Liebe Freund:innen des Demokratischen Salons,
dieser Newsletter informiert Sie über die im Juni 2026 veröffentlichten Texte. Wie üblich finden Sie weitere Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen sowie Vorschläge für den Besuch von Veranstaltungen und Ausstellungen auf einer eigenen Seite, nach Orten sortiert.

Rachel Whiteread, Steinerne Bibliothek, Wien, Am Judenplatz. Foto: NoRei.
Sie wäre im Juni 2026 einhundert Jahre alt geworden und ist mit Elfriede Jelinek und Gisela Elsner eine der bedeutendsten Stimmen deutscher Literatur der sogenannten Nachkriegszeit: Ingeborg Bachmann. Zwei Halbverse ihres Gedichts „Alle Tage“ (in: „Die gestundete Zeit“) bringen die Wirren ihrer wie unserer Zeit auf den Punkt: „Das Unerhörte / ist alltäglich geworden.“ Aber warum sollte es nicht dennoch Hoffnung geben? Das erste wäre vielleicht, sich auf das Be- und Verschwiegene einzulassen. Die Lektüre ihrer Gedichte, ihrer Erzählungen, ihres Romans „Malina“ mögen helfen. Beispielhaft genannt sei die Erzählung „Von Mördern und Irren“, Panoptikum einer Herrenrunde gespaltener Nachkriegs-Persönlichkeiten, hier „blieb die Welt ein Wahn“. Wer mehr wissen möchte, schaue sich den kongenialen Dokumentarfilm von Regina Schilling und Sandra Hüller an: „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“.
Als Editorial empfehle ich meinen Essay „Die unerzählten Geschichten Buchenwalds“, das zugleich eine Besprechung des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel ist. Im Buchenwald der DDR sind selektive Erinnerung, organisiertes Beschweigen, eine engführende Geschichtspolitik und die irritierende Heroisierung einiger Auserwählter sinnfällig erfahrbar. (Rubriken: DDR, Shoah)
Themen der weiteren neuen Texte sind ein Ferngespräch mit den 1920er Jahren (Karin Althaus und Adrian Djukić), antijüdische Bildsprache am Kölner Dom (Thomas Frings und Harald Schlüter), eine interdisziplinäre Analyse von Spaltungslinien in unserer Gesellschaft (Matteo Gentile), Geschlechterrollen in Versöhnungsprozessen (Christine G. Krüger), ein Porträt des Wiesbadener Rechtsanwalts Moritz Marxheimer (Ellen Fähnrich), die Gefängnisse im Iran (Bahram Moradi), die kurze georgische Unabhängigkeit (Ana Margvelashvili), ein Porträt des Science-Fiction-Autors Andreas Brandhorst (Fritz Heidorn) sowie Romane der Climate Fiction (Bettina Wurche).
Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen finden Sie zu folgenden Themen: Friedenspreis an Philippe Sands, „Rede an Europa“ von Anne Applebaum, 25 Jahre Stiftung EVZ, Patriotismus und Erinnerungskultur (Meron Mendel), Schlechte Vergleiche (Martin Hartmann), Lust am Abriss (Stephen Holmes), Faschismus und Scheinriesen (Eva von Redecker und Heribert Prantl, Fintan O‘ Toole), Messianismus in Nahost (Sari Nusseibeh), die Frage nach einem „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama), Achtsamkeit (Kathrin Fischer), Hitler-Stalin-Pakt (Bundeszentrale für politische Bildung), Demokratie der First Nations (Boris Hermann), Obergrenze für Bevölkerung in der Schweiz (Jonathan Pärli), Negative Identitätspolitik (Luca de Blasi), Peter Thiel und der italienische Futurismus (David Lange), die Ausladung Peter Thiels bei den Wiener Festwochen (Milo Rau), Intellektuelle in China (Stefan Messingschlager), Minderheiten in China (Kai Biermann, Vivien Chang, Sascha Venohr und Benja Zehr), Genozid in der Ukraine (PEN, Medardus Brehl, Martin Schulze Wessel), Staatsterror im Iran (Raha Nik-Andisch, Nila, Mahtab Qolizadeh), Ebola (Jean-Jacques Murembe-Tamfun), Ostsee (Nils Markwardt), Künstliche Intelligenz (Themenheft der Zeitschrift Merkur und D64 – Zentrum für Digitalen Fortschritt), Demokratischer Salon in der Ukraine (ein Überblick von Pavlo Shopin über die bisherige Zusammenarbeit mit der Drahomanov-Universität Kyjiw, unter anderem der Übersetzungen ins Ukrainische durch die von ihm betreuten Student:innen).
Inhalte der weiteren neu veröffentlichten Texte:
- Karin Althaus und Adrian Djukić stellen in „Weimarer Hoffnungen“ die von ihnen kuratierte Ausstellung im Lenbachhaus vor. Technologische Entwicklungen verkürzten die Distanzen, das Theater wurde sportlich, Frauen befreiten sich, es entstand eine antifaschistische Szene Münchner Künstler:innen. Weimar hätte auch ein gutes Ende finden können. (Rubriken: Kultur, Treibhäuser)
- Harald Schlüter und Thomas Frings beschreiben in ihrer historisch-theologischen Führung die „Antijüdische Bildsprache im und am Kölner Dom“, die wechselvolle Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Stadt Köln, die Leitlinien der Kirchen zum Umgang mit christlichem Antijudaismus sowie einen internationalen Kunstwettbewerb des Kölner Domkapitels. (Rubrik: Antisemitismus)
- Matteo Gentile kommentiert in „Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind“ aus juristischer Sicht ein Gespräch zwischen der Historikerin Christina Morina und dem Politikwissenschaftler Philip Manow im Hinblick auf das prekäre Begriffspaar der „liberalen Demokratie“ und Konsequenzen für das Handeln einer „wehrhaften Demokratie“. (Rubriken: Weltweite Entwicklungen, Liberale Demokratie)
- Christine G. Krüger analysiert „Geschlechterrollen in Versöhnungsprozessen“ nach Kriegen, Genoziden und internen Konflikten als Thema einer Geschlechter-Geschichte am Beispiel von interessegeleiteten Zuschreibungen der (Un-)Versöhnlichkeit als Charaktermerkmal bei Frauen und Männern. (Rubriken: Gender, Weltweite Entwicklungen)
- Ellen Fähnrich porträtiert in „Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus“ den Wiesbadener Rechtsanwalt Moritz Marxheimer (1871-1942). Als Student engagierte er sich in jüdischen Burschenschaften und verfolgte das Ziel der Gleichberechtigung mit nicht-jüdischen Kommilitonen, die er zeitweise erreichte, die aber von den Nazis brutal zerstört wurde. (Rubriken: Jüdischsein, Shoah)
- Bahram Moradi kommentiert in „Du lebst, also sprich!“ (ein Appell der persischen Regisseurin Mahnaz Mohammadi) die 40jährige Geschichte seines Romans „Das Gewicht der Anderen“ über die Zeit eines unpolitischen Teenagers im Gefängnis. Bahram Moradi nennt seine Sicht der Lage im Iran in Zeiten von Krieg und Terror. (Rubriken: Levantinische Aussichten, Opfer und Täter*innen)
- Ana Margvelashvili beschreibt in „26. Mai – Dieser Tag gehört uns“ ein Kapitel der kurzen drei Jahre währenden Unabhängigkeit Georgiens zwischen zaristischer und sowjetischer Herrschaft. Dazu gehören die georgisch-deutschen Beziehungen nicht zuletzt in den Bereichen von Bildung und Gesundheit. (Rubrik: Osteuropa, Kultur)
- Fritz Heidorn bietet in „Der trügerische Schein der letzten Dinge“ eine Hommage an Andreas Brandhorst am Beispiel seiner Romane „Der Riss“ und „Messias“. Brandhorst verknüpft Literatur, Religion und Wissenschaft, kongenial mit bekannten US-amerikanischen Autor:innen, die sich mit post- und transhumanistischen Fragen befassen. (Rubrik: Utopien / Science Fiction)
- Bettina Wurche stellt in „Climate Fiction – Engagierte Literatur unserer Zeit“ Autor:innen vor, die in ihren Romanen einerseits dystopische Welten der Wüsten, Fluten und gewaltsamen Unterdrückung, andererseits aber auch Perspektiven eine fairträglichen Zukunft entstehen lassen. Mit Kim Stanley Robinson plädiert sie für „kämpferischen Optimismus“. (Rubriken: Utopien / Science Fiction, Treibhäuser).
Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen:
- Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2026 erhält Philippe Sands. Gerade in einer Zeit, in der der Begriff des „Genozids“ immer häufiger – zumindest in einem konkreten Fall – als politischer Kampfbegriff verwendet wird, lohnt sich die Lektüre seiner Doppelbiographie „Rückkehr nach Lemberg – Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ von Raphael Lemkin und Hersch Lauterbach, die beide in Lemberg / Lwiw studierten und maßgeblich die Nürnberger Prozesse und das Völkerrecht beeinflussten. Hauptkriterium eines Genozids ist „The Intent to Destroy a Group as Such”, wie Medardus Brehl, Redakteur der Zeitschrift für Genozidforschung in einem Gespräch mit dem Demokratischen Salon erläuterte.
- Europa: Während der Wiener Festwochen 2026 hielt Anne Applebaum am 13. Mai 2026 auf dem Wiener Judenplatz (dort steht eine Statue von Gotthold Ephraim Lessing) ihre „Rede an Europa – Die Stunde Europas“. Sie sagte: „Jenes Europa, das aus diesem Prozess hervorgegangen ist, stellt eine enorme Errungenschaft dar – eine in der Tat noch nie dagewesene Errungenschaft; eine, die weltweit ihresgleichen sucht. Dank der Bemühungen der Nachkriegsgeneration ist Europa heute sicherer, wohlhabender und friedlicher als je zuvor. Europäische Staaten sind zudem souveräner geworden. Dank acht Jahrzenten der kollektiven Abschreckung konnten die Menschen in Europa ihre eigenen Nationalkulturen in einem Klima des Friedens statt einem des ewigen Krieges entfalten. Dank der Europäischen Union können die Europäer ihre Kunstwerke, ihre Literatur und ihre Gebäude erhalten, wie jene, die uns hier auf diesem Platz umgeben. Mittels eines Netzwerks aus Verträgen und Abkommen haben sie Demokratien erschaffen, die individuelle Freiheits- und Bürgerrechte schützen.“ Doch diese Errungenschaften sind alles andere als gesichert. Menschenrechte werden von manchen als „etwas Sentimentales und Schwaches“ Anstelle des Konsenses wird größtmöglicher Dissens gesucht, Minderheiten werden als „Sündenböcke“ markiert. Anne Applebaum verweist auf den russischen Angriff auf die Ukraine, russische Cyberangriffe in Europa, die geschwundene Verlässlichkeit der USA unter Trump. Europa wird von Putin wie von Trump und ihren Anhänger:innen als unfähig und schwach dargestellt. Europa hat jedoch alle Mittel, dem zu widerstehen: „Europa ist nach wie vor eine Oase der Sicherheit, Stabilität und Rechtsstaatlichkeit. Wir haben unabhängige Gerichte, die mehr sind als bloße Sprachrohre der Machthabenden. Wir halten unser Wort. Wir achten Verträge. Unser Kontinent respektiert und schätzt die Wissenschaft, befasst sich mit Geschichte, legt Wert auf Kultur und zieht Lehren aus der Geschichte. Wir sollten dies nutzen, um ein Anziehungspunkt für Investitionen, Innovationen und Menschen mit neuartigen Ideen zu werden. Es ist gerade unsere Berechenbarkeit, die uns in einer Welt der unberechenbaren Mächte einen Vorteil verschafft. (…) Jeden Tag vergrault Amerika potenzielle Besucher, Investoren und Forscher. Jeden Tag ermordet Russland unschuldige Menschen in einem blutigen und sinnlosen Kolonialkrieg. Und jeden Tag liefert Europa den Beweis dafür, dass alte Rivalen friedlich nebeneinander leben können, während sie nach Wohlstand streben.“
- 25 Jahre Stiftung EVZ: Am 13. Juni 2001 begann die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) mit den ersten Auszahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter:innen, zunächst in Tschechien. Bundesrat und Bundestag hatten zuvor das Gesetz zur Gründung der Stiftung EVZ beschlossen. Rund 26 Millionen Menschen wurden während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und den besetzten Gebieten Europas verschleppt, zur Arbeit gezwungen und ermordet. Heute leben schätzungsweise rund 200.000 jüdische Überlebende des NS-Terrors weltweit; für die Zahl der vielen anderen Opfergruppen, darunter Sinti:ze und Rom:nja und ehemalige Zwangsarbeiter:innen, gibt es nur Schätzungen. Seit ihrer Gründung hat die Stiftung EVZ mit über 313 Millionen Euro und gemeinsam mit über 2.500 Partnerorganisationen mehr als 6.000 Projekte gefördert, darunter die Memo-Studien, im Jahr 2025 als Gedenkanstoß-MEMO-Studie. Die Studien zeigen erhebliche Wissenslücken über die Opfer des Nationalsozialismus. Während das Wissen über die Geschichte des NS-Verbrechen abnimmt, nehmen Antisemitismus, Rassismus, Antiziganismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu. Ausführliche Berichte finden Sie auf der Jubiläumswebseite der Stiftung: Mit dem Anspruch KEINE ZEIT ZU VERGESSEN hat die Stiftung EVZ zwischen dem 2. August 2025 und dem 13. Juni 2026 ein vielseitiges Jubiläumsprogramm durchgeführt: Der Podcast „Wert & Würde” beleuchtet in vier Folgen den Kontext und Ablauf der Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter:innen, die politischen Debatten zur Gründung der Stiftung EVZ sowie persönliche Erfahrungen der Betroffenen. Eine fünfte Live-Episode ist geplant. Der Fotowettbewerb #notimetoforget hat Einzelpersonen und internationalen Projekten die Chance für kreative, fotografische Zugänge zu den Anliegen der Stiftung EVZ eröffnet. Andrea Despot, Vorstandsvorsitzende der Stiftung EVZ, erinnert an den Auftrag über das historische Jubiläumsjahr hinaus: „Die Geschichten der Überlebenden verpflichten uns heute und in der Zukunft zu demokratischem Engagement. Unsere Verantwortung kennt keine Frist! Erinnerung ist gelebte Demokratie. Sie trägt dazu bei, entschlossen gegen Ausgrenzung und Hass anzutreten.“ (Der Text orientiert sich an der Pressemitteilung der Stiftung EVZ vom 12. Juni 2026.)
- Patriotismus und Erinnerungskultur: Am 22. März 2026 hielt Meron Mendel im Deutschen Nationaltheater Weimar eine Rede, die in überarbeiteter Fassung unter dem Titel „Über den Verfassungspatriotismus hinaus – Für die Pluralisierung der Erinnerungskultur 40 Jahre nach dem Historikerstreit“ in der Juniausgabe 2026 der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ veröffentlicht worden ist. Immer wieder von Neuem wird die diffuse Forderung nach „Normalisierung“ (was auch immer das sein mag) des Blicks auf die Geschichte erhoben, sei es im Rahmen des Historikerstreits vor 40 Jahren, sei es heute im Hinblick auf das Verhältnis der Erinnerung an den Holocaust zu Erinnerungen an Kolonialverbrechen. Meron Mendel konstatiert eine „Inflation des ‚Nie wieder‘“: „Wenn Erinnerungskultur auch in Zukunft gesellschaftliche Integrationskraft entfalten soll, dann braucht sie eine Erweiterung. Sie muss neben der Geschichte der Verbrechen auch jene historischen Erfahrungen sichtbar machen, die positive demokratische Identifikation ermöglichen: die Geschichte demokratischer Bewegungen, die Geschichte von Migration und Einwanderung, die Kämpfe um Freiheitsrechte und gesellschaftliche “ Jürgen Habermas hatte den von Dolf Sternberger schon 1979 eingeführten Begriff des „Verfassungspatriotismus“ in Reaktion auf Ernst Nolte popularisiert. Das mag sehr abstrakt klingen, aber daran ließe sich anknüpfen, um „gerade jüngeren Menschen das Gefühl (zu) vermitteln, dass Deutschland nicht nur eine Geschichte der Verbrechen besitzt, sondern auch eine Geschichte demokratischer Kämpfe, gesellschaftlicher Öffnung und erfolgreicher Integration.“ Neben dem „Nie wieder“ gäbe es dann „ein demokratisches ‚Gerne wieder‘“. So ließe sich „eine Erinnerungskultur (…) entwickeln, die nicht nur warnt, sondern auch verbindet.“
- Schlechte Vergleiche: In der Juniausgabe 2026 des Merkur schreibt Martin Hartmann, Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern, über „Unterschiedsverlust – Warum die Urteilskraft durch schlechte Vergleiche verkümmert“. Vergleiche werden beispielsweise eingesetzt, um jemanden zu diskreditieren, Sachverhalte zu dramatisieren, zu relativieren oder zu bagatellisieren oder auch einfach um sich selbst als moralisch oder sonst wie überlegen, zumindest als Wissende:r, zu inszenieren. Wer vergleicht, lenkt Debatten in eine ihm beziehungsweise ihr genehme Richtung. Dies geschieht beispielsweise über die Gleichsetzung rechter und eher linker Publikationen und Portale, wie sie zuletzt die Bundestagspräsidentin vornahm, als sie die Methoden der Recherche von Nius und taz gleichsetzte (sogenannte Hufeisentheorie). Schließlich gilt „der Faschismusvorwurf (…) als ultimative Diskreditierung“, die die mit diesem Vorwurf Bedachten „gleichermaßen außerhalb jeder normalen gesellschaftlichen Entwicklung“ einordne, zugespitzt als „Hitler- und Nazi-Vergleiche“. Einen „nostalgischen Vergleich“ stellt die Parole „Make Amerika Great Again“ dar: „Man glaubt nicht nur, dass man schlecht dasteht, man glaubt, dass man schlechter dasteht als andere, denen ungerechtfertigte Vorteile eingeräumt werden.“ Eine differenzierende Sicht der Fakten findet dann nicht mehr statt. Martin Hartmann bezieht sich auch auf die von Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg 2021 ausgelöste Debatte über die Erinnerungskultur, ob der Holocaust und die deutschen Verbrechen in der Kolonialzeit miteinander verglichen werden dürften. Das Problem aller Vergleiche sei der „Ähnlichkeitsschein“. Hartmann schließt mit Michel de Montaigne, der in seinem Essay über die „Menschenfresser“ („Des cannibales“) schrieb: „Was mich ärgert, ist keineswegs, dass wir mit Fingern auf die barbarische Grausamkeit solcher Handlungen zeigen, sehr wohl aber, dass wir bei einem derartigen Scharfblick für die Fehler der Menschenfresser unseren eigenen gegenüber so blind sind.“
- Die Lust am Abriss: Stephen Holmes hatte gemeinsam mit Ivan Krastev in dem Buch „The Light That Failed“ (deutsch: Das Licht, das erlosch – Eine Abrechnung, Berlin, Ullstein, 2019) die verschiedenen Phasen der Wahrnehmung des sogenannten europäischen liberalen „Westens“ insbesondere in den jungen osteuropäischen Demokratien, in den USA, in Russland und China analysiert. Ein Vorbild wurde zum Schreckbild: „Genau wie einige ungarische und polnische Populisten mit ihrer Weigerung prahlen, den liberalen Westen zu kopieren, so fühlen sich Trump-Anhänger befreit, wenn sie hören, dass die in Harvard ausgebildeten Eliten nicht nur keine Vorbilder, sondern in einem ganz fundamentalen Sinne noch nicht einmal richtige Amerikaner sind.“ (Ähnlich argumentieren AfD-Politiker, wenn sie die Westdeutschen als „deutsch sprechende Amerikaner“) Am 8. Juni 2026 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein Gespräch von Nicolas Richter und Katharina Riehl mit Stephen Holmes: „Sie lieben es, dass der East Wing abgerissen wird“. Holmes sieht bei den Anhänger:innen Trumps zwar kein Interesse an dessen goldenem Ballsaal, aber Genugtuung über den Abriss. Trump könne zwar der „weißen Arbeiterklasse (…) keine bessere Zukunft bieten“, aber „die Zukunft der in Harvard gebildeten professionellen Elite an Ost- und Westküste zerstören. Ich kann ihre Universitäten, Zeitungen, das Nato-Bündnis, die Weltwirtschaft ruinieren. Das spricht Menschen an, die einen Groll haben, weil dann wenigstens etwas passiert.“ Es hilft letztlich nicht, populistischen Parteien und Politiker:innen vorzuwerfen, dass sie keine Lösungen hätten. Ähnlich wie Holmes argumentiert Annette Dittert in ihrem Buch „Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“ (Köln, DuMont, 2026): Die enttäuschten Labour- und Tory-Wähler:innen, die zu Reform UK überlaufen, glauben nicht, dass dies ihre Probleme löse, es reiche ihnen, wenn die regierenden Parteien zerstört würden. Dies zeige sich – so Stephen Holmes – auch in Ostdeutschland, sei aber ein Grundproblem einer liberalen Demokratie, die sich schwer damit tue, eine Vision zu vermitteln, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt: „Demokratie ist ein System konkurrierender, überzogener Versprechen, was natürlich Enttäuschung erzeugt. Die Enttäuschung wird dadurch bewältigt, dass regelmäßig Wahlen stattfinden. Wenn Sie also mit den Amtsinhabern unzufrieden sind, hoffen Sie, statt Gewalt anzuwenden, auf die nächste Wahl. Aber wenn Sie auch nach mehreren Wahlen feststellen, dass sich nichts ändert, dann funktioniert dieser Mechanismus zur Verarbeitung der Enttäuschung nicht mehr. Und dann wenden Sie sich gegen das System.“
- Faschismus und Scheinriesen: Am 21. Juni 2026 empfahl Heribert Prantl in seinem wöchentlichen Newsletter das Buch „Dieser Drang nach Härte – Über den neuen Faschismus“ der Philosophin Eva von Redecker (S. Fischer, 2026) unter anderem mit folgenden Sätzen: „Faschisten erkennt sie als Leute, die sich in der Position der Besitzverteidigung gegen angebliche Plünderer gefallen. Jedoch geht es ihnen gar nicht um realen Besitz und die mit ihm verbundenen Verteilungsfragen. Verteidigt wird illusorischer Besitz. Redeker erfindet dafür das Wort ‚Phantombesitz‘: Mein Land, meine Nation, meine Sprache, unsere Frauen, unsere Wahl – sie werden zum Quasi-Eigentum. Typisch ist deshalb Trumps Rede von ‚stolen elections‘. Phantombesitz ist wichtiger geworden als das materielle Auskommen und die Liquidierung der vermeintlichen Diebe und Räuber hat Vorrang vor allem anderen.“ Hinzufügen ließe sich „unsere Religion“. Ähnlich argumentiert Fintan O’Toole in seinem Essay „Gulliver’s Warning“ (in: New York Review of Books 25. Juni 2026). Diejenigen, die immer die eigene „Größe” oder die „Größe” der eigenen Geschichte, der eigenen Leistungen im Munde führen, tun dies vor allem, weil sie sich bedroht oder gar verlacht fühlen. Trump äußerte sich immer wieder dazu, dass doch alle die USA, ihn nicht ernst nähmen, belachten, schädigen wollten. „Since ‚nothing is great or little otherwise than by Comparison’, he is forced to hover neurotically between greatness and littleness. The terms of this comparison are strictly binary – there are only the great and the diminutive. One is either massively aggrandized or utterly mortified.” Verlustfantasien und Opferrhetorik dominieren: „The good leader offers mere concrete betterment; the great one offers the thrilling double act of victimhood and vengeance.”
- Messianismus in Nahost: Im Kontext der Beschlüsse der Linken auf ihrem Parteitag vom 20./21. Juni 2026 erinnerte die ZEIT auf ihrer Online-Seite an ein Interview, das Lenz Jacobsen und Nils Markwardt im Juli 2025 mit dem palästinensischen Philosophen Sari Nusseibeh geführt hatten: „Ich benutze das Wort Genozid nicht, und Sie sicher auch nicht“. Sari Nusseibeh vertrat eine Zeit lang die PLO, hatte aber auch eine zivile Friedensinitiative gegründet. Er sieht die im Jahr 2000 gescheiterten Verhandlungen in Camp David zwischen Ehud Barak, Jassir Arafat und Bill Clinton als „Schlüsselmoment“ und eine der Ursachen, die in den letzten Jahren zur Eskalation geführt haben. Auf beiden Seiten positionierten sich Extremisten, deren Ideologie und Triebkraft man in erster Linie als „Messianismus“ bezeichnen könne. „Heute ist nicht mehr der Zionismus das Problem, sondern das extremistische Judentum. Vor 20, 30 Jahren waren wir in der Lage, uns mit dem politischen Zionismus zu arrangieren, denn der Zionismus erwies sich als eine praktische, eine, wenn man so will, realistische Ideologie. Aber das extremistische, messianische Judentum ist eine göttliche Ideologie, und es ist unmöglich, damit Frieden zu schließen.“ Menschen in den palästinensischen Gebieten hätten sich zunehmend in sich selbst zurückgezogen. „Die palästinensische Handlungsfähigkeit wurde von der Hamas gekapert für ihren gewalttätigen Kampf. Die normalen Palästinenser können im Moment wenig tun, sie sind gefangen zwischen der Gewalt der Hamas und der Untätigkeit und Unfähigkeit der palästinensischen Autonomiebehörde. Erst, wenn es wieder Wahlen gibt, können die Palästinenser wieder handlungsfähig werden und eine Regierung bekommen, die so vernünftig ist, Frieden mit Israel schließen zu wollen, und zugleich für jene Freiheit und Unabhängigkeit kämpft, nach der sich die Palästinenser schon so lange sehnen.“ Rhetorik dominiere die Politik, es gebe ein Missverhältnis zwischen den Vorstellungen in den Bevölkerungen und dem Handeln der Regierungen. „Die Worte, die in einem politischen Konflikt verwendet werden, dienen weniger der Beschreibung der Realität. Sie sind vor allem Instrumente in diesem Konflikt, sie sind Waffen und Machtinstrumente. Wer von Genozid oder Apartheid spricht, tut das, um juristische und symbolische Macht aufzubauen.“ Nusseibeh plädiert für ein Ende der Gewalt. Er hofft, dass „die israelische Gesellschaft sich zu reformieren beginnen (wird). Die vielen Menschen, die die rechtsextreme Politik der Regierung nicht unterstützen und die ihr eine Art feindliche Übernahme der israelischen Demokratie vorwerfen – sie werden lauter werden. Und ich denke, dass dies schließlich zu einem Regierungswechsel führen wird.“
- Kein Ende der Geschichte: Francis Fukuyama wird immer wieder mit dem Titel eines Aufsatzes und des folgenden Buches zitiert, in denen er mit dem Zusammenbruch des sowjetischen Herrschaftsbereichs das „Ende der Geschichte“ diagnostiziert habe. In einem Gespräch mit Moritz Baumstieger, das die Süddeutsche Zeitung am 31. Mai 2026 veröffentlichte, spricht er über sein neues Buch „Der letzte Mensch – Wohin steuert die Welt“ (Hamburg, Hoffmann & Campe, 2026). Er vermutet, dass viele seiner Leser:innen die letzten fünf Kapitel seines damaligen Buches nicht gelesen hätten, in denen er sich bereits auf Nietzsches Figur des „Letzten Menschen“ bezogen habe. Die Süddeutsche Zeitung überschreibt das Interview mit seiner Aussage: „Was ich nicht ahnte: dass Trump bloßer Reichtum nicht genug sein werde“. „Im Buch damals hatte ich eine Passage, die sagte, dass Menschen, wenn sie nicht mehr für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen können, weil diese bereits erreicht wurden, irgendwann gegen die Demokratie kämpfen werden. Genau das sehen wir heute – und wir sehen es eher auf der rechten politischen Seite als auf der linken.“ Trump entspreche nicht unbedingt dem Bild des „Letzten Menschen“, da ihm Reichtum nicht genüge. Demokratie sei gefährdet, weil „im Menschen der Drang angelegt ist, als größer als andere anerkannt zu werden“. Dies praktiziere Trump, indem er das Bild eines überlegenen Amerikas postuliere, das letztlich natürlich Produkt seiner eigenen Überlegenheit sei, an der alle, die ihm folgen, aber teilhaben könnten. Nur die, die ihm folgten, seien „wahre Amerikaner“ („heritage Americans“): „Das ist eine Rückkehr zum alten europäischen Verständnis von Nationalismus, bei dem man über Blut und Boden definiert wird. Sie in Deutschland kennen das ja.“
- Achtsamkeit: Wer die Netflix-Serie „Achtsam morden“ gesehen (die zweite Staffel ist jetzt online) oder die dieser zugrundeliegenden Romane von Karsten Dusse gelesen hat, erhält vielleicht einen anderen Blick auf dieses Thema. Kathrin Fischer, die manche über den Podcast „Erschöpfung statt Gelassenheit“ kennen, hat beim Verlag hanserblau das Buch „Achtsam geht die Welt zugrunde – Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert“ veröffentlicht. In einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel vom 20. April 2024 mit dem Titel „Anleitung zur Weltvergessenheit“ fasst sie ihre Analysen und Thesen zusammen. Es gebe eine gut gebildete Mittelschicht ohne finanzielle Sorgen, die zwar nicht in der Lage sei, in eine finanziell mehr als gut ausgestatte Oberschicht vorzudringen, auch nicht Gefahr laufe, ihren Status zu verlieren, aber aus ihrem Status moralische Überlegenheit ableite, die sie als „Lebensstil“ zur Schau trage. Diese „neue Mittelklasse“ habe Macht, „sie versteht weder die historischen noch die sozialen, politischen oder ökonomischen Grundlagen dieser Macht. Sie ist welt- und abhängigkeitsvergessen und kann sich selbst nicht als Produkt sozialer Strukturen begreifen. Psychologisch könnte man sagen: Die neue Mittelklasse hat ein Narzissmus-Problem.“ Ihr Anspruch: „Wer sich verändert, verändert die Welt.“ Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass diejenigen, die sich nicht verändern (wollen), der Welt schaden. „Gelassenheit“ müsse man sich schon leisten können. Wer jedoch „gelassen“ arbeite, werde schnell als „faul“ „Im Grunde verhält sich die achtsame Mittelklasse wie die Milliardäre (Link: NR), die sich mit Bunkern und Marsplänen auf eine apokalyptische Zukunft vorbereiten und so auf Abschottung und individuelle Souveränität setzen: In Ermangelung physischer Ressourcen wie Besitz von Land, Geld und Einfluss verwendet die neue Mittelklasse stattdessen psychische Ressourcen und kultiviert eine toxische, weil fahrlässige Gelassenheit: Sie zieht in den inneren Bunker, predigt Achtsamkeit und nennt das Rettung der Welt.“ Diese „neue Mittelklasse“ mache Einzelne für jedes Unheil verantwortlich statt über zu verändernde Strukturen nachzudenken.
- Hitler-Stalin-Pakt: Der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 beziehungsweise die in einem geheimen Zusatzprotokoll vereinbarte, nach den damaligen Außenministern benannte, Molotow-Ribbentrop-Linie sind zumindest aus dem westeuropäischen Bewusstsein verschwunden. In den osteuropäischen Staaten des ehemaligen sowjetischen Herrschaftsbereichs sieht das anders aus. Beispielsweise erinnern sich Menschen in den drei baltischen Staaten an den „Baltischen Weg“, die Menschenkette vom 23. August 1989, mit der Hundertausende für die Unabhängigkeit der drei Staaten demonstrierten. Die Molotow-Ribbentrop-Linie entspricht weitgehend den heutigen Grenzen mit dem Machtbereich der ehemaligen Sowjetunion einschließlich von Belarus, Moldawien und der Ukraine. Auf der anderen Seite, heute auf den Gebieten der Europäischen Union, liegen jedoch Estland, Lettland und Litauen. Die Bundeszentrale für politische Bildung zeigt in einer von Christoph Meißner kuratierten (frei zugänglichen) Onlineausstellung „Riss durch Europa – Die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts“ die Inhalte einer gleichnamigen Wanderausstellung des Berliner Museums Berlin-Karlshorst und des Lehrstuhls für Osteuropäische Geschichte der HHU Düsseldorf von 2024 / 2025. Zu sehen sind Karten, die belegen, was der Hitler-Stalin-Pakt für die einzelnen Staaten bedeutete. Ferner enthält die Ausstellung Dokumente, Biographien der von Grenzveränderungen betroffenen Menschen sowie Hinweise auf die gespaltene Erinnerung der Menschen in Europa. Drei Historiker:innen aus Belarus, Moldawien und der Ukraine berichten, welche Folgen der Pakt jeweils für ihre Länder hatte. Es gibt eine Debatte, den 23. August zu einem gemeinsamen Gedenktag in Europa zu machen. Ergänzend zu empfehlen sind die Bücher „Bloodlands“ von Timothy Snyder (die deutsche Ausgabe erschien bei C.H. Beck) sowie „Offene Wunden Osteuropas“ von Katja Makhotina und Franziska Davies (erschienen bei WBG Theiss, aber auch über die Bundeszentrale für politische Bildung erhältlich, vorgestellt im Mai 2022 im Demokratischen Salon unter dem Titel „Sternenstaub im Wind“).
- Die Demokratie der First Nations: In der Süddeutschen Zeitung berichtet Boris Hermann am 12. Juni 2026 über die vielleicht älteste Demokratie auf dem Gebiet der heutigen USA: „250 Jahre USA: Dann feiert mal schön“. Einer seiner Gesprächspartner war Chief Joagquisho vom Volk der Onondaga, inzwischen 96 Jahre alt: „Die amerikanischen Ureinwohner haben diese Weltgegend nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen relativ bald nach dem Ende der letzten Eiszeit besiedelt, also etwa vor 10 000 bis 12 000 Jahren. Sie haben hier schon Gesellschaften gegründet, Ackerbau betrieben und Spuren im Schnee hinterlassen, bevor in der sogenannten Alten Welt die Ägypter ihre Pyramiden, die Griechen ihre Tempel und die Römer ihre Thermen bauten.“ Bevor Europäer das Land erreichten, gab es eine föderal organisierte Basisdemokratie der Onondaga mit den Mohawks, Oneidas, Cayugas und Senecasa. (Der Name „Irokesen“ kam von den französischen Besatzern.) Jeder Clan wurde „von einer Clan-Mutter regiert“, die männliche Anführer abberufen konnte. Bereits im Jahr 1142 gab es ein Friedensbündnis: „In ihrem ‚Great Law of Peace‘ formulierten die Mitglieder der Konföderation ihre gemeinschaftlichen Prinzipien: darunter die Teilung der Gewalten, die Idee, dass die Macht nicht von Einzelnen, sondern von Vielen ausgehen müsse, sowie die Vorläufer des modernen Föderalismus. Sie gründeten, wenn man so will, im 12. Jahrhundert die Vereinigten Staaten der Haudenosaunee.“.“ Das Dokument enthält 117 Punkte, die mündlich überliefert werden. „Und nur die Weisesten der Weisen könnten diese Gesetze in ihrer vollen Schönheit vortragen. Denn das dauert mehrere Tage.“ In den offiziellen US-amerikanischen Geschichtsbüchern wird diese Tradition nicht erwähnt. „‚Die Geschichte Europas ist eine einzige Abfolge von Kriegen. Aber sie nennen uns die Wilden‘, sagt Joagquisho.“ Joagquisho „sprach als Vertreter aller indigenen Stammesnationen Nordamerikas vor der UN-Generalversammlung in New York, vor der UN-Menschenrechtskommission in Genf und beim Earth Summit in Rio de Janeiro. Er traf sich mit Michael Gorbatschow im Kreml, mit Joe Biden in Syracuse, und er dachte sich zusammen mit Marlon Brando eine der legendären Protestaktionen in der Geschichte der Oscar-Verleihungen aus.“
- Obergrenze für die Bevölkerung: Sogenannte „Obergrenzen“ spielen in Debatten über die Zuwanderung immer wieder eine Rolle. Sie bezogen sich aber immer auf die Zahl der Zuwandernden, nicht auf die gesamte Bevölkerung. In Deutschland gibt es von Seiten der AfD Erklärungen, die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland auf 60 Millionen Menschen zu reduzieren, ein Vorhaben, das nur mit groß angelegten Deportationen realisierbar wäre. In der Schweiz wurde am 14. Juni 2026 darüber abgestimmt, ob man eine Obergrenze der Bevölkerung bei zehn Millionen Menschen in der Verfassung verankern solle. Die Initiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP) wurde abgelehnt. In „Geschichte der Gegenwart“ vom 31. Mai 2026 kommentierte der Basler Historiker Jonathan Pärli diese Initiative: „Missbrauchte Migration – Das doppelte Spiel der SVP mit der Zuwanderung“. In die Schweiz seien (Menschen-)Rechte immer wieder als „Privilegien“ ausgelegt worden: „Es geht der Partei keineswegs darum, Arbeitsmigrant:innen von der Schweiz fernzuhalten, solange diese von den Unternehmen nachgefragt werden. Es geht darum, die vom ‚Wirtschaftsstandort‘ angezogenen ausländischen Arbeitnehmenden (wieder) zu entrechten, soweit es die Umstände zulassen. Mit Frisch kann man sagen: Die SVP möchte, dass die Konzerne und Betriebe wieder nach Arbeitskräften rufen können, die ihr Menschsein an der Grenze abstreifen müssen, weil etwa der Familiennachzug kein Recht mehr darstellt, sondern ein Privileg. Dieses Privileg soll die Schweiz allenfalls im Einzelfall international besonders gesuchten Spezialist:innen gewähren, die ihre Arbeitskraft ansonsten woanders verkaufen.“ Die Förderung des Standortes führe notwendig zu Zuwanderung, nicht zuletzt auch aufgrund der Steuerpolitik, auf deren Rolle der Journalist Yves Wegelin hingewiesen habe: „Wie die SVP Hunderttausende Arbeitskräfte in die Schweiz holte“. In den 1980er Jahren sahen Menschen, die sich gegen Einschränkungen des Asylrechts engagierten, die Angriffe auf die Rechte von Zugewanderten als Test für später mögliche Angriffe auf die Rechte von Inländer:innen. Letztlich bereichern sich Unternehmen und Superreiche auf Kosten der in ihrer Freizügigkeit eingeschränkten Arbeiter:innen. Ergänzend ließe sich fragen, ob auf diese Weise eine moderne Form der Sklaverei eingeführt werden könnte. Die Lebensbedingungen von indischen Lieferdienstfahrern in Deutschland lassen dies vermuten.
- „Negative Identitätspolitik“: Am 29. März 2026 veröffentlichte der Berner Philosoph Luca de Blasi im Internet-Magazin „Geschichte der Gegenwart“ seinen Essay „Der weiße Christ – Wie die Identitätspolitik an ihr anderes Ende gelangte“: Mit dem Begriff der „negativen Identitätspolitik“ beschreibt er wie weiße christliche männliche Nationalisten die ursprünglichen Absichten von Jean-Paul Sartre oder des Combahee River Collective für sich umwerteten, sich selbst als die eigentliche marginalisierte Opfergruppe verstehen und damit in weiten Kreisen Erfolg haben. Er habe jedoch nicht vorausgesehen, dass diese Bewegung ihren Erfolg als „christliche“ Bewegung erlangte: „In der woken Rechten gelangt eine postessentialistische Identitätspolitik an ihr anderes Ende – und zugleich an ihr Ende. Sie hat das gesamte politische Spektrum durchquert, sich dabei reessentialisiert, radikalisiert und reaffirmiert nun, auf christlich-nationalistischer Grundlage, rechtsextreme Kategorien, deren Überwindung die Basis der Identitätspolitik nach 1945 gebildet hatte.“ Ein Schlüsselmoment sei die Beerdigung von Charles Kirk geworden, „ein rechter, weißer, heterosexueller und bekennender konservativer Christ. Eben das schien die Selbstwahrnehmung vieler weißer Konservativer zu bestätigen, potenzielle Opfer von gegen sie gerichteten Entwicklungen und Angriffen geworden zu sein.“ Den „nahtlosen Übergang von einer woken christlichen Rechten zu einem christlichen Rechtsextremismus“ bilde Nick Fuentes, der sich „offen rassistisch und misogyn“, antiisraelisch und antisemitisch äußere. Auch Fuentes inszeniere sich ausdrücklich als Christ. Allerdings gibt es auch Anzeichen für eine Spaltung der Rechten, von der wiederum die Linke profitiere, wie dies Zohran Mamdani gezeigt habe, indem er „identitätspolitische Einseitigkeiten und Rigorismen der Woke-Jahre hinter sich lässt – und zu einer materiellen Politik zurückkehrt“.
- Von den italienischen Futuristen zu Peter Thiel: Unter rechtsextremen Theoretikern wird die Hegemoniethese von Antonio Gramsci immer wieder als eine Art Handlungsanleitung zitiert, wie man mit der Zeit die gesellschaftlichen Entwicklungen dominieren könne, stets in Verbindung mit den antidemokratischen Thesen von Carl Schmitt. Gramsci hätte diese feindliche Übernahme seiner Schriften und seiner Person heftig kritisiert, während ein anderer italienischer Theoretiker des frühen 20. Jahrhunderts eine solche Übernahme begrüßt hätte: F.T. Marinetti. David Lange zieht in seinem Essay „Die Macht des Manifesten in Zeiten der Hyperpolitik“ (in: Geschichte der Gegenwart vom 3. Mai 2026) eine Linie vom italienischen Futurismus zum jüngsten Manifest von Palantir und Peter Thiel, dem Manifest für die „Technologische Republik“ („The Technological Republic“). Das Lob der Geschwindigkeit, der Disruption und der Zerstörung (heute würde man an Mileis „Kettensäge“ denken, die auch Elon Musk auf Bühnen schwang) paarte sich mit der Wut gegen alles Althergebrachte, gegen Bibliotheken, Archive, Museen: „Kriegsverherrlichung, Misogynie und Protofaschismus sind zentrale Bestandteile des futuristischen Manifests.“ Lange beschreibt das Umfeld und die Quellen des Palantir-Manifests im Detail. Den Begriff der „Hyperpolitik“ übernimmt er von Arnim Jäger, der diesen Begriff unter anderem im Juli 2024 in der ZEIT Bei Peter Thiel kommt seine religiöse Begeisterung für den Kampf gegen den „Antichristen“ hinzu.
- Ausgeladen: Bei den Wiener Festwochen 2026 sollte Peter Thiel mit dem Theologen Wolfgang Palaver Das Gespräch fiel aus, weil etwa 50 Künstler:innen drohten, bei einer Einladung Thiels abzusagen. Am 2. Juni 2026 veröffentlichte die ZEIT ein Gespräch von Sven Behrisch und Carlotta Wald mit Milo Rau, dem Intendanten der Wiener Festwochen: „Thiel war bewusst, dass das ein gefährlicher Raum für ihn ist“. Milo Rau hält die Ausladung für falsch: „Es wäre das erste Mal gewesen, dass sich Peter Thiel einer Debatte ausgesetzt hätte, die öffentlich ist, antagonistisch, mit Publikumsfragen und Journalisten. (…) Einen Peter Thiel nicht einzuladen und zu konfrontieren, ist so, als würde man versuchen, die Wirklichkeit auszuschließen. (…) Dass wir das Gespräch nicht durchziehen konnten, hat ganz generell damit zu tun, dass wir das existenzielle Scheitern verlernt haben.“ In einem anderen Fall hatte Milo Rau Erfolg: „Wir haben gerade am Wochenende ein Glaubenstribunal abgehalten, da waren iranische Dissidenten und Vertreter des Gottesstaates. Wir hatten den Chefredakteur von Charlie Hebdo da, der den islamistischen Anschlag überlebt hat, und den Islamkritiker Hamed Abdel-Samad, beide mit Polizeischutz. Ein Imam war auch da, ein Ordensbruder, dazwischen saß Inna Schewtschenko von Femen. Also Menschen mit sehr unterschiedlichen, auch gefährlichen Positionen, die sonst nicht im selben Raum auftreten. Ich glaube, da haben wir etwas Utopisches geschafft.“ Milo Rau vergleicht die Absage an Peter Thiel mit den Protesten gegen ein Projekt von Christoph Schlingensief, in Wien auf dem Opernplatz Container mit Geflüchteten aufzustellen, aus denen das Publikum jeden Tag wie in der Show „Big Brother“ zwei herauswählen konnte. „Der wurde damals auch von Linken gestürmt. Die linke Demonstrationsgesellschaft, das ist, sinngemäß, mein Lieblingszitat von ihm, darf nicht gewinnen. Wir müssen den Raum der Kunst verteidigen, in dem Dinge möglich werden, die vielleicht in der Wirklichkeit nicht möglich sind.“ Als weitere Hintergrundinformationen sind zu empfehlen: Im Museum für Angewandte Kunst ist noch bis zum 13. September 2026 die Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem!“ über Christoph Schlingensiefs Projekte zu sehen. Der Sender 3Sat zeigte am 8. Juni 2026 einen Bericht mit dem Titel „Peter Thiel und der Antichrist“, in dem auch Wolfgang Palaver und Milo Rau zu Wort kamen. Volker Weiß stellte sein Buch „Katechon – Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart“ vor, in dem er die Ansichten Peter Thiels mit den anti-demokratischen Thesen von Carl Schmitt vergleicht. Es lohnt sich, Milo Rau zu lesen, beispielsweise seinen Essay „Die Rückeroberung der Zukunft“ (Hamburg, Rowohlt, 2023). Dort schreibt er: „Insofern appelliere ich an unser aller Großzügigkeit. Denn seltsamerweise wird unser Blick enger, unsere Binnen-Moral strenger, je größer und globaler die Bedrohung des Lebens ist, welches wir führen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir diese Lektion aus unserer Geschichte gelernt haben: die Uneinigkeit der Wohlmeinenden stärkt die Herrschaft des Tatsächlichen. Und dem Minimaldissens hat einen großen Bruder: den Skeptizismus. (….) Aber spätestens mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus hat sich die Waffe des Skeptizismus gegen die Aufklärung selbst gewandt.“
- Intellektuelle in China: In der Juniausgabe 2026 der Kulturzeitschrift Merkur zu lesen ist der Beitrag „Atemräume unter Vorbehalt – Diskursinfrastruktur und Loyalitätsregime: Intellektuelle in der Xi-Ära“ des Historikers und Politikwissenschaftlers Stefan Messingschlager. Seine Beobachtung: „Öffentlichkeit verwandelt sich in der Xi-Ära in logistischer Hinsicht – eine Frage von Format, Reichweite, Auffindbarkeit, Risiko“. Um China zu verstehen, dürfe man nicht nur „nach spektakulären Verhaftungen oder nach großen Kampagnen“ „Das Entscheidende sind die kleinen Architekturen: Satzungen, Algorithmen, Förderlinien, Gremien, Evaluationskriterien.“ Messingschlager analysiert die „Bedingungen“, unter denen in China „noch Diskursräume“ möglich sind. Entscheidend sei der Begriff eines „Loyalitätsregime“. Dieses bewirke „Selbstzensur“ und „Vereinzelung“. Jede Debatte werde eine „kuratierte Debatte“: „Das Regime kann begrenzte Expertise nutzen, ohne seine Deutungshoheit zu riskieren.“ Algorithmen unterstützen dies, weil bestimmte Positionen zwar formuliert und vorgetragen werden können, aber letztlich kaum auffindbar sind. Es geht nicht darum, solche Äußerungen zu verhindern, solange sie keine größere Bewegung auslösen. Für die einzelnen Intellektuellen bedeutet dies: „Ein Loyalitätsregime wirkt wie ein Filter vor der Frage: Welche Art von Problem darf man ansprechen, welche Art von Evidenz gilt als relevant, welche Begriffe gelten als anschlussfähig?“
- Minderheiten in China: Kai Biermann, Vivien Chang, Sascha Venohr und Benja Zehr haben am 29. Juni 2026 auf ZEIT-online eine Reportage veröffentlicht, die belegt, wie rigoros die chinesische Führung gegen Minderheiten vorgeht. Minderheiten verschwinden aus dem Straßenbild. Offiziell wird dies als Beitrag zu „Stabilität und Harmonie“ Dies gilt nicht nur, wie durch die Prominenz des Dalai Lama bekannt, im ursprünglich buddhistischen Tibet oder, wie gelegentlich berichtet, gegenüber den muslimischen Uiguren. Die ursprünglichen tibetanischen und uigurischen Mehrheiten werden durch Ansiedlung sowie Zwang zur Assimilation zu Minderheiten. Das Programm heißt „Sinisierung der Religionen“. An Moscheen werden Kuppeln und Minarette, Spitzbögen und Ornamente entfernt, arabische Schriftzeichen durch chinesische ersetzt. Viele Moscheen wurden zerstört, manche dienen nur noch als Touristenattraktion. An Kirchen verschwinden die Kreuze, Christ:innen werden verfolgt, viele haben sich inzwischen in Untergrundkirchen zurückgezogen. Der Staat arbeitet an einer Neu-Übersetzung der Bibel. Repräsentant:innen der Religionen werden inhaftiert. An mongolischen Gebäuden verschwinden die an Jurten erinnernden Kuppeln, die in der mongolischen Tradition wichtige Farbe Blau wird durch Grau ersetzt. Überall werden chinesische Fahnen angebracht. Imame und Priester dürfen nur predigen, wenn sie vom Staat zertifiziert wurden, sie müssen sich verpflichten, Staat und Partei zu verehren. Gottesdienste beginnen mit dem Singen der Nationalhymne. „Eltern müssen ihre Kinder künftig dazu erziehen, ‚die Kommunistische Partei zu lieben‘. Schulen, Behörden, Unternehmen oder Tourismusanbieter müssen das Bewusstsein einer ‚gemeinsamen chinesischen Nation‘ stärken. Woran sich diese auszurichten hat, regelt das Gesetz ebenfalls: an der staatlich vorgegebenen Geschichtsschreibung, an der ‚chinesischen Kultur‘ und der Loyalität zu Vaterland und Partei.“ Die Reportage zeigt anhand der Street-View-Plattform der chinesischen Plattform Baidu Bilder, wie bestimmte Gebäude oder Straßenzüge vor beziehungsweise nach dem Eingriff der chinesischen Behörden aussahen. Eine Karte zeigt die Präsenz von Minderheiten in China. Manches ist auf Handy-Videos dokumentiert, die die Autor:innen der Reportage jedoch nur sehen durften, wenn sie zusicherten, sie nicht zu veröffentlichen. Gespräche mit betroffenen Menschen waren nicht möglich. Die „Angst vor Verfolgung“ war zu groß.
- Genozid in der Ukraine: Zu den Definitionen des Genozids gehört die kulturelle Auslöschung einer Bevölkerungsgruppe. Die PEN-Organisation hat eine eigene Seite eingerichtet (in ukrainischer und in englischer Sprache), auf der alle Kunst- und Kulturschaffenden genannt werden, die Russland im Krieg zur Unterwerfung der Ukraine ermordet hat. Sie werden mit Todesjahr, der Art und Weise ihres Todes und ihrem Betätigungsfeld genannt. Initiatorin des Projekts war Tetiana Teren. Die lange Geschichte der Zerstörung ukrainischer Kultur, durch Verbot der Sprache, durch Leugnung der eigenen ukrainischen kulturellen Identität, hat zuletzt Martin Schulze Wessel in seinem Buch „Die übersehene Nation“ (München, C.H. Beck, 2025) ausführlich dokumentiert.
- Staatsterror im Iran: Ergänzend zu dem im Juni 2026 im Demokratischen Salon veröffentlichten Gespräch mit Bahram Moradi über seinen Roman „Das Gewicht der anderen“ (Göttingen, Wallstein, 2026) sind zum Thema Bücher von Raha Nik-Andisch (Pseudonym) und Nila zu empfehlen. Raphael Geiger empfahl am 1. Juni 2026 in der Süddeutschen Zeitung die „Teheran Tagebücher“ von Raha Nik-Andisch (Ullstein, deutsche Übersetzung von Asal Dardan): „Das Buch, das die Stille durchbricht“. Die Tagebücher enthalten Augenzeugenberichte unter anderem von den Massakern vom 8. und 9. Januar 2026. Susan Vahabazadeh schrieb am 8. Februar 2026, ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung, über das Buch „Auf den Straßen Teherans“ von Nila (Pfaueninsel): „Volk in Rage“: „Die Tage, die sie beschreibt, sind aber auch vor der Niederschlagung der Proteste schon so bestimmt von Einschüchterung, Mord, Vergewaltigung und Folter, dass man sich zu fragen beginnt, wie viele Menschen in Iran, sich, so wie Nila, längst in ihrer Todesangst eingerichtet haben. (…) Was immer auch als Nächstes kommt: Sie hat dokumentiert, was sie gesehen hat, die Wut und den Todesmut der Verzweiflung.“ Im Tagesspiegel veröffentlichte Mahtab Qolizadeh am 17. Juni 2026 Gesprächsprotokolle zur Verzweiflung der Menschen im Iran angesichts des sogenannten Friedensabkommens zwischen den USA und dem Iran, das den Terror der iranischen Regierung gegen die eigene Bevölkerung in keiner Weise einschränke, im Gegenteil. Eine der Gesprächpartner:innen sagte: „Ich hatte nie das Gefühl, dass wir irgendjemandem wichtig sind – oder dass jemand sieht, was die Islamische Republik uns antut. In den vergangenen zwei oder drei Monaten war das für kurze Zeit anders. Ich dachte, irgendwo auf der Welt hat uns jemand wahrgenommen und kommt, um uns zu helfen. Jetzt ist all das in Rauch aufgegangen.“
- Ebola: Für den Tagesspiegel sprach Eva Murašov mit Jean-Jacques Muyembe-Tamfun, Direktor des Institut National de Recherche Biomédicale in Kinshasa, der als Entdecker des Ebola-Virus gilt: „Wenn Afrika nicht stark ist, wird Europa die Rechnung zahlen.“ Muyembe-Tamvun ist 84 Jahre alt. Er beschreibt, dass man bei jedem Ausbruch von vorne beginnen müsse, ebenso bei der Prävention, um weitere Ansteckungen zu verhindern. Manche leugneten die Existenz von Ebola, manche ließen nicht davon ab, die toten Angehörigen mit den Händen anzufassen. Manche glauben, Ebola werde von Fremden importiert oder es handele sich um eine Erfindung der Regierung. Behandlungszentren wurden angezündet. Ein großes Problem sei auch die Logistik. So müssten Proben über längere Strecken, oft über mehrere Tage transportiert werden. Beim Transport werde immer wieder die Kühlkette unterbrochen. Hinzu kommt angesichts der Kämpfe zwischen Militär, Rebellengruppen und Milizen die prekäre Sicherheitslage. Um eine Ausbreitung der Epidemie zu verhindern, sei es erforderlich, etwa 80 Prozent der Verdachtsfälle zu verfolgen. Dies gelinge jedoch Mitte Juni 2026 nur bei etwa 50 Prozent. „Diese Epidemie ist viel komplexer und schwerwiegender, als ich dachte. In kurzer Zeit hat sie sich hier in drei Provinzen ausgebreitet, zudem in Uganda und jetzt auch im Südsudan. Mittlerweile gehe ich davon aus, dass es wohl mehr als sechs Monate dauern wird.“ Die Menschen könnten am besten erreicht werden, wenn wichtige Persönlichkeiten zur Unterstützung gewonnen werden könnten, insbesondere Stammeschefs oder katholische Priester. Die Unterstützung aus Europa und aus den USA sei unzureichend, auch aus China gebe es noch keine systematische Unterstützung. Es gibt eine Kooperation mit Japan. Immerhin kommen junge Leute, die im Ausland studiert hätten, inzwischen alle wieder zurück. „Europa und die westliche Welt sollten Afrika vor allem beim systematischen Erfassen neuer Infektionsfälle und der Kontaktverfolgung helfen. Dazu müssen Krankenhäuser, Diagnostikzentren und Forschungsinstitute aufgebaut werden. Außerdem würde es uns helfen, Impfstoffe und Medikamente selbst herstellen zu können.“
- Die Ostsee: Die Ostsee ist neben dem Südchinesischen Meer, der Karibik und dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer eines der fünf Mittelmeere der Welt. Dem Mittelmeer hat der französische Historiker Fernand Braudel ein eindrucksvolles und nach wie vor bedeutendes Werk gewidmet hat (eine deutsche Ausgabe erschien in drei Bänden bei Suhrkamp). Das Schwarze Meer war Schauplatz mehrerer Kriege. Schon im sogenannten „Krimkrieg“ des 19. Jahrhunderts ging es um die Beherrschung der Namen gebenden Halbinsel, die seit 1991 Staatsgebiet der Ukraine war, jedoch seit 2014 von Russland besetzt ist. Orlando Figes nannte den „Krimkrieg“ im Untertitel seines Buches „Der letzte Kreuzzug“ (die deutsche erschien im Berlin Verlag). Aber auch die anderen Meere waren Gegenstand historischer Untersuchungen und so manch mythologischer Erzählung. Die Piraten der Karibik wurden Filmhelden, die es mit Odysseus als unfreiwillig durch das Mittelmeer Reisendem oder der Geschichte von Jason und Medea im Schwarzen Meer aufnehmen können. Das angeblich untergegangene Vineta ist sozusagen das Atlantis der Ostsee, dem Piraten Klaus Störtebeker sind jährliche Festspiele auf Rügen gewidmet. Die Ostsee wird in verschiedenen Sprachen das Baltische Meer genannt, man könnte sie auch als das Skandinavische Meer bezeichnen, zumal es einige Zeit gab, in der Dänemark im Westen und Schweden im Norden, im Süden und im Osten die Küsten beherrschten. Die schwedische Herrschaft endete mit der Niederlage Karls XII. gegen Peter den Großen und diese ist für die russische Seite nach wie vor eine der Erzählungen, auf die sich Putin beruft, um seine Ansprüche auf Wiederherstellung der Sowjetunion beziehungsweise des Zarenreichs – das lässt er in der Regel offen – zu legitimieren. Nils Markwardt hat am 2. April 2026 in der ZEIT in einem Essay die geopolitische Geschichte der Ostsee beschrieben: „Europas Zukunft wird in der Ostsee entschieden“. Die Ostsee ist nicht nur Ferienregion, sie ist der Ort eines hybriden Krieges, in dem vor allem die sogenannte russische Schattenflotte Schäden bewirkt, und sie ist ein Ort ökologischer Fehlentwicklungen. Nils Markwardt nennt drei Lehren, die uns die Ostsee geben könne. In der Ostsee trafen sich schon immer verschiedene große Reiche mit ihren Interessen, lange Zeit dominierte allerdings eine von nicht nur unmittelbar am Ostseeufer liegenden Städten mit ihren Wirtschaftsinteressen betriebene Organisation, die Hanse. Aber: „Wer Kaufmann war und wer Pirat, das war stets nur eine Frage der Perspektive. Oder des Timings.“ Es herrschte ein „maritimer Beutekapitalismus“, einer der Piraten war der legendäre Klaus Störtebeker, letztlich ein Warlord: „So konnte aus dem Gewaltunternehmer Störtebeker eine Art Robin Hood der Ostsee werden, der in der DDR-Propaganda sogar zum Antikapitalisten avant la lettre“ Ein zweiter Punkt ist der Einfluss Russlands, der vor allem von Deutschland gegen die Interessen anderer Staaten gefördert wurde, nicht zuletzt mit Nordstream I und II, aber auch schon zu Zeiten der Hanse. Der dritte Punkt ist die fragile Ökologie der Ostsee, deren Salzgehalt von West nach Ost stetig abnimmt und vor allem dann gefährlich wird, wenn der Wasserstand auf längere Zeit, möglicherweise auf Dauer zu niedrig bleibt, sodass kein Frischwasser aus der Nordsee nachfließen kann. Auch die russischen Schiffe sind „ökologische Zeitbomben“. Es gibt Planspiele, den Beginn eines Dritten Weltkriegs in der Ostsee verorten. Allerdings gibt es auch Hoffnung, da „kaum ein Meer auf der Welt heute so gut gemanagt wird wie die Ostsee.“ Nils Markquardt nennt mehrere Abkommen, beginnend mit der Helsinki-Konvention von 1974. Mehrfach zitiert er Thomas Mann, zum Abschluss des Essays seine Rede „Lübeck als geistige Lebensform“ (1926): „Das Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit, des Nichts und des Todes, ein metaphysischer Traum.“
- Künstliche Intelligenz(en): Die Aprilausgabe 2026 des Merkur präsentiert in einem Schwerpunkt zur Künstlichen Intelligenz sechs Beiträge, unter anderem über Rolle, Funktionsweise und Perspektiven von Large Language Models. Der Band bietet einen ausgezeichneten Überblick über die Perspektiven technologischer, philosophischer, rechtlicher und politischer Diskurse, die im Zusammenhang diskutiert werden sollten. Paola Lopez konstatiert im Anschluss an Arvind Narayanan und Sayash Kapoor, dass wir eigentlich gar nicht wissen, wovon wir sprechen, wenn wir über KI sprechen. Es sei etwa so, als gäbe es für alle Fahrzeuge, vom Fahrrad bis zum Raumschiff nur den einen Begriff „Fahrzeug“: „Das Sprechen über KI in unserer Welt sei genauso, KI sei ein schillernder Sammelbegriff, der mitunter sehr unterschiedliche Technologien bezeichnen kann.“ Dies gelte selbst in der Mathematik, sei im Recht jedoch schwierig, da rechtliche Regelungen eindeutige Unterscheidungen brauchen. James Somers fragt: „Und wenn sie doch denkt?“ (das englische Original erschien am 3. November 2025 im New Yorker). Lässt sich die Funktionsweise unseres Gehirns in eine Maschine hineinkopieren, die letztlich selbstständig zu denken beginnt? In dem Essay referiert Somers Skeptiker und Gläubige, er selbst plädiert für einen differenzierenden Zugang, denn: „Wenn wir über KI sprechen, vermischen wir häufig diese verschiedenen Formen des Denkens, entsprechend oberflächlich sind unsere Urteile.“ Dies gelte in beide Richtungen. Athanasios Karafillidis schreibt über die Regulierung Künstlicher Intelligenz und sieht uns in einer den Frühzeiten des Internets vergleichbaren Phase: „Historisch betrachtet hat die politische Regulierung gesellschaftlich besonders folgenreicher Großtechnologien und ihrer Infrastrukturen Innovation nicht gehemmt, sondern im Gegenteil erst ermöglicht.“ Jede Regulierung schaffte im Grunde auch neue Widersprüche. Lisa Herzog analysiert „KI-gemanagte Arbeit“ aus philosophischer Sicht. Werden Menschen demnächst auf die Überwachung von KI reduziert? Wie wird Arbeit organisiert und was ist mit dem sozialen Rahmen von Arbeit, sei es im Kontakt mit Kund*innen, sei es im Hinblick auf Politik und Solidarisierung, beispielsweise über eine Gewerkschaft? Birger R. Priddat setzt bei der Entwicklung der Menschheit vom reproduzierenden Ackerbau zum extrahierenden Bergbau an und fragt: „Wo findet die ‚Vervielfältigung der Äcker‘ statt, wenn die Erde voll ist und der Himmel heiß?“ Mit Benjamin H. Bratton argumentiert er: „Wir müssen die KI von einer extraktiven Logik (Werbung verkaufen) zu einer kurativen Logik (Systemerhalt) umprogrammieren. Sie ist das Navigationssystem in einem Sturm, den wir nicht mehr abschalten können.“ Wir stehen an einem Wendepunkt, „dem Übergang von der unbewussten Zerstörung zur bewussten Komposition des planetaren Lebens.“ Max Beck analysiert den „Konkurrenzkampf“ verschiedener Modelle angesichts ihrer „Anthropomorphisierung“ und vermutet, dass „am Ende der vermeintlich gnadenlos die Wahrheit aussprechende ‚truth seeker character‘ dem vermeintlich korrekten ‚woke character‘ gegenüberstehen“ könnten.
- Demokratischer Salon in der Ukraine – ein Überblick über die Zusammenarbeit: Unter der Überschrift „Übersetzen für den öffentlichen Diskurs als bildungsbezogene Praxis“ gibt Pavlo Shopin einen Überblick über die Zusammenarbeit zwischen Demokratischem Salon und Drahomanov-Universität (in: trans-kom 19/1). Inzwischen wurden 33 Texte aus dem Demokratischen Salon ins Ukrainische übersetzt. In dem Beitrag kommen auch grundsätzliche Fragen des Übersetzens zur Sprache.
Der Newsletter des Demokratischen Salons erscheint in der Regel etwa alle sechs bis acht Wochen. Die nächste Ausgabe erhalten Sie gegen Ende August 2026. Neue Beiträge werden wie bisher laufend veröffentlicht.
Mit den besten Grüßen verbleibe ich
Ihr Norbert Reichel
P.S.: Sollte jemand an weiteren Sendungen meines Newsletters nicht interessiert sein, bitte Nachricht an info@demokratischer-salon.de. Willkommen sind unter dieser Adresse natürlich auch wertschätzende und / oder kritische Kommentare und / oder sonstige Anregungen.
(Internetzugriffe in diesem Newsletter zuletzt am 1. Juli 2026.)
