmelztiegel. Ausbeutung und Kriminalität, eine neue Krankheit und drohende Armut sowie die Angst vor Wohnraumverlust und Verbrechen sind allgegenwärtig und machen die Bewohner:innen erbarmungsloser. Aber Blackfish City ist nicht automatisch eine Dystopie: Die Protagonist:innen leben ihr Leben, mit Arbeit, Freundschaften und Freizeit. Die Stadt auf ihrem stählernen Fundament über dem Meer ist ihre Heimat; Freunde und Mitleid gehören ebenso zum Alltag wie das Ausgrenzen der bedrohlichen Orca-Lady.</p>
<p>Dass dieses Leben uns erbarmungsloser, schwieriger, brutaler erscheint, wissen sie nicht. Sie kennen es nicht anders und arrangieren sich mit den Umständen in ihrer Zufluchtsstätte über dem arktischen Ozean. Auf der Basis des disruptiven Ereignisses, der Klimakatastrophe, ist die Meeresstadt ein Kapitel der neuen Welt und der Anpassung der Menschen daran. Auch wenn uns ihr täglicher Kampf ums Überleben und ihre Angst schaudern lässt und wir eine solche Zukunft der zerfallenen Zivilisationen und des Untergangs des Humanismus als dystopisch empfinden.</p>
<h3><strong>Margaret Atwood: </strong><a href="https://tabitha-whiting.medium.com/climate-fiction-is-now-our-reality-a267bd1db4c7"><strong>„Die Klimakrise umfasst alles!“</strong></a></h3>
<p><a href="https://margaretatwood.ca/biography/">Margaret Atwood</a> ist eine der großen Literatinnen, deren Geschichten sich auch ins Imaginäre der Zukunft erstrecken. Ihr zentrales Thema ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft, extrapoliert in Zukünfte (<a href="https://www.dw.com/de/margaret-atwood-meisterin-der-schwarzen-utopie/a-40940895"><em>Sabine Peschel nannte sie eine „Meisterin der Schwarzen Utopie“</em></a>). Darum wird sie – wie auch <a href="https://www.ursulakleguin.com/biography">Ursula K. Le Guin</a> – oft als Science-Fiction-Autorin bezeichnet, auch wenn sie selbst ihre Werke als <em>„Speculative Fiction“</em> bezeichnet.</p>
<p>Margaret Atwood bezeichnet Science und Speculative Fiction treffend als gesellschaftspolitisches Experimentierfeld und als gesellschaftliches Experimentierfeld. Allerdings, so erklärt sie, seien diese Begriffe nicht trennscharf. Sie beschäftige sich mit Szenarien, in denen Gesellschaften durch Krisen unter Druck geraten und dann irrational Rettung in extremen Ideologien suchen, meist zum Nachteil der Frauen. Für die USA hatte Margaret Atwood solch eine Entwicklung in ihrem bekanntesten Werk „The Handmaid’s <em>Tale“</em> (deutsch: Der <em>Report der Magd</em><em>, 1987</em>) bereits 1985 postuliert. Auch wenn sie darin nicht explizit die Klima-, sondern eine multiple, umfassende Ökokrise als Hintergrund-Szenario beschreibt, schildert sie anschaulich, wie eine eigentlich aufgeklärte Gesellschaft in dieser Krisensituation in ein fanatisch religiöses und totalitäres Regime übergeht – und Frauen sind die Verliererinnen. Ihr Bestseller, dessen Verfilmung als Serie auch sehr erfolgreich war, ist in den USA allerdings <a href="https://www.chargerpress.com/home/banned-book-of-the-month-the-handmaids-tale">an vielen Schulen in Florida, Texas und anderen Bundesstaaten verboten</a>. Als Gründe dafür führen die dortigen Moralwächter die Erwähnung <em>„menschliche Sexualität“</em>, <em>„Inhalte, die bei Schülern Unbehagen auslösen könnten“</em>, sowie <em>„die Auseinandersetzung mit Feminismus und Extremismus“</em> an. Außerdem enthalte das Buch vulgäre Ausdrücke und sexuelle Aspekte, die nicht für Schüler:innen geeignet seien.</p>
<p>Frühzeitig hat Margaret Atwood die weitreichenden Auswirkungen der Klimakrise auf alle Lebensbereiche erkannt und literarisch umgesetzt. So spielt ihre „MaddAddam-Trilogie in einer Zukunft, in der der Klimawandel bereits eingetreten ist, in einer Welt voller Dürren, Wüsten, hoher Strahlung, toter Zonen in den Ozeanen und eines leblosen Great Barrier Reefs, in der der Meeresspiegelanstieg ganze Länder hat verschwinden lassen.</p>
<p>Außerdem mischt sie sich mit starken Worten und analytischen Äußerungen auch in den sozialen Medien und mit Zeitungs-Essays in die Diskussion zur Klimakrise ein, darum gilt sie als Umwelt- und Klimaaktivistin. So vertritt sie die Auffassung, dass Begriffe wie globale Erwärmung und Klimawandel verharmlosend seien: <em>„Sagen Sie nicht Klimawandel! Es ist eine Klimakrise, ein Notfall!“ </em>(so <a href="https://www.nzz.ch/feuilleton/kultautorin-margaret-atwood-sagen-sie-nicht-klimawandel-es-ist-eine-klimakrise-ein-notfall-ld.1794087">Margaret Atwood in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung</a> vom 1. November 2019, eine Zeitung, die nicht gerade dafür bekannt ist, dass sie die Klimakrise ernst nimmt). Damit spricht sie genau das aus, was die regelmäßigen <a href="https://www.ipcc.ch/">IPCC</a>-Berichte immer wieder betonen.</p>
<p>Atwood hatte 2009 für die ZEIT den Artikel: <a href="https://www.zeit.de/2009/50/Zukunft-des-Oels/komplettansicht">„Die Welt im Jahr 2050: Nach dem Öl“</a> verfasst und drei mögliche Zukunftsszenarien literarisch-fiktiv erkundet: <em>„Was werden wir tun: Uns solidarisieren, einander zerfleischen oder nach Island auswandern? Drei Zukunftsvisionen“</em>. 2015 veröffentlichte sie den Text unter dem Titel <a href="https://medium.com/matter/it-s-not-climate-change-it-s-everything-change-8fd9aa671804">„It’s not climate change. It’s everything change“</a> in englischer Sprache für das Medium-Magazin.</p>
<p>In diesen drei Zukünften entfaltet die Schriftstellerin ihre imaginative Kraft für Szenarien, wie wir unser Leben in der nahen Zukunft mit anderen Energien als Öl weiterführen, dem Ende unserer Öl-Welt zu entfliehen versuchen oder einen Endkampf um verbliebene Öl-Ressourcen führen werden. In präziser Konsequenz beschreibt sie nicht nur, wie wir neue, sparsamere Energieformen für Mobilität, Heizung, Kühlung und andere Anwendungen nutzen, sondern geht auch auf Details des Lebens ein, wie etwa Kleidung. So mutmaßt sie, dass die Kleidung der Zukunft aus der robusten Hanfpflanze oder recyceltem Kunststoff etwa aus Meeresmüll bestehen könne, ein inzwischen angesichts mancher Projekte gar nicht mehr unwahrscheinliches Szenario. Auch die Ernährung würde sich dann erheblich verändern müssen, aber da Menschen omnivor seien, sei dies unproblematisch. Nur von Fettleibigkeit aufgrund von Völlerei müsse man sich bei begrenzten Ressourcen wohl verabschieden.</p>
<h3><strong>Kim Stanley Robinson, der kämpferische Optimist </strong></h3>
<p><a href="https://www.kimstanleyrobinson.info/content/kim-stanley-robinson">Kim Stanley Robinson</a> gilt als <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-utopischer-visionaer/"><em>„Erzähler des Klimawandels“</em></a> (so auch der Titel des Buches von Fritz Heidorn mit und über Kim Stanley Robinson, Berlin, Hirnkost 2022). Er hat ebenfalls Literatur studiert und wurde mit wissenschaftsfundierter, interdisziplinärer und positiver Science Fiction erfolgreich. Seine Mars-Trilogie zur Besiedlung und dem Terraforming des Mars brachte ihm weltweit Ruhm und Fans. Auch er erkannte frühzeitig die Bedeutung der Klimakrise als <em>„the story of the next century“</em> (in Diego Arguedas Ortiz, <a href="https://www.bbc.com/culture/article/20190110-how-science-fiction-helps-readers-understand-climate-change">„How science fiction helps readers understand climate change“</a>, BBC, 15. Januar 2019).</p>
<p>Da Robinson selbst mit einer Naturwissenschaftlerin und Umweltchemikerin verheiratet ist, erlebt er <em>„science in action“</em>, als <a href="https://arena.org.au/remarks-on-utopia-in-the-age-of-climate-change/">Wissenschaft aus nächster Nähe</a>. Zwischen Utopie und <em>„Wissenschaft in Aktion“</em> sieht der Autor einen engen Bezug: <em>„to me the idea of science as a utopian coming-into-being has seemed both true and useful“</em>. Er ist daher nicht nur ein exzellenter Erzähler, sondern durchdringt und analysiert auch komplexe Sachthemen – wie die Klimakrise. Weiterhin kann er aufgrund seiner Naturerfahrungen bei extremen Bergtouren selbst in eisigen Wintern auf der Sierra Madre, bei zwei Antarktis-Aufenthalten und anderen überzeugend und sehr poetisch über die Natur und menschliche Natur-Erfahrungen schreiben.</p>
<p>Er ist Mitglied der <a href="https://www.dsausa.org/">Democratic Socialists of America</a> (der auch der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani angehört) und teilt die Auffassung des Weltklimarats <a href="https://www.ipcc.ch/">IPCC</a> über Zusammenhänge kapitalistischer Praxis, Klimakrise, Naturzerstörung und sozialer Ungerechtigkeit. In diesem Sinne entwickelt er Szenarien für post-kapitalistische Gesellschaften. Wissenschaftler:innen und ihre Visionen von einer besseren Zukunft für alle nehmen in seinen Plots eine zentrale Rolle ein. In den Climate Fiction-Szenarien geht es um rationale Entwürfe zum Klima- und Naturschutz sowie deren gemeinschaftliche Umsetzung. Gemeinschaftliches Lernen, Forschen und Handeln ist ein weiterer wichtiger Aspekt seiner Romane. Während viele andere Science-Fiction-Autor:innen futuristische Gadgets beschreiben, mit denen ihre Protagonist:innen ihren Alltag in der der Zukunft bewältigen, fordert Robinson seine Leser:innen zum eigenständigen Nachdenken über gemeinschaftliches Lernen und Arbeiten auf, um ein großes, übergeordnetes Ziel zu erreichen.</p>
<p>So schildert er in einem <a href="https://jacobin.com/2020/11/kim-stanley-robinson-socialist-novelist">Interview mit Robert Markley in „Jacobin“ vom 14. November 2020</a>, wie Einzelpersonen und Personengruppen Veränderungen bewirken können. In „Das Ministerium für die Zukunft“ beschreibt er eine nahe Zukunft der Erde und erzählt von der Verzweiflung der unter Hitze und Flutwellen leidenden und sterbenden Menschen sowie von der Frustration der Klimaschützer:innen und Wissenschaftler:innen. Da die Klimaschutzvereinbarungen international nicht funktioniert haben, soll eine neu gegründete UN-Behörde, das Ministerium für die Zukunft, darüber wachen. Allerdings finden die Forschenden des Zukunftsministeriums schnell heraus, dass die Klimaschutzregeln nicht umgesetzt werden und immer häufiger Tausende oder Zehntausende von Menschenleben fordern. Infolgedessen lässt er Forschende und Öko-Guerilla auf verschiedenen Ebenen dem Klimaschutz auch mit Einsatz von Gewalt Nachdruck verleihen, die einen Systemwechsel, in dem Nachhaltigkeit und Fairteilung belohnt werden, erreichen.</p>
<p>Solche postkapitalistischen Szenarien beruhen auf gemeinschaftlichem Handeln vieler Menschen. Die Bücher von Kim Stanley Robinson wurden mit der Zeit radikaler. Dies belegt sein <a href="https://www.wired.com/story/kim-stanley-robinson-red-moon/">Gespräch mit Adam Rogers in „Wired“ vom 22 Oktober 2018</a> schon in der Überschrift: „The Climate-Obsessed Sci-Fi Genius of Kim Stanley Robinson“. Seine Utopien sind nicht leicht konsumierbar. Dystopismus hält Robinson für billig. Stattdessen erarbeiten seine Protagonist:innen Lösungen. In seinem kurzen zu Beginn dieses Essays zitiertem Text „Dystopien jetzt!“ charakterisiert er <em>„Dystopien“</em> als schonungslose Bestandsaufnahme, der jedoch die „Visionen“ der Science Fiction entgegengesetzt werden müssen. Seine eigene Haltung bezeichnet er als kämpferischen Optimismus, <a href="https://news.berkeley.edu/2024/03/22/berkeley-talks-sci-fi-writer-kim-stanley-robinson/"><em>„angry optimism“</em></a><em>.</em></p>
<p>Aufgrund seines Engagements wurde <a href="https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-10-23/-and-now-we-recognize-the-speaker-from-the-future">Kim Stanley Robinson zur Klima-Konferenz COP 26 eingeladen</a>, um dort über die Kraft des Erzählens zu sprechen. Denn: während Wissenschaftler:innen mit professioneller Vorsicht über in der Zukunft liegende Unsicherheiten und Auswirkungen sprechen, finden viele Menschen es einfacher, den Klimawandel zu ignorieren, weil sie Veränderungen als unbequem empfinden. Um die <em>„kalten Daten“</em> des Klimawandels zu verstehen und sie in <em>„emotionales Gold“</em> zu verwandeln, erklärt Robinson, bräuchte es die <em>„Alchemie der Geschichten“</em>. Gerade seine Brückenschläge zwischen Fiktionen und Fakten machen ihn heute zum herausragenden Vordenker, der gleichermaßen erklärt und motiviert.</p>
<h3><strong>Climate Fiction – „Littérature engagée“ unserer Zeit </strong></h3>
<p>Climate-Fiction-Plots spielen oft in der nahen Zukunft, einer „Near Future“, und auf der Erde. Sie holen vertraute Umgebungen im Zeichen der Klimakrise aus der Komfortzone und entlarven sicher erscheinende Zufluchtsorte eine existentiell bedroht. Manchmal wird es nur ein wenig unkomfortabel, in anderen Fällen dystopisch-lebensbedrohlich, geradezu apokalyptisch. Dies macht den Leser:innen schmerzhaft bewusst, dass die Klimakrise auch sie betrifft und in der nahen Zukunft immer stärkere Auswirkungen auf ihren Alltag haben wird.</p>
<p>Plots wie Ridley Scotts Film „Blade Runner“ (1982, nach der Erzählung „Do Androids Dream of Electric Sheep“ von Philip K. Dick), der als Cyberpunk-Klassiker auch wichtige Elemente der Klimakrise enthält, sind auf mehreren Ebenen bedrohlich: Neben dem gesellschaftlichen Wechsel von einer funktionierenden Demokratie zu einer übermächtigen Herrschaft der Tech-Konzerne schaffen auch Dauerregen und Dunkelheit eine beklemmende Atmosphäre – das L. A. der nahen Zukunft im bräunlichen Smog wirkt bedrückend, die Protagonisten existieren in den Ruinen unserer heutigen Zivilisation. Dunkelheit und hastig heruntergeschlungene billige Nudelgerichte am Straßenrand, an dem der Hauptperson nicht nur Regen auf die Schultern trommelt, sondern auch Konzernschergen, verstärken das Unwohlsein.</p>
<p>Ein wichtiger Aspekt der Climate Fiction ist die starke Diversität der neuartigen Heldi:innen. Dies ist eng verknüpft mit der afroamerikanischen Autorin <a href="https://www.octaviabutler.com/theauthor">Octavia Butler</a> in den 1980er und 1990er Jahren: Mit ihren jungen afroamerikanischen Heroinen, die Missstände aktiv ansprachen und nach Auswegen suchten, brachte Butler vollständig neue Ideen und Perspektiven in die Phantastik. Ihre Near-Future-Plots und aktiven Protagonistinnen waren echte Innovationen in der bis dahin eher von <em>weißen</em> Männern dominierten Science Fiction, sie war eine phantasievolle Vorreiterin der Climate Fiction und der sozialen Verwerfungen der Klimakrise.</p>
<p>Das noch junge Genre der „Climate Fiction“ ist wegen der immer sichtbarer werdenden Krisen alles andere als eine Modeerscheinung, sondern viel mehr eine wichtige Antwort der Literatur auf die unzureichenden Reaktionen vieler Regierungen und Bevölkerungen auf diese existentielle Bedrohung. Climate Fiction will aufrütteln, zum Nachdenken bringen und aktivieren – sie ist engagierte Literatur, ganz im Sinne von Jean-Paul Sartres <em>„littérature engagée“</em>. Die Geschichten der Climate Fiction helfen, Sprachlosigkeit und Lähmung trotz gewaltiger Probleme zu überwinden. Wo die Wissenschaft abstrakte Datenmengen und Konzepte produziert und nüchtern erklärt, können Autor:innen die Kraft der Imagination einsetzen. Climate Fiction erzählt einen Alltag in, mit und nach der Klimakrise. Die Protagonist:innen sind keine ohnmächtigen Opfer, sondern Menschen, die mit ihren Fähigkeiten, ihrem Know-How und ihrem Wissen ihre Situation meistern. Gerade die sozialen Fähigkeiten und die Kooperation in Gruppen sind ihre besondere Stärke.</p>
<p>Innerhalb der Climate Fiction gibt es verschiedene Richtungen. Die vielleicht wichtigste ist der Solarpunk<strong>. </strong><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/solarpunk/">Einen guten Überblick über Manifeste und literarische Werke bietet Alessandra Reß</a> in ihrem Beitrag im Demokratischen Salon vom Oktober 2024. Das noch junge sonnige Subgenre entwickelt kreative Antworten auf das Leben in und mit der Klimakrise. Mit dem Ziel einer klimafreundlichen und besseren Zukunft für alle imaginiert es nicht nur die umsichtige und nachhaltige Nutzung vorhandener Ressourcen mit modernem Technik-Know-How, andere Formen der fairen Verteilung und nützliche Anwendungen aus Forschung und Wissenschaft, sondern auch eine bunte, lebensbejahende und praktische Umwelt und Ästhetik. Dieser Brückenschlag zwischen Technik und Natur ist ein wichtiges Element des Solarpunk. Das Genre ist nicht auf Literatur beschränkt, sondern intermedial, mit starken Bilderwelten.</p>
<p>Besonders wichtig dabei ist der didaktische Aspekt: So stammen Solarpunk-Anhänger:innen nicht nur aus der Science-Fiction- und Phantastik-Szene, sondern auch aus Umweltschutz, Ingenieurswesen, Maker-Szene, Softwareentwicklung und Open Source-IT. Auch das Teilen von Wissen, Know-How und Ressourcen ist elementarer Teil des Gemeinschaftsgefühls. Dazu kommt ein starker künstlerischer Aspekt voller schillernder Bilderwelten. Es ist eine Absage an demotivierende Dystopie. Stattdessen entwicket sie phantasievolle Ökotopien hoffnungsvoller Zukünfte. Solarpunk-Festivals sind bunte Treffen zum gemeinsamen Erleben und Diskutieren von Literatur, Kunst und Wissenschaft.</p>
<p>Climate Fiction tummelt sich interdisziplinär in Natur- und Geisteswissenschaften, setzt transmedial auf Wort, Bild und Emotion. Sie ist anwendungsbezogen, didaktisch und hochgradig politisch. Als engagierte Literatur regt sie zum Selbst-aktiv-Werden an. Gegen die individuelle Ohnmacht der Handlungsunfähigkeit stellt sie oft gemeinschaftliches Handeln für eine bessere Welt vor. Jede und jeder kann individuell oder als Teil einer Gruppe die eigene Geschichte beeinflussen und die Deutungshoheit über die Gegenwart und Zukunft übernehmen. Gemeinsam organisiert können wir mächtigen Kräften trotzen und politischen Druck aufbauen, um endlich zum Schutz der Menschen und unserer Biosphäre wirksamen Klimaschutz fairträglich umzusetzen. Damit können wir von Opfern zu Akteur:innen werden. In der Krisenbewältigung steckt gleichzeitig auch der Schlüssel für eine fairere Welt – schließlich hängen Klimakrise, Ökokrise und soziale Ungerechtigkeit eng zusammen.</p>
<p><strong>Bettina Wurche</strong>, Darmstadt</p>
<p>Die Autorin ist eine leidenschaftliche Meeresbiologin und Wissenschaftsjournalistin. Sie betreibt den <a href="https://meertext.eu/">Blog „Meertext“</a>. Sie beschäftigt sich seit 2022 intensiv mit dem Phänomen Climate Fiction. Dieser Essay ist ein Vorabdruck aus ihrem Sachbuch „Climate Fiction“, das im Herbst 2026 erscheinen soll.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, Internetzugriffe zuletzt am 8. Juni 2026. Titelbild: Berlin Friedrichstraße Utopia 2048, Artist: Aeeroscape &amp; Lino Zeddies, <a href="https://realutopien.info/visuals/berlin-friedrichstrasse-utopia-2048/">Realutopien</a> sowie Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0">Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Dilemmata in der Praktischen Philosophie</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/dilemmata-in-der-praktischen-philosophie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Apr 2026 06:55:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Dilemmata in der Praktischen Philosophie Luise Müller über Künstliche Intelligenzen und Internationales Strafrecht „(…) humans are not only capable of acting according to moral rules and principles, but over and above, they are also capable of constructively deliberating and questioning those rules, by asking whether they are an adequate normative reflection of any human’s  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Dilemmata in der Praktischen Philosophie</strong></h1>
<h2><strong>Luise Müller über Künstliche Intelligenzen und Internationales Strafrecht</strong></h2>
<p><em>„(…) humans are not only capable of acting according to moral rules and principles, but over and above, they are also capable of constructively deliberating and questioning those rules, by asking whether they are an adequate normative reflection of any human’s moral standing within their social relations.” </em>(Luise Müller, <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/mopp-2020-0054/html">Domesticating Artificial Intelligence</a>, in: Moral Philosophy and Politics 9.2, 2022)</p>
<p>Wie verändern Künstliche Intelligenzen die Beziehungen von uns Menschen zueinander? Die Berliner Philosophin <a href="https://www.luisemueller.com/">Luise Müller</a> unterscheidet die Beziehungen von Menschen untereinander, zwischen Mensch und Maschine sowie zwischen Maschinen untereinander. Menschen können moralische Entscheidungen treffen, Maschinen können dies nicht. Tiere können domestiziert, dressiert und erzogen werden, sodass es aussehen kann, als wäre es eine moralische Entscheidung, dass ein Hund einen Menschen nicht ins Bein beißt. Im Hinblick auf Künstliche Intelligenzen erörtert Luise Müller die Möglichkeit einer Domestizierung, analog zu Tieren.</p>
<div id="attachment_7985" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7985" class="wp-image-7985 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Luise-Mueller-Foto-privat.jpg 300w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7985" class="wp-caption-text">Luise Müller, Foto: privat.</p></div>
<p>Die an der FU Berlin tätige Philosophin Luise Müller engagierte sich zuvor an der Universität Hamburg und an der TU Dresden. Sie war Gastwissenschaftlerin am King’s College London und an der Columbia University. In ihrer Dissertation <a href="https://www.cambridge.org/core/books/abs/right-to-punish/right-to-punish/C89E78C88128A953DA913E1FA0F3343D">„The Right to Punish – Political Authority and International Criminal Justice“</a> (Cambridge University Press, 2024) befasste sie sich mit der Frage, was internationalen Gerichtshöfen die moralische und juristische Autorität gebe, einzelne Personen oder gar Staaten wegen internationaler Verbrechen zu verurteilen. Die Studie ist ein umfassender Beitrag zu den Grundlagen und zu Praxis und Durchsetzung von Menschenrechten und Völkerrecht. Sie enthält unter anderem eine ausführliche Beschreibung der Genese internationaler Strafgerichtsbarkeit von den Prozessen zum türkischen Völkermord an den Armeniern über die Nürnberger Prozesse bis hin zu dem insbesondere durch die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre ausgelösten Beschlüssen zur Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofes.</p>
<p>Auch in ihren weiteren Veröffentlichungen geht es um staatliche beziehungsweise überstaatliche Interventionen und Menschenrechte, unter anderem in Bezug auf die <a href="https://www.praktische-philosophie.org/zfpp/article/view/302/263">Gerechtigkeitstheorie von John Rawls</a> oder die Schriften von John Locke. Dabei lohnt sich auch ein Blick auf Aspekte der Science Fiction, beispielsweise in ihrem Aufsatz „Interstellare Gerechtigkeit — Star Trek&#8217;s Ideal einer speziespluralistischen Gesellschaft“ (in: Katja Kanzler / Christian Schwarke, Hg., Weitersehen — Visionen für die Gegenwart, Wiesbaden, Springer VS, 2019). Luise Müller beteiligte sich als Expertin an der von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit kuratierten Reihe <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/star-trek-und-die-politik/">„Star Trek und die Politik“</a>.</p>
<p>Ihr Engagement lässt sich mit den Begriffen „Praktische Philosophie“ oder „Praktische Anthropologie“ zusammenfassen. Letztlich geht es in diesem Kontext auch um Frage, welcher rote Faden Aspekte einer Regulierung Künstlicher Intelligenzen (oder Sozialer Medien) und einer internationalen Strafgerichtsbarkeit miteinander verbindet.</p>
<h3><strong>Ein interdisziplinärer Zugang zur Philosophie</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Philosophin, beschäftigen sich aber mit politischen, historischen, juristischen Themen, die auf den ersten Blick nicht der Philosophie zugeordnet werden. Wie verstehen Sie sich selbst als Wissenschaftlerin?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>In erster Linie als Philosophin. Ich bin in der Praktischen Philosophie tätig und diese umfasst die Ethik, die Moralphilosophie. Da kommt man unweigerlich mit verschiedenen anderen Disziplinen in Berührung. Ich sehe mich in den angrenzenden Bereichen nicht als Expertin, tue mich auch manchmal schwer, umfangreiche Erkenntnisse der Nachbardisziplinen herauszuarbeiten, aber ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei. </em></p>
<p><em>Ursprünglich habe ich auch Politikwissenschaften studiert und dort ein Grundwissen an Systematik und Aufbau der politischen Institutionen erworben. Hier sieht man natürlich die Unterschiede in der Herangehensweise gegenüber denjenigen, die nur Philosophie studiert haben. Ich verfüge über technisches Know-How, das erlaubt, eine andere Perspektive auf bestimmte Fragen einzunehmen. Die Stellen, auf denen ich bisher gearbeitet habe, waren alle interdisziplinär ausgerichtet.</em></p>
<p><em>Natürlich formen auch die Institutionen, in denen man arbeitet, sodass ich mich selbst in erster Linie als Philosophin bezeichnen würde. Das ist natürlich kein geschützter Begriff wie beispielsweise Ärztin. Philosophin können sich im Grunde alle nennen, ich würde daher das, was ich mache, als akademische Philosophie bezeichnen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Lehrveranstaltungen bieten Sie an?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich habe gerade eine Lehrveranstaltung mit dem Titel „Normative Philosophie der Künstlichen Intelligenz“ abgeschlossen, „normativ“ im Sinne der Regeln, die wir bräuchten, einhalten sollten, wenn wir uns mit KI befassen. Dazu gehören Fragen wie die, ob Künstliche Intelligenzen moralische Akteure sind oder ob wir einer KI moralisch etwas schulden. Es geht auch um systemische wie um existenzielle Risiken bei der Weiterentwicklung von KI, um domänenspezifische Fragen wie der nach KI in Kriegen, KI in der Demokratie, in den sozialen Medien. </em></p>
<p><em>Ich biete regelmäßig einen Kurs zur Einführung in die Praktische Philosophie an, den alle Studierenden der Philosophie im zweiten Semester besuchen müssen. Es geht von Aristoteles über Kant bis zu zeitgenössischer politischer Philosophie, Hannah Arendt zum Beispiel oder Jürgen Habermas. Ich biete auch Lektüreseminare zu bestimmten Denker:innen der Praktischen Philosophie an.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrer Forschung und Lehre haben Sie sich nicht nur mit KI befasst, sondern auch mit der Rolle der internationalen Strafgerichtsbarkeit. Das sind auf den ersten Blick weit voneinander entfernte Gebiete. Aber wo würden Sie den roten Faden sehen?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Das ist eine gute Frage. Es ist immer interessant, wenn jemand die Außensicht spiegelt und nach einem solchen roten Faden fragt. Eine grundlegende Frage ist aus meiner Sicht die Legitimität. Damit meine ich die Frage, ob bestimmte Institutionen wie beispielsweise der Internationale Strafgerichtshof oder der Europäische Gerichtshof legitimiert sind, in den Urteilen uns auch bestimmte Anweisungen zu geben, die wir befolgen sollten. Ähnlich ist es bei der KI. Inwiefern können wir sagen, dass Entscheidungen beim Einsatz von KI in staatlichen Strukturen Legitimität haben? Das umfasst nicht alles, wofür ich mich interessiere, aber es ist eine Perspektive, die ich als besonders wichtig sehe: Wann dürfen andere Personen über uns urteilen? Welche demokratischen Strukturen brauchen wir, um dies zu legitimieren?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind aus meiner Sicht Gründe, warum junge Menschen Philosophie studieren sollten!</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Viele denken, man könne heute mit Geisteswissenschaften keinen Blumentopf mehr gewinnen. Ein Kollege von mir sagte kürzlich, man sollte versuchen, mehr Doppelstudiengänge einzurichten, beispielsweise Computerwissenschaften und Philosophie, weil es dann eine besondere Kompetenz gibt, die auch bei Anstellungen später eine Rolle spielen könnte. Er meinte dies in der Annahme, dass sich zurzeit hier etwas ändert. Es reiche inzwischen nicht mehr aus zu programmieren, weil dies die KI immer mehr übernähme, aber die Philosophie ermögliche andere Zugänge. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann weiß man, was man macht, und reflektiert es.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es gibt ohnehin viele Fragen, die sich in den Disziplinen überlappen. Dazu braucht man in der Tat schon philosophisches Handwerkszeug.</em></p>
<h3><strong>Könnte man KI fehlerfreundlich gestalten?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Künstliche Intelligenz ist ein Thema der Science Fiction. Ich möchte ein Beispiel nennen: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fluide-subversivitaet/">„Denial of Service“ von Aiki Mira</a>. In diesem Roman geht es unter anderem um die Evolution von KI, Evolution des Menschen, gegebenenfalls im Widerspruch mit der Evolution der KI, um die Möglichkeit der Entwicklung eigener ethischer Normen der KI, auf die Menschen keinen Einfluss mehr haben. Wie autonom ist KI, wie autonom wird sie werden? Was bedeutet das für die Evolution des Menschen? Aber auch Kulturzeitschriften befassen sich mit dem Thema. Die Zeitschrift Merkur hat in ihrer <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/ausgaben/heft-923/">Aprilausgabe 2026</a> einen Schwerpunkt mit sechs Beiträgen zur KI veröffentlicht. Durchweg stellt sich die Frage einer möglichen <em>„Autonomie“</em> der KI beziehungsweise danach, was von der <em>„Autonomie“</em> des Menschen bleibt.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Man muss zunächst darüber sprechen, was mit „Autonomie“ überhaupt gemeint ist. Es gibt den sehr prägnanten Autonomiebegriff von Kant. „Autonomie“ bedeutet für ihn, dass ich mittels der Vernunft eigene Gesetze entwickeln kann, an die ich mich dann halte, nicht, weil ich bei Nicht-Beachtung sanktioniert würde, sondern weil ich das für richtig halte. Dieser Autonomiebegriff ist für die KI falsch. „Autonomie“ ist in Bezug auf KI ein technischer Begriff. KI kann bestimmte Dinge ohne menschliche Intervention erledigen, aber sie handelt im Unterschied zum Menschen nicht moralisch. </em></p>
<p><em>Sie fragen, ob KI der Evolution des Menschen folgen könnte. Ich sehe jedoch den Fakt, dass wir als Menschen biologische Organismen sind und dies im Unterschied zu einer KI eine große Rolle spielt. Es gibt Untersuchungen der kanadischen Sozialwissenschaftlerin </em><a href="https://engineering.jhu.edu/faculty/gillian-hadfield/"><em>Gillian Hadfield</em></a><em>, die gerade zur Johns Hopkins University in Baltimore gewechselt ist. Ihre Forschung ist exzellent. Sie hat die Sozialität, die Entwicklung sozialer Normen in der KI und dies auch für menschliche soziale Bewegungen untersucht. Es ist meines Erachtens jedoch schwierig, jenseits von Science Fiction zu spekulieren, Entwicklungslinien vorherzusagen. Es gibt sehr unterschiedliche Hypothesen, aber diese Vielfalt zeigt uns schon, dass eine Vorhersage für die Zukunft nicht empirisch untermauert werden kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt in den USA Bestrebungen, den Menschen zu optimieren, beispielsweise durch Einsetzen eines Chips wie das von Elon Musk propagierte Neurolink. Das ist auch Thema bei Aiki Mira, wo es eine Art <em>„Hirn-Stadt-Interface“</em> gibt oder auch der Romane „The Circle“ und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ausgezaehlt/">„Every“</a> von Dave Eggers. Jedes der in diesen Romanen beschriebenen Tools hat einen realen Hintergrund, es fehlt eigentlich nur die flächendeckende und umfassende Umsetzung. Ein Peter Thiel moralisiert solche Entwicklungen, indem er sich für berufen fühlt, den Kampf gegen einen angeblichen <em>„Antichristen“</em> anzuführen. Letztlich geht es um Steuerung von Menschen durch Tools Künstlicher Intelligenz. Für viele Menschen – nicht nur in Deutschland – ist die KI allein schon wegen der Debatte über solche Möglichkeiten ein Schreckgespenst.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich glaube, Thiel und Musk geistern zurzeit immer wieder durch die Berichterstattung. Das erklärt vielleicht auch die Irritationen in der Öffentlichkeit, zumal Thiel und Musk sich auch in die Politik in den USA einmischen, Musk auch in die europäische Politik, beispielsweise, als er bei einem AfD-Parteitag zugeschaltet wurde. Ich glaube schon, dass er auf eine gewisse Weise größenwahnsinnig ist. Neuralink ist medizinisch natürlich interessant, wenn beispielsweise jemand, der querschnittsgelähmt ist, auf diese Weise seinen Körper wieder steuern kann. </em></p>
<p><em>Peter Thiel vertritt die klassische libertäre Ideologie aus dem Silicon Valley. Mit seinem in den letzten Jahren immer heftiger formuliertem Kampf gegen den „Antichristen“ pflegt er letztlich anti-demokratische Emotionen, weil aus seiner Sicht die Demokratie einer besseren Welt im Wege stehe. Zur Überwachung dient schließlich eine Software wie Palantir, die auch in demokratischen Staaten attraktiv zu sein scheint.</em></p>
<p><em>Verbreiteter sind aus meiner Sicht jedoch die verschiedenen </em><a href="https://www.iese.fraunhofer.de/blog/large-language-models-ki-sprachmodelle/"><em>Large Language Models</em></a><em>, die uns verschiedene Dinge erleichtern, Steuererklärungen, das Sortieren von e-mails, die Fehleranalyse bei bestimmten Codes. Das hat einen anderen Charakter als das mit libertären und anti-demokratischen Personen verbundene Schreckgespenst. Diese Funktionen werden von sehr vielen Leuten genutzt. Ich sehe das bei meinen Studierenden, die aus Schulen kommen, in denen sie sie auch schon genutzt haben. Diese Art von KI sollte uns viel mehr interessieren, weil sie eine viel größere Auswirkung auf unsere alltäglichen sozialen Praktiken zu tun hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese Large Language Models machen vieles schnell verfügbar, was ich mir früher in Bibliotheken mühsam hätte zusammensuchen müssen, zu denen viele auch gar keinen Zugang hätten. In Suchmaschinen finde ich schon seit längerer Zeit zahlreiche thematisch für mich interessante Internetseiten, die ich mir dann anschauen konnte, mit den Large Language Models erhalte ich darüber hinaus eine ausformulierte Auswertung. Manche Debatten, die wir zurzeit über KI führen, erinnern mich aber auch an frühere Debatten über Gentechnik.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>In den 1990er Jahren gab es viele Debatten darüber, ob alles, was wir können, auch ethisch erlaubt sein sollte. Jürgen Habermas hat sich zum Beispiel damit beschäftigt. Diese Frage spielt auch in der KI-Debatte eine wichtige Rolle. Es gibt die These, dass eine KI sich irgendwann selbst verbessern kann und wir die Kontrolle darüber verlieren. Die KI macht dann was sie will. In den letzten zwei bis drei Jahren gab es gefühlt alle zwei Wochen öffentliche Briefe mit prominenten Unterzeichner:innen, die ein KI-Moratorium forderten. Sie sagten, wir stünden kurz vor einer Intelligenzexplosion und sollten – wie bei der Atombombe – erst dafür sorgen, dass wir die Risiken besser abschätzen und Sicherheit gewährleisten können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Solche Moratorien halte ich für ein aussichtsloses Unterfangen.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>:<em> Offene Briefe werden nicht viel nützen, das müssten schon Regierungen verlangen. Und dann möglichst alle. Es gibt Unternehmen, die Geld damit verdienen, es gibt aber auch ganz unterschiedliche Evaluationen zu den Risiken. Zwei Computerwissenschaftler aus Princeton, </em><a href="https://www.cs.princeton.edu/~arvindn/bio/"><em>Arvid Narayanan</em></a><em> und </em><a href="https://www.cs.princeton.edu/~sayashk/"><em>Sayash Kapoor</em></a><em>, sagen, KI ist eine normale Technologie wie die Erfindungen zur industriellen Revolution, beispielsweise die Dampfmaschine. Das bedeute nicht, dass die Entwicklungen der KI nicht gewaltig sein würden, aber es sei jetzt nicht die Art von existenziellem Risiko, das viele in der Debatte sehen. Es wäre nicht die Super-Ki, die eines Tages uns abschalten würde. Andere sagen, dass es eine enorme Transformation geben wird, wie wir arbeiten, lernen, uns sozial zueinander verhalten. Ich tendiere eher zu der ersten Sichtweise.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dann liege ich mit meiner Analogie zur Gentechnik gar nicht so falsch. Ich erinnere mich gut daran, dass <a href="https://ernst.weizsaecker.de/lebenslauf/">Ernst-Ulrich</a> und <a href="https://baumev.de/wp-content/uploads/2025/10/Portaet-von-Weizsaecker_Ecoropa.pdf">Christine von Weizsäcker</a> in einem Aufsatz den Begriff der <em>„Fehlerfreundlichkeit“</em> eingeführt haben (in: Klaus Kornwachs, Hg., <a href="https://openlibrary.org/books/OL2581021M/Offenheit_Zeitlichkeit_Komplexita%CC%88t">Offenheit – Zeitlichkeit – Komplexität – Zur Theorie der Offenen Systeme</a>, Frankfurt am Main / New York, Campus, 1984). <em>„Fehlerfreundlichkeit“</em> bedeutet im Grunde Rückholbarkeit.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Der Begriff der Fehlerfreundlichkeit ist für die Debatte um die KI in der Tat interessant. Es gibt </em><a href="https://www.frontier-lab.com/"><em>Frontier Labs</em></a><em>, privatwirtschaftlich organisierte Institutionen, die sehr viel in die Sicherheitsüberprüfung von Large Language Modellen investieren, mit eigenen Forschungsgeldern und die auch sehr transparent damit umgehen, was sie beim Stress Testing gefunden haben, die schauen, wie resilient die Tools gegenüber schlecht meinenden Nutzern sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Als Philosophin wäre es dann eine Ihrer Aufgaben, über solche Dilemmata zu forschen und zu lehren?</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Als Lehrende möchte ich Studierenden zeigen, dass es für viele Fragen, die sich im Alltag stellen, in der Kneipe, im privaten Umgang, intelligente Leute gibt, die sich darüber Gedanken gemacht haben. Das können wir uns anschauen. Stellung nehme ich zu den Dilemmata eher selten. Ich sehe meine Rolle darin zu zeigen, dass es diese Dilemmata gibt und dass es unterschiedliche Zugänge und Ansätze gibt. Unsere Studierenden arbeiten nachher in ganz unterschiedlichen Bereichen, sodass das, was wir in den Seminaren besprechen, auch in die Öffentlichkeit gelangt. Es gibt natürlich auch Philosophinnen und Philosophen, die in den Medien stärker Stellung beziehen wie beispielsweise Jürgen Habermas. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ausbildung zur Philosophin oder zum Philosophen dazu befähigt oder berechtigt. </em></p>
<h3><strong>Individuelle und kollektive Schuld vor dem Internationalen Strafgerichtshof</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Hintergrund stellt sich natürlich immer die Frage, wann etwas verbrecherisch wird. Diese Frage wird im Hinblick auf Trump, Thiel oder Musk auch immer wieder in den Feuilletons mancher Zeitung aufgeworfen. Sie haben sich mit diesem Thema sich in Ihrer Dissertation zum <a href="https://www.icc-cpi.int/about/the-court">Internationalen Strafgerichtshof</a> beschäftigt: „The Right to Punish“.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Einer meiner Dozenten in London sagte mir einmal, dass in der juristischen Ausbildung es in der Zeit, in der er studiert hatte, gerade einmal eine Sitzung zum internationalen Recht gegeben habe. Die Hauptfrage habe gelautet, ob Internationales Recht überhaupt Recht sei. Das hat sich inzwischen etwas verändert, aber es bleibt der Punkt, dass Rechtssysteme davon abhängig sind, ob es sich um das Recht von demokratisch verfassten Staaten handelt. Das haben wir auf der Weltebene natürlich nicht. Es gibt verschiedene Institutionen, die einzelne Funktionen des Rechtssystems abbilden, die auch im nationalen Recht abgebildet werden können, aber es gibt keine Weltregierung, die sagen könnte, sie schaffe ein Weltrecht, dass dann auch weltweit angewandt werden kann. </em></p>
<p><em>Daher fand ich die Frage interessant, was mit der Legitimität geschieht, wenn wir eine internationale Institution haben, die formal von einigen Staaten anerkannt wird, von anderen nicht, und die internationales Recht anwenden will, wie es auch im nationalstaatlichen Kontext kodifiziert ist. Das ist sehr fragil. Man sieht es auch in den politischen Diskussionen um den Internationalen Strafgerichtshof. Putins Sprecher sagte beispielsweise, er erkenne den Haftbefehl nicht an. Ich erinnere mich auch an den Haftbefehl gegen Umar al-Baschir, der den Haftbefehl als ein Stück Papier bezeichnete, das man zusammenknüllen und aufessen könne. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist letztlich eine Machtfrage. Die sudanesische Regierung kündigte im Jahr 2020 an, Umar al-Baschir an den Internationalen Strafgerichtshof auszuliefern, geschehen ist dies bis heute nicht. Putin zu verhaften dürfte ohnehin sehr schwierig werden. Es ist auch völlig offen, ob jemand Benjamin Netanjahu verhaften wird. 2012 wurde der ehemalige liberianische Präsident Charles Taylor zu 50 Jahren Haft verurteilt, die er in Großbritannien verbüßt, es gab Prozesse gegen mehrere Akteure in Jugoslawien, unter anderem den während des Prozesses verstorbenen ehemaligen Präsidenten Slobadan Milošević, gegen Verantwortliche für das Massaker in Srebenica, Ratko Mladić, der 2017 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sowie Radovan Karadžić, der 2019 ebenfalls zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es ist und bleibt eine Machtfrage, auch im nationalstaatlichen Kontext. Wir sind es in Europa, in Kanada, in den USA gewohnt, dass das Gewaltmonopol des Staates gilt.</em> <em>Die Polizei setzt Recht durch. Wie gut sie das macht, ist sicherlich manchmal eine berechtigte Frage, zum Beispiel zurzeit in den USA. Im internationalen Kontext gibt es dieses Gewaltmonopol nicht. Es gibt keine Polizei, die die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs durchsetzen kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich wage, es einmal so zu formulieren: Wir haben im internationalen Recht im Rahmen der Gewaltenteilung eine Legislative, die eine Institution wie den Internationalen Strafgerichtshof oder auf europäischer Ebene den Europäischen Gerichtshof einsetzt, eine Judikative, das sind dann zum Beispiel der Internationale Strafgerichtshof oder der Europäische Gerichtshof, aber keine Exekutive, die Beschlossenes umsetzt.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>:<em> Genau das ist die Machtfrage! Kein Staat der Welt möchte diese Macht abgeben. Man kann sich sogar aus verschiedenen UN-Institutionen herausziehen wie es die USA nicht nur unter Trump, auch schon vorher mehrfach gemacht hat. De facto liegt die Exekutive in der Hand der einzelnen Staaten. Der Internationale Strafgerichtshof ist auf die Mitwirkung der Länder angewiesen, die ihn anerkannt haben. Wenn Putin nach Deutschland käme, was er sicherlich nicht tun wird, müsste ihn die deutsche Polizei verhaften und nach Den Haag ausliefern. Als Oppositionspolitiker sagte Friedrich Merz noch, er werde Netanjahu bei einem Deutschlandbesuch wohl nicht verhaften lassen, inzwischen hat die Bundesregierung die Sprachregelung gewählt, ein Deutschlandbesuch Netanjahus stünde nicht an. Das ist gerade in einem Land wie Deutschland von Bedeutung, das von sich sagt, dass es die regelbasierte internationale Ordnung akzeptiert. Das passt natürlich nicht zusammen, wenn man dann in einem Fall eine Ausnahme macht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Inzwischen gibt es Verfahren in Deutschland gegen syrische Täter, beispielsweise gegen solche, die im Rahmen des Islamischen Staat Verbrechen begangen haben.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Das ist das </em><a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/823410/c84f89d5f3edf3c3220f5412dd3e39aa/WD-7-132-20-pdf-data.pdf"><em>Weltrechtsprinzip</em></a><em>. Es ist aus dem Kampf gegen Piraterie entstanden. Hier gab es Lücken in der Exekutive, weil die Weltmeere nicht territorial eingehegt sind. Das entstand auch schon im 19. Jahrhundert. Es erlaubt einzelnen Staaten, für bestimmte Verbrechen auch Personen, die nicht ihre Staatsangehörigkeit haben, zu verhaften und zu verurteilen. Ein prominenter Fall war die von einem spanischen Staatsanwalt nach dem Weltrechtsprinzip beantragte Verhaftung von Pinochet im Jahr 1998 nach einem medizinischen Eingriff in London. Es kam jedoch nicht zu einem Prozess, Pinochet konnte nach Chile zurückkehren. In solchen Fällen spielt es eine Rolle, was eine solche Verhaftung für die Beziehung zwischen den beiden betroffenen Ländern bedeutet und wie sich die jeweiligen Länder bei Widerständen verhalten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in Ihrer Dissertation herausgearbeitet, dass das internationale Strafrecht sich gegen bestimmte Personen richtet, nicht gegen Staaten. Das ist im Grunde ein Prinzip jeden Strafrechts. Verantwortlich für ein Verbrechen sind immer ganz bestimmte namhaft machbare Personen. Allerdings gibt es Ausnahmen, wenn beispielsweise eine Gruppe als <em>„terroristische Vereinigung“</em> eingestuft wird. Bis heute weiß niemand außer dem Todesschützen, wer die Morde der RAF begangen hat. Daher wurde eine Rechtsgrundlage geschaffen, sodass man RAF-Mitglieder für kollektiv begangenen Mord verurteilen konnte.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Es gibt vergleichbare Verfahren bei Mafia-Prozessen.</em> <em>Kollektive Schuld kann allerdings im Grunde nur moralisch konzeptionalisiert werden. Strafrechtlich ist das hochproblematisch, weil das Strafrecht massiv in die Autonomie und die Freiheit von einzelnen Personen eingreift. </em></p>
<p><em>Die Frage lautet: Wie kann ich eine Schuld bewerten, wenn das Verbrechen von jemandem begangen wird, der in einer Hierarchie von Kommandostrukturen handelt? Wie kann ich die persönliche Verantwortung einer Person in diesem Rahmen nachweisen? In den Protokollen des Internationalen Strafgerichtshofs ist dies sehr genau nachzulesen. Immer wieder wird gefragt, ob diese Person, die hier vor Gericht steht, den entsprechenden Befehl gegeben hat. Genauso war es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Briten sprachen von „summary punishment“, der Bestrafung aller Deutschen. Man hat sich dann aber dagegen entschieden und hat Individuen vor Gericht gestellt, denen nachgewiesen werden sollte und konnte, dass sie bestimmte Befehle gegeben haben, bestimmte Taten selbst begangen haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Kollektivschuld“ </em>ist gerade aus deutscher Sicht ein hochproblematischer Begriff und wurde oft genug als eine Art Anti-Kampfbegriff verwendet, um nicht zuletzt bestimmte Formen der Erinnerungskultur zu diskreditieren, im Hinblick auf die Nazis ebenso wie im Hinblick auf die DDR. Karl Jaspers hat zwischen <em>„Kollektivschuld“</em> und <em>„kollektiver Verantwortung“</em> unterschieden. Darüber schrieb <a href="https://www.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-yfaat-weiss">Yfaat Weiss</a> zuletzt in der Februarausgabe 2026 des Merkur: <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a>. Sie bezieht sich auf Karl Jaspers‘ Aufsatz „Die Schuldfrage“, eine Vorlesung aus dem Wintersemester 1945/46, unter anderem mit den <em>„Unterscheidungen zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld“</em>.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Ich würde auf dieser Unterscheidung bestehen. Wenn wir es plausibel finden, dass das Strafrecht auf völkerrechtliche Verbrechen angewandt wird, müssen wir darauf achten, dass auch dann, wenn es spezifische Gruppen gibt, die eine besondere Verantwortung haben, die strafrechtliche Verfolgung eine andere und stringente Beweisführung braucht, die auf die persönliche Verantwortung des Angeklagten abzielt. Davon zu trennen ist die Verantwortung aller Menschen, beispielsweise aller Deutschen, dass solche Verbrechen sich nicht wiederholen und dass daran erinnert wird, welche Verbrechen Deutsche verübt haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der stringente Nachweis einer Schuld war in Nürnberg schon allein deshalb plausibel, weil den Angeklagten damals die Todesstrafe drohte, die auch im Hauptprozess gegen die meisten Angeklagten verhängt wurde. Die Todesstrafe war damals in allen beteiligten Staaten möglich. Heute sieht dies anders aus, es gibt sie von den vier alliierten Staaten heute nur noch in den USA.</p>
<p><strong>Luise Müller</strong>: <em>Die Todesstrafe gibt es beim Internationalen Strafgerichtshof auch nicht. Es geht um lange Haftstrafen, die auch verhängt wurden. Aber auch das ist schon Grund genug für eine stringente Beweisführung.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. April 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Verfluchte aus Leidenschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:22:56 +0000</pubDate>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Verfluchte aus Leidenschaft</strong></h1>
<h2><strong>Die klaren Botschaften der Gisela Elsner</strong></h2>
<p><em>„Wer aktuelle Begriffe nicht nur als Schlagwörter verwendet, sondern versucht, sie im Hinblick auf ihre Bedeutung und auf die Konsequenzen, die sie im Rahmen der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit der Bundesrepublik haben, zu erörtern, der wird, auch wenn seine Verschleierungsmanöver und seine Ausflüchte noch so geschickt sind, früher oder später dank seiner Wortwahl und dank seiner Argumentationsweise seinen ideologischen Standpunkt preisgeben. Wer beispielsweise statt des Begriffs UNGLEICHHEIT den Begriff VERSCHIEDENHEIT einsetzt, der trifft Anstalten, die der Ungleichheit innewohnende Ungerechtigkeit zu beschönigen.“ </em>(Gisela Elsner, Politisches Kauderwelsch – Über auf den Hund gekommene politische Begriffe, in: Heinar Kipphardt, Vom deutschen Herbst zum bleichen deutschen Winter, München 1981, auch in: Gisela Elsner, Flüche einer Verfluchten – Kritische Schriften I, Berlin 2011)</p>
<p>Neben ihrem literarischen Œuvre hat Gisela Elsner ein umfangreiches essayistisches Werk hinterlassen, darunter zahlreiche Buchrezensionen für Hörfunk und Feuilleton, Zeitungsartikel und Radio-Features. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland von einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt in Paris, Rom und London hatte sie in den 1970er Jahren damit begonnen, sich – wie viele andere Autorinnen und Autoren ihrer Generation – auch journalistisch zu betätigen. Das bedeutete nicht nur eine wichtige Einnahmequelle neben den Verlagshonoraren, sondern bot auch die Möglichkeit, sich im literarischen Feld der Bundesrepublik zu positionieren und sich kulturkritischen Themen zu widmen. Die literaturkritischen Schriften sind insofern von besonderer Bedeutung, als sie nicht allein Elsners Auseinandersetzung mit den Werken anderer Autoren dokumentieren, sondern sich aus den Texten auch so etwas wie ein literarisches Programm Elsners ableiten lässt.</p>
<h3><strong>„Es gibt solche Schriftsteller und solche …“</strong></h3>
<p>Gisela Elsner teilte die Schriftsteller in zwei Kategorien ein: Auf der einen Seite diejenigen, die <em>„akrobatisch Unkenntliches kredenzen“</em>, auf der anderen Seite diejenigen, bei denen möglichst wenig im <em>„Geahnten“</em> bleibt, deren Texte <em>„nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges“ </em>an sich haben (NDR-Radiosendung „Meine Gedichte“, am 28. Oktober 1985, sie bezog sich auf Brechts Gedicht „Wenn es im Geahnten ist“ und auf dessen Schrift „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“). Damit wendet sich Elsner gegen eben jene ästhetisch-poetischen oder gar lyrischen Qualitäten der Sprache, die traditionell zu den Merkmalen der so genannten ‚schönen‘, sprich ‚hohen‘, Literatur zählen. Entsprechend lehnte sie in Bezug auf sich selbst auch die Bezeichnung <em>„Dichterin“</em> ab. In einem Brief vom September 1989 belehrt Elsner den befreundeten Autor Ronald M. Schernikau: <em>„(&#8230;) die Tatsache, daß Du mich als eine ‚geniale Dichterin‘ bezeichnest, finde ich unpassend. Denn ich bin eine schmutzige Satirikerin. Ich lege großen Wert darauf, keine Dichterin zu sein.“</em></p>
<p>Exemplarisch – und gleichermaßen symptomatisch – nennt Gisela Elsner in der Radio-Sendung vom Oktober 1985, in der sie ihre Lieblingsgedichte vorstellte, Rainer Maria Rilke und Bertolt Brecht als Vertreter der beiden verschiedenen literarischen Lager. Sie hat diese Position in ihrer letzten zu Lebzeiten erschienenen literaturkritischen Schrift, dem Essay „Bandwürmer im Leib des Literaturbetriebs“ (1989), noch einmal zugespitzt und mit marxistischem Vokabular angereichert: <em>„Es gibt solche Schriftsteller und solche. Die einen gehen davon aus, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt, die anderen gehen davon aus, daß das Bewußtsein das Sein bestimmt. Die erste Gruppe hat ein ziemlich bitteres, hartes Leben. Sie bekommt keine Literaturpreise, sie bekommt keine Stipendien, ihre Bücher werden schlecht verkauft und schlecht rezensiert. Die zweite Gruppe hat eine Chance, in die Bestsellerlisten aufzusteigen. Deren Bücher sind zwar unverständlich für die Mitwelt, aber gerade das Unverständliche wird ja für bedeutsam gehalten.“</em></p>
<p>Gisela Elsner zählte sich selbstverständlich zur ersten Gruppe. Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre Aufgabe als Schriftstellerin im Wesentlichen darin sah, <em>„die Mißstände der bürgerlichen Gesellschaft zu entlarven.“ </em>(in einem Gespräch mit Donna L. Hoffmeister, in: Hoffmeister, Vertrauter Alltag, gemischte Gefühle. Gespräche mit Schriftstellern über Arbeit in der Literatur, Bonn 1989). Dieser Sichtweise liegt ein Konzept schriftstellerischer Verantwortung zugrunde, das Elsner von jedem Autor, jeder Autorin einforderte: <em>„Schriftsteller sein heißt, einen Beruf zu ergreifen, der untrennbar mit einer Verantwortung im Hinblick auf die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse verbunden ist“,</em> heißt es in dem Essay „Bandwürmer im Literaturbetrieb“.</p>
<h3><strong>Satirikerinnen haben es nicht leicht</strong></h3>
<p>Gisela Elsner hat sich in verschiedenen Interviews immer wieder dezidiert zur Schreibweise der Satire bekannt, zugleich aber beklagt, dass eine solche Form der literarischen Zuspitzung stets als <em>„Vereinfachung“</em> abgetan und vom bundesdeutschen Feuilleton höchstens mit Verachtung wahrgenommen werde. In einem Gespräch mit dem Titel „Vereinfacher haben es nicht leicht“ mit den damaligen Herausgebern der DKP-nahen Literaturzeitschrift kürbiskern, Friedrich Hitzer und Klaus Konjetzky, hat Elsner die Vorurteile der Literaturkritik gegenüber der Satire noch einmal zusammengefasst.</p>
<p>Die Vorbehalte gegen die Satire sind nach wie vor vielfältig. Auch die Befreiung der Satire aus der Gattungsfixierung konnte ihr negatives Image, den ‚Makel der niederen Gattung‘, nicht wesentlich verbessern. Die Satire wurde im literarischen Diskurs in Deutschland seit der Goethe-Zeit nie ohne ästhetisches Vorurteil betrachtet und befindet sich nach wie vor in einer Grenzlage am Rande der Poesie. Die sozialistisch orientierte Literaturwissenschaft (in der frühen DDR und in anderen ehemaligen Ostblock-Staaten) sah die Ursprünge der ästhetischen Geringschätzung der Satire in den bürgerlichen Theorien des Komischen.</p>
<p>Der schärfste Einwand gegen die Satire betrifft allerdings weniger ihren ästhetischen Status als vielmehr ihren Gestus, sprich ihr aggressives Potential. Ganz in diesem – und sicherlich auch in Elsners – Sinne wurde die Satire in sozialistisch geprägten Literaturtheorien bereits früh als Mittel des (Klassen-)Kampfes begriffen: <em>„Der Satiriker bekämpft stets einen Gesellschaftszustand, eine gesellschaftliche Entwicklungstendenz, konkreter (&#8230;): er bekämpft eine Klasse, eine Klassengesellschaft.“ </em>(Georg Lukàcs, Zur Frage der Satire, in: <em>Internationale Literatur</em>, Nr. 4-5, Dezember 1932.)</p>
<p>In ihren Essays „Vereinfacher haben es nicht leicht“ und „Autorinnen im literarischen Ghetto“ macht Elsner zugleich darauf aufmerksam, dass Satiren von weiblichen Autoren in der BRD immer noch <em>„wie Bordellbesuche ausschließlich als Männersache“</em> betrachtet wurden. Wenn Elsner im oben zitierten Gespräch mit Hoffmeister proklamiert: <em>„Vor mir gab es Schriftstellerinnen wie Ina Seidel, Marie Luise Kaschnitz, Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger. Ich war die erste Frau, die eine Satire, nämlich <u>Die Riesenzwerge</u> schrieb“</em>, dann ist dies nicht nur als Provokation, sondern in gewissem Sinne auch als bewusste Anmaßung zu verstehen. Stellte das Auftreten der Frau als Autorin an sich schon eine Herausforderung männlicher Autorität dar, so maßte sich die weibliche Autorin, die sich auf das „männliche“ Terrain der Satire begab, eine Autorität an, die schon bei männlichen Satirikern als problematisch empfunden, bei Autorinnen jedoch glatt als blasphemische Provokation ausgelegt wurde. Ganz in diesem Sinne hieß es in einer Rezension zu Elsners Erstling „Die Riesenzwerge“ in der Rheinischen Post: <em>„Wegen dieses Blickes hätte man die Elsner vor ein paar hundert Jahren wohl als Hexe verbrannt.“</em></p>
<p>Selbstverständlich wusste Elsner, dass es vor ihr Autorinnen gab, die satirische Texte verfasst hatten, doch spielt sie mit diesem Statement gezielt auf die Tatsache an, dass es keine weibliche Tradition der Satire gab beziehungsweise gibt. Zugleich ernennt sich Elsner mit dieser Aussage selbst zur Begründerin einer solchen Tradition, die sich eine „männlich“ konnotierte Schreibweise aneignete. Während weibliche Autoren sich spätestens im 20. Jahrhundert in allen literarischen Gattungen etabliert hatten, blieb die Satire (bis auf wenige Ausnahmen) ein Terrain männlicher Schriftsteller. Elsner war davon überzeugt, dass sie – so im Gespräch mit Donna L. Hoffmeister – mit dem Erscheinen und mit der Auszeichnung ihres Erstlings „Die Riesenzwerge“ mit dem „Prix Formentor“ im Jahr 1964 <em>„allen Schriftstellerinnen eine gewisse Tür aufgemacht“</em> habe, dass diese es im Gegensatz zu ihr, die von der Kritik <em>„alles auf den Deckel“</em> bekam<em>, „es dann einfacher“</em> hätten.</p>
<p>Galt die politische Satire – zumindest unter linken Intellektuellen – in den 1970er Jahren noch als die reflektierteste, intelligenteste und daher achtbarste Form komischen Ausdrucks, so begann ihr Stern in den 1980er Jahren bereits rapide zu sinken. Hauptgrund für das Verschwinden der Satire aus der bundesdeutschen Literaturdebatte ist die Tatsache, dass satirische Schreibweisen quer zur Postmoderne, ihrer Literaturtheorie und ihrem Literaturkanon stehen. Satire lebt von all den Merkmalen, die gemäß der postmodernen Literaturtheorie tabu sind: Satirische Verfahren basieren vor allem auf deutlichen (positiven wie negativen) Wertzuweisungen; Satire muss Partei nehmen, muss Position beziehen; satirische Texte zeichnen sich durch einen Bezug zur Wirklichkeit aus; Satire ist in einem produktiven Sinne radikal, aggressiv und unversöhnlich; Satire ist bei allem Witz und aller Komik von einer gewissen Ernsthaftigkeit geprägt; sie lebt von einer kritischen Distanz zu ihrem Gegenstand; und sie ist auf politische Veränderung ausgerichtet.</p>
<p>So verwundert es nicht, dass die Satire im literarischen Diskurs der Postmoderne schon bald zu einem Schimpfwort mutierte. Pop-Polemiker wie Max Goldt (in seinem Nachwort zu „‚Mind-boggling‘ – Evening Post“, Zürich 1998, Reinbek 2005) propagieren die Meinung, Satire sei heute ein <em>„arger Outsider-Begriff“</em> und Satiriker seien <em>„uncoole Opas“</em>. Ungewollt trifft die Formulierung Goldts den Nagel auf den Kopf: Der Satiriker beziehungsweise die Satirikerin befindet sich zumeist tatsächlich in der Position des Outsiders, in einem <em>„literarischen Ghetto“</em>, wie Elsner es selbst bezeichnete. Auch wenn der Satiriker beziehungsweise. die Satirikerin heutzutage als eine <em>„unzeitgemäße Zumutung“</em> betrachtet wird, so könnte man mit Helmut Krausser (im Vorwort zu Albert Ostermaier, The Making of. Radio Noir, Stücke, Frankfurt a. M. 1999) kontern: <em>„Nur ein Anachronist kann letztlich auf der Höhe der Zeit sein – sofern man Zeit nicht durch bloße Gegenwart schmälern will.“</em></p>
<h3><strong>Abschied von Franz Kafka </strong></h3>
<p>Elsner hatte in ihren literarischen Anfängen mit verschiedenen literarischen Konzepten experimentiert. Die beiden ersten Romane „Die Riesenzwerge“ und „Der Nachwuchs“ stehen ganz im Zeichen der Literatur eines Franz Kafka und des Einflusses des nouveau roman. Mit Kafka hatte sich Elsner Zeit ihres Lebens auseinandergesetzt. Darüber sprach sie mit Matthias Altenburg (abgedruckt in dessen Buch „Fremde Mütter, fremde Väter, fremdes Land“, Hamburg 1985): Längere Zeit war Kafka <em>„der höchste Gott“</em> in Elsners <em>„poetische(m) Olymp“</em> gewesen. die junge Autorin war der Auffassung, Kafka habe ein für allemal die <em>„Formel für die Wirklichkeit“</em> gefunden, an der sie sich orientieren konnte. Doch mit dem Roman „Das Berührungsverbot“ (1970) erfolgte der Bruch mit dem Vorbild und eine Abkehr von dem <em>„verderblichen Einfluß Kafkas“</em>. Elsner hatte sich mit dem neuen Roman zur Form der Gesellschaftssatire bekannt und sich damit bewusst gegen die Groteske à la Kafka entschieden, und zwar mit dem Argument, dass jene – dies sagte sie in einem Gespräch mit Ekkehart Rudolph <em>„zu viel Spielraum für Interpretationen“</em> lasse (in: Ekkehart Rudolph, Protokoll zur Person: Autoren über sich und ihr Werk, München 1971).</p>
<p>In „Vereinfacher haben es nicht leicht“ schrieb sie: <em>„Heute erscheint mir dieser Angriff </em>(auf „Die Riesenzwerge“, C.K.)<em> insofern nicht ausreichend gezielt, als er sich hauptsächlich auf Erscheinungsformen konzentriert und die Frage nach den Ursachen der geschilderten Verhaltensweisen, das heißt der Barbarei, die da ineinemfort zum Durchbruch kommt, weder stellt noch beantwortet. Außerdem hat meine damalige Zügellosigkeit im Umgang mit grotesken und satirischen Elementen dazu geführt, daß die Wirklichkeitsbezüge oft beträchtlich gestört wurden. Es entstanden wiederholt Spielräume, in denen es dem Leser überlassen blieb, sich nach Belieben die Aussagen, die ihm in den Kram paßten, zusammenzubasteln. Erfahrungsgemäß reagiert die bürgerliche Kritik zum Teil euphorisch, wenn sie, statt mitdenken zu müssen, deuten darf.“</em></p>
<p>Man kann diese Aussagen Elsners insgesamt auch als Absage an postmoderne Text- und Rezeptionstheorien begreifen, die eine nahezu beliebige Auslegung literarischer Texte propagieren und sich der Interpretation verweigern. Elsner begreift die Mehrdeutigkeit des Grotesken also keineswegs als Stärke, sondern als Schwäche. Ganz in diesem Sinne äußerte Rudolf Bussmann in seiner Rezension des Romans „Abseits“ (1982) in der Basler Zeitung bereits den – rückblickend wohl nicht von der Hand zu weisenden – Verdacht, dass die „Riesenzwerge“ möglicherweise <em>„deshalb so gern zitiert </em>(werden)<em>, weil dieser Roman sich leichter in die Ecke der humorigen Unverbindlichkeit stellen“</em> lasse.</p>
<p>Im Kontext dieser Auseinandersetzung mit dem einstigen literarischen Vorbild ist der umfangreichste Essay dieses Bandes mit literatur- und kulturkritischen Beiträgen zu Kafkas „Amtlichen Schriften“ zu bewerten. Dem NDR-Kulturredakteur Hanjo Kesting gegenüber äußerte Elsner in einem Brief vom November 1987, dass der Kafka-Essay <em>„nach</em> (ihrem) <em>Dafürhalten nicht nur einen neuen Aspekt der Kafka-Interpretation“</em> darstelle, sondern auch verrate, dass ihre <em>„persönliche Beziehung zu Kafka eine höchst zwiespältige“</em> sei. In einer Diskussion der Amtlichen Schriften vor dem Hintergrund des literarischen Werkes versucht Elsner den Dichter Kafka gegen den Beamten Kafka auszuspielen. Doch beschränkt sich Elsners Kritik keineswegs auf die Schriften Kafkas, sondern bezieht sich darüber hinaus auf das <em>von „etablierten Kafka-Interpreten“</em> und der westdeutschen Kafka-Forschung propagierte Bild Kafkas als <em>„Prophet und Hellseher“</em>, zu dem die Schriften des Beamten Kafka, die entsprechend, so Elsner, <em>„hierzulande nur mit einer notorischen Ignoranz“ </em>wahrgenommen wurden, nicht so recht passen wollten.</p>
<p>Für die Existenz eines solchen <em>„blinden Flecks“ </em>in der Kafka-Forschung spricht unter anderem die Tatsache, dass die „Amtlichen Schriften“ 1984 zunächst nur im Ost-Berliner Akademie-Verlag erschienen, eine west- bzw. gesamtdeutsche kritische Ausgabe dieser Schriften folgte erst im Jahr 2004. Elsner stellt in Bezug auf Kafka fest, dass es diesem nicht immer gelinge, Berufung und Brotberuf auseinander zu halten, der Dichter Kafka <em>„pfusche“</em> dem Beamten Kafka gelegentlich ins Handwerk und umgekehrt. In Bezug auf die beiden Schriftsteller-Kategorien, die Elsner in ihrem Essay „Bandwürmer im Literaturbetrieb“ beschreibt, fällt das abschließende Urteil Elsners dann allerdings doch gegen das einstige Vorbild aus, sie schreibt in „Gefahrenssphären“: <em>„Die Prämisse der Dichtung des Dichters Kafka, der es der menschlichen Erkenntnisfähigkeit abspricht, den Sinn der Weltordnung auch nur erahnen zu können, ist höchst fragwürdig. Sie läßt außeracht, daß es im Hinblick auf Gedeih und Verderb der Menschheit vorerst um die Ergründung der auf dem Planeten Erde obwaltenden konkreten Gesetzmäßigkeiten geht. Die Darstellung einer völligen Undurchschaubarkeit der irdischen Gesetzgebung und der völligen Undurchdringbarkeit einer hierarchischen Instanzenordnung ist äußerst unrealistisch. Nur durch eine strikte Ausklammerung der für die obwaltenden Mißstände Verantwortlichen gelingt es dem Dichter Kafka, eine auf kompakte Interessen fußende Gesellschaftsordnung vom Fundament der Wirklichkeit zu trennen.“</em></p>
<h3><strong>Hinwendung zu Émile Zola</strong></h3>
<p>Nach eigener Aussage erfolgte die Ablösung vom Vorbild Kafka durch die Lektüre der französischen Realisten beziehungsweise Naturalisten, insbesondere der Werke Zolas (siehe „Bandwürmer im Literaturbetrieb“). In Interviews nannte Elsner – neben Kafka, Heinrich Mann und Brecht – immer wieder Émile Zola als eines ihrer großen literarischen Vorbilder, so in ihrem Gespräch mit Matthias Altenburg: <em>„(&#8230;) so haben mich die Bücher Zolas doch gelehrt, daß man genau recherchieren, das heißt, in der Wirklichkeit hausieren gehen muß. Mir imponierte das, und ich hoffte, daß dieses Verfahren auf irgendeine Weise übertragbar sei ins 20. Jahrhundert und auch auf die Realität der Bundesrepublik.“</em></p>
<p>Gustave Flaubert musste Elsner nicht explizit nennen, hatte sie doch mit ihrem Roman „Abseits“ (1982), einer zeitgenössischen Bearbeitung der „Madame Bovary“, eine Hommage an den Autor vorgelegt. „Die Bovary aus der Trabantenstadt“ lautete der Titel einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung. Es ist der Stil der verweigerten Einfühlung, der so genannten <em>„impassibilité“</em>, der Elsner mit Flaubert verbindet. Vor dem Hintergrund dieser eindeutigen Vorliebe für die französischen Naturalisten verwundert es nicht, dass Theodor Fontane, als Vertreter eines bürgerlichen Realismus deutscher Prägung, in dem Essay mit dem Titel „Wie man sich einfach unmöglich macht“ über die Darstellung von Ehebrecherinnen in der Weltliteratur nicht besonders gut wegkommt. Ähnlich wie im Falle Kafkas versucht Elsner, Fontanes Werk an dem realen Fall zu messen, der dem Roman „Effi Briest“ zugrunde liegt. Entsprechend gnadenlos geht Elsner mit Fontane ins Gericht, wenn sie ihn – im Gegensatz zu den anderen Autoren von Weltrang – als <em>„Moralapostel“</em> und <em>„Möchtegern-Realisten“</em> bezeichnet.</p>
<p>Die zuweilen über das Ziel hinausschießende Härte gegenüber Fontane und seinem Werk lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass Elsner im Hinblick auf das Thema Ehebruch doppelt befangen war: Zum einen war sie selbst aufgrund des Ehebruchs mit ihrem damaligen Geliebten und späteren (zweiten) Ehemann, dem Maler Hans Platschek, nach damaligem Schuldscheidungsrecht 1963 von Klaus Roehler geschieden und als <em>„schuldige“</em> Partei des Sorgerechts für den damals vierjährigen Sohn beraubt worden, zum anderen hatte ihre jüngere Schwester Heidi 1981 im Alter von 33 Jahren Selbstmord begangen, als sie für sich nach einer Ehebruchsaffäre keine Perspektive mehr sah. Elsner hatte die brutalen Auswirkungen der so genannten bürgerlichen (Doppel-)Moral in Bezug auf das Gebot der ehelichen Treue also am eigenen Leib erfahren. Das Schicksal ihrer Schwester verarbeitete Gisela Elsner – zusammen mit eigenen Erfahrungen – in dem 1982 erschienenen Roman „Abseits“ – dem einzigen Roman, in dem die Autorin so etwas wie Mitgefühl für die Protagonistin zulässt. Entsprechend bezeichnete Elsner diesen Roman im Gespräch mit Matthias Altenburg in einer Art Annäherung an einen bekannten Vertreter des Sozialistischen Realismus rückblickend ein wenig abwertend als ihren „Bredel“.</p>
<h3><strong>Absage an die „Neue Frauenliteratur“</strong></h3>
<p>Elsner stand der Erfindung des Labels „Frauenliteratur“ von Anfang an kritisch gegenüber. Auch in dieser Hinsicht war sie ihrer Zeit voraus: Bereits im April 1969 stellte Elsner in einem Brief an den Rowohlt Verlag klar, dass sie <em>„sehr empfindlich“</em> sei, wenn man sie <em>„mit Frauenliteratur in Verbindung brächte“</em>. Sie hielt den Begriff und das Konzept nicht nur für höchst problematisch, sondern zugleich auch für eine Form der (Selbst-)Diskriminierung: <em>„Eine solche Etikettierung der unterschiedlichsten Bücher aufgrund der gemeinsamen biologischen Merkmale ihrer Verfasserinnen läßt sich weißgott nicht als ehrenvoll bezeichnen“</em>. Mit Hilfe der Bezeichnung <em>„Frauenliteratur“</em> gelinge es der Literaturkritik, „<em>Bücher, die miteinander sprachlich und inhaltlich nichts gemein haben, über einen Kamm zu scheren, nur weil sie von Frauen verfaßt worden“</em> seien, so Elsner in „Autorinnen im literarischen Ghetto“.</p>
<p>Im Literaturkanon der Frauenforschung und der feministischen Literaturwissenschaft finden sich bevorzugt Werke von Autorinnen, die sich explizit mit Problemen von Frauen beziehungsweise Aspekten der Geschlechterdifferenz beschäftigen und weitestgehend auch mit den theoretischen Ansätzen einer feministischen Literaturwissenschaft kompatibel sind. An einer solchen thematischen Ausrichtung ist Gisela Elsner, die in Interviews provokativ behauptete, sie wäre lieber als Mann auf die Welt gekommen, jedoch nicht interessiert gewesen. Sie sagte im Gespräch mit Donna L. Hoffmeister: <em>„Jetzt machen sie Anthologien, in denen nur Schriftstellerinnen erscheinen. Daran nehme ich auch nicht teil, weil ich diesen biologischen Aspekt einfach nicht akzeptiere. Ich kann auch mit dem, was Frauen über sich selbst heute schreiben, nichts anfangen. Das sind alle[s] Probleme, die mich nicht interessieren.“</em></p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs <em>„merkwürdig“</em>, dass <em>„die Feministinnen sie ignorierten und jedenfalls bis heute nicht wiederentdeckt haben“</em>, wie Katharina Rutschky anlässlich des Erscheinens des Briefwechsels zwischen Gisela Elsner und Klaus Roehler 2002 in der Frankfurter Rundschau konstatierte. Elsner wurde – wie auch anderen Autorinnen ihrer Generation – von feministischer Seite aus vorgeworfen, dass keinerlei feministische Perspektive in ihren gesellschaftskritischen Texten zu erkennen sei. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Elsner sowohl in Studien der historischen Frauenliteraturforschung als auch in der feministischen Literaturwissenschaft bisher – wenn sie überhaupt erwähnt wird – lediglich eine marginale Position unter dem Stichwort „Schwarzer Realismus“ zugeordnet wurde.</p>
<p>Zwar gibt es unter den Werken Elsners einige, in denen Geschlechterordnung, Ehe, Macht und Sexualität eine zentrale Rolle spielen – so etwa „Das Berührungsverbot“, „Abseits“ und „Die Zähmung“. Doch werden Frauen bei Elsner nicht in erster Linie als „Opfer“ der patriarchalen Ordnung präsentiert, sondern (wie etwa die Ehefrauen im <em>„Berührungsverbot“</em>) als Komplizinnen und (Teil-)Profiteure dieser Ordnung und/oder als ebenso dominant und herrschsüchtig, sobald sich für sie die Gelegenheit bietet, in eine entsprechende Machtposition zu gelangen (wie Bettina Begemann in „Die Zähmung“). Der Roman <em>„Die Zähmung“</em> ist jedoch nicht nur die „Chronik einer Ehe“, wie es der Untertitel verheißt, sondern zugleich eine bitterböse Abrechnung mit dem Zweig der trivialen Frauenliteratur der 1980er und 1990er Jahre – so Barbara Vinken in „Die deutsche Mutter – Der Lange Schatten eines Mythos“ (München 2002) als <em>„institutionalisierte Sparte, in der die Angst, nicht ganz Frau zu sein, beruhigt und trotzdem das Begehren befriedigt wird, als Frau etwas mehr sein zu können.“</em></p>
<p>Bettina Begemann, die Protagonistin der „Zähmung“, steht stellvertretend für zahlreiche Bestsellerautorinnen in der Nachfolge Marie Louise Fischers, mit denen Elsner sich in den Aufsätzen „Das lukrative Gewerbe einer Kerkermeisterin“ und „Der Ruf der großen Mutter“ auseinandersetzt: <em>„Was Marie Louise Fischer betrifft, so begnügt sie sich nicht damit, ihren Lesern mit ihren Romanen, wie sie es betont, ‚Gelegenheit‘ zu geben, ‚dem grauen Alltag mit all seinem Verdruß‘ zu entfliehen. Sie führt ihre Leser ganz bewußt in die Irre, indem sie ihnen das als Ausweg verkauft, was nur für ihre der Wirklichkeit entwischenden Helden und Heldinnen ein Ausweg sein kann. Daß die Autorin, obwohl sie in der Rolle einer Ratgeberin für alle Lebensfragen nicht einmal sonderlich glaubwürdig wirkt, Vertrauen erweckt, zeugt wohl weniger von der Gutgläubigkeit als von der Desorientierung ihrer Leser, die auch für Wegweiser, die in die falsche Richtung zeigen, dankbar zu sein scheinen.“ </em></p>
<p>Auch in dieser Hinsicht hat Elsner einmal mehr ihre vorausschauenden Fähigkeiten bewiesen, scheint ihre Kritik doch bereits die Fortführung dieser Tradition des affirmativen Frauenromans vorwegzunehmen, die nach Elsners Tod mit der Autorin Hera Lind, insbesondere mit dem Roman „Das Superweib“ (1994), einen (weiteren) vorläufigen Höhepunkt finden sollte.</p>
<p>In dem Roman „Die Zähmung“ stellt Elsner auch die Gefahren und Probleme dar, die mit der Proklamation einer ‚weiblichen Ästhetik‘ verbunden sind – ein Thema, das in den feministischen Literatur- und Kunstwissenschaften Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre – gerade auch im Kontext der Auseinandersetzung mit den Werken Elfriede Jelineks – engagiert diskutiert wurde. Die Behauptung einer „weiblichen Ästhetik“ birgt – nicht nur aus Elsners Sicht – die Gefahr, essentialistische beziehungsweise biologistische Aspekte der Geschlechterdifferenz fortzuschreiben, indem weibliche Kunst auf Kriterien festgeschrieben würde, die sich mit den altbekannten Weiblichkeitsstereotypen decken: Autobiographische Züge, Sensibilität, Emotionalität, Inkonsequenz und Irrationalität, Selbstbespiegelung und Selbstfindung. Werte wie <em>„Originalität, Objektivität, Sachlichkeit, die Fähigkeit, logisch zu denken, die Fähigkeit, größere Zusammenhänge zu erfassen, sowie die Souveränität, die durch Witz, Satire und Ironie zum Ausdruck kommt“</em> (in: „Autorinnen im literarischen Ghetto“), blieben somit auch weiterhin ausschließlich für männliche Autoren reserviert. Im Gespräch mit Donna L. Hoffmeister sagte sie: <em>„Ich schreibe nicht so, wie eine Frau ihrer Ansicht nach schreiben muß. Sie haben immer wieder versucht, mich in diese Frauenliteratur hineinzuschieben. Ich passe einfach nicht hin. Ihre bösartigen Bemühungen haben nichts genutzt. Sie können mich als schreibende Frau nur aus biologischen Gründen erwähnen.“</em></p>
<h3><strong>Kritik an Feminismus und Frauenbewegung</strong></h3>
<p>Im Gegensatz zu Elfriede Jelinek, die sich stets mehr oder weniger (selbst-)kritisch mit feministischen Thesen und Themen auseinandersetzte, sich aber nie wirklich ablehnend gegenüber dem Genre der „neuen Frauenliteratur“ und dem Feminismus der 1970er und 1980er Jahre geäußert hatte, erteilte Elsner der Debatte um „weibliche Ästhetik“ und dem radikalen „Mütterlichkeits-Feminismus“ bundesdeutscher Prägung in der für sie typischen satirisch-polemischen Art und Weise eine klare Absage. Die Einwände, die Elsner in einem Stern-Artikel von 1984 formulierte, zählen inzwischen zu den allgemeinen Erkenntnissen einer neueren Geschlechterforschung. Das betrifft die Einsicht, dass der Feminismus der 1970er und 80er Jahre weitestgehend eine Bewegung ‚weißer intellektueller Frauen‘ war, „(d<em>)ie Tatsache, daß die Parole der feministischen Wortführerinnen nicht GLEICHEN LOHN FÜR GLEICHE ARBEIT lautet, sondern letztlich auf ein OHNE EVAS RIPPE KEIN ADAM hinausläuft, zeigt nur ein weiteres Mal, daß die Frauenbewegung keine Bewegung der unteren Schichten ist.“</em> (in: „Der Ruf der großen Mutter“) ebenso wie auch die Erkenntnis, dass der von der Frauenbewegung gefeierte Katalog sogenannter „weiblicher“ Eigenschaften die traditionelle Geschlechterordnung gewissermaßen bestätigte und man in der Glorifizierung der Mutterschaft durchaus Anklänge an den Mutter-Mythos des Dritten Reiches erkennen konnte, wie Elsner es in ihrer Polemik im Stern andeutet: <em>„Die Aufwertung der FRAU zum universellen Leid hat nur zur Folge, daß die von Weiberverächtern ersonnenen sogenannten ‚weiblichen‘ Eigenschaften, deretwegen das schwache Geschlecht seit Jahrtausenden sattsam mit Geringschätzung bedacht worden ist, jetzt in den Himmel gehoben werden.“</em></p>
<p>Zwischenzeitlich hatte sich die Geschlechterforschung entsprechend kritisch mit den Ansätzen und Zielen der neuen Frauenbewegung und den Unzulänglichkeiten feministischer Theoriebildung auseinandergesetzt. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre war eine solche (selbst)kritische Haltung – zumal von einer „Geschlechtsgenossin“ – noch umstritten. Entsprechend wurde Gisela Elsner mit ihrer radikal kritischen Haltung denn auch als Nestbeschmutzerin, als Komplizin des Patriarchats wahrgenommen. Rückblickend muss man den Weitblick und die Unbestechlichkeit der Autorin in Sachen Geschlechterpolitik anerkennen. Nicht umsonst wurde Elsner in einem Nachruf als eine <em>„späte Schwester Kassandras“</em> bezeichnet.</p>
<p>Zwar hat sich Elsner in verschiedenen Essays und Interviews immer wieder dezidiert von bestimmten (bundesdeutschen) Ausprägungen des Feminismus abgegrenzt, doch würde man der Autorin und ihrem gesellschaftskritischen Anliegen wohl nicht gerecht werden, wenn man sie als „antifeministisch“ bezeichnen wollte. In ihrem Aufsatz „Frauen im literarischen Ghetto“ (1983) kritisiert Elsner – durchaus in einem feministischen Sinne – die patriarchalen Strukturen des Literaturbetriebs: <em>„Obwohl die ernstzunehmenden Schriftstellerinnen in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr offen diskriminiert werden, läßt sich ihre Situation nach wie vor nicht als beneidenswert bezeichnen. Es ist ihnen nämlich noch immer nicht gelungen, sich innerhalb des von Männern beherrschten Kulturbetriebs die Geltung zu verschaffen, die ihnen eigentlich zukommen müßte. Dies soll nicht heißen, daß sie etwa totgeschwiegen würden. Im Gegenteil: Niemand kann bestreiten, daß ihre Bücher bei der bürgerlichen Literaturkritik Beachtung finden. Doch könnte die Art und Weise, in der diese Bücher beachtet und rezensiert zu werden pflegen, nicht fragwürdiger sein. Wenn man in den Feuilletons die Rezensionen der Neuerscheinungen liest, die bundesdeutsche Autorinnen verfaßt haben, wird man den Verdacht nicht los, daß viele männliche Kritiker Frauen, die einer schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen, noch immer nicht für ganz normal zu halten scheinen. Entsprechend werden die Bücher von weiblichen Autoren nur höchst selten nach den kritischen Normen und nach den ästhetischen Kriterien bewertet, die männlichen Autoren gegenüber geltend gemacht werden. Vielmehr räumt man ihnen (&#8230;), mit einer verletzenden Generosität, (&#8230;) eine Sonderstellung innerhalb der Literatur ein.“ </em></p>
<p>Mit einer solchen Äußerung positioniert sich Elsner jedoch genau zwischen zwei Stühlen. Auf der einen Seite kritisiert sie – ganz im Sinne der feministischen Literaturwissenschaft – eine männlich dominierte Literaturkritik, die die Werke von weiblichen Autoren systematisch diskreditiert. Gleichzeitig weist sie jedoch darauf hin, dass die neu eingerichtete Nische der „neuen Frauenliteratur“ eben diesem Literaturbetrieb in die Hände spiele, indem die Trennung zwischen „weiblicher“ und „männlicher“ Literatur beziehungsweise Ästhetik aufrechterhalten, wenn nicht gar verstärkt werde. Es sind in jüngster Zeit verschiedene Versuche gemacht worden, die Position Elsners genauer zu beschreiben. In Anlehnung an Kleists berühmtes Diktum zu der in der Figur des Michael Kohlhaas angelegten Paradoxie ließe sich im Hinblick auf Elsner vielleicht folgende These formulieren: eine feminismuskritische und <u>zugleich</u> radikalfeministische Schriftstellerin. In einem radikalfeministischen Sinne forderte Elsner im RIAS Berlin in einer Sendung vom 25. Juli 1974 (Titel: „‚Ich bin wie jede andere‘: Schriftstellerinnen in der Bundesrepublik Deutschland“): <em>„Frauen sollten sich so verhalten, als gäbe es keine Männer.“</em> In dieser Sendung legte Elsner – obwohl sie im Gegensatz zu den anderen Autorinnen kaum zu Wort kam – noch einmal ihren Standpunkt gegenüber den Forderungen einer feministisch engagierten neuen Frauenbewegung dar. Für Elsner waren die Errungenschaften der Frauenbewegung lediglich Anzeichen einer <em>„Scheinemanzipation“.</em> Armin Halstenberg fragte Gisela Elsner <em>„Sind Sie eine emanzipierte Frau?“ </em>(in: Nürnberger Nachrichten vom 11. Januar 1971). Sie antwortete: <em>„Wirklich emanzipierte Frauen würden in Deutschland gelyncht.“</em></p>
<p>Während Elsner sich durchaus für reale Verbesserungen des sozialen, politischen und ökonomischen Status von Frauen engagierte, warf sie den Feministinnen eine <em>„Veräußerlichung der Probleme“</em> vor, indem diese sich bevorzugt um die Feinheiten einer politisch korrekten Sprache oder der Kleidung (<em>„Hosen statt Röcke“</em>) kümmerten als um eine umfassende Gleichheit im politischen und sozialen Sinne. Der poststrukturalistisch-feministischen Überzeugung, dass Sprache beziehungsweise Schrift der Ort sei, an dem gesellschaftliche Wirklichkeit wie individuelles Bewusstsein sich konstituieren, stand Elsner eher skeptisch gegenüber, obwohl auch sie – wie Elfriede Jelinek – eine Meisterin der Sprachsatire war.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>, Hamburg</p>
<p>Der Text ist eine an einigen wenigen Stellen bearbeitete Übernahme des Nachworts von Christine Künzel zur 2011 im Verbrecher Verlag veröffentlichten Essay-Sammlung „Im literarischen Ghetto“. Er wird hier mit dem freundlichen Einverständnis der Autorin und des Verlegers Jörg Sundermeier veröffentlicht, weil die elfbändige Ausgabe von Werken Gisela Elsners leider nicht mehr im Buchhandel verfügbar ist. Die kritischen Schriften und Essays von Gisela Elsner wurden in der genannten Ausgabe in zwei Bänden veröffentlicht: „Flüche einer Verfluchten“ und „Im literarischen Ghetto“. Herausgeberin der gesamten Reihe war Christine Künzel.</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</p>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schmutzige-wahrheit/">Schmutzige Wahrheit</a> – Christine Künzel über die Aktualität der Satirikerin Gisela Elsner, in: Demokratischer Salon, März 2026 sowie</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-realistin/">Die Realistin</a> – Tanja Röckemann über Literatur und Politik im Werk Gisela Elsners, in: Demokratischer Salon, November 2025.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 24. März 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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