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	<title>Gewalt Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Was von der Mitte übrigbleibt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2026 04:55:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was von der Mitte übrigbleibt Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert „Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Was von der Mitte übrigbleibt</strong></h1>
<h2><strong>Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert</strong></h2>
<p><em>„Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.“ </em>(Karl Marx, Der 18te Brumaire des Louis Napoleon, 1852, in: MEW 8)</p>
<p>Karl Marx (und Friedrich Engels) waren im 19. Jahrhundert vielleicht die originellsten Analytiker politischer Entwicklungen, mit einem gewaltigen Touch von Ironie und mitunter ätzendem Sarkasmus. „Der 18te Brumaire des Louis Napoleon“ beginnt mit einem ihrer meistzitierten Sätze, den Marx bei Hegel gefunden haben will, dass sich alles in der Weltgeschichte zwei Mal ereigne, zunächst als <em>„Tragödie“</em>, ein zweites Mal als <em>„Farce“</em>. Aber es wäre wenig dialektisch gedacht zu hoffen, die <em>„Farce“</em> könne sich nicht wieder selbst zu einer <em>„Tragödie“</em> auswachsen, zumindest jedoch zu einem deprimierenden Trauerspiel. Fehleinschätzungen der Verhältnisse und nicht zuletzt ihrer selbst vermögen die guten Absichten derjenigen, die die Geschichte zum Guten wenden wollen, dermaßen behindern, dass mit der Zeit wiederum eine Tragödie folgt, der – um im Bild zu bleiben – irgendwann wieder eine Farce folgt. Aber der Teufel kommt nie zwei Mal durch dieselbe Tür und so komisch er unseren sich objektiv und rational wähnenden Sinnen erscheinen mag, bleibt er der Apostel der Zerstörung, etwa so wie der Clown „Pennywise“ in Stephen Kings Roman „It“, der schon in seinem Namen <em>„Tragödie“</em> und <em>„Farce“</em> zugleich spiegelt, darin durchaus vergleichbar mit den MAGA-Trompetern dieser Welt.</p>
<h3><strong>Eine Art „Newspeak“</strong></h3>
<p>Läse man den „18ten Brumaire“ ohne Wissen über Autor und Zeit, ließe sich vermuten, es handele sich um eine Analyse der politischen Entwicklungen im ersten und beginnenden zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts. Louis (Napoleon) Bonaparte erschiene als eine Art früher Trump, der wiederum als Wiedergänger der <em>„falschen Propheten“</em> erscheint, die weniger erfolgreich, aber in Sache und Methode vergleichbar agierend, von Leo Löwenthal in seiner 1949 erschienenen Schrift „Prophets of Deceit – A Study of the Techniques of the American Agitator“ (eine deutsche Aufgabe ist unter dem Titel <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/leo-loewenthal-falsche-propheten-t-9783518587621">„Falsche Propheten“</a> bei Suhrkamp lieferbar) beschrieben wurden. Aber auch seine Gegner hat Karl Marx gut getroffen: Sie halten sich für die Guten, aber leider haben sie recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Gute wäre und wie man es durchsetzen könnte, sodass sie sich viel zu oft untereinander bekämpfen anstatt sich gemeinsam gegen den autoritären Clown zu positionieren, der es geschafft hat, auch noch in einer Art Orwell’schem <em>„Newspeak“</em> all die Begriffe zu okkupieren, die ihnen lieb und teuer sind. Die vermeintlich Guten – so Karl Marx – entmachten sich selbst: <em>„Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf, die ‚bürgerliche Ordnung‘ sicherzustellen. Aber die Stärke dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß sich daher als Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete in diesem Sinne. Er ist jedoch nur dadurch etwas, daß er die politische Macht dieser Mittelklasse gebrochen hat und täglich von neuem bricht.“</em></p>
<p>Die demokratischen Parteien unserer Zeit klopfen sich gerne selbst auf die Brust, weil doch sie die <em>„Mitte“</em> der Gesellschaft darstellen, die Konservativen unter ihnen gerne als <em>„bürgerliche Mitte“</em>. Vertreter sich eher links wähnender Parteien mögen das Attribut <em>„bürgerlich“</em> scheuen, doch belegt ihr Verhalten, dass sie sich durchaus in einem <em>„bürgerlich“</em> charakterisierbaren Milieu bewegen, das gleichermaßen Bürgerlichkeit im Sinne von Citoyen und Bourgeois erfasst. Doch diese gemütliche <em>„(bürgerliche) Mitte“</em> der Politik ist bedroht, zumal die Gegner – siehe <em>„Newspeak“</em> – sich ebenfalls als <em>„Mitte“</em> bezeichnen und dies auch noch mit der Kombination <em>„Deutschland, aber normal“</em> mit all den traditionellen Familienwerten verbinden, denen sich in fast allen Gesellschaften die jeweiligen Mehrheiten mehr oder weniger verbunden fühlen.</p>
<p><em>„Mitte“</em>,<em> „Bürgerlichkeit“</em>,<em> „Familie“</em>, <em>„Normalität“</em> – all diese Begriffe spiegeln diffuse Gefühlswerte. In der <a href="https://aktuell.uni-bielefeld.de/2025/11/06/mitte-studie-sorge-ueber-zunahme-von-rechtsextremismus/">Bielefelder Mitte-Studie 2025</a> sprach Co-Leiter <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=112507">Andreas Zick</a> diese Unschärfen offen an: <em>„Das Mitte-Modell bietet eine Orientierung. Es fordert die Gesellschaft auf, sich zu öffnen und alle Menschen einzubeziehen. Es verpflichtet die Politik, konsensfähig zu sein. Die ‚Mitte‘ kann verbinden und eine ausgleichende Kraft entfalten. Doch sie läuft Gefahr, demokratiefeindliche Tendenzen zu übersehen.“ </em>Andreas Zick verweist auf die bekannten Wahlergebnisse der letzten Jahre: <em>„Der Niedergang der großen Volksparteien und der Aufstieg kleinerer Parteien spiegeln dies wider.“ </em>Eine Antwort auf diese Entwicklung haben die vormals großen <em>„Volksparteien“</em> bisher nicht gefunden, sofern es sie überhaupt auch geben mag.</p>
<h3><strong>Binäre Koordinaten der Politik</strong></h3>
<p>In meiner Vorstellung der Bielefelder Mitte-Studie 2025, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">„Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!“</a> habe ich versucht, die sogenannte <em>„Mitte“</em> in einer dreidimensionalen Matrix zu verorten: <em>„Auf und Ab statt Rechts und Links“</em>. Die dritte Dimension erschien im Titel in der Formel <em>„Rein oder raus?“</em> So entstehen drei binär klingende, aber in ihrem Zusammenklang alles andere als binär zu verstehende Koordinaten, in denen sich die politischen Debatten unserer Zeit bewegen: Rechts und Links, Oben und Unten, Innen und Außen. <em>„Mitte“</em> wird dann zu einem Punkt in dieser dreidimensionalen Matrix. Von der oft beschworenen <em>„breiten Mitte“</em>, die so manche Partei gerne vertreten würde, kann dann nicht mehr die Rede sein. Das ist das Ende der sogenannten <em>„Volksparteien“</em>. Diese verstanden sich als Catch-All-Parteien, versäumten es jedoch, das Verbindende zwischen verschiedenen Interessen, Milieus und Bevölkerungsgruppen zu betonen.</p>
<p>Catch-All-Strategien funktionieren nur noch bei Oppositionsparteien wie der AfD, die das Verbindende jedoch nicht in einer positiven, sondern einer Botschaft inszenieren, indem sie bestimmte Akteure als verantwortlich für alles Unheil markieren, das ihre potenziellen Wähler:innen beklagen. Dem einen gefällt dieses nicht, dem anderen jenes und jemand drittem wiederum etwas anderes nicht. Sie alle, rechts wie links und in der <em>„Mitte“</em>, eint eine Unzufriedenheit, die die bekannten Umfragen mit ihrer Frage nach der Zufriedenheit der Bürger:innen gar nicht erfassen. Von linker Seite würde man vielleicht jetzt eine fundamentale Kapitalismuskritik erwarten, doch zumindest die politischen Akteure scheinen sich dies kaum zu trauen. Von rechter Seite ist das einfacher. Die Propagandisten der rechtspopulistischen Catch-All-Opposition benennen Verantwortliche für alles, was sie für einen Missstand halten, wahlweise <em>„die Altparteien“</em>, <em>„links-grüne Wokeness“</em>, <em>„Globalisten“, „Kommunisten“ </em>und<em> „Sozialisten“, </em>zu denen auch Konservative wie in Deutschland CDU und CSU gezählt werden, letztlich die mit <em>„Invasion“</em> drohenden Migranten. Und wenn es nicht so ganz gelingt, all diese Feindbilder als ein in sich geschlossenes Feindbild zu vermitteln, bleibt die Anprangerung von angeblich hinter diesen Feindbildern stehenden steuernden Akteuren. Letztlich landet diese Strategie oft bei einer Spielart von Antisemitismus, obwohl man gleichzeitig behauptet, man wäre doch in Wirklichkeit die Partei, die Juden – von Jüdinnen ist in der Diktion in der Regel nicht die Rede, siehe <em>„Genderwahn“</em> – am entschiedensten unterstützten, indem man alle Migranten zur <em>„Remigration“</em> treibe. Wenn man denn bald nur regieren würde! Um ein Regierungsprogramm geht es dabei nicht, man inszeniert sich als die bestehenden Verhältnisse an sich zerstörende Bewegung.</p>
<p>Anarchische <em>„Pose“</em> und Fundamentalkritik alles Bestehenden passen gut zusammen. Dazu braucht man keine Theorie. Philip Manows sieht – rechts wie links – einen Primat der Bewegung, in der es nicht unbedingt um Parteien geht. Vielen fehlt jedoch die Galionsfigur, die sie an die Macht bringen könnte. Insofern ist es schwer, beispielsweise die AfD und ihr Um- und Vorfeld diverser Neonazi-Kameradschaften und Kleinparteien voneinander zu trennen. Das schafft die Partei selbst schon nicht und die Frage drängt sich auf, ob es sich bei ihr überhaupt um eine Partei handelt. Auf der linken Seite ist diese Trennung zwischen Parteien und Umfeld noch weitgehend intakt, doch scheint sie langsam aufzuweichen, wo linksextreme Radikale wie beispielsweise die von Danger Dan in „Keine Angst“ namentlich hervorgehobenenen Mitglieder der „Hammerbande“ in linken Kreisen als legitime Widerstandsgruppen begrüßt werden. Es gab in den 1970er Jahren eine Zeit, in der manche Linke die RAF-Terrorist:innen für Genoss:innen hielten. Ähnlich verhält es sich mit der in manchen linken, sich antikolonialistisch wähnenden Kreisen gepflegten Scheu, den Terror der Hamas vom 7. Oktober 2023 als das zu bezeichnen, was er ist: eben Terrorismus.</p>
<h3><strong>Eigentlich nichts Neues</strong></h3>
<p>Linke Parteien und Gruppierungen stellen die Menschen- und Bürgerrechte von Frauen, Migrant:innen und anderen von der rechten Seite angegriffenen Gruppen der Bevölkerung in den Vordergrund ihrer Programmatik und ihres Handelns. Gerd Koenen hat in seinem Monumentalwerk „Die Farbe Rot – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ (München, C.H. Beck, 2017) jedoch dokumentiert, dass die Herausbildung eines proletarischen Selbstbewusstseins in den 1860er und 1870er Jahren keineswegs mit der Akzeptanz von Migration und Frauenrechten einherging: <em>„Generell wurde gerade von den gewerkschaftlich Organisierten die Fabrikarbeit der jungen Frauen als Konkurrenz gesehen, die mit einiger Gehässigkeit verfolgt wurde. Ähnliches galt auch für die sozialistischen und ‚klassenbewussten‘ französischen Syndikalisten dieser Jahre. Von Feindseligkeit geprägt waren schließlich fast immer die Trennlinien, die gegenüber den Arbeitsmigranten gezogen wurden, so den Iren in England oder den Belgieren in Nordfrankreich.“ </em>Diese Skepsis zog sich durch die Geschichte der sozialdemokratischen und sich <em>„links“</em> von ihr positionierenden Bewegungen und Parteien, auch in der sogenannten 68er-Bewegung. In den USA dauerte es beispielsweise bis in die 1960er Jahre, dass irische, polnische, italienische Zuwanderer:innen – durchaus ein Nebeneffekt der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung – als <em>weiße</em> anerkannt wurden.</p>
<p>Christina von Hodenberg hat in <a href="https://www.chbeck.de/von-hodenberg-achtundsechzig/product/22346696">„Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“</a> (München, C.H. Beck, 2018), insbesondere im fünften Kapitel „Achtundsechzig war weiblich“, dokumentiert, dass die westdeutsche 1968er-Bewegung in erster Linie eine männliche Bewegung war, in der es Frauen mehr als schwerfiel, sich zu positionieren. Welche Rolle der Arbeitskreis Emanzipation spielte und wie er selbst in <em>„linken“</em> Kreisen angefeindet wurde, weiß heute kaum noch jemand: <em>„Die Erinnerung an das weibliche 1968 war längst in eine Nische gedrängt worden und fand nur noch in den Publikationen der Universitäts-Gleichstellungsbeauftragten und der lokalen Frauenhistorie statt.“ </em>Wer kennt noch Helke Sander und Sigrid Damm-Rüger, die am 13. September 1968 bei einem SDS-Kongress in Frankfurt am Main Tomaten auf <a href="https://krahl-seiten.de/">Hans-Jürgen Krahl</a> warfen? Christina von Hodenberg hatte mit der Tochter von Sigrid Damm-Rüger gesprochen, die ihr erzählte, dass sie <em>„erst am Tag der Beerdigung von der ‚Bedeutung meiner Mutter für die neue Frauenbewegung‘ erfuhr (….).“</em> In SDS-Kreisen war es durchaus üblich, dass die Männer agitierten und die Frauen die Schnittchen schmierten. Das Frauenthema war eben nur <em>„Nebenwiderspruch“</em>, wenn überhaupt. Immerhin gibt es inzwischen immer wieder einmal in den Medien einen <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-befreiende-tomatenwurf-von-1968-beginn-der-neuen-100.html">Beitrag über den Tomatenwurf</a>.</p>
<p>In den 2020er Jahren würde man eher von <em>„Identitätspolitik“</em> sprechen, in der es nicht nur um Frauenrechte, sondern auch die Rechte verschiedener Minderheiten geht, doch die Linie der Widerstände von <em>„links“</em> dagegen reicht bis hin zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, die diese in ihrem Buch „Die Selbstgerechten – Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ (Frankfurt am Main, Campus, 2021) ausführlich festhielt. Der migrationsfeindliche Kurs des von Sahra Wagenknecht gegründeten BSW passt ebenso in diesen Kontext. Ihre Kritik an jedweder <em>„Identitätspolitik“</em> wurde auch in breiten konservativen Kreisen geschätzt. Es ließe sich vielleicht sogar sagen, dass „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin (2011) und „Die Selbstgerechten“ (2021) mit ihren Verkaufszahlen belegen, dass eine liberale und offene Gesellschaft in den vergangenen 15 Jahren für viele Wähler:innen beziehungsweise Bürger:innen immer weniger attraktiv wurde. Dem BSW ist es nicht gelungen, die Zustimmung zu ihren Thesen in stabile und wachsende Wahlerfolge zu überführen, der AfD gelingt dies offensichtlich gut, vielleicht, weil es ihr glaubwürdig gelingt, ihre Gegner außerhalb ihres eigenen Milieus zu verorten, während das BSW als Teil des Milieus wahrgenommen wird, das es eigentlich kritisiert.</p>
<h3><strong>Kampf zwischen Gut und Böse</strong></h3>
<p>Die gängige Metapher für solche sprachlichen wie politischen Wirren ist die <em>„Spaltung“</em> der Gesellschaft. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer Studie <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) jedoch festgestellt, dass es mehr <em>„Konsens“</em>, mehr Verständigungspotenziale in der Gesellschaft, weniger <em>„Konflikt“</em> gibt als Akteure der Politik und der Medien zu denken scheinen. Mau, Lux und Westheuser sprechen von <em>„Arenen“</em>, in denen sich die <em>„Konflikte“</em> in unserer Gesellschaft abspielen und die oft höchst emotionale Reaktionen <em>„triggern“.</em> Sie beschreiben die <em>„verteilungspolitische Oben-Unten-Arena“</em>, die <em>„migrationspolitische Innen-Außen-Arena“</em>, die <em>„identitätspolitische Wir-Sie-Arena“</em> und <em>„umweltpolitische Heute-Morgen-Arena“. </em>Die Studie ist inzwischen etwa drei bis vier Jahre alt, aber auch aktuelle Themen der Politik lassen sich in die vier <em>„Arenen“</em> einordnen. Die anstehenden Rentenreformen gehören zum Beispiel in die <em>„Heute-Morgen-Arena“</em>, die Gesundheitsreform in die <em>„Oben-Unten-Arena“</em>, Fragen der inneren und äußeren Sicherheit in die <em>„Innen-Außen-Arena“</em>. Natürlich gibt es auch Überschneidungen, so können Umwelt- und Klima-Themen sehr schnell auch in eine <em>„Oben-Unten-Arena“</em> geraten, wenn es um Protestformen wie die der Letzten Generation geht, auch eine <em>„Wir-Sie-Arena“</em>.</p>
<p>Mau, Lux und Westheimer sprechen von <em>„affektiver Polarisierung“</em> als Folge unbearbeiteter Konflikte. Letztlich landen politische und mediale Debatten immer wieder in binären Strukturen, denn das macht es offenbar vielen Bürger:innen leichter, Politik zu ertragen. Pro und Contra wird in binären Gegensätzen verortet: <em>„Triggerpunkte sind neuralgische Stellen, an denen besonders aufgeladene Konflikte aktiviert werden. Wir arbeiten heraus, dass das Auftreten starker Pro- und Kontra-Reaktionen an typische Beweggründe geknüpft ist, wozu etwa wahrgenommene Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstöße, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen gehören.“</em></p>
<p>Populistische Parteien haben ein Gespür dafür, diese Strukturen für sich zu nutzen und sich selbst als das eine Ende und alle anderen als das andere Ende einer binären Skala zu inszenieren, die letztlich eine Skala von <em>„Gut“</em> und <em>„Böse“</em> ist. Die Benennung eines ultimativen (End-)Gegners funktioniert zur Bestätigung der eigenen Rechtschaffenheit: Das Böse, das für Rechtspopulist:innen schlichtweg alle Migrant:innen verkörpern, sehen viele Linkspopulist:innen in Israel. Beim Antisemitismus landen letztlich beide Seiten. Bisher hat sich diese antiisraelische Linie bei der Linken nicht durchsetzen können, aber die hohe Zahl junger neuer Mitglieder könnte ihr eine Mehrheit verschaffen. Dabei könnte es auch eine Rolle spielen, dass es bei der Linken inzwischen mehr Mitglieder aus dem Westen gibt als aus dem Osten. In den USA hat sich eine solche Entwicklung schon etabliert und spielt bei den Vorwahlen der Demokraten für die anstehenden Kongress- und Senatswahlen eine Rolle. Christina Morina beschreibt in <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131">„Das amerikanische Beben – Erfahrungen und Konsequenzen für die deutsche Demokratie“</a> (München, Siedler, 2026), wie sie bei einer von ihr mitorganisierten Demonstration gegen Trump erleben musste, dass sich Teilnehmer:innen lautstark an die Spitze des Demonstrationszugs setzten und diesen in eine Demonstration gegen Israel umfunktionierten. Sie gab ihre Ordnerbinde ab. Welche inneren Konflikte in der Linken und in linken Milieus ausgefochten werden, haben die Autor:innen des von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel herausgegebenen Bandes <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/trigger-warnung-identitaetspolitik-zwischen-abwehr-abschottung-und-allianzen/">„Triggerwarnung – Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“</a> (Berlin, Verlag, 2019, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-alle-sind-opfer/">im September 2019 im Demokratischen Salon besprochen</a>) im Detail aufgelistet. In ihrem Schlusswort halten die Herausgeber:innen fest: „Die Einteilung der Welt in Gut und Böse dient vermutlich vor allem dem <em>Zweck der eigenen Orientierung in einer als zunehmend komplex erlebten Welt. Der Zweck heiligt aber nicht die Mittel.“ </em></p>
<p>Philip Manow spricht nicht von <em>„Arenen“</em>, sondern von <em>„Spaltungslinien“</em>, zuletzt explizit in seinem Buch <a href="https://www.chbeck.de/manow-spaltungslinien/product/40247852">„Spaltungslinien – Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats“</a> (München, C.H. Beck, 2026). Philip Manow stützt seine Analysen auf Daten des <a href="https://www.chesdata.eu/">Chapel Hill Expert Survey</a>. Der Titel des zweiten Kapitels <em>„À la recherche du centre perdu“ </em>suggeriert, dass manche nach wie vor glauben, es könnte vielleicht doch wieder eine Rückkehr in eine vergangene, mehr oder weniger glorreiche Zeit geben, in der <em>„rechte Arbeiterklasse gegen linkes Bürgertum“</em> stünden, eine Annahme, die im Titel des ersten Kapitels schon wieder zur Illusion erklärt wird: <em>„linkes Bürgertum gegen rechte Arbeiterklasse“</em>. Das zentrale politische Ereignis in Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu“ war die Dreyfus-Affäre. In dieser ging es im Wesentlichen um die Frage, welche Position Juden im herrschenden Bürgertum haben dürften und welche nicht. Die Lage der <em>„Arbeiterklasse“</em> spielte darin keine Rolle, aber der Gedanke der <em>„Mitte“</em> sehr wohl, auch wenn es damals noch nicht so genannt wurde. Es gibt eben nicht nur den Konflikt zwischen angenommenen <em>„Rändern“</em> beziehungsweise innerhalb der linken Szene, sondern auch einen Konflikt innerhalb der bisherigen <em>„Mitte“</em> um deren zukünftige Positionierung, der dadurch verschärft wird, dass sich manche Konservative von der scheinbaren <em>„Bürgerlichkeit“</em> der rechtspopulistischen Seite verführen lassen.</p>
<p>Philip Manow bezieht sich mit Recht auf das Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/merz/hardcover/9783550204005">„Merz – Auf der Suche nach der verlorenen Mitte“</a> von Mariam Lau (Berlin, Ullstein, 2025). In der Tat ist Friedrich Merz einer der prominentesten Verfechter einer klassisch <em>„bürgerlich“</em> beziehungsweise <em>„konservativ“</em> konnotierten Rechts-Links-Opposition, die sich zugleich klar von rechts- wie linkspopulistischen Positionen fernhält. Seinem Traum gab er eine Farbe, als er und sein damaliger Generalsekretär sich bei der Vorstellung des neuen Corporate Design im Auftritt der CDU ausdrücklich auf Rhöndorf und Cadenabbia, zwei wichtige Orte im Leben Konrad Adenauers bezog, der für eine Zeit stehen mag, in der CDU und SPD mit in der Regel deutlich über 30, sogar oft genug über 40 Prozent liegenden Wahlergebnissen diese Rechts-Links-Opposition verkörperten. Mit den Wahlergebnissen der letzten Jahre verschwand jedoch die Illusion, es gäbe so etwas wie eine die Gesellschaft als Konsens-Gesellschaft stabilisierende <em>„Mitte“</em>. Letztlich ist <em>„Mitte“</em> inzwischen eher eine Metapher für Stabilität, Wohlstand, Zufriedenheit und die Überzeugung, man vertrete ein moralisch attraktives <em>„Modell Deutschland“</em> (so die SPD im Wahlkampf 1976) oder handele schlichtweg <em>„Aus Liebe zu Deutschland“</em> (so die CDU 1976, allerdings mit dem polarisierenden Zusatz <em>„Freiheit oder Sozialismus“</em>). <em>„Mitte“</em> war damals schon vor allem ein Gefühl, das sich mit manchen Begriffen einfach triggern ließ.</p>
<h3><strong>Warum Arbeiterparteien die Arbeiter:innen verlieren</strong></h3>
<p>Mit der Opposition zwischen <em>„Links“</em> und <em>„Rechts“</em> löste sich zugleich die Opposition von <em>„Oben“</em> und <em>„Unten“</em> auf, auch wenn die jeweilige <em>„Arena“</em> bestehen bleibt. Die SPD, die sich traditionell als Vertretung der <em>„Arbeiterklasse“</em> verstand, musste erleben, dass sich diese – sofern man heute überhaupt noch von einer <em>„Arbeiterklasse“</em> sprechen kann – immer mehr von ihr entfernte, sogar dazu neigte, reaktionäre Kräfte in die Parlamente zu wählen. Karl Marx würde vielleicht angesichts der ideologischen Leere ehemaliger Arbeiterparteien von einer Art Lumpenproletarisierung in der Politik sprechen, die ehemalige wie vermutete Angehörige der <em>„Arbeiterklasse“</em> einer rechtspopulistischen Partei in die Arme treibe. Hillary Clinton fasste eine solche Vermutung – natürlich ohne Marx-Bezug – in ihre Beschimpfung der Trump-Wähler:innen als <em>„deplorables“</em>. Man könnte dieses Argument auch umdrehen und die Visionslosigkeit von Parteien wie den US-amerikanischen Demokraten und vieler europäischer sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien als den Hauptgrund solcher Wählerwanderungen benennen, sollte aber auch darüber nachdenken, dass viele der ursprünglich durch den Einfluss der Sozialdemokratie bewirkten Reformen (vom Acht-Stunden-Tag bis zum Mindestlohn) irgendwie selbstverständlich geworden sind. Niemand wird für Erfolge der Vergangenheit gewählt.</p>
<p>Didier Eribon hat in seinem Buch „Retour à Reims“ (Paris, Fayard, 2009, die <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/didier-eribon-rueckkehr-nach-reims-t-9783518072523">deutsche Ausgabe</a> erschien bei Suhrkamp) ausführlich dokumentiert und analysiert, wie sich die französische <em>„Arbeiterklasse“</em> von Kommunisten und Sozialisten ab- und dem Front beziehungsweise Rassemblement National zuwandte. Auch in Deutschland wechselten der <em>„Arbeiterklasse“</em> zugerechnete Wähler:innen zunehmend zunächst zu konservativen Parteien, beispielsweise 2005 in Nordrhein-Westfalen und auf Bundesebene zur CDU, inzwischen – wie die letzten nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen 2025 und die baden-württembergische Landtagswahl 2026 zeigten – zur AfD. Die AfD hat ihre Hochburgen im Westen Deutschlands in Städten wie Duisburg, Gelsenkirchen oder Kaiserslautern. Immerhin konnte die SPD Städte wie Hamm und Herne halten und ihre dortigen Mehrheiten ausbauen. Der Prozess einer Abwanderung von Bürger:innen in klassischen Arbeiterstädten zur AfD ist keineswegs unabwendbar und auch nicht unumkehrbar.</p>
<h3><strong>Europa unter Beschuss</strong></h3>
<p>Der Kern dieser Entwicklung ist laut Philip Manow jedoch ein <em>„Innen-Außen-Konflikt“</em>, es ist der <em>„Konflikt über Europa – der auf einer allgemeineren, abstrakter gefassten Weise (…) ein Konflikt über das Nationale und das Supranationale, über Öffnungen und Schließungen und deren Konsequenzen für Teilhabe, Verteilung und Repräsentation ist.“ </em>Er konstatiert, <em>„dass sich Zustimmung und Ablehnung des europäischen Projekts nicht nach ‚links‘ oder ‚rechts‘, sondern nach ‚Mitte‘ und ‚Rand‘ sortieren.“</em> Die linke Seite kritisiere das europäische Projekt beziehungsweise die Globalisierung als <em>„zu wirtschaftsliberal“ </em>(Stichwort: Neoliberalismus), die rechte Seite als <em>„zu gesellschaftsliberal“ </em>(Stichworte: Feminismus, Zuwanderung, Ehe für alle). Wer sich für Europa und die Europäische Union engagiert, findet sich inzwischen am <em>„Rand“</em> des Parteienspektrums wieder. Europa war – so Philip Manow – bis in die 1980er Jahre kein Thema in der Politik, es gab eine Art <em>„Legitimation durch Desinteresse“</em>. Inzwischen gebe es nach dem Beitritt der ehemaligen Ostblockstaaten eine <em>„Politisierung des Integrationsprojekts“</em> und eine <em>„Europäisierung der nationalen Parteien“</em>. Die ursprünglich verlässlich pro-europäische <em>„Mitte“</em> scheint sich aufzulösen. Sie besteht offensichtlich vor allem dort weiter, wo Länder wie die Ukraine, Georgien oder Moldawien vom imperialistischen Russland bedroht werden. Europa ist dort eine Hoffnung, allerdings gibt es auch dort Auflösungserscheinungen. Keiner der in den vergangenen 20 Jahren der Europäischen Union beigetretenen Staaten möchte aus dieser austreten, aber es gibt starke Kräfte, denen Europa, oft auch vereinfachend <em>„der Westen“ </em>genannt, zu übergriffig wirkt.</p>
<p>Stephen Holmes und Ivan Krastev bieten in ihrem Buch „The Light That Failed“ (deutsch: <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">Das Licht, das erlosch – Eine Abrechnung</a>, Berlin, Ullstein, 2019) eine plausible Erklärung. In der ersten Phase versuchten die neuen EU-Mitglieder den <em>„Westen“</em> nachzuahmen, doch mit der Zeit wandten sie sich von einem positiven Bild des <em>„Westens“ </em>ab. In Ungarn und in der Slowakei ging dies sogar mit einer neuen Wertschätzung Russlands einher, die in Polen aus historischen Gründen ausblieb, aber – wie die jüngste <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-polnisch-ukrainischer-erinnerungskrieg/">Debatte um Wolhynien</a> zeigt – zwar keine neue Liebe zu Russland, wohl aber eine negative Sicht der Ukraine bewirkt. Dazu kommt die auf Seiten des polnischen Rechtspopulismus die Bewunderung Trumps, lautstark vertreten durch den polnischen Präsidenten.</p>
<p>Europa gerät von zwei Seiten unter Beschuss. Wahlweise <em>„Europa“</em>, <em>„der Westen“, „Brüssel“</em> werden zur Metapher des abgelehnten Liberalismus. Philip Manow schreibt: <em>„Der politische Konflikt um Europa steht offenkundig <u>quer</u> zu einer einfachen Links-Rechts-Unterscheidung (…).“</em> Daraus entsteht <em>„eine neue politische Konfliktachse, verlaufend zwischen liberalen und ‚illiberalen‘ Kräften, die aber jeweils <u>intern</u> Links und Rechts verbinden.“ </em>Weltoffenheit gerät ins Visier populistischer Bewegungen: <em>„Die selbsterklärte politische Mitte unterstützt mit ihrer Parteinahme für Offenheit <u>nolens volens</u> die doppelt-liberale Dimension des transnationalen Projekts und ist daher in deren politischem Raum nicht Mitte, sondern bildet den einen Pol einer neuen Konfliktachse.“ </em>Diese Achse kann sich ständig verschieben, denn die Instabilität von Gesellschaften spiegelt sich nicht nur in den Wahlerfolgen populistisch auftretender Parteien, sondern auch in dem <em>„stärker in den Vordergrund tretende Bewegungscharakter von Politik (Indignados, Occupy Wallstreet, Gilets Jaunes, Black Lives Matter, Pegida, die Klimabewegung (Friday for Future, Last Generation, Extinction Rebellion), die Bauernproteste, Querdenker etc.)“</em>. Das gilt nicht zuletzt auch für die Geschichte des Brexits. Philip Manow fragt angesichts der in diesen Bewegungen vertretenen Themenvielfalt mit Recht: <em>„Wie will man da von festen Spaltungslinien und Strukturen des Parteienwettbewerbs sprechen?“ </em></p>
<p>Die von Philip Manow genannten Bewegungen sind fast alle internationalen Bewegungen ohne Zentrum. Ein Zentrum erhalten sie nur da, wo es in einem bestimmten Land eine Partei gibt, die im Wesentlichen die Anliegen der dort aktiven Bewegungen integriert wie es der AfD mit Pegida oder den Querdenkern gelang. Die Linke schaffte es bisher nicht, affine Bewegungen zu integrieren. Der letzte halbwegs erfolgreiche Versuch einer solchen Integration verschiedener Bewegungen (zum Beispiel Anti-Atomkraftbewegung, Anti-Apartheid-Bewegung, Friedensbewegung) waren die Grünen in ihrer Gründungsphase. Doch inzwischen gehören die Grünen zum Kreis der Parteien, die von sich beanspruchen, sie wären die <em>„Mitte“</em>, mal etwas linker, mal etwas konservativer (sich <em>„rechts“</em> zu nennen wird auf konservativer Seite geflissentlich vermieden).</p>
<p>Es lassen sich neben Europa zwei weitere Themen benennen, die ursprünglich von einer sich international beziehungsweise internationalistisch verstehenden Linken besetzt wurden, sich inzwischen jedoch als Kernthemen der Rechten durchzusetzen scheinen: Migration und Frauenrechte. Diese gehören dort ebenso wie Europa zum Reich des Bösen. Die ursprünglich linke Seite hat bisher kein Mittel gefunden, ihre Sicht der Dinge dagegenzusetzen. Im Gegenteil. Auf feministischer Seite zerstreiten sich die verschiedenen Gruppierungen und sprechen sich gegenseitig ab, <em>„feministisch“</em> zu sein. Die Verhinderung von Migration ist inzwischen auch ein von linken Regierungen und Parteien geteiltes Projekt, allen voran unter den sozialdemokratischen Parteien in Skandinavien. Eine Ausnahme scheint Spanien zu bilden, doch dürfte sich dies nach den Ereignissen von Ceuta vom 31. Juli 2026 ändern. Auf der sozialdemokratischen Seite gibt es eine <em>„Kombination aus ökonomisch Links und kulturell Rechts“</em> wie es bereits verschiedene rechtspopulistisch-konservative Parteien wie die PiS in Polen vorgelebt haben. Möglicherweise lässt sich die <em>„Oben-Unten-Arena“</em> als Gerechtigkeitsprojekt nur noch über die <em>„Innen-Außen-Arena“ </em>beziehungsweise die <em>„Wir-Sie-Arena“</em> erfolgreich bespielen.</p>
<p>Verteilungs- und Identitätspolitik lassen sich in Regierungsverantwortung wie in der Opposition in der Tat bestens miteinander verbinden. Rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien ist es gelungen, Identitäts- und Europapolitik als Haupthindernisse einer besseren Verteilungspolitik zu brandmarken. Philip Manow sieht hier keine <em>„Kulturalisierung“</em> verteilungspolitischer Konflikte, wohl aber eine Entwicklung verschiedener Parteien, sich kultur- und identitätspolitisch nach klassischen Mustern eher rechts zu positionieren, verteilungspolitisch jedoch eher links. Die Sozialprogramme der PiS in Polen und der FIDESZ in Ungarn garantierten bis vor Kurzem deren Wahlsiege. Ihren liberalen Gegnern unterstellten sie, diese Sozialprogramme wieder abschaffen zu wollen, was diese wieder bemüßigte zu versichern, dies würden sie – ungeachtet der enormen Kosten – auf keinen Fall tun. PiS und FIDESZ agierten im Grunde rechts- und linkspopulistisch zugleich.</p>
<p>Philip Manow spricht in diesem Zusammenhang von einer <em>„Hyperpolitisierung“</em>, die geradezu dialektisch funktioniere: <em>„Der Prozess der Ent-Nationalstaatlichung</em> (vulgo: Globalisierung, NR) <em>provoziert nämlich nicht nur den gegen ihn selbst gerichteten politischen Protest, sondern er verändert zugleich in einer rekursiven Schleife den Modus, mit dem dieser noch artikuliert werden kann.“ </em>Die traditionellen im Links-Rechts-Schema verhafteten Parteien sind bisher nicht in der Lage, sich aus diesen Möbius-Schleifen der politischen Kämpfe und Debatten zu befreien. Philip Manow fordert im Kapitel „Offene Märkte, offene Identitäten“, <em>„an ‚Globalisierung‘ als dem dominanten Bezugsproblem des Populismus festzuhalten“</em> und fordert, <em>„den ökonomisch-kulturellen Doppelcharakter dieser Globalisierung ernst zu nehmen und seine Berücksichtigung in der Analyse durchzuhalten, was einschließt, Migration nicht nur als einen ausschließlich kulturellen Konfliktgegenstand zu verstehen, sondern ihren Verteilungs- und Wettbewerbsimplikationen gerecht zu werden.“ </em></p>
<h3><strong>Anarchische Fantasien</strong></h3>
<p>Ob das, was wir – wie oft behauptet – zurzeit erleben, ein <em>„Kulturkampf“</em> ist, bezweifelt Philip Manow. Er hält dies eher für eine Frage derjenigen, die – beispielsweise als Wissenschaftler:innen – von außen auf die Entwicklungen unserer Zeit schauen. Ob die Akteure das auch so sehen, ist eine unbeantwortete Frage. Wer jedoch genau hinschaut, wird das, was aus identitätspolitischer Sicht als <em>„Kulturkampf“</em> erscheinen mag, als bloßen Bildersturm gegen alles bezeichnen müssen, das denen, von denen man sich vernachlässigt fühlt, lieb und teuer ist. Es wird zu einem Modus der <em>„Oben-Unten-Arena“</em>, die als <em>„Wir-Sie-Arena“</em> bespielt wird. Auch <em>„Kultur“</em> ist eben eine Metapher. Am 8. Juni 2026 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein Gespräch von Nicolas Richter und Katharina Riehl mit Stephen Holmes: <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/populismus-erfolg-trump-stephen-holmes-interview-li.3492741">„Sie lieben es, dass der East Wing abgerissen wird“</a>. Holmes sieht bei den Anhänger:innen Trumps kein Interesse an dessen goldenem Ballsaal, aber Genugtuung über den Abriss des East Wing. Trump könne zwar der <em>„weißen Arbeiterklasse (…) keine bessere Zukunft bieten“</em>, aber <em>„die Zukunft der in Harvard gebildeten professionellen Elite an Ost- und Westküste zerstören. Ich kann ihre Universitäten, Zeitungen, das Nato-Bündnis, die Weltwirtschaft ruinieren. Das spricht Menschen an, die einen Groll haben, weil dann wenigstens etwas passiert.“</em> Es hilft letztlich nicht, populistischen Parteien und Politiker:innen vorzuwerfen, dass sie keine Lösungen hätten. Diese werden von ihnen auch gar nicht verlangt. Die Wähler:innen der AfD wissen durchaus, dass es die Welt nicht weiterbringt, wenn auf einmal vor den Schulen jeden Tag die deutsche Fahne aufgezogen wird. In diesem scheinbaren <em>„Kulturkampf“</em> ist eben auch <em>„deutsch“</em> eine Metapher.</p>
<p>Ähnlich wie Holmes argumentiert Annette Dittert in ihrem Buch <a href="https://www.dumont-buchverlag.de/buch/annette-dittert-dear-britain-9783755800699-t-7748">„Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“</a> (Köln, DuMont, 2026): Die enttäuschten Labour- und Tory-Wähler:innen, die zu Reform UK überlaufen, glauben nicht, dass dies ihre Probleme löse, es reiche ihnen, wenn die regierenden Parteien zerstört würden (ob sie wieder zu Labour zurückkehren, bleibt nach dem Amtsantritt von Andy Burnham denkbar, vielleicht mit den Themen, mit denen Zohran Mandani in New York zum Bürgermeister gewählt wurde). Diese Lust an der Zerstörung zeige sich – so Stephen Holmes – auch in Ostdeutschland, sei aber ein Grundproblem einer liberalen Demokratie, die sich schwer damit tue, eine Vision zu vermitteln, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt: <em>„Demokratie ist ein System konkurrierender, überzogener Versprechen, was natürlich Enttäuschung erzeugt. Die Enttäuschung wird dadurch bewältigt, dass regelmäßig Wahlen stattfinden. Wenn Sie also mit den Amtsinhabern unzufrieden sind, hoffen Sie, statt Gewalt anzuwenden, auf die nächste Wahl. Aber wenn Sie auch nach mehreren Wahlen feststellen, dass sich nichts ändert, dann funktioniert dieser Mechanismus zur Verarbeitung der Enttäuschung nicht mehr. Und dann wenden Sie sich gegen das System.“</em></p>
<p>Nationale Grundierungen verstärken den Gegensatz von Innen und Außen als neue Koordinaten politischer Kämpfe, sie sind nicht die Ursache, sondern ein Modus, indem diese Kämpfe ausgetragen werden. Stephen Holmes hatte die verschiedenen Phasen der Wahrnehmung des sogenannten europäischen liberalen <em>„Westens“</em> insbesondere in den jungen osteuropäischen Demokratien, in den USA, in Russland und China analysiert. Das Vorbild wurde zum Schreckbild: <em>„Genau wie einige ungarische und polnische Populisten mit ihrer Weigerung prahlen, den liberalen Westen zu kopieren, so fühlen sich Trump-Anhänger befreit, wenn sie hören, dass die in Harvard ausgebildeten Eliten nicht nur keine Vorbilder, sondern in einem ganz fundamentalen Sinne noch nicht einmal richtige Amerikaner sind.“</em> (Ähnlich argumentiert Björn Höcke, wenn er die Westdeutschen als <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/westdeutsche-als-deutsch-sprechende-amerikaner-hat-hocke-seine-these-von-russia-today-15696261.html"><em>„deutsch sprechende Amerikaner“</em></a> bezeichnet.)</p>
<p>Einen interessanten Aspekt, der zu dem Bild des abgerissenen East Wing passt, bietet der Münchner Historiker <a href="https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/geschichte/neueste-geschichte/team/johannes-geck/">Johannes Geck</a> in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/anarchofaschismus-reloaded-a-mr-80-8-60/">„Anarchofaschismus reloaded“</a> in der Augustausgabe 2026 des Merkur. Er beginnt mit einem Bild, das alle gängigen Bilder einer im Trump-Reich gefeierten <em>„white supremacy“</em> konterkariert. Es handelt sich um ein Video aus dem Januar 2026: <em>„In einer Luxuslimousine wiegen sich fünf Männer zu Kanye Wests auf den meisten Plattformen gesperrten Song <u>Heil Hitler</u>. Zu sehen sind Tristan Tate, Sohn eines afroamerikanischen Vaters, in Rumänien des Menschenhandels angeklagt; Myron Gaines, Streamer mit sudanesischen Wurzeln und mehrfacher Holocaustleugner; Sneako, philippinisch-haitianischer Abstammung, konvertierter Muslim und wegen antisemitischer und frauenfeindlicher Aussagen von YouTube verbannt. Und in ihrer Mitte Nick Fuentes, weißer Nationalist und offener Mussolini-Bewunderer, der bei anderer Gelegenheit erklärt hatte, die meisten Schwarzen gehörten hinter Gitter. Zusammen versammeln die fünf eine Followerschaft von über fünfzehn Millionen Menschen hinter sich.“</em> All das sei <em>„Pose“</em>, durchaus im Sinne von Ernst Jünger und dessen Figur des <em>„Anarchen“</em>, den er insbesondere in seinem utopischen Roman „Eumeswil“ (1977) entwickelte. Johannes Geck verweist auf Armin Mohlers Essay „Der faschistische Stil“ (1973): <em>„Faschismus sei ‚eine Gebärde, ein Rhythmus‘, in dessen ‚Laufschritt‘ sich der Faschist über einen ‚kalten und rapiden Stil‘ verständige; mit ‚Unstimmigkeiten in der Theorie‘ könne er sich dagegen leicht abfinden.“</em></p>
<p>Rechtspopulistische und rechtsextremistische (auch linkspopulistische und linksextremistische?) Parteien interessieren sich nicht unbedingt für Programme, sodass es letztlich nicht hilft, ihre Programme zu kritisieren. Sie interessieren sich für Aktion, für Tat, für den <em>„‚Rausch der Dezision‘ (…), den </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/helmut-lethen-verhaltenslehren-der-kaelte-t-9783518127766"><em>Helmut Lethen</em></a> (Link NR) <em>als Kern der <u>kalten persona</u> beschreiben hat. Mit Unstimmigkeiten in der Theorie kann sich der Faschist nach Mohler gut abfinden; entscheidend ist die habituelle Nähe im Antiliberalismus.“ </em>Johannes Geck konstatiert: <em>„Die Pose ist an keine Identität gebunden, weder an eine ethnische noch an eine geschlechtliche, sondern an eine prinzipiell übertragbare Haltung.“</em> Die martialische Diktion der Reden populistischer Führergestalten rechtfertigt letztlich Gewalt, auch wenn sie dies – wie Trump am 6. Januar 2021 – oft so kryptisch tun, dass zwar alle verstehen, was gemeint ist, sie jedoch niemand dafür verantwortlich machen kann, was dann geschieht.</p>
<p>Karl Marx hat eine solche Entwicklung im „18. Brumaire“ am Beispiel der Bauern beschrieben: <em>„Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, daß ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde. Und es fand sich ein Individuum, das sich für diesen Mann ausgibt, weil es den Namen Napoleon trägt, infolge des Code Napoléon, der anbefiehlt: ‚La recherche de la paternité est interdite.‘ Nach zwanzigjähriger Vagabundage und einer Reihe von grotesken Abenteuern erfüllt sich die Sage, und der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe Idee des Neffen verwirklichte sich, weil sie mit der fixen Idee der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel.“ </em>Natürlich erfüllten sich die Träume der französischen Bauern nicht, ebenso wenig wie die <em>weiße</em> US-amerikanische Arbeiterklasse mit Trump wieder zu neuem Wohlstand kommt. Möglicherweise – das ist bei Marx nicht vorgesehen – profitiert sie erst durch eine Art Selbst-Lumpenproletarisierung, die ein Bündnis mit dem autokratischen Herrscher eingeht, der ihnen verspricht, alle, von denen sie glauben, dass sie sie behinderten, zu zerstören – außer natürlich ihn selbst. Der Monarch kommt als Anarch zur Macht und festigt sie in bilderstürmerischer Pose. Nichts wird mehr zur Ruhe kommen. Pennywise wird Bündnispartner, Vorbild und letztlich Retter. Es folge die Sintflut!</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 6. August 2026. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, Nordlichter, Rechte bei der Künstlerin.)</p>
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		<title>Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 05 Aug 2026 03:54:15 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Für neue Prioritäten in der Kriminalpolitik</strong></h1>
<h2><strong>Ein kriminologisches Sachbuch von Nicole Bögelein und Gina Rosa Wollinger</strong></h2>
<p><em>„Das Bild, das Menschen von Kriminalität haben, ist vor allem ein vermitteltes Bild – von der Politik, aber auch maßgeblich von den Medien.“ </em>(Nicole Bögelein, Gina Rosa Wollinger, True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe, Bonn, Dietz, 2026)</p>
<p>Am 19. April 2026 hat das Bundesinnenministerium gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt die <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/pks_node.html">Polizeiliche Kriminalstatistik 2025</a> vorgestellt. Festgestellt wurden unter anderem ein allgemeiner Rückgang bei gleichzeitig steigender Brutalität der angezeigten Taten, eine Zunahme jüngerer Tatverdächtiger sowie ein etwas über einem Drittel liegender Anteil ausländischer Personen. Die Statistik erhebt keine Verurteilungen, nur die Zahl der von der Polizei an die Staatsanwaltschaft übergebenen Fälle, das heißt die Zahl von Tatverdächtigen. Die Einstellungsquote liegt laut Statistischem Bundesamt bei etwa 60 Prozent. CORRECTIV hat zusammengestellt, <a href="https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2026/04/15/polizeiliche-kriminalstatistik-faktencheck/">was die Statistik aussagt und was nicht</a>. Der Anteil ausländischer Personen hat nichts mit Migrationshintergrund zu tun, da dieser nicht erhoben wird, sondern mit den Staatsangehörigkeiten von Beschuldigten – das sind neben Menschen, die in Deutschland leben, aber eine andere Staatsangehörigkeit haben, auch Menschen, die als Tourist:innen, als Geflüchtete oder gezielt zur Begehung von Straftaten nach Deutschland kamen. Bei der Erhebung sind Änderungen im Strafrecht zu berücksichtigen, zum Beispiel die Entkriminalisierung von Cannabis und Gesetzesänderungen und -verschärfungen, zum Beispiel bei Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, sowie ein verändertes Anzeigeverhalten.</p>
<div id="attachment_8263" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207090/True-Criminology-Mythen-Fakten-Hintergruende-Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8263" class="wp-image-8263 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag-600x878.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger-True-Criminology-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-8263" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Kriminologinnen <a href="https://kriminologie.uni-koeln.de/personen/wissenschaftliche-mitarbeiterinnen-und-mitarbeiter/pd-dr-nicole-boegelein">Nicole Bögelein</a> (Institut für Kriminologie der Universität Köln) und <a href="https://www.hspv.nrw.de/organisation/personalverzeichnis/eintrag/dr-gina-rosa-wollinger">Gina Rosa Wollinger</a> (Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Köln) haben im Gespräch mit Ariane Bemmer <a href="https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/expertinnen-zur-kriminalitatsstatistik-mein-verstandnis-endet-wenn-politik-angste-schurt-15352003.html">im Tagesspiegel die Daten der Statistik kommentiert</a>. In ihrem Buch <a href="https://dietz-verlag.de/isbn/9783801207090/True-Criminology-Mythen-Fakten-Hintergruende-Nicole-Boegelein-Gina-Rosa-Wollinger">„True Criminology – Mythen, Fakten, Hintergründe“</a> gehen sie genauer auf verschiedene Delikte ein und weisen etwa darauf hin, dass es vor allem <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/kriminalitat-gewalt-in-der-beziehung-wie-tater-opfer-manipulieren-15252025.html">im häuslichen Umfeld ein großes Dunkelfeld</a> der (Gewalt-)Kriminalität gebe. Zudem werden organisierte Kriminalität, Wirtschafts- und Umweltkriminalität in der öffentlichen Debatte nicht ausreichend beachtet. Die beiden Wissenschaftlerinnen betreiben gemeinsam den <a href="https://true-criminology.podigee.io/">Podcast „True Criminology“</a>. Ihr Anliegen ist ein realistisches Bild von Kriminalität, Gewalt und Bedrohungslagen. Ihr Thema ist auch, wer wie einzelne Aussagen nutzt, um im Sinne eigener Interessen zu polemisieren. Sie plädieren für eine neue Kriminalpolitik, die weniger Drama, weniger Show, mehr Analyse und nicht zuletzt mehr Dunkelfeldstudien bietet.</p>
<h3><strong>Verzerrte Wahrnehmung </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie schreiben im Vorwort Ihres Buches: <em>„Wenn man in den Medien Tag für Tag Berichte über ‚Messerkriminalität‘ zu sehen und zu lesen bekommt, wirkt sich das auf die Stimmung aus. Manche Menschen fürchten, sie könnten selbst zum Opfer werden.“ </em>Das Wort <em>„Messerkriminalität“</em> lässt sich sicherlich für eine ganze Reihe anderer realer und gefühlter Bedrohungen austauschen. Ein realistisches Bild der Kriminalität entsteht über die Beschwörung möglicher Bedrohungen jedoch nicht. Dies gilt auch für so manche Berichterstattung in den Medien und manche politische Debatte, die entweder durch konkrete Ereignisse oder durch die öffentliche Präsentation von Kriminalstatistiken ausgelöst werden. Anliegen Ihres Buches und Ihres Podcasts ist es, den Hintergründen verdunkelnder Gefühle nachzugehen und diese auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Wir dürfen das Erzählen über Kriminalität beziehungsweise über Gewalt nicht den Medien überlassen. Viele Medien arbeiten unter Zeit- und Verkaufsdruck, das führt dazu, dass sie verzerrt berichten und Clickbait betreiben. Das ist auch gut untersucht. Es ist müßig, immer wieder korrigierend einzugreifen. Wir brauchen Räume, um differenziert über Kriminalität und Gewalt zu sprechen. Das versuchen wir mit unserem Podcast und unserem Buch. </em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Gesellschaft kann man nur medial vermittelt wahrnehmen. Man kann den Beitrag der Medien zum Bild der Kriminalität in der Gesellschaft daher nicht überschätzen. Der oder die Einzelne ist immer nur zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort und nimmt wahr, was dort geschieht. Daher nimmt man die Medien als ein Instrument wahr, das die Welt beobachtet. Und das eben auch in Bezug auf Kriminalität, bestimmte Kriminalitätsphänomene, die Kriminalität bestimmter Gruppen. </em></p>
<p><em>Ein beispielhaftes Stichwort ist „Messerkriminalität“. Messerangriffe werden erst seit 2020 in der bundesweiten Statistik erfasst beziehungsweise seit 2021 veröffentlicht und daher gibt es auch seitdem erst Zahlen dazu; wir können also nicht wirklich sagen, wie es sich hier entwickelt hat. In Bevölkerung und Politik verbreitet sich jedoch schon bei bloßer Nennung des Phänomens der Eindruck, es werde alles immer schlimmer. Dies deckt sich jedoch nicht mit den Befunden der wissenschaftlichen Forschung. Diese werden geflissentlich übergangen oder gar ignoriert. Medien haben ihre eigene Logik. Es gibt auch gewisse Kreisläufe, wie Politik und Medien zusammenwirken </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Crime and Sex sell.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Richtig, und damit sind wir mittendrin. Wir verstehen das, aber wir müssen uns mit dem befassen, das auf wissenschaftlicher Evidenz basiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eigentlich müssten wir von einem Rückgang von Kriminalität über einen längeren Zeitraum sprechen, aber die öffentlichen Debatten weisen in eine andere Richtung. Wahrgenommen wird ein stetiger Anstieg von Kriminalität, insbesondere im Hinblick auf sexualisierte Gewalt, die Gewalt bestimmter Gruppen sowie politische Gewalt.</p>
<div id="attachment_8264" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8264" class="wp-image-8264 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-300x280.jpg" alt="" width="300" height="280" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-200x187.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-300x280.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-400x373.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag-600x560.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Gina-Rosa-Wollinger-Foto-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8264" class="wp-caption-text">Gina Rosa Wollinger, Foto: Dietz Verlag.</p></div>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Wenn man sich Entwicklungen anschaut, sollte man sich immer einen längeren Zeitraum vornehmen, etwa zehn oder gar 20 Jahre. Hier gibt es in Deutschland eine positive Entwicklung. Es gibt weniger Kriminalität, auch weniger Kriminalität bestimmter Gruppen, weniger Kriminalität von Jugendlichen. Nach Ende der Corona-Pandemie ist einiges allerdings auch auffällig angestiegen. Diese Anstiege betreffen jedoch nur einen Zeitraum, der zu kurz ist, um von einem eindeutigen Trend zu sprechen. Jüngste Forschungen verzeichnen auch wieder einen Rückgang. </em></p>
<p><em>Das ist unsere Problematik: Wir haben im Grunde eine gute Entwicklung, beobachten aber in den letzten Jahren einige Auffälligkeiten. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass auch eine gute Entwicklung nicht bedeutet, dass wir nicht aktiv bleiben sollen. Im Gegenteil: Wir müssen als Gesellschaft weiter daran arbeiten, Gewalt zu reduzieren, insbesondere bestimmte Formen der Gewalt, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt. Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass Gewalt in den Medien und in der Politik nur dann ein Thema ist, wenn sie sagen können, dass alles immer schlimmer wird. </em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Es gibt eine </em><a href="https://mediendienst-integration.de/fileadmin/user_upload/Expertisen/Mediendienst_Integration_Expertise_Kriminalitaet_und_Migration_in_deutschen_Medien_Thomas_Hestermann.pdf"><em>Langzeitstudie des Medienwissenschaftlers Thomas Hestermann</em></a><em>. Er hat beobachtet, dass eher über Delikte berichtet wird, an denen Nicht-Deutsche beteiligt sind und dabei auch deren Nationalität häufiger genannt wird. Hestermann sagt: „Der gewalttätige Ausländer ist eine zentrale Angstfigur.“ Die Zahl der Delikte, bei denen in den Medien die Herkunft des mutmaßlichen Täters genannt wurde, hatte sich zwischen 2017 und 2019 verdoppelt. Hier wird überproportional häufig über tödliche Delikte gesprochen. Beim Stichwort „Messerkriminalität“ muss man jedoch feststellen, dass über 90 Prozent der Fälle keine oder „nur“ leichte Verletzungen zur Folge haben. </em></p>
<p><em>Zum Stichwort „Ausländer:in“, ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen: Das ist ein Bereich, bei dem wir die Nachteile von Kriminalstatistiken sehen. Wenn wir uns anschauen, welche Taten in das Hellfeld gelangen, zeigen Studien in Bezug auf Menschen, die als nicht deutsch gelesen werden, eine erhöhte Anzeigebereitschaft: Die Anzeigewahrscheinlichkeit steigt deutlich, wenn das Gegenüber als nicht deutsch wahrgenommen wird, gerade im Bereich der Gewaltdelikte. Da etwa 95 Prozent der Delikte in die PKS gelangen, weil sie von Bürger:innen angezeigt werden, spielt das eine große Rolle. Auch die Polizei kontrolliert häufig – Stichwort „Racial Profiling“ –auf Grundlage von äußeren Merkmalen, Hautfarbe, unterstellter Herkunft. Es ist eine kriminologische Binsenweisheit, dass ein Anstieg der Kontrollen auch zu einem Anstieg von Entdeckungen der ein oder anderen Straftat führt. </em></p>
<h3><strong>Verzerrungen in den Debatten über polizeiliches Handeln</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Solche Verzerrungen sind kein spezifisch deutsches Phänomen, oder?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Nein, „Racial Profiling“ und die Einflussfaktoren der Anzeigebereitschaft von Bürger:innen sind kein deutsches Phänomen. Das hat auch etwas mit Psychologie zu tun. Je fremder mir der Täter, die Täterin erscheint, umso leichter fällt es, diese anzuzeigen. Den eigenen Ehemann, die eigene Ehefrau zeigt man nicht so schnell an. Auch bei Menschen nicht, die ich als meiner Gruppe zugehörig wahrnehme, ist man da zögerlicher. Nimmt man hingegen jemanden als fremd wahr, als Migrant:in, ruft man schneller die Polizei. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Haben Sie internationale Studien ausgewertet?</p>
<div id="attachment_8265" style="width: 302px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8265" class="wp-image-8265 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-292x300.jpg" alt="" width="292" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-200x206.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-292x300.jpg 292w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-400x411.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag-600x617.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Nicole-Boegelein-Foto-Dietz-Verlag.jpg 664w" sizes="(max-width: 292px) 100vw, 292px" /><p id="caption-attachment-8265" class="wp-caption-text">Nicole Bögelein, Foto: Dietz Verlag.</p></div>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Ja, die Kriminologie ist eine internationale Wissenschaft. Wir haben sehr viele Befunde aus englischsprachigen Studien aus diversen Ländern. International gibt es das schon länger Forschung etwa zu Rassismus in Strafverfolgung und Justiz gibt, in Deutschland gibt es dazu bisher wenig. </em></p>
<p><em>Ein eindrückliches Beispiel ist der sogenannte „Shooter Bias“. Man hat festgestellt, dass Polizist:innen eher zur Waffe greifen, wenn das Gegenüber person of colour ist, also als nicht zugehörig zur Mehrheitsgesellschaft gesehen wird. Außerdem hält man einen Gegenstand in der Hand einer Person, die nicht weiß ist, eher für eine Waffe. Das liegt wohl daran, dass man eine person of colour eher als bedrohlich wahrnimmt, was sich zu übermäßiger Polizeigewalt führen kann.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Polizeigewalt“</em> wird in den letzten Jahren immer wieder vermerkt, wenn beispielsweise ein junger Mann, eine Person of Color, im Polizeigewahrsam zu Tode kommt.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>In den Medien wurde über zwei oder drei Fälle berichtet, aber im Jahr 2025 allein gab es über 20 Fälle tödlicher Polizeischüsse. Mir ist aber wichtig, dass wir den Begriff der „Polizeigewalt“ genau definieren. Die Polizei ist Exekutive, sie darf Gewalt anwenden. Daher muss man bei den genannten Fällen von „übermäßiger Polizeigewalt“ sprechen. Wenn eine Institution Gewalt ausüben darf, bedarf es einer sehr genauen Schulung, damit jede:r die Grenze kennt, damit jedes Individuum für sich und die Institution als solche diese Grenze einhalten und wissen, wie weit sie gehen dürfen und wo sie sich zurückhalten müssen.</em></p>
<p><em>Über die Zeit hinweg sieht man, dass Polizist:innen häufig mit dem Einsatz der Schusswaffe reagieren, wenn Personen in psychischen Notlagen sind. Das überschneidet sich oft damit, dass diese Personen nicht als Deutsche werden. Es kommen mehrere Elemente zusammen. Dafür zu sensibilisieren, ist eine Aufgabe für die Ausbildung.</em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Schüsse sind die schärfste Form übermäßiger Polizeigewalt. Aber es gibt auch noch andere Formen. Das lässt sich nicht einfach in Zahlen fassen, weil hier wenig angezeigt wird, sich auch über Dunkelfeldbefragungen nicht viel ergibt. Man weiß allerdings etwas über die Zusammenhänge. Solche Gewalt findet in bestimmten Kontexten statt, man weiß etwas über die Persönlichkeit, die Haltung von Polizist:innen, die eher in übermäßige Polizeigewalt verwickelt sind. Es gibt auch unübersichtliche, dynamische Situationen, in denen es dazu kommen kann, dass Gewalt übermäßig wird. Wichtig ist ein angemessener Umgang damit. Fehlerkultur fehlt in der Polizei noch oft, im Hinblick auf die Art und Weise, mit solchen Fallkonstellationen umzugehen, darüber zu sprechen. Das hat auch rechtliche Gründe. Ein Polizist, eine Polizistin, macht sich strafbar, wenn er oder sie mitbekommt, dass ein Kollege, eine Kollegin, Gewalt anwendet und er nicht sofort reagiert und dies anzeigt. Dagegen steht eine Polizeikultur, in der oft der Deckmantel des Schweigens über Fehlverhalten gelegt wird. Hier sind noch einige Schritte zu gehen. Ein Schritt ist die Einrichtung von Polizeibeauftragten. </em></p>
<h3><strong>Wer hat die Diskursmacht?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://www.bundestag.de/polizeibeauftragter">Einen Polizeibeauftragten gibt es seit 2024 beim Deutschen Bundestag</a>, <a href="https://www.landtag.ltsh.de/beauftragte/bb-polizei">seit 2026 in Schleswig-Holstein</a> und <a href="https://www1.wdr.de/politik/neue-nrw-polizeibeauftragte-gewaehlt-100.html">in Nordrhein-Westfalen</a>, <a href="https://www.landtag.brandenburg.de/de/startseite/die_beauftragte_fuer_polizeiangelegenheiten_des_landes_brandenburg/33814">seit 2023 in Brandenburg</a>. Es ist auch eine Frage, wer über das Thema redet. Ich sehe eine Verzerrung beispielsweise darin, dass übermäßige Polizeigewalt eher von der linken Seite angemerkt wird, während von der anderen Seite eher die Gewalt der mutmaßlichen Täter, gegen die die Polizei vorging, betont wird.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das stimmt im Hinblick auf die Berichterstattung. Beim G8-Gipfel in Hamburg 2018 zeigte die taz Bilder, bei denen die Demonstrierenden die Unterlegenen waren, beispielsweise mehrere Polizist:innen auf eine einzelne Person losgingen, die auf dem Boden lag, während die BILD-Zeitung mehrere Tage lang Angriffe auf Polizist:innen zeigte, von denen sich manche weinend in eine Ecke zurückgezogen hatten, weil sie von der Aggressivität der Demonstrierenden bei ihrem Einsatz so erschüttert waren. </em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>:<em> Es stellt sich hier auch die Frage, wer die Diskursmacht hat. Wer setzt die Themen, über die wir sprechen? Welche Gewaltform wird beachtet? Auch die Polizeigewerkschaften spielen eine Rolle, bestimmte Interessen, gerade bei den Gewerkschaften, die die Belastungen des Polizeiberufs betonen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch, weil sie so ihre Stellenforderungen begründen können. Das tun auch Innenminister, die erzählen, dass sie mehr Stellen brauchen, weil es angeblich mehr Gewalt gäbe.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Das ist keine kluge Erzählung. Das geht nach hinten los, weil es den Eindruck erweckt, Staat und Polizei wären schwach. Das stärkt das Vertrauen in Polizei und Staat nicht. Wir haben diese Diskussion auch, wenn es um sogenannte „No-Go-Areas“ geht. Mit diesem Begriff wird suggeriert, dass es Orte gäbe, in die die Polizei nicht mehr hineinginge. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und es ist keine neue Debatte. Ich bin in den 1960er Jahren in Köln aufgewachsen, der Stadt mit der damals höchsten Kriminalitätsrate in der Bundesrepublik Deutschland, in der hohen Zeit des sogenannten <em>„Milieus“</em>, als Dummse Tünn, Schäfers Nas und Kollegen die Kölner Ringe beherrschten. Da ging man eben nachts nicht hin. Wer gut recherchierte und zugleich unterhaltsame Bücher zu dieser Zeit lesen möchte, dem empfehle ich Christoph Gottwald, „Blütenträume – Die unglaubliche Geschichte des Geldfälschers Jürgen Kuhl“ (Köln, DuMont, 2010) und Peter F. Müller &amp; Michael Mueller, Chicago am Rhein – Geschichten aus dem kölschen Milieu (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2011, dazu gibt es auch einen Film). „No-Go-Areas“ gab es damals auch, aber es gab auch eine im Nachhinein fast schon romantisierend erzählte Zusammenarbeit zwischen Milieu und Polizei. Im Rückblick klingt das doch alles eher harmlos im Vergleich zu heute aktiven Mafia-Organisationen. Ist die Frage einer <em>„No-Go-Area“</em> nicht doch eher ein mediales Phänomen?</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Ich möchte in Frage stellen, ob das damals tatsächlich eher harmlos war. Wenn man Gefängnisforschung betreibt, hört man von Gefängnisbediensteten auch, dass es früher in den Gefängnissen viel einfacher gewesen sei, weil nur Deutsche einsaßen. Dahinter steckt auch die Annahme, Kriminalität wäre so lange ok, wie sie in von Menschen betrieben wird, die man als deutsch definiert. Dieses Deutungsmuster schwingt mit. </em></p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>In der Kriminalpolitik spielt die Haltung eine ganz wichtige Rolle. Oft geht es nicht um Fakten. Ein Beispiel ist die Debatte um die Absenkung der Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahre, die immer wieder neu beginnt, wenn Dreizehnjährige eines Kapitalverbrechens beschuldigt werden. Es gibt jedoch keinen entsprechenden Diskurs in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Alle sind sich einig, Psychologie, Sozialwissenschaften, Kriminologie: Das ist Quatsch. Es gibt noch so viel Entwicklung bei den jungen Menschen, sodass ein frühes Eingreifen durch Strafverfolgung Kriminalität eher verfestigt. Trotzdem wird diese Debatte immer wieder neu aufgelegt. Es ist eine Haltungsfrage. Mit Kriminalität wird auch Wahlkampf gemacht, werden politische Positionen gestärkt oder geschwächt. Es wird alles immer so eingesetzt, wie es gerade passt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Das geht bis in die Wortwahl. Politiker – fast immer Männer – werden gelobt, wenn sie besonders hart sind. Sie werden dann oft auch als <em>„Sheriff“</em> bezeichnet, weil dem <em>„Sheriff“</em>, den man aus Wildwestfilmen kennt, eine bestimmte Rücksichtslosigkeit oder Konsequenz zugeschrieben wird, die der Kriminalität endlich ein Ende setzt. High Noon is everywhere.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Dieses harte Durchgreifen, das wir bereits mehrfach angesprochen haben, bedient klassische Männlichkeitsbilder, auch die Vorstellung, wie ein starker Staat sein müsse</em>. <em>Da waren wir auch schon einmal auf einem anderen Stand. In den 1970er Jahren wurde eher über eine Resozialisierung gesprochen, darüber wie man Menschen aus dem Kreislauf der Straftaten herausholt. Heute heißt es mal wieder, wir müssen mehr abschrecken, hart durchgreifen. Das sind Phasen, die zeigen, welche Vormachtstellung in den Diskursen gerade herrscht. </em> <em>  </em></p>
<h3><strong>Was nicht in Kriminalstatistiken steht</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In dem Kontext gibt es noch eine andere Debatte, die Sie in Ihrem Buch deutlich ansprechen: Die Verknüpfung von Armut und Migration. Wir haben aber nicht nur höhere Kriminalitätsraten in bestimmten Stadtteilen, was natürlich auch an einer höheren Polizeipräsenz liegen kann, weil man da eben eher hinschaut, sondern auch ein anderes Phänomen, das meines Erachtens viel zu wenig beachtet wird. Ich habe zwei Gespräche mit Irene Mihalic, damals innenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen, veröffentlicht. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/plaedoyer-fuer-eine-neue-sicherheitsarchitektur/">Sie plädierte für eine neue Sicherheitsarchitektur</a>. In ihrer Dissertation hatte sie die Kriminalität in Gelsenkirchen untersucht und festgestellt, dass Arme bei Armen in die Wohnung einbrachen und eben nicht – wie allgemein vermutet – in die Wohnungen der Reichen in den Villenvierteln.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Zu diesem Thema habe ich auch selbst lange geforscht. Ich kann nur bestätigen, dass dieses Bild nicht stimmt, da werden nur die reichen Villen ausgeforscht und dann werde dort eingebrochen. Wir müssen auch sehen, dass nicht nur arme Menschen kriminell werden, sondern wir auch eine Kriminalität von vielen gut situierten Leuten kennen. Wir erleben eine grundlegende Kriminalisierung von Menschen oder Stadtteilen, wo besonders viel kontrolliert wird. Zu deren Straftaten gehören aber auch Fahren ohne Fahrschein, Ladendiebstahl und andere Delikte, bei denen wir es mit sozial prekären Lagen zu tun haben, auch mit Migration.</em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das hat auch wieder damit zu tun, wie wir über Kriminalität sprechen. Medien sprechen vor allem über Kriminalität anlässlich der Kriminalstatistiken. Diese blenden jedoch bestimmte Phänomene der Kriminalität aus. Nicht enthalten sind zum Beispiel weite Teile der Straßenverkehrskriminalität. Deshalb reden wir kaum über Straßenverkehrskriminalität. Es betrifft auch Delikte wie Steuerhinterziehung, Geldwäsche und andere Finanzdelikte. Über Delikte, die beim Finanzamt oder beim Zoll angezeigt werden, sprechen wir nicht, obwohl die Delikte ein größeres Ausmaß haben, in denen es um illegale Arbeit, Ausbeutung durch Arbeit und Menschenhandel geht. Auch Umweltkriminalität wird nicht in der Kriminalstatistik aufgeführt, sie ist in anderen Statistiken enthalten.</em></p>
<p><em>Kriminalität, die in Polizeistatistiken erscheint, ist – ich sage es einmal vereinfacht – Kriminalität, die für Unruhe auf der Straße sorgt. Das kann man beobachten, Bürger:innen sind als Anzeigende beteiligt. Es sind nicht die Delikte wie Cum-Ex-Delikte, die vom Schreibtisch aus begangen werden, sondern Delikte, von denen man dann sagt, sie seien für die öffentliche Ordnung auf der Straße relevant. Man könnte das auch in Frage stellen, denn durch einen Cum-Ex-Betrug gehen Milliarden an Steuereinnahmen verloren, die an anderer Stelle gebraucht würden, beispielsweise für die Sicherung von Infrastruktur. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprechen dann über Übergriffe auf Bedienstete der Deutschen Bahn, aber nicht über die fehlenden Mittel zur Sicherung der Infrastruktur, beispielsweise für eine Doppelbesetzung in Regionalzügen, die mehr Sicherheit für das dort tätige Personal bringen würde.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Der Druck und der Stress, der mit der maroden Infrastruktur einhergeht, führt auch zu mehr Aggressivität und Unsicherheit.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das erlebe ich zurzeit vor meiner Bonner Haustür. Wegen der Sperrung der Bonner Nordbrücke fahren die jetzt alle bei uns vor der Tür vorbei über die Kennedybrücke. Autofahrer:innen, auch Radfahrer:innen verhalten sich erheblich aggressiver gegeneinander, nicht zuletzt aber auch gegen Menschen, die zu Fuß gehen.</p>
<p>Aber ich möchte noch einmal auf die Gründe für die Konzentration auf bestimmte Gewaltdelikte zurückkommen. Hängt das nicht auch mit den Kriminalfernsehspielen zusammen, in denen immer wieder jemand umgebracht wird, obwohl es in der Realität weitaus weniger Morde gibt als man nach Fernsehkonsum vermuten möchte? Die Aufklärung eines Wirtschaftsverbrechens dürfte dramaturgisch eher langweilig sein.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Oder das Verbrechen wird heroisiert. Dann sind das Filme wie „Catch Me As You Can”, in denen der gerissene Betrüger zum Helden wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Abgesehen von der Popularität eines Leonardo DiCaprio: Der wird ja auch noch zu einem der Guten, weil er am Ende des Films gegen Straferlass mit dem FBI zusammenarbeitet. In den 1960er Jahren gab es die Romantisierung von Verbrechen schon mit „Die Gentlemen bitten zur Kasse“, ein Dreiteiler aus dem Jahr 1965, der einen spektakulären Überfall auf einen Postzug aus dem Jahr 1963 zum Vorbild hatte. Horst Tappert als Chef der Bande war eine höchst beliebte Identifikationsfigur, fast schon ein Robin Hood, obwohl das Vorbild sich vor allem selbst bereichern wollte. Es war schon etwas skurril, dass derselbe Horst Tappert etwa ein Jahrzehnt später für 24 Jahre als „Derrick“ einer der populärsten Polizeikommissare im deutschen Fernsehen wurde. Populär sind schließlich True-Crime-Formate. Dort haben Aufsehen erregende Verbrechen bis hin zu Serienmördern einen festen Platz.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Solche Verzerrungen der Wahrnehmungen werden dadurch verstärkt, dass sich True-Crime-Formate auf eher untypische Fälle konzentrieren und dass auch die Darstellung der Strafverfolgung in Kriminalfernsehspielen eher untypisch ist. Es erregt natürlich mehr Aufmerksamkeit. Es ist auch nachvollziehbar, dass grausame Taten uns eher packen. Bei Cum-Ex muss man immer erst einmal lange erklären, worum es da eigentlich geht. Es geht dort um Gelder, die man sich gar nicht vorstellen kann. Wie soll ich mir Hunderte von Milliarden vorstellen?</em></p>
<p><em>Die Logik der Medien, Nachrichtenformate ebenso wie Dokumentationen und Unterhaltungsformate, unterliegen Aufmerksamkeitsökonomien. Es ist jedoch die Verantwortung der Politik anders zu handeln, Kriminalität in ihrer Gänze zu behandeln und auch im Sinne der Gesellschaft zu priorisieren, in welchen Bereichen wir besonders intensiv in die Strafverfolgung einsteigen und wie wir das tun. Unsere Position ist da ganz klar: Wir haben in letzter Zeit eine Kriminalpolitik auf dem Vormarsch, die überhaupt nicht hilfreich ist. Ganz im Gegenteil.</em></p>
<h3><strong>Ist mehr Polizeipräsenz eine Lösung?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ist hilfreich, was nicht?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>:<em> Wir haben eine Kriminalpolitik, die sehr stark durch Law and Order geprägt ist, durch ein vermeintlich hartes Durchgreifen, das man aber in Frage stellen sollte. Welche Maßnahmen sind denn damit verbunden? Strafverschärfungen, neue Gesetze sind kein hartes Durchgreifen, sondern eher ein wildes Um-sich-schlagen. Wir wissen, dass Strafhöhe nicht abschreckt, sondern die Entdeckungswahrscheinlichkeit. Es gibt bestimmte Bereiche, in denen Betroffene überhaupt nicht anzeigen wie bei der sexualisierten Gewalt. Da ist unser Problem nicht die Gesetzeslage, sondern das Fehlen von Strafverfolgung. Strafverschärfung oder Gesetzesänderungen sind leicht umsetzbar, aber es fehlen tiefgreifende Maßnahmen, die wirklich zu einer Veränderung führen könnten. Wir haben vor allem etwas, das man Symbolpolitik nennen könnte. Ich möchte aber auch Folgendes klarstellen: Wir sagen nicht, alles werde nur skandalisiert, wir wollen nichts verharmlosen. Wir sagen aber, dass Kriminalität kein Schicksal ist, sondern gesellschaftlich sehr stark beeinflussbar. Deshalb schließen wir mit einem Plädoyer für eine neue Kriminalpolitik.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört eine Kriminalitätsprävention, die funktioniert?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Die kostet natürlich Geld. Außerdem dauert die Sichtbarkeit der Wirkungen länger als eine Legislaturperiode. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erinnere mich noch an einen Polizeibeamten in Duisburg-Bruckhausen, der vor etwa 25 bis 30 Jahren in den Ruhestand ging. Er hatte es geschafft, dass ihn im Stadtteil alle kannten. Er wusste sehr genau, wo Konflikte entstehen konnten. Viele konnte er durch Gespräche im Vorfeld auflösen. Er verband seine Tätigkeit als Polizist mit dem Engagement eines Sozialarbeiters. Ich denke, dass solche Menschen eine Menge an Gewalt, an Kriminalität verhindern könnten, weil sie Respektpersonen sind und weil sie die Menschen, die in ihrem Viertel wohnen, respektieren.</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Das bezeichnet man auch als Community Policing. Es gibt einen Kontaktbeamten, der die Leute kennt, auch außerhalb von Einsatzsituationen. Das ist Bürgernähe. Es ist niedrigschwellig, keine ständige Kontrolle. Es kommt auf das Wie der polizeilichen Präsenz an.</em></p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Man denkt in der Regel, dass mehr Polizeipräsenz zu weniger Kriminalität führt. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Polizeipräsenz da ist, nimmt die auch Dinge wahr, schreibt etwas auf. Zunächst steigt Kriminalität statistisch an. Es gibt auch nicht unbedingt ein stärkeres Sicherheitsgefühl. Es gibt auch die Wahrnehmung, dass es in diesem Stadtteil besonders gefährlich sein muss, wenn da schon so viel Polizei präsent ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine Frage des Maßes?</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Jein. Es ist oft eine Frage der Verdrängung. Wir haben aufgrund von Polizeieinsatz zurzeit in Köln eine Verschiebung der Drogenszene vom Neumarkt über den Ebertplatz zum Hansaring. Letztlich ist Polizei nicht die Institution, die dafür sorgen kann, dass es weniger Kriminalität gibt. Polizei ist gut eingesetzt, wenn Kriminalität da ist, aber wir müssten eigentlich versuchen, Prävention zu betreiben und über Soziale Arbeit, über Veedelskümmerer davon wegkommen, dass wir Sicherheit nur mit Polizeipräsenz verbinden. Hilfreich sind auch Kommunalpräventive Räte, die es in einigen Kommunen gibt, in denen ganz unterschiedliche Menschen daran arbeiten, lokale Probleme mit Kriminalität zu identifizieren und Lösungen zu erarbeiten. Das Sicherheitsgefühl hat oft gar nichts damit zu tun, ob irgendwo Kriminalität stattfindet, sondern hat im Gegenteil damit zu tun, ob Orte sauber wirken, ob das Licht an ist, ob es überschaubar ist.</em></p>
<h3><strong>Delegation von Sicherheit und das Verschwinden von Zivilcourage</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie ist es mit der Präsenz von Sicherheitsdiensten? Gerade an Bahnhöfen, in S-Bahnen gibt es inzwischen auf Initiative der neuen Bahnchefin Evelyn Palla mehr Sicherheitspersonal. Mir persönlich gibt dies durchaus ein Gefühl von mehr Sicherheit.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Auf der anderen Seite verschafft der Einsatz von Sicherheitspersonal Menschen den Eindruck, es gebe hier Unsicherheit. Ich sehe auch, dass dann, wenn es für alles eine Institution gibt, das menschliche Miteinander verloren geht. Eigentlich müsste es ja so sein, dass Menschen aufeinander achten, miteinander reden, eine Form von Konfliktregulation zwischen ihnen stattfindet. Stattdessen beobachte ich Vereinzelung, dass alle bei Problemen erst einmal schauen, wer denn eingreifen und helfen könne. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sind in unserer Gesellschaft an einem Punkt angelangt, indem wir Sicherheit und Konfliktregulierung wegdelegieren. Da muss man sich nicht wundern, wenn es dann niemanden gibt, der das praktiziert, was man Zivilcourage nennt.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Dazu gehört auch die Erzählung, dass wenn man mal eingreife, man direkt ein Messer im Bauch hätte. Da sag ich lieber nichts. Man sieht im Anderen erst einmal eine potenzielle Gefahr. Wenn sie jemanden sehen, der eingreift, sagen die Leute, ach es gibt doch noch nette Menschen. Aber das ändert an ihrem eigenen Verhalten nichts. Es wäre natürlich schön, wenn das die Regel wäre. Eigentlich sollten wir davon ausgehen, dass wir alle soziale Wesen sind, die in einem sozialen Miteinander funktionieren. Ich verstehe das Bedürfnis, dass Sicherheitspersonal in der Bahn präsent ist, doch letztlich können wir das Zusammenleben nicht staatlich organisieren.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: André Heller präsentiert in seinen Auftritten immer wieder mal eine Geschichte von Nestroy. Da trifft im Wald a Wolf an Wolf. Sogt er: Aha, sicher a Wolf. Trifft im Wald a Mensch an Menschen, sogt er: Oha, sicher a Rauber.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das berührt die Kriminologie. Gehen wir im anderen Menschen erst einmal vom Schlechten aus oder vom Guten? Wir kategorisieren einen Menschen als Angehörigen einer Gruppe. Der eigenen Gruppe schreibt man eher positive Eigenschaften zu, die halten sich an Gesetze, die sind ungefährlich, als der Fremdgruppe, und sobald ich einen Menschen der Fremdgruppe treffe, gehe ich davon aus, dass die wohl andere Eigenschaften und Verhaltensweisen haben, die möglicherweise gefährlich für mich sein könnten. </em></p>
<h3><strong>Dunkelfeldstudien statt Statistikshow</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dem, was wirklich gefährlich ist, kommen wir erst auf die Spur, wenn wir nicht nur unsere jeweiligen Vorurteile kennen, sondern auch das Dunkelfeld bestimmter Phänomene untersuchen. Am 10. Februar 2026 stellten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bundesfamilienministerin Karin Prien mit dem Bundeskriminalamt eine von ihnen in Auftrag gegebene <a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/LeSuBiA/lesubia_node.html">Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“</a> (LeSuBiA) vor (auch dieser Titel darf als euphemistisch interpretiert werden). Ein Ergebnis: Nur etwa eine von 20 Frauen zeigt die Gewalt ihrer Ehemänner oder Partner an. Sie fordern in Ihrem Buch mehr Dunkelfeldstudien, die die Verzerrungen beseitigen, die durch die <em>„PSK-Shows“, </em>die rituellen Präsentationen der Polizeilichen Kriminalstatistik immer wieder aufs Neue bestätigt werden.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Hier gibt es einen begründeten Anlass zur Hoffnung. Am 20. April 2026 hat das Bundeskriminalamt gleichzeitig mit der der Kriminalstatistik die Dunkelfeldstudie </em><a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/SKiD/skid_node.html"><em>„Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“</em></a><em> (SKiD) vorgestellt. Diese Dunkelfeldbefragung soll ab jetzt alle zwei Jahre durchgeführt werden. Damit hätten wir endlich ein Gegengewicht zur Polizeilichen Kriminalstatistik, die bisher konkurrenzlos dasteht. Wir könnten Hellfeld und Dunkelfeld vergleichen. Die Tatsache, dass nur etwa sechs Prozent aller Delikte sexualisierter Gewalt angezeigt werden, lässt den Schluss zu, dass ein Anstieg im Hellfeld nichts damit zu tun hat, dass das Ausmaß dieses Delikts ansteigt, sondern dass mehr Leute sich trauen, es anzuzeigen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eines der bedrückendsten Ergebnisse ist aus meiner Sicht die Tatsache, dass das gefährlichste Feld, vor allem für Frauen und Kinder, das eigene Zuhause ist.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das ist leider so. Es ist ein geflügeltes Wort in der Kriminologie, dass man als Frau sicherer ist, wenn man nachts im Park spazieren geht als wenn man zu Hause mit der Familie ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass man durch eine Straftat verletzt wird, ist zu Hause am höchsten. Bei Delikten auf der Straße gehören am häufigsten junge Männer zu den Opfern, entgegen der Annahme, dass vor allem Frauen gefährdet wären. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Man muss hier natürlich wieder aufpassen, dass man nicht wieder das Kind mit dem Bade ausschüttet und manche grundsätzlich alle Männer unter Verdacht stellen.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Wir sprechen uns in unserem Plädoyer für eine neue Kriminalpolitik für eine feministische Kriminalpolitik aus. Das bedeutet nicht, dass alle Männer pauschal verteufelt werden, sondern dass die patriarchalischen Strukturen und Einstellungen erkannt und bekämpft werden müssen. Das, was hinter häuslicher Gewalt steckt, ist die patriarchalische Struktur, dass Frauen Männern unterlegen sind, dass Frauen Besitz ihrer Männer sein sollen. Der hauptsächliche Grund, dass es zu häuslicher Gewalt kommt, sind Besitzansprüche, dass Frauen kein eigenes Leben zugestanden wird, dass sie kontrolliert werden müssen, sie zu tun hätten, was der Mann möchte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist auch Thema des neuen Buches von Eva von Redeker <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240">„Dieser Drang nach Härte – Über den neuen Faschismus“</a> (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2026). Sie hat den Begriff <em>„Phantombesitz“</em> in die Debatte eingeführt. Männer werden im Sinne dieses <em>„neuen Faschismus“</em> gewalttätig, weil sie einen vermeintlichen Besitz verteidigen wollen, ihr Land, ihre Nation, ihre Frauen, ihre Kinder. Dasselbe Phänomen gibt es in islamistischen Kreisen.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Das Narrativ „unsere Frauen“ hört man immer wieder, auch in Kreisen, in denen man es nicht vermutet. Martin Schulz hat mal in seiner Zeit als Kanzlerkandidat der SPD in einer Talk-Show zum Thema Gefahr gesagt, wir müssten „unsere Frauen schützen“. Das zeugt schon von dieser patriarchalischen Struktur, denn gleichberechtigte Menschen müssen nicht eine Gruppe schützen, sondern wollen die Rechte von allen Menschen bewahren. Ich weiß natürlich, dass in einer Welt, in der Gleichstellung noch nicht erreicht ist, vulnerable Gruppen besonders geschützt werden müssen. </em></p>
<p><em>Ich nenne ein weiteres Beispiel: Wie wird eigentlich über Tötungsdelikte im Rahmen von Trennungen geschrieben und gesprochen. Ist der Mann ein Deutscher, ist es ein Familiendrama, Zeichen einer psychologischen Notlage, der konnte nicht anders, wird er – ungeachtet der Staatsangehörigkeit – nicht als Deutscher gelesen, gehört es zu dessen Kultur, das war ein verbrecherischer Vorsatz. Das verzerrt sich auch in der Justiz: Das eine ist dann eher ein Mord als das andere, weil man beim einen entschuldigende, bei dem anderen nicht entschuldbare Gründe findet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist das nur patriarchalisch oder nicht eher doch maskulinistisch?</p>
<p><strong>Gina Rosa Wollinger</strong>: <em>Aus der Gewaltforschung kennen wir sogenannte „Machonormen“, Gewalt legitimierende Männlichkeitsnormen. Diese sind ein großer Prädiktor, dass jemand Gewalt ausübt. Aber solche Normen können nur auf einem patriarchalischen System gedeihen, wenn sonst der Ansatz fehlte, Gewalt zu legitimieren. Man kann übrigens auch feststellen, je schwerer das Delikt, desto weniger sind Frauen die Täterinnen.</em></p>
<h3><strong>Ein kurzes Fazit für eine neue Kriminalpolitik</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zum Abschluss fasse ich noch einmal kurz die Eckpunkte Ihres Plädoyers für eine neue Kriminalpolitik zusammen: Sie wollen weniger Drama, mehr Analyse, weg von der PSK-Show zu Dunkelfeldstudien, die Erforschung repressiver Strukturen, da diese mehr Kriminalität bedingen, die Kombination von Innen- und Sozialpolitik, Aufmerksamkeit für Klassismus, Rassismus und Patriarchat, die Entkriminalisierung von Drogen (nicht nur von Cannabis) und von Armutsstraftaten, mehr Kampf gegen Wirtschafts- und Umweltkriminalität und Menschenhandel.</p>
<p><strong>Nicole Bögelein</strong>: <em>Wir wollen auf keinen Fall Kriminalität relativieren, herunterreden. Leider muss man das immer wieder sagen. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass wir die Ressourcen zurzeit falsch verteilen und uns zu viel mit Delikten beschäftigen, die Menschen aus strukturellen Notlagen begehen, kriminalisieren, dass jemand in Armut lebt oder anders aussieht. Davon müssen wir weg und in eine Richtung zu Delikten, von denen es eine Menge gibt, für die aber die Ressourcen fehlen, weil wir falsche Prioritäten setzen und uns zu viel im Klein-Klein verlieren.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 4. August 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Häusliche Gewalt vor Gericht</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/haeusliche-gewalt-vor-gericht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Apr 2026 07:56:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Häusliche Gewalt vor Gericht Ein Gespräch mit dem Familienrichter Andreas Hornung „Die Vertragsparteien treffen die erforderlichen gesetzgeberischen und sonstigen Maßnahmen, um landesweit wirksame, umfassende und koordinierte politische Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen, die alle einschlägigen Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung aller in den Geltungsbereich dieses Übereinkommens fallenden Formen von Gewalt umfasst, und um eine  [...]</p>
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<h1><strong>Häusliche Gewalt vor Gericht</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit dem Familienrichter Andreas Hornung </strong></h2>
<p><em>„Die Vertragsparteien treffen die erforderlichen gesetzgeberischen und sonstigen Maßnahmen, um landesweit wirksame, umfassende und koordinierte politische Maßnahmen zu beschließen und umzusetzen, die alle einschlägigen Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung aller in den Geltungsbereich dieses Übereinkommens fallenden Formen von Gewalt umfasst, und um eine ganzheitliche Antwort auf Gewalt gegen Frauen zu geben.“ </em>(Artikel 7 Absatz 1 der <a href="https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/europarat/menschenrechtsabkommen-des-europarats/istanbul-konvention">Konvention des Europarats zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt</a>)</p>
<p>Die am 11. Mai 2011 in Istanbul beschlossene Konvention (kurz: Istanbul-Konvention) ist in Deutschland geltendes Recht. Das bedeutet nicht, dass sie auch überall bereits angewandt wird. Sie umfasst sämtliche Formen häuslicher Gewalt, das heißt Gewalt in der Familie und im familiären Umfeld, nicht nur Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Häusliche Gewalt wird nicht zuletzt in familiengerichtlichen Verfahren um Sorge- und Umgangsrecht, oft im Gefolge von Scheidungen, viel zu wenig bedacht. Auch die Politik tut sich schwer. Es ist bisher beispielsweise nicht gelungen, Kinderrechte in das Grundgesetz oder Femizide in das Strafrecht aufzunehmen. Zudem gibt es ein erhebliches Dunkelfeld. Im Februar 2026 stellten Bundesinnen- und -familienministerium gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt eine <a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/LeSuBiA/lesubia_node.html">Studie zur häuslichen Gewalt</a> vor, die von einem Dunkelfeld von über 80 Prozent ausgeht.</p>
<div id="attachment_7998" style="width: 298px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7998" class="wp-image-7998 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-288x300.jpg" alt="" width="288" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-200x209.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-288x300.jpg 288w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-400x417.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-600x626.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-768x801.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-800x834.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-982x1024.jpg 982w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-1200x1251.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870-1473x1536.jpg 1473w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/04/Andreas-Hornung-Foto-privat-scaled-e1777363003870.jpg 1707w" sizes="(max-width: 288px) 100vw, 288px" /><p id="caption-attachment-7998" class="wp-caption-text">Andreas Hornung, Foto: privat.</p></div>
<p>Andreas Hornung ist Familienrichter in Warendorf, Experte im Familienrecht und im Recht der Kinder- und Jugendhilfe. Mit seiner Expertise war er mehrere Jahre zweiter Vorsitzender im <a href="https://isa-muenster.de/">Institut für Soziale Arbeit</a> (ISA), das neben dem Deutschen Jugendinstitut eines der renommierten Institute zu Forschung und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland ist. Bei der Kommunalwahl im Jahr 2025 hat er in Warendorf für das Amt des Bürgermeisters kandidiert. Er ist Mitglied der SPD und Mitglied des Rats der Stadt Warendorf. Der Kreis Warendorf war in vielen Vorhaben der Kinder- und Jugendhilfe Vorreiter. Das gilt für die Einrichtung offener Ganztagsschulen sowie für das Landesprojekt „Kein Kind zurücklassen“, das inzwischen als <a href="https://www.kinderstark.nrw/">„kinderstark“</a> landesweit ausgebaut werden konnte.</p>
<h3><strong>Ein hohes Gut: Die Unabhängigkeit der Gerichte von der Politik </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich zu Beginn die Frage stellen, was dich motiviert hat, dich im ISA zu engagieren.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Es mit Vorträgen begonnen, die ich im </em><a href="https://isa-muenster.de/arbeitsbereiche/kinder-und-jugendhilfe/kinderschutz/zertifikatskurs-kinderschutzfachkraft/"><em>Zertifikatskurs Kinderschutzfachkraft</em></a><em> gehalten habe. Angesprochen hat mich Wolfgang Rüting, Leiter des Amtes für Kinder, Jugendliche und Familien des Kreises Warendorf, damals Vorstandsmitglied im ISA, später auch Erster Vorsitzender des ISA. Wolfgang Rüting initiierte unter anderem </em>die <a href="https://serviceportal.kreis-warendorf.de/detail/-/vr-bis-detail/dienstleistung/401711/show">Warendorfer Praxis</a>, ein<em> interdisziplinäres Netzwerk zur Unterstützung all der Professionen, die sich für Familien sowie für Kinder und Jugendliche engagieren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang das Selbstverständnis von Richter:innen in Deutschland.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Zunächst ist der Unterschied zu den USA von Bedeutung. In den USA werden Richter:innen direkt von der Bevölkerung gewählt, mit Ausnahme der Mitglieder des Supreme Court, die auf Vorschlag des Senats von Kongress und Senat gewählt werden müssen. Ich bin in Deutschland als Richter nicht unmittelbar direkt legitimiert. Mittelbar bin ich legitimiert, weil ich vom Justizministerium ernannt werde, dessen Minister beziehungsweise Ministerin ja durch eine Parlamentswahl legitimiert ist. Ich sehe darin große Vorteile. In den USA wäre ich zwar direkt gewählt, aber gleichzeitig wäre ich in meiner Arbeit weniger frei, weil ich mich stets den Wählerinnen und Wählern stellen muss. </em></p>
<p><em>Richter:innen sind in Deutschland laut Grundgesetz und Landesverfassungen ausdrücklich unabhängig und das ist auch gelebte Praxis. Diese Freiheit ermöglicht mir, dass ich neben dem unmittelbaren richterlichen Geschäft, dem Verhandeln im Gerichtssaal, dem Beraten mit den Senatskolleg:innen, neben den Urteilen oder Vergleichen, auch über den Tellerrand hinausschauen kann. Ich arbeite im Kreis Warendorf seit 18 Jahren in einem Netzwerk, der Warendorfer Praxis, in der Menschen mit ganz verschiedenen Berufen vertreten sind, die alle mit Kindern zu tun haben, mit Kinderschutz, Sorgerecht, Umgangsrecht, Beratung, Frauenhäusern, Jugendämtern. Wir arbeiten seit 18 Jahren unabhängig vom Einzelfall zusammen. Auch das ist in meinen Augen ein demokratischer Prozess, auch wenn es nichts mit unmittelbar konkreten Wahlen zu tun hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich sehe einen weiteren Unterschied: In den USA gibt es Richterschelte, die es bei uns in diesem Ausmaß nicht gibt. Bei uns gibt es Urteilsschelte.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Das hat damit zu tun, dass in den USA – nicht nur in Bezug auf Trump, sondern auch in den Bundesstaaten und auf Distriktebene – Richterinnen und Richter gewählt werden. Jede Wahl hat immer etwas mit der persönlichen politischen Einstellung zu tun. Die einzelne richtende Person wird daher bei ihren Entscheidungen wegen ihrer politischen Einstellung kritisiert. </em></p>
<p><em>Bei uns gibt es bei Entscheidungen von Strafgerichten, Verwaltungsgerichten, auch Verfassungsgerichten durchaus auch Kritik. Dies ist jedoch eine inhaltliche Kritik. Das einzige Mal, dass ich das anders erlebt habe, war im letzten Jahr bei der Wahl von drei neuen Mitgliedern des Bundesverfassungsgerichts anlässlich des Vorschlags, die Professorin </em><a href="https://www.uni-potsdam.de/de/lehrstuhl-brosius-gersdorf"><em>Frauke Brosius-Gersdorf</em></a><em> im Deutschen Bundestag zur Verfassungsrichterin zu wählen. Die Politik ist so durchgeschlagen, dass eine hochqualifizierte Frau durch falsche Nachrichten von Nius und anderen Portalen geradezu „verbrannt“ worden ist, weil ihr zugeschrieben wurde, Positionen zu vertreten, die sie gar nicht vertrat. </em></p>
<p><em>Wir müssen aufpassen, dass wir bei allen Unterschieden der beiden Systeme nicht die in den USA gängigen Narrative übernehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erinnere mich an einen weiteren Fall, in dem die Person des Richters mit ihren Einstellungen Gegenstand der Kritik war: Gegen <a href="https://www.jura.uni-wuerzburg.de/professoren/professoren-im-ruhestand/dreier-horst/">Horst Dreier</a> gab es ebenfalls solche Vorbehalte, sodass der Vorschlag zurückgezogen wurde und jemand anders, in diesem Fall Andreas Voßkuhle, der spätere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, vom Deutschen Bundestag gewählt wurde. Allerdings gab es damals keine dermaßen ehrverletzende Kampagne mit bewussten Falschinformationen wie wir sie gegen Frauke Brosius-Gersdorf erlebten.</p>
<p><strong>Andras Hornung</strong>: <em>Wir hatten solche Debatten auch bei Heidemarie Wieczorek-Zeul und bei Peter Müller. Es wurde im Vorfeld ihrer Kandidatur darüber diskutiert, ob es legitim wäre, jemanden, der beziehungsweise die ein prominentes politisches Amt innehatte, als Bundesministerin beziehungsweise als Ministerpräsident eines Landes, in das Bundesverfassungsgericht zu wählen. Das ist verständlich, aber im Fall von Frauke Brosius-Gersdorf, die sichtbar qualifiziert ist, hatte es bereits eine politische Einigung gegeben. Aber wenn dann auf die Initiative dritter Kräfte aus dem Journalismus, deren Seriosität durchaus bezweifelt werden darf, politische Kräfte einen Rückzieher machen, halte ich das für problematisch.</em></p>
<h3><strong>Grundgesetz und Istanbulkonvention: Klare Priorität für das Kindeswohl</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist letztlich eine Frage der Medien. Wir sehen dies auch in konkreten Fallkonstellationen. Beispielsweise gibt es erheblichen Druck, auch über die Presse, im Bereich des Familienrechts.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>:<em> Das hat aber auch mit ideologischen Grundhaltungen zu tun. Beim Streit im Familienrecht, wie ich ihn empfinde, geht es darum, wie weit der Gesetzgeber gehen sollte. Das spielt in unsere familienrichterlichen Verfahren hinein, aber die Frage lautet beispielsweise, ob das Residenzmodell im BGB beim Unterhalt noch zeitgemäß ist. Das Residenzmodell bedeutet, dass das Kind bei einem Elternteil lebt und der andere finanziell zum Unterhalt beiträgt. Diskutiert wird, ob das Gesetz ein Wechselmodell als Regelfall vorsehen sollte. Ein zweiter Punkt: Wie schaue ich auf häusliche Gewalt? Belasse ich es bei den bisherigen Regelungen oder sorge ich gesetzlich dafür, dass häusliche Gewalt automatisch eine hohe Beachtung erhält, bevor ich über den Aufenthalt eines Kindes oder das Umgangsrecht entscheide?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wir können die Argumente und den Diskussionsverlauf gerne einmal an dem Thema „Wechselmodell“ konkretisieren. Ich denke an interessierte Gruppierungen wie den „Väteraufbruch“, der das „Wechselmodell“ als Regelfall fordert. Ich persönlich bin da sehr skeptisch, weil ich glaube, dass ein „Wechselmodell“ die Kinder zerreißt. Außerdem fesselt es die ehemaligen Eheleute an einen bestimmten Wohnort, es sei denn, man nimmt hin, dass die Kinder ein paar Tage hier, ein paar Tage dort KiTa oder Schule besuchen.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Wir haben zu diesem Thema in der „Warendorfer Praxis“ eine gemeinsame Haltung und einen juristisch, pädagogisch und psychologisch begründeten Leitfaden entwickelt. Es muss sehr sorgsam geprüft werden, was ein „Wechselmodell“ bewirkt. Die Familienrechtlerin Hildegund Sünderhuff-Kravets vertritt beispielsweise die Auffassung, dass ein „Wechselmodell“ selbst bei Hochstrittigkeit diesen Streit erstickt, daher ein Lösungsmodell sei, um Eskalation von Streit zu verhindern. Ich bin ausgesprochen kritisch, weil ich glaube, dass der Streit in der Persönlichkeit der Streitenden verankert ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Gefahr steigt, dass das Kind in den Streit hineingezogen wird, möglicherweise sogar von beiden streitenden Eltern vereinnahmt werden kann, die es ständig auffordern, Partei zu ergreifen.</p>
<p>Bei Streitigkeiten um das Umgangsrecht argumentieren in letzter Zeit Familiengerichte häufig, dass ein Vater, auch wenn er gegen die Mutter oder gegen das Kind oder beide gewalttätig ist, das Recht behält, regelmäßigen Umgang mit dem Kind zu pflegen, die Mutter sogar verpflichtet ist, ihm das Kind zu bringen. Manchmal gibt es eine Umgangsbegleitung, aber nicht immer.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Ich teile was du sagst. Es ist in den Familiengerichten noch nicht angekommen, dass solche Entscheidungen ein falsches Verständnis des in </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_6.html"><em>Artikel 6 Absatz 2 Grundgesetz</em></a><em> festgeschriebenen Elternrechts sind. Das geht über die Familiengerichte bis zu den Oberlandesgerichten hoch, dass das Elternrecht sehr stark in den Mittelpunkt bei der Begründung ihrer Entscheidungen gestellt wird. </em></p>
<p><em>Die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs sind eigentlich andere. Ich muss den Wunsch, den Willen von Kindern, deren Schutz und Betroffenheit an die erste Stelle stellen. Es ist im familiengerichtlichen Kontext noch vielen unbekannt, dass seit 2018 die von Deutschland ratifizierte </em><a href="https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/menschenrechtsschutz/europarat/menschenrechtsabkommen-des-europarats/istanbul-konvention"><em>Istanbulkonvention des Europarats zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt</em></a><em> unmittelbar geltendes Recht ist. Diese enthält klare Regelungen, dass vor Regelungen von Sorge- und Besuchsrecht (beziehungsweise Umgangsrecht) eine Gefahrenanalyse stattfinden muss, wenn es um häusliche Gewalt geht. Die Konvention hat den gleichen Rang wie das BGB. </em></p>
<p><em>Das Bundesverfassungsgericht hat in den letzten Jahren in mehreren Entscheidungen sehr deutlich betont, dass der Kindeswille ein hohes Gewicht hat, vorausgesetzt er wurde nicht manipuliert, sondern ist zielorientiert, eigenständig und autonom. Bei den Gerichten wird oft mit der Entfremdung eines Elternteils vom Kind argumentiert und einem Elternteil, der häusliche Gewalt erlebt hat, vorgeworfen, es wäre „bindungsintolerant“ und wolle das Kind vom anderen Elternteil entfremden. Dieser Teil wird vom Bundesverfassungsgericht sehr skeptisch gesehen, weil ein „Parental Alienation Syndrome“ wissenschaftlich nicht erwiesen sei. In der höchstrichterlichen Rechtsprechung des Verfassungsgerichts gibt es zu diesem Punkt eine klare Tendenz zum Schutz des Kindes, zur Beachtung von kindlichen Äußerungen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mitunter könnte man den Eindruck haben, dass manche Eltern und eben auch manche Gerichte die Kinder als Eigentum der Eltern betrachten. Es muss nicht gleich so weit kommen wie in dem Strafprozess gegen die Mutter der Block-Geschwister, der unter anderem Kindesentführung vorgeworfen wird. Aber ein Einzelfall scheint das nicht zu sein. <a href="https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/ein-sorgerechtsstreit-der-im-gefangnis-endet-ich-durfte-mich-nicht-einmal-verabschieden-15466789.html">Barbara Nolte berichtete im Tagesspiegel</a> von einem Fall, in dem die Mutter in Ordnungshaft genommen wurde, weil sie ihre beiden Töchter nicht an den allein sorgeberechtigten Vater herausgeben wollte, obwohl die Kinder nicht zu ihm wollten, vor ihm sogar wieder zur Mutter zurückliefen und der Vater sich offensichtlich gar nicht für die Kinder als Kinder interessierte. Kann es sein, dass viele Richterinnen und Richter hier einfach überfordert sind?</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Mit Sicherheit auch. Es sind mehrere Punkte. Es braucht zunächst einmal Wissen. Wenn ich nicht weiß, was die Istanbulkonvention regelt, kann ich sie auch nicht anwenden. Und es ist Haltung. Habe ich im Grundsatz die Haltung, dass ich in jedem Fall Augenhöhe zwischen Elternrecht und Kindesrecht will? Das Bundesverfassungsgericht leitet längst aus </em><a href="https://dejure.org/gesetze/GG/1.html"><em>Artikel 1 Grundgesetz</em></a><em> (Menschenwürde), </em><a href="https://dejure.org/gesetze/GG/2.html"><em>Artikel 2</em></a><em> (freie Entfaltung der Persönlichkeit, Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit) und </em><a href="https://dejure.org/gesetze/GG/6.html"><em>Artikel 6 Absatz 2 Satz 2</em></a><em> (Wächteramt des Jugendamts) starke Grundrechte von Kindern ab. Wir haben noch keine ausdrücklichen Kinderrechte im Grundgesetz. Wir haben aber vom Bundesverfassungsgericht eine klare Rechtsprechung zum Recht der Kinder gegen die Eltern auf gewaltfreie Erziehung, zum Recht des Staates einzugreifen, wenn die Eltern das Kind schädigen. All das leitet das Bundesverfassungsgericht aus dem Grundgesetz ab.</em></p>
<p><em>Es ist eine Frage von Wissen und Haltung, aber im Einzelfall auch die Frage der Präsenz der Parteien in der Verhandlung. Wenn die Kindesmutter beispielsweise ausgesprochen schwach in der Verhandlung agiert, weil sie das Opfer ist, und der Vater dominant agiert und auch den entsprechenden Anwalt hat, ist es für die einzelne Richterin, den einzelnen Richter schwer, das Rückgrat zu haben zu berücksichtigen, dass das Kind, das zunächst keinen unmittelbaren Fürsprecher hat, abgesehen vom Jugendamt und einem Verfahrungsbeistand. In einer solchen Gemengelage ist es schwierig deutlich zu machen, Eltern klarzumachen, dass ihr Recht hier keine Priorität hat. Wenn eins davon, Wissen, Haltung, Rückgrat, fehlt, kommt es zu der von dir beschriebenen Überforderung.</em></p>
<h3><strong>Strafrecht vs. Familienrecht </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hier kommen Gutachten ins Spiel?</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Ja in der Theorie, ja in der Praxis. Aber das reicht nicht aus. Ich mache viele Inhouse-Fortbildungen, bei Anwältinnen und Anwälten, bei Jugendämtern, bei freien Trägern, teilweise auch bei Richterinnen und Richtern. Ich war schon beim „Väteraufbruch“ und beim „Verband autonomer Frauenhäuser“. Diese haben völlig entgegengesetzte Interessen. Das Entscheidende ist, dass ich – in welchem Amt, in welcher Funktion auch immer – jeweils das Wissen und die Haltung habe und mir auch die Zeit dazu nehme, den jeweiligen Fall umfassend aufzuarbeiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Bundesregierung hat gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt gerade eine <a href="https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Forschung/ForschungsprojekteUndErgebnisse/Dunkelfeldforschung/LeSuBiA/lesubia_node.html">Dunkelfeldstudie zum Thema Häusliche Gewalt</a> vorgestellt. Die Studie spricht von einer riesigen Dunkelziffer von über 80 Prozent. Oft steht in solchen Prozessen doch Aussage gegen Aussage.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Das muss man sehr differenzieren. Es gibt den alten lateinischen Grundsatz: „Quod non est in actis, non est in mundo“. Was nicht in den Akten ist, ist auch nicht in der Welt. Wenn niemand unter den Beteiligten häusliche Gewalt thematisiert, findet es im Verfahren nicht statt. Wenn es thematisiert wird, ist der familiengerichtliche Maßstab von dem strafrechtlichen zu unterscheiden. Wenn Aussage gegen Aussage steht und ich keine anderen Erkenntnisquellen habe, wird im Strafverfahren das Verfahren eingestellt oder der Angeklagte wird freigesprochen. Wenn bei uns im Familienrecht Aussage gegen Aussage steht, es aber andere Anhaltspunkte gibt, beispielsweise relevante beobachtbare Verhaltensweisen des Kindes oder gar einen geäußerten Kindeswillen, muss aufgeklärt werden. Dies geschieht häufig durch ein Gutachten. </em></p>
<p><em>Wir brauchen Wissen und Haltung bei allen Beteiligten, wann ein Gutachten benötigt wird, zu welchen Fragestellungen, mit welcher Qualifikation der Begutachtenden. Wenn die Gefahr einer Re-Traumatisierung bestehen könnte, brauche ich psychologische Kompetenz, jemanden, der sich mit Traumata und Re-Traumatisierung auskennt und weiß, welche Fragen in welcher Form gestellt werden sollten. Dann brauche ich aber auch einen Verfahrensbeistand des Kindes und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jugendamt, die bewerten können, ob das Gutachten valide ist. </em></p>
<p><em>Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass ich jedes familienrechtliche Gutachten, das ich bei Fortbildungen gesehen habe, in kürzester Zeit auf Schlüssigkeit und Validität überprüfen kann. Ich kenne zwar die Fälle nicht, nicht die konkreten Kinder, aber die Qualität in Gutachten in Kindheitsfragen ist eine sehr große Baustelle, obwohl es seit 2015 bis 2025 in dritter Auflage – </em><a href="https://www.drb.de/fileadmin/DRB/pdf/Publikationen/202509_Mindestanforderungen_Arbeitsgruppe_Familienrechtliche_Gutachten_3_Auflage_2025.pdf"><em>sehr umfassende Leitfäden</em></a><em> gibt, wie man mit Gutachten umgehen kann. Diese sind jedoch oft unbekannt oder werden nicht beachtet. Das ist ein Dilemma. Eigentlich wäre es die Lösung, wenn ein Gutachter oder eine Gutachterin psychologisch oder sogar psychiatrisch auf ein Kind und auf die Eltern schauen kann, um zu bewerten, was es bedeutet, wenn ein Kind den Vater nicht sehen will. Wie muss ich mit dem Wunsch umgehen? Gefährdet es das Kindeswohl, wenn ich ihn ignoriere? Das hat mit dem Strafrecht nichts zu tun. Ich kann oft nur durch Gutachten klären, die sich die Menschen anschauen und erfragen, was das mutmaßliche Geschehen bewirkt hat und was welche Entscheidung bewirken könnte. Dazu brauche ich exzellente Sachverständige und Leute, die deren Gutachten lesen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Die Befragung von Kindern ist nicht unproblematisch. Denkbar sind Suggestivfragen, die Antworten erzeugen, die in der Realität keine Grundlage haben. Das kann in manchen Prozessen höchst fatale Wirkungen haben, so beispielsweise in den Wormser Strafprozessen zwischen 1993 und 1997, in denen 25 erwachsene Familienmitglieder des sexuellen Missbrauchs an 16 Kindern beschuldigt wurden, aber letztlich alle Anklagen in sich zusammenbrachen. Aber die Folgen waren erheblich, für die beschuldigten und in Untersuchungshaft genommenen Erwachsenen, Eltern, Großeltern, wie für die Kinder, die natürlich wegen des Prozesses nicht mehr in den Familien lebten. Es gibt eine recht gute <a href="https://www.zdf.de/video/dokus/true-crime-ermittler-spektakulaere-kriminalfaelle-100/missbrauch-worm-prozess-skandal-jugendamt-true-crime-100">ZDF-Dokumentation</a> dazu. Anlass der Beschuldigungen waren Gutachten, die ein Kinderarzt und eine Mitarbeiterin von Wildwasser e.V. während eines Scheidungsprozesses erstellt hatten. Sie hatten mit einer Methode gearbeitet, in der Märchenerzählungen und anatomisch korrekte Puppen verwendet wurden. Besonders tragisch war, dass einige der Kinder wohl während der Inobhutnahme in einer Fremdeinrichtung dort tatsächlich sexuell missbraucht wurden. Dies als Beleg dafür, welchen Schaden Gutachten anrichten können, wenn sie mit vorgefassten Meinungen und Suggestivfragen vorgehen, aber letztlich nicht darauf achten, was die Kinder tatsächlich sagen und wollen.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Auch damit haben wir uns in der Warendorfer Praxis ausführlich befasst. Wir haben den Leitfaden „Kind im Blick“ entwickelt, der inzwischen in zweiter Auflage vorliegt. Wir beleuchten sehr präzise rechtlich, pädagogisch, psychologisch, wie man halbwegs kindgerecht vorgehen kann. Ich habe sehr früh als Familienrichter an einer Fortbildung teilgenommen, die eine sehr renommierte Psychologin durchgeführt hat. Sie hat mit uns erarbeitet, was bei einer Kindesanhörung vor Gericht wichtig ist: Setting, Rahmung, Art der Fragestellung. Ich habe danach nie wieder direkte Fragen gestellt, beispielsweise Fragen, in denen das Kind in eine Entscheiderrolle gedrängt wurde, beispielsweise mit der Frage: „Willst du bei der Mama wohnen oder beim Papa?“ Oder: „Gefällt es dir beim Papa?“ Bei jeder Frage muss ich bewerten, wie hoch der Erkenntnisgewinn sein kann. Der Erkenntnisgewinn ist aber auch nur ein Mosaikstein, noch nicht die Lösung des Falles. Daraus folgt, dass alle, die Familiensachen vor Gericht bearbeitet, sich regelmäßig in Fragen der Kindesanhörung schulen lassen müssten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Strafrecht gibt es die Unschuldsvermutung, ein sehr hohes Gut.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Daher ist es so wichtig, dass überall in den Kommunen unter Leitung des Jugendamtes Netzwerke entstehen. Wir haben in unserem Netzwerk zum Beispiel mehrere Mitarbeiterinnen aus Frauenhäusern. Ihre Aufgabe ist es, alle Vorwürfe erst einmal zu glauben und in ihrer Arbeit zugrunde zu legen, was ihnen eine Frau erzählt. Ein Strafrichter hat einen anderen Blick, er braucht Beweise und wenn die nicht vorliegen, werden die Beschuldigten freigesprochen. Familienrichter müssen bewerten, warum sich eine Mitarbeiterin eines Frauenhauses, die die Betroffene mit in die Verhandlung bringt, sich so positioniert wie sie sich positioniert. Er oder sie müssen im konkreten Einzelfall zwischen dem Schutz des Kindes und dem Recht auf Umgang abwägen. Dies geschieht nicht oft genug. Der vom Bundesjustizministerium schon seit längerer Zeit angekündigte Gesetzentwurf soll ja Gewalt als Thema in das BGB und ins </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/famfg/"><em>Familienverfahrensgesetz</em></a><em> (FamFG) aufnehmen. Die Ampelkoalition hatte einen Vorschlag gemacht, der leider durch ihre Auflösung Geschichte geworden ist. Es sollte eine Vorgabe in das Verfahrensgesetz aufgenommen werden, dass bei Thematisierung häuslicher Gewalt eine Gefahrenanalyse, eine Anhörung stattfinden, jede Möglichkeit zum Erkenntnisgewinn genutzt werden müssen, bevor über Umgang, Sorgerecht oder Aufenthaltsrecht entschieden wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Widerstände gegen solche Regelungen?</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Aber ja. Diese Regelung betraf einen einzufügenden § 156a des FamFG. Die Berufsorganisation, die am meisten gegen die Regelung Sturm gelaufen ist, war mein </em><a href="https://www.drb.de/"><em>Deutscher Richterbund</em></a><em>. Argument war, dass die Familienrichterinnen und -richter dies nicht leisten könnten. Ich weiß jedoch aus eigener Anschauung, dass das sehr wohl geht. Ich habe mir schon immer für eine Sorgerechtssache eineinhalb Stunden Zeit genommen, um die beteiligten Menschen anzuhören. Es gibt Richterinnen und Richter, die nach dem Motto „Schlichten statt richten“, das auch im FamFG verankert ist, zu Beginn einer Verhandlung sagen, man solle erst einmal die Vergangenheit hinter sich lassen und in die Zukunft schauen. Das funktioniert nicht, kann auch gar nicht funktionieren, weil die Eltern ein Bedürfnis haben, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Sie brauchen ein Forum. Gerade wenn häusliche Gewalt Thema ist, muss ich das ernstnehmen. Ich kann ja auch feststellen, ob ein Kind über den Kontakt zu beiden Eltern gleichermaßen unbefangen spricht oder ob es sich verschließt. Ich muss mit den Eltern reden!</em></p>
<p><em>Es gibt Fälle, in denen thematisiert worden ist, das Kind wolle keinen Kontakt zu seinem Vater. In der Anhörung wurde durch eine sehr einfühlsame Befragung klar, warum die Mutter das so empfunden hatte, der Vater jedoch völlig anders. Wir erleben es sehr oft beim Oberlandesgericht (OLG), wo ich beim Familiensenat gearbeitet habe, dass auf einmal die Eltern miteinander reden konnten. Auf die Nachfrage, ob das beim Familiengericht nicht der Fall gewesen wäre, folgte die Antwort, dass dort die Richterin das direkt in die Hand genommen hätte, mit dem Verfahrensbeistand, und dass dort eine bestimmte Lösung herauskommen sollte, die die Eltern sich jedoch nicht vorstellen konnten.</em></p>
<h3><strong>Gute Ergebnisse brauchen Zeit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte das bisher Gesagte aus meiner Sicht zusammenfassen. Es gibt auf der einen Seite einen sehr hohen Fortbildungsbedarf bei allen Beteiligten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch ein Ressourcenproblem. Die eineinhalb Stunden Zeit, von der du gesprochen hast, können offensichtlich nicht alle Richterinnen und Richter einräumen. Das mag an der Personalausstattung liegen, an längerfristigen Ausfällen, beispielsweise durch Krankheit, durch zahlreiche Fälle, die noch zu bearbeiten sind, aber vorerst auf Halde liegen. Nicht zuletzt bedarf es für Fortbildung auch Kapazitäten.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Die Fortbildungen sind eine zweite starke Säule neben den Kooperationsnetzwerken. Diese müssen über die Fachgrenzen hinaus mit Leben gefüllt werden, damit man die Sichtweisen der anderen kennt. Daneben braucht es aus meiner Sicht dringend eine Pflicht zu interdisziplinären Fortbildungen in diesen Kindheitssachen. Interdisziplinäre Fortbildungen gelingen, weil man miteinander und nicht mehr nur übereinander redet.  </em> <em>  </em></p>
<p><em>Nach wie vor gibt es auch hier Widerstände aus Lobbygründen. Es gibt nach wie vor keine ausgesprochene Fortbildungspflicht für Familienrichterinnen und -richter, schon gar nicht interdisziplinär. Die Berufsverbände versuchen dies immer wieder abzuwehren. In </em><a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gvg/__23b.html"><em>§ 23b Gerichtsverfassungsgesetz</em></a><em> (GVG) steht sehr genau, was Familienrichterinnen und Familienrichter können müssen. Dazu gehören auch kindgerechte Gesprächstechniken, psychologische Kenntnisse, vor allem der kindlichen Entwicklungspsychologie. Wer diese Kenntnisse nicht hat, muss zügig nachweisen, dass sie erworben wurden. Das ist eine mittelbare Fortbildungspflicht, aber überprüft wird dies nicht. Niemand schaut wirklich darauf, ob sich jemand als Berufsanfänger:in in diesen Dingen tatsächlich auch fortbildet. Das ist das große Dilemma. Eigentlich müsste es für alle, die sich mit dem Thema befassen, eine jährliche interdisziplinär angelegte Fortbildungspflicht geben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit verschärft sich das Zeitproblem. Ich gehe davon aus, dass die Berufsverbände genau diesen Punkt vortragen.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Das gehört dazu. Ich war bis 2012 Familienrichter an einem Amtsgericht. Jedes Jahr kamen etwa 300 neue Fälle, nicht nur Kindschaftssachen. Ich habe mich diszipliniert, indem ich jede Sache sofort terminiert habe, Kindschaftssachen wie gesetzlich vorgesehen innerhalb eines Monats, andere innerhalb von sechs Wochen. Es gab zwei Verhandlungstage. Den ersten habe ich für Scheidungen und andere Verfahren genutzt, die sich schnell abschließen lassen. Den zweiten habe ich ausschließlich für Kindschaftssachen genutzt. Jeden Freitag konnte ich drei Kindschaftssachen abarbeiten, jeweils in etwa eineinhalb Stunden. </em></p>
<p><em>Das Dilemma ist jedoch, dass in den letzten Jahren die Qualität in Kindschaftssachen immer dramatischer geworden ist. Den ganz normalen Sorgerechtsstreit gibt es kaum noch. Die Qualität des Kampfes hat sich verändert. Dazu kommt die Teilnahme an Netzwerken. Es ist nicht geregelt, dass die Teilnahme an Netzwerken auf die Arbeitszeiten als Teil ihres Arbeitspensums angerechnet wird. Das ist bis heute nicht der Fall, gefährdet aber die Qualität der Verfahren. Das, was ich in der Warendorfer Praxis mache, ist freiwillige Zusatzarbeit. Solche Netzwerke gibt es auch in anderen Kommunen, aber alle Richter:innen, die an solchen interdisziplinären Netzwerken teilnehmen, tun dies zusätzlich. Es ist bei den anderen beteiligten Berufen genauso und damit sind wir bei einem grundsätzlichen Ressourcenproblem. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Ressourcenproblem löst sich somit nur da, wo Leute mit hohem persönlichem Engagement in ihrer Freizeit daran arbeiten, eine angemessene und damit letztlich auch kindgerechte Qualität der familiengerichtlichen Verfahren sicherzustellen.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Genau so ist es. Das gilt für alle Professionen. Frauenhäuser leiden zum Beispiel an Kapazitätsproblem und der hohen Belastung der Mitarbeitenden. Frauenberatungsstellen müssen massiv um Unterstützung kämpfen. Sie sind oft von freiwilligen Leistungen in den kommunalen Haushalten abhängig, auch bei uns in Warendorf. Bei den immer enger werdenden Spielräumen der Kommunen in ihren Haushalten, nicht zuletzt aufgrund der Vorgaben von Land und Bund, werden freiwillige Leistungen als erste auf den Prüfstand gestellt. Jugendämter leiden massiv darunter, dass die Fluktuation in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) riesig ist. Das ist nach dem FH-Studium oft die erste berufliche Station, ohne jegliche Ahnung, wie Gerichtsverfahren laufen, spiegelbildlich zu jungen Familienrichterinnen und -richtern, die keine Ahnung vom SGB VIII haben. Wenn man dann die Erfahrung gesammelt hat, kommt man woanders hin, zum Beispiel ins Jobcenter oder in den Pflegekinderdienst. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es geht letztlich darum, Routinen auszubilden. Zu häufige Wechsel verhindern das.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Ich kann ein Ressourcenproblem nicht beseitigen, aber eindämmen, wenn ich Routinen erwerbe, dass ich schnell und mit einem guten Gespür im Beruf ansetze. Haltung und Wissen sind nicht ersetzbar, aber man muss sie erst einmal erwerben können.</em></p>
<h3><strong>Migrationssensible Zugänge</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielt das Thema Migration? Ich denke an unterschiedliche Erziehungsstile, unterschiedliche Vorstellungen von Familie. Ich habe in migrantischen Communities Menschen, die sehr gut Deutsch sprechen, andere, die kaum Deutsch sprechen. Da sind Menschen, die wegen eines Krieges geflüchtet sind. Da sind Menschen mit prekärem Aufenthaltsrecht. Ich habe traditionelle wie liberale islamische Familien. Macht sich das in den Familiengerichten bemerkbar?</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Natürlich. Wir sind gehalten, unseren durch das Grundgesetz ausgestrahlten Maßstab im Umgang mit Kindern auch zu gelebter Praxis zu machen. Das betrifft zum Beispiel die Themen gewaltfreie Erziehung, Anspruch auf Bildung, Schulpflicht. Mit dem Maßstab stoßen wir – beispielsweise in einem Amtsgericht im Ruhrgebiet – an Grenzen. Dort leben türkische Familien, die schon lange in Deutschland sind. Das ist eigentlich kein Migrationsthema mehr, sondern hat etwas mit einem kulturellen Hintergrund zu tun. Bei muslimischen Familien gehört beispielsweise zur Grundidee, dass das Kind nach einer Trennung zum Vater gehört. Wir haben mitunter Sachverständige, die türkischstämmig sind, schon lange in Deutschland leben, hier vielleicht sogar geboren sind, hervorragend Deutsch sprechen, ohne Dolmetscher mit den Eltern tiefgehend über Erziehungsfragen sprechen können, dann in ihrer Empfehlung aber auch sehr der beschriebenen Grundhaltung verhaftet sein können. Sie gehen nicht unbedingt ergebnisoffen heran. </em></p>
<p><em>Als ich 2001 Familienrichter wurde, war einer meiner ersten Fälle eine russlanddeutsche Familie, in der drei Jungen, 15, acht und zwei Jahre alt, von ihren Eltern massiv körperlich gezüchtigt wurden, so massiv, dass die drei Jungen nach Bekanntwerden in KiTa und Schule in Obhut genommen werden mussten. Ich habe eine Kindesanhörung gemacht, bin dazu durch den ganzen Kreis Warendorf gefahren, weil die drei Jungen an unterschiedlichen Stellen platziert worden waren. Ich habe jeweils dort die betreuenden Personen und die Jungen angehört. Dabei habe ich erlebt, dass die Jungen das bagatellisierten, sie hielten das für normal. Sie hatten es in der Schule erzählt, aber es war eben so. Man wird halt verprügelt. Ich habe ein Gutachten eingeholt, das auch ausgearbeitet hatte, unter welchen Bedingungen die Kinder in die Familie zurückgehen könnten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Eltern das in der Verhandlung richtig verstanden haben. Das Problem haben wir in islamischen Familien, in osteuropäischen Familien. Es wirkt sich natürlich massiv auf die Arbeit der Familiengerichte aus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Tagesspiegel berichtete Oksana Akmaeva am 9. Februar 2026 über Putins Bemühen, ausgewanderte Russ:innen wieder zurück nach Russland zu locken: <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/freiwillig-in-die-diktatur-putin-wirbt-mit-ruckkehrer-institut-um-russen-im-ausland-15222971.html">„Freiwillig in die Diktatur?“</a>. Einer der nach Russland zurückkehrenden Russen kritisierte, dass die Lehrkräfte der Schule seines Sohnes ihn zu einem Gespräch gebeten hätten, weil sein Sohn sich in der Schule geprügelt habe. Deutsche Schulen wollten nur, dass die Kinder <em>„Spaß“</em> haben. Seine Antwort lautete, der Junge müsse doch lernen sich durchzusetzen, anders ginge das nicht. Nur am Rande: Den deutschen Pass behielt der Mann natürlich zu seiner Sicherheit, als er nach Russland zurückging. Ich kann mir gut vorstellen, was eine bestimmte Partei aus solchen Erzählungen machen könnte, vielleicht sogar schon macht. Aber das ist ein anderes Thema.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Russlanddeutsche leben seit etwa vier Jahrzehnten in Deutschland. Sie leben aber immer noch in einer eigenen russischen Bubble. Sie schauen russisches Fernsehen, haben fast nur russischstämmige Bekannte. Ähnlich ist es bei Tamilen. Wir haben in Warendorf Tamilen, deren Kinder hervorragend Deutsch sprechen, die Schule erfolgreich absolvieren, einer will jetzt Jura studieren, aber die Eltern sprechen nach 30 Jahren nur rudimentär Deutsch. Sie haben fast nur mit anderen tamilischen Familien zu tun. Natürlich ist es wichtig, seine eigene kulturelle Identität mit Grenzübertritt nicht abzugeben. Es wird aber zum Problem, wenn diese Identität verhindert, dass unsere demokratischen – auch für Kinder unverhandelbaren – Grundwerte nicht gesehen und nicht gelebt werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das erfordert in den Aus- und Fortbildungen eine Menge migrationssensibler Inhalte, in beide Richtungen, mit wertschätzenden wie mit problematisierenden Aspekten.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Die Hoffnung, dass Menschen, die ein bestimmtes Lebensalter erreicht haben, Grundüberzeugungen noch grundlegend ändern können, ist in den letzten 30 bis 40 Jahren nicht größer geworden. Es ist auch ein Bildungsthema. Ich sehe schon häufig, dass – auch vor Gericht – nach außen signalisiert wird, wir verstehen, was hier gesagt wird, aber eine echte Einsicht, wenn Dinge verändert werden müssen, eher selten ist. </em></p>
<p><em>Das gilt nicht nur im Kontext migrantischer Familien. Die Streitenden bleiben oft genug eher davon überzeugt, dass eigentlich sie, unabhängig vom Ergebnis des Verfahrens, im Recht sind und daher auch vom Gericht in dieser Auffassung hätten bestätigt werden müssen. Es ist nicht empirisch, was ich jetzt gesagt habe, aber eine deutliche Erfahrung im Schnitt der Fälle. Wir erleben ja oft genug, dass jemand, wenn er sich lange genug etwas einredet, das letztlich dann auch für die einzige Wahrheit hält. Selbstwahrnehmungen werden in einem Verfahren oft bis zum Schluss durchgehalten, auch wenn sie der Realität nicht entsprechen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zeigt dann die Grenzen von Verfahren.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Absolut. Diese Grenzen sehe ich inzwischen auch viel deutlicher als früher. Wir können manchmal auch bei streitigen Entscheidungen durch Vereinbarungen Menschen befrieden, oft auch länger anwährend oder gar dauerhaft. Aber sehr häufig geht der Streit relativ bald wieder los. </em></p>
<p><em>Es ist wichtig, dass es uns gibt. Wir sind der letzte Reparaturbetrieb, kommen immer erst am Ende ins Spiel. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sieht die Gewaltenteilung so vor.</p>
<p><strong>Andreas Hornung</strong>: <em>Wir haben in Deutschland im Schnitt eine gut ausgeprägte Justizlandschaft. Auch bei uns gibt es Verfahren, die zu lange dauern. Aber wenn ich in manch andere Länder schaue, funktioniert unsere Justiz im Kern. Sie ächzt aber darunter, dass die Rahmenbedingungen personell und auch in anderen Ressourcen in den letzten 10 bis 20 Jahren nicht besser geworden sind. Vielleicht hilft die elektronische Akte. Wenn sie kommt und die Server-Kapazität funktioniert, wird das eine erhebliche Erleichterung. Ich werde dann keine Papierberge mehr durchschauen müssen, sondern kann viel bequemer suchen, was ich brauche.    </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2026, Internetzugriffe zuletzt am 24. April 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer, aus der Serie: appropriation.)<em>    </em></p>
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		<title>&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:43:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„The Intent to Destroy a Group as Such” Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung „Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so  [...]</p>
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<h1><strong>„The Intent to Destroy a Group as Such”</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung</strong></h2>
<p><em>„Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so den Schutz des Gesetzes teilweise aberkennen zu können. Darauf folgte die ‚Entmenschlichung‘, bei der man den Mitgliedern der ins Visier genommenen Gruppe die gesetzlichen Rechte ganz entzog. Dieses Zweistufen-Schema wurde überall in Europa angewandt. Der dritte Schritt war, die Nation ‚in einem geistigen und kulturellen Sinn‘ auszulöschen – Lemkin identifizierte Erlasse ab Anfang 1941, die auf die ‚völlige Vernichtung‘ der Juden in ‚allmählichen Schritten‘ hindeuteten.“ </em>(aus: Philipp Sands, Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018, englische Originalausgabe: East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity, London, Weidenfeld &amp; Nicolson, 2016, deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke.)</p>
<p>Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden war nicht Gegenstand der Nürnberger Prozesse. Der Begriff des Genozids wurde von dem Juristen <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451/">Raphael Lemkin</a> (1900-1959) entwickelt. Lemkin gab wesentliche Impulse zur <a href="https://www.voelkermordkonvention.de/">UN-Völkermordskonvention</a>, die am 9. November 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Inzwischen wird der Begriff jedoch nicht nur im Völkerrecht, sondern auch als politischer Kampfbegriff verwendet, wie beispielsweise in letzter Zeit in Bezug auf das Vorgehen Israels in Gaza. Der Begriff spielt auch in Berichten über das Vorgehen in Myanmar gegen die Rohingya, das Vorgehen Russlands in der Ukraine, das Vorgehen der verfeindeten Armeen im Sudan eine Rolle.</p>
<div id="attachment_7928" style="width: 284px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7928" class="wp-image-7928 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg" alt="" width="274" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-200x219.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-274x300.jpg 274w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-400x438.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-600x657.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-768x841.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-800x876.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-935x1024.jpg 935w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1200x1314.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1403x1536.jpg 1403w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Medardus-Brehl-Foto-privat-1871x2048.jpg 1871w" sizes="(max-width: 274px) 100vw, 274px" /><p id="caption-attachment-7928" class="wp-caption-text">Medardus Brehl. Foto: privat.</p></div>
<p>Ob der Begriff zu Recht verwendet wird, ist eine wichtige Frage auch der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der vergleichenden Genozidforschung. Die Ruhr-Universität Bochum beherbergt das einzigartige <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de">Institut für Diaspora- und Genozidforschung</a>, das die <a href="https://www.velbrueck.de/Programm/Philosophie/Zeitschrift-fuer-Genozidforschung-23-Jg-2025-Heft-1.html">Zeitschrift für Genozidforschung</a> herausgibt. Diese erschien zunächst bei Schöningh, inzwischen erscheint sie bei Velbrück in einer Print- und einer digitalen Ausgabe. Die interdisziplinär ausgerichtete Zeitschrift erreicht ein vielfältiges Publikum, Universitätsbibliotheken, Stadt- und Landesbibliotheken, aber auch Bibliotheken des Auswärtigen Amts, des EU-Parlaments und weitere politische Institutionen. Herausgeber:innen sind <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de">Mihran Dabag</a> und <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de">Kristin Platt</a>, verantwortlicher Redakteur ist der Literaturwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/brehl.html.de">Medardus Brehl</a>.</p>
<h3><strong>Diaspora- und Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf den ersten Blick erscheint mir die Kombination von Diaspora- und Genozidforschung etwas ungewöhnlich. Oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung folgt der Idee, dass Genozide Ereignisse sind, die sich schlecht durch Jahreszahlen abgrenzen lassen, sondern eine sich über mehrere Generationen erstreckende Vorgeschichte der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, auch der Fragmentierung von Gesellschaften aufweisen. Genozide sind in der longue durée zu betrachten, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Man kann Genozide nicht isoliert betrachten. Es geht letztlich auch um die Fragen, wie sich soziale Strukturen nach einem Genozid, einem Völkermord verändern, wie soziale Gedächtnisse mit diesen Erfahrungen umgehen. Genozide hinterlassen fundamental veränderte Gesellschaften mit tiefen Einschnitten in die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge der Täter- wie der Opfergesellschaft. </em></p>
<p><em>Diaspora ist nicht nur ein Migrationsthema. Nicht jede Migrationsgesellschaft ist auch eine Diasporagemeinschaft. Die Diasporaforschung befasst sich mit über Generationen spürbaren Nachwirkungen eines Völkermords und von Vertreibung in den Gemeinschaften der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Die Traumaforschung befasst sich auch mit der Frage der transgenerationalen Traumatisierung solcher Gemeinschaften. Dahinter stecken die Erfahrung fundamentaler Verluste, der Gedanke einer Heimat, in die es kein Zurück mehr gibt, der Gedanke eines ewigen Exils und der damit verbundenen spezifischen sozialen Strukturen, Eliten und Institutionen nicht staatlicher Art mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bezugspunkten. Es geht um die spezifischen Erfahrungen von Gemeinschaften nach Vertreibung und Völkermord, um die Transformation von Gemeinschaften, die zwangsmigriert sind, „displaced“ wurden. Beispiele sind die Erfahrungen und die Geschichte der êzîdischen, der armenischen und der jüdischen Diaspora. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit seinem interdisziplinären Ansatz ist das Institut für Diaspora- und Genozidforschung schon etwas Singuläres in Deutschland.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das Institut ist im Jahr 1994 als freie Forschungseinrichtung entstanden. Es ging aus einem Arbeitsschwerpunkt an der Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität hervor. Das Projekt wurde von den beiden späteren Gründer:innen des Instituts durchgeführt, </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de"><em>Mihran Dabag</em></a><em> und </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de"><em>Kristin Platt</em></a><em>. Es war ein Dokumentationsprojekt mit Interviews mit Überlebenden des Völkermords an den Armenier:innen. Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurden 134 lebensgeschichtliche Interviews in einem Umfang von zwei bis 16 Stunden durchgeführt. Daraus ging auch das Buch </em><a href="https://brill.com/display/book/edcoll/9783657784837/B9783657784837-s013.xml"><em>„Verlust und Vermächtnis – Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“</em></a><em> (Paderborn, F. Schöningh, 2015) hervor. Das späte Datum der Veröffentlichung erklärt sich aus dem Umfang und Aufwand des Projekts. </em></p>
<p><em>Ziel der Gründung des Instituts war, das Projekt mit der Perspektive einer grundlegenden Diaspora- und Genozidforschung zu verstetigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland kein solches Forschungsfeld. Es gab noch bis vor Kurzem in Deutschland keinen Lehrstuhl, der sich dezidiert mit Völkermord- oder Diasporaforschung beschäftigte. Diese Themen fielen immer unter „Zeitgeschichte“ oder unter „Neuere und neueste Geschichte“. Das Institut sollte Anregungen aus den seit den 1970er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung entstanden Comparative Genocide Studies aufnehmen und diese mit der deutschen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust verbinden. 1998 wurde das Institut wegen seines Erfolges zu einem An-Institut an der Universität Bochum. Es durfte die Einrichtungen und das Siegel der Universität nutzen, bekam jedoch noch keine Gelder vom Land. 1999 wurde das Institut in die Geschichtswissenschaftliche Fakultät eingegliedert, war damit einem Lehrstuhl gleichgestellt. 2018 /2019 gab es eine sehr erfolgreiche Evaluation. Dadurch erhielt das Institut den Status einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Bochum. Es ist mit zwei Stellen ausgestattet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Institut arbeitet interdisziplinär.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Projektarbeitsgruppen, die wir in den letzten 25 Jahren eingerichtet hatten, waren immer interdisziplinär zusammengesetzt, weil wir uns auch mit den Kontexten beschäftigen. Es greifen verschiedene Dinge ineinander, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Theologie. Wir arbeiten mit Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Auch Aspekte der Wissensgeschichte, der Philosophie spielen eine Rolle. Ein Beispiel: Ein Projekt zu Zukunftsentwürfen und Gewalt in der Literatur der 1920er Jahre klingt zunächst eher literaturwissenschaftlich, war es im Kern auch, aber es haben auch Historiker:innen und Politikwissen- und Sozialwissenschaftler:innen mitgearbeitet, in der Kernarbeitsgruppe wie in erweiterten Arbeitsgruppen. Es geht dabei nicht um eine willkürliche Vermischung, sondern um Synergien. Wenn man aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln auf ein Thema schaut, vermag man gemeinsam auch die jeweiligen blinden Flecken zu beleuchten.</em></p>
<h3><strong>Die Zeitschrift für Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zeitschrift ist das regelmäßige Publikationsorgan des Instituts. Sie erscheint zwei Mal im Jahr.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die erste Ausgabe erschien 1999. Die Zeitschrift entstand mit dem Ziel, ein Ideenforum zu schaffen und die Disziplin der Genozidforschung in der deutschen Forschung bekannt zu machen. Sie war das erste deutschsprachige Periodikum, das sich ausschließlich der Vorgeschichte, den Durchführungsstrukturen und den Folgen von Genoziden gewidmet hat, um den Diskurs in Deutschland bekannt zu machen, zu evaluieren und weiter zu entwickeln. </em></p>
<p><em>Vielleicht ist folgender Hinweis wichtig für Ihre Leser:innen. Jeder in der Zeitschrift veröffentlichte Beitrag wird zuvor anonymisiert und von zwei Gutachter:innen, die nicht voneinander wissen, bewertet. Die Redaktion entscheidet also nicht alleine. Manchmal wird eine Überarbeitung erbeten, etwa ein Drittel der eingereichten Beiträge wird abgelehnt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verfahren und Zahl der Ablehnungen verstehe ich als einen Indikator ebenso für die Qualität der Zeitschrift wie für ihre Attraktivität in der wissenschaftlichen Community. Es gibt in der Zeitschrift auch Schwerpunktthemen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>In der Regel haben wir offene Hefte, die aber oft auch – wie in diesem Fall – ein Schwerpunktthema haben. Es gibt auch reine Themenhefte, die in der Regel von Gastherausgeber:innen gestaltet werden. Das nächste Heft hat das Thema „Praktiken und Semantiken der Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg“. Das Thema mag manchen im Kontext der Genozidforschung verwundern, aber es geht um eliminatorische Gewalt gegen politische Gegner:innen. Es geht um Massaker der Falangisten beziehungsweise Nationalisten an Republikanern, es gab auch Massaker von Republikanern an Nationalisten oder von beiden Seiten Massaker an verdächtig erscheinenden Personen.</em></p>
<p><em>Wir verfolgen das Ziel, Diskurse der internationalen Genozidforschung in die bundesrepublikanische Forschung hineinzutragen und mit den etablierten Paradigmen zu verbinden. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, die Zeitschrift auch international zu etablieren. Es gibt inzwischen englischsprachige Beiträge mit deutschsprachigen Abstracts, deutsche Beiträge haben englische Abstracts. Es gibt auch viele internationale Autor:innen, auch wenn der Kern nach wie vor deutschsprachige Autor:innen sind, so dass sich der Kreis zu den Comparative Genocide Studies schließt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von den amerikanischen Comparative Genocide Studies?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die amerikanischen Comparative Genocide Studies hatten einen weitgehend sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz. Es gab viel Konfliktsoziologie. Dies wollten wir mit der im Kern sehr historisch orientierten deutschen Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust verbinden. Es war nicht so einfach, einen Verlag zu finden. Die Gründer:innen mussten sich mit dem Verdacht auseinandersetzen, mit der Etablierung der Genozidforschung ginge eine Relativierung des Holocaust einher. </em></p>
<h3><strong>Zur Begriffsgeschichte des Genozids </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff des <em>„Genozids“</em> wird heutzutage inflationär verwandt. Daher denke ich, dass wir ihn präzisieren sollten. Ich habe dazu in Ihrer Zeitschrift eine mir sofort einleuchtende Definition gefunden: <em>„Staatlich legitimierte kollektive Gewalt.“</em></p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt. Das unterscheidet einen Genozid auch von einem Pogrom. Es geht beim Genozid um die geplante Vernichtung einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen <em>„Genozid“</em> abgrenzen von <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> (im Englischen <em>„Crimes against humanity“</em>) und von <em>„Kriegsverbrechen“</em>. Diese beiden Punkte waren Gegenstand der Nürnberger Prozesse, der Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden war es nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Den juristischen Begriff von „Genozid“ hat Raphael Lemkin geprägt und damit die UN-Völkermordskonvention mitgeprägt. Hintergrund der Arbeiten von Raphael Lemkin waren zunächst der Völkermord an den Armenier:innen und die </em><a href="https://www.deutscharmenischegesellschaft.de/2021/03/25/doku-zur-ermordung-von-talat-pascha-durch-soghomon-tehlirian/"><em>Erfahrungen des Prozesses 1921 in Berlin gegen Soghomon Tehlerian</em></a><em>, der einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talat Pascha, auf offener Straße ermordet hatte. Soghomon Thelerian wurde freigesprochen. Durch den Prozess wurde Raphael Lemkin, polnischer Jude aus dem damals polnischen Lemberg, auf das Problem aufmerksam, dass Gruppen und die Vernichtung von Gruppen im Völkerrecht nicht vorkommen. Er argumentierte, wir bräuchten auf der Ebene des internationalen Rechts einen entsprechenden Straftatbestand, damit die Täter verfolgt und bestraft werden können. Raphael Lemkin hat sich daher zunächst mit den Begriffen „Barbarei“ für die Vernichtung einer Gruppe und „Vandalismus“ für die Zerstörung ihrer kulturellen Grundlagen auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Raphael Lemkin hat lange an diesem Thema weitergearbeitet, es auf internationalen Völkerrechtssymposien vorgestellt, drang aber nicht durch. Im Jahr 1944 hat er im Auftrag der Alliierten ein Gutachten zur „Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa“ (</em><a href="https://www.legal-tools.org/doc/b989dd/pdf"><em>„Axis Rule in Occupied Europe“</em></a><em>) geschrieben, in dem er zum ersten Mal den Genozidbegriff verwendet. Lemkin fasst den Genozidbegriff – meine Übersetzung – als „einen koordinierten Plan verschiedener Handlungen, der in der Absicht begangen wird, eine nationale Gruppe als solche zu zerstören“. Lemkin sagt, die Gewalt richte sich nicht gegen die Individuen in ihrer Individualität, sondern gegen die Individuen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beziehungsweise der ihnen zugeschriebenen Mitgliedschaft. Die Nazis fassten ihren Begriff, wer Jude sei, erheblich weiter als das Judentum selbst. Jude waren auch diejenigen, die oder deren Vorfahren irgendwann einmal zum Christentum konvertiert waren, Juden oder Jüdinnen waren im Unterschied zur Halacha auch all diejenigen, deren Väter keine Juden waren. Es reichte schon, unter den Großeltern jemanden zu haben, der als Jude oder Jüdin galt. Man stritt sich sogar unter Nazi-Juristen, wie weit die Definition reichen sollte.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das war bei Raphael Lemkin noch kein Thema.</em> <em>Die UN-Völkermordskonvention kam dann aber auch aufgrund der Tatsache zustande, dass bei den Nürnberger Prozessen die Shoah nicht Gegenstand der Verhandlungen war. Es gab den Tatbestand nicht, somit konnte er auch nicht verhandelt werden. Daher kam man auf die Idee, einen entsprechenden Tatbestand im internationalen Strafrecht zu verankern. So entstand die Konvention im Jahr 1948.</em></p>
<p><em>Die meisten wissen nicht, was die Konvention als Völkermord bezeichnet. Viele denken, der Katalog der Maßnahmen sei die eigentliche Definition. Die Definition lautet jedoch: „the intent to destroy a group as such”, „die Absicht, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist eine typisch juristische Definition. Man braucht ein objektives und ein subjektives Straftatbestandsmerkmal. Das subjektive ist „intent“, es muss jemand sein, der das will, das objektive, dass es eine Gruppe sein muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die juristische Seite ist eine Seite der Medaille, die historische und sozialwissenschaftliche eine andere. Natürlich bleibt es dieselbe Medaille.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicherlich die Absicht von staatlichen Akteuren oder quasi-staatlichen Akteuren – wie beispielsweise bei der Hamas oder dem Islamischen Staat –, die über Machtressourcen, einen Apparat der Mobilisierung und Medien der Stigmatisierung verfügen. Das gehört dazu, um eine Politik des Genozids als eine solche zu beschreiben und zu definieren. </em></p>
<h3><strong>Kann man Genozide miteinander vergleichen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer Genozide miteinander vergleicht, setzt sich dem Vorwurf aus zu relativieren. Vermutet wird der Aufbau von Opferkonkurrenzen oder Hierarchien. Das ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/umstrittene-erinnerung/">ein sehr kritisches und in den letzten Jahren im Kontext der Post-Colonial Studies kontrovers diskutiertes Thema insbesondere in der Erinnerungskultur</a>, zuletzt virulent angesichts der Streitigkeiten um das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Erinnerungskultur. Dem aktuellen Beauftragten wurde Ignoranz der deutschen Kolonialgeschichte vorgeworfen, seiner Vorgängerin Relativierung der Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Relationen zu benennen bedeutet nicht etwas zu relativieren. Man fragt oft nach der Singularität der Shoah. Singularität erweist sich jedoch erst in Abgrenzung von anderen Ereignissen. Jedes Ereignis ist für sich erst einmal singulär. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Überschneidungen oder miteinander vergleichbare Strukturcharakteristika gibt. Mihran Dabag hat einmal gesagt, wir betreiben keine Fallvergleiche, sondern Strukturvergleiche. Wie verlaufen Prozesse der Segregation, welche Parallelen und welche Unterschiede lassen sich feststellen, die uns dann möglicherweise erst in die Lage zu versetzen, auch Tendenzen in gegenwärtigen Gesellschaften zu erkennen und zu beschreiben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> schreibt regelmäßig in Ihrer Zeitschrift. Sie veröffentlicht regelmäßig sehr anregende Beiträge zur vergleichenden Genozidforschung. Ich habe ein ausführliches Interview mit ihr veröffentlicht, Titel: „<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires“</a>, in dem sie Parallelen zwischen der Struktur und der Aufarbeitung des Tutsizids in Ruanda und der Shoah beschreibt. Sie hat beispielsweise eine ganze Reihe französischsprachiger Literatur mit Berichten von Überlebenden des Tutsizids analysiert, die ähnlich argumentieren wie in der deutschsprachigen Literatur zur Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Vergleich macht grundsätzlich Sinn, vor allem aber dann, wenn man in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten und Differenzen von Strukturcharakteristika von Gewaltpolitiken sichtbar machen kann. Im Vergleich zeigt sich erst das Besondere der einzelnen genozidalen Akte. Es gibt Parallelen in der Shoah wie im Völkermord an den Armenier:innen oder beim Tutsizid in der Extegration innerhalb einer Gesellschaft im Vorlauf der eigentlichen genozidalen Handlungen und Maßnahmen. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass die Feststellung ähnlicher Charakteristika eine Form der Relativierung wäre. Ein Vergleich trägt dazu bei, genozidale Prozesse überhaupt zu verstehen. Im Verlauf wie in der Erinnerung. </em></p>
<h3><strong>Resonanzräume der Erinnerung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je nachdem, wie man sich erinnern möchte, wird der Begriff des „Genozids“ beliebig. Das ließe sich jedoch verhindern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Idee der „Multidirektionalen Erinnerung“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers </em><a href="https://michaelrothberg.weebly.com/index.html"><em>Michael Rothberg</em></a><em> (die englische Ausgabe erschien bereits 2009, die deutsche erst 2024) wurde auch oft kritisiert. Aber man muss bedenken, dass die Anerkennung von Gewalt oft funktioniert, indem man sich auf ein anerkanntes Ereignis bezieht. Anne Peiter hat herausgearbeitet, wie sich Werke zur Erinnerung an den Tutsizid auf Werke der Erinnerung an die Shoah beziehen. Das ist auch Thema des Buches „Verlust und Vermächtnis“ von Kristin Platt und Mihran Dabag zum Völkermord an den Armenier:innen. Die Shoah ist ein Referenzpunkt, ebenso wie der Völkermord an den Tutsi oder der Völkermord an den Armenier:innen, um die eigene Erfahrung einzufangen und eine Sprache zu finden, die verstanden wird. Natürlich ist der Modus, in Ost- oder in Südafrika über die Erfahrungen des Genozids zu sprechen, nicht auf andere Erfahrungen anderswo übertragbar. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund finde ich die Idee der „commemoration“ als wissenschaftliches Konzept interessant. Wenn das Ergebnis eines Vergleiches wäre, alles ist gleich, war der Vergleich verkehrt. Der Vergleich muss einen Mehrwert ergeben, mit Blick auf das Verglichene und letzten Endes auf die einzelnen Dinge, die in ein komparatives Verhältnis gestellt werden. Ein Vergleich muss Unterschiede und Besonderheiten sichtbar machen. Genau dies geschieht in Erzählungen von Überlebenden, auch in der Literarisierung in der zweiten und dritten Generation. Wenn beispielsweise Nachfahren der Überlebenden des Genozids an den Armenier:innen in den 1950er Jahren sich auf die Shoah beziehen, wird dies ein Resonanzraum, auch umgekehrt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen solchen Resonanzraum finden wir auch bei der Erinnerung beziehungsweise dem Traumatransfer in einer Gruppe. Benjamin Netanjahu bezog sich am 7. Oktober 2023 auf ein Pogrom des Jahres 1903 im russischen Kischinew (heute: Chișinău, Moldau) und das Gedicht von Chaim Nachman Bialik „In der Stadt des Tötens“. Darauf wies die Psychotherapeutin und Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen im Nachwort zur deutschen Neuauflage mehrerer Texte des Autors hin (in: Chaim Nachman Bialik, <a href="https://www.beck-shop.de/bialik-wildwuchs/product/37479584">Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien</a>, München, C.H. Beck, 2025). Genozide, Massaker, Pogrome tragen zur Identitätsbildung bei. Zumindest bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> In der deutschen Erinnerungskultur spielt der Holocaust, die Shoah nicht die tragende Rolle, die Auschwitz spielt. Auschwitz ist eine zentrale Chiffre für die Identitätsbildung in der alten Bundesrepublik Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese These vertritt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (Berlin, Suhrkamp, 2017) für ganz Europa.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Ich sage es etwas polemisch: Die Bundesrepublik Deutschland hatte zwei Gründungserzählungen, das positive war die Währungsreform, das negative Auschwitz. Auschwitz spielt die Rolle der negativen Folie der eigenen Identität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Joschka Fischer begründete die Beteiligung Deutschlands am NATO-Einsatz im Jugoslawien-Krieg mit der Verpflichtung nach Auschwitz.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Damit ist man am Ende auf der Ebene der Politisierung des Begriffs „Genozid“. Das ist kein Argument gegen die Richtigkeit einer Maßnahme, aber es zeigt, dass der Begriff inzwischen auch ein Begriff im politischen Kampf geworden ist, als maximale Skandalisierungschiffre. Sobald ich etwas als „Holocaust“ bezeichne, steigere ich diese Skandalisierung noch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Begriff „Holocaust“ verwenden zum Beispiel radikale Tierschützer:innen und Abtreibungsgegner:innen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das ist höchst gefährlich, weil der Begriff damit ausgehöhlt wird. Man höhlt ihn aus als Instrument des internationalen Rechts zum Schutz der Existenz und Sicherheit von Gruppen. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ oder „Genozid“ führt auch dazu, dass irgendwie alles zu „Holocaust“ und „Genozid“ wird. Das macht keinen Unterschied mehr. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, vorschnell auf die Frage zu antworten, ob etwas ein Völkermord sei. Man muss sich die Dinge erst einmal sehr genau anschauen. Man muss alle Seiten hören und in ihrer Sprache kommunizieren. Die meisten, die heute über Israel oder Gaza sprechen, verstehen weder Hebräisch noch Arabisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele wussten bis vor Kurzem nicht, dass Ukrainisch eine eigene, sich vom Russischen unterscheidende Sprache ist. Umso wichtiger ist ein interdisziplinärer und – das möchte ich ergänzen, auch wenn es ein Wortspiel sein mag – disziplinierter Umgang mit Begriffen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Begriff des Genozids ist selbst schützenswert, das Konzept als solches, sodass man es nicht inflationär entwerten darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann vergleichende Genozidforschung zur Prävention beitragen, vielleicht im Sinne eines Frühwarnsystems?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es ist immer sehr vollmundig zu sagen, Genozidforschung wolle dazu beitragen, Genozidprävention zu betreiben. Wenn man sieht, dass Gesellschaften von starken segregativen Diskursen bestimmt sind, von Diskursen der Ausgrenzung, der Dehumanisierung, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass am Ende eine Massenvernichtung stattfindet, aber es sind zumindest Indikatoren, die man in irgendeiner Form extrapolieren kann.</em></p>
<h3><strong>Entscheidend sind die Täter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben Genozid als <em>„staatlich legitimierte kollektive Gewalt und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt</em>“ definiert.</p>
<p>Ich möchte diese Definition zunächst auf Gaza anwenden. Das bedeutet meines Erachtens, dass das, was die Hamas in ihrer Charta aufgeschrieben und was der Iran plant und mit der bis 2040 laufenden Uhr auf dem Palästina-Platz in Teheran dokumentiert, den Tatbestand des Völkermords erfüllt, das, was die israelische Regierung beziehungsweise die israelischen Verteidigungskräfte machen, nicht, sehr wohl aber das, was Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich äußern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Das ist eine hervorragende Differenzierung, die viel zu selten gemacht wird. Die Hamas erklärt in ihrem Statut, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels ist. Das ist eine ganz klar erklärte genozidale Absicht. Das gilt auch für die Islamische Republik Iran. Auf der anderen Seite: Eine Vernichtung der Palästinenser ist nicht israelische Staatsdoktrin. Es gibt jedoch Mitglieder der israelischen Regierung, die ganz klar eine genozidale Absicht äußern. </em></p>
<p><em>Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt, den auch viele vergessen. Der Staat Israel kann gar nicht für einen Völkermord verantwortlich sein. Strafrechtlich verfolgt werden können nur Individuen. Man kann Benjamin Netanjahu anklagen, aber nicht den Staat Israel, man konnte Slobodan Milošević anklagen, nicht aber den damaligen Staat Jugoslawien. Man kann auch keine Parteien anklagen, nur Individuen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht im Großen und Ganzen dem deutschen Strafrecht. Angesichts der RAF hat man allerdings eine kollektive Verantwortung ins Strafrecht eingefügt, weil man damals nicht wusste, wer auf wen geschossen hat. Auch heute noch schweigen die Mitglieder der RAF.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das wäre die Brücke über die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die auch bei der Mitgliedschaft in der NSDAP oder in SS und SA herangezogen werden konnte. Es ist in diesem Kontext interessant, dass in der gesamten Debatte um Gaza die genozidale Absicht der Hamas fast überhaupt nicht thematisiert, sondern als antikoloniale Selbstermächtigung verharmlost wird. Diese Differenzierung ist wichtig. Bei der Bewertung all dessen, was in Gaza geschehen ist und geschieht, sind viele, die eine pauschale Palästinasolidarität postulieren, sehr blind. Auf beiden Augen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Blindheit verschärft sich, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für das Vorgehen des Staates Israel in Gaza in Mitverantwortung genommen werden, ungeachtet der Frage, ob sie israelische Staatsbürger:innen sind und ebenso ungeachtet der Frage, wie sie selbst zu Netanjahu und seinen rechtsextremen Koalitionspartnern stehen.</p>
<p>Ein anderer Fall, an dem wir die von uns unterstützte Definition des Genozids anwenden könnten, wäre das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Ich denke, dass es die Kriterien eines Völkermords erfüllt. Putin behauptet zwar, er habe auf einen Völkermord an Russen im Donbass reagiert, doch lässt sich kein Beleg finden, dass die ukrainische Regierung dies in irgendeiner Weise beabsichtigt. Auf der anderen Seite verlangt Putin die Auslöschung der ukrainischen Nation, der ukrainischen Kultur, der Sprache, zwangsassimiliert Menschen in den besetzten Gebieten, nach Russland entführte Kinder, die dort zur Adoption freigegeben werden. In seinen Reden oder noch schärfer in Reden Dmitri Medwedews. Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ dokumentierten in ihrer Ausgabe vom Juni 2024 einen Beitrag von Medwedew mit dem Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a>, in dem er <em>„die Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“ </em>forderte. Ich sehe hier neben der Täter-Opfer-Umkehr eine eindeutig genozidale Absicht. Es soll nach Ende der sogenannten <em>„Spezialoperation“</em> keine Ukraine und keine Ukrainer:innen mehr geben.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bleiben wir erst einmal bei den Kriegshandlungen. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen. Nicht jedes Massaker ist ein Völkermord. Man darf auch nicht glauben, ein Massaker wäre schlimmer, wenn man es als „Völkermord“ etikettieren könnte. Begrenzte Massaker haben dieselbe Qualität. </em></p>
<p><em>Die Behauptung der Nicht-Existenz eines ukrainischen Volkes könnte man als Indiz für eine genozidale Absicht nehmen. Man hat mit Sicherheit einen genozidalen Diskurs. Das sehe ich auch in Bezug auf einige Mitglieder der israelischen Regierung, die behaupten, es gäbe kein palästinensisches Volk. Darüber sprachen wir.</em></p>
<p><em>Ein interessanter Fall ist Srebenica. Es geht um die Ermordung von etwa 8.000 Männern, die Frauen und Kinder wurden deportiert. Man könnte fragen, wie dies ein Völkermord sein könnte. Man muss letzten Endes sehen, dass Gewaltmaßnahmen jenseits von ihrer manifesten Praxis eine erhebliche kommunikative Funktion haben. Diese hatte das Massaker der Hamas auf jeden Fall. Deshalb haben die Täter das auch so ausführlich dokumentiert und gestreamt. Es war eine Botschaft der Vernichtung. Genauso war das Massaker in Srebenica eine Botschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> habe ich unter anderem die Ausstellung der Nova-Foundation beschrieben, die Originalvideos, -telefonate und -orte des Massakers in ergreifender Weise dokumentierte. Darunter war auch das Video mit der ermordeten nackten Shani Louk auf einem Pick-Up und um sie herumsitzenden Hamas-Terroristen, die Allah lobten. In einem anderen Video hörte man Hamas-Terroristen rufen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen, weil sie so viele Juden getötet hätten.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass Srebenica einen genozidalen Charakter hatte, ungeachtet der scheinbar begrenzten Gewalt, die es aber darauf anlegt, entgrenzt zu werden. Das ist die Semantik dieser Tat. Auch die Absicht, „intent“ wird damit explizit ausgesprochen, dass es die Absicht sei, dass dies allen passiert. Das war am 7. Oktober genauso. </em></p>
<h3><strong>Die Debatten um die Anerkennung eines Völkermords am Beispiel Armenien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der ersten Ausgabe Ihrer Zeitschrift für das Jahr 2026 geht es unter anderem um Armenien. Thema sind auch die deutsche Mitschuld und die nach wie vor fehlende Anerkennung des Völkermords durch den türkischen Staat. Es gab von der Türkei heftig kritisierte Parlamentsbeschlüsse, <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf">in Deutschland am 2. Juni 2016</a>, <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/11/ta/ta0611.asp">in Frankreich schon am 18. Januar 2001</a>, die das Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannten. Ich wage aber auch die These, dass der Zeitpunkt zumindest des deutschen Beschlusses durchaus etwas damit zu tun hatte, dass man Erdoğan – vorsichtig gesprochen – Grenzen setzen wollte. Aber vielleicht wollte man auf diese Weise auch nur die eigene Mitschuld vergessen lassen. Das mag auch für die späte Anerkennung des Holodomor in der Ukraine und in Kasachstan <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf">am 30. November 2022 durch den Deutschen Bundestag</a> gelten. Ohne die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen und die Ukraine wäre in Deutschland weiterhin im Sinne von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation“</a> geblieben (München, C.H. Beck, 2025). Über Kasachstan redet man zurzeit nach wie vor nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bei Ihnen schwang ein wenig mit, dass die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen politisch instrumentalisiert wurde. Ich sehe das ehrlich gesagt nicht so. Man muss meines Erachtens zwei Dinge beachten. Einmal: Warum leugnet die Türkei diesen Völkermord heute noch so vehement? Die Türkei wurde 1923 gegründet, bis dahin bestand das Osmanische Reich fort. Es gab die Istanbuler Prozesse, die von Osmanen geführt wurden, in denen eine Reihe der Akteure verurteilt worden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Somit gab es damals eine Anerkennung der Schuld.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Darüber gab es im Osmanischen Reich einen großen Diskurs. Die Jungtürken-Bewegung, die seit 1913 allein den osmanischen Staat steuerte und den Völkermord plante und durchführte, galt als die größte Schande für die muslimischen Osmanen. Das wurde in Zeitungen diskutiert. Die Hauptverantwortlichen, das Triumvirat von Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Talat Pascha flüchtete mit deutscher Hilfe nach Berlin, Enver Pascha flüchtete über Berlin nach Turkmenistan, Cemal Pascha nach Georgien. Das Deutsche Reich half ihnen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dies geschah in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, maßgeblich gesteuert von Hans von Seekt, der dann 1920 bis 1926 die Heeresleitung der Reichswehr innehatte.</em></p>
<p><em>Mit dem sogenannten türkischen Befreiungskrieg durch Kemal Atatürk veränderte sich die Situation. Man versuchte, die Geschichte hinter sich zu lassen. Seit 1923 wird versucht, ein nationalpolitisches Identitätsnarrativ zu etablieren, aus eigener Kraft hätten es die Türken geschafft, den altmodischen imperialen osmanischen Staat hinter sich zu lassen und einen modernen türkischen Staat zu gründen. Die ethnische Homogenisierung Anatoliens sei sozusagen die Grundbedingung dafür gewesen, den türkischen Nationalstaat zu schaffen. Dieses Narrativ gilt bis heute. In eine solche   „Erfolgsgeschichte der Türkei“ lässt sich der Völkermord an den Armenier:innen, an der assyrisch-armenischen, an der pontischen Bevölkerung im Schwarzmeergebiet, an der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reich also schlecht erzählen. Das passte nicht hinein. Seit 1938, Jahr des Massakers in Dersim, dann nach 1945 hat die Türkei sich sehr empfindlich gezeigt und immer heftig reagiert, wenn jemand den Völkermord an den Armenier:innen thematisiert hat.  </em></p>
<p><em>Mihran Dabag hat 1984 in Bonn die erste Konferenz zu diesem Völkermord durchgeführt. Es gab extreme Interventionen der Türkei, massive Morddrohungen nationalistischer Organisationen in der Türkei gegen Organisator:innen und Referent:innen. Die Konferenz fand unter dem Schutz des Bundesgrenzschutzes statt, mit einem über dem Tagungsgebäude kreisenden Hubschrauber. Als wir dann 2005 eine Handreichung für die Schulen im Land Brandenburg vorbereiteten, in der unter anderem der Völkermord an den Armenier:innen thematisiert werden sollte, hat die türkische Botschaft interveniert. Das Land Brandenburg knickte ein und wir mussten eine gekürzte Handreichung veröffentlichen.</em></p>
<p><em>Ich sehe zwei Gründe, warum die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen in Deutschland so lange gedauert hat. Das eine ist die Sorge der Relativierung der Shoah durch die Anerkennung eines weiteren Völkermords. Das war auch von Ernst Nolte im Historikerstreit so beabsichtigt. Er wollte die Shoah in der Tat relativieren, indem er Vorbilder benannte. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass die Türkei ein wichtiger Bündnispartner in der NATO ist. Die Türkei hatte auch einen immer größeren türkischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auch eine große Wählergruppe bildet. </em></p>
<p><em>Ich bin seit 2001 an der Universität Bochum. Bei den jungen türkischstämmigen Studierenden ändert sich inzwischen etwas. Sie sind interessiert, gehen zunehmend kritisch mit der Geschichte in der Türkei um. Die Anerkennung im Deutschen Bundestag hat somit etwas bewirkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist spekulativ, aber ich kann mir vorstellen, dass auch der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5XuABgQIVNs">Film „The Cut“ von Fatih Akin</a> (2014) eine Rolle für diese Entwicklung gespielt hat.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Auf jeden Fall.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin erlebte ich bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur etwa auch um die Mitte der 2010er Jahre einmal, dass der Leiter einer türkischen Schule sagte, er habe in Deutschland gelernt, dass man sich mit einem Bekenntnis zu den Verbrechen der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung nicht beschmutze, sondern ehrlich mache. Diese Auffassung haben sicherlich nicht alle Eltern seiner Schüler:innen geteilt.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Sie kennen den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_301_(t%C3%BCrkisches_Strafgesetzbuch)#Geschichte_und_Wortlaut"><em>Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs: „Beleidigung des Türkentums“</em></a><em>. Es gibt in türkischen Schulbüchern bis heute Aufforderungen an Schüler:innen, in Aufsätzen die Gräuel der armenischen Bevölkerung gegen Türken zu beschreiben. Man muss schon davon ausgehen, dass solche Geschichtsbilder in der türkischen Community eine Rolle spielen. Das ist ja auch nicht verwunderlich.</em></p>
<p><em>Aber es hat sich auch im Verhalten etwas verändert. Vor zehn Jahren gab es bei Vorträgen, die wir zum Thema hielten, noch organisierte Störer, die im Saal verteilt mit vorbereiteten Fragen eingriffen. Das gibt es nicht mehr.</em></p>
<h3><strong>Verschleppte Anerkennung am Beispiel Namibia </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland versuchen nach wie vor viele interessierte Menschen den deutschen Völkermord an den Ovoherero und Nama kleinzureden. Im aktuell vorliegenden Konzept des Beauftragten für Kultur und Medien kommt die Kolonialgeschichte nicht mehr vor. Sie soll in einem späteren Konzept gesondert thematisiert werden. Christiane Bürger und Sahra Rausch veröffentlichten 2025 im Augsburger MaroVerlag das von Tuaovisiua Betty Katuuo kongenial illustrierte MaroHeft. <a href="https://www.maroverlag.de/marohefte/279-der-prozess-9783875126297.html">„Der Prozess – Wie der deutsche Völkermord an den Herero und Nama nicht vor Gericht kam“</a>. Der Streit um Entschädigungen zwischen Deutschland und Namibia ist endlos. Das einzige Museum zum diesem Völkermord betreibt in Swakopmund (Namibia) Laidlaw Peringanda auf zwölf Quadratmetern. Joshua Beer berichtete am 15. Januar 2026 in der Süddeutschen Zeitung über die Konflikte um dieses Museum: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/namibia-swakopmund-kolonialismus-genozid-museum-e824362/">„Das Genozidmuseum im deutschen Idyll von Afrika“</a>. Das ist die eine Seite, die andere bilden Versuche, jede Beschäftigung mit diesem Völkermord als Relativierung der Shoah oder gar als Antisemitismus zu brandmarken. In Swakopmund kommt auch gelegentlich jemand von der AfD vorbei und legt Blumen am Grab eines Verantwortlichen für den Völkermord nieder. In Deutschland gibt es wie in Frankreich oder in Großbritannien auch Positionen, in denen die Kolonialpolitik als Zivilisationsprojekt gelabelt wird.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Leider hat die Zunft der Historiker:innen bis in die 1980er Jahre hinein genau dies propagiert. Der Kolonialismus habe Zivilisation und Technologie in die Welt getragen und dann gab es eben ein paar Kollateralschäden. Ich habe selbst viel zum Völkermord in Südwestafrika gearbeitet. Wenn man sich Lexika anschaut, die nach 1945 bis weit in die 1960er und 1970er Jahre hinein den Völkermord gar nicht erwähnten. Da hieß es dann, dass die Herero im Aufstand von 1904 ihre Stammesstruktur verloren hätten. Da ist die Schuld schon klar benannt: Dumm gelaufen, ließe sich sagen. Es ist erst sehr spät erforscht worden, dass dort eine systematische Ermordungsstrategie gefahren worden ist. </em></p>
<p><em>Ich denke, man muss die Akteure – es ist hier ein richtiges Maskulinum, denn es waren fast alles Männer – des Kolonialismus benennen und auch Straßennamen entehren. Es gibt natürlich auch Aktivist:innen, die keinen Kant mehr lesen wollen, weil bei ihm rassistische Textstellen zu finden sind. Dann wird es schwierig, denn wir müssten letztlich die gesamte Diskursgeschichte bis in die 1990er Jahre abschaffen oder überall Triggerwarnungen anbringen. Wenn von mir verlangt wird, bei einem Seminar zu genozidaler Gewalt eine Triggerwarnung anzubringen, dass es hier um Gewalt geht, geht mir das zu weit. Es gibt ein paar Leute, die das gerne so hätten. Von einer Kollegin in Paderborn weiß ich, dass es dort so üblich ist, aber ehrlich gesagt weiß ich doch bei einer Seminarankündigung zum Thema Genozid oder zum Lagersystem des Nationalsozialismus, dass es da um Gewalt geht. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 25. Februar 2026, Titelbild: NoRei<em>.</em>)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Game&#8217;s not over</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/games-not-over/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 10 Mar 2026 06:41:57 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Game’s not over Drei Handbücher zum Gaming in Bildung, Kultur und Wissenschaft „Wenn der Mensch als spielendes Wesen über den Zugang zu Spielen sich die Herausforderungen dieser Welt mit den künstlichen Herausforderungen im Spiel erschließen und vielleicht auch beantworten kann, stellt sich die Frage, warum sich bis heute nicht eine Universalwissenschaft wie die Spielwissenschaft  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Game’s not over</strong></h1>
<h2><strong>Drei Handbücher zum Gaming in Bildung, Kultur und Wissenschaft</strong></h2>
<p><em>„Wenn der Mensch als spielendes Wesen über den Zugang zu Spielen sich die Herausforderungen dieser Welt mit den künstlichen Herausforderungen im Spiel erschließen und vielleicht auch beantworten kann, stellt sich die Frage, warum sich bis heute nicht eine Universalwissenschaft wie die Spielwissenschaft als eigenständige Disziplin gegründet hat, die ein so wesentliches Kulturgut wie das Spiel erforscht, beschreibt, erklärt und damit einen Überblick über zahlreiche Handlungsoptionen eröffnet.“ </em>(Jens Junge, Spielen, in: Olaf Zimmermann, Felix Falk, Hg., Handbuch Gameskultur 2.0, Berlin, Deutscher Kulturrat, 2025)</p>
<p>Es gibt noch keine eigenen Lehrstühle und Forschungsprogramme, aber immerhin gibt es Pläne. Jens Junge berichtet, dass im Juni 2025 <em>„Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Einzelwissenschaften“</em> die <a href="https://www.spielwissenschaft.de/">Deutsche Gesellschaft für Spielwissenschaft</a> gegründet haben. Eine solche Gründung war längst überfällig und es ist zu hoffen, dass Politiker:innen, Journalist:innen und Pädagog:innen die Gesellschaft als kompetenten Gesprächspartner und Impulsgeber erkennen.</p>
<p>Die Debatten in Politik und Medien rund um digitale Spiele, um das Gaming, konzentrieren sich in der Regel zunächst auf die Gefahren, die den Nutzer:innen drohen: die Gefahr, eine Sucht zu entwickeln, sowie die Gefahr zunehmender Gewaltbereitschaft. Dieser Aspekt ist in der Tat nicht von der Hand zu weisen. Extremist:innen nutzen systematisch Soziale Medien und digitale Spiele, um Anhänger:innen zu rekrutieren und sie Schritt für Schritt in ihren Einflussbereich zu ziehen. Das mag zu Beginn alles recht harmlos aussehen, die Nutzer:innen fühlen sich akzeptiert, verstanden, ernstgenommen, aber mit der Zeit entsteht eine Bindung, der sie nicht mehr so leicht entkommen. Valide Zahlen, wie viele dies betrifft, gibt es nicht, doch scheint allein die Möglichkeit zu reichen, um digitale Spiele und Soziale Medien vor allem als Gefahr zu sehen. Sogenannte Influencer:innen üben Macht aus, gleichviel, ob sie für Kosmetika und Life-Style-Produkte werben und damit eine Menge Geld verdienen oder für ob sie neue Anhänger:innen für ihr extremistisches Gedankengut gewinnen.</p>
<h3><strong>Reale und virtuelle Welten</strong></h3>
<p>Die Erfolgsstrategie auf dem Weg zu Einflussnahme und Abhängigkeit funktioniert über Belohnungssysteme. Bei den Sozialen Medien sorgt der von den Betreibern der Plattformen programmierte Algorithmus dafür, dass Nutzer:innen ständig in ihren Vorlieben, in ihrer Auswahl bestätigt werden. Ähnlich ist es beim Gaming: Erfolgs- und Glücksgefühle werden ausgelöst, wenn man das nächste Level erreicht, Punkte und Gegenstände findet, die den Erfolg optimieren lassen. Selbst ein Scheitern bedeutet noch kein Ende des Spiels, denn man kann jederzeit wieder neu einsteigen und sich ständig verbessern. Die Struktur digitaler Spiele kann durchaus einem Glücksspiel ähneln. <a href="https://www.dasrehaportal.de/erkrankungen/gluecksspielsucht">Glücksspielsucht wurde inzwischen sogar als Krankheit anerkannt</a>.</p>
<p>Es ist gut, wenn Politiker:innen die Gefahren des Gamings und der Sozialen Medien ernstnehmen. Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass sie mit den von ihnen beschlossenen Maßnahmen gegen Sucht und Gewalt Handlungsfähigkeit nur simulieren. Die aktuelle Debatte um Altersbegrenzungen bei der Nutzung Sozialer Medien ist ein klassisches Beispiel für den Verlauf der Debatte: Es wäre doch so einfach, Kinder und Jugendliche zu schützen, indem man ihnen einfach die Nutzung sozialer Medien oder gleich der dafür erforderlichen Geräte verböte! Dann kämen sie nicht mehr auf dumme Gedanken, Sucht und Gewalt hätten ein Ende! Eine solche pauschale Verteufelung, solch pauschale Verbote sind jedoch der falsche Weg.</p>
<p>Die aktuelle Verbotsdebatte über Handys in der Schule sowie über Altersgrenzen bei der Nutzung Sozialer Medien ist kein spezifisch deutsches Problem, sondern ein internationales: Am 2. März 2026 haben 419 Wissenschaftler:innen aus 30 Ländern (Stand 9. März 2026: 438 aus 32 Ländern) sich <a href="https://csa-scientist-open-letter.org/ageverif-Feb2026">in einem offenen Brief gegen jede Verbotspolitik und pauschale Altersbegrenzungen</a> ausgesprochen. Der offene Brief wurde unter anderem <a href="https://netzpolitik.org/2026/forschende-schlagen-alarm-staaten-sollen-social-media-verbote-stoppen/">über die deutsche Plattform Netzpolitik verbreitet</a>. Altersbegrenzungen seien leicht zu umgehen, aber was geschieht, wenn Politiker:innen merkten, dass sie nicht kontrollieren könnten, was sie kontrollieren sollten? <em>„More generally, the centralization of decision-making, as imposed by age assurance-related regulations, is contrary to the end-to-end principle, core to the Internet design. This principle states that application decisions, in particular those security-oriented, should reside on the endpoints. Age assurance, by design, imposes access control rules on those endpoints, threatening the decentralization of the Internet and jeopardizing the creation of sovereign technology.”</em></p>
<p>Die Alternative für die Begrenzung der Gefahren Sozialer Medien wäre eine grundlegende Regulierung der Plattformen, doch den einen ist dies wegen möglicher Zensurvorwürfe (zum Beispiel JD Vance 2025 auf der Münchner Sicherheitskonferenz) oder die Wirtschaft schädigender Gegenmaßnahmen (zum Beispiel Trumps Zölle) zu heikel, anderen erscheint dies ohnehin als aussichtloses Unterfangen. Da verlässt man sich doch lieber auf Verbote. Aber mit der Zeit schwindet die Wirkung der ersten Verbote und neue Verbote müssen beschlossen werden. Es gibt Staaten, die ganze Plattformen, unzählige Seiten oder gleich das gesamte Internet innerhalb ihrer Grenzen abschalten. Das tut eine Demokratie nun jedoch nicht. Oder?</p>
<p>Games sind zurzeit nur mittelbar Gegenstand der Debatte um Altersgrenzen bei der Nutzung Sozialer Medien. Es sind in der Regel dieselben Endgeräte, über die gespielt und kommuniziert wird. Games werden jedoch immer wieder einmal für einen (statistisch nicht nachweisbaren, aber gefühlten) Anstieg von Gewalt verantwortlich gemacht, jeweils aktuell, wenn ein Terrorist sein Verbrechen in der Art eines Egoshooters inszeniert und auch noch selbst filmt. Dies tat zum Beispiel der Attentäter vom 9. Oktober 2019 auf die Synagoge in Halle und der damalige Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigte an, man wolle sich die Gaming-Szene genauer anschauen. Ganz pauschal wurde mit dieser Bemerkung die gesamte Szene der Gamer:innen, Creator, Producer und Nutzer:innen gleichermaßen, für einen terroristischen Anschlag in Kollektivhaftung genommen. Nur am Rande: Die Hamas verfuhr am 7. Oktober 2023 genauso wie der Attentäter von Halle. Ihre selbstgedrehten Videos waren auf der Ausstellung der Nova-Foundation im Herbst 2025 zu sehen (eine kurze Beschreibung finden Sie in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a>).</p>
<p>Die Gefahr, spielend Schritt für Schritt die reale Welt mit der virtuellen zu verwechseln, möglicherweise in eine Welt einzutauchen, in der Gewalt regiert und die dann – in einer Art höherem Level – zur eigentlichen realen Welt werden könnte, wird in hohem Maße durch die aufdringliche Ästhetik des Bildschirms verstärkt. The screen catches all. Games sind in gewisser Weise Filme oder Serien, bei denen die Spielenden die Rolle der Regie übernehmen, manchmal sogar glauben möchten, sie schrieben das Drehbuch. Die Nutzer:innen haben in einem Game eine aktive Rolle, die sie als Follower von Influencer:innen über die Sozialen Medien nicht haben.</p>
<p>Doch was war zuerst? Sorgt ein Spiel für einen Anstieg von Gewalt? Oder erfüllt es lediglich die Erwartungshaltung der Nutzer:innen? Diese Fragen stellten sich bereits Sozial- und Filmwissenschaftler:innen in einer Zeit, als die heutigen digitalen Endgeräte allenfalls ein Thema der Science Fiction waren. Wolf Lepenies schrieb in einer Analyse der Italo-Western von Sergio Corbucci: <em>„Über den Film vergißt der Zuschauer das Medium“</em> (in seinem Aufsatz „Der Italo-Western – Ästhetik und Gewalt, in: Karsten Witte, Hg., Theorie des Kinos, Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 1972). Diese These schließt an Analysen von Siegfried Kracauer in „Von Caligari zu Hitler“ (1947) an. Publikumsgeschmack und Filmproduktion bedingen einander geradezu dialektisch gegenseitig: <em>„Gewiß, amerikanische Kinobesucher kriegen vorgesetzt, was Hollywood will, daß sie wollen; auf lange Sicht aber bestimmen die Bedürfnisse des Publikums die Natur der Hollywood-Filme.“</em> (zitiert nach der Übersetzung von Ruth Baumgarten und Karsten Witte, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1979) Es sind letztlich die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gewalt bedingen, wohl auch die Interessen derjenigen, die gewaltaffine Produkte verkaufen. Aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage kann eine Spirale der Gewalt entstehen. Die nachgefragten Filme oder Spiele werden mit der Zeit möglicherweise immer brutaler.</p>
<p>Letztlich werden alle, auch die aktuelle Debatte zur Künstlichen Intelligenz, vor allem von Ängsten bestimmt. Tina Klüwer hat in ihrem Buch „Zukunft Made in Germany (Hamburg, Rowohlt, 2025) diese Ängste als Innovationshemmnis identifiziert. Sie impliziert damit keine Verharmlosung Künstlicher Intelligenz, schon gar nicht menschenfeindlicher <em>„Games“</em> oder unregulierter Hass und Desinformation verbreitender <em>„Social Media“</em>, im Gegenteil: Nur wenn wir uns auf Produktions- und Rezeptionsbedingungen einer (neuen) Technologie einlassen und versuchen, diese zu analysieren und zu verstehen, haben wir eine Chance, technologische Innovationen im Sinne liberalen Demokratie zu gestalten. Sonst gestalten andere.</p>
<h3><strong>Medienkompetenz und ihre Grenzen</strong></h3>
<p>Als Gegenmittel wird neben Verboten in der Politik und in manchen Medien immer wieder Medienkompetenz gefordert. Das ist auch nicht falsch, aber Medienkompetenz ersetzt Regulierungsmaßnahmen nicht, könnte jedoch dazu beitragen, dass die Nutzer:innen, die <em>„User“,</em> die Produktions- und Rezeptionsbedingungen verstehen.</p>
<p>Es wäre sicherlich gut, wenn Pädagog:innen und Journalist:innen, letztlich auch Politiker:innen eine solche Medienkompetenz erwürben, sodass der Sache angemessene Regulierungsmaßnahmen möglich würden, in einer Schule ebenso wie in einem Staat oder gar einem Staatenbündnis wie der Europäischen Union. Es lohnt sich daher, die Frage der Chancen und Grenzen von Medienkompetenz am Beispiel digitaler Spiele zu vertiefen. Dazu sind im Jahr 2025 mehrere Analysen und Handbücher erschienen, von denen drei hier etwas ausführlicher vorgestellt werden sollen:</p>
<ul>
<li>Das „Handbuch Gameskultur 2.0“, herausgegeben von Olaf Zimmermann und Felix Fall (Berlin, Deutscher Kulturrat, zweite überarbeitete und erweiterte Auflage, 2026).</li>
</ul>
<ul>
<li>Das „Handbuch Gaming &amp; Rechtsextremismus“, herausgegeben von Aurelia Brandenburg, Linda Schlegel und Felix Zimmermann (Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 2025).</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Tagungsdokumentation „Science MashUp: Games und schulische Bildung – Leipziger Beiträge zur Computerspielkultur“, herausgegeben von Gabriele Hooffacker, Benjamin Bigl, Sebastian Stoppe und Florian Kiefer (Wiesbaden, Springer VS, 2025).</li>
</ul>
<p>Der an dritter Stelle genannte Band ist vor allem deshalb besonders zu empfehlen, weil er die Dilemmata einer Schul- und Gesellschaftspolitik thematisiert, die die Verbannung moderner Medien, von Smartphones, sozialen Netzwerken und digitalen Spielen aus der Schule betreibt, obwohl sie inzwischen einfach ein ständiger Teil der Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen und somit letztlich auch ein wesentlicher Faktor informeller Bildungsprozesse geworden sind. Bildung ist eben nicht nur das, was formelle Bildungseinrichtungen wie die Schule als Bildung anbieten. (Ergänzend zu empfehlen ist im Hinblick auf Einstellungen von Journalist:innen die Lektüre des von Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe herausgegebenen Sammelbandes „Game-Journalismus“ (Wiesbaden, Springer VS, 2023). Im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> wurde dieses Buch bereits im Januar 2024 ausführlich vorgestellt (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-spiele/">„Die Macht der Spiele“</a>), auch mit Hinweisen auf einige blinde Flecken in der Forschung.)</p>
<p>Alle drei Handbücher formulieren Bedarfe und Möglichkeiten in Kultur, Bildung, Wissenschaft und Forschung, die noch zu entdecken sind. Bevor ich die drei Handbücher jedoch im Einzelnen vorstelle, erlaube ich mir eine Art Triggerwarnung. Marina Weisband hat in einem Gespräch im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> über <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-macht-der-aufmerksamkeit/">„Die Macht der Aufmerksamkeit“</a> (Januar 2026) die Grenzen von Medienkompetenz benannt. Medienkompetenz allein reicht nicht aus: „<em>Diese Verbotsdebatten haben mit dem eigentlichen Problem nichts zu tun. Wir haben gesehen, dass die Nutzung von Social Media tatsächlich die psychische Gesundheit und Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigt. Mit der politischen Debatte hat das aber nichts zu tun. Für diese müssen wir regulieren, was auf Social Media erlaubt ist, wie mit KI-generierten Inhalten umzugehen ist, wie schnell Falschinformationen und Hassbotschaften gelöscht werden müssen. / Solange wir aber Jugendliche aus Innenstädten vertreiben, weil sie nicht genug Geld haben, um sich dort in ein Café zu setzen, und dort einfach nur rumhängen, was aber auch nicht gern gesehen wird. Solange Bänke abgebaut, Jugendzentren geschlossen werden, große Wohnungen für Familien nicht erschwinglich sind, sodass Jugendliche sich auch zu Hause nicht mit Freund:innen treffen können, können wir ihnen nicht den einzigen Raum wegnehmen, in dem sie überhaupt soziale Kontakte haben können.“ </em></p>
<p>Mit dieser Warnung steht Marina Weisband nicht allein. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats stellte im <a href="https://politikkultur.de/inland/verbote">Editorial der Zeitschrift Politik &amp; Kultur vom März 2026</a> eine meines Erachtens entscheidende Frage: <em>„Können wir wirklich einfach die wichtigsten Kontaktbörsen für Kinder und Jugendliche abstellen oder stark einschränken, ohne neue Schäden in Kauf zu nehmen? Wir Alten können ohne sie leben, können die Jungen das auch?“</em> Ob <em>„wir Alten“</em> wirklich gute Vorbilder sind, will ich hier nicht näher diskutieren. So oder so sollte vermieden werden, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.</p>
<p>So ist es auch mit digitalen Spielen. Wenn diejenigen, die Kindern und Jugendlichen die Nutzung der sozialen Medien, ihres Smartphones oder digitaler Spiele verbieten wollen und ihnen mit treuem Augenaufschlag empfehlen, sie könnten jetzt doch wieder in Ruhe spielen, vergessen sie die Frage, die wir uns aber leider stellen müssen: Wo denn und mit wem?</p>
<p>Eigentlich sollten Erwachsene das Problem kennen. Robert D. Putnam hatte bereits im Jahr 2000 <a href="http://bowlingalone.com/">„Bowling Alone“</a> (New York, Simon &amp; Schuster) veröffentlicht. Auch in Deutschland boomt inzwischen die Einsamkeitsforschung. Das Bundesfamilienministerium und die Wohlfahrtsverbände haben das <a href="https://kompetenznetz-einsamkeit.de/">Kompetenznetz Einsamkeit</a> gegründet. Zwei Expertisen befassen sich explizit mit der <a href="https://kompetenznetz-einsamkeit.de/publikationen/kne-expertisen">Einsamkeit von Kindern und Jugendlichen</a>, allerdings bisher leider nur im Hinblick auf Verhalten, Leistungen und Unterstützung in der Schule.</p>
<h3><strong>Kulturgut Gaming und die Politik</strong></h3>
<div id="attachment_7896" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.kulturrat.de/publikationen/handbuch-gameskultur-2-0-2/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7896" class="wp-image-7896 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-225x300.png" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-200x267.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-225x300.png 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-400x533.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-600x800.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-768x1024.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0-800x1067.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Deutscher-Kulturrat-Handbuch-Gameskultur-2.0.png 1068w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><p id="caption-attachment-7896" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Deutschen Kulturrats über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das Handbuch Gameskultur 2.0 des Deutschen Kulturrats erscheint in einer erweiterten zweiten Auflage. 54 Autor:innen bieten in 46 Beiträgen einen Überblick über die Grundlagen (acht Texte), Kunst und Kultur (neun Texte), Vermittlung (acht Texte), Gemeinschaft (sieben Texte), Debatten (neun Texte) und Wirtschaft (fünf Texte). Darüber hinaus gibt es ein umfangreiches Glossar sowie einen Game-Index A bis Z, durchgehend Kurzbeschreibungen zahlreicher Spiele, mit sehr präzisen Informationen über Genese und Jahreszahlen sowie über Demo- und Cosplay-Szenen.</p>
<p>Die Vielfalt der Beiträge lässt sich in einer Buchbesprechung nur anreißen, ein Grund mehr, den Leser:innen vorzuschlagen, <a href="https://www.kulturrat.de/publikationen/handbuch-gameskultur-2-0-2/">sich das Buch für die eigene Handbibliothek anzuschaffen</a>. Schon im Vorwort formulieren die Herausgeber optimistisch: <em>„Viele verloren durch die kulturwissenschaftliche Einbettung von Games als Kulturelle Ausdrucksform ihre Vorurteile“</em>. Im ersten Beitrag beschreibt Jens Junge die Geschichte des Spielens als „<em>Kulturgut“</em>, sozusagen als anthropologische Konstante in der Erschließung von Welt und Umwelt, nicht zuletzt in Bezug auf den Klassiker „Homo Ludens“ von Johan Huizinga (1938). Der PC sorgte für eine Popularisierung und Demokratisierung des Zugangs.</p>
<p>Games sind inzwischen nicht nur eine feste Größe im deutschen Kulturbetrieb, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. <a href="https://www.game.de/">„game“</a>, der Verband der deutschen Games-Branche ist seit 2008 Mitglied des Deutschen Kulturrates. Er zählt über 500 Unternehmen als Mitglieder. 2024 hat die Games-Banche in Deutschland 9,4 Milliarden EUR erwirtschaftet. In ihrem Beitrag über „Ausbildung &amp; Arbeitsmarkt“ nennen Michael Hebel und Clara Janning weitere Zahlen, unter anderem dass in Deutschland die Games-Branche im Jahr 2024 12.134 Publisher und Entwickler beschäftigt habe, allerdings im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich weniger als in Kanada, wo 34.010 Personen in diesen Berufen arbeiteten. Angrenzende Berufe wie Journalist:innen, Wissenschaftler:innen oder Referent:innen in Bildung und Politik wurden in dieser Statistik nicht eingerechnet. Auf jeden Fall gilt: Deutschland hat – vorsichtig formuliert – <em>„noch viel Entwicklungspotenzial“</em>.</p>
<p>Zahlen sagen nichts über die Inhalte der in der Branche produzierten und vertriebenen Spiele aus. Felix Zimmermann schreibt in seinem Beitrag zur <em>„Demokratie“</em>: <em>„Während demokratiefeindliche Akteure schon seit mindestens 10 Jahren und immer intensiver politische Kommunikation zur Aushöhlung demokratischer Werte in und um Games betreiben, haben es die verschiedenen Akteure, denen am Fortbestand einer liberalen demokratischen Ordnung gelegen ist, vielfach versäumt, eine demokratische Kultur in und mit Games aufzubauen.“ </em>Da ist er wieder, der Generalverdacht gegen digitale Spiele! Felix Zimmermann sieht daher eine staatliche Aufgabe darin, Spiele zu unterstützen, die die Demokratie fördern, beispielsweise über die Kulturförderung.</p>
<p>Die Kulturpolitik hat jedoch <em>„Games“</em> lange ignoriert (ein ähnliches Schicksal haben eSports in der Sportpolitik). Olaf Zimmermann erinnert in seinem Beitrag zur <em>„Kulturpolitik“</em> daran, dass 2007 der damalige nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Große Brockhoff (CDU) Zimmermanns Rücktritt als Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates gefordert habe, weil er in einer Presseerklärung Kunstfreiheit auch für Computerspiele eingefordert habe. Inzwischen hat sich dies geändert. Nathanael Liminski (CDU), Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei und als Staatssekretär unter anderem für Medien zuständig, habe die Perspektive formuliert, <em>„dass Videospiele noch viel stärker zur Aufklärung über demokratiefeindliche Narrative beitragen können.“</em></p>
<p>Auch über Jugendschutz müsse differenzierter diskutiert werden, es helfe – so Martin Lorber in seinem Beitrag zu diesem Aspekt – nicht weiter, mit pauschalen Begriffen wie <em>„Killerspiele“</em> zu arbeiten. Man spreche ja auch nicht von <em>„Killerfilmen“ </em>oder<em> „Killerbüchern“</em>. Die scheinbare Parallele zwischen Terrorangriffen und Spielen, wie sie die Attentäter von Christchurch oder Halle (und die Hamas) suggerierten, sei kein Argument gegen bestimmte Spiele, sondern eine Aufforderung an Psychologie und Sozialwissenschaften, die Hintergründe der <em>„Gamification“</em> – dazu Felix Raczkowski – genauer zu analysieren. Dazu gehören auch rezeptionsästhetische Studien. Jörg von Brincken vergleicht in seinem Beitrag <em>„Gewalt“</em> die Position des Spielenden mit dem Zuschauer im Theater: <em>„Der römische Dichter Lukrez hat dafür in seinem Weltgedicht ‚De rerum natura‘ (ca. 1. Jhd. V. Chr.) eine sehr pointierte Metapher geschaffen: Vom sicheren Land aus beobachtet der körperlich unbeteiligte und in diesem Sinne sichere Betrachter den Untergang eines Schiffes in stürmischer See.“</em> In Spielen verändert sich diese Lage, insbesondere eben in digitalen Spielen aufgrund der realistischen Ästhetik und Interaktivität, die die Computerspielenden ergreift, <em>„weil es im Moment des Spielens eine ganz eigene Wucht entfaltet, die Spieler gerade nicht unberührt zurücklässt.“</em></p>
<p>Die Offenheit der Politik, die Nathanel Liminsky formulierte, könnte zum Anlass genommen werden, in Zukunft sogenannte <em>„Serious Games“ </em>mehr als bisher staatlich zu fördern. Celina Cremer und Sabiha Ghellal nennen unter anderem das <a href="https://mwk.baden-wuerttemberg.de/de/kunst-kultur/digitale-wege-ins-museum/">Förderprogramm „Digitale Wege ins Museum II“</a> des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums, in dem beispielsweise das Spiel <a href="https://www.naturkundemuseum-bw.de/footer-menu/presse/detailansicht/neue-spielapp-natureworld-das-game-im-naturkundemuseum-stuttgart-fuer-kinder-ab-10-jahren">„NatureWorld“</a> für Kinder ab 10 Jahren entstand. <em>„Serious Games“</em> tragen inzwischen auch zu einer zeitgemäßen Vermittlung von Erinnerungskultur bei. In <a href="https://paintbucket.de/de/game/the-darkest-files">„The Darkest Files“</a> muss Staatsanwältin Esther Katz, Mitglied im Team von Fritz Bauer, NS-Verbrechen aufklären. Endgegner ist die deutsche Bevölkerung, die vergessen will. Mit dem Thema der Förderung der Erinnerungskultur durch digitale Spiele befassen sich ausführlich Eugen Pfister, Felix Zimmermann und Christian Huberts.</p>
<h3><strong>Rechtsextremismus und Popkultur</strong></h3>
<div id="attachment_7897" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7897" class="wp-image-7897 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming-400x596.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-Handbuch-Gaming.jpg 466w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /></a><p id="caption-attachment-7897" class="wp-caption-text">Weitere Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wer einen Gegner besiegen will, muss ihn kennen. Das von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichte <a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/563171/handbuch-gaming-rechtsextremismus/">„Handbuch Gaming &amp; Rechtsextremismus“</a> enthält 33 Texte von 40 Autor:innen in fünf Teilen: „Voraussetzung“ (sieben Texte), „Einstellungen“ (sechs Texte), „Prozesse“ (neun Texte), „Auswege“ (sechs Texte) und Projektvorstellungen“ (elf Texte). Insbesondere im fünften Teil werden einzelne zivilgesellschaftliche Netzwerke und Initiativen ausführlich vorgestellt. Die in den Beiträgen genannten Beispiele umfassen nicht nur digitale Spiele, sondern auch Filme und Serien. Das Buch enthält ein ausführliches Glossar. In allen Beiträgen gibt es immer wieder Verweise auf andere Beiträge des Buches, sodass man sich von jedem einzelnen Beitrag durch das gesamte Buch Schritt für Schritt vorarbeiten kann.</p>
<p>Im Einstieg stellen die drei Herausgeber:innen die provokative Frage: <em>„Eine neue Killerspieldebatte?“</em> Dies betrifft zugleich die Attraktivität von digitalen Spielen für Terroristen, die nach dem Prinzip des Egoshooters handelten und sich bei ihren Verbrechen filmten, aber auch die oben bereits erwähnte hilflose Reaktion des damaligen Bundesinnenministers Horst Seehofer nach Halle. Eine ähnliche Debatte hatte es im Übrigen schon in den 1990er Jahren gegeben, unter anderem anlässlich des School-Shootings an der Colombine High-School im Jahr 1999 (Verschärfungen der Waffengesetze sind nicht nur in den USA, auch in Deutschland schwer durchsetzbar, beim Verbot der Nutzung sozialer Medien und Handys ist der Widerstand bei weitem nicht so hoch). Die drei Autor:innen mahnen zu Ergebnisoffenheit ungeachtet der in der Forschung anerkannten These, <em>„dass Games soziale Einstellungen und Meinungen beeinflussen können.“</em> Das gelte jedoch in beide Richtungen. Ziel des Buches sei es, nicht in Kausalitäten zu denken, sondern Phänomen und Hintergründe aufzudecken. So gebe es keine einheitliche Games-Kultur, sondern nur Games-Kulturen, ähnlich wie es nur Feminismen gebe und nicht nur den einen Feminismus.</p>
<p>Ein wichtiger Bezugspunkt ist die bei transcript erschienene Analyse von Simon Strick <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5495-0/rechte-gefuehle/">„Rechte Gefühle“</a> (2021), die im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wohlige-waerme/">„Wohlige Wärme“</a> (Oktober 2021) vorgestellt wurde. In diesem Kontext plädieren die Herausgeber:innen für einen <em>„weiten“</em> Games-Kultur-Begriff, ebenso wie für einen <em>„weiten“</em> Rechtsextremismus-Begriff. Joanna Nowotny, exzellente Kennerin der Comic-Szene, deren Entwicklungen pro- wie anti-DEI (Diversity, Equity, Inclusion) sie im von ihr gemeinsam mit Lukas Etter und Thomas Nehrlich herausgegebenen <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3869-1/reader-superhelden/">„Reader Superhelden“</a> (Bielefeld, transcript, 2018) sowie in zwei Gesprächen im Demokratischen Salon vorstellte (<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/super-helden/">„Super! Helden!“</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragil-ist-das-neue-super/">„Fragil ist das neue Super!“</a>), befasst sich mit dem Thema <em>„Rechte Meme-Kultur“</em>. Sie konstatiert, dass schon sehr genaue Kenntnisse erforderlich seien, um sich gegen die Strategien der Producer der Memes zu wehren: <em>„Memetische Kriegsführung besteht in der gezielten Störung von Kommunikation durch das Fluten der digitalen Kanäle mit Inhalten, die für Außenstehende oft unverständlich sind. Da jedes neue Meme eine Umdeutung des vorhandenen Materials beinhalten kann, entstehen Widersprüche und das Ursprungsmaterial, auf das Memes sich beziehen, wird vielfach radikal umgedeutet. (…) Ob das Gedankengut ernsthaft vertreten oder ironisch zitiert wird, ist dabei weder für die Betrachtenden noch für die Produzierenden zwingend klar.“</em> Letztlich muss man sich bei der Konfrontation mit Games, die Memes verwenden, nicht nur in der Spielebranche, sondern auch in der Gedankenwelt der Neuen Rechten beziehungsweise der Alt-Right-Bewegung auskennen.</p>
<p>Ein wichtiger Gegenstand der Analyse sind daher <em>„digitale Subkulturen“</em>. Mick Prinz befasst sich in seinem Beitrag mit <em>„GamerGate“</em>, schon im Jahr 2014 <em>„ein antifeministischer Testballon“</em> mit Bezügen zur Alt-Right-Bewegung. Elon Musk lobte 2024 <em>„GamerGate“</em> als Alternative zur Woke-Bewegung. GamerGate-Erzählungen finden sich auch in der Jungen Alternative (beziehungsweise ihrer Nachfolgeorganisation Generation Deutschland, in der Namensgebung durchaus als Gegenpol zur Letzten Generation verstehbar). Aurelia Brandenburg beschreibt <em>„Geschichtspolitische Kämpfe“</em>: Digitale Spiele hätten <em>„lange als reines Männermedium“</em> gegolten, <em>„in dem Frauen primär als Objekt der Begierde heterosexueller Männer Platz hatten“</em>. Der Anti-Feminismus ist hier – wie es auch die <a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie">Leipziger Autoritarismusstudie</a> schon mehrfach feststellte – eine Art <em>„Brückenideologie“</em>. <em>„Von Rechts wird hier in der Regel der Anspruch formuliert, eine historische Wahrheit zu kennen und zu spiegeln“</em>. Dies spiegele sich auch in der Vernetzung der mit der rechten Szene verbundenen Studios, Creators und Producers.</p>
<p>In mehreren Beiträgen werden verschiedene Aspekte gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit jeweils mit konkreten Beispielen beschrieben: Ableismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit (<em>„Digitaler Orientalismus“</em>)<em>,</em> Militarismus, Rassismus. Edmond Y. Chang schreibt in seinem Beitrag <em>„Rassismus &amp; weiße Fankulturen“</em>: <em>„Sowohl Fans als auch Faschist/-innen ist es ein Anliegen, eine Geschichte, einen (medialen) Text oder eine Person zu romantisieren und zu glorifizieren. Beide Gruppen schützen und bewachen energisch und lautstark vor vermeintlichen Eingriffen oder Kritiken von außen und beide halten zu sehr an traditionellen Erzählungen Genres, Konventionen und Geschichten fest, um die Einheit und Ideale ihrer Gruppe zu schützen.“ </em></p>
<p>Antike-, Mittelalter-, Fantasy-Figuren, Star Wars und Herr der Ringe bieten genügend Anschlussmöglichkeiten zu den Lebenswelten und Träumen der Spielenden. So schwer ist es zum Beispiel nicht, Frodo als Helden zur Verteidigung einer kleinbürgerlich geerdeten White Supremacy zu verstehen. Man muss sich nur Alltagsgewohnheiten und Kleidung der Hobbits im Gegensatz zum Outfit und Make-Up der Truppen Saurons, der Orks und der Uruk-Hai in den Verfilmungen von Peter Jackson anschauen. Und wer sich schon auf diese Art und Weise mit neurechtem Gedankengut angefreundet hat, ohne dies zu merken, landet irgendwann vielleicht bei Weltkriegsspielen oder Spielen, in denen der Holocaust nachgespielt werden kann. Das ist kein Automatismus, darf aber bei einer Analyse der Bedingungen für die Verknüpfung realer und fiktiv-digitaler Welten nicht außer Acht gelassen werden. Claudia Wallner gibt einen Überblick über solche Radikalisierungsphänomene. Wer sich gegen Radikalisierungen engagiere, dürfe daher nicht das Gaming als <em>„Ursache für Radikalisierung“</em> betrachte, sondern müsse die Akteure kennen, die <em>„von der popkulturellen Anziehungskraft von Videospielen (…) profitieren“</em>.</p>
<p>Popkulturelle Vereinfachungen gibt es auch im Hinblick auf die Wahrnehmung politischer Prozesse. Wulf Loh thematisiert dies in <em>„Digitale Spiele und ihr Verhältnis zu Politik und Demokratie“</em>. Politik wird in Serien wie Game of Thrones, House of Cards, ebenso in vergleichbaren Spielen oder Spin-Offs solch populärer Serien, als höchstskandalöse und intrigrante Angelegenheit dargestellt, sodass sie<em> „über ihre jeweilige Darstellung politischer Zusammenhänge und Prozesse das medial vermittelte öffentliche Lernen von Politikvorstellungen in zunehmendem Maße mitprägen“</em>. Möglicherweise gerät man hier an Grenzen der rechtlichen Grundlagen des <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/juschg/BJNR273000002.html">Jugendschutzes</a> und des <a href="https://www.dsc.bund.de/DSC/DE/2DSA/start.html">Digital Services Act</a> (DSA) Elisabeth Secker und Lorenzo von Petersdorff fragen nach deren Reichweite: <em>„Hierzu gehört z.B. die Frage, wann ein Online-Spiel als ‚Online-Plattform“ im Sinne des DSA gilt.“ </em>Die Grenzen sind fließend, juristische Einschränkungen (Stichwort: Altersgrenzen, Verbote) werden das Problem nicht lösen.</p>
<p>Aber es gäbe andere Möglichkeiten, nicht zuletzt über eine (auch) staatliche Förderung von zivilgesellschaftlichen Initiativen aus der Gamerszene. Edmond Y Chang: <em>„Gamer könnten es besser machen. Games könnten es besser machen. Fandoms könnten es besser machen. Der erste Schritt ist die Anerkennung und das Eingeständnis des Problems, gefolgt von Fragen und der Suche nach Antworten und Strategien, um die oben beschriebenen Probleme anzugehen.“ </em>Wie das gelingen könnte, könnte man methodisch von GamerGate und Alt-Right lernen. Der vierte und der fünfte Teil des Handbuches zeigen, wie der Gaming-Bereich für die liberale Demokratie und gegen Menschenfeindlichkeit genutzt werden könnte. Die elf Projektvorstellungen im fünften Teil reichen vom <a href="https://extremismandgaming.org/">Extremism and Gaming Research Network</a> (EGRN) über <a href="https://keinenpixel.de/">Keinen Pixel dem Faschismus!</a> und <a href="https://www.stiftung-digitale-spielekultur.de/project/lets-remember/">Let’s Remember! Erinnerungskultur mit Games vor Ort</a> bis hin zum Forschungsnetzwerk <a href="https://www.radigame.de/">RadiGaMe</a> (= „Radikalisierung auf Gaming-Plattformen und Messenger-Diensten). Die von Felix Zimmermann in seinem das Handbuch einleitenden Beitrag gestellte Frage, warum Gaming ein Thema für die (Bundeszentrale für) politische Bildung sei, beantwortet sich fast schon von selbst. Im Grunde sind Kenntnisse der Produktions- und Rezeptionsbedingungen des Gaming in all ihren Facetten eine Querschnittsaufgabe jeder Bildung.</p>
<h3><strong>Gaming in der Schule</strong></h3>
<div id="attachment_7898" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48506-1"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7898" class="wp-image-7898 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-200x284.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-400x567.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-600x851.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-722x1024.jpg 722w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-768x1089.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung-800x1135.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/03/Cover_Science_MashUp_Games_und_schulische_Bildung.jpg 827w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-7898" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Sammelband <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-48506-1">Science MashUp: Games und schulische Bildung – Leipziger Beiträge zur Computerspielkultur</a> wurde von den Herausgeber:innen nicht als Handbuch deklariert, doch kann er durchaus als solches verwendet werden. Der Band dokumentiert Vorträge und Debatten einer Tagung aus dem Jahr 2024 an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig. Die Teilnehmer:innen der Tagung – so schreiben die Herausgeber:innen im Vorwort – plädierten für Offenheit statt Verbote und schließen sich damit den Forderungen der <a href="https://www.gmk-net.de/">Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur</a> (GMK) an.</p>
<p>15 Autor:innen befassen sich in zwölf Beiträgen mit dem Thema. In den ersten vier Beiträgen werden Standpunkte zur Nutzung von Games im Unterricht sowie zur Forderung nach einem eigenen Fach Medienkompetenz diskutiert, in den folgenden vier Beiträgen wird gute Praxis aus dem Philosophie-, Geschichts-, Physik- und Deutschunterricht vorgestellt, im dritten Teil befassen sich vier Beiträge mit digitaler Bildungskultur, unter anderem mit Lernrechnern, Gamedesign und der Grundsatzfrage des Einsatzes von Games im Unterricht. In der abschließenden zusammenfassenden Podiumsdiskussion werden auch Themen angesprochen, die in den Beiträgen nicht im Detail behandelt werden konnten, beispielsweise Jugendschutz, Elternperspektiven, ein Medienbildungsführerschein für Lehrkräfte, nicht zuletzt die Perspektive der Kinder und Jugendlichen und die Frage der für Bildung und Forschung erforderlichen Ressourcen.</p>
<p>Das Buch überzeugt, weil es eine Debatte über das Verhältnis von Schule und Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen aufgreift, die bei den meisten Debatten um eine zukunftsfähige Schule ignoriert wird. Vor allem die beiden ersten Beiträge von Benjamin Bigl und Sebastian Stoppe bieten bei allen Unterschieden ein in der Zielrichtung eindeutiges Plädoyer für die Verankerung moderner Medien in der Schule, einschließlich digitaler Spiele. Es geht um das Wie, nicht um das Ob. Diese beiden Texte lassen sich als Grundsatzartikel lesen, die von den Texten der weiteren Autor:innen unterfüttert und konkretisiert werden. Man kann das Buch jedoch auch lesen, indem man mit den konkreten Beispielen verschiedener <em>„Serious Games“</em> beginnt und sich dann in die Debatte der Texte von Benjamin Bigl und Sebastian Schoppe einschaltet. Auf jeden Fall überzeugen die konkreten Beispiele, nicht nur im Hinblick auf die Bedeutung von Medien und neuen Technologien, sondern auch im Hinblick auf ihre ethische Dimension, die Menschenwürde, Menschenrechte und demokratische Lösungen komplexer Probleme umfasst.</p>
<p>Benjamin Bigl plädiert für ein Schulfach zum Themenbereich Medien und Kommunikation, möglicherweise auch als <em>„Querschnittsfach“</em> oder <em>„verpflichtender Blocktermin“</em>. Er knüpft an das in Thüringen seit 2024/2025 eingeführte <a href="https://www.schulportal-thueringen.de/mint_unterricht/medienbildung_und_informatik">Fach „Medienbildung und Information“</a> an, das er von dem aus seiner Sicht halbherzigen Strategiepapier <a href="https://www.bildungsland2030.sachsen.de/">„Bildungsland Sachsen 2030“</a> abgrenzt. Auch in der heutigen Bildungspolitik fänden sich noch Abwehrhaltungen, wie sie in dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schul- und Schutzschriften“ aus dem Jahr 1926 verankert waren. Die heutige Schulpolitik sei gespalten: <em>„Einerseits dominiert die Angst vor Medien, andererseits hält man es aber nicht für notwendig, Lehrkräfte für den souveränen Umgang mit Medien fit zu machen und sie zu befähigen, dieses Wissen in der Schule einzusetzen.“ </em>Für ein Schulfach sprächen soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte, insbesondere die Zukunft Künstlicher Intelligenz, das Spannungsfeld von Datenschutz und Privatsphäre, der Wandel der Arbeitswelt, letztlich Chancengleichheit für alle Schüler:innen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Wer sich dem verweigere, verfalle einer Art „<em>Realitätsverweigerung“.</em> Smartphones gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen und dieser Alltag gehört daher auch als Gegenstand in die Schule. Digitale Souveränität ist nicht erreichbar, wenn sich Schule auf die herkömmlichen Kulturtechniken beschränkt und Handys und Games verbannt.</p>
<p>Sebastian Stoppe plädiert nachdrücklich gegen jedes Verbot. <em>„Denn eine Verbannung der digitalen Geräte aus der Schule zementiert eine Filterblase, die mit der Lebenswirklichkeit nicht übereinzubringen ist: Smartphones gehören mittlerweile nun einmal im Leben der Schüler:innen dazu. Sie in der Schule mittels Verbot aus dem Leben ‚auszublenden‘, hieße auch die Probleme zu ignorieren, welche die digitale Welt mit sich bringt.“</em> Schüler:innen lernten in der Regel alles, was sie eigentlich über Medien wissen sollten, <em>„informell“</em>, über Trial and Error im Selbstversuch, über Freund:innen, aus den Medien selbst. Eine Möglichkeit, die Beschäftigung mit Medien in das formelle Bildungsangebot der Schule zu integrieren, böte das in Sachsen-Anhalt vorhandene <a href="https://www.bildung-lsa.de/pool/RRL_Lehrplaene/wpkmmsek.pdf">Kursangebot im Wahlpflichtbereich</a>. Sicherlich bestehe die Gefahr, dass ein solches Fach zum Nischenfach wird, aber letztlich sei Medienbildung eine Aufgabe aller Fächer: <em>„Nur wenn sich digitale Medienkompetenz in allen Fächern etabliert und eine Selbstverständlichkeit wird, werden Lehrkräfte wie Schüler:innen diese neue Kultur der Digitalität auch sinnvoll und nachhaltig leben können.“ </em>Auf jeden Fall müssten formelles und informelles Lernen miteinander verbunden werden. Wer in der Schule die informell erworbenen und erwerbbaren Kenntnisse und Fertigkeiten der Schüler:innen außer Acht lässt, ignoriert im Grunde alles, was Schüler:innen im Alltag tun.</p>
<p>Stephan Köhler propagiert zugespitzt<em>: „Schule muss (mehr) Spiel wagen!“</em> Nicht nur rezeptiv, auch produktiv: Ziel müsse es sein, dass Schüler:innen <em>„durch die Einführung in ‚Gamedesign‘ auch in die Lage versetzt werden, solche Systeme (mit) zu gestalten.“</em> Das Spiel sei gleichermaßen Medium und Gegenstand von Bildungsprozessen. Am Beispiel von <a href="https://www.ubisoft.com/de-de/game/assassins-creed/unity">„Assassin’s Creed: Unity“</a>, einem Spiel unter anderem mit dem Setting der Französischen Revolution, beschreibt Johanna Daher, wie digitale Spiele, Games, im Unterricht eingesetzt werden könnten. Solche Spiele hätten den Vorteil, dass Schüler:innen <em>„aktiv in das Geschehen eingreifen“</em> und ihre Eingriffe reflektieren könnten. Das Setting mag auf den ersten Blick wegen seines Gewaltanteils erschrecken, doch gerade dies mag Anlass genug sein, sich in Bildungsprozesse mit dem auseinanderzusetzen, was Schüler:innen außerhalb der Schule ohnehin kennenlernen. Hierzu empfiehlt Johanna Daher zu diesem Spiel vorhandene <a href="https://bit.ly/KostenloseGamesABs">kostenlos verfügbare Arbeitsblätter</a>. Weitere Beispiele bieten die Autor:innen der Fachbeispiele im zweiten Teil. Darunter befinden sich auch Spiele zur Reflexion der philosophischen und ethischen Dilemmata (Roberto Zeugner, Games becoming philosophical) am Beispiel von <a href="https://blog.quanticdream.com/detroit-become-human-receives-amnesty-international-special-award/">„Detroit: Become Human“</a>, zur Migration am Beispiel der Auswanderung von Luxemburg in die USA (Alina Menten, <a href="https://colognegamelab.de/the-migrants-chronicles-research-project-brings-migration-history-to-life/">The Migrant’s Chronicles: 1892</a>), zur spielerischen Entdeckung der Quantenphysik (Carsten Labert und Katja Lesser, Quantenphysik spielerisch entdecken) mit einem Spiel rund um Schrödingers Katze sowie zum Deutschunterricht (Noreen Sell, Digitale Spiele im (Deutsch-)Unterricht).</p>
<p>Noreen Sell bietet einen Vorschlag für Kriterien von in den Schulen nutzbarer Spiele, der nicht nur im Deutschunterricht zur Anwendung kommen könnte: <em>„Digitale Spiele, die einen starken narrativen Anteil besitzen und linear aufgebaut sind, eignen sich beispielsweise für Aufgaben, die sich an der Literaturwissenschaft orientieren, besonders gut.“</em> Sie nennt als Beispiele <a href="https://www.youtube.com/watch?v=bLnTciXdaJA">„Harveys neue Augen“</a> und <a href="https://deponia-the-complete-journey.de.softonic.com/">„Deponia“</a>, ein Spiel, in dem Umwelthemen eine wichtige Rolle spielen. Dies zeigt sich auch für das Setting von „The Migrant’s Chronicles“: <em>„Das Spiel stellt Migrationsprozesse als interkulturelle Erfahrungen dar, die sowohl historische als auch aktuelle Kontexte berücksichtigen, um ein tieferes Verständnis für wiederkehrende Muster und Dynamiken zu schaffen.“</em> So muss man im Spiel beispielsweise einen Schlafplatz suchen, die Ernährung sicherstellen, Reise und Transport organisieren. Dabei verbraucht man Energiepunkte.</p>
<p>Im dritten Teil befasst sich René Meyer mit Computern in den Schulen der DDR, auch den dort seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre intensivierten Arbeitsgemeinschaften. Thorsten Zimprich nennt Kernkompetenzen des Gamedesign-Handwerks, bezogen auf die Spielidee, Kommunikation und Coverstory. Problematisch seien hingegen Spiele, die wie ein <em>„langweiliger Multiple-Choice-Test“</em> konzipiert seien, etwa nach dem Beispiel des TV-Formats „Wer wird Millionär?“ <em>„Und dann wäre mein Traum ein Forschungsprojekt ‚Fachdidaktik Gamedesign‘, in dem wir gemeinsam die schlummernden Superkräfte Ihres Kollegiums wecken und viel analoge, aber auch digitale Spiele erschaffen, mit dem Ziel, Ihre Schule zu einer Spielentwicklungsstudie weiterzuentwickeln.“ </em>Die Digitalspielforschung ist auch Thema des Beitrags von Rudolf Thomas Inderst und Tobias Klös. Die <em>„Aufnahme des Verbandes der deutschen Games-Branche als Mitglied in den Deutschen Kulturrat“</em> biete neue Chancen für Verknüpfungen und Synergien verschiedener nicht mehr getrennt voneinander denkbarer Branchen: <em>„Der Video-Essay nutzt jedoch gleichermaßen das Medium Film und den schriftlichen, eingelesenen Essaytext.“ </em>Solche <em>„Video-Game-Essays“</em> schaffen einen <em>„Möglichkeitsraum“</em> und fördern die <em>„Akzeptanz der Digital Game Studies als akademische Disziplin“</em>. Florian Kiefer plädiert schließlich für eine <em>„Computerspielpädagogik“</em>, die reale und virtuelle Welten aufeinander bezieht und hilft, sie voneinander abzugrenzen.</p>
<h3><strong>Ängste überwinden – Chancen nutzen</strong></h3>
<p>Die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Hintergründen problematischer, gewaltaffiner oder gar extremistischer digitaler Spiele ist die eine Seite, die Förderung von <em>„Serious Games“</em> für die Nutzung im Unterricht, in der Jugendarbeit, verbunden mit einer Schulung der Lehrkräfte und des sozialpädagogischen Personals sind die andere Seite der Medaille einer wirksamen Medienkompetenz. Nicht zuletzt müssen in Bildungs- wie in Forschungsprozessen Kinder und Jugendliche einbezogen werden, die die meisten Erfahrungen haben, wie virtuelle und reale Welten interagieren. Tina Klüwer hat in ihrem Buch „Zukunft Made in Germany“ dokumentiert, dass in der Forschung ebenso wie bei Studierenden hohes Interesse besteht. Sie beschreibt, dass Deutschland als Forschungsstandort hochattraktiv sei und zahlreiche grundlegende Arbeiten vorgelegt habe, es aber in Deutschland vor allem an einer wirksamen Umsetzung hapere.</p>
<p>Tina Klüwer sieht in Deutschland in erster Linie ein Umsetzungsproblem. Mit ihren Ängsten und kurzsichtigen Pseudo-Schutzkonzepten stehen Politiker:innen (und manche Medien) einer innovativen und zukunftsfähigen Bildungspolitik im Weg. Es käme nun darauf an, das hohe Potenzial im Forschungs- und Wissenschaftsbereich auch für Bildungsinnovationen zu nutzen, nicht zuletzt um formelles und informelles Lernen zu verknüpfen. Dazu müssen Lehrpläne, Fortbildungen in den Schulen offener werden, der Umgang mit Gaming und Sozialen Medien in einer Demokratie gehört zur Allgemeinbildung. So könnte Medienkompetenz ihre Grenzen überwinden und einen wirksamen Beitrag zur digitalen Souveränität mündiger Bürger:innen in einer demokratischen Gesellschaft leisten. Für den Kulturbereich muss man ein solches Plädoyer gar nicht mehr formulieren, aber in der Bildung sieht dies leider anders aus, siehe das Erbe gesetzlicher Regelungen aus dem Jahr 1926. Gleichwohl gibt es in diesem Kontext noch erheblichen Forschungsbedarf.</p>
<p>Letztlich plädieren alle drei hier vorgestellten Handbücher für eine offene und mutige Debatte. Im Hinblick auf die geplanten Altersbegrenzungen bei den Sozialen Medien schrieben die Wissenschaftler:innen in dem bereits zitierten offenen Brief: <em>„If children and adults are to be protected from harm, it is of utmost importance that an in-depth study of the harms and broader consequences of age-based checks is conducted before mandating this technology at Internet-scale. Deployments in the UK or Australia, and the introduction of age checks by main providers calls for systematically studying the benefits and harms of this technological intervention.”</em></p>
<p>Eben dies gilt für alle Formen moderner Technologien im Alltag von Kindern und Jugendlichen, nicht zuletzt eben für das Gaming, ebenso im Übrigen auch für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Wer sich weigert, sich näher damit zu befassen, öffnet all denen Tür und Tor, die sich – wie nicht zuletzt Extremist:innen jeder Art – ohne Hemmungen dieser Technologien bedienen und immer sehr genau wissen, wie sie über Influencer:innen, über Soziale Netzwerke ihr Publikum erreichen. Gebraucht wird letztlich der Mut der verantwortlichen Politiker:innen, die zurzeit propagierte Verbotsspirale zu beenden und durch gezielte Förderung in Forschung, Kultur und Bildung gemeinsam mit der zivilgesellschaftlichen Community die demokratischen Potenziale der Sozialen Medien und des Gamings zu erschließen und zu popularisieren sowie den Wissensstand zu verbessern. Vielleicht entdecken dann auch Verbände im Bildungsbereich den „game“-Verband oder die Deutsche Gesellschaft für Spielwissenschaft als Vorbilder, Impulsgeber und Partner.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 5. März 2026, Das Titelbild „Kyborg Dixit Algorismi“ – ein Ausschnitt – verdanke ich Thomas Franke, präsent im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> mit verschiedenen Bildern und dem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – synergetisch gebrochen“</a>)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Machtpolitischer Schachzug mit Militär</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 21 Feb 2026 09:12:55 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Machtpolitischer Schachzug mit Militär Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich vom 26. November 2025 „Umaro hat gegen Sissoco geputscht und hat Embaló die Macht übertragen“, kommentiert bissig die Gruppe Fartudibos (Wir haben euch satt) in ihrem eingängigen Song „Faux coup d' État“ den Staatsstreich vom 26. November 2025 im westafrikanischen Guinea-Bissau durch Offiziere. Umaro Sissoco Embaló  [...]</p>
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<h1><strong>Machtpolitischer Schachzug mit Militär</strong></h1>
<h2><strong>Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich vom 26. November 2025</strong></h2>
<p><em>„Umaro hat gegen Sissoco geputscht und hat Embaló die Macht übertragen“</em>, kommentiert bissig die Gruppe Fartudibos (Wir haben euch satt) in ihrem eingängigen Song <a href="https://www.youtube.com/watch?v=wc9d052C4oU">„Faux coup d&#8216; État“</a> den Staatsstreich vom 26. November 2025 im westafrikanischen Guinea-Bissau durch Offiziere.</p>
<p>Umaro Sissoco Embaló ist der Ex-Präsident des Landes, der in den Präsidentschaftswahlen vom 23. November 2025 abgewählt worden ist. Auch wenn es aufgrund eines Überfalls auf die Büros der Nationalen Wahlkommission (CNE) nicht zur offiziellen Verkündung der Wahlergebnisse kam – vorgesehen für den 27. November –, gibt es wenig Zweifel an der Niederlage Embalós. Ein prominenter Wahlbeobachter, der frühere Präsident von Nigeria, Goodluck Jonathan, äußerte nach seiner Rückkehr nach Nigeria in einem Radio-Interview, die Stimmauszählung sei nahezu abgeschlossen, die Wahlergebnisse stünden fest, sie müssten nur veröffentlicht werden.</p>
<p>Seit der Unabhängigkeit von Portugal 1974 haben in dem kleinen multi-ethnischen Land mit etwa zwei Millionen Einwohnern vier Staatsstreiche stattgefunden (1980, 1998/99, 2003 und 2012; zählt man den vom November 2025 mit, sind es fünf) und mehrere angebliche Putschversuche, wofür der Volksmund sogar einen speziellen Begriff geprägt hat, nämlich <em>„Inventona“,</em> eine Zusammensetzung aus Erfindung (<em>invenção</em>) und Putsch/Aufstand (<em>intentona</em>). Profunde Kenner der Situation im Lande und internationale politische Beobachter stimmen jedoch in ihrer Beurteilung dessen, was sich am 26. November 2025 ereignete, überein: Ein <a href="https://www.rfi.fr/pt/programas/convidado/20251206-guin%C3%A9-bissau-vive-um-golpe-paradoxal-afirma-carlos-lopes"><em>„paradoxer Putsch“</em></a>, sagt der bissau-guineische Ökonom Carlos Lopes, einer der renommiertesten Intellektuellen des Landes, im Interview mit Radio France International. Auch Ruth Monteiro, ehemalige Justizministerin in Guinea-Bissau (Juli 2019 bis Februar 2020) urteilt <a href="https://www.dw.com/pt-002/bissau-n%C3%A3o-acredito-que-militares-voltem-para-os-quart%C3%A9is/a-75272440"><em>„ein atypischer Staatsstreich, den niemand versteht“</em></a>, <a href="https://www.rtp.pt/play/p389/e904778/entrevista-rdp-africa">hinter dem die <em>„starken Männer“</em> von Sissoco stünden</a>, und der bereits erwähnte <a href="https://adf-magazine.com/2026/01/guinea-bissau-junta-accused-of-sham-coup/">Goodluck Jonathan meint</a>: <em>„Das war nicht einmal eine Palastrevolte“</em>. Es war ein <em>„Operettenstaatsstreich (&#8230;), bei dem der Staatschef selbst Regie führte.“</em></p>
<h3><strong>Die gekippte Wahl</strong></h3>
<p>Blicken wir zurück auf die Ereignisse, um das Narrativ der <em>„unterbrochenen Wahlen“</em> zu überprüfen: Am 23. November 2025 fanden in Guinea-Bissau lange hinausgezögerte Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Die Präsidentschaftswahlen hätten regulär bereits im November 2024 stattfinden müssen und auch die Parlamentswahlen waren nach der verfassungswidrigen Auflösung des Parlaments durch Umaro Sissoco Embaló im Dezember 2023 längst überfällig. Die führenden Oppositionsparteien, die noch zu Zeiten der portugiesischen Kolonialherrschaft 1956 gegründete Afrikanische Partei der Unabhängigkeit von Guinea und Kapverde (PAIGC), die den Unabhängigkeitskampf angeführt hatte, und die Partei der Sozialen Erneuerung (PRS) sowie die von ihnen angeführten Plattformen PAI-Terra Ranka und API-Cabas Garandi, waren durch den Obersten Gerichtshof von den Parlamentswahlen ausgeschlossen worden. Wie Ruth Monteiro im Interview mit RDP África ausführt, entschied das für die Zulassung zuständige Richtergremium allerdings nicht unparteiisch: Die ihm angehörenden sechs beratenden Richter, statt eigentlich elf, sind alles Gefolgsleute von Sissoco Embaló.</p>
<p>Auch zu den Präsidentschaftswahlen war der Kandidat der PAIGC, Domingos Simões Pereira, Vorsitzender dieser Partei und Präsident der 2023 gewählten Nationalversammlung, unter fadenscheinigen Vorwänden nicht zugelassen worden. Zur Erinnerung: Domingos Simões Pereira und Umaro Sissoco Embaló, MADEM &#8211; G15, eine Abspaltung von der PAIGC, waren bereits bei den Präsidentschaftswahlen im November 2019 Kontrahenten. Domingos Simões Pereira hatte damals in der 1. Runde gut 40% der Stimmen erhalten, unterlag in der Stichwahl im Dezember 2019 aber gegenüber Sissoco Embaló. Aufgrund von Unregelmäßigkeiten focht die PAIGC die Wahlen an. Während der Oberste Gerichtshof jedoch noch über den möglichen Wahlbetrug beriet, wurde das höchste Organ <a href="https://www.opovo.com.br/noticias/mundo/2025/12/08/guine-bissau-golpe-para-que-e-contra-quem.html">von <em>„unbekannten“</em> Militärs gestürmt</a>, der Präsident des Obersten Gerichtshofes musste nach Portugal fliehen und Embaló bemächtigte sich unter Umgehung des Parlaments und unter dem Schutz der Militärs im Februar 2020 selbst des Präsidentenamtes.</p>
<p>Bei den Präsidentschaftswahlen im November 2025 stellten sich die Oppositionsparteien nun hinter den bislang wenig bekannten Kandidaten Fernando Dias da Costa (PRS), der vom Obersten Gerichtshof bereits als unabhängiger Kandidat zugelassen worden war.</p>
<p>Die Wahlen verliefen am 23. November 2025 ruhig und ordnungsgemäß unter engagierter Beteiligung der Zivilgesellschaft, wie die internationalen Wahlbeobachter der Afrikanischen Union und der Westafrikanischen Wirtschaftsunion, ECOWAS, bestätigten. Die Wahlbeteiligung lag bei 65 Prozent. Am 27. November sollte die Nationale Wahlkommission die endgültigen Wahlergebnisse verkünden. Alles deutete darauf hin, dass bei den Präsidentschaftswahlen Fernando Dias da Costa mit großem Vorsprung gegenüber Umaro Sissoco Embaló gewonnen hatte (Dias hatte in 7 von 9 Regionen gewonnen). Nachdem die internationalen Wahlbeobachter jeweils mit Embaló und Dias gesprochen und beide verkündet hatten, sie würden den Wahlausgang akzeptieren, erfolgte ein <em>„Putsch“</em>.</p>
<p>Ein <em>„Hohes Militärkommando</em> <em>zur Wiederherstellung der nationalen Sicherheit und der öffentlichen Ordnung“</em> begründete seine Machtübernahme mit der Entdeckung eines angeblichen <em>„Plans zur Destabilisierung durch Drogenhandel, Wahlmanipulation, Aufstachelung zum Hass und die Entdeckung eines geheimen Waffenlagers“</em>. (Kleiner Exkurs: Bekämpfung des Drogenhandels klingt immer gut, ist hier aber einigermaßen bizarr, da viele Militärs in Guinea-Bissau in den Drogenhandel verstrickt sind und es ein enges Geflecht zwischen Politik, Militär und Drogenhandel gibt. Guinea-Bissau ist der größte Drogen-Umschlagplatz Westafrikas. Und gerade unter der Ägide von Embaló wurde die Aufklärung und Bekämpfung des Drogenhandels im Land stark behindert. Die bereits erwähnte ehemalige Justizministerin Ruth Monteiro musste nach dem Amtsantritt von Sissoco Embaló aufgrund von Morddrohungen das Land verlassen und lebt seitdem in Portugal (siehe dazu die ausgezeichnet recherchierte Reportage des Journalisten Micael Pereira <a href="https://gulbenkian.pt/investigacao-jornalistica/micael-pereira/">„O corredor de Bissau“</a> (deutsch: Der Bissau- Korridor), in der portugiesischen Wochenzeitung Expresso. .</p>
<p>Der Wahlprozess wurde <em>„unterbrochen“</em>, das heißt die Büros der Nationalen Wahlkommission wurden von bewaffneten und vermummten Leuten überfallen, Computer wurden vernichtet und Wahlunterlagen wurden zerstört. Am 27. November verkündete die Nationale Wahlkommission, dass sie die Wahlergebnisse nicht veröffentlichen könne.</p>
<p>Allerdings konnte die portugiesische Tageszeitung <a href="https://www.cmjornal.pt/mundo/detalhe/atas-confirmam-vitoria-de-fernando-dias-da-costa-nas-presidenciais-da-guine-bissau">Correio de Manha wenige Tage später am 4. Dezember 2025</a> verifizierte Zahlen und die Wahlprotokolle veröffentlichen, aus denen hervorging, dass Fernando Dias da Costa mit gut 10.000 Stimmen Vorsprung die Wahlen gewonnen hatte. Und das in der ersten Runde! Ein klares Wählervotum gegen den Amtsinhaber Sissoco Embaló.</p>
<p>Noch am 26. November wurden Domingos Simões Pereira und andere führende Politiker der PAIGC und der PRS verhaftet. Ex-Präsident Embaló flog in den Senegal; er hatte zuvor höchst persönlich französische Medien (die Zeitung Jeune Afrique und den Nachrichtenkanal France 24) telefonisch informiert, er sei abgesetzt und inhaftiert worden. Doch auch im Senegal wollte man Sissoco Embaló nicht haben (es gab Proteste der Zivilgesellschaft und der senegalesische Premier Ousmane Sonko bezeichnete den Putsch als Farce), weshalb dieser nach einem kurzen Aufenthalt nach Brazzaville, Republik Kongo, weiterflog. Sein derzeitiger Aufenthalt ist nicht bekannt, zuletzt wurde er mit Marokko angegeben.</p>
<p>General Horta Inta-a, der Stabschef des abgewählten Präsidenten, wurde vom <em>„Hohen Militärkommando“</em> zum <em>„Übergangspräsidenten“</em> mit weitreichenden Befugnissen bestimmt und stellte bereits am 29. November eine <em>„Übergangsregierung“</em> vor. Ilídio Vierira Té, bisher Finanzminister unter Embaló und Leiter von dessen Wahlkampagne, wurde zum Premierminister und Finanzminister der <em>„Übergangsregierung“</em> bestimmt.</p>
<h3><strong>Übergang von wo …?</strong></h3>
<p>Die seit Jahren chronische Instabilität des Landes wurde durch die fünfjährige Amtszeit Embalós zur Dauerkrise. Neben historischen Ursachen sieht Carlos Lopes im bereits zitierten Radiointerview vor allem in der Zentralisierung und Personalisierung der Macht unter Sissoco Embaló und der damit einhergehenden Schwächung der staatlichen Institutionen den Grund. Als historische Gründe führt Lopes Verrat innerhalb der ehemaligen Befreiungsbewegung, aufeinanderfolgende Parteienspaltungen, die das Parteiensystem zerstört haben, und die Vertiefung der Kluft zwischen dem militärischen und politischen Flügel der PAIGC an.</p>
<p>Embaló hatte von Beginn seiner Amtszeit im Februar 2020 unter Missachtung der Verfassung beziehungsweise ihrer willkürlichen Auslegung regiert. Seine Amtszeit war geprägt von einer Ethnisierung der Politik, internen Unruhen, Übergriffen von Polizei und Militär sowie anderer bewaffneter Akteure auf Oppositionelle innerhalb und außerhalb des Parlaments, auf Gewerkschaftsvertreter, auf Journalisten und unabhängige Radiosender, auf kritische Anwälte und Institutionen der Justiz. Embaló regierte mit nie aufgeklärten und nie bewiesenen Putschvorwürfen, die jedes Mal dazu dienten, die Repression weiter zu verschärfen, den Rechtsstaat auszuhöhlen und demokratische Kontrolle unmöglich zu machen (zur Rolle der Medien und insbesondere der Bürgerradios im politischen Prozess siehe Johanna Mack, <a href="https://de.ejo-online.eu/aktuelle-beitraege/staatskrise-in-guinea-bissau-die-wahrheit-des-staerkeren">Staatskrise in Guinea-Bissau: Die Wahrheit des Stärkeren</a> sowie Tony Tcheka, <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/2023/05/31/a-liberdade-de-imprensa-na-guine-bissau/">A liberdade de Imprensa na Guiné-Bissau</a>‘).</p>
<p>Im Mai 2022 löste er das Parlament auf, bevor es dort zur Haushaltsdebatte und einer Debatte über vom Präsidenten eigenmächtig abgeschlossene Rohstoffabkommen kommen konnte sowie zur Debatte einer Verfassungsreform, die die Aufgaben des Präsidenten genauer definieren sollten. Parlamentsneuwahlen wurden erst im Juni 2023 durchgeführt und ein halbes Jahr später löste der Präsident das Parlament erneut auf, obwohl die Verfassung Guinea-Bissaus explizit ausschließt, dass das Parlament in den ersten zwölf Monaten nach seiner Konstituierung aufgelöst werden kann. Hintergrund waren bis heute unbewiesene Korruptionsvorwürfe gegen den damaligen Finanzminister und in diesem Zusammenhang ein erneuter Putschvorwurf, als dessen Urheber der Präsident das Parlament und dessen stärkste Fraktion (PAI-Terra Ranka) bezichtigte (auch hierzu Johanna Mack).</p>
<p>Auch die Judikative hat Embaló gekapert, die Staatsanwaltschaft und der Oberste Gerichtshof sind mit seinen Gefolgsleuten besetzt worden, wie Ruth Monteiro ausführt.</p>
<p>Im Februar 2024 titelte die portugiesische Wochenzeitung <em>Expresso</em>: <a href="https://expresso.pt/internacional/africa/2024-02-06-guine-bissau-o-pais-onde-a-democracia-esta-a-ser-desmembrada-na-sombra-dos-olhares-europeus-9ff8e790">„Guinea-Bissau, das Land, in dem die Demokratie unter den Augen Europas zerlegt wird“</a>.</p>
<p>Ein Jahr später, im August 2025, erfolgte die Ausweisung von portugiesischen Journalisten und Medien und die Schließung ihrer Büros in Guinea-Bissau.</p>
<p>Die Auswirkungen dieser autokratischen Politik auf das alltägliche Leben in Guinea-Bissau sind dramatisch, schildert Ruth Monteiro im Interview mit RDP África: Das Gesundheitswesen liegt darnieder; das Bildungswesen funktioniert nicht, die Bürger haben keinen Zugang zu Recht und Gesetz. Und Carlos Lopes weist auf die gigantische Binnenverschuldung hin, da der Staat von vierteljährlichen Krediten gelebt habe, und erklärt: <em>„Die prekäre</em> (wirtschaftliche) <em>Lage war bereits offensichtlich. Ein Großteil der Staatsschulden</em> <em>finanzierte Militärausgaben, Präsidentenreisen und politische Subventionen. Die Ausgaben für Prestigezwecke übersteigen das Bildungsbudget.“</em> Und er warnt vor den unmittelbaren Folgen des Staatsstreichs für die Bevölkerung: <em>„Es wird sehr schwierig sein, Sanktionsregelungen zu vermeiden, und diese Regelungen könnten Guinea-Bissau den Zugang zum Kapitalmarkt der UEMOA (Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion) versperren.“ </em>Wenn dies geschehe, verliere der Staat seine wichtigste Finanzierungsquelle.</p>
<h3><strong>&#8230; nach wo?</strong></h3>
<p>Die Zerstörung demokratischer Strukturen und die Personalisierung der Macht wird nun vom <em>„Hohen Militärkommando“</em> weiter vorangetrieben.</p>
<p>Am 8. Dezember 2025 verkündete das <em>„Hohe Militärkommando“</em> eine <em>„Charta des Übergangs“</em>, die die geltende Verfassung des Landes außer Kraft setzte. Sie legt vier Organe fest, die den <em>„Übergang“</em> innerhalb eines Jahres vollziehen sollen:</p>
<ul>
<li>den Übergangspräsidenten mit den Befugnissen, Gesetze und Verordnungen zu erlassen, Minister, Richter und Botschafter zu ernennen, Wahltermine festzulegen und <em>„andere Aufgaben wahrzunehmen, die zur Gewährleistung der Regierungsfähigkeit des Landes erforderlich sind“</em>,</li>
<li>das <em>„Hohe Militärkommando“</em> selbst,</li>
<li>den 65köpfigen <em>„Nationalen Übergangsrat“</em>, dessen Mitglieder von der Militärjunta nominiert werden und der als Parlamentsersatz fungiert, mit jeweils zehn Vertretern der PAIGC und der PRS</li>
<li>und die <em>„Übergangsregierung“</em> unter dem Premierminister Ilídio Vieira Té. Ihr sollen fünf Militärs und 23 Zivilpersonen angehören. Eine sogenannte <em>„inklusive Regierung“</em> soll die PAIGC und PRS mit je drei Ministerposten einschließen. Ein Mitglied der PAIGC hat bereits ein Ministeramt übernommen: Zum Außenminister ernannt wurde João Bernardino Vieira, ein Gegenspieler von Domingos Simões Pereira, der nun auch den Vorsitz in dieser Partei anstrebt.</li>
</ul>
<p>Im Justizapparat wurden weitgehende Machtbefugnisse in den Händen des neu eingesetzten Generalstaatsanwalts, Ahmed Tidiane Baldé, einem Vertrauten von Ex-Präsident Embaló, konzentriert. Er kann nach Belieben Richter verhaften, ersetzen, entlassen oder ernennen, was jedes ordentliche Gerichtsverfahren zunichtemacht (ausführlich dazu: Bernard Schmid in Junge Welt vom 8. Dezember 2025: <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/513601.guinea-bissau-putschisten-festigen-macht.html">„Putschisten festigen Macht“</a> und der bereits zitierte Carlos Lopes).</p>
<p>Diese Aneignung des Staates durch die Gruppe um Embaló mit Hilfe der Militärs geht einher mit verstärkter militärischer und polizeilicher Gewalt, dem Verbot von sämtlichen politischen Aktivitäten, darunter Demonstrationen und Streiks, den Überfällen auf Einrichtungen von Menschenrechtsorganisationen, der Entführung von Menschenrechtsaktivisten und der Einführung von Zensur. Pressekonferenzen dürfen nur noch nach vorheriger Genehmigung durch die Militärjunta durchgeführt werden. Antonio Cascais sprach in der Deutschen Welle von einer <a href="https://www.dw.com/de/guinea-bissau-nach-dem-putsch-milit%C3%A4rs-proben-die-flucht-nach-vorn/a-75675878"><em>„Flucht nach vorn“</em> der Militärs</a>.</p>
<p>Bereits nach wenigen Wochen, am 13. Januar 2026, verabschiedete der <em>„Nationale Übergangsrat“</em> eine neue Verfassung, die die politische Macht in den Händen des Präsidenten der Republik konzentriert. Der Präsident ist Staatsoberhaupt und Regierungschef, der Premierminister wird ihm unterstellt und ist an seine Weisungen gebunden. Bernard Schmid titelte seinen Beitrag in Junge Welt: <a href="https://www.jungewelt.de/artikel/515652.guinea-bissau-alle-macht-dem-pr%C3%A4sidenten.html">„Alle Macht dem Präsidenten“</a>. Zugleich änderte der <em>„Nationale Übergangsrat“</em> den Namen des Parlaments: Aus der <em>„Nationalen Volksversammlung</em>“ wurde die <em>„Nationalversammlung</em>“.</p>
<p>Die kurze Zeitspanne für diese Verfassungsänderung lässt vermuten, dass sie schon lange in einer Schublade bereit lag.</p>
<p>Mit Recht fragt <a href="https://www.publico.pt/2026/01/14/mundo/comentario/guinebissau-golpistas-aprovam-presidente-deposto-queria-chama-golpe-2161203">António Rodrigues in der portugiesischen Tageszeitung O Público</a>: <em>„Was ist das für eine Verfassungsänderung, die alle Machtbefugnisse beim Staatsoberhaupt konzentriert, ohne eine verfassungsgebende Versammlung, ohne gewählte Vertreter, ohne politische Debatte, ohne öffentliche Diskussion und ohne Referendum?“</em></p>
<p>Zudem wurde ein neues Parteiengesetz verabschiedet und ein neues Wahlgesetz ist in Vorbereitung. Das neue Parteiengesetz sieht das Verbot von kleineren Parteien vor und unterwirft die Parteien einer stärkeren Kontrolle; eine kuriose erste Auswirkung: die PAIGC soll ihre Parteifahne ändern, weil sie zu sehr der Nationalflagge ähnelt. Dabei gab es die Fahne der PAIGC seit der Gründung der Partei 1956, also vor der Staatsgründung. Eine Einschränkung des Wahlrechts ist zu befürchten. Ein Wahltermin wurde bereits angekündigt: die Wahlen sollen am 6. Dezember 2026 stattfinden. Frei und transparent werden diese Wahlen sicher nicht sein. Die Nationale Wahlkommission hat zudem schon angekündigt, dass sie aus technischen Gründen diesen Termin nicht einhalten könne. Und die Frage ist natürlich, wozu es überhaupt Wahlen geben soll, wenn die Wahlergebnisse doch annulliert werden, wenn sie den Machthabern nicht passen.</p>
<p>Von einer <em>„Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung“</em> innerhalb eines Jahres, wie es das <em>„Hohe Militärkommando“</em> proklamiert, kann also keine Rede sein. Umgekehrt: die Rückkehr von Umaro Sissoco Embaló wird vorbereitet und die Verfassung sowie die staatlichen Institutionen werden seinen Vorstellungen und Wünschen angepasst. <em>„Wobei“</em>, so António Rodrigues, <em>„die Militärs eines abgesetzten Präsidenten als Marionetten dienen und Zivilisten bereit sind, bei dieser Farce mitzuspielen. Alle an dem ‚Übergang‘ Beteiligten leugnen vehement, was selbst dem oberflächlichsten Betrachter klar ist: dass sie nur dazu da sind, den Plänen Seiner Exzellenz Umaro Sissoco Embaló zu dienen, dem einzigen Chef von allem, von Cabo Roxo bis Ponta Cagete, von Bolama bis Lugadjol.“</em></p>
<h3><strong>Hartes Vorgehen gegen die Opposition  </strong></h3>
<p>Am 30. Januar 2026 wurden Domingos Simões Pereira und seine Mithäftlinge aus den Zellen des 2. Polizeireviers in Bissau entlassen, nachdem sie dort über 60 Tage ohne Anklageerhebung und ohne richterlichen Beschluss festgehalten worden waren. Begleitet wurden sie dabei vom senegalesischen Verteidigungsminister im Auftrag der Westafrikanischen Wirtschaftsunion. Der aus den Präsidentschaftswahlen als Sieger hervorgegangene Fernando Dias da Costa und Geraldo Martins, Vizepräsident der PAIGC, die nach dem Putsch in der Nigerianischen Botschaft in Bissau Zuflucht gesucht hatten, konnten nach Hause zurückkehren. Damit hat die Militärjunta auf internationalen Druck reagiert. Allerdings ist Domingo Simões Pereira damit nicht in Freiheit, denn die Militärjunta hat ihn – weiterhin ohne richterlichen Beschluss – unter Hausarrest gestellt, er und seine Familie werden rund um die Uhr von bewaffneten Kräften bewacht.</p>
<p><em>„Minimale Zugeständnisse mit maximalem Legitimitätsgewinn (für die Militärjunta), die Wahl von 2025 ist vom Tisch und es gibt keine Sanktionen  ̶  das Geld kann fließen“</em>, kommentiert eine Kennerin der Situation im Land die Überführung von Pereira in den Hausarrest. Denn eigentlich hatten die ECOWAS, die Afrikanische Union und die Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Staaten (CPLP) die bedingungslose Freilassung der politischen Häftlinge gefordert.</p>
<p>Neue Meldungen aus Guinea-Bissau berichten, dass Domingos Simões Pereira vor ein Militärtribunal gestellt werden soll, ihm wird Korruption und Beteiligung an einem „Putschversuch” im Oktober 2025 vorgeworfen. In Bezug auf den Korruptionsvorwurf spricht Ruth Monteiro von einem absurden Konstrukt. Ausgegraben werden Vorwürfe, die in das Jahr 2015 zurückreichen, als Pereira Premierminister war. In einem Gerichtsverfahren gegen den damaligen Finanzminister Geraldo Martins wurden diese Vorwürfe bereits als nachweislich falsch erkannt. Martins wurde freigesprochen. Es geht einzig und allein darum, Domingos Simões Pereira aus dem Weg zu räumen, ihn im wahrsten Wortsinn <em>„fertig zu machen“</em>. Sein Vergehen besteht darin, Umaro Sissoco Embaló eine Niederlage bereitet zu haben und vor allem darin, ein vernünftiger und integerer Mensch und Politiker zu sein.</p>
<p>Umaro Sissoco Embaló dagegen kann sich frei bewegen und pflegt seine internationalen Netzwerke. Letzte Woche soll er sich in Paris aufgehalten haben und dort unter anderem den Präsidenten von Kapverde, José Maria Neves, getroffen haben. Ein Bevollmächtigter von Umaro Sissoco Embaló hat inzwischen beim <em>„Hohen Militärkommando“</em> um die Gewähr einer sicheren Rückkehr nach Guinea-Bissau ersucht.</p>
<h3><strong>Schwierigkeiten der internationalen Diplomatie</strong></h3>
<p>Die Gemeinschaft der portugiesisch sprachigen Länder (CPLP) hatte nach dem Staatsstreich Ende November die Mitgliedschaft Guinea-Bissaus ausgesetzt und die Präsidentschaft, die das Land gerade innehatte, an Osttimor übertragen. Eine hochrangige Delegation der CPLP sollte vom 18. bis 21. Februar in Bissau mit der <em>„Übergangsregierung“</em> und dem <em>„Hohen Militärkommando“</em> Verhandlungen führen mit dem  Ziel, <em>„zur Überwindung der institutionellen Krise beizutragen, die Rückkehr zur demokratischen Normalität und die Achtung der Verfassung zu fördern sowie die Rechte und das Wohlergehen der Bevölkerung zu gewährleisten</em>“, meldete die <a href="https://www.aman-alliance.org/Home/ContentDetail/100300">Nachrichtenagentur Lusa am 11. Februar 2026</a>. Nachdem jedoch Premierminister Xanana Gusmão Guinea-Bissau als „gescheiterten Staat“ charakterisiert hatte und Fernando Vaz, der Pressesprecher des <em>Nationalen Übergangsrats</em>, dann Osttimor als <em>„Nichts“</em> auf der internationalen Bühne und als <em>„Totengräber der CPLP“</em> bezeichnete, <a href="https://www.dw.com/pt-002/timor-leste-cancela-miss%C3%A3o-da-cplp-a-bissau/a-75950118">wurde die Mission abgesagt</a>.</p>
<p>Zurzeit (Stand: 20. Februar 2026) befindet sich Patrice Trovoada, früherer Premierminister von São Tomé und Principe, <a href="https://www.dw.com/pt-002/diplomacia-discreta-de-trovoada-em-bissau-levanta-interroga%C3%A7%C3%B5es/a-76052229">als Sondergesandter der Afrikanischen Union zu Gesprächen in Guinea-Bissau</a>. Er ist bereits mit dem <em>Übergangspräsidenten</em> Horta Inta-a sowie dem Wahlsieger Fernando Dias zusammengetroffen. Sowohl bissau-guineische als auch sao-tomensische Kritiker bezweifeln jedoch, ob Trovoada der geeignete Mann zur Lösung der Krise sei: Zwar verfüge er über große internationale Erfahrung, ihm wird aber auch eine Nähe zu Umaro Sissoco Embaló nachgesagt.</p>
<h3><strong>Hoffnungsschimmer</strong></h3>
<p>Befragt zu ihrer Einschätzung der aktuellen Situation in Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich urteilt Iva Cabral, Historikerin und älteste Tochter von Amílcar Cabral, dem Theoretiker und Vorkämpfer der Afrikanischen Unabhängigkeit, die Lage könne gar nicht mehr schlimmer werden. Gleichwohl setzt sie ihre <a href="https://www.rtp.pt/play/p389/e898895/entrevista-rdp-africa">Hoffnung in eine starke Zivilgesellschaft in Guinea-Bissau</a>. Der umtriebige bissau-guineische Soziologe und Umweltaktivist Miguel de Barros vom Centro de Estudos Amílcar Cabral ist ein wesentlicher Motor dieser zivilgesellschaftlichen Bewegung. Er sei hier stellvertretend für die vielen Akteure und Akteurinnen genannt, die in Guinea-Bissau in vielen Bereichen täglich an einer gesellschaftlichen Veränderung wirken. Im vergangenen September 2025 sprach de Barros in Berlin über <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/2025/11/08/rueckblick-auf-ein-ereignisreiches-jubilaeumswochenende-19-22-9-2025/">„Soziale Bewegungen und strukturellen Wandel in Afrika</a>“. Demokratie zeige sich in Afrika nicht nur durch Wahlen, sondern vor allem in kollektiven und kreativen Handlungsformen. In Stadtvierteln, kulturellen Initiativen und sozialen Bewegungen entstünden neue Räume bürgerschaftlicher Teilhabe, in denen marginalisierte Gruppen eigene Werte, Symbole und Erzählungen schaffen. Rap, Literatur, Theater oder Street Art eröffnen neue Wege gesellschaftlicher Transformation, indem sie Kunst und politisches Engagement verbinden. De Barros sprach insbesondere von der jungen Generation, die die Veränderung herbeisehne, um endlich eine Zukunft zu haben. Die Gruppe <a href="https://www.youtube.com/@Fartudibos">Fartudibos</a> ist überzeugendes Beispiel für dieses Engagement.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>, Berlin</p>
<p>Die Autorin ist Mitglied der <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/">Amílcar-Cabral-Gesellschaft</a>, die 2025 ihr 50jähriges Bestehen feierte, und Übersetzerin von mehreren Autoren aus Guinea-Bissau, unter anderem von Abdulai Sila. Im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> stellte sie ihr Engagement für die Literatur in Guinea-Bissau in dem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/afrikanisches-selbstbewusstsein">„Afrikanisches Selbstbewusstsein“</a> vor. Einige Werke von Abdulai Sila und anderen Autorinnen und Autoren sind in deutscher Sprache verfügbar. Zuletzt erschien in der Edition Noack &amp; Block der von ihr herausgegebene Band <a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/suchbegriff/Pitangabaum/verlagsprogramm/der-pitangabaum-der-nachbarin-2/backPID/suche.html">„Der Pitangabaum der Nachbarin“</a>. Der Band enthält sechs Erzählungen von Waldir Araújo, Amadú Dafé, Edson Incopté, Claudiany Pereira und Marinho de Pina. Übersetzt haben neben Renate Heß Johannes Augel und Rosa Rodrigues.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 21. Februar 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Memorial_building_independence_Guinea-Bissau_Madina_de_Bo%C3%A9.jpg">Memorial building for the unilateral declaration of independence of Guinea-Bissau on 1973, September 9<sup>th</sup>, in Madina de Boé</a>, Foto: Gadogado 123, Wikimedia Commons, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Autonome Republik Mascha Kulikovska</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Jan 2026 09:44:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Autonome Republik Mascha Kulikovska Feministin, Rebellin, Konzeptkünstlerin und Performerin „Ich bin eine Künstlerin aus der Krim. Die Autonome Republik Mascha Kulikovska. Ich habe eine vollständige Zerstörung meiner Identität erlebt, und nun stelle ich sie mit meinen eigenen Händen wieder her.“ (Maria Kulikovska) Es ist nahezu unmöglich, die von Grund auf unkonventionelle Figur Maria  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Autonome Republik Mascha Kulikovska</strong></h1>
<h2><strong>Feministin, Rebellin, Konzeptkünstlerin und Performerin</strong></h2>
<p><em>„Ich bin eine Künstlerin aus der Krim. Die Autonome Republik Mascha Kulikovska. Ich habe eine vollständige Zerstörung meiner Identität erlebt, und nun stelle ich sie mit meinen eigenen Händen wieder her.“ </em>(Maria Kulikovska)</p>
<p>Es ist nahezu unmöglich, die von Grund auf unkonventionelle Figur <a href="https://www.mariakulikovska.net/">Maria Kulikovskas</a> in das Raster einer konsequent strukturierten Erzählung oder gar einer unparteiischen, chronologisch angelegten Biografie zu zwängen. Auf den ersten Blick mag die Multimedia-Künstlerin, Architektin, Performerin und Aktionistin wie die Summe all dessen erscheinen, was man über sie zu wissen glaubt. <em>„Hybrid; nicht-binär; feministisch; frei; im Exil; politisch aktiv, auf der Suche nach Identität, dabei sich selbst, Grenzen und Kontrollmechanismen zerstörend und neu erschaffend; unabhängig; auf der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt; Kinder von Held:innen, bereit, für die Zukunft alles und noch mehr zu geben …“</em> – so <a href="https://doi.org/10.1177/0263276404042133">umreißt Kulikovska selbst</a> die Konturen ihrer multiplen Welten, die es ihr erlauben, unterschiedliche Erfahrungen im künstlerischen Ausdruck miteinander zu verschränken. In diesem vollständig erneuerten Körper, der sich über alte Traumata erhoben hat, einem wahrhaft reinen Körper, wird es nichts Zerstückeltes oder Defektes mehr geben.</p>
<h3><strong>Multiple Identitäten</strong></h3>
<div id="attachment_7751" style="width: 493px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7751" class="wp-image-7751 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-300x185.jpg" alt="" width="483" height="298" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-200x123.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-300x185.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-400x247.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2-600x370.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Pysanky-2010-2.jpg 608w" sizes="(max-width: 483px) 100vw, 483px" /><p id="caption-attachment-7751" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Pysanki, 2010.</p></div>
<p>In ihren Bedeutungszuschreibungen, Identifikationen und Denkweisen lassen sich kaum übersehbar autobiografische Züge erkennen, ebenso wie die Wirkungen traumatischer Erfahrung, die sowohl wörtlich als auch symbolisch verarbeitet werden. Es scheint, als befinde sich Kulikovska auf einem Weg der Verwirrung, auf dem sie zu ergründen versucht, wie sich in ihren körperzentrierten, hybriden Praktiken Ordnung in polemische, ja beinahe inzestuöse Elemente bringen lässt: das Organische und das Komplexe, das Verworrene und das Unkonventionelle, das Militante und das Zarte – eine panische Mischung aus Schmerz und Wut.</p>
<p>Alles gerät durcheinander, stößt aufeinander, verdichtet sich zu greifbaren Formen und verschmilzt zu einer noch immer vagen und zerzausten Einheit. Die Materialien sind instabil, äußerst fragil oder flüssig, eher expressionistisch als bloß farbig, mitunter abstoßend und kaum zu bändigen. Sie werden von vollkommen unerklärlichen Impulsen zueinander hingezogen und kollidieren mit Echos von Schmerz, die verzweifelt ins Leben einbrechen.</p>
<p>Was die <em>„Welt der Ideen“</em> betrifft, so weisen ihre Arbeiten formale Ähnlichkeiten mit jenen feministischer Künstlerinnen auf: Der Einfluss von <a href="https://judychicago.com/">Judy Chicago</a> koexistiert hier mühelos mit jenem von <a href="https://www.hauserwirth.com/artists/16711-alina-szapocznikow/">Alina Szapocznikow</a> – auch wenn Kulikovska bestrebt ist, eigene, originelle Ausdrucksformen für ihre leidenschaftlichen multiplen Welten zu finden und zu ordnen.</p>
<p>Seit März 2017 realisiert Maria Kulikovska alle ihre Performances, Skulpturen sowie architektonischen und künstlerischen Projekte in Zusammenarbeit mit ihrem Partner, dem Architekten und Ingenieur <a href="https://www.nordart.de/fileadmin/downloads/kuenstler/2024/Awardees2/NordArt2024_Kulikovska_Vinnichenko.pdf">Oleh Vinnichenko</a>. Einige ihrer Arbeiten sind mit höchsten Formen von Intimität verbunden, in der Absicht, der sinnlichen Anziehung zwischen Liebenden, ihrem Verschmelzen sowie ihrer geistigen Übereinstimmung Zuständen Raum zu geben, zu denen jede Betrachterin und jeder Betrachter in gewissem Maße einen Bezug aus eigener Erfahrung herstellen kann. Darin liegt vielleicht der eigentliche Ausgangspunkt der körperlich spürbaren, konvulsiv wirkenden Schönheit ihrer Werke: einer Schönheit, die sich aus erotischem Beben, Blumen und Nacktheit speist, aus dem Zusammenführen und Ineinanderfließen unterschiedlicher, oft verschlungener Techniken, Motive und Bilder, die sich zu einem unwillkürlichen Ganzen vereinen.</p>
<p>Letztlich hat ihr gesamtes künstlerisches Werk – direkt oder indirekt – in höchstem Maße die Selbstgenügsamkeit und Fragilität dieser Liebe in sich aufgenommen. Ihre Arbeiten sind Fleisch vom Fleisch einer Welt, der jede edle Regung abhandengekommen ist, in der eine Spur von Zärtlichkeit zum letzten, heilenden Gegenmittel gegen eine erschreckende Realität wird.</p>
<div id="attachment_7745" style="width: 449px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7745" class="wp-image-7745 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv-300x201.jpg" alt="" width="439" height="294" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv-300x201.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv-400x268.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-My-Second-Xena-I-2010.-National-Academy-of-Fine-Arts-and-Architecture-Kyiv.jpg 454w" sizes="(max-width: 439px) 100vw, 439px" /><p id="caption-attachment-7745" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, My Second Xena I, 2010. Nationale Akademie der Bildenden Künste und Architektur, Kyjiw.</p></div>
<p>Die Art und Weise, wie Kulikovska mit dem eigenen Körper experimentiert, verweist – im Sinne Foucaults – weniger auf Identifikation als vielmehr auf Desidentifikation, auf eine Art Demontage der organischen Hülle, eine <em>„ekstatische Verherrlichung ihrer kleinsten Teile, der geringsten Möglichkeiten von Körperfragmenten“</em> (Michel Foucault, „Sade, sergent du sexe“, 1975), mit dem Ziel, den Körper neu zusammenzusetzen und ihm neue Kraft zu verleihen.</p>
<p>Lassen wir Kulikovska selbst zu Wort kommen: <em>„Es war eine zutiefst persönliche und emotionale Geschichte – über das Annehmen oder Nicht-Annehmen des eigenen Körpers, über Versuche, sich selbst in einer Gesellschaft mit patriarchalen Überresten neu zu interpretieren. Wir kennen uns von innen, sind aber außerstande, uns von außen zu sehen, um den eigenen Kopf herumzugehen oder hinter uns selbst zu stehen. All dies lässt sich aus biologischer Perspektive betrachten, doch man kann weitergehen – in den politischen Raum hinein, indem man sich innerhalb einer Gesellschaft verortet, selbst wenn diese reguliert, übermäßig anatomisiert ist. Gerade diese Gesellschaft, die Etiketten verteilt, uns unablässig vereinnahmt und Besitzansprüche an uns stellt, in der das eigene ‚Selbst‘ vollständig ausgelöscht wird und sich wie Nebel verflüchtigt, erzeugt ein geradezu wahnsinniges Verlangen nach Selbsterkenntnis oder Selbstidentifikation innerhalb dominanter Bedeutungszusammenhänge. Selbst wenn wir glauben, für uns selbst zu sprechen, sprechen wir zugleich im Namen eines Anderen. Und so gibt es viele dieser ‚Selbste‘ in uns – eine ganze Armee von Klonen, eine endlose Zahl von Klonen, die unter dem Druck standardisierter Moralvorstellungen und der Regulierung weiblicher Sexualität einen kollektiven, geklonten Körper bilden. Wer sind diese vielen ‚Selbste‘? Was projiziert die Gesellschaft auf mich? Auf der Suche nach Antworten begann ich, skulpturale Kopien meines eigenen Körpers zu schaffen – den Körper einer Frau, die trotz Tabus und herabwürdigender Zuschreibungen ihren Körper vervielfältigt, um Macht über ihn zu gewinnen und so seine Existenz im öffentlichen Raum zu manifestieren.“</em></p>
<h3><strong>Kunst mit dem Körper</strong></h3>
<div id="attachment_7746" style="width: 479px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7746" class="wp-image-7746 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present-300x253.jpg" alt="" width="469" height="395" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present-200x168.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present-300x253.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present-400x337.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Scars-2014–present.jpg 507w" sizes="(max-width: 469px) 100vw, 469px" /><p id="caption-attachment-7746" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Scars, 2014–heute.</p></div>
<p>Die erste geklonte <em>„Einheit“</em> von Gipsabgüssen Maria Kulikovskas wurde 2010 im Rahmen des GogolFest auf dem Gelände des legendären <a href="https://de.ui.org.ua/deutscher-expressionismus-im-ukrainischen-kino-vorfuehrung-des-films-arsenal-und-diskussion-ueber-oleksandr-dowschenko/">Oleksandr-Dowschenko</a>-Filmstudios in Kyjiw öffentlich präsentiert, jener größten Initiative für riskante und alternative multidisziplinäre Praktiken, die sich als besonders geeignetes Vehikel für <em>„unbequeme“</em> Kunst junger Menschen erwiesen hat, die nach Raum für ihre eigene Reifung suchten. Gerade angesichts dessen, was dieses kraftvolle Festival sichtbar machte, wurde deutlich: In dieser Form der Öffentlichkeit trennten sich die Stimmen der Tradition und jene einer kompromisslosen Innovation entlang derselben zeitgenössischen kulturellen Sensibilität.</p>
<p>Die Armee der Körperklone wuchs weiter, fand immer neue Zufluchtsorte und wurde mobil über die Stadt und verschiedene Festivalorte verteilt. Ganze „anarchistische“ Gruppen stellten sich bei Kulikovska an, bereit, die Anatomie ihrer eigenen Genitalien zu verewigen. Zu jenen, die willens waren, luftdichte Gips-<em>„Raumanzüge“ </em>anzulegen, gehörte etwa der aus Donezk stammende Performer und Aktionist <a href="https://www.themoviedb.org/person/2144810-piotr-armianovski">Petro Armyanovsky</a>. In den Augen der ukrainischen Gegenwartskunstszene gilt er als Symbol des Aufbegehrens, als Dissident, der einst auf Knien zur Kyjiwer Petschersk-Lawra kroch, einen herzzerreißenden, an Munch erinnernden Schrei in Richtung des ukrainischen Parlaments ausstieß, sich mit einer Rasierklinge einen Dreizack in den Bauch schnitt, den Andrijiwskyj-Abstieg <em>„in Papageien“</em> vermaß und bei einer Ausstellung von Marina Abramović nackt auftrat.</p>
<p>Es überrascht nicht, dass er – ebenso wie andere seinesgleichen – darin eine Konfrontation mit allem <em>„Abnormen“</em> und Destruktiven erkannte oder, wie <a href="https://journals.uvic.ca/index.php/ctheory/article/download/14355/5131?inline=1">Paul Virilio es einmal formulierte</a>, ein <em>„stehendes Drama“</em> zwischen Körper, Physis und Stimme, zwischen all dem, was einen an die Frontlinien treibt, um <em>„Zwänge, Stereotype, Komplexe abzuschütteln“</em> – auf der Suche nach einem Durchbruch <em>„</em><a href="https://www.armianovski.info/en/node/49?utm_source=chatgpt.com"><em>bis an die Grenzen aller Möglichkeiten – der körperlichen wie der geistigen</em></a><em>“</em>.</p>
<p>Diese Replikation, Selbstvervielfältigung und schließlich sogar Selbstkonstruktion des eigenen Körpers – das Verlangen nach einer ungeduldigen Präsenz sowohl innerhalb als auch jenseits des eigenen Selbst – bedeutete für Kulikovska nichts Geringeres als einen Versuch verzweifelten Widerstands gegen die Gewalt, die dem authentischen <em>„Selbst“</em> angetan wurde. Mit dieser Gipsrüstung versucht Kulikovska zu erspüren, wie sich ihr ungeschützter Körper durch Zwang und Schmerz hindurch bricht, wie er auswuchert und sich in eine entfremdete Projektion verwandelt, in eine scharfe, stechende Leere der Zurückweisung, in vervielfältigte Doppelgänger, „<a href="https://wallach.columbia.edu/exhibitions/multiple-occupancy-eleanor-antins-selves">Selbste</a>“, potenziert bis zur n-ten Stufe.</p>
<p>Die Materialien, mit denen sie arbeitet – Gips, Silikon, ballistische Seife, Epoxidharz, Gusseisen – sind <em>„schwergewichtig“</em>, weit entfernt von jeder <em>„pastoralen“</em> Anmutung, gewissermaßen <em>„Agenten“</em> einer regulierten Welt. Doch um der Totalität der Gewalt zu entkommen und aus dem Zustand persönlicher Traumatisierung hervorzutreten, genügt es nicht, den Körper lediglich im Material einzusperren, ihn darin zu <em>„kristallisieren“</em>. Es liegt vielmehr in unserer Macht, weiterhin aktiv – ja, ich möchte sagen: brutal –, den befehlenden Zurufen jeder Ungerechtigkeit zu widerstehen, uns selbst neu zu erheben, der natürlichen Passivität zum Trotz, uns als verwandelt zu erfahren und dabei die Unverletzlichkeit und Unbezwingbarkeit des willentlichen Ursprungs zu bewahren.</p>
<h3><strong>Der feministische Blick</strong></h3>
<div id="attachment_7747" style="width: 418px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7747" class="wp-image-7747 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-300x200.jpg" alt="" width="408" height="272" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Bullets-and-Flowers-2022.jpg 605w" sizes="(max-width: 408px) 100vw, 408px" /><p id="caption-attachment-7747" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Bullets and Flowers, 2022.</p></div>
<p>So ist in der Intensität dessen, was fragmentiert, zerbricht und auf destruktive Impulse zustürzt, nichts anderes eingeschrieben als anschwellende, lebensgesättigte Zärtlichkeit. Um diese scheinbar scheue Substanz kreist eine alchemistische Verschmelzung des Weiblichen und des Organischen, von Patronenhülsen, Blumen, zerstückelten Körpern und Brüsten – fähig, einen willentlichen Widerstand gegen alles Flüchtige, Mehrdeutige, von Lügen und falschen Anschein verdorbene zu mobilisieren und als Horizont eine <em>„lebendige“</em>, wenn auch gebrochene Linie von Authentizität nachzuzeichnen.</p>
<p>Aus der Perspektive des zeitgenössischen Feminismus erscheint Kulikovskas phantasmatische Erzählung bisweilen etwas altmodisch und ruft entweder Penny Slinger in Erinnerung, die eine surrealistische Perspektive ins Extreme treibt, oder Alina Szapocznikow, die das Leben im Strom seiner Ambivalenzen auf kosmische Geschwindigkeiten beschleunigt, damit es sich in etwas gänzlich Anderes, gänzlich Körperliches verwandeln kann – etwas, das sich öffnet, widersteht, zittert, schlägt und klafft.</p>
<p>Als Kulikovska gerade erst begann, ihre ersten Schritte in Richtung feministischer Kunst zu gehen und die damit verbundenen Werte noch zögerlich in sich aufzunehmen, war der ukrainische Kunstfeminismus selbst erst dabei, die Grundlagen für eine Veränderung des Status quo zu legen, insbesondere im Hinblick darauf, Frauen ein Gefühl kollektiver Stärke und die Möglichkeit zur Durchsetzung eigener Subjektivität zu vermitteln. Gleichwohl offenbarte ein Teil der ukrainischen Kunstszene in Fragen des Feminismus eine gewisse <em>„kulturelle Rückständigkeit“</em>. In den frühen 1990er Jahren wurden feministische Ideen von männlichen Kunstkritikern zurückgewiesen und dämonisiert, während Feministinnen im <em>„Massenbewusstsein“</em> als eine Art fremdartige Teufelinnen imaginiert wurden, von Kopf bis Fuß in Pelz gehüllt, mit vierzig Katzen lebend und über etwas plappernd, das man allein sexueller Frustration zuschrieb.</p>
<p>Diese und andere tyrannische Urteile führten zu der Vorstellung, Feminismus müsse beschämend wie Staub abgeschüttelt werden, im <a href="https://archive.org/details/daspassagenwerk0000benj">benjaminischen Sinne</a> also „<em>aus seinem Zusammenhang gerissen</em>“ – und damit zerstört. Ich habe die Zahl aggressiv sexistischer Gesten gegenüber dem Feminismus in der Presse nicht akribisch gezählt, doch die „Schikanen“, denen er ausgesetzt war, sowie die ideologischen Konflikte innerhalb der Kunstgemeinschaft (wie sie unter anderem von der Kunstkritikerin <a href="https://www.lvivart.center/chomu-v-ukrayini-budut-hudozhnyczi/">Tamara Zlobina beschrieben</a> wurden) zwangen basisnahe Fraueninitiativen dazu, nach dem Prinzip <em>„Ich bin keine Feministin, aber …“</em> zu agieren, jede Nähe zum feministischen Diskurs zu vermeiden und schmerzhaft auf Versuche zu reagieren, ihre Kunst durch eine feministische Linse zu lesen. Dabei beharrten sie häufig darauf, <em>khudozhnyKY</em> (Künstler, maskulin) und nicht <em>khudozhnyTSI</em> (Künstlerinnen, feminin) zu sein.</p>
<p>Diese gesamte Tradition der Disqualifizierung ist in all ihren inhaltlichen Details bereits von <a href="https://doi.org/10.1515/9780804765428">Giorgio Agamben beschrieben</a> worden. Dank ihm ist der unkritische, feindselige Ton des <em>„Menschen ohne Inhalt“</em>, der fremde mittelmäßige Urteile nachplappert und die allgemeine Bewegung fortschreibt, offengelegt worden. Und wenn einst Verlaine und Mallarmé unter Lemaître zu leiden hatten, Rimbaud von Croce disqualifiziert wurde und Stendhal wie Flaubert dank Brunetière zu den <em>„Verworfenen“</em> gezählt wurden, dann erscheinen die Leidenschaften rund um den ukrainischen Feminismus kaum als besonders große Unglücke.</p>
<p>So oder so versuchten all diese Kunstverleumder mit ihren sogenannten <em>„kritischen Urteilen“</em>, den ukrainischen Kunstfeminismus, mit <a href="https://doi.org/10.1515/9780804765428">Agamben</a> gesprochen, <em>„in den Limbus des Nicht-Kunsthaften“</em> zu verbannen – und wirkten dabei, um <a href="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4a/Walter_Benjamin_Einbahnstrasse.pdf">Walter Benjamin</a> zu zitieren, wie <em>„Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müßiggänger die Überzeugung abnehmen“.</em> Trotz aller Windungen und Grabenkämpfe, die die Frauenbewegung von ihren ursprünglich radikalen Forderungen ablenkten (wie dies etwa im Westen oder in den USA in den 1960er und 1970er Jahren der Fall war), hatte der ukrainische Feminismus bis zur Mitte der 2000er Jahre bereits mehrere schwelende Lebenszyklen durchlaufen, ohne jedoch irgendeine Form historischer Autorität zu erlangen.</p>
<p>Sein anhaltender <em>„leibeigener“</em> Zustand führte dazu, dass der Feminismus dem Aufbau eines historischen Erbes sowie der Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit, die von der ukrainischen Kunst als traumatisch wahrgenommen und artikuliert wurde, nachgeordnet blieb und so über das Trauma eine nationale Identität mitkonstituierte. Feministinnen (so werden Künstlerinnen, die in geschlechterbezogenen Kontexten arbeiten, in der ukrainischen Kunst aufgrund des Mangels an feministischer Kunstkritik bis heute meist nicht genannt) sind Kinder einer spartanischen Erziehung, gehärtet durch die Schule der Verleumdung, bemüht, die historischen Bedingungen ihrer eigenen Existenz zu verstehen und zu verteidigen, bei allem Druck der dominanten kunstinternen Verhältnisse in diesem Bewusstsein das Recht auf eine eigenständige weibliche Erfahrung zu behaupten und eine private Suche nach Identität zu artikulieren.</p>
<div id="attachment_7753" style="width: 319px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7753" class="wp-image-7753" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021-231x300.jpg" alt="" width="309" height="401" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021-200x259.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021-231x300.jpg 231w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021-400x519.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Stardust-№2-2021.jpg 452w" sizes="(max-width: 309px) 100vw, 309px" /><p id="caption-attachment-7753" class="wp-caption-text">Maria Kolikovska, Stardust, 2021.</p></div>
<p>Kulikovskas Feminismus ist dialogoffen, weil er sich durch das Gewebe schmerzhafter Kapitel der Frauengeschichte bricht, verbunden mit der Aufhebung von Tabus und traumatischen Erfahrungen: <em>„Dies ist das erste Mal, dass ich meine Arbeit als feministischen Aktivismus bezeichne – zuvor habe ich sie nie in diesen Begriffen gedacht“</em>, sagt Kulikovska. <em>„Indem ich meinen eigenen Körper seziert habe, habe ich schlicht meine Traumata freigesetzt, und es scheint, dass mir das gelungen ist. Erst lange nachdem ich bereits einige eher zaghafte und träge Diskussionen zu diesem Thema verfolgt hatte, begann ich, im Rahmen einer feministischen Agenda zu denken. Da wurde mir klar, dass ich schon seit geraumer Zeit entlang derselben Linien reflektiert hatte. Feministische Bewegungen setzten große Hoffnungen in mich und sahen in mir eine Sprachrohrfigur für die Emanzipation der Frau. Doch mir fehlte das Selbstvertrauen, die Decke an mich zu ziehen, so etwas wie ‚weiblichen Separatismus‘ zu propagieren oder mir das Recht zu nehmen, den Kanon ‚neu zu schreiben‘. Die Angst überwog – die Angst davor, die eigene Stärke, Macht und den eigenen Wert anzunehmen“</em> (Maria Kulikovska im Gespräch mit der Autorin im März 2025).</p>
<p>Selbst Personen ohne kunsthistorische Fachkenntnisse können kaum übersehen, dass Kulikovska in ihrer sich herausbildenden feministischen Praxis häufig auf die formale oder kontextuelle Überarbeitung von Motiven aus der kanonischen feministischen Ikonografie zurückgreift. Abgenutzte, gleichsam vorgefertigte Muster, etwa ein bogenförmiges Arrangement rosig schimmernder Vaginen à la Judy Chicago, das von Projekt zu Projekt wanderte und dabei die Fundamente konventioneller Normen wie auch vermeintlich selbstverständlicher Werte erschütterte, machten Kulikovska sowohl auf persönlicher als auch auf künstlerischer Ebene zur Zielscheibe voreingenommener Kritik.</p>
<h3><strong>Trauma und Imagination</strong></h3>
<p>Diese Kritik erreichte ihren Höhepunkt in den Spalten der Boulevardpresse und machte unmissverständlich deutlich, dass es in der ukrainischen Kunst nach wie vor Bereiche gibt, die als unzulässig gelten. Auslöser eines lautstarken öffentlichen Skandals war der Besuch des stellvertretenden Kulturministers, der sich <em>„zufällig“</em> zu dem Bogen hinabbeugte, um dessen zarte <em>„Knospen“</em> zu berühren, und dabei umgehend von Fotojournalisten erfasst wurde. Die sensationelle Berichterstattung, die ihren Fokus auf die grell inszenierte genitale Exzentrik verlagerte, vertrieb für einen Moment die alltägliche Monotonie der Nachrichtensendungen.</p>
<p>Die gegen Kulikovska gerichtete Empörungswelle legte die gesellschaftliche Trägheit in Fragen der Geschlechterinklusion ebenso offen wie eine tief verwurzelte Zurückweisung des <em>„feministischen Blicks“</em>, der an den düsteren Mauern und der gemeinschaftlichen Enge der öffentlichen Meinung zerschellte. Indem Kulikovska versuchte, das Unerwünschte und Verdrängte sichtbar zu machen, bedrohte sie die etablierte Ordnung der Dinge.</p>
<p>Das Unsichtbare, das Verschattete, das <em>„Kleine“</em> – mit seinen Aspekten von Trauma oder vollständig gelebter Erfahrung, die sich den Rahmen des Rationalen, Hierarchischen und Kodifizierten entziehen – wird für Kulikovska zugleich zum Gegenstand und zum Medium des Sprechens über das Unbezahlbare und, wie Georges Bataille sagen würde, über die <em>„innere“</em> Erfahrung. Diese Erfahrung gleicht einem Gang durch ein dunkles Labyrinth mit rauen Wänden, aus dem es kein Entkommen gibt. In diesem optisch undeutlichen Raum kann etwas Barbarisches und Entsetzliches verborgen liegen – etwa eben jenes Trauma, dessen Zeuginnen und Zeugen wir werden.</p>
<p><em>„Ich wurde von vielem traumatisiert“</em>, sagt Kulikovska, <em>„und so ging alles, was ich tat, aus meinem eigenen Schmerz hervor. Ich verließ eine Beziehung, die in vielerlei Hinsicht missbräuchlich war, und nach diesem Schritt fühlte ich mich nicht mehr ‚ganz‘. Ich war wie eine Trägerin der Sünde, fähig, nur Ekel hervorzurufen. Alles, was mit Weiblichkeit, Zärtlichkeit und Mutterschaft verbunden war – Dinge, die mir zu körperlich, zu abstoßend erschienen –, verzerrte ich und setzte sie als Instrumente, ja vielmehr als Waffen gegen die normative Objektivierung des weiblichen Körpers als mütterlich ein. Am Ende begann ich all das zu hassen, dessen man mich beraubt hatte.“</em></p>
<p>Das Zurückgewiesene, das <em>„ausgeschlossene“</em> Weibliche zwingt Kulikovska dazu, sich selbst nur noch fragmentarisch wahrzunehmen, <em>„in den schwach strukturierten Randzonen einer dominanten Ideologie, als Abfall oder Überschuss, als das, was von einem Spiegel übrig bleibt, den das (männliche) ‚Subjekt‘ dazu benutzt, sich selbst zu reflektieren, sich zu vervielfältigen“</em> (Luce Irigaray, <a href="https://www.cornellpress.cornell.edu/book/9780801415463/this-sex-which-is-not-one/#bookTabs=1">This Sex Which Is Not One</a>, Cornell University Press. Ithaca, New York, 1985). Für die feministische Philosophin Luce Irigaray ist die Kategorie des vom phallischen autoritären Erhabenen verdrängten <em>„weiblichen Imaginären“</em> (siehe auch <a href="https://doi.org/10.1632/pmla.2010.125.2.273">Timothy Morton, Queer Ecology, 2010</a>) ein grundlegendes Problem: <em>„Aber wenn sich das weibliche Imaginäre entfalten würde, wenn es sich anders als in Form von Resten, ungesammeltem Geröll, ins Spiel brächte – würde es sich dann überhaupt als ein Universum darstellen? Wäre es überhaupt Volumen und nicht bloß Oberfläche?“</em> Ich fürchte, die Antwort lautet nein.</p>
<p>Sowohl das Logische als auch das Anatomische werden in Kulikovskas Arbeiten als ontologische Gegenstrukturen zur rigiden männlichen Zurückweisung des Weiblichen im Sein entworfen – dort, wo Subjektivität als Übergangszustand erscheint, fragmentiert ist und jenseits der Grenzen eines strukturierten Ganzen situiert bleibt, einschließlich des eigenen <em>„partiellen“</em> Selbst. Im Visuellen dominieren das <em>„Vorkognitive“</em> und das <em>„Essentialistische“</em>, geformt durch die Affektivität von Material und Methode.</p>
<h3><strong>Diktatur des Realen</strong></h3>
<div id="attachment_7748" style="width: 432px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7748" class="wp-image-7748 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-300x187.jpg" alt="" width="422" height="263" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-200x125.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-300x187.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-400x250.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-600x375.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-768x480.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-800x500.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023-1024x640.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Letter-to-Eva-2023.jpg 1197w" sizes="(max-width: 422px) 100vw, 422px" /><p id="caption-attachment-7748" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Letter to Eva, 2023.</p></div>
<p>Betrachten wir ihre/unsere Gesichter, Hände, Brüste, Beine, die Abgüsse, das ekstatische Aufklaffen der Münder, eine Explikation von Authentizität, ein Sparring des Gleichen mit dem Gleichen. Antagonisten der Ganzheit, die sich weigern, Differenz in die eigene Ontologie einzulassen, <em>„tautologisch“</em>, wie ein Hin-und-her-Wandern, Abgüsse als Narben. Foucault hätte dies als taxonomische Störung bezeichnet: den Körper in einen Zustand der Anarchie versetzt, in dem Hierarchie, Lokalisierung, Benennung, Organik – wenn man so will – zerstört werden und ihren Lebenszyklus beenden.</p>
<p>Uns begegnet die Schärfe dessen, was wir sehen: die Diktatur des Realen (in ihren Aspekten von Trauma, absolutem Leben oder reinem Empirismus), eine architektonische, mitunter formlose Unzuverlässigkeit, ein abgenutzter Zustand der Verzweiflung. Kulikovska verleiht dieser Unzuverlässigkeit und dieser Verzweiflung Sinn und symbolische Intentionalität.</p>
<p>Ihre/unsere Haut, Brüste, Hände, Körper, erscheinen weiblich, matrixial und maternal als zornige Objekte der <em>„Wiederholung“</em>. Unser Blick versenkt sich in die Asymmetrie ihrer Neigungen, ihrer Verschlingungen, in das Zittern der Berührung, in Anziehung und Abstoßung; immer wieder nehmen wir ihre barocke Intensität wahr, ihr botanisches Erblühen, ihre vibrierende Verbundenheit, ihren affektiven Austausch. In ihnen erkennen wir die Erschöpfung ermüdender Strömungen menschlicher Existenz, zugleich aber auch die Fruchtbarkeit des Aufblühens, die Freude, die Einheit der Verbindung, das wechselseitige Begehren zu sein.</p>
<p>Sie sind sichtbare Formen eines grenzenlosen weiblichen Werdens, der Auto-Affektion und der Selbstrepräsentation ihres Körpers, der – wie Irigaray betont – <em>„gehört“</em> werden muss. Der Mensch in diesem Körper muss spüren, dass er, so Luce Irigaray in <a href="https://archive.org/details/speculumdelautre0000irig">„Speculum de l’autre femme“</a> (1974), <em>„kontinuierlich, kompressibel, ausdehnbar, viskos, leitfähig, diffus ist (…), dass er sich – in Volumen und Intensität – je nach Grad der Erwärmung verändert; dass dies in seiner physischen Realität bestimmt wird … durch Bewegungen, die aus dem Quasi-Kontakt zweier Einheiten hervorgehen, die als solche kaum definierbar sind“.</em></p>
<p>Ihre/unsere Haut, Hände, Brüste, Muskelgewebe, fließend, wie Flüssigkeiten auf dem Weg zur Entropie. Das Körperliche erscheint hier als Materie, als eine wandelbare Substanz, deren Bewegung sich gleichsam rückwärts entfaltet, sich fortwährend transformiert, und Entropie wird zum Instrument, um den Körper mit dem Material der Katastrophe zu identifizieren. Kulikovska akzentuiert diese Entropizität, nicht mehr und nicht weniger.</p>
<p>Fragmente von Gliedmaßen haben wie Repliken körperlicher Flüssigkeiten ihre frühere Anthropomorphie verloren. Körper, die nach rechts oder links auslaufen, in das Undifferenzierte übergehen, widersetzen sich panisch den Layouts und Rändern des Papiers, den bürokratischen Zwängen und geschlechtlichen Fixierungen, die in sie eingeschrieben sind. Diese verschwenderischen Formen, fremd in ihrer Abweichung von sich selbst, werden zur Bedeutung des Anderen. Als Zeugen der Katastrophe stellen sie ihre Formlosigkeit (oder Anti-Form), ihre bestialische Deformation, die Hypertrophie des Zellgewebes zur Schau.</p>
<p>Nachdem sie ihre Plausibilität eingebüßt haben, quälen und verfolgen sie uns unerbittlich als gänzlich fremde, voneinander getrennte Wesen, die im Chaos globaler Katastrophen mutieren …</p>
<p><strong>„Dem Biest in die Augen sehen“</strong></p>
<div id="attachment_7754" style="width: 435px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7754" class="wp-image-7754" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-300x207.jpg" alt="" width="425" height="293" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-White-2015.-Performance-under-the-Crimean-Bridge-over-the-Moskva-River-during-the-1-May-parade-2.jpg 637w" sizes="(max-width: 425px) 100vw, 425px" /><p id="caption-attachment-7754" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, White, 2015. Performance unter der Krimbrücke über der Moskwa während der Maiparade am 1. Mai.</p></div>
<p>Der Grund, warum Kulikovska ihre Werke einer unerbittlichen Zerstörung ausliefert, liegt vielmehr in einer tiefen persönlichen Identifikation mit diesem Zustand. Bereits während ihres Studiums an der Nationalen Akademie der Bildenden Künste und der Architektur wurde ihr architektonisches Kursprojekt, ein mehrstöckiges Gebäude, das die Form eines Embryos imitierte, von der Prüfungskommission abgelehnt und sogar buchstäblich in Stücke gerissen. Etwas gänzlich <em>„Negatives“</em>,<em> „Nicht-Architektonisches“</em> zu schaffen (um einen der bevorzugten Begriffe <a href="https://holtsmithsonfoundation.org/biography-robert-smithson">Robert Smithsons</a> zu verwenden), etwas offen Physiologisches statt einer eindeutig <em>„positiven“</em> Konstruktion aus glatten Wänden und hohen Decken – das war zu viel!</p>
<p>Kulikovska wendet sich gegen alles in der Architektur, was beschwichtigend wirkt, nach sozialer Ordnung ruft und stillschweigende Zustimmung erzeugt. Die sowjetische <em>„kastenförmige“</em> Architektur mit ihren gesichtslosen Konsumformen symbolisierte genau diese Ordnung der Dinge. Für Kulikovska ist sie Gegenstand besonderer Kritik und die Organik des Körperlichen sollte der Trostlosigkeit der urbanen Struktur entgegengesetzt werden. <em>„Die Revitalisierung all dessen, was sowjetisch war, durch die Schaffung inklusiver öffentlicher Räume, die dem menschlichen Leben näher sind – das hat mich am meisten interessiert“</em>, sagt Kulikovska. <em>„Meine Eltern, die sich auf der Krim niedergelassen hatten, vertraten stets eine proaktive politische Haltung, und die Förderung eines starken Ukrainisierungsbewusstseins innerhalb unserer Familie war angesichts der erdrückenden, oft überwältigenden prorussischen Stimmung von zentraler Bedeutung. Wir alle bauten an der Ukraine – an einer schönen, aufblühenden Ukraine. Für mich war Architektur genau das.“</em></p>
<p>In dem Essay <a href="https://www.thomashirschhorn.com/doing-art-politically-what-does-this-mean/">„Doing Art Politically: What Does This Mean?“</a> (2008) schreibt Thomas Hirschhorn, das Politische sei einer der umstrittensten Begriffe der zeitgenössischen Philosophie, weil – ob wir es wollen oder nicht – gerade das Politische Filter für Formen der Existenz setzt, zugleich aber auch die Erfahrung von Opposition impliziert, die Weigerung, mit dem Strom zu schwimmen. Indem er – vielleicht unbewusst, aber prophetisch – eine Linie von Godard zu Arendt zieht, formuliert Hirschhorn: <em>„Mich interessiert nur das, was wirklich politisch ist, das Politische, das involviert: Wo stehe ich? Wo steht der Andere? Was will ich? Was will der Andere?“</em> Kunst politisch zu machen bedeutet, einer Form politisches Bewusstsein, Exzessivität zu verleihen; es bedeutet, Position zu beziehen.</p>
<p>Kulikovska entscheidet sich, ihre Praxis im formalen und zugleich kraftvollen Feld des <em>„Politischen“</em> zu verorten, um die Bedeutung politischer Beteiligung und der damit einhergehenden Artikulation einer Haltung zu unterstreichen, <em>„die Wahrheit zu zeigen, ohne sie zu beschönigen oder zu verschweigen“</em>. Im Juli 2014 wagte sie eine <em>„nicht genehmigte“</em> Aktion: Während der Manifesta-Biennale für zeitgenössische Kunst in Sankt Petersburg legte sie sich, in die ukrainische Flagge gehüllt, auf die Stufen der Eremitage und stellte so eine im militärischen Konflikt in der Ostukraine getötete Person dar. Später inszenierte sie in der Moskwa ein symbolisches <em>„Baden“</em> der Krim-Flagge als Protest gegen die Legitimierung der <em>„russischen Krim“</em>. Kurz darauf <em>„besetzte“</em> die Künstlerin, in Tarnkleidung, während der Biennale von Venedig den russischen Pavillon.</p>
<p>Offenkundig wäre es weniger radikal gewesen, schlicht zu schweigen. Doch Kulikovska wählte den Weg, <em>„zu stören“</em>, sich <em>„in den Weg zu stellen“</em>, der Verdrängung der Wahrheit über Krieg und Besatzung entgegenzutreten, im Grunde zu rebellieren. Alle anderen Wege wären für sie inauthentische Kompromisse gewesen. <em>„Meine Position zur Krim war politisch klar und unmissverständlich“</em>, <a href="https://life.pravda.com.ua/society/2015/06/08/195161/">sagt Kulikovska</a>. <em>„Man kann einen Vergewaltiger nicht verzeihen. Die Tatsache, dass ich hätte verhaftet und für mehrere Jahre inhaftiert werden können, hat mich nicht abgeschreckt. Ich wollte sogar eine solche härtere Reaktion provozieren. Oleg Kulik (ein russischer Künstler und Performer) sagte einmal, als die Pussy-Riot-Frauen vor ihrer Inhaftierung standen: Lasst sie ins Gefängnis kommen, und zwar für lange Zeit. Nicht, weil er ihnen Böses wünschte, sondern weil er das Ausmaß von Grausamkeit und Diktatur in Russland sichtbar machen wollte. Ich möchte sehr gerne auf die Krim zurückkehren und die Fragen der Besatzung von innen heraus thematisieren, doch die Verantwortung für das Leben meiner Angehörigen hält mich davon ab – wie so viele andere auch.“</em></p>
<p>Die russische kulturelle Linke betrachtete Kulikovskas künstlerisch-politische Aktionen zwar als <em>„Mikro-Resistenzen“</em>, diagnostizierte sie jedoch zugleich als „<em>Nationalismus“</em> – ein schmerzhaftes Symptom der Haltung einer zombifizierten russischen Gesellschaft gegenüber anderen Völkern. Dies war ein typisches Beispiel dafür, wie jener Teil der liberalen Intelligenzija in Russland die Ukraine wahrnahm und bis heute wahrnimmt. Dieses Milieu hat sich im folgenden Jahrzehnt durch seine versöhnlerische Haltung gegenüber dem Putin-Regime oder gar durch direkte Unterstützung vollständig diskreditiert. Später sagte Kulikovska <a href="https://focus.ua/ukraine/331548">in einem Interview</a> mit ukrainischen Medien unverblümt: <em>„Ich bin nach Russland gegangen, um dem Biest in die Augen zu sehen.“</em></p>
<h3><strong>Tödliche Lüge – die Wahrheit der Hölle</strong></h3>
<div id="attachment_7749" style="width: 468px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7749" class="wp-image-7749 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-300x199.jpg" alt="" width="458" height="304" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-300x199.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-600x398.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-768x510.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2-800x531.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-Army-of-Clones-2010–2014-2.jpg 997w" sizes="(max-width: 458px) 100vw, 458px" /><p id="caption-attachment-7749" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, Army of Clones, 2010–2014.</p></div>
<p>Viele progressive ukrainische Künstlerinnen und Künstler schlossen angesichts Russlands hinterhältiger Invasion der Krim und des Donbas faktisch die Tür vor diesem <em>„Biest“</em>. Lügen sind zu einer neuen politischen Propagandawaffe im Kampf gegen die Ukraine geworden.</p>
<p>So erweist sich die Falle der Lüge stets als <em>„tödlich“</em> und droht in das überzugehen, was Smithson als Effekt der Entropie beschrieben hat. In einem Auszug aus seinem Essay <a href="https://monoskop.org/images/0/01/Smithson_Robert_1966_1996_Entropy_and_the_New_Monuments.pdf">„Entropy and the New Monuments“</a> von 1966 stimmt Smithson mit dem Philosophen <a href="https://plato.stanford.edu/entries/ayer/">A. J. Ayer</a> darin überein, dass <em>„wir nicht nur das kommunizieren, was wahr ist, sondern auch das, was falsch ist. Oft besitzt das Falsche eine größere ‚Realität‘ als das Wahre. Daher scheint es, dass jede Information – und dazu gehört alles Sichtbare – ihre entropische Seite hat. Die Falschheit als letztes Stadium ist untrennbar Teil der Entropie, und diese Falschheit ist frei von moralischen Implikationen.“</em></p>
<p>Kulikovska baut ihre Praxis auf der Forderung nach <em>„Wahrheit“</em> auf – einer Wahrheit, die Gefahr läuft, in einer endlosen, explosiven Spirale aus Lügen, Täuschung und Betrug ausgelöscht zu werden. Wahrheit ist das, was wir verzweifelt zu retten und bis zum Äußersten zu verteidigen suchen müssen, um eine humanistische Gesellschaft aufrechtzuerhalten, selbst um den Preis erheblicher Prüfungen und Entbehrungen.</p>
<p>Vor mir stehen Kulikovskas Skulpturen aus ballistischer Seife und Epoxidharz. Bald wird ihnen etwas Unwiederbringliches widerfahren. Doch noch sind sie Zeitkapseln, die Spuren eines friedlichen und ruhigen Lebens bewahren. Wie die griechischen Karyatiden fehlen ihnen die Arme, zugleich weisen sie ein allgemeines texturales <em>„Verwelken“</em> auf. Sie werden obsessiv <em>„wiederholt“</em>, und diese mimetische Wiederholung führt nicht selten zu einem vollständigen Verlust von Identität, zu einer Aushöhlung. Unterscheiden lassen sie sich nur noch anhand der Farbe ihrer <em>„Haut“</em>.</p>
<p><em>„Die Schönheit wird konvulsiv sein oder sie wird nicht sein“</em>, schrieb André Breton in <a href="https://livrecritique.com/lamour-fou-dandre-breton-resume-et-analyse/">„L’Amour fou“</a> (1937), und hier haben wir keinen Grund, ihm zu widersprechen. Oft sind diese Skulpturen widersprüchlich – mit Patronenhülsen und Blumen gefüllt –, dabei jedoch nicht bedrohlich, vielmehr mütterlich füllig und behaglich. Nomadisch wandern sie von Projekt zu Projekt, verorten sich mitunter in <em>„unbequemen“</em>, metaphysisch stummen Industriearealen, mitunter in Schaufenstern und Parks der Stadt, manchmal sogar unterirdisch, und bringen dabei, jeweils im Kontakt mit ihrer Umgebung, unerwartete, anarchische Verbindungen zum Vorschein.</p>
<p>Vor mir stehen Kulikovskas Skulpturen aus ballistischer Seife und Epoxidharz. Etwas Unwiederbringliches und Barbarisches ist ihnen bereits widerfahren. Nun betrachtet man sie mit einem unwillkürlichen Schaudern. Hier entfaltet sich eine Zeit, die man durchaus als <a href="https://lineafuga.wordpress.com/wp-content/uploads/2010/08/agamben_the-time-that-is-left.pdf">Agambens <em>„Zeit des Endes“</em></a> bezeichnen könnte – eine zerstörerische, kollabierende Zeit, die sich unausweichlich ins Fleisch eingeschrieben hat.</p>
<p>Einige Werke dieser Serie wurden in den Gebäuden des <a href="https://izolyatsia.org/en/collection/">Donezker Kunstzentrums Izolyatsia</a> gezeigt, das 2014 von brutalen russischen Invasoren besetzt wurde. Mit Beginn des Krieges wurden das Fabrikgelände und seine unterirdischen Anlagen in ein aktives Konzentrationslager und ein geheimes Gefängnis unter der Kontrolle des russischen FSB verwandelt. <em>„Ja, das ist die Realität: 2019 existiert in Osteuropa ein russisches ‚Auschwitz‘, in dem – finanziert durch russische Öl- und Gaskonzerne ebenso wie durch russische Steuerzahler – Ukrainerinnen und Ukrainer festgehalten und gefoltert werden, die von den Besatzern als ‚besonders gefährlich‘ eingestuft werden“</em>, <a href="https://inforpost.com/news/2019-12-07-25377">schreibt Roman Miroyu</a>, Autor aufsehenerregender investigativer Recherchen. <em>„Wer in diesem Moment in den Verliesen des russischen ‚Neuen Auschwitz‘, dem aktiven Konzentrationslager in Osteuropa, gefoltert wird, ist unbekannt. Die Wachen sind da, die Tötungsmaschine arbeitet jede Minute. Während Sie diesen Text gelesen haben, wurde dort jemand hingerichtet, gefoltert oder zur Vernehmung gebracht. Erinnern Sie sich daran, während Sie in Gebieten leben, die frei vom russischen Neofaschismus sind.“</em></p>
<p>Dies ist eine schattenhafte Hölle; sie kennt kein <em>„Außen“</em>, wie Foucault sagen würde. Doch das, was sich in ihrem Inneren abspielt, ruft in den tiefsten Schichten des Denkens blankes Entsetzen hervor. Besondere Reizbarkeit und moralisierende Wut unter den Apologeten des <em>„erhabenen slawischen“</em> Ideals riefen Werke zeitgenössischer Kunst hervor, von denen viele gezielt vandalisiert wurden. Dies traf insbesondere Kulikovskas Skulpturen aus dem Projekt „Homo Bulla“. Während eines der strafenden Spektakel schossen die Militanten auf die versteinerten Abgüsse von Marias nacktem Körper: <a href="https://tvrain.tv/teleshow/i_tak_dalee_s_mihailom_fishmanom/territorija_izoljatsii_kak_donetskie_separatisty_zakhvatili_sovremennoe_iskusstvo-371586/"><em>„Die Gips-‚Venusfiguren‘, die man in Izolyatsia zurückgelassen hatte, um zu verfallen, begannen plötzlich zu sterben – wie Menschen im Krieg.“</em></a></p>
<p>Für Kulikovska wird der Krieg zu einer tragischen und zugleich unvermeidlichen Quelle von Wissen über das Leben und den Tod des Fleisches, über dessen extreme Erfahrung. Die hypertrophierte Aufmerksamkeit für Zerstörung, die nicht vom eigentlichen Gegenstand, dem ebenso verletzlichen wie kurzlebigen Körper, ablenken darf, erhält eine zusätzliche symbolische Bedeutung. Nun wird die Ganzheit selbst zu Kulikovskas bevorzugtem Gegner.</p>
<h3><strong>„Mit den Augen Gottes“</strong></h3>
<div id="attachment_7750" style="width: 422px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7750" class="wp-image-7750 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-300x300.png" alt="" width="412" height="412" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-600x600.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-768x768.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-800x800.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-1024x1024.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-1200x1200.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia-1536x1536.png 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Maria-Kulikovska-254.-Action-2014.-Unauthorized-performance-during-the-opening-of-the-Manifesta-10-biennial-on-the-stairs-of-the-Hermitage-St.-Petersburg-Russia.png 1594w" sizes="(max-width: 412px) 100vw, 412px" /><p id="caption-attachment-7750" class="wp-caption-text">Maria Kulikovska, 254. Action, 2014. Nicht genehmigte Performance während der Eröffnung der Biennale Manifesta 10 auf der Treppe der Eremitage, Sankt Petersburg, Russland.</p></div>
<p>2015 präsentierte Maria während der Eröffnung des ersten ukrainisch-britischen Wettbewerbs UK/raine in der Saatchi Gallery in London eine nicht genehmigte Performance mit dem Titel <a href="https://www.mariakulikovska.net/ua/project-page/happy-birthday">„Alles Gute zum Geburtstag“</a>, die uns erneut in die Atmosphäre jener Ereignisse und geopolitischen Erschütterungen eintauchen ließ, die die Ukraine 2014 ergriffen haben und bis heute fortwirken. Hier setzt Kulikovska bewusst einen aggressiven, anarchistischen Vektor, um beim anspruchsvollen Publikum eine starke emotionale Reaktion hervorzurufen, ein Gefühl, das eine tiefe Wunde schlagen kann, so als würde sie ein Skalpell hineintreiben.</p>
<p>Um sich mit alten Traumata auseinanderzusetzen, macht sie Schmerz und Wut ästhetisch ausdrucksfähig und objektivierbar. Dies ist nicht länger Zerstörung, sondern eine Form von Schöpfung: <em>„</em><a href="https://artukraine.com.ua/a/mariya-kulikovskaya-otpechatki-skladok/"><em>der Beginn einer neuen Geschichte, der Abguss eines neuen Lebens</em></a><em>“</em>. In diesem Sinne bedeuten ihre Performances die Auslöschung der gesamten Kultur des positiven Denkens, in der man seine eigenen Traumata stoisch <em>„verarbeiten“</em>, ja buchstäblich <em>„zermalmen“</em> soll. Lediglich eine rosa Perücke und ein Paar Schuhe im Geist des campigen <em>„Too much“</em> machen sich über das Gepäck der nagenden Traumata lustig.</p>
<p>Stovpo-tvorinnia (wörtlich <em>„Säulen-Schöpfungen“</em>; ein Wortspiel mit dem ukrainischen stovpotvorinnia, das <em>„Menschenmenge“</em>, <em>„Tumult“</em> oder <em>„Pandämonium“</em> bedeutet – Anmerkung des Übersetzers), also zahlreiche vertikale, aufrechte, obsessiv lineare Formen bilden einen wesentlichen Bestandteil der Arbeiten aus der Kriegszeit. In den Projekten „Soma – Body without Gender“, „Salt of the Earth“, „Sweet/Swiss Life“ und „Little Mermaid“ entwirft Kulikovska eine Landschaft des Verfalls und der Auflösung, deren äußere Grenzen und Konturen jedoch illusionär und flüchtig bleiben und sich äußeren Hierarchien und Ordnungen widersetzen, gegen sie rebellieren.</p>
<p>Bewegt man sich durch die maximalistischen und phantasmatischen Elemente in Kulikovskas körperbezogenen Praktiken, stellt sich eine Einsicht ein: Für sie existiert Einfachheit nicht. Alles ist der Komplexität untergeordnet. Überall herrscht die Dämmerung der Dualität, die Wandelbarkeit der Komponenten. Von Regeln und Ordnung zu sprechen, ergibt keinen Sinn. Sie sind zunichtegemacht. Diese Welt ist in all ihren Verzerrungen ihr zutiefst vertraut und intim, unmittelbar wiedererkennbar.</p>
<p>Zunächst muss sie in Bewegung gesetzt werden, dann aus benjaminischen Ruinen gehoben, von allem Geröll befreit und zu einer zweiten Geburt geführt werden. Gerade diese aktive Spannung, diese dialektische Verbindung, dieses Erschüttern der Grenzen zwischen Schöpfung und Zerstörung, Ordnung und Chaos, Aggression und Verwundbarkeit, dem Vertrauten und dem Fremden, dem Anomalen und dem Abstoßenden scheint sie in besonderer Weise zu faszinieren.</p>
<p><em>„Als der Krieg begann, war ich von Verzweiflung überwältigt. Ich glaubte, Kunst sei vollkommen nutzlos. Doch was unterscheidet uns von den Tieren? Intelligenz und Kultur. Die Fähigkeit, das zu tun, was die Natur nicht tut, und das zu schaffen, was wir mit unseren eigenen Händen hervorbringen können. Nicht etwas Funktionales – denn Kunst ist nicht funktional –, sondern etwas, das der Schönheit angemessen ist. Es ist ein wenig, als würde man Gott berühren“</em>, sagt Kulikovska zwei Jahre nach dem Verlassen ihrer Heimat und der Wiederaufnahme ihrer künstlerischen Arbeit – die durch ihre Flucht unterbrochen worden war – in einem ihrer temporären Zufluchtsorte in Österreich.</p>
<p>Die Welt <em>„mit den Augen Gottes“</em> zu betrachten und zu schaffen, ohne Hoffnung, aber auch ohne Bitterkeit, eine Schönheit hervorzubringen, die unterschiedliche Formen annimmt und der abstoßenden Gegenwart entschlossen widersteht, mehr vom Leben zu verlangen, als es uns zu geben vermag, dies sind vielleicht jene Fähigkeiten, die Kulikovska noch hofft, sich nach und nach anzueignen. Ich stelle ihr eine letzte, kurze Frage: <em>„Was also ist der Schönheit angemessen?“</em> In ihrer Antwort spüre ich vertrauten Widerspruch: <em>„Oft empfinde ich das als schön, was hässlich erscheint, und umgekehrt wirkt das, was viele für schön halten, auf mich hässlich. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll – vielleicht ist es genau das: etwas, das sich nicht erklären lässt; etwas, das wir alle vergeblich zu begreifen versuchen. Etwas Erhabenes, vielleicht sogar Göttliches, das sich an den unerwartetsten, verborgenen Orten offenbart. Das, was wir Seele nennen. Und was das ist – das weiß ich nicht; das weiß niemand. Ich versuche, sie zu finden und zu vermessen, doch bislang gibt es keine klare Antwort.“</em></p>
<p><strong>Lesia Smyrna, Kyjiw</strong></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Januar 2026, Übersetzung aus dem Ukrainischen: Pavlo Shopin, Drahomanow Universität Kyjiw. Eine englische Fassung des Beitrags erschien in der Zeitschrift <a href="https://krytyka.com/en/articles/maria-kulikovska-portrait-of-an-anarchist">Krytyka</a>. Titelbild: Maria Kulikovska aus der Serie Pregnant, 2021, Foto: Daria Bilyak. Für alle Bildnachweise einschließlich des Titelbilds gilt © Maria Kulikovska. Wir danken Lesia Smyrna und Maria Kulikovska für die Überlassung der Bilder auch für die deutsche Fassung. Die für die Entstehung des Beitrags erforderliche Forschung wurde vollständig vom Austrian Science Fund (FWF) gefördert (Grant-DOI: 10.55776/V1034). Für Zwecke des Open Access hat die Autorin eine CC-BY-Lizenz auf alle aus dieser Einreichung hervorgehenden akzeptierten Manuskriptfassungen angewandt. Alle Internetzugriffe zuletzt am 24. Dezember 2025.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/jenseits-der-zaertlicheit/">Jenseits der Zärtlichkeit – Gedanken über die Zukunft eines Gefühls nach Butscha</a>, deutsche Fassung im Dezember 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> (dort auch weitere Informationen zur Autorin).</p>
<p>Lesia Smyrna, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/eine-reise-in-die-dunkelheit-der-zeit/">Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit &#8211; Die Landschaften der ukrainischen Fotografin Yana Kononova</a>, deutsche Fassung im Februar 2026 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p>Corinna Heumann, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/atwoodian-utopias">Atwoodian Utopias – Zerbrechliche Menschlichkeit – nicht nur ein Kunstprojekt</a>, erschienen im September 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon.</span></p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kunst-mit-dem-koerper/">Kunst mit dem Körper</a> – Die Künstlerin und Kulturmanagerin Regina Hellwig-Schmid über Heldinnen, anlässlich einer Ausstellung im Frauenmuseum Bonn, erschienen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im August 2025.</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>738 Tage</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Oct 2025 05:00:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>738 Tage Israel zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 „Mein Vater spricht nie über Rache. Nur über Verantwortung. Sein Ziel war und ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen, den noch verbliebenen Familienangehörigen von Geiseln zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Mein Vater glaubt immer noch an Frieden, auch wenn es für ihn  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>738 Tage</strong></h1>
<h2><strong>Israel zwei Jahre nach dem 7. Oktober 2023</strong></h2>
<p><em>„Mein Vater spricht nie über Rache. Nur über Verantwortung. Sein Ziel war und ist es, den Kibbuz wieder aufzubauen, den noch verbliebenen Familienangehörigen von Geiseln zu helfen, ihnen eine Stimme zu geben. Mein Vater glaubt immer noch an Frieden, auch wenn es für ihn nach dem 7. Oktober sehr schwer vorstellbar ist, wie es funktionieren soll. Sein ganzes Leben hat er dafür gekämpft, dass wir in Israel und Gaza als Nachbarn zusammenleben können.“ </em>(Yair Moses, Sohn des über 80 Jahre alten Gadi Moses aus Nir Oz, der am 30. Januar 2025 nach 482 Tagen freikam, zitiert von Natalie Amiri in ihrem Buch „Der Nahost-Komplex“, München, Penguin Verlag, 2025)</p>
<p>Das neue Buch von Natalie Amiri bietet einen umfassenden Überblick über die politische Lage, die gesellschaftlichen Entwicklungen und Kontroversen der Region. Sie hat mit zahlreichen Menschen und Organisationen gesprochen und die Orte des Geschehens bereist, mit der Ausnahme von Gaza, wo Journalist:innen von außen keinen Zugang erhielten. Das Buch beginnt mit einem Statement von Margot Friedländer: <em>„Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches, kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut!“</em> Es endet mit einem Brief Natalie Amiris an Margot Friedländer, den sie nach einem gemeinsamen Abendessen geschrieben hatte.</p>
<p>Der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober durchzieht das gesamte Buch. Natalie Amiri dokumentiert Telefonate, Presseerklärungen, Telefonate während des Terrorangriffes, aber auch Äußerungen israelischer Politiker des Likud und der beiden rechtsextremistischen Koalitionspartner, die die Vernichtung Gazas androhen und die Schaffung eines Groß-Israel ankündigen. Sie zitiert ebenso Stimmen wie die von Yair Moses und von Noa, die sie nur mit Vornamen nennt, aber wohl die ehemalige Geisel Noa Argamani sein dürfte: <em>„Für mich hat der Tod von Jonathan und seinen Freunden klargemacht: Frieden ist die einzige Antwort.“</em></p>
<h3><strong>Isaak und Ismael</strong></h3>
<p>Als Natalie Amiris Buch in Druck ging, waren noch 48 Geiseln in der Gewalt der Hamas. Die Angriffe der IDF in Gaza dauerten an. Am 13. Oktober 2025 war es so weit: Die letzten 20 lebenden Geiseln der Hamas sind frei. Nach 738 Tagen! Darunter vier deutsche Staatsangehörige: die Zwillinge Ziv und Gali Berman, Rom Braslawski, Alon Ohel. Nach wie vor sind 19 Leichen in Gaza (Stand 16. Oktober 2025). (Im Unterschied zu ihren Vorgänger:innen Olaf Scholz und Annalena Baerbock wiesen Friedrich Merz und Johann Wadephul ausdrücklich auf <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-werden-wieder-tanzen/">die deutschen Geiseln</a> hin.) Im Gegenzug musste Israel etwa 2.000 inhaftierte Palästinenser:innen, darunter 250 zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder freilassen. Unter den 250 Mördern war Hilmi Al-Maash, Planer eines Selbstmordattentats in einem Bus im Jahr 2004, durch das elf Menschen starben und vierzig verletzt wurden, darunter die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/zeruya-shalev-gastbeitrag-geisel-deal-attentaeter-li.3324901">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> bekannte sie die Ambivalenz ihrer Gefühle. Sie schrieb auch über Trump, der <em>„endlich verstand, dass Netanjahu und seine Regierung nicht für die Mehrheit der israelischen Gesellschaft sprechen.“ </em>Aber nichts ist wie es sein sollte: <em>„Wie absurd das ist – der Präsident einer fremden Supermacht kümmert sich mehr um die israelischen Bürger als ihre eigene Regierung. So wie Katar, die Türkei und Ägypten sich weit mehr um die Bewohner des Gazastreifens kümmern als die Anführer der Hamas.“</em></p>
<p>Die Gräuel des 7. Oktobers waren die größte Mordaktion gegen Jüdinnen und Juden seit der Shoah. Aber es gibt noch ein anderes Datum, das Pogrom in Kischinew im April 1903, unter dessen Eindruck der hebräische Nationaldichter – so wird er in Israel von vielen gelesen – Chaim Nachman Bialik das Gedicht „In der Stadt des Tötens“ schrieb. Dieses Gedicht wurde mit einem sehr lesenswerten Nachwort der israelischen Psychologin und Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen in dem Band „Wildwuchs“ mit mehreren Erzählungen des hebräischen Dichters neu veröffentlicht (München, C.H. Beck, 2024). Ayelet Gundar-Goshen wies darauf hin, dass Netanjahu am 7. Oktober 2023 aus diesem Gedicht zitierte: <em>„Nicht kann selbst die Hölle so grausig Verbrechen, / nicht Kindesblut rächen“</em>. Die Geschichte des Judentums ist eine Geschichte der Verfolgung, der Pogrome, sie ist aber auch – so liest Ayelet Gundar-Goshen Bialiks Erzählung „Hinter dem Zaun“ – <em>„die Geschichte der Halbbrüder Ismael und Isaak. Beide sind Söhne Abrahams, aber nicht Bruderliebe, sondern reinster Hass herrscht zwischen ihnen.“</em> So werden wohl nach wie vor von vielen Menschen die Geschichten der Bibel und des Koran gelesen.</p>
<h3><strong>Misstrauen und Heuchelei</strong></h3>
<p>Eine prominente Kritikerin der Netanjahu-Regierung ist die deutsch-israelische Autorin Sarah Levy, die schon in ihrem ersten Buch „Fünf Worte für Sehnsucht“ (Hamburg, Rowohlt, 2022) die Zerrissenheit einer liberalen israelischen Jüdin angesichts der anti-liberalen und anti-demokratischen Reformen der Regierung Netanjahu beschrieb. Ihr im August 2025 erschienenes Buch „Kein anderes Land“ (Hamburg, Rowohlt, 2025) schrieb sie unter dem Eindruck des 7. Oktober. Opfer sind nicht nur jüdische Israelis, auch arabische wie beispielsweise Marwa, die KiTa-Erzieherin ihres Sohnes Oz, die ihr Erscheinungsbild und ihr Verhalten ändert, um nicht als Araberin gesehen zu werden. Sarah Levys Buch ist voller Fragen: <em>„Ich will nicht so sein wie jene, die keinen Unterschied machen zwischen einem Volk, einer Regierung, einer Armee, einer Terrorgruppe oder einem Kind. Doch je mehr ich in diese dunkle Welt eintauche, desto mehr merke ich, wie auch ich härter werde, die Versuchung spüre, mich zu verschließen, vor dem Leid in Gaza durch die Bomben der israelischen Armee. Es gelingt mir in diesen Tagen nicht mehr automatisch, die gleiche Empathie für palästinensische Opfer zu empfinden wie für israelische Opfer. Als ob mein Mitgefühl gedämpft sei unter der Last der Berichte aus Israel und dem Gefühl, dass es sich hier um einen existenziellen Krieg handelt. Was, wenn wir das hier nicht gewinnen? Was wird aus den Geiseln? Was wird aus Israel? Aus dem jüdischen Volk? Und wie sieht ‚gewinnen‘ überhaupt aus, wenn beiden Seiten schon so viel verloren haben?“</em></p>
<p>Es geschieht so etwas wie eine schleichende Verhärtung. Ayelet Gundar-Goshen lässt die psychologischen Mechanismen in ihrem fünften Roman „Ungebetene Gäste“ (Zürich / Berlin, Kein &amp; Aber, 2025) erahnen. Naomi ist mit ihrem einjährigen Sohn Uri alleine zu Hause. Ein arabischer Handwerker renoviert. Sie ist hin- und hergerissen, ob sie ihm vertrauen kann oder nicht lieber doch ihren Mann herbeitelefoniert. Der Handwerker geht zur Toilette und in diesem Augenblick lässt ihr Sohn einen Hammer auf die Straße fallen, der einen Jugendlichen erschlägt. Der Araber wird verhaftet, weil sie sich nicht traut, die Wahrheit zu sagen. Alle handelnden Personen, sie selbst, ihr Mann, der Vater des Opfers, die Familie des Arabers, die Therapeutin Noga verstricken sich in ihren Vorurteilen und Halbwahrheiten. Naomi und ihr Mann wandern nach Lagos in Nigeria aus und das Spiel der unausgesprochenen Wahrheiten und vermuteten Halbwahrheiten setzt sich fort, auch im Kontakt mit der Nigerianerin Ayobami, die nicht die ist, als die sie zunächst erscheint. Und was macht Naomis Mann eigentlich wirklich in Nigeria? Ayelet Gundar-Goshen lässt – wie in ihren anderen Romanen – die Perspektiven wechseln, es gibt auch eine Auflösung, die jedoch keine Lösung ist. Über allem herrscht gegenseitiges Misstrauen, das im Roman noch unterhaltsam klingen mag, aber in der Realität brutale Folgen hat.</p>
<p>Exemplarisch für die Heuchelei der israelischen Regierung und die Hilflosigkeit der Menschen in Israel – man könnte vielleicht sogar von Psychoterror sprechen – ist für Sarah Levy <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-02/familie-bibas-shiri-israel-tod-hamas-geiseln/komplettansicht">„Das furchtbare Spiel mit der Familie Bibas“</a>, so der Titel ihres Beitrags in der ZEIT vom 20. Februar 2025. Der 20. Februar war der Tag, an dem die Hamas die Särge der ermordeten Shiri Bibas, der Mutter, und ihrer beiden Kinder, der vierjährige Ariel und der zehn Monate alte Kfir, übergab (der Artikel enthält ein entwürdigendes Bild, in der ein Hamas-Terrorist die Särge präsentiert, in dem Shiri zugeschriebenen Sarg lag – wie sich herausstellte – übrigens jemand anders). Die Kinder wurden nach der Entführung von Hamas-Terroristen im November 2023 mit bloßen Händen erwürgt: <em>„Die Bibas-Familie ist zum Symbol der Grausamkeit des 7. Oktober geworden. Terroristen haben an dem Tag mehr als 1.200 Menschen ermordet. Noch nie wurden so viele Zivilisten, Kinder, Frauen, Alte, Verletzte, selbst bereits Getötete als Geiseln genommen und verschleppt. Doch zwei kleine Kinder, neun Monate und vier Jahre alt, mit ihrer Mutter im Schlafanzug als Geisel zu nehmen – so etwas gab es noch nie in der Geschichte Israels“</em>. Dem Vater Jarden Bibas erzählte die Hamas, seine Familie wäre bei einem Luftangriff der IDF ums Leben gekommen. Sarah Levy verzweifelt an der israelischen Regierung, die kein sonderliches Interesse zu zeigen schien, <em>„die letzten verbleibenden Kindergeiseln aus Gaza zurückzubringen“</em>.</p>
<p>Die Bewohner:innen der von der Hamas heimgesuchten Dörfer traten für Frieden und ein friedliches Miteinander von Israelis und Palästinenser:innen ein. Das interessierte die Hamas – und auch einen großen Teil der Weltöffentlichkeit – so gut wie gar nicht. Ebenso deutlich wie das Schicksal der Familie Bibas zeigt der Überfall des Nova-Festivals die Brutalität der Hamas.</p>
<p>In einem Satz ließe sich der Überfall, der am 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr begann, wie folgt zusammenfassen: Über 3.000 schwer bewaffnete Männer fallen unter Lobpreisungen Allahs unbewaffnete harmlose Menschen, die nur eines wollten: in Frieden tanzen, in Frieden leben.</p>
<h3><strong>Re’im 7. Oktober 2023, 6:29 Uhr</strong></h3>
<p>Der Überfall auf das Nova-Festival ist sehr gut dokumentiert. Dafür sorgten nicht zuletzt die Terroristen selbst. Sie filmten sich bei ihrem Morden und stellten die Bilder ins Netz, oft mit den ihren Opfern geraubten Mobiltelefonen oder mit eigenen Kameras, die ihre Taten wie ein Ego-Shooter-Computerspiel erscheinen lassen. Eine große Zahl dieser Bilder zeigt die <a href="https://www.tribeofnova.com/">„Tribe of Nova Foundation“</a> in der <a href="https://www.thf-berlin.de/aktuelles/veranstaltungen/veranstaltung/the-nova-music-festival-exhibition">Nova Music Festival Exhibition</a>, einer Ausstellung, die vom 7. Oktober bis zum 16. November 2025 in der Haupthalle des Berliner Flughafens Tempelhof zu sehen ist. Die Ausstellung sahen zuvor in New York City, Los Angeles, Buenos Aires, Miami, Toronto und Washington D.C bereits über eine halbe Million Menschen. Die folgenden Sätze sollen einen Eindruck vermitteln, was zu sehen ist.</p>
<p>Der zu Beginn einstimmende Film zeigt die friedliche Stimmung bei Sonnenaufgang, einem magischen Moment vieler Festivals. Wenige Minuten vor dem Angriff. Er endet mit der Warnung der DJ’s vor den anfliegenden Raketen und wir treten in die große Eingangshalle des Flughafens. Zunächst sehen wir auf einer Empore Originalvideos der Terroristen, die sich mit Allahu Akbar anfeuern, sich rühmen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen. Wir sehen, wie sie unbewaffnete, hilflose Menschen jagen. Wir sehen den Bulldozer, der den Grenzzaun einriss und Platz schuf für all die Zivilisten, die zur Plünderung eilten, wir sehen lange Kamerafahrten über die Straßen mit all den zerstörten Autos, dazwischen ein fahrender Pick-Up mit Terroristen, die immer wieder absteigen und schießen, wir sehen flüchtende Menschen zwischen den Bäumen. In der Halle sehen wir Originalstücke vom Gelände: Zelte, auf dem Boden verstreute Habseligkeiten, Kuscheltiere, Wasserflaschen, Kleidungsstücke, Schmuck, das DJ-Pult und die Lautsprecherboxen, eine Bar, Dixi-Toiletten, durchsiebt von Einschusslöchern vollautomatischer Gewehre, ausgebrannte und umgestürzte Autos, Tische, auf denen die Schuhe, die Mützen, Portemonnaies, Handyhüllen gesammelt sind.</p>
<p>Auf einem Tondokument ist ein Terrorist zu hören, der sich gegenüber seinen Eltern rühmt, er sei ein Held, er habe zehn Juden getötet und telefoniere jetzt vom Mobiltelefon einer Jüdin. Wir sehen das Video mit der ermordeten <a href="https://jungle.world/artikel/2025/40/shani-louk-ricarda-louk-antisemitismus-deutschland-in-europa-hat-man-schon-vergessen-wie-es-anfing">Shani Louk</a> auf einem Pick-Up, um sie herum Terroristen, die Gott hoch leben lassen, das Video der um Hilfe rufenden auf einem Motorrad zwischen zwei Terroristen eingeklemmten <a href="https://worldisraelnews.com/noa-argamani-reveals-new-details-of-hamas-kidnapping/">Noa Argamani</a>, dokumentiert ist das Telefonat zwischen <a href="https://www.timesofisrael.com/taken-captive-romi-gonen-after-being-shot-in-car-by-terrorists/">Roni Gonen</a> und ihrer Mutter. Am Rand können wir die kleinen Bunker betreten, in denen sich Festival-Besucher.innen versuchten zu verstecken, zu 20 oder gar zu 40 in einem engen vielleicht drei oder vier Quadratmeter großen Raum, bis die Terroristen sie mit Handgranaten heraustrieben oder töteten. Ein junger Mann positionierte sich am Eingang eines solchen Bunkers und versuchte, die Handgranaten zurückzuwerfen. Zu den Waffen der Hamas gehörten auch Viagra-Pillen. In der Nova Exhibition sind Berichte dokumentiert, wie ein Hamas-Terrorist eine Frau vergewaltigt, während ein Kumpan gleichzeitig mehrfach mit dem Messer auf sie einsticht (diesmal kein Video). Eine Karte markiert die Orte, an denen Zivilist:innen und Sicherheitskräfte ermordet, an denen Menschen entführt worden sind. Zu sehen sind an zwei großen Wänden hinter der in der Mitte der Halle aufgestellten Bühne des Festivals auf der einen Seite die Bilder aller Opfer des Festivals, auf der anderen die aller auf dem Festival entführten Menschen. Kerzen davor mit Testimonials der Besucher:innen.</p>
<p>Die israelische Regierung verfügt über einen etwa 45 Minuten langen Film, den sie allerdings nur ausgewählten Politiker:innen und Journalist:innen zeigt. Aber auch wer diesen Film nicht sehen oder die Nova Exhibition nicht besuchen kann, kann sich umfassend informieren. Berichte gibt es in Hülle und Fülle. Nur ein Beispiel: Der Bericht <a href="https://www.1202.org.il/wp-content/uploads/2025/01/ARCCI-report-sexual-crimes-on-october-7-updated-26.3.pdf">„Sexual Violent Crimes on October 7“</a> der Association of Rape Crisis Centers in Israel (ARCCI) liegt bereits seit Februar 2024 in verschiedenen Sprachen vor, <a href="https://www.1202.org.il/wp-content/uploads/2025/01/Deutsch-Stummer-Schrei-Sexuelle-und-geschlechtsspezifische-Gewalt-im-Krieg-vom-7.-Oktober.pdf">seit August 2025 auch in deutscher Sprache</a>. <a href="https://www.mena-watch.com/bericht-sexualverbrechen-hamas-deutsch/">Nur die Plattform mena-watch informierte</a> zeitnah über diese Übersetzung.</p>
<h3><em>„<strong>Wir hassen nicht“</strong></em><strong> (Ofir Amir)</strong></h3>
<p>Der Titel der Ausstellung der Nova Tribe Foundation geht auf eine Tätowierung zurück, die sich <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ich-war-mit-fuenf-frauen-in-einem-kaefig/">Mia Schem</a>, eine der Geiseln, nach ihrer Befreiung stechen ließ. <em>„Wir werden wieder tanzen“</em> – das ist die zentrale Botschaft der Ausstellung, die nach der Darstellung der Gräuel im Hauptraum in weiteren Räumen Programme und Projekte zur Betreuung der befreiten Geiseln und der Angehörigen der Geiseln und Ermordeten angeboten werden. Es sind Räume der Meditation, Räume der Ruhe, mit Vorträgen und Videos über die verschiedenen Programme. Die Botschaft lautet: <em>„Wir hassen nicht“</em> – so Ofir Amir, der mit mehreren Freunden das Festival organisiert hat, wie auch in den Jahren davor. Es war geplant, wenig später am selben Ort das israelische Burning Man durchzuführen.</p>
<p>Ofir Amir wurde in Offenbach geboren. Er beschrieb Anfang Oktober 2025 <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/nach-dem-ueberleben/">in der Jüdischen Allgemeinen</a>, wie er den Terrorangriff vom 7. Oktober 2025, 6:29 Uhr, erlebte. Ihn selbst schossen die Terroristen in beide Beine, er überlebte, erlebte aber, wie Freund:innen neben ihm ermordet wurden. <em>„Trotzdem sind wir hier. Wir glauben an das Gute und lassen uns nicht unterkriegen. Wir antworten mit Musik. Mit Erinnerung. Mit Licht. Mit Liebe. Unsere Botschaft ist klar: Terroristen haben uns angegriffen. Aber unsere Reaktion darauf ist, nicht zu hassen. Diese Macht geben wir ihnen nicht. Als in Manchester bei einem Ariana-Grande-Konzert ein Selbstmordattentäter 23 junge Menschen tötete, war die Welt zu Recht erschüttert. Als bei uns mehr als 400 junge Menschen brutal ermordet wurden, war das Schweigen ohrenbetäubend. Das ist es bis heute. Noch immer werden Menschen als Geiseln in Gaza festgehalten – darunter Besucher des Nova-Festivals. Sie kamen, um zu tanzen, zu feiern, zu leben.“</em></p>
<p><a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/gedenkausstellung-zum-7-oktober-berlin-ist-als-stadt-dem-nova-festival-sehr-ahnlich-14452199.html">Julius Geiler interviewte Ofir Amir für den Berliner Tagesspiegel</a>: <em>„</em><em>Sehen Sie, ich werde oft gefragt, wie es mir geht. Aber es gibt Gruppen von zwölf Freunden, die gemeinsam das Festival besucht haben und von denen am Ende nur zwei wieder nach Hause gekommen sind. Ich habe beide Beine, ich habe die Geburt meiner Tochter erlebt, ich bin zu meiner Frau zurückgekehrt. Ich habe so viele Freunde verloren. So viele Freunde wurden noch viel schwerer verletzt, als ich. Who am I to complain.“</em> <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/berlin-nova-festival-ausstellung-massaker-israel-e764040/">In der Süddeutsche Zeitung sagte Ofir Amir in einem Interview mit Peter Richter</a>: <em>„Das ist uns passiert, aber wir hassen nicht.“</em></p>
<p>Am 2. Oktober 2025 veröffentlichte die ZEIT <a href="https://www.zeit.de/2025/42/hamas-angriff-nova-festival-israel-7-oktober/komplettansicht">Testimonials von Überlebenden</a>, die Evelyn Finger protokollierte, der Rentner Itzik Askapa, der sich einmischte, als die Hamas die Polizeistation neben seinem Haus eroberte, Yasmin Porat, die es schaffte zu fliehen, aber in ein Feuergefecht geriet. Sie überlebte, ihr Partner wurde ermordet. Daniel und Neria Sharabi hätten gerne noch mehr Menschen gerettet, konnten inzwischen mit dem Verein „Für die Überlebenden und die Verwundeten“ über 1.400 Traumatisierten helfen. Eldad Adar gesteht, er war erleichtert, als er erfuhr, dass seine Tochter Gili Adar <em>„nur erschossen“ </em>wurde.</p>
<p>Ofir Amirs Text in der Jüdischen Allgemeinen endet zuversichtlich: <em>„Ich bin Vater geworden, während ich kaum stehen konnte. Heute kann ich wieder laufen. Meine Tochter fängt langsam an zu sprechen. Wenn meine Tochter mich eines Tages fragt, was am 7. Oktober 2023 passiert ist, werde ich ihr sagen: Es war ein Tag, an dem Terroristen, die ihr Leben dem Hass gewidmet haben, unvorstellbares Leid über uns gebracht haben. Ein Tag, an dem ich meine Freunde verlor und dem Tod entkommen bin. Aber ich habe seitdem auch gelernt, dass selbst im tiefsten Dunkel ein kleines Licht bleibt, das eines Tages die Welt erleuchten kann. We will dance again!“</em></p>
<p>Auf Seiten der Hamas dominiert nach wie vor der Hass, nicht nur der Hass auf Israel und auf alle Jüdinnen und Juden, auch der Hass auf die Palästinenser:innen, die ihnen nicht folgen wollen. Die <a href="https://www.mena-watch.com/">Plattform mena-watch</a> bietet jeden Donnerstag Berichte unter anderem auch zu Palästinenser:innen, die sich gegen die Hamas erheben. Mohammed Altlooli berichtet regelmäßig über die Verfolgung von Oppositionellen, <a href="https://www.mena-watch.com/hamas-herrschaft-in-gaza-mit-gewalt-festigen/">am 15. Oktober 2025 über Hinrichtungen durch die Hamas</a>. Ihnen wurde vorgeworfen, sie wären Kollaborateure Israels. Darüber berichteten ebenfalls <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/nahost-liveblog-news-gaza-israel-hamas-hinrichtungen-abbas-palaestinenserpraesident-li.3321949">am 15. Oktober 2025 die Süddeutsche Zeitung</a> und <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-hat-mich-nicht-gross-gestort-trump-vergleicht-hamas-hinrichtungen-mit-seinem-durchgreifen-in-washington-14567573.html">der Tagesspiegel</a>. Beunruhigend ist die Einlassung Trumps, der Tagesspiegel titelt: <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/das-hat-mich-nicht-gross-gestort-trump-vergleicht-hamas-hinrichtungen-mit-seinem-durchgreifen-in-washington-14567573.html"><em>„Trump vergleicht die Hinrichtungen der Hamas mit seinem Durchgreifen in Washington.“</em></a> Einen Tag später verkündete Trump auf Truth Social, die Hamas würde vernichtet, wenn sie weiterhin Menschen hinrichte.</p>
<h3><strong>„Resonanzraum“ Palästina</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-ist-recht-was-ist-unrecht/">Was ist Recht, was ist Unrecht?</a> Diese Frage stellt sich täglich. Es war die Frage, die Leonard Cohen sich stellte, als er 1973 während des Yom-Kippur-Krieges in Israel vor Soldaten sang. Matti Friedman zitiert ihn mit einer unveröffentlichten Strophe von „Lover, Lover, Lover“ in seinem Buch „Wer durch Feuer – Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens“ (übersetzt aus dem Englischen von Malte Gerken, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2023). Immer wieder hat sich die israelische Soziologin Eva Illouz kritisch geäußert. Mitte September 2025 erschien bei Suhrkamp ihr Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/eva-illouz-der-8-oktober-t-9783518475300">„Nach dem 8. Oktober“</a>, die deutsche Übersetzung des französischen Originals vom August 2024, das bei Gallimard erschien.</p>
<p>In ihrem Essay fragt Eva Illouz unter anderem, wie es sein kann, dass sich Hass als Tugend ausgeben kann. Diese Frage betrifft nicht nur Hamas-Terroristen, sondern auch all diejenigen, die die Hamas für eine Gruppe von Freiheitskämpfern halten (wie beispielsweise sehr prominent Judith Butler oder Pankaj Mishra, die unter anderem auch leugneten, dass es Vergewaltigungen gegeben habe). Eva Illouz nennt zwei Gründe, unter anderem in Anlehnung an den Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann: <em>„Der erste Punkt hängt mit kognitiven Verkürzungen zusammen, den Modi des schnellen Denkens; der zweite mit der Art und Weise, wie wir unsere Identität im Hinblick auf die institutionellen Bedingungen geltend machen, die uns zu sagen erlauben, ‚was wir sind‘ und ‚wer wir sind‘.“</em> Ähnlich argumentierten Monty Ott und Jessica Ramczik <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/trump-die-hamas-muss-entwaffnet-werden-notfalls-mit-gewalt/">am 13. September 2025 in der Jüdischen Allgemeinen</a>: <em>„Palästina wird zur Projektionsfläche, weil es an einer konsistenten Erzählung mangelt.“ </em>Dabei geht es gar nicht um die Palästinenser:innen als konkrete Menschen: Deren Leid <em>„dient nicht als Ausgangspunkt für diplomatische oder politische Lösungsansätze, sondern als moralischer Resonanzraum, in dem man sich selbst als Teil eines heroischen Befreiungskampfes verorten kann.“ </em></p>
<p>Eva Illouz sieht eine gefährliche Mischung am Werk: „<em>Durch die Alchemie der umherwandernden Strukturen werden Antikapitalismus, Globalisierungsgegnerschaft und Antizionismus eins mit der Befreiung von sämtlichen Unterdrückungen.“ </em>Unter <em>„umherwandernden Strukturen“</em> versteht Eva Illouz ein Konzept, das mangels empirischer Begründungen <em>„von einer Disziplin auf eine andere und von einem Kontext auf einen anderen übertragen werden kann.“</em> Es geht um eine im Grunde inhaltsleere <em>„Identitätspolitik“</em>, für die es keine konkreten Akteure mehr braucht, <em>„eine neue Form von symbolischem Kapital, die ich als moralisches Kapital bezeichnen möchte.“</em> Schon Khomeini sei es gelungen, seinen Islamismus als antiimperialistischen Klassenkampf zu markieren. So wurde der Jubel über den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober, in der Berliner Sonnenallee, auf dem New Yorker Times Square und anderswo möglich: <em>„Soweit ich mich erinnern kann, hat kein anderes Massaker – ob im Südsudan oder im Kongo, in Äthiopien, Sri Lanka, Syrien oder der Ukraine – im Westen und in islamischen Ländern so viele Menschen glücklich gemacht.“ </em>Anders gesagt: Weil ich moralisch zu den Guten gehöre, ist alles, was ich denke, sage, tue, gerechtfertigt. Eva Illouz sagte in einem am 22. September 2025 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Gespräch mit Andreas Tobler: <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/linke-backlash-ueberlegenheit-eva-illouz-israel-hamas-eva-illouz-interview-li.3315737?reduced=true">„Die Linke ist einem Gefühl der moralischen Überlegenheit erlegen“</a>.</p>
<p>Wie dieses <em>„Gefühl der moralischen Überlegenheit“</em> im Alltag wirkt, dokumentierte die Amerikanerin Hannah Shapiro, die seit fünf Jahren in Berlin lebt (der Name ist ein Pseudonym), im Juli 2024 in der Jüdischen Allgemeinen: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/nach-dem-angriff-in-berlin-mitte/">„Nach dem Angriff in Berlin-Mitte“</a>: <em>„Vor anderthalb Wochen wurden mein Freund und ich auf dem Weg zum Schabbat-Essen von palästinensischen Demonstranten in Mitte angegriffen, als wir anhielten, um ein Eis zu essen. Wir wurden ohne Zustimmung gefilmt, angeschrien und mit Vergewaltigung bedroht. Ich wurde bespuckt, weil ich eine Davidstern-Halskette trug. Mein Freund wurde geschlagen und an den Haaren zu Boden geschleift. (…) Während Juden wieder einmal in den Schatten gedrängt werden, sind die Menschen auf den Straßen von Berlin still. Niemand, der sah, wie die Männer uns angriffen, tat etwas. Keiner rief die Polizei. Mein Freund lag in einem Scherbenhaufen und schützte seinen Kopf, während ich zur Polizei rannte. Niemand fragte, ob er Hilfe brauchte. Die Polizei brachte uns in die Eisdiele, um uns vor dem Mob draußen zu schützen, der ‚Eine Lösung! Eine Lösung!‘ skandierte. Währenddessen liefen die Leute weiter an dem Mob vorbei, um sich ein Eis zu bestellen – so als würde nichts passieren.“</em></p>
<p>Alle Jüdinnen und Juden werden in solchen Ereignissen in Kollektivhaftung genommen, ihnen wird eine Kollektivschuld unterstellt. Eine <a href="https://koas-bildungundforschung.de/forschung-projekte/bundesweite-studie-zu-den-auswirkungen-des-terroristischen-anschlags-am-7-oktober-2023-auf-die-juedische-und-israelische-community-in-deutschland/">Langzeitstudie der Fachhochschule Potsdam und des Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung</a> in Berlin belegt die nachhaltige Wirkung der unmittelbar nach dem Pogrom vom 7. Oktober einsetzende Welle des Antisemitismus in Deutschland. <a href="https://evangelische-zeitung.de/antisemitismus-situation-ist-eine-anhaltend-hohe-belastung-fuer-juden-2">Franziska Hein berichtete in der Evangelischen Zeitung</a>: <em>„Jüdinnen und Juden würden permanent aufgefordert, Rechenschaft über ihre politische Position zum Nahost-Konflikt abzulegen. (…) Typisch für Antisemitismus sei zudem, dass komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf einzelne Personen oder Gruppen projiziert würden. Jüdinnen und Juden würden für den Krieg in Gaza kollektiv verantwortlich gemacht.“</em> Ähnlich erging es Menschen, die als Araber:innen identifiziert wurden. Sie wurde für den Terrorangriff der Hamas kollektiv ebenso in Haftung genommen.</p>
<p>Mit einer solchen Argumentationskette wird die Kritik an dem Vorgehen der IDF in Gaza – oder auch dem Vorgehen gewalttätiger Siedler im Westjordanland – geschwächt und sie verstärkt die Kompromisslosigkeit der israelischen Regierung. Netanjahu und seine Koalitionspartner können sich mit dem pauschalen Antisemitismusvorwurf aus der Verantwortung herausreden. Der Angriff auf Katar, die Offensive auf Gaza-Stadt, die Ankündigungen, die besetzten Gebiete zu annektieren, die nationalistisch-imperialistisch-faschistoiden Invektiven von Smotrich und Ben-Gvir, denen Netanjahu nicht widersprach, sie hingegen mitunter selbst äußerte – all dies sorgte in den vergangenen zwei Jahren zunehmend dafür, dass Israel sich selbst in der Welt isolierte. Die Anerkennung mehrerer westeuropäischer Staaten für einen palästinensischen Staat – gemeint ist die Regierung der palästinensischen Autonomiebehörde – ist nur der Gipfel eines Eisbergs, den die israelische Regierung mit ihrem kompromisslosen Vorgehen in Gaza selbst geschaffen hat.</p>
<p>Die Argumente der Liberalen, Demokraten und Linken in Israel werden kaum noch wahrgenommen oder sogar umgedeutet. Sie verschwinden in einer eigentlich unsinnigen Debatte um einen Begriff wie <em>„Staatsräson“</em>, der in einer Knessetrede wie seinerzeit in der Rede von Angela Merkel, seine Berechtigung hatte, aber kein konkretes Konzept für das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel hervorbringen kann. Im Grunde ist der Begriff auch eine <em>„umherwandernde Struktur“</em> im Sinne von Eva Illouz. Meron Mendel hat den Begriff in seinem Buch „Über Israel reden – Eine deutsche Debatte“ (Köln, Kiepenheuer &amp; Witsch, 2023, das Buch erschien vor dem 7. Oktober) dekonstruiert. Der Begriff postuliert etwas, das weder klar definierbar noch konsensfähig ist. Im Grunde verhindert er Dialog: <em>„Angela Merkel und weitere deutsche offizielle Amtsträger haben den deutschen Staat auf die Sicherheit eines anderen Staates verpflichtet. Ausgelassen wurde die Frage, was Israel tun oder unterlassen solle, damit diese Garantie in Zukunft bestehen kann. Das Versprechen wurde nicht einmal an Bedingungen geknüpft, wie etwa an das Fortbestehen der israelischen Demokratie.“</em> Meron Mendel fährt fort:<em> „Im Jahr 2008 war es vermutlich nicht vorstellbar, dass diese so fragil ist. Als Israeli hat mich Merkels Rede damals gerührt. Heute blicke ich mit Angst auf die politischen Entwicklungen in Israel (…). Wie kann eine deutsche Staatsräson für Israels Sicherheit das Land vor der Gefahr der demokratischen Selbstzerstörung schützen?“</em></p>
<h3><strong>Nach dem 13. Oktober 2025</strong></h3>
<p>Der 13. Oktober 2025 war hoffentlich ein Anfang. Es ist noch ein sehr langer Weg zu einem dauerhaften Frieden, zum Ende jeden Terrors, gleichviel ob von palästinensischen Terroristen oder israelischen Siedlern im Westjordanland, zum Ende jeglicher Spielarten von Antisemitismus, auch in Deutschland, zum Ende der Versuche Netanjahus, die israelische Demokratie zu zerschlagen, zu einem palästinensischen Staat. Auch die Aufarbeitung des Staatsversagens am 7. Oktober 2023 in Israel steht noch aus: Die Späherinnen von Nahal Oz hatten schon vor dem Überfall mehrfach gemeldet, dass jenseits der Grenze in Gaza sich Terroristen zusammenfänden, die einen Überfall trainierten. Die israelische Regierung wollte nicht hören.</p>
<p>Erst Donald Trump gelang es mit seiner <em>„Bulldozer“</em>-Methode (den Begriff verwendete Zeruya Shalev in ihrem oben zitierten Beitrag), Netanjahu zu einer (vorläufigen) Einsicht zu bringen und nach 738 Tagen am 13. Oktober 2025 die letzten noch lebenden Geiseln nach Hause zu bringen. Trump ließ dem israelischen Kabinett keine andere Wahl, als seiner Friedensinitiative zuzustimmen. Und es gelang ihm, die arabischen Staatschefs und sogar die Türkei zu gewinnen! Er schaffte es sogar, Netanjahu im Oval Office zu einer telefonischen Entschuldigung für die Bombardierungen eines mutmaßlichen Aufenthaltsorts von Hamas-Führern in Doha zu bewegen (<a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-09/angriff-katar-israel-hamas-verhandlungen-waffenstillstand-gxe">Lea Frehse nannte diese Bombardierung in der ZEIT mit Recht einen Anschlag auf die Diplomatie</a>. Das war im Übrigen auch der 7. Oktober, denn die Hamas verfolgte auch das Ziel, jede Annäherung zwischen Israel und weiteren arabischen Staaten nach dem Muster der Abraham-Abkommen von 2020 zu verhindern.)</p>
<p>Wir müssen ehrlich sein: Niemand weiß wie es weiter geht. Israel ist stark und schwach zugleich. Das Vorgehen der IDF war ungeachtet ihres brutalen Vorgehens durchaus erfolgreich. Israels Feinde sind so schwach wie nie zuvor. Hisbollah und Hamas haben ihre Anführer verloren. Der Iran, der sie finanzierte und unterstützte, und die jemenitischen Huthis wurden ebenfalls geschwächt. Die arabischen Staaten rund um Israel und die palästinensischen Gebiete wollen Ruhe. Die Entwaffnung der Hamas (durch wen eigentlich?) und der Hisbollah (durch den gestärkten, aber in sich nach wie vor schwachen libanesischen Staat) werden jedoch nicht einfach. Und was ist mit all den palästinensischen Splittergruppen, dem Islamischen Dschihad, der sich am 7. Oktober beteiligte, der PFLP (Volksfront für die Befreiung Palästinas)? Wo Waffen sind, finden sich immer wieder Terrorgruppen, die sie nutzen, möglicherweise auch außerhalb der Region. Die Instabilität Syriens ist ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Das Westjordanland ist angesichts der ständigen Übergriffe der Siedler, die die von Ben-Gvir befehligte Polizei gewähren lässt, ohnehin ein Pulverfass.</p>
<p>Hinzu kommt die gefährliche Sympathie der israelischen Regierung für falsche Freunde, auf die Eva Illouz im April 2025 in einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-israel-preis-verweigert-unterschrift-westjordanland-gastbeitrag-li.3230131">Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung</a> hinwies. Offenbar sieht die Regierung bei europäischen Rechtsextremisten keine antisemitische Bedrohung. So <em>„empfing die israelische Regierung Vertreter rechtsextremer Parteien aus der ganzen Welt. Zwei rechtsextreme Politiker aus Frankreich, Jordan Bardella des Rassemblement National und Marion Maréchal, Mitglied des Europäischen Parlaments, zogen durch die Straßen von Jerusalem. Ihre Partei und die Ideen, die sie vertreten, verteidigen eine christliche Zivilisation, die Juden in der Vergangenheit als gefährlich und minderwertig angesehen hat. Viele ihrer Wähler sind antisemitisch eingestellt. / Der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Amichai Chikli, erwägt sogar den Aufbau von Beziehungen zur AfD, einer Partei, die nicht einmal versucht, die Nationalsozialismus-Nostalgie einiger ihrer Mitglieder zu verheimlichen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige von ihnen heimlich darüber lachen, dass israelische Juden sie jetzt mit Verbündeten verwechseln und dass Israel ihnen einen moralischen Status verleiht, der ihnen in ihrer eigenen Gesellschaft verwehrt bleibt. Die Geschichte ist nicht tragisch oder absurd, sie strotzt vielmehr vor Ironie.“ </em></p>
<p>Welche innenpolitischen Ziele wird die israelische Regierung verfolgen? Wird sie von ihren geplanten Justizreformen ablassen? Sehr wahrscheinlich ist das nicht, es sei denn, sie wird bei hoffentlich bald anberaumten Wahlen in die Opposition geschickt. Das ist immerhin nach den aktuellen Umfragen wahrscheinlicher als dass der am 8. Oktober explodierte Antisemitismus in den westlichen Ländern, der latent ohnehin schon immer vorhanden war, von einem auf den anderen Tag verschwindet.</p>
<p>Die Demonstrationen gegen die Regierung Netanjahus, für die Befreiung aller Geiseln, für die Beendigung des Krieges, belegen, dass sehr viele Menschen in Israel ihre Demokratie – die einzige in der gesamten MENA-Region – wertschätzen und wie sehr sie sie bedroht sehen, nicht nur durch den Terrorismus von außen, eben auch durch die eigene Regierung. Würde man die Zahl der Teilnehmenden an den Demonstrationen auf deutsche Bevölkerungszahlen umrechnen, wären dies etwa sieben bis zehn Millionen Menschen in jeder Woche vor dem Brandenburger Tor.</p>
<p>Sarah Levy, Ayelet Gundar-Goshen, Eva Illouz und viele andere haben die Zerrissenheit beschreiben, unter der so viele Menschen in Israel leiden. Sabine Brandes, Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen, berichtete am 4. September über den Schulbeginn in Israel am 26. August 2025: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/endlich-wieder-schule/">„Endlich wieder Schule“</a>. 180.000 Kinder wurden eingeschult, doch es war etwas anders als zuvor: Erstmals wurde eine Mehrheit der Kinder in orthodoxen statt in säkularen Schulen eingeschult. Sabine Brandes berichtete auch von Widerspruch und Widerstand am ersten Schultag: <em>„Doch der Krieg ist noch nicht vorbei: Zum zweiten Mal begann das Schuljahr inmitten der andauernden Kämpfe gegen die Hamas in Gaza. Hunderte von Gymnasiasten schwänzten den ersten Schultag, um an Kundgebungen für einen Waffenstillstands- und Geiselbefreiungsdeal teilzunehmen. / Andere erschienen zwar zum Unterricht, trugen als Zeichen der Solidarität aber gelbe T-Shirts- der Farbe des Kampfes für die Freilassung der Geiseln – statt den für diesen Tag üblichen weißen.“ </em>Organisiert hatten den Streik Schülervereinigungen. Anlass der Demonstrationen war auch eine Entscheidung des Bildungsministeriums, <em>„dass in den Abiturprüfungen nicht mehr zu Themen wie den Prinzipien einer liberalen Demokratie, der Bedeutung einer Unabhängigkeitserklärung oder Verfassung als Kontrolle der Staatsmacht geprüft wird. Nach wie vor werden aber Konzepte eines Staates mit religiös-traditioneller Identität und die Rolle des religiösen Rechts abgefragt.“</em></p>
<p>Die Überlebenden des Terrorangriffs hätten eine Antwort auf die eigentlich ganz einfache Frage. Zelda Biller formuliert sie im September 2025 in der ZEIT: <a href="https://www.zeit.de/2025/39/cafe-nilus-tel-aviv-schriftsteller-models">„Die weißen Tischdecken fehlen, die Songs sind trauriger“</a>: <em>„Werde ich eines Tages im Nilus oder in dem nächsten Tel Aviver Boheme-Café sitzen und auf Israel schimpfen, oder werde ich es weiter von Europa aus romantisieren? Vermutlich ist der Traum am Ende immer schöner als die Realität.“ </em>Oder ganz anders gefragt: Wird es wieder ein Nova-Festival geben? Sicherlich nicht unmittelbar auf dem Gelände in Re’im, das zur Gedenkstätte geworden ist, aber vielleicht nebenan.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 16. Oktober 2025. Das Titelbild zeigt DJ Skazi am 28. November 2023 vor den Bildern der am 7. Oktober 2023 von der Hamas ermordeten und verschleppten Teilnehmer:innen des Nova-Festivals in Re’im, nahe der Grenze zwischen Israel und Gaza. Foto:  Yonatan Sindel. Courtesy: Jüdisches Museum Frankfurt am Main. Das Bild war auch Teil der Ausstellung „Im Angesicht des Todes“, die im Mai 2025 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/auf-simches-der-tod-und-das-leben/">„Auf Simches – Im Angesicht des Todes“</a> vorgestellt wurde):</p>
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		<title>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Jul 2025 02:46:02 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene Ein Gespräch mit der Übersetzerin Iryna Herasimovich Belarus wird in den deutschen Medien kaum noch erwähnt, allenfalls, wenn es um die russländische Bedrohung gegenüber den baltischen Staaten geht, weil es möglich wäre, dass zwischen Belarus und der Enklave Kaliningrad die sogenannte Suwałki-Lücke bei einem russländischen Angriff angegriffen und die  [...]</p>
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<h1><strong>Vom Überleben der belarusischen Kulturszene</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der Übersetzerin Iryna Herasimovich</strong></h2>
<p>Belarus wird in den deutschen Medien kaum noch erwähnt, allenfalls, wenn es um die russländische Bedrohung gegenüber den baltischen Staaten geht, weil es möglich wäre, dass zwischen Belarus und der Enklave Kaliningrad die sogenannte Suwałki-Lücke bei einem russländischen Angriff angegriffen und die baltischen Staaten von jeder Landverbindung zur Europäischen Union abgeschnitten werden könnten.</p>
<div id="attachment_7306" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7306" class="wp-image-7306 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Buchhandlung-zum-Zytglogge-Zuerich-33-Buecher-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7306" class="wp-caption-text">Buchhandlung zum Zytglogge mit einer Auslage zu 33 Bücher für Belarus. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p>Es ist etwa fünf Jahre her, dass viele Menschen gegen die Wahlfälschungen Lukaschenkas demonstrierten. Im Januar 2025 hat sich Lukaschenka erneut als Präsident bestätigen lassen. Proteste blieben aus, weil die meisten Oppositionellen entweder im Gefängnis sind oder im Ausland leben. Iryna Herasimovich, Übersetzerin, lebt und arbeitet seit 2021 in Zürich, promoviert bei der Slavistin <a href="https://www.slav.uzh.ch/de/seminar/mitarbeitende/litwiss/sylviasasse.html">Sylvia Sasse</a> und sorgt mit ihr und anderen Kolleginnen und Kollegen für die Herausgabe der Reihe <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de">„33 Bücher für ein anderes Belarus“</a>, Bücher, die in belarusischer Sprache erscheinen, einige auch zweisprachig. Über die Aktion hatte Iryna Herasimovich bereits im Dezember 2022 im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> informiert: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sehende-menschen-machen-mir-hoffnung/">„Sehende Menschen machen mir Hoffnung“</a>.</p>
<p>Im Frühjahr 2025 erschien das in der Reihe von ihr gemeinsam mit <a href="https://www.uni-bamberg.de/slavart/personen/dr-nadine-menzel/">Nadine Menzel</a> und <a href="https://www.zfl-berlin.org/people-detail/weller.html">Nina Weller</a> herausgegebene Buch <a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/news/Nullpunkte">„Befragungen am Nullpunkt“</a> (Zürich, Edition Schublade). Das Buch wurde vom German Marshall Fund, dem Slavischen Seminar der Universität Zürich, dem Goethe-Institut sowie privaten Spendern finanziert (die Spenden-Kampagne wird auch für die weiteren geplanten Bände fortgesetzt, Bankverbindung auf der Internetseite). Als Projektpartner trat auch das <a href="https://www.akno.network/">Akademische Netzwerk akno e.V.</a> auf.</p>
<p>„Befragungen am Nullpunkt“ bietet in deutscher und in belarusischer Sprache einen hervorragenden Überblick, Porträts, Gespräche mit Kunstschaffenden über die Literatur-, Theater und Kunstszene in und aus Belarus, durchweg von verschiedenen Künstler:innen begleitet. Die Gestalterin Antanina Slabodchykava hat aus den Werken belarusischer Kunstschaffenden eine Art visuellen Kommentar zu den Texten gemacht.</p>
<p>Im Vorwort schreiben die Herausgeberinnen: <em>„Dieses Heft ist eine Einladung, sich auf das unebene Terrain einer Kulturszene in existenzieller Not zu bewegen.“</em> Dazu dienen auch historische Beiträge zur belarusischen Kunst in den 1980er und 1990er Jahren, der Hinweis auf Stalin, der am 30. August 1937 in Minsk 130 Dichter, Wissenschaftler, Kulturschaffen erschießen ließ. Zum Verständnis der heutigen Situation ist es unabdingbar, die Netzwerke und Entwicklungen, die Kontinuitäten und Diskontinuitäten sichtbar zu machen, es geht nicht nur um Momentaufnahmen. Es gab in den 1990er Jahren auch Unterstützung von außen, beispielsweise über die <a href="https://www.opensocietyfoundations.org/who-we-are">Stiftungen von George Soros</a>, der in allen ehemaligen Sowjetrepubliken Zentren für zeitgenössische Kunst eingerichtet hatte, außer in Belarus. 1999 entstand die „Assoziation für zeitgenössische Kunst“, 2002 das <a href="https://www.eurozine.com/journals/partisan/">Kunstmagazin pARTisan</a>. Historische und aktuelle Entwicklungen werden im Kontext reflektiert und sichtbar, gerade auch in Relation zu den Entwicklungen in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Die Publizistin <a href="https://freischreiber.de/profiles/peggy-lohse/">Peggy Lohse</a> zitiert einen der belarusischen Autoren mit den Worten: <em>„Jegliche seriöse Kunst ist immer Protestkunst, sogar Lyrik ist Protest.“</em></p>
<h3><strong>Lukaschenka laviert</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Belarus ist in den westlichen Ländern weitgehend aus der Aufmerksamkeit verschwunden. Man konzentriert sich zurzeit vor allem auf die Ukraine, im Wechsel mit der Lage in Israel und Gaza.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das sind auch wichtige Themen, keine Frage. Aber es tut mir sehr weh, dass Belarus in Westeuropa so gut wie vom Radar verschwunden ist. Wenn das Thema auftaucht, wird es vom Krieg Russlands gegen die Ukraine überschattet. So geht verloren, dass die Repressionen in Belarus immer noch auf Hochtouren laufen. Das eine darf auf keinen Fall gegen das andere ausgespielt werden.</em></p>
<p><em>Lukaschenka </em>„<em>handelt“ mit Gefangenen. Er verwendet die Gefangenen, um Signale in den Westen zu schicken. So begnadigt er immer wieder Gefangene, oft Mütter mit Kindern, Ende Juni auf Druck der USA gemeinsam mit 14 weiteren Gefangenen sogar Siarhei Tsichanousky, den Ehemann der 2020 für ihn angetretenen Präsidentschaftskandidatin Sviatlana Tsichanouskaja. Man weiß aber nicht, wer auf welchen Listen steht. Gerade habe ich noch einen </em><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em>Artikel von </em></a><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em> Boris Ginzburg</em></a><a href="https://css.ethz.ch/en/publications/belarus-analytical-digest/details.html?id=/n/o/0/0/no_002_state_repression_in_belarusnr_002"><em> redigiert, der von einer „Signaldiplomatie“ Lukaschenkas spricht</em></a><em>, der dem Westen, Europa und den USA, Signale senden wolle, dass er dialogbereit ist. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Repressionen damit nicht gestoppt sind. Die Signale werden wahrgenommen. Europa will jedoch nicht zulassen, dass sich Lukaschenka Europa annähert. Einerseits ist es gut, dass Europa konsequent in der Distanz zu Lukaschenka ist, weil man damit die Unzulässigkeit der Gewalt unterstreicht, andererseits drängt die Standhaftigkeit Europas Lukaschenka immer stärker in Putins Arme.</em></p>
<p><em>Wir haben einen sehr komplizierten Fall eines kolonial-diktatorischen Repressionsgeflechts. „Kolonial-diktatorisch“, das ist ein Begriff, den ich unter anderem in meiner Dissertation herauszuarbeiten versuche und den ich hier das erste Mal öffentlich nenne. Da sind zum einen die internen Repressionen in Belarus. Und Lukaschenka, der die Diktatur als eine nicht nur akzeptable, sondern in der jetzigen chaotischen Welt sogar erstrebenswerte Staatsform propagiert. </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/demokratie-als-chaos-diktatur-als-ordnung-ueber-das-rebranding-von-diktatur/"><em>Sylvia Sasse und ich haben einen längeren Artikel über die Erzählung von Diktatur als stabiler Ordnung geschrieben</em></a><em>.</em></p>
<p><em>Zum anderen steht Lukaschenka selbst unter großem Druck durch Russland und Putin. Nicht alle, die gegen Lukaschenka sind, haben immer die Gefahr der wie auch immer gearteten Vereinnahmung gesehen, die kulturell, wirtschaftlich und politisch funktioniert und seitens Russlands die ganze Zeit da war. Einige fanden das Regime in Belarus zwar schlimm, reproduzierten aber das Muster, bei dem Russland ein Zentrum und Belarus eine Peripherie ist. Ein sehr einfaches Beispiel: Während der Revolution haben viele Protestierende aus russischen Medien die Informationen bezogen oder die Analysen der belarusischen Situation bevorzugt, die aus Russland kamen.</em></p>
<p><em>Andererseits gibt es auch Menschen, die zwar gegen Lukaschenka sind, aber ihn immer noch besser finden als jemanden, der voll und ganz ein Handlanger Moskaus sein wird. Lukaschenka will nicht in die absolute Abhängigkeit von Putin geraten. Das wird oft übersehen. Er wird als treuer Vasall Putins dargestellt, doch dies stimmt nicht. Seine Leitidee ist die eigene Macht und für diese ist Putin ebenfalls eine Gefahr. Man kann das unter anderem daran sehen, wie Lukaschenka die Nähe zu Russland deklariert, aber gleichzeitig die Fusion der beiden Länder zu einem Unionsstaat seit vielen Jahren hinauszögert oder pro-russische Aktivistinnen und Aktivisten verhaften lässt. Es gibt eine merkwürdige Gruppe pro-russischer Aktivistinnen und Aktivisten in Belarus, von denen sich nicht sagen lässt, ob es sich um Leute vom russischen Geheimdienst, vom FSB, handelt oder ob sie eigenständig handeln. Sie übernehmen die Rolle besorgter Bürgerinnen und Bürger und haben ziemlich viel Einfluss. Das kommt noch aus der sowjetischen Tradition: dass es in den Zeitungen zuerst Artikel (oft) von namenlosen Vertreter:innen des Volkes erscheinen, die sich über dieses oder jenes beklagen, worauf die Behörden dann „reagieren”. „Die Vertreter:innen des Volkes” waren aber Teil der staatlichen Inszenierung und schufen nur äußerliche Anstöße beziehungsweise Rechtfertigungen für Hetzkampagnen, die sowieso schon geplant waren. Dieses Muster der besorgten Bürger:innen, die sich um Ordnung im Land bemühen, kann man auch bei den pro-russischen Aktivist:innen in Belarus beobachten.</em></p>
<p><em>Da diese Aktivist:innen immer wieder auch belarusische Behörden beschuldigen, sie wären nicht pro-russisch genug oder nicht treu genug gegenüber dem sowjetischen Erbe etwa des Sieges im Grossen Vaterländischen Krieg, stellt sich die Frage, in wessen Interessen diese Menschen eigentlich handeln. </em></p>
<p><em>Das sind nur einige Akteur:innen und Themen des höchst komplexen, unübersichtlichen und intransparenten Repressionsgeflechts, das von der staatlichen Propaganda und Desinformation, sowohl russischer als auch belarusischer, verstärkt bzw. vernebelt wird. Das ist – auch mit der Unsichtbarkeit nach außen – ein sehr gefährliches Gemisch. Viele stellen sich ein autoritäres oder diktatorisches Regime als Übermaß an Kontrolle und (erzwungener) Ordnung vor, in Wirklichkeit ist es aber ein großes unübersichtliches Chaos, Sylvia Sasse analysiert das zum Beispiel sehr eindrücklich in ihrem Artikel noch aus dem Jahr 2017, ich würde ihn gern auch beziehungsweise vor allem heute zur (Re)lektüre empfehlen:</em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/autoritaere-unordnung/"><em> Autoritäre Unordnung – Geschichte der Gegenwart.</em></a><em> Wir sehen heute in vielen Ländern das Aufkommen von Politikern, die wie von Donald Trump vorgeben, sich um “Ordnung” zu bemühen, aber Chaos stiften.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe den Eindruck, dass es ein großer Erfolg für Lukaschenka ist, dass er in der Ukraine keine belarusischen Truppen einsetzen muss. Es gibt lediglich gemeinsame Manöver des belarusischen und russländischen Militärs. Belarusische Truppen hätten eigentlich näher gelegen als Truppen aus Nordkorea. Lukaschenka hält eine gewisse Eigenständigkeit aufrecht, indem er intern eine hohe Repression aufrechterhält.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Es wird ihm tatsächlich zugutegehalten, dass belarusische Truppen nicht am Krieg in der Ukraine beteiligt sind. Belarus wurde zumindest de jure nicht von Russland eingenommen. Man spricht allerdings von einer schleichenden Annexion durch Russland. Es gibt Stimmen, die sagen, dass Putin Belarus als ein quasi neutrales Land für den Rückzug seiner Truppen braucht, als Pufferzone, auch als Umwegland wegen der wirtschaftlichen Sanktionen, die sich für beide Länder unterscheiden. Es könnte somit in Putins Interesse liegen, dass Belarus eine scheinbar neutrale Zone bleibt. Es könnte auch ein Verdienst Lukaschenkas sein. Aber niemand weiß, welchen Spielraum er wirklich hat. Man kann beobachten, dass er symbolische Zugeständnisse an Putin macht, indem er zum Beispiel zur Militärparade am 9. Mai nach Moskau fährt und die eigene belarusische Parade dafür verlegt.</em></p>
<h3><strong>„Der Zwang, sich mit sich selbst zu beschäftigen“</strong></h3>
<div id="attachment_7310" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Nullpunkt"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7310" class="wp-image-7310 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.png 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.png 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-und-andere-Befragungen-am-Nullpunkt.png 600w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7310" class="wp-caption-text">Mit einem Klick auf das Bild erhalten Sie weitere Informationen über das Buch.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einer der Autoren in „Befragungen am Nullpunkt“ sagte, er sei nicht im <em>„Exil“</em>, sondern befinde sich <em>„auf einer kreativen Dienstreise“</em>. Die Einreise beziehungsweise Rückreise von Kunstschaffenden, die das Land nach der Niederschlagung des Aufstands verlassen haben, ist nach wie vor äußerst gefährlich.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>:<em> Genau. Das kann man auf eigene Gefahr machen. Es ist eine Lotterie. Es wird immer riskanter, nach Belarus zu fahren. Viele, die längere Zeit nicht in Belarus waren, werden bei der Einreise extrem stark kontrolliert, befragt. Es gibt auch Fälle, dass Menschen verhaftet wurden, weil es ein bestimmtes Foto im Handy gab. Sie verschwanden und niemand wusste, wo sie waren. Es gibt einige, die über Russland einzureisen versuchen, denn es gibt in Belarus und in Russland unterschiedliche schwarze Listen, aber man weiß nicht, ob man auf einer oder sogar auf beiden Listen steht. Nicht alle schwarzen Listen sind publik, das ist noch ein Beispiel dafür, wie in einem diktatorischen System Intransparenz, Diffusität und Chaos produziert werden. Man kann nicht wirklich durchblicken und so hat man das Gefühl, ausgeliefert zu sein. </em></p>
<p><em>Es ist zum belarusischen Volkssport geworden, sich selbst zu googeln, um herauszufinden, womit man dem Sicherheitsdienst aufgefallen sein könnte, um die Gefahren abzuschätzen. Im Grunde ist das eine investigative Arbeit gegen sich selbst. Sylvia Sasse formulierte das sehr treffend als den „Zwang, sich mit sich selbst zu beschäftigen“. Wenn ich zum Beispiel meinen Namen eingebe, finde ich jede Menge Artikel und Bilder. Da habe ich mal über den Krieg in der Ukraine geschrieben, mal kommentiere ich Proteste in Belarus, mal trete ich mit jemandem auf, der oder die bereits den durchaus ehrenwerten Titel eines „Extreminsten oder einer Extremistin” trägt. All das sieht auch der Sicherheitsdienst auf den ersten Blick. Wer mich an der Grenze googelt, findet sehr viel über mich. Einiges von dem, was ich schreibe und veröffentliche, könnte in Belarus als „Extremismus“ eingestuft werden. Im entsprechenden Gesetz gehört zu den „extremistischen Tätigkeiten” unter anderem „die Verbreitung von wissentlich falschen Informationen über die politische, wirtschaftliche, soziale, militärische oder internationale Lage der Republik Belarus, die Rechtslage der Bürger in der Republik Belarus, die die Republik Belarus diskreditieren”. Sie ahnen schon, wer entscheidet, welche Informationen richtig und welche falsch sind…</em></p>
<p><em>Wie viele Jahre Haft man dafür bekommt, kann man nur raten. Dabei darf man nicht vergessen, dass belarusische Gefängnisse nach wie vor Folteranstalten sind. Menschen sterben, medizinische Hilfe wird verweigert. Man weiß nicht, ob man gesund oder gar lebend herauskommt. </em></p>
<p><em>Nach der sowjetischen Tradition kommt außerdem noch Sippenhaftung dazu. Familienangehörige, Verwandte werden befragt, verhört, festgenommen. </em></p>
<p><em>Das alles hat man im Hinterkopf bei jeder Aktion, die mit Belarus verbunden ist, und erwägt alles ganz kleinschrittig. </em></p>
<p><em>Ursprünglich war zum Beispiel geplant, das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ auch online auf der Seite der Leipziger Universität zu veröffentlichen. Das haben wir auf Anfrage eines Autors aus Sicherheitsgründen nicht getan. In Papierform ist das Buch einfach schwerer zu erhalten. Auch für die Behörden in Belarus. </em></p>
<p><em>Bei jedem Buch unserer Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” planen wir unsere Schritte immer auch im Hinblick darauf, was das für die Sicherheit der Autor.innen und anderer Beteiligter bedeutet, das letzte Wort haben aber immer die Autor:innen: Wir wollen einerseits niemanden gefährden, andererseits aber auch niemanden bevormunden. Noch aus meiner Zeit in Belarus weiß ich, wie unangenehm es war, irgendwo nicht eingeladen zu werden, weil man mich nicht gefährden wollte, und dann sprachen andere Menschen für mich, die vielleicht zur Zeit der Revolution gar nicht im Land waren. Sicherheit ist wichtig, aber auch die Integrität der Menschen und ihr Recht, selbst zu entscheiden, wann sie sprechen und was sie in diesem Zusammenhang in Kauf nehmen wollen. Derzeit haben wir e</em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Tagebuch-2021-2022"><em>in anonymes Tagebuch</em></a><em> aus Belarus im Druck. Die Autorin bleibt bewusst in Belarus und fordert Respekt für ihre Entscheidung ein. Es ist ihr enorm wichtig, Zeugenschaft über ihre Erfahrungen abzulegen. Ich habe an dem Buch als Lektorin mitgearbeitet und sehr genau den ganzen Prozess verfolgt: Wie die einzelnen Tagebucheinträge möglichst genau so behalten, wie sie waren, aber niemanden dabei gefährden? Die Situation im Land hat sich in diesen zwei Jahren, als das Buch in Vorbereitung war, noch einmal verschärft. Die Autorin hat sich entschieden, nichts am Text zu ändern, ihren Namen aber nicht zu nennen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht darf ich in dem Zusammenhang auf einen Band mit Erzählungen von Frauen aus Afghanistan verweisen, das <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weltliteratur-im-exil/">im Rahmen von „Weiter Schreiben“</a> herausgegeben wurde, ein Programm, an dem Sie sich auch beteiligen. Das Buch erhielt mehrere Auszeichnungen. Mehrere Autorinnen veröffentlichen anonym, nicht nur Autorinnen, die noch in Afghanistan sind, auch einige, die in westlichen Ländern, beispielsweise in Schweden, leben, die aber ihre Familienangehörigen in Afghanistan nicht gefährden wollen.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Wir haben auch diskutiert, ob wir in unserem eben von mir beschriebenen Fall ein Pseudonym verwenden sollten, aber die Autorin sagte, das wolle sie nicht, weil sie dazu gezwungen wäre. So bleibt es bei der Anonymität. Wir machen die Abwesenheit des Namens ganz bewusst sichtbar. </em></p>
<p><em>Die Repressionen sind übrigens ein sehr dynamischer Prozess, es kommt immer wieder etwas Neues dazu.</em></p>
<p><em>Gerade haben wir erfahren, dass der Instagram-Account des Verlags Skaryna der belarusischen Diaspora in London für „extremistisch” erklärt worden ist. Es wird nicht der gesamte Verlag für „extremistisch“ erklärt, sondern es geschieht in Schritten. Es fängt mit einem Instagram-Account an, dann kommt der youtube-Account hinzu, dann ein einzelnes Buch. Es ist kein Automatismus, dass ein Buch, das auf einem als „extremistisch“ markierten Account beworben wird, dann auch gleich „extremistisch“ ist. Das ist dann Auslegungssache der Vertreter der jeweiligen Behörden, auf die man trifft, der Polizisten, der Grenzbeamten. Dieses Vorgehen ist im Sinne der Diffusität, von der ich sprach, eine besondere Schikane. Man kann sich schon fragen, warum nicht gleich alle Internetauftritte eines Verlags für „extremistisch“ erklärt werden, obwohl dort dieselben Informationen zu finden sind. Die Behörden nutzen den Interpretationsspielraum als Spielfläche der Macht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wird Schein-Sicherheit erzeugt, obwohl eigentlich alle wissen, dass mit dem ersten Verbot, der ersten Markierung eines Textes, eines Auftritts als <em>„extremistisch“</em> die nächsten Markierungen und Verbote folgen werden. Und es sorgt natürlich für Einschüchterung. Man weiß nie, ob das, was man sagt, ignoriert wird, eine kleine Geldstrafe nach sich zieht oder 15 Jahre Gefängnis.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>:<em> Inzwischen ist es für die meisten klar, dass es keine Nischen der Sicherheit gibt. Aber man verschwendet trotzdem viel Energie dafür herauszufinden, welche Logik dahintersteckt. Die Logik ist aber eigentlich ganz einfach. Es ist Willkür.</em></p>
<div id="attachment_7309" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7309" class="wp-image-7309 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-300x246.jpg" alt="" width="300" height="246" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-200x164.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-300x246.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-400x328.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-600x492.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-768x630.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-800x656.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1024x840.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1200x984.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Iryna-Herasimovich--scaled-e1752986765932-1536x1260.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7309" class="wp-caption-text">Iryna Herasiovich mit dem Buch von Zmicier Vishnioŭ, Ich bin das Fleisch, das Zmicier zubereitet hat. Foto: Privat.</p></div>
<p><em>Es geht so weit, dass auch alle Follower auf den verschiedenen Accounts mitbetroffen sein können. Wer irgendetwas – beispielsweise von dem Verlag, den ich eben erwähnte – geteilt hat oder auch einfach das Buch gekauft hat, ist in Gefahr. Unsere Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” hat mit dem Skaryna-Verlag zusammen den </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/ich-bin-das-fleisch-das-zmicier-zubereitet-hat"><em>Roman von Zmicier Vishnioũ</em></a><em><u> „Ich bin das Fleisch, das Zmicier zubereitet hat” veröffentlicht</u></em><em>, jetzt dürfen wir raten, inwieweit unsere Aktion auch mitbetroffen sein kann. Das Buch ist ja (noch) nicht „extremistisch”. Es ist wie ein Spiel, bei dem man mitspielen muss, aber die Regeln nicht kennt, genauer gesagt, die Regeln werden ständig umgeschrieben – nie zu unseren Gunsten. </em></p>
<p><em>Wir suchen übrigens nach einem deutschsprachigen Verlag für diesen wagemutigen Roman über das Exil und die Diktatur, über die Unmöglichkeit der Rückkehr und die Unmöglichkeit, alles auf einmal hinter sich zu lassen. Eine großartige Kombination aus dem Phantastischen und dem Dokumentarischen, die auch die Absurdität der Diktatur sehr gut aufgreift.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wie absurd das alles ist, beschrieb kürzlich Wolfgang Both in einem in meinem Magazin veröffentlichten Artikel über George Orwells Buch „1984“: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">„Wie George Orwells ‚1984‘ fast in der DDR erschienen wäre“</a>. Er beschreibt die Geschichte von Anfang an, mit all den Schikanen, der Verurteilung von Menschen, die das Buch aus dem Westen geschmuggelt oder anderweitig gekauft hatten, von Tarnschriften, bei denen man erst auf der zweiten Seite sah, was sich wirklich dahinter verbarg, bis hin zu den letzten Zuckungen des DDR-Regimes im Jahr 1989. Eine Reportage aus dem Nähkästchen einer Diktatur.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist genau diese Diffusität und Intransparenz, die wir in Belarus erleben.</em></p>
<h3><strong>„Unterschiedliches zur Sprache bringen“</strong></h3>
<div id="attachment_7312" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Nullpunkt"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7312" class="wp-image-7312 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Herasimovich-u.a.-Befragungen-am-Nullpunkt-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7312" class="wp-caption-text">Befragungen am Nullpunkt, ein Blick ins Buch. Weitere Informationen zum Buch erhalten Sie auch über einen Klick auf das Bild. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ ist ein ausgezeichneter „Tour d’horizon“ durch die aktuelle belarusische Kulturszene, in Belarus, im Exil beziehungsweise auf den erzwungenen <em>„kreativen Dienstreisen“</em>.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Dieses Buch ist unter anderem mein persönlicher Versuch, die Szene zu retten, zu der ich gehörte und immer noch gehöre, obwohl es sie in der früheren Form gar nicht mehr gibt. Ich bin meinen Mitherausgeberinnen Nadine Menzel und Nina Weller, dem Verlag Schublade und allen Beteiligten und Fördern unendlich dankbar, dass wir diesen Rettungsversuch zusammen unternehmen konnten, dass ihnen diese Szene genauso wichtig ist wie mir. Das war eine sehr bereichernde Arbeit, weil viele Perspektiven, von belarusischen Kunstschaffenden, den Studierenden und Forschenden der Universität Leipzig und Viadrina zusammenkamen. Das Zusammenkommen von verschiedenen Perspektiven kann man gerade im Falle von Belarus, diesem Raum, der immer noch viel zu oft übersehen wird, gar nicht hoch genug schätzen. Das genaue Hinschauen von verschiedenen Perspektiven aus rettet diesen Raum, diese Erfahrungsgemeinschaft. Mit dem Begriff „Erfahrungsgemeinschaft” haben wir viel beim Workshop “Diffuse Zonen. Belarusische Kunst zwischen Widerstand und Konformismus” gearbeitet, den ich im Rahmen des SNF-Forschungsprojektes “Künste und Desinformation”, bei dem ich mitarbeite, organisieren konnte. Es ging darum, was wir als belarusische Kunstschaffende miteinander teilen, unabhängig davon, welche Sprache wir sprechen oder welcher Generation wir angehören: Das sind eben die Erfahrungen, in einem autoritären bzw. diktatorischen System, aber gleichzeitig im Schatten des imperialen Russlands und in der Unsichtbarkeit unabhängige Kunst zu machen. Wenn man von den Erfahrungsgemeinschaften her denkt, zeigen sich unerwartete Parallelen zu anderen Erfahrungsgemeinschaften. Die Erfahrung der Unsichtbarkeit kennen Menschen aus Russland zum Beispiel kaum, dafür aber Transpersonen, auch in westeuropäischen Ländern. </em></p>
<p><em>Für mich sind sowohl der genannte Workshop als auch das Buch „Befragungen am Nullpunkt” wie auch die Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” Versuche, die „Erfahrungsgemeinschaft“ nicht nur zu erhalten, sondern auch zu erweitern, zu öffnen und nach Möglichkeit mit den anderen Erfahrungsgemeinschaften zu verknüpfen. Sowohl das Buch als auch der Workshop waren gesprächsorientiert. Meine tiefe Überzeugung ist, dass das Gespräch zu <u>der</u> Gattung unserer Zeit werden muss. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Genau das machen wir beide gerade. (Beide lachen)</p>
<p>Dazu passt auch, dass Sie in dem Buch einige Texte und Bilder zur Gattung Theater vorstellen. Theater ist vielleicht die Gattung, in der Gespräche und Perspektivwechsel offensichtlich immer eine zentrale Rolle spielen. Gleichviel in welcher Form, auch das Puppenspiel.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja, das Theater ist untrennbar mit dem Perspektivwechsel verbunden. Jeder Gang auf die Bühne bedeutet einen Perspektivwechsel. Als Zuschauerin erkläre ich mich bereit, die mir (auch ganz buchstäblich räumlich) angebotene Perspektive einzunehmen. Ob ich diese beibehalte, ist offen, aber zunächst nehme ich sie einmal ein und schaue. Das Schöne am Theater ist, dass das Angebot, eine bestimmte Perspektive einzunehmen, ganz offen stattfindet. In einer Diktatur wird einem auch eine Perspektive zugewiesen, dies allerdings versteckt. Das Theater der Diktatur gibt sich als solches nicht zu erkennen. </em></p>
<p><em>Aber zurück zum Buch: Was ich noch am Theater faszinierend finde, ist seine Gebundenheit an die Zeit. In unserem Band geht es unter anderem um eine Inszenierung von Jura Dziwakoũ. 2022 inszenierte er die Erzählung „Nastja” des russischen Autors Vladimir Sorokin. Er inszenierte sie in Polen unter anderem mit ukrainischen Schauspieler:innen. Allein die Konstellation von Stoff, Ort und Personen sorgte für viele Gespräche, es blieb aber nicht bei den Gesprächen, sondern sie ginge auch in Handlungen über. Die Möglichkeit des gemeinsamen Handelns ist das, was Jura Dziwakoũ am Theater am meisten schätzt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf Jura Dziwakoũ zitieren. Er sagt, er wolle im Theater <em>„Unterschiedliches übereinander zur Sprache bringen, ganz Unterschiedliches. So erforschen wir uns selbst, die anderen, den Raum, die Prozesse.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Diese Aussage sehe ich als eine Leitlinie des gesamten Buches. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrem Gespräch mit Jura Dziwakoũ sagen Sie: <em>„Wenn man die ganze Zeit darauf achtet, dass nichts Schlimmes passiert und nichts riskiert, dann passiert gar nichts.“ </em>Ihre Kollegin <a href="https://secondaryarchive.org/artists/antonina-slobodchikova/">Antanina Slabochykava</a> kommentiert: <em>„Das ist so schrecklich“</em>. Und Sie sagen: <em>„Ganz schrecklich.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Man muss sich auf die Reise begeben. Es ist irgendwie eine typische Heldenreise, zu der man aufbrechen muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <em>„kreative Dienstreise“</em>!</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: (Lacht) <em>Ja, genau. Man kann hoffen, dass diese erzwungenen kreativen Durchreisen, auf denen sich viele belarusische Kunstschaffende gerade befinden, zu „Heldenreisen”, wie sie in den Theorien zu der Märchen- und Mythosstruktur. Da ist es auch oft eine Schädigung, die die Abenteuerreise auslöst, und die Helden kehren mit „Schätzen” zurück. </em></p>
<p><em>Im antiken Roman fielen die Abenteuerreisen der Helden aus der Zeit zurück, wenn sie am Ziel ankamen, waren sie nicht gealtert, es war gar keine Zeit vergangen. In der Realität ist es umgekehrt: Eine Rückkehr ist eigentlich unmöglich. Sowohl die Menschen, die weggegangen sind, wie auch diejenigen, die geblieben sind, werden sich durch ihre Erfahrungen sehr stark verändert haben. Es werden andere Menschen sein und ein anderes Land. Wenn jemand sich aber gar nicht verändert, einfriert, die neuen Erfahrungen gar nicht an sich heranlässt, ist es viel tragischer. </em></p>
<p><em>Mein Leben in Zürich und speziell meine Arbeit am Slavischen Seminar sehe ich übrigens gar nicht als Dienstreise, sondern eher als Ankommen. Ich habe das Gefühl, endlich einen Raum gefunden zu haben, in dem ich mit allen meinen Themen, sei es belarusische Kunstszene oder Übersetzung, präsent sein kann. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In dem Buch „Befragungen am Nullpunkt” entstehen auch durch die unterschiedlichen Farben neue Perspektiven. Die deutschsprachigen Texte sind in roter Farbe, die belarusischsprachigen in schwarz abgedruckt. Immer wieder auch einige Textpassagen im Großdruck, geradezu als Bojen im Meer der Eindrücke.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Wir haben viel Liebe hineingesteckt. Die visuelle Gestaltung, bei der die Bilder mal als visuelle Kommentare, mal als selbständige parallele Statements gedacht sind, hat Antanina Slabodchykava konzipiert. Man bekommt mit dem Buch eigentlich einen ziemlich spannenden Katalog mit Werken belarusischer Kunstschaffender aus verschiedenen Jahren. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie wird das Buch „Befragungen am Nullpunkt“ aufgenommen?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Bisher habe ich nur Reaktionen aus dem engeren Kreis erhalten. Vor allem aus dem universitären Bereich. Es gibt immer mehr Kolleg:innen, für die Belarus zum Interessengebiet wird – auch hier in Zürich. Das Buch wird da sofort in die Arbeit integriert. Auch für die belarusische Kunstszene ist es zweifelsohne ein Ereignis. Es muss aber anscheinend noch einiges passieren, bis ein solches Buch die Chance hat, in einer deutschsprachigen Zeitung ganz normal rezensiert zu werden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine solche Rezension ist jetzt auch unser Gespräch.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: A<em>bsolut! Und dabei eine, die das Buch in einen viel breiteren Kontext stellt.</em> <em>Ich bin da sehr dankbar. Ich bin leider nicht verwöhnt. Man muss beim Thema Belarus immer damit rechnen, dass es längere Zeit dauert, bis man auf das Interesse stößt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es mit der Aktion „33 Bücher für ein anderes Belarus” weiter? Vielleicht erzählen Sie ein wenig über die Bücher, die Sie schon verlegt haben?</p>
<div id="attachment_7307" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7307" class="wp-image-7307 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Minskaja-Skola-Wespennest-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7307" class="wp-caption-text">Minskaja Škola und die Zeitschrift Wespennest. Foto: Iryna Herasimovich.</p></div>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: Gerade ist <em>das achte Buch erschienen. Es ist der fünfte </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/news/News-Minsker-Schule"><em>Almanach der Minsker Schule</em></a><em>, eine Kooperation des Herausgebers Dmitri Strozew mit Andrea Zederbauer von der österreichischen Zeitschrift </em><a href="https://wespennest.at/"><em>Wespennest</em></a><em>. Die Minsker Schule befasst sich unter anderen mit den unterschiedlichen Sprachen in Belarus, das Belarusische, das Jiddische, das Polnische, das Russische. Das Heft widmet sich dem Dialog der belarusischen Autor:innen untereinander sowie dem Dialog mit Literaturszenen anderer Länder, insbesondere der Ukraine und Israel. Wir sind sehr stolz auf diese Kooperation mit Wespennest. Wespennest gehört zu den Partnern, die sehr gut verstanden haben, worum es bei unserem Projekt geht. Es gibt in der Zeitschrift “Wespennest” eine eigene Reportage von Dmitri Strozew. Und die Namen von den beiden Partnern erscheinen auf den beiden Covern. Solche sichtbaren Zeichen von Kooperation bewegen uns sehr. Das kommt nicht jeden Tag vor.</em></p>
<p><em>Wir haben auch das </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/ostap-slyvynsky-das-worterbuch-des-krieges#about_book"><em>„Wörterbuch des Krieges“</em></a><em> von Ostap Slyvynsky (deutsche Ausgabe: Berlin, fototapeta, 2023) veröffentlicht, die erste Übersetzung aus dem Ukrainischen. </em><a href="https://www.wordsforwar.com/ostap-slyvynsky-bio"><em>Ostap Slyvynsky</em></a><em> kommt aus Lviv. Er hat dort Geschichten gesammelt, weil er beschlossen habe er könne jetzt keine Gedichte schreiben, aber er wolle seine Stimme den Menschen geben, die ihre Erfahrungen mitteilen wollen. Es ist ein sehr schmerzender offener Erfahrungsraum, der jeweils an den einzelnen Wörtern festgemacht wird. Das Buch zeigt, wie der Krieg die Bedeutung einzelner Wörter verändert.</em></p>
<div id="attachment_7308" style="width: 247px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7308" class="wp-image-7308 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--237x300.jpg" alt="" width="237" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--200x253.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--237x300.jpg 237w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--400x506.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--600x759.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--768x972.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich--800x1012.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Der-mazedonische-Verleger-Robert-Alagjozovski-mit-dem-Buch-von-Akudovich-.jpg 806w" sizes="(max-width: 237px) 100vw, 237px" /><p id="caption-attachment-7308" class="wp-caption-text">Robert Alagjozovski, Herausgeber des belarusischen Autors Valjancin Akudovich. Foto: Goten Publishing.</p></div>
<p><em>Und sehr stolz sind wir auch auf das Buch </em><a href="https://www.33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Das-Rascheln-des-Schweigens#about_book"><em>„Das Rascheln des Schweigens“</em></a><em> von Valjancin Akudovič. Ein nordmazedonischer Verlag, Goten Publishing, gibt ein belarusisches Buch heraus. Das Buch behandelt die belarusische Identität, die Frage, wie man sich selbst verorten kann, zwischenmenschlich, politisch, kulturell, ohne vielleicht unbedingt auf nationale Kategorien zurückzugreifen. Akudovič ist ein sehr bekannter Autor in Belarus. Sein programmatischer Essay heißt “Eines Morgens im eigenen Land erwachen” kennen sehr viele Wie kann man ein Land, das zwar unerwartet entsteht, aber doch ein unverkennbar eigenes ist, in die eigene Biografie einschreiben. Das ist auch in Nordmazedonien ein Thema.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darf ich die <a href="https://33booksforanotherbelarus.ch/de/books/Verkehrungen">„Verkehrungen ins Gegenteil“</a> von Sylvia Sasse hervorheben (deutsche Ausgabe: Berlin, Matthes &amp; Seitz, 2023)? Das ist ein hervorragendes Buch, meines Erachtens eines der besten Bücher, die über die leidigen Themen der Identitätspolitik, der Okkupation von Sprache beziehungsweise der Täter-Opfer-Umkehr von Sprache geschrieben wurden. Im Grunde bietet es eine zeitgemäße Ausformung des „Newspeak“ von George Orwell.</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Dieses außerordentlich wichtige Buch übersetzen wir jetzt ins Russische, geben es aber im belarusischen Verlag Lohvinaŭ heraus. Wir denken, dass das Zielpublikum zu einem großen Teil russischsprachig ist. </em></p>
<h3><strong>Überleben in der Diaspora</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In einem Text von „Befragungen am Nullpunkt“ spricht einer der Autoren ausdrücklich über <em>„Identitätsbildung“</em> durch Kultur, in Verbindung mit <em>„Illusionen der Globalisierung“</em>. Es gebe keine Teleologie, sondern <em>„konkurrierende Systeme“. </em>Es sei notwendig, <em>„dass die Abkapselung der Nationen durch die horizontalen Verbindungen zwischen den Kulturen der Gemeinschaften durchbrochen wird, die gemeinsame Werte und Vorstellungen teilen.“</em> Das hat schon etwas Dialektisches im Hinblick auf die Globalisierung, die im Zuge des Isolationismus verschiedener Kulturen, nicht zuletzt in Russland, Belarus und anderen Diktaturen, zurzeit mit noch offenem Ergebnis auch in den Debatten in den USA, in sehr schwierige illiberale, anti-liberale und autoritäre bis totalitäre Fahrwasser geraten ist. Wenn ich diese Metapher verwenden darf. Aber einer der Autoren im Buch sagt auch: <em>„Selbst in den düstersten totalitären Regimen wird Kultur nicht monolithisch sein.“</em></p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Das ist wahr, und es ist ganz wichtig, sich um die feinen Unterschiede zu bemühen. Deswegen interessieren mich unter anderem auch „diffuse Zonen”: die Zonen des Zusammen- und Aufeinanderwirkens der staatlichen und der unabhängigen Kulturszene, sei es im Bereich der Narrative oder der Institutionen. </em></p>
<p><em>Belarus wird außerdem oft auch kulturell in einem Monolith mit Russland gedacht. Immer wieder finde ich mich in den Situationen wieder, wenn ich etwas über Belarus erzähle und als Reaktion „ja, in Russland ja auch…” erhalte, als würden die Situationen nahtlos ineinander übergehen. Aber selbst auf der Ebene der staatlichen Repressionen ist die Lage unterschiedlich: In Russland geht erstaunlicherweise noch mehr als in Belarus. Ich staune, wenn ich höre, dass etwa das Buch von Maria Stepanova, auf Deutsch </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/maria-stepanova/der-absprung.html"><em>„Der Absprung“</em></a><em> (Berlin, Suhrkamp, 2024), oder das Tagebuch von </em><a href="https://www.podcast.de/episode/635108127/vom-ende-der-welt"><em>Natalja Kljutscharjowa</em></a><em> <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/natalja-kljutscharjowa-tagebuch-vom-ende-der-welt-t-9783518127810">„Tagebuch vom Ende der Welt“</a> (Berlin, edition suhrkamp, 2023) in Russland zwar unter der Hand vertrieben und mit geschwärzten Wörtern, aber doch erscheinen können. In Belarus werden nicht einzelne Wörter oder Sätze geschwärzt, sondern ganze Verlage zwangsliquidiert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beide Autorinnen, die Sie nannten, leben inzwischen in Deutschland. Die Spielräume werden immer enger. In Russland werden die Gesetze gegen sogenannte <em>„ausländische Agenten“</em> immer weiter verschärft. Und andere Länder nehmen sich das inzwischen zum Vorbild, zum Beispiel Georgien, Ungarn, auch die Slowakei. Aber kann man sagen, dass die Kultur aus Belarus zurzeit vor allem im Ausland, in der Diaspora überlebt?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Jein. Einerseits schon. Aber es sind noch viele im Land. Es sind nicht alle ausgereist. Ich kenne mehrere Autorinnen und Autoren, die in Belarus bleiben wollen, mit ihren Themen, ihrer Geschichte, dort Widerstand leisten. Wir dürfen sie nicht vergessen, wenn wir über die Kultur in und aus Belarus sprechen. Belarus ist ein ziemlich isoliertes Land. Es ist so gut wie unmöglich, ein Visum zu bekommen, nicht nur wegen der Lage im Land, sondern auch wegen der Sanktionen. Um einen Termin bei der deutschen Botschaft zu bekommen, muss man mindestens ein bis zwei Jahre warten. Ansonsten geht es noch in der italienischen Botschaft, aber auch das ist nicht so einfach. Es sind wiederum sehr intransparente Prozesse. In der Protestbewegung gab es viele Menschen, die mit dem System nicht einverstanden waren. Viele andere solidarisierten sich mit der Protestbewegung, mussten aber bleiben. Einige haben kranke Eltern, um die sie sich kümmern müssen, oder Kinder. Sie brauchen Wege, um auszureisen, aber nicht alle haben diese Wege.</em></p>
<p><em>Es ist auch nicht so, dass die Menschen hier in Westeuropa mit offenen Armen empfangen werden. Es gibt hier selten offenen Türen. Es ist schwer, sich in einem fremden Land etwas aufzubauen, vor allem wenn man die Sprache nicht kennt. Es gibt Künstler, die in einer Fabrik oder auf einer Baustelle arbeiten müssen, um zu überleben. Einer der Künstlerfreunde sagte neulich, er müsse bald Taxi fahren, und das war nur halb im Scherz. Sie versuchen, etwas aufzubauen. </em></p>
<p><em>Vieles hängt von Menschen ab, auf die man in den jeweiligen Ländern trifft. Für manche ist Belarus Ko-Aggressor mit Russland, mitschuldig am Krieg in der Ukraine. Man hat dann eher wenig Aufmerksamkeit dafür, dass Menschen aus Belarus, die hier im Westen sind – nicht alle –, selbst Betroffene sind. Ich habe einen belarusischen Pass, aber ein solcher Pass ist auch ein Instrument für Schikanen. Es gilt zum Beispiel nur eine Vollmacht, die in Belarus erstellt wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben nur einen belarusischen Pass?</p>
<p><strong>Iryna Herasimovich</strong>: <em>Ja. In der Schweiz habe ich eine </em><a href="https://einwandern-schweiz.ch/arbeiten-in-der-schweiz/b-bewilligung-schweiz-ein-umfassender-ratgeber/"><em>B-Bewilligung</em></a>.<em> Die Bewilligung ist an meinen Vertrag mit der Universität Zürich gebunden. Abgesichert bin ich nicht. Wenn der Vertrag ausläuft, muss ich eine neue Anbindung, ein neues Projekt suchen. Aber ich habe, wie gesagt, das Glück, am Slawischen Seminar ein Umfeld gefunden zu haben, in dem ich mich sehr willkommen fühle, daher bin ich eher zuversichtlich. </em></p>
<p><em>Wer die Sprache nicht beherrscht, hat es viel schwerer. Es gibt prominente Persönlichkeiten unter den Kunstschaffenden, die ihr gesamtes Umfeld verloren haben, aber auch keine enge Anbindung an eine Institution in Westeuropa gefunden haben. Das ist schon ziemlich tragisch.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 30. Juni 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer aus der Serie „Deciphering Photographs“.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Versöhnerinnen?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Apr 2025 09:56:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Versöhnerinnen? Zuschreibungen weiblicher Friedfertigkeit in der Moderne „Bei Millionen von Frauen lösten die Geschehnisse dieses Krieges einen eisernen Willen aus, machten sie stark wie nie zuvor, erfüllten sie mit Mut zu neuen Taten, ließen sie den heiligen Schwur schwören: ‚Krieg dem Kriege‘. Es gilt, diese ungeheuren Frauenkräfte im Interesse des Völkerrechts, der Völkerverständigung, eines  [...]</p>
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<h1><strong>Versöhnerinnen?</strong></h1>
<h2><strong>Zuschreibungen weiblicher Friedfertigkeit in der Moderne </strong></h2>
<p><em>„</em><em>Bei Millionen von Frauen</em> <em>lösten die Geschehnisse dieses Krieges einen eisernen Willen aus, machten sie</em> <em>stark wie nie zuvor, erfüllten sie mit Mut zu neuen Taten, ließen sie den heiligen</em> <em>Schwur schwören: </em><em>‚</em><em>Krieg dem Kriege</em><em>‘</em><em>. Es gilt, diese ungeheuren Frauenkräfte</em> <em>im Interesse des Völkerrechts, der Völkerverständigung, eines dauernden</em> <em>Friedens unter den Völkern, den Staaten der Welt nutzbar zu machen.</em> <em>Wohlan, ihr Pazifisten, kämpft im Interesse eurer Sache, die ihr vertretet, für</em> <em>das Frauenstimmrecht! Stimmet ein in die Worte, die der bekannte ungarische</em> <em>Pazifist Prälat Gießwein am 2. Juni 1917 einer vieltausendköpfigen Menge in</em> <em>Budapest zurief: </em><em>‚</em><em>Der Pazifismus hat mich zum Frauenwahlrecht geführt. Ohne</em> <em>freie Frauen kein ständiger Friede! Ein Europa mit Frauenwahlrecht wäre</em> <em>keinem Weltkriege zum Opfer gefallen.</em><em>‘“ </em>(Lida Gustava Heymann, <a href="https://frauenmediaturm.de/historische-frauenbewegung/lida-gustava-heymann-weiblicher-pazifismus-1917/">Weiblicher Pazifismus</a>, 1917, zitiert nach Gisela Brinker-Gabler, Hg., Frauen gegen den Krieg, Frankfurt am Main, S. Fischer, 1980)</p>
<div id="attachment_5997" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5997" class="wp-image-5997 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-200x299.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-400x598.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv-600x897.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Lida_Gustava_Heymann_Bundesarchiv.jpg 640w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-5997" class="wp-caption-text">Lida Gustava Heymann (1868-1943). <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1987-143-05,_Lida_Gustava_Heymann.jpg">Bundesarchiv Bild 146-1987-143-05</a>. Wikimedia Commons. <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en">Deed &#8211; Attribution-ShareAlike 3.0 Germany &#8211; Creative Commons</a></p></div>
<p><a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lida-gustava-heymann">Lida Gustava Heymann</a> zählte zu den Frauen, die während des Ersten Weltkriegs die Forderung nach Frieden mit dem Eintreten für Frauenrechte verbanden. Bis heute werden Frauen im Allgemeinen als friedlicher eingeschätzt als Männer. Aber vielleicht ist das auch nur ein Klischee? Es lohnt sich, dem in fünf Texten unterschiedlichen Genres von Henri Dunant (1862) bis Virginia Woolf (1938) nachzugehen, die alle vor dem Hintergrund europäischer Kriege dieser Zeit entstanden. Sie zeigen eindrücklich die Handlungsspielräume zeitgenössischer Frauen, wie sie sich organisierten, was sie aufgrund der ihnen zugeschriebenen Friedfertigkeit zu <em>„Versöhnung“</em> zwischen verfeindeten Nationen beitragen konnten, aber auch, inwiefern sie eine für Frauen oft als untypisch wahrgenommene Unversöhnlichkeit an den Tag legten.</p>
<h3><strong>Weibliche Versöhnlichkeit </strong></h3>
<p><strong><em>„</em></strong><em>Wie viele junge Leute zwischen achtzehn und zwanzig Jahren, welche aus dem Herzen Deutschlands oder den östlichen Provinzen des weiten österreichischen Kaiserreiches hierherkamen – davon manche wohl nur unter hartem Zwang –, werden bald außer körperlichen Schmerzen und dem Kummer, gefangen zu sein, noch den Hass erdulden müssen, den die Mailänder ihrer Nation, ihren Führern und ihrem Herrscher geschworen haben! Erst auf französischem Boden werden sie wieder Mitgefühl und freundliche Behandlung finden. Ihr armen Mütter in Deutschland, Österreich, Ungarn, Böhmen, wie soll man nicht an die Herzensangst denken, die ihr empfandet, als ihr erfuhrt, dass eure verwundeten Söhne in Feindesland gefangen seien! Die Frauen von Castiglione erkennen bald, dass es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd sind, das gleiche Wohlwollen zuteil werden. „Tutti fratelli&#8220;, wiederholen sie gerührt immer wieder. Ehre sei diesen mitleidigen Frauen, diesen jungen Mädchen von Castiglione. Es gab nichts, was sie zurückgeschreckt, erschöpft oder entmutigt hätte. Ihre bescheidene Hingebung kannte keine Müdigkeit und keinen Ekel; kein Opfer war ihnen zu viel.“ </em>(Henri Dunant, <a href="https://www.roteskreuz.at/fileadmin/user_upload/PDF/Publikationen/Erinnerung_an_Solferino/Eine_Erinnerung_an_Solferino_-_Henri_Dunant_1_.pdf">Eine Erinnerung an Solferino</a>,1862)</p>
<p>In dem Text „Un Souvenir de Solférino“, in der deutschen Übersetzung „Eine Erinnerung an Solferino“, schilderte Henry Dunant die Eindrücke, die er nach der blutigen Schlacht von Solferino im Juni 1858 gesammelt hat. Sie war eine der entscheidenden Schlachten des sogenannten Sardinischen Krieges zwischen dem Habsburger Reich, Sardinien Piemont und Frankreich. Als Schweizer Geschäftsmann war er auf einer Geschäftsreise in Italien unterwegs und dabei eher zufällig Zeuge dieses historischen Ereignisses geworden. Die unsäglichen Leiden der Massen von verwundeten Soldaten, die nur unzulänglich medizinisch versorgt werden konnten, schockierten Dunant zutiefst. In der Folge machte er es sich zur Lebensaufgabe, das Los im Krieg verwundeter Soldaten zu verbessern. Mit seinem Bericht, den er auf eigene Kosten veröffentlichte, wollte er die Einrichtung einer speziellen Hilfsorganisation ebenso wie für die Einigung auf eine internationale Konvention zum Schutz verwundeter Kombattanten werben – mit Erfolg: wenig später kam es zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes und 1864 unterzeichneten die ersten zwölf Staaten die <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/genfer-konventionen-2024/">Genfer Konvention</a>.</p>
<div id="attachment_6002" style="width: 189px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6002" class="wp-image-6002" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-214x300.jpg" alt="" width="179" height="251" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-200x280.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-214x300.jpg 214w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-400x560.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young-600x840.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Henry_Dunant-young.jpg 640w" sizes="(max-width: 179px) 100vw, 179px" /><p id="caption-attachment-6002" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Henry_Dunant-young.jpg">Henri Dunant (1828-1901)  zwischen 1850 und 1860</a>, Friedensnobelpreis 1901. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Die Genfer Konvention sollte, so der Plan Henry Dunants, die Verwundeten der Feindschaft entziehen und für sie allein die Gesetze der humanitären Hilfe gelten lassen. Ist sie damit einem Versöhnungsgedanken verpflichtet? Man muss diese Frage nicht mit Ja beantworten. Dennoch lässt sich sicher sagen, dass Dunants Initiative in eine Zeit fällt, in der die Vorstellung einer kollektiven Versöhnung Konturen anzunehmen begann. Denn diese Vorstellung war eine historische Neuheit. Zwar hatte das Gebot der Versöhnung in der jüdischen und christlichen Religion eine in die Antike zurückreichende Tradition. Doch bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte man in der Regel an Individuen gedacht, die sich versöhnten, nicht an Kollektive.</p>
<p>Bedingung für die Entstehung der Vorstellung einer kollektiven Versöhnung war die Vorstellung einer kollektiven Feindschaft, wie sie Dunant zu Beginn des von uns gehörten Textabschnitts problematisiert hat. Diese Vorstellung einer kollektiven Feindschaft, die Teil des seit dem frühen 19. Jahrhundert entstehenden Nationalismus war, ging mit Tendenzen einer Personalisierung der Nationen einher, die die Übertragung des Versöhnungskonzepts auf die kollektive Ebene erleichterte. Hinzukommen musste für diese Übertragung außerdem die Vorstellung einer gewissen Ebenbürtigkeit sowie einer Verbundenheit oder Zusammengehörigkeit der kollektiven Akteure als die die Kriegsgegner, die sich versöhnen sollten, gesehen wurden. Es ist daher auch kein Zufall, dass eine kollektive Versöhnung erstmals nach einem Bürgerkrieg propagiert wurde, und zwar nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, dessen Ende in das Jahr 1865 fällt. Durch die Versöhnung der Bürgerkriegsparteien sollten diejenigen wieder zusammengeführt werden, die auch vor dem Krieg zusammengehört hatten.</p>
<p>In den europäischen Nationen bildete sich trotz aller Animositäten im ausgehenden 19. Jahrhundert ebenfalls zunehmend ein Zusammengehörigkeitsgefühl heraus, das sich in dem Gedanken spiegelte, der Gemeinschaft der sich als <em>„zivilisierte Staaten“</em> verstehenden Staaten anzugehören, wie es immer wieder hieß. Europäerinnen und Europäer formulierten damit eine Überlegenheitsanspruch gegenüber anderen Teilen der Welt, der vor allem auch der Rechtfertigung des Kolonialismus diente. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie damit aber gleichzeitig auch ausdrückten, verfügte über weniger Bindekraft als die Zugehörigkeit der Bürgerkriegsparteien zur amerikanischen Nation. Daher setzte sich der Versöhnungsgedanke im Bezug auf europäische Konflikte nur langsam durch. Zunächst begann die im ausgehenden 19. Jahrhundert langsam wachsende Friedensbewegung den Begriff vereinzelt auch auf die europäischen Staaten zu beziehen. Während des Ersten Weltkriegs und in der Zwischenkriegszeit wurde dieser Sprachgebrauch dann geläufiger, bevor er sich nach dem Zweiten Weltkrieg vollends durchsetzen sollte.</p>
<p>Aber kommen wir zurück zu Dunant. In seiner Schrift schreibt er nationale Feindschaft sowie Mitleid und Humanität in einer Weise den Geschlechtern zu, die auch für Versöhnungsvorstellungen von Bedeutung ist. Mit dem Nationsgedanken hatte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch die Vorstellung durchgesetzt, dass die Bürger selbst für die Verteidigung zuständig seien. In vielen Staaten mündete diese Vorstellung in die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer. Gedanklich wurden Staatsbürgerrechte nun gern an die Staatsbürgerpflicht des Militärdienstes geknüpft. Frauen blieben von beidem ausgeschlossen.</p>
<p>Der Militärdienst ebenso wie der Gedanke der politischen Öffentlichkeit und Mitbestimmung verschärften seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert geschlechtsspezifische Zuschreibungen. Frauen, so argumentierten viele Zeitgenossen nun, hätten weder die physische Konstitution, um in den Krieg zu ziehen, noch die kognitiven Fähigkeiten, um politische Zusammenhänge zu erfassen. Die natürliche Bestimmung der Frau sahen sie in deren Mutterrolle. Broterwerb sowie Politik und Krieg hingegen waren in dieser Sicht die Aufgabenfelder der Männer.</p>
<p>Auch Henry Dunant führte die Bereitschaft der Frauen von Solferino, die verwundeten Soldaten unabhängig von ihrer nationalen Zugehörigkeit zu pflegen, auf ihre Mutterrolle zurück. Der Gedanke, dass auch ihre eigenen Söhne verwundet werden und Gefangenschaft geraten könnten, habe die nationale Feindschaft für die Italienerinnen an Bedeutung verlieren lassen.</p>
<p>Dunants Verweis auf die vermeintlich weibliche Fähigkeit, Feindschaft außer Kraft zu setzten, entsprach also gängigen Geschlechterbildern. Doch was Dunant hier als etwas Vorbildliches darstellte, stieß nicht bei allen Zeitgenossen und Zeitgenossinnen auf Gefallen.</p>
<h3><strong>Kritik an weiblicher Versöhnlichkeit </strong></h3>
<p><em>„Bonn, 14. August. Einige Hundert verwundete Krieger, Deutsche und Franzosen, sind in hiesigen Lazarethen untergebracht. Ueber Lazareth=Einrichtungen im Allgemeinen will ich Ihnen nicht schreiben. Sie können sich denken, daß die Kranken in medicinischer Hinsicht hier nicht zu klagen haben werden. Aber auf einen Uebelstand möchte ich das Publikum aufmerksam machen, der mir sofort bei meiner Thätigkeit als Krankenpfleger aufgefallen ist und der bei allen Deutschgesinnten ein gerechtes Zürnen hervorrufen wird. Die Eigenthümlichkeit der Deutschen, für das Fremde eine besondere Vorliebe an den Tag zu legen, zeigt sich auch hier. Viele hochgestellte Damen besuchen die hiesigen Lazarethe und suchen durch allerlei Erquickungen die Körper zu laben und durch allerlei zarte Worte die Gemüther der Verwundeten aufzuheitern. Recht schön, aber man höre und staune: Sie, die laut in alle Welt ihren Patriotismus verkünden, die stolz darauf sind, deutsche Frauen zu heißen, sie laufen an den Betten unserer tapferen deutschen Krieger vorbei, um sich um die verwundeten Franzosen und Turcos zu gruppiren und bei ihnen ihre französischen Brocken anzubringen, die sie sodann mit allem Möglichen laben, wenn sie das Glück gehabt haben, einmal verstanden worden zu sein. Unsere Deutschen, die für uns geblutet haben, sehen mit trauernder Miene neidisch auf die Franzosen hin, und nicht selten hört man laute Ausrufe der Entrüstung aus ihrem Munde. Sollte man jenen, die täglich arroganter werden, in Blick und Wort nicht zeigen, daß sie, wenn auch verwundet, doch zugleich auch Gefangene sind, und sollte man nicht unseren Kriegern wenigstens ebendieselbe Behandlung zukommen lassen, wie sie den Franzosen jetzt zu Theil wird?“ </em>(<a href="https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/JEXJXOONEDI6NUMP66XDOJVGFQQQDY45?issuepage=2">Gummersbacher Zeitung vom 17. August 1870</a>, Originalorthographie).</p>
<p>Die Klage, die in diesem Zeitungsartikel zum Ausdruck gebracht wurde, ertönte in der Zeit des deutsch-französischen Krieges nicht nur in Bonn, sondern wir finden sie auch in anderen deutschen Städten. In der <a href="https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/titleinfo/2742485">Bonner Zeitung vom 27. August 1870</a> etwa konnte man nur wenig später einen Bericht aus Berlin lesen, in dem sich der Autor darüber beschwerte, dass gut gekleidete Frauen die Kriegsgefangenen mit Zigaretten und Lebensmitteln beschenkten. Geschehe dies aus <em>„Gefühlen des Mitleids und der Mildthätigkeit“</em> heraus, sei ein solches Verhalten vielleicht noch nachzuvollziehen, konzedierte er. Aber ähnlich wie der Autor des Artikels über Bonn hegte auch er den Verdacht, dass es den Frauen unter anderem darum gehe, den Besuch bei den Kriegsgefangenen zu nutzen, um ihre Französischkenntnisse praktisch zur Anwendung zu bringen.</p>
<p>Der deutsch-französische Krieg, aus dem diese Quelle stammt, war der erste Krieg, bei dem beide kriegführenden Staaten die Genfer Konvention unterzeichnet hatten. In der deutschen Presse der Kriegsmonate wurden die Genfer Konvention und der Einsatz des Roten Kreuzes immer wieder als Anzeichen eines gewaltigen humanitären Fortschritts gefeiert. Eine Behandlung der Kriegsgefangenen gemäß der Genfer Konventionen wurde daher in der deutschen Öffentlichkeit als vorbildlich angesehen. Alles jedoch, was über das hinausging, was den Kriegsgefangenen – wie es in der Bonner Zeitung hieß – <em>„von Rechts wegen gebührt“</em>, wurde jedoch abgelehnt. Die Kriegsgefangenen sollten nicht mehr der Feindschaft ausgesetzt sein, mit der gegnerische Kombattanten auf dem Schlachtfeld bekämpft wurden. Aber Freundschaftsbekundungen sollten ihnen deshalb nicht zuteilwerden. Und damit wurde auch gerade das abgelehnt, was sich als Anzeichen einer Versöhnungsbereitschaft deuten lassen könnte: etwa, dass die Frauen Gespräch und Dialog mit den Kriegsgefangenen suchten.</p>
<p>In den beiden Quellen werden zwei unterschiedliche Bewertungen einer angenommenen besonderen weiblichen Versöhnungsbereitschaft vorgenommen. Dass Männer eher zum Konflikt, Frauen eher zu Friedfertigkeit und Versöhnlichkeit neigen würden, was man aus ihrer Mütterlichkeit herleitete, ist sicherlich für das 19. und frühe 20. Jahrhundert die vorherrschende Zuschreibung dieser Eigenschaften auf die Geschlechter. Aber es war nicht die einzige. Ein literarischer Text, der wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist, steht beispielhaft für eine andere Sicht.</p>
<h3><strong>Unversöhnliche Frauen</strong></h3>
<p><em>„‚Ich weiß nicht, ob ich alle Franzosen hasse‘, sagte Eva und führte das klassische Beispiel der Litotes zu neuer Vollkommenheit: ‚Ich hasse Frankreich. Jeden Abend lass ich meine kleinen Kusinen das Gebet gegen Frankreich aufsagen, für dessen Verbreitung unsere Vereine sorgen.‘ / ‚Darf ich es hören?‘ fragte ich sie. ‚Ablässe kann man zu jeder Stunde erlangen.‘ / Sie begann: ‚Heilige Maria, Mutter Gottes, erlöse die Welt vom scheußlichen Volk der Franzosen. Du, die du voll der Gnaden bist und das Ohr des Herrn hast, verwandle Lourdes und die Stätten ihrer scheinheiligen Verehrung in Stätten der Katastrophe und des Untergangs. Du, die du den mordenden Medern, den schändlichen Karthagern deine Fürbitte versagt hast, lasse Jesus Christus, deinen Sohn, sie heimsuchen mit Pech und Schwefel. Bitte für uns arme Sünder, die wir aufs Neue zu den Waffen greifen, die Neger vom Rhein, die Annamiten vom Neckar, die Marokkaner von der Mosel zu vertreiben. Bitte für uns, die wir, der wunderbaren sizilianischen Vesper eingedenk, aufstehen, die Franzosen in ihren roten Hosen zu massakrieren, die schminkegetünchten Französinnen mit Brennnesseln zu peitschen und ihre Brut mit der Sippschaft der Serben und der schändlichen Rumänen in alle Winde zu zerstreuen. Bitte die heilige Katharina, ihre Häuser in Flammen aufgehen, die heilige Barbara ihre Minen explodieren zu lassen. Dass die hunderttausend als Reparation von uns gelieferten Rinder ihre Herden verderben. Dass die hunderttausend als Reparation von uns gelieferten Waggons sich in ihren Zügen zu schwarzen Reitern verwandeln. Amen&#8230;!‘ / ‚Bitte sehr! Es gibt in Bayern kein Kind aus gutem Hause, das des Abends, wenn der Mond durchs Fenster scheint, nicht auf seiner kleinen Bettvorlage niederkniete, um dieses Gebet zur Muttergottes zu sprechen.‘“</em> (Jean Giraudoux, Siegfried oder Die Zwei Leben des Jacques Forestier, Berlin 1962, Wiederauflage: Berlin, Suhrkamp, 1981.)</p>
<p>Indem der französische Schriftsteller Jean Giraudoux in seinem Roman „Siegfried oder Die zwei Leben des Jacques Forestier“ eine der Protagonistinnen mit ihren Cousinen allabendlich ein Hassgebet auf Frankreich anstimmen ließ, griff auch er ein Rollenbild auf, das die Rolle der Frauen vor allem durch ihre Mütterlichkeit bestimmt sah. In seinen Augen konnten Frauen aufgrund ihrer mütterlichen Aufgaben auch Nationalhass und Unversöhnlichkeit verschärfen. Da es zum Rollenbild gehörte, dass Frauen für die Erziehung der Kinder zuständig seien, galten sie auch als Kulturträgerinnen: Denn sie sollten dem Nachwuchs die kulturellen Werte der Nation beibringen. Das konnte das Einüben nationaler Feindschaft miteinschließen.</p>
<p>Die Vorstellung, dass es eine geschlechtsspezifische weibliche Unversöhnlichkeit gebe, war weniger verbreitet als diejenige einer spezifisch weiblichen Versöhnlichkeit. Aber es gab sie auch. Diese Vorstellung konnte noch in anderer Weise als im gerade gehörten Romanausschnitt wieder einmal mit der Mutterrolle begründet werden: Gedacht wurde hier an den Hass von Müttern, die ihre Kinder im Krieg verloren hatten.</p>
<p>Dass Frauen statt Versöhnlichkeit Hass zeigen sollten, konnte in der Publizistik des ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich noch aus einer anderen Art der Opferrolle heraus gefordert werden: Und zwar ist neben der überaus wirkmächtigen Rollenvorstellung, dass Krieg und Konflikt die Domäne der Männer seien, die Problematik sexualisierter Gewalt, der mehrheitlich Frauen zum Opfer fallen, der zweite wichtige Aspekt, der nicht nur Kriegen sondern auch Nachkriegszeiten, anderen Postkonfliktsituationen und Versöhnungsprozessen eine geschlechterspezifische Bedeutung verleiht. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war sexualisierte Gewalt ein Tabuthema und oftmals wurde sie daher nur angedeutet. Eine solche Andeutungen finden wir auch dem Hassgebet der Eva im Roman von Giraudoux: Sie begründet den Hass auf die Franzosen mit ihrem Einsatz von afrikanischen Kolonialsoldaten in der Besatzungsarmee. Zeitgenössisch galten diese Soldaten als besonders grausam, aber vor allem sagte man ihnen nach, deutsche Frauen zu vergewaltigen.</p>
<h3><strong>Frauen für den Frieden </strong></h3>
<p><em>„Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, der wirklich Pazifist ist, wird nicht nur den Krieg an sich verurteilen, sondern er muss das heute alles vernichtende männliche Prinzip, welches durch Gewalt die Konflikte im Leben der Völker und Menschen lösen will, bekämpfen und gewillt sein, es durch das schaffende, aufbauende weibliche Prinzip der Hilfsbereitschaft zu ersetzen. Dieses weibliche Prinzip ist vielen, besonders hochstehenden Männern eigen, Frauen aber ist es ursprünglicher Instinkt, vielen allerdings abgewöhnt durch die innerliche Wesensversklavung infolge Annahme der männlichen Weltauffassung. Von dieser Versklavung befreit – und wir sind in allen Staaten auf dem besten Wege dahin -, wird Frauenart sich voll ausleben können und für die Förderung des Pazifismus eine unerschöpfliche Quelle sein. Mag diese Quelle noch häufig durch äußere Schwierigkeiten gehemmt werden, sie wird sich doch immer wieder ihren Lauf bahnen. Vergessen wir niemals bei der Beurteilung der Dinge, dass grundlegende Änderungen im Leben der Völker sich nicht von heute auf morgen vollziehen, sondern im Wandel der Zeiten. Soll der Pazifismus in Zukunft siegen, dann geschieht es nur, wenn das aufbauende weibliche Prinzip zum herrschenden wird, im Verkehr der Menschen und im Zusammenleben der Völker.“ </em><em> </em>(Lida Gustava Heymann, Weiblicher Pazifismus, 1917, bereits zu Beginn zitierte Quelle.)</p>
<p>Lida Gustava Heymann war Aktivistin im radikalen Zweig der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie gründete 1902 gemeinsam mit der gleichgesinnten <a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/anita-augspurg">Anita Augspurg</a> den Deutschen Verein für Frauenstimmrecht und vertrat im Ersten Weltkrieg und danach offen pazifistische Positionen. Diese beiden Aspekte – Frauenwahlrecht und Pazifismus – denkt sie in dem Text von 1917 bereits zusammen: Pazifistische Standpunkte wurden aus Überzeugung (im Sinne einer natürlichen Erweiterung der Mutterrolle) in das Ziel der rechtlichen Gleichstellung integriert. Daraus konnte sich ein feministischer Pazifismus oder pazifistischer Feminismus entwickeln: als Kombination von pazifistischen Sichtweisen auf Machtkonstellationen und -beziehungen inklusive gewaltsamer militärischer Folgen zwischen Nationen auf der einen Seite und feministischen Auffassungen zur Unterdrückung von Frauen in der zeitgenössischen Gesellschaft auf der anderen; das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und friedliche Möglichkeiten der Konfliktlösung wurden also zusammengedacht.</p>
<p>Wie es in ihrem Text mehrfach anklingt, legte Heymann dem weiblichen Pazifismus eine angenommene Wesensungleichheit von Männern und Frauen zugrunde. Pazifismus und Feminismus gingen dabei nicht automatisch Hand in Hand: Die Bürgerliche Frauenbewegung zeigte im Ersten Weltkrieg größtenteils eine ablehnende Haltung gegenüber Pazifismus, er wurde als unsolidarisch wahrgenommen. Die Frauenfriedensbewegung wurde daher vor allem vom radikalen Teil der bürgerlichen Frauenbewegung getragen, in der Heymann mit zu den prominentesten Vertreterinnen zählte. Laut <a href="https://www.frankfurt-university.de/de/hochschule/fachbereich-4-soziale-arbeit-gesundheit/kontakt/professor-innen/annika-wilmers/">Annika Wilmers</a> (Pazifismus in der internationalen Frauenbewegung 1914 &#8211; 1920, Essen, Klartext, 2008)  erklärt sich der Widerspruch friedfertiges Wesen der Frauen vs. Kriegsbefürwortung unter anderem durch die zeitgenössischen Definitionen von Krieg und Pazifismus. Beides wurde aus dem Blickwinkel der Verteidigung erklärt bzw. gerechtfertigt: Der Erste Weltkrieg wurde als Verteidigungskrieg gesehen, auch von deutschen Frauen im Sinne der Bedrohung der deutschen Nation (und damit verklärt), während Pazifismus relativ weit gefasst wurde, indem Gewalt im Fall der Selbstverteidigung toleriert war. Eine Begründung Heymann gleichgesinnter Frauen, wie die Kriegsbegeisterung und -unterstützung 1914/15 auch von den Geschlechtsgenossinnen getragen werden konnte, war, es wäre ihnen von einem von Männern geprägten Staat aufoktroyiert worden. Dies lässt sich auch anhand Heymanns Argumentation zu einem <em>„männlichen Prinzip“</em> im Text nachvollziehen.</p>
<p>Als Wende begreift Heymann den erwähnten Internationalen Frauenkongress in Den Haag 1915 mit über 1000 Teilnehmerinnen aus zwölf kriegsführenden wie neutralen Ländern, an dem sich auch deutsche Frauen (unter anderem Heymann selbst) beteiligten. Eines der Ergebnisse des Kongresses war ein Manifest, das als wichtigste Punkte den Friedensschluss auf Basis des Selbstbestimmungsrechts der Völker forderte, das Frauenwahlrecht als Basis für eine friedliche Co-Existenz der Nationen und ein Schiedsgericht auf internationaler Ebene, um künftige Kriege zu verhindern. Als weitere Beschlüsse wurden unter anderem weltweite Abrüstung, Freihandel, Änderungen in Inhalten von Bildung und Erziehung und Mitspracherecht von Frauen bei Friedensverhandlungen festgehalten.</p>
<p>Im Anschluss an den Kongress wurden zwei Delegationen von Frauen aus hauptsächlich neutralen Staaten gebildet, die – häufig unter widrigsten Bedingungen – durch ein kriegsgebeuteltes Europa und nach Washington reisten, um Regierungsvertretern kriegsführender sowie neutraler Nationen das Manifest zu übergeben und sie von den Kongress-Resolutionen zu überzeugen. Nach Wilmers ging es den Frauen dabei weniger um eine konkrete Ergebniserwartung, als darum, ihren Standpunkt deutlich zu machen.</p>
<div id="attachment_5998" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5998" class="wp-image-5998 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo-e1744795870561-300x228.png" alt="" width="300" height="228" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo-e1744795870561-200x152.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo-e1744795870561-300x228.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo-e1744795870561.png 367w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5998" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WILPF_Congress_Geneva_1921_group_photo_crop.png">Gruppenbild der Teilnehmerinnen am WILPF-Kongress Genf 1921</a>. Vordere Reihe: unbekannte Teilnehmerin, Gabrielle Duchene (Frankreich), Dr. Anita Augspurg (Deutschland, Mme. Edouard Claparede-Spir (Schweiz), Lida Gustava Heymann (Deutschland), Jane Addams (USA), Catherine Marshall (England), Friede Perlen (Deutschland). Obere Reihe: Helene Scheu-Riesz (Österreich), Rosa Genoni (Italien), Yella Hertzka (Österreich), Marguerite Gobat (Schweiz), Mrs. Unwin (England), unbekannte Teilnehmerin, Olga Misar (Österreich). Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Eine weitere Folge des Frauenkongresses war die Gründung eines internationalen Komitees für dauernden Frieden mit Sitz in Den Haag, in dem sich Heymann stark engagierte. Dieses wurde 1919 umbenannt in <a href="https://www.wilpf.de/">Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit</a>. Heymann war Mitglied des deutschen nationalen Frauenausschusses der Liga. In der Weimarer Republik war jene Liga die einzige pazifistische Frauenorganisation mit ca. 2000 Mitgliedern um 1928, verteilt über 80 Ortsgruppen. Sie hatte zudem ihr eigenes Organ, die <a href="https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/meta-objekt/die-frau-im-staat--eine-monatsschrift/47953fmt">Zeitschrift „Die Frau im Staat“</a> mit Heymann als einer der Herausgeberinnen.</p>
<p>Nach dem Ersten Weltkrieg fand die Frauenfriedensbewegung allgemein verstärkten Zulauf und konnte sich mehr Gehör verschaffen, in ihren Augen auch unter der Perspektive, wohin eine männergeleitete Gesellschaft geführt hatte. Der Frauenfriedensbewegung fehlte es jedoch an Geschlossenheit: es gab die Lager der bürgerlichen und sozialistischen Pazifistinnen, es bestand aber auch Uneinigkeit in dem grundsätzlichen Punkt, ob die Friedensfrage als Geschlechterfrage zu betrachten sei. Für Lida Gustava Heymann lautete die Antwort Ja, ebenso wie für Virginia Woolf 20 Jahre später.</p>
<h3><strong>Friedensstiftende Indifferenz</strong></h3>
<p><em>„Aber das, werden Sie sagen, kann nur bedeuten, falls es überhaupt etwas bedeutet, dass Sie, die Töchter gebildeter Männer, die uns ihre konkrete Hilfe versprochen haben, sich weigern, unserer Gesellschaft beizutreten, um eine eigene Gesellschaft zu gründen. Und was ist das für eine Gesellschaft, die Sie gründen wollen; außerhalb der unseren und doch in Kooperation mit ihr, damit wir zusammen für unsere gemeinsamen Ziele arbeiten können? Das ist eine Frage, die zu stellen Sie jedes Recht haben, und die wir versuchen müssen, zu beantworten, um unsere Weigerung, das Formular zu unterschreiben, zu rechtfertigen. Skizzieren wir also rasch in groben Zügen die Gesellschaft, die die Töchter gebildeter Männer gründen und der sie beitreten könnten, außerhalb der Ihren und doch in Kooperation mit ihr. (…) Wenn sie einen Namen haben müsste, könnte sie die Gesellschaft der Außenseiterinnen heißen (…) Die Gesellschaft würde aus den Töchtern gebildeter Männer bestehen, die für Freiheit, Gleichheit und Frieden in ihrer eigenen Klasse arbeiten &#8211; wie könnten sie auch in einer anderen arbeiten? – und gemäß ihren eigenen Methoden. Ihre erste Pflicht, an die sie sich nicht mit einem Eid binden würden, denn Eide und Zeremonien haben nichts zu suchen in einer Gesellschaft, die vor allem anonym und flexibel sein muss, wäre die, nicht mit Waffen zu kämpfen. Das ist für sie leicht zu befolgen, denn wie uns die Zeitungen melden, hat ‚der Army Council nicht die Absicht, ein Frauenkorps zu rekrutieren‘, Das wird vom Land sichergestellt. Als Nächstes würden sie sich im Falle eines Krieges weigern, Munition herzustellen oder Verwundete zu versorgen. Da diese Tätigkeiten im letzten Krieg hauptsächlich von den Töchtern arbeitender Männer ausgeführt wurden, wäre der Druck auf die Töchter gebildeter Männer auch hier nur gering, wenn auch sicherlich unangenehm. Die nächste Aufgabe, zu der sie sich verpflichten, ist hingegen von beträchtlicher Schwierigkeit und verlangt nicht nur Entschlossenheit und Mut, sondern auch die besonderen Kenntnisse der Tochter des gebildeten Mannes. Die Aufgabe besteht, kurz gesagt, darin, ihre Brüder weder zum Kämpfen zu animieren noch sie davon abzubringen, sondern eine Haltung vollkommener Indifferenz an den Tag zu legen. (…) Da es eine Tatsache ist, dass sie, die Schwester, nicht verstehen kann, welcher Instinkt ihn, den Bruder, antreibt, welchen Ruhm, welche männliche Befriedigung ihm das Kämpfen verschafft und welches Interesse es bedient –‚ ohne Krieg gäbe es kein Ventil mehr für die männlichen Eigenschaften, die sich im Kämpfen bildeten‘ –, da das Kämpfen also eine geschlechtsspezifische Eigenart ist, die sie nicht teilen kann, das Gegenstück zum Mutterinstinkt, wie manche behaupten, den er nicht teilen kann, ist es ein Instinkt, den sie nicht beurteilen kann. Die Außenseiterin muss ihm also die Freiheit lassen, mit diesem Instinkt selbst klarzukommen, denn die Meinungsfreiheit muss respektiert werden, vor allem wenn sie auf einem Instinkt beruht, der ihr so fremd ist, wie nach Jahrhunderten der Tradition und Erziehung nur möglich. Auf diesem grundsätzlichen und instinktiven Unterschied sollte die Indifferenz beruhen. Aber die Außenseiterin wird es sich zur Pflicht machen, ihre Indifferenz nicht nur auf Instinkte zu gründen, sondern auf Vernunft. Wenn er Folgendes sagt, was er, wie die Geschichte zeigt, schon oft gesagt hat und wieder sagen könnte: ‚Ich kämpfe, um unser Land zu beschützen‘, und damit ihre patriotischen Gefühle zu wecken versucht, wird sie sich fragen: ‚Was bedeutet ‚unser Land‘ für mich, die Außenseiterin?‘ Um sich darüber klar zu werden, wird sie untersuchen, was Patriotismus in ihrem Fall bedeutet. Sie wird sich über die Position ihres eigenen Geschlechts und ihrer Klasse in der Vergangenheit informieren. (…) Sie wird feststellen, dass sie keinen guten Grund hat, ihren Bruder zu bitten, in ihrem Namen darum zu kämpfen, ‚unser Land‘ zu schützen. ‚Unser Land‘, wird sie sagen, ‚hat mich im Laufe seiner Geschichte größtenteils als Sklave behandelt; es hat mir eine Ausbildung verweigert und jede Teilhabe an seinen Besitztümern. ‚(…) Wenn du also trotzdem darauf bestehst, zu kämpfen, um mich oder ‘unser Land‘ zu schützen, sollte zwischen uns nüchtern und rational Klarheit darüber herrschen, dass du kämpfst, um einen geschlechtsspezifischen Instinkt zu befriedigen, den ich nicht teilen kann, um dir Vorteile zu verschaffen, an denen ich keinen Anteil habe, noch haben werde, und du kämpfst ganz sicher nicht, um meine Instinkte zu befriedigen oder mich oder mein Land zu schützen. Denn, wird die Außenseiterin sagen, ‚als Frau habe ich kein Land. Als Frau will ich kein Land haben. Als Frau ist mein Land die ganze Welt.‘(…) </em></p>
<p><em>So wird ihre ‚Indifferenz‘ beschaffen sein, und aus dieser Indifferenz müssen sich bestimmte Handlungen ergeben. Sie wird sich verpflichten, nicht an patriotischen Demonstrationen teilzunehmen, keine Form nationaler Selbstbeweihräucherung zu billigen, nie zur Gruppe jener zu gehören, die Kriege Beifall klatschend befürworten, sich von Militäraufmärschen, Turnieren, Paraden, Ordensverleihungen und all den Zeremonien fernzuhalten, die den Wunsch anheizen, ‚unsere‘ Zivilisation oder ‚unsere‘ Überlegenheit anderen Völkern aufzuzwingen. Auch die Psychologie des Privatlebens rechtfertigt die Überzeugung, dass die so verstandene Indifferenz der Töchter gebildeter Männer erheblich dazu beitragen würde, Kriege zu verhindern. Denn die Psychologie scheint zu zeigen, dass es den Menschen viel schwerer fällt, aktiv zu werden, wenn die anderen dem gleichgültig gegenüberstehen und ihnen volle Handlungsfreiheit gewähren, als wenn ihr Handeln im Zentrum erregter Emotionen steht. Der kleine Junge stolziert trompetend draußen am Fenster vorbei: Bitte ihn aufzuhören, und er macht weiter; sage nichts, und er hört auf. Dass die Töchter gebildeter Männer ihren Brüdern weder die weiße Feder der Feigheit noch die rote Feder des Mutes überreichen, sondern überhaupt keine Feder, dass sie die leuchtenden Augen, die Einfluss ausstrahlen, schließen oder auf etwas anderes richten, sobald von Krieg die Rede ist – das ist die Aufgabe, die Außenseiterinnen in Friedenszeiten einüben müssen, ehe die Drohung des Todes der Vernunft alle Macht nimmt. </em></p>
<p><em>So lauten also einige der Methoden, mit denen die Gesellschaft, die anonyme und geheime Gesellschaft der Außenseiterinnen, Ihnen, Sir, helfen würde, Krieg zu verhindern und Frieden zu sichern.“ </em>(Virigina Woolf, Vom Verachtetwerden oder Drei Guineen, aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel, Zürich, Kampa Verlag, 2024)</p>
<div id="attachment_6000" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6000" class="wp-image-6000 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Statue_of_Virginia_Woolf_Richmond_Riverside_-_2023-01-21-300x240.jpg" alt="" width="300" height="240" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Statue_of_Virginia_Woolf_Richmond_Riverside_-_2023-01-21-177x142.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Statue_of_Virginia_Woolf_Richmond_Riverside_-_2023-01-21-200x160.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Statue_of_Virginia_Woolf_Richmond_Riverside_-_2023-01-21-300x240.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Statue_of_Virginia_Woolf_Richmond_Riverside_-_2023-01-21-400x320.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Statue_of_Virginia_Woolf_Richmond_Riverside_-_2023-01-21-600x480.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Statue_of_Virginia_Woolf_Richmond_Riverside_-_2023-01-21.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-6000" class="wp-caption-text">Virginia Woolf (1882-1941), <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Statue_of_Virginia_Woolf,_Richmond_Riverside_-_2023-01-21.jpg">Statue Richmond Riverside von Laura Dizengrime</a>l, London. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p>Der Textauszug stammt aus dem politischen Essay „Drei Guineen“ der englischen Autorin Virginia Woolf, der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs versucht zu beantworten, wie Krieg verhindert werden kann. Er ist in Briefform verfasst als Antwort auf einen Brief an die Autorin mit eben dieser Frage von einem Bekannten, der anonym bleibt. Woolf wird von dem Adressaten in diesem letzten Kapitel gefragt, ob sie <em>„einer bestimmten Gesellschaft“</em> (hier im Sinne von Verein) beitreten möge, die sich dafür einsetzt, Krieg zu verhindern, und ob sie diese Gesellschaft mit einer Spende unterstützen möge. Woolf hält es für besser, der Gesellschaft nicht beizutreten, da Frauen sich in alten Strukturen wiederfinden würden. Sie schlägt stattdessen vor, eine neue Gesellschaft mit <em>„Töchtern gebildeter Männer“</em> zu gründen, denen Hochschulbildung und Berufsleben weitgehend verschlossen blieben, auch nachdem es Frauen gesetzlich erlaubt war, einen Beruf auszuüben, daher die Rede von der <em>„Außenseiterin“</em>. Woolf schildert Methoden, um Krieg zu verhindern, in dieser Außenseiter-Gesellschaft auf Basis der rechtlichen und gesellschaftlichen Stellung der Frauen. Die Indifferenz, die sie so betont, steht für die Form eines <em>„stillen“</em>/passiven Pazifismus, der die Militarisierung der Gesellschaft unterläuft und die sich auch heute noch anwenden lassen, von allen Mitgliedern der Gesellschaft.</p>
<p>Die Geschlechterzuschreibungen ähneln denen Heymanns, auch wenn Woolf eher davon ausgeht, dass diese Zuschreibungen nicht angeboren, sondern anerzogen, also durch soziale Prägung entstanden, sind. Im Text findet sich beispielsweise der Satz: <em>„der Army Council (hat) nicht die Absicht, ein Frauenkorps zu rekrutieren“. </em>Im englischen Original ist dieser Satz mit einer Fußnote versehen, aus der ersichtlich wird, dass Woolf diesen Satz leicht abgeändert aus einem Artikel in der Times vom 22. Oktober 1937 entnommen hat. Dazu schreibt sie:<em> ‚Das ist der Hauptunterschied zwischen den Geschlechtern. Pazifismus wird Frauen aufgezwungen. Männer haben nach wie vor die freie Wahl.‘</em> (Übersetzung VF)</p>
<p>Woolf sieht die Wurzel dafür, dass Krieg entstehen kann in der zutiefst patriarchalen Gesellschaft ihrer Zeit. Sie stellt in diesem Essay heraus, inwiefern die Bereitschaft, Krieg zu unterstützen, mit der Rolle und Macht von Männern in der Gesellschaft verbunden ist – auch in der Zivilgesellschaft durch Konkurrenzdenken, vergleichen, besser sein wollen. Dem entgegen stellt sie die (zeitgenössisch natürlich ungleich geringere) politische Handlungsfähigkeit von Frauen und wie diese sich im Rahmen der damaligen Möglichkeiten für die Verhinderung von Krieg einsetzen konnten: Über Bildung, Arbeit und Verdienen des eigenen Lebensunterhalts konnte die finanzielle Unabhängigkeit von Männern erreicht werden, damit Frauen ihrer eigenen, hier: friedenstiftenden, Agenda nachgehen konnten.</p>
<p>Die Rezeption des Essays war zu Woolfs Lebzeiten gemischt. Kritik kam auch von engen Freunden und Freundinnen aus dem Bloomsbury-Kreis. Es erschien einigen ihrer Zeitgenossen und Zeitgenossinnen unangemessen, das Thema eines drohenden Kriegs in Europa mit dem Aspekt der Frauenrechte zusammenzudenken. Heute wissen wir, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Wie die Übersetzerin der neuesten deutschen Ausgabe von 2024, Antje Rávik Strubel, in ihrem Nachwort treffend schreibt, zeigt Virginia Woolf in diesem Text Geschlecht als gesellschaftliche Kategorie, die Ausschlussmechanismen provoziert und auf Konkurrenz und Rivalität ausgelegt ist, mit Krieg als letztem Resultat.</p>
<h3><strong>Gibt es ein Recht auf <em>„Unversöhnlichkeit“</em>?</strong></h3>
<p>Die Geschichte der europäischen Versöhnung, die für die Zeit nach 1945 gefeiert wird, wird von männlichen Akteuren dominiert, ebenso wie es für diejenige der Friedensschlüsse gilt. In der frühen Nachkriegszeit war die Welt der Politik und insbesondere der Außenpolitik eine männliche Sphäre, und das galt auch für das Feld des Friedens und der Versöhnung. Doch der exklusive Blick auf die politischen Eliten lässt leicht übersehen, dass den Versöhnungsgesten von Regierenden in der Regel zivilgesellschaftliche Versöhnungsinitiativen vorausgegangen waren. Ohne das zivilgesellschaftliche Engagement für die europäische Versöhnung hätte die politische Wiederannäherung der ehemaligen Kriegsgegner wohl auch kaum Glaubwürdigkeit erlangen können.</p>
<p>Im Rahmen dieser zivilgesellschaftlichen Versöhnungsbemühungen hatten Frauen ihren festen Platz. Allerdings sind sie im öffentlichen Gedächtnis kaum präsent: Von der Mitinitiatorin der katholischen Organisation Pax Christi, <a href="https://www.womeninpeace.org/d-names/2017/6/22/marthe-dortel-claudot">Marie-Marthe Dortel-Claudot</a>, beispielsweise lässt sich nur ein einziges Porträtfoto im Internet finden. Stattdessen bestimmen prominente Bildikonen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, über Willy Brandt bis hin zu Helmut Kohl und François Mitterand die Erinnerungskultur.</p>
<p>In gewisser Hinsicht könnte man sagen, dies sei der Preis dafür, dass sich Frauen bei einigen Versöhnungsinitiativen gerade deshalb eine ganz besondere Handlungsfähigkeit aneignen konnten, weil sie eher im Verborgenen agierten. Das grelle Rampenlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit kann Versöhnungsinitiativen ins Scheitern führen. Historische Studien zum Irlandkonflikt oder zum Nahost-Konflikt <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1467-9809.12767">Religious Women and the Northern Ireland Troubles</a><a href="https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0392192117701073">Rejecting the Cycle of Violence, When Women Say No to War, Israel-Palestine 1987-2013</a>haben offengelegt, dass Frauen mit wenig beachteten Grassroot-Aktivitäten für Verständigung wirken konnten – und zwar auch in Situationen, in denen sie auf unüberwindbare Hürden gestoßen wären, wenn sie eine größere Bekanntheit erlangt hätten.</p>
<p>Wie es für die frühe Frauenfriedensbewegung der Fall war, berufen sich heute noch Frauen in Versöhnungsprozessen gern auf ihre Rolle als Mütter. Hier lebt eine Geschlechterzuschreibung fort, die auf einer langen Tradition basiert, beispielsweise die Mütter von Srebenica. Noch in einem anderen Kontext zieht sich die Vorstellung, dass Versöhnlichkeit zum Wesen der Frauen gehöre, bis in die Gegenwart hinein. Versöhnung wird seit 1945 international oft als idealer Weg der Konfliktbewältigung beschworen. Dies kann auch dazu führen, dass Täter von Opfern Versöhnung einfordern. Solche Forderungen sind mitunter speziell an Frauen adressiert. Auch dies hat Frauen dazu geführt, zivilgesellschaftlich aktiv zu werden und öffentlich Protest zu bekunden. Im französischen <a href="https://oradour-sur-glane.fr/">Oradour-sur-Glane</a>, dem Schauplatz eines abscheulichen Massakers durch eine SS-Division, in Ruanda oder in Srebrenica haben Frauen, die ihre Kinder und Ehepartner verloren haben oder selbst sexuell misshandelt wurden, auf das <em>„Recht auf Unversöhnlichkeit“</em> (Andrea Erkenbrecher, A Right to Irreconciliability?, in: Birgit Schwelling, Hg., <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-1931-7/reconciliation-civil-society-and-the-politics-of-memory/?number=978-3-8394-1931-1">Reconciliation, Civil society and the Politics of Memory</a>, Bielefeld, transcript, 2012) gepocht und darauf bestanden, dass Versöhnung nicht an die Stelle von Gerechtigkeit treten dürfe.</p>
<p><strong>Victoria Fischer und Christine G. Krüger</strong>, Universität Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2025. Der Text folgt einem Vortrag vom 18. Februar 2025 im Stadttheater Bonn-Bad Godesberg im Rahmen der vom Bonner Zentrum für Versöhnungsforschung gemeinsam mit dem Bonner Stadttheater organisierten Gesprächsreihe „Versöhnung – eine Utopie?“ Internetlinks zuletzt am 15. April 2025. Titelbild: Hans Peter Schaefer, aus der Serie „Deciphering Photographs.)</p>
</div></div></div></div></div>
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