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	<title>Polen Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Lautes Schweigen und ein Hoffnungsschimmer</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/lautes-schweigen-und-ein-hoffnungsschimmer/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 10 Jan 2026 05:35:58 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lautes Schweigen und ein Hoffnungsschimmer Agnieszka Łada-Konefał über die deutsch-polnischen Beziehungen Ende 2025 „Die Debatte über Reparationen hat starken Einfluss auf die Stimmung der Polen. Die meisten Deutschen sind überzeugt, dass das Thema abgeschlossen ist. Dies ist eine der schwierigsten Trennlinien im Dialog zwischen unseren Gesellschaften.“ (Agnieszka Łada-Konefał, Vizedirektorin des Deutschen Polen-Instituts, zur Präsentation  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1"><h1></h1>
<h1><strong>Lautes Schweigen und ein Hoffnungsschimmer</strong></h1>
<h2><strong>Agnieszka Łada-Konefał über die deutsch-polnischen Beziehungen Ende 2025</strong></h2>
<p><em>„Die Debatte über Reparationen hat starken Einfluss auf die Stimmung der Polen. Die meisten Deutschen sind überzeugt, dass das Thema abgeschlossen ist. Dies ist eine der schwierigsten Trennlinien im Dialog zwischen unseren Gesellschaften.“ </em>(Agnieszka Łada-Konefał, Vizedirektorin des Deutschen Polen-Instituts, zur Präsentation des Deutsch-polnischen Barometers 2025, zitiert nach: Christoph von Marschall, <a href="https://www.tagesspiegel.de/internationales/deutsch-polnisches-barometer-sympathien-der-polen-fur-deutsche-auf-rekordtief-14860148.html">Deutsch-polnisches Barometer: Sympathien der Polen für Deutsche auf Rekordtief</a>, in: Tagesspiegel 17. November 2025)</p>
<p>Agnieszka Łada-Konefał bilanziert im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> jedes Jahr die jeweiligen Entwicklungen der deutsch-polnischen Beziehungen, insbesondere in Bezug auf das jährlich erscheinende <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025">Deutsch-polnische Barometer</a>. Im Jahr 2025 gab es drei Ereignisse, die deren Qualität hätten verändern können: die Bundestagswahl in Deutschland vom 23. Februar 2025 mit dem folgenden Regierungswechsel, die Wahl des von der PiS unterstützten Kandidaten zum neuen polnischen Staatspräsidenten am 1. Juni 2025 (Ines Skibinski kommentierte im Demokratischen Salon: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zaghafte-regierung-weitreichende-folgen/">„Zaghafte Regierung – weitreichende Folgen“</a>) sowie die polnische Ratspräsidentschaft in der Europäischen Union in der ersten Jahreshälfte. Doch was veränderte sich wirklich? Neu waren die zunächst von deutscher Seite eingeführten Grenzkontrollen, die von polnischer Seite mit Grenzkontrollen in der Gegenrichtung beantwortet wurden. Die Kontrollen dauern an. Ein Ende ist zurzeit nicht absehbar, ihre Wirkung ist umstritten.</p>
<p>Komplexe Gefühle bestimmen das deutsch-polnische Verhältnis in hohem Maße. Es gibt mehrere höchst kontroverse Auseinandersetzungen zwischen Polen und Deutschland, nicht zuletzt der Streit um Nordstream II, angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine vielleicht der prominenteste Punkt. Mehrere Studien belegen dies im Detail. Einige Studien wurden im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-2025/">„Polen 2025 – Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte“</a> vorgestellt, darunter mehrere in Herausgeberschaft des Deutschen Polen-Instituts wie beispielsweise das Polen-Jahrbuch 2025, das sich aus technologisch-wirtschaftlicher und politischer sowie aus soziologischer und psychologischer Sicht mit dem Thema „Energie“ befasste.</p>
<p>Ein kritischer Punkt im deutsch-polnischen Verhältnis ist und bleibt die Frage der Entschädigungen der noch lebenden etwa 50.000 bis 60.000 polnischen Kriegsopfer. Bisher ist keine Lösung in Sicht. Der deutsch-polnische Gesprächskreis der Kopernikus-Gruppe hat in einem <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/assets/Kopernikus-Gruppe/KG-Arbeitspapiere-de-und-pl/Arbeitspapier-Kopernikus-XXXVI-D-v2.pdf">Arbeitspapier vom 3. Dezember 2025</a> gefordert, dass diese humanitäre Geste endlich Wirklichkeit werden müsste. Dieses Papier erschien kurz nach den deutsch-polnischen Konsultationsgesprächen auf Regierungsebene, die keine neuen Initiativen verzeichneten.</p>
<h3><strong>Perspektiven der deutsch-polnischen Beziehungen</strong></h3>
<div id="attachment_7631" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7631" class="wp-image-7631 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-200x286.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025.png 281w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a><p id="caption-attachment-7631" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des DPI über das Deutsch-Polnische Barometer erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat sich aus Ihrer Sicht im Jahr 2025 in den deutsch-polnischen Beziehungen verändert?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Es hat sich verdächtig wenig verändert. Die Erwartungen waren viel höher als die Realität dann war. Mit der deutschen Bundestagswahl, der Wahl des neuen polnischen Staatspräsidenten, der polnischen Ratspräsidentschaft in der EU gab es jeweils die Hoffnung, eine Wende wäre möglich. Donald Tusk hat nach der Regierungsübernahme von Friedrich Merz bei einer Pressekonferenz in Warschau eine neue Eröffnung der deutsch-polnischen Beziehungen angekündigt. Danach ist nichts passiert, keine Verbesserungen, keine konkreten Maßnahmen, keine gemeinsamen Initiativen. Auch in der Rhetorik der deutschen Regierung wurde Polen immer weniger wichtig. Die Hoffnung, dass es mit einem Wechsel im Präsidentschaftspalais zu einer Veränderung der polnischen Politik kommt, weil die Regierung einen Unterstützer in der Person des Präsidenten bekommt, wurde zerstört. Rafał Trzaskowski verlor die Wahl gegen Karol Nawrocki, der sich im Wahlkampf sehr antideutsch geäußert hatte. Auch in der polnischen Ratspräsidentschaft blieben die Initiativen aus. Von deutscher Seite war zu hören, dass man mehr erwartet hätte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die deutsch-polnischen Beziehungen waren auch Gegenstand des deutsch-polnischen Barometers, das Sie Ende November in Warschau und in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt haben. Ich möchte vor allem zwei Ergebnisse hervorheben: Das Deutschlandbild in Polen ist so schlecht wie noch nie seit Bestehen des Barometers, während sich das Polenbild in Deutschland im Vergleich der vergangenen 25 Jahre eher positiv entwickelt hat.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das ist die Richtung. Jahrelang haben wir uns beim Barometer gefragt, wie man das Polenbild in Deutschland verbessern könnte. Jetzt geht es eher darum, was man tun könnte, um diese Sintflut von negativen Werten gegenüber Deutschland in Polen zu stoppen. Das ist ein trauriger Moment. Die Werte sagen viel über den Stand der Beziehungen aus, über das Misstrauen auf der polnischen Seite. Man sollte allerdings darüber nachdenken, welche Faktoren dahinterstecken. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Man könnte mit der anti-deutschen Rhetorik der PiS-Politiker beginnen. Das allein wäre jedoch zu einfach gedacht. Inzwischen ist eine Atmosphäre entstanden, in der Deutschland-Bashing gut ankommt, auch bei Leuten, die sich das jahrelang nicht erlaubt haben. Die andere politische Seite, die liberale, europäische Seite, die polnische Regierungskoalition hat darauf keine Antwort. Sie steht in der Defensive, sie will das Thema nicht ansprechen und überlässt das Feld ihren Kritikern. Aber auch die deutsche Regierung ist verantwortlich. Sie tut zu wenig und dies allein deshalb, weil die polnische Seite nichts tut. Andererseits erwartet die polnische Seite in mehreren Bereichen eine Initiative der deutschen Regierung: Beim Thema „Wiedergutmachung“ geht es nicht nur eine Geste, sondern um konkrete Taten. Ein zweiter Punkt ist ebenso wichtig, um die negativen Gefühle gegenüber Deutschland zu verstehen. Jahrelang hat Deutschland in der EU, zu Energie- und Migrationsfragen und in der Haltung zu Russland eine Politik betrieben, die Polen als falsch bezeichnete. Jetzt hat sich gezeigt, dass die Polen Recht hatten. In Polen befürchten viele, dass Deutschland wieder zum business as usual zurückkehren wird, sobald der Krieg um die Ukraine beendet ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Gefahr ist groß! Katja Gloger und Georg Mascolo haben in ihrem investigativen Projekt „Das Versagen“ (Berlin, Ullstein, 2025) ausführlich beschrieben, wie pazifistische und eher russlandfreundliche Kreise in der SPD und im linken Lager und wirtschaftsfreundliche Kreise in CDU und FDP gleichermaßen ignorierten, welche Politik Russland schon seit etwa 20 Jahren betrieb. Nordstream II ist da vielleicht nur das prominenteste Beispiel.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das merken und wissen die Menschen in Polen. Ein dritter Punkt auf der Liste ist die Einstellung der Deutschen gegenüber Polen in einer Art Lehrer-Schüler-Verhältnis. Die Deutschen benehmen sich immer noch oft gegenüber Polen wie Lehrer, aber auch die Polen verhalten sich noch oft wie Schüler, obwohl sie nicht so wahrgenommen werden wollen. Es ist einfach schwer, aus diesen Rollen herauszukommen. Die Polen sind damit sehr unzufrieden, weil sie selbstbewusster geworden sind, weil die wirtschaftliche Entwicklung in Polen so gut ist wie sie ist, weil die Polen Russland richtig eingeschätzt haben, weil sie auch in die Sicherheit investieren und daher stolz auf ihr Land sein können. All diese und sicherlich auch noch weitere Punkte führen dazu, dass die Ergebnisse des diesjährigen Deutsch-Polnischen Barometers so sind.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist das Psychologie?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>:<em> Natürlich. Es geht aber auch noch weiter. Alle Dinge, die mit Deutschland zu tun haben, werden sehr emotional diskutiert. Die Deutschen hingegen argumentieren sehr unemotional. Polen ist in Deutschland präsent, aber eben nicht emotional. In Polen ist das Verhältnis zu Deutschland gespalten. Man kann im Barometer sehen, dass sich die Einstellungen je nach Parteipräferenzen deutlich unterscheiden. Viele Polen reagieren schon sehr empfindlich auf deutsche Äußerungen, deutsche Kritik, deutsche Manöver. Sie erwarten von Deutschland aber auch viel mehr als von anderen Ländern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht sprechen wir in diesem Kontext auch über die Perspektiven des Weimarer Dreiecks. Ich erinnere mich gerne an eine Veranstaltung des Deutschen Polen-Instituts in der französischen Botschaft Ende 2024, in der dies Thema war. Einer der Teilnehmer war Heiko Maas, der ehemalige Bundesaußenminister, der jetzt Präsident des DPIs ist. Damals war geplant, diese Veranstaltung fortzusetzen. Es gab eine Menge Optimismus. Als dann Friedrich Merz Kanzler wurde, hatte ich den Eindruck, dass er das Weimarer Dreieck ebenfalls wiederbeleben wollte. Er traf sich relativ früh in seiner Kanzlerschaft mit Emmanuel Macron und Donald Tusk. Ende 2025 habe ich jedoch den Eindruck, dass das Interesse am Weimarer Dreieck wieder in den Hintergrund gerückt ist.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das stimmt auf jeden Fall. Donald Tusk bleibt in der Defensive, weil er nicht das Bild des „deutschen Agenten“ haben will, als den ihn die Opposition immer wieder angreift. Er kann sagen, was er möchte, die PiS wird immer behaupten, das zeige wieder, wie sehr Tusk von Deutschland beeinflusst wäre. Auch Friedrich Merz hat gesehen, dass man die Erfolge nicht so schnell erzielen kann, weil Donald Tusk sich zurückhält. Da hat er dann auch andere Partner gefunden, mit denen er schneller zu einem Ergebnis kommt. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen sind einfach zu komplex und kompliziert, als dass es schnelle Veränderungen geben könnte. Das zeigt sich auch in der Debatte um die Entschädigungen für die polnischen Kriegsopfer, die in der deutschen Politik als „humanitäre Geste“ bezeichnet werden. Dazu kommen die Haushaltsverhandlungen in Deutschland. Ich denke, Kanzler Merz hätte mehr Mut haben sollen, denn ich glaube, dass die Wähler in Deutschland schon verstehen dürften, warum eine solche „humanitäre Geste“ wichtig ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich entnehme Ihrer Einschätzung, dass sowohl Friedrich Merz als auch Donald Tusk mutiger sein müssten.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das ist mein Appell an die beiden, aber mein Optimismus hält sich in Grenzen.</em></p>
<h3><strong>Bildungsauftrag: Würdigung der polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs</strong></h3>
<div id="attachment_7565" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7565" class="wp-image-7565 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-300x182.jpg" alt="" width="300" height="182" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-200x122.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-400x243.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-600x365.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-768x467.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-800x486.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-1024x622.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-1200x729.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenkstaette-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-ReLo-scaled-e1761721828995-1536x933.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7565" class="wp-caption-text">Mahnmal für die polnischen Opfer von Krieg und Besatzung im Berliner Tiergarten, in der Nähe von Reichstagsgebäude und Kanzleramt. Foto: ReLo.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: All diese Debatten und die deutsch-polnischen Beziehungen haben auch etwas mit einem übergreifenden Punkt zu tun: Das Gedenken an die Vergangenheit, das Geschichtsbild, letztlich Geschichtspolitik. Hier spielt das Denkmal an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung, des deutschen Überfalls auf Polen eine Rolle. Es wurde am 16. Juni 2025 im Berliner Tiergarten, nicht weit entfernt vom Reichstagsgebäude, eingeweiht. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">Markus Meckel hat vorgeschlagen</a> (zunächst im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon,</span> dann im Tagesspiegel), das Gedenken auch auf die Opfer anderer Länder auszuweiten, die die Deutschen im Zweiten Weltkrieg überfallen und besetzt hatten, an die Millionen Opfer unter Juden, unter Ukrainern, unter den Menschen in Belarus und in den Baltischen Staaten. <a href="https://www.tagesspiegel.de/kultur/debatte-um-die-erinnerung-an-die-deutschen-kriegsverbrechen-in-polen-deutschland-braucht-unbedingt-ein-polnisches-denkmal-14915411.html">Robert Traba hat im Tagesspiegel geantwortet</a>, dass diese Ausweitung auf alle Opfer nicht akzeptabel wäre, denn es sei unabdingbar, ganz spezifisch die polnischen Opfer zu würdigen. Ich denke, man sollte beides tun. Möglicherweise käme eine größere Gedenkstätte in Frage, an der der Opfer auch anderer Länder gedacht wird, jeweils spezifisch. Und die schon bestehenden Denkmäler für die ermordeten Juden und die ermordeten Sinti und Roma sind ja auch nicht weit von dieser Stelle entfernt. Wie schätzen Sie diese Debatte ein?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Ich stimme zu, dass man eigentlich beides tun solle. Im Sinne von Bildungs- und Informationsmaßnahmen. Dazu gehört eben auch das sichtbare Gedenken. Das geringe Bewusstsein in Deutschland gegenüber den Opfern in Polen und in den anderen mittel- und osteuropäischen Staaten muss thematisiert werden. Es gab auch Ideen, dass man dies auch tut. Umso erfreulicher ist es, </em><a href="https://dserver.bundestag.de/btd/21/029/2102907.pdf"><em>dass der Deutsche Bundestag Ende des Jahres 2025 in einem Beschluss die Bundesregierung verpflichtet hat</em></a><em>, einen Gedenkort für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft in Polen einzurichten und auch die Arbeit an der Entstehung des Deutsch-Polnischen Hauses fortzusetzen. Bei der Art und Weise, wie die Deutschen in Polen die Menschen ermordeten und Polen als Nation vernichten wollten, sind die Erwartungen in Polen mehr als verständlich, dass der eigenen Opfer besonders gedacht werden soll. Es freut, dass schon 2026 ein Wettbewerb ausgeschrieben werden soll, in dem Künstler sich bewerben können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein wesentlicher Punkt im Deutsch-Polnischen Barometer war auch diesmal wieder die ungeklärte Frage der <em>„Wiedergutmachung“</em>, der Entschädigung der noch lebenden etwa 50.000 bis 60.000 polnischen Kriegsopfer durch die deutsche Regierung. Würde eine deutsche Initiative in diesem Punkt Wesentliches ändern?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Jein. Die polnischen Erwartungen sind klar. Die meisten Polen erwarten, dass hier endlich etwas geschieht. Die humanitäre Geste für die noch lebenden Opfer wäre ein Schritt. Vor etwa einem Jahr hat Olaf Scholz eine Summe vorgeschlagen, die jedoch von Polen abgelehnt wurde. Donald Tusk wies sie als zu niedrig zurück, weil sie dem Leid der Polen nicht gerecht würde. Donald Tusk ist hier natürlich auch in einer Falle, denn die Erwartungen wurden in Polen sehr hochgeschaukelt, nicht zuletzt in den Wahlkämpfen. Die PiS spricht von Billionen, von Reparationen, die alle polnischen Opfer und Verluste begleichen sollen. Diese Summe ist natürlich extrem hoch. Ich will die Verluste nicht kleinreden, keine Entschädigung wird ausreichen, egal wie hoch sie auch immer irgendwann sein könnte, so wird es keine Summe geben, die die Polen wirklich zufriedenstellen kann. Es ist schon wichtig und richtig, wenn man die Opfer nicht nur mit dem Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in Berlin immateriell würdigt, sondern auch den noch lebenden Opfern mit einer Summe versorgt, die für sie zumindest eine kleine Unterstützung für die letzten Lebensjahre ist – wir sprechen wirklich nicht um große Summen für diejenigen, die ihre Kindheit beziehungsweise Jugend in schrecklichen Bedingungen verbracht haben . Dazu kommen gemeinsame Projekte zur Sicherheit gegenüber Russland. Das sind Dinge, die die liberale Seite in Polen zufriedenstellen könnten, aber man muss sich natürlich auf die Kritik von der rechten Seite einstellen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Kritik von rechts wird nicht aufhören.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Auf keinen Fall. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es hat auch etwas damit zu tun, dass außenpolitische Forderungen formuliert werden, um innenpolitisch zu punkten.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Das ist der Fall. Man muss schon sehen, welchen Einfluss die Innenpolitik hat. Deutschland ist in Polen ein Thema, das polarisiert und mit dem man Politik machen kann. In Deutschland ist das anders. Bundeskanzler Friedrich Merz dürfte denken, dass es in Deutschland schwer zu verkaufen sein wird, wenn er Millionen nach Polen überweist, aber gleichzeitig in Deutschland mit dem Streit um die Rente oder das Bürgergeld unter Druck steht. Viele werden das nicht verstehen. Er befürchtet sicherlich die Kritik der AfD und anderer radikaler Parteien. Beide Regierungen befinden sich aus verschiedenen Gründen im Clinch, aber die Gründe liegen auch in beiden Fällen in der Innenpolitik. </em></p>
<h3><strong>Bildung, Begegnung und Tourismus</strong></h3>
<div id="attachment_7739" style="width: 219px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Der_polnische_Tourismussektor_in_den_Beziehungen_zu_Deutschland/title_8528.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7739" class="wp-image-7739 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag-209x300.png" alt="" width="209" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag-200x287.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag-209x300.png 209w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag-400x574.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Der-polnische-Tourismussektor-in-den-Beziehungen-zu-Deutschland-Harassowitz-Verlag.png 418w" sizes="(max-width: 209px) 100vw, 209px" /></a><p id="caption-attachment-7739" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein großes Problem ist meines Erachtens, dass Polen, auch die anderen osteuropäischen Staaten in deutschen Schulen kaum eine Rolle spielen.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Genau das meine ich. Es geht um Bildungsmaßnahmen, nicht nur zu Polen, auch zu anderen Staaten der Region. In den Familien wird darüber in Deutschland nicht gesprochen. In den Schulbüchern, im Unterricht müsste das Angebot größer sein. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In westdeutschen Schulen hat man sich zumindest bis in die 1990er Jahre kaum mit den Ländern östlich von Oder und Neiße beschäftigt. Im Zweifel beschäftigte man sich mit Russland, mit Peter dem Großen, vielleicht mit den Teilungen Polens zwischen den damaligen drei Großmächten Habsburg, Preußen und Russland, obwohl kaum jemand in der Schule wohl genau wusste, was da geschah. Diese deutsche Russlandfixierung ist inzwischen ein zentraler Gegenstand der Kritik von Seiten der Osteuropahistoriker in Deutschland, die aber auch selbst um Ressourcen kämpfen müssen. Das Polenbild in der DDR unterschied sich meines Erachtens nur marginal. Hier war in erster Linie die Sowjetunion als Vorbild von Interesse, sie wurde aber weitgehend mit Russland identifiziert.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, daran etwas zu ändern. Polen und andere osteuropäische Länder müssen in den Schulbüchern präsenter werden, auch die Erfolge in der Wissenschaft, in der Literatur, in der Kunst. In Polen lernt man viel über deutsche Literatur. Das sollte auch in Deutschland so geschehen. Unsere Barometer-Studien zeigen allerdings auch, dass es in den Medien positive Entwicklungen gibt. In unserem Barometer berichten Menschen aus Deutschland, dass sie ihre Informationen über polnische Kultur und polnische Gesellschaft aus dem Fernsehen erhalten hätten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Große Chancen, sich kennenzulernen, bietet der Tourismus. Viele Deutsche verwiesen im Barometer auf ihre touristischen Erfahrungen in Polen. Das Deutsche Polen-Institut hat dazu ein eigenes Buch veröffentlicht, das Sie gemeinsam mit mehreren Kolleginnen und Kollegen herausgegeben haben: <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Der_polnische_Tourismussektor_in_den_Beziehungen_zu_Deutschland/title_8528.ahtml">„Der polnische Tourismussektor in den Beziehungen zu Deutschland“</a> (Wiesbaden, Harassowitz, 2025). Das Buch enthält Übersichten über Tourismusbehörden und -organisationen, Produkte und Szenarien, auch eine Vielzahl von Statistiken und Fallstudien, all das in einer übersichtlichen und ansprechenden Form präsentiert.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Wir wollten mit diesem Buch zeigen, welche große Rolle der Tourismussektor in Polen mit seinen vielfältigen Angeboten für die deutsch-polnischen Beziehungen spielt. Es ging auch um einen Vergleich zwischen der deutschen und der polnischen Tourismusbranche, um Ähnlichkeiten und Unterschiede. Die Barometer-Ergebnisse bestätigen, dass diejenigen, die persönliche Kontakte mit dem Nachbarland haben, auch ein besseres Bild von ihm haben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist immer dasselbe. Die größten Vorbehalte gegenüber Menschen aus anderen Ländern, gegenüber Ein- und Zuwanderung erleben wir dort, wo man diese Menschen nicht trifft, weil dort kaum jemand wohnt, der eine internationale Familiengeschichte hat. Andererseits stimmt die These angesichts der Ergebnisse der jüngsten Kommunalwahlen in Duisburg oder in Gelsenkirchen auch nicht mehr so wie sie vielleicht noch in Sachsen oder in Mecklenburg-Vorpommern stimmt. Aber was sind die Kernergebnisse Ihrer Studie?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Besonders interessant sind aus meiner Sicht die im dritten Kapitel vorgestellten Szenarien für die deutsch-polnischen Beziehungen im Tourismus. Was kann sich im guten wie im schlechten Fall entwickeln? Was könnte geschehen, wenn die Regierungen sich nicht mehr verständigen, die internationale Situation nicht mehr mitspielt, beziehungsweise wie könnte es sich entwickeln, wenn sich alles zum Positiven entwickelt. Solche Szenarien zeigen sehr gut, wie fragil die Beziehungen sind, von wie vielen Faktoren sie beeinflusst werden, wie viel Pflege sie benötigen. Da geht es auch um die Aktivierung unentdeckter Potenziale, aber auch um möglicherweise verpasste Gelegenheiten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Ziele deutscher Touristen unterscheiden sich. Es gibt Deutsche, die nach Polen fahren, weil ihre Vorfahren aus Polen beziehungsweise den heutigen polnischen Gebieten in Schlesien oder Pommern kommen. Dann gibt es diejenigen, die – oft auch in Gruppen wie in Schulklassen – die deutschen Vernichtungslager besuchen, zum Beispiel in Auschwitz oder in Majdanek. Eine dritte Gruppe sucht die vielfältige Natur, die Polen zu bieten hat bis hin zum Ökotourismus. Andere suchen eine Art Wellness und fahren gerne an die polnische Ostsee. Schließlich gibt es die klassischen Städtetouristen, die in Warschau, in Breslau Konzerte, Festivals, die Oper besuchen. Aber was nehmen all diese Gruppen von polnischer Geschichte mit?</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Alle diese Kategorien sind wichtig. Das Buch umreißt diese Gruppen etwa so, in einigen Punkten noch detaillierter. Oft sind es Familienbesuche oder die Suche nach Entspannung, Ziele, die man nicht mit einer Bildungsreise verbindet. Andere wollen einfach Leute kennenlernen. Jeder Besuch hat ein anderes Ergebnis. Aber ich denke schon, dass jedes Mal, wenn jemand aus Deutschland sich in Polen aufhält, es Erfahrungen gibt, die etwas mit der Geschichte oder der Kultur zu tun haben. Selbst wenn man „nur“ mit dem Fahrrad durch Polen fährt, trifft man auf Gedenkstätten, Denkmäler, Gedenksteine, auf Hinweise auf die Geschichte. Das sollte schon inspirieren sich zu fragen: Wie unterscheiden sich die Polen von uns? Oder in den großen Städten, bei einem Konzert, einem Festival sieht man die Straßennamen, Denkmäler, und könnte sich fragen, was diese bedeuten. Oder warum sehen wir an einer bestimmten Stelle moderne Wolkenkratzer? Wenn man nachschaut oder nachfragt, erfährt man, dass dort ein Stadtviertel zerstört wurde und später dort eben diese Hochhäuser hingebaut wurden. Das sind andere Fragen, als wenn man nach Auschwitz fährt oder nach Warschau, um sich dort mit dem Warschauer Aufstand 1944 oder dem Ghetto-Aufstand 1943 zu befassen. All das kann dazu beitragen, Polen besser zu verstehen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn das mit dem Buch erreicht wird, wäre das schon eine tolle Sache. Und auf einer Reise lassen sich all diese konkreten Fragen heutzutage einfach beantworten. Das geht ganz einfach per Smartphone und das haben fast alle bei sich. Auch Übersetzungen sind dank KI inzwischen einfacher als sie das noch vor einigen Jahren waren. Aber Sie sprechen nicht die reisenden oder an einer Reise interessierten Menschen an, sondern befassen sich mit den Strukturen, die solche Reisen ermöglichen und gestalten.</p>
<p><strong>Agnieszka Łada-Konefał</strong>: <em>Wir wollen mit dem Buch insbesondere die Tourismusbranche ansprechen. Wir wollen über die Argumente sprechen, die dazu führen, dass jemand nach Polen fahren möchte. Und nicht zuletzt wollen wir für die Politik ein Zeichen setzen, dass man die Beziehungen zwischen unseren Ländern pflegen muss. Auch in einer Branche, die sich im Prinzip unabhängig von Politik entwickeln könnte, spielt Politik eine Rolle. </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 29. Dezember 2025, Titelbild: Katowice, Rynek © pixabay)</p>
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		<title>Polen 2025</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-2025/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Nov 2025 08:55:59 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Polen 2025 Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte „Poland is therefore just one example of a country where the political culture of post-traumatic sovereignty has become visible to foreign observers.” (Jarosław Kuisz, The new politics of Poland – A case of post-traumatic sovereignty, Manchester University Press, 2023) Wer sich in Deutschland mit polnischer Geschichte,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-2 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-1 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-2"><h1></h1>
<h1><strong>Polen 2025</strong></h1>
<h2><strong>Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte</strong></h2>
<p><em>„Poland is therefore just one example of a country where the political culture of post-traumatic sovereignty has become visible to foreign observers.” </em>(Jarosław Kuisz, The new politics of Poland – A case of post-traumatic sovereignty, Manchester University Press, 2023)</p>
<p>Wer sich in Deutschland mit polnischer Geschichte, Gesellschaft oder Politik beschäftigt, sollte einen Blick in die lange Geschichte des Landes wagen. Der Historiker <a href="https://www.rees.ox.ac.uk/people/dr-jaroslaw-kuisz">Jarosław Kuisz</a> versucht dies in der zitierten Studie in drei Kapiteln, die jeweils unterschiedliche Zeitfenster öffnen. Das erste Fenster öffnet sich im Jahr 2015 mit dem Wahlsieg der PiS, deren Vorsitzender Jarosław Kaczyński damals ankündigte, er und seine Partei bräuchten drei Legislaturperioden, um Polen in ihrem rechts-konservativen Sinne zu verändern. Die dritte Legislaturperiode blieb der PiS zwar vorerst verwehrt, doch die Wahl des von der PiS nominierten neuen Präsidenten Karol Nawrocki im Mai 2025 könnte auf einen neuerlichen Wahlsieg der PiS im November 2027 hindeuten. Das zweite Fenster öffnet sich im Jahr 1989, das dritte über einen Zeitraum von über 150 Jahren, im Grunde sogar noch weiter auf die 123 Jahre, in denen Polen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zwischen drei europäisch-kontinentalen Großmächten aufgeteilt war.</p>
<p>Ein souveräner Staat wurde Polen als Zweite Polnische Republik erst wieder im Jahr 1918. Deren Souveränität konnte Polen im August 1920 im polnisch-sowjetischen Krieg aufgrund des sogenannten „Wunders an der Weichsel“ verteidigen. Mit dem Molotow-Ribbentrop-Pakt vom 23. August 1939 wurde Polen erneut zwischen zwei Großmächten aufgeteilt: Am 1. September 1939 überfielen Truppen des damaligen Deutschen Reichs Polen, am 17. September 1939 ließ Stalin das damalige Ostpolen besetzen und rückte bis zum Bug vor. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs verschoben die Siegermächte Großbritannien, Sowjetunion und USA die polnischen Grenzen dauerhaft nach Westen. Stalin konnte die im September 1939 besetzten Gebiete behalten. Polen erhielt die deutschen Gebiete östlich der sogenannten Oder-Neiße-Linie, die von deutscher Seite erst endgültig mit dem 2+4-Vertrag im Jahr 1990 als polnische Westgrenze anerkannt wurde.</p>
<h3><strong>2025 – ein Schlüsseljahr?</strong></h3>
<p>Ohne Kenntnis der wechselvollen polnischen Geschichte lässt sich der lange Schatten polnischer Vorbehalte gegenüber Deutschland nicht erklären. Jarosław Kuisz spricht psychologisierend von einem <em>„Trauma“</em> (so auch in dem von ihm gemeinsam mit Karolina Wigura geschriebenen Essay <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/posttraumatische-souveraenitaet-t-9783518127834">„Posttraumatische Souveränität“</a>, der 2023 bei Suhrkamp erschien). Die andere Seite ist das deutsche Unverständnis, oft auch gepaart mit Desinteresse am östlichen Nachbarn.</p>
<p>Das Jahr 2025 darf aufgrund der Wahlergebnisse in Polen und in Deutschland durchaus auch als ein Schlüsseljahr bezeichnet werden, nicht unbedingt, weil sich ein seit Jahren langsam abzeichnender negativer Trend in den deutsch-polnischen Beziehungen verstärken könnte, wohl aber weil das Jahr 2025 grundlegende Hinweise gibt, worauf Politiker:innen beider Länder angesichts der aktuellen geopolitischen Entwicklungen achten müssten, um die Zukunft der Europäischen Union nicht zu gefährden.</p>
<div id="attachment_7631" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7631" class="wp-image-7631 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-200x286.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025-210x300.png 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsch-polnisches-Barometer-2025.png 281w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a><p id="caption-attachment-7631" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Deutschen Polen-Instituts über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die besondere Bedeutung der Entwicklungen im Jahr 2025 belegt das am 18. November 2025 erschienene 25. <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/veroeffentlichungen/einzelveroeffentlichungen/gemeinsame-herausforderungen-unterschiedliche-sichtweisen-deutsch-polnisches-barometer-2025">Deutsch-Polnische Barometer</a>, nach wie vor die einzige bilaterale Langzeit- und Vergleichsstudie dieser Art (<a href="https://www.isp.org.pl/en/employers/dr-jacek-kucharczyk">Jacek Kucharczyk</a>, <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/institut/ansprechpartner/dr-agnieszka-lada-konefal">Agnieszka Łada-Konefał</a>, Gemeinsame Herausforderungen, unterschiedliche Sichtweisen, Deutsches Polen-Institut / Instytut Spraw Publicznych, Darmstadt/Warszawa 2025, auf der Internetseite sind auch <a href="https://www.deutsch-polnisches-barometer.de/">vorangegangene Ausgaben</a> verfügbar, auf der Projektseite kann man selbstständig Daten zusammenstellen, analysieren, vergleichen und Trends im Zeitvergleich erforschen).</p>
<p>Ebenso aufschlussreich sind weitere Veröffentlichungen des Deutschen Polen-Instituts, die wie in den vergangenen Jahren im <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/index.ahtml">Harassowitz Verlag</a> erschienen:</p>
<ul>
<li>Das „Jahrbuch Polen 2025“ des Deutschen Polen-Instituts befasst sich mit dem Thema „Energie“. Gegenstand sind nicht nur die Frage einer nachhaltigen Energiepolitik, die Zukunft von Kohle, Atomkraft und Erneuerbaren, sondern auch gesellschaftliche Energien. Solche gesellschaftlichen Energien spiegeln sich in den jeweiligen Einstellungen gegenüber den Nachbarländern.</li>
</ul>
<ul>
<li>Małgorzata Kopka Piąntek und Agnieszka Łada-Konefał schließen gemeinsam mit fünf weiteren Autor:innen in dem ebenfalls vom Deutschen Polen-Institut herausgegebenen Band „Osteuropakompetenz in Polen – Ressourcen, Institutionen, Tendenzen“ unter anderem an das „Jahrbuch Polen 2023“ an, dessen Rahmenthema „Osten“ war. Sie fragen nach Wissen und Einstellungen in Polen gegenüber den östlichen Nachbarn, die ebenso wie Polen seit 1989 ihre Unabhängigkeit von der zuvor sie beherrschenden Sowjetunion erkämpften.</li>
</ul>
<p>Ergänzend lohnt sich der regelmäßige Blick in die online erscheinenden Polen-Analysen und Podcasts des Deutschen Polen-Instituts.</p>
<p>Hervorzuheben ist schließlich die im Harassowitz-Verlag 2023 und 2025 in zwei Bänden erschienene Studie „Emotionale Nachbarschaft“ von Jacek Szczepaniak, Gesine Lenore Schiewer und Janusz Pociask. Diese Studie entstand mit Mitteln der Deutsch-Polnischen Wissenschaftsstiftung. Die Autoren analysieren mit den Methoden der Diskurslinguistik und der Wissenssoziologie sieben Medienereignisse, die in Polen und in Deutschland allein schon durch die jeweils gewählte Sprache Gefühle triggerten, die sich durchaus im Sinne der Analyse von Jarosław Kuisz aus lange wirkenden historischen Entwicklungen erklären lassen.</p>
<p>All diese Veröffentlichungen bieten im Jahr 2025 ebenso wie in den vergangenen Jahren eine Fülle von Material, das in Polen und in Deutschland nicht nur wahrgenommen und nach Kenntnisnahme ad acta gelegt, sondern beherzigt werden sollte, in der Politik, in den Medien, in der Gesellschaft. Vielleicht wird es so mit der Zeit möglich, die vielen fatalen Fehlurteile und Fehleinschätzungen aufzulösen. Deutschland und Polen müssen sich als verlässliche Bündnispartner anerkennen, möglichst und weitestgehend im europäischen Kontext, den nicht zuletzt das mit Frankreich gebildete Weimarer Dreieck symbolisieren sollte, dessen wechselvolle Geschichte die Höhen und Tiefen der Beziehungen nicht nur dieser drei Länder spiegelt. Die gemeinsame Zukunft kann nur in einem freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Europa liegen, gerade in einer Zeit, in der in Russland und in den USA autoritäre Tendenzen die Welt in Unglück zu stürzen drohen.</p>
<p>Im ersten Halbjahr 2025 hatte Polen die Präsidentschaft in der Europäischen Union inne. Sie war weitgehend vom Krieg um die Ukraine und von den nach wie vor ungelösten Fragen des Umgangs mit illegaler Migration geprägt. Gegen Ende der polnischen EU-Präsidentschaft wurde in Polen ein neuer Präsident gewählt. Die regierende Koalition unter Führung von Donald Tusk hoffte, dass der von ihr unterstützte Kandidat Rafał Trzaskowski die unter dem von der PiS gestellten Andrzej Duda gepflegten Blockaden beenden könnte. <a href="aender-analysen.de/polen-analysen/351/die-innenpolitische-situation-in-polen-nach-den-praesidentschaftswahlen-2025/">Diese Hoffnung erfüllte sich nicht</a>, weil die rechts von der PiS angesiedelte Konfederacja ein starkes Ergebnis einfuhr und im zweiten Wahlgang den PiS-Kandidaten unterstützte, nicht zuletzt aber auch, weil manche Wähler:innen der Regierungsparteien sich enttäuscht von diesen abwandten. Sie rechneten ihr an, dass sie ihre Wahlversprechen nicht durchsetzte, obwohl dies in fast allen Fällen ausschließlich am Verhalten des Präsidenten lag. Mit einer Ausnahme: In der Frage der Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen versagte einer der Koalitionspartner, der Dritte Weg (Trzecia Droga), die Zustimmung.</p>
<p>Sogenannte <em>„Familienwerte“</em>, zu denen neben der Frage der Schwangerschaftsabbrüche auch die Einstellungen zu LGBTIQ*-Themen zählen, spalten das links-liberale Lager (das in Polen so links nicht ist, sondern weitgehend eher dem Spektrum entspricht, das in Deutschland CDU, CSU, FDP und SPD vertreten). Der Hype der <em>„Familienwerte“</em> ist inzwischen in vielen Ländern nichts Außergewöhnliches mehr. In der Slowakei beispielsweise gelang es dem dortigen Regierungschef Robert Fico im Herbst 2025, die Opposition über das Thema behaupteter <em>„Familienwerte“</em> – Stichwort: es gibt nur zwei Geschlechter – zu spalten und eine letztlich anti-europäisch gedachte Verfassungsänderung durchzusetzen. Martina Winkler sah in diesem Vorgehen ein <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">„Drehbuch zur Demontage der Demokratie“</a>. Eine entscheidende Rolle spielen in diesem Rahmen immer die Kirchen (in Polen die katholische Kirche, in anderen Ländern evangelikale Kirchen oder die russisch-orthodoxe Kirche). Bei anderen Themen, nicht zuletzt in der Frage der <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/352/migrationspolitik-in-polen-wo-sind-wir-und-wohin-gehen-wir/">Flüchtlingspolitik</a>, gibt es keine großen Unterschiede zwischen den polnischen Parteien. Einigkeit besteht in der Unterstützung der Ukraine ebenso wie in einer weiterhin wachsenden Skepsis gegenüber Geflüchteten, nicht zuletzt gegenüber aus der Ukraine geflohenen Menschen.</p>
<h3><strong>Kernaussagen des deutsch-polnischen Barometers 2025</strong></h3>
<p>Es lohnt sich, alle Verlautbarungen, Kommentare und Veröffentlichungen über polnisch-deutsche Zustände und Entwicklungen mit den Ergebnissen des Deutsch-Polnischen Barometers zu spiegeln. Eine wichtige Rolle bei der Meinungsbildung spielen Parteipräferenzen und Informationsquellen. Selbst die eindeutig pro-europäischen Kräfte in Polen können sich bestimmten Stimmungen nicht verschließen, sodass <em>„die polnische Regierung (…) bei der Zusammenarbeit mit Deutschland im europäischen Kontext sehr vorsichtig ist, um nicht den Unmut des antideutsch eingestellten Teils der Wählerschaft zu wecken, obgleich ihre eigenen Anhänger für antideutsche Narrative nicht besonders empfänglich zu sein scheinen.“</em> Es besteht durchaus die Gefahr einer Selffulfilling Prophecy, sodass sich negative Einstellungen gegenüber dem Nachbarland in Polen verstärken könnten, während auf deutscher Seite weiterhin steigendes Desinteresse vorzuherrschen droht.</p>
<p>Politische Präferenzen und mediale Informationsquellen beeinflussen mehr oder weniger alle Werte. Es gibt ein eindeutiges Rechts-Mitte/Links-Gefälle, ebenso einen deutlichen Unterschied im Hinblick auf den Konsum öffentlicher beziehungsweise sozialer Medien. Wie weit all diese Ergebnisse mit allgemeinen Stimmungslagen zusammenhängen und diese möglicherweise auf Polen beziehungsweise auf Deutschland projiziert werden, wäre eine interessante Frage, der nachzugehen sich mit Sicherheit lohnen würde.</p>
<p>Das deutsch-polnische Barometer dokumentiert einen verschlechterten Stand der Beziehungen zwischen Deutschland und Polen. In der Vorstellung des deutsch-polnischen Barometers am 24. November 2025 in den Räumen des Berliner Tagesspiegel wies Agnieszka Łada-Konefał darauf hin, dass das Deutschlandbild in Polen die schlechtesten, das Polenbild in Deutschland jedoch die besten Werte seit 25 Jahren aufweist. Es gab in der Diskussion zu dieser Vorstellung unterschiedliche Interpretationen. Einerseits ist das polnische Selbstbewusstsein gestiegen, Deutschland ist nicht mehr ein Vorbild wie es das vielleicht einmal war, andererseits spielt die nicht nur gefühlte deutsche Dominanz in Europa eine entscheidende Rolle. Besonders kritisch zu sehen ist die deutsche Weigerung, sich mit dem von Deutschen den Menschen in Polen im Zweiten Weltkrieg zugefügten Leid ernsthaft auseinanderzusetzen. Die polnische Forderung nach Reparationen, die eine hohe Bedeutung für Wahlerfolge der PiS hat, ist nur ein Zeichen für dieses in Polen empfundene Unbehagen.</p>
<p>Nur noch 32 Prozent der Pol:innen hegen Sympathie für Deutsche. Dies ist gegenüber einem mehrjährigen Aufwärtstrend ein starker Rückgang. Etwa 25 Prozent hegen sogar ausgesprochene Abneigungen. Diese Werte korrelieren mit der politischen Einstellung: Anhänger:innen der PiS (Prawo i Sprawiedliwość), der Konfederacja (Konfederacja Wolność i Niepodległość) und der Partei Krone (Konfederacja Korony Polskiej) haben häufiger Vorbehalte gegenüber Deutschland als Angehörige der Regierungsparteien. Ein Vergleich mit der Bewertung anderer Länder ordnet dies ein. Abgesehen von <em>„Türken“</em>, die auch synonym mit der Religion des Islam gewertet werden können, werden die beiden Nachbarländer Deutschland und Ukraine am schlechtesten bewertet. <em>„Die Zuneigung der Polen zu den Deutschen ist damit deutlich geringer als zu den Tschechen (55 %), Briten (50 %), Amerikanern (48 %) oder Franzosen (43 %). Dagegen übersteigt sie den Prozentsatz der Wohlgesinnten gegenüber Ukrainern (22 %) und Türken (21 %).“</em></p>
<p>Die Akzeptanzwerte für Menschen aus dem Nachbarland sind in Deutschland deutlich besser als in Polen. Sie <em>„stieg im Vergleich zur Umfrage von 2022 um mehrere Prozentpunkte und ist somit die höchste seit Beginn unserer Untersuchung.“</em> Die Sympathiewerte sind in Deutschland mit etwa 42 Prozent stabil, die Abneigung sank deutlich auf neun Prozent. Diese Werte könnten jedoch auch als Zeichen eines wachsenden Desinteresses gedeutet werden, je weiter Polen entfernt zu sein scheint. Höhere Sympathiewerte gibt es interessanterweise in Grenzregionen. <em>„Noch überraschender ist, dass die Wähler der Alternative für Deutschland (AfD) (55 %) sowie der Freien Demokratischen Partei (FDP) (61 %) häufiger Sympathien für die Polen äußern als die Wähler von anderen Parteien.“</em></p>
<p>Interessant ist auch der Vergleich mit den Einstellungen zu Russland: <em>„In den neuen Bundesländern ist die Sympathie für die Russen doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern (30 % zu 15 %), und auffallend hoch auch bei den Anhängern der AfD (38 %) und des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) (27 %). Befragte, die einen Migrationshintergrund angeben, sympathisieren ebenfalls häufiger mit den Russen (26 %) als Befragte ohne Migrationshintergrund (15 %). Eine ähnliche Tendenz bezüglich der Sympathie ist im Verhältnis zu den Türken zu beobachten, während dies bei den Ukrainern nicht der Fall ist.“ </em>Das eher positive Verhältnis zu Russen und das eher negative Verhältnis zu Ukrainern dürfte miteinander korrelieren. Schwer erklärbar ist vielleicht die Sympathie für Türken (wer wird überhaupt als Türke wahrgenommen?), die möglicherweise mit der Einschätzung Erdoğans und mit geteilten sogenannten <em>„Familienwerten“</em> (nur zwei Geschlechter, gegen Schwangerschaftsabbrüche, Familienarbeit als Aufgabe der Frauen) zusammenhängen könnten.</p>
<p>Die Beziehungen der beiden Länder zueinander bewertet etwa die Hälfte der befragten Pol:innen und Deutschen als gut, doch ist auch dies ein deutlicher Rückgang gegenüber 2024. Etwa ein Drittel der befragten Pol:innen sieht die deutsche Europapolitik positiv, etwa die gleiche Zahl betrachtet Deutschland als Ursache von Problemen und Konflikten. Von deutscher Seite liegen positive und negative Bewertungen Polens etwa auf derselben Höhe. Interessant ist die unterschiedliche Bewertung der USA nach der Wiederwahl Trumps. Während etwa zwei Drittel der Deutschen eine Verschlechterung für ihr Land erwarten und nur ein Viertel sich hoffnungsvoll oder neutral äußert, erwarten nur etwa 35 % der Pol:innen eine Verschlechterung für ihr Land, während immerhin 46 % die weiteren Entwicklungen hoffnungsvoll oder neutral bewerten.</p>
<p>Die im Jahr 2025 eingeführten Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Polen werden in beiden Ländern mehrheitlich positiv bewertet.</p>
<h3><strong>Polnische Energiewenden und das Jevons-Paradoxon</strong></h3>
<div id="attachment_7632" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Jahrbuch_Polen_36_%282025%29/title_8456.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7632" class="wp-image-7632 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-219x300.jpg" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-200x274.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-219x300.jpg 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-400x548.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-600x822.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-747x1024.jpg 747w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-768x1053.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz-800x1097.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Jahrbuch-Polen-2025-DPI-Harassowitz.jpg 1063w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7632" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Das „Jahrbuch Polen 2025“ enthält eine kurze Einführung von Andrzej Kaluza und Julia Röttjer mit dem provokanten Titel „Mehr als nur der Strom aus der Steckdose“. Es folgen in einem ersten Teil sieben Beiträge, darunter zwei Interviews, unter der Überschrift „Der polnische Energiemix“. Der zweite Teil enthält vier Beiträge zum Thema „Politik &amp; Gesellschaft“. Den Band illustrieren zahlreiche Tabellen und Auszüge aus Originaldokumenten und Statements verschiedener Akteure. Die Umschlaggestaltung übernahm <a href="http://www.lexdrewinski.com/bio.html">Lex Drewinski</a>, der viele Jahre im Bereich Grafikdesign an der Fachhochschule Potsdam und an der Kunstakademie in Szczecin lehrte.</p>
<p>Der Beitrag von Wojciech Jakóbik zur Transformation in der polnischen Energiewirtschaft (<a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/346/polen-energiewirtschaft-transformation/">der Beitrag erschien auch in den Polen-Analysen</a>) enthält einen Satz, dessen Inhalt auch die weiteren Beiträge programmatisch durchzieht, aber andererseits auch immer wieder angesichts diverser Positionierungen der Parteien in Frage gestellt wird: <em>„Die Energiewende Polens ist eine Tatsache.“ </em>Die Grundlagen der Debatten in Deutschland und in Polen ähneln einander, allerdings lohnt sich die Lektüre des Buches vor allem deshalb, weil es belegt, dass offenbar so mancher EU-Staat versucht, das Energieproblem für sich selbst und unabhängig von anderen zu lösen, so eben auch Polen und Deutschland, vielleicht nicht so extrem wie Ungarn oder die Slowakei mit ihrer Konzentration auf russisches Gas.</p>
<p>Zu den im Buch dokumentierten Tabellen gehört beispielsweise eine über die Länder der Europäischen Union mit den höchsten Strompreisen im Jahr 2024. Am teuersten ist Strom in Deutschland, mit 39,5 Cent pro Kilowattstunde fast doppelt so teuer wie in Polen (21,1 Cent). Dies bedeutet jedoch nicht, dass es in Polen keine Debatte über Strompreise gäbe. Donald Tusk spricht von einem <em>„Dilemma“</em>: <em>„Wir wollen billige Energie, wir wollen mit dem Rest der Welt konkurrieren, wir wollen eine wirklich wettbewerbsfähige Wirtschaft haben. Wir wollen, dass sich die Menschen auch in Polen über die Energiepreise sicher fühlen.“</em> Gefordert und debattiert werden unter anderem auch Technologien, deren <em>„praktische Umsetzung noch in weiter Ferne scheint oder die heute noch völlig hypothetisch sind“</em>. Interessant ist die von Kacper Szulecki zitierte <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0959378015000758">Studie von Bruce Tranter und Kate Booth</a>, <em>„dass der sogenannte ‚Techno-Optimismus‘, also der Glaube an die Lösung von Umweltproblemen primär durch Fortschritt und Wissenschaft, in der Regel mit einem geringeren Umweltbewusstsein einhergeht.“</em></p>
<p>Nachhaltige Entwicklung ist in der polnischen Gesetzgebung – so Kacper Szulecki – verankert, aber dennoch bremst der Staat immer wieder, sodass sich inzwischen auch eine Art <em>„Klimafatalismus“</em> verbreitet habe, für den die <em>„Gemengelage zwischen Regierung und Wirtschaft“</em> die Verantwortung trage. Die Energiekonzerne hatten beispielsweise die drei in Polen stattfinden Weltklimagipfel (2008 in Posen, 2013 in Warschau, 2018 in Kattowitz) gesponsert. Ewelina Kochanek konstatiert: <em>„Polen besitzt seit vielen Jahren keine durchdachte und inhaltlich gefestigte Energiestrategie, die eine auf Jahrzehnte gerichtete Perspektive einnimmt.“</em> Dies gelte auch für das zentrale Dokument zur <em>„Energiepolitik Polens bis zum Jahr 2040“</em>. Man befindet sich aber wohl in guter Gesellschaft. Ewelina Kochanek beschreibt, dass die deutsche Energiewende einerseits in ihren ursprünglichen Zielen bewundert wurde, doch mit der Zeit die deutsche Wankelmütigkeit zunehmend irritiert. Deutschland trug in der EU zu einer Energiewende als <em>„Basis des Europäischen Grünen Deals“</em> bei, vertrat aber schließlich auch die Anrechnung der Kernenergie als umweltschonende Energie<em>. „Das am häufigsten kritisierte Element der Energiewende sind die hohen Kosten der Transformation“</em>, in Polen wie in Deutschland.</p>
<p>Kernenergie war und ist in Polen ein Thema, das mal mehr, mal weniger konfliktträchtig zu sein scheint, durchaus ähnlich wie in den Debatten in Deutschland, auch wenn es in Polen jeweils immer nur um ein einziges Kernkraftwerk ging, die Zahl der Kernkraftwerke in Deutschland bis zur Stilllegung der letzten Meiler im Frühjahr 2023 jedoch deutlich höher war. Ursprünglich gab es in Polen Planungen für ein Kernkraftwerk in Źarnowiec, dessen Geschichte Piotr Wróblewski ausführlich beschreibt. Er spricht vom <em>„Traum von einem polnischen Atomkraftwerk“ </em>als Symbol für Fortschritt und Unabhängigkeit. Allerdings gab es auch in Polen große Demonstrationen gegen die Planungen. Gegen Źarnowiec opponierte auch die oberschlesische Kohlelobby. Der Staat profitierte vom Kriegsrecht 1981, als man Gegner einfach verhaften ließ. 1990 wurden die Planungen für Źarnowiec aufgegeben, das polnische Kernenergieprogramm wurde 2009 neugestartet, es gab einen neuerlichen Zwischenstopp nach der Katastrophe von Fukushima, doch inzwischen gibt es in der Bevölkerung nach Umfragen wieder eine relativ hohe Zustimmung zur Kernenergie. Zurzeit gibt es Planungen für ein Kernkraftwerk an der Ostsee in Liubatowo-Kopalino, das 2036 (beziehungsweise angesichts vorhersehbarer Verzögerungen 2040) fertiggestellt werden soll. Die PiS unterstützte dieses Vorhaben als Regierungspartei zunächst nicht, denn sie befürchtete, die Kernenergie werde die Kohle als Energieträger verschwinden lassen. Das hat sich inzwischen geändert. Im Parlament schließen inzwischen weder die Linke (Lewica), die auf Erneuerbare setzt, noch die PiS mit ihrer Sympathie für die Kohle den Bau des Kernkraftwerks aus.</p>
<p><em>„Tschernobyl ist lange her“</em>, konstatiert Agnieszka Hreczuk. Auch Fukushima! Agnieszka Hreczuk betont aber auch die hohe Naivität in Bevölkerung und Politik. Es gebe keinerlei Bewusstsein für Kosten und Dauer, sodass das von Tusk beschriebene <em>„Dilemma“</em> nur rhetorisch auflösbar zu sein scheint. Es bleibt wie es ist: Michał Hetmański, Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender der <a href="https://instrat.pl/en/about-instrat/">Instrat-Stiftung</a>, kommentiert dies in seinem Gespräch mit Krzysztof Story mit dem lapidaren Satz: <em>„Wir leben in einer Welt, in der ‚schmutziger‘ Strom auch teurer Strom ist.“ </em></p>
<p>Das <em>„Dilemma“</em> der Energiepolitik analysieren Michał Orszewski, Chefredakteur der Krakauer Ausgabe der Gazeta Wyborcza, und der Bauingenieur und Umweltjournalist Piotr Sergej anhand des Buches „The Coal Question“ von William Stanley Jevons (1835-1882, es gibt eine Neuauflage des Buches aus dem Jahr 2017 über die CreateSpace Independent Publishing Platform). Der Titel ihres Beitrags: „Das Jevons-Paradoxon – Von der Vergeblichkeit des Energiesparens“. Jevons <em>„fand heraus, dass die Erfindung effizienterer Dampfmaschinen nicht zu einer Verringerung des Kohleverbrauchs in Großbritannien geführt hatte. Ganz im Gegenteil: James Watts sparsamerer Dampfmaschinentyp wurde so populär, dass es binnen kurzem zu einer erhöhten Nachfrage nach Kohle in den Bergwerken kam.“</em> Dieses Paradox wirke auch in der <em>„Geschichte des Automobilwesens“</em>. Steigende Benzinpreise führen zu einer Nachfrage nach sparsameren Autos. Werden sparsamere Autos gebaut, sinken die Preise zunächst, es werden größere und schwerere Autos gebaut und die Wirkung der Energieeinsparung verpufft. Dies ließe sich auch auf die Förderung der E-Mobilität übertragen. Sogenannte „Verbrenner“ werden mit der Zeit verschwinden, die mit der E-Mobilität verbundenen Strombedarfe werden jedoch steigen. Orszewski und Sergej formulieren ein beunruhigendes Fazit: <em>„Unser Planet kann sich zweifellos keine globale Mittelschicht leisten. Die Mittelschicht ist in ihrer Masse energieintensiv und pflegt eine Reihe kostspieliger Gewohnheiten, die mit einem schonenden Umgang mit Energie nichts gemein haben: großzügige Einfamilienhäuser in den Vorstädten, möglichst zwei Autos davor, Urlaub in wärmeren Gefilden, Skifahren, Mobilität.“</em> Anders gesagt: Solange niemand den Mut hat, eine Energiewende zu fördern, die auch Verzicht – eigentlich eine klassische konservative Eigenschaft – fordert, wird das von Tusk beschriebene <em>„Dilemma“</em> nicht auflösbar sein, weder in Polen noch in Deutschland noch in der EU.</p>
<h3><strong>Identitäten, Mythen, Ressentiments </strong></h3>
<p>Der zweite Teil des „Jahrbuchs Polen 2025“ befasst sich mit <em>„gesellschaftlichen Energien“.</em> Dazu gehören auch skurrile Phänomene wie Para-Religion und Esoterik, mit denen sich Olga Drenda befasst. Sie konstatiert die hohe <em>„Popularität esoterischer Publikationen“</em>, nennt vier <em>„Orte geheimer Energie in Polen“</em>, die in frühe Vorzeiten zurückwiesen, aber auch etwas mit Hippie-Bewegungen, Panslawismus und Katholizismus zu tun haben. Es gibt synkretistische Elemente wie Verbindungen zu Hindu-, Germanen- oder Slawen-Mythen, Wunderheilungen und kosmischen Strahlungen, letztlich polnische Varianten der New-Age-Bewegungen, die wir in aller Welt finden. Dies mag vielleicht ein Nebenschauplatz sein, doch könnte es auch mit der Sympathie mancher Parteien mit fundamentalistischen Spielarten einer Religion korrelieren. Die polnische Partei Krone vertritt einen theokratischen Staat, in dem Jesus Christus König ist. In den USA gibt es im Integralismus katholischer Politiker (zu denen der Vizepräsident und der Außenminister gehören) sowie einigen evangelikalen Bewegungen ähnliche Vorstellungen. Es würde sich auch lohnen, Parallelen zum Iran und zu einigen radikal sunnitischen Bewegungen oder auch die Vorstellungen radikaler israelischer Parteien zu untersuchen. Theokratische Politik scheint weltweit attraktiv zu werden.</p>
<p>Zofia Oslislo-Piekarska befasst sich mit dem Thema „Die Vergangenheit erschürfen – Steinkohle als Identitätsstiftung“, vor allem in Oberschlesien. Dies war auch schon Thema im Jahrbuch 2021. Der Journalist Józef Krzyk schrieb über den <em>„Abschied von der Kohle“</em>; der sich für manche <em>„wie das Ende der Welt“</em> anfühlte. In Zabrze gibt es ein Kohlebergbaumuseum und die Guido-Grube, <em>„die europaweit längste unterirdische touristische Route“</em>. Im Jahrbuch 2025 können wir eine Fotostrecke mit Produkten aus Kohle der Firma Brokat bewundern: <em>„</em><a href="https://pracowniabrokat.pl/sklep-kolekcja/klasyczna/"><em>Schmuck aus Kohle</em></a><em> – das war der Hit! Handlich und dazu noch ein ausgesprochen oberschlesisches Geschenk.“</em> Die Bergbaukultur – so Zofia Oslislo-Piekarska – findet sich wieder <em>„auf der Ebene der Identität.“</em> Sie referiert mehrere literarische und literaturwissenschaftliche Autor:innen, auch Filmschaffende, die die <em>„Entstehung der oberschlesischen Mythologie“</em> erfassen: <em>„Die Identität ist zu einer Frage der persönlichen Entscheidung geworden, was die Menschen ermutigt hat, ihre Wurzeln zu erforschen und eine Verbindung zu ihrem Heimatort aufzubauen.“</em> Die heute mögliche Mobilität, weite Reisen und Wohnortwechsel <em>„bewirken oft eine Reflexion über die eigene Identität und lösen den Wunsch aus, in den ‚eigenen‘ Raum zurückzukehren, der oft auch ein mythischer ist.“</em> Dies betrifft eben auch die nach wie vor gegebene Wertschätzung des Berufs des Bergmanns und der Bergbaukultur, ein Phänomen, das im Ruhrgebiet und in der Lausitz nicht unbekannt sein dürfte.</p>
<p>Eine andere Variante gesellschaftlicher Energien, die sich vielleicht am besten mit dem Begriff des Ressentiments beschreiben lassen, dokumentiert Philipp Fritz, Auslandskorrespondent der WELT und der einzige deutsche Autor im Jahrbuch. Er beginnt mit dem Motto <em>„TKM“</em>, kurz für <em>„teraz, kurwa, my“</em>, deutsch etwa <em>„Jetzt, verdammt noch mal, sind wir dran“</em>. In Polen grassiert offensichtlich ständig das Gefühl, andere, nicht zuletzt Deutschland, aber auch Großbritannien, die Niederlande, Österreich, <em>„überholen“</em>, <em>„jagen“</em> (<em>„gonić“</em>) zu müssen, eine Wortwahl, die es auch in anderen Ländern gibt und die auf einen aggressiveren politischen Stil verweist. Damit einher geht ein gewandeltes Bild von Deutschland, das polnischen Erfolg verspricht: <em>„Ambitionslosigkeit, Misserfolg und eine verfehlte Russlandpolitik stehen heute für Deutschland, so, wie die Begriffe „Exportweltmeister‘ und ‚Ordnung‘“</em>. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis der frühen 1990er Jahre habe sich verkehrt, nicht nur bei der PiS, die sich in ihren Wahlkämpfen regelmäßig mit ausgesprochen deutschkritischen bis deutschfeindlichen Parolen profiliert. <em>„Das spielt Europa feindlich gesinnten Akteuren in die Hände. Diese Wahrnehmung deutscher Fehler oder Lebenslügen – es lässt sich nicht oft genug sagen – ist nicht an die PiS oder die (…) Bürgerkoalition (…) von Tusk gebunden. Sie hat sich parteiübergreifend durchgesetzt.“</em> Dies bestätigt auch das deutsch-polnische Barometer 2025. Die positiven Bewertungen der deutschen Europapolitik haben sich in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert. Sie sanken von 62 Prozent auf 32 Prozent. Auf deutscher Seite ist die Zahl derjenigen, die sich kein Urteil zur polnischen Europapolitik erlauben möchten, deutlich gestiegen und <em>„größer als die der positiven und negativen Meinungen zur polnischen Europapolitik.“</em> Gleichgültige Deutsche stehen sich radikalisierenden Pol:innen gegenüber?</p>
<p>Versöhnlich wirkt im zweiten Teil des Jahrbuchs 2025 der Beitrag des DJ Piotr Mulawka über „Kraftwerk &amp; Co – Die deutsche elektronische Musik und ihr Einfluss auf Polen.“ Der Beitrag stellt auch polnische Musiker:innen und Musikfestivals vor, die es wert wären, in Deutschland und anderswo rezipiert zu werden, ähnlich wie in es bereits in den 1970er Jahren polnischen Jazzmusiker:innen gelang.</p>
<h3><strong>Emotionen, Appelle, Triggerpunkte</strong></h3>
<div id="attachment_7633" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Emotionale_Nachbarschaft_Affekte_in_deutschen_und_polnischen_medialen_Diskursen_Teil_I/title_7338.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7633" class="wp-image-7633 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-219x300.png" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-200x274.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-219x300.png 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag-400x548.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-1-Harassowitz-Verlag.png 438w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7633" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die im „Jahrbuch Polen 2025“ beschriebenen Energiewendedebatten unterscheiden sich in Polen und in Deutschland nur graduell. In anderen Debatten ist es komplizierter. Dies dokumentiert die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ von Jacek Szeczepaniak, Gesine Lenore Schiewer und Janusz Pociask. Der erste Band präsentiert Theorie und Methode und das Medienereignis Nordstream, der zweite Band dokumentiert sechs weitere Ereignisse, die in der polnischen und in der deutschen Presse unterschiedlich thematisiert wurden. Es handelt sich um die deutsche Fernsehserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ und die darin erkennbare Auffassung von Geschichte, das Thema LGBTQ*, die Frage von Reparationszahlungen Deutschlands an Polen für das im Zweiten Weltkrieg verursachte Leid, der Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel in Auschwitz, die Flüchtlingspolitik und die polnische Rechtsstaatlichkeit.</p>
<p>Im Grunde weisen all diese Debatten auf etwas hin, das Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser in ihrer Studie über die deutsche Gegenwartsgesellschaft <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848"><em>„Triggerpunkte“</em></a> (Berlin, edition suhrkamp, 2023) nannten. Innenpolitische Konflikte lassen sich zwar mitunter in Diskussionsrunden wie sie Mau, Lux und Westheuser zu Forschungszwecken einrichteten ebenso entschärfen wie über <a href="https://dev.mehrdemokratie.de/">Bürgerräte</a> in politischen Prozessen. Im außenpolitischen Rahmen ist dies erheblich schwieriger. Hier spielen Mentalitäten und Einstellungen eine Rolle, die sich nicht so einfach miteinander versöhnen lassen, nicht zuletzt weil man im Allgemeinen einfach zu wenig über das jeweilig andere Land weiß oder auch gar nichts wissen will und daher nicht versteht, was andere umtreibt: <em>„Die Deutschen tun sich schwer damit, die Geschichte der Völker Mittel- und Osteuropas nachzuempfinden und damit auch ihre heutige Befindlichkeit zu verstehen.“</em>.</p>
<p>Es war das Ziel der Studie, <em>„aufzuzeigen, wie Affekte als Zeichenkomplexe und affektive Praktiken in medialen Diskursen in Deutschland und Polen konstruiert werden.“</em> Die Analyse befasst sich mit Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, in einem Beitrag auch mit Titelseiten von Magazinen, die <em>„als Instrumente der Gruppenkonstruktion bzw. -integration“</em> verwendet werden, beispielsweise wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel in Fotomontagen PiS-naher polnischer Zeitungen und Zeitschriften in Posen gezeigt wird, mit denen ihre Politik in die Nähe der NS-Politik gerückt werden soll. In einem Bild ist sie beispielsweise in der Haltung zu sehen, in der Hitler sich mit Mussolini über eine Karte beugte. (Ähnliche Bilder, zum Beispiel Angela Merkel in SS-Uniform, waren auch in den Medien anderer Länder, beispielsweise in Griechenland während der EURO-Krise, zu sehen). Deutschland eignet sich aufgrund der beiden von ihm verursachten Weltkriege immer noch als geeignetes Feindbild, auch dies ein Beispiel für die Dauer und Übertragbarkeit einmal entstandener Vorbehalte.</p>
<p>Im Falle des Streits um die Ostseepipeline Nordstream war vom <em>„Pakt-Putin-Schröder“</em> die Rede. In den polnischen Medien wurde die dubiose Rolle des ehemaligen Stasi-Mitarbeiters Matthias Warnig bei den Verhandlungen zwischen Deutschland und Russland über die Pipeline hervorgehoben. So erschien <em>„Deutschland als Verbündeter Russlands und seiner Gaspolitik.“</em> Die Rede war auch davon, dass Nordstream eben nicht – wie Angela Merkel stets betonte und sogar kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 auch noch Olaf Scholz – ein <em>„rein wirtschaftliches Projekt war“.</em> Es handele sich aus polnischer Sicht um <em>„Trojanisches Gas“</em>. Das Vorgehen Deutschlands und Russlands bestätigte – so die Kommentare in polnischen Medien – den <em>„Topos des Deutschen als ewigen Feindes“</em> und von <em>„Polen als Opfer der deutsch-russischen Komplizenschaft“</em>. Die Studie fasst die <em>„agonalen Punkte“</em> (beziehungsweise <em>„Triggerpunkte“</em> im Sinne der Studie von Steffen Mau) wie folgt zusammen: Polen wurde bei den Verhandlungen und Entscheidungsprozessen übergangen, die polnischen Interessen wurde ignoriert, sodass Nordstream zu einer Gefahr nicht nur für die europäische Energiepolitik, sondern letztlich zu einer Gefahr für die Sicherheit Polens geworden ist. Ausführlich hat die historischen Kontexte Martin Schulze Wessel in seinem Buch <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-fluch-imperiums/product/34659704">„Der Fluch des Imperiums“</a> (München, C.H. Beck, 2023) analysiert. Polen musste sich in seiner Geschichte immer wieder – wie auch die baltischen Staaten oder die Ukraine – zwischen den Ansprüchen und Bedrohungen durch die jeweiligen deutschen und russischen Staaten orientieren. Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ belegt, wie sich dies in den verschiedenen Debatten der vergangenen zwei Jahrzehnte immer wieder aufs Neue bestätigt.</p>
<h3><strong>Monologische Ressentiments</strong></h3>
<div id="attachment_7634" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Emotionale_Nachbarschaft_Affekte_in_deutschen_und_polnischen_medialen_Diskursen_Teil_2/title_7463.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7634" class="wp-image-7634 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-219x300.png" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-200x274.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-219x300.png 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag-400x548.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Emotionale-Nachbarschaft-Bd.-2-Harassowitz-Verlag.png 438w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-7634" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Studie listet sogenannte <em>„Stigmawörter“</em> ebenso wie bestimmte <em>„Phrasen“</em> und Kombinationen von Wörtern oder Sätzen, die Emotionen triggern sollen, mit denen die eigene Identität gestärkt werden soll, denn kaum etwas einigt mehr als ein gemeinsames Feindbild. Dazu eignet sich Deutschland aufgrund der langen Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen ebenso wie Russland als Nachfolger der Sowjetunion. Polen ist das in seiner Souveränität bedrohte und verfolgte Land schlechthin. Der lange Schatten der deutsch-polnisch-russischen Beziehungen wird immer deutlicher sichtbar, etwa nach dem Motto, es war immer so und wird auch immer so sein: <em>„Historische Vergleiche beziehen sich in erster Linie auf das im polnischen historischen und politischen Denken präsente Erfahrungsmuster des ‚Geopolitischen Fluchs‘.“</em></p>
<p>Durchweg werden in Polen Beiträge emotionaler gestaltet als in Deutschland, wo die Zeitungen und Zeitschriften sprachlich zumindest den Anschein von Objektivität wahren möchten. Aber in beiden Fällen gilt, das in Diskursen nicht nur <em>„Wissen“</em>, sondern auch <em>„Macht“</em> produziert wird. So könne vor allem bei dem Streit um die Rechtsstaatlichkeit in Polen <em>„von einem diskursiven Krieg gesprochen werden“</em>, denn in diesem Diskurs <em>„wird wie in keinem anderen der untersuchten Diskurse das Ringen um Geltungsansprüche und Machtverhältnisse so erkennbar.“</em> Die in den verschiedenen Kontexten provozierten Emotionen sind vielfältig: Angst, Ärger, Ekel, Empörung, Enttäuschung, Scham, Überraschung, Verachtung, Wut und Zorn. <em>„Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass unter Affekt bzw. Emotion in der vorliegenden Studie nicht der Ausdruck subjektiven Erlebens oder ein angeborener Verhaltensmechanismus verstanden wird, sondern ein diskursives Konstrukt, das seine jeweilige spezifische Realisierung in einer konkreten sozialen Praxis erfährt und dem eine bestimmte Bedeutung zugeschrieben werden kann.“</em></p>
<p>Auf deutscher Seite sah dies anders aus. Die deutschen Medien pflegten eine betont sachlichen Ton und kritisierten durchweg die hohe Emotionalität der polnischen Medien. Sie schafften es auf diese Art und Weise, die polnischen Interessen im Polen-Bild ihrer Leser:innen zu delegitimieren. <em>„Während die polnischen Medien eine starke Affinität zur Emotionalisierung von Inhalten aufweisen, bleibt der deutsche Pressediskurs eher emotionsneutral und sachorientiert, was nicht zuletzt auf tief verwurzelte Unterschiede in den medialen Kulturen der beiden Länder hindeutet.“ </em>Im deutschen Journalismus gelten <em>„Emotionen als potenzieller Störfaktor“</em>.</p>
<p>Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ konstatiert <em>„nationale Monologe“</em> in Deutschland und in Polen. Dies gilt nicht nur für die Nordstream-Debatte, sondern auch für die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs in der deutschen TV-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“, die in Polen als <em>„Geschichtsfälschung“</em> und Versuch der <em>„Relativierung der Schuld und der Verantwortung der Deutschen für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg“</em> wahrgenommen wurde. Die Frage der Reparationen, die die PiS in ihren Wahlkämpfen immer wieder auf die Tagesordnung stellt, lässt jedoch auch die deutsche Seite nicht kalt: <em>„Im Diskurs um Kriegsreparationen dominieren auf deutscher Seite Emotionen wie ANGST vor neuen Konflikten und die Abwehr gegen Forderungen, während auf polnischer Seite verstärkt die EMPÖRUNG über das Ausblieben materieller Wiedergutmachtung und ENTTÄUSCHUNG über rein symbolische Gesten vorherrschen.“ </em>Ein Thema war in Polen auch eine angenommene Benachteiligung Polens gegenüber Frankreich und den Juden. Die Deutschen – so wird in polnischen Medien immer wieder angedeutet – versuchen sich aus der Verantwortung heraus zu stehlen, beispielsweise durch <em>„sprachliche Entnationalisierung“</em>, indem sie nicht die Deutschen als Täter benennen, sondern die <em>„Nazis“</em>, als handele es sich bei diesen um eine von den Deutschen unabhängig zu denkende Gruppe. Der Besuch Angela Merkel in Auschwitz wurde <em>„als Gelegenheit genutzt, um tief verankerte Fragen nach Schuld und der Verantwortung Deutschlands für die NS-Verbrechen zu thematisieren.“</em> In diesem Kontext hätte die deutsche Seite eigentlich verstehen müssen, welche Erinnerungen die <a href="https://www.polish-online.com/atelier-polen/barack-obama-verargert-die-polen/">Bemerkung Barack Obamas anlässlich einer Ehrung des polnischen Widerstandskämpfers Jan Karski von den <em>„polnischen Konzentrationslagern“</em></a> wecken musste. Immerhin entschuldigte sich das Weiße Haus. <em> </em></p>
<p>Auch hier lohnt sich eine Spiegelung der Ergebnisse der Studie durch die Ergebnisse des deutsch-polnischen Barometers 2025: <em>„Während die große Mehrheit der Deutschen der Meinung ist, dass aktuelle und künftige Themen im Mittelpunkt der deutsch-polnischen Beziehungen stehen sollten (70 %), wird diese Ansicht von weniger als jedem zweiten Befragten in Polen geteilt (48 %). Entsprechend verweisen doppelt so viele Polen (34 %) wie Deutsche (16 %) auf den Vorrang der Aufarbeitung der Vergangenheit.“ </em>Auch hier gibt es wieder unterschiedliche Einstellungen von Seiten der Anhänger:innen der polnischen Regierungsparteien beziehungsweise der PiS, der Konfederacja und der Partei Krone sowie je nach Medienkonsum. Eher rechts orientierte Menschen legen mehr Wert auf die Aufarbeitung der Vergangenheit als auf die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, eher liberal oder links eingestellte Menschen sehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen bedeutend. Männer sowie Menschen mit niedrigerem Bildungsstand halten es ebenfalls für wichtiger, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Es gibt eine deutliche Korrelation zwischen der Forderung, man müsse sich mehr mit der polnischen Vergangenheit beschäftigen als mit Gegenwart und Zukunft, und der Abneigung gegenüber Deutschen. In diesem Kontext sind auch die Forderungen nach Reparationen zu bewerten.</p>
<p>Ein Unbehagen an mangelnder Bereitschaft und mangelndem Interesse von deutscher Seite für die polnische Geschichte und nicht zuletzt für das von Deutschen verursachte Leid ist in Polen durchweg festzustellen. Gelegentliche Statements des Bundespräsidenten oder vereinzelte Besuche deutscher Spitzenpolitiker:innen an in Polen gelegenen Gedenkstätten der NS-Verbrechen reichen nicht aus. Der Geschichtsunterricht in deutschen Schulen wäre ein eigenes Thema. Sollte die AfD irgendwann einmal Einfluss auf Lehrpläne und Schulbücher erhalten, dürften die von Deutschen an den Menschen in Polen verübten Verbrechen einen noch geringeren Stellenwert erhalten als dies ohnehin schon der Fall ist. Nicht nur unter AfD-Anhänger:innen gilt in Deutschland auch hier die Forderung nach dem so oft zitierten <em>„Schlussstrich“</em>.</p>
<h3><strong>Polen zwischen Deutschland und Russland</strong></h3>
<div id="attachment_7635" style="width: 220px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Osteuropakompetenz_in_Polen/title_8462.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7635" class="wp-image-7635 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-210x300.png" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-200x286.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz-210x300.png 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/11/Deutsches-Polen-Institut-Osteuropakompetenz-Harassowitz.png 281w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /></a><p id="caption-attachment-7635" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der von <a href="https://www.isp.org.pl/en/employers/malgorzata-kopka-piatek-kopka-piatek">Małgorzata Kopka Piąntek</a> und Agnieszka Łada-Konefał herausgegebene Band „Osteuropakompetenz in Polen“ untersucht die Folgen der wechselvollen Geschichte Polens anhand der Arbeiten polnischer Denkfabriken (Agata Włodkowska), Universitäten und Hochschulen (Małgorzata Nocuń), der Bedeutung des Russischunterrichts in Polen (Elźbieta Źak), den polnischen Medien (Agnieszka Lichnerowicz), dem Verhältnis zu Migration und Minderheiten (Magdalena Lachowicz). Piotr Pogorzelski verfasste einen übergreifenden Beitrag: „Die Kultur Osteuropas in Polen – Präsent, aber nur marginal“: <em>„Eingangs sei demnach klargestellt: Die Polen wissen insgesamt wenig über die Kultur ihrer Nachbarn, egal, ob über Tschechen, Litauer oder Deutsche.“ </em>(Dies ließe sich sicherlich auch über die Deutschen und Russen und so manch andere Länder sagen, im Grunde ein europäisches Phänomen, das sich von Land zu Land unterscheidet, weil es letztlich immer irgendwo ein reaktivierbares Feindbild gibt.) Die beiden Herausgeberinnen stellen fest: <em>„Abgesehen von der Sicherheitsfrage ist der Osten das einzige Thema, das die polnische Gesellschaft, die politische Klasse und Fachleute im Allgemeinen nicht polarisiert.“ </em>Nicht zuletzt angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar 2022.</p>
<p>Gegenüber den östlichen Nachbarn sei in Polen ein <em>„kolonialer Blick“ </em>feststellbar. <em>„Man könnte sogar die These wagen, dass sie auf diese Weise den durch westliche Partner hervorgerufenen Minderwertigkeitskomplex reflexartig abreagieren. Eine solche Haltung spiegelt sich gleichfalls in den Aktivitäten einiger Wissenschaftler und anderer Fachleute wider.“ </em>Die Sorge um Angriffe Russlands auf Staaten der EU und der NATO hat allerdings noch ein weiteres Element: die Sorge, dass nach Ende des Krieges <em>„Deutschland gegenüber Russland früher oder später zum business as usual zurückkehren wird.“</em> Die Sorge ist nicht grundlos, denn immerhin haben Parteien, die die Westbindung Deutschlands grundsätzlich in Frage stellen, bei den letzten Wahlen zum Deutschen Bundestag etwa ein Viertel der Stimmen erreicht, und einige führende Politiker:innen, vor allem aus den östlichen Bundesländern, werden nicht müde, eine solche Re-Normalisierung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Russland einzufordern. Insofern ist es realistisch – so Agata Włodkowska in ihrem Beitrag, <em>„dass die nächste große Debatte über die Ost-West-Beziehung nach dem Ende des russisch-ukrainischen Krieges stattfinden wird.“ </em></p>
<p>Ein besonders kritisches Thema ist die Frage der Migration. Polen verfolgt einen ausgesprochen restriktiven Kurs, nicht zuletzt aufgrund der Praxis Russlands und von Belarus, Geflüchtete über die polnische Ostgrenze in die EU zu schleusen, um die dortigen Stimmungen in der Bevölkerung zu beeinflussen, eine Praxis, unter der auch Finnland und die baltischen Staaten leiden. Auf der anderen Seite – dies berichtet Magdalena Lachowicz – gibt es in Polen für die ukrainische und belarusische Diaspora ein großes Netzwerk an Unterstützungsorganisationen. Im Jahr 2024 wurde ein <em>„Institut für die sprachliche Vielfalt der Republik Polen“</em> gegründet.</p>
<p>Zu den kritischen Punkten gehört auch die Frage nach den sogenannten Lehren aus der Geschichte. Die beiden Herausgeberinnen vermerken, dass der Beitritt Polens und anderer Länder des ehemaligen sowjetischen Machtbereichs zur NATO im Jahr 1999 und zur Europäischen Union im Jahr 2004 möglicherweise nicht bewirkt habe, dass die bei den neuen Mitgliedern vorhandene <em>„Perspektive auf den Osten (…) tatsächlich angemessen genutzt wurde.“ </em>Deutschland und Russland ließen sich lange <em>„von gegenseitiger Faszination und der gegenseitigen Bereitschaft, die jeweiligen Einflusssphären in Europa zu respektieren“</em>, leiten.</p>
<p>Dies ist die eine Seite, eine andere ist die Frage, was Polen selbst dazu beigetragen haben könnte, einen abwertenden Blick auf alles, was sich östlich der jeweiligen Grenzen befindet, zu etablieren und zu verstetigen. Dazu gehört die in mehreren Beiträgen angesprochene Analyse des polnischen <em>„Prometheismus“</em>, die <em>„Selbstaufopferung zum Wohle anderer“. </em>Agata Włodkowska sieht im <em>„Prometheismus“</em> <em>„ein wichtiges Instrument der polnischen Außenpolitik der Zwischenkriegszeit“</em>. Adam Balcer habe 2013 sogar von der <em>„Tendenz zu einer Orientalisierung des Ostens“</em> gesprochen. Agnieszka Lichnerowicz spricht von einer <em>„Giedroyc-Doktrin“</em>: <a href="https://www.dekoder.org/de/gnose/jerzy-giedroyc/">Jerzy Giedroyc</a> (1906-2000), der 53 Jahre lang bis zu seinem Tod in Paris die Zeitschrift „Kultura“ herausgab, <em>„distanzierte sich von der normativen Perspektive, lehnte jedweden polnischen Paternalismus ab (der bis heute in der Solidarität eines Teils der Polen mitschwingt) und gab dem Pragmatismus den Vorzug vor Messianismus, Emotionen und Ideologien.“</em> Polen müsse – so Agata Włodkowska – nicht nur sein Verhältnis gegenüber Deutschland, sondern auch seine Sicht auf die östlichen Nachbarn, insbesondere Belarus und die Ukraine klären, indem es <em>„ein Bündnis mit Ukrainern und Belarusen“</em> suche.</p>
<p>Auf der anderen Seite – so Małgorzata Nocuń – war Polen für Russen, Ukrainer, Belarusen auch <em>„ein Fenster zur Welt“</em>. (Dies gilt auch für die DDR, wie <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-in-der-ddr-eine-fallstudie/">Paweł Zajas in seiner Studie „Sozialistische Transnationalisierung“</a> belegt, die ebenfalls 2025 bei Harassowitz erschien). Allerdings gab es auch differenzierende Einschätzungen, insbesondere gegenüber der Sowjetunion. Diese <em>„wurde folglich in einer Doppelrolle wahrgenommen: als Unterdrücker, der brutal seine Macht ausübte und Polen seiner Freiheit beraubt, und als Heimat der Freidenker und Dissidenten.“</em> Eine solche Ambivalenz sieht Agnieszka Lichnerowicz beispielsweise in einer Äußerung von Adam Michnik, der sich als <em>„antisowjetischen Russophilen“</em> bezeichnete. Es gibt Studien des <a href="https://mieroszewski.pl/en/the-centre/about-us">Juliusz-Mieroszewski-Dialogzentrums</a>, die <em>„die Akzeptanz und das Verständnis für die kulturelle Nähe zum russischen Volk bei gleichzeitiger Missbilligung des Vorgehens des Putinregimes (die sich nach der Annexion und Besetzung der Krim nach 2014 verschärfte)“</em> dokumentieren.  Fehleinschätzungen der Absichten Putins gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen.</p>
<p>In Polen gab es in Wirtschaft und Hochschulen durchaus Nachfrage nach Osteuropaexpertise. Allerdings gibt es seit 2022 einen Wandel, weil <em>„der polnische Arbeitsmarkt“</em> in Unternehmen <em>„mit zugewanderten Menschen aus der Ukraine und Belarus gesättigt ist“</em>. Entscheidender war jedoch nicht zuletzt für den Wahlerfolg der PiS im Jahr 2015, dass in Polen sich ein Gefühl der Kolonisierung durch den Westen durchgesetzt habe. Ivan Krastev und Stephen Holmes hatten unter anderem in ihrem Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">„The Light That Failed“</a> (die deutsche Ausgabe erschien 2019 bei Ullstein) die Oberlehrerolle des Westens kritisiert, die zunehmend bei den neuen EU-Mitgliedern, insbesondere in Polen, Widerstand erzeugt habe.</p>
<p>Die russische Vollinvasion vom 24. Februar 2022 veränderte viel. Dieser Krieg wird – so Agnieszka Lichnerowicz – in Polen nicht als ein Krieg wie jeder andere wahrgenommen. Dies belegen zahlreiche Vergleiche mit dem Überfall Deutschlands auf der Westerplatte, dem Warschauer Aufstand, dessen Niederschlagung durch die deutsche Wehrmacht die Sowjetarmee auf dem anderen Ufer der Weichsel abwartend zusah bis hin zur Vernichtung der europäischen Juden in den von den Deutschen auf polnischem Gebiet eingerichteten Lagern. Die Lage bleibt fragil, auch im Hinblick auf aktuelle und zukünftige Entwicklungen.</p>
<p>Kritische Themen waren in jüngster Zeit die Proteste polnischer Bauern gegen ukrainische Getreideimporte, die Russland (mit hoher Wahrscheinlichkeit) zuschreibbaren Drohnenflüge auf polnischem Gebiet, die deutschen Grenzkontrollen, die Polen durch eigene Grenzkontrollen beantwortete, allerdings nicht unbedingt in Reaktion auf das deutsche Vorgehen als auf die Präsenz privater Milizen, die verhindern wollten, dass Deutschland Geflüchtete wieder nach Polen zurückschickt. Letztlich werden die verschiedenen aktuellen Entwicklungen immer wieder durch den Rekurs auf den langen Schatten der polnischen Geschichte im Spannungsfeld zwischen Russland und Deutschland überformt. Es gibt Tendenzen, sich zu isolieren, bei gleichzeitigen großen Mehrheiten für die Mitgliedschaft in EU und NATO.</p>
<h3><strong>Die Wirkung ständiger Wiederholungen</strong></h3>
<p>Die Autor:innen des deutsch-polnischen Barometers 2025 kommen letztlich zu der folgenden Einschätzung: <em>„Es zeigt sich, dass eine andauernde Rhetorik mit Blick auf Reparationsfragen und die Vergangenheit in den gegenseitigen Beziehungen direkte Auswirkungen auf das Deutschlandbild insgesamt hat, einschließlich seiner Politik und Gesellschaft. Polen, die der Meinung sind, dass in den Beziehungen zu den Deutschen zunächst die historischen Fragen geklärt werden sollten, bewerten die gegenseitigen Beziehungen weniger positiv als diejenigen, die auf die Bedeutung von Gegenwart und Zukunft verweisen.“ </em></p>
<p>Ständige Wiederholungen wirken. Fintan O’Toole, Advising Editor des New York Review of Books, formulierte in seiner <a href="https://www.nybooks.com/articles/2025/11/20/the-lingering-delusion-107-days-kamala-harris/">Analyse des Buches „107 Days”</a>, in dem Kamala Harris die Gründe ihres Scheiterns im Wahlkampf gegen Donald Trump zu analysieren versuchte, die These: <em>„Trump understands that we have entered a political era in which the alternative to radicalism is redundancy. </em><em>If the Democrats do not grasp the potency of his insight, that alternative awaits them.”</em> Man könnte auch sagen: Revolutionen brauchen keine Gewalt, sondern sie sind das Ergebnis solch ständiger Wiederholungen. Eben dies gilt auch in vielen anderen Kontexten, in Europa, in Polen, in Deutschland. Wenn Politiker:innen lange und oft genug behaupten, dass beispielsweise Migration die Wurzel allen Übels wäre, steigt auch die Zahl der Menschen, die diese Ansicht teilen. Dem zu widersprechen wird immer schwieriger, auch migrationsfreundliche Parteien und Organisationen, stimmen in den Chor der Migrationsgegner ein. Man muss sich schon intensiv mit den Kontexten beschäftigen, eben auch mit historischen Entwicklungen im Sinne der von Fernand Braudel (1902-1985) konstatierten <em>„longue durée“. </em>Jazek Kucharczyk und Agnieszka Łada-Konefał sehen die polnischen und deutschen Einstellungen als eine Art kommunizierender Röhren: <em>„Die Verantwortung dafür sollte jedoch nicht allein der Rhetorik der polnischen Rechten zugeschrieben werden. Gedeihen konnte diese nämlich erst vor dem Hintergrund einer jahrzehntelangen prorussischen Haltung führender deutscher Politiker sowie einer kontroversen Migrationspolitik, was beides in Polen auf allgemeines Unverständnis stieß und zu einer nachhaltig reservierten Haltung gegenüber Deutschland und den Deutschen führte.“ </em></p>
<p>Der lange Schatten der versagten und ständig bedrohten polnischen Souveränität im Spiel von Großmächten überträgt sich auf die Zeiten nach 1989, nach 2015 und wirkt auch heute nach. Andererseits ließe sich die These formulieren, dass eine Analyse der polnischen Erfahrungen und Entwicklungen auch auf andere Staaten Ost- und Südosteuropas übertragen ließe, in den Worten von Jarosław Kuisz: <em>„Polish national populism makes a special demand for recognition in the European and regional context centered on the issue, typical for the dramatic history of Central and Eastern European conturies, of restored sovereignty.“ </em>Innen- und außenpolitische Ansichten, Perspektiven und Entwicklungen sind eng miteinander verwoben. Der Osteuropahistoriker Adam Balcer begründete dies in seinem in den Polen-Analysen des Deutschen Polen-Instituts herausgegebenen Polen-Analysen veröffentlichten Beitrag <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/polen-aussenpolitik-ostpolitik-geschichtspolitik-identitaetspolitik-ukraine/aussenpolitik-geschichte-identitaet/">„Die polnische Außenpolitik im Schatten von Geschichte und Identität“</a>.</p>
<p>Gefährlich ist das laut deutsch-polnischem Barometer 2025 sinkende Interesse am jeweiligen Nachbarland: <em>„Vergleicht man die aktuellen Antworten der polnischen Befragten mit denen aus dem Jahr 2022, so ist ein deutlicher Rückgang der Prozentsätze bei allen Kategorien mit Ausnahme der sozialen Medien zu erkennen. Dies könnte die Tatsache widerspiegeln, dass Informationen über Deutschland weniger verfügbar sind (im Vergleich zu zahlreichen anderen Informationen), oder auch ein abnehmendes Interesse der Polen an Deutschland festgestellt werden muss.“</em> Dies bedeutet noch nicht, dass in Polen mit Deutschland vorwiegend negative Gefühle verbunden sein müssen, erhöht aber nicht zuletzt aufgrund der hohen Bedeutung der sozialen Medien die Wahrscheinlichkeit. Umgekehrt gibt es auf deutscher Seite stabile Werte für das Interesse an Polen, allerdings sind die Faktenkenntnisse eher gering einzuschätzen. Es ist leider kaum davon auszugehen, dass in deutschen Schulen und Hochschulen in Zukunft ein differenziertes Bild von Polen und anderen osteuropäischen (eigentlich müsste man sagen: mitteleuropäischen) Ländern vermittelt werden dürfte. Dies liegt nicht zuletzt an engen zeitlichen und finanziellen Ressourcen.</p>
<h3><strong>Versöhnliche Zukünfte?</strong></h3>
<p>Die Studie „Emotionale Nachbarschaft“ endet versöhnlich mit einer Vision des ehemaligen polnischen Außenministers und Mitglied des Europäischen Parlaments <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/titel_7208.ahtml">Bronisław Geremek (1932-2008), dem das Deutsche Polen-Institut 2023 einen eigenen Band widmete</a> (er erschien ebenfalls bei Harassowitz): <em>„Ich wünsche mir, dass zwischen Polen und Deutschen nicht nur ein Gefühl der Interessengemeinschaft existiert, sondern auch eine emotionale Bindung, die unser Vertrauen zueinander ausdrückt.“ </em></p>
<p>In einer Rede vom 4. Oktober 2025 im polnischen Parlament, dem Sejm, erinnerte <a href="http://markusmeckel.eu/lebenslauf/">Markus Meckel</a> (*1952), im Jahr 1990 Außenminister der einzigen demokratischen DDR-Regierung, an den 60. Jahrestag der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zukunft-braucht-weisheit-und-mut/">Ostdenkschrift der EKD und den Brief der katholischen Bischöfe</a>. Am 18. November 2025 gedachten die deutschen und polnischen Bischöfe des 60. Jahrestags dieses Briefwechsels mit einer Kranzniederlegung am Denkmal für Kardinal Bolesław Kominek, einer der maßgeblichen Initiatoren des Briefwechsels (<a href="https://www.dbk.de/themen/historischer-briefwechsel#c12965">weitere Informationen zu diesem Treffen auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz</a>). Papst Leo XIV. hatte in einem Gruß an polnische Pilger auf dem Petersplatz am 16. November 2025 an die Versöhnungsbotschaft der polnischen an die deutschen Bischöfe nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert.</p>
<p>Markus Meckel plädiert für einen weiteren Schritt zur Gestaltung des am 16. Juni 2025 eingeweihten Denkmals für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs auf dem Gelände der ehemaligen Kroll-Oper, dem Ort, an dem Hitler am 1. September 1939 den deutschen Überfall auf Polen verkündete: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/">„Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?“</a> Der Text erschien wenige Tage nach seiner Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> auch im Berliner Tagesspiegel. Markus Meckel schlug eine erweiterte Inschrift vor, die aller von Deutschen in Osteuropa ermordeten und verschleppten Menschen gedenke: <em>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</em>. Die Würdigung und das Gedenken der Opfer des deutschen Vernichtungskrieges sollte sich auch sprachlich spiegeln und daher auch in<em> „Jiddisch, Ukrainisch, Belarussisch und Litauisch“</em> zu lesen sein.</p>
<p>Dieser Text blieb nicht unwidersprochen. Der Tagesspiegel gab <a href="https://cbh.pan.pl/de/robert-traba-0">Robert Traba</a> (*1958), mit Markus Meckel Ko-Vorsitzender des Rates der <a href="https://sdpz.org/die-stiftung/uber-uns">Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit</a>, Raum, seine Skepsis gegenüber dem Vorschlag von Markus Meckel zu Papier zu bringen: <a href="https://www.tagesspiegel.de/kultur/debatte-um-die-erinnerung-an-die-deutschen-kriegsverbrechen-in-polen-deutschland-braucht-unbedingt-ein-polnisches-denkmal-14915411.html">„Deutschland braucht unbedingt ein polnisches Denkmal“</a>. Ein übergreifendes Denkmal werde dem polnischen Leid nicht gerecht und impliziere Opferkonkurrenzen. Er beklagt mit Recht die Ignoranz deutscher Schulbücher, die im Jahr 2018 das <a href="https://cbh.pan.pl/de/robert-traba-0">Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften</a> festgestellt hat. <em>„</em><em>Ich vermute, dass der deutsche Durchschnittsbürger heute mehr über den polnischen Antisemitismus weiß als zum Beispiel über die Ermordung der polnischen Eliten, die Vernichtung Hunderter polnischer Dörfer, die Vertreibung Hunderttausender polnischer Bürger 1939, um an ihrer statt im Rahmen der Aktion ‚Heim ins Reich‘ Deutsche anzusiedeln, über die Arisierung polnischer Kinder oder die mehr als drei Millionen polnischen Zwangsarbeiter, die für das ‚Tausendjährige Reich‘ arbeiten mussten.“</em></p>
<p>Markus Meckel und Robert Traba haben beide recht. Wir brauchen beides, das Nationen übergreifende Gedenken an die Gräuel des deutschen Vernichtungskrieges ebenso wie das spezifische Gedenken an die Opfer jeder einzelnen Nation, jeder einzelnen Gruppe. In diesem Kontext wäre auch die Lektüre des neuen Buches von Martin Schulze Wessel <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“</a> (München, C.H. Beck, 2025) von Interesse. Am besten wäre es sicherlich, die oben bereits genannten Bücher von Jarosław Kuisz und dieses Buch von Martin Schulze Wessel im Kontext zu lesen und die Lektüre weiterer Bücher, beispielsweise über die baltischen Staaten oder Belarus, anzuschließen.</p>
<p>Nach dem Wahlsieg von Donald Tusk gab es eine kurze Phase der Renaissance des Weimarer Dreiecks. Ob sich diese in den nächsten Monaten und Jahren fortsetzen wird, bleibt eine schwer zu beantwortende Frage, deren Beantwortung letztlich auch von der Stabilität beziehungsweise Labilität der jeweiligen Regierungen abhängen dürfte. Während der Vorstellung des deutsch-polnischen Barometers am 24. November 2025 wurde im Übrigen sehr deutlich gesagt, dass ein entscheidender Punkt der Umgang mit den polnischen Überlebenden des Zweiten Weltkriegs durch Deutschland sei. Namen und Adressen sind bekannt, sodass es einfach wäre, von deutscher Seite das erfahrene Leid dieser Menschen ideell <u>und</u> finanziell zu würdigen. Das wäre ein erster Schritt.</p>
<p>Am 4. August 2024 reagierte die vom Deutschen Polen-Institut und der <a href="https://krzyzowa.pl/de/">Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung</a> eingesetzte Kopernikusgruppe auf die Ergebnisse der deutschen Bundestagswahlen und der polnischen Präsidentschaftswahl mit der Erklärung <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/themen-projekte/politik/kopernikus-gruppe/kopernikus-apell">„Es gibt keine Alternative für die deutsch-polnische Zusammenarbeit!“</a>: <em>„Notwendig ist es, schnellstmöglich und auf eine die polnische Seite überzeugende Weise die strittigen Fragen zu klären, die die beiderseitigen Beziehungen belasten und die antideutschen Narrative in Polen stärken. Man kann keine guten Beziehungen zum Nachbarn errichten, ohne sich offen und ehrlich mit der schwierigen Geschichte auseinanderzusetzen, darunter auch mit dem Erbe der antipolnischen Politik Preußens und Deutschlands seit Mitte des 18. Jahrhunderts, und ohne eine Wiedergutmachung für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu leisten. Notwendig ist es auch, die Präsenz polnischer Sprache, Geschichte und Kultur im deutschen Bildungssystem zu vergrößern und die polnische Bevölkerung in Deutschland aktiv zu unterstützen. Unmittelbar sollte außerdem – im Geist der europäischen Solidarität – das Problem der wieder eingeführten Grenzkontrollen gelöst werden. Sie verursachen erhebliche Schäden für Image und Wirtschaft, vor allem aber widersprechen sie der Idee der europäischen Integration.“</em> Man kann es nicht oft genug wiederholen.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2025, Internetzugriffe zuletzt am 20. November 2025, Titelbild: pixabay.)</p>
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		<title>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/was-fehlt-dem-polnischen-denkmal-in-berlin/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 29 Oct 2025 07:17:48 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin? „Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“ Lange wurde darüber diskutiert, war es umstritten, nun aber ist es da: am 16. Juni 2025 wurde das polnische Denkmal enthüllt! Es gedenkt der polnischen Opfer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Und sogleich wird es schlecht  [...]</p>
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<h1><strong>Was fehlt dem polnischen Denkmal in Berlin?</strong></h1>
<h2><strong>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</strong></h2>
<p>Lange wurde darüber diskutiert, war es umstritten, nun aber ist es da: am 16. Juni 2025 wurde das polnische Denkmal enthüllt! Es gedenkt der polnischen Opfer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.</p>
<p>Und sogleich wird es schlecht gemacht. Es soll nur vorläufig sein, Platzhalter für etwas anderes, das eigentliche Denkmal, eingebettet in das „Deutsch-Polnische Haus“.</p>
<p>Dabei ist dieses Denkmal würdig und gut gestaltet – ein riesiger Stein, zentral und historisch gut ausgesucht, am Ort der ehemaligen Kroll-Oper, wo Hitler am 1. September 1939 den Krieg mit Polen verkündete. Ganz im Zentrum Berlins, in der Nähe des Kanzleramtes.</p>
<p>Weshalb soll es ein neues Denkmal geben? Weshalb soll das gerade aufgestellte temporär sein? Was fehlt ihm? Was steht dahinter? Soll das andere, neue, monumentaler sein? Gar in den Wettbewerb eintreten mit dem Holocaust-Denkmal? Das wäre in meinen Augen widersinnig und würde dem Anliegen des beabsichtigten Gedenkens nicht gerecht. Verstehen würde ich, wenn es den Wunsch gäbe, den – wie ich finde, sehr geeigneten – Stein um ein Kunstwerk zu ergänzen. Aber nicht, dies Denkmal durch ein neues zu ersetzen!</p>
<div id="attachment_7566" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7566" class="wp-image-7566 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Berlin-Gedenktafel-fuer-die-polnischen-Opfer-1939-1945-Foto-NoRei-2-1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7566" class="wp-caption-text">Die aktuelle Gedenktafel. Foto: NoRei.</p></div>
<p>Wenig zufriedenstellend dagegen ist in meinen Augen die Gedenkformel. Sie lautet: <em>„Den polnischen Opfern des Nationalsozialismus und den Opfern der deutschen Gewaltherrschaft in Polen 1939-1945“</em>. Doch wer ist gemeint? Es müssten doch alle Opfer der Zweiten Republik Polen sein, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt am 1. September 1939 von Hitlerdeutschland überfallen wurde, und kurz danach, am 17. September, von Stalins Sowjetunion, die 52 % des polnischen Staatsgebiets besetzte. Es war gewissermaßen die vierte Teilung Polens. Im sowjetisch besetzten Gebiet lebten damals 13 Millionen polnische Staatsbürger, doch setzte sie sich folgendermaßen zusammen: fünf Millionen waren Ukrainer, drei Millionen Belarusen, zwei Millionen Juden und knapp drei Millionen waren ethnische Polen. Auch viele Deutsche lebten dort. Ab Juni 1941 kamen auch diese unter deutsche Besatzung. Wäre es nicht wichtig, dass die Gedenkformel sicht- und wahrnehmbar auch die Opfer dieser Minderheiten mit ihrer ethnischen Identität einbezieht – und dies auch in ihren eigenen Sprachen? Die Gedenkformel sollte deshalb dort außer Polnisch und Deutsch auch in Jiddisch, Ukrainisch, Belarussisch und Litauisch dort stehen.</p>
<p>Mein Vorschlag für diesen Text: <em>„Den Opfern von Krieg, Besatzung und Rassenwahn 1939 – 1945“</em>.</p>
<p>Es ist nun geplant, im Zentrum Berlins ein „Deutsch-Polnisches Haus“ zu schaffen. Hier soll an die polnischen Opfer durch Krieg und Besatzung erinnert werden, aber auch an die lange durchaus auch friedliche Beziehungsgeschichte zwischen Polen und Deutschen. Ausgangspunkt für diesen Plan ist die <a href="https://dserver.bundestag.de/btd/19/237/1923708.pdf">Bundestagsresolution vom 30. Oktober 2020</a> (Drucksache 19/23708), die für einen polnischen Lernort in Berlin mit einem polnischen Denkmal eintritt. Sie war die Initiative einiger einflussreicher Abgeordneter, nachdem der Bundestag drei Wochen vorher schon ein <a href="https://www.stiftung-denkmal.de/wp-content/uploads/2020_10_09_Beschlossen_1923126.pdf">Dokumentationszentrum zum Gedenken an die deutsche Besatzung in Europa und den Vernichtungskrieg im Osten</a> (Drucksache 19/23126) beschlossen hatte. Auch in diesem spielte Polen eine wichtige Rolle, aber eingebettet in die größere Dimension des umfassenderen Vernichtungskrieges im Osten…</p>
<p>Leider wurde es in der folgenden Legislaturperiode versäumt, beide Projekte zusammenzuführen und so wurden sie getrennt voneinander verfolgt, gewissermaßen im Wettbewerb miteinander, beide seit 2021 betreut von der beziehungsweise dem Bundeskulturbeauftragten. Wegen der außenpolitischen Bedeutung Polens trat das bilaterale Projekt mehr und mehr in den Vordergrund. Gleichzeitig gibt es aber in Polen deutlich weniger Interesse am „Deutsch-Polnischen Haus“ als am Denkmal.</p>
<p>Dieser bis heute im Vordergrund stehende bilaterale Ansatz birgt jedoch große Risiken und Widersprüche.</p>
<p>Das gilt einmal grundsätzlich:</p>
<p>Wichtiger Hintergrund beider Projekte war, dass sich in Deutschland die Erinnerung an den Nationalsozialismus immer mehr auf das Gedenken an den Holocaust beschränkte. So sollten endlich auch andere Dimensionen der NS-Verbrechen in die Erinnerung und in das Gedenken einbezogen werden. Das gilt für die Millionen Opfer des von Beginn an so geplanten Dokumentationszentrum zum Vernichtungskrieg und der mörderischen Besatzung in Polen, Belarus, der Ukraine und Russland, aber eben auch in Jugoslawien, besonders im heutigen Serbien. Die Initiatoren des bilateralen Projektes mit Polen argumentierten mit der besonderen Nachbarschaft und der längsten Besatzungszeit, eben vom September 1939 bis 1945.</p>
<p>Doch ist das historisch überzeugend?</p>
<p>Bezeichnend war, dass in den Gedenkreden am 1. September 2025 der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 gar nicht erwähnt wurde. In Deutschland hat die Erinnerung an diese komplexe historische Verflechtung nazistischer und der Verbrechen der Sowjetunion keine Tradition &#8211; und vielfach weiß man auch wenig davon. Durch diesen Pakt und seine bis in die Gegenwart reichenden Folgen ist die Geschichte Polens, Finnlands, der baltischen Staaten, Moldaus und Rumäniens, aber eben auch der heute zu Belarus und der Ukraine gehörenden Territorien eng miteinander verbunden. Hier ein bilaterales deutsch-polnisches Haus zu planen, ist ein gewagtes Unterfangen (wären dort etwa die Verbrechen an den Ukrainern in Lemberg einbezogen – die in Kyjiw aber nicht…).</p>
<p>Dazu kommt die Darstellung der Verbrechen Stalins: Trägt nicht Deutschland durch diesen Pakt auch eine gewisse Mitverantwortung an den Verbrechen Stalins im von der Roten Armee besetzten östlichen Polen der Zweiten Republik seit 1939 (Gebiete, die die Sowjetunion nach 1945 behalten hat)? Dazu gehört der vieltausendfache Mord der polnischen Offiziere 1940, am bekanntesten die Massaker von Katyn?</p>
<p>Schwierige Fragen über Fragen…</p>
<p>Dazu kommt, dass ein bilaterales Projekt vermutlich auch ein Projekt beider Staaten wäre, wenn auch von Deutschland finanziert und in Berlin platziert. Doch ist das realistisch? Ich befürchte, das wird scheitern. Wer glaubt, dass sich ein offizielles deutsch-polnisches Team bilden lässt, das über die nächsten Jahre im Konsens ein Konzept erarbeitet, das dann auch umgesetzt wird, ist in meinen Augen ziemlich optimistisch oder gar fahrlässig blauäugig. Es gibt zwar das gute <a href="https://research.gei.de/de/projects/das-gemeinsame-deutsch-polnische-geschichtsbuch/">Beispiel des deutsch-polnischen Geschichtsbuches</a>, das in vier Bänden nach langen Jahren gemeinsamer Arbeit vorliegt und vielfach gerühmt wird. Doch war es von der PIS-Regierung in Polen jahrelang nicht zum Gebrauch zugelassen – und in Deutschland ebenfalls in Bayern nicht!</p>
<p>Ist es da nicht sinnvoller, das in der anderen Bundestagsresolution vom 9. Oktober 2020 beschlossene Projekt eines Dokumentationszentrums zum Vernichtungskrieg und zur deutschen Besatzung in Europa entschlossen in Angriff zu nehmen und hier – wie ursprünglich sowieso beabsichtigt – Polen einen angemessenen Platz zu geben? Es wäre ein deutsches Projekt, ein Lernort, der auch zuerst die deutsche Bevölkerung im Blick hat, da in Deutschland kaum jemand von dieser Geschichte des Nationalsozialismus weiß. Natürlich würden auch hier Fachleute aus den betroffenen östlichen Ländern zur Mitarbeit eingeladen werden, wobei die russischen oder belarusischen heute wohl im Exil leben.</p>
<p>Dies Dokumentationszentrum könnte dem polnischen Denkmal gegenüber gebaut werden, auf der anderen Straßenseite Richtung Reichstag – es würde nur die Rasenfläche ein Stück weit verringern. Hier fänden die Besucher des polnischen Denkmals die historischen Hintergründe und Zusammenhänge, die dies Denkmal begründen.</p>
<p>Gleichzeitig ist dieser Standort offen dafür, auch noch das tragische Schicksal anderer Völker mit einem eigenen Denkmal in den Blick zu nehmen. Angesichts des heutigen Krieges in der Ukraine und der ebenfalls in Millionen zählenden NS-Opfer in diesem Land – man geht von ca. acht Millionen aus – wäre hier demnächst an ein weiteres Denkmal für die ukrainischen Opfer zu denken. Mit Recht hat der ukrainische Botschafter schon mehrfach diesen Vorschlag gemacht.</p>
<p><strong>Markus Meckel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 27. Oktober 2025, Das Titelbild zeigt die am 16. Juni 2025 eingeweihte Gedenkstätte mit Stein und Tafel in der Heinrich-von-Gagern-Straße, an der Stelle der ehemaligen Kroll-Oper, in der Hitler am 1. September 1939 den Angriff auf Polen verkündete. In der Kroll-Oper tagte nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 der Reichstag. Foto: ReLo.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Zukunft braucht Weisheit und Mut</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/zukunft-braucht-weisheit-und-mut/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Oct 2025 17:01:14 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Zukunft braucht Weisheit und Mut 60 Jahre Ostdenkschrift der EKD und Brief der katholischen Bischöfe Wir gedenken heute zweier wichtiger Ereignisse, die Grundlage geworden sind für einen Versöhnungsprozess zwischen Deutschen und Polen, der bis heute weltweit immer wieder große Beachtung findet und als beispielhaft angesehen wird: Die Ostdenkschrift der EKD vom Oktober 1965 und  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Zukunft braucht Weisheit und Mut</strong></h1>
<h2><strong>60 Jahre Ostdenkschrift der EKD und Brief der katholischen Bischöfe</strong></h2>
<p>Wir gedenken heute zweier wichtiger Ereignisse, die Grundlage geworden sind für einen Versöhnungsprozess zwischen Deutschen und Polen, der bis heute weltweit immer wieder große Beachtung findet und als beispielhaft angesehen wird: Die <a href="https://www.ddr-im-blick.de/jahrgaenge/jahrgang-1965/report/vertriebenen-denkschrift-der-ekd/">Ostdenkschrift der EKD</a> vom Oktober 1965 und sechs Wochen später der <a href="https://web.archive.org/web/20160608081051/http:/enominepatris.com/deutschtum/geschichte/hirtenbrief.htm">Brief der katholischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder</a> während des Zweiten Vatikanischen Konzils. Beide – unabhängig voneinander entstandenen – Initiativen der Kirchen wurden in dem jeweils eigenen Land heftig angegriffen und waren gesellschaftlich umkämpft – und haben dann doch letztlich langfristige Orientierung gegeben.</p>
<p>Vergegenwärtigen wir uns den historischen Hintergrund und die damalige Lage:</p>
<p>Im geteilten Deutschland hatte die Sowjetunion 1950 darauf bestanden, dass die DDR die Grenze an Oder und Neiße vertraglich anerkannte. Die Bundesrepublik erkannte weder die DDR noch den Verlust der früher ostdeutschen Gebiete jenseits von Oder und Neiße an. Mit dieser Haltung geriet die alte Bundesrepublik jedoch nach dem Mauerbau 1961 immer mehr in die Sackgasse, da auch die Westmächte den Status quo der Grenzen als Grundlage für den Frieden akzeptierten.</p>
<p>Hier waren es 1961/62 einige Männer der evangelischen Kirche, die sich mit dem sogenannten <a href="https://www.zeit.de/1962/09/das-memorandum-der-acht/komplettansicht">„Tübinger Memorandum“</a> an die Öffentlichkeit wandten und in der stark vom Bund der Vertriebenen beeinflussten öffentlichen Meinung mit ihrer Forderung, die polnischen Westgrenze anzuerkennen, um ein friedliches Zusammenleben in Europa zu ermöglichen, einen Sturm der Entrüstung auslösten. Doch gab es auch eine bis dahin nicht öffentlich wahrgenommene beachtliche Zustimmung, welche den Rat der EKD schließlich ermutigte, diesen Weg weiter zu verfolgen.</p>
<p>In den folgenden Jahren gab es auch die ersten Pilgerfahrten junger Christen der <a href="https://asf-ev.de/">„Aktion Sühnezeichen“</a> in der DDR und von <a href="https://www.paxchristi.de/">„Pax Christi“</a> aus der Bundesrepublik nach Polen, um die deutsche Schuld gegenüber Polen zum Ausdruck zu bringen und nach Versöhnung zu suchen.</p>
<p>1963 beauftragte die EKD die <a href="https://www.ekd.de/Kammer-fuer-Offentliche-Verantwortung-14794.htm">„Kammer für öffentliche Verantwortung“</a>, sich mit der Frage des <em>„Rechts auf Heimat“</em> und der Anerkennung der Grenze zu beschäftigen. Dies waren brennende Fragen, die ausschließlich Westdeutschland betrafen. Anfang 1964 gab es jedoch auch ein Gespräch mit den ostdeutschen Mitgliedern der Kammer, denn die Landeskirchen in der DDR gehörten damals noch zur EKD. Diese drangen darauf, die Fragestellung zu erweitern und die Versöhnungsthematik und die Fragen einer auch in Zukunft tragfähigen Ordnung in Europa stärker ins Zentrum zu stellen.</p>
<p>Am 1. Oktober 1965 erschien schließlich die Denkschrift <a href="https://www.ddr-im-blick.de/jahrgaenge/jahrgang-1965/report/vertriebenen-denkschrift-der-ekd/">„Zur Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“</a>. Sie warb dafür, auch die Rechte der inzwischen nachgewachsenen Generation in Polen in den Blick zu nehmen und für Versöhnung und eine friedliche Ordnung in Europa einzutreten, ohne jedoch direkte politische Forderungen zu erheben. So wirkte sie als Toröffner dafür, die Grenze an Oder und Neiße anzuerkennen und nach Versöhnung mit Polen zu streben. Der Sturm der Entrüstung in der deutschen Gesellschaft, insbesondere beim <a href="https://www.bund-der-vertriebenen.de/">Bund der Vertriebenen</a> (BdV), aber auch in der evangelischen Kirche war wieder heftig – es ging bis zu Morddrohungen. Und doch bereitete der so angestoßene gesellschaftliche Diskurs den Boden für die neue Ostpolitik der sozialliberalen Koalition ab 1969. Als Willy Brandt am 7. Dezember 1970 im <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/322405/vor-50-jahren-unterzeichnung-des-warschauer-vertrags/">Warschauer Vertrag</a> die Grenze nach dem Maß des Möglichen anerkannte und vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau kniete, schrieb er noch am gleichen Abend an Ludwig Raiser, den Vorsitzenden der Kommission, ein Telegramm, in dem es hieß: <em>„Verehrter Herr Professor, an diesem Tage erinnere ich mich dankbar der Pionierarbeit, die Sie und Ihre Freunde durch die Denkschrift geleistet haben. Mit herzlichen Grüßen Ihr Willy Brandt“</em>.</p>
<p>Sechs Wochen nach der Ostdenkschrift veröffentlichten die polnischen katholischen Bischöfe ihren Brief an ihre deutschen Amtskollegen mit der berühmten Formulierung: „Wir vergeben und wir bitten um Vergebung“. Die Autoren der Denkschrift empfanden dies als große Bestätigung: <em>„Die von der Denkschrift ausgesandte Taube ist mit einem Ölzweig zurückgekehrt.“</em> (<a href="https://www.dfg.de/de/ueber-uns/ueber-die-dfg/geschichte/praesidenten/raiser">Ludwig Raiser</a>). In der Tat war die Denkschrift, wie Bischof Kominek später zum Ausdruck brachte, für die polnischen Bischöfe eine wichtige Ermutigung für ihren Brief. Die Denkschrift lag auf der Linie, die sie sich von den deutschen Amtsbrüdern erhofften &#8211; wobei sie da erst einmal ziemlich enttäuscht wurden. Erst später (ab 1966, erstes Dokument 1968) traten in der Bundesrepublik aktive katholische Laien im <a href="https://www.zeit.de/1968/10/das-bensberger-memorandum">„Bensberger Kreis“</a> aktiv für die Verständigung mit Polen und die Anerkennung der polnischen Westgrenze ein.</p>
<p>Die kommunistische Partei in Polen reagierte scharf auf diesen Brief und warf den Bischöfen vor, nicht nur ihre Kompetenzen zu überschreiten, sondern auch, den nationalen Interessen Polens zu schaden. Auch für die polnische Bevölkerung und wohl auch die Mehrheit der katholischen Christen war es schwer, die visionäre Sicht ihrer Bischöfe zu verstehen und ihr zu folgen. Mit der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Koalition ab 1970 wurden auch gesellschaftliche Kontakt zwischen der Bundesrepublik und Polen gefördert, DP-Gesellschaften und zunehmen auch Städtepartnerschaften entstanden. Auch die Diskurse in den weit verbreiteten liberalen und dem Kommunismus kritisch gesinnten <a href="https://porozumienie.kik.opoka.org.pl/">„Klubs der katholischen Intelligenz (KiKs)“</a> veränderten das gesellschaftliche Bewusstsein. Ähnliches geschah dann durch den visafreien Verkehr mit der DDR. So entstanden gesellschaftliche Kontakte zwischen Polen und Deutschen in beiden deutschen Staaten, an denen auch die Kirchen einen nicht geringen Anteil hatten.</p>
<p>Mit der Gründung von Solidarność 1980 und den folgenden Unterstützungsaktionen aus Deutschland (ganz erheblich aus Westdeutschland, aber eben auch aus der DDR, freilich nur durch die Kirchen!) wurde die Offenheit in Polen für Deutschland größer. 1989 begann in Polen, was ich eine siegreiche Revolution für Freiheit und Demokratie in Mitteleuropa nenne – ein Umbruch, der das Gesicht und schließlich die Gestalt Europas änderte.</p>
<p>Das demokratische Polen unterstützte die deutsche Einheit, verlangte verständlicherweise jedoch die völkerrechtliche Anerkennung der polnischen Westgrenze, die 1990 durch die Vorbehalte der Bundesregierung schließlich nicht ganz so einfach war, wie wir es erhofft hatten. Mit dem Nachbarschaftsvertrag begann 1991 eine Phase der deutsch-polnischen Beziehungen, in der in jedem Jahr neu der Satz berechtigt war, dass <em>„die deutsch-polnischen Beziehungen so gut sind wie noch nie“</em>.</p>
<p>Die Hoffnung war groß, dass nun für Polen und Deutschland die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft in Europa im Vordergrund steht und die Lasten der Vergangenheit hinter uns liegen. Doch – wir wissen: es gelang nicht.</p>
<p>Am Beginn dieses Jahrhunderts entbrannten erneut Diskussionen um das von Frau Steinbach und dem BdV geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“, das geprägt war von Schuldzuschreibungen auf Polen und die anderen <em>„Vertreiberstaaten“</em>, die vorangegangenen deutschen Verbrechen und damit den politischen Hintergrund ausblendend. Nach heftigen Debatten über Jahre entstanden schließlich dann doch wichtige Projekte: Das „Museum des Zweiten Weltkriegs“ in Danzig und die <a href="https://www.flucht-vertreibung-versoehnung.de/de/home">„Stiftung Flucht-Vertreibung-Versöhnung“</a> in Berlin. Seit 20 Jahren macht das multilaterale <a href="https://enrs.eu/">„Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität“</a> mit seinem Sekretariat in Warschau eine wichtige, grenzüberschreitende Arbeit.</p>
<p>In den letzten zehn Jahren haben wir aber auch wieder eine starke Stimmung gegen Deutschland erleben müssen, neue Reparationsforderungen wurden erhoben. Eine Europa zugewandte Politik wurde als Anbiederung an Deutschland denunziert. Dann kam vor zwei Jahren mit dem Wahlsieg der jetzigen Koalition Hoffnung auf – doch es gelang leider nicht, das früher erlebte Vertrauen wiederherzustellen.</p>
<p>Das aber ist die große Aufgabe, vor der wir heute stehen!</p>
<p>Dazu aber braucht es, glaube ich, auch heute wieder Weisheit und Mut, die Realitäten und aktuellen Herausforderungen anzunehmen und anzuerkennen.</p>
<ul>
<li>In Deutschland gibt es eine große Einigkeit zur Frage der von einigen in Polen geforderten Reparationen: rechtlich ist diese Frage abgeschlossen und kann nach 80 Jahren kein ernsthaftes Thema mehr sein. Doch gibt es gleichzeitig die wachsende Erkenntnis, dass es ein Defizit gibt und es eine humanitäre Wiedergutmachung für die ca. 60.000 heute noch lebenden Opfer des Zweiten Weltkrieges geben sollte. Es ist nun schwer auszuhalten, dass dies zwar gewollt ist, aber nichts geschieht und man offensichtlich auf eine Paketlösung wartet, statt unverzüglich zu handeln. Ich halte für wichtig, dass sehr schnell ein „Humanitärer Fond für noch lebende Opfer des Nationalsozialismus“ geschaffen wird. Ich denke an eine Milliarde Euro – wobei hier auch Opfer anderer Länder mit einbezogen werden sollten, wie die Opfer der Massaker von Oradour oder Lidice, auch Opfer in Griechenland oder in Serbien. Wegen ihres hohen Alters ist hier Eile geboten.</li>
</ul>
<ul>
<li>Es ist gut und wichtig, dass Polen und Deutschland sich eindeutig zum russischen Aggressionskrieg gegen die Ukraine verhalten und zu ihren stärksten Unterstützern gehören. Deutschland hat erkennen müssen, dass die polnische Wahrnehmung der russischen Bedrohung realistisch war und hat die eigene Politik geändert. Doch braucht es mehr deutsch-polnische Kohärenz und konkrete gemeinsame Anstrengungen. Hier von deutscher Seite substanziell etwas für die polnische Sicherheit und damit auch für die europäische zu tun und die Ostflanke der Nato deutlich zu stärken, ist der Ruf der Stunde. Es wäre wichtig und vertrauensbildend, hier bald etwas Konkretes auf den Weg zu bringen. Darüber hinaus sollten Polen und Deutschland gemeinsam strategisch aktiv werden, um den Wiederaufbau der Ukraine und ihre Integration in EU und NATO vorzubereiten. Die Ukraine ist Teil unserer eigenen Sicherheit!</li>
</ul>
<ul>
<li>Ich muss hier auch noch von einer Sorge reden: Die aktuelle Bundesregierung ist gerade dabei, die schon erwähnte „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ aus der Zuständigkeit des Kulturstaatsministers herauszunehmen und dem BMI zuzuordnen. Damit wird das Thema der Vertreibungen organisatorisch, und so steht zu befürchten, auch inhaltlich aus den Kontexten zu den Museen und Gedenkstätten herausgelöst, die sich mit dem Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah beschäftigen. Leider mehren sich die Anzeichen, dass versucht wird, diese Stiftung stärker der Zielstellung der Vertriebenenverbände und ihrer Pläne für ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ anzunähern. Vor 20 Jahren haben wir erlebt, wie sensibel das ist und welche Sprengkraft es birgt, weshalb hier größte Aufmerksamkeit geboten ist. Es wäre fatal, wenn wir zu diesen Fragen wieder die alten Abwehrkämpfe führen müssten.</li>
</ul>
<p>In diesen Monaten wird uns mehr und mehr bewusst, dass alte Gewissheiten nicht mehr tragen, oder nicht mehr die nötige Akzeptanz finden – das gilt für die eigenen Orientierungen in Fragen von Krieg und Frieden wie auch für die Wertegrundlagen unserer nationalen und europäischen Verfassungen und Verträge. Unsere Demokratie wie die europäische Integration werden zunehmend infrage gestellt – von außen wie von innen. Es wird von zentraler Bedeutung sein, als Polen und Deutsche hier zusammenzustehen, die seit 1989 erkämpfte Freiheit und Demokratie für ganz Europa gemeinsam zu verteidigen und den Ukrainern mit allen möglichen Mitteln beizustehen, die diese heute für sich und auch für uns verteidigen.</p>
<p><strong>Markus Meckel</strong>, Berlin</p>
<p>(Anmerkungen: Bei dem Text handelt es sich um eine Rede, die Markus Meckel am 4. Oktober 2025 bei einer Gedenkveranstaltung der Evangelischen Kirche AB in Polen, des Sejm, der EKD und der EKBO im polnischen Sejm in Warschau gehalten hat. Die Veranstaltung ist <a href="https://www.youtube.com/watch?v=VJQQMvNgqWA">auf youtube dokumentiert</a>. Erstveröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 25. Oktober 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:F%C3%BCrstenberg_(Oder),_die_Oder.jpg">Die Oder bei Fürstenberg</a>, Foto: Dguendel, Wikimedia Commons, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en">Creative Commons Attribution 4.0 International licence</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Polen in der DDR &#8211; eine Fallstudie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 05:30:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Polen in der DDR – eine Fallstudie Paweł Zajas über Literaturbeziehungen im ehemaligen „Ostblock“ „Was ich sagen wollte: die vielen bedeutenden Leseeindrücke, die ich seit fünfunddreißig Jahren durch die Lektüre guter Literatur habe – wo sind die Konsequenzen, was ist von den vielen klugen Gedanken wirklich in mich eingegangen, hat sich mein Denken dadurch  [...]</p>
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<h1><strong>Polen in der DDR – eine Fallstudie</strong></h1>
<h2><strong>Paweł Zajas über Literaturbeziehungen im ehemaligen „Ostblock“</strong></h2>
<p><em>„Was ich sagen wollte: die vielen bedeutenden Leseeindrücke, die ich seit fünfunddreißig Jahren durch die Lektüre guter Literatur habe – wo sind die Konsequenzen, was ist von den vielen klugen Gedanken wirklich in mich eingegangen, hat sich mein Denken dadurch verändert?“ </em>(Henryk Bereska, Kolberger Hefte, in: Die Verschwiegene Bibliothek, herausgegeben von Ines Geipel und Joachim Walther, Frankfurt am Main / Wien / Zürich, Büchergilde Gutenberg, 2007)</p>
<p>Dies schrieb Henryk Bereska (1926-2005), renommierter Übersetzer vom Deutschen ins Polnische und vom Polnischen ins Deutsche, am 8. Januar 1986 in sein Tagebuch, das er über Jahrzehnte führte. Die Originale sind in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einsehbar. Ines Geipel charakterisiert seine Tagebücher in „Gesperrte Ablage“ mit den Worten: <em>„In seinen Tagebüchern etablierte sich – ähnlich wie bei Eveline Kuffel – eine bestimmende Figur, das Säufer-Ich als Anti-Helden. (…) Der Tagebuch-Trinker entlastet sich von jedweder Konformität und wird darin zwangsläufig zum Konterpart des im Land ausgerufenen Arbeiterhelden.“</em></p>
<p>Henryk Bereska war ein wichtiger Mittler zwischen den Literaturen der DDR und Polen, obwohl manche seiner Übersetzungen in der DDR – so Ines Geipel und Joachim Walther in „Gesperrte Ablage“ (Düsseldorf, Lilienfeld Verlag, Neuauflage 2024) – durch die Stasi <em>„blockiert“</em> wurden. Er schrieb Gedichte, die jedoch erstmals im Jahr 1980 veröffentlicht werden konnten, allerdings nicht in der DDR, sondern in Westberlin (amBEATion – randlage). Sein 60 Seiten umfassender Gedichtband „Lautloser Tag“ ist nur noch antiquarisch erhältlich.</p>
<h3><strong>Kampfgebiet Literatur</strong></h3>
<div id="attachment_7471" style="width: 230px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Sozialistische_Transnationalisierung/title_7654.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7471" class="wp-image-7471 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-200x273.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-220x300.jpg 220w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-400x546.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz.jpg 582w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-7471" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Biographie von Henryk Bereska darf durchaus als Beispiel für die Spanne und die Spannungen gelesen werden, die in der DDR zwischen der behaupteten „Internationalisierung“ und einer dort nie gelebten „Weltoffenheit“ liegen mögen. <a href="https://anglistyka.amu.edu.pl/staff-list/pawel-zajas">Paweł Zajas</a>, Professor für Literaturwissenschaft an der Fakultät für Anglistik der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań, ist den Hintergründen dieser Spanne und Spannungen in seiner Studie „Sozialistische Transnationalisierung – Literarische Verflechtungen im europäischen ‚Ostblock‘“ nachgegangen. Der Band wurde im Jahr 2025 in der vom Deutschen Polen Institut beim Wiesbadener Harassowitz Verlag herausgegebenen Reihe veröffentlicht. Paweł Zajas bezeichnet seine Studie als <em>„literatursoziologische Arbeit“</em>, doch ist sie viel mehr als das. Sie bewegt sich im weiten Feld von <em>„Kulturtransferforschung“</em> und <em>„Politikwissenschaft“</em>, das der Autor im Anschluss an Volker Rittbergers Buch „Internationale Organisationen – Politik und Geschichte“ (Opladen, Leske + Budrich, 2/1995) wie folgt charakterisiert: <em>„Während sich die Kulturtransferforschung also vorwiegend auf die Funktion informeller und privater Akteure konzentrierte, analysierte die Politikwissenschaft institutionalisierte Akteure wie supranationale Einrichtungen als ‚Instrumente staatlicher Diplomatie‘ oder ‚konferenzdiplomatische Dauereinrichtungen bzw. intergouvernementale Verhandlungssysteme‘, welche den Staaten dazu dienen, ihre partikularen Interessen zu verfolgen.“ </em></p>
<p>Die Studie füllt eine gravierende Forschungslücke und regt weitere Forschungen und Auseinandersetzungen an. Beeindruckend sind die ausführliche Literaturliste und das umfangreiche Personenregister. Die Studie analysiert die kulturellen Entwicklungen in der DDR und verschiedenen Phasen der DDR-Kulturpolitik auf der Grundlage der Positionierungen staatlicher Institutionen und von Schriftstellerverbänden, der Verfahren der Zensur sowie der mit der Rezeption und Veröffentlichung ausländischer Literaturen verbundenen transnationalen Kontakte.</p>
<p>Es geht in der Studie von Paweł Zajas einerseits um die internen Verflechtungen des Umgangs mit Literatur im Land der SED-Diktatur, andererseits um Verflechtungen mit dem Ausland, die mitunter Freiräume eröffneten, die innerhalb der DDR nicht zulässig waren. Eben dies spiegelt sich nicht zuletzt im Umgang mit Übersetzern und Übersetzerinnen. Aber Lektorinnen und selbst SED-Kader nutzten solche Spielräume, beispielsweise die Lektorin Jutta Janke, unter anderem mit ihrer Unterstützung des Übersetzers Henryk Bereska, oder auch der SED-Kader Klaus Höpcke. Welche Spielräume Autorinnen und Autoren hatten, beschrieb der Science-Fiction-Autor und Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller beispielswiese in seinem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> (in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> Juli 2025). Steinmüller berichtet, wie er als Autor etwas Argumentationsgeschick brauchte, um den Lektor zu überzeugen, sich aber auch die Druckfahnen sehr genau ansehen musste, weil manch eifriger Setzer eigene Korrekturen anbrachte, von denen er dachte, dass diese die Parteilinie besser wiedergäben.</p>
<p>In der Kulturpolitik der sozialistischen Staaten im sogenannten <em>„Ostblock“</em> folgten in kurzen Abständen <em>„Tauwetter“</em>-Phasen (den Begriff „Tauwetter“ prägte Ilja Ehrenburg mit einem 1954 erschienenen Roman) und neuerliche Repression aufeinander. Die polnische Praxis war in der Regel liberaler als die Praxis in der DDR. Dies ist Thema des ersten Teils der Studie von Zajas: „‚Vom Blühen aller Blumen, oder von der Elbe bis zum gelben Meer‘ Mobilität und sozialistische Literaturplanung“. Der Titel des Kapitels folgt der Überschrift der Abschlussrede des damaligen DDR-Kulturministers Johannes Robert Becher (1891-1958), die dieser am 14. April 1957 in der <a href="https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/F424MKMMS4YOY3IMKE3A6BNHSGMXACNM">Konferenz des Verlagswesens der sozialistischen Länder in Leipzig Markkleeberg</a> hielt.</p>
<p>Kultur war Kampfgebiet. Becher sagte: <em>„Während die kapitalistische Buchproduktion mit wenigen Ausnahmen als Geschäft betrieben wird und damit von der Tendenz des Marktes abhängig ist, plant das sozialistische Verlagswesen seine Tätigkeit in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Funktion.“</em> Die somit implizit dem <em>„kapitalistischen“</em> Westen vorgeworfene Kulturlosigkeit umfasste im Grunde alles, was die DDR und die Sowjetunion als selbsternannte Speerspitzen des Fortschritts – und der Kultur – in Frage stellte. Diese Rede machte Eindruck. Zajas berichtet: <em>„Bechers Abschlussrede musste den mehr liberal eingestellten Teilnehmern aus Polen oder der Tschechoslowakei anschaulich gemacht haben, dass die in der DDR einsetzende Kampagne gegen den ‚Revisionismus‘ – welche im Dezember 1956 die Verhaftung des Leiters des Aufbau-Verlags Walter Janka und seines Cheflektors Wolfgang Harich sowie beider Redakteure der Zeitschrift SONNTAG, Gustav Just und Heinz Zöger, unter Anklage der konterrevolutionären Verschwörung zur Folge hatte – das antistalinistische Tauwetter in Ostdeutschland beendete.“</em> Im Folgenden nennt Zajas mehrere Beispiele für die <em>„kulturpolitische Abschottung des DDR-Literaturbetriebs“</em> wie die Debatte um Franz Kafka nach der Kafka-Konferenz des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes vom Mai 1963 oder das legendäre <em>„Kahlschlagplenum“</em> des ZK der SED im Dezember 1965, als nur Christa Wolf versuchte, der neuen Linie zu widersprechen.</p>
<p>Paweł Zajas verweist auf Alexey Tashinskiy (er forscht am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim), der eine <em>„Verflechtungsgeschichte zwischen Ideologie und Idiosynkrasie“ </em>diagnostiziert (in: Alexey Tashinskiy, Julija Boguna, Andreas F. Kelletat, Hg., <a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/uebersetzer_und_uebersetzen_in_der_ddr">Übersetzer und Übersetzen in der DDR – Translationshistorische Studien</a>, Berlin, Frank &amp; Timme 2020). Gemeint ist eine Art kollektives Literaturbewusstsein im Sinne einer ideologisch-literarischen Gemeinschaft zwischen den Akteuren in Partei und Staat auf der einen Seite und denjenigen auf der anderen Seite, die Literatur bewerten und die Entscheidungen über eine Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung vorbereiten. Lektorinnen und Lektoren arbeiten nach Vorgaben, Staat und Partei können sich wiederum auf deren Ideologiefestigkeit verlassen.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen läuft die Unterdrückung unliebsamer Literatur so gut wie reibungslos. Ideologische Argumente müssen dafür gar nicht mehr benannt werden. Stattdessen reicht es, die Qualität des Manuskripts herabzusetzen und die Autorin beziehungsweise den Autor schlichtweg für literarisch unfähig zu erklären. Dies erlebte beispielsweise Sylvia Kabus. Ines Geipel berichtet im Nachwort des Romans „Weißer als Schnee“ (in: Die Verschwiegene Bibliothek 2008), wie die Lektoratsleiterin des Aufbau-Verlags Sigrid Töpelmann, <em>„der unter den Schreibenden des Landes der Ruf ihrer scharfen ideologischen Klinge vorauseilte“</em>, Sylvia Kabus einfach jede <em>„Sprachbegabung“</em> absprach: <em>„Das wird auch nichts werden. Dafür habe ich genug Erfahrung in dem Beruf. Sie sind keine ursprüngliche Erzählerin.“</em> Schwierig wird es für Staat und Partei, wenn sich diese Ideologiefestigkeit lockert, beispielsweise durch Kontakt mit ausländischen Autorinnen und Autoren.</p>
<p>Eine <em>„Entkoppelung“</em> von Macht und Medien gab es in der DDR nie, eine grundlegende Folie war das <em>„deutsch-deutsche Konkurrenzverhältnis“</em>. Bei den Übersetzungen dominierte russischsprachige Literatur, obwohl es selbst in der Sowjetunion in einer Konferenz der Schriftstellerverbände im August 1963 in Leningrad Signale gab, die man als Öffnungssignale hätte deuten können. Unter den Teilnehmern waren aus Westdeutschland beispielsweise Hans Werner Richter und Hans Magnus Enzensberger, aus Frankreich Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet, aus Italien Giuseppe Ungaretti. Robbe-Grillet wandte sich – so Zajas – <em>„gegen den fortgesetzten Druck auf die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Arbeit politisch zu rechtfertigen“</em>. Immerhin erschienen Romane von Nathalie Sarraute und Michel Butor im Verlag Volk &amp; Welt beziehungsweise im Aufbau-Verlag. <em>„Nach der Zerschlagung des Prager Frühlings im August 1968 sowie dem Ausschluss Solschenizyns aus dem Sowjetischen Schriftstellerverband im November 1969 geriet die gemeinsame Mitarbeit der ‚Ostblock‘-Länder ins Stocken.“</em></p>
<h3><strong>Gratwanderungen</strong></h3>
<p>Der zweite Teil trägt den programmatischen Titel „‚Helsinki sind wir‘ Internationale DDR-Literatur“. Hintergrund ist der Helsinki-Prozess, insbesondere Korb 3, dessen Wirkung Sowjetunion und DDR unterschätzt haben (näheres zu diesem Thema im Themenheft von <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/ksze-2025/">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 12. Juli 2025</a>, insbesondere im Beitrag von Sarah B. Snyder). Das Kapitel beginnt mit Briefen an den damaligen Kulturminister der DDR Hans-Joachim Hoffmann (1929-1994), um die dieser selbst gebeten hatte, um mehr über <em>„Lesegewohnheiten und -erfahrungen“</em> mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten zu erfahren. Die Briefe können inzwischen im Deutschen Literaturarchiv Marbach eingesehen werden.</p>
<p>Stellvertretender Minister für Kultur war damals Klaus Höpcke, der diese Briefe auszuwerten hatte. In seiner Auswertung verwies er auf den in den Briefen benannten <em>„Vorbildcharakter der Sowjetunion“</em>. Allerdings gab es auch Vorschläge <em>„zu einer liberaleren und inklusiveren Editionspolitik“</em>. Diese von oben angestoßene Briefkampagne – so erlaube ich mir dies zu nennen – spielte möglicherweise ihre Rolle im Repressionsapparat einer Diktatur. Scheinbar liberale Aufforderungen lassen Regimegegner viel schneller erkennen als dies die Bespitzelung durch Sicherheitsbehörden könnte. Und der Staat greift zu. Das bekannteste Modell für dieses Vorgehen lieferte Mao in seiner Hundert-Blumen-Kampagne 1957 und 1958. Der DDR-Führung war schon sehr früh klar, dass es nicht ausreiche, eine sozialistische Kulturpolitik beziehungsweise den <em>„sozialistischen Realismus“</em> als Staatsdoktrin zu verordnen, sondern dass es einer <em>„Umerziehung“</em> bedürft. So war es schon in den Anfangsjahren der Sowjetunion. <em>„Die als ‚demokratisch‘ und ‚antifaschistisch‘ deklarierte Übergangsperiode betrug in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR sechs Jahre.“</em></p>
<p>In diesem Kapitel beschreibt Paweł Zajas das Auf und Ab am Beispiel von verschiedenen Anthologien polnischer Literatur in der DDR, mit polnischen Erzählungen und Dramen, mit polnischer Lyrik. <em>„Die analysierten Anthologien polnischer Literatur erwiesen sich als ein relativ unbehelligter, schützender Ort, in dem die schwierigsten Publikationsprojekte heranwachsen und ihre Zeit abwarten konnten“</em>. Nachworte gaben die Chance, Texte, die als problematisch erachtet werden könnten, einzuordnen: <em>„Für die Absicherung der Texte war daher ein geschickter Gebrauch bestimmter Codewörter wichtig.“</em></p>
<p>Die Lektorin Jutta Janke (1932-2004), im Verlag Volk &amp; Welt zuständig für polnische Literatur, beherrschte dieses Geschäft, auch wenn sie sich der vorgegebenen Parteilinie nie entzog. Zajas beschreibt ihre Gratwanderungen an mehreren Beispielen. Ein Verdienst von Jutta Janke war die Veröffentlichung der Anthologie „Moderne polnische Prosa“ im Jahr 1964, die auch Texte von Tadeusz Borowski (1922-1951) und Kazimierz Brandys (1916-2000) enthielt. <em>„Dass es überhaupt so weit kommen konnte, war nicht zuletzt dem Vorwort der Herausgeberin zu verdanken. Der Text sowie die an ihm geübte Kritik veranschaulichen, dass die Herausgabe polnischer Literatur Mitte der 1960er Jahre stets ein Vabanquespiel war. Potenziell problematische Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit, etwa <u>Pan</u> von Bruno Schulz, versuchte Janke den kulturpolitischen Wächtern mundgerecht zu machen, indem sie den Autor als Schriftsteller darstellte, dessen nach der nationalen Befreiung entstandene ‚Wunschbilder in der grauen Wirklichkeit des bürgerlich-kapitalistischen Staates zerrannen, als sich 1929 Piłsudski zum Diktator aufwarf und alle fortschrittlichen Bestrebungen mit Terror zu unterdrücken begann‘.“ </em></p>
<p>Ein weiteres Verdienst ist die von Henryk Bereska seit 1957 betriebene Herausgabe des ersten Erzählbands von Marek Hłasko (1934-1969) „Pierwszy krok w chumurach“ („Der erste Schritt in den Wolken“). Jutta Janke unterstützte dies, benannte aber auch das Problem: <em>„Die ‚Entwertung der Dinge durch den Alltag‘ zwinge den Autor zum Protest. In seiner Neigung, Negatives aufzudecken, ‚schießt er oft eruptiv über das Ziel hinaus‘, der ‚Drang nach der Auffindung der Wahrheit‘ bleibe aber das Geheimnis seiner großen Aussagekraft.“ </em>Es fehlte sozusagen die parteiliche Perspektive mit dem Ausblick auf die großartige sozialistische Zukunft. Ähnlich argumentierte Jutta Janke zu der von Henryk Bereska übersetzten Erzählung „Bei uns in Auschwitz“ von Tadeusz Borowski. Sie kritisierte entsprechend der Linie von Partei und Staatsführung, dass Borowski sich <em>„nicht einer hoffnungsvollen Beschreibung der heldenhaften Kommunisten“</em> befleißigt habe, sondern <em>„von der moralischen Degradierung des Menschen“</em>. Tadeusz Borowski, ohnehin ein kritischer Autor im Kontext des sogenannten <em>„Lagerdiskurses“</em>, der sich insbesondere um das Lager Buchenwald entspann, ist geradezu ein Paradebeispiel für die ideologische Einordnung von Literatur in der DDR, die Paweł Zajas im Detail beschreibt.</p>
<p>Ein ebenso bedeutender Streitpunkt war die Bewertung des Warschauer Aufstands als Gegenstand von Literatur. Der SED-Kader Klaus Höpcke hatte überraschenderweise das Buch „Kolumbus Jahrgang 20“ von Roman Bratny (1921-2017) empfohlen. Hier folgte Jutta Janke der sowjetischen Linie. Zajas schreibt: „<em>Für Janke stellte der Aufstand ein angeblich von den Westmächten gefördertes oder gar von ihnen initiiertes ‚reaktionäres‘ und unausweichlich zum Scheitern verurteiltes Unterfangen dar. Die von Stalin angeordnete Tatenlosigkeit der Roten Armee hingegen, die einsatzbereit östlich von Warschau abgewartet hatte, galt für Janke erinnerungspolitisch als tabu.“</em></p>
<p>Gutachten spielten eine wichtige Rolle in den Entscheidungsprozessen. Marianne Dreifuß, unter anderem Leiterin des Lyrik-Aktivs im Schriftstellerverband, setzte sich in ihrem Gutachten für die Veröffentlichung von Bruno Schulz, Die Zimtläden, ein. In einem anderen Gutachten schrieb sie, es sei, <em>„auf die Dauer untragbar, daß wir der polnischen Literatur gegenüber eine ablehnende oder zumindest ausschließlich abwartende Haltung einnehmen.“</em> Sie verwies auf <em>„Bemühungen von westdeutscher Seite“</em>, triggerte damit die deutsch-deutsche Konkurrenz und fuhr fort, „<em>wir müssen uns mit dem Gesamtcharakter der polnischen Gegenwartsliteratur abfinden (dem Überwiegen der kritischen Züge, der Experimentierleidenschaft, dem Intellektualismus) und versuchen, aus dem Vorhandenen die Aussagen auszuwählen, die durch ihren Ernst, ihre Ehrlichkeit und ihr literarisches Niveau überzeugen.“</em></p>
<h3><strong>Die Buchmessen</strong></h3>
<p>Im dritten Teil seiner Studie befasst sich Paweł Zajas mit den internationalen Buchmessen in Ost und West, ein <em>„Politikum ersten Ranges“</em>. Buchmessen und Kunstmessen spielten eine Rolle beim Austausch beziehungsweise auch beim verhinderten Austausch zwischen Ost und West. Für die documenta hat die Kunsthistorikerin Alexia Pooth dies in einer Studie ausführlich analysiert und ihre Ergebnisse kurz und prägnant <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-documenta-und-die-ddr/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt</a>. Es gibt durchaus Parallelen zwischen dem Verfahren der Kulturbehörden gegenüber Literatur und bildender Kunst.</p>
<p>Im Hinblick auf die Leipziger Buchmesse gab es Überlegungen, wie diese – im Kontrast zur Warschauer Buchmesse – <em>„‚im stärkeren Maße zu einer ‚kulturellen Manifestation des sozialistischen Lagers‘ werden sollte.“</em> Wichtiger wurde jedoch die Frankfurter Buchmesse, die durchaus im Sinne des in der Hallstein-Doktrin formulierten Alleinvertretungsanspruchs der Bundesrepublik Deutschland konzipiert wurde, aber auch Öffnungen nach Osten zeigte. Bis in das Jahr 1990 förderte das Auswärtige Amt Buchexporte nach Osteuropa. Außerdem führte die Frankfurter Buchmesse Länderschwerpunkte ein. Dies waren allerdings zunächst außereuropäische Literaturen, 1976 Lateinamerika, dann 1980 Afrika. Bemerkenswert war die von Zajas beschriebene Rede der damaligen Staatsministerin im Auswärtigen Amt Hildegard Hamm-Brücher, die schon damals die <em>„Aufarbeitung des Schocks der Kolonisierung“</em> und die „<em>Bewältigung der Enttäuschungen der Entkolonialisierung“ anmahnte.“ </em></p>
<p>Witold Wirpsza (1918-1985) war 1968 der erste Autor aus den sogenannten „Ostblock-Staaten“, der in Frankfurt die Eröffnungsrede hielt. Ein Jahr zuvor war er der erste polnische Stipendiat im Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Im Hanser-Verlag erschien „Orangen im Stacheldraht“. Der SED-Führung gefiel dies nicht und der Leiter der Abteilung Wissenschaften des ZK der SED Johannes Hörnig (1921-2001) nannte in seinem Bericht an Kurt Hager Wirpszas Vortrag <em>„moderne Spielart des Formalismus“</em>, rief somit die zu Beginn der 1950er Jahre betriebene Formalismusdebatte ins Gedächtnis. Ebenso kritisch sah die DDR-Führung mehrfach die Verleihung des Friedenspreises, zum Beispiel an Leszek Kolakowski, Lew Kopelew und Manès Sperber.</p>
<p>Eine schwierige Rolle spielten auf der Frankfurter Buchmesse Parallelverlage in Ost und West, zum Beispiel Insel, Reclam, Brockhaus und Kiepenheuer. Es gab von Seiten des Westens mehrere Initiativen, die Ostverlage zu verbieten. Erfolg hatten sie nicht. Paweł Zajas verweist auf die gegenüber der DDR in Frankfurt gepflegte liberalere polnische Ausstellungspraxis. Die Bedeutung der Frankfurter Buchmesse fasst Zajas wie folgt zusammen: <em>„Die Frankfurter Buchmesse war somit nicht nur das Fenster zur fremden Welt. Paradoxerweise bot sie auch infrastrukturelle Möglichkeiten für den Export des heimischen politischen Dissens sowie den Import von polnischen ‚Exilnarrationen und -topoi“.“</em></p>
<p>Die Warschauer Buchmesse hatte für das Auswärtige Amt in Bonn <em>„eine bedeutende kulturpolitische Funktion“</em>. Entsprechend sah die DDR-Botschaft in Warschau <em>„politische Propaganda im Vordergrund“</em> und vermutete <em>„eine ideologische Offensive gegen die DDR“</em>. Zajas resümiert: <em>„Die DDR-Präsenz in Warschau hing von der jeweiligen politischen Großwetterlage in Ostberlin ab. Die inszenierte Liberalität der Buchmesse wurde zwar mit gebührendem Argwohn betrachtet, die Offenheit der Veranstalterinnen und Veranstalter gegenüber den westlichen Ausstellerinnen und Ausstelllern bot aber auch für die DDR-Vertreterinnen und Vertreter genügend Raum für Gespräche über Exportmöglichkeiten in das kapitalistische Ausland.“ </em>Petra Kipphoff schrieb in der ZEIT vom 27. Mai 1966: <em>„Große Geschäfte gibt es nicht, dafür kleine Kontakte“</em>. Die Warschauer Buchmesse verlor Ende der 1970er Jahre an Bedeutung, weil es seit 1977 in Moskau eine <em>„unmittelbare Konkurrenz“</em> gab. Eine stärkere Präsenz hatten in Moskau die sogenannten <em>„Entwicklungsländer“</em>.</p>
<h3><strong>Neugier in der Paranoia</strong></h3>
<p>Das Auf und Ab in den Literaturbeziehungen der DDR zu östlichen wie zu westlichen Staaten belegt nicht nur einen Hauch von Paranoia. Dennoch gab es immer wieder zaghafte Öffnungen, sei es durch geschickte Lektorate, sei es durch staatliche Lockerungen, die durchaus vorhandene Neugier anstachelten. Insbesondere die Buchmessen belegen zweierlei: Einerseits hatten sie das Potenzial eines Fensters zur Welt, andererseits wurden sie in Ost und West gleichermaßen mehr oder weniger politisiert und im Sinne der jeweiligen Doktrin auch instrumentalisiert, im Osten wie im Westen. Es lohnt sich nicht nur der Blick in die Interna der DDR-Nomenklatura, sondern auch in diverse Empfindlichkeiten im Westen. Paweł Zajas verweist auf einen Vorfall aus dem Jahr 1959, als Hans-Joachim Kulenkampff (1921-1998) bei der Eröffnung einer neuen Quizreihe ausdrücklich die <em>„lieben Fernsehfreunde in Österreich, in der Schweiz und in der Bundesrepublik, in der DDR und alle Kiebitze in den Zonen- und anderen Grenzgebieten“</em> begrüßte. Politiker aus CDU und SPD verlangten eine Untersuchung, der Intendant des Hessischen Rundfunks distanzierte sich: <em>„Die Untersuchung ergab, dass der Vorwurf, Hans-Joachim Kulenkampff stehe im Solde Walter Ulbrichts, solider Grundlagen entbehrte.“</em></p>
<p>Im Gedenken an Henryk Bereska sollte das Buch von Paweł Zajas auch im Kontext der Literatur gelesen werden können, die in der DDR nicht veröffentlicht werden durfte, deren Autorinnen und Autoren schikaniert, verhaftet, in den Westen abgeschoben oder gar in den Selbstmord getrieben wurden. Dies haben Ines Geipel und Joachim Walther in „Gesperrte Ablage“, anderen Studien und Veröffentlichungen und der Herausgabe der Verschwiegenen Bibliothek ausführlich dokumentiert. In der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur lagern noch über 70.000 Seiten von etwa 100 Autorinnen und Autoren, die bisher niemand ausgewertet hat. Der Umgang mit den eigenen Leuten zeigt die Brutalität einer Diktatur, der Umgang mit Autorinnen und Autoren aus anderen Ländern, gerade aus Nachbarländern, entlarvt ihre in ihrer Paranoia verborgene Hilflosigkeit.</p>
<p>Paweł Zajas hat mit seiner Studie ein wichtiges Kapitel zur Präsenz und Vermittlung polnischer Literatur in deutschen Verlagen, Buchhandel und Buchmessen niedergeschrieben. Er tat dies in bester Tradition des Deutschen Polen-Instituts, das von Karl Dedecius insbesondere mit dem Ziel der Vermittlung polnischer Literatur gegründet wurde. Die Studie vermittelt jedoch nicht zuletzt eins: Sie zeigt, dass letztlich alle Versuche, Literatur und Kultur zu regulieren, zu unterdrücken, die Bürgerinnen und Bürger eines Landes davon abzuhalten, etwas zu lesen, das der jeweiligen Staatsdoktrin widerspricht, letztlich scheitern müssen. Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag haben dies in dem von ihnen herausgegebenen Band „Heimliche Leser in der DDR – Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur“ ausführlich dokumentiert. Ein Kapitel trägt den vielsagenden Titel: <em>„Kontrollierte Kontrolleure und widerspenstige Leser“</em>. Tadeusz Borowski schrieb in seiner Erzählung „Wir waren in Auschwitz“ („Bylyśmy w Oświęcimiu“, zitiert nach der deutschen Übersetzung von Friedrich Griese, Frankfurt am Main, Schöffling, 2006): <em>„Ich weiß nicht, ob wir es überleben werden, aber ich wünschte, wir würden einmal die Dinge beim Namen nennen können, wie es mutige Menschen tun.“</em> Es ist vielleicht – hoffentlich – einfach doch nur eine Frage der Zeit, der Geduld und des Durchhaltevermögens, allen Flashbacks und Rollbacks zum Trotz, bis Diktaturen fallen. Nicht alle überleben, unsere Aufgabe ist es, die Namen zu nennen und die Verhältnisse, in denen Unterdrückung geschah. Auch dazu trägt die Studie von Paweł Zajas bei.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2025, Internetzugriffe zuletzt am 15. September 2025, Titelbild: Gelände der Leipziger Buchmesse 2025, Foto: NoRei.)</p>
</div><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die zensierte Zukunft</strong></h1>
<h2><strong>Ein schwieriges Kapitel der Science Fiction in der DDR</strong></h2>
<p><em>„Die Zensur ist eine Einrichtung Utopiens. Sie entspringt dem Wunsch nach Einheitlichkeit und Stabilität, und sie ordnet die Kunst dem Gesamtkunstwerk Staat unter. Ihre Wurzeln gehen bis auf Platon zurück, der in dem Dialog <u>Der Staat</u> Zimbelspieler und Märchendichter vor die Mauern seines Staates verweist, denn den Gründern der Stadt obliege es, ‚das Gepräge zu kennen, das für die Darstellungen der Dichter maßgebend sein muss, wenn sie überhaupt zugelassen sein wollen, selbst aber brauchen sie keine Erzählungen zu dichten.‘“ </em>(<a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139256">Angela</a> &amp; <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139257">Karlheinz Steinmüller</a>, Die befohlene Zukunft, in: <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384">Rückblick auf das lichte Morgen</a> – Essays zu SF und Phantastik in der DDR, Berlin, Memoranda, 2025)</p>
<p>Jeder weiß, dass es in der DDR ein entwickeltes Zensursystem gab. Es betraf die Science Fiction, aber nicht nur die Science Fiction. Interessant ist, dass die Zensur alle Zeithorizonte durchlief. Es gab erstens eine Zensur der Vergangenheit, beispielsweise bezogen auf die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung oder Stalins Terror und das Gulag-System. Über das Gulag-System durfte nicht berichtet werden. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung hatte sich nach den jeweiligen Machtkonstellationen im Politbüro und dessen Sicht auf die Arbeiterbewegung zu richten. Hinzu kam zweitens eine Zensur der Gegenwart. Diese betraf sämtliche Kritik an der Partei, an der Staatsführung, an dem Repressionsapparat, aber auch an sozialen Problemen und in der Zeit, in der ich das erlebt habe, an Umweltproblemen. Einzelne Autorinnen und Autoren berichteten dennoch über Umweltprobleme und thematisierten diese in ihren Romanen und Erzählungen . Eine verdienstvolle Leistung!</p>
<h3><strong>Klassenauftrag, Perspektivbewusstsein und Parteilichkeit</strong></h3>
<div id="attachment_7317" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7317" class="wp-image-7317 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-400x621.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-659x1024.jpg 659w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-768x1193.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-800x1242.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-989x1536.jpg 989w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1200x1864.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1319x2048.jpg 1319w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front.jpg 1559w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7317" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Neben der Zensur der Vergangenheit und der Gegenwart gab es drittens auch eine Zensur der Zukunft, die man unter den Begriff des Perspektivbewusstseins bringen kann. Abweichungen vom offiziellen optimistischen Zukunftsbild wurden unterdrückt. Die Autoren hatten sich in gewissem Sinn an diesen positiven Ausblick auf eine kommunistische Zukunft zu halten. Im Prinzip hatte die Science-Fiction-Literatur in der DDR mehrere Funktionen, um ihren <em>„Klassenauftrag“</em> zu erfüllen. Sie hatte zunächst eine Art didaktischer Funktion. Science Fiction sollte durchaus der Wissensvermittlung dienen oder auch der Lernmotivation. Sie sollte auch – vor allem im ökonomischen Interesse der Verlage – eine Unterhaltungsfunktion erfüllen, beispielsweise eine spannende Handlung haben. Im Rahmen der Unterhaltungsfunktion hatte die Science Fiction so wie andere Literatur auch <em>„typische“</em> Charaktere und Situationen darzustellen.</p>
<p>An dem Wort <em>„typisch“</em> hing eine ganze Theorie: Das <em>„Typische“</em> war nicht das Normale, das man ständig auf der Straße antraf, sondern nach der Lehre des sozialistischen Realismus das, was die sozialistische Gesellschaft auszeichnet beziehungsweise auszeichnen sollte. Parteifunktionäre sollten daher ausschließlich positiv dargestellt werden, weil das eben <em>„typisch“</em> für einen Parteisekretär wäre. Parteisekretäre kamen in der Science Fiction nur selten vor, aber auch Wissenschaftler hatten sich in dieses Bild zu fügen. Wissenschaftler, die in den sozialistischen Ländern tätig waren, waren dann eben auch überzeugte sozialistische Persönlichkeiten, vielleicht mit kleinen Schwächen, aber erst einmal positive Gestalten, während man Wissenschaftler, die in den traditionellen kapitalistischen Gesellschaften tätig waren, auch charakterlich deformiert darstellte. Diese Sicht veränderte sich mit der Zeit. Ein Beispiel sind außereheliche Liebesverhältnisse. In den 1950er Jahren waren sie verpönt. Man hatte den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral“ zu folgen, die sehr kleinbürgerlich und puritanisch gestrickt waren. Damals konnte es einem Parteifunktionär zum Verhängnis werden, wenn er ein außereheliches Verhältnis hatte. Die utopischen Betriebsromane der Science Fiction dieser Zeit waren prüde. Aber westliche Agentinnen wurden regelmäßig als verführerische <em>femme fatale</em> dargestellt.</p>
<p>Zur ideologischen Funktion der Science Fiction gehörte insbesondere, dass <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> im Vordergrund zu stehen hatte. <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> bedeutete auch: Die Werke hatten den Maßgaben der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft zu entsprechen. Die Sicht auf Geschichte und Gegenwart hatte sich nach den Lehrbüchern des Marxismus-Leninismus zu richten. Dann galt es als geschichtlich konkret und korrekt. Außerdem hatte Pseudowissenschaft nichts in den Werken zu suchen. Bis auf die letzten Jahre der DDR, in denen sich manches veränderte, gab es in der DDR-Science-Fiction beispielsweise keine parapsychologischen Phänomene. Auch die Psychoanalyse nach Freud war lange verpönt; sie wurde erst in den späten 1970er und in den 1980er Jahren hoffähig. Auch das Wort <em>„Kybernetik“</em> konnte man zunächst nicht verwenden. Dies änderte sich jedoch gegen Ende der 1950er Jahre, als die Kybernetik in der DDR sozusagen rehabilitiert wurde und für kurze Zeit beinahe zu einer Leitwissenschaft aufstieg. Insofern hat der Anspruch der <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> der DDR-SF lange Zeit einen engen Rahmen gesetzt, je nach dem, was sich die Partei darunter jeweils vorstellte.</p>
<p>Einen zentralen Punkt in der ideologischen Funktion bildete das sogenannte <em>„Perspektivbewusstsein“. </em>Das hieß erstens, dass man davon überzeugt zu sein und in den Romanen zu vermitteln hatte, dass die Zukunft dem Kommunismus gehört, dass das Jahr 2000 das Jahr des Kommunismus sein würde. Science Fiction hatte die kommunistische Zukunft zu imaginieren. Das war das eine, es hieß aber zweitens, dass man die Gegenwart aus der Perspektive der kommunistischen Zukunft betrachten sollte, somit die Position der Künftigen einnimmt. Aus dieser Sicht sollten die positiven Entwicklungen der sozialistischen Gegenwart herausgestellt werden, allenfalls konnte man schreiben, dass es noch gewisse Relikte bürgerlichen Denkens gab, die jedoch bald überwunden würden.  Das betraf vor allem einige Werke des utopischen Betriebsromans in den 1950er Jahren, die relativ nahe an der Gegenwart spielten. Diese Werke mussten sich dann mit dem Blick auf die Gegenwart dem <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>unterordnen. Oder man schummelte sich ein wenig heraus und hing die gesellschaftlichen Fragen nicht allzu hoch. Es gab immer auch Auswege.</p>
<p>Schließlich kam das Prinzip der <em>„Parteilichkeit“</em> hinzu. Die Autoren hatten <em>„Partei“</em> zu ergreifen. Sie sollten einen Beitrag zum <em>„Friedenskampf“</em> leisten, in ihrer Auseinandersetzung mit dem Imperialismus, dem Militarismus und dem Revanchismus in Westdeutschland.</p>
<h3><strong>Eine Abfolge von Eiszeiten und Tauwettern</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-7316 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-400x288.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-768x552.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-800x575.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg 947w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Vom Ansatz her war die Science Fiction in der DDR erst einmal utopisch. Man nannte sie zunächst auch <em>„utopische Literatur“</em>, man sprach auch vom <em>„utopischen Betriebsroman“</em>. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> hat zumindest keine Dystopie für die Gesamt-Menschheit zugelassen. Insofern steht einerseits die Science Fiction in der DDR wie die DDR-Literatur insgesamt eher auf der Seite der Utopie. Andererseits ist auch immer mehr Realität eingedrungen. Speziell sind in den 1980er Jahren dystopische Elemente eingeflossen, die zeigten, dass es auch in weiterentwickelten Gesellschaften zu Exzessen oder zu Rückfällen kommen kann.</p>
<p>Dezidierte, umfänglich ausgeführte Utopien brachte die DDR-SF jedoch kaum hervor. Neben unserem Roman „Andymon“ könnte ich noch „Weltbesteigung“ von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?219827">Gottfried Meinhold</a> nennen. Aber Meinholds Werk schildert bereits eine Utopie der Überforderung. Es passt gut zu einer Informationsgesellschaft, wo Menschen sich selbst immer höher takten, um einer hochtechnischen utopisch-perfekten Welt gerecht zu werden. Wir normalen Menschen mit unseren langsamen Denkprozessen passen eigentlich in Meinholds Utopia nicht mehr hinein. In den 1980er Jahren mischten sich immer wieder dystopische Elemente in die positiven Zukunftsbilder, sodass sich Ambivalenzen ergaben. <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?149062">Karsten Kruschel</a> hat dies einmal sehr genau beschrieben. Für die DDR-Science-Fiction kann man einen langen Abschied von der Utopie konstatieren. Sie ist aber nie voll dystopisch geworden. Auch der Kampf gegen die amerikanische Science Fiction lief lange unter dem Stichwort, dass das, was dort beschrieben wurde, nicht nur imperialistisch und kapitalistisch, sondern auch dystopisch war: <em>„Das ist nicht die Zukunft, die wir haben wollen!“</em></p>
<p>Im Verlauf der DDR-Geschichte wandelte sich die Kulturpolitik und mit ihr die Zensur immer wieder; das Korsett, das der Literatur vorgegeben wurde, war bald enger, bald weiter. Eiszeiten und Tauwetter wechselten einander ab. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 gab es zunächst einige Lockerungen, die aber bereits durch den 17. Juni 1953 in Frage gestellt und durch die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 unterminiert wurden. Gegen Ende der 1950er Jahre setzte eine ideologische Offensive der Parteiführung ein, in der auch innerhalb der SED bestimmte Kader kaltgestellt wurden und Wissenschaftler wie Ernst Bloch, die ursprünglich noch auf der Parteilinie waren, nach Westdeutschland auswanderten. Die Verlage bekamen damals viel engere Restriktionen. Nachdem die Zensur etwa um 1955 beinahe völlig abgeschafft worden wäre, ist sie gegen Ende der 1950er Jahre wieder verstärkt eingeführt worden, durch Umgruppierung der Behörde und auch dadurch, dass man Verlagsleitungen wieder enger in die Verantwortung genommen hat. Die Prozesse gegen Wolfgang Harich, Walter Janka und andere waren für alle eine Warnung. Es gab wieder eine Eiszeit.</p>
<p>Nach dem Mauerbau hatten viele Funktionäre den Eindruck, jetzt gibt es die Chance, den Sozialismus im eigenen Land aufzubauen, ungestört von diesen westdeutschen Agenten, Saboteuren, Diversanten und anderen, ohne dass uns die Leute davonlaufen. Unter diesen Umständen könnte man in der Literatur und der Kultur insgesamt mehr Freiheiten nutzen. Das war jedoch nur eine kurze Illusion. Ende 1965 zog die Parteiführung mit dem später so genannten <em>„Kahlschlagplenum“</em> die Daumenschrauben wieder an; Verbote zeigten, wie eng die Grenzen gesetzt wurden. Gleichzeitig entwickelte sich in der Tschechoslowakei der <em>„Prager Frühling“</em>; der 1968 durch die sowjetische Invasion auf brutale Weise zerschlagen wurde. Die DDR-Führung fühlte sich in ihrem Kurs eines verschärften ideologischen <em>„Klassenkampfes“</em> bestätigt.</p>
<p>Die nächsten Hoffnungen kamen mit dem Wechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker im Mai 1971. Erich Honecker sagte damals, man kenne <em>„keine Tabus“</em>, Literatur und Kunst sollten sich frei entwickeln können. Interessanterweise erlebte die DDR-SF genau jetzt einen Entwicklungsschub. Insbesondere blühte die kurze Form auf: viel mehr Erzählungen wurden geschrieben, publiziert und verbreitet als zuvor. Das ging gut bis zur Biermann-Affäre im Jahr 1976. Literatur rückte wieder stärker in das Augenmerk der Funktionäre. Viele Autorinnen und Autoren wanderten aus oder sie mussten sich ein Stück zurücknehmen, wenn sie in der DDR bleiben wollten.</p>
<p>In den 1980er Jahren wurde das Zensursystem nicht abgeschafft, aber es zerfiel. Es operierte willkürlicher und es wurde nicht mehr so rigide durchgegriffen. Wir konnten uns viel mehr erlauben. In den 1950er Jahren landete man für einen Witz noch im Gefängnis. Es gab Fälle, dass Science-Fiction-Fans, die sich Bücher aus dem Westen hatten mitbringen lassen, wegen des Besitzes und der Verbreitung von <em>„staatsfeindlichem Schrifttum“</em> verurteilt wurden. Das wäre in den 1980er Jahren nicht mehr möglich gewesen. Die Atmosphäre war viel offener geworden. Das Schlimmste, was uns, Angela und mir, damals hätte geschehen können, war, dass wir in den Westen abgeschoben worden wären. Viel mehr konnte uns eigentlich nicht passieren. Gegen Ende der DDR haben Schriftsteller immer mehr gegen Zensur und allgemein gegen staatliche Bevormundung opponiert. Die Zensur kam auf Schriftstellerkongressen immer wieder zur Sprache, beispielsweise 1987 in einer Rede von Christoph Hein.</p>
<p>Offiziell wurde die Zensur zum 1. Januar 1989 abgeschafft. Man hat den Verlagen die Abschaffung mitgeteilt, aber paradoxerweise hat der Chefideologe im Politbüro, Kurt Hager,  zugleich die Bedingung gestellt, dass niemand von der Abschaffung der Zensur erfahren dürfe, denn offiziell habe es ja gar keine Zensur gegeben, sondern nur einen Genehmigungsprozess. Die Verlage haben sich nicht unbedingt darüber gefreut, denn sie waren jetzt selbst in vollem Umfang verantwortlich für das, was sie veröffentlichten, völlig auf sich selbst gestellt. Es war die typische sozialistische Delegation der Verantwortung an andere Stellen. Niemand wusste, welche Risiken er mit einer Veröffentlichung einging.</p>
<h3><strong>Die Instanzen der Zensur </strong></h3>
<p>Als Autor in der DDR wusste man, dass jedes Manuskript durch verschiedene Instanzen ging. Die erste und schlimmste Instanz war bei manchen Autoren die Selbstzensur. Man wusste, was man schreiben durfte, welche Wörter, welche Perspektiven tabuisiert waren. Je nachdem, welche Erfahrungen man bereits gemacht hatte und wieviel Mut oder Hartnäckigkeit man aufbrachte, hat man sich an die Vorgaben gehalten oder versucht, sie zu unterlaufen. Es war die berühmte Schere im Kopf.</p>
<div id="attachment_7318" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7318" class="wp-image-7318 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-400x622.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda.jpg 659w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7318" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die zweite Instanz war der Verlag. Als Autor hatte man es dort zunächst mit einem Lektor zu tun. Die Manuskripte wurden gut betreut. Hans Frey hat in <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914">„Vision und Verfall – Deutsche Science Fiction in der DDR“</a> (Berlin, Memoranda) von dem <em>„gepflegten Mischwald der DDR-Science-Fiction“ </em>geschrieben. Der Verlag übernahm so etwas wie eine staatliche Pflege dieses Mischwaldes. Der Lektor hat darauf geachtet, was der Autor schreibt. Gibt es vielleicht problematische Stellen? Im Verlag gab es dann noch den Cheflektor, den Verlagsleiter und meistens noch eine Parteigruppe &#8211; eine Hierarchie der Verantwortlichkeiten.</p>
<p>Zum Teil wurden die Verantwortlichkeiten wieder delegiert, vor allem bei „kitzligen“ Texten. Im Verlag wurde zu jedem Manuskript ein Gutachten erstellt und begründet, dass und warum das Buch gedruckt werden sollte. Zusätzlich hat man Außengutachter einbezogen, oft Literaturwissenschaftler, mitunter aber auch Akteure aus der Kulturpolitik. Sie waren insbesondere dann notwendig, wenn der Verlag für ein Buch, das nicht ganz unheikel war, von außen Argumente und Rückendeckung finden wollte. Mit beiden Gutachten wurde dann das Manuskript an die nächste Instanz, die eigentliche Zensurbehörde, weitergeleitet, die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Dort saßen Mitarbeiter, die verantwortlich waren, ihr Placet für das Buch zu erteilen. Ohne das Imprimatur der HV – wie wir sagten – ist kein Buch gedruckt worden.</p>
<p>In einigen speziellen Fällen (nicht in der Science Fiction) gab es sogar noch nach Druckbeginn oder Auslieferung Einwände und das Buch wurde wieder zurückgezogen. Gegen alle kulturpolitischen Wechselfälle sicherten sich die Verlage vertraglich ab. In den Verträgen war stets ein Passus enthalten, dass das Buch nicht fertiggedruckt und veröffentlicht werden müsste, wenn es <em>„in der Zwischenzeit seine gesellschaftliche Wirkung verloren“</em> hätte.</p>
<p>Das war ein Gummiparagraf, der meist dann angewandt wurde, wenn der Autor in Ungnade fiel. Gelegentlich schauten sich auch unabhängig vom offiziellen Instanzenweg andere Personen ein Manuskript an. In den 1950er Jahren war – dem Vernehmen nach – das Schlimmste, was einem Buch passieren konnte, dass Lotte Ulbricht es vorab in die Hände bekam.</p>
<p>Wir selbst haben dergleichen bei der Science Fiction nicht erlebt, aber uns haben Krimiautoren berichtet, dass natürlich die Volkspolizei die Manuskripte daraufhin ansah, ob das Verhalten der Volkspolizisten im Roman auch den Dienstvorschriften entsprach. Man kann sich vorstellen, dass viele Tatort-Filme nicht mehr gezeigt werden könnten, wenn solche Maßnahmen angewandt würden.</p>
<p>Zwei Beispiele: Einer unserer Kollegen hatte einen Krimi geschrieben gegen den der Generalstaatsanwalt der DDR Einspruch einlegte. Denn in dem Krimi trat ein Generalstaatsanwalt auf, aber das war nicht er! Da es aber in der DDR nur einen Generalstaatsanwalt gab, musste das Buch überarbeitet werden. Gegenwartsautoren, die Romane über das Arbeitsleben, <em>„Produktionsromane“,</em> schrieben, hatten mitunter Probleme mit dem sozialistischen Kombinat, dem VEB, in dem der Roman spielte. Die Werksleitung opponierte und kritisierte, dass die Verhältnisse im Betrieb nicht korrekt dargestellt seien. Also musste der Autor das Manuskript anpassen oder den Handlungsort verlegen.</p>
<p>Bei all diesen Einflüssen und Befindlichkeiten hing es letztlich doch von den Menschen ab, von denen, die Einspruch erhoben, oder die wohlwollend auch Bedenkliches abnickten. Verlagsmitarbeiter erkannten bisweilen die ein oder andere <em>„kitzlige“</em> Stelle, aber sie sagten sich: Wir sind ja zurzeit in einer Phase, in der es etwas lockerer wird, also probieren wir es einmal. Dagegen standen immer wieder Beckmesser, die Freiräume rechthaberisch oder aus Angst einschränkten. Und es gab in allen Instanzen und Institutionen immer wieder engagierte Menschen, die versuchten, die Freiräume auszuweiten.</p>
<p>In den 1970er Jahren fragte beispielsweise ein Mitarbeiter der Hauptverwaltung einen Verlag, warum man nicht endlich „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley druckte, das sei doch nicht antisozialistisch, sondern eher antikapitalistisch. Auch „1984“ von George Orwell wäre am Ende beinahe veröffentlicht worden. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">Wolfgang Both hat diesen denkwürdigen Vorgang ausführlich erforscht, dokumentiert und beschrieben</a>.</p>
<h3><strong>Spielräume für das Unmögliche</strong></h3>
<p>Man kann die Geschichte der Zensur in der Science Fiction als kleine Erfolgsgeschichte der subjektiven Ausweitung der Spielräume für Imagination und Fantasie darstellen. Während in den 1950er Jahren eigentlich nur der sozialistische Betriebsroman möglich war, kam dann die Weltraumthematik auf, wobei auf die korrekte Zusammensetzung der Raumschiffbesatzungen geachtet werden musste. Der Raumschiffkommandant hatte aus der Sowjetunion zu kommen.</p>
<p>In den 1970er Jahren schlichen sich dann erste wissenschaftskritische und technikkritische Ideen ein. In den 1980er Jahren durfte die Science Fiction auch schon einmal Umweltprobleme kritisieren oder gesellschaftliche Überwachung ansprechen. Die DDR-SF wurde nicht nur vielfältiger, kreativ-kritische Sichtweisen nahmen zu. Angela und ich hatten das Glück, dass wir in den 1980er Jahren geschrieben haben, in denen viel mehr möglich war. Wir wurden allerdings auch mit der Zensur konfrontiert. Unser Lektor sagte mitunter: <em>„Das geht nicht“</em>. Das war so eine Floskel, die bedeutete, dass irgendwelche Instanzen etwas dagegen haben könnten. Es war objektivierter Zwang.</p>
<div id="attachment_3235" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3235" class="wp-image-3235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-200x310.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon.webp 348w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-3235" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wir haben in unserem Roman <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon“</a> darüber spekuliert, dass sich die Menschheit auf der Erde selbst ihr Grab geschaufelt haben könnte, durch Umweltzerstörung, einen Atomkrieg oder wodurch auch immer. <em>„Das geht nicht“</em>, sagte unser Lektor. Das widerspräche der sozialistischen Perspektive der Menschheit. Insofern waren wir gezwungen, etwas an dem Buch zu ändern. Wir haben einen einzigen Satz ergänzt. Wir haben eingefügt, dass eine Menschheit, die so wunderbare Raumschiffe gebaut hat, eigentlich ihre gröbsten Probleme überwunden haben müsste. Ein einziger Satz hat genügt, um das Werk Anfang der 1980er Jahre möglich zu machen. Wir haben es uns aber nicht verkneifen können, unseren Helden einige Absätze weiter sagen zu lassen, dass ihm noch nie jemand ein solches Bekenntnis abgerungen habe. Wir haben werksintern die Kritik an der durch die Zensur erzwungene Formulierung eingebaut. Allerdings, das muss ich gestehen, recht unauffällig. Unser Lektor sagte nachher, der eine Satz, den wir eingefügt hätten, habe das Buch <em>„gerettet“</em>.</p>
<p>Ähnliches haben wir bei der Biographie erlebt, die wir über Charles Darwin geschrieben haben. Dort hatten wir auch geschildert, wie sich Darwins Lehre in verschiedenen Ländern weiterentwickelt hat. Wir haben formuliert, dass in der Sowjetunion der <em>„wissenschaftliche Scharlatan Lyssenko“</em> die Entwicklung der Biologie aufgehalten habe, weil er sich gegen die Genetik aussprach. Unser Lektor wollte das streichen. Schließlich habe Lyssenko den Stalinpreis bekommen. Wir haben geantwortet, wir hätten eigentlich schreiben müssen <em>„der Mörder Lyssenko“</em>, denn er hat veranlasst, dass Kollegen von ihm in den Gulag geschickt und umgebracht wurden. Wir hätten ihn lediglich einen <em>„wissenschaftlichen Scharlatan“</em> genannt und wollten unbedingt, dass diese Formulierung nicht gestrichen wird. Wir haben den Lektor überzeugen können. Er hat die Streichung ausradiert. Irgendwann bekamen wir den Umbruch und die Wörter fehlten. Wir haben den Lektor sofort angerufen und beschimpft, doch er war nicht verantwortlich. Es war der Setzer: In der Druckerei hatte ein <em>„klassenbewusster“</em> und wachsamer Mitarbeiter die Schlussfolgerung gezogen, dass das Ausradieren der Streichung besser zu übersehen sei. Wir haben uns letztlich durchgesetzt.</p>
<p>Man konnte also durchaus einen Kampf gegen bestimmte Arten von Zensur führen. Man brauchte dazu meist Verbündete. Das konnte durchaus der Lektor sein, jemand in der Hauptverwaltung oder auch jemand im Schriftstellerverband. Gerade der Schriftstellerverband hat sich bisweilen dafür eingesetzt, dass ein bestimmtes Buch gedruckt werden konnte. Beispielsweise hatte der Hinstorff Verlag, Rostock, mehrere Jahre lang das Manuskript einer Anthologie <a href="https://www.aufbau-verlage.de/die-andere-bibliothek/blitz-aus-heiterm-himmel/978-3-8477-0484-3">„Blitz aus heiterem Himmel“</a> liegen, in der es um Geschlechtertausch ging. Vor allem Frauen hatten Geschichten über Männer- und Frauenbilder und über das, was heute gender swap heißt, geschrieben. Der Verlag bekam kalte Füße, spielte auf Zeit. Die Autoren und Autorinnen haben mit Hilfe des Schriftstellerverbandes prozessiert und das Buch durchgesetzt.</p>
<p>Es gab immer Möglichkeiten, aber man musste sehr genau die Umstände kennen und ausnutzen, um das Mögliche möglich zu machen. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> war lange ein entscheidendes Kriterium. Rezensenten fragten gern: Das soll unsere Zukunft sein? Ein befreundeter Lektor, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?186528">Ekkehard Redlin</a>, hat uns von einem Erlebnis mit dieser nur allmählich überwundenen Sicht auf die SF berichtet. Er hatte ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?191706">Heiner Rank</a> herausgebracht: „Die Ohnmacht der Allmächtigen“. Der Roman schildert eine Art Konsumgesellschaft, die von Künstlichen Intelligenzen beherrscht wird, während die Menschen ihre Fähigkeit zu eigenständiger Selbstverwirklichung verloren haben. Das Buch ist 1973 erschienen und fand großen Anklang. Der Lektor wurde bei einem Besuch bei Kulturfunktionären mit der Frage konfrontiert, wie man nur einen so verstörenden Roman herausbringen könne! Er sagte, er habe ihn herausgebracht. Und musste den fast schon klassischen Anwurf hören<em>: „Und das soll unsere Zukunft sein?“</em></p>
<p>Diese Anekdote drückt auch einen Umschwung aus. Man hat relativ lange in den 1950er und den 1960er Jahren Science Fiction als Literatur über die Zukunft verstanden. Zu Beginn der 1970er Jahren begann man sich davon zu lösen. Der Lektor, der das Buch von Heiner Rank herausgebracht hat, hat damals einen Essay mit dem Titel „Entpflichtung im Nirgendwo“ verfasst. Science-Fiction-Literatur, so Redlin, soll aus der Pflicht genommen werden, sie soll frei spekulieren dürfen, fiktive Welten entwickeln, mit Fantasie spielen können und nicht dem engen Diktat der Kulturpolitik unterworfen werden, natürlich innerhalb bestimmter Grenzen; antikommunistische oder ähnliche Ansichten dürfe sie natürlich nicht verbreiten, sie sollte aber einen bestimmten Freiheitspielraum erhalten. Die Kollegen aus diesem Verlag – es war der Verlag „Das Neue Berlin“ – haben sich mitunter deshalb mit den Kollegen in der Hauptverwaltung auseinandersetzen müssen. Bei zwei Büchern, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?172658">Wolfgang Kellners</a> Roman „Der Rückfall“ und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?162643">Michael Szameits</a> „Alarm im Tunnel Transterra“ hatte die Hauptverwaltung ernsthafte Bedenken. Die in den Büchern geschilderten Verhaltensweisen entsprächen so gar nicht <em>„unserem“</em> Zukunftsbild. Doch die Kollegen vom Verlag ließen sich nicht überzeugen und konnten die Bücher schließlich publizieren. Sie haben es geschafft, die Hürde der Zensur zu überwinden. Auch das war möglich.</p>
<p>Oft machte sich die Kritik an einzelnen bedenklichen Stellen fest, bei Wolfgang Kellner etwa, weil die Hauptperson an ein Automobil ein Hirschgeweih montierte. Das war ein Rückfall in alte Verhaltensweisen und für die Hauptverwaltung eine bedenkliche Stelle. Gutachter konnten hier durchaus einen großen Einfluss haben, wenn sie die betreffenden Stellen beispielsweise in den Gesamtzusammenhang einordneten und darauf verwiesen, dass diese Stelle als Kontrast zum Gesamtbild gebraucht würde, das damit deutlicher würde. In manchen Fällen sprach sich aber auch ein Gutachter gegen die Publikation aus oder forderte weitgehende Änderungen.</p>
<p>Ich bin selbst einige Male eingeladen worden, ein Gutachten zu verfassen. Ich lernte also beide Seiten kennen: die des Autors und die des Gutachters, der Stellung zu Werken von anderen nimmt. Mein Hauptgedanke war stets, die Veröffentlichung möglich zu machen. Es ging beispielsweise um ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?81">Olaf Stapledon</a>, das in der DDR in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. Ich habe in meinem Gutachten herausgestrichen, dass Olaf Stapledon humanistische Positionen vertritt und als Lektor an einer Abendschule gute Verbindungen zur Arbeiterklasse hatte. Ich musste allerdings auch aufpassen, dass ich es als Gutachter mit den positiven Äußerungen nicht übertrieb und unglaubwürdig wurde oder bei einem vielleicht als zwielichtig geltenden Autor selbst ins Zwielicht geriet. Ich musste im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten und im Rahmen der eingeschliffenen Terminologie begutachten. Es war oft eine Gratwanderung. Andere haben es ähnlich gemacht, und wir haben so auch Bücher auf ihren Weg geholfen, die vielleicht auf den ersten Blick von manchen abgelehnt worden wären. Es war ein beständiger Kampf darum, wie man Bücher durchbekommt und was überhaupt nicht geht.</p>
<h3><strong>Der äußere und der innere Auftrag</strong></h3>
<p><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139255">Günter</a> und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139254">Johanna Braun</a> haben sehr intensiv die Frage der Selbstzensur thematisiert. Im Schriftstellerverband gab es dazu in den 1960er und den 1970er Jahren Debatten um den „inneren“ und den „äußeren Auftrag“. Der Autor hat den unbedingten inneren Auftrag, ein bestimmtes Buch, dessen Thema ihn bewegt, schreiben zu müssen. Außerdem wird an den Autor der äußere, „gesellschaftliche“ Auftrag herangetragen, mit dem Buch zum Aufbau des Sozialismus beizutragen. Die Kulturfunktionäre haben argumentiert, dass sich Autoren den äußeren Auftrag aneignen und zu ihrem inneren Auftrag machen sollten. Dann ginge alles gut und es entstünden auch die richtigen Bücher.</p>
<p>Die Brauns haben sich gegen dieses Ansinnen positioniert. Sie haben das in <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?10982">Franz Rottensteiners</a> <a href="https://verlag-lindenstruth.de/?page_id=348">Quarber Merkur</a> getan, also in einer Publikation im Westen. Ihr Fazit war, dass jemand, der sich selbst in Übereinstimmung bringt, sich selbst als Autor abtötet. Das war eine Erfahrung, die man auch aus der Geschichte der DDR-Literatur und – im Fall der Brauns – auch aus der Geschichte der Science Fiction in der DDR ziehen konnte.</p>
<p>Als Fazit kann man festhalten, dass die Praxis der Druckgenehmigung den Kontrollanspruch des Staates und damit auch der Sozialistischen Einheitspartei ausgedrückt hat. Der Genehmigungsprozess über die Hauptverwaltung jedoch, gegebenenfalls mit inhaltlichen Auflagen oder mit der Aufforderung, das Buch möglicherweise neu zu schreiben, war nur ein Teil des Weges von der Idee des Autors zum Buch. Dieser Weg lief in der DDR unter der Rubrik <em>„Literaturentwicklungsprozesse“</em>, ein Unterfangen, bei dem der Autor nur eine Rolle hatte und andere Akteure in diesen Prozess hineinkamen.</p>
<p>Die Science Fiction als solche hatte keinen besonderen Freiraum. Sie wurde nicht als spinnerte Literatur behandelt, die man nicht besonders hätte beachten müssen. Wie bei jedem anderen literarischen Werk wurde geprüft, ob da irgendwo falsche Ideologie, Relikte falschen bürgerlichen Bewusstseins, nicht genügend <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>zu finden wären. Die SF wurde immer auf entsprechende Stellen hin durchleuchtet, in den 1980er Jahren aber schon viel weniger. Ein Freund von uns hat einmal eine Anthologie mit dem Titel „Jedes Buch ein Abenteuer“ veröffentlicht. Genau so war es.</p>
<p>Dadurch, dass so viele Akteure an den <em>„Literaturentwicklungsprozessen“ </em>beteiligt waren, wurde die eigentlich plangemäße Buchproduktion zu einem chaotischen Vorgang und zu einem Abenteuer mit nicht voraussehbaren Verzögerungen und Wendungen, etwa mit dem plötzlichen Vorziehen von anderen Titeln. Auch für die Verlage war es mit den Büchern immer eine Fahrt ins Ungewisse. Auf allen Ebenen konnte man Akteure beobachten, die versucht haben, mutig die Spielräume im Sinne dessen, was sie selbst als Freiheit begriffen hatten, in der Literatur auszuweiten, und andere, die sich strikt an irgendwelche Vorgaben gehalten haben, die mit bürokratischen Augen auf die Literatur geschaut haben. Von Dekade zu Dekade wurde in der DDR mehr möglich. Duckmäusertum, Beckmesserei und vorauseilender Gehorsam standen immer gegen Eigensinn bis hin zu Sturheit bei den Autoren sowie Mut und wahrgenommene Verantwortung bei Lektoren, Gutachtern und manchen Akteuren selbst in der Hauptverwaltung.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>, Berlin</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Die Romane und Essaybände von Angela &amp; Karlheinz Steinmüller sind <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">im Memoranda-Verlag</a> erhältlich.</p>
<p>Karlheinz Steinmüller im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></p>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">Der optimistische Skeptiker</a>, Juni 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Utopische Literatur Made in GDR</a>, Mai 2023.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Der Essay beruht auf einem Vortrag, den Karlheinz Steinmüller am 10. April 2025 unter dem Titel „Die befohlene Zukunft“ in der <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/start">Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</a> gehalten hat. Anlass war eine Ergänzung von mehreren Tafeln zur Wanderausstellung <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literaturland-ddr/">„Leseland DDR“</a> der Stiftung. Erstveröffentlichung als Essay im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2025. Das Titelbild wurde von Thomas Franke zur Verfügung gestellt, der eine große Zahl von Science-Fiction-Literatur illustriert hat. Es zeigt einen Ausschnitt aus der von Thomas Franke illustrierten Neuausgabe von Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“. Die Rechte für dieses Bild liegen beim Illustrator. Siehe hierzu auch das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> erschienene Interview mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – Synergetisch gebrochen“</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Zaghafte Regierung &#8211; weitreichende Folgen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 15 Jun 2025 05:39:45 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=6239</guid>

					<description><![CDATA[<p>Zaghafte Regierung – weitreichende Folgen Karol Nawrocki ist der neue Präsident Polens Diese Präsidentschaftswahl war eine Schicksalswahl für Polen. Es entschied sich, wer der Nachfolger des national-konservativen und tief mit der PiS verbundenen Andrzej Duda werden sollte. Im Endspurt wurde es richtig spannend und die beiden Kontrahenten Rafał Trzaskowski (Bürgerplattform, PO) und Karol Nawrocki  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-7"><h1></h1>
<h1><strong>Zaghafte Regierung – weitreichende Folgen</strong></h1>
<h2><strong>Karol Nawrocki ist der neue Präsident Polens</strong></h2>
<p>Diese Präsidentschaftswahl war eine Schicksalswahl für Polen. Es entschied sich, wer der Nachfolger des national-konservativen und tief mit der PiS verbundenen Andrzej Duda werden sollte. Im Endspurt wurde es richtig spannend und die beiden Kontrahenten Rafał Trzaskowski (Bürgerplattform, PO) und Karol Nawrocki (Recht und Gerechtigkeit, PiS) lagen in den Wahlprognosen bis zur letzten Minute gleich auf.</p>
<p>Im Grunde ging es bei der Wahl darum, ob der pro-europäische, zukunftsgewandte Kurs der Tusk-Regierung weitergeführt werden kann und es zu den versprochenen Änderungen in Justiz, Außenpolitik und Gesellschaft kommt, auf die die Wähler Tusks so lange warten. Die andere Möglichkeit würde sein, dass ihre Politik weiterhin durch einen traditionalistisch-nationalen Präsidenten blockiert wird. Der bisherige Präsident Andrzej Duda stand in vielerlei Hinsicht in Opposition zur derzeitigen liberal-demokratischen Regierungskoalition Donald Tusks. Duda hat der Regierung, die seit dem 13.Dezember 2023 an der Macht ist, das Regieren schwer gemacht, indem er sie nicht nur öffentlich stark kritisierte, sondern auch immer wieder Veto gegen Gesetzesentwürfe einlegte.</p>
<h3><strong>Eine starke Polarisierung</strong></h3>
<p>Von vornerein war klar, dass sich die Wahl zwischen den Kandidaten der zwei größten Parteien, der Bürgerplattform Donald Tusks und der „Recht und Gerechtigkeit“ Jarosław Kaczyńskis entscheiden wird. Diese bipolare Parteienlandschaft, gegen die kaum eine kleine Partei ankommt, wird in Polen „<em>Duopol</em>“ genannt und gerät immer stärker in die Kritik. Besonders die jüngsten Wähler erhoffen sich allerdings eine politische Zukunft ohne Tusk und Kaczyński an der Spitze.</p>
<p>Der Wahlkampf wurde sehr hart geführt und ging für viele um das politische Überleben. Es fanden viele öffentliche Debatten zwischen den Kandidaten in diverseren Konstellationen statt, die das Gefühl vermittelt haben, das oft vergessen wurde, welche Kompetenzen das Amt des Präsidenten innehat. Häufig wurde über Sachlagen und Lösungsansätze diskutiert, die nicht im Kompetenzbereich dieses Amtes liegen, sondern in den Händen der Regierung und des Parlaments. Der polnische Präsident hat vor allem repräsentative Kompetenzen. Allerdings hat er zusätzlich das bereits erwähnte Recht, bei Gesetzesvorschlägen ein Veto einzulegen und dem Parlament eigene Vorschläge vorzustellen. Zusätzlich ist der Oberbefehlshaber der militärischen Streitkräfte, was ihn in Sachen Außenpolitik ein gewisses Mitspracherecht einräumt.</p>
<p>Die Diskussionen und Debatten während des Wahlkampfes zeigten, dass Polen mit der Regierung Tusks derzeit grundsätzlich nicht zufrieden ist. Auf der einen Seite stehen die national-konservativen und rechtsgerichteten Wähler, die gegen weitere Kompetenzabtretung an die Europäische Union sind, die das Abtreibungsgesetz verschärfen wollen und Minderheitenrechte einschränken wollen. Diese Wähler wünschen sich einen Präsidenten, der diese Vorhaben blockiert, mit harter Hand das Land nach innen abschottet und altbekannten Schemata treu bleibt. Andererseits sind auch viele PO-Stammwähler mit der Regierung Tusks von den nicht eingehaltenen Wahlversprechen der derzeitigen liberal-demokratischen Koalition enttäuscht. Sie kritisieren, dass die Aufarbeitung der zum Teil kriminellen Handlungen der Vorgängerregierung zu langsam voran geht. Hierbei darf man jedoch nicht außer Acht lassen, dass viele Vorhaben bisher nicht umsetzbar waren, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-spiel-mit-den-emotionen/">da Duda diese blockiert oder verurteilte Politiker seiner Partei begnadigt hat</a>. Allerdings hat sich die Regierung Tusk auch keine große Mühe gegeben einen Kompromiss mit Duda zu finden und sich auf der komplizierten Situation zwischen dem Präsidenten und der Regierung ausgeruht. Die PO war fest davon überzeugt, dass man die Präsidentschaftswahlen 2025 gewinnen wird und danach einen Präsidenten hat, mit dem es einfacher wird politische Vorhaben durchzusetzen.</p>
<p>Bereits im Vorfeld der Wahlen wurde befürchtet, <a href="https://web.de/magazine/politik/polen-wirft-kreml-einmischung-praesidenten-wahlkampf-40948822">dass der russische Militärgeheimdienst GRU Einfluss auf die Wahlen nehmen könnte</a>, weil sich seit 2014 dessen Aktivität in Polen nahezu verdoppelt hat. Die polnischen Wahlen könnten besonders anfällig für Manipulation und Einflussnahme durch Russland sein, da es sich dabei um einen der größten Unterstützer der Ukraine handelt und Polen sich seit 2022 zum Dreh- und Angelpunkt von Militärlieferungen für die Ukraine entwickelt hat. Dies ist jedoch nicht in dem Maße eingetreten wie erwartet. Polen hatte aber nicht nur mit der Einmischung fremder Kräfte aus dem Osten zu kämpfen, auch aus den USA kam es zu klaren Stellungnahmen im polnischen Präsidentschaftswahlkampf. Zuerst wurde Nawrocki von Donald Trump ins Weiße Haus eingeladen und durfte ein medienwirksames Foto mit ihm machen, dass von den PiS-Wählern sehr positiv aufgenommen wurde. In der Woche vor der entscheidenden Wahlrunde äußerte sich auch die umstrittene US-Ministerin für Innere Sicherheit, <a href="https://wyborcza.pl/7,75968,31976901,trump-wchodzi-z-butami-w-polskie-wybory.html#s=S.MT-K.C-B.2-L.1.autor">Kristi Noem</a> (bekannt dadurch, dass sie ihren eigenen Welpen erschoss), dass Polen auf die Unterstützung der USA zählen könne, wenn Karol Nawrocki gewinnen würde. Rafał Trzaskowski nannte sie einen <em>„Sozialisten“</em>, der mittels Angst sein freiheitsfeindliches Programm durchsetzen wird.</p>
<p>Allgemein gefasst war es ein sehr turbulenter und intensiver Wahlkampf, der die Gräben der eh schon stark gespaltenen polnischen Gesellschaft noch einmal vertieft hat.</p>
<h3><strong>Warum nicht Rafał Trzaskowski?</strong></h3>
<p>Der Warschauer Stadtpräsident Rafał Trzaskowski trat für die Bürgerplattform (Platforma Obywatelska, PO) an. Der 53-jährige Warschauer wird von seinen Anhängern als eloquent, hoch gebildet und hervorragend in der politischen Welt vernetzt angesehen. Seit 2018 bekleidet er das Amt des Stadtpräsidenten von Warschau und setzt sich für die Begrünung der Stadt, Ausbau des öffentlichen Kommunikationsnetztes und für Minderheitenrechten ein. Davor war er während der zweiten Amtszeit Tusks Minister für Verwaltung und Digitalisierung sowie Staatssekretär für europäische Angelegenheiten unter Ewa Kopacz. Bereits 2020 hat er sich erstmalig <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-07/polen-praesidentschaftswahl-endergebnis-andrzej-duda-sieg-rafal-trzaskowski">dem Wahlkampf um das Präsidentenamt gegen Andrzej Duda gestellt und nur knapp verloren</a>. Er spricht mehrere Sprachen fließend, ist seit Jahrzehnten in der polnischen und europäischen Politik aktiv und kennt deswegen viele hochrangige Politiker. Absurderweise rief seine Kenntnis der französischen Sprache bei seinen Gegnern schmunzeln hervor, woraufhin sie ihm den Spitznamen <em>„Bążur“</em> (Bonjour) verliehen. Eine groteske Vorstellung, wenn man überlegt, dass es eine der Hauptaufgaben eines Präsidenten ist, sich mit internationalen Partnernist zu treffen und die Kenntnis jeder Sprache hierbei von Bedeutung ist. Immer wieder hörte man, er würde aus dem Establishment stammen und dass er der Stellvertreter Tusks sei. Viele Wähler, die gegen ihn gestimmt haben, befürchteten ein politisches Monopol, wenn der Präsident und die Regierungspartei aus dem gleichen politischen Lager stammten.</p>
<p>Sein Wahlkampf 2025 unterschied sich von dem aus dem Jahr 2020 darin, dass er sich oft nicht klar zu einer konkreten politischen Richtung bekannte, weil er auch aus dem konservativen Spektrum so viele Wähler wie möglich abholen wollte. Dies machte den Eindruck er wolle es allen recht machen und habe deswegen kein deutliches politisches Profil. Dadurch verlor er einige Stimmen aus seiner links-liberalen Wählerschaft, die man bereits als sicher ansah. Sein erklärtes Ziel war es, der Präsident aller Polen zu werden und die anhaltende gesellschaftliche Spaltung aufzubrechen. Im Wahlkampf konzentrierte sich Trzaskowski vor allem darauf verbindende Elemente hervorzuheben und deklarierte oft den Willen und die Hoffnung auf Zusammenarbeiten mit seinen (demokratischen) Konkurrenten.</p>
<p>Eines der Hauptthemen im Wahlkampf war die Sicherheit Polens und wie sich Polen zu dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in der Ukraine positionieren soll. Trzaskowski bekräftigte, dass er keine polnischen Soldaten in die Ukraine senden wird, da die Aufgabe Polens darin besteht, die Ostgrenze der Europäischen Union zu schützen. Er beteuerte den europäischen Migrationspakt nicht unterzeichnen zu wollen und strikt gegen illegale Migration vorgehen zu wollen. Sein Hauptkonkurrent Nawrocki sprach ihn während der TV-Debatten stets mit <em>„Herr Vizeparteivorsitzender“</em> an, um deutlich zu machen, dass Trzaskowski nicht unabhängig sei und eigentlich von Tusk gesteuert werde. Nawrocki stellte sich im Gegensatz dazu als bürgerlichen Kandidaten dar, der sich von niemanden etwas diktieren lässt. Allerdings gab er während einer Wahlveranstaltung zu, die <em>„Entscheidung des Parteivorsitzenden“</em> zu sein und von Gnaden Jarosław Kaczyńskis als Kandidat der PiS eingesetzt worden zu sein. Somit könnte man ihm selbst vorwerfen, von dem Vorsitzenden einer Partei, hier der PiS, abhängig zu sein (obwohl er selbst nicht Mitglied ist).</p>
<p>Der Hauptgrund, warum ein hoch kompetenter Kandidat wie Trzaskowski ein zweites Mal so knapp am Präsidentenamt gescheitert ist, ist, dass die Regierung Tusk nicht abgeliefert hat, was sie angekündigt hatte, weswegen viele Wähler der PO und der Koalitionspartner nicht zur Wahlurne gegangen sind. Man ist enttäuscht und hat sich für Resignation entschieden. Vielleicht hätte sich die PO auch einen Gefallen getan, wenn man Radosław Sikorski, den derzeitigen Außenminister, als Kandidat aufgestellt hätte, der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-entscheidendes-jahr/?">2024 in einer internen Wahl gegen Trzaskowski gescheitert</a> war. Sikorski ist auch erfahren und hoch angesehen, jedoch ist er wesentlich konservativer und hätte sicherlich mehr Stimmen im rechten Spektrum holen können. Der renommierte Politikwissenschaftler und Historiker <a href="https://www.youtube.com/watch?v=q19V-HVg0pw">Antoni Dudek sieht dies jedoch kritisch</a> und ist sich sicher, dass Sikorski sich wesentlich schneller hätte provozieren lassen und deswegen noch weniger Stimmen erhalten hätte.</p>
<h3><strong>Karol Nawrocki – ein umstrittener Kandidat</strong></h3>
<p>Der Vorsitzende des Instituts für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej, IPN) war zu Beginn der Wahlkampagne als überparteilicher Bürgerkandidat angetreten, jedoch wurde er von Beginn an von der national-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliwość, PiS) unterstützt und ist zu ihrem Kandidaten erklärt worden. Er hat keinerlei politische Erfahrung, da er noch nie ein politisches Amt bekleidet hat. Primär steht Karol Nawrocki für national-konservative Werte und für die Stärkung der nationalen Souveränität Polens. Ein wichtiger Grund dafür, dass die Wahl Kaczyńskis auf den unerfahrenen Politikneuling Nawrocki gefallen ist, könnte – <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/348/karol-nawrocki-praesident-polen-folgen/">so Agnieszka Łada-Konefał und Bastian Sendhardt</a> in ihrer Analyse auf der Seite des Deutschen Polen-Instituts – auch der Gedanke sein, dass er aufgrund seiner fehlenden Erfahrung mehr an die die Expertise der Berater, die aus der PiS stammen gebunden ist und deswegen keine Gefahr für die Führungsriege darstellt. Ob sich dieser ausgeklügelte Schachzug bewährt, wird sich noch zeigen.</p>
<p>Jedoch waren es nicht seine Wahlversprechen, die für Aufsehen gesorgt haben. Seine Kampagne wurde von Anfang an von etlichen Skandalen begleitet. Bereits zu Beginn wurde bekannt, dass der gebürtige Danziger <a href="https://www.n-tv.de/politik/Polens-neuer-Praesident-hat-dunkle-Vergangenheit-article25806452.html">Kontakte zu kriminellen Kreisen</a> der Danziger Unterwelt pflegte und Bekanntschaften in der Boxerszene zu verurteilten Verbrechern hatte. Der Parteivorsitz der PiS hatte diesbezüglich bereits vor der Nominierung Nawrockis Informationen erhalten und war sich dessen bewusst, wen sie als Kandidaten um das Präsidentenamt ins Rennen schickten.</p>
<p>Nawrocki war zwar nie Parteimitglied der PiS, allerdings war er seit Jahren eng mit ihnen verbunden und bekam wichtige Positionen im IPN und im Danziger Zweite Weltkriegsmuseum aufgrund seiner Nähe zur PiS. Als nächstes wurde bekannt, dass Nawrocki, als er die Funktion des Direktors des Zweiten Weltkriegsmuseums in Danzig bekleidete, ein museumsinternes Luxus-Apartment für sich nutzte und dort <a href="https://tvn24.pl/polska/pytanie-o-noclegi-w-apartamencie-w-muzeum-ii-wojny-swiatowej-karol-nawrocki-mowi-o-kwarantannie-i-polityce-miedzynarodowej-ktora-uprawial-st8271225">nach eigenen Angaben nach <em>„dynamische Außenpolitik“</em> betrieb</a>. Immer wieder verstrickte er sich in unterschiedlichen Erklärungen und Ungereimtheiten. Ein Versuch sich zu erklären war, dass er das Appartement nutzte, um Gäste des Museums dort zu empfangen. Es ist jedoch bekannt, dass das Museum über mehre Konferenzräume verfügt, die für genau diese Zwecke genutzt werden könnten. Dies hinterließ einen bitteren Beigeschmack, da bis heute nicht ganz klar, ist wofür er diese Wohnung genau genutzt hatte. Als nächstes wurde ihm eine Aussage über seine Eigentumsverhältnisse zum Verhängnis. Während einer TV-Debatte mit seinen Präsidentschafts-Konkurrenten beteuerte er, er sei lediglich Eigentümer einer einzigen Wohnung in Danzig. Journalisten haben daraufhin herausgefunden, dass er gelogen hatte und gemeinsam mit seiner Frau, <a href="https://wiadomosci.onet.pl/wybory/wybory-prezydenckie/karol-nawrocki-i-afera-mieszkaniowa-poslowie-pis-odczytali-testament-pana-jerzego/nd7wr5q">Besitzer einer weiteren 28 Quadratmeter großen Einzimmerwohnung</a> ist. Weitere Nachforschungen haben zum Vorschein gebracht, dass diese Kommunalwohnung eigentlich dem invaliden Jerzy Ż. gehörte. Dieser habe Nawrocki im Austausch gegen Hilfeleistungen die Wohnung für einen Spottpreis verkauft. Es ist zusätzlich ans Licht gekommen, dass Nawrocki sich keineswegs für den Mann interessierte und die versprochene Hilfe ausblieb. Jerzy Ż. wurde in ein städtisches Pflegeheim (DPS, Dom Pomocy Społecznej) gebracht, da sich sein Zustand drastisch verschlechterte, wovon Nawrocki nicht einmal Kenntnis besaß, obwohl er dem älteren Herrn lebenslange Pflege schriftlich zugesichert hatte. Besondere Brisanz erhielt das Thema, als bekannt wurde, dass er 20 Prozent Zinsen für den Kredit an Jerzy Ż. verlangte. Letztendlich hat Nawrocki angekündigt, die Wohnung an eine karitative Vereinigung zu spenden, um den Skandal abzumildern.</p>
<p>Das Ende der Skandale und Beschuldigungen gegen Nawrocki war damit noch nicht erreicht. Den Zuschauern der ausschlaggebenden Debatte zwischen den beiden finalen Kandidaten am 23. Mai 2025 wurde ein weiteres, sehr groteskes Bild geliefert. Karol Nawrocki hat, während er live auf Sendung war, sich <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5dCT-Cc2YGs">etwas Undefinierbares in die Wange geschoben</a>. Daraufhin entbrannte die <a href="https://wiadomosci.gazeta.pl/wiadomosci/7,143907,31964477,co-to-snus-nawrocki-w-ogniu-krytyki-za-zazycie-tego-na-debacie.html">Diskussion, ob es sich um Tabak-. beziehungsweise Nikotinsäckchen handele, auch Snus genannt, oder gar um härtere Substanzen</a>. Nikotinsäckchen sind in Polen zwar nicht illegal, trotzdem liefert die Einnahme während einer Liveübertragung ein negatives Bild des Kandidaten, der sich nicht einmal für ein paar Stunden zusammenreißen und auf den Konsum verzichten könnte. Auch wurde bekannt, dass Nawrocki in seiner Jugend <a href="https://www.rp.pl/prawo-karne/art42414971-publiczne-pochwalanie-udzialu-w-ustawkach-kibicowskich-to-przestepstwo-prawnicy-bez-watpliwosci">an organisierten Schlägereinen von Fußballhooligans teilnahm</a>, was er öffentlich zugab. Hierbei wurde er von Andrzej Duda und Jarosław Kaczyński persönlich in Schutz genommen, indem sie diese kriminellen Handlungen bagatellisierten und die Teilnehmer als <a href="https://tvn24.pl/polska/duda-o-malych-niedzwiadkach-morawiecki-o-przeszlosci-st8481555"><em>„sich raufende Bärchen“</em></a> bezeichneten.</p>
<p>Als ob das nicht genug wäre, wurden eine Woche vor der zweiten Wahlrunde Berichte des Online Nachrichten Portals Onet.pl veröffentlicht, in dem ehemalige Mitarbeiter Nawrockis aus dem Sicherheitsdienst eines Sopoter Hotels aussagten, dass er in die <a href="https://wiadomosci.onet.pl/wybory/wybory-prezydenckie/karol-nawrocki-i-tajemnice-grand-hotelu-zrodla-onetu-uczestniczyl-w-procederze/kqwwbef">Beschaffung von Prostituierten für Hotelgäste</a> involviert war. Nawrocki bestreitet diese Vorwürfe vehement und will zivilrechtlich dagegen vorgehen. Die Frage hierbei war, warum er keinen beschleunigten Prozess zur Aufklärung der Gerüchte anstrebte, der ihm aufgrund seiner Kandidatur zweifelsfrei zustehen würde. Seine politischen Gegner gingen davon aus, dass er dies nicht in die Wege leitete, weil daraufhin rausgekommen wäre, dass er schuldig und der Wahlkampf endgültig für ihn vorbei wäre.</p>
<p>In Anbetracht dieser Skandale waren die politischen Postulate Nawrockis völlig in den Hintergrund gerückt. Im Wahlkampf stand er fest zu seinen Ansichten, die er von der PiS übernahm. Er ist gegen die Aufnahme von Migranten, gegen Abtreibung, gegen Kompetenzabtretung an die EU und gegen LGBTQ-Rechte. Nun stellt sich die Frage, wie konnte ein Kandidat, der so viele Leichen im Keller hat, der Präsident eines demokratischen Landes werden? Immer wieder hört man, dass es keine Wahl für Nawrocki war, sondern gegen Trzaskowski, den man als größeres Übel ansah. Hinzukommt, dass die PiS seit Jahrzehnten eine sehr loyale Stammwählerschaft besitzt, die nichts erschüttern kann. All die Skandale und Gerüchte über ihren Kandidaten haben nichts daran geändert, dass sie trotzdem hinter ihm standen und ihre Stimme für ihn abgaben. Sie glaubten den Berichten nicht. Sie waren sich sicher, dass Donald Tusk und seine Geheimdienste dahinterstecken und eine Rufmordkampagne gegen Nawrocki gestartet haben. Andere wiederrum sagten, dass er eben damals jung war und alle jungen Menschen Fehler machen. Es spielt der identitätsstiftende Faktor des armen Jungen aus dem Danziger Block eine elementare Rolle. Nawrocki, der auf die schiefe Bahn geraten ist und sich wortwörtlich rausgeboxt hat. Er hatte eine wilde Vergangenheit, aber er hat sich geändert und nun ist er Präsidentschaftskandidat. Was für eine Erfolgsstory! Die viele selbst gerne so erleben würden.</p>
<h3><strong>Der Erste Wahlgang – gegen den Dualismus von PO und PiS</strong></h3>
<p>Der Erste Wahlgang fand am 18. Mai 2025 statt. Der Bürgerplattformkandidat Rafał Trzaskowski ging wie erwartet knapp mit den meisten Stimmen aus der Wahl hervor, gefolgt von Karol Nawrocki (PiS) und Sławomir Mentzen (Konfederacja). Die Wahlbeteiligung stellte einen neuen Rekord auf, da das erste Mal in der Geschichte des demokratischen Polens (seit 1989), die Wahlbeteiligung während der Ersten Wahlrunde bei 67,31Prozent lag. Da keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit von mehr als 50 Prozent erhalten hatte, gingen die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen in einen zweiten Wahlgang, der für gewöhnlich zwei Wochen nach der ersten Wahlrunde stattfindet.</p>
<p>Die <a href="https://www.wybory.gov.pl/prezydent2025/">Stimmenverteilung aus dem ersten Wahlgang</a> sah laut der Staatlichen Wahlkommission wie folgt aus:</p>
<ul>
<li>Rafał Trzaskowski (Bürgerplattform PO): 31,36 Prozent (6.147.797 Stimmen)</li>
<li>Karol Nawrocki (Bürgerlicher Kandidat der Recht und Gerechtigkeit PiS): 29,54 Prozent (5.970.804 Stimmen)</li>
<li>Sławomor Mentyen (Konfederacja): 14,81 Prozent (2.902.448)</li>
<li>Grzegorz Braun: 6,34 Prozent (1.242.917 Stimmen)</li>
<li>Adrian Zandberg (Razem): 4,99 Prozent (978.901 Stimmen)</li>
<li>Szymon Hołownia (Polska 20250): 4,8 Prozent (952.832 Stimmnen)</li>
<li>Magdalena Biejat (Lewica): 4,23 Prozent (829.361 Stimmen)</li>
<li>Andere: 3,87%</li>
</ul>
<p>Es war wenig überraschend, dass der liberal-demokratische Kandidat der PO die meisten Stimmen bekommen hat, da er bereits seit Monaten die Wahlprognosen angeführt hatte. In den letzten Tagen vor der Wahl wurde jedoch deutlich, dass die Distanz zwischen ihm und seinem stärksten Konkurrenten Nawrocki schmilzt. Dies könnte mit den TV-Debatten zusammenhängen, die im Wahlkampf stattfanden. Eine ist den Wählern besonders im Gedächtnis geblieben, als Trzaskowski noch im April nur den Hauptherausforderer Nawrocki zu einem Duell in Konin herausgefordert hat und somit alle anderen elf weiteren Mitstreiter um das Präsidentenamt überging. Auch ist er zu einer Gesprächsrunde in dem der PiS unterstellten Sender „TV Republika“ nicht erschienen, was dazu führte, dass einige Trzaskowski als Feigling ansahen. Andere wiederum sahen das Fernbleiben als einzig legitimes Mittel des Protests an, da der Sender für seine Propaganda und regierungsfeindliche Einstellung bekannt ist. Ein weiterer Grund, wieso das Ergebnis so knapp ausfiel, ist das die ländlichen Regionen in dem Wahlkampf der großen Parteien zu wenig Beachtung fanden.</p>
<p>Im Gegensatz dazu haben die rechtsradikalen Kandidaten Sławomir Mentzen und Grzegorz Braun erkannt, dass man nicht einzig mit den Stimmen der Großstädter gewinnen kann, und haben sich der ländlichen Zielgruppe angenommen. Der 38-jährige Mentzen, der mit gut 14 Prozent den dritten Platz belegte, hat laut eigenen Angaben weit über 300 Orte besucht, davon die Mehrheit Kleinstädte und Gemeinen. Er ist vor allem für seine Antiukrainische-, Antimigrations- und Antiabtreibungspolitik bekannt. 2019 sorgten <a href="https://konkret24.tvn24.pl/polityka/konfederacja-mentzen-piatka-konfederacji-to-nie-sa-moje-poglady-no-to-przypominamy-st6877579">seine „Mentzens 5“</a> für Aufsehen: <em>„Wir wollen keine Juden, keine Homosexuellen, keine Abtreibungen, keine Steuern und keine Europäische Union.“</em> Sein ehemaliger Parteikollege und Europaabgeordneter, Grzegorz Braun (er wurde aus der Partei ausgeschlossen, weil er sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen ließ), ist erstaunlicherweise auf dem vierten Platz gelandet. Er ist noch wesentlich radikaler als Mentzen. Braun ist bekannt durch etliche geschmacklose Eskapaden, wie dafür, dass er sich <a href="https://www.stern.de/politik/ausland/eklat-in-polen--ultrarechter-abgeordneter-schaendet-eu-flagge--video--35701092.html">die Schuhe mit der EU-Fahne abgewischt und sie danach angezündet</a> hat, <a href="https://www.zdfheute.de/politik/ausland/polen-chanukka-leuchter-parlament-100.html">Chanukkakerzen mit einem Feuerlöscher im polnischen Parlament gelöscht</a> hat oder <a href="https://oko.press/braun-wdarl-sie-do-szpitala-w-olesnicy-by-zatrzymac-ginekolozke-ktora-legalnie-przerywa-ciaze">eine Ärztin in Oleśnica, die eine legale Abtreibung im fortgeschrittenen Schwangerschaftsstadium vorgenommen hat (weil das Leben der Mutter in Gefahr war), physisch angegangen</a> ist und in eine Abstellkammer gesperrt hat. Immer wieder fällt er durch seine offen antisemitischen und antidemokratischen Aussagen auf.</p>
<p>Und genau diese rechtradikalen Kandidaten machten nun im zweiten Wahlgang das Zünglein an der Waage aus, da sie zusammen 20 Prozent (4.145.365 Stimmen!) der Wähler von sich überzeugen konnten. Es ist eine sehr besorgniserregende Tendenz, dass man wohl in Zukunft kaum mehr eine Koalition wird bilden können, ohne diese Verfassungsfeinde, Antisemiten, Homophoben und Menschenfeinde mit einzubeziehen. Deren radikalen Slogans und menschenverachtenden Happenings finden besonders großen Anklang bei den jüngsten Wählern der Wählergruppe zwischen 18 und 29. Auch der Linkenpolitiker der Partei „Razem“ Adrian Zandberg liegt in dieser Wählergruppe neben Mentzen ganz vorne. Wenn es nach den 18-29-jährigen ginge, wären diese beiden Kandidaten final um das Präsidentenamt am 1.Juni angetreten.</p>
<p>Es handelt sich hierbei eindeutig um <a href="https://tvn24.pl/polska/wybory-prezydenckie-2025-jak-i-dlaczego-glosowali-mlodzi-w-pierwszej-turze-st8469253">eine Ermüdungserscheinung aufgrund des jahrzehntelangen Dualismus</a> zwischen Donald Tusk vs. Jarosław Kaczyński, bzw. PO vs. PiS, die vor allem die junge Generation durchbrechen möchte. Besonders bitter war der Wahlabend für den derzeitigen Sejmmarschall Szymon Hołownia, der nur knapp 5 Prozent der Stimmen erreichte. 2020 trat er erstmalig als Präsidentschaftskandidat an, und erhielt fabelhafte 13,87 Prozent, was einen Rückgang der Unterstützung um zwei Drittel ausmacht. Er selbst sagt, dass dies der Preis dafür sei, dass er und seine Partei Teil der Regierung geworden sind. Einen kleinen Achtungserfolg hat die Linken-Politikerin Magdalena Biejat zu verzeichnen. Die Senatsmarschallin und Linkenpolitikerin hat mit 4,2 Prozent das bisher beste Ergebnis erzieht, das eine Frau in den Präsidentschaftswahlen bisher erlangt hat. Dies ist allerdings auch ein sehr schwacher Erfolg und zeugt eher davon, dass Frauen es in der polnischen Politik, besonders bei der Besetzung höherer Funktionen, immer noch sehr schwer haben.</p>
<p>Nachdem die Ergebnisse feststanden, wurde um die Gunst der Wähler gerungen, die für die Kandidaten abgestimmt haben, die es nicht in die finale Zweite Wahlrunde geschafft haben. Szymon Hołownia hat noch am Wahlabend seine volle Unterstützung für Trzaskowski zugesagt. Magdalena Biejat erst zwei Tage später, nachdem sie sich mit Trzaskowski getroffen hatte. Besonders ausschlaggebend war jedoch das Wahlverhalten der Wähler Mentzens und Brauns. Mentzen hat sich vorerst mit der Unterstützung eines der beiden Kandidaten zurückgehalten und beiden, Trzaskowski und Nawrocki, angeboten, ein Gespräch live auf seinem youtube-Kanal zu führen, in dem sie ihn und vor allem seine Wähler überzeugen könnten, da seine Wählerschaft nicht über die traditionellen Medien zu erreichen sei.</p>
<h3><strong>Der Zweite Wahlgang – Hinweise auf ein Ende des „Duopol“?</strong></h3>
<p>Der Zweite Wahlgang fand am 1. Juni 2025 statt und hat die Emotionen aufsprudeln lassen. Im Vorfeld wurden alle Register der Wahlkampfkunst gezogen, um so viele Wähler wie möglich von dem jeweiligen Kandidaten zu überzeugen. Der Drittplatzierte Sławomir Mentzen hat mit seinem Angebot, beiden Kandidaten eine Plattform für ein Gespräch zu bieten, einen absoluten Treffer gelandet. Millionen Polen waren live im Internet dabei oder haben die Gespräche im Fernsehen verfolgt. <a href="https://oko.press/mentzen-deklaracja-o-co-chodzi-w-8-postulatach">Mentzen hatte eine Deklaration vorbereitet mit acht Punkten</a>, die den Wählern der Konfederacja besonders wichtig seien. In dieser Erklärung fanden sich unter anderem Versprechen, dass man keine Steuern erhöhen wird, keine weiteren Kompetenzen an die EU abgeben, dass keine polnischen Soldaten in die Ukraine gesendet werden sowie dass man nicht zulassen wurde, dass die Ukraine NATO-Mitglied werden würde.</p>
<p>Als erster war Karol Nawrocki zu Gast. Nawrocki, hat diese Punkte, ohne mit der Wimper zu zucken unterschrieben in der Hoffnung, dass er so die Gunst der Wähler der Konfederacja erreichen würde. In dem Interview hatte man den Eindruck, er sei angespannt und würde alles, was sein Gesprächspartner im vorlegt bejahen und unterschreiben. Wenige Tage später war Trzaskowski zum Gespräch geladen und hat ein völlig anderes Bild vermittelt. Er als liberal-demokratischer Kandidat konnte sich nur mit vier der acht Postulate einverstanden erkläret. Er war standhaft und hat seine Meinung offen vertreten, da er genau wusste, dass er die rechts-konservativen Wähler der Konfederacja wohl eh nicht erreichen würde. Er hat keine Unterschrift unter die auch ihm vorgelegte Deklaration geleistet, sondern hat stattdessen seine kürzlich erschienene Biografie signiert. Die meisten Sympathien, aber auch Kritik wurde darüber laut, was nach dem Gespräch stattfand.</p>
<p>Trzaskowski ist gemeinsam mit Mentzen in dessen Kneipe in Toruń gefahren und dort haben sie gemeinsam mit dem polnischen Außenminister Radosław Sikorski ein Bier getrunken. Von der Mehrheit der Konfederacja-Wähler wurde dies als Verrat Mentzens an den konservativen Werten angesehen. Die liberalen Trzaskowski-Anhänger hingegen haben diese Bilder aus der Kneipe gefeiert, weil dies gezeigt hat, dass man mit allen politischen Richtungen diskutieren kann und sogar ein Bier nach getaner Arbeit trinken kann.</p>
<p>Ein besonders großes und wichtiges Ereignis waren zwei Demonstrationsmärsche in Warschau am Sonntag vor den Wahlen. Beide politischen Lagen hatten angekündigt, zur gleichen Zeit, in der gleichen Stadt marschieren zu wollen und Kundgebungen abzuhalten. Aus ganz Polen kamen Wähler und Wählerinnen <a href="https://wiadomosci.onet.pl/wybory/wybory-prezydenckie/marsze-w-warszawie-zakonczone-policja-podsumowala-kwestie-bezpieczenstwa/6gh4ykt">in die polnische Hauptstadt, um ihre Kandidaten zu unterstützen</a>. Trzaskowski hat laut Angaben der Warschauer Polizei bis zu 160.000 Menschen mobilisiert und an der Kundgebung seines Konkurrenten nahmen etwa 70.000 Menschen teil. Ein wesentlicher Unterschied in der Organisation der Märsche war, dass den PO-Kandidaten viele hochrangige Politiker unterstützten, darunter seine Konkurrenten aus der Ersten Wahlrunde Sejmmarschall Hołownia, Senatsmarschallin Biejat, sowie Joanna Senyszyn, die sich zur Kultfigur des Wahlkampfes entwickelt hatte. Auch der Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz und Linkenpolitiker Włodzimierz Czarzasty sowie Donald Tusk sprachen zu den Anhängern. Besonders emotional war der Moment als Senyszyn, die immer mit drei roten Perlenketten auftrat, eine davon der Ehefrau Trzaskowskis überreichte. Nawrocki hingegen verzichtete auf Unterstützung anderer Politiker und sprach als einziger nur zu seinen Anhängern.</p>
<p>Der Wahlabend am 1.Juni war ein Wahlkrimi wie man ihn aus dem Buche kennt. In der ersten Wahlprognose, die um 21 Uhr veröffentlich wurde, führte Trzaskowski hauchdünn vor Nawrocki mit 50,3 Prozent zu 49,7 Prozent. Diese Zahlen wurden vom Marktforschungsinstitut IPSOS auf Grundlage eine Wählerbefragung erstellt, die Wähler in ausgewählten Wahllokalen direkt nach dem Einwurf ihres Stimmzettels befragt haben. Nach Bekanntgabe dieser Zahlen hat Rafał Trzaskowski sich bereits bei seinen Wählern bedankt und sich selbst im Präsidentenpalast gesehen. Bei seinem Konkurrenten Nawrocki war die Stimmung etwas bescheidener, trotzdem wurde von Nawrocki und dem Parteivorsitzenden Kaczyński verlautbart, dass man in der Nacht den Sieg holen wird. Genauso ist es auch eingetreten. Die erste aussagekräftige Hochrechnung, mit 50 Prozent der von den Wahlkommissionen ausgezählten Stimmen, erschien nach 23 Uhr und hat ganz deutlich den Sieg Nawrockis vorausgesagt. Erst am nächsten Morgen konnte man jedoch mit Sicherheit sagen, wer nun das Rennen um das Präsidentenamt gewonnen hat. Die Staatliche Wahlkommission (Państwowa Komisja Wyborcza, PKW) <a href="https://www.wybory.gov.pl/prezydent2025/">verkündete das Ergebnis nach vollständiger Auszählung der Wählerstimmen</a> und gab die Wahlbeteiligung bekannt.</p>
<ul>
<li>Karol Nawrocki: 50,89 Prozent (10.606.877 Stimmen)</li>
<li>Rafał Trzaskowski: 49,11 Prozent (10.237.286 Stimmen)</li>
</ul>
<p>Es waren nur 369.591 Stimmen, die über das Schicksal Polens entschieden haben. Die Wahlbeteiligung lag bei sehr guten 71,63 Prozent. Diese Wahl hat <a href="https://biqdata.wyborcza.pl/biqdata/7,159116,31990762,wyniki-wyborow-na-mapie-zobacz-jak-glosowali-twoi-sasiedzi.html#s=S.index-K.C-B.2-L.16.duzy:undefined">einige bereits lange bekannten Spezifika bestätigt</a>: Der Südosten Polens hat traditionell Nawrocki gewählt, der Nordwesten Trzaskowski. Das Stadt-Landgefälle kam wieder zum Tragen und wieder war es wieder so, dass die besser gebildeten Polen tendenziell öfter Trzaskowski gewählt haben und die Menschen mit einer Grundbildung den PiS-Kandidaten.</p>
<p>Was jedoch eine große Überraschung war und sich bereits in der Ersten Wahlrunde gezeigt hat ist, dass die Wählergruppe 18-29 Jahren übermäßig häufig ihre Stimme den national-konservativ Kandidaten gegeben hatte was bei früheren Wahlen nicht der Fall war. Dies ist damit zu erklären, dass die jüngsten Wähler sehr systemkritisch gewählt haben. Bereits in der Ersten Wahlrunde waren in dieser Wählergruppe die Kandidaten Mentzen, Braun und Zandberg die beliebtesten. Alle drei haben gemeinsam, sich klar von der Regierung sowie der größten Oppositionspartei distanziert zu haben. Es ist ein Zeichen, das bei vielen jungen Polen der Wunsch besteht, den Duopol zu durchbrechen. Die letzten 25 Jahre waren geprägt von den Kampf Tusk gegen Kaczyński, und diese Wählergruppe kennt die Politik Polens nicht ohne die beiden Galionsfiguren. In der Zukunft wird also mit den extremen Rändern von links und rechts gerechnet werden müssen und neue Konstellationen werden erwartet. <a href="https://wyborcza.pl/7,75399,31989465,jak-glosowala-polonia-w-ii-turze-splywaja-informacje-z-kolejnych.html">Die Polonia im Ausland</a> ist dieses Jahr so stark wie noch nie an die Wahlurnen getreten. Nawrocki hat in den USA und Kanada die meisten Stimmen geholt, und Trzaskowski in allen Europäischen Ländern.</p>
<p>Bei der Wahl Nawrockis handelt es nicht um ein Spezifikum oder eine Eigenart Polens, sondern um einen weltweiten Trend, in dem immer radikalere Kräfte die Macht in demokratischen Staaten erlangen. Am 5. August 2025 wird Karol Nawrocki zum Präsidenten vereidigt und wird ab dann die Funktion des polnischen Präsidenten ausführen.</p>
<h3><strong>Wie geht es nun weiter?</strong></h3>
<p>In Europa werden die europaskeptische Einstellung Nawrockis sowie sein Ruf nach stärkerer nationaler Unabhängigkeit als Gefahr für Polens bilaterale Beziehungen zu seinen Nachbarn angesehen. Man ist sich dessen bewusst, dass das Verhältnis von Polen zur EU und einigen europäischen Staaten wie Deutschland komplizierter wird. Allerdings ist Donald Tusk in seiner Position als Premierminister hauptsächlich für die Europapolitik zuständig und Radoslaw Sikorski für die Außenpolitik. Allerdings kann es dennoch dazu kommen, dass EU-Gesetze von Nawrocki blockiert werden und er auf Konfrontation geht. Vor allem wenn es um Asyl-, Migrations- und Umweltpolitik geht, ist damit zu rechnen, dass sich Nawrocki querstellen wird. Im Gegensatz dazu waren die Signale, die nach Washington gesendet wurden, klar positiv. Nawrocki hat immer hervorgehoben, dass er in den USA den engsten Verbündeten sieht, nicht in Europa. Es ist also zu erwarten, dass Nawrocki eine besonders nahe Zusammenarbeit mit seinem Idol Donald Trump anstreben wird. Die Beziehungen zu Deutschland und Frankreich, aber auch zur Ukraine werden unter einem Präsidenten Nawrocki nun auf eine harte Probe gestellt. Deutschland gegenüber hat er bereits angekündigt <a href="https://www.deutschlandfunk.de/karol-nawrocki-praesident-wahl-polen-100.html#eukonsequenz">das Thema Reparationsfragen wieder aufzunehmen</a>. Die Ukraine ist nun in Sorge, wie sich der neue polnische Präsident zu weiteren Hilfen innerhalb Polens für die vielen ukrainischen Geflüchteten positioniert. Nawrocki hat bereits im Wahlkampf angekündigt, dass er <a href="https://wszystkoconajwazniejsze.pl/pepites/ekshumacje-na-wolyniu-reparacje-od-niemiec-karol-nawrocki-program/">weitere Hilfe an die Aufarbeitung und die Exhumierungen von polnischen Opfern der nationalistischen Verbrechen in Wolhynien knüpft</a>.</p>
<p>Innenpolitisch ist klar zu erwarten, wie bereits <a href="https://www.youtube.com/watch?v=eUf6BRnmgL4">von der stellvertretenden Direktorin des Deutschen Polen Instituts Agnieszka Łada-Konefał angemerkt</a> wurde, dass weiterhin Gesetzesvorschläge blockiert und einige an den Verfassungsgerichtshof weitergeleitet werden, um diesen als Institution zu legitimieren. Besonders spannend wird die Frage sein, wie viel Einfluss die PiS und ihr Vorsitzender Jarosław Kaczyński zukünftig auf Nawrocki haben werden. Einige Experten sprechen sich auch dahingehend aus, dass Nawrocki Ende dieses Jahres den Haushaltsplan der Regierung für 2026 nicht unterschreiben wird und diesen an das Verfassungsgericht weiterleiten wird, um vorgezogene Neuwahlen herbeizuführen. Dies sind jedoch nur Spekulationen. Es ist jedoch klar, dass die Zusammenarbeit zwischen dem neuen Präsidenten und der Regierung noch schwieriger sein wird als mit Andrzej Duda. E ist davon auszugehen, dass manch einer sich Duda zurückwünschen wird.</p>
<p>Die Präsidentschaftswahl hat in Polen ein regelrechtes politisches Erbeben nach sich gezogen. Am Abend nach dem Wahlen haben Donald Tusk sowie Jarosław Kaczyński jeweils eine Ansprache angekündigt. <a href="https://wiadomosci.onet.pl/wybory/wybory-prezydenckie/jaroslaw-kaczynski-chce-stworzyc-rzad-techniczny-zaskakujaca-propozycja/g1ddkbc">Kaczyński trat als erster ans Rednerpult und forderte Tusk auf zurückzutreten</a> aufgrund der desaströsen Wahlniederlage seines Parteifreundes. Außerdem schlug er vor eine vorrübergehende <em>„Technische Regierung“</em> einzuführen, die nicht aus Berufspolitikern bestehen würde, sondern einem apolitischen Ministerpräsidenten sowie unparteiischen Experten der jeweiligen Bereiche. Dies sei laut Kaczyński nötig, um die aufgehetzten Gemüter in Polen zu beruhigen. Diese <em>„Technische Regierung“</em> solle die jetzige Legislaturperiode beenden und 2027 würden dann reguläre Wahlen stattfinden. <a href="https://web.de/magazine/politik/wahlen/tusk-vertrauensfrage-stellen-41040194">Donald Tusk stellte in seiner Ansprache klar, dass seine Regierung sich nicht zurückziehen wird</a> und man auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem neuen Präsidenten setzt. Er hat angekündigt die Vertrauensfrage zu stellen, um klarzustellen, ob er weiterhin die nötige Unterstützung in seiner Regierung besitzt. Dies ist ein taktisch schlauer Zug, da die Tusk-Regierung nun vor schweren Zeiten steht. Sie muss abliefern und das geht nur mit einem starken Mandat und voller Unterstützung aus den eigenen Reihen.</p>
<p>Die Vertrauensfrage wurde am 11.Juni 2025 im Sejm gestellt. Während Donald Tusk an dem Tag sein Exposé hielt und aufzeigte, welchen Plan er für seine verbleibende Regierungszeit hat, blieben die Bänke der Oppositionspartei PiS leer, um ihre Geringschätzung auszudrücken. <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/polen-tusk-vertrauensabstimmung-100.html">Die selbst angesetzte Vertrauensfrage konnte Donald Tusk mit 243 zu 210 Stimmen für sich entscheiden</a>. Nun steht als nächstes eine Umstrukturierung des Kabinetts an. Ziel ist es die Regierung zu verschmälern, einige Minister- und Vizeministerposten umzubesetzen oder gar völlig zu streichen. Es ist jedoch weiterhin offen, ob die Regierung Tusk diese schwierige Zeit überhaupt übersteht. Es ist klar, dass es mit einem Präsidenten Nawrocki noch schwieriger wird Gesetze zu erlassen, da er bereits angekündigt hat, der Regierung das Leben schwer machen zu wollen. Tusk stellte dem entgegen, dass er auch Möglichkeiten sieht angemessen zu regieren. Eines ist jedoch unumstritten, dass Polen aus diesen Wahlen noch gespaltener hervorgeht als je zuvor in seiner Geschichte. Karol Nawrocki stünde jetzt eigentlich vor der Aufgabe das Land wieder zu einen. Ob das sein primäres Ziel ist, ist jedoch fraglich. Es scheint aber eher so, dass seine Wahl zum Präsidenten Polens der erste Schritt sein soll, die PiS wieder in Regierungsverantwortung zu bringen, möglicherweise in einer Koalition mit Sławomir Mentzen und seiner rechtsradikalen Konfederacja.</p>
<p><strong>Ines Skibinski</strong>, Universität Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Veröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juni 2025. Titelbild: Schachspiel auf dem Marktplatz von Katowice, Pixabay.)</p>
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		<title>Manches muss im Dunklen bleiben</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/manches-muss-im-dunklen-bleiben/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 08 Jun 2025 14:21:46 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Manches muss im Dunklen bleiben Lenka Kerler über ihren Roman „Die Unterirdischen Seen“ „Es geht nicht darum, Leid zu vergleichen, es geht darum, es zu sehen, mitzufühlen, uns auf dieser Ebene zu verbinden. Wir alle machen ähnliche menschliche Erfahrungen, wir fühlen menschlich: Wir lieben und wir haben Angst, wir leiden, wir lachen und freuen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Manches muss im Dunklen bleiben</strong></h1>
<h2><strong>Lenka Kerler über ihren Roman „Die Unterirdischen Seen“</strong></h2>
<p><em>„Es geht nicht darum, Leid zu vergleichen, es geht darum, es zu sehen, mitzufühlen, uns auf dieser Ebene zu verbinden. Wir alle machen ähnliche menschliche Erfahrungen, wir fühlen menschlich: Wir lieben und wir haben Angst, wir leiden, wir lachen und freuen uns, wir trauern und weinen, wir haben Hunger und Durst. Wir erzählen Geschichten gegen das Unbekannte, die Angst, wir definieren das Eigene und Fremde, Gut und Böse, wer ist Opfer, wer Täter, schuldig und unschuldig.“ </em>(Lena Schraml / Lenka Kerler, in: Magie und Perspektivwechsel)</p>
<p>Erinnerung ist eines der zentralen Themen der Bücher von <a href="https://lenaslibrum.wordpress.com/uber-mich/">Lena Schraml aka Lenka Kerler</a>. Ihre beiden ersten Bücher schrieb sie unter ihrem bürgerlichen Namen, ihr drittes unter dem Pseudonym „Lenka Kerler“: <em>„Ich mag einfach den Namen „Kerler“. Es ist der Mädchenname meiner Mutter, der Name meiner Großeltern, bei denen ich meine halbe Kindheit verbracht habe. Ich wollte einfach einen gut klingenden Namen. Im Ausland bekam ich immer mit, dass Schraml schlecht aussprechbar ist. Ich wollte einen Namen, der auch international gut aussprechbar ist, schließlich ist es mein Traum, dass meine Bücher einmal auf der ganzen Welt gelesen werden. ‚Lenka‘ ist mein polnischer Spitzname, so wurde ich immer von meinen polnischen Gasteltern genannt.“ </em></p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-6203 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-189x300.jpg" alt="" width="189" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-189x300.jpg 189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-200x317.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-400x633.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-600x950.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-647x1024.jpg 647w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-768x1216.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-800x1267.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-970x1536.jpg 970w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-1200x1900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen-1293x2048.jpg 1293w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Kerler_Seen.jpg 1417w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a>Lena beziehungsweise Lenka lebte und studierte lange in Polen, später in Halle an der Saale. Sie lebt jetzt in Regensburg, der Stadt ihrer Eltern. Sie spricht unter anderem Polnisch und Persisch. Schreiben ist ihr Leben. Leider kann sie zurzeit nicht reisen, da sie 2022 an COVID erkrankte und sich von den Folgen der Erkrankung nicht mehr erholt hat. Long-Covid beziehungsweise ME/CFS (chronisches Fatigue-Syndrom) strukturiert ihr Leben. Auf ihrer Internetseite kommentiert sie sich selbst, so auch in dem eingangs zitierten Beitrag „Magie und Perspektivwechsel“, den sie nach einem Gespräch schrieb, in dem wir im April 2025 über ihren Debütroman „Die Unterirdischen Seen“ sprachen.</p>
<h3><strong>Drei Bücher – drei Gattungen – ein roter Faden</strong></h3>
<p>Lena Schraml aka Lenka Kerler hat bisher drei Bücher aus drei unterschiedlichen Gattungen veröffentlicht, einen Reiseführer, eine wissenschaftliche Arbeit (ihre Doktorarbeit) und einen Roman. Lena Schraml hat lange in Polen gelebt und studiert, in Kraków und in Łódź. Der Stadt Kraków beziehungsweise Krakau hat sie in der <a href="https://emons-verlag.de/">111-Orte-Reihe des Emons-Verlags</a> einen Band gewidmet, der bereits 2021 erschien, sich aber wegen der Pandemie nicht so gut verkaufte, wie er es verdient hätte. Natürlich ist die Stadt Kraków auch heute im Zeitalter der Post-Pandemie immer einen Besuch wert. Der Reiseführer von Lena Schraml kann bestens dafür sorgen, sich die vielen Geschichten um jeden der von ihr beschriebenen Orte zu erlaufen. Ohnehin lernt man Städte erst richtig kennen, wenn man sie zu Fuß erläuft und sich dabei auch gelegentlich verläuft.</p>
<p>In ihrer Dissertation hat sie sich mit zwei sehr verschiedenen Erinnerungskulturen beschäftigt. Der <a href="https://www.frank-timme.de/">Verlag Frank &amp; Timme</a> veröffentlichte sie im Jahr 2022 als 44. Band der von <a href="https://www.uni-heidelberg.de/fakultaeten/neuphil/iask/sued/seminar/abteilungen/russisch/russisch_abteilungsleiterin.html">Jekatherina Lebedewa</a> und <a href="https://www.slavistik.uni-halle.de/mitarbeiterinnen/lehmann-carli/">Gabriela Lehmann-Carli</a> herausgegebenen Reihe „Ost-West-Express“ unter dem Titel „Kollektives Gedächtnis und literarische Erinnerungskultur – Erinnern und Vergessen in polnischen und persischen Texten der Gegenwart“. Der ursprüngliche Titel – so die Autorin in ihrer Einleitung – lautete „Gegen das Vergessen, gegen das Nichts“, ein Zitat aus <a href="https://unrast-berlin.de/de/gaeste/monika-sznajderman-de">Monika Sznajdermans</a> Roman „Die Pfefferfälscher“ („Fałszersze pieprzu“). Gegenstand der Arbeit waren fünf polnische und vier iranische Erzählungen. Im Demokratischen Salon wurde diese Arbeit von Lena Schraml unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/denkmal-der-unbekannten/">„Denkmal der Unbekannten“</a> vorgestellt.</p>
<p>Die Stadt Łódź ist das Vorbild des dritten Buches und ersten Romans der Autorin <a href="https://lenaslibrum.wordpress.com/2025/04/04/die-unterirdischen-seen-ein-ganz-besonderes-buch/">„Die Unterirdischen Seen“</a>, den sie 2025 im Selbstverlag veröffentlichte. Das Titelbild zeigt die Piotrkowska in Łódź. Die Autorin kommentierte es in einem unserer Gespräche: <em>„Wenn man da im Norden steht, sieht es wirklich so aus, als würde diese Straße nie enden.“ </em>So ist es – wie wir gleich erfahren werden – auch mit dem Roman. Der Roman ist <a href="https://buchshop.bod.de/die-unterirdischen-seen-lenka-kerler-9783769350951">als Print on demand und als E-Book erhältlich</a> und setzt die Reihe von Büchern fort, in denen vor allem eines geschieht: Geschichten und Erinnerungen werden miteinander verwoben.</p>
<p>Geschichten sind oft genug spekulativ und politisch. Nicht alle Geschichten entsprechen den Tatsachen, viele jedoch den Wünschen, die sie erzählen. Im Demokratischen Salon flossen diese Erkenntnisse des Romans in eine Bewertung der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 ein: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/check-the-balance/">„Check The Balance”</a>. Das am Schluss dieses Beitrags zitierte Statement, ein Satz aus „Die Unterirdischen Seen“, mag nicht nur die Einstellung der Autorin illustrieren, sondern ist vielleicht ein Auftrag an uns alle, die wir uns in dieser aktuellen Zeit der Polykrisen ständig neu orientieren müssen: <em>„Ich mache es einfach. / Ich bin es leid, auf meine Ängste zu hören, bin es leid, mich zu verstecken, mein helles Licht mit einem Tuch zu verdecken, um ja niemanden zu stören. / Ich mache es einfach.“</em></p>
<h3><strong>Ein Buch schreibt sich selbst</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben drei völlig unterschiedliche Bücher geschrieben. Sie haben in Krakau reale Orte beschrieben, in der Dissertation Orte der Vergangenheit, gebrochen durch die Blickwinkel der Erzählenden, im Roman einen fiktiven Ort, der so fiktiv gar nicht ist. In allen ihren Büchern haben Sie sich mit ungewöhnlichen Sichtweisen beschäftigt.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>„Die Unterirdischen Seen“ sind mein persönlichstes und mir wichtigstes Buch. Und ja, es gibt Dinge, die sich durchziehen, das Erzählen des Unsagbaren, des Nicht Erzählbaren. In meiner Doktorarbeit waren es die Traumata der Vergangenheit. Es geht immer um Perspektivwechsel.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ziemlich oft kommt das Wort „Erinnerung“ vor.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Vielleicht mein Thema. Es ist auch das Thema der Dissertation. </em></p>
<p><em>„Die Unterirdischen Seen“ kamen zu mir. Es hat etwa zehn Jahre gedauert, bis ich den richtigen Zugang zu dieser anfänglichen Idee gefunden habe. Vor zehn Jahren habe ich in Łódź gelebt. Dort gibt es tatsächlich einen unterirdischen Fluss, den ich mir vor einem Jahr auch angeschaut habe. Man sieht ihn durch einen Gullydeckel. Es hat sich Zeit gelassen, das Buch. Aber es wollte irgendwann geschrieben werden. Und da ich durch meine Krankheit sehr viel Zeit hatte, auch die benötigte Stille, habe ich es letztes Jahr endlich geschrieben. Es musste aus mir heraus, aus dem System heraus. Deshalb habe ich es auch im Selbstverlag veröffentlicht, weil ich es einfach abschließen wollte. Jetzt kann ich an einem weiteren Buch schreiben und muss nicht warten, bis irgendein Verlag einmal anbeißt. </em></p>
<p><strong>Eine Parabel ohne wirkliches Ende</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie beginnen mit Franz Kafka und zitieren ihn im deutschen Original und in polnischer Übersetzung. Ich darf zitieren: <em>„Wer sucht findet nicht, aber wer nicht sucht, wird gefunden.“</em> (Oktavhefte 13. Dezember 1917) Beziehungsweise: <em>„Kto szuka, nie znajduje, lecz kto nie szuka, zostanie znaleziony.“ </em>Sie variieren den Satz im Verlauf des Romans: <em>„Wer sucht, findet nicht, doch wer <u>aufhört</u> zu suchen, den werden sie finden.“ </em>Oder im Gespräch mit dem Bären <em>„Gerade ist es eher so, dass die Suche <u>mich</u> findet.“ </em></p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Ich denke, das Zitat fasst es ganz gut zusammen, um was es in meinem Buch geht. Dass man nicht allzu angestrengt suchen sollte, damit man das, was man eigentlich finden soll, nicht übersieht. Kafka begleitet mich schon lange, und in meinem Auslandsjahr in </em><em>Łódź ha</em><em>be ich damals auch viel Haruki Murakami gelesen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe bei der Lektüre auch an Jorge Luis Borges gedacht, nicht zuletzt beim Motiv der Bibliothek. Ich habe ihr Buch als Parabel gelesen. Parabeln enden offen und lassen die Leser:innen mit vielen Fragen zurück. Ich denke an Kafkas „Ein Landarzt“ oder auch an einer Stelle bei Ihnen an „Vor dem Gesetz“. Es ist der Fehlalarm im „Landarzt“ oder in „Vor dem Gesetz“ die eine Tür, die nur für den Wartenden da ist, der sich aber nicht traut, hineinzugehen. Bei Ihnen liest sich das dann so: <em>„Muss ich durch die Wüste gehen, um die Höhle zu finden? Muss ich in die Schattenwelt eintreten, aus der niemals jemand zurückkam?“ </em>Dann kommt: <em>„Ich mache es einfach.“</em> Und dann die Begegnung mit dem Wächter. Ihre Erzählung hat etwas von einer Matrjoschka-Puppe, jeder Schritt führt zu einer neuen Enthüllung, aber nie enthüllt sich das Ganze. Ihr Roman hat schon etwas von Fantastik.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Das gefällt mir. Ich habe beim Schreiben nicht daran gedacht, aber mir gefällt, dass man es so lesen kann. Die Leute, mit denen ich über das Buch gesprochen habe, haben es allerdings auch sehr unterschiedlich gelesen. Es gab welche, die nahmen es wörtlich, andere wiederum nicht. Manche haben geschaut, was sie von mir im Text wiederfinden und wo sie mich wiedererkennen.</em></p>
<p><em>Ich musste auch an Olga Tokarczuk denken: </em><a href="https://www.perlentaucher.de/buch/olga-tokarczuk/ur-und-andere-zeiten.html"><em>„An Ur und andere Zeiten“</em></a><em> („Prawiek i inne czasy“). Ein Text, den ich ja auch in meiner Doktorarbeit untersucht habe. Sie hat mich inspiriert. Sie lässt die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. An der Stelle, an der ich über den Nebel schreibe, steht dann auch, dass man diese Stadt eigentlich nie wirklich verlassen kann. Es gibt eine Art Wand. Eine solche Wand gibt es auch bei Olga Tokarczuk. Die Menschen haben das Gefühl, die Stadt verlassen zu haben, aber sie sind nach wie vor in der Stadt. </em></p>
<p><em>Ich habe auch oft gehört, dass einige der offene Schluss verwirrt hat. Manche wollen eben gerne wissen, wie es weitergeht und wie es ausgeht. Eine Freundin fragte mich, ob ich eine Fortsetzung schreiben werde. Ich habe jedoch gesagt, dass ich das nicht bieten kann und auch nicht bieten will. Es gibt einige Lücken im Text, in die ich versucht habe, noch etwas hineinzugehen, aber sie ließen es nicht zu. Sie sollten nicht erzählt werden. Vielleicht ein anderes Mal.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf zitieren: <em>„Die Wahrheit ist nicht immer eine gute Geschichte, manchmal ist sie einfach nur langweilig. Lügen sind spannender, warum sonst haben wir Menschen das Geschichtenerzählen begonnen? Ja nicht deshalb, um unsere Begegnungen und Erlebnisse genau so darzustellen, wie sie waren. Bilder sind stärker als Worte, und daher vermischt sich in dieser Szene das, was wirklich geschah, mit dem, was geschehen hätte sollen.“ </em>Sie nehmen die Geschichte, die Sie erzählen, selbst immer wieder zurück und überlassen es den Leser:innen, sich einen Reim darauf zu machen. Ich erinnere mich an so manche Lehrer:innen, die im Deutschunterricht meinten, dass ihre Schüler:innen fragten: <em>„Was will uns der Dichter sagen?“</em>. Als wenn man das überhaupt herausbekommen könnten und als wenn es eine eindeutige und nur diese eine Botschaft gäbe.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Das hat mich auch schon immer gestört. Als wenn es nur eine Lesart gäbe. Wehe, man liest da etwas anderes hinein. Meine Schulzeit ist etwa 15 Jahre her, aber so war es. Nur bei einer Deutschlehrerin gab es etwas Freiraum. Mich hat die Schule nicht zum Lesen motiviert. Ich habe einfach etwas anderes gelesen. Diese Schullektüren habe ich manchmal gar nicht gelesen. Es ist eigentlich schade, wenn man keinen Zugang dazu findet. Auch bei der Interpretation von Gedichten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben in Ihrem Roman an mehreren Stellen Gedichte eingestreut.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Die habe ich unabhängig vom Roman geschrieben, aber dann passten sie so gut dahin, dass ich sie integrieren wollte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das passt auch zu dem offenen Schluss. Die vorletzte Überschrift lautet: <em>„Das Ende?“</em> Eineinhalb Seiten: <em>„Wenn ich das Ende erzählte, hießen Sie mich eine Hochstaplerin, Lügnerin, ja sogar Märchenerzählerin, daher überlasse ich es Ihrer Fantasie, wie meine Geschichte ausgeht.“ </em>Und am Schluss dieser Seite:<em> „Ist nicht alles dann reine Fantasie, eine Geschichte wie jede andere, warum sie also erzählen?</em> Und dann der <em>„Epilog“</em>. Eine halbe Seite, die die Leser:innen alleine zurücklässt. Es bleibt der See, aber was ist eigentlich geschehen. Der See ist auch nicht darauf angewiesen, dass jemand herkommt, ihn entdeckt, erklärt. Kurze Zeit hat sich etwas geöffnet, so wie bei Kafka die Tür in „Vor dem Gesetz“ geschlossen wird. <em>„Dort legte auch dieses Flüstern sich zu Bette, es verkroch sich in seine Höhle, wo es ruhte, bis der nächste Sturm aufkam, bis der nächste ungebetene Gast die heilige Stille dieses Ortes zerbrach.“ </em></p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Je mehr man sich dem Ende nähert, um so mehr übernimmt die Poesie. „Ich bin jetzt eine von denen, die nichts mehr sagen, die sich nur noch in Bildern ausdrücken.“ Wie auch immer diese Bilder aussehen. </em></p>
<h3><strong>Spiel mit den Erzählstimmen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben keinen allwissenden Erzähler installiert. Sie kommentieren dies an einer Stelle sogar selbst: <em>„Die allwissende Erzählerin zu spielen, empfinde ich als anmaßend. / Es ist verlockend, freilich, aber damit versetzte ich mich in eine Rolle, die ich nicht anzunehmen vermag. Die für viele Schreibende wohl ein Grund ist, dieser Tätigkeit nachzugehen. / Warum wollen alle ein Buch schreiben? Wenigstens einmal Gott spielen, wenigstens einmal alles wissen. Mich ausdrücken und alle hören zu, Papier ist geduldig.“</em> Die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu erzählen sind vielleicht eine der zentralen Debatten um die Figur des Erzählers beziehungsweise der Erzählerin in erzählender Literatur des 20. Jahrhunderts. Sie lassen in „Die Unterirdischen Seen“ verschiedene Personen erzählen, auch die Stadt selbst erzählt.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Es ist ein Spiel mit den Erzählstimmen. Sie kennen meine Doktorarbeit. Daher kennen Sie meinen Stil. Ich will nicht behaupten, alles zu wissen. Ich schreibe die Geschichte, aber wie soll ich alles wissen? Es ist immer spannend, mit Leser:innen zu diskutieren: Was könnte das sein? Was könnte das bedeuten? In den Leser:innen entsteht das Buch noch einmal neu.</em></p>
<p><em>Ich finde das Spiel mit den Perspektiven wichtig. Ich finde es spannend zu überlegen, was eine Stadt erzählen könnte, was sie zu sagen hätte. Wie sieht die Stadt das alles? Das ist eine Perspektive von oben. Es geht mir in Literatur ohnehin um den Perspektivwechsel, den die Literatur mit uns übt. Die Stadt ist Subjekt, nicht Objekt: „Die Geschichten, die sie in sich barg, begründeten ihre Seele.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Stadt weiß genau, dass sie älter ist als die Menschen, die in ihr wohnen. Sie langweilt sich – zu Beginn eines ihrer Auftritte sagt sie: <em>„Ich gähne.“</em> Etwas später: <em>„Vieles an diesen Zweibeinern ekelt mich an.“</em> Im dritten Kapitel notieren Sie, dass sich die Stadt verändert hat, dass sie <em>„dunkler, unheimlicher“</em> geworden sei. Es wird ohnehin immer <em>„unheimlicher“</em>, vom Anfang bis zum Ende, je mehr man zu den unterirdischen Seen vordringt.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Vielleicht weil die Erzählstimme von L. immer bewusster wird. Es ist etwas schwierig für mich, das jetzt im Detail zu erklären, weil ich meinen Text eigentlich zurzeit nicht lesen kann. Aber ich habe mich natürlich jetzt vor unserem Gespräch wieder damit beschäftigt. Aber manchmal darf ich das Buch auch nicht lesen, wenn ich nicht in der Stimmung bin, das zu tun. Ich brauche diesen Abstand zu meinen Texten, manchmal über Jahre. Wie auf meiner Homepage steht: „Die Worte flossen mir aus meinen Fingern. Ich verstehe sie erst jetzt.“ </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das hat etwas Surreales. Schon fast eine Art automatisches Schreiben.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Das ist so. Ich lasse erst einmal fließen und schaue mir dann an, was herausgekommen ist. Ich habe etwa ein halbes Jahr geschrieben und dann ein halbes Jahr überarbeitet. Ich hatte davor für die Geschichte schon ein paar Anhaltspunkte, aber ich wusste nicht, wie es ausgeht, auch nicht, dass das Ende eigentlich gar nicht erzählt werden sollte.</em></p>
<p><em>Zurzeit lese ich viel Hermann Hesse, zuerst „Demian“, dann „Narziss und Goldmund“, jetzt „Siddartha“. Dort gibt es auch die Idee der letzten Geheimnisse, die nicht in Form gegossen werden wollen. Ich habe mich wirklich bemüht, einen Zugang zu einem Ende zu finden, aber das sollte nicht sein.</em></p>
<h3><strong>Mysteriöse Figuren </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie kam es zur Auswahl der Personen? Bei <em>„L.“</em> denkt man natürlich an <em>„Lena“,</em> muss man aber nicht. Es gibt <em>„F.“</em>, wieder abgekürzt, wir haben <em>„Ewa“</em>, die <em>„Grüne Frau“, </em>vielleicht eine Art<em> Fee, </em>der <em>„junge Tribun“</em>, bei dem man zu Beginn nicht so recht weiß, welche Rolle er spielt, bis man merkt, dass die Tribunen eine Art oligarchischer Club sind, obwohl man mit <em>„Tribun“</em> eigentlich jemanden verbindet, der sich für das Volk einsetzt. Es gibt den <em>„alten Priester“</em>, den <em>„Wächter“</em>.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Dann gibt es noch die Tiere, den Bären und die schwarze Katze, nach der auch das Café benannt ist. </em></p>
<p><em>Wie bin ich auf die Figuren gekommen? Ich habe mich in „L.“ hineinversetzt und bin ihr gefolgt. Dann ist es passiert. Auch die Grüne Frau in dieser mysteriösen Bibliothek. Die ist einfach so entstanden. Nach unserem Gespräch habe ich in meinem Blog unter der Überschrift </em><a href="https://lenaslibrum.wordpress.com/2025/04/05/magie-und-perspektivwechsel/"><em>„Magie und Perspektivwechsel“</em></a><em> notiert: „Ich kann nicht planen, wo meine Figuren am Ende landen, ich kann nicht planen, wem sie begegnen, was sie erleben. Ich kann mir vielleicht einen groben Plan machen mit den Stationen, an denen meine Figuren unbedingt vorbeischauen müssen. Aber was dazwischen und außerhalb davon geschieht, entzieht sich meiner Kontrolle. Das ist doch das Spannende am Schreiben: Ich folge meinen Figuren und weiß selbst nicht, was als nächstes passiert, denn wenn ich schon alles wüsste, wie langweilig wäre das, dann müsste ich es ja nicht mehr aufschreiben.“</em></p>
<p><em>Ich schreibe eher aus dem Herzen als aus dem Kopf. Das ist zumindest mein Anspruch.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe den Eindruck, dass die Figuren mit dem Fortgang der Erzählung immer mysteriöser, immer surrealer werden, bis hin zu dem sprechenden Bären. Die Grüne Frau und der sprechende Bär sind im Grunde Märchenfiguren.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Eine Freundin sagte mir letztens, dass man nicht mehr erkennen kann, was Realität ist, was Traum. Es vermischt sich, auch wegen des Nebels. Es wird immer surrealer. Das Spiel von Traum und Wirklichkeit war auch die Absicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist eine Suche, aber eigentlich findet man nichts. Die unterirdischen Seen sind im Grunde auch eine Art Mythos.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Eigentlich weiß man nicht, was am Ende da ist. Es gibt schon diesen See, aber L. ist am Schluss nicht an dem See. Sie kommt wieder nach oben und findet eine andere Stadt vor. Oder vielleicht träumt sie auch von einer anderen Stadt. Das ist nicht klar. Oder sie erkennt, was möglich wäre, was ihr eigener Wunsch ist. An einer Stelle heißt es auch, dass die unterirdischen Seen einen Schatz in sich bergen, etwas, das man sich aus tiefstem Herzen wünscht. Vielleicht wünscht sich L. eine solche Stadt. Das drittletzte Kapitel mit der Überschrift „Ende“ – danach folgen „Das Ende?“ und „Epilog“ – beginnt wie folgt: „Ich erzähle schon wieder Märchen. / Die andere Stadt gibt es nicht. Noch nicht. Meine Erinnerungen verschwimmen mit meinen Träumen, Wünschen. Heute ist etwas anders, aber noch lange nicht zu Ende.“</em></p>
<h3><strong>Die Wahrheit suchen und nie finden</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Zettel, den <em>„L.“</em> in der Bibliothek findet, ist ein Hinweis auf etwas, das gefunden werden könnte, aber vielleicht ist es nur der Wunsch.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Das war auch ein Thema</em> <em>in meiner Doktorarbeit.</em> <em>Ich habe mich auf eine These von </em><a href="https://plato.stanford.edu/entries/ricoeur/"><em>Paul Ricoeur</em></a><em> bezogen, dass die Lesenden im Grunde alles in den Text hineininterpretieren können. Das muss nichts damit zu tun haben, was ich als Autorin hineingeschrieben habe.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Ihrer Doktorarbeit war dies sehr deutlich. Sie haben sich auf polnische und auf persische Erzählungen bezogen, die in völlig unterschiedlichen Kontexten spielen, auf völlig unterschiedliche Kontexte zurückgehen, aber gleichermaßen auf Leser:innen treffen, die auch ihr eigenes Bild von Vergangenheit, Gegenwart, Aufarbeitung und Erinnerung haben, nicht nur in den polnisch beziehungsweise persisch lesenden Communities.</p>
<p>Und da ist in „Die Unterirdischen Seen“ das Kapitel mit dem Titel „Ende“, nach dem dann das kürzere mit dem Titel <em>„Das Ende?“</em> folgt, dann der <em>„Epilog“</em>, eine Art Fading Out. <em>„Vielleicht ist die Welt schon so, wie ich sie mir nach der Entdeckung der Unterirdischen Seen erträumte. Aber wären wir dann noch hier? / Der Bär sitzt drüben in seiner Ecke unter der großen Weide, zieht an seiner Pfeife und blickt den ganzen Tag auf den See. Als ich neu in den Wald kam, sah er mich nur kurz traurig an und verkroch sich wieder in sich zurück.“ </em></p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Da habe ich an „Schöne neue Welt“ gedacht. Da gibt es auch ein „Fühlkino“, so wie es bei mir diese „Fühlhäuser“ gibt. Als ich das schrieb, dachte ich nicht daran, aber letztens fiel es mir auf. In „Schöne neue Welt“ gibt es auch diese „Wilden“, die außerhalb irgendwo im Wald wohnen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Motiv dystopischer Romane, wo immer wieder von Leuten erzählt wird, die irgendwo eingesperrt sind, aber wissen, dass es außerhalb so etwas wie ein wahres Leben geben könnte. Haben Sie einen dystopischen Roman geschrieben?</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Ich denke schon, zum Teil. Das, was ich geschrieben habe, hat schon viel mit unserer Realität zu tun. Die Tribunen zum Beispiel. Und die Erzählung des Bären über die oligarchischen Strukturen der Stadt und die Dauerüberwachung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Suche nach Sündenböcken, weil angeblich wohl der Fluss der Stadt im Untergrund verschwunden ist: <em>„Die Besatzer im Westen der Stadt hätten das Wasser abgepumpt, aus purem Sadismus, um die ihnen verhassten Bewohner zu quälen, behaupteten die nächsten. Die Besatzungsmacht östlich der Stadt habe der anderen Besatzungsmacht das Wasser entzogen, um ihren Feind zu schwächen, widersprachen die anderen. / Ja, ein jeder fand für sich einen Schuldigen, der ihm gut in die eigene Erzählung passte.“ </em>Es gibt aber auch die Erzählung, der Fluss habe sich von selbst zurückgezogen. Auf jeden Fall wollen die Tribunen Bildung verhindern: <em>„Um jeden Preis mussten sie verhindern, dass sich die Einwohner über das Maß bildeten, dass sie unabhängig dachten.“</em> Bücher werden verbrannt.</p>
<p>Sie lassen <em>„L.“</em> auch erfahren, <em>„dass eine geheime Widerstandsbewegung gibt, aber nicht, gegen wen.“ </em>Irgendwie hat wohl <em>„der alte Priester“ </em>etwas damit zu tun, der schon im Ton der Erzählung wie eine Märchenfigur eingeführt wird: „<em>Es war einmal ein Priester, der war unter den Menschen beliebt, denn er half ihnen, so viel und so oft er konnte, er hatte stets ein offenes Ohr und verurteilte niemanden.“</em> Der Priester verschwindet plötzlich und wird Gegenstand von Spekulationen. Auch er sprach <em>„in Bildern“</em>, die mich an biblische Gleichnisse oder auch an Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ erinnerten.</p>
<p>Aber welche Erzählungen dominieren? Geschichten <em>„sind so unglaublich mächtig. (…) Wer hat die bessere Geschichte? Mehr braucht es nicht, um Krieg zu führen.“ </em>Da fallen mir schon einige reale Entwicklungen unserer Zeit ein.</p>
<p><strong>Lena Schraml</strong>: <em>Das Dystopische ist mir erst nach dem Schreiben aufgefallen. Irgendetwas muss hängengeblieben sein. In einem Gespräch zwischen „L.“ und „Ewa“ liest sich das dann so: „‚Hast du denn keine Angst? Was, wenn sie dich gerade hören? Oder uns sprechen sehen?‘ / ‚Nein, das würden sie in diesem Klub nicht wagen. Hier sind zu viele von ihnen, die wollen sich nicht selbst abhören. Du weißt schon, von wem ich spreche, oder? Ich sage die ganze Zeit ‚die‘ und ‚sie‘ und am Ende entsteht dadurch eine Fantasiegeschichte in deinem Kopf, wie sie sich so viele Einwohner erzählen, um sich die Angst im Dunklen zu vertreiben.“ Im vierten Kapitel, nur eine Seite nach dem eben Zitierten, dann aber der Satz: „Es gibt Geschichten, die müssen im Dunklen bleiben.“ </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 2. Juni 2025, Titelbild: NoRei.)</p>
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		<title>Eine literarische Zeitreise nach Galizien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Apr 2025 06:15:33 +0000</pubDate>
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<h1><strong>Eine literarische Zeitreise nach Galizien</strong></h1>
<h2><strong>Zwei Anthologien der Jahre 2012 und 2014 und ihre Aktualität im Jahr 2025</strong></h2>
<p>Galizien ist heute ein Land, dessen historische Gestalt nur wenigen bewusst ist. Umso wichtiger ist es, sich mit dieser Landschaft, diesem Land aus literarischer Sicht zu beschäftigen. Man wird mehrere Sprachen und Traditionen entdecken, das Ukrainische, Deutsche, Polnische, Jiddische. Leider ist auf dem deutschsprachigen Buchmarkt zurzeit keine umfassende Anthologie solcher literarischen Texte verfügbar.</p>
<p>In den Jahren 2012 und 2014 erschienen in L‘viv (Lemberg) zwei mehrsprachige Anthologien, die wiederentdeckt werden sollten. Beide Anthologien sind zweisprachig gehalten. Neben der deutschen Übersetzung findet sich auch das ukrainische, selten das polnische Original. Beide Anthologien entstanden in der Germanistik der Universität Lviv. Die erste Anthologie trägt den Titel „Es war einmal Galizien“. Sie wurde von Alla Paslawska, Jurko Prochasko, Tobias Vogel herausgegeben und enthält Texte von 19 Autorinnen und Autoren. Die zweite Anthologie trägt den Titel „Galizien – Aus dem großen Krieg“ und präsentiert 23 Autorinnen und Autoren. Sie wurde ebenfalls von Alla Paslawska und Tobias Vogel herausgegeben, diesmal gemeinsam mit Wolodymyr Kamianets.</p>
<p>Beide Anthologien sollen hier kurz vorgestellt werden. Und vielleicht entdeckt ein Verlag sein Interesse an einer Neuauflage an Anthologien? Wer sich mit der Vielfalt der Traditionen im Westen der Ukraine befassen möchte, sollte diese beiden Anthologien kennenlernen.</p>
<h3><strong>Mythos Galizien</strong></h3>
<p>1772, bei der Ersten Teilung Polens, war Galizien eine Idee, geboren in den Köpfen Wiener Bürokraten, die diesen Akt politischer Willkür zu legitimieren suchten. Sie beriefen sich auf eine kurze Zugehörigkeit der ruthenischen Fürstentümer Halyč und Wolodymyr zur ungarischen Stephanskrone, die wiederum seit 1526 im Besitz der Habsburger war. Aber schon die Namensgebung, das <em>„G“</em> in <em>„Galizien“</em> anstelle des <em>„H“</em> von <em>„Halyč“</em>, zeigt, dass mit dem neuen Namen auch eine neue politische Realität erfunden werden musste. Mit Hilfe einer Reihe von Maßnahmen – politischen, administrativen und ideologischen – wurde aus zwei ursprünglich unterschiedlichen Gebieten , einem ruthenischen und einem polnischen Teil, ein einheitliches Kronland geschaffen, flächenmäßig das größte des Kaiserreichs Österreich.</p>
<p>Fast 150 Jahre lang bestand dieses Land – bis zum Untergang der Donaumonarchie im Ersten Weltkrieg. In den Jahren danach ließ und lässt sich bis heute ein gegenteiliger Prozess bemerken, denn die politische Realität, das, worauf sich der Name <em>„Galizien“</em> bezieht, ist lange schon verschwunden. Der Name aber steht heute für einen Komplex von Vorstellungen, die vor allem von der Literatur, von Texten in verschiedenen Sprachen, die unterschiedlichen Gattungen angehören, geprägt werden.</p>
<p>Schon in den späten 1930er Jahren hatte Joseph Roth, heute der wohl bekannteste galizische Autor überhaupt, in manchen seiner Romane und Erzählungen das Bild dieses Galizien vor 1918 in einer sehr positiven Weise als Ort des harmonischen Miteinanders unterschiedlicher Nationalitäten geprägt. Während des Zweiten Weltkriegs und danach wurden Roth und sein Galizien vergessen, und erst in den 1960er und 1970er Jahren kam es zu deren Wiederentdeckung durch Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, die aus Gebieten der ehemaligen k.-und-k.-Monarchie stammten – allen voran den Triestiner Germanisten Claudio Magris, der mit dem Titel seiner Dissertation „Der habsburgische Mythos in der Österreichischen Literatur“ (1966) auch einen der zentralen Begriffe lieferte, mit dem man die so unterschiedlichen Vorstellungen von Galizien fassen konnte, den des Mythos.</p>
<p>Wahrend Magris die literaturhistorische Perspektive auf Roths Galizien neu eröffnete, kam es in einem anderen ehemaligen Teil der Doppelmonarchie, im sozialistischen Polen, im ehemaligen Westgalizien, zu einer anderen Form der Wiedergeburt Galiziens. In den frühen 1970er Jahren häuften sich die belletristischen Rekonstruktionen der Zeit vor 1918, sodass man explizit von einer <em>„galizischen Strömung“</em> in der zeitgenössischen polnischen Prosa sprach.</p>
<p>Autoren dreier Generationen – solche, die noch in Galizien geboren worden waren, andere, die dessen Traditionen aus ihren Familien übernommen hatten, und schließlich jüngere Literaten, die überhaupt keinen genetischen Bezug mehr zu Galizien hatten, ließen in einer großen Anzahl von Romanen, Erzählungen und Essays das alte Galizien wieder aufleben. Die Verklärung der Zeit vor 1914, die betonte Harmonie von polnischen und österreichischen Interessen, die Einbeziehung Galiziens als Teil der Habsburgermonarchie in die Kultur des abendländischen Westens, das alles diente nicht nur der historischen Rekonstruktion, sondern hatte auch eine deutlich systemkritische Note. Man konnte zwischen den Zeilen lesen, dass es im alten Galizien besser gewesen sei als in der Volksrepublik Polen Jahrzehnte später, vor allem, was die Verbindungen mit dem Westen Europas betraf.</p>
<p>So verwundert es nicht, dass diese literarische Strömung mit der Wende von 1989 ein jähes Ende fand, nicht aber die polnische Galizien-Nostalgie, die seit den frühen 1990er Jahren ganz andere Formen annahm, die der Kommerzialisierung. Galizien wurde zum Markenzeichen der Konsumgüterindustrie, von Mineralwasser mit dem Portrait Franz Josephs über Restaurants mit galizischer Küche bis hin zu privaten <em>„galizischen“</em> Radiosendern.</p>
<p>Was das Jahr 1989 für Polen war, bedeutete das Jahr 1991 für die Ukraine. Mit der Unabhängigkeitserklärung des Landes und der Loslösung aus dem Sowjetimperium war das Interesse am westlichen Erbe der ukrainischen Kultur mit einem Mal geweckt, und in der Westukraine wurde Ostgalizien und damit auch das österreichische Erbe entdeckt. Bevor noch die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Erbes einsetzte, kam es zur kreativen Aneignung galizischer <em>„Reste“</em> in der Literatur einer jungen Generation, die sich ebenso programmatisch wie provokant von überkommenen Diskursen früherer Generationen absetzte. Jurij Andruchovyč ist wohl der berühmteste Vertreter dieser Generation, aber er ist nicht der einzige.</p>
<p>Der ukrainische Galizien-Diskurs der 1990er Jahre und danach unterscheidet sich deutlich vom polnischen mehr als zwanzig Jahre früher: Es geht nicht mehr um die Rekonstruktion einer vergangenen Zeit, es geht um eine Neubestimmung der Gegenwart mit Hilfe von historischen Versatzstücken, die mehr oder weniger zufällig überdauert haben. Dazu kommen deutliche Impulse aus der zeitgenössischen Malerei. Auch dort wird das historische Fragment kreativ umgestaltet, es geht häufig ein in eine Collage von heterogenem Material, die damit einen spezifisch <em>„galizischen“</em> Zug bekommt. Seit einigen Jahren ist aber auch in der Westukraine, vor allem in Lviv, jenes Phänomen nicht zu übersehen, das auf die kreative Galizien-Phase in der Kunst folgt – die Kommerzialisierung, die galizische Namen zum gut verkäuflichen Markenzeichen macht.</p>
<p>Galizien ist auch ein beliebtes Gebiet geisteswissenschaftlicher Forschung geworden. Geschichtsforschung, Literatur- und Sprachwissenschaft, aber auch die Kulturwissenschaften mit ihrem breiten Spektrum an Forschungsinteressen haben in Galizien ein fast unerschöpfliches Reservoir gefunden. Die westeuropäische und amerikanische Galizienforschung konzentriert sich gegenwärtig auf die jüdischen Traditionen in und aus Galizien. Dabei rücken auch neue Namen ins Blickfeld, die vor dreißig Jahren noch so gut wie unbekannt waren – Soma Morgenstern, Samuel Joseph Agnon, Helene Deutsch, Hermann Blumenthal und andere. Fast alle jüdischen Autoren, die deutsch schrieben, stammten aus Ostgalizien, wuchsen in Kleinstädten auf, die heute ukrainisch sind – sie sind aber bis heute in der Ukraine kaum bekannt.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-5855 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-300x182.jpg" alt="" width="300" height="182" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-200x121.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-300x182.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-400x242.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-600x363.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-768x465.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-800x485.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588-1024x620.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Es-war-einmal-Galizien-e1741498201588.jpg 1030w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Es darf als ein besonderes Verdienst der Anthologie „Es war einmal Galizien“ gelten, dass mehrere Passagen von Salcia Landmanns „Erinnerungen an Galizien“ (1983) zum ersten Mal dem ukrainischen Leser zugänglich gemacht wurden, im Einzelnen: „Liebe und Ehe sind zweierlei“, „Der jüdische Vater des Kardinals“, „Die Welt der Außenseiter“, „Bordellwelt“, „Das wird dein Ende sein!“. Ein kurzer Auszug aus „Die Welt der Außenseiter“ belegt den verbreiteten Tenor: <em>„Verachtung tut weh, wenn sie einseitig, nur in einer einzigen Richtung verläuft. Dann brechen bei dem Verachteten Zorn, Hass, Neid und Gier nach Revolte und Rache hervor. Anders liegen die Dinge, wenn in einem Lande verschiedene Religions- und Volksgruppen sich gegenseitig ein wenig verachten. Die Ruthenen, oft Analphabeten und sehr arme Bauern, hatten natürlich zu wenig Selbstgefühl, um auf die polnischen Herren und die talmudgebildeten Juden herabzuschauen. Sie duldeten demütig oder empfanden einen dumpfen Hass, der sich aber in friedlichen Zeiten nicht artikulierte.“ </em>Es folgen Beschreibungen des Selbstbildes von Polen und Juden. Ähnliches gilt auch für Nathan Samuelys Beschreibung des assimilierten jüdischen Lebens in Lemberg in seinem Text <em>„Nur nicht jüdisch“</em>. Nicht fehlen darf auch in dieser Sammlung ein lang schon wieder entdeckter deutsch-jüdischer Autor, über den in den letzten Jahren sehr viel geforscht und publiziert wurde, der aber bislang nur wenig ins Ukrainische übersetzt wurde – Karl Emil Franzos.</p>
<p>Viel schlechter steht es um jene jüdischen Autoren, die polnisch geschrieben haben. Sie werden heute weder vom deutschsprachigen noch vom ukrainischen Leserpublikum wahrgenommen, mit einer Ausnahme: Bruno Schulz, der achtzig Jahre nach seinem Tod in Drohobyč auch dem ukrainischen Leser kein Unbekannter mehr ist (im deutschsprachigen Raum ist er vielleicht durch die Neuübersetzung der „Zimtläden“ von Doreen Daume aus dem Jahr 2000 sowie durch <a href="https://www.perlentaucher.de/buch/maxim-biller/im-kopf-von-bruno-schulz.html">Maxim Biller „Im Kopf von Bruno Schulz“</a> etwas bekannter geworden, das 2013 erschien). Die Anthologie „Es war einmal Galizien“ hat mit einem Stück aus Józef Wittlins Erinnerungsbuch „Mój Lwów“ (1975, deutsche Übersetzung: Mein Lemberg, Frankfurt, Suhrkamp, 1994) einen weiteren Autor aus dieser Gruppe mit aufgenommen.</p>
<p>Früher oder später wird man wohl auch Julian Stryjkowski, den wohl berühmtesten Autor aus der Stadt Stryj, entdecken, dessen Schilderungen des ostgalizischen Judentums sicher zu den eindrucksvollsten gehören. Zu den positiven Seiten dieser Auswahl gehört auch die Aufnahme ukrainischer realistischer Autoren um 1900: Erzählungen von Bohdan Lepkyj, Osyp Makovej und Vasylʼ Stefanyk zeigen, dass die galizische Wirklichkeit aus der Sicht der Zeitgenossen bei weitem nicht so rosig war wie sie in manchen Rekonstruktionen oder auch der Kommerzkultur erscheint – vor allem nicht für die ruthenischen Untertanen des Kaisers Franz Joseph in Ostgalizien.</p>
<p><img decoding="async" class="alignleft wp-image-5977 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-198x300.jpg" alt="" width="198" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-198x300.jpg 198w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide-200x304.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Vincenz_Bergweide.jpg 307w" sizes="(max-width: 198px) 100vw, 198px" />Ein Phänomen der besonderen Art stellt die deutsche Galizien-Publizistik und -Belletristik der letzten drei Jahrzehnte dar, die sich wesentlich den politischen Veränderungen in Ostmitteleuropa verdankt. Seit man auch ins ehemalige Ost-Galizien wieder problemlos reisen kann, häufen sich die Reiseberichte, sei es in den Feuilletons großer Zeitungen, sei es in Buchform. Verena Dohrns „Reise nach Galizien“ (1991), Kaspar Schnetzlers „Meine galizische Sehnsucht“ (1991) und Roswitha Schiebs „Reise nach Schlesien und Galizien“ (2000) sind Beispiele für eine Gattung, die zwischen Spurensuche und eigenem Erlebnis, Rekonstruktion und Fiktion pendelt. Martin Pollack, in der Anthologie mehrfach vertreten, hat seine <em>„galizische“</em> Karriere mit einer Reisebeschreibung begonnen, er ist inzwischen zu einem vielbeachteten Sachbuchautor avanciert.</p>
<p>Ein Wort noch zu Stanisław Vincenz: In seinem vierbändigen Werk „Na wysokiej połoninie“ (deutsch: „Auf der hohen Bergweide“, 1936–1979) hat dieser polnische Autor die Folklore der Huzulen in einem einzigartigen Ausmaß gesammelt. Dieses Werk steht aber in einem dichten Netz von Bezügen zur ukrainischen Folklore, zur Dobosch-Erzählung des 19. Jahrhunderts und zu Chotkevyč’ Romanen und Erzählungen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Auch die deutschen Huzulen-Texte von Leopold von Sacher-Masoch (einer davon findet sich in der Sammlung) und Karl-Emil Franzos lassen sich in diesen Kontext integrieren. Die literarische Gestaltung der Erzähltradition der Huzulen zeigt besonders deutlich, wie sich ukrainische, polnische, deutsche und jüdische Traditionen in der Literatur Galiziens zu einem untrennbaren Ganzen verbinden, das immer im übernationalen, mehrsprachigen Kontext gelesen werden sollte.</p>
<h3><strong>Der Erste Weltkrieg </strong></h3>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-5859 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-768x530.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-800x552.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien.jpg 822w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Eine besondere Bedeutung hat für Galizien der Erste Weltkrieg. Er hat deshalb auch in den Literaturen des ehemaligen Kronlands und seiner Nachfolgestaaten ein besonders starkes Echo hinterlassen. In diesem Krieg kämpften zwei der zahlenmäßig größten Nationalitäten Galiziens auf beiden Seiten der Front, Polen und Ukrainer standen einander in Uniformen der zaristischen wie auch der k.-und-k.-Armee gegenüber. Dasselbe gilt für Juden, die ebenso von beiden Seiten eingezogen wurden. Galizien war schließlich, im Unterschied zu anderen Gebieten der Habsburgermonarchie, Kriegsschauplatz und als solcher von den tragischen Geschehnissen besonders betroffen.</p>
<p>Die von der Publizistik immer wieder beschworene Funktion des <em>„antemurale christianitatis“</em> sollte sich auf ihre Weise bewahrheiten: der größere Teil des Landes wurde bei Kriegsausbruch im Herbst 1914 von den russischen Truppen überrollt, die erst kurz vor Krakau zum Stehen kamen (die Metapher von der <em>„russischen Dampfwalze“</em> wurde damals geprägt). Im Frühjahr 1915 erfolgte die österreichisch-deutsche Gegenoffensive zwischen Gorlice und Tarnów. Mit größten Anstrengungen gelang es im Lauf der nächsten Monate, die feindlichen Truppen wieder auf die Ausgangspositionen zurückzudrängen, die Hauptstadt Lemberg wurde zurückerobert, um noch einmal für drei letzte Jahre österreichisch zu werden. Die gewaltigen Schlachten an der Ostfront hatten mehr als eine halbe Million Tote gekostet, von Verwundeten und Gefangenen ganz abgesehen; Dörfer und kleinere Städte waren verwüstet, eine Unzahl von neuen Friedhöfen markierte den Frontverlauf (mehr als hundert dieser Kriegerfriedhöfe sind im Südosten Polens bis heute erhalten).</p>
<p>Galizien als Kriegsschauplatz ist vor allem in der deutsch-, der polnisch- und der ukrainischsprachigen Literatur präsent (in kleinerem Ausmaß auch in der tschechischen und russischen), wobei man in den meisten nationalliterarischen Narrativen eine bestimmte Gesetzmäßigkeit feststellen kann: auf eine große Begeisterung bei Kriegsausbruch folgte sehr bald eine Ernüchterung und im Zusammenhang damit die Einsicht in den Wahnsinn des Massensterbens bis hin zu apokalyptischen Schreckensvisionen, wie wir sie zum ersten Mal schon im Herbst 1914 in Georg Trakls „Grodek“ finden, das wohl in keiner Anthologie zum Ersten Weltkrieg fehlen darf.</p>
<p>Es ist bekannt, dass sich große österreichische Schriftsteller der Jahrhundertwende, wie Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr von der Kriegsbegeisterung hinreißen ließen und propagandistische Texte verfassten. Auch bei den ukrainischen Autoren Galiziens überwiegt in den ersten beiden Kriegsjahren Begeisterung und die Überzeugung vom Sieg der Mittelmächte, an den man große Hoffnungen knüpfte, von der Schaffung eines eigenen ukrainischen Kronlands im Rahmen der Monarchie bis zur Vereinigung der österreichischen mit der russischen Ukraine in einem eigenen, unabhängigen Staat.</p>
<p>Spätestens seit 1916 überwiegen andere Töne, wie etwa die große Klage um die vielen Toten und der Protest gegen das sinnlose Sterben im Namen einer allgemeinen Humanität. Die Szene „Ein Traum“ der großen ukrainischen Autorin aus der Bukowina, Olha Kobyljanska, ist ein schönes Beispiel. Ein kurzer Auszug: <em>„Jetzt werden wir wie verstreuter Müll zusammengefegt… aber wohin mit uns? Das braucht ihr nicht zu wissen. Ja, ihr müsst nicht wissen, wohin man uns getrieben hat, was das heißt ein <u>weiter</u> Weg. Wir werden einmal in die eine Ecke, einmal in die andere geschoben… Und man wirft die Knochen des Hasses zwischen uns, damit wir uns an ihnen vergiften, damit wir uns mit Gedanken an euch quälen und daran verzweifeln, was uns erwartet, wenn wir zurückkehren. Unter unseren Füßen wird der Boden aufgerissen…/ Durch Worte und den Eid zu einer Einheit gekettet – trösten wir uns. / Hört ihr nicht unseren weit entfernten Gesang? Weit, weit weg, wo uns Wölfe umgeben, wo man uns mit Brettern und Erde bedeckt, damit die anderen darüber gehen können. / Wir sind noch nicht fertig. / Wie konnten wir so schnell fertig sein? / Das weiße Pferd neben uns ist noch nicht erschienen, hat noch nicht fröhlich gewiehert, noch keine gute Nachricht gebracht. / Wir sind keine Vögel mit Flügeln, um uns in die Höhe zu erheben.“ </em></p>
<p>Der zitierte Text wurde im Jahr 2014 in der Anthologie „Galizien – Aus dem großen Krieg“ veröffentlicht. Es war die erste Anthologie von Texten zum Ersten Weltkrieg, die dem Echo dieser Ereignisse in den Literaturen Galiziens auch nur einigermaßen gerecht wurde. Umso höher ist das Verdienst der Herausgeber dieser Anthologie zu werten. Jede Sammlung von Texten zu diesem Krieg kann nur eine Auswahl darstellen, die zum einen repräsentativ für eine oder mehrere nationalliterarische Traditionen, zum anderen für bestimmte ideologische Tendenzen ist.</p>
<p>In diesem Fall beschränkte sich die Auswahl auf ukrainische und deutschsprachige Texte, die vielfach auch von jüdischen Autoren verfasst wurden; sie zeigt zum anderen vermehrt den Protest gegen die unmenschlichen Seiten des Kriegs, und nicht die pseudopatriotische Begeisterung, wie sie sich in vielen Texten über die <em>„Großen Tage“</em> von 1914/15 äußert. So sind in dieser Anthologie große österreichische Autoren vertreten, die entweder aus Galizien stammen wie Joseph Roth, der selbst als Freiwilliger in den Krieg gezogen war, oder Georg Trakl und Stefan Zweig, die im Zuge der Kriegshandlungen nach Galizien kamen, Trakl als Sanitäter, Zweig als Kriegsberichterstatter, in dessen Berichten bald der Schrecken des Krieges überhandnehmen sollte. Zu diesen bekannten Stimmen kommen aber großenteils unbekannte Stimmen jüdischer Autoren, die deutsch schrieben und österreichische Staatsbürger waren, wie Hermann Blumenthal, Sigmund Bromberg-Bytkowski, die schon genannte Salcia Landmann und andere.</p>
<p>Die jüdische Bevölkerung Galiziens hatte unter der russischen Besetzung 1914–1916 besonders stark zu leiden (eine große Anzahl jüdischer Bürger war aus Angst vor den Russen schon im September 1914 nach Wien geflohen), und es gibt zahlreiche Berichte über Gewalttaten und Misshandlungen vor allem durch russische Kosakeneinheiten, gleichviel ob wir sie in belletristischen Texten wie etwa bei Hermann Blumenthal (der 1942 von den NS-Schergen aus Wien deportiert wurde) oder in publizistischen wie den ebenso in diese Anthologie aufgenommenen Beiträgen von Sigmund Bromberg-Bytkowski finden.</p>
<p>Eine Anthologie, die in der ukrainischen Germanistik entstanden ist, wird erwartungsgemäß den Anteil der ukrainischen Literatur an der Schilderung des Ersten Weltkriegs herausstellen, und darin liegt auch ein großer Verdienst dieser Sammlung, denn viele der zitierten Autoren sind deutschen Lesern nach wie vor unbekannt, auch wenn sie zu den Klassikern der ukrainischen Literatur zählen. Noch weniger weiß man außerhalb der Ukraine um deren literarischen Beitrag zur Bewältigung der <em>„Urkatastrophe“</em> (den Begriff prägte George F. Kennan 1979) des 20. Jahrhunderts. So finden sich von den ukrainischen Klassikern Iwan Franko, der bis zu seinem Tod im November 1916 die russische Besatzung Lembergs erlebte, neben den großen Autorinnen des späten 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende Olha Kobyljanska, Katrja Hrynewytschewa, (Kateryna Hrynewytsch). Sie alle sind mehr oder minder Zeitgenossen der erwähnten österreichischen und jüdischen Autoren und bringen eine wertvolle zusätzliche Perspektive ein.</p>
<p>Über zeitgenössische Autoren wie Jurij Wynnytschuk und Andrij Sodomora wird darüber hinaus eine Brücke zur Gegenwart geschlagen – auch der Österreicher Christoph Ransmayr passt gut in diesen Kontext –, die zeigt, dass der Erste Weltkrieg keine Sache der Geschichtsbücher und Museen ist: Die Kriegserinnerung ist auch dort lebendig, wo sie von Nachgeborenen in das eigene künstlerische Werk miteinbezogen wird. So ist auch der Erste Weltkrieg <em>„Erinnerungsort“</em> im Sinn von Pierre Nora, ein Ort, an dem sich Geschichte und Gedächtnis überschneiden, an dem Geschichte lebendig wird und betroffen macht, ganz unabhängig vom Krieg in der Ukraine, die dem Gedenken an 1914 in den Jahren 2014 und dann 2022 eine völlig unerwartete neue Dimension verleiht.</p>
<p><strong>Alois Woldan, </strong>Wien</p>
<p>(Anmerkungen: Der Text führt in einer aktualisierten Form die beiden Beiträge von Alois Woldan in den beiden hier vorgestellten Anthologien zusammen. Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im April 2025, Internetzugriffe zuletzt am 4. April 2025. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lw%C3%B3w_-_Lemberg._Rynek_(01).jpg">Lv’iv, Rynek</a>, 1911, unbekannter Autor, Wikimedia Commons.)</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen:</strong></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/es-war-einmal-galizien/">Es war einmal Galizien</a> – ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska, in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> März 2025 (in diesem Text sind unter anderem ausführlichere Beschreibungen, zum Teil auch mit Textauszügen zu Ivan Franko, Leopold von Sacher-Masoch, Karl-Emil Franzos, Osyp Makowej, Bohdan Lepkyj, Vasyl Stefanik, Osyp Turjansky und Taras Schewtschenko zu finden, darüber hinaus Informationen zur Germanistik in der Ukraine).</li>
</ul>
<ul>
<li>Jaroslaw Hrycak, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-galizische-paradigma/">Das galizische Paradigma – Lehren aus einem dreißigjährigen Krieg im Westen der Ukraine</a>, in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon</span> Februar 2025 (dieser Text ist eine aktualisierte Fassung des Beitrags des Autors in „Galizien – Aus dem großen Krieg“ mit einer Darstellung der Geschichte Galizien und der ukrainischen Sprache).</li>
</ul>
<ul>
<li>Peter Deutschmann / Michael Moser / Alois Woldan, Hg., Die Ukraine – vom Rand ins Zentrum, Berlin, Frank &amp; Timme, 2024 (Gegenstand sind die Geschichte der ukrainischen Sprache und Literatur, mit einem Ausblick auf den Ukrainediskurs 2014 und 2022 in russischen TV-Talkshows sowie den Auswirkungen der russländischen Vollinvasion auf Kunst und Kultur in Russland und in der Ukraine).</li>
</ul>
<ul>
<li>Alla Paslawska, Alois Woldan, Hg., Taras Schewtschenko – Nun gut, es waren scheinbar Worte nur …, Klagenfurt, Wieser Verlag, 2024 (das Buch enthält Einleitungen von Herausgeberin und Herausgeber sowie ausgewählte Gedichte und Prosatexte von Taras Schewtschenko).</li>
</ul>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Gesichter des Helden</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-gesichter-des-helden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Mar 2025 10:22:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Gesichter des Helden Ivan Mazepa in England, Frankreich, Deutschland, Russland und in der Ukraine Der wohl bekannteste Ukrainer in Westeuropa ist der ukrainische Hetman Ivan Mazepa (1639-1709), dessen Leben Anlass für zahlreiche künstlerische und literarische Schilderungen wurde. Der folgende Streifzug durch repräsentative Mazepa-Bearbeitungen vom 18. – 20. Jahrhundert soll zeigen, wie wichtig die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die Gesichter des Helden</strong></h1>
<h2><strong>Ivan Mazepa in England, Frankreich, Deutschland, Russland und in der Ukraine</strong></h2>
<p>Der wohl bekannteste Ukrainer in Westeuropa ist der ukrainische Hetman Ivan Mazepa (1639-1709), dessen Leben Anlass für zahlreiche künstlerische und literarische Schilderungen wurde. Der folgende Streifzug durch repräsentative Mazepa-Bearbeitungen vom 18. – 20. Jahrhundert soll zeigen, wie wichtig die historische Fundierung auch für fiktionale Texte ist, und wie historische Fakten für die ideologische Botschaft der jeweiligen Texte instrumentalisiert werden.</p>
<h3><strong>England und Frankreich: Der romantische Held</strong></h3>
<p>Der erste publikumswirksame Bericht über Mazepa in Westeuropa ist Voltaires „Histoire de Charles XII, Roi de Suède“ (1731), in deren viertem Buch Mazepa auftaucht. Voltaire, später Historiker des französischen Hofs, hat dieses Werk zweifellos als ein historisches verstanden, heute ist man geneigt, es als belletrisierte Heldenbiographie zu betrachten, gerade wenn man es mit anderen historischen Werken des Autors, etwa seiner „Histoire de lʼEmpire De Russie sous Pierre le Grand“ (1759, 1763), in der Mazepa einmal mehr vorkommt, vergleicht.</p>
<p>Die nur kurze Erwähnung Mazepas in der Biographie Karls XII. beinhaltet „Dichtung und Wahrheit“ʼ in gleichem Maß. Die Angaben zur Biographie Mazepas entsprechen den historischen Fakten, abgesehen davon, dass Mazepa kein Pole („un gentilhomme Polonais“), wie Voltaire meint, sondern ein Ukrainer war. Mazepas Liebesabenteuer am polnischen Hof und die darauffolgende Bestrafung durch den erzürnten Ehemann der Geliebten – Mazepa wird nackt auf ein wildes Pferd gebunden, das mit ihm bis in die Ukraine läuft – lassen sich historisch nicht belegen. Genau diese Anekdote aber wurde von den Vertretern der europäischen Romantik aufgegriffen und diente als Kern für Bühnenwerke, Poeme, Kompositionen und Darstellungen in der Bildenden Kunst, die an der historischen Wahrheit kaum mehr interessiert waren.</p>
<p>George Lord Byron ist der erste große Nutznießer von Voltaires Angaben, sowohl was die historischen Fakten, mehr aber noch, was die Legende vom unfreiwilligen Ritt betrifft. Mazepas Geschichte dient dem englischen Romantiker als Rahmenhandlung – Karl XII. und Mazepa müssen nach der verlorenen Schlacht von Poltava auf ihrer Flucht eine Rast einlegen, bei der der Hetman die Geschichte des unfreiwilligen Ritts erzählt, der in der Binnenhandlung des Poems entfaltet wird. Auch wenn Byron mit seinem Poem „Mazeppa“ (1819) die Wende hin zur Fiktion einleitet, verzichtet er nicht zur Gänze auf deren historische Verankerung. Die Flucht der Besiegten zu Pferd ist ebenso belegt wie die Überquerung des Dnipro, die das größte Hindernis auf dieser Flucht vor den russischen Verfolgern darstellte. Am Tag nach der Rast sollen Karl und Mazepa den <em>„Borysthenes“</em> überqueren, jenen Fluss, den der junge Mazepa bei seinem unfreiwilligen Ritt in die Gegenrichtung, von West nach Ost, schon einmal passiert hatte und der auf diese Weise zum Bindeglied zwischen Rahmen- und Binnenhandlung wird.</p>
<p>Im Anschluss an Byron betont die französische Mazepa-Rezeption den fiktiven Part an dessen Geschichte. Victor Hugos Poem „Mazeppa“, zehn Jahre nach Byrons gleichnamigem Text entstanden, lässt den historischen Sachverhalt fast zur Gänze weg, zugunsten einer symbolistischen Deutung, die auf dem unfreiwilligen Ritt basiert. Dafür ist neben Byron, dessen „Oriental Poems“ bereits 1819 ins Französische übersetzt wurden, eine weitere Quelle maßgeblich, die nur in der französischen Mazepa-Rezeption breite Ausgestaltung fand, die Malerei. Hugo widmet sein Poem dem Maler Louis Boulanger, der auf seinem Gemälde „Mazeppa“ die Szene des Gerichts über Mazepa darstellt: Zu Füßen eines alten Mannes, der offenbar das Urteil gesprochen hat, wird Mazepa von Knechten auf ein wildes weißes Pferd gebunden. Unmittelbar darauf folgt der unfreiwillige Ritt, mit dem Hugo seine Erzählung beginnt.</p>
<div id="attachment_5869" style="width: 235px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5869" class="wp-image-5869 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Jean_Louis_Theodore_Gericault_Mazepa-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Jean_Louis_Theodore_Gericault_Mazepa-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Jean_Louis_Theodore_Gericault_Mazepa-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Jean_Louis_Theodore_Gericault_Mazepa-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Jean_Louis_Theodore_Gericault_Mazepa-600x801.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Jean_Louis_Theodore_Gericault_Mazepa.jpg 640w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5869" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mazeppa_-_G%C3%A9ricault,_1823.jpg">Théodore Géricault, Mazeppa</a>. Privatsammlung. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Mehr aber als dieses Bild haben andere Mazepa-Darstellungen der französischen romantischen Malerei Hugos Poem inspiriert, vor allem jene Darstellungen, die die enge Verbindung zwischen dem Pferd und dem daran gefesselten menschlichem Körper betonen, wie etwa Théodore Géricaults Bild „Mazeppa“ (1821-1824), das ein Pferd zeigt, das kraftvoll das Ufer eines Flusses erklimmt, mit einem reglosen Körper auf seinem Rücken. Solche Darstellungen illustrieren Szenen, die Byron im Binnenteil seines Poems schildert. Sie stehen zum einen in der Tradition der romantischen Pferdemalerei, sie verschieben aber im Fall des auf dem Pferd gefesselten Mazepa den Akzent auf die Einheit von Tier und Mensch im Kampf ums Überleben. An diese Deutung knüpft Hugo im zweiten Teil seines Poems an, das einen kosmischen Ritt schildert, in dem das Pferd mit dem Pegasus, der an das Tier gebundene Mensch aber mit dem Dichter gleichgesetzt wird. Das dichterische Genie treibt den von ihm besessenen Menschen zu Höhenflügen. Die reale Geschichte um Mazepa wird aus den Werken der französischen Romantiker fast völlig ausgeblendet.</p>
<h3><strong>Die russische Version: Der Verräter</strong></h3>
<p>Quasi als Gegengewicht zur westeuropäischen Konzentration auf das phantastische Moment legt die russische Mazepa-Rezeption besonderes Gewicht auf die historische Seite des Phänomens. A.S. Puškin will mit seinem Poem „Poltava“ (1829), das ursprünglich <em>Mazepa</em> heißen sollte, jene Irrtümer widerlegen, welche andere romantischen Dichter im Umlauf gebracht haben und er will, wie er im Vorwort zur ersten Ausgabe des Poems betont, den wahren Charakter des Hetmans, so wie er aus den historischen Fakten hervorgeht, zeigen: <em>„Persönlichkeiten dieser Epoche. Einige Schriftsteller wollten aus ihm einen Freiheitshelden, einen zweiten Bohdan Chmel´ nyc´kyj, machen. Die Geschichte zeigt ihn als einen ehrgeizigen Menschen, der tief in Intrigen und Untaten verwickelt ist, seinen Gönner, den Hetman Samojlowytsch, verleumdet, den Vater seiner unglücklichen Geliebten zugrunde gerichtet und den Zaren Peter vor seinem Sieg und den König Karl nach dessen Niederlage verraten hat: sein Andenken, schon von der Kirche mit dem Anathema belegt, kann auch dem Fluch der Menschheit nicht entgehen.“ </em>(Originaltext: <em>„Мазепа есть одной из самых з</em><em>a</em><em>мечательных лиц той эпохи. Некоторые писатели хотели сделать из него героя свободы, нового Богдана Хмельницкого. История представляет его честолюбцем, закоренелым в коварстве и злодеяниях, клеветником Самойловича, своего благодеятеля, губителем отца несчастной своей любовницы, изменником Петра перед его победой, предателем Карла после его поражения: память его, преданная церковию анафеме, не может избегнуть и проклатия человечества.“</em> Quelle: А. С. Пушкин, Полтава, в: Полное Собрание Сочинений. Изд. АН СССР Т.  Поэми 1825-1833. Москва-Ленинград 1948).)</p>
<p>Ohne im Einzelnen auf diese Vorwürfe einzugehen, die alle in der zentralen Anschuldigung des Verrats gipfeln, kann doch gesagt werden, dass sie sich aus den historischen Fakten nicht ableiten lassen, sondern vielmehr jenem Bild Mazepas als Verräter entsprechen, das auf Peters Befehl schon 1708 mit dem Anathema-Fluch geschaffen und von der literarischen Meisterschaft Puškins mehr als hundert Jahre später erst recht verfestigt wurde.</p>
<p>Puškin greift mit dem Motto, das er seinem Poem voranstellt, <em>„The power and glory of the war, Faithless as their vain votaries, men, / Had pass´d to the triumphant Czar</em>“, auf den historischen Rahmen von Byrons Poem zurück, nicht aber auf den unfreiwilligen Ritt des jungen Mazepa, der für Puškin ins Reich der Phantasie gehört. An die Stelle jenes Ritts, der die westeuropäische Romantik so begeisterte, setzt Puškin im dritten Teil seines Poems die Schlacht von Poltava, die von der Logik der Handlung kaum mehr mit den Teilen eins und zwei verbunden ist, dafür aber deutlich nach historischen Vorlagen, vor allem Voltaires Berichten, gestaltet wird. Die Niederlage als Bestrafung Mazepas für seine in Teil I und II begangenen Übeltaten entspricht allerdings der Dramaturgie des Poems und nicht der historischen Wahrheit.</p>
<h3><strong>Die deutsche Version: Politisch-utopische Spekulationen</strong></h3>
<p>Von besonderem Interesse, was das Oszillieren zwischen Geschichte und Fiktion betrifft, ist der deutschsprachige Mazepa-Diskurs, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einer gewissen Verspätung im Vergleich zum englischen, französischen oder russischen, dafür aber umso intensiver einsetzt – es gibt mehr literarische Mazepa-Versionen in deutscher, als in französischer oder auch russischer Sprache. Diese Texte, die heute allesamt vergessen sind, so wie auch ihre Verfasser, weisen eine beachtliche Kenntnis historischer Umstände auf, die als Basis für politisch-utopische Spekulationen dienen.</p>
<p>Ein Beispiel dafür ist Andreas Mays Drama „Der König der Steppe“ (Drama in fünf Aufzügen, München 1849), das 1849 uraufgeführt wurde. Was die Handlung betrifft, so folgt May weitgehend den Teilen I und II von <em>Poltava</em>, nur dass seine Heldin Natalie ihrem Gatten Mazepa einen Schlaftrunk verabreicht, um ihren Vater Kotschubej zu retten und zusammen mit ihm aus dem Schloss Mazepas zu fliehen. Der große Unterschied zu Puškins Poem liegt aber im politischen Programm, das Mays Mazepa vertritt – es weist deutlich pro-ukrainische Züge auf, auch wenn es nicht verwirklicht wird, weil Mazepa am Ende des Stücks von russischen Truppen gefangengenommen und standrechtlich erschossen wird. Im Gespräch mit Kotschubej erläutert Mazepa dieses Programm eines unabhängigen ukrainischen Staates: <em>„Freiwillig nur, des eigʼnen Schutzes halber / Hat mein Kosakenvolk sich dereinst unter Rußlands Botmäßigkeit begeben. Es / Versprach dem Czaren Waffendienst; der Czar / Schwor ihm dagegen, seine Freiheiten / Und Privilegien aufrecht zu erhalten. / Dies Schutzverhältnis wurde bald zu Bürde. / (…) D i e Zeit soll aus sein, Bruder Kotschubej. / Ein freier Staat soll die Ukraine werden, / Ein freies Reich soll hier entstehʼn, selbstständig / Und unabhängig! Wie ein Riese soll es / Sich zwischen Osten und dem Westen lagern. / Ein Bollwerk gegen Rußland für Europa! / Freund, ein Kosakenreich, ein Königreich / Der Steppe!“</em>.</p>
<p>Diese Argumentation verweist auf gute historische Kenntnisse, auf eine Interpretation der Verträge von Perejaslavl (1654) im Sinn der ukrainischen Historiographie, auf das Antemurale-Argument, das der historische Mazepa schon vor 1700 in einem Brief an den Wiener Hof verwendet hatte. Es bleibt unklar, woher May seine über Puškin hinausgehende Kenntnis historischer Fakten und seine pro-ukrainische Einstellung übernommen hat – die antirussische Stimmung in Mitteleuropa nach dem Jahr 1848 allein kann das nicht erklären.</p>
<p>Das am meisten gespielte und von der Kritik auch am Häufigsten besprochene Mazepa-Drama stammt von Rudolf v. Gottschall: „Mazeppa. Geschichtliches Trauerspiel in fünf Aufzügen“ (Leipzig 1865), und verweist schon mit seinem Untertitel auf die Bedeutung der Geschichte in diesem Stück, mit der der Autor zum einen gut vertraut ist, mit der er zum anderen aber sehr frei umgeht: So ist Matrona nicht die Tochter Kotschubejs, sondern Iskras, hat Mazepa eine Tochter namens Leodiska und wird dieser von seiner Geliebten Matrona vergiftet.</p>
<p>Auch wenn sich Gottschall, was die Entwicklung der Handlung betrifft, primär an „Poltava“ orientiert, lassen sich auch deutliche Rückgriffe auf die Byronʼsche und die französische Mazepa-Tradition feststellen. So hängt in der Höhle einer Wahrsagerin ein Bild, das den auf einen Pferderücken gefesselten Mazepa zeigt und an die Darstellungen der französischen romantischen Malerei erinnert. Auch die Deutung dieses Bildes, welche die Wahrsagerin im Gespräch mit Mazepas Tochter gibt, erinnert an die symbolische Interpretation, die V. Hugo in seinem <em>Mazeppa</em> für die Einheit von Mensch und Tier fand: <em>„siehʼ das große Bild – den Jüngling /Ans Roß gebunden! Dieses ist dein Vater &#8211; / Und nicht dein Vater blos, es ist der Mensch, / Den ein unbändig Wollen mit sich fortreißt!“</em></p>
<h3><strong>Ukrainische Geschichtsmythologie</strong></h3>
<div id="attachment_5868" style="width: 218px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5868" class="wp-image-5868 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hetman_Ivan_Mazepa_1690-208x300.jpg" alt="" width="208" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hetman_Ivan_Mazepa_1690-200x289.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hetman_Ivan_Mazepa_1690-208x300.jpg 208w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hetman_Ivan_Mazepa_1690-400x578.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hetman_Ivan_Mazepa_1690-600x866.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Hetman_Ivan_Mazepa_1690.jpg 640w" sizes="(max-width: 208px) 100vw, 208px" /><p id="caption-attachment-5868" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hetman_Ivan_Mazepa_1690.jpg">Hetman Ivan Mazepa</a>, 1690. Unbekannter Künstler. Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Für einen der Interpreten dieses Stücks, Dmytro Doncov, den Ideologen der ukrainischen Rechten in der Zwischenkriegszeit, bedeutet die <em>„wilde und blinde Leidenschaft“</em>, die nach Gottschall Mazepas Handeln bestimmt, nichts anderes als den von Nietzsche beschriebenen <em>„Willen zur Macht“</em>, der Mazepa zum Führer seines Volkes bestimmt. Nur ein Mensch, der von einem solchen Willen getrieben wird, kann einen unabhängigen ukrainischen Staat schaffen, von dem auch der Titelheld von Gottschalls Drama schwärmt. In seinem Aufsatz über „Hetman Mazepa in der europäischen Literatur“ (1917) geht Doncov ausführlich auf Gottschalls Drama ein, dessen <em>„kleine historischen Ungenauigkeiten“</em> aber nicht einer intuitiv verspürten, höheren historischen Wahrheit im Wege stünden. Diese <em>„historische“</em> Wahrheit ist aber eine politisch-programmatische: Wer Mazepa als den zeigt, der die Unabhängigkeit der Ukraine zum höchsten Ziel seines Handelns macht, der zeigt den „wahren“ Mazepa.</p>
<p>Das Jahr 1909, in dem der russische Staat mit viel Pomp das zweihundertste Jubiläum des Sieges von Poltava feierte, war auch für die ukrainische Seite ein Anlass, dieses Ereignisses und damit des Hetmans Mazepa zu gedenken. In diesem Jahr erschien eine kleine Schrift des bekannten Dichters Vasyl´ Pačovsʼkyj, Mitglied der Lemberger Dichtergruppe „Moloda Muza“, „V pamjat´ hetʼmana Ivana Mazepy i bytvy pid Poltavoju“ (deutsch: „Zum Gedenken an den Hetman Mazepa und die Schlacht bei Poltava“), in der der Autor die Ereignisse von 1709 mit deutlich antimoskowitischer Ausrichtung, aber auch mit Kritik an der eigenen, ukrainischen Seite schildert. Seine Darstellung endet jedoch optimistisch und visionär: Mit der Gründung der Sič-Organisation wäre das Erbe von Poltava in Galizien bewahrt und gerettet worden; aus den Ostkarpaten, die in der Folklore für ihre heroischen Räubergestalten bekannt sind, kämen heute die neuen Dnipro-Kosaken: <em>„Die Sitsch, kommt, die Sitsch kommt, von der Tscharnohora. Die Ukraine steht auf, die Ukraine dröhnt.“</em> (Original: <em>„</em><em>Сїч іде, Сїч іде, Сїч іде з Чорногори</em><em>. </em><em>Україна встає, Україна гуде&#8230;</em><em>“ </em>Quelle: Василь Пачовський, В память гетьмана Івана Мазепи і битви під Полтавою, 1709 р., Коломия 1909). Mit dieser Form von Geschichtsmythologie wird das Erbe Mazepas in die österreichische Westukraine transferiert – von dort kommt heute die befreiende Tat für die Ukraine. Das schien wenige Jahre später Wirklichkeit zu werden, als mit Beginn des Ersten Weltkriegs im Rahmen der österreichischen Armee die sogenannten Sič-Schützen aufgestellt werden durften, die als Beitrag zur Befreiung der Ukraine verstanden wurden.</p>
<p>Neue Akzente in der Interpretation der historischen Figur des Hetmans finden sich in ukrainischen Mazepa-Bearbeitungen des frühen 20. Jahrhunderts, wie in Volodymyr Sosjuras (1898-1960) Poem „Mazepa“ (1928-1959-1960). Das Dilemma des Autors zwischen kommunistischen Überzeugungen und ukrainischem Nationalismus spiegelt sich auch in seinem Poem wider, das erst in der Perestrojka-Zeit in voller Länge erscheinen konnte. Den Dichter und seinen Helden verbindet die gleiche ukrainische Identität, die ihn veranlasst, nicht nur die Tragödie Mazepas, sondern auch des ganzen ukrainischen Volkes zu zeigen: „<em>Von ganzem Herzen will ich die Tragödie zeigen / die schreckliche Tragödie Mazepas / und mit ihr, zu dieser Zeit der fatalen Uneinigkeit / die Tragödie meines Volkes.“</em> (Original: <em>„</em><em>Я серцем хочу показать </em><em>/ </em><em>страшну трагедію Мазепи / І в ній, в тої час страшний незгоди, / Трагедию мого народу“</em><em>, </em>Quelle: Володимир Сосюра, Мазепа. Поема. Лірика. Київ: Дніпро 2001) – hier sind Anspielungen auf andere Tragödien der Ukraine zu späterer Zeit, wie etwa die Hungerkatastrophe des Holodomor, nicht zu überhören.</p>
<p>Die Befreiung Mazepas vom Vorwurf des Verrats (<em>„</em><em>Любив Вкраїну він </em>(Maзепа – AW) <em>душею</em><em> /</em><em> І зрадником не був для неї</em><em>“</em>) durch Sosjura führt notwendigerweise zur Polemik mit Puškin, der ja in seinem Poem diesen Vorwurf verfestigt hat: <em>„</em><em>О Пушкін, я тебе люблю,</em><em> /</em><em> Та істину люблю ще дуж</em><em>e“</em>. Sosjuras massive Kritik an Peter I. führt nicht nur diese Polemik mit Puškin weiter, sondern steht auch im Widerspruch zur offiziellen sowjetischen Historiographie. In der Beurteilung Peters als <em>„</em><em>eines</em> <em>Banditen</em><em>, </em><em>der</em> <em>in</em> <em>der</em> <em>Ukraine</em> <em>die</em> <em>Leibeigenschaft</em> <em>eingef</em><em>ü</em><em>hrt</em> <em>h</em><em>ä</em><em>tte</em><em>“</em> <em>(</em>Original: <em>„</em><em>Петра вважаючи бандитом,</em><em> /</em><em> Що в нас кріпацтва вік завів</em><em>“</em>) prallen die national-ukrainische und die sowjetisch-russische Geschichtsauffassung aufeinander, und dieser Konflikt ist auch von der Ideologie der geschwisterlichen Verbindung der Ukraine und Russlands im Sowjetreich nicht zu überbrücken. So ist Sosjuras Mazepa-Darstellung weniger an der historischen Wahrheit, als an der ideologischen Instrumentalisierung Mazepas interessiert.</p>
<h3><strong>Der antisowjetische Mazepa – eine Fallstudie</strong></h3>
<p>Zur selben Zeit, da Sosjura die Arbeit an seinem Poem aufnimmt, schreibt Ljudmyla Starycʼka-Černjachivsʼka (1868-1941) ihr Drama „Ivan Mazepa. Drama v V‘dij“ (1929). Aus der bürgerlichen ukrainischen Intelligenz im späten 19. Jahrhundert stammend, unterstützte Starycʼka-Černjachivsʼka ab 1917 die Ukrainische Nationale Republik in Kiew und versuchte später in der Zeit der <em>„Korenizacija“</em> ihre literarische Tätigkeit fortzusetzen. 1941, als die deutschen Truppen bereits von Kyiv standen, wurde sie wegen <em>„antisowjetischer Tätigkeit“</em> verhaftet und starb auf dem Weg in ein Gefangenenlager.</p>
<p>Es ist nicht verwunderlich, dass eine derartig negative Erfahrung mit dem bolschewistischen Regime sich auch in der Gestaltung ihres Mazepa niederschlägt. In ihrem Drama, das sich an der Konvention der Historiendramen des 19. Jahrhunderts orientiert, verzichtet die Autorin auf alle Elemente der Fiktion – es gibt keine Liebesaffären am polnischen Hof, keinen unfreiwilligen Ritt des jungen Mazepa, aber auch keine dramatischen Episoden aus der Geschichte, wie die Schlacht bei Poltava. Die Autorin verzichtet allerdings nicht auf eine private Intrige, die Liebe Mazepas zu Motrja, die sie mit der historischen Tragödie seines politischen Scheiterns verknüpft.</p>
<p>Im dritten Akt, in dem die Handlung der Tragödie kulminiert, kommt es zu einem Zusammentreffen des Zaren mit dem Hetman, bei dem der Zar seinem Bundesgenossen seine Pläne in Bezug auf die Ukraine enthüllt: eine völlige Auslöschung der ukrainischen Eigenständigkeit und ein völliges Aufgehen der Ukraine im russischen Staat. Das ist für Mazepa der entscheidende Augenblick, in dem er erkennt, dass er sich um jeden Preis gegen die russische Vorherrschaft stellen und damit zum <em>„Verräter“</em> werden muss. Die massiven Vorwürfe an Peter, den „blinden Henker“, der nur mit Gewalt und Unterdrückung sein Russland erbaut, könnten ebenso gut auf Stalin gemünzt sein, der sich ja auch selbst gern mit Peter verglich: <em>„Blinder Henker, dein Koloss / steht auf tönernen Füßen. Mit der Knute / mit Handschellen und Folterkammern erbaust du dein Russland und willst / die Ukraine verschlingen und unsere Freiheit versaufen / ganz und gar, bis zum Grund?! / Das wirst du nicht, nein, auf ewig nicht!“</em> (Original: <em>„K</em><em>ат сліпий, твий колос </em><em>/ </em><em>На глиняних ногах. А, батогом, </em><em>/ </em><em>Кайданами, катівлями будуєш </em><em>/ </em><em>Ти Русь свою і хочеш</em> <em>проглинуть / Україну, і випить нашу волю / Усю до дня?! Не випʼєш, ні!! Вовік!“</em> Quelle: Людмила Старицька-Черняхівська, Вибрані твори, Бібліотека Української літератури, Київ 2000)</p>
<p>Im fünften Akt, dem tragischen Ende des Helden gewidmet, stirbt Mazepa in Bender, allerdings nicht in Folge von Krankheit und Alter, sondern weil er selbst einen Giftbecher getrunken hat, um vor einer drohenden Auslieferung sicher zu sein. Ein solches Ende steht in deutlichem Widerspruch zu den historischen Fakten, es unterstreicht jedoch den definitiven Charakter von Mazepas Scheitern; seine Tragödie wird zugleich zur Tragödie der Ukraine. Hier zeigen sich, bei allen Unterschieden zwischen dem Poem des proletarisch-kommunistischen Dichters Sosjura und dem Drama der bürgerlich-konservativen Starycʼka-Černjachivsʼka, Konvergenzen im Plädoyer für die ukrainische Unabhängigkeit und in der Kritik an dem von Peter verkörperten russischen Absolutismus, der dieser Unabhängigkeit im Weg steht.</p>
<p><strong>Alois Woldan</strong>, Wien</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung: Christoph Augustynowicz / Dietlind Hüchtker / Börries Kuzmany, Hg., Perlen geschichtswissenschaftlicher Reflexion – Östliches Europa, sozialgeschichtliche Interventionen, imperiale Vergleiche, Göttingen, V&amp;R Unipress, 2022. Veröffentlichung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in leicht veränderter Fassung im März 2025. Alle Übersetzungen aus dem Russischen beziehungsweise dem Ukrainischen: Alois Woldan. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vernet,_Horace_-_Mazeppa_and_the_Wolves_-_1826.jpg">Horace Vernet (1789-1863), Mazeppa aux loups</a> (Ausschnitt), 1826, Musée Calvet, Avignon. Wikimedia Commons.).</p>
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		<title>Es war einmal Galizien</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Mar 2025 05:45:01 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Es war einmal Galizien Ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska „Dieses in Galizien Unmögliche scheint mir, um es in drei Worten zu sagen, eine legale Wahl zu sein. Eine Wahlkampagne, bei der nicht nur kein Regierungsorgan seine Amtsgewalt missbrauchte, kein einziger Wähler verhaftet, kein einziger Stimmzettel gestohlen und umgetauscht, keine einzige Wählerliste  [...]</p>
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<h1><strong>Es war einmal Galizien </strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch mit der ukrainischen Germanistin Alla Paslawska</strong></h2>
<p><em>„Dieses in Galizien Unmögliche scheint mir, um es in drei Worten zu sagen, eine legale Wahl zu sein. Eine Wahlkampagne, bei der nicht nur kein Regierungsorgan seine Amtsgewalt missbrauchte, kein einziger Wähler verhaftet, kein einziger Stimmzettel gestohlen und umgetauscht, keine einzige Wählerliste gefälscht wäre, sondern auch kein einziger Bezirkshauptmann auf Ortsrichter und Bauern außeramtliche Pressionen ausübte, kein einziger Steuerexekutor den oppositionell Stimmenden ins Haus geschickt, keine einzige Bauernversammlung wegen lächerlichen Formalitäten verboten oder aufgelöst, kein einziger oppositioneller Wahlagitator verhaftet und dagegen jeder Bestechungs- oder Erpressungsversuch nach der Strenge des Gesetzes geahndet wurde. Man wird das alles vielleicht lächerlich, weil selbstverständlich finden, bei uns in Galizien ist das aber ganz und gar unmöglich, und ich kann nicht hoffen, eine solche Wahlkampagne zu erleben!“</em> (Ivan Franko, Unmögliches in dem Land der Unmöglichkeiten, zitiert nach: Alla Paslawska, Jurko Prochasko, Tobias Vogel, Hg., Es war einmal Galizien, Lviv 2012)</p>
<p>Die Wahlkampagne, von der Ivan Franko berichtet, fand vor über 120 Jahren statt. Ivan Franko ist mit Taras Schewtschenko der vielleicht berühmteste ukrainische Autor. Beide sind nach wie vor in der Ukraine hoch angesehen und werden immer wieder zitiert und gelesen.</p>
<p>Die Germanistin Alla Paslawska befasst sich mit der ukrainischen Literatur, die in verschiedenen Sprachen geschrieben wurde, in Ukrainisch, Deutsch, Russisch, Polnisch, Jiddisch, je nach Herkunft der jeweiligen Autorinnen und Autoren. Sie lehrt an der <a href="https://lnu.edu.ua/en/">Ivan-Franko-Universität Lviv</a>. Sie ist Vorsitzende des ukrainischen Deutschlehrer- und Germanistenverbandes. Sie arbeitet eng mit dem Wiener Slawisten Alois Woldan zusammen, der im Jahr 2024 im Berliner Verlag Frank &amp; Timme (gemeinsam mit Peter Deutschmann und Michael Moser) den Band <a href="https://slawistik.univie.ac.at/forschung/einzelansicht-publikationen/news/die-ukraine-vom-rand-ins-zentrum/">„Die Ukraine – vom Rand ins Zentrum“</a> herausgegeben hat, in dem die wechselvolle Geschichte der Ukraine und der ukrainischen Sprache sowie die Vielfalt der ukrainischen Kultur vorgestellt werden.</p>
<p>Alla Paslawska und Alois Woldan haben im März 2025 gemeinsam einen Band mit Gedichten von Taras Schewtschenko (1814-1861) herausgegeben: <a href="https://www.wieser-verlag.com/buecher/nun-gut-es-waren-scheinbar-worte-nur/">„Nun gut, es waren scheinbar Worte nur …“</a> (Klagenfurt, Wieser Verlag, 2025). Der Band enthält einleitende Texte von Alla Paslawska („Der ukrainische Prophet“) und von Alois Woldan („Taras Schewtschenko, der größte Dichter der Ukraine“), einen autobiographischen Text von Taras Schewtschenko, eine Auswahl seiner Gedichte, das programmatische Lang-Gedicht „Der Traum – Eine Komödie“ und das Prosastück „Der Sträfling“. Der Band schließt mit einem Verzeichnis der Gedichte mit ihrem ukrainischen Originaltitel sowie der Nennung der Übersetzerinnen und Übersetzer, darunter unter anderem auch Ivan Franko.</p>
<h3><strong>Deutsch lernen in der Ukraine</strong></h3>
<div id="attachment_5854" style="width: 271px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5854" class="wp-image-5854 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-261x300.jpg" alt="" width="261" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-200x230.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-261x300.jpg 261w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-400x460.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-600x689.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-768x882.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-800x919.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-891x1024.jpg 891w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1200x1379.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1337x1536.jpg 1337w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917-1782x2048.jpg 1782w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Foto_Paslawska_2022-Kopie-scaled-e1741497933917.jpg 1920w" sizes="(max-width: 261px) 100vw, 261px" /><p id="caption-attachment-5854" class="wp-caption-text">Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sind Vorsitzende des ukrainischen Deutschlehrer- und Germanistenverbandes. Welche Aufgaben erfüllt der Verband?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>In unserem Verband treffen sich Wissenschaftler, Deutschlehrer und Studierende, die Deutschlehrer werden wollen. Diese Verbindung ist sehr schön, weil sie die Verbindung zwischen der Schule und der Universität herstellt. Wir schicken unsere Studierenden beispielsweise zum Praktikum in Schulen und können so – wenn wir Glück haben – dort auch ein wenig für unser Studienfach werben. </em></p>
<p><em>Der Verband wurde 1989 gegründet. Zu den Hauptaufgaben gehört die Förderung der deutschen Sprache in der Ukraine. Wir unterstützen Deutsch als Fremdsprache (DAF), machen Fortbildungen für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Jedes Jahr findet eine Jahrestagung statt, zu der wir unsere Mitglieder aus allen Regionen der Ukraine einladen, auch die Krimtataren, deren Namen und Adressen wir allerdings geheim halten, weil das für sie gefährlich werden könnte. Jedes Jahr führen wir zwei Wettbewerbe durch, einen Wettbewerb für Studierende, Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer und einen Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler. </em></p>
<p><em>Im Jahr 2025 planen wir folgende Themen: „Mein bester Deutschunterricht“ für Schülerinnen und Schüler sowie „Deutsche, österreichische und schweizerische Spuren in der Ukraine“ für Studierende, Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Aus diesem Wettbewerb wollen wir eine große Karte erstellen, die dann in Klassen an die Wand gehängt werden kann. Die Karte soll alle 24 Regionen der Ukraine einschließlich der Krim und die dortigen Denkmäler deutscher, österreichischer und schweizerischer Herkunft zeigen, architektonische Denkmäler, Gärten, die von Deutschen, Österreichern oder Schweizern angelegt wurden, zum Beispiel ein Wasserturm in Mariupol, Sagen und Legenden. So wollen wir das Interesse nicht nur für die deutsche Sprache wecken, sondern auch für die deutsche, österreichische und schweizerische Kultur und die Beziehungen dieser Kulturen zur ukrainischen Kultur.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie viele Studierende der deutschen Sprache und der Germanistik gibt es in der Ukraine?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Eine genaue Zahl kann ich Ihnen leider nicht sagen. Aber es gibt Zahlen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes. In den 1970er und in den 1980er Jahren waren der Anteil der Studierenden der deutschen Sprache etwa 16 Prozent aller Sprachen. Dieser Anteil ist inzwischen auf etwa fünf Prozent gesunken. Das betrifft Deutsch als erste Fremdsprache. Als zweite Fremdsprache wird Deutsch allerdings noch gerne studiert. Inzwischen haben wir leider eine Sprache, die alle anderen Sprachen dominiert, das Englische. Die ukrainische Sprachenpolitik neigt auch dazu, das Englische durchzusetzen. Es gibt ein Gesetz, das das Englische als obligatorisches Unterrichtsfach vorschreibt. Dies geht natürlich auf Kosten aller anderen Fremdsprachen. Man findet nur noch wenig Zeit für die zweite Fremdsprache. Oft muss Deutsch außerhalb des Pflicht-Unterrichts erlernt werden, oft auch mit zusätzlicher Bezahlung.</em></p>
<h3><strong>Die Ukraine – ein mehrsprachiges Land</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben sich intensiv mit Galizien befasst, zum Beispiel in dem ukrainisch-deutschen Sammelband „Es war einmal in Galizien“, der 2012 in Lviv erschien, aber bisher leider keinen deutschen Verlag gefunden hat. Galizien ist ein Land, in dem deutsche, ukrainische, polnische, russische, jiddische Literatur gleichermaßen verbreitet war, ein Land der Vielfalt der europäischen Literaturgeschichte und ein Juwel eben auch der deutschen Literaturgeschichte. Viel der dort in deutscher Sprache schreibenden Autoren waren Juden.</p>
<p><strong><em>Alla Paslawska</em></strong><em>: </em><em>Die deutschsprachige Literatur ist ein wichtiger Teil der ukrainischen Literatur. Es ist ukrainische Literatur in deutscher Sprache. </em><em>Es ging uns darum, all die Autoren zu entdecken, die in der Ukraine deutsch geschrieben haben, in dem Buch, das Sie nannten, aber auch in einem zweiten Buch zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs mit dem Titel „</em><em>Galizien – Aus dem Großen Krieg“. Wir haben nicht alle Autoren entdeckt, es werden ständig neue gefunden. Wir haben sie in den beiden Bänden in deutscher Sprache und in ukrainischer Übersetzung versammelt. Einige der Autoren haben auch auf Polnisch geschrieben. </em></p>
<p><em>Die deutschsprachig schreibenden Autoren waren praktisch zu 100 Prozent jüdischer Herkunft. Das liegt auch daran, dass weder Jiddisch noch Hebräisch in Galizien zu den offiziellen Sprachen gehörte. Man musste sich entweder polonisieren oder germanisieren lassen. Die meisten haben daher auf Deutsch geschrieben. Zu Hause haben sie auch Jiddisch oder Hebräisch gesprochen, aber geschrieben eben in deutscher Sprache.</em></p>
<p><em>Die in deutscher Sprache schreibenden Autoren haben die ukrainische Literatur wesentlich beeinflusst. Zu nennen wäre auch Samuel Josef Czaczkes (Samuel Agnon, 1887-1970), obwohl er seine Werke fast ausschließlich auf Hebräisch schrieb, ein jüdischer Autor aus der Ukraine,  der 1960 gemeinsam mit Nelly Sachs (1891-1970) den Literaturnobelpreis erhielt, der bisher einzige ukrainische (und zugleich einzige israelische) Literaturnobelpreisträger. </em></p>
<div id="attachment_5864" style="width: 255px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5864" class="wp-image-5864 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-245x300.png" alt="" width="245" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-200x245.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-245x300.png 245w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-400x491.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893-600x736.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Karl_Emil_Franzos_1893.png 640w" sizes="(max-width: 245px) 100vw, 245px" /><p id="caption-attachment-5864" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dr._Karl_Emil_Franzos_1893_Der_Floh_(Unsere_einstigen_Mitarbeiter).png">Karl Emil Franzos 1893</a>. Foto: Der Floh (Unsere einstigen Mitarbeiter). Signiert: R. Weber oder R. Heber. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Andere wie Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) oder Karl Emil Franzos (1848-1904) haben zum ersten Mal die Ukraine zu einer Landschaft in der europäischen Literatur gemacht. Über die Juden in der Ukraine hat zum ersten Mal Ivan Franko (1858-1916) geschrieben. Meines Wissens zum ersten Mal wurde ein Jude in seinen Werken Hauptprotagonist. Ivan Frankos Muttersprache war Ukrainisch, er sprach aber genauso gut Deutsch und Polnisch. Er hat für etwa 16 deutsche, österreichische und jüdische Zeitungen auf Deutsch geschrieben. </em></p>
<p><em>Über die deutsche Sprache entstanden Kontakte nach Europa. Über die deutsche Sprache entwickelte sich die Literatur in der Ukraine. Auch über die Deutschen entwickelte sich die Landwirtschaft, die Stadtplanung. Über die deutsche Sprache kam Fortschritt in die Ukraine, nach Galizien. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Titel des Bandes „Es war einmal Galizien“ erinnerte mich an Theodor Herzl und seinen Satz: <em>„Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“</em> Daher meine Frage: Hatte die deutsche Sprache eine Bedeutung für die Staatlichkeit der Ukraine?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Ich möchte nicht sagen, dass die deutsche Sprache viel zur Staatlichkeit der Ukraine beigetragen hat. Am besten hat sich die deutsche Sprache unter der K.u.k.-Monarchie entwickelt. Aber man hat in dieser Zeit auch versucht, eine Region wie Galizien zu germanisieren. Man hat zum Beispiel an der Universität Lemberg die Germanistik eingeführt. Die Österreicher waren allerdings nicht so hartnäckig und daher hat es mit der Germanisierung nicht so geklappt. Die Polen waren hartnäckiger und ihnen ist es gelungen, die Ukraine zu polonisieren. Wer herrschte, versuchte über seine Sprache, das Deutsche, das Polnische, das Russische, das Land zu kolonisieren. Es gab kleine, kurze Perioden der Freiheit für die ukrainische Sprache, aber im Grunde hat sich niemand bemüht, das Ukrainische zu entwickeln. Deshalb war es so wichtig, über die ukrainische Sprache die eigene Macht durchzusetzen.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Je mehr ich mit Menschen in der Ukraine spreche, ukrainische Literatur lese oder historische Abhandlungen über die Geschichte des Landes, habe ich den Eindruck, dass die Ukraine immer zwischen verschiedenen Großmächten zerrieben zu werden drohte und auch zerrieben wurde: das zaristische Russland und die Sowjetunion, das Deutsche Reich, das K.u.k.-Reich. Auch das Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine war in der Vergangenheit ja nicht gerade unproblematisch. Die ukrainische Sprache wurde immer wieder verboten.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Die Ukraine hat in der Tat eine sehr komplizierte Geschichte. Die uralten Staaten entstanden früher als das russische Reich, als Moskowien. Immer wieder beanspruchte ein Imperium das Territorium der Ukraine, im Osten Russland, im Westen die beiden deutschsprachigen Reiche, natürlich auch Polen. Die Ukrainer mussten immer kämpfen, um sich durchzusetzen. Je nach Regime – es war immer ein Regime, mal lockerer, mal strenger – musste man die ukrainische Sprache durchsetzen. Unter der österreichischen Herrschaft war es etwas besser. Man durfte Ukrainisch zumindest in der Schule lernen, später haben es die Polen verboten. In Russland wurde Ukrainisch ununterbrochen und immer wieder durch Gesetze verboten. Es gibt eine Tafel der ukrainischen Sprache, auf der sie sehen, wann zum Beispiel die Fibel auf Ukrainisch verboten wurde, wo und wann verboten wurde, Kindern ukrainische Namen zu geben, ukrainische Kirchenlieder nicht mehr gesungen werden durften, die ukrainische Sprache generell, ukrainischer Buchdruck verboten wurde. Es war unterschiedlich grausam. In Russland, noch schlimmer in der Sowjetunion, gibt es ganze Generationen erschossener Schriftsteller, Dichter, Priester, Intellektuelle, zum Beispiel 1937 unter Stalin. Sie kennen sicherlich den Begriff der „erschossenen Wiedergeburt“ (ukrainisch: </em><em>Розстріляне Відродження</em><em>), als etwa 200 ukrainische Intellektuelle ihr Leben verloren, entweder erschossen oder aufgrund ihrer Verschleppung in sibirische Lager. </em></p>
<p><em>Die Geschichte der Ukraine ist total mit Blut begossen. In der Ukraine ist die Sprache auch deshalb so wichtig. Wir haben als Nation vielleicht nur durch unsere Sprache überlebt.</em></p>
<h3><strong>Mythos Galizien – Die Aktualität des Ivan Franko</strong></h3>
<div id="attachment_5856" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5856" class="wp-image-5856 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1-600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Ivan_Franko_Lychakivskiy_Cemetery_Lvov_Ukraine_2007-1.jpg 640w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-5856" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ivan_Franko,_Lychakivskiy_Cemetery,_Lvov,_Ukraine_2007.jpg">Grab von Ivan Franko auf dem Lychakivskiy Friedhof in Lviv</a>. Foto: Jerzy Ostapczuk. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:GNU Free Documentation License" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:GNU_Free_Documentation_License">GNU Free Documentation License</a>, Version 1.2 or any later version published by the <a class="extiw" title="w:en:Free Software Foundation" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Free_Software_Foundation">Free Software Foundation</a>.</p></div>
<p><strong> Norbert Reichel</strong>: Trotz allem: Galizien ein Traumland?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Doch, ja. Es klingt immer sehr nostalgisch. Aber es ist eigentlich ein Mythos. Das ist vielleicht die beste Bezeichnung. „Es war einmal in Galizien“ – der Titel war meine Idee. So etwa wie: „Es war einmal ein König“. Bei Galizien dachte man meistens an ein Märchen: Alle waren glücklich, es gab keine Kriege, alle mochten den Kaiser, der Kaiser stand im Zentrum des Weltalls, er war gerecht, und wenn mal etwas Schlimmes passierte, wusste er natürlich nichts davon. </em></p>
<p><em>Ich wollte, dass das Buch wie ein Märchen beginnt. Aber je tiefer man in den Wald geht, desto mehr Angst bekommt man und desto schlimmer sieht die Realität aus. So ist es auch in unserem Buch. Es zeigt: Den herrschenden Klassen, den Österreichern, den Polen ging es relativ gut, aber was die Ukrainer anbetrifft, die Juden anbetrifft, sah es anders aus: Sie waren sehr arm, sie waren nicht glücklich. Deshalb ist Galizien eben nur ein Mythos. Dieser Mythos entwickelte sich zu verschiedenen Zeiten. Auch heutzutage. Das geht so weit, dass inzwischen nach Galizien zum Beispiel ein Apfelsaft benannt wird. In West-Galizien, das im heutigen Polen liegt, gibt es weitere verschiedene Produkte, die nach Galizien benannt sind. „Galizisch“ gilt als Zeichen für eine gute Marke, für gute Qualität. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus dem Vorwort Ihres Kollegen Alois Woldan zu „Es war einmal Galizien“ zitieren: <em>„Der ukrainische Galizien-Diskurs der 1990er Jahre und danach unterscheidet sich aber deutlich vom polnischen mehr als zwanzig Jahre früher: es geht nicht mehr um die Rekonstruktion einer vergangenen Zeit, es geht um eine Neubestimmung der Gegenwart mit Hilfe von historischen Versatzstücken, die mehr oder weniger zufällig überdauert haben. Dazu kommen deutliche Impulse aus der zeitgenössischen Malerei: auch dort wird das historische Fragment kreativ umgestaltet, es geht häufig ein in eine Collage von heterogenem Material, die damit einen spezifisch ‚galizischen‘ Zug bekommt. Seit einigen Jahren ist aber auch in der Westukraine, vor allem in L’viv, jenes Phänomen nicht zu übersehen, das auf die kreative Galizien-Phase in der Kunst folgt – die Kommerzialisierung, die galizische Namen zum gut verkäuflichen Markenzeichen macht.“ </em>Es ist ja ein weltweit feststellbares Phänomen, die Kommerzialisierung von Kunst, von ganzen Ländern. Genau schaut da niemand mehr hin.</p>
<p>Interessant fand ich in diesem Kontext den Text von Ivan Franko: „Unmögliches im Land der Unmöglichkeiten“. Ein Gegenbild. Ivan Franko beschreibt eine Fantasie, einen Traum, wie es bei Wahlen eigentlich sein sollte, aber eben nun einmal in Galizien nicht ist, sodass eine faire Wahl ein unerfüllbarer Traum bleibt, ebenso wie eine an Gerechtigkeit orientierte Bürokratie mit all ihren Polizisten und Steuereinnehmern.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Den Text hat Ivan Franko für eine westliche deutschsprachige Zeitung aufgrund einer Anforderung geschrieben. Für ihn war es ein wunder Punkt. Er hatte drei Mal für das Parlament in Galizien kandidiert, drei Mal wurde er nicht gewählt, weil die Stimmen gekauft wurden. Das war auch in der Ukraine lange Zeit so. Deshalb las man Ivan Franko, unter Janukowitschs Präsidentschaft bis 2014 sowieso, als wenn man das, was er beschrieb, heute erlebte. Gekaufte Stimmen, Kandidaten, die verhindert wurden. Natürlich war Franko auch beleidigt, dass er nicht gewählt wurde.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die aktuelle Leseweise Frankos in der Zeit von Janukowitsch finde ich schon interessant. Über einhundert Jahre später.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>:<em> Franko hat sehr kritisch und sehr sarkastisch über die politischen Verhältnisse seiner Zeit geschrieben. Viele, die ihn lasen, dachten, es habe sich ja in den letzten 100 Jahren nichts verändert, die Methoden sind die gleichen gewesen. Man hatte zwar noch kein Internet, aber man konnte damals wie heute alles kaufen, die Leute unter Druck setzen, mit Alkohol zum Beispiel. All das beschreibt Franko. Franko war zu seiner Zeit eine große Autorität; auch für die Jugend. So war es dann zu Beginn des Ersten Weltkrieges: Verse aus seinen Gedichten wurden wieder aktuell und überall zitiert. Es gab Poster mit seinen Versen. Auch heute finde ich es sehr schön, dass man Franko wieder liest und ihn für eine Autorität ansieht. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit Ivano-Frankisk wurde sogar eine Stadt nach ihm benannt.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Das fand ich aber nicht so gut </em>(lacht)<em>. Bis 1962 hieß die Stadt Stanislaw. Das ist ein historischer Name. Ich weiß nicht, ob das so unbedingt nötig war. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wenn man Ivan Franko liest und dann darüber nachdenkt, dass die Stadt zur sowjetischen Zeit nach ihm benannt wurde, klingt das schon etwas merkwürdig.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Schauen Sie sich aber auch einmal die damaligen Ausgaben seiner Werke an oder auch die der Werke von Taras Schwetschenko. Es gab zur Sowjetzeit ungeheuer viele Neuauflagen. Man hat beide als revolutionäre Demokraten dargestellt, die gegen die Kapitalisten, gegen die Unterdrückung der Bauern, für die armen Leute geschrieben hätten. Man hat sie vereinnahmt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: So wie Luther in der DDR vereinnahmt wurde, obwohl Luther in den Bauernkriegen alles andere als eine bauernfreundliche Position vertreten hatte.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Etwa so. Franko war nicht arm, er schrieb vor allem gegen den Zaren. In manchen Auflagen von Franko und Schewtschenko fehlen manche Werke und manche Stellen, die auch der Sowjetmacht gefährlich erschienen. Schewtschenko hat sich heftig gegen den Zaren und die Zarin geäußert und wusste, dass das nicht ungestraft bleiben würde. Genauso hat es Ivan Franko gemacht. </em><em>Er hat sich zum Beispiel einmal gegen Adam Mickiewicz geäußert, den größten polnischen Dichter, in der Wiener Zeitung </em><em>„Die Zeit“, Titel des Beitrags: „Ein Dichter des Verrats“. </em><em>So war Franko, so war Schewtschenko. </em></p>
<p><strong>Leopold von Sacher-Masoch und Karl Emil Franzos  </strong></p>
<div id="attachment_5857" style="width: 245px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5857" class="wp-image-5857 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-235x300.jpg" alt="" width="235" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-200x255.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-235x300.jpg 235w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-400x510.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch-600x765.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Leopold_von_Sacher-Masoch.jpg 640w" sizes="(max-width: 235px) 100vw, 235px" /><p id="caption-attachment-5857" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Leopold_von_Sacher-Masoch,_portrait_3.jpg">Leopold von Sacher Masoch</a>. Unbekannter Fotograph. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welchen Autor würden Sie neben Ivan Franko gerne vorstellen?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Unter den deutschsprachigen Autoren mag ich vor allem Leopold von Sacher-Masoch. Er hat auch für Lviv eine besondere Bedeutung. In Lviv gibt es in der Stadtmitte eine moderne Darstellung von Leopold von Sacher-Masoch. Dahinter befindet sich ein Masoch-Café, das natürlich an Masochismus erinnert. Man wird dort angekettet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das zum Thema Kommerzialisierung.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Jede Frau soll bei der Statue von Sacher-Masoch tief in die Tasche greifen, dann bekäme sie Glück in der Liebe. Aber das ist eine andere Geschichte, leider die Geschichte, die sich durchgesetzt hat. Wir wissen, wie sich dies entwickelt hat, wir kennen die Biographie von Sacher-Masoch. Manche sagen, er hätte selbst dieses Kapitel seiner Biographie erfunden, um berühmt zu werden. Wer weiß?</em></p>
<p><em>Leopold von Sacher-Masoch hat die Ukraine mit solcher Liebe dargestellt. Seine erste Sprache war Ukrainisch. Er hatte ein ukrainisches Dienstmädchen, mit dem er sich auf Ukrainisch unterhalten hat. Ihm wurden ukrainische Geschichten, ukrainische Märchen erzählt, die er sich merkte. Irgendwann fing er an, auf Deutsch zu schreiben. Er erhielt Zuspruch von Freunden. Er hat dann eben über Galizien geschrieben und wie aufgeregt er immer war, wenn er zurück nach Galizien fuhr. Galizien war für ihn seine zweite Heimat. Er setzte sich auch für die jüdischen Traditionen ein, im Unterschied zu Karl Emil Franzos, der vertrat, dass man auf die alten jüdischen Traditionen verzichten sollte. Leopold von Sacher-Masoch mochte diese Traditionen, obwohl sie zum Teil auch sehr grausam waren. Wir beschreiben in unserem Buch die Sitten für Frauen, für junge Mädchen. Das war alles nicht so einfach. Das traditionelle Leben war für die jüdischen Gemeinschaften sehr wichtig, aber manchmal doch sehr grausam.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Insofern sind Karl Emil Franzos und Leopold von Sacher-Masoch zwei Antagonisten?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Auf eine bestimmte Art ja. Sacher-Masoch war nicht so reich und nicht so beliebt. Franzos war schon zu seiner Lebenszeit ein sehr geachteter und viel gelesener Autor. Franzos war eigentlich ein Anhänger der Germanisierung. Die deutsche Kultur war für ihn die höchste Kultur. Als dann der Antisemitismus begann, musste er sich dies ein wenig anders überlegen. </em></p>
<h3><strong>Die <em>„verwischten Grenzen“</em> (Joseph Roth)</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich gestehe, dass ich ein großer Verehrer von Joseph Roth (1894-1939) bin.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Joseph Roth ist für mich nicht nur der Autor, der auch sehr ironisch und sehr sarkastisch schreiben konnte. Er ist für mich auch sehr traurig. Auch nostalgisch. Der Zusammenbruch der K.u.k.-Monarchie war auch seine eigene Tragödie. Man verbindet Joseph Roth natürlich auch sehr eng mit der Geschichte Galiziens. Seinen Vater hat er eigentlich nie gesehen. Sein Vater war geisteskrank. Damit wollte Joseph Roth sich nicht abfinden. Er kommt in seinen Werken immer wieder vor, zum Beispiel als Offizier. Ich mag auch den Hotelmythos, in „Hotel Savoy“. I</em><em>n Lviv gab es als mögliches Vorbild das Hotel George in der Stadtmitte. Andere behaupten, das Vorbild sei ein polnisches Hotel in Łódź. In den oberen Etagen wohnen die Armen, in den unteren Etagen die Reichen.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Joseph Roth ist in den 1920er Jahren für die Frankfurter Zeitung in der Ukraine gewesen und hat berichtet. Es gibt eine sehr schöne und schmale Ausgabe einiger weniger dieser Berichte: „Reisen in die Ukraine und nach Russland“ (München, C.H. Beck textura, 2015). Da schreibt er zum Beispiel auch über „Ukrainomanie – Berlin neuste Mode“, ein Artikel aus dem Jahr 2020, dies im Kontrast zu den Reiseberichten nach Lemberg und der Lage der Ukrainer als Minderheit im damaligen Polen. Lemberg nennt er <em>„die Stadt der verwischten Grenzen“</em>.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>In unseren Büchern haben wir auch einige galizische Autoren vorgestellt, die nicht auf Deutsch geschrieben haben, sondern auf Ukrainisch. </em></p>
<div id="attachment_5860" style="width: 235px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5860" class="wp-image-5860 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-200x267.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-225x300.jpg 225w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej-400x534.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Osyp_Makowej.jpg 559w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /><p id="caption-attachment-5860" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Osyp_Makowej.JPG">Osyp Makowej</a>. Quelle: Peter Rychlo / Oleg Liubkinsky, Literaturstadt Czernowitz, 2. verbesserte Auflage 2009. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Zum Beispiel Osyp Makowej (1867-1925) und seine kurze Erzählung „Die Grenze“: Die Geschichte spielt nach einer der polnischen Teilungen und der Erzähler spricht mit einem Bauern, dessen Tochter jetzt auf der anderen Seite der neuen Grenze lebt. „Dort, jenseits des Flusses, ist mein Kind und mein Feld, ich aber bin hier. Mein Großvater und mein Vater fuhren hin und her – niemand hielt sie auf. Und sehen Sie, jetzt sind irgendwelche Dahergelaufenen gekommen und haben am Fluss eine Wache aufgestellt, und ich kann weder zu meinem Kind noch zu meinem Feld. Einmal, noch am Anfang, fuhr ich mit einem Kahn ans andere Ufer. Da fingen mich diese Zigeuner, verprügelten mich und schickten mich zurück. Schießen wollten sie auch noch auf mich! Seit einem Jahr habe ich mein Kind nicht mehr gesehen und lebe in großer Armut, denn dort, jenseits des Flusses, habe ich mehr Boden als hier. Muss es sein, dass man die Menschen durch Grenzen trennt?“ Dann sehen sie eine Krähe, die ganz einfach über die Grenze fliegt. Der Erzähler schließt mit einer Hoffnung: </em>„<em>Mein Bekannter sah mit seinem einfachen Verstand weit, weit voraus – in eine unbekannte Zukunft. Gut möglich, dass die ganze Welt einmal so denkt, aber bis dahin war die Tochter des Bauern und sein Feld hinter der Grenze, in einem anderen Staat, er aber musste hier in großer Armut leben. Bis dahin hatte eine dumme Krähe mehr Freiheit als ein Mensch.“  </em></p>
<p><em>Ein anderer ukrainischer Autor ist Bohdan Lepkyj (1872-1941). Wir haben seine Erzählung „Wir verlassen das Haus nicht“ aufgenommen. Die Geschichte von Juden, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen: „Die Stadt ist eine hundertköpfige Hydra. / Überall stehen Wachposten, überall sind Soldaten mit Bajonetten. / Die Soldaten sind so gefährlich und gehorsam wie ihre Bajonette. / Seit einigen Tagen gehen wir nicht aus dem Haus. / Wir gehen im Hause wie auf einem Schiff hin und her. / Die Füße haben sich dem festen Boden entwöhnt. Im Kopf mahlt eine Mühle. Das Mühlwasser braust, der Stein zerreibt das Korn. / Das Korn unserer Erinnerungen und Eindrücke…/ Wie schändlich ist es zu fliehen!“</em></p>
<p><em>Schließlich Vasyl Stefanik (1871-1936), „Ein kindliches Erlebnis“. </em>Ein Mädchen erlebt den Tod seiner Mutter im Krieg<em>: „Siehst du, Nastja, die Kugel summte und tötete die Mutter, und du bist schuld: musstest du heulen, als jener Soldat die Mutter umarmen wollte? Was störte dich das? Sie floh, und die Kugel pfiff … / Und jetzt wirst du keine Mutter mehr haben und wirst dienen gehen müssen… Die Mutter spricht nicht mehr, sie ist doch gestorben. Ich würde dich am liebsten schlagen, aber du bist ja jetzt eine Waise. Und was ist ein solches Mädchen schon wert?“ </em></p>
<p><em>Ich habe mich in diese Literatur verliebt. Viele dieser Autorinnen und Autoren habe ich vorher gar nicht gekannt. Nachdem ich mich mit den Texten vertraut gemacht habe, mit den Lebensläufen der Autorinnen und Autoren, fand ich alle sehr schön. </em></p>
<p><em>Erwähnen möchte ich auch die Texte von Alexander von Guttry (1887-1955), ein Schriftsteller polnischer Abstammung. Sie merken in dem Buch immer sofort an den Texten, welcher Abstammung der Autor war. Jeder hatte etwas mehr Sympathie für das eigene Volk, besonders deutlich ist das bei Alexander von Guttry. Er beschreibt die Polen, die Ruthenen, die Juden. Die Polen sind bei ihm natürlich die schönsten, die größten und sie singen die schönsten Lieder. Die Ruthenen sind ausgebeutet, aber dennoch ein starkes Volk, die Juden furchtbar schmutzig, aber ungeheuer treu gegenüber ihrer Religion, unheimlich sensibel. Das sind Texte aus dem Jahr 1916. Diese Beschreibungen sind natürlich auch sehr interessant mit ihren Klischees. Der Nationalismus blühte.   </em></p>
<h3><strong>1914 – 2014 </strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-5859 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-768x530.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien-800x552.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Galizien.jpg 822w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" />Norbert Reichel</strong>: Das Kriegsthema spielte schon in dem Band „Es war einmal Galizien“ eine Rolle. Der zweite Sammelband, den Sie mit Alois Woldan über die Literatur in Galizien herausgegeben haben, befasst sich explizit mit dem Ersten Weltkrieg.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Wir haben mit den Arbeiten an dem Buch 2013 angefangen. Und 2014 überfallen die Russen die Krim. Als wir die Texte übersetzten und redigierten, dachten wir zunächst, die Texte wären sehr expressionistisch, viele Metaphern, Adjektive, alles irgendwie schwer geschrieben. Doch dann bricht der Krieg aus und plötzlich liest man die Texte mit anderen Augen. Ich habe beim Redigieren geweint. Die Texte wurden sehr realistisch und mir wurde klar, dass man über solche Grausamkeiten nicht anders schreiben kann. Man kann all diese menschlichen Leiden nicht beim Namen nennen. Man braucht eine übertragene Bedeutung, sonst weint man nur beim Schreiben. </em></p>
<div id="attachment_5861" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5861" class="wp-image-5861 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-300x208.jpg" alt="" width="300" height="208" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-200x139.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-300x208.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-400x278.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06-600x416.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Minna-Lachs-Park_Mariahilf_06.jpg 640w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-5861" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Minna-Lachs-Park,_Mariahilf_06.jpg">Minna-Lachs-Park in Wien</a>, Mariahilf. Wikimedia Commons,  <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p><em>Wir haben die Texte so aufgebaut, wie es auch in der Wirklichkeit oft war, dass zu Beginn des Krieges alle begeistert sind. Im ersten Text „Die Kriegserklärung“, den Minna Lachs (1907-1993) geschrieben hat, sagt ein Vater zu seiner Tochter: Du wirst stolz sein, dass du diesen Anfang, diese Proklamation erlebt hast. Im Verlauf der Erzählungen und Gedichte des Buches wird es dann immer schlimmer, die ersten Opfer, die ersten Leiden. Und dann steht man in einer zerbrochenen Welt, vor Ruinen, und man versteht, was der Krieg eigentlich bedeutet. So ist jeder Krieg. Kein Krieg ist eine Ausnahme. Jeder Krieg bedeutet Tod, Leiden, Vernichtung.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Überschrift des ersten großen Kapitels, die dieser Text von Minna Lachs einleitet, lautet: „Morgen war Krieg“. Eigentlich hätte man schon wissen müssen, was geschehen wird. Ein <em>„Morgen“</em> ohne Hoffnung, dass es sich verhindern ließe. Wurde der Band auch so wie Sie es beschreiben rezipiert?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Ja, es wurde auch so verstanden. Krieg bedeutet immer Leiden, Ungerechtigkeit, es gibt auch immer jemanden, der tötet, und jemanden, der getötet wird. Ich finde das Vorwort von Jaroslaw Hrycak genial. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe es unter dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-galizische-paradigma/">„Das galizische Paradigma“</a> im Februar 2025 in einer leicht aktualisierten Form veröffentlichen dürfen, die erste Veröffentlichung dieses Textes in einem deutschen Medium. Dafür darf ich Ihnen und Alois Woldan herzlich danken.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Jaroslaw Hrycak sagt auch, wenn Polen und Ukrainer sich zusammengefunden hätten, statt gegeneinander zu kämpfen, hätte die Ukraine einen anderen Weg wählen können. Aber in der Geschichte gibt es keinen Konjunktiv. </em></p>
<p><em>Ein Symbol für die Zeit ist das von uns auch in den Band aufgenommene Gedicht „Grodek“ von Georg Trakl (1887-1914). Trakl war in der Nähe von Lviv an der Front. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein Gedicht, das wie später „Todesfuge“ von Paul Celan, in seinem Realismus erschlägt. Solche Gedichte gehören in deutschen Schulen zum Schulstoff, aber ich zweifle daran, dass jemand, der Krieg nur aus dem Fernsehen kennt, wirklich nachvollziehen kann, was diese Gedichte beschreiben. Aber vielleicht gelingt es, die Einbildungskraft, die Imagination so zu schulen, dass ein annäherndes Verständnis möglich wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihr Band dazu einiges beitragen kann. Das zweite große Kapitel, in dem auch „Grodek“ zu finden ist, trägt den denkwürdigen Titel: „Es schlug keine Stunde, als ihr sterben musstet“.</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Am meisten mag ich vielleicht den Text von Osyp Turjansky (1880-1933): „Jenseits der Schmerzgrenze“. Der Text beginnt mit folgenden Sätzen: „Ich und meine Freunde fielen einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer. / Es war ein Verbrechen, das die Menschen und die Natur zuließen und das uns zu Verbrechern gegen den Geist der Menschheit machte. / Und so war es uns bestimmt, zu Lebzeiten durch die Hölle zu gehen, die uns über die Grenzen des menschlichen Schmerzes hinausführte – in den Abgrund des Wahnsinns und des Todes. / Die Schatten meiner Kameraden erscheinen mir im Traum und in der Wirklichkeit. Ich sehe Gesichter lebender Leichen.“</em></p>
<p><em>Es ist eigentlich ein Prosatext, aber auch ein lyrischer Text, in seiner Rhythmik. Er beschreibt das Leben der Menschen in einer Art, die man sich kaum vorstellen kann. Es ist eine Hymne gegen den Krieg, gegen die Leiden der Menschen im Krieg. Die Texte gehören in die Periode des Expressionismus, des Impressionismus, die Texte geben ein ästhetisches Erlebnis, spitzen die Gefühle zu. Ein weiteres Beispiel: Katrja Hrynewytschewa (1875-1947), eine ukrainische Autorin, beschreibt in „Tagebuchseite“ sehr konkret und eindrucksvoll ihre Leiden im Flüchtlingslager Gmünd in Niederösterreich.   </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dieser Text belegt diese Schwere, von der Sie sprachen und die manche Texte vielleicht auch schwer zugänglich macht, aber man sollte sich unbedingt auf solche Texte einlassen, um unsere Welt besser zu verstehen. Ich erlaube mir eine Passage zu zitieren: <em>„Das Auge der Seele sieht wie das Auge eines Paranoiden alles, auch was nur leicht umrissen ist, ein schwaches Zeichen im Bewusstsein, ähnlich einer Traumgestalt. Alles, was außerhalb des reinen Sehvermögens liegt, was die Schwelle des Bewusstseins nie übertritt, kann es in solch einer Nacht schnell und genau erkennen, so wie man Bazillen durch ein Vergrößerungsglas erkennt, doch ein geöffnetes Klavier oder die in sich versunkene, alabasterne Chrysis damit nicht zu sehen sind.“ </em>Der vorletzte Absatz lautet: <em>„Alles ist hier so verbissen! – beendet er seine Elegie und fährt sich verzweifelt mit der Hand durch sein Haar, worauf alle um ihn herum zu lachen beginnen. Nein, das ist kein Gelächter, es ist ein sonderbarer, von Sehnsucht betrunkener Schrei, den die tödlich besorgte Seele über die Maske des menschlichen Gesichtes zieht.“</em></p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Der Band enthält auch einen Eintrag aus dem Tagebuch von Stefan Zweig (1881-1942) vom September 1914 und ein Gedicht von Ivan Franko aus dem Jahr 1916; „Worte des Zaren“, der letzte Text im dritten großen Kapitel mit dem Titel: „Krieg dem Kriege“. Er beschreibt in diesem Gedicht das zaristische Russland und eine Fantasie: „Das unterjochte Russland gibt‘s nicht mehr.“ Aber er verweist auch auf das Russland des russischen Bären, der jedem seine Freundschaft anbietet, aber jeder weiß, was diese Freundschaft bedeutet: Er wird dich zerdrücken. Dieses Motiv finden wir auch in dem Text „Der Traum – Eine Komödie“, den wir in unseren Sammelband mit Gedichten von Taras Schewtschenko aufgenommen haben. </em></p>
<h3><strong>Literatur könnte Brücken bauen</strong></h3>
<p><strong><img decoding="async" class="alignright wp-image-5865 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-178x300.jpg" alt="" width="178" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-178x300.jpg 178w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko-200x337.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Schewtschenko.jpg 264w" sizes="(max-width: 178px) 100vw, 178px" />Norbert Reichel</strong>: Wie populär Taras Schewtschenko ist und wie sehr russländische Behörden seine Verse fürchten, belegt der Prozess gegen die 19jährige Darja Kosyrewa. Alexander Estis (<a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/darja-kosyrewa-putin-russland-ukraine-denkmal-lux.GMphX34VcQeaH8o8Vq1bfg">„Und das habt zum Zeichen“</a>) und Silke Bigalke (<a href="https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/putin-darja-kosyrewa-russland-e737218/">„Und sie lächelt trotzdem“</a>) berichteten in der Süddeutschen Zeitung. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Darja drohen siebeneinhalb Jahre Straflager, weil sie an eine Statue des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko einen Zettel mit Versen des Gedichtes „Vermächtnis“ (ukrainisch: „Sapowit“) befestigt und hinter den Versen ein Ausrufezeichen an Stelle eines Punktes geschrieben hatte. Ein Wunsch wurde somit zu einem politisch interpretierten Aufruf. In der deutschen Übersetzung von Gustav Specht, die Sie und Alois Woldan verwenden, lautet die letzte Strophe des Gedichts: <em>„So begrabt mich und erhebt euch! / Die Ketten zerfetzet! Mit dem Blut der bösen Feinde / Die Freiheit benetzet! / Meiner sollt in der Familie, / In der großen, ihr gedenken, / Und sollt in der freien, neuen / Still ein gutes Wort mir schenken.“</em> Darja hatte diese Verse in ukrainischer Sprache zitiert. Der Polizist, der sie verhaftete, konnte kein Ukrainisch, er hielt den Text für <em>„irgendwelche Beschwörungsformeln“</em>.</p>
<p>Der Band mit den Texten von Taras Schewtschenko wurde auf der Leipziger Buchmesse 2025 vorgestellt. Darf ich nach Ihrem nächsten Projekt fragen?</p>
<div id="attachment_5863" style="width: 220px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-5863" class="wp-image-5863 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-210x300.jpg" alt="" width="210" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-200x285.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-210x300.jpg 210w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-400x571.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy-600x856.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/03/Mykola_Khvylovy.jpg 640w" sizes="(max-width: 210px) 100vw, 210px" /><p id="caption-attachment-5863" class="wp-caption-text">Mykola Chwylovyj. Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Mein nächstes Projekt ist eine Anthologie mit Texten von Mykola Chwylowyj. Er ist ein ukrainischer Autor, väterlicherseits russischer Abstammung, hat sich aber immer als Ukrainer identifiziert. Er hat sich auch am Ersten Weltkrieg beteiligt, auch an der Revolution 1917. Zunächst war er ein überzeugter Revolutionär, bei der Roten Armee, doch allmählich erlebt er die Enttäuschung, wie grausam die Revolution ist und wie grausam in einem Krieg und in einer Revolution Menschen werden. Seine Werke sind gleichzeitig sehr romantisch, aber so grausam, dass man sich wundert, wie man in einem Werk beides haben kann. Irgendwann war er durch die Verfolgung seiner Freunde, von Schriftstellern, so enttäuscht, er beobachtete die Hungersnot, den Holodomor, hat eine Reise auf das Land organisiert und selbst gesehen, wie Hunderte von Menschen auf Fuhren weggefahren wurden, weil sie trotz reicher Ernte verhungert sind, weil man ihnen alles weggenommen hat. Er hat seine Freunde eingeladen und sich dann in einem Nebenzimmer erschossen. </em></p>
<p><em>Wir haben nur wenige Werke von ihm, ein Stück aus einem Brief, eine Art Autobiographie, vier Novellen neu übersetzt. Wir haben noch keine fertige Finanzierung, aber eine Studentin hat sich bereiterklärt, die Übersetzung zu bezahlen. Es ist diesmal sehr schön, dass wir die Übersetzer bezahlen können, was sonst nicht geschieht. Es fehlt noch etwas Geld für den Druck des Buches. Wir wollen das Buch wieder in Österreich herausgeben, damit es in die Bibliotheken hineinkommt und im Ausland gekauft werden kann. In der Ukraine kennt man den Autor inzwischen. Kürzlich erschien ein sehr guter Film: </em><a href="https://www.imdb.com/de/title/tt7526894/?language=de-de"><em>„Budynok Slowo“</em></a><em>. Der Film beschreibt ein schönes Hochhaus, in dem die Sowjetunion in den 1920er Jahren Schriftsteller untergebracht hatte. Sie wurden alle beobachtet und abgehört. Und nach einiger Zeit wurden sie einer nach dem anderen entführt und erschossen. An einem Abend wurde der eine abgeholt, am nächste der zweite und so ging es immer weiter. Das war auch einer der Gründe, warum Chwylowyj sich umgebracht hat.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Vielleicht ein Fazit Ihrer Arbeit zum Abschluss unseres Gesprächs?</p>
<p><strong>Alla Paslawska</strong>: <em>Die Literatur, Sprachen, das sind Brücken, die Menschen verbinden. Wenn man manche Bücher einer Literatur gelesen hat, baut man Stereotype ab, man lernt die Geschichte voneinander, man lernt ein anderes Volk, ein anderes Land auch über die Gefühle kennen, die Literatur auslöst. Insbesondere für die Deutschen spielt die Literatur eine wichtige Rolle. Es wird viel gelesen. Man kann die Deutschen gut über die Literatur erreichen. Manche wahrscheinlich nicht, beispielsweise diejenigen, die an Sahra Wagenknecht glauben oder an die AfD. </em></p>
<p><em>Es macht natürlich auch einen Unterschied, was jemand liest. Ich finde es wichtig, dass ukrainische Literatur in Deutschland bekannt wird, dass man ukrainische Bücher ins Deutsche und deutsche Bücher ins Ukrainische übersetzt. Uns fehlen Bücher in ukrainischer Übersetzung, die uns helfen würden, Deutsche zu verstehen, auch Leute, die AfD oder Sahra Wagenknecht wählen. Wir brauchen Bücher, die uns helfen, den durchschnittlichen Deutschen – wer auch immer das ist – zu verstehen. Ich weiß nicht, ob sie dieselbe Literatur lesen, aber es gibt viele Bücher, die für die meisten Deutschen interessant und wichtig wären.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im März 2025, Internetzugriffe zuletzt am 5. März 2025. Für die Vermittlung des Kontakts zu Alla Paslawska danke ich meinem ukrainischen Kollegen Pavlo Shopin, der an der Drahomanov-Universität in Kyiv unterrichtet und mit seinen Studierenden unter anderem zahlreiche Texte aus dem Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> ins Ukrainische übersetzt und im <a href="https://md-eksperiment.org/">Portal Eksperiment</a> veröffentlicht. Titelbild: Cover von „Es war einmal Galizien.)</p>
</div></div></div></div></div>
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