<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Exklusion Archive - Demokratischer Salon:</title>
	<atom:link href="https://demokratischer-salon.de/portfolio_tags/exklusion/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>https://demokratischer-salon.de/portfolio_tags/exklusion/</link>
	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
	<lastBuildDate>Sat, 09 May 2026 06:30:13 +0000</lastBuildDate>
	<language>de</language>
	<sy:updatePeriod>
	hourly	</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>
	1	</sy:updateFrequency>
	
	<item>
		<title>Über den Schleier sprechen</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-den-schleier-sprechen/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-den-schleier-sprechen/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 May 2026 06:11:19 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=8024</guid>

					<description><![CDATA[<p>Über den Schleier sprechen Eine (nicht nur) feministische Kritik Über kaum ein äußerliches Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam wird derart heftig gestritten wie über den Schleier (arabisch Hijab). Dabei spielt es keine Rolle, ob sich aus dem Koran überhaupt ein solches Gebot ableiten ließe. Dies hindert islamistisch gesinnte Muslime und Musliminnen jedoch nicht, das  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-den-schleier-sprechen/">Über den Schleier sprechen</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Über den Schleier sprechen</strong></h1>
<h2><strong>Eine (nicht nur) feministische Kritik </strong></h2>
<p>Über kaum ein äußerliches Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam wird derart heftig gestritten wie über den Schleier (arabisch Hijab). Dabei spielt es keine Rolle, ob sich aus dem Koran überhaupt ein solches Gebot ableiten ließe. Dies hindert islamistisch gesinnte Muslime und Musliminnen jedoch nicht, das Gebot der Verschleierung als eine unbedingte von Allah gebotene Pflicht zu verstehen, oft genug sogar in einer verschärfenden Variante bis hin zu Niqab und Burka.</p>
<h3><strong>Der Schleier – Zeichen eines Machtanspruchs</strong></h3>
<div id="attachment_8027" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8027" class="wp-image-8027 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Mimunt-Hamido-4-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8027" class="wp-caption-text">Mimunt Hamido. Foto: privat.</p></div>
<p>Über den Schleier zu sprechen, heißt: über die Gesamtheit der Vorschriften, Einschränkungen und Pflichten zu sprechen, die ausschließlich für Frauen gelten. Sprechen wir darüber, wie Europa, das sich brüstet, die Gleichstellung der Geschlechter erreicht zu haben, die öffentliche Zurschaustellung eines Symbols zulässt – wenn nicht sogar im Zeichen einer vermeintlichen kulturellen Vielfalt fördert. Dieses Symbol verkörpert  für Frauen, und zwar ausschließlich für sie, die Unterwerfung unter Normen, Pflichten und Beschränkungen, im Namen einer Religion oder genauer: nicht der Religion selbst, sondern einer bestimmten religiösen Ideologie, einer bestimmten Interpretation des Islam.</p>
<p>Beginnen wir mit einem wichtigen Punkt, über den wir uns rein logisch gesehen alle einig sein sollten: Religionen ändern sich im Kern nicht; sie bestehen aus Texten, Regelwerken und Glaubenssätzen, die vor Jahrhunderten festgelegt wurden. Auch heute noch gelten dieselben religiösen Texte in allen Religionen. An der Bibel, der Thora oder dem Koran wurde kein einziges Komma geändert, ungeachtet zahlreicher Interpretationen und nicht zuletzt der aus den Übersetzungen folgenden Debatten und Interpretationen. Was sich geändert hat, sind die Gesellschaften, in denen Religionen sich platzieren und die sie zu gestalten beanspruchen.</p>
<p>Die umwälzenden Änderungen, die in den letzten zwei Jahrhunderten in der europäischen Gesellschaft stattgefunden haben, insbesondere in Bezug auf die Rechte der Frau, verdanken wir in Europa nicht einer Neuinterpretation der biblischen Texte, sondern dem gesellschaftlichen und politischen Prozeß der Aufklärung, die sich von der Bibel als obligatorischem Leitbild abwandte. Daher erstaunt es, heute so oft von der Notwendigkeit zu hören, feministische Lesarten eines heiligen Buches zu finden oder gar die heiligen Bücher zu reformieren. Insbesondere der Islam ist in vielen europäischen Ländern Gegenstand solcher Debatten. Manche hoffen auf eine Art Euro-Islam, der sich von fundamentalistischen Sichtweisen des Islam, beispielsweise im Iran oder in Saudi-Arabien in seiner Liberalität unterscheide, gerade auch im Hinblick auf die Rolle der Frau. Ein religiöser Feminismus ist jedoch aus meiner Sicht ein Widerspruch in sich. Feminismus ist internationalistisch und säkular ausgerichtet; er richtet sich an alle Frauen weltweit, unabhängig von ihrer Religion oder Herkunft. Die großen Fortschritte des Feminismus und der Gesellschaft im Allgemeinen sind nicht auf der Grundlage religiöser Texte erzielt worden. Zu sagen, man müsse den Islam reformieren, um das Leben der Frauen in Europa zu verbessern, bedeutet, die europäische Gesellschaft in zwei Teile zu spalten: die Bürgerinnen einer Demokratie und die Bürgerinnen einer Theokratie auf europäischem Boden.</p>
<p>Gesellschaften verändern sich, wenn die entsprechenden politischen und sozialen Rahmenbedingungen gegeben sind. Ein friedliches Miteinander, aber auch wirtschaftlicher Wohlstand sind wesentliche Faktoren für die Schaffung eines Rahmens, in dem Kultur, Musik, Kunst und Vernunft gedeihen können. Diese Voraussetzungen sind leider in den meisten muslimischen Ländern nicht gegeben, doch das bedeutet nicht, dass sich ihre Bürger und Bürgerinnen nicht gegen die strengen religiösen Normen auflehnen. Natürlich tun sie das, wir können das in jeder Zeitung nachlesen. Die große Frage lautet: Was geschieht in Europa? Warum hat sich eine ideologisch-religiöse Strömung im Herzen unserer aufgeklärten Gesellschaft etablieren können, und zwar mit dem Einverständnis der meisten politischen und sozialen Institutionen?</p>
<div id="attachment_8025" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.akal.com/libro/no-nos-taparan_51096/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8025" class="wp-image-8025 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-200x312.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-400x623.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-600x935.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-657x1024.jpg 657w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-768x1197.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-800x1246.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-986x1536.jpg 986w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-1200x1870.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-1314x2048.jpg 1314w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/hamido_nonos-scaled.jpg 1643w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-8025" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Genau das versuche ich in meinem Buch „No nos taparán. Islam, velo, patriarcado“ (deutsch: „Uns werden sie nicht verhüllen! Islam, Schleier, Patriarchat”) zu erklären. Wir erleben derzeit in Europa, dass das Patriarchat nicht etwa zurückweicht und verschwindet, sondern mit entschlossenen Schritten voranrückt. Manche könnten sagen, das betreffe ja nur die muslimische Bevölkerung. Mag sein, aber sind diese Bürger etwa keine europäischen Bürger? Wir reden von Multikulturalität, während wir in Wirklichkeit einen Teil unserer Bevölkerung dazu verdammen, sexistische und gleichstellungsfeindliche Normen und Regeln zu akzeptieren, deren Abschaffung den anderen Teil der europäischen Bürger Jahre oder Jahrhunderte gekostet hat.</p>
<p>Mitten in Europa versucht das Patriarchat Frauen als Aushängeschilder seiner politisch-religiösen Ideologie zu benutzen. Es gelingt ihm, Frauen dazu zu bringen, zu Verteidigerinnen ihrer eigenen Unterdrückung zu werden – dafür muss man nur <em>„die freie Wahl“</em> ins Feld führen. Diese Frauen, so heißt es, seien in Europa frei und akzeptierten diese Unterwerfung freiwillig. Man spricht vom <em>„Recht auf Verschleierung</em><em>“</em>. Das ist nichts Neues, das Patriarchat erfindet sich immer wieder neu, und so wie man uns glauben machte, dass das feministische Motto <em>„Mein Körper, meine Entscheidung“</em> grünes Licht für Leihmutterschaft oder Prostitution bedeute, will man uns nun weismachen, dass das Tragen eines Schleiers eine rein persönliche Entscheidung wäre, die nichts mit dem Druck der Familie und des Umfelds zu tun hätte.</p>
<h3><strong>Auch ohne Schleier ist eine Frau eine gute Muslima</strong></h3>
<p>Das Kopftuch zeigt, dass Menschenrechte käuflich sind, wie sie auf unserem Kontinent verkauft wurden – sei es für Petrodollars oder für geopolitische Vorteile in den sogenannten muslimischen Ländern. Den Preis dafür zahlen hier jene Frauen, die auf ein besseres, freieres Leben gehofft hatten und dann feststellen mussten, dass auf dem Kontinent der Aufklärung, der Vernunft und der Bildung der Druck ihrer <em>„Gemeinschaft“</em> noch viel größer ist als in ihren Herkunftsländern.</p>
<p>In diesem Kontext ist das <em>„</em><em>Recht auf Gehorsam</em><em>“</em> zum Leitmotiv des politischen Islam geworden, der sich fast unbemerkt in Europa etabliert hat, und dies bedeutet einen gravierenden Rückschritt bei der Verwirklichung der Gleichstellungspolitik, die selbstverständlich für alle Bürgerinnen Europas gelten muss, unabhängig von ihrer Herkunft oder Religion. Die europäische Nachgiebigkeit, immer unter dem Deckmantel der <em>„</em><em>Toleranz“</em>, führt dazu, dass man darauf verzichtet, rechtliche Schritte einzuleiten oder gar das Tragen des Kopftuchs in bestimmten öffentlichen Räumen, wie beispielsweise in Schulen, zu verbieten. Die längst überfällige Debatte über das Kopftuch gerät ins Stocken, wird hinausgezögert, über den als Burka oder Niqab bekannten Vollschleier wird gar nicht erst diskutiert. Man redet um den heißen Brei herum, und wenn doch einmal von Verboten die Rede ist, wird die Debatte verwässert, der Schleier wird als Kleidungsstück getarnt, indem man ihn mit Baseballmützen oder Motorradhelmen (im Falle des Niqab) gleichsetzt, oder man spricht vom Recht auf das Tragen religiöser Symbole. Und niemand geht darauf ein, was der Schleier wirklich bedeutet und vor allem, welche Beschränkungen er den Frauen auferlegt, die ihn tragen, ganz gleich ob freiwillig oder gezwungen.</p>
<p><em>„Das Thema Schleier ist etwas kompliziert“</em>. Kompliziert? Vielleicht für die hochgelehrten Theologen der Universität Al Azhar in Kairo, eine der einflussreichsten islamischen Institutionen der Welt, wo man seit Jahren zu klären versucht, ob der Schleier ein religiöses Gebot ist oder nicht (wobei Einigkeit darüber herrscht, dass der Niqab keines ist). Während sie diskutieren, sehen wir viele muslimische Frauen ohne Schleier&#8230; Sind die etwa weniger muslimisch als diejenigen, die ihn tragen? Selbst ein Ulema dieser renommierten Universität würde es nicht wagen, so etwas zu behaupten, doch es scheint, als hätten unsere Institutionen in Europa mehrheitlich bereits entschieden, dass genau dies der Fall ist – dass nur eine Frau, die einen Schleier trägt, als muslimisch gelten kann.</p>
<div id="attachment_8029" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8029" class="wp-image-8029 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/trio-3-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8029" class="wp-caption-text">Straßenszene. Foto: Ilya Topper.</p></div>
<p>Und das gilt nicht nur für institutionelle Akteure. Mit Verwunderung beobachte ich, wie in den sozialen Netzwerken Einzelne und sogar Parteien der Rechten oder Linken Fotos von Frauen in Afghanistan oder im Iran aus den 1970er Jahren herumschicken – Studentinnen im Minirock oder mit tiefem Ausschnitt, berühmte ägyptische Schauspielerinnen und Sängerinnen in gewagten Abendkleidern oder im Bikini. Sie zeigen sie in den sozialen Netzwerken, damit wir sehen, wie der politische Islam nicht nur in diesen Ländern, sondern auch in Europa sein Unwesen treibt, aber sie vergessen etwas sehr Wichtiges: Glauben sie etwa, diese Frauen seien keine Musliminnen gewesen? Sie waren es aber, sie sind es auch heute noch. Nur will es niemand wahrhaben, denn Europa hat sich das Narrativ des politischen Islam, des Islamismus, zu eigen gemacht, dass alle muslimischen Frauen einen Schleier tragen müssen, weil das im Islam Pflicht wäre. Auch das ist ein Irrtum: Der Schleier ist in vielen muslimischen Ländern keineswegs Teil der Kultur und ist weder in Marokko, Algerien, Ägypten noch in vielen anderen muslimischen Ländern verpflichtend oder war es jemals.</p>
<p>Ich verzichte ausdrücklich darauf, die betreffenden Koranverse zu zitieren, die klar belegen, dass es keine Kopftuchpflicht gibt, und vom Haar ist erst recht keine Rede. Ganz anders verhält es sich damit, dass manche Exegeten sich an sehr alte Texte klammern und daraus Fehldeutungen ableiten, die Islamisten Vorschub leisten. Ich führe keine Zitate an, weil ich keine Theologin bin, aber ich bin mir sicher, dass auch die christlich-europäische Gesellschaft zumindest in Europa nicht mit dem Evangelium in der Hand beurteilt wird. Warum will man das jetzt mit dem Koran tun?</p>
<p>Halten wir fest: Sehr viele Frauen in der muslimischen Welt tragen weder einen Schleier noch haben sie jemals einen getragen. Meine Großmutter ist ein guter Beweis dafür, ich habe dieses Beispiel zu Hause immer vor Augen gehabt: eine gläubige Frau, Muslimin, in den 1930er Jahren in einem Dorf geboren und nie verschleiert (das bäuerliche Kopftuch, das sich nicht von dem unterscheidet, das in den Dörfern des christlichen Europas getragen wurde, lässt nicht nur oft die Haare und immer den Dekolletébereich sehen, sondern wird vor allem nie mit der Religion in Verbindung gebracht und kann deshalb jederzeit abgenommen werden).</p>
<h3><strong>Eine Entwicklung seit den 1990er Jahren zur Unterdrückung der Frauen</strong></h3>
<p>Seit Jahrzehnten prangern wir die Schwierigkeiten an, denen wir Frauen aus muslimischen Familien auf unserem Weg zur Gleichberechtigung begegnen, und bemühen uns, diese öffentlich zu machen. In diesem Prozess, der in allen mediterranen Gesellschaften zu beobachten ist, gibt es nicht nur Fortschritte, sondern auch Rückschritte. So ist nach langem Kampf gegen patriarchalische kulturelle Fesseln ein neuer fundamentalistischer Islam auf dem Vormarsch, der von Saudi-Arabien und den Golfstaaten gefördert wird und auf dem Weg ist, nicht nur den feministischen Kampf für Gleichberechtigung zunichte zu machen, sondern auch die nordafrikanischen Kulturtraditionen selbst.</p>
<p>Die massenhafte Verbreitung des islamistischen Schleiers (Hijab) seit den 1990er Jahren ist das deutlichste Symbol dieses reaktionären Prozesses: ein genormtes Tuch, eine Art Uniform, die von Marokko bis Malaysia gleich aussieht und zu einer <em>„kulturellen Identität“</em> hochstilisiert wird, während es gleichzeitig eine klare religiöse, ideologische und sexistische Botschaft vermittelt: Es trennt Frauen und Männer in muslimischen Gesellschaften und trennt Musliminnen von <em>„Ungläubigen“</em> in Europa.</p>
<p>Wenn es schon schwer genug war, in unserer traditionell muslimischen Gesellschaft gegen das Patriarchat anzukämpfen, gegen die Tabus rund um Sexualität, gegen den erdrückenden Mythos der Jungfräulichkeit als höchstem Wert, gegen die Heuchelei, die eine Frau nur als gute Mutter und Ehegattin darstellen will, so hat nun das Aufkommen des fundamentalistischen Islams uns noch viel mehr Steine in den Weg gelegt: Jetzt wird von Frauen aus muslimischen Familien zudem verlangt, ihr Bekenntnis zum religiösen Patriarchat durch das Tragen des Schleiers öffentlich zur Schau zu stellen.</p>
<p>Angesichts dieses Drucks stehen wir Frauen muslimischer Herkunft allein da, insbesondere diejenigen, die in Europa leben. Die Rechte betrachtet uns schlicht als „Türkinnen“ oder „Araberinnen“ und damit als Teil des Islam–Problems, das sie als globale Bedrohung versteht. Ein Großteil der Linken hingegen widmet sich der Anbiederung an eben diesen neuartigen, strenggläubigen Islam im Namen einer falsch verstandenen „Diversity“ und „Multikulturalität“, indem nicht nur das Kopftuchtragen, sondern indirekt gleich der ganze damit verbundene Komplex patriarchalischer fundamentalistischer Einstellungen aktiv gefördert wird. Nachdem gerade die Linke jahrzehntelang für eine säkulare Gesellschaft und gegen den Einfluß der Kirche gekämpft hat, weist sie uns nun eine „muslimische Identität“ zu und geht davon aus, dass unsere Repräsentanten die Imame sind und wir in die Moschee gehören.</p>
<p>Wie jede europäische Frau haben auch wir Anspruch auf Gleichberechtigung; deshalb dürfen unsere Stimmen nicht zum Schweigen gebracht werden, und man muss uns Gehör schenken. Wir können dem patriarchalischen Diskurs des politischen Islam mit stichhaltigen Argumenten begegnen. Und wir können die Frage beantworten, die sich jeder stellt, wenn dieses Thema zur Sprache kommt: Warum soll eine muslimische Frau eigentlich einen Schleier tragen?</p>
<p>Die orthodoxe islamische Theologie erklärt dies so: Haare gelten als erotisches Merkmal der Frau, das beim Mann sexuelle Begierden wecken kann. Und wenn ein Mann erregt wird, wird er versuchen, mit dieser Frau Sex zu haben. Vielleicht wird er sie belästigen oder anfassen, vielleicht wird er gar versuchen, sie zu vergewaltigen, was zu Konflikten und Auseinandersetzungen führen wird (zum Beispiel mit dem Ehemann der betreffenden Frau oder ihren Angehörigen). Der Schleier hat somit eine sexualisierende Funktion: Er soll verhindern, dass die offenbar nicht unterdrückbare Lust der Männer geweckt wird. Dabei wird als selbstverständlich angenommen, dass ein Mann, der unser Haar sieht, sich naturgemäß nicht beherrschen kann und plötzlich in seinem Innersten den primitiven Instinkt verspürt, uns zu vergewaltigen.</p>
<p>Diese theologische Rechtfertigung des Hijab ist nicht eine von vielen Interpretationen: Sie ist <u>die</u> maßgebliche und einzige. Aus diesem Grund tragen Frauen den Schleier ausschließlich in Gegenwart von Männern. Wenn Frauen unter sich sind, braucht sich niemand zu bedecken; im Bad, dem Hamam, ist man gewöhnlich nackt (lesbisch zu sein ist kein Thema). Und im Koran selbst ist ausdrücklich festgelegt, vor welchen Männern die <em>„verborgenen Reize“</em> nicht bedeckt werden müssen: vor dem Ehemann, dem Vater, dem Schwiegervater, den Söhnen, den Söhnen des Ehemanns, den Brüdern, den Neffen, den Sklaven, den Angestellten, die kein männliches Verlangen haben, oder den Kindern, die sich des Aussehens der Frau noch nicht bewusst sind. Abgesehen vom Ehemann, der natürlich das Recht hat, seine Frau zu begehren, erfasst die Liste diejenigen, die entweder kein Verlangen haben oder von denen angenommen wird, dass sie keines haben sollten. In jedem Fall deckt sie sich mit den Verwandtschaftsgraden, denen das Koranrecht Ehen verbietet. Dies wird im modernen Islam auf die Kopftuchpflicht übertragen.</p>
<p>Hier haben wir die einzige Antwort auf die schwierige Frage, was der Schleier tatsächlich bedeutet, obwohl wir eigentlich eine ganz andere Frage stellen sollten: Leben wir Frauen wirklich in einer demokratischen, gleichberechtigten und freien Gesellschaft? Alle? Die Antwort lautet: Nein. So sehr auch manche versuchen, die Abschottung zu rechtfertigen, die viele Frauen in Europa erdulden, allein aufgrund der Tatsache, dass sie einer anderen Religion angehören, in diesem Fall dem Islam, oder einfach nur, weil sie in eine Familie mit islamischem Glauben hineingeboren wurden.</p>
<h3><strong>Die neue Rolle der Imame</strong></h3>
<p>Diese Abschottung wird geschürt duch viele Imame, die europäischen Moscheen vorstehen. Oft werden sie durch undurchsichtige Geldströme von salafistischen Gruppen in Kuwait, Saudi-Arabien, Qatar oder der Türkei finanziert. Und die europäischen Regierungen behandeln gerade diese Imame oft wie Repräsentanten der muslimischen Gemeinde des Viertels, womit sie alle Bürgerinnen und Bürger mit maghrebinischem, türkischem oder pakistanischem Migrationshintergrund meinen, wenn sie städtische oder sogar rechtliche Reformen beraten wollen.</p>
<p>Diese Rolle des Imams ist eine europäische Neuerung. Denn im Gegensatz zum christlichen Priester ist der islamische Imam weder Priester, noch muss er studiert haben, seine einzige religiöse Funktion besteht darin, vor der Reihe der Betenden zu stehen; das kann jeder tun. Im Islam unserer Väter war der Imam zwar als religiös bewanderter Mann respektiert — falls es einen Imam gab, denn in vielen Dörfern gab es gar keine Moschee und das Gebet war ein individueller Akt —, aber er bekleidete kein Amt und tut es auch heute nicht, er kann weder Ehen schließen noch Urkunden ausstellen. In Europa dagegen hat er diese Funktion erhalten, wobei wohl das christliche Modell kopiert wurde. In England gibt es schon Friedensgerichte, an denen Imame, die die Scharia anwenden, <em>„Streit zwischen Familien“</em>, zum Beispiel über Scheidung oder Erbschaft, schlichten können. Damit wird auf europäischem Boden eine Theokratie geschaffen, die im Maghreb in dieser Form nie bestanden hat.</p>
<h3><strong>Kein Schutz des Gesetzes für Mädchen und Frauen</strong></h3>
<div id="attachment_8028" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8028" class="wp-image-8028 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-1024x683.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/familia-hiyab-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8028" class="wp-caption-text">Familie. Foto: Ilya Topper.</p></div>
<p>Wer glaubt, durch das Tolerieren oder Feiern einer falsch verstandenen <em>„Multikulturalität“</em> ein größeres Problem zu vermeiden, macht sich etwas vor. Die Erfahrung hat eindeutig gezeigt, dass ein Ignorieren dieses Themas nur dazu geführt hat, dass es sich zu einem noch größeren Problem entwickelt hat. Aus diesem Grund <em>„freuen“</em> wir uns über Parallelgesellschaften, in denen der politische Islam ungehindert sein Unwesen treibt und die Zukunft der Jüngsten damit völlig gefährdet. Und die größten Opfer dieser institutionellen und gesellschaftlichen Gleichgültigkeit sind natürlich die Frauen und Mädchen.</p>
<p>Theoretisch mag man sagen, dass Mädchen und Frauen natürlich unter dem Schutz des Gesetzes stehen. Wenn sie von ihrer Familie oder ihrem sozialen Umfeld zum Kopftuchtragen und den damit verbundenen strikten Verhaltensnormen gezwungen werden, könnten sie ja Anzeige erstatten, die Möglichkeit hätten sie. Aber hierbei übersehen wir, dass wir mit diesem Vorschlag minderjährige Mädchen unter Druck setzen, damit sie ihre Väter, Mütter oder Brüder vor Gericht bringen. Eine Jugendliche, ein Kind dem Schmerz auszusetzen, ihre eigene Familie anzeigen zu müssen, wenn sie ihre Zukunft bestimmen will, ist eine Grausamkeit. Und selbstverständlich wird die große Mehrheit diesen Schritt nicht wagen. Es hieße, alle emotionalen Bande mit ihren Eltern, Geschwistern und Bekannten zu zerreißen und ganz allein dazustehen in einer Gesellschaft, die sie obendrein als <em>„Ausländerin“</em> oder <em>„Muslimin“</em> nicht akzeptiert. Wir verlangen von diesen Jugendlichen einen Mut zur Konfrontation, den der Staat nicht aufbringt.</p>
<p>Manche glauben auch, dass es bei der Debatte um den Schleier darauf ankommt, wie viele Frauen ihn freiwillig tragen. Diese Sichtweise lässt nicht nur die Tausenden außer Acht, die ihn aus Pflichtgefühl tragen, sondern zeugt auch von Unkenntnis darüber, wie islamischer Fundamentalismus funktioniert. Das Tragen des Schleiers hat einen Ansteckungseffekt und übt von vielen Seiten sozialen Druck auf alle Frauen aus: Familie, soziale Netzwerke, fundamentalistische Predigten der Imame in den Moscheen, der Druck des Wohnviertels. Viele muslimische Mädchen sind in Europa geboren und gehören zur zweiten oder dritten Generation. Sie haben keine Ahnung von der Kultur, aus der ihre Eltern stammen, daher ist es leicht, sie zu überzeugen, dass ihre Kultur das wäre, was der jeweilige Imam oder ihr Umfeld sagt. Sie glauben, dass der Schleier, der Hijab, Teil ihrer Kultur ist. Nur sehr wenige trauen sich, öffentlich zu sagen, wie sehr sie darunter leiden, und wenn sie es tun, wenn sie beschließen, für ihre Rechte zu kämpfen, beschuldigt man sie, Abtrünnige oder Islamfeinde zu sein.</p>
<p>Es ist wichtig zu verstehen, unter welchen Umständen ein Mädchen beschließt, den Schleier zu tragen, und sich dabei oftmals subtilem Druck beugt. Ein oft gehörter Satz lautet: <em>„Wenn du den Schleier trägst, strahlst du.“</em> Das sagt die Familie den Mädchen, wenn sie ihn aufsetzen. Tatsächlich ist es sehr einfach, ihn anzulegen. Dein Leben innerhalb des sozialen und familiären Umfelds wird angenehmer. Deine Eltern vertrauen dir, geben dir mehr Freiheit, dich zu bewegen, auszugehen. Wenn du ein Teenager bist, signalisiert der Schleier, dass du ein braves Mädchen bist und vor allem Jungfrau – das ist äußerst wichtig. Aber wenn du ihn nicht trägst … wer weiß? Ihn abzulegen bedeutet, dass du eine Abtrünnige bist, dass du wie die „Westlerinnen“ ausgehen und ein lasterhaftes Leben führen willst, und man wird dich nicht mehr respektieren und dir nicht mehr vertrauen. Du wirst viele Freundinnen verlieren. Das Kopftuch wieder abzulegen, bedeutet, sich den Groll zumindest der Familie und der Nachbarschaft zuzuziehen.</p>
<h3><strong>Falsche Toleranz in Europa</strong></h3>
<p>Als eines von vielen Beispielen dafür, was einer Frau widerfahren kann, wenn sie beschließt, ihren Schleier abzulegen, könnte man den Fall von <a href="https://itsmissraisa.com/">Miss Raissa</a> anführen, einer bekannten jungen Rapperin und Influencerin, die lange Zeit stets einen Schleier trug. Miss Raissa (eigentlich Imane Raissali), 1997 in Marokko geboren und mit acht Jahren nach Barcelona gekommen, wurde schon als Jugendliche zur Rap–Sängerin. Bald wurde sie von einer politischen Partei (die auch prompt gewann) beauftragt, einen Rap für eine Wahlkampagne zu komponieren, und das Musikvideo, in dem sie mit ihrem Hijab singend und tanzend zu sehen war, hatte einen immensen Erfolg. Miss Raissa nutzte ihre Social–Media–Kanäle, wo sie bald Zehntausende Follower hatte (vor allem muslimische Mädchen, die sie wegen dieses modernen Bildes einer verschleierten Frau bewunderten), um für den Schleier zu werben. Sie zeigte anderen, wie man ein modernes und selbstbewusstes muslimisches Mädchen sein kann. An Auftritten, Applaus und Interviews fehlte es nie: ein Bild gelungener, multikultureller Integration. Bis… ja bis sie sich eines Tages verliebte, und der Auserwählte war zufällig kein Muslim. Das passte natürlich nicht so recht zum Schleier (nach islamischem Recht darf zwar ein Muslim eine Christin oder Jüdin heiraten, aber nicht umgekehrt). Also überlegte sie es sich und legte den Schleier ab. Sie verlor nicht nur schlagartig ihre Fans, ihre Konzerte und ihren Ruhm, sondern erhielt eine derartige Flut von Morddrohungen, dass sie lange Zeit Polizeischutz benötigte.</p>
<p>Man hat keine freie Wahl, was den Schleier betrifft. Er ist eine gesellschaftliche Konditionierung. Wenn man dir von klein auf sagt, dass du ihn tragen musst, dann tust du es. Das macht das Leben einfacher. Und das umso mehr, wenn man weiß, was es bedeutet, ihn abzulegen.</p>
<p>Der Schleier ist ein frauenfeindliches und sexistisches Symbol, das in Europa zudem die Art und Weise darstellt, wie der Islam seine Ideologie sichtbar macht, indem er uns Frauen dazu benutzt. Und es ist ein Widerspruch, dass wir heute in einigen Medien, sozialen Netzwerken und sogar in einigen europäischen Parlamenten erleben, wie manche sich freuen, Frauen anfeuern und bejubeln, die es im Iran wagen, den Schleier abzulegen und damit dem islamistischen Patriarchat zu trotzen … und gleichzeitig wegschauen, wenn sie auf der Straße eine verschleierte Frau sehen. Es ist furchtbar, dass Frauen und ihre Unterdrückung auf diese Weise instrumentalisiert werden: Einerseits werden sie zur Rebellion ermutigt, andererseits wird, sobald es nicht mehr opportun ist, der Missbrauch und der Druck, der im Namen einer Religion oder Ideologie auf sie ausgeübt wird, auf tausendfache Weise gerechtfertigt.</p>
<p>Gerade in den sogenannten muslimischen Ländern oder solchen mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit erheben Frauen ihre Stimme gegen dieses patriarchalische, sexistische und misogyne Symbol. Ihnen ist vollkommen klar, was der Schleier bedeutet; sie wissen, dass dieses Stück Stoff mehr ist als nur ein Kleidungsstück, sondern das Banner, das dieses islamistische Patriarchat nutzt, das sie unterdrückt, um auf der Straße, am Arbeitsplatz, in den Schulen, in den Parlamenten, in allen Bereichen präsent zu sein und so seine Ideologie deutlich sichtbar zu machen. In diesen Ländern versucht man, den Schleier im Namen der Familie, des Anstands und des Kampfes gegen die Verrohung der öffentlichen Moral durchzusetzen; man beruft sich auf die <em>„Familienwerte“</em>, die – wie könnte es anders sein – auf Kosten der Frauen aufrechterhalten werden. In Europa versucht man zudem, dieselbe Ideologie, für die der Schleier steht, im Namen von <em>„Toleranz, Respekt und Multikulturalismus“</em> durchzusetzen.</p>
<p>Vielleicht weiß kaum jemand, dass es sowohl im Iran, in Marokko und Algerien als auch in der Türkei Hilfsorganisationen gibt, die Frauen zur Seite stehen, die den schwierigen Schritt wagen, den Schleier abzulegen, schwierig nicht, weil offenes Haar in der Öffentlichkeit verpönt wäre, sondern weil es einem Austritt aus einer Gemeinde gleichkommt? Das kann ich nicht beurteilen, aber was ich weiß, ist, dass der World Hijab Day nicht in diesen Ländern, sondern hier in Europa begangen wird. Seit 2013 wird er jedes Jahr am 1. Februar gefeiert, um das <em>„Recht“</em> muslimischer Frauen auf freie Kleidungswahl zu unterstützen. Anders als auf der <a href="https://worldhijabday.com/">Internetseite des World Hijab Days</a> verkündet, wird der Tag in islamischen Ländern nicht gefeiert. Es gab zwar mal ein Meeting in Istanbul, das eine amerikanische Missionarin einberufen hatte, aber in der Türkei ist der Tag unbekannt, ebenso wie in Marokko. An diesem Tag sind laut Internetseite alle Frauen weltweit, unabhängig von ihrer Glaubenszugehörigkeit, dazu aufgerufen, einen Tag lang den Schleier zu tragen und, wenn möglich, ein Foto mit dem Schleier in den sozialen Netzwerken zu teilen (Sichtbarkeit ist ein Schlüsselpunkt). Die Initiative genießt starke Unterstützung, sogar finanzielle Zuschüsse von staatlichen Institutionen.</p>
<p>Es ist erschütternd, dass gerade in Europa die Öffentlichkeit diesen Tag befürwortet und damit allen iranischen, ägyptischen, marokkanischen und türkischen Frauen in den Rücken fällt, die im Kampf gegen dieses frauenfeindliche Symbol ihre Freiheit und manchmal auch ihr Leben aufs Spiel setzen.</p>
<p>Es wäre notwendig, ja unumgänglich, dass unsere Abgeordneten, unsere Parlamente dieser Doppelmoral ein Ende bereiten und begreifen, was der Schleier in Wirklichkeit bedeutet. Es wäre gut, damit aufzuhören, die Unterdrückung Tausender Frauen in Europa nicht mehr mit schönen Worten zu verschleiern. Es wäre gut, wenn man uns die Wahrheit sagen würde, und die Wahrheit ist, dass sie sich entschieden haben: Gleichberechtigung für die <em>„echten Europäerinnen“</em>, und Ungleichheit für alle jene Frauen die für sie, seien wir doch ehrlich, Bürgerinnen zweiter Klasse sind.</p>
<p><strong>Mimunt Hamido Yahia</strong>, Melilla (Spanien)</p>
<p><a href="https://msur.es/equipo/hamido/">Die Autorin</a> betreibt seit 2018 den <a href="https://nonostaparanblog.wordpress.com/">Blog NoNos Taparán</a>, ein Forum für maghrebinische Frauen gegen islamistische Ideologie. 2021 veröffentlichte sie bei Akal den Essay „No nos taparán: Islam, velo, patriarcado”. Der im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> veröffentlichte Text fasst die Thesen des Buches zusammen. Die Übersetzung aus dem Spanischen erledigte <a href="https://occammeetspooh.de/">Rainer Schmidt</a>. Er hat die Autorin durch einen gemeinsamen Freund, den deutsch-spanischen Journalisten <a href="https://msur.es/equipo/topper/">Ilya Topper</a> kennengelernt und sich spontan entschlossen, das Buch zu übersetzen. Aktuell sucht die fertige Übersetzung des gesamten Buches noch einen deutschen Verlag.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 26. April 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-den-schleier-sprechen/">Über den Schleier sprechen</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ueber-den-schleier-sprechen/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Verfluchte aus Leidenschaft</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/verfluchte-aus-leidenschaft/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/verfluchte-aus-leidenschaft/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:22:56 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7953</guid>

					<description><![CDATA[<p>Verfluchte aus Leidenschaft Die klaren Botschaften der Gisela Elsner „Wer aktuelle Begriffe nicht nur als Schlagwörter verwendet, sondern versucht, sie im Hinblick auf ihre Bedeutung und auf die Konsequenzen, die sie im Rahmen der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit der Bundesrepublik haben, zu erörtern, der wird, auch wenn seine Verschleierungsmanöver und seine Ausflüchte noch so  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/verfluchte-aus-leidenschaft/">Verfluchte aus Leidenschaft</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Verfluchte aus Leidenschaft</strong></h1>
<h2><strong>Die klaren Botschaften der Gisela Elsner</strong></h2>
<p><em>„Wer aktuelle Begriffe nicht nur als Schlagwörter verwendet, sondern versucht, sie im Hinblick auf ihre Bedeutung und auf die Konsequenzen, die sie im Rahmen der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit der Bundesrepublik haben, zu erörtern, der wird, auch wenn seine Verschleierungsmanöver und seine Ausflüchte noch so geschickt sind, früher oder später dank seiner Wortwahl und dank seiner Argumentationsweise seinen ideologischen Standpunkt preisgeben. Wer beispielsweise statt des Begriffs UNGLEICHHEIT den Begriff VERSCHIEDENHEIT einsetzt, der trifft Anstalten, die der Ungleichheit innewohnende Ungerechtigkeit zu beschönigen.“ </em>(Gisela Elsner, Politisches Kauderwelsch – Über auf den Hund gekommene politische Begriffe, in: Heinar Kipphardt, Vom deutschen Herbst zum bleichen deutschen Winter, München 1981, auch in: Gisela Elsner, Flüche einer Verfluchten – Kritische Schriften I, Berlin 2011)</p>
<p>Neben ihrem literarischen Œuvre hat Gisela Elsner ein umfangreiches essayistisches Werk hinterlassen, darunter zahlreiche Buchrezensionen für Hörfunk und Feuilleton, Zeitungsartikel und Radio-Features. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland von einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt in Paris, Rom und London hatte sie in den 1970er Jahren damit begonnen, sich – wie viele andere Autorinnen und Autoren ihrer Generation – auch journalistisch zu betätigen. Das bedeutete nicht nur eine wichtige Einnahmequelle neben den Verlagshonoraren, sondern bot auch die Möglichkeit, sich im literarischen Feld der Bundesrepublik zu positionieren und sich kulturkritischen Themen zu widmen. Die literaturkritischen Schriften sind insofern von besonderer Bedeutung, als sie nicht allein Elsners Auseinandersetzung mit den Werken anderer Autoren dokumentieren, sondern sich aus den Texten auch so etwas wie ein literarisches Programm Elsners ableiten lässt.</p>
<h3><strong>„Es gibt solche Schriftsteller und solche …“</strong></h3>
<p>Gisela Elsner teilte die Schriftsteller in zwei Kategorien ein: Auf der einen Seite diejenigen, die <em>„akrobatisch Unkenntliches kredenzen“</em>, auf der anderen Seite diejenigen, bei denen möglichst wenig im <em>„Geahnten“</em> bleibt, deren Texte <em>„nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges“ </em>an sich haben (NDR-Radiosendung „Meine Gedichte“, am 28. Oktober 1985, sie bezog sich auf Brechts Gedicht „Wenn es im Geahnten ist“ und auf dessen Schrift „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“). Damit wendet sich Elsner gegen eben jene ästhetisch-poetischen oder gar lyrischen Qualitäten der Sprache, die traditionell zu den Merkmalen der so genannten ‚schönen‘, sprich ‚hohen‘, Literatur zählen. Entsprechend lehnte sie in Bezug auf sich selbst auch die Bezeichnung <em>„Dichterin“</em> ab. In einem Brief vom September 1989 belehrt Elsner den befreundeten Autor Ronald M. Schernikau: <em>„(&#8230;) die Tatsache, daß Du mich als eine ‚geniale Dichterin‘ bezeichnest, finde ich unpassend. Denn ich bin eine schmutzige Satirikerin. Ich lege großen Wert darauf, keine Dichterin zu sein.“</em></p>
<p>Exemplarisch – und gleichermaßen symptomatisch – nennt Gisela Elsner in der Radio-Sendung vom Oktober 1985, in der sie ihre Lieblingsgedichte vorstellte, Rainer Maria Rilke und Bertolt Brecht als Vertreter der beiden verschiedenen literarischen Lager. Sie hat diese Position in ihrer letzten zu Lebzeiten erschienenen literaturkritischen Schrift, dem Essay „Bandwürmer im Leib des Literaturbetriebs“ (1989), noch einmal zugespitzt und mit marxistischem Vokabular angereichert: <em>„Es gibt solche Schriftsteller und solche. Die einen gehen davon aus, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt, die anderen gehen davon aus, daß das Bewußtsein das Sein bestimmt. Die erste Gruppe hat ein ziemlich bitteres, hartes Leben. Sie bekommt keine Literaturpreise, sie bekommt keine Stipendien, ihre Bücher werden schlecht verkauft und schlecht rezensiert. Die zweite Gruppe hat eine Chance, in die Bestsellerlisten aufzusteigen. Deren Bücher sind zwar unverständlich für die Mitwelt, aber gerade das Unverständliche wird ja für bedeutsam gehalten.“</em></p>
<p>Gisela Elsner zählte sich selbstverständlich zur ersten Gruppe. Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre Aufgabe als Schriftstellerin im Wesentlichen darin sah, <em>„die Mißstände der bürgerlichen Gesellschaft zu entlarven.“ </em>(in einem Gespräch mit Donna L. Hoffmeister, in: Hoffmeister, Vertrauter Alltag, gemischte Gefühle. Gespräche mit Schriftstellern über Arbeit in der Literatur, Bonn 1989). Dieser Sichtweise liegt ein Konzept schriftstellerischer Verantwortung zugrunde, das Elsner von jedem Autor, jeder Autorin einforderte: <em>„Schriftsteller sein heißt, einen Beruf zu ergreifen, der untrennbar mit einer Verantwortung im Hinblick auf die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse verbunden ist“,</em> heißt es in dem Essay „Bandwürmer im Literaturbetrieb“.</p>
<h3><strong>Satirikerinnen haben es nicht leicht</strong></h3>
<p>Gisela Elsner hat sich in verschiedenen Interviews immer wieder dezidiert zur Schreibweise der Satire bekannt, zugleich aber beklagt, dass eine solche Form der literarischen Zuspitzung stets als <em>„Vereinfachung“</em> abgetan und vom bundesdeutschen Feuilleton höchstens mit Verachtung wahrgenommen werde. In einem Gespräch mit dem Titel „Vereinfacher haben es nicht leicht“ mit den damaligen Herausgebern der DKP-nahen Literaturzeitschrift kürbiskern, Friedrich Hitzer und Klaus Konjetzky, hat Elsner die Vorurteile der Literaturkritik gegenüber der Satire noch einmal zusammengefasst.</p>
<p>Die Vorbehalte gegen die Satire sind nach wie vor vielfältig. Auch die Befreiung der Satire aus der Gattungsfixierung konnte ihr negatives Image, den ‚Makel der niederen Gattung‘, nicht wesentlich verbessern. Die Satire wurde im literarischen Diskurs in Deutschland seit der Goethe-Zeit nie ohne ästhetisches Vorurteil betrachtet und befindet sich nach wie vor in einer Grenzlage am Rande der Poesie. Die sozialistisch orientierte Literaturwissenschaft (in der frühen DDR und in anderen ehemaligen Ostblock-Staaten) sah die Ursprünge der ästhetischen Geringschätzung der Satire in den bürgerlichen Theorien des Komischen.</p>
<p>Der schärfste Einwand gegen die Satire betrifft allerdings weniger ihren ästhetischen Status als vielmehr ihren Gestus, sprich ihr aggressives Potential. Ganz in diesem – und sicherlich auch in Elsners – Sinne wurde die Satire in sozialistisch geprägten Literaturtheorien bereits früh als Mittel des (Klassen-)Kampfes begriffen: <em>„Der Satiriker bekämpft stets einen Gesellschaftszustand, eine gesellschaftliche Entwicklungstendenz, konkreter (&#8230;): er bekämpft eine Klasse, eine Klassengesellschaft.“ </em>(Georg Lukàcs, Zur Frage der Satire, in: <em>Internationale Literatur</em>, Nr. 4-5, Dezember 1932.)</p>
<p>In ihren Essays „Vereinfacher haben es nicht leicht“ und „Autorinnen im literarischen Ghetto“ macht Elsner zugleich darauf aufmerksam, dass Satiren von weiblichen Autoren in der BRD immer noch <em>„wie Bordellbesuche ausschließlich als Männersache“</em> betrachtet wurden. Wenn Elsner im oben zitierten Gespräch mit Hoffmeister proklamiert: <em>„Vor mir gab es Schriftstellerinnen wie Ina Seidel, Marie Luise Kaschnitz, Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger. Ich war die erste Frau, die eine Satire, nämlich <u>Die Riesenzwerge</u> schrieb“</em>, dann ist dies nicht nur als Provokation, sondern in gewissem Sinne auch als bewusste Anmaßung zu verstehen. Stellte das Auftreten der Frau als Autorin an sich schon eine Herausforderung männlicher Autorität dar, so maßte sich die weibliche Autorin, die sich auf das „männliche“ Terrain der Satire begab, eine Autorität an, die schon bei männlichen Satirikern als problematisch empfunden, bei Autorinnen jedoch glatt als blasphemische Provokation ausgelegt wurde. Ganz in diesem Sinne hieß es in einer Rezension zu Elsners Erstling „Die Riesenzwerge“ in der Rheinischen Post: <em>„Wegen dieses Blickes hätte man die Elsner vor ein paar hundert Jahren wohl als Hexe verbrannt.“</em></p>
<p>Selbstverständlich wusste Elsner, dass es vor ihr Autorinnen gab, die satirische Texte verfasst hatten, doch spielt sie mit diesem Statement gezielt auf die Tatsache an, dass es keine weibliche Tradition der Satire gab beziehungsweise gibt. Zugleich ernennt sich Elsner mit dieser Aussage selbst zur Begründerin einer solchen Tradition, die sich eine „männlich“ konnotierte Schreibweise aneignete. Während weibliche Autoren sich spätestens im 20. Jahrhundert in allen literarischen Gattungen etabliert hatten, blieb die Satire (bis auf wenige Ausnahmen) ein Terrain männlicher Schriftsteller. Elsner war davon überzeugt, dass sie – so im Gespräch mit Donna L. Hoffmeister – mit dem Erscheinen und mit der Auszeichnung ihres Erstlings „Die Riesenzwerge“ mit dem „Prix Formentor“ im Jahr 1964 <em>„allen Schriftstellerinnen eine gewisse Tür aufgemacht“</em> habe, dass diese es im Gegensatz zu ihr, die von der Kritik <em>„alles auf den Deckel“</em> bekam<em>, „es dann einfacher“</em> hätten.</p>
<p>Galt die politische Satire – zumindest unter linken Intellektuellen – in den 1970er Jahren noch als die reflektierteste, intelligenteste und daher achtbarste Form komischen Ausdrucks, so begann ihr Stern in den 1980er Jahren bereits rapide zu sinken. Hauptgrund für das Verschwinden der Satire aus der bundesdeutschen Literaturdebatte ist die Tatsache, dass satirische Schreibweisen quer zur Postmoderne, ihrer Literaturtheorie und ihrem Literaturkanon stehen. Satire lebt von all den Merkmalen, die gemäß der postmodernen Literaturtheorie tabu sind: Satirische Verfahren basieren vor allem auf deutlichen (positiven wie negativen) Wertzuweisungen; Satire muss Partei nehmen, muss Position beziehen; satirische Texte zeichnen sich durch einen Bezug zur Wirklichkeit aus; Satire ist in einem produktiven Sinne radikal, aggressiv und unversöhnlich; Satire ist bei allem Witz und aller Komik von einer gewissen Ernsthaftigkeit geprägt; sie lebt von einer kritischen Distanz zu ihrem Gegenstand; und sie ist auf politische Veränderung ausgerichtet.</p>
<p>So verwundert es nicht, dass die Satire im literarischen Diskurs der Postmoderne schon bald zu einem Schimpfwort mutierte. Pop-Polemiker wie Max Goldt (in seinem Nachwort zu „‚Mind-boggling‘ – Evening Post“, Zürich 1998, Reinbek 2005) propagieren die Meinung, Satire sei heute ein <em>„arger Outsider-Begriff“</em> und Satiriker seien <em>„uncoole Opas“</em>. Ungewollt trifft die Formulierung Goldts den Nagel auf den Kopf: Der Satiriker beziehungsweise die Satirikerin befindet sich zumeist tatsächlich in der Position des Outsiders, in einem <em>„literarischen Ghetto“</em>, wie Elsner es selbst bezeichnete. Auch wenn der Satiriker beziehungsweise. die Satirikerin heutzutage als eine <em>„unzeitgemäße Zumutung“</em> betrachtet wird, so könnte man mit Helmut Krausser (im Vorwort zu Albert Ostermaier, The Making of. Radio Noir, Stücke, Frankfurt a. M. 1999) kontern: <em>„Nur ein Anachronist kann letztlich auf der Höhe der Zeit sein – sofern man Zeit nicht durch bloße Gegenwart schmälern will.“</em></p>
<h3><strong>Abschied von Franz Kafka </strong></h3>
<p>Elsner hatte in ihren literarischen Anfängen mit verschiedenen literarischen Konzepten experimentiert. Die beiden ersten Romane „Die Riesenzwerge“ und „Der Nachwuchs“ stehen ganz im Zeichen der Literatur eines Franz Kafka und des Einflusses des nouveau roman. Mit Kafka hatte sich Elsner Zeit ihres Lebens auseinandergesetzt. Darüber sprach sie mit Matthias Altenburg (abgedruckt in dessen Buch „Fremde Mütter, fremde Väter, fremdes Land“, Hamburg 1985): Längere Zeit war Kafka <em>„der höchste Gott“</em> in Elsners <em>„poetische(m) Olymp“</em> gewesen. die junge Autorin war der Auffassung, Kafka habe ein für allemal die <em>„Formel für die Wirklichkeit“</em> gefunden, an der sie sich orientieren konnte. Doch mit dem Roman „Das Berührungsverbot“ (1970) erfolgte der Bruch mit dem Vorbild und eine Abkehr von dem <em>„verderblichen Einfluß Kafkas“</em>. Elsner hatte sich mit dem neuen Roman zur Form der Gesellschaftssatire bekannt und sich damit bewusst gegen die Groteske à la Kafka entschieden, und zwar mit dem Argument, dass jene – dies sagte sie in einem Gespräch mit Ekkehart Rudolph <em>„zu viel Spielraum für Interpretationen“</em> lasse (in: Ekkehart Rudolph, Protokoll zur Person: Autoren über sich und ihr Werk, München 1971).</p>
<p>In „Vereinfacher haben es nicht leicht“ schrieb sie: <em>„Heute erscheint mir dieser Angriff </em>(auf „Die Riesenzwerge“, C.K.)<em> insofern nicht ausreichend gezielt, als er sich hauptsächlich auf Erscheinungsformen konzentriert und die Frage nach den Ursachen der geschilderten Verhaltensweisen, das heißt der Barbarei, die da ineinemfort zum Durchbruch kommt, weder stellt noch beantwortet. Außerdem hat meine damalige Zügellosigkeit im Umgang mit grotesken und satirischen Elementen dazu geführt, daß die Wirklichkeitsbezüge oft beträchtlich gestört wurden. Es entstanden wiederholt Spielräume, in denen es dem Leser überlassen blieb, sich nach Belieben die Aussagen, die ihm in den Kram paßten, zusammenzubasteln. Erfahrungsgemäß reagiert die bürgerliche Kritik zum Teil euphorisch, wenn sie, statt mitdenken zu müssen, deuten darf.“</em></p>
<p>Man kann diese Aussagen Elsners insgesamt auch als Absage an postmoderne Text- und Rezeptionstheorien begreifen, die eine nahezu beliebige Auslegung literarischer Texte propagieren und sich der Interpretation verweigern. Elsner begreift die Mehrdeutigkeit des Grotesken also keineswegs als Stärke, sondern als Schwäche. Ganz in diesem Sinne äußerte Rudolf Bussmann in seiner Rezension des Romans „Abseits“ (1982) in der Basler Zeitung bereits den – rückblickend wohl nicht von der Hand zu weisenden – Verdacht, dass die „Riesenzwerge“ möglicherweise <em>„deshalb so gern zitiert </em>(werden)<em>, weil dieser Roman sich leichter in die Ecke der humorigen Unverbindlichkeit stellen“</em> lasse.</p>
<p>Im Kontext dieser Auseinandersetzung mit dem einstigen literarischen Vorbild ist der umfangreichste Essay dieses Bandes mit literatur- und kulturkritischen Beiträgen zu Kafkas „Amtlichen Schriften“ zu bewerten. Dem NDR-Kulturredakteur Hanjo Kesting gegenüber äußerte Elsner in einem Brief vom November 1987, dass der Kafka-Essay <em>„nach</em> (ihrem) <em>Dafürhalten nicht nur einen neuen Aspekt der Kafka-Interpretation“</em> darstelle, sondern auch verrate, dass ihre <em>„persönliche Beziehung zu Kafka eine höchst zwiespältige“</em> sei. In einer Diskussion der Amtlichen Schriften vor dem Hintergrund des literarischen Werkes versucht Elsner den Dichter Kafka gegen den Beamten Kafka auszuspielen. Doch beschränkt sich Elsners Kritik keineswegs auf die Schriften Kafkas, sondern bezieht sich darüber hinaus auf das <em>von „etablierten Kafka-Interpreten“</em> und der westdeutschen Kafka-Forschung propagierte Bild Kafkas als <em>„Prophet und Hellseher“</em>, zu dem die Schriften des Beamten Kafka, die entsprechend, so Elsner, <em>„hierzulande nur mit einer notorischen Ignoranz“ </em>wahrgenommen wurden, nicht so recht passen wollten.</p>
<p>Für die Existenz eines solchen <em>„blinden Flecks“ </em>in der Kafka-Forschung spricht unter anderem die Tatsache, dass die „Amtlichen Schriften“ 1984 zunächst nur im Ost-Berliner Akademie-Verlag erschienen, eine west- bzw. gesamtdeutsche kritische Ausgabe dieser Schriften folgte erst im Jahr 2004. Elsner stellt in Bezug auf Kafka fest, dass es diesem nicht immer gelinge, Berufung und Brotberuf auseinander zu halten, der Dichter Kafka <em>„pfusche“</em> dem Beamten Kafka gelegentlich ins Handwerk und umgekehrt. In Bezug auf die beiden Schriftsteller-Kategorien, die Elsner in ihrem Essay „Bandwürmer im Literaturbetrieb“ beschreibt, fällt das abschließende Urteil Elsners dann allerdings doch gegen das einstige Vorbild aus, sie schreibt in „Gefahrenssphären“: <em>„Die Prämisse der Dichtung des Dichters Kafka, der es der menschlichen Erkenntnisfähigkeit abspricht, den Sinn der Weltordnung auch nur erahnen zu können, ist höchst fragwürdig. Sie läßt außeracht, daß es im Hinblick auf Gedeih und Verderb der Menschheit vorerst um die Ergründung der auf dem Planeten Erde obwaltenden konkreten Gesetzmäßigkeiten geht. Die Darstellung einer völligen Undurchschaubarkeit der irdischen Gesetzgebung und der völligen Undurchdringbarkeit einer hierarchischen Instanzenordnung ist äußerst unrealistisch. Nur durch eine strikte Ausklammerung der für die obwaltenden Mißstände Verantwortlichen gelingt es dem Dichter Kafka, eine auf kompakte Interessen fußende Gesellschaftsordnung vom Fundament der Wirklichkeit zu trennen.“</em></p>
<h3><strong>Hinwendung zu Émile Zola</strong></h3>
<p>Nach eigener Aussage erfolgte die Ablösung vom Vorbild Kafka durch die Lektüre der französischen Realisten beziehungsweise Naturalisten, insbesondere der Werke Zolas (siehe „Bandwürmer im Literaturbetrieb“). In Interviews nannte Elsner – neben Kafka, Heinrich Mann und Brecht – immer wieder Émile Zola als eines ihrer großen literarischen Vorbilder, so in ihrem Gespräch mit Matthias Altenburg: <em>„(&#8230;) so haben mich die Bücher Zolas doch gelehrt, daß man genau recherchieren, das heißt, in der Wirklichkeit hausieren gehen muß. Mir imponierte das, und ich hoffte, daß dieses Verfahren auf irgendeine Weise übertragbar sei ins 20. Jahrhundert und auch auf die Realität der Bundesrepublik.“</em></p>
<p>Gustave Flaubert musste Elsner nicht explizit nennen, hatte sie doch mit ihrem Roman „Abseits“ (1982), einer zeitgenössischen Bearbeitung der „Madame Bovary“, eine Hommage an den Autor vorgelegt. „Die Bovary aus der Trabantenstadt“ lautete der Titel einer Rezension in der Süddeutschen Zeitung. Es ist der Stil der verweigerten Einfühlung, der so genannten <em>„impassibilité“</em>, der Elsner mit Flaubert verbindet. Vor dem Hintergrund dieser eindeutigen Vorliebe für die französischen Naturalisten verwundert es nicht, dass Theodor Fontane, als Vertreter eines bürgerlichen Realismus deutscher Prägung, in dem Essay mit dem Titel „Wie man sich einfach unmöglich macht“ über die Darstellung von Ehebrecherinnen in der Weltliteratur nicht besonders gut wegkommt. Ähnlich wie im Falle Kafkas versucht Elsner, Fontanes Werk an dem realen Fall zu messen, der dem Roman „Effi Briest“ zugrunde liegt. Entsprechend gnadenlos geht Elsner mit Fontane ins Gericht, wenn sie ihn – im Gegensatz zu den anderen Autoren von Weltrang – als <em>„Moralapostel“</em> und <em>„Möchtegern-Realisten“</em> bezeichnet.</p>
<p>Die zuweilen über das Ziel hinausschießende Härte gegenüber Fontane und seinem Werk lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass Elsner im Hinblick auf das Thema Ehebruch doppelt befangen war: Zum einen war sie selbst aufgrund des Ehebruchs mit ihrem damaligen Geliebten und späteren (zweiten) Ehemann, dem Maler Hans Platschek, nach damaligem Schuldscheidungsrecht 1963 von Klaus Roehler geschieden und als <em>„schuldige“</em> Partei des Sorgerechts für den damals vierjährigen Sohn beraubt worden, zum anderen hatte ihre jüngere Schwester Heidi 1981 im Alter von 33 Jahren Selbstmord begangen, als sie für sich nach einer Ehebruchsaffäre keine Perspektive mehr sah. Elsner hatte die brutalen Auswirkungen der so genannten bürgerlichen (Doppel-)Moral in Bezug auf das Gebot der ehelichen Treue also am eigenen Leib erfahren. Das Schicksal ihrer Schwester verarbeitete Gisela Elsner – zusammen mit eigenen Erfahrungen – in dem 1982 erschienenen Roman „Abseits“ – dem einzigen Roman, in dem die Autorin so etwas wie Mitgefühl für die Protagonistin zulässt. Entsprechend bezeichnete Elsner diesen Roman im Gespräch mit Matthias Altenburg in einer Art Annäherung an einen bekannten Vertreter des Sozialistischen Realismus rückblickend ein wenig abwertend als ihren „Bredel“.</p>
<h3><strong>Absage an die „Neue Frauenliteratur“</strong></h3>
<p>Elsner stand der Erfindung des Labels „Frauenliteratur“ von Anfang an kritisch gegenüber. Auch in dieser Hinsicht war sie ihrer Zeit voraus: Bereits im April 1969 stellte Elsner in einem Brief an den Rowohlt Verlag klar, dass sie <em>„sehr empfindlich“</em> sei, wenn man sie <em>„mit Frauenliteratur in Verbindung brächte“</em>. Sie hielt den Begriff und das Konzept nicht nur für höchst problematisch, sondern zugleich auch für eine Form der (Selbst-)Diskriminierung: <em>„Eine solche Etikettierung der unterschiedlichsten Bücher aufgrund der gemeinsamen biologischen Merkmale ihrer Verfasserinnen läßt sich weißgott nicht als ehrenvoll bezeichnen“</em>. Mit Hilfe der Bezeichnung <em>„Frauenliteratur“</em> gelinge es der Literaturkritik, „<em>Bücher, die miteinander sprachlich und inhaltlich nichts gemein haben, über einen Kamm zu scheren, nur weil sie von Frauen verfaßt worden“</em> seien, so Elsner in „Autorinnen im literarischen Ghetto“.</p>
<p>Im Literaturkanon der Frauenforschung und der feministischen Literaturwissenschaft finden sich bevorzugt Werke von Autorinnen, die sich explizit mit Problemen von Frauen beziehungsweise Aspekten der Geschlechterdifferenz beschäftigen und weitestgehend auch mit den theoretischen Ansätzen einer feministischen Literaturwissenschaft kompatibel sind. An einer solchen thematischen Ausrichtung ist Gisela Elsner, die in Interviews provokativ behauptete, sie wäre lieber als Mann auf die Welt gekommen, jedoch nicht interessiert gewesen. Sie sagte im Gespräch mit Donna L. Hoffmeister: <em>„Jetzt machen sie Anthologien, in denen nur Schriftstellerinnen erscheinen. Daran nehme ich auch nicht teil, weil ich diesen biologischen Aspekt einfach nicht akzeptiere. Ich kann auch mit dem, was Frauen über sich selbst heute schreiben, nichts anfangen. Das sind alle[s] Probleme, die mich nicht interessieren.“</em></p>
<p>Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs <em>„merkwürdig“</em>, dass <em>„die Feministinnen sie ignorierten und jedenfalls bis heute nicht wiederentdeckt haben“</em>, wie Katharina Rutschky anlässlich des Erscheinens des Briefwechsels zwischen Gisela Elsner und Klaus Roehler 2002 in der Frankfurter Rundschau konstatierte. Elsner wurde – wie auch anderen Autorinnen ihrer Generation – von feministischer Seite aus vorgeworfen, dass keinerlei feministische Perspektive in ihren gesellschaftskritischen Texten zu erkennen sei. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Elsner sowohl in Studien der historischen Frauenliteraturforschung als auch in der feministischen Literaturwissenschaft bisher – wenn sie überhaupt erwähnt wird – lediglich eine marginale Position unter dem Stichwort „Schwarzer Realismus“ zugeordnet wurde.</p>
<p>Zwar gibt es unter den Werken Elsners einige, in denen Geschlechterordnung, Ehe, Macht und Sexualität eine zentrale Rolle spielen – so etwa „Das Berührungsverbot“, „Abseits“ und „Die Zähmung“. Doch werden Frauen bei Elsner nicht in erster Linie als „Opfer“ der patriarchalen Ordnung präsentiert, sondern (wie etwa die Ehefrauen im <em>„Berührungsverbot“</em>) als Komplizinnen und (Teil-)Profiteure dieser Ordnung und/oder als ebenso dominant und herrschsüchtig, sobald sich für sie die Gelegenheit bietet, in eine entsprechende Machtposition zu gelangen (wie Bettina Begemann in „Die Zähmung“). Der Roman <em>„Die Zähmung“</em> ist jedoch nicht nur die „Chronik einer Ehe“, wie es der Untertitel verheißt, sondern zugleich eine bitterböse Abrechnung mit dem Zweig der trivialen Frauenliteratur der 1980er und 1990er Jahre – so Barbara Vinken in „Die deutsche Mutter – Der Lange Schatten eines Mythos“ (München 2002) als <em>„institutionalisierte Sparte, in der die Angst, nicht ganz Frau zu sein, beruhigt und trotzdem das Begehren befriedigt wird, als Frau etwas mehr sein zu können.“</em></p>
<p>Bettina Begemann, die Protagonistin der „Zähmung“, steht stellvertretend für zahlreiche Bestsellerautorinnen in der Nachfolge Marie Louise Fischers, mit denen Elsner sich in den Aufsätzen „Das lukrative Gewerbe einer Kerkermeisterin“ und „Der Ruf der großen Mutter“ auseinandersetzt: <em>„Was Marie Louise Fischer betrifft, so begnügt sie sich nicht damit, ihren Lesern mit ihren Romanen, wie sie es betont, ‚Gelegenheit‘ zu geben, ‚dem grauen Alltag mit all seinem Verdruß‘ zu entfliehen. Sie führt ihre Leser ganz bewußt in die Irre, indem sie ihnen das als Ausweg verkauft, was nur für ihre der Wirklichkeit entwischenden Helden und Heldinnen ein Ausweg sein kann. Daß die Autorin, obwohl sie in der Rolle einer Ratgeberin für alle Lebensfragen nicht einmal sonderlich glaubwürdig wirkt, Vertrauen erweckt, zeugt wohl weniger von der Gutgläubigkeit als von der Desorientierung ihrer Leser, die auch für Wegweiser, die in die falsche Richtung zeigen, dankbar zu sein scheinen.“ </em></p>
<p>Auch in dieser Hinsicht hat Elsner einmal mehr ihre vorausschauenden Fähigkeiten bewiesen, scheint ihre Kritik doch bereits die Fortführung dieser Tradition des affirmativen Frauenromans vorwegzunehmen, die nach Elsners Tod mit der Autorin Hera Lind, insbesondere mit dem Roman „Das Superweib“ (1994), einen (weiteren) vorläufigen Höhepunkt finden sollte.</p>
<p>In dem Roman „Die Zähmung“ stellt Elsner auch die Gefahren und Probleme dar, die mit der Proklamation einer ‚weiblichen Ästhetik‘ verbunden sind – ein Thema, das in den feministischen Literatur- und Kunstwissenschaften Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre – gerade auch im Kontext der Auseinandersetzung mit den Werken Elfriede Jelineks – engagiert diskutiert wurde. Die Behauptung einer „weiblichen Ästhetik“ birgt – nicht nur aus Elsners Sicht – die Gefahr, essentialistische beziehungsweise biologistische Aspekte der Geschlechterdifferenz fortzuschreiben, indem weibliche Kunst auf Kriterien festgeschrieben würde, die sich mit den altbekannten Weiblichkeitsstereotypen decken: Autobiographische Züge, Sensibilität, Emotionalität, Inkonsequenz und Irrationalität, Selbstbespiegelung und Selbstfindung. Werte wie <em>„Originalität, Objektivität, Sachlichkeit, die Fähigkeit, logisch zu denken, die Fähigkeit, größere Zusammenhänge zu erfassen, sowie die Souveränität, die durch Witz, Satire und Ironie zum Ausdruck kommt“</em> (in: „Autorinnen im literarischen Ghetto“), blieben somit auch weiterhin ausschließlich für männliche Autoren reserviert. Im Gespräch mit Donna L. Hoffmeister sagte sie: <em>„Ich schreibe nicht so, wie eine Frau ihrer Ansicht nach schreiben muß. Sie haben immer wieder versucht, mich in diese Frauenliteratur hineinzuschieben. Ich passe einfach nicht hin. Ihre bösartigen Bemühungen haben nichts genutzt. Sie können mich als schreibende Frau nur aus biologischen Gründen erwähnen.“</em></p>
<h3><strong>Kritik an Feminismus und Frauenbewegung</strong></h3>
<p>Im Gegensatz zu Elfriede Jelinek, die sich stets mehr oder weniger (selbst-)kritisch mit feministischen Thesen und Themen auseinandersetzte, sich aber nie wirklich ablehnend gegenüber dem Genre der „neuen Frauenliteratur“ und dem Feminismus der 1970er und 1980er Jahre geäußert hatte, erteilte Elsner der Debatte um „weibliche Ästhetik“ und dem radikalen „Mütterlichkeits-Feminismus“ bundesdeutscher Prägung in der für sie typischen satirisch-polemischen Art und Weise eine klare Absage. Die Einwände, die Elsner in einem Stern-Artikel von 1984 formulierte, zählen inzwischen zu den allgemeinen Erkenntnissen einer neueren Geschlechterforschung. Das betrifft die Einsicht, dass der Feminismus der 1970er und 80er Jahre weitestgehend eine Bewegung ‚weißer intellektueller Frauen‘ war, „(d<em>)ie Tatsache, daß die Parole der feministischen Wortführerinnen nicht GLEICHEN LOHN FÜR GLEICHE ARBEIT lautet, sondern letztlich auf ein OHNE EVAS RIPPE KEIN ADAM hinausläuft, zeigt nur ein weiteres Mal, daß die Frauenbewegung keine Bewegung der unteren Schichten ist.“</em> (in: „Der Ruf der großen Mutter“) ebenso wie auch die Erkenntnis, dass der von der Frauenbewegung gefeierte Katalog sogenannter „weiblicher“ Eigenschaften die traditionelle Geschlechterordnung gewissermaßen bestätigte und man in der Glorifizierung der Mutterschaft durchaus Anklänge an den Mutter-Mythos des Dritten Reiches erkennen konnte, wie Elsner es in ihrer Polemik im Stern andeutet: <em>„Die Aufwertung der FRAU zum universellen Leid hat nur zur Folge, daß die von Weiberverächtern ersonnenen sogenannten ‚weiblichen‘ Eigenschaften, deretwegen das schwache Geschlecht seit Jahrtausenden sattsam mit Geringschätzung bedacht worden ist, jetzt in den Himmel gehoben werden.“</em></p>
<p>Zwischenzeitlich hatte sich die Geschlechterforschung entsprechend kritisch mit den Ansätzen und Zielen der neuen Frauenbewegung und den Unzulänglichkeiten feministischer Theoriebildung auseinandergesetzt. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre war eine solche (selbst)kritische Haltung – zumal von einer „Geschlechtsgenossin“ – noch umstritten. Entsprechend wurde Gisela Elsner mit ihrer radikal kritischen Haltung denn auch als Nestbeschmutzerin, als Komplizin des Patriarchats wahrgenommen. Rückblickend muss man den Weitblick und die Unbestechlichkeit der Autorin in Sachen Geschlechterpolitik anerkennen. Nicht umsonst wurde Elsner in einem Nachruf als eine <em>„späte Schwester Kassandras“</em> bezeichnet.</p>
<p>Zwar hat sich Elsner in verschiedenen Essays und Interviews immer wieder dezidiert von bestimmten (bundesdeutschen) Ausprägungen des Feminismus abgegrenzt, doch würde man der Autorin und ihrem gesellschaftskritischen Anliegen wohl nicht gerecht werden, wenn man sie als „antifeministisch“ bezeichnen wollte. In ihrem Aufsatz „Frauen im literarischen Ghetto“ (1983) kritisiert Elsner – durchaus in einem feministischen Sinne – die patriarchalen Strukturen des Literaturbetriebs: <em>„Obwohl die ernstzunehmenden Schriftstellerinnen in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr offen diskriminiert werden, läßt sich ihre Situation nach wie vor nicht als beneidenswert bezeichnen. Es ist ihnen nämlich noch immer nicht gelungen, sich innerhalb des von Männern beherrschten Kulturbetriebs die Geltung zu verschaffen, die ihnen eigentlich zukommen müßte. Dies soll nicht heißen, daß sie etwa totgeschwiegen würden. Im Gegenteil: Niemand kann bestreiten, daß ihre Bücher bei der bürgerlichen Literaturkritik Beachtung finden. Doch könnte die Art und Weise, in der diese Bücher beachtet und rezensiert zu werden pflegen, nicht fragwürdiger sein. Wenn man in den Feuilletons die Rezensionen der Neuerscheinungen liest, die bundesdeutsche Autorinnen verfaßt haben, wird man den Verdacht nicht los, daß viele männliche Kritiker Frauen, die einer schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen, noch immer nicht für ganz normal zu halten scheinen. Entsprechend werden die Bücher von weiblichen Autoren nur höchst selten nach den kritischen Normen und nach den ästhetischen Kriterien bewertet, die männlichen Autoren gegenüber geltend gemacht werden. Vielmehr räumt man ihnen (&#8230;), mit einer verletzenden Generosität, (&#8230;) eine Sonderstellung innerhalb der Literatur ein.“ </em></p>
<p>Mit einer solchen Äußerung positioniert sich Elsner jedoch genau zwischen zwei Stühlen. Auf der einen Seite kritisiert sie – ganz im Sinne der feministischen Literaturwissenschaft – eine männlich dominierte Literaturkritik, die die Werke von weiblichen Autoren systematisch diskreditiert. Gleichzeitig weist sie jedoch darauf hin, dass die neu eingerichtete Nische der „neuen Frauenliteratur“ eben diesem Literaturbetrieb in die Hände spiele, indem die Trennung zwischen „weiblicher“ und „männlicher“ Literatur beziehungsweise Ästhetik aufrechterhalten, wenn nicht gar verstärkt werde. Es sind in jüngster Zeit verschiedene Versuche gemacht worden, die Position Elsners genauer zu beschreiben. In Anlehnung an Kleists berühmtes Diktum zu der in der Figur des Michael Kohlhaas angelegten Paradoxie ließe sich im Hinblick auf Elsner vielleicht folgende These formulieren: eine feminismuskritische und <u>zugleich</u> radikalfeministische Schriftstellerin. In einem radikalfeministischen Sinne forderte Elsner im RIAS Berlin in einer Sendung vom 25. Juli 1974 (Titel: „‚Ich bin wie jede andere‘: Schriftstellerinnen in der Bundesrepublik Deutschland“): <em>„Frauen sollten sich so verhalten, als gäbe es keine Männer.“</em> In dieser Sendung legte Elsner – obwohl sie im Gegensatz zu den anderen Autorinnen kaum zu Wort kam – noch einmal ihren Standpunkt gegenüber den Forderungen einer feministisch engagierten neuen Frauenbewegung dar. Für Elsner waren die Errungenschaften der Frauenbewegung lediglich Anzeichen einer <em>„Scheinemanzipation“.</em> Armin Halstenberg fragte Gisela Elsner <em>„Sind Sie eine emanzipierte Frau?“ </em>(in: Nürnberger Nachrichten vom 11. Januar 1971). Sie antwortete: <em>„Wirklich emanzipierte Frauen würden in Deutschland gelyncht.“</em></p>
<p>Während Elsner sich durchaus für reale Verbesserungen des sozialen, politischen und ökonomischen Status von Frauen engagierte, warf sie den Feministinnen eine <em>„Veräußerlichung der Probleme“</em> vor, indem diese sich bevorzugt um die Feinheiten einer politisch korrekten Sprache oder der Kleidung (<em>„Hosen statt Röcke“</em>) kümmerten als um eine umfassende Gleichheit im politischen und sozialen Sinne. Der poststrukturalistisch-feministischen Überzeugung, dass Sprache beziehungsweise Schrift der Ort sei, an dem gesellschaftliche Wirklichkeit wie individuelles Bewusstsein sich konstituieren, stand Elsner eher skeptisch gegenüber, obwohl auch sie – wie Elfriede Jelinek – eine Meisterin der Sprachsatire war.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>, Hamburg</p>
<p>Der Text ist eine an einigen wenigen Stellen bearbeitete Übernahme des Nachworts von Christine Künzel zur 2011 im Verbrecher Verlag veröffentlichten Essay-Sammlung „Im literarischen Ghetto“. Er wird hier mit dem freundlichen Einverständnis der Autorin und des Verlegers Jörg Sundermeier veröffentlicht, weil die elfbändige Ausgabe von Werken Gisela Elsners leider nicht mehr im Buchhandel verfügbar ist. Die kritischen Schriften und Essays von Gisela Elsner wurden in der genannten Ausgabe in zwei Bänden veröffentlicht: „Flüche einer Verfluchten“ und „Im literarischen Ghetto“. Herausgeberin der gesamten Reihe war Christine Künzel.</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</p>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schmutzige-wahrheit/">Schmutzige Wahrheit</a> – Christine Künzel über die Aktualität der Satirikerin Gisela Elsner, in: Demokratischer Salon, März 2026 sowie</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-realistin/">Die Realistin</a> – Tanja Röckemann über Literatur und Politik im Werk Gisela Elsners, in: Demokratischer Salon, November 2025.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 24. März 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/verfluchte-aus-leidenschaft/">Verfluchte aus Leidenschaft</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/verfluchte-aus-leidenschaft/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Schmutzige Wahrheit</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/schmutzige-wahrheit/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/schmutzige-wahrheit/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Mar 2026 07:38:39 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=7901</guid>

					<description><![CDATA[<p>Schmutzige Wahrheit Christine Künzel über die Aktualität der Satirikerin Gisela Elsner „Wenn man in den Feuilletons die Rezensionen der Neuerscheinungen liest, die bundesdeutsche Autorinnen verfaßt haben, wird man den Verdacht nicht los, daß viele männliche Kritiker Frauen, die einer schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen, noch immer nicht für ganz normal halten. Entsprechend werden die Bücher von  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schmutzige-wahrheit/">Schmutzige Wahrheit</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Schmutzige Wahrheit</strong></h1>
<h2><strong>Christine Künzel über die Aktualität der Satirikerin Gisela Elsner </strong></h2>
<p><em>„Wenn man in den Feuilletons die Rezensionen der Neuerscheinungen liest, die bundesdeutsche Autorinnen verfaßt haben, wird man den Verdacht nicht los, daß viele männliche Kritiker Frauen, die einer schriftstellerischen Tätigkeit nachgehen, noch immer nicht für ganz normal halten. Entsprechend werden die Bücher von weiblichen Autoren nur höchst selten nach den kritischen Normen und nach den ästhetischen Kriterien bewertet, die männlichen Autoren gegenüber geltend gemacht werden. Vielmehr räumt man ihnen, so als wäre es unmöglich, sie nach den herkömmlichen kritischen Normen und ästhetischen Kriterien zu qualifizieren, mit einer verletzenden Generosität, wie den Auslassungen von Schizophrenen oder Triebverbrechern, eine Sonderstellung innerhalb der Literatur ein.“ </em>(Gisela Elsner, Autorinnen im literarischen Ghetto, Erstveröffentlichung in: Kürbiskern Heft 2, 1983, abgedruckt in dem Sammelband „Im literarischen Ghetto“, Berlin, Verbrecher Verlag, 2011).</p>
<p>Sätze aus dem Jahr 1983, die auch heute noch gelten, nicht nur für Frauen, die es wagen, sich literarisch zu betätigen. Ähnlich verdächtigt werden heute Autor:innen, deren Werke als <em>„Migrationsliteratur“</em> gelabelt werden, was auch immer das sein mag. <em>„Frauenliteratur“</em>, <em>„Migrationsliteratur“</em>, auch von Jüdinnen oder Juden geschriebene Literatur erleidet dasselbe Schicksal. Ihre Werke werden auf die Tatsache reduziert, dass sie von Frauen, Migrant:innen, Jüdinnen oder Juden geschrieben wurden. Und das ist durchaus abwertend gemeint. Es reicht eben nicht, dass diese Autor:innen in deutscher Sprache schreiben. Niemand jedoch würde von Männern geschriebene Literatur <em>„Männerliteratur“</em> nennen. Wer sich mit dieser Schieflage des Sprechens und Schreibens über Literatur näher auseinandersetzen möchte, sollte Gisela Elsner lesen.</p>
<div id="attachment_7902" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7902" class="wp-image-7902 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-196x300.jpg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-196x300.jpg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-200x306.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-400x613.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-600x919.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-668x1024.jpg 668w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-768x1177.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-800x1226.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-1003x1536.jpg 1003w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-1200x1839.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-1337x2048.jpg 1337w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-1970-Foto-Kai-Greiser-mit-freundlicher-Genehmigung-der-Internationalen-Gisela-Elsner-Gesellschaft-scaled.jpg 1671w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /><p id="caption-attachment-7902" class="wp-caption-text">Gisela Elsner 1970, Foto: Kai Greiser, mit freundlicher Genehmigung der Internationalen Gisela-Elsner-Gesellschaft.</p></div>
<p>Eigentlich müsste Gisela Elsner zu den bedeutendsten Autorinnen der deutschen Literatur der Nachkriegszeit gezählt werden, doch leider gibt es bis heute nur wenige, die sich intensiv mit ihr beschäftigen. Eine davon ist die Literaturwissenschaftlerin Christine Künzel, Erste Vorsitzende der <a href="https://www.giselaelsner.de/">Internationalen Gisela-Elsner-Gesellschaft</a>. Christine Künzel war die Herausgeberin der elf Bände umfassenden Reihe der Romane und Essays von Gisela Elsner (1937-1992) <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/gisela-elsner/">im Verbrecher Verlag</a>. Ihrer Habilschrift gab sie den Titel „Ich bin eine schmutzige Satirikerin“, eine Selbstbezeichnung Gisela Elsners (das Buch erschien 2012 <a href="https://www.ulrike-helmer-verlag.de/b%C3%BCcher/wissenschaft/literatur-und-kulturwissenschaft">im Ulrike Helmer Verlag</a> (Sulzbach / Taunus). Bezeichnend ist der Titel der Einführung von Christine Künzel zu dem von ihr herausgegebenen Band „Die letzte Kommunistin“ (Hamburg, KVV konkret, 2009): „Einmal im Abseits, immer im Abseits? Anmerkungen zum Verschwinden der Autorin Gisela Elsner“.</p>
<p>Dass sich inzwischen jedoch auch Nachwuchswissenschaftler:innen mit Elsners Werk befassen, zeigt die Dissertation von Tanja Röckemann. Sie wurde unter dem Titel <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/tanja-roeckemann/">„Die Welt, betrachtet ohne Augenlider – Gisela Elsner, der Kommunismus und 1968“</a> im Jahr 2025 im Verbrecher Verlag veröffentlicht. Tanja Röckemann stellte sie im Demokratischen Salon in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-realistin/">„Die Realistin“</a> vor. Gegenstand war das Verhältnis zwischen Literatur und Politik im Werk Gisela Elsners, eine Frage, die sich – so auch Christine Künzel – durch ihr gesamtes Werk zieht, ihre Romane ebenso wie ihre Essays.</p>
<h3><strong>Eine empfindliche Lücke im Literaturbetrieb</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie haben Sie Gisela Elsner entdeckt?</p>
<div id="attachment_7903" style="width: 258px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7903" class="wp-image-7903 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-248x300.jpg" alt="" width="248" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-200x242.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-248x300.jpg 248w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-400x484.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-600x725.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-768x929.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-800x967.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-847x1024.jpg 847w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-1200x1451.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-1270x1536.jpg 1270w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Foto-privat-1694x2048.jpg 1694w" sizes="(max-width: 248px) 100vw, 248px" /><p id="caption-attachment-7903" class="wp-caption-text">Christine Künzel, Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>In meinem Studium habe ich Gisela Elsner noch nicht kennengelernt, obwohl ich damals schon bei den wichtigsten feministischen Literaturwissenschaftlerinnen studiert habe. Ich erfuhr von ihr erst, als der Film ihres Sohnes Oskar Roehler über seine Mutter, „Die Unberührbare“, im Jahr 2000 erschien. Ich saß im Kino und dachte, wie kann es sein, dass ich diese Autorin nicht kenne? Ich verließ empört das Kino und musste sofort nachschauen, was Gisela Elsner geschrieben hatte. Zunächst dachte ich, dass sich jetzt ganze Horden von Literaturwissenschaftler:innen auf ihr Werk stürzen würden, aber das war nicht so. Ich war eine der wenigen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie waren dann die Herausgeberin einer Neuauflage von mehreren Romanen und Essaybänden im Verbrecher Verlag. Die Reihe brachte es immerhin auf <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/gisela-elsner/">elf Bände</a>, die aber heute leider alle nicht mehr im Buchhandel verfügbar sind. Zurzeit sind sie nur noch antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich. Gisela Elsners Oper „Friedenssaison“ mit der Musik von Christof Herzog wurde bisher noch nicht uraufgeführt.</p>
<p>Wie erklären Sie sich diese Nicht-Beachtung von Gisela Elsner vor und nach der Publikation dieser Reihe? In Ihrer Habilschrift zeigen Sie ein Bild, auf dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt zu sehen ist, der vor seiner Autorin Gisela Elsner niederkniet. Das hätte doch eigentlich auch ein Zeichen dafür sein können, dass alle in Deutschland diese Autorin hätten kennen müssen.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Das hätte so sein können, hätte so werden können. Mit der Verfügbarkeit der Bücher steht und fällt die Beachtung. Man kann zwar Veranstaltungen wie Lesungen oder Symposien durchführen, aber diese verlieren an Wirkung, wenn die Bücher nicht im Buchhandel verfügbar sind. Wer geht dafür schon extra in eine Bibliothek? Leider konnte die Reihe, die im Verbrecher Verlag erschien, nach elf Bänden nicht mehr fortgesetzt werden. </em></p>
<p><em>Die von Ihnen beschriebene Szene auf dem Foto bezog sich auf Gisela Elsners Erstling „Die Riesenzwerge“, der 1964 mit dem Prix Formentor ausgezeichnet wurde. Wäre sie bei dieser Schreibweise, diesem Stil geblieben, hätte sie möglicherweise eine andere Karriere machen können. Sie hat sich jedoch schon mit ihrem dritten Roman für die Schreibweise der Satire entschieden. Diese Umorientierung, die auch eine künstlerische Entscheidung war, nahm man ihr übel, von der Verlagsseite ebenso wie von der Seite der Literaturkritik. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Spielte die Gruppe 47 dabei eine Rolle? Das war ja ein fürchterlicher Männerclub, in dem es Frauen nicht einfach hatten.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Gisela Elsner war in der Gruppe 47 durchaus prominent. Man lud dort gezielt bestimmte Frauen ein. Das hatte auch etwas mit Ihrem Aussehen zu tun, Frauen waren in der Gruppe 47 als schöne Dekoration willkommen. So fing es auch mit Gisela Elsner an, die zunächst als Ehefrau von Klaus Roehler teilnahm, bis sie 1962 ihre erste eigene Lesung in der Gruppe hatte.</em></p>
<p><em>Gleichzeitig entstand das Genre „Frauenliteratur“. Hier holte sich Gisela Elsner gewisse Verletzungen, weil sie sich vehement gegen eine Einordnung unter dieses Label wehrte. Sie hatte deutlich gemacht, dass sie in keinem Band, in keiner Zeitschrift erscheinen wollte, in der sie unter dem Label der „Frauenliteratur“ geführt worden wäre. Hätte sie sich auf dieses Label eingelassen, hätte sie eine Weile mitschwimmen können. </em></p>
<p><em>1980 schrieb sie ihren Essay „Autorinnen im literarischen Ghetto“, in dem sie sehr genau beschrieb, was von Frauen in der Literatur erwartet wurde. Die Satire passt da nicht hinein. Diese ist ohnehin eine Schreibweise, die in der Literaturkritik und in der Literaturwissenschaft eher abfällig behandelt wird, weil sie– so war der bundesrepublikanische Diskurs – als politische, nicht als rein zweckfreie Gattung galt. </em></p>
<p><em>Mit ihrer Entscheidung für die Satire hatte sie in Deutschland keine Chance. In Österreich wäre das sicherlich anders gewesen. Denken Sie beispielsweise an Elfriede Jelinek, die knapp zehn Jahre jünger ist als Gisela Elsner. Satire galt – so formulierte Elsner es einmal – „wie Bordellbesuche ausschließlich als Männersache“. Sie hatte sich mit der Satire auf ein männlich besetztes Feld begeben, das einen aggressiven Gestus beinhaltet. Dass sie einen solchen Gestus für sich beanspruchte, nahm man ihr übel. Davon hat sie sich nie erholen können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das betrifft den Literaturbetrieb in den 1960er Jahren der Bundesrepublik.</p>
<div id="attachment_7603" style="width: 217px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/die-welt-betrachtet-ohne-augenlider-gisela-elsner-der-kommunismus-und-1968/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7603" class="wp-image-7603 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Tanja-Roeckemann-Gisela-Elsner-Verbrecher-Verlag-207x300.png" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Tanja-Roeckemann-Gisela-Elsner-Verbrecher-Verlag-207x300.png 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Tanja-Roeckemann-Gisela-Elsner-Verbrecher-Verlag-707x1024.png 707w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Tanja-Roeckemann-Gisela-Elsner-Verbrecher-Verlag-768x1113.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Tanja-Roeckemann-Gisela-Elsner-Verbrecher-Verlag.png 815w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-7603" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Das hat Tanja Röckemann in ihrer Arbeit sehr deutlich gezeigt. Gisela Elsner wurde auch in den 1980er Jahren nicht wiederentdeckt, als eigentlich alle Autorinnen, die irgendwann einmal irgendetwas geschrieben hatten, ausgegraben und rehabilitiert wurden. Sie nicht. Das hängt aber nicht nur damit zusammen, dass sie sich gegen das Label „Frauenliteratur“ stellte, sondern auch damit, dass sie als vehemente Kritikerin des Mütterfeminismus der 1980er Jahre auftrat. Dazu hat sie mehrere satirische Schriften verfasst. Sie fiel somit auch aus der feministischen Literatur, Literaturwissenschaft und -kritik heraus. Weil sie all diese vermeintlich progressiven Strömungen kritisierte, fiel sie durchsämtliche Raster. Zudem dominierte seit Ende der 1980er Jahre ein Trend zur Innerlichkeit die Literatur, man schrieb über sich, nicht mehr über die äußeren politischen und gesellschaftlichen Umstände. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie konnte bei den Literaturpäpsten der Zeit nicht punkten, nicht bei Marcel Reich-Ranicki, nicht bei Helmut Karasek, nicht bei Heinz Ludwig Arnold und seiner Zeitschrift Text + Kritik. Auch in der Literaturwissenschaft war sie nicht präsent.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>So war es. Gisela Elsner war bis zu ihrem Tod im Jahr 1992 und dann noch bis zum Erscheinen des Films quasi verschwunden. Der Film sagt über ihre schriftstellerische Leistung so gut wie nichts aus, das ist eine Mutter-Sohn-Geschichte. Deshalb bin ich auch entsetzt aus dem Kino herausgegangen und wollte unbedingt etwas von dieser Autorin lesen. Der Film vermittelte das Bild einer Frau, die nicht mehr in der Wirklichkeit lebt, die eigentlich nicht weiß, was sie schreibt, reduziert auf ihr Äußeres in ihren diversen Verkleidungen, eine verwirrte, alkohol- und tablettensüchtige Frau, die auch noch an irgendwelchen kommunistischen Idealen hängt. In Wirklichkeit hat Gisela Elsner bis zu ihrem Tod geschrieben und die Texte haben nichts Verwirrtes an sich. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und in der Literaturwissenschaft?</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Renommierte Literaturwissenschaftler:innen beschäftigen sich nicht mit Gisela Elsner. Eine Autorin, dann auch noch Kommunistin, die Satiren schreibt? Damit würde man sich auf ein heikles Randgebiet der Literatur begeben. Gisela Elsner hat sich auch von Zuschreibungen distanziert. Als Ronald Schernikau ihr schrieb, sie sei eine der größten Dichterinnen, wies sie dies zurück. Sie wolle von ihm nicht noch einmal als „Dichterin“ bezeichnet werden: „Ich bin eine schmutzige Satirikerin“. „Dichter“ waren für sie Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, damit wollte sie nichts zu tun haben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gisela Elsner selbst hat sich – so möchte ich es sagen – mehr oder weniger auch literaturwissenschaftlich betätigt, obwohl sie nie den Anspruch hatte, sich als solche zu etablieren. Ich denke zum Beispiel an ihren Essay „Wie man sich einfach unmöglich macht – Über Ehebrecherinnen in der Weltliteratur und die Moral der Bourgeoisie“ (1987), in dem sie über Madame Bovary, Effi Briest, Anna Karenina, Lady Chatterley schrieb.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Das ist ein wichtiger Teil ihrer schriftstellerischen Arbeit. Sie schrieb auch über Franz Kafkas „Amtliche Schriften“ (1988) oder über den „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist: „Das Frohlocken angesichts des Richtblocks“ (1978). Sie schrieb über Populärliteratur, über Marie-Louise Fischer: „Das lukrative Gewerbe einer Kerkermeisterin“ (1984). Dazu kommt der schon erwähnte Essay „Autorinnen im literarischen Ghetto“. Ich habediese und andere Texte in den Band „Im literarischen Ghetto“ aufgenommen (2011). Die Texte haben nicht an Aktualität verloren. Es ist so schade – man kann es nicht oft genug wiederholen –, dass die Bücher zurzeit nicht mehr im Buchhandel verfügbar sind.  </em></p>
<div id="attachment_7904" style="width: 206px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.ulrike-helmer-verlag.de/b%C3%BCcher/wissenschaft/literatur-und-kulturwissenschaft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7904" class="wp-image-7904 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Christine-Kuenzel-Ich-bin-eine-schmutzige-Satirikerin-Ulrike-Helmer-Verlag.jpg" alt="" width="196" height="320" /></a><p id="caption-attachment-7904" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Haben Sie nach Ihrer Habilitation feststellen können, dass man sich doch wieder mehr mit Gisela Elsner beschäftigte, oder blieb Ihre Arbeit etwas Singuläres?</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Ein wesentlicher Faktor war, dass ihre Werke im Verbrecher Verlag wieder verfügbar waren und auch mehrfach besprochen wurden. Auch der Roman „Heilig Blut“ mit seiner unsäglichen Publikationsgeschichte: Der Roman erschien zunächst nicht in deutscher Sprache, sondern in Bulgarien. Die Ausgabe im Verbrecher Verlag war vom Format her attraktiv und gut lektoriert –im Gegensatz zu den Erstausgaben von Elsners letzten Romanen. Jetzt sind Bücher von Gisela Elsner im Buchhandel nicht mehr verfügbar. Die Verfügbarkeit der Bücher ist jedoch eine wichtige Voraussetzung dafür, sich wissenschaftlich mit der Autorin zu beschäftigen. Aber meine Habilitation bleibt ein relativ singuläres Produkt – bis auf die Dissertationen von Carsten Mindt (Verfremdung des Vertrauten – Zur literarischen Ethnographie der ‚Bundesdeutschen‘ im Werk Gisela Elsners, Peter Lang Verlag, 2009) und jüngst von Tanja Röckemann. Manchmal habe ich den Eindruck, dass es einer literaturwissenschaftlichen Karriere abträglich ist, sich mit Gisela Elsner zu beschäftigen. Es ist ungeheuer schwer, sich von den alten Klischees zu lösen und die Texte neu und unbefangen zu lesen. Es bleibt das Bild, die „Riesenzwerge“ wären das beste Werk, danach hätte sie nur noch Schund veröffentlicht. Aber immerhin gibt es auch gute Entwicklungen: „Heilig Blut“, das sicherlich eines ihrer wichtigsten Werke ist, wurde in der letzten Spielzeit </em><a href="https://www.giselaelsner.de/heilig-blut-am-staatstheater-nuernberg/"><em>am Staatstheater Nürnberg dramatisiert</em></a><em> und auch sehr positiv besprochen. Auch „Fliegeralarm“, der Roman, an dem Heinz-Ludwig Arnold seinerzeit kein gutes Haar gelassen hatte, wird inzwischen von Historiker:innen als Auseinandersetzung mit der deutschen Erinnerungskultur gelesen und geschätzt.</em></p>
<h3><strong>Politik und Literatur – geht das zusammen?</strong></h3>
<div id="attachment_7906" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/gisela-elsner/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7906" class="wp-image-7906 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-Fliegeralarm-Verbrecher-Verlag-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-Fliegeralarm-Verbrecher-Verlag-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-Fliegeralarm-Verbrecher-Verlag-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-Fliegeralarm-Verbrecher-Verlag.jpg 220w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7906" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über Gisela Elsner erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Erinnerungskultur ist ein gutes Stichwort. In „Fliegeralarm“ zeigt Gisela Elsner hervorragend, wie es den Nazis gelingen konnte, Kinder so zu formen, dass sie all ihre ideologischen Positionen übernahmen und auch ohne Rücksichtnahme selbst auf ihre engsten Verwandten, ihre Eltern, durchsetzen.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Zum Inhalt von „Fliegeralarm&#8220; gibt es einen sehr schönen Aufsatz von Susanne Baackmann (</em><a href="https://www.jstor.org/stable/48771035"><em>Undoing the Myth of Childhood Innocence in Gisela Elsner´s Fliegeralarm</em></a><em>, in: German Politics and Society Issue 135, Vol. 39, No. 1, 2021) in englischer Sprache, der belegt, wie der Roman an den Mythen der deutschen Erinnerungskultur rüttelt, vor allem dem Mythos, dass Kriegskinder völlig unschuldig wären.</em></p>
<p><em>Gisela Elsner hat aber gerade durch Nicole Seiferts Auseinandersetzung mit der Geschlechterpolitik der Gruppe 47 Aufmerksamkeit erhalten. Aberman hat es Elsner nie verziehen, dass sie bis zum Schluss Mitglied der DKP geblieben ist – sogar noch, als der Zusammenbruch des DDR-Regimes bevorstand. Es gab zwar auch andere Autor:innen, die Mitglieder einer kommunistischen Partei gewesen waren, Elfriede Jelinek in der KPÖ, in Deutschland Martin Walser oder Franz Xaver Kroetz in der DKP. Aber bei denen hieß es, na ja, die waren ein paar Jahre Mitglied, haben gemerkt, dass das nichts Gutes war und das wars. Gisela Elsner ist dabeigeblieben, auch nach 1989, und so haftete ihr bis heute das Label der unbelehrbaren und verbiesterten Kommunistin an.</em></p>
<p><em>Gisela Elsners Weg widersprach dem bis in die Weimarer Klassik zurückreichenden Diskurs der Autonomieästhetik: Kunst und Literatur sollten unabhängig von den gesellschaftlichen und politischen Umständen existieren, siesollten sich einer politischen Positionierung oder gar Parteilichkeit enthalten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da wird aus meiner Sicht mit zweierlei Maß gemessen. Wenn ich mir die Dramen von Friedrich Schiller anschaue, kann ich nur sagen, dass es sich um hochpolitische Dramen handelt, nicht nur „Don Carlos“, auch „Kabale und Liebe“, „Die Räuber“ oder „Wallenstein“. Wenn jemand damals historisch-politische Aufklärung mittels seiner Kunst betrieb, dann war das Schiller.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Das stimmt, aber der autonomieästhetische Ansatz spielt schon eine Rolle in den ästhetischen Schriften Schillers. Da ging es nicht um Politik, sondern um die ästhetische Wirkung der Literatur. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben Recht, beispielsweise im Hinblick auf Begrifflichkeiten wie den unter anderem in „Über Anmut und Würde“ entwickelten Begriff des <em>„Erhabenen“</em>. Das waren kunstinterne Debatten, keine politischen. Hier geisterte das sogenannte <em>„interesselose Wohlgefallen“</em> aus der Kritik der Urteilskraft von Kant durch die Literatur.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Diese Debatte der Autonomieästhetik gibt es in der Form weder in Frankreich noch im englischsprachigen Raum noch in Österreich. Es ist ein deutsches Thema.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie in Auerbachs Keller: <em>„Politisch Lied, ein garstig Lied“</em>. Das ist wohl eine der meistzitierten Stellen aus dem „Faust“, nur wie Goethe das nun gemeint hat, gerade in Bezug auf die Karikatur der mehr oder weniger betrunkenen Studenten in der Szene, wäre ein anderes Thema. Nur so viel: In der Szene heißt es auch: <em>„Ein deutscher Mann kann keinen Franzen leiden, doch ihre Weine trinkt er gern“</em>. Das hat schon satirisch-boshaften Charakter gegen deutschen Nationalismus. Ob das alle, die den „Faust“ schätzen, gemerkt haben, ist eine andere Frage. In der Regel verließ man sich lieber auf die komödienhafte Inszenierung des Mephisto von Gustav Gründgens. Die Parodie auf biedermeierische Adaptionen der grundlegenden Fragen der Aufklärung wollte man wohl eigentlich nicht sehen.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Es ist ein hartes Stück Arbeit, einmal gefällte literarische Urteile zu revidieren. Das ist auch das Schicksal von Gisela Elsner.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und dann haben wir ihr Outfit, das natürlich sehr auffällt und daher auch wiederum ein Grund, sie darauf zu reduzieren. Es ist übrigens interessant, dass auf Wikimedia Commons keine Bilder von Gisela Elsner verfügbar sind.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Ihre Selbstinszenierungen mit opulenten Perücken und Outfits führte durchaus dazu, dass sie für queere und schwule Kreise attraktiv war, aber damit ist zunächst noch keine tiefere Auseinandersetzung mit ihren Romanen und Essays verbunden. </em><a href="http://www.schernikau.net/"><em>Ronald Schernikau</em></a><em> sollte eigentlich ihr Nachlassverwalter werden, starb aber ein Jahr vor ihr an AIDS. Es ist aber schon spannend, dass sie in diesen Kreisen bis heute sehr viel gelesen wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ronald Schernikau passt auch aus einem anderen Grund zu ihr, ein Wanderer zwischen den politischen Welten des Kalten Krieges, ein Autor, der in der DDR geboren war, in den Westen ging und kurz vor dem Mauerfall wieder in die DDR zurückkehrte und sich die Frage stellte: „Was macht ein revolutionärer Künstler ohne Revolution?“ Diese Frage hätte auch zu Gisela Elsner gepasst. Aber vielleicht versuchen wir, Gisela Elsner im Lichte literarischer Traditionen zu sehen?</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Ich gehe bis ins 17. Jahrhundert zurück, denn ich denke bei Gisela Elsner oft an Jonathan Swift. Der Titel „Die Riesenzwerge“ ist eine direkte Anspielung auf „Gullivers Reisen“. Oder „A Modest Proposal“! Das ist für mich eine der stärksten und zugleich drastischsten Satiren. Schwärzer kann es kaum werden. Gerade im Hinblick auf Kinder, denn über Kinder darf man ja keine Witze machen – schon gar nicht böse Witze. Mit der Radikalität der Satire sehe ich sie in einer Reihe mit Jonathan Swift, später mit österreichischen Autoren. Als Autorin hat sie allerdings in dieser Reihe kein Vorbild. Sie sagte auch von sich selbst, sie sei die erste Frau, die eine Satire schrieb, zumindest im deutschsprachigen Raum. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und Elfriede Jelinek? Oder Ingeborg Bachmanns „Unter Mördern und Irren“ (1962)? Einer der treffendsten Texte über Überleben und Wiedergeburt der Nazi-Kultur im kleinbürgerlichen Alltag der Wirtshäuser.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Gisela Elsner und Ingeborg Bachmann kannten sich, unter anderem über Klaus Röhler. Ingeborg Bachmann ist älter, Elfriede Jelinek jünger als Gisela Elsner. Elfriede Jelinek sagt, sie habe es einfacher gehabt, auch weil sie in Österreich lebte. Gisela Elsner ist vielleicht die zornigste und aggressivste Autorin. Das zeigt schon der Titel des Essays „Flüche einer Verfluchten“ (1988). Männer mögen es im Literaturbetrieb überhaupt nicht, wenn Frauen aggressiv und zornig schreiben. Bei Elfriede Jelinek ist das etwas anderes, denn sie kann damit spielerisch umgehen. Sie hält sich auch aus der Öffentlichkeit fern. Und sie ist eben Österreicherin. In Österreich gibt es ähnlich wie in England diesen Hang zu einem bitterbösen schwarzen Humor, den es so in Deutschland nicht gibt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht in einigen wenigen Erzählungen von Heinrich Böll? Ich denke zum Beispiel an „Nicht nur zur Weihnachtszeit“.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>In Deutschland hat man es lieber humorig. Das ist dann die harmlose Variante der Satire.</em></p>
<h3><strong>Von der Groteske zur Satire</strong></h3>
<div id="attachment_7611" style="width: 230px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/gisela-elsner/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7611" class="wp-image-7611 size-full" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gisela-Elsner-Otto-der-Grossaktionaer-Verbrecher-Verlag.jpg" alt="" width="220" height="295" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gisela-Elsner-Otto-der-Grossaktionaer-Verbrecher-Verlag-200x268.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gisela-Elsner-Otto-der-Grossaktionaer-Verbrecher-Verlag.jpg 220w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-7611" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über Gisela Elsner erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich schlage vor, dass wir unser Plädoyer für die Lektüre – und die Wiederauflage der Werke – von Gisela Elsner an einigen Beispielen erörtern. Ich persönlich sehe den in Literaturkritik und Verlagen vermerkten Bruch zwischen „Die Riesenzwerge“ und den folgenden Romanen nicht. Weder inhaltlich noch stilistisch. Im Gegenteil: Gisela Elsner hat aus meiner Sicht ihren Stil verfeinert und schließlich bis „Otto der Großaktionär“, ihrem letzten erst postum veröffentlichten Romanfragment aus dem Nachlass ständig weiterentwickelt. Kleinbürgerlicher Mief, oft gewalttätig, bis hin zum Faschismus, zumindest zu einer Art Kryptofaschismus, den ich schon in „Die Riesenzwerge“ sehe.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Das wurde damals nur nicht erkannt. Deshalb war sie auch unzufrieden mit der Rezeption ihres ersten Romans. Sie müssen sich mal die Rezensionen ansehen, beispielsweise zu der Kannibalismus-Szene im Restaurant. In keiner Kritik wurde erwähnt, dass das kannibalische Mahl als Parabel für den NS-Faschismus stand. Nicht einmal in der Szene, in der man einmal im Jahr mit dem Stiefvater zu dem Grab des biologischen Vaters wandert, sah man eine Anspielung auf den Topos der Wiedergutmachung. Der Roman ist völlig NS-frei gelesen worden. Das hat Gisela Elsner massiv gestört. Sie schloss daraus, dass die Kritik am NS durch die eher grotesk überspitzte Form der Darstellung wohl zu vage formuliert war. Aus unserer heutigen Sicht ist das kaum verständlich.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe die Romane von Gisela Elsner so gelesen, dass die Restbestände der NS-Zeit sich überall bis in das alltägliche Familienleben hinein immer wieder neu auswirken. Wenn man bedenkt, dass ein Buch wie „Die deutsche Mutter und ihr Kind“ von Johanna Haarer bis in die 1980er Jahre verkauft wurde, versteht man vielleicht, warum niemand in Gisela Elsners Romanen den nach wie vor wirksamen Ungeist des Nationalsozialismus erkennen wollte. Das sehen wir schon in der Eingangsszene von „Die Riesenzwerge“: Der patriarchalische Vater, der sein Essen in sich hineinschaufelt, während die Mutter nur eine ganz kleine Portion zu sich nimmt. Wer verleibt sich da was ein?</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Es geht ums Fleischessen des Vaters, der ja auch einer der Kannibalen ist. Oder um den Bandwurm, den der Junge wieder loswerden muss. Ich lese den Bandwurm als Metapher, dass das Kind von diesem Fleisch fressenden Parasiten befreit werden muss wie die deutsche Gesellschaft vom Nationalsozialismus. Als Gisela Elsner feststellen musste, dass ihre grotesk überzeichnete NS-Kritik nicht als solche vom Publikum wahrgenommen wurde, entschied sie sich für die Form der Satire. </em></p>
<p><em>Im Deutschlandfunk hörte ich zuletzt einen Beitrag von </em><a href="https://klaus-staeck.de/"><em>Klaus Staeck</em></a><em>, der benannte, was eine Satire leisten sollte. Sie muss die Verursacher benennen, darf nicht im Vagen bleiben und das macht sie so gefährlich. In „Heilig Blut“ ist das eindeutig in der Beschreibung der handelnden Personen erfolgt. Damit gefährdet man sich natürlich als Autor:in, man macht sich angreifbar. Das ist bei Klaus Staeck natürlich noch extremer, weil bei seinen Plakaten große Firmennamen dahinterstehen. Das war bei Gisela Elsner nicht der Fall, aber es ist schon so, dass die Satire Ross und Reiter benennt und grundsätzlich auf der Seite der Opfer, der Schwächeren stehen sollte. Und das legen ihre Texte nahe.</em></p>
<div id="attachment_7610" style="width: 222px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/gisela-elsner/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7610" class="wp-image-7610 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gisela-Elsner-Heilig-Blut-Verbrecher-Verlag-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gisela-Elsner-Heilig-Blut-Verbrecher-Verlag-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gisela-Elsner-Heilig-Blut-Verbrecher-Verlag-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Gisela-Elsner-Heilig-Blut-Verbrecher-Verlag.jpg 220w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7610" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über Gisela Elsner erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da wäre bei „Heilig Blut“ der junge Mann, der stellvertretend für seinen Vater an der Jagdgesellschaft teilnimmt und von dieser getötet wird.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Ich weiß nicht, ob sie auf der Seite des jungen Gösch steht, denn dieser ist irgendwie doch der typische Vertreter einer Untertanenmentalität. Er hat Angst, aber er trottet mit. Er war Kriegsdienstverweigerer, leicht sozialdemokratisch angehaucht, auch wenn das nicht unbedingt deutlich wird. Wer einfach mittrottet, ist ein Mitläufer und macht sich mitschuldig. Man hat vielleicht Mitleid mit ihm, aber letztlich macht er alles mit, was die drei Alten ihm befehlen. </em></p>
<p><em>Man hat Gisela Elsner oft vorgeworfen, dass sie nicht genügend Empathie für ihre Figuren hätte. Diesen Vorwurf kann man der Satire jedoch nicht machen. Die Satire ist nicht an psychologischen Prozessen interessiert, sie bleibt bei der Überzeichnung von Figuren, bei der Karikatur. Man muss Satiren nicht mögen, aber kann ihnen nicht vorwerfen, was nicht zu ihrem Charakteristikum gehört. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe manchmal den Eindruck, dass Gisela Elsner gerade denjenigen einen Spiegel vorhält, die nie auf die Idee kämen, sie zu lesen. Das vermute ich insbesondere im Hinblick auf die patriarchalischen männlichen Figuren.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Es ist die Frage, ob Gisela Elsner überhaupt das Publikum finden kann, das sie eigentlich adressieren müsste. „Heilig Blut“ ist eine männerbündische Geschichte, nichts Ungewöhnliches. Aber wenn Sie so argumentieren, halte ich dagegen, dass Thomas Bernhard auch gelesen wird, auch von denen, die gemeint sind. Willi Winkler hat einmal darauf hingewiesen, dass Thomas Bernhard geradezu neidisch auf dieses Buch gewesen wäre. Es hätte gut zu ihm gepasst. Auf jeden Fall kann man sagen, dass ein männliches Lesepublikum eher weniger ein Buch einer Autorin liest als umgekehrt. Thomas Bernhard ist aber auch Österreicher und in Österreich sieht manches anders aus, nicht nur durch Elfriede Jelinek. Satire hat in Österreich eine ganz andere Tradition.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke bei Elfriede Jelinek jetzt an „Die Klavierspielerin“ oder an „Die Kinder der Toten“. Ich weiß gar nicht, ob ich diese beiden Bücher als Satire bezeichnen soll, aber satirische Elemente gibt es dort auf jeden Fall. „Die Kinder der Toten“ spielt darüber hinaus mit Elementen von Zombie-Romanen oder -Filmen und mit der Pension „Alpenrose“ mit dem Heimatroman. Ich halte „Die Kinder der Toten“ für eines der besten Bücher, die je in deutscher Sprache über die Shoah geschrieben wurden. Ich bezweifele, dass die Bücher von Elfriede Jelinek in Deutschland so schnell Verlage und Leser:innen gefunden hätten.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Da stimme ich Ihnen zu. Mit ihren beiden letzten Büchern ist Gisela Elsner auch zu einem österreichischen Verlag gegangen, dem Wiener Zsolnay-Verlag.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der inzwischen in den Hanser-Literaturverlagen aufgegangen ist.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Die Bücher wurden beim Zsolnay-Verlag sehr schlecht lektoriert. Es war aber auch die Endphase des Verlags. Es ist durchweg ein Problem, dass vieles an den Großverlagen gemessen wird, die wiederum im Hinblick auf Gisela Elsner alles an den „Riesenzwergen“ messen. Ich weiß ehrlich gestanden nicht, ob ich dabeigeblieben wäre, wenn ich mit den „Riesenzwergen“ angefangen hätte, Gisela Elsner zu lesen. Einige Episoden, etwa vier oder fünf Kapitel, sind ausgesprochen bemerkenswert, andere sind eher literarische Experimente mit dem Nouveau Roman, die Szene des Jungen, der die Vögel beschreibt, wie sie da in einer Linie auf den Oberleitungen sitzen, oder die Beschreibung von Spiegelungen. Das ähnelt doch sehr Beschreibungen in den Romanen von Alain Robbe-Grillet oder Nathalie Sarraute, in denen es erst einmal nur darum geht, das zu beschreiben, was man sieht. Ich will die Qualität der „Riesenzwerge“ nicht schmälern, aber ich teile nicht die Meinung derjenigen, die nur die „Riesenzwerge“ gelten lassen und alles, was Gisela Elsner anschließend schrieb, für Schund erklären. Ich habe als ersten Roman von Gisela Elsner „Abseits“ gelesen.   </em></p>
<h3><strong>Ausbeutung bis in den Intimbereich</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat Sie an „Abseits“ fasziniert?</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Es ist – das sagt sie auch einmal – ihr persönlichster Roman. So mitfühlend schreibt sie sonst eigentlich nicht. In dem Roman geht es um das Schicksal ihrer Schwester, die sich mit 30 Jahren das Leben genommen hatte. Das Buch ist eine Mischung aus dem Leben ihrer Schwester und ihren eigenen Erfahrungen. In einem Interview in London hatte Gisela Elsner einmal gesagt, dass sie nie Kinder haben wolle, weil sie mit Kindern nichts anfangen könne. Da hatte sie aber schon ihren Sohn, der aber – gemäß des damaligen Schuldscheidungsrechtes – nicht bei ihr leben durfte, sondern bei seinem Vater Klaus Roehler aufwuchs.</em></p>
<p><em>Es ist dieses absolut trostlose Bild, das dieser Roman wiedergibt. Mich hat diese Ritualisierung des Ehelebens interessiert, beispielsweise dass der Mann Blumen mitbringt, wenn er Geschlechtsverkehr mit ihr haben möchte. Dieses Unglücklichsein im Hausfrauendasein, dazu dann die andauernden Erzählungen des Umfelds, wie toll es für eine Frau sei, ein Kind zu bekommen, dann der Suizid. Das war eine Geschichte, die mich auch als Frau interessiert hat. Es war ein ungeheuerlicher Tabubruch in der damaligen Zeit zu schreiben, dass eine Frau nicht glücklich ist, wenn sie ein Kind bekommt. </em></p>
<div id="attachment_7905" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/gisela-elsner/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7905" class="wp-image-7905 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-Im-literarischen-Ghetto-Verbrecher-Verlag-211x300.jpg" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-Im-literarischen-Ghetto-Verbrecher-Verlag-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-Im-literarischen-Ghetto-Verbrecher-Verlag-211x300.jpg 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Gisela-Elsner-Im-literarischen-Ghetto-Verbrecher-Verlag.jpg 352w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-7905" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über Gisela Elsner erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bewegungen wie Regretting Motherhood waren damals noch nicht denkbar. Es gab nur die Pflicht zum Mutterglück. Das haben wir in anderer Form auch in „Das Berührungsverbot“, wo die Männer Partnertausch organisieren. Die Frauen werden eigentlich gar nicht gefragt. Solche Themen und Motive gab es in der damaligen Zeit durchaus öfter, zum Beispiel in „Ehen in Philippsburg“ von Martin Walser oder „Ehepaare“ von John Updike, „Der Eissturm“ von John Moody, den dann Ang Lee verfilmt hat. Das Thema war da, aber warum liest man dann nicht Gisela Elsner, die das Thema meines Erachtens noch viel schonungsloser bearbeitet hat.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Weil es unangenehmer ist. Sie sagt es auch. Sie war eine Kritikerin der 68er-Bewegung, der sogenannten sexuellen Revolution. Sie sagte, das sei nur eine andere Form der Ausbeutung. Die ständige Verfügbarkeit der Frau sei ein kapitalistisches Prinzip. Das Leistungsprinzip, das im Kapitalismus vorherrscht, wird in den Intimbereich übertragen. Es wird geradezu vorgeschrieben, wie viele Orgasmen man zu haben hätte. Es geht auch um die Männer, die aufgrund ihrer Beiträge zur Reproduktion zu Führungskräften aufsteigen. Eva Illouz hat das als Soziologin in ihren Büchern immer wieder beschrieben. Gisela Elsner hat eine andere Dimension in dieses Thema hineingebracht. Es geht ihr eben nicht nur um das Zwischenmenschliche, sondern um ein Prinzip, das dahinter liegt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Das hat etwas von einer sehr subtilen Dialektik. Etwas Befreiendes wie die Anti-Baby-Pille, die Frauen die Angst nahm, bei sexuellen Kontakten schwanger und damit abhängig von Mann und Kind zu werden, wird zu etwas Bedrohlichem, weil sie ständige Verfügbarkeit und Leistungsbereitschaft ermöglicht, die dann von den Männern ebenso ständig eingefordert wird.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Dazu kommt das Sündenbockprinzip. In „Das Berührungsverbot“ gibt es die Bäckerstochter, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft von Anfang an nicht akzeptiert wird und dann gerade noch einer Vergewaltigung entgeht. Soziale Mauern, gläserne Decken. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man würde es sich zu einfach machen, dies alles als <em>„faschistisch“</em> zu bezeichnen. Dieser Begriff erlebt zurzeit schon fast eine Art von inflationärem Gebrauch. Gisela Elsners Romane zeigen meines Erachtens aber schon, was Faschismus, Kapitalismus, Patriarchat gemeinsam haben, wie diese Mischung funktioniert und mit unangreifbar erscheinenden Ritualen Menschen normiert.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Der Protagonist im „Berührungsverbot“ heißt Keitel! Namen sind bei Gisela Elsner Programm. Gisela Elsner gibt den Freiheiten, die sich seit den 1960er Jahren durchsetzten, einen anderen Dreh, indem sie zeigt, dass beispielsweise die sexuelle Revolution nicht nur zu mehr Freiheit führt, sondern auch zu einer neuen Form von Unterdrückung und Ausbeutung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man sollte nicht vergessen, dass die sexuelle Revolution so ganz nebenbei zu einem Aufschwung der Pornoindustrie führte. Es gab dann auch die Debatten über Sex von und mit Kindern, die in der Anfangszeit der Grünen eine wichtige Rolle spielten. 2013 musste Jürgen Trittin wegen der Veröffentlichung von Äußerungen aus der Anfangszeit der Grünen deshalb zurücktreten. Es folgte eine umfangreiche Aufarbeitung der Partei zu diesem Thema. Und dann kam #MeToo. Ich kann mir fast schon vorstellen, wie Gisela Elsner die Epstein-Files literarisch bearbeitet hätte. Gewundert hätte sie sich wohl nicht darüber.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Sexuelle Freiheiten wurden mit Machtverhältnissen verbunden. Gisela Elsner machte sich gerade damit unbeliebt, dass sie schon zu Beginn neuer Bewegungen ein Gespür dafür hatte, wohin das führen könnte. Sie hatte einmal gesagt, dass sie gerne noch ein Buch über die linken Bewegungen von 1830 bis zu den Grünen geschrieben hätte. Sie hatte noch einige Projekte, in denen sie Kontinuitäten beschreiben wollte. Es wäre schon interessant gewesen zu wissen, was sie zu jüngsten Entwicklungen gesagt hätte.</em></p>
<h3><strong>Auferstehung in der Internationalen Gisela Elsner Gesellschaft</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war ein schöner tour d’horizon durch das Werk von Gisela Elsner. Vielleicht sprechen wir zum Abschluss über die Arbeit der Internationalen Gisela-Elsner-Gesellschaft.</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Erste Überlegungen dazu gab es nach der deutschsprachigen Erstveröffentlichungvon „Heilig Blut“. Ich habe Menschen interviewt, die Elsner noch kannten, auch ein paar wenige Literaturwissenschaftler:innen angeschrieben, die sich bereits mit ihr beschäftigt hatten. Daraus entstand ein erstes Symposium, das 2007 in München im Literaturhaus stattfand. Dort entstand die Idee zur Gründung einer Gesellschaft, damit man Fördermittel für Symposien, Publikationen beantragen konnte. Die Gesellschaft wurde dann 2012 gegründet. Ihren offiziellen Sitz hat sie im </em><a href="https://www.literaturarchiv.de/"><em>Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg</em></a>,<em> nicht weit von Nürnberg entfernt. Zurzeit haben wir etwa 30 Mitglieder, einige ältere sind leider gestorben, aber wir haben auch einige jüngere Mitglieder. Darunter sind einige Künstler:innen, mit denen ich schon einmal eine Ausstellung zu Gisela Elsner gemacht habe. Tanja Röckemann und Carsten Mindt, die sich wissenschaftlich mit Gisela Elsner befasst haben, sind dabei. Michael Peter Hehl, der wissenschaftliche Leiter des Literaturarchivs, ist mein Stellvertreter. </em></p>
<p><em>Wir sind Mitglied der </em><a href="https://alg.de/"><em>Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten</em></a><em> (ALG), die auch eine Zeitschrift herausgeben. Es gab gerade eine Postkartenaktion. Man kann Fördermittel beantragen. Wir planen in regelmäßigen Abständen Veranstaltungen. Seit 2021 gibt es den </em><a href="https://www.giselaelsner.de/gisela-elsner-literaturpreis/"><em>Gisela-Elsner-Literaturpreis</em></a><em>, der vom Literaturhaus Nürnberg verliehen wird. In der überregionalen Presse fand der Preis leider noch keine Beachtung, obwohl er mit 10.000 EUR einer der höchstdotierten Preise ist. Aber immerhin wurde die Inszenierung von „Heilig Blut“ im Staatstheater Nürnberg </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/bayern/nuernberg-gisela-elsner-heilig-blut-theater-kritik-li.3249568"><em>in der Süddeutschen Zeitung von Florian Welle besprochen</em></a><em>. </em></p>
<p><em>2027 gibt es die nächste Preisverleihung und es wird hoffentlich einige Veranstaltungen zu Gisela Elsners 90. Geburtstag geben. Vielleicht in der Monacensia, wo ein großer Teil des Nachlasses liegt. Und dann stünde ja noch die Uraufführung der Oper „Friedenssaison“ an, zu der Gisela Elsner das Libretto geschrieben hat.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum ist die Gesellschaft <em>„international“</em>?</p>
<p><strong>Christine Künzel</strong>: <em>Wir haben die Gesellschaft Internationale Gesellschaft genannt, nicht nur weil wir auch Mitglieder aus Österreich und der Schweiz hatten, sondern aus einem anderen Grund, der eine meiner Lieblingserzählungen von Gisela Elsner betrifft: „Die Auferstehung der Gisela Elsner“ von 1970. Der Text erschien in dem Band „Vorletzte Worte – Schriftsteller schreiben ihren eigenen Nachruf“ (herausgegeben von Karl Heinz Kramberg, Frankfurt 1970). Den Text hat mit Anfang 30verfasst. Da ist von einer Gisela-Elsner-Universität die Rede, die gerade gebaut wird und noch in Containern untergebracht ist. Es gibt eine Elsner-Allee, ein Elsner-Denkmal und natürlich auch eine Internationale Elsner-Gesellschaft. Elsner beschreibt hier ihre eigene Beerdigung: Es ist der heißeste Tag des Jahres, die Leiche zeigt schon Verwesungsanzeichen. Sie beschreibt ihren Leichnam als Spielbudenfigur. Sie liegt in einer Art gläsernem Schneewittchensarg, in den man Geld hineinstecken kann, sodass sich die Knochen bewegen.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 8. März 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schmutzige-wahrheit/">Schmutzige Wahrheit</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/schmutzige-wahrheit/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Rette sich wer kann!</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/rette-sich-wer-kann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 27 May 2025 07:42:10 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=6154</guid>

					<description><![CDATA[<p>Rette sich wer kann! Die Manifest Destiny der Milliardäre – Next Level „Is it fair for a stock trader to use smart drugs? Should children get implants for foreign languages? Do we want autonomous vehicles or prioritize the lives of pedestrians over those of its passengers? Should the first Mars colonies be run as  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rette-sich-wer-kann/">Rette sich wer kann!</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Rette sich wer kann!</strong></h1>
<h2><strong>Die Manifest Destiny der Milliardäre – Next Level</strong></h2>
<p><em>„Is it fair for a stock trader to use smart drugs? Should children get implants for foreign languages? Do we want autonomous vehicles or prioritize the lives of pedestrians over those of its passengers? Should the first Mars colonies be run as democracies? Does changing my DNA undermine my identity? Should robots have rights? </em>(Douglas Rushkoff, Survival of the Richest – Escape Fantasies of the Tech Billionaires, New York, W.W. Norton &amp; Company, 2022, eine deutschsprachige Ausgabe erschien 2025 bei Suhrkamp)</p>
<p>Jede einzelne dieser Fragen eignet sich für einen Science-Fiction-Roman oder gar eine komplette TV-Serie. Die Antworten lassen sich variieren, dystopisch wie utopisch, apokalyptisch wie appellativ-aufrührerisch. Revolten und Revolutionen, strahlende Superheld:innen als Protagonist:innen einer Welt, die von Grund auf neu konzipiert und gestaltet werden sollte, am besten „from scratch“. <a href="https://rushkoff.com/">Douglas Rushkoff</a> setzte sich mit solchen Fragen auseinander, als er zu einer Gruppe von hyperrreichen Männern eingeladen wurde. All das fand statt in der extrem luxuriösen Atmosphäre eines Wüsten-Resorts, drei Autostunden vom nächsten Flughafen entfernt, fast schon eine Art <a href="https://burningman.org/">Burning-Man-Environment</a>. Die Milliardäre hatten natürlich die Möglichkeit, mit ihrem Privatflugzeug direkt dort einzufliegen. Die Abgeschiedenheit des Resorts verstärkte den Eindruck der Begegnung mit einer revolutionären Sekte.</p>
<h3><strong>Die Prepper und die Science Fiction</strong></h3>
<p>Douglas Rushkoff lässt keinen Zweifel daran, dass die Tech-Milliardäre des Silicon Valley und ihre Kolleg:innen den Klimawandel mit all seinen denkbaren Katastrophen nicht leugnen, sondern sich hingegen aktiv darauf vorbereiten, ihr sprichwörtliches Schäfchen trotz Klimawandel ins Trockene zu bringen und nicht zuletzt auch dafür vorzusorgen, falls Künstliche Intelligenzen und Maschinen die Macht übernehmen. Rushkoff bezeichnet sie als <em>„Prepper“.</em> Das, was sie denken, ist <em>„The Mindset“</em>, das, worauf sie sich vorbereiten, <em>„the Event“</em>, der Kollaps, die Apokalypse. Sie brauchen keine Waffenlager, aber sie brauchen Sicherheiten, dass sich diejenigen, selbst die Männer, die sie für ihre eigene Sicherheit engagiert haben, sich nicht gegen sie wenden, falls sie merken sollten, was ihre Chefs tatsächlich planen.</p>
<p>Ein Rückzug der Superreichen aus der Welt war schon in der COVID-Pandemie Programm. Die Reichen fanden jeden gewohnten Luxus in ihren Villen, ihren Gated Communities, während alle anderen unter höchstem Infektionsrisiko für sie arbeiten mussten. Es erinnert ein wenig an die zehn reichen Männer und Frauen, die Boccaccio im 14. Jahrhundert vor der Pest aus Florenz sich auf ihre Landgüter zurückziehen lässt, wo sie sich dann 100 Geschichten erzählen, aus denen das „Decamerone“ wurde. Nur schreiben die heutigen Superreichen keine so schönen Geschichten, ihr Angebot an die große Mehrheit der Bevölkerung sind Games und Virtual Reality: <em>„VR is the new solution to climate change – or maybe the ultimate surrender to ist inevitability.“</em></p>
<p>Alle Probleme können mit Technologie und mit Geld gelöst werden – so der Glaube. Und mit einer Art Sklavenarbeit! Douglas Rushkoff bezeichnet die Produktionsprozesse zur Herstellung von Computern und Smartphones ausdrücklich als Sklavenarbeit, er spricht von <em>„networks of slave labor“</em>. Raubbau und Vergiftung des Planeten werden ebenso externalisiert wie Armut. Dies betrifft ohnehin nur die großen Verlierer, <em>„the losers“</em>. Das Prinzip des <em>„Mindset“ </em>lässt sich einfach zusammenfassen, <em>„‚winning‘ means earning enough money to insulate themselves from the damage they are creating by earning money in that way. It’s as if they want to build a car that goes fast enough to escape from its own exhaust.”</em></p>
<p>Das Endspiel, <em>„the endgame“</em>, <em>„the Event“</em> ähnelt dem Drehbuch eines <em>„Marvel blockbuster“</em>. In der Tat erinnert manches an das Vorgehen des Oberbösewichts Thanos in dem vorletzten Blockbuster der Avenger-Serie: „Infinity War“. Thanos, der den Namen des griechischen Totengottes Thanatos zitiert, sorgt dafür, dass sich die Hälfte der Menschheit einfach auflöst. Diese Halbierung der Bevölkerung des Planeten einschließlich so mancher Superheld:innen und der Führungscrew der Organisation SHIELD soll den Planeten ökologisch retten. Natürlich lässt es Marvel nicht dabei bewenden, denn das hätte das Publikum sicherlich nicht akzeptiert, und im folgenden Blockbuster, „Endgame“, findet sich die Chance, alle wieder zum Leben zu erwecken. Zurück auf Null.</p>
<p>Die von Douglas Rushkoff beschriebene Strategie der Milliardäre findet sich schon in früherer Science Fiction. Er zitiert „Metropolis“, den Roman von Thea von Harbou (1925), der eindeutig faschistoide Tendenzen aufweist, und dessen Verfilmung von Fritz Lang (1927). Man könnte ebenso „Globalia“ zitieren, den Roman des Arztes und Aktivisten Jean-Christoph Rufin (Paris, Gallimard, 2004). In diesem Roman gibt es angesichts der ökologischen Zerstörung der Erde vom Rest der Welt abgegrenzte, durch Kuppeln geschützte Rückzugsgebiete der Reichen und Mächtigen, die sich über geklonte Organe jung erhalten. Natürlich gibt es Widerstand. Ebenso ließe sich an den Film „Gattaca“ von Andrew Nicoll aus dem Jahr 1997 denken. Krankheiten sind per DNA-Manipulation ausgeschlossen, dennoch profitieren nicht alle davon. Es gibt trotz des Verbots genetischer Diskriminierung Ober- und Unterschichten. Dave Eggers zeigt in seinen Romanen „The Circle“ und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ausgezaehlt/">„Every“</a> eine Welt, in der Künstliche Intelligenzen und allerlei technologische Gimmicks eine totalitäre Gesellschaft schaffen, die nicht einmal mehr eine Unterdrückungsmaschinerie braucht, weil die Menschen deren Aufgabe selbst erledigen. Das Besondere dieser Dystopie ist die Tatsache, dass jedes einzelne der beschriebenen Instrumente bereits existiert. Man müsste sie nur weltweit und umfassend implementieren. Die Romane von Dave Eggers zeigen, wie eine solche Welt dann ausschaut. Auch hier gibt es natürlich Widerstand, sogar aus dem engen Kreis derjenigen, die diese Welt konzipiert haben.</p>
<p>Last not least wäre einer der wichtigen Theoretiker und Vordenker des italienischen Faschismus zu nennen: Filippo Tomasi Marinetti, der in seinen futuristischen Manifesten – das erste erschien 1909 – verkündete, ein Rennwagen sei schöner als die Nike von Samothrake, es lebe das elektrische Licht und so fort. Technik habe der Dominanz über die Schwachen zu dienen, es solle eine Welt entstehen, in der Technik – so nannte man damals Technologie – männlichen Superhelden zur Herrschaft über alle anderen verhelfe. Ohnehin waren faschistische und faschistoide Parteien nie technik- beziehungsweise technologiefeindlich. Dies galt auch für andere totalitäre Ideenwelten. Lenin sah als Grundlagen einer kommunistischen Zukunft <em>„Elektrifizierung und Sowjetmacht“</em>.</p>
<p><em>„Faschismus“</em> hat viele Gesichter und wir sollten daher möglicherweise von <em>„Faschismen“</em> sprechen. Dies schlägt Drehli Robnik in seiner Auseinandersetzung mit Siegfried Kracauer vor (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gefuehlspolitik-faschistische-version/">Flexibler Faschismus</a>, Bielefeld, transcript, 2024). Oft dient der Faschismusbegriff einfach als Metapher für etwas, das diejenigen, die sie nutzen, mit dem Nationalsozialismus identifizieren möchten. Nicht zuletzt tun das diejenigen, die wie Putin zwar keine Faschisten im Sinne des italienischen Vorbilds der 1920er und 1930er Jahre sein mögen, aber gleichwohl mit faschistoiden Mitteln regieren, indem sie jede Möglichkeit zum Widerspruch oder gar Widerstand in der Gesellschaft mit mehr oder weniger offensichtlicher Gewalt unterbinden.</p>
<p>An all diese Ideenwelten schließen die Milliardäre an, die Douglas Rushkoff in der Wüste traf. Elon Musk will auf den Mars, Jeff Bezos sucht ebenfalls solche Wege, Peter Thiel lässt mit Palantir-Technologies zur Verjüngung forschen. Das tun sie nicht, weil sie den Klimawandel leugnen, sondern weil sie an ihn glauben! Ihre Fantasien sind ihr Weg einer Klimaanpassungsstrategie. Alles andere ist Propaganda, so auch bei ihrem Frontmann Donald Trump, der sicherlich nichts dagegen einzuwenden hätte, verjüngt als ewiger Präsident auf dem Mars zu residieren.</p>
<p>Irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, an dem man diejenigen, die für die Versorgung der Superreichen zuständig sind, nicht mehr wahrnehmen muss. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob ein Gesundheitsministerium zu Impfungen forschen lässt. Viel wichtiger werden Verjüngungsdrogen oder die Bedingungen einer künstlichen Biosphäre auf dem Mars. Was stören schon Tausende von Toten welcher Pandemie auch immer, wenn der Milliardär in Zukunft das ewige Leben auf dem Mars genießen darf? Wir sind dann auch nicht fern von Phantasien der Eugenik, wie sie der australische Autor Peter Singer vertritt, erschreckenderweise sogar im Einklang mit manchen demokratischen Politiker:innen und Wissenschaftler:innen. Die Eugenik der Nazis gehörte nicht zu den Kritikpunkten der Auslandsorganisation der damaligen Sozialdemokratie, der SoPaDe. Auch Alva und Gunnar Myrdal sympathisierten mit solchen Vorstellungen. Peter Bierl hat in seinem Buch „Unmenschlichkeit als Programm“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2022) diese <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/querfront-der-exklusion/">„Querfront der Exklusion“</a> beschrieben. Es ist offensichtlich, wofür Trump und seine Milliardärs-Crew die ursprünglich für USAID, die WHO und andere internationale Organisationen gedachten Mittel brauchen und warum sie das Personal der staatlichen Steuerbehörde IRS ebenso drastisch reduzieren wollen.</p>
<p>Die von Donald Trump gewaltsam geplanten und in Teilen auch schon durchgesetzten Abschiebungen ebenfalls in diesen Kontext. Proteste der Unternehmen, die wichtige Arbeitskräfte verlieren, kümmern ihn nicht. Die erforderliche Arbeit können ja eines Tages Roboter leisten. Aber auch das ist nicht so ganz neu. Douglas Rushkoff erinnert an <em>„Thomas Jefferson’s ingenious food delivery system.”</em> Dieses sorgte dafür, dass die Essenden keinerlei Kontakt mehr mit den Sklav:innen haben mussten, die sie versorgten. <em>„We were taught in school that Jefferson invented the tiny manual elevator so the enslaved at Monticello wouldn’t have to trudge up the stairs with plates of food.”</em> Ebenso geht es der Crew der Prepper darum, dass diejenigen, die die sprichwörtliche Drecksarbeit machen, einfach nicht mehr sichtbar sind. Die Welt ist ausschließlich zur Ausbeutung da: <em>„Uber, Airbnb, and even Google see low-income residents and their neighborhoods the way John Locke saw the landscape and natives of America: as undeveloped, virgin territories for exploitation.”</em></p>
<p>All diese Fantasien haben für die Reichen und Mächtigen nicht immer ein gutes Ende. In der Science-Fiction-Satire <a href="https://www.netflix.com/de/title/81252357"><em>„</em>Don’t Look Up”</a> von Adam McKay (2021) retten sich die Reichen und Mächtigen, angeführt von einer von Meryl Streep gespielten weiblichen Donald-Trump-Karikatur, vor der Zerstörung des Planeten durch einen Kometen, dessen Existenz sie lange abgestritten hatten, auf einen fernen Planeten, werden aber – Vorsicht: Spoiler – von einer dort lebenden großen vogelartigen Spezies aufgefressen. Man könnte sagen, Doomsday is real, aber man sollte sich schon besser auf den fernen Ort vorbereiten, an dem man überleben zu können glaubt.</p>
<h3><strong>Wie demokratisch ist die Demokratie?</strong></h3>
<p>Die Frage, ob die erste Kolonie auf dem Mars eine Demokratie sein sollte, werden die von Douglas Rushkoff beschriebenen Prepper wohl eher mit Nein beantworten, es sei denn, sie denken an die attische Demokratie. Die attische Demokratie, die von Politiker:innen und Geschichtslehrer:innen gerne empathisch als Wiege der Demokratie bezeichnet wird, gab nur Vermögenden das Recht der Teilhabe, schloss Frauen aus und war eine Sklavenhaltergesellschaft. Das klassische Athen war sogar das Muster einer imperialistischen Oligarchie. Thukydides beschrieb im <a href="https://jurclass.de/jurclass/griechisch/texte/thuk_5.84-116.html">Melier-Dialog</a> des Peleponnesischen Krieges (Buch 5), wie die athenische Demokratie mit einem schwächeren Nachbarn umging. Putins Handeln und Trumps Rhetorik ließen sich durchaus mit denselben Argumenten erklären.</p>
<p>Uwe Volkmann hat in der Maiausgabe 2025 des Merkur den Essay „Demokratischer Minimalismus – Zur Kapitulation der Demokratietheorie vor der gegenwärtigen Lage“ veröffentlicht (der Text ist <a href="http://newsletter.merkur-zeitschrift.de/c/46663900/e8d9a7ad97ca-svsdr4">frei lesbar </a>). Er verweist darauf, dass die Debatte um die Zukunft der Demokratie <em>„längst ihr eigenes Literaturgenre hervorbracht“ </em>hat, mit „<em>nicht nur gelegentlichen Anleihen bei der Sprache der Pathologie“. </em>Eine kleine Auswahl: „How Democracies Die“ (Steven Levitsky und Daniel Ziblatt 2018), „How Democracy Ends“ (David Runciman 2018) oder etwas poetischer formuliert „The Light that Failed“ (Ivan Krastev und Stephen Holmes 2019), bildungsbürgerlich-wagnerianisch „Demokratiedämmerung“ (Veith Selk 2023). Immer wieder ist von <em>„Kipppunkten“</em> die Rede. Exemplarisch für diese Tendenz nenne ich eine Veranstaltung des <a href="https://www.dezim-institut.de/veranstaltungen">Deutschen Zentrumn für Integration und Migration</a> (DeZIM), das im Mai 2025 zu einer Veranstaltung mit Marco Wanderwitz einlud, dem ehemaligem Ostbeauftragten der Bundesregierung, Titel „Wann ist in einer Demokratie der Kipppunkt erreicht?“ Diesmal keine pathologisierende oder mythologisierende, sondern zur Abwechslung einmal eine den Naturwissenschaften entnommene Metapher.</p>
<p>Uwe Volkmann stellt die Konzepte der beiden Österreicher <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/274249/hans-kelsen-und-die-oesterreichische-verfassung/">Hans Kelsen</a> und <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/lexikon-der-wirtschaft/20588/schoepferische-zerstoerung/">Joseph Schumpeter</a> einander gegenüber. Hans Kelsen hat in seinem Buch „Vom Wesen und Wert der Demokratie“ (in der gelben Reihe von Reclam lieferbar) schon 1929 mehrere Grundprinzipien genannt, das Mehrheitsprinzip, den Parlamentarismus, die Repräsentation. Den Parlamentarismus charakterisiert Kelsen als <em>„ein notwendiger Kompromiss zwischen der primitivierenden Idee der politischen Freiheit und dem Prinzip differenzierte Arbeitsteilung“</em>. Sein Hauptargument für die Demokratie ist der <em>„soziale Friede“</em>, auch wenn die demokratische Repräsentation der gesamten Bevölkerung letztlich immer nur eine <em>„Fiktion“</em> sein kann. Demokratie – so referiert Volkmann Kelsen – ist allerdings auch <em>„diejenige Staatsform, die sich am wenigsten gegen ihre Gegner wehrt“</em>, eine Formel, die später Ernst-Wolfgang Böckenförde mit seinem Satz aufnahm, Demokratie könne ihren eigenen Fortbestand nicht sichern. Die <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/carl-schmitt-ernst-wolfgang-boeckenfoerde-briefwechsel-1.5569508">Beziehung Böckenfördes zum Anti-Demokraten Carl Schmitt</a>, der mit seinen Thesen von <em>„Souveränität“</em> und <em>„Ausnahmezustand“</em> Rushkoffs Milliardären gefallen dürfte, wäre in diesem Kontext interessant zu untersuchen.</p>
<p>Joseph Schumpeter, der in der Regel mit dem von ihm geprägten Begriff der <em>„schöpferischen Zerstörung“</em> zitiert wird, erklärt hingegen <em>„Demokratie in Analogie zum ökonomischen Tausch“</em>: <em>„Politische Unternehmer, die Parteien, unterbreiten ihren Konsumenten, den Wählern, ein Angebot und werden dafür von diesen mit Stimmen belohnt, die sie in den Besitz der staatlichen Ämter bringen.“ </em>Damit sind wir bei einer der heute gängigsten Metaphern, mit denen Regierungshandeln belegt wird, Politik habe zu <em>„liefern“</em> oder in Trumps Begrifflichkeit, sie wäre immer ein <em>„Deal“</em>. Uwe Volkmann spitzt dies zu: <em>„In diesem Sinne handeln sie mit Stimmen wie andere mit Öl und verführen die so ahnungs- wie verantwortungslosen Bürger mit ihrer Werbung.“</em> Und wenn die Bürger:innen vor etwas Angst haben, versucht man einfach, die angeblichen Gründe der Ängste aus dem Blickfeld zu entfernen und verjagt einfach alle, die einem nicht passen, als Sündenböcke. Aus den Augen, aus dem Sinn.</p>
<h3><strong>Anspruchslose Demokraten</strong></h3>
<p>Für Uwe Volkmann ist ein konsumorientiertes Verständnis von Demokratie <em>„der demokratische Minimalismus in seiner radikalsten Form, gespeist aus tiefem Misstrauen gegen die menschliche Fähigkeit zur Demokratie.“</em> Damit sind wir wieder bei den <em>„Preppern“</em>, deren Wirken Douglas Rushkoff beschreibt. Peter Thiel hält Demokratie und Freiheit – er meint natürlich ausschließlich wirtschaftliche Freiheit, mit Bürgerrechten hat das nichts zu tun – für unvereinbar. Eine Gegenerzählung haben die meisten liberalen und demokratischen Politiker:innen nicht. Letztlich verfolgen sie – so Uwe Volkmann – „ein <em>„defensives Konzept, gerade im Fall der Demokratie atmet es den Geist der Wagenburg, die gegen das Andere, das von allen Seiten andrängt, verteidigt werden muss.“</em> So agierten bei den letzten Wahlen Kamala Harris und die US-amerikanischen Demokraten, so agierten in Deutschland vor allem SPD und Grüne. Solche Beispiele ließen sich auch für andere Länder finden. Uwe Volkmann konstatiert nüchtern: <em>„Aus dem Geist der Defensive lassen sich solche Kämpfe erfahrungsgemäß nur schwer gewinnen.“ </em></p>
<p>Stattdessen bräuchten sie – so Uwe Volkmann – eine <em>„Vision von Zukunft“</em>. Marina Weisband hat unter anderem in ihrem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/radikal-demokratisch-paedagogisch/">„Die neue Schule der Demokratie“</a> (2024) appelliert, <em>„aus Konsumenten Gestalter“</em> zu machen. Doch dies liegt wohl weit außerhalb solcher Vorstellungen. Uwe Volkmann nennt als weiteren Gewährsautor einer partizipativen Idee von Demokratie <a href="https://plato.stanford.edu/entries/rawls/">John Rawls</a> und seine <em>„Gerechtigkeitstheorie der Gesellschaft als ein System fairer Kooperation“</em> (1979). Doch statt sich mit diesen Thesen auseinanderzusetzen, überlallen demokratische Politiker:innen das Feld Figuren wie Donald Trump und der Crew der sich um ihn scharenden Milliardäre.</p>
<p>Donald Trump verspricht letztlich viele neue Fließbänder, Kohle- und Atomkraftwerke Elon Musk noch nie gesehene Technik. Das passt nicht einmal zusammen. Die von Rushkoff beschriebenen Prepper reduzieren Zukunft auf Technologie, denn auch Wirtschaft – Produktionsbedingungen, Geldtransfersysteme, Alltagstauglichkeit – hat viel mit Technik zu tun. In der einfachen Version: Wenn die Schienen kaputt sind, kann die Bahn nicht fahren. In der komplizierteren Version: Wenn wir alle mit Künstlicher Intelligenz jeden beliebigen Text übersetzen könnten, brauchen wir keinen Fremdsprachenunterricht mehr. So ähnlich hat es im Übrigen <a href="https://www.zeit.de/2024/16/winfried-kretschmann-baden-wuerttemberg-schule-bildung">Wilfried Kretschmann in einem Interview für die ZEIT</a> gesagt. Und vielleicht brauchen wir noch nicht einmal Schulen, College-Abschlüsse oder Abitur, wenn Technologie den gesamten Alltag organisiert. Trump lässt ohnehin das Bildungsministerium der USA weitgehend entkernen. Schulbesuch wird zur privaten Angelegenheit jedes Einzelnen. Nice to have.</p>
<p>Zurück zu Douglas Rushkoff: Die Milliardäre um Elon Musk, Peter Thiel und Jeff Bezos werden für viele zu Vorbildern, letztlich sind sie die heutige Variante des American Dream, vom Tellerwäscher zum Millionär. <em>„They have become our society’s heroes. Cherry picking compatible ideas from science, economics, and philosophy, they have assembled a mindset that actually encourages them to build a highly technologized society capable of supporting denial at scale.” </em>Es soll sogar Leute geben, für die Jeffrey Epstein ein Vorbild sein soll, der auch zu dieser Crew gehört. Das ist gar nicht so abwegig, wenn man Äußerungen so mancher Männer über Frauen liest. Mariam Lau hat in der ZEIT die Attraktivität einer solchen Einstellung am Beispiel der USA analysiert: <a href="https://www.zeit.de/2025/21/misogynie-politik-mannosphaere-usa-diversitaet">„Willkommen in der Mannosphäre“</a>. In Israel wurde der ehemalige Präsident Moshe Katzav <a href="https://www.n-tv.de/politik/Sieben-Jahre-Haft-fuer-Katsav-article2911736.html">wegen Vergewaltigung zu sieben Jahren Haft verurteilt</a> und Putin erklärte öffentlich, für was für einen tollen Mann er Katzav hielte. Douglas Rushkoff nennt Epstein einen <em>„transhumanist billionaire prepper“</em>, der nicht nur glaubte, dass ihm die Forschung helfen könnte, den menschlichen Genpool zu dominieren, den Tod zu verhindern, sondern auch plante, in seiner Ranch gleichzeitig 20 Frauen zu schwängern (Elon Musk soll angeblich bereits 14 Kinder gezeugt haben und sucht über soziale Netzwerke weitere Frauen, die bereit wären, mit ihm weitere Kinder zu zeugen). Epstein tötete sich als verurteilter Sexualstraftäter in der Haft selbst. All diese Milliardäre wirken ein wenig wie <em>„<u>übermensch</u> wannabees“</em>.</p>
<p>Uwe Volkmann spricht von der <em>„Anspruchslosigkeit“</em> der selbsternannten Demokratieverteidiger:innen. Es gibt offensichtlich <em>„keinen Maßstab (…), anhand dessen sich mögliche Fehlentwicklungen frühzeitig und als solche benennen lassen.“ </em>Ebenso fehle es <em>„an einem Maßstab für Kritik“</em>. Ständig werden Alltäglichkeiten zu einem Demokratieproblem hochgehypt, obwohl sie eben nur Alltäglichkeiten sind. Fährt der Bus nicht, fehlen Ärzt:innen auf dem Land, sind die aktuellen Gas- und Ölheizungen dysfunktional, sind das keine Probleme der Demokratie, sondern der Infrastruktur, die behebbar sein dürften. Eigentlich. Aber viel zu oft entsteht der Eindruck, den <a href="https://katjadittrich.de/">Katja Berlin</a> in einer ihrer Torten der Wahrheit auf den Punkt brachte: Es gibt einige wenige, die sagen, das Glas wäre halb voll, dann eine größere Gruppe, die es als halb leer bezeichnet, etwa 40 Prozent jedoch seien der Meinung, das Glas wäre leer, dazu auch noch kaputt und jetzt wolle man auch noch die Gläser verbieten.</p>
<h3><strong>The Empire Strikes Back</strong></h3>
<p>Uwe Volkmann benennt das Dilemma, in dem sich Demokratien zurzeit befinden: <em>„Versteht man hingegen mit deliberativen Konzeptionen Demokratie als eine Form des öffentlichen Vernunftgebrauchs, die durch den Austausch rechtfertigender Gründe bestimmt ist, sieht man, dass all dies nicht nur einige ihrer begünstigenden äußeren Voraussetzungen betrifft, die gegeben sein mögen oder auch nicht, sondern sie selbst, in ihrem Begriffe und der sie von innen her tragenden Ordnungsidee, und sie von dort her zersetzt. Und man erkennt, warum sie existentiell herausgefordert ist, wenn Gesellschaften immer mehr und zuletzt so weit auseinanderdriften, dass, wie es derzeit in den USA zu beobachten ist, sich die verschiedenen Lager gegenseitig als Feinde betrachten und die eine Seite die andere ganz grundsätzlich als ‚böse‘ ansieht.“</em> Auch hier finden wir den Geist von Carl Schmitt, es gäbe in der Politik nur Freund und Feind, nichts mehr dazwischen. Volkmann verweist auf die Studie „Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“ von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser (Berlin, Suhrkamp, 2023). Diese Studie zeigt allerdings auch, dass solche Konfrontationen durchbrochen werden können, wenn die Leute nur miteinander reden würden. In der Situation der soziologischen Studie taten sie dies.</p>
<p>In der politischen Realität ist dies jedoch nur dann möglich, wenn wieder über Repräsentation in der Demokratie nachgedacht und Repräsentation eben nicht durch Identität ersetzt würde, diesmal durch eine <em>„white identity“</em>, die alle bisherigen DEI-Maßnahmen („Diversity, Equality, Inclusion“) zunichtemacht. Repräsentation ist nicht das Interesse der von Rushkoff beschriebenen Prepper. Es geht ihnen um Identität und Exklusion. Man muss sich nur die Schulgesetzgebung in Florida anschauen, in denen es Nicht-Regierungsorganisationen wie die „Moms for Liberty“ geschafft haben, alles, was nicht ihrem Weltbild entspricht, aus den Bücherregalen der Schulen entfernen zu lassen. Genau dies geschieht zurzeit in den Datenbanken der US-amerikanischen Wissenschaft, wo alles getilgt wird, das Begriffe enthält, die in irgendeiner Form an „Diversity, Equality, Inclusion“ (DEI) erinnern, einschließlich von ganz einfachen Wörtern wie <em>„climate“</em>, <em>„women“ </em>oder<em> „female“</em>. Adrian Daub hat die Vorstufen in seinem Buch „Cancel Culture Transfer – Wie eine moralische Panik die Welt erfasst“ (Berlin, edition suhrkamp, 2022) beschrieben. Nur kann inzwischen nicht mehr von <em>„Panik“</em> die Rede sein, denn das Imperium schlägt zurück. Adrian Daub schrieb in der ZEIT über <a href="https://www.zeit.de/2025/18/us-universitaeten-bildung-akademische-freiheit-us-regierung">„Amerikas Bildungswunder“</a>: <em>„Der Erfolg der amerikanischen Universitäten fußte zumindest zum Teil auf dem kleinen Wunder, dass sich Sponsoren überzeugen ließen, Dinge zu unterstützen, die sie weder verstanden noch gut fanden.“</em> Eben dies ändert sich jetzt, und zwar grundsätzlich: Sponsoren, zumindest die Milliardärs-Crew um Trump, unterstützen nur noch Dinge, die sie selbst gut finden und ihren Reichtum vermehren.</p>
<p>Rushkoff hält es für keinen Zufall, dass die koreanische Serie „Squid Game“ zur meistgesehenen Netflix-Serie wurde. Es geht um das Versprechen unermesslichen Erfolgs für den Sieger, während alle anderen, die Verlierer, getötet werden. Die Leichen werden entweder verbrannt oder für den Organhandel genutzt. Der berühmte Star-Trek-Satz von Spock, <em>„the need of the many outweigh the need of the few” </em>(in: The Wreath of Khan, dem zweiten Film mit der Crew der Originalserie), wird ins Gegenteil verkehrt: <em>„While the wealthy retreated, the poor were clobbered. Each 1 percent increase in a county’s income inequality was associated with a 2 percent increase of Covid infection and a 3 percent rise in related deaths.</em>”</p>
<p>COVID wurde somit – geradezu im Gegensatz zu <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-sprache-der-pandemie/">Susan Sontags These, dass eine Krankheit eine Krankheit und keine Metapher ist</a> – zur Metapher gesellschaftlicher Ungleichheit, verbunden mit dem Plädoyer, dass die Wenigen allein aufgrund ihrer technologischen und finanziellen Überlegenheit das Recht haben, auf niemanden mehr Rücksicht nehmen zu müssen. Die marxistische These von der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel als Grundlage der Macht im Kapitalismus wird auf die Spitze getrieben. Wie die aus dem Valley stammenden Milliardäre ihre Macht auf- und ausbauen, haben sie – so Adrian Daub in „Was das Valley denken nennt“ (Berlin, edition suhrkamp, 2020) – von <em>„alten amerikanischen Traditionen: von der Erweckungsbewegung zum Infomercial, von der Prädestination zur Selbsthilfe“</em> übernommen und mit den Theorien der Hippie-Kultur Kaliforniens der 1960er Jahre getarnt.</p>
<p>Der Weg zum Mars ist ihre Manifest Destiny, aber auch nur ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Transhumanismus. Ray Kurzweil, der in Rushdoffs Buch natürlich nicht fehlen darf, denkt über das Überleben der Menschheit in Daten nach: <em>„Everything about us that can be converted into data will be preserved. </em><em>Anything that cannot, well, that stuff isn’t real anyway.“</em> Manifest Destiny – Next Level. Wir erleben den Auftakt einer Zeit, in der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">kosmologische Science Fiction</a> Wirklichkeit zu werden droht. Cixin Liu beschrieb die unendlich lang erscheinenden Zeiträume einer solchen Entwicklung in seiner Trisolaris-Trilogie. Andererseits: Je schneller die technologische Entwicklung, desto langfristiger lässt sich denken. Die Prepper-Milliardäre, die Douglas Rushkoff eingeladen hatten, sind selbstverständlich Anhänger eines solchen Longtermism, in dem wir heutigen Menschen keine Rolle mehr spielen. Der aktuelle Klimawandel ist für sie – so <a href="https://www.qiio.de/longtermism-als-toxische-ideologie-des-silicon-valley/">Verena Dauerer im Quiio-Magazin</a> – in solchen Zeiträumen nur <em>„eine Lappalie“</em>. Vorausgesetzt, die Milliardäre sind schnell genug, die nächsten Level zu bespielen.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2025, Internetzugriffe zuletzt am 27. Mai 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Deciphering Photography“.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rette-sich-wer-kann/">Rette sich wer kann!</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Politikum Kindheit</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/politikum-kindheit/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/politikum-kindheit/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Apr 2025 04:53:24 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=6008</guid>

					<description><![CDATA[<p>Politikum Kindheit Ein Gespräch mit der Historikerin Martina Winkler Seit Oktober 2017 leitet Martina Winkler die Abteilung für die Geschichte Osteuropas an der Universität Kiel. Eines ihrer Themen ist die Geschichte der sozialistischen Tschechoslowakei und ihrer Nachfolgestaaten Tschechien und Slowakei. Sie hat sich ferner mit der Geschichte von Zar Peter I. befasst. Ein besonderes  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/politikum-kindheit/">Politikum Kindheit</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Politikum Kindheit</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Historikerin Martina Winkler</strong></h2>
<p>Seit Oktober 2017 leitet <a href="https://www.histsem.uni-kiel.de/de/das-institut-1/abteilungen/osteuropaeische-geschichte/team/prof-dr-martina-winkler">Martina Winkler</a> die Abteilung für die Geschichte Osteuropas an der Universität Kiel. Eines ihrer Themen ist die Geschichte der sozialistischen Tschechoslowakei und ihrer Nachfolgestaaten Tschechien und Slowakei. Sie hat sich ferner mit der Geschichte von Zar Peter I. befasst. Ein besonderes Thema, das vielleicht für eine Osteuropahistorikerin ungewöhnlich erscheinen mag, ist die <a href="https://www.histsem.uni-kiel.de/de/das-institut-1/abteilungen/osteuropaeische-geschichte/forschungsprojekte/kindheitsgeschichte">Kindheitsgeschichte</a>, zu der sie bereits geforscht hat und zurzeit ein weiteres Projekt vorbereitet. Im Historikerverband beteiligt sie sich an einer eigenen <a href="https://www.historikerverband.de/ueber-uns/arbeitsgruppen/ak-kindheitsgeschichte/">AG zur Kindheitsgeschichte</a>. Sie ist eine der fünf Sprecher:innen. Im Jahr 2017 veröffentlichte sie in Göttingen bei Vandenhoeck &amp; Ruprecht das Buch „Kindheitsgeschichte – eine Einführung“. Im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> hat sie zuletzt über <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/hass-und-hetze/">die aktuellen Entwicklungen in der Slowakei</a> und das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/trennende-gemeinsamkeiten">Verhältnis von Tschechen und Slowaken zueinander</a> berichtet.</p>
<h3><strong>Kindheitsgeschichte als eigene Disziplin</strong></h3>
<div id="attachment_6010" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled.jpg"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6010" class="wp-image-6010 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-300x287.jpg" alt="" width="300" height="287" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-200x192.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-300x287.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-400x383.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-600x575.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-768x736.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-800x766.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-1024x981.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-1200x1150.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-1536x1472.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-6010" class="wp-caption-text">Martina Winkler. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt eine Fülle von Untersuchungen der Kindheitsforschung, medizinisch, psychologisch, soziologisch, pädagogisch. Sie haben sich einem Bereich gewidmet, der in der Regel zumindest in allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Debatten nicht so präsent ist, der Kindheitsgeschichte.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Eigentlich gibt es schon seit längerer Zeit Bücher zur Kindheitsgeschichte. 1960 hat der französische Historiker Philippe Ariès in seinem Buch „Geschichte der Kindheit“ (französischer Originaltitel: L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime, deutsche Übersetzung 1975) geschrieben, Kindheit sei biologisch und historisch nicht nur ein ständig präsentes Thema, sondern historisch auch kontingent. Das heißt, das Bild von Kindheit in der Gesellschaft verändert sich. Der biologische Kern ist relativ einfach definierbar: Kinder sind klein, zu Beginn allein gar nicht lebensfähig, sie brauchen Hilfe, sie verändern sich und wachsen. Das gilt universell, physiologisch, psychologisch, hormonell. Historiker:innen interessieren sich jedoch besonders für die Frage, was Gesellschaften aus diesem biologischen Faktum machen. Kindheit ist in modernen Gesellschaften eine Grundkategorie. Das ist durchaus vergleichbar mit dem großen Thema Gender. Wenn ich wissen will, wie Gesellschaften funktionieren, nach welchen Kategorien Menschen aufgeteilt werden, schaue ich auf Themen wie Race, Gender, Disability und eben auch auf den Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen.</em></p>
<p><em>Eine solche Sicht auf Kindheit als eigenständige Kategorie begann im 18. Jahrhundert sehr intensiv, sie wurde dann im 19. Jahrhundert sehr romantisiert. Im 20. Jahrhundert wird es aus meiner persönlichen Sicht besonders spannend, weil der Gegensatz von Erwachsen-Sein und Kind-Sein so deutlich im Kontrast zueinander diskutiert wird: Fertig sein, (scheinbar) rational handeln bezogen auf die Erwachsenen, während das Kind noch erzogen und sozialisiert werden muss. Das ist ein ganz starkes Element in der Kultur, aber vor allem in der Politik. Kindheit wurde sozusagen zu einem Politikum. </em></p>
<p><em>Es ist hochinteressant, wie das Thema Kindheit in unterschiedlichen politischen Kulturen verwendet wird. Ich beschäftige mich mit dem Thema seit etwa zehn Jahren. Als ich anfing, gehörte das Thema in Deutschland noch nicht so zum Mainstream (anders als in Skandinavien oder im angloamerikanischen Raum). Manche schauten skeptisch, da gäbe es doch schon genug, und was solle man denn da noch erforschen. Aber natürlich ist das Thema nicht (und ich würde eigentlich sagen: niemals) ausgeforscht. Es gibt im Grunde ja auch keinen gesellschaftlichen Bereich, den ich nicht mit einem Blick auf Kindheit erforschen könnte. Wie gesagt etwa so wie das mit dem Thema Gender auch geschieht. Vor allem wird deutlich, wie sehr der Unterschied zwischen Kind sein und Erwachsen sein unsere Gesellschaft prägt. Das ist letztlich auch eine Machtfrage. Wer hat in unserer Gesellschaft etwas zu sagen? Wer bildet die Normen? Und das sind in der Regel eben nicht die Kinder.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darf ich auf Ihren Hinweis auf Philippe Ariès (1914-1984) zurückkommen? Ariès war einer der Historiker der französischen Schule der Annales. Einer der Gründer war <a href="https://www.unistra.fr/universite/notre-histoire/personnalites-prestigieuses-1/les-autres-noms-illustres/marc-bloch-1886-1944">Marc Bloch</a> (1886-1944, er wurde von der Gestapo erschossen). Dieser erwähnt in seinem Buch <a href="https://classiques.uqam.ca/classiques/bloch_marc/societe_feodale/societe_feodale.html">„Die Feudalgesellschaft“</a> (französischer Titel: „La société féodale, 1938/1939) einen Wikingerkrieger, der von seinen Leuten <em>„Kindermann“</em> genannt wurde, weil er sich weigerte, bei Raubzügen Kinder niederzumetzeln. Kindheit war nicht immer etwas Beschützenswertes.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Es wird immer wieder gern erzählt, Kindern gehe es heute besser als früher. Die Rechte von Kindern wurden schließlich auch mit der </em><a href="https://www.dkhw.de/informieren/unsere-themen/kinderrechte/un-kinderrechtskonvention/"><em>UN-Kinderrechtskonvention</em></a><em> von 1989 in internationales Recht gegossen. Das stimmt auch. Aber die Behauptung, dass es Kindern heute besser geht, ist einfach zu pauschal – was heißt denn „besser“? Dass Eltern ihre Kinder in früheren Zeiten, vor dem 18. oder vor dem 17. Jahrhundert nicht geliebt hätten, oder dass man Kindheit nicht als eigene Phase wahrgenommen hätte, dass Kinder einfach nur kleine Erwachsene gewesen wären, stimmt so nicht. Philippe Ariès hat argumentiert, die Zeit vor dem 18. Jahrhundert, das Mittelalter hätte keinen Begriff von Kindheit gehabt. Dies wird gern so interpretiert, als habe es keine besondere Berücksichtigung von Kindern gegeben. So aber hat Ariès das nicht gemeint. Er argumentierte, dass es keinen so ausgefeilten Begriff wie heute gegeben habe. Und in dieser Hinsicht, mit Kindheit als eigene Kategorie, als besondere, spezifisch zu definierende und zu behandelnde Gruppe, ändert sich seit dem 18. Jahrhundert wirklich sehr viel. In der Kunst wird Kindheit als etwas Eigenes gezeigt, es entstehen eigene Lehrstühle für Kinderheilkunde, Erziehungskonzepte, am populärsten vielleicht der „Émile“ von Rousseau, es entsteht das Konzept einer „Kinderliteratur“, und Kindheit wird als „Entwicklungsphase“ definiert und erforscht. All dies entsteht erst in der Moderne. Aber natürlich wurden Kinder auch vorher schon beschützt, haben gelernt, wurden auf ein eigenes Leben vorbereitet. Es gab auch die Vorstellung von unterschiedlichen Lebensabschnitten.  </em></p>
<h3><strong>Das bürgerliche 19. Jahrhundert</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann man sagen, dass das heutige Verständnis von Kindheit auch sehr stark vom bürgerlichen 19. Jahrhundert geprägt ist?</p>
<div id="attachment_6015" style="width: 275px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6015" class="wp-image-6015" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/1805_Runge_Die_Huelsenbeckschen_Kinder-300x297.jpg" alt="" width="265" height="262" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/1805_Runge_Die_Huelsenbeckschen_Kinder-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/1805_Runge_Die_Huelsenbeckschen_Kinder-200x198.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/1805_Runge_Die_Huelsenbeckschen_Kinder-300x297.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/1805_Runge_Die_Huelsenbeckschen_Kinder-400x396.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/1805_Runge_Die_Huelsenbeckschen_Kinder-600x593.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/1805_Runge_Die_Huelsenbeckschen_Kinder.jpg 640w" sizes="(max-width: 265px) 100vw, 265px" /><p id="caption-attachment-6015" class="wp-caption-text">Philipp Otto Runge (1777-1810), <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hamburg,_Kunsthalle,_Philipp_Otto_Runge,_die_H%C3%BClsenbeckschen_Kinder.jpg">Die Hülsenbeckschen Kinder</a>, 1805, Hamburger Kunsthalle. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en">Attribution 4.0 International</a> license.</p></div>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Absolut. Die Vorstellung, die wir heute vorherrschend von Kindheit haben, ist in der Tat im 19. Jahrhundert entstanden und zwar im bürgerlichen 19. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert entstanden eigene Räume für Kinder, es gab Kinderzimmer, Spielzeug, Kinder mussten/durften nicht arbeiten. Die Schulpflicht wurde zu einem großen politischen Thema. Das sind aber auch Dinge, die man sich leisten können muss. Entsprechend entstand diese Sicht auf Kindheit im 19. Jahrhundert im west- und mitteleuropäischen Bürgertum und wurde dann nach und nach auf den Adel und auf die Arbeiterschaft erweitert. Eine spannende Frage ist dabei, wie sich dieses west- und mitteleuropäische sowie nordamerikanische Konzept dann mit der Zeit universalisierte oder eben auch nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Stichwort Kinderarbeit?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das ist ein großes Thema. Wenn wir Kinderarbeit hören, denken wir erst einmal im 19. Jahrhundert an Kinder in Kohleminen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder in der Marine. Ich war einmal auf der „Victory“ von Lord Nelson und habe da gesehen, dass es gar nicht anders möglich war als dass Kinder die Kanonen nachluden. Der Raum war für Erwachsene einfach nicht hoch genug. Ähnlich dürfte das in Kohleminen gewesen sein.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Es gab immer Kinderarbeit. Dass wir heute sagen, dass wir keine Kinderarbeit hätten, stimmt auch nur zum Teil. So könnte man diskutieren, ob es nicht auch als Kinderarbeit zählen sollte, wenn Kinder acht Stunden am Tag in der Schule sind und nachher noch zu Hause Hausaufgaben oder Nachhilfestunden haben. Aber bleiben wir mal bei der „produktiven Arbeit“ und bei Erwerbstätigkeit, bei Kindern, die mit ihrer Arbeit unmittelbar zum Familienunterhalt beitragen. Es ist eine historische Ausnahme, dass das bei uns nicht akzeptiert wird. Kinder haben immer mitgearbeitet, haben auf jüngere Geschwister aufgepasst, das Vieh gehütet oder im Handwerk oder Haushalt mitgeholfen und dabei gelernt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die von Werther angebetete Charlotte ist ein gutes Beispiel. Sie ist eigentlich ein Teenie, die ältere Schwester, die ihre Geschwister versorgt. Werther bewundert sie, wie sie das Brot schneidet. Was ist das anderes als Kinderarbeit, heute würde man sagen Care-Arbeit durch ein nicht volljähriges Mädchen. Auch in der Landwirtschaft arbeiteten Kinder immer mit. Selbst in Zeiten der Schulpflicht orientierten sich die Ferienzeiten an den Erntezeiten. Es gab die sogenannten Kartoffelferien. Was änderte sich mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Mit der Industrialisierung wurde Kinderarbeit zu einem starken Element. Kinder wurden dort als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Zur gleichen Zeit entstand im 19. Jahrhundert die bürgerliche Kindheit. Das passt erst einmal nicht zusammen. Die Debatten über Kinderarbeit sind tatsächlich sehr interessant, weil sie genau dieses Aufeinandertreffen zeigen. Es gab natürlich jede Menge Ausreden, für Arbeiterkinder wäre das doch nicht so schlimm, zumindest kämen sie weg von der Straße und würden nicht kriminell, doch nach und nach gab es Maßnahmen gegen Kinderarbeit. Die Arbeitszeit wurde eingeschränkt, die Arbeitsbereiche reduziert. Schließlich wurde Kinderarbeit verboten. </em></p>
<p><em>Es ist wichtig sich anzuschauen, dass es seit einer ganzen Weile vor allem in Lateinamerika Bewegungen von Kindern, von Jugendlichen gibt, die argumentieren, wir müssen arbeiten, wir müssen unsere Familien miternähren und wir wollen das auch, weil wir so eine Stimme in der Familie, in der Gesellschaft haben. Diese Bewegungen sind zum Teil gewerkschaftlich organisiert. Sie sagen, Erwerbsarbeit bedeutet eigene Mitbestimmungsrechte. Es darf eben nur keine ausbeutende Arbeit sein, und die Arbeit darf die Schulausbildung nicht beeinträchtigen. Sie wollen natürlich nicht, dass Fünfjährige in Kohleminen geschickt werden. </em></p>
<div id="attachment_6013" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/geschichte/transnationaleglobalgeschichte/3555/kindheitsgeschichte"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6013" class="wp-image-6013 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Winkler_Kindheitsgeschichte-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Winkler_Kindheitsgeschichte-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Winkler_Kindheitsgeschichte.jpg 297w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-6013" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><em>Es ein Grundelement der Kindheitsgeschichte, dass der Schutz von Kindern immer auch eine Ausgrenzung von Kindern bedeuten kann. Auf der einen Seite sind eigene Räume für Kinder, Kinderzimmer, Spielplätze, Horte eine gute Sache, aber gleichzeitig werden Kinder auf diese Art und Weise auch aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Es ist eben ambivalent. Als Historikerin ergreife ich hier nicht Partei, aber es ist eben nicht so, dass Kinder immer nur geschützt werden sollten. </em></p>
<h3><strong>Der den Kindern zugewiesene Platz </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich sehe es eher als ein Problem, wenn Kinder rund um die Uhr unter dem Vorwand des Schutzes überwacht werden. Manche Eltern tracken ihre Kinder ohnehin schon über eine Smart-Watch. So haben Kinder keine Chance sich selbst auszuprobieren, mit den Herausforderungen, wie es sie nun einmal im Alltag gibt, selbstständiger zu werden.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Genau das meine ich. Schutz kann auch beschränken und entmündigen. Die UN-Kinderrechtskonvention unterscheidet deutlich Schutzrechte, Förder- und Partizipationsrechte. Diese Partizipationsrechte vergessen wir aber ganz gerne. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kinder sind in vielen politischen und pädagogischen Konzepten Objekte und nicht Subjekte. Man traut ihnen bestimmte Dinge einfach nicht zu. Das betrifft auch die Debatte um die Frage des Wahlrechts für 16jährige oder sogar noch jüngere Jugendliche und Kinder.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Diese Debatte ist bezeichnend dafür, dass es letztlich um den Platz geht, den Kinder zugewiesen bekommen, in der Realität wie als Metapher. Den realen „Platz“, also eine Raumgeschichte der Kindheit, möchte ich mir demnächst noch etwas genauer anschauen, denn dazu gibt es nicht viel Literatur. Aber schon am Konzept des Kinderzimmers kann man dies zeigen. Das Kinderzimmer bedeutet auch, dass das Kind aus dem Miteinander der Erwachsenen ausgegrenzt wird. Spielplätze in der Stadt sind „für“ Kinder da, aber sie sind eben auch eine Entschuldigung dafür, den Rest der Stadt nicht kindgerecht gestalten zu müssen. Dann lieber einen Zaun um ein paar Schaukeln ziehen, da sind Kinder „geschützt“ und zugleich kontrolliert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit dem Problem des Kinderzimmers beginnt Marcel Proust den ersten Teil seiner „Recherche“. Marcel wurde schon ins Bett geschickt, er wurde von der Runde der Erwachsenen ausgeschlossen und wartet auf den Gute-Nacht-Kuss der Mutter. Diese Szene ließe sich als Metapher der Ausgrenzung aus dem Leben der Erwachsenen interpretieren. Der Gute-Nacht-Kuss ist die einzige Verbindung zwischen dem Kind und den Erwachsenen.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das ist spannend. Raum trennt, körperliche Nähe und Emotionen verbinden. Ich möchte mir demnächst den Raum genauer anschauen, konkret die Bedeutung von Kindern in der Stadtplanung, insbesondere in sozialistischen Ländern. Bisher habe ich mich sehr intensiv mit dem Thema der Repräsentation von Kindern befasst, in Texten und Bildern. Ich habe mir Fotografien angeschaut, insbesondere in der sozialistischen Tschechoslowakei. Meine Frage war, wie sich das Kindheitsbild verändert, wie es auf Fotografien, in der Kinderliteratur oder in Erziehungsratgebern dargestellt wird. Gerade Erziehungsratgeber sind hoch normativ. Wie sollen sich Kinder benehmen, welche Rolle haben Erwachsene, Eltern?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Verhaltensempfehlungen haben Sie entdeckt?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Interessant sind die Veränderungen. In den 1950er Jahren fällt auf – speziell in der Tschechoslowakei, aber das dürfte auch für andere vergleichbare Länder gelten –, dass es den Kindern vor allem körperlich gut gehen sollte. Dazu gehört erst einmal Hygiene. Das mag uns heute teilweise übertrieben erscheinen, aber in der damaligen Zeit wurde noch gegen Kindertuberkulose gekämpft, und Antibiotika waren noch ganz neu.  Wichtig waren auch Ernährung, frische Luft. In den Erziehungsratgebern wird gelobt, wie der sozialistische Staat das alles ermöglicht, was Kinder brauchen: medizinische Versorgung, Sanatorien, Impfungen etc.</em></p>
<p><em>In den 1960er Jahren kam ein emotionales Element hinzu. Es wird argumentiert, der sozialistische Staat mache viel für die Kinder, schaffe tolle Schulen, Kinderferienlager, aber könnte es sein, dass wir die emotionalen Bedürfnisse der Kinder vergessen haben? Es heißt dann, dass Kinder nicht nur organisiert sein wollen, dass es nicht nur darum geht, dass es ihnen körperlich gut geht, sondern dass sie auch seelisch eine bestimmte Freiheit brauchen, die über die Schule am Vormittag und die Pionierorganisation am Nachmittag hinausgeht. Sie bräuchten auch Liebe, Zeit füreinander, um zum Beispiel miteinander zu spielen. Dabei ist auch eine Romantisierung von Kindheit feststellbar. Diese Debatte ist in mancher Hinsicht übrigens mit heutigen Diskussionen vergleichbar (Was brauchen Kinder wirklich?).</em></p>
<p><em><img decoding="async" class="alignright wp-image-6012 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Matejcek_co-deti-nejvic-potrebuji-208x300.png" alt="" width="208" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Matejcek_co-deti-nejvic-potrebuji-200x289.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Matejcek_co-deti-nejvic-potrebuji-208x300.png 208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Matejcek_co-deti-nejvic-potrebuji-400x577.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Matejcek_co-deti-nejvic-potrebuji.png 485w" sizes="(max-width: 208px) 100vw, 208px" />Den Anlass für solche Überlegungen gab der Psychologe Zdeněk Matějček. Man kann ihn vielleicht mit John Bowlby vergleichen, der die Bindungstheorie konzipiert hat. Zentral war auch bei Matějček der Blick auf die emotionale Entwicklung bei Kleinkindern, auf die Bindung an eine Person. Die Debatte ging aber darüber hinaus, und hierentstand ein Spannungsfeld zwischen dem, wie der Staat Kinder zu guten sozialistischen Menschen erziehen will, und einer Gegenbewegung, die sagt, man solle die Kinder einfach mal machen lassen, ihnen auch ein wenig Ruhe geben. </em></p>
<p><em>In der Kinderliteratur gibt es dann auch nicht mehr nur diese Heldengeschichten, sondern neue Erzählungen, die auf Gefühle und Probleme eingingen, in denen das individuelle Kind mit seinen Sehnsüchten im Zentrum steht. In dieser Zeit wurde dann auch beispielsweise Astrid Lindgren übersetzt. Hier kam also wieder eine eher eine romantische Kindheitsvorstellung zum Zug. Und dies spiegelt sich in Fotografien, Büchern, in der gesellschaftlichen Diskussion. Allerdings war es auch wenig nachhaltig. Obwohl Matějček schon in den späten 1950ern schrieb, schon Babys bräuchten individuelle Zuwendung, aber andererseits war Tschechien das Land, das am längsten, noch bis etwa vor zwei Jahren, Säuglingsinstitute hatte. Säuglinge, um die sich die Mütter nicht kümmern konnten, wurden in solchen Heimen untergebracht. Anderswo kamen sie in Pflegefamilien. Auf der einen Seite also war die tschechische Psychiatrie bahnbrechend, auf der anderen aber blieben diese institutionellen Strukturen ungewöhnlich lange erhalten. Fragen Sie mich jetzt bitte nicht warum.    </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hatte diese Entwicklung in der Tschechoslowakei auch etwas mit dem Prager Frühling zu tun?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Nicht unmittelbar mit dem Prager Frühling (damit beschreiben wir ja die Entwicklung von 1967/68), aber doch mit den neuen Ideen und der kulturellen und wissenschaftlichen Liberalisierung der 1960er Jahre. Diese ermöglichte generell eine freiheitlichere Art der Diskussion. Literatur wurde freier, auch die Kinderliteratur. In den 1960er Jahren bekamen Experten eine stärkere Stimme, in der Wirtschaft, aber auch in der Erziehung. </em></p>
<h3><strong>Eskapismus – ein heimlicher Gesellschaftsvertrag</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein meines Erachtens spannendes Phänomen ist die hervorragende tschechische Kinderliteratur und all die Kinder- und Märchenfilme, es gibt ja nicht nur „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, das wir in der Vorweihnachtszeit, wenn wir wollen, fast jeden Tag in diversen Fernsehprogrammen anschauen können. Die tschechischen Kinderfilme sind bis heute auch bei uns populär. Auch in der DDR gab es eine ganze Menge solcher Filme.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das wurde sehr stark gefördert und war nicht nur eine Nische. Bei Schriftstellerkonferenzen war Kinderliteratur immer ein großes Thema. Dahinter steckte eine Grundidee der Moderne, dass wir eine gute Zukunft schaffen, indem wir unsere Kinder gut erziehen. Wie kann ich Menschen formen? Wen kann ich am besten formen? Kleine Kinder! Diese Idee wurde in sozialistischen Ländern besonders stark entwickelt, auch in der frühen Sowjetunion. In der Tschechoslowakei war das immer ein großes Thema. 1949 wurde schon ein Kinderbuchverlag gegründet. Als 1953 das Fernsehen kam, entstand sofort auch eine Kinderfernsehredaktion. Man hat das sehr ernst genommen. Autor:innen, die normalerweise für Erwachsene schrieben, schrieben auch Kinderliteratur. Man wurde auch nicht als Kinderbuchautor abgewertet wie das manchmal bei uns der Fall ist. Es gab auch eine eigene Fachzeitschrift für Kinderliteratur, in der diskutiert wurde, wie sie geschrieben werden sollte, wie sie am besten in Filmen adaptiert werden konnte, natürlich immer unter der sozialistischen Prämisse. Auch in der allgemeinen Kulturdiskussion spielte Kinderliteratur eine wichtige Rolle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Westen hatten wir meines Erachtens immer Konjunkturen. Da waren auf der einen Seite, insbesondere in der 68er Zeit, die Kinderladenbewegung, Konzepte einer antiautoritären Erziehung im Sinne von Alexander Neill und das von ihm gegründete <em>„Summerhill“</em>, <em>„Schwarze Pädagogik“</em> wurde angegriffen, auf der anderen Seite aber Gegenbewegungen, in denen dies als <em>„Kuschelpädagogik“</em> diffamiert und <em>„Mut zur Erziehung“</em> gefordert wurde, bis hin zur Popularität der Bücher von Amy Chua. Zurzeit haben wir meines Erachtens wieder Ansätze zu einer repressiven Phase. Andererseits erleben wir in den Schulen eine Vielfalt von offenen und weniger offenen pädagogischen Ansätzen nebeneinander. Spielten diese Debatten in der Tschechoslowakei eine Rolle?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Es gab auf jeden Fall Kontakte, viele Wissenschaftler:innen und Autor:innen schauten insbesondere nach Skandinavien, aber auch zum Beispiel nach Österreich. Es ging nicht so radikal hin und her wie im Westen, aber in den 1960er Jahren gab es schon die Idee, dass man Kindern mehr Freiheit geben könnte, und eine Entwicklung, die durchaus mit der nordamerikanischen Tendenz um Benjamin Spock vergleichbar ist (der eine eher gefühlsbetonte und intuitive Erziehung empfahl). Ich möchte allerdings noch etwas ergänzen, damit die Sicht auf die Pädagogik und auf Kindheit in der Tschechoslowakei nicht zu positiv erscheint. Wenn man sich die 1970er und 1980er Jahre anschaut, die Zeit nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, spielen Kinderfilme noch eine andere Rolle. Wir haben in dieser Zeit eine Art informellen Gesellschaftsvertrag: Lebensstandard und Konsumleistung sollten erhöht werden, mehr Geld und Arbeitskraft wurde in Konsumgüter statt in die Industrie investiert, jeder soll seine kleine Datsche haben, aber dafür lasst ihr uns politisch in Ruhe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Für Ungarn gab es immer den merkwürdigen Begriff des <em>„Gulaschkommunismus“</em> und in der DDR verkündete Erich Honecker die <em>„Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“</em>. Das funktionierte natürlich nur so lange, wie der Konsum auch garantiert werden konnte.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>So war das. Wenn ihr euch politisch nicht einmischt, könnt ihr ein ruhiges Leben führen. Das hat schon etwas von Eskapismus. In diesen Kontext kann man unter anderem all diese Kinderfilme einordnen. Die haben ja nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene geschaut. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich spitze das einmal zu. Bruno Bettelheim sagte: <em>„Kinder brauchen Märchen.“</em> Vielleicht lässt sich das erweitern: <em>„Menschen brauchen Märchen.“</em> „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist doch ein wunderbares Beispiel. Alles irgendwie eine Art romantisiertes Mittelalter.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Eskapismus halt. Und eine nette Art von Nationalismus. Da wird die schöne böhmische Landschaft gezeigt. Das hatte natürlich eine politische Zielrichtung. In den 1980er Jahren funktionierte das dann immer weniger; heute wird es manchmal nostalgisch verklärt: Im Sozialismus hatten wir noch eine richtige Kindheit. </em></p>
<h3><strong>Puritanismus vs. Aufklärung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Spielten christliche Erzählungen eine Rolle? Kinder werden in den Evangelien ja sehr positiv dargestellt. Sie werden von Jesus mehrfach ausdrücklich adressiert, wer ein Kind aufnähme, nähme ihn auf, wer einem Kind aber etwas antut, soll besonders hart bestraft werden (Mt 18,5 f.),</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Christliche Darstellungen im Mittelalter sind eher das Metier von Theolog:innen und Kunsthistoriker:innen, da traue ich mir keine Aussagen zu. Ich würde eher auf die Frühe Neuzeit schauen. Die Reformation war für Vorstellungen von Kindheit und von Erziehung sehr bedeutend. Um die Entwicklung sehr vereinfacht darzustellen: Im Mittelalter, mit der dominierenden katholischen Kirche und der Möglichkeit, Sünden zu beichten, gab es eine gewisse Sicherheit, die nun für viele Menschen verloren ging. Für Protestant:innen fiel sozusagen der Puffer der Beichte nun weg. Den Eltern, insbesondere dem Vater, kam eine viel größere Verantwortung zu, das Kind zu einem gottesfürchtigen Menschen zu erziehen und damit nichts weniger als sein Seelenheil zu sichern. Dies geschah zur Not auch mit sehr brutalen Erziehungsmethoden. In dieser Zeit erschienen dann auch alle möglichen pädagogischen Schriften. Viele Philosophen begannen, sich mit Erziehung, mit Pädagogik auseinanderzusetzen. In der Frühen Neuzeit entstanden zwei Kindheitsbilder: Das von Grund auf böse, sündige Kind, und etwas später dann das im Kern gute, unschuldige, unverdorbene Kind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieses Gegenbild kommt dann von Rousseau, der davon ausging, dass das Kind von vornherein gut sei, aber durch die Gesellschaft verdorben werde.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das ist die aufklärerische Gegenbewegung, bei Rousseau bereits mit einem Hang zur Romantik. Die Unschuld, die Güte des Kindes muss erhalten bleiben. Wir dürfen das Kind nicht durch zu viel Zivilisation korrumpieren.</em> <em>   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zieht sich meines Erachtens bis heute durch. Die einen betrachten das Kind als defizitäres Wesen, die anderen als ein Wesen, das alles Gute in sich birgt, wir es ihm jedoch durch falsche Erziehung austreiben.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Tatsächlich stehen diese beiden Bilder bis heute nebeneinander. Soll ich das Kind eher laufen lassen oder durch Druck erziehen? Ein Beispiel für die Annahme des grundsätzlich bösen ist die häufig zu findende Bezeichnung von Kindern als „kleine Tyrannen“, was praktisch bedeutet: Wenn ich ein Kind nicht schreien lasse, sondern es sofort hochnehme (also auf seine Bedürfnisse reagiere), wird aus ihm ein kleiner Tyrann.</em> <em>Auf der anderen Seite stehen dann Vorstellungen von einer möglichst freien, vom Kind selbst bestimmten Lebensweise (von Erziehung kann man hier ja eigentlich gar nicht wirklich sprechen). Das sind einerseits Konjunkturen, aber in unserer Gesellschaft stehen doch durchgehend beide Auffassungen nebeneinander. </em></p>
<p><em>Dazu gehört dann auch das Nebeneinander vom Blick in die Zukunft (was soll das Kind einmal werden) und auf die Gegenwart (das Kind soll jetzt Kind sein und erst einmal nicht mehr). Etwas polemisch ausgedrückt: Dies zeigt sich in dem ambivalenten Wunsch, dreijährige Kinder in den Frühchinesischkurs zu schicken, aber gleichzeitig zu betonen, das sei doch alles ganz spielerisch, „kindgerecht“. Die Gesellschaft will natürlich, dass die Kinder möglichst viel schaffen, aber gleichzeitig halten wir immer das romantische Bild von Kindheit aufrecht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man muss sein Kind nicht prügeln um es zu gängeln. Man kann es auch ganz einfach vielen Prüfungen unterziehen. Ständig muss ein Kind Prüfungen über sich ergehen lassen, bis es den nächsten Schritt gehen darf. In Schulen, in Sportvereinen, in Musik- und Ballettschulen.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Ich denke oft: Wenn wir das, was wir Kindern zumuten, von Erwachsenen verlangen würden, gäbe es eine Revolution. Allein die Tatsache, dass jedes Kind dieselbe Schullaufbahn durchlaufen muss. Jetzt ist Mathe, dann ist Deutsch. Das ist völlig egal, ob das Kind vielleicht in Mathe gerade in einer tollen Diskussion war und hier gern weiterdenken würde. Die muss es leider beenden, denn jetzt ist eben Deutsch, und zwar für alle. Talente spielen in der Sortierungsmaschine Schule leider eine viel zu geringe Rolle, ebenso Interessen. Kindern wird nicht zugetraut, dass sie beim Lernen ihr eigenes Tempo gestalten können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt einige wenige Schulen, die sich an der <a href="https://www.dalton-vereinigung.de/daltonpaedagogik/">Dalton-Pädagogik</a> orientieren. Aber das mögen Kultusministerien nicht so gerne. Dann stimmt am Ende zwar vielleicht das Ergebnis, aber nicht die Stundenzahl, die in der KMK vereinbart wurde, damit das Ergebnis auch überall anerkannt wird.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Oder Sport! Jedes Kind wird gezwungen, bestimmte Sportarten durchzuführen. Aber gerade hier haben Kinder doch ganz unterschiedliche Voraussetzungen und Vorlieben. Von Erwachsenen würden wir das nie im Leben fordern. </em></p>
<h3><strong>Straßenkindheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein interessantes Thema ist die Frage, wen Kinder treffen, welche Aufgaben sie haben. Treffen Kinder heute überhaupt noch Kinder? Gibt es noch so etwas wie Straßenkindheit? Auf der Straße wohl heute eher nicht, nur dann, wenn dort auch andere Kinder dort wohnen und wenn die Eltern den Kinderstundenplan nicht allzu sehr gefüllt haben. Kinder treffen erst einmal vorwiegend Erwachsene. Andere Kinder treffen sie in der KiTa, in der Schule, den Kindern ist es oft vor allem deshalb so wichtig, in die Schule zu gehen, weil sie nur da ihre Freund:innen treffen.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Straßenkindheit ist ein Schlüsselbegriff in der Forschung, aber auch im Denken von Erzieher:innen, Psycholog:innen und so weiter. Die These lautet etwas verkürzt, früher seien Kinder einfach mitgelaufen, sie konnten sich auf der Straße treffen (gegebenenfalls erst </em><em><u>nach</u></em> <em>Arbeit natürlich), ihr Leben war nicht so durchorganisiert, und es gab auch nicht so viel Verkehr. Das hörte erst einmal mit der bürgerlichen Kindheit auf, das Kind sollte weg von der Straße. Das ist stark mit einer sozialen Segregation verbunden. Der Begriff der Straßenkindheit verstärkt dies. Erst wurden die bürgerlichen Kinder von der Straße geholt, dann nach und nach auch die Arbeiterkinder. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So entstand der Hort, in den die Kinder gingen, deren Mütter als Arbeiterinnen nicht zu Hause bleiben konnten. Heute hat sich das etwas gedreht, weil nicht nur Arbeiterinnen außer Haus arbeiten, sodass wir Ganztagsschulen und Horte für alle brauchen. Inzwischen gibt es sogar einen Rechtsanspruch.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Auf der Straße bleiben dann nur noch die Obdachlosen.</em> <em> </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wir wären bei Oliver Twist.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Straßenkindheit wird um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert von der Normalität zum Problem. Ich fange gerade mit meinem Projekt zur Kindheit in der Stadt der sozialistischen Tschechoslowakei an. Bemerkenswert ist, wie auch in den 1970ern immer noch die Rede davon ist, dass wir die Erziehung der Kinder „nicht der Straße überlassen dürfen“. Das Interessante ist auch, dass das ein bürgerliches Argument ist, das der Sozialismus adaptiert, obwohl er sich anti-bürgerlich verstand. Kinder sind daher – so sieht das die politische Ebene – möglichst von morgens bis abends zu beschäftigen. In organisierten Kindergruppen, in der Schule, in Hort und Pioniergruppen – das ist oft das Gleiche. Man will die Lücken füllen. Es darf nicht sein, dass das Kind alleine aus dem Haus geht und sich außerhalb der staatlichen Strukturen bewegt. Die Literatur, aber auch soziologische Essays, in denen mehr Freiheit für Kinder gefordert wurde, beginnt in Gegenbewegung, Straßenkindheit zu idealisieren. Es wird viel erzählt, wie Kinder auf die Straße gehen und dort Abenteuer erleben und ihr Leben selbst gestalten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kann mich an Bücher erinnern, die ich in den 1960er Jahren gelesen habe, wie dort Kinder – übrigens fast ausschließlich Jungen, ganz selten war ein Mädchen dabei – sich am Stadtrand trafen, dort sogar Probleme lösten, die sonst niemand sah, beispielsweise jemanden dingfest machten, der ein Auto stehlen wollte. Die Popularität der „Drei Fragezeichen“, die es viel später gab, beruht nach wie vor auf diesem Schema. Übrigens auch alle drei Jungen. Und die treffen sich auf einem Schrottplatz.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Kinderliteratur funktioniert sehr oft darüber, dass Kinder in besonderen Zeiten (Ferien) und Räumen (der Schrottplatz ist ein sehr gutes Beispiel) Freiheiten haben, die ihnen normalerweise fehlen. Da wird es dann interessant genug für eine spannende Geschichte. Dass diese Freiheit so besonders und anders ist, zementiert letztlich natürlich die normale Eingebundenheit in Schule, Zuhause, Spielplatz.</em></p>
<p><em>Kürzlich las ich den Bericht eines Stadtplaners, der immer wieder in fremde Städte fährt und sich dort von Kindern und Jugendlichen ihre Lieblingsorte zeigen lässt. Das sind meistens nicht die Orte, die Erwachsene für Kinder gebaut haben. Es sind nicht Spielplätze, sondern unbebaute Flächen. Oder Parkhäuser, die für Skater interessant sind. Leerstehende Häuser. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Düsseldorfer Erziehungswissenschaftler und Soziologe <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schwierige-partnerschaft/">Ulrich Deinet</a> hat einmal in Düsseldorf in Ganztagsschulen untersucht, wie Kinder die Räume wahrnehmen. Die Kinder fanden Verstecke, sie setzten Bordsteine für bestimmte Spiele ein, richteten sich in einer Art ein, wie sich das Stadtplaner kaum vorstellen konnten. Die wollten lieber alles schön sauber, rechteckig und übersichtlich.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das betrifft auch die Nutzung von Schulräumen. Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Psychologie haben einiges dazu veröffentlicht, aber historisch gibt es so gut wie nichts. Ich will diese Lücke mit meinem neuen Projekt etwas füllen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich kenne in Deutschland die Debatte aus den 1970er Jahren, für den Nachmittag Schulhöfe zu öffnen, damit Kinder dort spielen könnten. Das wurde durch die Ganztagsschulen schwieriger, weil dann schulangehörige und schulfremde Kinder sich die gleichen Räume und Geräte teilen. Außerdem gibt es inzwischen die Diskussion zum Bedarf für Sicherheitspersonal, das dafür sorgt, dass auf den Schulhöfen nicht das geschieht, was auf anderen Spielplätzen gang und gäbe ist, Drogenspritzen und Ähnliches. Inzwischen schließen Kommunen Schulhöfe wieder für die Schulexternen.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Ich habe mir Diskussionen in der sozialistischen Tschechoslowakei aus den 1950er und 1960er Jahren angeschaut, da sehen wir genau diese Diskussion. Kinder brauchen Raum, der aber eingegrenzt und kontrolliert sein muss. Wenn wir Spielplätze haben, brauchen wir auch jemanden, der darauf aufpasst. Spielplätze ohne Aufsicht galten als Riesenproblem und potentielle Gefahr. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Werden diese Themen in Ihrem Lehrangebot angenommen?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Ich habe viele Lehramtsstudierende. Da kommt das Thema gut an. Es ist allerdings so, dass Studierende häufig mit der Frage ankommen, ob es „früher“ besser oder schlechter war. Sie lernen dann, dass das nicht die Frage für geschichtswissenschaftliche Forschung ist, sondern dass es darum geht zu analysieren, woher bestimmte Ideen kommen. Ich habe aber auch das Gefühl, dass das Thema fasziniert. Man beginnt damit, Vorstellungen von Kindheit zu dekonstruieren. Das ist auch emotional herausfordernd: In so einer Art Astrid-Lindgren-Kindheit fühlt man sich doch sehr wohl, die Dekonstruktion kann schmerzhaft sein, denn wir zerstören auch Erinnerungen und Idealbilder. Bei Themen wie Race und Gender sind wir mit der Dekonstruktion von Zuschreibungen schon sehr weit, nicht aber beim Thema Kindheit. Ich habe aber das Gefühl, dass die meisten Studierenden sich letztlich gern darauf einlassen. Und ich lerne auch von Ihnen, gerade von denen, die schon einmal ein Praktikum in der Schule gemacht haben und ihre Erfahrungen reflektieren und weitergeben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Astrid Lindgren wäre noch ein eigenes Thema. Da gibt es die Anarchist:innen wie Pippi, Lotta und Michel und es gibt die bürgerlichen Bullerbü-Kinder. Als drittes dann die eher in die Fantastik gehörenden Erzählungen wie „Mio, mein Mio“ oder „Die Brüder Löwenherz“, meines Erachtens das beste Buch zum Thema Tod, das Kinder lesen können oder besser: das Eltern mit ihren Kindern gemeinsam lesen sollten.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das war das Verdienst von Astrid Lindgren: Solche Themen für Kinder und Erwachsene aufzunehmen und in einer sehr poetischen Form darüber zu schreiben. Die Kinder stehen bei ihr im Zentrum. Sie werden ernst genommen. Mir gefällt ihr Spruch</em>: <em>„…und dann muss man ja auch noch Zeit haben</em>, <em>einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen“. Nicht nur für Kinder wichtig.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2025. Internetzugriffe zuletzt am 11. April 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CH-NB_-_Tschechoslowakei,_Prag_(Praha)-_Menschen_-_Annemarie_Schwarzenbach_-_SLA-Schwarzenbach-A-5-18-088.jpg">Kindergruppe in Prag</a>. Foto: Annemarie Schwarzenbach (1908-1942), März 1938 (Ausschnitt), Schweizer Nationalbibliothek SLA-Schwarzenbach-A5-18/088. Wikimedia Commons.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/politikum-kindheit/">Politikum Kindheit</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/politikum-kindheit/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der 29. Januar 2025</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-29-januar-2025/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 01 Feb 2025 05:22:49 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=5683</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der 29. Januar 2025 Phänomenologie einer planlosen Zeitenwende „Nota bene: Ich fürchte nicht, dass CDU und CSU sich in faschistische Parteien verwandeln. Nein, ich fürchte, dass sie zerbrechen; dass sie sich in je einen Pro- und einen Anti-AfD-Verein spalten. Jeder Politikwissenschaftler weiß, dass es gegen rechten Extremismus nur einen Schutz gibt: eine starke konservative  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-29-januar-2025/">Der 29. Januar 2025</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Der 29. Januar 2025 </strong></h1>
<h2><strong>Phänomenologie einer planlosen Zeitenwende</strong></h2>
<p><em>„Nota bene: Ich fürchte nicht, dass CDU und CSU sich in faschistische Parteien verwandeln. Nein, ich fürchte, dass sie zerbrechen; dass sie sich in je einen Pro- und einen Anti-AfD-Verein spalten. Jeder Politikwissenschaftler weiß, dass es gegen rechten Extremismus nur einen Schutz gibt: eine starke konservative Partei. Wenn das Wasser anfängt, aus diesem Damm zu rieseln, dauert es nicht mehr lange, bis die Schlammflut kommt.“ </em>(Hannes Stein, <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/wir-machen-uns-sorgen-um-euch/">Wir machen uns Sorgen um euch</a>, in: Jüdische Allgemeine 28. September 2023)</p>
<p>Österreich darf als Beispiel gelten, was geschieht, wenn eine konservative Partei nicht so recht weiß, wohin sie will. Verena Mayer kommentierte in der Süddeutschen Zeitung den Auftrag an Herbert Kickl, eine Regierung zu bilden, mit dem lapidaren Satz: <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/rechtspopulismus-oesterreich-oevp-fpoe-kommentar-li.3180161">„Die ÖVP hatte keinen Plan A, keinen Plan B, keinen Plan C“</a>: <em>„Es ist fast tragisch mitanzusehen, wie kopflos eine frühere Großpartei agieren kann, die über Jahrzehnte die Geschicke ihres Landes bestimmt hat. Wie sie auf der Suche nach sich selbst ist und zerrieben wird zwischen Kräften, die bei der Zusammenarbeit mit Herbert Kickl Schmerzgrenzen haben, und denen, die um jeden Preis ihren politischen Einfluss sichern wollen. Wie sich die einen nun verbiegen und die anderen abspringen, weil sie das nicht mitmachen wollen.“ </em></p>
<p>Die Abstimmung am 29. Januar 2025 im Deutschen Bundestag über die zukünftige deutsche Migrationspolitik erlebte einen Friedrich Merz, bei dem sich angesichts seines ausdrücklichen Bedauerns nach der Abstimmung nicht sagen lässt, ob er wirklich geglaubt hat, SPD und Grüne für den (weitgehend grundgesetz- und europarechtswidrigen) Fünf-Punkte-Plan der CDU gewinnen zu können, oder ob er einfach nur Krokodilstränen weinte (sorry, liebe Krokodile, für eure Physiologie könnt ihr nichts). Unerwartet wurde dann am 31. Januar das von der CDU eingebrachte „Zustrombegrenzungsgesetz“ abgelehnt. CDU, CSU, FDP, AfD und BSW haben 372 Abgeordnete, das Gesetz erhielt jedoch nur 338 Stimmen, 350 Abgeordnete stimmten mit nein, fünf enthielten sich. 12 CDU- und 16 FDP-Abgeordnete beteiligten sich nicht an der Abstimmung.</p>
<p>Ob der 29. Januar 2025 ungeachtet des Ergebnisses vom 31. Januar ein Schritt in Richtung österreichische Verhältnisse war, werden wir sehen, nicht zuletzt, wenn nach der Wahl vom 23. Februar CDU und CSU mit SPD oder Grünen über eine neue Regierungsbildung verhandeln müssen, Verhandlungen, deren Scheitern sich die Union eigentlich nicht erlauben kann. Die Atmosphäre zwischen den demokratischen Parteien darf vorerst als vergiftet bezeichnet werden. Noch schwieriger dürfte es werden, wenn Friedrich Merz als Bundeskanzler seine Ankündigung vom 1. Februar 2025 mit dem Versuch wahrmachen sollte, die Inhalte des vom Bundestag abgelehnten Gesetzes per Richtlinienkompetenz zu erlassen.</p>
<h3><strong>Generalisierte Angststörung in der CDU?</strong></h3>
<p>Der Katholik Friedrich Merz spielte ein wenig den Luther, da stand er und konnte offenbar nicht anders (<em>„alternativlos“?</em>). Ihn schien die Angst umzutreiben, dass die AfD nur noch stärker würde, wenn er nicht deren Positionen zur Migration verträte. Diese Angst war in Stimmlage und Mimik seines Generalsekretärs deutlich erkennbar: Wenn wir nicht heute …, dann droht morgen …! Irgendwie glaubt er wohl, die Bürger:innen hielten die Parteien für einen Lieferdienst. Was sie wirklich wollen, hat er nie gefragt. Meinungsumfragen sind keine Bürgerbeteiligung, sondern spiegeln lediglich den Duktus der jeweiligen Debatten. All das, was wir in den Tagen rund um den 29. Januar erlebten, war im Grunde pure lähmende Angst.</p>
<p>Schaufel für Schaufel grub sich die CDU eine Grube. Und sie ist schon so weit hineingefallen, dass es bald schwer werden könnte, wieder herauszuklettern. Die ÖVP wird es wohl nicht mehr schaffen. <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/rechte-gewalt-in-den-1990er-jahren-2022/515769/baseballschlaegerjahre/">Christian Bangel</a>, einer der besten Kenner der verschiedenen Szenen des Rechtsextremismus, kommentierte in der ZEIT die österreichischen Koalitionsverhandlungen: <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-01/cdu-afd-rechtsruck-oesterreich-oevp-fpoe-union/komplettansicht">„Es kann ganz schnell gehen“</a>, allen Unterschieden zum Trotz: <em>„Grundlegend unterscheiden sich die Parteien bei der Frage der Westbindung, dem Verhältnis zu Russland und dem Krieg in der Ukraine. Bei Fragen der Migration, in der Klima-, Wirtschafts- und Sozialpolitik und auch in den sogenannten Kulturkämpfen hingegen stehen die beiden Parteien nicht in unterschiedlichen Lagern, sondern unterscheiden sich nur mehr in ihrer Radikalität.“</em></p>
<p>So weit sind wir in Deutschland nicht. Noch kann die CDU sich aus der selbst gegrabenen Grube befreien, um dem Schicksal anderer konservativer Parteien in Europa zu entgehen. Es sind aber erste Spaltungstendenzen in der CDU zu erkennen.</p>
<p>Acht CDU-Abgeordnete, darunter Monika Grütters und Annette Widmann-Mauz, die Kulturstaatsministerin und die Integrationsbeauftragte der letzten Regierung unter Angela Merkel, Marko Wanderwitz, die Bundestagsvizepräsidentin Yvonne Magwas, Roderich Kiesewetter, Thomas Heilmann, Sabine Weiss und Astrid Timmermann-Fechter beteiligten sich wie auch acht FDP-Abgeordnete – wohl aus (meines Erachtens falsch verstandener) Fraktionsdisziplin – nicht an der Abstimmung. Die CDU-Abgeordnete Antje Tillmann stimmte gegen den Antrag, zwei FDP-Abgeordnete enthielten sich. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (parteilos) und Stefan Seidler vom Südschleswigschen Wählerverband (SSW) stimmten gegen den Antrag. Wie sich ausgewiesene CDU-Integrationspolitiker wie Armin Laschet und Serap Güler oder ein liberaler Politiker wie Norbert Roettgen bei oder nach ihrer Zustimmung fühlen, wäre sicherlich interessant zu erfahren. <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/ich-ertrage-diese-nahe-zur-afd-nicht-cdu-politikerin-grutters-hat-beim-unions-migrationsplan-nicht-abgestimmt-13107526.html">Der Tagesspiegel dokumentierte das Abstimmungsverhalten </a>, <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/bundestag-afd-cdu-csu-abstimmung-migration-antraege-antje-tillmann-marco-wanderwitz-yvonne-magwas-lux.4hD3PW4tksV1neYqwpn2ss">ebenso wie die Süddeutsche Zeitung</a>. <a href="https://michelfriedman.info/">Michel Friedman</a> kündigte seinen Austritt aus der CDU an.</p>
<p><a href="https://www.buero-bundeskanzlerin-ad.de/erklaerungen/erklaerung-von-bundeskanzlerin-a-d-dr-angela-merkel-zur-abstimmung-im-/">Angela Merkel distanzierte sich</a> nach der Abstimmung vom Vorgehen des Friedrich Merz (hier im vollen Wortlaut zitiert): <em>„In seiner Rede am 13. November 2024 im Deutschen Bundestag hat der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Kanzlerkandidat von CDU und CSU, Friedrich Merz, ausweislich des stenografischen Protokolls des Deutschen Bundestags unter anderem erklärt: ‘Für die wenigen verbleibenden Entscheidungen, die ohne Bundeshaushalt möglich sein könnten, will ich Ihnen hier einen Vorschlag machen: Wir sollten mit Ihnen, den Sozialdemokraten, und Ihnen, die Grünen, vereinbaren, dass wir nur die Entscheidungen auf die Tagesordnung des Plenums setzen, über die wir uns zuvor mit Ihnen von der SPD und den Grünen in der Sache geeinigt haben, sodass weder bei der Bestimmung der Tagesordnung noch bei den Abstimmungen in der Sache hier im Haus auch nur ein einziges Mal eine zufällige oder tatsächlich herbeigeführte Mehrheit mit denen da von der AfD zustande kommt. Diese Verabredung möchte ich Ihnen ausdrücklich vorschlagen, meine Damen und Herren. Denn das hätten diese Damen und Herren von rechts außen doch gerne, dass sie plötzlich die Mehrheiten besorgen, und sei es mit Ihnen von den beiden Minderheitsfraktionen bei der Bestimmung der Tagesordnung. Wir wollen das nicht. Ich hoffe, Sie sehen das auch so, liebe Kolleginnen und Kollegen.’ Dieser Vorschlag und die mit ihm verbundene Haltung waren Ausdruck großer staatspolitischer Verantwortung, die ich vollumfänglich unterstütze. Für falsch halte ich es, sich nicht mehr an diesen Vorschlag gebunden zu fühlen und dadurch am 29. Januar 2025 sehenden Auges erstmalig bei einer Abstimmung im Deutschen Bundestag eine Mehrheit mit den Stimmen der AfD zu ermöglichen. Stattdessen ist es erforderlich, dass alle demokratischen Parteien gemeinsam über parteipolitische Grenzen hinweg, nicht als taktische Manöver, sondern in der Sache redlich, im Ton maßvoll und auf der Grundlage geltenden europäischen Rechts, alles tun, um so schreckliche Attentate wie zuletzt kurz vor Weihnachten in Magdeburg und vor wenigen Tagen in Aschaffenburg in Zukunft verhindern zu können.”</em></p>
<p>Im Prinzip verhalten sich Friedrich Merz, die CDU und die CSU wie so manche (nicht nur konservative) Partei wie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/hasenfuesse-und-kaninchen/">das sprichwörtliche Kaninchen</a>. Es ließe sich sogar spekulieren, vor wem oder was sie größere Angst verspüren: vor Migranten, zu hohen Schulden, Gendersternchen, Windrädern und Lastenrädern oder vor der AfD und gewaltbereiten Rechtsextremisten? Jede Angst ist gefährlich und kann sich schnell, wenn man sie pflegt, zu einer Art kollektiver <a href="https://psychenet.de/de/psychische-gesundheit/informationen/generalisierte-angststoerung.html">generalisierter Angststörung</a> (GSA) auswachsen.</p>
<h3><strong>Kompromisslosigkeit ist keine Standfestigkeit</strong></h3>
<p>Niemand darf sich jetzt in die Schmollecke zurückziehen. Friedrich Merz schien das vor dem 29. Januar begriffen zu haben, siehe seine Rede vom 13. November 2024. Aber auch in anderen Themen wirkte er versöhnlich. So ließ Merz schon verlautbaren, die <a href="https://www.rnd.de/politik/cdu-chef-friedrich-merz-will-neue-gaskraftwerke-bauen-atomkraft-nicht-ausgeschlossen-4OA64D4EHVBNHH3BWWK5JKMOMY.html">Reaktivierung abgeschalteter Atomkraftwerke werde von Tag zu Tag weniger wahrscheinlich</a> und <a href="https://taz.de/Friedrich-Merz-und-Klimaschutz/!6014718/">es gebe noch zu wenig Wärmepumpen</a>, bei der Migration könne man <a href="https://www.home.cdu.de/artikel/zuwanderung-braucht-klare-regeln">auf dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz aufbauen</a>. Friedensangebote für Schwarz-Grün? Könnte man meinen. Ohnehin geben sich die Grünen ausgesprochen kompromissbereit, auch wenn sie Grünen die Schmerzgrenze der Kompromisse in der Ampel schon so weit ausgereizt haben, dass sie einen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gemeinsam-progressiv/">Teil ihrer Klientel an Kleinparteien wie Klimaliste und Tierschutzpartei verloren</a>. Die bürgerlich-linksliberale vor allem an Europa orientierte Klientel hatte in den Europawahlen VOLT in vielen größeren Städten zu ansehnlichen Ergebnissen deutlich über der Fünf-Prozent-Hürde verholfen.</p>
<p>Der 29. Januar 2025 erweckte einen anderen Eindruck. Es sah so aus, als wollte die CDU – entschuldigen Sie bitte die saloppe Ausdruckweise – mit dem Hintern wieder abräumen, was man mit den Händen, auch in Abgrenzung zu Markus Söder, aufgebaut hat. Die rechtliche Unzulässigkeit hat <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/friedrich-merz-einreiseverbot-europarecht-aschaffenburg-li.3187945">in der Süddeutschen Zeitung Ronen Steinke</a> aufgearbeitet, der <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/familiennachzug-bundespolizei-begrenzung-als-ziel-das-umstrittene-merz-gesetz-im-faktencheck-13101901.html">Tagesspiegel in einem Faktencheck</a>. Unbegrenzte Abschiebehaft verstößt gegen das Grundgesetz, Grenzschließungen verstoßen gegen europäisches Recht, Haftbefehle können nur Staatsanwaltschaften erlassen, nicht die Polizei, Länderzuständigkeiten lassen sich nicht so einfach mit einem Bundesgesetz außer Kraft setzen. Abgesehen davon ändern die CDU-Vorschläge nichts an <em>„den Lebensumständen, die in Flüchtlingsunterkünften bewirken, dass viel zu viele junge Männer auf die schiefe Bahn geraten oder krank werden“. </em>Auch nicht an den offenen Strukturfragen der Zusammenarbeit der Sicherheits- und Ausländerbehörden in Bund, Ländern und Kommunen.</p>
<p>Hat Friedrich Merz am 29. Januar 2025 seinen Kemmerich-Moment erlebt? Nach der Zustimmung des Bundestags könnte die CDU liberale Stimmen an SPD und Grüne verlieren. Hätte der Bundestag nicht zugestimmt, hätte die CDU vielleicht riskiert, Stimmen an die AfD zu verlieren. Auch die SPD läuft nach wie vor Gefahr, dass sie angesichts der Popularität der Forderungen der CDU und der CSU in der Bevölkerung Stimmen verliert. So oder so – alles war und ist Wahlkampf pur und schlug Pflöcke für die Koalitionsverhandlungen ein, die CDU und CSU nach derzeitigem Stand auf jeden Fall mit der SPD oder den Grünen führen müssen. Nicht mehr und nicht weniger. Oder doch mehr?</p>
<p>Wäre es denkbar, dass sich eine CDU/CSU-Minderheitenregierung von der AfD tolerieren (und erpressen) ließe? Nach den derzeitigen Aussagen von Merz nicht. Udo Knapp hält in seinem <a href="https://taz.de/Der-F2-Kommentar-von-Udo-Knapp/!vn6062368/">Kommentar in taz Futur 2</a> eine Koalition zwischen CDU und AfD nach der Bundestagswahl jedoch für nicht unwahrscheinlich. Unwahrscheinlich vielleicht noch 2025, aber nicht mehr nach der Wahl im Jahr 2029, bei der wir möglicherweise eine Erosion der CDU als großer konservativer Partei erleben, sodass sich die Prophezeiung von Hannes Stein bewahrheiten könnte, dass sich in der CDU radikal konservative Kräfte und liberal konservative Kräfte gegenüberstehen, sich die Partei spaltet und in Teilen marginalisiert wie bereits in Frankreich, Italien oder Österreich geschehen. Udo Knapp benennt den Grund, der ein solches Szenario Wirklichkeit werden lassen könnte: <em>„Die Zukunftslosigkeit des liberaldemokratischen Spektrums“</em>. Sein Vorwurf an die demokratischen Parteien lautet: <em>„Keine diese Parteien zeigt die Kraft und den Willen, ein Land und seine Gesellschaft in die Zukunft zu führen. Die Erfolge und Fortschritte in allen Zukunftsfragen der Zivilisation bieten dazu beste Voraussetzungen. Eigentlich. Stattdessen agieren sie alle im Klein-Klein ihrer eigenen, auf Wahlperioden bezogenen Machtträume. Und jenseits jeder Vernunft- und Verantwortungsethik.“ </em></p>
<p><a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-01/bundestagswahlkampf-friedrich-merz-cdu-afd-alice-weidel/komplettansicht">Robert Pausch diagnostiziert <em>„eine Kaskade des Kontrollverlusts“</em></a>: <em>„Womit wir also bei Friedrich Merz wären, dessen Kanzlerkandidatur derzeit auf einen ähnlich gefährlichen Punkt zusteuert. Plötzlich macht er Fehler, die er eigentlich sorgsam vermieden hatte. Und plötzlich bestätigt er Klischees, die er eigentlich vertreiben wollte.“</em> Vor allem die signalisierte Kompromisslosigkeit sorge dafür, dass die CDU, nicht zuletzt angesichts der Äußerungen ihres Generalsekretärs, massiven Schaden nehmen könnte: <em>„Will die CDU wirklich in die Opposition gehen, wenn nicht einhundert Prozent ihrer Forderungen erfüllt sind? Sind nicht gerade die Christdemokraten eine Partei, deren Wesenskern der Kompromiss ist? Ist es nicht gerade das, was sie seit je von den prinzipienreiterischen Linken unterscheidet? Ist dem CDU-Generalsekretär überhaupt klar, was er da redet?“ </em></p>
<p>Man sollte Standfestigkeit nicht mit Kompromisslosigkeit verwechseln. Diese Verwechslung gibt es auch bei Linken und Grünen. Sie sollten endlich damit aufhören, sich mit verschiedenen Spielarten einer falsch verstandenen <em>„Identitätspolitik“</em> und falsch verstandener <em>„Prinzipien“ </em>zu schwächen. Es darf nicht der Eindruck erweckt werden, man schütze die falschen, wenn man sich beispielsweise gegen die Abschiebung verurteilter Straftäter nach Afghanistan oder in andere vergleichbare Staaten ausspricht, das Auslesen von Handy-Daten bei der Einreise ablehnt oder auf Datenschutzregelungen beharrt, die verhindern, dass sich Sicherheitsbehörden effektiv und effizient über Gefährder austauschen. Der Kern des Problems liegt in der Tat an der völlig unzureichenden <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/plaedoyer-fuer-eine-neue-sicherheitsarchitektur/">Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden</a>, ein Thema, auf das Irene Mihalic und andere bereits schon vor längerer Zeit immer wieder hingewiesen haben, die aber offenbar ebenso regelmäßig an den Egoismen der jeweiligen Behörden scheitert. Darüber sollte die CDU mit SPD und Grünen verhandeln!</p>
<h3><strong>„Wir“ gegen die Anderen</strong></h3>
<p>Was hier geschieht, ist die Personalisierung einer dringend erforderlichen Strukturdebatte. Es reicht nicht aus, sich mit migrantischen Straftätern und Gefährdern zu befassen und zu hoffen, dass man sie aus dem Verkehr ziehen könnte. Abgesehen davon: Was ist mit den rechtsextremen und über jedes Maß hinaus bewaffneten Gefährdern und Straftätern der Neo-Nazi- und Reichsbürgerszene? Mitunter könnte man den Eindruck haben, in konservativen Kreisen wäre man froh, endlich nicht mehr über Rechtsextremismus reden zu müssen.</p>
<p>Es ist jetzt etwa 15 Jahre her, dass die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble vehement für die strikte Einhaltung sogenannter Stabilitätskriterien eintraten, damit (fast) alle Kollegen in der Europäischen Union drangsalierten. Deutsche Bürgerinnen und Bürger schimpften heftig auf die Griechen, die angeblich mit ihrer Schuldenkrise den Wohlstand in Deutschland gefährdeten. Robert Menasse beschrieb am 20. Mai 2010 in der ZEIT, wie er erlebte, wie deutsche Touristen in einem Brüsseler Lokal aufführten so unflätig über <em>„die Griechen“</em> schimpften, dass sich der Kellner genötigt sah, sie zu bitten, das Lokal zu verlassen.</p>
<p>Déjà Vu im Jahr 2025? Mit anderen Akteuren, aber mit derselben Stimmung, die inzwischen sogar eine Partei gefunden hat, die wie keine andere die Welt in <em>„Wir“</em> und <em>„die Anderen“</em> unterscheidet und nicht müde wird zu fordern, man müsse nur alle anderen loswerden, Migranten, die Bundesregierung, die EU-Kommission, wen auch immer und es herrsche wieder Ordnung im Land. Die AfD hat schon mehrfach betont, dass es ihr Ziel ist, die CDU so sehr zu destabilisieren, dass sie gar nicht mehr anders könne, als spätestens nach den Wahlen 2029 mit ihr zu koalieren.</p>
<p>Manchmal versuchen demokratische Politiker und Politikerinnen <em>„Zusammenhalt“</em> zu beschwören, so der Bundespräsident, der sein im Jahr 2024 bei Suhrkamp erschienenes Buch demonstrativ mit dem Titel „Wir“ überschrieb, aber auch nicht so genau zu sagen weiß, wen er alles in dieses <em>„Wir“</em> integrierte und wen nicht (da war Christian Wulff präziser). Doch je lauter Bundespräsident und Bundeskanzler in Weihnachts- und Sylvesteransprachen sowie so manch andere den <em>„Zusammenhalt“</em> der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland beschwören, desto weniger glaubt ihnen jemand, es gäbe keine <em>„Spaltung“</em> in der Gesellschaft. Es hat etwas von einem Pfeifen im Walde.</p>
<p>Nach den Festtagen sieht es wieder etwas anders aus, ungeachtet der zum Teil kriegsähnlichen Auswüchse privater Sylvesterfeuerwerke. Fast jede politische Auseinandersetzung wird inzwischen als <em>„Spaltung“</em> geframt. Die sogenannte <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-lampedusa-syndrom"><em>„Migrationskrise“</em> ist mit all ihren Lebenslügen</a> das ständig wiederkehrende Beispiel für einen solchen Diskurs, weil sich da so schön eine ganze Gruppe ins Abseits stellen lässt, um die eigene Wohlanständigkeit zu preisen. Eine andere Gruppe, die immer wieder einmal gerne ins Abseits gestellt wird, sind <a href="https://www.zeit.de/arbeit/2025-01/arbeitsmoral-beschaeftigte-motivation-arbeitseinstellung/komplettansicht"><em>„die Faulen“</em>, denen <em>„die Fleißigen“</em> gegenübergestellt werden</a>, für die sich ihr Fleiß wieder lohnen solle – eine Parole, die schon mehrere Wahlkämpfe überstanden hat. Wer nun wirklich <em>„faul“</em> ist, wer <em>„fleißig“</em>, wird nicht näher definiert, aber Krankenschwestern, Pflegekräfte, Erzieherinnen und Erzieher in den Kindertagesstätten, Menschen, die gerade einmal den Mindestlohn erhalten oder mit dem sogenannten <em>„Bürgergeld“</em> das geringe Verdienst aufstocken müssen, werden sich ihren eigenen Reim auf solche Parolen machen.</p>
<h3><strong>„Ich“ ist „Wir“!</strong></h3>
<p>Und dann ist da noch Donald Trump, für manche ein Vorbild (Stichwort: Klartext, der tut, was er sagt), für andere ein Schreckgespenst (Stichwort: Abschaffung der Demokratie). Solche Ängste kann man weder aussitzen noch durch Appeasement bewältigen. Richard Sennett hatte sich bereiterklärt, gemeinsam mit Peter Kümmel die Amtseinführung Trumps im Fernsehen anzuschauen. <a href="https://www.zeit.de/kultur/2025-01/inauguration-day-donald-trump-richard-sennett-usa/komplettansicht">Sein Kommentar</a>: „<em>Trumps Rückkehr ist eine enorme Bedrohung für Deutschland. Ich habe nicht das Gefühl, dass Ihr das schon so recht realisiert habt. Es würde ihm nicht das Geringste ausmachen, sollte Deutschland den Bach runtergehen; das würde er als Gelegenheit, als wirtschaftliche Chance sehen. Und auf der anderen Seite ist Putin. Ihr Deutschen seid jetzt in der Mitte des Konflikts.“ </em>Es geht eben nicht darum, wie Europa die kommenden vier Jahre einfach übersteht, sondern dass Europa (und maßgeblich Deutschland) eine Strategie entwickelt, die diversen Krisen so weit möglich aus eigener Kraft zu bewältigen und zu steuern. Europa ist nicht das Problem, Europa ist die Lösung. Die Präsidentin der EU-Kommission verdient all unsere Unterstützung. Ob alle politisch Verantwortlichen in Europa das begriffen haben, ist eine andere Frage.</p>
<p>Wer zu laut von einem fiktiven, nicht näher definierbaren <em>„wir“</em> spricht, sollte sich nicht wundern, wenn sich mit der Zeit jemand in den Vordergrund schiebt, der laut <em>„Ich“</em> ruft. Jemand, der sich für den Kopf seiner Partei halten darf, aber nicht bei der Partei Halt machen möchte, ist Markus Söder. Ob Markus Söder immer tut, was er sagt, ist eine gute Frage. Niemand sollte darauf wetten, welche Positionen er in vier oder gar in acht Jahren vertreten wird. Anfang Januar 2025 verkündete er, er wolle nach einem Wahlsieg von CDU und CSU die E-Mobilität fördern. Anzunehmen ist, dass er auch seine Plädoyers für Atom- und gegen Windkraft schnell abräumen wird. Und dass er niemals, wirklich niemals, nein, auf gar keinen Fall, mit den Grünen in einer Regierung zusammenarbeiten wird, ist letztlich – wie vieles in seiner Biographie – wandlungsfähig. Er persönlich wird dies sicherlich nicht tun, denn er wird nach dem 23. Februar 2025 bayerischer Ministerpräsident bleiben und kann daher immer verkünden, dass er nun wirklich nicht mit den Grünen in einer Regierung säße und Bundeskanzler und Koalitionspartner von der Seitenlinie attackieren.</p>
<p>Aber Markus Söder ist nicht das Problem. CDU und CSU bilden immer noch einen der größten konservativen Blöcke in den verschiedenen europäischen Ländern. Viele konservative Parteien wurden in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren marginalisiert (zum Beispiel in Frankreich und in Italien), manche haben sich mehr oder weniger nach rechts radikalisiert (zum Beispiel in Großbritannien und in Polen) oder sehen ihre potenziellen Bündnispartner vorwiegend auf Rechtsaußen (zum Beispiel in Österreich und Spanien). Thomas Biebricher hat diese <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rechtsgedreht/">auf rechts gedrehte Parteienwelt</a> in seinem Buch „Mitte / Rechts“ (Berlin, Suhrkamp, 2023) beschrieben, aber (damals) auch darauf hingewiesen, dass wir in Deutschland noch weit davon entfernt sind. Stets gab es Personen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die diese Rechtswendung verkörperten: Nicolas Sarkozy, Boris Johnson, Giorgia Meloni, oder auch die großen Vorbilder aller autoritär gestrickten Politiker, Viktor Orbán und Jarosław Kaczyński.</p>
<p>Die programmatische Annäherung zwischen Konservativen und der politischen Rechten ist ein schleichender Prozess. Ein Vergleich der CSU- und der AfD-Programmatik von 2021 und 2025 ergab, dass sich die CSU zunehmend den Positionen der AfD annäherte, während diese sich noch weiter radikalisierte und so ihren Druck erhöhte. <a href="https://www.sueddeutsche.de/bayern/bundestagswahl-2025-soeder-csu-afd-positionen-analyse-li.3186208">Thomas Balbierer belegte dies in der Süddeutschen Zeitung</a> an den Beispielen Migrationspolitik, Klimaschutz, Energie und geschlechtsgerechter Sprache (vulgo: <em>„Gendern“</em>). Ungeachtet der hohen Zustimmungswerte der CSU in Umfragen erinnert dies doch an den Weg der britischen Tories, der letztlich aber nicht so erfolgreich war wie Boris Johnson und andere sich das vorgestellt hatten. <a href="https://www.volksverpetzer.de/analyse/rechtspopulisten-mehr-migration/">Eine vom Volksverpetzer zusammengefasste Studie</a> belegt, dass nach dem Brexit der Zuzug aus EU-Staaten gesunken, der Zuzug aus Ländern außerhalb der EU jedoch deutlich gestiegen ist. Attraktiv sind offenbar vor allem für wenig Geld arbeitende Arbeitsmigrant:innen.</p>
<p>Die Gefahr einer Verkleinerung des konservativen Blocks in Deutschland zugunsten einer rechtspopulistischen bis rechtsextremistischen Partei sollten wir jedoch nicht unterschätzen, erst recht nicht, wenn die CDU die Regierung nach dem 23. Februar 2025 führen wird, auf jeden Fall mehr oder weniger gemeinsam mit der CSU, gleichviel ob mit der SPD oder den Grünen oder gegebenenfalls noch einem weiteren Partner. Die Regierungsparteien dürften erleben, dass ihre Zustimmungswerte bröckeln. Das kann sich in mancher Landtagswahl auswirken und entspräche im Grunde den Erfahrungen der diversen Bundesregierungen der vergangenen 50 Jahre. Die Landtagswahlen, die deutschen Midterms, waren schon immer ein schwieriges Feld für die jeweiligen Regierungen, nur haben die Wähler:innen heute mehr Alternativen. Es gibt eben schon lange nicht mehr den verlässlichen Wechsel zwischen einer konservativ-christdemokratischen und einer sozialdemokratischen Partei. Noch gibt es keine Koalitionen der CDU mit der AfD auf Landesebene, das unterscheidet Deutschland von Österreich, wo es inzwischen fünf Landesregierungen mit Koalitionen aus ÖVP und FPÖ gibt.</p>
<p>Wenn nun Markus Söder und Friedrich Merz nicht müde werden zu betonen, dass sie mit der AfD keine Regierung bilden werden, ist dies keine Botschaft an die AfD, die das ohnehin schon weiß und für ihre Propaganda zu nutzen versteht, sondern eine Botschaft an eigene Parteimitglieder, die sich erinnern, dass so manche AfD-Position doch vor etwa 40 Jahren in der CDU und in der CSU mehrheitsfähig war. Man muss sich nur damalige Reden und Statements aus konservativen Kreisen zur deutschen Geschichte anhören und mit heutigen Reden aus Kreisen der AfD vergleichen.</p>
<p>Auch in den anderen Parteien setzt man auf einzelne Personen. Robert Habeck wurde der Wunsch nach <em>„Beinfreiheit“</em> angedichtet, für die eigentlich Peer Steinbrück das Urheberrecht hat. Die SPD setzt auf Olaf Scholz und von der Seitenlinie kommentieren wahlweise <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/verteidigungsminister-pistorius-interview-nato-trump-putin-e763500/">Boris Pistorius</a> und Rolf Mützenich. Erstmals kandidiert in Deutschland eine Partei, die ihre Spitzenkandidatin im Namen trägt. Die AfD hat eine Kanzlerkandidatin, die sich als Kanzlerin im Wartestand inszeniert, dazu allerdings dann auch Hilfe von außen zu brauchen scheint, sodass man den Eindruck gewinnen könnte, eigentlich wäre Elon Musk der Spitzenkandidat dieser Partei. Nur die FDP hat keinen Kanzlerkandidaten, aber den braucht sie auch nicht so sehr, weil alle wissen, dass sie eigentlich nur noch aus Christian Lindner besteht. Die FDP hat aber durchaus Chancen, für eine Regierungsbildung nach dem 23. Februar gebraucht zu werden und in einer anderen Konstellation den destruktiven Kurs fortzusetzen, den sie während der Ampel-Ära pflegte. Sofern sie die Fünf-Prozent-Hürde überspringt.</p>
<p>Markus Linden hat diesen Hang zur Personalisierung in einem Essay für den Merkur <em>„neuer Präsidentialismus“</em> genannt: <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/le-choix-c-est-moi-a-mr-79-1-71/">„Le choix c’est moi“</a>. So agierten in Deutschland zwei Ministerpräsidenten im Herbst 2024. Dietmar Woidke erklärte in Brandenburg, er wolle nur im Amt bleiben, wenn seine Partei vorne läge, und Kevin Kühnert fügte hinzu, es sei <em>„die entscheidende Frage dieses Abends, wer auf Platz eins liegt“. </em>Markus Linden stellt lakonisch fest: <em>„Er verwechselte das parlamentarische mit einem präsidentiellen Regierungssystem.“</em> Dies tut im Übrigen erst recht, wer das Gerede eines Herbert Kickl, er werde <em>„Volkskanzler“</em>, für wichtiger hält als die erschreckenden anti-europäischen, anti-demokratischen und anti-liberalen Ziele seiner Partei. Es geht <em>„um die Schaffung einer Identitätsfaktion“</em>, mit dem <em>„Ich“</em>, das das neue <em>„Wir“</em> verkörpert. Allerdings gibt es auch einen anderen Aspekt: <em>„Personen sind abwählbar, Verhandlungsprozesse nicht.“</em> Daher die ständige Kritik von Oppositionsparteien, die jeweilige Regierung sei einfach nicht in der Lage, das zu liefern, was sie versprochen habe. Im Grunde haben die CDU und die CSU sowie die an der Regierung beteiligte FDP in der letzten Legislaturperiode nichts anderes getan: Alles ist schlecht, nur wir sind gut, wir sind für Atomkraftwerke, Verbrennerautos, gegen Gendern in der Schule, gegen das Bürgergeld, eine lange Liste ließe sich anfügen. Schuld an der wirtschaftlichen Flaute sei die Regierung, vorwiegend SPD und Grüne, und wenn das nicht reicht, muss auch die EU-Kommission einmal als Sündenbock herhalten. Das Ergebnis: In einer <a href="https://www.n-tv.de/politik/Arzte-und-Polizei-geniessen-das-groesste-Vertrauen-article24636553.html">Umfrage von Forsa</a> liegen die Europäische Union mit 35 Prozent und der Bundestag mit 31 Prozent ganz weit hinten auf der Liste der Institutionen, denen die Menschen vertrauen.</p>
<p>Immerhin liegt das Bundesverfassungsgericht mit 74 Prozent auf dem dritten Platz hinter Ärzten und Polizei – beide jeweils mit 81 Prozent. Dies ist einerseits ein gutes Zeichen, andererseits aber auch ein weiterer Beleg für die <a href="https://www.fr.de/kultur/literatur/philip-manow-unter-beobachtung-die-liberale-demokratie-bringt-ihre-feinde-selbst-hervor-93177299.html">These von Philip Manow</a>, der eine zu weit gehende Verrechtlichung der Politik kritisierte. Anders gesagt: Wenn die Parlamente versagen, holen wir eben die Polizei und ziehen vor Gericht. Die Erfahrung zeigt: Einmal in der Regierung sorgen populistische Parteien sehr schnell dafür, dass Polizei und Gerichte von ihren Parteigängern besetzt werden, damit diese in ihrem Sinne entscheiden. Das ist dann – wie wir zurzeit in Polen erleben – schwer rückgängig zu machen. Donald Trump hat es in seiner ersten Amtszeit geschafft, den Supreme Court mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit republikanischer und zum Teil erzkonservativer Personen zu besetzen. Markus Linden: <em>„Der neue Präsidentialismus verdient sein Adjektiv nicht zuletzt deshalb, weil er über die Nähe zum Populismus hinaus im Kontext anderer Trends steht, die ebenfalls die vermittelnde Sphäre aus angestammten Medien, Parteien und Parlamenten unter Druck setzen.“</em></p>
<h3><strong>Spitze des Eisbergs: Die Debatte um Elon Musk</strong></h3>
<p>Der Aufstieg Vladimir Putins hatte viel damit zu tun, dass Oligarchen in den 1990er Jahren im Grunde machten was sie wollten, es aber keine demokratischen Kräfte gab, die sich ihnen wirksam entgegenstellten. Putin wirkte dagegen bescheiden und verlässlich, er galt in einem in Russland verbreiteten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=JKTkzvaZWrs">Pop-Song</a> als der Mann, der nicht trinkt, der seine Frau nicht schlägt und – wie man dann sah – Oligarchen bekämpfte (außer denen, die ihm selbst nützten). Ob alle, die den Song hörten, gemerkt haben, dass das eine Satire war? Ich möchte Donald Trump nicht mit Putin vergleichen, aber ein Trump hat es überhaupt nicht nötig, sich als jemand Sittenstrenges zu inszenieren, der Frauenrechte achtet und auf Alkohol verzichtet. Man könnte dies geradezu als ein Freiheits-Paradox bezeichnen. Trump ist auch abhängiger von seinen Oligarchen-Freunden als Putin. Man mag ihm alles Mögliche zutrauen, aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass demnächst ihm unbotmäßig erscheinende Menschen irgendwo im Ausland aus Fenstern fallen oder vergiftet werden. Ob es in den USA vermeintliche oder gegebenenfalls auf realen Grundlagen beruhende Korruptionsprozesse geben wird wie sie Putin gegen Michail Khodorkovski, Alexej Nawalny und andere betrieb, ist eher denkbar, wenn auch mit anderen Ergebnissen. Finanzieller Ruin in Folge eines solchen Prozesses wäre eine durchaus ernst zu nehmende Drohung.</p>
<p>Mit den Trump verehrenden Oligarchen erleben wir die Macht derjenigen, die es sich leisten können, ihre Position in der Welt zu verbreiten. Das waren früher Zeitungs- und Medienmagnaten vom Schlage eines Rupert Murdoch, Axel Springer oder Silvio Berlusconi. Heute reicht dies nicht aus und man kauft sich ein soziales Netzwerk. Siehe Elon Musk. Kate Conger und Ryan Mac haben ausführlich belegt, wie Elon Musk Twitter zerstörte („Character Limit: How Elon Musk Destroyed Twitter“). Die deutsche Ausgabe erschien im November 2024 bei Rowohlt. Es ist auch eine Beziehungsgeschichte zwischen Trump und Musk: <em>„Einige von Musks Ansichten im Jahr 2024 waren nicht mehr von den Parolen zu unterscheiden, die Trump im letzten Wahlkampf von sich gegeben hatte.“ </em>Die Gründer von Twitter <em>„hatten nichtsahnend eine Plattform entwickelt, die zu einflussreich war, als dass die Superreichen ihr hätten widerstehen können, und so rissen diese sich darum, sie zu kontrollieren.“</em></p>
<p>Die Debatte um Elon Musk geht aber an den eigentlichen Problemen vorbei. Sie ist nur die Spitze des Eisbergs. Äußern kann sich Elon Musk so viel er möchte. Ob eine deutsche Zeitung ihm ein Forum geben sollte, wie es die WELT tat, ist eine andere Frage. Im Übrigen mischt sich Elon Musk nicht nur in Deutschland ein, auch in Italien und in Großbritannien kritisierte er die jeweiligen Regierungen mit mitunter recht heftigen Worten. WELT-Chefredakteur Jan Philipp Burgard begründete seine Entscheidung im Gespräch mit Michael Hanfeld, das <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/interview-mit-welt-chef-jan-philipp-burgard-zu-gastbeitrag-von-elon-musk-110205557.html">in der FAZ am 2. Januar 2025</a> veröffentlicht wurde. Burgard sagte, <em>„unsere Aufgabe als Journalisten ist es, Meinungen abzubilden, auch solche, die nicht unseren eigenen und nicht unseren Werten entsprechen. So haben wir in der ‚Welt‘ einen Gastbeitrag des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek gedruckt, der sich offen zum Kommunismus bekennt. Wir hatten Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi als Gastautoren. Wir wollen Debatten anstoßen, wir stehen für Klartext, Kontext, Meinungsfreiheit.“</em> Er verwies auch auf Wahlaufrufe von Olaf Scholz für Emmanuel Macron und den <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-06/ueberfall-auf-die-sowjetunion-1941-europa-russland-geschichte-wladimir-putin">Abdruck eines Putins-Artikels in der ZEIT</a> im Juni 2021.</p>
<p><a href="https://d.docs.live.net/95b37afd2fc11ad3/Norbert-One%20Drive/Norbert%20Blog/Newsletter/Editorials/•%09Ronen%20Steinke%20in%20der%20SZ%20am%204.1.">Ronen Steinke reagierte in der Süddeutschen Zeitung gelassen</a>: Einmischungen in andere Wahlkämpfe habe es auch von deutscher Seite gegeben, Luisa Neubauer machte Haustürwahlkampf in den USA, Steinmeyer bezeichnete Trump als <em>„Hassprediger“ </em>(und da war er nicht der einzige, der das tat)<em>. </em><a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/wahlen-in-der-tuerkei-gruene-rufen-zur-abwahl-erdogans-auf-a-23ab87f8-99d5-4202-9e28-13ef7b921d40">Der Vorstand der Grünen rief 2023 in der Türkei zur Abwahl von Erdoǧan auf</a>. <em>„Das wirkliche, ernste Problem beginnt erst dort, wo ein Tech-Milliardär deutschen Politikern nicht bloß die Meinung sagen, sondern ihnen im Diskurs effektiv auch den Saft abdrehen kann. Das ist eine Möglichkeit, über die Elon Musk verfügt – zumindest sektoral, in dem sozialen Medium X, das er mitsamt der dort seit Jahren eingespielten Gesprächsräume gekauft hat. Es braucht bloß ein paar kleine Änderungen am Algorithmus. Ein paar interne Klicks, die unter das Betriebsgeheimnis fallen. Schon werden die Stimmen der Rechtspopulisten stärker gepusht, die Stimmen der Moderaten gedimmt.“ </em></p>
<p>Bisher hat keine demokratische Partei ein Konzept, wie man mit der Macht der sozialen Medien umgehen soll. Stattdessen wird – in der Regel wirkungslos – reguliert, reguliert und noch einmal reguliert. Jetzt auch noch Facebook?! Aber warum fluten Demokrat:innen und Liberale nicht Facebook oder X mit ihren Botschaften? Warum unterstützt man nicht in großem Stil Faktenchecker wie <a href="https://correctiv.org/faktencheck/">CORRECTIV</a>? Auch von der israelischen Armee ließe sich einiges lernen. Warum streicht man Mittel für Demokratieprojekte in Bundes- und Landeshaushalten? Warum sorgt man in den Schulen nicht für eine umfassende Medienbildung, sondern debattiert stattdessen nur darüber, ob Kinder und Jugendliche überhaupt Zugang zu sozialen Netzwerken haben sollten? Augen zu und durch? Was machen die Kinder und Jugendlichen denn dann wohl in der Freizeit?</p>
<p>Die Strategie der populistischen Medien und Partei ist recht einfach: <em>„Antipolitik“ </em>und<em> „Grenzüberschreitung“</em>. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/gilles-deleuzes-grenzueberschreitung-linken-begriff-wird-rechte-parole-110237517.html">Tania Martini merkte anlässlich des 100. Geburtstags von Gilles Deleuze in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung an</a>, dass dies ursprünglich eine linke Strategie gewesen sei, die die Rechte okkupiert habe: <em>„Trump und die neue Rechte praktizieren eine Antipolitik, die Politik durch Grenzüberschreitung ersetzt. Ob demokratische Regeln oder institutionelle Verfahrensweisen, ob moralische Übereinkünfte oder geopolitische Verträge. Alles kann zur Spielmasse werden. Darin liegt auch etwas zutiefst Anarchisches. Rhetorik und Praxis der Grenzüberschreitung sind zu einer Domäne der neuen Rechten geworden. Das war nicht immer so.“ </em>Die sozialen Medien sind heute im Grunde das, was unter Linken früher <em>„Gegenöffentlichkeit“</em> genannt wurde. Autoritäre Regierungen sorgen sehr schnell dafür, dass die gängigen öffentlichen Medien geschwächt und die ihnen wohl gesonnenen Medien so weit gestärkt werden, dass sie sogar eine Monopolstellung einnehmen können. Wir erleben dies zurzeit beispielsweise <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-slowakei-ist-in-einer-tiefen-krise/">in der Slowakei</a>. Die Medienunternehmen von Berlusconi profitierten erheblich von seiner Zeit als Regierungschef. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-gute-mensch-von-rom/">Giorgia Meloni</a> kann bei ihren Initiativen zur Schwächung des unabhängigen Journalismus in der RAI darauf aufbauen.</p>
<p>Wir befinden uns in einem hybriden Krieg mit Putins und Musks Netzwerken. In der ZEIT schrieb Georg Diez: <a href="https://www.zeit.de/kultur/2024-12/elon-musk-afd-wahlwerbung-techno-feudalismus/komplettansicht">„Der Feudalismus ist zurück“</a>. Das, was Musk, Trump, Putin und manch andere ihres Schlags praktizieren, ist <em>„das Gegenteil des demokratischen Diskurses, der auf die Macht des Arguments aufbaut und Streit als etwas sieht, das eine Gesellschaft weiterbringt. In der Brachiallogik von Musks </em><em>X</em><em>, das er vom offenen Kommunikationsmedium, das Twitter trotz aller Schwächen war, zu einer algorithmusgetriebenen Propagandamaschine umgebaut hat, gibt es nur Sieger und Verlierer – und die Sieger, das zeigt sich immer deutlicher, profitieren von der machtvollen Verbindung von wirtschaftlichen und technologischen Faktoren.“</em> Die Strategie ist <em>„Schock“ </em>und<em> „Sprengkraft“</em> und manche derjenigen, die dies kritisieren, gehen dieser Strategie auf den Leim. <em>„Hier agiert jemand mit fürstlichem Selbstverständnis.“ </em>Es gibt allerdings auch einen Unterschied: Musk versucht die Wahlen in Deutschland ganz offen zu beeinflussen, Putin braucht hingegen dafür seine Geheimdienste.</p>
<h3><strong>Libertäre Versuchungen </strong></h3>
<p>Verbunden ist der Erfolg einer solchen Schock-Strategie mit dem <em>„Immerschlimmerismus“, </em>so nannte es <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/nuchtern-ins-neue-jahr-geblickt-berlin-es-ist-zeit-fur-pragmatismus-12925975.html">Bernd Matthies im Tagesspiegel</a>. Jede Kleinigkeit wird hochgespielt, nichts funktioniert mehr, alles geht den Bach runter: <em>„Der Immerschlimmerismus, die deutsche Generalideologie des neuen Jahrtausends, ist dabei nicht hilfreich, er macht nur schlechte Laune, stärkt das Trennende statt des Gemeinsamen. Unzählige Menschen auf der ganzen Welt möchten unsere Probleme haben – behalten wir sie lieber selbst.“ </em>Ein Gegenbild versucht Robert Habeck mit seinem Buch „Den Bach rauf“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2025). Er plakatiert: <em>„Zuversicht“</em>. Ob sich diese Redefigur durchsetzen wird, wird sich zeigen. Immerhin ist es nicht unwahrscheinlich, dass von den drei Regierungsparteien der Ampel die Grünen als einzige die Wahl am 23. Februar 2025 ohne Verluste überstehen könnten.</p>
<p>Die von den demokratischen Parteien im Wahlkampf betriebene Gegenstrategie lautet, alles mit Geld zuzuschütten. Mehr vom Netto, mehr Geld für alle, Steuererleichterungen, Leistung müsse sich wieder lohnen – das gesamte bekannte Arsenal vergangener Wahlkämpfe wird bemüht, aber aus der Erfahrung vergangenen Wahlen weiß die Wahlbevölkerung sehr gut, dass die Versprechungen unerfüllbar sind. Krankenschwestern, Pflegekräfte, Erzieherinnen, Verkäuferinnen an den Supermarktkassen – sie alle werden sich ihren eigenen Reim auf solche Versprechungen machen.</p>
<p>Die Süddeutsche Zeitung hat <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wirtschaft/bundestagswahl-einkommen-buerger-steuer-versprechen-parteien-e995388/">die versprochenen Wohltaten aufgelistet</a>: <em>„Als Erstes fällt auf, dass die Parteien ihre geplanten finanziellen Verbesserungen sehr unterschiedlich auf die einzelnen Einkommensgruppen verteilen. Sie zerfallen grob in zwei Lager. SPD, Grüne, BSW und Linke wollen vor allem Haushalte mit niedrigen Einkommen und die Mittelschicht finanziell besserstellen – und Beziehern hoher Einkommen eher Geld wegnehmen. / Ganz anders dagegen Union, FDP und AfD: Sie versprechen ein Finanzplus, das mit zunehmendem Gehalt nicht nur in Euro und Cent immer höher ausfallen soll, sondern auch prozentual. Anders gesagt: Je mehr ein Haushalt verdient, desto stärker wird er im Verhältnis zum bisherigen Einkommen entlastet. Fünf bis zehn Prozent mehr sind so für Topverdiener drin, während alle anderen gesellschaftlichen Gruppen weniger bis nichts erhalten.“</em> Union und FDP scheinen noch an Reagans Trickle-Down-Versprechen zu glauben. Die AfD interessiert sich in keiner Weise für ein solches Trickle-Down. Sie hat ein extrem libertäres Wirtschafts- und Sozialprogramm, das in Thesen der sogenannten „Chicago Boys“ wurzelt und in Javier Millei und Elon Musk die Apolegeten gefunden hat, die am lautesten sagen können: „Alles meins!“</p>
<p>Vielleicht wäre es nicht schlecht, wenn man über die fatalen Konsequenzen der Politik der von Musk gelobten AfD spräche statt sich an einer einzelnen Person, so reich sie auch sein mag, abzuarbeiten? Wer – wie die AfD – den Austritt aus der EU und einen Anschluss an die von Russland geführte Eurasische Wirtschaftsunion in Erwägung zieht, plädiert letztlich für die Zerstörung von Wohlstand, Sozialstaat und Demokratie und sorgt für Abhängigkeit von Russland.</p>
<p>Daraus ließe sich eine Debatte über soziale (Un-)Gerechtigkeit ableiten. Aber wird diese geführt? <a href="https://taz.de/Bundesparteitag-der-Linkspartei/!6059843/">Zurzeit wohl nur von der Linken</a>, die auf drei Direktmandate hofft, um in den Bundestag einzuziehen, in einigen Umfragen aber auch wieder bei fünf Prozent liegt, zum Teil sogar vor dem BSW. Es bleibt bei CDU, CSU, FDP und SPD, weniger bei den Grünen, bei der Hoffnung auf ein Trickle-Down. Wenn es denen oben besser geht, wird es auch irgendwann denen da unten besser. Dass das nicht funktioniert, ist bekannt, also muss man diese Lücke wiederum damit schließen, dass die Sozialleistungen nicht mehr an Leute ausgezahlt werden, die es angeblich nicht verdienen, weil sie nicht dazugehören oder nicht <em>„fleißig“</em> genug. Und schon sind wir wieder bei der Migrationsdebatte, die im Grunde in vielen Punkten die Kehrseite der nicht geführten Gerechtigkeitsdebatte ist. Wer aber diese Debatte nicht führt, wird die von Hannes Stein beschriebene Gefahr verstärken.</p>
<h3><strong>Europa in höchster Gefahr? Europa ist die Lösung!</strong></h3>
<p>All das, was zurzeit geschieht, ist nichts Neues. Es ließe sich gut analysieren, wenn man den Peleponnesischen Krieg von Thukydides läse. <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/pflichtlektueren-fuer-demokraten-thukydides-und-der-krieg-110226527.html">Andreas Kilb empfahl allen Politiker:innen, dieses Buch <em>„im Reisegepäck</em> (zu) <em>haben“</em></a><em>. „Die attische Volksherrschaft war nie demokratisch in unserem heutigen Sinn; nur Vollbürger, also ein Bruchteil der Bevölkerung, nahmen aktiv an ihr teil. Trotzdem hatte das komplizierte, von Kleisthenes ersonnene Regelwerk etwa siebzig Jahre lang funktioniert. Aber schon bald war die eigentliche Macht in die Hände einzelner Männer gelangt, die die Volksversammlung in ihrem Sinn zu lenken verstanden, und nach Kriegsausbruch wurde der athenische Staat endgültig zum Spielball von Demagogen. Auf den maßvollen Perikles folgte der rabiate Populist Kleon, auf diesen der neureiche und abergläubische Nikias, und zuletzt kam mit Alkibiades eine Mischung aus Popstar und Despot ans Ruder, ein ebenso genialer wie skrupelloser Abenteurer, der mal seine Landsleute an Spartaner und Perser, mal diese an die Athener verriet.“ </em>Eine Schlüsselstelle ist der Melier-Dialog im fünften Buch, der sich auf das Verhältnis zwischen Putins Russland und der Ukraine und auch manch andere imperialistische Aktion anwenden ließe. Die Melier hatten keine Unterstützung, das war ihr Untergang. Die Ukraine hat Unterstützung. Noch hat sie sie, aber haben die Europäer begriffen, dass Putin nicht nur die besetzten Teile der Ukraine beansprucht?</p>
<p>Wer meint, jedes Bemühen um eine funktionierende – das heißt auch abschreckende – Verteidigungspolitik als <em>„Kriegstreiberei“</em> anprangern zu müssen, hat nicht verstanden, in welcher Gefahr Europa ist. Ich würde sogar von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/identitaerer-frieden/"><em>„Realitätsverlust“</em></a> sprechen. Es gibt nun wirklich niemanden in der EU oder in der NATO, der einen Angriffskrieg vorbereiten wollte. Claudia Major, die ab März 2025 beim transatlantischen Thinktank German Marshall Fund für transatlantische Sicherheit zuständig sein wird, formulierte <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-01/donald-trump-usa-ukraine-claudia-major/komplettansicht">im Gespräch mit Jörg Lau und Rieke Havertz für die ZEIT</a> eine entscheidende Frage, der sich die europäischen Staaten stellen müssen, nicht zuletzt Deutschland, das aufgrund seiner Größe die Rolle einer Führungsmacht hat, gleichviel ob Deutschland das will oder nicht. <em>„Militärische Gewalt löst keine Probleme? Aus russischer Sicht funktioniert das super. Wir sind in einer Umbruchphase, in der unsere liberalen Demokratien infrage gestellt und unterwandert werden. Nicht nur über Kriege, auch über Propaganda und Sabotage, etwa von kritischer Infrastruktur. Darauf sind wir verdammt schlecht vorbereitet.“ </em></p>
<p>Zurzeit sieht es so aus, dass Europa vor allem auf Giorgia Meloni, Donald Tusk und Ursula von der Leyen zählen kann. Es ist dringend an der Zeit, dass auch Deutschland und Frankreich wieder ernst zu nehmende Akteure in der Europäischen Union werden und aufhören, sich an Trump, Musk und Orbán abzuarbeiten. Noch weiß niemand, wie viel Show hinter Trumps Inszenierung am 20. Januar 2025 stand und wie viel davon in den nächsten Wochen oder Monaten noch Bestand haben wird. Trumps Antrittsrede war eine Fortsetzung seines Wahlkampfs, in den Worten eines Kommentars von Andreas Ross in der FAZ: <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/usa-unter-trump/donald-trumps-amerikanischer-blitzkrieg-sein-erster-tag-im-amt-110244774.html">„Trump überwältigt Freund und Feind“</a>. Und so geht es mit seinen <em>„executive orders“</em> weiter, gleichviel wie viele davon Bestand haben werden. Die Demokraten sind noch in Schockstarre, sodass zurzeit nur Gerichte ein Gegengewicht bilden können. Es ist bekannt, dass Trump nur diejenigen leiden mag, die sich ihm unterwerfen. Aber genau den Gefallen sollte ihm niemand tun. Das werden übrigens nicht einmal die Milliardäre tun, die ihn jetzt noch hofieren. Auch das ist Show.</p>
<p>Es gibt Hoffnungsschimmer, die polnische Wahl vom 15. Oktober 2023, die Stärke der Zivilgesellschaften in vielen Ländern, in der Slowakei, in Italien, in Georgien, auch der Sturz von Assad in Syrien oder die Regierungswechsel in <a href="https://www.sueddeutsche.de/meinung/prantls-blick-li.3173376">Bangladesh</a> und im <a href="https://www.freiheit.org/de/westafrika/demokratischer-aufbruch-senegal-unzaehlige-moeglichkeiten-fuer-investitionen">Senegal</a>. Selbst in Ungarn gab es bei den Europawahlen keine Mehrheit mehr für die Partei von Viktor Orbán. Es spaltete sich eine neue konservativ-liberale Partei unter Peter Magyar ab. Autokraten können sich nicht darauf verlassen, dass sie auf Dauer ihre Mehrheit behalten, so zuletzt in Indien geschehen. Und nicht zuletzt: Die Ukraine hat sich gegen Putins Truppen gut behauptet und hätte dies sicherlich noch besser tun können, wenn die NATO-Staaten, nicht zuletzt Deutschland zumindest mehr Luftabwehrsysteme geliefert hätten. Im Grunde ist Putin nicht viel weitergekommen als er schon 2014 war. Nur könnte er jetzt möglicherweise endlich das erreichen, was er immer schon wollte: Verhandlungen mit den USA, möglichst ohne Ukraine und Europa, Zeit sich zu regenerieren und dann in einigen Jahren auch den Rest der Ukraine (und nicht nur diese) anzugreifen.</p>
<p>Wer mehr über die europäischen Irrungen und Wirrungen lesen möchte, lese Robert Menasse, seine Romane und seine Essays. Am 20. Mai 2010, auf dem Höhepunkt der damaligen Finanzkrise rund um Griechenland, schrieb er in der ZEIT: <em>„Die Regierungschefs, die im Rat sitzen, haben weder den Mut, ihren Wählern die Wahrheit zuzumuten, noch (in der Regel) die politische Größe, über die Legislaturperiode hinaus zu denken.“ </em>Und heute? Es wird nicht nur, aber viel von der deutschen Positionierung abhängen. Vor allem sollten wir einen Donald Trump oder Elon Musk nicht zur Schlange und uns nicht zu Kaninchen machen (lassen). Navid Kermani brachte es in seinem Gastbeitrag <a href="https://www.zeit.de/2024/55/elon-musk-bundestagswahlkampf-afd-demokratie">„Musk gegen die Demokratie“</a> in der ZEIT auf den Punkt: „<em>Viel wichtiger als die Frage, ob der nächste Bundeskanzler auf die Neuaufnahme von Schulden oder die Reduzierung von Ausgaben setzt, ist daher: Wird er ein entschiedener Europäer wie zuletzt Helmut Kohl sein?“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 31. Januar 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Deciphering Photographs“.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-29-januar-2025/">Der 29. Januar 2025</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die DDR und die Migration</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ddr-und-die-migration/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Oct 2024 04:50:44 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=5333</guid>

					<description><![CDATA[<p>Die DDR und die Migration Im Gespräch mit der ehemaligen Staatssekretärin Almuth Berger „Ich weiß noch, dass ich damals mit dem Titel der Staatssekretärin relativ wenig anfangen konnte. Ich habe mir auch gar nicht klargemacht, was das für eine wichtige Stelle in der bundesdeutschen Politik war. Da hatten wir vorher nichts mit zu tun.  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ddr-und-die-migration/">Die DDR und die Migration</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Die DDR und die Migration</strong></h1>
<h2><strong>Im Gespräch mit der ehemaligen Staatssekretärin Almuth Berger</strong></h2>
<p><em>„Ich weiß noch, dass ich damals mit dem Titel der Staatssekretärin relativ wenig anfangen konnte. Ich habe mir auch gar nicht klargemacht, was das für eine wichtige Stelle in der bundesdeutschen Politik war. Da hatten wir vorher nichts mit zu tun. für mich war die Funktion der Ausländerbeauftragten das eigentlich Wichtige dabei. Und wie gesagt, das musste dann sehr schnell gehen.“ (</em>Almuth Berger im Gespräch mit Katarina Kunter, in: Katharina Kunter / Johannes Paulmann, Hg., Die unbekannten Politikverhandler im Umbruch Europas, Göttingen, Vandenhoek &amp; Ruprecht, 2023).</p>
<p>Im Januar 1990 kam es zur Einrichtung des Amtes einer Ausländerbeauftragten beim Ministerrat der DDR, damals noch in der <em>„Regierung der nationalen Verantwortung“</em>, die von Hans Modrow geleitet wurde, dann auch in der einzigen demokratisch gewählten Regierung der DDR unter dem Ministerpräsidenten Lothar de Maizière. Ausländerbeauftragte war die Evangelische Pfarrerin Almuth Berger, die sich in der Oppositionsgruppe „Demokratie Jetzt“ engagierte und Pfarrerin an der Bartholomäusgemeinde in Berlin-Friedrichshain war. Almuth Berger arbeitete nach dem 3. Oktober 1990 als Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg. Das zitierte Buch „Die unbekannten Politikverhandler“ wurde im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-unerzaehlte-geschichte/">„Eine unerzählte Geschichte“</a> vorgestellt.</p>
<h3><strong>Von der evangelischen Pfarrerin zur Ausländerbeauftragten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Unser Gespräch findet am 13. August 2024 statt, 43 Jahre nach dem Mauerbau. Wie haben Sie den 13. August 1961 erlebt?</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Das ist für mich ein unvergesslicher Tag. Ich hatte gerade Abitur gemacht und war mit anderen Abiturienten auf einer sogenannten Schüler-Rüstzeit&#8211; ein kirchliches Freizeitangebot. Wir waren an der Ostsee, hatten damals natürlich keine Radios, Handys gab es noch nicht. Wir wussten überhaupt nichts vom politischen Geschehen rund um uns herum. Es war ein Sonntag und wir waren in der wunderschönen Kirche in Ahrenshoop. Der Pfarrer machte ein paar Bemerkungen, über die wir uns sehr wunderten und die wir nicht verstanden. Er sagte etwas von schlimmen Ereignissen in Berlin. Wir haben ihn dann nach dem Gottesdienst bestürmt und so von dem Mauerbau erfahren. Wir waren entsetzt. Unter uns waren viele Berliner und wir waren sehr verunsichert, weil wir nichts wussten, ob wir unsere Angehörigen wiedersehen würden. Meine Eltern waren gerade in Westdeutschland in Urlaub, meine Brüder in West-Berlin. Wir wären am liebsten alle gleich nach Hause gefahren. Der Leiter der Freizeit beruhigte uns und wir sind ein paar Tage später nach Hause gefahren. Unsere Familienangehörigen hatten alle aus dem Westen zurückkommen dürfen. </em></p>
<p><em>Das war eine sehr aufregende Zeit. Wir hatten alle Pläne, wir wollten Vorlesungen an den Universitäten in West-Berlin hören. Alles Träume, die wir begraben mussten. Ich wollte immer nach Afrika. Das war alles mit einem Schlag nicht mehr möglich. Insofern hat sich mir dieser Tag sehr eingeprägt. Ich habe dann mit dem Theologie-Studium angefangen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aber Sie konnten das Theologie-Studium ohne Probleme absolvieren?</p>
<div id="attachment_3943" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3943" class="wp-image-3943 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1-300x217.jpg" alt="" width="300" height="217" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1-200x145.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1-300x217.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1-400x289.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1-600x434.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1-768x555.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1-800x578.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1-1024x740.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/10/Berger_Almuth_1.jpg 1200w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-3943" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berger_Almuth_1.jpg">Almuth Berger</a>, Foto: Der wahre Jakob. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0</a>.</p></div>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Das war möglich. Ich habe mir im Laufe der Zeit gesagt, es wäre auch sinnvoll, Theologie zu studieren und dann in der DDR zu arbeiten. Man setzt sich mit seinen Träumen auseinander und sieht, was möglich ist. Später habe ich immer gesagt: Es war mein Traum, nach Afrika zu gehen, aber dieser Traum ist ganz anders wahrgeworden, die Afrikaner sind zu mir gekommen. Ich hatte später viele Kontakte mit Menschen aus afrikanischen Ländern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bevor wir dieses Thema weiter ausführen: Wie wurde eine evangelische Pfarrerin zur Ausländerbeauftragten?</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Es begann schon in der Regierung Modrow, der sogenannten </em><a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/acht-zusaetzliche-mitglieder-fuer-den-ministerrat-437430"><em>„Regierung der Nationalen Verantwortung“</em></a><em>. </em>Es gab acht Minister ohne Geschäftsbereich, die in den Ministerrat geholt wurden, mitentschieden, mitgesprochen haben. Und es gab den Zentralen Runden Tisch, in dem es eine <a href="https://ddr89.de/zrt/AG_Auslaenderfragen.html">Arbeitsgruppe „Ausländer“</a> gab. Ich war damals in der am 12. September 1989 gegründeten Gruppe <a href="https://www.ddr89.de/dj/inhalt_dj.html">„Demokratie Jetzt“</a> aktiv, die in der Bartholomäus-Gemeinde entstanden war. Ich wurde von dieser Gruppe wegen meiner Erfahrungen mit den Vertragsarbeitern in die Arbeitsgruppe „Ausländer“ delegiert. Mein Mann wurde zum Moderator gewählt. <em>Er war damals Direktor des </em><a href="https://www.berliner-missionswerk.de/"><em>Ökumenisch-Missionarischen Zentrums</em></a><em> im Haus der Berliner Mission. Es gab in der Kirche viele Pfarrer und Mitarbeiter, die sich schon um Menschen aus dem Ausland kümmerten. Das Ökumenisch-Missionarische Zentrum hatte eine eigene Stelle für die Ausländerseelsorge geschaffen, eine Zeitschrift gegründet, „Nah und Fern“, alles Dinge, die es in der DDR offiziell nicht gab. Die Zeitschrift wurde nur „Für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ veröffentlicht, sie wurde mit einfachen Mitteln vervielfältigt und dann aber in vielen Kirchengemeinden der DDR verteilt und gelesen. </em></p>
<p><em>Schon 1988 hatten wir eine Stelle für die Begegnung von Aus- und Inländern gegründet, die Cabana. Wir sagten, wir brauchen einen Platz, wo sich Menschen aus verschiedenen Kulturen ohne Aufsicht und ohne staatliche Beaufsichtigung begegnen können. Die Gründung erfolgte trotz der Missbilligung des Stadtbezirks. Ich wurde am Tag der Eröffnung einbestellt. Mir wurde gesagt, das wäre nicht unsere Aufgabe. Meine Antwort: Zur Eröffnung ist eingeladen, soll ich jetzt einen Zettel aufhängen, auf dem steht, dass der Bezirk das missbilligt? Das wollten sie natürlich auch nicht. Die Cabana wurde gegründet und gut besucht, wöchentlich traf sich dort eine bunte Mischung von Menschen, die in Berlin und im Umfeld lebten, aus Mosambik und Südafrika aus Nicaragua, aus Syrien und Palästina, aus China, aus Polen. Es kamen auch Deutsche, die an Kontakten interessiert waren.. Eine Cabana wurde mit demselben Namen auch an anderen Orten gegründet. Die Mosambikaner waren sehr reisefreudig und haben sich dann auch an den anderen Orten, zum Beispiel in Dresden, in Gotha oder in Freiberg in der Cabana getroffen.    </em></p>
<p><em>Aufgrund dieser Erfahrungen wurde ich in die Arbeitsgruppe „Ausländer“ am Zentralen Runden Tisch delegiert. Ein Ergebnis des Runden Tisches war die Forderung nach einer Anlaufstelle für Menschen aus anderen Ländern in der DDR, eben eine Ausländerbeauftragte, wie man das damals nannte. Die Regierung sagte, wir machen das, erbat aber einen Personalvorschlag. Ich wurde vorgeschlagen und habe dann innerhalb einer Woche die Kanzel mit dem Ministerrat getauscht. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Ich wusste kaum, was da auf mich zukam. „Ausländerbeauftragte“ ist ja kein Beruf, den man erlernen kann, aber ich habe festgestellt, dass eine Ausbildung als Pfarrerin und Erfahrungen mit Menschen nicht die schlechteste Voraussetzung sind. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wichtiger Punkt Ihrer Arbeit als Ausländerbeauftragte beruht auf dem einstimmigen Beschluss der demokratisch gewählten Volkskammer vom 12. April 1990, Jüdinnen und Juden aus der damaligen Sowjetunion die Einwanderung in Deutschland zu erlauben.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Das war in der Tat eine wichtige Erklärung aller Fraktionen der Volkskammer in der DDR. Heute wird die Geschichte anders erzählt. Es heißt, der Bundesinnenminister, damals Wolfgang Schäuble, habe 1991 ermöglicht, dass Jüdinnen und Juden aus der Sowjetunion nach Deutschland kommen konnten. Das stimmt so einfach nicht. Die Anfänge lagen in der DDR. Ab Anfang 1990 und dann verstärkt durch die Volkskammererklärung kamen Jüdinnen und Juden aus der Sowjetunion, die vor rechtsextremen Ausschreitungen und einer „Pogrom“ – Stimmung flohen, auch in die DDR. Noch wenige Jahre zuvor wäre es undenkbar gewesen, dass Juden ausgerechnet nach Deutschland auswandern wollten. Aber es war aufmerksam registriert worden, welche Veränderungen in der DDR – auch im Verhältnis zu der kleinen Zahl von jüdischen Bürgerinnen und Bürgern – vorgegangen waren. Aus der SU kamen sie damals mit einem Touristenvisum, zeigte ihre Pässe vor, in denen stand, dass sie Juden waren und wurden aufgenommen. </em></p>
<p><em>Der Ministerpräsident beauftragte mich mit der Vorlage für eine gesetzliche Regelung als Grundlage für die Aufnahme, Unterbringung, sowie für Möglichkeiten einer Integration. Das war schwierig, denn es durfte manches nicht vorkommen, zum Beispiel dass Jüdinnen und Juden aus der Sowjetunion vor Antisemitismus oder vor Gewalt fliehen mussten. Aber der am 11.7.1990 vom Ministerrat dann verabschiedete Beschluss, bot die Grundlage zum Handeln: wir konnten ein Büro einrichten, in dem sich die Ankommenden melden konnten und ihnen geholfen wurde, ein Hilfsfond wurde eingerichtet, die kleinen noch bestehenden Gemeinden und der Jüdische Kulturverein bemühten sich um die Unterstützung der neu Ankommenden. Nach dem Ende der DDR gab es erst einmal einen Stopp und viele waren sehr verunsichert. </em></p>
<p><em>In der Bundesrepublik gab es keine adäquate gesetzliche Regelung für die Aufnahme, wie sie in der DDR praktiziert wurde.    Die Innenministerkonferenz hat sich dann Anfang 1991 auf die Regelung verständigt, das bestehende „Kontingentflüchtlingsgesetz“ auf die jüdischen Flüchtlinge anzuwenden. . Es kamen schließlich etwa 200.000 Menschen, die heute viele jüdischen Gemeinden in Deutschland prägen. Leider gibt es immer noch ungelöste Fragen, beispielsweise die Anerkennung von Rentenansprüchen.  </em></p>
<h3><strong>Mosambik kommt nach Berlin </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nach dem Mauerbau konnten Sie nicht nach Afrika reisen, aber Menschen aus Afrika kamen zu Ihnen.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: D<em>ie ersten Kontakte waren Studierende aus Mosambik in den 1970er Jahren in Magdeburg. Es gab dort noch nicht so enge persönliche Kontakte, aber es gab einige Studenten, die kamen spät abends zu uns. Sie trauten sich nicht, am Tage in ein Pfarrhaus zu gehen, weil sie dann womöglich beobachtet worden wären. Sie haben uns von ihren Plänen und Sorgen erzählt. .</em></p>
<p><em>In dieser Zeit wurde  die </em><a href="https://www.ekmd.de/presse/pressestelle-magdeburg/40-jahrestages-der-eroeffnung-der-schule-der-freundschaft-in-stassfurt.html"><em>„Schule der Freundschaft“ in Staßfurt</em></a><em> gebaut, in der Kinder aus Mosambik unterrichtet wurden. Diese Kinder waren jahrelang von ihren Eltern und ihren Familien getrennt. Die Eltern haben das als eine Chance für ihre Kinder gesehen. Aber es ist noch eine ganz besondere Problematik mit dieser „Schule der Freundschaft“, zu der sich viel sagen ließe, nur so viel: Es ist später deutlich geworden, wie problematisch diese Art von Entwicklungspolitik ist, wenn man Kinder für viele Jahre von ihren Eltern trennt,  wenn man auf die Notwendigkeiten und Bedürfnisse keine Rücksicht nimmt, denen diese Kinder  später in ihrem Heimatland begegnen, wenn man die Lehrpläne nicht daran anpasst, auch Berufe anbietet, die sie in Mosambik gar nicht ausüben konnten. Die Kinder hatten nur wenig Kontakt mit der deutschen Bevölkerung. Diese verhielt sich in diesem kleinen Ort gegenüber den Kindern mit einigen Ausnahmen eher ablehnend. Als die Kinder 1988 wieder zurückgeschickt wurden,  hatten sie dort ein ganz schwieriges Schicksal. Sie wurden vom Flugplatz direkt in die Armee geschickt, durften nicht einmal nach Hause. Die Berichte von zurückgekehrten Kindern sind erschütternd zu lesen. Es gibt ein Buch von </em><a href="https://dezentralbild.net/de/protagonists/francisca-raposo/"><em>Francisca Raposo</em></a><em>, einer Schülerin, die ihre Erlebnisse aufgeschrieben und mit Hilfe einer deutschen Journalistin veröffentlicht hat. Ihr Buch wurde im November 2023 unter dem Titel </em><a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/geschichte/kulturgeschichte/raposo,-francisca-von-mosambik-in-die-ddr-detail"><em>„Von Mosambik in die DDR“</em></a><em> im Mitteldeutschen Verlag veröffentlicht. Dort kann man zum Beispiel nachlesen, wie hart es für sie war, vom Flugplatz weg in die Armee geschickt zu werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Menschen aus Mosambik haben Sie in Ihrem weiteren Leben immer begleitet.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Das war für mich eine wichtige und auch sehr schöne Erfahrung, als ich Pastorin an der </em><a href="https://www.kirchengemeinde-am-friedrichshain.de/"><em>Bartholomäus-Gemeinde</em></a><em> war. </em></p>
<p><em>Im Missionarischen Zentrum war eine Pfarrersfamilie aus Mosambik zur Weiterbildung in einer Predigerschule aufgenommen worden. Ich gehörte zu der Gruppe, die sich um diese Familie gekümmert hatte, ihnen geholfen hat, die Anfänge in einer ihnen unbekannten Stadt und Kultur zu bewältigen. Sie kamen mit drei kleinen Kindern. </em></p>
<p><em>Die Vertragsarbeiter aus Mosambik hatten davon gehört. Es gab unter ihnen viele Christen, die unabhängigen afrikanischen Kirchen angehörten. Die waren sehr daran interessiert, ihren Glauben auch zu leben. Im Wohnheim durften sie das nicht. Sie kamen und sagten, sie wollten jetzt Gottesdienst feiern. Der mosambikanische Pfarrer sagte jedoch, er habe keine Zeit, müsse Deutsch lernen, zur Weiterbildung, du bist hier die Pastorin, du musst das machen. Meinen Einwand, dass ich kein Portugiesisch konnte und die jungen Leute noch sehr wenig Deutsch sprachen, ließ er nicht gelten. Er sagte, das wird schon gehen. Von da an haben die jungen Mosambikaner jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert. Ich war dabei, habe auch, soweit es mir möglich war, mitgesungen. Eigentlich machten sie das alles ganz alleine. Sie brauchten gar keinen Pfarrer. Sie wollten aber gern ein Stück Gemeinsamkeit herstellen. Ich sollte einen Text lesen, ein Gebet sprechen, einen Segen spenden. </em></p>
<p><em>Es war eine sehr schöne Erfahrung. Es kamen auch andere Leute aus der Gemeinde dazu, man lernte sich kennen, es entstand eine feste Gemeindegruppe, die auch zu den Gottesdiensten der deutschen Gemeinde kam, aber eben auch Platz für die eigenen Gottesdienste hatte. Das war für sie wichtig, weil sie so in ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer Art feiern konnten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Alles in Portugiesisch oder auch in anderen Sprachen? Mosambik ist meines Wissens ein vielsprachiges Land.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Zum Teil auch in ihren Muttersprachen. Im Wesentlichen jedoch in Portugiesisch. Die Leute aus dem Norden verstanden die Leute aus dem Süden kaum, . daher einigten sie sich auf Portugiesisch. Das Ökumenische Zentrum stellte einen Portugiesisch-Lehrer ein, der mit einer ganzen Gruppe von uns Deutschen Portugiesisch lernte. Das war eine wichtige Geste unsererseits: wir wollen euch ein wenig entgegenkommen. Wir haben das nie perfekt gelernt, aber wir konnten uns verständigen. </em></p>
<p><em>Das hat mir sehr geholfen, als ich später an staatlichen Verhandlungen in Mosambik teilnahm. Wir hatten einen sehr guten Dolmetscher, aber ich konnte wenigstens halbwegs verstehen, worüber gesprochen wurde. Ich war das erste Mal mit einer kirchlichen Delegation im Jahr 1989 in Mosambik. Die Kirchen in der DDR hatten Verbindungen nach Mosambik, vor allem zur Frauenarbeit und dem Nationalen Christenrat, einem Zusammenschluss vieler unterschiedlicher Kirchen in Mosambik. Das sind oft Kirchen, die aus amerikanischer Missionsarbeit entstanden, inzwischen aber einheimische afrikanische Kirchen geworden sind mit sehr eigenen Traditionen . Es gab auch einige, die nicht im Nationalen Christenrat organisiert waren. Ich hatte die Chance, mit der Delegation mitzufahren und dort auch Familien von Vertragsarbeitern oder auch Vertragsarbeiter zu besuchen, die wieder zurück nach Mosambik gefahren waren. </em></p>
<h3><strong>Die Vertragsarbeiter und die Deutsche Einheit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit dem Erfolg der Friedlichen Revolution und der Deutschen Einheit erlebten Sie eine ganz andere Seite im Verhältnis zwischen Deutschland und Mosambik. Ich kann mich selbst daran erinnern, dass ich 1990 als Referent im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft regelmäßig mit dem Flugzeug vom Militärflughafen Köln-Wahn nach Berlin-Schönefeld flog und beim Rückflug in Schönefeld Hunderte von Afrikanern – aus Mosambik, aus Angola – sah, die auf den Flug in ihre Heimat warteten, weil sie in der DDR keine Zukunft mehr hatten.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em> Die Verträge waren zur Zeit der DDR geschlossen worden und völkerrechtlich bindend. Bereits vor dem Tag der Einheit änderte sich die gesamte Wirtschaftsform. Die Betriebe konnten nicht mehr nach sozialistischer Planwirtschaft arbeiten, sondern mussten sich in der freien Marktwirtschaft zurechtfinden. Viele Betriebe mussten Leute entlassen. Es gab viele Arbeitslose. Es gab Betriebe, die bankrottgingen und in einer schwierigen Situation waren, wenn sie Arbeitskräfte aus den Verträgen hatten, die sie nicht so einfach entlassen konnten. Das führte dazu, dass Betriebe 1990 einfach Leute in ein Flugzeug setzten und nach Hause schickten. Manche Vertragsarbeiter gingen in die Bundesrepublik und beantragten dort Asyl. Es gab eine große Verunsicherung. Es gab auch heftige Attacken aus der Bevölkerung gegen Betriebe, die noch ausländische Arbeitnehmer hatten. Es wurde verlangt, ihr dürft auf keinen Fall ausländische Arbeiter behalten und Deutsche entlassen. Dann fließt Blut! Die Betriebsleiter haben Drohbriefe bekommen. Ich habe welche gesehen. Es war beängstigend, daher haben viele Hals über Kopf die Leute nach Hause geschickt.</em></p>
<p><em>Uns war klar, wir mussten die Verträge ändern, damit nicht noch mehr Unrecht geschieht. Das ging alles sehr überstürzt, aber im Mai 1990 – da war ich schon Ausländerbeauftragte beim Ministerrat der DDR – waren wir in Vietnam, in Mosambik, in Angola, um diese Verträge zu ändern, damit einerseits Betriebe die Möglichkeit zur Kündigung hatten. Andererseits war es mir ein wichtiges Anliegen, Arbeitern, wenn sie wollten, die Chance zu geben, in der DDR zu bleiben. Außerhalb der Verträge, damit sie eine Arbeitserlaubnis bekamen und schauen konnten, ob sie eine Arbeit finden und sich so eine Existenz in der DDR aufbauen konnten. Das war ursprünglich nicht vorgesehen, wir haben sehr dafür gekämpft und es ist dann auch gelungen. Diejenigen, die nach Hause zurückkehrten, sollten eine kleine Abfindung von 3.000 Mark der DDR (nach der Währungsunion dann auch DM) erhalten neben einigen anderen Regelungen in Bezug auf die Beendigung der Arbeit und der Heimreise, die vom Betrieb zu leisten waren . Obwohl wir versucht haben, die Informationen auch in vietnamesisch und portugiesisch möglichst breit zu streuen, haben viele Mosambikaner, Angolaner, Vietnamesen  davon nichts erfahren und eine Reihe von Betrieben haben sich an diese Verordnungen nicht gehalten. Aber es war eben eine sehr schwierige Zeit, in der vieles nicht mehr funktionierte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und jetzt haben wir die Situation, dass in Mosambik viele Menschen noch auf ihr Geld warten.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Das sind nicht die 3.000 Mark, von denen ich eben sprach. Die sind ausgezahlt worden, nicht an alle, manche haben sie noch eingeklagt. Aber die Mosambikaner waren verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz ihres Lohnes als „Transferleistungen“ abzugeben. Ihnen wurde gesagt, dass dieses Geld auf ein Konto in Mosambik eingezahlt würde und sie das Geld dann nach ihrer Rückkehr ausbezahlt bekämen. Was sie nicht wussten, was wir alle nicht wussten, war, dass dieses Geld niemals nach Mosambik geflossen ist, sondern von der DDR mit den Staatsschulden von Mosambik verrechnet wurde. Die Arbeiter hatten mit ihrem privaten Geld Staatsschulden abgezahlt. Dieses Unrecht hatten Mosambik und die DDR von Anfang an so geplant und verhandelt – das haben wir später anhand der Unterlagen herausgefunden. Es gab zu Beginn noch einige, die  ausgezahlt wurden, aber als dann 1990 so viele zurückkehrten, zahlte Mosambik nicht mehr aus. Deshalb </em><a href="https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/mosambikaner-in-der-ddr-die-madgermanes-warten-bis-heute-auf-ihr-geld"><em>demonstrieren viele Mosambikaner in Mosambik bis heute dafür, dass sie ihr Geld bekommen</em></a><em>. Wir haben  eine deutsch &#8211; mosambikanische Gruppe in Deutschland, die sich dafür einsetzt. Wir wollen, dass dieses Unrecht, das den Leuten geschehen ist, öffentlich benannt und anerkannt wird, und dass zumindest eine pauschale Entschädigung ausgezahlt wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn man in den Suchmaschinen des Internets „Rückzahlungen für Mosambikaner“ eingibt, erhält man eine Fülle von Berichten, auch in der deutschen Presse, beispielsweise im Deutschlandfunk. Aber wie verhält sich die Bundesregierung?</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>:<em> Die Bundesregierung sagt, das wäre nicht ihre Zuständigkeit. Dafür wäre Mosambik zuständig, sie hätte nichts mehr damit zu tun. Wir sagen, das ist nicht richtig, denn die Bundesregierung ist auch die Nachfolgerin der DDR-Regierung. Und es gibt auch andere Gruppen, denen Unrecht von der DDR-Regierung angetan wurde und die entschädigt werden. Wir kämpfen deshalb dafür, dass die Gruppe der mosambikanischen Vertragsarbeiter genauso anerkannt und entschädigt wird wie andere Opfergruppen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Thema ist auch die Auszahlung von Rentenansprüchen.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Auch das  ist ganz schwierig. Wir haben damals, als wir mit der Arbeit angefangen haben, ein juristisches Gutachten über die Rentenansprüche anfertigen lassen. Die mosambikanischen Arbeiter haben genau wie alle anderen Arbeiter in der DDR Sozialversicherungsbeiträge bezahlt. Die Rentenansprüche sollten ebenfalls nach Mosambik geschickt werden. Diese wurden jedoch ebenfalls zur Deckung der Schulden verwendet. In Mosambik gab es damals auch keine Rentenversicherung. Juristen haben mit großer Mühe herausgefunden, dass man diese Rentenansprüche auch heute noch ausgleichen müsste. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erkennt dies jedoch nicht an. Es ist ein sehr schwieriger Kampf, ein Bohren von sehr harten Brettern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie viele Menschen sind betroffen?</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Zum Ende der DDR waren etwa 17.000 Mosambikaner in der DDR. Es gab allerdings im Verlauf der Zeit mehr Verträge, sodass insgesamt etwa 21.000 Mosambikaner betroffen sein dürften. Es sind aber auch schon eine Reihe Leute gestorben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jemand, der 1990 35 Jahre alt war, wäre jetzt 69 Jahre alt.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Die Lebenserwartung in Mosambik ist wesentlich niedriger als hier in Deutschland.</em> <em>Sie liegt bei Männern bei etwa 55 Jahren, bei Frauen etwa acht Jahre höher. Viele sagen, wir wollen gar nichts mehr für uns haben, sondern für unsere Kinder.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war auch Thema der Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestags zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Hans-Joachim Döring hat im Auftrag der Enquete-Kommission die Beziehungen zwischen der DDR und Mosambik und Äthiopien untersucht. Das Gutachten heißt „Es geht um unsere Existenz“. Gemeinsam mit Birgit Neumann-Becker hat er dann ein Buch herausgegeben, das auf einer Tagung in Magdeburg beruht und den Titel </em><a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/geschichte/kulturgeschichte/neumann-becker,-b-d%C3%B6ring,-h-j-hg-f%C3%BCr-respekt-und-anerkennung-detail"><em>„Für Respekt und Anerkennung“</em></a><em> trägt. Es erschien 2020 beim Mitteldeutschen Verlag, zuvor auch schon 1999 bei Ch. Links. Das bei Ch. Links erschienene Buch ist auf der Seite des Lothar-Kreyssig-Ökumenezentrums </em><a href="https://www.oekumenezentrum-ekm.de/aktuelles-und-termine/publikationen/es-geht-um-unsere-existenz.html"><em>frei im Netz verfügbar</em></a><em>.</em></p>
<h3><strong>RAA’en und mobile Beratungsstellen – eine Erfolgsgeschichte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrer Zeit als Ausländerbeauftragte beim Ministerrat und anschließend als Ausländerbeauftragte des Landes Brandenburg haben Sie sich mit der Einrichtung der RAA’en in Berlin und in Brandenburg verdient gemacht.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Das war eine ganz wichtige Sache. Ich war die erste der Ausländerbeauftragten in den neuen Ländern, blieb aber nicht die einzige. Wir hatten sehr früh Kontakt mit der </em><a href="https://www.freudenbergstiftung.de/de/"><em>Freudenberg-Stiftung</em></a><em>. Diese Stiftung hatte in Nordrhein-Westfalen schon in den 1970er Jahren die Errichtung von Regionalen Arbeitsstellen für Ausländerarbeit und Schule (RAA) unterstützt, in denen es vor allem um die Integration von ausländischen Schülerinnen und Schülern ging, damals vor allem von Kindern von Gastarbeitern. Der damalige Geschäftsführer der Stiftung, </em><a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/nachruf-auf-christian-petry-31349/"><em>Christian Petry</em></a><em>, meinte, das wäre doch etwas für die neuen Bundesländer. Wir sollten es auf die dortige Situation neu zuschneiden. Das war durchaus schwierig. Türkische Schülerinnen und Schüler hatten wir nicht, es ging vor allem darum, dass wir für Demokratie und gegen Rechtsextremismus und – wie man damals sagte – Fremdenfeindlichkeit vorgehen wollten. Es kam zu einem Bund-Länder-Modellprojekt, finanziert vom damaligen Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft in Berlin und Brandenburg. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Ihrer Erlaubnis ein kleiner historischer Einschub. Die RAA’en in Nordrhein-Westfalen entstanden in einem EU-Programm zum Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf, dem sogenannten ersten „Transition-Programm“. Heute gibt es sie als <a href="https://www.mkjfgfi.nrw/kommunale-integrationszentren">Kommunale Integrationszentren</a> – mit erweiterten Aufgaben – in fast allen nordrheinwestfälischen Kreisen und kreisfreien Städten. Ich durfte selbst von 1991 bis 1994 im Bundesbildungsministerium dazu beitragen, dass RAA’en schrittweise in allen neuen Bundesländern eingeführt wurden. Als ich dann nach Nordrhein-Westfalen wechselte, habe ich in den Jahren 2011 bis 2018 am Auf- und Ausbau der Kommunalen Integrationszentren mitgewirkt. All dies beruhte in den Anfängen auch auf Ideen und Initiative der Freudenberg-Stiftung und insbesondere von Christian Petry. Ich erwähne dies, weil es meines Erachtens gut zeigt, wie sich eine Idee vervielfältigen und aus einem Projekt eine nachhaltige Infrastruktur entstehen kann.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Ich hatte als Ausländerbeauftragte die Federführung für die </em><a href="https://raa-brandenburg.de/"><em>RAA Brandenburg</em></a><em>. Das Bildungs- und das Sozialministerium des Landes Brandenburg haben sich beteiligt. In dem Projekt arbeiteten eine abgeordnete Lehrkraft und eine Fachkraft aus einem anderen Bereich, Sozialarbeit, Kunst zum Beispiel, zusammen. Sie gingen in Schulen, bei uns auch stärker in die Kommunen, und initiierten dort Projekte, neue Modelle. Daraus hat sich eine großartige Arbeit entwickelt, die auch heute noch existiert und sich auf alle neuen Bundesländer ausgeweitet hat. Nach Ende des Projektes, das heißt nach drei Jahren, hat Brandenburg das Projekt ohne Bundesmittel weiter finanziert, immer in der genannten Besetzung. Dazu konnten wir weitere Kräfte, zum Beispiel in ABM-Maßnahmen gewinnen. Inzwischen gibt es eine institutionelle Förderung von Land und Kommunen, sodass die Grundausstattung nicht mehr jedes Jahr neu beantragt werden muss.</em></p>
<p><em>Das Projekt gibt es inzwischen in Brandenburg an sechs Standorten. Wir haben mit einem zweiten Projekt zusammengearbeitet, das wir ins Leben gerufen hatten, die Mobilen Beratungsstellen (MBT). 1991 gab es in Wittenberge einen Überfall auf namibische Jugendliche, die dort eine Lehre absolvierten. In der Stadt wusste kaum jemand, dass es sie gab, aber sie wurden von deutschen rechtsextremen Jugendlichen angegriffen. Einer wurde vom Balkon gestoßen und schwer verletzt. Es gab großes Erschrecken in der Stadt. Die Stadt war aufgestört. Die Kirche reagierte sofort und war sehr hilfreich. Wir sagten, wir brauchen Leute, die in solchen Kommunen einige Zeit lang leben, um dort Projekte für Verständigung und für das Leben in der Demokratie, das Leben mit Menschen aus anderen Kulturen   zu unterstützen. Das fing mit einem Sozialarbeiter an, der aus Nordrhein-Westfalen kam. Es entwickelten sich dann mehrere mobile Teams, die eine Kommune eine Zeit lang begleiteten.</em></p>
<p><em>In Wittenberge hat der Sozialarbeiter zum Beispiel Fußballspiele zwischen Asylbewerbern und deutschen Jugendlichen organisiert. Er hat Gespräche zwischen den Geflüchteten und der Bevölkerung in Wittenberger in Gang gebracht. Inzwischen gibt es diese Mobilen Beratungsdienste unter dem neuen Namen </em><a href="https://www.gemeinwesenberatung-demos.de/mobile-beratungsteams/"><em>demos</em></a><em> – Brandenburgisches Institut für Gemeinwesenarbeit. Sie arbeiten eng mit den RAA’en zusammen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Entstehung und Praxis ein ausgezeichnetes Beispiel für die Wirksamkeit einer umfassenden Kooperation von staatlichen, kommunalen und zivilgesellschaftlichen Akteuren.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Durchaus. Wir waren damals sehr froh, dass das Land Brandenburg das so stark unterstützte und nach wie vor unterstützt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Christian Petry sorgte auch für eine überregionale Vernetzung der RAA’en, in Ost und West.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Diese Vernetzung ist bis heute geblieben. Auf Christian Petry konnte man sich verlassen. Ich habe damals auch noch </em><a href="https://www.belltower.news/zwischenruf-nachruf-auf-hermann-freudenberg-134371/"><em>Hermann Freudenberg</em></a><em> kennengelernt, ein sehr eindrucksvoller Mann, der viele solcher Initiativen unterstützte. Wir wurden nach Weinheim eingeladen. Das war für uns Ostdeutsche Anfang 1990 eine kleine Reise in ein Paradies.</em></p>
<h3><strong>Kontinuitäten und Zuspitzungen rechtsextremer Gewalt heute</strong></h3>
<div id="attachment_5336" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5336" class="wp-image-5336 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/10/Anetta_Kahane_Amadeu-Antonio-Stiftung_-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/10/Anetta_Kahane_Amadeu-Antonio-Stiftung_-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/10/Anetta_Kahane_Amadeu-Antonio-Stiftung_-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/10/Anetta_Kahane_Amadeu-Antonio-Stiftung_-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/10/Anetta_Kahane_Amadeu-Antonio-Stiftung_-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/10/Anetta_Kahane_Amadeu-Antonio-Stiftung_.jpg 640w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5336" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anetta_Kahane_(Amadeu-Antonio-Stiftung)_(27460094262)_(cropped).jpg">Anetta Kahane bei einer Veranstaltung der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen</a>. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0</a>.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt viele solcher Initiativen, die auch aus der Wirtschaft, aus der Gesellschaft initiiert, gefördert werden, mit staatlicher Unterstützung. Diese – das muss man leider sagen – ist heute angesichts der Entwicklungen im Bundeshaushalt und in den Landeshaushalten zurzeit vielfach gefährdet. Dies in einer Zeit, die zu denken gibt. Sie erwähnten eben schon, dass es in der Bevölkerung der DDR oft große Vorbehalte gegen die Vertragsarbeiter aus Mosambik, aus Angola, aus Kuba, aus Vietnam, gegen ausländische Studierende gab. Nach 1990 gab es pogromartige Ereignisse, im Osten in Hoyerswerda und in Rostock-Lichtenhagen, im Westen in Mölln und Solingen, aber auch an anderen Orten. Die <a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/">Amadeu Antonio Stiftung</a> hat sich nach <a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/ueber-uns/amadeu-antonio/">dem ersten Opfer rechtsextremer Gewalt</a> benannt. Sie wurde 1998 von <a href="https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/ueber-uns/gremien/die-gruenderin-anetta-kahane/">Anetta Kahane</a> gegründet und lange Jahre geleitet. Ich habe sie 1990 als Leiterin der Berliner RAA kennengelernt. Die Zahl der tätlichen Angriffe, auf Menschen und auf Einrichtungen und Häuser, in denen sie sich aufhalten, hat inzwischen erheblich zugenommen. Die Morde des NSU waren nur die Spitze eines riesigen Eisbergs. Welche Kontinuitäten, welche Brüche sehen Sie in der Entwicklung von 1990 bis heute?</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Ich denke, es gab in der DDR bereits eine ganze Reihe von rechtextremen und fremdenfeindlichen Einstellungen und Gesinnungen. Das wurde nie öffentlich diskutiert, weil es für die DDR-Führung ein Tabu war. Man verstand sich als ein Land, in dem Völkerfreundschaft und internationale Solidarität gepflegt wird, Fremdenfeindlichkeit oder – wie man damals sagte – Ausländerfeindlichkeit gibt es nicht. Das war das Mantra, das ständig wiederholt wurde.</em></p>
<p><em>Auch wenn  die Täter, wenn solche Dinge bekannt wurden, hart bestraft wurden: – Es gab keinerlei öffentliche Auseinandersetzungen mit diesem Thema. In der Bevölkerung gab es natürlich – wie auch in Westdeutschland – eine ganze Reihe von Menschen mit solchen Einstellungen. Die sind nicht alle gleich mit dem </em><a href="https://www.zeit.de/schwerpunkte/baseballschlaegerjahre"><em>Baseballschläger</em></a><em> losgerannt, wurden nicht selbst gewalttätig. Aber es gab eine Reihe Menschen, die so dachten und die es oft auch so sagten. Zu Beginn der 1990er Jahre wurden rechtsextreme oder fremdenfeindliche Angriffe immer als Einzelfälle von Jugendlichen abgetan. Wir haben in Brandenburg oft darüber diskutiert, dass auch in der Regierung keine Zustimmung dazu zu bekommen war, dass es nicht nur ein Jugendproblem war, sondern in der Mitte der Gesellschaft stattfand. Ministerpräsident Stolpe hat irgendwann sehr ehrlich zugegeben, dass er das damals unterschätzt und sich geirrt habe. Er habe gedacht, einzelne Jugendliche bekäme man in den Griff. </em></p>
<p><em>Aber es kam dann in Brandenburg zu der Bereitschaft, all diese Projekte, die RAA’en, die Mobilen Beratungsstellen auszubauen. Darüber hinaus wurde ein Aktionsbündnis gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit gegründet. Es gibt ein </em><a href="https://tolerantes.brandenburg.de/koordinierungsstelle/handlungskonzept-der-landesregierung.html"><em>Handlungskonzept Tolerantes Brandenburg</em></a><em>, mit dem sich die Regierung und alle Ministerien verpflichtet haben, gegen Rassismus und Gewalt vorzugehen. Das hatte schon große Auswirkungen. Natürlich heißt das nicht, dass man alles „in den Griff“ bekommen hätte. Aber die Regierung hat die Anstrengungen für Demokratie und Toleranz immer unterstützt. </em></p>
<p><em> Rechtsextremen Einstellungen gab es schon zu DDR-Zeiten. Das wird von manchen Leuten heftig bestritten. Einen solchen Streit haben wir zuletzt auch wieder in den Zeitungen ausgetragen. Manche behaupten, das wäre alles vom Westen in den Osten hineingetragen worden. Aber das stimmt einfach nicht. Ich denke, dass sich mit der Öffnung der Grenzen bei manchen so etwas wie ein Ventil öffnete, dass man sich traute, Dinge öffentlich zu sagen, die man sich vorher nicht getraut hatte zu sagen. Viele Dinge wurden irgendwie normaler, sodass man es jetzt offen ausspricht.</em></p>
<p><em>Inzwischen ist eine Entwicklung eingetreten, in der rechtextremes Gedankengut, Antisemitismus und die Ablehnung von Migrationspolitik – so muss man es sagen – in einem anderen Maß in der Bevölkerung öffentlich werden. Das ist besonders krass seit dem 7. Oktober mit dem Angriff der Hamas auf Israel zu merken. Damit kam noch einmal eine Verschärfung hinein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manche nehmen die Angriffe auf Jüdinnen und Juden als Vorwand, gegen alle vorzugehen, die sie für Muslime, für Araber oder für Türken halten. Antisemitismus wird instrumentalisiert. Dazu kommt, dass das, was sich früher als ausländer- oder fremdenfeindlich äußerte, sich immer mehr in eine völkische Richtung entwickelt. Alle müssen <em>weiß </em>sein, alle sollen Christen sein, obwohl – so sagte es mir einmal <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-kirchen-und-die-neue-rechte/">Henning Flad</a> von der <a href="https://bagkr.de/">Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche &amp; Rechtextremismus</a> – diejenigen, die jeden Montag mit PEGIDA demonstrierten, alles andere als treue Kirchgänger wären. Auch das Christentum wird hier instrumentalisiert, auch in den Demonstrationen gegen andere Lebensformen. Kürzlich erlebten wir wieder die Übergriffe gegen queere Menschen bei Veranstaltungen des Christopher Street Day in Bautzen und Leipzig. Und Haushaltsmittel für Jugendarbeit, für Kulturprojekte sind – wie gesagt gefährdet.</p>
<p><strong>Almuth Berger</strong>: <em>Es ist beklemmend. Man entmutigt Menschen, die großes Engagement an den Tag legen. Wenn die aufgeben, wäre das eine ganz schlimme Sache. Das schafft man nicht alles ehrenamtlich, dazu brauchen wir staatliche und kommunale Förderung.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2024, Internetzugriffe zuletzt am 19. Oktober 2024. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Demokratie_JETZT_%2B_HIER.jpg">Tapetenwechsel an der Volkskammer am 4. November 1989</a>. Foto: Jörg Fuhrmann. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ddr-und-die-migration/">Die DDR und die Migration</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Warum nicht Klagenfurt</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/warum-nicht-klagenfurt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 May 2024 07:28:34 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=4694</guid>

					<description><![CDATA[<p>Warum nicht Klagenfurt Auch eine Berliner Geschichte In gewisser Weise ist dies auch eine Berliner Geschichte. Niemals war mir diese Stadt ein Ganzes, und sie ist es auch gegenwärtig nicht. Und das liegt nicht daran, dass sie noch nicht zusammengewachsen ist, da kann sie wachsen wie sie will, ihre Teilungen wachsen mit. Für die  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/warum-nicht-klagenfurt/">Warum nicht Klagenfurt</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Warum nicht Klagenfurt</strong></h1>
<h2><strong>Auch eine Berliner Geschichte</strong></h2>
<p>In gewisser Weise ist dies auch eine Berliner Geschichte. Niemals war mir diese Stadt ein Ganzes, und sie ist es auch gegenwärtig nicht. Und das liegt nicht daran, dass sie <em>noch </em>nicht zusammengewachsen ist, da kann sie wachsen wie sie will, ihre Teilungen wachsen mit. Für die folgenden Generationen wird das nicht mehr in gleicher Weise gelten. Aber für meine Generation, für mich wird diese Stadt immer auseinandergerissen sein, und diese Art von Rissen und Zerfetzungen ist in mich eingewachsen. Das Zerrissene, das Zerfetzte bin auch ich.</p>
<p>Ein Foto: Ich sitze auf den Stufen, die zum Eingang des Berliner Doms hinaufführen. Ich trage Sandaletten und eine Dreiviertelhose. Blickrichtung ist die Straße Unter den Linden, an deren Ende sich das Brandenburger Tor erhebt. Ich bin 16 Jahre alt, es ist Ende August 1961. Wenige Wochen zuvor hatte ich meiner Mutter verkündet, ich ginge in den Westen. Mein Vater, der in München lebte, würde gezwungenermaßen für die Internatskosten aufkommen müssen. In einem Anfall unsäglicher Enttäuschung und Wut hatte ich die Schule geschmissen. Statt über eines der gewünschten und stillschweigend vorausgesetzten Vorbilder Thälmann, Lenin zu schreiben, hatte ich eine moralische Idee, eine Geste, gewählt, eine Geschichte aus Rilkes Malte Laurids Brigge. Mein empörter und in der Empörung beim Sprechen spuckende Deutschlehrer schrie etwas von unerträglichem und verbotenem bürgerlich-revisionistischen Gedankengut, dem ich offenbar verfallen sei. Er war Einsen für meine Aufsätze gewohnt. Er gab mir eine Drei. Seine Form von Kompromiss oder Entgegenkommen. Ich sagte, die Mittelmäßigkeit einer Drei sei unmöglich, es kämen nur eine Eins oder eine Fünf in Frage. Da schrie er: Wie du willst! Fünf! Aus! Und ich packte all meine Bücher, knallte sie auf den Lehrertisch und schrie: In diese verdammte Schule komme ich nie wieder! Ich nahm meine Schultasche und ging. Ich weiß nicht, sagte ich verflucht oder verdammt, aber es war eins dieser Worte von biblischer Wucht. Ein wunderbarer dramatischer Moment, ich schwenke meinen Pferdeschwanz, richte mich auf, strecke meinen Arm aus und verfluche die Schule. Noch immer lache ich, wenn ich daran denke. Auf dem Nachhauseweg weinte ich unablässig, erschrocken über mich und erleichtert zugleich, ängstlich, was nun werden solle, meine arme Mutter würde in zitterndes Gestammel verfallen. Allein die Elternversammlungen in den Schulen ihrer drei Töchter versetzten sie schon Tage zuvor in Erstarrung.</p>
<p>Ich färbte mir am gleichen Tag die Haare blond und schrieb einen langen Brief an den Lehrer einer westdeutschen Freundin, den ich im Jahr zuvor kennengelernt hatte, er möge mir ein Internat suchen. An dem Tag, an dem ich meiner Mutter sagte, ich würde in den Westen gehen, eröffnete meine Mutter mir, auch sie trage sich des längeren mit der Absicht und bitte mich zu warten, bis sie ihre <em>Dinge geregelt</em> habe. Der Bitte konnte ich mich allein schon deswegen nicht verschließen, weil meine sogenannte Republikflucht unweigerlich meine Mutter ins Visier der Staatsschützer gerückt hätte. Ich blieb, während wir, meine Mutter, meine Schwestern und ich die zu <em>regelnden Dinge</em> in winzigen Portionen Wäsche, Hammer, Nagel, Geschirr und Papieren auf unserer Haut über die Grenze brachten. Ihr Ratgeber, mein Onkel Karl aus Köln, hatte sie derart mit Besorgnis und Existenzangst vollgeimpft, dass jedes Stück in den Westen transportieren Hausrats ein Stück Sicherheit mehr und ein Stück Panik weniger bedeutete.</p>
<p>Am 13. August war ein Teil unserer Dinge weg im Westen, aber wir waren noch da. In den Monaten darauf setzte meine Mutter alles daran, wieder in den Besitz zumindest der Familienpapiere und der Fotos zu gelangen. Ein Freund des Lehrers meiner westdeutschen Freundin Anne brachte sie einzeln und an seiner Haut zu­rück über die Grenze.</p>
<p>Als Zeichen ihrer Dankbarkeit abonnierte meine Mutter eine Reihe von Konzerten und Opern in der Staatsoper Unter den Linden. Wenn sie ihn nicht begleitete, tat ich es. In der Pause zu <em>Boris Godunow</em> fragte mich Henry, ob ich die <em>Bilder einer Ausstellung</em> kennen würde, und ich fragte, welcher denn. Die erste meiner eigenen Schallplatten, die ich mir kurz danach kaufte, abzuspielen auf einem Kofferplattenspieler, den Anne mir angeschleppt hatte, war Mussorgskys <em>Bilder einer Ausstellung</em> mit Svjatislav Richter.</p>
<p>Anne war zum Studium nach Hamburg gezogen. Von dort organisierte sie einen westdeutschen Pass für mich und schickte mir Kleidung; von der Unterhose bis zum Söckchen und zum Lippenstift Westzeug. Als es soweit war, wurden Passierscheine eingeführt. Ebenso verhielt es sich mit einem geborgten ausländischen Pass. Ich musste bleiben, wo ich war. Und wenn Anne mich fortan in Friedrichshagen besuchte, brachte ich sie anschließend zum Übergang Bahnhof Friedrichstraße. Wir rauchten unablässig in der kalten S-Bahn. Und wenn ich dann allein zurückfuhr in die Enge meines Lebens, war mir übel vor Kummer und Hoffnungslosigkeit.</p>
<p>Ein zweites Foto: Februar 1982, ich bin hochschwanger mit meinem dritten Kind, noch immer trage ich eine der eulenrunden Brillen, die ich bevorzugte. Die erste war eine Spezialanfertigung von einem Optiker in der Frankfurter Allee (Bei Augenqual zu Zapplethal), die ich hatte mehrmals reparieren lassen, bis kein Kleber mehr hielt. Schnee fällt. Ich befinde mich auf einem der Aussichtstürme an der Berliner Mauer, der Blick geht über die verschneite Fläche des Potsdamer Platzes, an dessen Ende sich eine Nebelwand erhebt. Das Weiß der Ebene geht über in verschwommene sich im Winterweiß verlierende Bauten und in einen weißen Himmel über all dem, über mir genauso wie über der Mauer und dem Platz und dem in der Ferne gewussten Ostberlin.</p>
<p>In meiner Wohnung in der Stauffenbergstraße hingen beide Fotos nebeneinander an einer Wand im Flur. Und sehr oft, wenn mein Blick darauf fiel, fühlte ich ein Gefühl von Teilung und Verdoppelung, von gleichzeitiger Gegenwart und Vergangenheit. Ich fühlte, wie sich die Zeit ineinanderschob, sodass Gegenwart in der Vergangenheit auftauchte und das Vergangene plötzlich gegenwärtig schien. Beider Blick geht ins Andere, in die versperrte Zukunft und die versperrte Vergangen­heit, und beides ist in beiden Fällen eins. Und das Gehirn der 37jährigen sendet in das Gehirn der Sechzehnjährigen eine Nachricht: Ich bin jetzt da, wo du damals sein wolltest. Aber in der Zwischenzeit habe ich einen nicht unbeträchtlichen Teil meines Erwachsenenlebens, meiner Kraft und meiner Phantasie dort investiert, und mein Herz hängt an diesen Stufen und dem Berliner Dom und dem Himmel darüber und dem kleinen geheimen Zugang unterhalb des Doms zum Kanal, wo ich manchmal mit meinen Zeichnungen saß. Und ich würde gern von Zeit zu Zeit dort gewesen sein mit einem neuen Zeichenheft und mit meiner kleinen Tochter, die im Westen geboren werden wird.</p>
<p>Meine Mutter zu verlassen, wäre einfach für mich gewesen. Ich hatte ihr lange genug beigestanden, ich war meinem Vater nicht nach München gefolgt, als er mir diese Möglichkeit <em>offerierte</em>, ich bin sicher, <em>gebeten</em> hatte er mich nicht. Zu meinem Vater zu ziehen, war hingegen undenkbar, so gründlich war er in seinem neuen Leben mit neuer Frau und neuen Töchtern und aus meinem verschwunden. Dennoch wäre ich ihm näher gerückt. Jetzt, als ich frisch im Westen war, war ich ihm tatsächlich näher gerückt. Ich schrieb ihm, ich teilte ihm in dürren Worten meine und die Ankunft der Kinder im Westen mit und ersehnte im Stillen Väterliches, Rat und Unterstützung, ein herzliches Willkommen, all das, was meinen Erfahrungen gründlich widersprach und doch als Sehnsucht nicht auszurotten war. Eine Erinnerungslücke: Ich weiß nicht mehr, ob er mir überhaupt geantwortet hat und wenn ja, mit welchen Worten. Ich denke, wenn er es getan hatte, wüsste ich es, würde es irgendetwas ausgelöst haben in mir zwischen Enttäuschung, Verletzung, Ernüchterung. Aber vielleicht war es genau das und fügte sich nur ununterscheidbar in die Reihe anderer Enttäuschungen und Ernüchterungen ein.</p>
<p>Meine Mutter und meine Schwestern waren Anfang der 70er Jahre mit Hilfe einer Fluchtorganisation in den Westen gegangen. Bei den darauffolgenden Verhören wurde ich gefragt: Was wollen Sie noch hier? Was geschieht nun, da Ihre Mutter nicht mehr da ist, mit ihren Kindern, wenn Sie ins Gefängnis kommen?</p>
<p>Die zwischen den Fotos liegenden Jahre waren bestimmt vom Fußfassen im Er­wachsenenleben, von der „Kommune 1 Ost“, von einem Schwein namens Erich, von unendlich vielen Anfängen, die ins Leere liefen, aber angefangen werden mussten, was sonst wäre dieses Leben? Kindertheater, Lesungen, Ausstellungen&#8230; Zermürbt von Bespitzelung, Verhören, Hausdurchsuchungen, in den Westen geschubst, kam ich 1977 mit den Kindern nach Westberlin. Wir wohnten zunächst bei Anne, die eine einjährige Gefängnisstrafe im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck verbüßt hatte wegen irgendwelcher zusammenkonstruierter Fluchtgeschichten, in die nicht sie, sondern offenbar ihr Auto, das sie verliehen hatte, verstrickt war. Sie sprach nicht über diese Zeit, sie tat sie ab, sie tat, als könne ihr als einer Westfrau im Osten nichts wirklich Schlimmes widerfahren. Wir waren beide in einem merkwürdig somnambulen Zustand, von dem aus wir einander und unsere alten Geschichten kaum mehr erkannten.</p>
<p>Und doch gab es glückliche Momente, ein plötzliches Wiedererkennen und eine Er­innerung an Kaugummiautomaten, und die begehrten Fingerringe, die Micky-Maus-Hefte, das Haus in Neukölln, in dem eine Tante gewohnt hatte, U-Bahn-Eingänge, der Zoo, die Kinos, die Gerüche &#8230; Und in diesem Wiederfinden lag eine private kleine eigene Insel in diesem Meer aus Fremde. Und die konnte ich den Kindern zeigen und ihnen Erinnerungen aufzählen, die so gierig waren nach etwas, worüber sie sich freuen konnten und die so gierig danach waren, auf Freude bei mir zu stoßen.</p>
<p>Ich war nicht frei, ich war nicht offen für Zukunft, nicht für die Gegenwart, ich war nicht einmal selbst gegenwärtig, obwohl ich mich so anstrengte. Das Verschwun­dene war ja mehr als ein Land, eine Heimat und biografische Gegend. Ich war nicht gekommen, um hier zu sein, sondern weil ich dort wegmusste. Diese Art von gefühlter Staatenlosigkeit erleichtert ein Ankommen in der wirklichen Wirklichkeit nicht gerade. Wie Uwe Johnson sagte, die gesellschaftliche Lüge saß auch hier in Stich und Faden, aber die Weberichtung war eine andere und die Wahrheit schien an ganz unverdächtigen Stellen durch.</p>
<p>Ich war ja auch eins dieser verstoßenen Kinder von Vater Staat und Mutter Ideologie, denen es zusteht, mit den Eltern zu rechten und ihnen all ihre Enttäuschung und Verzweiflung vor die Füße zu schleudern oder ihnen entgegenzuspeien – der Grad der Enttäuschung erlaubt den Rückschluss auf das Ausmaß der Bereitschaft. Die es aber nicht ertragen, wenn von satter anderer Seite beschrieben und beurteilt wird. Da springt dann plötzlich dieses „Wir“ und dieses „Bei uns“ aus einem heraus. Oder womöglich diejenigen, denen die DDR ohne eine Überprüfung auf Wahrheit ein Ort der Erfüllung schien. Das wurde so vorgefunden. Schnell erwies es sich als lebenswichtig, Vereinnahmungen zu erkennen und ihnen auszuweichen. Es war nun so schwer nicht, Gleichgesinnte und Gleichgestimmte zu finden. Und mit ihnen zusammen einen eigenen definierten Raum in der Fremde zu schaffen, der sowohl genügend offene Türen als auch schützende Winkel vorzuweisen hatte, aber es dauerte.</p>
<p>Johnson sagt im „Dritten Buch über Achim“, es stelle sich heraus, dass der Westdeut- sche den Ostdeutschen nicht verstehe und dass der Ostdeutsche die Art, wie der Westdeutsche das Leben in Ostdeutschland zu erklären versuche, vehement missbillige. Sie haben eine gemeinsame Sprache mit Wörtern, die ähnlich klingen, aber für jeden einzelnen sind diese Wörter mit einer bestimmten Ordnung, einem System, einem bestimmten Wertsystem assoziiert und beziehen sich jeweils auf unterschiedliche Positionen. Was Johnson zu seiner Zeit nicht kennen konnte, wog womöglich noch schwerer, <em>der Westdeutsche</em>, den es naturgemäß ohnehin nicht gibt, hatte sich wie ein Regenwurm in hundert Einzelteile mit hundert politischen Spielarten geteilt, deren einige einer linken Gesinnung zuzuordnen waren, die sich als extrem einäugig und vereinnahmend erwiesen.</p>
<p>Ich existierte in einem schwer zu fixierenden und zu beschreibenden fragilen Zustand, der ständig drohte, in einen anderen fragilen überzugehen und zu zerbrechen oder sich zu verflüssigen und auszulaufen. Das wahrhaft Beängstigende daran war, dass ich ihn als einen solchen nicht erkannte, nicht anerkennen durfte, sondern ganz im Gegenteil, alles daransetzen musste, ihn vor mir selbst, den Kindern, allen ande­ren Menschen zu leugnen und zu verschleiern. Ich war lange Zeit damit befasst so zu tun als ob. Das hatte einige provokativ trotzige Züge: Egal, an welcher Stelle der Welt es mich verschlägt, ich werde nicht aufhören, Falsches und Ungerechtes zu bemerken und zu benennen (die Wahrheit erkennen, die überall durchscheint).</p>
<p>Und es hatte deutliche Zeichen eines tiefen Unglücks. Ich wachte oftmals mitten in der Nacht mit einem Ruck auf, zitternd, und in dem Bewusstsein einer geradezu kindlichen, säuglingshaften Ängstlichkeit und Hilflosigkeit. Dann wusste ich, so erwachsen konnte ich gar nicht werden, dass ich imstande wäre, all die zur Sicherung unserer Existenz notwendigen Dinge zu tun, einschließlich Hoffnung, Fröhlichkeit und Gewissheit für die Kinder. Ich hatte mit dem Trinken angefangen, aber ich vertrug nichts, also ließ ich es wieder sein. Eine zumindest sporadische mit Gelassenheit verbundene Einnebelung alles Schweren und Dunklen hätte mir gefallen. In den schlaflosen Stunden schrieb ich. Und las. In den nur mir gehörenden Räumen voller alter literarischer Freunde, voller Zwiesprachen, voller wieder und wieder Gelesenem – das war mein Trost, das war meine Verankerung in der Welt der Worte. Lesen ist immer Handeln, es ist der vertraute Boden, auf dem sich zwei Bewusstseine berühren, und ebenso zwei Unterbewusstseine.</p>
<p>Eine der wenigen Dinge, die von wirklicher und am Ende erfüllter Erwartungsfreude begleitet waren, waren Bücher, Buchhandlungen, Bibliotheken, die diese im Osten geborene unstillbare Gier nach Literaturen, nach Gedichten, Romanen, Philosophie befriedigten. Ich entdeckte Dylan Thomas, ich las Virginia Woolf, Brink­mann, Handke, ich traf Helga Novak wieder, die von allen am Heimwehkrankeste. Sie briet mir Lammkoteletts in der Eisenbahnstraße, sie sagte, erzähl mir von Grün­heide, von Erkner, von Köpenick, und bei jedem Buch auf Tisch und Stuhl, das ich in die Hand nahm, sagte sie, nimm es mit, nimm es mit.</p>
<p>Wieder Johnson: Denn in Wahrheit ist es nicht allein die Sonne, der Himmel, der Steg am See oder die Ruine von Chorin, um deretwillen das Leben nötig ist, sondern zugleich das Gespräch darüber.</p>
<p>Meine erste eigene Wohnung hatte ich mir unter Zuhilfenahme einer gefälschten Bürgschaft von Prof. Dr. F.X. Eder erschlichen. Auf diese Weise hatte ich doch noch meinen Vater gezwungen, mir beizustehen. Im Grunde war die Wohnung eine Katastrophe, sie lag genau dort, wo der Westen, der Kapitalismus, die aggressive Warenwelt am Ungebrochensten und mit voller Wucht auf einen traf, Kantstraße, Ecke Wilmersdorfer. Ich behielt sie nicht lange. Sie wurde modernisiert, ich konnte sie nicht bezahlen, in meinem Unverstand kündigte ich und saß dann ohne etwas da. Vorübergehende Rettung kam von einem Menschen, der sich in meinem Umfeld bewegte und mir seine Wohnung für eine Zeit anbot. Zwei Zimmer, die wir vollgestellt hatten mit unseren Bücherkisten und Möbeln, es blieb kaum Platz für die Matratzen, den Kindern gefiel so viel Improvisiertheit. Später stellte es sich heraus, dass dieser Mensch für die Stasi gearbeitet hat, wie es ja einige taten im Westen und was ebenfalls vorsorglich zunächst geleugnet werden musste. Nach 89 rief er mich mehrmals an, er jaulte, er flehte um Bestätigung, dass er mir nie geschadet habe.</p>
<p>Ich erinnere mich an eine schöne Woche in der Kantstraße. Es hatte ununterbrochen geschneit, der Verkehr lag lahm, Schneeberge türmten sich zu beiden Seiten einer kaum befahrbaren Straße, alle Geräusche waren auf ein Gesumme und auf Gesäusel reduziert. Meine Tochter Fini und ich gingen jeden Tag spazieren, wir sangen laut und fassten uns bei den Händen und schlenkerten mit den Armen und erzählten uns Geschichten. Die einzige Zeit, in der nichts ausgespart war und in der es sich vollkommen natürlich ergab, dass wir auch von einem Früher sprachen und vom Schnee von gestern.</p>
<p>1979 zog ich mit den Kindern in die riesige Wohnung in der Stauffenbergstraße, die mir der damalige Kultursenator bzw. einer seiner Mitarbeiter verschafft hatte. Ein Gefühl von Behausung stellte sich ein, durch den Umstand erleichtert, dass sie quasi am Stadtrand lag, zwischen Tiergarten und der Mauer zum Potsdamer Platz.</p>
<p>Ich schrieb an einem Vorwort für ein Buch über die Jenaer. Ich war im Bahro- Komitee und beteiligt an der Vorbereitung des Kongresses. Ich hielt eine Rede. Heinrich Vormweg veröffentlichte sie in seiner L 76 und lud mich nach Köln ein. In der nächsten Ausgabe erschien meine Kurzprosa. Ich hatte Vormweg Gedichte von Frank-Wolf Matthies geschickt mit der Bitte, sie im gleichen Heft zu veröffentlichen. Das geschah. Und war ein Stück Vergewisserung und Besiegelung, dass Flugrouten für Worte immer existieren würden.</p>
<p>Das Fremde, es gibt kaum ein Wort von solch mysteriöser Beladenheit, Aufgeladenheit – das Fremde ist ja auch zu einem großen Teil deswegen fremd, weil es genährt wird von Verlust und Trennung. Das Fremde ist mehr als das Unbekannte. Es gibt nicht das Fremde an sich. In dem grandiosen Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader gibt es eine Szene, die mir nach Jahren und Jahren noch einmal und mit einem heftigen Schlag meinen damaligen Zustand von einem geradezu zwanghaften Bemühen um Beheimatung in der Fremde vergegenwärtigte, du stehst dir selbst im Wege und gleichzeitig bettelst du um Beheimatung und fahndest nach Beweisstücken, nach Dingen, die sich mit dir und deiner alten Geschichte und deiner alten Identität verknüpfen lassen. Und so steht denn auch Stefan Zweig mit einem Notizblock inmitten südamerikanischer Zuckerplantagen und versucht so zu agieren und so auszusehen wie der, den er in Erinnerung hat aus der alten Welt, der wie eh und je Recherchen betreibt und arbeitet und daraus seine Identität schöpft und verlängert und neu definiert. Trügerisch. Verzweifelt. Das gelingt nie. Und muss doch getan werden. Manchmal vergehen Jahre. Manche krie­gen nicht die Zeit.</p>
<p>Ein anderes Element aus diesen ersten Jahren ist das einer schnell laufenden Zeit, die mir nicht genügend Raum im Gegenwärtigen lässt, sondern schon weiter geeilt ist ins Zukünftige. Ich eile hinterher, ich kann nicht lange genug im Heute verweilen, um das, was ich wahrnehme und erfahre und erlebe zu vertiefen. Und so ist es der Mangel und die Flüchtigkeit, die sich vermehren, wenn ich einigermaßen mit dem Verlauf der Zeit Schritt halten will. Und nichts will ich lieber, als erschöpft die Zeit anzuhalten, statt atemlos hinter ihr hinterherzurennen. Aber ich kann auch nicht Halt oder Stop rufen, ich bin verloren, wenn ich mich dem Sog überlassen, der mich dann unweigerlich zurückzieht ins Vergangene und in einen Stillstand und in irgendeinen wie Tod und Verderben gefürchteten Strudel reißt. Wir erinnern uns fortwährend und fortwährend schauen wir in die noch unbetretene Zukunft. Die Gegenwart trägt immer alle Dichte des Vorher und Nachher in sich.</p>
<p>Meine subjektive Zeit fand keinen Halt und keinen Anschluss an die tatsächliche Zeit der Gegenwart. Das bedeutete ein immenses Leid. Eine Art Kleinkind-Verunsicherung, die sofort als lebensbedrohlich empfunden wird. Das Aufeinandertreffen und Auseinanderdriften von anscheinend Gleichem, Mensch, Sprache, der uns umgebenden alltäglichen Dinge, Speise Fahrzeug, der uns alle betreffende Regen, Winter &#8230; schafft im höchsten Maße eine Verdächtigung: Das alles hier hat seine offenkundige Berechtigung und Kontinuität, nur du selbst bist falsch darin.</p>
<p>In einer Zeit, in der mein Leben perforiert war von Unsicherheit und Ängstlichkeiten, einem schwankenden existentiellen Boden, wo allein die monatliche Miete, die Gänge zu Ämtern und Behördenbriefe einem den Angstschweiß auf die Stirn treiben können, saß ich durchaus nicht in eine Ecke gekauert und biss mir auf die Lippen, sondern ich strengte mich an, ich schrieb, ich kümmerte mich um meine Freunde im Osten, ich kaufte Babycremes und Windeln, und schickte die Dinge durch Freunde, die in den Osten fahren durften. Ich machte mich mit jedem einzelnen Lehrer und jeder Lehrerin der neuen Schule in der Nähe der neuen Wohnung bekannt, um für meine ostschulgeschädigte Tochter jemand Verständnisvolles ausfindig zu machen (was gelang), ich hatte immer das Haus voller Gäste und immer stand eine Suppe auf dem Herd.</p>
<p>Wieder eine Erinnerungslücke: Ich kann mich nicht erinnern, mit welchen Worten und in welcher Weise mir Heinrich Vormweg von Klagenfurt erzählte: War es eine Mitteilung, er habe mich nach Klagenfurt eingeladen, war es ein Vorschlag, verbunden mit den Worten: Könnten Sie sich vorstellen &#8230; Gab es eine Erörterung, eine Erkundigung, ob ich so weit wäre &#8230; Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht mehr, wie viel Zeit mir blieb, vermutlich einige Monate. Denkbar ist, dass ich auf eine Frage von Vormweg so etwas wie „warum nicht?“ geantwortet habe. Eine der vielen Sonderbarkeiten, die mir geschahen und denen ich begegnete, als wären sie ganz natürlich, aber hatten mit mir doch nichts oder wenig oder nur in einem sehr abstrakten Sinne zu tun. Ich war eingeladen nach Paris, und ich flog und hielt eine Rede und flog wieder zurück. Ich berichtete den Freundinnen und Freunden. Es war mir wichtig, dass sie mich für einen Menschen hielten, der sich überall in der Welt zu bewegen weiß, und dass sie mich weiterhin als auf „ihrer Seite“ stehend wussten, der „bei uns“ und „wir“ sagte.</p>
<p>Ich schrieb an einem Text für Klagenfurt. Ich wusste, in der Jury saßen Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki. Ich wusste, du liest deinen Text und ziehst dich dann als Person zurück, sitzt stumm da, während die Kritiker schlimmstenfalls über den Text herfallen und bestenfalls etwas Anerkennenswertes finden können. Ich hatte mir einmal eine Übertragung im Radio gehört. Und natürlich las ich Ingeborg Bachmann. Dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar sei, wusste ich schon in der DDR. Aber Klagenfurt und Bachmann waren nicht dasselbe, mir schien sogar, als hätte das eine mit der anderen gar nichts zu schaffen. Ich konnte mich irren. Denkbar ist auch, dass ich jedes Stück Wirklichkeit bestehend aus den Elementen Ankunft in Klagenfurt, Auslosung der Reihenfolge, Lesung, Kritik, Unterkunft, Österreich &#8230; vollständig aus meinem Bewusstsein gelöscht hatte, wie ich vieles löschte, um einen Tag nach dem anderen zu bestehen, um Schritt für Schritt zurücklegen zu können. Was ziehst du an, fragte mich eine Freundin. Ich war vollkommen verdutzt von dieser Frage. Je näher der Termin kam, desto größer wurde der Spalt zwischen dem Wirklichen und der Unwirklichkeit. Ich bekam Telegramme und Fahrscheine und eine Mappe mit Unterlagen. Die dafür verantwortliche Dame hieß Romy. Sie wünschte mir eine gute Reise. Da war ich vor Angst wie erfroren. Am Tag vor meiner Abreise hätte ich Heinrich Vormweg antworten können: Nein, ich bin nicht so weit, in jeder nur denkbaren Hinsicht. Der Text bin ganz ich, ich bin der Text. An meinem Herzen werden sie reißen, an meinen Eingeweiden zerren, das werde ich alles nicht ertragen können. Aber ich hatte diese Worte nicht. Ich sollte mich dem obersten Gericht stellen, ich war aber nur ein kleines Mädchen, und ich hatte nichts Schlimmes getan. Ich schickte ein Telegramm, ich käme nicht, ich sei krank.</p>
<p><strong>Franziska Groszer</strong>, Berlin</p>
<h3><strong>Die Autorin:</strong></h3>
<div id="attachment_4553" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4553" class="wp-image-4553 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-768x1251.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-943x1536.jpg 943w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1200x1955.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1257x2048.jpg 1257w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1.jpg 1571w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-4553" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">Ines Geipel</a> porträtierte <a href="https://franziskagroszer.de/">Franziska Groszer</a> in dem von ihr mit Joachim Walther sel. A. 2015 im <a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/">Lilienfeld Verlag</a> herausgegebenen Buch „Gesperrte Ablage“. Das Buch wurde im Jahr 2024 neu aufgelegt und erhielt ein neues ausführliches Nachwort, in dem Ines Geipel die Rezeptionsgeschichte der in der DDR unveröffentlichten Autor:innen beschreibt, darunter auch ausführlich zu Franziska Groszer.</p>
<p>Franziska Groszer wurde 1945 in Berlin-Friedrichshagen geboren, wo sie auch heute lebt. Sie war 1969 eine der Gründer:innen der „Kommune 1 Ost“. Sie schrieb schon immer, hatte jedoch nur einen einzigen öffentlichen Auftritt mit Thomas Brasch und Bettina Wegner, nach dem sie Schreib-, Auftritts- und Veröffentlichungsverbot erhielt. Auch das von ihr gegründete Kindertheater wurde verboten. Sie protestierte unter anderem gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns sowie gegen die offizielle Lesart der Verbrennung von Oskar Brüsewitz. Sie verließ die DDR im Jahr 1977. In West-Berlin arbeitete sie unter anderem in der Initiative „Frauen für den Frieden“. Sie erhielt 1987 den Erich-Kästner-Kinder-und-Jugendbuchpreis für „Rotz und Wasser“. Im Jahr 2008 wurde sie vom tschechischen Staatspräsidenten für ihre Proteste gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in der Tschechoslowakei 1968 geehrt. Sie erhielt 2012 das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland. Demnächst erscheint ein Buch von Franziska Groszer über das Jahr 1956.</p>
<h3><strong>Bücher von Franziska Groszer:</strong></h3>
<ul>
<li>Rotz und Wasser – eine Jugend in Osterberlin, 1987.</li>
<li>Kaos mit Katze, 1988.</li>
<li>Tilly in der Pfütze, 1990.</li>
<li>Julia Augenstern, 1991.</li>
<li>Das Landei, 1995.</li>
<li>Claire und Sophie, 2004 (alle in Hamburg bei Dressler).</li>
<li>Der blaue König und sein Reich, Leipzig, Altberliner 2005.</li>
<li>Anton und das unheimliche Haus, München, Terzio, 2008.</li>
</ul>
<p><a href="https://franziskagroszer.de/buecher/">Weitere Veröffentlichungen sind auf Franziska Groszers Internetseite zu sehen</a>. Ein Beispiel ist der Text „Wenn meine Schuhe vor Müdigkeit weinen“, in: Julia Franck, Hg.‘in, Grenzübergänge, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2009.</p>
<p>(Anmerkungen: Der Text „Warum nicht Klagenfurt“ entstand im Jahr 1979, er wurde bisher nicht veröffentlicht, aber im Jahr 2021 im RBB vorgetragen. Diese Veröffentlichung ist die erste nachlesbare Veröffentlichung des Textes. Erstveröffentlichung im Mai 2024, Internetzugriffe zuletzt am 28. April 2024. Auf dem Titelbild ist Franziska Groszer auf der Westseite der Berliner Mauer zu sehen, Foto: privat.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/warum-nicht-klagenfurt/">Warum nicht Klagenfurt</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>All exclusive</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/all-exclusive/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/all-exclusive/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 20 Apr 2024 08:58:36 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=4645</guid>

					<description><![CDATA[<p>All exclusive Ein Gespräch mit der Soziologin Juliane Karakayalı über Segregation im Alltag „Sprache ist nicht statisch, Familiensprachen und Muttersprachen können sich ändern, ob als Folge von Migration, Vertreibung und Kriegen oder einer Liebe wegen. Selbst im hohen Alter ist ein Sprachwechsel möglich. In meiner Familie wechselte man die Sprachen, Länder und Alphabete mehrmals,  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/all-exclusive/">All exclusive</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>All exclusive</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Soziologin Juliane Karakayalı über Segregation im Alltag</strong></h2>
<p><em>„Sprache ist nicht statisch, Familiensprachen und Muttersprachen können sich ändern, ob als Folge von Migration, Vertreibung und Kriegen oder einer Liebe wegen. Selbst im hohen Alter ist ein Sprachwechsel möglich. In meiner Familie wechselte man die Sprachen, Länder und Alphabete mehrmals, manchmal sogar innerhalb von wenigen Jahren und ohne überhaupt die eigene Wohnung zu verlasen. Familiengeschichten, Erinnerungen und Menschen gingen dabei verloren, manche Erinnerungen wurden willentlich ausgelöscht, andere konnten gerettet und weitergegeben werden. Dass ausgerechnet Deutsch die erste Sprache meiner Kinder werden würde, ist nicht frei von historischer Ironie.“ </em>(Olga Grjasnowa, Die Macht der Mehrsprachigkeit – Über Herkunft und Vielfalt, Berlin, Dudenverlag, 2021)</p>
<p>Sprache ist ein zentraler Aspekt der Migrations- und Integrationsforschung. Sprache ist aber auch ein gesellschaftliches – manche sagen kulturelles – Kampfgebiet, auf dem Ängste vor dem Fremden, vor dem Anderen ausgetragen werden. Eine der Aufgaben der Sozialwissenschaften, der Soziologie, besteht darin, den Mechanismen solcher Konflikte nachzugehen, die immer mit der Frage einhergehen, wie viel Inklusion eine Gesellschaft bereit ist zu akzeptieren.</p>
<div id="attachment_4646" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4646" class="wp-image-4646 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Juliane_Karakayali-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Juliane_Karakayali-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Juliane_Karakayali-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/04/Juliane_Karakayali.jpg 427w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-4646" class="wp-caption-text">Juliane Karakayalı, Foto: privat.</p></div>
<p>Segregation ist einer der zentralen Fachbegriffe der Migrations- und Integrationsforschung, die oft auch zugleich Diskriminierungsforschung ist. Dies ist Gegenstand der Forschungen der Soziologin <a href="https://www.eh-berlin.de/hochschule/organisation/mitarbeiterinnen-in-lehre-und-verwaltung/detail/juliane-karakayali">Juliane Karakayalı</a>, die seit 2010 als Professorin an der Evangelischen Hochschule Berlin tätig ist. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind, Migration und Flucht, Rassismus, institutioneller Rassismus, Antisemitismus, Schule, Rechtsextremismus, Gender- und Queerstudien. Sie leitet das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte <a href="https://www.eh-berlin.de/forschung/forschungsprojekte/oras-organisation-rassismus-schule-beschwerden-ueber-rassismus-in-der-schule">ORAS-Projekt</a> („Organisation, Rassismus, Schule, Beschwerden über Rassismus in der Schule“), das noch bis Ende 2025 läuft.</p>
<p>Juliane Karakayalı <a href="https://www.eh-berlin.de/fileadmin/Redaktion/2_PDF/HOCHSCHULE/ORGANISATION/PERSONENVERZEICHNIS/PDFs_Hauptamtliche/PDFs_Karakayali/Publikationsliste._Karakayali.pdf">veröffentlicht</a> regelmäßig zu Entwicklungen in unserer postmigrantischen Gesellschaft und beschäftigt sich mit der Frage des institutionellen Rassismus in der Schule, unter anderem im Kontext segregierender Beschulungspraktiken. Mit mehreren Kolleg:innen hatsie zu diesem Thema eine eindrucksvolle <a href="https://www.eh-berlin.de/fileadmin/Redaktion/2_PDF/HOCHSCHULE/ORGANISATION/PERSONENVERZEICHNIS/PDFs_Hauptamtliche/PDFs_Karakayali/Beschulung_Bericht_final_10052017.pdf">Studie über die Beschulung zugewanderter und geflüchteter Kinder</a> in Berlin veröffentlicht. Sie plädiert für eine <a href="https://deutsches-schulportal.de/expertenstimmen/gefluechtete-wie-sinnvoll-sind-vorbereitungsklassen/">möglichst frühzeitige Integration in Regelklassen</a>, da diese helfen, viele Konflikte, die im Allgemeinen mit dem Thema verbunden werden, im Vorfeld zu vermeiden. Auch die deutsche Sprache lässt sich in einem solchen geregelten Alltag leichter erlernen. Weitere Themen ihrer Veröffentlichungen: Care Work, Segregation, Ukraine, auch Drittstaatler:innen aus der Ukraine, Klassenverhältnisse, NSU-Komplex. Juliane Karakayalı ist Vorstandsmitglied im <a href="https://rat-fuer-migration.de/">Rat für Migration</a> und Vertrauensdozentin der <a href="https://www.boeckler.de/de/index.htm">Hans-Böckler-Stiftung</a> und der <a href="https://www.rosalux.de/">Rosa-Luxemburg-Stiftung</a>.</p>
<h3><strong>Die Migrant Care Workers und der Pflegenotstand</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Care-Work haben Sie sich in Ihrer Dissertation beschäftigt, die im Jahr 2009 unter dem Titel „Transnational Haushalten“ veröffentlicht wurde.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>In der ersten Phase meiner wissenschaftlichen Tätigkeit habe ich mich sehr viel mit Geschlechterverhältnissen und Migration befasst. Daraus ist die Dissertation entstanden. Ich wollte ein Thema ansprechen, das in den Medien immer mal wieder am Rande angetippt wurde, aber in der Forschung nicht so berücksichtigt wurde wie eigentlich erforderlich, vor allem, wenn es in einem halb-legalen Rahmen stattfand. Gegenstand war eine Sonderregelung für die Länder, die Anfang der 2000er Jahren der EU beigetreten sind: Frauen aus Osteuropa konnten vermittelt über die Bundesanstalt für Arbeit als Pflegehelferinnen nach Deutschland kommen und sollten zumeist in den Haushalten der Pflegebedürftigen wohnen und diese betreuen. Es gab damals noch keine Untersuchungen zum Leben dieser Frauen. Mich interessierte, dass die Bundesanstalt für Arbeit sich an der Schaffung von halb-legalen Arbeitsverhältnissen beteiligte, in denen die in den Familien der Pflegebedürftigen arbeitenden Frauen weder vor Überausbeutung, im Hinblick auf ihre Arbeitszeit, noch vor Übergriffen geschützt waren. Ich fand es auch spannend, dass es um Frauen aus Osteuropa mit in der Regel qualifizierten Arbeitsbiographien ging, die dann aber nach der Grenz- und Maueröffnung nicht mehr genug verdienten und sich auf eine klassisch weibliche Tätigkeit festlegen lassen mussten, der sie mit ihrer hohen Ausbildung eigentlich versucht hatten zu entkommen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aus eigener Erfahrung darf ich vielleicht Folgendes beitragen. Wir hatten etwa ein halbes Jahr lang eine Polin angestellt, die meine Eltern intensiv, 24 Stunden, 7 Tage lang betreute. Sie war ausgebildete Krankenschwester und kannte sich mit Demenz aus, unter der mein Vater litt. Wir waren so froh, dass sie da war. Als sie Urlaub hatte, kam eine andere Frau, die jedoch völlig überfordert war, sodass meine Schwester, die sich beruflich als Geschäftsführerin eines Hospizvereins gut mit der Problematik auskannte, Urlaub nahm, um die Pflege für eine Zeit zu übernehmen. Ich frage mich natürlich, ob wir hier jemanden ausgebeutet haben?</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Naja, viele Familien haben wenig andere Wahl. Es gibt kaum Möglichkeiten, ältere Menschen so pflegen zu lassen, wie man sich das wünscht, in einer liebevollen Umgebung, mit möglichst viel Autonomie. Dieses Care-Arrangement hat also auch mit der Pflegekrise zu tun. Aber: Stellen Sie sich vor, Sie hätten jemanden nach deutschen Bedingungen eingestellt, dann wäre klar gewesen, Sie bräuchten ein Dreischichtsystem, drei Personen, die die 24 Stunden am Tag abdeckten. Die hätten auch Anspruch auf Urlaub, sodass Vertretungsregelungen erforderlich gewesen wären. Das hat bei Ihnen jetzt eine einzelne Person übernehmen müssen. Aber andererseits können Sie für eine pflegebedürftige Person zu Hause auch keinen Taubenschlag einrichten, in dem das Betreuungspersonal ständig rotiert. Und leisten könnte sich das eben auch niemand. Inzwischen gibt es vielfältige Pflegeagenturen, die Betreuungskräfte aus dem Ausland vermitteln. Die arbeiten in einem halb-legalen Rahmen insofern, als diese Beschäftigungsverhältnisse eigentlich der Scheinselbstständigkeit entsprechen und auf jeden Fall ist es eine prekäre Beschäftigung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Schichtsystem hätte die Kosten für die Pflege verdreifacht, wenn – angesichts der Urlaubs- und Krankheitsvertretungen – nicht sogar vervierfacht. Mir fällt immer wieder unangenehm auf, dass Politiker:innen beim Thema der Vereinbarung von Familie und Beruf viel über Kinderbetreuung reden, aber kaum über Altenbetreuung. Es wird auch meines Erachtens viel zu wenig bedacht, welche Auswirkungen die Pandemie auf Care-Berufe hatte. Sie hat den Pflegenotstand noch einmal verschärft.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Ja, wenn man sich die Arbeitsbedingungen einer Person ansieht, die eine pflegebedürftige oder demente Person betreut, dann ist das sehr schwierig, dauerhaft mit einer Person, der es schlecht geht, zusammen zu sein, oder mit den oft sehr großen Stimmungsschwankungen, die demente Personen unter Umständen haben. Das ist eine große Aufgabe, die eigentlich kaum jemand aushält. Es wäre eigentlich besser, wenn es ein solches Arbeitsverhältnis nicht gäbe. Aber gleichzeitig werden die Ausbildungen dieser Frauen in Deutschland nicht anerkannt und sie haben wenig Möglichkeiten, woanders zu arbeiten.</em></p>
<h3><strong>Gesellschaft als Segregationsmaschine</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nach Ihrer Dissertation haben Sie sich auf andere Bereiche der Migrationsforschung konzentriert.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Ganz klassisch biographisch auf das Thema Schule. Meine Kinder kamen damals in die Schule. So kam es, dass ich mich intensiver mit dem Thema Rassismus in Institutionen beschäftigte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört der Aspekt der Rassifizierung durch Segregation. In meiner Zeit als Leiter einer unter anderem für Integration zuständigen Referatsgruppe im nordrhein-westfälischen Schulministerium unter Leitung von Sylvia Löhrmann haben wir versucht, die zugewanderten und geflüchteten Kinder und Jugendlichen in Regelklassen zu integrieren. Als wir den Erlass dazu veröffentlichten, zeichnete sich schon der Wahlkampf 2017 ab und wir wurden von der Opposition und manchen interessierten Eltern- und Lehrerverbänden heftigst angegriffen. Vorgeworfen wurde uns, wir würden die armen deutschen Kinder benachteiligen, weil jetzt die anderen Kinder in die Klassen kämen. Nach Lektüre Ihrer Forschungsergebnisse komme ich aber zu dem Schluss, dass wir damals mit unserer integrativen Linie richtig lagen.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Das Thema der Segregation ist sehr relevant. In Berlin gibt es immer wieder heftige Debatten um die Frage, wo man sein Kind einschulen kann, welche Schulen angeblich gar nicht in Frage kommen. Diese Debatte wird auch durch die lokale Medienberichterstattung befeuert. Als dann 2015 eine größere Zahl von Geflüchteten nach Berlin kam, wurden auf einmal Willkommensklassen in großer Zahl eingerichtet. Ich hatte mich da gerade mit der Geschichte der sogenannten Ausländerregelklassen beschäftig, die ja ein Instrument rassistischer Segregation und eine bildungspolitische Katastrophe waren. Mein Team und ich stellten fest, dass es jetzt mit den gleichen Begründungen wieder so gemacht und dann auch noch von der Verwaltung zum Erfolgsmodell erklärt wurde. Die Schulleitungen waren zumeist froh, dass ihnen die Aufgabe, neu zugewanderte Schüler:innen in den Regelunterricht aufnehmen zu müssen, abgenommen wurde, weil sie die an Lehrkräfte übergeben konnten, die weniger kosten, weil sie kein Lehramtsstudium absolviert haben und die auch nicht regulärer Teil des Kollegiums sind. </em></p>
<p><em>Wir haben in einer qualitativen Studie 13 Schulen untersucht. Alles Negative, das Sie andeuteten, hat sich bestätigt. Der Berliner Senat hat Jahre später eine eigene Studie beim Leibniz-Institut für Bildungsforschung in Hannover in Auftrag gegeben, die uns im Großen und Ganzen bestätigte. Lehrkräfte und Schulleitungen wünschten sich mehr politische Vorgaben, weil sie sich überfordert fühlten, wie sie diese Beschulungsformen gestalten sollten. Eine andere quantitative Untersuchung bestätigte, dass Kinder in diesen segregierten Klassen schlechter lernen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer regelmäßig den Tagesspiegel liest, wird schnell feststellen, dass die Berliner Schulpolitik nicht sonderlich gut wegkommt, zumindest die sozialdemokratische, die bis zum Regierungswechsel nach der letzten Wahl im Jahr 2023 dominierte. Die aktuelle christdemokratische Politik setzt allerdings auch nicht gerade auf Integration und Gerechtigkeit, wie der Streit um den Zugang zu den Gymnasien zeigt. Es gibt einen Trend zu mehr Segregation. Ein großes Manko ist und bleibt meines Erachtens die fehlende Vorbereitung der Lehrkräfte in ihrer Ausbildung.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Für den Unterricht in den Vorbereitungsklassen werden die Lehrkräfte nicht vorbereitet, sie müssen sich selbst überlegen, was sie wie unterrichten. Viele haben gar keine pädagogische Ausbildung, viele sind Quereinsteiger:innen. Es ist kaum möglich, sich Gedanken darüber zu machen, wie die Kinder in den sogenannten Willkommensklassen in die Schulgemeinschaft integriert werden könnten, zumal die Lehrkräfte in diesen Klassen oft selbst nicht in das Schulleben eingebunden sind. Sie nehmen an den üblichen Abläufen in der Schule kaum teil.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Doppelte Separierung. Die Kinder werden separiert, ihre Lehrkräfte ebenso.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>So ist es. Dazu kommt, dass die Klassen immer da aufgemacht werden, wo gerade Platz ist. Wir haben Räumlichkeiten gesehen, die spotten jeder Beschreibung, Abstellräume mit kaputten Computern und Tischen. Dazwischen stehen dann Stühle, auf denen die Schüler:innen lernen sollen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie verwendeten eben schon den Begriff <em>„rassistisch“</em>. Auf diesen Begriff reagieren viele Leute ausgesprochen allergisch. Daher meine Frage, was das <em>„Rassistische“ </em>an der beschriebenen Situation ist.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>:<em> Beim Rassismus geht es um historisch legitimierte Gruppeneinteilungen, bei denen zwischen „uns“ und „den anderen“ unterschieden wird. Die Wir-Gruppe ist dann immer mit positiven Attributen belegt, die ist bildungsorientiert, friedlich, modern, demokratisch und so weiter. Die Wir-Gruppe bestimmt die Normalitätsvorstellungen einer Gesellschaft. Die Anderen weichen angeblich immer irgendwie von der Norm ab, gelten als problematisch, als rückständig, auch als aggressiv, als bildungsfern. Diese Eigenschaften werden als natürliche Eigenschaften behauptet. Diejenigen, denen negative Eigenschaften zugeschrieben werden, erfahren nicht nur Vorurteile, sondern sie werden in allen gesellschaftlichen Bereichen ausgeschlossen, auf dem Wohnungsmarkt, in der Gesundheit, in der Bildung und so weiter. Somit wird diese Hierarchie im Alltag immer wieder reproduziert.</em></p>
<p><em>In den Vorbereitungsklassen werden neuzugewanderte Schüler:innen ohne bildungspolitische Vorgabe und Qualitätskontrolle von oft nicht angemessen ausgebildeten Lehrkräften in mangelhaften Räumlichkeiten unterrichtet. Das würde ich als einen rassistischen Ausschluss bezeichnen. In Bildungseinrichtungen kann man das generell sehen. In Deutschland geht man gerade in der medialen Berichterstattung davon aus, dass Schüler:innen, die nicht so gut lernen, selbst schuld sind. Die sind eben nicht so, wie sie sein sollten. Es wird selten reflektiert, dass in dem bestehenden Bildungssystem eigentlich bestimmte Kinder und Jugendliche gar nicht erfolgreich sein können. Es ist eine Tatsache, dass in Deutschland der Zusammenhang zwischen sozialem Status und schlechtem Schulerfolg so ausgeprägt ist wie in kaum einem anderen OECD-Land. In anderen Ländern ist der Bildungsaufstieg leichter, weil die sich auf eine diverse Schülerschaft eingestellt haben. Bei jeder Untersuchung der letzten zwanzig Jahre wird dieser Zusammenhang in Deutschland erneut bestätigt. Und anstatt das Bildungssystem zu verändern, wird die Anwesenheit migrantischer Schüler:innen für die schlechten Ergebnisse verantwortlich gemacht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sobald eine solche Studie der Öffentlichkeit vorgestellt wird, reagiert die Politik, auch wenn kaum jemand die Studie wirklich gelesen hat. Es sind immer die Migrant:innen. Subtext: Gäbe es die nicht, wäre bei uns alles in Ordnung. Migranten-Bashing als Lösung.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>:<em> Eltern werden mit den Daten, zum Beispiel der PISA Studie, und auch den anschließenden medialen Debatten verunsichert. Eltern denken dann sehr schnell, sie würden ihre Kinder am besten fördern, wenn sie möglichst wenig Kontakt mit migrantischen Kindern hätten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenig bedacht wird, dass es sich auch und vielleicht sogar in erste Linie um ein soziales Problem handelt.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>:<em> Zum sozialen Ausschluss kommt der Rassismus dazu. Es gibt viele rassistische Ausschlüsse, die mit einer kulturellen Abwertung einhergehen und die Bildungschancen verschlechtern. Es ist belegt, dass Schüler:innen mit einem beispielsweise türkischen Namen in Prüfungen schlechter bewertet werden als Schüler:innen mit deutschen Namen. Das gilt auch bei der Überweisung an Gymnasien. Es gibt das Primat der deutschen Sprache. Mehrsprachigkeit wird nicht gewürdigt, jedenfalls nicht jede Form davon. Türkisch, Arabisch oder Russisch wird nur an wenigen Schulen als dritte Fremdsprache unterrichtet und anerkannt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Oder warum es so wenige bilinguale Schulen gibt, deren Sprachen nicht Englisch oder Französisch sind. In Köln gibt es immerhin eine deutsch-türkische und eine deutsch-italienische Grundschule.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Davon gibt es viel zu wenige. Nicht beachtet wird oft auch, dass die schlechten Quoten in den diversen Leistungsstudien (IGLU, PISA und so weiter) eben nicht nur durch migrantische Jugendliche zustande kommen. Auch die deutsch-deutschen Schüler:innen schneiden zunehmend schlechter ab. Studien belegen, dass bereits die Hälfte der Schüler:innen Nachhilfe erhält &#8211; auch in der Grundschule. Die Schule kommt also offensichtlich nicht ihrem Auftrag nach, die Schüler:innen so zu unterrichten, dass sie den Lehrstoff bewältigen können &#8211; das tun bezahlte Nachhilfekräfte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich nenne das eine doppelte Privatisierung, einmal der Trend vieler Eltern zu Privatschulen, daneben der Trend zur Auslagerung schulischen Lernens auf Nachhilfeinstitute, die man mit Recht auch als Nachhilfeindustrie bezeichnen könnte. Als 2011 das Bildungs- und Teilhabepaket beschlossen wurde, waren die Nachhilfeinstitute sehr interessiert, mit der mit dem Paket möglichen Lernförderung Geld zu verdienen, im Grunde eine staatliche Subvention eines Wirtschaftszweiges. Tutor:innenmodelle, Peer-to-peer-Learning, Förderangebote im Ganztag – all das war natürlich aufwendig und hatte es schwer, sich gegen die Nachhilfeindustrie durchzusetzen. In Nordrhein-Westfalen gelang das damals, wie es heute ist und wie in anderen Ländern, weiß ich nicht, aber allein schon die Bezeichnung der Lernförderung als <em>„Nachhilfe“</em> lässt Schlimmes vermuten. <em>    </em></p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Man fragt sich, warum das System immer weiter so gefüttert wird. Wie kommt es, dass viel zu wenige junge Menschen Lehrkräfte werden wollen, obwohl die Bezahlung deutlich über dem liegt, was Lehrkräfte in anderen Ländern verdienen. Offenbar ist das System, ist der Beruf Lehrer:in für junge Leute unattraktiv. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele retten sich in Teilzeit, fast die Hälfte aller Lehrkräfte. Als Länder aus Gründen des Mangels die Teilzeit einschränken wollten, stieß das auf großen Protest der Gewerkschaften und Verbände.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Jeder Versuch einer größeren Reform scheitert. Wenn etwas Neues erfunden wird, stehen mehrere Systeme nebeneinander. In Berlin kann man in acht Jahren und in neun Jahren zum Abitur gelangen, man kann nach der vierten und man kann nach der sechsten Klasse aufs Gymnasium wechseln.</em></p>
<h3><strong>Manche Schulen sind weiter als die Politik, aber merkt die Politik das auch?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darf ich mit Erich Kästner fragen: wo bleibt das Positive?</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Ich habe natürlich einen ganz bestimmten Fokus. Ich forsche zu Rassismus und dann sehe ich natürlich auch Rassismus. Aber ich sehe oft auch, dass Schulen weiter sind als die Politik. In Berlin gab es Schulen, die als „Brennpunktschulen“ verschrien waren. Dann kam eine neue Leitung, die wirklich Lust hatte auf die Schule, die Kinder, die da sind, die stellten ein engagiertes Kollegium ein, und damit wurde eine Schule geschaffen, an der viele Menschen Spaß haben und sich viele Möglichkeiten für die Kinder eröffnen, die diese Schule besuchen.</em> <em>Trotzdem bekommen auch die von der Politik nicht das, was sie bräuchten. Es gibt auch Schulen, die keine Willkommensklassen einrichten wollten, aber die bekamen keine Informationen darüber, wie sich eine Integration in die Regelklassen gestalten ließe.  Die Willkommensklasse war auch der einzige Modus, über den abgerechnet werden konnte. </em></p>
<p><em>Auch beim Thema Umgang mit Rassismus haben einige Schulen gute Ideen. Wir sind noch in den Anfängen unserer neuen Studie zu Beschwerden über Rassismus in der Schule. Aber schon jetzt zeigt sich, dass es Schulen gibt, die sich bemühen, einen Umgang damit zu finden, dass Schüler:innen Rassismuserfahrungen machen. Zum Teil werden Anlaufstellen geschaffen, bei denen Eltern und Kinder sich beschweren können, wenn sie rassistische Diskriminierung erfahren. Aber es fehlen formale Strukturen. Wenn ein Kollege als Anti-Diskriminierungsbeauftragter einen anderen Kollegen zum Beispiel bittet, sich vor den Schüler:innen nicht abwertend über deren Familiensprache zu äußern, dann hat das keinerlei Wirkung, denn in der Schule sind keine Antidiskriminierungsbeauftragten vorgesehen. Insofern kritisiert hier einfach ein Kollege einen anderen, der auf diese Kritik nicht eingehen muss, wenn er keine Lust dazu hat. Im System ändert sich nichts. Eigentlich müsste die Bildungsverwaltung Ideen haben, wie Schulen agieren könnten, aber wie gesagt, bisher muss das jede Schule für sich herausfinden. Man braucht Expertise, aber alle wurschteln so vor sich hin, manchmal geht es gut, manchmal nicht, und das wird so hingenommen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Immerhin gibt es zum Antisemitismus in einigen Ländern die <a href="https://www.report-antisemitism.de/bundesverband-rias/">Meldestellen von RIAS</a>. Berlin war hier Vorreiter. In anderen Bereichen gibt es das nicht. Gelegentlich höre ich, gerade aus dem Bereich von Muslimen, dass Mädchen von Lehrkräften angesprochen werden, ob sie schon verlobt wären, sie würden doch sicher bald heiraten, Jungen werden angesprochen, ob sie irgendwelche Waffenlager hätten. Gerade jetzt nach dem 7. Oktober 2023 hat das massiv zugenommen. Wie kommt es, dass Lehrkräfte so handeln?</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Nicht zuletzt zeigt sich hier der allgemeine gesellschaftliche rassistische Diskurs. Und es fehlt an einer empathischen Anknüpfung an die Welt der Schüler:innen. Dazu bräuchte man eigentlich gar nicht so viel Ausbildung. Dazu kommt, dass sich die Schule angegriffen fühlt, wenn der Vorwurf des Rassismus erhoben wird. Der Vorwurf wird als schwerwiegender empfunden als das, was da möglicherweise passiert ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Vorwurf wird als Rufschädigung wahrgenommen. Schulleitungen haben dann Angst vor sinkenden Anmeldezahlen.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Aber auch hier stellt sich die Frage des politischen Umgangs. Man könnte Schulen auch dazu verpflichten, über rassistische Vorfälle zu berichten. Wenn eine Schule meldet, es hätte keine Vorfälle gegeben, dann wäre das ein Signal dafür, dass man da vielleicht nicht genau genug hingesehen hat. Es wäre eine Möglichkeit, Schulen für die Dokumentation von Rassismus, von Diskriminierung zu loben, weil sie sich damit auseinandersetzen. Aber dazu braucht es auch politische Vorgaben</em><strong>. </strong><em>Ein Problem der deutschen Schulen liegt auch darin, dass in der Schule nur Lehrkräfte und Schüler:innen aufeinandertreffen. Die wenigen Stunden Sozialarbeit fallen kaum ins Gewicht. Das ist in anderen Ländern anders. Da gibt es die Lehrkräfte, die die Unterrichtsinhalte vermitteln und die gesamte psychosoziale Seite wird von anderen Professionellen abgedeckt, wie zum Beispiel Folgen von Diskriminierung oder Umgang mit Leistungsdruck. Wir brauchen multiprofessionelle Teams in den Schulen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Andererseits kommen in einem multiprofessionellen Team manche Lehrkräfte auf den Gedanken, alle Probleme, die sie in einer Klasse erleben, auf andere Berufsgruppen zu delegieren und sich selbst gar nicht mehr darum zu kümmern. So nach dem Motto: der Schüler X macht Probleme, nimm den mal für ein paar Stunden und bring ihn mir dann wieder lernwillig und lernfähig zurück.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>:<em> Da sind wir dann wieder einmal bei der grundlegenden Einstellung von Lehrkräften. Wir bräuchten schon einen Kulturwandel, damit Lehrkräfte nicht immer als unfehlbar gelten beziehungsweise glauben, sie dürften keine Fehler machen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Gedanken der Fehlerkultur nennen Sie gerade zum zweiten Mal. Das ist meines Erachtens in der Tat ein Kardinalpunkt. Das liegt auch an den gesellschaftlichen Erwartungen: Ach, da gibt es Probleme? Soll die Schule lösen. Oder von Seiten der Eltern: Das Kind wird in die Schule geschickt und die Lehrkräfte haben die Aufgabe, es mit besten Noten und ungemobbt wieder nach Hause zu entlassen: Klappt es nicht, ist die Schule schuld. Gesellschaftlich gesehen heißt es dann: die schlimmen Kinder. Irgendwie doch ein Teufelskreis. Die Aufgabe ist doch unerfüllbar!</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Das würde ich auch sagen. </em></p>
<h3><strong>Gesellschaftliche Kräfteverhältnisse – in der Schule – in der Politik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprachen das Thema Mehrsprachigkeit schon kurz an. Ich schätze sehr das Buch von <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/olga-grjasnowa/die-macht-der-mehrsprachigkeit.html">Olga Grjasnowa „Die Macht der Mehrsprachigkeit – Über Herkunft und Vielfalt“</a>. Aus meiner Sicht eine ausgezeichnete Bestandaufnahme. Es gibt neben der deutschen Sprache die englische als eine Art Lingua Franca, dann vielleicht noch Französisch oder Spanisch, aber alle anderen Sprachen werden nicht anerkannt, obwohl viele Kinder in ihrer Familie, in ihrem Umfeld und in der Schule zwei, oft sogar drei Sprachen sprechen.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Ich bin ein Fan der Bücher von Olga Grjasnowa.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da haben wir etwas gemeinsam. Über das Thema Sprache sagt sie auch einiges in dem <a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/2022-04/interviewpodcast-alles-gesagt-olga-grjasnowa-russland">ZEIT-Podcast „Alles gesagt“</a>, dauert etwa sechs Stunden. Sie erzählt, dass sie in der Familie Russisch, Arabisch, Englisch und Deutsch sprechen. Es gibt genug Studien, die belegen, dass eine solche Mehrsprachigkeit sich in jeder Hinsicht positiv auswirkt.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Ich bin keine Linguistin, ich sehe dieses Thema vor allem aus der rassismuskritischen Perspektive. Die Forschung zum Linguizismus belegt, dass Sprachen unterschiedliche auf- und abgewertet werden. Wenn jemand mit Englisch oder Französisch aufwächst, wird das begrüßt. Ich habe auch nie gehört, dass Kindern verboten werden soll, eine dieser Sprachen miteinander zu sprechen. Aber wenn es um Türkisch oder Arabisch geht, gibt es diese Debatten um Deutschpflicht auf dem Schulhof. Es ist eine Grundrechtsverletzung, Kindern ihre Erstsprache zu verbieten. Gerechtfertigt wird das mit der Annahme, es wäre doch viel besser für die Kinder, wenn sie überall nur Deutsch sprechen. Das verunsichert auch Eltern. Wenn die selbst vor allem eine andere Sprache sprechen, ist es absurd, von ihnen etwas zu verlangen, das sie nicht erfüllen können. Kommunikation ist emotional. Das Mantra, sprechen Sie Deutsch mit ihrem Kind, geht darüber hinweg. Eigentlich stellt sich eher die Frage, wie man in die Schule Sprachbildung hereinholen könnte, die die verschiedenen Sprachen einbezieht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das problematische Prinzip deutscher Schulbildung lautet, alle Kinder lernen zur selben Zeit im gleichen Tempo dasselbe. Das kann ja gar nicht funktionieren. Schulen, die individuelle Lernzeiten nach dem Modell der <a href="https://www.dalton-vereinigung.de/daltonpaedagogik/">Dalton-Pädagogik</a> anwenden, gibt es nur wenige und diese haben reichlich Schwierigkeiten mit den Schulaufsichtsbehörden, weil dann wieder irgendwo die geforderten Stundenzahlen nicht stimmen.</p>
<p>Aber irgendwie scheint mir das Thema Rassismus der Kern jeder Segregation zu sein. Jetzt wird nicht jede Rassifizierung, jede rassistische Bemerkung Terrorismus bewirken, aber ich denke, wir sollten die Bezüge schon benennen und nicht die Augen verschließen.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Wir haben die Berichterstattung über die Morde des NSU gesehen, aber nicht vermutet, dass es sich um eine Terrorserie handelt. Schlimm genug. Wenn man sich aber den rassistischen Terror genauer anschaut, sieht man, dass die permanente Problematisierung des Themas Migration damit einhergeht, dass Menschen sich berechtigt fühlen, Migrant:innen zu ermorden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich war wenige Wochen – am 3. Oktober 1991 – nach dem Pogrom vom September in Hoyerswerda und erlebte, wie sich der dortige Bürgermeister, der der CDU angehörte – beim anwesenden Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf dafür bedankte, dass dieser keine <em>„Asylbewerber“</em> mehr nach Hoyerswerda schicke. Diejenigen, die das Pogrom verantworteten, müssen sich darüber doch gefreut haben. Da müsste man als Wissenschaftler:in doch verzweifeln, oder?</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>In der Politik wird ja nicht vorrangig nach wissenschaftlichen Evidenzen gehandelt. Das sehen wir an der Klimapolitik und auch an der Migrationspolitik. Wir Wissenschaftler:innen sind da Kummer gewöhnt. Unsere Arbeit ist auch nicht umsonst. Je nachdem, wie die politische Stimmung sich entwickelt, sickert dann doch wieder etwas durch. Gesellschaftlicher Wandel ist eine langfristige und umkämpfte Angelegenheit. Das sind auch Fragen gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse. In den letzten Jahren haben wir einen spürbaren Wandel erlebt.  Antidiskriminierungsgesetze wurden erlassen, das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat erstmals Geld für die Rassismusforschung gegeben. Es schien so, dass doch schon manches erkämpft wurde. Andererseits war ich vor wenigen Jahren optimistischer. Diese Abschottung gegenüber Migration bei gleichzeitigem Fachkräftemangel beispielsweise zeigt, wie wenig rational der Diskurs ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aus meiner Sicht eine klassische Double-Bind-Situation. Auf der einen Seite wird davon gesprochen, dass man ausländischen Fachkräften die Einwanderung und die Aufnahme einer Berufstätigkeit erleichtert werden soll, auf der andern wird dies mit teilweise unsinnigen Vorgaben erschwert. Auch hier wieder das Deutsch-Problem. Der Deutschkurs muss vor Aufnahme der Arbeit absolviert werden. Ich weiß von einer ukrainischen Konditormeisterin, die keine Konditorei eröffnen durfte, weil irgendwelche Zertifikate nicht anerkannt wurden. Eine Apothekerin durfte in der Apotheke nicht einmal russisch- und ukrainischsprachige Kund:innen beraten, solange sie nicht ihr Deutsch-Zertifikat vorlegen konnte. Davon, dass man Deutsch doch sehr gut auch on the job lernen kann und wird, haben manche Ministerien und viele Parlamentarier:innen offenbar noch nichts gehört. Und dann werden alle in einen Topf geworfen, wenn der Bundeskanzler im AfD-Sound verkündet, man müsse <em>„in großem Stil abschieben“</em>.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Man könnte aus einer kapitalistischen Perspektive Migration verteidigen. Ich hätte natürlich eine linke Perspektive lieber. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zurzeit erleben wir immer mehr Anschläge, allein im Jahr 2022 121 Anschläge auf Asylbewerberheime. Clara Bünger, Abgeordnete für die Linke im Deutschen Bundestag, fragt regelmäßig nach. Ich nenne ein Beispiel, die <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/079/2007902.pdf">Antwort der Bundesregierung auf ihre Anfrage zum zweiten Quartal 2023</a>.</p>
<p><strong>Juliane Karakayalı</strong>: <em>Wir müssen viel mehr darüber reden, was wir tun können, um solche Anschläge zu verhindern. Aber das ist keine wissenschaftliche, sondern eine politische Frage. Die Politik ist leider zurzeit auch wieder recht beratungsresistent. Dass ihr Agieren der AfD in die Hände spielt, wurde in der Wissenschaft schon so oft verlautbart, dass man sich schon wundert. Wo bleiben nach der </em><a href="https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/"><em>Correctiv-Recherche</em></a><em> die flammenden Reden des Bundespräsidenten, der seine Bürger:innen verteidigt? </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2024, Internetzugriffe zuletzt am 20. April 2024, Titelbild: Hans Peter Schaefer.) <em> </em></p>
<p><em> </em></p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/all-exclusive/">All exclusive</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/all-exclusive/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gefühlspolitik, faschistische Version</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/gefuehlspolitik-faschistische-version/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/gefuehlspolitik-faschistische-version/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Mar 2024 16:22:05 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=4536</guid>

					<description><![CDATA[<p>Gefühlspolitik, faschistische Version Analysen von Drehli Robnik und Siegfried Kracauer „Mag die sozial wirksame Idee immerhin von Einzelpersönlichkeiten in die Welt hinausgeschleudert werden, ihren eigentlichen Leib bildet die Gruppe. Das Individuum zeugt und proklamiert wohl die Idee, aber die Gruppe trägt sie und sorgt für ihre Verwirklichung. Parteien setzen sich für die Erreichung bestimmter  [...]</p>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gefuehlspolitik-faschistische-version/">Gefühlspolitik, faschistische Version</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Gefühlspolitik, faschistische Version</strong></h1>
<h2><strong>Analysen von Drehli Robnik und Siegfried Kracauer </strong></h2>
<p><em>„Mag die sozial wirksame Idee immerhin von Einzelpersönlichkeiten in die Welt hinausgeschleudert werden, ihren eigentlichen Leib bildet die <u>Gruppe</u>. Das Individuum zeugt und proklamiert wohl die Idee, aber die Gruppe trägt sie und sorgt für ihre Verwirklichung. Parteien setzen sich für die Erreichung bestimmter Ziele ein, Vereine schließen sich zu irgendwelchen Zwecken zusammen.“ </em>(Siegfried Kracauer, Die Gruppe als Ideenträger, 1922, zitiert nach: Siegfried Kracauer, Das Ornament als Masse, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1963)</p>
<div id="attachment_4537" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7017-2/flexibler-faschismus/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4537" class="wp-image-4537 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-768x1168.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Robnik_Flexibler_faschismus.jpg 842w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-4537" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Welche Gruppe bilden Faschisten? Welche Gruppe bilden diejenigen, die andere als <em>„Faschisten“</em> bezeichnen? <a href="http://www.cinepoetics.fu-berlin.de/fellows/current/robnik/index.html">Drehli Robnik</a> hat sich in seinem Buch „Flexibler Faschismus“ (Bielefeld, transcript, 2024) mit diesen Fragen beschäftigt. Dieses Buch eröffnet die Chance, umfassender und tiefgehender darüber nachzudenken, was <em>„Faschismus“</em> beziehungsweise <em>„Faschismen“</em> für manche Menschen so attraktiv macht, dass sie darüber Freiheit und Demokratie aufzugeben bereit sind. Die Antwort ist komplex. Eine zentrale Aussage von „Flexibler Faschismus“ lautet, dass man den Begriff des <em>„Faschismus“</em> im Plural verwenden und von <em>„Faschismen“</em> sprechen müsse. Das mache den Begriff <em>„fluid“</em>. Eine Schlüsselrolle spielen die Menschen, die oft genug als <em>„Mitte“</em> – Kracauer spricht von <em>„Mittelschichten“</em> – bezeichnet werden, im Grunde aber nicht mehr und nicht weniger als einen allgemein verbreiteten Habitus in der Mehrheitsgesellschaft repräsentieren, der sich vorrangig für sich selbst interessiert und glaubt, die eigenen Interessen wären mit denen der Mehrheit wenn nicht gar des ganzen <em>„Volkes“</em>, der <em>„Nation“ </em>identisch, sich aber so gut wie gar nicht für die Perspektiven von Minderheiten interessiert.</p>
<p>Grundlage der Analysen Robniks sind die Schriften von Siegfried Kracauer (1889-1966). In sieben Kapiteln beschreibt Robnik Kracauers Bild von <em>„Faschismus“</em>, das sich auch auf unsere Zeit übertragen ließe. Er diagnostiziert allerdings in unserer Zeit eine „<em>Inflation der Faschismus-Etikettierungen“</em>, <em>„Faschismus als ein Wort in Bewegung“. </em>Beschworen wird in Politik und Medien immer wieder, dass sich Geschichte wiederholen könne, eine Sorge und Angst, die sich vor allem in der Formel des „Nie wieder“ fixiert. Robnik sieht wie vor 100 Jahren Kracauer einen <em>„Faschisierungsprozess“</em> und verweist damit auf den Bewegungscharakter des Faschismus sowie der diversen faschistischen Gruppierungen, die sich selbst oft genug weniger als Partei denn als <em>„Bewegung“</em> verstanden und verstehen, deren gemeinsames Ziel es bei allen Unterschieden im Detail jedoch war und ist, eine Gesellschaft ausschließlich nach ihrem Bilde zu gestalten. Eine Vorstufe mag heutzutage die von Viktor Orbán und seinen Anhängern propagierte „illiberale Demokratie“ sein, in weiteren Schritten werden jedoch Lebensweisen, Einstellungen und Vorstellungen einer liberalen und demokratischen Gesellschaft Schritt für Schritt aus dem Blickfeld der Politik, der Medien, der Gesellschaft entfernt. Das mag nicht unbedingt das Ziel all derer sein, die proto-faschistische und krypto-faschistische Bewegungen unterstützen, ihnen mag wahrscheinlich auch nicht klar sein, dass diese Bewegungen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Auflösung der liberalen Demokratie betreiben.</p>
<h3><strong>Faschismus und Nihilismus</strong></h3>
<p>Drehli Robnik ist Historiker, Filmwissenschaftler und einiges mehr. Er bezieht seine Analyse der Studien Siegfried Kracauers immer wieder auf die Schriften verwandter Autor:innen wie beispielsweise Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Ignazio Silone oder – dies mag manche verwundern – Friedrich Nietzsche. Die besondere Perspektive Kracauers lässt sich vielleicht in einem Begriff zusammenfassen: Faschismus ist <em>„fluid“</em>. Gegenstand der Analyse Robniks sind Theoretiker, die sich selbst ausdrücklich als <em>„faschistische“</em> Theoretiker verstanden, beispielsweise Carl Schmitt, Giovanni Gentile, José Antonio Primo de Rivera. Deren Schriften waren im Grunde Gebrauchsanweisungen für Machtstreben, Machtgewinn und Machterhalt faschistischer Parteien und ihrer „Führer“.</p>
<p>Ignazio Silone (1900-1978), dessen Beziehung mit Siegfried Kracauer Robnik ausführlich beschreibt, sprach davon, dass Faschisten der <em>„Wille zur Macht“</em> treibe, ein Begriff, der auf Friedrich Nietzsche zurückgeht, den Nietzsche jedoch nie als Buchtitel verwandte. Dies geschah erst, als aufgrund des Turiner Zusammenbruchs Nietzsches seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche die Gelegenheit nutzte, Nietzsches Nachlass nach ihren Vorstellungen zu redigieren und zu verfälschen. In welchem Maße sie das tat, deckte erst Mitte der 1950er Jahre von Karl Schlechta Mitte der 1950er Jahre auf. Die Bewertung Nietzsches als Protofaschisten prägt leider heute noch viele Bücher, Essays, die sich mit Nietzsche beschäftigen. Prominent zu nennen ist in der faschistischen Nietzsche-Rezeption das 1931 erschienene Buch von Alfred Baeumler „Nietzsche, der Philosoph und Politiker“. Nach wie vor werden Bücher Nietzsches mit dem Titel „Der Wille zur Macht“ verlegt und geben mit diesem Titel weiterhin Anlass zu Fehlinterpretationen. Das, was Nietzsche als Analyse verstand, wurde in dieser Rezeption als politisches Programm missverstanden. Ein Beispiel für Nietzsches Analyse aus dem Nachlass der Achtzigerjahre mag dies belegen (zitiert nach der Schlechta-Ausgabe): <em>„Der Instinkt der <u>décadence</u>, der als Wille zur Macht auftritt. Verführung seines Systems der Mittel: absolute Unmoralität der Mittel. / Gesamteinsicht: die bisherigen obersten Werte sind ein Spezialfall des Willens zur Macht; die Moral selbst ist ein Spezialfall der <u>Unmoralität</u>.“</em></p>
<p>Nietzsches Analyse politischer Prozesse spitzt die Frage der <em>„Macht“</em> in dem Problem des fragilen Verhältnisses von <em>„Leben“</em> und <em>„Nichts“</em> zu. Beide Begriffe sind wenig konkret und erhalten ihre <em>„Bedeutung“</em>, ihren Sinn erst – wie Ludwig Wittgenstein formulieren würde – <em>„im Gebrauch in der Sprache“</em> (in: Philosophische Untersuchungen § 43). Das <em>„Leben“</em> verliert in einer auf Zerstörung zielenden Bewegung, wie sie der Faschismus, den Nietzsche noch nicht kennen konnte, mit seinem Todeskult vertrat, seinen Sinn, gibt geradezu jeden Sinn auf. Die Bewegung wird Selbstzweck. <em>„Die <u>Niedergangs-Instinkte</u> sind Herr über die <u>Aufgangs-Instinkte</u> geworden… Der <u>Wille zu Nichts</u> ist Herr geworden über den <u>Willen zum Leben</u>.“</em> (diese Stelle folgt bei Schlechta wenige Zeilen nach der zuvor zitierten). Wie gesagt: eine Analyse, kein Programm, aber in der Zuspitzung und gerade wegen der fehlenden Präzision der Begriffe immer instrumentalisierbar. Letztlich könnte sich fast jede autoritäre oder totalitäre Ideologie auf Nietzsche berufen, ähnlich wie sich auch fast jede Politik auf Machiavelli berufen könnte. Übrig bleibt eine nihilistische Sicht auf Politik und Geschichte.</p>
<p>Nietzsche gibt keine Antwort auf die Frage, wie diese nihilistische Sicht überwunden werden könnte. Theodor W. Adorno sieht gerade in diesem Fehlen einer konstruktiven Perspektive die Gefahr. Er formuliert in „Negative Dialektik“: <em>„Überwindungen, auch die des Nihilismus samt der Nietzscheschen, die es anders meinte und doch dem Faschismus Parolen lieferte, sind allemal schlimmer als das Überwundene.“</em> Nicht zuletzt, weil kaum jemand die Gefahr in diesen <em>„Parolen“</em> erkennt. Anders gesagt: die Wirkungen eines Textes sind gefährlicher als der Text selbst. Durchaus in diesem Sinne überschreibt Robnik das vierte der sieben Kapitel seines Buches mit der Formel <em>„Ideologie: Flexibler Faschismus als totalitärer Nihilismus“</em>. Seine These: <em>„Vielleicht sind Faschismus und <u>gar nichts</u> ja gar nicht so weit voneinander entfernt. Kracauer wird in seinen politischen Studien der 1930er und 1940er Jahre oft und oft betonen, dass Faschismus gewissermaßen das zur politischen Ideologie gewordene <u>gar nichts</u> ist.“ </em>Hier sieht Robnik auch Verbindungen zwischen den Analysen Kracauers und Silones. Noch einmal Adorno in „Negative Dialektik“: <em>„Die Totalität des Widerspruchs ist nichts als die Unwahrheit der totalen Identifikation, so wie sie in dieser sich manifestiert. Widerspruch ist Nichtidentität im Bann des Gesetzes, das auch das Nichtidentische affiziert.“</em> Dem vom Faschismus repräsentierten <em>„gar nichts“</em> kann sich letztlich niemand entziehen. Das bedeutet nicht, dass Widerstand sinnlos wäre. Aber das ist eine andere Debatte.</p>
<h3><strong>Antipolitik – Postpolitik</strong></h3>
<p>Im siebten und letzten Kapitel nimmt Robnik den im vierten Kapitel vorbereiteten Gedanken wieder auf: <em>„Heute: das Nichts nach dem Faschismus, Faschismus nach dem Nichts“</em>. Faschismus ist die Antithese zur Politik. Ausgehend von Kracauers 1948 entstandener Analyse des 1946 veröffentlichten Films <a href="https://www.imdb.com/title/tt0038823/">„Paisá“</a> von Roberto Rossellini sieht er in dessen Episoden die Darstellung <em>„einer Welt, die antipolitisch geprägt ist, weil sie nicht nur den Faschismus, sondern <u>sämtliche</u> Formen und Versprechen einer die Gesellschaft bewegenden Politik bzw. deren Ideen hinter sich lassen will.“</em> Dies ist <em>„postpolitisch“</em> und geradezu <em>„politikfeindlich“</em>. Robnik zitiert Kracauers Text „The Decent German“ aus dem Jahr 1949: <em>„Politics for these people is nothing but a hateful intrusion into their emotional and cultural privacy”</em>.</p>
<p>Der Bürger möchte eigentlich von Politik in Ruhe gelassen werden und ignoriert den politischen Charakter seines Drangs zur Entpolitisierung des Alltags, wie auch Franz Biberkopf, der Held von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ (1929) und der Verfilmung von Phil Jutzi (1931): „<em>Der Kleinbürger, Kleinwarenhändler, Biberkopf, ein ‚decent peddler‘ analog zum <u>decent German</u>, sieht in seiner Gleichgültigkeit gegenüber der Politik die Nazis im Berlin von 1931 nicht als Gefahr, sondern als Kundschaft.“ </em>Das antidemokratische Potenzial, die antidemokratische Gefahr wird ignoriert oder geleugnet, erst recht nach 1945, als die Katastrophe, in die Nationalsozialismus und Faschismus Europa stürzten, eigentlich für alle sichtbar geworden sein sollte. Dies ignorierend können sich heutzutage selbst erklärte Faschisten, erklärte Nazis als Demokraten inszenieren, was sie heutzutage, in den 2020er Jahren auch tun. Sie gehen sogar so weit, dass sie Demokraten als Nazis und Faschisten diffamieren und sich, immer wieder auch Symbole und Zeichen der Shoah okkupierend, als Opfer darstellen wie beispielsweise während der Corona-Pandemie.</p>
<p>Das eigentlich Politische ist das A-Politische. So wird es präsentiert. Und das A-Politische ist in höchstem Maße politisch, so die Wirkung. Wir erleben mit dem Aufschwung faschistischer und krypto- und postfaschistischer Politiker:innen in den 2010er und 2020er Jahren im Grunde eine Politisierung der gesellschaftlischen Konflikte, die gleichzeitig eine Entpolitisierung ist. Beispiele dafür geben – so Robnik – nicht nur Giorgia Meloni und Herbert Kickl (die ich nicht auf eine Stufe stellen möchte), sondern auch Politiker wie Sebastian Kurz (ich erlaube mir Sahra Wagenknecht als eine weitere Wiedergängerin des von Sebastian Kurz verkörperten Typus von Politiker:innen zu nennen). Sie alle – auch Politikerinnen wie Giorgia Meloni und Marine Le Pen, <a href="https://www.zeit.de/2022/40/rechtspopulismus-frauen-giorgia-meloni-marine-le-pen/komplettansicht">die Thea Dorn als <em>„Löwenmütter“</em>, als <em>„Mütter der Nation“</em>, beschrieb</a> – propagieren ein Bild fürsorglich-radikaler Männlichkeit: <em>„Die Selbstbehauptung männlicher Gefühle über Wirklichkeit und Wahrheit zu setzen, dazu bedarf es nicht notwendig eines groben Machismo à la Trump, Putin oder Bolsonaro. Dazu genügt der glatte Schwiegersohn-Tonfall eines Sebastian Kurz.“</em> Oder die schmeichelnde Entschiedenheit einer Giorgia Meloni, die allerdings an politischem Geschick alle hier genannten Männer bei Weitem übertrifft. Sie alle verkörpern <em>„die widersprüchliche Verbindung zwischen einerseits autoritärem Durchregieren und andererseits einem antiinstitutionell-rebellischen Gestus, wie sie Kracauer in seinem Caligari-Buch anspricht. Der Führer ist ‚oben‘, ein ungebundener Herrscher, mitunter Staats- oder Regierungschef, und <u>zugleich Rebell</u> mit direktem Draht zu den vielen da ‚unten‘.“</em></p>
<div id="attachment_1507" style="width: 207px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1507" class="wp-image-1507 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-768x1168.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/10/Cover_Simon_Strick.jpg 842w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-1507" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Robnik spricht mit Verweis auf <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wohlige-waerme/">Simon Stricks Buch „Rechte Gefühle“</a> (Bielefeld, transcript, 2021) auf die von ihnen verkörperte <em>„Gefühlspolitik“</em>: <em>„In Sachen Gefühlspolitik überließ die Linke, so Kracauers Fehlerdiagnose, einiges der nationalsozialistischen Propaganda; diese versteht sich blendend auf das Mobilisieren von Gefühlen“. </em>Die heutige Linke positioniert Gefühle ausschließlich in der hybriden Form des Wokism, der jedoch in der Mehrheitsgesellschaft sich bisher als kaum anschlussfähig erweist. Das Äußern von Gefühlen ist noch lange keine Strategie. Das Nihilistische solcher <em>„Gefühlspolitik“</em> liegt eben genau da: Fakten sind irrelevant, reale Machtverhältnisse ebenso, Gefühle sind alles und daher auch Fiktionen möglicher Machtverhältnisse, wie sie proto- und kryptofaschistische Bewegungen propagieren.</p>
<p>Der autoritäre Herrscher, der zugleich gegen herrschende Zustände rebelliert, ist im Grunde ein Wiedergänger des Alexander, der den gordischen Knoten durchschlägt. Der Rebell als Zerstörer alter Ordnung. Denn wer politischen Streit beenden will, will nicht nur Ruhe, sondern auch Klarheit, Eindeutigkeit. Hier ist sich die demokratische Politik der vergangenen Jahrzehnte selbst in die Falle gegangen. Sie versucht immer wieder erfolglos, Kritik auch von Anti-Demokraten (Stichwort: die „Sorgen“ der Bürger, wird in der Regel nicht gegendert), durch Adaptation aufzunehmen und die Bürger:innen. auf diese Art und Weise ruhigzustellen. Die von diesen erhoffte Klarheit entsteht so nicht, allenfalls der Eindruck, dass die Regierenden eben einfach nicht wissen, was sie wollen. Das Unbehagen bleibt, Beruhigung, Ruhe funktioniert nur für einen begrenzten Zeitraum.</p>
<p>Robnik diskutiert die Frage, ob das Unbehagen vieler Menschen an politischem Streit (<em>„Genug gestritten!“</em>) als <em>„Entpolitisierung“</em> verstanden werden könnte, die jetzt von Gruppierungen wie <em>„Pegida, die AfD, die Identitären, Gelbwesten, Trumpismus und Rallyes der Alt-Right, Corona-Protesten – als eine Art Repolitisierung von rechts erscheinen“</em> könnte. Robniks Antwort lautet nein, denn das Ergebnis sind <em>„weniger Handeln als Hasskampagnen; weniger eine Reaktivierung von Streit als eine Zunahme von Hetze; sie zielt nicht auf vertiefte demokratische Teilhabe oder auf erweiterte Spielräume der Konfliktaustragung, sondern ultimativ darauf, dass demokratische Unruhen und Ansätze von Minderheitenrechten verschwinden – im Szenario des charismatisch geführten, ethnisch identifizierten und gereinigten Volkes.“</em> Ich gestehe, ich bin mir da nicht so sicher, denn <em>„Hass“</em> ist ein starkes in Politik umsetzbares Gefühl, der Wunsch nach Zerstörung all dessen, das ärgert. Wer aus <em>„Hass</em>“ zuschlägt, belegt das zerstörerische Potenzial einer mit Gefühlen munitionierten Politik. Im Grunde ein dialektisches Verhältnis. Die Kampagnen, die zunächst die Basis waren, werden in der zerstörerischen – manche sagen: revolutionären – Tat zum Überbau, der wiederum zu einer Verbreiterung der Basis beiträgt.</p>
<p>Das funktioniert auch auf der intellektuellen Ebene. Über die oft zitierten „Sorgen“ hinaus werden von der neuen Rechten – so Robnik – Begriffe wie <em>„Kritik“</em> und <em>„Theorie“</em> okkupiert, wer sie als <em>„migrationskritisch“</em> oder ihre Thesen als <em>„Verschwörungstheorie“</em> bezeichnet, <em>„nobilitiert“ </em>sie geradezu, erkennt den intellektuellen Überbau als Basis politischen Handelns an. Anti-demokratisch ist dies allemal, ob es auch <em>„faschistisch“</em> ist, spielt nicht unbedingt die wesentliche Rolle. Schlägertrupps der Neuen Rechten mögen sich als <em>„Faschisten“</em> fühlen oder diese Etikettierung sogar abstreiten, indem sie ihre Gegner:innen ihrerseits als <em>„Faschisten“</em> bezeichnen. Aber es ist irrelevant, welches Selbstverständnis sie haben, in der Praxis verhalten sie sich wie faschistische Schlägertrupps der 1920er und 1930er Jahre. Wenn Opfer der NSU-Morde Angst hätten, nach Chemnitz zu fahren, falls dort das geplante nationale Dokumentationszentrum errichtet werden sollte – darauf verwies <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/nsu-gedenkstaette-1.6465264">Gamze Kubaşık, Tochter des vom NSU ermordeten Mehmet Kubaşık in der Süddeutschen Zeitung</a> –, zeigt dies nur, wie weit Schlägertrupps und rechter Terror es inzwischen gebracht haben. Robnik schließt mit dem lapidaren Hinweis auf <em>„ein Nichts, das manchmal vielleicht faschistisch ausfällt.“</em> Faschismus als schlagkräftig angewandter Nihilismus.</p>
<h3><strong>Geschichtslose Gesellschaft</strong></h3>
<p>Die immer wieder in politologischen und soziologischen Studien, eindrucksvoll von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rechtsgedreht/">Thomas Biebricher in seinem Buch „Mitte / Rechts“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) dekonstruierte <em>„Mitte“</em>, die sich radikalisiere oder von rechts aufrollen lasse, war bereits ein Gegenstand der Analysen Siegfried Kracauers. Besonders hervorzuheben sind seine Texte „Die Angestellten“ (1929/1930) und „Die Gruppe als Ideenträger“ (1922). Zentrale Begriffe sind der <em>„Raum“</em> und eben die <em>„Gruppe“</em>. Wie entsteht kollektive Identität und wie positioniert sich diese <em>„Gruppe“</em> im politischen sowie im realen <em>„Raum“</em>? In diesem Kontext spielt auch die immer wieder gestellte, aber kaum beantwortbare Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Rolle. Zurzeit wird die Studie „Triggerpunkte“ von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser (Berlin, Suhrkamp, 2023) oft mit dem Tenor zitiert, es gäbe die oft behauptete <em>„Spaltung der Gesellschaft“</em> nicht. Das möchten manche vielleicht hören, aber das ist nur ein Teil der Botschaft. Die „Triggerpunkte“ belegen lediglich, dass sich radikalisierende Menschen für die Demokratie noch nicht verloren sind. Die Radikalisierungspotenziale, das Unbehagen an politischem Streit, die wachsende Ungeduld in manchen Bevölkerungsgruppen sind ebenso Thema dieser Studie, doch Entwarnung ist natürlich immer die schönere Botschaft. Beruhigung statt Analyse.</p>
<p>Drehli Robnik wendet mit Siegfried Kracauer diese Debatte ins Grundsätzliche: <em>„Spaltung ist nicht das akute Problem, sondern ein Grundzustand von Gesellschaft; und Kracauers politischer Realismus fragt danach, wie die Spaltungen, aus denen Gesellschaften und das Leben in ihnen bestehen, als Konflikte austragbar sein können.“</em> Die <em>„Mittelschichten“</em> sind in diesem Kontext eine Art Indikator für gesellschaftlichen Wandel, es ließe sich aber auch einfach von Mehrheits – oder bezogen auf ihren Habitus mit einem Wort von Birgit Rommelspacher – von <em>„Dominanz“</em>gesellschaft sprechen. Wenn die <em>„Mittelschichten“</em> sich auf die Rede von der <em>„Spaltung“</em> einlassen, aber nicht mehr über die Austragung von Konflikten verhandeln, wird Demokratie letztlich in Frage gestellt, denn Demokratie gehört ungeachtet allgemeiner Zustimmung, dass Demokratie wichtig sei, nicht zum überlebensnotwendigen Inventar politischer Meinungsbildung in den <em>„Mittelschichten“. </em></p>
<p>Die <em>„Mittelschichten“</em> – so Kracauer in „Aufruhr der Mittelschichten“ – <em>„sind heute zum großen Teil ökonomisch proletarisiert und in ideeller Hinsicht obdachlos“. </em>Vereint sind sie – so die Analyse Kracauers in „Die Angestellten“ – beispielsweise in der Mode, denn <em>„Mode und Wirtschaft arbeiten sich in die Hand“</em>, <em>„Sprache, Kleider, Gebärden und Physiognomien gleichen sich an, und das Ergebnis des Prozesses ist eben jenes angenehme Aussehen, das mit Hilfe von Photographien umfassend wiedergegeben werden kann.“ </em>Kracauer verwendet den Begriff der <em>„Zuchtwahl“</em>, auch wenn diese von niemandem – zumindest nicht bewusst – gesteuert wird, sondern sich einfach aus wirtschaftlichen Erwägungen ergibt, mit Schönheitssalons, Haarfärbemitteln, Schönheitsoperationen und nicht zuletzt der <em>„Überhöhung der Jugend“</em>, die einhergeht mit einer <em>„Entwertung des Alters“</em>.</p>
<p>Eben dies sind die Träume, die Kracauer in dem Text „Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“ (1927) mit einer eigentümlichen Dialektik beschreibt: <em>„Es mag in Wirklichkeit leicht geschehen, dass ein Scheuermädchen einen Rolls Royce-Besitzer heiratet; indessen, ist es nicht der Traum der Rolls Royce-Besitzer, dass die Scheuermädchen davon träumen zu ihnen emporzusteigen?“ </em>Und damit das Gesamtsystem stabilisieren, weil sie an <em>„das richtige Leben im falschen“</em>, das es nach Adornos Diktum in den „Minima Moralia“ gar nicht gibt, glauben, zumindest dieses erhoffen.</p>
<p>Mitunter nehmen das Kino und die dort gezeigten Filme den Charakter einer Religion an. So ließe sich ein Gedanke Siegfried Kracauers aus dem Text „Die Hotelhalle“ (entstanden 1922 bis 1925, unveröffentlicht) weiterspinnen, die Hotelhalle – oder  eben auch das Kino oder die Mall – als <em>„Kehrbild des Gotteshauses“.</em> Auch wenn <em>„das Beisammen in der Hotelhalle ohne Sinn“</em> bleibt, sich Menschen dort – <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/im-goldenen-kaefig/">wie in Romanen Vikki Baums</a> – aus unterschiedlichen, gegebenenfalls auch sich widersprechenden Gründen aufhalten, der Flüchtende ebenso wie der Spitzel, <em>„bemächtigt sich ein interesseloses Wohlgefallen an der sich selbst erzeugenden Welt, deren Zweckmäßigkeit man empfindet, ohne die Vorstellung eines Zweckes mit ihr zu verbinden.“ </em>Die <em>„Hotelhalle“</em> ist der Ort der <em>„Unvollkommenheit des gemeinsamen Lebens“</em> so wie das Gotteshaus und die sich dort versammelnde <em>„Gemeinde“</em> sich gegenseitig der Illusion eines gemeinsamen Zieles und von Gemeinschaft schlechthin versichern. Nihilistisch konnotierte Orte sind sie beide, denn während der eine Ort die Falschheit im Leben verkörpert, gibt der andere das Zeichen eines fiktiven Richtigen.</p>
<p>Die Vorstellungswelt in der <em>„Alltagskultur der Mittelschichten“</em> lässt eine <em>„Ideologie der Geschichtslosigkeit“</em> erkennen, <em>„eine Weigerung, sich mit der eigenen Geschichtlichkeit zu konfrontieren“</em>. Damit einher geht eben auch das Unbehagen an jeglicher Politik: <em>„<u>Dass</u> Geschichte nicht vorbestimmt, nicht berechenbar ist, macht zielorientiertes, eingreifendes, kollektiv eingebundenes, strittiges Handeln – sprich Politik – gerade nicht irrelevant, sondern macht solch ein Handeln vielmehr erst <u>möglich</u> und <u>sinnvoll</u>.“</em> Der Streit um Geschichte, der Wunsch nach einer eindeutigen, die eigene Vergangenheit möglichst bestätigenden, wenn nicht gar verherrlichenden Geschichtspolitik, wie sie in autoritären und totalitären Staaten auch betrieben ist – aktuell gut sichtbar in Putins Russland, auch präsent in türkischen, ungarischen und (noch) in polnischen Schulbüchern –, ist letztlich ein Streit um die Wirksamkeit von Politik. Man muss schon einiges tun, um die Bürger:innen und nicht zuletzt die jungen Menschen auf Kurs zu bringen.</p>
<p>Hier ließen sich die Debatten um die Bagatellisierung und Relativierung der Shoah von Martin Walser über Alexander Gauland bis hin zu manchen antikolonialistischen Linken als a-, wenn nicht sogar antipolitische Debatten einordnen. Auch das Nachdenken über Geschichte ist eben politisch, die (faschistische) Mehrheitsgesellschaft will ohne Wenn und Aber <em>„Dominanzgesellschaft“</em> sein: <em>„Faschistische Propaganda ist eine Massenverbreitung, die weniger Inhalte vertritt oder Positionen bezieht als dass sie Gefühle und Stimmungen verbreitet, und zwar ultimativ, um den anderen zum Schweigen zu bringen.“</em> Ein anderes Geschichtsbild als das eigene wird als Beleidigung, als Herabwürdigung verstanden und angeprangert. An die Stelle einer politisch-fachlichen Diskussion tritt – Robnik verweist auf Analysen von Ernesto Laclau und Max Horkheimer – die politische Aufladung von Begriffen, die sich auch heute feststellen lässt: das Christentum wird nicht zitiert, um <em>„die verachtenswerten Reichen</em> (zu) <em>attackieren, sondern den Massen Tugend und Reinheit</em> (zu) <em>predigen“</em>. Die politische Versammlung ist dann nicht nur Kundgebung, sondern Verkündigung. Und nur darauf kommt es an. Die diversen Faschismen, von denen manche sich auch aus ganz anderen ideologischen Quellen speisen mögen, haben letztlich eine einzige Botschaft: Wir sind großartig, alle anderen wollen uns jedoch demütigen. Donald Trump ist ein Meister in der Verbreitung solcher Botschaften und nutzt in diesem Sinne – vielleicht sogar ohne das zu wissen – die Methoden faschistischer Propaganda. Beschrieben hat diesen Typus des faschistoid handelnden Politikers Leo Löwenthal in „Falsche Propheten – Studien zur faschistischen Agitation“ (1949).</p>
<h3><strong>Wider die Falschheit im falschen Leben</strong></h3>
<p>Im Jahr 1946 veröffentlichte Kracauer den Text „Hollywoods Terror Films – Do They Reflect an American State of Mind?“ In diesem Text benennt er – so Drehli Robnik – die unmittelbare Nähe von Demokratie und Faschismus, die sich in Verständnis und Handeln einer sich geschichtslos verhaltenden Mehrheitsgesellschaft spiegele und damit den Blick auf den wahren Charakter von Demokratie und Faschismus verstelle: <em>„In der US-Gesellschaft sind, so legt Kracauer dar, demokratische Formen und Faschismus-Brennstoff (‚fuel for fascism‘) so sehr ineinander, betreffen die ‚political and social struggles‘ so sehr das Existenziell-eingemachte der Leute (‚very core of our existence‘), dass er über sein Exilland konstatieren kann, vielmehr muss: ‚A civil war is being fought inside every soul‘.“ </em>Robnik warnt allerdings auch vor falschen Analogien: <em>„Faschismen und verwandte rechte Politiken von 2020/30 sind anders als die von 1920/1930. Zugleich aber ist da ein Eindruck von Wiederholung und Gleichklang schwer zu ignorieren.“</em> Robnik unter Bezug auf Kracauers „Totalitäre Propaganda“ (1938, damals unveröffentlicht<em>): „Nicht Austragung von ‚Meinungskampf‘, sondern der ‚Meinungstod‘ ist demnach das Ziel dieser Propaganda, dieser Mobilisierungspolitik“.</em></p>
<p>Kern des Klassenbewusstseins der Mittelschichten ist es, jeden <em>„eigenen Klassenstatus zu leugnen“</em>. „<em>Auf den Spuren von Marx‘ Brumaire-Text versteht Kracauer die Mittelschicht, die zwischen den etablierten Klassen zerrissene <u>Nicht-Klasse</u>, und ihre Rolle im Faschisierungsprozess zunächst ein Stück weit im Sinn der Bonapartismus-Theorie“</em>. Die <em>„Mittelschichten“</em> passen sich an, weil <em>„das Imaginarium faschistischer Politik den Massen eine Doppelung von Hinschlagen und Sich-Beugen bietet, beides als lustbesetzte fantasmatische Wirklichkeiten“</em>. Sie begeben sich somit in die Rolle des Fans, der nicht unbedingt ein Fanatiker sein muss, aber dennoch immerhin so weit geht, dass er den Fans, die er als Gegner identifiziert, jede Berechtigung abspricht, sich mit Recht als Fans besagten Gegners zu verstehen. Schalke oder Dortmund – damit ist Fußball nicht proto- oder kryptofaschistisch, wohl aber durchaus ein Bild des Freund-Feind-Modells, das nach Carl Schmitt der Kern des Politischen ist. In einem solchen Szenario lassen sich Massenmord, Holocaust, Staatsgewalt gegen Minderheiten ignorieren. Stattdessen wird faschistischer Terror mit eigenen Demütigungen assoziiert. <em>„Mehrmals konstatiert Kracauer in den 1920er und frühen 1930er Jahren eine <u>Verklammerung</u> zwischen dem jüdischen Volk und dem nichtjüdischen Volk: eine enge Verbindung, die sich in einer Art deutschen Sündenbock-Projektion auflöst.“</em> Robnik sieht diese <em>„Verklammerung“</em> heute beispielsweise in den Protesten gegen die Covid-19-Maßnahmen. Die eigene Erfahrung welcher gefühlten Diskriminierung auch immer ist letztlich immer nachhaltiger als jede historische Reminiszenz an die Shoah.</p>
<p>Aber was erwarten <em>„Mittelschichten“ </em>denn nun? Robnik: <em>„Mittelschichts-Angehörige träumen vom gütigen Herrscher, der alles ins Lot bringt, die Schuldigen bestraft und die Fleißigen, Braven tätschelt; mit Kracauers Worten gesagt: Sie ‚träumen von einer Versöhnung der Klassen durch eine schiedsrichterlich über der Nation waltende Macht‘.“ </em>(Kracauer in „Totalitäre Propaganda“). Eine solche Versöhnung erträumt in dem den Film <a href="https://www.fassbinderfoundation.de/movies/deutschland-im-herbst/">„Deutschland im Herbst“</a> einleitenden Gespräch die Mutter von Rainer Werner Fassbinder. Nicht Diktatur an sich wäre schlecht, schlecht wären nur die Diktatoren, die Menschen unterdrücken und misshandeln, aber warum sollte es keine netten Diktatoren geben? Auch hier wieder ein Traum vom <em>„richtigen Leben im falschen“</em>.</p>
<p>Anstatt des Traums vom <em>„richtigen Leben im falschen“</em> wäre es vielleicht an der Zeit, die Falschheit des falschen Lebens zu entlarven. Robnik bezieht sich auf Kracauers Analyse des Films „Mädchen in Uniform“ mit dem Titel „Revolte im Mädchenstift – Ein guter deutscher Film“ (1931). Der Film kann mit Kracauer als Gegenbild zu eine kollektive Männlichkeit verherrlichenden Filmen gesehen werden, beispielsweise zu G.W. Pabsts Bergwerkkatastrophenfilm „Kameradschaft“ (ebenfalls 1931). <em>„Nicht nur anhand von Mädchen gendert Kracauer modellhafte Bekundungen einer solchen Gegenmacht im sich faschisierenden Deutschland als weiblich.“</em> Damit ließe sich auf die die 2020er Jahre zunehmend bestimmenden Debatten über den Gegensatz sich eher rechts orientierender Männer und sich eher links und liberal orientierender Frauen schließen.</p>
<p>Die polnische Wahl vom 13. Oktober 2023 wurde von Frauen entschieden, Ähnliches zeichnet sich möglicherweise bei der Präsidentschaftswahl am 5. November 2024 in den USA ab. Nach einer Studie der Financial Times tendieren junge Männer zunehmend nach rechts, junge Frauen nach links. Das hat – so <a href="https://taz.de/Soziologe-ueber-Wahlen-und-Geschlecht/!5989145/">Ansgar Hudde in einem Gespräch mit der taz</a> – durchaus auch etwas mit Bildungskarrieren zu tun und war in Deutschland bereits bei der Bundestagswahl 2021 feststellbar. Rechts muss dabei nicht unbedingt AfD bedeuten, der neoliberale Kurs der FDP war 2021 schon attraktiv genug für junge Männer. FDP und Grüne hatten damals unter den jungen Wähler:innen Ergebnisse von jeweils etwa 30 Prozent. Wie zentral Frauenrechte sind und wie sie in autoritär-totalitären Staaten abgebaut und von Parteien der Neuen Rechten angegriffen werden, dokumentiert Sofi Oksanen in ihrem Buch „Putins Krieg gegen die Frauen“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2024).</p>
<p>Den Gedanken einer weiblichen Gegenöffentlichkeit führt Robnik in Bezug auf Forschungen von <a href="https://www.ici-berlin.org/people/majewska/">Ewa Majewska</a> weiter aus, die sich mit der feministischen Kritik des Faschismus befasst hat. Sie bezieht sich auf Walter Benjamins Text „Über den Begriff der Geschichte“ (1940): <em>„Potenz-Huberei in Sachen Helden-Identität sei letztlich dem Nationalismus und Rassismus zu nahe, der doch bekämpft werden sollte. (…) Ein <u>weak messianism</u>, als Pathos-Form einer ‚initial weakness‘, breite Raum und Kontext für Widerstand. Dies biete der schwache Messianismus sowohl geschichtspolitisch, als ein Gedächtnis vergangener Unterdrückungen und Kämpfe, als auch ontologisch, womit die Frage von subjektiven Seinsweisen mitgemeint ist: also z.B. Stark-sein-Müssen versus Schwach-sein-Können.“</em> Es gibt auch andere Wege, den gordischen Knoten zu lösen als ihn zu durchschlagen und damit etwas zu zerstören, das möglicherweise auch als etwas Verbindendes dienen könnte. Auf viele anti-demokratische Parolen ließe sich dieses Bild durchaus anwenden.</p>
<p>Dekonstruiert werden müssten jedoch einige Mythen. Zentral ist der Mythos des Rebellen, der zum guten Herrscher wird und damit wirklich – diesmal aber wirklich – das „Ende der Geschichte“ einläutet. Das, was Karl Marx in „Der 18. Brumaire des Louis Napoleon“ (MEW 8) über Frankreich sagt, ließe sich auch auf das Deutschland nach 1848 wie viele Staaten der heutigen Zeit übertragen: <em>„Frankreich scheint also nur der Despotie einer Klasse entlaufen, um unter die Despotie eines Individuums zurückzufallen. und zwar unter die Autorität eines Individuums ohne Autorität. Der Kampf scheint so geschlichtet, dass alle Klassen gleich machtlos und gleich lautlos vor dem Kolben niederknien.“</em> Es ist beispielsweise <em>„der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, dass ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde.“</em> Geschichtslosigkeit, Antipolitik, Bestätigung ihrer Gefühle, Ruhe und Klarheit, Eliminierung alles Störenden – genau so hätten es die <em>„Mittelschichten“</em>, die Mehrheitsgesellschaft gerne, auch heute: „Make our country – make us – great again“. Vielleicht ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-18-brumaire-des-donald-j-trump/">Trump die Farce der faschistischen Tragödie</a>, aber eigentlich waren schon Louis Napoléon, Mussolini und Hitler durchaus lächerliche Figuren. Und wenn wir nicht aufpassen, wird aus der Farce der heutigen <em>„Faschismen“</em> eine neue Tragödie. Wir müssen nicht nach Russland und in die Ukraine schauen, um die Anzeichen zu erkennen.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2024, Internetzugriffe zuletzt am 19. März 2024. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Aneignung“, Ausschnitt.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gefuehlspolitik-faschistische-version/">Gefühlspolitik, faschistische Version</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
					<wfw:commentRss>https://demokratischer-salon.de/beitrag/gefuehlspolitik-faschistische-version/feed/</wfw:commentRss>
			<slash:comments>0</slash:comments>
		
		
			</item>
	</channel>
</rss>
