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	<title>Essays Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Was von der Mitte übrigbleibt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 09 Aug 2026 04:55:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was von der Mitte übrigbleibt Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert „Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Was von der Mitte übrigbleibt</strong></h1>
<h2><strong>Die verwirrenden Metaphern politischer Kämpfe im 21. Jahrhundert</strong></h2>
<p><em>„Jedenfalls geht der Demokrat ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben.“ </em>(Karl Marx, Der 18te Brumaire des Louis Napoleon, 1852, in: MEW 8)</p>
<p>Karl Marx (und Friedrich Engels) waren im 19. Jahrhundert vielleicht die originellsten Analytiker politischer Entwicklungen, mit einem gewaltigen Touch von Ironie und mitunter ätzendem Sarkasmus. „Der 18te Brumaire des Louis Napoleon“ beginnt mit einem ihrer meistzitierten Sätze, den Marx bei Hegel gefunden haben will, dass sich alles in der Weltgeschichte zwei Mal ereigne, zunächst als <em>„Tragödie“</em>, ein zweites Mal als <em>„Farce“</em>. Aber es wäre wenig dialektisch gedacht zu hoffen, die <em>„Farce“</em> könne sich nicht wieder selbst zu einer <em>„Tragödie“</em> auswachsen, zumindest jedoch zu einem deprimierenden Trauerspiel. Fehleinschätzungen der Verhältnisse und nicht zuletzt ihrer selbst vermögen die guten Absichten derjenigen, die die Geschichte zum Guten wenden wollen, dermaßen behindern, dass mit der Zeit wiederum eine Tragödie folgt, der – um im Bild zu bleiben – irgendwann wieder eine Farce folgt. Aber der Teufel kommt nie zwei Mal durch dieselbe Tür und so komisch er unseren sich objektiv und rational wähnenden Sinnen erscheinen mag, bleibt er der Apostel der Zerstörung, etwa so wie der Clown „Pennywise“ in Stephen Kings Roman „It“, der schon in seinem Namen <em>„Tragödie“</em> und <em>„Farce“</em> zugleich spiegelt, darin durchaus vergleichbar mit den MAGA-Trompetern dieser Welt.</p>
<h3><strong>Eine Art „Newspeak“</strong></h3>
<p>Läse man den „18ten Brumaire“ ohne Wissen über Autor und Zeit, ließe sich vermuten, es handele sich um eine Analyse der politischen Entwicklungen im ersten und beginnenden zweiten Viertel des 21. Jahrhunderts. Louis (Napoleon) Bonaparte erschiene als eine Art früher Trump, der wiederum als Wiedergänger der <em>„falschen Propheten“</em> erscheint, die weniger erfolgreich, aber in Sache und Methode vergleichbar agierend, von Leo Löwenthal in seiner 1949 erschienenen Schrift „Prophets of Deceit – A Study of the Techniques of the American Agitator“ (eine deutsche Aufgabe ist unter dem Titel <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/leo-loewenthal-falsche-propheten-t-9783518587621">„Falsche Propheten“</a> bei Suhrkamp lieferbar) beschrieben wurden. Aber auch seine Gegner hat Karl Marx gut getroffen: Sie halten sich für die Guten, aber leider haben sie recht unterschiedliche Vorstellungen davon, was das Gute wäre und wie man es durchsetzen könnte, sodass sie sich viel zu oft untereinander bekämpfen anstatt sich gemeinsam gegen den autoritären Clown zu positionieren, der es geschafft hat, auch noch in einer Art Orwell’schem <em>„Newspeak“</em> all die Begriffe zu okkupieren, die ihnen lieb und teuer sind. Die vermeintlich Guten – so Karl Marx – entmachten sich selbst: <em>„Bonaparte als die verselbständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf, die ‚bürgerliche Ordnung‘ sicherzustellen. Aber die Stärke dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß sich daher als Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete in diesem Sinne. Er ist jedoch nur dadurch etwas, daß er die politische Macht dieser Mittelklasse gebrochen hat und täglich von neuem bricht.“</em></p>
<p>Die demokratischen Parteien unserer Zeit klopfen sich gerne selbst auf die Brust, weil doch sie die <em>„Mitte“</em> der Gesellschaft darstellen, die Konservativen unter ihnen gerne als <em>„bürgerliche Mitte“</em>. Vertreter sich eher links wähnender Parteien mögen das Attribut <em>„bürgerlich“</em> scheuen, doch belegt ihr Verhalten, dass sie sich durchaus in einem <em>„bürgerlich“</em> charakterisierbaren Milieu bewegen, das gleichermaßen Bürgerlichkeit im Sinne von Citoyen und Bourgeois erfasst. Doch diese gemütliche <em>„(bürgerliche) Mitte“</em> der Politik ist bedroht, zumal die Gegner – siehe <em>„Newspeak“</em> – sich ebenfalls als <em>„Mitte“</em> bezeichnen und dies auch noch mit der Kombination <em>„Deutschland, aber normal“</em> mit all den traditionellen Familienwerten verbinden, denen sich in fast allen Gesellschaften die jeweiligen Mehrheiten mehr oder weniger verbunden fühlen.</p>
<p><em>„Mitte“</em>,<em> „Bürgerlichkeit“</em>,<em> „Familie“</em>, <em>„Normalität“</em> – all diese Begriffe spiegeln diffuse Gefühlswerte. In der <a href="https://aktuell.uni-bielefeld.de/2025/11/06/mitte-studie-sorge-ueber-zunahme-von-rechtsextremismus/">Bielefelder Mitte-Studie 2025</a> sprach Co-Leiter <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=112507">Andreas Zick</a> diese Unschärfen offen an: <em>„Das Mitte-Modell bietet eine Orientierung. Es fordert die Gesellschaft auf, sich zu öffnen und alle Menschen einzubeziehen. Es verpflichtet die Politik, konsensfähig zu sein. Die ‚Mitte‘ kann verbinden und eine ausgleichende Kraft entfalten. Doch sie läuft Gefahr, demokratiefeindliche Tendenzen zu übersehen.“ </em>Andreas Zick verweist auf die bekannten Wahlergebnisse der letzten Jahre: <em>„Der Niedergang der großen Volksparteien und der Aufstieg kleinerer Parteien spiegeln dies wider.“ </em>Eine Antwort auf diese Entwicklung haben die vormals großen <em>„Volksparteien“</em> bisher nicht gefunden, sofern es sie überhaupt auch geben mag.</p>
<h3><strong>Binäre Koordinaten der Politik</strong></h3>
<p>In meiner Vorstellung der Bielefelder Mitte-Studie 2025, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">„Rein oder raus? Immer rund um die Mitte!“</a> habe ich versucht, die sogenannte <em>„Mitte“</em> in einer dreidimensionalen Matrix zu verorten: <em>„Auf und Ab statt Rechts und Links“</em>. Die dritte Dimension erschien im Titel in der Formel <em>„Rein oder raus?“</em> So entstehen drei binär klingende, aber in ihrem Zusammenklang alles andere als binär zu verstehende Koordinaten, in denen sich die politischen Debatten unserer Zeit bewegen: Rechts und Links, Oben und Unten, Innen und Außen. <em>„Mitte“</em> wird dann zu einem Punkt in dieser dreidimensionalen Matrix. Von der oft beschworenen <em>„breiten Mitte“</em>, die so manche Partei gerne vertreten würde, kann dann nicht mehr die Rede sein. Das ist das Ende der sogenannten <em>„Volksparteien“</em>. Diese verstanden sich als Catch-All-Parteien, versäumten es jedoch, das Verbindende zwischen verschiedenen Interessen, Milieus und Bevölkerungsgruppen zu betonen.</p>
<p>Catch-All-Strategien funktionieren nur noch bei Oppositionsparteien wie der AfD, die das Verbindende jedoch nicht in einer positiven, sondern einer Botschaft inszenieren, indem sie bestimmte Akteure als verantwortlich für alles Unheil markieren, das ihre potenziellen Wähler:innen beklagen. Dem einen gefällt dieses nicht, dem anderen jenes und jemand drittem wiederum etwas anderes nicht. Sie alle, rechts wie links und in der <em>„Mitte“</em>, eint eine Unzufriedenheit, die die bekannten Umfragen mit ihrer Frage nach der Zufriedenheit der Bürger:innen gar nicht erfassen. Von linker Seite würde man vielleicht jetzt eine fundamentale Kapitalismuskritik erwarten, doch zumindest die politischen Akteure scheinen sich dies kaum zu trauen. Von rechter Seite ist das einfacher. Die Propagandisten der rechtspopulistischen Catch-All-Opposition benennen Verantwortliche für alles, was sie für einen Missstand halten, wahlweise <em>„die Altparteien“</em>, <em>„links-grüne Wokeness“</em>, <em>„Globalisten“, „Kommunisten“ </em>und<em> „Sozialisten“, </em>zu denen auch Konservative wie in Deutschland CDU und CSU gezählt werden, letztlich die mit <em>„Invasion“</em> drohenden Migranten. Und wenn es nicht so ganz gelingt, all diese Feindbilder als ein in sich geschlossenes Feindbild zu vermitteln, bleibt die Anprangerung von angeblich hinter diesen Feindbildern stehenden steuernden Akteuren. Letztlich landet diese Strategie oft bei einer Spielart von Antisemitismus, obwohl man gleichzeitig behauptet, man wäre doch in Wirklichkeit die Partei, die Juden – von Jüdinnen ist in der Diktion in der Regel nicht die Rede, siehe <em>„Genderwahn“</em> – am entschiedensten unterstützten, indem man alle Migranten zur <em>„Remigration“</em> treibe. Wenn man denn bald nur regieren würde! Um ein Regierungsprogramm geht es dabei nicht, man inszeniert sich als die bestehenden Verhältnisse an sich zerstörende Bewegung.</p>
<p>Anarchische <em>„Pose“</em> und Fundamentalkritik alles Bestehenden passen gut zusammen. Dazu braucht man keine Theorie. Philip Manows sieht – rechts wie links – einen Primat der Bewegung, in der es nicht unbedingt um Parteien geht. Vielen fehlt jedoch die Galionsfigur, die sie an die Macht bringen könnte. Insofern ist es schwer, beispielsweise die AfD und ihr Um- und Vorfeld diverser Neonazi-Kameradschaften und Kleinparteien voneinander zu trennen. Das schafft die Partei selbst schon nicht und die Frage drängt sich auf, ob es sich bei ihr überhaupt um eine Partei handelt. Auf der linken Seite ist diese Trennung zwischen Parteien und Umfeld noch weitgehend intakt, doch scheint sie langsam aufzuweichen, wo linksextreme Radikale wie beispielsweise die von Danger Dan in „Keine Angst“ namentlich hervorgehobenenen Mitglieder der „Hammerbande“ in linken Kreisen als legitime Widerstandsgruppen begrüßt werden. Es gab in den 1970er Jahren eine Zeit, in der manche Linke die RAF-Terrorist:innen für Genoss:innen hielten. Ähnlich verhält es sich mit der in manchen linken, sich antikolonialistisch wähnenden Kreisen gepflegten Scheu, den Terror der Hamas vom 7. Oktober 2023 als das zu bezeichnen, was er ist: eben Terrorismus.</p>
<h3><strong>Eigentlich nichts Neues</strong></h3>
<p>Linke Parteien und Gruppierungen stellen die Menschen- und Bürgerrechte von Frauen, Migrant:innen und anderen von der rechten Seite angegriffenen Gruppen der Bevölkerung in den Vordergrund ihrer Programmatik und ihres Handelns. Gerd Koenen hat in seinem Monumentalwerk „Die Farbe Rot – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ (München, C.H. Beck, 2017) jedoch dokumentiert, dass die Herausbildung eines proletarischen Selbstbewusstseins in den 1860er und 1870er Jahren keineswegs mit der Akzeptanz von Migration und Frauenrechten einherging: <em>„Generell wurde gerade von den gewerkschaftlich Organisierten die Fabrikarbeit der jungen Frauen als Konkurrenz gesehen, die mit einiger Gehässigkeit verfolgt wurde. Ähnliches galt auch für die sozialistischen und ‚klassenbewussten‘ französischen Syndikalisten dieser Jahre. Von Feindseligkeit geprägt waren schließlich fast immer die Trennlinien, die gegenüber den Arbeitsmigranten gezogen wurden, so den Iren in England oder den Belgieren in Nordfrankreich.“ </em>Diese Skepsis zog sich durch die Geschichte der sozialdemokratischen und sich <em>„links“</em> von ihr positionierenden Bewegungen und Parteien, auch in der sogenannten 68er-Bewegung. In den USA dauerte es beispielsweise bis in die 1960er Jahre, dass irische, polnische, italienische Zuwanderer:innen – durchaus ein Nebeneffekt der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung – als <em>weiße</em> anerkannt wurden.</p>
<p>Christina von Hodenberg hat in <a href="https://www.chbeck.de/von-hodenberg-achtundsechzig/product/22346696">„Das andere Achtundsechzig – Gesellschaftsgeschichte einer Revolte“</a> (München, C.H. Beck, 2018), insbesondere im fünften Kapitel „Achtundsechzig war weiblich“, dokumentiert, dass die westdeutsche 1968er-Bewegung in erster Linie eine männliche Bewegung war, in der es Frauen mehr als schwerfiel, sich zu positionieren. Welche Rolle der Arbeitskreis Emanzipation spielte und wie er selbst in <em>„linken“</em> Kreisen angefeindet wurde, weiß heute kaum noch jemand: <em>„Die Erinnerung an das weibliche 1968 war längst in eine Nische gedrängt worden und fand nur noch in den Publikationen der Universitäts-Gleichstellungsbeauftragten und der lokalen Frauenhistorie statt.“ </em>Wer kennt noch Helke Sander und Sigrid Damm-Rüger, die am 13. September 1968 bei einem SDS-Kongress in Frankfurt am Main Tomaten auf <a href="https://krahl-seiten.de/">Hans-Jürgen Krahl</a> warfen? Christina von Hodenberg hatte mit der Tochter von Sigrid Damm-Rüger gesprochen, die ihr erzählte, dass sie <em>„erst am Tag der Beerdigung von der ‚Bedeutung meiner Mutter für die neue Frauenbewegung‘ erfuhr (….).“</em> In SDS-Kreisen war es durchaus üblich, dass die Männer agitierten und die Frauen die Schnittchen schmierten. Das Frauenthema war eben nur <em>„Nebenwiderspruch“</em>, wenn überhaupt. Immerhin gibt es inzwischen immer wieder einmal in den Medien einen <a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-befreiende-tomatenwurf-von-1968-beginn-der-neuen-100.html">Beitrag über den Tomatenwurf</a>.</p>
<p>In den 2020er Jahren würde man eher von <em>„Identitätspolitik“</em> sprechen, in der es nicht nur um Frauenrechte, sondern auch die Rechte verschiedener Minderheiten geht, doch die Linie der Widerstände von <em>„links“</em> dagegen reicht bis hin zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht, die diese in ihrem Buch „Die Selbstgerechten – Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt“ (Frankfurt am Main, Campus, 2021) ausführlich festhielt. Der migrationsfeindliche Kurs des von Sahra Wagenknecht gegründeten BSW passt ebenso in diesen Kontext. Ihre Kritik an jedweder <em>„Identitätspolitik“</em> wurde auch in breiten konservativen Kreisen geschätzt. Es ließe sich vielleicht sogar sagen, dass „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin (2011) und „Die Selbstgerechten“ (2021) mit ihren Verkaufszahlen belegen, dass eine liberale und offene Gesellschaft in den vergangenen 15 Jahren für viele Wähler:innen beziehungsweise Bürger:innen immer weniger attraktiv wurde. Dem BSW ist es nicht gelungen, die Zustimmung zu ihren Thesen in stabile und wachsende Wahlerfolge zu überführen, der AfD gelingt dies offensichtlich gut, vielleicht, weil es ihr glaubwürdig gelingt, ihre Gegner außerhalb ihres eigenen Milieus zu verorten, während das BSW als Teil des Milieus wahrgenommen wird, das es eigentlich kritisiert.</p>
<h3><strong>Kampf zwischen Gut und Böse</strong></h3>
<p>Die gängige Metapher für solche sprachlichen wie politischen Wirren ist die <em>„Spaltung“</em> der Gesellschaft. Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer Studie <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) jedoch festgestellt, dass es mehr <em>„Konsens“</em>, mehr Verständigungspotenziale in der Gesellschaft, weniger <em>„Konflikt“</em> gibt als Akteure der Politik und der Medien zu denken scheinen. Mau, Lux und Westheuser sprechen von <em>„Arenen“</em>, in denen sich die <em>„Konflikte“</em> in unserer Gesellschaft abspielen und die oft höchst emotionale Reaktionen <em>„triggern“.</em> Sie beschreiben die <em>„verteilungspolitische Oben-Unten-Arena“</em>, die <em>„migrationspolitische Innen-Außen-Arena“</em>, die <em>„identitätspolitische Wir-Sie-Arena“</em> und <em>„umweltpolitische Heute-Morgen-Arena“. </em>Die Studie ist inzwischen etwa drei bis vier Jahre alt, aber auch aktuelle Themen der Politik lassen sich in die vier <em>„Arenen“</em> einordnen. Die anstehenden Rentenreformen gehören zum Beispiel in die <em>„Heute-Morgen-Arena“</em>, die Gesundheitsreform in die <em>„Oben-Unten-Arena“</em>, Fragen der inneren und äußeren Sicherheit in die <em>„Innen-Außen-Arena“</em>. Natürlich gibt es auch Überschneidungen, so können Umwelt- und Klima-Themen sehr schnell auch in eine <em>„Oben-Unten-Arena“</em> geraten, wenn es um Protestformen wie die der Letzten Generation geht, auch eine <em>„Wir-Sie-Arena“</em>.</p>
<p>Mau, Lux und Westheimer sprechen von <em>„affektiver Polarisierung“</em> als Folge unbearbeiteter Konflikte. Letztlich landen politische und mediale Debatten immer wieder in binären Strukturen, denn das macht es offenbar vielen Bürger:innen leichter, Politik zu ertragen. Pro und Contra wird in binären Gegensätzen verortet: <em>„Triggerpunkte sind neuralgische Stellen, an denen besonders aufgeladene Konflikte aktiviert werden. Wir arbeiten heraus, dass das Auftreten starker Pro- und Kontra-Reaktionen an typische Beweggründe geknüpft ist, wozu etwa wahrgenommene Ungleichbehandlungen, Normalitätsverstöße, Entgrenzungsbefürchtungen und Verhaltenszumutungen gehören.“</em></p>
<p>Populistische Parteien haben ein Gespür dafür, diese Strukturen für sich zu nutzen und sich selbst als das eine Ende und alle anderen als das andere Ende einer binären Skala zu inszenieren, die letztlich eine Skala von <em>„Gut“</em> und <em>„Böse“</em> ist. Die Benennung eines ultimativen (End-)Gegners funktioniert zur Bestätigung der eigenen Rechtschaffenheit: Das Böse, das für Rechtspopulist:innen schlichtweg alle Migrant:innen verkörpern, sehen viele Linkspopulist:innen in Israel. Beim Antisemitismus landen letztlich beide Seiten. Bisher hat sich diese antiisraelische Linie bei der Linken nicht durchsetzen können, aber die hohe Zahl junger neuer Mitglieder könnte ihr eine Mehrheit verschaffen. Dabei könnte es auch eine Rolle spielen, dass es bei der Linken inzwischen mehr Mitglieder aus dem Westen gibt als aus dem Osten. In den USA hat sich eine solche Entwicklung schon etabliert und spielt bei den Vorwahlen der Demokraten für die anstehenden Kongress- und Senatswahlen eine Rolle. Christina Morina beschreibt in <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131">„Das amerikanische Beben – Erfahrungen und Konsequenzen für die deutsche Demokratie“</a> (München, Siedler, 2026), wie sie bei einer von ihr mitorganisierten Demonstration gegen Trump erleben musste, dass sich Teilnehmer:innen lautstark an die Spitze des Demonstrationszugs setzten und diesen in eine Demonstration gegen Israel umfunktionierten. Sie gab ihre Ordnerbinde ab. Welche inneren Konflikte in der Linken und in linken Milieus ausgefochten werden, haben die Autor:innen des von Eva Berendsen, Saba-Nur Cheema und Meron Mendel herausgegebenen Bandes <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/trigger-warnung-identitaetspolitik-zwischen-abwehr-abschottung-und-allianzen/">„Triggerwarnung – Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und Allianzen“</a> (Berlin, Verlag, 2019, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wir-alle-sind-opfer/">im September 2019 im Demokratischen Salon besprochen</a>) im Detail aufgelistet. In ihrem Schlusswort halten die Herausgeber:innen fest: „Die Einteilung der Welt in Gut und Böse dient vermutlich vor allem dem <em>Zweck der eigenen Orientierung in einer als zunehmend komplex erlebten Welt. Der Zweck heiligt aber nicht die Mittel.“ </em></p>
<p>Philip Manow spricht nicht von <em>„Arenen“</em>, sondern von <em>„Spaltungslinien“</em>, zuletzt explizit in seinem Buch <a href="https://www.chbeck.de/manow-spaltungslinien/product/40247852">„Spaltungslinien – Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats“</a> (München, C.H. Beck, 2026). Philip Manow stützt seine Analysen auf Daten des <a href="https://www.chesdata.eu/">Chapel Hill Expert Survey</a>. Der Titel des zweiten Kapitels <em>„À la recherche du centre perdu“ </em>suggeriert, dass manche nach wie vor glauben, es könnte vielleicht doch wieder eine Rückkehr in eine vergangene, mehr oder weniger glorreiche Zeit geben, in der <em>„rechte Arbeiterklasse gegen linkes Bürgertum“</em> stünden, eine Annahme, die im Titel des ersten Kapitels schon wieder zur Illusion erklärt wird: <em>„linkes Bürgertum gegen rechte Arbeiterklasse“</em>. Das zentrale politische Ereignis in Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu“ war die Dreyfus-Affäre. In dieser ging es im Wesentlichen um die Frage, welche Position Juden im herrschenden Bürgertum haben dürften und welche nicht. Die Lage der <em>„Arbeiterklasse“</em> spielte darin keine Rolle, aber der Gedanke der <em>„Mitte“</em> sehr wohl, auch wenn es damals noch nicht so genannt wurde. Es gibt eben nicht nur den Konflikt zwischen angenommenen <em>„Rändern“</em> beziehungsweise innerhalb der linken Szene, sondern auch einen Konflikt innerhalb der bisherigen <em>„Mitte“</em> um deren zukünftige Positionierung, der dadurch verschärft wird, dass sich manche Konservative von der scheinbaren <em>„Bürgerlichkeit“</em> der rechtspopulistischen Seite verführen lassen.</p>
<p>Philip Manow bezieht sich mit Recht auf das Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/merz/hardcover/9783550204005">„Merz – Auf der Suche nach der verlorenen Mitte“</a> von Mariam Lau (Berlin, Ullstein, 2025). In der Tat ist Friedrich Merz einer der prominentesten Verfechter einer klassisch <em>„bürgerlich“</em> beziehungsweise <em>„konservativ“</em> konnotierten Rechts-Links-Opposition, die sich zugleich klar von rechts- wie linkspopulistischen Positionen fernhält. Seinem Traum gab er eine Farbe, als er und sein damaliger Generalsekretär sich bei der Vorstellung des neuen Corporate Design im Auftritt der CDU ausdrücklich auf Rhöndorf und Cadenabbia, zwei wichtige Orte im Leben Konrad Adenauers bezog, der für eine Zeit stehen mag, in der CDU und SPD mit in der Regel deutlich über 30, sogar oft genug über 40 Prozent liegenden Wahlergebnissen diese Rechts-Links-Opposition verkörperten. Mit den Wahlergebnissen der letzten Jahre verschwand jedoch die Illusion, es gäbe so etwas wie eine die Gesellschaft als Konsens-Gesellschaft stabilisierende <em>„Mitte“</em>. Letztlich ist <em>„Mitte“</em> inzwischen eher eine Metapher für Stabilität, Wohlstand, Zufriedenheit und die Überzeugung, man vertrete ein moralisch attraktives <em>„Modell Deutschland“</em> (so die SPD im Wahlkampf 1976) oder handele schlichtweg <em>„Aus Liebe zu Deutschland“</em> (so die CDU 1976, allerdings mit dem polarisierenden Zusatz <em>„Freiheit oder Sozialismus“</em>). <em>„Mitte“</em> war damals schon vor allem ein Gefühl, das sich mit manchen Begriffen einfach triggern ließ.</p>
<h3><strong>Warum Arbeiterparteien die Arbeiter:innen verlieren</strong></h3>
<p>Mit der Opposition zwischen <em>„Links“</em> und <em>„Rechts“</em> löste sich zugleich die Opposition von <em>„Oben“</em> und <em>„Unten“</em> auf, auch wenn die jeweilige <em>„Arena“</em> bestehen bleibt. Die SPD, die sich traditionell als Vertretung der <em>„Arbeiterklasse“</em> verstand, musste erleben, dass sich diese – sofern man heute überhaupt noch von einer <em>„Arbeiterklasse“</em> sprechen kann – immer mehr von ihr entfernte, sogar dazu neigte, reaktionäre Kräfte in die Parlamente zu wählen. Karl Marx würde vielleicht angesichts der ideologischen Leere ehemaliger Arbeiterparteien von einer Art Lumpenproletarisierung in der Politik sprechen, die ehemalige wie vermutete Angehörige der <em>„Arbeiterklasse“</em> einer rechtspopulistischen Partei in die Arme treibe. Hillary Clinton fasste eine solche Vermutung – natürlich ohne Marx-Bezug – in ihre Beschimpfung der Trump-Wähler:innen als <em>„deplorables“</em>. Man könnte dieses Argument auch umdrehen und die Visionslosigkeit von Parteien wie den US-amerikanischen Demokraten und vieler europäischer sozialistischer und sozialdemokratischer Parteien als den Hauptgrund solcher Wählerwanderungen benennen, sollte aber auch darüber nachdenken, dass viele der ursprünglich durch den Einfluss der Sozialdemokratie bewirkten Reformen (vom Acht-Stunden-Tag bis zum Mindestlohn) irgendwie selbstverständlich geworden sind. Niemand wird für Erfolge der Vergangenheit gewählt.</p>
<p>Didier Eribon hat in seinem Buch „Retour à Reims“ (Paris, Fayard, 2009, die <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/didier-eribon-rueckkehr-nach-reims-t-9783518072523">deutsche Ausgabe</a> erschien bei Suhrkamp) ausführlich dokumentiert und analysiert, wie sich die französische <em>„Arbeiterklasse“</em> von Kommunisten und Sozialisten ab- und dem Front beziehungsweise Rassemblement National zuwandte. Auch in Deutschland wechselten der <em>„Arbeiterklasse“</em> zugerechnete Wähler:innen zunehmend zunächst zu konservativen Parteien, beispielsweise 2005 in Nordrhein-Westfalen und auf Bundesebene zur CDU, inzwischen – wie die letzten nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen 2025 und die baden-württembergische Landtagswahl 2026 zeigten – zur AfD. Die AfD hat ihre Hochburgen im Westen Deutschlands in Städten wie Duisburg, Gelsenkirchen oder Kaiserslautern. Immerhin konnte die SPD Städte wie Hamm und Herne halten und ihre dortigen Mehrheiten ausbauen. Der Prozess einer Abwanderung von Bürger:innen in klassischen Arbeiterstädten zur AfD ist keineswegs unabwendbar und auch nicht unumkehrbar.</p>
<h3><strong>Europa unter Beschuss</strong></h3>
<p>Der Kern dieser Entwicklung ist laut Philip Manow jedoch ein <em>„Innen-Außen-Konflikt“</em>, es ist der <em>„Konflikt über Europa – der auf einer allgemeineren, abstrakter gefassten Weise (…) ein Konflikt über das Nationale und das Supranationale, über Öffnungen und Schließungen und deren Konsequenzen für Teilhabe, Verteilung und Repräsentation ist.“ </em>Er konstatiert, <em>„dass sich Zustimmung und Ablehnung des europäischen Projekts nicht nach ‚links‘ oder ‚rechts‘, sondern nach ‚Mitte‘ und ‚Rand‘ sortieren.“</em> Die linke Seite kritisiere das europäische Projekt beziehungsweise die Globalisierung als <em>„zu wirtschaftsliberal“ </em>(Stichwort: Neoliberalismus), die rechte Seite als <em>„zu gesellschaftsliberal“ </em>(Stichworte: Feminismus, Zuwanderung, Ehe für alle). Wer sich für Europa und die Europäische Union engagiert, findet sich inzwischen am <em>„Rand“</em> des Parteienspektrums wieder. Europa war – so Philip Manow – bis in die 1980er Jahre kein Thema in der Politik, es gab eine Art <em>„Legitimation durch Desinteresse“</em>. Inzwischen gebe es nach dem Beitritt der ehemaligen Ostblockstaaten eine <em>„Politisierung des Integrationsprojekts“</em> und eine <em>„Europäisierung der nationalen Parteien“</em>. Die ursprünglich verlässlich pro-europäische <em>„Mitte“</em> scheint sich aufzulösen. Sie besteht offensichtlich vor allem dort weiter, wo Länder wie die Ukraine, Georgien oder Moldawien vom imperialistischen Russland bedroht werden. Europa ist dort eine Hoffnung, allerdings gibt es auch dort Auflösungserscheinungen. Keiner der in den vergangenen 20 Jahren der Europäischen Union beigetretenen Staaten möchte aus dieser austreten, aber es gibt starke Kräfte, denen Europa, oft auch vereinfachend <em>„der Westen“ </em>genannt, zu übergriffig wirkt.</p>
<p>Stephen Holmes und Ivan Krastev bieten in ihrem Buch „The Light That Failed“ (deutsch: <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">Das Licht, das erlosch – Eine Abrechnung</a>, Berlin, Ullstein, 2019) eine plausible Erklärung. In der ersten Phase versuchten die neuen EU-Mitglieder den <em>„Westen“</em> nachzuahmen, doch mit der Zeit wandten sie sich von einem positiven Bild des <em>„Westens“ </em>ab. In Ungarn und in der Slowakei ging dies sogar mit einer neuen Wertschätzung Russlands einher, die in Polen aus historischen Gründen ausblieb, aber – wie die jüngste <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-polnisch-ukrainischer-erinnerungskrieg/">Debatte um Wolhynien</a> zeigt – zwar keine neue Liebe zu Russland, wohl aber eine negative Sicht der Ukraine bewirkt. Dazu kommt die auf Seiten des polnischen Rechtspopulismus die Bewunderung Trumps, lautstark vertreten durch den polnischen Präsidenten.</p>
<p>Europa gerät von zwei Seiten unter Beschuss. Wahlweise <em>„Europa“</em>, <em>„der Westen“, „Brüssel“</em> werden zur Metapher des abgelehnten Liberalismus. Philip Manow schreibt: <em>„Der politische Konflikt um Europa steht offenkundig <u>quer</u> zu einer einfachen Links-Rechts-Unterscheidung (…).“</em> Daraus entsteht <em>„eine neue politische Konfliktachse, verlaufend zwischen liberalen und ‚illiberalen‘ Kräften, die aber jeweils <u>intern</u> Links und Rechts verbinden.“ </em>Weltoffenheit gerät ins Visier populistischer Bewegungen: <em>„Die selbsterklärte politische Mitte unterstützt mit ihrer Parteinahme für Offenheit <u>nolens volens</u> die doppelt-liberale Dimension des transnationalen Projekts und ist daher in deren politischem Raum nicht Mitte, sondern bildet den einen Pol einer neuen Konfliktachse.“ </em>Diese Achse kann sich ständig verschieben, denn die Instabilität von Gesellschaften spiegelt sich nicht nur in den Wahlerfolgen populistisch auftretender Parteien, sondern auch in dem <em>„stärker in den Vordergrund tretende Bewegungscharakter von Politik (Indignados, Occupy Wallstreet, Gilets Jaunes, Black Lives Matter, Pegida, die Klimabewegung (Friday for Future, Last Generation, Extinction Rebellion), die Bauernproteste, Querdenker etc.)“</em>. Das gilt nicht zuletzt auch für die Geschichte des Brexits. Philip Manow fragt angesichts der in diesen Bewegungen vertretenen Themenvielfalt mit Recht: <em>„Wie will man da von festen Spaltungslinien und Strukturen des Parteienwettbewerbs sprechen?“ </em></p>
<p>Die von Philip Manow genannten Bewegungen sind fast alle internationalen Bewegungen ohne Zentrum. Ein Zentrum erhalten sie nur da, wo es in einem bestimmten Land eine Partei gibt, die im Wesentlichen die Anliegen der dort aktiven Bewegungen integriert wie es der AfD mit Pegida oder den Querdenkern gelang. Die Linke schaffte es bisher nicht, affine Bewegungen zu integrieren. Der letzte halbwegs erfolgreiche Versuch einer solchen Integration verschiedener Bewegungen (zum Beispiel Anti-Atomkraftbewegung, Anti-Apartheid-Bewegung, Friedensbewegung) waren die Grünen in ihrer Gründungsphase. Doch inzwischen gehören die Grünen zum Kreis der Parteien, die von sich beanspruchen, sie wären die <em>„Mitte“</em>, mal etwas linker, mal etwas konservativer (sich <em>„rechts“</em> zu nennen wird auf konservativer Seite geflissentlich vermieden).</p>
<p>Es lassen sich neben Europa zwei weitere Themen benennen, die ursprünglich von einer sich international beziehungsweise internationalistisch verstehenden Linken besetzt wurden, sich inzwischen jedoch als Kernthemen der Rechten durchzusetzen scheinen: Migration und Frauenrechte. Diese gehören dort ebenso wie Europa zum Reich des Bösen. Die ursprünglich linke Seite hat bisher kein Mittel gefunden, ihre Sicht der Dinge dagegenzusetzen. Im Gegenteil. Auf feministischer Seite zerstreiten sich die verschiedenen Gruppierungen und sprechen sich gegenseitig ab, <em>„feministisch“</em> zu sein. Die Verhinderung von Migration ist inzwischen auch ein von linken Regierungen und Parteien geteiltes Projekt, allen voran unter den sozialdemokratischen Parteien in Skandinavien. Eine Ausnahme scheint Spanien zu bilden, doch dürfte sich dies nach den Ereignissen von Ceuta vom 31. Juli 2026 ändern. Auf der sozialdemokratischen Seite gibt es eine <em>„Kombination aus ökonomisch Links und kulturell Rechts“</em> wie es bereits verschiedene rechtspopulistisch-konservative Parteien wie die PiS in Polen vorgelebt haben. Möglicherweise lässt sich die <em>„Oben-Unten-Arena“</em> als Gerechtigkeitsprojekt nur noch über die <em>„Innen-Außen-Arena“ </em>beziehungsweise die <em>„Wir-Sie-Arena“</em> erfolgreich bespielen.</p>
<p>Verteilungs- und Identitätspolitik lassen sich in Regierungsverantwortung wie in der Opposition in der Tat bestens miteinander verbinden. Rechtspopulistischen und rechtsextremistischen Parteien ist es gelungen, Identitäts- und Europapolitik als Haupthindernisse einer besseren Verteilungspolitik zu brandmarken. Philip Manow sieht hier keine <em>„Kulturalisierung“</em> verteilungspolitischer Konflikte, wohl aber eine Entwicklung verschiedener Parteien, sich kultur- und identitätspolitisch nach klassischen Mustern eher rechts zu positionieren, verteilungspolitisch jedoch eher links. Die Sozialprogramme der PiS in Polen und der FIDESZ in Ungarn garantierten bis vor Kurzem deren Wahlsiege. Ihren liberalen Gegnern unterstellten sie, diese Sozialprogramme wieder abschaffen zu wollen, was diese wieder bemüßigte zu versichern, dies würden sie – ungeachtet der enormen Kosten – auf keinen Fall tun. PiS und FIDESZ agierten im Grunde rechts- und linkspopulistisch zugleich.</p>
<p>Philip Manow spricht in diesem Zusammenhang von einer <em>„Hyperpolitisierung“</em>, die geradezu dialektisch funktioniere: <em>„Der Prozess der Ent-Nationalstaatlichung</em> (vulgo: Globalisierung, NR) <em>provoziert nämlich nicht nur den gegen ihn selbst gerichteten politischen Protest, sondern er verändert zugleich in einer rekursiven Schleife den Modus, mit dem dieser noch artikuliert werden kann.“ </em>Die traditionellen im Links-Rechts-Schema verhafteten Parteien sind bisher nicht in der Lage, sich aus diesen Möbius-Schleifen der politischen Kämpfe und Debatten zu befreien. Philip Manow fordert im Kapitel „Offene Märkte, offene Identitäten“, <em>„an ‚Globalisierung‘ als dem dominanten Bezugsproblem des Populismus festzuhalten“</em> und fordert, <em>„den ökonomisch-kulturellen Doppelcharakter dieser Globalisierung ernst zu nehmen und seine Berücksichtigung in der Analyse durchzuhalten, was einschließt, Migration nicht nur als einen ausschließlich kulturellen Konfliktgegenstand zu verstehen, sondern ihren Verteilungs- und Wettbewerbsimplikationen gerecht zu werden.“ </em></p>
<h3><strong>Anarchische Fantasien</strong></h3>
<p>Ob das, was wir – wie oft behauptet – zurzeit erleben, ein <em>„Kulturkampf“</em> ist, bezweifelt Philip Manow. Er hält dies eher für eine Frage derjenigen, die – beispielsweise als Wissenschaftler:innen – von außen auf die Entwicklungen unserer Zeit schauen. Ob die Akteure das auch so sehen, ist eine unbeantwortete Frage. Wer jedoch genau hinschaut, wird das, was aus identitätspolitischer Sicht als <em>„Kulturkampf“</em> erscheinen mag, als bloßen Bildersturm gegen alles bezeichnen müssen, das denen, von denen man sich vernachlässigt fühlt, lieb und teuer ist. Es wird zu einem Modus der <em>„Oben-Unten-Arena“</em>, die als <em>„Wir-Sie-Arena“</em> bespielt wird. Auch <em>„Kultur“</em> ist eben eine Metapher. Am 8. Juni 2026 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung ein Gespräch von Nicolas Richter und Katharina Riehl mit Stephen Holmes: <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/populismus-erfolg-trump-stephen-holmes-interview-li.3492741">„Sie lieben es, dass der East Wing abgerissen wird“</a>. Holmes sieht bei den Anhänger:innen Trumps kein Interesse an dessen goldenem Ballsaal, aber Genugtuung über den Abriss des East Wing. Trump könne zwar der <em>„weißen Arbeiterklasse (…) keine bessere Zukunft bieten“</em>, aber <em>„die Zukunft der in Harvard gebildeten professionellen Elite an Ost- und Westküste zerstören. Ich kann ihre Universitäten, Zeitungen, das Nato-Bündnis, die Weltwirtschaft ruinieren. Das spricht Menschen an, die einen Groll haben, weil dann wenigstens etwas passiert.“</em> Es hilft letztlich nicht, populistischen Parteien und Politiker:innen vorzuwerfen, dass sie keine Lösungen hätten. Diese werden von ihnen auch gar nicht verlangt. Die Wähler:innen der AfD wissen durchaus, dass es die Welt nicht weiterbringt, wenn auf einmal vor den Schulen jeden Tag die deutsche Fahne aufgezogen wird. In diesem scheinbaren <em>„Kulturkampf“</em> ist eben auch <em>„deutsch“</em> eine Metapher.</p>
<p>Ähnlich wie Holmes argumentiert Annette Dittert in ihrem Buch <a href="https://www.dumont-buchverlag.de/buch/annette-dittert-dear-britain-9783755800699-t-7748">„Dear Britain – Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“</a> (Köln, DuMont, 2026): Die enttäuschten Labour- und Tory-Wähler:innen, die zu Reform UK überlaufen, glauben nicht, dass dies ihre Probleme löse, es reiche ihnen, wenn die regierenden Parteien zerstört würden (ob sie wieder zu Labour zurückkehren, bleibt nach dem Amtsantritt von Andy Burnham denkbar, vielleicht mit den Themen, mit denen Zohran Mandani in New York zum Bürgermeister gewählt wurde). Diese Lust an der Zerstörung zeige sich – so Stephen Holmes – auch in Ostdeutschland, sei aber ein Grundproblem einer liberalen Demokratie, die sich schwer damit tue, eine Vision zu vermitteln, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt: <em>„Demokratie ist ein System konkurrierender, überzogener Versprechen, was natürlich Enttäuschung erzeugt. Die Enttäuschung wird dadurch bewältigt, dass regelmäßig Wahlen stattfinden. Wenn Sie also mit den Amtsinhabern unzufrieden sind, hoffen Sie, statt Gewalt anzuwenden, auf die nächste Wahl. Aber wenn Sie auch nach mehreren Wahlen feststellen, dass sich nichts ändert, dann funktioniert dieser Mechanismus zur Verarbeitung der Enttäuschung nicht mehr. Und dann wenden Sie sich gegen das System.“</em></p>
<p>Nationale Grundierungen verstärken den Gegensatz von Innen und Außen als neue Koordinaten politischer Kämpfe, sie sind nicht die Ursache, sondern ein Modus, indem diese Kämpfe ausgetragen werden. Stephen Holmes hatte die verschiedenen Phasen der Wahrnehmung des sogenannten europäischen liberalen <em>„Westens“</em> insbesondere in den jungen osteuropäischen Demokratien, in den USA, in Russland und China analysiert. Das Vorbild wurde zum Schreckbild: <em>„Genau wie einige ungarische und polnische Populisten mit ihrer Weigerung prahlen, den liberalen Westen zu kopieren, so fühlen sich Trump-Anhänger befreit, wenn sie hören, dass die in Harvard ausgebildeten Eliten nicht nur keine Vorbilder, sondern in einem ganz fundamentalen Sinne noch nicht einmal richtige Amerikaner sind.“</em> (Ähnlich argumentiert Björn Höcke, wenn er die Westdeutschen als <a href="https://www.tagesspiegel.de/politik/westdeutsche-als-deutsch-sprechende-amerikaner-hat-hocke-seine-these-von-russia-today-15696261.html"><em>„deutsch sprechende Amerikaner“</em></a> bezeichnet.)</p>
<p>Einen interessanten Aspekt, der zu dem Bild des abgerissenen East Wing passt, bietet der Münchner Historiker <a href="https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/philhist/professuren/geschichte/neueste-geschichte/team/johannes-geck/">Johannes Geck</a> in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/anarchofaschismus-reloaded-a-mr-80-8-60/">„Anarchofaschismus reloaded“</a> in der Augustausgabe 2026 des Merkur. Er beginnt mit einem Bild, das alle gängigen Bilder einer im Trump-Reich gefeierten <em>„white supremacy“</em> konterkariert. Es handelt sich um ein Video aus dem Januar 2026: <em>„In einer Luxuslimousine wiegen sich fünf Männer zu Kanye Wests auf den meisten Plattformen gesperrten Song <u>Heil Hitler</u>. Zu sehen sind Tristan Tate, Sohn eines afroamerikanischen Vaters, in Rumänien des Menschenhandels angeklagt; Myron Gaines, Streamer mit sudanesischen Wurzeln und mehrfacher Holocaustleugner; Sneako, philippinisch-haitianischer Abstammung, konvertierter Muslim und wegen antisemitischer und frauenfeindlicher Aussagen von YouTube verbannt. Und in ihrer Mitte Nick Fuentes, weißer Nationalist und offener Mussolini-Bewunderer, der bei anderer Gelegenheit erklärt hatte, die meisten Schwarzen gehörten hinter Gitter. Zusammen versammeln die fünf eine Followerschaft von über fünfzehn Millionen Menschen hinter sich.“</em> All das sei <em>„Pose“</em>, durchaus im Sinne von Ernst Jünger und dessen Figur des <em>„Anarchen“</em>, den er insbesondere in seinem utopischen Roman „Eumeswil“ (1977) entwickelte. Johannes Geck verweist auf Armin Mohlers Essay „Der faschistische Stil“ (1973): <em>„Faschismus sei ‚eine Gebärde, ein Rhythmus‘, in dessen ‚Laufschritt‘ sich der Faschist über einen ‚kalten und rapiden Stil‘ verständige; mit ‚Unstimmigkeiten in der Theorie‘ könne er sich dagegen leicht abfinden.“</em></p>
<p>Rechtspopulistische und rechtsextremistische (auch linkspopulistische und linksextremistische?) Parteien interessieren sich nicht unbedingt für Programme, sodass es letztlich nicht hilft, ihre Programme zu kritisieren. Sie interessieren sich für Aktion, für Tat, für den <em>„‚Rausch der Dezision‘ (…), den </em><a href="https://www.suhrkamp.de/buch/helmut-lethen-verhaltenslehren-der-kaelte-t-9783518127766"><em>Helmut Lethen</em></a> (Link NR) <em>als Kern der <u>kalten persona</u> beschreiben hat. Mit Unstimmigkeiten in der Theorie kann sich der Faschist nach Mohler gut abfinden; entscheidend ist die habituelle Nähe im Antiliberalismus.“ </em>Johannes Geck konstatiert: <em>„Die Pose ist an keine Identität gebunden, weder an eine ethnische noch an eine geschlechtliche, sondern an eine prinzipiell übertragbare Haltung.“</em> Die martialische Diktion der Reden populistischer Führergestalten rechtfertigt letztlich Gewalt, auch wenn sie dies – wie Trump am 6. Januar 2021 – oft so kryptisch tun, dass zwar alle verstehen, was gemeint ist, sie jedoch niemand dafür verantwortlich machen kann, was dann geschieht.</p>
<p>Karl Marx hat eine solche Entwicklung im „18. Brumaire“ am Beispiel der Bauern beschrieben: <em>„Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, daß ein Mann namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde. Und es fand sich ein Individuum, das sich für diesen Mann ausgibt, weil es den Namen Napoleon trägt, infolge des Code Napoléon, der anbefiehlt: ‚La recherche de la paternité est interdite.‘ Nach zwanzigjähriger Vagabundage und einer Reihe von grotesken Abenteuern erfüllt sich die Sage, und der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe Idee des Neffen verwirklichte sich, weil sie mit der fixen Idee der zahlreichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel.“ </em>Natürlich erfüllten sich die Träume der französischen Bauern nicht, ebenso wenig wie die <em>weiße</em> US-amerikanische Arbeiterklasse mit Trump wieder zu neuem Wohlstand kommt. Möglicherweise – das ist bei Marx nicht vorgesehen – profitiert sie erst durch eine Art Selbst-Lumpenproletarisierung, die ein Bündnis mit dem autokratischen Herrscher eingeht, der ihnen verspricht, alle, von denen sie glauben, dass sie sie behinderten, zu zerstören – außer natürlich ihn selbst. Der Monarch kommt als Anarch zur Macht und festigt sie in bilderstürmerischer Pose. Nichts wird mehr zur Ruhe kommen. Pennywise wird Bündnispartner, Vorbild und letztlich Retter. Es folge die Sintflut!</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 6. August 2026. Titelbild: Firouzeh Görgen-Ossouli, Nordlichter, Rechte bei der Künstlerin.)</p>
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		<title>Geschichtsrevisionismus via TikTok</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/geschichtsrevisionismus-via-tiktok/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Aug 2026 04:19:41 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Geschichtsrevisionismus via TikTok Wie die extreme Rechte in jugendliche Lebenswelten eindringt „Um gesamtgesellschaftlichen Radikalisierungsprozessen begegnen zu können, müssen wir verstehen, wie der Konsum von Inhalten auf TikTok zur Bildung und Festigung radikaler Meinungen beiträgt.“ (Deborah Schnabel und Eva Berendsen, „Das TikTok-Universum der (extremen) Rechten – Trends, Strategien und Ästhetik in der Social-Media-Kommunikation“, Frankfurt am  [...]</p>
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<h1><strong>Geschichtsrevisionismus via TikTok</strong></h1>
<h2><strong>Wie die extreme Rechte in jugendliche Lebenswelten eindringt</strong></h2>
<p><em>„Um gesamtgesellschaftlichen Radikalisierungsprozessen begegnen zu können, müssen wir verstehen, wie der Konsum von Inhalten auf TikTok zur Bildung und Festigung radikaler Meinungen beiträgt.“</em> (Deborah Schnabel und Eva Berendsen, <a href="https://www.bs-anne-frank.de/mediathek/publikationen/das-tiktok-universum-der-extremen-rechten">„Das TikTok-Universum der (extremen) Rechten – Trends, Strategien und Ästhetik in der Social-Media-Kommunikation“</a>, Frankfurt am Main, Bildungsstätte Anne Frank, 2024)</p>
<p>Die zitierte Dokumentation der Bildungsstätte Anne Frank ist eine der umfassendsten Übersichten über das Phänomen rechtsextremer Propaganda über die Plattform TikTok und darf daher als eine zentrale Grundlage dieses Beitrags gelten. Wir können davon ausgehen, dass digitale Plattformen sich zu zentralen Orten politischer Meinungsbildung entwickelt haben und zunehmend den gesellschaftlichen Umgang mit demokratischer Verantwortung und Erinnerung prägen. Dabei gibt es eine Fülle von Parallelen und Verknüpfungen zur AfD. Zahlreiche Hinweise geben auch Veröffentlichungen der Bundeszentrale für politische Bildung und des NS-Dokumentationszentrums Köln, die hier beispielhaft für viele andere ausgewertet werden konnten.</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/rein-oder-raus-immer-rund-um-die-mitte/">Die 2025 veröffentlichte Bielefelder Mitte-Studie</a> beschreibt eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung und Normalisierung rechtsextremer Positionen, obwohl die Zahlen für Menschen mit einem gefestigten rechtsextremen Welt- und Menschenbild im Vergleich zu den Jahren 2022 und 2023 gesunken sind. Rechtsextrem affine Aussagen jedoch gewinnen an Zustimmung. Auch junge Menschen verorten sich häufiger an den politischen Rändern, rechtsextreme Einstellungen und deren öffentliche Artikulation gewinnen an Sichtbarkeit und <a href="https://www.tagesschau.de/inland/bundestagswahl/wahlverhalten-bevoelkerungsgruppen-umfragen-bundestagswahl-2025-100.html">der AfD gelingt es zunehmend, junge Wähler:innen zu erreichen</a>. Andererseits positionieren sich auch viele junge Wähler:innen auf der Seite der Linken. Doch die Attraktivität der Linken ist nicht Gegenstand dieses Beitrags. Hier geht es um die geschichtsrevisionistischen Thesen, mit denen die AfD über die ihr zur Verfügung stehenden Kanäle, nicht zuletzt TikTok, versucht, Jugendliche zu beeinflussen.</p>
<p>Bei der Bundestagswahl 2021 lag die AfD unter den 18- bis 24- jährigen Wähler:innen bei rund 7%. 2025 erreichte sie in dieser Altersgruppe 21% der Stimmen; ihre Zustimmung unter jungen Erwachsenen hat sich innerhalb von vier Jahren nahezu verdreifacht.</p>
<h3><strong>Demokratische Erinnerungskultur unter Druck</strong></h3>
<div id="attachment_8235" style="width: 222px" class="wp-caption alignright"><a href="https://nsdok.de/Publikationen"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8235" class="wp-image-8235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-200x283.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-212x300.jpg 212w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-400x566.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-600x848.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-724x1024.jpg 724w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-768x1086.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-800x1131.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-1086x1536.jpg 1086w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-1200x1697.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-1448x2048.jpg 1448w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Positionierte_Orte-scaled.jpg 1810w" sizes="(max-width: 212px) 100vw, 212px" /></a><p id="caption-attachment-8235" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über die Publikationen des NS-Informationszentrums in Köln erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>In diesem Rahmen gerät auch die demokratische Erinnerungskultur verstärkt unter Druck – so Eva Maria Krane in ihrem Beitrag <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">„Bildungsarbeit zur extremen Rechten als gedenkstättenpädagogisches Handlungsfeld“</a> in dem Sammelband „Positionierte Orte“ (Köln, NS-Dokumentationszentrum, 2025). Fachkräfte aus Gedenkstätten und erinnerungspolitischen Einrichtungen berichten seit einigen Jahren von einer Zunahme offener Bezüge zum Nationalsozialismus, geschichtsrevisionistischer Äußerungen sowie gezielter Provokationen gegenüber der historischen Bildungsarbeit.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund kommt digitalen Plattformen eine besondere Bedeutung zu: TikTok ist eine der wichtigsten Informations- und Unterhaltungsplattformen für junge Menschen. <a href="https://www.bpb.de/lernen/bewegtbild-und-politische-bildung/themen-und-hintergruende/lernen-mit-und-ueber-tiktok/523781/was-ist-tiktok/">Nach Schätzungen</a> sind rund 80 % der weltweiten TikTok-Nutzerinnen zwischen 16 und 34 Jahre alt. Dadurch erreicht die Plattform viele junge Menschen in einer Lebensphase, in der sich politische Einstellungen und gesellschaftliche Orientierungen entwickeln und ausprägen. Gleichzeitig hat sich die Plattform zu einem bedeutenden politischen, jedoch weitgehend unregulierten Diskursraum entwickelt, der sowohl marginalisierten Gruppen Sichtbarkeit verschafft als auch von rechtsextremem Akteur:innen gezielt zur Verbreitung menschenfeindlicher und demokratiefeindlicher Inhalte genutzt wird. Die hohe Reichweite rechtspopulistischer Accounts, insbesondere von AfD-Politiker:innen, lässt ahnen, welche Bedeutung die Plattform für die politische Meinungsbildung junger Menschen hat.</p>
<p>Auch die Interaktionen mit parteipolitischen TikTok-Accounts während des Bundeswahlkampfes 2025, <a href="https://fgzrisc.hypotheses.org/5841">die das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenarbeit analysiert hat</a>, verdeutlichen die hohe Sichtbarkeit rechter Inhalte auf der Plattform. Gemessen an Aufrufen, Likes, Kommentaren und Reposts erzielte die AfD in allen Kategorien Höchstwerte und übertraf die übrigen Parteien teilweise deutlich. Diese Interaktionszahlen sind jedoch mit Vorsicht zu interpretieren. Da die Werte verschiedener Einzelvideos zusammengefasst werden, können besonders erfolgreiche Beiträge den Gesamteindruck stark beeinflussen.</p>
<p>Es besteht kein linearer Zusammenhang zwischen TikTok-Nutzung und dem Wahlerfolg der AfD oder dem Anklang rechter Ideologien. Vielmehr handelt es sich hierbei um eine Gemengelage aus verschiedenen Faktoren. Unzureichende (historisch-) politische Wissensbestände treffen auf die Aufmerksamkeitsökonomie sozialer Medien sowie die Verunsicherung junger Menschen im Kontext der sogenannten Polykrise. Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Lebenskosten, Wohnraummangel und gesellschaftliche Polarisierung prägen die Lebenswirklichkeit und Sorgen vieler junger Menschen und beeinflussen ihre politische Orientierung, so Deborah Schnabel im Vorwort der oben genannten Publikation.</p>
<p>Der Anstieg der Zustimmung zur AfD unter jungen Menschen ist somit nicht allein durch soziale Medien erklärbar, verweist jedoch auf die zunehmende Relevanz digitaler Plattformen wie TikTok als Orte politischer Meinungsbildung. Das unterstreicht, warum die Verbreitung rechtsextremer und geschichtsrevisionistischer Inhalte auf der Plattform zunehmend in die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rückt.</p>
<h3><strong>TikTok – die idealen Bedingungen für populistische Inhalte</strong></h3>
<p>Ursprünglich fanden sich auf TikTok vor allem Tanzvideos und Lipsyncs – also Videos, in denen Nutzer:innen zu trendenden Songs oder Sounds die Lippen bewegen. Heute ist die App ein Massenmedium der Generation Z und dient als Suchmaschine, Informationsquelle und Unterhaltungsplattform. Offiziell ist sie ab 13 Jahren nutzbar, beim Registrieren erfolgt jedoch keine Altersprüfung. Jede:r Nutzer:in kann eigene Inhalte erstellen, hochladen und selbst Creator:in werden.</p>
<p>TikTok ist eine Kurzvideoplattform; die durchschnittliche Videolänge liegt bei etwa 30 Sekunden. Nutzer:innen verbringen im Schnitt täglich 95 Minuten auf der App; jüngere Menschen tendenziell mehr. Welche Inhalte ihnen in dieser Zeit begegnen, ist stark vom Algorithmus abhängig – stärker noch als beispielsweise bei Instagram. TikTok analysiert kontinuierlich das Nutzverhalten (Likes, Kommentare, Verweildauer) und spielt darauf basierend neue Inhalte aus. Es entsteht eine individuelle For You Page, die sich umgehend nach Öffnen der App öffnet, den gesamten Bildschirm ausfüllt und Videos im Loop abspielt. Das nächste Video startet, wenn man nach unten swipet. So entsteht ein endloser, auf die eigenen Interessen zugeschnittener Videofluss.</p>
<p>Viele Creator:innen versuchen daher – so Deborah Schnabel – gezielt, <em>„zu aktuellen Trends möglichst viele, schnelle und kurze Videos zu produzieren, um die Chance zu verbessern, im algorithmisch ausgespielten Videostrom (…) aufzutauchen“.</em> Inhalte werden möglichst prägnant, emotionalisierend und in einfache Botschaften verpackt, komplexe politische Themen werden in kürzester Zeit erklärt und somit zwangsläufig verkürzt dargestellt. Die Struktur TikToks bietet also die ideale Fläche, politische Inhalte auf rechtspopulistische Art zu platzieren. Gleichzeitig wächst bei Nutzer:innen auch das Gefühl, sich möglichst schnell zu politischen und gesellschaftlichen Themen positionieren zu müssen. Sie können zügig in eine politisch einseitige Radikalisierungsspirale geraten – bestehend aus antidemokratischen, menschenfeindlichen Inhalten.</p>
<p>Der Erfolg der rechtspopulistischen AfD ist zum einen auf diese Plattformlogik zurückzuführen. Parteien mit stärker differenzierten Inhalten haben es schwieriger, Reichweite zu erzielen. Zum anderen spielt ihre – in Vergleich mit anderen Parteien – strategisch frühe Nutzung der Plattform eine Rolle: dieser bedeutende Teil jugendlicher Lebenswelten wurde ihr lange Zeit überlassen. Hinzu kommt die Polykrise: belastende gesellschaftliche Themen prallen im Sekundentakt auf Nutzer:innen ein, während Raum für Verarbeitung und, aufgrund des jungen Alters, das nötige Hintergrundwissen zur kritischen Einordnung fehlen. Rechtsextreme Creator:innen nutzen diese Unsicherheiten gezielt aus und schaffen Feindbilder, denen sie die Ursachen verschiedener Krisen pauschal zuschreiben und deren Ausgrenzung als vermeintliche Lösung präsentiert wird.</p>
<p>Insgesamt bieten die Rahmenbedingungen von TikTok den idealen Raum dafür, das umzusetzen, was Populismus ausmacht<strong>: </strong>verkürzen, pauschalisieren und emotionalisieren. Politische Themen differenziert darzustellen, mehrere Perspektiven auf einen Sachverhalt aufzuzeigen und gesellschaftliche Kontroversen abzubilden, kollidiert mit der Plattformlogik des schnellen, endlosen und zielgerichteten Videoflusses.</p>
<h3><strong>Extrem rechte Narrative auf TikTok</strong></h3>
<div id="attachment_8236" style="width: 221px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.bs-anne-frank.de/mediathek/publikationen"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8236" class="wp-image-8236 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte-211x300.png" alt="" width="211" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte-200x285.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte-211x300.png 211w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte-400x569.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Anne-Frank-Bildungsstaette-TikTok-Report-Junge-Rechte.png 527w" sizes="(max-width: 211px) 100vw, 211px" /></a><p id="caption-attachment-8236" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über Publikationen der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Deborah Schnabel und Eva Berendsen identifizieren eine Vielzahl rechter Narrative auf TikTok:</p>
<ul>
<li>Rechtsextreme Symbole und Botschaften: sowohl offen (zum Beispiel Reichsflaggen oder Sounds aus dem Rechtsrock) als auch subtiler in Form von Emoji-Codes (zum Beispiel der winkende Mann als Anspielung auf den Hitlergruß),</li>
<li>nationalistische, ethnopluralistische und völkische Ideologien,</li>
<li>Rassismus und Forderungen nach <em>„Remigration“</em> als vermeintliche Lösung gesellschaftlicher Probleme (der Begriff steht hier in Anführungsstrichen, da er – so Jochen Oltmer <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/glossar-migration-integration/270628/rueckwanderung/">zum Thema für die Bundeszentrale für politischer Bildung</a> – inzwischen von rechtspopulistischen und rechtsextremen Akteur:innen als <em>„Euphemismus (…) für die Forderung nach massenhaften Ausweisungen von Menschen mit Migrationshintergrund“</em> (Oltmer, 2017/2024) verwendet wird),</li>
<li>geschlechterspezifische Narrative mit Bezug auf stereotype und aggressive Männlichkeitsbilder,</li>
<li>die Abwertung von FLINTA* und queeren Personen,</li>
<li>die normierende Umdeutung rechter Politik sowie</li>
<li>antisemitische und verschwörerische Inhalte.</li>
</ul>
<p>Diese Liste ließe sich um den Begriff des Geschichtsrevisionismus erweitern, der nicht immer als alleinstehendes Phänomen auftritt, sondern als Querschnittsnarrativ verstanden werden kann.</p>
<h3><strong>Geschichtsrevisionismus der extremen Rechten</strong></h3>
<p>Geschichtsrevisionismus bezeichnet die Umdeutung historischer Ereignisse für persönliche oder politische Zwecke sowie deren Relativierung in Vergleich zu anderen Ereignissen. Es existieren verschiedene Ansätze zur Kategorisierung geschichtsrevisionistischer Narrative. Wir beziehen uns im Folgenden auf mehrere Beiträge aus der vom NS-Dokumentationszentrum in Köln von Hans-Peter Killguss und Martin Langebach herausgegebenen Publikation <a href="https://de.book-info.com/isbn/3-938636-24-6.htm">„Opa war in Ordnung!“</a> – Erinnerungspolitik der extremen Rechten“, indem wir die dort genannten sechs Formen von Geschichtsrevisionismus im Kontext der nationalsozialistischen Vergangenheit erfassen, die durchaus auch Schnittflächen haben und daher ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken können.</p>
<p><strong>Viktimisierung: </strong>Viktimisierung meint Narrative, in denen die Deutschen als die eigentlichen Leidtragenden des Zweiten Weltkrieges und des Nationalsozialismus dargestellt werden. Ein Beispiel ist dieses Zitat des AfD-Politikers Alexander Gauland aus einem <a href="https://www.zeit.de/2016/17/alexander-gauland-afd-cdu-konservatismus">Interview mit der ZEIT aus dem Jahr 2016</a>: <em>„Ja. Hitler hat sehr viel mehr zerstört als die Städte und die Menschen, er hat den Deutschen das Rückgrat gebrochen weitgehend“</em>. Gauland konstruiert die Deutschen als Opfer der NS-Herrschaft, indem der Fokus auf dem Schaden liegt, der ihnen selbst zugefügt worden sei. Eine solche Perspektive ist viktimisierend, da nur einzelne Akteure des Nationalsozialismus als Hauptverantwortliche erscheinen, während die deutsche Gesellschaft als Opfer ihrer Herrschaft dargestellt wird. So entsteht der Eindruck, der Nationalsozialismus sei den Deutschen aufgezwungen worden und sie hätten kaum Handlungsspielräume gehabt – dazu Michael Sturm in seinem Beitrag <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">„‚Dieses Gedenkstättenzeug‘ – Die AfD und ihr Umgang mit der NS-Vergangenheit“</a> in dem Sammelband „Positionierte Orte“. Die Verantwortung weiter Teile der deutschen Gesellschaft für die NS-Verbrechen sowie das Leid der eigentlichen Opfer- und Verfolgten-Gruppen werden vollkommen ausgeblendet.</p>
<p><strong>Heroisierung: </strong>Heroisierende Narrative charakterisieren sich dadurch, dass die Deutschen, insbesondere deutsche Soldaten, als Helden dargestellt werden. So postete der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete <a href="https://www.facebook.com/benjamin.nolte.afd/photos/-am-heutigen-heldengedenken-erinnern-wir-uns-an-all-jene-die-in-schweren-zeiten-/1099040418887698/">Benjamin Nolte am Volkstrauertag im Jahr 2024 auf Facebook</a>: <em>„In einer Zeit, in der unsere Geschichte oft verzerrt dargestellt wird, ist es umso wichtiger, an die Leistungen und Entbehrungen unserer Vorfahren zu erinnern.“ </em>Damit schließt er durchaus auch an die <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/article254583192/Geschichtsrevisionismus-AfD-Politiker-beleben-NS-Tradition-des-Heldengedenkens-wieder.html">Umbenennung des Volkstrauertags in einen <em>„Heldengedenktag“</em> durch die Nationalsozialisten</a> an. Nolte hebt die <em>„Leistungen“</em> und <em>„Entbehrungen“</em> der Vorfahren hervor und betont damit Eigenschaften wie Opferbereitschaft, Pflichterfüllung und Durchhaltevermögen. Gleichzeitig wird durch die Aussage, die deutsche Geschichte werde <em>„oft verzerrt dargestellt“</em>, der Eindruck vermittelt, die Erinnerungskultur zeichne ein unverhältnismäßig negatives Bild der deutschen Geschichte, indem sie die Zeit des Nationalsozialismus zu stark in den Vordergrund stelle. Die Verantwortung deutscher Soldaten und weiterer Teile der deutschen Gesellschaft für die NS-Verbrechen sowie das Leid der Opfer treten dabei in den Hintergrund, während die Vorfahren pauschal als ehrenhaft und leidensfähig dargestellt werden.</p>
<p><strong>Verharmlosung</strong>: Verharmlosende Narrative bagatellisieren die Verbrechen des Nationalsozialismus oder schwächen sie ab. Ein Beispiel hierfür ist die Aussage des AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Protschka aus dem Jahr 2023, der auf einer Kundgebung erklärte, man lasse sich heute vorschreiben, was man zu tun habe, <em>„weil vor 80 Jahren ein Österreicher was angestellt habe“</em> (zitiert von <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">Michael Sturm in der Dokumentation „Positionierte Orte“</a>). Die umgangssprachliche Formulierung <em>„was angestellt“</em> verharmlost die nationalsozialistischen Verbrechen, indem sie den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg sprachlich mit einem alltäglichen Fehlverhalten gleichsetzt. Die systematische Ermordung von Millionen Menschen sowie die Dimension der nationalsozialistischen Gewalt werden dadurch sprachlich abgeschwächt. Zugleich reduziert die Bezeichnung Hitlers als <em>„Österreicher“</em> die Verantwortung auf eine einzelne Person. Die Mitwirkung weiter Teile der deutschen Gesellschaft und staatlicher Institutionen an den nationalsozialistischen Verbrechen bleibt dadurch ausgeblendet.</p>
<p><strong>Beschönigung</strong>: Beschönigende Narrative zeichnen sich dadurch aus, dass sie den Fokus auf vermeintlich positive Seiten des Nationalsozialismus lenken, teilweise auch durch Auslassungen und Teilwahrheiten. Ein Beispiel dafür ist die Erzählung, ohne Hitler gäbe es keine Autobahnen. Abgesehen davon, dass dieses Narrativ ohnehin eine einzelne infrastrukturelle Entwicklung hervorhebt und Verbrechen des NS-Regimes ausblendet, bleibt zudem unberücksichtigt, dass die ersten Autobahnen bereits während der Weimarer Republik fertiggestellt wurden.</p>
<p><strong>Rechtfertigung: </strong>Rechtfertigende Narrative stellen nationalsozialistische Verbrechen als nachvollziehbar, legitim, kriegsnotwendig oder sogar wünschenswert dar. Dies zeigt sich beispielhaft in einem privaten Facebook-Chat von Marcel Grauf (ein ehemaliger Mitarbeiter zweier AfD Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg): <em>„Immerhin haben wir jetzt so viele Ausländer im Land, dass sich ein Holocaust mal wieder lohnen würde.“</em> (zitiert nach <a href="https://correctiv.org/faktencheck/politik/2020/02/05/die-meisten-dieser-zitate-stammen-von-afd-politikern-einige-sind-aber-unbelegt/">Bianca Hoffmann und Alice Echtermann 2020 bei Correctiv</a>, bestätigt durch ein <a href="https://oberlandesgericht-karlsruhe.justiz-bw.de/pb/,Lde/Startseite/Medien/Oberlandesgericht+Karlsruhe+erlaubt+Berichterstattung+ueber+rechtsextreme+Aeusserungen+eines+Mitarbeiters+zweier+AfD+Landtagsabgeordneter+in+Facebook-Chats/">Urteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe</a>). Die Äußerung stellt den Holocaust nicht als beispielloses Menschheitsverbrechen dar, sondern präsentiert ihn als vermeintlich politisches Mittel, dessen <em>„Nutzen”</em> abhängig von den gegebenen Umständen sei. Dadurch wird nationalsozialistische Gewalt implizit gerechtfertigt und das Leid der Opfer vollständig ausgeblendet.</p>
<p><strong>Entkriminalisierung: </strong>Entkriminalisierende Narrative versuchen, die extreme Rechte dadurch von den Verbrechen des Nationalsozialismus zu entlasten, indem dieser als vermeintlich linke Ideologie dargestellt wird. Ein Beispiel hierfür ist die Behauptung von Alice Weidel, 2025, in einem Livestream-Talk auf der Plattform X mit Elon Musk: <em>„Adolf Hitler war ein Linker“ </em>(<a href="https://www.youtube.com/watch?v=kEqDks-h-qM">Ntv Nachrichten, 2025, Min. 01:45</a>). Mit dieser historisch falschen Aussage wird die ideologische Einordnung des Nationalsozialismus verfälscht, indem die Verantwortung für die NS-Verbrechen von der extremen Rechten auf das politisch linke Spektrum verschoben wird.</p>
<h3><strong>Geschichtsrevisionismus als Kampffeld </strong></h3>
<p>Es wird deutlich: Die Darstellung von Geschichte lässt sich mithilfe von Sprache formen. Daher „<em>bleibt der Umgang mit Geschichte </em>(für die extreme Rechte, IT / CH)<em> ein bedeutsames politisches Kampffeld“</em> (so C. Kopke und K. Wilke in „Heldengeschichten als Gegenerzählungen – Extrem rechte Narrative und Inszenierungen zum Zweiten Weltkrieg“ (in dem Sammelband „Opa war in Ordnung!“ – Erinnerungspolitik der extremen Rechten“, Köln: NS-Dokumentationszentrum, 2016).</p>
<p>Wer geschichtsrevisionistische Narrative bedient und damit nationalsozialistische Verbrechen relativiert, kann eigene gegenwärtige rechtsextreme Haltungen und Ideologien legitim erscheinen lassen und von der historischen Verbindung zum Nationalsozialismus entkoppeln und entlasten, <a href="https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/574498/geschichtsrevisionismus-digital-wie-rechtsextreme-akteure-auf-social-media-geschichte-umdeuten/#footnote-target-5">wie Berit Kö und Jakob Schergaut für die Bundeszentrale für politische Bildung belegen</a>.</p>
<p>Bereits unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stieß die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen auf erheblichen Widerstand aus dem rechten Spektrum. Bereits unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stieß die gesellschaftliche und juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen auf erheblichen Widerstand aus dem rechten Spektrum. Fabian Virchow und Joachim Schröder haben dies in dem vom NS-Dokumentationszentrum Köln und dem Erinnerungsort Alter Schlachthof herausgegebenen Band <a href="https://nsdok.de/downloads/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">„Positionierte Orte“</a> in einem Interview zur <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">„Schnittstelle von Rechtsextremismusforschung und Erinnerungsarbeit“</a> im Detail ausgeführt. Daneben sind auch geschichtsrevisionistische Verschwörungserzählungen innerhalb der extremen Rechten spätestens seit den 1950er Jahren verbreitet, insbesondere in antisemitischer Form, etwa durch die fälschliche Zuschreibung der Verantwortung für die Shoah an jüdische Menschen oder die Verfälschung von Opferzahlen – der <a href="https://www.adl.org/resources/hate-symbol/271k">Code <em>„271k“</em> wird in letzter Zeit in diesem Kontext zur entsprechenden Verfälschung verwendet</a>.</p>
<div id="attachment_8237" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8237" class="wp-image-8237 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-300x212.png" alt="" width="300" height="212" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-200x141.png 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-300x212.png 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-400x283.png 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-600x424.png 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-768x543.png 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-800x566.png 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-1024x724.png 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-1200x848.png 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-1-1536x1086.png 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8237" class="wp-caption-text">Screenshot: Collage aus Kommentaren unter Beiträgen der Tagesschau auf TikTok und Instagram im März 2026 (Abruf durch die Autorinnen: 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Heute ist vermehrt ein unverhüllter positiver Bezug zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen zu beobachten – und das nicht mehr nur innerhalb neonazistischer Milieus, die sich unter anderem durch diese positive Bezugnahme charakterisieren. Auf Social Media wird das etwa in der Kommentarspalte unter einem Beitrag der Tagesschau mit der Aufschrift <a href="https://www.instagram.com/p/DWCenxCiF1V/"><em>„Waren die (Ur-)Großeltern Nazis?“</em></a> sichtbar, der über die Einsicht in NSDAP-Mitgliedkarteien informiert. Ein Blick in die Kommentarspalten auf TikTok und Instagram zeigt, wie verschiedene Formen von Geschichtsrevisionismus nebeneinanderstehen.</p>
<p>So finden sich mit <em>„Ich war enttäuscht. Mein Opa war nicht mit dabei“</em>, <em>„Mit Stolz“</em> oder <em>„Das waren Helden“</em> etwa heroisierende Aussagen. Kommentare wie die Frage <em>„was daran ist jetzt schlimm“</em> verharmlosen NS-Verbrechen. Wiederum andere Kommentare bedienen sich viktimisierender Narrative und verschieben die Opferperspektive auf die deutschen Soldaten: <em>„viele hatten keine Wahl“, „Seine Jugend gibt ihm niemand zurück“</em>. Kommentare wie „(ist) <em>mir scheißegal steckt euch euren schuldkult (sic!) ganz tief da rein, wo keine Sonne scheint“</em> signalisieren eine klare Ablehnung von Erinnerungskultur, die als unnötig und lästig empfunden wird. Dabei wird auf den verschwörerischen Begriff <em>„Schuldkult“</em> zurückgegriffen, der die Erinnerung an NS-Verbrechen als übersteigert und unterdrückend bewertet und dadurch relativiert. Hinzu kommen antisemitische Äußerungen und Forderungen nach <em>„Remigration“</em>; die Verwendung des Euphemismus kann im Kontext von NS-Geschichte als positive Bezugnahme auf Vertreibung und Deportation interpretiert werden.</p>
<h3><strong>Erinnerungskultur der AfD</strong></h3>
<p>Die zuvor zitierten Aussagen verschiedener AfD-Funktionär:innen verdeutlichen, dass geschichtsrevisionistische Positionen innerhalb der Partei keine Einzelfälle darstellen, sondern sich als wiederkehrendes Muster erkennen lassen. Geschichtsrevisionismus darf dabei nicht lediglich als eine alternative Deutung historischer Ereignisse verstanden werden, sondern <a href="https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/574498/geschichtsrevisionismus-digital-wie-rechtsextreme-akteure-auf-social-media-geschichte-umdeuten/#node-content-title-1"><em>„richtet sich damit systematisch gegen die etablierte Erinnerungskultur“</em></a>.</p>
<p>Die AfD knüpft inhaltlich an die erinnerungspolitischen Abwehrhaltungen der extremen Rechten an und verfolgt eine strategische Umdeutung der heutigen Erinnerungskultur. Im Zentrum steht die Forderung, die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen zugunsten einer positiven nationalen Geschichtserzählung zurückzudrängen. Im Bundestagswahlprogramm 2025 formuliert die Partei: <em>„Die offizielle Erinnerungskultur darf sich nicht nur auf die Tiefpunkte unserer Geschichte konzentrieren, sie muss auch die Höhepunkte im Blick haben. Ein Volk ohne Nationalbewusstsein kann auf Dauer nicht bestehen“</em>.</p>
<p>Damit wird der Nationalsozialismus implizit als ein <em>„Tiefpunkt unter vielen“</em> eingeordnet und damit in seiner Singularität als beispielloses Menschheitsverbrechen relativiert. Die Forderung nach einer stärkeren Betrachtung nationaler <em>„Höhepunkte“</em> dient einer positiven Neurahmung deutscher Geschichte, bei der die kritische Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen an Bedeutung verlieren würde. Die AfD fordert somit keinen vollständigen Bruch mit der Erinnerungskultur, sondern eine grundlegende Verschiebung ihrer Schwerpunkte. <a href="https://www.geschichte-und-politik.info/politik/aktuell/vogelschiss/gauland.html">Alexander Gauland sagte am 2. Juni 2018</a>: <em>„Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“.</em> Im <a href="https://afd-lsa.de/wp-content/uploads/2026/07/AfD_Sachsen-Anhalt_Regierungsprogramm_2026_230726-web.pdf">Kapitel Schulbildung des Wahlprogramms 2026 der AfD in Sachsen-Anhalt</a> wird die Partei deutlicher: Sie fordert, die Erinnerungskultur auf die Jahre 1813 und 1871 zu konzentrieren, sodass die Frage erlaubt sein muss, ob dies eine neuerliche Konfrontation mit Frankreich bedeutet, wie es sie eigentlich seit 1963 durch De Gaulle und Adenauer nicht mehr geben dürfte.</p>
<p>Auch im politischen Handeln der Partei zeigt sich diese erinnerungspolitische Strategie: Durch parlamentarische Anfragen und Anträge versucht die AfD wiederholt, die Arbeit von Gedenkstätten und erinnerungspolitischen Institutionen zu diskreditieren, zu erschweren, insbesondere durch Mittelstreichungen. Gleichzeitig fordern AfD-Vertreter:innen die Teilnahme an Gedenkveranstaltungen oder nutzen diese gezielt, um ihre politischen Positionen zu platzieren. Die Erinnerungskultur ist gezielten politischen Angriffen der AfD ausgesetzt, auch hierzu ausführlich <a href="https://downloads.museenkoeln.de/nsd2/2025%20Positionierte%20Orte.pdf">Fabian Virchow und Joachim Schröder in der schon zitierten Publikation „Positionierte Orte“</a>.</p>
<h3><strong>Geschichtsrevisionistische Erscheinungsformen auf TikTok</strong></h3>
<p>Auf TikTok ist zu beobachten, dass geschichtsrevisionistische Narrative in unterschiedlichen Beitragsformen eingebettet sind. Auch wenn die Motive der Creator:innen aus den folgenden Beispielen nicht immer eindeutig geschichtsrevisionistisch eingeordnet werden können, verbreiten sie dennoch geschichtsrevisionistische Narrative und anschlussfähige Deutungsmuster. Deborah Schnabel und Eva Berendsen führen in ihrer oben genannten Publikation verschiedene Beitragsformen auf. In diesen lassen sich geschichtsrevisionistische Deutungsmuster finden. Wir können hier wiederum auf die Dokumentation von Eva Berendsen und Deborah Schnabel zurückgreifen.</p>
<p><strong>Persönliche, direkte Anspracheform: </strong>Bei der persönlichen, direkten Anspracheform stehen einzelne Akteur:innen im Vordergrund, die ihre Zuschauer:innen in einem (vermeintlich) professionellen und authentischen Stil direkt ansprechen. Insbesondere wiederkehrende Personen im gleichen Videostil können das Entstehen parasozialer Beziehungen zwischen Akteur:in und Zuschauer:in fördern. TikToks dieser Art weisen häufig nur eine geringe inhaltliche Tiefe auf, wirken jedoch durch ihre emotionale Darstellung besonders relevant. Die niedrigen Zugangshürden der Plattform ermöglichen es jeder Person, als vermeintliche Expert:innen oder Aufklärer:innen aufzutreten.</p>
<div id="attachment_8238" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8238" class="wp-image-8238 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-300x148.jpg" alt="" width="300" height="148" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-200x99.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-300x148.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-400x198.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-600x297.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-768x380.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-800x396.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-1024x507.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-1200x594.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2-1536x760.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-2.jpg 1649w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8238" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video von Maximilian Krah (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Ein Beispiel dafür ist der AfD-Politiker Maximilian Krah, der immer wieder durch rechtsextreme und -populistische Aussagen auffällt. In einem Video erklärt Krah unter anderem: <em>„Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher. Wir haben allen Grund, stolz auf unser Land zu sein</em>&#8220; sowie <em>„Deutsche Lieder, deutsche Wertarbeit, deutsche Gedichte, deutsche Gedanken – (…) wunderbarer Klang&#8220;</em>. Das Video konstruiert ein ausschließlich positives Bild deutscher Vergangenheit, indem Vorfahren als leidende und leistungsstarke Menschen dargestellt werden, während ihre mögliche Beteiligung an den Verbrechen des Nationalsozialismus vollständig ignoriert wird. Dadurch entsteht eine pauschale Entlastung der deutschen Bevölkerung. Zugleich wird deutsche Kultur ästhetisch überhöht und als Begründung für nationalen Stolz herangezogen. Das TikTok-Video verbindet somit Heroisierung, Viktimisierung und Entkriminalisierung deutscher Vorfahren und trägt durch das selektive Ausblenden zentraler historischer Zusammenhänge zu einer geschichtsrevisionistischen Umdeutung der Vergangenheit bei.</p>
<p><strong>Audiovisuelle Form: </strong>Hier geht es vor allem um Selbstinszenierung: Durch das Nutzen von Sounds soll vor allem ein bestimmter Vibe transportiert werden. Oft reicht es, zu entsprechenden Sounds (Rechtsrock-Lieder wie von Landser oder Reden nationalsozialistischer Akteure wie Göbbels) zu lipsyncen oder zu posen. Szenen können sich durch die Unterstützung des Algorithmus bestimmte Sounds aneignen. Ein Beispiel hierfür ist der Song „L’amour toujours“, der nach seiner rassistischen Umdeutung zunehmend in rechten TikToks genutzt wurde. Nicht immer treten User:innen selbst vor die Kamera; auch ästhetisierte Edits und Collagen, beispielsweise stereotypischer rechtsextremer Kleidung, gehören zur audiovisuellen Form. Dieses Phänomen schafft bei Nutzer:innen ein Gefühl von Dazugehörigkeit in einer vermeintlichen <em>„verschworenen Gemeinschaft“</em>, und darf keineswegs unterschätzt werden. Die politischen Botschaften geraten zugunsten der ästhetischen Selbstinszenierung in den Hintergrund, werden jedoch nebenher konsumiert und können extrem identitätsstiftend wirken.</p>
<div id="attachment_8239" style="width: 148px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8239" class="wp-image-8239 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-138x300.jpg" alt="" width="138" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-138x300.jpg 138w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-200x435.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-400x870.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-471x1024.jpg 471w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-600x1304.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-706x1536.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-768x1670.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-800x1739.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-942x2048.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-scaled.jpg 1177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-3-1200x2609.jpg 1200w" sizes="(max-width: 138px) 100vw, 138px" /><p id="caption-attachment-8239" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video: Lipsync zu dem Sound „Du bist ein arisches Kind“ (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Das untersuchte Beispiel folgt genau diesem Muster. Die politische Botschaft wird nicht ausgesprochen, sondern über einen Sound transportiert, dessen Liedtext auf völkische und rassistische Vorstellungen eines <em>„arischen Kindes&#8220;</em> Bezug nimmt. Ergänzt wird dies durch den in der Videobeschreibung verwendeten Zahlencode <em>„88“</em>, der in rechtsextremen Kontexten als Chiffre für <em>„Heil Hitler</em>“ verwendet wird. Durch die ästhetische Inszenierung erscheint das Video zunächst als harmloser Trend, während rechtsextreme Inhalte über emotionale und musikalische Codes normalisiert werden. Gerade diese Verbindung aus Emotionalisierung, Ästhetisierung und subtiler Codierung macht die Inhalte besonders anschlussfähig für junge Nutzer:innen.</p>
<p><strong>Memes: </strong>Memes kombinieren Bild oder Video mit kurzem Text und manchmal Ton. Sie transportieren Meinungen und Haltungen in kurzer, prägnanter und vermeintlich humorvoller Form und tragen im politischen Kontext zur vereinfachten, polarisierenden Darstellung von Inhalten bei. Sie laden durch Fokus auf den Unterhaltungsfaktor dazu ein, sie ohne weiteren Kontext und kritisches Fragen zu konsumieren. Menschenverachtende Botschaften können beiläufig konsumiert und normalisiert werden. Auch hier werden Sounds wiederkehrend genutzt.</p>
<div id="attachment_8240" style="width: 148px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8240" class="wp-image-8240 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-138x300.jpg" alt="" width="138" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-138x300.jpg 138w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-200x435.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-400x870.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-471x1024.jpg 471w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-600x1304.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-706x1536.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-768x1670.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-800x1739.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-942x2048.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-scaled.jpg 1177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.1-1200x2609.jpg 1200w" sizes="(max-width: 138px) 100vw, 138px" /><p id="caption-attachment-8240" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video: Goebbels-Meme (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Ein besonders offensichtliches Beispiel zeigt Joseph Goebbels, einen der zentralen Propagandisten des Nationalsozialismus, in positiv konnotierter Weise, wodurch ein führender Vertreter des NS-Regimes verharmlosend dargestellt wird.</p>
<p>Weniger eindeutig, aber gerade deshalb besonders anschlussfähig, ist ein Meme, in dem auf die Frage <em>„Wie kannst du die AfD wählen?&#8220;</em> Björn Höcke mit der Antwort <em>„Mit einem Kugelschreiber in meiner RECHTEN HAND!&#8220;</em> erscheint. Die Hervorhebung der rechten Hand kann als Anspielung auf den Hitlergruß verstanden werden (dem durch die vermutlich humorvolle Intention des Memes ein verharmlosender Charakter verliehen wird), bleibt jedoch mehrdeutig. Menschen mit (extrem) rechten Einstellungen können diese Botschaft entsprechend verstehen, während Creator:innen bei Kritik auf die wörtliche Bedeutung verweisen können. Dieses Phänomen erinnert an die Kommunikationsstrategie der <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s11229-024-04600-4">Plausible Deniability</a>, bei der die beabsichtigte Bedeutung einer Aussage erkennbar ist, der postenden Person aber genügend Interpretationsspielraum bleibt, um Verantwortung zurückzuweisen, im Übrigen eine gängige Strategie in der Kommunikation der AfD.</p>
<p>Memes können sich also in Grauzonen bewegen und ermöglichen es so, Sympathien für den Nationalsozialismus und geschichtsrevisionistische Narrative sowohl offen als auch in codierter Form zu verbreiten und die Problematik dahinter zu relativieren.</p>
<p><strong>Edits: </strong>Unter Edits versteht man stark bearbeitete Videos, bei deren Konsum Nutzer:innen vielen Reizen auf einmal ausgesetzt sind. Sie zeichnen sich aus durch heftige, auf den Beat des Sounds passende Schnitte und populäre Filter. Genau wie Sounds können sich auch Filter von Szenen angeeignet werden.</p>
<p>Das Beispiel greift inhaltlich dieselben Narrative wie das TikTok-Video von Maximilian Krah auf, präsentiert sie jedoch durch die Musik, schnelle Bildwechsel und Effekte in einer deutlich emotionaleren und ästhetischeren Form. Durch die vielen Reize tritt die politische Aussage in den Hintergrund, während die emotionale Wirkung und Identifikation mit den vermittelten Botschaften verstärkt werden.</p>
<p><strong>Core-Ästhetiken: </strong>Bei den sogenannten Core-Ästhetiken handelt es sich um identitätsstiftende und zunächst harmlos wirkende Bilder und Videos. Hier werden rechtsextreme Inhalte, wie beispielsweise Runen, SS-Lieder oder die Ablehnung von Queerness, in vermeintlich ästhetische Lebensentwürfe eingebettet, die sich an heteronormativen, stereotypen Bildern von Familie und Frau orientieren.</p>
<p>Zu sehen sind beispielsweise romantisierte Bilder junger Frauen in traditionellen Kleidern, begleitet von einem Trend-Sound. Der eingeblendete Begriff <em>„Mädelbund Core“</em> erzeugt Assoziationen zu Gemeinschaft, Tradition und Zusammenhalt und erinnert zugleich an den von den Nationalsozialisten für alle jungen Mädchen verpflichtend gemachten <em>„Bund Deutscher Mädels“</em>. Auf diese Weise werden traditionelle Geschlechterrollen und vermeintlich „ursprüngliche“ Lebensformen positiv aufgeladen und, wenn auch zunächst versteckt, mit ideologischen Bezügen zum Nationalsozialismus verknüpft. Das Profilbild des Accounts zeigt außerdem das Logo der Jungen Nationalisten – der Jugendorganisation der rechtsextremen Partei „Die Heimat”, ehemals NPD.</p>
<div id="attachment_8242" style="width: 148px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8242" class="wp-image-8242 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-138x300.jpg" alt="" width="138" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-138x300.jpg 138w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-200x435.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-400x870.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-471x1024.jpg 471w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-600x1304.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-706x1536.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-768x1670.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-800x1739.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-942x2048.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-scaled.jpg 1177w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-7-1200x2609.jpg 1200w" sizes="(max-width: 138px) 100vw, 138px" /><p id="caption-attachment-8242" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video über Sport und Gemeinschaft mit rechtsextremen Symbolen, unter anderem der Zahl 88, Chiffre für HH = Heil Hitler, (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p><strong>Männer als Wanderer und Kampfsportler: </strong>Auch hier handelt es sich um identitätsstiftenden Content, der an stereotype und aggressive Männlichkeitsvorstellungen anknüpft. Männer aus dem rechten Spektrum inszenieren sich häufig als körperlich stark, diszipliniert und kampfbereit – häufig zeigen sie sich beim Kampfsport und verstärken diese Atmosphäre durch düstere Sounds. Oft finden sich in diesen Inhalten rechtsextreme Symboliken wie Reichsflaggen oder SS-Totenköpfe, wodurch deren politische Einordnung leichtfällt; User:innen zeigen sich offen rechts und gewaltbereit.</p>
<p>Das Beispiel verbindet Bilder von Kampfsport, körperlicher Stärke, Natur und Gemeinschaft mit rechtsextremen Symbolen wie dem Zahlencode 88 (zweimal der 8. Buchstabe im Alphabet = Heil Hitler). Dadurch werden zentrale Männlichkeitsideale des Nationalsozialismus – Körperkult, Kampfbereitschaft und Kameradschaft – ästhetisiert und aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst: rechte Ideologie wird als attraktiver Lifestyle inszeniert. Geschichtsrevisionismus zeigt sich hier in der positiven Übernahme nationalsozialistisch geprägter Lebensentwürfe, während deren historische Verantwortung verdrängt werden.</p>
<p><strong>KI und Deepfakes: </strong>Unter Deepfakes versteht man vollständig oder teilweise durch KI erstellte Bild-, Video- und Tonfälschungen, die teilweise schwer als gefälscht identifiziert werden können. Häufig dienen sie dem Konstruieren von Feindbildern.</p>
<div id="attachment_8243" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8243" class="wp-image-8243 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-300x151.jpg" alt="" width="300" height="151" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-200x101.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-300x151.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-400x202.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-540x272.jpg 540w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-600x303.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-768x388.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-800x404.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-1024x517.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8-1200x606.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-8.jpg 1206w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8243" class="wp-caption-text">Screenshot von @zdfheute Instagram-Post über Hitler-Deepfake im WM-Stadion (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Ein Beispiel für das geschichtsrevisionistische Potenzial solcher Inhalte ist ein KI-generiertes Video, das Adolf Hitler als Besucher eines Deutschlandspiels bei der WM 2026 zeigt. Die realitätsnahe Darstellung, die jubelnde Menschenmenge und die positive Inszenierung lassen Hitler als gewöhnliche Person erscheinen: seine historische Bedeutung als Hauptverantwortlicher der NS-Verbrechen spielt keine Rolle.</p>
<p>Das Beispiel stammt nicht von TikTok, verdeutlicht jedoch die Möglichkeiten, geschichtsrevisionistische Inhalte mit KI zu erstellen. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von KI-generierten Videos ist davon auszugehen, dass entsprechende Inhalte zukünftig auch auf TikTok verstärkt auftreten.</p>
<p>Es lässt sich festhalten: Geschichtsrevisionistische Elemente, insbesondere verharmlosender Art, werden auf TikTok nicht ausschließlich verbalisiert und sprachlich vermittelt, sondern vermehrt visuell dargestellt und/oder in identitätsstiftende Ästhetiken eingebettet.</p>
<h3><strong>„TikTok-Guerilla“ </strong></h3>
<p>Eva Berendsen und Deborah Schnabel zitieren den ehemaligen Social-Media-Strategen und Kampagnenmanager Erik Ahrens: <em>„90 Minuten in deren Gehirn, wo man reinsenden kann.“</em> Mit diesen Worten beschreibt er das Potenzial von TikTok. Das Zitat verdeutlicht, wie bewusst Akteur:innen der extremen Rechten TikTok/Social Media als strategischen Raum zur Beeinflussung junger Menschen verstehen und nutzen. Ahrens ist Gründer der rechtsextremen <em>„GegenUni</em><em>”</em> und war Berater von AfD-Politikern wie Maximilian Krah in Fragen der TikTok-Kommunikation. Ahrens zählte zu den zentralen Strategen der digitalen Kommunikation im Umfeld der AfD. In diesem Zusammenhang prägte er den Begriff der <em>„TikTok-Guerilla</em><em>“</em>.</p>
<p>Dahinter steckt eine koordinierte Strategie zur massenhaften Verbreitung politischer Inhalte. Im Zentrum stehen sogenannte Multiplikationsaccounts, die Reden, Videoclips und/oder Beiträge offizieller AfD-Kanäle übernehmen, teilweise mit anderen Sounds, Filtern oder Schnitten versehen und anschließend erneut veröffentlichen. Innerhalb dieses Netzwerks werden die Videos gegenseitig geliked, geteilt, weitergeleitet und wieder neu hochgeladen. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Strom ähnlicher, bis nahezu identischer Videos, der die Sichtbarkeit der Inhalte erheblich steigert.</p>
<p>Diese Strategie bespielt gezielt die Funktion des TikTok Algorithmus, der Inhalte mit hoher Interaktion (Likes, Kommentare, Weiterleitungen) und vielen Aufrufen vermehrt auf der For You Page abspielt; die Inhalte erreichen dadurch über die bestehende Anhängerschaft hinaus ein junges Publikum. Koordiniert wird diese Vorgehensweise teilweise über Messenger-Dienste wie Telegram.</p>
<div id="attachment_8244" style="width: 178px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8244" class="wp-image-8244 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-168x300.jpg" alt="" width="168" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-168x300.jpg 168w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-200x358.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-400x716.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-572x1024.jpg 572w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-600x1073.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-768x1374.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2-800x1431.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/08/Abbildung-4.2.jpg 857w" sizes="(max-width: 168px) 100vw, 168px" /><p id="caption-attachment-8244" class="wp-caption-text">Screenshot aus einem TikTok-Video: mehrdeutiges rechte Hand-Meme (Abruf durch die Autorinnen am 29. Juni 2026).</p></div>
<p>Die Folge ist eine Vervielfachung rechtsextremistischer und geschichtsrevisionistischer Inhalte auf TikTok, die den digitalen Raum mit AfD-nahen Narrativen überschwemmt. Gleichzeitig wird dadurch eine Moderation der Plattform erschwert. Werden einzelne Videos aufgrund von Hassrede, Desinformationen oder Verstößen gegen Community-Richtlinien gelöscht, bleiben zahlreiche ähnliche bis gleiche Kopien auf anderen Accounts online. Das Netzwerk bleibt dadurch weniger anfällig für Deplatforming, da Inhalte ihre Reichweite auch nach Entfernungen einzelner Accounts beibehalten können.</p>
<h3><strong>TikTok als Verstärker geschichtsrevisionistischer Narrative</strong></h3>
<p>Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass TikTok durch seine Plattformstrukturen einen idealen Raum bietet, populistische und extremistische Inhalte zu verbreiten – sowohl auf Politiker:innen-Ebene als auch innerhalb entsprechender Szenen. Geschichtsrevisionistische Narrative, die häufig auf Verkürzungen und Vereinfachungen beruhen, lassen sich in verschiedenen Beitragsformen und Kommentarspalten einbetten und erreichen so ein breites Publikum.</p>
<p>Dabei werden sie auf der Plattform nicht nur mit sprachlichen Mitteln verbreitet, sondern auch vermehrt ästhetisch inszeniert und als identitätsstiftende Angebote präsentiert. Das kann insbesondere auf junge Nutzer:innen in Phasen der Identitätsfindung und Orientierung eine besondere Wirkung entfalten.</p>
<p>Die Plattform wird dabei sowohl strategisch von Politiker:innen zur Verbreitung entsprechender Inhalte genutzt, als auch aktiv durch Akteur:innen aus entsprechenden Szenen mitgetragen und weiterverbreitet. Auch wenn nicht jeder Beitrag intentional geschichtsrevisionistisch ist, enthalten sie häufig entsprechend anschlussfähige Inhalte.</p>
<p>Diese Vielfalt an anschlussfähigen geschichtsrevisionistischen Deutungsformen ist, vor allem im Kontext der Normalisierung rechtsextremer, menschenfeindlicher Einstellungen eine höchst gefährliche Entwicklung. Es entsteht eine Wechselwirkung, durch die sich antidemokratische gesellschaftliche Entwicklungen und die Logik sozialer Medien, in diesem Fall TikTok, gegenseitig verstärken und die Verbreitung geschichtsrevisionistischer Narrative und Deutungsmuster in der Lebenswelt junger Menschen begünstigen.</p>
<h3><strong>Doch was ist jetzt zu tun?</strong></h3>
<p>Es gibt keine Patentrezepte, aber dennoch Handlungsmöglichkeiten, die hier kurz angesprochen werden sollen. Eine gute Übersicht bietet beispielsweise das von der Medienanstalt Rheinland-Pfalz verantwortete Angebot <a href="https://www.klicksafe.de/fileadmin/cms/download/Material/Rechts_Eltern_Brosch%C3%BCre_09.25.pdf">„Klicksafe“</a> mit einer Übersicht zu rechtextremen Codes und konkreten Handlungsstrategien für Eltern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden im folgenden verschiedene Möglichkeiten genannt, präventiv wie interventiv:</p>
<p>Auf individueller Ebene:</p>
<ul>
<li>TikTok als Lebenswelt nicht verteufeln, sondern verstehen und ernst nehmen,</li>
<li>für Risiken von TikTok sensibilisieren,</li>
<li>Peer-to-Peer andere dazu empowern, TikTok ernst zunehmen,</li>
<li>Gespräche statt vorschneller Verurteilung: unreflektiert reproduzierte Inhalte Jugendlicher als Anlass zur Auseinandersetzung nutzen,</li>
<li>nicht interagieren, aber melden: durch Melde-Statistiken können Problematiken nachgewiesen werden, sich durch Kommentare, Likes und Reposts mit Nutzer:innen solidarisieren, die sich gegen Rechtsextremismus positionieren und demokratiebildende Inhalte posten,</li>
<li>auf eigene Kapazitäten achten!</li>
</ul>
<p>Auf der Ebene der politischen Bildungsarbeit und Pädagogik:</p>
<ul>
<li>Politische Bildung und Medienbildung zusammendenken,</li>
<li>TikTok als Ort der politischen Meinungs- und Wissensbildung ernstnehmen,</li>
<li>Kinder und Jugendliche empowern, eine eigene kritische Haltung zu entwickeln,</li>
<li>Ausbau von Digital Streetwork,</li>
<li>Ressourcen sehen, TikToks produzieren: Informationstunnel als Gegenentwurf zum Radikalisierungstunnel,</li>
<li>Kindern und Jugendlichen niedrigschwellige Gesprächseinstiege ermögliche,</li>
<li>Gespräche statt vorschneller Verurteilung: unreflektiert reproduzierte Inhalte Jugendlicher als Anlass zur Auseinandersetzung nutzen,</li>
<li>bestehende erinnerungskulturelle und demokratiebildende nutzen: <a href="https://www.arolsen-school.org/">Arolsen School</a>, <a href="https://fhd-my.sharepoint.com/personal/ida-maria_tolle_study_hs-duesseldorf_de/Documents/Zweitzeugen%20e.V.">Zweitzeugen e.V.</a>, lokale Gedenkstätten, Jugendringe etc.,</li>
<li>kontinuierliche Forschung zu TikTok und Radikalisierung,</li>
<li>digitale Quellenkritik im Unterricht vermitteln.(<a href="https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/574498/geschichtsrevisionismus-digital-wie-rechtsextreme-akteure-auf-social-media-geschichte-umdeuten/#footnote-target-5">dazu ausführlicher Berit Kö und Jakob Schergaut</a>).</li>
</ul>
<p>Last but not least sind Bund und Länder auf der staatlichen Ebene gefordert, in politische Bildungsarbeit und Erinnerungsarbeit zu investieren!</p>
<p><strong>Ida-Maria Tolle </strong>und<strong> Charlotte Heim</strong>, Hochschule Düsseldorf</p>
<h3><strong>Die Autorinnen:</strong></h3>
<ul>
<li>Ida Tolle studiert Soziale Arbeit im Bachelor an der Hochschule Düsseldorf mit den Schwerpunkten Zivilgesellschaft und Kulturpädagogik. Als Werkstudentin ist sie beim Jugendring Düsseldorf im Bereich der politischen Bildungsarbeit tätig.</li>
<li>Charlotte Heim studiert Soziale Arbeit im Bachelor an der Hochschule Düsseldorf mit den Schwerpunkten Beratung und Zivilgesellschaft. Neben ihrem Studium arbeitet sie in einer offenen Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Der Beitrag beruht auf einem Vortrag vom 21. Januar 2026 im <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/unmenschlich-effizienter-terror/">Erinnerungsort Alter Schlachthof</a> in Düsseldorf. Erstveröffentlichung im August 2026, Internetzugriffe zuletzt am 3. August 2026.)</p>
</div></div></div></div></div>
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]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der lange Schatten Wolhyniens</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lange-schatten-wolhyniens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Jul 2026 04:11:48 +0000</pubDate>
				<guid isPermaLink="false">https://demokratischer-salon.de/?post_type=avada_portfolio&#038;p=8225</guid>

					<description><![CDATA[<p>Der lange Schatten Wolhyniens Liana Blikharska und Ela Kwiecińska über den schwierigen Weg zu ukrainisch-polnischer Versöhnung „Der Weg zur Versöhnung ist erst nach der Verurteilung der Verbrechen möglich.“ (Ela Kwiecińska) Ela Kwiecińska ist eine polnische Historikerin, die von 2022 bis 2024 an der Universität Warschau lehrte. Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der polnischen Nationalhistoriografie  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3"><h1></h1>
<h1><strong>Der lange Schatten Wolhyniens</strong></h1>
<h2><strong>Liana Blikharska und Ela Kwiecińska über den schwierigen Weg zu ukrainisch-polnischer Versöhnung</strong></h2>
<p>„<em>Der Weg zur Versöhnung ist erst nach der Verurteilung der Verbrechen möglich.</em>“ (Ela Kwiecińska)</p>
<p><a href="https://ispan.waw.pl/default/en/employee/elzbieta-kwiecinska-2/">Ela Kwiecińska</a> ist eine polnische Historikerin, die von 2022 bis 2024 an der Universität Warschau lehrte. Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber der polnischen Nationalhistoriografie wurde ihr befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert. Jetzt arbeitet sie als Dozentin im Programm <a href="https://visibleukraine.org/about/iufu/">„Invisible University for Ukraine“</a> (IUFU) an der Central European University in Budapest und am Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften. In ihrer am Europäischen Hochschulinstitut verteidigten Dissertation beschäftigte sie sich mit der Idee der Zivilisierungsmission in Osteuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie untersucht, wie deutsche, polnische und ukrainische Intellektuelle diese Idee wahrnahmen und für ihre jeweiligen Zwecke nutzten.</p>
<p>Auf Anregung der Redaktion der ukrainischen Online-Zeitschrift Spilne beschlossen Ela und die ukrainische Historikerin <a href="https://www.lvivcenter.org/en/team/liana-blikharska-2/">Liana Blikharska</a> aus Lwiw, über die Geschichte der Massengewalt in Wolhynien während des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Liana Blikharska sagte zu, weil sie von der Kraft persönlicher Geschichten überzeugt ist, die historische Prozesse besser verständlich machen und zugleich Raum für eine kritische Auseinandersetzung mit etablierten Narrativen eröffnen. Sie bat ihre Freundin Ela, über ihre eigenen Erfahrungen nachzudenken und ihre <a href="https://institut.soziologie.uni-freiburg.de/dokuwiki/doku.php?id=lv-wikis-oeffentlich:position21:einleitung">Positionalität</a>, ihre Rolle und ihr Selbstverständnis als Forscherin zu umreißen. Anschließend sprachen die beiden über die Asymmetrie der Erinnerung in Polen und der Ukraine, wie sie beispielsweise in den Studien von Andrii Portnov dokumentiert ist (<a href="https://www.forum-transregionale-studien.de/en/communication/details/poland-and-ukraine-entangled-histories-asymmetric-memories-1">Poland and Ukraine: Entangled Histories, Asymmetric Memories</a>, Essays of the Forum Transregionale Studien, Bd. 7, Prisma Ukraïna, 2020) sowie über den Prozess der Entstehung historischen Wissens.</p>
<h3><strong>Das eigene Erbe ernst nehmen heißt, sich kritisch damit auseinanderzusetzen</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska:</strong> Was bedeutet Wolhynien für dich – als Historikerin und als jemand, dessen Familie von dort stammt?</p>
<div id="attachment_8227" style="width: 312px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8227" class="wp-image-8227 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-300x200.jpg" alt="" width="302" height="201" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-200x133.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-300x200.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-400x267.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-600x400.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-768x512.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-800x533.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1024x682.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1200x800.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Elzbieta-Kwiecinska-Foto-privat-1536x1024.jpg 1536w" sizes="(max-width: 302px) 100vw, 302px" /><p id="caption-attachment-8227" class="wp-caption-text">Elżbieta Kwiecińska, Foto: privat.</p></div>
<p><strong>Ela Kwiecińska:</strong> <em>Ich bin in Warschau geboren, aber niemand aus meiner Familie stammt aus dieser Stadt, die im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. Wolhynien ist Teil meiner Familiengeschichte. Meine Großmutter wurde 1929 in dem wolhynischen Dorf Stara Huta geboren, das heute nicht mehr existiert – 1943 wurde es von Partisanen der Ukrainischen Aufstandsarmee, der UPA, niedergebrannt. Dass unsere Familie aus dem Gebiet der heutigen Ukraine stammt, wusste ich schon als Kind. Mehr Einzelheiten erfuhr ich erst als Jugendliche. Meine Großmutter erzählte mir, was dort geschehen war: von den Morden an Polen und davon, wie sie aus der Ukraine flohen.</em></p>
<p><em>Ausführlicher haben </em><a href="https://www.lvivcenter.org/en/residences/petro-dolhanov-2/"><em>Petro Dolhanov</em></a><em> und ich diese Ereignisse in unserem zweiteiligen Beitrag „Ein polnischer Schrank in einem ukrainischen Haus, gefunden in Masuren: ukrainisch-polnische Familiengeschichten vor dem Hintergrund Wolhyniens“ (</em><a href="https://uamoderna.com/backward/polska-shafa-v-ukrayinskij-hati-znajdena-na-mazurah-ukrayinsko-polski-rodynni-istoriyi-na-tli-volyni/"><em>Teil 1</em></a><em>; </em><a href="https://uamoderna.com/backward/polska-shafa-v-ukrayinskij-hati-znajdena-na-mazurah-ukrayinsko-polski-rodynni-istoriyi-na-tli-volyni-chastyna-2/"><em>Teil 2</em></a><em>) beschrieben, der in Ukraina Moderna erschienen ist. Ich hatte nie vor, Spezialistin für Wolhynien zu werden. Aber vermutlich hätte ich mich ohne meine Begegnung mit Petro Dolhanov bei einem Seminar in Krasnogruda nicht getraut, über diese Region zu schreiben. Es ist wichtig, einem Menschen zu begegnen, der mitfühlen kann, bereit ist zuzuhören, sich wirklich dafür interessiert und mit dem man offen sprechen kann.</em></p>
<p><em>Meine erste Reise nach Wolhynien im Jahr 2010 empfand ich als eine Erkundung meiner selbst und meiner Identität. Wir waren zu dritt unterwegs: mein Vater, ich und der Bruder meiner Großmutter. Als die Familie aus Wolhynien floh, war er zehn Jahre alt. Auf dieser Reise wurde er zu unserem Reiseführer. Er hatte sich sein Ukrainisch aus der Kindheit bewahrt, während meine Großmutter die Sprache zum Beispiel nicht beherrschte. Vielleicht lag das daran, dass mein Großonkel ein kommunikativer und offener Mensch war, meine Großmutter dagegen eher introvertiert.</em></p>
<p><em>Als wir in die Ukraine kamen, um die Orte zu besuchen, aus denen unsere Familie stammte, wurde dies für uns zu einer sehr wichtigen und beglückenden Erfahrung – in gewisser Weise sogar zu einer Art innerer Reinigung. Die Sprachkenntnisse halfen uns sehr bei der Verständigung mit den Menschen vor Ort. Manche erinnerten sich an Mitglieder unserer Familie, andere nicht. Aber alle begegneten uns mit Respekt und Herzlichkeit, nahmen uns wie ihresgleichen auf und luden uns zu sich nach Hause ein. Es fühlte sich an, als wären wir heimgekehrt. Diese Reise gab schließlich den Anstoß dazu, mich intensiver mit Wolhynien zu beschäftigen.</em></p>
<p><em>Vor meiner ersten Reise nach Wolhynien hatte ich ein Bild von der verlassenen Heimat, wie es wohl für viele Menschen typisch ist, die ihre Heimat verlassen mussten: Sie war in meiner Vorstellung vollkommen idealisiert. Derselben nostalgischen Idealisierung begegnete ich später auch in Gesprächen mit ukrainischen Lemken. Ihre Großeltern sprachen von den Beskiden genauso wie meine von Wolhynien: als von einem gelobten Land, in dem Milch und Honig fließen. Ich weiß nicht, wie eine solche Rückkehr heute aussehen würde. Leider wäre sie vermutlich anders. Aber noch 2010 stellte ich mir diese Orte genau so vor.</em></p>
<p><em>Diese Reise war für mich tatsächlich eine Rückkehr zu meinen eigenen Wurzeln. Für meine Generation in Polen ist das eine recht typische Erfahrung: Wir entdecken, dass wir eben keine mythischen „ethnischen Polen“ sind, sondern unsere Stärke vielmehr aus der Vielfalt schöpfen. Die einen haben ukrainische Wurzeln, andere jüdische, wieder andere deutsche. Ich bin 1989 geboren, und ich glaube, es ist kein Zufall, dass wir zur Generation der demokratischen Transformation gehören.</em></p>
<p><em>Ich betrachte einen Teil meiner Identität als ukrainisch. Viele Polen teilen ein gemeinsames Erbe mit den Menschen in den Nachbarländern – in Litauen, Belarus oder der Ukraine. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber vermutlich hat etwa ein Drittel der polnischen Bevölkerung Vorfahren, die außerhalb der heutigen Grenzen Polens geboren wurden. Es ist sehr wichtig, sich das bewusst zu machen. Menschen mit familiären Wurzeln in den früheren polnischen Ostgebieten, den sogenannten Kresy, bilden einen großen Teil der Gesellschaft. Und Menschen mit diesem Erbe können sehr unterschiedlich damit umgehen. Die einen nehmen an Märschen unter dem Motto „Wir erinnern uns an Wolhynien“ teil, andere engagieren sich ehrenamtlich für die Ukraine – zum Beispiel am Bahnhof von Wrocław. Einer der aktivsten Helfer, </em><a href="https://orcid.org/0000-0002-2495-8104"><em>Paweł Rudnicki</em></a><em>, schreibt </em><a href="https://www.researchgate.net/publication/378299349_Kto_jak_nie_my_Wspolnota_i_dzialanie_na_Dworcu_Glownym_we_Wroclawiu_marzec-kwiecien_2022"><em>in seinem Buch</em></a><em> ganz ausdrücklich, seine wichtigste Motivation, Ukrainerinnen und Ukrainern zu helfen, sei die Tatsache gewesen, dass einst seine eigenen Großeltern aus Lwiw an genau diesem Bahnhof ankamen.</em></p>
<div id="attachment_8228" style="width: 311px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8228" class="wp-image-8228 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-300x248.jpg" alt="" width="301" height="249" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-200x165.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-300x248.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-400x331.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-600x496.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-768x635.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-800x662.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1024x847.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1200x993.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Liana-Blikharska-Foto-Spilne-1536x1271.jpg 1536w" sizes="(max-width: 301px) 100vw, 301px" /><p id="caption-attachment-8228" class="wp-caption-text">Liana Blikharska, Foto: Spilne.</p></div>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Darf ich dich nach deiner Positionalität fragen?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>In Polen spreche ich eher aus der Perspektive einer kritischen Intellektuellen. Ich finde: Wenn dies mein Erbe ist, dann muss ich mich kritisch damit auseinandersetzen. Deshalb beschäftigt sich meine Dissertation mit der Zivilisierungsmission im Osten als kolonialem Projekt. Ich habe </em><a href="https://commons.com.ua/uk/civilizacijni-misiyi/"><em>die polnischen und deutschen Zivilisierungsmissionen und die damit verbundenen Praktiken miteinander verglichen</em></a><em>. Außerdem habe ich </em><a href="https://muzeumpilsudski.pl/wp-content/uploads/2021/12/MJP20211208-mniejszosc-ukrainska.pdf"><em>ein Unterrichtsmaterial für Schulen</em></a><em> über die ukrainische Minderheit im Polen der Zwischenkriegszeit verfasst, das ich ebenfalls als kritisch verstehe. Auf den historischen Teil folgt eine praktische Aufgabe: Die Schülerinnen und Schüler sollen darüber debattieren. Lehrkräfte, die mit diesem Material arbeiten, berichten, dass die Schülerinnen und Schüler nach einer solchen Unterrichtsstunde dafür stimmen, ihnen mehr Rechte zu gewähren. Formal geht es um die Geschichte des 20. Jahrhunderts, aber natürlich betrifft das auch die Gegenwart.</em></p>
<p><em>Nach Beginn des russischen Großangriffs am 24. Februar 2022 entschied ich mich, für die Ukraine zu arbeiten. Man könnte sagen, dass ich damals aus eigener Entscheidung Ukrainerin wurde. In den vergangenen Jahren habe ich vermutlich sogar öfter Ukrainisch als Polnisch gesprochen. 2022 engagierte ich mich ehrenamtlich, später arbeitete ich bei der Invisible University for Ukraine – einem Programm informeller Bildung an der Central European University. Überhaupt dreht sich mein Leben heute stark um die Ukraine.</em></p>
<p><em>Aber ich frage mich immer noch ständig: Wer bin ich für die Ukrainerinnen und Ukrainer? Diese Frage ist heute besonders aktuell, da sich der politische Konflikt zwischen Polen und der Ukraine immer weiter verschärft. Die Geschichte zeigt, dass Menschen mit einer hybriden polnisch-ukrainischen Identität kein leichtes Leben haben. In Friedenszeiten ist das vielleicht weniger spürbar. Doch wenn sich politische Konflikte zuspitzen oder Krieg ausbricht, geraten solche Menschen von beiden Seiten unter Druck und werden moralisch, im schlimmsten Fall sogar physisch vernichtet. Darüber schreibe ich auch in dem bereits erwähnten Unterrichtsmaterial. Zugleich gab es selbst Mitte des 20. Jahrhunderts Menschen, die versuchten zusammenzuarbeiten, statt Hass zu schüren.</em></p>
<p><em>In Polen hat sich insgesamt folgende Tendenz herausgebildet: Historiker mit rechten oder rechtsextremen Ansichten konstruieren ein nationales Narrativ, während Linke es dekonstruieren. Irgendwann wurde mir klar, dass das eine Falle ist. So führen wir einen „polnisch-polnischen Krieg“ zwischen Rechten und Liberalen. Besonders schmerzhaft war für mich, dass die Ukraine und die Ukrainerinnen und Ukrainer zum Gegenstand dieses „polnisch-polnischen Krieges“ geworden sind und dass das Thema Wolhynien zunehmend dazu benutzt wird, Hass zu schüren.</em></p>
<h3><strong>Politisches Kapital aus der Erinnerung an menschliches Leid</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Wie hat sich die Erinnerung an Wolhynien in Polen entwickelt? Es scheint ein Weg gewesen zu sein, der von privaten Familiengeschichten über bestimmte politische Milieus schließlich zu Narrativen auf nationaler Ebene führte. Warum ist das geschehen? Ist dies Teil eines umfassenderen Phänomens – der „<em>Erinnerungskriege</em>“, die heute weltweit zu beobachten sind? Du hast das <a href="https://der-siebte-sprung.de/kresy/index.html">Kresy-Milieu</a>, das ehemalige Ostpolen, erwähnt. Auch ein Teil meiner Familie, der 1946 auf Grund der Vereinbarungen zwischen Großbritannien, der Sowjetunion und den USA in Jalta aus der Gegend von Lwiw in die Umgebung von Wrocław, dem ehemaligen deutschen Breslau, umgesiedelt wurde, ist dort aktiv. Sie engagieren sich in Vereinen, besuchen Veranstaltungen, verbringen Zeit miteinander und schwelgen in Erinnerungen, geben ihre Erfahrungen aber auch an jüngere Generationen weiter. Ich kenne dieses Milieu sehr gut von innen. Wie schon seine Selbstbezeichnung zeigt, lebt es bis heute vom Mythos der „<em>Kresy</em>“, „<em>unserer Kresy</em>“. Einerseits handelt es sich um eine sehr intime Beziehung zum familiären Erbe, andererseits wird dieser Mythos von der polnischen Rechten aktiv instrumentalisiert.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Erinnerungskriege sind ein Phänomen, das Staaten auf der ganzen Welt betrifft. Wichtig ist, dass die Auseinandersetzungen um Wolhynien nicht nur eine polnisch-ukrainische, sondern auch eine innerpolnische Dimension haben. Es geht um die Frage, wessen Erinnerung Eingang in den nationalen Kanon findet und welche Prioritäten dabei gesetzt werden.</em></p>
<p><em>Zum polnischen Erinnerungskanon gehören neben dem Wolhynien-Massaker auch </em><a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/203716/vor-85-jahren-verbrechen-von-katyn/"><em>Katyn</em></a><em> und der </em><a href="https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/warschauer-aufstand-1944"><em>Warschauer Aufstand</em></a><em>. Die Erinnerung an das Massaker von Katyn richtet sich gegen Russland, die Erinnerung an den Warschauer Aufstand gegen Deutschland. Letztere wurde am intensivsten aufgearbeitet, und diese Aufarbeitung bildete eine Grundlage für die guten polnisch-deutschen Beziehungen. Auf ein Bündnis mit Russland setzte in Polen ohnehin kaum jemand. Deshalb löst Katyn heute nicht dieselben Emotionen aus wie Wolhynien, wo Hoffnungen auf ein Bündnis mit der Ukraine bestanden.</em></p>
<p><em>Hinzu kommt eine soziale und klassenspezifische Dimension. In Katyn wurde die polnische Elite ermordet, in Wolhynien hingegen waren die Opfer überwiegend einfache Bauern. Deshalb fand die Erinnerung an Katyn Eingang in den Kanon der antikommunistischen Intelligenz, die Erinnerung an Wolhynien 1943 dagegen nicht. Auch die polnische Exilregierung in London verhielt sich während des Zweiten Weltkriegs gegenüber dem Schicksal der Polen in der Westukraine sehr passiv. Einerseits wollte sie auf diese Gebiete nicht verzichten, andererseits war der polnische Untergrund 1943 nicht in der Lage, sich an den Kämpfen in Wolhynien zu beteiligen, da seine Kräfte auf den Kampf gegen die deutsche Besatzung und die Vorbereitung eines allgemeinen Aufstands konzentriert waren – eine Strategie, die 1944 in den Warschauer Aufstand mündete. Unter den Opfern der Ereignisse von 1943 in Wolhynien hielt sich deshalb lange das Gefühl, in Polen „Opfer zweiter Klasse“ zu sein.</em></p>
<p><em>Die Erinnerung an Wolhynien wurde innerhalb Polens nicht aufgearbeitet. Im Gegenteil: Lange Zeit wurde sie vollständig verschwiegen. Die Behörden der Volksrepublik Polen sagten diesen Menschen im Grunde nur: „Eure Heimat liegt jetzt bei Wrocław. Das sind uralte polnische Gebiete, die wir zurückgewonnen haben.“ Aber so funktioniert das nicht. Menschen sind keine Kartoffelkisten, die man einfach von einem Ort an einen anderen stellen kann.</em></p>
<p><em>Als die Polen im Rahmen des sogenannten „Bevölkerungsaustauschs“ in diese Gebiete kamen, lebten dort noch Deutsche in ihren Häusern. Später wurden sie von dort weiter nach Westen vertrieben. Die Geschichte dieser Zwangsmigrationen wurde verschwiegen, weil niemand wusste, wie man mit ihr umgehen sollte. Dabei ist dies die reale Geschichte vieler Menschen in Polen.</em></p>
<p><em>Die Opfer sind das eine, doch es gibt auch die Zeugen, denn diese Ereignisse spielten sich sowohl in Galizien als auch in Wolhynien ab. In Galizien waren die Auseinandersetzungen weniger intensiv, weil die Polen dort stärker und zahlreicher waren und über einen organisierten Untergrund verfügten. Aber auch dort wurden mehrere Hunderttausend Menschen zu Zeugen dieser Ereignisse.</em></p>
<p><em>Ein Teil deiner Familie, Liana, blieb in der Ukraine. In der Sowjetzeit gelang es ihnen, dort mehr oder weniger im Verborgenen zu leben und ihre polnische Identität zu verheimlichen. In Polen war es ähnlich: Die Menschen konnten nicht offen darüber sprechen, was ihnen widerfahren war. Man durfte die UPA als Banditen bezeichnen, denn das entsprach dem sowjetischen Narrativ. Über die Massenmorde in Wolhynien durfte man dagegen nicht sprechen. Die Polen sollten vergessen, dass sie aus Galizien und Wolhynien stammten, denn zwischen der Volksrepublik Polen und der Sowjetunion sollten Freundschaft und Zusammenarbeit aufgebaut werden.</em></p>
<p><em>Zeugnisse wurden erst Ende der 1980er Jahre systematisch gesammelt. Auch die Pariser Kultura vermochte keine Diskussion über Wolhynien 1943 anzustoßen, weil auf ukrainischer Seite keine Bereitschaft bestand, über dieses Thema zu sprechen. (Gemeint ist das Milieu um die polnische literarisch-politische Nachkriegszeitschrift Kultura, deren Gründer und Chefredakteur </em><a href="https://www.vcpu.europa-uni.de/en/research/forschungskolloquium/index.html"><em>Jerzy Giedroyc</em></a><em> war. Gemeinsam mit ukrainischen, litauischen und belarussischen Intellektuellen, die nach 1944 ins Exil gegangen waren, setzte sich dieses Milieu mit der Frage der Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Eine seiner wichtigsten Initiativen bestand darin, auf die polnische öffentliche Meinung einzuwirken und insbesondere für die gesellschaftliche Anerkennung der Ostgrenze der Volksrepublik Polen zu werben.)</em></p>
<p><em>Auch im unabhängigen Polen wurde das Thema Wolhynien lange verschwiegen – nun im Interesse guter Beziehungen zur Ukraine. Die liberalen polnischen Eliten hielten am Leitsatz aus der Zeit der Solidarność fest: „Es gibt kein freies Polen ohne eine freie Ukraine.“ Als ich selbst noch an der Universität studierte, vor zehn oder fünfzehn Jahren, herrschte unter den liberalen Eliten die Auffassung vor, die Geschichte der Massenmorde in Wolhynien sei eine Büchse der Pandora. Niemand wusste so recht, wie man mit diesem Thema umgehen sollte, und deshalb hielt man es für besser, das Thema bis zum EU-Beitritt der Ukraine nicht anzurühren. Man hoffte, das Problem werde sich mit der Zeit von selbst lösen.</em></p>
<p><em>Noch bis vor Kurzem blieben Vertreter des polnischen Staates den Jahrestagen der Verbrechen in Wolhynien demonstrativ fern, und Initiativen zur Errichtung von Denkmälern für die Opfer wurden blockiert. Stattdessen griffen rechtsextreme Kräfte das Thema auf. Sie begannen, bei den Gedenkveranstaltungen aufzutreten und im Namen der inzwischen hochbetagten Überlebenden das Gedenken an die Opfer einzufordern. Daraus schlugen sie politisches Kapital und stellten sich den liberalen Eliten entgegen, die wegen der Aktion „Weichsel“, der Diskriminierung und Polonisierung der Ukrainer im Polen der Zwischenkriegszeit sowie des postkolonialen Charakters des Kresy-Mythos Selbstkritik übten.</em></p>
<p><em>Die polnischen Liberalen hofften, dass die uneigennützige Unterstützung der Ukraine auf ihrem Weg in die EU auch in der Ukraine eine vergleichbare kritische Neubewertung der Geschichte anstoßen würde. Deshalb nutzen polnische Rechte Ereignisse wie die Verleihung des Titels „Held der Ukraine“ an Stepan Bandera oder die Benennung einer militärischen Einheit nach den „Helden der UPA“ gezielt gegen die Befürworter eines polnisch-ukrainischen Bündnisses.</em></p>
<h3><strong>Feldforschung, Deutungskämpfe und Brüche in der Öffentlichkeit</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Es gibt <a href="https://wyborcza.pl/magazyn/7,124059,32839169,w-oksfordzie-uslyszalam-przeciez-upa-bylo-jak-armia-krajowa.html">einen Aufsatz von Anna Wylegała</a>, in dem sie die gesellschaftliche Stimmung in Polen analysiert und ihre bittere Enttäuschung zum Ausdruck bringt, dass ukrainische Intellektuelle – selbst liberale – zu wenig Interesse an Diskussionen über die Rolle der UPA gezeigt hätten, insbesondere über deren dunkle Seiten und die von ihren Kämpfern begangenen Verbrechen. Wie nimmst du die Stimmung in Polen und in der Ukraine wahr? Sehen die Menschen einen Ausweg aus dieser Situation? Lässt sich die Frage der Massenmorde in Wolhynien überhaupt umgehen, ohne eine gemeinsame, gründliche Untersuchung, die nicht auf den akademischen Raum beschränkt bliebe, sondern auch unterschiedliche ethnische, berufliche und aktivistische Gruppen einbezöge?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich glaube, im Augenblick brauchen wir vor allem Sozialpsychologen. Michał Bilewicz hat das Buch „</em><a href="https://wydawnictwowam.pl/prod.traumaland.38469.htm?sku=91987"><em>Traumaland – Polacy w cieniu przeszłości</em></a><em>“ (deutsch: „Traumaland – Polen im Schatten der Vergangenheit“) geschrieben, das hier hilfreich sein könnte. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Holocaust versucht er die Frage zu beantworten, was wir eigentlich meinen, wenn wir von Versöhnung sprechen.</em></p>
<p><em>Einerseits geht es darum, ein Verbrechen als Verbrechen zu benennen und es zu verurteilen. Andererseits braucht es das Gefühl, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Der Schmerz der Menschen und die Tatsache, dass ihre Vorfahren ermordet wurden, müssen anerkannt werden – ohne irgendetwas zu beschönigen. Ebenso müssen Polen die Gräueltaten an Ukrainern ohne jedes „Aber“ verurteilen. Rache rechtfertigt kein Verbrechen.</em></p>
<p><em>Es braucht also eine eindeutige Verurteilung, statt das Wolhynien-Massaker als „Tragödie“ zu bezeichnen, als wäre es durch schlechtes Wetter oder eine Naturkatastrophe verursacht worden. Eine weitere schwierige Frage betrifft die polnischen „Vergeltungsaktionen“. Für mich muss man das Böse auch als solches benennen. Das Motiv der Rache rechtfertigt keinerlei Verbrechen an der ukrainischen Zivilbevölkerung. Diese Menschen waren ebenso unschuldig wie die Polen in Wolhynien 1943. Und auch das muss in Polen verurteilt werden.</em></p>
<p><em>Die Frage ist jedoch, ob die Verurteilung der Verbrechen und die Heroisierung der UPA nebeneinander bestehen können. Kann man ausschließlich ihren Kampf gegen Russland heroisieren? Ich glaube nicht, dass das für die polnische Gesellschaft funktionieren wird. Ich weiß nicht, wie sich ein Ausweg aus dieser Situation finden lässt. Vielleicht könnte ein Konsens, wie Anna ihn in ihrem Aufsatz vorgeschlagen hat, eine Lösung sein. Aber wir haben gesehen, was </em><a href="https://uamoderna.com/blogy/ii-polsko-ukrayinske-komyunike/"><em>mit dem Zweiten Polnisch-Ukrainischen Kommuniqué</em></a><em> geschehen ist, das im November 2024 von ukrainischen und polnischen Historikern gemeinsam unterzeichnet wurde und den Versuch darstellte, zu einer gemeinsamen Interpretation schwieriger und blutiger Kapitel der polnisch-ukrainischen Beziehungen im 20. Jahrhundert zu gelangen (inhaltlich knüpft es an das Erste Kommuniqué an, das Historiker 1994 unterzeichnet hatten). Es war ein Versuch, diesem sinnlosen Erinnerungskrieg ein Ende zu setzen. Doch es fanden sich Menschen, die die Unterzeichner des Kommuniqués als Verräter bezeichneten. Unter dem Druck rechter Kräfte zogen einige ukrainische Beteiligte ihre Unterschriften später zurück.</em></p>
<p><em>Ich glaube, dass dies nicht nur ein Erinnerungskrieg ist, sondern auch eine Frage der Werte. Für mich sind Mord und Diskriminierung aufgrund der nationalen Zugehörigkeit ein Übel. Ich verurteile, dass Ukrainer in der Polnischen Republik der Zwischenkriegszeit wie Menschen dritter Klasse behandelt wurden. Und ich tue das nicht, weil ich in nationalen Kategorien von „Ukrainern“ und „Polen“ denke, sondern weil die Diskriminierung eines Menschen aufgrund bestimmter Merkmale meinen Werten widerspricht.</em></p>
<p><em>Auch jetzt, während des Krieges, stehe ich auf der Seite der Ukraine. Und ich finde überhaupt nicht, dass irgendjemand für diese Unterstützung dankbar sein müsste. Meine Entscheidung ergibt sich aus meinen Werten und aus dem, womit ich mich beschäftige. Ich glaube, dass ich auf der richtigen Seite der Geschichte stehe – auf der Seite der Opfer militärischer Aggression.</em></p>
<p><em>Die Frage nach den Werten ist zugleich die Frage danach, welches Verständnis von Nation wir wählen. Führende Vertreter der UPA wollten eine „Ukraine für die Ukrainer“ – ohne Polen und Juden. Heute dagegen kämpfen in den Streitkräften der Ukraine viele ukrainische Staatsbürger polnischer oder jüdischer Herkunft. Auch nationale Minderheiten können ihren Staaten im Krieg von großem Nutzen sein. Du zum Beispiel hast polnische Wurzeln und bist in ganz unterschiedlichen polnischen Milieus persönlich gut vernetzt. Das ermöglicht es dir doch, dich noch wirksamer für dein eigenes Land einzusetzen, das sich derzeit im Krieg befindet, oder? Wir beide, Liana, haben außerdem gemeinsam humanitäre Hilfe für die Ukraine organisiert, treten auf Konferenzen auf und schreiben Artikel.</em></p>
<p><em>Wenn ich die polnische Gesellschaft betrachte, wird mir klar: Wenn die Ukraine und Polen auf Augenhöhe, als gleichberechtigte Partner, zusammenarbeiten wollen, dann müssen wir über unsere gemeinsamen Traumata nachdenken und sie aufarbeiten. Wegen des Krieges und der russischen Propaganda wird dieser Prozess in der Ukraine häufig als Versuch Polens wahrgenommen, die ukrainische Geschichte umzuschreiben. Umgekehrt wird es in Polen als leichtfertig empfunden, wenn Ukrainer vom Dialog sprechen und zugleich die UPA ehren.</em></p>
<p><em>So war es etwa </em><a href="https://www.president.gov.ua/documents/4402026-59649"><em>bei der jüngsten Verleihung des Ehrennamens „Helden der UPA“ an eine militärische Einheit</em></a><em> unmittelbar nach dem Ende eines Kongresses polnischer und ukrainischer Historiker. Eine ähnliche Situation gab es im April 2015, als am Tag der Rede des polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski vor </em><a href="https://lb.ua/news/2015/04/23/302733_komorovskiy_zakon_upa_uslozhnyaet.html"><em>dem ukrainischen Parlament, der Werchowna Rada, das Gesetz verabschiedet wurde, das Mitglieder der UPA als Kämpfer für die Unabhängigkeit anerkannte</em></a><em>.</em></p>
<p><em>Eine andere Frage lautet: Was bedeuten Polen und Europa für die Ukraine? Ich habe den Eindruck, dass die Ukraine ihre Beziehungen zu Polen durch ein russisches Prisma betrachtet – und ebenso ihre Beziehungen zu Brüssel. Während eines Krieges ist das nachvollziehbar. Aber das Narrativ „Brüssel und Warschau werden uns nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben“ ist weder für die Zusammenarbeit noch für die Aufrechterhaltung eines „strategischen Bündnisses“ zwischen Polen und der Ukraine produktiv. Die Europäische Union beruht, wie jede Gemeinschaft, auf Kompromissen. Jede Beziehung, jede Zusammenarbeit und jedes Bündnis erfordert wechselseitige Verständigung und Abstimmung. Das betrifft nicht nur Wolhynien – so entstehen Vertrauen und Beziehungen zwischen Menschen.</em></p>
<p><em>Andererseits sollte man auch fragen: Wer hat heute in der Debatte über die Verbrechen in Wolhynien überhaupt eine Stimme? Bislang sind gerade diejenigen, die diese Geschichte auf beiden Seiten am unmittelbarsten betrifft, meist kaum zu hören. Stattdessen ist das Thema sowohl in Polen als auch in der Ukraine von einigen wenigen „Erinnerungskriegern“ und großen Institutionen wie den Instituten für Nationales Gedenken monopolisiert worden. Vielleicht müsste man den Diskurs über Wolhynien 1943 dezentralisieren, lokale polnisch-ukrainische Initiativen fördern und diese Geschichte wieder den Menschen zurückgeben, die sie unmittelbar betrifft.</em></p>
<h3><strong>Zur Methodik der Erforschung der Massenmorde in Wolhynien</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Ich war bei <a href="https://www.lvivcenter.org/discussions/volyn-in-family-stories/">eurem Vortrag mit Petro Dolhanov</a>. Außerdem gibt es die 2018 veröffentlichten Memoiren deiner Großmutter Stanisława Kwiecińska; ein Auszug <a href="https://edu.lvivcenter.org/documents/women-s-testimonies-of-extreme-violence/">daraus erschien in ukrainischer Übersetzung auf der Plattform REESources</a>. Was können persönliche Zeugnisse sichtbar machen, was die Politik- oder Militärgeschichte nicht zeigt? <a href="https://commons.com.ua/uk/druha-svitova-viina-u-doslidzhenniakh-ta-pamiati/">Unser gemeinsamer Kollege Andrii Usach</a> beschäftigt sich mit dem, was in der Holocaustforschung als „<em>widersprüchliches Verhalten</em>“ bezeichnet wird: wenn ein und dieselbe Person die einen rettete und zugleich andere tötete.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>In unserer Familiengeschichte gab es etwas Ähnliches. Der UPA-Kämpfer, der die Familie meiner Großmutter beschützte, war ein Kamerad meines Urgroßvaters aus der Zeit, als beide in der zaristischen russischen Armee dienten. Wenn die Partisanen das Dorf angriffen, sagte er: „Das sind meine Polen.“ Und er fügte hinzu: „Tötet sie nicht. Ihr könnt sie ausrauben, aber tötet sie nicht.“</em></p>
<p><em>Aus den Erzählungen in unserer Familie weiß ich, dass meine Verwandten ihre ukrainischen Nachbarn als Freunde betrachteten und deshalb nicht fortgehen wollten. Erst als die benachbarten Dörfer Hurby und Zelenyi Dub niedergebrannt worden waren, kamen ihnen Zweifel. Schließlich war es genau dieser Freund aus der UPA, der sie zur Flucht überredete. Er sagte, er selbst werde sie nicht töten, könne seine Kameraden aber nicht länger zurückhalten.</em></p>
<p><em>Meine Großmutter erinnert sich bis heute an den Namen dieses früheren Kameraden meines Urgroßvaters, der sie beschützte, obwohl sie inzwischen 97 Jahre alt ist. Er hieß Hapin und stammte aus dem Dorf Moshchanytsia. Vermutlich war das nicht sein richtiger Name, sondern ein Deckname. Es ist durchaus möglich, dass er „seine Polen“ nicht tötete, dafür aber andere. Wir wissen es nicht.</em></p>
<p><em>Ich glaube, man könnte das Wolhynien-Massaker zum Beispiel aus einer Perspektive „von unten“ betrachten, indem man die Lebensgeschichten der Opfer untersucht. Der Großteil der bisherigen Forschung konzentriert sich auf die Politik- und Militärgeschichte. Das ist die Perspektive der maßgeblichen Akteure, die Entscheidungen trafen und Befehle gaben. Wenn wir aber über Erinnerung und das Gedenken an die Opfer sprechen, sollten wir diese Ereignisse mit den Augen der einfachen Menschen betrachten, die die Mehrheit der Bevölkerung stellten – mit den Augen der Bauern. Dazu gehörten nicht nur Polen, sondern auch Ukrainer, Juden und Tschechen.</em></p>
<p><em>Der Blick auf das Schicksal jedes einzelnen Menschen kann davor bewahren, diejenigen zu heroisieren, die man nicht heroisieren sollte. Im Krieg müssen Menschen äußerst schwierige Entscheidungen treffen. Ukrainer verstehen das heute besser als Polen. Und wenn man Geschichte von unten betrachtet, werden all diese Nuancen und schwierigen Entscheidungen sichtbar, die Menschen unter extremem Druck treffen mussten. Für Polen – und nicht nur für sie – stellten sich Fragen wie: Bleiben wir in Wolhynien oder fliehen wir? Wem können wir vertrauen? Wer wird uns verstecken und retten, und wer wird uns töten? Welcher Nachbar arbeitet mit dem Untergrund zusammen und wird uns vermutlich verraten, und wer wird schweigen oder für uns eintreten?</em></p>
<p><em>Überhaupt wäre es gut, über nationale Deutungsrahmen hinauszugehen und nicht immer nur auf einzelne nationale Gruppen zu schauen, denn das führt unvermeidlich zu Verallgemeinerungen und lässt das Bild monolithisch erscheinen: als hätten alle Polen so gehandelt und alle Ukrainer anders. Man muss die lokale Dynamik betrachten. Menschen verhielten sich unterschiedlich und trafen unterschiedliche Entscheidungen, besonders in gemischten Familien. Aber ohne irgendetwas zu beschönigen. Dann kann vielleicht ein Weg zur Versöhnung beginnen – allerdings erst nach der Verurteilung der Verbrechen.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Was sind die größten methodologischen Herausforderungen bei der Erforschung der Massenmorde in Wolhynien? Wie lässt sich mit fragmentarischen Quellen und häufig lückenhaftem Archivmaterial arbeiten?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Archivmaterial gibt es, aber man muss kritisch damit umgehen und den jeweiligen Kontext genau analysieren. Das gilt zum Beispiel für die Verhöre von UPA-Mitgliedern in sowjetischen Nachkriegsprozessen. Natürlich wurden sie nach den Motiven und Ursachen der Morde gefragt. Um einer Bestrafung zu entgehen, bestritten die Betroffenen jedoch die Verbrechen und versuchten, sich vollständig zu entlasten.</em></p>
<p><em>Wichtig ist außerdem, diese Ereignisse aus sozialhistorischer Perspektive zu betrachten. Man sollte etwa nicht die Propaganda aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs wiederholen, wonach alle Polen Besatzer, Feinde und Fremde auf ukrainischem Boden gewesen seien und deshalb getötet werden müssten. Meine Familie etwa lebte seit dem 18. Jahrhundert in Wolhynien, seit der Gründung dieser Dörfer. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um polonisierte, verarmte Kleinadlige ruthenischer Herkunft aus der Region um Kyiv – sogenannte Odnodworzen („Einhöfer“). Andere Zweige meiner Familie stammen von litauischen Tataren ab, die ungefähr zur gleichen Zeit nach Wolhynien kamen, sowie von dort ansässigen Juden.</em></p>
<p><em>Die polnischen Siedler, die in der Zwischenkriegszeit nach Wolhynien kamen, wurden während der ersten sowjetischen Besatzung ins Innere der Sowjetunion deportiert. Deshalb waren diejenigen, die am ehesten als „Besatzer“ galten, also Menschen mit militärischer Erfahrung, 1943 bereits nicht mehr vor Ort. Zu den „Feinden“ der UPA wurden stattdessen andere Polen, die dort seit Generationen ansässig waren.</em></p>
<h3><strong>Contra spem spero</strong></h3>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Vor kurzem sind drei Beiträge von Petro Dolhanov, Yaroslav Hrytsak und Oleksandr Zaitsev erschienen. <a href="https://uamoderna.com/blogy/istoriia-iak-zbroia-ta-instrument-natsionalnoi-bezpeky/">Petro richtete seinen Text</a> an ein ukrainisches Publikum und betrachtete historische Mythen zugleich als Waffen und als Instrumente der Selbstverteidigung im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Er betont, dass eine Kriegsführung – selbst eine defensive – „<em>unter Verwendung heroischer Narrative über die UPA dazu neigt, uns in eine komplizierte paradigmatische Falle zu ziehen</em>“. Wie stehst du zu dieser Einschätzung?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Weißt du, das müssen vermutlich die Ukrainer selbst entscheiden: welches Modell der Nation sie aufbauen wollen. Soll es eine „Ukraine für die Ukrainer“ sein, ohne nationale Minderheiten? Schließlich war die UPA an der Ermordung von Polen und Juden beteiligt. Für Menschen außerhalb der Ukraine ist das ein wichtiges Signal.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Yaroslav Hrytsak sagte in <a href="https://kulturaliberalna.pl/2026/06/16/wojny-o-historie-nie-da-sie-wygrac-a-przegrac-moga-wszyscy/">einem Interview mit der polnischen Zeitschrift <em>Kultura Liberalna</em></a>, dass die UPA in der ukrainischen Gesellschaft vor allem als Teil des historischen Kampfes gegen Russland wahrgenommen werde. Das sei unter den Bedingungen des Krieges besonders wichtig, nicht zuletzt nach der Verleihung des Ehrennamens „<em>benannt nach den Helden der UPA</em>“ an das Sonderoperationszentrum „<em>Nord</em>“ der Spezialoperationskräfte der Streitkräfte der Ukraine. Hrytsak sagte dazu: „<em>Die Ukrainer waren von der Reaktion Polens so überrascht, dass niemand damit gerechnet hatte. Diese Geste richtete sich sowohl an die Ukrainer als auch an Russland.</em>“ <a href="https://www.pap.pl/ua/ukrainian/news/lvivskiy-istorik-ukrainskiy-integralniy-nacionalizm-buv-ideologieyu-bezderzhavnoi">Eine ähnliche Auffassung vertritt Oleksandr Zaitsev</a>, der einen knappen historischen Überblick über die UPA-Formationen gibt. All diese Forscher betonen den Unterschied zwischen Geschichte als Wissenschaft und kollektivem Gedächtnis, das historische Fakten und Debatten für politische Zwecke nutzt.</p>
<p>Welche Rolle spielt dieser Kontext deiner Meinung nach im öffentlichen Diskurs in Polen? Inwieweit wird die UPA dort überhaupt mit dem Kampf gegen Russland in Verbindung gebracht? Das ist wieder eine provokante Frage, aber glaubst du, dass es überhaupt möglich wäre, dass die polnische Gesellschaft die UPA – und insbesondere den Erlass über die Verleihung des Ehrennamens „<em>Helden der UPA</em>“ – in einem anderen Licht betrachtet?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich glaube, die UPA ist ein Trigger. Es gibt solche Reizwörter, fast wie Zauberwörter. Für die Ukrainer ist das ähnlich emotional aufgeladen wie das Bild des an der polnischen Grenze ausgeschütteten ukrainischen Getreides. Die UPA ist ein emotionaler Trigger, der in der polnischen Gesellschaft fast ausschließlich negative Reaktionen hervorruft. Natürlich gab es viele Stimmen unter polnischen Liberalen und Linken, die der Gesellschaft zu erklären versuchten, dass sich diese Geste nicht gegen Polen richtete.</em></p>
<p><em>Ich persönlich glaube, dass es hier um ein bestimmtes Modell des Nationalismus geht, das sich gegen uns selbst wenden kann – gegen Polen ebenso wie gegen Ukrainer. Der integrale Nationalismus geht davon aus, dass man im Namen der Nation unschuldige Menschen, Zivilisten und Angehörige nationaler Minderheiten töten darf.</em></p>
<p><em>Ich glaube nicht, dass man die UPA ausschließlich mit dem Kampf gegen Russland in Verbindung bringen kann. Vielleicht tragen daran auch die polnischen Liberalen und Linken eine gewisse Mitschuld, die behauptet haben, die Unterstützung für die UPA sei in der Ukraine ein Randphänomen. Aber dann stellt sich die Frage: Wenn die polnische Gesellschaft früher erkannt hätte, dass die Unterstützung für die UPA in der Ukraine zum Mainstream gehört, wäre die Bereitschaft, der Ukraine 2022 zu helfen und sie zu unterstützen, ebenso groß gewesen? Ich weiß es nicht.</em></p>
<p><em>Ich weiß auch nicht, wie sich der ukrainische Kanon, in dem die UPA einen Platz hat, mit dem polnischen Kanon vereinbaren lässt, zu dem Katyn, der Warschauer Aufstand und Wolhynien gehören. Nachdem der ukrainische Präsident Petro Poroshenko 2015 </em><a href="https://zakon.rada.gov.ua/laws/show/314-19#Text"><em>das Gesetz „Über den rechtlichen Status und die Ehrung des Andenkens der Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine im 20. Jahrhundert“</em></a><em> unterzeichnet hatte, das unter anderem die Kämpfer der Karpaten-Sitsch, der UVO, der OUN und der UPA als Unabhängigkeitskämpfer anerkennt, reagierte Polen mit einem </em><a href="https://isap.sejm.gov.pl/isap.nsf/DocDetails.xsp?id=WMP20160000726"><em>Beschluss des Sejm „Zum Gedenken an die Opfer des von ukrainischen Nationalisten in den Jahren 1943–1945 an Bürgern der Zweiten Polnischen Republik verübten Völkermords“</em></a><em>.</em></p>
<p><em>So werden diese Beschlüsse ständig gegeneinander ausgespielt – eine Reaktion auf die nächste, immer im Kreis. Ich glaube, jetzt wird es wieder genauso sein. Die Regierung Tusk hatte die staatliche Finanzierung eines geplanten </em><a href="https://www.gov.pl/web/obrona-narodowa/wicepremier-w-kosiniak-kamysz-utworzymy-muzeum-pamieci-ofiar-rzezi-wolynskiej"><em>Museums zum Wolhynien-Massaker in Chełm</em></a><em> zunächst gestoppt, das die Partei Recht und Gerechtigkeit eröffnen will. Aber wenn nun zum Beispiel ein Roman-Shukhevych-Museum entsteht, werden die Polen sagen: „Warum dürfen wir kein Museum zum Wolhynien-Massaker errichten, wenn sie ein </em><a href="https://www.karpaty.info/en/uk/lv/lw/lviv/museums/shukhevych/"><em>Roman-Shukhevych-Museum</em></a><em> haben?“ Und das wird den Konflikt nur weiter verschärfen.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Das Roman-Shukhevych-Museum in Lwiw ist eine lokale Initiative und untersteht dem Stadtrat. Es handelt sich nicht um ein staatliches, sondern um ein lokales Projekt, was die Situation angesichts der Wahl von Ort und Zeitpunkt noch komplizierter macht.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ja, aber </em><a href="https://www.kyivpost.com/post/79357"><em>das Pantheon</em></a><em> ist bereits eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Das Pantheon ist tatsächlich ein Projekt von nationaler Bedeutung. Die Werchowna Rada hat vor Kurzem für seine Errichtung gestimmt. Und die einzige öffentlich geäußerte kritische Stimme, die ich wahrgenommen habe, war <a href="https://ukrainesolidaritycampaign.org/2026/06/03/andriy-melnyk-leader-of-the-organization-of-ukrainian-nationalists/">die von John-Paul Himka</a>.</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ich kann mich nicht zu Entscheidungen äußern, die die Ukraine im eigenen Land trifft. Aber ich kann sagen, dass es in Polen zahlreiche kritische Biografien über Roman Dmowski gibt. Polnische Liberale und Linke kritisieren ihn ständig. Ich habe </em><a href="https://oko.press/strajk-kobiet-zawiesil-tablice-ronda-praw-kobiet-policja-zablokowala-ludzi-a-ludzie-radiowoz"><em>am Frauenstreik</em></a><em> teilgenommen und mich dafür eingesetzt, dass der Roman-Dmowski-Kreisverkehr (Rondo Romana Dmowskiego) in Kreisverkehr der Frauenrechte (Rondo Praw Kobiet) umbenannt wird.</em></p>
<p><em>Ähnlich war es am ukrainischen Unabhängigkeitstag – übrigens hat kein einziges ukrainisches Medium darüber berichtet, ich weiß nicht, warum. Damals wurde ein Marsch der von Grzegorz Braun geführten rechtsextremistischen, antisemitischen und antiukrainischen Konfederacja Korony Polskiej (Konföderation der Polnischen Krone) </em><a href="https://www.rmf24.pl/regiony/warszawa/news-stop-inwazji-czy-polska-dla-wszystkich-demonstracje-w-warsza,nId,8013597"><em>blockiert</em></a><em>. Ich war ebenfalls dort. Wir blockierten den Marsch, damit seine Teilnehmer nicht bis zu dem ukrainischen Konzert gelangen konnten. Dort waren ausschließlich Polen. Ukrainer gingen zwar vorbei, aber sowohl der Marsch als auch seine Blockade waren Teil eines innerpolnischen Konflikts.</em></p>
<p><em>In der Ukraine berichten die Medien, genau wie in Polen, vor allem über die Rechte. Was </em><a href="https://holka.org.ua/en/deputy/volodymyr-viatrovych/"><em>Volodymyr Viatrovych</em></a><em> sagt, wird von allen zitiert. Was </em><a href="https://instytutpileckiego.pl/en/instytut/rada-naukowa/prof-dr-hab-grzegorz-motyka?setlang=1"><em>Grzegorz Motyka</em></a><em> sagt, ebenso. Aber wir Frauen … Ich ging als polnische Staatsbürgerin zur Blockade des Braun-Marsches, weil ich mit einem Nationsverständnis nicht einverstanden bin, das auf Hass aufgrund nationaler Zugehörigkeit beruht – auch auf Hass gegen Ukrainer. Denn wenn niemand protestiert, bedeutet das, dass alle dieses Modell akzeptieren.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Lass uns zum Abschluss darüber sprechen, was Hoffnung macht. Nachdem Karol Nawrocki Volodymyr Zelenskyyj den Orden des Weißen Adlers aberkannt hatte, begannen viele Menschen in den sozialen Medien symbolisch ihre eigenen Medaillen, Auszeichnungen und anderen Ehrungen „<em>zurückzugeben</em>“. In diesem Zusammenhang hast du mehrere Beiträge über Dinge veröffentlicht, die du unter keinen Umständen zurückgeben willst …</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska:</strong> <em>Meine persönlichen Orden.</em></p>
<p><strong>Liana Blikharska</strong>: Ich erinnere mich an eine Matratze von deinem Historikerkollegen aus Lwiw, an eine Kosakenfigur von einer Studentin und an eine Postkarte von befreundeten Freiwilligen, die in deiner Wohnung lebten. Diese war im Winter und Frühjahr 2022 zu einer regelrechten Koordinationszentrale für humanitäre Hilfe geworden. Können persönliche Beziehungen die Folgen autoritärer Tendenzen in der Weltpolitik überwinden, die wiederum auch Wissenschaft und öffentliche Debatten beeinflussen? Was braucht es dafür? Vielleicht etwas kritisches Denken und Empathie. Aber was noch?</p>
<p><strong>Ela Kwiecińska</strong>: <em>Ja, ich habe die Matratze bei meinem Kollegen gelassen und ihm gesagt, er solle sie nicht zurückgeben. Dafür schenkte er mir eine Grafik, die ich ebenfalls nicht zurückgeben werde. Ich habe eine ganze Menge solcher kleinen Erinnerungsstücke von Freunden, von Menschen, die bei mir gewohnt haben oder denen ich geholfen habe. Und das ist sehr schön. Hier, siehst du, hängen am Schrank Zeichnungen von Kindern aus Zhovkva.</em></p>
<p><em>Ich freue mich, dass ich mit diesem Beitrag meine Haltung zeigen konnte. Ein bisschen wollte ich mich, weißt du, auch über kleingeistige Politiker lustig machen. Zelenskyj hat diesen Orden nicht wegen Wolhynien erhalten, sondern weil er Präsident eines Landes ist, in dem wirkliche Menschen gegen ein wirkliches Übel kämpfen.</em></p>
<p><em>Für mich sind meine Freunde, Bekannten und Kollegen in der Ukraine die wirklichen Orden – und all das, was wir gemeinsam tun können. Ich schätze es sehr, dass ich, wenn ich in die Ukraine komme, immer bei jemandem zu Hause übernachte und nicht in einem Hotel. Ich wünsche mir sehr, dass das auch in Zukunft so bleibt. Meine Freunde in der Ukraine sind mir außerordentlich wichtig. Ich bin ihnen für alles sehr dankbar.</em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im August 2026. Die ukrainische Fassung erschien unter dem Titel <a href="https://commons.com.ua/uk/rozmova-pro-masovi-vbyvstva-na-volyni-1943-1945/">„Shliakh do prymyrennia mozhlyvyi lyshe pislia zasudzhennia zlochyniv“: rozmova podruh pro masovi vbyvstva na Volyni u 1943–1945 rokakh“</a> in der Online-Zeitschrift Spilne/Commons am 11. Juli 2026. Aus dem Ukrainischen übersetzt von Pavlo Shopin, Drahomanov-Universität). Internetzugriffe zuletzt am 27. Juli 2026. Titelbild: <a href="https://tysol.pl/wiadomosci/chelm-upamietni-sprawiedliwych-ukraincow,176539#goog_rewarded">Exhumierung der Opfer aus Massengräbern im Dorf Wola Ostrowiecka im Kreis Luboml in Wolhynien, 1992</a>. Foto: Archiv des polnischen Instituts für Nationales Gedenken (AIPN), Public Domain.)</p>
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		<title>Magnifica humanitas</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/magnifica-humanitas/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Jul 2026 10:12:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Magnifica humanitas Das politische Programm von Papst Leo XIV. „Mutter und Lehrmeisterin der Völker ist die katholische Kirche. Sie ist von Christus Jesus dazu eingesetzt, alle, die sich im Lauf der Geschichte ihrer herzlichen Liebe anvertrauen, zur Fülle höheren Lebens und zum Heile zu führen.“ (Sozialenzyklika Mater et magistra, Johannes XXIII., 1961, 1) „Wir  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Magnifica humanitas </strong></h1>
<h2><strong>Das politische Programm von Papst Leo XIV. </strong></h2>
<p><em>„Mutter und Lehrmeisterin der Völker ist die katholische Kirche. Sie ist von Christus Jesus dazu eingesetzt, alle, die sich im Lauf der Geschichte ihrer herzlichen Liebe anvertrauen, zur Fülle höheren Lebens und zum Heile zu führen.“</em> (Sozialenzyklika <a href="https://www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_15051961_mater.html">Mater et magistra</a>, Johannes XXIII., 1961, 1)</p>
<p><em>„Wir möchten in Dialog mit allen Männern und Frauen unserer Zeit treten, mit denen wir die Ereignisse, Fragen und Wünsche der Menschheit teilen.“</em> (<a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html#_ftn125">Magnifica humanitas</a>, Leo XIV., 2026, 2)</p>
<h3><strong>Die Bedeutung der Enzykliken</strong></h3>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-8203 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/magnifica-humanitas-ueber-die-bewahrung-des-Leo-XIII.-Magnifica-humanitas-Herder-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/magnifica-humanitas-ueber-die-bewahrung-des-Leo-XIII.-Magnifica-humanitas-Herder-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/magnifica-humanitas-ueber-die-bewahrung-des-Leo-XIII.-Magnifica-humanitas-Herder-200x328.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/magnifica-humanitas-ueber-die-bewahrung-des-Leo-XIII.-Magnifica-humanitas-Herder.jpg 280w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" />Gut ein Jahr nach seiner Wahl wurde am 25. Mai 2026 die erste Enzyklika Papst Leo XIV. im Vatikan vorgestellt: „Magnifica humanitas“ („Großartige Menschheit“). Unterschrieben hat der Papst das lehramtliche Rundschreiben am 15. Mai 2026, dem 135. Jahrestag der Unterzeichnung der ersten Sozialenzyklika <a href="https://www.vatican.va/content/leo-xiii/en/encyclicals/documents/hf_l-xiii_enc_15051891_rerum-novarum.html">Rerum novarum</a> vom 15. Mai 1891 durch Papst Leo XIII. <a href="https://www.herder.de/religion-spiritualitaet/shop/p3/99390-magnifica-humanitas-gebundene-ausgabe/">Eine deutsche Fassung von „Magnifica humanitas“ wurde bei Herder veröffentlicht</a>.</p>
<p>Mit dem ersten Lehrschreiben legt ein neugewählter Papst gewöhnlich das wichtigste Anliegen seines neuen Pontifikats offen – mit der Verbindlichkeit des ordentlichen Lehramtes als Pontifex maximus. Dass es sich bei Leo XIV. um eine Sozialenzyklika handelt, war bereits mit der Wahl seines Papstnamens am 8. Mai 2025 zu vermuten. Die Hauptthematik des Lehrschreibens wurde jedoch erst bei der Veröffentlichung durch den Untertitel <em>„Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“</em> bekannt. Damit setzt sich Papst Leo XIV. im ersten Lehrschreiben seines Pontifikats intensiv mit der digitalen Revolution und den ethischen Leitplanken für den Umgang mit künstlicher Intelligenz und Digitalisierung auseinander.</p>
<p>Enzykliken, gedruckte Rundschreiben, sind seit Papst Benedikt XIV. (1740-1758) eine Form des ordentlichen allgemeinen Lehramtes des Papstes. Die erste Enzyklika in der Kirchengeschichte war <a href="https://www.vatican.va/content/benedictus-xiv/it/documents/enciclica--i-ubi-primum--i---3-dicembre-1740--nell--8217-ambito-.html">Ubi primum</a> (1740) von Benedikt XIV. über die Pflichten der Bischöfe. Die Enzykliken beziehen sich auf Glaubens- und Sittenfragen sowie auf Fragen der Kirchenstruktur und behandeln gewöhnlich ein Thema schwerpunktmäßig. Sie tragen als Überschrift zumeist zwei bis drei markante Worte aus dem ersten Satz oder Abschnitt des Schreibens.</p>
<p>Die Lehrschreiben richteten sich bis Anfang der 1960er Jahre in verschiedenen Variationen des Anschreibens an den gesamten Episkopat, einen Teil desselben und die Gläubigen der katholischen Kirche. Erstmals mit der Enzyklika <a href="https://www.vatican.va/content/john-xxiii/de/encyclicals/documents/hf_j-xxiii_enc_11041963_pacem.html">Pacem in terris</a> Johannes XXIII. aus dem Jahr vom 11. April 1963 wird der Adressatenkreis explizit auf <em>„alle Menschen guten Willens“</em> ausgeweitet. Dies bedeutet mehr als eine Einladung an alle Menschen, die sich für das jeweilige Thema interessieren. Es ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass die Enzyklika bewusst eine Argumentation verwendet, die auf Vernunftargumenten ruht, die jedem Menschen mit guten Absichten (guten Willens) zugänglich sind. Es werden nicht zwingend Inhalte christlicher Offenbarung benötigt, um sich am Diskurs zu beteiligen, wenngleich für die Gläubigen die schöpfungs- und heilgeschichtlichen Bezüge in den Enzykliken erhalten bleiben. Die Anrede auch der Menschen guten Willens wurde in der Folgezeit zu einer gängigen Formel in der Adresse der Sozialenzykliken, die sich damit neben ihrer Funktion als lehramtliche Verkündigung immer auch als Diskussionsangebote an alle Menschen verstehen. Magnifica humanitas verzichtet allerdings auf jegliche Adressierung.</p>
<p>Papst Leo XIV. tritt sehr bewusst mit seiner ersten Enzyklika in die Tradition der katholischen Soziallehre ein. In fünf Kapiteln, die von einer Einleitung und einem Schlussteil umrahmt sind, nähert er sich dem im Untertitel angegeben Hauptthema: der Mensch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.</p>
<p>Mit 245 Nummern ist die Enzyklika sehr umfangreich. Abgesehen von dem historischen und systematischen Blick auf die bisherige Soziallehre werden in den Kapiteln 3-5, die sich mit der eigentlichen Thematik, der Künstlichen Intelligenz, befassen, viele Themenbereiche und Einzelaspekte angesprochen, die hier nicht alle Erwähnung finden können. Die Lektüre der Sozialenzyklika sei ausdrücklich empfohlen. Die folgenden Absätze bieten einen ersten Blick in die Inhalte.</p>
<h3><strong>Die Einleitung (1-16)</strong></h3>
<p>Schon früh im Text nimmt der Papst Bezug auf seinen Namensvorgänger Leo XIII. und sieht die Notwendigkeit, sich um die res novae der jetzigen technisierten Welt Gedanken zu machen, die er mit Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik beschreibt.</p>
<p>In der für päpstliche Schreiben typischen Bezugnahme auf biblische Stellen, Konzilsdokumente und Lehräußerungen früherer Päpste in Enzykliken und anderen Dokumenten und Reden stellt er sich ganz in die Tradition der katholischen Soziallehre. Die neuen Herausforderungen werden nicht grundsätzlich negativ oder positiv gesehen, sondern chancen- und hilfreich, insofern sie zu mehr Gerechtigkeit und zu einer Steigerung des weltweiten Gemeinwohls beitragen.</p>
<p>Problematisch sieht der Papst, dass wir es auf dem Feld der KI häufig nicht mehr mit staatlichen Akteuren zu tun haben, sondern <em>„private, oft transnationale Akteure, die über Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten verfügen, die denen vieler Regierungen überlegen sind“</em> (5). Keinen Zweifel lässt er daran, dass die Vorschläge der Enzyklika zum Umgang mit den neuen Technologien aus dem Licht des Glaubens erfolgen, weil es Gott war, der <em>„eine Sehnsucht nach Glück in unsere Herzen eingeschrieben </em>(hat)<em>, die alle Dimensionen des Lebens umfasst.“</em> (11). Hingewiesen wird auf die Begrenztheiten der Menschen und darauf, dass es gemeinsamer Anstrengungen <em>„zwischen Generationen, Völkern, Disziplinen und Kulturen“</em> bedarf. Die Einleitung ist ein Angebot an alle Menschen guten Willens, an der Aufgabe mitzuwirken, die neuen technischen Möglichkeiten zum Wohl des Menschen einzusetzen und dafür Kriterien und Regeln zu finden.</p>
<h3><strong>Das erste Kapitel: Dynamisches Denken im Geiste des Evangeliums (17-45)</strong></h3>
<p>Im ersten Kapitel zeichnet der Papst in einer chronologischen Sicht die bisherige Soziallehre nach. Durch die Geschichte hat sich die Kirche als eine Instanz angeboten, die dabei hilft, Wirklichkeit in ihrer Tiefe zu erfassen in der Überzeugung, dass Gott eine gute Schöpfung zum Gebrauch hinterlassen hat. Dabei anerkennt die Kirche die Autonomie der irdischen Wirklichkeiten und die Unterscheidung zwischen kirchlicher und politischer Gemeinschaft, wie sie das Zweite Vatikanum in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes beschrieben hat: „<em>Wenn wir unter Autonomie der irdischen Wirklichkeiten verstehen, dass die geschaffenen Dinge und auch die Gesellschaften ihre eigenen Gesetze und Werte haben, die der Mensch schrittweise erkennen, gebrauchen und gestalten muss, dann ist es durchaus berechtigt, diese Autonomie zu fordern. Das ist nicht nur eine Forderung der Menschen unserer Zeit, sondern entspricht auch dem Willen des Schöpfers. / Durch ihr Geschaffensein selber nämlich haben alle Einzelwirklichkeiten ihren festen Eigenstand, ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Gutheit sowie ihre Eigengesetzlichkeit und ihre eigenen Ordnungen, die der Mensch unter Anerkennung der den einzelnen Wissenschaften und Techniken eigenen Methode achten muss.“</em> (Gaudium et Spes 36)</p>
<p>Damit wird eine im Willen des Schöpfers begründete Eigenrationalität der wissenschaftlichen und politischen Sachbereiche anerkannt, die aber im kirchlichen Denken nicht völlig losgelöst von Gottes Schöpferwillen gedacht wird. Papst Leo betont, dass sich seit der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum Papst Leo XIII. 1891 ein Gefüge an Lehrmeinungen und Interpretationen herausgebildet hat, das, ausgerichtet an den jeweiligen res novae, den Korpus der Soziallehre der Kirche bildet (17 f.). Er zeichnet die Entwicklung der Kirchlichen Soziallehre von Leo XIII. bis Magnifica humanitas nach und skizziert sie kurz inhaltlich. Es sind die folgenden Dokumente (alle auf der <a href="https://www.vatican.va/">Seite des Vatikan</a> einsehbar):</p>
<ul>
<li>Leo XIII., Rerum novarum (1891),</li>
<li>Pius XI., Quadragesimo anno (1931),</li>
<li>Johannes XXIII., Mater et magistra (1961),</li>
<li>Johannes XXIII., Pacem in terris (1963),</li>
<li>Vaticanum: Gaudium et spes (1965),</li>
<li>Paul VI., Populorum progressio (1967),</li>
<li>Paul VI., Octogesima adveniens (1971),</li>
<li>Johannes Paul II., Laborem exercens (1981),</li>
<li>Johannes Paul II., Sollicitudo rei socialis (1987),</li>
<li>Johannes Paul II., Centesimus annus (1991),</li>
<li>Benedikt XVI., Caritas in veritate (2009),</li>
<li>Franziskus, Evangelii gaudium (2013),</li>
<li>Franziskus, Laudato si (2015),</li>
<li>Franziskus, Fratelli tutti (2020).</li>
</ul>
<p>Zumeist handelt es sich um Sozialenzykliken, mit Gaudium et spes um ein bedeutsames Konzilsdokument und mit Octogesima adveniens und Evangelii gaudium um Apostolische Schreiben. Viele stehen in einem zeitlichen Zusammenhang mit Jubiläen von Rerum novarum.</p>
<p>Die lehramtlichen Schreiben erweitern die Thematiken von der Arbeiterfrage hin auf die internationale Perspektive (Populorum progressio), auf die Friedensfrage (Pacem in terris) sowie die ökologische Frage (Laudato si). Viele dieser Schreiben nehmen Bezug auf aktuelle politische Geschehnisse, wie die Enzyklika Johannes Paul II. <a href="https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_01051991_centesimus-annus.html">Centesimus annus</a> aus dem Jahr 1991. Diese erinnert an den hundertsten Jahrestag von Rerum novarum und geht gleichzeitig auf die Ereignisse des Jahres 1989, den Fall der Mauer und den beginnenden Verfall des sowjetischen Imperiums, ein (22-29). Mit Magnifica humanitas folgt eine weitere Perspektive, die digitalisierte Gesellschaft.</p>
<p>Papst Leo betont, dass seit Beginn der Soziallehre mit Rerum novarum jeder Papst und auch das II. Vaticanum sich den Zeichen der Zeit gestellt und einen originären Beitrag geleistet hat, woraus ein Gesamt der Soziallehre erwachsen ist. Das geschah nicht immer linear, aber es wurde ein Erbe in verschiedenen Aspekten sichtbar<em>: „die Würde der Person, den Wert der Arbeit, die allgemeine Bestimmung der Güter, Solidarität und Subsidiarität, die Bewahrung der Schöpfung, die zentrale Bedeutung von Frieden und Geschwisterlichkeit“</em>. (45)</p>
<h3><strong>Das zweite Kapitel: Grundlagen und Prinzipien der kirchlichen Soziallehre (46-89)</strong></h3>
<p>Im zweiten Kapitel widmet sich Papst Leo in systematischer Weise den Inhalten der Soziallehre. Es sind vor allem die Sozialprinzipien, die hier angeführt und erläutert werden.</p>
<p>Papst Leo verfolgt mit diesem Kapitel eine konkrete Absicht: <em>„Mit diesen Überlegungen möchte ich vor allem den Laien sowie allen Frauen und Männern guten Willens helfen, ihre Sendung wiederzuentdecken, die darin besteht, die Prinzipien … im Alltag, im Familienleben, in der Arbeit und im gesellschaftlichen Engagement zu verwirklichen, wobei sie sich von dem Bestreben leiten lassen sollen, die Liebe Gottes im konkreten geschichtlichen Kontext zu verkörpern. Zugleich möchte ich Hochschulen und Universitäten ermutigen, diesen Grundsätzen neue Kraft zu verleihen“</em> (47).</p>
<p>Vor den eigentlichen Sozialprinzipien benennt der Papst einige Grundlagen der Soziallehre unter den Überschriften (48-58): Der Mensch als Abbild des dreifaltigen Gottes, die gleiche Würde aller Menschen und den sehr hohen Wert der Menschenrechte. Hier werden die ethischen Grundlagen des christlichen Menschenbildes beschrieben: Es geht um den Menschen, der seine Würde als Abbild Gottes in sich trägt (Genesis 1, 27), eine Würde, die ausnahmslos allen Menschen zukommt. Säkular manifestiert sich dieser Anspruch in dem internationalen Menschenrechtsregime, das der Idee der unveräußerlichen Rechte aller Menschen ihren politisch-rechtlichen Rahmen zu geben versucht.</p>
<p>Als eigentliche Sozialprinzipien werden, angeführt (59-85): Das Prinzip des Gemeinwohls, das Prinzip der allgemeinen Bestimmung der Güter, das Subsidiaritätsprinzip, das Solidaritätsprinzip und das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit.</p>
<p>Die Sozialprinzipien beschreiben grundlegend den Menschen als Individuum mit seinen Menschenrechten und als soziales Wesen in Interaktion mit Gemeinschaft. In jüngerer Zeit wird ein weiteres Prinzip in der Sozialethik genannt, das Prinzip der Nachhaltigkeit, das vor allem Papst Franziskus in Laudato si‘ entfaltet hat. In Magnifica humanitas wird es nicht eigens angeführt. Die Sozialprinzipien sind heuristische Kriterien, die dazu dienen, die jeweiligen Zeichen der Zeit im Sinn der Soziallehre zu beurteilen. Als Prinzipien sind sie genügend weit, um als Leitplanken für die konkrete Normenfindung zu dienen.</p>
<p>Etwas ungewöhnlich ist die Anführung des Prinzips der allgemeinen Bestimmung der Güter in der Reihe der Sozialprinzipien. Die Allgemeinbestimmung der Güter ist ein Aspekt des Gemeinwohls und eine nicht unbedeutende Forderung in der Tradition der Soziallehre: <em>„Dieses Prinzip erinnert uns vor allem daran, dass Gott die Güter der Erde – Boden, Wasser, Luft, natürliche Ressourcen – der gesamten Menschheitsfamilie geschenkt hat, damit sie allen heute und in Zukunft zum Leben gereichen, und dass alle ein ursprüngliches Recht auf die Nutzung dieser Güter haben.“</em> (65)</p>
<p>Zum Abschluss des Kapitels enthält die Sozialenzyklika einen Eigenappell (86-89). Die Ermahnungen und Prinzipien der Soziallehre sind nicht nur an die Zivilgesellschaft gerichtet, sie bedeuten für Papst Leo auch eine Gewissenserforschung für die Kirche selbst. Mit Bezug die XVI. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode, die in den Jahren 2023 und 2024 unter dem Thema ‚Für eine synodale Kirche: Gemeinschaft, Teilhabe, Sendung‘ in Rom getagt hat, hält er das Prinzip der Subsidiarität für ein empfehlenswertes Handlungskriterium. Dieses könne <em>„zu einem Kriterium der Leitung und des pastoralen Lebens </em>(werden)<em>, welche die Verantwortung der Gläubigen und der kirchlichen Mittelstrukturen anerkennt und unterstützt, Charismen und Kompetenzen fördert und dabei jeden Paternalismus vermeidet, der die Freiheit des Evangeliums erstickt.</em> <em>Konkret erfolgen die Mitwirkung der Getauften an Entscheidungsprozessen und die Mitverantwortung in der Mission über Gremien tatsächlicher und nicht nur nomineller Mitwirkung.“</em> (87) Papst Leo stärkt damit erneut die Rechte der Gläubigen an innerkirchlichen Entscheidungsfindungsprozessen. Nicht berührt davon sind die Rechte der Entscheidungsträger.</p>
<h3><strong>Drittes Kapitel: Technik und Herrschaft – der Mensch und die KI (90-130)</strong></h3>
<p>Im dritten Kapitel kommt der Papst zum Hauptthema der Enzyklika. Er verweist auf die drohende Gefahr, dass das technokratische Paradigma Überhand zu gewinnen droht und dass die Menschlichkeit angesichts der rasanten Erfolge von künstlicher Intelligenz, Kognitionswissenschaften, Nanotechnologie, Robotik und Biotechnologie nicht in gleichem Maße Schritt hält. In dem Kapitel werden sehr viele Aspekte der Thematik angesprochen, nur einige können hier genannt werden:</p>
<p>Auch wenn Papst Leo überzeugt ist, dass die digitalisierte Welt, richtig angewandt, sehr viele Chancen zum Wohl der Menschheit bieten kann, sieht er jedoch auch sehr grundsätzliche Gefahren, wie etwa die Rolle der sehr wenigen, sehr mächtigen und sehr reichen Akteure: <em>„Im digitalen Bereich liegt die Kontrolle über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenleistung in vielen Fällen nicht in der Hand der Staaten, sondern von großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren, die de facto die Zugangsbedingungen, die Regeln der Sichtbarkeit und die Möglichkeiten der Teilhabe selbst festlegen. Wenn sich solche Macht in wenigen Händen konzentriert, besteht die Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht. Das erhöht das Risiko einer schiefen Entwicklung, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt.“</em> (95)</p>
<p>Künstliche Intelligenz kann, so die Ansicht Leos, eine wertvolle Hilfe sein, doch warnt er davor, sie mit menschlicher Intelligenz gleichzusetzen, denn <em>„sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeutet.“</em> (99) KI kann mit ihrer Nachahmung menschenähnlicher Kommunikation auch verstören: <em>„Die künstliche Nachahmung einer betreuerischen oder begleitenden Beziehung kann gefährlich werden, wenn sie sich in einen Kontext einschleicht, in dem es an echter Beziehung und Zuneigung mangelt: Dann besteht nicht so sehr die Gefahr, dass eine Person glaubt, mit einer anderen Person zu sprechen, sondern dass sie den Wunsch verliert, anderen Personen wirklich zu begegnen.“</em> (100)</p>
<p>Außerdem drohen Entscheidungsprozesse vollständig technisiert zu werden: <em>„Sensible Entscheidungen bezüglich Arbeit, Kreditvergabe, Zugang zu Dienstleistungen und dem guten Ruf von Personen laufen Gefahr, vollständig automatisierten Systemen überlassen zu werden, die Mitleid, Barmherzigkeit, Vergebung und vor allem die Offenheit für die Hoffnung auf eine Veränderung der Person nicht kennen und dadurch neue Formen der Ausgrenzung hervorbringen können.“</em> (102)</p>
<p>Der Papst sieht in einem bloßen Algorithmus den schleichenden Verlust politischer Verantwortung, <em>„denn die Ausgrenzung der Schwachen wird mit Neutralität und Objektivität ummantelt, gegen die man nicht protestieren kann“</em> (103). Ein Algorithmus sei eben nicht so neutral, wie es den Anschein hat: <em>„Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. In Wirklichkeit bringt jedes technische Artefakt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft.“</em> (104).</p>
<p>Außerdem neige <em>„die KI dazu, vor allem die Macht derjenigen zu stärken, die bereits über wirtschaftliche Ressourcen, Kompetenzen und Zugang zu Daten verfügen“</em> (108). Sehr wenige Menschen kumulieren auf diese Weise sehr viel Macht. Angesprochen werden auch die Versuche zu einem verbesserten Menschen (<em>„enhanced human“</em>), die die Frage nach der Würde von Menschen mit Begrenztheiten aufkommen lassen. Es seien doch auch gerade die Begrenztheiten, die Menschlichkeit ausmachen und Kreativität fördern. (118-126)</p>
<p>Als Konsequenzen aus diesen Überlegungen fordert der Papst, Verantwortlichkeiten auf allen Ebenen klar zu bestimmen, die Machtverhältnisse und die der KI zugrunde liegende Wertebasis zu hinterfragen. Vor allem geht es ihm darum, den Primat des Menschen (97) hinsichtlich moralischer Entscheidungen zu wahren.</p>
<h3><strong>Viertes Kapitel: Das Menschliche in Zeiten des Wandels bewahren (131-181)</strong></h3>
<p>Im vierten Kapitel fokussiert der Papst drei Felder menschlichen Miteinanders, die ihm besonders bedroht erscheinen: die Wahrheit, die Arbeit und die Freiheit.</p>
<p>Papst Leo sieht die Wahrheit durch KI gefährdet, weil sie viele Möglichkeiten bietet, <em>„verzerrte Narrative zu konstruieren und die Grenzen zwischen dem Wahren und Falschen zu verwischen, indem Tatsachen und Meinungen vermischt werden”.</em> (132) Dort wo sich technische und wirtschaftliche Ressourcen sammeln, können auch massive kulturelle Veränderungen evoziert werden. Wahrheit wird als unverzichtbarer Bestandteil für eine Demokratie qualifiziert: <em>„Die Suche nach der Wahrheit ist ein wesentlicher Bestandteil der Demokratie, die ihrerseits ein Mittel zur Mitwirkung am Gemeinwohl ist. Wenn die Frage nach dem, was wahr ist, ihre Bedeutung verliert und an ihre Stelle ein Pragmatismus tritt, der sich mit dem begnügt, was nützlich oder wirksam zu sein scheint, wird das demokratische Leben schwächer.“</em> (134) In diesem Zusammenhang wird die Rolle von Wahrheit in sozialen Medien und freier Presse angesprochen und die Funktion von Schule und Bildung für die Findung von Wahrheit hervorgehoben.</p>
<p>Als zweites Feld besonderer Gefährdungen wird die Bedeutung der Arbeit betont, die schon in der ersten Sozialenzyklika Rerum novarum im Mittelpunkt stand. Auch in der Welt der KI hat Arbeit ihren Wert für Papst Leo nicht zuerst im Ertrag, sondern in der Person, die die Arbeit erbringt. Arbeit ist in der ganzen Tradition der katholischen Soziallehre <em>„nicht nur ein Mittel zum Lebensunterhalt, sondern ein Ort, um sich auszudrücken, in Beziehung zu treten und zur Gemeinschaft beizutragen.“</em> (154) Auch bei der durch KI erleichterten Arbeit stehe der Mensch im Mittelpunkt und dieser darf in seiner Personwürde nicht verletzt oder entmündigt werden. Papst Leo XIV. erneuert die von seinem Namensvorgänger begründete Tradition einer <em>„entschiedene[n] Verurteilung aller Formen von Sklaverei, Menschenhandel und der Kommerzialisierung von Menschen“ </em>(174).</p>
<p>Drittens sieht der Papst vielfältige Gefahren, die die Freiheit bedrohen. Er nennt etwa die online allgegenwärtigen Algorithmen, die Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer zu einem präzisen Bild der Vorlieben zusammensetzen und (Kauf)-Verhalten beeinflussen: <em>„Wenn jede Handlung – Bewegungen, Käufe, Beziehungen, Vorlieben – Spuren hinterlässt, dann entsteht eine neue Macht: jene, Profile zu erstellen, Vorhersagen zu treffen und Verhalten zu beeinflussen, oft ohne dass sich die Menschen dessen voll bewusst sind. Werden diese Daten genutzt, um Entscheidungen zu treffen, die konkrete Möglichkeiten beeinflussen (Zugang zu Krediten, Personalauswahl, Dienstleistungen), besteht die Gefahr, dass die Freiheit beeinträchtigt und die Schwächsten diskriminiert werden.“</em> (171) Menschen würden dadurch zu manipulierbaren Objekten und so erheblich in ihrer Freiheit bedroht, dass der Papst von neuen Formen der Sklaverei spricht, der ganze Lieferketten betrifft. (173-179)</p>
<h3><strong>Fünftes Kapitel: Die Kultur der Macht und die Zivilisation der Liebe (182-228)</strong></h3>
<p>Gewissermaßen als Höhepunkt seiner Überlegungen wendet der Papst die grundlegenden Überlegungen zu KI und Digitalisierung auch auf das Thema Krieg an, der neue Formen angenommen hat wie <em>„Cyberangriffe, Informationsmanipulation, Einflusskampagnen und die Automatisierung strategischer Entscheidungen“ </em>(183). Es geht Leo dabei nicht nur <em>„um die Effizienz neuer Instrumente, sondern um die Gefahr, dass die Technik, losgelöst von Ethik und Verantwortung, Entscheidungen über Leben und Tod schneller und unpersönlicher werden lässt und den Einsatz von Gewalt zu einer unmittelbaren und gangbaren Option macht.“</em> (182) Der Papst sieht die Grenze zwischen Schutz und Aggression, zwischen Verteidigung und Angriff schwinden, wenn allein die KI über Einsatz und Mittel der Kriegsführung entscheidet: <em>„Es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch akzeptabel machen könnte.“</em> (198) Für ihn sinkt dabei die Hemmschwelle für eine Gewaltanwendung, weil Verantwortung diffundiert und die Folgen keiner ethischen Beurteilung mehr unterliegen.</p>
<p>Der Papst möchte der Kriegsführung im digitalen Zeitalter eine Zivilisation der Liebe – ein von Papst Paul VI. eingeführter Begriff (in <a href="https://www.vatican.va/content/paul-vi/it/angelus/1970/documents/hf_p-vi_reg_19700517.html">Regina caeli</a> vom 17. Mai 1970) – entgegensetzen: <em>„Sie besteht darin, Nächstenliebe in Strukturen der Gerechtigkeit zu verwandeln, Geschwisterlichkeit institutionelle Formen annehmen zu lassen und den anderen – sei es eine Person oder ein Volk – als einen notwendigen Verbündeten für den Aufbau des Gemeinwohls zu betrachten.“</em> (186)</p>
<p>Krieg, in der Friedenethik stets als ultima ratio gedacht, drohe zu einem herkömmlichen Mittel internationaler Politik zu werden mit all seinen Begleiterscheinungen wie die einer massiven weltweiten Aufrüstung mit KI gestützten Waffen, die auch vor der Zivilbevölkerung keinen Halt machen. Der Papst möchte nicht auf sogenannte künstliche moralische Agenten vertrauen, <em>„so als ob eine Maschine die Unterscheidung zwischen Gut und Böse mit größerer Kohärenz garantieren könne als ein Mensch.“</em> Für ihn braucht es für Entscheidungen mit so weitreichenden Konsequenzen immer das ethische Urteil eines Menschen, sein Gewissen und die persönliche Verantwortung und Anerkennung des Gegenüber als Person. Für Papst Leo gilt unmissverständlich: <em>„Daher ist es nicht zulässig, tödliche oder jedenfalls irreversible Entscheidungen künstlichen Systemen anzuvertrauen. Es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch vertretbar machen könnte.“</em> (198)</p>
<p>Papst Leo betont, dass alle daran mitwirken können, eine Zivilisation der Liebe zu errichten und benennt konkrete Beispiele (210-228), wie: Worte zu entwaffnen, weltweite Gerechtigkeit als Grundlage anzudenken, die Perspektive der Opfer anzunehmen, einen gesunden Realismus zu pflegen, den Dialog neu anzustoßen, die Notwendigkeit von Diplomatie und Multilateralismus zu erkennen und nicht zuletzt zu beten und zu hoffen. Die päpstliche Diplomatie versuche das Ihre zum Aufbau einer Zivilisation der Liebe beizutragen.</p>
<h3><strong>Ein Appell an die Menschheit</strong></h3>
<p>Im seinem Schlusswort (229-245) verweist Papst Leo XIV. auf das Fundament des Handelns der Kirche und die Quelle ihrer Mitwirkung an einer großartigen Menschlichkeit, nämlich das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Der Mensch sei berufen, <em>„am Werk der Schöpfung mitzuwirken, statt resigniert den technologischen Entwicklungen zuzusehen, die unsere Freiheit und Verantwortung einschränken. Die Würde, die der Heilige Geist jedem von uns verleiht, zeigt sich auch in der Fähigkeit, kritisch zu reflektieren, frei zu wählen, selbstlos zu lieben und echte Beziehungen einzugehen.“</em> (233)</p>
<p>Papst Leo XIV. stellt sich mit der Wahl seines Namens sowie zwei expliziten Kapiteln seines Lehrschreibens historisch und systematisch sehr deutlich in die Tradition der katholischen Soziallehre, die mit seinem Namensvorgänger Leo XIII. den Anfang genommen hat.</p>
<p>Er wendet die Tradition der Soziallehre, vor allem die Sozialprinzipien auf ein neues, herausforderndes Feld an und empfiehlt mehrfach (zum Beispiel 47 und 87), das Traditionsgut auf die neuen Entwicklungen, die res novae, anzuwenden. Dies wolle er auch in seinem Dienst für die Kirche tun.</p>
<p>Mit der Hauptthematik Künstliche Intelligenz greift Papst Leo XIV. ein Thema auf, das noch längst nicht ausdiskutiert ist und sich vor allem im ethischen Urteil noch nicht abschließend gefunden hat. Damit beteiligt sich eine moralische Autorität von weltweiter Bedeutung früh an einer für die Gestaltung von Gesellschaften in Zukunft sehr relevanten Diskussion.</p>
<p>Künstliche Intelligenz wird nicht von vorneherein negativ gesehen. Sie kann nach Ansicht des Papstes sehr wohl eine Hilfe sein und Beträchtliches zur Verbesserung den Lebensbedingungen der Menschen beitragen.</p>
<p>Sie birgt allerdings auch viele Gefahren. Insbesondere sieht Leo XIV. dort eine Grundproblematik, wo der Mensch zwar in seinen intellektuellen Fähigkeiten, etwa Wissen und Rechenleistung, durch KI weit überboten werden kann, aber andere Fähigkeiten, die den Menschen zum Menschen machen, auf der Stecke bleiben. Empathie, der Umgang mit Unzulänglichkeiten, die Akzeptanz von Schwächen, die nicht selten auf anderen Gebieten zu bemerkenswerten Leistungen führen können, das Gespür des rechten Umgangs miteinander, was sich nicht errechnen oder technisieren lässt, kennzeichnet den Menschen in seiner leib-geistigen Einheit.</p>
<p>Der Papst betont mehrfach, dass ein ethisches Urteil nur von einem echten Menschen gefällt werden kann, da ein solches Urteil der ganzen Bandbreite menschlicher Fähigkeiten bedarf. Gerechtigkeit bedeutet etwa nicht, Jedem das Gleiche, sondern Jedem das Seine, was von vielen Faktoren abhängen kann. Nicht umsonst ist in der christlichen Ethik Epikie, die Kunst eine Regel im Einzelfall situationsgerecht anzuwenden, eine Tugend. Mitleid etwa, ist nur selten von ökonomischem Vorteil.</p>
<p>Bemerkenswert deutlich weist Papst Leo auch auf den Umstand hin, dass eine Handvoll Personen mit starkem ökonomischem Interesse und beträchtlichen Ressourcen die Auftraggeber:innen für die maßgeblichen Algorithmen sind. Damit werden die legitimen staatlichen Akteure, die im Idealfall demokratisch legitimiert sind, in den Hintergrund gedrängt. Im Falle eines Krieges birgt dies besondere Gefahren.</p>
<p>Papst Leo lädt alle Menschen guten Willens ein, sich an der Gestaltung einer menschenfreundlichen Gesellschaft zu beteiligen. Er nennt eine Reihe gut nachvollziehbarer Argumente, ohne jedoch die theologischen Argumente zu verschweigen. Er erwartet nicht, dass ihm in allen seinen Argumenten gefolgt wird. Aber er bittet darum, sich mit Verstand und Herz an der Diskussion zu beteiligen und das zu tun, was dem Einzelnen jeweils möglich ist.</p>
<p>Es wird sich zeigen, wie stark die Sozialenzyklika Magnifica Humanitas im säkularen Bereich rezipiert wird. Dadurch aber, dass sie auf dem Dienstweg weltweit an alle katholischen Bischöfe und über sie an allen Pfarrgemeinden geht, gibt es gute Voraussetzungen für eine weite Verbreitung.</p>
<p><strong>Hans-Gerd Angel</strong>, Bonn</p>
<p>Der Autor ist promovierter und habilitierter Theologe. Er forschte als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Moraltheologie in Trier und habilitierte sich 2002 in christlicher Sozialethik an der Universität Münster. Von 1992 bis 2025 arbeitete er als Referent im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Er lehrte zwischen 2003 und 2014 an der Universität Bonn in einer Lehrstuhlvertretung beziehungsweise als Privatdozent.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 15. Juli 2026, Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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			</item>
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		<title>Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-polnisch-ukrainischer-erinnerungskrieg/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Jul 2026 07:18:23 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg Wolhynien und geostrategische Imperative Mit Erlass Wolodymyr Selenskyjs vom 26. Mai 2026 wurde einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte der Ehrenname „Helden der UPA“ verliehen. In Polen wurde dieser Schritt weithin als politische Provokation und als Angriff auf das polnische kollektive Gedächtnis, die nationale polnische Identität und das Selbstverständnis der Polen als  [...]</p>
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<h1><strong>Ein polnisch-ukrainischer Erinnerungskrieg</strong></h1>
<h2><strong>Wolhynien und geostrategische Imperative</strong></h2>
<p>Mit Erlass Wolodymyr Selenskyjs vom 26. Mai 2026 wurde einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte der Ehrenname „<em>Helden der UPA</em>“ verliehen. In Polen wurde dieser Schritt weithin als politische Provokation und als Angriff auf das polnische kollektive Gedächtnis, die nationale polnische Identität und das Selbstverständnis der Polen als Opfer verurteilt. Der polnische Präsident Karol Nawrocky entzog seinem ukrainischen Amtskollegen den Orden des Weißen Adlers, die höchste staatliche Auszeichnung Polens. Wolodymyr Selenskyj schickte den Orden umgehend zurück. Dies taten auch mehrere andere ukrainische Politiker, darunter drei frühere Staatspräsidenten der Ukraine.</p>
<p>Während die ukrainische Öffentlichkeit über die Entscheidung von Präsident Wolodymyr Selenskyj, einer Militäreinheit den Ehrennamen „<em>Helden der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA)</em>“ zu verleihen, geteilter Meinung war, stieß die Entscheidung Nawrockis, dem ukrainischen Staatsoberhaupt den Orden des Weißen Adlers abzuerkennen, in der Ukraine auf nahezu einhellige Ablehnung. Ein Krieg um das Überleben der Nation ist für die Ukrainer wohl kaum der richtige Zeitpunkt, um die ganze Komplexität ihrer konfliktreichen Geschichte zu erklären. Ebenso wenig ist er für die Polen der richtige Zeitpunkt, die lebenswichtige Unterstützung zu untergraben, die ihr Land der Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression gewährt.</p>
<h3><strong>Ein vergifteter Diskurs</strong></h3>
<p>Vor einigen Tagen wurde in der Weichsel bei Warschau die Leiche eines ukrainischen Jugendlichen gefunden. Nach Angaben der polnischen Behörden gab es keine Anzeichen von Gewalteinwirkung. Der Junge war offenbar von der tückischen Strömung mitgerissen worden. An dem Vorfall selbst war wenig Außergewöhnliches, denn in Polen, der Ukraine und anderen Teilen der Welt fallen immer wieder Hunderte Menschen der Gewalt der Natur und ihrer eigenen Schwäche oder Unvorsichtigkeit zum Opfer. Außergewöhnlich war in diesem Fall – wie auch in mehreren ähnlichen Fällen – vielmehr die eigentümliche Aufregung in den sozialen Medien, gleichermaßen auf ukrainischer und auf polnischer Seite. Beide Sprachen ähneln einander genug, um eine zweisprachige Debatte zu ermöglichen. Ein gegenseitiges Verständnis ist damit allerdings nicht unbedingt verbunden.</p>
<p>In den Kommentaren zeichnen sich zwei entgegengesetzte Narrative ab. Sie sind so deutlich und so vehement, dass kaum Zweifel an der Beteiligung russischer Trolle an der zunehmend provokanten Auseinandersetzung bestehen. Wie in den meisten vergleichbaren Fällen bemühen sie sich keineswegs um Aufklärung, sondern versuchen vielmehr, das Wasser zu trüben, Hass zu schüren und Misstrauen zu vertiefen. Auf ukrainischer Seite suggerieren sie, die polnischen Behörden verheimlichten die Wahrheit und deckten die Täter eines Verbrechens. Auf polnischer Seite beschränken sie sich auf Verleumdungen und Beschimpfungen. Jede Nachricht über einen toten oder zusammengeschlagenen Ukrainer wird mit Schadenfreude, Beifall und hämischem Jubel aufgenommen: „<em>Geschieht ihm recht!</em>“, „<em>Die sollen sich verpissen!</em>“, „<em>Sollen sie doch alle dorthin gehen!</em>“</p>
<p>Erstaunlicherweise schenken Googles Kontrollinstanzen, die im ukrainischen Internet ziemlich aufmerksam auf vermeintliche oder tatsächliche Beleidigungen Russlands und der Russen reagieren, der grassierenden antiukrainischen Hassrede in Polen nur wenig Beachtung. Dies ist wahrscheinlich ein Zeichen dafür, dass ein solcher fremdenfeindlicher Diskurs in der polnischen Gesellschaft normalisiert und weitgehend gesellschaftsfähig geworden ist. Der scheinbar nebensächliche Fall eines ertrunkenen ukrainischen Jungen und die folgende hässliche Debatte veranschaulichen die tiefe Krise der polnisch-ukrainischen Beziehungen – nicht nur in den höchsten politischen Kreisen, sondern bedauerlicherweise auch an der gesellschaftlichen Basis. Das Problem besteht jedoch nicht allein darin, dass große Teile der polnischen Gesellschaft in unterschiedlichem Maße fremdenfeindliche Ansichten vertreten. Es liegt auch darin, dass sich der vernünftige Teil der Gesellschaft gegenüber den aggressiven Ukrainophoben auffällig zurückhält, während es die liberale Regierung versäumt, die rechtlichen Mittel gegen solch grassierende Hassrede konsequent anzuwenden. Tatsächlich ist kaum vorstellbar, dass eine derart ungehemmte Rhetorik gegen irgendeine Bevölkerungsgruppe – insbesondere gegen Juden – in einer demokratischen Gesellschaft geduldet würde.</p>
<p>Die jüngsten symbolischen Gesten ukrainischer wie polnischer Politiker haben offensichtlich zu einer weiteren Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen beigetragen und den Gegensatz zwischen den wechselseitigen Fehlwahrnehmungen der gemeinsamen Vergangenheit und den gegenwärtigen Entwicklungen in beiden Gesellschaften weiter verschärft.</p>
<h3><strong>Düstere Schatten Wolhyniens</strong></h3>
<p>Die UPA, die Ukrainische Aufständische Armee, wurde 1942/43 in der Westukraine von der bereits vor dem Krieg im Untergrund tätigen Organisation Ukrainischer Nationalisten gegründet. Ihr erklärtes Ziel bestand darin, sämtliche Besatzungsmächte auf ukrainischem Boden – vor allem die Sowjets und die Deutschen – zu bekämpfen und die unvermeidlichen Nachkriegswirren sowie das erwartete Machtvakuum zu nutzen, um den lang gehegten Traum von einem unabhängigen ukrainischen Staat zu verwirklichen. Man stellte sich das Ende des Zweiten Weltkriegs mehr oder weniger nach dem Muster des Endes des Ersten Weltkriegs vor: 1918 hatten ukrainische Nationalisten auf den Trümmern des Habsburgerreiches eine unabhängige Westukrainische Volksrepublik ausgerufen, waren letztlich jedoch den weitaus stärkeren und besser vorbereiteten Polen unterlegen.</p>
<p>Dieses historische Trauma und die falsche Analogie zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg bestimmten in hohem Maße ihre spätere Politik und ihre Fehlkalkulationen. Einerseits weigerten sie sich, die Legitimität der polnischen Herrschaft über die westukrainischen Gebiete anzuerkennen – insbesondere nachdem die Polen ihr Versprechen gebrochen hatten, den Ukrainern in ihrem neu gegründeten beziehungsweise aus ukrainischer Sicht wiedererrichteten Staat Autonomie zu gewähren. Andererseits setzten die radikalsten Gruppierungen auf die damals in Europa recht populäre „<em>integrale</em>“, also totalitäre Spielart des Nationalismus. Sie suchten opportunistische Bündnisse mit revisionistischen Mächten der Zwischenkriegszeit, die die internationale Ordnung infrage stellten, um den Ukrainern ein Zeitfenster für den Aufbau eines unabhängigen Staates zu eröffnen.</p>
<p>1929 gründeten Veteranen der nationalen Befreiungskriege von 1918 bis 1920 aus der Zentral- und der Westukraine die im Untergrund tätige Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), die schon bald unterschiedlichste Sabotage- und Terrorakte gegen den polnischen Staat verübte. Dadurch verschlechterte sich die Lage der ukrainischen Minderheit nur noch weiter, zumal die polnische Regierung zunehmend diskriminierend und repressiv vorging. 1943/44 gipfelte die tief verwurzelte polnisch-ukrainische Feindschaft in einer von der UPA angeführten ethnischen Säuberung der polnischen Bevölkerung in der westukrainischen Region Wolhynien. Dabei wurden etwa 80.000 polnische Zivilisten getötet, nachdem sie sich erwartungsgemäß geweigert hatten, das Gebiet auf ein Ultimatum der UPA hin zu verlassen. Doch auch auf ukrainischer Seite forderte der Konflikt einen hohen Blutzoll: Rund 30.000 ukrainische Zivilisten wurden bei sogenannten Vergeltungsaktionen, nicht selten bei „<em>präventiven Vergeltungsaktionen</em>“ der polnischen Heimatarmee, der Armia Krajowa, und verschiedener Selbstverteidigungseinheiten ermordet.</p>
<p>Die gesamte Geschichte ist Fachleuten wohlbekannt, nicht jedoch der breiten Öffentlichkeit, der über Jahrzehnte systematisch einseitige nationalistische Darstellungen dieser historischen Tragödie vermittelt wurden. Daher überrascht es kaum, dass die massiv dämonisierte UPA und sämtliche ihrer Anführer als Todfeinde der polnischen Nation gelten und im öffentlichen Diskurs wie in der kollektiven Vorstellung häufig mit den deutschen Nationalsozialisten gleichgesetzt werden. Das Verhältnis der UPA zu den deutschen Besatzungsbehörden war – anders als die frühere taktische Zusammenarbeit bestimmter OUN-Kreise mit Deutschland – vielfach feindselig und von bewaffneten Auseinandersetzungen geprägt. 1941 verhafteten die Deutschen Stepan Bandera, Jaroslaw Stezko und zahlreiche weitere führende Mitglieder der OUN; einige Nationalisten wurden ermordet, andere in Konzentrationslager deportiert.</p>
<p>Die ukrainische Sicht auf die OUN und insbesondere auf die UPA unterscheidet sich erheblich von der polnischen Sicht. Obwohl die Ukrainer selbst während des Krieges wenig Neigung zu Diktatur und Autoritarismus zeigten und sich zunehmend von den antipolnischen „<em>Exzessen</em>“ der UPA in Wolhynien distanzierten, würdigen sie deren Kampf gegen Deutsche und Sowjets als Beispiel für patriotischen Widerstand, Selbstaufopferung und unbeirrbaren Einsatz für die nationale Sache. Sie stimmen darin überein, dass Kriegsverbrechen verurteilt und die Täter bestraft werden müssen. Dies sollte sich jedoch auf konkrete Einheiten, Befehlshaber und Täter beziehen und nicht auf die gesamte Untergrundarmee und die gesamte nationale Widerstandsbewegung. Eine solch differenzierte und historisch kontextualisierte Sicht auf die UPA entwickelte sich in der Ukraine mit der Zeit, kollidierte aber mit der vorherrschenden sowjetischen Dämonisierung des „<em>ukrainischen Nationalismus</em>“, die der in Polen dominierenden Sichtweise ähnelt.</p>
<p>Tatsächlich sorgten die russische Invasion von 2014 und vor allem der Großangriff von 2022 dafür, dass das UPA-Narrativ von nationalem Widerstand und patriotischer Selbstaufopferung in der gesamten Ukraine hochaktuell wurde, weit über die als „<em>nationalistisch</em>“ geltenden westlichen Regionen hinaus. Die von Moskau so verhassten Symbole der UPA und die Namen ihrer Anführer fanden zunächst in der Zentralukraine und allmählich auch im stark russifizierten Südosten Verbreitung. Die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten, der Eliteeinheit der Armee den Namen „<em>Helden der UPA</em>“ zu verleihen, ging mit Sicherheit nicht auf seine eigene Initiative zurück und spiegelte wahrscheinlich auch keine persönliche Bewunderung für die UPA wider. Wie die meisten Ostukrainer weiß Selenskyj über die UPA kaum mehr als das, was ihm die heute vollständig diskreditierte, gehässige sowjetische Propaganda vermittelt hat. Vielmehr kam er damit bereitwillig einem von der Militäreinheit selbst geäußerten Wunsch nach. Das Problem besteht jedoch darin, dass der ukrainische Heldenmythos um die UPA frontal auf den in Polen entwickelten dämonischen Mythos derselben Organisation prallt. In beiden Ländern werden diese Mythen politisch instrumentalisiert, in der Ukraine zur Mobilisierung gegen den äußeren, russischen Feind, in Polen dagegen zur Mobilisierung der eigenen Wählerschaft gegen innenpolitische, liberale und kosmopolitische Gegner.</p>
<h3><strong>Politisches Kapital des Nationalismus</strong></h3>
<p>Karol Nawrocki, der die Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr vor allem mit Unterstützung rechtsextremer und ultranationalistischer Wähler gewann, scheint sich der Wirksamkeit dieses Instruments sehr wohl bewusst zu sein. Wahrscheinlich reagierte er deshalb so aggressiv auf Selenskyjs Fehltritt: Er verurteilte nicht nur dessen unglückliche Entscheidung, sondern drohte auch damit, ihm den von seinem Amtsvorgänger verliehenen Orden abzuerkennen. Da Selenskyj dieser Erpressung erwartungsgemäß nicht nachgab, blieb Nawrocki kaum etwas anderes übrig, als seine Drohung wahr zu machen. Dadurch verschärfte sich der Konflikt weiter. Selenskyj schickte den Orden seinem polnischen Amtskollegen per Post zurück, und zahlreiche weitere ukrainische Amtsträger – darunter drei ehemalige ukrainische Präsidenten, die keineswegs zu Selenskyjs Freunden zählen – folgten seinem Beispiel.</p>
<p>Der Streit schien weiter zu eskalieren, als Wolodymyr Selenskyj den üblichen Abflugort für seine Auslandsreisen vom polnischen Rzeszów ins moldauische Chișinău verlegte, der hochrangigen Ukraine Recovery Conference in Danzig vom 25. und 26. Juni fernblieb und stattdessen Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko mit der Leitung der ukrainischen Delegation beauftragte. Zugleich legte er dem Parlament <a href="https://www.pravda.com.ua/eng/news/2026/06/28/8041492/">einen Gesetzentwurf über das Nationale Pantheon der Ukraine</a> vor und erklärte unmissverständlich: „<em>Die Namen aller Helden, die in verschiedenen Jahrhunderten und Epochen für die Ukraine gekämpft und die Ukraine inspiriert haben, werden zusammengeführt und für immer mit großem Anfangsbuchstaben in unserer Geschichte verankert werden – mit großem Respekt und großer Aufmerksamkeit seitens des Staates – einer Ukraine, die sich selbst achtet, ihre Menschen schätzt und das Eigene verteidigt – ihr Recht, ukrainisch zu sein. Einer Ukraine, <strong>in der uns niemand jemals vorschreiben wird, wie wir leben, wie wir sprechen, wen wir lieben, wem wir dankbar sein sollen oder welche Helden wir ehren sollen</strong>.</em>“ (Hervorhebung von M. R.)</p>
<p>Nawrockis Präsidialamt reagierte umgehend und verschärfte den Ton noch weiter. „<em>Hat die ukrainische Gesellschaft jemals darüber nachgedacht, ob ihre kleptokratischen Eliten tatsächlich der Europäischen Union beitreten wollen?</em>“, schrieb Marcin Przydacz, Leiter des Büros für Internationale Politik des polnischen Präsidenten, auf X.</p>
<p>„<em>Oder ist es vielleicht leichter</em>“, fuhr er in einem beißenden Ton fort, der an russische Propaganda im Stile von Putins Pressesprecherin Maria Sacharowa oder des stellvertretenden Leiters des Sicherheitsrats Dmitri Medwedew erinnerte, „<em>im Schutz trüber Verhältnisse zu stehlen – die Menschen mit dem Versprechen eines prowestlichen Kurses zu ködern und zugleich allen anderen die Schuld an den ausbleibenden Fortschritten in den Verhandlungen zuzuschieben? Natürlich ist es einfacher, historische Spannungen zu provozieren und zu schüren </em>[!]<em>, damit man sich nicht für das Ausbleiben von Reformen, für den fehlenden wirksamen Kampf gegen die Korruption, für das Ausbleiben einer wirklichen Deoligarchisierung, für das Ausbleiben wirklicher Verbesserungen für Unternehmer, für die mangelnde Rechtsstaatlichkeit, für den mangelnden Ausbau der Infrastruktur und für vieles andere verantworten muss, was diese Eliten in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht zustande gebracht haben … Wollen sie </em>[der EU]<em> wirklich beitreten, oder verbreiten sie lediglich Lügen und täuschen ihre eigenen Wähler, die von einer solchen Regierung zunehmend enttäuscht sind?</em>“</p>
<p>Die Vertreter der Europäischen Union haben sich bislang aus diesem „<em>diplomatischen</em>“ Schlagabtausch herausgehalten, während der Kreml hämisch frohlockt und Beifall spendet, so wie auch seine Trolle den Streit im Internet feiern. Bisher haben lediglich der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Außenminister Radosław Sikorski, beide politische Gegner Nawrockis, ihre Stimme erhoben und zur Zurückhaltung aufgerufen. Sie erinnerten daran, dass Krieg herrsche und dass jeder derartige Konflikt Moskau in die Hände spiele. In der ukrainischen Gesellschaft, die dem Nachbarland und seiner Bevölkerung nach wie vor überwiegend positiv gegenübersteht, fand dieser Appell großen Anklang. Noch ist jedoch ungewiss, ob die ukrainischen Politiker auf Fachleute und Intellektuelle hören und ihre provokativen Gesten und ihre Rhetorik mäßigen werden.</p>
<p>Noch weniger ist abzusehen, ob all dies irgendeinen Eindruck auf den polnischen Präsidenten machen wird. Seine gesamte politische Laufbahn – von seiner umstrittenen Übernahme der Leitung des Museums des Zweiten Weltkriegs in Danzig und seiner Leitung des berüchtigten Instituts für Nationales Gedenken bis zu seinem Wahlsieg im vergangenen Jahr, den er mit starker Unterstützung rechtsextremer Nationalisten und Neofaschisten errang – war von narzisstischem Chauvinismus, konfrontativer Rhetorik und wohlkalkulierter Ukrainophobie geprägt. Wahrscheinlicher ist, dass er den Weg fortsetzt, der ihm bereits Erfolge gegen seine liberalen Rivalen eingebracht hat, und dabei die polnische Gesellschaft mit Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und historisch genährtem Ressentiment vergiftet.</p>
<p>Von moralischen Einwänden einmal abgesehen, zahlt sich eine solche Politik offenbar aus. <a href="https://www.gazetaprawna.pl/wiadomosci/kraj/artykuly/11268262,nowy-ranking-zaufania-politykow-mocny-awans-i-jeszcze-wiekszy-spadek.html">Die jüngste Meinungsumfrage</a> verzeichnet einen Anstieg der Popularität des Präsidenten um 8,4 Prozentpunkte – von 46,4 auf 54,8 Prozent –, nachdem seine Zustimmungswerte seit seinem Amtsantritt langsam, aber stetig gesunken waren. Dieses Ergebnis garantiert ihm und seiner Partei noch keinen Sieg bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr, belegt jedoch eindeutig, dass der Nationalismus nach wie vor ein wirksames Instrument politischer Mobilisierung ist. Seine gemäßigten Rivalen, die auf antiukrainische Anschuldigungen verzichteten, schnitten in derselben Umfrage deutlich schlechter ab. Nur 38 Prozent der Befragten erklärten, Ministerpräsident Donald Tusk zu vertrauen, während 58 Prozent ihm misstrauten; bei Radosław Sikorski waren es 42,6 gegenüber 51 Prozent. Diese Ergebnisse überraschen kaum, denn <a href="https://www.polsatnews.pl/wiadomosc/2026-06-25/polacy-o-relacjach-z-ukraina-wiekszosc-obwinia-zelenskiego">einer weiteren Umfrage</a> zufolge machen die Polen mit überwältigender Mehrheit Wolodymyr Selenskyj und nicht Karol Nawrocki für die gegenwärtige Krise verantwortlich: 62 gegenüber 19 Prozent.</p>
<p>Der Historiker Sławomir Łukasiewicz, Professor an der Katholischen Universität Lublin (KUL), <a href="https://wiez.pl/2026/06/24/zapasc-zaufania-na-linii-polska-ukraina">wirft eine interessante Frage</a> nach dem Zeitpunkt von Nawrockis Angriff auf: Warum begann er ausgerechnet jetzt, im Mai und Juni, obwohl es zuvor mehrere ebenso geeignete Gelegenheiten gegeben hatte, die „<em>antibanderistische</em>“ Karte auszuspielen? Im Januar dieses Jahres benannte Wolodymyr Selenskyj eine weitere Einheit der ukrainischen Streitkräfte, das 190. Ausbildungszentrum der Truppen für unbemannte Systeme der Streitkräfte der Ukraine, nach Wassyl Kuk, dem letzten Oberbefehlshaber der UPA. Im März billigte die Regierung den Bau des Nationalen Pantheons und organisierte dort schließlich die Umbettung Andrij Melnyks, des Anführers der rivalisierenden OUN-Fraktion, der 1964 in Luxemburg gestorben war. Wolodymyr Selenskyj, der an der offiziellen Zeremonie teilnahm, betonte die „<em>historische Kontinuität</em>“ zwischen der UPA und den heutigen ukrainischen Streitkräften, die „<em>heldenhaft</em>“ gegen denselben Feind kämpfen. Außerdem kündigte er die künftige Umbettung von Jewhen Konowalez an, des Gründers und seit 1929 amtierenden Anführers der OUN, der 1938 in Rotterdam von einem sowjetischen Agenten ermordet worden war. Nichts davon löste in Warschau größere Aufregung aus; erst im Mai thematisierte Karol Nawrocki Selenskyjs Fehltritt.</p>
<p>Möglicherweise hatte Nawrocki schlicht den Rückgang seiner Zustimmungswerte bemerkt und beschlossen, diese im Vorfeld der Parlamentswahl des kommenden Jahres mit dem bewährten Mittel öffentlicher Angriffe auf die Ukraine und die UPA wieder zu steigern, wie Łukasiewicz andeutet. Es könnte jedoch auch an der Formulierung gelegen haben: Die Namen Kuk, Melnyk oder Konowalez sagen einem durchschnittlichen Polen ohne weitere Erläuterung wenig, während das Kürzel „<em>UPA</em>“ wie ein rotes Tuch wirkt. Wird es zudem mit dem Wort „<em>Helden</em>“ verbunden – statt mit Banditen, Teufeln oder Verbrechern –, stellt dies den Mythos von der UPA als Verkörperung des ursprünglichen Bösen radikal infrage.</p>
<p>Jedenfalls ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich ein populistischer Politiker dieses Typs mit etwas Geringerem als der vollständigen und bedingungslosen Übernahme der radikalen polnischen Version der gemeinsamen Geschichte zufriedengeben wird. Dies liegt weit außerhalb von Selenskyjs Macht und wäre selbst in Polen kaum vollständig zu erreichen. Was die Ukrainer in dieser schwierigen Lage tatsächlich tun können, ist daher nicht, den polnischen Präsidenten zu beschwichtigen – was ohnehin vergeblich wäre –, sondern ihm nach Möglichkeit keine zusätzlichen Trümpfe für seinen Kampf gegen seine innenpolitischen „<em>Feinde</em>“ zuzuspielen: die amtierende liberale Regierung unter Donald Tusk und ihren gemäßigten und verantwortungsbewussten Außenminister Radosław Sikorski.</p>
<p>Die traurige Wahrheit lautet, dass Liberale, die an die Vernunft und den Bürgersinn der Menschen appellieren, bei freien Wahlen häufig Radikalen unterliegen, die die Emotionen und elementaren Instinkte der Menge ansprechen. Eine neue rechtsextreme Koalition, die im kommenden Jahr in Polen an die Macht gelangen könnte, wäre für die Ukraine womöglich noch verheerender als Nawrocki selbst.</p>
<h3><strong>Das Wichtigste zuerst: Überleben</strong></h3>
<p>Selenskyj mag unerfahren sein, doch er besitzt eine gute Intuition und scheint schnell zu lernen. Spätestens nach dem Eklat mit Trump und Vance im Oval Office im vergangenen Jahr und nachdem er des Weißen Hauses verwiesen worden war, begriff er rasch und zutreffend, dass Solidarität, Gerechtigkeit, internationales Recht und demokratische Werte in Trumps Welt schlicht nicht existieren und es daher sinnlos ist, sich auf sie zu berufen oder auf sie zu vertrauen. Er hat gelernt, wie er mit Trump umgehen muss, und vielleicht wird er auch lernen, wie er mit Nawrocki umzugehen hat – obwohl dies schwieriger sein dürfte, denn Nawrocki ist nicht nur narzisstisch, sondern auch ideologisch getrieben. Schlimmer noch: Die Ukraine – das heißt der dämonisierte, als urwüchsig dargestellte und essentialisierte „<em>ukrainische Nationalismus</em>“ – scheint im Zentrum seiner eigentümlichen Ideologie der Hexenjagd zu stehen.</p>
<p>Ukrainische Amtsträger wären gut beraten, in der geschichtspolitischen Auseinandersetzung um die hochkomplexe, verworrene und umstrittene Geschichte der UPA Zurückhaltung zu üben und ihre Erforschung den Historikern, die Beurteilung der mutmaßlichen Verbrechen den Juristen sowie die Würdigung und das Gedenken den lokalen Gemeinschaften zu überlassen – vorzugsweise nichtstaatlichen Akteuren. Dafür sprechen sowohl normative als auch praktische Gründe.</p>
<p>In normativer Hinsicht passt die Verherrlichung der UPA heute nicht zu unserem ideologischen Selbstverständnis. Ebenso wenig entspricht sie unserer Vorstellung von akzeptablen politischen Praktiken. Ihre vorbehaltlose Heroisierung und pauschale Reinwaschung sind ebenso falsch und verfehlt wie ihre pauschale Dämonisierung und Verunglimpfung. Die Geschichte ist zu komplex und zu nuancenreich, als dass sie ohne ausführliche Erläuterung, Klärung und historische Kontextualisierung verstanden werden könnte. Selbst Ukrainer erfassen sie womöglich nicht vollständig – ganz zu schweigen von Ausländern, die im besten Fall nichts über die Ukraine wissen, häufiger jedoch „<em>irgendetwas gehört</em>“ haben, das sich letztlich auf russischen Propagandamüll und westliche orientalisierende Klischees reduzieren lässt.</p>
<p>In praktischer Hinsicht verfügen die Ukrainer weder über die Zeit noch über die Mittel, sämtliche Stereotype zu bekämpfen und all die Zusammenhänge und Nuancen zu erklären, die den meisten Menschen unbekannt sind und mit denen sie sich gewöhnlich auch gar nicht befassen wollen. Mit Stereotypen zu leben ist bequem, zu lernen ist anstrengend, und vermeintliche Gewissheiten infrage zu stellen erfordert Mühe. Dies ist eine kaum zu bewältigende Aufgabe, für die die verarmte und blutende Ukraine keine Kräfte erübrigen kann.</p>
<p>Für die Ukrainer hat eindeutig Vorrang, den genozidalen Krieg zu überleben, den Russland gegen sie als Nation führt. Überleben bedeutet unter anderem, knappe Ressourcen nicht für zweitrangige Angelegenheiten und derzeit unlösbare Probleme zu vergeuden. In diesem tödlichen Kampf sind die Ukrainer in hohem Maße auf ihre Freunde und Partner angewiesen. Sie sollten diese weder durch tatsächliche noch durch vermeintliche Respektlosigkeit vor den Kopf stoßen. Das Wichtigste zuerst – alles andere kommt später, nach dem Krieg.</p>
<p><strong>Mykola Riabchuk</strong>, Kyjiw</p>
<p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mykola_Rjabtschuk">Der Autor</a> ist Schriftsteller und Publizist, Ehrenpräsident des <a href="https://pen.org.ua/en">PEN Ukraine</a>, Mitbegründer der Zeitschrift „Krytyka“ und führender Wissenschaftler am Institut für politische und ethnische Studien der <a href="https://www.nas.gov.ua/UA/Pages/default.aspx">Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine</a>. 2014–2023 war er Vorsitzender der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mitteleurop%C3%A4ischer_Literaturpreis_Angelus">Jury des internationalen Angelus-Preises für die besten Romanautoren Mittel- und Osteuropas</a>. Seine Bücher sind ins Polnische, Serbische, Ungarische, Deutsche und Französische übersetzt worden.</p>
<p>Eine englische Fassung des Beitrags wurde unter dem Titel <a href="https://desk-russie.info/2026/07/07/mnemonic-wars-and-geostrategic-imperatives.html">„Mnemonic Wars and Geostrategic Imperatives“</a> am 7. Juli 2026 auf Russian Desk veröffentlicht. Pavlo Shopin übersetzte ins Deutsche.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung der deutschen Fassung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2026. Titelbild: Wolodymyr Selenskyj legt am 19. Dezember 2025 im Sejm in Warschau einen Kranz am Denkmal für die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommenen polnischen Parlamentarier nieder. Quelle: <a href="https://www.president.gov.ua/news/volodimir-zelenskij-proviv-zustrich-iz-karolem-navrockim-u-v-102101">Offizielle Website des Präsidenten der Ukraine</a>.)</p>
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		<title>Musikalisches Weltall</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Jul 2026 16:50:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Musikalisches Weltall Eine kurze Geschichte der Musik in der Science Fiction Die wissenschaftlich basierte Zukunftsliteratur, Science Fiction genannt, erzählt Geschichten über menschliche Abenteuer in anderen Welten und Zeiten. Die Autorinnen und Autoren dieses Genres versuchen, emotionale Zustände des Menschlichen mit der Rationalität von Wissenschaft zu einer neuen Form der utopischen Weltgestaltung zu verbinden. Emotionen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-6 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-5 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Musikalisches Weltall</strong></h1>
<h2><strong>Eine kurze Geschichte der Musik in der Science Fiction</strong></h2>
<p>Die wissenschaftlich basierte Zukunftsliteratur, Science Fiction genannt, erzählt Geschichten über menschliche Abenteuer in anderen Welten und Zeiten. Die Autorinnen und Autoren dieses Genres versuchen, emotionale Zustände des Menschlichen mit der Rationalität von Wissenschaft zu einer neuen Form der utopischen Weltgestaltung zu verbinden. Emotionen spielen dabei immer eine gewichtige Rolle, Zuneigung, Ablehnung, Liebe, Hoffnung, Zuversicht, Scheitern, Gelingen. Die Conditio Humana muss sich in unbekanntem Land bewähren, das noch kein Mensch gesehen hat. Die Protagonisten solcher Erzählungen handeln oft in scheinbar ausweglosen Situationen, die es noch nicht gibt, die es aber vielleicht einmal geben könnte. Abenteuer, Emotionen und Spannung finden in neuen Welten statt und veranlassen Menschen zu rationalen oder irrationalen Handlungen, die gelingen können oder scheitern.</p>
<p>Die Planeten, der Mond, das Weltall – sie inspirierten Pop-Songs, Jazz, Filmmusiken und neue Methoden zur Erzeugung (nicht nur) galaktischer Klänge, die wiederum klassische Musikstücke neu belebten. Ich biete im Folgenden eine subjektive Auswahl, die aber vielleicht zeigt, wie vielfältig die Welten jenseits unseres Planeten uns auch musikalisch beflügeln können (die Links hinter den Titeln führen zu einer Aufnahme, in der Regel bei youtube, die – dafür bitte ich um Verständnis – natürlich nur möglich sind, wenn wir die oft vorgeschaltete Werbung ertragen). Dieser Essay ist somit auch so etwas wie meine persönliche Song-List der Science Fiction. Ich hoffe, sie gefällt Ihnen, und Sie lassen sich anregen weiter zu suchen. Der erste Teil des Essays mag Sie beschwingen, im zweiten Teil wird es etwas nachdenklicher. Ich stelle Science-Fiction-Werke vor, in denen Musik eine ambivalente Rolle spielt. Darunter sind Erzählungen von Douglas Preston und Lincoln Child, Gregory Benford und nicht zuletzt und etwas ausführlicher von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-utopischer-visionaer/">Kim Stanley Robinson</a>, mit einem Ausblick auf Cixin Liu.</p>
<h3><strong>Emotionen – Emotionen – galaktisch!  </strong></h3>
<p>Erzählungen haben ohnehin oft Handlungsstrukturen, in deren Zentrum Emotionen stehen, die uns Leserinnen und Leser mitreißen oder zu Tränen rühren können – ebenso wie es die Musik vermag. Emotionen, Spannungsaufbau und Struktur, das könnte auch in der Beschreibung einer Bach-Kantate enthalten sein. Musik wohnt immer ein Gefühl von Liebe, Hass, Wut, Trauer, Zuversicht, Schönheit inne, hat aber auch zu tun mit Strukturen, die menschliche Emotionen erzeugen oder verstärken.</p>
<p>Ein wunderschönes Beispiel für die Weckung von Gefühlen durch Musik ist für mich <a href="https://www.youtube.com/watch?v=xWDIwsfgQnE&amp;list=RDxWDIwsfgQnE&amp;start_radio=1">Beethovens „Pastorale“</a>, die Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68, deren erster Satz mit den Worten überschrieben ist: <em>„Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“. </em>Diese Musik ist überirdisch schön, auf menschliche Gefühle bezogen und in den folgenden Sätzen obendrein noch Tonmalerei vom Feinsten, bei der Szene am Bach, bei Gewitter und Sturm.</p>
<p>Die Erweckung von Gefühlen in Menschen – das ist das verbindende Element von guter Musik und guter Literatur. Welche Kunstanteile davon finden wir in der Science Fiction?</p>
<p>Ich möchte mich gern dazu bekennen, dass die Kraft der rationalen Erkenntnis wenig ist ohne die emotionale Kraft des Herzens, also der Dinge, die man wirklich gern tut. Deshalb möchte ich betonen, dass Musik eine der wichtigsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit ist, die mir als Autor auch besonders am Herzen liegt. Ich versuche, eine mögliche Antwort zu liefern, warum in Rob Reids wunderbarer Komödie <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?174880">„Galaxy Tunes“</a> (2013) die Aliens der gesamten Galaxis ausgerechnet die Musik der Menschen, dieser Versager, so lieben und sie ungeniert runterladen und kopieren. Diese Erzählung kann als Einstieg in das Thema Musik und Science Fiction dienen.</p>
<p>Die Antwort ist einfach. Die Musik der Menschen ist nun einmal überirdisch gut. Nehmen wir einige Beispiele aus der Kiste der Vorlieben des Autors, den großen Rest können Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, nach eigenem Gefühl und Musikgeschmack zusammenstellen.</p>
<p>Emotionen lassen Astrologie und Astronomie sich miteinander vermischen. Die tonale Verdichtung eines Weltraum-Themas beginnt mit der siebenteiligen Orchestersuite <a href="https://www.youtube.com/watch?v=HP5xhyPn58U&amp;list=RDHP5xhyPn58U&amp;start_radio=1">„Die Planeten“</a> (1914–1916) von Gustav Holst, die er in den Jahren von 1914 bis 1916 komponierte. Das Werk ist eher eine astrologische als eine astronomische Interpretation der Planeten. Holst ordnet den sieben Planeten des Sonnensystems musikalische Charakterbilder zu, die aus monumentalen Klangfarben bestehen und die Vorbilder für viele Filmmusiken geworden sind. Mars, der Kriegsbringer, ist bedrohlich und sehr rhythmisch, während Venus, die Friedensbringerin, sanft und ruhig daherkommt. Merkur ist tänzerisch, Jupiter, festlich, Saturn schwer, Uranus energetisch und Neptun sphärisch – wenn man solche tonalen Charakterisierungen benutzen möchte.</p>
<h3><strong>Der Mond – Sehnsuchtsort der Menschen</strong></h3>
<p>Die populäre Musik der USA hat viele Stücke mit Bezügen zur beginnenden Erforschung des Weltraums seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts in ihr Repertoire aufgenommen und damit der Exploration und technischen Faszination des Weltalls eine emotionale Klangnote mitgegeben. Das vermutlich bekannteste Beispiel ist das Liebeslied <a href="https://www.youtube.com/watch?v=JYuyWrkwpok&amp;list=RDJYuyWrkwpok&amp;start_radio=1">„Fly me to the Moon“</a> (1954) des Komponisten Bart Howard in der Version von Frank Sinatra, das dieser im Jahre 1964 mit der Count-Basie-Band, arrangiert von Quincy Jones, aufgenommen hat: <em>„Fly me to the moon, / Let me play among the stars, / Let me see what spring is like | On Jupiter and Mars. / In other words, hold my hand / in other words, baby kiss me.“</em></p>
<p>Der Mond spielt eine besondere Rolle in der Mythengeschichte der Menschheit. Die älteste bekannte Darstellung des Mondes findet sich auf einer 5.000 Jahre alten <a href="https://atlantisforschung.de/index.php?title=Orthostat_47:_Die_neolithische_Mond-Karte_von_Knowth">Mondkarte in Irlands Knowth</a>, am bekanntesten ist allerdings die ungefähr 4.000 Jahre alte <a href="https://www.landesmuseum-vorgeschichte.de/himmelsscheibe-von-nebra/">Himmelsscheibe von Nebra</a> mit einer wunderschönen Darstellung des Vollmondes und des zunehmenden Mondes, aus Goldblech angefertigt. Dem Vollmond werden besondere Auswirkungen auf das Liebesleben der Menschen zugeschrieben, wie in dem Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=M01_2CKL6PU">„Moonstruck“</a> (1987) komödienhaft dargestellt wurde. Schlafwandeln beziehungsweise Mondsucht (Lunatismus) sind für manche feinfühlige Zeitgenossen als besondere Reaktion auf den Vollmond beschrieben worden.</p>
<p>In der populären Musik ist der Mond vielfach als Synonym für die Beförderung von Liebesabenteuern gedichtet und vertont worden, beispielsweise in Nat King Coles <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IIQFJGru-xI&amp;list=RDIIQFJGru-xI&amp;start_radio=1">„It’s only a Paper Moon“</a> (1943), <a href="https://www.youtube.com/watch?v=4dy-qfbGgZQ">„Mr. Moonlight“</a> (1962) von den Beatles, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=zUQiUFZ5RDw&amp;list=RDzUQiUFZ5RDw&amp;start_radio=1">„Bad Moon Rising“</a> (1969) von Creedence Clearwater Revival, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=AopGsKIKMp8&amp;list=RDAopGsKIKMp8&amp;start_radio=1">„Moon Shadow“</a> (1971) von Cat Stevens.</p>
<h3><strong>In den Weltraum!</strong></h3>
<p>Viele Rock- und Pop-Größen der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts haben Themen der Science-Fiction als Songtexte aufgegriffen oder als tonale Ergänzungen zu Texten komponiert, mit denen sie dem Zeitgeist entsprechende Visionen für die Zukunft ausdrücken wollten. Mick Jagger von den Rolling Stones hat nach eigenen Angaben den Text zu <a href="https://www.youtube.com/watch?v=I3j9SHBxU9g&amp;list=RDI3j9SHBxU9g&amp;start_radio=1">„2000 Light Years from Home“</a> (1967) im Juni 1967 im Gefängnis von Brixton geschrieben, als er dort kurzzeitig wegen Drogenbesitzes einsaß: <em>„…It’s so very lonely, you’re two thousand light years from home.“</em></p>
<p>Das Duo Zager und Evans hat im Jahre 1969 einen Hit herausgebracht, der sich als Folk-Rock-Song kritisch mit der Zukunft der Menschheit beschäftigt: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Gb7poHQuMWg&amp;list=RDGb7poHQuMWg&amp;start_radio=1">„In the Year 2525“</a>:<em> „… if man is still alive, if woman can survive they may find …“ </em>Die kalifornische Rock-Gruppe „Spirit“ hat im Jahre 1970 einen vielleicht an Orwells Roman erinnernden Musiktitel <a href="https://www.youtube.com/watch?v=nxlhToVMfbQ&amp;list=RDnxlhToVMfbQ&amp;start_radio=1"><em>„</em>1984”</a> geschrieben: <em>„1984 – knocking on your door, will you let it come, will you let it run your life?“</em></p>
<p>Der große David Bowie hat sich am intensivsten und längsten von allen Musikern der Popkultur mit den Thema Science Fiction beschäftigt, von seinem großen Hit <a href="https://www.youtube.com/watch?v=iYYRH4apXDo&amp;list=RDiYYRH4apXDo&amp;start_radio=1">„Space Oddity“</a> (1969), den Bowie schrieb, nachdem er den Film <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/odyssee-in-den-weltraum/">„2001 – Odyssee im Weltraum“</a> gesehen hatte, über <a href="https://www.youtube.com/watch?v=na8xgu-KLAk&amp;list=RDna8xgu-KLAk&amp;start_radio=1">„The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“</a> (1972), <a href="https://www.youtube.com/watch?v=t365MuktYQs&amp;list=RDt365MuktYQs&amp;start_radio=1">„Star Man“</a> (1972), den Film <a href="https://www.youtube.com/watch?v=baW4bvLrocs">„Der Mann, der vom Himmel fiel“</a> (1976) bis zu <a href="https://www.youtube.com/watch?v=kszLwBaC4Sw&amp;list=RDkszLwBaC4Sw&amp;start_radio=1">„Blackstar“</a> (2016), veröffentlicht zwei Tage vor seinem Tode am 10. Januar 2016. Eines der bekanntesten Stücke on David Bowie heißt <a href="https://www.youtube.com/watch?v=AZKcl4-tcuo&amp;list=RDAZKcl4-tcuo&amp;start_radio=1">„Life on Mars?“</a> (1971). Es hat zwar textlich nichts mit dem Planeten Mars zu tun, sondern schildert die Probleme des Erwachsenwerdens, die Musik allerdings könnte aus einem Film stammen.</p>
<p>Stanley Kubrick hatte bereits im Jahre1968 mit „2001 – Odyssee im Weltraum“ vorgeführt, wie die Auswahl der richtigen Musik die Wirkung von Bildern noch einmal enorm erhöhen kann. Wer denkt nicht an den Filmschnitt, als einer unserer Vorfahren einen Knochen, als Waffe eingesetzt, auf den Kopf eines Jagdtieres schlägt, dieser zersplittert, sich in die Luft erhebt und dann mit einem Gegenschnitt zu einer Raumfähre wird, die sich wie im Tanz im Landeanflug auf eine Raumstation befindet. Dazu gibt es <a href="https://www.youtube.com/watch?v=0ZoSYsNADtY&amp;list=RD0ZoSYsNADtY&amp;start_radio=1">„An der schönen blauen Donau“</a> (1867) von Johann Strauß (Sohn) in voller Länge von 6:57 Minuten. Auch die anderen eingesetzten Musikstücke in diesem Film wie <a href="https://www.youtube.com/watch?v=e-QFj59PON4&amp;list=RDe-QFj59PON4&amp;start_radio=1">„Also sprach Zarathustra“</a> (1896) von Richard Strauss und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Q8fMG0xUPcU&amp;list=RDQ8fMG0xUPcU&amp;start_radio=1">„Lux Aeterna“</a> (1966) von György Ligeti sind schon für sich Meisterwerke, sie werden hier im Kontext mit den Bildern von Stanley Kubrick zu einem überragenden ästhetischen Gesamtkunstwerk.</p>
<p>Die britische Gruppe „Pink Floyd“ hat sich immer wieder mit Science-Fiction-Themen befasst und überirdische Klänge komponiert. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=8UbNbor3OqQ&amp;list=RD8UbNbor3OqQ&amp;start_radio=1">„Astronomy Domine”</a> von Syd Barrett eröffnet das Debütalbum „The Piper at the Gates of Dawn” (1967): <em>„Lime and limpid green, a second scene. A fight between the blue you once knew. Floating down, the sound resounds around the icy waters underground. Jupiter and Saturn, Oberon, Miranda And Titania, Neptune, Titan. Stars can frighten.“ </em>Auf dem Debütalbum von „Pink Floyd“ findet sich ein weiterer passender Titel: <a href="https://www.youtube.com/watch?v=UFdn7LA56uE&amp;list=RDUFdn7LA56uE&amp;start_radio=1">„Interstellar Overdrive“</a>, ein fast zehn Minuten dauerndes Instrumental. Das Konzeptalbum <a href="https://www.youtube.com/watch?v=k9ynZnEBtvw&amp;list=RDk9ynZnEBtvw&amp;start_radio=1">„The Dark Side of the Moon“</a> (1973) beschreibt zwar nicht die dunkle Seite des Mondes, sondern die dunkle Seite des Showgeschäfts und ist somit ein Wortspiel, das auf die realen Verhältnisse auf dem Planeten Erde abhebt, lenkt aber den Blick auf die dunkle Seite des Mondes, die im Jahre 2026 wieder verstärkt in den Blickpunkt der raumfahrenden Nationen, vor allem von China, gekommen ist.</p>
<h3><strong>Sphärenklänge: Vom Theremin zum Moog-Synthesizer</strong></h3>
<p>Aber auch das All selbst klingt nach Sphärenmusik, nicht im altertümlichen Sinne verstanden, sondern als wissenschaftlich gemessene Schwingungsfrequenz der Planeten beispielsweise. Im Februar 2016 <a href="https://www.youtube.com/watch?v=An_y5vh2Mik">veröffentlichte die NASA eine seltsame Tondatei</a>, die bei der Umrundung einer Landefähre von „Apollo 10“ im Jahre Mai 1969 auf der dunklen Seite des Mondes von den Astronauten der Landefähre aufgenommen und als „Outer Space Music“ bezeichnet wurde. Die Astronauten Eugene Cernan, Thomas Stafford und John Young fanden die Töne derart seltsam, dass sie zunächst keine Meldung nach Houston machten. In Houston konnten die Töne von der erdabgewandten Seite des Mondes nicht empfangen werden. Die Astronauten dachten an ein außerirdisches Signal und wollten sich nicht blamieren. Erst Jahre später wurden die Töne veröffentlicht und als Interferenzen bezeichnet.</p>
<p>Komischerweise berichtete Michael Collins von der Folgemission „Apollo 11“ von ähnlichen Geräuschen. Er hatte allerdings niemanden für eine Diskussion, denn seine Kollegen Neil Armstrong und Buzz Aldrin spazierten zu dieser Zeit als erste Menschen auf der Oberfläche des Mondes: <em>„Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein gewaltiger Sprung für die Menschheit.“</em> (Neil Armstrong, 21. Juli 1969).</p>
<p>Sphärenmusik war schon in der Zeit der Mondmissionen der Apollo-Raumschiffe ein gängiger Begriff für eine Musik, die anders klang als das bisher Gehörte, mit einem Hauch des Psychedelischen, das aber dann in den Weltraum als einem möglichen Herkunftsort projiziert wurde. Das Zeitalter der Science Fiction ist eng verbunden mit der Erfindung neuer Techniken der Klangerzeugung, die nicht mehr mit den üblichen Methoden des Anschlagens von Saiten von Geigen, Lauten oder Gitarren oder der Erzeugung komprimierter Luft in röhrenförmigen Blasinstrumenten oder der Percussion, also der Erzeugung von Tönen durch das Schlagen von Knochen oder Holz auf Stein oder Tierfelle, einher geht, sondern durch elektrische Klangerzeuger in Generatoren erfolgt, die über einen Lautsprecher in hörbare Luftbewegungen umgesetzt werden. Damit beginnt ein neues Zeitalter, das heute mit der digitalen Musikproduktion für jeden Menschen an seinem oder ihrem Computer das Komponieren und Spielen von Musik ermöglicht. Das elektronische Musikzeitalter beginnt mit der Erfindung des Theremins im Jahre 1920.</p>
<p>Das <a href="https://imusician.pro/de/ressourcen/blog/was-ist-ein-theremin-und-wie-funktioniert-es">Theremin</a> oder Aetherophon ist der Vorreiter des elektronischen Zeitalters und ein völlig neuer Ansatz in der Musikproduktion, erfunden von dem russischen Erfinder Lew Thermen im Jahre 1920. Das Instrument wird berührungslos gespielt, die Hände erzeugen Töne durch Bewegungen in einem elektronischen Feld zwischen zwei Elektroden bzw. Antennen. Das Instrument machte Furore in der neuen Musik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der experimentellen Pop-Musik der 1960er Jahre und in frühen Science Fiction Filmen.</p>
<p>Der Instrumentenbauer <a href="https://www.bonedo.de/artikel/robert-bob-moog-portrait-eines-legendaeren-entwicklers/">Robert Moog</a> baute in seiner Jugend Theremine und gewann durch diese Erfahrungen Hinweise auf die Entwicklung seiner wegweisenden Moog-Synthesizer. Heute noch gibt es ein, elektronisch aufgepepptes, Theremin von Moog zu kaufen, das Theremini heißt. In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts hielt der Synthesizer Einzug in die populäre Musik. Besonders der Moog-Synthesizer, der von Robert Moog im Jahre 1964 auf den Markt gebracht wurde, veränderte die Musik hin zum Sphärischen und eröffnete völlig neue Klangdimensionen, sowohl in der Interpretation klassischer Musik wie auch bei der Komposition zeitgenössischer Musik. Wendy Carlos war die erste Musikerin, die mit <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Yn0HAWX1TSA&amp;list=PLLICd7vQi7iGUyErozBAwgcr4F49kxiXY">„Switched on Bach“</a> (1968) Furore machte, gefolgt von Isao Tomita mit <a href="https://www.youtube.com/watch?v=hWlSenLsXCI&amp;list=PLGltXnm_5ITYjEwdJ_lWgQBr0kwWcpYbW">„Snowflakes Are Dancing“</a> (1974), <a href="https://www.youtube.com/watch?v=kIMVQKoXApg&amp;list=PLACHlRgjxtKXXfdQSVKajVh0TIrWjoXtp">„Pictures at an Exhibition“</a> (1975), <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Uv707GLbFGw&amp;list=RDUv707GLbFGw&amp;start_radio=1">„The Planets“</a> (1976), <a href="https://www.youtube.com/watch?v=FKzmQnJHLto&amp;list=PLmXA-hR0m679KAGLnP62EzCGpryoTw8fO">„Kosmos“</a> (1978).</p>
<p><a href="https://www.deutschlandfunkkultur.de/legendaerer-keyboarder-keith-emerson-ist-tot-100.html">Keith Emerson</a>, Keyboarder der Rockgruppe The Nice, später eines der Mitglieder des legendären Trios Emerson, Lake and Palmer, entdeckte den ersten Moog-Synthesizer auf britischem Boden im Jahre 1970. Die Kombination klassischer und elektronischer Musik war sein Verdienst. Wie gut diese Kombination Anfang der 1970er Jahre geklungen hat, kann man auf dem wunderbaren Album <a href="https://www.youtube.com/watch?v=im-qlmazT6Q&amp;list=RDim-qlmazT6Q&amp;start_radio=1">„The Five Bridges Suite“</a> von The Nice hören, allerdings noch ohne den Einsatz des neuen Moog-Synthesizers. Dieser wurde auf Schallplatte zuerst von Keith Emerson in dem Stück <a href="https://www.youtube.com/watch?v=yRvljAT4O6Q&amp;list=RDyRvljAT4O6Q&amp;start_radio=1">„Lucky Man“</a> (1970) von Emerson, Lake and Palmer eingesetzt, auf amerikanischem Boden wahrscheinlich zuerst in dem Stück <a href="https://www.youtube.com/watch?v=AgRRdSKC8GA&amp;list=RDAgRRdSKC8GA&amp;start_radio=1">„Daily, Nightly“</a> (1967) der Gruppe The Monkees. Einzelheiten kann man in dem Buch <a href="https://academic.oup.com/book/44730">„Switched On: Bob Moog and the Synthesizer Revolution“</a> (2022) von Albert Glinsky nachlesen. Die Geschichte der analogen Synthesizer gut aufbereitet hat Mark Jenkins mit <a href="https://www.routledge.com/Analog-Synthesizers-Understanding-Performing-Buying-From-the-Legacy-of-Moog-to-Software-Synthesis/Jenkins/p/book/9781138319363">„Analog Synthesizers: Understanding, performing, buying. – From the Legacy of Moog to Software Synthesis“</a> (2020, second edition).</p>
<p>Keith Emerson hatte die Schallplatte „Switched on Bach“ (1968) gehört und war von den neuen Klängen fasziniert. Er fand heraus, dass der im Januar 1970 einzige modulare Moog-Synthesizer dem britischen Musiker <a href="https://mikevickers.net/a-potted-biography/">Mike Vickers</a> gehörte und bat diesen, ihm das Instrument für eine. Auftritt auszuleihen. So sah und hörte die junge Pop-Welt am 7. Februar 1970 ein einzigartiges Konzert der Gruppe The Nice in der Royal Festival Hall, bei dem zum ersten Mal ein Moog-Synthesizer eingesetzt wurde. Keith Emerson war futuristisch in einen silbernen Raumanzug gekleidet, die Band spielte gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra und Keith Emerson setzte den Moog-Synthesizer das erste Mal überhaupt bei dem Bob Dylan Song <a href="https://www.youtube.com/watch?v=jIfsEhfQjzk&amp;list=RDjIfsEhfQjzk&amp;start_radio=1">„She Belongs To Me“</a> ein. Danach folgten einige Cover-Versionen von aktuellen und klassischen Stücken, die <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ZnLdgEJ6cE8&amp;list=RDZnLdgEJ6cE8&amp;start_radio=1">„Karelia-Suite“</a> von Jean Sibelius und Auszüge aus der Filmmusik von „2001 Odyssee im Weltraum“, und eine zwanzigminütige Improvisation von Leonard Bernsteins <a href="https://www.youtube.com/watch?v=qROa-iyj5v8&amp;list=RDqROa-iyj5v8&amp;start_radio=1">„America“</a>. Damit war der Moog-Synthesizer in der britischen Rockmusik der 1970er Jahre angekommen. Emerson, Lake and Palmer haben mit ihren Alben <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5h2pd_8Nb1E&amp;list=RD5h2pd_8Nb1E&amp;start_radio=1">„Tarkus“</a> (1971) und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=13q-o1DBxWI&amp;list=PL_Gn6_cAvmKB_Fp9gREOJMnebiFqrjeVi">„Pictures at an Exhibition“</a> (1971) den Einsatz des modularen Moog-Synthesizers zu einer neuen tonalen Kunstform perfektioniert.</p>
<p>In Deutschland hat vor allem die Gruppe Kraftwerk den Moog-Synthesizer benutzt, und zwar die kleine Version des Mini-Moogs bei dem Stück <a href="https://www.youtube.com/watch?v=x-G28iyPtz0&amp;list=RDx-G28iyPtz0&amp;start_radio=1">„Autobahn“</a> (1974). Die Geschichte der Band Kraftwerk hat Eva Klein übersichtlich in „Die Väter des Elektropop – Die Biografie über Kraftwerk“ (2025) dargestellt. Uwe Schütte hat Kraftwerks „<em>Autobahn“ </em>in seinem Buch <a href="https://www.penguin.de/buecher/uwe-schuette-wir-sind-die-roboter/paperback/9783442774746">„Wir sind die Roboter – Kraftwerk und die Erfindung der elektronischen Pop-Musik“</a> (2024) als <em>„avantgardistisches Klangexperiment im Feld der Pop-Musik“</em> sowie als <em>„multimediales Konstrukt aus Konzeptkunst, Klang, Text und Bild“</em> und insgesamt als <em>„Musikgemälde“ </em>bezeichnet. Damit wird die überragende Bedeutung dieser seinerzeit völlig neuen Art von Musik deutlich, in der die Musiker von Kraftwerk nicht nur neue Klänge erzeugten, sondern eine neue Art von tonaler Konzeptkunst entwickelten, die man auch auf den Alben <a href="https://www.youtube.com/watch?v=QeSPB_WjBn0&amp;list=RDQeSPB_WjBn0&amp;start_radio=1">„Radioaktivität“</a> (1975), <a href="https://www.youtube.com/watch?v=swHJeeHknwY&amp;list=RDswHJeeHknwY&amp;start_radio=1">„Die Mensch-Maschine“</a> (1978) und <a href="https://www.youtube.com/watch?v=RVMG39Q77Cw&amp;list=RDRVMG39Q77Cw&amp;start_radio=1">„Computerwelt“</a> (1981) hören kann. Die Kreativität von Kraftwerk wird vielleicht am Text von Techno-Pop (2009, 1986 als <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BQN5ZAGEPUI&amp;list=RDBQN5ZAGEPUI&amp;start_radio=1">„Electric Cafe“</a> veröffentlicht) besonders deutlich: <em>„Elektroklänge überall / Dezibel im Ultraschall / Es wird immer weiter geh´n / Musik als Träger von Ideen.“</em></p>
<p>Im Zuge der Aufrüstung der technischen und elektronischen Möglichkeiten der Klangbearbeitung und -verstärkung wurden die Auftritte der Bands immer größer, farbiger und technisch opulenter, was vor allem diejenigen bestätigen können, die jemals ein Konzert von Pink Floyd in einem Stadion gesehen und gehört haben. Douglas Adams hat dies ironisch in seinem Buch <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/title.cgi?1773">„Per Anhalter durch die Galaxis“</a> (1979) beschrieben, in dem er eine Band schildert mit einer <em>„PA“</em> (Verstärkersystem) so groß wie die Skyline von Manhattan, die von einem Mischpult gesteuert wird, das sich in einem Satelliten auf der Erdumlaufbahn befindet. Heute ist der Umgang mit synthetischen Klangerzeugern, die auf einem Personal Computer laufen, und digitalen Tonträgern bis hin zu mit Künstlicher Intelligenz erzeugter Musik derart weit verbreitet, dass manche Puristen schon wieder zum alten analogen System und zur Vinylplatte zurückkehren.</p>
<h3><strong>Reflections: Musik in Science-Fiction-Erzählungen</strong></h3>
<p>Science-Fiction-Werke, in denen Musik oder Musiker eine tragende inhaltliche Rolle spielen, gibt es kaum, allerdings ist ein schon historisch zu nennendes Beispiel unbedingt erwähnenswert. Olaf Stapledon, der Erfinder der Space Opera, hat im Jahre 1936 die Kurzgeschichte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=HJHCJ85vXqQ">„A World of Sound“</a> geschrieben, in der er das Leben unter intelligenten Wesen in einer Welt von Musik schildert, die mit Musik kommunizieren und agieren: <em>„Da war eine ganze Welt, die gegen die wahren Regeln der Musikkunst verstieß! Dann wurde mir bewusst, dass diese Musik ihre Geschichte nicht nur erzählte, sondern tatsächlich lebte. Tatsächlich war es keine Kunst, sondern das Leben.“</em></p>
<p>Musik wird aber auch als beispielloses Kommunikationsmittel oder als entsprechendes Analogon dazu in der wenig verbreiteten Science-Fiction-Literatur verwendet, die sich überhaupt mit Musik beschäftigt. In <a href="https://www.prestonchild.com/books/beyondtheicelimit/">„Beyond the Ice Limit“</a><em> (</em>2016) des Erfolgsautoren- Gespanns Douglas Preston und Lincoln Child findet sich eine solche Würdigung von Musik als Kommunikationsmittel mit einer außerirdischen Spezies, in diesem Fall als Dankes-Botschaft einer friedlichen Intelligenz, die von einer anderen, aggressiven Schmarotzer-Rasse seit Millionen Jahren versklavt und von Menschen schließlich befreit worden war</p>
<p>Eine weitere Leseanregung die viele Aspekte anspricht und ironisch zusammenfasst, bietet <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?109">Gregory Benford</a>, Physik-Professor an der University of California in Irvine und berühmter Science-Fiction-Autor zugleich. Er hat zahlreiche Sachbücher und Romane verfasst hat. In seiner Kurzgeschichte <a href="https://nebulas.sfwa.org/nominated-work/doing-lennon/">„Doing Lennon“</a> (in: In Alien Flesh, E-Book, London, 2011) schildert er, wie sich ein reicher Mann einfrieren lässt, um sich von den Menschen im nächsten Jahrhundert als auferstandener später John Lennon feiern zu lassen. Die Sache läuft sehr gut, er wird im 21. Jahrhundert als Held verehrt, bis der tief gefrorene und gut erhaltene Körper von Paul McCartney entdeckt wird. Die Geschichte endet noch abgedrehter, der Schluss soll allerdings hier nicht verraten werden, um das Überraschungsmoment für die Leserin und den Leser zu erhalten.</p>
<p>Kim Stanley Robinson befasst sich immer wieder mit Fragestellungen aus Kunst, Kultur und Musik. In dem Roman <a href="https://www.kimstanleyrobinson.info/node/343">„The Memory of Whiteness“</a> (1985) bekommt die Musik ein ganz besonderes Gewicht: Der Protagonist Johannes Wright ist der neunte Meister des <em>„Holywelkinschen Orchesters“</em> und befindet sich auf seiner ersten großen Tournee, um die Werke des Physikers und Komponisten Arthur Holywelkin zu spielen. Dieser lebte im 30. Jahrhundert und hatte die Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik zu der Vereinheitlichenden Großen Theorie in einem zehn-dimensionalen Universum verbunden. Am Ende seines Lebens hat er Musik komponiert und sein Musikinstrument erfunden.</p>
<p>Der Untertitel von „The Memory of Whiteness“ (1985) lautet bezeichnenderweise „A Scientific Romance“ und schildert die Zeit nach dem Ableben des großen Physikers Arthur Holywelkin im Jahre 3229 nach unserer Zeitrechnung, der der Erfinder eines großartigen Musikinstruments war. Die Menschheit lebte auf den Planeten, Monden und Asteroiden des Sonnensystems und profitierte von den technischen Ableitungen der Durchbrüche in der Physik. Arthur Holywelkin jedoch interessierte sich am Ende seines Lebens überwiegend für die Entwicklung eines sehr seltsamen schönen und komplexen Musikinstruments, das er <em>„das Orchester“</em> nennt. Der neunte Meister dieses Instruments, Johannes Wright, begibt sich auf eine Aufführungstour durch das Sonnensystem und gerät in unvorhergesehene Probleme, die mit seiner Musik scheinbar wenig zu tun haben.</p>
<p>Der Roman ist im Jahre 2016 als deutsche Ausgabe unter dem schönen Titel <a href="https://www.penguin.de/buecher/kim-stanley-robinson-sphaerenklaenge/ebook/9783641208752">„Sphärenklänge“</a> in der Übersetzung von Bernd Müller bei Heyne erschienen. Die im Folgenden zitierten Textstellen stammen aus der ersten von Robinson veröffentlichten Kurzgeschichte, die später von ihm zum ersten Kapitel „Präludium: Der Seher erwacht“ des Romans „The Memory of Whiteness“ umgearbeitet wurde. Sie trug den Titel „In Pierson´s Orchestra“, erschienen <a href="https://archive.org/details/orbiteighteen00damo">in „Orbit 18“</a> (1976), herausgegeben von Damon Knight.</p>
<p>Robinson schildert das ultimative Musikinstrument, das <em>„Orchester“</em>, faszinierend, berauschend und gefährlich, als Verbindung von musikalischer und technischer Genialität: <em>„Endlich wende ich mich dem Orchester zu. ‚Man stelle sich alle Instrumente des modernen Orchesters vor, durcheinandergewirbelt von einem kleinen Tornado`, schrieb einer der frühen Kritiker, ‚dann hat man Holywelkins Erfindung vor sich.´ Heutzutage aber gibt es kaum noch Kritiker. Alter führt zu Ansehen, und das Orchester ist jetzt dreihundert Jahre alt. Eine Institution. Und es ist imposant: Elf Meter hoch aufragende Instrumente, elf Meter gewundenes Metall und gebogenes Holz, aufgehängt in einer komplizierten Armatur gläserner Stäbe, die nur deshalb sichtbar sind, weil sich blaue und rote Lichter in ihnen spiegeln. Die Wolke aus Violen, die durchbrochene Treppe aus Posaunen, die bauchige Quecksilberpauke; die komischen Ballonflöten, das elegante Lyrikon, die gewundene Godzilla … sämtliche Tonerzeuger der Welt hängen da wie Früchte an einem riesigen gläsernen Baum. Wahrhaftig ein schönes Kunstwerk. Aber Holywelkin, der Architekt unseres Zeitalters, war nicht nur Bildhauer, sondern auch Mathematiker, nicht nur Erfinder, sondern auch Musiker, und die Synthese seiner geistigen Fähigkeiten hat meiner Meinung nach in diesem besonderen Fall etwas Verhängnisvolles hervorgebracht. Etwas Unmusikalisches. Etwas Gefährliches.“</em></p>
<p>Und wie klingt das Instrument, das uns wie ein gigantischer Moog-Synthesizer der Zukunft vorkommen mag? Robinson schildert einen ersten Höreindruck seines Protagonisten: <em>„Ich erinnere mich, wie ich es das erste Mal sah, im Konzertsaal des Instituts anlässlich einer Sonderaufführung für junge Leute. Meine Mutter und ich waren mit dem Zug von der anderen Seite Plutos angereist, um das Konzert zu hören, eingeladen, weil meine Lehrer am Konservatorium von Vancouver mich empfohlen hatten. Der Meister – es war Richard Yablonski, schon damals ein alter Mann – spielte Stücke, die den jungen Geist erfreuen sollten: Mussorgskis `Bilder einer Ausstellung`, De Bruiks `Nachtsee`und ihre `Biologische Sinfonie`, Shimatus `Concerto für Didgeridoo`. Das letzte Stück war eine Offenbarung für mich. Der Meister setzte jede Phrase zögernd an, dehnte die Pausen, und die düsteren Heul- und Huptöne des Soloinstrumentes klangen, als werde die Musik zum allerersten Mal gespielt, improvisiert. Sie erfüllte den Raum jenseits des Saals, jenseits der Musik selbst, als schaffe der phantastische Turm aus blauen Kreisen und Strahlen eine ganz eigene Struktur transzendenter Schwingungen.“</em></p>
<p>Kim Stanley Robinson hat in diesem Buch eine Zukunftsvision beschrieben, die sehr stark auf die intellektuelle und die emotionale Kraft der Musik eingeht: <em>„Musik. Wenn du wirklich mit ihr lebst, wirst du Dinge gehört haben, die dir einen Schauer den Rücken hinunter gejagt und einen Schwall von Röte auf die Wangen gebracht haben. Einen Schwall von Blut durch deine gesamte Hautoberfläche. Und dies ist eine körperliche Antwort auf Schönheit.“</em></p>
<p>Das Instrument wird sehr ausführlich beschrieben, allerdings bleibt die genaue Beschreibung, es meisterhaft spielen zu können, im Dunklen: „<em>Wenn du jemals in der Lage sein solltest, zu lernen, wie mein Instrument richtig zu spielen ist, musst du die Art ändern, wie du über dich selbst denkst.“ </em></p>
<p>Die zweite veröffentlichte Kurzgeschichte von Kim Stanley Robinson war „Coming Back to Dixieland“, ebenfalls erschienen in „Orbit 18“ (1976). In dieser Erzählung geht es um Minenarbeiter auf den Asteroiden, die traditionellen Jazz spielen und sich auf einen musikalischen Wettstreit mit Musikern einlassen, die abstrakte futuristische Musik machen. Die Jazzer gewinnen durch den Einsatz von Herz und Seele in ihrer Musik. Auch in dieser wundervollen frühen Kurzgeschichte erzählt Robinson von der Seele der Musik, als wäre er selbst dabei gewesen oder zumindest so, als wäre er selbst Musiker. Er schildert die Verwandlung eines der Musiker der Dixieland-Band <em>„The Hot Six Jazz Band from Jupiter Metals, Pallas</em>“ von einem angsterfüllten Anfänger zu einem selbstsicheren, genialen Improvisator: <em>„Und als er weitermachte, konnte ich sehen, wie er begann, seine Umgebung zu vergessen und zu dem zu werden, was er war, ein Musiker, der an dem Lied arbeitete, Phrasen zusammensetzte, mit den Klängen spielte, die er erzeugen konnte. Seine Stirn legte sich in Falten und glättete sich, als er eine besonders schwierige Passage meißelte; er schloss die Augen, und die Noten bekamen ein Leben, das vorher nicht da gewesen war. Er war jetzt ganz darin versunken, und beim letzten Durchgang bog er die Töne, wie nur ein guter Klarinettist sie biegen kann, und ließ sie in die Höhle hinausschweben; ein menschlicher und unmenschlicher Klang, Musik.“</em></p>
<p>Die Leser könnten sich fast an die frühen Jahre der Beatles im Cavern-Club in Liverpool oder im Hamburger Star-Club erinnert fühlen, auch wenn diese damals nicht Dixieland-Musik, sondern Beatmusic und Rock´n Roll gespielt haben. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den emotionalen Einsatz aller Bandmitglieder, die schließlich gemeinsam den ersten Preis gewinnen, die Reise zur Erde und die Tour durch das Sonnensystem: <em>„All die Jahre, in denen wir in diesen Bars gespielt haben, all die Jahre, in denen wir von der Arbeit kamen, nach unten gingen und müde spielten, in denen niemand außer uns zuhörte, in denen wir spielten, ohne etwas anderes zu haben als die Musik; all das kam jetzt aus unserem Inneren, in einer magischen Kombination aus Angst und Wut und dem wilden Hochgefühl, zu wissen, dass wir die Besten waren in dem, was wir taten.&#8220;</em></p>
<h3><strong>Ästhetisierung der Zerstörung</strong></h3>
<p>In der Kurzgeschichte „The Timpanist of the Berlin Philharmonic, 1942“ geht Kim Stanley Robinson der Überlegung nach, ob bei der Aufführung der Berliner Philharmoniker von Beethovens neunter Sinfonie am 19. April 1942 unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler in Anwesenheit der Hakenkreuz-Fahne, von diversen Nazi-Größen, Soldaten und Kriegsversehrten, <em>„der Kesselpauker vielleicht bei den Schlussakkorden den Sound von Bombern imitiert habe“.</em> Hört man die Filmaufnahme des Konzerts, drängt sich wirklich die Frage auf, warum die Kesselpauken in diesem historischen Filmdokument nach fast 85 Jahren (nicht nur) in den Schlussakkorden so gewaltig, so „bombös“, klingen.</p>
<p>Die linke <a href="https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_S/Schmetterlinge_Die.xml">Rock-Pop-Gruppe „Schmetterlinge“</a> aus Österreich hat im Jahre 1982 ihre Schallplatte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=S4B--Ygcj3I&amp;list=RDS4B--Ygcj3I&amp;start_radio=1">„Die letzte Welt“</a> herausgebracht. Die Texte befassen sich überwiegend mit den Themen <em>„Umweltverschmutzung, Ausbeutung, Dritte Welt“</em> und beginnen mit dem von <a href="https://www.kabarettarchiv.at/Biografie-Heinz-R.-Unger">Heinz R. Unger</a> getexteten Lied „Der blaue Ball“: <em>„Ein blauer Ball dreht sich im All, schon seit dem ersten Sündenfall, am Rande der Galaxis …. Ganz umspült von Sternenschaum hängt er da im Zwischenraum von Theorie und Praxis. Vom blauen Ozean umspannt liegt grün und golden gutes Land wie kostbares Geschmeide. Menschen ziehen drüber hin, weben Muster in das Grün aus Früchten und Getreide. Von jenseits von der Venusbahn schaut sich das ganz prachtvoll an: ein Stern, der wirklich toll ist. Doch wer sich näher ein drauf lässt, der merkt, dass sich die schwarze Pest an diesem Apfel vollfrisst.“</em></p>
<p>Es gibt auch im deutschen Sprachraum immer wieder zumeist ironisch gemeinte Verweise auf Science-Fiction-Themen in der populären Musik wie beispielsweise in dem ironisch-sarkastischen Lied „Das All ist deutsch“ von Heinz-Rudolf Kunze (1986, LP „Wunderkinder“) mit dem erst einmal schön klingenden Anfang: <em>„Sie sind gelandet, mein Schwager hat’s mir erzählt, nicht in Nevada, sie haben Deutschland gewählt.“ </em>Und dann landeten sie auch noch in Bielefeld! Das Zerstörungsmotiv ist präsent, die deutsche Gewalt-Geschichte wird explizit angesprochen: <em>„Mein Schwager war nicht betrunken, er war bestimmt nicht von Sinnen, er sagt, wir könnten mit ihnen den dritten Weltkrieg gewinnen.“ </em></p>
<p>In Kunzes Lied läuft es einem schon kalt den Rücken herunter. Aber man mag je nach Darstellung auch einen ästhetischen Reiz bei der Zerstörung der Welt empfinden. Aber dieser Reiz verstärkt eigentlich nur die grauenvolle Botschaft. Stanley Kubrick hat vorgeführt, wie überragend schön die Kombination von klassischer Musik, mit „An der Schönen Blauen Donau“ mit dem Tanz des Raumgleiters und der Raumstation um die Erde, hundert Jahre später im Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ gedreht, wirken kann, obwohl das, was da geschieht, eigentlich das Ende der irdischen Zivilisationen bedeutet. Die Magie dieser Szene ist äußerst wirkungsvoll, weil der Regisseur das leere, schwarze Weltall und die technischen Gebilde der Menschheit mit der Musik zu einem Pas de deux, einem Ballett-Duett von Raumgleiter und Raumstation im Orbit über dem blauen Planeten Erde kombiniert hat. Wo bleibt der Mensch?</p>
<p>Wie würde es klingen, wenn ein Komponist die Musik zu einem anderen fundamentalen Werk der Science Fiction schreibt? Eine kleine Ahnung mag der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=9XaomRQ5csU&amp;list=RD9XaomRQ5csU&amp;start_radio=1">Soundtrack der Netflixserie „3 Body Problem“</a> bieten, deren zweite und dritte Staffel bereits angekündigt sind. Es klingt recht düster. In dem dritten Band der monumentalen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/kosmologische-science-fiction/">Trisolaris-Trilogie von Cixin Liu</a>, in „Jenseits der Zeit“ (2019), erleben Cheng Xin und AiAA auf den äußeren Planeten die finale Zerstörung des gesamten Sonnensystems zu einer zweidimensionalen Struktur durch die fortgeschrittene Technologie einer unbekannten Superzivilisation. Die Protagonisten schaffen die wichtigsten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte aus den Sammlungen auf den äußeren Planeten in ihr Raumschiff Halo, darunter das Gemälde <a href="https://www.arsmundi.de/service/unser-kunstreport/beruehmte-werke-analyse-der-sternennacht-von-van-gogh/">„Sternennacht“</a> (1889) von Vincent van Gogh. Während sie der zunehmenden Zerstörung ihrer Welten zuschauen, wundern sie sich, ob van Gogh vielleicht einen Blick in die Zukunft habe werfen können, denn er hat auf dem Gemälde die Landschaft dreidimensional gemalt, während die Sternenpracht zweidimensional verflacht erscheint. Cixin Liu beschreibt die finale Zerstörung des Sonnensystems im dritten Band der Trisolaris-Trilogie <em>Jenseits der Zeit</em> (2019) mit den folgenden Tönen: <em>„Noch gab es Atmosphäre in der Stadt, und der Klang des Zerfalls der dreidimensionalen Welt in die zweite Dimension war hörbar, ein schrilles Knirschen und Knarren, als ob die Häuser und die Stadt selbst aus feinem Kristallglas gemacht wären, über das eine gigantische Walze hinwegrollte.“</em></p>
<p>Cheng Xin und AiAA gelingt mit ihrem Raumschiff Halo die Flucht aus dem untergehenden Sonnensystem, denn es ist das einzige Raumschiff mit Überlichtgeschwindigkeits-Antrieb, das die Menschheit je gebaut hat. Sie schauen zurück und lauschen den letzten Stimmen des Funkverkehrs der sterbenden Menschheit, bis zum Ende von allem: <em>„Ein abgebrochener Schrei. Das große Gemälde namens Sonnensystem war vollendet.“ </em>Das Raumschiff Halo fliegt ins Unbekannte, an Bord sind zwei Menschen und die Überbleibsel der Kunstschätze der Menschheit, darunter das Gemälde <em>Sternennacht </em>(1889) von Vincent van Gogh. Cheng Xin und AiAA begeben sich auf die Suche nach den letzten Menschen im Universum.</p>
<p>Gibt es Hoffnung? Ja, die gibt es in der Erzählung von Cixin Liu, im Übergang der Menschen, die unabhängig von der Erde im All leben, zu einem neuen Universum. Wie das klingt, weiß kein Mensch und wird kein Mensch wissen können, denn die physikalischen Naturgesetze eines solchen – theoretisch möglichen – Übergangs sind gänzlich unbekannt. Erfreuen wir uns in der Zwischenzeit an der Musik der Menschen und lesen wir ihre Geschichten über das Mögliche und das Unmögliche.</p>
<p><strong>Fritz Heidorn</strong>, Oldenburg</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 29. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Der Duopol bröckelt</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-duopol-broeckelt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Jul 2026 16:45:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der Duopol bröckelt Polens Parteien ein Jahr vor den Parlamentswahlen „Die deutlichste Spaltung ergibt sich bei Themen wie Identität, Kultur und Werte. In den letzten 20 Jahren sind Streitigkeiten über die Rolle der Religion im öffentlichen Leben, nationale Identität, europäische Integration, Migration, Minderheitenrechte und das historische Gedächtnis zu den wichtigsten Themen im politischen Wettbewerb  [...]</p>
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<h1><strong>Der Duopol bröckelt</strong></h1>
<h2><strong>Polens Parteien ein Jahr vor den Parlamentswahlen</strong></h2>
<p><em>„Die deutlichste Spaltung ergibt sich bei Themen wie Identität, Kultur und Werte. In den letzten 20 Jahren sind Streitigkeiten über die Rolle der Religion im öffentlichen Leben, nationale Identität, europäische Integration, Migration, Minderheitenrechte und das historische Gedächtnis zu den wichtigsten Themen im politischen Wettbewerb geworden. Die beiden größten politischen Lager in Polen, KO und PiS, haben sich schrittweise zu Repräsentanten gegensätzlicher kultureller und normativer Visionen entwickelt. Wahlen ähneln zunehmend Referenden über konkurrierende Konzepte zur polnischen Identität, als dass sie Wettbewerbe zwischen alternativen wirtschaftspolitischen Programmen wären.“ </em>(<a href="https://swps.pl/mikolaj-czesnik">Mikołaj Cześnik</a>, <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/367/karol-nawrockis-praesidentschaft/">Karol Nawrockis Präsidentschaft: kein Richtungswechsel, aber eine Neuakzentuierung</a>, in: Polen-Analysen 367, 7. Juli 2026)</p>
<p>Die letzten Parlamentswahlen in Polen liegen subjektiv betrachtet erst kurze Zeit zurück. Bereits im Oktober 2027 finden die nächsten Wahlen zum Sejm, dem polnischen Parlament, statt. Obwohl die Prawo i Sprawiedliwość (PiS, Recht und Gerechtigkeit) bei den Parlamentswahlen 2023 die meisten Stimmen auf sich vereinen konnte, gelang es ihr nicht, eine regierungsfähige Koalition zu bilden. Die Regierungsbildung wurde daher von der zweitstärksten politischen Kraft, der Platforma Obywatelska (PO, Bürgerplattform), unter Führung von Donald Tusk übernommen. In diesem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/faire-wahlen-nein-doch-die-opposition-gewinnt/">Wahlergebnis</a> zeigte sich weiterhin die Dominanz des häufig als <em>„Duopol“</em> bezeichneten politischen Gegensatzes zwischen Jarosław Kaczyński (PiS) und Donald Tusk (PO).</p>
<p>Allerdings mehren sich Hinweise darauf, dass diese lange Zeit prägende politische Konfliktlinie in der aktuellen Legislaturperiode an Bedeutung verliert. Die politische Landschaft Polens befindet sich zunehmend in einem Wandel, der auf eine stärkere Fragmentierung und Neuausrichtung des Parteiensystems hindeutet. Obwohl Polen traditionell für seine vergleichsweise stabile Zweiteilung des politischen Wettbewerbs bekannt ist, zeichnen sich gegenwärtig Verschiebungen ab, sodass sich etablierte Machtverhältnisse zunehmend auflösen.</p>
<h3><strong>Die Entäuschungen der Koalicja Obywatelska (früher Platforma Obywatelska)</strong></h3>
<p>Die Partei um die Führungsfigur Donald Tusk ging aus den Parlamentswahlen zwar nicht als stärkste Partei hervor, trotzdem bekamen sie die Chance, dank vorhandener Koalitionsmöglichkeiten, die Regierung für die X. Legislaturperiode zu stellen. Allen Beteiligten war klar, dass das politische Erbe, das man von der zuvor regierenden Partei PiS übernahm, ein sehr schwieriges sein würde. Die PiS hatte ihre Politik in den acht Regierungsjahren von 2015 bis 2023 so abgesichert, dass trotz ihrer Wahlniederlage viele wichtige Posten, besonders im Bereich der Justiz, von PiS-Enthusiasten besetzt blieben (zum Beispiel Adam Glapiński, Präsident der polnischen Nationalbank, oder Małgorzata Manowska, Präsidentin des Obersten Gerichthofes). <a href="https://www.bpb.de/themen/europa/polen/541201/die-transformation-des-polnischen-rechtssystems-seit-2015/">Besonders das Justizsystem hat in Polen unter der PiS-Regierung gelitten</a>, weil dessen Unabhängigkeit durch zahlreiche Reformen stark eingeschränkt wurde.</p>
<p>Im Zuge des Regierungswechsels versprachen Donald Tusk und seine Minister, die in den vorangegangenen Jahren entstandenen institutionellen Defizite zu beheben und vor allem politische Verantwortungsträger juristisch zur Verantwortung zu ziehen. Viele dieser Ankündigungen konnten jedoch bislang nicht umgesetzt werden, was die Wähler von 2023 massiv enttäuscht hat.</p>
<p>Ein prominentes Beispiel hierfür ist der ehemalige Justizminister Zbigniew Ziobro. <a href="https://www.gov.pl/web/prokuratura-krajowa/lgzz">Gegen ihn wird ermittelt</a>, unter anderem wegen des Verdachts der Korruption, des Amtsmissbrauchs, der Veruntreuung öffentlicher Gelder sowie der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Nachdem er wiederholt Vorladungen der Staatsanwaltschaft nicht nachgekommen war, wurde er von der Polizei zu einer Anhörung gebracht. Da die Sitzung aus verfahrensrechtlichen Gründen verschoben wurde, konnte Ziobro das Land kurze Zeit später verlassen. Zunächst reiste er nach Ungarn, wo ihm die Regierung von Viktor Orbán Schutz gewährte. Nach dem Regierungswechsel in Ungarn <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/polen-justizminister-ziobro-100.html">setzte er sich in die USA ab</a>, wo er Unterstützung im Umfeld von Donald Trump suchte. Das zögerliche Vorgehen gegenüber den ehemaligen Regierungsvertretern wurde von vielen Wählern der KO kritisch bewertet, da sie sich eine schnellere Aufarbeitung der Vorwürfe und konsequentere Maßnahmen erhofft hatten.</p>
<p>Warum auch weitere Postulate nicht erfüllt wurden, ist insbesondere auf zwei wesentliche Faktoren zurückzuführen. Erstens: Tusk war sich zu sicher auch bei den Präsidentschaftswahlen 2025 erfolgreich zu sein. Man schickte den beliebten Warschauer Stadtpräsidenten Rafał Trzaskowski ein zweites Mal ins Rennen, dessen Sieg als sicher galt. Trzaskowski verlor jedoch hauchdünn gegen den offiziell parteilosen Kandidaten Karol Nawrocki, der von der PiS unterstützt wurde. Die Niederlage führte zu einer Krise, die eine <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/mediathek/rochaden-in-warschau">personelle Neuaufstellung der Regierung</a> sowie eine innerparteiliche Umstrukturierung nach sich zog. Diese Maßnahme sollte das Kabinett verkleinern und neue Gesichter in Ministerposten einführen. Oberstes Ziel in der verzwickten Situation war es vor allem, handlungsfähiger und geschlossener aufzutreten.</p>
<p>Hinzu kam der <a href="https://wlkp24.info/po-to-teraz-ko-parlamentarzysci-z-regionu-pod-nowym-szyldem/">Wechsel des Parteinamens</a>, von Bürgerplattform zu Bürgerkoalition (KO, Koalicja Obywatelska), um zu symbolisieren, dass man mit den Parteien Nowoczesna sowie Inicjatywa Polska eine Einheit bildet. Ziel war es, die politischen Konsequenzen aus der Niederlage zu verdeutlichen und zu zeigen, dass sich in der Partei etwas bewegt. Der Sieg Nawrockis führte auch auf längere Sicht zu einer weitgehenden Blockierung der Regierungsarbeit und wichtiger Vorhaben der Regierung Tusk. In Polen unterliegen Gesetzesentwürfe der Unterzeichnung durch den Präsidenten, der zugleich über ein Vetorecht verfügt. Dieses wird <a href="https://wetomat.pl/">von Nawrocki inflationär eingesetzt</a>. Er begründet dies meist damit, zum Schutze Polens zu handeln, oft ist es jedoch klar ersichtlich, dass sein Hauptinteresse darin liegt der Regierungskoalition, insbesondere Tusk persönlich, zu schaden.</p>
<p>Ein zweiter Grund dafür, dass nicht alle Wahlversprechen umgesetzt werden konnten, liegt innerhalb der Koalition von KO, Trzecia Droga und Lewica selbst. Die drei beziehungsweise vier Koalitionspartner – Trzecia Droga ist ein Bündnis von zwei Parteien – haben sich in erster Linie zusammengeschlossen, um die rechts-konservative PiS aus dem Amt zu heben, hatten jedoch sehr oft unterschiedliche weltanschauliche Ansichten, die innerhalb der Koalition zu Problemen führen. Einige Wahlversprechen, wie beispielsweise die Lockerung des Abtreibungsgesetzes oder die Ehe für alle, wurden von der Bauernpartei PSL und Teilen der Trzecia Droga nicht akzeptiert. Ein weiterer innerkoalitionärer Tiefpunkt wurde im Sommer 2025 erreicht, als der Vorsitzende der Trzecia Droga und damaliger Sejmmarschall Szymon Hołownia, dabei gesehen wurde, wie er nachts zu einem Treffen mit Jarosław Kaczyński <a href="vn24.pl/polska/spotkanie-szymona-holowni-z-adamem-bielanem-marszalek-sejmu-komentuje-st8542372">in die Privatwohnung eines PiS-Abgeordneten gefahren</a> ist. Das Vertrauen zwischen den Koalitionspartnern wurde dadurch nachhaltig beeinträchtigt und konnte bislang nicht wiederhergestellt werden.</p>
<p>Zeitweise erschien die politische Lage der KO insgesamt stabil, trotz fortlaufender Angriffe aus dem Präsidentenpalast sowie aus der PiS-Parteizentrale in der Nowogrodzka-Straße. Die aktuellen Entwicklungen sind jedoch alles andere als zufriedenstellend, da die Regierungskoalition derzeit <a href="https://www.polskieradio.pl/400/7764/Artykul/3699974%2Caff%C3%A4re-um-privilegien-von-politikern-k%C3%B6nnte-regierungskoalition-sprengen">durch eine Korruptionsaffäre im Gesundheitswesen stark belastet</a> wird. Im Mittelpunkt steht die Affäre um das Warschauer Südkrankenhaus. Mitgliedern der KO und ihnen nahestehenden Personen im öffentlichen Gesundheitswesen wird vorgeworfen, unzulässige Privilegien, insbesondere bei der medizinischen Versorgung, genossen haben sollen. Die politische Tragweite der Affäre nimmt mit der fortschreitenden Aufklärung zu.</p>
<p>Es ist wahrscheinlich, dass es erhebliche Auswirkungen auf die gesamte Partei und den Rückhalt in der Bevölkerung haben wird. Dies ist aber nicht die einzige Belastungsprobe mit der die Partei Tusks grade umgehen muss. Bereits Ende Mai haben sie einen herben Rückschlag verkraften müssen. In Krakau wurde der KO-<a href="https://www.newsweek.pl/polska/polityka/odwolanie-aleksandra-miszalskiego-ekspert-analiz-nie-chodzilo-o-donalda-tuska/p5ylnc8?utm_source=chatgpt.com">Stadtpräsident Aleksander Miszalski in einem lokalen Referendum abgewählt</a>. Dieses fatale Szenario droht nun auch dem Warschauer Stadtpräsidenten Rafał Trzaskowski, was tragisch für die Zustimmungswerte der KO allgemein wäre. Gerade wegen dieser Entwicklungen darf sich die Regierungspartei nicht auf ihrem derzeitigen Vorsprung ausruhen, weil die <a href="https://wiadomosci.dziennik.pl/polityka/artykuly/11261452,tylko-5-partii-w-sejmie-sondaz-wskazuje-wyraznego-zwyciezce-oni-sie-uciesza-sondaz.html">Tendenz der letzten Monate eher zu einem Abfall der Wählerstimmen</a> tendiert.</p>
<p>Die KO ist in den Wahlprognosen von Opinia24 vom Juni 2026 derzeit führende Kraft mit sehr guten 34,1%. Das <a href="vn24.pl/polska/sondaz-partyjny-cbos-czerwiec-2026-tylko-cztery-ugrupowania-w-sejmie-st9096397?utm_source=chatgpt.com">Meinungsforschungsinstitut CEBOS</a> bescheinigt der KO hingegen nur 28,5% und einen starken Verlust von 2,3%. Damit lässt sie die zweitplatzierte PiS doch deutlich hinter sich, die in dieser Umfrage lediglich auf 24,2% kommt. Hierbei sind jedoch noch nicht die Auswirkungen der Skandale der letzten Wochen mit einberechnet.</p>
<p>Für die Wahlen 2027 besteht die Gefahr das gleiche Dilemma zu erleben, welches die PiS 2023 erfahren hat – es fehlt der KO an Koalitionspartnern. Es ist kaum damit zu rechnen, dass das rechte Parteienspektrum, bestehend aus PiS, Konfederacja und Konfederacja Korony Polskiej Grzegorza Brauna, mit der KO koalieren würde. Die potenziellen Koalitionspartner PSL, Lewica und Polska 2050 kratzen allesamt an der Fünfprozenthürde und sind deshalb keine sicheren Mehrheitsbeschaffer für eine künftige Koalition.</p>
<p>Hinzu kommt die Frage, welcher Kandidat die KO bei den nächsten Wahlen anführen und das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen soll. Soll es erneut Donald Tusk sein, der vor allem bei den jungen Wählern nicht sonderlich beliebt ist und das Symbol für den jahrzehntelangen Kampf zwischen ihm und Jarosław Kaczyński ist? Oft ist auch Außenminister und Vizeprämier Radosław Sikorski als möglicher Nachfolger Tusks im Gespräch. Oder wäre es doch klüger einen jüngeren und politisch unbelasteten Kandidaten aufzustellen? Diese Fragen werden sich innerhalb des nächsten Jahres entscheiden und werden maßgeblich zum Erfolg oder zum Scheitern der KO beitragen.</p>
<h3><strong>Die Krise von Prawo i Spawiedliwość</strong></h3>
<p>Die PiS steckt zunehmend in der Krise. Als Oppositionspartei steht sie vor der Herausforderung, ihre Position im politischen System neu zu definieren und sich personell stärker aufzustellen. Absolut übergeordnetes Ziel ist es die politische Dominanz im rechten Parteienspektrum wiederzuerlangen und 2027 die Regierung anzuführen. Jarosław Kaczyński ist und bleibt der unangefochtene Leader und Chefstratege der Partei, doch im Inneren der Rechts-Konservativen brodelt es bereits seit längerem.</p>
<p>Seit den Parlamentswahlen 2023 ist die <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/361/recht-und-gerechtigkeit-pis/">PiS intern tief gespalten</a>. Es haben sich zwei einander gegenüberstehende Fraktionen herausgebildet, während eine dritte Gruppe zwischen beiden Lagern steht und zu vermitteln versucht. Hintergrund war die Suche nach Verantwortlichen für die verlorenen Parlamentswahlen und die Frage, wer die Partei erfolgreich in Richtung Wahlsieg 2027 führen könnte. Einerseits bildeten sich „Harcerze“ (deutsch: Pfadfinder) heraus, unter Führung des ehemaligen Premierministers Mateusz Morawiecki. Sie stehen für einen pragmatischen Konservatismus und wirtschaftliche Modernisierung, was sie zu einer moderateren Kraft innerhalb des PiS-Gebildes macht. Im Gegenzug dazu stehen die „Maślarze“ (deutsch: Buttermacher). Hinter dieser Gruppierung verbergen sich wichtige Köpfe der PiS, wie Jacek Sasin, Partyk Jaki, Tobiasz Bocheński und vor allem Przemysław Czarnek, der ehemalige Bildungsminister und derzeitige Spitzenkandidat der PiS für die Wahlen 2027. Diese Personen sind für ihren ideologischen Idealismus und die Betonung einer traditionellen Kultur- und Identitätspolitik bekannt. Eine dritte nicht selbst deklarierte Fraktion bilden die alteingesessenen PiS-Mitglieder wie Jarosław Kacyznski und sein engster Mitarbeiter Mariusz Błaszczak. Diese versuchen vor allem, die Einheit der Partei zu bewahren und weiteren Schaden abzuwenden, den der Konflikt hervorbringt.</p>
<p>Die innerparteilichen Spannungen haben inzwischen ein Ausmaß erreicht, dass in diesem Jahr sogar eigene Stowarzyszenia (deutsch: Vereine beziehungsweise politische Assoziationen) gegründet wurden. Die „Buttermacher“ gründeten <a href="https://wiadomosci.onet.pl/kraj/stowarzyszenie-po-pierwsze-polska-powstalo-przy-pis-sasin-ujawnia-szczegoly/0frz240">„Po Pierwsze Polska“</a> („Polen zuerst“) und die „Pfadfinder“ <a href="https://www.pap.pl/aktualnosci/mateusz-morawiecki-stowarzyszenie-rozwoj-plus-zostalo-zarejestrowane">„Rozwój Plus“</a> (deutsch: „Entwicklung Plus“). Die Gründung eigener politischer Vereine durch die zerstrittenen Lager kann als Ausdruck der fortschreitenden Institutionalisierung und innerparteilicher Machtkämpfe interpretiert werden. Für Jarosław Kaczyński stellt diese Entwicklung eine besorgniserregende Herausforderung dar, da sie die Einheit der Partei bedroht und es mittelfristig zu einer organisatorischen Abspaltung einzelner Gruppierungen führen könnte.</p>
<p>Ein weiterer Erfolg, der sich langfristig als problematisch für die PiS herausstellen könnte, ist die Wahl Karol Nawrockis zum Präsidenten Polens. Das klingt zuerst sehr unwahrscheinlich, denn Jarosław Kaczyński nominierte den Historiker Nawrocki persönlich als Kandidaten und setzte darauf, dass dieser die Partei zum Wahlsieg führen würde. Weiterhin vereint die PiS und Nawrocki das Bedürfnis, Donald Tusk um jeden Preis des Amtes zu entheben. Es droht aber die Gefahr, dass auf lange Sicht, wenn die PiS immer weiter an Zustimmung verliert, auch Nawrocki sich stärker zu Konfederacja bekennt, die ideologisch ihm in vielen Punkten näher ist als die PiS. Bereits im Wahlkampf präsentierte sich der parteilose Nawrocki als Kandidat, der den Anspruch erhebt, das <u>gesamte</u> rechte Lager zu repräsentieren und als verbindendes Element zwischen rechten und nationalistischen Gruppierungen zu fungieren. Dieser Anspruch spiegelt sich sowohl in seinem politischen Auftreten als auch in seiner Rhetorik und seiner Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren des rechten Spektrums wider.</p>
<p>Bestes Beispiel hierfür war der <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Wy5TnYfE1QQ">Acht-Punkte-Forderungskatalog Sławomir Mentzens</a>, den Nawrocki ohne Widerspruch im Wahlkampf unterschrieb, um möglichst viele Konfederacja<em>&#8211;</em>Wähler in der entscheidenden Stichwahl zu überzeugen. Die derzeitigen Wahlprognosen deuten darauf hin, dass die PiS insbesondere am rechten Rand des politischen Spektrums an Unterstützung verliert, was Nawrocki und Kaczyński bewusst ist. Die ultrarechten Parteien Konfederacja und Konfederacja Korony Polskiej gewinnen in diesem Zusammenhang immens an Zulauf, was auf Kosten der PiS geht. Die Konfederacja steht bei etwa 14% und die KKP bei bis zu 8%, die PiS hingegen nur bei mageren 22% bis 24%. Dies ist mutmaßlich dem Duopol zuzuschreiben, da viele, vor allem junge Wähler, weder Tusk noch Kaczyński unterstützen möchten und den Wunsch haben, dieses jahrzehntelange Konstrukt aufzubrechen.</p>
<p>Um die konservativen Wähler des rechten Spektrums zurückzugewinnen und ihr Vertrauen wiederherzustellen, entschied sich Kaczyński, den stark kontroversen und als radikal geltenden Przemysław Czarnek bereits über ein Jahr vor den Wahlen <a href="https://oko.press/kaczynski-kusi-czarnkiem-wyborcow-konfederacji-co-na-to-sondaze">als Anwärter auf das Premierministeramt</a> zu präsentieren. Es wurde zunächst mit einem <em>„Czarnek-Effekt“</em> gerechnet. Für die PiS bedeutet das, dass er durch seinen eigensinnigen und radikal konservativen Stil die Wähler des rechten Rands mobilisieren soll, viele Experten hingegen rechnen mit einem gegenteiligen <a href="https://wiadomosci.onet.pl/kraj/zla-wiadomosc-dla-pis-ekspert-prawicowy-elektorat-odporny-na-efekt-czarnka/rb5vzfc">Effekt</a>. Czarnek ist bereits in seiner Funktion als Bildungsminister durch sehr radikale Aussagen aufgefallen. Er polarisierte mit Äußerungen über LGBTIQ*-Personen, der Leugnung des menschengemachten Klimawandels sowie seiner Positionen zu traditionellen Familien- und Frauenbildern. Eine der kontroversesten Aussagen, die viel Kritik auf ihn gezogen hat, war beispielsweise, dass Frauen heutzutage es fälschlicherweise bevorzugten, Karriere zu machen und erst mit etwa 30 Jahren ihr erstes Kind bekommen. <a href="https://www.rp.pl/polityka/art9169651-posel-pis-przemyslaw-czarnek-kobiety-zostaly-stworzone-do-rodzenia-dzieci">Seiner Ansicht nach hätte dies <em>„tragische Konsequenzen“</em>, da die Frauen dann allgemein weniger Kinder gebären könnten</a>.</p>
<p>Es stellt sich nun die Frage, ob seine Kandidatur die richtige Entscheidung war, um die PiS zum Wahlsieg zu führen. Er wurde vordergründig mit der Intention ausgewählt, Wähler von den beiden Konfederacjas zurück zur PiS zu leiten. Allerdings hat man dabei die moderaten Wähler der PiS möglicherweise vernachlässigt, die von seinen Aussagen abgeschreckt werden könnten. Die derzeitig Wählerbefragungen deuten eindeutig darauf hin, dass die PiS es schwer haben wird, an vergangene Erfolge anzuknüpfen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie nur eine Regierungschance haben könnten, wenn die KO keinen geeigneten Koalitionspartner findet.</p>
<p>Der abtrünnige Mateusz Morawiecki hat sich die Lücke am gemäßigten rechten Rand der PiS zunutze gemacht. Wie sich bereits zuvor abgezeichnet hatte, kam es zur Abspaltung der sogenannten „Pfadfinder“ („Harcerze“) um den ehemaligen Ministerpräsidenten.</p>
<p>Kaczyński hatte versucht, die Partei mittels seiner autoritären Macht wieder zu einen. Die Parteiführung setzte den Mitgliedern ein Ultimatum: Bis Mitternacht des 23. Juli 2026 mussten sie erklären, dass sie keinen politisch aktiven Vereinigungen angehörten. Die „Buttermacher“ folgten dieser Vorgabe, die „Pfadfinder“ hingegen nicht. Trotz mehrerer Gespräche zwischen Kaczyński und Morawiecki kam es zu keiner Einigung.</p>
<p>Am 24. Juli erklärte Morawiecki, dass sein Lager aus 40 Abgeordneten, einem Senator und drei Europaabgeordneten bestehe. Insgesamt waren es damit <a href="https://www.pap.pl/aktualnosci/morawiecki-o-stowarzyszeniu-rozwoj-plus-jest-nas-40-poslow-senator-i-trzech-europoslow?utm">44 Parlamentarier</a>. Die große Mehrheit dieser Gruppe stammt aus den Reihen der PiS – der Konflikt ist somit vor allem als innerparteiliche Spaltung und nicht als Zusammenschluss von Politikern außerhalb der PiS zu verstehen. Am 29. Juli wurde schließlich die Gründung des neuen Parlamentsclubs „Rozwój Plus“ angekündigt.</p>
<p>Ob Morawiecki mit seinem neuen parlamentarischen Projekt tatsächlich Erfolg haben wird, bleibt allerdings fraglich. Er verfügt zwar über eine beträchtliche Anhängerschaft innerhalb der bisherigen PiS-Strukturen, gehört aber nicht zu den beliebtesten oder charismatischsten Politikern Polens. Die entscheidende Frage wird daher sein, ob es ihm gelingt, aus der bisherigen innerparteilichen Fraktion eine eigenständige politische Kraft mit einer breiteren Wählerbasis zu formen, die ins Parlament einziehen kann. Allerdings ist bereits jetzt deutlich sichtbar, dass es ihm gelungen ist, die PiS massiv zu schwächen.</p>
<p><strong>Der Zerfall von Trzecia Droga (Polska 2050 + Polskie Stronnictwo Ludowe – PSL)</strong></p>
<p>Die <a href="https://laender-analysen.de/polen-analysen/365/die-partei-polen-2050-und-parteibuendnis-dritter-weg/">Trzecia Droga</a> (deutsch: Dritter Weg) ist ein Wahlbündnis, bestehend aus der Bauernpartei PSL (Polskie Stonnictwo Ludowe) und der jungen wirtschaftsliberalen Partei Polska 2050. Bei dem Zusammenschluss handelte es sich eher um eine pragmatische Allianz mit dem Ziel, bei dem Wahlen 2023 eine reelle Chance zu haben, als um eine Liebesbeziehung. Wie bereits der Name andeutet, sollte die Formation eine Alternative zu dem andauernden Duopol der zwei großen Parteien PO und PiS darstellen. In Polen benötigen Parteienbündnisse 8%, um die Hürde für Wählerbündnisse zu überspringen und in den Sejm einzuziehen. <a href="https://tvn24.pl/wybory-parlamentarne-2023">Trzecia Droga erhielt 2023 fabelhafte 14,4% und zog somit mit 65 Mandaten ins Parlament ein</a>. Dies war ein großer Erfolg, den selbst die beiden Vorsitzenden Szymon Hołownia (<em>Polska 2050</em>) und Władysław Kosiniak-Kamysz (PSL) nicht hätten voraussehen können. Somit trug das Wählerbündnis in großem Maße auch dazu bei, dass eine Koalition zwischen PO, der Linken und der Trzecia Droga möglich wurde.</p>
<p>Vor allem der Sejmmarschall Szymon Hołownia erfreute sich anfangs großer Beliebtheit. Der ehemalige Moderator zeichnete sich durch einen schlagfertigen, charismatischen und mediengewandten Auftritt aus und wurde teilweise als <em>„politischer Messias“</em> gefeiert. Dieses Bild änderte sich jedoch schlagartig mit einem verhängnisvollen nächtlichen <a href="https://www.wprost.pl/kraj/12064108/holownia-i-kaminski-u-bielana-w-rozmowach-bral-udzial-kaczynski.html">Treffen Hołownias mit Jarosław Kaczyński</a> in der privaten Wohnung des PiS-Abgeordneten Adam Bielan. Es wurde vermutet, dass er sich dort im Schutze der Nacht getroffen habe, um konspirative Pläne gegen Tusk zu schmieden und sich für den Fall eines Auseinanderbrechens der Koalition einen Posten mit Unterstützung der PiS zu sichern. Obwohl keine der Spekulationen bestätigt wurde, verursachte das Treffen einen Vertrauensbruch innerhalb der Koalition und schadete zugleich dem Vertrauen vieler Wähler der Polska 2050. Sehr viel wahrscheinlicher war es die politische Unerfahrenheit des ehemaligen Showmasters, die politische Gegner genutzt haben, um die Regierungskoalition und vor allem Donald Tusk zu schwächen.</p>
<p>Dieses unglückliche Treffen markiert den Anfang vom Ende der Partei 2050. Es folgten innerparteiliche Unstimmigkeiten um das Führungspersonal der Partei. Hołownia plante zunächst, den Posten aufzugeben, da er auf eine einflussreiche Position in der Diplomatie oder innerhalb internationaler Institutionen hoffte. Katarzyna Pełczyńska-Nałęcz und Paulina Hennig-Kloska, die einen sehr polarisierenden Wahlkampf geführt hatten, wurden ins Rennen um den Parteivorsitz geschickt, sodass es zu einem noch tieferen Bruch in der Partei kam. Konflikte wurden nicht beigelegt: Unter der Führung von Paulina Hennig-Kłoska verließ eine Gruppe von Abgeordneten Polska 2050 und gründete die <a href="https://wiadomosci.gazeta.pl/polityka/7%2C198012%2C32607462%2Crozlam-polski-2050-powstanie-nowy-klub-parlamentarny-centrum.html">neue Parlamentsfraktion „Centrum“</a>.</p>
<p>Die Wähler haben wegen der ständigen innerparteilichen Querelen vollständig das Vertrauen verloren. Diese Schwierigkeiten haben die Entfremdung zwischen Polska 2050 und der PSL weiter vertieft. Ein deutliches Zeichen dafür war die <a href="https://wiadomosci.onet.pl/kraj/to-koniec-trzeciej-drogi-sprzeczne-informacje-z-psl-i-polski-2050/e65fcrm">Ankündigung der PSL</a>, bei der Parlamentswahl 2027 nicht erneut gemeinsam mit Polska 2050 als Trzecia Droga anzutreten. Die letzten Nachrichten besagen, dass Hołownia nun selbst das sinkende Schiff verlässt und seinen Vizeparteivorsitz abgegeben hat, außerdem möchte er <a href="https://tvn24.pl/polska/szymon-holownia-juz-nie-jest-wiceszefem-polski-2050-zlozyl-rezygnacje-i-zalozyl-nowa-grupe-st9111024">eine eigne politische Gruppe gründen</a>.</p>
<p>Die Bauernpartei PSL unter der Führung von Władysław Kosiniak-Kamysz war zunächst eher im Hintergrund des Geschehens. Ihre Wählerschaft war und ist vor allem in ländlichen Regionen anzutreffen, katholisch und tendenziell eher traditionell bis konservativ eingestellt. Gerade unter diesen konservativeren Wählern der PSL stieß die Zusammenarbeit mit der KO und insbesondere mit der Linken auf Vorbehalte, da sie eine Verwässerung der traditionellen Werte der Partei befürchteten. Diese Tendenz sieht man auch in den derzeitigen Umfragewerten. Falls jedoch die Stimmen 2027 nicht zu einem Parlamentseinzug reichen werden, ist es sehr gut möglich, dass die wichtigsten Mitglieder der Partei von den Wahllisten der KO starten werden, um ihren Einzug in den Sejm sicherzustellen. Eigentlich hofft man bei der PSL jedoch auf einen neuen potenziellen Partner, um erneut ein Wahlbündnis zu gründen und so unabhängig von Tusks Partei zu sein.</p>
<p>Die aktuellen Wahlumfragen deuten darauf hin, dass die Chancen auf einen erneuten Einzug Polska 2050 in den Sejm verschwindend gering sind. Die Partei liegt derzeit lediglich bei 1% bis 2% und damit deutlich unter der Fünfprozenthürde. Ähnlich sieht es bei der Bauernpartei PSL aus, deren Zustimmungswert zwischen zwei und fünf Prozent schwanken. Nutznießer dieser verzwickten Situation könnten die rechten Parteien wie Konfederacja und KKP sein. Wenn Parteien wie PSL und Polska 2050 nicht in den Sejm einziehen, werden die Ultrarechten zu Königsmachern, da eine Koalitionsbildung ohne sie unmöglich wird. Die demokratisch-liberalen Parteien würden damit wichtige Koalitionspartner verlieren, was in der derzeitigen Situation bedeuten würde, dass die KO, trotz eines Wahlsiegs nicht regierungsfähig wäre, genauso wie es 2023 bei der PiS der Fall war.</p>
<h3><strong>Aufstieg und Spaltung der Konfederacja </strong></h3>
<p>Zu den Parlamentswahlen trat die ultrarechte Konfederacja noch als eine Partei an. Doch dann rückte Grzegorz Braun in den Mittelpunkt der Diskussion. Braun ist ein rechtsextremer Antisemit und Anhänger von Verschwörungstheorien, wozu er öffentlich steht. Es gab sehr viele grenzwertige und nicht hinzunehmende Aktionen Brauns, wie unter anderem das medienwirksame <a href="https://www.deutschlandfunk.de/eklat-im-sejm-polnischer-abgeordneter-sprueht-chanukka-leuchter-mit-feuerloescher-aus-100.html">Löschen von Menora-Kerzen zu Chanukka im Sejmgebäude mittels eines Feuerlöschers</a> und etliche homophobe, fremdenfeindliche und antisemitische Aussagen. All diese Entgleisungen haben nicht zu seinem Parteiausschluss geführt. Erst als er 2025 seine Kandidatur für das Präsidentenamt ankündigte, obwohl zuvor in der Partei Konfederacja vereinbart worden war, dass man Sławomir Mentzen aufstellen würde, <a href="https://www.rp.pl/polityka/art41696851-grzegorz-braun-wykluczony-z-konfederacji-jest-decyzja-sadu-partyjnego">führte dies zu seinem Ausschluss</a>. Daraufhin fiel er noch öfter mit immer kontroverseren Aussagen und Handlungen auf, wie beispielsweise, <a href="https://tvn24.pl/polska/grzegorz-braun-o-komorach-gazowych-w-auschwitz-birkenau-kosiniak-kamysz-kolejne-skandaliczne-slowa-st8556890">dass es in Auschwitz angeblich keine Gaskammern gegeben hätte</a>, oder <a href="https://www.rmf24.pl/fakty/polska/news-dotkliwa-kara-za-zniewazenie-unijnej-flagi-jest-gotowy-proje,nId,8064291">dass er eine EU-Fahne erst mit Füßen trat und anschließend anzündete</a>. Nach einer Zerstörungsaktion einer LGBTIQ*- Plakatausstellung in den Sejmräumlichkeiten schritt der Sejmmarschall Hołownia ein und erteilte ihm für die andauernde Legislaturperiode <a href="https://wyborcza.pl/7,75398,32016928,wystawa-o-lgbt-zdemolowana-przez-brauna-juz-naprawiona-zukowska.html">Hausverbot für das polnische Parlamentsgebäude</a>.</p>
<p>Dieses extreme Verhalten scheint vielen Rechtsnationalisten zuzusagen. Die von Braun gegründete Partei Konfederacja Korony Polskiej (deutsch: Konföderation der polnischen Krone – KKP) erfreut sich derzeit einer stabilen Unterstützung von ungefähr 7% bis 10%. Dies ist eine gefährliche Tendenz, die zeigt, dass viele Polen kein Problem damit haben, Verschwörungstheorien und gewaltvolles Verhalten zu unterstützen. Ganz aktuell hat auch die Europaabgeordnete der Konfederacja Ewa Zajączkowska-Hernik angekündigt, eine eigene politische Vereinigung unter dem Namen <a href="https://dorzeczy.pl/kraj/905728/zajaczkowska-hernik-powolala-stowarzyszenie-jestem-bardzo-poruszona.html">Ruch Biało-Czerwoni</a> zu gründen (deutsch: Weiß-Rote Bewegung, benannt nach den Nationalfarben). Auch sie ist stets bemüht, sich durch möglichst kontroverse Aussagen ins Gespräch zu bringen.</p>
<p>Auch auf dem rechten Flügel der PiS ist eine starke Fragmentierungstendenz zu beobachten. Rechte politische Persönlichkeiten haben grundsätzlich einen Hang zur Selbstinszenierung und streben danach, als alleinige Leitfigur ihrer Gruppierung wahrgenommen zu werden. Dieses egozentrische Verhalten wird langfristig zu einer Zersplitterung der Rechten in viele Kleinparteien führen. Auf Dauer wird die politische Rechte dadurch an Einfluss verlieren, selbst wenn sie von vielen Wählerinnen und Wählern unterstützt wird.</p>
<p>Die ursprüngliche Konfederacja – Wolność i Niepodległość (deutsch:. Konföderation – Freiheit und Unabhängigkeit) hingegen konzentriert sich auf zwei Führungspersönlichkeiten, Krzysztof Bosak und Sławomir Mentzen. Bosak ist der Anführer des nationalistischen Flügels der Partei, der vor allem auf konservative Werte, Traditionen und nationale Identität Wert legt. Mentzens Anhänger hingegen sind vor allem freimarktwirtschaftlich-liberal geprägt und fordern ein geringeres Eingreifen des Staates in das Leben der Bürger, unter anderem durch starke Steuersenkungen und radikal freie Wirtschaft. Beide sind um die 40 Jahre alt (Mentzen 39, Bosak 44), was sehr jung für Berufspolitiker dieser Position ist. Sie sind es, die mit Abstand die meisten jungen Menschen in Polen ansprechen.</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/zaghafte-regierung-weitreichende-folgen/">Bereits im Präsidentschaftswahlkampf zeigte sich der Erfolg der Ultrarechten</a>, als Mentzen im ersten Wahlgang 14,81 % der Wählerstimmen auf sich vereinen konnte. Dies hatte er seinem aufwendigen und intensiven Wahlkampf zu verdanken. Er zeigte sich volksnah und jugendlich, nutzte medienwirksam einen E-Roller und häufig Social Media, um junge Wähler zu erreichen. Was jedoch die meisten potenziellen Wähler überzeugt hatte, war das Versprechen, das alte Establishment zu zerschlagen und eine neue Politik in Polen zu betreiben.</p>
<p>Seitdem hat sich die Konfederacja als drittstärkste politische Kraft in Polen etabliert und wird von der PiS als potenzieller Partner in Betracht gezogen. Jarosław Kaczyński ist jedoch nicht besonders geschickt darin, <a href="https://www.tvp.info/88948844/jaroslaw-kaczynski-uderza-w-slawomira-mentzena-i-jego-partie-nowa-nadzieje-to-nie-sa-nasi-sojusznicy-sa-gotowi-zawrzec-sojusz-z-po">da ihm Mentzen weniger sympathisch ist, er bevorzugt Krzysztof Bosak</a>. Der Grund dahinter ist wahrscheinlich der Wunsch, die Konfederacja zu spalten und sich so den nationalistischen Flügel Bosaks sich einzuverleiben. Dies ist der Konfederacja allem Anschein nach klar, genauso wie dass es für sie als Partei sehr gefährlich werden könnte, mit der PiS eine Koalition einzugehen. Erstens würden sie sehr viele Wähler enttäuschen, die sie eben als Oppositionspartei zur PiS gewählt haben. Viele junge Männer wählten die Konfederacja, weil sie nicht zum alteingesessenen Establishment gehört. Zweitens hat die Geschichte gezeigt, dass alle Juniorpartner der PiS an den Koalitionen mit ihr zerbrochen sind. Die Liste der Parteien, die im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit der PiS an politischer Eigenständigkeit verloren haben, ist lang: Samoobrona RP, Liga Polskich Rodzin (LPR), Porozumienie Jarosława Gowina, Suwerenna/Solidarna Polska und Kukiz’15. Die Konfederacja will um jeden Preis vermeiden, in eine ähnliche Lage zu geraten.</p>
<p>Es ist klar ersichtlich, dass die ultrarechten Gruppierungen Konfederacja und die Partei Brauns KKP <a href="https://www.newsweek.pl/polska/polityka/pis-wyraznie-traci-trudno-bedzie-zwiekszyc-poparcie/91mwyrn">seit dem Präsidentschaftswahlkampf 2025 den größten Stimmenzuwachs</a> erhalten haben. Dementsprechend dürfte die Konfederacja bei den Wahlen 2027 eine Schlüsselrolle einnehmen und zu einem der begehrtesten Koalitionspartner werden – nicht nur für die PiS. Braun hingegen ist für viele, auch konservative Wähler nicht tragbar, kann aber trotzdem vor allem der PiS behilflich sein, an die Macht zu gelangen. Bei realistischer Betrachtung der polnischen Parteienlandschaft ist es jedoch am wahrscheinlichsten, dass beide gezielt in der Opposition bleiben, da es sich von dort aus viel einfacher provozieren und kritisieren lässt. Die Parteiprogramme werden häufig als wenig realistisch bewertet, da die Finanzierung vieler Vorhaben als unzureichend oder nicht nachvollziehbar gilt. Ein wichtiges Element ihrer Politik ist die Ablehnung der Unterstützung der Ukraine. Darüber hinaus enthalten sie Positionen, die von Kritikern als problematisch eingestuft werden, etwa eine ausgeprägt EU-skeptische Haltung oder – im Fall Brauns – die Bezugnahme auf verschwörungsideologische Narrative. Für viele Anhänger ist auch die zunehmende Zersplitterung des rechten Lagers besorgniserregend, da sie die politische Durchsetzungsfähigkeit des rechten Spektrums beeinträchtigen könnte.</p>
<h3><strong>Wandel in der Nowa Lewica / Razem</strong></h3>
<p>In der politischen Linken in Polen ist ein Bruch bereits kurz nach den Wahlen 2023 eingetreten. Die Partei Razem um Adrian Zandberg hat sich bereits sehr früh aus der Fraktion der Linken verabschiedet. Grund hierfür war, dass die Partei Nowa Lewica in die Koalition von Donald Tusk eingetreten ist, was Razem von vornherein ausgeschlossen hatte. Sie kritisierten die unzureichende Sozialpolitik, fehlenden Wohnungsbau und Arbeitsmarktreformen. Sie warfen den Kollegen der Nowa Lewica vor, sich zu weit Richtung Zentrum zu bewegen und ihre linken Ideale zu verraten. Dies führte dazu, dass Adrian Zandberg 2025 als Präsidentschaftskandidat antrat und ein sehr gutes Ergebnis erzielte mit 5%. Dies war ein ähnlicher Effekt, wie wir ihn auch bei der Konfederacja gesehen haben, weil viele vor allem junge Menschen sich für die radikalen Ränder der Parteienlandschaft entschieden, um den Duopol abzustrafen.</p>
<p>Die Prognosen sagen derzeit voraus, dass die Nowa Lewica mit 4% bis 8% relativ gute Chancen hat, 2027 erneut in den Sejm einzuziehen. Razem hingegen könnte hingegen am Einzug ins Parlament scheitern, da die Werte derzeit nicht die 5%-Marke nicht überschreiten. Es bleibt abzuwarten, ob die beiden linken Parteien ihre politische Relevanz in einer zunehmend nach rechts tendierenden Gesellschaft aufrechterhalten können.</p>
<h3><strong>Eskalationen gegenüber Berlin und Kyjiw</strong></h3>
<p>Weiterhin ist Geschichtspolitik ein ausschlaggebender Faktor der innenpolitischen Machtkämpfe. Derzeit bewegen vor allem zwei Ereignisse das Land.</p>
<p>Einerseits findet parteiübergreifend eine öffentliche Diskussion zum Thema Ukraine und ihrem Verhältnis zu nationalistischen Partisanenverbänden statt. Bezugspunkt ist der ukrainische <a href="https://www.dw.com/de/historischer-streit-zwischen-polen-und-ukraine-was-ist-die-upa/a-77696629">Umgang mit der nationalistischen OUN/UPA</a> und dem von ihnen im Jahr 1943 verübten Massaker von Wolhynien, das Polen als Völkermord einstuft. Bereits im Präsidentschaftswahlkampf wurde das Thema von konservativen und nationalistischen Kandidaten instrumentalisiert, um patriotische Wählergruppen zu mobilisieren und ihre geschichtspolitischen Positionen zu stärken. Doch jetzt hat der geschichtspolitische Konflikt wieder an Brisanz zugenommen. Wolodymyr Selenskyj entschied am 27. Mai 2026, einer Sondereinheit der ukrainischen Streitkräfte den <a href="https://www.deutschlandfunk.de/polen-empoert-ueber-selenskyj-wegen-benennung-von-militaereinheit-nach-vorbild-aus-zweitem-weltkrieg-102.html">Ehrennamen „<em>Helden der UPA“</em> zu verleihen</a>. Dies ist in Polen auf große Kritik und Unverständnis getroffen, nicht nur in radikal rechten Kreisen. Schließlich war es die OUN/UPA, eine selbsterklärte faschistisch-nationalistische Organisation, die während des Zweiten Weltkriegs nicht nur mit Hitlerdeutschland bereitwillig kollaboriert hat, sondern auch für ethnische Morde an Polen, Juden und anderen nationalen Minderheiten in der Zeit von 1943 bis 1947 verantwortlich war. In der Ukraine werden die Mitglieder der OUN/UPA als Nationalhelden betrachtet, vor allem da sie gegen die Kommunisten und die Sowjetisierung der Ukraine gekämpft haben. Warum heutige ukrainische Politiker die nationalistische Organisation ehren, ist ihr Kampf für eine unabhängige Ukraine, wobei andere Fakten, wie Kollaboration und Völkermord, gerne beiseitegeschoben werden. Es werden auch innerpolitische Probleme und die zunehmende Unbeliebtheit von Selenskyj genannt, die zu der Entscheidung beigetragen hätten. Die Benennung einer ukrainischen Abteilung der Streitkräfte als <em>„Helden der UPA“</em> wurde von nahezu allen polnischen Politikern ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit kritisiert. Das größte und bedeutendste Echo kam jedoch von polnischen Präsidenten Karol Nawrocki. Dieser forderte, Wolodymyr Selenskyj die höchste polnische <a href="https://www.rp.pl/dyplomacja/art44494111-karol-nawrocki-chce-odebrania-wolodymyrowi-zelenskiemu-orderu-orla-bialego-jest-reakcja-donalda-tuska">Auszeichnung den Orden des weißen Adlers zu entziehen</a>, den sein Vorgänger Andrzej Duda ihm verliehen hat. Dem hat sich sogar Lech Wałęsa angeschlossen, der seit Beginn des Kriegs 2022 ein sehr großer Unterstützer der Ukraine ist. Am 19. Juni 2026 <a href="https://www.prezydent.pl/aktualnosci/wypowiedzi-prezydenta-rp/wystapienia/sejm-oredzie-prezydenta-rp-karola-nawrockiego%2C104661">verkündete Nawrocki nach langer Bedenkzeit die offizielle Aberkennung des Ordens</a>. Direkt am nächsten Tag kam die Antwort aus der Ukraine, dass auch andere ukrainische Politiker, darunter alle ehemaligen ukrainischen Präsidenten, <a href="https://jedynka.polskieradio.pl/publicystyka/prezydenci-ukrainy-zwracaja-polsce-ordery-mularczyk-dlaczego-nie-oddadza-czolgow">ihre von Polen verliehenen Auszeichnungen zurückgeben werden</a> und dass Selenskyjs Orden bereits auf dem postalischen Weg nach Warschau ist.</p>
<p>Diese Entwicklung erfreut nur einen, und das ist Putin. Nawrocki hat in dieser Situation emotional überreagiert und innenpolitisch motiviert gehandelt, da er mit dieser Geste vordergründig Donald Tusk treffen wollte. Das hat jedoch nicht funktioniert. Diese Eskalation zwischen der Ukraine und Polen wird auch weiterhin das Verhältnis zueinander bestimmen und im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen. Der Konflikt eskaliert weiterhin, da Selenskyj angekündigt hat, ein Nationales Pantheon errichten zu wollen, wo ukrainische Helden geehrt werden sollen, die für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine gekämpft haben. Polen sieht darin eine weitere Provokation, da dort wohl auch die Gebeine von UPA-Mitgliedern wie Stepan Bandera oder Roman Schuchewytsch, die für die Morde an Polen in Wolhynien und Ostgalizien maßgeblich verantwortlich waren, ihren Platz finden sollen. Der Konflikt hat grade erst begonnen und wird die polnisch-ukrainischen Beziehungen für die nächsten Jahre prägen.</p>
<p>Eine weitere außen- und geschichtspolitische Eskalation konnte man am 16. Juni 2026 in Berlin beobachten. Der PiS-nahe Nationalist <a href="https://www.polskieradio.pl/400/7764/artykul/3699048,bakiewicz-nach-festnahme-in-berlin-sie-sperrten-mich-in-einen-k%C3%A4fig-ohne-luft%E2%80%9C">Robert Bąkiewicz</a> ist mit Mitgliedern seiner Bürgerwehr „Ruch Obrony Granic“ (deutsch: Grenzschutzbewegung) nach Berlin gereist, <a href="https://www.deutsches-polen-institut.de/mediathek/podcast-alles-ueber-polen-folge-29-zwischen-kooperation-und-konfrontation">um an dem Denkmal für die polnischen Opfer des Nationalsozialismus 1939–1945 der ermordeten Polen zu gedenken</a>. Die Mitglieder hatten ein etwa zwei Meter großes Holzkreuz dabei, das sie dort aufstellen und einzementieren wollten. Die Berliner Polizei hat ihnen jedoch untersagt, dort eine Kundgebung abzuhalten, da keine Demonstration oder Versammlung angemeldet worden war. Ihnen wurde von einem polnischsprachigen Übersetzer erklärt, dass sie den Ort einzeln aufsuchen und dort auch beten dürften, jedoch nicht mit dem Kreuz. Daraufhin begannen Mitglieder der Grenzschutzbewegung sich mit dem Kreuz auf die Polizeibeamten zuzubewegen und dabei <em>„Gestapo“</em> zu rufen. <a href="https://www.rp.pl/komentarze/art44640371-estera-flieger-robertowi-bakiewiczowi-w-berlinie-nie-chodzilo-o-pamiec">Die Situation eskalierte</a>, es kam zu gewaltsamen Festnahmen, da sich die Mitglieder gewaltbereit zeigten und sich nicht an die Anweisungen der Polizei hielten. Dies wurde von einem Fernsehteam des PiS-nahen Senders TV Republika begleitet und aufgenommen, <a href="https://wyborcza.pl/7,75399,32859482,akcja-roberta-bakiewicza-w-berlinie-trudno-uwierzyc-w-zbieg.html">was als gezielte mediale Inszenierung interpretiert werden kann</a>.</p>
<p><a href="https://pl.euronews.com/europa/2026/06/17/awantura-wokol-krzyza-w-berlinie-bakiewicz-zatrzymany-przez-policje">Medienwirksam</a> wurden Bilder in die Welt gesandt, auf denen Polen angeblich unrechtmäßig von der deutschen Polizei, die sie als <em>„Gestapo“</em> bezeichnen, zusammengeschlagen werden und leidend am Straßenrand liegen. Noch am selben Tag ging eine Delegation, bestehend aus PiS-Politikern und selbsternannten polnischen Patrioten, zur Deutschen Botschaft in Warschau und <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/polizei-stoppt-polnische-rechtsextremisten-in-berlin-200938489.html">forderte Aufklärung</a> der Sachlage sowie eine Entschuldigung von deutscher Seite. Am Folgetag trat sogar die <a href="https://www.onet.pl/styl-zycia/plejada/blanka-bakiewicz-dziekowala-andrzejowi-dudzie-kim-jest-corka-aktywisty/w9hwkkf,0898b825">Tochter Bąkiewiczs vor die Kamera</a> und verschärfte die Stimmung, indem sie berichtete, ihr Vater habe sich wiederholt übergeben und Rippenbrüche erlitten; zudem seien die Bedingungen, unter denen die Polizei die polnischen Patrioten festgenommen habe, unmenschlich gewesen – im Transportwagen habe es keine Klimaanlage gegeben! Es war klar ersichtlich, dass die Gruppe um Bąkiewicz bereits vor der Ankunft in Berlin genau wusste, was sie dort vorhatten, nämlich medienwirksame Bilder liefern, die zeigten, dass Deutschland sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht verändert habe. Sie wollten anprangern, dass ihnen verboten wurde, vor einem Gedenkstein, der für ihre Landsleute errichtet wurde, zu beten und zu gedenken. Finales Ziel dieser inszenierten Aktion war es wieder einmal Donald Tusk zu treffen, dem man nun vorwirft tatenlos zuzusehen, wie Polen von deutschen Sicherheitskräften angeblich misshandelt werden. Diese Ereignisse werden als Argument genutzt, um seine angebliche Nähe zu Deutschland und eine geringere Loyalität gegenüber Polen zu belegen.</p>
<p>Diese Diskussionen, die auf Grundlage der Geschichtspolitik geführt wird, werden einen erheblichen Einfluss auf den Wahlkampf und den Ausgang der Wahl 2027 in Polen haben. Bereits in vergangenen Wahlkämpfen wurde dies deutlich. Angesichts der hohen emotionalen und historischen Bedeutung der Themen ist davon auszugehen, dass es im politischen Wettbewerb vor den Wahlen 2027 eine wichtige Rolle spielen und zur Polarisierung der Wählerschaft beitragen wird.</p>
<h3><strong>Eine (unnötige) Verfassungsdebatte des Präsidenten</strong></h3>
<p>Eine weitere Tendenz, die seit der Wahl Karol Nawrockis zu beobachten ist, ist sein Vorhaben das Präsidialamt mittels einer neuen Verfassung zu stärken. Bereits in seiner Antrittsrede kündigte er eine Arbeitsgruppe an, die <a href="https://www.prezydent.pl/aktualnosci/wypowiedzi-prezydenta-rp/wystapienia/sejm-oredzie-prezydenta-rp-karola-nawrockiego%2C104661?__cf_chl_f_tk=mgonB0eXuFSWdbZ0Cyaj1yZe8Rd4n2HVvZnMF655JqU-1783317343-1.0.1.1-__3WwInMcyNcG5xGezGlZq.CGG0E3JbbFyVzJ594OK0">die polnische Verfassung von 1997 bis spätestens 2030 überarbeiten</a> soll. Sein großes Vorbild und Idol ist Donald Trump. Sein Ziel ist es auch in Polen ein präsidentielles System nach dem Vorbild der USA einzuführen. Der Weg zu einer neuen Verfassung ist jedoch steinig, da bis zum Abschluss des Verfahrens weiterhin <a href="https://www.bpb.de/themen/europa/polen/563410/das-politische-system-polens/">die geltende Verfassung</a> beachtet werden muss. Diese sieht vor, dass sowohl der Sejm als auch der Senat einer Verfassungsänderung zustimmen müssen. Der Sejm beschließt sie mit einer Zweidrittelmehrheit bei Anwesenheit von mindestens der Hälfte der gesetzlichen Zahl der Abgeordneten, der Senat mit absoluter Mehrheit bei Anwesenheit von mindestens der Hälfte der gesetzlichen Zahl der Senatoren. Bei der zutiefst polarisierten und gespaltenen politischen Landschaft Polens ist dies ein nahezu unmögliches Unterfangen. Als abschließender Schritt wäre voraussichtlich noch ein Referendum nötig, da eine vollständige Neufassung der Verfassung aller Wahrscheinlichkeit nach den grundlegenden Prinzipien des Staates sowie die Grundrechte und -freiheiten betrifft. Man sieht, es wäre ein sehr langer uns schwieriger Prozess, jedoch nicht unmöglich. Die Wahl 2027 ist ein erster Schritt, der zeigen wird, ob ein solches Projekt Zukunft haben wird. Wichtiger ist es allerdings, die heutigen Probleme auf internationaler Ebene sowie innenpolitisch in den Griff zu bekommen.</p>
<h3><strong>Noch ist (fast) alles offen</strong></h3>
<p>Abschließend lässt sich anmerken, dass die derzeitigen Wahlprognosen natürlich kein geschichtetes Ergebnis der Resultate von 2027 abbilden. Es ist noch über ein Jahr Zeit bis zu den Wahlen. Jeder weiß, dass sich in diesem Zeitraum sehr viel verändern kann und auch verändern wird. Es ist heute noch nicht abzusehen, ob die polnische Parteienlandschaft sich erweitert und neue Parteien hinzukommen, Wahlbündnisse geschlossen werden oder altbekannte Parteien auseinanderbrechen. Erschwerend kommt hinzu, dass die kleineren Parteien oft zu radikal auftreten, um einen mehrheitlichen Teil der Bevölkerung zu mobilisieren. Die Fortführung der bisherigen Regierungskoalition gilt als unwahrscheinlich, da Polska 2050 nach aktuellen Umfragen vor einem politischen Niedergang steht. Es ist anzunehmen, dass weiterhin die militärische Sicherheit in Kriegszeiten eines der entscheidenden Themen im Wahlkampf sein wird, genauso wie die Ausgestaltung der Beziehungen zu den Nachbarstaaten Deutschland und Ukraine sowie der Europäischen Union und den USA. Besonders die rechten Parteien bauen einen Großteil ihrer politischen Legitimation auf Konkurrenzdenken und Abgrenzung zu anderen auf, was in Krisenzeiten viele Menschen anspricht und Sicherheit liefern soll und ihren starken Zulauf erklärt.</p>
<p>Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass man nächstes Jahr in unserem östlichen Nachbarland einen außergewöhnlichen, spektakulären und deutlichen Sieg der liberalen Demokraten erleben wird, wie es dieses Jahr in Ungarn Péter Magyar gelang. Polens eindeutige politische Richtung zeigt derzeit nach rechts. Hinzu kommt, dass die politische Lage in Polen festgefahren ist, nicht zuletzt aufgrund der anhaltenden Dominanz des parteipolitischen Duopols. Es fehlt an einer kompetenten, vertrauenswürdigen und charismatischen Figur, die die Menschen vereint und nicht spaltet. Die Wähler lehnen die Galionsfiguren der Altparteien zunehmend ab. Diese Entwicklung will man bisher in KO und PiS nicht so recht zur Kenntnis nehmen. Wenn sie sich jedoch nicht so bald wie möglich auf die veränderten Bedingungen einstellen, wird nur der radikale Rand gestärkt. Es steht jedenfalls fest: Beide Parteivorsitzenden würden ihrer jeweiligen Partei einen großen Gefallen tun, wenn sie das Feld jüngeren und unverbrauchten Gesichtern überlassen würden.</p>
<p><strong>Ines Skibinski</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2026. Am 17. August 2026 wurden die Passagen zur nach Erstveröffentlichung vollzogenen Spaltung der PiS ergänzt. Internetzugriffe zuletzt am 7. Juli 2026 beziehungsweise für die Ergänzung am 17. August 2026. Titelbild: Marktplatz von Katowice, Foto: pixabay.)</p>
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		<title>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 01 Jul 2026 05:51:53 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel „Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-8 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-7 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die unerzählten Geschichten Buchenwalds </strong></h1>
<h2><strong>Ein Essay anlässlich des Buches „Landschaft ohne Zeugen“ von Ines Geipel</strong></h2>
<p><em>„Über die Shoa, die systematische Vernichtung von sechs Millionen Juden (die Zahl war in der Sowjetunion bis zu deren Ende in der breiten Öffentlichkeit unbekannt) wurde geschwiegen. An den Massengräbern der erschossenen Juden in Belorussland und der Ukraine standen Tafeln, die an die <u>Opfer der deutsch-faschistischen Eroberer</u> erinnerten. Seit dem Sommer 1943 hatte das JAK Dokumente über die Ermordung der Juden in der besetzten Sowjetunion gesammelt. Ilja Ehrenburg und Wassili Grossmann gelang es dennoch nicht, ein geplantes <u>Schwarzbuch</u> zu veröffentlichen. Die Argumentation war die übliche: Das Schicksal der Juden darf gegenüber dem einfachen sowjetischen Bürger nicht hervorgehoben werden. Das spezifische Leid der Juden während des Zweiten Weltkriegs wurde weder in den Schulen und Hochschule noch in der Kunst thematisiert.“ </em>(<a href="https://www.hentrichhentrich.de/de/programm/produkt/die_drei_leben_des_meir_schwartz">Anja Schindler, Die drei Leben des Meir Schwartz – Das Schicksal meines Vaters</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2018)</p>
<p>Spuren, Geräusche, Schatten, Bilder erscheinen in Alpträumen, lassen nicht mehr in Ruhe schlafen, verhindern Vergessen, belasten ein Leben lang. Menschen, die Schlimmstes erlebt haben, Deportation, Folter, Hunger und Zwangsarbeit, den Tod anderer Menschen, aus der Familie, dem Freundes- und Bekanntenkreis, erleben immer wieder, dass andere meinen, es müsste doch endlich einmal ein Schlussstrich gezogen werden, das sei doch alles <em>„Geschichte“ – </em>eine euphemistische Formel dafür, dass man darüber eigentlich gar nicht mehr reden sollte. Ob eine solche Formel die persönliche oder gar die kollektive Psyche tatsächlich entlastet, darf bezweifelt werden. Wäre sie erfolgreich, sodass letztlich nur die Überlebenden und ihre Nachgeborenen mit ihrem Leid, ihrer Erinnerung allein blieben, gäbe es nicht immer von Neuem eine Debatte darüber, warum nicht endlich einmal Schluss sein möge, mit all diesen Beschuldigungen, Erinnerungen, Aufrufen zum gemeinsamen Gedenken.</p>
<h3><strong>Gesteuerte Aufmerksamkeit</strong></h3>
<p>Man mag in diesem Sinne den Namen „Buchenwald“ unterschiedlich belegen, als Ort der Shoah und des Terrors der Nazis gegen jede Opposition, als Gedenkstätte, die regelmäßig von Schulklassen aufgesucht wird, um dort mehr oder weniger freiwillig etwas über die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu erfahren, oder auch als Ort einer staatlich gesteuerten Gedenk- und Geschichtspolitik, wie dies in DDR von Beginn an geschah. Buchenwald war der Ort, den Jugendliche vor allem aus dem Süden der DDR anlässlich ihrer Jugendweihe gemeinsam aufsuchten, um sich zum revolutionären und antifaschistischen Erbe der DDR zu bekennen. Der Besuch war Teil des Vorbereitungsjahres zur Aufnahme in die FDJ. Im Norden der DDR fuhr nach Sachsenhausen oder Ravensbrück.</p>
<p>Buchenwald war der ideologische und mystifizierte Ort, an dem sich sowjetisch-kommunistisches, antifaschistisches Gedenken über die vier Jahrzehnte der DDR kristallisierte. Ostdeutsche Unschuld stand westdeutscher Schuld gegenüber. In einem <a href="https://www.sueddeutsche.de/leben/deutschland-ns-vergangenheit-schweigen-familien-li.3499427">Gespräch vom 30. Juni 2026 mit der Süddeutschen Zeitung</a> sagte Ines Geipel: <em>„Im Osten gab es offiziell ja keine Nazi-Täter. Laut Staatsmythos hockten sie allesamt im Westen. Die DDR war damit ein lupenreines Opferkollektiv. Das war das große Entlastungsangebot der kommunistischen Staatspartei gegenüber der eigenen Bevölkerung. Bei Lichte besehen wurde es zur inneren DDR-DNA mit frappierender Langzeitwirkung. In der Realität jedoch waren mehr als 30 Prozent der Ostdeutschen am Kriegsende in Naziorganisationen gewesen, anderthalb Millionen in der NSDAP. Eine Belastung, die im Grunde die zweite deutsche Diktatur mit ermöglichte. Denn die kampferprobten, erfahrenen Kommunisten und SPDler aus der Weimarer Republik wurden oft genug durch Altnazis in der zwangsvereinten Partei ersetzt. Und Auschwitz? Das war einzig ein Problem des Westens.“ </em></p>
<p>Gefeiert und geehrt wurde der Widerstand der kommunistischen Häftlinge in Buchenwald, während alle anderen, nicht zuletzt auch die dort inhaftierten und ermordeten Jüdinnen und Juden in der DDR mehr oder weniger aus dem offiziellen Gedenken verschwanden. Aber auch die kommunistischen Häftlinge mussten sich der DDR- und Parteiführung beugen, die das Exil in Moskau überlebt hatte und jede innerparteiliche Opposition, gleichviel ob real existent oder nur vermutet, auszuschließen bestrebt war. Dabei half den <em>„Moskauern“</em> die Verstrickung der im Lager inhaftierten Kommunisten in Kollaborationen mit der SS. Im Lager regelten sie interne Auseinandersetzungen mit der SS, nicht zuletzt indem sie in den sogenannten <em>„Spritzkommandos“ </em>mordeten. Der bekannteste Überlebende der Buchenwalder Kommunisten war Walter Bartel, den die DDR- und SED-Führung zur Ikone ihres Bildes vom heldenhaften kommunistischen Widerstand in Buchenwald machte.</p>
<div id="attachment_8154" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8154" class="wp-image-8154 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-768x1252.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-942x1536.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1200x1956.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer-1256x2048.jpg 1256w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-S.-Fischer.jpg 1514w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-8154" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Ines Geipel hat mehrfach, 2019 in <a href="https://www.klett-cotta.de/produkt/ines-geipel-umkaempfte-zone-9783608115185-t-1196">„Umkämpfte Zone – Mein Bruder, der Osten und der Hass“</a>, 2026 in <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-landschaft-ohne-zeugen-9783103977363">„Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss der Erinnerung“</a> die Engführung von Erinnerungskultur in der DDR zum Thema gemacht. Am 19. März 2026 sprach sie bei der Vorstellung ihres Buches auf der Leipziger Buchmesse in einer Veranstaltung des Mitteldeutschen Rundfunks davon, es gebe <em>„eine Gravitation um diesen Ort“</em> und zitierte damit den Titel des ersten Kapitels: <em>„Gravitation in Kreisen“</em>. Sie sehe ihr Buch als eine Unterstützung der Gedenkstätten, die bei einer AfD-Regierung wohl geschlossen würden. Ein Motiv ihrer Recherchen und ihres Schreibens sie jedoch auch die Aussage gewesen, 1989 habe man der DDR auch noch den <em>„roten Antifaschismus genommen“</em>. Sie selbst schreibt als Nachfahrin von Tätern, des Vaters (in der DDR) und der Großväter (im NS-Deutschland). Sie kennt das Schweigen, Be- und Verschweigen in der Familie. Sie kennt die <em>„hochgradige Ambivalenz und Vielfalt der Opfer und die Vielfalt der Täter“</em>, in der NS-Zeit wie in der Zeit der SED-Herrschaft: <em>„Wir Ostdeutschen haben mit unserer belasteten Geschichte genauso eine Tätergeschichte wie der Westen.“</em></p>
<p>Manche versuchen, ihren Unwillen an einer offenen Auseinandersetzung mit der eigenen Täterschaft oder der Täterschaft ihrer Vorfahren zu kompensieren, indem sie die Gruppe, der sie selbst angehören, heroisieren oder die öffentliche Aufmerksamkeit einfach auf ein anderes Erinnerungsfeld umlenken, das doch – so werden sie nicht müde zu betonen – viel dringlicher wäre. <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/rothberg_bpb_LESEPROBE.pdf"><em>„Multidirektionale Erinnerung“</em></a> lautet das von dem US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Rothberg in die Debatte eingeführte Zauberwort der Ab- und Umlenkung des Erinnerns. Jede Erinnerung hat selbstverständlich ihren Grund, ihre Berechtigung, doch gefährlich wird es, wenn Verbrechen gegeneinander aufgerechnet werden wie in den letzten Jahren die Verbrechen der Shoah mit den Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft und eine Art Hierarchie der Opfer, Hierarchie des Gedenkens entstehen soll, die sich letztlich in dem Anliegen begründet, dass das schon so lange Erinnerte, konkret die Shoah, mit der Zeit doch aus der allgemeinen öffentlichen Aufmerksamkeit verschwinden möge.</p>
<p>So geschah es nach 1945 schon sehr früh im sowjetischen Machtbereich, in der Sowjetunion, daher natürlich auch in der DDR: Nur der kommunistische Widerstand gegen die Nazis wurde als Gegenstand der Erinnerung akzeptiert. Jede andere Erinnerung, jedes andere Gedenken, wurde geradezu im doppelten Sinne des Wortes ausgeschlossen. Paul Merker wurde aus der SED ausgeschlossen, inhaftiert und verurteilt, weil er als einziger <em>„im Zentralkomitee und im Politbüro der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und späteren Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED)“</em> war, <em>„der die jüdische Frage in den Mittelpunkt der kommunistischen Theorie und Praxis setzen wollte und konnte.“</em> Die Verurteilung von Paul Merker vollzog sich im Rahmen von Stalins <em>„Kampagne gegen den ‚Kosmopolitismus‘“</em> sowie im Wissen um das Luxemburger Abkommen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Während Walter Ulbrecht und Wilhelm Pieck argumentierten, der Sieg über den Nationalsozialismus als <em>„Entschädigung“</em> der Juden zu werten wäre, wies Paul Merker darauf hin, dass Juden <em>„nur verfolgt wurden, da sie Juden waren“</em> und daher <em>„hätten sie die gleichen Anrechte auf eine Wiedergutmachung wie alle anderen Nationen.“</em> Das Urteil gegen Merker wurde 1956 aufgehoben, er <em>„durfte auch als Lektor in Berlin arbeiten“</em>. <a href="https://history.umd.edu/directory/jeffrey-herf">Jeffrey Herf</a> bezeichnet den <em>„Fall Merker“</em> als <em>„Wendepunkt im Verhältnis der DDR zur jüdischen Frage.“</em> (alle Zitate in diesem Absatz nach Jeffrey Herf, Ein antisemitisches Gerichtsurteil, in: Anetta Kahane / Martin Jander, Hg., <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/juden-in-der-ddr/">Juden in der DDR – Jüdisch sein zwischen Anpassung, Dissidenz, Illusionen und Repression</a>, Leipzig, Hentrich &amp; Hentrich, 2021)</p>
<p>Die AfD verfährt nach diesem sowjetisch-kommunistischem Muster, wenn sie die Zeit von 1933 bis 1945 aus dem nationalen Gedenken so weit wie möglich streichen will, zunächst wohl durch rhetorische Abwertung, schließlich im Falle einer Übernahme der Regierung mit der Streichung von Zuwendungen aus den Landeshaushalten für die Gedenkstätten. Sie will ausweislich ihres Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt 2026 die Völkerschlacht von Leipzig des Jahres 1813 und die Reichsgründung von 1871 zum Momentum des Gedenkens erheben. Vorbild würde das deutsche Kaiserreich, möglicherweise mit dem Subtext eines antifranzösischen Ressentiments, das die Aussöhnung der Bundesrepublik Deutschlands und Frankreichs im Jahr 1963 konterkariert. Bismarck statt Adenauer? In dieser Absicht spiegelt sich durchaus die sowjetische Sicht des Gedenkens, die sich in der DDR durchsetzte. Die Shoah verschwindet aus dem offiziellen Gedenken. Dieses sollte ausschließlich dem kommunistischen Widerstand gelten<a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/sowjetische-protokolle/">. Der sich in der Regel als Antizionismus tarnende sowjetische Antisemitismus</a> konnte sich frei entfalten, weil die Shoah aus dem öffentlichen Gedenken mehr oder weniger eliminiert wurde.</p>
<h3><strong>Kollektive Verantwortung</strong></h3>
<div id="attachment_8155" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8155" class="wp-image-8155 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--200x150.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--300x225.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--400x300.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--600x450.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--768x576.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--800x600.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1024x768.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1200x900.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/07/Ines-Geipel-Landschaft-ohne-Zeugen-Seitenbild-Foto-NoRei.--1536x1152.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-8155" class="wp-caption-text">Foto: NoRei.</p></div>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ hätte angesichts der Fülle des Materials eine 1.000seitige Monographie werden können, die nur noch von Spezialisten rezipiert worden wäre. Ines Geipel ist es jedoch gelungen, auf etwa 300 Seiten ein sehr gut lesbares, eingängiges und im besten Sinne aufklärerisches Buch zu schreiben. Ines Geipel erzählt die Geschichte des Erinnerns an die Shoah in der DDR als eine Geschichte, die alle, die in der DDR aufwuchsen, gleichermaßen prägte. Auf jeder Seite des Buches bietet sie zugleich unmittelbaren Einblick in ihre Quellen. Unter ihrem Text sehen wir – in grauen Kästen – Auszüge aus den Akten.</p>
<p>Es geht Ines Geipel nicht um eine Schuldzuweisung im Sinne einer angenommenen <a href="https://www.bpb.de/themen/antisemitismus/dossier-antisemitismus/was-heisst-antisemitismus/glossar-antisemitismus/559884/kollektivschuld/"><em>„Kollektivschuld“</em></a> <u>aller</u> Deutschen, gleichviel ob Ost oder West. Diese Abgrenzung ist meines Erachtens wichtig, weil sich die geschichtspolitischen Ansichten rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Akteure immer wieder auf die Annahme beziehen, man wolle den Deutschen eine solche <em>„Kollektivschuld“</em> verordnen. Sie nutzen den Begriff der <em>„Kollektivschuld“</em> als Kampfbegriff, um ihre Gegner zu diffamieren. Sie spiegeln darin den antifaschistischen Anspruch von SED und DDR, die den Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland eine <em>„Kollektivschuld“</em> zuwiesen, während die Deutschen in der DDR mit der sowjetischen Befreiung und der Staatsgründung am 7. Oktober 1949 per se auch von jeder Mitschuld befreit worden wären. Im sozialistischen, antifaschistischen <em>„Sein“</em> habe gemäß der berühmten Formel von Karl Marx das faschistische <em>„Bewusstsein“</em> keinen Ort mehr. Wer etwas anderes behaupte, könne nur als Agent des imperialistischen Westens und Wiedergänger der Nazis bewertet werden.</p>
<p>Ines Geipel differenziert die Frage der <em>„Schuld“</em> durchaus im Sinne der wegweisenden Vorlesung von Karl Jaspers aus dem Wintersemester 1945/1946 in Heidelberg: <a href="https://jaspers-stiftung.ch/de/karl-jaspers/die-schuldfrage">„Die Schuldfrage“</a>: Jaspers unterschied zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld. Karl Jaspers schrieb allerdings auch: <em>„Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit“</em>. Das wäre in etwa die <em>„politische Schuld“</em>, die die in einem verbrecherischen Staat lebenden Menschen miteinander teilen, auch wenn sie persönlich keine unmittelbar <em>„kriminelle“</em> Schuld träfe. Auftrag sei daher eine Art <em>„moralische Umkehr“</em>, die wiederum im <em>„metaphysischen“</em> Sinne, je nach religiöser Identität, vor Gott Bestand haben könne. Yfaat Weiss, Professorin für Jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Direktorin des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow in Leipzig, reflektiert diese Frage der <em>„kollektiven Haftung“</em> in ihrem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/wissendes-schweigen-a-mr-80-2-33/">„Wissendes Schweigen – Über Schuldfragen und andere Bedenken“</a> (in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Februar 2026) im Hinblick auf die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen seit der Staatsgründung bis hin zu Israel nach dem 7. Oktober. Zuschreibungen aus unterschiedlichen Perspektiven und Eingeständnisse von Schuld und Verantwortung konterkarieren einander. Möglicherweise wäre in diesem Rahmen eine kontrastive Analyse der emotionalen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel sowie der DDR und den arabischen Ländern ein spannendes Kapitel historischer Forschung, das noch geschrieben werden sollte. „Landschaft ohne Zeugen“ bietet eine Fülle von Anknüpfungspunkten für eine solche Analyse.</p>
<p>„Landschaft ohne Zeugen“ ist gerade wegen der offen an- und ausgesprochenen Vergangenheiten in der eigenen Familie ein höchst persönliches Buch. Zugleich lässt das Buch die persönlichen und kollektiven Verstrickungen jedes einzelnen Menschen in der Erinnerungs- und Geschichtspolitik der DDR deutlich erkennen. Wer in der DDR aufwuchs, sich arrangierte oder in Konflikt mit den Behörden kam, dürfte ähnliche Verstrickungen berichten können, vorausgesetzt man begänne nachzufragen und nachzuforschen. Vielleicht ist das persönliche Zeugnis sogar die einzig angemessene Form, sich einer Vergangenheit und ihren Geschichtsbildern, ihren psychischen Folgen wie ihren Untiefen zu nähern und zu stellen. Was erleben 13-, 14jährige junge Menschen, wenn sie sich anlässlich ihrer Jugendweihe auf der staatlich verordneten Busreise nach Buchenwald diesen Untiefen nähern, auf dem <em>„Zeitplateau“</em> der Vergangenheit? Schafft es Überblick? Oder bleibt nur das Eingeständnis des Unwissens, einer Art von Verlorenheit in einer Geschichte, in der man den eigenen Ort noch nicht gefunden hat? <em>„Das mit dem Zeitplateau. Ihm würden wir nicht mehr entkommen. Aber das wussten wir nicht. Woher hätten wir das wissen sollen. Vielleicht ist es von heute aus das klarste Gefühl für diesen Ort: dass wir nichts wussten, nichts wissen sollten, nicht konnten.“</em></p>
<h3><strong>Erinnern – ein schmerzhafter und nie abschließbarer Prozess</strong></h3>
<p>Schon der Titel des Buches beschreibt das Dilemma jeder Erinnerungskultur: Wer kann überhaupt noch etwas bezeugen? Viele Zeugen, Zeuginnen erzählen ihre Sicht der Dinge, oft unwissend, oft auch ungeachtet der eigenen Täterschaft oder der Täterschaften ihrer Eltern und Großeltern. Andere können nichts mehr bezeugen, weil ihre Lebensäußerungen, Tagebücher, Briefe, Protokolle aus Prozessen nur noch rudimentär oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die Buchenwalderzählungen in der DDR sind ein Paradebeispiel einer solch selektiven Erinnerungskultur, offiziell wie halb offiziell. Im Untertitel des Buches erscheint das Dilemma, er erinnert an das Buch <a href="https://www.mitteldeutscherverlag.de/literatur/alle-titel-literatur/loest,-erich-durch-die-erde-ein-ri%C3%9F-ein-lebenslauf-detail">„Durch die Erde ein Riss“</a> von Erich Loest, der in der DDR inhaftiert wurde, weil er sich nicht dem Geschichts- und Erinnerungsdiktat der Partei unterwarf. Ohnehin ist Erich Loest für Ines Geipel eine wichtige Gewährsperson. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">Im Februar 2023 wurde sie mit dem Erich-Loest-Preis ausgezeichnet</a>. In ihrer Dankesrede zitierte sie einen Tagebucheintrag von Erich Loest aus dem Jahr 2008: „<em>Bei der Zusammenschau, der Deutung kommen wir nicht voran. Wir wursteln immer noch in der Frühphase der Zeitgeschichtsschreibung. Einfache Grundlagen bleiben ungefestigt.“</em></p>
<p>Erich Loest hatte sich in seinem Buch „Jungen, die übrig blieben“ (1950) mit seiner eigenen Vergangenheit in Hitlerjugend und in der Wehrmacht auseinandergesetzt, ein in der DDR nicht gerade populäres Projekt. Es gibt jedoch keine Zukunft ohne das Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit. Das sahen die Apologeten der staatlich fixierten Erinnerungs- und Geschichtspolitik anders. Ines Geipel beginnt konsequent mit ihrem eigenen Erleben als junges stotterndes Mädchen bei der Jugendweihe und – zwei Jahre später – ihrer Begegnung mit Walter Bartel höchstselbst, der staatlich inszenierten Ikone des kommunistischen Widerstands in Buchenwald: „<em>Ich weiß nicht mehr, wer ich mit 14 war. Natürlich weiß ich es. Blass, stotternd. Aber vielleicht ist das schon zu viel, vielleicht sollte ich es ruhiger angehen.“ </em>Die ersten Seiten des Buches lassen erahnen, wie schwer es ist, eine angemessene Sprache zu finden: <em>„In meiner Vorstellung drehten und wendeten sich die Wörter, wie ich wollte. Ich konnte mit ihnen jonglieren, sie hüpfen und tanzen lassen. Wo auch immer ich war, redete ich. Ich redete einfach durch. Direkt, impulsiv, auf der nicht abreißenden Wörterstraße entlang. So meine Vorstellung. In der Realität sah es anders aus. Da steckten die Wörter in mir fest. Sie wandten sich, kollerten, verklebten zu miesen Klumpen. Wenn sie irgendwann doch aus mir rauskamen, zerplatzten sie wie Knallbonbons. Es waren Luftstummel. Trümmerteile von dem, was mal meine Gedanken gewesen waren.“</em></p>
<p>Ines Geipel erfährt sich im Verlauf ihrer Recherchen und ihres Schreibens selbst, auch im Spiegel der wechselnden Identitäten ihres Vaters, der als Stasi-Agent im Ausland wirkte, ihrer Nazi-Großväter. Aber: „<em>Es gab mich und das Unflüssige, Verhakte. Das heißt ein paar Möglichkeiten, die Wörterfrage zu stellen und mit der nicht durchzukommen, sie nicht lösen zu können.“</em> Im Schreiben verflüssigt sich <em>„das Unflüssige“</em>, löst sich das <em>„Verhakte“</em>. Bei der Lektüre des Buches kann man Ines Geipel geradezu zusehen, wie sie recherchiert, versucht das Recherchierte zu ordnen, aufzuschreiben. Der <em>„Riss“</em> heilt nicht, aber er wird von Seite zu Seite klarer benannt. Er geht durch die ganze Familie, durch die einzelnen Menschen selbst, auch durch die Täter von und in Buchenwald, nicht nur die SS-Täter, auch die Buchenwald-Kommunisten in ihrer Konkurrenz zu den sogenannten <em>„Moskauern“</em>, den Kommunisten, die wie Walter Ulbricht in Moskau nicht nur die NS-Verfolgung, sondern auch den Terror und die Paranoia Stalins überlebt hatten. Die <em>„Moskauer“</em> übernahmen nach dem Sieg der Roten Armee in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR die Herrschaft. Nur ihre Biographie zählte. Auch das gehört zu den Traumata in der DDR, die Andreas Petersen in seinem Buch <a href="https://andreaspetersen.ch/die-moskauer/">„Die Moskauer – Wie das Stalintrauma die DDR prägte“</a> sezierte.</p>
<p>Im Grunde blieb der SED-Nomenklatura gar nichts anderes übrig als sich von all denen abzugrenzen, die nicht in Moskau überlebt hatten, sondern an anderen Orten, auch von denen, die Konzentrationslager überlebten. Zumindest in der Anfangszeit. Erich Honecker, der 1971 mit Moskauer Unterstützung Walter Ulbricht ersetzte, war kein <em>„Moskauer“</em>, sondern hatte in einem deutschen Gefängnis überlebt. Ein fundamentales Misstrauen gegen wen auch immer war der Beweggrund der <em>„Moskauer“</em>, die Buchenwald-Kommunisten zu schikanieren. Unter den Opfern des Moskauer Exils waren viele deutsche Kommunistinnen und Kommunisten. Aber das zählte nicht. Sie wurden als angebliche Nazi-Agenten geführt.</p>
<h3><strong>Erlösungserzählungen</strong></h3>
<p>Wer bezeugt das Unsagbare, das Unbeschreibbare? <em>„Wie man es machen könnte, das Grauen so zu beschreiben, dass man weiterliest? Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass das geht.“ </em>Es geht! Ines Geipel schuf die Voraussetzungen. Sie arbeitete sich als Historikerin durch die Archive, suchte, was die Nazis nicht geschreddert, die SED nicht dem Vergessen anheimgegeben hatten, hinterfragte die Lücken. Wie in ihren anderen Büchern bringt sie den Inhalt der Kapitel in deren Titeln mit einem Wort auf den Punkt: <em>„Wundbrand“</em>,<em> „Gedächtnisbeton“</em>,<em> „Notsprache“</em>,<em> „Gedächtnissiegel“</em>. Sie verwendet oft polsyndetische Reihen, ohne Verb, Synonyme suchend, um den richtigen Begriff zu finden, den es vielleicht angesichts der Ungeheuerlichkeit der Vorgänge auch gar nicht geben kann, sich dem doch irgendwo erschließbaren wahren Sachverhalt geradezu spiralförmig nähernd, ihn umkreisend. Gelegentlich reihen sich Äußerungen aus den Akten unverbunden, dokumentarisch aneinander, Bruchstücke der Erinnerung, aus denen sich Schlussfolgerungen ziehen lassen, die je nach Vorgeschichte und Stimmung der Lesenden nicht immer die gleichen sein mögen: <em>„Wörter wie unbewohnbare Räume“, </em>„<em>Monumentenwörter“</em>,<em> „Zeichenzombis“</em>. Das Buch endet im Kapitel <em>„Gedächtnissiegel“</em> mit einem symbolisch deutbaren Schild: <em>„Ich will Richtung Mahnmal. Vorn an der äußersten Kante, am Rand des Steinfeldes, noch mal eine rauchen und ins Tal schauen. Auf dem Weg querstehend ein kleineres Gebäude. Im Fenster ein etwas in die Jahre gekommenes Schild: ‚Aus technischen Gründen bleibt die Ausstellung ‚Die Geschichte der Gedenkstätte Buchenwald‘ bis auf Weiteres geschlossen.“</em></p>
<p>Ein historisches Buch über Buchenwald mag sich an Vorbildern orientieren. Aber: <em>„Die Fakten zu registrieren reicht nicht, die öffentlichen Diskurse reichen nicht, Imre Kertész, Gyorgy Ligety, Claude Lanzmann reichen nicht. Wiederherstellen ist unmöglich, wiedergutmachen auch.“</em> Es gibt einen britischen Parlamentsbericht, der die frühe Legendenbildung in der DDR konstatiert: <em>„Der Bericht schildert, wie die Häftlinge selbst einen tödlichen Terror innerhalb des Nazi-Terrors organisierten.“</em> Was hatte es mit dem <em>„Spritzenkommando“</em> auf sich? Was hat es mit der <em>„Geschichte des ‚Abspritzens‘“</em> – der Injektion einer tödlichen Giftspritze – auf sich? Welche Häftlinge beteiligten sich? Zeugenaussagen gibt es. Ines Geipel zitiert eine Auswahl über mehrere Seiten. Ein zentrales Dokument ist die <em>„Akte Buchenwald“</em>, die <em>„Walter Bartel im Mai 1950 als Verteidigungs- oder eher Entlastungsschrift seines einstigen Lagergenossen Ernst Busse verfasst hatte. Der war Wochen zuvor, am 29. März 1950, von den Sowjets zu einer Besprechung in ihr Hauptquartier nach Karlshorst beordert worden. Von da war er nicht mehr zurückgekommen. Niemand wusste etwas. Das musste Walter Bartel zutiefst beunruhigt haben. Die Zeiten waren hochkarätig und undurchschaubar.“ </em>Es gab <em>„Säuberungen“</em> im Kreis der ehemaligen <em>„Lagerkommunisten“</em>, initiiert von den <em>„Moskauern“</em>. <em>„Widerstandsbiographie und Schuldbiographie“</em> vermischen sich.</p>
<p><a href="https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-taschenbuch/nackt-unter-wolfen/978-3-7466-3026-7">„Nackt unter Wölfen“</a> von Bruno Apitz ist der vielleicht bekannteste Buchenwald-Roman. Bruno Apitz <em>„hatte Zeugnis ablegen und die Dilemmata um den roten Lagerwiderstand in den Roman aufnehmen wollen. (…) Keine reine Größe, nichts mit Heldenstatus, keine Siegerpose.“</em> Daraus wurde nichts. Der Roman hatte ein ähnliches Schicksal wie Stefan Heyms „Fünf Tage im Juni“, ursprünglicher Titel „Der Tag X“, über die Ereignisse rund um den 17. Juni 1953. <a href="https://www.quintus-verlag.de/Autoren/Krenzlin-Leonore/">Leonore Krenzlin</a> hatte sich schon 1965, <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?p=6069">Dieter Schiller</a> 1990 zur wechselvollen Geschichte dieses Romans geäußert. Sie haben diese Texte in dem von ihnen gemeinsam herausgegebenen Band <a href="https://www.edition-schwarzdruck.de/?portfolio=rueckblick-auf-ein-verlorenes-land">„Rückblick auf ein verlorenes Land – Studien und Skizzen zur Literatur der DDR“</a> (Gransee, Edition Schwarzdruck, 2019) veröffentlicht. Der Beitrag von Leonore Krenzlin wurde für diesen Zweck aktualisiert. So berichtet sie in einer Fußnote: <em>„Wie Heym in seinen Erinnerungen berichtet, mußte jedoch die erste Auflage von 300000 Exemplaren eingestampft werden, weil er einen Text von Stalin aus dem Jahr 1925 zitiert hatte, in dem es hieß ‚Entweder wir, die ganze Partei, erlauben den parteilosen Bauern und Arbeitern, uns zu kritisieren, oder sie werden uns durch Aufstände kritisieren‘“</em>. Dies war jedoch nur ein Detail in der gesamten Zensurgeschichte des Romans.</p>
<p>Inzwischen gibt es von beiden Büchern (halbwegs) kritische Ausgaben, die die gestrichenen Stellen der ursprünglichen Fassungen und zum Teil den hochkomplizierten Prozess der Verhandlungen zwischen Autoren und Staat nutzen. Auf dieser Basis sollte auch die Neuverfilmung von „Nackt unter Wölfen“ im Jahr 2015 beruhen. Ein ausführlicher Vergleich wäre sicherlich von Interesse, um die verdeckten Botschaften verschiedener Phasen der Entstehung und Rezeption des Buches zu ermitteln (ein meines Erachtens durchaus angemessener Begriff). Ines Geipel bietet in ihrem Buch so ganz nebenbei einen Beitrag zur Geschichte der Zensur in der DDR anhand eines populären Romans. Mindestens genau so interessant wie das Aufgeschriebene ist eben das Nicht-Aufgeschriebene, ebenso interessant wie das Veröffentlichte das Nicht-Veröffentlichte.</p>
<p>„Fünf Tage im Juni“ war der Versuch eines realistischen, fast schon dokumentarischen Romans zur Zeitgeschichte, „Nackt unter Wölfen“ eher der Versuch einer Heldenerzählung aus einer gar nicht so weit zurückliegenden, aber immerhin durch die Gründung der DDR zu ihrem guten Ende gekommenen Vergangenheit. Ines Geipel beschreibt die Reaktion des zeitgenössischen Publikums: <em>„Das Publikum las ‚Nackt unter Wölfen‘ nicht als Fiktion, sondern als pure Realität, als Gefühlsschleuse in die faktische Welt des Lagers. Ein Erlösungsbuch, das das Bild von Buchenwald insbesondere in Ostdeutschland auf gravierende Weise prägte.“ </em>Die DDR-Rezeption setzte sich im vereinigten Deutschland fort, augenfällig in der Verfilmung des Romans im Jahr 2015. Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://www.bebra-wissenschaft.de/vzgesamt/titel/bruno-apitz.html">Lars Försters politische Biographie von Bruno Apitz</a>, die 2015 im Bebra-Verlag erschien: <em>„Nicht zuletzt wurde Bruno Apitz mitten in diesem Rezeptionsschub von Neuherausgabe, Film und Dokumentation mit Verve zum ‚Oppositionellen dreier deutscher Staaten‘ umgedeutet.“</em></p>
<p>Erlösung – das ist der Wunsch, das ist die Hoffnung, immer wieder, wenn es um Erinnerung oder Gedenken geht. Erlösung ist mehr als Versöhnung oder Wiedergutmachung, denn wer erlöst wird, braucht keine Versöhnung mehr und muss auch nichts mehr wiedergutmachen. Hier sollten ein Buch, ein Ort möglicherweise zu einer kollektiven Erlösung beitragen, die nicht mehr in Frage gestellt werden konnte. Dazu musste manches verschwiegen werden, so der Transport von 200 Kindern am 26. September 1944 nach Auschwitz, die dort ermordet wurden. Was geschah nun wirklich mit dem dreijährigen Kind im Roman, dem dreijährigen Stefan Jerzy Zweig? Er und elf andere Kinder waren aus einer Deportationsliste gestrichen worden, aus welchen Gründen auch immer: <em>„Erzählt wurde allein die heroische Kindsrettung, die ausschließlich der kommunistische Lagerwiderstand ermöglicht hatte. Eine Entkopplung vom Realen, ein Umschreiben, Amalgamieren, das das Kind zum Symbolkind und den Text zur idealen Projektionsfläche machte.“ </em>Nicht erzählt wird die Geschichte des sechzehnjährigen Sinto Willy Blum, der, als er von der bevorstehenden Deportation seines zehnjährigen Bruders Rudolf erfuhr, sich freiwillig ebenfalls für den Transport meldete.</p>
<p>Cheflektor des Romans war im Grunde irgendwie Walter Ulbricht höchstselbst, dem die bestallten Zensoren und schließlich der Autor sich selbst zensierend folgten: <em>„Die überreizte Macht in Berlin brauchte eine lupenreine Buchenwald-Version.“ </em>Die Stasi war mit ihrem <em>„Archiv zu NS- und Kriegsverbrechen“</em> und der 1967 gegründeten <em>„Abteilung 11“</em> absolute Herrscherin über die Quellen: Sie war <em>„zum alleinigen Gedächtniskontrolleur im Hinblick auf den Nationalsozialismus geworden. Sie entschied, wer sich erinnern durfte, wann man sich erinnern durfte.“ </em>Und die Bevölkerung der DDR machte mit: <em>„Die Ostdeutschen lasen sich mit ‚Nackt unter Wölfen‘ in einen solidarisch verbundene Opfergemeinschaft hinein, in der sich Schulddynamiken, Verstrickungen oder Widerspruch in einem blindgläubigen Nichts auflösten. Vom umstrittenen Tun der Lagerkommunisten war keine Rede mehr.“</em></p>
<p>Die Geschichte der beiden Romane und die Geschichte der Äußerungen der Erinnerungsikone Walter Bartel ähneln einander auffällig. Geschichte wird in ihren Erzählungen formatiert, normiert, sodass es immer schwerer wird, den realen Hintergrund zu erschließen, es sei denn, die Stasi und ihre Organe ließen nicht locker, um dann doch irgendwann irgendetwas zu finden, dass die Autoren vernichten konnte. Auch die Geschichten, in denen dies nicht gelang, sind Teil der Geschichte der DDR. Die Gruppe der KZ-Häftlinge war ein willkommenes Opfer. Ines Geipel referiert neben mehrere Biografien, die von Walter Bartel, Ernst Busse, Erich Reschke. Busse und Reschke wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt und <em>„am 11. Juni 1951 in die Sowjetunion deportiert.“</em> All dies geschah in der Zeit der Prozesse gegen Rudolf Slánsky in der Tschechoslowakei, gegen die angeblich gegen Stalin verschworenen Ärzte in der Sowjetunion.</p>
<p>Walter Bartel überlebte, er wurde nur degradiert. Doch mit der Zeit wurde er zur staatlich fixierten Stimme der Erinnerung, wie sie die SED wünschte: <em>„Ich sehe Walter Bartel 1976 vor uns auf der Bühne sitzen, höre seine Sätze. Was für eine brutal-surreale Welt hinter dem öffentlichen Heldenbild, denke ich. Was, wenn er angefangen hätte, über sein wirkliches Leben zu sprechen? Aber wie sprechen, was sprechen, bis wohin sprechen? Wie viel Erinnerung war ihm möglich? Welche? Die chronischen Verdächtigungen, die strittige Konfliktmasse, der unablässig bedrohte Status als Zeitzeuge. Wie das über Jahre aushalten? (…) Wer war dieser Mann?“</em> Zumindest lässt sich erahnen, wie er in der DDR überlebte: Letztlich wurde <em>„die Realität der Legende geopfert“</em>. So geschah es mit Buchenwald und der Shoah in der DDR, die DDR-Führung erzählte sich <em>„eine Geschichte wie aus einem Guss, unhintergehbar, kompakt. Mit ihr konnte man sich gut fühlen, vollständig.“</em></p>
<h3><strong>Die kurzen Sommer der Erinnerung</strong></h3>
<p>Es ist eine Stärke des Buches von Ines Geipel, dass es keine fertigen Antworten bietet, sondern eine Fülle von Fragen stellt, die sich eigentlich alle Deutschen stellen könnten, um sich ihrer Verantwortung in der Geschichte bewusst zu werden. Es sind Fragen, die sich nicht nur für kommunistische Überlebende stellen, sondern auch für die vielen andere, die nicht inhaftiert wurden, die im Alltag überlebten, weil sie nicht so genau hinschauten. Die Stiftung Topographie des Terrors hat im Jahr 2026 eine Sonderausstellung mit dem Titel <a href="https://www.topographie.de/ausstellungen/der-holocaust-was-wussten-die-deutschen">„Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?“</a> konzipiert. Kurator war der Historiker Christian Schmittwilken. Es war nicht die erste Ausstellung dieser Art an diesem Ort, einem früheren Zentrum des nationalsozialistischen Terrors, an dem das Reichssicherheitshauptamt stand. Wer diese Ausstellung sieht, wer das Buch von Ines Geipel liest, wird Fragen über Fragen mit nach Hause nehmen, denen sich möglicherweise Deutsche, die im Westen, und Deutsche, die im Osten aufgewachsen sind, unterschiedlich stellen werden. Aber wie wäre es, wenn sich West- und Ostdeutsche darüber austauschten?</p>
<p>Ines Geipel hat die Fragen dokumentiert, die sich denjenigen stellen, die in der DDR mit der dortigen offiziellen Buchenwald-Erzählung aufgewachsen sind. Es sind auch Fragen nach der Integrität der Staatsgründer, der Kommunisten der frühen DDR: Was ist mit den Kapos? Wer spielte welche Rolle? Wer kooperierte mit wem, welche Kommunisten kooperierten mit SS-Schergen? Die Buchenwald-Geschichte wird durch die Buchenwalderzählungen im Schweigen der Täter und der Opfer, in den Familien gebrochen und so sah sich die SED veranlasst, eine einzige staatlich verordnete Buchenwalderzählung zu propagieren, die Erzählung von kommunistischen Helden, die wiederum den eigenen DDR-Antifaschismus als unverrückbar, immer schon gepflegt fixierte und nach wie vor als Garantie des Erfolgs des sozialistischen deutschen Staates auf dem Weg zum Kommunismus gelten sollte.</p>
<p>Die Versuche, sich diesen Fragen zu entziehen oder sie gar nicht erst aufkommen zulassen, ähneln sich im Westen wie im Osten. Es gab unterschiedliche Strategien des Verschweigens. Es bleiben – so Ines Geipel – die Bilder der Eliminierung der Shoah aus dem kollektiven Gedächtnis, vergleichbare Wirkungen in Ost und West: <em>„Das Übertünchte, das Aufgesetzte. Im Westen die Quizsendungen, im Osten die kommunistische Aufladung. Dabei war die Erfahrungswelt der Deutschen bis Kriegsende erst einmal eine gemeinsame, geeinte. Unter Hitler hatten alle gelebt. Der Westen, der nach Hitler schneller dick wurde und offenbar früher bewegte Bilder hatte, zumindest als Familienkultur. Der Osten, der sich mit einer Doppelung rumzuschlagen hatte, mit einer scharfen Verdichtung, bei der eine Gesellschaft im Extrem auf eine andere Gesellschaft im Extrem gesetzt, geschoben wurde. Der politische Stauraum, das Komprimierte, die Schichten, die Schnitte, das vielfach Ausweglose der fünfziger Jahre des Ostens. Sein genuiner Basisraum, das Gesellschaftsbecken. Jede Akte, die ich im Archiv aus den fünfziger Jahren aufschlage, ist ein Angst-Text, ein Verlust-Text.“</em></p>
<p>Es ist jedoch nicht nur eine deutsche Geschichte. Die Geschichte von Buchenwald, die eine Geschichte des Umgangs mit den Verbrechen der Vergangenheit ist, hat auch eine internationale Dimension. Jorge Semprún, der als spanischer Kommunist (die Nazis nannten Leute wie ihn <em>„Rotspanier“</em>) Buchenwald überlebte, dem Kommunismus abschwor, viel gelesener Buchautor und spanischer Kulturminister wurde, sprach in seiner Rede zur Entgegennahme des <a href="https://stadt.weimar.de/de/weimar-preis.html">Weimar-Preises der Stadt Weimar</a> am 3. Oktober 1995 beispielhaft über das Schicksal der deutschen Schauspielerin <a href="https://www.memorial.de/themen-projekte/historische-aufarbeitung/gedenken-carola-neher">Carola Neher</a>. Sie wurde <em>„zu zehn Jahren Straflager verurteilt und verschwindet in den finsteren Tiefen des GULAG.“ </em>Dort starb sie am 26. Juni 1942. Es ließe sich auch auf Manès Sperbers Romantrilogie „Wie eine Träne im Ozean“ verweisen, in der das Elend der gegenseitigen Diffamierungen, Denunziationen, Morde unter kommunistischen Kämpfern, die eigentlich dasselbe Ziel verfolgen sollten, sinnfällig wird. Die Zeugnisse der Kommunisten, die von Stalins Leuten verfolgt wurden, erwecken in ihrem Beharren auf dem Führungsanspruch Stalins und der Kommunistischen Partei mitunter den Eindruck der Verstrickung in einer Art Theodizee.</p>
<p>Semprún hat seine Erinnerungen an das Ungeheuerliche ein Leben lang in seinen Büchern zu ordnen gesucht, Buchenwald war sein Lebensthema. Literarische Reminiszenzen gaben seinen Büchern eine Struktur, so Baudelaire, den Semprún in „Adieu, vive clarté“ (Paris, Gallimard, 1998) im Titel und in drei von vier Kapitelüberschriften zitiert. Die erste mag er als seinen Auftrag formuliert haben: <em>„J’ai plus de souvenirs que si j’avais mille ans“</em>. Das Buch endet mit den prophetischen Versen Baudelaires <em>„Bientôt nous plongerons dans les froides ténèbres: / Adieu, vive clarté de nos étés trop courts!“</em> (Die Verse entstammen den Gedichten <a href="https://www.poetica.fr/poeme-592/charles-baudelaire-chant-automne/">„Chant d’automne“</a> und <a href="https://fleursdumal.org/poem/159">„Spleen“</a> aus den „Fleurs du mal“.) Bleiben nur Gedichte, bleibt nur Literatur? Auch das Buch von Ines Geipel mag als Sachbuch gelten – es wurde auf der Leipziger Buchmesse für den Sachbuchpreis nominiert. Es bietet jedoch viel mehr, denn es vereinigt die Qualitäten eines Sachbuchs und eines literarischen Werks – der ohnehin merkwürdige Begriff der Belletristik passt hier allerdings nicht –, weil die Autorin die Ergebnisse ihrer Recherchen immer wieder selbst in Frage stellt, nicht im Grundsatz, wohl aber in den für die Würdigung einer Lebensgeschichte wichtigen Details.</p>
<p>Die Lebensgeschichte eines Walter Bartel darf durchaus als tragisch bezeichnet werden. Ich empfehle einen Besuch des Pariser Friedhofs du <a href="https://www.paris.fr/dossiers/bienvenue-au-cimetiere-du-pere-lachaise-47/">Père-Lachaise</a>. Ganz weit hinten rechts findet sich eine Mauer, an der die Aufständischen der Commune de Paris erschossen wurden, vor der heute die Mahnmale an die Konzentrations- und Vernichtungslager zu sehen sind. Auf der anderen Seite des Weges befinden sich die Gräber der Generalsekretäre der französischen kommunistischen Partei und kommunistischer Dichter wie beispielsweise Louis Aragon. Eine Idee, die humanistisch gedacht war, wurde zu einer menschenverachtenden und mörderischen Ideologie, die GULAG und Stasi hervorbrachte. Auch dies ist eine Tragik des 20. Jahrhunderts.</p>
<p>Verschwindet die Erinnerung – wie in den Baudelaire-Gedichten – in dem Dunkel eines ewig erscheinenden Winters? Ines Geipel bezieht sich auf <a href="https://edition-tiamat.de/unsere-autoren/gerber-jan">Jan Gerbers</a> Buch <a href="https://edition-tiamat.de/books/das-verschwinden-des-holocaust">„Das Verschwinden des Holocaust – Zum Wandel der Erinnerung“</a> (Berlin, Edition Tiamat, 2025): <em>„Jan Gerber verweist darauf, dass eine Voraussetzung der Universalisierung des Holocaust seine Entkernung war. Die Vernichtung der europäischen Juden wurde sowohl geographisch als auch historisch entkontextualisiert.“ </em>Dies vollzog die SED-Führung mit Buchenwald. Wer die Geschichte dieser Geschichtsklitterung verfolgt, sollte eigentlich auch erkennen, welche zerstörerischen Potenziale – Ines Geipel verweist ausdrücklich darauf – die Infragestellung der Singularität von Auschwitz aus welchen Gründen auch immer in sich birgt.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, aktualisiert am 5. Juli 2026, Internetzugriffe zuletzt am 30. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer.)</p>
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		<title>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 13 Jun 2026 10:14:24 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind Ein juristischer Kommentar zu Thesen der Historikerin Christina Morina und des Politikwissenschaftlers Philip Manow „Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt; und kann in die Tiefe nur die Hoffnung mitnehmen, dass das Ideal der Freiheit unzerstörbar ist und dass es, je tiefer es  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-9" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Spaltungslinien und wo sie zu suchen sind</strong></h1>
<h2><strong>Ein juristischer Kommentar zu Thesen der Historikerin Christina Morina und des Politikwissenschaftlers Philip Manow</strong></h2>
<p><em>„Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt; und kann in die Tiefe nur die Hoffnung mitnehmen, dass das Ideal der Freiheit unzerstörbar ist und dass es, je tiefer es gesunken, umso leidenschaftlicher wieder aufleben wird.“</em> (Hans Kelsen, Verteidigung der Demokratie, 1932)</p>
<p>Das Zitat von Hans Kelsen verfehlte am 28. April 2026 im Plenarsaal des Zentrums für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld seine Wirkung nicht. Die <em>„Fahne“</em>, von der Hans Kelsen spricht, ist die <em>„Fahne“</em> der Demokratie. Was ist jedoch, wenn in der gespaltenen Gesellschaft jeder für sich in Anspruch nimmt, der <em>„Fahne“</em> der Demokratie treu zu sein?</p>
<p>Über diese Frage diskutierten <a href="https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=182733552">Christina Morina</a>, Professorin für Allgemeine Geschichte an der Universität Bielefeld und <a href="https://sfb1472.uni-siegen.de/personen/prof-dr-philip-manow">Philip Manow</a>, Professor für Internationale Politische Ökonomie an der Universität Siegen, unter dem Titel „Spaltungslinien – Der Rechtspopulismus und die Zukunft der Demokratie“. Es moderierte <a href="https://www.uni-bielefeld.de/fakultaeten/philosophie/abteilung/personen/zanetti/">Véronique Zanetti</a>, Professorin für Politische Philosophie an der Universität Bielefeld, die das Kelsen-Zitat in den Abend einbrachte. Das Zentrum für interdisziplinäre Forschung steht für das Versprechen, unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen miteinander ins Gespräch kommen zu lassen, in diesem konkreten Fall Geschichts- und Politikwissenschaften.</p>
<p>Der vorliegende Essay verbindet die Perspektive eines Augenzeugen mit der eines Juristen. Den beiden Diskutanten und ihren Disziplinen begegne ich mit großem Respekt. Die folgenden Beobachtungen sind in diesem Geist zu lesen. Zugleich prägt die juristische Perspektive die Wahrnehmung dessen, was an einem solchen Abend gesagt und was offengelassen wird. Wenn in der historischen oder politikwissenschaftlichen Sprache diskutiert wird, fehlt dem Juristen regelmäßig das Normative, das Definierte. Dieser Essay verfolgt unter anderem das Ziel, diese disziplinäre Leerstelle zu füllen.</p>
<p>So viel lässt sich vorausschicken. Der Abend hat mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Das ist nicht einem qualitativen Mangel der Veranstaltung zuzuschreiben, sondern Symptom einer strukturellen Schwierigkeit der behandelten Thematik. Debatten über gesellschaftliche Spaltungen war ihrerseits oft genug selbst von Spaltungen geprägt: einer disziplinären, einer begrifflichen und einer diskursiven.</p>
<p>Der weitere Aufbau folgt dieser Beobachtung. Zunächst rekonstruiere ich die beiden Vorträge in ihrer jeweiligen Logik. Im Anschluss zeichne ich die Diskussion mit Moderation und Publikum nach, in der die juristischen Grundfragen wiederholt an die Oberfläche kamen. Daran schließe ich die Vertiefung dreier Fragen an, die aus der Perspektive des Verfassers offenblieben und vertiefungswürdig sind.</p>
<h3><strong>Christina Morina: Den Rechtsstaat absichern</strong></h3>
<div id="attachment_8115" style="width: 199px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8115" class="wp-image-8115 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-189x300.webp" alt="" width="189" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-189x300.webp 189w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag-200x317.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Morina-Das-amerikanische-Beben-Siedler-Verlag.webp 350w" sizes="(max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a><p id="caption-attachment-8115" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Mit Christina Morinas Vortrag sollte eine historische Perspektive in die Debatte eingebracht werden. Sie näherte sich der Thematik über die Frage nach den Ursachen des Rechtspopulismus und stellte zunächst ihren persönlichen Bezug her: In die Zeit ihres einjährigen Aufenthalts in New York, wo sie an der <a href="https://www.newschool.edu/NSSR/">New School for Social Research</a> eine Gastprofessur innehatte, fielen die Wahl und die Einführung von Donald Trump in seine zweite Amtszeit als US-amerikanischer Präsident. Die mit dieser Erfahrung eng verbundene Frage nach den Ursachen des Rechtspopulismus reflektiert sie in ihrem Buch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-das-amerikanische-beben/buch/9783827502131">„Das amerikanische Beben“</a>, das im Mai 2026 im Siedler Verlag erschienen ist. Ihr vorheriges Buch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christina-morina-tausend-aufbrueche/buch/9783827501325">„Tausend Aufbrüche“</a>, für das sie mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2024 ausgezeichnet wurde, nimmt die Demokratievorstellungen der Deutschen in West und Ost seit den 1980er Jahren jenseits politischer Eliten in den Blick.</p>
<p>Aus dieser doppelten Beobachtungsperspektive – der amerikanischen und der deutsch-deutschen – erkennt Christina Morina, dass die Annahme, die politische Ausrichtung <em>„national und sozial“</em> hätte sich historisch erledigt, sich als falsch erwiesen hat. Auch das öffentliche Kenntlichmachen der rechtspopulistischen Parteien als rechtsextrem, rassistisch oder faschistisch habe keine abschreckende Wirkung entfalten können. Stattdessen lehne die Bevölkerung mehrheitlich ein AfD-Verbot tendenziell ab, da man diejenigen persönlich kenne, die diese Partei wählen, die man eben nicht für extremistisch halte. Beim Erfolg der AfD handele es sich zwar nicht um ein rein ostdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches Phänomen, ihre besondere Verankerung in den ostdeutschen Bundesländern lasse sich aber auf unterschiedliche Demokratietraditionen und -vorstellungen in Ost- und Westdeutschland zurückführen. Während die westdeutsche, bundesrepublikanische Erfahrung die einer parlamentarischen Demokratie sei, habe sich in Ostdeutschland ein straßen- und basisdemokratisches Verständnis etabliert, das maßgeblich durch die Friedliche Revolution bedingt wurde. Da die AfD diese ostdeutschen Demokratievorstellungen programmatisch aufgreife, bestehe eine direkte Verbindung von ostdeutscher Erfahrung und Erfolg der Partei. Die Partei adressiere die ostdeutschen Themen und Erfahrungen explizit, etwa in Wahlslogans wie <em>„Vollende die Wende“</em>. Damit mache sich die AfD zur einzig genuin deutsch-deutschen Partei.</p>
<p>An diese Perspektive knüpfte Christina Morina eine begriffliche Überlegung, mit der sie das eigentlich Populistische am Populismus zu fassen versucht. Populismus setze voraus, dass Demokratie mit einem einheitlichen Volkswillen einhergehe. Wer diese Voraussetzung teile, verfolge die eigenen Interessen als allgemeingültige. Das stehe im Widerspruch zur Idee einer Streitdemokratie, in der die Auseinandersetzung um den richtigen Weg konstitutiv sei. Davon ausgehend ergibt sich nicht nur die Frage, was die Wähler populistischer Parteien falsch machten, sondern auch spiegelbildlich, was diese Parteien richtig machten. Die AfD spreche programmatisch breite Wählerschichten an und verbinde dabei Elemente, die im klassischen Schema unvereinbar erschienen. Christina Morina brachte diese Charakterisierung später in der zugespitzten Formulierung auf den Punkt, es handele sich um eine <em>„neoliberalnationalsozialistische“</em> Partei, die Widersprüche in sich vereine und in viele Gesellschaftsschichten hineinsende.</p>
<p>Die historisch-soziologische Forschung, so Christina Morina, habe nach den Konstellationen der Vergangenheit zu fragen. Da die unmittelbare Erfahrung historischer Ereignisse verblasse, stelle sich die Frage, wie Gesellschaften aus ihrer Geschichte lernen können. In ihrem Vortrag unternahm sie deswegen den Versuch, die Ermöglichungsbedingungen des Rechtspopulismus zu erklären, indem sie jene Konstellationen rekonstruierte, die in die Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt haben. So müsse wohl auch der in den 1920er Jahren vorangetriebene „Menschenrechtsdiskurs“ als eine Ermöglichungsbedingung für den Nationalsozialismus gesehen werden, gegen den sich eine völkisch-nationale Reaktion formierte, an die die NSDAP anknüpfen und profilieren konnte. Die Stabilität einer politischen Ordnung hänge eben nicht allein von ihren Institutionen ab, sondern von den Ideen und Erwartungen, die in der Bevölkerung wirkmächtig sind.</p>
<p>Diese Überlegungen führten Christina Morina zu ihrer zentralen Frage und Botschaft des Abends: Wer übernimmt die Verantwortung für die liberale Demokratie und wie kann sich eine Demokratie gegen Bewegungen wehren, die sie ablehnen? Zur Beantwortung griff sie auf einen Vergleich der Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland zurück. Die amerikanische Verfassung sei zwar die erste gewesen, die das Prinzip der Gewaltenteilung verfasst habe, enthalte zugleich aber demokratische Defizite, die sich nicht zuletzt im Wahlsystem zeigten. Ein Parteiverbotsverfahren kenne sie nicht. Was die liberale Demokratie in den USA gegenwärtig stütze, sei deshalb weniger das institutionelle Gefüge als eine über 250 Jahre gewachsene Zivilgesellschaft, die bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Demgegenüber stelle das Grundgesetz der Bundesrepublik die rechtlichen Werkzeuge bereit, sich auch unterhalb der Schwelle eines Parteiverbots mit antidemokratischen Tendenzen auseinanderzusetzen. Die Lehre aus der Weimarer Republik, in der weder der politische Wille noch die rechtlichen Mittel zur Verhinderung des Nationalsozialismus vorhanden waren, sei in <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/253611/streit-um-die-streitbare-demokratie-ein-rueckblick-auf-die-anfangsjahrzehnte-der-bundesrepublik/">das Konzept der <em>„wehrhaften Demokratie“</em> nach Karl Loewenstein</a> eingeflossen. Die Werkzeuge müssten genutzt werden, denn <em>„ein zahnloser Rechtsstaat ist kein Rechtsstaat“</em>.</p>
<h3><strong>Philip Manow: Ökonomisch links, gesellschaftspolitisch konservativ – Ein eklektisches Programm</strong></h3>
<div id="attachment_8116" style="width: 192px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.beck-shop.de/manow-spaltungslinien/product/40247852"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8116" class="wp-image-8116 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-182x300.jpg" alt="" width="182" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-182x300.jpg 182w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck-200x330.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Phiip-Manow-Spaltungslinien-C.H.-Beck.jpg 260w" sizes="(max-width: 182px) 100vw, 182px" /></a><p id="caption-attachment-8116" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Der Vortrag von Philip Manow beleuchtete eine politikwissenschaftliche Perspektive auf die Thematik des Populismus und der gesellschaftlichen Spaltungslinien. Ziel seiner Ausführungen war, den Populismus und seine Ursachen mit dem analytischen Instrumentarium seiner Disziplin zu erklären. Methodisch geschah dies, indem er die gesellschaftlichen Konfliktdimensionen und ihre strukturellen Grundlagen anhand von Modellen erläuterte. Den Anlass für die Vertiefung des Themas bildete sein Buch <a href="https://www.chbeck.de/manow-spaltungslinien/product/40247852">„Spaltungslinien“</a>, das im Mai 2026 im Verlag C.H. Beck erschienen ist.</p>
<p>Im Zentrum seines Vortrags stand die These, dass der zeitgenössische Rechtspopulismus als Protest gegen die Globalisierung zu verstehen sei. Diese Globalisierung mache das Sicherheitsversprechen des Nationalstaats poröser. Hinzu träten konstitutionelle Gründe, die das Phänomen verstärkten. Als paradigmatisches Globalisierungsprojekt führte er die Europäische Union an. Indem die Politik aus dem nationalen Rahmen heraustrete, entstünden Konfliktlagen, die sich nicht mehr in den klassischen verteilungspolitischen Kategorien fassen ließen. Unter Bezugnahme auf den <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-531-90037-7_9">Multi-Level-Governance-Ansatz</a> von Liesbet Hooghe und Gary Marks (2017) entwickelte er die These einer neuen Spaltungslinie: Die Reaktion auf transnationale Schocks der vergangenen Jahre, etwa die Eurokrise oder die Migration, sei als Folge der Globalisierung, konkret der europäischen Integration, zu deuten. Mit der Übertragung nationaler Souveränität gehe eine Einschränkung der Partizipation einher. Die Staaten verfügten zunehmend nicht mehr über die Handhabe, die entstehenden Probleme zu bewältigen; ihre Bevölkerungen reagierten darauf populistisch. Dabei träfen diese Schocks die Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen – kulturell wie ökonomisch. Ferner träfen sie die Bevölkerung ungleich. Akademiker, so seine Selbstverortung, gehörten zu den Profiteuren der Entwicklung, weil ihre Fähigkeiten und Qualifikationen portabel seien. Dies gelte für andere Bevölkerungsgruppen, etwa Handwerker und lokale Kleinunternehmer nicht.</p>
<p>Daraus schließt Philip Manow, dass eine pro- oder antieuropäische Haltung sich nicht mehr im klassischen Schema von links und rechts verorten lasse, sondern vor allem in einer Mitte-Rand-Betrachtung. Die Mitte sei proeuropäisch, die Ränder seien es nicht. Der Grund dafür liege in der eigentümlichen Doppelnatur der EU als zugleich neoliberales (ökonomisch rechtes) und kulturell-progressives (gesellschaftspolitisch linkes) Projekt. Weil sie neoliberal sei, lehne <em>„die Linke“</em> sie ab; weil sie kulturell-progressiv sei, <em>„die Rechte“</em>. In Osteuropa stelle sich die Konstellation anders dar, weil der politische Raum dort anders strukturiert sei. Auch innerhalb Westeuropas beobachte man zunehmend eine Neuzusammensetzung ideologischer Positionen: Die ökonomische und die gesellschaftspolitisch-kulturelle Dimension entkoppelten sich zunehmend. In der westdeutschen, bundesrepublikanischen Sozialisierung sei es bislang üblich gewesen, dass beide Dimensionen parteipolitisch gleichlaufend besetzt seien. So sei etwa eine ökonomisch linke Partei in der Regel auch gesellschaftspolitisch links eingestellt gewesen. Diese Koppelung breche nun auf: Rechte Parteien rückten in ökonomischen Fragen nach links, linke Parteien in gesellschaftspolitischen Fragen nach rechts.</p>
<p>Den Schlusspunkt seines Vortrags bildete die Beobachtung, dass in Westeuropa ein großes, bislang unbesetztes Wählerreservoir linksautoritärer Wähler existiere, ohne dass eine Partei dieses Segment systematisch abdecke. Einer Wählerschaft also, die ökonomisch links und gesellschaftspolitisch konservativ eingestellt sei. Einzelne Akteure näherten sich dieser Position an, der Rassemblement National in Frankreich in seiner Solidarität mit dem Eisenbahnerstreik, der niederländische Politiker Geert Wilders mit ähnlichen Akzenten, schließlich auch das Bündnis Sahra Wagenknecht, das links und konservativ zugleich auftritt, im Übrigen auch in den USA Donald Trump mit seiner Anbindung an die eigene Wählerbasis im Arbeiter-Milieu. Eine systematische parteiliche Repräsentation dieses Wählersegments stehe jedoch aus. Die Tatsache, dass derzeit fast ausschließlich rechte Parteien diese Lücke zu füllen versuchten, sei eine der erklärungsbedürftigsten Konstellationen der Gegenwart. Und sie verbiete jene voreilige Diagnose, derzufolge Wähler rechtspopulistischer Parteien schlicht <em>„Globalisierungsverlierer“</em> seien, die Parteien wählten, welche ihren eigenen Interessen schadeten. Diese Lesart, die den Wählern letztlich Unverstand unterstelle, hält Philip Manow für eine nicht tragfähige Annahme.</p>
<p>Wie sich diese Konstellation in der konkreten Parteienlandschaft niederschlägt, illustrierte Herr Manow am Beispiel der AfD. Die häufig zu hörende Einordnung der Partei als <em>„neoliberal“</em> hält er für irreführend. Die AfD sei in ihrer Programmatik nicht neoliberal, sondern selektiv und strategisch. Eine Wählerschaft von über zwanzig Prozent bundesweit bringe Heterogenität zwangsläufig mit sich. Auf der einen Seite stünden Akteure aus dem Milieu der Handwerker und Kleinunternehmer, die eine Politik des Bürokratieabbaus verfolgten; auf der anderen Seite Akteure, die wirtschaftlich nicht liberal eingestellt seien. Historisch zeichne sich darin ein Wandel ab: Zur Zeit ihrer Gründung um Bernd Lucke sei die AfD eine gutbürgerliche deutsche Partei gewesen, heute sei sie proletarisiert und kleinbürgerlich. Daraus folge auch eine Programmatik, die die sozialpolitischen Interessen dieser Wählerschaft widerspiegele. Auch die häufig als widersprüchlich gedeutete Nähe zu Russland und China sei kein Beleg gegen den Nationalismus in der AfD, sondern Ausdruck nationalstaatlicher Interessen. Billiges russisches Gas für die deutsche Wirtschaft sei keine ideologische Position, sondern Versorgungspolitik. Die Position zur Ukraine ergebe sich aus derselben Logik. Hinter der Frage <em>„Was kümmert uns Putins Angriffskrieg, wenn es um unsere Versorgungssicherheit geht?“</em> stehe nicht Verwirrung, sondern eine kohärente Sicht: Der Vorrang nationaler Interessen vor einer liberalen globalen Werteordnung. Dass die Partei aus dem <em>„Schonraum der Opposition“</em> heraus agiere, ohne Regierungsverantwortung tragen zu müssen, erleichtere ihr diese eklektische Programmatik zusätzlich.</p>
<h3><strong>Die Diskussion: Zum Umgang mit Konflikten</strong></h3>
<p>Der Diskussion wurde ein großer Zeitraum eingeräumt, in dem die Teilnehmer zunächst mit der Moderatorin Veronique Zanetti und anschließend mit dem Publikum interagierten. Anlass zur kontroversen Diskussion bildete jedoch speziell eine Frage, die Philip Manow im Vortrag nur angedeutet hatte. Er hatte als Ursache des Populismus neben den transnationalen Schocks auch <em>„konstitutionelle Gründe“</em> genannt, ohne sie zu entfalten. In der Diskussion holte er das nach. Sein Ausgangspunkt war eine Beobachtung über das Verhältnis der Begriffe <em>„liberal“</em> und <em>„demokratisch“</em>. Im Zentrum der Diskussion stand die Frage, ob die elektorale Demokratie als Vorstufe der liberalen Demokratie verstanden werden kann. Nach Philip Manow sei das Verhältnis zwischen beiden nicht additiv, sondern stehe im Spannungsfeld zueinander. Je liberaler man die Ordnung gestalte, desto weniger elektoral responsiv werde sie. <em>„Liberal“</em> sei kein Add-on, welches alles schöner mache, sondern eine eigene normative Beladung, die den Spielraum demokratisch gewählter Mehrheiten einschränke. Führt man den Gedanken konsequent zu Ende, ließen sich demokratische Wahlen abschaffen, solange ein kompetentes Verfassungsgericht die <em>„richtigen“</em> Entscheidungen treffe. Diese paternalistische Haltung sei undemokratisch. Sie verkenne, dass es in der Demokratie um echte Konflikte gehe, hinter denen Gesellschaftsgruppen mit unterschiedlichen Interessen stünden. Die Transformationsländer hätten ihrerzeit besonders starke Verfassungsgerichte entwickelt. Diese haben dann nicht gesamtgesellschaftlich für Neutralität, sondern für die Interessen bestimmter Gesellschaftsgruppen zu einer bestimmten Zeit gestanden.</p>
<p>Christina Morina widersprach. Sie griff die Charakterisierung der Demokratie als <a href="https://www.jstor.org/stable/4544562">„<em>essentially contested concept</em>“</a> nach Walter Bryce Gallie auf, deutete sie aber anders. Es bestünden unterschiedliche Demokratievorstellungen – sie selbst hatte das im Vortrag mit Blick auf Ost und West entfaltet. Die wehrhafte Demokratie aufzurufen sei ein spezifisch bundesrepublikanisches Verständnis in der Tradition des <a href="https://res.cloudinary.com/suhrkamp/image/upload/v1742120359/38134.pdf"><em>„Verfassungspatriotismus“</em></a>, den Jürgen Habermas im Rückgriff auf Dolf Sternberger im Historikerstreit eingefordert habe. Dieses Verständnis führe zu einer geschichtspolitischen Asymmetrie, weil es die ostdeutsche Erfahrung der Friedlichen Revolution ausblende. Unsere Gesellschaft erhebe den Anspruch, aus der Geschichte gelernt zu haben. Ob damit auch die ostdeutsche Geschichte oder nur die westdeutsche gemeint ist, sei jedoch nicht beantwortet. Den Vorwurf der Justizialisierung erwiderte sie pointiert. Philip Manow bringe den Rechtsstaat in Stellung gegen die Demokratie. Etwa die Antidiskriminierung, die er als linkes Projekt einstufe, leite sich aus dem Grundgesetz selbst ab und sei keine politische Option, sondern verfassungsrechtlicher Auftrag.</p>
<p>Aus dem Publikum traten zwei Wortmeldungen hinzu, die das Gespräch in entgegengesetzte Richtungen weiterführten. Die erste konfrontierte Philip Manow mit dem Vorwurf, seine Kritik an einer wertgeladenen Sichtweise auf den Rechtsstaat sei seinerseits nicht <em>„neutral“</em>. Modernisierungstheoretische Vorstellungen, wie er sie kritisiere, seien ideologisch aufgeladen, das gelte dann aber auch für seine eigene Position. Ob seine Argumentation nicht ebenfalls <em>„populistisch“</em> sei? Philip Manow ließ sich auf die Frage ein. Es gehe nicht um Neutralität, sondern um die Anerkennung, dass <em>„liberal“</em> ideologisch an die politikwissenschaftlichen Konzeptionen herangetragen werde. Wer das verkenne, halte die eigenen normativen Vorannahmen für selbstverständlich. Die zweite Wortmeldung, eine Juristin aus dem Publikum, sprang Philip Manow an einer entscheidenden Stelle bei: Er habe sich nicht ablehnend gegenüber dem Rechtsstaat geäußert, sondern Gradfragen zum Spielraum gestellt. Das Bundesverfassungsgericht habe die Politik an zu vielen Punkten gefesselt. Ebenso habe in den 1990er Jahren das ungarische Verfassungsgericht gegenüber der Politik eine patriarchalische Einengung geschaffen. Beide Entwicklungen, so ihre These, befeuerten einen Backlash, der aus der Überforderung der Gesellschaft entstehe. Sie verwies auf <a href="https://www.law.uchicago.edu/news/justice-ruth-bader-ginsburg-offers-critique-roe-v-wade-during-law-school-visit">Ruth Bader Ginsburgs Kritik an Roe v. Wade</a>, dem wegweisenden Abtreibungsurteil des U.S. Supreme Court von 1973. Ginsburg habe in einem Vortrag an der New York University 1992 argumentiert, das Urteil habe die gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht beendet, sondern die Gegenbewegung erst hervorgerufen, die für längere Zeit den gesetzgeberischen Trend in die entgegengesetzte Richtung gewendet habe. „<em>Doctrinal limbs too swiftly shaped, experience teaches, may prove unstable</em>.“ Verfassungsgerichtliche Entscheidungen, die einer Gesellschaft zu schnell zu viel zumuten, könnten die Konflikte verschärfen, die sie befrieden sollten.</p>
<p>Was ich im Folgenden entwickele, ist kein Gegenentwurf zu den Positionen des Abends, sondern die Vertiefung einer juristischen Perspektive. Vor allem drei Fragen sind in der Veranstaltung aufgeworfen worden, die nicht zu Ende geführt wurden: Die Frage nach der Verantwortung für die Demokratie, die Frage nach dem Verhältnis von Liberalität und Demokratie und die Frage nach den Grenzen verfassungsgerichtlichen Handelns. Sie hängen zusammen und erfordern eine differenzierte Betrachtung.</p>
<h3><strong>Verantwortung für die Demokratie – praktische Politik und das Recht</strong></h3>
<p>Wenn von der Verantwortung für die Demokratie gesprochen wird, bleibt regelmäßig offen, welche Verantwortung eigentlich gemeint ist. Der Begriff trägt im politischen Sprachgebrauch eine erhebliche Mehrdeutigkeit, ohne deren Aufschlüsselung sich die Frage, wer in welcher Hinsicht zur Übernahme aufgerufen ist, nicht sachgerecht beantworten lässt.</p>
<p>Eine erste Unterscheidung trennt die politische von der rechtlichen Verantwortung. Die politische Verantwortung lässt sich in zwei Richtungen aufgliedern. Rückwärtsgewandt geht es um die Ursachen, die populistischen Bewegungen ihren Aufstieg ermöglicht haben. Hier knüpft die Verantwortungsfrage an Philip Manows Analyse der transnationalen Schocks an. Die Beobachtung, dass das Sicherheitsversprechen des Nationalstaats porös geworden ist und die Globalisierung die Bevölkerungen ungleich trifft. Vorwärtsgewandt geht es um die Sicherstellung politischer Handlungsfähigkeit, also um die Bedingungen, unter denen künftige Schocks abgefedert oder vermieden werden können. Diese beiden Dimensionen politischer Verantwortung sind Aufgaben der gewählten Parlamente und Regierungen, nicht der Justiz.</p>
<p>Die rechtliche Verantwortung ist anders strukturiert. Sie ist verfassungsrechtlich verteilt, gebunden an klar normierte Verfahren und Antragsberechtigte. Ein Parteiverbot (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_21.html">Art. 21 Abs. 2 GG</a>) wird vom Bundesverfassungsgericht auf Antrag entschieden, nicht durch politische Akklamation. Dieses und weitere Verfahren sind keine politischen Optionen, deren Anwendung allein vom Willen der Mehrheit abhängt, sondern Instrumente einer wehrhaften Demokratie, deren Einsatz an rechtliche Voraussetzungen geknüpft ist und deren Entscheidung nach justizförmigen Regeln erfolgt.</p>
<p>An dieser Unterscheidung wird sichtbar, was offenblieb. Christina Morina hatte von <em>„Maßnahmen unterhalb des Parteiverbots“</em> gesprochen, ohne diese näher zu bestimmen. Damit könnten andere rechtliche Instrumente mit niedrigerer Eingriffsintensität, etwa die Grundrechtsverwirkung (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_18.html">Art. 18 GG</a>) gemeint sein. Alternativ könnten sich diese Maßnahmen auf die Ausübung der Versammlungsfreiheit (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_8.html">Art. 8 Abs. 1 GG</a>), beispielsweise in Form von Demonstrationen gegen rechtspopulistische Parteien, also Akte politischer Selbstvergewisserung der Zivilgesellschaft beziehen. Die beiden Antworten liegen auf unterschiedlichen Ebenen und ihre Differenzierung ist wichtig, um nicht Gefahr zu laufen, die politische und die rechtliche Ebene zu vermengen. Wer Demonstrationen mit rechtlichen Instrumenten in eins setzt, verkennt die strukturelle Differenz zwischen politischer Willensbildung und rechtsförmigem Verfahren. Wer umgekehrt rechtliche Instrumente politisch instrumentalisiert, gefährdet ihre Legitimität.</p>
<p>Eine vergleichbare Klärung verlangt der de-facto-Ausschluss der AfD aus parlamentarischer Zusammenarbeit, die sogenannte <em>„Brandmauer“</em>. Solange eine Partei nicht durch das Bundesverfassungsgericht verboten wurde, gilt sie als verfassungsgemäß. Eine Selbstverständlichkeit der parlamentarischen Demokratie ist jedoch auch, dass niemand zur Zusammenarbeit gezwungen werden kann. Ein kategorischer Ausschluss als Programm steht aber in einem Widerspruch zu jener Streitdemokratie, die Christina Morina dem Populismus entgegenstellt, einer Demokratie also, in der unterschiedliche verfassungsmäßige Positionen miteinander ringen, nicht per se ausgeschlossen werden. Dies bedeutet letztlich, dass die Frage von Zusammenarbeit oder Nicht-Zusammenarbeit im konkreten Einzelfall politisch entschieden werden muss.</p>
<p>In diesem Licht gewinnt das Kelsen-Zitat, das die Moderation am Abend einführte, eine andere Bedeutung als die der Hingabe an einen unausweichlichen Untergang. <em>„Man muss seiner Fahne treu bleiben, auch wenn das Schiff sinkt“</em> verlangt nicht den schicksalsergebenen Verzicht auf die verfügbaren Mittel, sondern in erster Linie die Klarheit darüber, welcher <em>„Fahne“</em> man eigentlich folgt. Das Zitat verweist letztlich auf die Frage, die der gesamte Abschnitt umkreist: Welcher Demokratiebegriff, welcher Liberalitätsbegriff, welche Vorstellung von Rechtsstaatlichkeit ist die Fahne, an der man festhalten will? Diese Frage präzise zu stellen ist Voraussetzung jeder sinnvollen Übernahme von Verantwortung, da unterschiedliche Verantwortungstypen verschieden auszubuchstabieren sind.</p>
<h3><strong>Liberal und demokratisch – ein prekäres Begriffspaar</strong></h3>
<p>Der Begriff der <em>„liberalen Demokratie“ </em>stand im Verlauf des Abends mehrfach im Zentrum, ohne dass eine wichtige Unterscheidung markiert wurde. <em>„Liberal“</em> trägt im politischen Sprachgebrauch eine doppelte Bedeutung und erst die Trennung dieser beiden Bedeutungsschichten erlaubt eine präzise Beschreibung dessen, wogegen sich rechtspopulistische Bewegungen tatsächlich richten.</p>
<p>Die erste Bedeutung ist die rechtsstaatliche. Hier meint <em>„liberal“</em> den Schutz vor staatlicher Willkür, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Justiz, die Bindung der vollziehenden und richterlichen Gewalt an Gesetz und Recht im Sinne von <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html">Art. 20 Abs. 3 GG</a>. Dies ist die Liberalität, die Christina Morina im Sinn hat, wenn sie von der <em>„wehrhaften Demokratie“</em> spricht. Es ist dieselbe Liberalität, deren Aushöhlung man in Ungarn und Polen zu Recht kritisierte, weil dort die Unabhängigkeit der Verfassungsgerichtsbarkeit und der ordentlichen Justiz angetastet wurde.</p>
<p>Diese rechtsstaatliche Liberalität findet im Grundgesetz ihren positivrechtlichen Anker in dem Begriff der <em>„freiheitlichen demokratischen Grundordnung“</em>. Sie ist der Maßstab, an dem sich Parteiverbot und Grundrechtsverwirkung orientieren. Als unbestimmter Rechtsbegriff ausgestaltet ist sie weder im Grundgesetz noch einfachgesetzlich abschließend definiert. Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts hat sie schrittweise ausgefüllt. Von der Negativabgrenzung sie sei das <em>„Gegenteil des totalen Staates“</em> (siehe hierzu auch <a href="https://beck-online.beck.de/Dokument?vpath=bibdata%2Fkomm%2Fmaunzduerigkogg_108%2Fcont%2Fmaunzduerigkogg.htm">Wolfgang Durner in Dürig/Herzog/Scholz Grundgesetzkommentar</a>), so 1952 im <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/1952/bvg52-059.html">Urteil zum Verbot der Sozialistischen Reichspartei</a> (SRP), 1956 über die Erweiterung durch den Sozialstaatsgedanken in der <a href="https://openjur.de/u/335396.html">Entscheidung zum Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands</a> (KPD) bis zum engeren Maßstab um das sogenannte Potentialitätsargument 2017 im <a href="https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2017/01/bs20170117_2bvb000113.html">Urteil zum Verbot der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands</a> (NPD). Die freiheitliche demokratische Grundordnung schützt damit den Kernbestand rechtsstaatlicher und demokratischer Strukturen.</p>
<p>Die zweite Bedeutung ist die gesellschaftspolitische. Hier meint <em>„liberal“</em> die Ausweitung von Minderheitenrechten, eine großzügige Migrationspolitik, die <em>„offene Gesellschaft“</em> <a href="https://fshh.rschr.de/pdf/Karl_Popper_Die_offene_Gesellschaft_und_ihre_Feinde_1_Der_Zauber_Platons_2025-04-06.pdf">im Sinne von Sir Karl Popper</a>. Es ist die Liberalität, die Philip Manow im Blick hat, wenn er von der EU als zugleich neoliberalem und kulturell-progressivem Projekt spricht. Ferner ist es jene Liberalität, gegen die sich die meisten rechtspopulistischen Bewegungen Westeuropas tatsächlich wenden, wenn sie sich an Migration, Diversität oder dem Tempo gesellschaftlicher Veränderung abarbeiten.</p>
<p>Im zusammengesetzten Begriff der <em>„liberalen Demokratie“</em> sind beide Bedeutungen verschmolzen und die Wucht der Verteidigungsrhetorik von welcher Seite auch immer speist sich aus dieser Mischung. Wer eine bestimmte progressive Gesellschaftspolitik ablehnt, zum Beispiel in den Kontexten Genderpolitik, Migration oder Anti-Diskriminierung, sieht sich rasch mit dem Vorwurf konfrontiert, die Demokratie als solche anzugreifen. Diese Gleichsetzung ist analytisch nicht haltbar. Sie verkennt, dass es nichtdemokratische Rechtsstaaten gegeben hat – zu einem gewissen Grad lässt sich dies über das Deutsche Kaiserreich sagen – und dass umgekehrt eine Demokratie ohne progressive Gesellschaftspolitik denkbar bleibt, ohne deshalb ihre demokratische Substanz zu verlieren – Ungarn zum Beispiel mit der von Viktor Orbán ausgerufenen <em>„illiberalen Demokratie“</em>.</p>
<p>Wo die rechtsstaatliche Liberalität als Mittel angegriffen wird, um eine bestimmte gesellschaftspolitische Agenda durchzusetzen, ist die Kritik berechtigt. Aber die Zielrichtung ist entscheidend: Verfassungsfeindlichkeit im Sinne des Grundgesetzes setzt nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts eine aktiv kämpferische, aggressive Haltung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung selbst voraus. Ein Ablehnen der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit ist ein Indiz für Verfassungsfeindlichkeit, das die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts seit dem SRP-Urteil entwickelt hat. Eine kritische Position zur Migration, zur Geschwindigkeit der Erweiterung von Minderheitenrechten oder zu einzelnen Aspekten progressiver Gesellschaftspolitik bewegt sich demgegenüber im Rahmen des politischen Diskurses der legitimen politischen Rechten. Sie ist von <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html">Art. 5 Abs. 1 GG</a> gedeckt, auch dort, wo sie sich gegen Positionen wendet, die im Grundgesetz selbst verankert sind. Zugespitzt formuliert: Nicht alles, was als <em>„rassistisch“</em> etikettiert wird, ist verboten.</p>
<p>Die vorgenommene Differenzierung ist die Voraussetzung dafür, dass die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus jenseits moralischer Zuschreibungen geführt werden kann, also genau dort, wo das jahrelange Kenntlichmachen als <em>„rassistisch“, „faschistisch“ </em>und<em> „rechtsextrem“</em> nach Christina Morinas Beobachtung wirkungslos geblieben ist.</p>
<h3><strong>Die Verfassungsgerichtsbarkeit – Grenzfragen einer starken Institution</strong></h3>
<p>Die deutsche Verfassungsgerichtsbarkeit ist im internationalen Vergleich besonders stark. Diese Stärke ist eine institutionelle Antwort auf die Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und insofern Ausdruck einer historischen Lehre. Die Verfassungsgerichtsbarkeit ist aber kein neutrales Instrument und es ist wichtig sich mit diesem Spannungsverhältnis auseinanderzusetzen.</p>
<p>Dafür lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Eine der deutschen vergleichbare Verfassungsgerichtsbarkeit ist kein konstitutives Element eines Rechtsstaats. Italien kennt keinen Individualrechtsschutz vergleichbar der Verfassungsbeschwerde. Der amerikanische Supreme Court entscheidet nur in konkreten Fällen und kennt keine abstrakte Normenkontrolle. Wiederum andere Ordnungen verzichten ganz auf eine eigenständige Verfassungsgerichtsbarkeit. Die deutsche Lösung ist eine bewusste Wahl, deren Hintergrund auch akademisch reflektiert worden ist. Im sogenannten <em>„Hüterstreit“</em> hatten Carl Schmitt und Hans Kelsen gestritten, welche Institution die Verfassung schützen solle – der direkt vom Volk gewählte Reichspräsident mit politischer Autorität oder ein unabhängiges Gericht mit rechtlicher Bindung. Das Grundgesetz hat sich eindeutig für die Sichtweise von Hans Kelsen entschieden. Die Frage ist also nicht, ob es ein Verfassungsgericht geben soll, sondern wie weit es seine Kompetenzen ausschöpft, denn Verfassungsrecht ist politisches Recht.</p>
<p>Mit dieser Aussage ist die strukturelle Spannung benannt, die Philip Manow in der Diskussion angesprochen hat. Die Verfassungsgerichtsbarkeit ist Teil der Rechtsstaatlichkeit. Sie bindet die Legislative an die Verfassung und stellt sicher, dass auch parlamentarische Mehrheiten die Grundrechte und die fundamentalen Strukturprinzipien des Gemeinwesens nicht aushöhlen können. Versteht man Demokratie als Volkssouveränität und Mehrheitsprinzip, so ist die Bindung gewählter Mehrheiten an die Auslegung der Verfassung durch ein Gericht eine Einschränkung des demokratischen Prinzips.</p>
<p>Diese Einschränkung ist ihrerseits demokratisch legitimiert: Das Verfassungsrecht ist selbst durch eine qualifizierte Mehrheit entstanden und es ist beabsichtigtermaßen weniger flexibel als das einfache Recht. In Zeiten schwieriger politischer Mehrheiten kann diese Einschränkung jedoch zur Lähmung führen. Je enger die verfassungsgerichtlichen Vorgaben, desto geringer der Handlungsspielraum demokratisch gewählter Mehrheiten. Diese Spannung besteht auch dann, wenn das Gericht maßvoll agiert und sie ist konstitutiv für jede Ordnung, in der ein Verfassungsgericht über die Auslegung verfassungsmäßiger Rechte entscheidet. Aber auch ein Hinweis auf die bloße Rechtsanwendung durch das Verfassungsgericht löst den Konflikt nicht auf. Soweit das Verfassungsrecht politisches Recht ist, ist die Verfassungsauslegung ein politischer Akt, nicht im parteipolitischen Sinn, aber im Sinn einer weltanschaulich geprägten Materie, die das Verhältnis von Bürger und Staat regelt. Der Rechtsstaat wird mithin nicht in Stellung gegen die Demokratie gebracht. Es geht um das Austarieren der spannungsbeladenen Grenzfälle des Verhältnisses von demokratischem Mehrheitsprinzip und rechtsstaatlicher Selbstbindung der demokratischen Gewalt an das Verfassungsrecht. Hinzu kommt eine strukturelle Besonderheit juristischen Entscheidens: Juristische Argumentationen versuchen nuanciert und abwägend zu sein. Gerichtliche Entscheidungen hingegen sind binär – verfassungsmäßig oder verfassungswidrig. Gerade in Grenzbereichen wird die Diskrepanz zwischen abgewogener Argumentation und binärem Spruch zum eigenen Problem.</p>
<p>In diesem Zusammenhang setzt die Beobachtung an, die die Juristin aus dem Publikum mit dem Verweis auf Ginsburg eingebracht hat. Verfassungsgerichtliche Entscheidungen, die einer Gesellschaft zu schnell zu viel zumuten, können den Konflikt verschärfen, den sie befrieden sollten. Roe v. Wade ist das prominenteste Beispiel dafür, dass eine als Befriedung gemeinte Entscheidung den Backlash erst hervorrufen kann, wenn sie die gesellschaftliche Auseinandersetzung aus dem politischen Raum in den juristischen verlagert. Diese Beobachtung ist kein Argument gegen Verfassungsgerichtsbarkeit. Sie ist ein Argument für ihre maßvolle Ausübung, da deren Legitimität nicht nur aus ihrer Rechtsbindung, sondern auch aus dem gesellschaftlichen Vertrauen erwächst. Die Einschätzung, die <em>„Antidiskriminierung“</em> leite sich aus dem Grundgesetz selbst ab, ist sachlich nicht falsch – ein Jurist würde eher vom Gleichbehandlungsgebot oder Diskriminierungsverbot (<a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html">Art. 3 GG</a>) sprechen. Sie beantwortet aber nicht die Frage, an welcher Stelle die Konkretisierung dieses grundgesetzlichen Auftrags in die gesellschaftliche Auseinandersetzung gehört und an welcher Stelle das Gericht ihn rechtlich zu sichern hat, zumal der Gleichheitsbegriff des Grundgesetzes sich vom progressiven Anspruch, soziale Unterschiede zwischen Menschen zu minimieren, im Einzelfall durchaus zu unterscheiden vermag.</p>
<p>Vielleicht muss man die Frage aber auch anders formulieren: Was gehört eigentlich in eine Verfassung hinein? Eine Verfassung kann sich auf Staatsorganisation und groben Rahmen beschränken, oder sie kann bestimmte politische Inhalte festschreiben – das Beispiel der Schuldenbremse oder Einschränkungen in der Zusammenarbeit von Bund und Ländern zeigen, dass die zweite Möglichkeit nicht hypothetisch ist. Beide Wege sind legitim, aber sie haben unterschiedliche Konsequenzen. Je mehr politische Substanz in der Verfassung selbst kodifiziert ist, desto weniger bleibt der politischen Auseinandersetzung überlassen und desto stärker wird das Verfassungsgericht zum Schiedsrichter über Fragen, die ihrer Natur nach politisch sind. Die jüngste Stärkung des Bundesverfassungsgerichts durch die Aufnahme zentraler Strukturentscheidungen ins Grundgesetz, deren Änderung nun eine Zweidrittelmehrheit erfordert, sichert die institutionelle Unabhängigkeit ab. An der inhaltlichen Spannung zwischen verfassungsgerichtlichen Vorgaben und elektoraler Responsivität ändert sie nichts. Diese Spannung ehrlich zu benennen, ist keine Schwächung der Verfassungsgerichtsbarkeit. Sie ist die Voraussetzung ihrer Legitimität.</p>
<h3><strong>Die Stärke der liberalen Demokratie: Pluralismus</strong></h3>
<p>Was hat das Gespräch zwischen Christina Morina und Philip Manow geleistet? Beide sprachen aus der Perspektive ihrer Disziplin über gesellschaftliche Spaltung in Zeiten des Rechtspopulismus zu sprechen und hat dabei die Zukunft der Demokratie in den Blick genommen. Beide hatten starke Thesen und überzeugende Argumente. Allerdings ist der Abend eine Beobachtung schuldig geblieben, denn der Diskurs über die Spaltung der Gesellschaft ist selbst gespalten. Er ist es disziplinär, weil historische und politikwissenschaftliche Perspektive ihre methodische Differenz nicht ohne Weiteres überwinden können. Und er ist es begrifflich, weil zentrale Wörter wie <em>„Demokratie“</em>, <em>„Liberalität“</em>, <em>„Verantwortung“</em>, <em>„Rechtsstaat“</em> mit unterschiedlichen Bedeutungen besetzt werden können.</p>
<p>Neben diese mehrfache Spaltung tritt eine inhaltliche Leerstelle, die mit dem Titel der Veranstaltung in einem eigentümlichen Verhältnis steht. Der Titel <em>„Spaltungslinien“</em> versprach eine Topografie. Aber wo verlaufen sie eigentlich? Christina Morina benannte die Spaltung zwischen ostdeutscher und westdeutscher Demokratiesozialisation. Philip Manow hat eine benannt, als er von Akademikern und Nichtakademikern, von portablen und nicht portablen Fähigkeiten sprach. Der Begriff der Globalisierungsverlierer schwebte als Hintergrundannahme über beiden Beiträgen. Aber zwischen Stadt und Land, zwischen ärmeren und wohlhabenderen Milieus, zwischen staatsnahen und staatsskeptischen Bevölkerungsteilen, zwischen progressiver Moralkultur und pragmatischer Mittelschicht verläuft noch eine Vielzahl weiterer Spaltungslinien, die für die realitätsnahe Abbildung unserer Gesellschaft geradezu essentiell sind. Dabei kreuzen sich diese Linien und gerade in ihrer Überlagerung entscheidet, wer wo zu verorten ist. Wer nur die Bildungslinie nennt, sieht die Konstellation nicht, in der jemand akademisch gebildet, aber wirtschaftlich prekär, ostdeutsch sozialisiert und gleichwohl staatsnah ist – oder umgekehrt. Genau diese Überlagerung macht aber jene pauschalen Zuschreibungen unwirksam, deren Wirkungslosigkeit Christina Morina als Befund festgehalten hat.</p>
<p>Damit kehrt das Kelsen-Zitat zurück, mit dem die Moderation den Abend rahmte. Welcher Fahne treu bleiben, wenn das Schiff sinkt? Christina Morina hatte gegen Ende auf <a href="https://www.iwm.at/fellow/ivan-krastev">Ivan Krastev</a> verwiesen und dessen Frage in den Raum gestellt, warum es eigentlich die liberale Demokratie sein solle und worin die Stärke dieser Ordnung liege. Drei Antworten stehen zur Debatte und sie sind nicht ohne Weiteres miteinander identisch: Das demokratische Mehrheitsprinzip, die rechtsstaatliche Liberalität und die offene Gesellschaft im progressiven Sinn. Im politischen Sprachgebrauch werden sie miteinander verschmolzen und treten erst dort auseinander, wo sie in Konflikt geraten. Die Stärke der liberalen Demokratie liegt vermutlich nicht in ihrer moralischen Selbstgewissheit, sondern in ihrer Fähigkeit, echte Konflikte zwischen Gesellschaftsgruppen zivilisiert auszutragen, in jener Streitdemokratie also, von der Christina Morina im Kontrast zum populistischen Anspruch auf den einheitlichen Volkswillen sprach. Diese Streitdemokratie verlangt, dass alle Positionen, die nicht die hohe Schwelle aktiv-kämpferischer Verfassungsfeindlichkeit überschreiten, miteinander ringen können. Sie verlangt das auch dort, wo man die jeweils andere Position für falsch oder anstößig hält. Der Fahne der liberalen Demokratie treu zu sein, kann jeder politische Standpunkt für sich in Anspruch nehmen, unabhängig davon, ob er progressiv oder konservativ, links oder rechts argumentiert. Entscheidend ist nicht die Position, sondern die Bereitschaft, sich an die Spielregeln zu halten, die das Ringen um die richtige Lösung überhaupt ermöglichen.</p>
<p><strong>Matteo Gentile</strong>, Bielefeld</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2026, Internetzugriffe zuletzt am 9. Juni 2026. Titelbild: Hans Peter Schaefer)</p>
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		<title>Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-leben-fuer-den-kampf-gegen-antisemitismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 10 Jun 2026 06:56:02 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus Porträt des Wiesbadener Rechtsanwalts Moritz Marxheimer (1871-1942) „Über alle Parteien hinweg war ihm die Einheit der Gemeinde, an der er mit allen Fasern seiner Seele hing und für deren Wohl er unablässig bis zu seiner Deportation besorgt war, das Höchste. Sein Name hatte auch außerhalb Wiesbadens einen  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Ein Leben für den Kampf gegen Antisemitismus</strong></h1>
<h2><strong>Porträt des Wiesbadener Rechtsanwalts Moritz Marxheimer (1871-1942)</strong></h2>
<p><em>„Über alle Parteien hinweg war ihm die Einheit der Gemeinde, an der er mit allen Fasern seiner Seele hing und für deren Wohl er unablässig bis zu seiner Deportation besorgt war, das Höchste. Sein Name hatte auch außerhalb Wiesbadens einen guten Klang. Er war überall zur Stelle, wo es galt, jüdische Arbeit zu leisten; er wirkte führend in fast allen jüdischen Organisationen im Reich (…).“ </em>(Paul Lazarus, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Wiesbadens und Zeitgenosse von Moritz Marxheimer, in seinem <em>„Erinnerungsbuch“</em>, zitiert nach Rolf Faber / Karin Rönsch, Wiesbadens jüdische Juristen – Leben und Schicksal von 65 jüdischen Referendaren, Beamten und Angestellten, Wiesbaden, Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, 2011)</p>
<p>Als Ausgangspunkt dieser biographischen Skizze Moritz Marxheimers diente mir der Bericht der jüdischen Studentenverbindung Badenia aus dem Sommersemester 1895. Hier werden die Mitglieder der Badenia unterteilt in <em>„Alte Herren“</em>,<em> „Inaktive“ </em>und<em> „Aktive“</em> aufgelistet. Moritz Marxheimers Name steht an dritter Stelle der zuerst aufgelisteten „Alten Herren“. Moritz Marxheimer kam eine besondere Rolle in der Studentenverbindung Badenia zu, denn er zählte zu ihren Gründern und war ein Semester lang deren Vorsitzender. Sein Mitwirken bei der Gründung der Badenia markiert den Beginn seines Kampfes gegen den Antisemitismus, den er bis zu seinem Lebensende führte. In vielen Punkten kann ich mich auf das Stadtarchiv Wiesbaden stützen, das insbesondere Rolf Faber und Karin Rönsch ausgewertet haben. Leider gibt es kein einziges Bild von ihm.</p>
<h3><strong>Eine gebildete und engagierte jüdische Familie aus Wiesbaden</strong></h3>
<p>Moritz Marxheimer wurde am 28. Februar 1871 in Wiesbaden geboren. Er war der Sohn von Samuel Siegmund und Röschen Marxheimer. Sein Vater war Lederhändler und hatte sein Geschäft in Wiesbaden. Seine Mutter stammte ursprünglich aus Schwalbach.</p>
<p>Moritz Marxheimer hatte mehrere Brüder, von denen einer namentlich bekannt ist: Leopold Marxheimer. Leopold Marxheimer war Lederwarenfabrikant. Er wurde ebenso wie sein Bruder Moritz am 1. September 1942 aus Wiesbaden deportiert. Leopold Marxheimer wurde am 29. Oktober 1942 in Treblinka ermordet (Quelle: Finanzakten zu Moritz Marxheimer, <a href="https://landesarchiv.hessen.de/">Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden</a>). Aus Dokumenten, die die Finanzen Moritz Marxheimers betreffen, geht hervor, dass er noch weitere Brüder gehabt haben muss. So gab Moritz Marxheimer an, im Zeitraum von 1924 bis 1926 mehrere Darlehen an die Firma S. Marxheimer gegeben zu haben, Inhaber dieser Firma seien seine Brüder. Konkretere Angaben über weitere Geschwister oder Familienangehörige liegen jedoch nicht vor.</p>
<p>Die Namen Moritz und Leopold waren in der damaligen deutschen Gesellschaft übliche Namen und sprechen deshalb für ein in der Gesellschaft assimiliertes, also angepasstes Elternhaus (Quelle: Anette Hettinger: „Tapfrer Student, guter Jude und voll Liebe zum Vaterland“ – Zur Biografie von Leopold Oppenheimer (1889-1914) aus Schriesheim, in: Stadt Schriesheim, Hg., Schriesheimer Jahrbuch 2020, <a href="https://verlag-regionalkultur.de/">Verlag Regionalkultur</a>, Schriesheim 2020.).</p>
<p>Moritz Marxheimer besuchte seit 1880 laut Stadtarchiv Wiesbaden das Humanistische Gymnasium am Luisenplatz in Wiesbaden. Das Gebäude beherbergt heute das Hessische Ministerium für Kultur, Bildung und Chancen. <a href="https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/229629/schulgeschichte-bis-1945-von-preussen-bis-zum-dritten-reich/">Dieses wies aufgrund der humanistischen Prägung eine wissenschaftliche Orientierung auf</a>. Genaue Angaben über die Dauer seiner Schulzeit und über seine Zensuren sind leider nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass er sein Abitur 1889 ablegte.</p>
<p>Wie bei vielen anderen jüdischen Studenten war auch Moritz Marxheimers Vater Kaufmann von Beruf. Moritz Marxheimers Weg vom Kaufmannsstand ins Bildungsbürgertum ist deshalb ein Beispiel für den Aufstiegswillen der deutschen Juden dieser Zeit. Der Besuch des Humanistischen Gymnasiums ermöglichte ein Studium und somit die Wahl eines selbstständigen, gesellschaftlich angesehenen Berufes wie beispielsweise den des Arztes oder Juristen.</p>
<p>Seine Eltern schienen diesen Weg zu unterstützen. Der elterliche Ehrgeiz, ihrem Sohn den gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen, lässt sich einerseits am Aufbringen des Schulgeldes für den Besuch des Gymnasiums bezeugen. Denn das war zu diesem Zeitpunkt kein geringer Betrag. Und andererseits daran, dass diese ihrem Sohn überhaupt eine höhere Schulbildung zukommen lassen wollten.</p>
<p>Denn auch nach der rechtlichen Gleichstellung der deutschen Juden im Zuge der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 waren diese durch einzelne Faktoren wie beispielsweise ihre Berufswahl, ihre geographische Verteilung und ihr Wohnverhalten von der Mehrheitsgesellschaft zu unterscheiden.</p>
<p>Miriam Rürup hat in ihrem Buch<a href="https://www.perlentaucher.de/buch/miriam-ruerup/ehrensache.html"> „Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886-1937</a>“ (Göttingen, Wallstein, 2008) die Versuche der Integration der meisten deutschen Juden in das Bürgertum beschrieben, dessen dort herrschende ökonomische, ethische und ästhetische Standards sie als vielversprechend wahrnahmen. Das Bildungsbürgertum war das Milieu in der Gesellschaft, welchem sich viele deutsche Juden oft mit viel Engagement annäherten. Der Erwerb von Bildung sollte dazu beitragen, einen anerkannten sozialen Stand in der Gesellschaft zu erlangen.</p>
<h3><strong>Das Universitätsstudium als Eintrittskarte in das Bildungsbürgertum</strong></h3>
<div id="attachment_8107" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8107" class="wp-image-8107 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-169x300.jpg" alt="" width="271" height="481" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-169x300.jpg 169w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-200x356.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-400x711.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-576x1024.jpg 576w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-600x1067.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-768x1365.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-800x1422.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-864x1536.jpg 864w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-1152x2048.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-1200x2133.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_1-scaled.jpg 1440w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-8107" class="wp-caption-text">Zulassung zum Referendariat. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.</p></div>
<p>Jüdische Studenten, vor allem Mitglieder jüdischer Studentenverbindungen, gehörten zur Bildungselite innerhalb des jüdischen Bildungsbürgertums. Die bevorzugten Studienfächer unter jüdischen Studenten waren Medizin und Jura. Denn die ermöglichten es, sich später als selbstständige Ärzte oder Juristen niederzulassen, weil ihnen der Zugang zum Staatsdienst erschwert wurde (ausführlich dazu: Susanne Döring, Die Geschichte der Heidelberger Juden, in: Andreas Czer und andere, Hg., Geschichte der Juden in Heidelberg, Heidelberg, Guderjahn Verlag 1996 sowie Bernhard Post / Ulrich Kirchen, Juden in Wiesbaden von der Jahrhundertwende bis zur „Reichskristallnacht“ – Eine Ausstellung des Hessischen Hauptstaatsarchivs, Wiesbaden 1988).</p>
<p>Moritz Marxheimer studierte ab dem Sommersemester 1890 wohl bis zum Wintersemester 1892/93 in Heidelberg, Berlin und Marburg Jura. Dies ist in den Universitätsarchiven Heidelberg 1891, Berlin 1891 und Marburg 1892 belegt. Er wurde am 26. April 1890 an der Universität Heidelberg immatrikuliert.</p>
<p>Die <a href="https://www.uni-heidelberg.de/de">Universität Heidelberg</a> erlebte seit 1890 eine <em>„Zeit der wissenschaftlichen Blüte“. </em>Viele berühmte Wissenschaftler lehrten dort. Sie galt im Kaiserreich als <em>„liberale Musteruniversität“ </em>(ausführlich: Petra Schaffrodt / Jörg Hüffner, Juden an der Universität Heidelberg – Dokumente aus sieben Jahrhunderten, Heidelberg 2002) und bot auch jüdischen Hochschullehrern gute Bedingungen für Zugang und Wirken und wurde so auch für jüdische Studenten ausgesprochen attraktiv. In den Jahren von 1862 bis 1918 lehrten insgesamt 61 jüdische Professoren an der Universität Heidelberg. Sie waren in allen Fakultäten und Fächern vertreten. Insbesondere die juristische Fakultät der „Großherzoglich Badischen Universität Heidelberg“ genoss <em>„Weltruf“</em> (siehe: Klaus-Peter Schroeder: „Tod den Scholaren!“ Studentische Kriege, Revolten, Exzesse und Krawalle an der Heidelberger Universität von den Anfängen bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts, Heidelberg 2016).</p>
<p>Diese Faktoren könnten Moritz Marxheimer also seinen Entschluss an der Universität Heidelberg zu studieren beeinflusst haben. Er studierte drei Semester in Heidelberg. Aufgrund der Entfernung Heidelbergs zu Wiesbaden ist anzunehmen, dass Moritz Marxheimer in Heidelberg wohnte. Dazu gibt es aber keine Angaben in den vorliegenden Dokumenten.</p>
<div id="attachment_8108" style="width: 390px" class="wp-caption alignleft"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8108" class="wp-image-8108 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-300x235.jpg" alt="" width="380" height="298" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-200x156.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-300x235.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-400x313.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-600x469.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-768x600.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-800x625.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-1024x801.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-1200x938.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/Universitaetsarchiv-Heidelberg_StudA_Marxheimer_Moritz_1890_Scan-1-1536x1201.jpg 1536w" sizes="(max-width: 380px) 100vw, 380px" /><p id="caption-attachment-8108" class="wp-caption-text">Studien- und Sittenzeugnis. Universität Heidelberg.</p></div>
<p>Seinem <em>„Studien- und Sittenzeugnis“</em> ist zu entnehmen, welche Vorlesungen er in den jeweiligen Semestern bei welchen Dozenten belegt hatte, ebenso das Datum der Immatrikulation sowie das der Exmatrikulation. Unter <em>„Studien- und Sittenzeugnis“</em> sind Bescheinigungen und Zeugnisse der Universität für betreffende Studenten zu verstehen, die diesen bei der Exmatrikulation wohl auch ausgehändigt wurden. Außerdem wurden dort eventuelle Verhaltensauffälligkeiten und Straffälligkeit in Bezug auf die akademischen Vorschriften vermerkt. Für Moritz Marxheimer lässt sich jedoch kein solcher Eintrag finden: <em>„Was dessen Betragen betrifft, so war dasselbe den akademischen Vorschriften angemessen.“</em> In den Sittenzeugnissen späterer Jahre klang das häufig anders. Denn der Höhepunkt der Auseinandersetzungen, in welche die jüdische Studentenverbindung Badenia verwickelt war, wurde erst in den Jahren nach Marxheimers Zeit in Heidelberg erreicht. Er verließ laut der „Studentenakte Marxheimer, Moritz“ im Universitätsarchiv Heidelberg die „Großherzoglich Badische Universität Heidelberg“ zum Sommersemester 1891.</p>
<p>Aus dem „Amtlichen Verzeichnis des Personals und der Studierenden der „Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin“ (Amtliches Verzeichnis des Personals und der Studierenden der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Auf das Winterhalbjahr vom 16. Oktober 1891 bis 15. März 1892. Berlin 1891, S. 104.) für das Wintersemester 1891/92 lässt sich entnehmen, dass er dort für dieses Semester an der juristischen Fakultät immatrikuliert war. Weitere Informationen zu seiner Zeit in Berlin liegen nicht vor.</p>
<p>Im Anschluss an sein Semester in Berlin setzte Moritz Marxheimer sein Studium im Sommersemester 1892 an der „Königlich Preußischen Universität Marburg“ fort. Im Personalverzeichnis wird sein Name für das Sommersemester 1892 und für das Wintersemester 1892/93 aufgeführt. Informationen zum Zeitpunkt seiner Exmatrikulation oder seines Abschlusses sind nicht vorhanden.</p>
<h3><strong>Die Universitäten – Hochburgen des Antisemitismus im Kaiserreich</strong></h3>
<p>Während seiner Studienzeit in Heidelberg gründete Marxheimer zusammen mit anderen jüdischen Studenten der Universität Heidelberg die jüdische Studentenverbindung „Badenia“, deren Ziel – knapp zusammengefasst – der Kampf gegen den Antisemitismus der Zeit war. Daher ist es im Folgenden nötig, auf die antisemitischen Strömungen im Kaiserreich einzugehen. Auch müssen die Zielsetzungen und Aktionsformen jüdischer Studentenverbindungen wie der Badenia vorgestellt werden, um das Engagement von Moritz Marxheimer einordnen zu können.</p>
<p>Der Begriff <em>„Antisemitismus“</em> kam im Jahr 1879 auf und beschrieb zu dieser Zeit den Widerwillen gegen Juden als soziale und als politische Bewegung. Er richtete sich gegen die neue rechtliche und bürgerliche Stellung der Juden. Die Antisemiten konstruierten sich ein Bild von „Juden“, das mit realen Juden nichts gemein hatte. Einen guten Überblick bietet beispielsweise das Buch „Antisemitismus in Zentraleuropa: Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart: Deutschland, Österreich und die Schweiz vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart von Werner Bergman und Ulrich Wyrwa (Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008).</p>
<p>Beispiele für öffentlich geäußerten Antisemitismus im Alltag findet sich in Postkarten aus dem Deutschen Kaiserreich. Diese zeigen, wie antisemitische Motive über das Massenmedium Postkarte verbreitet wurden. Der Gebrauchsgegenstand Bildpostkarte gibt zudem einen guten Einblick in Alltagspraktiken. Karten dieser Art verdeutlichen, dass weder die Deutsche Reichspost Einwände gegen antisemitische Postkarten hatte noch, dass Versendende und Empfangende die Notwendigkeit sahen, ihre antisemitische Haltung in irgendeiner Form zu verbergen. In Bild- und/oder Textform verbreiteten sie Verunglimpfung, Ausgrenzung, Herabsetzung und Entmenschlichung von Juden, durch überzogene Darstellung beispielsweise von Physiognomie und Körperhaltung. Die <a href="https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/abgestempelt_Lehrermaterial_mit_Loesungshinweisen_Formular_Beschreibbar.pdf">Bundeszentrale für politische Bildung hat hierzu gutes auch in Schulen einsetzbares Material zusammengestellt</a>.</p>
<p>Auf einer Postkarte wird zum Beispiel die Musterung zum Militärdienst dargestellt. Antisemitische Karikaturen und Darstellungen versuchen das vermeintliche „Anderssein“ von Juden durch überzeichnete körperliche Merkmale hervorzuheben, durch ein verzerrtes Gesicht mit übermäßig großer Hakennase oder der Darstellung des gesamten Körpers als klein und missgebildet. In den Augen der Militärs und sonstiger Männer waren Juden für den Militärdienst nicht geeignet. Das Motiv der Hakennase ist seit dem frühen Mittelalter bekannt, denn viele mittelalterliche Darstellungen bildeten den Teufel mit einer Hakennase ab. Im Mittelalter sowie der frühen Neuzeit wurden die Teufels- und Judendarstellungen über die krumme Nase verknüpft und Juden galten nicht wenigen Christen als Teufels-Verbündete. Spätestens im 18. Jahrhundert setzte sich das Motiv der Hakennase als jüdisches <em>„Kennzeichen“ </em>umfassend durch.</p>
<p>Die stereotypisierte Darstellung eines Juden als klein, nackt und mit deformiertem Körperbau ist eine extreme Form des „gezeichneten“ Antisemitismus. Demgegenüber gestellt wird eine Gruppe idealisiert dargestellter Soldaten. Den Juden wird so in drastischer Weise körperliche Untüchtigkeit vorgeworfen. Auf den Musterungspostkarten gehören sie stets zu den Ausgemusterten. Jüdische Freiwillige wurden so entindividualisiert und pauschalisiert. Die militärische Ausgrenzungspraxis im Kaiserreich ist eine Seite des Antisemitismus im Militär, die andere ist die in der „Judenzählung“ von 1916 manifeste Unterstellung, Juden wollten sich vor dem Militärdienst drücken. Das Ergebnis der Zählung widerlegte den Verdacht, aber nach wie vor blieben Juden von höheren militärischen Laufbahnen ausgeschlossen.</p>
<p>Die deutschen Juden wurden am stärksten in Institutionen wie Schule, Armee und Universität mit Antisemitismus konfrontiert. An Universitäten war der Antisemitismus am stärksten ausgebildet, da Studenten – so Miriam Rürup in ihrem bereits genannten Buch – als <em>„Trägerschicht“</em> für diesen fungierten (später stellte sich heraus, dass die NSDAP vor allem in der deutschen Studentenschaft eine umfassende Basis fand). Moritz Marxheimer wurde mit dieser Welt konfrontiert, als er sein Studium begann.</p>
<p>Die Universitäten erlebten im Kaiserreich einen starken Zuwachs an Studenten. Deren Gesamtzahl wuchs vom Wintersemester 1870/71 bis zum Sommersemester 1914 um 325 Prozent. Die Folge des Andrangs bedeutete eine nachhaltige Veränderung der Sozialstruktur. Die Universität bot gerade für die aus dem nicht-akademischen Milieu stammenden Söhne der Mittelschicht eine ausgezeichnete Aufstiegsmöglichkeit, so ausführlich Franz Egon Rode in seinem Buch „Die Universitätsburschenschaften im Kaiserreich“ (Heidelberg, Universitätsverlag Winter, 2021). Im Zuge des rasanten Anstiegs der Studentenzahlen kam es zwischen 1880 und 1900 zu einer Überfüllungskrise auf dem akademischen Arbeitsmarkt, sodass aus dem Bildungsbürgertum stammende Studenten befürchteten, ihren Status zu verlieren und infolgedessen gesellschaftlich abzusteigen. Gemessen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung bildete sich eine Überrepräsentation jüdischer Studenten an deutschen Universitäten, wodurch christliche Studenten in ihren jüdischen Kommilitonen eine Konkurrenz sahen. Studenten begannen sich öffentlich zum Antisemitismus zu bekennen und zu demonstrieren. Im Folgenden wurde jüdischen Studenten der Eintritt in Studentenverbindungen immer mehr verwehrt. Die antiemanzipatorische Prägung der Gesellschaft des deutschen Kaiserreichs bildete sich maßgeblich an den Universitäten, vor allem in den Studentenverbindungen aus. Die damit einhergehende Ausgrenzung machte sich somit auch zuerst im akademischen Bereich bemerkbar.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund entstand sehr zeitnah eine jüdische Abwehrbewegung, denn ihr Ziel bestand nicht nur in einer akademischen Ausbildung in spezifischen Fächern, sondern lag darüber hinaus &#8211; so wiederum Miriam Rürup &#8211; in dem Bestreben ihrer Integration in die akademische, bürgerliche Mittelschicht.</p>
<h3><strong>Der Kampf um Gleichberechtigung in den jüdischen Studentenverbindungen </strong></h3>
<p>Jüdische Studentenverbindungen stellten eine Art Schutzraum dar, in welchem es jüdischen Studenten möglich sein sollte, die an deutschen Universitäten üblichen Sitten sowie den studentischen Sinn und Geselligkeit pflegen zu können. Da die Korporationen davon ausgingen, dass eine starke Identität ihr Ansehen als Juden auch unter den Antisemiten verbessern würde, strebten sie eine Stärkung des innerjüdischen Zusammenhalts an. Dies sollte – so dokumentiert es Miriam Rürup – Gleichberechtigung im universitären Bereich und den angestrebten Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft erleichtern.</p>
<p>Die jüdischen Studentenverbindungen waren zunächst nur provisorisch angedacht, solange die antisemitische Welle anhalten würde. Sie entwickelten sich auch aus dem Wunsch nach einem <em>„normalen“</em> studentischen Leben heraus. Miriam Rürup belegt, dass die Mitgliedschaft in einer Verbindung zudem als <em>„Ausweis eines guten Charakters“ </em>galt<em>. </em>Jüdische Studentenverbindungen zeichneten sich durch starken sozialen Zusammenhalt aus. Ihre Mitglieder erfüllten entscheidende Voraussetzungen wie ein junges Alter, hohe Bildung und zunehmende Ideologisierung. Jüdische Studenten grenzten sich außerdem zunehmend von dem <em>„Ideal einer deutsch-jüdischen Synthese“</em> der Generation vor ihnen ab. Sie suchten nach eigenen Wegen des Handelns, welche sich in den verschiedenen jüdischen Studentenverbänden äußerte.</p>
<p>Das Entstehen jüdischer Studentenverbindungen kann somit einerseits als eine Bejahung der deutsch-jüdischen Identität gesehen werden, andererseits aber auch als Reaktion auf den in nicht-jüdischen Verbindungen vorherrschenden Antisemitismus. Miriam Rürup weist allerdings auch darauf hin, dass nur ein Teil der jüdischen Studenten einer Verbindung beitraten.</p>
<p>Der Antisemitismus richtete sich auch gegen die rechtliche Gleichstellung der Juden, die diese in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert weitgehend erreicht hatten. Er sprach ihnen die volle gesellschaftliche Anerkennung ab. Die Vorbehalte basierten – so Anette Hettinger – auf antisemitischen Vorurteilen und Zuschreibungen, wobei das Stereotyp des <em>„reichen Juden“</em> wohl am bekanntesten sein dürfte. Aus Sicht der jüdischen Studentenverbindungen galt es vor allem gegen das antisemitische Vorurteil vorzugehen, nach welchem jüdischen Männern die Männlichkeit abgesprochen wurde. Die Gründung jüdischer Studentenverbindungen bot deutsch-jüdischen Studenten die Möglichkeit, ihre <em>„Ehre“</em> sowie ihre Ebenbürtigkeit und ihre Verbundenheit mit der deutschen Nation zu beweisen. Dieser Aspekt war den jungen Männern in den jüdischen Studentenverbindungen besonders wichtig.</p>
<p>In einer 1886 verfassten Denkschrift der jüdischen Studentenverbindung Viadrina aus Breslau wurde diesbezüglich folgendes formuliert: <em>„Wir vertreten den Grundsatz, und werden durch unser Verhalten den Beweis dafür liefern, dass wir Juden und zugleich Deutsche im wahrsten Sinne des Wortes sein können. Wir wollen uns zu Männern erziehen, die alle Anforderungen, die der Staat an seine Bürger stellt, mit Begeisterung und Pflichttreue erfüllen und gemeinschaftlich mit unseren christlichen Mitbürgern an der Lösung der großen Aufgaben der Zeit mitarbeiten.“</em> (zitiert nach: Thomas Schindler: „Was Schandfleck war, ward unser Lebenszeichen&#8220; – Die jüdischen Studentenverbindungen und ihr Beitrag zur Entwicklung eines neuen Selbstbewußtseins deutscher Juden, in: Hinrich Harm-Brandt, Hg., „Der Burschen Herrlichkeit“ – Geschichte und Gegenwart des studentischen Korporationswesens, Würzburg 1998)</p>
<p>Um diese Zielsetzung zu erreichen, sollte in den Verbindungen „<em>die Ausbildung des Körpers und des Charakters“</em> erfolgen. Darunter war – hier und im Folgenden stütze ich mich im Wesentlichen auf den Aufsatz von Hettinger – insbesondere die Vermittlung von Kenntnissen zum Judentum und sportliche Ertüchtigung zu verstehen. In der korporationsinternen Ausbildung wurden demnach Kenntnisse zum Judentum, die zur Ausbildung von <em>„Selbstachtung“</em> und Stolz auf die eigene jüdische Herkunft beitragen sollten vermittelt. Gegenstand der Auseinandersetzung war dabei eine Beschäftigung mit der Geschichte des Judentums, aber auch mit der Rolle als deutschem Staatsbürger jüdischen Glaubens und der von der Studentenverbindung hierzu vertretenen Auffassung. Dabei wurden antisemitische oder – mit der Zeit auch – zionistische Standpunkte thematisiert.</p>
<p>Die körperliche Ertüchtigung dürfte den meisten Mitgliedern allerdings wichtiger gewesen sein, denn damit sollte gezeigt werden, dass jüdische Männer das Gleiche an körperliche Leistung erbringen konnten, wie nichtjüdische und, dass sie im gleichen Maß wie Nichtjuden <em>„Ehre“</em> besaßen. Jüdische Studentenverbindungen übernahmen hierfür <em>„das gesamte Repertoire studentischen Brauchtums“</em>, wie es von nichtjüdischen Studentenverbindungen gepflegt wurde. Ein wichtiger Teil davon waren vor allem das Austragen von Fechtpartien und die <em>„Kneipen“</em>. Die äußerliche Erscheinung spielte ebenso eine wichtige Rolle, wozu hauptsächlich das Tragen von <em>„Couleur“</em>, einer festgelegten Kombination aus Kleidungsstücken und Accessoires, die bestimmte Farben aufwiesen zählte. Hier sind besonders Band und Mütze zu nennen.</p>
<p>1895 hatte sich die Badenia für die Farben Orange, Blau und Weiß entschieden und besaß seit 1896 auch die für Mensuren benötigten Waffen. Mitglieder der Badenia trugen, wenn sie die äußeren Kennzeichen wie Band und Mütze anlegten, ihre jüdische Herkunft selbstbewusst in der Öffentlichkeit.</p>
<p>Im Jahr 1896 schlossen sich die Badenia und weitere jüdische Studentenverbindungen an den Universitäten Breslau, Bonn, Darmstadt, München und Berlin zum Kartell-Convent Jüdischer Corporationen (K.C., eine <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kartell-Convent">Liste der Mitglieder findet sich im Wikipedia-Eintrag</a>) zusammen, dessen Zweck im Kampf gegen den Antisemitismus gesehen wurde. In diesem Jahr wurde dort, bereits nach Marxheimers Studentenzeit, der Beschluss gefasst, auf antisemitische Äußerungen mit der Säbelforderung zu reagieren, also mit der Aufforderung zur Satisfaktion und zum Duell. Denn derartige Äußerungen wurden als Angriff auf die <em>„Ehre“</em> verstanden. Die Verteidigung mit einem im Verbindungswesen üblichen Mittel unterstrich die Ebenbürtigkeit von jüdischen und nichtjüdischen Verbindungsstudenten. So gibt es auch Bilder von Studenten mit Mensuren.</p>
<p>Mit dem Eintritt in die Badenia unterwarfen sich die Studenten einem strikten Verhaltenskodex. Im Verständnis von Studentenverbindungen wurden auch Verhaltensweisen wie durchdringendes oder <em>„unvermitteltes starkes Ansehen, ein unkonventionell wahrgenommener Blick, ein provozierendes im Weg Stehenbleiben oder eine schnoddrige Bemerkung“</em> als Angriffe auf die <em>„Ehre“</em> interpretiert. Als Verbindungsstudent reagierte man darauf mit der Aufforderung zur Satisfaktion, also zum Duell. Vor allem nicht-jüdische Studentenverbindungen erkannten jüdischen Verbindungsstudenten die Satisfaktionsfähigkeit, das heißt die Ehre ab. Um Satisfaktion zu erzwingen, griffen jüdische Verbindungsstudenten deshalb zu folgendem Mittel: der Ohrfeige, die mit ihrem öffentlichen Charakter als besonders ehrenrührig galt.</p>
<p>Das Konzept der <em>„Ehre“</em> war für die Mitglieder jüdischer Studentenverbindungen von höchster Bedeutung. Denn <em>„Ehre, Ehrhaftigkeit, Ehrbarkeit“</em> machten einen großen Teil dessen aus, woraus sich die soziale und gesellschaftliche Stellung ablesen ließ, die eine Person einnahm, beziehungsweise bestmöglich einnehmen konnte. Der Ehrencode diente im Alltag der Herstellung von sozialen Beziehungen. Durch seine Handhabung wurde die sozialkulturelle Ordnung reproduziert. Die eigene Ehrhaftigkeit musste – darauf weist Miriam Rürup hin – zudem andauernd ihre Gültigkeit behaupten, sowie öffentlich dargestellt und alltäglich reproduziert werden. Verbindungsstudenten befanden sich in einem ständigen Kampf um die Anerkennung ihrer spezifischen Ehrhaftigkeit. Die Ausgangsposition jüdischer Studenten zu Beginn ihrer Verbindungen war eine besondere, da sie noch keinen festen Stand innerhalb der Studentenschaft hatten – sie mussten ihre Ehrwürdigkeit zunächst unter Beweis stellen.</p>
<h3><strong>Moritz Marxheimer und die Badenia</strong></h3>
<p>Die 1886 in Breslau gegründete „Viadrina“ stellte die erste jüdische Studentenverbindung dar. Ihre Bedeutung und Besonderheit besteht in ihrem Exklusivitätsprinzip, nachdem ausschließlich jüdische Studenten aufgenommen wurden.</p>
<p>Die Breslauer „Viadrina“ diente als Vorbild für die im Wintersemester 1890/91 – in Marxheimers zweitem Semester – gegründete „Badenia“ in Heidelberg. Diese wurde am 26. Oktober 1890 im jüdischen Gasthaus „Zum Goldenen Roß“ formell durch acht Mitglieder gegründet. Alfred Moses, Magnus Hirschfeld, Theodor Homburger, Moritz Marxheimer, Max Mainzer, Daniel Halle und Louis Allen verpflichteten sich durch Unterschrift und Ehrenwort Max Oppenheimer gegenüber zur Gründung der „Freien Verbindung Badenia“. Die Gründung hat Max Mainzer in den <a href="https://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2268896">K.C.-Blättern</a> 1915 dokumentiert. Der Zusammenschluss in der Badenia sollte – so ist es dort formuliert – das selbstbewusste Einstehen für das Judentum innerhalb der Studentenschaft sowie die Abwehr antisemitischer Angriffe fördern. Max Oppenheimer, der als der intellektuelle Gründer der Badenia gelten darf, schildert den Gründungstag in den K.C.-Blättern im Jahr 1915 als eine gelungene konstituierende Sitzung. Max Mainzer zitierte das Ziel, dass Mitglieder, die als Studenten der Badenia angehörten, nach ihrer aktiven Zeit in der Verbindung, gereifte Männer und Staatsbürger sein und Organisatoren der deutschen Judenheit werden sollten. Das verdeutlicht nochmals die patriotische Gesinnung sowie die gleichzeitig starke Bindung an das Judentum. Die Badenia orientierte sich in ihrem Auftreten, wie bereits angeklungen, an nicht-jüdischen Korporationen und pflegte ein traditionell-studentisches Brauchtum. Die Mitglieder der Badenia definierten sich als deutsche Studenten jüdischen Glaubens und forderten die Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft (Norbert Giovannini, Jüdische Studentinnen und Studenten in Heidelberg. In: Peter Levinson, Hg., Jüdisches Leben in Heidelberg – Studien zu einer unterbrochenen Geschichte Heidelberg 1992).</p>
<p>Im Laufe der Zeit pendelte sich der Stand der aktiven Mitglieder der Badenia zwischen 15 und 26 Angehörigen ein. Der Kontakt zu anderen Heidelberger Korporationen erwies sich auf Dauer als schwierig. So verschlechterte sich das Verhältnis zwischen der Allemannia, einer bis heute am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums zu verortende Studentenverbindung, und der Badenia trotz anfänglicher Kontakte und Mensuren rasch. In den Jahren 1895 bis 1898 kam es – wie Döring dokumentiert – immer wieder zu Streit zwischen den beiden Verbindungen.</p>
<p>Die Anschaffung eigener Waffen erfolgte erst nach Marxheimers Zeit in Heidelberg und soll deshalb nur kurz erwähnt werden. Sie erfolgte aufgrund der immer mehr werdenden antisemitischen Beleidigungen von den Korporationen, bei welchen die Badenia bis zu diesem Zeitpunkt Waffen geliehen hatte. Auch dies hat Max Maihnzer in den K.C.-Blättern dokumentiert.</p>
<p>Am 9. Juli 1902 kam es zum dauerhaften Verbot der Badenia; <em>„weil deren Mitglieder fortgesetzt Anlaß zu Beschwerden sowie zu disziplinärem Einschreiten bieten und zu befürchten steht, daß dies auch fernhin der Fall sein wird“ </em>(zitiert nach Döring). Die Badenia hatte diverse Zusammenstöße mit anderen Studentenverbindungen. Dies führte zu ihrer Suspendierung und schließlich zu ihrem Verbot. Die an den Zusammenstößen beteiligten anderen Studentenverbindungen wurden Strafen angedroht, Verbote sind jedoch nicht belegt.</p>
<p>Abschließend festzuhalten ist, dass jüdische Studentenverbindungen wie die Badenia es Studenten jüdischen Glaubens wie Moritz Marxheimer ermöglichten, sich aktiv gegen den Antisemitismus zu verteidigen. Der im studentischen Verbindungswesen verbreitete und gelebte Ehrencode ist für jüdische Studenten deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie mithilfe dieses Codes aktiv Stereotypen wie beispielsweise dem des <em>„verweichlichten Juden“</em> begegnen konnten. Die Gründung jüdischer Studentenverbindungen ist außerdem ein Symbol dafür, die eigene Religion nicht zu verstecken, sondern sie offen nach außen zu tragen. Jüdische Verbindungen organisierten sich wie die, die ihnen jegliche Daseinsberechtigung absprachen und ihnen mit Hass und Antisemitismus entgegentraten. Das wird von manchen als Widerspruch zu dem gesehen, für das jüdische Verbindungen standen. Gleichzeitig ermöglichte diese gleiche Organisation eine Form der Gleichwertigkeit zu nicht-jüdischen Verbindungen, was wiederum ja durchaus auch für den Grundsatz der jüdischen Verbindungen steht, die antisemitischen Vorurteile zu widerlegen.</p>
<p>Marxheimers Mitgliedschaft sowie die Tatsache, dass er Mitbegründer der Badenia war, lassen Rückschlüsse auf seine Überzeugungen zu: Er war sich seiner deutsch-jüdischen Identität bewusst, die seine patriotische Gesinnung wie eine starke Bindung an das Judentum umfasste. Auch zeigte er damit einen gewissen Stolz auf seinen neuen akademischen Status und seine Zugehörigkeit zu einer bildungsbürgerlichen Elite.</p>
<h3><strong>Das Berufsleben – anfängliche Erfolge, doch dann der Ausschluss</strong></h3>
<div id="attachment_8109" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8109" class="wp-image-8109" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-169x300.jpg" alt="" width="271" height="481" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-169x300.jpg 169w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-200x356.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-400x711.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-576x1024.jpg 576w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-600x1067.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-768x1365.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-800x1422.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-864x1536.jpg 864w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-1152x2048.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-1200x2133.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_467_1546_2-scaled.jpg 1440w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-8109" class="wp-caption-text">Zulassung als Anwalt. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.</p></div>
<p>Moritz Marxheimer kehrte nach seinem Staatsexamen nach Wiesbaden zurück. Er absolvierte sein Referendariat in Wiesbaden. Dies belegen die „Personalacten über Referendar-Marxheimer“ im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden. Mithilfe der Personalakten lässt sich sein Weg bis zur Ernennung zum Notar in den Jahren von 1893 bis 1919 nachvollziehen.</p>
<p>Im Jahr 1894 absolvierte Moritz Marxheimer seinen Militärdienst und wurde für den entsprechenden Zeitraum beurlaubt. Die vorliegenden Informationen sprechen dafür, dass Moritz Marxheimer seinen Militärdienst als <em>„Einjährig-Freiwilligen-Dienst“</em> ableistete. Voraussetzung war die Übernahme für Verpflegung, Ausrüstung und Wohnung. Dies setzte ein gewisses Vermögen der Familie voraus. Zudem konnte man sich im <em>„Einjährig-Freiwilligen-Dienst“</em> den Truppenteil aussuchen. Am Ende des Militärjahres fand eine Abschlussprüfung für ausgewählte und für geeignet befundene Einjährige statt, um festzustellen, ob diese zu Reserveoffizieren taugten. Sollte dies nicht der Fall sein, bestand die Möglichkeit, Unteroffizier der Reserve zu werden (ausführlich zu diesem Thema: Carola Groppe, Im deutschen Kaiserreich – Eine Bildungsgeschichte des Bürgertums 1871-1918, Köln 2018).</p>
<p>Der Rang des Reserveoffiziers stellte im Kaiserreich die unbedingte Voraussetzung dar, um zur etablierten höheren bürgerlichen Gesellschaft zu gehören. In der Armee war die antisemitisch begründete Ausgrenzungspraxis besonders auffällig. So war das Offizierskorps bekennenden Juden fest verschlossen, sodass es im Kaiserreich keine jüdischen Offiziere und nach 1885 auch keine jüdischen Reserveoffiziere gab. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war es eine übliche Verfahrensweise in den Truppen, jüdische jüdischen Offiziersaspiranten die Prüfung zum Reserveoffizier nicht bestehen zu lassen. Seit 1880 wurden von den im preußischen Heer dienenden bis zu 30.000 jüdischen Einjährig-Freiwilligen kein einziger zum Reserveoffizier befördert (Michael Berger, Eisernes Kreuz und Davidstern Die Geschichte Jüdischer Soldaten in Deutschen Armeen. Berlin 2006).</p>
<p>Es gibt keine weiteren Informationen zu Moritz Marxheimers Militärdienst. Ebenso wenig gibt es Hinweise darauf, dass er als Soldat beziehungsweise Unteroffizier der Reserve im Ersten Weltkrieg diente. Es ist deshalb anzunehmen, dass er während des Ersten Weltkrieges als Rechtsanwalt und Justizrat, zu dem er 1917 ernannt wurde, tätig war. Dennoch bot ihm die Ausbildung zum Unteroffizier der Reserve eine Möglichkeit, sein Ansehen in der Gesellschaft des Kaiserreichs zu steigern. Seine Zeit in der Studentenverbindung Badenia hat möglicherweise zu seinem Erfolg in seiner Militärausbildung beigetragen, da auch im Militär Tugenden wie ständige Kampfbereitschaft und der Ehrbegriff von großer Bedeutung waren. Es ist deshalb stark anzunehmen, dass Moritz Marxheimer sich diesen Tugenden und ihrer Handhabung im Alltag sehr bewusst und zur Umsetzung fähig war.</p>
<p>Während des Ersten Weltkriegs wurde Moritz Marxheimer am 17. Juli 1917 zum Justizrat ernannt. Seine Kanzlei befand sich in der Kirchgasse 7 in Wiesbaden. Auf Verfügung des Justizministers vom 10. Juli 1919 wurde Moritz Marxheimer zum Notar im Bezirk des Oberlandesgerichts in Frankfurt am Main ernannt. Er war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt.</p>
<p>Noch im selben Jahr verlegte er seine Kanzlei nach Frankfurt am Main und wurde dort im September 1919 als Rechtsanwalt zugelassen. Er kehrte aber bereits im April 1921 nach Wiesbaden zurück und gründete zusammen mit den Rechtsanwälten Dr. Alfred Landsberger und Karl Weber eine neue Kanzlei, welche sich in der Luisenstraße 41 befand. Seine Kanzlei war sowohl in zivilrechtlicher als auch strafrechtlicher Hinsicht tätig und wurde als eine der größten Kanzleien der Stadt angesehen. Im Jahr 1932 schied Dr. Alfred Landsberger aus der Kanzlei aus, da er plante, nach Palästina auszuwandern. An seine Stelle trat Dr. Siegfried Hallgarten.</p>
<p>Ungefähr eine Woche nach dem Boykott jüdischer Geschäfte schuf die NS-Regierung am 7. April 1933 mit dem <a href="https://www.verfassungen.de/de33-45/rechtsanwaltschaft33.htm">„Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft“</a> – zeitgleich mit dem <a href="https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/geschichtsgalerien/7-april-1933-gesetz-zur-wiederherstellung-des-berufsbeamtentums/">„Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“</a>, das unter anderem für Richter und Staatsanwälte galt – die Voraussetzung, Rechtsanwälte <em>„nichtarischer Abstammung“</em> die Zulassung bei Gericht zu entziehen. Das Gesetz ist Teil der – erfolgreichen – nationalsozialistischen Versuche, die Lebensmöglichkeiten jüdischer Menschen nachhaltig einzuschränken und sie aus dem öffentlichen Leben zu entfernen. Moritz Marxheimer konnte seine Zulassung als Rechtsanwalt zunächst behalten, denn er fiel unter die <em>„Anwaltsregelung“</em>. Diese Ausnahmeregelung legte fest, dass Rechtsanwälte, welche bereits vor dem 1. August 1914 die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft besaßen, vom Berufsverbot ausgenommen waren. Seine Zulassung erfolgte bereits 1899.</p>
<p>Im September 1933 schied Rechtanwalt Karl Weber aus der Kanzlei aus. Auch Dr. Hallgarten hatte seine Zulassung verloren und war nach England ausgewandert. Aufgrund der Zwangsmaßnahmen gegen jüdische Rechtsanwälte gingen die Einnahmen von Moritz Marxheimer stark zurück. Seine renommierte Kanzlei Marxheimer-Weber übernahm auch politische, gegen Nazis geführte Prozesse. Nach 1933 verhalf Moritz Marxheimer etlichen seinen Gemeindemitgliedern zur Flucht. Darunter befand sich auch ein Anwaltskollege, der in seiner Kanzlei von SA-Leuten überfallen worden war.</p>
<p>Im Zuge der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/501380/vor-85-jahren-nuernberger-gesetze-erlassen/">Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935</a> verlor Moritz Marxheimer am 14. November 1935 das Notariat. Diese Gesetze sollten das Verhältnis zwischen <em>„Nichtariern“</em> und <em>„Volksgenossen“</em> regeln und bestanden aus mehreren Einzelgesetzen. Teil davon war das <a href="https://www.verfassungen.de/de33-45/reichsbuerger35.htm">„Reichsbürgergesetz“</a>, welches Juden die Gleichberechtigung nahm und maßgeblich in deren ökonomische und soziale Lebensgestaltung eingriff. Zu den <a href="https://www.verfassungen.de/de33-45/reichsbuerger35-v1.htm">„Verordnungen zum Reichbürgergesetz“</a> zählten Maßnahmen, welche Juden aus bestimmten Berufsgruppen und dem öffentlichen Leben drängte. Davon betroffen waren beispielsweise Notare, Beamte, Ärzte, Richter und Rechtsanwälte. § 4 der Ersten Verordnung erkannte Juden die deutsche Staatsbürgerschaft ab.</p>
<p>1937 verschärfte sich die Situation noch weiter. So durften jüdische Rechtsanwälte nur noch für jüdische Klientinnen und Klienten juristisch tätig werden. Moritz Marxheimers Kanzlei befand sich zuletzt in der Rheinstraße 39 in Wiesbaden. Der nach der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 stattfindende unerhörte Terror gegen jüdische Geschäfte, Warenhäuser und private Besitztümer führte zur völligen Ausschaltung von Juden aus dem wirtschaftlichen Leben, Verhaftungen sowie zur Einziehung ihres Vermögens. Ein endgültiges Berufsverbot erfolgte am 1. Dezember 1938 (Hans Mommsen, Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa, Göttingen, Wallstein, 2014).</p>
<h3><strong>Privatleben und Engagement in der jüdischen Gemeinde Wiesbaden</strong></h3>
<p>Moritz Marxheimer war von 1923 bis 1942 im Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Wiesbaden tätig. Auf der Gründungsversammlung des Preußischen Landesverbandes der jüdischen Gemeinden am 22. Juni 1922 vertrat er die Wiesbadener Gemeinde. Bereits zu diesem Zeitpunkt war er so hochgeschätzt und anerkannt, dass er seine Zustimmung für einen Zusammenschluss der preußischen Gemeinden nicht nur für die Gemeinde Wiesbadens, sondern für alle Gemeinden des ehemaligen Herzogtums Nassau aussprechen konnte.</p>
<p>Im Jahr 1923 übernahm er das Amt des ersten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Marxheimer war Vorstandsmitglied von Keren Hayossed seit dessen Gründung und leitete die Ortsgruppe gemeinsam mit dem Gemeinderabbiner Dr. Paul Lazarus. Die deutsche <a href="https://archive.org/details/unserwerk/Jg.%201%2C%20Nr.%2002%20%281929%29/page/n2/mode/1up">Keren-Hayessod-Organisation</a> (Jüdisches Palästinawerk) wurde im Februar 1921 in Berlin gegründet und widmete sich dem Aufbau eines deutschen Siedlungswerkes in Palästina.</p>
<p>Marxheimer gehörte weiteren Vereinen an: dem Centralverein der Juden in Deutschland, dem Israelitischen Waisenunterstützungsverein, dem Hilfsverein der Juden in Deutschland, dem Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten, der Wiesbadener Ferienkolonie für israelitische Kinder, dem Kindertagesheim und der Rituellen Küche für den Mittelstand. All diese Mitgliedschaften sind im Stadtarchiv Wiesbaden dokumentiert. Er war außerdem Mitglied des Jüdischen Lehrhauses Wiesbaden, einer Erwachsenenbildungseinrichtung zur Vermittlung klassischen jüdischen Wissens, welches aus dem Verein für jüdische Geschichte und Literatur hervorgegangen war. Das Jüdische Lehrhaus Wiesbaden arbeitete mit einem Konzept des „neuen Lernens“, welches über das reine Talmud-Studium hinausging. Das Ziel war das Bestreben, das Leben der Juden und ihre Riten auch für die Mehrheitsbevölkerung transparent zu machen und dadurch zum Abbau von Vorurteilen beizutragen.</p>
<p>Mehrere Jahre wirkte Moritz Marxheimer als Präsident der Nassau-Loge des <a href="https://www.bnaibrith.org/">B’nai B‘rith</a>, einer weltweit wirkenden Wohltätigkeitsorganisation, welche sich unter anderem für die Pflege jüdischer Erziehung und Kultur einsetzte. Seit dessen Gründung im Jahr 1920 gehörte Moritz Marxheimer außerdem dem Vorstand des Fonds für das jüdische Aufbauwerk in Palästina an.</p>
<p>Anhand Marxheimers Engagement in den oben genannten Vereinen und Organisationen, lässt sich eine Befürwortung und Unterstützung zionistischer Ziele feststellen.</p>
<p>Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde Moritz Marxheimer mehrmals angeboten, nach England auszuwandern. Er lehnte dieses Angebot stets ab und blieb in Wiesbaden, um sich auch weiterhin um die jüdische Gemeinde kümmern zu können. Moritz Marxheimer <em>„wollte die zurückgebliebenen Mitglieder ‚nicht im Stich lassen‘.“</em> (zitiert nach dem Beitrag von Rolf Faber und Krain Rönsch). Wie ein solches Angebot zur Auswanderung allerdings konkret ausgesehen hat, ist nicht bekannt.</p>
<p>Marxheimer war Eigentümer einer Villa in der Uhlandstraße 8. Diese bewohnte er zusammen mit seiner Ehefrau Elise (auch Else genannt) Henriette. Sie und Moritz Marxheimer hatten am 27. April 1903 geheiratet. In den Finanzakten Moritz Marxheimer betreffend gibt es einen Verweis, dass sie 1939 als geschieden vermerkt sind. In der Karteikarte der Gestapo hingegen findet sich der Vermerk <em>„getrennt lebend“</em>. Allerdings liegen laut Informationen der heutigen Jüdischen Gemeinde Wiesbaden keine Dokumente vor, die Rückschlüsse auf den Grund der Scheidung oder Trennung zulassen.</p>
<p>Ab 1939 erhielten außerdem alle Juden ein <em>„J“</em> als Vermerk in ihren Pässen und mussten je nach Geschlecht den Namen <em>„Israel“ </em>beziehungsweise <em>„Sara“</em> hinzufügen. Dies wurde auch in staatlichen Dokumenten und Briefen, die Elise und Moritz Marxheimer betrafen, so umgesetzt.</p>
<div id="attachment_8110" style="width: 281px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-8110" class="wp-image-8110 " src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-169x300.jpg" alt="" width="271" height="481" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-169x300.jpg 169w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-200x356.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-400x711.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-576x1024.jpg 576w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-600x1067.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-768x1365.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-800x1422.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-864x1536.jpg 864w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-1152x2048.jpg 1152w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-1200x2133.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/06/HHStAW_685_55-scaled.jpg 1440w" sizes="(max-width: 271px) 100vw, 271px" /><p id="caption-attachment-8110" class="wp-caption-text">Grundstücksveräußerung. Hessisches Staatsarchiv Wiesbaden.</p></div>
<p>Ab November 1938 forderte der NS-Staat von Juden die sogenannte <a href="https://www.jmberlin.de/judenvermoegensabgabe-1938"><em>„Judenvermögensabgabe“</em></a>. Dabei handelte es sich um eine 20-prozentige Zwangsabgabe auf das Vermögen von Juden. Es wurde nach der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 als sogenanntes Sühnegeld für das Attentat auf den deutschen Botschaftsangestellten Ernst Eduard vom Rath in Paris eingeführt. Viele Juden, die den Verkauf ihres Grundbesitzes lange verhindern konnten, sahen sich nun gezwungen, diesen zu ungünstigen Bedingungen doch zu verkaufen, um die <em>„Judenvermögensabgabe“</em> überhaupt bezahlen zu können. Im Dezember 1938 musste Moritz Marxheimer sein Haus in der Eckernförderstraße 21 für 36.000 RM verkaufen. 1940 folgte der Verkauf seiner Villa in der Uhlandstraße 8 für 34.000 RM, wie eine erhaltene <em>„Mitteilung über Grundstücksveräußerung“</em> bezeugt. Marxheimer zog daraufhin am 2. August 1940 in eine Mietwohnung in der Kapellenstraße 26 in Wiesbaden. Für den Zeitraum des NS-Regimes sind insbesondere im Hessischen Hauptstaatsarchiv verschiedene Dokumente zu Moritz Marxheimer vorhanden, die seine Enteignung durch das NS-Regime nachzeichnen.</p>
<h3><strong>Die Ermordung Moritz Marxheimers</strong></h3>
<p>Moritz Marxheimer wurde im Sommer 1942 verhaftet. Wie Charlotte Opfermann, die Tochter von Rechtsanwalt Berthold Guthmann und Holocaustüberlebende, anlässlich eines späteren Aufenthalts in Wiesbaden mitteilte, wurde er von dem Gestapo-Beamten Walter Bodewig vom Fenster seiner Wohnung in der Goldgasse 16 aus beobachtet, wie er sich mit einem nichtjüdischen Kollegen auf der Straße unterhielt. Beide hatten damit gegen das Kontaktverbot zwischen Juden und Nichtjuden verstoßen. Sogenannten <em>„deutschblütigen Personen“</em> war der Kontakt mit Juden in der Öffentlichkeit untersagt und zog Strafen nach sich. Dabei wurden die sogenannten <em>„Deutschblütigen“</em> aus erzieherischen Gründen vorübergehend in <em>„Schutzhaft“</em> genommen beziehungsweise in von der Gestapo als schwerwiegend eingestuften Fällen bis zu einer Dauer von drei Monaten in ein Konzentrationslager eingewiesen. Über die Dauer von Moritz Marxheimers Haft ist nichts bekannt, ebenso nicht über die Inhaftierung seines Gesprächspartners.</p>
<p>Moritz Marxheimer wurde am 1. September 1942 im Rahmen der letzten großangelegten Deportation Wiesbadener Juden mit vorwiegend älteren Jüdinnen und Juden aus Wiesbaden in das KZ Theresienstadt deportiert. In seiner Gestapokarteikarte ist das Datum ebenfalls notiert, <em>„nach dem Osten evakuiert“</em> steht dort, ein Euphemismus für den Tatbestand der Deportation. Der Transportliste des Konzentrationslagers Mauthausen zufolge wurde Moritz Marxheimer bereits am 23. Oktober 1942 von Theresienstadt in das KZ Mauthausen überführt. Sein Name ist dort im Zugangsregister der Politischen Abteilung des KZ Mauthausen und im Zugangsregister der Schutzhaftlagerführung vermerkt. Dem Totenbuch des KZ Mauthausen zufolge, verstarb Moritz Marxheimer am 27. Oktober 1942 im Block 19 an <em>„Gehirnblutung“</em>. Der Block 19 war ab Mai 1940 Teil des <em>„Sonderreviers“</em> (Blöcke 16-20). In Block 18 und 19 wurden offiziell die chirurgischen Fälle untergebracht. Als Teil des Sonderreviers wurden hier allerdings regelmäßig Selektionen durchgeführt, wobei körperlich schwache beziehungsweise arbeitsunfähige Häftlinge dorthin verlegt wurden, um sie dort sterben zu lassen. Aus diesem Grund ist der Hinweis der KZ-Gedenkstätte Mauthausen wichtig, dass die in den Quellen angegebenen Todesursachen und Todeszeiten oftmals nicht mit den tatsächlichen übereinstimmen.</p>
<p>Die Arolsen Archives, ein internationales Zentrum über die NS-Verfolgung, haben im Jahr 1950 eine <a href="https://collections.arolsen-archives.org/de/document/1617395">Sterbeurkunde für Moritz Marxheimer</a> ausgestellt. Sein Todeszeitpunkt wird darauf mit 18 Uhr angegeben. Als seine geschiedene Ehefrau Elise Marxheimer von seinem Tod erfuhr, schaltete sie im Jahr 1946 eine Todesanzeige in der jüdischen Zeitung „Aufbau“, die im Stadtarchiv Wiesbaden dokumentiert ist.</p>
<h3><strong>Abschließende Würdigung</strong></h3>
<p>Die zu Beginn zitierte Würdigung Moritz Marxheimers von Paul Lazarus ist sicherlich subjektiv und darf auch so betrachtet werden. Aber Lazarus würdigte Marxheimer auf der Grundlage seiner persönlichen Bekanntschaft. Das aus den Quellen ersichtliche Porträt und der Lebenslauf zeigen Moritz Marxheimers großes Engagement für die Jüdische Gemeinde Wiesbaden, für das Judentum und seine Gleichberechtigung in der Gesellschaft.</p>
<p>Moritz Marxheimer war ein sehr engagierter Mensch. Sein Kampf gegen den Antisemitismus zog sich durch sein gesamtes Leben. Sein Engagement für die jüdische Gesellschaft beginnt mit der Mitbegründung der jüdischen Studentenverbindung Badenia. Die dort vermittelten und gelebten Werte, Toleranz und Gleichberechtigung, um die jüdische Gesellschaft im Kampf gegen den Antisemitismus zu stärken behielt er sein Leben lang bei. Moritz Marxheimer war überzeugt davon, dass Jüdischsein und eine deutsch-vaterländische Gesinnung keinen Widerspruch darstellten. Sein Beruf als Rechtsanwalt, Justizrat und später als Notar bestätigen dies.</p>
<p>Auch als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, nutzte er seinen Beruf als Rechtsanwalt, um sich für diejenigen einzusetzen, denen Schaden zufügt wurde. Er verhalf vielen Gemeindemitgliedern zur Flucht und führte mit seiner Kanzlei politische Prozesse gegen die Nationalsozialisten. Dabei gehörte er selbst zur Gruppe der Gefährdeten.</p>
<p>Auch sein Engagement in der Jüdischen Gemeinde Wiesbadens und in vielen jüdischen Vereinen war vom Gedanken des Kampfes gegen den Antisemitismus geprägt. Moritz Marxheimers Weigerung, das Land und seine Gemeinde, trotz der immer größer werdenden Lebensgefahr für ihn selbst, zu verlassen, verdeutlicht wohl am besten sein unermüdliches Engagement für das jüdische Leben und den Kampf gegen den Antisemitismus.</p>
<p>Moritz Marxheimer zu Ehren benannte die Stadt Wiesbaden <a href="https://www.wiesbaden.de/de/stadtlexikon/stadtlexikon-a-z/marxheimer-moritz">eine Straße im Stadtteil Klarenthal</a> nach ihm. Ein Stolperstein für Moritz Marxheimer wurde am 1. Oktober 2013 in der Uhlandstraße 8 verlegt. Am 29. Januar 2007 wurde Moritz Marxheimers Name zudem in das in Berlin eingeweihte <a href="https://anwaltverein.de/engagement/erinnerung/mahnmal">Mahnmal des Deutschen Anwaltsvereins zur Erinnerung an die durch den Nationalsozialismus umgekommenen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte</a> aufgenommen.</p>
<p><strong>Ellen Fähnrich</strong>, Heidelberg</p>
<p>Der Text ist eine Kurzfassung der Bachelorarbeit, die die Autorin im Jahr 2023 an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg geschrieben hat, und entspricht weitgehend einem Vortrag, den sie im Jüdischen Lehrhaus Wiesbaden gehalten hat (ausführliche Literaturangaben sind in der Bachelorarbeit enthalten). Sie studierte Kunst und Geschichte und schloss im Januar 2026 das Masterstudium mit einer Arbeit zur „Darstellung jüdischer Geschichte in nicht-gymnasialen Schulbüchern in Baden-Württemberg von der Jahrtausendwende bis heute &#8211; Bestandsaufnahme und Verbesserungsvorschläge“ ab. Ellen Fähnrich ist seit Februar 2026 Referendarin an einer Realschule in Wiesloch.</p>
<p>(Anmerkungen: Veröffentlichung im Juni 2026, Internetzugänge zuletzt am 25. Mai 2026, Titelbild. Gestapo-Akte Moritz Marxheimer © Jüdische Gemeinde Wiesbaden)</p>
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