Liebe Freund:innen des Demokratischen Salons,

dieser Newsletter informiert Sie über die zwischen Mitte Februar und Ende März 2026 im Demokratischen Salon veröffentlichten Texte.

Corinna Heumann, Beauty – Botticelli Meets Calligraphy, 2022.

Der Newsletter erscheint wenige Tage vor Pessach und Ostern, Feste der Befreiung, Erlösung, Hoffnung, aber auch in Erinnerung an ungewisse Zukünfte. Tamara Or schreibt im Jahresband des Leo-Baeck-Instituts „Zeit im jüdischen Kontext“ vom nie endenden 7. Oktober, sodass wir an dem Tag, an dem sie ihren Beitrag schrieb, den 557. Oktober 2023 gezählt hätten (am 31. März 2026 zählen wir den 927. Oktober). Natan Sznaider konstatiert in seinem Beitrag: „Wir, die wir im Übergang zwischen Gegenwart und Zukunft leben, werden ständig versuchen die Zukunft zu entschleiern, und doch bleibt sie uns verborgen, wir können sie nicht fassen und einfangen. Früher signalisierte die Beschleunigung das Kommen der Apokalypse. Jetzt ist Apokalypse unser Alltag. Auch das ist ein Grund, nur in der Gegenwart zu leben und zu handeln.“ Mit dieser Gegenwart meinte er damals die Befreiung der Geiseln, die jedoch erst mehr als ein Jahr später erfolgte. Auch heute gilt seine Bemerkung, dass „das Jetzt gegen die Zukunft, die wir nicht kennen können, ausgespielt“ wird. So manche „glauben nicht an die Gegenwart, sondern nur an die Vergangenheit und Zukunft.“ Nicht ohne Grund endet Natan Sznaiders Beitrag mit einer Parabel von Franz Kafka. Auch auf das andere zentrale Datum der vergangenen vier Jahre, den 24. Februar 2022, ließen sich diese Gedanken anwenden, das von Olaf Scholz am 27. Februar 2022 geprägte Wort von der „Zeitenwende“ mag manchen heute als Euphemismus erscheinen. Mit dem Wunsch, die Gegenwart zu gestalten, wünsche ich allen meinen Leser:innen Frohe Ostern und Pessach Sameach.

Als Editorial empfehle ich das Gespräch mit Medardus Brehl, Redakteur der in Bochum erscheinenden Zeitschrift für Genozidforschung: „The Intent to Destroy a Group as Such”. Thema sind Begriffsgeschichte, juristische und sozialwissenschaftliche Annäherungen sowie Ergebnisse der vergleichenden Genozidforschung anhand von Fallbeispielen. (Rubrik: Opfer und Täter*innen, Shoah)

Die weiteren Texte befassen sich mit politisch gefährlichen Erzählungen verkehrter Welten  (Sylvia Sasse), der Frage nach einem gerechten Krieg oder Frieden aus katholischer Sicht (Hans-Gerd Angel), dem endlosen Weg der Integration (Souad Lamroubal), der ukrainischen Künstlerin Yana Kononova (Lesia Smyrna), der Geschichte des Helms eines ukrainischen Skeletonfahrers (Mykola Riabchuk), einem deutschen Tropenmediziner in Georgien (Ana Margvelashvili), Ängsten der Bevölkerung in Venezuela (Jenny Joy Schumann), Perspektiven einer transkulturellen Literaturwissenschaft (Jeannette Oholi), der Autorin Gisela Elsner (Christine Künzel), dem ersten Holocaustmuseum in einem arabischen Land (Florian Markl), dem Putsch in Guinea-Bissau (Renate Heß), Pandemie und Katastrophen in der Science Fiction (Fritz Heidorn) sowie dem Für und Wider des Gaming (Norbert Reichel).

Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen finden Sie zu folgenden Themen: 18. März – Tag der Demokratie (Beschluss des Deutschen Bundestages), Tyrannenmord (Nils Markwardt), Iran (drei Texte: Hamid R. Ekbia, Nils Minkmar, Deutscher Kulturrat), Krieg als Videospiel (René Martens, Simon Strick), Israel (zwei Texte: Sarah Levy, Gespräche von Elisa Mercier mit Ricarda Louk und Sonja Bohl-Becker), Handreichungen zum Antisemitismus (OFEK), Terrordepots in Krankenhaus in Gaza (Michaela Dudley, Ärzte ohne Grenzen), Vertreibungen von Juden aus arabischen Ländern (Raimund Fastenbauer, Nathan Weinstock), Wokeness ist Achtsamkeit (Christian Wulff), Neutralität (KMK, Siegburger Konsens), Meinungsfreiheit (zwei Texte: Ronen Steinke, David Kaye, Jan Fleischhauer, Claudius Seidl), Biologistisches Denken in Deutschland (Nationaler Diskriminierungsmonitor), Bedrohung internationaler Kulturbegegnungen (Deutscher Kulturrat), Moses Hess (Initiative von Künstler:innen aus Bonn), Hausfrauenehe und Steuerrecht (Frauke Brosius-Gersdorf, Hedwig Richter), Häusliche Gewalt (Dunkelfeldstudie von Innen- und Familienministerium sowie BKA), Jugendkriminalität (CORRECTIV), Nachhaltigkeit und Verteidigung (Royal United Services Institute, Thomas Tutschker), Simson-Motorräder (Spiegel, CORRECTIV), Briefwechsel syrischer und ukrainischer Autor:innen (Weiter Schreiben), Russisches Rückkehrprogramm (Oksana Akmaeva), Russische Desinformationen (CORRECTIV, Marina Weisband), Russischer Kolonialismus (Maksym Eristavi), Russische Demokratie der Zukunft (Daria Boll-Palievskaya, Dmitri Gudkov).

Die Empfehlungen für den Besuch von Veranstaltungen und Ausstellungen finden Sie auf einer eigenen Seite, nach Orten sortiert.

Inhalte der neu veröffentlichten Texte:

  • Sylvia Sasse
    , Slavistin und Initiatorin von „Geschichte der Gegenwart“, analysiert in „Verkehrte Welten“, wie die „Welt verkehrtherum erzählt wird“, welche gefährlichen Allianzen, aber auch welche Subversivität sich daraus ergeben. Ein Kollateralnutzen ist die durch Ukraine und Belarus inspirierte neue Vielfalt der Slavistik. (Rubriken: Osteuropa, Weltweite Entwicklungen)  
  • Hans-Gerd Angel
    fragt: „Gibt es gerechten Krieg, gerechten Frieden?“ Kriege sind nach einem Wort von Papst Johannes Paul II. „Niederlagen der Menschheit“. Erklärungen und Dokumente des Vatikans und der Deutschen Bischofskonferenz zwischen 2003 und 2024 präzisieren diesen Gedanken, als Orientierung, nicht als Handlungsanweisung. (Rubriken: Weltweite Entwicklungen, Treibhäuser)
  • Souad Lamroubal
    , Autorin und Beamtin, sieht sich als „privilegiert“ und dennoch im Zwiespalt zwischen „Deutschsein“ und „Deutschwerden“. Ihre Bücher werden in Der endlose Weg zur ‚Integration‘“ Wir sind noch weit entfernt von einer „Demokratie für alle“, die allen gleichermaßen „Sicherheit“ und „Teilhabe“ garantiert. (Rubriken: Liberale Demokratie, Migration, Afrikanische Welten)
  • Lesia Smyrna
    porträtiert in „Eine Reise in die Dunkelheit der Zeit“ die ukrainische Fotokünstlerin Yana Kononova. Die Barbarei eines genozidalen Krieges ist nicht interpretierbar, sodass die Künstlerin zur Kriegsreporterin wird, die die Fragmentierung der Welt „zwischen diskursiver Barbarei und poetischer Überhöhung“ sichtbar werden lässt. (Rubriken: Kultur, Osteuropa)
  • Mykola Riabchuk
    kommentiert in „Ukrainisches Selbstbewusstsein“, dass der ukrainische Skeletonfahrer Vladyslav Heraskevych bei der Winterolympiade einen moralischen Sieg errungen habe, indem er dem IOC die Stirn bot – ein Statement gegen dessen Doppelmoral sowie ein Gegengewicht zur wachsenden „Ukraine-Müdigkeit“. (Rubriken: Osteuropa, Treibhäuser)
  • Ana Margvelashvili
    berichtet in ihrer Georgisch-Deutschen Bibliothek von der Reise des deutschen Tropenmediziners Albert Herrlich in den 1930er Jahren ins sowjetische Tbilissi, in „Die Stadt der Gegensätze“, in der sich Religionen, Kulturen, Ethnien durchmischen und Handelswege kreuzen. (Rubriken: Osteuropa, Kultur)
  • Jeannette Oholi
    beschreibt „Wege zu einer transkulturellen Literaturwissenschaft“, insbesondere im Hinblick auf die Rolle und Perspektiven Schwarzer deutscher Literatur. Es ist etwas in Bewegung gekommen, Netzwerke sind entstanden, Selbstwirksamkeit und ein neues Selbstbewusstsein, jenseits von binären Konzeptionen. (Rubriken: Afrikanische Welten, Kultur)
  • Christine Künzel
    plädiert in „Schmutzige Wahrheit“ für die Wiederentdeckung der Romane und Essays von Gisela Elsner, deren Bücher zurzeit im Buchhandel nicht erwerbbar sind. Gisela Elsner nannte sich selbst eine „schmutzige Satirikerin“. Sie fand ihren unverwechselbaren Stil in der Tradition eines Jonathan Swift und als Chronistin der BRD. (Rubriken: Treibhäuser, Kultur)
  • Florian Markl
    porträtiert in „We remember” das erste Holocaust-Museum in der arabischen Welt, inspiriert vom United States Holocaust Museum in Washington und Reaktion auf aktuelle antisemitische Ereignisse, die an „das größte Verbrechen gegen die Menschheit“ (Eine Übernahme aus dem Mena-Watch-Lexikon, Rubriken: Shoah, Levantinische Aussichten)
  • Renate Heß
    berichtet in „Machtpolitischer Schachzug mit Militär“ über den Staatsstreich in Guinea-Bissau vom 26. November 2025, die gekippten Wahlen und Entwicklungen bis zum Ende Februar 2026, die „Charta des Übergangs“, die internationalen Reaktionen, das harte Vorgehen der Militärs gegen die Opposition sowie über einen Hoffnungsschimmer. (Rubrik: Afrikanische Welten)
  • Fritz Heidorn
    stellt in „Leben wie in einem Science-Fiction-Roman“ wissenschaftliche und politische Debatten sowie Romane und Filme der Science-Fiction rund um Seuchen und Pandemien vor. Wir leben in unsicheren aus den Fugen geratenen Zeiten, aber gerade deshalb sollten wir Science Fiction lesen. (Rubriken: Utopien / Science Fiction, Treibhäuser)
  • Norbert Reichel
    stellt in „Game’s not over“ Handbücher des Deutschen Kulturrats, der Bundeszentrale für politische Bildung und einer Leipziger Forschungsgruppe vor, die die Vielfalt des Gaming als Thema und Methode in Kultur und Bildung beschreiben. Aktuelle politische Debatten über das Gaming ähneln den Debatten über Soziale Medien. (Rubriken: Kultur, Kinderrechte)

Leseempfehlungen und Hintergrundinformationen:

  • Der 18. März – Tag der Demokratie
    : Der 18. März ist ein in der deutschen Geschichte bedeutender Tag: 1793 als Gründungsdatum der Mainzer Republik, 1848 als Datum der Straßenkämpfe in Berlin, 2020 als Tag des gescheiterten Kapp-Putsches und 1990 als Tag der einzigen demokratischen Wahlen zur DDR-Volkskammer. Der Deutsche Bundestag würdigte diesen Tag am 17. März 2026 mit den Stimmen von CDU, CSU und SPD bei Stimmenthaltung von Grünen, Linken und AfD: „18. März – Tag der Demokratiegeschichte – Orte der Freiheit und Demokratie in Deutschland weiter stärken“: Der Beschluss enthält acht Punkte, beginnend mit der Aufforderung an die Bundesregierung, „den bundesweiten Tag der Demokratiegeschichte als einen zentralen jährlichen Tag zur Feier der deutschen Demokratie- und Freiheitsgeschichte zu würdigen und zu begehen. Die Organisation soll bei der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft Orte der Demokratiegeschichte liegen“. Am 16. März 2026 diskutierten auf Einladung der Deutschen Gesellschaft e.V. in den Räumen des Berliner Mauermahnmals Gregor Gysi (damals Vorsitzender der SED/PdS), Sabine Bergmann-Pohl (CDU, nach dem 18. März Parlamentspräsidentin und Staatsoberhaupt der DDR) und Markus Meckel (SPD, nach dem 18. März Außenminister der DDR). Markus Meckel betonte den Beitrag der DDR-Volkskammer zur Demokratisierung der DDR (so auch im Demokratischen Salon in seinem Beitrag „Die Ostdeutschen waren Subjekt, nicht Objekt“). Gregor Gysi verwies darauf, dass sich die Volkskammer ausschließlich aus Polit-Anfänger:innen zusammensetzte, Sabine Bergmann-Pohl auf ihre Entscheidung, auch als Präsidentin ihren Beruf als Ärztin weiter ausüben zu wollen, sowie ihre Überraschung, als man ihr mitteilte, sie sei als Präsidentin zugleich Staatsoberhaupt. Alle drei waren sich einig, dass die offenen und vielfältigen Debatten der damaligen Volkskammer, auch in ihrer Tradition aus den schon im Dezember nach polnischem Vorbild eingerichteten Runden Tische, der heutigen Politik als Vorbild dienen können. Weitere Informationen, einschließlich eines Statements des Bundespräsidenten, finden Sie auf einer eigens hierfür eingerichteten Internetseite.
  • Tyrannenmord
    war ein Thema vieler Kommentare, als der iranische Diktatur Ali Khameinei bei einem Luftangriff der USA beziehungsweise Israels starb. Nils Markwardt stellte am 1. März 2026 in der Süddeutschen Zeitung die Frage: „Darf man sich über einen Tyrannenmord freuen?“ Markwardt zitiert Immanuel Kants „Streit der Fakultäten“ (1798) und Schillers „Wilhelm Tell“ (1804). Mit Kant ließe sich an der Integrität der Motive Trumps zweifeln, sodass der Tyrannenmord ein Mord und damit ein Verstoß gegen geltendes Recht bliebe, ungeachtet der Folgen. In „Wilhelm Tell“ erfolgt die Befreiung der Schweizer nicht allein durch den Mord an dem Reichsvogt Gessler durch die Hauptperson des Dramas, sondern auch über die Tötung des Kaisers durch Johannes von Schwaben, der aus höchst zweifelhaften Motiven handelte. Die Schweizer profitierten gleichwohl mit gutem Recht: „Der Tyrannenmord bleibt also ein ‚blut’ger Frevel‘, dessen ‚segenvolle Frucht‘ man trotzdem ernten kann. So ließe sich auch der Mord Chameneis einordnen. Er bleibt – völkerrechtlich, aber auch ethisch – ein Frevel, den man als diesen benennen muss. Trotzdem kann, ja muss man den Iranerinnen und Iranern wünschen, dass dieser den Übergang in die Freiheit markiert – und nicht zum Abrutschen in den Bürgerkrieg führt.“ Francis Fukuyama nannte im Gespräch mit Verena Mayer für die Süddeutsche Zeitung die Alternativen: „Trump hat keinen Plan“: „Wenn es in Venezuela und Iran eines Tages Stabilität und demokratische Regierungen gibt, werden die Leute sagen, das war ungeschickt und wohl auch nicht legal, was er da gemacht hat, aber das Ende war okay, und so wird man gnädiger mit ihm sein. Doch das wird im Iran nicht passieren, und so wird er als ein Präsident in Erinnerung bleiben, der eine Region destabilisiert hat, die ohnehin schon instabil war.“ Der mögliche Best Case wäre vielleicht das Modell Irak, ein zweiter vielleicht das aktuelle Syrien, aber wer weiß?
  • Iran – eine lange Geschichte
    : Einen kurzen und dennoch umfassenden Überblick bietet Hamid R. Ekbia (Syracuse University) am 8. März 2026 in „Geschichte der Gegenwart“: „Islamic Ambitions and Imperial Imaginations: The Iranian Revolution in the longue durée”. Der Autor bezieht sich auf Fernand Braudels Begriff der „langen Dauer“, der erkläre, warum möglicherweise aktuell formulierte Ziele sich auf lange Sicht nicht verwirklichen lassen oder möglicherweise sogar kontraproduktiv wirken. Die letzten 100 Jahre iranischer Geschichte sind ein eindrucksvoller Beleg dieser These, mit der den Menschen im Iran natürlich nicht geholfen ist. Dies gilt auch für die US-amerikanische Seite mit ihren evangelikalen Predigten eines bevorstehenden Armageddons als Endkampf zwischen Gut und Böse. Und was bedeutet dies für die in diesen Zeiten lebenden Menschen? „For those of us who believe that history is made by people, not by politician ploys and plots, these events are a painful reminder that our belief might only work in the long run – at the end of the day,’” so to speak. In the short run, it is plans made in war rooms, decisions made on the battlefield, messages delivered to the public, and images appearing on screens that make history. This is the reality of war, as of many other social phenomenon of our era. You don’t need to be a naive realist or to subscribe to realpolitik in order to provide a socially realist account of history.” Weitere Hinweise auf die Entwicklungen im Iran bieten Bücher von Christopher de Bellaigue, Katajun Amirpur oder Golineh Atai, die auch im Demokratischen Salon vorgestellt worden sind. Die erschreckende Brutalität iranischer Gefängnisse beschreibt aktuell Bahram Moradi in seinem Roman „Das Gewicht der anderen“ (Göttingen, Wallstein, 2026), die Dilemmata, in denen die iranische Bevölkerung lebt. Mögliche Aussichten beschrieb Thomas von der Osten-Sacken im Februar 2026 im Demokratischen Salon.
  • Demonstrationen gegen den Iran: Während der Münchner Sicherheitskonferenz demonstrierten 250.000 Menschen gegen die Brutalität des iranischen Regimes. Nils Minkmar vermerkte am 16. Februar 2026 in der Süddeutschen Zeitung, dass diejenigen von der linken Seite des politischen Spektrums, Kulturschaffende, Vertreter:innen der Medien, die sich für die Palästinenser:innen und gegen Israel engagiert hätten, fehlten: „Wo ist die Linke, wenn man sie braucht?“ Minkmar nannte dies „kollektive(s) Desinteresse“, das eines Tages aufzuarbeiten sei. Er erinnerte daran, dass es vor allem Linke waren, die in den Jahren zwischen 1967 (Schah-Besuch in Berlin, Tod von Benno Ohnesorg) und 1979 (Sturz des Schah) gegen den Schah und die Brutalität des Geheimdiensts SAVAK demonstriert hätten. Den Hinweis auf den Sohn des Schahs als einen der Protagonisten der Proteste ließ er nicht gelten, denn bei Berücksichtigung familiärer Verstrickungen mit einem verbrecherischen Regime fiele es auch in Deutschland schwer, ausreichend unbelastetes politisches Personal zu finden. Nils Ninkmar hält fest: „Das Regime in Teheran steht nicht nur für Folter, Mord und Ausbeutung im Inneren, es steht auch außenpolitisch verlässlich an der Seite von Terroristen und todessehnsüchtigen Fanatikern. Nacht für Nacht zerstören und töten die Drohnen aus iranischer Produktion die Städte der Ukraine. Wenn Teheran aufhört, Benzin auf Konfliktherde zu kippen, und sich stattdessen um Bildung, Wachstum und Freiheit im Inneren kümmert, wird die Welt eine andere, eine neue Jahreszeit, die Hoffnung beginnt.“ Zur Erinnerung: Im Februar 2013 begrüßte Claudia Roth, selbsternannte Kämpferin für die Menschenrechte, auf der Münchner Sicherheitskonferenz den iranischen Außenminister Ali Reza Sheik Atar mit einem High Five. Mehrere Zeitungen, so auch die Süddeutsche Zeitung Nach wie vor lesenswert und aktuell zum westlichen, insbesondere deutschen Appeasement gegenüber dem Iran informiert der von Stefan Grigat herausgegebene Band „Iran – Israel – Deutschland“ (Leipzig, Hentrich & Hentrich, 2017), der im November 2022 im Demokratischen Salon anlässlich der damaligen „Frauen-Leben-Freiheit“-Bewegung in dem Essay „Eine feministische Revolution – Hoffnungen auf eine freiheitlich-demokratische Wende im Iran“ vorgestellt worden ist.
  • Kulturland Iran: Die Zeitschrift Politik & Kultur bot im Januar 2017 eine ausführliche Übersicht über Kultur im Iran, an die sie in ihrem Newsletter vom 6. März 2026 erinnerte. Es lohnt sich, diese Übersicht aus heutiger Sicht zu lesen. In seinem einleitenden Beitrag erinnert Olaf Zimmermann unter anderen an die Fatwa gegen Salman Rushdie, weist aber auch darauf hin, dass die Menschen im Iran sich im Privaten, im Verborgenen Freiheiten gönnen, die sie in der Öffentlichkeit nicht wagen dürften. Sadegh Zibakalam spricht von „zwei Welten im Iran“. Reinhard Baumgarten befasst sich mit den Auswirkungen der Zensur. Manishe Hekmat und Pegah Ahangari präzisieren dies am Beispiel der Filmindustrie, Shahla Lahij am Beispiel der Literatur. Mehrdad Saeedi fragte nach einem Wandel in Wahrnehmung des Iran im Ausland angesichts der iranischen Kulturpolitik. Sein 2017 geschriebener Text war noch optimistisch: „Das gegenwärtige Iran-Image, ob kohärent negativ oder zwiespältig, befindet sich schließlich in keinem tiefen Wandel, vielmehr ist es das westliche Interesse an sich für ein Land und seine Menschen, das lange isoliert war, es ist das Interesse für ein komplexes Land mit einer alten, aber turbulenten Geschichte im 20. Jahrhundert, das trotz aller Schwierigkeiten darauf besteht, seinen Weg zu sich selbst und seiner Zukunft allein finden zu wollen.“ Inzwischen erlebten wir den ungeheuren Freiheitswillen der Menschen im Iran, die ebenso ungeheure Gewalt des Regimes und den Angriff der USA und Israels auf den Iran mit der möglichen, aber immer weniger wahrscheinlichen Perspektive eines Regimewechsels im Iran hin zu mehr Liberalität und Demokratie. Weitere Themen der Ausgabe sind die Arbeit der Deutschen Welle im Iran und der deutsch-iranische akademische Austausch. Omid Nouripour beklagt das Fehlen von „Rechtssicherheit und Transparenz“: „Deswegen müssen wir uns zum Dialog bekennen, ihn aber kritisch führen, Chancen aufzeigen, Vertrauen aufbauen, Missstände klar benennen“. Ein Gesprächsabbruch stärke die Hardliner. Das glaubten vor acht Jahren viele in der deutschen Politik und den deutschen Medien, die Hardliner jedoch verschärften ihren Kurs. Zum Thema gibt es mehrere Beiträge im Demokratischen Salon, zum Beispiel der Essay „Eine feministische Revolution“ und das Gespräch mit Katajun Amirpur zum Thema „Traditionen eines liberalen Islam“.
  • Krieg als Videospiel
    : Manche erinnern sich vielleicht noch an die Fernsehbilder, als George H.W. Bush im Januar 1991 den Irak als Antwort auf die Besetzung Kuwaits bombardieren ließ. Alles sah sehr präzise aus und dank CNN waren viele Menschen fast schon live dabei. (Nur am Rande: 1991 fiel nach dem US-amerikanischen Angriff auf den Irak in Deutschland der Karneval aus, auf diese Idee käme heute trotz deutlich brutalerer Kriege niemand mehr.) Im MDR-Altpapier analysierte René Martens am 16. März 2026 den Krieg der USA und Israels gegen den Iran: Online-Radikalisierung als Staatsräson“. Er zitiert unter anderem Simon Strick, Autor des Buches „Rechte Gefühle“ (im Demokratischen Salon im Oktober 2021 besprochen): „Das Ziel ist nicht politische Legitimation, sondern Dominanz im Aufmerksamkeitsraum. Zeigen, dass man diese Bilder produzieren kann und es niemand stoppen kann. Also machen sie weiter (…) Auch deshalb geschieht Venezuela, Iran und vielleicht bald irgendwas anderes. Es sind spektakelhafte Bildpolitiken, die halt mit Bomben, Militär und Terror gegen die Bevölkerungen produziert werden.“ Es gebe kein „Endziel“, nur eine „Eskalationsspirale“. Diese Ästhetik – es schaudert einen, dieses Wort zu verwenden – des Krieges folgt der Ästhetik von Videospielen, wie auch Äußerungen des US-amerikanischen „Kriegsministers“ Peter Kümmel schrieb in der ZEIT: „Der reale Krieg ist hier also ununterscheidbar vom Videokrieg – und soll es auch sein.“ Trump kündigte an, die Insel Kharg vielleicht noch einmal zu bombardieren, „just for fun“. Ähnlich verhalte es sich mit dem sogenannten „War on Drugs“. Die von René Martens zusammengestellten Kommentare belegen vor allem eines: Eigentliche Kriegsziele gibt es nicht, zu empfehlen sei, sich Trumps Reden einmal komplett vorzulesen.
  • Psychischer Notstand in Israel
    : Auf ZEIT online berichtet Sarah Levy, Autorin von „Kein anderes Land“ und „Fünf Wörter für Sehnsucht“ am 12. März 2026 über die Belastung von Kindern und Jugendlichen im Israel nach dem 7. Oktober: „Für 19jährige ist es nicht normal, 20 Menschen am Tag zu töten“. Die israelische Gesellschaft befinde sich in einem „psychischen Notstand“: Es sind die Traumata der Soldat:innen (posttraumatische Belastungsstörungen), an denen nach Auskünften des israelischen Verteidigungsministeriums etwa 40 Prozent der Soldat:innen leiden, es sind die enormen Belastungen der Zivilbevölkerung, die ständige Aufforderung, sich wieder einmal in den Schutzraum zu begeben, der Anstieg von Kindersuiziden. Auch die Gewalt gegen Beduinen im Negev, gegen arabische Israelis, gegen Palästinenser:innen im Westjordanland stieg, Ultraorthodoxe griffen Soldatinnen an. Die Zahl der Kinder, die wegen ihrer Suizidgedanken in die Notaufnahme des größten Kinderkrankenhauses des Landes eingeliefert worden sind, stieg von 580 Kindern im Jahr 2023 auf 752 im Jahr 2024 und 930 im Jahr 2026. Sarah Levy dokumentiert Gespräche mehrerer Expert:innen in einer Konferenz von Natal (der Besprechungsraum war zugleich Raketenschutzraum). Hier ein etwas längerer Auszug aus den Berichten der Psychotherapeutin Riki Meiri, Leiterin der klinischen Abteilung: „Wir sehen Jugendliche, die beginnen, selbstzerstörerisches Verhalten zu zeigen, Drogen zu nehmen, Alkohol zu trinken. Sie gehen nicht mehr in die Schule, geben Hobbys auf, treiben sich rum. Die Hilflosigkeit der Eltern führt meist zu einem Anruf bei uns. Die Familien selbst sind sich oft nicht bewusst, dass das gar nicht nur mit eigenen Erlebnissen zu tun hat, sondern zum Beispiel mit dem Reservedienst des Vaters. Dass die Kinder einen Vater gesehen haben, der nicht mehr in seiner Vaterrolle funktioniert, schweigt, schnell ausrastet oder nicht mehr schläft. Oder die Einsamkeit der Mutter, mit deren Hilfs- und Kraftlosigkeit, nach so langer Zeit allein. Die Zahl der Scheidungen ist in den vergangenen zwei Jahren stark gestiegen. Auch das beeinflusst die Kinder. (…) Die israelische Gesellschaft hat seit Jahren kaum die Gelegenheit, sich zu erholen. Wir nennen das Trauma megalgelet, ein rollendes Trauma. Jedes Mal, wenn du das Gefühl hast, wieder hochzukommen, bekommst du noch einen Schlag, der dich zu Boden bringt. Das ist der gefährlichste Moment für eine Gesellschaft.“ In den 148 Kommentaren (Stand: 23. März 2026) lassen manche jede Empathie vermissen und verweisen lediglich auf die Leiden der Menschen in Gaza und bezeichnen alle jüdischen Israelis pauschal als „Täter“. Allerdings gibt es auch Gegenstimmen, von denen hier eine zitiert sei: „Für einige Kommentatoren scheint der Gedanke unerträglich, dass auch Israelis Opfer der Politik Netanjahus werden können. Der Artikel verneint in keinster Weise das Leid der Palästinenser. Er handelt aber vom Leid traumatisierter Israelis. Ich brauche kein betreutes Denken, ich vergesse nicht das enorme Leid der Palästinenser. Daran muss ich nicht immer und ständig erinnert werden. Aber einige können den Tag wohl nicht ohne beginnen.“ (Hintergrundinformation zu Natal als Auszug aus dem Text von Sarah Levy: „Israels Trauma- und Resilienz-Zentrum ist eine unpolitische Nichtregierungsorganisation, die seit fast 30 Jahren psychosoziale Hilfe für Traumatisierte von Krieg und Terror leistet. Mit 1.100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verfügt Natal, das allein seit dem 7. Oktober 2023 mehr als 88.000 Israelis behandelte, über die umfassendsten Forschungsdaten zur seelischen Gesundheit der Israelis. Natal berät die israelische Regierung und kooperiert international, auch mit deutschen Schulen. Ein Viertel des Budgets erhält die NGO aus Regierungsprojekten für die Rehabilitation der israelischen Bevölkerung. Den Rest aus Spenden und Stiftungsgeldern.“)
  • Erinnerung an den 7. Oktober: Wer die Bilder der ermordeten, nackten Shani Louk auf dem Pick-Up der um sie herum Allahu Akbar grölenden Hamas-Terroristen gesehen hat, wird sie nicht vergessen. Shani Louk hatte auch die deutsche Staatsbürgerschaft, doch dies interessiert in Deutschland nur wenige. Es gibt hier ohnehin kein offizielles Gedenken an die von der Hamas ermordeten Deutschen. Ein Lichtblick ist die im Oktober 2025 in Otersen (Niedersachsen) eröffnete Ausstellung „Carolin – In Erinnerung an eine von uns“ (der NDR berichtete). Elisa Mercier sprach mit Carolins Mutter Sonja Bohl-Becker für die Plattform mena-watch: „Ohne Carolin kann ich mein früheres Leben nicht weiterführen“ (veröffentlicht am 8. März 2026). Carolin Bohl und ihr Freund Danny Darlington wurden am 7. Oktober 2026 von der Hamas ermordet. Elisa Mercier sprach auch mit Ricarda Louk, Shanis Mutter: Durch unsere Erinnerungsprojekte bleibt Shani lebendig“ (veröffentlicht am 15. März 2026). Die fehlende Empathie vieler Menschen in Deutschland beunruhige sie, aber sie sieht Hoffnung: „Ich rate jungen Menschen: Prüft alle Seiten, informiert euch aus verschiedenen Quellen, besucht Israel selbst. Viele, die nach Israel kommen, sehen das Land und die Menschen danach anders. Sie erkennen, dass Israel weit davon entfernt ist, etwa ein Apartheidstaat zu sein. Die Realität in Israel ist bunt und vielschichtig und hat mit den Vorurteilen, die in den Medien und in Social Media kursieren, nichts zu tun. Mittlerweile und mehr als zwei Jahre nach Shanis Tod arbeite ich auch wieder mit Palästinensern zusammen, sie stammen aus Ost-Jerusalem. Das geht für mich inzwischen.“ Inzwischen gibt es eine Internetseite mit Shanis Kunst: „Forever Young, forever Art – Shani Louk 2001-2023“.
  • Gaza: Terrordepots im Krankenhaus
    : Wenn die Israelischen Verteidigungskräfte (IDF) darauf hinweisen, dass die Hamas ihre Waffen, Tunneleingänge und Kommandozentralen in Schulen oder Krankenhäusern unterbrachte, wollten das viele in Deutschland nicht glauben. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen bestätigte dies jetzt. Sie zog sich aus einem Krankenhaus in Khan Yunis aus diesem Grund zurück. Michaela Dudley berichtete am 17. Februar 2026 auf mena-watch. Die Hamas reagierte entrüstet und stritt alles ab. „Dass die Hamas ihre eigenen Partner der Lüge bezichtigt, sobald diese die bewaffnete Präsenz in Krankensälen bestätigen, ist die ultimative Bekräftigung der israelischen Position. Dennoch ist dies kein Grund zur Schadenfreude. Die medizinische Versorgung der unschuldigen Nichtkombattanten verschlechtert sich durch das Handeln der Hamas massiv. Zugleich wird auch weiterhin Israel dämonisiert, während die Terrorgruppe jede Entwaffnung verweigert und Zivilisten als Schutzschilde missbraucht.“
  • Die Vertreibungen von Juden aus den arabischen Ländern
    : Die Nakba, die Vertreibung der arabischen Bevölkerung aus dem heutigen Staatsgebiet Israels während des Unabhängigkeitskriegs, ist inzwischen weitgehend bekannt. Weniger bekannt ist die gleichzeitige Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus arabischen Ländern. Raimund Fastenbauer dokumentierte sie in einem Beitrag auf mena-watch: „Vergessene Tragödie – Die jüdische Nakba“. Nicht vergessen werden sollte, dass mit dem Tag der israelischen Unabhängigkeit, die auf einen Beschluss der Vereinten Nationen beruhte, fünf arabische Staaten Israel angriffen, um den neu gegründeten Staat wieder zu zerstören. Sie lösten die doppelte Nakba mit diesen Angriffen aus. Ausführlicher zu diesem Thema schreibt Nathan Weinstock in seinem Buch „Der zerrissene Faden – Wie die arabische Welt ihre Juden verlor – 1947-1967“ (Freiburg / Wien, ça ira-Verlag, zweite Auflage 2020). Für die vertriebenen Palästinenser:innen gibt es eine eigene UN-Organisation (UNWRA), eine Integration der Geflüchteten in ihre Aufnahmeländer (unter anderem Jordanien, Libanon) fand bis heute nicht statt. Der arabische Bevölkerungsanteil in Israel beträgt etwa 20 Prozent.
  • Wokeness ist Achtsamkeit
    : Der Tagesspiegel dokumentierte am 12. März 2026 eine Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, eine Rede, die durchaus vergleichbar ist mit seiner Grundsatzrede aus dem Jahr 2010, in der er klarstellte, dass der Islam zu Deutschland gehört. Er hielt sie Anfang Februar 2026 beim Jahresempfang der Queerbeauftragten der Bundesregierung Sophie Koch in Berlin. Er wandte sich gegen den Missbrauch des Begriffs der Wokeness und leitete seine Position aus dem Grundgesetz und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ab. Er verwies auf den Mut der Homosexuellen beim Stonewall-Aufstand in New York City im Jahr 1969, der viele Menschen inspiriert habe, sich öffentlich für ihre Rechte einzusetzen. Er verwies auch auf die Gefahr, dass manches Errungene rückabgewickelt werden könnte und wandte sich gegen Äußerungen unter anderem von Höcke, Trump und JD Vance die ihn „erschaudern“ ließen und Äußerungen von Carl Schmitt aufgriffen, der 1922 gesagt hat: „Zur Demokratie gehört erstens Homogenität und zweitens die Ausscheidung oder Vernichtung des Heterogenen.“. Wir erlebten einen „Kulturkampf von Menschen gegen Menschen, gegen Mitbürgerinnen und Mitbürger“, dem wir entgegentreten müssen. Christian Wulff verweist im Folgenden auf Äußerungen von Hannah Arendt, die Analysen von Douglas Rushkoff, und forderte „eine positive Zukunftserzählung“. „Empathie“ lässt sich auch mit „Achtsamkeit“ übersetzen. „Eigentlich ist Achtsamkeit – übersetzt – das Wort Wokeness. Ich verstehe nicht, warum nicht alle Menschen sagen, sie sind „woke“. Weil prinzipiell alle Menschen achtsam sein sollten. Wenn sie es sind, dann sind viele Probleme dieser Welt gelöst – an vielerlei Stellen in der Gesellschaft. Wenn das einfach eine Selbstverständlichkeit wäre, die es aber offenkundig nicht ist.“
  • Siegburger Konsens zur „Neutralität“
    : Die AfD setzt Schulen zunehmend unter Druck, sie müssten sich „neutral“ verhalten, Lehrkräfte dürften die Partei daher nicht kritisieren. Sie beruft sich auf den nach wie vor für jede formelle Bildung geltenden Beutelsbacher Konsens aus dem Jahr 1976, in dem das Wort „Neutralität“ jedoch nicht vorkommt. Der Beutelsbacher Konsens enthält drei Prinzipien: das Kontroversitätsgebot, das Überwältigungsverbot und die Schülerorientierung. Die KMK hat 2018 in einem Beschluss zur Demokratiebildung in der Schule deutlich gemacht, dass das Grundgesetz die Norm ist, an der sich alle Lehrkräfte zu orientieren hätten. Dies bedeutet, dass sie Äußerungen, die gegen die Verfassung verstoßen, indem beispielsweise Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe diskriminiert würden, zu widersprechen haben. In Siegburg haben sich jetzt Schulleitungen, Lehrkräfte und die Stadt im Siegburger Konsens verständigt. Unter anderem betonen sie: „Fakten sind nicht verhandelbar“. Sie treten ein für „Demokratie und Vielfalt“: „Angesichts wachsender Bedrohungen demokratischer Werte bekennen sich die Lehrkräfte der Siegburger Schulen ausdrücklich zu den Grundprinzipien des Grundgesetzes. Ihr Bildungsauftrag verpflichtet sie, Demokratie, Menschenwürde und Vielfalt nicht nur zu vermitteln, sondern aktiv zu schützen. Sie treten entschieden jeder Form von Demokratiefeindlichkeit und Diskriminierung entgegen und verstehen Schule als Ort gelebter demokratischer Kultur.“ Daher sind „antidemokratische Positionen (…) kritisch einzuordnen und ihre Gefahren für die freiheitlich-demokratische Grundordnung deutlich zu benennen.“ (Hinweis auf den Siegburger Konsens dank CORRECTIV. Anmerkung: Die im Konsens betonte Weiterentwicklung des Beutelsbacher Konsens trifft den Sachverhalt nicht, denn er entspricht exakt dem, was im Beutelsbacher Konsens zwischen den Kultusminister:innen der Länder verabredet worden ist.)
  • : Für die Süddeutsche Zeitung interviewte anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz Ronen Steinke Mitte Februar 2026 den ehemaligen UN-Berichterstatter für das Recht auf Meinungsfreiheit David Kaye: „Hass ist relativ“. David Kaye sieht einen entscheidenden Unterschied zwischen der Vorstellung von Meinungsfreiheit zwischen Rechten und Linken. Während Rechte ausschließlich das Recht des Sprechers sehen, sehen Linke auch das Recht der Zuhörenden, es gehe ihnen um „Menschen, die nach Informationen suchen, Menschen, die auf Informationen und Austausch auch angewiesen sind. Wenn man ihre Interessen mitbedenkt, dann ist so etwas wie Desinformation natürlich ein Problem. Dagegen muss man etwas tun. In seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor einem Jahr hat J. D. Vance sich indes über das bloße Wort ‚Desinformation‘ lustig gemacht, so als gäbe es das nur im Kopf von hysterischen Linken.“ Natürlich könne man mit dem Vorwurf der „Desinformation“ auch „Missbrauch“ betreiben, aber die scharfe Kritik der US-Regierung an der Praxis in der EU sei auch als „Ablenkung von der eigenen Zensurpolitik“ zu sehen. Noch anfälliger für Missbrauch sei ein Vorwurf wie „Terrorunterstützung“, mit dem autoritäre Regierungen Verhaftungen und Morde legitimieren. Im Hinblick auf auch in Deutschland verfolgte Äußerungen anlässlich pro-palästinensischer Demonstrationen vertritt David Kaye die Auffassung, dass nicht eine bestimmte Parole selbst, sondern erst der konkrete Aufruf zu Gewalt zum Eingriff der Behörden rechtfertige: „Wann immer sich eine Regierung aber von diesem handfesten Kriterium der Aufstachelung zur Gewalt löst und auch solche Äußerungen verfolgt, die bloß politisch verstörend sind, droht Willkür.“ Ähnliches gelte für Spott und Beleidigungen, beispielsweise wenn jemand als „dumm“ bezeichnet werde. Das Recht auf Meinungsfreiheit sei ein Recht auf einen „Informationsraum“, in dem es legitim sein müsse, Auskunft über das, was jemand auf einer Plattform betreibt, einzufordern. Das habe mit Zensur nichts zu tun.
  • Noch einmal Meinungsfreiheit: Es gab schon Ermittlungen gegen antifaschistische Akteur:innen, weil sie angeblich mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz NS-Symbole verwendet hätten. Ähnliches geschah Jan Fleischhauer, der eine satirische Bemerkung über die Jugendorganisation der AfD machte und gegen den deshalb von der Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wird. Im Gespräch mit Marlene Knobloch für die ZEIT sagte er: „Wir marschieren zurück in die 1950er“: „Je mehr man tabuisiert, desto größer wird der Reiz. Die Strafverfolgung von als verboten empfundenen Äußerungen explodiert ja gerade.“ Man könnte durchaus fragen, ob es an der Qualität von Schulen und Universitäten liegt, zumindest in bestimmten Fachbereichen, dass eine Satire, Ironie und Persiflage nicht mehr als solche erkannt werden. Es gab mal ein Gutachten zu einem Flugblatt von Fritz Teufel, das angeblich zur Brandstiftung in Kaufhäusern aufgerufen hätte. Mehrere Germanistikprofessoren überzeugten damals das Gericht, dass es sich um eine Satire gehandelt habe. Ausführlich zu diesem Thema auch das bei Piper Ende Februar 2026 erschienene neue Buch von Ronen Steinke „Meinungsfreiheit“. Ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung schrieb Claudus Seidl anlässlich des Streits um die Berlinale: „Das freie Wort gilt auch für Dummköpfe“. Alles in allem – auch darauf weisen Jan Fleischhauer und Ronen Steinke hin – hat JD Vance mit seiner Münchner Rede einen wundern Punkt getroffen, nur dass er eigentlich nicht gerade derjenige ist, der Meinungsfreiheit umfassend propagiert, aber es hat schon etwas Schneeflockenhaftes und Humorloses, das um sich zu greifen scheint. Am 12. März 2026 war zu lesen, dass die Staatsanwaltschaft München das Verfahren gegen Jan Fleischhauer eingestellt hatte.
  • Biologistisches Denken in Deutschland
    : Anlässlich der Woche gegen Rassismus veröffentlichte der Nationale Diskriminierungs- und Rassismusmonitor (NaDiRa) seinen jährlichen Monitoringbericht unter dem Titel „Verfestigte Abwertungen, fragiles Vertrauen. Rassismus und Diskriminierung in Deutschland“. Der Monitoringbericht 2026 untersucht die Verbreitung rassistischer Einstellungen, direkte Diskriminierungserfahrungen im Alltag sowie indirekte Betroffenheit von Rassismus. Es gibt zwar auch einige wenige Lichtblicke, aber die Zahlen bleiben nach wie vor hoch. Beispielsweise berichten 63 Prozent der Schwarzen Befragten, mindestens einmal im Monat offene wie subtile Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung zu machen. Das Vertrauen in staatliche Institutionen wird dadurch beeinträchtigt. So berichten nur 65 Prozent der monatlich Betroffenen, sie vertrauten der Polizei, gegenüber 90 Prozent der nicht von Diskriminierung Betroffenen. Der Bericht dokumentiert auch erschreckend hohe Zahlen „biologistischen Denkens“ sowie „kulturalistischer Überlegenheitsvorstellungen“: „36 % der Befragten stimmen der Aussage zu, es gebe verschiedene menschliche „Rassen“. 48 % vertreten die Ansicht, dass gewisse Gruppen „von Natur aus fleißiger“ seien als andere. Diese wissenschaftlich widerlegten Vorstellungen finden weiterhin in einem erheblichen Teil der Bevölkerung Zustimmung. (…) 66 % der Befragten vertreten die Ansicht, bestimmte Kulturen seien „fortschrittlicher und besser“ als andere. Der Bericht zeigt zudem, dass biologistische und kulturalistische Ungleichheitsannahmen häufig gemeinsam mit modernen Formen rassistischer Einstellungen auftreten, etwa wenn strukturelle Benachteiligung relativiert oder Gleichstellungsforderungen delegitimiert werden.“ (Bearbeitete Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) vom 23. März 2026.)
  • Droht das Ende internationaler Kulturbegegnungen für junge Menschen?
    Am 9. März 2026 teilte der Deutsche Kulturrat mit, dass das Auswärtige Amt ab 2027 die Förderung des internationalen Freiwilligendienstes kulturweit im kommenden Jahr einstellen wolle. Das Programm wird mit rund fünf Millionen Euro pro Jahr durch das Auswärtige Amt gefördert. Über 6.500 junge Menschen haben bereits an „kulturweit“ teilgenommen, die Nachfrage für die letzte Entsendung war nach wie vor hoch. Seit 2009 können Menschen zwischen 18 und 26 Jahren aus Deutschland mit „kulturweit“ ein Freiwilliges Soziales Jahr an Bildungs- und Kultureinrichtungen im Ausland leisten, die eng mit Deutschland verbunden sind. Partner sind der Deutsche Akademische Austauschdienst, das Deutsche Archäologische Institut, die Deutsche Welle Akademie, das Goethe-Institut, der Pädagogische Austauschdienst in Kooperation mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen sowie zahlreiche UNESCO-Nationalkommissionen, Biosphärenreservate, Welterbestätten und Geoparks weltweit. Seit 2015 bietet „kulturweit“ zudem jungen Menschen aus dem Ausland die Möglichkeit, die Arbeit von Bildungs- und Kultureinrichtungen in Deutschland kennenzulernen. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte: „Nicht euer Ernst? Nach den drastischen Kürzungen bei der Deutschen Welle soll nun das internationale Kulturaustauschprogramm „kulturweit“ eingestellt werden. Gerade in Zeiten, in denen nationalistische Ideen weltweit zunehmen, in denen die Gefahr eines weltweiten Krieges wieder näher rückt, ist die internationale Kompetenz und kulturelle Begegnung junger Menschen unterschiedlicher Herkunft von zentraler Bedeutung.“ (leicht bearbeitete Übernahme der Presseerklärung des Deutschen Kulturrats vom 9. März 2026)
  • Moses Hess:
    Dem Bonner Humanisten, Publizisten und Vordenker, Moses Hess (1812-1875) und seiner Lebenspartnerin Sibylle Pesch (1820 -1904), Autodidaktin und Frühsozialistin, soll nach einem Beschluss der Stadt Bonn am Rheinufer ein Denkmal gewidmet werden. Nachdem Moses Hess an seinem Geburtsort weitgehend in Vergessenheit geraten war, entwickeln sich nun Initiativen, sein Werk und seine Wirkung näher zu erforschen. Dazu trafen sich im Januar 2026 acht bildende Künstler und Künstlerinnen aus der Region und ein junger Komponist aus Israel, um die Prinzipien demokratiegerechter Kommunikation und co-kreativer Prozesse im Kontext der Ideenwelten des Vordenkers künstlerisch zu erproben. Das Projekt wurde vom Kulturamt der Stadt Bonn und der Sparkasse Köln/Bonn gefördert. Die Dokumentation finden Sie hier. Empfehlenswert zum Thema: Edmund Silberner, Moses Hess – Geschichte seines Lebens und Volker Weiß, Moses Hess – Rheinischer Jude – Revolutionär – früher Zionist.
  • : In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung vom 12. März 2026 fragt die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf: „Warum fördert der Staat Teilzeit, wenn er Vollzeit haben will?“ Sie verweist auf das Ergebnis der Volksabstimmung in der Schweiz am 8. März 2026, mit der die „steuerliche Zusammenveranlagung von Ehepaaren verabschiedet“ und Individualbesteuerung ein(ge)führt“ In Deutschland scheint dies jedoch unmöglich. Gefördert wird in Deutschland auch nicht die Ehe, sondern eine bestimmte Form von Ehe, die Hausfrauenehe beziehungsweise „Ungleichverdienerehe“, in der in der Regel der Mann, ein erheblich höheres Einkommen erzielt als die Frau, für die sich angesichts des Ehegattensplittings die Aufnahme einer Berufstätigkeit nicht lohnt. Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit, während nur etwa 12 Prozent der Männer dies tun. „Damit setzt das Splitting Anreize für den Vollzeitausstieg der Frau. Und kostete den Steuerzahler allein im Jahr 2025 circa 25 Milliarden Euro.“ Ein weiteres Ergebnis: „Die Altersrente der Frauen ist um 37 Prozent niedriger als die der Männer.“ Ein ebenfalls großes Hindernis ist die kostenfreie Mitversicherung einer nicht berufstätigen Ehefrau, die ebenfalls dazu führt, dass eine Berufstätigkeit gar nicht erst aufgenommen wird, es sei denn, sie nimmt einen Minijob auf. Frauke Brosius-Gersdorf plädiert dafür, diese Förderung von Teilzeit beziehungsweise Hausfrauenehe ebenso abzuschaffen wie die Ermöglichung von Minijobs (mit Ausnahme für Schüler:innen und Studierende). Ein weiteres Problem ist die oft – trotz Rechtsansprüchen – unzureichende Kinderbetreuung. Die Historikerin Hedwig Richter referiert in ihrem Beitrag zum Themenheft „Ehe“ vom 14. März 2026 in „Aus Politik und Zeitgeschichte“, wie es zum Leitbild der Hausfrau kam: „Das ‚Herz der Familie‘ – Zur Entstehung der Hausfrau“. Das Konzept entwickelte sich seit dem 18. Jahrhundert geradezu zu einer „Hausfrauen-Ideologie“, war jedoch zunächst nur einer kleinen Elite des Bürgertums vorbehalten, doch demokratisierte es sich im Rahmen einer „dichotome(n) Geschlechterordnung“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Förderung der Hausfrauenehe entstand in den 1950er Jahren: „Das Hausfrauenmodell durchdrang die ganze Gesellschaft, ob Arbeit, Freizeit, Erziehung, Konsum, Liebe oder Ernährung, und prägte das Wirtschaftswunder und den Kapitalismus“. Mit der Verbreitung der Hausfrauenehe verschwand auch Hauspersonal. Hedwig Richter beschreibt die Gründung von Hausfrauenvereinigungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Steigerung der Frauenerwerbsquote im Zweiten Weltkrieg angesichts der als Soldaten abkommandierten männlichen Bevölkerung. In der Zeit des Wirtschaftswunders wurde die Hausfrau vorbildliche Konsumentin. „Erstens stellte sie wie bisher die kostenlose Haus- und Carearbeit zur Verfügung. Zweitens wurde sie immer mehr zum Profi für Konsum.“ Und damit auch zur Mitverantwortlichen für Umweltprobleme, vom steigenden Wasserverbrauch bis hin zu wachsender Bodenversiegelung angesichts der steigenden Nachfrage von Eigenheimen und wachsenden Müllbergen. Weitere Entwicklung offen. Ob sich die Bewegung der „Tradwives“ durchsetzen, darf jedoch bezweifelt werden. Immerhin sind inzwischen etwa 75 Prozent der Frauen in Deutschland berufstätig. Unter welchen Bedingungen, mit welcher Bezahlung, das führt dann wieder zu der von Frauke Brosius-Gersdorf gestellten Frage. Nur am Rande: In den USA gibt es eine Bewegung, die das bisherige individuelle Wahlrecht durch ein Familienwahlrecht ersetzen will. Der Mann in der Familie wähle dann für seine Frau und die dem Haushalt angehörenden Kinder. JD Vance gehört zu den Unterstützern einer solchen Wahlrechtsreform. Cathryn Clüver Ashbrock berichtete auf der Leipziger Buchmesse unter anderem über diese Initiative. Weitere Hinweise finden sich in ihrem Buch „Der amerikanische Weckruf“ (Wien, Brandstätter, 2026).
  • Häusliche Gewalt
    : Der Begriff der häuslichen Gewalt ist als Begriff ein Euphemismus für Gewalt, die in den allermeisten Fällen von Männern gegen Frauen und / oder Kinder ausgeübt wird, die mit ihnen im selben Haushalt wohnen. Am 10. Februar 2026 stellten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Bundesfamilienministerin Karin Prien mit dem Bundeskriminalamt eine von ihnen in Auftrag gegebene Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ vor (auch dieser Titel muss als euphemistisch verstanden werden). Die repräsentative Studie erfasst einen Zeitraum von etwa zwei Jahren. Die Tagesschau berichtete, am 11. Februar kommentierten mehrere Zeitungen, zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung und der Tagesspiegel, diese Studie auf der Titelseite, sodass sie zumindest vorerst – ebenso wie die Berichte über Gewalt gegen Mitarbeiter:innen der Bahn – die Berichte über die Epstein-Akten in den Schatten stellten. Auch andere überregionale Zeitungen berichteten, die WELT, die FAZ, die BILD, die ZEIT. Auf der Seite des Bundeskriminalamts gibt es eine kurze Zusammenfassung. In mehreren Themenheften sind Details nachlesbar. Auch Männer sind von Gewalt betroffen, doch die Zahl der betroffenen Frauen und Minderjährigen ist erheblich höher und deren Gewalterfahrungen sind auch erheblich schwerwiegender und brutaler. Täter sind fast immer Männer, auch gegenüber männlichen Opfern. Nur etwa eine von 20 Frauen zeigt die Gewalt ihrer Ehemänner oder Partner an. Als Konsequenz werden unter anderem Maßnahmen gegen Täter genannt, beispielsweise eine elektronische Fußfessel. Eine offene Frage bleibt das Handeln von Familiengerichten, die viel zu oft bei Fragen des Umgangsrechts Frauen zwingen, den gewalttätigen Vätern den Umgang mit ihren Kindern zu ermöglichen. Eine wichtige Maßnahme wäre der deutliche Ausbau von Frauenhäusern. Es ist seit langem bekannt, dass es zu wenige gibt, so eine Recherche von CORRECTIV aus dem Jahr 2022, die nach wie vor aktuell sein dürfte.
  • Jugendkriminalität
    : Eine CORRECTIV-Recherche belegt, dass die Kriminalität von Jugendlichen und Kindern zwar nach Ende der COVID-19-Pandemie wieder leicht angestiegen ist, die Zahlen aber weitestgehend der Zeit vor der Pandemie ähneln. Auch die Zahl der Straftaten von Kindern unter 14 Jahren stieg in den vergangenen Jahren leicht. Veränderungen gibt es bei Kindern und Jugendlichen bei der Art ihrer kriminellen Handlungen. Während Ladendiebstahl gesunken ist, stiegen die Zahlen für einfache und gefährliche Körperverletzungen sowie für die Verbreitung pornographischer Inhalte. Es ist nicht nachweisbar, dass Kinder und Jugendliche ohne deutschen Pass überproportional mehr Straftaten begangen hätten. Anstiege korrelieren insbesondere mit dem sozialen Status, eigenem Gewalterleben und kriminellem Verhalten im Freundeskreis. CORRECTIV verweist unter anderem auf Forschungsergebnisse des Deutschen Jugendinstituts (DJI), das im Mai 2025 ein Übersichtspapier zum Thema Kinderdelinquenz in Deutschland veröffentlichte. (Informationen von CORRECTIV vom 11. März 2026)
  • und Verteidigung
    : Die Heinrich-Böll-Stiftung Brüssel hatte beim Royal United Services Institute (RUSI) eine Studie in Auftrag gegeben, in der untersucht werden sollte, wofür die 1,5 Prozent Anteil der zusätzlichen Verteidigungsausgaben verwendet werden könnte. Das Ergebnis (Studie unter diesem Link im Wortlaut) überraschte: Auch Naturschutzmaßnahmen können der Verteidigung dienen, beispielsweise die Erweiterung von Seengebieten durch Renaturierung benachbarter Gebiete als Feuchtgebiete. Thomas Tutschker informierte in der FAZ am 3. März 2026: „Wenn der Feind im Sumpf steckenbleibt“. Am Beispiel Estlands zeigte die Studie, wie auf diese Weise russische Bodentruppen bei einem möglichen Angriff aufgehalten werden könnten. Ebenso hätten dezentrale Solar- und Windparks erhebliche Vorteile bei der Energieversorgung gegenüber zentralen Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken. Die Studie belegt somit eine andere Variante des „Dual Use“ und begründet, dass es sich lohnt, auch Renaturierung und erneuerbare Energie auf den in der NATO vereinbarten 1,5-Prozent-Anteil für zivile Verteidigungsmaßnahmen anzurechnen.
  • Kulturelle Aneignung, hier: Simson-Motorräder
    : Der Vorsitzende der thüringischen Landtagsfraktion und Landesvorsitzende – you know who – zeigt sich in letzter Zeit oft mit einem Simson-Motorrad, um auf diese Weise seine Wertschätzung für die Biographien der Menschen in der ehemaligen DDR und darüber hinaus so etwas wie eine eigene Ost-Identität zu bezeugen, die er als aus dem Westen stammender ehemaliger Geschichtslehrer nicht hat. Die Nachfahren der jüdischen Gründerfamilie haben sich jetzt gegen die Vereinnahmung durch die Partei gewehrt, sie sei eine „Beleidigung ihres Namens“. Die Familie wurde 1936 aus Deutschland vertrieben. Ihre Nachfahren leben in den USA. (Grundlage ist ein Bericht des Spiegel, über den CORRECTIV am 17. Februar 2026 informierte.)
  • Neuer Briefwechsel zwischen syrischen und ukrainischen Autorinnen
    : In einem neuen Kooperationsprojekt von Weiter Schreiben und der Bundeszentrale für politische Bildung schreiben sich Autorinnen aus Syrien und der Ukraine Briefe. Diese Briefwechsel fördern erstaunliche Gemeinsamkeiten zwischen weit voneinander entfernten Kriegs- und Krisengebieten zutage. Die Autorinnen richten sich an ein intimes Gegenüber sowie an eine öffentliche Leser:innenschaft, die zur Zeugenschaft aufgerufen ist. Es schreiben sich Baraa Altrn & Oksana Stomina und Zein Khusam & Svitlana Oslavska. Weiter Schreiben veröffentlicht die Briefe sukzessive auf weiterschreiben.jetzt. Baraa Altrn schreibt aus einem Syrien nach Assads Fall, von den grausamen vergangenen Jahren, die ihren Lebensweg geprägt haben. Oksana Stomina, die in Kyjiw lebt, fordert mit Nachdruck auf, sich an die Namen getöteter Zivilist:innen zu erinnern: „Weißt du, dass wir beide in unseren Herzen dieselbe Wunde haben und denselben barbarischen Feind?“ Die Briefwechsel entstehen im Rahmen einer Kooperation mit Kateryna Stetsvych von der Bundeszentrale für Politische Bildung. Kuratiert wurde das Projekt von Dima Albitar Kalaji und Kateryna Mishchenko. (aus dem Newsletter von Weiter Schreiben vom 24. Februar 2026.)
  • Russisches Rückkehrerprogramm
    : Im Tagesspiegel berichtete Oksana Akmaeva am 9. Februar 2026 über Putins Bemühen, ausgewanderte Russ:innen wieder zurück nach Russland zu locken: „Freiwillig in die Diktatur?“. Dieses von Putin persönlich verfügte Programm gilt jedoch nicht für Russ:innen, die nach der Vollinvasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 ausgewandert sind. Angeboten werden den Rückkehrenden freie Wohnortwahl, Sozialleistungen. Gefordert werden „Patriotismus und Dienst für das Vaterland“ sowie „Verantwortungsübernahme für das Schicksal des Landes“, nicht zuletzt auch das Bekenntnis zu Russlands „traditionellen Werten“. Oksana Akmaeva porträtiert zwei Interessenten aus Deutschland, die auch bereits nach Russland zurückgereist zu sein scheinen. Einer wird damit zitiert, dass er die Erziehungsmethoden in deutschen Schulen nicht teile. So kritisiert er, dass die Lehrkräfte der Schule seines Sohnes ihn zu einem Gespräch gebeten hätten, weil sein Sohn sich in der Schule geprügelt habe, deutsche Schulen wollten nur, dass die Kinder „Spaß“ Seine Antwort lautete, der Junge müsse doch lernen sich durchzusetzen, anders ginge das nicht. Deutschen Nachrichten über Russland und die Ukraine glaube er grundsätzlich nicht, er nutze nur russische Sender. Einer der beiden porträtierten Männer betont, er wollen seinen deutschen Pass behalten, man könne ja nie wissen. Beworben haben sich laut russländischen Behörden bisher 12.000 Personen. Es handelt sich um Russen beziehungsweise Russlanddeutsche, die Putins beziehungsweise Russlands „Werte“ teilen. Es scheint sich vor allem um Männer zu handeln. Genaue Daten gibt es jedoch nicht.
  • Russische Desinformation
    : Bei Maybritt Illner sagte Marina Weisband am 20. Februar 2026: „Wenn ich Putin wäre, würde ich uns doch nicht mit Panzern angreifen, wenn es Facebook gibt.“ CORRECTIV hat eine große Liste mit von Russland ausgehenden Fehlinformationen Dazu gehören unter anderem die anhaltende Reichweite von Propagandasendern wie RT DE, die Fake-Kampagne „Storm-1516“, gefälschte CORRECTIV zugeschriebene Berichte, Fake-Zitate deutscher Politiker:innen, die Verbreitung von Wahlbetrugsnarrativen mit gefälschten Stimmzetteln, auf denen angeblich die AfD gefehlt hätte. Auf der CORRECTIV-Seite besteht die Möglichkeit, weitere solche Fehlinformationen zu melden. Weitere Fehlinformationen wurden zum Beispiel in einer Reportage vom Januar 2025 benannt.
  • Russischer Kolonialismus
    : Die Russische Föderation ist das letzte umfassende Kolonialreich. Andere Kolonialreiche (unter anderem Belgien, Deutsches Reich, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, das Osmanische Reich, Portugal, schon zuvor Spanien) verloren sukzessive große Gebiete nach dem Ersten beziehungsweise Zweiten Weltkrieg oder folgenden Unabhängigkeitskriegen, Russlands Einflussbereich verkleinerte sich mit den Systemwechseln in osteuropäischen Staaten und der Auflösung der Sowjetunion zwischen 1989 und 1991. Eine umfassende Dekolonisierung fand jedoch nicht statt. Nach wie vor umfasst die Russische Föderation zahlreiche nicht-russische Bevölkerungsanteile, aus denen Putin einen großen Teil seiner Armee rekrutiert. Der ukrainische Journalist Maksym Eristavi hat in einem illustrierten Handbuch „Russischer Kolonialismus“ (Essen, CORRECTIV, 2025, englischer Originaltitel: Russian Colonialism 101 – How to Occupy a Neighbor and Get Away with it: An Illustrated Guide”) das Vorgehen der Zentrale in Moskau im Einzelnen anschaulich und übersichtlich beschrieben. Jeweils auf einer Seite finden sich Informationen zu Manipulation und Desinformation, Angriffen, Vernichtung (bis hin zum Völkermord) sowie zur Bedeutung der jeweiligen Staaten beziehungsweise Ethnien, zu einigen sogar mehrfach, da sich die Angriffe in den letzten 110 Jahren wiederholten, auf der jeweils gegenüberliegenden Seite eine Zeichnung. In den Beiträgen wird das Vorgehen gegen heute eigenständige Staaten beziehungsweise Nationen wie Afghanistan, Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Bulgarien, Deutschland (DDR), Estland, Finnland, Georgien, Iran, Kasachstan, Lettland, Litauen, Moldova, Polen, Rumänien, Slowakei, Tadschikistan, Tschechien, Ukraine, Ungarn ebenso beschrieben wie das Vorgehen gegen Minderheiten wie Baschkortostan, Burjat-Mongolei, Chanten, Dolganen, Don und Kuban, Idel-Ural, Kalmückien, Nenze, Sacha, Tannu-Tuv, Tschetschenien, Tungusische Republik. Es gibt auch eigene Eintragungen zu Regionen wie dem Nordkaukausus und der Krim beziehungsweise Qırım.
  • Russische Demokratie der Zukunft
    : Für die Zeitschrift „Das Parlament“ sprach Daria Boll-Palievskaya mit Dmitri Gudkov über Ziele, Legitimation und Arbeitsfelder der neuen Plattform der demokratischen Kräfte Russlands bei der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE): „Wir bauen ein Fundament für die künftigen Beziehungen nach Putin“. Dmitri Gudkov lebt heute auf Zypern. Thema des Gesprächs war unter anderem das Vorgehen der russischen Führung gegen jede Opposition. „Nach dem Ende des Regimes ist mit Turbulenzen und Elitenkonflikten zu rechnen. Ein Teil der Eliten wird dann eine Widerannährung an den Westen suchen, weil Isolation keine Entwicklungsperspektive bietet.“ Er setzt auf international bekannte Akteure wie Michail Chodorkowski, Wladimir Kara-Mursa oder Nadeschda Tolokonnikowa. Wenn man zwischen den Zeilen liest, ist die Herstellung einer gemeinsamen Strategie keine zu unterschätzende Herausforderung. Zu den Zielen gehören: „Ein Staat mit klarer Gewaltenteilung und ohne Machtmonopol, eine echte Föderation mit verteilten regionalen Kompetenzen (…) eine parlamentarische Republik (…). Unser wichtigster Parter ist Europa. Ohne Europa hat Russland keine Zukunft.“

Der Newsletter des Demokratischen Salons erscheint in der Regel etwa alle acht Wochen. Die nächste Ausgabe erhalten Sie gegen Ende Mai / Anfang Juni. Neue Beiträge werden wie bisher laufend veröffentlicht.

Mit den besten Grüßen verbleibe ich

Ihr Norbert Reichel

P.S.: Sollte jemand an weiteren Sendungen meines Newsletters nicht interessiert sein, bitte Nachricht an info@demokratischer-salon.de. Willkommen sind unter dieser Adresse natürlich auch wertschätzende und / oder kritische Kommentare und / oder sonstige Anregungen.

(Internetzugriffe in diesem Newsletter zuletzt am 23. März 2026.)