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	<title>Gewalt Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Häusliche Gewalt vor Gericht</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/haeusliche-gewalt-vor-gericht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Apr 2026 07:56:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Häusliche Gewalt vor Gericht Ein Gespräch mit dem Familienrichter Andreas Hornung „Die Vertragsparteien treffen die erforderlichen gesetzgeberischen und sonstigen Maßnahmen, um landesweit wirksame, umfassende und koordinierte politische Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen, die alle einschlägigen Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung aller in den Geltungsbereich dieses Übereinkommens fallenden Formen von Gewalt umfasst, und um eine  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Häusliche Gewalt vor Gericht</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Familienrichter Andreas Hornung </strong></h2>
<p><em>„Die Vertragsparteien treffen die erforderlichen gesetzgeberischen und sonstigen Maßnahmen, um landesweit wirksame, umfassende und koordinierte politische Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen, die alle einschlägigen Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung aller in den Geltungsbereich dieses Übereinkommens fallenden Formen von Gewalt umfasst, und um eine ganzheitliche Antwort auf Gewalt gegen Frauen zu geben.“ </em>(Artikel 7 Absatz 1 der <a href="https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/europarat/menschenrechtsabkommen-des-europarats/istanbul-konvention">Konvention des Europarats zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt</a>)</p>
<p>Die am 11. Mai 2011 in Istanbul beschlossene Konvention (kurz: Istanbul-Konvention) ist in Deutschland geltendes Recht. Das bedeutet nicht, dass sie auch überall bereits angewandt wird. Sie umfasst sämtliche Formen häuslicher Gewalt, das heißt Gewalt in der Familie und im familiären Umfeld, nicht nur Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Häusliche Gewalt wird nicht zuletzt in familiengerichtlichen Verfahren um Sorge- und Umgangsrecht, oft im Gefolge von Scheidungen, viel zu wenig bedacht. Auch die Politik tut sich schwer. Es ist bisher beispielsweise nicht gelungen, Kinderrechte in das Grundgesetz oder Femizide in das Strafrecht aufzunehmen. Zudem gibt es ein erhebliches Dunkelfeld. Im Februar 2026 stellten Bundesinnen- und -familienministerium gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt eine <a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/LeSuBiA/lesubia_node.html">Studie zur häuslichen Gewalt</a> vor, die von einem Dunkelfeld von über 80 Prozent ausgeht.</p>
<div id="attachment_7998" style="width: 298px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7998" class="wp-image-7998 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-288x300.jpg" alt="" width="288" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-200x209.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-288x300.jpg 288w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-400x417.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-600x626.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-768x801.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-800x834.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-982x1024.jpg 982w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-1200x1251.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-1473x1536.jpg 1473w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870.jpg 1707w" sizes="(max-width: 288px) 100vw, 288px" /><p id="caption-attachment-7998" class="wp-caption-text">Andreas Hornung, Foto: privat.</p></div>
<p>Andreas Hornung ist Familienrichter in Warendorf, Experte im Familienrecht und im Recht der Kinder- und Jugendhilfe. Mit seiner Expertise war er mehrere Jahre zweiter Vorsitzender im <a href="https://isa-muenster.de/">Institut für Soziale Arbeit</a> (ISA), das neben dem Deutschen Jugendinstitut eines der renommierten Institute zu Forschung und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland ist. Bei der Kommunalwahl im Jahr 2025 hat er in Warendorf für das Amt des Bürgermeisters kandidiert. Er ist Mitglied der SPD und Mitglied des Rats der Stadt Warendorf. Der Kreis Warendorf war in vielen Vorhaben der Kinder- und Jugendhilfe Vorreiter. Das gilt für die Einrichtung offener Ganztagsschulen sowie für das Landesprojekt „Kein Kind zurücklassen“, das inzwischen als <a href="https://www.kinderstark.nrw/">„kinderstark“</a> landesweit ausgebaut werden konnte.</p>
<h3><strong>Ein hohes Gut: Die Unabhängigkeit der Gerichte von der Politik </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich zu Beginn die Frage stellen, was dich motiviert hat, dich im ISA zu engagieren.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Es mit Vorträgen begonnen, die ich im </em><a href="https://isa-muenster.de/arbeitsbereiche/kinder-und-jugendhilfe/kinderschutz/zertifikatskurs-kinderschutzfachkraft/"><em>Zertifikatskurs Kinderschutzfachkraft</em></a><em> gehalten habe. Angesprochen hat mich Wolfgang Rüting, Leiter des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien des Kreises Warendorf, damals Vorstandsmitglied im ISA, später auch Erster Vorsitzender des ISA. Wolfgang Rüting initiierte unter anderem </em>die <a href="https://serviceportal.kreis-warendorf.de/detail/-/vr-bis-detail/dienstleistung/401711/show">Warendorfer Praxis</a>, ein<em> interdisziplinäres Netzwerk zur Unterstützung all der Professionen, die sich für Familien sowie für Kinder und Jugendliche engagieren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang das Selbstverständnis von Richter:innen in Deutschland.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Zunächst ist der Unterschied zu den USA von Bedeutung. In den USA werden Richter:innen direkt von der Bevölkerung gewählt, mit Ausnahme der Mitglieder des Supreme Court, die auf Vorschlag des Senats von Kongress und Senat gewählt werden müssen. Ich bin in Deutschland als Richter nicht unmittelbar direkt legitimiert. Mittelbar bin ich legitimiert, weil ich vom Justizministerium ernannt werde, dessen Minister beziehungsweise Ministerin ja durch eine Parlamentswahl legitimiert ist. Ich sehe darin große Vorteile. In den USA wäre ich zwar direkt gewählt, aber gleichzeitig wäre ich in meiner Arbeit weniger frei, weil ich mich stets den Wählerinnen und Wählern stellen muss. </em></p>
<p><em>Richter:innen sind in Deutschland laut Grundgesetz und Landesverfassungen ausdrücklich unabhängig und das ist auch gelebte Praxis. Diese Freiheit ermöglicht mir, dass ich neben dem unmittelbaren richterlichen Geschäft, dem Verhandeln im Gerichtssaal, dem Beraten mit den Senatskolleg:innen, neben den Urteilen oder Vergleichen, auch über den Tellerrand hinausschauen kann. Ich arbeite im Kreis Warendorf seit 18 Jahren in einem Netzwerk, der Warendorfer Praxis, in der Menschen mit ganz verschiedenen Berufen vertreten sind, die alle mit Kindern zu tun haben, mit Kinderschutz, Sorgerecht, Umgangsrecht, Beratung, Frauenhäusern, Jugendämtern. Wir arbeiten seit 18 Jahren unabhängig vom Einzelfall zusammen. Auch das ist in meinen Augen ein demokratischer Prozess, auch wenn es nichts mit unmittelbar konkreten Wahlen zu tun hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich sehe einen weiteren Unterschied: In den USA gibt es Richterschelte, die es bei uns in diesem Ausmaß nicht gibt. Bei uns gibt es Urteilsschelte.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Das hat damit zu tun, dass in den USA – nicht nur in Bezug auf Trump, sondern auch in den Bundesstaaten und auf Distriktebene – Richterinnen und Richter gewählt werden. Jede Wahl hat immer etwas mit der persönlichen politischen Einstellung zu tun. Die einzelne richtende Person wird daher bei ihren Entscheidungen wegen ihrer politischen Einstellung kritisiert. </em></p>
<p><em>Bei uns gibt es bei Entscheidungen von Strafgerichten, Verwaltungsgerichten, auch Verfassungsgerichten durchaus auch Kritik. Dies ist jedoch eine inhaltliche Kritik. Das einzige Mal, dass ich das anders erlebt habe, war im letzten Jahr bei der Wahl von drei neuen Mitgliedern des Bundesverfassungsgerichts anlässlich des Vorschlags, die Professorin </em><a href="https://www.uni-potsdam.de/de/lehrstuhl-brosius-gersdorf"><em>Frauke Brosius-Gersdorf</em></a><em> im Deutschen Bundestag zur Verfassungsrichterin zu wählen. Die Politik ist so durchgeschlagen, dass eine hochqualifizierte Frau durch falsche Nachrichten von Nius und anderen Portalen geradezu „verbrannt“ worden ist, weil ihr zugeschrieben wurde, Positionen zu vertreten, die sie gar nicht vertrat. </em></p>
<p><em>Wir müssen aufpassen, dass wir bei allen Unterschieden der beiden Systeme nicht die in den USA gängigen Narrative übernehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erinnere mich an einen weiteren Fall, in dem die Person des Richters mit ihren Einstellungen Gegenstand der Kritik war: Gegen <a href="https://www.jura.uni-wuerzburg.de/professoren/professoren-im-ruhestand/dreier-horst/">Horst Dreier</a> gab es ebenfalls solche Vorbehalte, sodass der Vorschlag zurückgezogen wurde und jemand anders, in diesem Fall Andreas Voßkuhle, der spätere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, vom Deutschen Bundestag gewählt wurde. Allerdings gab es damals keine dermaßen ehrverletzende Kampagne mit bewussten Falschinformationen wie wir sie gegen Frauke Brosius-Gersdorf erlebten.</p>
<p><strong>Andras Hornung</strong>: <em>Wir hatten solche Debatten auch bei Heidemarie Wieczorek-Zeul und bei Peter Müller. Es wurde im Vorfeld ihrer Kandidatur darüber diskutiert, ob es legitim wäre, jemanden, der beziehungsweise die ein prominentes politisches Amt innehatte, als Bundesministerin beziehungsweise als Ministerpräsident eines Landes, in das Bundesverfassungsgericht zu wählen. Das ist verständlich, aber im Fall von Frauke Brosius-Gersdorf, die sichtbar qualifiziert ist, hatte es bereits eine politische Einigung gegeben. Aber wenn dann auf die Initiative dritter Kräfte aus dem Journalismus, deren Seriosität durchaus bezweifelt werden darf, politische Kräfte einen Rückzieher machen, halte ich das für problematisch.</em></p>
<h3><strong>Grundgesetz und Istanbulkonvention: Klare Priorität für das Kindeswohl</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist letztlich eine Frage der Medien. Wir sehen dies auch in konkreten Fallkonstellationen. Beispielsweise gibt es erheblichen Druck, auch über die Presse, im Bereich des Familienrechts.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>:<em> Das hat aber auch mit ideologischen Grundhaltungen zu tun. Beim Streit im Familienrecht, wie ich ihn empfinde, geht es darum, wie weit der Gesetzgeber gehen sollte. Das spielt in unsere familienrichterlichen Verfahren hinein, aber die Frage lautet beispielsweise, ob das Residenzmodell im BGB beim Unterhalt noch zeitgemäß ist. Das Residenzmodell bedeutet, dass das Kind bei einem Elternteil lebt und der andere finanziell zum Unterhalt beiträgt. Diskutiert wird, ob das Gesetz ein Wechselmodell als Regelfall vorsehen sollte. Ein zweiter Punkt: Wie schaue ich auf häusliche Gewalt? Belasse ich es bei den bisherigen Regelungen oder sorge ich gesetzlich dafür, dass häusliche Gewalt automatisch eine hohe Beachtung erhält, bevor ich über den Aufenthalt eines Kindes oder das Umgangsrecht entscheide?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wir können die Argumente und den Diskussionsverlauf gerne einmal an dem Thema „Wechselmodell“ konkretisieren. Ich denke an interessierte Gruppierungen wie den „Väteraufbruch“, der das „Wechselmodell“ als Regelfall fordert. Ich persönlich bin da sehr skeptisch, weil ich glaube, dass ein „Wechselmodell“ die Kinder zerreißt. Außerdem fesselt es die ehemaligen Eheleute an einen bestimmten Wohnort, es sei denn, man nimmt hin, dass die Kinder ein paar Tage hier, ein paar Tage dort KiTa oder Schule besuchen.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Wir haben zu diesem Thema in der „Warendorfer Praxis“ eine gemeinsame Haltung und einen juristisch, pädagogisch und psychologisch begründeten Leitfaden entwickelt. Es muss sehr sorgsam geprüft werden, was ein „Wechselmodell“ bewirkt. Die Familienrechtlerin Hildegund Sünderhuff-Kravets vertritt beispielsweise die Auffassung, dass ein „Wechselmodell“ selbst bei Hochstrittigkeit diesen Streit erstickt, daher ein Lösungsmodell sei, um Eskalation von Streit zu verhindern. Ich bin ausgesprochen kritisch, weil ich glaube, dass der Streit in der Persönlichkeit der Streitenden verankert ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Gefahr steigt, dass das Kind in den Streit hineingezogen wird, möglicherweise sogar von beiden streitenden Eltern vereinnahmt werden kann, die es ständig auffordern, Partei zu ergreifen.</p>
<p>Bei Streitigkeiten um das Umgangsrecht argumentieren in letzter Zeit Familiengerichte häufig, dass ein Vater, auch wenn er gegen die Mutter oder gegen das Kind oder beide gewalttätig ist, das Recht behält, regelmäßigen Umgang mit dem Kind zu pflegen, die Mutter sogar verpflichtet ist, ihm das Kind zu bringen. Manchmal gibt es eine Umgangsbegleitung, aber nicht immer.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Ich teile was du sagst. Es ist in den Familiengerichten noch nicht angekommen, dass solche Entscheidungen ein falsches Verständnis des in </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_6.html"><em>Artikel 6 Absatz 2 Grundgesetz</em></a><em> festgeschriebenen Elternrechts sind. Das geht über die Familiengerichte bis zu den Oberlandesgerichten hoch, dass das Elternrecht sehr stark in den Mittelpunkt bei der Begründung ihrer Entscheidungen gestellt wird. </em></p>
<p><em>Die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs sind eigentlich andere. Ich muss den Wunsch, den Willen von Kindern, deren Schutz und Betroffenheit an die erste Stelle stellen. Es ist im familiengerichtlichen Kontext noch vielen unbekannt, dass seit 2018 die von Deutschland ratifizierte </em><a href="https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/europarat/menschenrechtsabkommen-des-europarats/istanbul-konvention"><em>Istanbulkonvention des Europarats zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt</em></a><em> unmittelbar geltendes Recht ist. Diese enthält klare Regelungen, dass vor Regelungen von Sorge- und Besuchsrecht (beziehungsweise Umgangsrecht) eine Gefahrenanalyse stattfinden muss, wenn es um häusliche Gewalt geht. Die Konvention hat den gleichen Rang wie das BGB. </em></p>
<p><em>Das Bundesverfassungsgericht hat in den letzten Jahren in mehreren Entscheidungen sehr deutlich betont, dass der Kindeswille ein hohes Gewicht hat, vorausgesetzt er wurde nicht manipuliert, sondern ist zielorientiert, eigenständig und autonom. Bei den Gerichten wird oft mit der Entfremdung eines Elternteils vom Kind argumentiert und einem Elternteil, der häusliche Gewalt erlebt hat, vorgeworfen, es wäre „bindungsintolerant“ und wolle das Kind vom anderen Elternteil entfremden. Dieser Teil wird vom Bundesverfassungsgericht sehr skeptisch gesehen, weil ein „Parental Alienation Syndrome“ wissenschaftlich nicht erwiesen sei. In der höchstrichterlichen Rechtsprechung des Verfassungsgerichts gibt es zu diesem Punkt eine klare Tendenz zum Schutz des Kindes, zur Beachtung von kindlichen Äußerungen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mitunter könnte man den Eindruck haben, dass manche Eltern und eben auch manche Gerichte die Kinder als Eigentum der Eltern betrachten. Es muss nicht gleich so weit kommen wie in dem Strafprozess gegen die Mutter der Block-Geschwister, der unter anderem Kindesentführung vorgeworfen wird. Aber ein Einzelfall scheint das nicht zu sein. <a href="https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/ein-sorgerechtsstreit-der-im-gefangnis-endet-ich-durfte-mich-nicht-einmal-verabschieden-15466789.html">Barbara Nolte berichtete im Tagesspiegel</a> von einem Fall, in dem die Mutter in Ordnungshaft genommen wurde, weil sie ihre beiden Töchter nicht an den allein sorgeberechtigten Vater herausgeben wollte, obwohl die Kinder nicht zu ihm wollten, vor ihm sogar wieder zur Mutter zurückliefen und der Vater sich offensichtlich gar nicht für die Kinder als Kinder interessierte. Kann es sein, dass viele Richterinnen und Richter hier einfach überfordert sind?</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Mit Sicherheit auch. Es sind mehrere Punkte. Es braucht zunächst einmal Wissen. Wenn ich nicht weiß, was die Istanbulkonvention regelt, kann ich sie auch nicht anwenden. Und es ist Haltung. Habe ich im Grundsatz die Haltung, dass ich in jedem Fall Augenhöhe zwischen Elternrecht und Kindesrecht will? Das Bundesverfassungsgericht leitet längst aus </em><a href="https://dejure.org/gesetze/GG/1.html"><em>Artikel 1 Grundgesetz</em></a><em> (Menschenwürde), </em><a href="https://dejure.org/gesetze/GG/2.html"><em>Artikel 2</em></a><em> (freie Entfaltung der Persönlichkeit, Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit) und </em><a href="https://dejure.org/gesetze/GG/6.html"><em>Artikel 6 Absatz 2 Satz 2</em></a><em> (Wächteramt des Jugendamts) starke Grundrechte von Kindern ab. Wir haben noch keine ausdrücklichen Kinderrechte im Grundgesetz. Wir haben aber vom Bundesverfassungsgericht eine klare Rechtsprechung zum Recht der Kinder gegen die Eltern auf gewaltfreie Erziehung, zum Recht des Staates einzugreifen, wenn die Eltern das Kind schädigen. All das leitet das Bundesverfassungsgericht aus dem Grundgesetz ab.</em></p>
<p><em>Es ist eine Frage von Wissen und Haltung, aber im Einzelfall auch die Frage der Präsenz der Parteien in der Verhandlung. Wenn die Kindesmutter beispielsweise ausgesprochen schwach in der Verhandlung agiert, weil sie das Opfer ist, und der Vater dominant agiert und auch den entsprechenden Anwalt hat, ist es für die einzelne Richterin, den einzelnen Richter schwer, das Rückgrat zu haben zu berücksichtigen, dass das Kind, das zunächst keinen unmittelbaren Fürsprecher hat, abgesehen vom Jugendamt und einem Verfahrungsbeistand. In einer solchen Gemengelage ist es schwierig deutlich zu machen, Eltern klarzumachen, dass ihr Recht hier keine Priorität hat. Wenn eins davon, Wissen, Haltung, Rückgrat, fehlt, kommt es zu der von dir beschriebenen Überforderung.</em></p>
<h3><strong>Strafrecht vs. Familienrecht </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hier kommen Gutachten ins Spiel?</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Ja in der Theorie, ja in der Praxis. Aber das reicht nicht aus. Ich mache viele Inhouse-Fortbildungen, bei Anwältinnen und Anwälten, bei Jugendämtern, bei freien Trägern, teilweise auch bei Richterinnen und Richtern. Ich war schon beim „Väteraufbruch“ und beim „Verband autonomer Frauenhäuser“. Diese haben völlig entgegengesetzte Interessen. Das Entscheidende ist, dass ich – in welchem Amt, in welcher Funktion auch immer – jeweils das Wissen und die Haltung habe und mir auch die Zeit dazu nehme, den jeweiligen Fall umfassend aufzuarbeiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Bundesregierung hat gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt gerade eine <a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/LeSuBiA/lesubia_node.html">Dunkelfeldstudie zum Thema Häusliche Gewalt</a> vorgestellt. Die Studie spricht von einer riesigen Dunkelziffer von über 80 Prozent. Oft steht in solchen Prozessen doch Aussage gegen Aussage.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Das muss man sehr differenzieren. Es gibt den alten lateinischen Grundsatz: „Quod non est in actis, non est in mundo“. Was nicht in den Akten ist, ist auch nicht in der Welt. Wenn niemand unter den Beteiligten häusliche Gewalt thematisiert, findet es im Verfahren nicht statt. Wenn es thematisiert wird, ist der familiengerichtliche Maßstab von dem strafrechtlichen zu unterscheiden. Wenn Aussage gegen Aussage steht und ich keine anderen Erkenntnisquellen habe, wird im Strafverfahren das Verfahren eingestellt oder der Angeklagte wird freigesprochen. Wenn bei uns im Familienrecht Aussage gegen Aussage steht, es aber andere Anhaltspunkte gibt, beispielsweise relevante beobachtbare Verhaltensweisen des Kindes oder gar einen geäußerten Kindeswillen, muss aufgeklärt werden. Dies geschieht häufig durch ein Gutachten. </em></p>
<p><em>Wir brauchen Wissen und Haltung bei allen Beteiligten, wann ein Gutachten benötigt wird, zu welchen Fragestellungen, mit welcher Qualifikation der Begutachtenden. Wenn die Gefahr einer Re-Traumatisierung bestehen könnte, brauche ich psychologische Kompetenz, jemanden, der sich mit Traumata und Re-Traumatisierung auskennt und weiß, welche Fragen in welcher Form gestellt werden sollten. Dann brauche ich aber auch einen Verfahrensbeistand des Kindes und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jugendamt, die bewerten können, ob das Gutachten valide ist. </em></p>
<p><em>Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass ich jedes familienrechtliche Gutachten, das ich bei Fortbildungen gesehen habe, in kürzester Zeit auf Schlüssigkeit und Validität überprüfen kann. Ich kenne zwar die Fälle nicht, nicht die konkreten Kinder, aber die Qualität in Gutachten in Kindheitsfragen ist eine sehr große Baustelle, obwohl es seit 2015 bis 2025 in dritter Auflage – </em><a href="https://www.drb.de/fileadmin/DRB/pdf/Publikationen/202509_Mindestanforderungen_Arbeitsgruppe_Familienrechtliche_Gutachten_3_Auflage_2025.pdf"><em>sehr umfassende Leitfäden</em></a><em> gibt, wie man mit Gutachten umgehen kann. Diese sind jedoch oft unbekannt oder werden nicht beachtet. Das ist ein Dilemma. Eigentlich wäre es die Lösung, wenn ein Gutachter oder eine Gutachterin psychologisch oder sogar psychiatrisch auf ein Kind und auf die Eltern schauen kann, um zu bewerten, was es bedeutet, wenn ein Kind den Vater nicht sehen will. Wie muss ich mit dem Wunsch umgehen? Gefährdet es das Kindeswohl, wenn ich ihn ignoriere? Das hat mit dem Strafrecht nichts zu tun. Ich kann oft nur durch Gutachten klären, die sich die Menschen anschauen und erfragen, was das mutmaßliche Geschehen bewirkt hat und was welche Entscheidung bewirken könnte. Dazu brauche ich exzellente Sachverständige und Leute, die deren Gutachten lesen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Die Befragung von Kindern ist nicht unproblematisch. Denkbar sind Suggestivfragen, die Antworten erzeugen, die in der Realität keine Grundlage haben. Das kann in manchen Prozessen höchst fatale Wirkungen haben, so beispielsweise in den Wormser Strafprozessen zwischen 1993 und 1997, in denen 25 erwachsene Familienmitglieder des sexuellen Missbrauchs an 16 Kindern beschuldigt wurden, aber letztlich alle Anklagen in sich zusammenbrachen. Aber die Folgen waren erheblich, für die beschuldigten und in Untersuchungshaft genommenen Erwachsenen, Eltern, Großeltern, wie für die Kinder, die natürlich wegen des Prozesses nicht mehr in den Familien lebten. Es gibt eine recht gute <a href="https://www.zdf.de/video/dokus/true-crime-ermittler-spektakulaere-kriminalfaelle-100/missbrauch-worm-prozess-skandal-jugendamt-true-crime-100">ZDF-Dokumentation</a> dazu. Anlass der Beschuldigungen waren Gutachten, die ein Kinderarzt und eine Mitarbeiterin von Wildwasser e.V. während eines Scheidungsprozesses erstellt hatten. Sie hatten mit einer Methode gearbeitet, in der Märchenerzählungen und anatomisch korrekte Puppen verwendet wurden. Besonders tragisch war, dass einige der Kinder wohl während der Inobhutnahme in einer Fremdeinrichtung dort tatsächlich sexuell missbraucht wurden. Dies als Beleg dafür, welchen Schaden Gutachten anrichten können, wenn sie mit vorgefassten Meinungen und Suggestivfragen vorgehen, aber letztlich nicht darauf achten, was die Kinder tatsächlich sagen und wollen.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Auch damit haben wir uns in der Warendorfer Praxis ausführlich befasst. Wir haben den Leitfaden „Kind im Blick“ entwickelt, der inzwischen in zweiter Auflage vorliegt. Wir beleuchten sehr präzise rechtlich, pädagogisch, psychologisch, wie man halbwegs kindgerecht vorgehen kann. Ich habe sehr früh als Familienrichter an einer Fortbildung teilgenommen, die eine sehr renommierte Psychologin durchgeführt hat. Sie hat mit uns erarbeitet, was bei einer Kindesanhörung vor Gericht wichtig ist: Setting, Rahmung, Art der Fragestellung. Ich habe danach nie wieder direkte Fragen gestellt, beispielsweise Fragen, in denen das Kind in eine Entscheiderrolle gedrängt wurde, beispielsweise mit der Frage: „Willst du bei der Mama wohnen oder beim Papa?“ Oder: „Gefällt es dir beim Papa?“ Bei jeder Frage muss ich bewerten, wie hoch der Erkenntnisgewinn sein kann. Der Erkenntnisgewinn ist aber auch nur ein Mosaikstein, noch nicht die Lösung des Falles. Daraus folgt, dass alle, die Familiensachen vor Gericht bearbeitet, sich regelmäßig in Fragen der Kindesanhörung schulen lassen müssten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Strafrecht gibt es die Unschuldsvermutung, ein sehr hohes Gut.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Daher ist es so wichtig, dass überall in den Kommunen unter Leitung des Jugendamtes Netzwerke entstehen. Wir haben in unserem Netzwerk zum Beispiel mehrere Mitarbeiterinnen aus Frauenhäusern. Ihre Aufgabe ist es, alle Vorwürfe erst einmal zu glauben und in ihrer Arbeit zugrunde zu legen, was ihnen eine Frau erzählt. Ein Strafrichter hat einen anderen Blick, er braucht Beweise und wenn die nicht vorliegen, werden die Beschuldigten freigesprochen. Familienrichter müssen bewerten, warum sich eine Mitarbeiterin eines Frauenhauses, die die Betroffene mit in die Verhandlung bringt, sich so positioniert wie sie sich positioniert. Er oder sie müssen im konkreten Einzelfall zwischen dem Schutz des Kindes und dem Recht auf Umgang abwägen. Dies geschieht nicht oft genug. Der vom Bundesjustizministerium schon seit längerer Zeit angekündigte Gesetzentwurf soll ja Gewalt als Thema in das BGB und ins </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/famfg/"><em>Familienverfahrensgesetz</em></a><em> (FamFG) aufnehmen. Die Ampelkoalition hatte einen Vorschlag gemacht, der leider durch ihre Auflösung Geschichte geworden ist. Es sollte eine Vorgabe in das Verfahrensgesetz aufgenommen werden, dass bei Thematisierung häuslicher Gewalt eine Gefahrenanalyse, eine Anhörung stattfinden, jede Möglichkeit zum Erkenntnisgewinn genutzt werden müssen, bevor über Umgang, Sorgerecht oder Aufenthaltsrecht entschieden wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Widerstände gegen solche Regelungen?</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Aber ja. Diese Regelung betraf einen einzufügenden § 156a des FamFG. Die Berufsorganisation, die am meisten gegen die Regelung Sturm gelaufen ist, war mein </em><a href="https://www.drb.de/"><em>Deutscher Richterbund</em></a><em>. Argument war, dass die Familienrichterinnen und -richter dies nicht leisten könnten. Ich weiß jedoch aus eigener Anschauung, dass das sehr wohl geht. Ich habe mir schon immer für eine Sorgerechtssache eineinhalb Stunden Zeit genommen, um die beteiligten Menschen anzuhören. Es gibt Richterinnen und Richter, die nach dem Motto „Schlichten statt richten“, das auch im FamFG verankert ist, zu Beginn einer Verhandlung sagen, man solle erst einmal die Vergangenheit hinter sich lassen und in die Zukunft schauen. Das funktioniert nicht, kann auch gar nicht funktionieren, weil die Eltern ein Bedürfnis haben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Sie brauchen ein Forum. Gerade wenn häusliche Gewalt Thema ist, muss ich das ernstnehmen. Ich kann ja auch feststellen, ob ein Kind über den Kontakt zu beiden Eltern gleichermaßen unbefangen spricht oder ob es sich verschließt. Ich muss mit den Eltern reden!</em></p>
<p><em>Es gibt Fälle, in denen thematisiert worden ist, das Kind wolle keinen Kontakt zu seinem Vater. In der Anhörung wurde durch eine sehr einfühlsame Befragung klar, warum die Mutter das so empfunden hatte, der Vater jedoch völlig anders. Wir erleben es sehr oft beim Oberlandesgericht (OLG), wo ich beim Familiensenat gearbeitet habe, dass auf einmal die Eltern miteinander reden konnten. Auf die Nachfrage, ob das beim Familiengericht nicht der Fall gewesen wäre, folgte die Antwort, dass dort die Richterin das direkt in die Hand genommen hätte, mit dem Verfahrensbeistand, und dass dort eine bestimmte Lösung herauskommen sollte, die die Eltern sich jedoch nicht vorstellen konnten.</em></p>
<h3><strong>Gute Ergebnisse brauchen Zeit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte das bisher Gesagte aus meiner Sicht zusammenfassen. Es gibt auf der einen Seite einen sehr hohen Fortbildungsbedarf bei allen Beteiligten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch ein Ressourcenproblem. Die eineinhalb Stunden Zeit, von der du gesprochen hast, können offensichtlich nicht alle Richterinnen und Richter einräumen. Das mag an der Personalausstattung liegen, an längerfristigen Ausfällen, beispielsweise durch Krankheit, durch zahlreiche Fälle, die noch zu bearbeiten sind, aber vorerst auf Halde liegen. Nicht zuletzt bedarf es für Fortbildung auch Kapazitäten.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Die Fortbildungen sind eine zweite starke Säule neben den Kooperationsnetzwerken. Diese müssen über die Fachgrenzen hinaus mit Leben gefüllt werden, damit man die Sichtweisen der anderen kennt. Daneben braucht es aus meiner Sicht dringend eine Pflicht zu interdisziplinären Fortbildungen in diesen Kindheitssachen. Interdisziplinäre Fortbildungen gelingen, weil man miteinander und nicht mehr nur übereinander redet.  </em> <em>  </em></p>
<p><em>Nach wie vor gibt es auch hier Widerstände aus Lobbygründen. Es gibt nach wie vor keine ausgesprochene Fortbildungspflicht für Familienrichterinnen und -richter, schon gar nicht interdisziplinär. Die Berufsverbände versuchen dies immer wieder abzuwehren. In </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gvg/__23b.html"><em>§ 23b Gerichtsverfassungsgesetz</em></a><em> (GVG) steht sehr genau, was Familienrichterinnen und Familienrichter können müssen. Dazu gehören auch kindgerechte Gesprächstechniken, psychologische Kenntnisse, vor allem der kindlichen Entwicklungspsychologie. Wer diese Kenntnisse nicht hat, muss zügig nachweisen, dass sie erworben wurden. Das ist eine mittelbare Fortbildungspflicht, aber überprüft wird dies nicht. Niemand schaut wirklich darauf, ob sich jemand als Berufsanfänger:in in diesen Dingen tatsächlich auch fortbildet. Das ist das große Dilemma. Eigentlich müsste es für alle, die sich mit dem Thema befassen, eine jährliche interdisziplinär angelegte Fortbildungspflicht geben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit verschärft sich das Zeitproblem. Ich gehe davon aus, dass die Berufsverbände genau diesen Punkt vortragen.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Das gehört dazu. Ich war bis 2012 Familienrichter an einem Amtsgericht. Jedes Jahr kamen etwa 300 neue Fälle, nicht nur Kindschaftssachen. Ich habe mich diszipliniert, indem ich jede Sache sofort terminiert habe, Kindschaftssachen wie gesetzlich vorgesehen innerhalb eines Monats, andere innerhalb von sechs Wochen. Es gab zwei Verhandlungstage. Den ersten habe ich für Scheidungen und andere Verfahren genutzt, die sich schnell abschließen lassen. Den zweiten habe ich ausschließlich für Kindschaftssachen genutzt. Jeden Freitag konnte ich drei Kindschaftssachen abarbeiten, jeweils in etwa eineinhalb Stunden. </em></p>
<p><em>Das Dilemma ist jedoch, dass in den letzten Jahren die Qualität in Kindschaftssachen immer dramatischer geworden ist. Den ganz normalen Sorgerechtsstreit gibt es kaum noch. Die Qualität des Kampfes hat sich verändert. Dazu kommt die Teilnahme an Netzwerken. Es ist nicht geregelt, dass die Teilnahme an Netzwerken auf die Arbeitszeiten als Teil ihres Arbeitspensums angerechnet wird. Das ist bis heute nicht der Fall, gefährdet aber die Qualität der Verfahren. Das, was ich in der Warendorfer Praxis mache, ist freiwillige Zusatzarbeit. Solche Netzwerke gibt es auch in anderen Kommunen, aber alle Richter:innen, die an solchen interdisziplinären Netzwerken teilnehmen, tun dies zusätzlich. Es ist bei den anderen beteiligten Berufen genauso und damit sind wir bei einem grundsätzlichen Ressourcenproblem. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Ressourcenproblem löst sich somit nur da, wo Leute mit hohem persönlichem Engagement in ihrer Freizeit daran arbeiten, eine angemessene und damit letztlich auch kindgerechte Qualität der familiengerichtlichen Verfahren sicherzustellen.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Genau so ist es. Das gilt für alle Professionen. Frauenhäuser leiden zum Beispiel an Kapazitätsproblem und der hohen Belastung der Mitarbeitenden. Frauenberatungsstellen müssen massiv um Unterstützung kämpfen. Sie sind oft von freiwilligen Leistungen in den kommunalen Haushalten abhängig, auch bei uns in Warendorf. Bei den immer enger werdenden Spielräumen der Kommunen in ihren Haushalten, nicht zuletzt aufgrund der Vorgaben von Land und Bund, werden freiwillige Leistungen als erste auf den Prüfstand gestellt. Jugendämter leiden massiv darunter, dass die Fluktuation in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) riesig ist. Das ist nach dem FH-Studium oft die erste berufliche Station, ohne jegliche Ahnung, wie Gerichtsverfahren laufen, spiegelbildlich zu jungen Familienrichterinnen und -richtern, die keine Ahnung vom SGB VIII haben. Wenn man dann die Erfahrung gesammelt hat, kommt man woanders hin, zum Beispiel ins Jobcenter oder in den Pflegekinderdienst. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es geht letztlich darum, Routinen auszubilden. Zu häufige Wechsel verhindern das.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Ich kann ein Ressourcenproblem nicht beseitigen, aber eindämmen, wenn ich Routinen erwerbe, dass ich schnell und mit einem guten Gespür im Beruf ansetze. Haltung und Wissen sind nicht ersetzbar, aber man muss sie erst einmal erwerben können.</em></p>
<h3><strong>Migrationssensible Zugänge</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielt das Thema Migration? Ich denke an unterschiedliche Erziehungsstile, unterschiedliche Vorstellungen von Familie. Ich habe in migrantischen Communities Menschen, die sehr gut Deutsch sprechen, andere, die kaum Deutsch sprechen. Da sind Menschen, die wegen eines Krieges geflüchtet sind. Da sind Menschen mit prekärem Aufenthaltsrecht. Ich habe traditionelle wie liberale islamische Familien. Macht sich das in den Familiengerichten bemerkbar?</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Natürlich. Wir sind gehalten, unseren durch das Grundgesetz ausgestrahlten Maßstab im Umgang mit Kindern auch zu gelebter Praxis zu machen. Das betrifft zum Beispiel die Themen gewaltfreie Erziehung, Anspruch auf Bildung, Schulpflicht. Mit dem Maßstab stoßen wir – beispielsweise in einem Amtsgericht im Ruhrgebiet – an Grenzen. Dort leben türkische Familien, die schon lange in Deutschland sind. Das ist eigentlich kein Migrationsthema mehr, sondern hat etwas mit einem kulturellen Hintergrund zu tun. Bei muslimischen Familien gehört beispielsweise zur Grundidee, dass das Kind nach einer Trennung zum Vater gehört. Wir haben mitunter Sachverständige, die türkischstämmig sind, schon lange in Deutschland leben, hier vielleicht sogar geboren sind, hervorragend Deutsch sprechen, ohne Dolmetscher mit den Eltern tiefgehend über Erziehungsfragen sprechen können, dann in ihrer Empfehlung aber auch sehr der beschriebenen Grundhaltung verhaftet sein können. Sie gehen nicht unbedingt ergebnisoffen heran. </em></p>
<p><em>Als ich 2001 Familienrichter wurde, war einer meiner ersten Fälle eine russlanddeutsche Familie, in der drei Jungen, 15, acht und zwei Jahre alt, von ihren Eltern massiv körperlich gezüchtigt wurden, so massiv, dass die drei Jungen nach Bekanntwerden in KiTa und Schule in Obhut genommen werden mussten. Ich habe eine Kindesanhörung gemacht, bin dazu durch den ganzen Kreis Warendorf gefahren, weil die drei Jungen an unterschiedlichen Stellen platziert worden waren. Ich habe jeweils dort die betreuenden Personen und die Jungen angehört. Dabei habe ich erlebt, dass die Jungen das bagatellisierten, sie hielten das für normal. Sie hatten es in der Schule erzählt, aber es war eben so. Man wird halt verprügelt. Ich habe ein Gutachten eingeholt, das auch ausgearbeitet hatte, unter welchen Bedingungen die Kinder in die Familie zurückgehen könnten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Eltern das in der Verhandlung richtig verstanden haben. Das Problem haben wir in islamischen Familien, in osteuropäischen Familien. Es wirkt sich natürlich massiv auf die Arbeit der Familiengerichte aus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Tagesspiegel berichtete Oksana Akmaeva am 9. Februar 2026 über Putins Bemühen, ausgewanderte Russ:innen wieder zurück nach Russland zu locken: <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/freiwillig-in-die-diktatur-putin-wirbt-mit-ruckkehrer-institut-um-russen-im-ausland-15222971.html">„Freiwillig in die Diktatur?“</a>. Einer der nach Russland zurückkehrenden Russen kritisierte, dass die Lehrkräfte der Schule seines Sohnes ihn zu einem Gespräch gebeten hätten, weil sein Sohn sich in der Schule geprügelt habe. Deutsche Schulen wollten nur, dass die Kinder <em>„Spaß“</em> haben. Seine Antwort lautete, der Junge müsse doch lernen sich durchzusetzen, anders ginge das nicht. Nur am Rande: Den deutschen Pass behielt der Mann natürlich zu seiner Sicherheit, als er nach Russland zurückging. Ich kann mir gut vorstellen, was eine bestimmte Partei aus solchen Erzählungen machen könnte, vielleicht sogar schon macht. Aber das ist ein anderes Thema.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Russlanddeutsche leben seit etwa vier Jahrzehnten in Deutschland. Sie leben aber immer noch in einer eigenen russischen Bubble. Sie schauen russisches Fernsehen, haben fast nur russischstämmige Bekannte. Ähnlich ist es bei Tamilen. Wir haben in Warendorf Tamilen, deren Kinder hervorragend Deutsch sprechen, die Schule erfolgreich absolvieren, einer will jetzt Jura studieren, aber die Eltern sprechen nach 30 Jahren nur rudimentär Deutsch. Sie haben fast nur mit anderen tamilischen Familien zu tun. Natürlich ist es wichtig, seine eigene kulturelle Identität mit Grenzübertritt nicht abzugeben. Es wird aber zum Problem, wenn diese Identität verhindert, dass unsere demokratischen – auch für Kinder unverhandelbaren – Grundwerte nicht gesehen und nicht gelebt werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das erfordert in den Aus- und Fortbildungen eine Menge migrationssensibler Inhalte, in beide Richtungen, mit wertschätzenden wie mit problematisierenden Aspekten.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Die Hoffnung, dass Menschen, die ein bestimmtes Lebensalter erreicht haben, Grundüberzeugungen noch grundlegend ändern können, ist in den letzten 30 bis 40 Jahren nicht größer geworden. Es ist auch ein Bildungsthema. Ich sehe schon häufig, dass – auch vor Gericht – nach außen signalisiert wird, wir verstehen, was hier gesagt wird, aber eine echte Einsicht, wenn Dinge verändert werden müssen, eher selten ist. </em></p>
<p><em>Das gilt nicht nur im Kontext migrantischer Familien. Die Streitenden bleiben oft genug eher davon überzeugt, dass eigentlich sie, unabhängig vom Ergebnis des Verfahrens, im Recht sind und daher auch vom Gericht in dieser Auffassung hätten bestätigt werden müssen. Es ist nicht empirisch, was ich jetzt gesagt habe, aber eine deutliche Erfahrung im Schnitt der Fälle. Wir erleben ja oft genug, dass jemand, wenn er sich lange genug etwas einredet, das letztlich dann auch für die einzige Wahrheit hält. Selbstwahrnehmungen werden in einem Verfahren oft bis zum Schluss durchgehalten, auch wenn sie der Realität nicht entsprechen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zeigt dann die Grenzen von Verfahren.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Absolut. Diese Grenzen sehe ich inzwischen auch viel deutlicher als früher. Wir können manchmal auch bei streitigen Entscheidungen durch Vereinbarungen Menschen befrieden, oft auch länger anwährend oder gar dauerhaft. Aber sehr häufig geht der Streit relativ bald wieder los. </em></p>
<p><em>Es ist wichtig, dass es uns gibt. Wir sind der letzte Reparaturbetrieb, kommen immer erst am Ende ins Spiel. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sieht die Gewaltenteilung so vor.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Wir haben in Deutschland im Schnitt eine gut ausgeprägte Justizlandschaft. Auch bei uns gibt es Verfahren, die zu lange dauern. Aber wenn ich in manch andere Länder schaue, funktioniert unsere Justiz im Kern. Sie ächzt aber darunter, dass die Rahmenbedingungen personell und auch in anderen Ressourcen in den letzten 10 bis 20 Jahren nicht besser geworden sind. Vielleicht hilft die elektronische Akte. Wenn sie kommt und die Server-Kapazität funktioniert, wird das eine erhebliche Erleichterung. Ich werde dann keine Papierberge mehr durchschauen müssen, sondern kann viel bequemer suchen, was ich brauche.    </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 24. April 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer, aus der Serie: appropriation.)<em>    </em></p>
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		<title>&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:43:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„The Intent to Destroy a Group as Such” Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung „Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so  [...]</p>
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<h1><strong>„The Intent to Destroy a Group as Such”</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung</strong></h2>
<p><em>„Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so den Schutz des Gesetzes teilweise aberkennen zu können. Darauf folgte die ‚Entmenschlichung‘, bei der man den Mitgliedern der ins Visier genommenen Gruppe die gesetzlichen Rechte ganz entzog. Dieses Zweistufen-Schema wurde überall in Europa angewandt. Der dritte Schritt war, die Nation ‚in einem geistigen und kulturellen Sinn‘ auszulöschen – Lemkin identifizierte Erlasse ab Anfang 1941, die auf die ‚völlige Vernichtung‘ der Juden in ‚allmählichen Schritten‘ hindeuteten.“ </em>(aus: Philipp Sands, Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018, englische Originalausgabe: East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity, London, Weidenfeld &amp; Nicolson, 2016, deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke.)</p>
<p>Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden war nicht Gegenstand der Nürnberger Prozesse. Der Begriff des Genozids wurde von dem Juristen <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451/">Raphael Lemkin</a> (1900-1959) entwickelt. Lemkin gab wesentliche Impulse zur <a href="https://www.voelkermordkonvention.de/">UN-Völkermordskonvention</a>, die am 9. November 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Inzwischen wird der Begriff jedoch nicht nur im Völkerrecht, sondern auch als politischer Kampfbegriff verwendet, wie beispielsweise in letzter Zeit in Bezug auf das Vorgehen Israels in Gaza. Der Begriff spielt auch in Berichten über das Vorgehen in Myanmar gegen die Rohingya, das Vorgehen Russlands in der Ukraine, das Vorgehen der verfeindeten Armeen im Sudan eine Rolle.</p>
<div id="attachment_7928" style="width: 284px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7928" class="wp-image-7928 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg" alt="" width="274" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-200x219.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg 274w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-400x438.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-600x657.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-768x841.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-800x876.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-935x1024.jpg 935w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1200x1314.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1403x1536.jpg 1403w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1871x2048.jpg 1871w" sizes="(max-width: 274px) 100vw, 274px" /><p id="caption-attachment-7928" class="wp-caption-text">Medardus Brehl. Foto: privat.</p></div>
<p>Ob der Begriff zu Recht verwendet wird, ist eine wichtige Frage auch der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der vergleichenden Genozidforschung. Die Ruhr-Universität Bochum beherbergt das einzigartige <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de">Institut für Diaspora- und Genozidforschung</a>, das die <a href="https://www.velbrueck.de/Programm/Philosophie/Zeitschrift-fuer-Genozidforschung-23-Jg-2025-Heft-1.html">Zeitschrift für Genozidforschung</a> herausgibt. Diese erschien zunächst bei Schöningh, inzwischen erscheint sie bei Velbrück in einer Print- und einer digitalen Ausgabe. Die interdisziplinär ausgerichtete Zeitschrift erreicht ein vielfältiges Publikum, Universitätsbibliotheken, Stadt- und Landesbibliotheken, aber auch Bibliotheken des Auswärtigen Amts, des EU-Parlaments und weitere politische Institutionen. Herausgeber:innen sind <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de">Mihran Dabag</a> und <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de">Kristin Platt</a>, verantwortlicher Redakteur ist der Literaturwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/brehl.html.de">Medardus Brehl</a>.</p>
<h3><strong>Diaspora- und Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf den ersten Blick erscheint mir die Kombination von Diaspora- und Genozidforschung etwas ungewöhnlich. Oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung folgt der Idee, dass Genozide Ereignisse sind, die sich schlecht durch Jahreszahlen abgrenzen lassen, sondern eine sich über mehrere Generationen erstreckende Vorgeschichte der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, auch der Fragmentierung von Gesellschaften aufweisen. Genozide sind in der longue durée zu betrachten, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Man kann Genozide nicht isoliert betrachten. Es geht letztlich auch um die Fragen, wie sich soziale Strukturen nach einem Genozid, einem Völkermord verändern, wie soziale Gedächtnisse mit diesen Erfahrungen umgehen. Genozide hinterlassen fundamental veränderte Gesellschaften mit tiefen Einschnitten in die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge der Täter- wie der Opfergesellschaft. </em></p>
<p><em>Diaspora ist nicht nur ein Migrationsthema. Nicht jede Migrationsgesellschaft ist auch eine Diasporagemeinschaft. Die Diasporaforschung befasst sich mit über Generationen spürbaren Nachwirkungen eines Völkermords und von Vertreibung in den Gemeinschaften der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Die Traumaforschung befasst sich auch mit der Frage der transgenerationalen Traumatisierung solcher Gemeinschaften. Dahinter stecken die Erfahrung fundamentaler Verluste, der Gedanke einer Heimat, in die es kein Zurück mehr gibt, der Gedanke eines ewigen Exils und der damit verbundenen spezifischen sozialen Strukturen, Eliten und Institutionen nicht staatlicher Art mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bezugspunkten. Es geht um die spezifischen Erfahrungen von Gemeinschaften nach Vertreibung und Völkermord, um die Transformation von Gemeinschaften, die zwangsmigriert sind, „displaced“ wurden. Beispiele sind die Erfahrungen und die Geschichte der êzîdischen, der armenischen und der jüdischen Diaspora. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit seinem interdisziplinären Ansatz ist das Institut für Diaspora- und Genozidforschung schon etwas Singuläres in Deutschland.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das Institut ist im Jahr 1994 als freie Forschungseinrichtung entstanden. Es ging aus einem Arbeitsschwerpunkt an der Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität hervor. Das Projekt wurde von den beiden späteren Gründer:innen des Instituts durchgeführt, </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de"><em>Mihran Dabag</em></a><em> und </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de"><em>Kristin Platt</em></a><em>. Es war ein Dokumentationsprojekt mit Interviews mit Überlebenden des Völkermords an den Armenier:innen. Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurden 134 lebensgeschichtliche Interviews in einem Umfang von zwei bis 16 Stunden durchgeführt. Daraus ging auch das Buch </em><a href="https://brill.com/display/book/edcoll/9783657784837/B9783657784837-s013.xml"><em>„Verlust und Vermächtnis – Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“</em></a><em> (Paderborn, F. Schöningh, 2015) hervor. Das späte Datum der Veröffentlichung erklärt sich aus dem Umfang und Aufwand des Projekts. </em></p>
<p><em>Ziel der Gründung des Instituts war, das Projekt mit der Perspektive einer grundlegenden Diaspora- und Genozidforschung zu verstetigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland kein solches Forschungsfeld. Es gab noch bis vor Kurzem in Deutschland keinen Lehrstuhl, der sich dezidiert mit Völkermord- oder Diasporaforschung beschäftigte. Diese Themen fielen immer unter „Zeitgeschichte“ oder unter „Neuere und neueste Geschichte“. Das Institut sollte Anregungen aus den seit den 1970er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung entstanden Comparative Genocide Studies aufnehmen und diese mit der deutschen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust verbinden. 1998 wurde das Institut wegen seines Erfolges zu einem An-Institut an der Universität Bochum. Es durfte die Einrichtungen und das Siegel der Universität nutzen, bekam jedoch noch keine Gelder vom Land. 1999 wurde das Institut in die Geschichtswissenschaftliche Fakultät eingegliedert, war damit einem Lehrstuhl gleichgestellt. 2018 /2019 gab es eine sehr erfolgreiche Evaluation. Dadurch erhielt das Institut den Status einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Bochum. Es ist mit zwei Stellen ausgestattet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Institut arbeitet interdisziplinär.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Projektarbeitsgruppen, die wir in den letzten 25 Jahren eingerichtet hatten, waren immer interdisziplinär zusammengesetzt, weil wir uns auch mit den Kontexten beschäftigen. Es greifen verschiedene Dinge ineinander, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Theologie. Wir arbeiten mit Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Auch Aspekte der Wissensgeschichte, der Philosophie spielen eine Rolle. Ein Beispiel: Ein Projekt zu Zukunftsentwürfen und Gewalt in der Literatur der 1920er Jahre klingt zunächst eher literaturwissenschaftlich, war es im Kern auch, aber es haben auch Historiker:innen und Politikwissen- und Sozialwissenschaftler:innen mitgearbeitet, in der Kernarbeitsgruppe wie in erweiterten Arbeitsgruppen. Es geht dabei nicht um eine willkürliche Vermischung, sondern um Synergien. Wenn man aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln auf ein Thema schaut, vermag man gemeinsam auch die jeweiligen blinden Flecken zu beleuchten.</em></p>
<h3><strong>Die Zeitschrift für Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zeitschrift ist das regelmäßige Publikationsorgan des Instituts. Sie erscheint zwei Mal im Jahr.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die erste Ausgabe erschien 1999. Die Zeitschrift entstand mit dem Ziel, ein Ideenforum zu schaffen und die Disziplin der Genozidforschung in der deutschen Forschung bekannt zu machen. Sie war das erste deutschsprachige Periodikum, das sich ausschließlich der Vorgeschichte, den Durchführungsstrukturen und den Folgen von Genoziden gewidmet hat, um den Diskurs in Deutschland bekannt zu machen, zu evaluieren und weiter zu entwickeln. </em></p>
<p><em>Vielleicht ist folgender Hinweis wichtig für Ihre Leser:innen. Jeder in der Zeitschrift veröffentlichte Beitrag wird zuvor anonymisiert und von zwei Gutachter:innen, die nicht voneinander wissen, bewertet. Die Redaktion entscheidet also nicht alleine. Manchmal wird eine Überarbeitung erbeten, etwa ein Drittel der eingereichten Beiträge wird abgelehnt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verfahren und Zahl der Ablehnungen verstehe ich als einen Indikator ebenso für die Qualität der Zeitschrift wie für ihre Attraktivität in der wissenschaftlichen Community. Es gibt in der Zeitschrift auch Schwerpunktthemen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>In der Regel haben wir offene Hefte, die aber oft auch – wie in diesem Fall – ein Schwerpunktthema haben. Es gibt auch reine Themenhefte, die in der Regel von Gastherausgeber:innen gestaltet werden. Das nächste Heft hat das Thema „Praktiken und Semantiken der Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg“. Das Thema mag manchen im Kontext der Genozidforschung verwundern, aber es geht um eliminatorische Gewalt gegen politische Gegner:innen. Es geht um Massaker der Falangisten beziehungsweise Nationalisten an Republikanern, es gab auch Massaker von Republikanern an Nationalisten oder von beiden Seiten Massaker an verdächtig erscheinenden Personen.</em></p>
<p><em>Wir verfolgen das Ziel, Diskurse der internationalen Genozidforschung in die bundesrepublikanische Forschung hineinzutragen und mit den etablierten Paradigmen zu verbinden. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, die Zeitschrift auch international zu etablieren. Es gibt inzwischen englischsprachige Beiträge mit deutschsprachigen Abstracts, deutsche Beiträge haben englische Abstracts. Es gibt auch viele internationale Autor:innen, auch wenn der Kern nach wie vor deutschsprachige Autor:innen sind, so dass sich der Kreis zu den Comparative Genocide Studies schließt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von den amerikanischen Comparative Genocide Studies?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die amerikanischen Comparative Genocide Studies hatten einen weitgehend sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz. Es gab viel Konfliktsoziologie. Dies wollten wir mit der im Kern sehr historisch orientierten deutschen Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust verbinden. Es war nicht so einfach, einen Verlag zu finden. Die Gründer:innen mussten sich mit dem Verdacht auseinandersetzen, mit der Etablierung der Genozidforschung ginge eine Relativierung des Holocaust einher. </em></p>
<h3><strong>Zur Begriffsgeschichte des Genozids </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff des <em>„Genozids“</em> wird heutzutage inflationär verwandt. Daher denke ich, dass wir ihn präzisieren sollten. Ich habe dazu in Ihrer Zeitschrift eine mir sofort einleuchtende Definition gefunden: <em>„Staatlich legitimierte kollektive Gewalt.“</em></p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt. Das unterscheidet einen Genozid auch von einem Pogrom. Es geht beim Genozid um die geplante Vernichtung einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen <em>„Genozid“</em> abgrenzen von <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> (im Englischen <em>„Crimes against humanity“</em>) und von <em>„Kriegsverbrechen“</em>. Diese beiden Punkte waren Gegenstand der Nürnberger Prozesse, der Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden war es nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Den juristischen Begriff von „Genozid“ hat Raphael Lemkin geprägt und damit die UN-Völkermordskonvention mitgeprägt. Hintergrund der Arbeiten von Raphael Lemkin waren zunächst der Völkermord an den Armenier:innen und die </em><a href="https://www.deutscharmenischegesellschaft.de/2021/03/25/doku-zur-ermordung-von-talat-pascha-durch-soghomon-tehlirian/"><em>Erfahrungen des Prozesses 1921 in Berlin gegen Soghomon Tehlerian</em></a><em>, der einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talat Pascha, auf offener Straße ermordet hatte. Soghomon Thelerian wurde freigesprochen. Durch den Prozess wurde Raphael Lemkin, polnischer Jude aus dem damals polnischen Lemberg, auf das Problem aufmerksam, dass Gruppen und die Vernichtung von Gruppen im Völkerrecht nicht vorkommen. Er argumentierte, wir bräuchten auf der Ebene des internationalen Rechts einen entsprechenden Straftatbestand, damit die Täter verfolgt und bestraft werden können. Raphael Lemkin hat sich daher zunächst mit den Begriffen „Barbarei“ für die Vernichtung einer Gruppe und „Vandalismus“ für die Zerstörung ihrer kulturellen Grundlagen auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Raphael Lemkin hat lange an diesem Thema weitergearbeitet, es auf internationalen Völkerrechtssymposien vorgestellt, drang aber nicht durch. Im Jahr 1944 hat er im Auftrag der Alliierten ein Gutachten zur „Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa“ (</em><a href="https://www.legal-tools.org/doc/b989dd/pdf"><em>„Axis Rule in Occupied Europe“</em></a><em>) geschrieben, in dem er zum ersten Mal den Genozidbegriff verwendet. Lemkin fasst den Genozidbegriff – meine Übersetzung – als „einen koordinierten Plan verschiedener Handlungen, der in der Absicht begangen wird, eine nationale Gruppe als solche zu zerstören“. Lemkin sagt, die Gewalt richte sich nicht gegen die Individuen in ihrer Individualität, sondern gegen die Individuen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beziehungsweise der ihnen zugeschriebenen Mitgliedschaft. Die Nazis fassten ihren Begriff, wer Jude sei, erheblich weiter als das Judentum selbst. Jude waren auch diejenigen, die oder deren Vorfahren irgendwann einmal zum Christentum konvertiert waren, Juden oder Jüdinnen waren im Unterschied zur Halacha auch all diejenigen, deren Väter keine Juden waren. Es reichte schon, unter den Großeltern jemanden zu haben, der als Jude oder Jüdin galt. Man stritt sich sogar unter Nazi-Juristen, wie weit die Definition reichen sollte.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das war bei Raphael Lemkin noch kein Thema.</em> <em>Die UN-Völkermordskonvention kam dann aber auch aufgrund der Tatsache zustande, dass bei den Nürnberger Prozessen die Shoah nicht Gegenstand der Verhandlungen war. Es gab den Tatbestand nicht, somit konnte er auch nicht verhandelt werden. Daher kam man auf die Idee, einen entsprechenden Tatbestand im internationalen Strafrecht zu verankern. So entstand die Konvention im Jahr 1948.</em></p>
<p><em>Die meisten wissen nicht, was die Konvention als Völkermord bezeichnet. Viele denken, der Katalog der Maßnahmen sei die eigentliche Definition. Die Definition lautet jedoch: „the intent to destroy a group as such”, „die Absicht, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist eine typisch juristische Definition. Man braucht ein objektives und ein subjektives Straftatbestandsmerkmal. Das subjektive ist „intent“, es muss jemand sein, der das will, das objektive, dass es eine Gruppe sein muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die juristische Seite ist eine Seite der Medaille, die historische und sozialwissenschaftliche eine andere. Natürlich bleibt es dieselbe Medaille.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicherlich die Absicht von staatlichen Akteuren oder quasi-staatlichen Akteuren – wie beispielsweise bei der Hamas oder dem Islamischen Staat –, die über Machtressourcen, einen Apparat der Mobilisierung und Medien der Stigmatisierung verfügen. Das gehört dazu, um eine Politik des Genozids als eine solche zu beschreiben und zu definieren. </em></p>
<h3><strong>Kann man Genozide miteinander vergleichen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer Genozide miteinander vergleicht, setzt sich dem Vorwurf aus zu relativieren. Vermutet wird der Aufbau von Opferkonkurrenzen oder Hierarchien. Das ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/umstrittene-erinnerung/">ein sehr kritisches und in den letzten Jahren im Kontext der Post-Colonial Studies kontrovers diskutiertes Thema insbesondere in der Erinnerungskultur</a>, zuletzt virulent angesichts der Streitigkeiten um das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Erinnerungskultur. Dem aktuellen Beauftragten wurde Ignoranz der deutschen Kolonialgeschichte vorgeworfen, seiner Vorgängerin Relativierung der Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Relationen zu benennen bedeutet nicht etwas zu relativieren. Man fragt oft nach der Singularität der Shoah. Singularität erweist sich jedoch erst in Abgrenzung von anderen Ereignissen. Jedes Ereignis ist für sich erst einmal singulär. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Überschneidungen oder miteinander vergleichbare Strukturcharakteristika gibt. Mihran Dabag hat einmal gesagt, wir betreiben keine Fallvergleiche, sondern Strukturvergleiche. Wie verlaufen Prozesse der Segregation, welche Parallelen und welche Unterschiede lassen sich feststellen, die uns dann möglicherweise erst in die Lage zu versetzen, auch Tendenzen in gegenwärtigen Gesellschaften zu erkennen und zu beschreiben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> schreibt regelmäßig in Ihrer Zeitschrift. Sie veröffentlicht regelmäßig sehr anregende Beiträge zur vergleichenden Genozidforschung. Ich habe ein ausführliches Interview mit ihr veröffentlicht, Titel: „<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires“</a>, in dem sie Parallelen zwischen der Struktur und der Aufarbeitung des Tutsizids in Ruanda und der Shoah beschreibt. Sie hat beispielsweise eine ganze Reihe französischsprachiger Literatur mit Berichten von Überlebenden des Tutsizids analysiert, die ähnlich argumentieren wie in der deutschsprachigen Literatur zur Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Vergleich macht grundsätzlich Sinn, vor allem aber dann, wenn man in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten und Differenzen von Strukturcharakteristika von Gewaltpolitiken sichtbar machen kann. Im Vergleich zeigt sich erst das Besondere der einzelnen genozidalen Akte. Es gibt Parallelen in der Shoah wie im Völkermord an den Armenier:innen oder beim Tutsizid in der Extegration innerhalb einer Gesellschaft im Vorlauf der eigentlichen genozidalen Handlungen und Maßnahmen. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass die Feststellung ähnlicher Charakteristika eine Form der Relativierung wäre. Ein Vergleich trägt dazu bei, genozidale Prozesse überhaupt zu verstehen. Im Verlauf wie in der Erinnerung. </em></p>
<h3><strong>Resonanzräume der Erinnerung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je nachdem, wie man sich erinnern möchte, wird der Begriff des „Genozids“ beliebig. Das ließe sich jedoch verhindern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Idee der „Multidirektionalen Erinnerung“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers </em><a href="https://michaelrothberg.weebly.com/index.html"><em>Michael Rothberg</em></a><em> (die englische Ausgabe erschien bereits 2009, die deutsche erst 2024) wurde auch oft kritisiert. Aber man muss bedenken, dass die Anerkennung von Gewalt oft funktioniert, indem man sich auf ein anerkanntes Ereignis bezieht. Anne Peiter hat herausgearbeitet, wie sich Werke zur Erinnerung an den Tutsizid auf Werke der Erinnerung an die Shoah beziehen. Das ist auch Thema des Buches „Verlust und Vermächtnis“ von Kristin Platt und Mihran Dabag zum Völkermord an den Armenier:innen. Die Shoah ist ein Referenzpunkt, ebenso wie der Völkermord an den Tutsi oder der Völkermord an den Armenier:innen, um die eigene Erfahrung einzufangen und eine Sprache zu finden, die verstanden wird. Natürlich ist der Modus, in Ost- oder in Südafrika über die Erfahrungen des Genozids zu sprechen, nicht auf andere Erfahrungen anderswo übertragbar. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund finde ich die Idee der „commemoration“ als wissenschaftliches Konzept interessant. Wenn das Ergebnis eines Vergleiches wäre, alles ist gleich, war der Vergleich verkehrt. Der Vergleich muss einen Mehrwert ergeben, mit Blick auf das Verglichene und letzten Endes auf die einzelnen Dinge, die in ein komparatives Verhältnis gestellt werden. Ein Vergleich muss Unterschiede und Besonderheiten sichtbar machen. Genau dies geschieht in Erzählungen von Überlebenden, auch in der Literarisierung in der zweiten und dritten Generation. Wenn beispielsweise Nachfahren der Überlebenden des Genozids an den Armenier:innen in den 1950er Jahren sich auf die Shoah beziehen, wird dies ein Resonanzraum, auch umgekehrt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen solchen Resonanzraum finden wir auch bei der Erinnerung beziehungsweise dem Traumatransfer in einer Gruppe. Benjamin Netanjahu bezog sich am 7. Oktober 2023 auf ein Pogrom des Jahres 1903 im russischen Kischinew (heute: Chișinău, Moldau) und das Gedicht von Chaim Nachman Bialik „In der Stadt des Tötens“. Darauf wies die Psychotherapeutin und Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen im Nachwort zur deutschen Neuauflage mehrerer Texte des Autors hin (in: Chaim Nachman Bialik, <a href="https://www.beck-shop.de/bialik-wildwuchs/product/37479584">Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien</a>, München, C.H. Beck, 2025). Genozide, Massaker, Pogrome tragen zur Identitätsbildung bei. Zumindest bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> In der deutschen Erinnerungskultur spielt der Holocaust, die Shoah nicht die tragende Rolle, die Auschwitz spielt. Auschwitz ist eine zentrale Chiffre für die Identitätsbildung in der alten Bundesrepublik Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese These vertritt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (Berlin, Suhrkamp, 2017) für ganz Europa.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Ich sage es etwas polemisch: Die Bundesrepublik Deutschland hatte zwei Gründungserzählungen, das positive war die Währungsreform, das negative Auschwitz. Auschwitz spielt die Rolle der negativen Folie der eigenen Identität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Joschka Fischer begründete die Beteiligung Deutschlands am NATO-Einsatz im Jugoslawien-Krieg mit der Verpflichtung nach Auschwitz.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Damit ist man am Ende auf der Ebene der Politisierung des Begriffs „Genozid“. Das ist kein Argument gegen die Richtigkeit einer Maßnahme, aber es zeigt, dass der Begriff inzwischen auch ein Begriff im politischen Kampf geworden ist, als maximale Skandalisierungschiffre. Sobald ich etwas als „Holocaust“ bezeichne, steigere ich diese Skandalisierung noch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Begriff „Holocaust“ verwenden zum Beispiel radikale Tierschützer:innen und Abtreibungsgegner:innen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das ist höchst gefährlich, weil der Begriff damit ausgehöhlt wird. Man höhlt ihn aus als Instrument des internationalen Rechts zum Schutz der Existenz und Sicherheit von Gruppen. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ oder „Genozid“ führt auch dazu, dass irgendwie alles zu „Holocaust“ und „Genozid“ wird. Das macht keinen Unterschied mehr. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, vorschnell auf die Frage zu antworten, ob etwas ein Völkermord sei. Man muss sich die Dinge erst einmal sehr genau anschauen. Man muss alle Seiten hören und in ihrer Sprache kommunizieren. Die meisten, die heute über Israel oder Gaza sprechen, verstehen weder Hebräisch noch Arabisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele wussten bis vor Kurzem nicht, dass Ukrainisch eine eigene, sich vom Russischen unterscheidende Sprache ist. Umso wichtiger ist ein interdisziplinärer und – das möchte ich ergänzen, auch wenn es ein Wortspiel sein mag – disziplinierter Umgang mit Begriffen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Begriff des Genozids ist selbst schützenswert, das Konzept als solches, sodass man es nicht inflationär entwerten darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann vergleichende Genozidforschung zur Prävention beitragen, vielleicht im Sinne eines Frühwarnsystems?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es ist immer sehr vollmundig zu sagen, Genozidforschung wolle dazu beitragen, Genozidprävention zu betreiben. Wenn man sieht, dass Gesellschaften von starken segregativen Diskursen bestimmt sind, von Diskursen der Ausgrenzung, der Dehumanisierung, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass am Ende eine Massenvernichtung stattfindet, aber es sind zumindest Indikatoren, die man in irgendeiner Form extrapolieren kann.</em></p>
<h3><strong>Entscheidend sind die Täter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben Genozid als <em>„staatlich legitimierte kollektive Gewalt und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt</em>“ definiert.</p>
<p>Ich möchte diese Definition zunächst auf Gaza anwenden. Das bedeutet meines Erachtens, dass das, was die Hamas in ihrer Charta aufgeschrieben und was der Iran plant und mit der bis 2040 laufenden Uhr auf dem Palästina-Platz in Teheran dokumentiert, den Tatbestand des Völkermords erfüllt, das, was die israelische Regierung beziehungsweise die israelischen Verteidigungskräfte machen, nicht, sehr wohl aber das, was Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich äußern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Das ist eine hervorragende Differenzierung, die viel zu selten gemacht wird. Die Hamas erklärt in ihrem Statut, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels ist. Das ist eine ganz klar erklärte genozidale Absicht. Das gilt auch für die Islamische Republik Iran. Auf der anderen Seite: Eine Vernichtung der Palästinenser ist nicht israelische Staatsdoktrin. Es gibt jedoch Mitglieder der israelischen Regierung, die ganz klar eine genozidale Absicht äußern. </em></p>
<p><em>Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt, den auch viele vergessen. Der Staat Israel kann gar nicht für einen Völkermord verantwortlich sein. Strafrechtlich verfolgt werden können nur Individuen. Man kann Benjamin Netanjahu anklagen, aber nicht den Staat Israel, man konnte Slobodan Milošević anklagen, nicht aber den damaligen Staat Jugoslawien. Man kann auch keine Parteien anklagen, nur Individuen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht im Großen und Ganzen dem deutschen Strafrecht. Angesichts der RAF hat man allerdings eine kollektive Verantwortung ins Strafrecht eingefügt, weil man damals nicht wusste, wer auf wen geschossen hat. Auch heute noch schweigen die Mitglieder der RAF.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das wäre die Brücke über die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die auch bei der Mitgliedschaft in der NSDAP oder in SS und SA herangezogen werden konnte. Es ist in diesem Kontext interessant, dass in der gesamten Debatte um Gaza die genozidale Absicht der Hamas fast überhaupt nicht thematisiert, sondern als antikoloniale Selbstermächtigung verharmlost wird. Diese Differenzierung ist wichtig. Bei der Bewertung all dessen, was in Gaza geschehen ist und geschieht, sind viele, die eine pauschale Palästinasolidarität postulieren, sehr blind. Auf beiden Augen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Blindheit verschärft sich, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für das Vorgehen des Staates Israel in Gaza in Mitverantwortung genommen werden, ungeachtet der Frage, ob sie israelische Staatsbürger:innen sind und ebenso ungeachtet der Frage, wie sie selbst zu Netanjahu und seinen rechtsextremen Koalitionspartnern stehen.</p>
<p>Ein anderer Fall, an dem wir die von uns unterstützte Definition des Genozids anwenden könnten, wäre das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Ich denke, dass es die Kriterien eines Völkermords erfüllt. Putin behauptet zwar, er habe auf einen Völkermord an Russen im Donbass reagiert, doch lässt sich kein Beleg finden, dass die ukrainische Regierung dies in irgendeiner Weise beabsichtigt. Auf der anderen Seite verlangt Putin die Auslöschung der ukrainischen Nation, der ukrainischen Kultur, der Sprache, zwangsassimiliert Menschen in den besetzten Gebieten, nach Russland entführte Kinder, die dort zur Adoption freigegeben werden. In seinen Reden oder noch schärfer in Reden Dmitri Medwedews. Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ dokumentierten in ihrer Ausgabe vom Juni 2024 einen Beitrag von Medwedew mit dem Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a>, in dem er <em>„die Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“ </em>forderte. Ich sehe hier neben der Täter-Opfer-Umkehr eine eindeutig genozidale Absicht. Es soll nach Ende der sogenannten <em>„Spezialoperation“</em> keine Ukraine und keine Ukrainer:innen mehr geben.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bleiben wir erst einmal bei den Kriegshandlungen. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen. Nicht jedes Massaker ist ein Völkermord. Man darf auch nicht glauben, ein Massaker wäre schlimmer, wenn man es als „Völkermord“ etikettieren könnte. Begrenzte Massaker haben dieselbe Qualität. </em></p>
<p><em>Die Behauptung der Nicht-Existenz eines ukrainischen Volkes könnte man als Indiz für eine genozidale Absicht nehmen. Man hat mit Sicherheit einen genozidalen Diskurs. Das sehe ich auch in Bezug auf einige Mitglieder der israelischen Regierung, die behaupten, es gäbe kein palästinensisches Volk. Darüber sprachen wir.</em></p>
<p><em>Ein interessanter Fall ist Srebenica. Es geht um die Ermordung von etwa 8.000 Männern, die Frauen und Kinder wurden deportiert. Man könnte fragen, wie dies ein Völkermord sein könnte. Man muss letzten Endes sehen, dass Gewaltmaßnahmen jenseits von ihrer manifesten Praxis eine erhebliche kommunikative Funktion haben. Diese hatte das Massaker der Hamas auf jeden Fall. Deshalb haben die Täter das auch so ausführlich dokumentiert und gestreamt. Es war eine Botschaft der Vernichtung. Genauso war das Massaker in Srebenica eine Botschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> habe ich unter anderem die Ausstellung der Nova-Foundation beschrieben, die Originalvideos, -telefonate und -orte des Massakers in ergreifender Weise dokumentierte. Darunter war auch das Video mit der ermordeten nackten Shani Louk auf einem Pick-Up und um sie herumsitzenden Hamas-Terroristen, die Allah lobten. In einem anderen Video hörte man Hamas-Terroristen rufen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen, weil sie so viele Juden getötet hätten.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass Srebenica einen genozidalen Charakter hatte, ungeachtet der scheinbar begrenzten Gewalt, die es aber darauf anlegt, entgrenzt zu werden. Das ist die Semantik dieser Tat. Auch die Absicht, „intent“ wird damit explizit ausgesprochen, dass es die Absicht sei, dass dies allen passiert. Das war am 7. Oktober genauso. </em></p>
<h3><strong>Die Debatten um die Anerkennung eines Völkermords am Beispiel Armenien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der ersten Ausgabe Ihrer Zeitschrift für das Jahr 2026 geht es unter anderem um Armenien. Thema sind auch die deutsche Mitschuld und die nach wie vor fehlende Anerkennung des Völkermords durch den türkischen Staat. Es gab von der Türkei heftig kritisierte Parlamentsbeschlüsse, <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf">in Deutschland am 2. Juni 2016</a>, <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/11/ta/ta0611.asp">in Frankreich schon am 18. Januar 2001</a>, die das Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannten. Ich wage aber auch die These, dass der Zeitpunkt zumindest des deutschen Beschlusses durchaus etwas damit zu tun hatte, dass man Erdoğan – vorsichtig gesprochen – Grenzen setzen wollte. Aber vielleicht wollte man auf diese Weise auch nur die eigene Mitschuld vergessen lassen. Das mag auch für die späte Anerkennung des Holodomor in der Ukraine und in Kasachstan <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf">am 30. November 2022 durch den Deutschen Bundestag</a> gelten. Ohne die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen und die Ukraine wäre in Deutschland weiterhin im Sinne von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation“</a> geblieben (München, C.H. Beck, 2025). Über Kasachstan redet man zurzeit nach wie vor nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bei Ihnen schwang ein wenig mit, dass die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen politisch instrumentalisiert wurde. Ich sehe das ehrlich gesagt nicht so. Man muss meines Erachtens zwei Dinge beachten. Einmal: Warum leugnet die Türkei diesen Völkermord heute noch so vehement? Die Türkei wurde 1923 gegründet, bis dahin bestand das Osmanische Reich fort. Es gab die Istanbuler Prozesse, die von Osmanen geführt wurden, in denen eine Reihe der Akteure verurteilt worden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Somit gab es damals eine Anerkennung der Schuld.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Darüber gab es im Osmanischen Reich einen großen Diskurs. Die Jungtürken-Bewegung, die seit 1913 allein den osmanischen Staat steuerte und den Völkermord plante und durchführte, galt als die größte Schande für die muslimischen Osmanen. Das wurde in Zeitungen diskutiert. Die Hauptverantwortlichen, das Triumvirat von Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Talat Pascha flüchtete mit deutscher Hilfe nach Berlin, Enver Pascha flüchtete über Berlin nach Turkmenistan, Cemal Pascha nach Georgien. Das Deutsche Reich half ihnen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dies geschah in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, maßgeblich gesteuert von Hans von Seekt, der dann 1920 bis 1926 die Heeresleitung der Reichswehr innehatte.</em></p>
<p><em>Mit dem sogenannten türkischen Befreiungskrieg durch Kemal Atatürk veränderte sich die Situation. Man versuchte, die Geschichte hinter sich zu lassen. Seit 1923 wird versucht, ein nationalpolitisches Identitätsnarrativ zu etablieren, aus eigener Kraft hätten es die Türken geschafft, den altmodischen imperialen osmanischen Staat hinter sich zu lassen und einen modernen türkischen Staat zu gründen. Die ethnische Homogenisierung Anatoliens sei sozusagen die Grundbedingung dafür gewesen, den türkischen Nationalstaat zu schaffen. Dieses Narrativ gilt bis heute. In eine solche   „Erfolgsgeschichte der Türkei“ lässt sich der Völkermord an den Armenier:innen, an der assyrisch-armenischen, an der pontischen Bevölkerung im Schwarzmeergebiet, an der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reich also schlecht erzählen. Das passte nicht hinein. Seit 1938, Jahr des Massakers in Dersim, dann nach 1945 hat die Türkei sich sehr empfindlich gezeigt und immer heftig reagiert, wenn jemand den Völkermord an den Armenier:innen thematisiert hat.  </em></p>
<p><em>Mihran Dabag hat 1984 in Bonn die erste Konferenz zu diesem Völkermord durchgeführt. Es gab extreme Interventionen der Türkei, massive Morddrohungen nationalistischer Organisationen in der Türkei gegen Organisator:innen und Referent:innen. Die Konferenz fand unter dem Schutz des Bundesgrenzschutzes statt, mit einem über dem Tagungsgebäude kreisenden Hubschrauber. Als wir dann 2005 eine Handreichung für die Schulen im Land Brandenburg vorbereiteten, in der unter anderem der Völkermord an den Armenier:innen thematisiert werden sollte, hat die türkische Botschaft interveniert. Das Land Brandenburg knickte ein und wir mussten eine gekürzte Handreichung veröffentlichen.</em></p>
<p><em>Ich sehe zwei Gründe, warum die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen in Deutschland so lange gedauert hat. Das eine ist die Sorge der Relativierung der Shoah durch die Anerkennung eines weiteren Völkermords. Das war auch von Ernst Nolte im Historikerstreit so beabsichtigt. Er wollte die Shoah in der Tat relativieren, indem er Vorbilder benannte. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass die Türkei ein wichtiger Bündnispartner in der NATO ist. Die Türkei hatte auch einen immer größeren türkischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auch eine große Wählergruppe bildet. </em></p>
<p><em>Ich bin seit 2001 an der Universität Bochum. Bei den jungen türkischstämmigen Studierenden ändert sich inzwischen etwas. Sie sind interessiert, gehen zunehmend kritisch mit der Geschichte in der Türkei um. Die Anerkennung im Deutschen Bundestag hat somit etwas bewirkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist spekulativ, aber ich kann mir vorstellen, dass auch der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5XuABgQIVNs">Film „The Cut“ von Fatih Akin</a> (2014) eine Rolle für diese Entwicklung gespielt hat.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Auf jeden Fall.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin erlebte ich bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur etwa auch um die Mitte der 2010er Jahre einmal, dass der Leiter einer türkischen Schule sagte, er habe in Deutschland gelernt, dass man sich mit einem Bekenntnis zu den Verbrechen der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung nicht beschmutze, sondern ehrlich mache. Diese Auffassung haben sicherlich nicht alle Eltern seiner Schüler:innen geteilt.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Sie kennen den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_301_(t%C3%BCrkisches_Strafgesetzbuch)#Geschichte_und_Wortlaut"><em>Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs: „Beleidigung des Türkentums“</em></a><em>. Es gibt in türkischen Schulbüchern bis heute Aufforderungen an Schüler:innen, in Aufsätzen die Gräuel der armenischen Bevölkerung gegen Türken zu beschreiben. Man muss schon davon ausgehen, dass solche Geschichtsbilder in der türkischen Community eine Rolle spielen. Das ist ja auch nicht verwunderlich.</em></p>
<p><em>Aber es hat sich auch im Verhalten etwas verändert. Vor zehn Jahren gab es bei Vorträgen, die wir zum Thema hielten, noch organisierte Störer, die im Saal verteilt mit vorbereiteten Fragen eingriffen. Das gibt es nicht mehr.</em></p>
<h3><strong>Verschleppte Anerkennung am Beispiel Namibia </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland versuchen nach wie vor viele interessierte Menschen den deutschen Völkermord an den Ovoherero und Nama kleinzureden. Im aktuell vorliegenden Konzept des Beauftragten für Kultur und Medien kommt die Kolonialgeschichte nicht mehr vor. Sie soll in einem späteren Konzept gesondert thematisiert werden. Christiane Bürger und Sahra Rausch veröffentlichten 2025 im Augsburger MaroVerlag das von Tuaovisiua Betty Katuuo kongenial illustrierte MaroHeft. <a href="https://www.maroverlag.de/marohefte/279-der-prozess-9783875126297.html">„Der Prozess – Wie der deutsche Völkermord an den Herero und Nama nicht vor Gericht kam“</a>. Der Streit um Entschädigungen zwischen Deutschland und Namibia ist endlos. Das einzige Museum zum diesem Völkermord betreibt in Swakopmund (Namibia) Laidlaw Peringanda auf zwölf Quadratmetern. Joshua Beer berichtete am 15. Januar 2026 in der Süddeutschen Zeitung über die Konflikte um dieses Museum: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/namibia-swakopmund-kolonialismus-genozid-museum-e824362/">„Das Genozidmuseum im deutschen Idyll von Afrika“</a>. Das ist die eine Seite, die andere bilden Versuche, jede Beschäftigung mit diesem Völkermord als Relativierung der Shoah oder gar als Antisemitismus zu brandmarken. In Swakopmund kommt auch gelegentlich jemand von der AfD vorbei und legt Blumen am Grab eines Verantwortlichen für den Völkermord nieder. In Deutschland gibt es wie in Frankreich oder in Großbritannien auch Positionen, in denen die Kolonialpolitik als Zivilisationsprojekt gelabelt wird.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Leider hat die Zunft der Historiker:innen bis in die 1980er Jahre hinein genau dies propagiert. Der Kolonialismus habe Zivilisation und Technologie in die Welt getragen und dann gab es eben ein paar Kollateralschäden. Ich habe selbst viel zum Völkermord in Südwestafrika gearbeitet. Wenn man sich Lexika anschaut, die nach 1945 bis weit in die 1960er und 1970er Jahre hinein den Völkermord gar nicht erwähnten. Da hieß es dann, dass die Herero im Aufstand von 1904 ihre Stammesstruktur verloren hätten. Da ist die Schuld schon klar benannt: Dumm gelaufen, ließe sich sagen. Es ist erst sehr spät erforscht worden, dass dort eine systematische Ermordungsstrategie gefahren worden ist. </em></p>
<p><em>Ich denke, man muss die Akteure – es ist hier ein richtiges Maskulinum, denn es waren fast alles Männer – des Kolonialismus benennen und auch Straßennamen entehren. Es gibt natürlich auch Aktivist:innen, die keinen Kant mehr lesen wollen, weil bei ihm rassistische Textstellen zu finden sind. Dann wird es schwierig, denn wir müssten letztlich die gesamte Diskursgeschichte bis in die 1990er Jahre abschaffen oder überall Triggerwarnungen anbringen. Wenn von mir verlangt wird, bei einem Seminar zu genozidaler Gewalt eine Triggerwarnung anzubringen, dass es hier um Gewalt geht, geht mir das zu weit. Es gibt ein paar Leute, die das gerne so hätten. Von einer Kollegin in Paderborn weiß ich, dass es dort so üblich ist, aber ehrlich gesagt weiß ich doch bei einer Seminarankündigung zum Thema Genozid oder zum Lagersystem des Nationalsozialismus, dass es da um Gewalt geht. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 25. Februar 2026, Titelbild: NoRei<em>.</em>)</p>
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		<title>Game&#8217;s not over</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Mar 2026 06:41:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Game’s not over Drei Handbücher zum Gaming in Bildung, Kultur und Wissenschaft „Wenn der Mensch als spielendes Wesen über den Zugang zu Spielen sich die Herausforderungen dieser Welt mit den künstlichen Herausforderungen im Spiel erschließen und vielleicht auch beantworten kann, stellt sich die Frage, warum sich bis heute nicht eine Universalwissenschaft wie die Spielwissenschaft  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Game’s not over</strong></h1>
<h2><strong>Drei Handbücher zum Gaming in Bildung, Kultur und Wissenschaft</strong></h2>
<p><em>„Wenn der Mensch als spielendes Wesen über den Zugang zu Spielen sich die Herausforderungen dieser Welt mit den künstlichen Herausforderungen im Spiel erschließen und vielleicht auch beantworten kann, stellt sich die Frage, warum sich bis heute nicht eine Universalwissenschaft wie die Spielwissenschaft als eigenständige Disziplin gegründet hat, die ein so wesentliches Kulturgut wie das Spiel erforscht, beschreibt, erklärt und damit einen Überblick über zahlreiche Handlungsoptionen eröffnet.“ </em>(Jens Junge, Spielen, in: Olaf Zimmermann, Felix Falk, Hg., Handbuch Gameskultur 2.0, Berlin, Deutscher Kulturrat, 2025)</p>
<p>Es gibt noch keine eigenen Lehrstühle und Forschungsprogramme, aber immerhin gibt es Pläne. Jens Junge berichtet, dass im Juni 2025 <em>„Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Einzelwissenschaften“</em> die <a href="https://www.spielwissenschaft.de/">Deutsche Gesellschaft für Spielwissenschaft</a> gegründet haben. Eine solche Gründung war längst überfällig und es ist zu hoffen, dass Politiker:innen, Journalist:innen und Pädagog:innen die Gesellschaft als kompetenten Gesprächspartner und Impulsgeber erkennen.</p>
<p>Die Debatten in Politik und Medien rund um digitale Spiele, um das Gaming, konzentrieren sich in der Regel zunächst auf die Gefahren, die den Nutzer:innen drohen: die Gefahr, eine Sucht zu entwickeln, sowie die Gefahr zunehmender Gewaltbereitschaft. Dieser Aspekt ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Extremist:innen nutzen systematisch Soziale Medien und digitale Spiele, um Anhänger:innen zu rekrutieren und sie Schritt für Schritt in ihren Einflussbereich zu ziehen. Das mag zu Beginn alles recht harmlos aussehen, die Nutzer:innen fühlen sich akzeptiert, verstanden, ernstgenommen, aber mit der Zeit entsteht eine Bindung, der sie nicht mehr so leicht entkommen. Valide Zahlen, wie viele dies betrifft, gibt es nicht, doch scheint allein die Möglichkeit zu reichen, um digitale Spiele und Soziale Medien vor allem als Gefahr zu sehen. Sogenannte Influencer:innen üben Macht aus, gleichviel, ob sie für Kosmetika und Life-Style-Produkte werben und damit eine Menge Geld verdienen oder für ob sie neue Anhänger:innen für ihr extremistisches Gedankengut gewinnen.</p>
<h3><strong>Reale und virtuelle Welten</strong></h3>
<p>Die Erfolgsstrategie auf dem Weg zu Einflussnahme und Abhängigkeit funktioniert über Belohnungssysteme. Bei den Sozialen Medien sorgt der von den Betreibern der Plattformen programmierte Algorithmus dafür, dass Nutzer:innen ständig in ihren Vorlieben, in ihrer Auswahl bestätigt werden. Ähnlich ist es beim Gaming: Erfolgs- und Glücksgefühle werden ausgelöst, wenn man das nächste Level erreicht, Punkte und Gegenstände findet, die den Erfolg optimieren lassen. Selbst ein Scheitern bedeutet noch kein Ende des Spiels, denn man kann jederzeit wieder neu einsteigen und sich ständig verbessern. Die Struktur digitaler Spiele kann durchaus einem Glücksspiel ähneln. <a href="https://www.dasrehaportal.de/erkrankungen/gluecksspielsucht">Glücksspielsucht wurde inzwischen sogar als Krankheit anerkannt</a>.</p>
<p>Es ist gut, wenn Politiker:innen die Gefahren des Gamings und der Sozialen Medien ernstnehmen. Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass sie mit den von ihnen beschlossenen Maßnahmen gegen Sucht und Gewalt Handlungsfähigkeit nur simulieren. Die aktuelle Debatte um Altersbegrenzungen bei der Nutzung Sozialer Medien ist ein klassisches Beispiel für den Verlauf der Debatte: Es wäre doch so einfach, Kinder und Jugendliche zu schützen, indem man ihnen einfach die Nutzung sozialer Medien oder gleich der dafür erforderlichen Geräte verböte! Dann kämen sie nicht mehr auf dumme Gedanken, Sucht und Gewalt hätten ein Ende! Eine solche pauschale Verteufelung, solch pauschale Verbote sind jedoch der falsche Weg.</p>
<p>Die aktuelle Verbotsdebatte über Handys in der Schule sowie über Altersgrenzen bei der Nutzung Sozialer Medien ist kein spezifisch deutsches Problem, sondern ein internationales: Am 2. März 2026 haben 419 Wissenschaftler:innen aus 30 Ländern (Stand 9. März 2026: 438 aus 32 Ländern) sich <a href="https://csa-scientist-open-letter.org/ageverif-Feb2026">in einem offenen Brief gegen jede Verbotspolitik und pauschale Altersbegrenzungen</a> ausgesprochen. Der offene Brief wurde unter anderem <a href="https://netzpolitik.org/2026/forschende-schlagen-alarm-staaten-sollen-social-media-verbote-stoppen/">über die deutsche Plattform Netzpolitik verbreitet</a>. Altersbegrenzungen seien leicht zu umgehen, aber was geschieht, wenn Politiker:innen merkten, dass sie nicht kontrollieren könnten, was sie kontrollieren sollten? <em>„More generally, the centralization of decision-making, as imposed by age assurance-related regulations, is contrary to the end-to-end principle, core to the Internet design. This principle states that application decisions, in particular those security-oriented, should reside on the endpoints. Age assurance, by design, imposes access control rules on those endpoints, threatening the decentralization of the Internet and jeopardizing the creation of sovereign technology.”</em></p>
<p>Die Alternative für die Begrenzung der Gefahren Sozialer Medien wäre eine grundlegende Regulierung der Plattformen, doch den einen ist dies wegen möglicher Zensurvorwürfe (zum Beispiel JD Vance 2025 auf der Münchner Sicherheitskonferenz) oder die Wirtschaft schädigender Gegenmaßnahmen (zum Beispiel Trumps Zölle) zu heikel, anderen erscheint dies ohnehin als aussichtloses Unterfangen. Da verlässt man sich doch lieber auf Verbote. Aber mit der Zeit schwindet die Wirkung der ersten Verbote und neue Verbote müssen beschlossen werden. Es gibt Staaten, die ganze Plattformen, unzählige Seiten oder gleich das gesamte Internet innerhalb ihrer Grenzen abschalten. Das tut eine Demokratie nun jedoch nicht. Oder?</p>
<p>Games sind zurzeit nur mittelbar Gegenstand der Debatte um Altersgrenzen bei der Nutzung Sozialer Medien. Es sind in der Regel dieselben Endgeräte, über die gespielt und kommuniziert wird. Games werden jedoch immer wieder einmal für einen (statistisch nicht nachweisbaren, aber gefühlten) Anstieg von Gewalt verantwortlich gemacht, jeweils aktuell, wenn ein Terrorist sein Verbrechen in der Art eines Egoshooters inszeniert und auch noch selbst filmt. Dies tat zum Beispiel der Attentäter vom 9. Oktober 2019 auf die Synagoge in Halle und der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigte an, man wolle sich die Gaming-Szene genauer anschauen. Ganz pauschal wurde mit dieser Bemerkung die gesamte Szene der Gamer:innen, Creator, Producer und Nutzer:innen gleichermaßen, für einen terroristischen Anschlag in Kollektivhaftung genommen. Nur am Rande: Die Hamas verfuhr am 7. Oktober 2023 genauso wie der Attentäter von Halle. Ihre selbstgedrehten Videos waren auf der Ausstellung der Nova-Foundation im Herbst 2025 zu sehen (eine kurze Beschreibung finden Sie in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a>).</p>
<p>Die Gefahr, spielend Schritt für Schritt die reale Welt mit der virtuellen zu verwechseln, möglicherweise in eine Welt einzutauchen, in der Gewalt regiert und die dann – in einer Art höherem Level – zur eigentlichen realen Welt werden könnte, wird in hohem Maße durch die aufdringliche Ästhetik des Bildschirms verstärkt. The screen catches all. Games sind in gewisser Weise Filme oder Serien, bei denen die Spielenden die Rolle der Regie übernehmen, manchmal sogar glauben möchten, sie schrieben das Drehbuch. Die Nutzer:innen haben in einem Game eine aktive Rolle, die sie als Follower von Influencer:innen über die Sozialen Medien nicht haben.</p>
<p>Doch was war zuerst? Sorgt ein Spiel für einen Anstieg von Gewalt? Oder erfüllt es lediglich die Erwartungshaltung der Nutzer:innen? Diese Fragen stellten sich bereits Sozial- und Filmwissenschaftler:innen in einer Zeit, als die heutigen digitalen Endgeräte allenfalls ein Thema der Science Fiction waren. Wolf Lepenies schrieb in einer Analyse der Italo-Western von Sergio Corbucci: <em>„Über den Film vergißt der Zuschauer das Medium“</em> (in seinem Aufsatz „Der Italo-Western – Ästhetik und Gewalt, in: Karsten Witte, Hg., Theorie des Kinos, Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1972). Diese These schließt an Analysen von Siegfried Kracauer in „Von Caligari zu Hitler“ (1947) an. Publikumsgeschmack und Filmproduktion bedingen einander geradezu dialektisch gegenseitig: <em>„Gewiß, amerikanische Kinobesucher kriegen vorgesetzt, was Hollywood will, daß sie wollen; auf lange Sicht aber bestimmen die Bedürfnisse des Publikums die Natur der Hollywood-Filme.“</em> (zitiert nach der Übersetzung von Ruth Baumgarten und Karsten Witte, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1979) Es sind letztlich die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gewalt bedingen, wohl auch die Interessen derjenigen, die gewaltaffine Produkte verkaufen. Aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage kann eine Spirale der Gewalt entstehen. Die nachgefragten Filme oder Spiele werden mit der Zeit möglicherweise immer brutaler.</p>
<p>Letztlich werden alle, auch die aktuelle Debatte zur Künstlichen Intelligenz, vor allem von Ängsten bestimmt. Tina Klüwer hat in ihrem Buch „Zukunft Made in Germany (Hamburg, Rowohlt, 2025) diese Ängste als Innovationshemmnis identifiziert. Sie impliziert damit keine Verharmlosung Künstlicher Intelligenz, schon gar nicht menschenfeindlicher <em>„Games“</em> oder unregulierter Hass und Desinformation verbreitender <em>„Social Media“</em>, im Gegenteil: Nur wenn wir uns auf Produktions- und Rezeptionsbedingungen einer (neuen) Technologie einlassen und versuchen, diese zu analysieren und zu verstehen, haben wir eine Chance, technologische Innovationen im Sinne liberalen Demokratie zu gestalten. Sonst gestalten andere.</p>
<h3><strong>Medienkompetenz und ihre Grenzen</strong></h3>
<p>Als Gegenmittel wird neben Verboten in der Politik und in manchen Medien immer wieder Medienkompetenz gefordert. Das ist auch nicht falsch, aber Medienkompetenz ersetzt Regulierungsmaßnahmen nicht, könnte jedoch dazu beitragen, dass die Nutzer:innen, die <em>„User“,</em> die Produktions- und Rezeptionsbedingungen verstehen.</p>
<p>Es wäre sicherlich gut, wenn Pädagog:innen und Journalist:innen, letztlich auch Politiker:innen eine solche Medienkompetenz erwürben, sodass der Sache angemessene Regulierungsmaßnahmen möglich würden, in einer Schule ebenso wie in einem Staat oder gar einem Staatenbündnis wie der Europäischen Union. Es lohnt sich daher, die Frage der Chancen und Grenzen von Medienkompetenz am Beispiel digitaler Spiele zu vertiefen. Dazu sind im Jahr 2025 mehrere Analysen und Handbücher erschienen, von denen drei hier etwas ausführlicher vorgestellt werden sollen:</p>
<ul>
<li>Das „Handbuch Gameskultur 2.0“, herausgegeben von Olaf Zimmermann und Felix Fall (Berlin, Deutscher Kulturrat, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, 2026).</li>
</ul>
<ul>
<li>Das „Handbuch Gaming &amp; Rechtsextremismus“, herausgegeben von Aurelia Brandenburg, Linda Schlegel und Felix Zimmermann (Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 2025).</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Tagungsdokumentation „Science MashUp: Games und schulische Bildung – Leipziger Beiträge zur Computerspielkultur“, herausgegeben von Gabriele Hooffacker, Benjamin Bigl, Sebastian Stoppe und Florian Kiefer (Wiesbaden, Springer VS, 2025).</li>
</ul>
<p>Der an dritter Stelle genannte Band ist vor allem deshalb besonders zu empfehlen, weil er die Dilemmata einer Schul- und Gesellschaftspolitik thematisiert, die die Verbannung moderner Medien, von Smartphones, sozialen Netzwerken und digitalen Spielen aus der Schule betreibt, obwohl sie inzwischen einfach ein ständiger Teil der Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen und somit letztlich auch ein wesentlicher Faktor informeller Bildungsprozesse geworden sind. Bildung ist eben nicht nur das, was formelle Bildungseinrichtungen wie die Schule als Bildung anbieten. (Ergänzend zu empfehlen ist im Hinblick auf Einstellungen von Journalist:innen die Lektüre des von Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe herausgegebenen Sammelbandes „Game-Journalismus“ (Wiesbaden, Springer VS, 2023). Im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> wurde dieses Buch bereits im Januar 2024 ausführlich vorgestellt (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-spiele/">„Die Macht der Spiele“</a>), auch mit Hinweisen auf einige blinde Flecken in der Forschung.)</p>
<p>Alle drei Handbücher formulieren Bedarfe und Möglichkeiten in Kultur, Bildung, Wissenschaft und Forschung, die noch zu entdecken sind. Bevor ich die drei Handbücher jedoch im Einzelnen vorstelle, erlaube ich mir eine Art Triggerwarnung. Marina Weisband hat in einem Gespräch im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> über <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">„Die Macht der Aufmerksamkeit“</a> (Januar 2026) die Grenzen von Medienkompetenz benannt. Medienkompetenz allein reicht nicht aus: „<em>Diese Verbotsdebatten haben mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun. Wir haben gesehen, dass die Nutzung von Social Media tatsächlich die psychische Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Mit der politischen Debatte hat das aber nichts zu tun. Für diese müssen wir regulieren, was auf Social Media erlaubt ist, wie mit KI-generierten Inhalten umzugehen ist, wie schnell Falschinformationen und Hassbotschaften gelöscht werden müssen. / Solange wir aber Jugendliche aus Innenstädten vertreiben, weil sie nicht genug Geld haben, um sich dort in ein Café zu setzen, und dort einfach nur rumhängen, was aber auch nicht gern gesehen wird. Solange Bänke abgebaut, Jugendzentren geschlossen werden, große Wohnungen für Familien nicht erschwinglich sind, sodass Jugendliche sich auch zu Hause nicht mit Freund:innen treffen können, können wir ihnen nicht den einzigen Raum wegnehmen, in dem sie überhaupt soziale Kontakte haben können.“ </em></p>
<p>Mit dieser Warnung steht Marina Weisband nicht allein. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats stellte im <a href="https://politikkultur.de/inland/verbote">Editorial der Zeitschrift Politik &amp; Kultur vom März 2026</a> eine meines Erachtens entscheidende Frage: <em>„Können wir wirklich einfach die wichtigsten Kontaktbörsen für Kinder und Jugendliche abstellen oder stark einschränken, ohne neue Schäden in Kauf zu nehmen? Wir Alten können ohne sie leben, können die Jungen das auch?“</em> Ob <em>„wir Alten“</em> wirklich gute Vorbilder sind, will ich hier nicht näher diskutieren. So oder so sollte vermieden werden, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.</p>
<p>So ist es auch mit digitalen Spielen. Wenn diejenigen, die Kindern und Jugendlichen die Nutzung der sozialen Medien, ihres Smartphones oder digitaler Spiele verbieten wollen und ihnen mit treuem Augenaufschlag empfehlen, sie könnten jetzt doch wieder in Ruhe spielen, vergessen sie die Frage, die wir uns aber leider stellen müssen: Wo denn und mit wem?</p>
<p>Eigentlich sollten Erwachsene das Problem kennen. Robert D. Putnam hatte bereits im Jahr 2000 <a href="http://bowlingalone.com/">„Bowling Alone“</a> (New York, Simon &amp; Schuster) veröffentlicht. Auch in Deutschland boomt inzwischen die Einsamkeitsforschung. Das Bundesfamilienministerium und die Wohlfahrtsverbände haben das <a href="https://kompetenznetz-einsamkeit.de/">Kompetenznetz Einsamkeit</a> gegründet. Zwei Expertisen befassen sich explizit mit der <a href="https://kompetenznetz-einsamkeit.de/publikationen/kne-expertisen">Einsamkeit von Kindern und Jugendlichen</a>, allerdings bisher leider nur im Hinblick auf Verhalten, Leistungen und Unterstützung in der Schule.</p>
<h3><strong>Kulturgut Gaming und die Politik</strong></h3>
<div id="attachment_7896" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kulturrat.de/publikationen/handbuch-gameskultur-2-0-2/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7896" class="wp-image-7896 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-225x300.png" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-200x267.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-225x300.png 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-400x533.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-600x800.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-768x1024.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-800x1067.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0.png 1068w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-7896" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Deutschen Kulturrats über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Handbuch Gameskultur 2.0 des Deutschen Kulturrats erscheint in einer erweiterten zweiten Auflage. 54 Autor:innen bieten in 46 Beiträgen einen Überblick über die Grundlagen (acht Texte), Kunst und Kultur (neun Texte), Vermittlung (acht Texte), Gemeinschaft (sieben Texte), Debatten (neun Texte) und Wirtschaft (fünf Texte). Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Glossar sowie einen Game-Index A bis Z, durchgehend Kurzbeschreibungen zahlreicher Spiele, mit sehr präzisen Informationen über Genese und Jahreszahlen sowie über Demo- und Cosplay-Szenen.</p>
<p>Die Vielfalt der Beiträge lässt sich in einer Buchbesprechung nur anreißen, ein Grund mehr, den Leser:innen vorzuschlagen, <a href="https://www.kulturrat.de/publikationen/handbuch-gameskultur-2-0-2/">sich das Buch für die eigene Handbibliothek anzuschaffen</a>. Schon im Vorwort formulieren die Herausgeber optimistisch: <em>„Viele verloren durch die kulturwissenschaftliche Einbettung von Games als Kulturelle Ausdrucksform ihre Vorurteile“</em>. Im ersten Beitrag beschreibt Jens Junge die Geschichte des Spielens als „<em>Kulturgut“</em>, sozusagen als anthropologische Konstante in der Erschließung von Welt und Umwelt, nicht zuletzt in Bezug auf den Klassiker „Homo Ludens“ von Johan Huizinga (1938). Der PC sorgte für eine Popularisierung und Demokratisierung des Zugangs.</p>
<p>Games sind inzwischen nicht nur eine feste Größe im deutschen Kulturbetrieb, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. <a href="https://www.game.de/">„game“</a>, der Verband der deutschen Games-Branche ist seit 2008 Mitglied des Deutschen Kulturrates. Er zählt über 500 Unternehmen als Mitglieder. 2024 hat die Games-Banche in Deutschland 9,4 Milliarden EUR erwirtschaftet. In ihrem Beitrag über „Ausbildung &amp; Arbeitsmarkt“ nennen Michael Hebel und Clara Janning weitere Zahlen, unter anderem dass in Deutschland die Games-Branche im Jahr 2024 12.134 Publisher und Entwickler beschäftigt habe, allerdings im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich weniger als in Kanada, wo 34.010 Personen in diesen Berufen arbeiteten. Angrenzende Berufe wie Journalist:innen, Wissenschaftler:innen oder Referent:innen in Bildung und Politik wurden in dieser Statistik nicht eingerechnet. Auf jeden Fall gilt: Deutschland hat – vorsichtig formuliert – <em>„noch viel Entwicklungspotenzial“</em>.</p>
<p>Zahlen sagen nichts über die Inhalte der in der Branche produzierten und vertriebenen Spiele aus. Felix Zimmermann schreibt in seinem Beitrag zur <em>„Demokratie“</em>: <em>„Während demokratiefeindliche Akteure schon seit mindestens 10 Jahren und immer intensiver politische Kommunikation zur Aushöhlung demokratischer Werte in und um Games betreiben, haben es die verschiedenen Akteure, denen am Fortbestand einer liberalen demokratischen Ordnung gelegen ist, vielfach versäumt, eine demokratische Kultur in und mit Games aufzubauen.“ </em>Da ist er wieder, der Generalverdacht gegen digitale Spiele! Felix Zimmermann sieht daher eine staatliche Aufgabe darin, Spiele zu unterstützen, die die Demokratie fördern, beispielsweise über die Kulturförderung.</p>
<p>Die Kulturpolitik hat jedoch <em>„Games“</em> lange ignoriert (ein ähnliches Schicksal haben eSports in der Sportpolitik). Olaf Zimmermann erinnert in seinem Beitrag zur <em>„Kulturpolitik“</em> daran, dass 2007 der damalige nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Große Brockhoff (CDU) Zimmermanns Rücktritt als Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates gefordert habe, weil er in einer Presseerklärung Kunstfreiheit auch für Computerspiele eingefordert habe. Inzwischen hat sich dies geändert. Nathanael Liminski (CDU), Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei und als Staatssekretär unter anderem für Medien zuständig, habe die Perspektive formuliert, <em>„dass Videospiele noch viel stärker zur Aufklärung über demokratiefeindliche Narrative beitragen können.“</em></p>
<p>Auch über Jugendschutz müsse differenzierter diskutiert werden, es helfe – so Martin Lorber in seinem Beitrag zu diesem Aspekt – nicht weiter, mit pauschalen Begriffen wie <em>„Killerspiele“</em> zu arbeiten. Man spreche ja auch nicht von <em>„Killerfilmen“ </em>oder<em> „Killerbüchern“</em>. Die scheinbare Parallele zwischen Terrorangriffen und Spielen, wie sie die Attentäter von Christchurch oder Halle (und die Hamas) suggerierten, sei kein Argument gegen bestimmte Spiele, sondern eine Aufforderung an Psychologie und Sozialwissenschaften, die Hintergründe der <em>„Gamification“</em> – dazu Felix Raczkowski – genauer zu analysieren. Dazu gehören auch rezeptionsästhetische Studien. Jörg von Brincken vergleicht in seinem Beitrag <em>„Gewalt“</em> die Position des Spielenden mit dem Zuschauer im Theater: <em>„Der römische Dichter Lukrez hat dafür in seinem Weltgedicht ‚De rerum natura‘ (ca. 1. Jhd. V. Chr.) eine sehr pointierte Metapher geschaffen: Vom sicheren Land aus beobachtet der körperlich unbeteiligte und in diesem Sinne sichere Betrachter den Untergang eines Schiffes in stürmischer See.“</em> In Spielen verändert sich diese Lage, insbesondere eben in digitalen Spielen aufgrund der realistischen Ästhetik und Interaktivität, die die Computerspielenden ergreift, <em>„weil es im Moment des Spielens eine ganz eigene Wucht entfaltet, die Spieler gerade nicht unberührt zurücklässt.“</em></p>
<p>Die Offenheit der Politik, die Nathanel Liminsky formulierte, könnte zum Anlass genommen werden, in Zukunft sogenannte <em>„Serious Games“ </em>mehr als bisher staatlich zu fördern. Celina Cremer und Sabiha Ghellal nennen unter anderem das <a href="https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/kunst-kultur/digitale-wege-ins-museum/">Förderprogramm „Digitale Wege ins Museum II“</a> des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums, in dem beispielsweise das Spiel <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/footer-menu/presse/detailansicht/neue-spielapp-natureworld-das-game-im-naturkundemuseum-stuttgart-fuer-kinder-ab-10-jahren">„NatureWorld“</a> für Kinder ab 10 Jahren entstand. <em>„Serious Games“</em> tragen inzwischen auch zu einer zeitgemäßen Vermittlung von Erinnerungskultur bei. In <a href="https://paintbucket.de/de/game/the-darkest-files">„The Darkest Files“</a> muss Staatsanwältin Esther Katz, Mitglied im Team von Fritz Bauer, NS-Verbrechen aufklären. Endgegner ist die deutsche Bevölkerung, die vergessen will. Mit dem Thema der Förderung der Erinnerungskultur durch digitale Spiele befassen sich ausführlich Eugen Pfister, Felix Zimmermann und Christian Huberts.</p>
<h3><strong>Rechtsextremismus und Popkultur</strong></h3>
<div id="attachment_7897" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7897" class="wp-image-7897 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-400x596.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming.jpg 466w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /></a><p id="caption-attachment-7897" class="wp-caption-text">Weitere Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wer einen Gegner besiegen will, muss ihn kennen. Das von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte <a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/">„Handbuch Gaming &amp; Rechtsextremismus“</a> enthält 33 Texte von 40 Autor:innen in fünf Teilen: „Voraussetzung“ (sieben Texte), „Einstellungen“ (sechs Texte), „Prozesse“ (neun Texte), „Auswege“ (sechs Texte) und Projektvorstellungen“ (elf Texte). Insbesondere im fünften Teil werden einzelne zivilgesellschaftliche Netzwerke und Initiativen ausführlich vorgestellt. Die in den Beiträgen genannten Beispiele umfassen nicht nur digitale Spiele, sondern auch Filme und Serien. Das Buch enthält ein ausführliches Glossar. In allen Beiträgen gibt es immer wieder Verweise auf andere Beiträge des Buches, sodass man sich von jedem einzelnen Beitrag durch das gesamte Buch Schritt für Schritt vorarbeiten kann.</p>
<p>Im Einstieg stellen die drei Herausgeber:innen die provokative Frage: <em>„Eine neue Killerspieldebatte?“</em> Dies betrifft zugleich die Attraktivität von digitalen Spielen für Terroristen, die nach dem Prinzip des Egoshooters handelten und sich bei ihren Verbrechen filmten, aber auch die oben bereits erwähnte hilflose Reaktion des damaligen Bundesinnenministers Horst Seehofer nach Halle. Eine ähnliche Debatte hatte es im Übrigen schon in den 1990er Jahren gegeben, unter anderem anlässlich des School-Shootings an der Colombine High-School im Jahr 1999 (Verschärfungen der Waffengesetze sind nicht nur in den USA, auch in Deutschland schwer durchsetzbar, beim Verbot der Nutzung sozialer Medien und Handys ist der Widerstand bei weitem nicht so hoch). Die drei Autor:innen mahnen zu Ergebnisoffenheit ungeachtet der in der Forschung anerkannten These, <em>„dass Games soziale Einstellungen und Meinungen beeinflussen können.“</em> Das gelte jedoch in beide Richtungen. Ziel des Buches sei es, nicht in Kausalitäten zu denken, sondern Phänomen und Hintergründe aufzudecken. So gebe es keine einheitliche Games-Kultur, sondern nur Games-Kulturen, ähnlich wie es nur Feminismen gebe und nicht nur den einen Feminismus.</p>
<p>Ein wichtiger Bezugspunkt ist die bei transcript erschienene Analyse von Simon Strick <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/">„Rechte Gefühle“</a> (2021), die im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wohlige-waerme/">„Wohlige Wärme“</a> (Oktober 2021) vorgestellt wurde. In diesem Kontext plädieren die Herausgeber:innen für einen <em>„weiten“</em> Games-Kultur-Begriff, ebenso wie für einen <em>„weiten“</em> Rechtsextremismus-Begriff. Joanna Nowotny, exzellente Kennerin der Comic-Szene, deren Entwicklungen pro- wie anti-DEI (Diversity, Equity, Inclusion) sie im von ihr gemeinsam mit Lukas Etter und Thomas Nehrlich herausgegebenen <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3869-1/reader-superhelden/">„Reader Superhelden“</a> (Bielefeld, transcript, 2018) sowie in zwei Gesprächen im Demokratischen Salon vorstellte (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/super-helden/">„Super! Helden!“</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragil-ist-das-neue-super/">„Fragil ist das neue Super!“</a>), befasst sich mit dem Thema <em>„Rechte Meme-Kultur“</em>. Sie konstatiert, dass schon sehr genaue Kenntnisse erforderlich seien, um sich gegen die Strategien der Producer der Memes zu wehren: <em>„Memetische Kriegsführung besteht in der gezielten Störung von Kommunikation durch das Fluten der digitalen Kanäle mit Inhalten, die für Außenstehende oft unverständlich sind. Da jedes neue Meme eine Umdeutung des vorhandenen Materials beinhalten kann, entstehen Widersprüche und das Ursprungsmaterial, auf das Memes sich beziehen, wird vielfach radikal umgedeutet. (…) Ob das Gedankengut ernsthaft vertreten oder ironisch zitiert wird, ist dabei weder für die Betrachtenden noch für die Produzierenden zwingend klar.“</em> Letztlich muss man sich bei der Konfrontation mit Games, die Memes verwenden, nicht nur in der Spielebranche, sondern auch in der Gedankenwelt der Neuen Rechten beziehungsweise der Alt-Right-Bewegung auskennen.</p>
<p>Ein wichtiger Gegenstand der Analyse sind daher <em>„digitale Subkulturen“</em>. Mick Prinz befasst sich in seinem Beitrag mit <em>„GamerGate“</em>, schon im Jahr 2014 <em>„ein antifeministischer Testballon“</em> mit Bezügen zur Alt-Right-Bewegung. Elon Musk lobte 2024 <em>„GamerGate“</em> als Alternative zur Woke-Bewegung. GamerGate-Erzählungen finden sich auch in der Jungen Alternative (beziehungsweise ihrer Nachfolgeorganisation Generation Deutschland, in der Namensgebung durchaus als Gegenpol zur Letzten Generation verstehbar). Aurelia Brandenburg beschreibt <em>„Geschichtspolitische Kämpfe“</em>: Digitale Spiele hätten <em>„lange als reines Männermedium“</em> gegolten, <em>„in dem Frauen primär als Objekt der Begierde heterosexueller Männer Platz hatten“</em>. Der Anti-Feminismus ist hier – wie es auch die <a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie">Leipziger Autoritarismusstudie</a> schon mehrfach feststellte – eine Art <em>„Brückenideologie“</em>. <em>„Von Rechts wird hier in der Regel der Anspruch formuliert, eine historische Wahrheit zu kennen und zu spiegeln“</em>. Dies spiegele sich auch in der Vernetzung der mit der rechten Szene verbundenen Studios, Creators und Producers.</p>
<p>In mehreren Beiträgen werden verschiedene Aspekte gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit jeweils mit konkreten Beispielen beschrieben: Ableismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit (<em>„Digitaler Orientalismus“</em>)<em>,</em> Militarismus, Rassismus. Edmond Y. Chang schreibt in seinem Beitrag <em>„Rassismus &amp; weiße Fankulturen“</em>: <em>„Sowohl Fans als auch Faschist/-innen ist es ein Anliegen, eine Geschichte, einen (medialen) Text oder eine Person zu romantisieren und zu glorifizieren. Beide Gruppen schützen und bewachen energisch und lautstark vor vermeintlichen Eingriffen oder Kritiken von außen und beide halten zu sehr an traditionellen Erzählungen Genres, Konventionen und Geschichten fest, um die Einheit und Ideale ihrer Gruppe zu schützen.“ </em></p>
<p>Antike-, Mittelalter-, Fantasy-Figuren, Star Wars und Herr der Ringe bieten genügend Anschlussmöglichkeiten zu den Lebenswelten und Träumen der Spielenden. So schwer ist es zum Beispiel nicht, Frodo als Helden zur Verteidigung einer kleinbürgerlich geerdeten White Supremacy zu verstehen. Man muss sich nur Alltagsgewohnheiten und Kleidung der Hobbits im Gegensatz zum Outfit und Make-Up der Truppen Saurons, der Orks und der Uruk-Hai in den Verfilmungen von Peter Jackson anschauen. Und wer sich schon auf diese Art und Weise mit neurechtem Gedankengut angefreundet hat, ohne dies zu merken, landet irgendwann vielleicht bei Weltkriegsspielen oder Spielen, in denen der Holocaust nachgespielt werden kann. Das ist kein Automatismus, darf aber bei einer Analyse der Bedingungen für die Verknüpfung realer und fiktiv-digitaler Welten nicht außer Acht gelassen werden. Claudia Wallner gibt einen Überblick über solche Radikalisierungsphänomene. Wer sich gegen Radikalisierungen engagiere, dürfe daher nicht das Gaming als <em>„Ursache für Radikalisierung“</em> betrachte, sondern müsse die Akteure kennen, die <em>„von der popkulturellen Anziehungskraft von Videospielen (…) profitieren“</em>.</p>
<p>Popkulturelle Vereinfachungen gibt es auch im Hinblick auf die Wahrnehmung politischer Prozesse. Wulf Loh thematisiert dies in <em>„Digitale Spiele und ihr Verhältnis zu Politik und Demokratie“</em>. Politik wird in Serien wie Game of Thrones, House of Cards, ebenso in vergleichbaren Spielen oder Spin-Offs solch populärer Serien, als höchstskandalöse und intrigrante Angelegenheit dargestellt, sodass sie<em> „über ihre jeweilige Darstellung politischer Zusammenhänge und Prozesse das medial vermittelte öffentliche Lernen von Politikvorstellungen in zunehmendem Maße mitprägen“</em>. Möglicherweise gerät man hier an Grenzen der rechtlichen Grundlagen des <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/juschg/BJNR273000002.html">Jugendschutzes</a> und des <a href="https://www.dsc.bund.de/DSC/DE/2DSA/start.html">Digital Services Act</a> (DSA) Elisabeth Secker und Lorenzo von Petersdorff fragen nach deren Reichweite: <em>„Hierzu gehört z.B. die Frage, wann ein Online-Spiel als ‚Online-Plattform“ im Sinne des DSA gilt.“ </em>Die Grenzen sind fließend, juristische Einschränkungen (Stichwort: Altersgrenzen, Verbote) werden das Problem nicht lösen.</p>
<p>Aber es gäbe andere Möglichkeiten, nicht zuletzt über eine (auch) staatliche Förderung von zivilgesellschaftlichen Initiativen aus der Gamerszene. Edmond Y Chang: <em>„Gamer könnten es besser machen. Games könnten es besser machen. Fandoms könnten es besser machen. Der erste Schritt ist die Anerkennung und das Eingeständnis des Problems, gefolgt von Fragen und der Suche nach Antworten und Strategien, um die oben beschriebenen Probleme anzugehen.“ </em>Wie das gelingen könnte, könnte man methodisch von GamerGate und Alt-Right lernen. Der vierte und der fünfte Teil des Handbuches zeigen, wie der Gaming-Bereich für die liberale Demokratie und gegen Menschenfeindlichkeit genutzt werden könnte. Die elf Projektvorstellungen im fünften Teil reichen vom <a href="https://extremismandgaming.org/">Extremism and Gaming Research Network</a> (EGRN) über <a href="https://keinenpixel.de/">Keinen Pixel dem Faschismus!</a> und <a href="https://www.stiftung-digitale-spielekultur.de/project/lets-remember/">Let’s Remember! Erinnerungskultur mit Games vor Ort</a> bis hin zum Forschungsnetzwerk <a href="https://www.radigame.de/">RadiGaMe</a> (= „Radikalisierung auf Gaming-Plattformen und Messenger-Diensten). Die von Felix Zimmermann in seinem das Handbuch einleitenden Beitrag gestellte Frage, warum Gaming ein Thema für die (Bundeszentrale für) politische Bildung sei, beantwortet sich fast schon von selbst. Im Grunde sind Kenntnisse der Produktions- und Rezeptionsbedingungen des Gaming in all ihren Facetten eine Querschnittsaufgabe jeder Bildung.</p>
<h3><strong>Gaming in der Schule</strong></h3>
<div id="attachment_7898" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48506-1"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7898" class="wp-image-7898 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-400x567.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-600x851.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-722x1024.jpg 722w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-768x1089.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-800x1135.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung.jpg 827w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7898" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Sammelband <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48506-1">Science MashUp: Games und schulische Bildung – Leipziger Beiträge zur Computerspielkultur</a> wurde von den Herausgeber:innen nicht als Handbuch deklariert, doch kann er durchaus als solches verwendet werden. Der Band dokumentiert Vorträge und Debatten einer Tagung aus dem Jahr 2024 an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig. Die Teilnehmer:innen der Tagung – so schreiben die Herausgeber:innen im Vorwort – plädierten für Offenheit statt Verbote und schließen sich damit den Forderungen der <a href="https://www.gmk-net.de/">Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur</a> (GMK) an.</p>
<p>15 Autor:innen befassen sich in zwölf Beiträgen mit dem Thema. In den ersten vier Beiträgen werden Standpunkte zur Nutzung von Games im Unterricht sowie zur Forderung nach einem eigenen Fach Medienkompetenz diskutiert, in den folgenden vier Beiträgen wird gute Praxis aus dem Philosophie-, Geschichts-, Physik- und Deutschunterricht vorgestellt, im dritten Teil befassen sich vier Beiträge mit digitaler Bildungskultur, unter anderem mit Lernrechnern, Gamedesign und der Grundsatzfrage des Einsatzes von Games im Unterricht. In der abschließenden zusammenfassenden Podiumsdiskussion werden auch Themen angesprochen, die in den Beiträgen nicht im Detail behandelt werden konnten, beispielsweise Jugendschutz, Elternperspektiven, ein Medienbildungsführerschein für Lehrkräfte, nicht zuletzt die Perspektive der Kinder und Jugendlichen und die Frage der für Bildung und Forschung erforderlichen Ressourcen.</p>
<p>Das Buch überzeugt, weil es eine Debatte über das Verhältnis von Schule und Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen aufgreift, die bei den meisten Debatten um eine zukunftsfähige Schule ignoriert wird. Vor allem die beiden ersten Beiträge von Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe bieten bei allen Unterschieden ein in der Zielrichtung eindeutiges Plädoyer für die Verankerung moderner Medien in der Schule, einschließlich digitaler Spiele. Es geht um das Wie, nicht um das Ob. Diese beiden Texte lassen sich als Grundsatzartikel lesen, die von den Texten der weiteren Autor:innen unterfüttert und konkretisiert werden. Man kann das Buch jedoch auch lesen, indem man mit den konkreten Beispielen verschiedener <em>„Serious Games“</em> beginnt und sich dann in die Debatte der Texte von Benjamin Bigl und Sebastian Schoppe einschaltet. Auf jeden Fall überzeugen die konkreten Beispiele, nicht nur im Hinblick auf die Bedeutung von Medien und neuen Technologien, sondern auch im Hinblick auf ihre ethische Dimension, die Menschenwürde, Menschenrechte und demokratische Lösungen komplexer Probleme umfasst.</p>
<p>Benjamin Bigl plädiert für ein Schulfach zum Themenbereich Medien und Kommunikation, möglicherweise auch als <em>„Querschnittsfach“</em> oder <em>„verpflichtender Blocktermin“</em>. Er knüpft an das in Thüringen seit 2024/2025 eingeführte <a href="https://www.schulportal-thueringen.de/mint_unterricht/medienbildung_und_informatik">Fach „Medienbildung und Information“</a> an, das er von dem aus seiner Sicht halbherzigen Strategiepapier <a href="https://www.bildungsland2030.sachsen.de/">„Bildungsland Sachsen 2030“</a> abgrenzt. Auch in der heutigen Bildungspolitik fänden sich noch Abwehrhaltungen, wie sie in dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schul- und Schutzschriften“ aus dem Jahr 1926 verankert waren. Die heutige Schulpolitik sei gespalten: <em>„Einerseits dominiert die Angst vor Medien, andererseits hält man es aber nicht für notwendig, Lehrkräfte für den souveränen Umgang mit Medien fit zu machen und sie zu befähigen, dieses Wissen in der Schule einzusetzen.“ </em>Für ein Schulfach sprächen soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte, insbesondere die Zukunft Künstlicher Intelligenz, das Spannungsfeld von Datenschutz und Privatsphäre, der Wandel der Arbeitswelt, letztlich Chancengleichheit für alle Schüler:innen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Wer sich dem verweigere, verfalle einer Art „<em>Realitätsverweigerung“.</em> Smartphones gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen und dieser Alltag gehört daher auch als Gegenstand in die Schule. Digitale Souveränität ist nicht erreichbar, wenn sich Schule auf die herkömmlichen Kulturtechniken beschränkt und Handys und Games verbannt.</p>
<p>Sebastian Stoppe plädiert nachdrücklich gegen jedes Verbot. <em>„Denn eine Verbannung der digitalen Geräte aus der Schule zementiert eine Filterblase, die mit der Lebenswirklichkeit nicht übereinzubringen ist: Smartphones gehören mittlerweile nun einmal im Leben der Schüler:innen dazu. Sie in der Schule mittels Verbot aus dem Leben ‚auszublenden‘, hieße auch die Probleme zu ignorieren, welche die digitale Welt mit sich bringt.“</em> Schüler:innen lernten in der Regel alles, was sie eigentlich über Medien wissen sollten, <em>„informell“</em>, über Trial and Error im Selbstversuch, über Freund:innen, aus den Medien selbst. Eine Möglichkeit, die Beschäftigung mit Medien in das formelle Bildungsangebot der Schule zu integrieren, böte das in Sachsen-Anhalt vorhandene <a href="https://www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/wpkmmsek.pdf">Kursangebot im Wahlpflichtbereich</a>. Sicherlich bestehe die Gefahr, dass ein solches Fach zum Nischenfach wird, aber letztlich sei Medienbildung eine Aufgabe aller Fächer: <em>„Nur wenn sich digitale Medienkompetenz in allen Fächern etabliert und eine Selbstverständlichkeit wird, werden Lehrkräfte wie Schüler:innen diese neue Kultur der Digitalität auch sinnvoll und nachhaltig leben können.“ </em>Auf jeden Fall müssten formelles und informelles Lernen miteinander verbunden werden. Wer in der Schule die informell erworbenen und erwerbbaren Kenntnisse und Fertigkeiten der Schüler:innen außer Acht lässt, ignoriert im Grunde alles, was Schüler:innen im Alltag tun.</p>
<p>Stephan Köhler propagiert zugespitzt<em>: „Schule muss (mehr) Spiel wagen!“</em> Nicht nur rezeptiv, auch produktiv: Ziel müsse es sein, dass Schüler:innen <em>„durch die Einführung in ‚Gamedesign‘ auch in die Lage versetzt werden, solche Systeme (mit) zu gestalten.“</em> Das Spiel sei gleichermaßen Medium und Gegenstand von Bildungsprozessen. Am Beispiel von <a href="https://www.ubisoft.com/de-de/game/assassins-creed/unity">„Assassin’s Creed: Unity“</a>, einem Spiel unter anderem mit dem Setting der Französischen Revolution, beschreibt Johanna Daher, wie digitale Spiele, Games, im Unterricht eingesetzt werden könnten. Solche Spiele hätten den Vorteil, dass Schüler:innen <em>„aktiv in das Geschehen eingreifen“</em> und ihre Eingriffe reflektieren könnten. Das Setting mag auf den ersten Blick wegen seines Gewaltanteils erschrecken, doch gerade dies mag Anlass genug sein, sich in Bildungsprozesse mit dem auseinanderzusetzen, was Schüler:innen außerhalb der Schule ohnehin kennenlernen. Hierzu empfiehlt Johanna Daher zu diesem Spiel vorhandene <a href="https://bit.ly/KostenloseGamesABs">kostenlos verfügbare Arbeitsblätter</a>. Weitere Beispiele bieten die Autor:innen der Fachbeispiele im zweiten Teil. Darunter befinden sich auch Spiele zur Reflexion der philosophischen und ethischen Dilemmata (Roberto Zeugner, Games becoming philosophical) am Beispiel von <a href="https://blog.quanticdream.com/detroit-become-human-receives-amnesty-international-special-award/">„Detroit: Become Human“</a>, zur Migration am Beispiel der Auswanderung von Luxemburg in die USA (Alina Menten, <a href="https://colognegamelab.de/the-migrants-chronicles-research-project-brings-migration-history-to-life/">The Migrant’s Chronicles: 1892</a>), zur spielerischen Entdeckung der Quantenphysik (Carsten Labert und Katja Lesser, Quantenphysik spielerisch entdecken) mit einem Spiel rund um Schrödingers Katze sowie zum Deutschunterricht (Noreen Sell, Digitale Spiele im (Deutsch-)Unterricht).</p>
<p>Noreen Sell bietet einen Vorschlag für Kriterien von in den Schulen nutzbarer Spiele, der nicht nur im Deutschunterricht zur Anwendung kommen könnte: <em>„Digitale Spiele, die einen starken narrativen Anteil besitzen und linear aufgebaut sind, eignen sich beispielsweise für Aufgaben, die sich an der Literaturwissenschaft orientieren, besonders gut.“</em> Sie nennt als Beispiele <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bLnTciXdaJA">„Harveys neue Augen“</a> und <a href="https://deponia-the-complete-journey.de.softonic.com/">„Deponia“</a>, ein Spiel, in dem Umwelthemen eine wichtige Rolle spielen. Dies zeigt sich auch für das Setting von „The Migrant’s Chronicles“: <em>„Das Spiel stellt Migrationsprozesse als interkulturelle Erfahrungen dar, die sowohl historische als auch aktuelle Kontexte berücksichtigen, um ein tieferes Verständnis für wiederkehrende Muster und Dynamiken zu schaffen.“</em> So muss man im Spiel beispielsweise einen Schlafplatz suchen, die Ernährung sicherstellen, Reise und Transport organisieren. Dabei verbraucht man Energiepunkte.</p>
<p>Im dritten Teil befasst sich René Meyer mit Computern in den Schulen der DDR, auch den dort seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre intensivierten Arbeitsgemeinschaften. Thorsten Zimprich nennt Kernkompetenzen des Gamedesign-Handwerks, bezogen auf die Spielidee, Kommunikation und Coverstory. Problematisch seien hingegen Spiele, die wie ein <em>„langweiliger Multiple-Choice-Test“</em> konzipiert seien, etwa nach dem Beispiel des TV-Formats „Wer wird Millionär?“ <em>„Und dann wäre mein Traum ein Forschungsprojekt ‚Fachdidaktik Gamedesign‘, in dem wir gemeinsam die schlummernden Superkräfte Ihres Kollegiums wecken und viel analoge, aber auch digitale Spiele erschaffen, mit dem Ziel, Ihre Schule zu einer Spielentwicklungsstudie weiterzuentwickeln.“ </em>Die Digitalspielforschung ist auch Thema des Beitrags von Rudolf Thomas Inderst und Tobias Klös. Die <em>„Aufnahme des Verbandes der deutschen Games-Branche als Mitglied in den Deutschen Kulturrat“</em> biete neue Chancen für Verknüpfungen und Synergien verschiedener nicht mehr getrennt voneinander denkbarer Branchen: <em>„Der Video-Essay nutzt jedoch gleichermaßen das Medium Film und den schriftlichen, eingelesenen Essaytext.“ </em>Solche <em>„Video-Game-Essays“</em> schaffen einen <em>„Möglichkeitsraum“</em> und fördern die <em>„Akzeptanz der Digital Game Studies als akademische Disziplin“</em>. Florian Kiefer plädiert schließlich für eine <em>„Computerspielpädagogik“</em>, die reale und virtuelle Welten aufeinander bezieht und hilft, sie voneinander abzugrenzen.</p>
<h3><strong>Ängste überwinden – Chancen nutzen</strong></h3>
<p>Die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Hintergründen problematischer, gewaltaffiner oder gar extremistischer digitaler Spiele ist die eine Seite, die Förderung von <em>„Serious Games“</em> für die Nutzung im Unterricht, in der Jugendarbeit, verbunden mit einer Schulung der Lehrkräfte und des sozialpädagogischen Personals sind die andere Seite der Medaille einer wirksamen Medienkompetenz. Nicht zuletzt müssen in Bildungs- wie in Forschungsprozessen Kinder und Jugendliche einbezogen werden, die die meisten Erfahrungen haben, wie virtuelle und reale Welten interagieren. Tina Klüwer hat in ihrem Buch „Zukunft Made in Germany“ dokumentiert, dass in der Forschung ebenso wie bei Studierenden hohes Interesse besteht. Sie beschreibt, dass Deutschland als Forschungsstandort hochattraktiv sei und zahlreiche grundlegende Arbeiten vorgelegt habe, es aber in Deutschland vor allem an einer wirksamen Umsetzung hapere.</p>
<p>Tina Klüwer sieht in Deutschland in erster Linie ein Umsetzungsproblem. Mit ihren Ängsten und kurzsichtigen Pseudo-Schutzkonzepten stehen Politiker:innen (und manche Medien) einer innovativen und zukunftsfähigen Bildungspolitik im Weg. Es käme nun darauf an, das hohe Potenzial im Forschungs- und Wissenschaftsbereich auch für Bildungsinnovationen zu nutzen, nicht zuletzt um formelles und informelles Lernen zu verknüpfen. Dazu müssen Lehrpläne, Fortbildungen in den Schulen offener werden, der Umgang mit Gaming und Sozialen Medien in einer Demokratie gehört zur Allgemeinbildung. So könnte Medienkompetenz ihre Grenzen überwinden und einen wirksamen Beitrag zur digitalen Souveränität mündiger Bürger:innen in einer demokratischen Gesellschaft leisten. Für den Kulturbereich muss man ein solches Plädoyer gar nicht mehr formulieren, aber in der Bildung sieht dies leider anders aus, siehe das Erbe gesetzlicher Regelungen aus dem Jahr 1926. Gleichwohl gibt es in diesem Kontext noch erheblichen Forschungsbedarf.</p>
<p>Letztlich plädieren alle drei hier vorgestellten Handbücher für eine offene und mutige Debatte. Im Hinblick auf die geplanten Altersbegrenzungen bei den Sozialen Medien schrieben die Wissenschaftler:innen in dem bereits zitierten offenen Brief: <em>„If children and adults are to be protected from harm, it is of utmost importance that an in-depth study of the harms and broader consequences of age-based checks is conducted before mandating this technology at Internet-scale. Deployments in the UK or Australia, and the introduction of age checks by main providers calls for systematically studying the benefits and harms of this technological intervention.”</em></p>
<p>Eben dies gilt für alle Formen moderner Technologien im Alltag von Kindern und Jugendlichen, nicht zuletzt eben für das Gaming, ebenso im Übrigen auch für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Wer sich weigert, sich näher damit zu befassen, öffnet all denen Tür und Tor, die sich – wie nicht zuletzt Extremist:innen jeder Art – ohne Hemmungen dieser Technologien bedienen und immer sehr genau wissen, wie sie über Influencer:innen, über Soziale Netzwerke ihr Publikum erreichen. Gebraucht wird letztlich der Mut der verantwortlichen Politiker:innen, die zurzeit propagierte Verbotsspirale zu beenden und durch gezielte Förderung in Forschung, Kultur und Bildung gemeinsam mit der zivilgesellschaftlichen Community die demokratischen Potenziale der Sozialen Medien und des Gamings zu erschließen und zu popularisieren sowie den Wissensstand zu verbessern. Vielleicht entdecken dann auch Verbände im Bildungsbereich den „game“-Verband oder die Deutsche Gesellschaft für Spielwissenschaft als Vorbilder, Impulsgeber und Partner.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 5. März 2026, Das Titelbild „Kyborg Dixit Algorismi“ – ein Ausschnitt – verdanke ich Thomas Franke, präsent im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> mit verschiedenen Bildern und dem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – synergetisch gebrochen“</a>)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Machtpolitischer Schachzug mit Militär</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 09:12:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Machtpolitischer Schachzug mit Militär Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich vom 26. November 2025 „Umaro hat gegen Sissoco geputscht und hat Embaló die Macht übertragen“, kommentiert bissig die Gruppe Fartudibos (Wir haben euch satt) in ihrem eingängigen Song „Faux coup d' État“ den Staatsstreich vom 26. November 2025 im westafrikanischen Guinea-Bissau durch Offiziere. Umaro Sissoco Embaló  [...]</p>
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<h1><strong>Machtpolitischer Schachzug mit Militär</strong></h1>
<h2><strong>Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich vom 26. November 2025</strong></h2>
<p><em>„Umaro hat gegen Sissoco geputscht und hat Embaló die Macht übertragen“</em>, kommentiert bissig die Gruppe Fartudibos (Wir haben euch satt) in ihrem eingängigen Song <a href="https://www.youtube.com/watch?v=wc9d052C4oU">„Faux coup d&#8216; État“</a> den Staatsstreich vom 26. November 2025 im westafrikanischen Guinea-Bissau durch Offiziere.</p>
<p>Umaro Sissoco Embaló ist der Ex-Präsident des Landes, der in den Präsidentschaftswahlen vom 23. November 2025 abgewählt worden ist. Auch wenn es aufgrund eines Überfalls auf die Büros der Nationalen Wahlkommission (CNE) nicht zur offiziellen Verkündung der Wahlergebnisse kam – vorgesehen für den 27. November –, gibt es wenig Zweifel an der Niederlage Embalós. Ein prominenter Wahlbeobachter, der frühere Präsident von Nigeria, Goodluck Jonathan, äußerte nach seiner Rückkehr nach Nigeria in einem Radio-Interview, die Stimmauszählung sei nahezu abgeschlossen, die Wahlergebnisse stünden fest, sie müssten nur veröffentlicht werden.</p>
<p>Seit der Unabhängigkeit von Portugal 1974 haben in dem kleinen multi-ethnischen Land mit etwa zwei Millionen Einwohnern vier Staatsstreiche stattgefunden (1980, 1998/99, 2003 und 2012; zählt man den vom November 2025 mit, sind es fünf) und mehrere angebliche Putschversuche, wofür der Volksmund sogar einen speziellen Begriff geprägt hat, nämlich <em>„Inventona“,</em> eine Zusammensetzung aus Erfindung (<em>invenção</em>) und Putsch/Aufstand (<em>intentona</em>). Profunde Kenner der Situation im Lande und internationale politische Beobachter stimmen jedoch in ihrer Beurteilung dessen, was sich am 26. November 2025 ereignete, überein: Ein <a href="https://www.rfi.fr/pt/programas/convidado/20251206-guin%C3%A9-bissau-vive-um-golpe-paradoxal-afirma-carlos-lopes"><em>„paradoxer Putsch“</em></a>, sagt der bissau-guineische Ökonom Carlos Lopes, einer der renommiertesten Intellektuellen des Landes, im Interview mit Radio France International. Auch Ruth Monteiro, ehemalige Justizministerin in Guinea-Bissau (Juli 2019 bis Februar 2020) urteilt <a href="https://www.dw.com/pt-002/bissau-n%C3%A3o-acredito-que-militares-voltem-para-os-quart%C3%A9is/a-75272440"><em>„ein atypischer Staatsstreich, den niemand versteht“</em></a>, <a href="https://www.rtp.pt/play/p389/e904778/entrevista-rdp-africa">hinter dem die <em>„starken Männer“</em> von Sissoco stünden</a>, und der bereits erwähnte <a href="https://adf-magazine.com/2026/01/guinea-bissau-junta-accused-of-sham-coup/">Goodluck Jonathan meint</a>: <em>„Das war nicht einmal eine Palastrevolte“</em>. Es war ein <em>„Operettenstaatsstreich (&#8230;), bei dem der Staatschef selbst Regie führte.“</em></p>
<h3><strong>Die gekippte Wahl</strong></h3>
<p>Blicken wir zurück auf die Ereignisse, um das Narrativ der <em>„unterbrochenen Wahlen“</em> zu überprüfen: Am 23. November 2025 fanden in Guinea-Bissau lange hinausgezögerte Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Die Präsidentschaftswahlen hätten regulär bereits im November 2024 stattfinden müssen und auch die Parlamentswahlen waren nach der verfassungswidrigen Auflösung des Parlaments durch Umaro Sissoco Embaló im Dezember 2023 längst überfällig. Die führenden Oppositionsparteien, die noch zu Zeiten der portugiesischen Kolonialherrschaft 1956 gegründete Afrikanische Partei der Unabhängigkeit von Guinea und Kapverde (PAIGC), die den Unabhängigkeitskampf angeführt hatte, und die Partei der Sozialen Erneuerung (PRS) sowie die von ihnen angeführten Plattformen PAI-Terra Ranka und API-Cabas Garandi, waren durch den Obersten Gerichtshof von den Parlamentswahlen ausgeschlossen worden. Wie Ruth Monteiro im Interview mit RDP África ausführt, entschied das für die Zulassung zuständige Richtergremium allerdings nicht unparteiisch: Die ihm angehörenden sechs beratenden Richter, statt eigentlich elf, sind alles Gefolgsleute von Sissoco Embaló.</p>
<p>Auch zu den Präsidentschaftswahlen war der Kandidat der PAIGC, Domingos Simões Pereira, Vorsitzender dieser Partei und Präsident der 2023 gewählten Nationalversammlung, unter fadenscheinigen Vorwänden nicht zugelassen worden. Zur Erinnerung: Domingos Simões Pereira und Umaro Sissoco Embaló, MADEM &#8211; G15, eine Abspaltung von der PAIGC, waren bereits bei den Präsidentschaftswahlen im November 2019 Kontrahenten. Domingos Simões Pereira hatte damals in der 1. Runde gut 40% der Stimmen erhalten, unterlag in der Stichwahl im Dezember 2019 aber gegenüber Sissoco Embaló. Aufgrund von Unregelmäßigkeiten focht die PAIGC die Wahlen an. Während der Oberste Gerichtshof jedoch noch über den möglichen Wahlbetrug beriet, wurde das höchste Organ <a href="https://www.opovo.com.br/noticias/mundo/2025/12/08/guine-bissau-golpe-para-que-e-contra-quem.html">von <em>„unbekannten“</em> Militärs gestürmt</a>, der Präsident des Obersten Gerichtshofes musste nach Portugal fliehen und Embaló bemächtigte sich unter Umgehung des Parlaments und unter dem Schutz der Militärs im Februar 2020 selbst des Präsidentenamtes.</p>
<p>Bei den Präsidentschaftswahlen im November 2025 stellten sich die Oppositionsparteien nun hinter den bislang wenig bekannten Kandidaten Fernando Dias da Costa (PRS), der vom Obersten Gerichtshof bereits als unabhängiger Kandidat zugelassen worden war.</p>
<p>Die Wahlen verliefen am 23. November 2025 ruhig und ordnungsgemäß unter engagierter Beteiligung der Zivilgesellschaft, wie die internationalen Wahlbeobachter der Afrikanischen Union und der Westafrikanischen Wirtschaftsunion, ECOWAS, bestätigten. Die Wahlbeteiligung lag bei 65 Prozent. Am 27. November sollte die Nationale Wahlkommission die endgültigen Wahlergebnisse verkünden. Alles deutete darauf hin, dass bei den Präsidentschaftswahlen Fernando Dias da Costa mit großem Vorsprung gegenüber Umaro Sissoco Embaló gewonnen hatte (Dias hatte in 7 von 9 Regionen gewonnen). Nachdem die internationalen Wahlbeobachter jeweils mit Embaló und Dias gesprochen und beide verkündet hatten, sie würden den Wahlausgang akzeptieren, erfolgte ein <em>„Putsch“</em>.</p>
<p>Ein <em>„Hohes Militärkommando</em> <em>zur Wiederherstellung der nationalen Sicherheit und der öffentlichen Ordnung“</em> begründete seine Machtübernahme mit der Entdeckung eines angeblichen <em>„Plans zur Destabilisierung durch Drogenhandel, Wahlmanipulation, Aufstachelung zum Hass und die Entdeckung eines geheimen Waffenlagers“</em>. (Kleiner Exkurs: Bekämpfung des Drogenhandels klingt immer gut, ist hier aber einigermaßen bizarr, da viele Militärs in Guinea-Bissau in den Drogenhandel verstrickt sind und es ein enges Geflecht zwischen Politik, Militär und Drogenhandel gibt. Guinea-Bissau ist der größte Drogen-Umschlagplatz Westafrikas. Und gerade unter der Ägide von Embaló wurde die Aufklärung und Bekämpfung des Drogenhandels im Land stark behindert. Die bereits erwähnte ehemalige Justizministerin Ruth Monteiro musste nach dem Amtsantritt von Sissoco Embaló aufgrund von Morddrohungen das Land verlassen und lebt seitdem in Portugal (siehe dazu die ausgezeichnet recherchierte Reportage des Journalisten Micael Pereira <a href="https://gulbenkian.pt/investigacao-jornalistica/micael-pereira/">„O corredor de Bissau“</a> (deutsch: Der Bissau- Korridor), in der portugiesischen Wochenzeitung Expresso. .</p>
<p>Der Wahlprozess wurde <em>„unterbrochen“</em>, das heißt die Büros der Nationalen Wahlkommission wurden von bewaffneten und vermummten Leuten überfallen, Computer wurden vernichtet und Wahlunterlagen wurden zerstört. Am 27. November verkündete die Nationale Wahlkommission, dass sie die Wahlergebnisse nicht veröffentlichen könne.</p>
<p>Allerdings konnte die portugiesische Tageszeitung <a href="https://www.cmjornal.pt/mundo/detalhe/atas-confirmam-vitoria-de-fernando-dias-da-costa-nas-presidenciais-da-guine-bissau">Correio de Manha wenige Tage später am 4. Dezember 2025</a> verifizierte Zahlen und die Wahlprotokolle veröffentlichen, aus denen hervorging, dass Fernando Dias da Costa mit gut 10.000 Stimmen Vorsprung die Wahlen gewonnen hatte. Und das in der ersten Runde! Ein klares Wählervotum gegen den Amtsinhaber Sissoco Embaló.</p>
<p>Noch am 26. November wurden Domingos Simões Pereira und andere führende Politiker der PAIGC und der PRS verhaftet. Ex-Präsident Embaló flog in den Senegal; er hatte zuvor höchst persönlich französische Medien (die Zeitung Jeune Afrique und den Nachrichtenkanal France 24) telefonisch informiert, er sei abgesetzt und inhaftiert worden. Doch auch im Senegal wollte man Sissoco Embaló nicht haben (es gab Proteste der Zivilgesellschaft und der senegalesische Premier Ousmane Sonko bezeichnete den Putsch als Farce), weshalb dieser nach einem kurzen Aufenthalt nach Brazzaville, Republik Kongo, weiterflog. Sein derzeitiger Aufenthalt ist nicht bekannt, zuletzt wurde er mit Marokko angegeben.</p>
<p>General Horta Inta-a, der Stabschef des abgewählten Präsidenten, wurde vom <em>„Hohen Militärkommando“</em> zum <em>„Übergangspräsidenten“</em> mit weitreichenden Befugnissen bestimmt und stellte bereits am 29. November eine <em>„Übergangsregierung“</em> vor. Ilídio Vierira Té, bisher Finanzminister unter Embaló und Leiter von dessen Wahlkampagne, wurde zum Premierminister und Finanzminister der <em>„Übergangsregierung“</em> bestimmt.</p>
<h3><strong>Übergang von wo …?</strong></h3>
<p>Die seit Jahren chronische Instabilität des Landes wurde durch die fünfjährige Amtszeit Embalós zur Dauerkrise. Neben historischen Ursachen sieht Carlos Lopes im bereits zitierten Radiointerview vor allem in der Zentralisierung und Personalisierung der Macht unter Sissoco Embaló und der damit einhergehenden Schwächung der staatlichen Institutionen den Grund. Als historische Gründe führt Lopes Verrat innerhalb der ehemaligen Befreiungsbewegung, aufeinanderfolgende Parteienspaltungen, die das Parteiensystem zerstört haben, und die Vertiefung der Kluft zwischen dem militärischen und politischen Flügel der PAIGC an.</p>
<p>Embaló hatte von Beginn seiner Amtszeit im Februar 2020 unter Missachtung der Verfassung beziehungsweise ihrer willkürlichen Auslegung regiert. Seine Amtszeit war geprägt von einer Ethnisierung der Politik, internen Unruhen, Übergriffen von Polizei und Militär sowie anderer bewaffneter Akteure auf Oppositionelle innerhalb und außerhalb des Parlaments, auf Gewerkschaftsvertreter, auf Journalisten und unabhängige Radiosender, auf kritische Anwälte und Institutionen der Justiz. Embaló regierte mit nie aufgeklärten und nie bewiesenen Putschvorwürfen, die jedes Mal dazu dienten, die Repression weiter zu verschärfen, den Rechtsstaat auszuhöhlen und demokratische Kontrolle unmöglich zu machen (zur Rolle der Medien und insbesondere der Bürgerradios im politischen Prozess siehe Johanna Mack, <a href="https://de.ejo-online.eu/aktuelle-beitraege/staatskrise-in-guinea-bissau-die-wahrheit-des-staerkeren">Staatskrise in Guinea-Bissau: Die Wahrheit des Stärkeren</a> sowie Tony Tcheka, <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/2023/05/31/a-liberdade-de-imprensa-na-guine-bissau/">A liberdade de Imprensa na Guiné-Bissau</a>‘).</p>
<p>Im Mai 2022 löste er das Parlament auf, bevor es dort zur Haushaltsdebatte und einer Debatte über vom Präsidenten eigenmächtig abgeschlossene Rohstoffabkommen kommen konnte sowie zur Debatte einer Verfassungsreform, die die Aufgaben des Präsidenten genauer definieren sollten. Parlamentsneuwahlen wurden erst im Juni 2023 durchgeführt und ein halbes Jahr später löste der Präsident das Parlament erneut auf, obwohl die Verfassung Guinea-Bissaus explizit ausschließt, dass das Parlament in den ersten zwölf Monaten nach seiner Konstituierung aufgelöst werden kann. Hintergrund waren bis heute unbewiesene Korruptionsvorwürfe gegen den damaligen Finanzminister und in diesem Zusammenhang ein erneuter Putschvorwurf, als dessen Urheber der Präsident das Parlament und dessen stärkste Fraktion (PAI-Terra Ranka) bezichtigte (auch hierzu Johanna Mack).</p>
<p>Auch die Judikative hat Embaló gekapert, die Staatsanwaltschaft und der Oberste Gerichtshof sind mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden, wie Ruth Monteiro ausführt.</p>
<p>Im Februar 2024 titelte die portugiesische Wochenzeitung <em>Expresso</em>: <a href="https://expresso.pt/internacional/africa/2024-02-06-guine-bissau-o-pais-onde-a-democracia-esta-a-ser-desmembrada-na-sombra-dos-olhares-europeus-9ff8e790">„Guinea-Bissau, das Land, in dem die Demokratie unter den Augen Europas zerlegt wird“</a>.</p>
<p>Ein Jahr später, im August 2025, erfolgte die Ausweisung von portugiesischen Journalisten und Medien und die Schließung ihrer Büros in Guinea-Bissau.</p>
<p>Die Auswirkungen dieser autokratischen Politik auf das alltägliche Leben in Guinea-Bissau sind dramatisch, schildert Ruth Monteiro im Interview mit RDP África: Das Gesundheitswesen liegt darnieder; das Bildungswesen funktioniert nicht, die Bürger haben keinen Zugang zu Recht und Gesetz. Und Carlos Lopes weist auf die gigantische Binnenverschuldung hin, da der Staat von vierteljährlichen Krediten gelebt habe, und erklärt: <em>„Die prekäre</em> (wirtschaftliche) <em>Lage war bereits offensichtlich. Ein Großteil der Staatsschulden</em> <em>finanzierte Militärausgaben, Präsidentenreisen und politische Subventionen. Die Ausgaben für Prestigezwecke übersteigen das Bildungsbudget.“</em> Und er warnt vor den unmittelbaren Folgen des Staatsstreichs für die Bevölkerung: <em>„Es wird sehr schwierig sein, Sanktionsregelungen zu vermeiden, und diese Regelungen könnten Guinea-Bissau den Zugang zum Kapitalmarkt der UEMOA (Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion) versperren.“ </em>Wenn dies geschehe, verliere der Staat seine wichtigste Finanzierungsquelle.</p>
<h3><strong>&#8230; nach wo?</strong></h3>
<p>Die Zerstörung demokratischer Strukturen und die Personalisierung der Macht wird nun vom <em>„Hohen Militärkommando“</em> weiter vorangetrieben.</p>
<p>Am 8. Dezember 2025 verkündete das <em>„Hohe Militärkommando“</em> eine <em>„Charta des Übergangs“</em>, die die geltende Verfassung des Landes außer Kraft setzte. Sie legt vier Organe fest, die den <em>„Übergang“</em> innerhalb eines Jahres vollziehen sollen:</p>
<ul>
<li>den Übergangspräsidenten mit den Befugnissen, Gesetze und Verordnungen zu erlassen, Minister, Richter und Botschafter zu ernennen, Wahltermine festzulegen und <em>„andere Aufgaben wahrzunehmen, die zur Gewährleistung der Regierungsfähigkeit des Landes erforderlich sind“</em>,</li>
<li>das <em>„Hohe Militärkommando“</em> selbst,</li>
<li>den 65köpfigen <em>„Nationalen Übergangsrat“</em>, dessen Mitglieder von der Militärjunta nominiert werden und der als Parlamentsersatz fungiert, mit jeweils zehn Vertretern der PAIGC und der PRS</li>
<li>und die <em>„Übergangsregierung“</em> unter dem Premierminister Ilídio Vieira Té. Ihr sollen fünf Militärs und 23 Zivilpersonen angehören. Eine sogenannte <em>„inklusive Regierung“</em> soll die PAIGC und PRS mit je drei Ministerposten einschließen. Ein Mitglied der PAIGC hat bereits ein Ministeramt übernommen: Zum Außenminister ernannt wurde João Bernardino Vieira, ein Gegenspieler von Domingos Simões Pereira, der nun auch den Vorsitz in dieser Partei anstrebt.</li>
</ul>
<p>Im Justizapparat wurden weitgehende Machtbefugnisse in den Händen des neu eingesetzten Generalstaatsanwalts, Ahmed Tidiane Baldé, einem Vertrauten von Ex-Präsident Embaló, konzentriert. Er kann nach Belieben Richter verhaften, ersetzen, entlassen oder ernennen, was jedes ordentliche Gerichtsverfahren zunichtemacht (ausführlich dazu: Bernard Schmid in Junge Welt vom 8. Dezember 2025: <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/513601.guinea-bissau-putschisten-festigen-macht.html">„Putschisten festigen Macht“</a> und der bereits zitierte Carlos Lopes).</p>
<p>Diese Aneignung des Staates durch die Gruppe um Embaló mit Hilfe der Militärs geht einher mit verstärkter militärischer und polizeilicher Gewalt, dem Verbot von sämtlichen politischen Aktivitäten, darunter Demonstrationen und Streiks, den Überfällen auf Einrichtungen von Menschenrechtsorganisationen, der Entführung von Menschenrechtsaktivisten und der Einführung von Zensur. Pressekonferenzen dürfen nur noch nach vorheriger Genehmigung durch die Militärjunta durchgeführt werden. Antonio Cascais sprach in der Deutschen Welle von einer <a href="https://www.dw.com/de/guinea-bissau-nach-dem-putsch-milit%C3%A4rs-proben-die-flucht-nach-vorn/a-75675878"><em>„Flucht nach vorn“</em> der Militärs</a>.</p>
<p>Bereits nach wenigen Wochen, am 13. Januar 2026, verabschiedete der <em>„Nationale Übergangsrat“</em> eine neue Verfassung, die die politische Macht in den Händen des Präsidenten der Republik konzentriert. Der Präsident ist Staatsoberhaupt und Regierungschef, der Premierminister wird ihm unterstellt und ist an seine Weisungen gebunden. Bernard Schmid titelte seinen Beitrag in Junge Welt: <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/515652.guinea-bissau-alle-macht-dem-pr%C3%A4sidenten.html">„Alle Macht dem Präsidenten“</a>. Zugleich änderte der <em>„Nationale Übergangsrat“</em> den Namen des Parlaments: Aus der <em>„Nationalen Volksversammlung</em>“ wurde die <em>„Nationalversammlung</em>“.</p>
<p>Die kurze Zeitspanne für diese Verfassungsänderung lässt vermuten, dass sie schon lange in einer Schublade bereit lag.</p>
<p>Mit Recht fragt <a href="https://www.publico.pt/2026/01/14/mundo/comentario/guinebissau-golpistas-aprovam-presidente-deposto-queria-chama-golpe-2161203">António Rodrigues in der portugiesischen Tageszeitung O Público</a>: <em>„Was ist das für eine Verfassungsänderung, die alle Machtbefugnisse beim Staatsoberhaupt konzentriert, ohne eine verfassungsgebende Versammlung, ohne gewählte Vertreter, ohne politische Debatte, ohne öffentliche Diskussion und ohne Referendum?“</em></p>
<p>Zudem wurde ein neues Parteiengesetz verabschiedet und ein neues Wahlgesetz ist in Vorbereitung. Das neue Parteiengesetz sieht das Verbot von kleineren Parteien vor und unterwirft die Parteien einer stärkeren Kontrolle; eine kuriose erste Auswirkung: die PAIGC soll ihre Parteifahne ändern, weil sie zu sehr der Nationalflagge ähnelt. Dabei gab es die Fahne der PAIGC seit der Gründung der Partei 1956, also vor der Staatsgründung. Eine Einschränkung des Wahlrechts ist zu befürchten. Ein Wahltermin wurde bereits angekündigt: die Wahlen sollen am 6. Dezember 2026 stattfinden. Frei und transparent werden diese Wahlen sicher nicht sein. Die Nationale Wahlkommission hat zudem schon angekündigt, dass sie aus technischen Gründen diesen Termin nicht einhalten könne. Und die Frage ist natürlich, wozu es überhaupt Wahlen geben soll, wenn die Wahlergebnisse doch annulliert werden, wenn sie den Machthabern nicht passen.</p>
<p>Von einer <em>„Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung“</em> innerhalb eines Jahres, wie es das <em>„Hohe Militärkommando“</em> proklamiert, kann also keine Rede sein. Umgekehrt: die Rückkehr von Umaro Sissoco Embaló wird vorbereitet und die Verfassung sowie die staatlichen Institutionen werden seinen Vorstellungen und Wünschen angepasst. <em>„Wobei“</em>, so António Rodrigues, <em>„die Militärs eines abgesetzten Präsidenten als Marionetten dienen und Zivilisten bereit sind, bei dieser Farce mitzuspielen. Alle an dem ‚Übergang‘ Beteiligten leugnen vehement, was selbst dem oberflächlichsten Betrachter klar ist: dass sie nur dazu da sind, den Plänen Seiner Exzellenz Umaro Sissoco Embaló zu dienen, dem einzigen Chef von allem, von Cabo Roxo bis Ponta Cagete, von Bolama bis Lugadjol.“</em></p>
<h3><strong>Hartes Vorgehen gegen die Opposition  </strong></h3>
<p>Am 30. Januar 2026 wurden Domingos Simões Pereira und seine Mithäftlinge aus den Zellen des 2. Polizeireviers in Bissau entlassen, nachdem sie dort über 60 Tage ohne Anklageerhebung und ohne richterlichen Beschluss festgehalten worden waren. Begleitet wurden sie dabei vom senegalesischen Verteidigungsminister im Auftrag der Westafrikanischen Wirtschaftsunion. Der aus den Präsidentschaftswahlen als Sieger hervorgegangene Fernando Dias da Costa und Geraldo Martins, Vizepräsident der PAIGC, die nach dem Putsch in der Nigerianischen Botschaft in Bissau Zuflucht gesucht hatten, konnten nach Hause zurückkehren. Damit hat die Militärjunta auf internationalen Druck reagiert. Allerdings ist Domingo Simões Pereira damit nicht in Freiheit, denn die Militärjunta hat ihn – weiterhin ohne richterlichen Beschluss – unter Hausarrest gestellt, er und seine Familie werden rund um die Uhr von bewaffneten Kräften bewacht.</p>
<p><em>„Minimale Zugeständnisse mit maximalem Legitimitätsgewinn (für die Militärjunta), die Wahl von 2025 ist vom Tisch und es gibt keine Sanktionen  ̶  das Geld kann fließen“</em>, kommentiert eine Kennerin der Situation im Land die Überführung von Pereira in den Hausarrest. Denn eigentlich hatten die ECOWAS, die Afrikanische Union und die Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Staaten (CPLP) die bedingungslose Freilassung der politischen Häftlinge gefordert.</p>
<p>Neue Meldungen aus Guinea-Bissau berichten, dass Domingos Simões Pereira vor ein Militärtribunal gestellt werden soll, ihm wird Korruption und Beteiligung an einem „Putschversuch” im Oktober 2025 vorgeworfen. In Bezug auf den Korruptionsvorwurf spricht Ruth Monteiro von einem absurden Konstrukt. Ausgegraben werden Vorwürfe, die in das Jahr 2015 zurückreichen, als Pereira Premierminister war. In einem Gerichtsverfahren gegen den damaligen Finanzminister Geraldo Martins wurden diese Vorwürfe bereits als nachweislich falsch erkannt. Martins wurde freigesprochen. Es geht einzig und allein darum, Domingos Simões Pereira aus dem Weg zu räumen, ihn im wahrsten Wortsinn <em>„fertig zu machen“</em>. Sein Vergehen besteht darin, Umaro Sissoco Embaló eine Niederlage bereitet zu haben und vor allem darin, ein vernünftiger und integerer Mensch und Politiker zu sein.</p>
<p>Umaro Sissoco Embaló dagegen kann sich frei bewegen und pflegt seine internationalen Netzwerke. Letzte Woche soll er sich in Paris aufgehalten haben und dort unter anderem den Präsidenten von Kapverde, José Maria Neves, getroffen haben. Ein Bevollmächtigter von Umaro Sissoco Embaló hat inzwischen beim <em>„Hohen Militärkommando“</em> um die Gewähr einer sicheren Rückkehr nach Guinea-Bissau ersucht.</p>
<h3><strong>Schwierigkeiten der internationalen Diplomatie</strong></h3>
<p>Die Gemeinschaft der portugiesisch sprachigen Länder (CPLP) hatte nach dem Staatsstreich Ende November die Mitgliedschaft Guinea-Bissaus ausgesetzt und die Präsidentschaft, die das Land gerade innehatte, an Osttimor übertragen. Eine hochrangige Delegation der CPLP sollte vom 18. bis 21. Februar in Bissau mit der <em>„Übergangsregierung“</em> und dem <em>„Hohen Militärkommando“</em> Verhandlungen führen mit dem  Ziel, <em>„zur Überwindung der institutionellen Krise beizutragen, die Rückkehr zur demokratischen Normalität und die Achtung der Verfassung zu fördern sowie die Rechte und das Wohlergehen der Bevölkerung zu gewährleisten</em>“, meldete die <a href="https://www.aman-alliance.org/Home/ContentDetail/100300">Nachrichtenagentur Lusa am 11. Februar 2026</a>. Nachdem jedoch Premierminister Xanana Gusmão Guinea-Bissau als „gescheiterten Staat“ charakterisiert hatte und Fernando Vaz, der Pressesprecher des <em>Nationalen Übergangsrats</em>, dann Osttimor als <em>„Nichts“</em> auf der internationalen Bühne und als <em>„Totengräber der CPLP“</em> bezeichnete, <a href="https://www.dw.com/pt-002/timor-leste-cancela-miss%C3%A3o-da-cplp-a-bissau/a-75950118">wurde die Mission abgesagt</a>.</p>
<p>Zurzeit (Stand: 20. Februar 2026) befindet sich Patrice Trovoada, früherer Premierminister von São Tomé und Principe, <a href="https://www.dw.com/pt-002/diplomacia-discreta-de-trovoada-em-bissau-levanta-interroga%C3%A7%C3%B5es/a-76052229">als Sondergesandter der Afrikanischen Union zu Gesprächen in Guinea-Bissau</a>. Er ist bereits mit dem <em>Übergangspräsidenten</em> Horta Inta-a sowie dem Wahlsieger Fernando Dias zusammengetroffen. Sowohl bissau-guineische als auch sao-tomensische Kritiker bezweifeln jedoch, ob Trovoada der geeignete Mann zur Lösung der Krise sei: Zwar verfüge er über große internationale Erfahrung, ihm wird aber auch eine Nähe zu Umaro Sissoco Embaló nachgesagt.</p>
<h3><strong>Hoffnungsschimmer</strong></h3>
<p>Befragt zu ihrer Einschätzung der aktuellen Situation in Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich urteilt Iva Cabral, Historikerin und älteste Tochter von Amílcar Cabral, dem Theoretiker und Vorkämpfer der Afrikanischen Unabhängigkeit, die Lage könne gar nicht mehr schlimmer werden. Gleichwohl setzt sie ihre <a href="https://www.rtp.pt/play/p389/e898895/entrevista-rdp-africa">Hoffnung in eine starke Zivilgesellschaft in Guinea-Bissau</a>. Der umtriebige bissau-guineische Soziologe und Umweltaktivist Miguel de Barros vom Centro de Estudos Amílcar Cabral ist ein wesentlicher Motor dieser zivilgesellschaftlichen Bewegung. Er sei hier stellvertretend für die vielen Akteure und Akteurinnen genannt, die in Guinea-Bissau in vielen Bereichen täglich an einer gesellschaftlichen Veränderung wirken. Im vergangenen September 2025 sprach de Barros in Berlin über <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/2025/11/08/rueckblick-auf-ein-ereignisreiches-jubilaeumswochenende-19-22-9-2025/">„Soziale Bewegungen und strukturellen Wandel in Afrika</a>“. Demokratie zeige sich in Afrika nicht nur durch Wahlen, sondern vor allem in kollektiven und kreativen Handlungsformen. In Stadtvierteln, kulturellen Initiativen und sozialen Bewegungen entstünden neue Räume bürgerschaftlicher Teilhabe, in denen marginalisierte Gruppen eigene Werte, Symbole und Erzählungen schaffen. Rap, Literatur, Theater oder Street Art eröffnen neue Wege gesellschaftlicher Transformation, indem sie Kunst und politisches Engagement verbinden. De Barros sprach insbesondere von der jungen Generation, die die Veränderung herbeisehne, um endlich eine Zukunft zu haben. Die Gruppe <a href="https://www.youtube.com/@Fartudibos">Fartudibos</a> ist überzeugendes Beispiel für dieses Engagement.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>, Berlin</p>
<p>Die Autorin ist Mitglied der <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/">Amílcar-Cabral-Gesellschaft</a>, die 2025 ihr 50jähriges Bestehen feierte, und Übersetzerin von mehreren Autoren aus Guinea-Bissau, unter anderem von Abdulai Sila. Im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> stellte sie ihr Engagement für die Literatur in Guinea-Bissau in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/afrikanisches-selbstbewusstsein">„Afrikanisches Selbstbewusstsein“</a> vor. Einige Werke von Abdulai Sila und anderen Autorinnen und Autoren sind in deutscher Sprache verfügbar. Zuletzt erschien in der Edition Noack &amp; Block der von ihr herausgegebene Band <a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/suchbegriff/Pitangabaum/verlagsprogramm/der-pitangabaum-der-nachbarin-2/backPID/suche.html">„Der Pitangabaum der Nachbarin“</a>. Der Band enthält sechs Erzählungen von Waldir Araújo, Amadú Dafé, Edson Incopté, Claudiany Pereira und Marinho de Pina. Übersetzt haben neben Renate Heß Johannes Augel und Rosa Rodrigues.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 21. Februar 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Memorial_building_independence_Guinea-Bissau_Madina_de_Bo%C3%A9.jpg">Memorial building for the unilateral declaration of independence of Guinea-Bissau on 1973, September 9<sup>th</sup>, in Madina de Boé</a>, Foto: Gadogado 123, Wikimedia Commons, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Autonome Republik Mascha Kulikovska</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Jan 2026 09:44:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Autonome Republik Mascha Kulikovska Feministin, Rebellin, Konzeptkünstlerin und Performerin „Ich bin eine Künstlerin aus der Krim. Die Autonome Republik Mascha Kulikovska. Ich habe eine vollständige Zerstörung meiner Identität erlebt, und nun stelle ich sie mit meinen eigenen Händen wieder her.“ (Maria Kulikovska) Es ist nahezu unmöglich, die von Grund auf unkonventionelle Figur Maria  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Autonome Republik Mascha Kulikovska</strong></h1>
<h2><strong>Feministin, Rebellin, Konzeptkünstlerin und Performerin</strong></h2>
<p><em>„Ich bin eine Künstlerin aus der Krim. Die Autonome Republik Mascha Kulikovska. Ich habe eine vollständige Zerstörung meiner Identität erlebt, und nun stelle ich sie mit meinen eigenen Händen wieder her.“ </em>(Maria Kulikovska)</p>
<p>Es ist nahezu unmöglich, die von Grund auf unkonventionelle Figur <a href="https://www.mariakulikovska.net/">Maria Kulikovskas</a> in das Raster einer konsequent strukturierten Erzählung oder gar einer unparteiischen, chronologisch angelegten Biografie zu zwängen. Auf den ersten Blick mag die Multimedia-Künstlerin, Architektin, Performerin und Aktionistin wie die Summe all dessen erscheinen, was man über sie zu wissen glaubt. <em>„Hybrid; nicht-binär; feministisch; frei; im Exil; politisch aktiv, auf der Suche nach Identität, dabei sich selbst, Grenzen und Kontrollmechanismen zerstörend und neu erschaffend; unabhängig; auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt; Kinder von Held:innen, bereit, für die Zukunft alles und noch mehr zu geben …“</em> – so <a href="https://doi.org/10.1177/0263276404042133">umreißt Kulikovska selbst</a> die Konturen ihrer multiplen Welten, die es ihr erlauben, unterschiedliche Erfahrungen im künstlerischen Ausdruck miteinander zu verschränken. In diesem vollständig erneuerten Körper, der sich über alte Traumata erhoben hat, einem wahrhaft reinen Körper, wird es nichts Zerstückeltes oder Defektes mehr geben.</p>
<h3><strong>Multiple Identitäten</strong></h3>
<div id="attachment_7751" style="width: 493px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7751" class="wp-image-7751 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-300x185.jpg" alt="" width="483" height="298" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-200x123.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-300x185.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-400x247.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-600x370.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2.jpg 608w" sizes="(max-width: 483px) 100vw, 483px" /><p id="caption-attachment-7751" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Pysanki, 2010.</p></div>
<p>In ihren Bedeutungszuschreibungen, Identifikationen und Denkweisen lassen sich kaum übersehbar autobiografische Züge erkennen, ebenso wie die Wirkungen traumatischer Erfahrung, die sowohl wörtlich als auch symbolisch verarbeitet werden. Es scheint, als befinde sich Kulikovska auf einem Weg der Verwirrung, auf dem sie zu ergründen versucht, wie sich in ihren körperzentrierten, hybriden Praktiken Ordnung in polemische, ja beinahe inzestuöse Elemente bringen lässt: das Organische und das Komplexe, das Verworrene und das Unkonventionelle, das Militante und das Zarte – eine panische Mischung aus Schmerz und Wut.</p>
<p>Alles gerät durcheinander, stößt aufeinander, verdichtet sich zu greifbaren Formen und verschmilzt zu einer noch immer vagen und zerzausten Einheit. Die Materialien sind instabil, äußerst fragil oder flüssig, eher expressionistisch als bloß farbig, mitunter abstoßend und kaum zu bändigen. Sie werden von vollkommen unerklärlichen Impulsen zueinander hingezogen und kollidieren mit Echos von Schmerz, die verzweifelt ins Leben einbrechen.</p>
<p>Was die <em>„Welt der Ideen“</em> betrifft, so weisen ihre Arbeiten formale Ähnlichkeiten mit jenen feministischer Künstlerinnen auf: Der Einfluss von <a href="https://judychicago.com/">Judy Chicago</a> koexistiert hier mühelos mit jenem von <a href="https://www.hauserwirth.com/artists/16711-alina-szapocznikow/">Alina Szapocznikow</a> – auch wenn Kulikovska bestrebt ist, eigene, originelle Ausdrucksformen für ihre leidenschaftlichen multiplen Welten zu finden und zu ordnen.</p>
<p>Seit März 2017 realisiert Maria Kulikovska alle ihre Performances, Skulpturen sowie architektonischen und künstlerischen Projekte in Zusammenarbeit mit ihrem Partner, dem Architekten und Ingenieur <a href="https://www.nordart.de/fileadmin/downloads/kuenstler/2024/Awardees2/NordArt2024_Kulikovska_Vinnichenko.pdf">Oleh Vinnichenko</a>. Einige ihrer Arbeiten sind mit höchsten Formen von Intimität verbunden, in der Absicht, der sinnlichen Anziehung zwischen Liebenden, ihrem Verschmelzen sowie ihrer geistigen Übereinstimmung Zuständen Raum zu geben, zu denen jede Betrachterin und jeder Betrachter in gewissem Maße einen Bezug aus eigener Erfahrung herstellen kann. Darin liegt vielleicht der eigentliche Ausgangspunkt der körperlich spürbaren, konvulsiv wirkenden Schönheit ihrer Werke: einer Schönheit, die sich aus erotischem Beben, Blumen und Nacktheit speist, aus dem Zusammenführen und Ineinanderfließen unterschiedlicher, oft verschlungener Techniken, Motive und Bilder, die sich zu einem unwillkürlichen Ganzen vereinen.</p>
<p>Letztlich hat ihr gesamtes künstlerisches Werk – direkt oder indirekt – in höchstem Maße die Selbstgenügsamkeit und Fragilität dieser Liebe in sich aufgenommen. Ihre Arbeiten sind Fleisch vom Fleisch einer Welt, der jede edle Regung abhandengekommen ist, in der eine Spur von Zärtlichkeit zum letzten, heilenden Gegenmittel gegen eine erschreckende Realität wird.</p>
<div id="attachment_7745" style="width: 449px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7745" class="wp-image-7745 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv-300x201.jpg" alt="" width="439" height="294" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv-300x201.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv-400x268.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv.jpg 454w" sizes="(max-width: 439px) 100vw, 439px" /><p id="caption-attachment-7745" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, My Second Xena I, 2010. Nationale Akademie der Bildenden Künste und Architektur, Kyjiw.</p></div>
<p>Die Art und Weise, wie Kulikovska mit dem eigenen Körper experimentiert, verweist – im Sinne Foucaults – weniger auf Identifikation als vielmehr auf Desidentifikation, auf eine Art Demontage der organischen Hülle, eine <em>„ekstatische Verherrlichung ihrer kleinsten Teile, der geringsten Möglichkeiten von Körperfragmenten“</em> (Michel Foucault, „Sade, sergent du sexe“, 1975), mit dem Ziel, den Körper neu zusammenzusetzen und ihm neue Kraft zu verleihen.</p>
<p>Lassen wir Kulikovska selbst zu Wort kommen: <em>„Es war eine zutiefst persönliche und emotionale Geschichte – über das Annehmen oder Nicht-Annehmen des eigenen Körpers, über Versuche, sich selbst in einer Gesellschaft mit patriarchalen Überresten neu zu interpretieren. Wir kennen uns von innen, sind aber außerstande, uns von außen zu sehen, um den eigenen Kopf herumzugehen oder hinter uns selbst zu stehen. All dies lässt sich aus biologischer Perspektive betrachten, doch man kann weitergehen – in den politischen Raum hinein, indem man sich innerhalb einer Gesellschaft verortet, selbst wenn diese reguliert, übermäßig anatomisiert ist. Gerade diese Gesellschaft, die Etiketten verteilt, uns unablässig vereinnahmt und Besitzansprüche an uns stellt, in der das eigene ‚Selbst‘ vollständig ausgelöscht wird und sich wie Nebel verflüchtigt, erzeugt ein geradezu wahnsinniges Verlangen nach Selbsterkenntnis oder Selbstidentifikation innerhalb dominanter Bedeutungszusammenhänge. Selbst wenn wir glauben, für uns selbst zu sprechen, sprechen wir zugleich im Namen eines Anderen. Und so gibt es viele dieser ‚Selbste‘ in uns – eine ganze Armee von Klonen, eine endlose Zahl von Klonen, die unter dem Druck standardisierter Moralvorstellungen und der Regulierung weiblicher Sexualität einen kollektiven, geklonten Körper bilden. Wer sind diese vielen ‚Selbste‘? Was projiziert die Gesellschaft auf mich? Auf der Suche nach Antworten begann ich, skulpturale Kopien meines eigenen Körpers zu schaffen – den Körper einer Frau, die trotz Tabus und herabwürdigender Zuschreibungen ihren Körper vervielfältigt, um Macht über ihn zu gewinnen und so seine Existenz im öffentlichen Raum zu manifestieren.“</em></p>
<h3><strong>Kunst mit dem Körper</strong></h3>
<div id="attachment_7746" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7746" class="wp-image-7746 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present-300x253.jpg" alt="" width="469" height="395" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present-200x168.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present-300x253.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present-400x337.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present.jpg 507w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7746" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Scars, 2014–heute.</p></div>
<p>Die erste geklonte <em>„Einheit“</em> von Gipsabgüssen Maria Kulikovskas wurde 2010 im Rahmen des GogolFest auf dem Gelände des legendären <a href="https://de.ui.org.ua/deutscher-expressionismus-im-ukrainischen-kino-vorfuehrung-des-films-arsenal-und-diskussion-ueber-oleksandr-dowschenko/">Oleksandr-Dowschenko</a>-Filmstudios in Kyjiw öffentlich präsentiert, jener größten Initiative für riskante und alternative multidisziplinäre Praktiken, die sich als besonders geeignetes Vehikel für <em>„unbequeme“</em> Kunst junger Menschen erwiesen hat, die nach Raum für ihre eigene Reifung suchten. Gerade angesichts dessen, was dieses kraftvolle Festival sichtbar machte, wurde deutlich: In dieser Form der Öffentlichkeit trennten sich die Stimmen der Tradition und jene einer kompromisslosen Innovation entlang derselben zeitgenössischen kulturellen Sensibilität.</p>
<p>Die Armee der Körperklone wuchs weiter, fand immer neue Zufluchtsorte und wurde mobil über die Stadt und verschiedene Festivalorte verteilt. Ganze „anarchistische“ Gruppen stellten sich bei Kulikovska an, bereit, die Anatomie ihrer eigenen Genitalien zu verewigen. Zu jenen, die willens waren, luftdichte Gips-<em>„Raumanzüge“ </em>anzulegen, gehörte etwa der aus Donezk stammende Performer und Aktionist <a href="https://www.themoviedb.org/person/2144810-piotr-armianovski">Petro Armyanovsky</a>. In den Augen der ukrainischen Gegenwartskunstszene gilt er als Symbol des Aufbegehrens, als Dissident, der einst auf Knien zur Kyjiwer Petschersk-Lawra kroch, einen herzzerreißenden, an Munch erinnernden Schrei in Richtung des ukrainischen Parlaments ausstieß, sich mit einer Rasierklinge einen Dreizack in den Bauch schnitt, den Andrijiwskyj-Abstieg <em>„in Papageien“</em> vermaß und bei einer Ausstellung von Marina Abramović nackt auftrat.</p>
<p>Es überrascht nicht, dass er – ebenso wie andere seinesgleichen – darin eine Konfrontation mit allem <em>„Abnormen“</em> und Destruktiven erkannte oder, wie <a href="https://journals.uvic.ca/index.php/ctheory/article/download/14355/5131?inline=1">Paul Virilio es einmal formulierte</a>, ein <em>„stehendes Drama“</em> zwischen Körper, Physis und Stimme, zwischen all dem, was einen an die Frontlinien treibt, um <em>„Zwänge, Stereotype, Komplexe abzuschütteln“</em> – auf der Suche nach einem Durchbruch <em>„</em><a href="https://www.armianovski.info/en/node/49?utm_source=chatgpt.com"><em>bis an die Grenzen aller Möglichkeiten – der körperlichen wie der geistigen</em></a><em>“</em>.</p>
<p>Diese Replikation, Selbstvervielfältigung und schließlich sogar Selbstkonstruktion des eigenen Körpers – das Verlangen nach einer ungeduldigen Präsenz sowohl innerhalb als auch jenseits des eigenen Selbst – bedeutete für Kulikovska nichts Geringeres als einen Versuch verzweifelten Widerstands gegen die Gewalt, die dem authentischen <em>„Selbst“</em> angetan wurde. Mit dieser Gipsrüstung versucht Kulikovska zu erspüren, wie sich ihr ungeschützter Körper durch Zwang und Schmerz hindurch bricht, wie er auswuchert und sich in eine entfremdete Projektion verwandelt, in eine scharfe, stechende Leere der Zurückweisung, in vervielfältigte Doppelgänger, „<a href="https://wallach.columbia.edu/exhibitions/multiple-occupancy-eleanor-antins-selves">Selbste</a>“, potenziert bis zur n-ten Stufe.</p>
<p>Die Materialien, mit denen sie arbeitet – Gips, Silikon, ballistische Seife, Epoxidharz, Gusseisen – sind <em>„schwergewichtig“</em>, weit entfernt von jeder <em>„pastoralen“</em> Anmutung, gewissermaßen <em>„Agenten“</em> einer regulierten Welt. Doch um der Totalität der Gewalt zu entkommen und aus dem Zustand persönlicher Traumatisierung hervorzutreten, genügt es nicht, den Körper lediglich im Material einzusperren, ihn darin zu <em>„kristallisieren“</em>. Es liegt vielmehr in unserer Macht, weiterhin aktiv – ja, ich möchte sagen: brutal –, den befehlenden Zurufen jeder Ungerechtigkeit zu widerstehen, uns selbst neu zu erheben, der natürlichen Passivität zum Trotz, uns als verwandelt zu erfahren und dabei die Unverletzlichkeit und Unbezwingbarkeit des willentlichen Ursprungs zu bewahren.</p>
<h3><strong>Der feministische Blick</strong></h3>
<div id="attachment_7747" style="width: 418px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7747" class="wp-image-7747 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-300x200.jpg" alt="" width="408" height="272" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022.jpg 605w" sizes="(max-width: 408px) 100vw, 408px" /><p id="caption-attachment-7747" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Bullets and Flowers, 2022.</p></div>
<p>So ist in der Intensität dessen, was fragmentiert, zerbricht und auf destruktive Impulse zustürzt, nichts anderes eingeschrieben als anschwellende, lebensgesättigte Zärtlichkeit. Um diese scheinbar scheue Substanz kreist eine alchemistische Verschmelzung des Weiblichen und des Organischen, von Patronenhülsen, Blumen, zerstückelten Körpern und Brüsten – fähig, einen willentlichen Widerstand gegen alles Flüchtige, Mehrdeutige, von Lügen und falschen Anschein verdorbene zu mobilisieren und als Horizont eine <em>„lebendige“</em>, wenn auch gebrochene Linie von Authentizität nachzuzeichnen.</p>
<p>Aus der Perspektive des zeitgenössischen Feminismus erscheint Kulikovskas phantasmatische Erzählung bisweilen etwas altmodisch und ruft entweder Penny Slinger in Erinnerung, die eine surrealistische Perspektive ins Extreme treibt, oder Alina Szapocznikow, die das Leben im Strom seiner Ambivalenzen auf kosmische Geschwindigkeiten beschleunigt, damit es sich in etwas gänzlich Anderes, gänzlich Körperliches verwandeln kann – etwas, das sich öffnet, widersteht, zittert, schlägt und klafft.</p>
<p>Als Kulikovska gerade erst begann, ihre ersten Schritte in Richtung feministischer Kunst zu gehen und die damit verbundenen Werte noch zögerlich in sich aufzunehmen, war der ukrainische Kunstfeminismus selbst erst dabei, die Grundlagen für eine Veränderung des Status quo zu legen, insbesondere im Hinblick darauf, Frauen ein Gefühl kollektiver Stärke und die Möglichkeit zur Durchsetzung eigener Subjektivität zu vermitteln. Gleichwohl offenbarte ein Teil der ukrainischen Kunstszene in Fragen des Feminismus eine gewisse <em>„kulturelle Rückständigkeit“</em>. In den frühen 1990er Jahren wurden feministische Ideen von männlichen Kunstkritikern zurückgewiesen und dämonisiert, während Feministinnen im <em>„Massenbewusstsein“</em> als eine Art fremdartige Teufelinnen imaginiert wurden, von Kopf bis Fuß in Pelz gehüllt, mit vierzig Katzen lebend und über etwas plappernd, das man allein sexueller Frustration zuschrieb.</p>
<p>Diese und andere tyrannische Urteile führten zu der Vorstellung, Feminismus müsse beschämend wie Staub abgeschüttelt werden, im <a href="https://archive.org/details/daspassagenwerk0000benj">benjaminischen Sinne</a> also „<em>aus seinem Zusammenhang gerissen</em>“ – und damit zerstört. Ich habe die Zahl aggressiv sexistischer Gesten gegenüber dem Feminismus in der Presse nicht akribisch gezählt, doch die „Schikanen“, denen er ausgesetzt war, sowie die ideologischen Konflikte innerhalb der Kunstgemeinschaft (wie sie unter anderem von der Kunstkritikerin <a href="https://www.lvivart.center/chomu-v-ukrayini-budut-hudozhnyczi/">Tamara Zlobina beschrieben</a> wurden) zwangen basisnahe Fraueninitiativen dazu, nach dem Prinzip <em>„Ich bin keine Feministin, aber …“</em> zu agieren, jede Nähe zum feministischen Diskurs zu vermeiden und schmerzhaft auf Versuche zu reagieren, ihre Kunst durch eine feministische Linse zu lesen. Dabei beharrten sie häufig darauf, <em>khudozhnyKY</em> (Künstler, maskulin) und nicht <em>khudozhnyTSI</em> (Künstlerinnen, feminin) zu sein.</p>
<p>Diese gesamte Tradition der Disqualifizierung ist in all ihren inhaltlichen Details bereits von <a href="https://doi.org/10.1515/9780804765428">Giorgio Agamben beschrieben</a> worden. Dank ihm ist der unkritische, feindselige Ton des <em>„Menschen ohne Inhalt“</em>, der fremde mittelmäßige Urteile nachplappert und die allgemeine Bewegung fortschreibt, offengelegt worden. Und wenn einst Verlaine und Mallarmé unter Lemaître zu leiden hatten, Rimbaud von Croce disqualifiziert wurde und Stendhal wie Flaubert dank Brunetière zu den <em>„Verworfenen“</em> gezählt wurden, dann erscheinen die Leidenschaften rund um den ukrainischen Feminismus kaum als besonders große Unglücke.</p>
<p>So oder so versuchten all diese Kunstverleumder mit ihren sogenannten <em>„kritischen Urteilen“</em>, den ukrainischen Kunstfeminismus, mit <a href="https://doi.org/10.1515/9780804765428">Agamben</a> gesprochen, <em>„in den Limbus des Nicht-Kunsthaften“</em> zu verbannen – und wirkten dabei, um <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Walter_Benjamin_Einbahnstrasse.pdf">Walter Benjamin</a> zu zitieren, wie <em>„Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen“.</em> Trotz aller Windungen und Grabenkämpfe, die die Frauenbewegung von ihren ursprünglich radikalen Forderungen ablenkten (wie dies etwa im Westen oder in den USA in den 1960er und 1970er Jahren der Fall war), hatte der ukrainische Feminismus bis zur Mitte der 2000er Jahre bereits mehrere schwelende Lebenszyklen durchlaufen, ohne jedoch irgendeine Form historischer Autorität zu erlangen.</p>
<p>Sein anhaltender <em>„leibeigener“</em> Zustand führte dazu, dass der Feminismus dem Aufbau eines historischen Erbes sowie der Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit, die von der ukrainischen Kunst als traumatisch wahrgenommen und artikuliert wurde, nachgeordnet blieb und so über das Trauma eine nationale Identität mitkonstituierte. Feministinnen (so werden Künstlerinnen, die in geschlechterbezogenen Kontexten arbeiten, in der ukrainischen Kunst aufgrund des Mangels an feministischer Kunstkritik bis heute meist nicht genannt) sind Kinder einer spartanischen Erziehung, gehärtet durch die Schule der Verleumdung, bemüht, die historischen Bedingungen ihrer eigenen Existenz zu verstehen und zu verteidigen, bei allem Druck der dominanten kunstinternen Verhältnisse in diesem Bewusstsein das Recht auf eine eigenständige weibliche Erfahrung zu behaupten und eine private Suche nach Identität zu artikulieren.</p>
<div id="attachment_7753" style="width: 319px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7753" class="wp-image-7753" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021-231x300.jpg" alt="" width="309" height="401" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021-200x259.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021-231x300.jpg 231w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021-400x519.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021.jpg 452w" sizes="(max-width: 309px) 100vw, 309px" /><p id="caption-attachment-7753" class="wp-caption-text">Maria Kolikovska, Stardust, 2021.</p></div>
<p>Kulikovskas Feminismus ist dialogoffen, weil er sich durch das Gewebe schmerzhafter Kapitel der Frauengeschichte bricht, verbunden mit der Aufhebung von Tabus und traumatischen Erfahrungen: <em>„Dies ist das erste Mal, dass ich meine Arbeit als feministischen Aktivismus bezeichne – zuvor habe ich sie nie in diesen Begriffen gedacht“</em>, sagt Kulikovska. <em>„Indem ich meinen eigenen Körper seziert habe, habe ich schlicht meine Traumata freigesetzt, und es scheint, dass mir das gelungen ist. Erst lange nachdem ich bereits einige eher zaghafte und träge Diskussionen zu diesem Thema verfolgt hatte, begann ich, im Rahmen einer feministischen Agenda zu denken. Da wurde mir klar, dass ich schon seit geraumer Zeit entlang derselben Linien reflektiert hatte. Feministische Bewegungen setzten große Hoffnungen in mich und sahen in mir eine Sprachrohrfigur für die Emanzipation der Frau. Doch mir fehlte das Selbstvertrauen, die Decke an mich zu ziehen, so etwas wie ‚weiblichen Separatismus‘ zu propagieren oder mir das Recht zu nehmen, den Kanon ‚neu zu schreiben‘. Die Angst überwog – die Angst davor, die eigene Stärke, Macht und den eigenen Wert anzunehmen“</em> (Maria Kulikovska im Gespräch mit der Autorin im März 2025).</p>
<p>Selbst Personen ohne kunsthistorische Fachkenntnisse können kaum übersehen, dass Kulikovska in ihrer sich herausbildenden feministischen Praxis häufig auf die formale oder kontextuelle Überarbeitung von Motiven aus der kanonischen feministischen Ikonografie zurückgreift. Abgenutzte, gleichsam vorgefertigte Muster, etwa ein bogenförmiges Arrangement rosig schimmernder Vaginen à la Judy Chicago, das von Projekt zu Projekt wanderte und dabei die Fundamente konventioneller Normen wie auch vermeintlich selbstverständlicher Werte erschütterte, machten Kulikovska sowohl auf persönlicher als auch auf künstlerischer Ebene zur Zielscheibe voreingenommener Kritik.</p>
<h3><strong>Trauma und Imagination</strong></h3>
<p>Diese Kritik erreichte ihren Höhepunkt in den Spalten der Boulevardpresse und machte unmissverständlich deutlich, dass es in der ukrainischen Kunst nach wie vor Bereiche gibt, die als unzulässig gelten. Auslöser eines lautstarken öffentlichen Skandals war der Besuch des stellvertretenden Kulturministers, der sich <em>„zufällig“</em> zu dem Bogen hinabbeugte, um dessen zarte <em>„Knospen“</em> zu berühren, und dabei umgehend von Fotojournalisten erfasst wurde. Die sensationelle Berichterstattung, die ihren Fokus auf die grell inszenierte genitale Exzentrik verlagerte, vertrieb für einen Moment die alltägliche Monotonie der Nachrichtensendungen.</p>
<p>Die gegen Kulikovska gerichtete Empörungswelle legte die gesellschaftliche Trägheit in Fragen der Geschlechterinklusion ebenso offen wie eine tief verwurzelte Zurückweisung des <em>„feministischen Blicks“</em>, der an den düsteren Mauern und der gemeinschaftlichen Enge der öffentlichen Meinung zerschellte. Indem Kulikovska versuchte, das Unerwünschte und Verdrängte sichtbar zu machen, bedrohte sie die etablierte Ordnung der Dinge.</p>
<p>Das Unsichtbare, das Verschattete, das <em>„Kleine“</em> – mit seinen Aspekten von Trauma oder vollständig gelebter Erfahrung, die sich den Rahmen des Rationalen, Hierarchischen und Kodifizierten entziehen – wird für Kulikovska zugleich zum Gegenstand und zum Medium des Sprechens über das Unbezahlbare und, wie Georges Bataille sagen würde, über die <em>„innere“</em> Erfahrung. Diese Erfahrung gleicht einem Gang durch ein dunkles Labyrinth mit rauen Wänden, aus dem es kein Entkommen gibt. In diesem optisch undeutlichen Raum kann etwas Barbarisches und Entsetzliches verborgen liegen – etwa eben jenes Trauma, dessen Zeuginnen und Zeugen wir werden.</p>
<p><em>„Ich wurde von vielem traumatisiert“</em>, sagt Kulikovska, <em>„und so ging alles, was ich tat, aus meinem eigenen Schmerz hervor. Ich verließ eine Beziehung, die in vielerlei Hinsicht missbräuchlich war, und nach diesem Schritt fühlte ich mich nicht mehr ‚ganz‘. Ich war wie eine Trägerin der Sünde, fähig, nur Ekel hervorzurufen. Alles, was mit Weiblichkeit, Zärtlichkeit und Mutterschaft verbunden war – Dinge, die mir zu körperlich, zu abstoßend erschienen –, verzerrte ich und setzte sie als Instrumente, ja vielmehr als Waffen gegen die normative Objektivierung des weiblichen Körpers als mütterlich ein. Am Ende begann ich all das zu hassen, dessen man mich beraubt hatte.“</em></p>
<p>Das Zurückgewiesene, das <em>„ausgeschlossene“</em> Weibliche zwingt Kulikovska dazu, sich selbst nur noch fragmentarisch wahrzunehmen, <em>„in den schwach strukturierten Randzonen einer dominanten Ideologie, als Abfall oder Überschuss, als das, was von einem Spiegel übrig bleibt, den das (männliche) ‚Subjekt‘ dazu benutzt, sich selbst zu reflektieren, sich zu vervielfältigen“</em> (Luce Irigaray, <a href="https://www.cornellpress.cornell.edu/book/9780801415463/this-sex-which-is-not-one/#bookTabs=1">This Sex Which Is Not One</a>, Cornell University Press. Ithaca, New York, 1985). Für die feministische Philosophin Luce Irigaray ist die Kategorie des vom phallischen autoritären Erhabenen verdrängten <em>„weiblichen Imaginären“</em> (siehe auch <a href="https://doi.org/10.1632/pmla.2010.125.2.273">Timothy Morton, Queer Ecology, 2010</a>) ein grundlegendes Problem: <em>„Aber wenn sich das weibliche Imaginäre entfalten würde, wenn es sich anders als in Form von Resten, ungesammeltem Geröll, ins Spiel brächte – würde es sich dann überhaupt als ein Universum darstellen? Wäre es überhaupt Volumen und nicht bloß Oberfläche?“</em> Ich fürchte, die Antwort lautet nein.</p>
<p>Sowohl das Logische als auch das Anatomische werden in Kulikovskas Arbeiten als ontologische Gegenstrukturen zur rigiden männlichen Zurückweisung des Weiblichen im Sein entworfen – dort, wo Subjektivität als Übergangszustand erscheint, fragmentiert ist und jenseits der Grenzen eines strukturierten Ganzen situiert bleibt, einschließlich des eigenen <em>„partiellen“</em> Selbst. Im Visuellen dominieren das <em>„Vorkognitive“</em> und das <em>„Essentialistische“</em>, geformt durch die Affektivität von Material und Methode.</p>
<h3><strong>Diktatur des Realen</strong></h3>
<div id="attachment_7748" style="width: 432px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7748" class="wp-image-7748 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-300x187.jpg" alt="" width="422" height="263" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-200x125.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-300x187.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-400x250.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-600x375.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-768x480.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-800x500.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-1024x640.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023.jpg 1197w" sizes="(max-width: 422px) 100vw, 422px" /><p id="caption-attachment-7748" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Letter to Eva, 2023.</p></div>
<p>Betrachten wir ihre/unsere Gesichter, Hände, Brüste, Beine, die Abgüsse, das ekstatische Aufklaffen der Münder, eine Explikation von Authentizität, ein Sparring des Gleichen mit dem Gleichen. Antagonisten der Ganzheit, die sich weigern, Differenz in die eigene Ontologie einzulassen, <em>„tautologisch“</em>, wie ein Hin-und-her-Wandern, Abgüsse als Narben. Foucault hätte dies als taxonomische Störung bezeichnet: den Körper in einen Zustand der Anarchie versetzt, in dem Hierarchie, Lokalisierung, Benennung, Organik – wenn man so will – zerstört werden und ihren Lebenszyklus beenden.</p>
<p>Uns begegnet die Schärfe dessen, was wir sehen: die Diktatur des Realen (in ihren Aspekten von Trauma, absolutem Leben oder reinem Empirismus), eine architektonische, mitunter formlose Unzuverlässigkeit, ein abgenutzter Zustand der Verzweiflung. Kulikovska verleiht dieser Unzuverlässigkeit und dieser Verzweiflung Sinn und symbolische Intentionalität.</p>
<p>Ihre/unsere Haut, Brüste, Hände, Körper, erscheinen weiblich, matrixial und maternal als zornige Objekte der <em>„Wiederholung“</em>. Unser Blick versenkt sich in die Asymmetrie ihrer Neigungen, ihrer Verschlingungen, in das Zittern der Berührung, in Anziehung und Abstoßung; immer wieder nehmen wir ihre barocke Intensität wahr, ihr botanisches Erblühen, ihre vibrierende Verbundenheit, ihren affektiven Austausch. In ihnen erkennen wir die Erschöpfung ermüdender Strömungen menschlicher Existenz, zugleich aber auch die Fruchtbarkeit des Aufblühens, die Freude, die Einheit der Verbindung, das wechselseitige Begehren zu sein.</p>
<p>Sie sind sichtbare Formen eines grenzenlosen weiblichen Werdens, der Auto-Affektion und der Selbstrepräsentation ihres Körpers, der – wie Irigaray betont – <em>„gehört“</em> werden muss. Der Mensch in diesem Körper muss spüren, dass er, so Luce Irigaray in <a href="https://archive.org/details/speculumdelautre0000irig">„Speculum de l’autre femme“</a> (1974), <em>„kontinuierlich, kompressibel, ausdehnbar, viskos, leitfähig, diffus ist (…), dass er sich – in Volumen und Intensität – je nach Grad der Erwärmung verändert; dass dies in seiner physischen Realität bestimmt wird … durch Bewegungen, die aus dem Quasi-Kontakt zweier Einheiten hervorgehen, die als solche kaum definierbar sind“.</em></p>
<p>Ihre/unsere Haut, Hände, Brüste, Muskelgewebe, fließend, wie Flüssigkeiten auf dem Weg zur Entropie. Das Körperliche erscheint hier als Materie, als eine wandelbare Substanz, deren Bewegung sich gleichsam rückwärts entfaltet, sich fortwährend transformiert, und Entropie wird zum Instrument, um den Körper mit dem Material der Katastrophe zu identifizieren. Kulikovska akzentuiert diese Entropizität, nicht mehr und nicht weniger.</p>
<p>Fragmente von Gliedmaßen haben wie Repliken körperlicher Flüssigkeiten ihre frühere Anthropomorphie verloren. Körper, die nach rechts oder links auslaufen, in das Undifferenzierte übergehen, widersetzen sich panisch den Layouts und Rändern des Papiers, den bürokratischen Zwängen und geschlechtlichen Fixierungen, die in sie eingeschrieben sind. Diese verschwenderischen Formen, fremd in ihrer Abweichung von sich selbst, werden zur Bedeutung des Anderen. Als Zeugen der Katastrophe stellen sie ihre Formlosigkeit (oder Anti-Form), ihre bestialische Deformation, die Hypertrophie des Zellgewebes zur Schau.</p>
<p>Nachdem sie ihre Plausibilität eingebüßt haben, quälen und verfolgen sie uns unerbittlich als gänzlich fremde, voneinander getrennte Wesen, die im Chaos globaler Katastrophen mutieren …</p>
<p><strong>„Dem Biest in die Augen sehen“</strong></p>
<div id="attachment_7754" style="width: 435px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7754" class="wp-image-7754" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-300x207.jpg" alt="" width="425" height="293" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2.jpg 637w" sizes="(max-width: 425px) 100vw, 425px" /><p id="caption-attachment-7754" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, White, 2015. Performance unter der Krimbrücke über der Moskwa während der Maiparade am 1. Mai.</p></div>
<p>Der Grund, warum Kulikovska ihre Werke einer unerbittlichen Zerstörung ausliefert, liegt vielmehr in einer tiefen persönlichen Identifikation mit diesem Zustand. Bereits während ihres Studiums an der Nationalen Akademie der Bildenden Künste und der Architektur wurde ihr architektonisches Kursprojekt, ein mehrstöckiges Gebäude, das die Form eines Embryos imitierte, von der Prüfungskommission abgelehnt und sogar buchstäblich in Stücke gerissen. Etwas gänzlich <em>„Negatives“</em>,<em> „Nicht-Architektonisches“</em> zu schaffen (um einen der bevorzugten Begriffe <a href="https://holtsmithsonfoundation.org/biography-robert-smithson">Robert Smithsons</a> zu verwenden), etwas offen Physiologisches statt einer eindeutig <em>„positiven“</em> Konstruktion aus glatten Wänden und hohen Decken – das war zu viel!</p>
<p>Kulikovska wendet sich gegen alles in der Architektur, was beschwichtigend wirkt, nach sozialer Ordnung ruft und stillschweigende Zustimmung erzeugt. Die sowjetische <em>„kastenförmige“</em> Architektur mit ihren gesichtslosen Konsumformen symbolisierte genau diese Ordnung der Dinge. Für Kulikovska ist sie Gegenstand besonderer Kritik und die Organik des Körperlichen sollte der Trostlosigkeit der urbanen Struktur entgegengesetzt werden. <em>„Die Revitalisierung all dessen, was sowjetisch war, durch die Schaffung inklusiver öffentlicher Räume, die dem menschlichen Leben näher sind – das hat mich am meisten interessiert“</em>, sagt Kulikovska. <em>„Meine Eltern, die sich auf der Krim niedergelassen hatten, vertraten stets eine proaktive politische Haltung, und die Förderung eines starken Ukrainisierungsbewusstseins innerhalb unserer Familie war angesichts der erdrückenden, oft überwältigenden prorussischen Stimmung von zentraler Bedeutung. Wir alle bauten an der Ukraine – an einer schönen, aufblühenden Ukraine. Für mich war Architektur genau das.“</em></p>
<p>In dem Essay <a href="https://www.thomashirschhorn.com/doing-art-politically-what-does-this-mean/">„Doing Art Politically: What Does This Mean?“</a> (2008) schreibt Thomas Hirschhorn, das Politische sei einer der umstrittensten Begriffe der zeitgenössischen Philosophie, weil – ob wir es wollen oder nicht – gerade das Politische Filter für Formen der Existenz setzt, zugleich aber auch die Erfahrung von Opposition impliziert, die Weigerung, mit dem Strom zu schwimmen. Indem er – vielleicht unbewusst, aber prophetisch – eine Linie von Godard zu Arendt zieht, formuliert Hirschhorn: <em>„Mich interessiert nur das, was wirklich politisch ist, das Politische, das involviert: Wo stehe ich? Wo steht der Andere? Was will ich? Was will der Andere?“</em> Kunst politisch zu machen bedeutet, einer Form politisches Bewusstsein, Exzessivität zu verleihen; es bedeutet, Position zu beziehen.</p>
<p>Kulikovska entscheidet sich, ihre Praxis im formalen und zugleich kraftvollen Feld des <em>„Politischen“</em> zu verorten, um die Bedeutung politischer Beteiligung und der damit einhergehenden Artikulation einer Haltung zu unterstreichen, <em>„die Wahrheit zu zeigen, ohne sie zu beschönigen oder zu verschweigen“</em>. Im Juli 2014 wagte sie eine <em>„nicht genehmigte“</em> Aktion: Während der Manifesta-Biennale für zeitgenössische Kunst in Sankt Petersburg legte sie sich, in die ukrainische Flagge gehüllt, auf die Stufen der Eremitage und stellte so eine im militärischen Konflikt in der Ostukraine getötete Person dar. Später inszenierte sie in der Moskwa ein symbolisches <em>„Baden“</em> der Krim-Flagge als Protest gegen die Legitimierung der <em>„russischen Krim“</em>. Kurz darauf <em>„besetzte“</em> die Künstlerin, in Tarnkleidung, während der Biennale von Venedig den russischen Pavillon.</p>
<p>Offenkundig wäre es weniger radikal gewesen, schlicht zu schweigen. Doch Kulikovska wählte den Weg, <em>„zu stören“</em>, sich <em>„in den Weg zu stellen“</em>, der Verdrängung der Wahrheit über Krieg und Besatzung entgegenzutreten, im Grunde zu rebellieren. Alle anderen Wege wären für sie inauthentische Kompromisse gewesen. <em>„Meine Position zur Krim war politisch klar und unmissverständlich“</em>, <a href="https://life.pravda.com.ua/society/2015/06/08/195161/">sagt Kulikovska</a>. <em>„Man kann einen Vergewaltiger nicht verzeihen. Die Tatsache, dass ich hätte verhaftet und für mehrere Jahre inhaftiert werden können, hat mich nicht abgeschreckt. Ich wollte sogar eine solche härtere Reaktion provozieren. Oleg Kulik (ein russischer Künstler und Performer) sagte einmal, als die Pussy-Riot-Frauen vor ihrer Inhaftierung standen: Lasst sie ins Gefängnis kommen, und zwar für lange Zeit. Nicht, weil er ihnen Böses wünschte, sondern weil er das Ausmaß von Grausamkeit und Diktatur in Russland sichtbar machen wollte. Ich möchte sehr gerne auf die Krim zurückkehren und die Fragen der Besatzung von innen heraus thematisieren, doch die Verantwortung für das Leben meiner Angehörigen hält mich davon ab – wie so viele andere auch.“</em></p>
<p>Die russische kulturelle Linke betrachtete Kulikovskas künstlerisch-politische Aktionen zwar als <em>„Mikro-Resistenzen“</em>, diagnostizierte sie jedoch zugleich als „<em>Nationalismus“</em> – ein schmerzhaftes Symptom der Haltung einer zombifizierten russischen Gesellschaft gegenüber anderen Völkern. Dies war ein typisches Beispiel dafür, wie jener Teil der liberalen Intelligenzija in Russland die Ukraine wahrnahm und bis heute wahrnimmt. Dieses Milieu hat sich im folgenden Jahrzehnt durch seine versöhnlerische Haltung gegenüber dem Putin-Regime oder gar durch direkte Unterstützung vollständig diskreditiert. Später sagte Kulikovska <a href="https://focus.ua/ukraine/331548">in einem Interview</a> mit ukrainischen Medien unverblümt: <em>„Ich bin nach Russland gegangen, um dem Biest in die Augen zu sehen.“</em></p>
<h3><strong>Tödliche Lüge – die Wahrheit der Hölle</strong></h3>
<div id="attachment_7749" style="width: 468px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7749" class="wp-image-7749 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-300x199.jpg" alt="" width="458" height="304" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-768x510.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-800x531.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2.jpg 997w" sizes="(max-width: 458px) 100vw, 458px" /><p id="caption-attachment-7749" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Army of Clones, 2010–2014.</p></div>
<p>Viele progressive ukrainische Künstlerinnen und Künstler schlossen angesichts Russlands hinterhältiger Invasion der Krim und des Donbas faktisch die Tür vor diesem <em>„Biest“</em>. Lügen sind zu einer neuen politischen Propagandawaffe im Kampf gegen die Ukraine geworden.</p>
<p>So erweist sich die Falle der Lüge stets als <em>„tödlich“</em> und droht in das überzugehen, was Smithson als Effekt der Entropie beschrieben hat. In einem Auszug aus seinem Essay <a href="https://monoskop.org/images/0/01/Smithson_Robert_1966_1996_Entropy_and_the_New_Monuments.pdf">„Entropy and the New Monuments“</a> von 1966 stimmt Smithson mit dem Philosophen <a href="https://plato.stanford.edu/entries/ayer/">A. J. Ayer</a> darin überein, dass <em>„wir nicht nur das kommunizieren, was wahr ist, sondern auch das, was falsch ist. Oft besitzt das Falsche eine größere ‚Realität‘ als das Wahre. Daher scheint es, dass jede Information – und dazu gehört alles Sichtbare – ihre entropische Seite hat. Die Falschheit als letztes Stadium ist untrennbar Teil der Entropie, und diese Falschheit ist frei von moralischen Implikationen.“</em></p>
<p>Kulikovska baut ihre Praxis auf der Forderung nach <em>„Wahrheit“</em> auf – einer Wahrheit, die Gefahr läuft, in einer endlosen, explosiven Spirale aus Lügen, Täuschung und Betrug ausgelöscht zu werden. Wahrheit ist das, was wir verzweifelt zu retten und bis zum Äußersten zu verteidigen suchen müssen, um eine humanistische Gesellschaft aufrechtzuerhalten, selbst um den Preis erheblicher Prüfungen und Entbehrungen.</p>
<p>Vor mir stehen Kulikovskas Skulpturen aus ballistischer Seife und Epoxidharz. Bald wird ihnen etwas Unwiederbringliches widerfahren. Doch noch sind sie Zeitkapseln, die Spuren eines friedlichen und ruhigen Lebens bewahren. Wie die griechischen Karyatiden fehlen ihnen die Arme, zugleich weisen sie ein allgemeines texturales <em>„Verwelken“</em> auf. Sie werden obsessiv <em>„wiederholt“</em>, und diese mimetische Wiederholung führt nicht selten zu einem vollständigen Verlust von Identität, zu einer Aushöhlung. Unterscheiden lassen sie sich nur noch anhand der Farbe ihrer <em>„Haut“</em>.</p>
<p><em>„Die Schönheit wird konvulsiv sein oder sie wird nicht sein“</em>, schrieb André Breton in <a href="https://livrecritique.com/lamour-fou-dandre-breton-resume-et-analyse/">„L’Amour fou“</a> (1937), und hier haben wir keinen Grund, ihm zu widersprechen. Oft sind diese Skulpturen widersprüchlich – mit Patronenhülsen und Blumen gefüllt –, dabei jedoch nicht bedrohlich, vielmehr mütterlich füllig und behaglich. Nomadisch wandern sie von Projekt zu Projekt, verorten sich mitunter in <em>„unbequemen“</em>, metaphysisch stummen Industriearealen, mitunter in Schaufenstern und Parks der Stadt, manchmal sogar unterirdisch, und bringen dabei, jeweils im Kontakt mit ihrer Umgebung, unerwartete, anarchische Verbindungen zum Vorschein.</p>
<p>Vor mir stehen Kulikovskas Skulpturen aus ballistischer Seife und Epoxidharz. Etwas Unwiederbringliches und Barbarisches ist ihnen bereits widerfahren. Nun betrachtet man sie mit einem unwillkürlichen Schaudern. Hier entfaltet sich eine Zeit, die man durchaus als <a href="https://lineafuga.wordpress.com/wp-content/uploads/2010/08/agamben_the-time-that-is-left.pdf">Agambens <em>„Zeit des Endes“</em></a> bezeichnen könnte – eine zerstörerische, kollabierende Zeit, die sich unausweichlich ins Fleisch eingeschrieben hat.</p>
<p>Einige Werke dieser Serie wurden in den Gebäuden des <a href="https://izolyatsia.org/en/collection/">Donezker Kunstzentrums Izolyatsia</a> gezeigt, das 2014 von brutalen russischen Invasoren besetzt wurde. Mit Beginn des Krieges wurden das Fabrikgelände und seine unterirdischen Anlagen in ein aktives Konzentrationslager und ein geheimes Gefängnis unter der Kontrolle des russischen FSB verwandelt. <em>„Ja, das ist die Realität: 2019 existiert in Osteuropa ein russisches ‚Auschwitz‘, in dem – finanziert durch russische Öl- und Gaskonzerne ebenso wie durch russische Steuerzahler – Ukrainerinnen und Ukrainer festgehalten und gefoltert werden, die von den Besatzern als ‚besonders gefährlich‘ eingestuft werden“</em>, <a href="https://inforpost.com/news/2019-12-07-25377">schreibt Roman Miroyu</a>, Autor aufsehenerregender investigativer Recherchen. <em>„Wer in diesem Moment in den Verliesen des russischen ‚Neuen Auschwitz‘, dem aktiven Konzentrationslager in Osteuropa, gefoltert wird, ist unbekannt. Die Wachen sind da, die Tötungsmaschine arbeitet jede Minute. Während Sie diesen Text gelesen haben, wurde dort jemand hingerichtet, gefoltert oder zur Vernehmung gebracht. Erinnern Sie sich daran, während Sie in Gebieten leben, die frei vom russischen Neofaschismus sind.“</em></p>
<p>Dies ist eine schattenhafte Hölle; sie kennt kein <em>„Außen“</em>, wie Foucault sagen würde. Doch das, was sich in ihrem Inneren abspielt, ruft in den tiefsten Schichten des Denkens blankes Entsetzen hervor. Besondere Reizbarkeit und moralisierende Wut unter den Apologeten des <em>„erhabenen slawischen“</em> Ideals riefen Werke zeitgenössischer Kunst hervor, von denen viele gezielt vandalisiert wurden. Dies traf insbesondere Kulikovskas Skulpturen aus dem Projekt „Homo Bulla“. Während eines der strafenden Spektakel schossen die Militanten auf die versteinerten Abgüsse von Marias nacktem Körper: <a href="https://tvrain.tv/teleshow/i_tak_dalee_s_mihailom_fishmanom/territorija_izoljatsii_kak_donetskie_separatisty_zakhvatili_sovremennoe_iskusstvo-371586/"><em>„Die Gips-‚Venusfiguren‘, die man in Izolyatsia zurückgelassen hatte, um zu verfallen, begannen plötzlich zu sterben – wie Menschen im Krieg.“</em></a></p>
<p>Für Kulikovska wird der Krieg zu einer tragischen und zugleich unvermeidlichen Quelle von Wissen über das Leben und den Tod des Fleisches, über dessen extreme Erfahrung. Die hypertrophierte Aufmerksamkeit für Zerstörung, die nicht vom eigentlichen Gegenstand, dem ebenso verletzlichen wie kurzlebigen Körper, ablenken darf, erhält eine zusätzliche symbolische Bedeutung. Nun wird die Ganzheit selbst zu Kulikovskas bevorzugtem Gegner.</p>
<h3><strong>„Mit den Augen Gottes“</strong></h3>
<div id="attachment_7750" style="width: 422px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7750" class="wp-image-7750 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-300x300.png" alt="" width="412" height="412" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-600x600.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-768x768.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-800x800.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-1024x1024.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-1200x1200.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-1536x1536.png 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia.png 1594w" sizes="(max-width: 412px) 100vw, 412px" /><p id="caption-attachment-7750" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, 254. Action, 2014. Nicht genehmigte Performance während der Eröffnung der Biennale Manifesta 10 auf der Treppe der Eremitage, Sankt Petersburg, Russland.</p></div>
<p>2015 präsentierte Maria während der Eröffnung des ersten ukrainisch-britischen Wettbewerbs UK/raine in der Saatchi Gallery in London eine nicht genehmigte Performance mit dem Titel <a href="https://www.mariakulikovska.net/ua/project-page/happy-birthday">„Alles Gute zum Geburtstag“</a>, die uns erneut in die Atmosphäre jener Ereignisse und geopolitischen Erschütterungen eintauchen ließ, die die Ukraine 2014 ergriffen haben und bis heute fortwirken. Hier setzt Kulikovska bewusst einen aggressiven, anarchistischen Vektor, um beim anspruchsvollen Publikum eine starke emotionale Reaktion hervorzurufen, ein Gefühl, das eine tiefe Wunde schlagen kann, so als würde sie ein Skalpell hineintreiben.</p>
<p>Um sich mit alten Traumata auseinanderzusetzen, macht sie Schmerz und Wut ästhetisch ausdrucksfähig und objektivierbar. Dies ist nicht länger Zerstörung, sondern eine Form von Schöpfung: <em>„</em><a href="https://artukraine.com.ua/a/mariya-kulikovskaya-otpechatki-skladok/"><em>der Beginn einer neuen Geschichte, der Abguss eines neuen Lebens</em></a><em>“</em>. In diesem Sinne bedeuten ihre Performances die Auslöschung der gesamten Kultur des positiven Denkens, in der man seine eigenen Traumata stoisch <em>„verarbeiten“</em>, ja buchstäblich <em>„zermalmen“</em> soll. Lediglich eine rosa Perücke und ein Paar Schuhe im Geist des campigen <em>„Too much“</em> machen sich über das Gepäck der nagenden Traumata lustig.</p>
<p>Stovpo-tvorinnia (wörtlich <em>„Säulen-Schöpfungen“</em>; ein Wortspiel mit dem ukrainischen stovpotvorinnia, das <em>„Menschenmenge“</em>, <em>„Tumult“</em> oder <em>„Pandämonium“</em> bedeutet – Anmerkung des Übersetzers), also zahlreiche vertikale, aufrechte, obsessiv lineare Formen bilden einen wesentlichen Bestandteil der Arbeiten aus der Kriegszeit. In den Projekten „Soma – Body without Gender“, „Salt of the Earth“, „Sweet/Swiss Life“ und „Little Mermaid“ entwirft Kulikovska eine Landschaft des Verfalls und der Auflösung, deren äußere Grenzen und Konturen jedoch illusionär und flüchtig bleiben und sich äußeren Hierarchien und Ordnungen widersetzen, gegen sie rebellieren.</p>
<p>Bewegt man sich durch die maximalistischen und phantasmatischen Elemente in Kulikovskas körperbezogenen Praktiken, stellt sich eine Einsicht ein: Für sie existiert Einfachheit nicht. Alles ist der Komplexität untergeordnet. Überall herrscht die Dämmerung der Dualität, die Wandelbarkeit der Komponenten. Von Regeln und Ordnung zu sprechen, ergibt keinen Sinn. Sie sind zunichtegemacht. Diese Welt ist in all ihren Verzerrungen ihr zutiefst vertraut und intim, unmittelbar wiedererkennbar.</p>
<p>Zunächst muss sie in Bewegung gesetzt werden, dann aus benjaminischen Ruinen gehoben, von allem Geröll befreit und zu einer zweiten Geburt geführt werden. Gerade diese aktive Spannung, diese dialektische Verbindung, dieses Erschüttern der Grenzen zwischen Schöpfung und Zerstörung, Ordnung und Chaos, Aggression und Verwundbarkeit, dem Vertrauten und dem Fremden, dem Anomalen und dem Abstoßenden scheint sie in besonderer Weise zu faszinieren.</p>
<p><em>„Als der Krieg begann, war ich von Verzweiflung überwältigt. Ich glaubte, Kunst sei vollkommen nutzlos. Doch was unterscheidet uns von den Tieren? Intelligenz und Kultur. Die Fähigkeit, das zu tun, was die Natur nicht tut, und das zu schaffen, was wir mit unseren eigenen Händen hervorbringen können. Nicht etwas Funktionales – denn Kunst ist nicht funktional –, sondern etwas, das der Schönheit angemessen ist. Es ist ein wenig, als würde man Gott berühren“</em>, sagt Kulikovska zwei Jahre nach dem Verlassen ihrer Heimat und der Wiederaufnahme ihrer künstlerischen Arbeit – die durch ihre Flucht unterbrochen worden war – in einem ihrer temporären Zufluchtsorte in Österreich.</p>
<p>Die Welt <em>„mit den Augen Gottes“</em> zu betrachten und zu schaffen, ohne Hoffnung, aber auch ohne Bitterkeit, eine Schönheit hervorzubringen, die unterschiedliche Formen annimmt und der abstoßenden Gegenwart entschlossen widersteht, mehr vom Leben zu verlangen, als es uns zu geben vermag, dies sind vielleicht jene Fähigkeiten, die Kulikovska noch hofft, sich nach und nach anzueignen. Ich stelle ihr eine letzte, kurze Frage: <em>„Was also ist der Schönheit angemessen?“</em> In ihrer Antwort spüre ich vertrauten Widerspruch: <em>„Oft empfinde ich das als schön, was hässlich erscheint, und umgekehrt wirkt das, was viele für schön halten, auf mich hässlich. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll – vielleicht ist es genau das: etwas, das sich nicht erklären lässt; etwas, das wir alle vergeblich zu begreifen versuchen. Etwas Erhabenes, vielleicht sogar Göttliches, das sich an den unerwartetsten, verborgenen Orten offenbart. Das, was wir Seele nennen. Und was das ist – das weiß ich nicht; das weiß niemand. Ich versuche, sie zu finden und zu vermessen, doch bislang gibt es keine klare Antwort.“</em></p>
<p><strong>Lesia Smyrna, Kyjiw</strong></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Januar 2026, Übersetzung aus dem Ukrainischen: Pavlo Shopin, Drahomanow Universität Kyjiw. Eine englische Fassung des Beitrags erschien in der Zeitschrift <a href="https://krytyka.com/en/articles/maria-kulikovska-portrait-of-an-anarchist">Krytyka</a>. Titelbild: Maria Kulikovska aus der Serie Pregnant, 2021, Foto: Daria Bilyak. Für alle Bildnachweise einschließlich des Titelbilds gilt © Maria Kulikovska. Wir danken Lesia Smyrna und Maria Kulikovska für die Überlassung der Bilder auch für die deutsche Fassung. Die für die Entstehung des Beitrags erforderliche Forschung wurde vollständig vom Austrian Science Fund (FWF) gefördert (Grant-DOI: 10.55776/V1034). Für Zwecke des Open Access hat die Autorin eine CC-BY-Lizenz auf alle aus dieser Einreichung hervorgehenden akzeptierten Manuskriptfassungen angewandt. Alle Internetzugriffe zuletzt am 24. Dezember 2025.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-der-zaertlicheit/">Jenseits der Zärtlichkeit – Gedanken über die Zukunft eines Gefühls nach Butscha</a>, deutsche Fassung im Dezember 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> (dort auch weitere Informationen zur Autorin).</p>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-reise-in-die-dunkelheit-der-zeit/">Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit &#8211; Die Landschaften der ukrainischen Fotografin Yana Kononova</a>, deutsche Fassung im Februar 2026 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p>Corinna Heumann, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/atwoodian-utopias">Atwoodian Utopias – Zerbrechliche Menschlichkeit – nicht nur ein Kunstprojekt</a>, erschienen im September 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kunst-mit-dem-koerper/">Kunst mit dem Körper</a> – Die Künstlerin und Kulturmanagerin Regina Hellwig-Schmid über Heldinnen, anlässlich einer Ausstellung im Frauenmuseum Bonn, erschienen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im August 2025.</p>
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		<title>738 Tage</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Oct 2025 05:00:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>738 Tage Israel zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 „Mein Vater spricht nie über Rache. Nur über Verantwortung. Sein Ziel war und ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen, den noch verbliebenen Familienangehörigen von Geiseln zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Mein Vater glaubt immer noch an Frieden, auch wenn es für ihn  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>738 Tage</strong></h1>
<h2><strong>Israel zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023</strong></h2>
<p><em>„Mein Vater spricht nie über Rache. Nur über Verantwortung. Sein Ziel war und ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen, den noch verbliebenen Familienangehörigen von Geiseln zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Mein Vater glaubt immer noch an Frieden, auch wenn es für ihn nach dem 7. Oktober sehr schwer vorstellbar ist, wie es funktionieren soll. Sein ganzes Leben hat er dafür gekämpft, dass wir in Israel und Gaza als Nachbarn zusammenleben können.“ </em>(Yair Moses, Sohn des über 80 Jahre alten Gadi Moses aus Nir Oz, der am 30. Januar 2025 nach 482 Tagen freikam, zitiert von Natalie Amiri in ihrem Buch „Der Nahost-Komplex“, München, Penguin Verlag, 2025)</p>
<p>Das neue Buch von Natalie Amiri bietet einen umfassenden Überblick über die politische Lage, die gesellschaftlichen Entwicklungen und Kontroversen der Region. Sie hat mit zahlreichen Menschen und Organisationen gesprochen und die Orte des Geschehens bereist, mit der Ausnahme von Gaza, wo Journalist:innen von außen keinen Zugang erhielten. Das Buch beginnt mit einem Statement von Margot Friedländer: <em>„Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches, kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut!“</em> Es endet mit einem Brief Natalie Amiris an Margot Friedländer, den sie nach einem gemeinsamen Abendessen geschrieben hatte.</p>
<p>Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober durchzieht das gesamte Buch. Natalie Amiri dokumentiert Telefonate, Presseerklärungen, Telefonate während des Terrorangriffes, aber auch Äußerungen israelischer Politiker des Likud und der beiden rechtsextremistischen Koalitionspartner, die die Vernichtung Gazas androhen und die Schaffung eines Groß-Israel ankündigen. Sie zitiert ebenso Stimmen wie die von Yair Moses und von Noa, die sie nur mit Vornamen nennt, aber wohl die ehemalige Geisel Noa Argamani sein dürfte: <em>„Für mich hat der Tod von Jonathan und seinen Freunden klargemacht: Frieden ist die einzige Antwort.“</em></p>
<h3><strong>Isaak und Ismael</strong></h3>
<p>Als Natalie Amiris Buch in Druck ging, waren noch 48 Geiseln in der Gewalt der Hamas. Die Angriffe der IDF in Gaza dauerten an. Am 13. Oktober 2025 war es so weit: Die letzten 20 lebenden Geiseln der Hamas sind frei. Nach 738 Tagen! Darunter vier deutsche Staatsangehörige: die Zwillinge Ziv und Gali Berman, Rom Braslawski, Alon Ohel. Nach wie vor sind 19 Leichen in Gaza (Stand 16. Oktober 2025). (Im Unterschied zu ihren Vorgänger:innen Olaf Scholz und Annalena Baerbock wiesen Friedrich Merz und Johann Wadephul ausdrücklich auf <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">die deutschen Geiseln</a> hin.) Im Gegenzug musste Israel etwa 2.000 inhaftierte Palästinenser:innen, darunter 250 zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder freilassen. Unter den 250 Mördern war Hilmi Al-Maash, Planer eines Selbstmordattentats in einem Bus im Jahr 2004, durch das elf Menschen starben und vierzig verletzt wurden, darunter die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/zeruya-shalev-gastbeitrag-geisel-deal-attentaeter-li.3324901">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> bekannte sie die Ambivalenz ihrer Gefühle. Sie schrieb auch über Trump, der <em>„endlich verstand, dass Netanjahu und seine Regierung nicht für die Mehrheit der israelischen Gesellschaft sprechen.“ </em>Aber nichts ist wie es sein sollte: <em>„Wie absurd das ist – der Präsident einer fremden Supermacht kümmert sich mehr um die israelischen Bürger als ihre eigene Regierung. So wie Katar, die Türkei und Ägypten sich weit mehr um die Bewohner des Gazastreifens kümmern als die Anführer der Hamas.“</em></p>
<p>Die Gräuel des 7. Oktobers waren die größte Mordaktion gegen Jüdinnen und Juden seit der Shoah. Aber es gibt noch ein anderes Datum, das Pogrom in Kischinew im April 1903, unter dessen Eindruck der hebräische Nationaldichter – so wird er in Israel von vielen gelesen – Chaim Nachman Bialik das Gedicht „In der Stadt des Tötens“ schrieb. Dieses Gedicht wurde mit einem sehr lesenswerten Nachwort der israelischen Psychologin und Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen in dem Band „Wildwuchs“ mit mehreren Erzählungen des hebräischen Dichters neu veröffentlicht (München, C.H. Beck, 2024). Ayelet Gundar-Goshen wies darauf hin, dass Netanjahu am 7. Oktober 2023 aus diesem Gedicht zitierte: <em>„Nicht kann selbst die Hölle so grausig Verbrechen, / nicht Kindesblut rächen“</em>. Die Geschichte des Judentums ist eine Geschichte der Verfolgung, der Pogrome, sie ist aber auch – so liest Ayelet Gundar-Goshen Bialiks Erzählung „Hinter dem Zaun“ – <em>„die Geschichte der Halbbrüder Ismael und Isaak. Beide sind Söhne Abrahams, aber nicht Bruderliebe, sondern reinster Hass herrscht zwischen ihnen.“</em> So werden wohl nach wie vor von vielen Menschen die Geschichten der Bibel und des Koran gelesen.</p>
<h3><strong>Misstrauen und Heuchelei</strong></h3>
<p>Eine prominente Kritikerin der Netanjahu-Regierung ist die deutsch-israelische Autorin Sarah Levy, die schon in ihrem ersten Buch „Fünf Worte für Sehnsucht“ (Hamburg, Rowohlt, 2022) die Zerrissenheit einer liberalen israelischen Jüdin angesichts der anti-liberalen und anti-demokratischen Reformen der Regierung Netanjahu beschrieb. Ihr im August 2025 erschienenes Buch „Kein anderes Land“ (Hamburg, Rowohlt, 2025) schrieb sie unter dem Eindruck des 7. Oktober. Opfer sind nicht nur jüdische Israelis, auch arabische wie beispielsweise Marwa, die KiTa-Erzieherin ihres Sohnes Oz, die ihr Erscheinungsbild und ihr Verhalten ändert, um nicht als Araberin gesehen zu werden. Sarah Levys Buch ist voller Fragen: <em>„Ich will nicht so sein wie jene, die keinen Unterschied machen zwischen einem Volk, einer Regierung, einer Armee, einer Terrorgruppe oder einem Kind. Doch je mehr ich in diese dunkle Welt eintauche, desto mehr merke ich, wie auch ich härter werde, die Versuchung spüre, mich zu verschließen, vor dem Leid in Gaza durch die Bomben der israelischen Armee. Es gelingt mir in diesen Tagen nicht mehr automatisch, die gleiche Empathie für palästinensische Opfer zu empfinden wie für israelische Opfer. Als ob mein Mitgefühl gedämpft sei unter der Last der Berichte aus Israel und dem Gefühl, dass es sich hier um einen existenziellen Krieg handelt. Was, wenn wir das hier nicht gewinnen? Was wird aus den Geiseln? Was wird aus Israel? Aus dem jüdischen Volk? Und wie sieht ‚gewinnen‘ überhaupt aus, wenn beiden Seiten schon so viel verloren haben?“</em></p>
<p>Es geschieht so etwas wie eine schleichende Verhärtung. Ayelet Gundar-Goshen lässt die psychologischen Mechanismen in ihrem fünften Roman „Ungebetene Gäste“ (Zürich / Berlin, Kein &amp; Aber, 2025) erahnen. Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri alleine zu Hause. Ein arabischer Handwerker renoviert. Sie ist hin- und hergerissen, ob sie ihm vertrauen kann oder nicht lieber doch ihren Mann herbeitelefoniert. Der Handwerker geht zur Toilette und in diesem Augenblick lässt ihr Sohn einen Hammer auf die Straße fallen, der einen Jugendlichen erschlägt. Der Araber wird verhaftet, weil sie sich nicht traut, die Wahrheit zu sagen. Alle handelnden Personen, sie selbst, ihr Mann, der Vater des Opfers, die Familie des Arabers, die Therapeutin Noga verstricken sich in ihren Vorurteilen und Halbwahrheiten. Naomi und ihr Mann wandern nach Lagos in Nigeria aus und das Spiel der unausgesprochenen Wahrheiten und vermuteten Halbwahrheiten setzt sich fort, auch im Kontakt mit der Nigerianerin Ayobami, die nicht die ist, als die sie zunächst erscheint. Und was macht Naomis Mann eigentlich wirklich in Nigeria? Ayelet Gundar-Goshen lässt – wie in ihren anderen Romanen – die Perspektiven wechseln, es gibt auch eine Auflösung, die jedoch keine Lösung ist. Über allem herrscht gegenseitiges Misstrauen, das im Roman noch unterhaltsam klingen mag, aber in der Realität brutale Folgen hat.</p>
<p>Exemplarisch für die Heuchelei der israelischen Regierung und die Hilflosigkeit der Menschen in Israel – man könnte vielleicht sogar von Psychoterror sprechen – ist für Sarah Levy <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-02/familie-bibas-shiri-israel-tod-hamas-geiseln/komplettansicht">„Das furchtbare Spiel mit der Familie Bibas“</a>, so der Titel ihres Beitrags in der ZEIT vom 20. Februar 2025. Der 20. Februar war der Tag, an dem die Hamas die Särge der ermordeten Shiri Bibas, der Mutter, und ihrer beiden Kinder, der vierjährige Ariel und der zehn Monate alte Kfir, übergab (der Artikel enthält ein entwürdigendes Bild, in der ein Hamas-Terrorist die Särge präsentiert, in dem Shiri zugeschriebenen Sarg lag – wie sich herausstellte – übrigens jemand anders). Die Kinder wurden nach der Entführung von Hamas-Terroristen im November 2023 mit bloßen Händen erwürgt: <em>„Die Bibas-Familie ist zum Symbol der Grausamkeit des 7. Oktober geworden. Terroristen haben an dem Tag mehr als 1.200 Menschen ermordet. Noch nie wurden so viele Zivilisten, Kinder, Frauen, Alte, Verletzte, selbst bereits Getötete als Geiseln genommen und verschleppt. Doch zwei kleine Kinder, neun Monate und vier Jahre alt, mit ihrer Mutter im Schlafanzug als Geisel zu nehmen – so etwas gab es noch nie in der Geschichte Israels“</em>. Dem Vater Jarden Bibas erzählte die Hamas, seine Familie wäre bei einem Luftangriff der IDF ums Leben gekommen. Sarah Levy verzweifelt an der israelischen Regierung, die kein sonderliches Interesse zu zeigen schien, <em>„die letzten verbleibenden Kindergeiseln aus Gaza zurückzubringen“</em>.</p>
<p>Die Bewohner:innen der von der Hamas heimgesuchten Dörfer traten für Frieden und ein friedliches Miteinander von Israelis und Palästinenser:innen ein. Das interessierte die Hamas – und auch einen großen Teil der Weltöffentlichkeit – so gut wie gar nicht. Ebenso deutlich wie das Schicksal der Familie Bibas zeigt der Überfall des Nova-Festivals die Brutalität der Hamas.</p>
<p>In einem Satz ließe sich der Überfall, der am 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr begann, wie folgt zusammenfassen: Über 3.000 schwer bewaffnete Männer fallen unter Lobpreisungen Allahs unbewaffnete harmlose Menschen, die nur eines wollten: in Frieden tanzen, in Frieden leben.</p>
<h3><strong>Re’im 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr</strong></h3>
<p>Der Überfall auf das Nova-Festival ist sehr gut dokumentiert. Dafür sorgten nicht zuletzt die Terroristen selbst. Sie filmten sich bei ihrem Morden und stellten die Bilder ins Netz, oft mit den ihren Opfern geraubten Mobiltelefonen oder mit eigenen Kameras, die ihre Taten wie ein Ego-Shooter-Computerspiel erscheinen lassen. Eine große Zahl dieser Bilder zeigt die <a href="https://www.tribeofnova.com/">„Tribe of Nova Foundation“</a> in der <a href="https://www.thf-berlin.de/aktuelles/veranstaltungen/veranstaltung/the-nova-music-festival-exhibition">Nova Music Festival Exhibition</a>, einer Ausstellung, die vom 7. Oktober bis zum 16. November 2025 in der Haupthalle des Berliner Flughafens Tempelhof zu sehen ist. Die Ausstellung sahen zuvor in New York City, Los Angeles, Buenos Aires, Miami, Toronto und Washington D.C bereits über eine halbe Million Menschen. Die folgenden Sätze sollen einen Eindruck vermitteln, was zu sehen ist.</p>
<p>Der zu Beginn einstimmende Film zeigt die friedliche Stimmung bei Sonnenaufgang, einem magischen Moment vieler Festivals. Wenige Minuten vor dem Angriff. Er endet mit der Warnung der DJ’s vor den anfliegenden Raketen und wir treten in die große Eingangshalle des Flughafens. Zunächst sehen wir auf einer Empore Originalvideos der Terroristen, die sich mit Allahu Akbar anfeuern, sich rühmen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen. Wir sehen, wie sie unbewaffnete, hilflose Menschen jagen. Wir sehen den Bulldozer, der den Grenzzaun einriss und Platz schuf für all die Zivilisten, die zur Plünderung eilten, wir sehen lange Kamerafahrten über die Straßen mit all den zerstörten Autos, dazwischen ein fahrender Pick-Up mit Terroristen, die immer wieder absteigen und schießen, wir sehen flüchtende Menschen zwischen den Bäumen. In der Halle sehen wir Originalstücke vom Gelände: Zelte, auf dem Boden verstreute Habseligkeiten, Kuscheltiere, Wasserflaschen, Kleidungsstücke, Schmuck, das DJ-Pult und die Lautsprecherboxen, eine Bar, Dixi-Toiletten, durchsiebt von Einschusslöchern vollautomatischer Gewehre, ausgebrannte und umgestürzte Autos, Tische, auf denen die Schuhe, die Mützen, Portemonnaies, Handyhüllen gesammelt sind.</p>
<p>Auf einem Tondokument ist ein Terrorist zu hören, der sich gegenüber seinen Eltern rühmt, er sei ein Held, er habe zehn Juden getötet und telefoniere jetzt vom Mobiltelefon einer Jüdin. Wir sehen das Video mit der ermordeten <a href="https://jungle.world/artikel/2025/40/shani-louk-ricarda-louk-antisemitismus-deutschland-in-europa-hat-man-schon-vergessen-wie-es-anfing">Shani Louk</a> auf einem Pick-Up, um sie herum Terroristen, die Gott hoch leben lassen, das Video der um Hilfe rufenden auf einem Motorrad zwischen zwei Terroristen eingeklemmten <a href="https://worldisraelnews.com/noa-argamani-reveals-new-details-of-hamas-kidnapping/">Noa Argamani</a>, dokumentiert ist das Telefonat zwischen <a href="https://www.timesofisrael.com/taken-captive-romi-gonen-after-being-shot-in-car-by-terrorists/">Roni Gonen</a> und ihrer Mutter. Am Rand können wir die kleinen Bunker betreten, in denen sich Festival-Besucher.innen versuchten zu verstecken, zu 20 oder gar zu 40 in einem engen vielleicht drei oder vier Quadratmeter großen Raum, bis die Terroristen sie mit Handgranaten heraustrieben oder töteten. Ein junger Mann positionierte sich am Eingang eines solchen Bunkers und versuchte, die Handgranaten zurückzuwerfen. Zu den Waffen der Hamas gehörten auch Viagra-Pillen. In der Nova Exhibition sind Berichte dokumentiert, wie ein Hamas-Terrorist eine Frau vergewaltigt, während ein Kumpan gleichzeitig mehrfach mit dem Messer auf sie einsticht (diesmal kein Video). Eine Karte markiert die Orte, an denen Zivilist:innen und Sicherheitskräfte ermordet, an denen Menschen entführt worden sind. Zu sehen sind an zwei großen Wänden hinter der in der Mitte der Halle aufgestellten Bühne des Festivals auf der einen Seite die Bilder aller Opfer des Festivals, auf der anderen die aller auf dem Festival entführten Menschen. Kerzen davor mit Testimonials der Besucher:innen.</p>
<p>Die israelische Regierung verfügt über einen etwa 45 Minuten langen Film, den sie allerdings nur ausgewählten Politiker:innen und Journalist:innen zeigt. Aber auch wer diesen Film nicht sehen oder die Nova Exhibition nicht besuchen kann, kann sich umfassend informieren. Berichte gibt es in Hülle und Fülle. Nur ein Beispiel: Der Bericht <a href="https://www.1202.org.il/wp-content/uploads/2025/01/ARCCI-report-sexual-crimes-on-october-7-updated-26.3.pdf">„Sexual Violent Crimes on October 7“</a> der Association of Rape Crisis Centers in Israel (ARCCI) liegt bereits seit Februar 2024 in verschiedenen Sprachen vor, <a href="https://www.1202.org.il/wp-content/uploads/2025/01/Deutsch-Stummer-Schrei-Sexuelle-und-geschlechtsspezifische-Gewalt-im-Krieg-vom-7.-Oktober.pdf">seit August 2025 auch in deutscher Sprache</a>. <a href="https://www.mena-watch.com/bericht-sexualverbrechen-hamas-deutsch/">Nur die Plattform mena-watch informierte</a> zeitnah über diese Übersetzung.</p>
<h3><em>„<strong>Wir hassen nicht“</strong></em><strong> (Ofir Amir)</strong></h3>
<p>Der Titel der Ausstellung der Nova Tribe Foundation geht auf eine Tätowierung zurück, die sich <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ich-war-mit-fuenf-frauen-in-einem-kaefig/">Mia Schem</a>, eine der Geiseln, nach ihrer Befreiung stechen ließ. <em>„Wir werden wieder tanzen“</em> – das ist die zentrale Botschaft der Ausstellung, die nach der Darstellung der Gräuel im Hauptraum in weiteren Räumen Programme und Projekte zur Betreuung der befreiten Geiseln und der Angehörigen der Geiseln und Ermordeten angeboten werden. Es sind Räume der Meditation, Räume der Ruhe, mit Vorträgen und Videos über die verschiedenen Programme. Die Botschaft lautet: <em>„Wir hassen nicht“</em> – so Ofir Amir, der mit mehreren Freunden das Festival organisiert hat, wie auch in den Jahren davor. Es war geplant, wenig später am selben Ort das israelische Burning Man durchzuführen.</p>
<p>Ofir Amir wurde in Offenbach geboren. Er beschrieb Anfang Oktober 2025 <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/nach-dem-ueberleben/">in der Jüdischen Allgemeinen</a>, wie er den Terrorangriff vom 7. Oktober 2025, 6:29 Uhr, erlebte. Ihn selbst schossen die Terroristen in beide Beine, er überlebte, erlebte aber, wie Freund:innen neben ihm ermordet wurden. <em>„Trotzdem sind wir hier. Wir glauben an das Gute und lassen uns nicht unterkriegen. Wir antworten mit Musik. Mit Erinnerung. Mit Licht. Mit Liebe. Unsere Botschaft ist klar: Terroristen haben uns angegriffen. Aber unsere Reaktion darauf ist, nicht zu hassen. Diese Macht geben wir ihnen nicht. Als in Manchester bei einem Ariana-Grande-Konzert ein Selbstmordattentäter 23 junge Menschen tötete, war die Welt zu Recht erschüttert. Als bei uns mehr als 400 junge Menschen brutal ermordet wurden, war das Schweigen ohrenbetäubend. Das ist es bis heute. Noch immer werden Menschen als Geiseln in Gaza festgehalten – darunter Besucher des Nova-Festivals. Sie kamen, um zu tanzen, zu feiern, zu leben.“</em></p>
<p><a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/gedenkausstellung-zum-7-oktober-berlin-ist-als-stadt-dem-nova-festival-sehr-ahnlich-14452199.html">Julius Geiler interviewte Ofir Amir für den Berliner Tagesspiegel</a>: <em>„</em><em>Sehen Sie, ich werde oft gefragt, wie es mir geht. Aber es gibt Gruppen von zwölf Freunden, die gemeinsam das Festival besucht haben und von denen am Ende nur zwei wieder nach Hause gekommen sind. Ich habe beide Beine, ich habe die Geburt meiner Tochter erlebt, ich bin zu meiner Frau zurückgekehrt. Ich habe so viele Freunde verloren. So viele Freunde wurden noch viel schwerer verletzt, als ich. Who am I to complain.“</em> <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/berlin-nova-festival-ausstellung-massaker-israel-e764040/">In der Süddeutsche Zeitung sagte Ofir Amir in einem Interview mit Peter Richter</a>: <em>„Das ist uns passiert, aber wir hassen nicht.“</em></p>
<p>Am 2. Oktober 2025 veröffentlichte die ZEIT <a href="https://www.zeit.de/2025/42/hamas-angriff-nova-festival-israel-7-oktober/komplettansicht">Testimonials von Überlebenden</a>, die Evelyn Finger protokollierte, der Rentner Itzik Askapa, der sich einmischte, als die Hamas die Polizeistation neben seinem Haus eroberte, Yasmin Porat, die es schaffte zu fliehen, aber in ein Feuergefecht geriet. Sie überlebte, ihr Partner wurde ermordet. Daniel und Neria Sharabi hätten gerne noch mehr Menschen gerettet, konnten inzwischen mit dem Verein „Für die Überlebenden und die Verwundeten“ über 1.400 Traumatisierten helfen. Eldad Adar gesteht, er war erleichtert, als er erfuhr, dass seine Tochter Gili Adar <em>„nur erschossen“ </em>wurde.</p>
<p>Ofir Amirs Text in der Jüdischen Allgemeinen endet zuversichtlich: <em>„Ich bin Vater geworden, während ich kaum stehen konnte. Heute kann ich wieder laufen. Meine Tochter fängt langsam an zu sprechen. Wenn meine Tochter mich eines Tages fragt, was am 7. Oktober 2023 passiert ist, werde ich ihr sagen: Es war ein Tag, an dem Terroristen, die ihr Leben dem Hass gewidmet haben, unvorstellbares Leid über uns gebracht haben. Ein Tag, an dem ich meine Freunde verlor und dem Tod entkommen bin. Aber ich habe seitdem auch gelernt, dass selbst im tiefsten Dunkel ein kleines Licht bleibt, das eines Tages die Welt erleuchten kann. We will dance again!“</em></p>
<p>Auf Seiten der Hamas dominiert nach wie vor der Hass, nicht nur der Hass auf Israel und auf alle Jüdinnen und Juden, auch der Hass auf die Palästinenser:innen, die ihnen nicht folgen wollen. Die <a href="https://www.mena-watch.com/">Plattform mena-watch</a> bietet jeden Donnerstag Berichte unter anderem auch zu Palästinenser:innen, die sich gegen die Hamas erheben. Mohammed Altlooli berichtet regelmäßig über die Verfolgung von Oppositionellen, <a href="https://www.mena-watch.com/hamas-herrschaft-in-gaza-mit-gewalt-festigen/">am 15. Oktober 2025 über Hinrichtungen durch die Hamas</a>. Ihnen wurde vorgeworfen, sie wären Kollaborateure Israels. Darüber berichteten ebenfalls <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/nahost-liveblog-news-gaza-israel-hamas-hinrichtungen-abbas-palaestinenserpraesident-li.3321949">am 15. Oktober 2025 die Süddeutsche Zeitung</a> und <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-hat-mich-nicht-gross-gestort-trump-vergleicht-hamas-hinrichtungen-mit-seinem-durchgreifen-in-washington-14567573.html">der Tagesspiegel</a>. Beunruhigend ist die Einlassung Trumps, der Tagesspiegel titelt: <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-hat-mich-nicht-gross-gestort-trump-vergleicht-hamas-hinrichtungen-mit-seinem-durchgreifen-in-washington-14567573.html"><em>„Trump vergleicht die Hinrichtungen der Hamas mit seinem Durchgreifen in Washington.“</em></a> Einen Tag später verkündete Trump auf Truth Social, die Hamas würde vernichtet, wenn sie weiterhin Menschen hinrichte.</p>
<h3><strong>„Resonanzraum“ Palästina</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-ist-recht-was-ist-unrecht/">Was ist Recht, was ist Unrecht?</a> Diese Frage stellt sich täglich. Es war die Frage, die Leonard Cohen sich stellte, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang. Matti Friedman zitiert ihn mit einer unveröffentlichten Strophe von „Lover, Lover, Lover“ in seinem Buch „Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens“ (übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2023). Immer wieder hat sich die israelische Soziologin Eva Illouz kritisch geäußert. Mitte September 2025 erschien bei Suhrkamp ihr Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/eva-illouz-der-8-oktober-t-9783518475300">„Nach dem 8. Oktober“</a>, die deutsche Übersetzung des französischen Originals vom August 2024, das bei Gallimard erschien.</p>
<p>In ihrem Essay fragt Eva Illouz unter anderem, wie es sein kann, dass sich Hass als Tugend ausgeben kann. Diese Frage betrifft nicht nur Hamas-Terroristen, sondern auch all diejenigen, die die Hamas für eine Gruppe von Freiheitskämpfern halten (wie beispielsweise sehr prominent Judith Butler oder Pankaj Mishra, die unter anderem auch leugneten, dass es Vergewaltigungen gegeben habe). Eva Illouz nennt zwei Gründe, unter anderem in Anlehnung an den Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann: <em>„Der erste Punkt hängt mit kognitiven Verkürzungen zusammen, den Modi des schnellen Denkens; der zweite mit der Art und Weise, wie wir unsere Identität im Hinblick auf die institutionellen Bedingungen geltend machen, die uns zu sagen erlauben, ‚was wir sind‘ und ‚wer wir sind‘.“</em> Ähnlich argumentierten Monty Ott und Jessica Ramczik <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/trump-die-hamas-muss-entwaffnet-werden-notfalls-mit-gewalt/">am 13. September 2025 in der Jüdischen Allgemeinen</a>: <em>„Palästina wird zur Projektionsfläche, weil es an einer konsistenten Erzählung mangelt.“ </em>Dabei geht es gar nicht um die Palästinenser:innen als konkrete Menschen: Deren Leid <em>„dient nicht als Ausgangspunkt für diplomatische oder politische Lösungsansätze, sondern als moralischer Resonanzraum, in dem man sich selbst als Teil eines heroischen Befreiungskampfes verorten kann.“ </em></p>
<p>Eva Illouz sieht eine gefährliche Mischung am Werk: „<em>Durch die Alchemie der umherwandernden Strukturen werden Antikapitalismus, Globalisierungsgegnerschaft und Antizionismus eins mit der Befreiung von sämtlichen Unterdrückungen.“ </em>Unter <em>„umherwandernden Strukturen“</em> versteht Eva Illouz ein Konzept, das mangels empirischer Begründungen <em>„von einer Disziplin auf eine andere und von einem Kontext auf einen anderen übertragen werden kann.“</em> Es geht um eine im Grunde inhaltsleere <em>„Identitätspolitik“</em>, für die es keine konkreten Akteure mehr braucht, <em>„eine neue Form von symbolischem Kapital, die ich als moralisches Kapital bezeichnen möchte.“</em> Schon Khomeini sei es gelungen, seinen Islamismus als antiimperialistischen Klassenkampf zu markieren. So wurde der Jubel über den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober, in der Berliner Sonnenallee, auf dem New Yorker Times Square und anderswo möglich: <em>„Soweit ich mich erinnern kann, hat kein anderes Massaker – ob im Südsudan oder im Kongo, in Äthiopien, Sri Lanka, Syrien oder der Ukraine – im Westen und in islamischen Ländern so viele Menschen glücklich gemacht.“ </em>Anders gesagt: Weil ich moralisch zu den Guten gehöre, ist alles, was ich denke, sage, tue, gerechtfertigt. Eva Illouz sagte in einem am 22. September 2025 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Gespräch mit Andreas Tobler: <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/linke-backlash-ueberlegenheit-eva-illouz-israel-hamas-eva-illouz-interview-li.3315737?reduced=true">„Die Linke ist einem Gefühl der moralischen Überlegenheit erlegen“</a>.</p>
<p>Wie dieses <em>„Gefühl der moralischen Überlegenheit“</em> im Alltag wirkt, dokumentierte die Amerikanerin Hannah Shapiro, die seit fünf Jahren in Berlin lebt (der Name ist ein Pseudonym), im Juli 2024 in der Jüdischen Allgemeinen: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/nach-dem-angriff-in-berlin-mitte/">„Nach dem Angriff in Berlin-Mitte“</a>: <em>„Vor anderthalb Wochen wurden mein Freund und ich auf dem Weg zum Schabbat-Essen von palästinensischen Demonstranten in Mitte angegriffen, als wir anhielten, um ein Eis zu essen. Wir wurden ohne Zustimmung gefilmt, angeschrien und mit Vergewaltigung bedroht. Ich wurde bespuckt, weil ich eine Davidstern-Halskette trug. Mein Freund wurde geschlagen und an den Haaren zu Boden geschleift. (…) Während Juden wieder einmal in den Schatten gedrängt werden, sind die Menschen auf den Straßen von Berlin still. Niemand, der sah, wie die Männer uns angriffen, tat etwas. Keiner rief die Polizei. Mein Freund lag in einem Scherbenhaufen und schützte seinen Kopf, während ich zur Polizei rannte. Niemand fragte, ob er Hilfe brauchte. Die Polizei brachte uns in die Eisdiele, um uns vor dem Mob draußen zu schützen, der ‚Eine Lösung! Eine Lösung!‘ skandierte. Währenddessen liefen die Leute weiter an dem Mob vorbei, um sich ein Eis zu bestellen – so als würde nichts passieren.“</em></p>
<p>Alle Jüdinnen und Juden werden in solchen Ereignissen in Kollektivhaftung genommen, ihnen wird eine Kollektivschuld unterstellt. Eine <a href="https://koas-bildungundforschung.de/forschung-projekte/bundesweite-studie-zu-den-auswirkungen-des-terroristischen-anschlags-am-7-oktober-2023-auf-die-juedische-und-israelische-community-in-deutschland/">Langzeitstudie der Fachhochschule Potsdam und des Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung</a> in Berlin belegt die nachhaltige Wirkung der unmittelbar nach dem Pogrom vom 7. Oktober einsetzende Welle des Antisemitismus in Deutschland. <a href="https://evangelische-zeitung.de/antisemitismus-situation-ist-eine-anhaltend-hohe-belastung-fuer-juden-2">Franziska Hein berichtete in der Evangelischen Zeitung</a>: <em>„Jüdinnen und Juden würden permanent aufgefordert, Rechenschaft über ihre politische Position zum Nahost-Konflikt abzulegen. (…) Typisch für Antisemitismus sei zudem, dass komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf einzelne Personen oder Gruppen projiziert würden. Jüdinnen und Juden würden für den Krieg in Gaza kollektiv verantwortlich gemacht.“</em> Ähnlich erging es Menschen, die als Araber:innen identifiziert wurden. Sie wurde für den Terrorangriff der Hamas kollektiv ebenso in Haftung genommen.</p>
<p>Mit einer solchen Argumentationskette wird die Kritik an dem Vorgehen der IDF in Gaza – oder auch dem Vorgehen gewalttätiger Siedler im Westjordanland – geschwächt und sie verstärkt die Kompromisslosigkeit der israelischen Regierung. Netanjahu und seine Koalitionspartner können sich mit dem pauschalen Antisemitismusvorwurf aus der Verantwortung herausreden. Der Angriff auf Katar, die Offensive auf Gaza-Stadt, die Ankündigungen, die besetzten Gebiete zu annektieren, die nationalistisch-imperialistisch-faschistoiden Invektiven von Smotrich und Ben-Gvir, denen Netanjahu nicht widersprach, sie hingegen mitunter selbst äußerte – all dies sorgte in den vergangenen zwei Jahren zunehmend dafür, dass Israel sich selbst in der Welt isolierte. Die Anerkennung mehrerer westeuropäischer Staaten für einen palästinensischen Staat – gemeint ist die Regierung der palästinensischen Autonomiebehörde – ist nur der Gipfel eines Eisbergs, den die israelische Regierung mit ihrem kompromisslosen Vorgehen in Gaza selbst geschaffen hat.</p>
<p>Die Argumente der Liberalen, Demokraten und Linken in Israel werden kaum noch wahrgenommen oder sogar umgedeutet. Sie verschwinden in einer eigentlich unsinnigen Debatte um einen Begriff wie <em>„Staatsräson“</em>, der in einer Knessetrede wie seinerzeit in der Rede von Angela Merkel, seine Berechtigung hatte, aber kein konkretes Konzept für das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel hervorbringen kann. Im Grunde ist der Begriff auch eine <em>„umherwandernde Struktur“</em> im Sinne von Eva Illouz. Meron Mendel hat den Begriff in seinem Buch „Über Israel reden – Eine deutsche Debatte“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2023, das Buch erschien vor dem 7. Oktober) dekonstruiert. Der Begriff postuliert etwas, das weder klar definierbar noch konsensfähig ist. Im Grunde verhindert er Dialog: <em>„Angela Merkel und weitere deutsche offizielle Amtsträger haben den deutschen Staat auf die Sicherheit eines anderen Staates verpflichtet. Ausgelassen wurde die Frage, was Israel tun oder unterlassen solle, damit diese Garantie in Zukunft bestehen kann. Das Versprechen wurde nicht einmal an Bedingungen geknüpft, wie etwa an das Fortbestehen der israelischen Demokratie.“</em> Meron Mendel fährt fort:<em> „Im Jahr 2008 war es vermutlich nicht vorstellbar, dass diese so fragil ist. Als Israeli hat mich Merkels Rede damals gerührt. Heute blicke ich mit Angst auf die politischen Entwicklungen in Israel (…). Wie kann eine deutsche Staatsräson für Israels Sicherheit das Land vor der Gefahr der demokratischen Selbstzerstörung schützen?“</em></p>
<h3><strong>Nach dem 13. Oktober 2025</strong></h3>
<p>Der 13. Oktober 2025 war hoffentlich ein Anfang. Es ist noch ein sehr langer Weg zu einem dauerhaften Frieden, zum Ende jeden Terrors, gleichviel ob von palästinensischen Terroristen oder israelischen Siedlern im Westjordanland, zum Ende jeglicher Spielarten von Antisemitismus, auch in Deutschland, zum Ende der Versuche Netanjahus, die israelische Demokratie zu zerschlagen, zu einem palästinensischen Staat. Auch die Aufarbeitung des Staatsversagens am 7. Oktober 2023 in Israel steht noch aus: Die Späherinnen von Nahal Oz hatten schon vor dem Überfall mehrfach gemeldet, dass jenseits der Grenze in Gaza sich Terroristen zusammenfänden, die einen Überfall trainierten. Die israelische Regierung wollte nicht hören.</p>
<p>Erst Donald Trump gelang es mit seiner <em>„Bulldozer“</em>-Methode (den Begriff verwendete Zeruya Shalev in ihrem oben zitierten Beitrag), Netanjahu zu einer (vorläufigen) Einsicht zu bringen und nach 738 Tagen am 13. Oktober 2025 die letzten noch lebenden Geiseln nach Hause zu bringen. Trump ließ dem israelischen Kabinett keine andere Wahl, als seiner Friedensinitiative zuzustimmen. Und es gelang ihm, die arabischen Staatschefs und sogar die Türkei zu gewinnen! Er schaffte es sogar, Netanjahu im Oval Office zu einer telefonischen Entschuldigung für die Bombardierungen eines mutmaßlichen Aufenthaltsorts von Hamas-Führern in Doha zu bewegen (<a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-09/angriff-katar-israel-hamas-verhandlungen-waffenstillstand-gxe">Lea Frehse nannte diese Bombardierung in der ZEIT mit Recht einen Anschlag auf die Diplomatie</a>. Das war im Übrigen auch der 7. Oktober, denn die Hamas verfolgte auch das Ziel, jede Annäherung zwischen Israel und weiteren arabischen Staaten nach dem Muster der Abraham-Abkommen von 2020 zu verhindern.)</p>
<p>Wir müssen ehrlich sein: Niemand weiß wie es weiter geht. Israel ist stark und schwach zugleich. Das Vorgehen der IDF war ungeachtet ihres brutalen Vorgehens durchaus erfolgreich. Israels Feinde sind so schwach wie nie zuvor. Hisbollah und Hamas haben ihre Anführer verloren. Der Iran, der sie finanzierte und unterstützte, und die jemenitischen Huthis wurden ebenfalls geschwächt. Die arabischen Staaten rund um Israel und die palästinensischen Gebiete wollen Ruhe. Die Entwaffnung der Hamas (durch wen eigentlich?) und der Hisbollah (durch den gestärkten, aber in sich nach wie vor schwachen libanesischen Staat) werden jedoch nicht einfach. Und was ist mit all den palästinensischen Splittergruppen, dem Islamischen Dschihad, der sich am 7. Oktober beteiligte, der PFLP (Volksfront für die Befreiung Palästinas)? Wo Waffen sind, finden sich immer wieder Terrorgruppen, die sie nutzen, möglicherweise auch außerhalb der Region. Die Instabilität Syriens ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Das Westjordanland ist angesichts der ständigen Übergriffe der Siedler, die die von Ben-Gvir befehligte Polizei gewähren lässt, ohnehin ein Pulverfass.</p>
<p>Hinzu kommt die gefährliche Sympathie der israelischen Regierung für falsche Freunde, auf die Eva Illouz im April 2025 in einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-israel-preis-verweigert-unterschrift-westjordanland-gastbeitrag-li.3230131">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> hinwies. Offenbar sieht die Regierung bei europäischen Rechtsextremisten keine antisemitische Bedrohung. So <em>„empfing die israelische Regierung Vertreter rechtsextremer Parteien aus der ganzen Welt. Zwei rechtsextreme Politiker aus Frankreich, Jordan Bardella des Rassemblement National und Marion Maréchal, Mitglied des Europäischen Parlaments, zogen durch die Straßen von Jerusalem. Ihre Partei und die Ideen, die sie vertreten, verteidigen eine christliche Zivilisation, die Juden in der Vergangenheit als gefährlich und minderwertig angesehen hat. Viele ihrer Wähler sind antisemitisch eingestellt. / Der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli, erwägt sogar den Aufbau von Beziehungen zur AfD, einer Partei, die nicht einmal versucht, die Nationalsozialismus-Nostalgie einiger ihrer Mitglieder zu verheimlichen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige von ihnen heimlich darüber lachen, dass israelische Juden sie jetzt mit Verbündeten verwechseln und dass Israel ihnen einen moralischen Status verleiht, der ihnen in ihrer eigenen Gesellschaft verwehrt bleibt. Die Geschichte ist nicht tragisch oder absurd, sie strotzt vielmehr vor Ironie.“ </em></p>
<p>Welche innenpolitischen Ziele wird die israelische Regierung verfolgen? Wird sie von ihren geplanten Justizreformen ablassen? Sehr wahrscheinlich ist das nicht, es sei denn, sie wird bei hoffentlich bald anberaumten Wahlen in die Opposition geschickt. Das ist immerhin nach den aktuellen Umfragen wahrscheinlicher als dass der am 8. Oktober explodierte Antisemitismus in den westlichen Ländern, der latent ohnehin schon immer vorhanden war, von einem auf den anderen Tag verschwindet.</p>
<p>Die Demonstrationen gegen die Regierung Netanjahus, für die Befreiung aller Geiseln, für die Beendigung des Krieges, belegen, dass sehr viele Menschen in Israel ihre Demokratie – die einzige in der gesamten MENA-Region – wertschätzen und wie sehr sie sie bedroht sehen, nicht nur durch den Terrorismus von außen, eben auch durch die eigene Regierung. Würde man die Zahl der Teilnehmenden an den Demonstrationen auf deutsche Bevölkerungszahlen umrechnen, wären dies etwa sieben bis zehn Millionen Menschen in jeder Woche vor dem Brandenburger Tor.</p>
<p>Sarah Levy, Ayelet Gundar-Goshen, Eva Illouz und viele andere haben die Zerrissenheit beschreiben, unter der so viele Menschen in Israel leiden. Sabine Brandes, Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen, berichtete am 4. September über den Schulbeginn in Israel am 26. August 2025: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/endlich-wieder-schule/">„Endlich wieder Schule“</a>. 180.000 Kinder wurden eingeschult, doch es war etwas anders als zuvor: Erstmals wurde eine Mehrheit der Kinder in orthodoxen statt in säkularen Schulen eingeschult. Sabine Brandes berichtete auch von Widerspruch und Widerstand am ersten Schultag: <em>„Doch der Krieg ist noch nicht vorbei: Zum zweiten Mal begann das Schuljahr inmitten der andauernden Kämpfe gegen die Hamas in Gaza. Hunderte von Gymnasiasten schwänzten den ersten Schultag, um an Kundgebungen für einen Waffenstillstands- und Geiselbefreiungsdeal teilzunehmen. / Andere erschienen zwar zum Unterricht, trugen als Zeichen der Solidarität aber gelbe T-Shirts- der Farbe des Kampfes für die Freilassung der Geiseln – statt den für diesen Tag üblichen weißen.“ </em>Organisiert hatten den Streik Schülervereinigungen. Anlass der Demonstrationen war auch eine Entscheidung des Bildungsministeriums, <em>„dass in den Abiturprüfungen nicht mehr zu Themen wie den Prinzipien einer liberalen Demokratie, der Bedeutung einer Unabhängigkeitserklärung oder Verfassung als Kontrolle der Staatsmacht geprüft wird. Nach wie vor werden aber Konzepte eines Staates mit religiös-traditioneller Identität und die Rolle des religiösen Rechts abgefragt.“</em></p>
<p>Die Überlebenden des Terrorangriffs hätten eine Antwort auf die eigentlich ganz einfache Frage. Zelda Biller formuliert sie im September 2025 in der ZEIT: <a href="https://www.zeit.de/2025/39/cafe-nilus-tel-aviv-schriftsteller-models">„Die weißen Tischdecken fehlen, die Songs sind trauriger“</a>: <em>„Werde ich eines Tages im Nilus oder in dem nächsten Tel Aviver Boheme-Café sitzen und auf Israel schimpfen, oder werde ich es weiter von Europa aus romantisieren? Vermutlich ist der Traum am Ende immer schöner als die Realität.“ </em>Oder ganz anders gefragt: Wird es wieder ein Nova-Festival geben? Sicherlich nicht unmittelbar auf dem Gelände in Re’im, das zur Gedenkstätte geworden ist, aber vielleicht nebenan.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. Oktober 2025. Das Titelbild zeigt DJ Skazi am 28. November 2023 vor den Bildern der am 7. Oktober 2023 von der Hamas ermordeten und verschleppten Teilnehmer:innen des Nova-Festivals in Re’im, nahe der Grenze zwischen Israel und Gaza. Foto:  Yonatan Sindel. Courtesy: Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Das Bild war auch Teil der Ausstellung „Im Angesicht des Todes“, die im Mai 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/auf-simches-der-tod-und-das-leben/">„Auf Simches – Im Angesicht des Todes“</a> vorgestellt wurde):</p>
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		<title>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Jul 2025 02:46:02 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene Ein Gespräch mit der Übersetzerin Iryna Herasimovich Belarus wird in den deutschen Medien kaum noch erwähnt, allenfalls, wenn es um die russländische Bedrohung gegenüber den baltischen Staaten geht, weil es möglich wäre, dass zwischen Belarus und der Enklave Kaliningrad die sogenannte Suwałki-Lücke bei einem russländischen Angriff angegriffen und die  [...]</p>
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<h1><strong>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Übersetzerin Iryna Herasimovich</strong></h2>
<p>Belarus wird in den deutschen Medien kaum noch erwähnt, allenfalls, wenn es um die russländische Bedrohung gegenüber den baltischen Staaten geht, weil es möglich wäre, dass zwischen Belarus und der Enklave Kaliningrad die sogenannte Suwałki-Lücke bei einem russländischen Angriff angegriffen und die baltischen Staaten von jeder Landverbindung zur Europäischen Union abgeschnitten werden könnten.</p>
<div id="attachment_7306" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7306" class="wp-image-7306 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7306" class="wp-caption-text">Buchhandlung zum Zytglogge mit einer Auslage zu 33 Bücher für Belarus. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p>Es ist etwa fünf Jahre her, dass viele Menschen gegen die Wahlfälschungen Lukaschenkas demonstrierten. Im Januar 2025 hat sich Lukaschenka erneut als Präsident bestätigen lassen. Proteste blieben aus, weil die meisten Oppositionellen entweder im Gefängnis sind oder im Ausland leben. Iryna Herasimovich, Übersetzerin, lebt und arbeitet seit 2021 in Zürich, promoviert bei der Slavistin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> und sorgt mit ihr und anderen Kolleginnen und Kollegen für die Herausgabe der Reihe <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de">„33 Bücher für ein anderes Belarus“</a>, Bücher, die in belarusischer Sprache erscheinen, einige auch zweisprachig. Über die Aktion hatte Iryna Herasimovich bereits im Dezember 2022 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> informiert: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sehende-menschen-machen-mir-hoffnung/">„Sehende Menschen machen mir Hoffnung“</a>.</p>
<p>Im Frühjahr 2025 erschien das in der Reihe von ihr gemeinsam mit <a href="https://www.uni-bamberg.de/slavart/personen/dr-nadine-menzel/">Nadine Menzel</a> und <a href="https://www.zfl-berlin.org/people-detail/weller.html">Nina Weller</a> herausgegebene Buch <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/news/Nullpunkte">„Befragungen am Nullpunkt“</a> (Zürich, Edition Schublade). Das Buch wurde vom German Marshall Fund, dem Slavischen Seminar der Universität Zürich, dem Goethe-Institut sowie privaten Spendern finanziert (die Spenden-Kampagne wird auch für die weiteren geplanten Bände fortgesetzt, Bankverbindung auf der Internetseite). Als Projektpartner trat auch das <a href="https://www.akno.network/">Akademische Netzwerk akno e.V.</a> auf.</p>
<p>„Befragungen am Nullpunkt“ bietet in deutscher und in belarusischer Sprache einen hervorragenden Überblick, Porträts, Gespräche mit Kunstschaffenden über die Literatur-, Theater und Kunstszene in und aus Belarus, durchweg von verschiedenen Künstler:innen begleitet. Die Gestalterin Antanina Slabodchykava hat aus den Werken belarusischer Kunstschaffenden eine Art visuellen Kommentar zu den Texten gemacht.</p>
<p>Im Vorwort schreiben die Herausgeberinnen: <em>„Dieses Heft ist eine Einladung, sich auf das unebene Terrain einer Kulturszene in existenzieller Not zu bewegen.“</em> Dazu dienen auch historische Beiträge zur belarusischen Kunst in den 1980er und 1990er Jahren, der Hinweis auf Stalin, der am 30. August 1937 in Minsk 130 Dichter, Wissenschaftler, Kulturschaffen erschießen ließ. Zum Verständnis der heutigen Situation ist es unabdingbar, die Netzwerke und Entwicklungen, die Kontinuitäten und Diskontinuitäten sichtbar zu machen, es geht nicht nur um Momentaufnahmen. Es gab in den 1990er Jahren auch Unterstützung von außen, beispielsweise über die <a href="https://www.opensocietyfoundations.org/who-we-are">Stiftungen von George Soros</a>, der in allen ehemaligen Sowjetrepubliken Zentren für zeitgenössische Kunst eingerichtet hatte, außer in Belarus. 1999 entstand die „Assoziation für zeitgenössische Kunst“, 2002 das <a href="https://www.eurozine.com/journals/partisan/">Kunstmagazin pARTisan</a>. Historische und aktuelle Entwicklungen werden im Kontext reflektiert und sichtbar, gerade auch in Relation zu den Entwicklungen in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Publizistin <a href="https://freischreiber.de/profiles/peggy-lohse/">Peggy Lohse</a> zitiert einen der belarusischen Autoren mit den Worten: <em>„Jegliche seriöse Kunst ist immer Protestkunst, sogar Lyrik ist Protest.“</em></p>
<h3><strong>Lukaschenka laviert</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Belarus ist in den westlichen Ländern weitgehend aus der Aufmerksamkeit verschwunden. Man konzentriert sich zurzeit vor allem auf die Ukraine, im Wechsel mit der Lage in Israel und Gaza.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das sind auch wichtige Themen, keine Frage. Aber es tut mir sehr weh, dass Belarus in Westeuropa so gut wie vom Radar verschwunden ist. Wenn das Thema auftaucht, wird es vom Krieg Russlands gegen die Ukraine überschattet. So geht verloren, dass die Repressionen in Belarus immer noch auf Hochtouren laufen. Das eine darf auf keinen Fall gegen das andere ausgespielt werden.</em></p>
<p><em>Lukaschenka </em>„<em>handelt“ mit Gefangenen. Er verwendet die Gefangenen, um Signale in den Westen zu schicken. So begnadigt er immer wieder Gefangene, oft Mütter mit Kindern, Ende Juni auf Druck der USA gemeinsam mit 14 weiteren Gefangenen sogar Siarhei Tsichanousky, den Ehemann der 2020 für ihn angetretenen Präsidentschaftskandidatin Sviatlana Tsichanouskaja. Man weiß aber nicht, wer auf welchen Listen steht. Gerade habe ich noch einen </em><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em>Artikel von </em></a><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em> Boris Ginzburg</em></a><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em> redigiert, der von einer „Signaldiplomatie“ Lukaschenkas spricht</em></a><em>, der dem Westen, Europa und den USA, Signale senden wolle, dass er dialogbereit ist. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Repressionen damit nicht gestoppt sind. Die Signale werden wahrgenommen. Europa will jedoch nicht zulassen, dass sich Lukaschenka Europa annähert. Einerseits ist es gut, dass Europa konsequent in der Distanz zu Lukaschenka ist, weil man damit die Unzulässigkeit der Gewalt unterstreicht, andererseits drängt die Standhaftigkeit Europas Lukaschenka immer stärker in Putins Arme.</em></p>
<p><em>Wir haben einen sehr komplizierten Fall eines kolonial-diktatorischen Repressionsgeflechts. „Kolonial-diktatorisch“, das ist ein Begriff, den ich unter anderem in meiner Dissertation herauszuarbeiten versuche und den ich hier das erste Mal öffentlich nenne. Da sind zum einen die internen Repressionen in Belarus. Und Lukaschenka, der die Diktatur als eine nicht nur akzeptable, sondern in der jetzigen chaotischen Welt sogar erstrebenswerte Staatsform propagiert. </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/demokratie-als-chaos-diktatur-als-ordnung-ueber-das-rebranding-von-diktatur/"><em>Sylvia Sasse und ich haben einen längeren Artikel über die Erzählung von Diktatur als stabiler Ordnung geschrieben</em></a><em>.</em></p>
<p><em>Zum anderen steht Lukaschenka selbst unter großem Druck durch Russland und Putin. Nicht alle, die gegen Lukaschenka sind, haben immer die Gefahr der wie auch immer gearteten Vereinnahmung gesehen, die kulturell, wirtschaftlich und politisch funktioniert und seitens Russlands die ganze Zeit da war. Einige fanden das Regime in Belarus zwar schlimm, reproduzierten aber das Muster, bei dem Russland ein Zentrum und Belarus eine Peripherie ist. Ein sehr einfaches Beispiel: Während der Revolution haben viele Protestierende aus russischen Medien die Informationen bezogen oder die Analysen der belarusischen Situation bevorzugt, die aus Russland kamen.</em></p>
<p><em>Andererseits gibt es auch Menschen, die zwar gegen Lukaschenka sind, aber ihn immer noch besser finden als jemanden, der voll und ganz ein Handlanger Moskaus sein wird. Lukaschenka will nicht in die absolute Abhängigkeit von Putin geraten. Das wird oft übersehen. Er wird als treuer Vasall Putins dargestellt, doch dies stimmt nicht. Seine Leitidee ist die eigene Macht und für diese ist Putin ebenfalls eine Gefahr. Man kann das unter anderem daran sehen, wie Lukaschenka die Nähe zu Russland deklariert, aber gleichzeitig die Fusion der beiden Länder zu einem Unionsstaat seit vielen Jahren hinauszögert oder pro-russische Aktivistinnen und Aktivisten verhaften lässt. Es gibt eine merkwürdige Gruppe pro-russischer Aktivistinnen und Aktivisten in Belarus, von denen sich nicht sagen lässt, ob es sich um Leute vom russischen Geheimdienst, vom FSB, handelt oder ob sie eigenständig handeln. Sie übernehmen die Rolle besorgter Bürgerinnen und Bürger und haben ziemlich viel Einfluss. Das kommt noch aus der sowjetischen Tradition: dass es in den Zeitungen zuerst Artikel (oft) von namenlosen Vertreter:innen des Volkes erscheinen, die sich über dieses oder jenes beklagen, worauf die Behörden dann „reagieren”. „Die Vertreter:innen des Volkes” waren aber Teil der staatlichen Inszenierung und schufen nur äußerliche Anstöße beziehungsweise Rechtfertigungen für Hetzkampagnen, die sowieso schon geplant waren. Dieses Muster der besorgten Bürger:innen, die sich um Ordnung im Land bemühen, kann man auch bei den pro-russischen Aktivist:innen in Belarus beobachten.</em></p>
<p><em>Da diese Aktivist:innen immer wieder auch belarusische Behörden beschuldigen, sie wären nicht pro-russisch genug oder nicht treu genug gegenüber dem sowjetischen Erbe etwa des Sieges im Grossen Vaterländischen Krieg, stellt sich die Frage, in wessen Interessen diese Menschen eigentlich handeln. </em></p>
<p><em>Das sind nur einige Akteur:innen und Themen des höchst komplexen, unübersichtlichen und intransparenten Repressionsgeflechts, das von der staatlichen Propaganda und Desinformation, sowohl russischer als auch belarusischer, verstärkt bzw. vernebelt wird. Das ist – auch mit der Unsichtbarkeit nach außen – ein sehr gefährliches Gemisch. Viele stellen sich ein autoritäres oder diktatorisches Regime als Übermaß an Kontrolle und (erzwungener) Ordnung vor, in Wirklichkeit ist es aber ein großes unübersichtliches Chaos, Sylvia Sasse analysiert das zum Beispiel sehr eindrücklich in ihrem Artikel noch aus dem Jahr 2017, ich würde ihn gern auch beziehungsweise vor allem heute zur (Re)lektüre empfehlen:</em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/autoritaere-unordnung/"><em> Autoritäre Unordnung – Geschichte der Gegenwart.</em></a><em> Wir sehen heute in vielen Ländern das Aufkommen von Politikern, die wie von Donald Trump vorgeben, sich um “Ordnung” zu bemühen, aber Chaos stiften.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe den Eindruck, dass es ein großer Erfolg für Lukaschenka ist, dass er in der Ukraine keine belarusischen Truppen einsetzen muss. Es gibt lediglich gemeinsame Manöver des belarusischen und russländischen Militärs. Belarusische Truppen hätten eigentlich näher gelegen als Truppen aus Nordkorea. Lukaschenka hält eine gewisse Eigenständigkeit aufrecht, indem er intern eine hohe Repression aufrechterhält.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Es wird ihm tatsächlich zugutegehalten, dass belarusische Truppen nicht am Krieg in der Ukraine beteiligt sind. Belarus wurde zumindest de jure nicht von Russland eingenommen. Man spricht allerdings von einer schleichenden Annexion durch Russland. Es gibt Stimmen, die sagen, dass Putin Belarus als ein quasi neutrales Land für den Rückzug seiner Truppen braucht, als Pufferzone, auch als Umwegland wegen der wirtschaftlichen Sanktionen, die sich für beide Länder unterscheiden. Es könnte somit in Putins Interesse liegen, dass Belarus eine scheinbar neutrale Zone bleibt. Es könnte auch ein Verdienst Lukaschenkas sein. Aber niemand weiß, welchen Spielraum er wirklich hat. Man kann beobachten, dass er symbolische Zugeständnisse an Putin macht, indem er zum Beispiel zur Militärparade am 9. Mai nach Moskau fährt und die eigene belarusische Parade dafür verlegt.</em></p>
<h3><strong>„Der Zwang, sich mit sich selbst zu beschäftigen“</strong></h3>
<div id="attachment_7310" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Nullpunkt"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7310" class="wp-image-7310 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt.png 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7310" class="wp-caption-text">Mit einem Klick auf das Bild erhalten Sie weitere Informationen über das Buch.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einer der Autoren in „Befragungen am Nullpunkt“ sagte, er sei nicht im <em>„Exil“</em>, sondern befinde sich <em>„auf einer kreativen Dienstreise“</em>. Die Einreise beziehungsweise Rückreise von Kunstschaffenden, die das Land nach der Niederschlagung des Aufstands verlassen haben, ist nach wie vor äußerst gefährlich.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>:<em> Genau. Das kann man auf eigene Gefahr machen. Es ist eine Lotterie. Es wird immer riskanter, nach Belarus zu fahren. Viele, die längere Zeit nicht in Belarus waren, werden bei der Einreise extrem stark kontrolliert, befragt. Es gibt auch Fälle, dass Menschen verhaftet wurden, weil es ein bestimmtes Foto im Handy gab. Sie verschwanden und niemand wusste, wo sie waren. Es gibt einige, die über Russland einzureisen versuchen, denn es gibt in Belarus und in Russland unterschiedliche schwarze Listen, aber man weiß nicht, ob man auf einer oder sogar auf beiden Listen steht. Nicht alle schwarzen Listen sind publik, das ist noch ein Beispiel dafür, wie in einem diktatorischen System Intransparenz, Diffusität und Chaos produziert werden. Man kann nicht wirklich durchblicken und so hat man das Gefühl, ausgeliefert zu sein. </em></p>
<p><em>Es ist zum belarusischen Volkssport geworden, sich selbst zu googeln, um herauszufinden, womit man dem Sicherheitsdienst aufgefallen sein könnte, um die Gefahren abzuschätzen. Im Grunde ist das eine investigative Arbeit gegen sich selbst. Sylvia Sasse formulierte das sehr treffend als den „Zwang, sich mit sich selbst zu beschäftigen“. Wenn ich zum Beispiel meinen Namen eingebe, finde ich jede Menge Artikel und Bilder. Da habe ich mal über den Krieg in der Ukraine geschrieben, mal kommentiere ich Proteste in Belarus, mal trete ich mit jemandem auf, der oder die bereits den durchaus ehrenwerten Titel eines „Extreminsten oder einer Extremistin” trägt. All das sieht auch der Sicherheitsdienst auf den ersten Blick. Wer mich an der Grenze googelt, findet sehr viel über mich. Einiges von dem, was ich schreibe und veröffentliche, könnte in Belarus als „Extremismus“ eingestuft werden. Im entsprechenden Gesetz gehört zu den „extremistischen Tätigkeiten” unter anderem „die Verbreitung von wissentlich falschen Informationen über die politische, wirtschaftliche, soziale, militärische oder internationale Lage der Republik Belarus, die Rechtslage der Bürger in der Republik Belarus, die die Republik Belarus diskreditieren”. Sie ahnen schon, wer entscheidet, welche Informationen richtig und welche falsch sind…</em></p>
<p><em>Wie viele Jahre Haft man dafür bekommt, kann man nur raten. Dabei darf man nicht vergessen, dass belarusische Gefängnisse nach wie vor Folteranstalten sind. Menschen sterben, medizinische Hilfe wird verweigert. Man weiß nicht, ob man gesund oder gar lebend herauskommt. </em></p>
<p><em>Nach der sowjetischen Tradition kommt außerdem noch Sippenhaftung dazu. Familienangehörige, Verwandte werden befragt, verhört, festgenommen. </em></p>
<p><em>Das alles hat man im Hinterkopf bei jeder Aktion, die mit Belarus verbunden ist, und erwägt alles ganz kleinschrittig. </em></p>
<p><em>Ursprünglich war zum Beispiel geplant, das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ auch online auf der Seite der Leipziger Universität zu veröffentlichen. Das haben wir auf Anfrage eines Autors aus Sicherheitsgründen nicht getan. In Papierform ist das Buch einfach schwerer zu erhalten. Auch für die Behörden in Belarus. </em></p>
<p><em>Bei jedem Buch unserer Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” planen wir unsere Schritte immer auch im Hinblick darauf, was das für die Sicherheit der Autor.innen und anderer Beteiligter bedeutet, das letzte Wort haben aber immer die Autor:innen: Wir wollen einerseits niemanden gefährden, andererseits aber auch niemanden bevormunden. Noch aus meiner Zeit in Belarus weiß ich, wie unangenehm es war, irgendwo nicht eingeladen zu werden, weil man mich nicht gefährden wollte, und dann sprachen andere Menschen für mich, die vielleicht zur Zeit der Revolution gar nicht im Land waren. Sicherheit ist wichtig, aber auch die Integrität der Menschen und ihr Recht, selbst zu entscheiden, wann sie sprechen und was sie in diesem Zusammenhang in Kauf nehmen wollen. Derzeit haben wir e</em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Tagebuch-2021-2022"><em>in anonymes Tagebuch</em></a><em> aus Belarus im Druck. Die Autorin bleibt bewusst in Belarus und fordert Respekt für ihre Entscheidung ein. Es ist ihr enorm wichtig, Zeugenschaft über ihre Erfahrungen abzulegen. Ich habe an dem Buch als Lektorin mitgearbeitet und sehr genau den ganzen Prozess verfolgt: Wie die einzelnen Tagebucheinträge möglichst genau so behalten, wie sie waren, aber niemanden dabei gefährden? Die Situation im Land hat sich in diesen zwei Jahren, als das Buch in Vorbereitung war, noch einmal verschärft. Die Autorin hat sich entschieden, nichts am Text zu ändern, ihren Namen aber nicht zu nennen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich in dem Zusammenhang auf einen Band mit Erzählungen von Frauen aus Afghanistan verweisen, das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltliteratur-im-exil/">im Rahmen von „Weiter Schreiben“</a> herausgegeben wurde, ein Programm, an dem Sie sich auch beteiligen. Das Buch erhielt mehrere Auszeichnungen. Mehrere Autorinnen veröffentlichen anonym, nicht nur Autorinnen, die noch in Afghanistan sind, auch einige, die in westlichen Ländern, beispielsweise in Schweden, leben, die aber ihre Familienangehörigen in Afghanistan nicht gefährden wollen.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Wir haben auch diskutiert, ob wir in unserem eben von mir beschriebenen Fall ein Pseudonym verwenden sollten, aber die Autorin sagte, das wolle sie nicht, weil sie dazu gezwungen wäre. So bleibt es bei der Anonymität. Wir machen die Abwesenheit des Namens ganz bewusst sichtbar. </em></p>
<p><em>Die Repressionen sind übrigens ein sehr dynamischer Prozess, es kommt immer wieder etwas Neues dazu.</em></p>
<p><em>Gerade haben wir erfahren, dass der Instagram-Account des Verlags Skaryna der belarusischen Diaspora in London für „extremistisch” erklärt worden ist. Es wird nicht der gesamte Verlag für „extremistisch“ erklärt, sondern es geschieht in Schritten. Es fängt mit einem Instagram-Account an, dann kommt der youtube-Account hinzu, dann ein einzelnes Buch. Es ist kein Automatismus, dass ein Buch, das auf einem als „extremistisch“ markierten Account beworben wird, dann auch gleich „extremistisch“ ist. Das ist dann Auslegungssache der Vertreter der jeweiligen Behörden, auf die man trifft, der Polizisten, der Grenzbeamten. Dieses Vorgehen ist im Sinne der Diffusität, von der ich sprach, eine besondere Schikane. Man kann sich schon fragen, warum nicht gleich alle Internetauftritte eines Verlags für „extremistisch“ erklärt werden, obwohl dort dieselben Informationen zu finden sind. Die Behörden nutzen den Interpretationsspielraum als Spielfläche der Macht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wird Schein-Sicherheit erzeugt, obwohl eigentlich alle wissen, dass mit dem ersten Verbot, der ersten Markierung eines Textes, eines Auftritts als <em>„extremistisch“</em> die nächsten Markierungen und Verbote folgen werden. Und es sorgt natürlich für Einschüchterung. Man weiß nie, ob das, was man sagt, ignoriert wird, eine kleine Geldstrafe nach sich zieht oder 15 Jahre Gefängnis.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>:<em> Inzwischen ist es für die meisten klar, dass es keine Nischen der Sicherheit gibt. Aber man verschwendet trotzdem viel Energie dafür herauszufinden, welche Logik dahintersteckt. Die Logik ist aber eigentlich ganz einfach. Es ist Willkür.</em></p>
<div id="attachment_7309" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7309" class="wp-image-7309 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-300x246.jpg" alt="" width="300" height="246" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-200x164.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-300x246.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-400x328.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-600x492.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-768x630.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-800x656.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1024x840.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1200x984.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1536x1260.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7309" class="wp-caption-text">Iryna Herasiovich mit dem Buch von Zmicier Vishnioŭ, Ich bin das Fleisch, das Zmicier zubereitet hat. Foto: Privat.</p></div>
<p><em>Es geht so weit, dass auch alle Follower auf den verschiedenen Accounts mitbetroffen sein können. Wer irgendetwas – beispielsweise von dem Verlag, den ich eben erwähnte – geteilt hat oder auch einfach das Buch gekauft hat, ist in Gefahr. Unsere Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” hat mit dem Skaryna-Verlag zusammen den </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/ich-bin-das-fleisch-das-zmicier-zubereitet-hat"><em>Roman von Zmicier Vishnioũ</em></a><em><u> „Ich bin das Fleisch, das Zmicier zubereitet hat” veröffentlicht</u></em><em>, jetzt dürfen wir raten, inwieweit unsere Aktion auch mitbetroffen sein kann. Das Buch ist ja (noch) nicht „extremistisch”. Es ist wie ein Spiel, bei dem man mitspielen muss, aber die Regeln nicht kennt, genauer gesagt, die Regeln werden ständig umgeschrieben – nie zu unseren Gunsten. </em></p>
<p><em>Wir suchen übrigens nach einem deutschsprachigen Verlag für diesen wagemutigen Roman über das Exil und die Diktatur, über die Unmöglichkeit der Rückkehr und die Unmöglichkeit, alles auf einmal hinter sich zu lassen. Eine großartige Kombination aus dem Phantastischen und dem Dokumentarischen, die auch die Absurdität der Diktatur sehr gut aufgreift.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wie absurd das alles ist, beschrieb kürzlich Wolfgang Both in einem in meinem Magazin veröffentlichten Artikel über George Orwells Buch „1984“: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">„Wie George Orwells ‚1984‘ fast in der DDR erschienen wäre“</a>. Er beschreibt die Geschichte von Anfang an, mit all den Schikanen, der Verurteilung von Menschen, die das Buch aus dem Westen geschmuggelt oder anderweitig gekauft hatten, von Tarnschriften, bei denen man erst auf der zweiten Seite sah, was sich wirklich dahinter verbarg, bis hin zu den letzten Zuckungen des DDR-Regimes im Jahr 1989. Eine Reportage aus dem Nähkästchen einer Diktatur.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist genau diese Diffusität und Intransparenz, die wir in Belarus erleben.</em></p>
<h3><strong>„Unterschiedliches zur Sprache bringen“</strong></h3>
<div id="attachment_7312" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Nullpunkt"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7312" class="wp-image-7312 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7312" class="wp-caption-text">Befragungen am Nullpunkt, ein Blick ins Buch. Weitere Informationen zum Buch erhalten Sie auch über einen Klick auf das Bild. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ ist ein ausgezeichneter „Tour d’horizon“ durch die aktuelle belarusische Kulturszene, in Belarus, im Exil beziehungsweise auf den erzwungenen <em>„kreativen Dienstreisen“</em>.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Dieses Buch ist unter anderem mein persönlicher Versuch, die Szene zu retten, zu der ich gehörte und immer noch gehöre, obwohl es sie in der früheren Form gar nicht mehr gibt. Ich bin meinen Mitherausgeberinnen Nadine Menzel und Nina Weller, dem Verlag Schublade und allen Beteiligten und Fördern unendlich dankbar, dass wir diesen Rettungsversuch zusammen unternehmen konnten, dass ihnen diese Szene genauso wichtig ist wie mir. Das war eine sehr bereichernde Arbeit, weil viele Perspektiven, von belarusischen Kunstschaffenden, den Studierenden und Forschenden der Universität Leipzig und Viadrina zusammenkamen. Das Zusammenkommen von verschiedenen Perspektiven kann man gerade im Falle von Belarus, diesem Raum, der immer noch viel zu oft übersehen wird, gar nicht hoch genug schätzen. Das genaue Hinschauen von verschiedenen Perspektiven aus rettet diesen Raum, diese Erfahrungsgemeinschaft. Mit dem Begriff „Erfahrungsgemeinschaft” haben wir viel beim Workshop “Diffuse Zonen. Belarusische Kunst zwischen Widerstand und Konformismus” gearbeitet, den ich im Rahmen des SNF-Forschungsprojektes “Künste und Desinformation”, bei dem ich mitarbeite, organisieren konnte. Es ging darum, was wir als belarusische Kunstschaffende miteinander teilen, unabhängig davon, welche Sprache wir sprechen oder welcher Generation wir angehören: Das sind eben die Erfahrungen, in einem autoritären bzw. diktatorischen System, aber gleichzeitig im Schatten des imperialen Russlands und in der Unsichtbarkeit unabhängige Kunst zu machen. Wenn man von den Erfahrungsgemeinschaften her denkt, zeigen sich unerwartete Parallelen zu anderen Erfahrungsgemeinschaften. Die Erfahrung der Unsichtbarkeit kennen Menschen aus Russland zum Beispiel kaum, dafür aber Transpersonen, auch in westeuropäischen Ländern. </em></p>
<p><em>Für mich sind sowohl der genannte Workshop als auch das Buch „Befragungen am Nullpunkt” wie auch die Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” Versuche, die „Erfahrungsgemeinschaft“ nicht nur zu erhalten, sondern auch zu erweitern, zu öffnen und nach Möglichkeit mit den anderen Erfahrungsgemeinschaften zu verknüpfen. Sowohl das Buch als auch der Workshop waren gesprächsorientiert. Meine tiefe Überzeugung ist, dass das Gespräch zu <u>der</u> Gattung unserer Zeit werden muss. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Genau das machen wir beide gerade. (Beide lachen)</p>
<p>Dazu passt auch, dass Sie in dem Buch einige Texte und Bilder zur Gattung Theater vorstellen. Theater ist vielleicht die Gattung, in der Gespräche und Perspektivwechsel offensichtlich immer eine zentrale Rolle spielen. Gleichviel in welcher Form, auch das Puppenspiel.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja, das Theater ist untrennbar mit dem Perspektivwechsel verbunden. Jeder Gang auf die Bühne bedeutet einen Perspektivwechsel. Als Zuschauerin erkläre ich mich bereit, die mir (auch ganz buchstäblich räumlich) angebotene Perspektive einzunehmen. Ob ich diese beibehalte, ist offen, aber zunächst nehme ich sie einmal ein und schaue. Das Schöne am Theater ist, dass das Angebot, eine bestimmte Perspektive einzunehmen, ganz offen stattfindet. In einer Diktatur wird einem auch eine Perspektive zugewiesen, dies allerdings versteckt. Das Theater der Diktatur gibt sich als solches nicht zu erkennen. </em></p>
<p><em>Aber zurück zum Buch: Was ich noch am Theater faszinierend finde, ist seine Gebundenheit an die Zeit. In unserem Band geht es unter anderem um eine Inszenierung von Jura Dziwakoũ. 2022 inszenierte er die Erzählung „Nastja” des russischen Autors Vladimir Sorokin. Er inszenierte sie in Polen unter anderem mit ukrainischen Schauspieler:innen. Allein die Konstellation von Stoff, Ort und Personen sorgte für viele Gespräche, es blieb aber nicht bei den Gesprächen, sondern sie ginge auch in Handlungen über. Die Möglichkeit des gemeinsamen Handelns ist das, was Jura Dziwakoũ am Theater am meisten schätzt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf Jura Dziwakoũ zitieren. Er sagt, er wolle im Theater <em>„Unterschiedliches übereinander zur Sprache bringen, ganz Unterschiedliches. So erforschen wir uns selbst, die anderen, den Raum, die Prozesse.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Diese Aussage sehe ich als eine Leitlinie des gesamten Buches. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Gespräch mit Jura Dziwakoũ sagen Sie: <em>„Wenn man die ganze Zeit darauf achtet, dass nichts Schlimmes passiert und nichts riskiert, dann passiert gar nichts.“ </em>Ihre Kollegin <a href="https://secondaryarchive.org/artists/antonina-slobodchikova/">Antanina Slabochykava</a> kommentiert: <em>„Das ist so schrecklich“</em>. Und Sie sagen: <em>„Ganz schrecklich.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Man muss sich auf die Reise begeben. Es ist irgendwie eine typische Heldenreise, zu der man aufbrechen muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <em>„kreative Dienstreise“</em>!</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: (Lacht) <em>Ja, genau. Man kann hoffen, dass diese erzwungenen kreativen Durchreisen, auf denen sich viele belarusische Kunstschaffende gerade befinden, zu „Heldenreisen”, wie sie in den Theorien zu der Märchen- und Mythosstruktur. Da ist es auch oft eine Schädigung, die die Abenteuerreise auslöst, und die Helden kehren mit „Schätzen” zurück. </em></p>
<p><em>Im antiken Roman fielen die Abenteuerreisen der Helden aus der Zeit zurück, wenn sie am Ziel ankamen, waren sie nicht gealtert, es war gar keine Zeit vergangen. In der Realität ist es umgekehrt: Eine Rückkehr ist eigentlich unmöglich. Sowohl die Menschen, die weggegangen sind, wie auch diejenigen, die geblieben sind, werden sich durch ihre Erfahrungen sehr stark verändert haben. Es werden andere Menschen sein und ein anderes Land. Wenn jemand sich aber gar nicht verändert, einfriert, die neuen Erfahrungen gar nicht an sich heranlässt, ist es viel tragischer. </em></p>
<p><em>Mein Leben in Zürich und speziell meine Arbeit am Slavischen Seminar sehe ich übrigens gar nicht als Dienstreise, sondern eher als Ankommen. Ich habe das Gefühl, endlich einen Raum gefunden zu haben, in dem ich mit allen meinen Themen, sei es belarusische Kunstszene oder Übersetzung, präsent sein kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In dem Buch „Befragungen am Nullpunkt” entstehen auch durch die unterschiedlichen Farben neue Perspektiven. Die deutschsprachigen Texte sind in roter Farbe, die belarusischsprachigen in schwarz abgedruckt. Immer wieder auch einige Textpassagen im Großdruck, geradezu als Bojen im Meer der Eindrücke.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Wir haben viel Liebe hineingesteckt. Die visuelle Gestaltung, bei der die Bilder mal als visuelle Kommentare, mal als selbständige parallele Statements gedacht sind, hat Antanina Slabodchykava konzipiert. Man bekommt mit dem Buch eigentlich einen ziemlich spannenden Katalog mit Werken belarusischer Kunstschaffender aus verschiedenen Jahren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie wird das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ aufgenommen?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Bisher habe ich nur Reaktionen aus dem engeren Kreis erhalten. Vor allem aus dem universitären Bereich. Es gibt immer mehr Kolleg:innen, für die Belarus zum Interessengebiet wird – auch hier in Zürich. Das Buch wird da sofort in die Arbeit integriert. Auch für die belarusische Kunstszene ist es zweifelsohne ein Ereignis. Es muss aber anscheinend noch einiges passieren, bis ein solches Buch die Chance hat, in einer deutschsprachigen Zeitung ganz normal rezensiert zu werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine solche Rezension ist jetzt auch unser Gespräch.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: A<em>bsolut! Und dabei eine, die das Buch in einen viel breiteren Kontext stellt.</em> <em>Ich bin da sehr dankbar. Ich bin leider nicht verwöhnt. Man muss beim Thema Belarus immer damit rechnen, dass es längere Zeit dauert, bis man auf das Interesse stößt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es mit der Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” weiter? Vielleicht erzählen Sie ein wenig über die Bücher, die Sie schon verlegt haben?</p>
<div id="attachment_7307" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7307" class="wp-image-7307 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7307" class="wp-caption-text">Minskaja Škola und die Zeitschrift Wespennest. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: Gerade ist <em>das achte Buch erschienen. Es ist der fünfte </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/news/News-Minsker-Schule"><em>Almanach der Minsker Schule</em></a><em>, eine Kooperation des Herausgebers Dmitri Strozew mit Andrea Zederbauer von der österreichischen Zeitschrift </em><a href="https://wespennest.at/"><em>Wespennest</em></a><em>. Die Minsker Schule befasst sich unter anderen mit den unterschiedlichen Sprachen in Belarus, das Belarusische, das Jiddische, das Polnische, das Russische. Das Heft widmet sich dem Dialog der belarusischen Autor:innen untereinander sowie dem Dialog mit Literaturszenen anderer Länder, insbesondere der Ukraine und Israel. Wir sind sehr stolz auf diese Kooperation mit Wespennest. Wespennest gehört zu den Partnern, die sehr gut verstanden haben, worum es bei unserem Projekt geht. Es gibt in der Zeitschrift “Wespennest” eine eigene Reportage von Dmitri Strozew. Und die Namen von den beiden Partnern erscheinen auf den beiden Covern. Solche sichtbaren Zeichen von Kooperation bewegen uns sehr. Das kommt nicht jeden Tag vor.</em></p>
<p><em>Wir haben auch das </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/ostap-slyvynsky-das-worterbuch-des-krieges#about_book"><em>„Wörterbuch des Krieges“</em></a><em> von Ostap Slyvynsky (deutsche Ausgabe: Berlin, fototapeta, 2023) veröffentlicht, die erste Übersetzung aus dem Ukrainischen. </em><a href="https://www.wordsforwar.com/ostap-slyvynsky-bio"><em>Ostap Slyvynsky</em></a><em> kommt aus Lviv. Er hat dort Geschichten gesammelt, weil er beschlossen habe er könne jetzt keine Gedichte schreiben, aber er wolle seine Stimme den Menschen geben, die ihre Erfahrungen mitteilen wollen. Es ist ein sehr schmerzender offener Erfahrungsraum, der jeweils an den einzelnen Wörtern festgemacht wird. Das Buch zeigt, wie der Krieg die Bedeutung einzelner Wörter verändert.</em></p>
<div id="attachment_7308" style="width: 247px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7308" class="wp-image-7308 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--237x300.jpg" alt="" width="237" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--200x253.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--237x300.jpg 237w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--400x506.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--600x759.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--768x972.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--800x1012.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich-.jpg 806w" sizes="(max-width: 237px) 100vw, 237px" /><p id="caption-attachment-7308" class="wp-caption-text">Robert Alagjozovski, Herausgeber des belarusischen Autors Valjancin Akudovich. Foto: Goten Publishing.</p></div>
<p><em>Und sehr stolz sind wir auch auf das Buch </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Das-Rascheln-des-Schweigens#about_book"><em>„Das Rascheln des Schweigens“</em></a><em> von Valjancin Akudovič. Ein nordmazedonischer Verlag, Goten Publishing, gibt ein belarusisches Buch heraus. Das Buch behandelt die belarusische Identität, die Frage, wie man sich selbst verorten kann, zwischenmenschlich, politisch, kulturell, ohne vielleicht unbedingt auf nationale Kategorien zurückzugreifen. Akudovič ist ein sehr bekannter Autor in Belarus. Sein programmatischer Essay heißt “Eines Morgens im eigenen Land erwachen” kennen sehr viele Wie kann man ein Land, das zwar unerwartet entsteht, aber doch ein unverkennbar eigenes ist, in die eigene Biografie einschreiben. Das ist auch in Nordmazedonien ein Thema.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darf ich die <a href="https://33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Verkehrungen">„Verkehrungen ins Gegenteil“</a> von Sylvia Sasse hervorheben (deutsche Ausgabe: Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023)? Das ist ein hervorragendes Buch, meines Erachtens eines der besten Bücher, die über die leidigen Themen der Identitätspolitik, der Okkupation von Sprache beziehungsweise der Täter-Opfer-Umkehr von Sprache geschrieben wurden. Im Grunde bietet es eine zeitgemäße Ausformung des „Newspeak“ von George Orwell.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Dieses außerordentlich wichtige Buch übersetzen wir jetzt ins Russische, geben es aber im belarusischen Verlag Lohvinaŭ heraus. Wir denken, dass das Zielpublikum zu einem großen Teil russischsprachig ist. </em></p>
<h3><strong>Überleben in der Diaspora</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In einem Text von „Befragungen am Nullpunkt“ spricht einer der Autoren ausdrücklich über <em>„Identitätsbildung“</em> durch Kultur, in Verbindung mit <em>„Illusionen der Globalisierung“</em>. Es gebe keine Teleologie, sondern <em>„konkurrierende Systeme“. </em>Es sei notwendig, <em>„dass die Abkapselung der Nationen durch die horizontalen Verbindungen zwischen den Kulturen der Gemeinschaften durchbrochen wird, die gemeinsame Werte und Vorstellungen teilen.“</em> Das hat schon etwas Dialektisches im Hinblick auf die Globalisierung, die im Zuge des Isolationismus verschiedener Kulturen, nicht zuletzt in Russland, Belarus und anderen Diktaturen, zurzeit mit noch offenem Ergebnis auch in den Debatten in den USA, in sehr schwierige illiberale, anti-liberale und autoritäre bis totalitäre Fahrwasser geraten ist. Wenn ich diese Metapher verwenden darf. Aber einer der Autoren im Buch sagt auch: <em>„Selbst in den düstersten totalitären Regimen wird Kultur nicht monolithisch sein.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist wahr, und es ist ganz wichtig, sich um die feinen Unterschiede zu bemühen. Deswegen interessieren mich unter anderem auch „diffuse Zonen”: die Zonen des Zusammen- und Aufeinanderwirkens der staatlichen und der unabhängigen Kulturszene, sei es im Bereich der Narrative oder der Institutionen. </em></p>
<p><em>Belarus wird außerdem oft auch kulturell in einem Monolith mit Russland gedacht. Immer wieder finde ich mich in den Situationen wieder, wenn ich etwas über Belarus erzähle und als Reaktion „ja, in Russland ja auch…” erhalte, als würden die Situationen nahtlos ineinander übergehen. Aber selbst auf der Ebene der staatlichen Repressionen ist die Lage unterschiedlich: In Russland geht erstaunlicherweise noch mehr als in Belarus. Ich staune, wenn ich höre, dass etwa das Buch von Maria Stepanova, auf Deutsch </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/maria-stepanova/der-absprung.html"><em>„Der Absprung“</em></a><em> (Berlin, Suhrkamp, 2024), oder das Tagebuch von </em><a href="https://www.podcast.de/episode/635108127/vom-ende-der-welt"><em>Natalja Kljutscharjowa</em></a><em> <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/natalja-kljutscharjowa-tagebuch-vom-ende-der-welt-t-9783518127810">„Tagebuch vom Ende der Welt“</a> (Berlin, edition suhrkamp, 2023) in Russland zwar unter der Hand vertrieben und mit geschwärzten Wörtern, aber doch erscheinen können. In Belarus werden nicht einzelne Wörter oder Sätze geschwärzt, sondern ganze Verlage zwangsliquidiert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beide Autorinnen, die Sie nannten, leben inzwischen in Deutschland. Die Spielräume werden immer enger. In Russland werden die Gesetze gegen sogenannte <em>„ausländische Agenten“</em> immer weiter verschärft. Und andere Länder nehmen sich das inzwischen zum Vorbild, zum Beispiel Georgien, Ungarn, auch die Slowakei. Aber kann man sagen, dass die Kultur aus Belarus zurzeit vor allem im Ausland, in der Diaspora überlebt?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Jein. Einerseits schon. Aber es sind noch viele im Land. Es sind nicht alle ausgereist. Ich kenne mehrere Autorinnen und Autoren, die in Belarus bleiben wollen, mit ihren Themen, ihrer Geschichte, dort Widerstand leisten. Wir dürfen sie nicht vergessen, wenn wir über die Kultur in und aus Belarus sprechen. Belarus ist ein ziemlich isoliertes Land. Es ist so gut wie unmöglich, ein Visum zu bekommen, nicht nur wegen der Lage im Land, sondern auch wegen der Sanktionen. Um einen Termin bei der deutschen Botschaft zu bekommen, muss man mindestens ein bis zwei Jahre warten. Ansonsten geht es noch in der italienischen Botschaft, aber auch das ist nicht so einfach. Es sind wiederum sehr intransparente Prozesse. In der Protestbewegung gab es viele Menschen, die mit dem System nicht einverstanden waren. Viele andere solidarisierten sich mit der Protestbewegung, mussten aber bleiben. Einige haben kranke Eltern, um die sie sich kümmern müssen, oder Kinder. Sie brauchen Wege, um auszureisen, aber nicht alle haben diese Wege.</em></p>
<p><em>Es ist auch nicht so, dass die Menschen hier in Westeuropa mit offenen Armen empfangen werden. Es gibt hier selten offenen Türen. Es ist schwer, sich in einem fremden Land etwas aufzubauen, vor allem wenn man die Sprache nicht kennt. Es gibt Künstler, die in einer Fabrik oder auf einer Baustelle arbeiten müssen, um zu überleben. Einer der Künstlerfreunde sagte neulich, er müsse bald Taxi fahren, und das war nur halb im Scherz. Sie versuchen, etwas aufzubauen. </em></p>
<p><em>Vieles hängt von Menschen ab, auf die man in den jeweiligen Ländern trifft. Für manche ist Belarus Ko-Aggressor mit Russland, mitschuldig am Krieg in der Ukraine. Man hat dann eher wenig Aufmerksamkeit dafür, dass Menschen aus Belarus, die hier im Westen sind – nicht alle –, selbst Betroffene sind. Ich habe einen belarusischen Pass, aber ein solcher Pass ist auch ein Instrument für Schikanen. Es gilt zum Beispiel nur eine Vollmacht, die in Belarus erstellt wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben nur einen belarusischen Pass?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja. In der Schweiz habe ich eine </em><a href="https://einwandern-schweiz.ch/arbeiten-in-der-schweiz/b-bewilligung-schweiz-ein-umfassender-ratgeber/"><em>B-Bewilligung</em></a>.<em> Die Bewilligung ist an meinen Vertrag mit der Universität Zürich gebunden. Abgesichert bin ich nicht. Wenn der Vertrag ausläuft, muss ich eine neue Anbindung, ein neues Projekt suchen. Aber ich habe, wie gesagt, das Glück, am Slawischen Seminar ein Umfeld gefunden zu haben, in dem ich mich sehr willkommen fühle, daher bin ich eher zuversichtlich. </em></p>
<p><em>Wer die Sprache nicht beherrscht, hat es viel schwerer. Es gibt prominente Persönlichkeiten unter den Kunstschaffenden, die ihr gesamtes Umfeld verloren haben, aber auch keine enge Anbindung an eine Institution in Westeuropa gefunden haben. Das ist schon ziemlich tragisch.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 30. Juni 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Deciphering Photographs“.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Versöhnerinnen?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Apr 2025 09:56:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Versöhnerinnen? Zuschreibungen weiblicher Friedfertigkeit in der Moderne „Bei Millionen von Frauen lösten die Geschehnisse dieses Krieges einen eisernen Willen aus, machten sie stark wie nie zuvor, erfüllten sie mit Mut zu neuen Taten, ließen sie den heiligen Schwur schwören: ‚Krieg dem Kriege‘. Es gilt, diese ungeheuren Frauenkräfte im Interesse des Völkerrechts, der Völkerverständigung, eines  [...]</p>
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<h1><strong>Versöhnerinnen?</strong></h1>
<h2><strong>Zuschreibungen weiblicher Friedfertigkeit in der Moderne </strong></h2>
<p><em>„</em><em>Bei Millionen von Frauen</em> <em>lösten die Geschehnisse dieses Krieges einen eisernen Willen aus, machten sie</em> <em>stark wie nie zuvor, erfüllten sie mit Mut zu neuen Taten, ließen sie den heiligen</em> <em>Schwur schwören: </em><em>‚</em><em>Krieg dem Kriege</em><em>‘</em><em>. Es gilt, diese ungeheuren Frauenkräfte</em> <em>im Interesse des Völkerrechts, der Völkerverständigung, eines dauernden</em> <em>Friedens unter den Völkern, den Staaten der Welt nutzbar zu machen.</em> <em>Wohlan, ihr Pazifisten, kämpft im Interesse eurer Sache, die ihr vertretet, für</em> <em>das Frauenstimmrecht! Stimmet ein in die Worte, die der bekannte ungarische</em> <em>Pazifist Prälat Gießwein am 2. Juni 1917 einer vieltausendköpfigen Menge in</em> <em>Budapest zurief: </em><em>‚</em><em>Der Pazifismus hat mich zum Frauenwahlrecht geführt. Ohne</em> <em>freie Frauen kein ständiger Friede! Ein Europa mit Frauenwahlrecht wäre</em> <em>keinem Weltkriege zum Opfer gefallen.</em><em>‘“ </em>(Lida Gustava Heymann, <a href="https://frauenmediaturm.de/historische-frauenbewegung/lida-gustava-heymann-weiblicher-pazifismus-1917/">Weiblicher Pazifismus</a>, 1917, zitiert nach Gisela Brinker-Gabler, Hg., Frauen gegen den Krieg, Frankfurt am Main, S. Fischer, 1980)</p>
<div id="attachment_5997" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5997" class="wp-image-5997 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-200x299.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-400x598.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-600x897.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv.jpg 640w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-5997" class="wp-caption-text">Lida Gustava Heymann (1868-1943). <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1987-143-05,_Lida_Gustava_Heymann.jpg">Bundesarchiv Bild 146-1987-143-05</a>. Wikimedia Commons. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">Deed &#8211; Attribution-ShareAlike 3.0 Germany &#8211; Creative Commons</a></p></div>
<p><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lida-gustava-heymann">Lida Gustava Heymann</a> zählte zu den Frauen, die während des Ersten Weltkriegs die Forderung nach Frieden mit dem Eintreten für Frauenrechte verbanden. Bis heute werden Frauen im Allgemeinen als friedlicher eingeschätzt als Männer. Aber vielleicht ist das auch nur ein Klischee? Es lohnt sich, dem in fünf Texten unterschiedlichen Genres von Henri Dunant (1862) bis Virginia Woolf (1938) nachzugehen, die alle vor dem Hintergrund europäischer Kriege dieser Zeit entstanden. Sie zeigen eindrücklich die Handlungsspielräume zeitgenössischer Frauen, wie sie sich organisierten, was sie aufgrund der ihnen zugeschriebenen Friedfertigkeit zu <em>„Versöhnung“</em> zwischen verfeindeten Nationen beitragen konnten, aber auch, inwiefern sie eine für Frauen oft als untypisch wahrgenommene Unversöhnlichkeit an den Tag legten.</p>
<h3><strong>Weibliche Versöhnlichkeit </strong></h3>
<p><strong><em>„</em></strong><em>Wie viele junge Leute zwischen achtzehn und zwanzig Jahren, welche aus dem Herzen Deutschlands oder den östlichen Provinzen des weiten österreichischen Kaiserreiches hierherkamen – davon manche wohl nur unter hartem Zwang –, werden bald außer körperlichen Schmerzen und dem Kummer, gefangen zu sein, noch den Hass erdulden müssen, den die Mailänder ihrer Nation, ihren Führern und ihrem Herrscher geschworen haben! Erst auf französischem Boden werden sie wieder Mitgefühl und freundliche Behandlung finden. Ihr armen Mütter in Deutschland, Österreich, Ungarn, Böhmen, wie soll man nicht an die Herzensangst denken, die ihr empfandet, als ihr erfuhrt, dass eure verwundeten Söhne in Feindesland gefangen seien! Die Frauen von Castiglione erkennen bald, dass es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd sind, das gleiche Wohlwollen zuteil werden. „Tutti fratelli&#8220;, wiederholen sie gerührt immer wieder. Ehre sei diesen mitleidigen Frauen, diesen jungen Mädchen von Castiglione. Es gab nichts, was sie zurückgeschreckt, erschöpft oder entmutigt hätte. Ihre bescheidene Hingebung kannte keine Müdigkeit und keinen Ekel; kein Opfer war ihnen zu viel.“ </em>(Henri Dunant, <a href="https://www.roteskreuz.at/fileadmin/user_upload/PDF/Publikationen/Erinnerung_an_Solferino/Eine_Erinnerung_an_Solferino_-_Henri_Dunant_1_.pdf">Eine Erinnerung an Solferino</a>,1862)</p>
<p>In dem Text „Un Souvenir de Solférino“, in der deutschen Übersetzung „Eine Erinnerung an Solferino“, schilderte Henry Dunant die Eindrücke, die er nach der blutigen Schlacht von Solferino im Juni 1858 gesammelt hat. Sie war eine der entscheidenden Schlachten des sogenannten Sardinischen Krieges zwischen dem Habsburger Reich, Sardinien Piemont und Frankreich. Als Schweizer Geschäftsmann war er auf einer Geschäftsreise in Italien unterwegs und dabei eher zufällig Zeuge dieses historischen Ereignisses geworden. Die unsäglichen Leiden der Massen von verwundeten Soldaten, die nur unzulänglich medizinisch versorgt werden konnten, schockierten Dunant zutiefst. In der Folge machte er es sich zur Lebensaufgabe, das Los im Krieg verwundeter Soldaten zu verbessern. Mit seinem Bericht, den er auf eigene Kosten veröffentlichte, wollte er die Einrichtung einer speziellen Hilfsorganisation ebenso wie für die Einigung auf eine internationale Konvention zum Schutz verwundeter Kombattanten werben – mit Erfolg: wenig später kam es zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes und 1864 unterzeichneten die ersten zwölf Staaten die <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/genfer-konventionen-2024/">Genfer Konvention</a>.</p>
<div id="attachment_6002" style="width: 189px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6002" class="wp-image-6002" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-214x300.jpg" alt="" width="179" height="251" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-200x280.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-214x300.jpg 214w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-400x560.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-600x840.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young.jpg 640w" sizes="(max-width: 179px) 100vw, 179px" /><p id="caption-attachment-6002" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henry_Dunant-young.jpg">Henri Dunant (1828-1901)  zwischen 1850 und 1860</a>, Friedensnobelpreis 1901. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Die Genfer Konvention sollte, so der Plan Henry Dunants, die Verwundeten der Feindschaft entziehen und für sie allein die Gesetze der humanitären Hilfe gelten lassen. Ist sie damit einem Versöhnungsgedanken verpflichtet? Man muss diese Frage nicht mit Ja beantworten. Dennoch lässt sich sicher sagen, dass Dunants Initiative in eine Zeit fällt, in der die Vorstellung einer kollektiven Versöhnung Konturen anzunehmen begann. Denn diese Vorstellung war eine historische Neuheit. Zwar hatte das Gebot der Versöhnung in der jüdischen und christlichen Religion eine in die Antike zurückreichende Tradition. Doch bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte man in der Regel an Individuen gedacht, die sich versöhnten, nicht an Kollektive.</p>
<p>Bedingung für die Entstehung der Vorstellung einer kollektiven Versöhnung war die Vorstellung einer kollektiven Feindschaft, wie sie Dunant zu Beginn des von uns gehörten Textabschnitts problematisiert hat. Diese Vorstellung einer kollektiven Feindschaft, die Teil des seit dem frühen 19. Jahrhundert entstehenden Nationalismus war, ging mit Tendenzen einer Personalisierung der Nationen einher, die die Übertragung des Versöhnungskonzepts auf die kollektive Ebene erleichterte. Hinzukommen musste für diese Übertragung außerdem die Vorstellung einer gewissen Ebenbürtigkeit sowie einer Verbundenheit oder Zusammengehörigkeit der kollektiven Akteure als die die Kriegsgegner, die sich versöhnen sollten, gesehen wurden. Es ist daher auch kein Zufall, dass eine kollektive Versöhnung erstmals nach einem Bürgerkrieg propagiert wurde, und zwar nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, dessen Ende in das Jahr 1865 fällt. Durch die Versöhnung der Bürgerkriegsparteien sollten diejenigen wieder zusammengeführt werden, die auch vor dem Krieg zusammengehört hatten.</p>
<p>In den europäischen Nationen bildete sich trotz aller Animositäten im ausgehenden 19. Jahrhundert ebenfalls zunehmend ein Zusammengehörigkeitsgefühl heraus, das sich in dem Gedanken spiegelte, der Gemeinschaft der sich als <em>„zivilisierte Staaten“</em> verstehenden Staaten anzugehören, wie es immer wieder hieß. Europäerinnen und Europäer formulierten damit eine Überlegenheitsanspruch gegenüber anderen Teilen der Welt, der vor allem auch der Rechtfertigung des Kolonialismus diente. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie damit aber gleichzeitig auch ausdrückten, verfügte über weniger Bindekraft als die Zugehörigkeit der Bürgerkriegsparteien zur amerikanischen Nation. Daher setzte sich der Versöhnungsgedanke im Bezug auf europäische Konflikte nur langsam durch. Zunächst begann die im ausgehenden 19. Jahrhundert langsam wachsende Friedensbewegung den Begriff vereinzelt auch auf die europäischen Staaten zu beziehen. Während des Ersten Weltkriegs und in der Zwischenkriegszeit wurde dieser Sprachgebrauch dann geläufiger, bevor er sich nach dem Zweiten Weltkrieg vollends durchsetzen sollte.</p>
<p>Aber kommen wir zurück zu Dunant. In seiner Schrift schreibt er nationale Feindschaft sowie Mitleid und Humanität in einer Weise den Geschlechtern zu, die auch für Versöhnungsvorstellungen von Bedeutung ist. Mit dem Nationsgedanken hatte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch die Vorstellung durchgesetzt, dass die Bürger selbst für die Verteidigung zuständig seien. In vielen Staaten mündete diese Vorstellung in die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer. Gedanklich wurden Staatsbürgerrechte nun gern an die Staatsbürgerpflicht des Militärdienstes geknüpft. Frauen blieben von beidem ausgeschlossen.</p>
<p>Der Militärdienst ebenso wie der Gedanke der politischen Öffentlichkeit und Mitbestimmung verschärften seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert geschlechtsspezifische Zuschreibungen. Frauen, so argumentierten viele Zeitgenossen nun, hätten weder die physische Konstitution, um in den Krieg zu ziehen, noch die kognitiven Fähigkeiten, um politische Zusammenhänge zu erfassen. Die natürliche Bestimmung der Frau sahen sie in deren Mutterrolle. Broterwerb sowie Politik und Krieg hingegen waren in dieser Sicht die Aufgabenfelder der Männer.</p>
<p>Auch Henry Dunant führte die Bereitschaft der Frauen von Solferino, die verwundeten Soldaten unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit zu pflegen, auf ihre Mutterrolle zurück. Der Gedanke, dass auch ihre eigenen Söhne verwundet werden und Gefangenschaft geraten könnten, habe die nationale Feindschaft für die Italienerinnen an Bedeutung verlieren lassen.</p>
<p>Dunants Verweis auf die vermeintlich weibliche Fähigkeit, Feindschaft außer Kraft zu setzten, entsprach also gängigen Geschlechterbildern. Doch was Dunant hier als etwas Vorbildliches darstellte, stieß nicht bei allen Zeitgenossen und Zeitgenossinnen auf Gefallen.</p>
<h3><strong>Kritik an weiblicher Versöhnlichkeit </strong></h3>
<p><em>„Bonn, 14. August. Einige Hundert verwundete Krieger, Deutsche und Franzosen, sind in hiesigen Lazarethen untergebracht. Ueber Lazareth=Einrichtungen im Allgemeinen will ich Ihnen nicht schreiben. Sie können sich denken, daß die Kranken in medicinischer Hinsicht hier nicht zu klagen haben werden. Aber auf einen Uebelstand möchte ich das Publikum aufmerksam machen, der mir sofort bei meiner Thätigkeit als Krankenpfleger aufgefallen ist und der bei allen Deutschgesinnten ein gerechtes Zürnen hervorrufen wird. Die Eigenthümlichkeit der Deutschen, für das Fremde eine besondere Vorliebe an den Tag zu legen, zeigt sich auch hier. Viele hochgestellte Damen besuchen die hiesigen Lazarethe und suchen durch allerlei Erquickungen die Körper zu laben und durch allerlei zarte Worte die Gemüther der Verwundeten aufzuheitern. Recht schön, aber man höre und staune: Sie, die laut in alle Welt ihren Patriotismus verkünden, die stolz darauf sind, deutsche Frauen zu heißen, sie laufen an den Betten unserer tapferen deutschen Krieger vorbei, um sich um die verwundeten Franzosen und Turcos zu gruppiren und bei ihnen ihre französischen Brocken anzubringen, die sie sodann mit allem Möglichen laben, wenn sie das Glück gehabt haben, einmal verstanden worden zu sein. Unsere Deutschen, die für uns geblutet haben, sehen mit trauernder Miene neidisch auf die Franzosen hin, und nicht selten hört man laute Ausrufe der Entrüstung aus ihrem Munde. Sollte man jenen, die täglich arroganter werden, in Blick und Wort nicht zeigen, daß sie, wenn auch verwundet, doch zugleich auch Gefangene sind, und sollte man nicht unseren Kriegern wenigstens ebendieselbe Behandlung zukommen lassen, wie sie den Franzosen jetzt zu Theil wird?“ </em>(<a href="https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/JEXJXOONEDI6NUMP66XDOJVGFQQQDY45?issuepage=2">Gummersbacher Zeitung vom 17. August 1870</a>, Originalorthographie).</p>
<p>Die Klage, die in diesem Zeitungsartikel zum Ausdruck gebracht wurde, ertönte in der Zeit des deutsch-französischen Krieges nicht nur in Bonn, sondern wir finden sie auch in anderen deutschen Städten. In der <a href="https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/titleinfo/2742485">Bonner Zeitung vom 27. August 1870</a> etwa konnte man nur wenig später einen Bericht aus Berlin lesen, in dem sich der Autor darüber beschwerte, dass gut gekleidete Frauen die Kriegsgefangenen mit Zigaretten und Lebensmitteln beschenkten. Geschehe dies aus <em>„Gefühlen des Mitleids und der Mildthätigkeit“</em> heraus, sei ein solches Verhalten vielleicht noch nachzuvollziehen, konzedierte er. Aber ähnlich wie der Autor des Artikels über Bonn hegte auch er den Verdacht, dass es den Frauen unter anderem darum gehe, den Besuch bei den Kriegsgefangenen zu nutzen, um ihre Französischkenntnisse praktisch zur Anwendung zu bringen.</p>
<p>Der deutsch-französische Krieg, aus dem diese Quelle stammt, war der erste Krieg, bei dem beide kriegführenden Staaten die Genfer Konvention unterzeichnet hatten. In der deutschen Presse der Kriegsmonate wurden die Genfer Konvention und der Einsatz des Roten Kreuzes immer wieder als Anzeichen eines gewaltigen humanitären Fortschritts gefeiert. Eine Behandlung der Kriegsgefangenen gemäß der Genfer Konventionen wurde daher in der deutschen Öffentlichkeit als vorbildlich angesehen. Alles jedoch, was über das hinausging, was den Kriegsgefangenen – wie es in der Bonner Zeitung hieß – <em>„von Rechts wegen gebührt“</em>, wurde jedoch abgelehnt. Die Kriegsgefangenen sollten nicht mehr der Feindschaft ausgesetzt sein, mit der gegnerische Kombattanten auf dem Schlachtfeld bekämpft wurden. Aber Freundschaftsbekundungen sollten ihnen deshalb nicht zuteilwerden. Und damit wurde auch gerade das abgelehnt, was sich als Anzeichen einer Versöhnungsbereitschaft deuten lassen könnte: etwa, dass die Frauen Gespräch und Dialog mit den Kriegsgefangenen suchten.</p>
<p>In den beiden Quellen werden zwei unterschiedliche Bewertungen einer angenommenen besonderen weiblichen Versöhnungsbereitschaft vorgenommen. Dass Männer eher zum Konflikt, Frauen eher zu Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit neigen würden, was man aus ihrer Mütterlichkeit herleitete, ist sicherlich für das 19. und frühe 20. Jahrhundert die vorherrschende Zuschreibung dieser Eigenschaften auf die Geschlechter. Aber es war nicht die einzige. Ein literarischer Text, der wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist, steht beispielhaft für eine andere Sicht.</p>
<h3><strong>Unversöhnliche Frauen</strong></h3>
<p><em>„‚Ich weiß nicht, ob ich alle Franzosen hasse‘, sagte Eva und führte das klassische Beispiel der Litotes zu neuer Vollkommenheit: ‚Ich hasse Frankreich. Jeden Abend lass ich meine kleinen Kusinen das Gebet gegen Frankreich aufsagen, für dessen Verbreitung unsere Vereine sorgen.‘ / ‚Darf ich es hören?‘ fragte ich sie. ‚Ablässe kann man zu jeder Stunde erlangen.‘ / Sie begann: ‚Heilige Maria, Mutter Gottes, erlöse die Welt vom scheußlichen Volk der Franzosen. Du, die du voll der Gnaden bist und das Ohr des Herrn hast, verwandle Lourdes und die Stätten ihrer scheinheiligen Verehrung in Stätten der Katastrophe und des Untergangs. Du, die du den mordenden Medern, den schändlichen Karthagern deine Fürbitte versagt hast, lasse Jesus Christus, deinen Sohn, sie heimsuchen mit Pech und Schwefel. Bitte für uns arme Sünder, die wir aufs Neue zu den Waffen greifen, die Neger vom Rhein, die Annamiten vom Neckar, die Marokkaner von der Mosel zu vertreiben. Bitte für uns, die wir, der wunderbaren sizilianischen Vesper eingedenk, aufstehen, die Franzosen in ihren roten Hosen zu massakrieren, die schminkegetünchten Französinnen mit Brennnesseln zu peitschen und ihre Brut mit der Sippschaft der Serben und der schändlichen Rumänen in alle Winde zu zerstreuen. Bitte die heilige Katharina, ihre Häuser in Flammen aufgehen, die heilige Barbara ihre Minen explodieren zu lassen. Dass die hunderttausend als Reparation von uns gelieferten Rinder ihre Herden verderben. Dass die hunderttausend als Reparation von uns gelieferten Waggons sich in ihren Zügen zu schwarzen Reitern verwandeln. Amen&#8230;!‘ / ‚Bitte sehr! Es gibt in Bayern kein Kind aus gutem Hause, das des Abends, wenn der Mond durchs Fenster scheint, nicht auf seiner kleinen Bettvorlage niederkniete, um dieses Gebet zur Muttergottes zu sprechen.‘“</em> (Jean Giraudoux, Siegfried oder Die Zwei Leben des Jacques Forestier, Berlin 1962, Wiederauflage: Berlin, Suhrkamp, 1981.)</p>
<p>Indem der französische Schriftsteller Jean Giraudoux in seinem Roman „Siegfried oder Die zwei Leben des Jacques Forestier“ eine der Protagonistinnen mit ihren Cousinen allabendlich ein Hassgebet auf Frankreich anstimmen ließ, griff auch er ein Rollenbild auf, das die Rolle der Frauen vor allem durch ihre Mütterlichkeit bestimmt sah. In seinen Augen konnten Frauen aufgrund ihrer mütterlichen Aufgaben auch Nationalhass und Unversöhnlichkeit verschärfen. Da es zum Rollenbild gehörte, dass Frauen für die Erziehung der Kinder zuständig seien, galten sie auch als Kulturträgerinnen: Denn sie sollten dem Nachwuchs die kulturellen Werte der Nation beibringen. Das konnte das Einüben nationaler Feindschaft miteinschließen.</p>
<p>Die Vorstellung, dass es eine geschlechtsspezifische weibliche Unversöhnlichkeit gebe, war weniger verbreitet als diejenige einer spezifisch weiblichen Versöhnlichkeit. Aber es gab sie auch. Diese Vorstellung konnte noch in anderer Weise als im gerade gehörten Romanausschnitt wieder einmal mit der Mutterrolle begründet werden: Gedacht wurde hier an den Hass von Müttern, die ihre Kinder im Krieg verloren hatten.</p>
<p>Dass Frauen statt Versöhnlichkeit Hass zeigen sollten, konnte in der Publizistik des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich noch aus einer anderen Art der Opferrolle heraus gefordert werden: Und zwar ist neben der überaus wirkmächtigen Rollenvorstellung, dass Krieg und Konflikt die Domäne der Männer seien, die Problematik sexualisierter Gewalt, der mehrheitlich Frauen zum Opfer fallen, der zweite wichtige Aspekt, der nicht nur Kriegen sondern auch Nachkriegszeiten, anderen Postkonfliktsituationen und Versöhnungsprozessen eine geschlechterspezifische Bedeutung verleiht. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war sexualisierte Gewalt ein Tabuthema und oftmals wurde sie daher nur angedeutet. Eine solche Andeutungen finden wir auch dem Hassgebet der Eva im Roman von Giraudoux: Sie begründet den Hass auf die Franzosen mit ihrem Einsatz von afrikanischen Kolonialsoldaten in der Besatzungsarmee. Zeitgenössisch galten diese Soldaten als besonders grausam, aber vor allem sagte man ihnen nach, deutsche Frauen zu vergewaltigen.</p>
<h3><strong>Frauen für den Frieden </strong></h3>
<p><em>„Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, der wirklich Pazifist ist, wird nicht nur den Krieg an sich verurteilen, sondern er muss das heute alles vernichtende männliche Prinzip, welches durch Gewalt die Konflikte im Leben der Völker und Menschen lösen will, bekämpfen und gewillt sein, es durch das schaffende, aufbauende weibliche Prinzip der Hilfsbereitschaft zu ersetzen. Dieses weibliche Prinzip ist vielen, besonders hochstehenden Männern eigen, Frauen aber ist es ursprünglicher Instinkt, vielen allerdings abgewöhnt durch die innerliche Wesensversklavung infolge Annahme der männlichen Weltauffassung. Von dieser Versklavung befreit – und wir sind in allen Staaten auf dem besten Wege dahin -, wird Frauenart sich voll ausleben können und für die Förderung des Pazifismus eine unerschöpfliche Quelle sein. Mag diese Quelle noch häufig durch äußere Schwierigkeiten gehemmt werden, sie wird sich doch immer wieder ihren Lauf bahnen. Vergessen wir niemals bei der Beurteilung der Dinge, dass grundlegende Änderungen im Leben der Völker sich nicht von heute auf morgen vollziehen, sondern im Wandel der Zeiten. Soll der Pazifismus in Zukunft siegen, dann geschieht es nur, wenn das aufbauende weibliche Prinzip zum herrschenden wird, im Verkehr der Menschen und im Zusammenleben der Völker.“ </em><em> </em>(Lida Gustava Heymann, Weiblicher Pazifismus, 1917, bereits zu Beginn zitierte Quelle.)</p>
<p>Lida Gustava Heymann war Aktivistin im radikalen Zweig der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie gründete 1902 gemeinsam mit der gleichgesinnten <a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg">Anita Augspurg</a> den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht und vertrat im Ersten Weltkrieg und danach offen pazifistische Positionen. Diese beiden Aspekte – Frauenwahlrecht und Pazifismus – denkt sie in dem Text von 1917 bereits zusammen: Pazifistische Standpunkte wurden aus Überzeugung (im Sinne einer natürlichen Erweiterung der Mutterrolle) in das Ziel der rechtlichen Gleichstellung integriert. Daraus konnte sich ein feministischer Pazifismus oder pazifistischer Feminismus entwickeln: als Kombination von pazifistischen Sichtweisen auf Machtkonstellationen und -beziehungen inklusive gewaltsamer militärischer Folgen zwischen Nationen auf der einen Seite und feministischen Auffassungen zur Unterdrückung von Frauen in der zeitgenössischen Gesellschaft auf der anderen; das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und friedliche Möglichkeiten der Konfliktlösung wurden also zusammengedacht.</p>
<p>Wie es in ihrem Text mehrfach anklingt, legte Heymann dem weiblichen Pazifismus eine angenommene Wesensungleichheit von Männern und Frauen zugrunde. Pazifismus und Feminismus gingen dabei nicht automatisch Hand in Hand: Die Bürgerliche Frauenbewegung zeigte im Ersten Weltkrieg größtenteils eine ablehnende Haltung gegenüber Pazifismus, er wurde als unsolidarisch wahrgenommen. Die Frauenfriedensbewegung wurde daher vor allem vom radikalen Teil der bürgerlichen Frauenbewegung getragen, in der Heymann mit zu den prominentesten Vertreterinnen zählte. Laut <a href="https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-4-soziale-arbeit-gesundheit/kontakt/professor-innen/annika-wilmers/">Annika Wilmers</a> (Pazifismus in der internationalen Frauenbewegung 1914 &#8211; 1920, Essen, Klartext, 2008)  erklärt sich der Widerspruch friedfertiges Wesen der Frauen vs. Kriegsbefürwortung unter anderem durch die zeitgenössischen Definitionen von Krieg und Pazifismus. Beides wurde aus dem Blickwinkel der Verteidigung erklärt bzw. gerechtfertigt: Der Erste Weltkrieg wurde als Verteidigungskrieg gesehen, auch von deutschen Frauen im Sinne der Bedrohung der deutschen Nation (und damit verklärt), während Pazifismus relativ weit gefasst wurde, indem Gewalt im Fall der Selbstverteidigung toleriert war. Eine Begründung Heymann gleichgesinnter Frauen, wie die Kriegsbegeisterung und -unterstützung 1914/15 auch von den Geschlechtsgenossinnen getragen werden konnte, war, es wäre ihnen von einem von Männern geprägten Staat aufoktroyiert worden. Dies lässt sich auch anhand Heymanns Argumentation zu einem <em>„männlichen Prinzip“</em> im Text nachvollziehen.</p>
<p>Als Wende begreift Heymann den erwähnten Internationalen Frauenkongress in Den Haag 1915 mit über 1000 Teilnehmerinnen aus zwölf kriegsführenden wie neutralen Ländern, an dem sich auch deutsche Frauen (unter anderem Heymann selbst) beteiligten. Eines der Ergebnisse des Kongresses war ein Manifest, das als wichtigste Punkte den Friedensschluss auf Basis des Selbstbestimmungsrechts der Völker forderte, das Frauenwahlrecht als Basis für eine friedliche Co-Existenz der Nationen und ein Schiedsgericht auf internationaler Ebene, um künftige Kriege zu verhindern. Als weitere Beschlüsse wurden unter anderem weltweite Abrüstung, Freihandel, Änderungen in Inhalten von Bildung und Erziehung und Mitspracherecht von Frauen bei Friedensverhandlungen festgehalten.</p>
<p>Im Anschluss an den Kongress wurden zwei Delegationen von Frauen aus hauptsächlich neutralen Staaten gebildet, die – häufig unter widrigsten Bedingungen – durch ein kriegsgebeuteltes Europa und nach Washington reisten, um Regierungsvertretern kriegsführender sowie neutraler Nationen das Manifest zu übergeben und sie von den Kongress-Resolutionen zu überzeugen. Nach Wilmers ging es den Frauen dabei weniger um eine konkrete Ergebniserwartung, als darum, ihren Standpunkt deutlich zu machen.</p>
<div id="attachment_5998" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5998" class="wp-image-5998 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo-e1744795870561-300x228.png" alt="" width="300" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo-e1744795870561-200x152.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo-e1744795870561-300x228.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo-e1744795870561.png 367w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5998" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo_crop.png">Gruppenbild der Teilnehmerinnen am WILPF-Kongress Genf 1921</a>. Vordere Reihe: unbekannte Teilnehmerin, Gabrielle Duchene (Frankreich), Dr. Anita Augspurg (Deutschland, Mme. Edouard Claparede-Spir (Schweiz), Lida Gustava Heymann (Deutschland), Jane Addams (USA), Catherine Marshall (England), Friede Perlen (Deutschland). Obere Reihe: Helene Scheu-Riesz (Österreich), Rosa Genoni (Italien), Yella Hertzka (Österreich), Marguerite Gobat (Schweiz), Mrs. Unwin (England), unbekannte Teilnehmerin, Olga Misar (Österreich). Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Eine weitere Folge des Frauenkongresses war die Gründung eines internationalen Komitees für dauernden Frieden mit Sitz in Den Haag, in dem sich Heymann stark engagierte. Dieses wurde 1919 umbenannt in <a href="https://www.wilpf.de/">Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit</a>. Heymann war Mitglied des deutschen nationalen Frauenausschusses der Liga. In der Weimarer Republik war jene Liga die einzige pazifistische Frauenorganisation mit ca. 2000 Mitgliedern um 1928, verteilt über 80 Ortsgruppen. Sie hatte zudem ihr eigenes Organ, die <a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/meta-objekt/die-frau-im-staat--eine-monatsschrift/47953fmt">Zeitschrift „Die Frau im Staat“</a> mit Heymann als einer der Herausgeberinnen.</p>
<p>Nach dem Ersten Weltkrieg fand die Frauenfriedensbewegung allgemein verstärkten Zulauf und konnte sich mehr Gehör verschaffen, in ihren Augen auch unter der Perspektive, wohin eine männergeleitete Gesellschaft geführt hatte. Der Frauenfriedensbewegung fehlte es jedoch an Geschlossenheit: es gab die Lager der bürgerlichen und sozialistischen Pazifistinnen, es bestand aber auch Uneinigkeit in dem grundsätzlichen Punkt, ob die Friedensfrage als Geschlechterfrage zu betrachten sei. Für Lida Gustava Heymann lautete die Antwort Ja, ebenso wie für Virginia Woolf 20 Jahre später.</p>
<h3><strong>Friedensstiftende Indifferenz</strong></h3>
<p><em>„Aber das, werden Sie sagen, kann nur bedeuten, falls es überhaupt etwas bedeutet, dass Sie, die Töchter gebildeter Männer, die uns ihre konkrete Hilfe versprochen haben, sich weigern, unserer Gesellschaft beizutreten, um eine eigene Gesellschaft zu gründen. Und was ist das für eine Gesellschaft, die Sie gründen wollen; außerhalb der unseren und doch in Kooperation mit ihr, damit wir zusammen für unsere gemeinsamen Ziele arbeiten können? Das ist eine Frage, die zu stellen Sie jedes Recht haben, und die wir versuchen müssen, zu beantworten, um unsere Weigerung, das Formular zu unterschreiben, zu rechtfertigen. Skizzieren wir also rasch in groben Zügen die Gesellschaft, die die Töchter gebildeter Männer gründen und der sie beitreten könnten, außerhalb der Ihren und doch in Kooperation mit ihr. (…) Wenn sie einen Namen haben müsste, könnte sie die Gesellschaft der Außenseiterinnen heißen (…) Die Gesellschaft würde aus den Töchtern gebildeter Männer bestehen, die für Freiheit, Gleichheit und Frieden in ihrer eigenen Klasse arbeiten &#8211; wie könnten sie auch in einer anderen arbeiten? – und gemäß ihren eigenen Methoden. Ihre erste Pflicht, an die sie sich nicht mit einem Eid binden würden, denn Eide und Zeremonien haben nichts zu suchen in einer Gesellschaft, die vor allem anonym und flexibel sein muss, wäre die, nicht mit Waffen zu kämpfen. Das ist für sie leicht zu befolgen, denn wie uns die Zeitungen melden, hat ‚der Army Council nicht die Absicht, ein Frauenkorps zu rekrutieren‘, Das wird vom Land sichergestellt. Als Nächstes würden sie sich im Falle eines Krieges weigern, Munition herzustellen oder Verwundete zu versorgen. Da diese Tätigkeiten im letzten Krieg hauptsächlich von den Töchtern arbeitender Männer ausgeführt wurden, wäre der Druck auf die Töchter gebildeter Männer auch hier nur gering, wenn auch sicherlich unangenehm. Die nächste Aufgabe, zu der sie sich verpflichten, ist hingegen von beträchtlicher Schwierigkeit und verlangt nicht nur Entschlossenheit und Mut, sondern auch die besonderen Kenntnisse der Tochter des gebildeten Mannes. Die Aufgabe besteht, kurz gesagt, darin, ihre Brüder weder zum Kämpfen zu animieren noch sie davon abzubringen, sondern eine Haltung vollkommener Indifferenz an den Tag zu legen. (…) Da es eine Tatsache ist, dass sie, die Schwester, nicht verstehen kann, welcher Instinkt ihn, den Bruder, antreibt, welchen Ruhm, welche männliche Befriedigung ihm das Kämpfen verschafft und welches Interesse es bedient –‚ ohne Krieg gäbe es kein Ventil mehr für die männlichen Eigenschaften, die sich im Kämpfen bildeten‘ –, da das Kämpfen also eine geschlechtsspezifische Eigenart ist, die sie nicht teilen kann, das Gegenstück zum Mutterinstinkt, wie manche behaupten, den er nicht teilen kann, ist es ein Instinkt, den sie nicht beurteilen kann. Die Außenseiterin muss ihm also die Freiheit lassen, mit diesem Instinkt selbst klarzukommen, denn die Meinungsfreiheit muss respektiert werden, vor allem wenn sie auf einem Instinkt beruht, der ihr so fremd ist, wie nach Jahrhunderten der Tradition und Erziehung nur möglich. Auf diesem grundsätzlichen und instinktiven Unterschied sollte die Indifferenz beruhen. Aber die Außenseiterin wird es sich zur Pflicht machen, ihre Indifferenz nicht nur auf Instinkte zu gründen, sondern auf Vernunft. Wenn er Folgendes sagt, was er, wie die Geschichte zeigt, schon oft gesagt hat und wieder sagen könnte: ‚Ich kämpfe, um unser Land zu beschützen‘, und damit ihre patriotischen Gefühle zu wecken versucht, wird sie sich fragen: ‚Was bedeutet ‚unser Land‘ für mich, die Außenseiterin?‘ Um sich darüber klar zu werden, wird sie untersuchen, was Patriotismus in ihrem Fall bedeutet. Sie wird sich über die Position ihres eigenen Geschlechts und ihrer Klasse in der Vergangenheit informieren. (…) Sie wird feststellen, dass sie keinen guten Grund hat, ihren Bruder zu bitten, in ihrem Namen darum zu kämpfen, ‚unser Land‘ zu schützen. ‚Unser Land‘, wird sie sagen, ‚hat mich im Laufe seiner Geschichte größtenteils als Sklave behandelt; es hat mir eine Ausbildung verweigert und jede Teilhabe an seinen Besitztümern. ‚(…) Wenn du also trotzdem darauf bestehst, zu kämpfen, um mich oder ‘unser Land‘ zu schützen, sollte zwischen uns nüchtern und rational Klarheit darüber herrschen, dass du kämpfst, um einen geschlechtsspezifischen Instinkt zu befriedigen, den ich nicht teilen kann, um dir Vorteile zu verschaffen, an denen ich keinen Anteil habe, noch haben werde, und du kämpfst ganz sicher nicht, um meine Instinkte zu befriedigen oder mich oder mein Land zu schützen. Denn, wird die Außenseiterin sagen, ‚als Frau habe ich kein Land. Als Frau will ich kein Land haben. Als Frau ist mein Land die ganze Welt.‘(…) </em></p>
<p><em>So wird ihre ‚Indifferenz‘ beschaffen sein, und aus dieser Indifferenz müssen sich bestimmte Handlungen ergeben. Sie wird sich verpflichten, nicht an patriotischen Demonstrationen teilzunehmen, keine Form nationaler Selbstbeweihräucherung zu billigen, nie zur Gruppe jener zu gehören, die Kriege Beifall klatschend befürworten, sich von Militäraufmärschen, Turnieren, Paraden, Ordensverleihungen und all den Zeremonien fernzuhalten, die den Wunsch anheizen, ‚unsere‘ Zivilisation oder ‚unsere‘ Überlegenheit anderen Völkern aufzuzwingen. Auch die Psychologie des Privatlebens rechtfertigt die Überzeugung, dass die so verstandene Indifferenz der Töchter gebildeter Männer erheblich dazu beitragen würde, Kriege zu verhindern. Denn die Psychologie scheint zu zeigen, dass es den Menschen viel schwerer fällt, aktiv zu werden, wenn die anderen dem gleichgültig gegenüberstehen und ihnen volle Handlungsfreiheit gewähren, als wenn ihr Handeln im Zentrum erregter Emotionen steht. Der kleine Junge stolziert trompetend draußen am Fenster vorbei: Bitte ihn aufzuhören, und er macht weiter; sage nichts, und er hört auf. Dass die Töchter gebildeter Männer ihren Brüdern weder die weiße Feder der Feigheit noch die rote Feder des Mutes überreichen, sondern überhaupt keine Feder, dass sie die leuchtenden Augen, die Einfluss ausstrahlen, schließen oder auf etwas anderes richten, sobald von Krieg die Rede ist – das ist die Aufgabe, die Außenseiterinnen in Friedenszeiten einüben müssen, ehe die Drohung des Todes der Vernunft alle Macht nimmt. </em></p>
<p><em>So lauten also einige der Methoden, mit denen die Gesellschaft, die anonyme und geheime Gesellschaft der Außenseiterinnen, Ihnen, Sir, helfen würde, Krieg zu verhindern und Frieden zu sichern.“ </em>(Virigina Woolf, Vom Verachtetwerden oder Drei Guineen, aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel, Zürich, Kampa Verlag, 2024)</p>
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<p>Der Textauszug stammt aus dem politischen Essay „Drei Guineen“ der englischen Autorin Virginia Woolf, der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs versucht zu beantworten, wie Krieg verhindert werden kann. Er ist in Briefform verfasst als Antwort auf einen Brief an die Autorin mit eben dieser Frage von einem Bekannten, der anonym bleibt. Woolf wird von dem Adressaten in diesem letzten Kapitel gefragt, ob sie <em>„einer bestimmten Gesellschaft“</em> (hier im Sinne von Verein) beitreten möge, die sich dafür einsetzt, Krieg zu verhindern, und ob sie diese Gesellschaft mit einer Spende unterstützen möge. Woolf hält es für besser, der Gesellschaft nicht beizutreten, da Frauen sich in alten Strukturen wiederfinden würden. Sie schlägt stattdessen vor, eine neue Gesellschaft mit <em>„Töchtern gebildeter Männer“</em> zu gründen, denen Hochschulbildung und Berufsleben weitgehend verschlossen blieben, auch nachdem es Frauen gesetzlich erlaubt war, einen Beruf auszuüben, daher die Rede von der <em>„Außenseiterin“</em>. Woolf schildert Methoden, um Krieg zu verhindern, in dieser Außenseiter-Gesellschaft auf Basis der rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung der Frauen. Die Indifferenz, die sie so betont, steht für die Form eines <em>„stillen“</em>/passiven Pazifismus, der die Militarisierung der Gesellschaft unterläuft und die sich auch heute noch anwenden lassen, von allen Mitgliedern der Gesellschaft.</p>
<p>Die Geschlechterzuschreibungen ähneln denen Heymanns, auch wenn Woolf eher davon ausgeht, dass diese Zuschreibungen nicht angeboren, sondern anerzogen, also durch soziale Prägung entstanden, sind. Im Text findet sich beispielsweise der Satz: <em>„der Army Council (hat) nicht die Absicht, ein Frauenkorps zu rekrutieren“. </em>Im englischen Original ist dieser Satz mit einer Fußnote versehen, aus der ersichtlich wird, dass Woolf diesen Satz leicht abgeändert aus einem Artikel in der Times vom 22. Oktober 1937 entnommen hat. Dazu schreibt sie:<em> ‚Das ist der Hauptunterschied zwischen den Geschlechtern. Pazifismus wird Frauen aufgezwungen. Männer haben nach wie vor die freie Wahl.‘</em> (Übersetzung VF)</p>
<p>Woolf sieht die Wurzel dafür, dass Krieg entstehen kann in der zutiefst patriarchalen Gesellschaft ihrer Zeit. Sie stellt in diesem Essay heraus, inwiefern die Bereitschaft, Krieg zu unterstützen, mit der Rolle und Macht von Männern in der Gesellschaft verbunden ist – auch in der Zivilgesellschaft durch Konkurrenzdenken, vergleichen, besser sein wollen. Dem entgegen stellt sie die (zeitgenössisch natürlich ungleich geringere) politische Handlungsfähigkeit von Frauen und wie diese sich im Rahmen der damaligen Möglichkeiten für die Verhinderung von Krieg einsetzen konnten: Über Bildung, Arbeit und Verdienen des eigenen Lebensunterhalts konnte die finanzielle Unabhängigkeit von Männern erreicht werden, damit Frauen ihrer eigenen, hier: friedenstiftenden, Agenda nachgehen konnten.</p>
<p>Die Rezeption des Essays war zu Woolfs Lebzeiten gemischt. Kritik kam auch von engen Freunden und Freundinnen aus dem Bloomsbury-Kreis. Es erschien einigen ihrer Zeitgenossen und Zeitgenossinnen unangemessen, das Thema eines drohenden Kriegs in Europa mit dem Aspekt der Frauenrechte zusammenzudenken. Heute wissen wir, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Wie die Übersetzerin der neuesten deutschen Ausgabe von 2024, Antje Rávik Strubel, in ihrem Nachwort treffend schreibt, zeigt Virginia Woolf in diesem Text Geschlecht als gesellschaftliche Kategorie, die Ausschlussmechanismen provoziert und auf Konkurrenz und Rivalität ausgelegt ist, mit Krieg als letztem Resultat.</p>
<h3><strong>Gibt es ein Recht auf <em>„Unversöhnlichkeit“</em>?</strong></h3>
<p>Die Geschichte der europäischen Versöhnung, die für die Zeit nach 1945 gefeiert wird, wird von männlichen Akteuren dominiert, ebenso wie es für diejenige der Friedensschlüsse gilt. In der frühen Nachkriegszeit war die Welt der Politik und insbesondere der Außenpolitik eine männliche Sphäre, und das galt auch für das Feld des Friedens und der Versöhnung. Doch der exklusive Blick auf die politischen Eliten lässt leicht übersehen, dass den Versöhnungsgesten von Regierenden in der Regel zivilgesellschaftliche Versöhnungsinitiativen vorausgegangen waren. Ohne das zivilgesellschaftliche Engagement für die europäische Versöhnung hätte die politische Wiederannäherung der ehemaligen Kriegsgegner wohl auch kaum Glaubwürdigkeit erlangen können.</p>
<p>Im Rahmen dieser zivilgesellschaftlichen Versöhnungsbemühungen hatten Frauen ihren festen Platz. Allerdings sind sie im öffentlichen Gedächtnis kaum präsent: Von der Mitinitiatorin der katholischen Organisation Pax Christi, <a href="https://www.womeninpeace.org/d-names/2017/6/22/marthe-dortel-claudot">Marie-Marthe Dortel-Claudot</a>, beispielsweise lässt sich nur ein einziges Porträtfoto im Internet finden. Stattdessen bestimmen prominente Bildikonen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, über Willy Brandt bis hin zu Helmut Kohl und François Mitterand die Erinnerungskultur.</p>
<p>In gewisser Hinsicht könnte man sagen, dies sei der Preis dafür, dass sich Frauen bei einigen Versöhnungsinitiativen gerade deshalb eine ganz besondere Handlungsfähigkeit aneignen konnten, weil sie eher im Verborgenen agierten. Das grelle Rampenlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit kann Versöhnungsinitiativen ins Scheitern führen. Historische Studien zum Irlandkonflikt oder zum Nahost-Konflikt <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1467-9809.12767">Religious Women and the Northern Ireland Troubles</a><a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0392192117701073">Rejecting the Cycle of Violence, When Women Say No to War, Israel-Palestine 1987-2013</a>haben offengelegt, dass Frauen mit wenig beachteten Grassroot-Aktivitäten für Verständigung wirken konnten – und zwar auch in Situationen, in denen sie auf unüberwindbare Hürden gestoßen wären, wenn sie eine größere Bekanntheit erlangt hätten.</p>
<p>Wie es für die frühe Frauenfriedensbewegung der Fall war, berufen sich heute noch Frauen in Versöhnungsprozessen gern auf ihre Rolle als Mütter. Hier lebt eine Geschlechterzuschreibung fort, die auf einer langen Tradition basiert, beispielsweise die Mütter von Srebenica. Noch in einem anderen Kontext zieht sich die Vorstellung, dass Versöhnlichkeit zum Wesen der Frauen gehöre, bis in die Gegenwart hinein. Versöhnung wird seit 1945 international oft als idealer Weg der Konfliktbewältigung beschworen. Dies kann auch dazu führen, dass Täter von Opfern Versöhnung einfordern. Solche Forderungen sind mitunter speziell an Frauen adressiert. Auch dies hat Frauen dazu geführt, zivilgesellschaftlich aktiv zu werden und öffentlich Protest zu bekunden. Im französischen <a href="https://oradour-sur-glane.fr/">Oradour-sur-Glane</a>, dem Schauplatz eines abscheulichen Massakers durch eine SS-Division, in Ruanda oder in Srebrenica haben Frauen, die ihre Kinder und Ehepartner verloren haben oder selbst sexuell misshandelt wurden, auf das <em>„Recht auf Unversöhnlichkeit“</em> (Andrea Erkenbrecher, A Right to Irreconciliability?, in: Birgit Schwelling, Hg., <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-1931-7/reconciliation-civil-society-and-the-politics-of-memory/?number=978-3-8394-1931-1">Reconciliation, Civil society and the Politics of Memory</a>, Bielefeld, transcript, 2012) gepocht und darauf bestanden, dass Versöhnung nicht an die Stelle von Gerechtigkeit treten dürfe.</p>
<p><strong>Victoria Fischer und Christine G. Krüger</strong>, Universität Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2025. Der Text folgt einem Vortrag vom 18. Februar 2025 im Stadttheater Bonn-Bad Godesberg im Rahmen der vom Bonner Zentrum für Versöhnungsforschung gemeinsam mit dem Bonner Stadttheater organisierten Gesprächsreihe „Versöhnung – eine Utopie?“ Internetlinks zuletzt am 15. April 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer, aus der Serie „Deciphering Photographs.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Pazifismus &#8211; Eine konkrete Utopie?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 22 Feb 2025 12:19:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Pazifismus – eine konkrete Utopie? Ein Gespräch mit Pascal Beucker über sein Buch „Pazifismus – ein Irrweg?“ „Die Spannweite zwischen einem ‚absoluten‘ und einem ‚pragmatischen‘ Pazifismus ist gewaltig. Das führt in der aktuellen Situation dazu, dass es nicht nur eine einzige pazifische Antwort gibt, wie mit der russischen Aggression umzugehen ist. Die Behauptung, Pazifist:innen  [...]</p>
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<h1><strong>Pazifismus – eine konkrete Utopie?</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Pascal Beucker über sein Buch „Pazifismus – ein Irrweg?“</strong></h2>
<p><em>„Die Spannweite zwischen einem ‚absoluten‘ und einem ‚pragmatischen‘ Pazifismus ist gewaltig. Das führt in der aktuellen Situation dazu, dass es nicht nur eine einzige pazifische Antwort gibt, wie mit der russischen Aggression umzugehen ist. Die Behauptung, Pazifist:innen wollten die Menschen in der Ukraine unisono im Stich lassen, ist auch ein demagogisches Zerrbild. Zur Wahrheit gehört allerdings ebenso, dass an diesem Zerrbild die Friedensbewegung, die vom Pazifismus nicht zu trennen ist, eine Mitverantwortung trägt.“</em> (Pascal Beucker in der Einleitung des Buches)</p>
<div id="attachment_5812" style="width: 243px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5812" class="wp-image-5812" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-300x300.jpg" alt="" width="233" height="233" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/02/taz-Beucker02-002-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 233px) 100vw, 233px" /><p id="caption-attachment-5812" class="wp-caption-text">Pascal Beucker. Foto: taz.</p></div>
<p>Der Band „Pazifismus – ein Irrweg?“ von <a href="https://www.beucker.de/">Pascal Beucker</a> ist der zweite Band der bei Kohlhammer verlegten Trilogie „Von Krieg und Frieden“. Den ersten Band schrieb <a href="http://jochenhippler.org/">Jochen Hippler</a> mit dem Titel „Logik und Schrecken des Krieges“; der dritte Band, geschrieben von <a href="https://www.theologie.uni-hamburg.de/einrichtungen/kontakt/hardwig-von-schubert.html">Hartwig von Schubert</a>, ist unter dem Titel „Den Frieden verteidigen“ erschienen.</p>
<p>Der 58-jährige Pascal Beucker ist Redakteur im Inlandsressort der taz und Mitglied des taz-Parlamentsbüros. Er analysiert in seinem Buch „Pazifismus – ein Irrweg?“ die verschiedenen Dilemmata und Widersprüche verschiedener Ausprägungen des Pazifismus und von Friedensbewegung(en) von den Anfängen bis in die Gegenwart, nicht zuletzt angesichts der Themen Ukrainekrieg und Atombombe, in einem Exkurs auch in Bezug auf den Vietnamkrieg. Es gibt auch ein Kapitel zur Genese des Peace-Zeichens.</p>
<h3><strong>Pazifismen – nicht Pazifismus</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Buch ist mit seinen 178 Seiten kompakt und gut lesbar. Mich hat die 22 Seiten umfassende ausführliche Chronologie des Pazifismus und der Friedensbewegung beeindruckt, beginnend mit der Schrift „Zum ewigen Frieden“ von Immanuel Kant, durch die die <a href="https://www.un.org/en/about-us/un-charter">Charta der Vereinten Nationen von 1945</a> <em>„wesentlich (…) beeinflusst wurden“</em>. Sehr hilfreich ist auch das Literaturverzeichnis.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Diese Chronologie war mir wichtig. Sie entstand auf der Grundlage einer </em><a href="https://taz.de/Kleine-Chronologie-der-groessten-Demos/!5989674/"><em>Chronologie großer Demonstrationen</em></a><em>, die ich für die taz erstellt hatte. Bei der Recherche für das Pazifismus-Buch stellte ich dann fest, wie vieles verschüttet war und wieder hervorgeholt werden musste, um ein möglichst umfassendes und differenziertes Bild zu schaffen. Es ist schade, wie viel Friedensaktivismus vergessen worden ist.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zitieren unter anderem den Verteidigungsexperten <a href="https://www.paulschaefer.info/">Paul Schäfer</a> (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/friedenspolitik-nach-der-zeitenwende-3/">Gastautor des Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salons</span></a><span style="color: #678f20;">)</span>, der den Pazifismus als <em>„eine konkrete Utopie“</em> bezeichnet, aber auch festhält, dass Pazifismus <em>„nicht als unmittelbare Handlungsanleitung für alle erdenklichen konfliktträchtigen Situationen missverstanden werden dürfe. Konkret, weil mit ihm nicht nur ein hehres Zukunftsziel beschrieben würde, sondern der Pazifismus ‚in der Gegenwart zum Denken in friedenspolitischen und zivilen Alternativen zwingt.‘“</em> Daraus ergibt sich aus meiner Sicht eine zentrale Grundbotschaft Ihres Buches: Wir sollten nicht von <em>„Pazifismus“</em> sprechen, sondern von <em>„Pazifismen“</em>.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Das trifft es gut. Es ist erstaunlich, dass es trotzdem in den gängigen Lexika in der Regel immer nur eine Definition von Pazifismus gibt und das ist dann stets die des Radikalpazifismus. Dieser war jedoch von Anfang an immer nur eine Spielart des Pazifismus – in der Theorie wie in der Praxis. </em></p>
<p><em>Die Anfänge des Pazifismus in Kontinentaleuropa und in Deutschland liegen in der bürgerlichen Friedensbewegung. Die lässt sich als eine Reformbewegung des aufgeklärten städtischen Bürgertums beschreiben, die eine internationale Rechtsordnung zur Zivilisierung zwischenstaatlicher Konflikte schaffen wollte. Exemplarisch dafür steht Bertha von Suttner, 1892 Gründerin der Deutschen Friedensgesellschaft und 1905 die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhalten hat. Getragen vom Glauben an eine menschenwürdige und friedliche Welt, kämpfte sie für den Abbau von Feindbildern, Abrüstung und eine enge Zusammenarbeit der Staaten in einer Friedensunion. Aber von Suttner war keine Radikalpazifistin, so bejahte sie beispielsweise das Recht auf Vaterlandsverteidigung.</em></p>
<p><em>Radikalpazifistische Positionen hatten hingegen im angelsächsischen Raum weiterreichende Verbreitung. Das lag daran, dass der dortige Pazifismus eine deutlich stärkere religiöse Ausrichtung hatte. Am Anfang des Pazifismus im angelsächsischen Raum standen die sogenannten Friedenskirchen. Das sind christlich-protestantische Abspaltungen, die biblisch abgeleitet jeglichen Militärdienst ablehnen. Für die pazifistische Bewegung am Bedeutendsten waren dabei die Mitte des 17. Jahrhundert entstandenen Quäker. Das resultierte daraus, dass sie ihren religiös begründeten Pazifismus nicht nur individuell oder auf ihre Gruppe beschränkt verstehen. Das unterscheidet sie von anderen dieser in der Regel streng religiösen und zumeist auch weltabgewandten Gemeinschaften, wie zum Beispiel den wiedertäuferischen Hutterern. Mit Konrad Tempel und Helga Stolle war es übrigens auch ein Quäker-Paar, das 1960 die Ostermarsch-Idee von Großbritannien nach Deutschland gebracht hat.</em></p>
<p><em>Wichtig ist es aus meiner Sicht, zu verstehen, dass Radikalpazifisten zwar ein wichtiger, aber immer nur ein kleiner Teil der pazifistischen Bewegung waren. Der größere Teil vertritt konditionierte Definitionen von Pazifismus. Einig sind sich alle Pazifisten zwar darin, dass sie Schwerter zu Pflugscharen umschmieden wollen. Aber nur ein Teil ist bereit, auch die andere Wange hinzuhalten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sehen solche konditionierten Definitionen von Pazifismus aus?</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Alle Pazifisten lehnen Angriffskriege um. Die Frage lautet jedoch, wie man damit umgeht, wenn man selbst angegriffen wird. Ist es legitim, sich einem Aggressor entgegenzustellen? Manche sagen: Kämpfen auf keinen Fall! Vielleicht fliehen wir oder wir ergeben uns, eine andere Alternative haben wir nicht. Dann gibt es einen Teil, der sagt, wir müssen uns mit Mitteln des zivilen Ungehorsams wehren, zum Beispiel mit Sabotageakten oder einem Generalstreik, aber wir dürfen keine Waffen in die Hand nehmen. Dann gibt es dritten Teil, der sagt, dass es auch zulässig sei, sich mit Waffen zu wehren. Da geht es dann um das Recht auf Selbstverteidigung. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und wenn jemand Drittes angegriffen wird? Wie wir das 2014 und dann 2022 in der Ukraine erlebt haben?</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Völkerrechtlich kann in diesem Fall dem angegriffenen Staat Nothilfe geleistet werden. Aber es ist eine politische Diskussion und Entscheidung, ob und wie man einem angegriffenen Land beisteht. Dass eine solche Debatte im Atomzeitalter Abwägungen erfordert, steht außer Frage. Schwierig finde ich allerdings die lautstarken Wortmeldungen von Leuten, die ich als taktische Pazifisten bezeichne. Sie fordern demagogisch Verhandlungen, meinen jedoch tatsächlich Kapitulationsverhandlungen: Die Ukraine soll kapitulieren, dann haben wir unseren Frieden, darum geht es ihnen. Dazu gehören Stimmen wie die von Sahra Wagenknecht, Alice Schwarzer oder Alice Weidel, die in realiter auf der Seite des Aggressors stehen.</em></p>
<p><em>Es gibt aber auch sehr aufrechte Pazifistinnen wie Margot Käßmann, die keinerlei Sympathien für Putin, aber eben ein radikalpazifistisches Grundverständnis haben. Deswegen ist für sie die militärische Unterstützung eine Schwelle, die sie nicht überschreiten können, was zu einer gewissen Hilflosigkeit führt. Ähnlich ist das bei dem Linken-Vorsitzenden Jan van Aken, der zwar der Ukraine ein Selbstverteidigungsrecht zubilligt, aber ebenfalls Waffenlieferungen ablehnt. Stattdessen plädiert er für schärfere Sanktionen gegen Russland. Das ist nicht falsch, aber aus meiner Sicht nicht ausreichend. Ohne die Waffenlieferungen aus dem Westen hätte die Ukraine bereits längst vor der russischen Übermacht kapitulieren müssen. Deswegen waren sie meines Erachtens zum Schutz der ukrainischen Bevölkerung richtig. Dass ich die Kritik teile, dass es in den vergangenen drei Jahren zu wenige diplomatische Initiativen gegeben hat, um Putin dazu zu bringen, ohne Vorbedingungen an den Verhandlungstisch zu kommen, steht dazu nicht im Widerspruch.</em></p>
<p><em>Was ich auf der anderen Seite schwierig finde, ist die Idealisierung der Verhältnisse in der Ukraine bei leider nicht wenigen, die sie unterstützen. Die Ukraine hat unsere Solidarität verdient, weil sie angegriffen worden ist. Aber es ist nicht hilfreich, deswegen höchst Problematisches auszublenden. Ein Beispiel: Selbstverständlich verdient es starke Kritik, dass zu Kriegsbeginn in der Ukraine das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ausgesetzt wurde. Denn das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, wie es auch im deutschen Grundgesetz verankert ist, wird doch erst im Kriegsfall tatsächlich relevant. Wenn plötzlich in Deutschland Rechtfertigungen gefunden werden, warum dieses Grundrecht genau dann in der Ukraine nicht mehr gilt, wenn es darauf ankommt, dann finde ich das mehr als befremdlich.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kriegsdienstverweigerung ist ein individuelles Recht. Es geht nicht darum, ob man Kriege grundsätzlich ablehnt oder nicht. Es geht nur darum, ob jemand bereit ist, in einem Krieg als Soldat mit einer Waffe in der Hand jemanden zu töten. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang Studien, die belegen, dass ein sehr hoher Prozentsatz – die Rede ist von bis zu 80 Prozent – der Soldaten bewusst danebenschießen. In den USA gab es einmal ein Trainingsprogramm, mit dem dieser hohe Prozentsatz reduziert werden konnte.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>In der Regel bekommt man das hin, indem man das feindliche Gegenüber entmenschlicht, sodass die Skrupel sinken, jemanden zu töten. Die Hemmschwelle, einen anderen Menschen zu töten, muss im Krieg gesenkt werden, sonst kann er nicht geführt werden. Das hat Folgewirkungen. Ich habe einen guten Bekannten, der als US-Soldat mehrfach in Afghanistan im Einsatz war. Der war da an einem Checkpoint eingesetzt. Als wir uns darüber noch während des Kriegs unterhalten haben, war für ihn völlig klar, dass jeder Afghane, der da vorbeikam, ihn eigentlich nur umbringen wollte. Alle Menschen in Afghanistan sah er unterschiedslos bloß noch als eine Mörderbande an, für die er eine erschreckende Wortwahl fand. Das war fürchterlich. Feindbildproduktion wird schnell rassistisch.</em></p>
<p><em>Feindbildproduktion gehört zum Krieg, ist aber nicht nur im Krieg, sondern auch danach ein Problem. Wie kann es gelingen, dass die Menschen in der Ukraine und Russland, die ja Nachbarländer bleiben werden, je wieder zu einem friedlichen Zusammenleben zurückfinden können? Denken Sie nur daran, wie lange es gedauert hat, bis sich Deutsche und Franzosen nicht mehr als Feinde betrachtet und gehasst haben.</em></p>
<h3><strong>Eingeschränkte Sicht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland wurde die Debatte um die Unterstützung der Ukraine in den letzten drei Jahren oft auf die Frage verkürzt, ob man bestimmte Waffensysteme liefern solle. Wir hatten die Debatte um den Leopard-Panzer, der nicht geliefert werden sollte, dann doch geliefert wurde, die Debatte um den Taurus, verbunden mit der Frage, ob westliche Waffen auf militärische Ziele in Russland abgeschossen werden dürften. Vor der Bundestagswahl argumentierte der Bundeskanzler, er könne Luftabwehrsysteme nicht liefern, weil der Bundeshaushalt dies nicht erlaube, denn er wolle nicht bei den Renten kürzen, im Grunde nur eine weitere Variante der Debatte um die Schuldenbremse, in der es eigentlich gar nicht um die Ukraine geht. Aus meiner Sicht ist dies alles die falsche Debatte.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Ich habe noch nie etwas davon gehalten, öffentlich über einzelne Waffensysteme zu debattieren. Militärstrategisch muss man natürlich über Waffensysteme reden. Aber da ist es nicht sinnvoll, das über die Medien oder Fensterreden im Bundestag auszutragen. Da schien es mir bei manchen Diskutanten eher um innenpolitische Feldvorteile zu gehen und nicht wirklich um die Hilfe für die Ukraine. Zudem hat die Debatte über die militärische Unterstützung darunter gelitten, dass die einen so getan haben, als könnte die Ukraine den Krieg gewinnen, wenn sie nur ein paar Waffen mehr geliefert bekommt. Das war realtitätsfremd. Wenn dann auch noch, wie vor zwei Jahren geschehen, die grüne Außenministerin Annalena Baerbock auf einer Karnevalssitzung in Aachen in einer Büttenrede scherzt, dass sie gerne im Leo-Kostüm gekommen wäre, halte ich das für völlig unangemessen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich finde das geschmacklos.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Das ist es. Wenn demgegenüber andere so getan haben, als drohe umgegend der Weltkrieg, wenn dieses oder jenes Waffensystem geliefert werde, dann war das ebenfalls Quatsch. Nehmen wir nur den Streit darüber, der Ukraine dürften auf keinen Fall Waffen geliefert werden, mit denen sie auf russisches Staatsgebiet schießen könnte, weil dadurch eine rote Line überschritten würde. Wer das ernsthaft meint, müsste schon die Lieferung einer Steinschleuder ablehnen. Warum? Weil Putin weite Teile der Ostukraine annektiert hat, darunter Gebiete, die nicht einmal von der russischen Armee besetzt sind. Das heißt, sie sind nach der Definition Russland russisches Staatsgebiet. Kurz vor Kriegsbeginn bezeichnete die damalige Linksfraktionsvorsitzende Amira Mohamed Ali, die heute Co-Vorsitzende des BSW ist, schon die Lieferung von Schutzhelmen an die Ukraine als „fatales Zeichen“ und „Säbelrasseln“. Klarer hätte sie nicht formulieren können, dass sie am liebsten die Ukraine schutz- und hilflos Putin ausgeliefert gesehen hätte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Putin delegitimiert die Staatlichkeit der Ukraine und zeigt damit, dass ihn das Völkerrecht nicht interessiert, auch nicht das Schutzversprechen, das Russland 1994 selbst noch im <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/557151/5-dezember-1994-budapester-memorandum/">Budapester Memorandum</a> im Tausch gegen die Überlassung der auf ukrainischem Gebiet gelagerten Atomwaffen gegeben hatte. All das interessiert Putin nicht mehr. Ich erinnere mich gut an einen Text von Dmitri Medwedew, den die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ im Juni 2024 dokumentierten. Unter der Überschrift <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a> sprach Medwedew von der aus seiner Sicht notwendigen <em>„Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“</em>.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Putin ist ein autokratischer Herrscher mit imperialistischen Ambitionen, der nach alter großrussischer Zarenherrlichkeit strebt. Nicht nur für die Ukraine, sondern für alle Länder, die aus der Sowjetunion entstanden sind, ist das eine ganz reale Bedrohung. Natürlich muss bei einer Atommacht immer darüber nachgedacht werden, an welchem Punkt eine Eskalationsspirale droht, die zu einem Atomkrieg führen kann. Denn das darf auf keinen Fall geschehen. Das kann jedoch nicht bedeuten, dem Expansionsdrang Putin nichts entgegenzusetzen. Zur Verteidigung des Völkerrechts ist es geboten, der Ukraine die militärische Hilfe zukommen zu lassen, die sie benötigt, damit Russland sie nicht besiegen kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe all diese Debatten im Zuge der Lektüre Ihres Buches so verstanden, dass viele behaupten, genau zu wissen, was Pazifismus wäre, sich aber nie damit beschäftigt haben, welche verschiedenen Pazifismen es tatsächlich gibt.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Das ist offenkundig. Wobei es hierbei nicht nur um Denkfaulheit geht, sondern vor allem um die Diskreditierung aller, die nicht bereit sind, ihr Denken militärisch zu verengen. Da ist dann von „Lumpenpazifismus“ die Rede – was für ein geschichtsvergessener Vorwurf in einem Land, das im vergangenen Jahrhundert zwei Weltkriege verschuldet hat. Zu der Militarisierung der Sprache, die wir zurzeit erleben, gehört auch das Gerede von der „Kriegstüchtigkeit“, die Deutschland wieder erlangen müsse, anstatt von „Verteidigungsfähigkeit“ zu sprechen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Militärische Begriffe prägten schon immer politische Debatten. Wenn wieder einmal irgendeine <em>„Offensive“ </em>in Form von Millionen- oder gar Milliardenpaketen für Wirtschaft, Bildung, Verkehr, Bildung oder was auch immer angekündigt wird, nimmt man die Verschleifung von Sport- und Militärmetaphorik in Kauf, weil man sich davon wohl mehr Aufmerksamkeit verspricht. Man spricht ja auch von <em>„Wahlkampf“</em> und <em>„Wortgefechten“</em> oder bezeichnet Wahlinformationsveranstaltungen mit den Kandidat:innen der Parteien im TV als <em>„Wahlarena“</em>, als träten dort Gladiatoren gegeneinander an. Ein weiteres Beispiel ist die Migrationsdebatte, in der manche immer wieder von <em>„Invasion“</em> sprechen.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Da bin ich mit Ihnen d’accord. Allerdings ist die Verwendung kriegerischer Begriffe an sich noch keine neue Erscheinung. Sie ist zwar unschön, aber in den praktischen Auswirkungen auch nicht besonders problematisch. Neu ist jedoch einerseits, dass mittlerweile auch jenseits von Neonazikreisen Flüchtlinge als „Invasoren“ oder Ähnliches diffamiert werden. Das ist gefährlich, weil dadurch hilfsbedürftige Menschen zu Angriffszielen gemacht werden. Andererseits gibt es im Umgang mit Pazifisten und Antimilitaristen einen Rückfall in die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik. Es hat bis 1998 gedauert, dass Kriegsdienstverweigerer und „Wehrkraftzersetzer“ rehabilitiert wurden, 2002 folgten die Deserteure der Wehrmacht und 2009 schließlich auch die wegen „Kriegsverrats“ verurteilten Opfer der NS-Militärjustiz. Es gab nur einen einzigen Deserteur, der es je in den Bundestag geschafft hat. Das war der Schriftsteller </em><a href="https://www.hdg.de/lemo/biografie/gerhard-zwerenz.html"><em>Gerhard Zwerenz</em></a><em> Mitte der 1990er Jahre für die PDS. Einen Bundestag ohne ehemalige Soldaten hat es hingegen noch nie gegeben. Wenn ich jetzt erlebe, wie pazifistisch gesonnene Menschen wieder abgewertet werden, dann fröstelt es mich. Wir sehen, wie schnell eine gesellschaftliche Stimmung umkippen kann, und allzu viele plötzlich glauben, Konflikte nur noch militärisch lösen zu können. Das beunruhigt mich schon sehr.</em></p>
<h3><strong>Pazifismus, Appeasement, Machtpolitik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinen Gesprächen mit Menschen in der Ukraine stelle ich immer wieder fest, welches große Problem die unvollkommene Luftverteidigung ist. Schon vor der russischen Vollinvasion – im Sommer 2021 – hat Robert Habeck gefordert, die Ukraine mit entsprechenden Lieferungen zu unterstützen. Dafür wurde er heftig kritisiert, nicht zuletzt in seiner eigenen Partei, die nach der Invasion dann alle Waffenlieferungen im Kabinett und im Bundestag befürwortete. Das ist meines Erachtens der entscheidende Punkt, denn die meiste Wirkung erzielt Putin mit der Demoralisierung der Bevölkerung durch den ständigen Raketen- und Bombenterror.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Ich stimme Ihnen zu. Habeck hat dies vor der Ausweitung des Krieges durch die Vollinvasion gesagt. Viele haben sich damals nicht vorstellen können, wie umfassend Putin die Ukraine angreifen würde, ich auch nicht. Wenige Tage vor dem Überfall am 24. Februar 2022 haben die Vertreter der US-Administration auf der Münchner Sicherheitskonferenz sehr eindringlich davor gewarnt. Das war für mich der Zeitpunkt, als mir klar geworden ist: Jetzt wird es ernst, das wird passieren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit sind wir bei dem Unterschied zwischen Pazifismus und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/geliebtes-appeasement/">Appeasement</a>, auch ein Thema Ihres Buches.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Heute werden Appeasement und Pazifismus immer wieder miteinander gleichgesetzt. Aber Pazifismus ist keine Appeasement-Politik. Das habe ich in meinem Buch am Beispiel Albert Einsteins dargestellt. Einstein war bis zur Machtübernahme der Nazis ein überzeugter Radikalpazifist, der generell jegliche Gewaltanwendung abgelehnt hat. Er hat aber sehr schnell erkannt, was die Machtübernahme der Nazis nicht nur für die Menschen in Deutschland, nicht nur für die Juden, die Kommunisten, die Sozialdemokraten, sondern für die ganze Welt bedeutet. Das hat ihn dazu gebracht, nunmehr zwischen einem „vernünftigen“ und einem „unvernünftigen“ Pazifismus zu unterscheiden. Bereits im August 1933 hat Einstein die westlichen Staaten aufgefordert, </em><em>sich gegen Deutschland zu rüsten. Er hoffe, „dass sie, wenn sie klug und vorsichtig sind, nicht warten werden, bis sie angegriffen sind“, schrieb er. Im September 1933 sagte Einstein in einem Interview, er könne es „nicht fassen, warum die ganze zivilisierte Welt sich nicht zum gemeinsamen Kampf zusammengeschlossen hat, um dieser modernen Barbarei ein Ende zu bereiten“. Und er fragte: „Sieht denn die Welt nicht, dass Hitler uns in einen Krieg hineinzerrt?“ Mit Apeasement hatte das nichts zu tun.</em><em> Wäre der Westen damals Einsteins Forderung gefolgt, also zu einer Zeit, als das Deutsche Reich noch nicht hochgerüstet war, hätte das den Weltkrieg und auch Auschwitz verhindern können. Stattdessen hat man jedoch feierte die Welt noch 1936 die Olympischen Spiele in Berlin. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 1936 sorgte der amerikanische Sportfunktionär Avery Brundage dafür, dass der in den USA erwogene Boykott der Olympischen Spiele in Berlin nicht stattfand, derselbe Avery Brundage, der 1972 nach den Morden an Mitgliedern der israelischen Olympiamannschaft verkündete: <em>„The Games must go on.“</em></p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Und 1938 schlossen die Westmächte Großbritannien und Frankreich mit Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien das fatale </em><a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/276472/das-muenchener-abkommen-von-1938-der-gescheiterte-versuch-hitler-zu-beschwichtigen/"><em>Münchner Abkommen</em></a><em> ab. Sie hätten lieber auf Albert Einsteins hören sollen. Ohne Putin mit Hitler gleichsetzen zu wollen, erinnert der Umgang Donald Trumps mit der Ukraine in gewissem Sinne dem von Neville Chamberlain und Édouard Daladier mit der Tschechoslowakei. Sie machten einen „Deal“ mit dem Aggressor auf Kosten eines schwächeren Landes und glaubten, das bringe „Frieden“. Ein fataler Irrtum, der mit Pazifismus absolut nichts zu tun hatte. Es ging bloß um Machtpolitik.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Um Machtpolitik geht es Putin, den Gerhard Schröder in seiner innigen Verbundenheit als <em>„lupenreinen Demokraten“</em> bezeichnete, obwohl Putins Vorgehen in Tschetschenien, in Georgien und seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 deutlich zeigten, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-welt-des-wladimir-wladimirowitsch/">in welche Richtung er wirklich dachte</a> und womit er drohte. Trump handelt irgendwie wie ein Immobilienmogul. Ukraine, Gaza – alles Immobilien, die man kaufen, verkaufen, entmieten, ausbeuten kann. Die Macht des Neo-Imperialisten Putin und die des Immobilienhändlers Trump scheinen den Kurs zu bestimmen. Wir erleben auch die Renaissance von Breschnew- und Monroe-Doktrin. So verhält sich Trump, wenn er Grönland, Kanada und die seltenen Erden der Ukraine haben möchte. Diese aber wohl offenbar ohne Gegenleistung.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Wir wissen noch nicht, was bei den Verhandlungen zwischen den USA und Russland herauskommen wird. Selensky hat übrigens einen sehr interessanten Trick angewandt, als er Trump gesagt hat, das Problem mit den seltenen Erden in der Ukraine, die der US-Präsident haben will, sei, dass der Großteil in den besetzten Gebieten liege. Aber ob das die Ukraine davor bewahren wird, große Teile der Ostukraine an Russland zu verlieren, da bin ich leider skeptisch.</em></p>
<h3><strong>Verpasste Chancen? </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht glaubt Trump, er könne über die seltenen Erden jetzt mit Russland verhandeln. Der Westen ging nach Beginn der Vollinvasion am 24. Februar 2022 davon aus, dass die Ukraine binnen weniger Tage russisch würde. Das war ein Irrtum.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Der entscheidende Fehler liegt allerdings schon im Jahr 2014.</em></p>
<p><em>Auf die völkerrechtswidrige Besetzung der Krim sowie die zeitgleiche Intervention paramilitärischer Gruppen, die von Russland gesteuert wurden, in den ukrainischen Oblasten Donezk und Luhansk </em><em>hat der Westen nicht ausreichend reagiert. Das ist das Versagen, der große Fehler der westlichen Politik. Bei der Nato hat das zwar durchaus zu einer geänderten Lageeinschätzung geführt. So wurde auf dem Gipfeltreffen 2014 in Wales das Zwei-Prozent-Ziel nunmehr verbindlich festgeschrieben – auch wenn es trotzdem bis um russischen Überfall 2022 für die Mehrzahl der NATO-Staaten nicht mehr als ein Lippenbekenntnis ohne praktische Relevanz blieb. Auch gab es eine Reaktion in der Bundesrepublik: Bis 2014 konzentrierte sich das Verteidigungsministerium auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr, von da an rückte die Landes- und Bündnisverteidigung wieder stärker in den Fokus. Aber ansonsten wurden weiter gute Geschäfte mit Russland gemacht. Sogar die Planung für Nord Stream 2 ging weiter, anstatt anzufangen, sich unabhängig von russischem Gas und Öl zu machen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zumindest lässt sich sagen, dass Minsk I und Minsk II wenig halfen, die russischen Ansprüche auf die Ukraine einzudämmen. Hauptsache, die Energielieferungen aus Russland liefen weiter. Von Nordstream II konnte sich Deutschland erst nach dem Beginn der Vollinvasion verabschieden. Olaf Scholz hatte kurz zuvor Nordstream II noch als ein rein wirtschaftliches Projekt bezeichnet.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Man hat einfach so weiter gemacht wie zuvor und Geschäfte mit Putin betrieben, als wäre nichts geschehen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und jetzt gibt es Verhandlungen zwischen den USA und Russland. Putin hat ein wichtiges Ziel erreicht: Der Gegner, mit dem er verhandelt, sind die USA. Die Ukraine und die Europäer sind für ihn ohnehin nur Vasallen der USA.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Das hat Putin von Anfang an angestrebt. In der klassischen imperialistischen Welt diskutieren Großmächte, was mit kleinen Staaten geschieht. Trump ist dafür sehr empfänglich. Was dabei herauskommt, ist völlig offen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Vielleicht erinnern wir uns daran, dass Trump in seiner ersten Amtszeit den Korea-Konflikt lösen wollte. Da gab es dieses Treffen am 38. Breitengrad, bei dem er sogar einen Schritt nordkoreanischen Boden betreten durfte, doch in Hanoi war dann alles wieder vorbei und jetzt ist Nordkorea ein fester Bündnispartner Russlands. Da hat nichts geklappt.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Wir sind jetzt in einer volatilen Situation. Aber klar ist, dass der Spielraum für die Ukraine sehr klein ist. Sie ist von der US-amerikanischen militärischen und ökonomischen Unterstützung abhängig. </em><em>Tatsache ist, dass Putin etwa 20 Prozent der Ukraine annektiert hat. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich daran in den „Friedensverhandlungen“, die jetzt Trump mit Putin führen will, noch etwas ändern wird, Für die Menschen in der Ukraine ist das sehr bitter. Ich wünsche mir, dass dieser fürchterliche Krieg lieber heute als morgen endet. Nicht nur für die Ukraine wäre es jedoch fatal, wenn das dadurch geschehen würde, dass sich zwei imperialistische Großmächte ein schwächeres Land zur Beute machen. Eine Großmacht krallt sich Land, die andere die Rohstoffe – das ist eine gruselige Vorstellung. Und das wäre auch ein fatales Signal für zukünftige Konflikte, das muss man nüchtern so sehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Wie hätte sich eine solche Situation verhindern lassen?</p>
<p><strong>Pascal Beucker:</strong> <em>Ich habe in den vergangenen drei Jahren eine eigenständige Außenpolitik der EU vermisst. Alles orientierte sich an dem Agieren der USA. Das war aus meiner Sicht ein schwerer Fehler. Stattdessen hätte die EU auf der einen Seite viel stärker diplomatische Initiativen zum Beispiel aus China wesentlich stärker aufgreifen sollen. Auf der anderen Seite wäre es richtig und notwendig gewesen, einen weitaus größeren ökonomischen Druck auf den Aggressor auszuüben. Es gibt zwar inzwischen 16 Sanktionspakete der EU gegen Russland. Aber erst jetzt gibt es ein weitgehendes Einfuhrverbot für russisches Aluminium und die russische Schattenflotte transportiert immer noch Öl über die Ostsee. Bis heute sind Uranlieferungen aus Russland nicht von den Sanktionen betroffen, weil Frankreich und mehrere osteuropäische Staaten darauf nicht verzichten wollen. Dass das russische Uran auch noch in der Brennelementefabrik in Lingen, also in Deutschland, verarbeitet wird, ist ein Offenbarungseid für eine Bundesregierung mit einem grünen Wirtschaftsminister.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant finde ich, dass offenbar die Sanktionen nur begrenzt in Russland wirken, aber offensichtlich viele Staaten rund um Russland beeindruckt haben, alles Staaten, die Putin gerne an sein eurasisches Projekt binden würde, die aber inzwischen zum Teil auf Distanz gehen, weil sie es sich nicht mit dem Westen verderben wollen. Ein durchgesickertes <a href="https://www.msn.com/de-de/politik/behörde/geheimes-russland-papier-enthüllt-sanktionen-im-ukraine-krieg-schüren-putins-angst-vor-alten-verbündeten/ar-AA1yLzUS">internes Papier des Kreml</a> dokumentiert dies.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Auch in Russland wirken die Sanktionen, aber eben nicht so stark wie erhofft. Das liegt zum einen daran, dass sie nur schrittweise verhängt wurden, was Russland immer wieder Zeit gegeben hat, sich darauf einzustellen. Zum anderen waren sie, wie gerade schon ausgeführt, nicht weitreichend genug. Da standen der Wirksamkeit jeweilige nationale Interessen entgegen. Wobei ich nicht so vermessen wäre, zu behaupten, dass ein anderes Vorgehen der EU dazu geführt hätte, Russland ohne Vorbedingungen an den Verhandlungstisch und schließlich zu einem vollständigen Rückzug aus der Ukraine zu bringen. Das weiß ich schlicht nicht. Aber es hätte versucht werden sollen.</em></p>
<h3><strong>Doppelmoral und Konflikte in der Friedensbewegung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mitunter habe ich den Eindruck, dass die Friedensbewegung heute eine Art <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/identitaerer-frieden/">negative Identitätspolitik</a> betreibt. Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand der Friedensbewegung? Ich will das etwas zuspitzen: Ein Teil verhält sich wie ein Fanclub von Sahra Wagenknecht.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Das gilt leider tatsächlich für einen relevanten Teil. Ich habe mir die letzte etwas größere „Friedensdemonstration“ am 3. Oktober 2024 vor dem Brandenburger Tor in Berlin vor Ort angeschaut. Es war unfassbar, wie dort der SPD-Bundestagsabgeordnete Ralf Stegner ausgebuht und ausgepfiffen wurde – und zwar alleine schon deshalb, weil er eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen hat: dass es sich bei dem Überfall auf die Ukraine um „einen russischen Angriffskrieg, der jeden Tag Tod und Zerstörung“ bringt, handelt. Wer jedoch schon die Aussprache einer solch unbestreitbaren Tatsache für unerträglich hält, der oder die demonstriert nicht für den Frieden, sondern für den Okkupanten.</em></p>
<p><em>Dass es so kommen wird, war absehbar. Denn die Initiative „Nie wieder Krieg – die Waffen nieder“, die die Demo organisiert hat, bestand in ihrer Mehrzahl aus Symphatisanten des BSW. In deren Aufruf zu der Demo wurde nicht einmal benannt, wer wen angegriffen hat. Auch die Forderungen nach einem Rückzug der russischen Truppen aus der Ukraine oder nach Schutz und Asyl von Kriegsdienstverweigern und Deserteuren aus Russland, Belarus und der Ukraine in Deutschland und der EU fehlten. Das war natürlich kein Zufall. Es ist schon schockierend, wenn Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich sind. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zöge Putin seine Truppen zurück, wäre der Krieg vorbei.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>So ist es. Wobei dann der Einwand von Wagenknecht und Co. kommt, das sei ja nicht realistisch. Aber das ist ein absurder Einwand. Denn die Friedensbewegung hat sich zu Recht noch nie darum geschert, ob ihre Forderungen realistisch sind. Dieselben, die es jetzt an Solidarität mit der Ukraine fehlen lassen, hatten nie ein Problem, sich in anderen kriegerischen Auseinandersetzungen eindeutig auf der Seite des Angegriffenen zu positionieren. Denn darum geht es doch. Wer einst „Amis raus aus Irak“ gerufen hat, muss jetzt auch „Russland raus aus der Ukraine“ fordern. Ich habe einen der Organisatoren der Berliner Demo genau danach gefragt. Seine verräterische Antwort: „Wir hatten damals eine ganz andere historische Situation, eine ganz andere Vorgeschichte zu diesem Krieg.“ Ja, das stimmt: Damals ging es um die USA, jetzt geht es um Russland. Solch ein Doppelstandard ist genau der taktische Pazifismus, den ich kritisiere.</em></p>
<p><em>Wenn sich in gerade einmal acht der 54 Ostermarschaufrufe aus dem Jahr 2023 die Forderung nach einem russischen Rückzug aus der Ukraine findet, hat die Friedensbewegung ein großes Glaubwürdigkeitsproblem. </em><a href="http://www.friedensrat.org/media/2019/Ostermarsch_2019/Liederzettel_Ostermarsch_2019.pdf"><em>„Unser Marsch ist eine gute Sache, weil er für eine gute Sache geht“</em></a><em>, heißt es in dem bekanntesten Ostermarschlied, geschrieben Anfang der 1960er Jahre. Doch daran haben heutzutage viele aus gutem Grund erhebliche Zweifel.</em></p>
<p><em>Trotzdem warne ich vor einer Generalisierung: Weiterhin gibt es in der Friedensbewegung höchst integre Menschen und Organisationen, wie zum Beispiel die </em><a href="https://dfg-vk.de/"><em>DFG-VK</em></a><em>. </em><em>Sie scheinen jedoch derzeit zu schwach zu sein, um den problematischen Teil an die Seite zu drängen. Das wäre aber eine Voraussetzung für eine Renaissance der Friedensbewegung, die doch angesichts des so gefährlichen gegenwärtigen Wettrüstens eigentlich so dringend notwendig wäre.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese aufrechten Friedensbewegten erhalten aber nicht die Medienaufmerksamkeit, die Sahra Wagenknecht oder Alice Schwarzer erhalten.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Das stimmt. Gruppen wie die DFG-VK oder Pax Christi ebenso wie das Netzwerk </em><a href="https://www.friedenskooperative.de/"><em>Friedenskooperative in Bonn</em></a> <em>befinden sich in einer schwierigen Lage. Einerseits gibt es inzwischen selbst etliche frühere Friedensbewegte, die meinen, man müsse kämpfen bis zum Sieg. Die denken nur noch in einer militärischen Logik. Wobei solche Leute hierzulande selbstverständlich immer nur andere kämpfen lassen wollen. Wenn jemand wie Robert Habeck bekundet, er würde heutzutage nicht mehr den Kriegsdienst verweigern, ist das wohlfeil, so lange er sich nicht als Freiwilliger in der Ukraine meldet. Auf der anderen Seite hast du vermeintlich Friedensbewegte, denen es an jeglicher Empathie für die Menschen in der Ukraine fehlt und die sich de facto auf die Seite des Okkupanten stellen. Die einen wie die anderen geben einfache Antworten auf eine komplizierte Situation. Dazwischen haben es Menschen und Gruppen, die nach einem Weg zum Frieden suchen, ohne den Menschen in der Ukraine die Solidarität zu entziehen, schwer.</em></p>
<p><em>Innerhalb der Friedensbewegung sehe ich das Problem, dass ein alter und lange verdrängter Grundkonflikt wieder aufgebrochen ist. Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, will ich einen kurzen Rückblick machen. Kurz vor der Gründung der DKP 1968 gab es einen großen Streit in der Ostermarschbewegung. Hintergrund war die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch Truppen des Warschauer Vertrages unter Führung der Sowjetunion. Der pazifistische Teil im zentralen Trägerkreis der Ostermärsche verlangte damals in einem offenen Brief an führende deutsche Kommunisten, dass diese den Einmarsch unzweideutig verurteilen müssten. Das entscheide darüber, ob es weiter eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit geben würde. Das Antwortschreiben von Robert Steigerwald und anderen später führenden DKP-Funktionären war ernüchternd. Sie kämen „zu einer grundsätzlichen anderen Beurteilung des Eingreifens der fünf sozialistischen Länder“, schrieben sie. Nach ihrer Überzeugung sei „das militärische Eingreifen zur Sicherung der sozialistischen Ordnung in der ČSSR und damit des Status Quo in Europa vor der akuten Gefahr eines gegenrevolutionären Auflösungsprozesses unvermeidlich“ gewesen. Das war das Ende der Zusammenarbeit. Es hat dann zehn Jahre lang keinen Ostermarsch mehr in der Bundesrepublik gegeben. Dieser Grundkonflikt, der sich hier offenbart hat, wurde schließlich von dem NATO-Doppelbeschluss 1979 zur Stationierung atomar bestückter Mittelstreckenraketen überwölbt. Aber gelöst wurde er nie. Das Interessante ist: Ich besitze eine Fülle von Büchern über die Ostermarschbewegung, die meisten aus deren Hochphase Anfang der 1980er Jahre. Aber der von mir beschriebene Streit zwischen den Pazifisten und den instrumentellen Friedensbewegten aus dem kommunistischen Spektrum kommt darin erstaunlicherweise nicht vor. Der findet sich nur in Publikationen aus der Zeit selbst, also von Ende der 1960er Jahre. Er wurde mit den Jahren einfach vergessen. Jetzt ist er wieder in anderer Form hochaktuell.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damals trafen sich auch zwei Debatten, die nicht unbedingt miteinander zu tun hatten: Die Frage der Stationierung der Pershing-Raketen in Deutschland, verbunden mit der Angst vor einem Nuklearkrieg, und die Bewegung gegen die Atomkraftwerke. Das Thema Atom verband natürlich beide.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Ja, in der Bundesrepublik gab es damals zwei große Bewegungen: die Friedensbewegung und die Anti-AKW-Bewegung. Und viele Menschen, wie auch ich, zählten sich zu beiden. Wichtig für das Verständnis ist, dass sich damals der Großteil der Friedensbewegung für Abrüstung in West und Ost eingesetzt hat. Das DKP-Spektrum, das nur einseitig den Westen für die damalige Rüstungsspirale verantwortlich machte, war eine kleine Minderheit. Bei den großen Friedensdemonstrationen im Bonner Hofgarten ging es nicht nur gegen die Pershing II und Cruise Missiles der USA, sondern auch die geplante Stationierung von SS-20-Raketen der Sowjetunion in der DDR wurde in zahlreichen Reden angeprangert.</em></p>
<p><em>Je kleiner die Friedensbewegung in den vergangenen Jahrzehnten geworden ist, desto mehr an Einfluss hat leider jener Teil gewonnen, der schon immer ein eher instrumentelles Verhältnis zu Pazifismus und Antimilitarismus hatte. Wobei von dieser Fraktion zwar heutzutage weiterhin die USA als singulärer Hauptfeind von Frieden und Entwicklung begriffen wird, von der einstigen Sowjethörigkeit aber nur ein dumpfer Antiimperialismus geblieben ist.</em></p>
<p><em>Die Folgen sind ebenso kurios wie fatal. Die westliche Friedensbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich stets als humanistisch und in ihrer weit überwiegenden Mehrheit als linksliberal oder links verstanden. Über die realsozialistischen Staaten und deren Potentaten gab es zwar kontroverse Auffassungen. Über rechte europäische Diktatoren wie António de Oliveira Salazar in Portugal, Francisco Franco in Spanien oder Georgios Papadopoulos in Griechenland gab es die jedoch nicht. Sich damit gemeinzumachen, wäre keiner Fraktion der Friedensbewegung auch nur im Traum eingefallen. Bei der Haltung gegenüber Wladimir Putin sieht das heute anders aus. Obwohl er unzweifelhaft ein verbrecherischer rechter Autokrat ist. Es ist einfach nur eine schräge Verirrung, dass es jetzt Leute gibt, die aus ihrer einstigen Verbundenheit mit der Sowjetunion eine Verbundenheit mit Putin ableiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Unverbrüchlich“</em>, wie das im DDR-Jargon hieß. Solche merkwürdigen Bündnisse gibt es nicht nur im Hinblick auf Putin. Jeffrey Herfs Buch „Three Faces of Antisemitism“ liegt jetzt in einer deutschen Ausgabe vor (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2025). So wie sich Rechtsextremisten, antikoloniale Linke und Islamisten miteinander in ihrem Hass auf Israel und oft genug auf alle Juden dieser Welt treffen, treffen sich jetzt rechte Autokraten mit pseudo-linken Gruppierungen in ihrer Unterstützung Wladimir Putins. Ich kenne Leute, die Putin immer noch für einen Kommunisten halten.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Da fällt einem nicht mehr viel zu ein. So weit würde übrigens die DKP nicht gehen. Sie orientiert sich lieber an der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF), was es allerdings auch nicht besser macht. Denn nach Auffassung der KPRF hätte Putin schon früher in die Ukraine einmarschieren sollen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die „Junge Welt“ hat zum 35. Jahrestag des Mauerfalls getitelt, die DDR habe nie einen Krieg geführt.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Was allerdings nur deshalb stimmt, weil die Sowjetunion sie beim Einmarsch in die  Tschechoslowakei nicht dabei haben wollte. Die DDR-Führung hätte sich gerne beteiligt. 23 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hielt das der Kreml jedoch für keine gute Idee. Ich glaube, man muss klare Brüche machen, bestimmte Grundsätze müssen klar sein. Das ist das Entscheidende für die Glaubwürdigkeit der Friedensbewegung, des Pazifismus, dass es keine Doppelstandards geben darf. Man muss Krieg ablehnen, egal wer ihn führt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist eine der Kernbotschaften Ihres Buches.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Ja, das ist eine Kernbotschaft, und es ist schön, wenn das angekommen ist. Wussten Sie übrigens, dass es 1982 eine DDR-Variante des Krefelder Appells gab? Das war der </em><a href="https://www.havemann-gesellschaft.de/aktuelles/aus-dem-archiv/frieden-schaffen-ohne-waffen-40-jahre-berliner-appell/"><em>Berliner Appell</em></a><em>, initiiert unter anderem von Robert Havemann und Rainer Eppelmann. Gefordert wurde, dass ganz Europa „zur atomwaffenfreien Zone werden“ sollte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf auch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zu-wandeln-die-zeiten/">Markus Meckel</a> nennen, der in der DDR Totalverweigerer war und eine sehr differenzierte Position zur <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/friedensethik-angesichts-des-ukrainekrieges/">Friedensethik angesichts des Ukrainekrieges</a> entwickelt hat. In der DDR gab es natürlich neben der Friedensbewegung, die sich als Opposition zum SED-Staat verstand, den staatlichen Versuch, eine eigene Friedensbewegung zu schaffen, die die Position der Sowjetunion und der DDR-Führung als Friedenspolitik inszenierte.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens der Vietnamkrieg. Den greife ich in einem Kapitel meines Buches auf, weil sich an dem Umgang mit ihm einiges illustrieren lässt. Der Vietnamkrieg war eines der zentralen Mobilisierungsmomente der 68er-Studentenbewegung wie auch der damaligen Friedensbewegung. Auf dem letzten Ver.di-Bundeskongress im September 2023, über den ich für die taz berichtet habe, gab es dazu eine aufschlussreiche Debatte. Gleich mehrere Delegierte zogen eine Parallele von diesem Krieg zum Ukraine-Krieg. Ein älterer Delegierter aus Norddeutschland, der strikt gegen Waffenlieferungen an die Ukraine war, argumentierte, er habe damals gegen den Vietnam-Krieg demonstriert, wäre jedoch auch nie auf die Idee gekommen, die Bundesregierung aufzufordern, Waffen an Nordvietnam oder den Vietcong zu liefern. Das wäre allerdings auch ziemlich absurd gewesen, da die BRD ja mit den USA verbündet war und ist. Dass allerdings im Umfeld des SDS Geld für Waffen für den Vietcong gesammelt wurde, ließ er lieber unerwähnt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Bankierssohn und spätere Grünen-Politiker Tom Koenigs schenkte damals sein Millionenerbe an den Vietcong, oder?</p>
<p><strong>Pascal Beucker:</strong> <em>In der Tat, und er war nicht der Einzige. Bedeutender für Nordvietnam war aber die militärische Hilfe durch die Sowjetunion, China und auch die DDR. So berichtete ein</em><em> anderer Delegierter auf dem Ver.di-Kongress, der in der DDR aufgewachsen ist, wie er damals in der Schule Sachen gebastelt hat, die dann zur Unterstüzung Nordvietnams verkauft wurden. Er sprach sich für Waffenlieferungen für die Ukraine aus. Er vertrat also die genau entgegengesetzte Position, wie der norddeutsche Gewerkschafter, obwohl sie beide bis heute den Widerstand Nordvietnams und des Vietcongs gegen die US-amerikanische Aggression für richtig befinden. Und da wird es noch einmal spannend: Aus humanitärer Sicht wäre es eine völlig legitime Position, rückblickend zu sagen, es wäre besser gewesen, Nordvietnam und der Vietcong hätten so schnell wie möglich kapitulieren sollen, weil dadurch Millionen von Vietnamesen nicht ihr Leben verloren hätten. Wer aber ihren damaligen Kampf weiterhin befürwortet, den der Ukraine jedoch nicht, dem geht es offenbar um etwas anderes als den Schutz von Menschenleben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sind wieder diese doppelten Standards. In Ihrem Buch haben Sie die verschiedenen Pazifismen, die Begrifflichkeiten, die verschiedenen Phasen von Friedensbewegungen und -initiativen jeweils auf die sich ändernden historischen Situationen bezogen, sodass sich die Leserinnen und Leser auf diese Weise eine Meinung bilden können.</p>
<p><strong>Pascal Beucker</strong>: <em>Was ich nicht anbieten kann, ist eine Zauberformel, mit der sich alle Probleme der Welt friedlich lösen lassen. Mir fehlt es auch an der Selbstgewissheit, immer recht zu haben. Ich versuche, aufzuklären, abzuwägen und zu argumentieren. Mein Buch verstehe ich als einen Appell zur Besonnenheit und zur Differenzierung. Dazu gehört auch der Zweifel, möglicherweise falsch zu liegen. Immer wenn es um Leben und Tod geht, ist dieser Zweifel dringend erforderlich. Es muss uns angst und bange werden, wenn Politiker keine Zweifel haben.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2025, Internetzugriffe zuletzt am 22. Februar 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Deciphering Fotographs&#8220;.)</p>
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		<title>Fragil ist das neue Super!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Dec 2024 23:37:46 +0000</pubDate>
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<h2><strong>Joanna Nowotny über Superheld:innen in Comic Books und Filmen – Teil 2</strong></h2>
<p><em>„When I was really young, I asked my mom why all old movies were in black and white. She said that back then, <u>Everything</u> was in black and white. I took her really literally, and until I was six or seven, I thought color was some weird modern invention.” </em>(<a href="https://www.nzz.ch/feuilleton/interview-mit-dem-stilbildenden-comiczeichner-chris-ware-ld.1748657">Chris Ware</a>, Thrilling Adventure Stories, in: Raw 2-3, 1991, zitiert nach: Lukas Etter, Thomas Nehrlich, Joanna Nowotny, Hg., Reader Superhelden – Theorie – Geschichte – Medien, Bielefeld, transcript, 2018)</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/super-helden/">Im ersten Teil</a> waren Grundstrukturen, Medialität und Ästhetik Gegenstand des Gesprächs über Superheld:innen, im zweiten Teil des Gesprächs geht es um die Diversität der Figuren, Doppelidentitäten, Outcasts, die Superheldinnen, feministische Comics, die Frage, wie Schwarz Black Panther wirklich ist und um jüdische Identitäten. Vielleicht lassen sich Superheld:innen sogar als ein Angriff auf traditionelle Denk- und Sehgewohnheiten verstehen, aber wer weiß: vielleicht bestätigen sie sie auch nur? Es kommt eben darauf an, wer in ihnen was entdecken möchte. Aber ein feministischer Blick oder ein Blick aus der Perspektive der Critical Whiteness bringen ganz Erstaunliches zu Tage.</p>
<h3><strong>Doppelidentitäten</strong></h3>
<div id="attachment_5432" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3869-1/reader-superhelden/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5432" class="wp-image-5432 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Reader-Superhelden-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Reader-Superhelden-194x300.jpg 194w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Reader-Superhelden-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/11/Reader-Superhelden.jpg 301w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" /></a><p id="caption-attachment-5432" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben über die Medialität von superheldischen Figuren gesprochen, über einen bestimmten ästhetischen Stil, der sie erkennbar macht. Gehört die Doppelidentität vieler Figuren dazu?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Sicherlich, denn mit den Doppelidentitäten wird stark gespielt, mit Mimik, mit Masken, mit der Frage, wann man wen in welcher Verkleidung sieht. Ein Spiel mit Sicherbarkeit und Unsichtbarkeit, mit Silhouetten. Gewisse Bilder werden ohnehin immer wieder rezykliert, zum Beispiel Spider-Man, der sich zwischen den Hochhäusern New Yorks hindurchschwingt. Das hat schon etwas Ikonisches. Wenn man versucht, die Superheld:innen jenseits von diesen medialen Elementen zu definieren, wird man sehen, dass es keine scharfe Abgrenzung gibt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Spider-Man gefällt mir gut als Beispiel. Diese Figur lebt auch davon, dass sie als Peter Parker ein schüchterner Teenie ist. Das ist seine Schwachstelle, ein Element der Aufmerksamkeitsökonomie für all die Teenie-Jungs, die sich schwach, unterlegen fühlen, nicht so recht wissen, wie sie ein Mädchen ansprechen sollen, aber über Peter Parker erfahren, dass sie eigentlich ganz anders sein könnten.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Das ist typisch für die Doppelidentität vieler Superheld: innen. Die Zivil-Identität von Peter Parker liegt sehr nahe an der Erfahrungswelt der vorgestellten Leser:innen. Ein Teenager-Junge, der bei den Mädchen nicht ankommt, Nebenjobs hat. Und dann gibt es die Superhelden-Identität, die sich extrem stark über das Alltägliche erhebt. Robert W. Connell – dazu </em><a href="https://kgi.ruhr-uni-bochum.de/institut/personen/prof-dr-aenne-soell/"><em>Änne Söll</em></a><em> und </em><a href="https://www.hs-hannover.de/service/personenfinder/person/1000005505/"><em>Friedrich Weltzien</em></a><em> in ihrem Essay über Spider-Man in unserem Reader – sieht in Peter Parker aka Spider-Man „unterschiedliche, mit einander konkurrierende Formen von Männlichkeit“. Meines Erachtens mehr als aktuell ist die folgende Formel von Söll und Weltzien: „Verschiedene, an unterschiedliche Klassen gebundene Modelle von Männlichkeit stehen (…) in Konkurrenz zueinander.“</em></p>
<p><em>Das gilt schon für die ersten Figuren des Golden Age. Superman erscheint als weiß, ist aber eigentlich ein Alien, ein Migrant! Er entspricht verschiedenen Vorstellungen von Männlichkeit, einer klassischen, die auf physischer Stärke basiert, aber als Clark Kent ist er auch ein scheinbar schwächlicher, freundlicher, scheuer Mann mit Bürojob, ein „white collar worker“, der sich kaum an Frauen herantraut. Superman verhandelt als Figur sozusagen Männlichkeit wie später auch die Teenie-Figur Peter Parker aka Spider-Man oder eben sein Marvel-Kollege Captain America, der durch eine wissenschaftlich herbeigeführte Verwandlung vom schwächlichen („frail“) jungen Mann, der unbedingt bei der Armee dienen wollte, aber wegen seiner Konstitution zurückgewiesen wurde, zum superweißen Helden mit allem dazugehörigen Hyperpatriotismus und seinem Bekenntnis zu den „amerikanischen Werten“ mutiert. Alle behalten ihre Doppelidentität, Spider-Man als Peter Parker, Superman als Clark Kent, Captain America als der schwächliche Steve Rogers, der er innerlich auch bleibt beziehungsweise in den er sich in manchen Comics wieder zurückverwandelt, sodass weiße Männlichkeit auch als prekär erscheint.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die neue <a href="https://www.shell.de/ueber-uns/initiativen/shell-jugendstudie-2024.html">Shell-Jugendstudie</a> dokumentiert, dass es eine beträchtliche Zahl junger Männer gibt, die ihre <em>„Männlichkeit“</em> für ein besonderes Problem halten. <em>„Männlichkeit“ </em>ist inzwischen ein gängiges Thema in der Rhetorik der neuen Rechten.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Das stimmt, und die neue Rechte bedient sich in diesem Diskurs teilweise auch Bildern aus Superhelden-Comics, zum Beispiel in Memes, oder sie wettert dagegen, dass in neueren Filmen und Comics wegen der vermeintlichen ‚Wokeness‘ nicht mehr nur </em>weiße<em> Männer, sondern auch Personen mit anderen Geschlechtern und Hintergründen auftreten. </em></p>
<h3><strong>Outcasts – die X-Men</strong></h3>
<div id="attachment_5549" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5549" class="wp-image-5549 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5549" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Steampunk_X-Men_cosplays_Dragon_Con_2009.jpg">Cosplays of X-Men characters version steampunk</a>, from left to right: Rogue, Gambit, Charles Xavier, Wolferine. Dragon Con 2009. Foto: Greyloch. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en">Attribution-Share Alike 2.0 Generic</a> license.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei all diesen Superheld:innen gibt es meines Erachtens eine Gruppe, die sich von den anderen deutlich abhebt, weil bei ihnen die Doppelidentität doch hintergründiger ist als sie es bei Peter Parker oder dem Alter Ego von Superman, Clark Kent, ist: Die X-Men, männlich wie weiblich. Wir haben die Extreme wie Magneto aka Erik Lehnsherr, der als Jude aus einem Konzentrationslager entkam und jetzt – je nach Geschichte – ‚seine‘ Gruppe, hier eben die X-Men, um jeden Preis vor Verfolgung schützen oder sogar Rache nehmen will. Das ist schon fast schon vergleichbar mit den Figuren der Inglourious Basterds, zum Beispiel dem „Bear Jew“, oder mit den Fantasien eines Abba Kovner, der vorschlug, nach 1945 sechs Millionen Deutsche zu töten. Die X-Men sind ambivalente Figuren. Sie brauchen oftmals Anleitung, jemanden, der sie auf das richtige Gleis bringt. Das leistet Professor X, Charles Francis Xavier, mit seiner Schule, der eine komplizierte Freundschaft mit Magneto hat – in den Filmen werden die beiden von James McAvoy und Patrick Stewart gespielt. Sie sind gespaltene Existenzen, die in der Gesellschaft nicht willkommen sind, die zu sich selbst finden müssen.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Solche Heldenfiguren sind ein Thema in dem Essay von </em><a href="https://www.uni-goettingen.de/de/dr.+stephan+ditschke/590815.html"><em>Stephan Ditschke</em></a><em> und </em><a href="https://anjinanhut.artstation.com/"><em>Anjin Anhut</em></a><em> in unserem Reader. Die beiden unterscheiden die „Beschützer“, die „Rächer und Jäger“ und die „Zweifler“, die sich dann weiter darin voneinander unterscheiden können, wie sie ihre Superkräfte erworben haben, von Geburt an, selbst erworben, durch Zufall oder von anderen verliehen. Die „Zweifler“ sind die Gespaltenen, die eine hohe Komplexität zeigen. </em></p>
<p><em>In der Einleitung unseres Readers haben wir die X-Men als „minority superheroes“ bezeichnet. Durch solche Figuren wird „unsere westliche Kultur zugleich post- und superheroisch“ dargestellt, will heißen: Solche komplexeren Helden kann man entweder als Dekonstruktion des großen heldischen Einzelnen begreißffen, oder halt einfach als neue Variation davon. Die X-Men traten in den 1960ern, dann in den 1970ern auf, im Silver Age, das gemeinhin dadurch charakterisiert ist, dass die Figuren nicht mehr so weit vom Alltag entfernt sind wie im Golden Age des Zweiten Weltkriegs Superman, Batman oder Wonder Woman. Die Figuren im Golden Age waren keine Figuren, mit denen man sich im Alltag unterhalten könnte, die Figuren im Silver Age erhalten psychologische Plausibilität. Vorher wirkt etwa das Rache- und Trauma-Motiv in vielen Geschichten noch sehr skizzenhaft und schematisch. Bei Batman war es noch einfach, seine Eltern wurden umgebracht und er nimmt jetzt Rache. Im Silver Age werden all diese Geschichten neu erzählt, erhalten mehr psychologische Plausibilität und es werden neue heldische Figuren erfunden, die von Anfang an einer komplexeren Welt und komplexeren Situationen Rechnung tragen. Dazu gehören die X-Men. Auf die Spitze getrieben ist bei den X-Men auch das Motiv der Superheld:innen als absolute Außenseiter oder noch besser auf Englisch als ‚Outcasts‘, als Ausgestoßene. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man könnte sagen, die X-Men haben keine Doppelidentität, sie sind in sich gespaltene Persönlichkeiten.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die superheldischen Figuren werden im Golden Age als tolle Held:innen dargestellt und in der Regel in der (fiktiven) Gesellschaft auch als solche akzeptiert, was nicht immer sehr realistisch wirkt. Im Silver Age wird problematisiert, was es mit Menschen macht, wenn sie sich von anderen Menschen unterscheiden und deswegen ausgestoßen werden. Die X-Men entstanden im Kontext der Civil-Rights-Bewegung. Professor X wird zum Beispiel gerne mit Martin Luther King verglichen, Magneto mit Malcolm X. Chris Claremont, der selber sagte, er habe nicht speziell an diese zwei realen Persönlichkeiten gedacht, hat die Geschichten der X-Men in den 1970er Jahren sehr differenziert erzählt. </em></p>
<div id="attachment_5550" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5550" class="wp-image-5550 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-400x533.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889-600x800.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_7019136889.jpg 640w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5550" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WonderCon_2012_-_Magneto_and_Rogue_(7019136889).jpg">Magneto and Rogue &#8211; WonderCon 2012</a>. Foto: The Community &#8211; Pop Culture Geek from Los Angeles, CA, USA. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution 2.0.</a></p></div>
<p><em>Die Grundlage: Wir unterscheiden uns von der Mehrheitsgesellschaft, wir werden ausgestoßen, wir haben nicht die gleichen Rechte, wie reagieren wir darauf? Reagieren wir diplomatisch, pro-sozial, versuchen wir, uns bei der Mehrheitsgesellschaft durch unsere heldischen Taten beliebt zu machen? Oder reagieren wir mit einem Kampf gegen die Mehrheitsgesellschaft? Das wird bei Magneto mit seiner jüdischen Geschichte sehr deutlich. Am Anfang ist er noch ein relativ traditioneller eindimensionaler Schurke, dann beginnt man in den 1970er Jahren, einen jüdischen Hintergrund auszuarbeiten; allen voran steht hier eben der Comicautor Chris Claremont. Jetzt ist Magneto nicht mehr nur ein Schurke, sondern es entsteht die Frage, wo ist eigentlich die Grenze zwischen einem Helden und einem Schurken? Magneto wird zu einer Art Anti-Helden, einem Helden in einer Grauzone. Die Geschichten behandeln dies sehr unterschiedlich. Magneto erhält entweder Verständnis, den Status eines konfliktbeladenen (Anti-)Helden, oder er landet so stark in der moralischen Grauzone, dass er in den Erzählungen wieder als Schurke erscheint. </em></p>
<p><em>Das Interessante daran: Man hat auf der Seite der Held:innen echte Konflikte. Eine Gruppe wie die X-Men ist erst im Silver Age möglich. Im Golden Age gibt es das nicht, da wird dual gedacht, es gibt nur Gut und Böse, nur Helden und Schurken. Mit den Konflikten der Helden kann man aber viel differenziertere Geschichten erzählen und dies ist auch ein Vorteil des seriellen Erzählens, über das wir gesprochen haben: Alle Autor:innen und Künstler:innen reichern die Geschichten an und können ein neues Level an Komplexität einbringen. </em></p>
<h3><strong>Superheldinnen und antifeministischer Backlash</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprachen schon kurz das Gender-Thema an. Die hypertrophe Weiblichkeit haben wir beispielsweise auch bei Star Trek. Das fängt mit den Miniröcken in der Originalserie an und geht dann weiter mit dem Cat-Suit von Dianna Troi in „The Next Generation“, wird auf die Spitze getrieben mit der Figur der Seven of Nine in „Voyager“, die als Figur erst in „Picard“ von dieser Hypersexualisierung befreit wird, auch bei T’Pol in „Enterprise“, über die die männlichen Mitglieder der Crew dann schon so ihre anzüglichen Bemerkungen fallen lassen, wenn sie unter sich sind. Extreme Körperlichkeit, enger Anzug, aber Seven of Nine als ehemalige Borg oder T’Pol als Vulkanierin sind auch mit Superkräften, die Betazoidin Dianna Troi – übrigens auch T’Pol als Science Officer – ist mit besonderen intellektuellen Fähigkeiten ausgestattet. Diese Kräfte erkennt man nicht auf den ersten Blick. Die weiblichen Figuren bei Star Trek sind meines Erachtens oft näher an den Superheldinnen der Comics als die männlichen an den Superhelden. Hyptertrophe Männlichkeit beschränkt sich bei Star Trek auf die erotischen Eskapaden von Captain Kirk in der Originalserie und auf die Spezies der Klingonen.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die klassischen, also historischen Vorstellungen von Helden sind männlich kodiert. Weibliches Heldinnentum gibt es nicht sehr häufig und es ist anders kodiert, zum Beispiel Esther und Ruth in der Bibel, die Amazonen in ihrer Ambivalenz in der griechischen Sagenwelt. Ruth und Esther sind kein Simson, sie wirken nicht durch ihre Körperkraft, eher durch ihre Geschicklichkeit, auch durch Einsatz ihrer Weiblichkeit zum Zweck der Verführung. </em></p>
<p><em>Zu den Kernvorstellungen männlichen Heldentums gehören Mut, Opferbereitschaft, die Bereitschaft, bis zum Letzten zu gehen, aber auch körperliche Stärke. In den Superheldencomics ist dieser Aspekt natürlich auf den Gipfel getrieben: Die Muskelberge der männlichen Figuren gibt es in der Wirklichkeit kaum, vielleicht höchstens bei Body-Building-Wettbewerben. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Deshalb haben es auch Body-Building-Ikonen wie Arnold Schwarzenegger oder Ralf Moeller zu Filmstars gebracht in durchaus Comic-ähnlichen Produktionen. Das nur am Rande.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die weiblichen Figuren entsprechen stark den Vorstellungen, wie eine Frau zu einer bestimmten Zeit und in einem bestimmten Kulturkreis sein soll, in Superheldencomics nämlich sehr schlank, eben keine sichtbare Muskulatur, aber dennoch mit Superkräften versehen. Darüber hinaus sind die Merkmale von Heldinnen auch oft mit klassischen weiblichen Rollen verbunden, zum Beispiel mit Mutterschaft, im übertragenen Sinne als Verantwortliche, Sorgende für eine Gruppe oder gar – wie bei Esther und Ruth – für ein ganzes Volk. </em></p>
<p><em>Die ersten Superhelden waren Männer. Superman und Batman, Batman als „The Greatest Detective on Earth“, als düstere Nachtfigur, ein milliardenschwerer Visionär, der ein riesiges Labor hat. Man konnte sich zur damaligen Zeit nur sehr schwer eine weibliche Figur dieser Art vorstellen. Es gab eben nur eine Ausnahme, die erwähnte Wonder Woman von William Moulton Marston (auch sie allerdings nicht ein ‚genialer Denker‘ wie Batman). William Moulton Marston war selbst Psychologe. Er hat Wonder Woman explizit als komplementäre Kraft im Superheldengenre entworfen. Darüber habe ich im auch schon im ersten Teil erwähnten Aufsatz „Fantastische Rüstungen und kugelsichere Armbänder“ ausführlicher geschrieben. Marston war der Auffassung, dass Kriege eine Folge des von Natur aus gewalttätigen und ausbeuterischen Patriarchats seien. Eigentlich müsste die Menschheit laut ihm ‚natürlich‘ weiblichen Prinzipien gehorchen, das männlich-zerstörerische Prinzip müsste sich einer weiblichen liebenden und sorgenden Kraft unterwerfen. Marston fand also, man brauche ein Matriarchat. Dieses hat er mit der exklusiv weiblichen Gesellschaft der Amazoneninsel entworfen, ein soziales, umsorgendes Zusammenleben. Als Wonder Woman unter die Menschen kommt, ist sie von der zerstörerischen Kraft und Brutalität entsetzt und wird so eigentlich erst zur altruistischen Heldin, auch in der Doppelidentität als Krankenschwester Diana.</em></p>
<p><em>Marston war also extrem positiv gegenüber Frauen eingestellt, aber nicht in einer Art, die dem Mainstream des heutigen Feminismus entspricht. Er hatte eine biologistisch-essenzialistische Einstellung: Es gebe eben zwei Arten von Menschen und die weiblichen Organe könnten mehr Liebe speichern als die männlichen. Wonder Woman entwarf er, um zu zeigen, wie sich der Mann der Frau unterwerfen müsse und könne. Deshalb hat sie auch dieses vorhin kurz erwähnte Lasso, das „Lasso of Truth“, mit dem sie ihre Gegner bindet. In den ersten Comics gibt es zuhauf Unterwerfungsszenen, in denen die Männer gebunden werden und vor Wonder Woman knien. Und ihre Armbänder wehren die Kugeln der männlichen Gegner ab, sind also keine offensiven Waffen. </em></p>
<p><em>Wonder Woman ist für die Geschichte des Feminismus von Bedeutung. Sie war auch auf der ersten Seite des </em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ms._magazine_Cover_-_Fall_2007.jpg"><em>Ms. Magazine</em></a><em> zu sehen, ein legendäres feministisches Heft aus der sogenannten zweiten Welle des Feminismus in den Siebzigern, gegründet u.a. von Gloria Steinem. Die Herausgeber:innen wollten eigentlich ein anderes Sujet, aber fanden dann, dass Wonder Woman publikumswirksamer sei. Wonder Woman wurde gewählt, obwohl Marstons Feminismus seine alles andere als moderne Seite hatte. Sie war lange Zeit <u>die</u> bekannte weibliche Figur. Andere weibliche Figuren kamen hinzu, zum Beispiel Black Widow, eine verführerische Agentin, die wie viele andere weibliche Figuren zuerst mit klischeehaften Vorstellungen verbunden ist </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und später, im sogenannten Bronze Age der späteren Siebziger und Achtziger oder in der Gegenwarte?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>In den letzten Jahrzehnten hat sich das gesamte Comic-Genre sehr verändert. Die Creators und die Fan-Kulturen sind in ein langes Gespräch verwickelt, welche Werte eigentlich dargestellt werden sollen. In den 1980er Jahren gab es schon eine Bewegung gegen die sexistische Seite des Superheld:innengenres. Wir haben eben über Körperdarstellungen gesprochen. Das ganze Genre zeigt idealisierte Körper, aber die weiblichen zeigen die Schönheitsmerkmale, die ein vorgestellter männlicher Betrachter erwarten mag. Der sogenannte ‚männliche Blick‘ steht im Zentrum. Das wurde schon früh hinterfragt und es gab Comics, die solche Vorstellungen problematisierten. Ein solcher Comics ist „Watchmen“ von Alan Moore und Dave Gibbons, mit vom Staat angestellten Superheld:innen. Sehr stark wird thematisiert, dass die Heldinnen knappe Kostüme tragen müssen, sexy sein, dann sind sie noch Übergriffen der hypervirilen Männer ausgesetzt, die sich holen können was sie wollen. Das wird in „Watchmen“ kritisch betrachtet.</em></p>
<div id="attachment_5551" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5551" class="wp-image-5551 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_17049612385.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5551" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WonderCon_2015_-_Loki_and_Ms_Marvel_(17049612385).jpg">Loki and Ms Marvel, Wonder Con 2015</a>. Foto: William Tung. Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0" target="_blank" rel="noopener">Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0</a>.</p></div>
<p><em>In den letzten Jahren sind die Comics viel diverser geworden. Es gibt viele weibliche Figuren, auch nicht </em>weiße<em> Figuren. Zu nennen wäre zum Beispiel Kamala Khan, auch als </em><a href="https://api.pageplace.de/preview/DT0400.9783736738232_A33218843/preview-9783736738232_A33218843.pdf"><em>Ms. Marvel</em></a><em> bekannt, in Film und Fernsehen gespielt von Iman Vellani und als Comicfigur erschaffen unter anderem von Redaktorin Sana Amanat und Autorin G. Willow Wilson. Sie ist eine muslimisch-pakistanische, in Amerika geborene Superheldin. Sie hat ihre eigene Fernsehserie, die auch von einer Person of Color geschrieben wurde, von Bisha K. Ali. Diversität betrifft nicht nur die dargestellten Figuren, sondern auch die Frage, wer wo mitmachen darf, als Regisseurin, Autorin, Zeichnerin.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wäre meine nächste Frage. Wie sieht es mit weiblichen Creators aus?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die Beiträge von Frauen wurden im Superheld:innengenre lange marginalisiert. Andererseits arbeiteten schon zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs Frauen hinter den Kulissen, auch weil die Männer im Krieg waren. In den 1950er Jahren gab es wie in vielen Bereichen einen Backlash, Frauen wurden wieder zurückgedrängt. Das Genre war lange Zeit ein starker Boys Club. Frauen waren dann vor allem in Independent Comics, in den sogenannten Women’s Comics tätig. </em><a href="https://www.srf.ch/kultur/kunst/aline-kominsky-crumb-gestorben-sie-machte-die-frau-im-comic-sichtbar"><em>Aline Kominski-Crumb</em></a><em> („Wimmen’s Comix“) oder </em><a href="https://news.yale.edu/2024/09/13/cartoonist-bechdel-brings-lessons-curious-career-yale"><em>Alison Bechdel</em></a><em> sind bis heute bekannt, auch </em><a href="https://www.lambiek.net/artists/d/dimassa_diane.htm"><em>Diane DiMassa</em></a><em> mit ihrer Figur Hothead Paisan. Sie wäre ein Beispiel für einen Strip mit einer ganz eigenen Version des Superheld:innen-Genres. Aber das sind nicht die Leute, die bei den großen Superhelden-Verlagen sitzen. Heute gibt es allerdings eine ganze Reihe von aktiven Frauen im Genre, zum Beispiel die erwähnte G. Willow Wilson, Gail Simone, Marjorie M. Liu, Louise Simonson oder Kelly Thompson.</em></p>
<p><em>Die gesamte Diskussion, wer im Comic-Genre welche Rolle hat, bezieht sich inzwischen nicht mehr nur auf die Darstellung, sondern eben auch auf das Personal hinter den Kulissen. Mehrere Filme, die beiden Captain-Marvel- und die beiden Wonder-Woman-Filme sowie die Ms. Marvel-Serie, wurden maßgeblich von Frauen gestaltet. Es geht schon Hand in Hand, dass man nicht nur über kulturelle Repräsentation spricht, sondern auch über handfeste ökonomische Fakten und Machtdynamiken im Unterhaltungssektor. Das war nicht ganz einfach, denn einige Filme mit weiblichen Hauptfiguren sind noch zu Beginn der 2000er Jahre gefloppt, zum Beispiel „Cat Woman“ mit Halle Berry und „Elektra“ mit Jennifer Garner. Diese Misserfolge wurden immer darauf geschoben, dass das Publikum halt die bekannten </em>weißen<em> Männer wolle. Aber das änderte sich auch wieder, zuletzt etwa mit </em>Black Panther<em> mit zwei erfolgreichen Filmen voll mit nicht-männlichen und nicht-</em>weißen<em> Figuren (2018 und 2022). Offensichtlich toleriert das Publikum diverse Figuren nicht nur, sondern möchte sie dann doch auch sehen. Ein Muster solcher Diversität sind eben auch die X-Men. Das ist Teil des Konzeptes.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel: </strong>Haben die Verlage und Studios damit nachhaltig Erfolg?</p>
<p><em>Es ist schwierig zu sagen, welche Zukunft das Genre hat. Es gab zuletzt durchaus einen Einbruch mit Filmen, die bei Weitem nicht an die Erfolge der 2010er Jahre heranreichen konnten. Ich sehe schon kommen, dass auch das von Seiten der Studios wieder auf ‚zu diverse‘ Narrative zurückgeführt wird. Ich glaube nicht, dass das stimmt, denn der Einbruch hatte auch mit COVID und mit dem Aufstieg der Streaming-Services zu tun. Der Markt wurde eben geflutet, auch mit Produkten von zweifelhafter Qualität, und es gibt Ermüdungserscheinungen. Aber ich sehe schon kommen, dass das Nächste, was wir sehen, wieder eher die klassischen starken </em>weißen <em>Männer sein werden und das mutigere Projekte auf der Strecke bleiben.</em></p>
<h3><strong>Fragile Diversität</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich nenne als Gegenbild mein Lieblings-Franchise: Star Trek. Star Trek ist mit „Discovery“ und mit „Strange New Worlds“ fast schon hyperdivers. Es gibt nicht nur viele Frauen in führenden Positionen, auch viele Women of Color, schwule und lesbische Paare, Queerness in verschiedenen Varianten, Außerirdische in fast allen Positionen. Figuren wie Sylvia Tilly (in „Discovery“) oder Nyota Uhura (in „Strange New Worlds“) entsprechen in ihrem Aussehen auch ganz und gar nicht den hypersexualisierten Vorstellungen, die männliche Zuschauer so gerne pflegen. Die <em>weißen</em> Männer sind in beiden Serien eindeutig in der Minderheit, Christopher Pike ist als Captain der Enterprise und in der zweiten Staffel von Discovery als Captain der Discovery die Ausnahme.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>In den letzten zehn Jahren haben wir leider in vielen (wenn auch nicht allen) Fankulturen einen starken Backlash in Sachen Diversität erlebt. Star Trek scheint mir da eher eine Ausnahme, denn die Fankultur von Star Trek ist einfach offener – zumindest ist das mein Eindruck als Person, die nicht selber Teil der Fankultur ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Star Trek ist in meinen Augen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/its-imagination/">ein humanistisches Projekt</a>.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Da bist du nicht allein mit dieser Einschätzung unter den Fans. Bei Star Wars, bei Lord of the Rings, auch im gesamten Gaming-Bereich sieht das anders aus. Gerade im Gaming gab es einen heftigen Backlash mit regelrechten Hasskampagnen gegen eine inklusivere Kultur, sowohl auf Seiten der Schöpfer:innen von Games als auch in Sachen Inhalte (mehr dazu findet man unter dem Begriff GamerGate). Teile der Star Wars-Fankulturen sind in dieser Hinsicht auch geradezu toxisch. In der Star-Wars-Szene, in der Gaming-Szene, auch in der Comic-Szene gibt es leider auch heftige Verurteilungen jeglicher Diversitätsbestrebungen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In den Kontext passt auch die hohe Popularität, die Star Wars und Lord of the Rings in der Szene der neuen Rechten genießen. Da sind die Männer noch richtige Männer, Frauen kommen in der Regel gar nicht vor. In der Verfilmung von James Cameron wirkt Cate Blanchett als Galadriel eher als hübsches Beiwerk. Sie wird auf das Bild einer weiblichen Lichtgestalt reduziert, eine Art gute Fee.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ich bin völlig mit dir einverstanden. Lord of the Rings ist mit seinen Bezügen auf die nordischen Mythologien bei Neo-Konservativen und Rechten beliebt. Auch Thor mit seinem Hammer spielt da eine Rolle, man muss keine große Fantasie haben, um zu sehen, woher das kommt.</em></p>
<div id="attachment_5552" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5552" class="wp-image-5552 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/SDCC_15_-_Thor_19671916312.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5552" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:SDCC_15_-_Thor_(19671916312).jpg">Thor. San Diego Con 2015</a>. Foto: William Tung. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en">Attribution-Share Alike 2.0 Generic</a> licence.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Thor wird in den Avengers-Filmen meines Erachtens aber auch ironisch präsentiert, gerade in „Endgame“, wo er nach der Vernichtung der halben Erdbevölkerung durch Thanos in „Infinity War“ als dick gewordener und alkoholisierter Obdachloser wieder auftaucht. Klar aber auch, dass er wieder der Alte wird.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Auch diese ironische Darstellung kommt natürlich nicht bei allen gut an, mit guten Gründen – gerade progressivere Leute fanden es auch nicht sehr lustig, dass Thors Übergewicht und seine offensichtlichen psychischen Probleme hier als Witz dargestellt werden. Das ist natürlich eine andere Art Kritik als die von gewissen Menschen, die auf Diversitätsbestrebungen hoch aggressiv reagieren. Die Rechten haben wirklich gelernt, sich der Populärkultur zu bedienen und durch Gespräche über Populärkultur auch neue Leute anzuziehen. Dann äußern sich die AfD und sogar Putin zu der Debatte über J.K. Rowlings offen geäußerte transphobe Ansichten – in den Augen dieser Kräfte handelt es sich aber natürlich um eine völlig ungerechtfertigte ‚Cancel Culture‘ vonseiten der ‚Linken‘. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Die rechte Politik hat schon länger gemerkt, dass die Unterhaltungskultur mit ihren ungeheuer großen Fankulturen für sie interessant sein könnte – da kann man eben neue Leute ansprechen. Dann sehen sie Schwarze Menschen in Adaptionen von Tolkiens Werk und sagen, die gibt es doch bei Tolkien gar nicht, verteidigen ihn gegen eine behauptete ‚Verfälschung‘. Das ist ein kleiner Exkurs, aber auch das erlebt man im Superheld:innen-Genre, einen Backlash gegen alles, was „woke“ genannt wird. Breitbart News, die rechte Medienplattform aus den USA, war hier federführend: „Politics is downstream from culture“, war und ist die Losung, das heißt, man muss das kulturelle Feld und eben auch besonders die Populärkultur bearbeiten, um einer rechten politischen Wende den Boden zu bereiten. So greifen extrem rechte Akteure eben dann besonders beliebte Genres und Franchises auf, Star Wars, Lord of the Rings, die Superhelden:innen. Die heutige Diversität ist fragil. Meine vorsichtige, vielleicht auch pessimistische Prophezeiung für die Zukunft von Marvel und DC ist, dass es in den Studios manche geben wird, die rechte Diskurse und Kampagnen wahrnehmen und wirtschaftliche Einbrüche auf die vielen weiblichen Figuren, auf die Frauen in den Studios und auf die Diversität, die Persons of Color, die LSBTTI*-Szene etc. zurückführen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Frage liegt jetzt nahe: Wie divers ist Black Panther wirklich? In eurem Band habe ich in dem Beitrag von Lars Banhold die These gefunden, dass Black Panther eigentlich nicht mehr und nicht weniger als eine Reminiszenz des viktorianischen Blicks auf Afrika, also alles andere als ein emanzipativer Comic wäre.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: (lacht): <em>Wenn ich meinem siebenjährigen Neffen das Universum der Superheld:innen erklären muss, ist das immer etwas unangenehm. Tatsächlich ist vieles nur begrenzt ‚emanzipiert‘, wie man schön in der großen Marvel-Enzyklopädie sieht, die bei mir im Regal steht und die er gerne anschaut. Dazu gehört ein bestimmtes Schönheitsideal, schöne Frauen sind eben sehr oft </em>weiße<em> Frauen, Frauen, die nicht konventionell schön sind, sind keine Heldinnen, eine übergewichtige Person muss automatisch auch eine böse Person sein. Mit Diversität komme ich da nicht so weit. Das in Klammern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Noch schlimmer ist das bei Paw Patrol, alles süße Welpen. Wolfgang M. Schmitt hat in seiner <a href="https://www.youtube.com/watch?v=DB8G4Oxk7HA">Filmanalyse</a> Film und Serie mehrfach wunderbar auseinandergenommen. Eigentlich ist die Serie jugendgefährdend.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ich habe die Serie zwar noch nie gesehen, aber auch gehört, dass sie furchtbar ist, auch mit ihrer Tendenz zum Polizeistaat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Noch einmal zu Black Panther. Meines Erachtens ausgesprochen ambivalent. Die Kämpferinnen sind Frauen. Sieht also recht fortschrittlich aus, aber die Gesellschaft muss sich abschotten, um den Rohstoff Vibranium vor Ausbeutung zu schützen. Und die Darstellung Afrikas ist doch sehr merkwürdig.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Black Panther gibt es in den Comics seit den 1960er Jahren in sehr unterschiedlichen Versionen. In den letzten Jahren hat </em><a href="https://ta-nehisicoates.com/"><em>Ta-Nehisi Coates</em></a><em>, ein Journalist und Autor, der sich kritisch mit der Situation der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA auseinandersetzt,</em><em> noch einmal ganz andere Black-Panther-Versionen geschrieben. Wakanda ist natürlich ein ursprünglich von </em>Weißen<em> erschaffener Imaginationsraum und kann ein klischeehaftes Bild Afrikas spiegeln, aber in manchen Bereichen auch Gegenentwürfe darstellen, zum Beispiel über das außerordentlich hohe technische Niveau der dortigen Kultur. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch das Reich der Amazonen ist abgeschottet.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Das Reich der Amazonen ist eine Insel, während Wakanda mitten auf dem Kontinent liegt. Man kann sich auf differenzierte Weise mit der Idee von Wakanda auseinandersetzen: Warum haben wir in gewissen Black Panther-Erzählungen – ich formuliere bewusst klischeehaft – ein armes kolonialistisch ausgebeutetes Afrika, und dann haben wir das abgeschottete Wakanda, das nichts mit den anderen Ländern zu tun haben will? Es gibt in diesen Erzählungen – so beispielsweise </em><a href="https://scielo.org.za/pdf/it/n33/06.pdf"><em>Salim Washington</em></a><em>, der an der University of KwaZulu-Natal in Durban (Südafrika) forscht –wenig bis keine panafrikanische Solidarität, kritische Autor:innen wie </em><a href="https://africasacountry.com/2018/02/i-have-a-problem-with-black-panther"><em>Russel Rickford</em></a><em> fordern da etwas anderes. Die Comics der 1960er Jahre sind oft wohlwollende Vorstellungen von </em>Weißen<em> über einen Kontinent, von dem sie keine Ahnung haben – gut gemeint, schlecht gemacht. Die einen sehen dort die stolzen afrikanischen Kriegerinnen, die anderen sehen die ‚viktorianischen‘, konservativen, auch exotistischen Klischees und Idealvorstellungen, denen dieser fiktive Staat und seine Bewohner:innen auch zu genügen haben. </em></p>
<p><em>Ich finde an den Black Panther-Filmen und Comics der letzten Jahre interessant, dass die hinter den Kulissen tonangebenden Personen hauptsächlich Afroamerikaner:innen sind, und nicht Afrikaner:innen. In der afroamerikanischen Community gibt es eigene Vorstellungen von Afrika, eine Art Mythos des ‚Ursprungskontinents‘, der positive Repräsentationen wünschenswert macht. Afrikanische Stimmen äußern sich zu Black Panter dann auch wieder anders. Im afroamerikanischen Kontext wurde der Film oft gefeiert, als Beispiel für den sogenannten </em><a href="https://nmaahc.si.edu/explore/exhibitions/afrofuturism"><em>Afrofuturismus</em></a><em>, aber ich habe auch Essays primär von afrikanischen Autor:innen gelesen, die die Geschichte auseinandernahmen, zum Beispiel </em><a href="https://www.washingtonpost.com/news/global-opinions/wp/2018/02/26/black-panther-offers-a-regressive-neocolonial-vision-of-africa/"><em>Patrick Gathara</em></a><em>, </em><a href="https://kalaharireview.com/black-panther-wakanda-is-not-africa-de1f6699300f"><em>Uche Balogun</em></a><em>, </em><a href="https://jpanafrican.org/docs/vol11no9/11.9-special-2-Mokoena.pdf"><em>Dikeledi A. Mokoena</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Das zeigt natürlich auch, wie flexibel das Genre ist. Es wäre auch denkbar, dass ein Black-Panther-Film demnächst von einer afrikanischen Regisseurin gemacht wird, die wieder andere Vorstellungen einbringt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In eurem Reader habt ihr mehrere Texte zu arabischen und muslimischen Superhelden, zum indischen Spider-Man sowie zu „Black Superheroes“.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Der indische Spider-Man heißt Pavitr Prabhakar, klingt sehr ähnlich wie Peter Parker. </em><a href="https://americanstudies.as.virginia.edu/people/shilpa-dave"><em>Shilpa Davé</em></a><em> hat über ihn Folgendes geschrieben: „Den Helden indisch zu machen, bedeutet nicht unbedingt, den Menschen unter der Maske ethnisch in einen Inder zu verwandeln. Stattdessen wird das Kostüm verändert, um Indien zu repräsentieren. Das visuelle Bild von Spider-Man India befindet sich damit genau an der Grenze zwischen einer einfachen Übersetzung eines amerikanischen Produkts und der Transkreation einer Geschichte, die einen komplexeren kulturellen Austausch reflektiert.“ </em></p>
<p><a href="https://larsbanhold.wordpress.com/"><em>Lars Banhold</em></a><em> sieht in seinem Essay „Pink Kryptonite” sogar Superman als ‚diverse‘ Figur beschrieben, da er „der berühmteste Migrant der Comicgeschichte“ sei, „der sich in die fremdartigen Trachten seiner Heimat hüllt, den kryptonischen Sonnengott Rao anbetet und eine interspeziesistische Partnerschaft mit Lois Lane anstrebt, respektive sie vollzieht.“ Übrig bleibt dann nur folgender Antagonismus: „Der Archetyp, dem sonst der Superheld verpflichtet ist – der arrogante, wirtschaftlich und akademisch erfolgreiche, nur der eigenen Norm verpflichtete, ignorante, </em>weiße<em>, heterosexuelle Mann – kann für einen so gelesenen Superman entsprechend nur die Rolle des Erzfeindes erfüllen: Lex Luthor.“ </em></p>
<h3><strong>Jüdische Identitäten</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Superman als ‚diverser‘ Migrant – das bringt uns zur Frage, wer diese Comics überhaupt geschrieben hat. Die meisten Schöpfer von Superhelden-Figuren waren Juden.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ja, außer William Moulton Marston hatten unter den ersten Schöpfer:innen der Superheld:innen praktisch alle einen jüdischen Hintergrund. Das hat wohl verschiedene, auch sozio-ökonomische Gründe. Es war für Jüd:innen schwer, in den akzeptierten Bereichen des Journalismus und der Literatur Fuß zu fassen. Jüdische Menschen, die künstlerisch etwas erreichen wollten, hatten nur im Bereich der Unterhaltung oder des sogenannten ‚Trash‘ eine Chance, weil ihnen alles andere verschlossen war; damit hängt auch die jüdische Prägung der Filmindustrie von Hollywood zusammen. Das Genre der Superheldencomics ist kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs entstanden. Die Autoren (hier tatsächlich nur Männer) waren zumeist die Kinder osteuropäischer Einwandererfamilien, die alle verstanden, was sich durch den Nationalsozialismus in Europa zusammenbraute, und die teilweise um Familienmitglieder fürchteten. In solchen Zusammenhängen gibt es natürlich eine Sehnsucht nach Beschützerfiguren, die Recht und Ordnung sichern, nach einer Art Messiasfiguren.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Jüdischen Allgemeinen gab es mal einen wunderbaren Text im Religionsteil mit der Frage, ob der Messias auch eine Frau sein könnte. Als Bild hatte die Redaktion Gal Gadot als Wonder Woman gewählt. <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/superheldin-made-in-israel/">Gal Gadot</a> ist ohnehin in den jüdischen Communities und erst recht in Israel sehr populär, nicht zuletzt auch weil sie gerne ihre Zeit als Soldatin hervorhebt.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Ausgerechnet! Sie ist ja die einzige bis heute populäre Ausnahme aus dem Golden Age, denn Wonder Woman wurde eben nicht von einem jüdischen Creator erfunden. </em></p>
<p><em>Superman hingegen ist wirklich eine Art Messias-Figur; in seiner Geschichte gibt es Parallelen zur Bibel. Seine Eltern legen ihn wegen der Bedrohung des Planeten in ein kleines Raumschiff, das sie auf einen langen Weg durchs Weltall schicken. Das ist eine Variation der Moses-Geschichte. Sein kryptonitischer Name ist Kal-El, hebräisch „Stimme Gottes“. In Interviews haben sich allerdings viele der Autor:innen und Zeichner:innen des Golden Age dagegen gewehrt, dass sie bewusst jüdische Kontexte thematisiert hätten. Vielleicht war auch manches unbewusst. Da kommen wohl sozio-ökonomische Kontexte mit einer Mentalitätsgeschichte zusammen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Wie sieht es mit explizit jüdischen Figuren aus?</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Jüdische Identität wurde in den Anfangszeiten des Superhelden-Genres eben kaum dargestellt. Viele der ersten Superhelden entsprechen mehr oder weniger dem Bild eines weißen ‚Idealamerikaners‘, allen voran Captain America. Jüdische Identität im US-Amerika des 20. Jahrhunderts ist ohnehin umkämpft: Zentral für die US-amerikanische Gesellschaft ist die „color line“. Die Bevölkerung wird durch die Geschichte der Sklaverei bis in die Gegenwart in Schwarz und ‚weiß‘ unterschieden. </em></p>
<p><em>Whiteness ist eine privilegierte und vermeintlich unmarkierte Normalität, die default-Position, „American“ steht im Gegensatz zu „African American“, „Mexican American“ oder „Jewish American“. Jüdische Identität bewegt sich immer im Spannungsfeld dieser Fragen – Juden:Jüdinnen gehörten im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht klar zu den Weissen oder den People of Color, die Zuschreibungen waren umstritten. Noch heute stehen sie – eine übrigens in sich sehr vielfältige Gruppe, von den mittel-, nord- und osteuropäisch-stämmigen Aschkenasim über die iberisch geprägten Sephardim bis hin zu den Mizrachim mit ihren Wurzeln im Nahen Osten, in Asien und Afrika – in den Augen gewisser Menschen irgendwo dazwischen, wie sich zum Beispiel an der Rolle zeigt, die ihnen im Rahmen von rassistischen und antisemitischen Verschwörungserzählungen wie dem „Großen Austausch“ („grand remplacement“ oder „Great Reset“) zugeschrieben wird, als Agent:innen einer ‚Unterwanderung‘ der vermeintlich ‚weißen‘ Nationen durch People of Color. </em></p>
<p><em>Es gibt einige Literatur zum Verhältnis jüdischer Identität und Whiteness beziehungsweise Color in US-Amerika (zum Beispiel </em><a href="https://anthro.ucla.edu/person/karen-brodkin/"><em>Karen Brodkin</em></a><em>, How Jews Became White Folks and What That Says About Race in America, 1998, </em><a href="https://afamstudies.yale.edu/people/matthew-jacobson"><em>Matthew Frye Jacobson</em></a><em>, Whiteness of a Different Color. </em><em>European Immigrants and the Alchemy of Race, 1999, </em><a href="https://history.emory.edu/people/bios/faculty-bios/goldstein-eric.html"><em>Eric Goldstein</em></a><em>, The Price of Whiteness – Jews, Race, and American Identity, 2006). </em><em>Goldstein schrieb, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Amerikas habe Weißsein im 19. und 20. Jahrhundert als Wunschbild gegolten, das man in der Hoffnung erreichen wollte, dass Diskriminierung so ende und der soziale Aufstieg beginne: „Jews negotiated their place in a complex racial world where Jewishness, whiteness, and blackness have all made significant claims on them.“ So sind die ‚hyperweißen Cowboys‘ aus den Anfangszeiten des Genres wohl als Versuch zu werten, sich selber quasi ‚weiß‘ zu schreiben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ab wann gibt es nicht mehr nur ‚hyperweiße‘ Figuren auf der Heldenseite?</p>
<div id="attachment_5554" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5554" class="wp-image-5554 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Fantastic_Four_Cosplays.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5554" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fantastic_Four_Cosplays.jpg">Fantastic Four Cosplay. Dragon Con 2011</a>. Foto: Greyloch. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/2.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.en">Attribution-Share Alike 2.0 </a> .</p></div>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Im Silver Age treten Figuren mit anderem Aussehen auf. Ben Grimm kann sich als einziger der Fantastic Four nicht wieder von The Thing in den Menschen Ben Grimm rückverwandeln. Er ähnelt in seiner superheldischen Version der jüdischen Figur des Golem. Len Wein und John Buscema schufen 1974 die Comicfigur „The Golem“, in der sie ausdrücklich jüdische Mythologie verarbeiteten. 1975 erschien ein Comic „Marvel The Two in One presents The Thing and The Golem”; auch wenn Grimm dort weder explizit als jüdisch noch als Golem gezeigt wird, werden die beiden Figuren also miteinander in Beziehung gesetzt. </em><em>The Thing werden folgende Worte in den Mund gelegt: „I’ve been a monster a lot longer than yer pal here, an’ people ain’t yet stopped ta realize that I’m still a man inside this shell – an’ if the Golem here wakes up again, I think he’s gonna find the same thing goes for him!”</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel:</strong> Aber es gibt ja einige ausdrücklich jüdische Figuren. Wir haben Magneto aka Erik Magnus Lehnsherr, und auch bei Ben Grimm aka The Thing aus den Fantastic Four wird das Jüdische immerhin nach 30 oder 40 Jahren ausdrücklich in den Comics behandelt.</p>
<p><strong>Joanna Nowotny</strong>: <em>Magneto ist eine der ersten explizit jüdischen Figuren. Er erhält seine jüdische Geschichte als Überlebender der Shoah 1981. Diese Geschichte wird als Ursache seiner Radikalisierung dargestellt, sie macht ihn ‚zum Monster‘, das zum Schutz der eigenen Gruppe (hier die X-Men, nicht Juden:Jüdinnen) viele Opfer in Kauf nimmt, eine höchst ambivalente Darstellung jüdischer Identität. Jüdische Themen kommen ansonsten vor 2000 explizit nur selten vor, sie müssen hineingelesen werden. 2018 darf Ben Grimm aka The Thing dann aber unter der Chuppa heiraten und das obligatorische Glas zertreten. In den letzten Jahrzehnten gab es mehr ausdrücklich jüdische Figuren, zum Beispiel Batwoman (Kate Kane), Billy Kaplan oder Kate Pryde. Auch das Teil einer zunehmenden Diversität im Genre – hier ist eine Gruppe und Kultur, die das Genre hinter den Kulissen entscheidend prägte, endlich auch auf den Comicseiten präsent.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2024, Internetzugriffe zuletzt am 2. Dezember 2024. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jerry_Siegel_1943.jpg">Jerry Siegel 1943 während seines Dienstes in der US-Army auf Hawaii</a>, Foto: US Army. Collection of Steve Soboroff &#8211; ein Sammler von Schreibmaschinen. Wikimedia Commons.)</p>
</div></div></div></div></div>
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