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	<title>Themen Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Queerness Goes Magic</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/queerness-goes-magic/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/queerness-goes-magic/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 07 Nov 2026 07:04:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Queerness Goes Magic Autor:in Kuku Schrapnell über erfolgreiche Queers der Weltgeschichte „We tell ourselves stories in order to live“ (Joan Didion, The White Album, 1979) „Wir müssen uns Geschichten erzählen, um zu verarbeiten, was wir erlebt haben. Es geht gar nicht anders.“ (Kuku Schrapnell, Gender Punks, 2026)  Mit einem Klick auf das Bild  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Queerness Goes Magic</strong></h1>
<h2><strong>Autor:in Kuku Schrapnell über erfolgreiche Queers der Weltgeschichte</strong></h2>
<p><em>„We tell ourselves stories in order to live“ </em>(Joan Didion, The White Album, 1979)</p>
<p><em>„Wir müssen uns Geschichten erzählen, um zu verarbeiten, was wir erlebt haben. Es geht gar nicht anders.“ </em>(Kuku Schrapnell, Gender Punks, 2026)</p>
<div id="attachment_8652" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8652" class="wp-image-8652 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag-212x300.png" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag-200x283.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag-212x300.png 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag-400x566.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag-600x850.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag-723x1024.png 723w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag-768x1088.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag-800x1133.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Gender-Punks-Verbrecher-Verlag.png 834w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /><p id="caption-attachment-8652" class="wp-caption-text">Mit einem Klick auf das Bild erhalten Sie weitere Informationen des Verlags über das Buch.</p></div>
<p>Wir brauchen Geschichten. Das ist die Botschaft von Joan Didion, das ist die Botschaft von Kuku Schrapnell. Beide wollen Geschichten von Menschen erzählen, aus denen sich dann das zusammensetzen könnte, was wir Geschichte nennen möchten. Kuku Schrapnell tut dies in dem Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/gender-punks/">„Gender Punks – Über trans Pionier*innen und die Kunst, widerständig zu leben“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2026).</p>
<p>Aber ob wir aus all diesen Geschichten eine klare und eindeutige Sicht auf Geschichte entwickeln mögen? Kuku Schrapnell denkt, eher nicht, denn <em>„Geschichte ist messy. Sie dreht Kreise und Spiralen und geht mal hierhin mal dorthin. Teile von ihr kapseln sich ab, manche werden versteckt und andere überschrieben. Sie wirklich zu fassen, ist unmöglich.“</em> Auf all diese <em>„Kreise und Spiralen“</em> müssen wir uns nur einlassen und schon mag gelingen, was Kuku Schrapnell mit dem Buch erreichen möchte: <em>„Dieses Buch soll ermutigen“</em>! „Gender Punks“ gelingt dies, ganz in der Tradition von Joan Didion. Kuku Schrapnell fügt den vielen Kapiteln außergewöhnlicher Geschichten einige weitere hinzu, die Geschichten erfolgreicher trans Menschen voller Widerständigkeit und Resilienz.</p>
<h3><strong>„Die Rosamunde Pilcher des Queer-Feminismus“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir haben uns während der Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2026 am Stand des Verbrecher Verlags kennengelernt. Ich habe Ihr Buch gelesen und dabei nicht nur viel gelernt, sondern auch viel Spaß gehabt. Glückwunsch. Wie kamen Sie auf die Idee zu dem Buch?</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Ich bin ein wenig zufällig zu meiner Beschäftigung mit dem Trans-Thema als historisches Thema gekommen. Viel mehr beschäftige ich mich mit Dingen in der Gegenwart. Ich bin Mitglied im Vorstand eines queeren Jugendverbandes in Sachsen-Anhalt. Ich bin in verschiedenen Strömungen aktiv, in denen wir darüber nachdenken, was ein gutes Leben eigentlich ist, wie wir dahin kommen und was Geschlecht damit zu tun hat. Wenn ich das nicht mache, koche ich leidenschaftlich. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der Name ist ein Pseudonym, nehme ich an.</p>
<div id="attachment_8653" style="width: 210px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8653" class="wp-image-8653 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--200x300.jpg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--200x300.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--400x600.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--600x900.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--683x1024.jpg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--768x1151.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--800x1199.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--1025x1536.jpg 1025w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl--1200x1799.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Kuku-Schrapnell-Foto-Nane-Diehl-.jpg 1334w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-8653" class="wp-caption-text">Kuku Schrapnell, Foto: Nane Diehl.</p></div>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Ja, Kuku war schon lange mein Spitzname und ist inzwischen auch mein amtlicher Vorname. Schrapnell ist eine Anspielung an Coco Chanel, weil ich ursprünglich aus Tuntenkreisen komme, wo solche Namen üblich sind und ich ein Bühnen-Alter-Ego brauchte. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da braucht man vielleicht Namen, die nach Mode klingen.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Zum Beispiel. Das hatte sich dann irgendwie etabliert und ich habe dann nach und nach angefangen, mehr zu schreiben und zu veröffentlichen und dann kam natürlich die Frage, welchen Namen wir darunterschreiben. Aus verschiedenen Gründen dachte ich, dass es doch mit dem bürgerlichen Namen albern wäre, wenn ich mir schon so etwas Schönes ausgedacht habe. Das ist jetzt seit etwa zehn Jahren so. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Texte schreiben sie? Zu welchen Themen?</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Ich schreibe oft journalistische oder gesellschaftsanalytische Texte. Es ist so eine Art Hand in Hand von Schreiben und Aktivismus. Für mich war das Schreiben schon immer die zweite Hand zum Aktivismus, zum Auf-die-Straße-gehen, zum Organisieren, zum Bündnisse schmieden. Wenn man sich dann über die Welt Gedanken macht, hilft es das aufzuschreiben, damit vielleicht auch andere verstehen, was ich mir so ausgedacht habe, damit sie es teilen oder kritisieren können. </em></p>
<p><em>Ich hatte immer auch schon den Wunsch, etwas Gutes zu erzählen, von schönen Dingen zu schreiben. Das gelingt natürlich nicht immer. </em><a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/kuku-schrapnell/"><em>In der Verlagsbio, die ich bekommen habe</em></a><em>, steht, ich gelte „völlig zu Unrecht noch nicht als Rosamunde Pilcher des Queerfeminismus.“ </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Eine schräge Idee.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Der Verlag und ich haben beide an dieser Bio gearbeitet. Es war so ein hehrer Wunsch von mir, den ich schon öfter geäußert habe. Ich habe mal spaßeshalber gesagt, ich lese ein Buch von Rosamunde Pilcher. Die sind einmal ganz schrecklich, aber sie sind auf der anderen Seite einfach sehr gut geschrieben. Das ist für mich die Idee einer Erzählung, die man liest, weglegt und man fühlt sich gut. Die „Rosamunde Pilcher des Queerfeminismus“ kokettiert ein wenig damit. Rosamunde Pilcher und Queerfeminismus könnten kaum weiter auseinanderliegen, aber genau darin liegt für mich der Reiz: Wie können Erzählungen aussehen, die sich kritisch mit der Welt befassen, uns aber nicht in einem Gefühl der Ohnmacht oder der Verzweiflung zurücklassen, sondern uns auch ein Stück Hoffnung geben?</em></p>
<p><em>Viele Bücher, die sich mit dem trans Thema befassen, versuchen es einer Öffentlichkeit zu erklären, die sich damit nicht auskennt, vielleicht Vorurteile hat. Mir war wichtig, nicht diesen Ansatz zu verfolgen, so nach dem Motto: Es gibt trans Personen, schaut sie euch an. In einer Rezension kam es auch einmal zur Sprache. Es gab einen Instagram-Account, in dem jemand sagte, man merke dem Buch an, dass es nicht für Cis-Personen, cis als Gegenbegriff zu trans, geschrieben sei. </em></p>
<p><em>Natürlich kann man ein Buch nicht ohne Erklärungen schreiben. Manchmal muss man schon erklären, welche Wörter man wie und warum benutzt. Ich wollte aber zunächst erst einmal andere queere Menschen, und explizit trans Menschen ansprechen. Ich stelle mir zum Beispiel Ben (17) vor, lebt in Dessau, benutzt keine Pronomen und soll sich ein bisschen besser fühlen. Das war für mich der zentrale Gedanke. Ich wollte nicht gleich die ganz große Theorie machen. Natürlich steckt Theorie im Buch, aber nicht im Stil von Erziehungs- oder Sozialwissenschaften. Das Buch sollte keinen wissenschaftlichen Diskurs führen, es sollte Hoffnung geben, nahbar sein für das, was man vielleicht Community nennen könnte.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das gefällt mir sehr an Ihrem Buch, aber wie gesagt ist es für mich ein Buch, das auch denjenigen ein gutes Gefühl gibt, die nicht zur Community gehören. Ein Buch ohne jede Zeigefinger-Attitüde.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Genau das. Das ist das eine</em>. <em>Das andere ist die Vermeidung der großen Opfererzählung: ach, mir geht es doch so furchtbar schlecht, ihr müsst doch alle Mitleid mit mir haben. </em></p>
<p><em>Ich will schöne Geschichten erzählen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mit den „Gender Punks“ ist Ihnen das sehr gut gelungen. Wenn ich das so sagen darf. Ich habe mich nach der Lektüre sehr wohlgefühlt. Ich selbst gehöre nicht zur Queer-Szene, kenne einige Leute der Szene, aber ich kann sagen, dass das Buch nicht nur ein Buch für die Szene, sondern auch ein Buch für alle anderen ist, die ein offenes Herz haben. Schöne, aufregende, spannende Geschichten, die – wie Sie sagen – Hoffnung geben.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Das ist für mich die große Überraschung an dem Buch. Es ist mir eine wirklich große Freude, dass es über mein ursprüngliches Zielpublikum hinaus Leuten gefällt und auf ein so positives Echo stößt. Ich glaube, auf eine Art und Weise ist es eine Stärke, dass das Buch sich nicht anbiedern will. Das macht es auch viel lesbarer.</em></p>
<h3><strong>Widerständigkeit und Resilienz</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Menschen, deren Leben Sie erzählen, sind keine Opfer, sie haben ihr Leben im Griff und lassen sich nicht – wie man so sagt – die Butter vom Brot nehmen. Ich glaube ohnehin, dass man sich in den vielen Kontroversen unserer Zeit, die leider nicht immer sehr freundlich ablaufen, viel besser ein Bild von der Welt machen könnte, wenn man sich mit den Geschichten solcher Menschen befasst. Ich muss aber auch gestehen, dass ich von den Menschen, deren Geschichten Sie erzählen, keine einzige kannte. Wie haben Sie diese Menschen gefunden?</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Es ist ganz lustig. Ich hatte es immer irgendwie als Hobby, mich mit Geschichte auseinanderzusetzen, Dingen nachzuspüren und zu finden. Als mir der Verlag diese Buchidee antrug, habe ich eine Mind Map angelegt. Ich hatte noch nie ein Buch geschrieben und dachte, ich muss das erst einmal sortieren. Danach habe ich diese Mind Map aber nie wieder angeschaut. </em></p>
<div id="attachment_8654" style="width: 299px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8654" class="wp-image-8654 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Anastasius-Rosenstengel-1720-Unbekannter-autor-Wikimedia-Commons-289x300.jpg" alt="" width="289" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Anastasius-Rosenstengel-1720-Unbekannter-autor-Wikimedia-Commons-200x207.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Anastasius-Rosenstengel-1720-Unbekannter-autor-Wikimedia-Commons-289x300.jpg 289w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Anastasius-Rosenstengel-1720-Unbekannter-autor-Wikimedia-Commons-400x415.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Anastasius-Rosenstengel-1720-Unbekannter-autor-Wikimedia-Commons-600x622.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Anastasius-Rosenstengel-1720-Unbekannter-autor-Wikimedia-Commons-768x796.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Anastasius-Rosenstengel-1720-Unbekannter-autor-Wikimedia-Commons-800x829.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Anastasius-Rosenstengel-1720-Unbekannter-autor-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 289px) 100vw, 289px" /><p id="caption-attachment-8654" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:CatharinaMargarethaLinck_crop.jpg">Athanasius Rosenstengel</a>, 1720, Wikimedia Commons.</p></div>
<p><em>Jetzt, wo das Buch vorliegt, habe ich noch einmal hineingesehen und festgestellt, dass von all den Leuten, die ich damals im Kopf hatte, es nur einer ins Buch geschafft hat: Anastasius Lagrantinus Rosenstengel. Er hat schon eine kleine Rezeptionsgeschichte in Deutschland. Angela Steidele hatte über ihn geschrieben: „In Männerkleidern – Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Rosenstengel, hingerichtet 1721 – Biografie und Dokumentation“ (Köln / Weimar / Wien, Böhlau, 2004). Kai Matter und Marie Lucienne Verse hatten ein Theaterstück daraus gemacht, </em><a href="https://www.suhrkamptheater.de/stueck/alias-anastasius-tt-102545"><em>„Alias Athanasius“</em></a><em>, das 2023 im Berliner Ensemble aufgeführt wurde.</em></p>
<p><em>Ich habe auch einen schönen persönlichen Bezug. Das Waisenheim in Halle (Saale), in dem Anastasius aufgezogen und diszipliniert wird, ist meine alte Uni. Da bin ich zum Studieren immer hineingegangen und habe mir regelmäßig den Kopf gestoßen, weil die Decken so niedrig sind. </em></p>
<p><em>Irgendwie schien mir Anastasius so unerwartet nah, auch wenn er zeitlich so weit weg von mir lebte. Über die anderen bin ich nach und nach gestolpert, als ich mich auf meine Recherchesuche machte. Dabei habe ich auch geschaut, ob schon jemand an ähnlichen Projekten gearbeitet hatte, vielleicht aus einer ganz anderen Perspektive, vielleicht auch in deutscher Übersetzung. Das Schöne an dem Buch war, dass die Auswahl der Biografien ganz an mir und meinem Bauchgefühl lag. Es gibt natürlich noch Tausende andere Geschichten. Ich habe mich für die sechs Geschichten entschieden, weil diese sechs mir etwas erzählt haben, wovon ich dachte, das möchte ich auch anderen erzählen. </em></p>
<div id="attachment_8658" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8658" class="wp-image-8658 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Mark-Mary-Read-Das-Duell-Allen-Ginter-Cigarettes-Wikimedia-Commons-300x166.jpg" alt="" width="300" height="166" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Mark-Mary-Read-Das-Duell-Allen-Ginter-Cigarettes-Wikimedia-Commons-200x111.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Mark-Mary-Read-Das-Duell-Allen-Ginter-Cigarettes-Wikimedia-Commons-300x166.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Mark-Mary-Read-Das-Duell-Allen-Ginter-Cigarettes-Wikimedia-Commons-400x222.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Mark-Mary-Read-Das-Duell-Allen-Ginter-Cigarettes-Wikimedia-Commons-600x333.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Mark-Mary-Read-Das-Duell-Allen-Ginter-Cigarettes-Wikimedia-Commons-768x426.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Mark-Mary-Read-Das-Duell-Allen-Ginter-Cigarettes-Wikimedia-Commons-800x443.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Mark-Mary-Read-Das-Duell-Allen-Ginter-Cigarettes-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8658" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mary_Read,_The_Duel,_from_the_Pirates_of_the_Spanish_Main_series_(N19)_for_Allen_%26_Ginter_Cigarettes_MET_DP835033.jpg">Mark / Mary Read, Das Duell</a>. Aus der Piratenserie von Allen &amp; Ginter Cigarettes, Metropolitan Museum of Art. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="ccorg:publicdomain/zero/1.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en">CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication</a>.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie waren bei der Recherche weltweit unterwegs: Romaine-la-Prophétesse und die Revolution in Haiti, Danshō Okiyo und das Kabuki-Theater in Japan, das Manifest von STAR in den USA, geschrieben von Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, Pirat:in Mark Read und die Weltmeere.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Das war mir wichtig. Der Rahmen des Buches ist allerdings im Großen und Ganzen die westliche Neuzeit, weil ich denke, dass das die Zeit ist, in der sich das moderne Patriarchat entwickelte, veränderte und durch den Kolonialismus verbreitet wurde. Sogar in der Welt von Danshō Okiyo spielt die Interaktion mit dem Westen, hier den amerikanischen Soldaten, eine wichtige Rolle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gab es Patriarchat nicht schon vorher und auch in anderen Kulturen?</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Schon, aber es wurde aus Europa in seiner spezifisch europäischen Veränderung exportiert. Dazu gehören für mich die Geschichten aus Japan und Hawaii, weil dort bestimmte Vorstellungen von Geschlecht und Patriarchat aufeinandertreffen, die wir so nicht auf dem Schirm haben. Ich wollte kein Buch über die Konflikte schreiben, die es global gibt. Das wäre ein superspannendes Buch, aber ich komme nicht aus der Ethnologie oder der Kulturwissenschaft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Indien wäre interessant.</p>
<div id="attachment_8655" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8655" class="wp-image-8655 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Protest-against-Transgender-Bill-in-Mumbai-India-2018-Foto-Tamradvidhir-Wikimedia-Commons-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Protest-against-Transgender-Bill-in-Mumbai-India-2018-Foto-Tamradvidhir-Wikimedia-Commons-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Protest-against-Transgender-Bill-in-Mumbai-India-2018-Foto-Tamradvidhir-Wikimedia-Commons-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Protest-against-Transgender-Bill-in-Mumbai-India-2018-Foto-Tamradvidhir-Wikimedia-Commons-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Protest-against-Transgender-Bill-in-Mumbai-India-2018-Foto-Tamradvidhir-Wikimedia-Commons-600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Protest-against-Transgender-Bill-in-Mumbai-India-2018-Foto-Tamradvidhir-Wikimedia-Commons-768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Protest-against-Transgender-Bill-in-Mumbai-India-2018-Foto-Tamradvidhir-Wikimedia-Commons-800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Protest-against-Transgender-Bill-in-Mumbai-India-2018-Foto-Tamradvidhir-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8655" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Protest_against_Transgender_Bill_in_Mumbai,_India.jpg">Proteste in Mumbai, India, 2018</a>. Foto: Tamradvihir. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Die </em><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hijra"><em>Hijra</em></a><em> in Indien, die dort als drittes Geschlecht anerkannt sind, die </em><a href="https://albanianregistry.org/blog/albania-sworn-virgin"><em>Burrnesha</em></a><em> beziehungsweise geschworenen Frauen in Albanien. Es gibt zahlreiche spannende Beispiele, aber das wäre ein anderer Ansatz. Mein Ansatz ist eher der Versuch, von Widerständigkeit zu erzählen. Deshalb habe ich Konflikte gesucht. </em></p>
<p><em>Widerständigkeit und Resilienz! Das ist der rote Faden. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man, dass ich die Biografien nicht chronologisch angeordnet habe. Es ging mir um die Frage von Gemeinschaft. Rosenstengel war – so weit wir es wissen – sehr auf sich allein gestellt. Nur seine Ehefrau wusste davon. Zumindest können wir das annehmen, dass sie ihn unterstützte. STAR im New York der 1970er Jahre begriff sich als Gruppe, als Kollektiv und handelte auch gemeinsam.</em></p>
<h3><strong>Community und / oder Gemeinschaft</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus dem Buch zitieren: <em>„Community ist eh so ein komisches Wort. Häufig wird von der Trans-Community gesprochen oder der Queer-Community. Dabei ist der Witz, dass sich alle Queers kennen würden, ja schon lange ausgelutscht. Vielmehr gibt es viele verschiedene Communitys, die sich zwar teilweise überlagern, aber sich doch über mehr definieren als nur eine geteilte Identität. / Bei Communitys geht es um Beziehungen, gegenseitige Abhängigkeiten und geteilte Ressourcen.“ </em></p>
<p>Im selben Kapitel – einige Seiten weiter – schreiben Sie: <em>„Die Geschichten, die ich in diesem Buch zusammentrage, sind keine Held*innengeschichten. Zumindest geht es mir nicht in erster Linie darum. Es geht mir nicht um die Erschaffung neuer Heiliger, sondern darum, zu erzählen, was möglich ist. Dass es immer wieder Menschen gibt, die gegen innere wie äußere Widerstände vorgehen. Es geht auch darum, dass es nie alleine geht. Dass es immer eine Suche nach Gemeinschaft und Liebe ist, die uns antreibt wie Anastasius oder Lucy. Dass es immer Gemeinschaft braucht, um große Veränderungen möglich zu machen wie bei Romaine und Karl.“</em></p>
<p><em>„Gemeinschaft“</em> und <em>„Community“</em> sind zwei Schlüsselbegriffe, aber Sie verwenden sie meines Erachtens nicht synonym.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Ich benutze die beiden Begriffe nicht als Synonyme, möchte sie aber auch nicht zu scharf voneinander trennen. Es gibt Überschneidungen. Die eine Seite sind Leute, die von „Gemeinschaft“ reden, angefangen mit der „Volksgemeinschaft“ bis hin zu Politiker:innen, die sagen, „wir“ müssten ein Problem „gemeinsam“ lösen. Das hat auch etwas Ausgrenzendes. Natürlich sind wir alle Menschen auf diesem kleinen Gesteinsbrocken, der durchs All rast. Daher sollten wir auch in einer „Gemeinschaft“ leben und das auf eine Art und Weise tun, die möglichst „hierarchiearm“ ist und ohne Ausbeutung und Gewalt funktioniert. Auf der anderen Seite braucht es ganz konkrete Verbindungen der Menschen untereinander, damit „Gemeinschaft“ entstehen kann. Und da kommt der Begriff der „Community“ ins Spiel. Die queere „Community“, die „trans Community“ gibt es allerdings in der Singularform nur in der Sprache. In der Realität gibt es Zehntausende Beziehungsgeflechte, die sich umeinander herumwinden, einander überlagern, sich gegenseitig bis auf den Tod nicht ausstehen können, was auch irgendwie nett ist. </em>(lacht)</p>
<p><em>Eine Freundin von mir und ich haben mal ausgehend von einem Bluesky-Post eine Art Seminar entworfen: „Even for the bitches“. Das kam auch aus einer kleinen Diskussion, in der es um „Community“ ging und die Frage von Solidarität. Es ging uns darum, die Leute nicht hinten runterfallen zu lassen, die man nicht mag. Ich habe versucht, auch die schlechten Seiten der trans Menschen im Buch nicht unbeleuchtet zu lassen, sondern darauf einzugehen, dass sie fehlerhaft sind, dass sie ihre Schattenseiten mit sich bringen, dass das aber auch ok ist, dass sie keine Heiligen sind. Ich wollte aber auch zeigen, dass wir alle irgendwie und irgendwo sicherlich nicht ok sind. Da kommt mein eigener Katholizismus durch. Mit der Erbsünde sind wir eben alle geschlagen und jetzt können wir uns auf die Gnade Gottes oder besser noch auf die gegenseitige Gnade verlassen.</em></p>
<div id="attachment_8657" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8657" class="wp-image-8657 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons-300x193.jpg" alt="" width="300" height="193" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons-200x129.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons-300x193.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons-400x258.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons-460x295.jpg 460w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons-600x387.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons-768x495.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons-800x516.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Sylvia-Rivera-1970-Foto-Roseleechs-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8657" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:STAR_Rally.jpg">Sylvia Rivera</a>, 1970, Foto: Roseleechs. Wikimedia Commons, <a class="extiw" title="w:en:Creative Commons" href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a class="extiw" title="creativecommons:by-sa/4.0/deed.en" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es gibt für fast alle Communities so etwas wie initiale Ereignisse, die als Startdatum einer Bewegung gelten dürften. Das sind in unserem Thema einmal die Ereignisse am 28. Juni 1969, kurz nach Mitternacht, im Stonewall Inn in New York. Davon wissen inzwischen viele. Sie erwähnen in Ihrem Buch jedoch auch das <a href="https://www.digitaltransgenderarchive.net/files/fj236244p">Gründungsmanifest STAR</a>, das kaum jemand kennt und das – so schreiben Sie – <em>„nicht nur das beste Akronym hat, sondern auch ausgeschrieben absolut fantastisch klingt: Street Transvestite Action Revolutionaries.“</em> Geschrieben haben es Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Es war mir selbst im Detail nicht so bekannt. Es ist im Grunde eine große Ironie. Stonewall ist natürlich der Startpunkt einer großen Bewegung. Es ist eine sehr deutsche Eigenheit, dass in Deutschland der „Christopher Street Day“ gefeiert wird. In allen anderen Ländern heißt es einfach „Pride“.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wusste ich nicht. Pride klingt sehr schön, nach Stolz auf sich, nach Stolz miteinander.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Und ist ein Gegenbegriff zu Scham. </em></p>
<p><em>Aber wer waren Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera eigentlich? Und was passierte damals? Ich wollte herausarbeiten, wie schlimm die Umstände waren, in denen die beiden leben mussten. Die Gesamterzählung geht eher in die Richtung, dass nach Stonewall alles immer besser wurde bis in die 1980er Jahre mit HIV und AIDS. Man sollte aber wissen, dass das so einfach und geradlinig nicht war. Es lag noch ganz schön viel im Argen. Es gab auch Schwierigkeiten in den eigenen Communities, Anerkennung zu finden, und manche fanden Anerkennung an ganz verblüffenden Orten. Das war für mich wichtig. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus Ihrem Buch zitieren: <em>„Viele der STAR-Mitglieder werden nicht sonderlich alt. Sie sterben an den Drogen oder am Entzug, durch die Gewalt auf der Straße. Die meisten von ihnen werden selbst immer wieder gewalttätig. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass die Vorgänger*innen und Gründer*innen unserer Bewegung alles Heilige waren. / Viele unserer Vorbilder sollten sich durch ihre Kanten und Vielschichtigkeit auszeichnen. Wir brauchen Vorbilder, eben weil es keine Held*innengeschichten gibt, sondern nur die Geschichten von einem Leben, das genauso schwer und widersprüchlich und scheiße war, wie es für die meisten Menschen heute ist. Wer aus historischen Personen Heilige macht, erzählt stets nur einen kleinen Teil ihres Lebens.“ </em>Ich habe diese Sätze als eine Art Programm Ihres Buches verstanden.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Auf jeden Fall. Am Ende schafft man es dann doch immer irgendwie, die Quintessenz herauszuformulieren.</em></p>
<h3><strong>Erfolgsgeschichten – trotz allem</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das ist Ihnen gut gelungen und es mich hat sehr gefreut, dass Sie sich auf eine meiner Lieblingsautor:innen beziehen, auf Joan Didion. Ich habe gewagt, in meinem Magazin ihr einen Nachruf zu widmen. Der Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/empathische-distanz/">„Empathische Distanz“</a> könnte auch als Titel für eine Besprechung Ihres Buches passen. Vielleicht ist das jetzt auch der Zeitpunkt, dass wir zwei Biografien aus Ihrem Buch etwas ausführlicher vorstellen, auch als Anregung für unsere Leser:innen, sich das Buch zu kaufen. Ich schlage vor, dass Sie die eine und ich die andere aussuchen. Wer von uns beiden soll anfangen?</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Fangen Sie doch an.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Danshō Okiyo.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Im ursprünglichen Manuskript war Okiyo gar nicht drin. Eigentlich waren 100 Seiten angepeilt, doch der Verlag sagte dann, wir machen 30 Seiten mehr. So hat es Okiyo geschafft.</em> <em>Okiyo ist für mich so spannend wegen der Auseinandersetzung mit Japan aus der europäischen oder auch deutschen Perspektive. Japan war ein Teil der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg, des Faschismus, eine unfassbar schreckliche totalitäre Gesellschaft, hoch militarisiert. Japan ist verantwortlich für unfassbare Kriegsverbrechen vor allem in Ostasien. Es gab die Nachkriegserzählung von der Öffnung zum Westen, zur Demokratie, zum Kapitalismus, allerdings anders als in der BRD. Für mich war es in diesem Rahmen überraschend, in den kleinen Zwischenraum der 1950er Jahre hineinzuschauen. Es war eine Leerstelle zwischen dem Kaiserreich der 1940er Jahre und davor und den heutigen Neonfarben Tokyos. </em></p>
<p><em>Okiyo wurde vor dem Krieg geboren, überlebte ihn – wie wissen wir nicht so genau –, sie wird eine Danshō, eine Schauspielerin und Sexarbeiterin, die in weiblicher Rolle auftritt, trans feminin ist, und auf eine reiche kulturelle Geschichte des japanischen Theaters zurückblicken kann, in der es immer wieder dieses Spiel mit den Geschlechtern gab. Es gab diese Nähe zwischen Schauspielerei und Sexarbeit, wie sie auch in Europa, schon im frühen Mittelalter gang und gäbe war. Okiyo kommt aus Osaka, geht kurz nach dem Krieg nach Tokyo und trifft dort auf Gleichgesinnte. </em></p>
<p><em>Es ist schwierig, komplett zu erfassen, was dort vor sich ging. Es gibt einen Haufen verschiedener Menschen, denen bei der Geburt das Geschlecht Mann zugewiesen worden war, die jedoch als Frauen lebten. Sie gingen im </em><a href="https://www.kensetsu.metro.tokyo.lg.jp/jimusho/toubuk/ueno"><em>Ueno-Park</em></a><em> der Sexarbeit nach, auch für die amerikanischen GI’s, die dort nach dem Krieg stationiert waren. Sie konnten einerseits auf eine Tradition zurückblicken, konnten aber andererseits auch in der Nachkriegszeit ausleben, was früher verdeckt war, im privaten und im sehr reglementierten Rahmen stattgefunden hatte. Sexarbeit, eben auch queere Sexarbeit, musste im Geheimen stattfinden und war sehr strengen Regeln unterworfen. Im Ueno-Park fand es in der Öffentlichkeit statt.</em></p>
<p><em>Diese neue Offenheit war die eine Seite. Sie wurde von einer US-amerikanischen Besatzung konterkariert, die die Gesetzgebung übernahm und reglementierend eingriff, auch im Hinblick auf die Sichtbarkeit dessen, was in Japan an queerem Ausdruck möglich war. Das wurde erst einmal unterbunden. Auch die Sexarbeit wurde nach amerikanischem Vorbild generell unter Strafe gestellt, obwohl die amerikanischen Soldaten diejenigen waren, die genug Geld hatten, um die Sexarbeit zu bezahlen, und diese auch in Anspruch nahmen. </em></p>
<p><em>In diesem Widerstreit geschichtlicher Strömungen findet Okiyo andere und es entwickelt sich die Community, die Gemeinschaft der Danshōs, die sich gegenseitig unterstützen und dann auf den Polizeichef von Tokyo treffen. Dieser war als Law-and-Order-Politiker bekannt. Er will die neue Gesetzgebung durchsetzen und nimmt sich als erstes Ziel die trans Frauen vor. Er hatte einen Haufen Journalisten dabei, in der Hoffnung, dass er diese Leute am nächsten Tag in den Zeitungen outen, bloßstellen, beschämen kann. Aber er trifft auf einen Widerstand, mit dem er nicht gerechnet hat. Alles entwickelt sich in die gegenteilige Richtung. Okiyo gibt ihm eine schallende Ohrfeige. Das wurde bildlich festgehalten. </em></p>
<p><em>Der Widerstand greift auch auf andere Bewohner:innen des Parks über, auf Obdachlose, auf andere Sexarbeiter:innen, die im Park ihre Geschäfte anbieten, die sich mit den kämpfenden Danshōs solidarisieren. Es entsteht ein kleiner Aufruhr. Die Polizei schafft es, gerade einmal sechs Leute festzunehmen und muss von dannen ziehen. Okiyo bekommt für ihren legendären Schlag den Beinamen „Okiyo von der eisernen Faust“. Sie wird eine kleine Berühmtheit und ein Bild für den Widerstand gegen die neue moralinsaure Ordnung, die sich dort etablieren will.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das war die erste Person. Welche wählen Sie als zweite?</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Romaine-la-Prophétesse. Sie ist eine Revolutionärin aus Haiti. Ich hatte schon lange eine Faszination für die haitianische Revolution gehegt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Damit hat sich eine der berühmtesten deutschen Novellen befasst: „Die Verlobung von Santo Domingo“ von Heinrich von Kleist. Ansonsten weiß man in Deutschland kaum etwas über diese Revolution.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Es gibt auch </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/susan-buck-morss-hegel-und-haiti-t-9783518126233"><em>ein tolles Buch über den Einfluss der haitianischen Revolution auf Hegel</em></a><em>. Je nachdem wie man zählen möchte, ist es die zweite oder dritte große demokratische Revolution der Neuzeit, die hierzulande kaum bekannt ist. Mein Schulunterricht ist locker darüber weggegangen. Ich denke, es ist bei denen vielleicht bekannter, die sich mit linker Geschichte befassen. Ich habe über Jahre eine Begeisterung für diese große wichtige Revolution entwickelt, die globale Auswirkungen hatte, leider auch schreckliche Nachwirkungen bis heute. Umso überraschter war ich, als ich in meiner Recherche diese trans Frau in einer sehr prägnanten Rolle entdeckte: Romaine-la-Prophétesse war eine Schwarze Plantagenbesitzerin, sie kam vom spanischen in den französischen Teil der Insel, baute dort eine Familie auf und praktizierte in einer kleinen Kapelle das, was später Voodoo hieß, damals noch Voudon, dieser tolle Melting Pot verschiedener religiöser Einflüsse vom Katholizismus der Kolonial- und Sklavenherren über die Reste der indigenen Religionen, die es damals noch gibt, bis zu dem, was die damaligen Sklav:innen aus Westafrika mitgebracht hatten. Das kocht zu einer neuen Spiritualität, einer neuen Religion zusammen.</em></p>
<p><em>Romaine-la-Prophétesse ist Priesterin. Sie folgt einer Tradition der Yoruba, nach der Männer, die Priester werden wollten, Priesterinnen werden mussten, weil die Aufnahme eines Geistes, die Fähigkeit, mit Geistern Kontakt aufzunehmen und zu kommunizieren etwas genuin Weibliches ist. In der Gesellschaft der Yoruba hatte die Möglichkeit eines Geschlechtswechsels daher eine große Tradition. Die kultische Transition – Kult in einem sehr neutralen Sinne – von Männern zu einer Priesterin findet sich im Übrigen in verschiedenen Kulturen. Das wäre sicherlich auch noch ein spannendes Thema.</em></p>
<p><em>Romaine bekommt mit, dass im Nordteil von Haiti die Revolution ausbricht. Auch ihr Nachbar, ein weißer Plantagenbesitzer, der eine viel größere Plantage besitzt, bekommt das mit und fängt an, Truppen zusammenzustellen, um sich gegen die Revolution verteidigen zu können. Sie denkt, das kann ich auch und versucht freie Schwarze, auch die weiße Unterschicht, Sklav:innen zu rekrutieren. Eines Tages kommt sie aus der Kapelle und verkündet, dass es jetzt mit der Revolution auch im Süden losgeht. Sie setzt damit einen Flächenbrand in Gang, der den Südteil der Insel ergreift. Es werden nicht nur die Gegner auf der benachbarten Plantage bekämpft. Sie ziehen weiter und befreien Sklav:innen. Man muss es ein wenig einschränken, denn die Wahl war  mitkämpfen oder der Tod. Die meisten schlossen sich daher der Armee an. Man darf trotzdem nicht unterschätzen, welch großer Bruch mit allem Vorhergehenden das war, auch wenn es in viele Grausamkeiten mündete. Es war das erste Mal, dass in der westlichen Neuzeit eine Stadt kapituliert und die Herrschaft einer Schwarzen Person überträgt und dass es sich dabei mit Romaine-la-Prophétesse auch noch um eine Schwarze trans Frau handelt. Wir wissen so wenig darüber und deshalb hat es mir auch so viel Spaß gemacht, das aufzuspüren und dann auch aufzuschreiben und zu verbreiten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Da ließen sich so manche Gedanken anschließen, ich denke zum Beispiel an eine Schwarze trans Frau als Präsidentin der USA.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Wer weiß, wie lange es noch dauert. Vielleicht kommt es ja mal dazu. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich würde gerne auf das tragische Schicksal von Alan Turing eingehen, das Sie in Ihrem Buch auch erwähnen, eine trans Geschichte wider Willen. Seine Geschichte wurde auch verfilmt: <a href="https://www.imdb.com/de/title/tt2084970/">„The Imitation Game“</a> von Morten Tyldum mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle.</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Ich fand diese Geschichte spannend, auch wenn er in die Gender Punks nicht hineingehört. Er ist ein schwuler Mann, der deshalb vor die Wahl gestellt wird: Zuchthaus oder chemische Kastration. Er bekommt weibliche Hormone, auch Testosteron-Blocker, verweiblicht dadurch. Ein großer Teil seines Leids kommt daher, dass sein Körper verweiblicht, er auch als Sportler nicht mehr die Leistung erbringen kann, die er vor dieser chemischen Kastration erbrachte. Es ist eine Geschlechtsdysphorie, sodass Körper und Selbstgefühl nicht mehr kongruent sind. Dies geschieht zu einer Zeit, in der es erstmals möglich wurde, dass trans Personen Hormone nehmen können, um sich dem Wunschkörper, dem Wunschgeschlecht anzunähern. Das gleiche Wissen wird genutzt, um die chemische Kastration eines brillanten Mathematik-Genies durchzuführen. Alan Turing bekommt gegen seinen Willen das, was vielen anderen, die es wünschen, verwehrt wird.</em></p>
<h3><strong>Schon fast etwas Magisches!</strong></h3>
<div id="attachment_8656" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8656" class="wp-image-8656 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Lucy-Hicks-Anderson-With-Deputy-Sheriffs-Foto-Bowman-Supt.-Bureau-of-Identification-Wikimedia-Commons-300x237.jpg" alt="" width="300" height="237" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Lucy-Hicks-Anderson-With-Deputy-Sheriffs-Foto-Bowman-Supt.-Bureau-of-Identification-Wikimedia-Commons-200x158.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Lucy-Hicks-Anderson-With-Deputy-Sheriffs-Foto-Bowman-Supt.-Bureau-of-Identification-Wikimedia-Commons-300x237.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Lucy-Hicks-Anderson-With-Deputy-Sheriffs-Foto-Bowman-Supt.-Bureau-of-Identification-Wikimedia-Commons-400x316.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Lucy-Hicks-Anderson-With-Deputy-Sheriffs-Foto-Bowman-Supt.-Bureau-of-Identification-Wikimedia-Commons-600x474.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Lucy-Hicks-Anderson-With-Deputy-Sheriffs-Foto-Bowman-Supt.-Bureau-of-Identification-Wikimedia-Commons-768x606.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Lucy-Hicks-Anderson-With-Deputy-Sheriffs-Foto-Bowman-Supt.-Bureau-of-Identification-Wikimedia-Commons-800x632.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Lucy-Hicks-Anderson-With-Deputy-Sheriffs-Foto-Bowman-Supt.-Bureau-of-Identification-Wikimedia-Commons.jpg 960w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8656" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lucy_Hicks_Anderson_With_Deputy_Sheriffs.jpg">Lucy Hicks zwischen zwei Deputys</a> in Bowman (California). Wikimedia Commons.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mir hat in Ihrem Buch eine Stelle sehr gut gefallen, in der Sie sehr genau beschreiben, wann ein trans Mensch es geschafft hat, in der Welt akzeptiert zu werden. Es geht um die legendäre Köchin Lucy Hicks Anderson: <em>„Der Moment, in dem du als Schwarze trans Frau, die mehrere Bordelle und illegale Kneipen betreibt, gefragt wirst, ob du das Essen für die Willkommensparty für den neuen katholischen Geistlichen zubereiten kannst, ist der Moment, in dem du weißt, dass du es geschafft hast. Und wenn es nicht dieser Moment ist, dann ist es der, in dem dich der einflussreichste Bänker der Stadt gegen Kaution aus der Zelle holt, damit seine Dinnerparty am Abend mit deinem Essen stattfinden kann.“</em></p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Total irre, total toll. </em><em>Wir haben über die Fragen der Hoffnung, des Widerstands gesprochen, auch im Gegensatz zu den bekannten Opfererzählungen. Ich war bei der Recherche so oft positiv überrascht, was alles möglich war. In einer Zeit, die vor Spießigkeit nur so tropft! Wir befinden uns in den USA, in der Zeit der Prohibition, der Zeit eines Sexarbeitverbots. Diese ganze puritanische Kultur ist dort auf einem Höhepunkt und dann gibt es diese kleine Stadt, die noch gar nicht so alt ist und nur gegründet wurde, weil ein reicher Mann, Henry Oxnard, eine Stadt haben wollte, die seinen Namen trägt. Und in dieser Stadt mit vielen katholischen Arbeiter:innen steigt eine Schwarze trans Frau in die High Society der Stadt auf und wird eine der wichtigsten öffentlichen Personen. Sie betreibt in großem Stil Speak Easies, diese illegalen Bars während der Prohibition, und Bordelle. </em></p>
<p><em>Es hat schon fast etwas Magisches, was an so vielen Stellen möglich ist. Irgendwie wirkt es wie ausgedacht, aber es ist Wirklichkeit, es ist genauso passiert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Titel des Buches: „Gender Punks“?</p>
<p><strong>Kuku Schrapnell</strong>: <em>Der Titel entstand in Absprache mit dem Verlag. Wir haben lange gesucht. Es gibt natürlich eine Tradition, solche Bücher zu schreiben. Ich wollte mich davon ein bisschen abheben und habe mich gefragt, was eigentlich das Besondere an meinem Buch ist. Das Besondere sind eben die Widerständigkeit und der Trotz, zwei sehr wichtige Punkte, die mich bei der Auswahl der Biografien begleitet haben. Trotz ist ein so wichtiges Gefühl, etwa so nach dem Motto „jetzt erst recht“, „ich lass mich nicht unterbuttern“. Dem wollte ich im Titel Raum geben. Eben Punk!</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetzugriffe zuletzt am 7. November 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Versöhnung ist möglich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Nov 2026 06:58:39 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Versöhnung ist möglich Die Autobiographie des Hamza Abu Howidy aus Gaza „Ich bin in dieser kafkaesken Situation, in der ich außerhalb Israels unerwünscht bin, weil ich Israeli bin, und innerhalb Israels unerwünscht bin, weil ich liberale Ansichten habe.“ (Tom Shoval, zitiert nach Marlene Knobloch, Ist das noch ihr Zuhause? in: Die ZEIT, 7. Oktober  [...]</p>
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<h1><strong>Versöhnung ist möglich</strong></h1>
<h2><strong>Die Autobiographie des Hamza Abu Howidy aus Gaza</strong></h2>
<p><em>„Ich bin in dieser kafkaesken Situation, in der ich außerhalb Israels unerwünscht bin, weil ich Israeli bin, und innerhalb Israels unerwünscht bin, weil ich liberale Ansichten habe.“ </em>(<a href="https://jff.org.il/en/%D7%90%D7%99%D7%A9/21851">Tom Shoval</a>, zitiert nach Marlene Knobloch, <a href="https://www.zeit.de/2026/44/parlamentswahl-israel-benjamin-netanjahu-abwanderung">Ist das noch ihr Zuhause?</a> in: Die ZEIT, 7. Oktober 2026)</p>
<p>Hamza Abu Howidy ist Palästinenser aus Gaza. Den Satz, den der israelische Regisseur Tom Shoval formulierte, hätte auch er geäußert haben können. Er hätte nur <em>„Israel“</em> durch <em>„Gaza“</em> oder <em>„Palästina“</em> austauschen müssen. Er entspricht auch dem Tenor der von Hamza Abu Howidy im Jahr 2026 bei S. Fischer veröffentlichten Autobiographie <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/hamza-abu-howidy-muscheln-am-strand-von-gaza-9783103977684">„Muscheln am Strand von Gaza – Erinnerungen an ein zerstörtes Land“</a>. Hamza Abu Howidy (*1997) ist in Gaza aufgewachsen, er besuchte zunächst eine religiöse Schule, dann eine Schule der für palästinensische Geflüchtete zuständigen UN-Organisation (UNRWA9, und studierte an der Islamischen Universität Gaza Wirtschaft und Verwaltung. Er wurde mehrfach inhaftiert und gefoltert. Er musste Gaza verlassen. Aufgrund seiner politischen Haltung wäre er dort heute in Lebensgefahr. Hamas und vergleichbare Gruppierungen bedrohen ihn jedoch auch in Europa, auch in Deutschland, wo er inzwischen lebt.</p>
<div id="attachment_8647" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/hamza-abu-howidy-muscheln-am-strand-von-gaza-9783103977684"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8647" class="wp-image-8647 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-184x300.png" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-184x300.png 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-200x327.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-400x653.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-600x980.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-627x1024.png 627w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-768x1254.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-800x1306.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-941x1536.png 941w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-1200x1960.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer-1254x2048.png 1254w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Hamza-Abu-Howidy-Muscheln-am-Strand-von-Gaza-S.-Fischer.png 1512w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-8647" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Hamza Abu Howidy schrieb sein Buch gemeinsam mit der Journalistin und Autorin <a href="https://taz.de/Judith-Poppe/!a35538/">Judith Poppe</a> (*1979), die unter anderem als Auslandsredakteurin bei der taz arbeitet. In seiner Autobiografie „Muscheln am Strand von Gaza“ dokumentiert er, wie er der wurde, der er heute ist und wie ein friedliches und demokratisches Palästina aussehen könnte. Die Vision, die Hamza Abu Howidy vermittelt, klingt eigentlich recht einfach, muss aber leider zurzeit im Konjunktiv geschrieben werden: <em>„Die Küste Gazas hätte eine Quelle der Freiheit sein können, unserer Verbindung zur Außenwelt.“ </em></p>
<h3><strong>Es gibt nicht <u>die</u> Palästinenser</strong></h3>
<p>Auf palästinensischer Seite gibt es zahlreiche Personen und Gruppierungen, die sich für ein Palästina ohne Hamas, ohne Fatah, ohne Gewalt engagieren, beispielsweise die <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/We_Want_to_Live_movement">„We-Want-To-Live“-Bewegung</a>, die Mohammed Altlooli in vielen Plattformen und Medien, auch im Demokratischen Salon vorgestellt hat. Weitere Organisationen und Personen, die sich für ein demokratisches und gewaltfreies Palästina und einen dauerhaften Frieden mit Israel einsetzen, nennt Hamza Abu Howidy in seinem Buch an mehreren Stellen. Er selbst ist eine wichtige Stimme auf Podien, mit Veröffentlichungen. Er beschreibt in dem autobiographischen Buch seinen Weg über Griechenland nach Deutschland, bei dem ihm die Israelin Maya half. Seine Aufnahme in Deutschland war – vorsichtig formuliert – voller Skepsis. Bei seiner Anhörung im Asylverfahren in Essen wurde er nach Feststellung der Personalien ausdrücklich nach seinem Verhältnis zur Hamas, zur Fatah, zur PLO gefragt und danach, in welcher Moschee er bete. Er antwortete, er sei <em>„Agnostiker“</em> und wurde gefragt, ob <em>„das auch so in meinem Ausweis stehen sollte. Ich sagte ja. Es steht da bis heute.“</em> Deutsche Behörden brauchen Klarheit.</p>
<p>Hamza Abu Howidy stellt an den Anfang seines Buches die folgende Widmung: <em>„Für die Opfer des 7. Oktober und des Krieges in Gaza“</em>. Empathie, Trauer, Mitgefühl lassen sich nicht teilen. Ein solcher Satz, so auch die Widmung, kann schon Anlass unendlicher Diskussionen werden, in denen sich nur noch unversöhnliche Härten begegnen. Solche Unversöhnlichkeiten dokumentiert das Buch. Es enthält sechs Kapitel, beginnend mit der Kindheit, dem <em>„Duft von Jasmin und Schießpulver“.</em> Wer sich gegen die Gewalt der Hamas auflehnt und angesichts der Bedrohungen für Leib und Leben Gaza verlässt, findet sich – so der Titel des fünften Kapitels – im Exil <em>„zwischen allen Stühlen“</em> wieder. Aber es gibt keine Alternative. Die Überschrift des sechsten und letzten Kapitels enthält nur ein einziges Wort: <em>„Weitermachen“</em>.</p>
<p>Wer sich auch nur ein bisschen dafür interessiert, was in Palästina (und in Israel) geschieht, sollte das Buch lesen. Das Buch dokumentiert in einer klaren Sprache, wie die Hamas in Gaza vorgeht und was dies für die Menschen bedeutet, die die Auffassungen der Hamas nicht teilen. Hamza Abu Howidy erklärt nicht nur, dass Widerstand gegen die Hamas möglich ist und wie brutal aber die Hamas darauf reagiert, sondern er schafft auch Einsichten, dass es <u>die</u> Palästinenser nicht gibt (ebenso wenig wie es <u>die</u> Juden oder <u>die</u> Israelis gibt). In deutschen (und anderen europäischen, ebenso in US-amerikanischen Behörden) gibt es dennoch stets Generalverdacht. Hier <em>„werden Palästinenser immer wieder pauschal als Bedrohung, als potenzielle Terroristen betrachtet.“</em> Das ist die eine Seite, die andere ist die unkritische und bedingungslose Solidarität mit allen, die behaupten, dass sie Palästina beziehungsweise <u>die</u> Palästinenser verträten. Hamza Abu Howidy beschreibt, wie er, <em>„der von der Hamas gefoltert worden war, weil ich ein besseres Leben in Gaza wollte, (…) von einer palästinensischen Demonstration vertrieben“</em> wurde. In Berlin demonstrierten <em>„nicht wir, die wir aus Gaza kamen, sondern Palästinenser, die niemals in Gaza gelebt hatten oder, in den meisten Fällen, Einheimische ohne jeglichen palästinensischen Hintergrund“ </em>(man betrachte unter diesem Aspekt auch den im Oktober 2026 eskalierten Streit in der Berliner Linken). <em>„Sie behaupteten, die Palästinenser zu unterstützen, aber zu viele von ihnen feierten meine Unterdrücker und Folterer.“</em></p>
<p>Die Zeit nach den israelischen Wahlen vom 27. Oktober 2026 ist genau der richtige Zeitpunkt, das Buch zu lesen. Das Ergebnis dieser Wahlen könnte – wenn man nur wollte – als Aufbruchsignal und Chance verstanden werden. <a href="https://mena-watch.com/yair-golan-neuer-superstar-israelische-linken/">Jair Golan</a>, der Vorsitzende der Demokratien, die acht der 120 Sitze errangen, forderte Gespräche zwischen den jüdischen Parteien des von Gadi Eisenkot angeführten Blocks mit den arabischen Parteien, der Ra’am-Partei und der Vereinigten Liste. Immerhin erhielten diese 18 Sitze und sind viel mehr als ein bloßes Zünglein an der Waage. Sie sind ein Machtfaktor in Israel geworden. Daran werden auch von Netanjahu gestreute Gerüchte, die Wahl wäre mit Mitteln unter anderem aus Katar gekauft worden, nichts ändern. Donald Trump lässt grüßen.</p>
<p>Es gibt durchaus in verschiedenen Medien Kommentare, die die Position von Jair Golan unterstützen, so beispielsweise ausgesprochen klar <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/in-der-sackgasse-2/">Sabine Brandes, die Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen, einen Tag nach der Wahl</a>. Ich wage es, eine Vision weiterzudenken. Vielleicht könnte ein Versöhnungsprozess zwischen den Parteien in Israel das Misstrauen zwischen jüdischen und arabischen Parteien langsam auflösen, sodass dieser Prozess schließlich zum Muster für eine Versöhnung zwischen israelischer und palästinensischer Politik werden könnte, für Demokratie und Rechtsstaat, gegen jede Gewalt. Die Anerkennung und Beteiligung der arabischen Bevölkerung in Israel, immerhin 20 Prozent, wäre vielleicht der erste Schritt. Aber wie gesagt: Das ist nur eine Vision, wie es für die Region schon viele gab.</p>
<p>In den palästinensischen Gebieten, im Westjordanland, in Gaza, gibt es viele Menschen, die sich mit einer solchen Vision anfreunden könnten. Die Palästinensische Autonomiebehörde, Fatah, Hamas und alle weiteren Gruppierungen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten durch Ineffizienz und Gewalt hervortaten, aber nichts Gutes für die angeblich von ihnen vertretene Zivilbevölkerung bewirkten, haben erheblich an Zuspruch verloren, auch wenn viele sich nicht trauen, dies zu äußern, weil sie wissen, dass sie als <em>„Verräter“</em> beschimpft und mit Folter und Tod bedroht würden, wenn sie es öffentlich täten. Israelische Politiker wie Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich sind nicht mehr und nicht weniger die Spiegelbilder der unversöhnlichen Fraktionen auf palästinensischer Seite. Netanjahu hat mit seiner Politik beide Seiten in ihrer Unversöhnlichkeit bestärkt, aber es gibt eben auch andere Akteure, auf israelischer wie auf palästinensischer Seite, die unsere Aufmerksamkeit verdienen.</p>
<h3><strong>Die Wiederholung: 2007 und 2023</strong></h3>
<p>Der Titel des Buches verweist auf Verlorenes, Verlassenes, das nur noch in der Erinnerung bleibt. Manche Erinnerung jedoch wird nie verschwinden. Letztlich lautet die Frage, ob mit der Zeit die Erinnerung an <em>„Jasmin“</em> oder an <em>„Schießpulver“</em> dominiert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Das dritte Kapitel beginnt mit einem aus unserer Perspektive im fernen Europa lapidar erscheinenden Satz: <em>„Man überlebt Folter nicht, ohne etwas zu verlieren. Der Körper erinnert sich an jeden Schlag, die Psyche an jede Minute der Ohnmacht. Diese Erfahrung hat meine Persönlichkeit verändert. Wenn ich früher in einer Gruppe diskutierte, hörte man meine Stimme heraus, oft auch mein Lachen. Diese Stimme ist unter der Folter verschwunden.“</em></p>
<p>Im geschriebenen Wort des Buches ist diese Stimme wieder da. Das Verlorene, das Verlassene kann aufgeschrieben werden! Am Ende des dritten Kapitels erinnert Hamza Abu Howidy an das <em>„Packen“</em>, das nach der Entscheidung zur Flucht unweigerlich vor allem dadurch gekennzeichnet wird, was nicht eingepackt werden kann. Kein Koffer ist groß genug. <em>„So viel ließ ich zurück. Fast all meine Bücher, die mich geprägt hatten, die mich gelehrt hatten, scheinbare Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen. Die Muscheln, die ich als Kind mit meinen Geschwistern am Strand von Gaza gesammelt hatte, jede einzelne eine Erinnerung an eine bessere Zeit. Ich ließ Fotos, Briefe, meine ganze Geschichte zurück. Wie entscheidet man, welche Erinnerungen man mitnimmt und welche man zurücklässt? / Ich wusste es nicht.“</em></p>
<p>Es gibt <em>„Dinge, die dein Gedächtnis nicht vergisst“.</em> Es sind nicht die Bücher, nicht die Muscheln, es sind die Ereignisse des 7. Oktober 2023, mit denen Hamaz Abu Howidy das erste Kapitel beginnen lässt. <em>„Ich sah fassungslos, völlig ungläubig zu – aber nicht, weil es unvorstellbar war. Ich hatte ganz ähnliche Bilder schon einmal gesehen. Nicht in Israel. Sondern in Gaza. In meinem Gaza. In meinem Viertel, Al Rimal.“ </em>Al Rimal war eigentlich ein ruhiges Viertel. Aber es geschah im Jahr 2007, als <em>„Hamas-Kämpfer“</em> überall in Gaza Jagd auf <em>„Fatah-Anhänger“</em> machten<em>. </em>Nach ihrem Wahlsieg und dem Ende der Einheitsregierung übernahm die Hamas in Gaza die Kontrolle. Fatah-Anhänger entledigten sich ihrer Uniformen, um nicht erkannt zu werden. Manche versuchten sich bei Nachbarn zu verstecken. Mal gelang es, mal nicht. <em>„Doch dann sah ich, wie Hamas-Kämpfer auf einem Motorrad durch die Menge fuhren. Sie hatten einen toten Körper mit einem Seil am Motorrad befestigt und zogen ihn wie eine Trophäe hinter sich her, die Straßen rauf und runter. Andere bewegten sich noch, als sie erst gefesselt und dann weggezerrt wurden. Al Saraya war in einen Hinrichtungsplatz verwandelt worden.“</em> Es gab nur eine Alternative: Entweder wurde man von der Hamas getötet oder man schloss sich der Hamas an. Das war im Jahr 2007. 2023 <em>„fühlte sich an wie eine Wiederholung.“</em> Hamza Abu Howidy und sein Vater kommentieren: „Mein Vater klang furchtbar, wütend, frustriert. ‚Sie haben uns zerstört. Sie haben <em>Gaza zerstört.‘ / Aber Israel hat noch nicht reagiert ….“ / ‚Das spielt keine Rolle. Es ist vorbei. Gaza ist am Ende.‘ / Er verstand sofort, was andere erst nach Stunden oder Tagen oder gar Wochen begreifen würden. Das war kein Widerstand. Das war Mord – und Selbstmord, und Gaza würde den Preis dafür zahlen.“</em></p>
<p>Hamza Abu Howidy nennt die handelnden Personen mit Namen. Er beschreibt ausdrücklich die religiöse Verbrämung des islamistischen Terrors. <em>„Diese religiösen Anführer setzen sich selbst mit Gott gleich, so war es im Mittelalter in Europa, und so war es auch mit der Hamas.“</em> Das galt jedoch nicht nur für die Hamas, sondern auch für die Fatah, die die Palästinensische Autonomiebehörde leitete: <em>„Arafat infrage zu stellen bedeutete, Palästina infrage zu stellen.“</em> Mit der Operation „Gegossenes Blei“ reagierte die Israelische Armee auf die Machtübernahme der Hamas in Gaza und Bombardements israelischer Städte und Dörfer. Im Dezember 2008 erlebt Hamza Abu Howidy als elfjähriger Junge erstmals einen israelischen Luftangriff, erstmals sieht er einen israelischen Panzer. <em>„Der Tag, an dem der Krieg begann, veränderte mich grundlegend: Ich begann, Israel zu hassen.“ </em>Hamzas Eltern lassen ihren Sohn die Schule wechseln, in der Hoffnung auf mehr Sicherheit, denn die bisherige Schule lag zu nahe an der Grenze und in der Nähe gab es mehrere Hamas-Ausbildungszentren. Die neue Schule, eine UNRWA-Schule war <em>„politisch neutraler (…), weniger religiös.“</em> <em>„Wir wurde nicht mehr dazu erzogen, Märtyrer im Namen Gottes zu verehren, aber der Nationalismus blieb.“ </em>An der Wand hing das Bild einer palästinensischen Widerstandskämpferin mit Maschinengewehr. Nicht erzählt wurde, dass diese <em>„Nationalheldin“</em> im Jahr 1978 beim sogenannten <em>„Küstenstraßen-Anschlag“</em> an der Ermordung von 37 israelischen Zivilist:innen, darunter viele Kinder, beteiligt gewesen war. Eine Zwei-Staaten-Lösung lag jenseits jeder Vorstellungskraft, alle israelischen Gebiete waren <em>„vorübergehend verlorene Gebiete (…), die darauf warteten, zurückerobert zu werden.“</em></p>
<h3><strong>Doppelleben in Gaza – doppelte Standards in Deutschland</strong></h3>
<p>Doch wie fand Hamza Abu Howidy aus dieser ständigen Beschallung mit ideologischen Parolen heraus? Er beschreibt die liberale und gebildete Familie, in der er aufwuchs, die Bücher, die sein Vater las, die offene Haltung seiner Mutter, die er als <em>„Rebellin“</em> charakterisiert, seine eigenen Versuche, sich zu informieren. Sein Vater fand in Großbritannien Kontakte zur Muslimbruderschaft, weil er glaubte, dort <em>„Anschluss an die arabische Gemeinschaft zu finden“</em>. Dies stellte sich als Illusion heraus: <em>„Die Muslimbruderschaft stellte die Loyalität zu ihrer Partei über die Interessen eines Landes. Was sie wollten, war ein panislamischer Staat. Das verstörte ihn. Er wollte keiner Partei blind seine Treue schwören, er wollte den Palästinensern und Palästina verpflichtet sein – einem Palästina übrigens, das neben dem israelischen Staat existieren sollte.“ </em>Die Hamas entstand als palästinensische Fraktion der Muslimbruderschaft.</p>
<p>Hamza Abu Howidy findet einen israelischen Gesprächspartner im Netz, er erfährt über youtube von <a href="https://www.hamed.tv/">Hamed Abdel-Samad</a>, der in Deutschland unter Polizeischutz lebt, weil ihn Islamisten bedrohen. Die Hamas erfährt von Hamzas Interesse, sie hatte <em>„Zananas, verdeckte Ermittler“</em>, wie sie zuvor auch schon die Fatah einsetzte. Die Moschee, in der sich Hamza Abu Howidy als 16jähriger aufhielt, wurde zu einem gefährlichen Ort. Sein Vater rät ihm, sich dort nicht zu lange aufzuhalten. <em>„Mein Vater hatte vor allem Probleme mit der Hamas in den Moscheen, ich hingegen hatte immer mehr Probleme mit der Moschee selbst.“</em> Hamzas Vater erlebte im Jahr 2019, dass er von der Stadtverwaltung, für die er tätig war, entlassen wurde. Er war als Computertechniker unter anderem für die Verlegung von Elektroleitungen zuständig. Die Hamas stoppte dies: <em>„Meinem Vater war völlig klar, dass die Hamas sich sorgte, dass jemand bei der Arbeit die Tunnelverläufe entdecken würde.“</em> Das Ergebnis: <em>„Wir führten eine Art Doppelleben.“</em></p>
<p>Hamza Abu Howidy dokumentiert die grassierende Korruption in Gaza. Er schreibt nichts über die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/das-steckt-hinter-katargate/">Mitwirkung der Regierung unter Netanjahu bei den bekannten Geldtransfers aus Katar an die Hamas</a>. Dies wird möglicherweise – je nachdem, welche Konsequenzen die israelischen Parteien aus dem Wahlergebnis vom 27. Oktober 2026 ziehen – ein Untersuchungsausschuss der Knesset zu den Verantwortlichkeiten der israelischen Regierung für den 7. Oktober untersuchen. Bisher konnte Netanjahu einen solchen Untersuchungsausschuss verhindern. Hamza Abu Howidy benennt die Korruption der palästinensischen Seite, die Geschäfte der Führer der Hamas, die sich ständig bereichern, so der ehemalige Innenminister der Hamas, Fathi Hamad, oder Ismail Haniyeh, der damalige Leiter des Politbüros der Hamas, und Yahya Sinwar, der 2013 durch einen Gefangenenaustausch zwischen der Hamas und Israel freikam und als der Chefplaner des 7. Oktober gilt. Es gab ständige Kontrollen durch Hamas-Kämpfer, sobald man einem der Wohnorte dieser Hamas-Führer zu nahekam.</p>
<p>Mit der Zeit entfernt sich Hamza Abu Howidy immer mehr von der Religion. Es geht ihm nicht darum, eine Religion gegenüber einer anderen aufzuwiegen: <em>„Es war die Religion an sich, die mich verstörte“</em>. Insbesondere irritiert ihn die ständige Verquickung religiöser Autorität mit einer Botschaft der Gewalt. 2019 ist auch das Jahr, in dem sich Hamzas Mutter von ihrem Mann trennt. Sie ging nach Ägypten. Sie war vielleicht diejenige, durch die er <em>„das Rebellische, das Ungehorsame, die Stimme in mir, die sich nicht unterkriegen lässt“</em>, habe entwickeln können. Zu den Problemen eines Jungen in der Pubertät gehören auch erste Kontakte zu einem Mädchen, im Falle von Hamza zu Yasmin, die <em>„sehr religiös“</em> ist und darunter leidet, den Jungen, in den sie sich verliebt hat, nur heimlich treffen zu können. Auch dieser Konflikt ist Gegenstand der Autobiographie. Yasmin schafft es mit ihrer Familie, unter den Angriffen der israelischen Armee ihren Wohnort zu verlassen, aber der Grenzübergang Rafah wird geschlossen, sodass sie weiterhin in Gaza gefangen bleibt. Hamzas Liebe zu ihr überdauert die Zeiten.</p>
<p>Die Hamas lässt Hamza Abu Howidy verhaften. Aber Hamza wird immer neugieriger: „<em>Ich wollte das ganze System verstehen, das mich eingesperrt und gefoltert hatte.“ </em>Die Folge: Er studiert, was es zu studieren gab. Er liest schließlich auch israelische Autoren wie <a href="https://www.hentrichhentrich.de/de/autoren/autor/benny_morris">Benny Morris</a>, <a href="https://www.sant.ox.ac.uk/people/professor-avi-shlaim/">Avi Shlaim</a> und <a href="https://www.yossikleinhalevi.com/">Yossi Klein Halevi</a>, aber auch <a href="https://www.britannica.com/biography/Edward-Said">Edward Said</a> und <a href="https://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=8545">Rashid Khalidi</a>. Online war dies alles möglich, so auch der Austausch mit Omer, einem Israeli, über die Nakba: <em>„Ein Israeli sah das Leiden meiner Familie. Er leugnete es nicht oder behauptete, die Palästinenser seien freiwillig gegangen.“ </em>Omer war der erste Israeli, der <em>„die Geschichte meiner Familie bestätigte und gleichzeitig seine Sichtweise erklärte.“ </em>Von der Shoah erfuhr Hamza allerdings erst in Deutschland.</p>
<p>Eine zweite Verhaftung folgt und schließlich die Flucht. Unterstützung von außen gibt es nicht: <em>„Die internationale Gemeinschaft, die von sich behauptete, für die Rechte der Palästinenser einzutreten, unternahm nichts, als wir von unserer eigenen Regierung gefoltert wurden.“ </em>Eben dies gilt auch für all diejenigen, die sich auf propalästinensischen Demonstrationen tummeln. Auch hier wird mit zweierlei Maß gemessen. Es gibt keine Demonstration, bei der der Terror der Hamas gegen die eigene Bevölkerung benannt wird. Darüber schrieb Hamza Abu Howidy – damals noch in Griechenland – in einem Beitrag für Newsweek: <a href="https://www.newsweek.com/hamas-tortured-me-dissent-heres-what-they-really-think-palestinians-opinion-1857169">„Hamas Tortured Me for Dissent“</a>. Seine Familie in Gaza fühlte sich genötigt vorzugeben, sie hätte den Kontakt zu ihrem Sohn abgebrochen. Gegenstand des Beitrags war die Forderung nach der Freilassung der israelischen Geiseln der Hamas. Diese galten der Hamas als <em>„Kriegsgefangene“</em>, <em>„Israelis sind in ihren Augen allesamt Soldaten, Kämpfer, Kolonisatoren.“</em> Wer über die Geiseln sprach, wurde der <em>„Spionage für Israel“</em> bezichtigt.</p>
<p>In Deutschland erfährt Hamza Abu Howidy jedoch auch, wie seine Geschichte instrumentalisiert wird. Ihm wird nahegelegt, er solle <em>„auch die israelische Seite stärker in die Verantwortung nehmen. Gleichzeitig wurde ich immer mehr von proisraelischen Akteuren vereinnahmt. (…) Sie wussten genau, was sie von mir wollten: den Palästinenser, der die Hamas attackierte, nicht den, der auch Israels Kriegsverbrechen kritisierte.“</em> Er reagiert darauf, indem er zahlreiche Einträge löscht, er wollte <em>„etwas daran ändern, wie ich meine Botschaft sendete. Von nun an würde ich beide Seiten kritisieren.“</em></p>
<p>Doppelte Standards prägen die Berichterstattung: <em>„Es macht mich wütend, wenn sie</em> (Palästinenser auf Podien, NR) <em>die Zusammenarbeit mit palästinensischen oder jüdischen Israelis verweigern, um nicht als ‚Normalisierer‘ gelabelt zu werden. Ich unterstütze Organisationen wie die BDS-Bewegung auch aus diesem Grund nicht. (…). Ja, ich bin dafür, Produkte aus den israelischen Siedlungen im Westjordanland zu boykottieren, Siedlungen, die nach internationalem Recht illegal sind. Aber wenn Edward Saids und </em><a href="https://west-eastern-divan.org/"><em>Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra</em></a><em> boykottiert wird, die palästinensisch-israelische Graswurzelbewegung </em><a href="https://www.standing-together.org/en"><em>Standing Together</em></a><em> oder gar der Film </em><a href="https://www.arte.tv/de/videos/128105-000-A/no-other-land/"><em>No Other Land</em></a> (Links im Text, NR)<em>, der die Siedlergewalt und die Vertreibung von Palästinensern aus Masafer Yatta im Westjordanland zeigt und dessen Vorführung in Israel die israelische Rechtsextreme mit allen Mitteln zu verhindern versucht – dann hört mein Verständnis auf.“</em> Das ist die eine Seite, die andere ist die pauschale Verurteilung aller Palästinenser <em>„als potenzielle Terroristen“</em> wie dies in europäischen und US-amerikanischen Behörden immer wieder geschieht.</p>
<p>Das Buch von Hamza Abu Howidy ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen doppelte Standards und für Versöhnung in jeder Hinsicht. Die Konfrontation mit doppelten Standards prägt durchweg die Lage von Israelis, von Palästinensern, von Juden und von Muslimen. Aber vielleicht gibt es doch etwas Hoffnung. Hamza Abu Howidy berichtet von einer Diskussion in Berlin mit <a href="https://mena-watch.com/israel-ex-geisel-hoffnung-wiederaufbau/">Gadi Moses aus dem Kibbuz Nir‘Oz</a>, der im Alter von 79 Jahren von der Hamas entführt wurde und 482 Tage in Geiselhaft verbrachte. Die Lebensgefährtin von Gadi Moses, Efrat Katz, überlebte die Haft nicht. <em>„Und doch glaubt er weiter an den Frieden. So wie auch Maoz Inon, der am 7. Oktober beide Elternteile verlor, und sich heute für den Frieden zwischen Israel und Palästina einsetzt. Auch auf palästinensischer Seite begegne ich solchen Menschen, die bei allem Leid nach Versöhnung streben. Azis Abu Sarah zum Beispiel, ein Friedensaktivist aus dem Westjordanland, und natürlich meine Freude: Mustafa, Abood, der mir immer noch nah ist. Sie alle geben mir Hoffnung. Genauso wie ein Fünftklässler in Berlin-Neukölln.“</em></p>
<p><a href="https://www.altneuland-press.com/de-authors/maoz-inon">Maoz Anon</a> und <a href="Azis%20Abu%20Sarah">Azis Abu Sarah</a> schrieben gemeinsam das Buch <a href="https://www.altneuland-press.com/de-books/die-zukunft-ist-frieden">„Die Zukunft ist Frieden – eine palästinensisch-israelische Reise durch ein verehrtes Land“</a> (Berlin, altneuland, 2026). Der zehn- oder elfjährige Junge aus Neukölln kam nach einer Veranstaltung mit Hamza Abu Howidy auf ihn zu <em>„und sagte leise: ‚Ich wusste nicht, dass Palästinenser und Israelis Freunde sein können.‘ In solchen Momenten weiß ich, dass es sich lohnt. Alles. Es lohnt sich zu kämpfen, für die Menschen. Für das Menschsein.“ </em>Vielleicht darf ich dies als Ausblick auf einen zweiten Band der Autobiografie des Hamza Abu Howidy verstehen? Vielleicht in zehn, in zwanzig Jahren? Wer weiß?</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetlinks zuletzt am 1. November 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WMC_Gaza_City.jpg">Gaza City</a>, Juli 2014, Wikimedia Commons.)</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Weine, Medusa, weine</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Nov 2026 06:36:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Weine, Medusa, weine Vergewaltigung, Rache und ewiges Vermächtnis „Diese, so sagt man, mißbrauchte der Herrscher der See in Minervas Tempel. Jupiters Kind, mit der Aegis sich deckend die keuschen Augen, wandte sich ab. Und, daß straflos solches nicht bleibe, wandelte Gorgos Haar sie um in die häßlichen Hydern. Jetzt noch, mit Schrecken und zitternder  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3"><h1></h1>
<h1><strong>Weine, Medusa, weine</strong></h1>
<h2><strong>Vergewaltigung, Rache und ewiges Vermächtnis</strong></h2>
<p><em>„Diese, so sagt man, mißbrauchte der Herrscher der See in Minervas Tempel. Jupiters Kind, mit der Aegis sich deckend die keuschen Augen, wandte sich ab. Und, daß straflos solches nicht bleibe, wandelte Gorgos Haar sie um in die häßlichen Hydern. Jetzt noch, mit Schrecken und zitternder Furcht ihre Feinde zu lähmen, trägt sie vorn an der Brust die Schlangen, die sie geschaffen.“ </em>(Publius Ovidius Naso, Metamorphosen, viertes Buch, 798 bis 803, zitiert nach der Übersetzung von Erich Rösch, München, Heimeran, 1952)</p>
<p>Was wäre geschehen, hätte Medusa nicht den Blick Poseidons auf sich gezogen? Hätte die Flucht in Athenes Tempel Medusa Schutz gewährt, welche Geschichte hätte man sich von ihr erzählt? Die Frau, die sich einem Gott widersetzte? Medusa ist eine mythologische Figur und man mag argumentieren, dass eine alternative Biografie damit irrelevant sei. Sie war kein echter Mensch, natürlich gab es keine Frau im alten Griechenland, die Schlangen statt Haare auf dem Kopf trug und durch ihren Blick jedes Lebewesen zu Stein erstarren lassen konnte. Doch kaum eine mythologische Frauengestalt hat eine solche Metamorphose durchlitten wie die Gorgone Medusa: von der Priesterin zum Opfer einer Vergewaltigung, von der Vergewaltigten zum Monster, verdammt zur ewigen Abgeschiedenheit und nach ihrem Tod schlussendlich zur Schutzpatronin, deren Kopf auf Schilden, Krügen und Häusern abgebildet wurde, um Unheil abzuwehren. Wozu dienen Mythen, wenn nicht dazu, die großen Fragen der Welt aufzuwerfen, sie zu umkreisen und die Menschen Antworten finden zu lassen?</p>
<h3><strong>Die Vergewaltigung durch Poseidon</strong></h3>
<p>Bei Hesiod erscheint Medusa als eine der drei Gorgonen; von einer Verwandlung durch Athene ist dort noch nicht die Rede. <a href="https://www.researchgate.net/publication/377531699_Was_Medusa_a_Priestess_of_Athena_On_Ovid_Metamorphoses_4794-803">In späteren Deutungen des ovidischen Mythos</a> wurde Medusa zu einer Priesterin, die unfreiwillig und als Opfer der Umstände zu dem Monster wurde, das heute allen bekannt ist. Gerade deshalb ist der Medusenmythos so interessant. Im Laufe der Zeit wurde die Figur des Monsters differenzierter betrachtet. Wurde der Figur Medusa nachträglich vielleicht sogar eine gewisse Gnade zuteil? In der Anpassung des Mythos geschah damals etwas, das in der Literatur- und Kulturgeschichte immer wieder zu beobachten ist: Anstatt die altbekannte Geschichte zu erzählen, richtet sich der Blick auf die Figur des Bösen, des Ungeheuers, des Antagonisten und es findet der Versuch statt, zu erklären, wie dieses Böse entstehen konnte. Die Figur des Monsters wird zur tragischen Figur, das Ungeheuer bekommt eine Geschichte. Ob dies der Ansatz und das Ziel des römischen Dichters Ovid war, lässt sich natürlich nicht sagen, doch mit der Änderung des Medusenmythos verändert sich auch der Blick auf Medusa. Plötzlich ist sie nicht mehr nur Täterin, sie ist Opfer der Umstände. Medusa ist die eigentliche Leidtragende, eine tragische Figur, deren Geschichte auch in den letzten 2.000 Jahren nicht an Relevanz verloren hat. Umso bemerkenswerter ist es, dass sie trotz der Änderung des Mythos Medusa im kollektiven Gedächtnis vor allem als Ungeheuer fortlebt. Denn wird Medusas Geschichte erzählt, so beginnt sie meist erst nach ihrer Verwandlung. Zu einem Zeitpunkt, wo ihr Schicksal schon besiegelt ist, und die einstimmige Meinung lautet: Medusa ist ein Ungeheuer.</p>
<p>Doch Medusa war nicht nur ein Monster mit Schlangenhaaren, vor dem die Welt durch den strahlenden Helden Perseus gerettet wurde, sie war auch eine Frau, die die Strafe ihrer eigenen Vergewaltigung tragen musste. Ihre Geschichte wird als der triumphale Sieg erzählt, den Perseus über sie errang. Und es stellt sich die Frage: Wer wurde mit Medusas Tod wirklich erlöst? Die Welt von Medusa oder Medusa von der Welt?</p>
<p>Es ist bezeichnend, wie kurz und knapp der Auftritt desjenigen ist, der Medusas Schicksal in Gang setzte. Poseidon nahm sich, was er wollte und verschwand wieder. Die Konsequenzen seines Handelns trug allein Medusa. Nach einer verbreiteten Deutung des Mythos war Medusa eine wunderschöne Priesterin im Tempel der Göttin Athene. Und Medusa wäre wohl auch nie zu dem weltweit bekannten Ungeheuer geworden, wäre sie nicht Athenes Onkel, dem Meeresgott Poseidon, ins Auge gefallen. Immer wieder entzog sich Medusa den Avancen Poseidons und flüchtete letztendlich, vor ihm schutzsuchend, in Athenes Tempel. Doch weder der Tempel noch Athene konnten Medusa gewähren, was sie ersuchte. Und Poseidon war nur allzu bereit, die unsichtbare Linie zu überqueren und Medusa ihrer Unschuld zu berauben, eine Unschuld, die im doppelten Sinne zu verstehen ist: Der Raub jener Unschuld geschah nicht nur im körperlichen Sinne, er stahl ihr mit seinem Übergriff auch die Schuldlosigkeit. Obwohl es nicht Medusa war, die ein Unrecht begangen hatte, war es doch sie, die den Preis dafür zahlen würde. Sie hatte die Schuld der Schwächeren auf sich gezogen. Ihr Vergehen war, dass Unrecht an ihr verübt wurde.</p>
<h3><strong>Die Rache der Athene</strong></h3>
<p>Als Priesterin war Medusa der Inbegriff von Reinheit, ihr Leben widmete sie dem Dienst in Athenes Tempel. Ihr Körper und Geist waren ein ebenso heiliges Gefäß wie das Gebäude, in dem sie diente, und umso schwerer wog die Entweihung beider. Wen trifft eines Gottes Zorn, wenn er einmal entfacht wurde? In Medusas Fall traf Athenes Zorn nicht den Täter. Ihr Zorn richtete sich nicht auf den Gott, der ihre Priesterin und ihren Tempel entweihte und darüber hinaus den Willen einer jungen Frau gebrochen hatte. Athenes göttlicher Zorn richtete sich in all seiner Zielgenauigkeit auf das Opfer der Tat, Medusa. Athene, die Göttin der Weisheit, die sich ihrer Klarheit und Gerechtigkeit rühmte, ließ allein Medusa die Strafe für dieses Vergehen tragen. Womöglich war Poseidon, als einer der Hauptgötter und Athene übergeordnet, nicht belangbar für die Entweihung ihrer Priesterin und ihres Tempels. Und dennoch entschied Athene, dass Medusa die Strafe tragen würde. Ein solches Vergehen konnte nicht ungestraft bleiben, auch wenn es bedeutete, das Opfer zu bestrafen.</p>
<p>Dieser Moment der Verwandlung, in dem sich das Ausmaß der Strafe offenbart, ist das eigentliche Herzstück des Medusenmythos. Der Moment zwischen Schock über das, was war, und Furcht vor dem, was kommt. Die Strafe, die Medusa ereilt, ist mehr als nur eine Ungerechtigkeit, bei der eine Umkehrung der Opfer- und Täterrollen stattfindet, sie ist darüber hinaus ein viel tiefer greifendes Sinnbild für die Entmenschlichung und den zerbrechlichen Zustand des Ichs, das sich vom Innen ins Außen verlagert.</p>
<p>Medusas Strafe bestand darin, sich von einer Frau in ein Ungeheuer zu verwandeln. Ihre Haare sollten zu Schlangen werden und jeder, der in ihre Augen blickte, würde zu Stein erstarren. Dabei heißt es so schön: Die Augen sind der Spiegel der Seele. Was sagt dies über Medusas Seele aus? Ein Blick in Medusas Seele lässt den Blickenden zu Stein erstarren? Welches Grauen erblickt man in Medusas Seele? Sogar die Natur ließ ihr Anblick versteinern, so entstanden die Korallen. Medusas Schicksal bedeutet Einsamkeit, ein Leben inmitten einer Gesellschaft wäre unmöglich. Selbst wenn Medusa wortwörtlich die Augen vor ihrem Schicksal verschlossen hätte, sie war als Außenseiterin gebrandmarkt. Die Welt würde sie von nun an als Ungeheuer wahrnehmen. Und Menschen würden entweder in Furcht vor ihr leben oder aber mit dem Ziel, das Monster Medusa wie ein wildes Tier zu erlegen. Vollkommen entmenschlicht in der Wahrnehmung der Welt. Betrachtet man Medusas Strafe auf einer Metaebene, so kann die “Versteinerung” auch als Sinnbild des eigenen Zustands gedeutet werden. Medusa versteinert. Der Schock über das, was ihr angetan wurde, äußert sich in einem inneren zu Stein werden. Und darin liegt womöglich die Essenz des Mythos: Medusa ist kein Ungeheuer, weil sie böse ist. Medusa wird zum Ungeheuer, weil ihr Ungeheuerliches angetan wurde und sie nur noch nach außen geben kann, was sie in ihrem Inneren trägt. Unfähig, die eigene Erstarrung zu lösen, unfähig, dem Schock über das, was geschehen ist, zu entkommen. Innerlich ist Medusa zu Stein erstarrt und jeder, der ihr in die Augen blickt, erfährt ihr Schicksal, und zwar am eigenen Leib. Unweigerlich verwandelt sich Medusa vom Opfer zur Täterin.</p>
<p>Auf der anderen Seite gibt die Art der Strafe womöglich auch Aufschluss über Athenes Beweggründe. Athene konnte oder wollte Medusa nicht ungestraft davonkommen lassen. Doch Athene gab Medusa mit ihrer Strafe etwas, das Schutz und Rache zu gleich bedeuten würde. Rache Athenes an Medusa für die Entweihung ihres Tempels und ihrer Priesterin. Und gleichzeitig eine Form des Schutzes für Medusa. Nie wieder würde ein Mensch Medusa nahe genug kommen können, um ihr Schaden zuzufügen. Nie wieder würde Medusa die Grenzüberschreitung eines anderen erleben müssen, denn sie würde jeden zu Stein erstarren lassen. Nie wieder, bis Athene dem jungen Halbgott Perseus helfen würde, Medusa zu töten. Als Perseus Medusa den Kopf abschlug, entsprangen ihrem Blut zwei Pferde, Pegasus und Chrysaor. Mit Medusas Haupt zierte Athene ihren Schild, die Aegis.</p>
<p>Eine bittere Ironie schließt Medusas Geschichte ab. Medusas Tod dient dem Schutz einer Frau, der ein ähnliches Schicksal droht wie ihr einst, Danaë, die Mutter ihres Mörders. Was Medusa selbst nie zuteilwurde, einen Menschen an ihrer Seite zu haben, der sie schützt, war Danaës Rettung. Und wieder einmal war es Athene, die Medusa im Stich ließ und Perseus die notwendigen Hinweise und Mittel an die Hand gab, um Medusa im Schlaf den Kopf abzuschlagen. Reichte Medusas Strafe noch nicht aus? Oder war die weitere Existenz Medusas der Göttin Athene ein Dorn im Auge? Bereitete Medusa Athene Schuldgefühle, weil sie sie fortwährend daran erinnerte, dass eine Unschuldige die Strafe eines Gottes trug? Mithilfe eines verspiegelten Schildes war Perseus in der Lage, sich Medusa zu nähern, ohne sie direkt anzuschauen. Und es war Athene, die Perseus’ Hand führte, als er der schlafenden Medusa den Kopf abschlug. Mithilfe des Hauptes der Medusa ließ Perseus den König Polydektes, der seine Mutter Danaë bedrängte, zu Stein erstarren und bewahrte sie so vor einem ähnlichen Übergriff wie Medusa es hatte erfahren müssen. Die Frage, die der Mythos hier aufwirft, aber nicht beantwortet: Wen oder was hätte es bedurft, um Medusa vor ihrem Schicksal zu bewahren?</p>
<h3><strong>Medusas ewiges Vermächtnis</strong></h3>
<p>Medusa ist eine in ihrer Ganzheit oft übersehene und tragische Figur der griechischen Mythologie. Sie vereint in sich Opfer- und Täterfigur und durchläuft eine von Extremen gekennzeichnete Metamorphose. Und wie so oft im Leben mahnt auch der Medusenmythos, das Innere einer Figur zu befragen, bevor man über ihre äußere Erscheinung urteilt. Denn wie sich an ihr zeigt, wurde das Ungeheuer durch eine Aneinanderreihung von Ereignissen und Entscheidungen erst erschaffen. Das Böse oder in doppeltem Wortsinn Ungeheuerliche, existiert nicht frei im Raum, auch wenn dies eine Reduzierung eines viel komplexeren Zusammenspiels ist. Es ergibt sich aus Fehlentscheidungen, Machtmissbrauch, gewollten oder ungewollten Ungerechtigkeiten und zwischenmenschlichem Versagen. In Medusas Fall war es die doppelte Ungerechtigkeit: die Ignoranz und die Grenzüberschreitung Poseidons sowie die Bestrafung Medusas durch Athene, die sich damit zu Poseidons Komplizen macht.</p>
<p>Auch wenn Medusa nach ihrer Verwandlung eine Ausgestoßene ist, so erblickte das Unrecht, das an ihr verübt wurde, doch die Welt, in Form des alles versteinernden Blickes der Medusa. Es bleibt die Frage: Wer von wem erlöst wurde? Die Welt von Medusa oder Medusa von der Welt? Medusa lebte in Abgeschiedenheit, weshalb dann die Furcht vor ihrem Blick? Medusas Existenz war ein ständiges Mahnmal für die Unbarmherzigkeit und auch die Ungerechtigkeit der Götter. So wurde die Welt viel mehr von dieser Erinnerung erlöst als von dem Monster, das in Einsamkeit lebte. Die Frage hingegen, ob Medusa von der Welt erlöst wurde, ist schwerer zu beantworten. Fest steht, dass ihr Kopf zum Schutzzeichen gegen das Böse wurde, ihr Abbild sollte den Schutz bieten, der ihr selbst nie zuteilwurde.</p>
<p><strong>Anne Lemke</strong>, Köln</p>
<p><a href="https://annelemke.de/">Anne Lemke</a> hat einen Master in Osteuropastudien absolviert und neun Monate in Kasachstan gelebt. Dort schrieb sie für die Deutsche Allgemeine Zeitung über kasachische Oper und Kultur. Ihre Masterarbeit befasste sich mit sowjetischen Modernisierungstheorien in der kasachischen Landwirtschaft und deren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Sie beschäftigt sich intensiv mit osteuropäischer und zentralasiatischer Kultur und entsprechenden Kulturprojekten. Sie arbeitet überwiegend als Autorin für Theater und Oper sowie als Kulturmanagerin.</p>
<p>Gemeinsam mit ihrem Partner, dem Komponisten <a href="https://jongsungoh.de/">Jongsung Oh</a>, hat sie eine zeitgenössische elektronische Oper über den Medusenmythos entwickelt (der einleitende Monolog wird am 9. Dezember 2026 in Köln uraufgeführt, ein Termin für die Uraufführung der gesamten Oper steht noch aus). Im Mittelpunkt steht Medusas Verwandlung in das Monster, als das sie der Nachwelt in Erinnerung geblieben ist. In dieser Neuinterpretation hat Jongsung Oh Medusa gegen Ende ihres Lebens als Frau dargestellt, die die Fähigkeit sich zu artikulieren bereits verloren hat und immer mehr dem Wahnsinn verfällt, weshalb sie im Prolog nur Vokale singt. Mit dem Ende des Prologs würde die Handlung wieder an den Beginn der Erzählung und zur Verwandlung springen, dort wäre Medusa der Sprache wieder fähig.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Dezember 2026, Internetzugriffe zuletzt am 3. November 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mosaico_Medusa_-_Museo_Arqueologico_Nacional_-_Editado_-_Madrid_01.jpg">Mosaik der Medusa im Archäologischen Museum Madrid</a>, Foto: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Nerve_net">Javier Perez Montes</a>, Wikimedia Commons, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.)</p>
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		<title>&#8222;I Want Both Sides to Live&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 03 Nov 2026 06:14:22 +0000</pubDate>
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<h1><strong>„I want both sides to live”</strong></h1>
<h2><strong>Mohammed Altlooli und der palästinensische Widerstand gegen die Hamas</strong></h2>
<p><em>„Obwohl ich aufgrund des Militäreinsatzes nach dem 7. Oktober meinen Vater und meine Stiefmutter verloren habe und meine Familie zu Schulen der UNRWA und in ein Flüchtlingscamp in Jabalya fliehen musste, trete ich in meinem Aktivismus nach wie vor überzeugt für Frieden zwischen Israelis und Palästinenser ein. Ich halte diese Einstellung auch für keinen naiven Optimismus. Ich weiß, dass der Weg sehr steinig ist, aber die derzeitigen Proteste auf beiden Seiten zeigen, dass es sowohl Israelis als auch Palästinenser gibt, die sich eine gemeinsame Zukunft ohne radikale politische Führer wünschen.“ </em>(<a href="https://www.belltower.news/interview-mohammed-altlooli-kommt-aus-gaza-und-kaempft-gegen-die-hamas-155223/">Mohammed Nafez Altlooli im Februar 2024 in einem Gespräch mit Lea Wolters und Ahmed Alkhaled</a>, in: Belltower News)</p>
<p>Mohammed Nafez Altlooli kommt aus Gaza. Er lebt im europäischen Exil. Er ist eine führende Persönlichkeit in der 2017 im Gazastreifen gegründeten Bewegung <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/We_Want_to_Live_movement">Bedna Na’eesh</a> („Wir wollen leben“). Die Plattform <a href="https://mena-watch.com/?s=Mohammed+Altlooli">mena-watch veröffentlicht regelmäßig Beiträge von Mohammed Altlooli</a> (alle frei verfügbar, ein Abonnement der Seite lohnt sich!). In einem <a href="https://mena-watch.com/im-exil-organisiert/">Gespräch mit Jasmin Arémi auf mena-watch</a> sprach er über die Probleme im europäischen Exil, seine Ankunft in Griechenland, die bürokratischen Hürden für eine Aufenthaltsgenehmigung sowie seine Perspektiven für <em>„eine unabhängige Sicherheits- und Polizeistruktur, die keinem politischen Flügel angehört, weder der Fatah noch der Hamas“</em>. Am 3. September 2026 berichtete Mohammed Altlooli auf mena-watch von einem <a href="https://mena-watch.com/palaestinenser-israeli-treffen-sich-in-antwerpen/">Treffen eines Palästinensers und eines Israelis in Antwerpen</a>. Mir berichtete er, dass er viel unterwegs ist, sich auch mit israelischen Zivilisten in Zypern und in Berlin treffe. Er sagt: <em>„Die Zukunft der Region darf nicht nur von politischen und militärischen Akteuren diskutiert werden. Sie muss von und mit der Zivilbevölkerung beider Seiten gestaltet werden.“ </em></p>
<p>Weitere Quellen zum palästinensischen Widerstand gegen Hamas (und Fatah) sind in unregelmäßigen Abständen Belltower News, Jungle World, Jüdische Allgemeine, <a href="https://www.jpost.com/author/mohammed-altooll">Jerusalem Post</a> und gelegentlich auch die ZEIT. Alexander Gruber übersetzt für mena-watch die in der Regel vom <a href="https://www.jns.org/">Jewish News Syndicate</a> übernommenen Texte von Mohammed Altlooli.</p>
<p>Es ist völlig offen, welchen Einfluss die anstehende komplizierte Regierungsbildung in Israel nach den <a href="https://www.poliwave.com/il/live/knesset-2026?lang=de">Wahlen vom 27. Oktober 2026</a> auf einen Friedensprozess im Nahen Osten haben wird. Möglicherweise bietet das Ergebnis die Chance, dass die jüdischen und die arabischen Parteien sich miteinander verständigen und ein Vorbild schaffen, wie in der gesamten Region Frieden geschaffen werden könnte. Der Vorsitzende der Demokraten, <a href="https://mena-watch.com/yair-golan-neuer-superstar-israelische-linken/">Yair Golan</a>, hatte dies vorgeschlagen. Aber vorerst zeichnet sich keine Mehrheit für eine solche Lösung ab.</p>
<p>Im Folgenden dokumentiere ich ein Gespräch mit Mohammed Nafez Altlooli. Das Gespräch fand in englischer Sprache über e-mail-Austausch statt. Ich habe es ins Deutsche übersetzt. Nach der Dokumentation des Gesprächs finden Sie einige ausgewählte Hintergrundinformationen über Demonstrationen gegen die Hamas, die Akteure des Widerstands gegen die Hamas und über die Debatten in Europa. Alexander Gruber von mena-watch danke ich für die Vermittlung meines Kontakts zu Mohammed Altlooli.</p>
<h3><strong>Das Gespräch mit Mohammed Altlooli</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie begann Ihr Engagement für die Demokratie in Palästina?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Ich habe mich weder dem bewaffneten palästinensischen Widerstand angeschlossen noch war ich jemals Teil einer politischen oder militärischen Organisation. Mein Engagement begann im Jahr 2017, als ich mich an einem der ersten Versuche offener ziviler Opposition gegen die Hamas in Gaza beteiligte. Ich war einer der Gründer der Bewegung „We want to live“ („</em><em>Bedna Na’eesh“)</em><em>. Von Anfang an entschied ich mich für den zivilen und gewaltfreien Weg. Ich glaube nicht, dass bewaffneter Kampf einen wirklichen Nutzen für die Zivilbevölkerung brachte. Meines Erachtens waren die Folgen vor allem Tod, Zerstörung, Vertreibung und Obdachlosigkeit. Ich glaube, dass Hamas, Fatah und andere palästinensische politische Fraktionen darin gescheitert sind, die Bedürfnisse und Wünsche der palästinensischen Zivilbevölkerung sowohl in Gaza als auch im Westjordanland zu vertreten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Gibt es eine breite Opposition gegen die Hamas?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Ich glaube, dass die Zahl der Palästinenser, die mit der Hamas und dem aktuellen palästinensischen politischen System unzufrieden sind, viel größer ist als die Zahl der Menschen, die in der Lage sind, diese Unzufriedenheit öffentlich zu äußern. Es gibt eine schweigende Mehrheit, aber Schweigen bedeutet nicht Unterstützung.</em></p>
<p><em>In Gaza wird jemand, der sich weigert, die Hamas zu unterstützen oder ihre Politik öffentlich kritisiert, schnell beschuldigt, ein „Agent Israels“ zu sein. In einer Gesellschaft, die im Krieg lebt und in Furcht, haben solche Beschuldigungen ernsthafte Konsequenzen für die jeweilige Person und ihre Familie. Die gleiche Furcht besteht – in einem unterschiedlichen Kontext – im Westjordanland. Menschen haben Angst, offen über Korruption und Missbrauch durch die palästinensischen Autoritäten zu sprechen. Sie haben nicht nur Angst um sich selbst. Sie haben Angst um ihre Familien und für den Ruf ihrer Kinder. </em></p>
<p><em>Deshalb glaube ich, dass es eine nennenswerte soziale Unzufriedenheit gibt, aber sie bleibt im Großen und Ganzen unorganisiert und die meisten Menschen sind nicht in der Lage, sie offen zu äußern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ist eine Mehrheit für Frieden und Demokratie möglich?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Ja, ich glaube, dass sie möglich ist. Die palästinensische Gesellschaft hat wiederholt ihre Fähigkeit bewiesen, neue Bewegungen zu schaffen, wenn die vorhandenen politischen Kräfte scheitern.</em></p>
<p><em>Doch zurzeit glaube ich nicht, dass irgendeine größere palästinensische politische Fraktion ehrlich behaupten kann, sie habe die Unterstützung einer Mehrheit der Palästinenser. Das Problem liegt darin, dass wir bisher keine zivile Führung haben schaffen können, wie sie die Palästinenser bräuchten. Wir brauchen eine neue Führung, die weder auf Waffen noch auf Einschüchterung noch auf der Loyalität zu einer bestimmten Partei beruht, sondern in zivilem Leben, Demokratie und Freiheit verankert ist. </em></p>
<p><em>Mehr als eine Million Menschen im Gazastreifen kennen mich und meine Haltung. Auch auf der anderen Seite der Grenze bin ich den Bewohnern der israelischen Kibbuzim in der Umgebung des Gazastreifens bekannt.</em></p>
<p><em>Ich spreche nicht einfach als jemand, der eine politische Opposition vertritt, sondern als Mensch, der selbst zu den Betroffenen gehört und Leid und Verluste erfahren hat. Genau das bewegt mich dazu, die Botschaft meines Volkes weiterzutragen: eine Botschaft des Lebens, des zivilen Zusammenlebens und einer Zukunft ohne parteipolitische Zwänge – gemeinsam mit unseren israelischen Nachbarn in den Kibbuzim.</em></p>
<p><em>Ich stehe seit einiger Zeit in engem Austausch mit Menschen aus dem Gazastreifen, die unsere Bemühungen und unseren politischen Widerstand unterstützen. Wir verfügen inzwischen auch über eine mediale Reichweite, die uns eine große Verantwortung auferlegt.</em></p>
<p><em>Ich hoffe sehr, dass wir eines Tages gemeinsam etwas von dieser Vision verwirklichen können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sehen Sie die Entwicklungen seit dem 7. Oktober 2023?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Der 7. Oktober war für mich ein dunkler Tag. Der Mord und die Entführung israelischer Zivilisten und ihre Verschleppung nach Gaza kann in keiner Weise gerechtfertigt werden. Ich glaube nicht, dass es irgendeine moralische Rechtfertigung für das wahllose Töten und Entführen von Zivilisten geben kann, gleichviel ob es sich um Israelis oder Palästinenser handelt. </em></p>
<p><em>Gleichzeitig kann das enorme Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung in Gaza nicht ignoriert werden. Seit dem 7. Oktober erlitten die Menschen in Gaza eine ungeheure humanitäre Katastrophe, Tod, Zerstörung, Vertreibung, Armut, Hunger, den Verlust von Familienmitgliedern und den Zusammenbruch normalen zivilen Lebens. </em></p>
<p><em>Viele Menschen in Gaza fühlen, dass sie den 7. Oktober niemals wirklich hinter sich lassen konnten. Tage wurden Wochen. Wochen wurden Monate, dann Jahre, während die Folgen des Kriegs immer weiter wirkten. Die Menschen standen lange Stunden an, um Wasser und Essen zu erhalten, sie lebten unter äußerst schwierigen Bedingungen in Zelten.</em></p>
<p><em>Ich glaube, es ist falsch, die Bevölkerung in Gaza zu behandeln, als wäre sie ein homogener politischer oder militärischer Akteur. Zivilisten haben diesen Krieg nicht gewählt, aber sie haben den höchsten Preis bezahlt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Palästinensische Autonomiebehörde (englische Bezeichnung „Palästinensian National Authority“, Selbstbezeichnung seit 2013 „State of Palestine“) hat die Macht in Gaza an die Hamas verloren. Sie verfügt nur noch über Macht in einigen Gebieten im Westjordanland. Die israelischen Behörden drängen ihren Einflussbereich immer weiter zurück. Wahlen gab es seit 2006 nicht mehr. Wie sehen Sie die Palästinensische Autonomiebehörde?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Ich glaube, dass die Palästinensische Autonomiebehörde zutiefst ineffektiv war und ist. Sie hat einen nennenswerten Teil ihrer Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit verloren. Seit die Hamas 2007 die Kontrolle in Gaza übernahm, ist die Palästinensische Autonomiebehörde in ihrem Bestreben gescheitert, eine glaubwürdige politische und zivile Alternative zu schaffen. Wenn sie jetzt darüber spricht, nach Gaza zurückzukehren, fragen die Menschen mit Recht: Was soll diesmal anders sein? Ich glaube nicht, dass eine einfache Widerherstellung des alten politischen Systems das Problem lösen wird. Gaza braucht eine neue zivile Verwaltung, die transparent und berechenbar ist und durch gesetzliche Regelungen bestimmt wird und nicht durch politische Strömungen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie sehen Sie die Rolle von Israel und des israelischen Militärs?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Ich glaube, dass Israel eine beträchtliche Verantwortung für die Art und Weise hat, in der der Krieg geführt wurde, insbesondere im Hinblick auf den Schutz der Zivilbevölkerung. Die große Zerstörung und das Leiden der Zivilbevölkerung in Gaza hat eine tiefe Furcht unter den Menschen in Gaza hervorgebracht. Zugleich glaube ich, dass wir nicht ignorieren dürfen, dass dieser Krieg nicht in einem Vakuum begann. Der Angriff vom 7. Oktober und die militärischen Strukturen der Hamas hatten ihren fundamentalen Anteil an der Kette der darauf folgenden Ereignisse, die die Region in ihre aktuelle Lage brachten. Das bedeutet aber nicht, dass jede israelische militärische Aktion gerechtfertigt und akzeptabel ist. Für mich muss der Schutz der Zivilbevölkerung ein Prinzip bleiben, ungeachtet ob es sich bei der Zivilbevölkerung um Israelis oder um Palästinenser handelt.     </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Kann die palästinensische Opposition gegen die Hamas die Lage verändern?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Ich glaube, sie kann, aber sie ist zurzeit innerhalb von Gaza wegen der dortigen Sicherheitslage, wegen des Krieges und der Furcht in der Zivilbevölkerung sehr schwach. Wir setzen unsere Arbeit außerhalb von Gaza fort und es gibt eine Koordinierung zwischen einer Zahl palästinensischer Aktivisten außerhalb des Gazastreifens. Aber wir müssen realistisch sind. Wir haben es mit einer sehr mächtigen bewaffneten Organisation zu tun, mit substanzieller Macht über Sicherheit, Medien und mit beachtlichen finanziellen Ressourcen. </em></p>
<p><em>Nichtsdestoweniger lehrt uns die Geschichte, dass politische Systeme, die nur auf Gewalt begründet sind, nicht dauerhaft bestehen. Unser Ziel ist es nicht, die Hamas durch eine andere autoritäre Macht zu ersetzen. Unser Ziel ist es, eine zivile Alternative zu schaffen, der die Menschen in Palästina, in Gaza und im Westjordanland vertrauen können.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Wie sehen Sie die Debatten in Europa und anderen Ländern des Westens?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Meiner Meinung nach wurde die Debatte in Europa, in den USA, in Kanada und im Vereinigten Königreich extrem polarisiert. Die Menschen haben jedes Recht, ihre Solidarität mit der palästinensischen Zivilbevölkerung zu zeigen und ein Ende ihres Leidens zu fordern. </em></p>
<p><em>Zugleich darf Solidarität mit dem palästinensischen Volk nicht Unterstützung der Hamas oder irgendeiner anderen bewaffneten Organization bedeuten, die sich gegen die Zivilbevölkerung richtet. Antisemitismus muss klar zurückgewiesen werden, ebenso wie Rassismus und Hass gegen Palästinenser zurückgewiesen werden muss. Ich glaube nicht, dass wir zwischen israelischen und palästinensischen Leben wählen dürfen. </em></p>
<p><em>Ich will, dass beide Seiten leben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Glauben Sie an eine demokratische Regierung in Palästina?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Ja, daran glaube ich. </em></p>
<p><em>Aber Demokratie bedeutet nicht einfach, nur Wahlen abzuhalten. Wenn Waffen über dem Gesetz stehen und politische Fraktionen Menschen verhaften, bedrohen, sie zum Schweigen bringen können, ist das keine echte Demokratie. Wir brauchen unabhängige Gerichte, freie Medien, Meinungsfreiheit, transparente Verwaltungsinstitutionen und Gesetze, die für alle gelten. Am wichtigsten ist, dass es nicht erlaubt ist, dass Waffen das zivile Leben weiterhin bestimmen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Glauben sie an eine Zwei-Staaten-Lösung?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Meine Position unterscheidet sich von viele traditionellen Zugängen zu dieser Frage. Ich bin nicht überzeugt, dass allein die Schaffung eines palästinensischen Staates automatisch ein besseres Leben für die Palästinenser garantiert. </em></p>
<p><em>Wenn ein palästinensischer Staat korrupt, autoritär und von bewaffneten Fraktionen kontrolliert wäre, würden gewöhnliche Palästinenser immer noch nicht das Leben haben, das sie suchen. </em></p>
<p><em>Für mich lautet die fundamentale Frage nicht nur: Wo liegen die Grenzen? Die Frage lautet: Wie werden die Menschen leben? </em></p>
<p><em>Ich möchte eine Lösung, die Palästinensern und Israelis Sicherheit, Freiheit, Würde und wirtschaftliche Möglichkeiten garantiert.</em></p>
<p><em>Ich habe einen großen Traum: dass Gaza eines Tages eine eigene humanitäre und zivile Stimme in der israelischen Knesset erhält, ähnlich wie die arabischen Bürger Israels dort vertreten sind.</em></p>
<p><em>Heute mag diese Vorstellung wie ein ferner und kaum erreichbarer Traum erscheinen. Doch vielleicht kann das, was heute noch unmöglich scheint, morgen Wirklichkeit werden. Wie viele Ideen galten einst als unrealistisch und sind schließlich doch Realität geworden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Zukunft wünschen Sie?</p>
<p><strong>Mohammed Altlooli</strong>: <em>Ich will keinen weiteren Krieg. Ich möchte nicht, dass Palästinenser und Israelis für immer hinter einer Mauer aus Furcht und Hass leben. Ich will Brücken zwischen beiden Gesellschaften wieder aufbauen.</em></p>
<p><em>Vor Arafat, vor Hamas und bevor die Beziehungen zwischen den beiden Gesellschaften ihr heutiges Niveau der Feindseligkeit erreichten, gab es soziale, wirtschaftliche und menschliche Beziehungen zwischen Palästinensern und Israelis. Palästinensische Arbeiter arbeiteten in Israel, Israelis kannten persönlich Palästinenser. Es gab soziale Beziehungen und ein Leben, dass sie auf beiden Seiten der Grenze miteinander teilten. </em></p>
<p><em>Ich sage nicht, dass wir im Wortsinn in die Vergangenheit zurückkehren sollten. Aber wir sollten die menschliche Dimension der Beziehung wieder herstellen. Wir wollen unsere palästinensische Identität nicht verlieren und wir wollen unsere Rechte nicht aufgeben. Aber die Bewahrung unserer Identität und Rechte erfordert nicht, dass Israelis die andauernden Feinde der Palästinenser bleiben und dass Palästinenser die andauernden Feinde der Israelis bleiben. </em></p>
<p><em>Ich glaube, dass die Zukunft auf die Menschen statt auf die Parteien setzen muss, Leben ohne Waffen und Frieden statt Krieg. Das ist die einfache Botschaft der We-Want-to-Live-Bewegung seit ihrer Gründung. Wir wollen leben!    </em></p>
<h3><strong>Hintergrundinformationen zu palästinensischem Widerstand gegen die Hamas</strong></h3>
<p>Schon 2017 gab es palästinensische Demonstrationen gegen die Hamas, über die im Februar 2017 auch eine <a href="https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3dlbHRzcGllZ2VsLzA1YzVhN2QyLTk0MTgtNDIyZS1hYmFjLWJkMmY4ZTcyYWVkNQ?utm_source=chatgpt.com">Dokumentation der ARD</a> berichtete. Mohamed AlBorno hatte sich bereits 2017 an den Protesten beteiligt und beschreibt, wie er von der Hamas gefoltert wurde und jetzt wieder auf der <em>„roten Liste“</em> der Hamas stehe. Dies bedeute Hinrichtung oder zumindest Brechen der Beine. In der ZEIT berichtete im April 2025 Yassin Musharbash: <a href="https://www.zeit.de/2025/16/hamas-gazastreifen-widerstand-islamismus-nahost">„Ich will dem Monster nicht noch einmal begegnen.“</a> Er zitiert eine WhatsAPP von Mohamed AlBorno, Anfang 30, Vater von vier Kindern, der an der Organisation der Proteste mitgewirkt hatte: <em>„Das Ziel bestand darin, den Krieg zu beenden und dass Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzt werden, dass Flüchtlingsunterkünfte und Krankenhäuser für militärische Operationen genutzt werden, was Israel einen Vorwand liefert, Zivilisten zu attackieren. Die Hamas stiehlt Hilfsgüter, verkauft sie und nutzt den Krieg, um zu foltern, zu töten und ihre Gegner zu misshandeln.</em>&#8220; Er widersprach einer Behauptung der Hamas auf Al-Jasira, die Palästinenser wären bereit, das Leben ihrer Kinder im Krieg gegen Israel zu opfern: <em>„Das ist etwas, was wir vollständig zurückweisen. Wir sind Menschen. Wir wollen leben. Wir wollen nicht für die Hamas sterben.&#8220; </em></p>
<p>Mohammed Altlooli schrieb im April 2025: <a href="https://www.mena-watch.com/ein-aufstand-klopft-an-die-tuer-der-hamas/">„Der Aufstand klopft an die Tür der Hamas“</a>. <em>„Mittlerweile sehnen sich viele nach einem Ende der Hamas-Diktatur oder würden es sogar vorziehen, von Israel regiert zu werden. So haben viele junge Menschen ihre Bereitschaft zum Ausdruck gebracht, mit den israelischen Behörden zusammenzuarbeiten, um den Gazastreifen zu verwalten und zu regieren, würde dies zu einem Ende der Hamas-Herrschaft führen.“ </em>Bassem Eid, palästinensischer Menschenrechtsaktivist im Westjordanland, forderte: <em>„Es ist an der Zeit, auf die Menschen im Gazastreifen zu hören anstatt auf die Terroristen, die deren Leben kontrollieren. Die anhaltenden Proteste der Menschen gegen die Hamas sind erst der Anfang. Sie sind sich sehr wohl bewusst, dass nicht nur die entführten Israelis, sondern die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens von der Terrororganisation als Geiseln benutzt werden. Es ist an der Zeit, auf diese authentischen Stimmen zu hören und die Menschen zu befreien, indem die Hamas endgültig zerschlagen wird.“</em></p>
<p>Sabine Brandes berichtete im April 2025 in der Jüdischen Allgemeinen: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/wir-wollen-leben/">„Wir wollen leben“</a>. Die Hamas reagiert brutal: <em>„Die Schergen der Terrorgruppe folterten und ermordeten den 22-jährigen Oday Nasser Al-Rabay, der sich laut Angaben seiner Familie an den Protesten beteiligt hatte. Die Leiche wurde vor seinem Haus abgelegt. Eine klare Warnung. Und dennoch wurden bei der Beerdigung Dutzende dabei gefilmt, wie sie riefen: ‚Hamas raus!‘“ </em>Hilfe für die Zivilbevölkerung lande bei der Hamas. Ein Gesprächspartner sagte: <em>„Sie nehmen sämtliche Hilfslieferungen sofort in Beschlag. Zuerst verteilen sie es an ihre Leute, den Rest werfen sie auf den Schwarzmarkt, wo wir es für horrende Preise kaufen müssen. Umsonst bekommen wir nichts.“ </em>Ein Kilo Mehl kostete im Frühjahr 2025 bereits 150 Dollar.</p>
<p>Mohammed Altlooli informierte am 30. April 2025 auf der Plattform mena-watch über <a href="https://www.mena-watch.com/frauen-und-kinder-protestieren-gegen-hamas/">Demonstrationen vom 27. April 2025 in Beit Lahia</a> im Norden des Gaza-Streifens. Hier demonstrierten Hunderte von Frauen und Kindern. Die Hamas versuchte die Demonstrierenden einzuschüchtern, diese Demonstration verlief jedoch friedlich. Der Beitrag zeigt Bilder und Videos von den Demonstrationen. Am 21. Mai 2025 berichtete Mohammed Altlooli auf mena-watch erneut: <a href="https://www.mena-watch.com/gaza-gekidnappt-alternative-hamas/">„Gaza wurde gekidnappt, die Jugend ist die Alternative zur Hamas“</a>. Er sprach mit Mohammed Sawalmeh, einer prominenten Stimme der Opposition gegen die Hamas: <em>„Meine Opposition begann, als ich erkannte, dass sich hinter der ‚Widerstandsrhetorik‘ der Hamas ein autoritäres und repressives Projekt verbirgt, das keine anderen Stimmen duldet. Ich stellte fest, dass Andersdenkende ausgeschlossen werden und die Menschen als Schutzschilde benutzt werden und keine Priorität haben.“</em> Er bestätigte Berichte, dass die Hamas Nahrung und Medikamente systematisch verknappe, und alle, die sie kritisieren, bedrohe. Doch <em>„es bilden sich erste friedliche Bewegungen, die jedoch aufgrund der Angst noch begrenzt sind“</em>, darunter viele junge Menschen in Gaza und in der Diaspora.</p>
<p>Im Februar 2026 sah Mohammed Altlooli <a href="https://mena-watch.com/gaza-am-rande-einer-internen-konfrontation/">Gaza vor einer internen Konfrontation</a>. Ebenfalls im Februar 2026 zitierte er <a href="https://mena-watch.com/der-gazastreifen-zwischen-angst-und-wandel/">Rami Helles</a>, ein lokaler Kommandant im Osten des Gazastreifens, der den Zerfall der Hamas beobachtet: <em>„Laut Helles arbeiten seine Einheiten daran, erneute Kämpfe zu verhindern und die lokale Ordnung aufrechtzuerhalten. ‚Unser Hauptkampf ist nicht militärischer Natur, er ist psychologischer Natur. Die Hamas hat den Menschen beigebracht, alles zu fürchten, was anders aussieht, selbst wenn es nur in der Suche nach Schutz und einem zivilen Leben besteht.‘“</em> Viele Gegner der Hamas schweigen aus Angst, umso größer ist ihr Mut zu bewerten, sich öffentlich gegen die Hamas zu äußern und für Frieden und Koexistenz mit Israel einzusetzen.</p>
<p><strong>Lautes Schweigen in Europa</strong></p>
<p>Izzy Salant konstatierte im April 2025‘: <a href="https://www.mena-watch.com/lautstarkes-schweigen-palaestina-solidaritaet/">„Das lautstarke Schweigen der Palästina-Solidarität“</a> belege, dass es den sogenannten pro-palästinensischen Protesten in Europa, in den USA und anderswo nicht um die Menschen in Palästina gehe, sondern nur um anti-israelische Propaganda. Er zitiert den aus Gaza stammenden, in Syracuse (NY) lebenden Dichter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mosab_Abu_Toha">Mosab Abu Toha</a>, der Israel immer scharf kritisiere: <em>„Die meisten Menschen solidarisieren sich mit Gaza und nicht mit den Menschen im Gazastreifen.“ </em></p>
<p>Am 19. April 2025 gab es eine erste Solidaritätsdemonstration in Stuttgart, organisiert vom Gaza Youth Movement (nicht zu verwechseln mit dem Palestinian Youth Movement), allerdings leider mit geringer Beteiligung, weil die Hamas auch in Deutschland Menschen bedroht, die sich gegen sie stellen. Thomas von der Osten-Sacken berichtete, <a href="https://mena-watch.com/palaestinenser-europa-warnung-hamas/">wie die Hamas Kritiker auch in Europa bedroht</a>. <a href="https://mena-watch.com/europa-einschuechterung-nicht-ignorieren/">Ende Juli 2026 stellte Mohammed Altlooli fest</a>: <em>„Wenn Europa wirklich hinter der palästinensischen Bevölkerung stehen will, sollte es auch und gerade hinter jenen Palästinensern stehen, die mutig genug sind, Extremismus abzulehnen, ehrlich über die Zustände im Gazastreifen zu sprechen und sich für eine Zukunft einzusetzen, die auf Koexistenz statt auf endlosem Krieg basiert. Frieden kann nicht entstehen, wenn diejenigen, die sich dafür einsetzen, auf sich allein gestellt bleiben.“</em></p>
<p>Mohammed Altlooli: <em>„Anstatt mit einer Debatte zu beginnen, warfen viele Social-Media-Nutzer diesen jungen Palästinensern Verrat, Kollaboration und Versagen vor. Ihre Namen und Fotos kursierten im Internet, begleitet von Beleidigungen, Einschüchterungen und öffentlichen Kampagnen, die darauf abzielten, sie zum Schweigen zu bringen. Die Botschaft war unmissverständlich: Jeder Palästinenser, der sich offen für ein Zusammenleben ausspricht, läuft Gefahr, zur Zielscheibe zu werden.“ </em></p>
<h3><strong>Ein Blick in verpasste Gelegenheiten </strong></h3>
<p>Der palästinensische Philosoph Sari Nusseibeh sagte im Juli 2025 in <a href="https://www.zeit.de/kultur/2025-07/philosoph-sari-nusseibeh-gaza-genozid-extremismus">einem Gespräch mit Lenz Jacobsen und Nils Markwardt für die ZEIT</a>, er sehe die im Jahr 2000 gescheiterten Verhandlungen in Camp David zwischen Ehud Barak, Jassir Arafat und Bill Clinton als einen <em>„Schlüsselmoment“</em> und eine der Ursachen, die in den letzten Jahren zur Eskalation geführt haben. Auf beiden Seiten positionierten sich Extremisten, deren Ideologie und Triebkraft man in erster Linie als <em>„Messianismus“</em> bezeichnen könne. Sari Nusseibeh vertrat eine Zeit lang die PLO, hatte aber auch eine zivile Friedensinitiative gegründet. Menschen in den palästinensischen Gebieten hätten sich zunehmend in sich selbst zurückgezogen, Unterstützung hätten sie bei den Regierungen der umliegenden arabischen Staaten nicht gefunden.</p>
<p>Rhetorik dominiere die Politik, es gebe ein Missverhältnis zwischen den Vorstellungen in den Bevölkerungen und dem Handeln der Regierungen. <em>„Die Worte, die in einem politischen Konflikt verwendet werden, dienen weniger der Beschreibung der Realität. Sie sind vor allem Instrumente in diesem Konflikt, sie sind Waffen und Machtinstrumente. Wer von Genozid oder Apartheid spricht, tut das, um juristische und symbolische Macht aufzubauen.“ </em>Gewalt löse jedoch kein Problem, Gewalt müsse aufhören. <em>„Die palästinensische Handlungsfähigkeit wurde von der Hamas gekapert für ihren gewalttätigen Kampf. Die normalen Palästinenser können im Moment wenig tun, sie sind gefangen zwischen der Gewalt der Hamas und der Untätigkeit und Unfähigkeit der palästinensischen Autonomiebehörde. Erst, wenn es wieder Wahlen gibt, können die Palästinenser wieder handlungsfähig werden und eine Regierung bekommen, die so vernünftig ist, Frieden mit Israel schließen zu wollen, und zugleich für jene Freiheit und Unabhängigkeit kämpft, nach der sich die Palästinenser schon so lange sehnen.“</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>; Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, internetzugriffe zuletzt am 28. Oktober 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:WMC_Gaza_City.jpg">Gaza City</a>, Juli 2014, Wikimedia Commons.)</p>
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		<title>Politische Romantik</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/politische-romantik/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 01 Nov 2026 14:31:03 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Politische Romantik Zum Polen-Jahrbuch 2026 des Deutschen Polen-Instituts „Romantik bedeutet mehr als Literatur; Romantik ist vielfach eine neue Lebensform, eine eigene Weltanschauung, sie erfaßt alle Lebensbereiche und wissenschaftlichen Disziplinen, überführt die Revolution aus der Politik in die Literatur und wirkt von dort zurück auf das Leben der Gesellschaft. Als Revolution der Denk-, Lebens- und  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-5 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-4 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-5"><h1></h1>
<h1><strong>Politische Romantik</strong></h1>
<h2><strong>Zum Polen-Jahrbuch 2026 des Deutschen Polen-Instituts</strong></h2>
<p><em>„Romantik bedeutet mehr als Literatur; Romantik ist vielfach eine neue Lebensform, eine eigene Weltanschauung, sie erfaßt alle Lebensbereiche und wissenschaftlichen Disziplinen, überführt die Revolution aus der Politik in die Literatur und wirkt von dort zurück auf das Leben der Gesellschaft. Als Revolution der Denk-, Lebens- und Schreibart berührt sie auch die Bereiche der Philosophie, Psychologie und Theologie, der Musik- und Geisteswissenschaften. Romantik heißt Regeneration, ob auf dem Wege der Revolution oder der Gegenrevolution, das hängt meist von dem Entwicklungsstadium der Romantik und der Ideologie des Betrachters ab.“ </em>(Gerhart Hoffmeister, Deutsche und europäische Romantik, Stuttgart, Metzler, 1978)</p>
<p>Die Romantik ist vielleicht die erste Epoche der Literaturgeschichte, die das von Goethe im Jahr 1827 popularisierte Siegel der <a href="http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/goethe/birus_weltliteratur.pdf"><em>„Weltliteratur“</em></a> verdient. Die Welt wirkte damals aus europäischer Sicht noch kleiner als sie es heute ist, doch reichten Goethes literarische Reisen weit über Europa hinaus, beispielsweise mit dem „West-Östlichen Diwan“ nach Persien. Für andere Autor:innen, die der Epoche der Romantik zugerechnet werden, waren Griechenland oder die Ukraine Sehnsuchtsorte. George Gordon Byron (1788-1824) beteiligte sich am griechischen Befreiungskampf gegen die osmanische Herrschaft und setzte dem ukrainischen Nationalhelden <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-gesichter-des-helden">Ivan Mazeppa</a> ein literarisches Denkmal. Die Gestalt des Mazeppa schaffte es als mehr oder weniger mythische, zumindest romantisierte Gestalt sogar <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-pferd-das-tausend-meilen-lief/">bis nach China und Japan</a>. Sein Pferd, das tausend Meilen lief, wurde ebenso legendär wie der auf ihm festgebundene ukrainische Held. Aber auch Byron selbst wurde in der Rezeption zu einer quasi-mythischen Gestalt. In Polen wurde Adam Mickiewicz (1798-1855) zu einer Art Nationalhelden in Literatur und Politik zugleich.</p>
<h3><strong>Der „romantische Code“ Polens (Karl Dedecius)</strong></h3>
<p>Gerhart Hoffmeister wagte die folgende These: <em>„In keinem anderen Land ist die literarische Entwicklung in der romantischen Epoche so eng mit dem Schicksal der Nation verknüpft wie in <u>Polen</u>.“</em> Vielleicht spiegelt die polnische Romantik mehr als die Romantizismen anderer Länder ein spezifisch nationales Lebensgefühl, das sich in den Künsten wie in der Politik bis heute auswirkt.</p>
<div id="attachment_8629" style="width: 229px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Jahrbuch_Polen_Jahrbuch_des_Deutschen_Polen-Instituts_Darmstadt_Jahrbuch_Polen_37_%282026%29_Romantik/title_9194.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8629" class="wp-image-8629 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Polen-Jahrbuch-2026-Harassowitz-219x300.png" alt="" width="219" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Polen-Jahrbuch-2026-Harassowitz-200x274.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Polen-Jahrbuch-2026-Harassowitz-219x300.png 219w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Polen-Jahrbuch-2026-Harassowitz-400x548.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Polen-Jahrbuch-2026-Harassowitz.png 438w" sizes="(max-width: 219px) 100vw, 219px" /></a><p id="caption-attachment-8629" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wer die Validität dieser These ergründen möchte, findet in dem der Romantik gewidmeten <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Jahrbuch_Polen_Jahrbuch_des_Deutschen_Polen-Instituts_Darmstadt_Jahrbuch_Polen_37_%282026%29_Romantik/title_9194.ahtml">Jahrbuch 2026 des Deutschen Polen-Instituts</a> eine Vielzahl von Argumenten. Ergänzend lohnt sich ein Blick in eine weitere Publikation des Deutschen Polen-Instituts. Sie wurde von Marta Janachowska-Budych und Tomasz Lis herausgegeben, ihr Thema: <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/titel_9185.ahtml">„Literarische und filmische Bilder der Migration zwischen Polen und Deutschland“</a>. Dieser Band eignet sich zu einer Gegenprobe. Er gibt Antworten auf die Frage, ob der vielfältige national konnotierte Bezug auf die Romantik in der polnischen Literatur und Politik nach wie vor anhält oder möglicherweise mit der Zeit verblasst. Beide Bände erschienen in Wiesbaden im Verlag Harassowitz, einer der führenden deutschen Verlage für all diejenigen, die mehr über Polen erfahren wollen.</p>
<p>Hinter dem Siegel der Romantik verbergen sich quasi-magische Wirklichkeiten und Träume, Sehnsuchtsorte und Sehnsuchtssymbole, die gerne in eine mystifizierte Vergangenheit verlegt werden. Beschworen werden in Literatur, Malerei, Theater, Musik zum Beispiel ein von Fremdherrschaft zu befreiendes Land (Griechenland, Ukraine, Polen), eine <em>„blaue Blume“</em> mit magischer Kraft (Novalis, Heinrich von Ofterdingen) oder der sogenannte <em>„heilige Gral“</em> (Richard Wagner, Parzival), die Erlösung von Schrecken und Schauer, wie sie von aus wie auch immer gearteten magischen Orten (Burgen und Schlösser, geheimnisvolle Gärten, in das alltägliche Leben eindringende Gestalten bewirken (Vampire, Untote, lebendig erscheinende Automaten). Es lässt sich sicherlich streiten, wie politisch diese Phänomene romantischen Denkens und Dichtens gedacht sind oder wie weit sie bloß allgemeine gesellschaftliche Ängste und Sehnsüchte spiegeln. Politisch wird der Begriff der Romantik jedoch vor allem dann, wenn er mit Fantasien der Befreiung und Erlösung von einer fremden Macht verbunden wird. Dies ist in Polen der Fall, mit Nachwirkungen bis in die aktuelle Politik.</p>
<p><a href="Paweł%20Zarychta">Paweł Zarychta</a>, Literaturwissenschaftler an der Jagellonen-Universität Krakau, betont in seinem Essay <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/370/erhebe-dich-polen-der-polnische-freiheitsgeist-und-die-romantik/">„Erhebe dich Polen! Der polnische Freiheitsgeist und die Romantik“</a> (in: Polen-Analysen des Deutschen Polen-Instituts vom 6. Oktober 2026, aber auch als Eingangsessay im Jahrbuch Polen 2026), dass Begriff und Epoche der Romantik viel mit polnischem Freiheitsgeist zu tun haben. Er verweist auf vier Daten, die in Polen alle kennen, die aber außerhalb Polens nur selten beachtet werden: 1794, 1830, 1863, 1944: <em>„Auch nach Jahrzehnten sind nämlich der Kościuszko-, der November-, der Januar- und schließlich der Warschauer Aufstand feste Bestandteile des polnischen kollektiven Gedächtnisses. Maßgeblich prägen sie bis heute den Diskurs über den polnischen Aufstands- und Freiheitsgeist. Dessen Ursprünge werden in der Regel in der polnischen Romantik verortet und mit Stichworten wie Messianismus, Prophetismus oder der Vorstellung Polens als ‚Christus unter den Völkern‘ in Verbindung gebracht.“ </em></p>
<p>Die drei polnischen Teilungen der Jahre 1772, 1793 und 1795, der über 120 Jahre währende Verlust der eigenen Staatlichkeit, prägen dieses in Künsten und Politik Polens verankerte Selbstbild bis in die Zeiten der Nazi-Herrschaft 1939 bis 1945 und der folgenden bis 1989 währenden Existenz Polens als Vasallenstaat der Sowjetunion. Durchweg sehen sich viele Menschen in Polen nach wie vor im Wechselspiel deutscher und russischer Interessen bedroht. Diese Grundängste werden in jedem polnischen Wahlkampf revitalisiert. Ähnliches geschieht in der Ukraine, auch unabhängig von Wahlen. Der Münchner Historiker Martin Schulze Wessel hat die historischen Grundlagen dieser Ängste in mehreren Büchern detailliert beschrieben, beispielsweise in <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-fluch-imperiums/product/37899806">„Der Fluch des Imperiums – Die Ukraine, Polen und der Irrweg in der russischen Geschichte“</a> (München, C.H. Beck, 2023) oder bezogen auf die Ukraine in <a href="https://www.chbeck.de/schulze-wessel-uebersehene-nation/product/36959121">„Die übersehene Nation – Deutschland und die Ukraine seit dem 19. Jahrhundert“</a> (C.H. Beck, 2025). Ohnehin sind die Geschichten Polens und der Ukraine eng miteinander verwoben, ungeachtet <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-polnisch-ukrainischer-erinnerungskrieg">polnisch-ukrainischer Erinnerungskriege</a>, die im Jahr 2026 angesichts eines Streits über die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lange-schatten-wolhyniens/">Massaker in Wolhynien</a> wieder aufflackerten.</p>
<p>Das Polen-Jahrbuch 2026 enthält zehn Essays, deren Inhalte sich auf verschiedene Künste beziehen, die Literatur, die Malerei, den Comic, die aber auch kritische Gedanken zur Tradition der Romantik in Polen formulieren, beispielsweise im zehnten Essay von <a href="https://culture.pl/pl/tworca/olga-drenda">Olga Drenda</a> mit dem programmatischen Titel: „Den Romantikern keinen Glauben mehr schenken“. Olga Drenda greift mit diesem Titel die von Andrzej Kaluza und Julia Röttjer geschriebene Einleitung auf: „An die Romantik glauben“. Damit ist das gesamte Spannungsfeld politisierter beziehungsweise politischer Romantik angesprochen, der auch eine quasi-religiöse Dimension zugeschrieben wird. Andrzej Kaluza und Julia Röttjer zitieren Karl Dedecius (1921-2016), den Gründer und langjährigen Direktor des Deutschen Polen-Instituts: <a href="https://www.poleninderschule.de/filme/literatur"><em>„Die Romantik ist für Polen das Lebenselixier.“</em></a> Sie verweisen auf <em>„den ‚romantischen Code‘ der polnischen Literatur“</em>, der eine <em>„Opferrolle“</em>, eine <em>„Kultur des Scheiterns“</em> mit<em> „Konsequenzen in der Erinnerungslandschaft und in der Geschichtspolitik“ </em>impliziere. Es gehe um die Trias von <em>„Gefühl, Religion und nationale Erinnerung“</em>.</p>
<p>Das Jahrbuch bietet zahlreiche Hintergrundinformationen (gut erkennbar durch leicht grau hinterlegte Kästen in den jeweiligen Essays), beispielsweise zur polnischen Romantik im Comic, zur Neuheiden-Bewegung im 21. Jahrhundert, zu einzelnen Persönlichkeiten wie der polnischen Literaturwissenschaftlerin Maria Janion (1926-2020), der Klaviervirtuosin Maria Szymanowska (1789-1831) oder ihrem Kollegen Frédéric Chopin (1810-1849). Zwischen der Einleitung und dem ersten der zehn Essays wurde eine deutsche Version des programmatischen Gedichts Romantik von Adam Mickiewicz abgedruckt. Weitere literarische Texte im Anhang illustrieren die Analysen der Essays, darunter das Libretto der Oper „Die Nacht der Raben“ von <a href="https://www.sikorska-miszczuk.com/pl-start">Małgorzata Sikorska-Miszczuk</a> sowie der Text „Mickiewicz‘ Prophezeiung“ von <a href="https://pwr.edu.pl/uczelnia/jestem-z-pwr/katarzyna-ignatowicz-131.html">Katarzyna Ignatowicz</a>. Die literarischen Texte machen etwa ein Viertel des Buches aus. Eine Fülle von Bildern veranschaulicht den Inhalt der Texte, beispielsweise direkt zu Beginn Adam Mickiewicz in der Pose des Dichters als Seher, den Kopf auf seinen linken Arm gestützt, den Blick leicht nach oben in eine ferne Zukunft gerichtet.</p>
<p>In dem Buch wird eine Fülle polnischer Autor:innen vorgestellt, die mit Mickiewicz der Epoche der Romantik zugerechnet werden, die mit Fug und Recht auch als eine Art polnische Klassik bezeichnet werden könnte. Was Dante und Petrarca für Italien, Corneille, Racine und die Académie Française für Frankreich, Goethe und Schiller für Deutschland bedeuteten, mögen Mickiewicz oder Juliusz Słowacki für Polen bedeuten. Sie stehen für so etwas wie die Entstehung einer Nationalliteratur. <a href="https://www.slavistik.uni-mainz.de/univ-prof-dr-alfred-gall-3/">Alfred Gall</a>, Leiter des Polonicums an der Universität Mainz, betrachtet im Jahrbuch die polnische Romantik zwar einerseits <em>„mit transnationaler Blickrichtung“</em>, bezeichnet sie andererseits jedoch auch <em>„als ein bis heute wirksames zentrales Paradigma der polnischen Kultur“</em>: <em>„Für die Literatur der polnischen Romantik gilt ein Geschichtsverständnis, das gegen die Vorstellung eines in sich vernünftigen und durch Gott sanktionierten historischen Geschehens rebelliert und eine Korrektur des aus der Geschichte hervorgegangenen Zustands in der Gegenwart einfordert.“</em> Alfred Gall sieht Parallelen zum italienischen Risorgimento, zur französischen Romantik, zum deutschen Vormärz und zur Ukraine. Die Ukraine ist laut Maria Janion die <em>„wohl am stärksten mythenstiftende Region der polnischen Romantik“</em>, auch im Hinblick auf die die sogenannte <em>„ukrainische Schule“</em> der polnischen Romantik.</p>
<p><a href="https://www.univerlag-leipzig.de/catalog/bookstore/author/1472-Marta_KopijWeiss">Marta Kopij-Weiss</a>, Germanistin an der Universität Breslau, analysiert <em>„Verflechtungen im Spannungsfeld zwischen der deutschen und polnischen Romantik“</em>. Sie verweist auf die polnische Rezeption von Goethe und Schiller, die in Polen (wie auch in Frankreich) eher als Romantiker gelesen werden. Nicht die Weimarer Klassik, sondern der Sturm und Drang der 1770er und 1780er Jahre stehen im Vordergrund des Interesses, ebenso die literarisch-politischen Debatten des Vormärz, sodass sich <em>„der Wunsch nach ästhetischer Freiheit mit dem nach national-politischer Souveränität verknüpfte oder letzterer sogar den Vorrang erhielt.“</em></p>
<p>Die Krakauer Kulturwissenschaftlerin <a href="https://kultura.uj.edu.pl/marta-kudelska">Marta Kudelska</a> diagnostiziert in ihrem Beitrag „Neue Geister der Romantik“ <em>„eine anarchische Kraft“</em>, <em>„schönen Wahnsinn“</em>, die bis heute nachwirke: <em>„Diese heutige Form der Romantik ist auch eine Reaktion auf die fortschreitende Säkularisierung und das ungebrochene Bedürfnis nach Spiritualität. So lässt sich auch die Faszination ihrer Vertreter:innen für Magie, Rodismus </em>(eine Form von Neopaganismus)<em> und Theosophie erklären.“</em> Hexen und Meerjungfrauen werden zu feministischen Ikonen, Künstler:innen werden zu einer Art <em>„Medium, das Gefühlen, Archetypen und Geistern eine eigene Stimme verleiht“</em>, durchaus mitunter mit einem Touch <em>„Ökologie“</em>. Sie sieht nicht wie Maria Janion eine zerstörerische Kraft in der Romantik, sondern fragt, ob diese vielleicht <em>„doch im symbolischen Schatten Sinn erkennt und in Gefühlen die Wahrheit. Ist es nicht genau das, was wir heute am dringendsten brauchen?“ </em></p>
<h3><strong>Polnischer Messianismus</strong></h3>
<p>Mehrere Autor:innen des Jahrbuchs sprechen von einem <em>„polnischen Messianismus“</em>, so Paweł Zarychta, der an die Formel von Polen als dem <em>„Christus der Völker“</em> erinnert, die Polen als <em>„ein auserwähltes Volk“</em> darstelle. Die Formel geht unter anderem auf Adam Mickiewicz zurück, der in seine Vorträge und Gedichte <em>„mystische Elemente integriert, die als göttliche Offenbarungen gedeutet werden“. </em>Auf der einen Seite ließe sich – so Zarychta – das Ende der polnischen Romantik mit dem Scheitern des Januaraufstands 1863 datieren, auf der anderen Seite <em>„blieb der messianische Geist jedoch ein zentraler Bestandteil und Referenzpunkt des nationalen Narrativs“</em>, das sich auch im Warschauer Aufstand 1944 fortsetzte und bis heute <em>„ein Spiegel polnischer Identität“</em> geblieben ist.</p>
<p>Letztlich leitet sich die Selbstdefinition der eigenen polnischen Identität offensichtlich aus Niederlagen und Bedrohungsszenarien ab. Die Sehnsucht nach einer die (gefühlten) aktuellen Niederlagen legitimierenden und beschönigenden Romantik manifestiert sich darin, dass man sich in dem Gefühl einer Gemeinschaft einrichtet, die sich in der Heilserwartung eines <em>„Messias“</em> manifestiert. Dieser <em>„Messianismus“</em> ergibt sich zwangsläufig aus dem Selbst-Vergleich mit dem gekreuzigten <em>„Christus“</em>.</p>
<p><a href="https://www.uni-potsdam.de/de/slavistik-polonistik/prof-dr-magdalena-marszalek">Magdalena Marszałek</a>, Polonistik-Professorin an der Universität Potsdam wird im Hinblick auf das Drama „Dziady“ (deutsch: „Die Ahnenfeier“) von Adam Mickiewiecz und den gescheiterten November-Aufstand 1830/1831 deutlich: <em>„Es ist die Geburtsstunde des polnischen romantischen Messianismus, der unmittelbar auf die Niederlage des Aufstands reagiert und das nationale Trauma mit einer neuen Wucht hervortreten lässt. Dabei steht der Aufstand figurativ für die Auferstehung von den Toten und wird so zum Kern des messianischen Traums von der Auferstehung Polens.“</em> Sie verweist darauf, dass wir die <em>„Wiederbelebung von messianischen Opfernarrativen“ </em>in der Gegenwart beispielhaft <em>„nach der Flugzeugkatastrophe bei Smolensk am 10. April 2010“ </em>erleben. 96 hochrangige Politiker:innen, Militärs, Vertreter:innen der Kirche und der Zivilgesellschaft starben, darunter der damalige Staatspräsident Lech Kaczyński, dessen Bruder bis heute von einem Anschlag ausgeht und diesen in den Wahlkämpfen seiner Partei, der PiS, ausschlachtet, um alle politischen Gegner:innen zu Mitverantwortlichen zu erklären.</p>
<p>Gefühle machen Politik. Das ist inzwischen eine in den politischen Wissenschaften weithin anerkannte Erkenntnis. Sie wird beispielsweise von <a href="https://en.sociology.huji.ac.il/people/eva-illouz">Eva Illouz</a> oder von <a href="https://www.mpib-berlin.mpg.de/mitarbeiter/ute-frevert">Ute Frevert</a> entfaltet und begründet. Auch die Jahrbücher des Deutschen Polen-Instituts haben sich immer wieder mit den Gefühlen hinter einer oft nationalistisch aufgeladenen Geschichtspolitik befasst, zum Beispiel 2022 mit dem Thema „Widersprüche“, 2023 mit der Vokabel „Osten“, 2024 mit dem Begriff „Modern(e)“, 2025 mit dem Thema „Energie“, das nicht nur eine technische, sondern auch eine politisch-emotionale Dimension hat (Ich erlaube mir einen Verweis auf meinen Überblicksessay aus dem Jahr 2025: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/polen-2025/">„Polen 2025 – Der lange Schatten einer traumatisierenden Geschichte“</a>. Dort habe ich auch die Ergebnisse verschiedener ergänzender Forschungsprojekte und Veröffentlichungen zum Thema vorgestellt.)</p>
<p>Olga Drenda, die auch in den vorangegangenen Jahrbüchern präsent war, sieht diese romantisierenden Gefühlswelten kritisch. Sie provoziert: <em>„‚Romantiker oder Positivist?‘ – so lautete im polnischen Schulunterricht viele Jahre lang die Frage, wenn ein literarischer Held ideengeschichtlich zu verorten war. Diese beiden für das 19. Jahrhundert charakteristischen Modelle prägten die polnische Kultur in der Zeit der Teilungen und bilden die Pole, zwischen denen – will man dem schulischen Lehrplan glauben – unser polnisches Schicksal aufgespannt ist.“</em> Schulunterricht neige dazu, Gefühle in den Mittelpunkt zu stellen, nicht zuletzt Mitgefühl für verfolgte, verzweifelnde Figuren zu erzeugen. Damit sollen Identifikationsfiguren geschaffen werden, die wiederum geschichtspolitisch und manipulativ aufgeladen werden. Als Beispiel nennt sie Lektüre und Verfilmung des Romans „Lalka“ von Bolesław Prus (1847-1912). Olga Drenda zitiert den Kampa-Verlag, der die deutsche Fassung mit dem Titel <a href="https://kampaverlag.ch/produkt/die-puppe/">„Die Puppe“</a> mit einem Vorwort von Olga Tokarczuk veröffentlichte und den Roman mit Tolstois „Anna Karenina“ und Flauberts „Madame Bovary“ verglich: <em>„Prus erzählt von den Ambivalenzen des gesellschaftlichen Umbruchs – parabelhaft und voll psychologischen Feingefühls.“</em></p>
<p>Den Kategorien Romantik und <em>„Positivismus“</em> fügt Olga Drenda eine dritte Kategorie hinzu, <em>„den Zynismus“ </em>als Spielart eines <em>„tiefen Nihilismus“. </em>Diesen <em>„Nihilismus“ </em>könnte man allerdings auch als Beleg einer fundamentalen Desorientierung betrachten. Die Wirklichkeiten unserer Welt stimmen eben nicht mit dem überein, was in unseren Schulweisheiten erzeugt wird. Diese Widersprüche haben – so Olga Drenda – viel mit sozialem Wandel zu tun: <em>„Seit sich auf dem Land der Charakter der Familienbetriebe verändert hat und diese sich von autarken familiären Einheiten zu modernen Unternehmen wandelten, verlassen mehr Frauen dauerhaft die Dörfer. Denn jenseits der Landwirtschaft bietet das Land ihnen weder stabile noch gut bezahlte Arbeitsplätze. Solche zu finden, fällt Männern deutlich leichter. Es entsteht Distanz und in der Folge in der Folge häufig Groll, der wiederum Legenden generiert.“ </em>Sozialer Wandel gebiert nostalgische Gefühle und Sehnsüchte nach der Wiederherstellung von Vergangenheiten, von denen niemand weiß, ob es sie jemals gegeben hat.</p>
<p>Magdalena Marszałek zitiert Maria Janion, die <em>„in den letzten Dekaden vor den Gefahren des rezidiven martyrologisch-messianischen Komplexes der polnischen Kultur gewarnt“</em> hat, unter anderem in einem Brief vom 10. Oktober 2016: <em>„Der Messianismus, und insbesondere seine staatlich-klerikale Version, ist ein Fluch, ein Unglück für Polen. (…) Eine Nation, die ohne Leid nicht existieren kann, muss sich das Leid selbst zufügen.“</em> Maria Janion wird in diesem Sinne in mehreren Beiträgen zitiert, nicht zuletzt mit ihrem programmatischen Buch <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/maria-janion-die-polen-und-ihre-vampire-t-9783518424308">„Polen und ihre Vampire“</a> (die deutsche Fassung erschien 2014 im Suhrkamp Verlag). Alfred Gall verweist auf eine vergleichbare Dekonstruktion des Romantikbegriffs bei Witold Gombrowicz (1904-1969), der unter anderem in seinem Roman „Trans-Atlantyk“ (1953) <em>„eine gegen Mickiewicz und gegen die Romantik angelegte Kulturrevision bezwecke.“ </em></p>
<p>Hier schließt sich der Kreis. Vor allem rechtsnationalistische Bewegungen und Parteien neigen in den 2020er Jahren in Polen und anderswo dazu, sich auf das 19. Jahrhundert zu berufen. (Die deutsche AfD will beispielsweise die Jahre 1813 (Viervölkerschlacht in Leipzig) und 1871 (Reichsgründung in Versailles) in den Mittelpunkt des schulischen Geschichtsunterrichts stellen. Durchweg werden die liberalen und demokratischen Botschaften von Freiheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts pervertiert, einschließlich der deutschen Nationalfahne. AfD und Burschenschaften kapern die Botschaften des Hambacher Fests 1832 oder der Paulskirchenversammlung 1848. Für sie konstituieren nicht mehr Weimarer Verfassung und Grundgesetz das Erbe von 1848. Das demokratische Erbe wird auf seine national(istisch)en Anteile und den anti-napoleonischen Widerstand reduziert. Die deutsche AfD spricht von <em>„erfolgreicher deutscher Geschichte“</em>, die damit zugleich antifranzösisch konnotiert ist, aber vor allem den Blick von der deutschen Verantwortung für zwei Weltkriege, den Nationalsozialismus und die Shoah ablenken soll.)</p>
<p>Geschichtsrevisionismus wirkt sich unter anderem auch geschlechtsspezifisch aus. In einem der den Beitrag von Olga Drenda illustrierenden Kästen wird der Begriff des <em>„Incel“</em> (<em>„involuntary celibataires“</em>) eingeführt, eine spezifisch männliche Version des Gefühls, man sei das, was man nun gar nicht sein möchte, ein ungeliebter <em>„Loser“</em>. Die Figur des <em>„Incel“</em> analysieren Patrycja Wieczorkiewicz und Aleksandra Herzyk in ihrem Buch „Przegryw“ (Warschau 2025, englischer Titel: „Loser“). Ist schon die Gegenwart wenig erfreulich, die Zukunft ungewiss, sollte wenigstens die Vergangenheit glorreich sein.</p>
<h3><strong>Popkulturelle Romantik </strong></h3>
<p><a href="https://us.edu.pl/instytut/il/osoby/wojciech-smieja/">Wojciech Śmieja</a>, Literaturwissenschaftler in Kattowitz, verweist in seinem Essay „Der romantische Held – Drei Affirmationen <em>post mortem</em>“ auf eine weitere aktuelle Wiederkehr romantischer Heldeninszenierung jenseits nationalistischer Rezeption. Tadeusz Rejtan (1742-1780) zerriss seine Kleider, <em>„als er 1773 im Sejm versuchte, sich gegen die Gründung einer Abgeordnetenkongregation zu wehren, deren Ziel es war, die erste Teilung Polens zu bekräftigen“</em>. Die <a href="https://wyborcza.pl/7,177851,32231932,ostatnie-pokolenie-aktywistka-obnazyla-sie-pod-rejtanem-matejki.html">Aktivistin Nadia Tarkowska</a> von der Klimaschutzbewegung „Letzte Generation“ präsentierte sich vor dem Bild, das <a href="https://www.jan-matejko.org/">Jan Matejko</a> zu diesem Thema gemalt hatte, in der Pose Rejtans, mit aufgerissener Bluse, den Blick nach oben gerichtet (eine entsprechende Fotografie bietet das Polen-Handbuch, im Internet ist sie leider nicht zugänglich).</p>
<p>Tadeusz Rejtan und Nadia Tarkowska erscheinen in ihren Gesten gleichermaßen als Opfer, so Wojciech Śmieja: <em>„Die lebhafte gesellschaftliche Reaktion auf diese Performance bestätigt, dass sich die polnische Kulturgemeinschaft nach wie vor dem Kodex romantischer Verhaltensweisen und dem damit verbundenen ethischen Horizont, der vor zwei Jahrhunderten definiert wurde, verbunden fühlt. Ich möchte diese Aktion als affirmative Rekontextualisierung des romantischen Helden bezeichnen.“</em> Der aufwärts gerichtete Blick, den wir bei dem bereits beschriebenen Bild von Mickiewicz, bei Rejtan und bei Tarkowska sehen, signalisiert nicht nur Kampfesmut, sondern auch – und vielleicht vor allem das – die Einsicht in die Unerfüllbarkeit der eigenen Vision in der aktuellen Wirklichkeit, verbunden mit der Hoffnung, da könne jemand kommen, der das Anliegen eines freien Polens beziehungsweise eines geretteten Klimas verwirklicht. Wojciech Śmieja zitiert den Theaterwissenschaftler <a href="https://teatr-pismo.pl/autorzy/tomasz-plata/">Tomasz Plata</a>, <em>„der eine psychoanalytische Interpretation dieses Phänomens vornimmt“. </em>Plata<em> „spricht von der Romantik als einem traumatischen Ereignis, das somit dem Zwang zur Wiederholung unterliegt.“</em></p>
<p>Man könnte die Aktivitäten der „Letzten Generation“ wie so manch andere moderne Protestform durchaus der Popkultur zuordnen. Popkultur lebt in hohem Maße von ihren Bezügen auf überlieferte Vorbilder, die sie variiert und revitalisiert. Nadia Tarkowska arbeitet mit ihrem Zitat der Rejtan-Geste ähnlich wie die ukrainische Gruppe <a href="https://femen.org/">Femen</a> mit folkloristisch anmutenden <a href="https://www.youtube.com/watch?v=H7zGrvSgIlA">Blümchen im Haar</a> oder die russische Gruppe <a href="https://pussyriot.love/">Pussy Riot</a> in ihrem Tschaikowsky zitierenden <a href="https://www.youtube.com/watch?v=OfPyPB5rBiA&amp;list=RDOfPyPB5rBiA&amp;start_radio=1">Video Swan Lake</a>. Alle drei zitieren romantische, romantisierende Motive in dem von ihnen vertretenen politischen Kontext. Das Zitat ist nicht nur Parodie, es revitalisiert das ursprüngliche Motiv, indem es dieses konterkariert.</p>
<p>Weitere Phänomene der popkulturellen Rezeption romantischer, romantisierender Motive stellt im Polen Jahrbuch <a href="https://lubimyczytac.pl/autor/83973/michal-r-wisniewski">Michał R. Wiśniewski</a> vor. Der Comic- und Romanautor konstrastiert in seinem Beitrag „Die Slawen 2.0“ den Auftritt der trans Künstler:in Conchita Wurst mit Paillettenkleid, Vollbart und langen Haaren beim European Song Contest (ESC) 2014 (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=8fvLtTRzdHw&amp;list=RD8fvLtTRzdHw&amp;start_radio=1">„Rise Like a Phoenix“</a>) und den Auftritt der sich in einem pseudo-folkloristischem Kostüm zeigenden polnischen Pop-Sängerin Cleo beim ESC 2024 (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=tpV5JbQy_EU&amp;list=RDtpV5JbQy_EU&amp;start_radio=1">My Słowanie</a>, deutsch: „Wir sind Slawen“). Conchita Wurst zitiert Schlagermotive und parodiert diese durch ihr Outfit, indem sie die Garderobe eines Filmstars auf dem roten Teppich eines Filmfestivals mit einer jesusähnlichen Frisur kombiniert. Die Folklore Cleos jedoch ist alles andere als Parodie. Die Publizistin <a href="https://www.asc.uw.edu.pl/faculty-staff/agnieszka-graff-osser/">Agnieszka Graff</a> hat – so Michał R. Wiśniewski – den Auftritt von Cleo als „<em>slawische Pornografie“</em> bezeichnet. Diese Bezeichnung passt durchaus auch auf die Bemühungen so mancher Politiker:innen, die sich für etwas einsetzen, das sie für Volkskultur halten. Die meisten dürften zwar überhaupt nicht wissen, was sie da eigentlich in ihrer Kleidung und in ihrer Performance zitieren, befriedigen aber offenbar Bedürfnisse eines Publikums, das irgendetwas identitär Traditionelles erwartet. Wichtig ist ihnen vor allem eine Antibotschaft gegenüber Botschaften, die sie ablehnen und von denen sie sich sogar bedroht fühlen, allen voran Künstler:innen wie Conchita Wurst. Das kann – ähnlich wie beim Auftritt von Cleo – gewaltig schief gehen. Martina Winkler verweist in ihrem Buch <a href="https://campus.de/wissenschaft/geschichte/ueber-der-tatra-blitzt-es/cam46390">„Über der Tatra blitzt es“</a> (Frankfurt am Main / New York, Campus, 2026) auf unfreiwillige Irritationen der slowakischen Kulturministerin Martina Šimkovičová, die im falschen Kostüm auftrat und damit die gesamte Volkskulturszene verprellte. Man könnte bei solchen Auftritten auch von Vulgär-Romantik sprechen.</p>
<p>Auf einem anderen Niveau bewegt sich die polnische Fantasy-Serie „The Witcher“, zunächst als Computerspiel erfolgreich, die durchaus mit Aspekten einer Art <em>„Neuheidentum“</em> korreliert und auf den Romanen von <a href="https://sapkowskibooks.com/pages/about-the-writer">Andrzej Sapkowski</a> über den Hexer Geralt beruht. Hier geht es nicht um Pseudo-Folklore, sondern um quasi-religiös inszenierte Düsternis. Der <em>„Slawe“</em> wird – so Michał R. Wiśniewski – zum <em>„Meme“</em>, eine Einschätzung, die sich auch mit der Pseudo-Folklore Cleos verbinden ließe. Michał R. Wiśniewski schreibt: <em>„Die Idee von Sapkowski war so einfach wie genial: Man nehme die klassische polnische Legende vom Drachen unter der Krakauer Wawelburg, der vom schlauen Schuhmacher besiegt wird. In einer Welt voller Ungeheuer kann man sich aber nicht einfach auf kühne Handwerker oder Städter verlassen, man benötigt einen Fachmann, den Hexer.“ </em>Davon gibt es nicht nur in der polnischen Popkultur einige: <em>„Die polnische Popkultur wurde von ‚düsteren Charakteren, die immer recht haben‘ besiedelt, und Geralt wurde, wie jeder Superheld, auf sein charakteristisches Aussehen – Schwert, weiße Haare, Wolfsmedaillon – reduziert, womit er zur wirklich erkennbaren Ikone wurde, ob auf dem Cover eines Comics, eines Buchs, eines Spiels oder im Trailer einer Serie.“ </em></p>
<p>Wir bewegen uns hier im Universum der in der Romantik des 19. Jahrhunderts populären pseudo-mittelalterlichen byronesken Mythen, wie wir sie im 20. Jahrhundert vor allem in „The Lord of the Rings“ oder im schottischen „Highlander“ sehen. Dieses Universum ist vor allem auf der rechten Seite des politischen Spektrums höchst populär. Michał R. Wiśniewski: <em>„In dieser rechten Fantasie nimmt das Slawentum einen wichtigen Platz als eskapistische Utopie für weiße Europäer ein. (…) Auch wenn man ohne Rücksicht auf die Hautfarbe Pole oder Polin sein kann, besonders dank Migration und gemischten Ehen, so aktivieren die ‚Slawen‘ spezifische ‚genetische‘ Assoziationen. Mit dem Protest gegen dunkelhäutige Elben oder Hexen in der Fabelwelt der Serie vertraten einige die These, dass <u>Der Hexer</u> im Original in Polen spiele.“ </em></p>
<p>Natürlich sind die Figuren einer solchen Sagenwelt austauschbar. Sie sehen auch irgendwie alle gleich aus. Die Redaktion des Polen-Jahrbuchs ergänzt den Beitrag von Michał R. Wiśniewski mit einer Liste polnischer Legenden in Kurzfilmen, Erzählungen und Musikvideos auf der Plattform Allegro. Die politische Einstellung der Macher spielt dabei keine tragende Rolle mehr. Wiśniewski weist darauf hin, dass <em>„Sapkowksi sich im Vergleich zu anderen Fantasy-Autoren immer auf der progressiven Seite positionierte. In den Erzählungen finden sich nicht nur LGBTQ-Handlungsstränge, sondern auch ein offenkundiges Lob für das Recht der Frauen auf Abtreibung, was bis heute einer der großen Streitpunkte im polnischen Diskurs ist. Er fügt sich jedoch gut in die im Internet auffindbaren Gedanken über Osteuropa, die Slawen und Polen ein.“ </em>In der Rezeption spielt dies jedoch keine Rolle. Anders als bei Nadia Tarkowska, Femen oder Pussy Riot werden romantisierende Motive für bare Münze genommen.</p>
<p>„Leuchtende Düsternis“ ist der Titel eines Beitrags von <a href="https://joannalamparska.pl/">Joanna Lamparska</a>, Produzentin historischer Radio- und Fernsehsendungen. Die „<em>Düsternis“</em>, die die Schauplätze einer Fernsehserie wie „The Witcher“ oder einer Queste wie in „The Lord of the Rings“ auszeichnet, verdüstert offensichtlich auch die Fähigkeit, eine Landschaft als das zu sehen, was sie ist. Joanna Lamparska befasst sich mit der Geschichte von „Frankenstein“, dem in der Regel als Horrorgeschichte rezipierten Roman von <a href="https://www.britannica.com/biography/Mary-Wollstonecraft-Shelley">Mary Wollstonecraft Shelly</a>. Schon der Titel wird in der Rezeption verfälscht. Im Original lautet er „Frankenstein or the New Prometheus“, in der Rezeption werden der Wissenschaftler Frankenstein und sein Geschöpf, das mit dem Gesicht von Boris Karloff zum Monster wurde, oft genug miteinander verwechselt. Aber Schloss <em>„Frankenstein“</em> wird zur Touristenattraktion. Es gibt allerdings mehrere Orte, die sich auf die Frankenstein-Erzählung beziehen. Einer davon ist die niederschlesische Stadt <a href="https://www.zckit.pl/sladami-frankensteina/">Ząbkowice Śląskie</a>, <em>„die bis 1945 Frankenstein hieß.“</em> Mittelalterliche Ruinen, geschickt beleuchtet, präsentieren den interessierten Tourist:innen <em>„Düsternis. Eine Düsternis, die jedoch immer noch sicher ist, die lediglich einen angenehmen Schauder des Gruselns in uns hervorruft und zu einer Reise in die Tiefen der Fantasie inspiriert. Auf diese Weise hörte der Frankenstein von Ząbkowice auf, unheimlich zu sein. Stattdessen wurde er faszinierend.“</em></p>
<p>Ein vergleichbarer Ort ist die <a href="https://zamekgrodno.pl/de/">Kynsburg</a> (Zamek Grodno) mit der angeblichen Geschichte dort zu Tode gekommenen <em>„schlesischen Prinzessin“</em>. Der Ort, an dem sie begraben sein soll, wurde recht spektakulär hergerichtet, mit drei Skeletten, eines davon gefesselt, sodass der eigentliche Grund ihres Todes, der Mord eines Vaters an seiner Tochter und ihrem Geliebten, kaum noch eine Rolle spielt. Das Arrangement wirkt wie eine Station der Fahrt in einer Geisterbahn. Tragödien werden zum Spektakel: <em>„Romantik ist schließlich die Kunst des Schauens, nicht der Gewissensbisse.“ </em>Joanna Lamparska nennt einige weitere vergleichbare Orte, in denen den Besucher:innen Träume geboten werden, oft mit orientalisierenden Elementen verbunden, sodass die touristische Reise eine Reise in ferne, vergangene Welten wird, in denen sich synkretistisch verschiedene Erwartungen miteinander verbinden, die aber mit den eigentlichen Geschichten dieser Orte kaum noch etwas zu tun haben. Es bleibt eine Art Pseudo-Folklore, in der man sich aus den politischen und gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart herausfantasieren kann, mitunter mit einem Hauch von Nervenkitzel. Mit Politik hat das nichts mehr zu tun, es sei denn, jemand kommt auf die Idee, die mit diesem Nervenkitzel verbundenen romantischen Gefühle zu politisieren.</p>
<h3><strong>Eine Gegenprobe </strong></h3>
<p>Die mit einer Wiederbeschwörung romantischer, romantisierender Vergangenheiten verbundenen Gefühle spiegeln sich – man könnte sagen seitenverkehrt – in der Gegenwart von Pol:innen, die in Deutschland leben beziehungsweise dort einen Ort gefunden haben, in dem sie irgendwie Pol:innen und Deutsche zugleich sein wollten. Vielleicht lohnt sich eine Gegenprobe: Spielen die romantischen, romantisierenden Gefühle, die wir in der polnischen Politik finden, auch bei den Pol:innen eine Rolle, die Polen aus welchen Gründen auch immer verlassen haben?</p>
<div id="attachment_8630" style="width: 219px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Literarische_und_filmische_Bilder_der_Migration_zwischen_Polen_und_Deutschland/title_9185.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8630" class="wp-image-8630 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Literarische-und-Filmische-bilder-der-Migration-Harassowitz-209x300.png" alt="" width="209" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Literarische-und-Filmische-bilder-der-Migration-Harassowitz-200x287.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Literarische-und-Filmische-bilder-der-Migration-Harassowitz-209x300.png 209w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Literarische-und-Filmische-bilder-der-Migration-Harassowitz-400x574.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/11/Literarische-und-Filmische-bilder-der-Migration-Harassowitz.png 418w" sizes="(max-width: 209px) 100vw, 209px" /></a><p id="caption-attachment-8630" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Marta Janachowska-Budych und Tomasz Lis haben sich in dem Sammelband <a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/titel_9185.ahtml">„Literarische und filmische Bilder der Migration zwischen Polen und Deutschland“</a> mit dieser Frage befasst, obwohl sie nicht explizit auf das Thema Romantik eingehen. Sie nennen jedoch einige Begriffe, die sich mit dem Begriff der Romantik verbinden lassen. Man könnte das Buch als einen Versuch vergleichender Kulturgeschichte charakterisieren, insbesondere im Hinblick auf die Erfahrungen von Menschen, die in den 1980er Jahre als <em>„Aussiedler:innen“</em> aus Polen nach Deutschland kamen. Der Band enthält jeweils drei Beiträge zur Literatur und zum Film. Gerahmt wird der Band durch einen Beitrag der deutsch-polnischen Autorin <a href="https://brygidahelbig.de/">Brygida Helbig</a> sowie einen Beitrag über ihr Werk, insbesondere den Erzählband <a href="https://brygidahelbig.de/publikacje/ossis-andere-leute/">„Ossis und andere Leute“</a>. (Im Folgenden beschränke ich mich auf die literarischen Texte.)</p>
<p>In ihrer Einleitung schreiben die beiden Herausgeber:innen: <em>„Migration ist polyphon, mehrsprachlich und uneinheitlich, was ihre Push- und Pull-Faktoren, ihre Freiwilligkeit, Dauer, Kosten und Folgen anbelangt.“ </em>Dies wirkt sich auf die Sprache aus. <a href="https://ilp.uw.edu.pl/de/pracownik/dabrowski-mieczyslaw/">Mieczysław Dąmbrowski</a> zitiert in seinem grundlegenden Beitrag „Wie lässt sich über gegenwärtige Migration sprechen?“ Er zitiert <a href="http://hertamueller.de/index.php/info/ueber-herta-mueller/">Herta Müller</a>: „<em>Sprache war und ist nirgends und zu keiner Zeit unpolitisch, denn sie lässt sich von dem, was ein Mensch dem anderen antut, nicht trennen.“</em> Dąmbrowski kommentiert: <em>„Das Eintreten in eine andere fremde Sprache bedeutet das Hinzufügen eines Elements der Unsicherheit in die kommunikative Pragmatik.“</em> Schon ein polnischer oder rumänischer oder ukrainischer Akzent kann dieses Gefühl der Unsicherheit verstärken, insbesondere wenn die neue deutsche Welt – vorsichtig gesprochen – unsensibel reagiert. Brygida Helbig berichtet davon, dass sie, die <em>„aus Liebe“</em> nach Deutschland kam, sich 1983 auf ihre <em>„deutsche Abstammung“</em> berief, jedoch erleben musste, dass die Behörden ihr erst einmal nicht glaubten und alle Register zogen, um sie zur Ausreise zu drängen. Diese Erfahrung machen viele Menschen, die aus welchen Gründen auch immer versuchen, eine Aufenthaltsgenehmigung oder – zu einem späteren Zeitpunkt – sogar die Staatsbürgerschaft in Deutschland zu erlangen. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Hoffmann, Tochter von Überlebenden der Shoah, die mit ihr 1959 nach Kanada zogen, schrieb ein autobiografisches Buch mit dem programmatischen Titel <a href="https://www.goodreads.com/book/show/177370.Lost_in_Translation">„Lost in Translation“</a> (New York 1989), Mieczysław Dąmbrowski verbindet dies mit einem Hinweis von Zygmunt Baumann, der festgestellt habe, <em>„dass der Übersetzungsakt keinen Partner intakt hinterlässt, was sich auf die Übersetzung des Textes sowie der Existenz bezieht.“</em></p>
<p>Der romantisierende Bezug auf eine möglicherweise doch bessere Vergangenheit liegt nahe. Polen könnte möglicherweise zu einem Sehnsuchtsort werden, obwohl es in der Realität die Charakteristika eines solchen Ortes nicht erfüllen wird. <em>„Die Emigrationserfahrung der Generation nach <u>Solidarność</u> kann man mit zwei wichtigen Merkmalen charakterisieren: durch sie wird der romantische Mythos (bzw. das romantische Stereotyp des/ der polnischen Emigranten/in zerstört und der mythische Westen enthüllt, indem sein schwieriger Alltag und die Tatsache gezeigt wird, dass er nur für Auserwählte ein Paradies ist.“ </em>Der quasi-religiöse Bezug zur Romantik, der in der polnischen Politik immer wieder eine zentrale Rolle spielt, verliert in diesem Kontext seine Bedeutung: <em>„Die metaphysische Erfahrung wird durch die Erfahrung der Veränderung ersetzt“</em>. Das durch Emigration entstandene Gefühl ist eine Mischung von <em>„Fremdheit“</em> und <em>„Unübersetzbarkeit“</em>.</p>
<p><a href="https://www.germanistenverzeichnis.phil.uni-erlangen.de/institutslisten/files/pl/01100_pl/1198_pl.html">Jerzy Kałąźny</a> analysiert diesen Kontext am Beispiel des Autors Artur Becker, <a href="https://www.germanistenverzeichnis.phil.uni-erlangen.de/institutslisten/files/pl/04600_pl/4689_pl.html">Dorota Masiakowska-Osses</a> am Beispiel von <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/personen/emilia-smechowski-p-1280">Emilia Smechowskis</a> Buch <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/emilia-smechowski-wir-strebermigranten-9783446256835-t-2447">„Wir Strebermigranten“</a> (München, Hanser, 2017). Masiakowska-Osses zitiert auch die Journalistin <a href="https://www.porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/alice-bota-eine-neue-deutsche">Alice Bota</a>, die sich selbst als <em>„Neue Deutsche“</em> bezeichnet: <em>„Wir galten als Heimgekehrte, aber wir waren keine. Wir waren auch keine Deutschen.“ </em>Oder je nachdem manche vielleicht doch, beispielsweise, weil sie von den NS-Behörden über die sogenannte <em>„Deutsche Volksliste (DVL)“</em> eingedeutscht worden waren. Aber wer waren sie wirklich? Emilia Smechowski spricht davon, <em>„zwischen den Kulturen zu tanzen“</em>: <em>„Sie waren doch Polen, eigentlich, die ewigen Opfer in dieser langen Geschichte zweier Länder.“</em> Und dann reisten sie in das Land der Täter! Jerzy Kałąźny zitiert Artur Becker: <em>„Es waren ja auch meine Wurzeln. Fragen, die im Kosmos herumflattern und herumfliegen wie verlorene Kometen: Fragen nach unserer vergänglichen Identität, Fragen nach dem Ursprung der Heimat – der irdischen und der geistigen.“</em> Mit Siegfried Lenz verbindet Artur Becker, dass er nicht auf die ostpreußische Herkunft reduziert werden will, Lenz nicht auf die deutsch-ostpreußische, Becker nicht auf die polnisch-ostpreußische. Es handelt sich um zwei völlig verschiedene Länder. <em>„Beckers Heimat ist ganz anders als das im Ostpreußenlied idealisierte ‚Land</em> der <em>dunklen Wälder und kristall’nen Seen‘. (…) Die Geschichte von Beckers Heimat ist in seiner Darstellung viel älter als die von Ostpreußen und reicht in die mythische Urzeit zurück, in der diese Gegend von den Pruzzen, also den baltischen Stämmen von Natangern, Barten, Galindern und Sudauern bewohnt war.“</em> Als <em>„geistige Heimat“</em> bezeichnet Becker <em>„die ‚Republik Kosmopolen‘ bzw. ‚Freiheitsrepublik Kosmopolen‘“</em> (<a href="https://arturbecker.de/Prosa/kosmo/kosmo_leseprobe.html">„Kosmopolen“</a> ist der Titel seines 2016 erschienen Essaybandes), ein Land <em>„‚zwischen den Welten‘“, „jenseits der Geschichte und ohne das Bewusstsein der Vergänglichkeit“</em>. Jerzy Kałąźny vergleicht die <em>„masurische Heimat“</em> Beckers mit dem fiktionalen <a href="https://faulkner.iath.virginia.edu/"><em>„Yoknapatanpha County“</em> bei William Faulkner</a>. Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen und verbinden sich zu einer ganz eigenen Welt. Eine politische national konnotierte Bedeutung hat die Romantisierung Masurens bei Artur Becker nicht.</p>
<p>Zuzanna Krzesińska und Jaroslav Bigun konstatieren in ihrer Interpretation des Buches <a href="https://brygidahelbig.de/publikacje/ossis-andere-leute/">„Über Ossis und andere Leute“</a> von Brygida Helbig, dass es <em>„osteuropäischen Migrant:innen“</em> eben schwergefallen und schwergemacht wurde, ihren Platz in Deutschland zu finden, durchaus vergleichbar mit den Ostdeutschen, die allerdings sich gar nicht aus ihrer Stadt, ihrem Dorf wegbewegen mussten, um eine vergleichbare Erfahrung zu machen, sozusagen migriert wurden ohne zu migrieren. Eine vergleichbare These formulierten Jana Hensel und Naika Foroutan in ihrem Buch <a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau/die-gesellschaft-der-anderen/978-3-351-03811-3">„Die Gesellschaft der Anderen“</a> (Berlin, Aufbau Verlag, 2020). Welche Absurditäten sich daraus ergeben, beschreibt Brygida Helbig in ihrer Erzählung „Privatdozentin in Berlin“. Die Universität freut sich, dass das Jobcenter die Kosten der Dozentin finanziert. Solche Alltagsprobleme lassen mystisch-mythische Heldengeschichten, wie sie in der politischen Rezeption der polnischen Romantik immer wieder revitalisiert werden, aus der Literatur verschwinden. Anders gesagt: Es kommt darauf an, wer ein Interesse daran hat, die polnische Romantik zu revitalisieren.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetzugriffe zuletzt am 24. Oktober 2026. Titelbild: Jan Matejko, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jan_Matejko_-_Rejtan._Upadek_Polski.jpg">Rejtan</a>, 1866, Wikimedia Commons.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>&#8222;Das Schreiben war mir immer eine Zuflucht&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Oct 2026 06:17:22 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Das Schreiben war immer eine Zuflucht“ Ein Gespräch von Renate Heß und Rosa Rodrigues mit Edson Incopté „Literatur spielt im Prozess des Zusammenwachsens als Nation eine große Rolle. In ihr steckt die Kraft, uns alle zusammenzubringen und wir können unsere Unterschiede als Reichtum begreifen.“ (Edson Imcompté) Vom 10. bis 18. Juni 2026 war der  [...]</p>
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<h1><strong>„Das Schreiben war immer eine Zuflucht“</strong></h1>
<h2><strong>Ein Gespräch von Renate Heß und Rosa Rodrigues mit Edson Incopté</strong></h2>
<p><em>„Literatur spielt im Prozess des Zusammenwachsens als Nation eine große Rolle. In ihr steckt die Kraft, uns alle zusammenzubringen und wir können unsere Unterschiede als Reichtum begreifen.“</em> (Edson Imcompté)</p>
<p>Vom 10. bis 18. Juni 2026 war der bissau-guineische Autor <a href="https://www.youtube.com/watch?v=C5FEymd6oHM">Edson Incopté</a> zu einer Lesereise in Deutschland. Organisiert wurde die Rundreise von der <a href="https://www.amilcar-cabral-gesellschaft.de/">Amílcar Cabral Gesellschaft e.V.</a> (ACG), die von verschiedenen Kooperationspartnern vor Ort unterstützt wurde. Die beiden Übersetzerinnen Rosa Rodrigues und Renate Heß begleiteten den Autor und führten mit ihm ein Interview über seinen Weg als Schriftsteller, sein Schreiben und die gesellschaftliche Bedeutung von Literatur in Guinea-Bissau.</p>
<h3><strong>Schriftsteller werden</strong></h3>
<div id="attachment_8601" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8601" class="wp-image-8601 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-200x300.jpeg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-200x300.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-400x599.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-600x899.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-684x1024.jpeg 684w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-768x1150.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-800x1198.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-1026x1536.jpeg 1026w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-1200x1797.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-1367x2048.jpeg 1367w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/JAC_4239LR_Edson-scaled.jpeg 1709w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /><p id="caption-attachment-8601" class="wp-caption-text">Edson Incopté bei einer Lesung in Münster. Foto: Hardy Jackson.</p></div>
<p><strong>Renate Heß</strong>: Edson, lass uns zuerst über dich sprechen: Wie bist du zum Schreiben gekommen? Welche Stationen waren für deinen Werdegang als Schriftsteller wichtig?</p>
<p><strong>Edson Incopté</strong>: <em>Ich denke, dass die Tatsache, dass ich mit 13 Jahren aus Guinea-Bissau nach Portugal gekommen bin, um dort mit meiner Mutter und meinen Schwestern zu leben, viel damit zu tun hat, dass ich Schriftsteller geworden bin. Ich kam als Jugendlicher nach Portugal, und der Übergangsprozess, meine Anpassung an die portugiesische Realität, war nicht einfach und verlief nicht geradlinig. Das Schreiben und die Literatur haben mir in dieser Situation geholfen. Denn wie jedes Kind hatte ich in Guinea-Bissau ein ganz anderes Leben als in Portugal. Dort verbringen wir die meiste Zeit des Tages draußen, spielend, nicht im Haus; wir bewegen uns frei und genießen innerhalb der Gemeinschaft große Freiheit. Nach Portugal zu kommen hieß, all das zu verlieren und in einem Gebäude eingeschlossen zu sein. Ich bin auch nicht gleich zur Schule gegangen, als ich nach Portugal kam. Ich musste also andere Wege der Eingewöhnung finden.</em></p>
<p><strong>Renate</strong>: Und das geschah durchs Schreiben?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ja, das Schreiben und Lesen halfen mir dabei. Vor allem die Lyrik. Als ich in Portugal in die Schule kam, ins fünfte Schuljahr, stellte uns unsere Portugiesischlehrerin einmal die Aufgabe, ein Gedicht zu schreiben. Ich schrieb gleich zwei und sie gefielen ihr so gut, dass sie mich weiter zum Schreiben ermutigte. So habe ich im Schreiben einen Zufluchtsort gefunden, der mir die Eingewöhnung in eine völlig ungewohnte Umgebung erleichterte. Als Jugendlicher spielte ich Fußball, machte eine Reihe anderer Dinge; aber das Schreiben war immer eine Zuflucht.</em></p>
<p><strong>Renate</strong>: Hat dir das auch eine gewisse Sicherheit gegeben?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ja, denn ich war nicht sehr gesprächig, eher in mich gekehrt. Vielleicht lag das an diesem Anpassungsprozess und auch am mangelnden Vertrauen in mein Ausdrucksvermögen im Portugiesischen. Beim Schreiben hatte ich diese Angst nicht.</em></p>
<p><em>Ich hatte ein Heft mit einem festen Einband, das wir im Kunstunterricht gebastelt hatten. Dieses Heft war eine Art Tagebuch für mich, in dem ich Gedichte und Alltagsbeobachtungen niederschrieb. Dieses Heft hatte ich gut versteckt, niemand sah, was darinstand. Das Schreiben war mein Zufluchtsort.</em></p>
<p><em>Während meiner Jugend schrieb ich hauptsächlich Gedichte. Später, etwa mit 18 oder 19 Jahren, begann ich literarische Kontakte zu knüpfen. In der achten Klasse hatte ich mein erstes Buch eines afrikanischen Schriftstellers gelesen, nämlich </em><a href="https://bibliografia.bnportugal.gov.pt/bnp/bnp.exe/registo?1928684"><em>A Montanha da Água Lilás</em></a><em> des angolanischen Schriftstellers </em><a href="https://www.portaldaliteratura.com/autores.php?autor=393"><em>Pepetela</em></a><em>. Dieses Buch hat mich sehr geprägt. Danach kam ich auch verstärkt mit der Literatur aus Guinea-Bissau in Kontakt.</em></p>
<p><strong>Rosa Rodrigues</strong>: Aber du hast damals immer auf Portugiesisch geschrieben, nie auf Kreol?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Genau. Damals habe ich nichts auf Kreol geschrieben.</em></p>
<p><em>Mit 18 oder 19 Jahren kam ich durch das Projekt „Guiné-Bissau Contributo“, einem Online-Projekt, das von Fernando Casimiro ins Leben gerufen wurde, stärker mit der bissau-guineischen Literatur in Kontakt. Ich begann ebenfalls an dem Projekt mitzuwirken und habe Meinungsartikel zu Guinea-Bissau geschrieben. Je mehr ich las und mich damit beschäftigte, desto mehr Menschen aus diesem Netzwerk lernte ich kennen. Das war sehr wichtig für mich.</em></p>
<p><em>Aufgrund eines Artikels über die weibliche Genitalverstümmelung, den ich bei Contributo veröffentlicht hatte, schickte mir dann einer der bekanntesten Künstler in Guinea-Bissau – das war damals der Musiker Zé Manel – eine Nachricht. Er forderte mich auf, ein Gedicht über dieses Thema zu schreiben, eines auf Portugiesisch und eines auf Kreol. Wie ich schon sagte, schrieb ich damals fast gar nichts auf Kreol. Aber ich schrieb die beiden Gedichte und bat Zé Manel um eine ehrliche Einschätzung. Er sagte: „Das Gedicht auf Portugiesisch ist sehr gut, daran kann man noch feilen, aber es ist gut. Dem Gedicht auf Kreol fehlt aber etwas. Das ist keine Frage der Struktur, sondern ihm fehlt die Seele der Poesie.“ Ich spürte, dass das mit einer gewissen Unfähigkeit von mir zu tun hatte, auf Kreol zu schreiben. Also begann ich, mehr auf Kreol zu lesen. Ich las Huco Monteiro, Nelson Medina, Tony Tcheka (</em><em>António Soares Lopes Júnior) und andere guineische Schriftsteller, die auf Kreol schreiben. Ich verschlang massenhaft Gedichte in Kreol und schrieb selbst immer mehr Kreol. Zu der Zeit hatte ich allerdings nicht den Ehrgeiz, Schriftsteller zu werden. Das Schreiben war für mich eine Ausdrucksform, ich würde sagen, eine Erweiterung meines Selbst.</em></p>
<p><em>Dann lernte ich in Lissabon eine Gruppe junger Schriftsteller kennen, die sich Djorson Nobu nannte (Kreol für Junge Generation), gemeint war eine neue Generation von Schriftstellern. Dazu gehörten unter anderem Emílio Tavares Lima, André Mendes, Adão Quadé, Danso Yala und Rita Ié.</em></p>
<p><strong>Renate</strong>: Rita Ié, die heute Leiterin der <a href="https://casadaculturagb.org/">Casa da Cultura da Guiné-Bissau in Lissabon</a> ist?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Genau. Sie waren alle älter als ich. Diese Gruppe brachte schließlich 2010 die </em><a href="https://bibliografia.bnportugal.gov.pt/bnp/bnp.exe/q?mfn=47104&amp;qf_AU==PROJECTO%20%22DJORSON%20NOBU%22"><em>Anthologie „Traços no Tempo“</em></a><em> (deutsch: Spuren in der Zeit) heraus. Beim ersten Band war ich nicht beteiligt, aber 2016 habe ich zusammen mit André Mendes den zweiten Band herausgegeben und selbst Gedichte beigetragen.</em></p>
<p><em>Der Kontakt mit der Gruppe um Djorson Nobu hat in mir den Wunsch geweckt, Schriftsteller zu werden. Ich habe viel von diesen jungen Menschen gelernt, die für meine Entwicklung als Schriftsteller und als Mensch von entscheidender Bedeutung waren.</em></p>
<p><em>2012 veröffentlichte ich schließlich meinen ersten </em><a href="https://bibliografia.bnportugal.gov.pt/bnp/bnp.exe/registo?2124879"><em>Gedichtband „Insana Rebeldia“</em></a><em> (deutsch: Unbändige Rebellion), mit einem Vorwort von Emílio Tavares Lima und einem Nachwort von Rita Ié. Auch André Mendes und Adão Quadé waren für mich bei der Arbeit an dem Buch sehr wichtig. Sie haben mich dazu gebracht, den Schritt zur Veröffentlichung zu wagen.</em></p>
<p><strong>Renate</strong>: Und wann hast du deinen ersten Preis erhalten?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ebenfalls 2012, kurz nach meiner ersten Veröffentlichung. Ich erhielt zum ersten Mal den José-Carlos-Schwarz-Preis. Ich war nach Bissau gereist, um den Gedichtband zuerst dort und danach in Portugal vorzustellen. In Bissau erfuhr ich von der Ausschreibung und habe mich mit Gedichten und einer Erzählung beworben. Ich kehrte dann nach Portugal zurück; als die Preisträger verkündet wurden, war ich also schon nicht mehr in Bissau. Miguel de Barros hat dann den Preis für mich entgegengenommen. Er gehörte ebenfalls zur Gruppe um Djorson Nobu und war auch an der Anthologie „Traços no Tempo“ beteiligt.</em></p>
<h3><strong>Literarische Ziele</strong></h3>
<div id="attachment_8607" style="width: 395px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8607" class="wp-image-8607 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-300x169.jpeg" alt="" width="385" height="217" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-200x113.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-300x169.jpeg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-400x225.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-600x338.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-768x432.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-800x450.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-1024x576.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-1200x675.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH-1536x864.jpeg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Hamburg_WKH.jpeg 1600w" sizes="(max-width: 385px) 100vw, 385px" /><p id="caption-attachment-8607" class="wp-caption-text">Rosa Rodrigues, Renate Heß und Edson Incompté auf ihrer Lesereise in Hamburg. Foto: Jörg Heinrich.</p></div>
<p><strong>Renate</strong>: Heute bist du Sekretär des PEN-Zentrums von Guinea-Bissau und gleichzeitig der <a href="https://www.crioulambs.com/associacao-de-escritores-da-guine-bissau/#:~:text=No%20passado%20dia%2010%20de%20Outubro%2C%20por%20iniciativa,de%20Escritores%20da%20Guin%C3%A9-Bissau%2C%20presidida%20por%20Abdulai%20Sila.">Schriftstellervereinigung AEGUI</a>. Worin besteht deine Arbeit, und womit beschäftigen sich die beiden Organisationen?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Sowohl die AEGUI, die Associação de Escritores da Guiné-Bissau, als auch das PEN-Zentrum zielen im Wesentlichen auf die Förderung der Literatur und des Schreibens in Guinea-Bissau ab; beide setzen sich auch für die Förderung der Lesekultur im Land ein.</em></p>
<p><em>Guinea-Bissau ist ein sehr junges Land mit vielen Defiziten im Bildungsbereich und wir sind der Ansicht, dass die Literatur zur Förderung einer besseren sozialen Bildung beitragen kann. Für mich ist ein Schriftsteller in gewisser Weise auch ein Pädagoge. Wir setzen uns außerdem dafür ein, die nationale Literatur in den Lehrplan aufzunehmen. Sie ist dort bisher so gut wie nicht präsent. Wir halten das aber für unbedingt notwendig, denn Literatur ist ein wesentliches Mittel für den Integrationsprozess, den wir in Guinea-Bissau anstreben, und für die Förderung einer größeren Einheit, zur Bewahrung dessen, was uns am heiligsten ist, die <strong>nationale Einheit</strong>.  </em></p>
<p><em>Denn ungeachtet der vielen Unterschiede in unserem Land steckt in der Literatur die Kraft, uns alle zusammenbringen und diese Unterschiede in einen gemeinsamen Raum zu überführen, wo wir uns alle neu entdecken und begegnen und unsere Unterschiede als Reichtum begreifen können. Wir sind der Ansicht, dass Literatur in diesem Prozess des Zusammenwachsens als Nation eine grundlegende Rolle spielt.</em></p>
<p><em>Meine Arbeit als Sekretär besteht im Wesentlichen darin, die Vorsitzenden und den Vorstand sowohl der AEGUI, derzeit </em><a href="https://camoesberlim.de/de/artistasautores/tony-tcheka/"><em>Tony Tcheka</em></a><em>, als auch des PEN-Zentrums von Guinea-Bissau</em><a href="https://camoesberlim.de/de/artistasautores/abdulai-sila/"><em>, Abdulai Sila</em></a><em>, zu unterstützen. Gemeinsam wollen wir die Literatur von Guinea-Bissau innerhalb und außerhalb des Landes, in der Diaspora, und in anderen Ländern stärker fördern.</em></p>
<div id="attachment_8602" style="width: 210px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/der-pitangabaum-der-nachbarin/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8602" class="wp-image-8602 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-200x300.jpeg" alt="" width="200" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-200x300.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-400x600.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-600x900.jpeg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-683x1024.jpeg 683w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-768x1152.jpeg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-800x1200.jpeg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-1024x1536.jpeg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-1200x1799.jpeg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover-1366x2048.jpeg 1366w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Pitangabaum_Cover.jpeg 1654w" sizes="(max-width: 200px) 100vw, 200px" /></a><p id="caption-attachment-8602" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Das Buch enthält zwei Erzählungen von Edson Incopté.</p></div>
<p><strong>Renate</strong>: Lass uns nun ein wenig über deine Texte sprechen. In der <a href="https://www.noack-block.de/verlag/autorinnen-und-autoren/buch/verlagsprogramm/der-pitangabaum-der-nachbarin/backPID/waldir-araujo.html">Anthologie „Der Pitangabaum der Nachbarin“</a> sind zwei deiner Kurzgeschichten veröffentlicht. Eine davon ist „Die Ratteninvasion“. Darin übst du scharfe Kritik an der politischen Klasse deines Landes. Am Ende der Erzählung heißt es: <em>„Die Ratten haben die Stadt überrannt und sich in den prächtigsten Häusern eingenistet. Sie nagen an den Herzen der Menschen, jeden Tag. Sie haben Träume und Werte zerfressen, jede Aufrichtigkeit, Menschlichkeit, ja sogar die Ehrfurcht der Menschen, alles zerfressen. Es bleibt kaum noch Hoffnung, denn sie haben alles zerfressen.“</em> Ist Guinea-Bissau also ein Land ohne Hoffnung?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Nein! Ich würde nicht behaupten, dass Guinea-Bissau ein Land ohne Hoffnung ist. Ich selbst möchte in gewisser Weise ein Hüter dieser Hoffnung auf ein besseres Guinea-Bissau sein. In diesem Sinne sagt der Lehrer auch, dass <strong>kaum noch</strong> Hoffnung existiert. Das ist leider eine Tatsache. Die Beispiele, die von oben, von der Regierungsführung des Landes, ausgehen, haben dazu geführt, dass gerade die Jugend keine Zukunftsperspektive im eigenen Land mehr sieht. Die jungen Menschen befinden sich in einer Situation, in der sie fast das Recht verloren haben, von einer besseren Zukunft in Guinea-Bissau zu träumen, und das hat weitere Konsequenzen, wie zum Beispiel die Flucht in die Migration.</em></p>
<p><em>Die jungen Menschen sehen ihr Leben heute eher in der Diaspora als in Guinea-Bissau. Deshalb möchte ich ein Hüter der Hoffnung sein und meinen Beitrag dazu </em><em>leisten</em><em>, sie wiederzubeleben. Ich hoffe, dass es uns gelingen wird, die Dinge zu verändern und Guinea-Bissau zu einem besseren Land zu machen vor allem für seine eigenen Landeskinder, aber auch für die Welt generell.</em></p>
<p><em>Aber die Lage ist sehr schwierig. Wir müssen, wie wir auf Kreol sagen, gegen die Strömung anrudern, also dem Mangel an Hoffnung entgegenwirken. Wir dürfen nicht so weit kommen, dass es überhaupt keine Hoffnung mehr gibt. </em></p>
<p><em>Die Gelassenheit, mit der der Lehrer am Ende der Erzählung zu seinem Buch und seiner Lektüre zurückkehrt, zeigt, dass er immer noch diese Hoffnung, dieses Vertrauen in das Morgen hat. Er verfällt nicht in Panik, er bewahrt seine Zuversicht im Vertrauen darauf, dass der Weg umgekehrt werden kann. Daher die Gelassenheit.</em></p>
<p><strong>Renate</strong>: Das bringt mich zur nächsten Frage: Wenn der Lehrer sein Buch wieder zur Hand nimmt und weiterliest, stellt sich die Frage: Könnte die Literatur eine Hoffnung für das Land sein oder dazu beitragen, Hoffnung zu wecken?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Zweifellos. Ich glaube, dass die Literatur in diesem Prozess eine grundlegende Rolle spielt. Die Literatur in Guinea-Bissau hat historisch ihre Wurzeln im Widerstand. Sie entstand als Instrument des Widerstands, aber auch als Mittel zur Verbreitung von Hoffnung. Ich sage oft, dass die Literatur in dem Prozess, in dem sich Guinea-Bissau auch heute noch befindet – einem Prozess des Aufbaus und der Festigung der Nation, das beste Mittel ist, um diesen Prozess voranzutreiben. Sie kann als eine Art Klebstoff, als Bindeglied für all diese Unterschiede fungieren und uns in einem gemeinsamen Raum des Austauschs zusammenführen. Unsere Unterschiede stellen dabei einen Reichtum dar.</em></p>
<p><em>Von daher spielt Literatur eine grundlegende Rolle in der sozialen Bildung und bei der Herausbildung eines Gemeinsinns und eines Bewusstseins für den Reichtum der Vielfalt. Ich glaube, dass Literatur heute auch immer mehr zu einem Träger der Hoffnung in Guinea-Bissau wird.</em></p>
<h3><strong>Europa und Afrika – Auswanderung und Rückkehr</strong></h3>
<p><strong>Renate</strong>: Um noch einmal auf die Auswanderung zurückzukommen: In der Anthologie findet sich auch die Erzählung „Die Lese“ von <a href="https://www.marinhopina.com/">Marinho de Pina</a>. Es geht um einen Vater und einen Sohn, die beide nach Europa gehen, in der Hoffnung, dort Geld zu verdienen. Doch in Europa erleben sie eine Enttäuschung. Ist das eine Erfahrung, die auch andere machen?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ja. Diese Sichtweise von Marinho ist sehr präsent und deckt sich mit dem, was ich gesagt habe, nämlich diesem Mangel an Perspektiven der jungen Menschen für ihr eigenes Leben in Guinea-Bissau. Sie sehen langfristig keine Zukunft und schließlich in der Auswanderung die einzige Lösung. Aber im Zielland werden sie häufig mit der Enttäuschung konfrontiert, dass sich ihre Erwartungen, nicht erfüllen. Diese Erwartungen sind sehr hoch, weil es einerseits an Perspektiven im eigenen Land mangelt, andererseits aber auch eine falsche Vorstellung herrscht, die stark propagiert wird – auch von denjenigen, die auswandern –, dass alle Lösungen im Westen, in Europa und den Aufnahmeländern zu finden sind. Das ist jedoch nicht der Fall. Gerade Menschen aus ländlichen Gegenden, wie es Marinho in seiner Erzählung treffend beschreibt, haben oft keine klare Vorstellung davon, wie das Leben in Europa aussieht. So entstehen viel zu hohe Erwartungen, die später enttäuscht werden. Das ist sehr aktuell, besonders wenn wir die Situation in Europa heute betrachten, die Schwierigkeiten beim Prozess der Legalisierung und Integration von der Beschaffung von Dokumenten bis hin zur Arbeitssuche. Dazu kommt die Marginalisierung der Einwanderer in verschiedenen Ländern Europas. Daraus erwächst eine sehr große Frustration, denn diese Menschen unternehmen in ihren Herkunftsländern enorme Anstrengungen, um auswandern zu können.</em></p>
<p><em>Wie Marinho de Pina in seiner Erzählung zeigt, musste der Mann, um mit seinem Sohn auszuwandern, vielleicht auf seine größten Reichtümer verzichten, nicht nur in materieller Hinsicht. Auch auf menschlicher Ebene musste er in vielen Situationen Demütigungen erdulden. Die Menschen geben alles, was sie haben und was sie nicht haben, um ihr Ziel zu erreichen. Wenn sie dann angekommen sind, stellen sie sich schließlich die Frage, ob sich all diese Anstrengungen gelohnt haben.</em></p>
<p><strong>Rosa</strong>: Du sagst, die Enttäuschung sei groß. Viele kommen mit großen Erwartungen nach Europa und kehren trotz dieser Enttäuschung nicht zurück. Warum?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Es gibt dafür eine Reihe von Gründen. Zunächst einmal die Frage des Stolzes. Ich muss meine Gemeinschaft, die mich weggehen sah, davon überzeugen, dass ich auf die richtige Lösung gesetzt habe. Niemand will als Besiegter zurückkehren.</em></p>
<p><em>Das führt auch dazu, dass sich die Vorstellung entwickelt, die Auswanderung sei die Lösung. Wenn niemand als Besiegter zurückkehrt, entsteht in diesen Gemeinschaften der Eindruck, dass jeder, der geht, siegt.</em></p>
<p><em>Andererseits hat es auch damit zu tun, dass die Menschen letztlich alles geben, was sie haben, um auszuwandern. Die Rückkehr würde bedeuten, an dem Ort, den man verlassen hat, wieder von vorne anfangen zu müssen. Die Bereitschaft dazu ist oft gering.</em></p>
<p><em>Nach wie vor gibt es jedoch in Guinea-Bissau von staatlicher Seite keine wirksamen Lösungen zur Verwirklichung der individuellen Träume und Ambitionen der Jugendlichen. Im vergangenen Monat wurde vom </em><a href="https://www.afrobarometer.org/publication/ad1164-a-maioria-dos-guineenses-ja-pensou-em-sair-do-pais-em-busca-de-melhores-oportunidades-economicas/"><em>Forschungsnetzwerk Afrobarometer</em></a><em> eine Studie veröffentlicht, der zufolge etwa 81 Prozent der Jugendlichen in Guinea- Bissau die Auswanderung in Betracht ziehen und ihr Leben im Ausland aufbauen möchten. Das verdeutlicht den Mangel an Perspektiven für die eigene Zukunft im Land. Die Nicht-Rückkehr hat aber auch viel mit der Haltung zu tun: Okay, so sehr ich hier in Europa leiden mag – letztendlich werde ich es trotz allem schaffen, mich einzuleben und meine Ziele zu verwirklichen.</em></p>
<p><em>Dagegen habe ich beschlossen, nach Guinea-Bissau zurückzukehren, obwohl ich das Land als Teenager verlassen und meine Jugend in Portugal verbracht und dort studiert habe. Ich habe mich für die Rückkehr entschieden, weil ich die Zuversicht habe, dass es diese Möglichkeiten im Land gibt. Das mag daran liegen, dass ich die Chance auf Schulbildung und Studium hatte und daher bessere Chancen habe als andere, denen diese Möglichkeit verwehrt blieb. Andererseits empfinde ich eine Verpflichtung gegenüber Guinea-Bissau, dabei zu helfen, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verwirklichen. Meinen Beitrag zu leisten, damit das Land über diese Phase der Hoffnung hinauskommt. Hoffnung ist notwendig, sie ist unserer Seele inhärent, aber sie muss realisiert werden. Sie muss zum Tragen kommen, sonst verkümmert sie. Und ich habe mir fest vorgenommen, meine Hoffnung auf ein besseres Guinea-Bissau zu verwirklichen. Deshalb kehre ich zurück.</em></p>
<p><strong>Rosa</strong>: Aber ist das wirklich nur eine individuelle Sache? Wie sieht es mit den Erwartungen der Gemeinschaft und der Familie aus? Erwarten sie, dass du zurückkommst und Geld mitbringst?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Deshalb sage ich, dass genau das oft ein Grund dafür ist, dass man nicht zurückkehrt, denn es ist nicht nur ein individueller Wunsch. Es gibt einen ganzen Kontext und eine Erwartungshaltung, die kollektiv besteht. Auch das spielt eine Rolle.</em></p>
<p><strong>Renate</strong>: Deine zweite Erzählung in dieser Anthologie handelt genau von dieser Entscheidung zwischen den Erwartungen der Familie und der Gemeinschaft einerseits und dem Leben in Europa andererseits. Sie trägt den Titel „Eine Frage der Freiheit“. Gibt es da einen Unterschied zwischen dem Verständnis von Freiheit in Europa und dem Freiheitsbegriff in afrikanischen Gesellschaften?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ich glaube, dass es einen großen Unterschied im Verständnis dieses Begriffs gibt, weil der Kontext, in dem er geprägt wird, unterschiedlich ist. Im Westen, in Europa, gibt es ein viel individuelleres Verständnis von Freiheit. In den afrikanischen Gesellschaften dagegen ist der kollektive Aspekt letztlich noch stärker als der individuelle. Meine Individualität ist untrennbar mit dem Kollektiv verbunden, und ich kann nur in gewisser Weise frei sein, meine Freiheit nur innerhalb eines Kollektivs ausüben. Meine Freiheit ist nicht isoliert. Auf dieser Grundlage ist das Verständnis von Freiheit letztendlich ein anderes.</em></p>
<h3><strong>Portugiesisch schreiben in Afrika</strong></h3>
<p><strong>Rosa</strong>: Welche Bedeutung haben Portugiesisch, das guineische Kreol und die verschiedenen Nationalsprachen für die bissau-guineische Literatur, etwa in Bezug auf Wortschatz, Oralität oder Grammatik? Wird darüber auch im PEN-Zentrum und im Schriftstellerverband (AEGUI) diskutiert?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Der sprachlichen Frage kommt in der Literatur Guinea-Bissaus nach wie vor eine große Bedeutung zu. Dabei geht es um zwei Perspektiven. Zum einen um die Aneignung des Portugiesischen durch die Menschen in Guinea-Bissau. Wir wissen, dass bisher nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung Portugiesisch wirklich beherrscht. Gleichzeitig ist Portugiesisch unsere Amtssprache, die Sprache der Arbeit und die Unterrichtssprache in den Schulen. Deshalb muss weiterhin daran gearbeitet werden, dass mehr Menschen diese Sprache beherrschen.</em></p>
<p><em>Zum anderen geht es um das Verhältnis zwischen Portugiesisch und Kreol. Für uns gibt es keinen Grund, die eine Sprache gegenüber der anderen aufzuwerten. Im PEN-Zentrum und in der AEGUI besteht die Auffassung, dass beide Sprachen gleichberechtigt nebeneinander existieren können.</em></p>
<p><em>Das zeigt sich auch in der Literatur. In auf Portugiesisch geschriebenen Texten finden sich immer wieder Ausdrücke und ganze Sätze auf Kreol. Gleichzeitig entstehen zunehmend Gedichte, Erzählungen und Romane, die ausschließlich auf Kreol geschrieben sind.</em></p>
<p><em>Ich halte es deshalb für wichtig, dass Kreol weiterentwickelt und gefördert wird, damit es eines Tages neben dem Portugiesischen auch als Amtssprache Guinea-Bissaus anerkannt werden kann.</em></p>
<p><strong>Rosa</strong>: Ihr verwendet nicht nur Vokabular aus dem Kreol, sondern auch Wörter und Ausdrücke aus den verschiedenen Nationalsprachen, in deinem Fall zum Beispiel aus dem Balanta. Auch die Namen sind Teil davon. Ist das eine Form der Aneignung des Portugiesischen, die zeigt, dass ihr die Sprache zu eurer eigenen macht? Kann man deshalb auch sagen, dass Portugiesisch für euch eine afrikanische Sprache ist?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ja, dem stimme ich zu. Wenn Portugiesisch unsere Sprache ist, dann ist sie auch eine afrikanische Sprache. Die Art, wie Portugiesisch in Afrika verwendet wird, weist spezifische Besonderheiten auf, die aus den afrikanischen Sprachen hervorgegangen sind. </em></p>
<p><em>Selbst das Portugiesisch, das heute in Portugal gesprochen wird, enthält Wörter aus afrikanischen Sprachen, etwa aus Angola, Guinea-Bissau oder Kap Verde.</em></p>
<p><strong>Rosa</strong>: Eine weitere Besonderheit ist die Oralität, die in vielen afrikanischen Sprachen und Kulturen eine wichtige Rolle spielt. Versucht ihr, diese mündliche Tradition auch in eure Literatur und euer Schreiben zu integrieren?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Die Oralität ist letztlich die Grundlage unserer Literatur. Sie ist unsere erste literarische Ausdrucksform: unsere Art, in den Gemeinschaften Geschichten zu erzählen, rund um das Feuer oder unter einem großen Baum.</em></p>
<p><em>Diese mündliche Tradition findet sich bis heute sehr deutlich in der geschriebenen Literatur Guinea-Bissaus. Es ist gewissermaßen eine Übertragung der Oralität in die schriftliche Literatur. Sie ist die Grundlage unserer Literatur, ihre Wiege, und wird in Guinea-Bissau nach wie vor sehr geschätzt. Auch die schriftliche Literatur bleibt in dieser mündlichen Tradition und unserer Lebenswirklichkeit verwurzelt.</em></p>
<h3><strong>Selbstvertrauen</strong></h3>
<p><strong>Rosa</strong>: Was mir beim Lesen eurer Texte auffällt, ist ein großes Selbstvertrauen, nicht nur im Umgang mit der portugiesischen Sprache, sondern auch bei den Themen, über die ihr schreibt. Oft geht es um eure eigene Kultur und das Recht, diese Kultur zu bewahren und zu leben. Gleichzeitig gibt es aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem, was ihr als <em>„schädliche Praktiken“</em> bezeichnet. Wie verbindest du diese beiden Aspekte?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ich denke, dieses Selbstvertrauen hat zwei Gründe. Zum einen geht es um die Sprache und die sprachlichen Nuancen zwischen den verschiedenen Ländern. Wenn man einmal verstanden hat: „Ich muss weder Portugiesisch aus Portugal noch Portugiesisch aus Brasilien schreiben“, dann gibt einem das ein gewisses Selbstvertrauen. Man weiß: </em><em>Ich kann mein eigenes Portugiesisch schreiben</em><em>, das Portugiesisch meiner Realität, meines Landes. Das gibt einem Freiheit und Sicherheit im Ausdruck.</em></p>
<p><em>Zum anderen geht es darum, das zu teilen, was ein Teil von einem selbst ist. Kein Schriftsteller existiert ohne seinen Kontext. Sein Text ist eine Erweiterung und ein Ausdruck seines eigenen Kontextes. Er nimmt diesen Kontext mit an andere Orte und bringt ihn in einen Dialog mit anderen Kontexten der Welt.</em></p>
<p><em>Wenn etwas zu dir gehört, wenn du es kennst und darin verwurzelt bist, hast du auch eine gewisse Sicherheit, darüber zu sprechen. Du erzählst nicht etwas, das einem anderen gehört, sondern etwas, das Teil von dir ist. Und genau das gibt dir das Vertrauen, es mit anderen zu teilen.</em></p>
<div id="attachment_8603" style="width: 246px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8603" class="wp-image-8603 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/IMG-20260518_Adama-236x300.jpg" alt="" width="236" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/IMG-20260518_Adama-200x254.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/IMG-20260518_Adama-236x300.jpg 236w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/IMG-20260518_Adama-400x509.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/IMG-20260518_Adama-600x763.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/IMG-20260518_Adama.jpg 768w" sizes="(max-width: 236px) 100vw, 236px" /><p id="caption-attachment-8603" class="wp-caption-text">Foto: Edson Incopté.</p></div>
<p><em>Was die sogenannten schädlichen Praktiken betrifft, beschäftige ich mich zum Beispiel in meinem neuen Buch </em><a href="https://oficinadaescrita.com/produto/adama/"><em>Adama</em></a><em> damit. Adama ist das Symbol einer Generation, die ihre Wurzeln respektiert, aber nicht mehr bereit ist, alles unhinterfragt zu akzeptieren. Denn wie jede Kultur hat auch unsere Kultur negative Seiten. Es gibt Praktiken, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Dazu gehören beispielsweise die weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsheirat und die unterschiedlichen Bildungs- und Ausbildungschancen von Mädchen und Jungen. Solche Fragen müssen auch in unsere Literatur Eingang finden, damit wir mit der Gesellschaft darüber diskutieren und zu einer stärkeren Bewusstseinsbildung beitragen können.</em></p>
<p><em>Dabei geht es aber nicht darum, zu verurteilen. Es geht darum, diese Themen sichtbar zu machen, damit sie diskutiert, reflektiert und vielleicht verändert werden können. In Adama geht es beispielsweise um ein Mädchen, das von seinem Vater zu einer frühen Heirat gedrängt wird. Er handelt dabei nicht aus Bosheit. Auf der Grundlage dessen, was er selbst gelernt und erfahren hat, glaubt er, das Beste für seine Tochter zu tun.</em></p>
<p><em>Genau hier setzt die Literatur an und lädt zur Reflexion ein: Ist das, was der Vater im Laufe seines Lebens gelernt hat, tatsächlich das Beste für seine Tochter? Vielleicht nicht. Auch ein Mädchen kann gut erzogen und ausgebildet werden und lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.</em></p>
<p><em>Es geht also darum, diese Fragen in die Gesellschaft hineinzutragen. Literatur kann einen Raum schaffen, in dem solche Themen diskutiert und letztlich vielleicht verändert werden können.</em></p>
<p><strong>Rosa</strong>: Wir sprechen also von einer Bewusstseinsbildung: Indem Literatur über solche Themen schreibt, kann sie dazu beitragen, dass sich die Gesellschaft damit auseinandersetzt, vorausgesetzt natürlich, die Menschen lesen diese Literatur.</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Zweifellos.</em></p>
<p><strong>Rosa</strong>: Du hast uns einige sehr interessante Beispiele genannt. Bei all diesen Themen geht es um Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten gegenüber Mädchen und Frauen, aber sie werden aus der Perspektive eines männlichen Schriftstellers erzählt. Gibt es auch Autorinnen, die diese Fragen aus ihrer eigenen Perspektive thematisieren?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ja, aber auch die Situation von Schriftstellerinnen in Guinea-Bissau ist nach wie vor von diesen Ungleichheiten geprägt. Das hängt auch mit den unterschiedlichen Bildungs- und Ausbildungschancen und vielen kulturellen Faktoren zusammen.</em></p>
<p><em>Es gibt jedoch immer mehr weibliche Stimmen, die diese Fragen zur Sprache bringen. Rita Ié hat beispielsweise wichtige poetische Arbeiten zu diesem Thema verfasst, darunter ein bekanntes und viel diskutiertes Gedicht über die weibliche Genitalverstümmelung. Auch Odete Semedo bringt diese Fragen aus der Perspektive einer Frau in die Debatte ein.</em></p>
<p><em>Ich arbeite derzeit außerdem mit einer jungen Frau in Portugal zusammen, deren literarische Arbeit noch nicht veröffentlicht wurde. Sie beschäftigt sich mit diesen Themen aus der Perspektive eines Mädchens beziehungsweise einer jungen Frau. Es wird ein Roman sein, und ich glaube, dass diese Arbeit sehr wichtig werden kann.</em></p>
<p><em>Vor etwa zwei Jahren hatten wir bei der AEGUI geplant, Literaturwerkstätten ausschließlich für Frauen und Mädchen anzubieten, um ihre literarische Arbeit stärker zu fördern. Wir konnten dieses Vorhaben damals leider nicht umsetzen.</em></p>
<h3><strong>Die Basis ist Guinea-Bissau</strong></h3>
<p><strong>Rosa</strong>: Guineische Literatur wird seit einigen Jahren auch in Deutschland gelesen. Was bedeutet es für euch als Autorinnen und Autoren, dass eure Werke in andere Sprachen übersetzt werden?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Das ist für uns sehr wichtig. Übersetzungen ermöglichen es uns, unsere Perspektiven in andere Kontexte zu tragen und mit anderen Realitäten in einen Dialog zu bringen.</em></p>
<p><em>Wir leben heute in einer globalisierten Welt, in der Informationen ständig zirkulieren. Doch oft werden dabei nicht unsere eigenen Perspektiven vermittelt. Literatur bietet uns die Möglichkeit, unsere Sichtweisen einzubringen. Diese Übersetzungsarbeit ist nicht nur für uns als Schriftsteller, sondern auch für unser Land wichtig. Übersetzungen können auch dazu beitragen, dass wir andere Lebensrealitäten besser kennenlernen. Denn ich glaube, dass die zunehmende Schwierigkeit, mit Unterschieden zu leben, viel mit Unwissen und Unkenntnis zu tun hat. Wenn wir das Leben und die Realität anderer nicht kennen, sind wir eher geneigt, über sie zu urteilen und haben größere Schwierigkeiten, mit Unterschieden umzugehen. Je besser wir andere Realitäten kennenlernen, desto offener können wir ihnen begegnen. So können Übersetzungen zu einer inklusiveren Welt beitragen, in der wir bereit sind, andere anzunehmen und mit Unterschieden zu leben.</em></p>
<p><em>Ich verwende in diesem Zusammenhang allerdings nicht so gerne das Wort „Toleranz“. Denn man toleriert etwas, das man im Grunde nicht vollständig akzeptiert. Ich glaube, wir müssen darüber hinausgehen: Es geht nicht nur darum, den anderen zu tolerieren, sondern ihn als Teil von uns anzunehmen und eine gewisse Neugier aufeinander zu entwickeln.</em></p>
<p><strong>Rosa</strong>: Edson, für wen schreibst du? Für dich selbst, für die guineische Gemeinschaft oder für ein globales Publikum?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Meine Basis ist Guinea-Bissau. </em><em>Ich schreibe von Guinea-Bissau aus für die Welt.</em><em> Ich schreibe aus meinem eigenen Kontext heraus und bringe unsere Fragen und Perspektiven mit anderen Realitäten in einen Dialog. So können andere unsere Realität kennenlernen und die Distanz zwischen Menschen, die in unterschiedlichen Kontexten leben, kann geringer werden. Deshalb ist es wichtig, dass die Literatur aus Guinea-Bissau international sichtbar wird. Sie ist im Vergleich zu anderen ehemals portugiesisch kolonisierten Ländern relativ spät entstanden und wurde lange marginalisiert, mit Auswirkungen auch auf das Bildungssystem. Ihre internationale Verbreitung gibt uns Antrieb und kann vielleicht auch dazu beitragen, dass sie im eigenen Land stärker wahrgenommen wird. Denn es gibt nach wie vor keine spezifischen staatlichen Maßnahmen zur Förderung der Literatur. Die Arbeit wird vor allem von den Autorinnen und Autoren selbst und von den Kulturschaffenden geleistet. Auch im Bildungssystem fehlt es an Unterstützung. Dabei müsste Literatur eine wichtige Rolle beim Aufbau und bei der Festigung der Nation spielen und stärker mit Bildung verbunden werden.</em></p>
<p><em>Umso bedauerlicher ist es, dass die Werke von Schriftstellern wie Abdulai Sila, Tony Tcheka oder Odete Semedo etwa in Brasilien eher Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen sind als in Guinea-Bissau selbst. Darüber müssen wir als Gesellschaft nachdenken: Warum sind unsere Schriftstellerinnen und Schriftsteller außerhalb des Landes bekannter und stärker erforscht als im eigenen Land?</em></p>
<p><strong>Rosa</strong>: Und wird es nach „Adama“ noch einen weiteren Roman geben?</p>
<p><strong>Edson</strong>: <em>Ja. Schon während der Arbeit an Adama habe ich parallel an einem anderen Roman gearbeitet. Ursprünglich sollte er sogar mein erster werden. Aber nachdem ich mit anderen, insbesondere mit Abdulai Sila, gesprochen hatte, entschied ich mich, zuerst Adama zu veröffentlichen. An dem anderen Projekt arbeite ich weiterhin. Ob es mein zweiter Roman wird, weiß ich noch nicht.</em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span></strong><span style="color: #678f20;">:</span></h3>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/afrikanisches-selbstbewusstsein/">Afrikanisches Selbstbewusstsein – Renate Heß über Abdulai Sila und die Literatur aus Guinea-Bissau</a>, Dezember 2024.</li>
<li>Renate Heß, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/machtpolitischer-schachzug-mit-militaer/">Machtpolitischer Schachzug mit Militär – Guinea-Bissau nach dem Staatsstreich vom 26. November 2025</a>, Februar 2026.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im November 2026, Internetzugriffe zuletzt am 19. Oktober 2026. Titelbild: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Memorial_building_independence_Guinea-Bissau_Madina_de_Bo%C3%A9.jpg">Memorial building for the unilateral declaration of independence of Guinea-Bissau on 1973, September 9<sup>th</sup>, in Madina de Boé</a>, Foto: Gadogado 123, Wikimedia Commons, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/en:Creative_Commons">Creative Commons</a> <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en">Attribution-Share Alike 4.0 International</a> license.)</p>
</div></div></div></div></div>
<p>The post <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-schreiben-war-mir-immer-eine-zuflucht/">&#8222;Das Schreiben war mir immer eine Zuflucht&#8220;</a> appeared first on <a href="https://demokratischer-salon.de">Demokratischer Salon:</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Zukunft der Demokratie in der Slowakei</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Oct 2026 05:36:14 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Zukunft der Demokratie in der Slowakei Die Osteuropahistorikerin Martina Winkler über ihr Buch „Über der Tatra blitzt es“ „Auf den Straßen wehrten sich so viele wie noch nie gegen den aktuellen kulturpolitischen Kahlschlag. Die zahlreichen Versuche der Regierung, die Proteste mit Lügen, Manipulationen und Propaganda zu unterdrücken, haben diese letztlich nur noch stärker  [...]</p>
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<h1><strong>Die Zukunft der Demokratie in der Slowakei</strong></h1>
<h2><strong>Die Osteuropahistorikerin Martina Winkler über ihr Buch „Über der Tatra blitzt es“</strong></h2>
<p><em>„Auf den Straßen wehrten sich so viele wie noch nie gegen den aktuellen kulturpolitischen Kahlschlag. Die zahlreichen Versuche der Regierung, die Proteste mit Lügen, Manipulationen und Propaganda zu unterdrücken, haben diese letztlich nur noch stärker befeuert. Wer im 21. Jahrhundert in einem freien Land leben will, mag Angst haben – sollte sich aber nicht einschüchtern lassen. Das gilt besonders im Kampf gegen den aufstrebenden Rechtsextremismus und politische Radikalität.“ </em>(Michal Hvorecký, <a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/michal-hvorecky-dissident-9783608125818-t-9435">Dissident</a>, Stuttgart, Tropen, 2026)</p>
<p>Michal Hvorecký beschreibt in seinem Buch „Dissident“ die Lage in der Slowakei im Jahr 2026, ein Jahr vor den nächsten Parlamentswahlen, insbesondere im Hinblick auf das große Engagement der Zivilgesellschaft, der Kulturszene und der Medien. Das Buch wurde im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> in dem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/michal-hvorecky-dissident/">Essay „Dissidenz – mitten in Europa“ </a>ausführlich vorgestellt.</p>
<div id="attachment_6010" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6010" class="wp-image-6010 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-300x287.jpg" alt="" width="300" height="287" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-200x192.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-300x287.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-400x383.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-600x575.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-768x736.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-800x766.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-1024x981.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-1200x1150.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/04/Martina-Winkler_privat-scaled-e1745210386536-1536x1472.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-6010" class="wp-caption-text">Martina Winkler, Foto: privat.</p></div>
<p>Eine ausgewiesene Kennerin der Entwicklungen in den Ländern Ostmitteleuropas, nicht zuletzt der Slowakei, ist die <a href="https://www.histsem.uni-kiel.de/de/das-institut-1/abteilungen/osteuropaeische-geschichte/team/prof-dr-martina-winkler">Kieler Historikerin Martina Winkler</a>. Sie hat die Entwicklungen in der Zeit der vierten Regierung unter dem Premierminister Robert Fico sowie deren historische Grundlagen in ihrem Buch <a href="https://campus.de/wissenschaft/geschichte/ueber-der-tatra-blitzt-es/CAM52205">„‚Über der Tatra blitzt es‘ – Die umkämpfte Demokratie in der Slowakei“</a> (Frankfurt am Main / New York, Campus, 2026) in 13 Kapiteln beschrieben. Sie analysiert das Vorgehen der beteiligten Personen in den verschiedenen Politikfeldern. Der Titel zitiert einen Vers aus der slowakischen Nationalhymne <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nad_Tatrou_sa_bl%C3%BDska">(„Nad Tatrou sa blýska“</a>).</p>
<p>Es gibt drei wichtige Gründe, das Buch von Martina Winkler zu lesen. Einerseits informiert die Autorin über ein kleines Land in der Mitte Europas, das viel zu oft übersehen wird, andererseits belegt sie, wie autoritäre Parteien und Regierungen funktionieren. Darüber hinaus darf das Buch als Drehbuch der Absichten und der Praxis populistischer und extremistischer Parteien und Regierungen gelesen werden, wie wir sie bis zu Orbáns Wahlniederlage in Ungarn, bis zum Wahlsieg Tusks in Polen und zurzeit in den USA unter Trump erleben.</p>
<p>Politiker wie Robert Fico gibt es in fast allen europäischen Ländern. Robert Fico ist der meines Erachtens typische Fall eines charismatischen Volkstribunen, der rechte und linke, nationale und soziale Positionen in sich vereint. Fico entspricht in der Praxis und in seinem Selbstverständnis als <em>„Linker“</em> dem von Thomas Pickety in <a href="https://www.chbeck.de/piketty-kapital-ideologie/product/29712172">„Kapital und Ideologie“</a> beschriebenen Typus des <em>„Sozialnativisten“</em>. Die Art und Weise, wie Fico und seine Regierung liberale Freiheitsrechte, Meinungs- und Pressefreiheit, kulturelle Vielfalt und die Spielräume der Opposition systematisch einzuschränken versuchen, entspricht aber dem bekannten Muster rechtsextremistischer, autoritärer und illiberaler Parteien und Regierungen. Seine Besuche in Moskau und seine putinfreundliche Rhetorik untermalen seine ständigen Invektiven gegen die Europäische Union, gegen Brüssel, gegen den Westen, gegen die Ukraine. Eine besondere Stärke der Slowakei sind jedoch die Zivilgesellschaft, die Kulturszene und die freie Medienlandschaft, die sich allen Schikanen zum Trotz für eine liberale und demokratische Slowakei engagieren.</p>
<h3><strong>Robert Fico – Charisma eines Volkstribunen</strong></h3>
<div id="attachment_8598" style="width: 206px" class="wp-caption alignright"><a href="https://campus.de/wissenschaft/geschichte/ueber-der-tatra-blitzt-es/CAM52205"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8598" class="wp-image-8598 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Martina-Winkler-Ueber-der-Tatra-blitzt-es-Campus-196x300.jpeg" alt="" width="196" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Martina-Winkler-Ueber-der-Tatra-blitzt-es-Campus-196x300.jpeg 196w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Martina-Winkler-Ueber-der-Tatra-blitzt-es-Campus-200x307.jpeg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Martina-Winkler-Ueber-der-Tatra-blitzt-es-Campus-400x613.jpeg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Martina-Winkler-Ueber-der-Tatra-blitzt-es-Campus.jpeg 600w" sizes="(max-width: 196px) 100vw, 196px" /></a><p id="caption-attachment-8598" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum hast du das Buch „Über der Tatra blitzt es“ geschrieben?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Ich habe mich schon lange mit der Slowakei beschäftigt. Es ist ein kleines Land, das in der allgemeinen Aufmerksamkeit oft untergeht. Es hatte eine schwierige Geschichte der Nationsbildung, die sich erst nach der </em><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/trennende-gemeinsamkeiten/"><em>Trennung der beiden Landesteile der Tschechoslowakei zum Jahresbeginn 1993</em></a><em> wirklich vollzog. Das Land war immer im Schatten anderer Länder, innerhalb der Tschechoslowakei wie auch in der äußeren Wahrnehmung. Slowakisch galt lange Zeit als eine Art Suffix von tschechisch. Viele Leute wussten nicht, dass es sich um ein eigenes Land handelt. </em></p>
<p><em>Ich fand es spannend nachzuverfolgen, was nach der Trennung von Tschechien in der Slowakei passierte. Es war teilweise erschreckend, es gab einen starken Nationalismus, in dem es immer wieder um die Frage slowakischer Identität geht. Im Jahr 2022 fand ein hässlicher Wahlkampf statt, dessen Stil vor allem von der Partei Robert Ficos, der SMER-Partei dominiert wurde. SMER gewann die Wahl. Ich dachte, das ist nicht nur für die Slowakei interessant, sondern insgesamt für Europa. Wir erlebten eine Radikalisierung, ein Verschwimmen von links und rechts, eine autoritative Welle. Die Methoden, die autoritär und illiberal gesinnte Parteien, so auch Fico mit SMER, verfolgen, ähneln einander.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was ist das Besondere an der slowakischen Entwicklung?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Es ist einmal eine sehr auf eine Person fixierte Politik. Fico ist eine durchweg charismatische Persönlichkeit. Er steht für Stabilität und Tradition. Er ist seit Ewigkeiten in der Politik, eine Art Urgestein, man kennt ihn. Innerhalb der Partei spielt er die Rolle einer Heilsfigur. Das beschreibe ich in meinem Buch gerade auch in dem Kapitel über das Attentat auf Robert Fico am 15. Mai 2024, das er für seine Zwecke ausbeutete, indem er beispielsweise die Verantwortung auf die Opposition als vermeintliche Anstifter schob. Seine Rhetorik ist sehr vergleichbar mit dem, was wir bei Trump sehen, bei Orbán, bei der AfD. Sie alle arbeiten viel mit Fake News, kooperieren eng mit Desinformationskanälen. Sylvia Sasse spricht von </em><a href="https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/verkehrung-ins-gegenteil.html"><em>„Verkehrungen ins Gegenteil“</em></a><em>, Naomi Klein von einer </em><a href="https://naomiklein.org/doppelganger/"><em>Reise in die Spiegelwelt</em></a><em>, und genau das sehen wir hier</em><em>. SMER geht extrem aggressiv vor, extrem polarisierend, wirft aber genau dies ihren Gegnern vor. Sehr ausgeprägt ist Ficos Zuneigung zu Russland und Putin. Fico bezeichnet Europa als „Kriegstreiber“, Europa wolle den Krieg. Fico arbeitet viel mit Feindbildern, er macht Angst, sagt aber immer, die anderen machten Angst und er versuche nur, die Menschen zu beruhigen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Warum kommt eine solche Rhetorik so gut an?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das ist eine ganz schwierige Frage, die ich so gar nicht beantworten kann. Das wäre eher eine Frage an die Sozialpsychologie. Bezogen auf die Person von Robert Fico will ich jedoch versuchen, einige Punkte zu nennen. Vielleicht sind es nicht die Lügen, die so gut ankommen. Man sagt, es wäre eine einfache Geschichte, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden, aber die Geschichte ist in sich komplex und widersprüchlich. Ich glaube, sehr viel funktioniert über seine Figur. Fico setzt sich als Person in Szene, die Stabilität, Tradition vertritt, er war schon immer da, die anderen kommen neu hinzu. Es adressiert den Wunsch nach Sicherheit, den im Grunde ja alle haben, gerade in unserer heutigen Zeit. </em></p>
<p><em>Abgesehen davon haben wir generell eine Situation, in der sich Desinformationskanäle mit ihren Fake News gut durchsetzen. Das hängt natürlich auch mit der hohen Bedeutung sozialer Medien zusammen. Das hat auch speziell mit der Situation in Ostmitteleuropa zu tun, weil es dort noch nicht so lange etablierte klassische Medien gibt, obwohl diese auch in den westeuropäischen Ländern an Bedeutung verlieren. In einem Satz: Fico beherrscht die Arbeit mit Lügen, die Arbeit mit Angst und das Versprechen von Sicherheit. Das funktioniert in der Situation der Polykrisen.</em></p>
<h3><strong>Die Koalition</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Fico verfügt ebenso wenig wie vergleichbare Parteien in anderen westeuropäischen Ländern über eine absolute Mehrheit. Bei der letzten Wahl hat er gerade einmal 23 Prozent gewonnen. Er brauchte Koalitionspartner wie HLAS, die Partei des aktuellen Staatspräsidenten Peter Pellegrini.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>In neuen Umfragen liegt SMER nur noch bei etwa 17 Prozent. HLAS ist in den Umfragen noch weiter abgerutscht. HLAS – HLAS bedeutet „Stimme“ – beziehungsweise SMER waren ursprünglich eine sozialdemokratisch orientierte Partei. HLAS hat sich 2020 von SMER abgelöst. Das wurde damals als großer Verrat wahrgenommen, wird auch von SMER heute noch immer wieder einmal so dargestellt. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Im Europaparlament gehören weder SMER noch HLAS einer Fraktion an. SMER wurde 2025 aus der sozialdemokratischen Fraktion wegen der Russland- und Chinakontakte ausgeschlossen, auch HLAS ist suspendiert.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Pellegrini war zunächst eine Hoffnungsfigur. Das hat sich aber relativ schnell erledigt, spätestens 2023, als HLAS nach den Wahlen die Rolle eines Königsmachers bekam. HLAS musste sich entscheiden, ob die Partei mit der SMER-Partei oder mit der eher linksliberalen Progressiven Slowakei (PS = Progresívne Slovensko) koaliert. HLAS entschied sich für SMER. Bis heute ist nicht wirklich klar warum. Es können inhaltliche Gründe gewesen sein, doch dies ist wenig überzeugend und wurde so auch nicht kommuniziert. Strategische Gründe scheiden auch eher aus, denn die Partei rutschte nach der Entscheidung für SMER schnell in den Umfragen ab. Es wird schließlich vermutet, dass Fico und SMER irgendetwas gegen Pellegrini in der Hand haben. Es gab und gibt so viel Korruption in der Slowakei, da liegt die Vermutung nahe. Im </em><a href="https://www.transparency.org/en/cpi/2025"><em>Corruption Perception Index von Transparency International</em></a><em> steht die Slowakei auf Platz 59. Die Regierung Fico hat eine Vielzahl von Maßnahmen der Vorgängerregierung zur Korruptionsbekämpfung wieder rückgängig gemacht oder zumindest aufgeweicht. Es ist aber auch möglich, dass Fico damals schon Pellegrini versprochen hat, ihn bei der Kandidatur für das Präsidentenamt zu unterstützen. Das hat ja auch funktioniert. </em></p>
<p><em>Inzwischen aber befindet sich HLAS im freien Fall und liegt in den Umfragen bei etwa sechs Prozent. Es ist sogar offen, ob die Partei es noch einmal ins Parlament schafft. Politisch spielt HLAS kaum noch eine Rolle. Pellegrini hatte zu Beginn gesagt, er werde nicht der Taschenträger der SMER-Partei, aber genau das ist er geworden. Der Vorsitzende von HLAS, Matúš Šutaj Eštok, ist ein sehr schwacher Politiker mit einer Menge von Skandalen. Und er hat HLAS immer näher an SMER heranrücken lassen. Wenn man ihm zuhört, kann man den Eindruck bekommen, es sei Fico, der da spricht.  </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Der dritte Koalitionspartner, die weitestgehend rechtsextremistische SNS, liegt in den Umfragen inzwischen unter zwei Prozent. Und dann gibt es noch Republika, die noch weiter rechts steht als SNS und bei den Europawahlen zweistellig abschnitt. Republika ist nicht Teil der Koalition.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>SNS lag bei der letzten Umfrage bei 1,7 Prozent. Zwar hat der Vorsitzende Andrej Danko Ende September 2026 einen kleinen Punktsieg gegen Robert Fico errungen, als er die Absetzung des eigentlich von seiner Partei benannten parteilosen Umweltministers Tomáš Taraba durchsetzte. Grundsätzlich ändert die Absetzung Tarabas jedoch nichts: Alleine wird SNS es nicht mehr schaffen. SNS wird in der Praxis auch immer radikaler. Republika kommt aus der Tradition der Neofaschisten um die Partei Kotlebovci – Volkspartei Unsere Slowakei (benannt nach ihrem Parteiführer Marian Kotleba). Republika ist sehr europafeindlich, fordert den Austritt aus EU und NATO. Die Partei liegt knapp hinter SMER mit etwa 16 Prozent. Dies scheint mir ein nachvollziehbarer Effekt zu sein, wenn Parteien, die ursprünglich Richtung Mitte tendieren, wie das bei SMER ja grundsätzlich auch einmal der Fall war, Regierungsverantwortung haben, zwar extreme Programmpunkte in Teilen übernehmen, diese aber nicht umsetzen. Die Wähler:innen werden an extreme Sprache und extreme Forderungen gewöhnt und sehen sich dann enttäuscht. Das führt dann dazu, dass eine extreme Partei aus der Opposition gewinnt. Das erleben wir auch in anderen Ländern.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Beispielsweise in Italien oder in Polen. Dort gibt es inzwischen entsprechende Abspaltungen von den Fratelli d’Italia der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, in Polen verliert die PiS in Umfragen an die weiter rechts stehende Konfederacja. Wir erleben Ähnliches in den Niederlanden, auch in Frankreich gibt es mit Reconquête eine Partei rechts vom Rassemblement National.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Der Rechtsschub geht immer weiter. Man kann das bei Fico gut sehen. Er wettert gegen die EU, gegen die NATO, aber einen wirklichen Austritt will er nicht. Wenn sich die Ansicht durchsetzt, EU und NATO wären so schlecht wie er sagt, werden die Parteien gewählt, die auch wirklich austreten wollen. </em></p>
<h3><strong>Die Opposition</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Auf der anderen Seite des Parteienspektrums haben wir Progresívne Slovensko (PS) als größte Oppositionspartei. Die Partei vertritt linksliberale und proeuropäische Positionen. Im Europaparlament gehört sie zur liberalen Fraktion „Renew Europe“, der 24 Parteien, darunter die von Emmanuel Macron gegründete Partei Renaissance aus Frankreich, die österreichischen Neos und die deutsche FDP angehören.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Die Partei hat 2023 gut abgeschnitten, liegt inzwischen mit etwa 20 Prozent vor SMER. Die Partei trat als neu, jung, sehr städtisch, sehr weiblich auf. Sie haben mit Michal Šimečka einen interessanten Parteivorsitzenden, der aus einer Intellektuellenfamilie stammt und sehr gut auftreten kann. In seiner Familie gab es aber gerade einen Skandal. Seine Mutter leitet eine NGO, in der es Betrugsfälle gab. Er hatte damit nichts zu tun, aber es bleibt durchaus auch etwas an ihm hängen. Es ist noch offen, ob und wie sich dies auf seine Popularität auswirkt. Mein Eindruck ist jedoch schon, dass dieser Skandal die Partei in ihrer Dynamik ausbremst, sodass sie keine eigenen Themen setzen kann. Es stellt sich auch die Frage, ob Michal Šimečka weiterhin Vorsitzender bleiben kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Hätte die PS Koalitionspartner?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das ist die nächste Frage. Es gibt noch die Konservativen, die Christdemokraten, die KDH, die im Europaparlament derselben Fraktion angehören wie die deutsche CDU / CSU. Sie liegen kontinuierlich etwa zwischen fünf und acht Prozent. Es ist jedoch ein schwieriges Verhältnis der beiden Parteien zueinander. Es gibt viele in dieser Partei, die im Grunde demokratisch denken und nicht mit SMER zusammenarbeiten wollen. Andererseits ist die Partei auch sehr katholisch. Vielen in dieser Partei gefällt daher der traditionalistische Kurs von SMER. Sie sind antifeministisch, gegen Abtreibungen, gegen Transpersonen. Dieser Teil der Rhetorik von SMER hat bei den Christdemokraten gut verfangen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das wirkte sich im Herbst 2025 bei einer Verfassungsänderung aus, bei der SMER die Stimmen der KDH gewinnen konnte. Es ging darum, in der Verfassung unter anderem festzuhalten, dass es nur zwei Geschlechter gäbe. Du hast die Hintergründe im Demokratischen Salon unter der Überschrift <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">„Drehbuch zur Demontage der Demokratie“</a> erläutert.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong><em>: Das Verhalten der KDH war ideologisch vielleicht nachvollziehbar, aber politisch – so muss man es sagen – einfach dumm. Aber in diesen Fragen ist die PS wirklich progressiv. Dabei werden jedoch grundsätzliche Werte angesprochen, sodass es schwer wird, dass diese beiden Parteien zusammengehen. Es ist wahrscheinlich notwendig, dass alle demokratischen Parteien über ihren Schatten springen. Doch auch wenn das klappen sollte, wird es auch wieder schwierig, wenn alle Parteien sich erst einmal nur darin einig sind, dass sie Fico abwählen beziehungsweise verhindern wollen. Wenn sie dann miteinander regieren, kann das zu vielen Konflikten, vielleicht sogar zum Chaos führen. Das war etwa so in Tschechien, wo die Parteien der Fünferkoalition (an der Regierung 2021-2025) nur gemeinsam hatten, dass sie gegen Andrej Babiš vorgehen wollten, aber dann in der Regierung scheiterten. So konnte Babiš die letzten Wahlen gemeinsam mit weiter rechts positionierten Koalitionspartnern, darunter die Motoristen, die „Autofahrerpartei“, wieder gewinnen. Die Fünferkoalition war nicht so stark ideologisch zerstritten wie die Parteien der Regierung vor 2023 in der Slowakei, aber es reichte nicht für eine erfolgreiche Politik. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche weiteren Parteien kämen für eine Koalition mit der PS in Frage?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>:<em> Es gibt noch Hnútie za demokratické Slovensko (so viel wie „Bewegung für eine demokratische Slowakei“). Vorsitzender ist der ehemalige Premierminister Igor Matovič, ein ausgesprochen schwieriger Koalitionspartner. Dann</em><em> die rechtsliberale SaS (Freiheit und Solidarität). Und seit dem Wahlsieg Peter Magyars in Ungarn ist auch Aliancia, die Partei der ungarischen Minderheit, wieder im Spiel. </em><em>Es haben sich auch noch zwei kleinere Parteien gebildet, bei denen man nicht weiß, was aus ihnen wird. Und tatsächlich plant der gerade abgesetzte Umweltminister </em><em>Tomáš Taraba</em> <em>auch noch die Gründung einer neuen Partei (ich würde das nicht ernst nehmen, aber es zeigt die Volatilität der politischen Landschaft). Es ist noch etwa ein Jahr bis zur Wahl, aber die Fluktuation in und zwischen den Parteien ist in der Slowakei sehr hoch. Es ist sehr schwer einzuschätzen. </em></p>
<p><em>PS ist – das muss man auch im Vergleich zu deutschen Parteien sagen – die einzige slowakische Partei, die sich eher linksliberal fortschrittlich positioniert, auch an ökologischen Themen interessiert ist. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die PS die Regierung bilden kann, bin aber eher skeptisch.</em></p>
<h3><strong>Zivilgesellschaft und Medien</strong></h3>
<div id="attachment_8035" style="width: 191px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/michal-hvorecky-dissident-9783608125818-t-9435"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8035" class="wp-image-8035 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen-181x300.webp" alt="" width="181" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen-181x300.webp 181w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen-200x331.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen-400x661.webp 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/05/Michal-Hvorecky-Dissident-Tropen.webp 600w" sizes="(max-width: 181px) 100vw, 181px" /></a><p id="caption-attachment-8035" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In der Slowakei bewundere ich das Engagement der Zivilgesellschaft, die ich vor allem über Michal Hvorecký kennen und schätzen gelernt habe.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Ich würde mir wünschen, dass wir hier in Deutschland mehr auf die Entwicklungen in der Slowakei schauen, aber vor allem auf die Zivilgesellschaft und die Medien. Es beeindruckt, wie aktiv sie sind, wie selbstbewusst, wie mutig. Das ist natürlich eher eine städtische Bewegung, aber das ist eigentlich in fast allen Staaten so. Das mittelgroße Trenčín, in diesem Jahr europäische Kulturhauptstadt, zeigt auch, wie in kleineren Städten Zivilgesellschaft, offene Kultur, ein interessiertes und engagiertes Miteinander funktionieren können. In Trenčín ebenso wie in Bratislava hat auf Schritt und Tritt das Gefühl, auf zivilgesellschaftliche Opposition gegen die Trends der Regierung zu stoßen. Und Menschen wie Michal Hvorecký</em> <em>und viele andere sind einfach sehr mutige Menschen, die in der Öffentlichkeit, bei Demonstrationen auftreten, strategisch eingesetzte Einschüchterungsklagen, sogenannte SLAPP-Klagen (SLAPP = Strategic Lawsuit Against Public Participation</em><em>)</em><em>, und Entlassungen in Kauf nehmen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Michal Hvorecký wurde von der Kulturministerin Martina Šimkovičová (SNS) angezeigt, weil er als Neofaschistin bezeichnet hatte, und musste eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren befürchten. Er wurde freigesprochen.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das konnte man bei Einreichung der Klage nicht absehen. Man muss sich schon auf solche Risiken einlassen. Mich beeindruckt sehr, was da geschieht, wie mutig und engagiert viele Personen aus der Kultur sind. Und auch das Verhalten der Medien ist sehr wichtig. Viele Medien machen nicht nur ihren Job, sondern verstehen sich auch wirklich als Vertreter einer Medienfreiheit und von Demokratie. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Großes Engagement zeigt die Kulturszene. Ich fand eine Stelle in deinem Buch ganz apart. Du beschreibst, dass die Kulturministerin slowakische Kultur, slowakische Volkskunst fördern möchte, dann aber auf Veranstaltungen in der falschen Tracht auftrat. Die slowakische Volkskunstszene unterstützt inzwischen die Opposition.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das erwähne ich gerne in Vorträgen, um auch gegen das Vorurteil anzugehen, dass die Volkskunstszenen grundsätzlich eher antidemokratisch und rechts orientiert wären. Das stimmt für die Slowakei so einfach nicht.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mich beeindruckt das Niveau der slowakischen Medien auch sehr, vor allem, weil der Kern immer sehr deutlich wird: ihr Eintreten für die Demokratie. Das unterscheidet sich meines Erachtens durchaus von vielen Beiträgen der deutschen Medien, in denen oft genug ein bestimmtes Problem angegangen, zerpflückt, auf einen einzigen oft sogar nebensächlichen Punkt reduziert wird, aber die Bedeutung eines Themas für die Demokratie kaum angesprochen wird. Ich möchte meine letzte Bemerkung jetzt nicht als pauschale Kritik an der deutschen Medienlandschaft verstanden wissen, aber ich denke schon, dass daran im Kern etwas dran ist. Andererseits haben die deutschen klassischen Medien eine große demokratische Tradition. So wurde der WDR im Oktober 2026 von der <a href="https://www.demokratie-geschichte.de/karte/">Stiftung „Orte der Demokratiegeschichte“</a> zu Recht als „Ort der Demokratiegeschichte“ ausgezeichnet. Das wird dann schon einmal im Regionalprogramm des WDR gemeldet, spielt aber in der allgemeinen Debatte um die Zukunft unserer Demokratie allenfalls eine randständige Rolle. Warum auch immer.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>In der Slowakei sieht man von Seiten der Medien doch eher das Big Picture. Ich denke insbesondere an das System der öffentlich-rechtlichen Medien. Das wurde in der Slowakei sehr schnell kaputtgemacht, ähnlich wie zuvor in Ungarn oder in Polen. Dagegen wurde. Von vielen Journalist*innen immer wieder deutlich argumentiert, man brauche die Medien für die Demokratie. Eine solche Argumentation fehlt mir hier in Deutschland. Der MDR hat anlässlich der Wahl in Sachsen-Anhalt einmal eine Stunde nicht gesendet, ab und zu auch dazu etwas geschrieben. In meiner Wahrnehmung aber zielten die Argumente doch einfach nur darauf, dass es die ein oder andere Sendung nicht mehr geben könnte, die ein oder andere Lokalberichterstattung, wenn die AfD ihre Ankündigungen wahrmachen würde, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abzuschaffen. Aber es fehlte eine Argumentation, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Kern eine demokratische Institution ist, und auch die, dass gerade die Rundfunkbeiträge hier eine wichtige Rolle spielen. Das wurde nicht gesagt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mich erinnert das Zeigen eines Schwarzbildes etwas an das Kind, das seinen Eltern sagt, es zöge keine Handschuhe an, dann würden die Eltern schon sehen, wie seine Finger erfrieren. Mit einer Trotzhaltung kommt man nicht weiter. Warum spricht man nicht offen die Bedeutung von Meinungs- und Pressefreiheit in der Demokratie an? Das ist doch der Kern!</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Genau das fehlt mir. Darum macht man sich zu wenig Sorge in Deutschland. In der Slowakei ist das anders. Dort ist man viel schneller alarmiert, weil man diese Diskussionen um die Medien schon seit Jahrzehnten immer wieder erlebt. In meinem Buch gibt es ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Der Krieg gegen die Medien“. Darin schreibe ich unter anderem, dass die slowakischen Medien einen „Gegenpol zum sehr spürbaren Prozess der Oligarchisierung“ geschafft haben: „Mit einem breit angelegten Crowdfunding“! Ich zitiere ein Beispiel: „Im Sommer 2025 verkauften drei der ursprünglich fünf Investoren ihre Aktien, und Denník N gehört nun zu 80 Prozent dem Verlag und damit den Redaktionsmitgliedern selbst. Das Modell machte Schule. Bereits 2019 wurde der tschechische Ableger Deník N gegründet, 2022 die ungarische Napunk (‚Unser Tag‘), und 2023 kaufte die tschechische Zeitschrift Respekt sich aus dem Medienunternehmen des Milliardärs Zdenĕk Bakala frei, um dem Vorbild von Denník N zu folgen.“ </em></p>
<h3><strong>Slowakische Existenzfragen </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinem Buch beschreibst du all diese Debatten und Diskussionen, was eigentlich ein Slowake beziehungsweise das slowakische Volk ist beziehungsweise sein soll. Ich denke immer, dass diejenigen, die ihr Selbstbewusstsein aus einer Art Slowakisch-Sein, Russisch-Sein oder Deutsch-Sein ableiten, wahrscheinlich selbst nicht sagen können, was sie damit meinen. Sie sagen eigentlich nur, dass sie anders sind als alle anderen. Was auch immer das heißen mag. In der Slowakei spielt meines Erachtens hier aber auch die eigene Staatlichkeit eine Rolle, die es erst seit 1993 gibt.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Wenn man in Deutschland und auch anderswo in Europa auf die Slowakei schaut, sieht man sie meist als Einheit mit Tschechien. Es gab den gemeinsamen Staat, sie sind auch heute noch eng miteinander verbunden, die Parteien, die Kultur, die Menschen. Die Medien und die Zivilgesellschaft kooperieren miteinander, auch die Rechten. Es gibt zurzeit in Tschechien eine starke Bewegung gegen Windräder. Dabei holen sich die Akteure Unterstützung aus der Slowakei. Diese Nähe ist da. Häufig wird jedoch davon ausgegangen, es gäbe <u>eine</u> tschechisch-slowakische Geschichte. Wenn beispielsweise in Tschechien der Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten im Jahr 1968 ein großes Trauma gewesen sei, müsse das in der Slowakei doch genauso sein. Aber warum gibt es in der Slowakei dann heute diese große Nähe zu Russland? Es gab aber nicht in beiden Ländern die gleiche Wahrnehmung von 1968, es hatte auch nicht die gleichen Auswirkungen. Solche Dinge muss man sich genauer anschauen. Gemeinsame Geschichte bedeutet nicht gleiche Geschichte. </em></p>
<p><em>Eine zweite Ebene betrifft das Thema Identität. Ich hatte es zu Beginn unseres Gesprächs schon angedeutet. Der klassische Weg in die Nation hinein, wie wir ihn aus dem 19. Jahrhundert kennen, sieht – vereinfacht gesprochen – so aus, dass ein paar Eliten, Intellektuelle, Priester, Schriftsteller Bücher schreiben und eine nationale Geschichte erfinden. Dann gibt es politische Parteien, die die Nation gründen. Es gab einige Fälle, wo es so war, aber auch viele Fälle, wo es nicht so war, so eben auch in der Slowakei. Die Slowakei hatte im 20. Jahrhundert bis 1993 keinen „eigenen“ Staat, mit der Ausnahme des 1939 eingerichteten Marionettenstaates von Hitlers Gnaden, an den man sich natürlich nicht so gerne erinnert. Erst 1993 gab es einen souveränen slowakischen Staat, und bis heute sieht man so etwas wie eine nachholende Nationsbildung, die immer noch mit einer gewissen Unsicherheit verbunden ist. Wenn in anderen Staaten über die Zukunft der Wirtschaft, die Position in der Europäischen Union nachgedacht wird, wird dort nicht darüber sinniert, ob es den Staat als solchen in Zukunft noch geben wird. Diese Frage wird jedoch in der Slowakei immer wieder gestellt. Es gibt so eine Art Grundexistenzangst.</em></p>
<p><em>Dazu gehört auch die Frage, wo man hingehört. Es geht um die Frage, ob man Teil der westlichen oder der östlichen Zivilisation ist. Das ist sehr grundlegend. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Irgendwie ist die Slowakei ein Land dazwischen?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Diese Argumentation funktioniert in der politischen Auseinandersetzung jedoch nicht so gut. In den 1990er Jahren hatte der damalige Premierminister </em><em>Vladimír Mečiar so argumentiert, die Slowakei sei eine Art Brücke zwischen West und Ost. Das sieht man heute in der Behauptung Ficos, er mache eine „Außenpolitik in vier Himmelsrichtungen“. Das stimmt so nicht, er macht eindeutig eine Außenpolitik nach Osten</em><em>, sprich: nach Russland. Bei den Liberalen wird eine solche Argumentation, man sei eine Brücke zwischen Ost und West, nicht akzeptiert, denn man wolle doch zum Westen gehören, man wolle demokratisch sein und sich nicht in einen von Russland dominierten Osten hineinziehen lassen. Das ist keine technische Diskussion, da fallen Begriffe wie Kultur und Zivilisation. Da geht es um die Existenz.</em></p>
<h3><strong>Eine diskursive Zerstörung von EU und NATO</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein zentraler Punkt in diesen Debatten ist die Haltung zur Ukraine, die im Grunde eine Debatte über die Haltung zu Russland ist. Die Slowakei hat eine 97 Kilometer lange Grenze zur Ukraine. Zum Vergleich: Polen hat 526 Kilometer, Ungarn 103 Kilometer, Rumänien 169 Kilometer gemeinsame Grenze mit der Ukraine. Die Haltung gegenüber der Ukraine ist in diesen Ländern zumindest ambivalent. Beispielsweise unterstützt man in Polen auch aus Interesse an der eigenen Sicherheit die Ukraine, doch zugleich gibt es große Vorbehalte gegen ukrainische Geflüchtete in Polen, gegen jede weitere Zuwanderung aus der Ukraine, gegen Getreidelieferungen aus der Ukraine. Wie sieht das in der Slowakei aus?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>2022 regierte Fico noch nicht. Die Ukraine wurde nach dem russischen Angriff vom 24. Februar sehr stark unterstützt. Von Seiten der Zivilgesellschaft gab es an der Grenze Hilfsangebote, die vor dem Krieg flüchtenden Menschen aus der Ukraine wurden in der Slowakei willkommen geheißen. Von Seiten der Regierung war die Ukraine eines der Länder, die die Ukraine sehr stark unterstützten. Es wurden Waffen geschickt, auch jede andere Art von Unterstützung. Übrigens profitierte das Land auch, zum Beispiel wenn im Ringtausch Flugzeuge in die Ukraine geschickt wurden, die in der Slowakei nicht mehr genutzt werden konnten, in der Ukraine aber repariert und eingesetzt wurden. Die Slowakei bekam dafür dann Ersatz von Europa. </em></p>
<p><em>Ficos Wahlkampf 2023 bestand jedoch in großen Teilen daraus, dass man das nicht mehr tun wolle. Das hat man auch so umgesetzt, und bis heute wettert er gegen die damalige Regierung, die das Land angeblich wehrlos gemacht habe. Ficos Regierung ist sehr pro-russisch eingestellt. Er war selbst mehrfach in Moskau, ebenso wie manche seiner Parteigenossen. Er spricht immer wieder über den Krieg, er wolle Frieden. Natürlich kritisiert er den Krieg (den er aber niemals als russischen Angriffskrieg beschreibt, sondern als kriegerischen Konflikt, so als seien beide Seiten gleich schuld). Aber eigentlich schuld ist aus seiner Sicht doch die Ukraine, die er als faschistisch bezeichnet, und zunehmend auch die EU. Die Ukraine kommt in seinen Reden immer weniger vor, die EU jedoch immer mehr als eigentlich Schuldige am Krieg, als Provokateure, die die Slowakei in den Krieg hineinziehen wolle. Fico spricht immer davon, die EU wolle, sie fördere den Krieg, provoziere Russland und das arme Russland könne nicht anders.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Brüssel stimmt Fico jedoch anders ab. Im Unterschied zu Orbán blockiert er Hilfen für die Ukraine nicht.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das ist eine interessante Geschichte. Es ist auch eine praktische Frage, die diese Ambivalenz bedingt. Wichtig ist hier natürlich auch die Abhängigkeit von europäischen Geldern – obwohl Fico oft durchaus Ideologie vor pragmatische finanzielle Überlegungen stellt.  Das dürfte aber auch ein Grund sein, warum die Leute, die ihm glauben, beschließen, beim nächsten Mal für Republika zu stimmen, denn die sind konsequent und wollen aus der EU austreten.</em></p>
<p><em>Fico betreibt eine diskursive Zerstörung der EU, zunehmend auch der NATO. Er stellt den </em><a href="https://www.staatsvertraege.de/natov49.htm"><em>Artikel 5 des NATO-Vertrags</em></a><em> in Frage, nicht nur in dem Sinne, dass die Slowakei in einem solchen Fall nicht mitmache. Er bezeichnet den Artikel 5 als gefährlich, als lächerlich. Kürzlich sagte er, wir lassen uns doch nicht wegen „irgendso einem Paragraphen“ in einen Krieg ziehen. Neutralität ist ein Schlagwort, dass immer häufiger auftaucht. Das hat seine Wirkung, vielleicht weniger nach Brüssel als nach Moskau. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das freut Putin, der mit allen Tricks versucht, die EU und die NATO zu spalten.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Ich würde so weit gehen, Fico als ein trojanisches Pferd Putins zu beschreiben. Sabotageakte, wie wir sie zurzeit immer häufiger von russischer Seite erleben, werden ignoriert oder in Frage gestellt. Fico sagt, ob das wirklich Russland war, so genau wüssten wir das doch gar nicht. Auch Aktionen der tschechischen Polizei gegen hybride Bedrohungen wurden sabotiert. Ficos Regierung stellt sich argumentativ und praktisch auf die Seite Russlands. Gleichzeitig verkauft sie Waffen an die Ukraine. Da, wo es Geld gibt, ist es wieder in Ordnung, die Ukraine zu beliefern. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Mich erinnert das Verhalten Ficos sehr stark an das Verhalten von AfD und BSW in Deutschland.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Auf jeden Fall. Wir erleben eine autoritäre Welle, in der sich links und rechts verbinden. Ich würde Fico nicht als „links“ bezeichnen, aber er bezeichnet sich selbst so. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Welche Rolle spielt das sogenannte <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/215193/visegrad-staaten/">Visegrád-Bündnis von Tschechien, Slowakei, Ungarn und Polen</a>?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Das ist eine gute Frage, die auch in der Slowakei immer wieder aufkommt, aber immer wieder offenbleibt. Visegrád hängt natürlich davon ab, welche Regierungen beteiligt sind, und das ändert sich je nach Wahlergebnissen. Bis vor Kurzem hatten wir Orbán und Fico auf der einen Seite, Tusk und Fiala auf der anderen. Jetzt haben wir die Fico und Babiš auf der einen, Tusk und Magyar auf der anderen Seite. Tschechien und Ungarn haben sozusagen die Seiten gewechselt. Grundsätzlich ist der Wunsch schon da, eine regionale Stärke zu entwickeln. Es gibt auch immer wieder die Idee, andere hinzuzunehmen. Fico hätte gerne Serbien – obwohl noch kein EU-Mitglied – mit Vučić dabei, der ebenso wie er sehr russlandfreundlich agiert. Die beiden präsentieren sich übrigens immer wieder als dicke Freunde, Fico betreibt für Vučić aktive Wahlkampfhilfe. Einig sind sich alle vier im Thema Migration, aber inzwischen ist die EU weitgehend auf diese restriktive Linie eingeschwenkt. Ein zweiter Punkt, in dem sie sich einig sind, ist ihre Gegnerschaft zum Green Deal. Das ist schon ideologisch stark aufgeladen: Wir Mitteleuropäer halten zusammen, gegen den bösen Westen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu gehört auch die Illusion, weniger in Polen, aber in den anderen drei Staaten, dass Putin nach einem Ende des Krieges um die Ukraine wieder billiges Öl und billiges Gas liefern werde. Putin wird den Teufel tun, Öl und Gas unterhalb von Weltmarktpreisen zu liefern und deren Niveau wird auf lange Zeit hoch bleiben, zumindest solange die Nachfrage nicht sinkt. Der braucht das Geld für die eigene Wirtschaft, die mehr oder weniger am Boden liegt.</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>:<em> Das ist das Märchen vom billigen Öl und vom billigen Gas, das immer wieder erzählt wird. Das wiederholt Fico ständig und dasselbe Märchen erzählen in Deutschland AfD und BSW. Die hohen Benzinpreise sind natürlich auch in der Slowakei ein großes Thema. Schuld ist natürlich die EU, nicht Trump mit seinem Angriff auf den Iran, und Russland ist die Lösung. </em></p>
<p><em>Erneuerbare Energien hingegen sind ein Tabuthema. Wenn es Ansätze zu einer Änderung in dieser Haltung gibt, wird dies heftig bekämpft. Das sehen wir zurzeit in Tschechien mit der Partei der Motoristen, die an der Regierung beteiligt sind. Der Name sagt schon, worum es dieser Partei geht. Es ist deren Lebensinhalt, gegen erneuerbare Energien vorzugehen, mit welchen Lügen auch immer. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wie geht es weiter?</p>
<p><strong>Martina Winkler</strong>: <em>Es bleibt instabil. Wir haben in der Slowakei demnächst Kommunalwahlen, dann 2027 die Parlamentswahlen. Wir haben oft schon gesehen, dass es in der Slowakei in kurzer Zeit große Veränderungen gab. Dass SMER jetzt bei etwa 16 Prozent liegt, sagt nichts darüber aus, wie das Wahlergebnis aussehen könnte. Ich erwarte einen sehr schmutzigen Wahlkampf, der auch schon angefangen hat. Es wird systematisch gelogen, Fico denkt sich aktiv Dinge aus, vielleicht angebliche Anschlagspläne, die es dann gar nicht gibt. Mit solchen Erfindungen haben SMER, Republika und andere keine Hemmungen. Und Russland wird das unterstützen.</em></p>
<p><em>Es gibt einige kleine Parteien, bei denen noch niemand weiß, was aus ihnen werden wird, von denen die ein oder andere zum Zünglein an der Waage werden könnte. Eine Prognose möchte ich aber nicht wagen. Alles ist möglich, auch weil es – abgesehen von SMER und KDH – nur wenig Parteienbindung, nur wenig Tradition gibt, um eine automatische Stammwählerschaft zu generieren.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 18. Oktober 2026. Titelbild: Demonstration gegen Fico in Bratislava, Foto: Michal Hvorecký.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>A Young Israeli Composer in Bonn</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Oct 2026 07:06:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>A Young Israeli Composer in Bonn Nimrod Rochell about living and studying in Germany and in Israel Since 2024, the Israeli composer Nimrod Rochell lives in Bonn doing his Master of Music in Composition for Film, Games and Media at Musicube Academy in the heart of Bonn. He was born in 1995 in Maryland  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>A Young Israeli Composer in Bonn </strong></h1>
<h2><strong>Nimrod Rochell about living and studying in Germany and in Israel</strong></h2>
<p>Since 2024, the Israeli composer Nimrod Rochell lives in Bonn doing his Master of Music in Composition for Film, Games and Media at <a href="https://www.musicube-academy.de/">Musicube Academy</a> in the heart of Bonn. He was born in 1995 in Maryland (USA), while his parents were studying there music as well. He talks about the different ways of studying music and scoring in Israel and in Germany, about living in Germany and in Israel after October, 7<sup>th</sup>, and compares everyday life in both countries.</p>
<h3><strong>Studying music in Germany</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Why are you studying in Bonn?</p>
<div id="attachment_8591" style="width: 181px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8591" class="wp-image-8591 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-135x300.jpg" alt="" width="171" height="380" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-135x300.jpg 135w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-200x444.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-400x889.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-461x1024.jpg 461w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-600x1333.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-691x1536.jpg 691w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-768x1707.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-800x1778.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-922x2048.jpg 922w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-scaled.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Nimrod-Rochell-Foto-privat-1200x2667.jpg 1200w" sizes="(max-width: 171px) 100vw, 171px" /><p id="caption-attachment-8591" class="wp-caption-text">Nimrod Rochell, private photo.</p></div>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>I studied music for my whole life. I began playing the piano at eight years old. I studied classical piano and switched to jazz piano when I turned 13. Growing up in a musical family, I was very much encouraged or at least not discouraged to presume music. I did my Bachelor’s at the </em><a href="https://jamd.ac.il/en/music"><em>Jerusalem Academy of Music and Dance</em></a><em>. I had a small classroom within the university, not outside it, but it felt a bit isolated compared to the other programs, which had more contact with one another (classical performance, composition for media, jazz performance, etc.). </em></p>
<p><em>I do have a solid foundation in classical composing, it is my main prisma, but I’m very interested in film as well. The thing is, I don’t want to be only a classical composer. So, I wanted to attempt to reach this area in making music or producing sounds in this big sphere of possibilities you can do with film and music. I was interested in any kind of media, of film and mostly animation. But you need more connections to realize this. There is no place in Israel where you have all the connections you have in Europe or in the US. </em></p>
<p><em>So, I was looking for a place where I could study outside of Israel to see a different kind of world and to experience something different, either in the US, either in Europe. I applied to some schools in Europe where I was not successful. Then I found out about a small school here in the surroundings of Bonn. It’s a franchise program run by </em><a href="https://www.musicube-academy.de/"><em>Musicube Academy</em></a><em> in cooperation with </em><a href="https://www.alanus.edu/"><em>Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft</em></a><em>. At the beginning, I thought there is no way I could apply to it because it is most probably in German and I didn’t have time to study the language. I reached out to them and realized that they followed an international approach and the teaching was in English. I applied very quickly while I visited my aunt who have a farm in France. While I was still in Europe, I was accepted. Without knowing anything, I came to Bonn with a Schengen visa and nothing else. Yes, I have to say: It happened to be in Bonn. Last year, I did the preparatory course for my master’s degree. This year, in 2026, I finished the first year of the master and I will finish it in 2027 with the master’s degree. <strong> </strong></em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: What are your plans for the time after?</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>I would like to try to stay here if I can, to work here. It needs to be on solid feet and you must have a steady job in your own profession. But I am pretty sure.</em></p>
<div id="attachment_8592" style="width: 239px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8592" class="wp-image-8592 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Kallatina-Trio-Example-Page-1-©-Nimrod-Rochell-229x300.png" alt="" width="229" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Kallatina-Trio-Example-Page-1-©-Nimrod-Rochell-200x262.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Kallatina-Trio-Example-Page-1-©-Nimrod-Rochell-229x300.png 229w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Kallatina-Trio-Example-Page-1-©-Nimrod-Rochell-400x524.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Kallatina-Trio-Example-Page-1-©-Nimrod-Rochell.png 480w" sizes="(max-width: 229px) 100vw, 229px" /><p id="caption-attachment-8592" class="wp-caption-text">Nimrod Rochell, Kallatina &#8211; Theme and Variations, Trio for Flute, Clarinet and Violoncello, first page. © Nimrod Rochell.</p></div>
<p><em>Actually, I have a small trio which I was able to write a few months ago. It was played in the </em><a href="https://www.bonn.de/vv/produkte/bad-godesberger-sommerfest.php"><em>summer festival in Bad Godesberg</em></a><em>, in a small gallery called </em><a href="https://www.kunstkabinett-moll.de/"><em>Kunstkabinett Stefan Moll</em></a><em>. I met Stefan through an exhibition in a different project I worked before. I was introduced to him and he said to me that I could write a piece as part of the festival. So, I wrote a small trio for clarinet, cello and flute. It was performed in the gallery by wonderful students of the </em><a href="https://www.rsh-duesseldorf.de/"><em>Düsseldorf University of Music</em></a><em>. It was very great. I could talk so much more about it. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Studying music in Israel, studying in Germany – where are the differences?</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>In Germany, school is still subsidized. It is more expensive in Israel than in Europe, but still not in the prices of the US. If you are curious, public universities in Israel cost a little over 3.000 euros for the entire year (I believe around 3.300 euros), which is about 1.650 euros per semester. It is subsidized to 60, 70 percent. It is also getting more expensive every year, about 10, 20, 30 Euros a year. It adds up, slowly but surely.</em></p>
<p><em>But first of all, I would say the main difference is the language, some time it would be the approach to communicate in musical terms. It is the system to give every note a name. In German, it is the alphabet – c, d, e and so on, nearly everywhere else it is the Italian way – do, re, mi …. In Germany, they have a specific word for every note: cis, des, dis, es, fis and so on. That is one big difference. In Israel, we have sometimes terminology in Hebrew, sometimes in the German term, sometimes the international way. If you teach musical theory, it is sometimes just different in the terminology, even sometimes in the methods of teaching. In my degree, class is mostly online. They were supposed not to be only online, but with COVID this became the norm, anyway. Well, It is easier and more flexible. In a Bachelor’s you do have many mixed and broad subjects. What I meant is that a Master’s has far fewer courses and is more concentrated, and in some cases and universities the schedule isn’t full-time like a Bachelor’s. That’s why it’s hard to compare them directly.</em></p>
<p><em>I don’t feel being an outsider in Germany, I’m feeling getting along. I am very happy being in Germany, for several reasons. But in the German university, they don’t lead you by the hand. No one will hold your hand! This means, you are expected to study, to learn by yourself. In universities in Israel or even in the US, they attempt to feed you more with the end of the spoon. So, it is a bit more strict. That is my feeling how I see the differences. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Would you say that there is more freedom in Germany?</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>No, what I am saying is that you might have a kind of more of constructive support if you study in Israel. In Israel, we have a big system of using trainers in university. The professor has an assistant, and many times, you can approach to him to work over the materials, he checks your homework, you always get a lot of feedback. In Germany, you don’t’ always have this tight support.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Do you like the German way?</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>Oh, I guess so. I really haven’t decided so far. What I do right now, is a bit more specialized. The thing which I’m missing is some exchange and support while I’m trying to improve my music producing abilities. You study in your lessons, but it is very expected to do your own self exploration. They say, you have a very good base of writing contemporary music in a way. These days, you don’t write your music on a score, you write it in a piece of software, so you essentially produce and write your music in the box, in the computer, in a software environment. Only, if it is very flashed out, you might write in a score and finalize everything. I work a lot on music producing and you have to play with this work tool. You have to open it, you have to experiment, to fail many times, and it takes time. I really enjoy it, but sometimes it is frustrating, sometimes you feel alone. It is not mathematics where you have a definitive answer to show your work. You have a very large plain with a lot of possibilities and it is really big. We all know that in electronic music and in pop music, you can have such a wide ray of combinations. It is limitless. If you study it, you experiment yourself. It takes time and it is a slow progression. But I like it.</em></p>
<p><strong>Times of war</strong></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In Germany, especially since 2023, October 7<sup>th</sup>, there is an increasing antisemitism. Jewish people, Jewish students are attacked and they are made responsible for the politics of the Israeli government. Being Jewish or being an Israeli citizen has become much more difficult that it has been before.</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>:<em> It depends from where you are living. I have come to Bonn into a very political and international environment. I can imagine it. But I feel quite secure. I was not attacked personally. I do see a lot of political demonstrations, you can see a lot of different movements according to the actual war situation in Palestine and Israel. But in my case, it boils down to a personal approach. We have a little group of friends, we are very mixed, local people, people from the Middle East, all around, and in all honesty, even with the hardships you’re kind enough. If you’re talking about the subject, you would do better if you do gentle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: This seems to be good news.</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>I do think so.</em> <em>I think so, over all, I don’t have any problems, because I don’t have kids who go to school, I think, in a way, I am also sheltered. I heard, it would be trickier in Berlin. I haven’t had the experience. In general, I never felt that I was in any danger. We had sometimes a few not so pleasant conversations with some of my friends. But nothing unpleasant really happened.         </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Other people told me otherwise. But as you said, it may depend from the place where you live in Germany. But what about your family and friends in Israel?</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>When I look backwards, I don’t remember a lot how things developed. Also, I should speculate, because I did not live in Israel most of this time. So, I came to Germany in 2024, ten months after October, 7<sup>th</sup>. Unlike my parents and my friends, I was shielded in a way. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Where does your family live in Israel?</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>My dad lives about 40 minutes away of Tel Aviv, in the south of Israel, in a town called </em><a href="https://101israel.com/yavne-%d7%99%d6%b7%d7%91%d6%b0%d7%a0%d6%b6%d7%94%e2%80%8e/"><em>Yavne</em></a><em>. My mom lives in a small town close to Nazareth. Both of these places were not the hardest zones where you could live. I would say, if you lived in Haifa, you would have a harder time, or if you lived near the border in the South or in the North. I give you an example. My grandparents were living in a kibbutz near the border to Lebanon. They were evacuated for a year and a half. They lived in a hotel close to Tel Aviv. They had to wait a year and a half until they could return. All these times, they were completely not living in their home. They’re pretty old, so, it was not an easy transition. None of my close family or friends were hurt in the war and the conflict. We were really lucky. So, you attempt to forget. Sometimes you think, it wouldn’t happen to me or what are the chances? If I used to go to a party in this area, it could have been me. It is very arbitrary. It can happen to anyone. It hasn’t quite stopped. The war has two fronts, the situation with Iran was a kind of developing after a year. It is always getting a kind of obscure. It is really hard to remember. Sometimes you think that you really don’t remember all the things that happened. It is a kind of the tip of the iceberg. I was shielded from so much. But that is not always the case. I was in touch with some people who were much more effected in the war. It’s something that is useful writing about or reading.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Your mom lives near Nazareth. In this region, there are living a lot of Arab Israeli citizens.</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>Nazareth is a city where a lot of Arabs are living on the slope. The part of the city on the top of the mountain is called Uphill Nazareth (Nazareth Illit</em><em>)</em><em>. By the way, in the year 2019, Nazareth changed its name which is very embarassing. The upper parts are now called Nof HaGalil (View of Galilee). Unsurprisingly, most of the Jewish population live in the upper parts. It is symbolism through and through.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: That’s how to make politics.</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>Always. In Israel, you know, the Westbank is not called the Westbank, but Judea and Samarea. You need to call a child by its name. My mom lives in a small village next to a town close to Nazareth. It is a big valley. You need to have a car. </em></p>
<h3><strong>Everyday life in Israel and in Germany</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Israel is a small country, but it seems to be hard to travel from the north or the south to the center. You said, you needed a car to travel.<strong>  </strong></p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>For me, living in Bonn, and not having to own a car, it is a quite new experience in my life. Public transportation is functioning, even with a few gaps in the night. But you never truly get stucked. You have a lot of disruptions, especially in Bonn and with the Deutsche Bahn, in Cologne as well, but you have to see the bigger picture. It is completely possible to live here, constantly, without a car. It is very hard to express this to people who are local. To them, the public transportation seems extremely awful, but for me it’s paradise. In Israel, you don’t have transportation on weekends, on Shabbat, because of a religious agreement. Here, in Bonn, life is always possible and it is cheaper. It is just more accessible in a way.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: I am very grateful for your remarks on German infrastructure. Actually, nearly everybody thinks, everything in Germany is breaking down. It isn’t. A lot of things need to be repared, but this should be possible in a country as rich as Germany is.</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>It needs some time, perhaps a few decades, but it is possible. In Germany, it is just cheaper than in Israel, food, vegetables, cheese, bread, cream, pasta, fruit, everything. I go to the grocery, to the supermarket and I pay about 20 Euros. For the same things, I would pay about 50 Euros, about 200 Shekel, in Israel. It is not the same conversation in Germany, when people are talking about prices than in Israel. It depends from the currency, the salaries. My comparison is flaw, it is not the same experience. But also, the rent is cheaper in Germany. It is not cheap, but not so expensive as it would be in Israel. I live in a “WG” with three floors and five bedrooms. Each of us pays about 600 Euros a month. That is very cheap.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Germans talking about infrastructure and prices should compare their experiences to the experiences of people in other countries. But considering the lot of foreign students studying in German universities, I think, Germany must be a very attractive country, isn’t it?</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>Yes, it is. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: But what should Germany learn from others? What is better in Israel? There are more start-ups in Israel, I read.</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>That is true. I would like to talk about two things: Digitalization and transparency. It is stressful in Germany, but it is manageable. Start-ups are a good ground for digitalization. I would say, digitalization and transparency are the two sides of the same problem. </em></p>
<p><em>As a foreign student, I give you an example. When you want to extend your visa, you have to apply before it ends. That’s normal. You apply at the Ausländeramt, but it needs four, five, six months up to a year until you receive a response. Your visa expired, you are still protected waiting, but you cannot travel. It is a delicate position and there is no transparency, there is no communication, not by phone, not by e-mail. You have to wait. If you fax to them or send them a letter, you get a much better response, not because you are not nice, but the e-mail is on the bottom of the list. On the other side, they are very nice, they are very professional, very kind, they help you tremendously. My grand parents in Israel had their 65 marriage anniversary! So, I wanted to travel to Israel, but I was going to miss this, always waiting for a response. Then, I had the idea to send them a letter by fax, and I got the response much faster. But I understand, they cannot handle the pressure of so many international students. The bureaucratic infrastructure cannot support so many people. But I would like to add: when you reach the responsible people in their office, they are doing their job very well. The conditions are the problem, not the professionality of the people working there.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Because of bureaucracy?</p>
<p><strong>Nimrod Rochell</strong>: <em>Yes, because of bureaucracy and because of the costs. You do have to have some capital in order to study in Germany, particularly to finance your everyday life. This is not attainable to a lot of people. It depends from the country you are coming from. It is easier when you are coming from an allied country. If your country is not in this list, it is much more difficult. </em></p>
<p><em>I would like to summarize from my point of view. Studying in Germany is reachable, but it is completely a privilege. There are two problems, first of all transparency. There is absolutely no communication to see where you stand. </em><em>The second one is digitalization.  </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung in Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 19. Oktober 2026. Titelbild: We shall dance again &#8211; Pictures of the participants of the Nova party who were murdered and kidnapped by the terrorist organization Hamas on October 7, 2023 are displayed while an artist plays music, at the site of the Nova music festival massacre, in Re&#8217;im, near the Israeli-Gaza border, November 28, 2023. Photo by Yonatan Sindel. Courtesy Jüdisches Museum Frankfurt am Main.)</p>
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		<title>Eine Hommage an die Stadt Halle und ihre Menschen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 17 Oct 2026 05:02:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Hommage an die Stadt Halle und ihre Menschen „Häuser und Gesichter“ von Helga Paris – ein Gespräch mit Jule Schaffer „Und sie wird später berichten, wie sehr ihr Fremde hier entgegenkommen, von ihrer Kamera gesehen werden wollen. Als würden sie wissen, dass diese Fotografin die verschütteten Seinsmöglichkeiten eines Menschen auch in bedürftigen Lebenssituation  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Eine Hommage an die Stadt Halle und ihre Menschen</strong></h1>
<h2><strong>„Häuser und Gesichter“ von Helga Paris – ein Gespräch mit Jule Schaffer</strong></h2>
<p><em>„Und sie wird später berichten, wie sehr ihr Fremde hier entgegenkommen, von ihrer Kamera gesehen werden wollen. Als würden sie wissen, dass diese Fotografin die verschütteten Seinsmöglichkeiten eines Menschen auch in bedürftigen Lebenssituation zu sehen vermag, sie wie Elke Erb es nennt, aus dem Objektsein erlöst.“ </em>(Inka Schube, Poetik des Dokumentarischen – Helga Paris, Fotografin, in: <a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/component/virtuemart/helga-paris-h%C3%A4user-und-gesichter-halle-1983-85-detail?Itemid=208">Häuser und Gesichter Halle 1983-85, Fotografien von Helga Paris – Die Geschichte eines Fotoklassikers</a>, Band 36 der Schriften für das <a href="https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/">Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)</a>, herausgegeben von Christian Philipsen u.a., Mitteldeutscher Verlag, 2026)</p>
<div id="attachment_8576" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8576" class="size-medium wp-image-8576" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-400x597.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-600x895.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-687x1024.jpg 687w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-768x1145.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-800x1193.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-1030x1536.jpg 1030w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1-1200x1790.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/09_paris-helga_selbstportrait_c_estate-helga-paris-1.jpg 1341w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-8576" class="wp-caption-text">Helga Paris: Selbstportrait, während ihrer Arbeit an der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85 © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p>Die Fotografin Helga Paris wurde am 21. Mai 1938 in Gollnow geboren, heute Goleniów in Polen, sie starb am 5. Februar 2024 in Berlin-Prenzlauer Berg. Im Sommer 2026 zeigte das Kunstmuseum Moritzburg Halle alle 101 Bilder der Serie „Häuser und Gesichter. Halle 1983—85“ von Helga Paris. Jule Schaffer hat diese Ausstellung kuratiert. Sie ist Kustodin der <a href="https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/forschung-sammlungen/die-sammlungen/fotografie/">Sammlung Fotografie am Kunstmuseum Moritzburg</a> in Halle (Saale). Sie arbeitete zuvor einige Jahre bei der <a href="https://photographie-stiftungkultur.de/">Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur</a> in Köln. Die noch zu DDR-Zeiten gegründete Fotosammlung des Kunstmuseum Moritzburg beherbergt neben dem Archiv des Fotografen Hans Finsler viele Schätze der Fotografie aus der DDR, darunter etwa Sibylle Bergemann, Tina Bara, Evelyn Richter, Manfred Paul und Ulrich Wüst, um nur einige zu nennen.</p>
<p>„Häuser und Gesichter“ ist nicht nur Titel einer Fotoserie, sondern auch Programm eines Fotografierens, das Häuser, Plätze, Straßen und Gesichter, Städte und die in ihnen lebenden Menschen lebendig werden lässt, so wie sie eben sind. Menschen und Städte werden in den Fotografien von Helga Paris nahbar. Die Fotografien zeigen das Gesicht einer Stadt, die trotz architektonischem Verfall – wie der Maler, Drucker, Graphiker, Graphikdesigner und Bühnenbildner <a href="https://www.dnt-weimar.de/de/ueber-uns/ensemble-detail.php?PID=1367">Helmut Brade</a> (*1937) schrieb – sehr <em>„photogen“ </em>war und ist. Er sieht <em>„die schönsten Graus der Welt. Überall ist Zeichnung und Struktur, nirgends eine glatte Fläche. Welcher Reichtum, welche Eigenart.“</em></p>
<p>Zugleich bieten die Fotografien von Helga Paris einen spannenden und höchst differenzierten Einblick in die Alltagsgeschichte der DDR. Helga Paris arbeitete schon in früheren Projekten mit diesem Ziel, beispielsweise in den Serien „Müllfahrer“, „Möbelträger“, „Berliner Eckkneipen“, „Frauen im Bekleidungswerk VEB Treffmodelle“. Ihre Tochter Jenny pflegt in Berlin das <a href="https://helga-paris.de/">Helga-Paris-Archiv</a>, das zu Entdeckungsreisen in eine gar nicht so ferne Zeit einlädt. Halle an der Saale hat sich in den letzten 40 Jahren erheblich verändert, aber gerade angesichts dieser Veränderungen ist die Ausstellung „Häuser und Gesichter – Halle 1983-85“ eine Hommage an die Stadt und ihre Menschen.</p>
<h3><strong>Die wechselvolle Geschichte eines Ausstellungsprojekts</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die von Ihnen kuratierte Ausstellung „Helga Paris. Häuser und Gesichter – Halle 1983-85“ wird ausgesprochen gut besucht. Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg wünscht in seinem Vorwort: <em>„Möge das Buch allen Hallenser*innen helfen, mit Stolz und Liebe auf ihre Stadt zu schauen und dies ihren Gästen zu vermitteln.“ </em>Und dies scheint zu gelingen.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Auf jeden Fall. Es war von der Fotografin so intendiert und auch von uns. Die Bilder sind in Halle und für die Hallenserinnen und Hallenser etwas Besonderes. Sie zeigen Orte, an die sich viele Leute noch aus ihrer Kindheit erinnern. Sie spiegeln aber auch eine Zeit, an die sich andere nicht erinnern können, weil sie damals noch nicht geboren waren oder nicht in Halle lebten. Es ist daher aus doppelter Hinsicht interessant. Schon der Name Helga Paris hat einen besonderen Klang. Die Bilder waren lange Zeit nicht zu sehen, in Halle seit über 20 Jahren nicht mehr. Es ist eine Geschichte, die für die Menschen in Halle eine eigene persönliche Geschichte ist, aber auch paradigmatisch für die 1980er Jahre der DDR steht und insofern international interessant ist.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nicht alle liebten die Bilder. Die wechselvolle Editions- und Rezeptionsgeschichte der Bilder war auch eine Akzeptanzgeschichte.</p>
<div id="attachment_8581" style="width: 211px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8581" class="size-medium wp-image-8581" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-200x298.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-400x596.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-600x895.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-687x1024.jpg 687w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-768x1145.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-800x1193.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-1030x1536.jpg 1030w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-1200x1789.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-1374x2048.jpg 1374w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/01_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00265-11_c_estate-helga-paris-scaled.jpg 1717w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-8581" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, 32,6 x 22 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Inventar Nr. mosph00265, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass / Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Die Bilder entstanden aus einer Idee, als sich Helga Paris mit dem Fotografenkreis um </em><a href="http://arnofischer.com/"><em>Arno Fischer</em></a><em> und </em><a href="https://sibyllebergemann.com/de"><em>Sibylle Bergemann</em></a><em> getroffen hatte. Eigentlich hatte Arno Fischer das Projekt angestoßen, als er vorschlug, die DDR einmal so zu fotografieren wie es die </em><a href="https://www.loc.gov/collections/fsa-owi-black-and-white-negatives/about-this-collection/"><em>Farm Security</em> A<em>dministration</em></a><em> (FSA) in den 1920er Jahren in den USA mit einem sozialdokumentarischen Blick getan hatte. Helga Paris fand die Idee inspirierend und sagte, sie nehme Halle. Aber warum Halle? In Halle hatte ihre Tochter Jenny damals eine Ausbildung als Goldschmiedin begonnen. Helga Paris wohnte in Berlin, aber hielt sich wegen ihrer Tochter in den Jahren 1983 bis 1985 immer wieder längere Zeit in Halle auf. Sie kannte Halle auch schon über Helmut Brade, mit dem sie befreundet war und der im Folgenden eine wichtige Rolle spielte.</em></p>
<p><em>Die Bilder sollten 1986 in der Galerie des Verbandes Bildender Künstler ausgestellt werden. Dazu kam es nicht, obwohl der Katalog schon gedruckt war und die Bilder schon fertig zur Hängung in der Galerie standen. Stein des Anstoßes war der kleine Katalog mit dem Titel „Häuser und Gesichter. Halle 1983-85 – Fotografien von Helga Paris“. Dieser Katalog war schon zwei Wochen vor Ausstellungsbeginn fertig und machte in der Künstlerschaft die Runde. Plötzlich war man sich nicht sicher, ob das vermittelte Bild der Stadt mit ihrem architektonischen Verfall nicht zu Ärger führen würde. Sicherheitshalber wollte man sich den Katalog doch noch einmal offiziell freigeben lassen. Er landete auf dem Schreibtisch eines Parteifunktionärs der Bezirksleitung der SED, der wiederum Günther Kuhbach, den Leiter der Abteilung Kultur beim Rat des Bezirks Halle, involvierte. Damit setzte sich eine Bewertungsmaschinerie in Gang, und am Ende des Prozesses stand ein Ausstellungsverbot.</em></p>
<p><em>Es folgten diverse Gespräche zwischen Günter Gnauck, dem Leiter der Bezirksabteilung Halle des Verbands Bildender Künstler der DDR, der die Bilder in seiner Galerie ausstellen wollte, und Günther Kuhbach. Kuhbach fragte, ob der Verband erklären könne, warum solche Bilder, die doch sehr grau seien, ausgestellt werden sollten. Implizit vermutete man Kritik an der Städtebaupolitik der DDR, dabei war das in keinster Weise das Ansinnen der Künstlerin. Günther Gnauck argumentierte, die Bilder seien eigentlich eine Liebeserklärung einer Berlinerin an die Stadt Halle. Doch es half nichts, die Bilder konnten im Sommer 1986 nicht ausgestellt werden. Sicherlich war ein Grund auch die 1025-Jahrfeier der Stadt Halle, zu der viele externe Gäste erwartet wurden.</em></p>
<p><em>1987 gab es mehrere Versuche, die Bilder doch noch auszustellen. Helmut Brade hatte den Katalog überarbeitet. Dazu gibt es eine sehr schöne Anekdote. Er hatte in dem ursprünglichen Vorwort geschrieben: „Die Stadt ist grau, die Luft schwer, der Fluss dunkel.“ Bei der Überarbeitung macht er daraus: „Die Stadt ist zuweilen grau, die Luft manchmal schwer, der Fluss etwas dunkel.“ Eine minimalistische, fast schon störrische Überarbeitung. Es fiel noch ein weiterer Satz weg und einige Bilder sollten dazukommen. Der zweite Katalogentwurf wurde im Hintergrund erneut bewertet. Im Endeffekt ging er jedoch nicht durch. Es gab keinen Neudruck. </em></p>
<p><em>Die Bilder sollten einmal im Frühjahr 1987, dann noch etwas später ausgestellt werden. Das klappte beides nicht, kollidierte beispielsweise zum zweiten Termin mit den Händel-Festspielen. Auch ein dritter Versuch im Juli 1987 scheiterte, weil mit dem Verbot des überarbeiteten Katalogs auch die Ausstellung kippte. Im Sommer 1987 gibt es nach insgesamt vier Versuchen, die Bilder zu zeigen, also wieder de facto ein Verbot. Helga Paris ist empört, sie wendet sich an den Verbandspräsidenten Willi Sitte, der sich wiederum an den Ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung wandte, Hans-Georg Böhme. Es ist anzunehmen, dass Böhme final die Entscheidung traf, die Bilder nicht zu zeigen. In öffentlichen Verlautbarungen kursierte jedoch die Formulierung, „die Stadtväter“ hätten die Ausstellung unterbunden. Es wollte wohl niemand die Verantwortung übernehmen. Wir haben auch Dokumente im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gefunden, das in die Vorgänge eingebunden war. Es war informiert, es gab Berichte über die gesamte Situation. Das ganze Vorgehen stieß seitens der Künstlerschaft auf sehr viel Unverständnis und führte zu einem großen Vertrauensverlust zwischen dem Verband Bildender Künstler und der Abteilung Kultur des Rates des Bezirkes Halle. </em></p>
<p><em>Im Mai 1989 hatte Helga Paris dann eine kleine Ausstellung mit ihren Fotografien aus New York in der Burg-Galerie auf dem Boulevard (heute Leipziger Straße) in Halle. Auf dem Plakat, mit dem für diese Ausstellung geworben wurde, war ein Zitat von ihr abgedruckt: „Ich habe New York fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land — Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise in Halle fotografiert.“ Damit variiert sie einen Satz, den sie fünf Jahre zuvor ihren Halle-Bildern vorangestellt hatte: „Ich habe Halle fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land — Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise in Rom fotografiert.“ Für alle, die die turbulente Ausstellungshistorie der Bilder kannten, war das ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl. Dieser Wink führt vermutlich auch dazu, dass die Staatliche Galerie Moritzburg im Mai 1989 die 101 Fotografien aus Halle ankaufen kann. Man muss sich das vorstellen: Das Museum kauft noch zu DDR-Zeiten mit staatlichen Geldern die Fotos einer verbotenen Ausstellung! Das ist der Grund, warum wir heute die Abzüge dieser Bilder haben und sie zeigen können. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sind in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, als es in der DDR schon erheblich gärte. Die SED-Führung verlor zunehmend den Kontakt und die Kontrolle. Anders wären auch die <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/290562/wahlbetrug-1989-als-die-ddr-regierung-ihre-glaubwuerdigkeit-verlor/">Fälschungen bei der Wahl vom 7. Mai 1989</a> nicht erklärbar gewesen.</p>
<div id="attachment_8577" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8577" class="size-medium wp-image-8577" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-400x276.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-600x414.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-768x530.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-800x552.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-1024x707.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-1200x829.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_goebel-konstanze_grosse-wallstrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00060-1536x1061.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8577" class="wp-caption-text">Konstanze Göbel: Große Wallstraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel.</p></div>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Es gärte, ja. Im Herbst 1989 waren in der Burg-Galerie Bilder der Fotografin Konstanze Göbel zu sehen. Diese Fotografien sind sogar zum Teil radikaler als die von Helga Paris. Sie zeigen den Abriss ganzer Straßenzeilen, an denen Menschen vorbeieilen. Wir werden gleich noch darüber sprechen, wie es zu diesen Bildern kam. In den Zeitungen finden wir Kommentare, dass es der politischen Umbruchsituation geschuldet sei, dass die Bilder von Konstanze Göbel überhaupt gezeigt werden können. Im Herbst 1989, mitten im politischen Umbruch, ist dann die Lage auch so, dass man wieder plant, die Fotografien von Helga Paris auszustellen. Am 16. Januar 1990 ist die Ausstellung „Häuser und Gesichter“ schließlich endlich in der Galerie Marktschlösschen zu sehen. Es ist wie ein Paukenschlag. Innerhalb von wenigen Wochen besuchen über 16.000 Menschen die Ausstellung. Das ist wahnsinnig viel. Und wenn man sich die Rezensionen in der Presse anschaut, sieht man, dass sehr viel darüber geschrieben wurde, <strong>dass</strong> die Bilder gezeigt werden, mehr als darüber, was auf den Bildern zu sehen ist. Der Akt des Zeigens steht für die Freiheit, etwas sehen zu können, das der Staat den Blicken zuvor entzogen hatte!</em></p>
<p><em>1991 erscheint die Publikation „Diva in Grau“. Jörg Kowalski und Dagmar Winklhofer geben im Mitteldeutschen Verlag eine Auswahl der Fotografien aus der Halle-Serie von Helga Paris heraus, kombiniert mit Texten von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die eine besondere Verbindung zu Halle haben. Der Titel „Diva in Grau“ stammt von dem Schriftsteller </em><a href="https://www.literaturport.de/lexikon/detlef-opitz/"><em>Detlev Opitz</em></a><em> (*1956) und wird in der Folge geradezu zum Synonym der Bilder von Helga Paris. Wenn jemand „Diva in Grau“ sagt, wissen im Grunde alle, welche Bilder gemeint sind. Eigentlich ist es nicht der Ursprungstitel der Serie, aber es ist eine Art Chiffre, sowohl für die Bilder, als auch für die Stadt. Die Publikation ist sehr schnell ausverkauft, es gibt eine zweite und eine dritte Auflage, 2006 eine weitere Auflage. Die fünfte Auflage in der dritten Gestaltungsversion erscheint 2024, </em><a href="https://www.antenneac.de/artikel/kunstpreis-des-fotografie-forums-posthum-an-helga-paris-2105269"><em>als Helga Paris posthum, am 22. September 2024, den Fotografiepreis der Städteregion Aachen bekommt</em></a><em>. Das Buch hat ein eigenes Kultleben und ist jetzt schon wieder ausverkauft. Man bekommt es nur noch antiquarisch. </em></p>
<p><em>Wir haben das Format unseres Ausstellungskataloges an das Format von „Diva in Grau“ angepasst, aber wir zeigen das erste Mal <u>alle</u> 101 Bilder der Serie und haben den kleinen Katalog von 1986, der Stein des Anstoßes war, als Book in Book auf das Cover gesetzt, um auch visuell die vergangenen 40 Jahre zu verklammern. Diesen Sommer zeigen wir Helga Paris im Kunstmuseum Moritzburg, aber auch Konstanze Göbel im Literaturhaus in Halle. Wir haben das Programm mit der zeitgenössischen Position von Reiner Leist abgerundet, der ein </em><a href="https://www.kunstmuseum-moritzburg.de/museum-ausstellungen/sonderausstellungen/reiner-leist-halle-360/"><em>360-Grad-Panorama auf dem Marktplatz von Halle</em></a><em> gemacht hat. Das Stadtmuseum hat sich mit einer fotografischen Ausstellung von </em><a href="https://www.reinhardhentze-photography.de/vita.html"><em>Reinhard Hentze</em></a><em> angeschlossen, sodass wir im Sommer 2026 einen ganzen Fotosommer mit fotografischen Positionen zur Stadt Halle gestalten konnten. </em></p>
<h3><strong>Porträts einer Stadt</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Wir sehen auf den Bildern Häuser, Straßenzüge, Menschen. Ich schlage vor, dass wir uns zunächst die Bilder anschauen, in denen die Stadt Halle mit ihren Plätzen, Straßen und Häusern die Hauptperson ist. Anschließend werden wir uns den Menschen widmen, die Helga Paris fotografiert hat.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Wir sehen Aufnahmen von Straßenzügen, in der Art eines Panoramas, Porträts von Menschen und Porträts von Häusern. Helga Paris hatte die Serie „Häuser und Gesichter“ als subjektives, atmosphärisch wirkendes Stadtbild angelegt. Sie wollte zeigen, wie sie die Stadt erlebte und sie wollte mit einem offenen Blick auf die Menschen zugehen, die sie fotografierte. Das sieht man ihren Bildern an. Aber man sieht auch – und das ist das Hauptproblem –, dass die Altbauten in Halle mittlerweile doch sehr verfallen waren. Halle sah in den 1980er Jahren aus wie eine Stadt kurz nach einem Krieg.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Bei Oppositionellen kursierte der sarkastische Satz: <em>„Ruinen schaffen ohne Waffen“</em>. <em> </em>Im Zweiten Weltkrieg war in Halle relativ wenig zerstört worden.</p>
<div id="attachment_8573" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8573" class="size-medium wp-image-8573" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-400x266.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-600x399.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-768x511.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-800x532.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-1024x681.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-1200x798.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00311_c_estate-helga-paris-1536x1022.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8573" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Die Altbauten verfielen durch die fehlenden Sanierungsmaßnahmen der DDR-Führung. Dieser Verfall, diese Zerstörung zeigt sich auf den Bildern, auch bei Häusern, die eigentlich denkmalgeschützt sind. Man sieht beispielsweise ein solitäres Haus am Saalekanal mit offenem Dachstuhl an der Klausbrücke. Fotografisch ein sehr atmosphärisches Bild. Schaut man aus baulicher Perspektive, wird jedoch klar, das Haus verfällt von innen. Ist es einmal verfallen, kann man es abreißen, obwohl es denkmalgeschützt ist. Und ein solches Vorgehen gehörte durchaus zur Strategie der Stadtregierung, da man keine finanziellen Rücklagen hatte, um alle Häuser zu sanieren. Der Verfall war politisch gewollt, weil man – so ließe sich vereinfacht sagen – das Alte zerstören musste, um etwas Neues bauen zu können. Es gab entsprechende Bebauungspläne, man wollte neue Wohnungen, auch in der Innenstadt von Halle, bauen, in denen die Toilette nicht mehr auf dem Gang war und es nicht durchs Dach tropfte – aus städtebaulicher Perspektive sicherlich nachvollziehbar. Diese atmosphärischen Fotos konnten also – ungewollt – von der Stadtführung auch als Affront, als Kritik verstanden werden. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Titelbild dieser Dokumentation unseres Gesprächs zeigt meines Erachtens sehr schön die Widersprüche der Bebauungssituation in Halle. In der Mitte sieht man ein verfallendes altes Fachwerkhaus, das ausschaut, als würde es in den nächsten Minuten zusammenbrechen. Links sieht man den Rohbau eines Neubaus, eine Platte, wie wir sie aus vielen Stadtteilen in der DDR und im Westen kennen, die so konzipiert waren, dass man möglichst schnell möglichst viele Wohnungen schaffen konnte.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Das Haus in der Mitte ist das Graseweghaus, ein Haus, das sogar in der DDR mehrfach saniert wurde, da es denkmalgeschützt war. Das Haus ist für die Stadtgeschichte wichtig. Der Architekt Wulf Brandtstetter hat dafür gesorgt, dass es erhalten blieb. Es ist die Gegend um den Markt herum. Man sieht auf der rechten Seite die beiden Türme der Marktkirche und im Hintergrund den roten Turm. Das Bild ist in seiner Geschichte interessant. Nachdem der Katalog verboten wurde, mussten sehr viele Leute, die in den Prozess involviert waren, eine Stellungnahme abgeben. In einer Stellungnahme befindet sich auch dieses Bild und es heißt, dieses Bild zeige eine Umbruchsituation, in der etwas Neues entstehe. Wenn wir uns das Bild heute anschauen, sehen wir einen doch noch sehr schwierigen Zustand des Graseweghauses. Dieses steht durchaus symbolisch für den Zustand der Altstadt von Halle.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <a href="https://verliebtinhalle.de/location/graseweghaus">Im Internet zeigt das heutige Stadtmarketing schöne Bilder, wie das Haus heute ausschaut</a>. Dieses Bild war aber nicht der Grund dafür, dass die Ausstellung verboten wurde.</p>
<div id="attachment_8572" style="width: 211px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8572" class="size-medium wp-image-8572" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-200x299.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-400x597.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-600x896.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-686x1024.jpg 686w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-768x1146.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-800x1194.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-1029x1536.jpg 1029w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-1200x1791.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-1372x2048.jpg 1372w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/07_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00340_c_estate-helga-paris-scaled.jpg 1715w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-8572" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), , Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Wenn man sich das Bild eines Hauses an der Klausbrücke anschaut, versteht man, welchen Nerv Helga Paris getroffen hat. Man muss wissen, dass die Ausstellung vom 24. Juni bis zum 17. Juli 1986 in der Galerie „Am Marktschlösschen“ gezeigt werden sollte, einer Galerie des Verbandes. Marktplatz und Boulevard waren schon relativ schick gemacht worden, denn es sollte zum selben Zeitpunkt die 1025-Jahrfeier zum Bestehen der Stadt Halle stattfinden. Zu diesem Anlass erwartete man auch viele internationale Gäste in der Stadt. Wenn man sich vorstellt, dass diese Bilder, wie beispielsweise das Bild von der Klausbrücke, oder auch andere Bilder wie das Händeldenkmal auf dem Markt im dicken Dunst, von internationalen Gästen gesehen werden konnten, war dies problematisch, weil sie den Blick auf die schwierige architektonische Situation in der Stadt lenkten. Der dicke Dunst rührt daher, dass überall in der Stadt – wie auch überall in der DDR – mit Braunkohle geheizt wurde, auch in den Geschäften. Auf dem Bild ist kein atmosphärischer Nebel zu sehen, sondern ein die Lungen schädigender Braunkohlenebel, der sich über die Stadt legte, gerade in den Herbst- und Wintermonaten. Wir haben auch das Industriegebiet Buna-Leuna in der Nähe. Es gab Schaumkronen auf den Flüssen. Jenny Paris beschreibt den krassen Phenolgeruch, der über der Stadt lag. Die Luft war gelbschweflig. Das sieht man auf dem Bild mit dem Händeldenkmal.</em></p>
<p><em>Solche Bilder führten im Grunde auch das Versagen der Stadtoberen vor Augen. Wenn heute vor allem ältere Leute durch die Ausstellung gehen, höre ich sie sagen: „genauso wars“.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie sehen das Bild nicht nur, ich denke, sie riechen es auch. Ich gestehe, es geht sogar mir so. Ich komme aus dem Westen, aber den Geruch, den ich 1990 bei meinen ersten Besuchen im Osten, jenseits von Ost-Berlin, auch in Halle, in der Nase hatte, wurde ich nicht mehr los. Heute ist Halle eine wunderbare Stadt. Ihr Katalog enthält auch einen Stadtplan, mit dem man alle fotografierten Häuser finden kann, um zu sehen, wie sie heute ausschauen.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Alles was bei Helga Paris grau ist, ist heute frisch saniert. Manche sagen auch totsaniert. Es ist eine sehr lebenswerte, sehr grüne Stadt geworden. Gerade wenn man die Stadt heute im Abgleich mit den Bildern der 1980er Jahre sieht, müsste man eigentlich merken, was sich alles zum Positiven gewendet hat, wie die Lebensqualität in der Stadt gestiegen ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist wichtig, dass wir das auch immer wieder sagen. Es ist wirklich sehr viel getan worden. Vielleicht darf ich auf eine Kuriosität hinweisen, die so kurios gar nicht ist: In seinem Buch <a href="https://www.kiwi-verlag.de/buch/monchi-jenseits-der-brandmauer-9783462055306">„Jenseits der Brandmauer“</a> weist <a href="https://www.feinesahnefischfilet.de/">Jan „Monchi“ Gorkow</a> darauf hin, dass <a href="https://www.andreas-dresen.de/Willkommen.html">Andreas Dresen</a> für bestimmte Aufnahmen in seinem Film <a href="https://www.gundermann-derfilm.de/">„Gundermann“</a> ins Ruhrgebiet ausweichen musste, weil er in Ostdeutschland keine passenden Stadtteile mehr fand.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Das kann ich mir vorstellen. Es hat sich hier im Osten seit 1990 wahnsinnig viel getan. Das wird oft vergessen und gehört aber zur Erzählung dazu. Wenn man die Bilder von Helga Paris in Halle zeigt, wird das im direkten Abgleich mit der Stadt besonders deutlich.</em></p>
<h3><strong>Konstanze Göbel – (k)ein Konstrastprogramm</strong></h3>
<div id="attachment_8585" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8585" class="size-medium wp-image-8585" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-300x208.jpg" alt="" width="300" height="208" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-200x139.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-300x208.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-400x277.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-600x416.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-768x533.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-800x555.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-1024x710.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-1200x832.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1987_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00026-1536x1066.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8585" class="wp-caption-text">Konstanze Göbel: Geiststraße, 1987, aus der Serie: Halle im Umbruch, 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die SED-Bezirksleitung hat nicht nur befunden, dass die Bilder von Helga Paris nicht ausgestellt werden durften. Sie hat zudem eine Art Gegenauftrag an <a href="https://literaturhaus-halle.de/events/vernissage-der-ausstellung-konstanze-goebel-halle-im-umbruch-1987-1989/">Konstanze Göbel</a> vergeben. Sie zeigen in der Ausstellung der Bilder von Helga Paris auch Bilder von Konstanze Göbel. Wo liegt der Unterschied?</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Man muss genauer differenzieren, was passiert ist. Im Sommer 1986 wurde der erste Ausstellungstermin der Bilder von Helga Paris von den „Stadtvätern“ verboten. Maßgeblich war – wie gesagt – Günther Kuhbach. Er war das ausführende Organ für diverse Haltungen von Seiten der SED-Bezirksleitung, des Oberbürgermeisters, des Stadtarchitekten. Kuhbach hat mit sehr vielen verschiedenen Leuten gesprochen. Und das schlägt sich in einer Formulierung nieder: Es ist die Rede von „den Stadtvätern“, hinter denen sich einzelne Verantwortliche verstecken konnten. Dem Verband wurde nahegelegt, „die Ausstellung auf Empfehlung der Stadtväter“ nicht zu zeigen. Zunächst sollte die Ausstellung jedoch nur verschoben werden. Man suchte auch das Gespräch mit Helga Paris. Sie war sehr empört, sagte auch, dass sie von überall aus der DDR Anfragen bekommen habe, welch feindliche Bilder sie gemacht hätte. Sie ist aber vor allem auch darüber empört, dass nicht einmal die Porträts gezeigt werden dürfen. Die porträtierten Menschen hätten ihr ihr Vertrauen geschenkt, und sie findet es absolut beschämend, diese Bilder nicht zu zeigen. </em></p>
<p><em>Ende 1986 geschehen zwei Dinge: Zum einen spricht Günther Kuhbach erneut mit Helga Paris und deutet an, wenn sie möchte, könnte man die Ausstellung vielleicht mit einem erweiterten Katalog ein Jahr später zeigen. Dass und warum es nicht dazu kam, habe ich eben schon erzählt. Es passierte jedoch auch noch etwas anderes: Günther Kuhbach folgt einem Vorschlag von Helmut Brade, der zu dieser Zeit ein bekannter Plakatgestalter in Halle ist, Mitglied im Verband Bildender Künstler und mit Helga Paris befreundet. Er hatte den Katalog gestaltet, brachte aber noch eine andere Sache mit ins Spiel. Er sagte, dass der gesamte architektonische Umbruchprozess in der Stadt, also von alt zu neu, künstlerisch-dokumentarisch begleitet werden müsste, zum einen mit der Ausstellung von Helga Paris, zum anderen vielleicht mit einem ergänzenden anderen Projekt. Günther Kuhbach verbietet mit der einen Hand die Ausstellung der Bilder von Helga Paris. Mit der anderen Hand geht er auf den Verband Bildender Künstler zu und schlägt vor, einen weiteren Auftrag zur fotografischen Dokumentation zu vergeben. Helmut Brade stimmt zu, er kenne eine junge Fotografin, Konstanze Göbel. </em></p>
<p><em>Konstanze Göbel wurde am 3. August 1950 in Leipzig geboren, sie war Mitglied im Verband Bildender Künstler in der Sektion Gebrauchsgraphik. Sie wohnte damals in Halle, hatte mehrere Kinder. Günther Kuhbach kommt mit Konstanze Göbel ins Gespräch. Gewünscht wird, dass eine Fotodokumentation die gesamte Umbruchsituation in Halle von 1987 bis 1989 aufnehmen solle. Konstanze Göbel soll mit einem Fokus auf das Positive fotografieren, das Neue zeigen, die sozialistische Rekonstruktion des Stadtkerns, und wo es möglich sei, Altes und Neues miteinander verschmelzen und die Gestaltung neuer Bauten in einem guten Licht darstellen. Konstanze Göbel nimmt den Antrag an, macht aber etwas sehr Geschicktes. Sie erbittet einen monatlichen Zuschuss, um arbeiten zu können. Diese Bitte wird zunächst abgelehnt. Sie ist schon im Gehen begriffen, Günther Kuhbach ruft sie zurück und stimmt dann doch zu. Zudem gelingt es ihr, in den beiden Jahren keine einzige Arbeitsprobe einzureichen. Sie sagt, sie wolle nur etwas Fertiges einreichen, keine halben Sachen, und verschiebt den Abgabetermin immer weiter. Ein grandioser Schachzug.</em></p>
<div id="attachment_8584" style="width: 310px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8584" class="size-medium wp-image-8584" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-300x204.jpg" alt="" width="300" height="204" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-200x136.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-300x204.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-400x272.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-600x407.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-768x522.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-800x543.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-1024x695.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-1200x815.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/05_goebel-konstanze_geiststrasse_serie-halle-im-umbruch-1987-1989_1988_kunstmuseum-moritzburg_c_konstanze-goebel_lgsph00045-1-1536x1043.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8584" class="wp-caption-text">Konstanze Göbel: Geiststraße, 1988, aus der Serie: Halle im Umbruch. 1987–1989, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Eigentum des Landes Sachsen-Anhalt; Landesverwaltungsamt, Dokumentationsstelle Kunst, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Konstanze Göbel</p></div>
<p><em>Konstanze Göbel fotografiert also ebenfalls in Halle. Sozialistisch sind ihre Fotografien jedoch nicht. Wie sie das macht, ist vielmehr sehr radikal und wirkt auch viel radikaler als die Bilder von Helga Paris. Sie fotografiert zu einem Zeitpunkt, zu dem viel mehr Abriss in der Stadt stattfindet. Das Reep-Optik-Haus auf diesem Bild war ein sehr wichtiges Haus in Halle an der Ecke Moritzburgring / Geiststraße. Das Reep-Optik-Haus sollte nach Wunsch der Stadtbevölkerung erhalten bleiben. Es gab Proteste. Das passt nicht in die Abrisspläne der Stadt und tatsächlich wird es dann an einem frühen Morgen, als gerade keine Protestbewegung vor Ort ist, abgerissen. Wir sehen auf dem Bild den offenen Dachstuhl von außen. Es gibt auch ein Bild, in dem Konstanze Göbel die Innenansicht des Hauses zeigt, also von innen auf die Kreuzung fotografiert. Sie erweist sich selbst als Dokumentaristin der Stadt und zugleich als Bewohnerin der Stadt, die direkt von all diesen Maßnahmen, dem Verlust der historischen Substanz, der Identität der Stadt betroffen ist. Nur am Rande: Unser Katalog zu den Bildern von Konstanze Göbel war schon zur Halbzeit der Ausstellung ausverkauft.</em></p>
<h3><strong>Die Porträtkünstlerin Helga Paris</strong></h3>
<div id="attachment_8570" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8570" class="wp-image-8570 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-300x201.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-400x269.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-600x403.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-768x516.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-800x537.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-1024x687.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-1200x806.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/04_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00302_c_estate-helga-paris-1536x1031.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8570" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Die Fotografin Helga Paris war Autodidaktin. Inka Schube hat in Ihrem schönen Katalog beschrieben, dass sich Helga Paris an Filmen des italienischen Neorealismo der 1950er und 1960er Jahre orientierte, an Vittorio de Sica, dem jungen Visconti, den frühen Filmen von Fellini oder auch Pasolini. In diesen Filmen sehen wir – in schwarz-weiß – ähnliche Landschaften wie in den Bildern von Helga Paris. Ein zweites Vorbild sei Francis Bacon (1909-1992) gewesen. Darüber habe ich mich zunächst gewundert, aber auf der anderen Seite wurde mir schnell klar, dass die Art und Weise, wie Bacon Menschen künstlerisch sezierte, durchaus der Art und Weise entspricht, wie Helga Paris die Gebäude und Straßen der Stadt Halle seziert. Allerdings begleitet sie die Menschen, die sie fotografiert, eher liebevoll. Das würde ich von der Art und Weise, wie Bacon Menschen malt, eher nicht sagen wollen.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Helga Paris ist eine Fotografin, die eigentlich über die Kunst, das Kino und das Theater zur Fotografie kam. Sie hat keine klassische fotografische Ausbildung gemacht, auch nicht Fotografie an der HGB, der </em><a href="https://www.hgb-leipzig.de/"><em>Hochschule für Grafik und Buchkunst</em></a><em>, in Leipzig studiert. Sie war in Gollnow geboren, flüchtete im Kindesalter mit ihrer Mutter gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nach Zossen, wo sie dann aufgewachsen ist, war also – wie man das in der DDR nannte – eine „Umsiedlerin“. Sie wächst in einem Haushalt auf, der von starken Frauenpersönlichkeiten geprägt war. Eine ihrer Tanten fotografierte. Helga geht jedoch einen anderen Weg und beginnt ein Studium zur Textilgestaltung in Berlin, arbeitet anschließend als Kostümbildnerin im Theater. Sie lernt den Maler </em><a href="http://www.ronaldparis.de/"><em>Ronald Paris</em></a><em>, ihren späteren Ehemann kennen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich erlaube mir die Anmerkung, dass sich in der Motivwahl und der Art der Darstellung der Bilder von Ronald und der Fotografien von Helga Paris eine Menge Parallelen finden, vielleicht auch Einflüsse. Hier kommen wir dem Vorbild – wenn man es so nennen möchte – Francis Bacon auch schon näher.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>In jedem Fall liegen ihre künstlerischen Vorbilder eher in der Kunst als in der klassischen Fotografie. Francis Bacon fasziniert sie, weil er etwas darstellt, das eher im Inneren stattfindet, nicht die äußere Hülle dokumentarisch erfasst, sondern das, was darunter liegt, in seinen Bildern Ausdruck verleiht. </em></p>
<div id="attachment_8578" style="width: 211px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8578" class="size-medium wp-image-8578" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-201x300.jpg" alt="" width="201" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-200x299.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-201x300.jpg 201w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-400x597.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-600x896.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-686x1024.jpg 686w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-768x1147.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-800x1194.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-1029x1536.jpg 1029w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-1200x1792.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-1372x2048.jpg 1372w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/03_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00280_c_estate-helga-paris-scaled.jpg 1715w" sizes="(max-width: 201px) 100vw, 201px" /><p id="caption-attachment-8578" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale),  Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><em>Gleichzeitig wird für sie das italienische Kino relevant. Das hat Inka Schube in der Einleitung zum Katalog sehr schön herausgearbeitet. Ich darf erwähnen, dass Inka Schube eine sehr versierte Kennerin des Werks von Helga Paris ist. Sie hat schon 2004 </em><a href="https://www.kulturstiftung-des-bundes.de/de/projekte/detail/helga_paris_fotografien_1974_2004.html"><em>eine große Publikation über Helga Paris herausgegeben</em></a><em>. </em></p>
<p><em>Helga Paris beginnt zu fotografieren, als ihre Kinder geboren werden und sie deren Alltag dokumentiert. Das macht sie aber in einer Art und Weise, die von Anfang an eine gewisse Atmosphäre mit einem sehr offenen Blick einfängt, auch mit den Menschen im Umfeld. Ein befreundeter Regisseur sagt ihr, sie solle sich der Fotografie näher widmen. Und das tut sie. Sie fotografiert immer mehr und erarbeitet sich die Grundlagen in einem kleinen Labor in Berlin. Sie wird relativ schnell Mitglied im Verband Bildender Künstler und erhält so eine Steuernummer, was die Voraussetzung ist, um frei auf Rechnung arbeiten zu können. Sie ist in der Berliner Kunst- und Fotografieszene sehr vernetzt.</em></p>
<p><em>Aus meiner Sicht zeigt sich in ihrer Arbeit, dass sie nicht eine bestimmte Tradition verfolgt oder sich selbst in eine solche einordnet, sondern sich ganz stark aus einem künstlerischen Verständnis, der Malerei, dem Kino speist. Es geht ihr um die offene Begegnung, sie will zeigen, was unter der Oberfläche liegt. Es gibt einen sehr schönen Brief von ihr an Christa Wolf, in dem sie schreibt, dass sie sehr von </em><a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/maxie-wander/"><em>Maxie Wanders Buch „Guten Morgen du Schöne“</em></a><em> fasziniert ist, das erstmals im Jahr 1977 erschien und bis heute zahlreiche Auflagen verzeichnete. Maxie Wander hatte in diesem Buch Interviews mit verschiedenen Frauen aufgezeichnet. Helga Paris dachte, es müsse doch auch mit der Fotografie möglich sein, eine solche Fülle von Leben abzubilden. Das ist ihr meines Erachtens auch in ihren Porträts gelungen. Sie gibt viel Leben mit, das die Menschen ihr zeigen. Es liegt natürlich auch in unseren Augen, wenn wir die Bilder betrachten, welche Geschichten wir daraus ableiten. Ihre Porträts sind schon sehr besondere fotografische Bilder.</em></p>
<p><em>Sie fotografierte viel in ihrem Milieu, ihrem Wohnumfeld. Sie hat in Berlin beispielsweise Müllwerker und in Berliner Eckkneipen fotografiert. Interessanterweise zeigt sich das Sujet auch in ihren Fotografien aus Halle. In diesem Bild sehen wir vier Müllwerker aus Halle. Diese Halle-Serie ist sicherlich nicht zuletzt durch die Verbotsgeschichte eine ihrer bekanntesten Serien geworden, auch durch die Publikation „Diva in Grau“, die sicherlich bekannteste Publikation ihrer Bilder.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist schade, dass man diese Publikation nur noch antiquarisch zu – ich sage es einmal so – Mondpreisen erhält. Aber wir sind jetzt bei dem zweiten Themenbereich der Bilder gelandet, den Porträts, die aber in der Verbotsgeschichte keine Rolle spielten. Meines Erachtens verbindet sich da aber auch etwas sehr schön, die Häuser und Straßen der Stadt und die Menschen, die dort leben.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Es verbindet sich die Frage, wie die Menschen die Stadt gestalten, mit der Frage, wie die Stadt die Menschen prägt. Diese wechselseitigen Einflüsse machen die Qualität der Fotografien von Helga Paris aus. Sie begegnet den Menschen mit einem offenen Blick und bietet ihnen eine Bühne. So entsteht tatsächlich eine gemeinsame Hommage an die Stadt und die Menschen. Gerade das Bild mit den vier Müllwerkern ist eines meiner Lieblingsbilder. Sie stehen da wie aus einem Hollywood-Western entsprungen, wie in einer kurzen Drehpause, ganz entspannt mit ihren Zigaretten. Allen Menschen, die Helga Paris zeigt, gibt sie eine große Würde. Sie diffamiert niemanden, im Gegenteil, sie versucht den ganzen Menschen zu zeigen, auch hinter der Maske, die ja doch viele tragen. </em></p>
<p><em>Helga Paris sagt selbst, dass es ihr gar nicht so leichtgefallen ist, auf Menschen zuzugehen und sie darum zu bitten, sich fotografieren zu lassen. Sie sagt, dass sie in einer guten Verfassung sein musste, um diesen Schritt zu wagen. Sie hat immer versucht, einen Moment abzupassen, in dem die Leute nicht darüber nachdachten, wie sie sich präsentieren wollten, den kurzen Moment vor der zu bewussten Selbstinszenierung. </em></p>
<p><em>Ihre Tochter Jenny hat mir erzählt, dass dieses Bild entweder direkt, unmittelbar bei der Begegnung, entstand, oder dass erst ein längeres Gespräch stattfand, in dessen Verlauf man gar nicht mehr merkte, dass man fotografiert wurde. Beides sind Fähigkeiten, die Helga Paris auszeichnen. </em></p>
<div id="attachment_8569" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8569" class="size-medium wp-image-8569" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-300x201.jpg" alt="" width="300" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-300x201.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-400x268.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-600x402.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-768x515.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-800x536.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-1024x686.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-1200x804.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/02_paris-helga_serie-haeuser-und-gesichter_halle-1983–85_kunstmuseum-moritzburg_mosph00305_c_estate-helga-paris-1536x1029.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8569" class="wp-caption-text">Helga Paris: aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris.</p></div>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Dazu passt vielleicht das Titelbild des Katalogs.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Das ist eine junge Frau, von der wir nicht wissen, wer sie ist. Sie ist vor der Marktkirche in Halle fotografiert worden, die links zu sehen ist. Das Bild war auch tatsächlich das Cover des kleinen Katalogs von 1986, der das Verbotsverfahren ausgelöst hatte. Wir haben uns entschieden, dass wir das Cover von 1986 auch auf den Katalog von 2026 setzen, um so die Geschichte der 40 Jahre zu dokumentieren. Der kleine Katalog von 1986 hat auch historisch eine besondere Bedeutung. Er ist kaum noch irgendwo zu bekommen, allenfalls antiquarisch. Der Katalog wurde 1986 in einer Auflage von 1.000 Stück produziert. Es gibt ein Gerücht, dass die Restauflage, als der Rat den Katalog eingezogen hatte, zerstört worden wäre. Dieses Gerücht stimmt nicht. Die Restauflage wurde nicht zerstört. Als dann die Ausstellung im Jahr 1990 zu sehen war, wurden die Kataloge vom Rat des Bezirks wieder freigegeben. Es gab sogar einen unveränderten Nachdruck. Die beiden Kataloge unterscheiden sich nur dadurch, dass der von 1990 einen Klappumschlag hat und der Verlagsort ein anderer ist. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das Titelbild des Katalogs ist meines Erachtens ein sehr typisches Bild aus den Arbeiten von Helga Paris. Die junge Frau entfernt sich völlig in der Art, wie sie sich zeigt, aus der Umgebung, in der sie sich befindet. Ein wenig schaut es aus, als habe sie sich für die Fotografien zurechtgemacht, gehöre aber eigentlich gar nicht in das Ambiente. Ich schließe das aus der Art, wie sie sich frisiert und geschminkt hat, mit Schleife im Haar. Sie signalisiert viel Zuversicht. Vielleicht träumt sie, einmal eine berühmte Hollywood-Schauspielerin zu werden, und schaut einfach nur in eine ihrer möglichen Zukünfte, die ihr im Augenblick des Fotografierens aber real erscheinen. Vielleicht war sie im wirklichen Leben eine Verkäuferin oder arbeitete in einem Kindergarten? Wir wissen es nicht und es ist schade, dass sich diese Frau nicht gemeldet hat, als Sie die Ausstellung beworben haben. Aber wahrscheinlich weiß sie gar nichts davon, weil sie schon lange nicht mehr in Halle lebt. Heute wären solche Fotografien aus rechtlichen Gründen kaum noch möglich.<em>  </em></p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>:<em> Helga Paris hat sich oft notiert, wer die fotografierten Personen sind, hier wissen wir es jedoch nicht. Während der Ausstellung kamen manche Personen selbst oder Menschen, die sie kannten, als ehemalige Schulfreunde zum Beispiel, und erzählten uns, wer auf dem Bild zu sehen war. Das ist für uns natürlich sehr interessant, aber wir wissen es nur bei wenigen Leuten sicher genug, um es auch öffentlich zu kommunizieren. Zumal es für das Konzept der Serie nicht relevant ist, da es nicht um die einzelnen Identitäten der Personen geht, sondern um die Gesamtwahrnehmung einer Stadt und ihrer Menschen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Sie haben mit Jenny Paris (*1964), der Tochter von Helga Paris, gesprochen. Jenny Paris arbeitet als Schmuckdesignerin. Das Gespräch mit Jenny Paris hat eine meines Erachtens sehr treffende Überschrift: „Wir selbst sind die Stadt“. Es offenbart all die ambivalenten Gefühle, die wir auch bei anderen Menschen, gleichviel aus welcher Perspektive, zu der Welt der 1980er Jahre in der DDR finden.</p>
<p><strong>Jule Schaffer</strong>: <em>Jenny Paris lebt jetzt in der Wohnung ihrer Mutter im Prenzlauer Berg. Sie pflegt und verwaltet das Archiv der Bilder. Sie sagte in unserem Gespräch, dass das Leben in den 1980er Jahren in Halle nicht leicht gewesen sei: „Damals in meiner Lehrzeit, drückte Halle sehr auf meine Seele. Meine Erfahrung der Einsamkeit wurde verstärkt durch die Umweltbelastung – diese Braunkohle, diesen Geruch, die Verwahrlosung der Stadt…“. Gleichzeitig spricht sie davon, dass es leicht war, in der „Kunstszene in Halle“ Freundschaften zu knüpfen, es war eine „familiäre Atmosphäre“. Wir haben in Halle eine Kunstgewerbeschule, die </em><a href="https://www.burg-halle.de/"><em>Burg Giebichenstein</em></a><em>. Wir haben auch mit der Staatlichen Galerie Moritzburg, heute Kunstmuseum Moritzburg, ein staatliches Kunstmuseum. Es gab in den 1980er Jahren eine sehr lebendige Kunstszene, die aber klein genug war, um eben familiär zu sein. Das spiegelt sich auch in der städtischen Szene. Jenny Paris sagte, man musste nur in die Gose gehen, eine Kultkneipe, da kannte man eigentlich alle. Sie war damals sehr jung und die Kunstszene gab ihr einen Anker. Das war anders als in Berlin, wo man dazugehören musste. In Halle waren die Menschen in ihrer Wahrnehmung sehr offen. All das spiegelt sich in den Bildern ihrer Mutter. Sie sind somit beides. Ein Zeitzeugnis, aber auch die individuelle, seismographische Wahrnehmung einer Künstlerin, die einer Stadt und ihren Menschen genauso offen begegnete, wie sie ihr.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Oktober 2026. Titelbild: Helga Paris, aus der Serie: Häuser und Gesichter. Halle 1983–85, Silbergelatine/Vintage Print, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt © Nachlass/Estate Helga Paris. Der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt gilt der herzliche Dank dafür, dass die Bilder in diesem Beitrag gezeigt werden dürfen.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Die Partei hat immer recht</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 Oct 2026 06:49:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die Partei hat immer recht Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung über die SED im Alltag der DDR „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“ Anfang der 1970er Jahre geisterte eine neue Losung durch die Medien der DDR: „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“ Das war die Aufforderung an alle SED-Mitglieder, stets  [...]</p>
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<h1><strong>Die Partei hat immer recht</strong></h1>
<h2><strong>Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung über die SED im Alltag der DDR</strong></h2>
<p><em>„Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“</em></p>
<p>Anfang der 1970er Jahre geisterte eine neue Losung durch die Medien der DDR: <em>„Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.“</em> Das war die Aufforderung an alle SED-Mitglieder, stets als Genosse aufzutreten – am Arbeitsplatz, im Wohngebiet, in der Freizeit, in den Elternvertretungen der Schulen und selbst in der Familie. An die <em>„Nicht-Genossen“</em>, diesen Begriff gab es tatsächlich im Sprachgebrauch der DDR, war der Slogan teils Angebot zu einem vertrauensvollen Miteinander, teils Drohung, dass die wachsamen Genossen alles im Blick und natürlich auch im Griff haben. Die SED sollte kein unpersönlicher Machtapparat sein, sondern durch die Allgegenwart ihrer Mitgliederschaft mitten im Leben stehen.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-8559 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-600x849.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-723x1024.jpg 723w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-768x1087.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-800x1133.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-1085x1536.jpg 1085w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-1200x1699.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-1447x2048.jpg 1447w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/StA_Die-Partei-hat-immer-recht_DIN-A1_preview_251217_Seite_01-scaled.jpg 1808w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" />Die Losungen kamen und gingen. Der Anspruch auf Dominanz aller gesellschaftlichen Bereiche aber zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte der SED. Deswegen war es auch die Grundidee der <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/ausstellungen/die-sed-im-alltag-der-ddr">Plakatausstellung „Die Partei hat immer recht“</a>, weniger die Geschichte und die Strukturen der SED in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Frage, wie sich die Macht der Partei im Alltag manifestierte.</p>
<h3><strong>Macht und Alltag</strong></h3>
<p>Die Parteigeschichte und die Mechanismen der Machtausübung sind ausführlich beschrieben worden. Es gibt zu diesen Themen Quelleneditionen, akademische Einzelstudien, biographische Handbücher und Autobiographien. Dennoch ist es für Außenstehende und Nachgeborene oft schwer nachvollziehbar, welch dominante Rolle die Partei im Alltag und im Leben der einzelnen Bürger spielte. So ist es beispielsweise schwierig zu verstehen, wie schwerwiegend die Entscheidung war, in die SED einzutreten oder eben auch nicht einzutreten. Mit Parteien in anderen politischen Systemen ist das nicht ohne weiteres gleichzusetzen, schon gar nicht mit Parteien in einem pluralistischen und demokratischen System. Ebenso schwer ist es, die mythische Aura zu erklären, mit der sich die Partei umgeben hat und die sich in Liedern manifestiert, wie die im Ausstellungstitel zitierte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=iWJb_Y35O5A&amp;list=RDiWJb_Y35O5A&amp;start_radio=1">Parteihymne von Louis Fürnberg und Hans Eisler</a>.</p>
<p>Einige Grundthesen lohnt es sich vielleicht noch einmal in die Debatte einzubringen, zumal gegenwärtig eine totale Verharmlosung, sogar Verklärung des SED-Staates um sich greift. Selbst die heute mancherorts zu hörende Redensart, die herrschende angebliche Unterdrückung der Meinungsfreiheit und die Einseitigkeit der politischen Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Medien würden an die DDR erinnern, ist dem Wesen nach eine Verharmlosung des SED-Staates und ihrer allgegenwärtigen Partei.</p>
<p>Die DDR wird oft als SED-Diktatur oder als SED-Staat definiert. Das war angesichts der führenden Rolle der Partei, die ja sogar im Artikel 1 des ersten Kapitels der <a href="https://www.verfassungen.de/ddr/verf68.htm">Verfassung der DDR von 1968</a> festgeschrieben war, auf keinen Fall falsch. Doch spielten mehrere andere Machtfaktoren eine wichtige Rolle: Der Staatsapparat mitsamt der Justiz, Polizei, Militär, auch die so genannten Blockparteien und Massenorganisationen und nicht zuletzt die Stasi waren wichtige Träger des Systems.</p>
<p>Doch die SED war in der Tat viel stärker im Alltag sichtbar als die anderen Säulen der Macht. Die anderen, so wichtig sie waren, agierten im Dunklen oder fernab der Lebenswirklichkeit der Normalbürger. Das betraf insbesondere das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), die so genannte Stasi. Niemand wusste, was sie eigentlich trieb, und die es wussten, schwiegen. Die Nationale Volksarmee (NVA) führte mit ihren Berufssoldaten und Offizieren in den Kasernen ein Eigenleben. Wer den Wehrdienst hinter sich gebracht hatte, schüttelte sich wie ein nasser Pudel und vergaß die groteske Welt des Militärs. Die Angehörigen der Volkspolizei (VP) wurden eher als Witzfiguren wahrgenommen. Jedenfalls konnte man ganze Abende mit Polizistenwitzen bestreiten. Die Massenorganisationen und Blockparteien waren im Alltagsleben präsent, aber völlig machtlos.</p>
<p>Die SED dagegen war allgegenwärtig, allwissend und allmächtig. Sie entschied früh über Laufbahnen und berufliche Chancen. In den Betrieben und wissenschaftlichen Instituten wurden alle Entscheidungen von den zuständigen Parteileitungen bestimmt oder zumindest abgesegnet. Die Parteigremien hatten bei allen Kaderfragen, das heißt bei Personalentscheidungen, das erste und das letzte Wort. Das gleiche galt für die Programme der Theater, Filmstudios, Zeitungsredaktionen und Verlage. Vom Politbüro bis hinunter in die kleinste Abteilungs- oder Betriebsparteiorganisation funktionierte eine Doppelstruktur aus Partei und staatlicher beziehungsweise militärischer Leitung. In der Regel waren die staatlichen Leiter in Betrieben und Institutionen Mitglied der Parteileitung. So bildeten Staat und Partei ein festes Amalgam. Die oberste Loyalität der bewaffneten Organe galt ohnehin der Partei. Das MfS sah sich als <em>„Schild und Schwert der Partei“</em>. Auch die NVA war eine Armee der Polizei. Faktisch alle Offiziere waren Mitglieder der SED, obwohl das nirgendwo festgeschrieben war. Doch formal war der Generalsekretär der SED als Vorsitzender des Verteidigungsrates der Oberkommandierende aller Streitkräfte. Auch auf Bezirksebene hatte der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung die Befehlsgewalt über alle bewaffneten Formationen des Staats.</p>
<p>Die Funktionsweise dieser totalen Macht lässt sich als eine Art heiliger Dreieinigkeit aus Ideologie, Macht und Privilegierung beschreiben. In dieser Kombination war die Macht der Partei so standfest wie ein dreibeiniger Tisch, der nicht wackelt, so uneben der Untergrund auch sein mag. Daraus folgte aber auch, dass der Zusammenbruch den Gesetzen der Statik zufolge unausweichlich war, sobald eine der Stützen wegbrach.</p>
<h3><strong>Der ideologische Kanon</strong></h3>
<div id="attachment_8560" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8560" class="size-medium wp-image-8560" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-300x238.jpg" alt="" width="300" height="238" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-200x159.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-300x238.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-400x317.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-600x476.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-768x609.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-800x634.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-1024x812.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-1200x951.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-EBW-PH-1336183-1536x1218.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8560" class="wp-caption-text">Das Schlusswort auf dem Bezirksparteitag der SED im Palast der Republik hielt das Mitglied des Politbüros und 1. Sekretär der Bezirksleitung Berlin, Horst Dohlus. Im Präsidium Erhard Krack, Günter Schabowski. © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p><em>„Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist“</em> schrieb Wladimir Iljitsch Lenin der Theoretiker und Führer der russischen Oktoberrevolution, in seiner Schrift „Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“ (W.I. Lenin, Werke, Bd.19, Berlin (DDR) 1977).</p>
<p>Auf diesen simplen Zirkelschluss war die gesamte Philosophie des Marxismus-Leninismus aufgebaut. Die Werke der Klassiker Karl Marx, Friedrich Engels und W.I. Lenin hatten kanonischen Rang. Obwohl Marx in einem innerfamiliären Fragespiegel den Spruch <em>„De omnibus dubitandum“</em> (An allem ist zu zweifeln) als sein Lieblingsmotto angegeben hatte, durfte an seinen Theorien nicht gezweifelt werden. Jedenfalls hatten es die herrschenden kommunistischen Parteien nach ihrer Machtergreifung so verfügt. Allerdings drehten und wendeten sie die Thesen der Klassiker nach Bedarf und kehrte manche Zitate oder sogar ganze Schriften unter den Teppich wohlmeinenden Vergessens. Das galt für die herabwürdigenden <a href="https://schmetterling-verlag.de/produkt/marx-gegen-moskau/">Äußerungen von Marx über Russland</a> ebenso wie für seine antisemitischen Tiraden.</p>
<p>Für den Erhalt der reinen Lehre war die oberste Parteiführung zuständig. Dazu verfügte sie über eigene Institutionen, wie das Institut für Marxismus-Leninismus (IML) die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und die Parteihochschule nebst Bezirks- und Kreisparteischulen.</p>
<p>Diese Einrichtungen sorgten sich um die Schulung der Parteikader, wachten aber auch über die gesamte politisch-ideologische Schulung der Bevölkerung. Diese begann spätestens in der Schule und der Pionierorganisation. In den höheren Klassen kam das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde hinzu. Das war ein reines Bekenntnisfach. Gute Zensuren gab es allein für die Wiedergabe vorgekauter Phrasen. Parallel liefen ähnliche Veranstaltungen im Rahmen der Jugendstunden, die auf die Jugendweihe vorbereiteten, sowie bei der FDJ. Alle Mitglieder der Einheitsjugendorganisation waren gehalten, in einer mündlichen Prüfung das <em>„Abzeichen für gutes Wissen“</em> abzulegen. Für die vorgestanzten Antworten gab ein kleines Abzeichen mit dem Bildnis von Karl Marx in Gold, Silber und Bronze.</p>
<p>Dem Fassungsvermögen der Soldaten und ihrer Politoffiziere entsprechend wiederholten sich die gleichen Abläufe im Rahmen des Politunterrichts der Nationalen Volksarmee. Einmal im Monat kämpften die Soldaten nicht auf dem virtuellen Gefechtsfeld gegen den angenommenen Gegner, sondern gegen den Schlaf.</p>
<p>An den Universitäten und Hochschulen war es üblich, eine Woche vor Semesterbeginn eine Woche Politbelehrungen zu veranstalten. <em>„Rotlichtbestrahlung“ </em>knurrten die Studenten, aber sie ertrugen geduldig das Wiederkäuen bekannter Parolen. Wichtig war, nicht unangenehm aufzufallen und dadurch den Studienplatz zu riskieren. Damit nicht genug fand während des zweijährigen Grundstudiums wöchentlich eine Vorlesung und ein Seminar im Fach Marxismus-Leninismus statt. Zu diesem Zwecke verfügten die höheren Bildungseinrichtungen über eine eigene Sektion Marxismus-Leninismus (M-L). Dort hatten sich die ideologischen Sittenwächter breit gemacht, die man im Alltag <em>„scharfe Hunde“</em> nannte. Solche <em>„Hundertfünfigprozentigen“</em> gab es auch anderswo, doch viele Fachwissenschaftler gingen über die ideologischen Verrenkungen dezent hinweg. Die Anwesenheit bei den Lehrveranstaltungen der Sektion M-L wurde streng kontrolliert und am Schluss standen eine schriftliche Arbeit und eine mündliche Prüfung. Die M-L-Note in diesem Fach stand auf dem Hochschuldiplom ganz oben. Die gute ideologische Führung war neben den fachlichen Leistungen wichtig für die Zuweisung von Arbeitsstellen, die durch eine so genannte Absolventenkommission vorgenommen wurde, in der natürlich die SED-Parteileitung Sitz und Stimme hatte.</p>
<h3><strong>Parteigeheimnisse</strong></h3>
<div id="attachment_8561" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8561" class="size-medium wp-image-8561" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-300x195.jpg" alt="" width="300" height="195" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-200x130.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-300x195.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-400x260.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-600x391.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-768x500.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-800x521.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-1024x666.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-1200x781.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-88-0501-POL-Maidemo-04-1536x1000.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8561" class="wp-caption-text">Berlin (Bezirk Berlin) DDR, 1. Mai 1988. Ein massives Aufgebot von Sicherungskräften der DDR sorgte für einen ungestörten Ablauf der offiziellen Kampfdemonstration zu den Maifeiern. Stundenlang nahmen der Staats- und Parteichef und das Politbüro nebst Gästen den Vorbeimarsch und die Huldigungen der Werktätigen ab. Copyright by: Klaus Mehner, © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>Macht ist immer mit dem Geheimnis verbunden. Dazu gehören die Intransparenz und Willkür der obrigkeitlichen Entscheidungen für die Betroffenen. Das steht nur scheinbar im Gegensatz zu der geschildeten alltäglichen Präsenz der Partei. Auch über Kollegen, die nicht in der SED waren, wurde in der Parteileitung verhandelt und über ihr berufliches Fortkommen entschieden. Das konnte negativ oder positiv ausgehen. In keinem Fall wurden die Betroffenen informiert. Sie konnten bestenfalls an den Reaktionen ablesen, wie die Entscheidung gefallen war. Auch die staatlichen Kaderakte war für Mitarbeiter nicht einsehbar, dafür war sie für die Stasi jederzeit offen.</p>
<p>Diese Undurchschaubarkeit durchzog das gesamte Parteileben von ganz oben bis ganz unten. Die konspirativen Traditionen der Kommunistischen Partei mögen hier eine Rolle gespielt haben, vielleicht auch die Erinnerung an die frühen Jahre der DDR, als manche Funktionäre meinten, eines Tages vielleicht wieder in die Illegalität gehen zu müssen. Jedenfalls gebärdeten sich die Apparate von Staat und Partei in ihrem eigenen Land wie eine Untergrundorganisation. Obwohl die SED Berge von Akten produzierte, gibt es von den Tagungen ihres obersten Gremiums – dem Politbüro des Zentralkomitees (ZK) – keine aussagefähigen Dokumente. In ihrem Archiv finden sich lediglich Vorlagen und sogenannte Beschlussprotokolle, die in wenigen dürren Worten die Anwesenheit sowie die Tagesordnungspunkte und Entscheidungen vermerken. Aus ihnen gehen weder der Prozess der Entscheidungsfindung noch das Abstimmungsverhalten hervor. Das ist kein Zufall. Der Widerwille, die eigenen Handlungen nachvollziehbar zu machen, war bei der SED-Führung so ausgeprägt wie bei einem Gangstersyndikat.</p>
<p>Die Geheimhaltung durchzog die gesamte Partei bis hinunter in die Grundorganisationen. <em>„Parteiinterne Vorgänge&#8220;</em> gegenüber Nichtmitgliedern zu offenbaren, galt als eines der schwersten Vergehen, dessen man sich schuldig machen konnte. Sämtliches Schriftgut, einschließlich unbeschriebener Kopfbögen, galt als streng vertraulich. Versammlungen wurden in der Regel nicht öffentlich angekündigt, und die Zusammensetzung von Parteileitungen erfuhr der Kollege nur unter der Hand, obwohl sie doch auch über sein Wohl und Wehe entschieden. Intern grenzte die SED die Informationsstränge streng gegeneinander ab. Wenn eine Parteiversammlung einen Spezialisten oder Angehörigen eines übergeordneten Gremiums eingeladen hatte, um über <em>„interne Vorgänge&#8220;</em> zu informieren, fiel irgendwann die obligate Bemerkung: <em>„Genossen, das können wir hier unter uns ganz offen aussprechen&#8220;</em>. Dann kamen ein paar Angaben oder Tatsachen zum Vorschein, die <em>„nicht in der Zeitung standen&#8220;</em>. Obwohl es sich dabei in der Regel um Dinge handelte, die ohnehin die Spatzen von den Dächern pfiffen, schwiegen die Anwesenden voller Ehrfurcht über soviel Wissen und Vertrauen. Den Höhepunkt bildete schließlich der Moment, wenn der Referent sagte: <em>„Genossen, ich bitte euch, das nicht mitzuschreiben“</em>. Es war das sicherste Mittel, dass sich die vertrauliche Nachricht schon am nächsten Tag wie ein Lauffeuer im Kollegenkreis verbreitete.</p>
<h3><strong>Privilegierung, Belohnung und Bestrafung</strong></h3>
<div id="attachment_8562" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8562" class="wp-image-8562 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-300x202.jpg" alt="" width="300" height="202" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-300x202.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-400x269.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-600x403.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-768x516.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-800x538.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-1024x688.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-1200x806.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Sieghard-Liebe-01048-1536x1032.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8562" class="wp-caption-text">Foto: Sieghard Liebe, © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>Der ewige Mangel an Waren und Dienstleistungen aller Art, das Schlangestehen, die Beziehungswirtschaft, undurchschaubare Bestellsysteme, Wartelisten und die in den letzten Jahren wachsende Schattenwirtschaft waren in der DDR ein unerschöpfliches Thema. Dies bewegte die Menschen weit mehr als die politische und geistige Unfreiheit.  Natürlich taten Staat und Partei alles, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, konnte doch der Unmut über die schlechte Versorgung schnell in offenen Aufruhr umschlagen. Der 17. Juni 1953 schwebte wie ein Menetekel über dem SED-Staat. Man bemühte sich die Vorgänge vergessen zu machen, doch frischten Ereignisse in den sozialistischen Bruderstaaten, zum Beispiel die Erinnerung von Zeit zu Zeit auf, in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968 oder in Polen immer wieder und besonders 1980/81.</p>
<p>Doch bei allen Widrigkeiten war die dysfunktionale Ökonomie auch eine Funktionsweise der Machtausübung. Zum einen absorbierte die permanente <em>„Rumrennerei“</em> nach knappen Waren und das Warten auf staatliche Leistungen viel menschliche Energie. Umgekehrt lenkten auch die Feierabendbrigaden und teils halblegalen, teils kriminellen Selbsthilfeaktionen von anderen Aktivitäten ab.</p>
<p>Viel wichtiger aber war ein fein ziseliertes und fast unsichtbares System von Belohnung und Bestrafung. Belohnt wurde die kritiklose Hinnahme der Verhältnisse, jeder Widerspruch wurde bestraft. Im DDR-System wurden die Weichen in Richtung einer höheren Laufbahn früh gestellt und es war später sehr schwer, das Gleis zu wechseln. Nur etwa zehn bis zwölf Prozent der Schüler der achten Klasse hatten die Chance, von der zehnklassigen Polytechnischen Oberschule (POS) nach der achten bzw. zehnten Klasse zur zwölfklassigen Erweiterten Oberschule (EOS) zu wechseln und mit dem Abitur die Hochschulreife zu erwerben. Bei dieser Selektion spielten natürlich gute Zensuren eine wichtige Rolle. Fast ebenso wichtig war die Mitgliedschaft der Eltern in der SED. Formal gesehen sollten Arbeiter- und Bauernkinder bevorzugt werden. Um nicht die eigene Anhängerschaft sozial zu benachteiligen, rechnete man alle Funktionäre der SED und Angehörige der bewaffneten Organe als Arbeiter. Diese frühe Auswahl bezüglich der beruflichen Chancen richtete sich gegen Kinder aus christlichem Hause oder selbstständige Gewerbetreibende, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/handwerk-hat-goldenen-boden/">beispielsweise private Handwerker</a>, die man zwar dringend brauchte, trotzdem aber diskriminierte.</p>
<p>Das gleiche Spiel wiederholte sich bei der Vergabe von Studienplätzen. Eine frühe Mitgliedschaft in der SED war keine Erfolgsgarantie, erhöhte aber deutlich die Chancen. Nach diesem Muster erfolgten ein Leben lang alle Karriereentscheidungen. Alle wussten das und richteten ihr Leben danach aus.</p>
<p>Die Aufnahme neuer Mitglieder in die Partei war von einem Zielkonflikt geprägt. Die SED wollte so viele Menschen wie möglich für ihre Ziele gewinnen. Besonders Angehörige der Arbeiterklasse und der Bauernschaft, aber auch Angehörige der werktätigen Intelligenz sollten ihre Reihen stärken. Doch die Partei sollte eine Avantgarde sein. Ihre Mitglieder sollten kämpferisch, treu ergeben und zuverlässig sein, klassenbewusst, ideologisch geschult und moralisch von großer Reinheit sein.</p>
<p>Mit der massenhaften Aufnahme von Mitgliedern stellte die Partei sich selbst als Avantgarde in Frage. Insofern wurde auch nur selten Druck ausgeübt, Mitglied der SED zu werden, obwohl viele dies nach der Wende so darstellten und wohl auch selbst glaubten.</p>
<p>Der umgekehrte Zielkonflikt ergab sich für den DDR-Bürger, der vor der Entscheidung stand, SED-Mitglied zu werden, oder eben nicht.</p>
<p>Die Partei setzte ihre Mitglieder einer strengen Disziplin aus. Im Zweifelsfalle gab es einen Parteiauftrag, den man nicht ohne weiteres verweigern konnte. Abgesehen von den ständigen Versammlungen hatten die Genossen Funktionen in den Massenorganisationen zu übernehmen, für die Wahlausschüsse bereit zu stehen oder ein Mandat in einem der kommunalen Gremien zu übernehmen. Beim Subbotnik, dem freiwilligen Arbeitseinsatz am Sonnabend, konnten sie schwer fehlen. Die Männer wurden zudem gedrängt, der Kampfgruppe beizutreten. Das bedeutete, mehrmals im Jahr an einer militärischen Übung teilnehmen zu müssen.</p>
<p>Zu allem Ungemach kamen noch recht hohe Mitgliedsbeiträge, die sich progressiv mit dem Einkommen steigerten. Zusätzlich wurden ständig Spenden eingesammelt. Das erfolgte, indem bei Versammlungen offene Listen herumgereicht wurden. Wenn der erste Sekretär der Parteileitung zehn Mark eintrug, konnten die anderen Versammlungsteilnehmer schwer darunterbleiben.</p>
<p>Speziell in den 1950er und 1960er Jahren herrschte der Brauch, dass sich die Partei in Privatangelegenheiten einmischte. Eheliche Untreue beispielsweise wurde streng geahndet und bedeute für manchen hoffnungsvollen Kader den Absturz von der Karriereleiter. Bei den ansonsten lähmend langweiligen Parteiversammlungen waren die Verhandlungen über Affären und andere Vorkommnisse oft die einzigen Lichtblicke, die dann noch lange Gesprächsstoff boten.</p>
<p>Wollte man sich wirklich ohne Not all diesen Misshelligkeiten aussetzen? Es gab jedenfalls gute Gründe, es zu unterlassen und sich ein Stück Freiheit zu bewahren. Vor allem war es für nicht wenige Menschen wichtig, der inneren Überzeugung treu zu bleiben. Dies war nicht einfach, doch ohne SED-Parteibuch eher möglich als in den Reihen der Partei.</p>
<h3><strong>Zusammenbruch</strong></h3>
<div id="attachment_8564" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8564" class="size-medium wp-image-8564" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-600x449.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons-768x575.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/10/Bundesarchiv-Bild-183-57000-0197-Berlin-V.-SED-Parteitag-Foto-Hans-Guenter-Quaschinsky-Wikimedia-Commons.jpg 800w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8564" class="wp-caption-text"><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-57000-0197,_Berlin,_V._SED-Parteitag,_2.Tag.jpg">11. Juli 1958. V. Parteitag der SED vom 10. bis 16.7.1958 in der Werner-Seelenbinder-Halle, Berlin</a>. Eine Delegation aus der Instrustrie überbrachte am 11. Juli dem V. Parteitag die Grüsse der Werktätigen. Foto: Hans-Günter Quaschinsky, Bundesarchiv, Wikimedia Commons.</p></div>
<p>Wie konnte ein fest gefügtes, geheimdienstlich gesichertes und militärisch bis an die Zähne bewaffnetes System im Herbst 1989 fast widerstandslos auseinanderbrechen?  Immer wieder war die <em>„revolutionäre Wachsamkeit“</em> beschworen worden. Ideologische Abweichler wurden dingfest gemacht oder aus dem Land geworfen, so zahm und wohlwollend ihre Kritik auch immer gewesen sein mag. Nicht nur von der Stasi, sondern auch von der Partei wurden Monat für Monat Stimmungsberichte angefertigt, Denunziationen weitergereicht und Berge von Akten angehäuft. Es gab in den Berichten weit mehr feindlich-negative Kräfte als in der Realität. Doch als eine kleine, ideologisch mehr als heterogene, zudem von der Stasi unterwanderte Opposition im Herbst 1989 allmählich kühner wurde, reagierte die Partei hilflos. Als der SED-Staat wirklich gefährdet war, tat sich nichts. Wo waren die 2,3 Millionen SED-Mitglieder, als die Mauer fiel? Zehn- und Hunderttausende Genossen hätten doch einen menschlichen Wall bilden können. Waren sie alle unterwegs, um bei den Sparkassen und Postämtern in West-Berlin die 100 DM Begrüßungsgeld abzuholen? Diese Frage ist nie beantwortet worden, weil sie nie gestellt wurde.</p>
<p>Massenhaft liefen die Mitglieder davon und wollten sich nicht mehr erinnern, was sie in der Partei getrieben hat, und noch weniger wollten sie von anderen daran erinnert werden. Natürlich empfanden auch viele Parteimitglieder die Auflösung der DDR als Befreiung. Die SED legte sich den neuen Namen schon 1990 „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS) zu und es begann ein neues Kapitel in ihrer Geschichte. Inzwischen hat sich die Partei nach einer Fusion mit der westdeutschen Partei „Arbeit &amp; soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative“ (WASG), die sich unter anderem aus einer Abspaltung von der SPD gegründet hatte, in „Die Linke“ umbenannt, von der sich wiederum vor der Bundestagswahl 2025 das „Bündnis Sahra Wagenknecht“ (BSW) abspaltete. Die Geschichte der Jahre nach 1990 war eine Geschichte voller Krisen, Umbenennungen, Wandlungen und Abspaltungen, Wahlniederlagen und Wiederauferstehungen. Die Zukunft wird davon abhängen, inwieweit die heutigen Nachfolgeparteien der SED, die Linke und das BSW, es verstehen, künftig totalitären Verlockungen zu widerstehen.</p>
<p><strong>Stefan Wolle</strong>, Berlin</p>
<p>Der Autor wurde 1950 in Halle (Saale) geboren und hat an der Humboldt-Universität in Berlin Geschichte studiert. Nach dem ersten Semester wurde er wegen <em>„konterrevolutionärer Ansichten und intellektueller Arroganz“ </em>von der Universität relegiert und musste sich ein Jahr in der Produktion bewähren. Später konnte er sein Studium fortsetzen und 1984 an der Akademie der Wissenschaften promovieren. 1989/90 war er an der Stasi-Auflösung beteiligt. In den folgenden Jahren hat er an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin gearbeitet. Von 2005 bis 2024 war er Wissenschaftlicher Leiter des <a href="https://www.ddr-museum.de/de">DDR-Museums Berlin</a>. Er hat mehrere Bücher über die DDR geschrieben und für die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mehrere Ausstellungen gestaltet.</p>
<p>Die Ausstellung „Die Partei hat immer recht“ hat Stefan Wolle gemeinsam mit Clara Marz kuratiert. Die Ausstellungsplakate können über die Stiftung jederzeit für lokale Ausstellungen <a href="https://forms.cloud.microsoft/pages/responsepage.aspx?id=kd5pokBCBUi2eRurT3_Rplu1yO5YWGVHuLvhQQB2JtdUMTU3S05PWlFZNVZFR09JRVJVU1BGNEhLVy4u&amp;route=shorturl">bestellt werden</a>. Bestellbar sind nach wie vor auch die Plakatsätze früherer Ausstellungen, von denen einige auch im Demokratischen Salon vorgestellt wurden.</p>
<p><strong>Die Bundesstiftung Aufarbeitung im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></strong></p>
<ul>
<li>Clara Marz, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/frauen-im-geteilten-deutschland/">Frauen im geteilten Deutschland</a>, Juli 2025.</li>
<li>Alexander Frese, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/denen-mitzuwirken-versagt-war/">… denen mitzuwirken versagt war – Ostdeutsche Demokraten in der frühen Nachkriegszeit</a>, Januar 2025.</li>
<li>Markus Meckel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostdeutschen-waren-subjekt-nicht-objekt/">Die Ostdeutschen waren Subjekt, nicht Objekt</a>, Oktober 2024.</li>
<li>Norbert Reichel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literaturland-ddr/">Literaturland DDR – Lesen, Schreiben und Bewahren in der DDR</a>, Oktober 2022.</li>
<li>Anna Kaminsky / Norbert Reichel<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lange-weg-der-aufarbeitung/">, Der lange Weg der Aufarbeitung</a>, April 2020.</li>
<li>Anna Kaminsky / Norbert Reichel, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kommode-diktaturen-gibt-es-nicht/">„Kommode Diktaturen gibt es nicht“</a>, April 2020.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2026, Internetzugriffe zuletzt am 12. Oktober 2026. Titelbild: Bundesstiftung Aufarbeitung, Foto: Harald Schmitt, stern. © Bundesstiftung Aufarbeitung.)</p>
</div></div></div></div></div>
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