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	<title>Kolonialismus Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Allein im Universum?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/allein-im-universum/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2026 06:34:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Allein im Universum? Ausgewählte Spekulationen in Wissenschaft und Science Fiction „Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“ (Jack McDevitt, Melville auf Iapetus, 1983) Sind wir allein im Universum? Warum finden wir keine Hinweise auf außerirdische Intelligenzen, denn beim Alter des Kosmos von 13,8 Milliarden Jahren würde selbst bei einer konservativen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Allein im Universum?</strong></h1>
<h2><strong>Ausgewählte Spekulationen in Wissenschaft und Science Fiction</strong></h2>
<p><em>„Das Universum ist ein gefährlicher, kalter Ort für alles, was denkt.“ </em>(<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/archaeologie-der-zukunft/">Jack McDevitt</a>, Melville auf Iapetus, 1983)</p>
<p>Sind wir allein im Universum? Warum finden wir keine Hinweise auf außerirdische Intelligenzen, denn beim Alter des Kosmos von 13,8 Milliarden Jahren würde selbst bei einer konservativen Einschätzung technologischer Möglichkeiten, dass Raumfahrt ohne überlichtschnelle Geschwindigkeiten auskommen müsste, die Besiedlung der kompletten Galaxis durch eine raumfahrende Zivilisation nicht mehr als zehn Millionen Jahre dauern. Einige der möglichen Antworten auf die Frage des Fermi-Paradoxon sind:</p>
<ul>
<li><strong>„</strong>Der Große Filter“<em>:</em> Gibt es eine Begrenzung in der Evolution intelligenter Zivilisationen, die eine technologische Weiterentwicklung zu einer raumfahrenden Spezies verhindert? Sprengen sich intelligente Zivilisationen in die Luft, bevor sie ihren Planeten verlassen?</li>
</ul>
<ul>
<li>Oder: <em>„Der galaktische Zoo“:</em> Die außerirdischen Zivilisationen beobachten uns schon seit langer Zeit und wollen nicht, dass wir unser Gehege verlassen. Werden wir nicht in den Kreis der hochstehenden galaktischen Zivilisationen aufgenommen, weil wir es nicht wert sind?</li>
</ul>
<h3><strong>Wo bleibt der Erstkontakt?</strong></h3>
<p>Im Jahre 2026 müssen wir feststellen, dass die Menschheit in der von uns vermessenen Weite und den unendlichen Zeiten des Universums völlig unbedeutend ist. Wir sind, in der Selbsterkenntnis, vom Status des zentralen intelligenten Beobachters der Vorgänge im Universum in die Rolle eines galaktischen Bakteriums zurückgefallen, das, wenn überhaupt, lediglich Bruchteile der Vorgänge im Universum erkennen kann und das über keinerlei Möglichkeiten verfügt, diese Vorgänge zu beeinflussen. Dieses galaktische Bakterium ist nicht einmal in der Lage, in die Weiten des Universums zu reisen und andere Intelligenzen zu treffen.</p>
<p>Während die Menschheit früher in ihrer Kulturgeschichte einen definierten Platz als Gesprächspartner von Gott oder Göttern besaß, ist sie heute jeglicher Kommunikation mit den möglichen Entitäten des Universums beraubt. Wir sind ein Nichts im Angesicht der Tiefe und der Zeiten im Universum. Diese Selbsterkenntnis ist der entscheidende Unterschied in der narrativen Erzählkunst der Science Fiction zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Vergleich mit der des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Das Meisterwerk der Science-Fiction-Erzählkunst im beginnenden 21. Jahrhundert zu dieser radikalen Umformung ihrer Narrative ist die Trisolaris<em>&#8211;</em>Reihe („Remembrance of Earth´s Past“. (2006, 2008, 2010, deutsch:2016, 2018, 2019) von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Cixin Liu</a>. Wer sich für die wissenschaftliche Seite der Frage „Allein im Universum?“ interessiert, ist bei diesem Buch gut aufgehoben: <a href="https://presseportal.zdf.de/biografien/uebersicht/lesch-prof-dr-harald">Harald Lesch</a>, <a href="https://haraldzaun.de/">Harald Zaun</a>: Die unheimliche Stille. Warum schweigen außerirdische Intelligenzen und Superzivilisationen? (Freiburg im Breisgau, Herder, 2023).</p>
<p>Das Thema des Erstkontakts der Menschheit mit außerirdischen Intelligenzen ist eines der großen Standards des Genres. Allerdings gibt es wenige neue Ansätze für diese Thematik und allgemein wird <em>„die unheimliche Stille“</em> thematisiert. Jack McDevitt hat sich auf seine besondere Weise mit dem Thema beschäftigt und viele gute neue Ideen für Erstkontakte verfasst. In einem seiner Romane startet der Erstkontakt durch ein riesiges Kunstwerk, das seine Protagonistin Priscilla Hutchins im Jahre 2197 auf dem Saturn Mond Iapetus entdeckt: <em>»Das Ding war aus Eis und Felsen gehauen. Es stand reglos auf der öden, schneebedeckten Ebene, ein Alptraum mit gebogenen Klauen und surrealistischen Augen, von hagerer, fließender Gestalt. Der Mund war leicht geöffnet, die Lippen gerundet, und ein eigenartiger, verlangender Ausdruck stand in seinem Gesicht.«</em></p>
<p>So beginnt Jack McDevitt mit „Gottes Maschinen“ (1996, „The Engines of God“, 1994) eine Reihe von Roman-Erzählungen über die Suche nach Lebewesen im All. Der Autor beschreibt viele Möglichkeiten des Scheiterns auf der Suche nach Leben im All und schreibt in seinem Journal 201 vom 15. Januar 2016, dass er seit Jahren versuche, eine brauchbare Kurzgeschichte über die Nicht-Existenz von intelligenten Aliens zu schreiben, dass er daran aber gescheitert sei.</p>
<p>Immerhin hat er es immer wieder versucht und dabei witzige, nachdenkenswerte und philosophisch tiefgründige Erzählungen abgeliefert. In der Kurzgeschichte <em>„Cosmic Harmony“</em> (2022) in dem Sammelband „Return to Glory“ (2022) schreibt er über einen Asteroiden, der unerwarteterweise auf die Erde zurast und durch eine Intervention von freundlichen Aliens abgewehrt wird. Diese funken an die Erde das Lied „Moon River“ zurück und die Protagonisten auf der Erde interpretieren dies als Lied, <em>„aufgeladen mit Leidenschaft“</em>, dass die Außerirdischen zur Erde gebracht hätte und dass diese dann bemerkt hätten, dass die Menschen in Schwierigkeiten waren. Was in dieser kurzen Zusammenfassung so simpel klingt, fügt sich im Text von Jack McDevitt als lyrische Kadenz eines Schriftstellers, der sein Handwerk versteht und die emotionale Kraft von Musik als intergalaktisches Kommunikationsmittel benutzt.</p>
<p>In der Kurzgeschichte „Tidal Effects“ (2022) in „Return to Glory“ (2022) geht Jack McDevitt den entgegengesetzten Weg und schreibt über das Alleinsein der Menschheit. Radioastronomen haben mit den besten Instrumenten der Menschheit keine Sauerstoffsignaturen auf anderen Planeten im All entdecken können und kommen deshalb zu dem Schluss, dass die Erde eine kosmische Anomalie sei. Es sähe so aus, dass wir tatsächlich allein seien. Diese Kurzgeschichte verbindet einen verzweifelten und gescheiterten Rettungsversuch beim Schwimmen im Meer mit der furchtbaren Wahrheit, dass die Menschheit keine Brüder im All findet. Diese kurze Geschichte erzählt eine große Angst, von der Arthur C. Clarke in einem Bonmot sagte, dass es zwei Möglichkeiten gäbe, die gleichermaßen erschreckend seien: Entweder sind wir allein im Universum – oder wir sind es nicht.</p>
<p>Jack McDevitt hat sich allerdings seine Hoffnung nach einem galaktischen Treffen mit Freunden aus dem All erhalten. Er schreibt in seinem Buch „The Long Sunset“ (2018): <em>„Was ich immer machen wollte, war, mit jemandem aus einer Millionen Jahre alten Zivilisation zusammenzusitzen und Ideen auszutauschen.“</em></p>
<h3><strong>Von-Neumann-Sonden</strong></h3>
<p>Der ungarisch-US-amerikanische Mathematiker John von Neumann (1903 bis 1957) hat in seinem Buch „Theory of Self-Reproducing Automata“ (1966) ein für die wissenschaftliche Kosmologie und die Science-Fiction-Literatur gleichermaßen interessantes Theoriekonzept vorgeschlagen, in dem er ein sich selbst reproduzierendes System von Maschinen beschreibt. Andere Forscher haben mit den sogenannten Von-Neumann-Sonden interstellare Besiedlungsmodelle aus den Annahmen von Von-Neumann entwickelt, so zum Beispiel Robert A. Freitas Jr. in seiner Studie: <a href="https://www.rfreitas.com/Astro/ReproJBISJuly1980.htm">„A Self-Reproducing Interstellar Probe“</a> (in: Journal of the British Interplanetary Society“, Vol. 33, 1980). Nach seinem Szenario könnte eine Raumsonde eine Maschine in ein anderes Sonnensystem bringen, die dort eine Fabrik auf einem Himmelskörper errichtet, die weitere Maschinen für ein benachbartes Sonnensystem herstellt und so eine Folge von sich selbst reproduzierenden Maschinen zur Besiedlung der gesamten Galaxis herstellt. Mit dieser kontinuierlichen Abfolge von Maschinenproduktion könnte die Galaxis in, kosmisch gesehen, relativ kurzer Zeit besiedelt werden.</p>
<p>Der US-amerikanische Physiker Frank J. Tipler argumentierte im Jahre 1981, dass es keine außerirdischen Zivilisationen gäbe, denn diese hätten mit Von-Neumann-Sonden das Universum, so alt wie es sei, längst besiedelt haben müssen. Wo sind sie alle? Dagegen argumentierten Carl Sagan und William Newman, dass intelligente Zivilisationen keine Von-Neumann-Sonden benutzen würden, weil diese die Gefahr mit sich brächten, alle verfügbaren Ressourcen im Universum unkontrolliert zu verbauen. Dies ist Stoff für zahlreiche interessante Erzählungen der Science-Fiction.</p>
<p>Robert A. Freitas Jr. hat in der schon zitierten Studie „A Self-Reproducing Interstellar Probe, in: Journal of the British Interplanetary Society“, sehr interessante ethische Schlussfolgerungen für den Einsatz von Von-Neumann-Sonden formuliert: <em>„Die mögliche Existenz von REPRO-ähnlichen Fahrzeugen in der Galaxie wirft eine Reihe grundlegender ethischer Fragen auf. Ist es moralisch richtig oder sogar fair, dass eine sich selbst reproduzierende Sternsonde in ein fremdes Sonnensystem eindringt und einen Teil der Masse und Energie dieses Systems für ihre eigenen Zwecke umwandelt? Hat eine intelligente Rasse rechtlich gesehen ‚Eigentum‘ an ihrer Heimat-Sonne und ihren Planeten? Macht es einen Unterschied, wenn die Planeten von intelligenten Wesen bewohnt sind, und wenn ja, gibt es eine untere Intelligenzschwelle, unterhalb derer ein System ethisch gesehen erobert oder angeeignet werden darf? Sollte es einen Unterschied machen, wenn die intelligenten Bewohner keine fortschrittliche Technologie besitzen oder wenn sie über eine solche verfügen? Sollte REPRO so programmiert werden, dass es bei der Entdeckung von Lebensformen oder Intelligenz angemessen reagiert, vielleicht ähnlich wie Asimovs Drei Gesetze der Robotik?</em></p>
<p><em>Rein materiell gesehen bedeutet die Anwesenheit eines einzigen REPRO in einem Sternsystem einen minimalen Massenverlust für die dortigen Bewohner. Eine typische Jupiteratmosphäre enthält genug Fusionsbrennstoff, um ~1013 sich selbst reproduzierende Raumschiffe zu füllen, und ein einziger großer Jupitermond (100 km Durchmesser) kann genug Molybdän enthalten, um ~105 REPRO-Maschinen zu bauen.</em></p>
<p><em>Selbst wenn jede FABRIK 10 bis 100 Nachkommen hervorbringt, ist der Massenverlust vernachlässigbar. Dennoch ist es höchst unwahrscheinlich, dass die Menschheit es freundlich aufnehmen würde, wenn ein außerirdisches Raumschiff auf einem der Jupitermonde Himalia oder Elara landen und sich dort vermehren würde, ohne zumindest zuerst unsere Erlaubnis einzuholen. Wahrscheinlich würden wir es als einen von Dysons „technologischen Krebsgeschwüren, die in der Galaxie ihr Unwesen treiben” betrachten und versuchen, es zu zerstören oder außer Gefecht zu setzen.“</em></p>
<p>In der Science-Fiction-Literatur finden sich viele gute Erzählungen über die Problematik des Einsatzes von Von-Neumann-Sonden<em>. </em><a href="http://dennisetaylor.org/">Denis E. Taylor</a> hat sich in dem Buch „Ich bin viele“ (2018) und den anderen Bänden seiner seiner Bobivers<em>e</em>-Buchreihe damit beschäftigt, <a href="https://www.andreaseschbach.de/">Andreas Eschbach</a> in „Herr aller Dinge“ (2011) und <a href="https://www.lesjohnsonauthor.com/">Les Johnson</a> gemeinsam mit <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ben-bovas-grand-tour/">Ben Bova</a> in dem dritten Band der Outer-Planets-Trilogy, in „Pluto“ (2025), wobei hier zu bemerken ist, dass Les Johnson ein NASA-Technologe (und Autor) ist, der sich mit dem gegenwärtigen Stand der irdischen Raumfahrt sehr gut auskennt. Dieser Band ist eine Leseempfehlung für Menschen, die sich den gegenwärtigen Stand der Möglichkeiten der Erforschung der äußeren Planeten des Sonnensystems im Jahre 2025 interessant und spannend erzählen lassen wollen.</p>
<h3><strong>Ergebnisse und Spekulationen der kosmologischen Forschung</strong></h3>
<p>Die kosmologische Forschung fußt auf der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein aus dem Jahr 1915, diese ist die Grundlage der Kosmologie. Im Jahre 1929 stellt Edwin Hubble fest, dass das Universum expandiert, im Jahre 1965 wird die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt und damit die Theorie des Urknalls bestätigt. Im Jahre 2015 weisen Forscher erstmals Gravitationswellen nach, die von Einstein vorausgesagt worden waren. Im Jahre 2019 sieht die Welt das erste Foto eines Schwarzen Lochs, in der Galaxie M87, 53,5 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Die Diskussionen um die Struktur und die Zukunft des Universums nimmt Fahrt auf und führt in Dimensionen unfassbarer Möglichkeiten, bei denen Wissenschaft und Fiktion manchmal kaum noch zu unterscheiden sind.</p>
<p>Die Journalistin und promovierte Physikerin Marlene Weiß, Leiterin des Wissenschaftsressorts bei der Süddeutschen Zeitung, diskutiert in der Osterausgabe 2025 der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wissen/hologramm-quanten-gravitation-raumzeit-e005925/">„Und wenn wir in einem Hologramm leben?“</a> über eine Hypothese von Physikern, ob man das Universum als eine Projektion aus einer zweidimensionalen Oberfläche heraus verstehen könne. Dieser strittige Diskurs in der kosmologischen Fachwelt erinnert an die finale Zerstörung des Sonnensystems in dem dritten Band der Trisolaris-Reihe von Cixin Liu („Jenseits der Zeit“, 2019).</p>
<p>Wir können gegenwärtig sagen, wie alt und wie groß das Universum ist, haben aber keine technologische Möglichkeit gefunden, dies auch tatsächlich vor Ort erforschen zu können. Die Menschheit steht vor einem doppelten Dilemma: Wir wissen durch die Nutzung der Weltraumteleskope, insbesondere seit dem Einsatz des James-Webb-Teleskops, sehr viel über die Geschichte und die Beschaffenheit des Universums, können aber nicht direkt erkunden, was von unseren Theorien wirklich stimmt. Das Universum hat nach dem gegenwärtigen Stand der kosmologischen Forschung einen Durchmesser von 50 Milliarden Lichtjahren und wir verfügen über eine dreidimensionale Karte dieses riesigen Raums, werden allerdings nach dem momentanen Stand unserer Technologien niemals dort hinkommen, wo beispielsweise noch immer neue Sterne entstehen. Das Universum ist nicht fertig, sondern in ständiger Bewegung und Entwicklung.</p>
<p>Gleichzeitig stellen die Ergebnisse unserer präzisesten wissenschaftlichen Beobachtungsinstrumente wie die des James-Webb-Teleskop unsere Theorien auf den Kopf, denn sie geben Aufschluss darüber, dass sich das Universum tatsächlich schneller ausdehnt als ursprünglich berechnet. Manche Messergebnisse erweitern nicht nur unseren Horizont, sondern auch unsere Fragehaltung: Was passiert dort draußen, wo wir nicht – oder vielleicht niemals – hinkommen werden?</p>
<p>Selbst unsere Theoriebildung weist erhebliche Schwächen auf und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologisch-denken/">wir sind nicht sicher, ob unsere Theorien über Dunkle Energie und Dunkle Materie richtig sind</a> oder ob sie lediglich einen momentanen Stand unserer erratischen Wissenschaft darstellen. Gegenwärtig werden kontroverse Theoriebildungen in der kosmologischen Wissenschaft diskutiert: brauchen wir neue Gesetze für die Schwerkraft? Als alternative Theorie zu Dunkler Materie wird die „Modified Newtonian Dynamics“, kurz MOND, diskutiert. Wer formuliert die allumfassende Weltformel, in der Gravitation und Quantenphysik, also die Vereinheitlichung des ganz Großen und des ganz Kleinen, verbunden sind?</p>
<p>Wir wissen viel und wir wissen nichts – was die Fragen nach den großen Zeiten und Räumen im Universum angeht. Man könnte sogar so weit gehen zu konstatieren, dass, je mehr wir wissen, wir gleichzeitig erkennen, dass wir eigentlich immer weniger wissen über die zentralen Vorgänge im Universum. Wir erkennen mit jeder neuen kosmologischen Einsicht unsere Begrenztheit, unsere Hilflosigkeit, unser Unbedeutend sein. Wir wissen nicht einmal, ob wir allein im Universum sind oder ob es dort draußen noch andere intelligente Lebewesen gibt.</p>
<p>Die Wissenschaft diskutiert zur Frage außerirdischer Intelligenz drei theoretische Paradigmen:</p>
<ul>
<li>Das Fermi-Paradoxon des Physikers Enrico Fermi aus dem Jahre 1950, in dem er erklärte, dass es bereits seit Millionen von Jahren technologisch hochstehende Zivilisationen im Universum geben müsste, die theoretisch in der Lage seien, die ganze Galaxis zu kolonisieren. Die Frage zu seinen Überlegungen ist: Wo sind sie alle?</li>
</ul>
<ul>
<li>Die Drake-Gleichung von Frank Drake aus dem Jahre 1961 über die Abschätzung der möglichen Anzahl technologischer Zivilisationen im Universum, die eine Anzahl technologisch hochstehende Zivilisationen im Universum mathematisch nachweist. Die Frage bleibt: Wo sind sie alle?</li>
</ul>
<ul>
<li>Das Anthropische Prinzip, nach dem das Universum so gemacht wurde, dass wir Menschen darin eine ideale Heimstatt vorfinden. Eine weite Auslegung wäre, dass wir Menschen das Universum irgendwann einmal nach unseren Vorstellungen werden gestalten können. Diese Überlegung klingt für manche Ohren eigentlich blasphemisch, denn sie besagt, dass es keinen Gott gibt und dass wir Menschen irgendwann einmal die Naturgesetze nach unseren Vorstellungen werden verändern können.</li>
</ul>
<p>Der Mensch als zukünftiger Gott und Gestalter von Raum und Zeit. Genau dies ist das neue eschatologische Narrativ der Science-Fiction im 21. Jahrhundert. Nicht das Erkennen der Naturgesetze steht im Mittelpunkt der neuen Science-Fiction Literatur, sondern deren Veränderung und die Schaffung neuer Universen mit neuen Naturgesetzen nach den eigenen Vorstellungen<em>.</em> Wie dies fiktiv funktionieren könnte, hat der deutsche Schriftsteller <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/science-fiction-instrument-der-erkenntnis/">Phillip P. Peterson</a> mit seiner Paradox-Reihe (2015, 2017, 2019) meisterhaft in Szene gesetzt.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im April 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. März 2026, Titelbild: Large Hedron Collider, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Views_of_the_LHC_tunnel_sector_3-4,_tirage_2.jpg">View of the LHC tunnel sector 3-4</a>, Maximilien Brice (CERN), Wikimedia Commons – <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/">Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>&#8222;The Intent to Destroy a Group as Such&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Mar 2026 10:43:35 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„The Intent to Destroy a Group as Such” Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung „Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so  [...]</p>
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<h1><strong>„The Intent to Destroy a Group as Such”</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit Medardus Brehl über Vergleichende Genozidforschung</strong></h2>
<p><em>„Lemkin verfolgte die Spur, die ‚entscheidenden Schritte‘, die ein Muster ergaben. Der erste Schritt bestand gewöhnlich im Akt der Entnationalisierung: Individuen wurden staatenlos gemacht, indem man das Bund der Nationalitäten zwischen Juden und Staat durchtrennte, um ihnen so den Schutz des Gesetzes teilweise aberkennen zu können. Darauf folgte die ‚Entmenschlichung‘, bei der man den Mitgliedern der ins Visier genommenen Gruppe die gesetzlichen Rechte ganz entzog. Dieses Zweistufen-Schema wurde überall in Europa angewandt. Der dritte Schritt war, die Nation ‚in einem geistigen und kulturellen Sinn‘ auszulöschen – Lemkin identifizierte Erlasse ab Anfang 1941, die auf die ‚völlige Vernichtung‘ der Juden in ‚allmählichen Schritten‘ hindeuteten.“ </em>(aus: Philipp Sands, Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2018, englische Originalausgabe: East West Street – On the Origins of Genocide and Crimes Against Humanity, London, Weidenfeld &amp; Nicolson, 2016, deutsche Übersetzung von Reinhild Böhnke.)</p>
<p>Der Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden war nicht Gegenstand der Nürnberger Prozesse. Der Begriff des Genozids wurde von dem Juristen <a href="https://www.gfbv.de/de/news/raphael-lemkin-der-initiator-der-konvention-gegen-voelkermord-1451/">Raphael Lemkin</a> (1900-1959) entwickelt. Lemkin gab wesentliche Impulse zur <a href="https://www.voelkermordkonvention.de/">UN-Völkermordskonvention</a>, die am 9. November 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossen wurde und am 12. Januar 1951 in Kraft trat. Inzwischen wird der Begriff jedoch nicht nur im Völkerrecht, sondern auch als politischer Kampfbegriff verwendet, wie beispielsweise in letzter Zeit in Bezug auf das Vorgehen Israels in Gaza. Der Begriff spielt auch in Berichten über das Vorgehen in Myanmar gegen die Rohingya, das Vorgehen Russlands in der Ukraine, das Vorgehen der verfeindeten Armeen im Sudan eine Rolle.</p>
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<p>Ob der Begriff zu Recht verwendet wird, ist eine wichtige Frage auch der wissenschaftlichen Forschung, insbesondere der vergleichenden Genozidforschung. Die Ruhr-Universität Bochum beherbergt das einzigartige <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de">Institut für Diaspora- und Genozidforschung</a>, das die <a href="https://www.velbrueck.de/Programm/Philosophie/Zeitschrift-fuer-Genozidforschung-23-Jg-2025-Heft-1.html">Zeitschrift für Genozidforschung</a> herausgibt. Diese erschien zunächst bei Schöningh, inzwischen erscheint sie bei Velbrück in einer Print- und einer digitalen Ausgabe. Die interdisziplinär ausgerichtete Zeitschrift erreicht ein vielfältiges Publikum, Universitätsbibliotheken, Stadt- und Landesbibliotheken, aber auch Bibliotheken des Auswärtigen Amts, des EU-Parlaments und weitere politische Institutionen. Herausgeber:innen sind <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de">Mihran Dabag</a> und <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de">Kristin Platt</a>, verantwortlicher Redakteur ist der Literaturwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/brehl.html.de">Medardus Brehl</a>.</p>
<h3><strong>Diaspora- und Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf den ersten Blick erscheint mir die Kombination von Diaspora- und Genozidforschung etwas ungewöhnlich. Oder täusche ich mich?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Name des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung folgt der Idee, dass Genozide Ereignisse sind, die sich schlecht durch Jahreszahlen abgrenzen lassen, sondern eine sich über mehrere Generationen erstreckende Vorgeschichte der Ausgrenzung, der Stigmatisierung, auch der Fragmentierung von Gesellschaften aufweisen. Genozide sind in der longue durée zu betrachten, mit ihrer Vorgeschichte und ihren Folgen. Man kann Genozide nicht isoliert betrachten. Es geht letztlich auch um die Fragen, wie sich soziale Strukturen nach einem Genozid, einem Völkermord verändern, wie soziale Gedächtnisse mit diesen Erfahrungen umgehen. Genozide hinterlassen fundamental veränderte Gesellschaften mit tiefen Einschnitten in die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge der Täter- wie der Opfergesellschaft. </em></p>
<p><em>Diaspora ist nicht nur ein Migrationsthema. Nicht jede Migrationsgesellschaft ist auch eine Diasporagemeinschaft. Die Diasporaforschung befasst sich mit über Generationen spürbaren Nachwirkungen eines Völkermords und von Vertreibung in den Gemeinschaften der Überlebenden und ihrer Nachkommen. Die Traumaforschung befasst sich auch mit der Frage der transgenerationalen Traumatisierung solcher Gemeinschaften. Dahinter stecken die Erfahrung fundamentaler Verluste, der Gedanke einer Heimat, in die es kein Zurück mehr gibt, der Gedanke eines ewigen Exils und der damit verbundenen spezifischen sozialen Strukturen, Eliten und Institutionen nicht staatlicher Art mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Bezugspunkten. Es geht um die spezifischen Erfahrungen von Gemeinschaften nach Vertreibung und Völkermord, um die Transformation von Gemeinschaften, die zwangsmigriert sind, „displaced“ wurden. Beispiele sind die Erfahrungen und die Geschichte der êzîdischen, der armenischen und der jüdischen Diaspora. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit seinem interdisziplinären Ansatz ist das Institut für Diaspora- und Genozidforschung schon etwas Singuläres in Deutschland.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das Institut ist im Jahr 1994 als freie Forschungseinrichtung entstanden. Es ging aus einem Arbeitsschwerpunkt an der Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie an der Ruhr-Universität hervor. Das Projekt wurde von den beiden späteren Gründer:innen des Instituts durchgeführt, </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/dabag.html.de"><em>Mihran Dabag</em></a><em> und </em><a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/personen/platt.html.de"><em>Kristin Platt</em></a><em>. Es war ein Dokumentationsprojekt mit Interviews mit Überlebenden des Völkermords an den Armenier:innen. Mitte der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre wurden 134 lebensgeschichtliche Interviews in einem Umfang von zwei bis 16 Stunden durchgeführt. Daraus ging auch das Buch </em><a href="https://brill.com/display/book/edcoll/9783657784837/B9783657784837-s013.xml"><em>„Verlust und Vermächtnis – Überlebende des Genozids an den Armeniern erinnern sich“</em></a><em> (Paderborn, F. Schöningh, 2015) hervor. Das späte Datum der Veröffentlichung erklärt sich aus dem Umfang und Aufwand des Projekts. </em></p>
<p><em>Ziel der Gründung des Instituts war, das Projekt mit der Perspektive einer grundlegenden Diaspora- und Genozidforschung zu verstetigen. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland kein solches Forschungsfeld. Es gab noch bis vor Kurzem in Deutschland keinen Lehrstuhl, der sich dezidiert mit Völkermord- oder Diasporaforschung beschäftigte. Diese Themen fielen immer unter „Zeitgeschichte“ oder unter „Neuere und neueste Geschichte“. Das Institut sollte Anregungen aus den seit den 1970er Jahren in der anglo-amerikanischen Forschung entstanden Comparative Genocide Studies aufnehmen und diese mit der deutschen Forschung zu Nationalsozialismus und Holocaust verbinden. 1998 wurde das Institut wegen seines Erfolges zu einem An-Institut an der Universität Bochum. Es durfte die Einrichtungen und das Siegel der Universität nutzen, bekam jedoch noch keine Gelder vom Land. 1999 wurde das Institut in die Geschichtswissenschaftliche Fakultät eingegliedert, war damit einem Lehrstuhl gleichgestellt. 2018 /2019 gab es eine sehr erfolgreiche Evaluation. Dadurch erhielt das Institut den Status einer Zentralen Wissenschaftlichen Einrichtung der Universität Bochum. Es ist mit zwei Stellen ausgestattet.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Institut arbeitet interdisziplinär.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Projektarbeitsgruppen, die wir in den letzten 25 Jahren eingerichtet hatten, waren immer interdisziplinär zusammengesetzt, weil wir uns auch mit den Kontexten beschäftigen. Es greifen verschiedene Dinge ineinander, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften, Sozialpsychologie, Literaturwissenschaften, Politikwissenschaften, Theologie. Wir arbeiten mit Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung zusammen. Auch Aspekte der Wissensgeschichte, der Philosophie spielen eine Rolle. Ein Beispiel: Ein Projekt zu Zukunftsentwürfen und Gewalt in der Literatur der 1920er Jahre klingt zunächst eher literaturwissenschaftlich, war es im Kern auch, aber es haben auch Historiker:innen und Politikwissen- und Sozialwissenschaftler:innen mitgearbeitet, in der Kernarbeitsgruppe wie in erweiterten Arbeitsgruppen. Es geht dabei nicht um eine willkürliche Vermischung, sondern um Synergien. Wenn man aus unterschiedlichen disziplinären Blickwinkeln auf ein Thema schaut, vermag man gemeinsam auch die jeweiligen blinden Flecken zu beleuchten.</em></p>
<h3><strong>Die Zeitschrift für Genozidforschung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Zeitschrift ist das regelmäßige Publikationsorgan des Instituts. Sie erscheint zwei Mal im Jahr.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die erste Ausgabe erschien 1999. Die Zeitschrift entstand mit dem Ziel, ein Ideenforum zu schaffen und die Disziplin der Genozidforschung in der deutschen Forschung bekannt zu machen. Sie war das erste deutschsprachige Periodikum, das sich ausschließlich der Vorgeschichte, den Durchführungsstrukturen und den Folgen von Genoziden gewidmet hat, um den Diskurs in Deutschland bekannt zu machen, zu evaluieren und weiter zu entwickeln. </em></p>
<p><em>Vielleicht ist folgender Hinweis wichtig für Ihre Leser:innen. Jeder in der Zeitschrift veröffentlichte Beitrag wird zuvor anonymisiert und von zwei Gutachter:innen, die nicht voneinander wissen, bewertet. Die Redaktion entscheidet also nicht alleine. Manchmal wird eine Überarbeitung erbeten, etwa ein Drittel der eingereichten Beiträge wird abgelehnt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Verfahren und Zahl der Ablehnungen verstehe ich als einen Indikator ebenso für die Qualität der Zeitschrift wie für ihre Attraktivität in der wissenschaftlichen Community. Es gibt in der Zeitschrift auch Schwerpunktthemen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>In der Regel haben wir offene Hefte, die aber oft auch – wie in diesem Fall – ein Schwerpunktthema haben. Es gibt auch reine Themenhefte, die in der Regel von Gastherausgeber:innen gestaltet werden. Das nächste Heft hat das Thema „Praktiken und Semantiken der Gewalt im Spanischen Bürgerkrieg“. Das Thema mag manchen im Kontext der Genozidforschung verwundern, aber es geht um eliminatorische Gewalt gegen politische Gegner:innen. Es geht um Massaker der Falangisten beziehungsweise Nationalisten an Republikanern, es gab auch Massaker von Republikanern an Nationalisten oder von beiden Seiten Massaker an verdächtig erscheinenden Personen.</em></p>
<p><em>Wir verfolgen das Ziel, Diskurse der internationalen Genozidforschung in die bundesrepublikanische Forschung hineinzutragen und mit den etablierten Paradigmen zu verbinden. Inzwischen sind wir dazu übergegangen, die Zeitschrift auch international zu etablieren. Es gibt inzwischen englischsprachige Beiträge mit deutschsprachigen Abstracts, deutsche Beiträge haben englische Abstracts. Es gibt auch viele internationale Autor:innen, auch wenn der Kern nach wie vor deutschsprachige Autor:innen sind, so dass sich der Kreis zu den Comparative Genocide Studies schließt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie unterscheidet sich ihr Ansatz von den amerikanischen Comparative Genocide Studies?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die amerikanischen Comparative Genocide Studies hatten einen weitgehend sozialwissenschaftlich geprägten Ansatz. Es gab viel Konfliktsoziologie. Dies wollten wir mit der im Kern sehr historisch orientierten deutschen Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust verbinden. Es war nicht so einfach, einen Verlag zu finden. Die Gründer:innen mussten sich mit dem Verdacht auseinandersetzen, mit der Etablierung der Genozidforschung ginge eine Relativierung des Holocaust einher. </em></p>
<h3><strong>Zur Begriffsgeschichte des Genozids </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Begriff des <em>„Genozids“</em> wird heutzutage inflationär verwandt. Daher denke ich, dass wir ihn präzisieren sollten. Ich habe dazu in Ihrer Zeitschrift eine mir sofort einleuchtende Definition gefunden: <em>„Staatlich legitimierte kollektive Gewalt.“</em></p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt. Das unterscheidet einen Genozid auch von einem Pogrom. Es geht beim Genozid um die geplante Vernichtung einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir müssen <em>„Genozid“</em> abgrenzen von <em>„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“</em> (im Englischen <em>„Crimes against humanity“</em>) und von <em>„Kriegsverbrechen“</em>. Diese beiden Punkte waren Gegenstand der Nürnberger Prozesse, der Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden war es nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Den juristischen Begriff von „Genozid“ hat Raphael Lemkin geprägt und damit die UN-Völkermordskonvention mitgeprägt. Hintergrund der Arbeiten von Raphael Lemkin waren zunächst der Völkermord an den Armenier:innen und die </em><a href="https://www.deutscharmenischegesellschaft.de/2021/03/25/doku-zur-ermordung-von-talat-pascha-durch-soghomon-tehlirian/"><em>Erfahrungen des Prozesses 1921 in Berlin gegen Soghomon Tehlerian</em></a><em>, der einen der Hauptverantwortlichen für den Völkermord, Talat Pascha, auf offener Straße ermordet hatte. Soghomon Thelerian wurde freigesprochen. Durch den Prozess wurde Raphael Lemkin, polnischer Jude aus dem damals polnischen Lemberg, auf das Problem aufmerksam, dass Gruppen und die Vernichtung von Gruppen im Völkerrecht nicht vorkommen. Er argumentierte, wir bräuchten auf der Ebene des internationalen Rechts einen entsprechenden Straftatbestand, damit die Täter verfolgt und bestraft werden können. Raphael Lemkin hat sich daher zunächst mit den Begriffen „Barbarei“ für die Vernichtung einer Gruppe und „Vandalismus“ für die Zerstörung ihrer kulturellen Grundlagen auseinandergesetzt. </em></p>
<p><em>Raphael Lemkin hat lange an diesem Thema weitergearbeitet, es auf internationalen Völkerrechtssymposien vorgestellt, drang aber nicht durch. Im Jahr 1944 hat er im Auftrag der Alliierten ein Gutachten zur „Herrschaft der Achsenmächte im besetzten Europa“ (</em><a href="https://www.legal-tools.org/doc/b989dd/pdf"><em>„Axis Rule in Occupied Europe“</em></a><em>) geschrieben, in dem er zum ersten Mal den Genozidbegriff verwendet. Lemkin fasst den Genozidbegriff – meine Übersetzung – als „einen koordinierten Plan verschiedener Handlungen, der in der Absicht begangen wird, eine nationale Gruppe als solche zu zerstören“. Lemkin sagt, die Gewalt richte sich nicht gegen die Individuen in ihrer Individualität, sondern gegen die Individuen aufgrund ihrer Mitgliedschaft in einer Gruppe. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beziehungsweise der ihnen zugeschriebenen Mitgliedschaft. Die Nazis fassten ihren Begriff, wer Jude sei, erheblich weiter als das Judentum selbst. Jude waren auch diejenigen, die oder deren Vorfahren irgendwann einmal zum Christentum konvertiert waren, Juden oder Jüdinnen waren im Unterschied zur Halacha auch all diejenigen, deren Väter keine Juden waren. Es reichte schon, unter den Großeltern jemanden zu haben, der als Jude oder Jüdin galt. Man stritt sich sogar unter Nazi-Juristen, wie weit die Definition reichen sollte.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das war bei Raphael Lemkin noch kein Thema.</em> <em>Die UN-Völkermordskonvention kam dann aber auch aufgrund der Tatsache zustande, dass bei den Nürnberger Prozessen die Shoah nicht Gegenstand der Verhandlungen war. Es gab den Tatbestand nicht, somit konnte er auch nicht verhandelt werden. Daher kam man auf die Idee, einen entsprechenden Tatbestand im internationalen Strafrecht zu verankern. So entstand die Konvention im Jahr 1948.</em></p>
<p><em>Die meisten wissen nicht, was die Konvention als Völkermord bezeichnet. Viele denken, der Katalog der Maßnahmen sei die eigentliche Definition. Die Definition lautet jedoch: „the intent to destroy a group as such”, „die Absicht, eine Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Das ist eine typisch juristische Definition. Man braucht ein objektives und ein subjektives Straftatbestandsmerkmal. Das subjektive ist „intent“, es muss jemand sein, der das will, das objektive, dass es eine Gruppe sein muss.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die juristische Seite ist eine Seite der Medaille, die historische und sozialwissenschaftliche eine andere. Natürlich bleibt es dieselbe Medaille.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es gibt eine Vielzahl verschiedener Varianten. Der kleinste gemeinsame Nenner ist sicherlich die Absicht von staatlichen Akteuren oder quasi-staatlichen Akteuren – wie beispielsweise bei der Hamas oder dem Islamischen Staat –, die über Machtressourcen, einen Apparat der Mobilisierung und Medien der Stigmatisierung verfügen. Das gehört dazu, um eine Politik des Genozids als eine solche zu beschreiben und zu definieren. </em></p>
<h3><strong>Kann man Genozide miteinander vergleichen?</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wer Genozide miteinander vergleicht, setzt sich dem Vorwurf aus zu relativieren. Vermutet wird der Aufbau von Opferkonkurrenzen oder Hierarchien. Das ist <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/umstrittene-erinnerung/">ein sehr kritisches und in den letzten Jahren im Kontext der Post-Colonial Studies kontrovers diskutiertes Thema insbesondere in der Erinnerungskultur</a>, zuletzt virulent angesichts der Streitigkeiten um das Konzept des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zur Erinnerungskultur. Dem aktuellen Beauftragten wurde Ignoranz der deutschen Kolonialgeschichte vorgeworfen, seiner Vorgängerin Relativierung der Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Relationen zu benennen bedeutet nicht etwas zu relativieren. Man fragt oft nach der Singularität der Shoah. Singularität erweist sich jedoch erst in Abgrenzung von anderen Ereignissen. Jedes Ereignis ist für sich erst einmal singulär. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Überschneidungen oder miteinander vergleichbare Strukturcharakteristika gibt. Mihran Dabag hat einmal gesagt, wir betreiben keine Fallvergleiche, sondern Strukturvergleiche. Wie verlaufen Prozesse der Segregation, welche Parallelen und welche Unterschiede lassen sich feststellen, die uns dann möglicherweise erst in die Lage zu versetzen, auch Tendenzen in gegenwärtigen Gesellschaften zu erkennen und zu beschreiben?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> schreibt regelmäßig in Ihrer Zeitschrift. Sie veröffentlicht regelmäßig sehr anregende Beiträge zur vergleichenden Genozidforschung. Ich habe ein ausführliches Interview mit ihr veröffentlicht, Titel: „<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/des-genocides-populaires/">Des génocides populaires“</a>, in dem sie Parallelen zwischen der Struktur und der Aufarbeitung des Tutsizids in Ruanda und der Shoah beschreibt. Sie hat beispielsweise eine ganze Reihe französischsprachiger Literatur mit Berichten von Überlebenden des Tutsizids analysiert, die ähnlich argumentieren wie in der deutschsprachigen Literatur zur Shoah.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Vergleich macht grundsätzlich Sinn, vor allem aber dann, wenn man in irgendeiner Weise Ähnlichkeiten und Differenzen von Strukturcharakteristika von Gewaltpolitiken sichtbar machen kann. Im Vergleich zeigt sich erst das Besondere der einzelnen genozidalen Akte. Es gibt Parallelen in der Shoah wie im Völkermord an den Armenier:innen oder beim Tutsizid in der Extegration innerhalb einer Gesellschaft im Vorlauf der eigentlichen genozidalen Handlungen und Maßnahmen. Natürlich gibt es auch viele Unterschiede. Das bedeutet aber nicht, dass die Feststellung ähnlicher Charakteristika eine Form der Relativierung wäre. Ein Vergleich trägt dazu bei, genozidale Prozesse überhaupt zu verstehen. Im Verlauf wie in der Erinnerung. </em></p>
<h3><strong>Resonanzräume der Erinnerung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je nachdem, wie man sich erinnern möchte, wird der Begriff des „Genozids“ beliebig. Das ließe sich jedoch verhindern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Die Idee der „Multidirektionalen Erinnerung“ des amerikanischen Literaturwissenschaftlers </em><a href="https://michaelrothberg.weebly.com/index.html"><em>Michael Rothberg</em></a><em> (die englische Ausgabe erschien bereits 2009, die deutsche erst 2024) wurde auch oft kritisiert. Aber man muss bedenken, dass die Anerkennung von Gewalt oft funktioniert, indem man sich auf ein anerkanntes Ereignis bezieht. Anne Peiter hat herausgearbeitet, wie sich Werke zur Erinnerung an den Tutsizid auf Werke der Erinnerung an die Shoah beziehen. Das ist auch Thema des Buches „Verlust und Vermächtnis“ von Kristin Platt und Mihran Dabag zum Völkermord an den Armenier:innen. Die Shoah ist ein Referenzpunkt, ebenso wie der Völkermord an den Tutsi oder der Völkermord an den Armenier:innen, um die eigene Erfahrung einzufangen und eine Sprache zu finden, die verstanden wird. Natürlich ist der Modus, in Ost- oder in Südafrika über die Erfahrungen des Genozids zu sprechen, nicht auf andere Erfahrungen anderswo übertragbar. </em></p>
<p><em>Vor diesem Hintergrund finde ich die Idee der „commemoration“ als wissenschaftliches Konzept interessant. Wenn das Ergebnis eines Vergleiches wäre, alles ist gleich, war der Vergleich verkehrt. Der Vergleich muss einen Mehrwert ergeben, mit Blick auf das Verglichene und letzten Endes auf die einzelnen Dinge, die in ein komparatives Verhältnis gestellt werden. Ein Vergleich muss Unterschiede und Besonderheiten sichtbar machen. Genau dies geschieht in Erzählungen von Überlebenden, auch in der Literarisierung in der zweiten und dritten Generation. Wenn beispielsweise Nachfahren der Überlebenden des Genozids an den Armenier:innen in den 1950er Jahren sich auf die Shoah beziehen, wird dies ein Resonanzraum, auch umgekehrt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Einen solchen Resonanzraum finden wir auch bei der Erinnerung beziehungsweise dem Traumatransfer in einer Gruppe. Benjamin Netanjahu bezog sich am 7. Oktober 2023 auf ein Pogrom des Jahres 1903 im russischen Kischinew (heute: Chișinău, Moldau) und das Gedicht von Chaim Nachman Bialik „In der Stadt des Tötens“. Darauf wies die Psychotherapeutin und Romanautorin Ayelet Gundar-Goshen im Nachwort zur deutschen Neuauflage mehrerer Texte des Autors hin (in: Chaim Nachman Bialik, <a href="https://www.beck-shop.de/bialik-wildwuchs/product/37479584">Wildwuchs – Erzählungen aus Wolhynien</a>, München, C.H. Beck, 2025). Genozide, Massaker, Pogrome tragen zur Identitätsbildung bei. Zumindest bei den Überlebenden und Nachfahren der Opfer.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> In der deutschen Erinnerungskultur spielt der Holocaust, die Shoah nicht die tragende Rolle, die Auschwitz spielt. Auschwitz ist eine zentrale Chiffre für die Identitätsbildung in der alten Bundesrepublik Deutschland. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Diese These vertritt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“ (Berlin, Suhrkamp, 2017) für ganz Europa.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Ich sage es etwas polemisch: Die Bundesrepublik Deutschland hatte zwei Gründungserzählungen, das positive war die Währungsreform, das negative Auschwitz. Auschwitz spielt die Rolle der negativen Folie der eigenen Identität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Joschka Fischer begründete die Beteiligung Deutschlands am NATO-Einsatz im Jugoslawien-Krieg mit der Verpflichtung nach Auschwitz.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Damit ist man am Ende auf der Ebene der Politisierung des Begriffs „Genozid“. Das ist kein Argument gegen die Richtigkeit einer Maßnahme, aber es zeigt, dass der Begriff inzwischen auch ein Begriff im politischen Kampf geworden ist, als maximale Skandalisierungschiffre. Sobald ich etwas als „Holocaust“ bezeichne, steigere ich diese Skandalisierung noch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Den Begriff „Holocaust“ verwenden zum Beispiel radikale Tierschützer:innen und Abtreibungsgegner:innen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das ist höchst gefährlich, weil der Begriff damit ausgehöhlt wird. Man höhlt ihn aus als Instrument des internationalen Rechts zum Schutz der Existenz und Sicherheit von Gruppen. Der inflationäre Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ oder „Genozid“ führt auch dazu, dass irgendwie alles zu „Holocaust“ und „Genozid“ wird. Das macht keinen Unterschied mehr. Deswegen bin ich immer sehr vorsichtig, vorschnell auf die Frage zu antworten, ob etwas ein Völkermord sei. Man muss sich die Dinge erst einmal sehr genau anschauen. Man muss alle Seiten hören und in ihrer Sprache kommunizieren. Die meisten, die heute über Israel oder Gaza sprechen, verstehen weder Hebräisch noch Arabisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Viele wussten bis vor Kurzem nicht, dass Ukrainisch eine eigene, sich vom Russischen unterscheidende Sprache ist. Umso wichtiger ist ein interdisziplinärer und – das möchte ich ergänzen, auch wenn es ein Wortspiel sein mag – disziplinierter Umgang mit Begriffen.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Der Begriff des Genozids ist selbst schützenswert, das Konzept als solches, sodass man es nicht inflationär entwerten darf.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann vergleichende Genozidforschung zur Prävention beitragen, vielleicht im Sinne eines Frühwarnsystems?</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Es ist immer sehr vollmundig zu sagen, Genozidforschung wolle dazu beitragen, Genozidprävention zu betreiben. Wenn man sieht, dass Gesellschaften von starken segregativen Diskursen bestimmt sind, von Diskursen der Ausgrenzung, der Dehumanisierung, muss das nicht zwangsläufig dazu führen, dass am Ende eine Massenvernichtung stattfindet, aber es sind zumindest Indikatoren, die man in irgendeiner Form extrapolieren kann.</em></p>
<h3><strong>Entscheidend sind die Täter</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben Genozid als <em>„staatlich legitimierte kollektive Gewalt und von staatlicher Seite durchgeführte kollektive Gewalt</em>“ definiert.</p>
<p>Ich möchte diese Definition zunächst auf Gaza anwenden. Das bedeutet meines Erachtens, dass das, was die Hamas in ihrer Charta aufgeschrieben und was der Iran plant und mit der bis 2040 laufenden Uhr auf dem Palästina-Platz in Teheran dokumentiert, den Tatbestand des Völkermords erfüllt, das, was die israelische Regierung beziehungsweise die israelischen Verteidigungskräfte machen, nicht, sehr wohl aber das, was Minister wie Itamar Ben Gvir und Bezalel Smotrich äußern.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Das ist eine hervorragende Differenzierung, die viel zu selten gemacht wird. Die Hamas erklärt in ihrem Statut, dass ihr Ziel die Vernichtung Israels ist. Das ist eine ganz klar erklärte genozidale Absicht. Das gilt auch für die Islamische Republik Iran. Auf der anderen Seite: Eine Vernichtung der Palästinenser ist nicht israelische Staatsdoktrin. Es gibt jedoch Mitglieder der israelischen Regierung, die ganz klar eine genozidale Absicht äußern. </em></p>
<p><em>Damit kommen wir zu dem nächsten Punkt, den auch viele vergessen. Der Staat Israel kann gar nicht für einen Völkermord verantwortlich sein. Strafrechtlich verfolgt werden können nur Individuen. Man kann Benjamin Netanjahu anklagen, aber nicht den Staat Israel, man konnte Slobodan Milošević anklagen, nicht aber den damaligen Staat Jugoslawien. Man kann auch keine Parteien anklagen, nur Individuen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das entspricht im Großen und Ganzen dem deutschen Strafrecht. Angesichts der RAF hat man allerdings eine kollektive Verantwortung ins Strafrecht eingefügt, weil man damals nicht wusste, wer auf wen geschossen hat. Auch heute noch schweigen die Mitglieder der RAF.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Das wäre die Brücke über die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, die auch bei der Mitgliedschaft in der NSDAP oder in SS und SA herangezogen werden konnte. Es ist in diesem Kontext interessant, dass in der gesamten Debatte um Gaza die genozidale Absicht der Hamas fast überhaupt nicht thematisiert, sondern als antikoloniale Selbstermächtigung verharmlost wird. Diese Differenzierung ist wichtig. Bei der Bewertung all dessen, was in Gaza geschehen ist und geschieht, sind viele, die eine pauschale Palästinasolidarität postulieren, sehr blind. Auf beiden Augen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Blindheit verschärft sich, wenn Jüdinnen und Juden weltweit für das Vorgehen des Staates Israel in Gaza in Mitverantwortung genommen werden, ungeachtet der Frage, ob sie israelische Staatsbürger:innen sind und ebenso ungeachtet der Frage, wie sie selbst zu Netanjahu und seinen rechtsextremen Koalitionspartnern stehen.</p>
<p>Ein anderer Fall, an dem wir die von uns unterstützte Definition des Genozids anwenden könnten, wäre das Vorgehen Russlands in der Ukraine. Ich denke, dass es die Kriterien eines Völkermords erfüllt. Putin behauptet zwar, er habe auf einen Völkermord an Russen im Donbass reagiert, doch lässt sich kein Beleg finden, dass die ukrainische Regierung dies in irgendeiner Weise beabsichtigt. Auf der anderen Seite verlangt Putin die Auslöschung der ukrainischen Nation, der ukrainischen Kultur, der Sprache, zwangsassimiliert Menschen in den besetzten Gebieten, nach Russland entführte Kinder, die dort zur Adoption freigegeben werden. In seinen Reden oder noch schärfer in Reden Dmitri Medwedews. Die „Blätter für deutsche und internationale Politik“ dokumentierten in ihrer Ausgabe vom Juni 2024 einen Beitrag von Medwedew mit dem Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/juni/dokumentiert-russlands-historische-mission">„Russlands historische Mission“</a>, in dem er <em>„die Entnazifizierung des erfundenen Gebiets, das sich ‚ukrainischer Staat‘ nennt“ </em>forderte. Ich sehe hier neben der Täter-Opfer-Umkehr eine eindeutig genozidale Absicht. Es soll nach Ende der sogenannten <em>„Spezialoperation“</em> keine Ukraine und keine Ukrainer:innen mehr geben.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bleiben wir erst einmal bei den Kriegshandlungen. Es gibt keinen Krieg ohne Kriegsverbrechen. Nicht jedes Massaker ist ein Völkermord. Man darf auch nicht glauben, ein Massaker wäre schlimmer, wenn man es als „Völkermord“ etikettieren könnte. Begrenzte Massaker haben dieselbe Qualität. </em></p>
<p><em>Die Behauptung der Nicht-Existenz eines ukrainischen Volkes könnte man als Indiz für eine genozidale Absicht nehmen. Man hat mit Sicherheit einen genozidalen Diskurs. Das sehe ich auch in Bezug auf einige Mitglieder der israelischen Regierung, die behaupten, es gäbe kein palästinensisches Volk. Darüber sprachen wir.</em></p>
<p><em>Ein interessanter Fall ist Srebenica. Es geht um die Ermordung von etwa 8.000 Männern, die Frauen und Kinder wurden deportiert. Man könnte fragen, wie dies ein Völkermord sein könnte. Man muss letzten Endes sehen, dass Gewaltmaßnahmen jenseits von ihrer manifesten Praxis eine erhebliche kommunikative Funktion haben. Diese hatte das Massaker der Hamas auf jeden Fall. Deshalb haben die Täter das auch so ausführlich dokumentiert und gestreamt. Es war eine Botschaft der Vernichtung. Genauso war das Massaker in Srebenica eine Botschaft. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/738-tage/">„738 Tage“</a> habe ich unter anderem die Ausstellung der Nova-Foundation beschrieben, die Originalvideos, -telefonate und -orte des Massakers in ergreifender Weise dokumentierte. Darunter war auch das Video mit der ermordeten nackten Shani Louk auf einem Pick-Up und um sie herumsitzenden Hamas-Terroristen, die Allah lobten. In einem anderen Video hörte man Hamas-Terroristen rufen, dass sie an diesem Tag ins Paradies kämen, weil sie so viele Juden getötet hätten.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Aus diesem Grund bin ich auch der Meinung, dass Srebenica einen genozidalen Charakter hatte, ungeachtet der scheinbar begrenzten Gewalt, die es aber darauf anlegt, entgrenzt zu werden. Das ist die Semantik dieser Tat. Auch die Absicht, „intent“ wird damit explizit ausgesprochen, dass es die Absicht sei, dass dies allen passiert. Das war am 7. Oktober genauso. </em></p>
<h3><strong>Die Debatten um die Anerkennung eines Völkermords am Beispiel Armenien</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der ersten Ausgabe Ihrer Zeitschrift für das Jahr 2026 geht es unter anderem um Armenien. Thema sind auch die deutsche Mitschuld und die nach wie vor fehlende Anerkennung des Völkermords durch den türkischen Staat. Es gab von der Türkei heftig kritisierte Parlamentsbeschlüsse, <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/18/086/1808613.pdf">in Deutschland am 2. Juni 2016</a>, <a href="https://www.assemblee-nationale.fr/11/ta/ta0611.asp">in Frankreich schon am 18. Januar 2001</a>, die das Massaker an den Armenier:innen als Völkermord anerkannten. Ich wage aber auch die These, dass der Zeitpunkt zumindest des deutschen Beschlusses durchaus etwas damit zu tun hatte, dass man Erdoğan – vorsichtig gesprochen – Grenzen setzen wollte. Aber vielleicht wollte man auf diese Weise auch nur die eigene Mitschuld vergessen lassen. Das mag auch für die späte Anerkennung des Holodomor in der Ukraine und in Kasachstan <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/20/046/2004681.pdf">am 30. November 2022 durch den Deutschen Bundestag</a> gelten. Ohne die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 wäre es möglicherweise nicht so weit gekommen und die Ukraine wäre in Deutschland weiterhin im Sinne von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation“</a> geblieben (München, C.H. Beck, 2025). Über Kasachstan redet man zurzeit nach wie vor nicht.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Bei Ihnen schwang ein wenig mit, dass die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen politisch instrumentalisiert wurde. Ich sehe das ehrlich gesagt nicht so. Man muss meines Erachtens zwei Dinge beachten. Einmal: Warum leugnet die Türkei diesen Völkermord heute noch so vehement? Die Türkei wurde 1923 gegründet, bis dahin bestand das Osmanische Reich fort. Es gab die Istanbuler Prozesse, die von Osmanen geführt wurden, in denen eine Reihe der Akteure verurteilt worden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Somit gab es damals eine Anerkennung der Schuld.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Darüber gab es im Osmanischen Reich einen großen Diskurs. Die Jungtürken-Bewegung, die seit 1913 allein den osmanischen Staat steuerte und den Völkermord plante und durchführte, galt als die größte Schande für die muslimischen Osmanen. Das wurde in Zeitungen diskutiert. Die Hauptverantwortlichen, das Triumvirat von Enver Pascha, Talat Pascha und Cemal Pascha, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Talat Pascha flüchtete mit deutscher Hilfe nach Berlin, Enver Pascha flüchtete über Berlin nach Turkmenistan, Cemal Pascha nach Georgien. Das Deutsche Reich half ihnen, sich der Strafverfolgung zu entziehen. Dies geschah in der Übergangszeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, maßgeblich gesteuert von Hans von Seekt, der dann 1920 bis 1926 die Heeresleitung der Reichswehr innehatte.</em></p>
<p><em>Mit dem sogenannten türkischen Befreiungskrieg durch Kemal Atatürk veränderte sich die Situation. Man versuchte, die Geschichte hinter sich zu lassen. Seit 1923 wird versucht, ein nationalpolitisches Identitätsnarrativ zu etablieren, aus eigener Kraft hätten es die Türken geschafft, den altmodischen imperialen osmanischen Staat hinter sich zu lassen und einen modernen türkischen Staat zu gründen. Die ethnische Homogenisierung Anatoliens sei sozusagen die Grundbedingung dafür gewesen, den türkischen Nationalstaat zu schaffen. Dieses Narrativ gilt bis heute. In eine solche   „Erfolgsgeschichte der Türkei“ lässt sich der Völkermord an den Armenier:innen, an der assyrisch-armenischen, an der pontischen Bevölkerung im Schwarzmeergebiet, an der christlichen Bevölkerung im osmanischen Reich also schlecht erzählen. Das passte nicht hinein. Seit 1938, Jahr des Massakers in Dersim, dann nach 1945 hat die Türkei sich sehr empfindlich gezeigt und immer heftig reagiert, wenn jemand den Völkermord an den Armenier:innen thematisiert hat.  </em></p>
<p><em>Mihran Dabag hat 1984 in Bonn die erste Konferenz zu diesem Völkermord durchgeführt. Es gab extreme Interventionen der Türkei, massive Morddrohungen nationalistischer Organisationen in der Türkei gegen Organisator:innen und Referent:innen. Die Konferenz fand unter dem Schutz des Bundesgrenzschutzes statt, mit einem über dem Tagungsgebäude kreisenden Hubschrauber. Als wir dann 2005 eine Handreichung für die Schulen im Land Brandenburg vorbereiteten, in der unter anderem der Völkermord an den Armenier:innen thematisiert werden sollte, hat die türkische Botschaft interveniert. Das Land Brandenburg knickte ein und wir mussten eine gekürzte Handreichung veröffentlichen.</em></p>
<p><em>Ich sehe zwei Gründe, warum die Anerkennung des Völkermords an den Armenier:innen in Deutschland so lange gedauert hat. Das eine ist die Sorge der Relativierung der Shoah durch die Anerkennung eines weiteren Völkermords. Das war auch von Ernst Nolte im Historikerstreit so beabsichtigt. Er wollte die Shoah in der Tat relativieren, indem er Vorbilder benannte. Der zweite Punkt ist die Tatsache, dass die Türkei ein wichtiger Bündnispartner in der NATO ist. Die Türkei hatte auch einen immer größeren türkischen Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auch eine große Wählergruppe bildet. </em></p>
<p><em>Ich bin seit 2001 an der Universität Bochum. Bei den jungen türkischstämmigen Studierenden ändert sich inzwischen etwas. Sie sind interessiert, gehen zunehmend kritisch mit der Geschichte in der Türkei um. Die Anerkennung im Deutschen Bundestag hat somit etwas bewirkt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist spekulativ, aber ich kann mir vorstellen, dass auch der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5XuABgQIVNs">Film „The Cut“ von Fatih Akin</a> (2014) eine Rolle für diese Entwicklung gespielt hat.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Auf jeden Fall.      </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Berlin erlebte ich bei einer Veranstaltung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur etwa auch um die Mitte der 2010er Jahre einmal, dass der Leiter einer türkischen Schule sagte, er habe in Deutschland gelernt, dass man sich mit einem Bekenntnis zu den Verbrechen der Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung nicht beschmutze, sondern ehrlich mache. Diese Auffassung haben sicherlich nicht alle Eltern seiner Schüler:innen geteilt.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>: <em>Sie kennen den </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_301_(t%C3%BCrkisches_Strafgesetzbuch)#Geschichte_und_Wortlaut"><em>Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs: „Beleidigung des Türkentums“</em></a><em>. Es gibt in türkischen Schulbüchern bis heute Aufforderungen an Schüler:innen, in Aufsätzen die Gräuel der armenischen Bevölkerung gegen Türken zu beschreiben. Man muss schon davon ausgehen, dass solche Geschichtsbilder in der türkischen Community eine Rolle spielen. Das ist ja auch nicht verwunderlich.</em></p>
<p><em>Aber es hat sich auch im Verhalten etwas verändert. Vor zehn Jahren gab es bei Vorträgen, die wir zum Thema hielten, noch organisierte Störer, die im Saal verteilt mit vorbereiteten Fragen eingriffen. Das gibt es nicht mehr.</em></p>
<h3><strong>Verschleppte Anerkennung am Beispiel Namibia </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Deutschland versuchen nach wie vor viele interessierte Menschen den deutschen Völkermord an den Ovoherero und Nama kleinzureden. Im aktuell vorliegenden Konzept des Beauftragten für Kultur und Medien kommt die Kolonialgeschichte nicht mehr vor. Sie soll in einem späteren Konzept gesondert thematisiert werden. Christiane Bürger und Sahra Rausch veröffentlichten 2025 im Augsburger MaroVerlag das von Tuaovisiua Betty Katuuo kongenial illustrierte MaroHeft. <a href="https://www.maroverlag.de/marohefte/279-der-prozess-9783875126297.html">„Der Prozess – Wie der deutsche Völkermord an den Herero und Nama nicht vor Gericht kam“</a>. Der Streit um Entschädigungen zwischen Deutschland und Namibia ist endlos. Das einzige Museum zum diesem Völkermord betreibt in Swakopmund (Namibia) Laidlaw Peringanda auf zwölf Quadratmetern. Joshua Beer berichtete am 15. Januar 2026 in der Süddeutschen Zeitung über die Konflikte um dieses Museum: <a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/gesellschaft/namibia-swakopmund-kolonialismus-genozid-museum-e824362/">„Das Genozidmuseum im deutschen Idyll von Afrika“</a>. Das ist die eine Seite, die andere bilden Versuche, jede Beschäftigung mit diesem Völkermord als Relativierung der Shoah oder gar als Antisemitismus zu brandmarken. In Swakopmund kommt auch gelegentlich jemand von der AfD vorbei und legt Blumen am Grab eines Verantwortlichen für den Völkermord nieder. In Deutschland gibt es wie in Frankreich oder in Großbritannien auch Positionen, in denen die Kolonialpolitik als Zivilisationsprojekt gelabelt wird.</p>
<p><strong>Medardus Brehl</strong>:<em> Leider hat die Zunft der Historiker:innen bis in die 1980er Jahre hinein genau dies propagiert. Der Kolonialismus habe Zivilisation und Technologie in die Welt getragen und dann gab es eben ein paar Kollateralschäden. Ich habe selbst viel zum Völkermord in Südwestafrika gearbeitet. Wenn man sich Lexika anschaut, die nach 1945 bis weit in die 1960er und 1970er Jahre hinein den Völkermord gar nicht erwähnten. Da hieß es dann, dass die Herero im Aufstand von 1904 ihre Stammesstruktur verloren hätten. Da ist die Schuld schon klar benannt: Dumm gelaufen, ließe sich sagen. Es ist erst sehr spät erforscht worden, dass dort eine systematische Ermordungsstrategie gefahren worden ist. </em></p>
<p><em>Ich denke, man muss die Akteure – es ist hier ein richtiges Maskulinum, denn es waren fast alles Männer – des Kolonialismus benennen und auch Straßennamen entehren. Es gibt natürlich auch Aktivist:innen, die keinen Kant mehr lesen wollen, weil bei ihm rassistische Textstellen zu finden sind. Dann wird es schwierig, denn wir müssten letztlich die gesamte Diskursgeschichte bis in die 1990er Jahre abschaffen oder überall Triggerwarnungen anbringen. Wenn von mir verlangt wird, bei einem Seminar zu genozidaler Gewalt eine Triggerwarnung anzubringen, dass es hier um Gewalt geht, geht mir das zu weit. Es gibt ein paar Leute, die das gerne so hätten. Von einer Kollegin in Paderborn weiß ich, dass es dort so üblich ist, aber ehrlich gesagt weiß ich doch bei einer Seminarankündigung zum Thema Genozid oder zum Lagersystem des Nationalsozialismus, dass es da um Gewalt geht. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2026, Internetzugriffe zuletzt am 25. Februar 2026, Titelbild: NoRei<em>.</em>)</p>
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		<title>Wege zu einer transkulturellen Literaturwissenschaft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 07:37:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Wege zu einer transkulturellen Literaturwissenschaft Jeannette Oholi über Rolle und Perspektiven Schwarzer deutscher Literatur „Ich wäre überrascht, wenn deine Eltern mit der sogenannten Selbstbezeichnung ‚People of Color‘ irgendetwas anfangen könnten. Überhaupt haben sie sich nie zu den ganzen Diskussionen um political correctness geäußert. Es mag stimmen, dass du eine Außenseiterin bist oder, genauer gesagt,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Wege zu einer transkulturellen Literaturwissenschaft</strong></h1>
<h2><strong>Jeannette Oholi über Rolle und Perspektiven Schwarzer deutscher Literatur</strong></h2>
<p><em>„Ich wäre überrascht, wenn deine Eltern mit der sogenannten Selbstbezeichnung ‚People of Color‘ irgendetwas anfangen könnten. Überhaupt haben sie sich nie zu den ganzen Diskussionen um <u>political correctness</u> geäußert. Es mag stimmen, dass du eine Außenseiterin bist oder, genauer gesagt, marginalisiert wirst. Sicherlich sind auf Deutsch schreibende Menschen afrikanischer Herkunft in der hiesigen Literaturlandschaft rar. Was nun? Hat es dich etwa vom Schreiben abgehalten? Hat die männliche Dominanz Ingeborg Bachmann vom Dichten abgehalten? Wohl kaum.“ </em>(Sharon Dodua Otoo, Härtere Tage, in: Sharon Dodua Otoo, Herr Gröttrup setzt sich hin, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2022)</p>
<p>Sharon Dodua Otoo ist eine der etablierten Schwarzen Autor:innen in Deutschland. Inzwischen sind sie und andere afrodeutsche Autor:innen auch in den Literaturwissenschaften präsent. Die erste umfassende Monographie über die afrodeutsche Literaturszene schrieb Jeannette Oholi: „Afropäische Ästhetiken – Plurale Schwarze Identitätsentwürfe in literarischen Texten des 21. Jahrhunderts“ (2024). Diesem Buch folgte der von ihr herausgegebene Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur – Ästhetische und Aktivistische Interventionen von den 1980er Jahren bis heute“ (2025). Beide Bände erscheinen im Bielefelder transcript-Verlag. Jeannette Oholi plädiert für eine „Germanistik der radikalen Vielfalt“ – so auch der Titel der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fuer-eine-germanistik-der-radikalen-vielfalt/">Vorstellung ihrer beiden Bücher im Demokratischen Salon</a>.</p>
<p>Es begann in den 1980er Jahren mit den Berliner Jahren von Audre Lorde, dokumentiert in dem Film „Audre Lorde – Die Berliner Jahre 1984-1992“ von Dagmar Schultz, sowie dem von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen programmatischen Band „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ (Berlin, Orlanda Frauenbuchverlag, 1986, zweite Auflage 2000). Die Lyrikerin May Ayim war die erste afrodeutsche Autorin, nach der eine Straße benannt wurde, im Jahr 2010 das May-Ayim-Ufer in Berlin. Seit 2024 gibt es in Berlin auch eine Audre-Lorde-Straße. Im Jahr 2025 wurde in Berlin eine weitere Straße nach dem Schwarzen Philosophen Anton Wilhelm Amo, im Jahr 1734 Verfasser der ersten von einem Schwarzen Autor geschriebenen philosophischen Dissertation. Straßennamen dürfen durchaus als Indiz für eine Art Kanonbildung im kollektiven Gedächtnis verstanden werden.</p>
<p>Afrodeutsche Literatur war immer mit afrodeutschem Aktivismus, afrodeutschem Engagement für Sichtbarkeit und Teilhabe verbunden. In den 1980er Jahren gründeten sich mehrere Netzwerke, beispielsweise die <a href="https://isdonline.de/">Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland</a> und das Frauennetzwerk <a href="https://adefra.com/">ADEFRA</a>. Im Jahr 2012 wurde das <a href="https://each-one.de/ueber-uns/">Netzwerk Each One Teach One</a> (EOTO) gegründet. Eine wichtige Rolle für die Sichtbarkeit afrodeutscher Literatur in der literarisch interessierten Öffentlichkeit spielen verschiedene Buchpreise. So wurde Olivia Wenzel für ihren Debütroman „1000 Serpentinen Angst“ (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2020) auf der <a href="https://www.fischerverlage.de/magazin/preise-und-nominierungen/longlist-dt-buchpreis">Longlist für den Deutschen Buchpreis nominiert</a>, <a href="https://www.ullstein.de/urheberinnen/jackie-thomae">Jackie Thomae stand 2019 für ihren Roman „Brüder“ auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis</a> und las ebenfalls bereits in Klagenfurt. <a href="https://bachmannpreis.orf.at/v2/stories/2783570/">Sharon Dodua Otoo erhielt 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihre Erzählung „Herr Göttrup setzt sich hin“</a>.</p>
<p>Es ist etwas in Bewegung geraten – so ließe sich sagen, in den Verlagen, den Feuilletons und nicht zuletzt auch in den Literaturwissenschaften. Der Dissertation von Jeannette Oholi sollten weitere literaturwissenschaftliche Arbeiten folgen und – so ist zu hoffen – bald auch mit Wirkung in den Schulen, nicht zuletzt in Lehrplänen und Abituraufgaben.</p>
<h3><strong>Es begann im Senegal</strong></h3>
<div id="attachment_7864" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7864" class="wp-image-7864 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-768x1151.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-800x1199.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-1025x1536.jpg 1025w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-1200x1799.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-1366x2048.jpg 1366w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/02/Jeannette-Oholi-Foto-privat-scaled.jpg 1708w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-7864" class="wp-caption-text">Jeannette Oholi. Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bevor ich Ihr Buch las, hatte ich May Ayim, Olivia Wenzel und Sharon Dodua Otoo gelesen. Viele andere habe ich erst durch Sie kennengelernt. Sie sagten mir bei einer anderen Gelegenheit, dass Sie manchmal selbst gestaunt hätten, wie reichhaltig die Szene afrodeutscher Autor:innen ist. Wie sind Sie vorgegangen?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>In der Schule, in meinem Studium, im Alltag bin ich nie auf Schwarze deutsche Autor:innen gestoßen. In der Einleitung des Sammelbandes schreibe ich, dass ich auf Schwarze deutsche Autor:innen erst bei einem Auslandsaufenthalt in Dakar im Senegal aufmerksam geworden bin. Dort erhielt ich einen Hinweis auf den Band „Farbe bekennen“. Als ich dann „Farbe bekennen“ las, von May Ayim erfuhr und sah, wie weit afrodeutsche Literatur schon zurückreichte, habe ich Feuer gefangen und gedacht, wenn ich von diesem so grundlegenden Buch schon nichts wusste, muss es noch viele andere Autor:innen geben, die ich entdecken könnte und sollte. So lernte ich zum Beispiel </em><a href="https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&amp;query=Philipp+Khabo+Koepsell"><em>Philipp Khabo Koepsell</em></a><em> kennen, dessen Wirken für mich in der Folgezeit sehr wichtig wurde. Ich entdeckte einiges an Forschungsliteratur, allerdings vorwiegend außerhalb der traditionellen Forschungsinstitutionen. Ich habe daher wieder darüber nachgedacht, wie viel innerhalb der Universität noch fehlt. </em></p>
<p><em>Ich wollte eigentlich schon meine Bachelor-Arbeit über Schwarze deutsche Lyrik schreiben, aber ich hatte noch nicht den Zugang. Den fand ich mit meiner Masterarbeit im Jahr 2016 zur Schwarzen deutschen Gegenwartslyrik. Ein Einschnitt, der zu mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit führte, war dann 2020 „Black Lives Matter“. Diesen Einschnitt habe ich auch in den Institutionen gespürt. Es war ein kleines Erdbeben, ein Erwachen. Es gab Aktivist:innen, die sich sehr stark auf den europäischen und deutschen Kontext bezogen, auf Polizeigewalt gegen Schwarze Menschen, die es nicht nur in den USA gibt, sondern auch in Europa, in Deutschland. Dies erfasste auch die Institutionen, die Hochschulen, sodass ich mich gefragt habe, warum Schwarze Schreibende in der Germanistik kaum eine Rolle spielen und wo ich sie finden könnte. Ich hatte schon vor „Black Lives Matter“ mit der Dissertation angefangen. Wir Forschenden hatten zuvor jede:r für sich gearbeitet, doch jetzt lernten wir uns über unsere gemeinsamen Interessen kennen. Der Wandel in den Institutionen führte zu mehr Sichtbarkeit, auch zu Vernetzung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Inzwischen gibt es somit eine kleine Community auch in den Literaturwissenschaften, die sich mit Schwarzer deutscher Literatur befasst?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>:<em> Auf jeden Fall. Es gibt Netzwerke, die vielleicht nicht offiziell sichtbar sind. Manche gab es wohl auch schon vorher. Ein wichtiges Ereignis war das </em><a href="https://www.ruhrfestspiele.de/presse/pressemeldungen/resonanzen-schwarzes-internationales-literaturfestival-resonanzen24"><em>Literaturfestival „Resonanzen“</em></a><em>, das zwischen 2022 und 2024 in Recklinghausen stattfand und von Sharon Dodua Otoo und </em><a href="https://antagonisten.de/ueber-uns/patricia-eckermann"><em>Patricia Eckermann</em></a><em> kuratiert wurde. Bei diesem Festival kamen so viele verschiedene Akteur:innen zusammen, Schwarze Autor:innen, Kulturschaffende, Personen aus den Verlagen, aus den Universitäten. Da entstanden auch neue Netzwerke. Es war – so denke ich – auch nachhaltig. Ich war mit meiner Dissertation schon etwas fortgeschrittener und habe durch die Festivals dann auch andere kennengelernt, die ebenso gerade mit ihrer Dissertation angefangen hatten. Sie werden ihre Promotion bald abschließen, sodass noch einiges für die literaturwissenschaftliche Zukunft Schwarzer deutscher Literatur zu erwarten ist.</em></p>
<h3><strong>Es ist etwas in Bewegung gekommen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann man schon von einer Bewegung sprechen?<em>  </em></p>
<p><strong>Jeannette Oholi </strong>(lacht): <em>Da bin ich lieber etwas vorsichtig. </em>(kurze Pause) <em>Zumindest ist etwas in Bewegung gekommen. So könnte man es vielleicht sagen. Ich bin in vielen Gruppen unterwegs und denke dann, es hat sich doch schon vieles verändert. Wenn ich dann mit anderen Personen auf Konferenzen in Kontakt komme, merke ich aber, dass es noch viel mehr gibt, das noch nicht sichtbar geworden ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe in den 1970er Jahren Germanistik, Romanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften studiert. Afrodeutsche Literatur war in der Germanistik kein Thema, in der Romanistik gab es den Lehrstuhl von <a href="http://blog.romanischestudien.de/janos-riesz-und-die-afroromanistik/">János Riesz</a> in Bayreuth zur Frankophonen Afrikanistik. Thema war jedoch eher die französisch-sprachige Literatur in afrikanischen Ländern, nicht die afrofranzösische Literatur in der französischen Metropolregion. In meinem eigenen Studium entdeckte ich natürlich Aimé Césaire und Léopold Sédar Senghor, aber wie gesagt keine afrofranzösischen Autor:innen. In der Anglistik sah es etwas besser aus, nach meiner Wahrnehmung aber vor allem in Bezug auf US-amerikanische oder britische Literatur. Beachtung erhielt zum Beispiel James Baldwin aus den USA, aus Großbritannien vor allem indisch- oder pakistanisch-stämmige Autoren, zum Beispiel Hanif Kureishi oder Salman Rushdie. Es war auch die Zeit der ersten Post-Colonial Studies, die aber in der Regel zunächst außeruniversitär oder von studentischen Aktivist:innen geprägt waren. Wie sieht es heute aus? Was hat sich verändert?</p>
<div id="attachment_7580" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7172-8/afropaeische-aesthetiken/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7580" class="wp-image-7580 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-768x1167.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1011x1536.jpg 1011w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1200x1824.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1347x2048.jpg 1347w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-scaled.jpg 1684w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-7580" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Ich glaube, es war lange Zeit nicht wirklich möglich, in der Germanistik zu diesen Themen zu promovieren. Viele Personen sind in die USA gegangen und es gibt immer noch die Vorstellung, dass vor allem Nachwuchsforschende in die USA gehen müssen, um dies zu tun. Ich glaube das inzwischen jedoch nicht mehr. Ich glaube, dass es einen Wandel gibt. Ich habe mich auch ganz bewusst entschieden, auf deutsch zu schreiben und in Deutschland zu promovieren, weil ich an das Thema glaube und es hier verankert werden muss. Das ist sicher auch viel Idealismus. Ich fühle mich aber in den deutschen Literaturwissenschaften sehr gut verortet. Dass das so ist, habe ich auch bei meinem Auslandsaufenthalt in den USA gemerkt. Ich wurde in dem deutschen Wissenschaftssystem sozialisiert und ich wollte nicht in ein anderes Land gehen müssen, um meinen Interessen nachzugehen. Es war durchaus ein Privileg, hier bleiben zu können, denn vorangehende Generationen hatten diese Möglichkeit nicht. </em></p>
<p><em>Es gibt immer noch Aushandlungsprozesse und Diskussionen über Methoden, Theorien und Textauswahl, aber ich sehe, dass es schon möglich ist, in der Germanistik zu diesen Themen zu promovieren. Auf jeden Fall in Tübingen. Ich arbeite gerne mit </em><a href="https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/neuphilologie/deutsches-seminar/abteilungen/neuere-deutsche-literatur/mitarbeitende/prof-dr-sigrid-g-koehler/"><em>Sigrid Köhler</em></a><em> zusammen. Sie arbeitet schon sehr lange zu diesem Thema. Durch die Exzellenz-Cluster gibt es einige Promotionsförderungen an der FU Berlin. Dazu kommen punktuell einzelne Personen zum Beispiel in Hannover oder in Erlangen-Nürnberg. Es ist auch an anderen Orten möglich zu diesem Thema zu promovieren, aber ich muss es so offen sagen, es ist oft schwierig mit der Betreuung, weil die betreuenden Doktormütter und Doktorväter oft keine vertiefte Expertise in diesem Feld haben. Wenn man sich für diese Themen entscheidet und in Deutschland bleiben will, braucht man schon viel Selbstständigkeit und Eigeninitiative. Man braucht auch viel Mut, den eigenen Weg zu gehen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir ist aufgefallen, dass die Veröffentlichungen in den letzten zehn Jahren viel diverser geworden sind. Es gibt viele Biographien junger Autor:innen, die im deutschen Feuilleton mit einem Bindestrich beschrieben werden: russisch-deutsch, türkisch-deutsch, dazu eine Menge Exilliteratur in deutscher Sprache, zum Teil in Übersetzungen, zum Teil im Original, aus dem Iran, aus Afghanistan, aus afrikanischen Ländern. Auch bei jüdischen Autor:innen wird immer ausdrücklich auf eine Migrationsgeschichte verwiesen, in der Regel aus dem post-sowjetischen Raum, aus Russland, aus der Ukraine, aus Aserbeidschan. Sie schreiben fast alle in deutscher Sprache. Mir ist aber auch aufgefallen, dass es in dieser neuen deutschen Literatur viel mehr Frauen als Männer gibt, nicht zuletzt in der Schwarzen deutschen Literatur.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Danach werde ich oft gefragt. Ich weiß es nicht. Es gibt schon einen Überschuss an Frauen in der Schwarzen deutschen Literatur. Erklären kann ich es mir nicht. Wenn man so auf die Ikonen der Aktivist:innen und der Schwarzen deutschen Literatur, insbesondere aus dem Umfeld von Audre Lorde, zurückschaut, sieht man, dass vor allem Frauen bekannt sind. Philipp Khabo Koepsell ist da eine Ausnahme. Ohne ihn wüsste ich nicht, wie ich hätte forschen können und heute noch forsche. Es gibt auch viele Personen im Hintergrund, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Philipp Khabo Koepsell habe ich erst durch Sie entdeckt.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Er ist wirklich großartig. Er ist einer der ersten, die ich entdeckt habe. Er ist Forscher und Archivar bei </em><a href="https://eoto-archiv.de/"><em>Each One Teach One</em></a><em> (EOTO) in Berlin. Er müsste noch viel bekannter sein. Wir könnten ohne diese Systematisierung, diese Archivarbeit gar nicht forschen. Wir profitieren sehr davon.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe vor, demnächst mit Patricia Eckermann die <a href="https://twm-bibliothek.de/">Theodor-Wonja-Michael-Bibliothek</a> in Köln-Poll zu besuchen. Es gibt auch noch andere Bibliotheken dieser Art. Welche Rolle spielen sie im Wissenschaftsbetrieb? Werden sie genutzt?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Bisher eher nicht. Mir fällt in der Germanistik zurzeit niemand ein, der oder die aktiv in diesen Bibliotheken geforscht hätte. Die meisten würden eher auf die staatlichen Bibliotheken zurückgreifen und zum Beispiel im Deutschen Literaturarchiv in Marbach forschen. Ich war dort, aber es gibt noch sehr wenig oder man muss möglicherweise sehr tief graben, um die Personen und Themen zu finden, die für unsere Forschung interessant sind.</em></p>
<p><em>Zurzeit versucht EOTO in Zusammenarbeit mit </em><a href="https://tu-dresden.de/gsw/der-bereich/news/prof-fatima-el-tayeb-neue-dresden-senior-fellow-am-zentrum-fuer-integrationsstudien"><em>Fatima El-Tayeb</em></a><em> in Yale mit ihren Studierenden einige Zeitschriften über ein </em><a href="https://intersectionalblackeuropeanstudies.com/digital-archive"><em>Digital Black Europe Archive</em></a><em> zu digitalisieren. Ich glaube, das wird noch einmal sehr wichtig für die Forschung. Es gibt ein wenig Bewusstsein, dass es das gibt, aber es wäre ein Traum, all diese Archive in der Lehre einzubeziehen. Im Studium werden die Studierenden leider kaum an die Arbeit mit Archiven herangeführt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich bin überzeugt, dass die Beschäftigung mit afrodeutscher Literatur ohne Audre Lorde nicht möglich gewesen wäre. Es war zunächst ein starkes feministisches Anliegen. Die Verlage, die sich interessierten, waren daher zunächst bewusst feministische Verlage, manche auch auf lesbische Communities konzentriert.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Das queerfeministische Anliegen spielte eine wichtige Rolle. Dazu gehört der Orlanda-Verlag. Ich wurde mehrfach gefragt, ob der Orlanda-Verlag noch so relevant für die Schwarze deutsche Literatur sei wie in den 1980er Jahren. Ich glaube schon, dass sich einiges verlagert hat. Die Nominierung von Olivia Wenzel mit ihrem Buch „1000 Serpentinen Angst“ für den Deutschen Buchpreis darf als Meilenstein betrachtet werden. Sharon Dodua Otoo erhielt bereits 2016 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Damit hatte niemand so richtig gerechnet. Dadurch ist viel in Bewegung geraten. Dadurch, dass Sharon Dodua Otoo und Olivia Wenzel mit ihren Romanen bei S. Fischer verlegt wurden, ist das Publikum größer geworden. Trotzdem treffen manche wie zum Beispiel Patricia Eckermann die bewusste Entscheidung, im Selbstverlag zu veröffentlichen. Kleine, unabhängige Verlage sind auch nach wie vor wichtig für Schwarze deutsche Literatur. Es war wichtig, Schwarzer deutscher Literatur in den Verlagen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Mir wird es aber immer wichtiger, Kontaktpunkte und Verschränkungen mit Autor:innen aus anderen Communities genauer anzuschauen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein interessanter noch zu bespielender Raum ist Schule. Nach wie vor dominieren bei Abituraufgaben männliche deutsche Autoren, die fast alle schon tot sind. Das ergibt meines Erachtens ein sehr eingeschränktes Bild unseres kulturellen Erbes. Selbstverständlich kann man mit einem Drama wie „Emilia Galotti“ sehr viele verschiedene Aspekte einer auf falschen Ehrbegriffen beruhenden Gesellschaft, der Rolle von Frauen in patriarchalisch-hierarchischen Gesellschaften zeigen, aber spannend wird das meines Erachtens erst, wenn ich in diesem Fall zum Ehrbegriff und zur Praxis der Macht über Frauen auch andere Texte aus anderen Zeiten und anderen kulturellen Traditionen dieser Welt heranziehe. Sonst besteht die Gefahr, dass viele Schüler:innen den Text als Relikt einer für sie irrelevanten Vergangenheit schnell wieder vergessen.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Ich unterrichte viele Lehramtsstudierende. Ich versuche schon zu überlegen, welche Bücher sich im Unterricht lesen ließen. An der TU Dortmund unterrichte ich im Wintersemester 2025/2025 eine Einführung in die Schwarze deutsche Literatur. Wir lesen unter anderem </em><a href="https://www.kinderundjugendmedien.de/kritik/jugendroman/6862-de-sandjon-chantal-fleur-die-sonne-so-strahlend-und-schwarz"><em>„Die Sonne, so strahlend und schwarz“</em></a><em> von </em><a href="http://www.cfsandjon.de/"><em>Chantal-Fleur Sandjon</em></a><em>, der 2023 auch mit einem Jugendbuchpreis ausgezeichnet worden ist. Ich bin gespannt auf die Reaktionen. Auch in früheren Seminaren habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Lehramtsstudierenden überlegen, wie sie die Texte, die wir besprechen, in den Unterricht in der Schule hineinbringen können. Natürlich gibt es Grenzen. Ich weiß nicht, wie weit sich unser Engagement für Schwarze deutsche Literatur mit der Zeit auf Lehrpläne und Abituraufgaben auswirken wird. Das Bewusstsein und die Sensibilität sind zumindest da. Ich arbeite mit den Studierenden auch zu rassismussensibler und gendersensibler Sprache. Das ergibt eine Art Gerüst für das, was in der Schule wichtig ist. </em></p>
<h3><strong>Literatur und politischer Aktivismus</strong></h3>
<div id="attachment_7581" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7075-2/schwarze-deutsche-literatur/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7581" class="wp-image-7581 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg 194w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-400x619.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-600x929.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-661x1024.jpg 661w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-768x1189.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-800x1239.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-992x1536.jpg 992w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1200x1858.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1323x2048.jpg 1323w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-scaled.jpg 1653w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" /></a><p id="caption-attachment-7581" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Vielfalt der Autor:innen, die im weitesten Sinne die kulturelle Vielfalt in Deutschland, in Europa prägen, spiegeln Sie in Ihrem Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur“. Die von Ihnen versammelten Autor:innen beschränken sich nicht auf afrodeutsche beziehungsweise afroeuropäische Literatur. Sie dokumentieren literarische Kontaktpunkte und Vernetzungen in der Literaturszene immer wieder auch in Verbindung mit einem aktivistischen Anspruch. Ich habe den Eindruck, dass sich das auch gar nicht voneinander trennen lässt.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>:<em> Ich sehe in der Germanistik immer noch eine sehr starke Trennung. Man muss immer noch sehr viel erklären, dass es diese Verschränkungen gibt. Maryam Aras gelingt dies. Sie hat 2025 den </em><a href="https://tucholsky-gesellschaft.de/kurt-tucholsky-preis/preistraeger/"><em>Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik</em></a><em> erhalten. In ihrer Dankesrede beschrieb sie, dass es diese Verschränkung von Literatur und politischem Aktivismus immer schon gab. Wenn man das nicht anerkennt, wird es schwierig, die Verschränkungen im Text wahrzunehmen und herauszuarbeiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ging unter anderem um ihren im Claassen-Verlag erschienen Essay „Dinosaurierkind“.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>:<em> Ja, genau. Maryam Aras ist auch eine tolle Literaturkritikerin, die immer wieder auf die Notwendigkeit von machtkritischem Lesen hinweist. Ich werde immer wieder damit konfrontiert, ob meine Anliegen aktivistisch sind. Ich weiß nie, wie ich darauf antworten soll, denn es sollte eigentlich auch eine Normalität in einer pluralen Gesellschaft sein, darüber nachzudenken, wo Leerstellen sind und wo Machtkritik erforderlich ist, wo Autor:innen nicht dieselbe Aufmerksamkeit und Sorgfalt in der Auseinandersetzung mit ihrer Literatur bekommen. Das einzufordern sollte in einer pluralen Gesellschaft eigentlich normal sein. </em></p>
<p><em>Natürlich spreche ich aus einer bestimmten Position. Ich bin selbst Schwarze Deutsche und es wäre schön, wenn nachkommende Generationen nicht mehr einen so langen Weg haben wie ich und nicht alles selbst herausfinden müssen, um an Texte und Methoden heranzukommen. Wenn ich im Gymnasium bereits Schwarze deutsche Literatur kennengelernt hätte, hätte ich auch im Studium einen ganz anderen Startpunkt gehabt. Das, was ich im Gymnasium erlebte, setzte sich im Studium fort. Ich bin immer noch dabei, viel für mich aufzuholen und aufzuarbeiten. Ich kenne viel Literatur aus den 1990er Jahren noch nicht und hangele mich über die Jahrzehnte zurück. Es ist für mich dann schwer, wenn jemand fordert, man müsse in der Germanistik Jahrhunderte abdecken. Es wird lange dauern, bis ich im 19. oder 18. Jahrhundert ankomme. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich sage immer, man soll niemals jemandem hinterherlesen. Ich selbst habe als Student einmal an einem Kongress der <a href="https://dgavl.de/">Deutschen Gesellschaft für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften</a> teilgenommen. Ein Student sagte dort einem etablierten Professor, er bewundere, dass hier so viele Leute wären, die mehrere Literaturen beherrschen. Der Professor antwortete, man müsse froh sein, wenn man eine Literatur halb beherrsche. Ich würde das noch viel weiter reduzieren, was überhaupt möglich ist.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Deshalb versuche ich, auch die anderen Communities besser zu verstehen. Was ist denn mit einem Begriff wie „Ausländerliteratur“ oder „Migrationsliteratur“ gemeint? Wie haben die sich formiert? Welche Anliegen hatten sie, welche politischen Anliegen, auch in der sogenannten „Gastarbeiterliteratur“? Gab es da Kontakte zur Schwarzen deutschen Literatur? Ich würde gerne eine Karte erstellen, über die dies sichtbar wäre. Das ist mir wichtiger als Jahrhunderte weit zurückzugehen. Aber es ist mühsam. Ich würde mir wünschen, dass kommende Generationen schon auf Literaturlisten, auf Bibliographien zurückgreifen können, schon wissen, welche Forschungsliteratur es gibt. Das ist mir wichtig. Das ist sicherlich idealistisch gedacht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aus Buchläden höre ich, dass Kund:innen schon an der Tür klar zu verstehen geben, dass sie auf keinen Fall etwas Politisches lesen wollen<em>.</em> Ich sehe da eine große Chance für die Literatur, politische Themen indirekt über eine fiktive Geschichte zu übermitteln. Ich möchte ein Beispiel nennen. Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen hat in ihrem Roman „Ungebetene Gäste“ (deutsche Fassung: Zürich, Kein &amp; Aber, 2025) die Welt in Israel nach dem 7. Oktober am Beispiel einer Geschichte und einer Lüge mit all ihren Auswirkungen auf beteiligte und betroffene Menschen sichtbar gemacht. Besser kann man meines Erachtens all die Vorurteile, Vorbehalte, das Misstrauen in einer Gesellschaft zwischen verschiedenen Gruppen, das bis in die einzelnen Familien hineinreicht, nicht darstellen.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong><em>: Unsere Zeiten sind hochpolitisch. Literatur kann etwas bieten, das andere Bereiche nicht bieten können. Wie wollen wir Zukunft gestalten, wie eine Gesellschaft? Wie kann Literatur Gegenwart und auch Vergangenheit erzählen? Gegenstand meines neuen Forschungsvorhabens ist das Erinnern in, mit und durch Literatur. Welche Personen sind aus der Literaturgeschichte herausgefallen? Warum? </em></p>
<p><em>Vieles läuft in der Germanistik auch gut, aber ich sehe immer die vielen Leerstellen. Wenn ich diese alle sehe, überfordert mich das auch manchmal, aber ich weiß, ich bin da nicht alleine und wir leisten diese Arbeit ja auch gerne. Es ist ja eigentlich auch das Schöne am Forschen, diesen Leerstellen nachzugehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist das Schicksal literarisch interessierter Menschen, dass sie je mehr sie lesen umso besser wissen, was sie alles nicht gelesen haben, aber eigentlich unbedingt lesen sollten.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi </strong>(lacht): <em>Das stimmt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beim Thema Erinnerung denke ich an „Adas Raum“ von Sharon Dodua Otoo. Vier Personen, die alle Ada heißen und in verschiedenen Zeiten leben. Der Name ist die einzige auf den ersten Blick ersichtliche Verbindung zwischen ihnen. Ada ist schon ein interessanter Name in der Literatur. Ich denke an Vladimir Nabokov, <a href="https://www.julizeh.de/">Juli Zeh</a> und <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/vor-dem-spiegel/">Dilek Güngör</a>, die alle eine Ada in einem ihrer Bücher zur Hauptfigur machen. Juli Zeh hat sogar ihre Tochter nach dem Roman von Nabokov benannt. Was haben Sie in Ihrem neuen Projekt vor?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Es ist noch in der Schwebe. Ich dachte zunächst, ich sollte etwas zum Thema Antirassismus machen. Antirassismus ist auch zentral, wenn wir die erinnerungspolitischen Forderungen der letzten Jahre anschauen, nach Hanau und nach Black Lives Matter, beides auf das Jahr 2020 datiert. Meines Erachtens reicht es nicht aus, Antirassismus auf eine Einstellung gegen Rassismus zu beschränken. Es reicht eben nicht aus, gegen Rassismus zu sein. Ich glaube, es gibt eine erinnerungspolitische oder auch wenn man so will erinnerungsaktivistische Dimension. Der möchte ich in Verbindung mit literarischen Texten nachspüren. </em></p>
<h3><strong>Ein neues Selbstbewusstsein</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Darüber lässt sich meines Erachtens gut bei der Betrachtung von „Adas Raum“ nachdenken. Nur ein Beispiel: Die Geschichte von Ada Lovelace und Charles Dickens in „Adas Raum“ ist kein Thema Schwarzer Literatur, wohl aber eine über eine Begegnung zwischen einer sozialkritischen Literatur und den ersten Schritten zu einer Art Künstlicher Intelligenz. Die Hautfarbe der Autorin spielt in diesem Teil der Geschichte keine Rolle. Allerdings entdeckt man in der Kombination oder Konfrontation der vier Adas grundlegende zwischenmenschliche und gesellschaftliche Verhältnisse, die eben auch in Schwarzen Gesellschaften zu finden sind.  <em>   </em></p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>In den Zeiten von May Ayim wurden Rassismus und Patriarchat offengelegt, gab es in diesem Kontext auch den Versuch, eine Art Schwarzes Deutschsein zu schaffen. Es wurde verhandelt, was Deutschsein, Schwarz sein oder weiß sein bedeuten könnte, nicht zuletzt im queerfeministischen Kontext. Bei Texten wie „Adas Raum“ haben wir ganz andere Konstellationen. Da geht es nicht mehr um die Thematisierung von Deutschsein. Es geht – wie bei „Adas Raum“ – um Verflechtungsgeschichten, um miteinander verflochtene Zeiten und Räume. Anklänge dazu gibt es auch in den Gedichten von May Ayim, aber natürlich gibt es in einem Roman mehr Möglichkeiten, dies zu entfalten. </em></p>
<p><em>In den 1980er und 1990er Jahren dominierte in der Schwarzen deutschen Literatur die Lyrik. Inzwischen gibt es die größeren Formen, nicht zuletzt Romane, die wir in den 1980er und 1990er Jahre noch gar nicht hatten. Die Kleinformen blieben dennoch. Sharon Dodua Otoo und Olivia Wenzel schreiben nach wie vor auch kurze Erzählungen. Philipp Khabo Koepsell schreibt Gedichte. Er hat in einem Text für das Goethe-Institut betont, dass Autor:innen Schwarzer deutscher Literatur ein neues Selbstbewusstsein haben. Sie können deutsch sein, aber sie müssen es nicht, ungeachtet der Sprache, in der sie schreiben. Ich mag das Zitat sehr gerne. </em></p>
<p><em>Bei Olivia Wenzel gibt es eine andere Art von Radikalität. Ihr Stil ist viel konfrontativer. Ich habe auch im Hinblick auf Autor:innen aus anderen Communities darüber nachgedacht. Es ist vielleicht auch ein Spiel mit Leseerwartungen. Es gibt – wie Maryam Aras anmerkt – auch eine gewisse Unversöhnlichkeit. Es muss nicht alles aufgelöst werden, es muss auch nicht immer Aushandlungsprozesse geben. In der Germanistik wird gelegentlich von einer geglückten Interkulturalität oder von geglückten Kulturkontakten gesprochen. Ich glaube, dass nicht diese Begrifflichkeiten zentral sind, sondern Pluralität. Eben darin liegt auch Unversöhnlichkeit, ein Selbstbewusstsein, das die Dinge so nimmt wie sie sind. Es sind andere Netzwerke, andere Ästhetiken entstanden, die an Literaturtraditionen anknüpfen, aber für die es nicht mehr so wichtig ist, ob und wie es von einer weißen Leser:innenschaft verstanden oder nicht verstanden wird.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sehen Sie wesentliche Unterschiede zwischen den Debatten in Deutschland, in Frankreich, im angelsächsischen Raum?</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Das ist eine gute Frage. Ich fand es im Studium am schwierigsten, die für meine Forschung geeignete Literatur in Frankreich zu finden, weil die Begriffe dort einfach andere sind. Vieles wird zum Beispiel einfach unter „frankophone Literatur“ subsummiert. Da ich die französische Literatur nicht ganz so gut kenne, war es schwierig, die Autor:innen zu finden, die ich interessant finde. Ich kenne die Auseinandersetzungen nicht im Einzelnen. Eine Autorin wie </em><a href="https://raphaelle.red/"><em>Raphaëlle Red</em></a><em> in Frankreich mit ihrem Debütroman </em><a href="https://www.rowohlt.de/buch/raphaelle-red-adikou-9783498003821"><em>„Adikou“</em></a><em> erhielt sehr viel Resonanz, sodass der Roman auch schnell ins Deutsche übersetzt wurde. Die deutsche Fassung erschien 2024 bei Rowohlt. An solchen Beispielen ließe sich zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der deutschen und in der französischen Begrifflichkeit forschen. </em></p>
<p><a href="https://www.jon-chopolizzi.com/"><em>Jon Cho-Polizzi</em></a><em> hat „Adas Raum“ ins Englische übersetzt. Es gibt zwei Versionen des Titels: „Ada’s Room“ und „Ada’s Realm“: Er wies darauf hin, dass es schwierig ist, Übersetzungen auf den amerikanischen Markt zu bekommen. Aus Sicht der Germanistik kann ich allerdings schon sagen, dass es ein sehr großes Interesse für Schwarze deutsche Literatur in den USA gibt, wenn auch eine Zeitverzögerung zu beobachten ist. Ich habe schon den Eindruck, dass wir mit manchen Begrifflichkeiten in Deutschland weiter sind als in den USA, dass das Feld hier doch dynamischer ist. Die Autor:innen haben verschiedene Veranstaltungsreihen, die wiederum zu Wechselwirkungen zwischen den Institutionen führen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich lese regelmäßig den New York Review of Books und kann Ihren Hinweis auf die Zeitverzögerung bestätigen. Es dauert manchmal schon zwei bis drei Jahre, bis eine Übersetzung deutscher Autor:innen dort besprochen wird. Allerdings finden wir in fast jeder Ausgabe Beiträge zu den klassischen afroamerikanischen Themen, literarische ebenso wie historische, mit Autor:innen, die wir hier in Deutschland so gut wie gar nicht kennen. Das Thema ist dort schon sehr präsent.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Da haben Sie recht.</em> <em>Als ich in den USA unterrichtet habe, habe ich gemerkt, dass man über Schwarze deutsche Literatur, über Black Europe, über Schwarzsein in den USA ins Gespräch kommt. Es ist sehr gewinnbringend, wenn man dort über Schwarze deutsche Literatur diskutiert. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlebe die USA als ein sehr vielfältiges und in vielen Dingen widersprüchliches Land. Wir haben nicht nur den Trumpismus mit all seiner Intoleranz und Ignoranz, sondern auch deutliche und klare Worte von liberaler Seite. Wer sich mit Schwarzer Literatur befasst, weiß, welchen Einfluss die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre und Black Lives Matter im Jahr 2020 auf Debatten in Deutschland hatten und haben. Oppositionelle Stimmen in den USA formulierten ohnehin immer schon deutlich schärfer als in Deutschland. Das liegt vielleicht aber auch daran, dass die politischen Gegensätze viel extremer und unversöhnlicher waren und sind. Aber das ist schon ein weites Feld.</p>
<p>Es geht letztlich um oppositionelles Selbstbewusstsein. In Ihrem Sammelband wird bell hooks zitiert, die als Alternative zum Gegensatz von Black gaze und <em>white</em> gaze <em>„oppositional gaze“</em> vorschlägt. Es geht nicht um eine binäre Gegenüberstellung von Schwarz und <em>weiß</em>.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Es waren Beitragende in meinem Sammelband, die bell hooks zitiert haben, allen voran Laura Högner.</em> <em>Mir geht es nie um eine binäre Gegenüberstellung, es wird aber oft so wahrgenommen. Wenn ich mich stark für Schwarze deutsche Literatur mache, wird dies oft so wahrgenommen, als wollte ich mich absondern und irgendwelche Binaritäten herstellen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe das in Ihren Büchern nicht so wahrgenommen.</p>
<p><strong>Jeannette Oholi</strong>: <em>Danke für die Rückmeldung. Ich habe im Wissenschaftsbetrieb immer wieder damit zu kämpfen. In der Germanistik gibt es immer noch große Vorannahmen und wenn man diese hat, findet man diese auch in den Texten. Es ist eine große Herausforderung, diese Vorannahmen zu reflektieren und auch Lesepraktiken zu hinterfragen. </em> <em> </em> <em>     </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Februar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. Februar 2026, Titelbild: pixabay.)<em>    </em></p>
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		<title>Literatur gegen die epistemische Ungerechtigkeit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 07 Dec 2025 09:45:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Literatur gegen die epistemische Ungerechtigkeit Ein Porträt der britischen Literaturwissenschaftlerin Sarah Colvin „When I first conceived of this book, I assumed I would be bringing epistemic injustice theory to the novels and reading them through it. As I read the novels it became clear to me that, on the contrary, I was reading it  [...]</p>
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<h1><strong>Literatur gegen die epistemische Ungerechtigkeit</strong></h1>
<h2><strong>Ein Porträt der britischen Literaturwissenschaftlerin Sarah Colvin</strong></h2>
<p><em>„</em><em>When I first conceived of this book, I assumed I would be bringing epistemic injustice theory to the novels and reading them through it. As I read the novels it became clear to me that, on the contrary, I was reading it through them: the novels taught me a great deal about epistemic injustice and the forms it takes.” </em>(Sarah Colvin, <a href="https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/107936">Literature and Epistemic Injustice: Power and Resistance in the Contemporary Novel</a>, Routledge, 2025. Deutsche Übersetzung:<em> „Als ich dieses Buch erstmals konzipierte, ging ich davon aus, die Theorie der epistemischen Ungerechtigkeit auf die Romane anzuwenden und sie durch diese Linse zu lesen. Während der Lektüre wurde mir jedoch klar, dass vielmehr das Gegenteil der Fall war: Ich las die Theorie durch die Romane – sie haben mich vieles über epistemische Ungerechtigkeit und ihre Erscheinungsformen gelehrt.“</em>)</p>
<h3><strong>Die Autorin</strong></h3>
<p><a href="https://www.mmll.cam.ac.uk/sjc269">Sarah Colvin</a> ist Schröder Professor of German an der University of Cambridge und Fellow des Jesus College. Nach dem Abschluss ihrer Studien an der University of Oxford (BA, MA, DPhil) war sie Junior Research Fellow am St John’s College, Oxford. Anschließend wechselte sie in Lecturer- und Reader-Positionen, zunächst an die University of Edinburgh, wo sie ihr Interesse an deutscher Literatur und Kultur in Verbindung mit Sozialtheorie weiterentwickelte. Ein Humboldt-Stipendium an der Universität Potsdam (2000–2001) folgte. Danach hatte sie den Eudo-C.-Mason-Lehrstuhl für Germanistik an der University of Edinburgh (2004–2010) inne und war Professorin für das Studium des zeitgenössischen Deutschlands an der University of Birmingham (2010–2012), anschließend Professorin für Germanistik an der University of Warwick (2013–2014). 2014 übernahm sie den Schröder Chair in Cambridge, wo sie seither ein eigenständiges Forschungsprofil aufgebaut hat, das literarische Analyse, politische Theorie, Kriminologie und Critical Race Theory verbindet, mit einem besonderen Schwerpunkt auf widerständiger Literatur, sozialer Gerechtigkeit, epistemischer Ungerechtigkeit, dem politischen Roman und Gefängnisschriften.</p>
<div id="attachment_7680" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7680" class="wp-image-7680 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-300x300.jpg" alt="" width="300" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-66x66.jpg 66w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-150x150.jpg 150w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-200x200.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-300x300.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-400x400.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-600x600.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-768x768.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-800x800.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-1024x1024.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-1200x1200.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Colvin-Sarah-1536x1536.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7680" class="wp-caption-text">Sarah Colvin, Foto: privat.</p></div>
<p>Ein bemerkenswerter Aspekt von Sarah Colvins wissenschaftlichem Profil ist ihre intensive Zusammenarbeit mit Routledge, einem der weltweit führenden akademischen Verlage in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Mehrere ihrer Bücher sind inzwischen als Open-Access-Publikationen verfügbar, was Sarah Colvins Engagement für die Prinzipien der Open Science, die grenzüberschreitende Zugänglichkeit von Forschung und die Demokratisierung von Wissen widerspiegelt.</p>
<p>Ihre jüngste Monographie<a href="https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/107936"> „Literature and Epistemic Injustice: Power and Resistance in the Contemporary Novel“</a> („Literatur und epistemische Ungerechtigkeit: Macht und Widerstand im zeitgenössischen Roman“; 2025), bildet das Herzstück dieses Œuvres. Als Teil der neuen Reihe <a href="https://www.routledge.com/Routledge-Literary-Studies-in-Social-Justice/book-series/RLSSJ">Routledge Literary Studies in Social Justice</a> veröffentlicht, positioniert das Buch Sarah Colvin an der Spitze einer wachsenden Bewegung, die Literaturwissenschaft durch die Linse epistemischer Ungleichheit, des Zum-Schweigen-Bringens und des Widerstands neu denkt. Sarah Colvin argumentiert hier, dass zeitgenössische Romane – ob aus der Ukraine, aus Zimbabwe, China, Deutschland oder den Vereinigten Staaten – als Laboratorien für die Produktion von Gegenwissen dienen und dazu beitragen, jene epistemischen Hierarchien zu destabilisieren, auf denen politische und soziale Gewaltformen beruhen.</p>
<p>Ein weiterer bedeutender Routledge-Band ist<a href="https://doi.org/10.4324/9781003254317"> „Epistemic Justice and Creative Agency: Global Perspectives on Literature and Film“</a> („Epistemische Gerechtigkeit und kreative Handlungsfähigkeit: Globale Perspektiven auf Literatur und Film“; 2023), den sie gemeinsam mit <a href="https://www.mmll.cam.ac.uk/sg948">Stephanie Galasso</a> herausgegeben hat. Dieser Sammelband vereint Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Regionen und Disziplinen, um zu untersuchen, wie künstlerische Werke sich mit Rassifizierung, Kolonialität, geschlechtsspezifischer Gewalt und anderen Mechanismen sozialer Ungleichheit auseinandersetzen. Sarah Colvins <a href="https://www.taylorfrancis.com/chapters/edit/10.4324/9781003254317-12/narrative-pilgrimage-chiastic-knowledge-olivia-wenzel-1000-coils-fear-sharon-dodua-otoo-ada-room-sarah-colvin?context=ubx&amp;refId=ab18eb2f-84c7-4e18-85e1-02804415aedd">eigener Beitrag</a> zu dem Band bietet eine eindrucksvolle Reflexion über die narrative „<em>Pilgerschaft</em>“ – die Bewegung von Erzählerinnen und Erzählern durch Raum, Erinnerung und moralischen Konflikt – und verbindet dieses Konzept mit Fragen der Gerechtigkeit in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur. Der Band als Ganzes zeigt auf, wie sich epistemische Ungerechtigkeit in globalen literarischen und filmischen Praktiken nachzeichnen lässt und wie das Erzählen dazu dient, interpretative Autorität zurückzugewinnen.</p>
<p>Früher in ihrer Zusammenarbeit mit Routledge veröffentlichte Sarah Colvin das<a href="https://doi.org/10.4324/9781315747040"> „Routledge Handbook of German Politics and Culture“</a> (2014), ein umfangreiches 500 Seiten starkes Nachschlagewerk, das das zeitgenössische Deutschland an der Schnittstelle von politischem Leben, kultureller Produktion, sozialem Wandel und kollektivem Gedächtnis verortet. Eine überarbeitete Ausgabe befindet sich derzeit in Vorbereitung und ist für 2026/2027 geplant. Zwar rückt das Handbook epistemische Ungerechtigkeit nicht ausdrücklich in den Vordergrund, doch legt es die Grundlagen für Sarah Colvins spätere konzeptionelle Wendung, indem es jene sozialen und politischen Diskurse kartiert – etwa zu Nationalismus, Minderheitenidentität, Rassismus, Migration und Sicherheit –, die das öffentliche Leben in Deutschland strukturieren. Das Handbook zeigt, wie kultur- und politikwissenschaftliche Analyse in die literaturwissenschaftliche Forschung integriert werden kann und dass Literatur nicht von den Strukturen von Wissen und Macht zu trennen ist.</p>
<p>Zu Sarah Colvins Routledge-Publikationen gehören außerdem zwei gemeinsam mit <a href="https://www.birmingham.ac.uk/staff/profiles/languages/karcher-katharina">Katharina Karcher</a> herausgegebene Bände: <a href="https://doi.org/10.4324/9781351203784"><em>„Gender, Emancipation, and Political Violence: Rethinking the Legacy of 1968”</em></a><em> und </em><a href="https://doi.org/10.4324/9781351203715"><em>„Women, Global Protest Movements and Political Agency: Rethinking the Legacy of 1968”</em></a>. Diese 2018 erschienenen Bücher analysieren, wie geschlechtercodierte Narrative bestimmen, welche Formen politischer Handlungsmacht als legitim gelten, welche abgewertet und welche kriminalisiert werden.</p>
<p>Rückblickend wird deutlich, dass diese Bände Sarah Colvins spätere Arbeiten zur epistemischen Ungerechtigkeit vorwegnehmen: Lange bevor sie die Terminologie von <a href="https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780198237907.001.0001">Fricker (2007)</a> und <a href="https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780199929023.001.0001">Medina (2013)</a> übernahm, untersuchte sie bereits, wie „<em>Erzählungen über Terrorismus</em>“ und politische Gewalt Wissenshierarchien hervorbringen, die die öffentliche Moral prägen.</p>
<p>Sarah Colvins Routledge-Publikationen reichen von präzisen Analysen der deutschen Politik und Kultur über geschlechterbezogene Protestformen und politische Partizipation bis hin zu globalen literarischen und filmischen Ausdrucksformen von Ungerechtigkeit – und münden schließlich in ein ausgearbeitetes theoretisches Rahmenmodell, in dem Literatur zu einem Ort wird, an dem verstanden werden kann, wie Wissen in Gesellschaften verteilt – und verzerrt – wird.</p>
<p>Diese Entwicklung spiegelt größere Transformationen innerhalb der globalen Geisteswissenschaften wider und bietet ein wertvolles Modell dafür, wie man Literatur in Zeiten von Krise, Übergang und politischer Turbulenz ethisch reflektiert einsetzen kann.</p>
<h3><strong>German Life and Letters</strong></h3>
<p><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/journal/14680483">„German Life and Letters“</a> zählt zu den angesehensten Publikationsorten der Germanistik in der englischsprachigen Welt. In den letzten Jahren hat sich die Zeitschrift zu einer zentralen Plattform für Forschung entwickelt, die deutschsprachige kulturelle Produktion mit Fragen sozialer Gerechtigkeit, dekolonialem Denken, Critical Race Studies und der Politik des Wissens verbindet.</p>
<div id="attachment_7682" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7682" class="wp-image-7682 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-300x181.jpg" alt="" width="300" height="181" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-200x121.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-300x181.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-400x241.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-600x362.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-768x463.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-800x482.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-1024x618.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-1200x724.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151-1536x926.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/2SCREE1-e1765100686151.jpg 1708w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7682" class="wp-caption-text">Screenshot von der Vorstellung am 4. November 2025. Foto: Pavlo Shopin.</p></div>
<p>In einer Reihe von Aufsätzen, die zwischen 2020 und 2024 in der Zeitschrift veröffentlichte wurden, entwickelte Sarah Colvin ein ausgefeiltes Vokabular, um zeitgenössische afrodeutsche und migrantische Literatur in deutscher Sprache als Interventionen gegen epistemische Ungerechtigkeit zu lesen – Formen der Ungerechtigkeit, die verzerren, wer sprechen darf, wessen Erfahrungen Glauben geschenkt wird und welches Wissen als gültig gilt.</p>
<p>Durch ihre genaue Aufmerksamkeit für narrative Stimmen, Zeitlichkeit und formale Experimente zeigt Sarah Colvin, wie die literarische Form selbst zu einem Ort des Widerstands wird.</p>
<p>Einer ihrer zentralen Artikel, <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12287">„Talking Back: Sharon Dodua Otoo’s ‚Herr Gröttrup setzt sich hin‘ and the Epistemology of Resistance“</a> (2020), bietet eine detaillierte Lektüre von Otoos mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnetem Text. Sarah Colvin interpretiert Otoos spielerische, scharf ironische Erzählstimme als einen Akt des „<em>Zurücksprechens</em>“, als eine strategische Weigerung, rassifizierte Glaubwürdigkeitshierarchien zu akzeptieren. Durch ihre genaue Aufmerksamkeit für Wechsel in Stimme, Perspektive und Tonfall zeigt sie, wie die Erzählung die subtilen Mechanismen offenlegt, durch die dominante Gruppen bestimmen, was als „<em>Realität</em>“ gilt.</p>
<p>Ihr nächster wichtiger Beitrag, <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12318">„Words That Might Save Necks: Philipp Khabo Koepsell, Epistemic Murder and Poetic Justice“</a> (2021), baut auf <a href="https://philosophy.northwestern.edu/people/continuing-faculty/medina-jose.html">José Medinas</a> Konzept „<em>des epistemischen Todes</em>“ auf, der symbolischen Vernichtung der Glaubwürdigkeit, Handlungsfähigkeit oder interpretativen Autorität einer Person. Sarah Colvin zeigt, wie Koepsells Lyrik die Nähe zwischen epistemischer Gewalt und physischer Gewalt konfrontiert, insbesondere im Kontext von Polizeihandeln und rassifizierter staatlicher Macht. Sie legt dar, wie poetische Form – Rhythmus, Wiederholung und rhetorischer Druck – einen Raum schafft, in dem diese Gewalt benannt, angefochten und neu imaginiert werden kann.</p>
<p>In <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12323">„Freedom Time: Temporal Insurrections in Olivia Wenzels ‚1000 Serpentinen Angst‘ and Sharon Dodua Otoos ‚Adas Raum‘“</a> (2022) wendet sich Sarah Colvin der narrativen Zeitlichkeit als Ort des Widerstands zu. Unter Rückgriff auf dekoloniale und Critical-Race-Historiografie argumentiert sie, dass beide Romane eine „<em>insurrektionäre Zeit</em>“ schaffen – eine Zeitstruktur, die sich gegen die linearen, auf Fortschritt ausgerichteten Narrative auflehnt, welche von nekropolitischen Regimen auferlegt werden. Durch schleifenartige, zirkuläre und vielstimmige Temporalitäten eröffnen diese Romane imaginierte Räume, in denen marginalisierte Subjekte Handlungsmacht über ihre eigenen Geschichten und Zukünfte zurückgewinnen.</p>
<p>Ihr Engagement für die Zeitschrift findet 2024 einen wichtigen Höhepunkt, als sie gemeinsam mit <a href="https://www.mmll.cam.ac.uk/ttw24">Tara Talwar Windsor</a> das Sonderheft <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/toc/14680483/2024/77/1">„Sharon Dodua Otoo—Literature, Politics, Possibility“</a> mit herausgibt. Dieses Heft versammelt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Otoos Werk aus verschiedenen disziplinären Perspektiven untersuchen, und positioniert ihr Schreiben als ein kraftvolles Beispiel dafür, wie Black German Literature, Rassifizierung, epistemische Marginalisierung und Erinnerungspolitiken herausfordert.</p>
<p>Sarah Colvins editorische Arbeit unterstreicht dabei ihr übergeordnetes Argument, dass Literatur ein Raum sein kann, in dem rassifizierte und geschlechtercodierte Wissenssubjekte den epistemischen Ausschlüssen widerstehen, die in gesellschaftlichen Institutionen verankert sind.</p>
<p>In ihrer Gesamtheit zeigen diese Beiträge, wie stark German Life and Letters Sarah Colvins Denken über epistemische Ungerechtigkeit geprägt hat – und wie ihrerseits ihre Arbeiten das zunehmende Engagement der Zeitschrift für sozialgerechtigkeitsorientierte Ansätze zur deutschen Kultur beeinflusst haben. Viele der in diesen Artikeln entwickelten konzeptuellen Werkzeuge – „<em>epistemischer Mord“</em>, „<em>widerständiges Wissen“</em>, „<em>Transtemporalität“</em>, „<em>temporale Insurrektion“</em> – tauchen in erweiterter Form in ihrer Monographie „Literature and Epistemic Injustice“ wieder auf. Diese lässt sich daher als Kulminationspunkt mehrerer Jahre engagierter und thematisch kohärenter Forschungsarbeit lesen.</p>
<p>Sarah Colvin zeigt, wie die deutsche Literaturwissenschaft sich konstruktiv mit globalen Rahmenkonzepten von Race, Kolonialität und epistemischer Gerechtigkeit auseinandersetzen kann und so zur Internationalisierung der Disziplin beiträgt.</p>
<h3><strong>Literature and Epistemic Injustice</strong></h3>
<div id="attachment_7681" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7681" class="wp-image-7681 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-600x849.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-724x1024.jpg 724w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-768x1086.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-800x1131.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-1086x1536.jpg 1086w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025-1200x1697.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/Sarah-Colvin-Literature-and-Epistemic-Injustice-Power-and-Resistance-in-the-Contemporary-Novel-Routledge-2025.jpg 1241w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /><p id="caption-attachment-7681" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Im Zentrum von Literature and Epistemic Injustice steht Sarah Colvins Anspruch, die Gegenwartsliteratur als ein entscheidendes Feld neu zu positionieren, in dem Kämpfe um Wissen, Autorität und Sichtbarkeit ausgetragen werden. Ihr erstes leitendes Ziel ist daher ein methodologisches: Sie will den Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit in die Literaturwissenschaft auf eine entschieden rigorose Weise einführen, indem sie untersucht, wie die formale Architektur der Fiktion Macht-, Glaubwürdigkeits-, Ausschluss- und Anerkennungsverhältnisse einschreibt.</p>
<p>Dieses methodologische Anliegen bringt jedoch gewisse Herausforderungen mit sich. Die Einleitung versammelt eine ungewöhnlich breite theoretische Konstellation – sie greift gleichzeitig auf Miranda Fricker, José Medina, Charles W. Mills, Achille Mbembe, Avery F. Gordon, María Lugones, Gayatri Spivak, Judith Butler und andere zurück. Dennoch wird jeder dieser Ansätze aufschlussreich behandelt, sodass die kumulative Dichte den begrifflichen Fokus nicht verwischt. Die daraus entstehende Weite ist intellektuell anregend, ohne den zentralen theoretischen Faden des Buches zu verdunkeln, bevor die Lektüren ihn selbst vollständig etabliert haben. Eine solche Tendenz, mehrere Perspektiven einzubeziehen, ist in ambitionierten literaturtheoretischen Arbeiten üblich – und oft äußerst produktiv.</p>
<p>Um das Potenzial der Literatur sichtbar zu machen, epistemischer Ungerechtigkeit entgegenzutreten und Formen des Widerstands zu eröffnen, wendet sich Sarah Colvin acht zeitgenössischen Romanen zu – <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Life_and_Death_Are_Wearing_Me_Out">Mo Yans „Life and Death Are Wearing Me Out“</a> (2006), <a href="https://www.suhrkamp.de/rights/book/serhij-zhadan-voroshilovgrad-fr-9783518423356">Serhij Zhadans „Voroshilovgrad“</a> (2010), <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?19354">George Saunders’ „Lincoln in the Bardo“</a> (2017), <a href="https://www.preti-taneja.co.uk/ABOUT">Preti Tanejas „We That Are Young“</a> (2017), <a href="https://www.fischerverlage.de/autor/olivia-wenzel-1009108">Olivia Wenzels „1.000 Serpentinen Angst“</a> (2020), <a href="https://sharonotoo.com/books/adas-raum">Sharon Dodua Otoos „Adas Raum“</a> (2021) sowie <a href="https://novioletbulawayo.com/">NoViolet Bulawayos</a> „We Need New Names“ (2013) und „Glory“ (2022).</p>
<p>Diese Werke, die kulturelle und sprachliche Kontexte von China und Zimbabwe bis nach Deutschland und in die Ukraine umfassen, zeigen, wie autoritäre, patriarchale, rassistische und oligarchische Regime bestimmen, wer sprechen darf, wessen Wissen zählt und wie Bedeutung produziert oder unterdrückt wird.</p>
<p>Durch ihre vielfältigen narrativen Strategien – von reinkarnatorischer Satire und postsowjetischer Schelmenromantradition über polyphone Jenseitserzählung und transhistorisches Storytelling bis hin zur allegorischen politischen Fabel – legen die Romane die lähmenden Mechanismen ungerechter Macht offen und modellieren zugleich imaginative, epistemische und ästhetische Formen des Widerstands.</p>
<p>Sarah Colvin zeigt, dass die Fiktion die begrifflichen und imaginativen Werkzeuge bereitstellt, um epistemische Ungerechtigkeit sichtbar zu machen und autoritärer Macht zu widerstehen. Durch Verfahren wie schleifenartige, unterbrochene oder „<em>insurrektionäre Zeit</em>“, durch spektrale Präsenz und unruhige Geschichten sowie durch Erzählstimmen, die sich weigern, sich den offiziellen epistemischen Erwartungen zu fügen, halten diese Romane alternative Deutungen der Vergangenheit lebendig und eröffnen nicht verwirklichte Möglichkeiten für die Zukunft.</p>
<p>Literatur wird in Sarah Colvins Verständnis zu einem der wenigen Orte, an denen unterdrückte Geschichten zurückkehren können, an denen die Toten sprechen und an denen politische Imagination den Schließungen widerstehen kann, die autoritäre oder nekropolitische Regime auferlegen.</p>
<p>Sarah Colvin entwickelt eine Reihe origineller analytischer Werkzeuge – „<em>epistemic haunting</em>“, „<em>epistemic revenants</em>“ und „<em>Animapoetik</em>“ –, um sichtbar zu machen, wie Wissen unter Bedingungen von Gewalt und Unterdrückung zirkuliert. Diese Begriffe machen analytisch fassbar, was bestehende Theorie nur andeutet: wie spektrale Figuren Gegenwissen tragen; wie beschädigte oder ausgebeutete Körper als lebende Archive ausgelöschter Geschichten fungieren; und wie nicht-menschliche Akteure, affektive Intensitäten oder Alltagsgegenstände Spuren dessen bewahren, was autoritäre Macht zu tilgen versucht.</p>
<p>Indem Sarah Colvin diese Dynamiken benennt, stellt sie der Forschung ein Vokabular zur Verfügung, mit dem es gelingt zu analysieren, wie Literatur Regime des „<em>Erinnerungsmanagements</em>“ irritiert und Wissensformen bewahrt, die autoritäre Systeme zu vernichten trachten.</p>
<p>Sarah Colvin (2025, S. 6) warnt, dass „ <em>(p)ostnarrative (…) brings about the end of knowing as a thing and, I argue, is ultimate epistemic injustice.”</em> („<em>das Postnarrative … führt zum Ende des Wissens als etwas Gegebenem und stellt, so argumentiere ich, die ultimative epistemische Ungerechtigkeit dar“.</em>) In dieser Formulierung benennt sie den Punkt, an dem Macht selbst den Anschein von Bedeutung aufgibt und Sprache in ein reines Instrument der Herrschaft verwandelt.</p>
<p>Aus diesem Grund, so fährt sie fort, wird „<em>(i)n the postnarrative context, meaningful storytelling becomes an act of resistance”</em> („<em>im postnarrativen Kontext wird sinnstiftendes Erzählen zu einem Akt des Widerstands“</em>). Mit anderen Worten: Narration wird zu einem der letzten verbleibenden Räume, in denen Sinnstiftung überhaupt noch möglich ist, ein Akt epistemischer Auflehnung gegen Regime, die darauf ausgerichtet sind, Wissen und die Fähigkeit zu erkennen auszulöschen.</p>
<p>Methodologisch stützt sich die Monographie auf eine interdisziplinäre Konstellation von Denkerinnen und Denkern, darunter Miranda Fricker und José Medina zur epistemischen Ungerechtigkeit, Achille Mbembe (2019) zur Nekropolitik, Charles Mills (1997, 2007) zu rassifizierten Erkenntnistheorien sowie Avery Gordon (2008) zum „<em>Haunting</em>“ („<em>Heimsuchung</em>“). Sarah Colvin wendet diese theoretischen Ansätze nicht nur treffend an, sondern transformiert sie durch eine kontinuierlich präzise Textanalyse.</p>
<p>Sarah Colvins begriffliche Neuschöpfungen – insbesondere „<em>Animapoetik</em>“ und verwandte Formulierungen – verleihen der Monographie eine unverwechselbare konzeptuelle Textur.</p>
<p>Bemerkenswert ist, dass die Studie als Open-Access-Publikation in einer sozial engagierten Routledge-Reihe erscheint – ein Umstand, der Sarah Colvins umfassendem Engagement für offenes Wissen entspricht. Dadurch wird gewährleistet, dass Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierende freien Zugang zu ihren Argumenten haben und diese in laufende Diskussionen über Literatur, Gerechtigkeit und politische Imagination einfließen lassen können.</p>
<h3><strong>CAPONEU</strong></h3>
<div id="attachment_7678" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7678" class="wp-image-7678 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-300x169.jpg" alt="" width="300" height="169" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-200x113.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-300x169.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-400x225.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-600x338.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-768x432.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-800x450.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-1024x576.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-1200x675.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442-1536x864.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/12/3SCREE1-e1765100440442.jpg 1792w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7678" class="wp-caption-text">Screenshot von der Vorstellung am 4. November 2025. Foto: Pavlo Shopin.</p></div>
<p>„Literature and Epistemic Injustice“ geht unmittelbar aus <a href="https://www.caponeu.eu/">dem Horizon-Europe-Projekt CAPONEU—Cartography of the Political Novel in Europe</a> hervor, einer großen internationalen Kooperation unter der Koordination der <a href="https://www.caponeu.eu/cdp/organizations/university-of-zagreb">Universität Zagreb</a>, an der Partner aus Zagreb, Posen (Adam-Mickiewicz-Universität), Nikosia (University of Nikosia), dem Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, University of Brighton, University of Cambridge, der <a href="https://www.caponeu.eu/cdp/organizations/autonomy">NGO Autonomy</a> sowie mehreren weiteren Institutionen beteiligt sind.</p>
<p>CAPONEU betrachtet den politischen Roman als eine genuin europäische Gattung und untersucht, wie solche Romane das öffentliche Verständnis von Politik, Krisen und gesellschaftlichen Konflikten in verschiedenen nationalen und sprachlichen Kontexten reflektieren und prägen. Das Konsortium ist bewusst interdisziplinär angelegt und verbindet Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler mit politischen Theoretikerinnen und Theoretikern sowie kulturellen Praxisakteuren. Zugleich hat es eine interaktive digitale Plattform geschaffen, die Leserinnen und Lesern, Forschenden und zivilgesellschaftlichen Akteuren ermöglicht, eine sich entwickelnde <em>„Karte“</em> der europäischen politischen Fiktion zu erkunden. Parallel zu dieser digitalen Infrastruktur produziert das Projekt Open-Access-Sammelbände und entwickelt politische Handlungsempfehlungen dazu, wie Literatur zur demokratischen Resilienz beitragen kann – ein besonders dringliches Anliegen in einer Zeit, die von Populismus, autoritären Wiedererstarkungen und Krieg geprägt ist.</p>
<p>CAPONEU bietet damit ein konkretes Beispiel dafür, wie Horizon-Projekte geisteswissenschaftliche Forschung mit Public Engagement und digitaler Innovation verbinden können, während sie regionale Perspektiven in gemeinsame europäische Debatten einbetten.</p>
<h3><strong>Fazit</strong></h3>
<p>Sarah Colvins „Literature and Epistemic Injustice“ ist eine intellektuell kraftvolle Untersuchung darüber, wie die Gegenwartsliteratur aus verschiedenen Ländern und in verschiedenen Sprachen und gesellschaftlichen Kontexten die Mechanismen epistemischer Ungerechtigkeit offenlegt und Formen des Widerstands dagegen artikuliert. Die Studie bewegt sich souverän zwischen Ethik, politischer Theorie, Narratologie und globalen Literaturen und behandelt die ausgewählten Romane als reichhaltige Quellen der Erkenntnis.</p>
<p>Sarah Colvin positioniert die zeitgenössische Fiktion als aktiven Teilnehmer in Debatten über Wissen und Macht. Eine zentrale Leistung des Buches besteht in der klaren Demonstration, dass epistemische Ungerechtigkeit als absichtliche und strategische Praxis autoritärer Macht fungiert. Zugleich gehört die Betonung narrativer Sinnstiftung als Widerstandsform zu den stärksten konzeptuellen Linien der Monographie.</p>
<p>Das Buch bietet eine überzeugende, stringente, großzügige und klare Darstellung davon, wie Literatur in die Politik von Wissen und Macht interveniert und das Erzählen als lebenswichtige Praxis präsentiert, die die Fähigkeit zum Denken, Fühlen und Interpretieren unter Bedingungen wiederherstellt, die genau diese Fähigkeiten zu blockieren versuchen.</p>
<p>Es stellt damit einen bedeutenden Beitrag zur Literaturwissenschaft, zur Ethik und zur zeitgenössischen politischen Analyse dar.</p>
<p>Wie der Klappentext des Buches treffend hervorhebt, ist Sarah Colvins Buch „<em>eine unverzichtbare Ressource für alle, die sich für Literatur und Politik interessieren; es ist die erste eingehende Studie, die epistemische Ungerechtigkeit als Konzept für die Literaturwissenschaft erschließt. Im Fokus steht zeitgenössische Fiktion im Zeitalter der Post-Truth-Politik. Das Buch zeigt, wie acht Romane, die in unterschiedlichen globalen Kontexten spielen, epistemische Ungerechtigkeit als autoritäre Praxis sichtbar machen und eine Ästhetik des Widerstands entwerfen</em>“.</p>
<p><a href="https://ua.linkedin.com/in/pavlo-shopin-8577aa18"><strong>Pavlo Shopin</strong></a>, Mykhailo Drahomanov State University of Ukraine</p>
<p><strong>Der Autor dieses Porträts</strong> befasst sich mit deutscher, englischer und ukrainischer Literatur- und Translationswissenschaft. Er ist Associate Professor am Department of Applied Linguistics and Translation Studies der Mykhailo Drahomanov University of Ukraine. Er promovierte an der University of Cambridge (2014–2017) unter der Betreuung von Sarah Colvin über <a href="https://www.repository.cam.ac.uk/items/d4632ace-6396-4323-a8ba-1d8a9c1e3d35">Metaphern im Werk von Herta Müller</a> und ihr Potenzial, autoritären Strukturen in totalitären Regimen wie dem von Nicolae Ceaușescu entgegenzuwirken. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Handlungsmacht von Übersetzer:innen, auf emergenten Übersetzungspraktiken sowie auf den sozialen, ethischen und pädagogischen Dimensionen des Übersetzens im Kontext des Krieges, so auch mit der Frage, wie kollaboratives Übersetzen als kulturelle Diplomatie und als Form bürgerschaftlichen Engagements wirken kann. Seine Forschung befasst sich zudem mit der zeitgenössischen ukrainischen Literatur, insbesondere <a href="https://www.jstor.org/stable/43857533">mit den Werken von Serhij Zhadan</a>.</p>
<p>Seine Übersetzungen sind unter anderem in <a href="https://commons.com.ua/"><em>Commons</em></a>, <a href="https://theclaquers.com/"><em>The Claquers</em></a>, <a href="https://krytyka.com/ua"><em>Krytyka</em></a> und Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> erschienen. Zudem leitet er die studentische Forschungsgruppe „Written Translation in Action“, die seit 2018 mehr als 400 veröffentlichte Übersetzungen journalistischer, akademischer und kultureller Texte hervorgebracht hat, darunter auch viele Beiträge aus dem Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon,</span> die weitgehend auf dem Portal Eksperiment erschienen.</p>
<p><strong>Quellen (Zusammenstellung von Pavlo Shopin):</strong></p>
<ul>
<li>Bulawayo, NoViolet. (2022). Glory. London: Chatto &amp; Windus.</li>
<li>Bulawayo, NoViolet. (2013). We need new names. Little, Brown and Company.</li>
<li>Colvin, Sarah. (Ed.). (2014). <a href="https://doi.org/10.4324/9781315747040">The Routledge Handbook of German Politics and Culture</a> (1st ed.). Routledge.</li>
<li>Colvin, Sarah, &amp; Karcher, Katharina. (Eds.). (2018). <a href="https://doi.org/10.4324/9781351203715">Women, Global Protest Movements and Political Agency: Rethinking the Legacy of 1968</a>. Routledge.</li>
<li>Colvin, Sarah. (2020). <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12287">Talking Back: Sharon Dodua Otoo’s Herr Gröttrup setzt sich hin and the Epistemology of Resistance</a>. German Life and Letters, 73(4), 659-679.</li>
<li>Colvin, Sarah. (2021). <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12318">Words That Might Save Necks: Philipp Khabo Koepsell, Epistemic Murder and Poetic Justice</a>. German Life and Letters, 74(4), 511-556.</li>
<li>Colvin, Sarah. (2022). <a href="https://doi.org/10.1111/glal.12323">Freedom Time: Temporal Insurrections in Olivia Wenzel’s 1000 Serpentinen Angst and Sharon Dodua Otoo’s Adas Raum</a>. German Life and Letters, 75(1), 138-165.</li>
<li>Colvin, Sarah, &amp; Galasso, Stephanie. (Eds.). (2023). <a href="https://doi.org/10.4324/9781003254317">Epistemic Justice and Creative Agency: Global Perspectives on Literature and Film</a>. Routledge.</li>
<li>Colvin, Sarah. (Ed.). (2024). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/toc/14680483/2024/77/1">Sharon Dodua Otoo—Literature, Politics, Possibility</a> [Special issue]. German Life and Letters, 77(1).</li>
<li>Colvin, Sarah. (2025). <a href="https://doi.org/10.4324/9781032649269">Literature and Epistemic Injustice: Power and Resistance in the Contemporary Novel</a>. Routledge.</li>
<li>Colvin, Sarah, &amp; Mandelbaum, Melina. (Eds.). (2027). Routledge Handbook of German Politics and Culture (2nd ed.). Routledge. (Forthcoming)</li>
<li>Fricker, Miranda. (2007). <a href="https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780198237907.001.0001">Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing</a>. Oxford University Press.</li>
<li>Gordon, Avery F. (2008). Ghostly Matters: Haunting and the Sociological Imagination (New ed.). University of Minnesota Press. (Original work published 1997).</li>
<li>Karcher, Katharina, &amp; Colvin, Sarah. (Eds.). (2018). <a href="https://doi.org/10.4324/9781351203784">Gender, Emancipation, and Political Violence: Rethinking the Legacy of 1968</a>. Routledge.</li>
<li>Mbembe, Achille. (2019). <a href="https://doi.org/10.1515/9781478007227">Necropolitics</a> (S. Corcoran, Trans.). Duke University Press.</li>
<li>Medina, José. (2013). <a href="https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780199929023.001.0001">The Epistemology of Resistance: Gender and Racial Oppression, Epistemic Injustice, and Resistant Imaginations</a>. Oxford University Press.</li>
<li>Mills, C. (1997). The Racial Contract. Cornell University Press.</li>
<li>Mills, Charles W. (2007). White Ignorance. In S. Sullivan &amp; N. Tuana (Eds.), Race and Epistemologies of Ignorance (pp. 13–38). SUNY Press.</li>
<li>Mo, Yan. (2008). Life and Death Are Wearing Me Out (H. Goldblatt, Trans.). Arcade Publishing.</li>
<li>Otoo, Sharon Dodua. (2021). Adas Raum. S. Fischer.</li>
<li>Reed, Anthony. (2014). Freedom Time: The Poetics and Politics of Black Experimental Writing. Johns Hopkins University Press.</li>
<li>Saunders, George. (2017). Lincoln in the Bardo. London: Bloomsbury.</li>
<li>Taneja, Preti. (2017). We That Are Young. Norwich: Galley Beggar Press.</li>
<li>Wenzel, Olivia. (2020). 1000 coils of fear. Catapult.</li>
<li>Zhadan, Serhiy. (2016). Voroshilovgrad (R. Costigan-Humes &amp; I. S. Wheeler, Trans.). Deep Vellum.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Dezember 2025. <a href="https://astraea-journal.org/index.php/journal/article/view/141/212">Die englische Fassung erschien wenig später in Astraea 6(2)</a>. Anlass des Textes war die Buchpräsentation „Art and Authoritarianism: Resistant Fiction in an Age of Post-Truth“ von Sarah Colvin zu ihrer Monographie „Literature and Epistemic Injustice: Power and Resistance in the Contemporary Novel” (2025) <a href="https://www.youtube.com/watch?v=-cymCrnusaA">am 4. November 2025 im Jesus College Intellectual Forum</a>. Internetzugriffe zuletzt am 7. Dezember 2025. Titelbild: Screenshot von der Buchpräsentation, Foto: Pavlo Shopin.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Für eine &#8222;Germanistik der radikalen Vielfalt&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2025 16:10:14 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Für eine „Germanistik der radikalen Vielfalt“ Jeannette Oholi über die Potenziale afropäischer und afrodeutscher Literatur „Wir neigen zu der Auffassung, daß eine strenge Arbeitsteilung zwischen nationaler, Vergleichender und Allgemeiner Literaturwissenschaft weder durchführbar noch wünschenswert ist. Wer sich mit der nationalen Literaturwissenschaft beschäftigt, sollte sich klarmachen, daß er verpflichtet ist, seinen Gesichtskreis zu erweitern, und  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Für eine „Germanistik der radikalen Vielfalt“</strong></h1>
<h2><strong>Jeannette Oholi über die Potenziale afropäischer und afrodeutscher Literatur</strong></h2>
<p><em>„Wir neigen zu der Auffassung, daß eine strenge Arbeitsteilung zwischen nationaler, Vergleichender und Allgemeiner Literaturwissenschaft weder durchführbar noch wünschenswert ist. Wer sich mit der nationalen Literaturwissenschaft beschäftigt, sollte sich klarmachen, daß er verpflichtet ist, seinen Gesichtskreis zu erweitern, und hin und wieder Abstecher in andere Literaturen oder der Literatur verwandte Gebiete zu unternehmen. Der Komparatist hingen sollte von Zeit zu Zeit in den enger begrenzten Bereich einer Nationalliteratur zurückkehren, um wenigstens mit <u>einem</u> Fuß auf festem Boden zu bleiben.“ </em>(Henry H. H. Remak, Definition und Funktion der Vergleichenden Literaturwissenschaft, 1961, zitiert nach: Horst Rüdiger, Hg., Komparatistik – Aufgaben und Methoden, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz, Kohlhammer, 1973)</p>
<p>Der Literaturwissenschaftler Henry H. H. Remak schrieb diesen Text vor etwa 65 Jahren in einer Zeit, in der man sich noch auf sicherem Boden zu befinden glaubte, wenn man von <em>„Nationalliteratur“</em> oder gelegentlich auch von <em>„Weltliteratur“</em> sprach. Aber so wie sich das Verständnis von <em>„Nationen“</em> wandelte, hätte sich auch der Begriff von <em>„Nationalliteratur“</em> wandeln müssen und damit auch der Begriff der <em>„Welt“</em>. Der Begriff der <em>„Nation“</em> hätte ohnehin als Begriff des 19. Jahrhunderts in einer wissenschaftlichen Untersuchung nur noch einen Platz als deren Gegenstand, nicht jedoch als deren Voraussetzung einnehmen dürfen.</p>
<p>Wenn jemand den Versuch wagen wollte, den Begriff der <em>„Nationalliteratur“</em> zu definieren, wäre es vielleicht hilfreich, sich auf die Sprache zu konzentrieren, in der die jeweilige Literatur geschrieben wurde und wird. Der Begriff der <em>„Nation“</em> löst sich dann sehr schnell auf, denn diejenigen, die heute Literatur in deutscher, englischer, französischer oder welcher Sprache auch immer schreiben, können auf zahlreiche Quellen, Traditionen und Identitäten zurückgreifen, die in den 1960er Jahren in Europa kaum bekannt waren. Unter den belletristischen Neuerscheinungen der vergangenen 30 bis 40 Jahre in Deutschland finden sich Autor:innen mit den unterschiedlichsten Familiengeschichten, über die sich eine Reise durch alle Länder und Kontinente gestalten ließe. Doch nehmen Literaturwissenschaften und schulische Lehrpläne dies auch wahr? Vielleicht lohnt es sich, dieser Frage anhand des Beispiels der afrodeutschen oder afropäischen Literatur nachzugehen. Ich darf versprechen, dass sich in der Auflösung der Begriffe des <em>„Nationalen“</em> und – daraus folgend – des <em>„Internationalen“</em> neue Perspektiven und Welten erschließen lassen, aber auch, dass die Grenzen zwischen literaturwissenschaftlichem und aktivistischem Engagement zerfließen werden.</p>
<h3><strong>Grundlagen afropäischer Literatur(wissenschaften)</strong></h3>
<p><a href="https://www.jeannetteoholi.com/">Jeannette Oholi</a> hat sich in zwei bei transcript in Bielefeld erschienenen Büchern mit dem Stellenwert und der Rolle afrodeutscher, afropäischer oder Schwarzer Literatur – diese drei Bezeichnungen finden sich in Wissenschaft und Publizistik – in Deutschland und in Europa exemplarisch auseinandergesetzt. Im Jahr 2024 erschien ihre Gießener Dissertation „Afropäische Ästhetiken – Plurale Schwarze Identitätsentwürfe in literarischen Texten des 21. Jahrhunderts, im Jahr 2025 folgte der Sammelband „Schwarze deutsche Literatur – ästhetische und aktivistische Interventionen von den 1980er Jahren bis heute“. Vereinfacht ließe sich sagen: Dem Theorieband folgte ein Band über die Praxis. Beide Bände jedoch zeichnen sich durch fundierte Analyse anregender literarischer Texte aus und bieten so ganz nebenbei einen anregenden Überblick über afrodeutsche beziehungsweise afropäische Literatur. Wer diese Literatur entdecken möchte, wird hier genügend Lesetipps finden.</p>
<p>Die reale Grundlage der beiden Bücher bietet der Reisebericht „Afropean – Notes from Black Europe“ von <a href="https://www.johnypitts.com/info">Johny Pitts</a> (Allan Lane, 2019). Johny Pitts kommt zu dem Schluss: <em>„Africa was right where I was standing. (…) These scattered fragments of Afropean experience had formed a mosaic inside my mind, not monolithic, but not entirely amorphous either; rather, the Afropean reality was a bricolage of blackness and I’d experienced an Africa that was both <u>in</u> and <u>of</u> Europe.” </em>Wer sich mit afropäischer Literatur befasst, klärt somit auch und vielleicht sogar in erster Linie den eigenen Standpunkt, postkoloniale und intersektionelle Aspekte ebenso inbegriffen wie Rassismus- und Exklusionserfahrungen. Afrika ist eben mehr als ein geographischer Begriff, Afrika wird zu einer Einstellung, zu einer Art Status.</p>
<p>Vielleicht passt es in diesem Kontext, dass im Spätsommer 2025 eine Debatte entstand, dass die gängige die wahren Größenverhältnisse verzerrende Mercator-Darstellung der Welt durch eine realistische Darstellung abgelöst werden sollte (eine sehr anschaulichen Überblick boten Otto Wöhrbach und Natalie Ille im Tagesspiegel: <a href="https://www.tagesspiegel.de/wissen/die-alteste-desinformationskampagne-der-welt-warum-afrika-eine-neue-weltkarte-fordert-14255954.html">„Die älteste Desinformationskampagne der Welt“</a>). Im Mercator-Schnitt sind Afrika und Grönland gleich groß (möglicherweise motivierte dies Trump, sich für Grönland zu interessieren). Tatsächlich passen jedoch China, Indien, die USA, Japan, die Europäische Union und letztlich die Schweiz in Afrika hinein. Großbritannien ist etwa so groß wie Madagaskar, Russland etwa so groß wie Sahara und Sahel. Die Frage, zu der die von Jeannette Oholi vorgestellten Autor:innen Antworten suchen, lautet mehr oder weniger, wie viel Afrika in den europäischen Literaturen zu finden ist und wie sich Afrikanisches und Europäisches durch diese Begegnung verändern. Eine damit verbundene Frage lautet, wie sehr der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/schwarze-frauen-in-deutschland/">Schwarze Feminismus</a> der 1980er Jahre zur Emanzipation eines Schwarzen deutschen beziehungsweise europäischen Bewusstseins beigetragen hat, das sich auch die afrodeutsche Literatur durchdringt. All dies ist Gegenstand der beiden Bücher von Jeannette Oholi: Wie groß ist Afrika in der deutschen (französischen, englischen, europäischen) Literatur?</p>
<h3><strong>Auf dem Weg zu einer „Germanistik der radikalen Vielfalt“</strong></h3>
<div id="attachment_7580" style="width: 207px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7172-8/afropaeische-aesthetiken/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7580" class="wp-image-7580 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg" alt="" width="197" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-197x300.jpg 197w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-400x608.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-600x912.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-674x1024.jpg 674w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-768x1167.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-800x1216.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1011x1536.jpg 1011w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1200x1824.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-1347x2048.jpg 1347w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Afropaeische-Aesthetiken-transcript-scaled.jpg 1684w" sizes="(max-width: 197px) 100vw, 197px" /></a><p id="caption-attachment-7580" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Jeannette Oholi plädiert in ihrer Dissertation für eine <em>„Germanistik der radikalen Vielfalt“</em>: <em>„Die Germanistik der radikalen Vielfalt initiiert einen Perspektivwechsel, da sie Pluralität in den Mittelpunkt rückt und diese – genauso wie Migration – normalisiert.“</em> Dieser Ansatz ist zwangsläufig komparatistisch, geht aber weit über traditionelle komparatistische Arbeiten hinaus, weil er sich eben nicht auf das Verhältnis zwischen verschiedenen europäischen Literaturen beschränkt. Ihre Ergebnisse ließen sich auf andere Literaturen übertragen. Daher gibt es in der Dissertation auch Kapitel zu britischen und französischen Texten. In beiden Bänden spielen US-amerikanische Autor:innen eine wichtige Rolle. Anstelle der Germanistik ließe sich somit auch jede beliebige andere Literaturwissenschaft nennen. Die von Jeannette Oholi angewandte Methode ließe sich wiederum auf andere mit einem Bindestrich bezeichnete Literaturen übertragen, zum Beispiel auf jüdische Autor:innen, die in deutscher (oder französischer oder englischer) Sprache schreiben und veröffentlichen. All diesen Autor:innen gemeinsam ist ein Habitus des <em>„Widerstands“.</em> Literatur und Literaturwissenschaft sind zugleich politische Statements und wirken als politischer Aktivismus<em>.</em> Diese Begriffe muss man wörtlich nehmen! <em>„Die Germanistik der radikalen Vielfalt ist eine widerständige Analyseperspektive (…).“ </em>Sie befreit afrikanische Quellen, Traditionen, Motive aus der <em>„Ghettoisierung in einem besonderen Afrikaprogramm“</em>, die der Romanist <a href="http://blog.romanischestudien.de/janos-riesz-und-die-afroromanistik/">János Riesz</a>, Mitbegründer der interdisziplinären Afrikanologie an der Universität Bayreuth, im Jahr 1980 angesichts der Präsentation des Schwerpunkts Afrika auf der Frankfurter Buchmesse beklagte (zitiert nach <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-in-der-ddr-eine-fallstudie/">Paweł Zajas, Sozialistische Transnationalisierung</a>, Wiesbaden, Harassowitz, 2025).</p>
<p>Ihre These entwickelt Jeannette Oholi zunächst in einem Methodenkapitel („Plurale Schwarze Identitäten in einem <em>weiß</em> imaginierten Europa: Eine postmigrantische Annäherung“). In drei weiteren Kapiteln stellt sie zehn Autor:innen detailliert vor. Diese drei Kapitel tragen die programmatischen Überschriften „Bewegungen“, „Verbindungen“ und „Uneindeutigkeiten“. Ein fünftes Kapitel mit dem Titel „Fazit und Ausblick“ schließt den Kreis. Analysiert werden Texte von <a href="http://www.cfsandjon.de/">Chantal-Fleur Sandjon</a>, <a href="https://www.afrikaroman.de/autor/helen-oyeyemi/">Helen Oyeyemi</a> und Yrsa Daley-Ward im Kapitel „Bewegungen“, Texte von <a href="https://www.goethe.de/ins/mx/de/kul/lit/21736571.html">Philipp Khabo Koepsell</a>, <a href="https://about.me/sharonotoo">Sharon Dodua Otoo</a>, <a href="https://bevaristo.com/">Bernardine Evaristo</a> und <a href="https://lesbavardagesdekiyemis.wordpress.com/">Kiyémis</a> (die einzige französischsprachige Autorin im Buch) im Kapitel „Verbindungen“, <a href="https://www.fischerverlage.de/autor/olivia-wenzel-1009108">Olivia Wenzel</a>, <a href="https://aukongo.de/">Stefanie Lahya Aukongo</a> und <a href="https://www.lemnsissay.com/lemn">Lemn Sissay</a> im Kapitel „Uneindeutigkeiten“.</p>
<p>Schwarze, afropäische oder afrodeutsche Literatur ist keine weitere Spielart von <em>„Nationalliteratur“</em>. Sie lässt sich auch nicht nicht als eigene literarische Gattung abgrenzen. Sie ist kein monolithischer Block. Jeannette Oholi wendet sich gemeinsam mit den von ihr vorgestellten Autor:innen gegen dieses in den Köpfen vieler Literaturwissenschaftler:innen und Lehrkräfte vorherrschende Bild. Ihr Gegenprogramm geht von dem Begriff des <em>„Queering“</em> aus, wie ihn <a href="https://tu-dresden.de/gsw/der-bereich/news/prof-fatima-el-tayeb-neue-dresden-senior-fellow-am-zentrum-fuer-integrationsstudien">Fatima El-Tayeb</a> verwendet. So <em>„werden alternative Narrative von ‚Europäischsein‘ sichtbar, die das plurale Europa widerspiegeln.“ </em>Sie beruft sich ferner auf <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/personen/max-czollek-p-1378">Max Czollek</a> und seinen Begriff der <em>„Desintegration“ </em>(in: „Desintegriert euch!“ München, Hanser, 2018), den sie als <em>„widerständige Haltung gegen die <u>weiße</u> Dominanzgesellschaft“</em> versteht.</p>
<p>Der bestimmte Artikel in „<em>die <u>weiße</u> Dominanzgesellschaft“ </em>verweist auf eine Praxis der bewussten oder gegebenenfalls auch unbewussten Exklusion oder vielleicht besser gesagt der Ignoranz eines in den letzten vier Jahrzehnten immer bedeutender werdenden Teils deutscher Literatur. In Deutschland gibt es – dies wird durchgehend in beiden Büchern von Jeannette Oholi thematisiert – keine eigenen Lehrstühle für „Black Studies“. „Black Studies“ wären allerdings ungeachtet der Verdienste von János Riesz und Kolleg:innen etwas anderes als die <a href="https://www.afrikanistik.uni-bayreuth.de/en/index.html">Afrikanistik, zu der an der Universität Bayreuth gelehrt und geforscht wird</a>. Es geht um Literatur von Schwarzen Autor:innen oder Autor:innen of Color in deutscher Sprache, es geht um die afrodeutsche beziehungsweise afropäische Perspektive mit all ihren Erfahrungen. Mitunter fühlt man sich an das Schicksal der Diplomarbeit von May Ayim erinnert, die an einer Universität abgelehnt wurde, weil es doch in Deutschland gar keinen Rassismus gäbe. Die Arbeit wurde später an einer anderen Universität angenommen und in dem von May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgegebenen Band „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ veröffentlicht (Berlin, Orlanda Frauenbuchverlag, 1986, Neuauflage im Jahr 2020 bei Orlanda).</p>
<p>Es wäre sicherlich von Interesse, einmal Lehrpläne, Schullektüren und Abituraufgaben im Fach Deutsch zu analysieren. Dort dürfte es noch viel problematischer aussehen als in der Germanistik. In dem Aufsatz <a href="https://www.genealogy-critique.net/article/id/17228/">„Von Bewegungen, Entgrenzungen und Gleichzeitigkeiten: Schwarze deutsche Literatur als polyphone Tradition lesen“</a> (in: Genealogy+Critique 10/1, 2024) verweist Jeannette Oholi auf außeruniversitäre und <em>„nicht-staatliche Archive und Bibliotheken wie die </em><a href="https://eoto-archiv.de/literatur-kultur#bibliothek"><em>Vera Heyer Bibliothek</em></a><em> als Teil von </em><a href="https://eoto-archiv.de/"><em>Each One Teach One</em></a><em> (EOTO e.V.) in Berlin, die </em><a href="https://twm-bibliothek.de/"><em>Theodor Wonja Michael Bibliothek</em></a><em> in Köln, die </em><a href="https://arca-ev.de/projekt/fasiathek-schwarze-praesenzbibliothek/"><em>Fasiathek</em></a><em> in Hamburg sowie die kürzlich gegründete </em><a href="https://schwarze-kinderbibliothek.de/"><em>Schwarze Kinderbibliothek</em></a><em> in Bremen“</em>, alle Fundgruben afrodeutscher, afroeuroopäischer beziehungsweise Schwarzer Literatur, die in Schulen und Hochschulen noch zu entdecken wäre (Internetlinks eingefügt von NR)<em>.</em></p>
<h3><strong>Gestaltungsprinzip Polyphonie</strong></h3>
<p>Wodurch zeichnet sich eine multiperspektivische afrodeutsche oder afropäische Literatur aus? Ein Schlüsselbegriff ist <em>„Polyphonie“, </em>die Jeannette Oholi in ihrer Dissertation als <em>„ästhetisches Gestaltungsprinzip“</em> der Vielfalt definiert. Diese <em>„Polyphonie“</em> bezieht sich nicht nur auf den Stellenwert afrodeutscher Literatur als Teil der deutschen Literatur als Gesamtheit, sondern auch ihre verschiedenen Erscheinungsformen. Afrodeutsche, afropäische Literatur ist weder nach außen noch nach innen ein monolithischer Block. Es gibt eben nicht nur die <em>„Single Story“</em>, die <a href="https://www.chimamanda.com/about/">Chimamanda Ngozi Adichie</a> in <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D9Ihs241zeg">„The Danger of a Single Story“</a> dekonstruierte.</p>
<p>Jeannette Oholi konkretisiert diese These in dem eben schon genannten Aufsatz „Bewegungen, Entgrenzungen und Gleichzeitigkeiten“: <em>„Die Polyphonie spiegelt Bewegungen wider und hat Entgrenzungen zur Folge, da durch sie die Pluralität Schwarzer deutscher Literaturen sichtbar wird. Sie steht quer zur verengten und begrenzten Rezeption Schwarzer Autor*innen und macht stattdessen ein vielschichtiges Netz von Stimmen sichtbar, die Räume innerhalb des literarischen Feldes schaffen oder (neu) besetzen.“ „Afropolitanismus“</em> und <em>„Eurozentrismus“ </em>werden dann zu Kampfbegriffen. Erst die Überwindung des <em>„Eurozentrismus“</em> schaffe eine <em>„globale Perspektive“</em>:</p>
<p>Gesellschaftlich und politisch formuliert verweist dies – so Jeannette Oholi – auf den von dem Arabisten und Islamwissenschaftler <a href="https://www.uni-muenster.de/ArabistikIslam/Mitarbeiter/bauer.html">Thomas Bauer</a> eingeführten Begriff der <em>„Ambiguitätstoleranz“ </em>(programmatisch zum Beispiel in „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“, Stuttgart, Reclam, 2018). <em>„Die Gegenwartsliteratur Schwarzer Autor*innen wird so zu einem Ort, an dem Erinnerungen vielstimmig verhandelt und neugeschrieben werden.“</em> <em>„Pluralität“</em> ist keine <em>„Bindestrichidentität“</em>. Eine pluralistische Ästhetik manifestiert sich in den Stilmitteln: <em>„Die Pluralität zeigt sich nicht nur inhaltlich, beispielsweise in der Figurenkonstellation oder darin, was die Stimmen in den Gedichten thematisieren, sondern auch in der Ästhetik, denn die Ästhetik der literarischen Texte zeichnen sich ebenfalls durch Bewegungen, Verbindungen und Uneindeutigkeiten aus, wenn Autor*innen beispielsweise mit Textgattungen experimentieren und neue literarische Formen entstehen.“ </em>Stilmittel sind beispielsweise dialogisches oder fragmentarisches Erzählen, freie Rhythmen, Wegfall von Satzzeichen, Aufspaltung von Sätzen in eine Reihe von Wörtern, die jeweils eine eigene Zeile beanspruchen.</p>
<p>Sprache fließt, ihre <em>„Fluidität“ </em>schafft eine diachrone Ebene, die die synchrone Wahrnehmung durchdringt. Sie schafft ein Gefühl für die Veränderlichkeit der Erzählung und des Erzählten, weil es immer <em>„eine Vielzahl von Möglichkeiten“</em> gibt und eben nicht darauf ankommt, eine bestimmte Möglichkeit ein für alle Mal auszuwählen, sondern Vielfalt, <em>„Pluralität“</em>, anzuerkennen. Die jeweiligen Stilmittel müssen natürlich nicht neu erfunden werden, denn es gibt sie ohnehin schon in experimenteller Literatur, zum Beispiel in Konkreter Poesie oder auch in nicht linear erzählten Romanen, ungeachtet der Familiengeschichte und Lebenswelten der Autor:innen. Das Besondere in der afrodeutschen beziehungsweise afropäischen Literatur ist jedoch ihre Ausweitung: Materielle Wirklichkeiten, Landschaften, Gegenstände reflektieren und dekonstruieren Identitäten zugleich.</p>
<p>Jede Erzählung, jeder potenzielle Gegenstand einer Erzählung, jede erzählte Person verlangt, dass sie in der Lektüre weitererzählt, kreativ gebrochen wird, weil das Erzählte immer nur als <em>„Fragment“</em> erzählt werden kann. Bezogen auf das Monodrama „Something Dark“ von Lemn Sissay schreibt Jeannette Oholi: <em>„Das fragmentarische Erzählen unterstreicht die Pluralität der Identität des Erzählers.“</em> Individualität und Pluralität sind eben untrennbar miteinander verbunden, sodass die Frage nach einer festgefügten <em>„Identität“</em> sich letztlich erübrigen sollte. Was ist <em>„europäisch“</em>, was ist <em>„deutsch“</em>, was <em>„französisch“</em>, was <em>„afrikanisch“</em>? In diesen Überlegungen erhält der im Alltagssprachgebrauch auf geschlechtliche Vielfalt angewandte Begriff des <em>„Queering“</em> eine neue Bedeutung. <em>„Dieses <u>Queering</u> hat zur Folge, dass sich Schwarze Figuren und Stimmen in den literarischen Texten als Subjekte in ihrer Pluralität erzählen.“ </em></p>
<p>Jeannette Oholi verknüpft in diesem Sinne die folgenden Begriffe miteinander: <em>„postmigrantisch“</em>, <em>„subversiv“</em>, <em>„emanzipatorisch“</em>. Sie wendet den von <a href="https://www.gorki.de/de/ensemble/shermin-langhoff">Shermin Langhoff</a> in die Debatte eingeführten Begriff des <em>„Postmigrantischen“</em> in der Literaturwissenschaft an: <em>„Das Postmigrantische als kritische Perspektive zu nutzen, bedeutet, Rassifizierung und Marginalisierung von Schwarzen Menschen in Europa als Realität sichtbar zu machen und diese zugleich in einen größeren Kontext intersektionaler Herrschafts- und Rassismuskritik zu stellen.“</em> Eine solche Literaturwissenschaft ist im besten Sinne parteilich, nicht im marxistischen Sinne des Wortes, wohl aber im Sinne jeder auf Anerkennung von Vielfalt ausgerichteten Verfasstheit einer Gesellschaft. In diesem Kontext entsteht <em>„Afropea“</em> als <em>„ein Raum, der durch das Streben Schwarzer Europäer*innen und die Entfaltung ihrer pluralen Identitäten entsteht.“</em></p>
<p><em>„Heimat“</em> ist dann – beispielsweise bei Chantal-Fleur Sandjon – <em>„nicht an einen geografischen Ort gebunden“</em>, auch die Textgattungen verfließen ineinander, wie beispielweise bei Yrsa Daley-Ward, Lemn Sissay oder Aukongo. Lyrisches und Erzählerisches vermischen sich, auch mit ungewöhnlichen Schreibweisen (bei Aukongo zum Beispiel Unterstriche, Großbuchstaben mitten in einem Wort, freie Rhythmen) durchdringen einander, lassen neue Perspektiven entstehen. Sharon Dodua Otoo macht in „Adas Raum“ die Verbindungen zwischen den Schicksalen und Erlebnissen von vier Personen mit dem Namen Ada in verschiedenen Zeiten erfahrbar: <em>„Alle vier Ada-Figuren sind transtemporal und transnational miteinander verbunden, da ihre Erfahrungen und Geschichten miteinander resonieren.“</em></p>
<p>Ein denkbares Gegenbild zur <em>„Heimat“</em> wäre eine Variante des Exils, das Leben in einer Art Diaspora. Auf der einen Seite steht – so interpretiert Jeannette Oholi Kiyémi – <em>„die durch die Assimilation entstandene gesellschaftliche Enge“</em>, auf der anderen Seite entsteht ein neu zu entdeckender Reichtum: <em>„Die afrodiasporische Frau besteht in ihrem Innersten somit aus einer Vielzahl von Verbindungen, die sich aus Wegen, Erzählungen und Bewegungen zusammensetzen.“</em> Literatur wird zum Medium eines neuen Selbstbewusstseins, von Selbstwirksamkeit: <em>„Die Stimme schafft somit neue Räume, in denen sie sich in ihrer Pluralität entfalten kann.“</em> In diesem Kontext fügen sich bei Oliva Wenzel in „1.000 Serpentinen Angst“ Reisen, Bahnhöfe, Snackautomaten, Sprach- und Perspektivwechsel zu Metaphern einer <em>„Vielzahl von Möglichkeiten“</em>. Allerdings gehe es nicht darum, eine dieser Möglichkeiten auszuwählen und damit andere auszuschließen, sondern die Pluralität in sich aufzunehmen und sich in ihr zu bewegen. Literatur wird zur <em>„Selbstbefreiung“</em>, zum Handeln in einem selbst gestalteten <em>„Empowermentprozess“</em>. Aber natürlich bleibt es immer prekär, nie abgeschlossen, exemplarisch formuliert in Versen von Aukongo: <em>„Mein Gender balanciert auf dem seidenen Faden (…) / Irgendwo dazwischen (…) / als mehrfachverwobene, geschlungene / radikale Femme of Color“ </em>(im Original kursiv). Intersektionalität ist somit nichts anderes als die in sich und dem eigenen Schreiben erfahrene Polyphonie.</p>
<h3><strong>„Kunst als Mittel zum Überleben“</strong></h3>
<div id="attachment_7581" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7075-2/schwarze-deutsche-literatur/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7581" class="wp-image-7581 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-194x300.jpg 194w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-400x619.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-600x929.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-661x1024.jpg 661w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-768x1189.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-800x1239.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-992x1536.jpg 992w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1200x1858.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-1323x2048.jpg 1323w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Oholi-Schwarze-Deutsche-Literatur-transcript-scaled.jpg 1653w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" /></a><p id="caption-attachment-7581" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der von Jeannette Oholi herausgegebene Sammelband „Schwarze Deutsche Literatur“ darf als multiperspektivische Fortsetzung der in ihrer Dissertation entfalteten Thesen gelesen werden. Die Grenzen zwischen literaturwissenschaftlichem und aktivistisch-politischem Engagement zerfließen, <em>„Polyphonie“</em> spiegelt sich literarisch wie politisch in 15 Beiträgen von 19 Autor:innen, allerdings durchaus mit einem gemeinsamen Ziel, der Anerkennung afrodeutscher und afropäischer Biografien und Lebenswelten sowie ihrer Literatur. Jeannette Oholi widmet den Band Philipp Khabo Koepsell, <em>„Poet, Aktivist, Archivar und Wegbereiter in der Erforschung Schwarzer deutscher Literatur“</em> und benennt damit ihren eigenen Anspruch: Wissenschaft, Aktivismus, Popularisierung durchdringen einander. Laura Högner zitiert in ihrem Beitrag über „Kritische Darstellung <em>weißer</em> Männlichkeiten und des <em>white gaze</em> in Sharon Dodua Otoos <em>Adas Raum</em>“ ebenfalls Philipp Khabo Koepsell mit der entspannten und entspannenden Bemerkung: <em>„wir können deutsch sein – aber wir müssen es nicht“</em>.</p>
<p>Der Band gliedert sich in vier Abschnitte: „Aktivismus und Literatur(wissenschaft)“, „Erinnerung und Wissensproduktion“, „Ästhetiken und Literaturtraditionen“ sowie „Entgrenzungen und Genres“. Eine zentrale Rolle spielen immer wieder die 1980er Jahre und die inspirierende Rolle von Audre Lorde und May Ayim. Es geht allerdings nicht nur um afrodeutsche Autor:innen, so bietet Yeliz Çetin unter der Überschrift „Poetische Widerstände“ einen Vergleich der Lyrik von May Ayim und <a href="https://www.haticeacikgoez.de/">Hatice Açikgöz</a>, eingeleitet – wie könnte es anders sein – mit drei Sätzen aus dem Grußwort von Audre Lorde zu „Farbe bekennen“: <em>„Wir wollen wir selbst sein, so wie wir uns definieren. Wir sind kein Fragment eurer Fantasie oder eurer Wünsche. Wir sind nicht das Salz eurer Sehnsucht.“ </em>Yeliz Çetin, selbst auch als Literatin unterwegs, wendet sich damit gegen die vielen verschiedenen Projektionen, die Autor:innen auf ihrem literarischen Weg behindern: <em>„Schreiben ist Sprache und bedeutet eine Ausdrucksmöglichkeit, in einem sicheren Rahmen Worte zu finden und für sich zu sprechen, wo sonst keine Räume existieren und die eigene Stimme nicht gehört wird.“</em></p>
<p>In der Einleitung formuliert Jeannette Oholi zwei Punkte, die aus meiner Sicht zeigen, dass sich diese Einsicht und Programmatik nicht von selbst ergibt, nicht einmal für diejenigen, die als <em>„Afropeans“ </em>oder <em>„Afrodeutsche“</em> ein biographisches Interesse haben. Im ersten Satz schreibt sie: <em>„Ich musste über 5000 Kilometer reisen um von <u>Farbe bekennen</u> zu erfahren.“</em> Dies mag durchaus an den Curricula deutscher Universitäten liegen. In Dakar im Senegal fragte sie eine Nachbarin nach dem Buch. Aus der folgenden Lektüre dieses Buches entfaltet sie den eigentlichen Auftrag, dem sich die Autor:innen von „Schwarze deutsche Literatur“ verpflichtet sehen, auch wenn es ungeheuer schwer zu sein scheint, ihre Perspektiven, die in ihrer Forschung zentralen Werke in der gängigen Germanistik zu platzieren. <em>„Erschwert wird dieser Kampf auch durch die postulierte Trennung von Aktivismus und Wissenschaft, die nach wie vor wirkungsmächtig ist und reale Auswirkungen auf die Erforschung deutscher Literatur hat.“</em> Schwarze Literatur wird somit zu einer <em>„Bewegungsgeschichte“</em>.</p>
<p>Was als <em>„afrodeutsche Frauenbewegung“</em> begann, wurde auch zu einer literarischen Bewegung mit Wirkungen nicht nur auf afrodeutsche Autor:innen. Dazu Laurel Chougourou in ihrem Beitrag über „May Ayim und Audre Lorde – Transgenerationale Erinnerungsarbeit als Form afrodeutschen feministischen Widerstands“: <em>„Die afrodeutsche Frauenbewegung hat es geschafft, nationale Diskurse zu hinterfragen und zu prägen und historische Ereignisse, wie die der Kolonialzeit, in den dominanten Wissenskanon einzustreuen. Sie hat maßgeblich einen sozialen Wandel herbeigeführt.“</em></p>
<p>Dieses Ziel sollte jedoch nicht mit Eskapismus verwechselt werden, es geht um Empowerment, um die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: <em>„An May Ayims grenzenlose Lyrik anknüpfend, auf sie aufbauend und sie ergänzend schreiben bis heute Schwarze Menschen und People of Color lyrische Texte, um sich selbst und gegenseitig zu empowern.“ </em>Es geht letztlich um die Dekonstruktion von <em>„Machtstrukturen“. </em>Hatice Açikgöz folgt dem von May Ayim vorgelebten Weg. Yeliz Çetin zitiert sie aus dem Vorwort von <a href="https://wortenundmeer.net/buch/hatice-acikgoez-fancy-immigrantin">„fancy immigrantin“</a> (2023 bei <a href="https://wortenundmeer.net/">w_orten&amp;meer</a> erschienen): <em>„dieses buch ist offiziell politisch (…) schreibe in deine rezension, das frau açikgöz‘ buch autobiografisch ist und sie ohne ihre mehrfache marginalisierung keinen dieser texte hätte schreiben können.“</em> Es ließe sich von einer Bestandsaufnahme sprechen, in der <em>„kulturelle vielfalt“</em> zwar immer wieder in Sonntagsreden beschworen werden mag, jedoch zurzeit nicht mehr ist als <em>„eine fata morgana / im land der diversität“</em>. Sharon Dodua Otoo sagt im Gespräch mit Selma Rezgui und Laura Marie Sturtz, es sei <em>„kaum möglich, nicht politisch zu schreiben“</em>. Der Titel dieses Gesprächs ist Programm: „Aktivistisch Lesen und Schreiben“.</p>
<h3><strong>Literatur(wissenschaft) ist und bleibt politisch</strong></h3>
<p>Doch wie ließe sich Schwarze deutsche Literatur popularisieren? Claudia Sackel bezieht sich auf Gedichte von May Ayim und Stefanie-Lahya Aukongo. Auch sie sieht wie Jeannette Oholi in ihrer Dissertation in Schwarzer beziehungsweise afrodeutscher Literatur <em>„ein polyphones Netz_Werk, das sich durch das Oszillieren verschiedener Stimmen und Temporalitäten konstituiert“</em>. Identität gibt es ebenso nur im Plural wie Politik und Poetik, in der ständigen und gegenseitigen, im Grunde dialektischen Durchdringung. <em>„Ich habe vorgeschlagen, Schwarze deutsche Literatur als transgressive Netz_Werke zu lesen, die offen und dialogisch organisiert sind und vielschichtige Poetiken und Politiken der Relationalität, Transmedialität und Translingualität zu entwerfen.“</em></p>
<p>Es ließe sich hinzufügen: und zu lesen! Eine Aufforderung an Produzent:innen wie Rezipient:innen von Literatur und letztlich auch eine Aufforderung an Literaturwissenschaft zum Dialog mit Literatur, der nicht distanziert gepflegt werden sollte, sondern partizipativ, als Teil der Bewegung. Letztlich ist dies eine hermeneutische Grundweisheit, denn Literatur lässt sich nur so lesen, betrachten, analysieren, indem die Lesenden, Betrachtenden, Analysierenden in sie eintauchen. Thanapon Danpakdee tut dies am Beispiel von Olivia Wenzels Roman „1000 Serpentinen Angst“. Er <em>„betrachtet die Produktion eines alternativen Wissens als Interventions- und Widerstandsstrategie des Romans.“</em> Deborah Fallis befasst sich mit der Spiegelung rechter Gewalt in Schwarzer deutscher Lyrik: „Zwischen Klage und Widerstand“: <em>„Betrachtet man die Schwarze Literaturtradition in Deutschland, finden sich zahlreiche Texte, die sich mit dem Erleben und Überleben rassistischer Gewalt auseinandersetzen, viele davon Gedichte. Die Form des Gedichts erlaubt in besonderem Maße sprachliche Verdichtung, zu der Mehrdeutigkeit und Ambivalenzen gehören, aber auch komplexe, da räumlich begrenzte, Konzeption von Perspektivität.“ </em>Sie zitiert Sharon Dodua Otto, die dieselbe Botschaft als politische Aufforderung formuliert: <em>„Für uns als Schwarze Künstler_innen wird die künstlerische Produktion (…) eine Strategie, eine Praxis des Widerstands, eine Praxis dessen, was bell hooks ‚talking back‘ genannt hat. (…) Wir nutzen Kunst als Mittel zum Überleben.“</em></p>
<p>bell hooks ist auch Gewährsautor:in im Beitrag von Laura Högner, die sich ausgehend unter anderem von Toni Morrison und Frantz Fanon mit den <em>„Schwierigkeiten der Subjektkonstitution für Schwarze Menschen in einer <u>weiß</u> dominierten Gesellschaft“ </em>befasst. <em>„bell hooks konfrontiert den <u>white gaze</u> mit dem <u>oppositional gaze</u>“</em>, der <em>„als Instrument des Widerstands gegen intersektionale Diskriminierung“</em> zu verstehen sei. Damit nähert sich W.E.B. Du Bois an, der 1903 die These vom <em>„double consciousness“</em> formulierte, oder auch <em>„Judith Butlers Ansatz des gefährdeten Lebens (2010)“ </em>und der von Kimberley Crenshaw 1991 postulierten Trias von <em>„<u>race</u>, <u>gender</u> und <u>class</u>“</em>. Laura Högner bietet geradezu einen geistesgeschichtlichen tour d‘horizon zur Genese der von W.E.B. Du Bois bis heute reichenden Entwicklungen, die sich nicht zuletzt dadurch auszeichnen, das sich etwa seit den 1980er Jahren immer mehr Frauen an der Debatte beteiligten und damit den Blick für die intersektionellen Verschränkungen von Machtverhältnissen öffneten. Letztlich geht es um eine Auflösung der Machtverhältnisse, die sich jedoch zunächst als Umkehrung fassen lässt. <em>„Fanon entlarvt also die weiße Dominanzgesellschaft als das tatsächliche Andere und kehrt damit die vorherrschende Wahrnehmungskonvention um.“ </em>Etwa zwei Jahrzehnte später wurde daraus eine feministische Debatte, die Fanon wahrscheinlich noch nicht einkalkuliert hatte.</p>
<p>Schwarze deutsche beziehungsweise Schwarze europäische Literatur weitet den Blick. Sigrid G. Köhler bringt dies in ihrem Beitrag über „Untergründe, Zeitgeflechte und der Einsatz des Erzählens“ auf den Punkt: <em>„Sie erzählen deutsche Geschichte nicht als nationale, europäische oder westliche Geschichte, sondern als Teil einer transatlantischen Kulturgeschichte, für die nicht zuletzt Kolonialismus, Rassismus und Versklavung konstitutiv waren und immer noch sind.“</em> Timothy Brown spricht am Beispiel des Romans „Biskaya“ von <a href="https://schwarzrund.de/">SchwarzRund</a> eine <em>„Ästhetik der Wideraneignung“</em>. Erinnerungskulturen, Herkünfte, Genealogien, mehr oder weniger diasporische Identitäten (auch all diese nur im Plural zu erfassen) sind Teil der <em>„Idee von fluiden Identitäten“</em>. Queerness ist nicht nur ein möglicher Inhalt, sondern <u>die</u> Methode, mit der sich diese sich stets verändernde Vielfalt erfassen lässt. Eine solche Literatur ist auf keinen Fall der traditionelle <em>„Opferporn“</em>, <em>„immer etwas über den Kampf und das Leid Schwarzer Menschen in einer <u>weißen</u> Gesellschaft“</em>, den unbedarfte Leser:innen von Schwarzer Literatur <em>„erwarten“ </em>– so <a href="https://antagonisten.de/">Patricia Eckermann</a>, Autorin von „Elektro Krause“ (Köln, Eckermann, 2021), im Gespräch über Schwarze Deutsche Phantastik, an dem sich auch <a href="https://www.sarah-fartuun-heinze.de/">Sarah Fortuun Heinze</a> und <a href="https://jamessullivan.de/">James A. Sullivan</a> beteiligen.</p>
<p>Jeannette Oholi und die von ihr zu Rate gezogenen Autor:innen argumentieren literarisch und politisch zugleich. Literarisches Schaffen wird zum Instrument von <em>„Aktivismus“</em> und ist zugleich so viel mehr. In ihrer Dissertation schreibt Jeannette Oholi über Aukongo einen grundlegenden Satz, der auch auf alle anderen von ihr vorgestellten Autor:innen passt: <em>„In Aukongos Gedichten lässt sich eine Verschränkung von Aktivismus, Widerstand, Ästhetik und Identitätsbildung beobachten (…)</em>“ So kann es gelingen, <em>„die eigene Existenz als gelebte Realität in die Gegenwart einzuschreiben“ </em>und die gängigen Erwartungshaltungen zu durchbrechen.</p>
<p>Das, was in den Literaturwissenschaften geschehen sollte, unterscheidet sich von den grundlegenden politischen Debatten nicht. Hier lohnt sich ein Blick in das neue Buch von Minna Salami: <a href="https://msafropolitan.com/can-feminism-be-african-a-most-paradoxical-question">„Can Feminism be African? A Most Paradoxical Question“</a> (London, Harper Collins, 2025). <a href="https://www.zeit.de/2025/19/afrikanischer-feminismus-frauenbewegung-intersektionalitaet-geschichte">In der ZEIT vom 8. Mai 2025</a> fasste Minna Salami die Ergebnisse ihres neuen Buches in einem beeindruckenden Essay zusammen, durchaus in der Tradition von Kimberley Crenshaw, bell hooks oder Audre Lorde.</p>
<p>Minna Salami wendet sich gegen die in der medialen Berichterstattung gängigen Stereotypsierungen: <em>„Afrikanischer Feminismus wird oft auf Leiden reduziert – Krieg, Hunger, schlechte Infrastruktur.“</em> Aber das ließe sich ändern, durch Sprache oder eben durch Literatur: <em>„Die Verhärtung der Wahrnehmung durch Sprache aufzulösen, heißt, den Boden für eine andere Weise des Sehens zu bereiten – und dadurch für eine andere Weise der Koexistenz. Im Zentrum dieser Erkundung liegen die Spannungen zwischen afrikanischer Identität und feministischem Sein. Sie sind nicht nur politischer oder kultureller Art; sie sind ontologisch. Sie betreffen nicht weniger als das Recht, das Afrikanischsein als Frauen, als Feministinnen, als vollwertige Wesen zu definieren und zu leben. Dieses Recht hat immer gefehlt.“ </em></p>
<p>Es waren vor allem Männer, die bestimmten, was Afrika sei. Es waren vor allem <em>weiße</em> Frauen, die definierten, was Feminismus sei. So wie Männer oder <em>weiße</em> Frauen ihre jeweiligen Perspektiven absolut setzten, so neigen auch deutsche und europäische Literaturwissenschaftler:innen und Literaturjournalist:innen dazu, ihre traditionelle deutsche (oder europäische) Sicht auf jede beliebige Literatur anzuwenden und sich nach wie vor in dem überholten Bild eines Nebeneinander verschiedener <em>„Nationalliteraturen“</em> zu ergehen.</p>
<p>Minna Salami geht es um feministische Perspektiven in und zu Afrika, Jeannette Oholi um die Potenziale afrodeutscher und afropäischer Literatur und Literaturwissenschaften für Empowerment und Selbstwirksamkeit in Europa. Beides ist meines Erachtens untrennbar miteinander verbunden und dürfte sich gegenseitig bereichern. Literatur ist immer vielstimmig und voller unterschiedlicher Perspektiven. Sie erschließt sich aus der Sprache, den Lebenswelten und Umwelten der Autor:innen, ihren Erfahrungen, Erinnerungen und Visionen. Die Perspektive der Literaturwissenschaften der Zukunft ist die von Jeannette Oholi vertretene <em>„Germanistik der radikalen Vielfalt“</em>! Das ist letztlich ein kohärentes und höchst anspruchsvolles literaturwissenschaftliches Programm, gerade auch für die Komparatistik. In diesem Programm haben Begriffe wie <em>„Nationalliteratur“ </em>oder <em>„Weltliteratur“</em> keinen Platz mehr, denn jede Literatur schafft <em>„Welt“</em> und <em>„Welten“</em>.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. November 2025. Titelbild: Beate Blatz.)</p>
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		<title>Des génocides populaires</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Jul 2025 09:55:50 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Des génocides populaires Die Literaturwissenschaftlerin Anne Peiter über Shoah und Tutsizid „Ruth Klüger tritt für die Möglichkeit ein, Brücken zwischen den Singularitäten zu errichten, das heißt, verschiedene Katastrophen und die Trauer über sie ins Gespräch miteinander zu bringen. Das entspricht keiner historischen ‚Aufrechnung‘ und auch keiner Relativierung des einen durch das andere Ereignis. Es  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Des génocides populaires</strong></h1>
<h2><strong>Die Literaturwissenschaftlerin Anne Peiter über Shoah und Tutsizid</strong></h2>
<p><em>„Ruth Klüger tritt für die Möglichkeit ein, Brücken zwischen den Singularitäten zu errichten, das heißt, verschiedene Katastrophen und die Trauer über sie ins Gespräch miteinander zu bringen. Das entspricht keiner historischen ‚Aufrechnung‘ und auch keiner Relativierung des einen durch das andere Ereignis. Es läuft auch nicht auf die Behauptung hinaus, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden sei ein Thema, mit dem wir abgeschlossen hätten. Es ist nicht allein der Krieg in Israel und Gaza, der augenscheinlich macht, wie absurd ein solches Schlussstrich-Denken wäre. Mehr denn je stecken wir selbst in der Geschichte der nationalsozialistischen Gewalt, ihren verheerenden Folgen und in allem fortwirkend Unaufgearbeitetem, jetzt brutal Hervorbrechenden. Die weltweit zu beobachtende Verstärkung rechtsextremen, antidemokratischen Denkens ist Warnung genug. Die wild wuchernde, gar karnevalistisch-beliebige Benutzung des Begriffs ‚Genozid‘ tritt hinzu.“ </em>(Anne Peiter im einführenden ersten Kapitel ihres Buches „Der Genozid an den Tutsi Ruandas“)</p>
<p>Anne Peiter bezieht sich in dieser Passage wie auch an vielen anderen Stellen ihres Buches auf Ruth Klügers „weiter leben – Eine Jugend“ (München, dtv, 2001). Weitere Gewährsautor:innen sind Nora Bossong mit „Schutzzone – Roman“ (Berlin, Suhrkamp, 2019). Anne Peiter verbindet in ihren Forschungen Geschichts-, Kultur- und Literaturwissenschaften, Soziologie und Politologie, all dies auf der Grundlage literarischer Zeugnisse von Überlebenden des Genozids an den Tutsi Ruandas im Jahr 1994, die weit mehr als bloße Dokumente eines Genozids bieten und im Folgenden ausführlich beschrieben werden sollen. Wer sich an vergleichende Genozidforschung heranwagt, wird in den Analysen von Anne Peiter eine Fülle von literarischen Hinweisen finden, die ein höchst differenziertes Bild eines Menschheitsthemas erschließen helfen, gleichermaßen in Bezug auf Täter:innen, Opfer und all diejenigen, die im Nachhinein versuchen mögen, Erklärungen zu finden, die sich vielleicht doch zur Begründung eines wie auch immer gearteten „Nie wieder“ fügen ließen.</p>
<div id="attachment_7325" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7325" class="wp-image-7325 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-300x240.jpg" alt="" width="300" height="240" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-177x142.jpg 177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-200x160.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-300x240.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-400x320.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-600x480.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-768x615.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-800x640.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-1024x819.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat-1200x960.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Foto-privat.jpg 1271w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7325" class="wp-caption-text">Anne Peiter. Foto: privat.</p></div>
<p>Die Germanistin <a href="https://www.buechner-verlag.de/autor/anne-d-peiter/">Anne Peiter</a> lehrt und forscht an der <a href="https://www.univ-reunion.fr/">Universität von La Réunion</a>, einem französischen Département d’outre-mer im Indischen Ozean. Sie wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert und habilitierte sich in Paris an der Sorbonne Nouvelle mit der Arbeit <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-4567-5/traeume-der-gewalt/">„Träume der Gewalt. Studien der Unverhältnismässigkeit zu Texten, Filmen und Fotografien – Nationalsozialismus – Kolonialismus – Kalter Krieg“</a> (Bielefeld, transcript, 2019). Koloniale Gewalt war auch Thema ihres gemeinsam mit der an den Universitäten Rouen und Luxemburg tätigen Kulturwissenschaftlerin <a href="https://www.uni.lu/fhse-en/people/sonja-malzner/">Sonja Malzner</a>, herausgegebenen Buches <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3753-3/der-traeger/">„Der Träger – Zu einer ‚tragenden‘ Figur der Kolonialgeschichte“</a> (Bielefeld, transcript, 2018). Gegenstand dieses Buches war die Figur des Lastenträgers. Im Jahr 2021 veröffentlichte sie bei Büchner in Marburg. Gemeinsam mit <a href="https://wolframette1966.wordpress.com/publikationen/">Wolfram Ette</a> veröffentlichte sie den Band <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-ausnahmezustand-ist-der-normalzustand-nur-wahrer/">„Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand, nur wahrer – Texte zu Corona“</a>, zur Literatur im Zeichen der Corona-Pandemie. Im Jahr 2024 folgte – ebenfalls bei Büchner – das zu Beginn zitierte Buch <a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-genozid-an-den-tutsi-ruandas/"> „Der Genozid an den Tutsi Ruandas – Von den kolonialen Ursprüngen bis in die Gegenwart“</a>. In ihrem nächsten Projekt befasst sie sich mit dem, was sie <em>„konfluierende Erinnerung“</em> nennt – gehen soll es um eine Zusammenschau der Shoah, des Tutsizid und der Massengewalt der Roten Khmer in Kambodscha.</p>
<h3><strong>„Tutsizid“ – ein umstrittender und dennoch angemessener Begriff</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vergleichende Genozidforschung ist eine höchst umstrittene Disziplin. Das betrifft nicht zuletzt die Rezeption des <em>„Tutsizids“</em>, eines meines Erachtens durchaus passenden Begriffs für das, was in Ruanda geschah.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Der Begriff des „Tutsizids“ ist aus einem bestimmten Grund umstritten: Er unterschlage, dass nicht nur die Minderheit bei der Katastrophe des Jahres 1994 Opfer geworden sei. Es gibt Schätzungen, dass auch etwa 200.000 Hutu, die sich gegen das Regime aussprachen und engagierten, zu Opfern geworden sind. </em></p>
<div id="attachment_7326" style="width: 215px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.buechner-verlag.de/buch/der-genozid-an-den-tutsi-ruandas/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7326" class="wp-image-7326 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-205x300.jpg" alt="" width="205" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-200x293.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-205x300.jpg 205w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-400x586.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-600x879.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-699x1024.jpg 699w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-768x1126.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner-800x1173.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Anne-Peiter-Genozid-an-den-Tutsi-Ruandas-Buechner.jpg 1048w" sizes="(max-width: 205px) 100vw, 205px" /></a><p id="caption-attachment-7326" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild, weitere Informationen über das Titelbild auf der <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11403612">Seite des Kolonialen Bildarchivs /Goethe Universität Frankfurt am Main</a>.</p></div>
<p><em>Ich glaube aber, dass der Begriff trotzdem seine Richtigkeit hat. Man muss unterscheiden zwischen einer Verfolgung, die rassistisch bedingt war, und einer Verfolgung, die politischen Motiven folgte. Es wäre sonst so, als wenn man die Shoah mit der Ermordung von Kommunisten und Sozialisten durch die Nationalsozialisten zusammenwerfen würde. Auch dort nimmt man eine kategoriale Trennung vor. Genau dies tue ich, indem ich das Wort „Tutsizid“ als Variante von „Genozid“ einführe. </em></p>
<p><em>Hinzu kommt eine bestimmte Form von Negationismus, die das spezifische Schicksal der Tutsi in Abrede zu stellen versucht. Der Begriff ist meines Erachtens nützlich, um solchen negationistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Dieser Negationismus unterscheidet sich allerdings vom Negationismus gegenüber der Shoah. Niemand sagt, es habe diese Massaker in Ruanda nicht gegeben, aber es wird behauptet, die Tutsi hätten ihrerseits einen Genozid an den Hutu begangen. Dies nennt man die These vom „doppelten Genozid“. Den Opfern wird eine Verantwortung an den Massakern zugeschrieben. Damit ist nicht gesagt, dass es gegen Ende des Genozids an den Tutsi nicht zu einzelnen Racheaktionen der Tutsi gekommen wäre. Es ist extrem kompliziert, weil sich diese auch im Rahmen eines Bürgerkriegs vollzogen. Es entspricht jedoch nicht der Wahrheit, dass es zwei Genozide gegeben hätte. Mit diesem Argument versuchen Täter, ihre eigene Verantwortung in Abrede zu stellen. Insofern verteidige ich den Begriff des „Tutsizids“, allerdings mit dem Hinweis, dass auch Hutu zu Opfern werden konnten und auch tatsächlich zu Opfern geworden sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie bewerte ich in diesem Kontext die Rückkehr der Tutsi, nicht zuletzt von Paul Kagame, der inzwischen seit etwa 30 Jahren in Ruanda regiert? Paul Kagame mischt sich unter anderem in Auseinandersetzungen im benachbarten Kongo ein, indem er die dortige Rebellengruppe M 23 militärisch unterstützt. Er regiert ausgesprochen autoritär.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Ich muss gestehen, dass die Zusammenhänge in Nord- und Süd-Kivu meine Kompetenzen übersteigen. Das ist ein höchst komplexes Feld, sodass ich mich dazu nicht äußern möchte. Mir fällt jedoch auf, dass dieser Krieg in Le Monde und in anderen Zeitungen auf Fragen des Zugangs zu Rohstoffen reduziert wird. Der Genozid kommt in der Berichterstattung über diesen Krieg praktisch nicht vor. Das ist wiederum eine problematische Leerstelle. Es gibt durchaus in Ruanda die Angst, dass die Vernichtungspläne vom Kongo aus fortgesetzt werden könnten. </em></p>
<p><em>Offensichtlich ist, dass Paul Kagame vom Typus genau dem Bild entspricht, das gemeinhin auf die Tutsi angewendet wurde: Groß gewachsen, schlank, mit einer in den USA erfolgten Ausbildung. Auch da ließen sich Verschwörungserzählungen anheften. Zugleich ist klar, dass es sich bei Kagames Regime um ein Regime handelt, in dem rechtsstaatliche Prinzipien nicht respektiert werden. Die Idee, die auch in Deutschland zirkuliert, Ruanda sei der „Phönix“, der aus der „genozidalen Asche“ erstanden sei, muss als hochproblematisch bezeichnet werden. Gleichzeitig muss man sagen, dass in einer ersten Phase der Regierung Kagame die Aufgabe darin bestand, die Genozidäre daran zu hindern, ihr Vorhaben fortzusetzen, und dass die Regierung versuchen musste, als Minderheit eine Kontrolle über die Täter auszuüben und zu einer Rechtsprechung zu finden, die wenigstens in Ansätzen so etwas wie Gerechtigkeit schaffen könnte. Diese Machtfragen muss man bei der Beurteilung der Situation in Rechnung stellen. </em></p>
<h3><strong>Konfluierende Zeugnisse in der Literatur – ein kurzer Überblick</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: 30 Jahre sind ja auch keine lange Zeit. Was 30 Jahre bedeuten oder nicht bedeuten, sollten wir in Deutschland nach 1945 und nach 1989 eigentlich wissen. Ängste können lange nachwirken, es gibt einen eigenen Forschungszweig, der sich mit dem Thema des Traumatransfers in der zweiten und in weiteren Generationen befasst. Sie nähern sich dem Thema zunächst als Literaturwissenschaftlerin. Sie präsentieren und analysieren eine Fülle von literarischen Quellen, von denen mich manche an Quellen zur Shoah erinnern. Diesen Eindruck erhalte ich auch, wenn ich Ihre Aufsätze zum Thema lese. Ich darf zwei Beispiele nennen: „Genozid und antichronologisches Erzählen – Zum Konzept der ‚extremen Grundlosigkeit‘ in autobiographischen Texten von überlebenden Tutsi und Juden“ (in: Julia Seeberger, Sabine Schmolinsky, Markus Vinzent, Hg., <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783111157610/html">Beyond the timeline – Resetting historiography</a>, Berlin, Boston, De Gruyter, 2024) oder „Gedenkbrücken – Über den Austausch zwischen Überlebenden der Shoah und des Tutsizids in Ruanda“ (in: <a href="https://www.idg.ruhr-uni-bochum.de/publikationen/ZfG_Velbr%C3%BCck_14.html.de">Zeitschrift für Genozidforschung 23,1, 2025</a>).</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Eines meiner Anliegen ist es, die groß angelegte Literatur zum Tutsizid auch in Deutschland bekannter zu machen. In französischer Sprache gibt es einen großen Buchmarkt an Autobiographien und an fiktionalen Werken. Ich nenne beispielsweise die in Frankreich sehr bekannte </em><a href="https://scholastiquemukasonga.net/en/"><em>Scholastique Mukasonga</em></a>,<em> eine in Frankreich lebende Romanautorin, die regelmäßig mit Romanen hervortritt, die den Genozid wie auch die Vorgeschichte thematisieren. Es gibt einige wenige Übersetzungen, beispielsweise von „Notre-Dame du Nil“ (Paris, Gallimard, 2012, eine deutsche Ausgabe erschien 2014 unter dem Titel „Die heilige Jungfrau vom Nil“ im Heidelberger Verlag </em><a href="https://www.wunderhorn.de/"><em>„Das Wunderhorn“</em></a><em>).</em></p>
<p><em>Es gibt in Deutschland auch einige Bücher von </em><a href="https://www.bnf.fr/sites/default/files/2019-01/biblio_jean_hatzfeld.pdf"><em>Jean Hatzfeld</em></a><em>, eine ganz wichtige Quelle, eine Art von Kollektivbiographie, für die sowohl die Überlebenden als auch die Täter sowie die nachfolgende Generation interviewt wurden. Durch diese Interviews entsteht ein Miniaturporträt der Stadt Nyamata. Am Beispiel einiger weniger ausgesuchter Familien zeigt Hatzfeld, wie in den Familien über diese Katastrophe gesprochen wird. In seinem Buch „Là où tout se tait“ (Paris, Gallimard, 2021), das leider nicht ins Deutsche übersetzt wurde, sucht er – auch in Bezug auf die Shoah – den Zugang zu Menschen, die versucht haben, Menschenleben zu retten, indem sie sich als Hutu auf die Seite der Tutsi gestellt haben. </em></p>
<p><em>In Düsseldorf lebt und arbeitet die von mir über alles geschätzte Psychotherapeutin </em><a href="https://www.genocide-alert.de/esther-mujawayo/"><em>Esther Mujawayo</em></a><em>. Sie hat im Genozid ihre drei damals noch sehr jungen Töchter retten können, aber ihren Mann und ihre Großfamilie verloren. Sie hat gemeinsam mit ihrer frankoalgerischen Freundin </em><a href="https://wordswithoutborders.org/contributors/view/souad-belhaddad/"><em>Souâd Belhaddad</em></a><em> ein sehr schönes Buch geschrieben, in dem sie ihr Erinnerungsmaterial ordnet und strukturiert. Sie berichtet als Psychotherapeutin über die Vorgeschichte, ihr Leben mit der Familie, vom Einbruch der Katastrophe und den Folgen für die Frauen. Es ist ein feministisches Buch, wie schon der Titel mit der femininen Form ankündigt: </em><a href="https://editionsdelaube.fr/catalogue_de_livres/survivantes/"><em>„SurVivantes“</em></a><em> (Paris, Editions de l‘Aube, 2004, deutsche Übersetzung: „Ein Leben mehr – Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda“, Wuppertal, Peter Hammer, 2005).</em></p>
<p><em>Darüber hinaus gibt es viele weitere Texte, die der deutschen Öffentlichkeit entgangen sind, darunter auch Kollektivprojekte. Die französische Philosophin Florence Prudhomme hat eine Schreibwerkstatt organisiert, in der sich Überlebende gegenseitig ihre Lebensgeschichte erzählten. Die Idee war, dass das Schreiben auch einen therapeutischen Wert haben sollte. Die Schreibwerkstatt sollte durch den Austausch in der Gruppe Solidaritätsstrukturen unter den Schreibenden ermöglichen. So entstanden die </em><a href="https://www.fondationshoah.org/memoire/cahiers-de-memoire-kigali-2014-dir-florence-prudhomme"><em>„Cahiers de mémoire, Kigali, 2014“</em></a><em>. Die Quellen wurden nicht kondensiert und montiert wie bei Jean Hatzfeld, sondern es sind Texte, die von den Überlebenden selbst stammen.</em></p>
<p><em>Eine weitere kleine Autobiographie gibt es leider auch nicht in deutscher Übersetzung. Der Autor ist Révérien Rurangwa. Er war im Genozid 15 Jahre alt und lebt heute in der Schweiz, weil er auch nach dem Genozid in Ruanda von Hutu bedroht wurde. Er hat als Fünfzehnjähriger erleben müssen, wie 43 Mitglieder seiner Familie vor seinen Augen umgebracht wurden. Man hat ihn auf furchtbarste Weise verstümmelt und einfach liegen lassen, weil man dachte, er würde ohnehin sterben. Man hat ihm einen schnellen Tod verweigert. Das Buch dokumentiert, dass der Genozid eigentlich nicht überlebbar ist, wie aber der Autor trotzdem in der Erinnerung an die anderen die Pflicht sieht, weiterzuleben. Er hat schönheitschirurgische Eingriffe, die ihm sein Gesicht hätten wiedergeben können, abgelehnt, weil er sagt, dass das Gesicht, das er hat, das Gesicht sei, das ihm seine Mutter gegeben habe, und dass die Narben an seinem Körper eine Spur sind, die sich nicht mehr auslöschen lässt. Er ist selbst ein Mahnmal, mit einem ausgestochenen Auge, einer abgeschlagenen Hand. Die Evidenz der Katastrophe ist an seinem Körper abzulesen. Das Buch heißt </em><a href="https://rwandaises.com/2018/04/genocide-de-reverien-rurangwa-on-la-tue-mais-il-nest-pas-mort/"><em>„Génocidé – Récit“</em></a><em> (Paris, J’ai lu, 2006). </em></p>
<p><em>Dieses Buch hat mich besonders interessiert, weil sich darüber im Grunde auch die Kritik an einer Forschung etablieren lässt, die sich einseitig auf den Begriff der Erinnerungskonkurrenz stützt. Ich setze dem dortigen Konfligieren – also dem Konflikt – etwas entgegen, das ich Konfluieren nenne, so wie in Lyon die Flüsse Rhône und Saône zusammenfließen. Diese Confluence bedeutet nicht, dass Shoah und Tutsizid – metaphorisch gesprochen – ein einziger Fluss wären. Es gibt ganz unterschiedliche Quellen, ganz unterschiedliche Wege hin zu diesen beiden Katastrophen. Die ruandischen Überlebenden suchten selbst Vorväter und Vormütter ihrer eigenen Geschichte, um diese auf irgendeine Weise einordnen zu können. Dafür ist dieses Buch von Rurangwa äußerst interessant: Er wurde über eine jüdische Organisation in Frankreich eingeladen, sich mit Überlebenden der Shoah auf eine Reise nach Auschwitz zu begeben. Er sieht sich existenziell im Austausch mit der Katastrophe der Shoah. In seinen Lektüren interessierte er sich auch für die jüdische Geschichte – in seinem Buch ist diese häufig Thema.</em></p>
<p><em>Damit steht er nicht alleine. Esther Mujawayo dokumentiert am Ende ihres Buches ein Gespräch mit der sehr alten Simone Veil. Beide Frauen suchen ihre Gemeinsamkeiten. Dieses Anliegen lässt sich im Übrigen durch die gesamte Landschaft von Autobiographien verfolgen, vor allem von Überlebenden aus Ruanda. So ist der Kontakt zu jüdischen Organisationen leicht herzustellen. Es gibt in Frankreich auch jüngere überlebende ruandische Autorinnen und Autoren, die ganz bewusst gemeinsam mit Überlebenden der Shoah Schulen zur Aufklärung über ihre Erfahrungen besuchen. Sie versuchen, in Frankreich ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das eigene Land, gerade unter François Mitterand, schuldig geworden ist, weil es nicht eingegriffen hat, auch bedingt durch die Freundschaft zwischen Mitterand und dem damaligen ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana. Esther Mujawayo und Simone Veil erlauben damit einen kritischen Blick auf die europäische Geschichte.</em></p>
<p><em>Diese kurze Liste soll einfach zeigen, dass es gut wäre, einen Austausch zwischen deutschsprachigen und französischsprachigen Ländern zu ermöglichen, durch den in den deutschsprachigen Ländern mehr Zugang zu den französischsprachigen Reflektionen und Dokumentationen entsteht. Dies zu befördern sehe ich als meine Aufgabe, die ich auch über mein Buch zu erfüllen versuche.</em></p>
<h3><strong>Alltagsgeschäft und Arbeitsethos im Genozid</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sprachen die Haltung Mitterands an, der das, was in Ruanda geschah, für etwas erklärte, das dort eben zur Normalität gehörte. Sie erwähnen in Ihrem Buch auch die Begleitung des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler durch den Autor Hans-Christoph Buch, der eine ausschließlich Hutu-zentrierte Auffassung vertrat, Ausformung einer Täter-Opfer-Umkehr, wie wir sie auch in Deutschland angesichts der Popularität antisemitischer Äußerungen oder auch von manchen scheinbar Friedensbewegten im Hinblick auf den russländischen Angriffskrieg auf die Ukraine kennen.</p>
<p>Aber vielleicht sollten wir erst einmal noch etwas genauer beschreiben, was geschah. Ein erschreckendes Dokument ist zum Beispiel der Roman „Le passé devant soi“ von Gilbert Gatore (Paris, Phébus, 2006, eine deutsche Übersetzung erschien 2014 unter dem Titel „Das lärmende Schweigen“ in Berlin bei Horlemann). Auch in Ihrem Buch dokumentieren Sie das Vorgehen der Täter, die ihr Mordgeschäft wie die Arbeitszeit eines Beamten abwickelten, von 9 bis 5. Gilbert Gatore war damals 13 Jahre alt. Mich erinnerten seine Beschreibungen an die Ergebnisse der Forschungen von Christopher Browning oder Harald Welzer über die Täter der Shoah.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Die Zeit von 9 bis 5 hängt auch damit zusammen, dass dies etwa den Zeiten entspricht, in denen es in Äquatornähe hell ist. Dort ist der Tag deutlich kürzer als in West- oder Nordeuropa. Das nur am Rande. Es gibt aber einen interessanten Begriff in der Forschung, auf Französisch „un génocide populaire“. Übersetzen kann man das als „ein volkstümlicher Genozid“ oder auch als „ein populärer Genozid“ im Sinne von „ein beliebter Genozid“. </em></p>
<p><em>Der Genozid hatte im Grunde zwei Hauptakteure. Zuerst wuchs der Genozid von unten. Es waren Nachbarn, Freunde, Bekannte, es war „ein Genozid der Nähe“. Es waren Menschen, die die gleiche Schulbank gedrückt hatten, die in der gleichen Kirchengemeinde gewesen waren, die sich durch ein Generationen andauerndes Leben als Nachbarn kannten. Das ist der Punkt: Wie ist es möglich, dass aus solchen Intimbeziehungen heraus die Gewalt hervorbricht?</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ließe sich auch an Jugoslawien denken, nicht zuletzt an den <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/563876/das-massaker-von-srebrenica/">Genozid vom 11. Juli 1995 in Srebenica</a>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>In Ruanda, in Srebenica, in der Shoah gab es als zweiten Punkt den Genozid von oben: Da sind diejenigen, die steuerten, die staatlichen Akteure, Polizisten, Gendarmen, die Präfekturen, ganz wesentlich auch die extremistische Hutu-Miliz, die sich Interahamwe nannten. Diese sind vielfach zu Anleitern der Gewalt geworden. Sie koordinierten, sie hatten das Radio zu ihrer Verfügung, nicht nur für Hass-Propaganda, sondern auch als Kommunikationsmittel, um zu zeigen, wo man sich gerade befand und wer prioritär zu töten sei. Sie hatten Fahrzeuge, schweres, auch modernes Gerät. Es ist somit einseitig, nur auf die Macheten als Mordwerkzeug abzuheben, wie das oft genug geschieht. Wenn man sich verschiedene Publikationen anschaut, sieht man, wie sich in der Shoah ein Topos in der Bildrhetorik abzeichnet: Stacheldraht. Es gibt praktisch kein Buchcover, dass nicht das Motiv des Stacheldrahts hervorhebt. Bei Publikationen zu Ruanda ist es wiederum die Machete, die als visuelle Erkennungsmarke fungiert. Die Machete war neben anderen Hieb- und Stichwaffen, Messern, Äxten in der Tat eine verbreitete Waffe, darunter Waffen, die auch in der Landwirtschaft verwendet wurden, auch Nagelkeulen, aber eben nicht nur.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zur Shoah werden immer die Gaskammern und Schornsteine als Orte des Todes benannt, der holocaust by bullets, der schon vorher etwa 1,5 Millionen Jüdinnen und Juden den Tod brachte, wird weniger bedacht. Diese Einseitigkeit trug nicht zuletzt zum auch heute noch von manchen verbreiteten Mythos der angeblich unbeteiligten und unschuldigen Wehrmacht bei.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Darum geht es mir. Man darf nicht vergessen, dass die große Effizienz der Vernichtung und die extreme Schnelligkeit dadurch zustande kam, dass es neben den genannten einfachen Waffen auch Granaten und moderne Schusswaffen gab. Die Mordprofis, die in den Jahren davor schon viele Menschen getötet hatten, konnten auf dieses Gerät zurückgreifen. In Kombination mit Orten, an denen sich viele Menschen versammeln konnten, ergab sich die ungeheure Beschleunigung des Genozids. Gemordet wurde in Kirchen, in Krankenhäusern, in Schulen, in Sportstadien und so weiter. </em></p>
<p><em>Ich glaube, man muss diesen Aspekt der Morde hervorheben, weil sonst die Mordprofis aus dem Blick geraten. Das lässt sich in der Tat mit den beiden Phasen der Shoah vergleichen, der Shoah durch die Kugel auf offenem Feld und der Shoah durch das Gas in den Vernichtungslagern. Die industrielle Form der Vernichtung hat sich vor den direkten Kontakt der Täter mit den Opfern geschoben, nicht für Historiker, aber im allgemeinen Bewusstsein der Bevölkerung. Auch beim Genozid in Ruanda muss man beides benennen. </em></p>
<p><em>Das ändert jedoch nichts daran, wie verstörend es ist, dass Leute, die sich kannten, in die Gewaltmaschine hineingeraten konnten. Die Beschleunigung des Genozids ergibt sich gerade auch durch diese Nähe, weil sich im Unterschied zur Shoah Identifizierungsprozesse erübrigten. In der Shoah brauchte man etwas, das Juden als Juden sichtbar machte. Raul Hilberg beschrieb die Markierung von Menschen durch Zeichen an der Kleidung, an der Haustür, durch ihre Konzentration in sogenannten „Judenhäusern“. Diese Absonderung der jüdischen Familien war in Ruanda vielfach nicht nötig. In Ruanda wusste man, ob der Nachbar Hutu oder Tutsi war. Man musste nicht mehr in die Pässe hineinschauen, in denen die Ethnie verzeichnet war. Man wusste einfach, wer leben durfte und wer nicht. Hier besteht ein großer Unterschied zwischen den beiden Genoziden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie beschreiben auch Professionalisierungsprozesse. Täter berichten, dass sie ihr Werk – man könnte zynisch sagen, ihr Handwerk – von Tag zu Tag besser beherrschten.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Daher ist Ihr Hinweis auf Browning gut. Im Grunde kann man da nachvollziehen, wie sich Vergemeinschaftungsprozesse durch Gewöhnung vollziehen. Es gibt einen gegebenen Rahmen, einen Befehlsrahmen. Einer der Täter sagte: „Wir gehorchten aus freiem Willen“. Ein irrer Satz. Ein solcher Satz resümiert die Ambivalenz. Es gibt auf der anderen Seite auch Täter, die sagten, dass sie mit der Zeit gar nicht mehr wussten, wie viele Menschen sie überhaupt getötet hatten. Sie hätten gar nicht mehr zählen müssen, weil sie wussten, dass es am nächsten Tag weiterging. Solche Äußerungen finden wir zum Beispiel in den Interviews, die Jean Hatzfeld mit Tätern im Gefängnis vom Rilima geführt hat. </em></p>
<p><em>Es liegt etwas Autotelisches darin. Es klingt erst einmal so einfach, aber ich glaube, es steht im Zentrum: Meine These lautet, dass, wenn ein Genozid angefangen hat, eine Eigendynamik beginnt. Und diese Eigendynamik hat damit zu tun, dass Zeugenlosigkeit hergestellt werden soll. In dem Augenblick, in dem man angefangen hat, schuldig zu sein, haben die Täter Interesse daran, dass niemand mehr da sein soll, der bezeugen kann, dass es diese Verbrechen gegeben hat. Man schafft die Verbrechen aus der Welt, indem man anstrebt, dass niemand übrigbleibt, der je davon berichten kann. Das erklärt zum Teil auch diese immense Tötungswut und die Brutalität, wie sie 1994 in Ruanda zu beobachten war.</em></p>
<p><em>Es gibt allerdings nicht nur diese Effizienz. Es gibt auch den Feieraspekt. Die Dorfbewohner trafen sich am Abend, um die Beute unter sich aufzuteilen. Sie führten Machtkämpfe darüber, wer das Stück Land der Ermordeten bekam, was angesichts des Landmangels in Ruanda von großer Bedeutung war. Es gibt Historiker, die den Genozid aus diesem Landmangel und der hohen Bevölkerungsdichte erklären. </em></p>
<p><em>Es gibt aber auch eine Einbuße von Effizienz, wenn man mit dem Arbeiten aufgehört hat, gemeinsam feiert, gemeinsam Alkohol trinkt, das Rindfleisch von den Tieren genießt, die man den Ermordeten weggenommen hat. Manche Überlebende erklären ihr Überleben damit, dass es Täter gab, die irgendwann faul wurden, keine Lust mehr hatten, das Ganze auch zu mühsam fanden. Manche Täter beklagten sich sogar, dass die Letzten, die noch übrig waren, die Arbeit erschwerten, weil sie schneller laufen konnten, dass – im Euphemismus der Tätersprache – „die Arbeit zu anstrengend geworden war“. </em></p>
<p><em>Es ist ein vielschichtiges Bild. Es gibt auf der einen Seite dieses Arbeitsethos im Genozid, auch in Erinnerung an vorgenozidale Zeiten, als man irgendwann einmal im Monat daran mitwirken musste, kollektiv Infrastruktur herzurichten. Diese Verpflichtung zur kollektiven Arbeit übersetzte man ins Tötungsgeschäft. Es wurde zu einer Art Pflichterfüllung. Gleichzeitig gibt es Täter, die von einer Hoch-Zeit, einer feierlichen Zeit sprechen, in der sie endlich aus ihrem Alltag herauskatapultiert wurden, Dinge tun durften, die man normalerweise nicht tun durfte: Ein Ausscheren aus der Armut, ein Genuss, den man sonst so nicht gehabt hatte. </em></p>
<h3><strong>Morden vor aller Augen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Keine Spuren hinterlassen – das ist ein gängiges Verhalten von Menschen, die ein Verbrechen begehen wollen und es dann auch in die Tat umsetzen. In der Shoah fuhren einerseits die Transporte in die Vernichtungslager fast bis zum letzten Tag pünktlich und verlässlich, andererseits versuchten die SS und ihre Helfershelfer mit dem Vorrücken der sowjetischen Armee die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, indem sie Massengräber aushoben und versuchten, alle Spuren zu vernichten. Lager wurden geräumt, inhaftierte Menschen auf Todesmärsche geschickt. Die Nazis wussten sehr genau, was sie getan hatten und taten, aber sie hatten ihre Pläne eben nicht vollständig umsetzen können.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> Dies ließe sich zu Ruanda ebenso sagen. Ein Unterschied zwischen dem Tutsizid und der Shoah liegt jedoch darin, dass es in Ruanda keinerlei Geheimhaltung gab. Das heißt nicht, dass in der Shoah nicht auch offensichtlich war, was geschah. Man muss sich nur im Film von Claude Lanzmann ansehen, was die polnischen Bauern sagen, die ihre Felder unmittelbar neben den Vernichtungslagern hatten. Es war auch offensichtlich, wenn die Nachbarn im eigenen Haus verschwanden. </em></p>
<p><em>Ich habe das in Bezug auf Mauthausen untersucht. Dort beschwerte sich eine Anwohnerin oberhalb der Steinbrüche, man möge doch damit aufhören, tagelang Erschossene und Agonisierende vor ihrem Wohnzimmerfenster abzulegen. Sie bat die SS auf dem Umweg über die örtliche Polizei, die Tötungen etwas versteckter zu veranstalten, damit sie sie nicht sehen musste. </em></p>
<p><em>Natürlich ist Geheimhaltung in Bezug auf die Shoah ein sehr relatives Konzept. Gleichzeitig gibt es deutliche Unterschiede. In Ruanda wurde vor den Augen aller getötet. Auch Kinder sollten zuschauen, es wurden keine Anstalten getroffen, um das Ganze vor möglichen anderen Zuschauern, zum Beispiel aus dem Ausland, zu verbergen. Man ging allerdings auch davon aus, dass es keine Journalisten mehr im Land gäbe, die die Morde bezeugen könnten. Es fand alles auf offener Straße statt, eben nicht in Lagern.</em></p>
<p><em>Die Ambivalenz, die Sie eben im Hinblick auf die SS beschrieben, lässt sich auch in Ruanda beobachten. Auf der einen Seite muss man sich für den Juli 1994 ein Land vorstellen, das mit Leichen bedeckt war. Die Graphic Novel </em><a href="https://arenes.fr/livre/la-fantaisie-des-dieux/"><em>„La fantaisie des dieux“</em></a><em> des Figaro-Journalisten Patrick de Saint-Exupéry thematisiert das. Der Zeichner zeigt Flüsse voller Leichen. Auf der anderen Seite zeigen die Autobiographien von Überlebenden, wie unendliches und erschreckendes Leid entstand, weil die Leichen von Angehörigen nicht gefunden werden konnten. Opfer wurden oft in Latrinen verscharrt. Das sind nicht kleine Gebilde, sondern metergroße Gruben, die oft hinter den Häusern ausgehoben worden waren. Mit dieser Form der Leichenbeseitigung wollten die Täter zwei Ziele erreichen, erstens eine totale Herabwürdigung der Opfer über den Tod hinaus, zweitens die Unmöglichkeit für die Überlebenden, ihre Angehörigen christlich und würdig zu begraben. </em></p>
<p><em>Das Leid, das aus vielen Autobiographien spricht, zeigt sich auch während der Gaçaça, den Laiengerichten, die versuchten, so etwas wie Gerechtigkeit zu schaffen. In den Gaçaça ging es oft darum, ob die Täter bereit waren, den Ort zu zeigen, an dem die Ermordeten lagen, oder ob sie nicht dazu bereit waren. Das war der Schlüssel, um die Ernsthaftigkeit eines Bedauerns oder gar einer Entschuldigung zu ermessen. Auch in der Leichenverbergung gibt es eben diese Ambivalenz, die Sie bei der Shoah erkennen. Einerseits wurde offen ausgestellt, andererseits wurden Spuren verwischt, als Zeichen der Macht über den Genozid hinaus.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Einäscherung eines Toten ist im Judentum nicht zulässig. Das Verbrennen der Ermordeten in den Krematorien war auch als weitere Entwürdigung gedacht.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Hier ist jedoch im Hinblick auf Ruanda auch ein Unterschied zur Shoah festzustellen. Es gibt keinen Genozid der Asche, wie man es nach Paul Celans „Todesfuge“ nennen könnte. Im Sommer 1994 war offensichtlich, was passiert war. Das Land war fast menschenleer, die Hutu waren geflohen und man fand Unmengen von Leichen, auch weil man an vielen Orten die Leichen einfach liegen ließ. Kirchen, Schulen, sehr berühmt die Schule von Murambi, wurden belassen, wie man sie vorgefunden hatte. Man sah die Leichen nicht nur, man roch sie und der Geruch war so stark, dass der Besuch fast unmöglich war. Dahinter stand die Idee, dass man denjenigen, die an diese Orte kommen, zeigt, was evident ist. Über Jahrzehnte zuvor wurde die Gewalt gegen die Tutsi geleugnet, die Täter, die schon vor dem Massaker gemordet hatten, waren nicht bestraft worden. Man wollte die Evidenzen belassen und diese so ausstellen, sodass niemand sein Auge abwenden konnte. Das war die erste Phase.</em></p>
<p><em>Dann kamen Kontakte auch nach Yad Vashem zustande. Berater aus Israel reisten nach Ruanda und versuchten die Regierung dabei zu unterstützen, Gedenkorte zu schaffen. Man versuchte, von der Masse der Toten wegzukommen, nicht mehr allein auf den Schrecken zu setzen und stattdessen die Körper zu begraben, an würdigen Orten zusammenzuführen. Auch das ist ein Beispiel für das Konfluierende im Genozid, das ich zeigen möchte. Ich hoffe, dass dies auch in Deutschland bedacht wird. Ich befinde mich mit meinem Buch immer wieder in einer zwiespältigen Situation. So manche Akteure aus den postkolonialen Studien mögen mich nicht besonders. Die Ignoranz gegenüber dem, was in Ruanda geschah, ist so groß, dass deutlich darüber gesprochen werden müsste.</em></p>
<h3><strong>Juristische Aufarbeitung</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Frantz Fanon beschreibt in „Les damnés de la terre“ seine Begegnung als Psychiater mit dem Täter und mit dem Opfer einer Folterung. Dies ist meines Erachtens die Ursituation. Aber es gibt nicht nur die überlebenden Täter und Opfer, sondern auch die nachfolgenden Generationen. In Deutschland habe ich wahrgenommen, dass die Gaçaça-Gerichte, in anderen Ländern Wahrheitskommissionen, beispielsweise in Südafrika, und ähnliche Einrichtungen als vorbildlich wahrgenommen wurden. Ich kann mir das so nicht vorstellen. Ich sehe in diesen Einrichtungen eher große Hilflosigkeit, weil der Staat kaum Möglichkeiten zu haben scheint, solche Menschheitsverbrechen aufzuklären und zu bestrafen.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das ist ein ganz großes und schwieriges Thema. Die Gaçaça-Gerichte sind eine Reaktion auch auf die Langsamkeit und die engen Grenzen, die dem </em><a href="https://unictr.irmct.org/"><em>Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda</em></a><em> gesetzt wurden. Man konnte dort allenfalls einige Haupttäter verurteilen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Strafgerichtshof_f%C3%BCr_Ruanda">Wikipedia-Eintrag zu diesem Strafgerichtshof</a> nennt 93 Anklagen und 62 Urteile in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das betrifft auch die ruandische Justiz. Die Gerichte, die in Ruanda von professionellen Richtern geführt wurden, hätten einen unendlichen Zeitraum in Anspruch genommen. Im Grunde ist die Entscheidung für die Laiengerichte eine pragmatische Entscheidung. Mit der Zeit sind Hutu ebenso wie Tutsi, die sich im Exil befunden hatten, wieder nach Ruanda zurückgekehrt, und damit mussten Täter und Opfer wieder Tür an Tür leben. Sie waren wieder in der gleichen Situation wie vor dem Genozid. Sie waren wieder Nachbarn! Das musste man irgendwie lebbar machen. Die Idee war, dass man die völlig überfüllten Gefängnisse, die auch in keiner Weise humanitären Standards entsprachen, leeren musste. Man musste dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder in Gang kam, dass das Land nicht weiter im Zusammenbruch verharrte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich denke an Konrad Adenauer, dem der Satz zugeschrieben wird, dass man schmutziges Wasser nehmen müsse, wenn man kein sauberes habe.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Ja, genau dies. Das lässt sich gut übertragen. Die Gaçaça waren für die Überlebenden eine ungeheure Zumutung. Es lief darauf hinaus, dass Täter auch mit Lippenbekenntnissen, kleinen Andeutungen des Bedauerns, ihre Strafen deutlich reduzieren konnten, wenn sie nicht sogar ganz straffrei blieben. Das war für die Überlebenden ein Schmerz sondergleichen, auch verbunden mit Angst, denn aussagebereiten Überlebenden wurde gedroht, dass man sie ermorden werde.</em></p>
<p><em>Auf der anderen Seite sind die Gaçaça ein pragmatischer Versuch, der notwendig scheitern musste, aber dennoch nötig blieb. Die ruandische Gesellschaft hatte letztlich keine Wahl. Die Tutsi konnten nicht alle ins Ausland gehen, sich nicht alle eine neue Heimat suchen. Die Hutu mussten irgendwie versuchen, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Da kam es zu Reibungen, zu einem Sich-Zurückziehen, gerade bei Überlebenden. Das kann man bei Esther Mujawayo sehr gut nachlesen. Sie sagt, dass die konkrete, auch die materielle Hilfe für verwitwete Frauen und für ihre Kinder im Vordergrund stand und dass sie sich selbst in die Fragen der Rechtsprechung gar nicht einmischen wollte. Sie war nicht bereit, als Zeugin oder als engagierte Überlebende ihr Wort gelten zu machen. Das ist die eine Position. Eine andere formuliert Révérien Ruwanga. Er sagt, dass es ohne Prozesse kein Zusammenleben geben könne. Ohne eine juristische Aufarbeitung könne nicht ermessen werden, was der Genozid wirklich bedeutet hat.</em></p>
<h3><strong>Frankreich und Deutschland</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sprachen bereits die denkwürdige Positionierung von Mitterand an. In Deutschland hatten wir – ich sage es einmal so – den wohlmeinenden Bundespräsidenten Horst Köhler, der sich unter anderem von Hans-Christoph Buch beeinflussen ließ. Man fragt sich ohnehin, welche Ahnung die Berater im Bundespräsidialamt von der gesamten Geschichte hatten. Möglicherweise fand dort ein Referent zufällig einen Text von Hans-Christoph Buch und dachte, mehr brauche er nicht, um den Bundespräsidenten auf seine Reise vorzubereiten. Hinzu kommen viele Stimmen aus der antikolonialistischen und antiimperialistischen Szene. Sie erwähnen in Ihrem Buch unter anderem ein Erlebnis aus Berlin, wo aus dieser Szene behauptet wurde, dass es einen Genozid von Schwarzen an Schwarzen gar nicht geben könne. Mörder wären immer nur die <em>weißen</em> Kolonisatoren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Mit solchen Aussagen bin ich immer wieder konfrontiert worden.</em> <em>Ich war schon naiv. Ich habe mir das Thema nie unter dem Blickwinkel eines Schwarzen Rassismus angesehen, sondern bin einfach davon ausgegangen, dass hier Menschen Menschen getötet haben. Für mich steht außer Zweifel, dass es sich in Ruanda um ein rassistisches System handelte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Tutsi wurden umgebracht, weil sie Tutsi waren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Es gab nur den Grund der Geburt. </em></p>
<p><em>Mitterand ist ein interessanter Fall, der inzwischen auch in der französischen Öffentlichkeit aufgearbeitet wird. Emmanuel Macron hat 2019 eine Historikerkommission damit beauftragt sich mit der „opération turquoise“ auseinanderzusetzen, aber auch mit dem Verhalten von Mitterand und der französischen Diplomatie und französischen Kooperationsprojekten im Vorfeld des Genozids. Wichtige Experten wurden zwar nicht in die Kommission berufen, was zu großem Aufruhr führte, doch </em><a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/voelkermord-in-ruanda-blutige-spur-in-den-elysee-palast-1.3592390"><em>der Bericht der Kommission</em></a><em> ist von großer Härte und Klarheit. Er umfasst über 1.000 Seiten und stellt klar, dass nicht nur die französische Diplomatie versagt hatte, sondern dass auch Mitterand selbst und sein Sohn freundschaftliche Verbindungen zum ruandischen Präsidenten unterhielten. Um der Verteidigung der Frankophonie willen sei es nötig gewesen, die Bevölkerungsmehrheit der Hutu zu unterstützen. Mitterand betrachtete die Tutsi, die in der ruandischen Diaspora im Ausland tätig waren, als Gefahr, weil sie häufig zur englischen Sprache gewechselt waren. Ihm erschienen daher die Hutu im Interesse Frankreichs als verlässlicher. Es steht fest, dass Mitterand warnende Stimmen, die es durchaus gegeben hatte, ignoriert hat. Darunter war zum Beispiel der beeindruckende französische Historiker </em><a href="https://histoirecoloniale.net/passe-colonial-le-devoir-d/"><em>Jean-Pierre Chrétien</em></a><em>, ein Kenner der Länder rund um die großen afrikanischen Seen und der ruandischen Geschichte. </em></p>
<p><em>Besonders schockierend wird dies, wenn man bedenkt, dass der Genozid in dem Jahr stattfand, in dem der 50. Jahrestag der Landung der US-amerikanischen Truppen in der Normandie gefeiert wurde. Es gibt Aufnahmen von Mitterand in </em><a href="https://www.visitlimousin.com/centre-de-la-memoire-doradour-sur-glane/"><em>Oradour-sur-Glane</em></a><em>, wo die SS die Menschen eines ganzen Dorfes ermordet hatte. Mitterand sagte direkt zum Thema des Genozids, dies dürfe nie wieder geschehen. Er merkte jedoch nicht, was zeitgleich in Ruanda geschah. Ähnlich bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des D-Day in der Normandie. Dies wurde in der französischen Gesellschaft lange unter den Tisch gekehrt, aber das ändert sich. Dies ist der Zivilgesellschaft zu verdanken, aber auch der Historikerkommission, die sich nicht hat einschüchtern lassen. Die schon genannte Graphic Novel von Patrick de Saint-Exupéry „La fantasie des dieux“ beginnt mit Mitterand, der sich wie ein Pontius Pilatus die Hände in Unschuld wäscht, aber gleichzeitig die Erinnerung an die Shoah hoch zu halten vorgibt. Das ist einer der Gründe, warum mir eine vergleichende Genozidforschung so wichtig ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auch deshalb ist Ihr Buch so verdienstvoll. Ich nenne eine Auswahl von vier Genoziden, die eigentlich unbestritten als solche anerkannt werden müssten, die Shoah, der Tutsizid, der Genozid an den Armenieren, die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/weil-sie-ezidinnen-sind/">Genozide – hier ist der Plural angebracht – an den Êzîden</a>. Heutzutage wird der Begriff des Genozids jedoch zunehmend missbraucht, nicht nur in Bezug auf Israels Vorgehen in Gaza, zuletzt mit Trumps unsäglicher Äußerung, es gäbe einen Genozid an der weißen Bevölkerung Südafrikas.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Wir erleben eine Inflation des Begriffs. Ich denke, wir müssen abwägend argumentieren. Aber es ist ein Problem, dass dieses Abwägen, das Sprechen in Nuancen oft gar nicht mehr gewünscht wird. Hier passt ein Blick auf das Verhalten von Horst Köhler. Es ist nun nicht so, dass dieser unglückliche Präsident gar nichts verstanden hätte. Er hatte mit der Zeit schon begriffen, dass es bei der Positionierung von Hans-Christoph Buch ein Problem gab, erst recht, nachdem dieser in der Frankfurter Rundschau auch gegen den Bundespräsidenten polemisierte, weil er den ruandischen Präsidenten Paul Kagame in Deutschland empfangen hatte. </em></p>
<p><em>Sicherlich war Horst Köhler schlecht beraten. Die interessantere Figur ist jedoch Hans-Christoph Buch, weil sich bei ihm die deutsche Kolonialgeschichte mit einem misogynen Blick auf ruandische Frauen fortsetzt. Mit einem widerlich heroisierenden Männlichkeitsblick beschreibt er sein Verhältnis mit seiner ruandischen Dolmetscherin, eine überlebende Tutsi, die mehrfach vergewaltigt worden war. Die Frau sagte, sie könne seit diesem Erlebnis Sexualkontakte nur noch als Gewalt wahrnehmen. Hans-Christoph Buch hält es für nötig zu erklären, dass er sich in diesem Moment sexuell erregt fühlte. Dabei blieb es nicht: Das Schockierende ist, dass er auch die angeblich tolle Nacht beschreibt, die er mit dieser Frau verbracht habe, in Missachtung dessen, dass sie ausdrücklich gesagt hatte, dass sie keine Sexualkontakte wünsche. Das ist meines Erachtens eine Schlüsselszene, die bekannter werden müsste, um die erforderliche Distanz zu all dem zu gewinnen, was Hans-Christoph Buch zur Kolonialgeschichte beizutragen vorgibt. Als junge Doktorandin habe ich ihn einmal bei einer Lesung erlebt und konnte ihn mit seinem Männlichkeitswahn damals schon nicht ertragen.</em></p>
<p><em>Alles, was man etwa um 1900 in deutschen Büchern zur Kolonialgeschichte lesen kann, wird von Hans-Christoph Buch geradezu Wort für Wort reproduziert, auch dadurch, dass er sich an einem bestimmten Buch ausrichtet, das im Jahr 1904 erschien: </em><a href="https://archive.org/details/caputnilieineemp00kanduoft"><em>„Caput Nili – Eine empfindsame Reise zu den Quellen des Nils“</em></a><em> von Richard Kandt, dessen problematische Position er in keiner Weise begreift. Was er schreibt, ist ein Abklatsch davon. Hans-Christoph Buch beruft sich auf seine Augenzeugenschaft eines Massakers, das Tutsi an Hutu begingen. Dieses Massaker hat es wirklich gegeben. Es steht nicht in Frage, dass hier etwas Grauenvolles geschah. Das Problem liegt woanders. Seine Erfahrung muss für Buch so traumatisierend gewirkt haben, dass es ihm nicht mehr gelang, die gesamte Gewaltgeschichte zu sehen und Abstand von negationistischen Thesen zu finden, deren Vertreter er dann schließlich auch wurde. Er geht ausschließlich von seiner persönlichen Erfahrung aus und verliert die Geschichte des Genozids damit aus dem Blick. </em></p>
<p><em>Hans-Christoph Buch ist aber auch ein Beispiel dafür, wie gering die Kenntnisse über Ruanda in der deutschen Presselandschaft ausgeprägt sind. Ich habe in meinem Buch versucht, die „Tribalisierung“ Afrikas in der deutschen Presse zu beschreiben. Dieses Wort muss unbedingt in Anführungszeichen gesetzt werden. Afrika habe keine eigene Geschichte, es gebe immer nur Kriege zwischen „Stämmen“, der „Blutrausch“ liege den Afrikanern „im Blut“. So sagte es ja auch Mitterand. Im Spiegel findet man im Jahr 1973, einem Jahr der Höhepunkte der Gewalt in Ruanda, als viele Schüler und Studenten betroffen waren, einen Bericht, in dem von den „Kurzen“ und den „Langen“ die Rede ist. Die „Langen“ sind die Tutsi, die „Kurzen“ die Hutu. Das sind die gängigen rassistischen Klischees.</em></p>
<h3><strong>Ethnifizierung </strong></h3>
<div id="attachment_7381" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11489176"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7381" class="wp-image-7381 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Riesen-und-Zwerge.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main.jpg 504w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7381" class="wp-caption-text">&#8222;Riesen und Zwerge&#8220;. Weitere Informationen des Kolonialen Bildarchivs erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie dokumentieren, dass die Kolonisatoren die Tutsi als <em>weiße</em> Schwarze (sie verwendeten natürlich ein anderes Wort) bezeichneten.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Die Kolonisatoren waren voller Bewunderung für die Tutsi, die sie damals vorfanden. Sie meinten, das könnten doch unmöglich Afrikaner sein. Man erfand ihnen eine andere Herkunft. Man hatte mit diesem Aussehen und den Besonderheiten der Kultur und Regierungsform nicht gerechnet und musste nun eine Erklärung finden, die dem eigenen rassistischen Weltbild entsprach. Jean-Pierre Chrétien sagt, dass die Identität der Tutsi, wie sie ihnen die Europäer zuschrieben, schon festgestanden habe, bevor es zu dem Erstkontakt gekommen war. Der Hamiten-Mythos habe vorgezeichnet, wie die Kolonisatoren die ruandische Bevölkerung wahrnehmen würden. </em></p>
<p><em>Tutsi hieß eigentlich nur „Hirte sein“. Eine ethnische Bedeutung gab es nicht. Es war die Bezeichnung einer Berufsgruppe, die man auch verlassen konnte. Insofern stellt sich die Frage, wie die deutschen Kolonisatoren zu einer künstlichen Ethnifizierung der ruandischen Gesellschaft und der späteren Rassifizierung beigetragen haben, die in den Ethnien etwas Naturgegebenes sah. </em></p>
<p><em>Mich ärgert, dass man das Wort „Ethnie“ unkritisch weiter benutzt. Ich glaube, dass man nicht nur vom N-Wort sprechen sollte, sondern dass es vielleicht sogar wichtiger wäre, vom E-Wort zu sprechen. Wenn man schon mit Tabuismen sprechen will, ist dies das Schlüsselwort, das alle Gefahren in sich enthält. Es ist noch nicht der Kern des Genozids, aber der Kern der Möglichkeit einer Eskalation bis hin zum Genozid.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das E-Wort geistert ständig durch Politikerreden, unabhängig von der jeweiligen politischen Botschaft. Und zurzeit erleben wir in Deutschland eine Debatte, ob der Volksbegriff im Grundgesetz ethnisch definiert wäre. Das Gefährliche ist die dahinterstehende Geisteshaltung.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das Wort „Ethnie“ ist in Ruanda verboten. Aber das kann – wie im Antisemitismus – den Tutsi wieder als Bösartigkeit ausgelegt werden, indem gesagt wird, sie wollten ihre Identität nur verschleiern. Sogar, wenn man auf ethnische Begriffe verzichtet, ist auch das wieder für die Gegner ein Zeichen von Machtwillen, nicht zeigen zu wollen, zu welcher Gruppe man gehört. Auch das kann wieder in Negationismus überführt werden. </em></p>
<div id="attachment_7379" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/kolonialesbildarchiv/content/titleinfo/11403677"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7379" class="wp-image-7379 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x214.jpg" alt="" width="300" height="214" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-200x142.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main-400x285.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Watussirind.-Koloniales-Bildarchiv-Goethe-Universitaet-Frankfurt-am-Main.jpg 504w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><p id="caption-attachment-7379" class="wp-caption-text">Watussi-Rinder. Weitere Informationen des Kolonialen Bildarchivs Goethe Universität Frankfurt am Main erhalten Sie durch einen Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie zeigen in Ihrem Buch das Bild einer Kuh und vermerken, dass dieses Bild eminent rassistisch sein könne.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das geht noch weiter. Die Behauptung war, die langen Hörner der Rinder der Tutsi sähen aus wie die der Rinder auf den ägyptischen Hieroglyphen. Man fand in diesen Rindern den „Beweis“, dass die Tutsi aus dem Ägypten der Pharaonen stammen und daher früh mit dem Christentum in Kontakt gewesen sein müssten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jetzt fehlen nur noch die zehn verschwundenen Stämme Israels</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Dazu gibt es Forschung. Eine Theorie sagt, die Tutsi wären einer der verlorenen Stämme. Es ist wichtig, die jüdische Geschichte immer wieder einzubeziehen, weil auch antisemitische Stereotype auf die Tutsi übertragen wurden. Es gibt eine merkwürdige Mischung aus Antisemitismus, Rassismus und dem Gedanken, die Tutsi seien die „Juden Afrikas“, die eigentlich schon vor langer Zeit die Chance gehabt haben müssten, zu einer Art Proto-Christen zu werden, weil sie aus dem Raum der Bibel stammten. </em></p>
<p><em>Der Antijudaismus wird durch das biologistische Denken im 19. Jahrhundert in den rassistischen Antisemitismus überführt. Mit dem Hamiten-Mythos geschieht etwas Ähnliches. Ham ist einer der Söhne Noahs, der die Schuld auf sich geladen habe, seinen Vater nackt zu sehen und daher von Gott verurteilt worden sei. Der Versuch der Bibel-Exegese verbindet sich hier mit anthropometrischen Projekten, in denen ausgemessen wurde, wie lang „die Tutsi-Nase“ oder „der Hutu-Schädel“ sei. Dann gibt es diese abstrusen Zahlenkolonnen, Statistiken ohne Ende, in denen das verwissenschaftlicht wird. Hannah Arendt nannte dies „Wissenschafts-Aberglauben“. Und genau das ist es. Auch hier gibt es Parallelen zum modernen Antisemitismus.</em></p>
<h3><strong>„Versöhnung ist Unsinn“ (Nora Bossong in: Schutzzone)</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht zum Abschluss ein Satz von Nora Bossong, deren Roman „Schutzzone“ Sie mehrfach zitieren: <em>„Versöhnung ist Unsinn“</em>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: (denkt etwas länger über die Antwort nach). <em>Vielleicht muss man mit Paradoxien antworten. Versöhnung ist unmöglich, ist nötig, aber zwischen diesen beiden Polen hat sich die ruandische Gesellschaft eingerichtet, und das sollten wir in Deutschland wahrnehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Versöhnung als Pflichtprogramm? Mich erinnert das ein wenig an die DDR und die dortige staatsoffizielle Instrumentalisierung von Buchenwald.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>: <em>Das zeigt sich auch bei den offiziellen Gedenkveranstaltungen in Ruanda. Die psychologische Forschung zeigt, dass Krisen in der Auseinandersetzung mit dem Genozid nicht abnehmen, sondern sich verstärken. Die Krisen werden gerade dann ausgelöst, wenn sich Überlebende zusammenfinden und einen Raum finden, in dem sie ihren Schmerz ausdrücken können. Die Präsenz der Katastrophe wird unleugbar. Daher sollte man auch nicht leichtfertig den Resilienz-Begriff benutzen, sondern den Akzent erst einmal auf das Leid setzen, dass diesen Menschen widerfahren ist, und erst dann darüber sprechen, dass das Land wieder zum Funktionieren gebracht wurde. Man darf nicht naiv optimistisch sein und einfach so tun, als wenn dies so einfach zustande gekommen sei. Die Menschen hatten einfach nicht die Wahl. Frauen waren gezwungen, fremde Kinder zu sich zu nehmen, alle mussten soziale Netzwerke ins Nichts hinein neu aufbauen. Das war nicht Zeichen einer Resilienz, sondern einer schieren Notwendigkeit. Auch Kinder haben Großes geleistet, wenn sie als ältere Geschwister für ihre jüngeren verantwortlich handelten. Esther Mujawayo schreibt, in einem Genozid stirbt nicht jemand, sondern in einem Genozid sterben <u>alle</u>. In diese Leere hinein müssen sich die Überlebenden neu erfinden. In diesem Sinne muss ich Nora Bossong vielleicht doch recht geben. Es ist ein „Zivilisationsbruch“ – wie Dan Diner es über die Shoah sagte –, und ein solcher „Zivilisationsbruch“ hat auch in Ruanda stattgefunden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wir könnten jetzt beispielsweise – nur beispielsweise – mit dem Sudan fortfahren.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> In unserer jetzigen Zeit wäre es gut, nicht immer in Oppositionen zu denken, als wenn man sich immer klar entscheiden müsste, auf wessen Seite man stehen oder wem man seine Aufmerksamkeit schenken sollte. </em></p>
<p><em>Es ist das Konfluierende, man muss Dinge zusammendenken, vergleichen, auch um Unterschiede herauszustellen. Es geht nicht darum, gleichzusetzen, aber ohne das Vergleichen macht man auch das Gedenken an die Shoah steril. Aus dem Shoah-Gedenken folgt „Nie wieder Auschwitz“. 1994 war die Weltöffentlichkeit in Ruanda nicht in der Lage, dies einzulösen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bundesaußenminister Joschka Fischer begründete seine Zustimmung zu den NATO-Angriffen auf Belgrad angesichts der serbischen Massaker in Srebenica und anderswo mit <em>„Nie wieder Auschwitz“</em>.</p>
<p><strong>Anne Peiter</strong>:<em> Ich folge Ruth Klüger, die schrieb, man müsse Brücken zwischen den Singularitäten bauen. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 24. Juli 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nyamata_Memorial_Site_13.jpg">Nyamata Memorial Site</a>, Rwanda, © <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Inisheer">Fanny Schertzer</a>, Wikimedia Commons. Für die Vermittlung des Kontakts zu Anne Peiter danke ich <a href="https://www.igw.uni-bonn.de/de/institut/neuzeit/krueger/team/krueger">Christine G. Krüger</a>, Universität Bonn, Autorin des Beitrags <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/versoehnerinnen">„Versöhnerinnen?“</a> im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon,</span> gemeinsam mit Victoria Fischer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Afrikanisches Selbstbewusstsein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 04 Dec 2024 05:39:08 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Afrikanisches Selbstbewusstsein Renate Heß über Abdulai Sila und die Literatur aus Guinea-Bissau „Tatsächlich habe ich während meines ganzen Lebens viele Dinge infrage gestellt, die man als Folge dieser natürlichen Ordnung ansehen konnte, und ich habe es nie bereut. Wenn wir aufhören nachzufragen, bekommen wir ein Geschenk fürs Leben: ein hohles Gehirn. Mit einem hohlen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7" style="--awb-text-transform:none;"><h1><strong>Afrikanisches Selbstbewusstsein</strong></h1>
<h2><strong>Renate Heß über Abdulai Sila und die Literatur aus Guinea-Bissau </strong></h2>
<p><em>„Tatsächlich habe ich während meines ganzen Lebens viele Dinge infrage gestellt, die man als Folge dieser natürlichen Ordnung ansehen konnte, und ich habe es nie bereut. Wenn wir aufhören nachzufragen, bekommen wir ein Geschenk fürs Leben: ein hohles Gehirn. Mit einem hohlen Gehirn kann man zwar leben, aber es ist etwas ganz anderes, wenn wir unser Denken befreien und dem Leben mit offenem und wachem Geist begegnen und das Ungewöhnliche suchen. Ungehemmt erneuert sich das Leben in bunter Vielfalt, revidiert ständig die Vernunft und lässt die Leidenschaft aufblühen. Dann können wir aus ihm etwas machen, was die Einfältigen nicht einmal ahnen können. Wenige tolerieren das, niemand versteht es. Voller Vorurteile verdammt man, ohne nachzudenken. / Deswegen erkläre ich: Ich bin nicht verrückt.“ </em>(Abdulai Sila, Die Tage von Kubukaré, übersetzt aus dem Portugiesischen von Renate Heß, Berlin, Edition Noack &amp; Block in der Frank &amp; Timme GmbH, 2023)</p>
<div id="attachment_5502" style="width: 257px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5502" class="wp-image-5502 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-247x300.jpg" alt="" width="247" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-200x243.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-247x300.jpg 247w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-400x486.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-600x730.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-768x934.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-800x973.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-842x1024.jpg 842w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-1200x1459.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-1263x1536.jpg 1263w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Lai_19-1684x2048.jpg 1684w" sizes="(max-width: 247px) 100vw, 247px" /><p id="caption-attachment-5502" class="wp-caption-text">Abdulai Sila. Foto: privat.</p></div>
<p><a href="https://camoesberlim.de/de/artistasautores/abdulai-sila/">Abdulai Sila</a> erzählt die im Roman „Die Tage von Kubukaré“ vorgestellte Geschichteaus der Perspektive einer Frau, die für die Befreiung von der Kolonialherrschaft kämpfte und nach dem Sieg erlebt, dass die neue Elite der Sieger die von ihr erhoffte Zukunft zerstört. <em>„Nachdem die Anziehungskraft der Solidarität sich verflüchtigt hat, scheidet sich früh der Diskurs von der Praxis und untergräbt das Fundament und den Zauber der tausendfach versprochenen Morgenröte.“</em> Letztlich gibt es nur noch Verlierer: <em>„Ich verlor, weil Leute gewannen, die andere Werte vertraten als die, für die wir gestern gekämpft hatten. Ich verlor, weil die Partei bereits verloren hatte.“</em></p>
<p>Es ist das Verdienst von Renate Heß und ihrer Kollegin Rosa Rodrigues, dass drei Bücher eines der bedeutendsten portugiesisch schreibenden afrikanischen Autoren auf dem deutschen Buchmarkt verfügbar sind, in der Übersetzung von Renate Heß der bereits zitierte Roman und das Theaterstück „Zwei Schüsse und ein Lachen“ (ebenfalls in der <a href="https://www.noack-block.de/">Edition Noack &amp; Block</a> erschienen), in der Übersetzung von Rosa Rodrigues der Roman „Die letzte Tragödie“ (im <a href="https://www.l-lv.de/">Leipziger Literaturverlag</a>).</p>
<h3><strong>Guinea-Bissau und die Amilcar-Cabral-Gesellschaft</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kamen Sie nach Guinea-Bissau?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Das ist eine lange Geschichte. Ich bin Literaturwissenschaftlerin, Germanistin und habe am Gymnasium unterrichtet. In den 1980er Jahren war ich als DAAD-Lektorin in Portugal. Da wurde mein Interesse an der portugiesischen Sprache und Literatur geweckt. In Lissabon habe ich mit einer jungen Frau zusammengewohnt, die aus Guinea-Bissau kam. Das war etwa zehn Jahre nach der Unabhängigkeit von Guinea-Bissau, die im Jahr 1974 stattfand. Damals bin ich das erste Mal nach Guinea-Bissau gefahren und war inzwischen vier Mal dort, das letzte Mal im Jahr 2022 mit einer Gruppenreise unseres Vereins.</em></p>
<div id="attachment_5529" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5529" class="wp-image-5529 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-300x214.jpg" alt="" width="300" height="214" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-200x143.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-300x214.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-400x286.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess-600x428.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Renate_Hess.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5529" class="wp-caption-text">Renate Heß. Foto: privat.</p></div>
<p><em>Nach meiner Rückkehr nach Deutschland wurde ich in einem Verein aktiv, der </em><a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/"><em>Amilcar-Cabral-Gesellschaft</em></a><em>, die sich nach dem Theoretiker und führenden Vertreter der Befreiungsbewegung in Guinea-Bissau und in Cabo Verde (Kap Verde) benannt hat. Über diesen Verein habe ich Abdulai Sila kennengelernt, zunächst als Verleger, dann auch als Schriftsteller. So entstand ein engerer Kontakt mit afrikanischer Literatur und insbesondere mit Guinea-Bissau. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würden Sie die Entwicklung in Guinea-Bissau seit der Unabhängigkeit beschreiben?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong> (lässt sich Zeit mit der Antwort): <em>Sie merken, ich habe wenig Worte dafür. Es ist schwierig. Es gab viele Krisen. 1998 gab es einen Krieg, der etwa ein Jahr gedauert hat und viel in der Entwicklung zurückgeworfen hat, auch in kultureller Hinsicht. Es gibt im Grunde zwei Dinge: Auf der einen Seite gibt es viele gesellschaftliche und kulturelle Initiativen, auf der anderen Seite sind die staatlichen Institutionen eher ein Hemmnis für die zukünftige Entwicklung.</em></p>
<p><em>Es gibt einige Akteure, auch aus aktuellen Parteien, die eine demokratische Perspektive hätten, aber es gibt immer wieder anti-demokratische Kräfte, so den gegenwärtigen Präsidenten Umaro Sissoco Embaló und die Militärs, die mit ihm verbunden sind, die kein Interesse an einer demokratischen Gesellschaft haben und viele Ansätze zerstören. Im Juni 2023 fanden Parlamentswahlen statt, die sehr ruhig verliefen und eine hohe Beteiligung hatten. Die Zivilgesellschaft hat die Wahlen sehr genau beobachtet, die Wahlergebnisse konnten nicht gefälscht worden. Das Parlament konnte allerdings erst einige Wochen nach den Wahlen zusammentreten. Die neue Regierung hat sehr schnell soziale Maßnahmen ergriffen, der Brotpreis wurde gesenkt, die Schulen fingen wieder an zu funktionieren. Anfang Dezember 2023 hat dann der Präsident das Parlament unter einem Vorwand aufgelöst. Dies widersprach der Verfassung! </em></p>
<p><em>Es gibt nach wie vor Akteure, die Demokratie und Rechtsstaat zu verteidigen versuchen, sowie eine breite Bewegung von Bürgerradios, die dafür sorgen, dass Informationen im Land verbreitet werden, bis in die fernsten Ecken des Landes. Es gibt einen funktionierenden Journalistenverband, es gibt ein vom </em><a href="https://wfd.de/"><em>Weltfriedensdienst</em></a><em> unterstütztes Projekt, die </em><a href="https://wfd.de/projekte/mehr-demokratie-wagen-menschen-motivieren-und-beteiligen/"><em>Kumpuduris di paz</em></a><em>. Man könnte sie Friedensstifter nennen, die im ganzen Land Zuspruch finden, ein Netzwerk geschaffen haben und versuchen, Konflikte friedlich zu lösen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie hoch ist die politische Repression?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>:<em> Journalisten werden verfolgt, beleidigt, zusammengeschlagen. Seit Beginn des Jahres 2024 gab es immer wieder Demonstrationen gegen den Abbau von Demokratie und Rechtsstaat, landesweit gerade wieder im Mai 2024. Verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen hatten sich in einer Frente Popular zusammengetan. Sie wurden massiv gehindert, Mitglieder willkürlich verhaftet und erst nach einigen Tagen wieder freigelassen. Selbst im Ausland, in der Diaspora werden Menschen bedroht und eingeschüchtert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein leider übliches Verfahren von repressiven Regimen im Ausland. Ich dachte zuletzt noch daran, als Biniam Girnay, ein Radprofi aus Eritrea, beim Tour de France 2024 das grüne Trikot gewann. Eritrea ist ein besonders berüchtigtes Beispiel für Verfolgung und Einschüchterung oppositionell eingestellter Menschen im Ausland, auch mit Unterstützung von im Ausland lebenden Eritreern, die das dortige Regime unterstützen. Das nur am Rande. Die Amilcar-Cabral-Gesellschaft befasst sich auch mit den Entwicklungen in Cabo Verde, einem eigenen Staat, der 1975 unabhängig vom Kolonialland Portugal wurde.</p>
<div id="attachment_5506" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5506" class="wp-image-5506 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-300x219.png" alt="" width="300" height="219" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-200x146.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-300x219.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-400x292.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral-600x438.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Amilcar-Cabral.png 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5506" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cabral_2.png">Amilcar Cabral</a>. Foto: Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Die Unabhängigkeitsbewegung unter Amilcar Cabral kämpfte für die Unabhängigkeit beider Länder. Es gibt enge Verflechtungen zwischen den beiden Ländern. Amilcar Cabral ist in Guinea-Bissau geboren, aber seine Eltern stammten aus Cabo Verde. Das hängt auch damit zusammen, dass die portugiesische Kolonialgesellschaft sich oft auf Leute aus Cabo Verde stützte und diese in der Verwaltung eingesetzt hatte. Der Vater von Amilcar Cabral war Lehrer und hatte in Guinea-Bissau unterrichtet. Die Verbindung zwischen beiden Ländern wurde sehr früh von Guinea-Bissau gelöst. </em></p>
<p><em>Vielleicht darf ich zum Rahmen, den wir gerade abstecken, noch einen wichtigen Punkt nennen. Es gibt etwa 30 ethnische Gruppen mit über 25 Sprachen in Guinea-Bissau. Es gibt fünf ethnische Hauptgruppen. In dem Unabhängigkeitskampf wurde auch versucht, diese Gruppen zusammenzuführen. Dabei spielte das Kriol von Guinea-Bissau eine wichtige Rolle. Manche sagen heute, das sei die guineische Sprache, die Verkehrssprache. Aber es gibt neben dem Kriol noch verschiedene andere Landessprachen.</em></p>
<h3><strong>Literarische Aufarbeitung der Kolonialgeschichte</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum schreiben Autoren und Autorinnen aus Guinea-Bissau auf Portugiesisch?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Das ist ambivalent. Das Portugiesische ist eine Sprache, die man bis heute in der Schule lernt, die auch den Austausch mit anderen portugiesisch sprachigen Ländern erlaubt. Andererseits ist es die Sprache der ehemaligen Kolonialherren, die sich allerdings auch – wie in Angola oder Mosambik – mit der Zeit verändert hat. Bestimmte Begriffe unterscheiden sich. Bei Abdulai Sila und anderen Autorinnen und Autoren gibt es auch einen starken Einfluss der anderen Sprachen des Landes. Und vor etwa zwei Jahren hat Abdulai Sila mit „Deih” erstmals ein Theaterstück in Kriol geschrieben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie viele Menschen können die Texte von Abdulai Sila und seinen Kolleginnen und Kollegen in Guinea-Bissau lesen?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Etwa ein Viertel der Bevölkerung beherrscht das Portugiesische. Das Land hat etwa zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Es ist schon ein beschränkter Kreis.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Markt würde dann auch Portugal, Brasilien, Angola, Mosambik einbeziehen?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Ja, genau.</em> <em>Es bestehen auch organisatorisch Verbindungen zu den anderen portugiesisch sprachigen Ländern. Abdulai Sila hat 1994 mit Teresa Montenegro, einer Chilenin, die in Guinea-Bissau lebt, und Fafali Koudawo, der inzwischen verstorben ist, den ersten privaten Verlag in Guinea-Bissau gegründet, den </em><a href="https://www.kusimon.com/"><em>Verlag Ku Si Mon</em></a><em>. „Ku Si Mon“, das heißt etwa „mit eigenen Händen“, „mit eigener Kraft“. Es war die Zeit, in der das Einparteiensystem im Land endete und auch die Zensur abgenommen hatte. Der Verlag gehört zu einer Allianz unabhängiger Verlage, zu der Verlage aus Brasilien, Angola, Mosambik und mittlerweile auch ein Verlag aus Portugal gehören.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es eine literarische Aufarbeitung der Kolonialgeschichte?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Es gibt eine Art Aufarbeitung in Portugal, durchaus zunehmendes Interesse, auch an der Beziehung zwischen Portugal und den ehemaligen Kolonien. Es gibt aber auch immer verschiedene Wellen. Ich kann das für die Literatur sagen. In den 1980er und 1990er Jahren gab es zum Beispiel den Roman „Die Küste des Raunens“ der portugiesischen Autorin </em><a href="https://camoesberlim.de/de/artistasautores/lidia-jorge/"><em>Lídia Jorge</em></a><em> (die deutsche Übersetzung von Karin von Schweder-Schreiner 1995 bei Suhrkamp) oder </em><a href="https://www.zeit.de/2012/32/L-Antunes-Der-Judaskuss"><em>„Der Judaskuss“ von Antonio Lobes Antunes</em></a><em> (die deutsche Übersetzung von Ray-Güde Mertin 1987 bei Hanser). Thema waren der Kolonialkrieg und die Verbrechen während des Kolonialkrieges. </em></p>
<p><em>Das Thema verschwand einige Zeit, aber inzwischen gibt es wieder eine Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte und der Entwicklung der portugiesischen Kolonialherrschaft. Dazu gehören </em><a href="https://www.haymonverlag.at/produkt/schwerkraft-der-traenen/"><em>Yara Nakahanda Monteiro, „Schwerkraft der Tränen“</em></a><em> (die deutsche Übersetzung von Michael Kegler 2022 im Haymon-Verlag, </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/dulce-maria-cardoso/die-rueckkehr.html"><em>Dulce Maria Cardoso, „Die Rückkehr“</em></a><em> (die deutsche Übersetzung von Steven Uhly 2021 bei Suhrkamp), </em><a href="https://www.wallstein-verlag.de/9783835375611-roter-staub.html"><em>Isabela Figueiredo, Roter Staub</em></a><em> (Übersetzung von Markus Sahr 2019 bei Weidle). Zu nennen wäre vielleicht auch die Lyrikerin </em><a href="https://camoesberlim.de/de/artistasautores/ana-paula-tavares/"><em>Ana Paula Tavares</em></a><em>, eine in Portugal ansässige Angolanerin. Ihre zweisprachige Werkauswahl „Árvore da Febre – Fieberbaum“ erschien 2010 bei der Edition Delta in der Übersetzung von Juana und Tobias Burghardt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kehren wir zurück zur Literatur aus Guinea-Bissau. Neben den drei Büchern von Abdulai Sila, die Sie und Ihre Kollegin Rosa Rodrigues übersetzt haben, ist die Zahl der aus Guinea-Bissau ins Deutsche übersetzten Bücher doch recht überschaubar.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Die Übersetzungen von Literatur aus Guinea-Bissau ins Deutsche lassen sich mehr oder weniger an einer Hand abzählen. Neben den genannten Büchern von Abdulai Sila gibt es einen Gedichtband von </em><a href="https://www.lyrikline.org/de/autoren/tony-tcheka"><em>Tony Tcheka</em></a><em>, ein Autor aus derselben Generation wie Abdulai Sila. Er ist Journalist, Schriftsteller, lebt zurzeit in Portugal. Diesen Gedichtband hat </em><a href="https://camoesberlim.de/de/pl21_tradutores/niki-graca/"><em>Niki Graça</em></a><em> übersetzt. Das Buch erschien unter dem Titel </em><a href="https://www.hochroth.de/6189/tony-tcheka-guinea/"><em>„Guinea“</em></a><em> 2020 bei hochroth Berlin. Eine Anthologie finden Sie mit </em><a href="https://www.dtv.de/buch/cronicas-lusofonas-lusophone-kolumnen-9560"><em>„Lusophone Kolumnen – Zeitgenössische Alltagsbetrachtungen aus portugiesischsprachigen Ländern“</em></a><em>; ein zweisprachiger Band (herausgegeben von Luísa Costa Hölzl, übersetzt von Michael Kegler), der bei dtv erschien. Darin gibt es zwei Texte von Abdulai Sila und </em><a href="https://www.nosdiario.gal/articulo/lusofonia/odete-semedo-discreta-voz-criadora-da-mulher/20151114232730042379.html"><em>Odete Semedo</em></a><em>, auch sie gehört zur Generation von Abdulai Sila. Die drei Bücher von Abdulai Sila sind im Grunde der Kern der Literatur aus Guinea-Bissau, die in die deutsche Sprache übersetzt wurde. Und im Februar 2024 hat meine Kollegin Rosa Rodrigues im Leipziger Literaturverlag die Übersetzung eines Romans des vielversprechenden jungen Autors <a href="https://l-lv.de/neu/dafe-amadu-jasmim.html">Amadú Dafé</a> vorgelegt: „Jasmin”.  </em></p>
<p><em>Im Jahr 2022 habe ich den Erzählband „Fora de Jogo“, zu Deutsch „Abseits“, ein Begriff aus der Fußballsprache, bei einer kleinen Buchmesse in Guinea-Bissau entdeckt. Ein Band mit zwölf Erzählungen von vier Autoren und einer Autorin der jüngeren Generation. Themen sind zum Beispiel Migration nach Europa, Schatten der Vergangenheit, Verfolgung sexueller Andersartigkeit, Verrücktsein als Befreiung in der Diaspora. Der einzige Autor dieser Anthologie, von dem in deutscher Sprache bereits ein Buch vorliegt, ist Amadú Dafé.</em></p>
<p><em>Ich habe als erste die Erzählung „Die Lese“ („A Colheita”) von Marinho de Pina gelesen und hatte gleich Lust, das zu übersetzen. Am nächsten Tag habe ich den Autor getroffen. Er war sofort einverstanden. Im Gespräch in unserem Verein kam die Idee, wir könnten doch die ganze Anthologie übersetzen. Unser Verein wird im Jahr 2025 50 Jahre alt und das Vereinsjubiläum wäre eine gute Gelegenheit für die Veröffentlichung einer solchen Übersetzung. Die Übersetzung ist nicht einfach, denn die Erzählungen weisen unterschiedliche Sprachvarianten des Portugiesischen auf (Brasilien, Guinea-Bissau, Mosambik) sowie einen starken Einfluss des guinea-bissauischen Kriol. Johannes Augel, Rosa Rodrigues und ich übersetzen die zwölf Erzählungen und wir streben eine Veröffentlichung zur Leipziger Buchmesse 2025 an. </em></p>
<p><em>Übersetzungen aus dem Portugiesischen sind auf dem Buchmarkt allerdings eine Nische. Mut, Bücher von bei uns nicht bekannten Autorinnen und Autoren aus afrikanischen Ländern zu publizieren, ist dann noch etwas ganz Besonderes. Der Leipziger Literaturverlag hat schon länger eine portugiesische Reihe. Durch eine glückliche Verbindung ergab sich für mich der Kontakt zur Edition Noack &amp; Block. Die Finanzierung der Publikationen erfolgt zum Teil auch über eine Förderung von Übersetzungen aus dem Portugiesischen durch das </em><a href="https://www.instituto-camoes.pt/en/"><em>Instituto Camões</em></a><em> und die Generaldirektion für Bücher, Archive und Bibliotheken (DGLAB). Es gab für die Leipziger Buchmesse 2021 ein eigenes Förderprogramm, da Portugal damals Gastland war. Die Buchmesse fand dann leider nur virtuell statt. </em></p>
<h3><strong>Der Weg zu Abdulai Sila </strong></h3>
<div id="attachment_5503" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://l-lv.de/neu/Sila--Abdulai--Die-letzte-Tragoedie.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5503" class="wp-image-5503 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Tragoedie-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Tragoedie-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Tragoedie.jpg 399w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-5503" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum haben Sie Abdulai Sila übersetzt?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Weil er es verdient. Aber da kommen viele verschiedene Gründe zusammen. Ich habe Abdulai Sila 1997 auf der Frankfurter Buchmesse kennengelernt. Er war als Verleger eingeladen. </em><a href="https://publications.iai.spk-berlin.de/servlets/MCRFileNodeServlet/Document_derivate_00002198/BIA_047_309_337.pdf"><em>Moema Parente Augel</em></a><em>, eine brasilianische Literaturwissenschaftlerin, die in Bielefeld lebt, hat in den 1990er Jahren in Guinea-Bissau sich sehr für die Literatur des Landes engagiert und mit vielen Autorinnen und Autoren gesprochen, die ihre Manuskript-Schubladen geöffnet haben. Es gab eine Möglichkeit, Bücher mit EU-Geldern zu veröffentlichen. Moema hat mich 1997 angerufen – ich wohnte damals in Darmstadt – und gefragt, ob ich für einen Schriftsteller, der zur Buchmesse käme, etwas tun könnte. Ich habe dann eine Lesereise für Abdulai Sila organisiert. Es gab einen Auszug aus dem Roman </em><a href="https://camoesberlim.de/de/pl21_novolancamento/die-letzte-tragodie/"><em>„Die letzte Tragödie“</em></a><em>, veröffentlicht in der österreichischen </em><a href="http://www.sterzschrift.at/wasist.html"><em>Kulturzeitschrift Sterz</em></a><em>, und einen aus dem </em><a href="https://www.mistida.com/livros/mistida/"><em>Roman „Mistida“</em></a><em> (ein Wort aus dem Kriol mit vielen Bedeutungen, etwa: Probleme, Angelegenheiten, Notwendigkeiten ), den Johannes Augel eigens für diese Lesereise übersetzt hat. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die <a href="https://l-lv.de/neu/Sila--Abdulai--Die-letzte-Tragoedie.html">im Leipziger Literaturverlag lieferbare deutsche Ausgabe</a> hat dann Ihre Kollegin Rosa Rodrigues übersetzt.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong><em>: Daraus entstand meine Freundschaft mit Abdulai Sila. Wir haben uns immer getroffen, wenn er nach Deutschland kam. Ich habe ihn mehrfach interviewt. 2012 oder 2013 schickte er mir das Manuskript seines Theaterstücks </em><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/abdulai-sila-zwei-schuesse-und-ein-lachen/backPID/abdulai-sila.html"><em>„Zwei Schüsse und ein Lachen&#8220;</em></a><em> und fragte, ob ich nicht ein paar Zeilen dazu schreiben könnte. Ich habe das Buch, das 2013 in Bissau erschienen ist, gelesen und es entstand ziemlich bald mein Wunsch, es zu übersetzen. Der Text hat mich sehr angesprochen. Außerdem war es einer der ersten Theatertexte aus Guinea-Bissau. Und es gab – abgesehen von den genannten kurzen Ausschnitten – noch keine literarischen Übersetzungen ins Deutsche aus Guinea-Bissau. Es dauerte aber dann noch einige Zeit, bis es zur Übersetzung kam.</em></p>
<p><em>Abdulai Sila hat als Romancier angefangen. „Zwei Schüsse und ein Lachen“ („Dois Tiros e Uma Gargalhada“) ist sein zweites Theaterstück, nach dem (nicht in deutscher Sprache vorliegenden) Stück „As Orações de Mansata“ („Die Gebete Mansatas“). Beide Bücher gehören zusammen, wie man schon auf den Covern der Bücher sieht, eine Figur, die einmal mit dem Gesicht, einmal mit dem Rücken zum Betrachter zu sehen ist. Es gibt dazu ein drittes Stück, das schon geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht ist. Inzwischen hat Sila sich ganz auf das Theater verlegt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es Aufführungen auch in Deutschland?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Leider kaum. „As Orações de Mansata“ hat seine Welturaufführung 2010 in portugiesischer Sprache durch eine studentische Theatergruppe in Köln erlebt. 2013 hat es eine Theatergruppe aus Coimbra mit Schauspielern aus verschiedenen portugiesischsprachigen Ländern aufgeführt und ist damit auch auf Tournee gegangen, in Portugal, in Spanien, in Guinea-Bissau. In Angola jedoch wurde die Aufführung drei Stunden vor Beginn verboten. 2023 gab es in Berlin eine szenische Lesung von „Zwei Schüsse und ein Lachen“ über den Verein </em><a href="https://www.drama-panorama.com/"><em>drama panorama</em></a><em>. Abdulai Sila, der sehr gut Deutsch spricht, war zugeschaltet, sodass man ihm auch Fragen stellen konnte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was finden wir in den Theaterstücken, die noch nicht in deutscher Sprache vorliegen? Vielleicht wissen Sie auch schon etwas über das noch nicht veröffentlichte dritte Stück?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>„As Orações de Mansata“ ist eine Adaption von Shakespeares „Macbeth” an afrikanische Verhältnisse. Es geht in der Trilogie um Macht und Machtmissbrauch, ein immer wieder aktuelles Thema in Guinea-Bissau. Die Stücke sind verbunden durch Textverweise und durch ihre Figuren, zum Beispiel durch ihre Gegenspieler. Während das erste Stück damit endet, dass sich die Rivalen um den Machtanspruch alle gegenseitig umbringen, gibt es in „Zwei Schüsse und ein Lachen“ ein Happy End. Mit Hilfe der Weisheit der „Homens Grandes”, den geachteten Ältesten in der guinea-bissauischen Gesellschaft, werden Gewalt, Korruption und politische Morde überwunden. Es geht auch darum, wie sich die Intellektuellen zur Macht verhalten.  </em></p>
<p><em>In einem Prozess am Ende des Stücks stellt Dimmo, eine der Hauptfiguren, die Frage: „Wie lässt sich erklären, dass jemand, der am eigenen Leib die furchtbaren Auswirkungen der Dummheit, der Inkompetenz, der Korruption, der Misswirtschaft und aller Verfehlungen der Vergangenheit erfahren hat, nun den gleichen Weg einschlagen will, den die genommen haben, die unser Land zerstört haben?“ </em></p>
<p><em>Erwähnen möchte ich noch ein neues Theaterstück von Abdulai Sila, das 2022 im Frühjahr in Bissau aufgeführt wurde, „Deih“, was so viel heißt wie „innige Verbundenheit“, „Freundschaft“. Sila hat das Stück in Kriol geschrieben. Es ist die Geschichte von zwei Frauen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. Die eine stirbt bei der Geburt ihres Kindes an den katastrophalen Verhältnissen im Krankenhaus. Die Freundin nimmt das Kind auf, erzieht es und studiert Medizin, um etwas zu verändern. </em><a href="https://www.youtube.com/watch?v=S7pQmbZtuG0"><em>Abdulai Sila hat es selbst inszeniert</em></a><em>. Da das Stück ein Auftragswerk des Französischen Kulturzentrums in Guinea-Bissau war, erschien es danach in einer zweisprachigen Ausgabe in Kriol und Französisch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sieht es mit der Rezeption der Literatur aus Guinea-Bissau und insbesondere von Abdulai Sila in Portugal aus?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Abdulai Sila sowie andere guinea-bissauische Autoren werden in universitären Kreisen wahrgenommen. Es gibt in Portugal an der </em><a href="https://www.uc.pt/en"><em>Universität von Coimbra</em></a><em> innerhalb des Studiengangs „Portugiesisch sprachige Literatur“ einen Schwerpunkt „Afrikanische Literaturen“. José Luís </em><a href="https://archive.org/details/literaturas-africanas-de-expressao-portuguesa-pires-laranjeira"><em>Pires Laranjeira</em></a><em> hatte den Lehrstuhl inne, ist aber inzwischen im Ruhestand. Er hat mehrfach über Abdulai Sila geschrieben. In seiner Rezension der 2023 in der „Trilogia de Padjigada“ veröffentlichten neuesten Theaterstücke von Abdulai Sila äußert er sein Unverständnis darüber, dass Abdulai Sila noch nicht mit dem </em><a href="http://livro.dglab.gov.pt/sites/DGLB/Portugues/premios/PremioCamoes/Paginas/PremioCamoes.aspx"><em>Premio Camões</em></a><em> ausgezeichnet worden sei, dem bedeutendsten Literaturpreis der portugiesisch sprachigen Welt. Abdulai Sila gelinge es, die gesellschaftlichen Verhältnisse scharf zu analysieren. </em></p>
<p><em>Ein weiterer Aspekt der Rezeption kommt aus dem Kreis ehemaliger portugiesischer Soldaten, die in Afrika stationiert waren und sich untereinander vernetzt haben. Einer von ihnen, der sich sehr für die Literatur in Guinea-Bissau interessiert, bespricht in seinem Blog auch immer wieder Bücher von Abdulai Sila und anderen Autoren, wie zum Beispiel Amadú Dafé. Seiner Meinung nach sind diese Bücher eine unverzichtbare Lektüre in Portugal. Das sind keine literaturwissenschaftlichen Analysen, ist aber für die Rezeption wichtig und letztlich auch ein Zeichen der Aufarbeitung der Kolonialherrschaft in Portugal.      </em></p>
<h3><strong>Stil und Anliegen von Abdulai Sila</strong></h3>
<div id="attachment_5504" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/suchbegriff/Abdulai%20Sila/verlagsprogramm/abdulai-sila-zwei-schuesse-und-ein-lachen/backPID/suche.html?sword=Abdulai%2520Sila"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5504" class="wp-image-5504 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Schuesse-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Schuesse-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Schuesse.jpg 296w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-5504" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie würden Sie den Stil Abdulai Silas beschreiben?</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Abdulai Sila schreibt mit Humor und sehr subtil. Nehmen wir zum Beispiel das Stück „Zwei Schüsse und ein Lachen”. Mit Witz und Ironie entwirft Sila ein Gegenmodell zur aktuellen politischen Realität und ruft zur Versöhnung auf. Er fordert eine Dekolonisierung des Denkens und damit ein Überdenken des Verhältnisses der Bürger (und Politiker) zur Macht. Ich fand es sehr schade, dass meine Freunde das Theaterstück nicht sehen oder lesen konnten, auch in unserem Verein. Humor kann man nicht einfach weitererzählen, das muss man lesen und sehen. Silas Theaterstücke zeigen uns eine moderne afrikanische Gesellschaft, die so gar nicht unseren Klischeevorstellungen von Afrika entspricht und die sehr viel mit uns Europäern zu tun hat. Abdulai Sila thematisiert die politischen Krisen in Guinea-Bissau in den letzten Jahrzehnten, eigentlich seit der Unabhängigkeit, insbesondere aber nach dem Bürgerkrieg in den späten 1990er Jahren. Die politischen Konflikte wurden oft gewaltsam ausgetragen, politische Gegner wurden als „Verräter&#8220; gebrandmarkt und beseitigt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlaube mir, ein Beispiel für den Humor und die Ironie in den Büchern von Abdulai Sila zu zitieren. In „Die letzte Tragödie“ denkt die männliche Hauptperson über das Verhältnis von Schwarzen und Weißen nach: <em>„Die Weißen arbeiten wenig, aber denken viel; die Schwarzen arbeiten viel, aber denken wenig.“</em> In diesem Satz stecken ein ganzes politisches Programm und alle Schwierigkeiten, dieses Programm auch zu verwirklichen.</p>
<p>Ich habe die Bücher von Abdula Sila als sehr ambivalent erlebt, gerade weil es keine eindeutige Trennung von Gut und Böse gibt, weil sie interne Konflikte ebenso zeigen wie die Kolonialherrschaft. Auch in <a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/abdulai-sila-die-tage-von-kubukare/backPID/abdulai-sila.html">„Die Tage von Kubukaré“</a>. Die Geschichte wird aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt, die viele idealistische Ideen hat, aber dann von der Partei zur Krankenschwester gemacht wird. Das kann sie, aber das war nicht ihr Traum. Ihre politischen Ideen haben da keinen Platz.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Bei dem bisher letzten Roman von Abdulai Sila, „Die Tage von Kubukaré&#8220;, hat mich von Anfang an diese starke Frauenfigur fasziniert. Sila schildert das außergewöhnliche Leben einer Frau, die sich auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben dem Kampf um die Unabhängigkeit Guinea-Bissaus anschließt. Zwei Themen sind dabei miteinander eng verknüpft, nämlich der Befreiungskampf Guinea-Bissaus gegen die portugiesische Kolonialherrschaft und der Emanzipationsprozess der Frau. Bemerkenswert finde ich, wie Sila das Geschehen aus der Perspektive der Frau erzählt. Deshalb wollte ich das Buch auch unbedingt übersetzen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus dem Roman zitieren: <em>„Wir wenden das Blatt und siehe da, die Geschichte tendiert zur Wiederholung, bevor sie Geschichte ist. Unsere wahre Geschichte. Nachdem die Anziehungskraft der Solidarität sich verflüchtigt hat, scheidet sich früh der Diskurs von der Praxis und untergräbt das Fundament und den Zauber der tausendfach versprochenen Morgenröte. Die Ideologie des <u>Tafal-Tafal</u>, des Betrugs, macht sich breit und verhängt eine graue und lahmende Zukunft. / Der Unglaube erreicht eine kollektive Dimension und die Barbarei überschreitet die Grenzen des Beschreibbaren.“ </em>In dem Roman wechseln reflektierende Passagen der Hauptperson mit den erzählenden Passagen ab und in einer solchen Stelle erfahren wir alles über ihre Träume und zugleich über deren Zerstörung.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Ich denke, vielleicht habe ich mit „Diskurs von der Praxis“ einen Übersetzungsfehler gemacht. Ich hätte auch schreiben können: „das Wort von der Tat“. Aber ich wollte den politischen Begriff, denn so wird in einer politischen Partei gesprochen. Abdulai Sila verfolgt das Ziel der Dekolonialisierung des Denkens. Der Kolonialismus hat Spuren hinterlassen, aber es kommt nicht nur von den Weißen, sondern er ist auch in den Menschen drin, die Denkmuster des Kolonialismus übernommen haben. </em></p>
<h3><strong>Assimilados</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Interessant ist das Bild von Europa, das Bild der <em>„Weißen“</em>, wie es Abdulai Sila – ich möchte es einmal so nennen – dekonstruiert. Ich nenne einige Beispiele, auch aus anderen Texten:</p>
<ul>
<li>In der Erzählung „Die Lese“ von <a href="https://www.buala.org/pt/autor/marinho-de-pina">Marinho de Pina</a> träumt ein junger Mann, davon, dass man in Europa, in Portugal, in <em>„terra-branco“</em> das Geld auf der Straße auflesen könnte. Sein Vater ist kein armer Mann, aber da gibt es den Imam, der reich zu sein scheint und in der Lage ist, seine eigene Moschee zu bauen. Da <em>„fragte ich jetzt, wo mein Vater zögerte oder gar aufgeben wollte, nur danach, wie es in <u>Europa</u> war, statt danach zu fragen, wie man nach <u>Europa</u></em> <em>kommt.“</em> Es muss <em>„Zauberei“</em> sein, wie die Menschen in Europa, <em>„die Weißen“,</em> sich dort ein schönes Leben machen.</li>
</ul>
<ul>
<li>Ein Gegenbild ist der junge Mann in der Erzählung „Eine Frage der Freiheit“ von Edson Incopté (ebenfalls in „Fora de Jogo“), dem es vorherbestimmt ist, seinem Vater nachzufolgen und der deshalb aus Portugal nach Guinea zurückkehren muss: „<em>In Guinea-Bissau war sein Leben schon vorherbestimmt. Es war nicht nur vorherbestimmt, sondern es war auch klar, dass er eines Tages in Braia den Thron seines Vaters erben würde.“</em> Es war <em>„von Geburt an sein Schicksal (…) eine Mission zu erfüllen.“</em></li>
</ul>
<ul>
<li>In „Die Tage von Kubukaré“ lesen wir: <em>„Das Leben ist eine Abfolge von Augenblicken. (…) Und wie in einem Science-Fiction-Film lassen wir uns von unseren Sinneseindrücken täuschen. Die Realität ist das eine, unsere vorurteilsbehaftete Interpretation dieser Realität ist etwas anderes. Manchmal näheren sie sich an, sind aber immer verschieden. Nie sind sie identisch.“</em></li>
</ul>
<div id="attachment_5505" style="width: 209px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/suchbegriff/Abdulai%20Sila/verlagsprogramm/abdulai-sila-die-tage-von-kubukare/backPID/suche.html?sword=Abdulai%2520Sila"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5505" class="wp-image-5505 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Kubukare-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Kubukare-199x300.jpg 199w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Kubukare-200x301.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/12/Sila_Kubukare.jpg 347w" sizes="(max-width: 199px) 100vw, 199px" /></a><p id="caption-attachment-5505" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Es gibt in „Die Tage von Kubukaré“ eine Szene, in der das Mädchen in die Schule geschickt wird. Die Mädchen mussten eine Perücke tragen, wenn sie in die Schule oder in die Kirche gingen, damit man das krause Haar nicht sieht. Sie musste sich mit der Perücke als Afrikanerin verleugnen, dabei war das Afrikanisch-Sein ihr Traum von Freiheit: „Ich entdeckte die magische Bedeutung, afrikanisch zu werden, die Faszination der Unabhängigkeit. (…) Eine neue Welt entstand, ein Traum wurde wahr. Allen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, selbst den Weißen, in einem Ausweis ohne diskriminierendes ‚B‘ seinen eigenen Namen zu tragen, ohne dass es ein Pseudonym oder ein von den Weißen gegebener Beiname war, ohne Perücke zur Schule gehen zu können, unsere Kleidung zu tragen und unsere eigene Sprache ohne Gewissensbisse und Komplexe sprechen zu können, in Frieden und Harmonie mit allen zu leben! Wie wundervoll war es, sich als Afrikaner zu begreifen!“</em></p>
<p><em>Es gab ein Gesetz, das „Statut der Indigenen”, das die Rechte und Pflichten der indigenen Bevölkerung festlegte und die Gesellschaft in „Indigene”, „Assimilados” und „Staatsbürger” einteilte. Assimilado konnte man nur werden, wenn man alles ablegte, was afrikanisch war. Man musste lesen und schreiben können, was auch viele Portugiesen nicht konnten, man musste sich kleiden wie die Europäer, man musste die eigenen Sitten und Gepflogenheiten ablegen. Dazu gehörte das Tragen der Perücke bei den Mädchen.</em></p>
<p><em>Vor zwei Jahren ist mir in Guinea-Bissau aufgefallen, dass viele Frauen Perücken tragen, selbst in den Dörfern. Vor allem, wenn sie sich chic machen und ausgehen. Das ist eine neue Entwicklung in Guinea-Bissau. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern ist. Europäische Schönheitsideale wirken sich aus. Das sind europäische oder amerikanische Perücken, nicht unbedingt glatte Haare, aber eher größere Locken. Das ist auch ein Thema in „Zwei Schüsse und ein Lachen“. Abdulai erzählte, dass Millionen für Schönheitsprodukte ausgegeben werden, aber kein Geld für Bücher. Das ist auch eine Seite, von der man sich freimachen muss, wenn es um Dekolonisierung geht.</em></p>
<h3><strong>Bildung befreit</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aufgefallen ist mir in den Büchern von Abdulai Sila in diesem Zusammenhang die Darstellung von Schule und Religion. In „Die letzte Tragödie“ gibt es die Mission von Dona Linda, die selbst nicht lesen und nicht schreiben kann, aber alle Kinder in die Schule schickt, damit sie dort – so nenne ich das jetzt einmal – portugiesisch werden. Der dominierende Unterrichtsinhalt ist die christliche Religion. Wie schwer es ist, das Afrikanische in sich selbstbewusst zu zeigen, wird in „Die letzte Tragödie“ unter anderem am Beispiel der Rolle eines Lehrers reflektiert: <em>„War der Lehrer etwa nicht auf den Umgang mit dem Chef und seine Begünstigung angewiesen, um anderen zu zeigen, dass er kein Eingeborener, sondern ein Assimilierter oder vielleicht sogar ein Zivilisierter war.“</em></p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Kirche und Diktatur gehörten unter Salazar zusammen. Der Mann von Dona Linda hat auch nur die vierte Klasse besucht. Das Thema ist in „Die letzte Tragödie“ schon zwiespältig. Der Lehrer, der sich dann später mit Ndani zusammentut und am Schluss verbannt wird, hat auf der Missionsschule bestimmte Werte gelernt und stellt fest, dass das Verhalten der Weißen nicht dem entspricht, was in der Schule gelehrt wird.</em></p>
<p><em>Generell zur Bildung, gerade auch in Guinea-Bissau: Am Ende der Kolonialherrschaft waren über 90 Prozent der Bevölkerung Analphabeten, auch heute sind es noch etwa 50 Prozent. Das erste, das während der Unabhängigkeitsbewegung geschah, war die Errichtung von Schulen. Nach der Unabhängigkeit gab es Alphabetisierungskampagnen nach dem Prinzip von </em><a href="https://paulo-freire-kooperation.de/paulo-freire/"><em>Paolo Freire</em></a><em>, in denen sich auch Abdulai Sila engagierte. Zugang zu Bildung ist eigentlich der wesentliche Punkt, lesen können, schreiben können. Das Motiv taucht bei Abdulai Sila immer wieder auf, zum Beispiel auch in „Zwei Schüsse und ein Lachen“. Es geht um Bildung für alle, Gesundheit für alle. In „Die Tage von Kubukaré“ wird die junge Frau von ihrer Mutter in die Schule geschickt. Das war in den 1960er Jahren, in denen der Roman spielt, noch ganz ungewöhnlich, dass Mädchen zur Schule gehen. In den Theaterstücken, die Abdulai Sila heute schreibt, ist Bildung nach wie vor ein wesentlicher Punkt. Sich selbst orientieren können, gerade auch für Frauen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bildung war auch ein wichtiges Motiv für die Gründung des eigenen Verlags.</p>
<p><strong>Renate Heß</strong>: <em>Abdulai Sila und seine Mitgründer:innen haben den Verlag bewusst nicht im Ausland, sondern in Guinea-Bissau gegründet. Das Buch ist nicht etwas, das von außen, aus dem Ausland kommt, das Buch, die Bücher werden in Guinea-Bissau selbst gemacht. Das Buch sollte kein „Luxusgegenstand” sein. Abdulai Sila nannte das, was er machte, auch: „banalizar o livro“, das Buch zu etwas Gewöhnlichem machen, etwas, das überall verfügbar ist. Wenn jetzt jemand ein Buch veröffentlichen kann, kann das auch jemand anders. Im KuSiMon Verlag erschien zum Beispiel in den 2000er Jahren ein Buch, das zwei Schüler gemeinsam geschrieben haben. Es ging darum, junge Leute zu ermutigen zu schreiben und zu veröffentlichen. </em></p>
<p><em>Mit dem Ziel, das Lesen zu fördern und Interesse an Literatur zu wecken, wurden  auch vom PEN-Zentrum in Guinea-Bissau Literaturzirkel von Jugendlichen ins Leben gerufen, die </em><a href="https://www.instagram.com/clube_amor_a_leitura/p/DBRQ0lfs4Hi/?img_index=1"><em>„clube de amor à leitura“</em></a>,<em> (deutsch: „Liebe zum Lesen“). Diese Initiative fördert solche Literaturzirkel auch an Schulen. Das hat eine enorme Bedeutung in einem Land, das keine einzige öffentliche Bibliothek oder keine wirkliche Buchhandlung hat. Und diese Literaturzirkel gibt es inzwischen auch in Lissabon, in der Diaspora. Diese Leseclubs geben den jungen Leuten Selbstbewusstsein. Das ist auch ein wesentlicher Aspekt der Arbeit von Abdulai Sila, der sich nicht nur als Schriftsteller engagiert, sondern insgesamt auf dem Feld der Kultur. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2024, Internetzugriffe zuletzt am 30. November 2024. Das Titelbild ist ein Screenshot aus der auf youtube verfügbaren <a href="https://www.youtube.com/watch?v=S7pQmbZtuG0">Aufführung von „Deih“</a> im Centro Cultural Franco-Bissau-Guineense.)</p>
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		<title>Projektionen und Spiegelungen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 19 Dec 2023 06:56:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Projektionen und Spiegelungen Das gefährliche Gemisch des israelbezogenen Antisemitismus „Und trotzdem: Es ist eine große Leistung freier demokratischer Gesellschaften, auch moralisch und politisch fehlgeleitete Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu tolerieren. Auch darum geht es nun in diesem Krieg. Nicht nur um das Überleben der Israelis und Juden, sondern um das Besiegen des  [...]</p>
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<h2><strong>Das gefährliche Gemisch des israelbezogenen Antisemitismus</strong></h2>
<p><em>„Und trotzdem: Es ist eine große Leistung freier demokratischer Gesellschaften, auch moralisch und politisch fehlgeleitete Menschen im wahrsten Sinne des Wortes zu tolerieren. Auch darum geht es nun in diesem Krieg. Nicht nur um das Überleben der Israelis und Juden, sondern um das Besiegen des Dschihadismus. Damit auch die Gegner der Juden frei leben können.“ </em>(<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/natan-sznaider-nahost-linke-krieg-israel-hamas-palaestina-1.6292773">Natan Sznaider, Zur Lüge der Linken, in: Süddeutsche Zeitung 24. Oktober 2023</a>)</p>
<p>Der 7. Oktober 2023 veränderte alles, fast alles. So denken manche, aber die Reaktionen auf den 7. Oktober machten etwas sichtbar, das wir lange vielleicht nicht sehen wollten: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/antisemitismus-2-0/">Israelbezogener Antisemitismus</a> wurde in den vergangenen 20 Jahren zur populärsten Variante des Antisemitismus, dessen besonderer Vorteil für diejenigen, die sie vertreten, darin besteht, dass sie ihren historischen Antisemitismus beziehungsweise Antijudaismus hinter einer <em>„Israelkritik“</em> verstecken können, die offenbar manche für so berechtigt halten, dass es der Begriff in den Duden hineinschaffte. Andere Kombinationen der Nennung eines Landes mit dem Suffix <em>„-kritik“</em> gibt es nicht. Vergleichbar ist nur ein anderes im Duden enthaltenes I-Wort, die <em>„Islamkritik“</em>, die allerdings in manchen aktuellen Debatten fast wie ein Spiegelbild der sogenannten <em>„Israelkritik“</em> wirken mag, weil diejenigen viel Zustimmung genießen, die antiisraelisch-antisemitische Haltungen ausschließlich Muslimen zuschreiben. Die einen <em>„kritisieren“</em> Israel, die anderen den Islam.</p>
<h3><strong>Denkwürdige Koalitionen</strong></h3>
<p>Die Vorgeschichte der Kritik an Israel reicht zumindest in das Jahr 1967, das nach verschiedenen Historikern, prominent vor allem Tom Segev mit seinem Buch <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/tom-segev/1967-israels-zweite-geburt.html">„1967 – Israels zweite Geburt“</a>, ein Schlüssel- und Wendejahr war. 1967 war das Jahr, in dem Israel Besatzungsmacht wurde, ein Zustand, der bis heute zu heftigen Kontroversen auch in Israel selbst führt. Nach dem 7. Oktober konnte sich der Streit um Israel und die Frage, ob jede Kritik an Israel als Antisemitismus zu bezeichnen wäre, auf eine sich zunehmend radikalisierende Stimmungslage stützen, die nicht nur in palästinensischen, arabischen oder muslimischen Communities der westlichen Welt, sondern auch an den dortigen Hochschulen und in den westlichen zivilgesellschaftlichen Communities ihre Basis hatte, sich aber auch darin äußerte, dass die Zustimmungswerte für die Selbstverteidigung Israels in der Bevölkerung deutlich unter denen liegen, derer sich nach dem 24. Februar 2022 die Ukraine erfreuen dürfte.</p>
<p>Nach dem 7. Oktober entstand eine denkwürdige Koalition von Islamismus, sich antikolonialistisch begründenden Linken, Kultur- und Clubszene, die nur eines gemeinsam hatten: sie alle verurteilten nicht die Hamas, sondern Israel. Die Nürnberger Politikwissenschaftlerin <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wider-die-empathiesperre/">Meltem Kulaçatan diagnostizierte eine <em>„Empathiesperre“</em></a>, die sich inzwischen zu einer <em>„Gesprächssperre“</em> ausgewachsen hat. Wir erleben ein Paradox, wie es Anshel Pfeffer, Korrespondent für die internationale Ausgabe von Ha’aretz und <a href="https://www.disorient.de/magazin/wie-netanjahu-die-welt-sieht-anshel-pfeffers-neue-bibi-biographie">Autor einer Netanjahu-Biographie</a>, in seiner Analyse des Antisemitismus in der britischen Labour Party unter Jeremy Corbyn beschreibt, <em>„dass Individuen auf persönlicher Ebene nicht als antisemitisch gelten, obwohl sie einer Weltanschauung anhängen, die antisemitisch ist.“</em> Eben dieses scheinbare Paradox bestimmt auch die Haltung mancher Intellektueller gegenüber der BDS-Bewegung.</p>
<p>Der zitierte Satz Anshel Pfeffers stammt aus dem vom Suhrkamp-Verlag im Jahr 2023 neu aufgelegten Band „Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte“. Der Band enthält Texte aus dem Jahr 2004, viele davon wurden von ihren Autor:innen mit einem auf das Jahr 2018 datierten Nachwort versehen. 2023 erschien die dritte, diesmal nicht mehr veränderte Auflage. Herausgeber der zweiten und dritten Auflage sind Christian Heilbronn, Doron Rabinovici und Natan Sznaider (die erste Auflage besorgte an Stelle von Christian Heilbronn Ulrich Speck). Doron Rabinovici und Natan Sznaider verfassten den einleitenden Essay unter der den Gesamttitel zuspitzenden Überschrift „Neuer Antisemitismus: Die Verschärfung einer Debatte“.</p>
<p>Das Buch enthält 18 Essays, die sich in drei Kapitel aufteilen lassen. Omer Bartov, Tony Judt, Judith Butler, Gerd Koenen und Sina Arnold sorgen für eine allgemeine Bewertung der Debatte. Michel Wieviorka, Matthias Küntzel, Katajun Amirpur, Ian Buruma, András Kovács, Rafał Pankowski, Jan T. Gross, Brian Klug und Anabel Pfeffer beschreiben die Diskurse in verschiedenen Ländern, in Frankreich, in der arabischen Welt, im Iran, in den USA, in Ungarn, in Polen, in Großbritannien. Der dritte Teil darf mit vier Texten von Monika Schwarz-Friesel, Ingrid Brodnig, Moshe Zimmermann und Dan Diner als eine Art Phänomenologie des Antisemitismus beziehungsweise der Debatten um Antisemitismus gelesen werden.</p>
<p>Das Buch dekonstruiert den Antisemitismus der antikolonialistischen Linken, die mit Israel ein klares Hassobjekt hat, aber Kritik an muslimischem Antisemitismus gerne als rassistisch und kolonialistisch markiert. Es benennt ebenso die zurzeit eher verklausulierten Erscheinungsformen des rechten nationalistisch begründeten Antisemitismus, der ungeachtet antikapitalistisch lesbarer Anklänge sein Haupthassobjekt vor allem im Islam findet, in seinem Antisemitismus jedoch in der antikolonialistischen Linken so Gesinnungsgenoss:innen findet.</p>
<h3><strong>Erkenntnisinteresse Delegitimation</strong></h3>
<p>Jürgen Wiebicke nannte in unserem Gespräch für den Demokratischen Salon mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/gute-orte-und-die-lust-zu-streiten/">„Gute Orte und die Lust zu streiten“</a> auf einen Text von <a href="https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/rassismus-und-debattenkultur-baldwin-versus-buckley-16908920.html">Claus Leggewie in der FAZ</a>:<em> „Er hat an eine historische Debatte aus den frühen 1960er Jahren zwischen dem Nobelpreisträger James Baldwin und William Buckley Jr., dem Protagonisten der damaligen neuen Rechten, erinnert. Er macht darauf aufmerksam, dass man sich eine solche Debatte heute nicht mehr vorstellen könnte, weil beide Seiten wahrscheinlich keine Lust mehr hätten, öffentlich miteinander zu streiten. Natürlich muss man sich fragen, wo die Grenze verläuft. Aber das politische Klima hat sich so sehr verändert, dass wir manche Menschen nicht mehr gemeinsam einladen können, damit diese sich öffentlich streiten. Ich finde, das ist ein trauriger Befund. Im Hinblick auf unsere derzeitige Debattenkultur.“</em></p>
<p>Das Buch „Neuer Antisemitismus?“ wagt diesen Streit, zwar nicht in einem gemeinsamen realen, wohl aber in einem virtuellen Raum. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/fragile-allianzen/">Aber manche Debatte zeigt, dass schon ein virtuelles Treffen, hinter einem gemeinsamen Buchcover, problematisch werden kann</a>. Unbestreitbar ist: <em>„In verschiedenen Städten Europas und der USA wissen sich Juden heute nicht mehr sicher.“</em> Wohlgemerkt: <em>„wissen“</em>! Es ist nicht nur ein diffuses Gefühl. Auch dies sollte nie vergessen, wer sich auf Debatten zum Antisemitismus einlässt.</p>
<p>Wer sich auf die Debatte um den heutigen Antisemitismus einlässt, sollte wissen, was es bedeutet – so Doron Rabinovici und Natan Sznaider in ihrer Einleitung –, in <em>„theoretischen Treibsand“ </em>zu geraten: man findet <em>„sich zumeist in einer fatalen Dichotomie zwischen Alarmisten und Leugnern gefangen.“</em> Ebenso sicher ist die Tatsache, dass mit der Frage, <em>„ob Kritik an Israel antisemitisch ist oder nicht, bedeutet, die Büchse der Pandora zu öffnen, denn derartige Beiträge enden für gewöhnlich in der Debatte über die Legitimität der Kritik“</em>.</p>
<p>Dies sieht im Übrigen auch Judith Butler so. Sie konstatiert einen <em>„Unterschied zwischen Antisemitismus und dem Antisemitismusvorwurf“, </em>landet aber wenige Worte später bei der Frage, ob BDS antisemitisch sei. Aus ihrer Sicht natürlich nicht, denn es gehe um <em>„gewaltfreie Maßnahmen gegen eine Kolonialmacht (…), die staatliche Gewalt einsetzt, um die politischen Rechte seiner Minderheiten zu untergraben.“</em> Sie unterscheidet allerdings nicht zwischen dem Existenzrecht des Staates Israel, das auch die UN-Charta garantiert, und dem Verhalten verschiedener Teile der israelischen Regierungen, nicht zuletzt denen, die die sogenannte Siedlerbewegung vertreten und diese nach Kräften unterstützen.</p>
<p>Judith Butler und Tony Judt vertreten die bekannte antikolonialistische Perspektive, die Antisemitismus und Antizionismus deutlich voneinander trennt. Tony Judt kritisiert, <em>„dass in Europa Antizionismus und Antisemitismus synonym geworden sind“</em>, Judith Butler verficht ihre pro-palästinensische Haltung, die auch die BDS-Bewegung integriert, mit dem Ziel einer <em>„Allianz der sozialen Gerechtigkeit“</em>. Wer diese Positionen widerlegen will, sollte diese Texte kennen.</p>
<p>Vielleicht ahnen wir in dieser Gefechtslage – man vergebe mir die militärische Assoziation, aber sie ist nicht allzu weit hergeholt, wenn man den Ton mancher Debatten verfolgt –, wie eine heutige Debatte zwischen einem James Baldwin und einem William Buckley verlaufen würde, sofern sie überhaupt stattfände. Als gängige rhetorische Figur dürfte sich der Versuch der Delegitimation der Einlassung des Anderen erweisen. Delegitimation ist eines der <a href="https://jcpa.org/phas/phas-sharansky-s05.htm">drei <em>„D“</em>, die Natan Sharansky als Antisemitismus-Schnelltest nannte</a>: <em>„Delegitimation, Diabolisierung, Doppelstandards“</em>. Alle drei <em>„D“</em>, jedes für sich, töten im Grunde jeden Versuch einer Rechtfertigung oder Verteidigung Israels. Kontroverse wird zu Konfrontation und Konfrontation wird zu mehr oder weniger hämischer Schadenfreude über die Schlechtigkeit des Anderen.</p>
<p>Doron Rabinovici und Natan Sznaider fassen in ihrer Einleitung den in ihrem Buch enthaltenen Essay von Sina Arnold mit den Worten zusammen: <em>„Von rechts freut man sich über den linken Antisemitismus und verharmlost den eigenen, und von links freut man sich des rechten Antisemitismus und verharmlost die eigenen Vorurteile.“</em> Ergänzen ließe sich die Freude mancher Vertreter:innen der antikolonialistischen Linken, dass es – wie die aktuelle israelische Regierung zeigt – auch rechtsextremistische und rassistische Juden gibt, eine weitere Gelegenheit zur Delegitimation gleich all derjenigen, die Israel verteidigen, ignorierend, dass viele, die durchgehend das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels verteidigen, sich jedoch oft genug mehr als deutlich von der israelischen Regierung und nicht zuletzt von der Siedlerbewegung im Westjordanland distanzieren.</p>
<h3><strong>Wie muslimisch ist der Antisemitismus?</strong></h3>
<p>In einer solchen Stimmung markiert <em>„die eine Seite jeweils die andere als den wahren Agenten des eigentlichen Antisemitismus“</em>. Mit diesem Gedanken kommentieren Doron Rabinovici und Natan Sznaider Judith Butlers Beitrag von 2004 und ihren Selbstkommentar von 2018. Spiegelbildlich dazu passt die Frage nach der palästinensischen Seite, die oft als muslimische Seite gelesen wird, obwohl nicht alle Palästinenser:innen Muslim:innen sind. Der Islam beziehungsweise eine radikale Lesart des Islam gilt allerdings bewaffneten palästinensischen Gruppen, der Hamas, der Hisbollah, dem Islamischen Dschijad als Grundlage und Auftrag.</p>
<p>Sina Arnold spricht von einer <em>„Selbstethnisierung“</em> mancher migrantischen Deutschen, auch von <em>„muslimischen oder nichtmuslimischen – Geflüchteten.“</em> Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie <em>„immer wieder aus dem ‚deutschen Wir‘ herausdefiniert“</em> werden. <em>„Ihr Antisemitismus hat, neben ideologischen Ursachen wie etwa salafistischen Einflüssen, gerade unter Jugendlichen manchmal eben auch die Funktion der Selbstethnisierung, Identitätsstabilisierung und Provokation – gerade vor dem Hintergrund der Betonung anderer identitärer Marker wie ‚muslimisch‘, ‚arabisch‘ oder ‚palästinensisch‘.“</em> Wer keinen deutschen Pass hat, ist vielleicht vorsichtiger. Allerdings lassen sich in Studien über Einstellungen Geflüchteter auch Veränderungen zum Guten feststellen. Sina Arnold zitiert: <em>„Vor dem Krieg wusste ich, dass Israel der allererste Feind der Syrer ist. Das wurde bei uns in der Schule unterrichtet, dass Israel der Feind ist. Jetzt, nach dem Krieg, habe ich gesehen, dass nicht Israel der größte Feind Syriens ist, sondern der Iran und die Hisbollah.‘ Andere erinnern sich daran, dass die israelische Polizei syrische Verwundete an den Grenzen versorgte.“</em> Meltem Kulaçatan berichtet in dem zitierten Interview von muslimischen Frauen in Deutschland, die sie fragten, wie sie sich mit Jüdinnen solidarisch zeigen könnten.</p>
<p>Weder in der Pädagogik noch in der Integrationspolitik gibt es eine Lösung, die auf alle passt. Es sind – wie die <a href="https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/handlungsfelder-cluster/bilden-fuer-lebendiges-erinnern/memo-studie">MEMO-Studien</a> nachweisen – nicht nur Zugewanderte, die nicht wissen, was in Auschwitz-Birkenau geschah. Es spielt letztlich keine Rolle, woher jemand kommt, der die Shoah verharmlost oder ignoriert, sich antisemitisch äußert oder eben auch nicht. Sina Arnold fordert, <em>„Haltungen statt der Herkunft in den Mittelpunkt zu stellen. Die Frage wäre dann nicht mehr: Araber, Muslim, Deutscher oder Flüchtling? Sondern: Wie lassen sich religiöser Fundamentalismus, antidemokratische Einstellungen, Antisemitismus oder Rassismus bekämpfen – egal, von wem diese ausgehen.“</em> In diesem Zusammenhang sollte zuerst die Frage nach dem Erkenntnisinteresse geklärt werden. In vielen Debatten geht es in erster Linie um die Delegitimation des Anderen, um Identitätspolitik.</p>
<p>Das gilt nicht zuletzt für Staatsführer, die sich als Muslime inszenieren, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Omer Bartov belegt die gängige Verharmlosung der Äußerungen solcher Staatsführer in der westlichen Politik und Presse am Beispiel des mehrmaligen malaysischen Premierministers Mahathir Mohamad, der am 16. Oktober 2003 „<em>vor der Islamischen Konferenz erklärt hatte, die Juden beherrschten die Welt“</em>. Mit den dazugehörigen Schlussfolgerungen. Westliche Journalist:innen und Politiker:innen verurteilten die Rede. Nicht mehr und nicht weniger.</p>
<p>Omer Bartov verweist in seinem Beitrag in „Neuer Antisemitismus?“ auf das „Zweite Buch“; in dem Hitler schon in den 1920er Jahren all das aufgeschrieben hatte, was er dann tatsächlich tat beziehungsweise veranlasste. Das Buch wurde zu Hitlers Lebzeiten nicht veröffentlicht, sondern erst 1958 entdeckt. Omer Bartov stellt lapidar fest: „<em>Wenn diese Leute sagen, dass sie dich töten, dann töten sie dich auch – es sei denn, du tötest sie zuerst.“</em> So ist es auch mit den Einlassungen moderner Staatsführer.</p>
<p>Omer Bartov verweist auf Paul Krugman, der in der New York Times für Verständnis warb, Mahatir Mohameds <em>„Antisemitismus sei lediglich ‚ein Bestandteil eines innenpolitischen Balanceaktes‘.“ </em>Anders gesagt: Antisemitismus als Metapher. Ähnlich ließen sich die Kommentare der antikolonialistischen Linken und vieler aus ehemaligen Kolonien entstandener Staaten des sogenannten „Globalen Südens“ zum Massaker der Hamas vom 7. Oktober relativieren. Alles nur zur Befriedung der eigenen Community? Omer Bartov zitiert die Inhalte der Hamas-Charta sowie Einlassungen eines Mitglieds der für den Terrorangriff vom 11. September 2001 verantwortlichen Al-Qaida-Zelle vor dem Hamburger Gericht. Islamismus und Nationalsozialismus seien nicht dasselbe, aber es zeige sich, <em>„dass der Islamismus einen sehr europäischen, naziähnlichen, genozidalen Antisemitismus in sich aufgenommen hat.“</em> Und damit sind wir wieder bei Hitlers Büchern, Omer Bartov schreibt: <em>„Hitler hat der Menschheit eine wichtige Lektion erteilt: Wenn du einen Nazi siehst, einen Faschisten oder einen Antisemiten, dann musst du sagen, was du siehst. Wenn du etwas rechtfertigen willst, dann beschreibe genau, was du damit herunterspielst. (…) Wo die Klarheit aufhört, da beginnt die Mittäterschaft.“</em></p>
<p>In Deutschland verschwindet diese Klarheit immer wieder. So geht nach dem 7. Oktober 2023 wieder einmal die Mär um, der hiesige Antisemitismus sei importiert. Einer der ersten, die sich so äußerten, war Hubert Aiwanger. Deutsche Antisemiten? Kann es doch gar nicht geben, aber die Zuwandernden möchten sich doch bitte gegen jeden Antisemitismus erklären und zum Existenzrecht Israels bekennen. Die Innenministerin von Sachsen-Anhalt machte den Anfang. Aber woher kommt der Antisemitismus in den arabischen Ländern? Oder müssen wir davon ausgehen, dass es sich bei dem in Deutschland feststellbaren arabischem Antisemitismus um einen Re-Import handelt, der auch wiederum manche antisemitische Koalition erklären könnte?</p>
<p>Matthias Küntzel hat sich intensiv mit dieser Frage befasst, ausführlich in seinem Buch „Nazis und der Nahe Osten – Wie der Islamische Antisemitismus entstand“ (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2019). In seinem Beitrag in „Neuer Antisemitismus?“ beschreibt er die Rolle des NS-Radiosenders Zeesen, des von der Hisbollah betriebenen Satellitenkanals Al-Manar, die Bedeutung des Wirkens des Großmuftis von Jerusalem, Amin el-Husseini, und seiner Freundschaft zu Hitler. Matthias Küntzel nennt allerdings auch die Unterschiede zwischen christlichem und islamischem Antijudaismus. Der christliche Antijudaismus warf den Juden vor, Jesus Christus ermordet zu haben, Mohammed hingegen ließ die jüdischen Stämme aus Medina vertreiben, versklaven und töten. Angesichts dieses Unterschieds musste der Gedanke, dass Juden <em>„eine permanente Gefahr für die Muslime und die Welt bedeuteten, absurd erscheinen. / Umso kraftvoller musste diese Wahnidee der arabisch-islamischen Welt eingehämmert werden.“</em> Im Folgenden beschreibt Matthias Küntzel die Rezeption des Peel-Plans von 1937 zur Teilung Palästinas, die Rolle der Muslimbruderschaft in der Mitte der 1930er Jahre bis hin zur auch heute noch virulenten Rezeption der „Protokolle der Weisen von Zion“, auf die sich auch die Hamas-Charta beruft. <em>„In Beirut waren es nicht Horst Mahler und seine Freunde, sondern erklärte Gegner des Faschismus, die mit der Hisbollah und ihrem stellvertretenden Generalsekretär, Scheich Naeem Qasim, zusammenkamen.“</em></p>
<h3><strong>Hauptgegner Israel – Antisemitismus und Antiamerikanismus</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/traditionen-eines-liberalen-islam/">Katajun Amirpur</a> differenziert im Hinblick auf den Iran. Die eine Seite lässt sich aus den Schriften und der Politik des Gründers der Islamischen Republik Iran ableiten: <em>„Für die Probleme Irans macht Khomeini den Westen, die Juden und beider Handlanger, Mohamed Reza Pahlewi, verantwortlich.“</em> Khomeini ist es gelungen, sich erfolgreich als Partner der antikolonialistischen Bewegungen dieser Welt zu inszenieren. Katajun Amirpur hat dies in ihrer Khomeini-Biographie (München, C.H. Beck, 2019) belegt. Es gibt im Iran aber auch andere Stimmen. Sie nennt beispielsweise Abdol-Hossein Sardari, der <em>„als iranischer Diplomat in Paris während der vierziger Jahre Hunderten französischer Juden das Leben (rettete), indem er ihnen einen iranischen Pass verschaffte, mit dem sie in den Iran flohen.“</em> Ausführlicher dazu in ihren Büchern „Reformislam – Der Kampf für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte“ (München, C.H. Beck, 2013, 3. Auflage 2019) sowie „Iran ohne Islam – Der Aufstand gegen den Gottesstaat“ (München, C.H. Beck, 2023). Es setzte sich jedoch in der Iranischen Republik die Position Mahmud Ahmadinedschads durch, der von 2005 bis 2013 Präsident war und dessen Auffassungen dank der Unterstützung der herrschenden Mullahs, allen voran Ali Khamenei, nach wie vor gelten und nicht zuletzt für die Aufrüstung der Hisbollah an den Grenzen Israels verantwortlich sind.</p>
<p>Ian Buruma analysiert die Beziehungen zwischen Amerika und Israel und kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die Jahre 1956 mit der Suezkrise und 1967 mit dem Sechstagekrieg seien Schlüsselereignisse, die ihre Wirkmächtigkeit aus der <em>„Politik des Kalten Krieges“</em> zogen. Hier verbinden sich Antisemitismus, Antizionismus, Antikolonialismus und Antiamerikanismus zu einer gefährlichen Mischung, in der Israel zum exemplarischen Gegner wird. Anders gesagt: Israel wird zur Metapher der Macht, die zu bekämpfen ist. Und da niemand sich als Antisemiten bezeichnen lassen möchte, wird eben die Bekämpfung von Zionismus, von Kolonialherrschaft und den USA zur Hauptaufgabe, anders gesagt: zum willkommenen Anlass einer Umwegkommunikation, über die antisemitische Anklänge erfolgreich geleugnet werden können.</p>
<p>Gerd Koenen benennt in seinem Beitrag die <em>„eliminatorische Verschärfung des herkömmlichen deutsch-völkischen Antisemitismus durch die Hitlerpartei“ </em>sowie die Karriere der <em>„‚Zionisten‘ als die letzten Hauptfeinde seines Regimes“</em> im Stalinismus mit ihren Wirkungen bis in die Endphase des sowjetischen Imperiums. Hier war der <em>„Zionismus“</em> tatsächlich – wenn auch nicht nur – Metapher: „<em>Der stalinistische Begriff des ‚Zionismus‘ reichte nicht nur zwecks Camouflage, sondern in seiner wirklichen Bedeutung, über alle ethnischen Zuschreibungen weit hinaus. Der komplementäre Begriff war der des ‚Kosmopolitismus‘.“</em></p>
<p>Gerd Koenen spricht von <em>„Ideologietransfer“</em>, der sich auch in der westlichen Linken auswirke, die abenteuerliche Verbindungen zog, die ihr aber auch nur möglich waren, weil Auschwitz und der durch nukleare Aufrüstung drohende Atomtod miteinander vermengt wurden. Dies ließ sich sogar mit Günter Anders und Hannah Arendt begründen. In diesem Kontext <em>„fand die sowjetische These dankbare Aufnahme, wonach die israelischen Zionisten dabei seien, mit den Wiedergutmachungsmillionen der ‚alten Nazis‘ aus Bonn unter der Schirmherrschaft des US-Imperialismus den Nahen Osten und seine Ölquellen neu zu kolonisieren. Das Neuartige – und für junge Deutsche besonders Attraktive – am sowjetischen Antizionismus war eben die Lösung vom ethnischen oder religiösen Substrat des Judentums.“</em></p>
<p>Der von Gerd Koenen rechts wie links diagnostizierte <em>„Kosmopolitismus“</em> spielt eine verbindende Rolle, auch heute noch. Internationalismus ist bei der antikolonialistischen Linken keine Zukunftsperspektive, im Gegenteil: die meisten <em>„Befreiungsbewegungen“</em> waren immer auch nationalistische Bewegungen. Und wenn sie es zu Beginn nicht waren, wurden sie es. Im Antiamerikanismus treffen sich europäische Neue Rechte mit Teilen der Linken, in Deutschland sichtbar in den <a href="https://correctiv.org/aktuelles/russland-ukraine-2/2023/09/22/alternative-fuer-russland-wie-sich-die-afd-systematisch-nach-russland-orientiert/">Russlandfantasien der AfD</a> und des Bündnisses Sahra Wagenknecht.</p>
<p>In mehreren Beiträgen des Buches wird deutlich, wie Antisemitismus beziehungsweise Antizionismus und Antiamerikanismus korrelieren. Niemand muss sich mehr als Antisemit:in verdächtigen lassen, es geht ja gegen die große Macht der USA, in den Worten Che Guevaras, um die Schaffung von <a href="http://www.infopartisan.net/archive/1967/266738.html">„zwei, drei, viele(n) Vietnam“</a>. Palästina war und ist eben eines dieser <em>„Vietnam“</em>. Apologet:innen der antikolonialistischen Linken waren in Deutschland Ende der 1960er Jahre Aktivist:innen wie Dieter Kunzelmann, Bernward Vesper, Ulrike Meinhof, Rudi Dutschke, Gaston Salvatore und viele andere heute kaum noch bekannte Akteure der sogenannten 1968er Generation. Der Anschlag vom 9. September 2001 war für manchen in der antikolonialistischen Linken dann auch ein Anschlag auf <em>„das kosmopolitische Völker-Babylon New York“</em>, es ging um die gesamte <em>„längst nicht mehr nur ‚christlich-jüdische‘, europäisch-amerikanische oder ‚westliche‘</em> <em>Kultur, sondern die gesamte, sich unaufhaltsam pluralisierende, säkularisierende und demokratisierende, medial vernetzende und ökonomisch geriebene globale Zivilisation, die mit ihrem schamlosen Materialismus und Hedonismus alles durchdringt und befleckt – und gerade auch das Intimste: die menschliche Sexualität mit ihrem Urbild, dem weiblichen Körper.“</em> So ließe sich erklären, warum feministische und queere Communities zum Massaker der Hamas vom 7. Oktober schweigen. Die Tragödie der Linken: sie wurde der zu bekämpfenden Rechten immer ähnlicher. Ein ausgesprochen drastisches Beispiel ist der Wandel der sandinistischen Befreiungsbewegung in Nicaragua zur heutigen Krypto-Diktatur des Daniel Ortega.</p>
<p>Im Jahr 2023 haben alle ehemaligen Kolonien (abgesehen einmal von Gibraltar und den französischen Dom-Toms) die Unabhängigkeit erreicht. So konzentriert sich die antikolonialistische Linke in Ermangelung anderer Gegenstände ihres Wirkens eben auf Israel und Palästina. Die Kolonialpolitik Russlands oder Chinas spielt in ihrem Denken und Handeln keine Rolle. Entscheidend ist die gemeinsame Front gegen die USA.</p>
<h3><strong>Völkisch-nationalistisch, christlich </strong></h3>
<p>Gerd Koenen ergänzt in seinem Postscriptum von 2008, dass der im Westen tobende Kulturkampf sich nicht nur antisemitisch auflade, sondern auch antimuslimisch, antiislamisch. Gerade die antiislamischen Äußerungen diverser Politiker:innen und Regierungen spiegelten den <em>„völkisch-nationalen oder christlich-fundamentalistischen“</em> Diskurs. Protagonisten solcher Verbindungen sind Viktor Orbán und Donald Trump. Beide vertreten offensiv die These des französischen Rechts-Intellektuellen Renaud Camus vom <em>„großen Austausch“</em> – ohne den Urheber zu nennen – und haben in George Soros einen Protagonisten gefunden, den sie einer jüdischen Weltverschwörung verdächtigen, die dafür sorge, dass es eine Invasion von Migrant:innen gebe, gleichviel ob diese lateinamerikanisch oder muslimisch-arabisch definiert werden. Letztlich ist <em>„Nationalismus“</em> das verbindende Element. Moshe Zimmermann beschreibt, wie die Fantasie oder <em>„Prognose Theodor Herzls“</em> nicht das Problem beseitigte, das er mit dem Weg nach Palästina bekämpfen wollte, sondern es in einem anderen Gewand neu entstehen und sich verschärfen ließ. <em>„Es war das säkularisierte, christliche Europa, das zum modernen Antisemitismus gegriffen hatte. Eine ähnliche Radikalisierung in der arabischen Welt wurde – trotz ausbleibender Säkularisierung – erst möglich, als auch der Nationalismus aus Europa in den Nahen Osten gelangte.“ </em></p>
<p>Ian Burumua belegt, dass auch die religiöse christliche Rechte in den USA über dieses Gemisch ihren Weg fand, diesmal nicht im offenen Antisemitismus, wohl aber in ihrer antimodernen und antimuslimischen Einstellung. Es gibt inzwischen eine breite <em>„Allianz aus evangelikalen Christen, außenpolitischen Hardlinern, Lobbyisten für die israelische Regierung und Neokonservativen, von denen einige zufällig Juden sind.“ </em>Frei von Antisemitismus ist die religiöse Rechte der USA nicht, denn letztlich haben Juden nach dem von Christen erwarteten Armageddon nur dann eine Chance, das christliche Heil zu erlangen, wenn sie sich taufen lassen. Mitunter hat der rechte Antisemitismus sogar eine antikapitalistische Grundierung, allerdings nur dann, wenn es gegen die <em>„Globalisten“</em>, das <em>„Ostküstenkapital“</em> und deren Vertreter wie George Soros (der Jude ist) oder Bill Gates (der kein Jude ist) geht. Israel hingegen ist den Israel-Freunden unter evangelikalen Christen ein Land, dass seine Zukunft nicht im Judentum, sondern nach der Wiederkehr des christlich verstandenen Messias im Christentum haben soll, auch dies eine subtile Form von Antisemitismus.</p>
<p>Die christlich-fundamentalistische Gruppe ist eine der Grundfesten des US-amerikanischen MAGA-Nationalismus. Sie ist eine heftige Gegnerin all derjenigen, die ihre vorgeblichen christlichen Werte nicht teilten. Sie waren und sind ebenso binär gesinnt wie die antikolonialistische Linke, obwohl sie diese letztlich verachten. Während in der antikolonialistischen Linken der Verweis auf muslimischen Antisemitismus als Rassismus gebrandmarkt wird, sind die Muslim:innen für die nationalistische Rechte kollektiv für jeden Antisemitismus verantwortlich. Antidemokratisch und illiberal sind die nationalistisch-christlichen Rechten wie die antikolonialistischen Linken. Ihr Verhalten nach dem 7. Oktober 2023 brachte es einmal wieder an den Tag. Man könnte sogar zu dem Schluss kommen, dass manche Vertreter:innen der Neuen Rechten geradezu froh sind, dass die antikolonialistische Linke ihren Job macht und sie sich mit ihrem eigenen Antisemitismus nicht auseinandersetzen muss.</p>
<p>Für sie alle gilt, was Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ im Jahr 1947 zum Antisemitismus schrieben: <em>„Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion. Sie ist das Widerspiel zur echten Mimesis, der verdrängten zutiefst verwandt, ja vielleicht der pathische Charakterzug, in dem diese sich niederschlägt. Wenn Mimesis sich der Umwelt ähnlich macht, so macht falsche Projektion die Umwelt sich ähnlich.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2023, Internetzugriffe zuletzt am 18. Dezember 2023. Titelbild: Lamya Kaddor, Aufnahme aus einer ihrer Reisen nach Jerusalem.)</p>
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		<title>Kontextualisierung im Kontext</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 17 Dec 2023 16:19:13 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Kontextualisierung im Kontext Plädoyer für eine andere Geschichtskultur „Ich habe nichts gegen Kontextualisierung an sich, dennoch frage ich mich, warum es vielen so schwerfällt, erst mal die Dimension des Verbrechens an sich anzuerkennen und angesichts dieser unfassbaren Grausamkeit einen Moment innezuhalten, einen Moment still zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass nach den  [...]</p>
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<h2><strong>Plädoyer für eine andere Geschichtskultur</strong></h2>
<p><em>„Ich habe nichts gegen Kontextualisierung an sich, dennoch frage ich mich, warum es vielen so schwerfällt, erst mal die Dimension des Verbrechens an sich anzuerkennen und angesichts dieser unfassbaren Grausamkeit einen Moment innezuhalten, einen Moment still zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass nach den Massakern in Srebrenica während des Bosnien-Kriegs oder im ukrainischen Butscha sogleich die Forderung nach einer Kontextualisierung</em> d<em>er Verbrechen erhoben wurde. Warum wird die Kontextualisierung ausgerechnet dann reflexhaft eingefordert, wenn Israelis abgeschlachtet werden? Natürlich sollte man auch in Zukunft über die Besatzung des Westjordanlands, über Israels Siedlungspolitik, über die nationalistische Regierung diskutieren, aber nicht in jenem Moment, wenn ganze Familien noch zu Grabe getragen werden. Und kontextualisieren heißt auch, beide Seiten zu beleuchten und nicht nur über die israelische Besatzung zu sprechen, sondern auch darüber, dass die Hamas-Terroristen alles andere als Freiheitskämpfer für die palästinensische Sache sind. Was am 7. Oktober geschehen ist, hat überhaupt nichts mit dem politischen Anliegen der Palästinenser:innen zu tun.“ </em>(<a href="https://www.zeit.de/campus/2024/01/meron-mendel-israel-hamas-gazastreifen-antisemitismus">Meron Mendel am 31. Oktober 2023 in ZEIT Campus</a>)</p>
<p>Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 gibt es ein merkwürdiges Gemisch bei Gesprächen über Antisemitismus, Kolonialismus, die Shoah, Völkermorde. Eines dieser Gemische hat sich als <em>„Historikerstreit 2.0“</em> etabliert, obwohl im Unterschied zum ersten Historikerstreit diejenigen, die sich daran beteiligen, oft gar keine Historiker:innen sind, sondern einfach nur mehr oder weniger historisch interessierte Intellektuelle und solche, die sich dafür halten. Inzwischen diskutieren nicht mehr nur Intellektuelle in Feuilletons darüber, welche Erinnerungskultur, welches Verständnis von Geschichte, welche Geschichtspolitik, welche praktische Politik sich aus der Geschichte, sprich den diversen Kontexten, in denen Geschichte betrachtet werden kann, legitimieren ließe. Erinnerungskultur ist letztlich ein Teil von Geschichtskultur und Geschichtskultur ist ein Gewirr von Interpretationen, je nachdem wer über welche Fakten verfügt, welche gelten lässt und welche nicht.</p>
<h3><strong>Erinnerung ist kein Nullsummenspiel</strong></h3>
<p>Exemplarisch für die Wirren um Erinnerungs- und Geschichtskultur lassen sich die Debatten um diverse Preisverleihungen nach dem 7. Oktober nennen, sofern sie Debatten sind und nicht bloß eine Gegenüberstellung von Statements. Zu nennen sind die Debatten um die Verleihung des Hannah-Arendt-Preises an Masha Gessen (fand ohne die Stadt Bremen in kleinem Kreis statt), des LiBeraturpreises an Adian Shibli (wurde ausgesetzt), des Peter-Weiss-Preises an Sharon Dodua Otoo (die vorgesehene Preisträgerin zog sich angesichts des Rückzugs der Stadt Bochum selbst zurück). Manche sprechen in den USA schon von <em>„McCarthyismus“</em>, manche befürchten dies auch für Deutschland. <a href="https://www.zeit.de/kultur/2023-12/masha-gessen-hannah-arendt-preis-new-yorker-essay/komplettansicht">Dirk Peitz kommentierte das dahinter liegende Problem am 14. Dezember 2023 anlässlich der Wirren um Masha Gessen in der ZEIT</a>: <em>„</em><em>Nur wird der Schrecken des Kriegs im Gazastreifen nicht dadurch diskursiv verhandelbarer, auch fassbarer, indem man den Holocaust als Vergleichsfolie benutzt. Mit diesem relativiert Masha Gessen den Holocaust nicht – das wäre ein üblicher, hier aber unpassender Vorwurf. Schlimmstenfalls macht Gessen den Nahostkrieg damit weniger gut besprechbar. Doch genau das ist es ja, was nun passieren muss, nicht nur in Deutschland: Wir müssen zumindest wieder ins Reden kommen. Nicht nur mit Masha Gessen.“ </em></p>
<div id="attachment_4172" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.beltz.de/fachmedien/sozialpaedagogik_soziale_arbeit/produkte/details/50922-singularitaet-im-plural.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4172" class="wp-image-4172 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Mendel_Singularitaet-196x300.webp" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Mendel_Singularitaet-196x300.webp 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Mendel_Singularitaet-200x307.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Mendel_Singularitaet.webp 320w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-4172" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Fazit: Wir brauchen dringend eine offene Debatte, damit in den diversen irrlichternden Debatten mit der Zeit vielleicht schon manches wieder geradegerückt werden könnte. Dieser Aufgabe stellten sich zwei im Jahr 2023 erschienene Sammelbände. Der eine wurde von Meron Mendel bei Beltz Juventa herausgegeben und trägt den Titel „Singularität im Plural – Kolonialismus, Holocaust und der zweite Historikerstreit“. Den anderen gaben Stephan Grigat, Jakob Hoffmann, Marc Seul und Andreas Stahl im Verbrecher Verlag heraus. Er trägt den Titel „Erinnern als höchste Form des Vergessens? (Um)-Deutungen des Holocaust und der ‚Historikerstreit 2.0‘“.</p>
<p>Beide Bücher wurden <u>vor</u> dem 7. Oktober 2023 geschrieben und veröffentlicht. Es ließe sich durchaus diskutieren, ob sie umgeschrieben oder ergänzt werden müssten, aber eine solche Debatte führt nicht weiter. Ich gehe zunächst davon aus, dass der 7. Oktober die vorangegangenen Debatten, so auch die als <em>„Historikerstreit 2.0“</em> firmierende Kontroverse, zugespitzt und verschärft hat. Und möglicherweise Auswege blockiert.</p>
<p>Meron Mendel formuliert in seiner Einleitung zu „Singularität im Plural“ die Frage, <em>„ob die Relativierung des industriellen Massenmords an den europäischen Juden für eine angemessene Anerkennung von Kolonialverbrechen erforderlich ist.“</em> Mit diesem Satz benennt er treffend das Elend der Kontextualisierung jenseits historischer Fakten und Entwicklungen, ausschließlich begründet aus dem Gefühl, dass ein bestimmter Typus von Verbrechen bisher zu wenig bedacht worden wäre und diesem Missstand nur abgeholfen werden könnte, wenn der gefühlt vorrangig bedachte Verbrechenstypus in den Hintergrund gerückt würde. So als handele es sich beim Gedenken an verschiedene Menschheitsverbrechen immer nur um ein Nullsummenspiel der Gefühle, so als wäre einfach nicht genug Platz im menschlichen Gedächtnis für verschiedene Verbrechen, konkret hier: für Kolonialverbrechen und Shoah. Es versteht sich fast von selbst, dass es sich hier vorrangig um eine deutsche Debatte handelt. Dies hat Meron Mendel auch bereits in seinem Buch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/elefanten-in-allen-raeumen/">„Über Israel reden – Eine deutsche Debatte“</a> formuliert.</p>
<div id="attachment_4175" style="width: 217px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/erinnern-als-hoechste-form-des-vergessens/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4175" class="wp-image-4175 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-207x300.jpg" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-200x290.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-207x300.jpg 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-400x579.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-600x869.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-707x1024.jpg 707w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-768x1113.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-800x1159.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-1060x1536.jpg 1060w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-1200x1738.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern-1414x2048.jpg 1414w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/12/Grigat_Erinnern.jpg 1658w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-4175" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Viel zitiert wurde im sogenannten <em>„Historikerstreit 2.0“</em> Michael Rothberg mit seinem Buch „Multidirektionale Erinnerung – Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung“. Die deutsche Übersetzung erschien 2021 im Berliner Metropol-Verlag, 12 Jahre nach der amerikanischen Originalfassung (Stanford University Press). Eine Würdigung der Thesen von Michael Rothberg ist nicht Gegenstand dieses Essays, wohl aber die oft genug vereinfachende Rezeption, die zur Legitimierung von Thesen herangezogen wird, die sich aus dem Buch nicht unbedingt ableiten lassen. Michael Rothberg vertritt nicht die Ansicht, dass Erinnerung ein <em>„Nullsummenspiel“</em> wäre. Darauf verweist Mark Terkessidis in seinem Beitrag zu „Singularität im Plural“. Mark Terkessidis schreibt: <em>„Die Debatte um die documenta 15 hat dann gezeigt, wie die notwendige Auseinandersetzung in den Medien auf eine geradezu vulgäre Binarität zusammenschrumpfte.“</em> <em>„Historikerstreit 2.0“, „documenta 15“</em> und manch andere Debatte erwecken den Eindruck, als müssten Menschheitsverbrechen in einer Opfer-Hierarchie neu geordnet werden, weil es für die Vergangenheit einfach nicht genug Platz gäbe so wie ohnehin schon der schulische Geschichtsunterricht nicht nur unter seinen falschen Prioritäten, sondern auch unter dem geringen Stundendeputat leidet. Da fällt schon manch wichtiger Aspekt unter den sprichwörtlichen Tisch, beispielsweise die Geschichte von Antijudaismus und Antisemitismus in Europa. Der paradox klingende Titel des von Stephan Grigat und Kollegen herausgegebenen Buches verweist jedoch auch auf eine zweite Gefahr, die Ritualisierung von Erinnerung, sei es in politischen Reden an bestimmten Gedenktagen, sei es in der pflichtschuldigen Abarbeitung curricularer Vorgaben und Stundentafeln. Wird das eine erinnert, das andere vergessen? Gibt es eine Balance der Erinnerungen – wohlgemerkt im Plural formuliert, die Vergessen verhindert? Es geht letztlich eben nie um ein Entweder-Oder, sondern immer um ein Sowohl-Als-Auch.</p>
<h3><strong>Moralisierung einer politischen Debatte</strong></h3>
<p>„Singularität im Plural“ schafft es, jede Aufrechnung zu vermeiden. Das Buch nähert sich dem Thema mit detaillierten Einzelbetrachtungen und dekonstruiert somit alle Neigungen zu Nullsummenspielen, welcher Provenienz auch immer. Das Buch enthält fünf Teile. Es beginnt mit drei Essays von Omer Bartov, Felix Auster und Steffen Klävers über den Charakter der Debatte, fährt fort mit Essays von Esra Özyprek, Mark Terkessidis, Wolfgang Meseth und Davide Torrente zu den postmigrantischen Bezügen der Debatte. Im dritten Teil sorgen Zofia Wóyicka, Meron Mendel und Mirjam Zadoff für eine Würdigung aus internationaler Sicht, bezogen auf Polen, Israel und die USA. Im vierten Teil befassen sich Iris Nachum, Naita Hishoono und Ruprecht Polenz mit Wiedergutmachungsabkommen, konkret dem Luxemburger Abkommen von 1952, und den Verhandlungen und Vereinbarungen zwischen Deutschland und Namibia. Der fünfte Teil enthält drei Essays von Per Leo, Claudia Baumgart-Ochse und Ralf Michaels zum Begriff der „Staatsräson“, die Meron Mendel bereits in seinem Buch „Über Israel reden“ differenzierte.</p>
<p>Der Band schließt mit einem Gespräch zwischen Carola Lenz und Meron Mendel. Hier formuliert Meron Mendel eine grundlegende Botschaft des Bandes: <em>„Etwas plakativ zusammengefasst würde ich sagen: Wir brauchen weniger Erinnerungskultur, wir brauchen mehr Geschichtskultur, wir brauchen mehr Wissen über die Geschichte von Erinnerung. Auch in der pädagogischen Arbeit, glaube ich, ist es ganz wichtig, erst einmal Wissen zu vermitteln. Es gibt dabei keinen zwingenden Gegensatz zwischen Aktivismus und Wissenschaft, meines Erachtens. Kluger Aktivismus wird an Forschungsbestände und an Wissen anknüpfen.“</em></p>
<p>Durchweg ist zu unterscheiden, ob jemand aus rechtlicher oder aus moralischer Perspektive spricht. Die moralische Perspektive ließe sich durchaus auch zur politischen Perspektive ausweiten, zumal sich Politik oft moralisch geriert, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Ein politisch-moralischer Begriff ist die <em>„Staatsräson“</em>. Ralf Michaels verbindet diese mit dem Gedanken der Sicherheitspolitik. <em>„Staatsräson ist nur die Sicherheit und Existenz Israels, das Eintreten für eine Zweistaatenlösung ist lediglich eine einfach formulierte politische Position.“</em> Eine solche Unterscheidung mache den Gedanken der <em>„Staatsräson“</em> <em>„in vielerlei Hinsicht wirksamer, jedenfalls auch flexibler.“ </em>Dies gelte für die Außenpolitik Deutschlands, nicht jedoch für Demonstrierende auf den deutschen Straßen. <em>„Inwieweit sie Israels Existenz und Sicherheit infrage stellen dürfen, beantwortet sich nicht über die Staatsräson, sondern über die Strafgesetze und die Verhältnismäßigkeit.“</em> Demonstrationen können <em>„nicht schon wegen der Ansichten verboten werden, die bei ihr geäußert werden“</em> verboten werden. <em>„Wann Kritik an Israel in die Volksverhetzung umschlägt, ist eine (umstrittene) juristische Frage, die aber mit der Staatsräson nichts zu tun hat.“ </em></p>
<p>Die voraussetzungslose Einschränkung von Rechten ist jedoch eine Gefahr für die Demokratie, weil <em>„ein Staat, der einmal Rechte beschränkt, das als Präzedenzfall sehen wird, mehr zu tun, und die Einschränkungen ausdehnt.“ </em>Dies wird nicht nur am Beispiel der Demonstrationen nach dem 7. Oktober 2023 deutlich, sondern auch an den Vorschlägen verschiedener Politiker:innen, Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft die deutsche abzuerkennen, wenn sie sich mehr oder weniger gewalttätig gegen Israel betätigten. Unerwähnt blieb bei diesen Vorschlägen, dass sich die Möglichkeit der Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft auch gegen die richten könnte, die durch diese Maßnahme eigentlich geschützt werden sollten. Es wäre letztlich eine Frage des Zeitpunkts und der jeweiligen Regierung.</p>
<p>Der von Ralf Michaels beschriebene Sicherheitsaspekt ist auch ein Aspekt des Beitrags von Claudia Baumgart-Ochse. Sie analysiert die Verbindungen zum Völkerrecht und betont, dass die Siedlerbewegung, gerade als von der aktuellen israelischen Regierung unterstützter Akteur, <em>„in kürzester Zeit die Sicherheitslage in Israel und Palästina massiv verschärft“</em> hat, damit aber auch die Art und Weise beeinflusst, wie im Westen über Israel diskutiert wird. Per Leo wird noch deutlicher. Seine Warnung: <em>„Man kann darüber streiten, ob und inwiefern die Sicherheit Israels Teil der deutschen Staatsräson ist. Aber man sollte unter keinen Umständen zulassen, dass sich die Unschärfen der deutschen Erinnerungskultur in Gebote der deutschen Leitkultur verwandeln. Je stärker sich die unbedingte Solidarität mit Israel von der Sicherheitspolitik aber auf Fragen von Ideologie und Propaganda verlegt, desto mehr bedarf das deutsch-israelische Verhältnis der Revision.“</em> In genau diese Richtung scheint jedoch manche Debatte abzugleiten, wie sich nach dem 7. Oktober in Äußerungen mancher Politiker:innen zum Islam und zur Migrationspolitik zeigt, einer der Kollateralschäden des 7. Oktober. Bestimmte Positionen werden geradezu der politischen Debatte entzogen. Moralische Positionierungen werden entpolitisiert.</p>
<p>Wolfgang Mesetz spricht von <em>„Moralkommunikation“</em> und damit verbundenen <em>„wir/sie-Unterscheidungen“</em>, die er in erziehungswissenschaftlichen Seminaren zum Thema <em>„Migration, Postkolonialität und Erinnerungskultur“</em> erlebe. Beispielsweise wird der Antisemitismus-Vorwurf mit dem Rassismus-Vorwurf gekontert, der sich in der unzureichenden Würdigung von Kolonialerfahrungen zeige: <em>„Klärungsbedürftig an diesem Streit ist nicht, dass der öffentlich ausgetragene Konflikt zwischen postkolonialer Rassismuskritik auf der einen und Antisemitismuskritik auf der anderen Seite in ein Hochschulseminar hineingetragen wird. Dies ist angesichts der Annahmen von dessen gesellschaftlicher Einbettung erwartbar. Klärungsbedürftig ist vielmehr, warum sich in dieser Situation jene Kriterien nicht durchsetzen, die für die Bildung von Sach- und Werturteilen im wissenschaftlichen (und auch pädagogischen) Kontext der historisch-politischen Bildung zentral sind.“</em> In manchen Runden wird teilnehmenden Jüdinnen und Juden sogar das Recht abgesprochen, sich als Opfer von Antisemitismus zu zeigen, denn sie wären <em>weiß</em> und damit per se Akteure der europäischen Kolonialpolitik. David Baddiels Buch ist Programm „Jews don’t count – How Identity Politics Failed One Particular Identity” (London, Harper Collins, 2021).</p>
<h3><strong>Geschichtsbilder nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip</strong></h3>
<p>Das Geschichtsbild vieler Menschen scheint sich am Pippi-Langstrumpf-Prinzip zu orientieren. Man macht sich die Welt oder eben auch ihre Geschichte, vor allem die eigene Geschichte, wie sie einem gefällt. Dies trifft für die USA zu, für Polen, für Ungarn, für viele Länder, in denen die Heroisierung der eigenen Vergangenheit im Vordergrund politischer Maßnahmen stand und steht. Wenn AfD-Vertreter:innen die zwölf Jahre nationalsozialistischer Gewaltherrschaft mit angeblich über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte aufrechnen, belegen sie ebenso wie die polnische PiS, die ungarische Regierung Viktor Orbáns oder große Teile der US-amerikanischen Republikaner, dass sie nichts von der Komplexität und all den Widersprüchen historischer Entwicklungen verstehen wollen. Die national(istisch)e Perspektive dient dann nur noch der Selbst-Rechtfertigung. Das von ihnen propagierte <em>„Volk“</em> hält sich letztlich für moralisch besser als die anderen.</p>
<p>Oft sehen gerade auch Deutsche die Geschichte in anderen Ländern ausschließlich aus ihrer eigenen Sicht der Geschichte und begreifen kaum, dass Kolonialgeschichte beispielsweise in Polen etwas anderes bedeutet als in Deutschland, <em>„so etwa im Zusammenhang mit den polnisch-ukrainischen Beziehungen und der Situation der Bauern in Polen Litauen“</em>. Zofia Wóycicka fragt danach, ob es die von Rothberg geforderte <em>„multidirektionale Erinnerung“</em> in Polen gäbe. Die polnische Öffentlichkeit ist stark polarisiert, wie sich beispielsweise bei dem Streit um das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig zeigte, aber auch in dem Streit um die polnische Gesetzgebung, die das Sprechen von <em>„polnischen Lagern“</em> – eine entsprechende Formulierung von Barack Obama führte zu diplomatischen Wirren – oder von einem Beitrag von Pol:innen zur Shoah unter Strafe stellte. In Polen wird immer wieder konstatiert, dass der deutsche Vernichtungskrieg gegen Polen nicht wahrgenommen werde, sodass manche polnische Reaktion durchaus als Spiegelbild zu deutschen Versuchen gesehen werden kann, die eigene Verantwortung für NS und Shoah herunterzuspielen.</p>
<p>Erinnerungskultur oder vielleicht besser Erinnerungspolitik muss sich internationaler verstehen. So Mirjam Zadoff im Hinblick auf ihre eigenen Erfahrungen nach dem Umzug in die USA. Sie beschreibt detailliert die Debatten um das sogenannte <a href="https://www.nytimes.com/interactive/2019/08/14/magazine/1619-america-slavery.html"><em>„1619 Project“</em></a> und die von Trump eingerichtete <em>„1776 Commission“</em>, die als <em>„Gegenerzählung“</em> dienen sollte. <em>„Das Ergebnis war eine Aufforderung zur patriotischen Erziehung, die ‚Progressivismus‘ und ‚Rassismus / Identitätspolitik‘ als ‚Herausforderung für Amerikas Grundsätze‘ identifizierte und sie mit ‚Kommunismus‘, ‚Sklaverei‘ und ‚Faschismus‘ gleichsetzte.“</em> Joe Biden löste die <em>„1776 Commission“ </em>mit seinem Amtsantritt auf. Die Gesetzgebung von Ron de Santis in Florida hat im Grunde jedoch deren <em>„Gegenerzählung“</em> umgesetzt. Aber offenbar brauchte es diese Umsetzung gar nicht so sehr, weil die schulische Praxis ohnehin schon einseitig genug war. <em>„Als europäische Einwanderin in den USA hat mich überrascht, festzustellen, wie wenig ich selbst anfangs über strukturellen Rassismus in Nordamerika wusste – aber auch wie wenig meine Studierenden wussten. Dieses Thema wird in den Schulen kaum behandelt, wie überhaupt die Geschichte der nicht-weißen Bevölkerung der USA.“</em></p>
<p>Mirjam Zadoff beschreibt, wie schwer es Raul Hilberg hatte, einen Verlag für sein Buch „The Destruction of European Jewry“ zu finden. Der Einfluss der <em>„Studierendenbewegung in den 1960er Jahren“</em> bewirkte <em>„ein drastisches Umdenken“</em> und sollte nicht unterschätzt werden. Kern der Erfahrungen in verschiedenen Ländern ist jedoch die politisch-moralische Fixierung einer bestimmten Form von Erinnerung. Umso wichtiger ist eine saubere Trennung. <em>„Nathan Sznaider vertritt die Ansicht, die Erinnerung an den Holocaust und die Erinnerung an koloniale Gewalt werden sich gegenseitig aufheben, sollten sie einander zu nahekommen – und die Erinnerung an den Holocaust werde zwangsläufig verblassen (….). Meines Erachtens ist das Schlimmste, was Erinnerung passieren kann, wenn sie isoliert wird und nicht mehr Gegenstand des demokratischen Diskurses ist. Erinnerung kann- und die transnationale Geschichte des Holocaust-Gedenkens zeigt es – das Fundament für eine in Zeiten immenser globaler Krisen so dringend benötigte globale Solidarität sein.“</em> Von dieser <em>„Solidarität“</em> sind wir jedoch nach dem 7. Oktober wohl weiter entfernt denn je, ein weiterer Kollateralschaden des Massakers der Hamas.</p>
<p>Vor Fehleinschätzungen sind nicht einmal wohlmeinende offizielle Vertreter der Erinnerungskultur gefeit. Mark Terkessidis verweist auf die Reaktion des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, auf die Einlassungen des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, in der berüchtigten <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/pressekonferenz-von-bundeskanzler-scholz-und-dem-praesidenten-der-palaestinensischen-autonomiebehoerde-abbas-am-16-august-2022-2074010">Pressekonferenz am 16. August 2023</a> mit dem deutschen Bundeskanzler. Abbas habe – so Felix Klein – mit seinem Vergleich der Situation der Palästinenser mit dem Holocaust <em>„jegliche Sensibilität gegenüber uns deutschen Gastgebern (!) vermissen lassen“.</em> Damit missformuliert Felix Klein – in bester Absicht, aber dennoch unangemessen – das, was an der Äußerung von Abbas tatsächlich unannehmbar ist. Es geht hier gerade nicht um eine deutsche Befindlichkeit, es geht um die von Abbas vorgenommene Relativierung des von Deutschen initiierten und begangenen Mordes an den europäischen Juden, die Shoah. Abbas nannte die Zahl 50 und suggerierte damit, dass das, was den Palästinenser:innen von Israel angetan würde, um ein Fünfzigfaches schlimmer wäre als die Shoah. Der Bundeskanzler war wohl angesichts dieser Äußerung so fassungslos, dass es ihm die Sprache verschlug. Immerhin <a href="https://www.spiegel.de/ausland/mahmud-abbas-prominente-aus-palaestina-verurteilen-antisemitische-rede-a-152bfaed-edd2-4b9f-a19a-be5c2b7f0236">distanzierten sich 190 palästinensische Wissenschaftler:innen</a>. Wie Abbas denkt, hätten die Ministerialen, die den Bundeskanzler vorbereitet haben, wissen und aufschreiben können. Schon in seiner Dissertation im Jahre 1984 hatte er die Shoah relativiert, wenn nicht sogar geleugnet.</p>
<p>Mark Terkessidis ist Autor des Buches „Wessen Erinnerung zählt? Koloniale Vergangenheit und Rassismus heute“ (Hamburg, Hoffmann und Campe, 2019). Er schließt in seinem Beitrag zu „Singularität im Plural“ an dieses Buch an und verweist auf die in einer Migrationsgesellschaft gegebenen zahlreichen <em>„Erinnerungen, die in Deutschland eine Rolle spielen, aber sozusagen ohne Deutschland auskommen.“ </em>Terkessidis kritisiert mit Recht die eurozentrischen Lehrpläne der Schulen, dort fehlende <em>„erinnerungspolitische Kontroversen“</em> und die Neigung, alle Geschichte in binär-moralischen Kategorien aufzulösen. Etwas zugespitzt: <em>„Mittlerweile ist jede kommerzielle US-amerikanische Serie dazu in der Lage, eine Geschichte sehr elegant aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen. Im deutschen Schulunterricht hingegen gilt oft noch die Vorstellung, Geschichte ließe sich ‚objektiv‘ darstellen.“</em></p>
<p>Gegenüber Afrika – so Davide Torrente in seinem sehr lesenswerten Beitrag zur Geschichte der Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte – herrscht so etwas wie eine <em>„koloniale Amnesie“ </em>(Jürgen Zimmerer)<em>.</em> Torrente sieht <em>„Verharmlosung und Romantisierung (post-)kolonial-rassistischer Gewalt in der Alltagssprache und alltäglichen Afrikabildern“</em> und referiert verschiedene Initiativen von Selbstorganisationen Schwarzer Menschen (zum Beispiel <a href="https://isdonline.de/">Initiative Schwarze Menschen in Deutschland</a>, <a href="http://www.adefra.de/">ADEFRA</a>, <a href="https://eoto-archiv.de/">Each One Tech One</a>), die angesichts der <em>„komplexen Realitäten der Migrationsgesellschaft bzw. der Gesellschaft der Vielheit“</em> (ein Begriff von Terkessidis) in Bildungsprozessen aufbereitet werden müssten. Eine Entscheidung, welche Erinnerung Vorrang habe, sei nicht erforderlich: <em>„Gedächtnisräume, welche intersektionale Sensibilität für Differenz wie Verwobenheit der Vergangenheiten zur Grundlage nehmen, können bestenfalls sozialräume darstellen und demokratische Strukturen stärken, in denen keine Entscheidung zwischen einem Kampf gegen anti-Schwarzen Rassismus, Antisemitismus, antimuslimischen Rassismus oder Gadje-Rassismus (….) sowie weitere Rassismen verlangt ist, sondern neue Perspektiven für Solidarisierungen aufgeschlossen werden, wo immer diese möglich sind.“</em> So ließe sich vielleicht das von Felix Axster diagnostizierte Gefühl einer <em>„Erinnerungsüberlegenheit“</em>, die sogar in Deutschland zum Teil von <em>„Nationalstolz“</em> geworden sei, auflösen. In der Tat: Deutsche Selbstzufriedenheit, deutsches Selbstlob bedürfen dringend einer solchen Auflösung. Es ist das Verdienst des von Meron Mendel herausgegebenen Buches, dass es Wege zeigt, diese Aufgabe zu erfüllen, <u>ohne</u> Shoah und Kolonialgeschichte gegeneinander aufzurechnen.</p>
<h3><strong>Singularität und Opferkonkurrenzen</strong></h3>
<p>Jede Relativierung der Shoah wird mit einem Hinweis auf ihre <em>„Singularität“</em> beantwortet. Stephan Grigat, Jakob Hoffmann, Marc Seul und Andreas Stahl sehen die Frage nach der „Singularität“ im Mittelpunkt der Debatte um die deutsche „Erinnerungskultur“. Der Band beruht auf einer Online-Veranstaltungsreihe aus dem Jahr 2022. Geradezu freudianisch inspiriert klingt der Titel ihrer Einleitung: „Vom notwendigen Unbehagen in der deutschen ‚Erinnerungskultur‘ – jenseits des revisionistischen Raunens“. Die Deutschen als <em>„Erinnerungsweltmeister“</em>? Dies könnte man schon meinen, wenn man sich auf die Selbstinszenierung mancher Akteure in Politik, Medien, Schulen, Hochschulen und Zivilgesellschaft verlässt. Programmatisch klingt der Buchtitel von <a href="https://www.susan-neiman.com/en/">Susan Neiman</a>, seit 2000 Direktorin am Einstein Forum in Potsdam: „Von den Deutschen lernen – Wie Gesellschaften mit dem Bösen in ihrer Geschichte umgehen können“ (München, Carl Hanser, 2020). Im Text werden die Herausgeber von „Erinnern als höchste Form des Vergessens?“ jedoch sehr deutlich. Sie zitieren mit ironischem Unterton Eike Geisels Buchtitel „Die Wiedergutwerdung der Deutschen – Essays und Polemiken“ (Berlin, Edition Tiamat, 2015): so <em>„spottet diese deutsche Selbstwahrnehmung jeglicher Empirie. Vor allem ist sie als Wunschdenken der Nation der Täter:innen stets der Schuldabwehr verdächtig.“</em></p>
<p>Das Buch „Erinnern als höchste Form des Vergessens“ ist zumindest in der Einleitung erheblich polemischer als Meron Mendels „Singularität im Plural“. Allerdings bietet es auch eine lesenswerte Würdigung der Debatten um „Singularität“ beziehungsweise – diesen Begriff Yehuda Bauers ziehen sie vor – <em>„Präzendenzlosigkeit“</em> der Shoah. Das Buch besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil befassen sich Stephan Lehnstaedt, Rolf Pohl, Steven T. Katz, <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/jeffrey-herf-unerklaerte-kriege-gegen-israel-eine-100.html">Jeffrey Herf</a> und der langjährige Leiter von Yad Vashem <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-israelische-historiker-yehuda-bauer-an-den-holocaust-100.html">Yehuda Bauer</a> (in einem Gespräch mit Jakob Hoffmann) mit der <em>„Präzendenzlosigkeit des Holocaust“</em> (der Essay von Jeffrey Herf wurde bereits im Jahr 2007 geschrieben). Im zweiten Teil geht es die im Untertitel des Buches genannten „(Um-)Deutungen des Holocaust“. Die Beiträge schrieben Nicolas Berg, Jan Gerber, Anja Thiele, Ingo Elbe und Steffen Klävers. Der dritte Teil befasst sich mit „Erinnerungsabwehr und Antisemitismus in der Gegenwart“. Autor:innen sind Ljiljana Radonić, Felicitas Kübler, Samuel Salzborn, Niklaas Machunsky, Lars Rensmann und Elke Rajal. Der entscheidende theoretische Teil ist der erste, der zweite und dritte Teil lassen sich als vertiefende Fallstudien lesen, beispielsweise der Beitrag Anja Thiele über Peter Edel und die (Nicht-)Thematisierung der Shoah in der DDR oder der Beitrag von Ingo Elbe zu Hannah Arendts Bild von Holocaust und postkolonialen Theorien.</p>
<p>Benannt werden auch untaugliche Versuche im Kampf gegen Antisemitismus, so zum Beispiel von Elke Rajal, die begründet, warum es wenig hilft, wenn <em>„Holocaust Education (…) als Tool der Menschenrechts- oder Demokratieerziehung instrumentalisiert“</em> werde. Erinnerungsorte immunisieren nicht vor extremistischen Gesinnungen, sind auch keine <em>„Orte, an denen die Läuterung der Nation erfahrbar wird“</em>. Felicitas Kübler kritisiert, <em>„dass Räume fetischisiert werden“</em>, letztlich <em>„das narzisstische Bedürfnis der kollektiven Identifikation mit der Nation auch im postfaschistischen Deutschland“</em> triggern. Zu kritisieren seien doppelte Standards, wie sie Lars Rensmann in Bezug auf die <a href="https://jerusalemdeclaration.org/">Jerusalem Declaration on Antisemitism</a> konstatiert, die Antisemitismus <em>„auf eine bloße Spielart des Rassismus reduziert“</em>, und darüber hinaus Verbindungen nahelegt, <em>„als sollten Juden, die zum Objekt von Antisemitismus werden, Judenfeindschaft nicht thematisieren dürfen, ohne auch zum Beispiel auf den Kampf gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung zu verweisen. Man würde das zurecht auch nicht von Frauen, Schwarzen oder diskriminierten ethnischen Minderheiten erwarten.“</em></p>
<div id="attachment_1271" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.hentrichhentrich.de/buch-kollektive-unschuld.html"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-1271" class="wp-image-1271 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-200x310.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-400x620.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-600x930.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-660x1024.jpg 660w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-768x1191.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-800x1241.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-991x1536.jpg 991w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-1200x1861.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn-1321x2048.jpg 1321w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2021/05/Titel.Salzborn.jpg 1400w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-1271" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Niklaas Machunsky befasst sich mit der <a href="https://www.humboldtforum.org/de/presse/mitteilungen/plaedoyer-der-initiative-gg-5-3-weltoffenheit/">Initiative „GG 5.3 Weltoffenheit“</a> und Aleida Assmann, der <em>„Galionsfigur der deutschen Vergangenheitsbewältigung.“</em> <em>„Den linken Revisionisten (…) scheint die veränderte Weltlage im Allgemeinen und die Migration im Besonderen ein willkommener Anlass für diese Entkopplung </em>(der Shoah von Deutschland, NR) <em>zu sein. Sie müssen den Holocaust nicht leugnen, es reicht, ihn zu re-framen. Wird er in den Kontext des Kolonialismus gerückt, wird aus der deutschen Tat zur Erlösung der Menschheit, die das Heil in der Ermordung noch des letzten jüdischen Individuums suchte, ein koloniales Verbrechen unter anderen.“ </em>Die AfD geht noch einen Schritt weiter, indem sie <em>„Deutsche generell als Opfer des Nationalsozialismus darzustellen“</em> pflegt, durchaus in Erinnerung an die bereits genannte Walser-Rede, auch in der Wortwahl. <em>„Schuldabwehr“</em> als gängige Variante der in Deutschland immer schon virulenten Schlussstrich-Forderungen ist anschlussfähig, für größere Teile der Bevölkerung, wie die <a href="https://www.fes.de/referat-demokratie-gesellschaft-und-innovation/gegen-rechtsextremismus/mitte-studie-2023">Bielefelder Mitte-Studien</a>, die <a href="https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie">Leipziger Autoritarismusstudien</a> und die <a href="https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/handlungsfelder-cluster/bilden-fuer-lebendiges-erinnern/memo-studie">MEMO-Studien</a> belegen. <a href="http://www.salzborn.de/">Samuel Salzborn</a> bezieht sich mit seiner Analyse auf sein Buch „Kollektive Unschuld“ (Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2020). Wenn Gerhard Schröder das Holocaust-Mahnmal in Berlin als <em>„Ort, an den man gerne geht“</em> ankündigt, entsteht der Eindruck, als gehe es nur noch <em>„um die Kulisse eines Filmsets“</em>. <em>   </em></p>
<p>Die vier Herausgeber benennen auch das Gemisch der aktuellen Debatten, weil <em>„mit der Frage der Präzedenzlosigkeit der Shoah und dem Verständnis von Kolonialismus zwei Themenkomplexe stets (implizit) mitverhandelt werden: zum einen die Frage des Verhältnisses zwischen Rassismus und Antisemitismus, zum anderen Positionierungen zum israelisch-palästinensischen Konflikt.“</em> Das ist schwer auseinanderzuhalten, erst recht bei dem Versuch einer Antwort auf Parolen wie <em>„Free Palestine from German Guilt“</em> oder <em>„Nakba is a Part of Erinnerungskultur“</em>, die auf der documenta 15 zu lesen waren und nach dem 7. Oktober vor allem von antikolonialistisch motivierten Linken verbreitet wurden, beispielsweise in einer Demonstration vor dem Auswärtigen Amt am Werderschen Markt.</p>
<p>Stephan Lehnstaedt bietet eine kurze Geschichte der Shoah. Er nennt Zahlen, handelnde Personen und Orte, zeigt auch, <em>„wie sehr der Holocaust mit den anderen deutschen Verbrechen verbunden ist“</em>, dem Mord an Sinti und Roma, der Aktion T4. Eine Schlüsselrolle hatte der Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globcnik, dessen Wirken etwas ausführlicher dargestellt wird. Wer mehr über das handelnde Personal wissen will, lese <a href="https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-3265">Michael Wildts Habilitationsschrift „Generation des Unbedingten – Das Führungspersonal des Reichssicherheitshauptamtes“</a> (Hamburger Edition, 2002). Im Grunde wurde das Vernichtungssystem der Nazis ständig perfektioniert, es wurde mit Vernichtungsmethoden experimentiert, es gab ein <em>„ständiges Improvisieren und ‚Verbessern‘“</em>. Doch dies war nicht alles. Es ging um mehr: <em>„Völlig klar wird dabei, dass es nicht nur um die Vernichtung der Jüdinnen und Juden ging, sondern auch um das Auslöschen sämtlicher Spuren ihrer Existenz – sie von der Erde zu tilgen, als ob sie niemals existiert hätten.“</em> Dazu gehörte auch <em>„die gezielte Verschleierung des Genozids“</em>.</p>
<p>Steven T. Katz beginnt seinen Beitrag mit einer Begriffsklärung. Entscheidend für die Einordnung eines Massenverbrechens wie der Shoah als Völkermord ist der <em>„Vorsatz, eine Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten“ </em>(so die Konvention der Vereinten Nationen über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords vom 9. Dezember 1948). Der Antisemitismus war die Leitidee des Nationalsozialismus, von der sich alles andere ableitete. Katz bezeichnet den Antisemitismus, die <em>„Judenfeindschaft“</em> als <em>„den ersten und zwingenden Grundsatz des Nationalsozialismus“</em>. In diesem Zusammenhang sei es – so Katz – <em>„problematisch“</em>, beispielsweise die Morde in Bosnien-Herzegowina als <em>„Genozid“</em> zu bezeichnen. Es ließe sich hinzufügen, dass damit auch die nach dem 7. Oktober an Universitäten und von der internationalen Sektion von Fridays for Future verbreitete Parole, Israel betreibe einen <em>„Völkermord“</em> an den Palästinensern, haltlos ist, jedoch die Vernichtungsfantasien der Hamas sich so charakterisieren ließen. Katz unterscheidet allerdings auch den Porajmos, den Mord der Sinti und Roma, von der Ermordung der Juden, da der Nationalsozialismuszwischen zwei verschiedenen Gruppen der Roma unterschieden hätte, einer Gruppe, die als <em>„rassische Verbrecher“</em> zu vernichten wäre, eine andere, die als <em>„Asoziale“</em> umerzogen werden könnte. Bei den Sinti und Roma wäre es um kulturelle Vernichtung gegangen, nicht immer zwingend um physische. Meines Erachtens übersieht Katz dabei allerdings, dass sich die Einstellung der Nazis gegenüber Sinti und Roma mit der Zeit radikalisierte und so ihrer Einstellung gegenüber den Juden zumindest annäherte. Thesen wie der von Donald Bloxham (The Final Solution – A Genocide, New York 2009), dass <em>„Einzigartigkeit (…) eine religiöse oder metaphysische Kategorie“</em> sei: <em>„Diese Behauptung ist jedoch falsch. ‚Einzigartigkeit‘ kann eine sinnvolle historische Kategorie sein, wenn die Bedingungen ihrer Anwendung angemessen definiert werden.“</em> Damit sind wir wieder bei der Kategorie <em>„Vorsatz“</em>, ergänzend bei der Absicht einer vollständigen Vernichtung aller Jüdinnen und Juden, nicht nur <em>„kulturell“</em>, sondern auch <em>„physisch“</em>.</p>
<p>Dies ist auch die Botschaft des Beitrags von Jeffrey Herf, der die Shoah von der Versklavung Schwarzer Menschen unterscheidet. <em>„Das erklärte ideologische Ziel Hitlers und der radikalen Antisemiten des Naziregimes war es nicht, die europäischen Juden zu versklaven, sondern sie auszurotten. Das erklärte ideologische Ziel der weißen Plantagenbesitzer in Amerika war die Versklavung, nicht die Ausrottung der aus Afrika importierten Sklaven.“</em> Das entscheidende Dokument: „Die Protokolle der Weisen von Zion“ (auf die sich auch die nach wie vor gültige Charta der Hamas aus dem Jahr 1987 beruft). Eben aus dem Geist dieses Dokumentes leitete sich die Legitimation der Ermordung der europäischen Juden ab, aus <em>„Paranoia und Projektion über eine angebliche jüdische Verschwörung zur Durchführung eines Vernichtungskrieges gegen die deutsche Bevölkerung.“</em> Juden und Jüdinnen wurden – dies ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen von den Nazis verfolgten Gruppen – gleichzeitig als <em>„minderwertig“</em> <u>und</u> als <em>„überlegen“</em> markiert. So war die arische Rassenlehre nicht der Kern des nazistischen Antisemitismus, sondern lediglich ein Element, das die in der Bevölkerung erforderliche Zustimmung verstärken und sichern sollte. Weitere Unterscheidungen benennt Yehuda Bauer. Er benennt den Vernichtungswillen des Iran gegenüber den Juden. In anderen Regionen sind Entwicklungen denkbar, die zu einem Genozid führen können, beispielsweise das Vorgehen Chinas gegenüber den Uiguren und den Kasachen in Xinjiang oder das Vorgehen in Myanmar gegenüber den Rohingya.</p>
<h3><strong>Ein ideologisches Projekt</strong></h3>
<p>Jeffrey Herf konstatiert: <em>„Wenn Hitler, Goebbels und andere öffentlich von der ‚Vernichtung‘ und ‚Ausrottung‘ der Juden sprachen, sagten sie Dinge, die für deutsche Ohren und Augen außergewöhnlich und neu waren. Selbst vor dem Hintergrund des deutschen Militarismus, Kolonialismus und Antisemitismus war die Sprache der Nazis außerordentlich brutal, unverblümt, schockierend und gewalttätig in Bezug auf die allgemeinen politischen Ziele des Regimes gegenüber den europäischen Juden.“</em> Bei einem großen Teil der Bevölkerung <em>„die Studien von Ian Kershaw über die öffentliche Meinung legen nahe, dass es sich um etwa ein Drittel handelte – traf die antisemitische Botschaft einen Nerv.“</em> Yehuda Bauer begründet in seinem Beitrag die <em>„Präzedenzlosigkeit des Holocausts“</em> als <em>„ideologisches Projekt.“</em> <em>„Die Existenz einer internationalen jüdischen Verschwörung war etwas Grundlegendes, an das die Nationalsozialisten mit großer Inbrunst glaubten.“</em></p>
<p>Doch wer wurde warum auch Täter:in? Rolf Pohl befasst sich mit den Phasen der Täterforschung, der Titel seines Beitrags erinnert an die Bücher von Goldhagen und Browning: „Ganz normale Massenmörder?“ Dieser Beitrag lässt sich als differenzierende Bestandsaufnahme der Täterforschung lesen. Das Fragezeichen ist von Bedeutung. Rolf Pohl relativiert den Begriff der <em>„Normalität“</em>, da dieser den darin enthaltenen <em>„Sadismus“</em> nicht erfasse und die handelnden Personen nur als <em>„Befehlsempfänger“</em> verstehe. Er zitiert eingangs Theodor W. Adorno mit dem Satz <em>„Die Überzeugung, Rationalität sei das Normale, ist falsch.“</em> In der deutschen intellektuellen Öffentlichkeit (und mit der Zeit nicht nur in dieser) spielt die Rede Martin Walsers zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Herbst 1998 eine grundlegende Rolle: <em>„Die fast überschwänglich positive Resonanz auf diese Rede erweckte den Eindruck, als habe ein Intellektueller mit Gewicht und Reputation endlich die erlösenden Worte zur Reinigung des peinigenden Gewissensdrucks der Deutschen ausgesprochen.“</em></p>
<p>Diese Stimmung hielt an. Man muss nur all die lobenden und ebenso in der Regel <em>„überschwänglich“</em> gehaltenen Nachrufe nach Martin Walsers Tod am 26. Juli 2023 lesen. Der Kern – und damit sind wir auch wieder bei Abbas: <em>„Einmal relativiert und als Thema der vergleichenden Genozid-forschung etabliert, lässt sich Auschwitz überall finden: in Vietnam, in Kambodscha, in Ruanda, im Kosovo usw.“ </em>Tenor: die anderen waren auch nicht besser. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei auch die Herausnahme der unterstützenden Bevölkerung aus der Verantwortung. Die den Genozid unterstützenden beziehungsweise durchführenden Täter wären dann <em>„‚disziplinierte Befehlsempfänger‘, keineswegs aber ein ‚rasender Mob‘“</em>. Diese These ist jedoch nicht haltbar. Wer sich Straßenszenen von Deportationen ansieht, müsste dies eigentlich wissen. Insofern ist es Rolf Pohls Verdienst, <em>„einer ungeprüften Verwendung des Normalitätsbegriffs“</em> entgegenzutreten. Er verweist beispielsweise auf Zygmunt Baumann oder auf Harald Welzer, die – durchaus in der Tradition der „Banalität des Bösen“ im Sinne von Hannah Arendt – die sadistischen Elemente der Persönlichkeitsstrukturen der Täter übersähen. Allerdings ist diese Sicht auch von einer „Pathologisierung“ abzugrenzen: <em>„Eine psychologistische Überbetonung der Pathologie verschenkt das in einer differenzierteren Vermittlung von ‚pathologisch‘ und ‚normal‘ liegende Erklärungspotenzial ebenso wie das Festhalten an dem Mythos einer als ‚rein‘ vorgestellten Normalität.“</em> Andererseits: <em>„Der Hass auf Fremde bei gleichzeitiger Selbstdefinition durch die Zugehörigkeit zu einer überlegenen Rasse, Gruppe oder Nation trägt in seiner Primitivität wahnhafte Züge.“</em> Im Grunde verbleibt bei einer historischen Analyse die Einsicht, dass wir <em>„die Beteiligung und die Mitwisserschaft an Massenverbrechen im Zeichen eines kollektiven Wahnsystems“ einordnen müssen, „Ohne dass die ‚Normalität‘ der Akteure im Sinne einer psychiatrisch unauffälligen ‚Durchschnittlichkeit‘ wesentliche Einbußen erfahren muss.“</em></p>
<p>Gibt es so etwas wie einen Ariadnefaden durch das Labyrinth der Kontexte? Ljiljana Radonić schreibt, <em>„dass für die Frage nach dem kritischen Umgang mit der Vergangenheit auch entscheidend ist, wie liberal, demokratisch oder autoritär ein Staat ist.“</em> Anders gesagt: Es geht auch um die Frage, wie viel offiziell-offiziöse Geschichtspolitik sich in Erinnerungskultur versteckt, in Wirklichkeit aber ein illiberales und antidemokratisches Projekt verfolgt, das Erinnerungskultur in eine Kultur des Vergessens verwandelt. Wer versucht, die Erinnerung an die Kolonialverbrechen zu legitimieren, indem die Shoah als zu relativierende Bezugsgröße herangezogen wird, muss scheitern. Die Beiträge des Bandes „Erinnern als höchste Form des Vergessens?“ nennen die Kriterien für die <em>„Singularität“</em> beziehungsweise <em>„Präzedenzlosigkeit“</em> der Shoah. Der unbedingte und umfassende Wille zur Vernichtung <u>aller</u> Jüdinnen und Juden macht den Unterschied. Da spielt es keine Rolle, wie sich der Antisemitismus der Nazis begründete und in welchen Kontexten er sich erklären ließe. Es gab rassistische Elemente, es gab aus dem christlichen Antijudaismus übernommene Motive, es gab aber vor allem den Mythos der Überlegenheit der Juden, die vernichtet werden müssten, damit die sich als „Arier“ verstehenden Deutschen nicht mehr belästigt fühlten.</p>
<p>Meron Mendels Frage lässt sich einfach beantworten. Sie lautete: <em>„Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Relativierung des industriellen Massenmords an den europäischen Juden für eine angemessene Anerkennung von Kolonialverbrechen erforderlich ist.“</em> Die Antwort ist: Nein. Wer dennoch eine solche Relativierung in Erwägung zieht, muss sich die Frage stellen lassen, warum. Die beiden hier vorgestellten Sammelbände bieten genügend Argumente, wie sich einer Kontextualisierung, die in Wirklichkeit eine Relativierung ist, begegnen lässt. Das wäre sicherlich ein erster Schritt zu einer anderen Geschichtskultur.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2023, Internetzugriffe zuletzt am 14. Dezember 2023. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Jenseits des Kapitalismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Sep 2023 15:27:27 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Jenseits des Kapitalismus Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Politik „Die Alternative zum System ist weder die Rückkehr zur Hauswirtschaft und Dorfautarkie noch die integrale und geplante Vergesellschaftung sämtlicher Tätigkeiten. Sie besteht im Gegenteil in der maximalen Verringerung der von jedermann zu leistenden notwendigen Arbeit, sie möge uns gefallen oder nicht und in der maximalen Ausdehnung  [...]</p>
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<h2><strong>Gedankenspiele für eine zukunftsfähige Politik</strong></h2>
<p><em>„Die Alternative zum System ist weder die Rückkehr zur Hauswirtschaft und Dorfautarkie noch die integrale und geplante Vergesellschaftung sämtlicher Tätigkeiten. Sie besteht im Gegenteil in der maximalen Verringerung der von jedermann zu leistenden notwendigen Arbeit, sie möge uns gefallen oder nicht und in der maximalen Ausdehnung der autonomen kollektiven und / oder individuellen Aktivitäten, die ihr Ziel in sich selber haben.“ </em>(André Gorz, Abschied vom Proletariat: jenseits des Sozialismus, Frankfurt am Main, Europäische Verlagsanstalt, 1980, übersetzt aus der 1980 in Paris bei Editions Galilée erschienen französischen Originalausgabe von Heinz Abosch)</p>
<p>Im Jahr 1972 erschien das Manifest des Club of Rome <a href="https://www.library.dartmouth.edu/digital/digital-collections/limits-growth">„Die Grenzen des Wachstums“</a> (englischer Titel: „The Limits To Growth)“. Der Bericht machte Furore, es gibt inzwischen mehrere Updates und zahlreiche internationale Konferenzen und Dokumente, in denen sich die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen mehr oder weniger (un-)verbindlich verpflichteten, die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zu verhindern oder gar zu beenden. Dies ist die eine Seite, die andere ist die theoretische Beschäftigung mit den inzwischen deutlich spürbaren Konsequenzen der ökologischen Veränderungen für den Umgang mit der kapitalistischen Verfasstheit von Staat und Gesellschaft, nicht nur im sogenannten „Westen“, sondern auch in den Ländern, in denen Regierungen von sich behaupte(te)n, sie hätten einen anderen Weg gewählt, den sie mitunter auch <em>„Sozialismus“</em> oder gar <em>„Kommunismus“</em> nannten, obwohl sie letztlich doch einem mehr oder weniger zumindest in der Praxis kapitalistisch definierten Modell folgen.</p>
<p>André Gorz ist einer der Theoretiker, die bereits Ende der 1970er und zu Beginn der 1980er Jahre versuchten, marxistisch inspirierte Theorie und kapitalistische Praxis im Kontext zu analysieren. Er sah die Gefahr und die zu erwartenden Vorbehalte und Widerstände, die schon alleine in dem Versuch lagen: <em>„Der Gedanke, dass Produktion und Konsumtion an den Bedürfnissen der Menschen orientiert werden könnten, ist seiner Implikationen wegen politisch subversiv.“</em> Die entscheidende Frage in einer Welt, die sich mit ihrem Glaubensbekenntnis zum Wachstum zu zerstören droht, lautet: <em>„Wie ersetzt man ein auf maximaler Vergeudung beruhendes Wirtschaftssystem durch eins, das auf minimale Vergeudung aus ist?“</em></p>
<h3><strong>Hat der Kapitalismus sich zu Tode gesiegt?</strong></h3>
<p>In letzter Zeit häufen sich Bücher und Aufsätze, die den „Kapitalismus“ grundsätzlich in Frage stellen. Ulrike Hermann, ausgebildete Bankkauffrau und Wirtschaftsredakteurin der taz, veröffentlichte im Jahr 2022 bei Kiepenheuer &amp; Witsch ihr Buch „Das Ende des Kapitalismus – Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden“, Kohei Saito 2023 bei dtv „Systemsturz – Der Sieg der Natur über den Kapitalismus“ (das japanische Original übersetzte Gregor Wakounig). Deutsche Verlage neigen gelegentlich zu drastischen Titeln, so auch in diesen beiden Fällen. Der japanische Originaltitel des Buches von Kohei Saito klingt deutlich nüchterner, am Stelle des deutschen „Systemsturzes“ lesen Japaner:innen auf den Titelseiten „Karl Marx‘ Ökosozialismus“.</p>
<p>Beide Bücher ließen sich unter der Parole zusammenführen: It’s capitalism, stupid. In der Tat sprechen beide – und nicht nur sie – vom Kapitalismus als dem Modus, in dem die aktuellen Debatten über die Lösung verharren. Mal gibt es etwas mehr, mal etwas weniger, mal gar keine Hoffnung, dass sich der Kapitalismus neoliberaler Prägung der vergangenen 50 Jahre reformieren oder gar durch etwas Besseres, was auch immer das wäre, ersetzen ließe.</p>
<p>Die Klimakrise, mitunter besänftigend auch als Klimawandel bezeichnet, ist Dreh- und Angelpunkt eines völlig irrationalen Verhaltens. Ulrike Hermann zitiert Karl Lauterbach: <em>„Niemand würde sein Eigenheim so sehr heizen, dass es mit einer Wahrscheinlichkeit von 30 Prozent in dreißig Jahren abbrennen würde. Genau das tun wir derzeit aber mit dem Eigenheim Erde.“ </em>Sie warnt allerdings vor einem unreflektierten Kapitalismus-Bashing. Ihre Schlussfolgerung: <em>„Das Problem reicht tiefer. Klimaschutz ist nur möglich, wenn wir den Kapitalismus abschaffen. / Anders als Kapitalismuskritiker glauben, ist dies keine frohe Botschaft. Der Kapitalismus war außerordentlich segensreich. Mit ihm entstand das erste Sozialsystem in der Geschichte, das kontinuierlich Wohlstand erzeugt hat. Vorher gab es kein nennenswertes Wachstum. Die Menschen betrieben eine eher kümmerliche Landwirtschaft, litten oft unter Hungerkatastrophen und starben im Durchschnitt mit 35 Jahren.“ </em></p>
<p>Man könnte bestimmte Entwicklungen auch mit dem Satz erklären, dass sich der Kapitalismus zu Tode gesiegt hätte (auch wenn viele das noch nicht gemerkt haben). Ein Effekt kapitalistischer Entwicklungen ist der sogenannte <em>„Rebound-Effekt“</em>. Maschinen werden effizienter, brauchen weniger Energie, aber dies führt nicht dazu, dass Energie gespart würde, sondern mehr Energie verbraucht wird. Mit Eisenbahnen, Autos und Flugzeugen gab es mehr und schnellere Mobilität, aber der Energiebedarf führte eben auch dazu, dass der Wohlstand einen Preis hatte, den wir jetzt zu zahlen haben. Christian Jakob befasste sich in der Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ vom September 2023 mit dem in manchen Kreisen heute verbreiteten <em>„Untergangsdenken“</em>. Der programmatische Titel seines Essays lautete: <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2023/september/gegen-das-untergangsdenken">„Gegen das Untergangsdenken – Fünf Jahre Fridays for Future und die Chancen der Klimabewegung“</a>. Es ist <em>„schwierig. Aber es ist nicht das Ende der Welt.“</em></p>
<p>Christian Jakob stellt die nicht nur rhetorisch gemeinte Frage: <em>„Wen überzeugt noch der Fortschritt?“</em> Er hätte auch an Stelle von <em>„Fortschritt“</em> <em>„Kapitalismus“</em> schreiben können. Ihm geht es wie Ulrike Hermann um eine Bilanz des Kapitalismus, die beide Seiten zeigt. Die kapitalistischen Errungenschaften der vergangenen 200 Jahre sorgten nicht nur dafür, dass es der Mehrzahl der Menschen heute besser geht denn je: <em>„Vor 200 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa bei etwa 33 Jahren. Heute sind es global 73 Jahre. Vor 200 Jahren lebten 96 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut, heute sind es rund acht Prozent. In allen Weltregionen ist die Bevölkerungszahl enorm gestiegen, der Anteil Armer fiel überall stark. Vor 100 Jahren mussten Menschen in Deutschland im Schnitt fast zwei Drittel ihres Einkommens für Essen ausgeben, heute ist es rund ein Siebtel. (…) Wer zur Zeit des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, arbeitete zu Beginn seines Arbeitslebens regulär etwa 2500 Stunden im Jahr. Heute macht eine volle Stelle 1700 Stunden im Jahr aus – das sind rund 100 Achtstundentage weniger.“</em> Ulrike Hermann nennt zahlreiche weitere Beispiele. All dies im Kontext einer Erde, auf der inzwischen etwa vier Mal so viele Menschen auf der Erde leben wie vor noch etwa 100 Jahren.</p>
<p>Ulrike Hermann referiert im ersten Teil ihres Buches die Geschichte des Kapitalismus, sie setzt sich im zweiten Teil kritisch mit der Hoffnung auf ein <em>„grünes Wachstum“</em> und ausreichend technologische Innovationen auseinander und formuliert im dritten Kapitel eine Perspektive für die Überwindung des Kapitalismus. Dem Kapitalismus müsse eine <em>„Überlebenswirtschaft“</em> folgen. Als Vorbild eigne sich die britische Kriegswirtschaft unter Winston Churchill, die dazu geführt habe, dass knappe Güter – vereinfachend formuliert – so verteilt werden konnten, dass niemand fror und niemand hungerte: <em>„Mit Knappheit steuern: Dieses Prinzip bietet sich jetzt wieder an.“</em> Auf die Verfügbarkeit von Energie angewendet: <em>„Die Regierung müsste also festlegen, was mit dem begrenzten Ökostrom noch hergestellt wird. Medikamente dürften weit oben landen, private Autos sehr weit hinten.“</em> Das heißt im Grunde <em>„Rationierung“</em>.</p>
<p>Zurzeit werden Güter jedoch nur für diejenigen verknappt, die ohnehin schon Probleme haben, sich das alltägliche Leben finanziell zu organisieren. Es wird daher nicht leicht sein, Akzeptanz für eine solche Politik zu schaffen. Die mit dem privaten Auto mögliche Mobilität möchte man jeden Tag genießen und manche sind darauf angewiesen. Medikamente braucht man eigentlich nur, wenn man krank ist. Immerhin zeigte die Corona-Pandemie, was es bedeutet, wenn auf einmal bestimmte Medikamente kaum noch lieferbar sind. Staatliche Steuerung wird jedoch von den meisten Menschen abgelehnt und kann zu Aufständen führen. Aber aus diesem Grunde eignet sich die britische Kriegswirtschaft als Vorbild, denn die Briten lebten während des Zweiten Weltkriegs nicht in einer Diktatur, sondern in einer Demokratie. <em>„Sie befanden sich in einer unfreiwilligen Notsituation, die zudem verspätet erkannt wurde. Lange Zeit hatten die Briten noch gehofft, sie könnten Hitler durch ‚Appeasement“ befrieden und von einem Krieg abhalten. Ähnlich erleben wir heute den Klimawandel. Seine Dramatik wurde nur verzögert verstanden, zwingt uns aber jetzt zum Handeln.“ </em></p>
<p>Die heutige Situation ist durchaus vergleichbar. Auch beim Versuch, den russischen Angriff auf die Ukraine zu analysieren, gab es Hinweise auf das Jahr 1938, in dem das sogenannte Münchner Abkommen dafür sorgte, dass das damalige Deutsche Reich kampflos Teile der Tschechoslowakei besetzen konnte. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/osteuropa/">Für einen solchen Vergleich sprechen die hilflosen Bemühungen des „Westens“ nach der russischen Besetzung der Krim und von Teilen des Donbass im Jahr 2014</a>. Diese Analogie hat zwar auf den ersten Blick nichts mit der Klimakrise zu tun, auf den zweiten Blick jedoch sind Kriege um Ressourcen, Boden, Wasser, Energie schon Alltag. Billiges Gas und billiges Öl in Deutschland wurden beispielsweise mit großer Nachsicht gegenüber den imperialen Ansprüchen und Handlungen Putins erkauft. Und die Zahl derjenigen, die in Deutschland und in anderen westlichen Staaten bereit wären, Putins Aggressionen zu akzeptieren, hat durchaus etwas mit der Frage zu tun, ob man bereit ist, auf das ein oder andere zu verzichten. Offenbar eben nicht unbedingt.</p>
<p>Die Kriegsmetapher wird – so nicht nur von Ulrike Hermann – ohnehin immer dann bemüht, wenn bestimmte Güter knapp zu werden drohten. Die Fronten verlaufen allerdings nicht unbedingt zwischen Staaten, sondern oft genug innerhalb bestehender Staaten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Berthold Vogel gab seinem Essay in der bereits zitierten Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ den programmatischen Titel <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2023/september/klimapolitik-geht-nur-sozial">„Klimapolitik geht nur sozial“</a>. Die Lösung, die die meisten Politiker:innen zurzeit präsentieren, ist jedoch nicht die Abschaffung von Privilegien der Reichen und Superreichen, sondern die Rückkehr zu abgeschlossenen Territorien, in denen sich nur noch diejenigen aufhalten dürfen, die schon immer dort waren. Armen Menschen wird suggeriert, die Vertreibung und Exklusion anderer armer Menschen aufgrund ihrer Herkunft aus einem anderen Territorium würde ihre Probleme lösen. Eigentlich sollte es einfach sein zu erkennen, dass dies nicht funktionieren kann, denn selbst die höchsten Mauern werden nicht verhindern, dass Menschen, die unter dem Klimawandel leiden, versuchen, ihre Heimat zu verlassen. Steffen Mau hat dies in seinem 2021 bei C.H. Beck erschienen Buch „Sortiermaschinen – Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert“ beschrieben. Wir erleben <em>„eine Metamorphose der Grenze“</em>. Es mag zwar zeitweise gelingen, manche Menschen davon abzuhalten, in den wohlhabenden Ländern des Nordens einzuwandern, aber eine nachhaltige Strategie ist dies nicht. Schutzzölle werden den freien Verkehr von Waren vielleicht behindern, aber invasive Arten und Extremwetter werden sich nicht durch nationale Grenzen aufhalten lassen.</p>
<p>Die Grenzen, die wir respektieren sollten und müssten, liegen in unserer Bereitschaft zu wirksamen Einschränkungen, durchaus im Sinne der vom Club of Rome vor etwa 50 Jahren verkündeten „Grenzen des Wachstums“ Ulrike Hermann stellt nüchtern fest: <em>„Leider wird es ohne Verbote nicht gehen. Unsere Lebensweise kann nur dann ökologisch sein, wenn nicht jede jederzeit unbegrenzt konsumiert.“</em> Die entscheidende Frage lautet daher nach Christian Jakob nicht, ob wir uns noch <em>„Fortschritt“</em> leisten können, sondern ob es gelingen wird, <em>„Akzeptanz zu schaffen für Einschränkungen, vor allem aber für Umverteilung. Denn das Überleben, das so viele infrage gestellt sehen ist heute in erster Linie eine Frage der globalen Gerechtigkeit.“ </em>Erforderlich wäre auch eine Neubewertung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) als Messgröße für <em>„Wohlstand“</em>, <em>„Fortschritt“</em> und <em>„Wirtschaftswachstum“</em>. Ulrike Hermann erklärt dies am Beispiel des <em>„Hausfrauenparadoxes“</em>: <em>„Wenn ein Unternehmer eine Haushaltshilfe beschäftigt, geht ihr Gehalt in die BIP-Rechnungen ein. Heiratet der Firmenchef dann diese Angestellte, schrumpft das BIP, wenn sie jetzt umsonst für ihren Gatten putzt.“</em> Dies gilt auch für einen großen Teil der Care-Arbeit, die oft – überwiegend von Frauen – unentgeltlich erledigt wird, andererseits aber auch – wenn in Pflegedienste oder Kindertageseinrichtungen ausgelagert – das BIP steigert. Auch Zerstörungen führen, da Reparaturen erforderlich sind, zu einer Steigerung des BIP: <em>„Die Flutkatastrophe an der Ahr wird sich ebenfalls positiv auf die deutsche Wirtschaftsleistung auswirken, weil die zerstörten Gebäude nun wieder aufgebaut werden müssen.“</em> Die angesichts der russischen Zerstörungen in der Ukraine erforderlichen Wiederaufbauarbeiten motivieren manche Unternehmen nicht nur aus humanitären Gründen sich zu beteiligen.</p>
<h3><strong>Wie wir heute Karl Marx lesen könnten</strong></h3>
<p>Ulrike Hermann zitiert zentrale Grundlagenwerke marxistischer Philosophie, das „Manifest der Kommunistischen Partei“ und „Das Kapital“. Wer sich jedoch intensiver mit Karl Marx befassen möchte, sollte sich an Texte des späten Karl Marx heranwagen, die einen anderen Blick auf die Entwicklung seines Denkens ermöglichen. Bei der Rezeption von Karl Marx im 20. Jahrhundert wurde auch oft außer Acht gelassen, dass er keine Handlungsanweisungen formuliert, sondern eine Methode entwickelt hatte, mit der sich kapitalistische Entwicklungen und Phänomene analysieren lassen. Eben dies ist eine der zentralen Botschaften des Buches von Kohei Saito.</p>
<p>Kohei Saito darf sich mit Fug und Recht als Marxisten bezeichnen. Er ist Associate Professor für Philosophie an der Universität von Tokyo, hat 2016 an der Berliner Humboldt-Universität promoviert und ist Mitherausgeber der <a href="https://mega.bbaw.de/de">Marx-Engels-Gesamtausgabe</a> (MEGA). Er betont den fragmentarischen Charakter später Schriften und oft nur handschriftlich überlieferten Konzepte sowie die Meinungsverschiedenheiten zwischen Marx und Friedrich Engels. Die Einstellungen des späten Marx bezeichnet Saito als <em>„Ökosozialismus“</em>. Saitos These: <em>„Es kommt also nicht nur auf das BIP an. Viel wichtiger wäre es, ernsthaft darüber nachzudenken, ob im Kapitalismus eine faire Verteilung überhaupt dauerhaft möglich ist. / Die Schwierigkeit bei der Frage der gerechten Ressourcenverteilung ist, dass es sich nicht nur um eine nationale Angelegenheit handelt. Es geht um die große Frage, wie sich globale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit gleichermaßen erreichen lässt.“</em> Diese Frage versteht Karl Marx – beispielsweise in seiner <a href="http://www.mlwerke.de/me/me19/me19_013.htm#Kap_II">„Kritik des Gothaer Programms“</a> (in MEW 19) aus dem Jahr 1875 – international. Den internationalen Charakter der von Karl Marx beschworenen Arbeiterbewegung habe jedoch schon Lassalle entwertet: <em>„Lassalle hatte, im Gegensatz zum ‚Kommunistischen Manifest‘ und zu allem früheren Sozialismus, die Arbeiterbewegung vom engsten nationalen Standpunkt gefasst. Man folgt ihm </em>(im <a href="https://germanhistorydocs.ghi-dc.org/docpage.cfm?docpage_id=2844&amp;language=german">Gothaer Programm</a>, NR) <em>darin – und dies nah dem Wirken der Internationalen.“</em></p>
<p>Kohei Saito beginnt mit der provozierenden These: <em>„Die Ziele für nachhaltige Entwicklung sind das Opium des Volkes!“</em> Alle Appelle, mit einer Änderung persönlichen Konsumverhaltens und Lebensstils die Klimakrise zu bewältigen, bezeichnet er als <em>„Ablasshandel“</em>, da die Auslagerung der Problemlösung auf die einzelnen Bürger:innen das Grundproblem nicht löse. Dies gelte auch auf staatlicher und überstaatlicher Ebene für alle Versuche, die <a href="https://sdgs.un.org/goals">Sustainable Development Goals</a> (SDG) umzusetzen. Das entscheidende Problem sei die <em>„imperiale Lebensweise“</em>, die dafür sorge, dass einige wenige reiche und superreichen Menschen keinerlei Einschränkungen ihres aufwändigen und ressourcenintensiven Lebensstils hinnehmen müssten und dies auch noch durchsetzten, indem sie das Wirtschaftswachstum, mit dem sie ihren eigenen Wohlstand sichern und ausbauen, zur allheilbringenden Lösung aller Probleme erklärten. Dazu gehöre auch die Verklärung von <em>„Effektivitätssteigerung“</em>. Kohei Saito verweist auf das <em>„Jevons-Paradoxon, das der englische Ökonom William Stanley Jevons in seiner 1865 veröffentlichten Schrift ‚The Coal Question‘ (Die Kohlefrage) aufwarf.“ </em>Effektivitätssteigerung reduziert nicht den Verbrauch einer schädlichen Ressource, sondern steigert sie. Klassisches Beispiel: wer den Flottenverbrauch eines Automobilherstellers senkt, sorgt nicht für weniger Verbrauch, sondern investiert seine technologischen Erfolge in den Bau größerer, breiterer und längerer Autos, die genauso viel oder sogar mehr Ressourcen verbrauchen als ältere ressourcenintensivere Modelle. Ein anderes Beispiel: die Digitalisierung mag manche Reise überflüssig machen, aber letztlich erhöht sie den Energieverbrauch.</p>
<p>Diese Strategie verfolgen nicht nur Reiche und Superreiche in ihren Gesellschaften, es ist auch die Strategie der reichen Nationen dieser Erde. Kohei Saito bezieht sich unter anderem auf Stephan Lessenichs Begriff der <em>„Externalisierungsgesellschaft“ </em>(Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut – Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, Berlin, Hanser, 2016). Wer auf welcher Seite der <em>„Externalisierungsgesellschaft“</em> lebt, ist messbar. Stephan Lessenich: <em>„Die individuelle Lebenserwartung ist der soziale Wohlstandsindikator schlechthin. Eine existenziellere Ungleichheit gibt es nicht: Wer früher stirbt, ist länger tot. Und siehe da: Länger tot sind in der Regel die anderen.“</em> Das gilt selbst innerhalb wohlhabender Gesellschaften: <em>„So erreichen in Deutschland zum Beispiel nur 70 Prozent der Männer aus ärmeren Haushalten das 65. Lebensjahr – aber fast 90 Prozent jener aus den wohlhabensten Milieus.“</em></p>
<p>Eben dies sei auch der Ansatz von Karl Marx. Karl Marx habe – so Kohei Saito – die Auslagerung von Belastungen bereits beschrieben. Dies gelte gleichermaßen für die ökologischen Belastungen einer Technologie wie für die Lebensbedingungen von Arbeiter:innen. Wenn Industriestaaten wie Deutschland oder Frankreich bei ihrem Streben nach einer klimaneutralen Wirtschaft Kohlekraftwerke stilllegen, im Gegenzug angesichts ihres Energiebedarfs jedoch Kohle aus Ländern importieren, in denen die Arbeitskräfte unter Leben und Gesundheit bedrohenden Verhältnissen arbeiten, lagern sie die Konsequenzen ihres Lebensstils an die <em>„Peripherie“</em> aus. Dies gilt nicht nur für die Kohle, sondern auch für all die Mineralien, die – wie Lithium – für den Ausbau der E-Mobilität und moderner Kommunikationstechnologie benötigt werden. Und wenn sich dann Menschen aus den Ländern des <em>„globalen Südens“</em> – wie man so sagt – beschweren und versuchen, ihrer Situation zu entkommen, indem sie Richtung Norden migrieren, werden sie als das eigentliche Problem markiert, nicht jedoch der im Norden gepflegte Lebensstil. Das Hauptproblem sind der <em>„Konsumismus“</em> und der <em>„Produktivismus“</em> des Nordens (der etwas unsauber in der Regel als „Westen“ bezeichnet wird. Die Ergebnisse ließen sich in den Textilmüllhalden in der chilenischen Atacama-Wüste oder am Strand westafrikanischer Staaten besichtigen. Wenn jemand hinschauen möchte. Die Konsequenz: „<em>Die Umweltkrise hält der Menschheit eine harte Realität vor Augen: dass wir die</em> <em>auf Extraktivismus und Externalisierung beruhende imperiale Lebensweise infrage stellen müssen, und das radikal.“</em></p>
<p>Karl Marx hat dies in seinen späten Texten erkannt. Eine wichtige Quelle Kohei Saitos ist der Brief an <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/wera-iwanowna-sassulitsch">Wera Iwanowna Sassulitsch</a> aus dem Jahr 1881, dessen verschiedene längeren und handschriftlich überlieferten Vorfassungen einen genaueren Blick auf die Entwicklung des Marx’schen Denkens erlauben. <em>„Aus den Briefen können wir herauslesen, dass der späte Marx nichtmehr dachte, dass eine Steigerung der Produktivkräfte zwangsläufig zur Emanzipation der Menschheit führe.“</em> Dies bedeutet auch eine Abkehr vom früheren Marx’schen <em>„Eurozentrismus“</em>. Marx erklärt seine ursprüngliche Grundannahme somit für falsch, dass jede Gesellschaft den Kapitalismus durchlaufen müsse, um zu einer gerechte(re)n Ordnung zu gelangen. Marx verabschiedet sich somit von einem linearen Geschichtsbild. <em>„Wirtschaftswachstum“</em> ist kein Kriterium für gesellschaftlichen Fortschritt.</p>
<p>Die Sowjetunion beispielsweise funktionierte – mit den bekannten Ergebnissen – nach den Regeln des <em>„Produktivismus“</em>. Auch die schwächelnde Wirtschaft Chinas weist darauf hin, dass jedes Wachstum irgendwann an Grenzen stößt. <em>„Von maßgeblicher Wichtigkeit ist an dieser Stelle Marx‘ Erkenntnis, dass die Stabilität kommunaler Gesellschaften ohne Wirtschaftswachstum für einen nachhaltigen und egalitären Stoffwechsel von Natur und Mensch sorgte.“</em> Aus dieser Erkenntnis leitet Kohei Saito seinen Begriff des <em>„Degrowth-Kommunismus“</em> ab. <em>„Green New Deal“</em> – in welcher Form auch immer – oder technologische Lösungen müssten scheitern, weil auch sie an Grenzen stoßen würden. E-Mobilität mag den Rückzug fossiler Energien herbeiführen, aber die Arbeitsbedingungen, unter den die Rohstoffe der Batterien, der Energiebedarf der Ladestationen und die auch nicht endlose Lebensdauer der Batterien müssen mitgedacht werden, wenn eine ehrliche Ökobilanz erstellt werden soll.</p>
<p>Marx verbindet <em>„Kommunen- und naturwissenschaftliche Forschung“</em> und wendet seine Ergebnisse im weltweiten Maßstab an. Es reicht eben nicht aus, immer effizientere Produktionsweisen und Technologien zu entwickeln, es geht letztlich um die <em>„Umwälzung von Arbeit und Produktion“</em>. Vereinfachend gesprochen: niemand braucht drei Autos, niemand braucht zwanzig Paar Schuhe, niemand muss, um sich zu erholen, Tausende von Kilometern in die Ferne fliegen, es hilft auch nichts, wenn Fahrräder dank ihrer Batterien so schnell werden wie Autos. Entschleunigung statt Beschleunigung, Innehalten statt Wachstum, vielleicht eine neue Bescheidenheit? Arbeit und Natur müssen in ein neues Verhältnis gebracht werden. Karl Marx schrieb in seiner Kritik des Gothaer Programms (MEW 19): <em>„Die Arbeit ist <u>nicht die Quelle</u> alles Reichtums. Die <u>Natur</u> ist ebenso sehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft.“ </em>Es ließe sich glaubhaft begründen, dass alle liberalen und sozialistischen Programme der vergangenen 150 Jahre mehr oder weniger auf dem Stand des Gothaer Programms verharrten.</p>
<h3><strong>Die „Commons“</strong></h3>
<p>Letztlich geht es um die <em>„Commons“</em>, die <em>„Allmende“</em>, die wir gemeinsam bewirtschaften müssen. Und dies lässt sich – so Kohei Saito – nur über <em>„Degrowth“</em> erreichen. <em>„Die gängige Meinung innerhalb der Linken ist doch, dass Marx niemals für den Degrowth eingetreten ist. Die Rechte wiederum würde darüber spotten, dass die Fehler der Sowjetunion allen schlechten Erfahrungen zum Trotz wiederholt wurden. Und auch unter Liberalen sitzt die Abneigung gegen den Degrowth tief.“</em> In der politischen Alltagspolemik lässt sich dann von allen Seiten behaupten, dass <em>„Degrowth“</em> das Leben vor allem der weniger betuchten Teile der Bevölkerung beeinträchtige. Eben diese rhetorische Figur ist auch das Erfolgsrezept der Neuen Rechten, die in großen Teilen eine klassische neoliberale an Hayek und Friedman orientierte Wirtschaftspolitik verfolgt.</p>
<p>Ein kleiner Exkurs angesichts einer aktuellen deutschen Debatte vom Sommer 2023: für einen großen Teil der 14 Millionen Eigenheimbesitzer:innen in Deutschland wäre das Gebäudeenergiegesetz (GEG, vulgo „Heizungsgesetz“) in seiner ursprünglichen Form durchaus zu einer Existenz bedrohenden Belastung geworden. Es gibt viele Menschen, die zwar ein Haus besitzen, aber nur wenige Rücklagen. Es sind oft dieselben Menschen, denen ein Verweis auf den bei ihnen nicht vorhandenen öffentlichen Nahverkehr wenig hilft, weil sie ihr Auto nun einmal brauchen, um überhaupt zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren zu können. Eine Buslinie, die vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren fahren könnte, gehört in das Reich der Utopie. Die Erfahrungen mit stillgelegten Eisenbahnstrecken verweisen eine solche Hoffnung in den Bereich eines Märchens. Vielen Menschen erscheint <em>„Degrowth“</em> daher als Bedrohung. <em>„Degrowth“</em> bedarf einer ausführlichen Begründung und einer neuen politischen Kommunikationsstrategie. Ansätze hätte es gegeben. Insofern verwundert, dass niemand auf die Idee gekommen ist, im Vorfeld des GEG die erfolgte Einführung kommunaler Wärmeplanung in Baden-Württemberg, die Nutzung von Abwärme in verschiedenen Kommunen und andere Möglichkeiten eines behutsamen Umgangs mit Energie vorzustellen, auszuwerten und daraus eine Strategie zur Beteiligung möglichst vieler Bürger:innen zu entwickeln bis hin zur Nutzung von Beteiligungsinstrumenten wie der von Peter Dienel entwickelten <a href="https://www.planungszelle.de/">Planungszelle</a>.</p>
<p>Die <em>„Commons“</em> werden knapp, weil sie nicht als <em>„Commons“</em> wahrgenommen werden, sondern als endlos zur Verfügung stehende Ressource: Boden, Wasser, nicht zuletzt das Wohnen. Eben dies ist die <em>„Tragödie der Allmende“</em>. Der aktuelle Wohnungsmarkt ist gerade in wohlhabenden Gesellschaften ein wesentlicher Indikator dafür wie Kapitalismus funktioniert: die künstliche Verknappung von Gütern schafft Reichtum bei wenigen und Armut bei vielen. Gefordert werden anlässlich diverser Hitzewellen kommunale Wasserbewirtschaftungskonzepte. Ohne solche Konzepte ist absehbar, dass private Wirtschaftsunternehmen diese Aufgabe übernehmen und Wasser verknappen und verteuern. Wer jedoch die Verfügbarkeit der <em>„Notwendigkeiten“</em> verknappt, wird auch letztlich <em>„Freiheit“</em> einschränken, <em>„da der Mensch ohne die drei Grundbedürfnisse Kleidung, Nahrung und Wohnung nicht überleben kann und produktive Tätigkeiten somit weiterbestehen müssen. Auch Marx sagte, das Reich der Freiheit könne ‚nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn‘.“</em></p>
<p>Hier liegen die Grenzen einer klassischen sozialdemokratischen Umverteilungspolitik. Das heißt: <em>„Um das Reich der Freiheit zu erweitern, müssen wir ein System zerschlagen, das nichts als endloses Wachstum im Sinn hat und die Menschen zu überlangen Arbeitszeiten und schrankenlosem Konsum antreibt.“ </em>In diesem Kontext hat auch die noch leise, aber sicherlich demnächst lauter werdende Debatte um die Vier-Tage-Woche ihre Berechtigung. Möglicherweise führt diese gar nicht dazu, dass bestimmte Arbeiten nicht mehr erledigt werden können, sondern eher dazu, dass Betriebe Menschen einstellen können, die mit einer Fünf-Tage-Woche nicht motiviert werden konnten, und vielleicht auch dazu, dass wir lernen, uns auf die Dinge zu beschränken, die im Kontext der genannten <em>„Notwendigkeiten“</em> tatsächlich auch <em>„notwendig“</em> sind, weil sie Grundbedürfnisse befriedigen.</p>
<p>Aber wie tief ist das sprichwörtliche Kind bereits in den Brunnen gefallen? Wurde mit den Debatten um die Restlaufzeiten von drei Atomkraftwerken, die mangels Brennstäben ohnehin nicht mehr lange hätten weiterbetrieben werden können, und ein unzulängliches Gebäudeenergiegesetz die Chance verpasst, die mit dem Krieg um die Ukraine durchaus sichtbar gewordene Bereitschaft zu stärken, den eigenen Lebensstil zu verändern? Eine Partei, die die Klimakrise abstreitet <em>(</em><a href="https://www.netflix.com/de/title/81252357"><em>„Don’t Look Up!“</em></a>), eilt in den Umfragen von Erfolg zu Erfolg, indem sie auf die Rezepte von gestern und vorgestern verweist. Andere Parteien neigen nach wie vor dazu, den Eindruck zu vermitteln, es müsse sich eigentlich gar nichts ändern, oder es wäre alles nur halb so schlimm. Man könnte dies als allgemeine Realitätsverweigerung bezeichnen. Umso wichtiger ist es, dass Autor:innen wie Ulrike Hermann und Kohei Saito Alternativen entwickeln und veröffentlichen, auch wenn sie natürlich Gefahr laufen, dass manche Politiker:innen reflexhaft reagieren ohne ihre Bücher zu lesen (manche reagieren schon reflexhaft, wenn sie den Namen „Karl Marx“ hören oder lesen). Mit dem, was bestehende kommunistische Parteien unter Kommunismus verstehen, hat das, was Kohei Saito beschreibt, nichts zu tun, eher vielleicht mit innerkommunistischen Reformbewegungen wie dem Prager Frühling oder dem Eurokommunismus eines <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/enrico/">Enrico Berlinguer</a>, die jedoch nie eine Chance hatten, sich zu erproben.</p>
<h3><strong>Die Alternativen</strong></h3>
<p>Kohei Saito nennt vier <em>„Alternativen für die Zukunft“</em>. Zwei der vier Alternativen sind autoritär und antidemokratisch, er nennt sie <em>„Klimafaschismus“</em> und <em>„Klimamaoismus“</em>. Unter <em>„Klimafaschismus“</em> versteht er eine Diktatur der <em>„Superreichen“</em>: <em>„Der Staat versucht, die Interessen dieser privilegierten Schicht zu schützen, und geht daher hart gegen Klimaflüchtlinge und Klimawandelverlierer vor, die eine Bedrohung für die neue Ordnung darstellen.“</em> Der <em>„Klimamaoismus“</em> hingegen ist <em>„eine zentralistische Diktatur“ (…) die möglicherweise ‚effektivere‘ und ‚egalitärere‘ Klimaschutzmaßnahmen forciert.“</em> Die dritte Variante wäre die <em>„Barbarei“</em>, das <em>„Chaos“</em>, das ausbricht, wenn zwar die <em>„Superreichen“</em> entmachtet werden, aber letztlich nur noch alle <em>„ums eigene Überleben“</em> kämpfen. Für die vierte, die eigentlich wünschenswerte Alternative, <em>„das Zukunftsszenario einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft“</em>, <em>„mit einer aktiven Demokratie und gegenseitiger Hilfe, die von den Menschen freiwillig getragen werden“</em>, gibt es keine Namen, daher gibt Kohei Saito ihr <em>„vorerst einmal den Namen X“</em>. Im Verlauf des Buches erfahren wir, wie Kohei Saito die Idee eines <em>„Degrowth-Kommunismus“</em> entwickelt, der gleichermaßen soziale, ökologische und demokratische Ziele verwirklicht.</p>
<p>Konkrete Beispiele für <em>„Klimafaschismus“</em> und <em>„Klimamaoismus“</em> konnten wir bereits beobachten, nicht zuletzt auch während der Corona-Pandemie. Kohei Saito nennt Trump und Bolsonaro als Beispiele für <em>„Klimafaschismus“</em>, China für <em>„Klimamaoismus“. </em>In beiden Fällen litten und leiden große Teile der jeweiligen Bevölkerungen. Denkbar wäre auch, dass Aufstände zur <em>„Barbarei“</em> führten, einer Art Hobbes’scher Wolfsgesellschaft (no offense to the wolves) in Reinkultur. Kohei Saito formuliert als Gegenbild seinen <em>„Degrowth-Kommunismus“</em>. Um den Begriff mag man sich streiten, es gäbe auch andere vergleichbare Begriffe wie beispielsweise den von ihm zitierten <em>„partizipativen Sozialismus“</em>, wie ihn <a href="http://piketty.pse.ens.fr/fr/">Thomas Pickety</a> beschrieb (beispielsweise in „Kapital und Ideologie“, München, C.H. Beck, 2020), französische Originalausgabe 2019 bei Seuil). Ohne neue Formen der Beteiligung der Bürger:innen wird es nicht gehen. Letztlich geht es um <em>„Demokratisierung der Arbeitsprozesse“</em>, in Produktion, Dienstleistung und Care-Arbeit.</p>
<p>Als Beispiele für die wachsende Bereitschaft nennt Kohei Saito Barcelona und das Netzwerk der <a href="https://fearlesscities.com/">Fearless cities</a>. Vorläufer waren vielleicht auch die Vorhaben zur Schaffung eines Bürgerhaushaltes, die in Porto Alegre begannen, es gab Bürger:innenbewegungen wie die der Zapatist:innen Anfang der 1990er Jahre im mexikanischen Chiapas, Occupy Wallstreet, Gelbwesten und nicht zuletzt die verschiedenen Arme der Klimabewegung. Kohei Saito bezieht sich auf die These, dass 3,5 Prozent einer Bevölkerung ein Umdenken und Umsteuern bewirken könnten. Diese These ist nicht falsch, allerdings sind Umdenken und Umsteuern durchaus in mehrere Richtungen denkbar. Wir sollten nicht vergessen, dass die Hegemonie-Thesen von Antonio Gramsci zurzeit von rechts und von links gleichermaßen rezipiert werden.</p>
<h3><strong>Konvivialismus</strong></h3>
<p>Kohei Saito hat die „Degrowth“-These nicht erfunden. Weniger popularisiert als die Veröffentlichungen des „Club of Rome“ wurden die konvivialistischen Manifeste, die in Deutschland der Bielefelder transcript-Verlag veröffentlichte. Auch diese thematisierten ein Ende des „Wachstums“ als Grundlage einer zukunftsfähigen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im Jahr 2020 erschien <a href="https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/b7/1b/c1/oa9783839453650GIJl6nGn1Cyph.pdf">das „Zweite konvivialistische Manifest“</a> (Untertitel: „Für eine post-neoliberale Welt“, das französische Original erschien in Arles bei <a href="https://www.actes-sud.fr/">Actes Sud</a>), die Autor:innen firmieren als „Die konvivialistische Internationale“. <a href="https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2898-2/das-konvivialistische-manifest/">Das erste 2013 erschienene Manifest des Konvivialismus</a> trug den Untertitel „<em>Déclaration d’Interdépendence“</em> (bei <a href="https://www.editionsbdl.com/">Le Bord de l’eau</a>, 2013.) Im Jahr 2022 veröffentlichte der transcript-Verlag in englischer Sprache den von Frank Adloff und Alain Caillé herausgegebenen Band <a href="https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/da/20/8f/oa9783839456644.pdf">„Convivial Futures – Views from a Post-Growth Tomorrow“</a>.</p>
<p>Konvivialismus ist ein philosophischer Ansatz, der das Zusammenleben der Menschen auf diesem Planeten gestalten soll. Autor:innen der Manifeste sind über 300 Wissenschaftler:innen, Künstler:innen, Journalist:innen aus Hochschulen, unabhängigen Forschungseinrichtungen, Nicht-Regierungsorganisationen, aus allen Kontinenten, darunter aus Deutschland Susanne Bosch, Adalbert Evers, Axel Honneth, Claus Leggewie, Stefan Lessenich, Hartmut Rosa. Sie sprechen von <em>„Philosophie und Kunst des Zusammenlebens“</em>. Ihre Definition: <em>„Konvivialismus ist der Name, der allem gegeben wurde, was in den bestehenden oder vergangenen, weltlichen oder religiösen Lehren und Weisheiten zur Suche nach Prinzipien beiträgt, die es den Menschen ermöglichen, zu rivalisieren, um besser zu kooperieren und humanitäre Fortschritte zu machen – im vollen Bewusstsein der Endlichkeit der natürlichen Ressource und in der geteilten Sorge um den Schutz der Welt.“</em></p>
<p>Die Frage gilt: <em>„Was ist das Wertvollste? Und wie definieren und erfassen wir es?“</em> Sie lässt sich nur beantworten, wenn die Betroffenen, und das sind alle (nicht nur die jungen) Menschen, die Chance erhalten, darüber nachzudenken, zu diskutieren und zu entscheiden. Ich bin versucht zu sagen: Partizipation, that’s the future, stupid. Dies ist das Gegenteil einer rein caritativen Politik wie sie von vielen Akteur:innen der sogenannten Entwicklungshilfe praktiziert wird. Es geht um die <em>„Entwicklung dessen, was man heute die <u>Commons</u> nennt“</em>. Letztlich wäre so eine Lösung des Allmende-Dilemmas beziehungsweise der Tragödie der Commons, wie es auch genannt wird, denkbar und erreichbar.</p>
<p>In einem Nachwort formulieren die Autor:innen die Anforderungen an einen <em>„Konvivialismus nach der Corona-Krise“: „Dabei wird mittlerweile vielen mehr und mehr klar, dass die Corona-Pandemie erst der Anfang ist. Im Vergleich zu den Folgen des Klimawandels stellt der Umgang mit COVID-19 wahrscheinlich noch eine Leichtigkeit dar. (…) COVID-19 hat auch deutlich gemacht, wie interdependent unsere Welt ist. (…) Die kommenden Jahre werden viele Fragen aufwerfen und bestehende Konflikte verschärfen oder neue schaffen. Dahinter wird aber stets die Frage stehen, wie mit dem ‚imperialen‘ Gesellschaftsmodell weiter zu verfahren ist.“</em></p>
<p>In einer Fußnote verweisen die Autor:innen des 2020 veröffentlichten Manifestes auf ein weiteres Manifest, das „Manifest für ein Wirtschaften nach der Pandemie ‚Arbeit – demokratisieren, dekommodifizieren, nachhaltig gestalten“, das über 3.000 Wissenschaftler:innen unterzeichnet haben. Es wurde <a href="https://www.zeit.de/kultur/2020-05/wirtschaften-nach-der-pandemie-demokratie-dekommodifizierung-nachhaltigkeit-manifest">am 15. Mai 2020 in der ZEIT veröffentlicht</a>. Auch dort spielt die Beteiligung der Bürger:innen die zentrale Rolle: <em>„Diejenigen, die ihre Arbeit, ihre Gesundheit, ja, ihr Leben, in eine Firma investieren, sollten auch das kollektive Recht haben, derartigen Entscheidungen zuzustimmen oder ein Veto einzulegen.“</em></p>
<p>Die Frage liegt auf der Hand: handelt es sich bei den zitierten Manifesten sowie den Büchern von Ulrike Hermann und Kohei Saito um intellektuelle Gedankenspiele oder haben wir es mit potenziell mehrheitsfähigen Positionen zu tun, die sich auch in politischen Entscheidungen niederschlagen. Die Antwort kann nur lauten: teils, teils. In Umfragen gibt es durchaus Mehrheiten für eine andere Sozialpolitik, für Klimaschutz, nicht zuletzt für die Demokratie, geht man jedoch in die Details, wird es schon schwieriger: die Mehrheiten schwinden, weil offenbar kein Zusammenhang zwischen Problem und Maßnahmen erkannt wird. Anders gesagt: es fehlt möglicherweise einfach daran, dass sich Parteien und Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik auf etwas Gemeinsames verständigen, das sich zunächst vor allem auf eine Bestätigung des Wertes des gemeinsamen Gutes „Erde“, der „Commons“ stützen müsste. Eine Analyse kapitalistisch geprägter Politik gehört dazu, aber eine Analyse alleine macht noch keine Politik. Und damit sind wir bei der Frage, wie nicht nur Analysen, sondern auch konkrete Maßnahmen, die durchaus „anti-kapitalistisch“ genannt werden könnten, mehrheitsfähig werden. Vorerst bleibt es bei dem diffusen Gefühl, das Heinrich Böll in einer seiner kurzen satirischen Geschichten treffend persiflierte: „Es wird etwas geschehen – Eine handlungsstarke Geschichte.“</p>
<p><strong>Das (r)evolutionäre Subjekt – Hegemonie und Bündnisse</strong></p>
<p>Es wird nicht reichen, einzelne Kommunen, Parteien oder Organisationen der Zivilgesellschaft zu motivieren, den Kapitalismus abzuschaffen oder zumindest dazu beizutragen, dass er abgeschafft werden könnte. Das wäre so etwas wie die Rede vom <em>„richtigen Leben im falschen“</em>, das es nach dem Diktum Adornos in den Minima Moralia gar nicht geben kann. Insofern besteht durchaus die Gefahr, dass sich die Umsetzung der SDG’s und die Initiativen von Städten wie Barcelona letztlich in ihrer Relevanz für eine gewendete und zukunftsfähige Politik ähneln. Die 3,5 Prozent, von denen Kohei Saito spricht, können sicherlich einiges erreichen, aber die aktuellen Protestbewegungen blieben Protestbewegungen, eine Strategie für die Bildung eigener Mehrheiten hatten sie nicht. Je nachdem konnten und können die jeweiligen Regierenden sie mehr oder weniger brutal unterdrücken – wie in China – oder zumindest durch beharrliche Ignoranz wieder eindämmen – wie beispielsweise zuletzt in Frankreich oder in Chile.</p>
<p>André Gorz hat diese Dilemmata in seinem „Abschied vom Proletariat“ bereits thematisiert. Man kann so viel man möchte über Evolutionen und Revolutionen diskutieren, aber die Klasse, die Gruppe, die Avantgarde (durchaus im Sinne Lenins), die sie betreiben könnte, hat noch niemand beschrieben. Dies liegt auch daran, dass es nicht mehr möglich ist, eine bestimmte Gruppierung homogen zu beschreiben. Es gibt zwar einen Begriff von Klassismus – auch die Marx’sche Kritik am von ihm so genannten <em>„Lumpenproletariat“</em> (im „Kommunistischen Manifest“) ist im Grunde klassistisch –, es gibt jedoch keinen Begriff mehr von einer <em>„Klasse“</em>, es gibt nur noch – ich verwende den Begriff der <a href="https://www.sinus-institut.de/media-center/studien">SINUS-Studien</a> – <em>„Milieus“</em>.</p>
<p>Auch David Goodharts viel zitierter Versuch einer Binarisierung der Menschen in <em>„Somewheres“</em> und <em>„Anywheres“</em> (in „The Road To Somewhere – The Populist Revolt and the Future of Politics“, C. Hurst &amp; Co., 2017, deutsche Ausgabe 2020 bei <a href="https://millemari.de/">millemari</a>) hilft nicht weiter, wenn man sich auf die Suche nach dem Subjekt einer zukunftsfähigen Veränderung begibt. Wer sich auf eine binäre Sichtweise einlässt, landet schnell beim Freund-Feind-Gegensatz von Carl Schmitt als Grundlage von Politik. Dies wäre jedoch fatal. Slavoj Źiźek zeigt, was dies bedeuten kann und wie bei den aktuellen politischen Debatten eine anti-politische Spaltung der ohnehin schon in prekären Verhältnissen lebenden Menschen droht. Gerade die migrationsfeindliche Politik vieler nördlicher beziehungsweise westlicher Staaten sorgt dafür, dass letztlich die eigenen Einwohner:innen die Ursache jeder Bedrohung bei Zuwanderer:innen suchen, obwohl diese kaum zu den von David Goodhart beschriebenen „Anywheres“ gehören. Źiźek schreibt in: „Wie ein Dieb im Tageslicht – Macht im Zeitalter des posthumanen Kapitalismus“ (aus dem Englischen von Karen Genschow, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2019):<em> „Der Konflikt zwischen lokalen Unterschichten und Immigranten (oder zwischenfeministischem Kampf und Arbeiterkampf) ist keine extern auferlegte Abscheu, die durch die Manipulation feindlicher Propaganda erzeugt wird, sondern die Erscheinungsform desselben Klassenkampfs. Lokale Arbeiter nehme Immigranten als Handlanger des Großkapitals wahr, in das Land gebracht, um ihre Kraft zu unterwandern und mit ihnen in Konkurrenz zu treten, da ihre Löhne niedriger sind; Immigranten sehen lokale Arbeiter, selbst, wenn sie arm sind, als untrennbaren Teil der westlichen Ordnung, die sie marginalisiert. In einer solchen Situation, in der der Wettbewerb real ist, genügt einfaches Predigen nicht, dass sie beide tatsächlich auf derselben Seite stehen.“ </em></p>
<p>Vielleicht hilft es, sich ein wenig mehr mit den Thesen von Antonio Gramsci zu beschäftigen. Es ist natürlich nicht so, dass dies nicht schon geschähe. Es fehlt zwar nach wie vor ein Band, der sich mit der Hegemonie-These Gramscis und ihren Perspektiven für die Lösung der Klimakrise beziehungsweise eine radikale Umsteuerung der kapitalistischen Wirtschaftsweise befasst, aber diejenigen, die diese These auf Bildungssysteme anwenden, kommen einer solchen Sichtweise schon recht nahe. Maria do Castro Varela, Natascha Khakpour und Jan Niggemann gaben im Jahr 2023 bei Beltz Juventa den Sammelband <a href="https://www.bic-media.com/mobile/mobileWidget-jqm1.4.html?isbn=9783779960737">„Hegemonie bilden – Pädagogische Anschlüsse an Antonio Gramsci“</a> heraus. Der Band wurde unter anderem von der <a href="https://www.rosalux.de/">Rosa-Luxemburg-Stiftung</a> unterstützt und ist daher im open access verfügbar. 21 Autor:innen analysieren die Bildungsverständnisse Gramscis und der Gramsci-Rezeption und untersuchen die <em>„Kämpfe der Hegemoniebildung: Schule, Sprache und die Künste“</em>.</p>
<p>Mehrere Beiträge des Buches befassen sich mit der Gramsci-Rezeption von von links und von rechts. Als Vorläufer aller rechten Rezipient:innen Gramscis gilt Alain de Benoist, beispielsweise mit seinem Buch „Kulturrevolution von Rechts“ (1985). Linke Strategien zur Schaffung von Gegenöffentlichkeiten, Aufrufe, die 3,5 Prozent oder gegebenenfalls auch die vielleicht sogar ausreichende Basis von einem Prozent zu schaffen – all dies gibt es von links wie von rechts und zurzeit scheint es durchaus Tendenzen zu geben, dass diejenigen, die eine Klimakrise leugnen, die Oberhand gewinnen könnten. Dabei fällt auf, dass Parteien der Neuen Rechten fast ohne Ausnahme einen radikalisierten neoliberalen Kurs verfolgen, soziale Ziele zwar verkünden, sich aber vorwiegend dann doch in ihren Programmen (zum Beispiel AfD und FPÖ) oder in ihrem Regierungshandeln (zum Beispiel Giorgia Meloni, Jair Bolsonaro oder Donald Trump) ausgesprochen anti-sozial verhalten, Sozialleistungen streichen und letztlich nur die wenigen oberen Prozent von Steuern und Abgaben entlasten.</p>
<p>Die Herausgeber:innen von „Hegemonie bilden“ formulieren prägnant in ihrer Einleitung die Methode, mit sich rechte und linke Gramsci-Rezeption voneinander unterscheiden ließen, sodass sie nicht mehr von den ursprünglichen inhaltlichen Ideen Gramscis getrennt werden können: <em>„Mit dem Hegemoniebegriff in seiner politisch-pädagogischen Akzentuierung als Verallgemeinerungsweise liegt eine eigenständige Perspektive vor, Dynamiken zwischen verschiedenen sozialen Ungleichheiten zu verstehen, deren Wirkung sich in den verhandelten Gruppenhierarchien und -relationen manifestieren (…) und über rein wissenschaftliches Erkenntnisinteresse hinausgehen.“</em> Und damit Inhalt und Methode zueinander passen und sich von einem kruden unter falscher Flagge segelnden Nationalismus und Neoliberalismus unterscheiden lassen, ist zu betonen, dass die Klassen <em>„ohne Erfahrungen von Klassismus, Sexismus, Rassismus nicht verstehbar“</em> sind. Die Hegemoniethese Gramscis muss im Kontext damaliger wie heutiger Debatten um Imperialismus und Kolonialismus diskutiert werden. Aber eben dies fehlt in rechten Kontexten.</p>
<p>In diesem Kontext haben nicht nur Staat, Zivilgesellschaft und formale Bildungseinrichtungen, sondern auch – so Leila Haghigat in ihrem Beitrag – informelle und nicht-formelle Bildung wie <em>„Museen, Kunstinstitutionen, Biennalen und verschiedenste staatlich geförderte kulturelle Projekte als zivilgesellschaftliche Akteure eine erziehende Funktion, indem sie an der Systematisierung des Alltagsverstandes beteiligt“</em> und <em>„in emanzipatorisches Bildungsstreben eingebettet“ </em>sind.</p>
<p>Die bei manchen Intellektuellen gegebene Skepsis gegenüber den <em>„Massen“</em> ließe sich vielleicht auf diese Weise aufheben, aber – so notwendig dies wäre – ist dies ein langer Weg. Zunächst erforderlich ist eine schonungslose Analyse der Attraktivität der Vorhaltungen der Neuen Rechten gegenüber liberaler, linker, aber auch konservativer Politik. Ursula Apitzsch verweist in ihrem Beitrag „Massenhafter intellektueller Fortschritt“ auf einen Brief Gramscis: <em>„Noch im September 1922 in Moskau in seinem berühmten ‚Brief über den italienischen Futurismus‘ an Leo Trotzki versucht Gramsci, die Wirkung futuristischer Kunst auf die Turiner Arbeiter:innen verständlich zu machen. Sie glauben im Futurismus die eigene Lebensweise und Kreativität zu verteidigen.“ </em>F.T. Marinetti sprach in seinen futuristischen (und proto-faschistischen) Manifesten unter anderem davon, dass ein Rennwagen schöner wäre als die Nike von Samothrake. Bei den Turiner Arbeiter:innen wird er keinen Widerspruch geerntet haben (obwohl diese sicherlich nicht zu seinen Leser:innen gehörten). Auch im Jahr 2023 hätte Marinetti ein dankbares Publikum.</p>
<p>Was bleibt? Die in diesem Essay etwas ausführlicher vorgestellten Analysen von Ulrike Hermann und Kohei Saito überzeugen. Der Appell an die „Grenzen des Wachstums“, die Notwendigkeit eines „Degrowth“ belegen die Popularität einer Politik jenseits des (neoliberalen) Kapitalismus unter Intellektuellen. Eine Strategie haben wir damit noch nicht. Die pädagogische Gramsci-Rezeption der Autor:innen des Sammelbandes von Maria do Castro Varela, Natascha Khakpour und Jan Niggemann zeigt vielleicht einen Weg, aber die Bündnisse, die erforderlich wären, um die Machtfrage des Kapitalismus anders zu beantworten als dies in einer Zeit geschieht, in der sich – böse gesagt und böse gemeint – sozial orientierte Parteien nach wie vor auf dem Niveau des Gothaer Programms bewegen, müssen noch geschaffen werden. 3,5 Prozent werden auch nicht reichen. Etwa 3,5 Prozent – oder sogar weniger – stürzten die kommunistischen Diktaturen der Sowjetzeit, aber die Transformation der 1990er Jahre ist alles andere als ein gutes Vorbild für das Management der angesichts der Klimakrise erforderlichen Transformationen. Aber auf die Bündnisse kommt es an! Nur mit breiten Bündnissen sind tragfähige und zukunftsfähige Mehrheiten in einer liberalen Demokratie erreichbar.</p>
<p>Zum Abschluss noch einmal Slavoj Źiźek, diesmal zitiert nach seinem Buch „Die Revolution steht bevor – Dreizehn Versuche über Lenin“ (Frankfurt am Main, edition suhrkamp, 2002): <em>„Entweder man spielt das Spiel des Systems und lässt sich auf den ‚langen Marsch durch die Institutionen‘ ein, oder man engagiert sich in neuen sozialen Bewegungen, vom Feminismus über den Umweltschutz zum Antirassismus. Aber um es nochmals zu sagen, die Begrenztheit dieser Bewegungen besteht darin, dass sie nicht <u>politisch</u> im Sinne des allgemeinen Singulären, sondern ‚Einthemenbewegungen‘ sind, denen die Dimension der Allgemeinheit fehlt, d.h., sie beziehen sich nicht auf die gesellschaftliche <u>Totalität</u>.“</em> Vielleicht erwächst daraus sogar ein ganz neuer Begriff der <em>„Revolution in Permanenz“</em>, die Karl Marx und Friedrich Engels im März 1850 in der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund“ formulierten (in MEW 7)? Das wäre nicht nur eine Denkaufgabe für politische Parteien, sondern auch – und nicht zuletzt – für die Zivilgesellschaft.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2023, Internetzugriffe zuletzt am 20. September 2023. Das Titelbild zeigt eine Landschaft bei Bestensee, Landkreis Oder-Spreewald, Foto: NoRei.)</p>
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