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	<title>DDR Archive - Demokratischer Salon:</title>
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	<description>Argumente zur historisch-politischen Bildung</description>
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		<title>Poetisches Utopia</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 19 Jan 2026 07:36:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Poetisches Utopia „Andymon“ – Ein Roman und seine „Andymonaden“ „Andymon-City wuchs fast täglich ein Stück. Und jetzt, bei Bauen zeigte es sich, daß wir durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie eine Siedlung aussehen sollte. Streitfall Nummer eins war der noch leere zentrale Platz. Zeth, immer bedacht auf glatte und großzügige Lösungen, hielt Betonplatten für  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-1" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Poetisches Utopia</strong></h1>
<h2><strong>„Andymon“ – Ein Roman und seine „Andymonaden“</strong></h2>
<p><em>„Andymon-City wuchs fast täglich ein Stück. Und jetzt, bei Bauen zeigte es sich, daß wir durchaus unterschiedliche Vorstellungen davon hatten, wie eine Siedlung aussehen sollte. Streitfall Nummer eins war der noch leere zentrale Platz. Zeth, immer bedacht auf glatte und großzügige Lösungen, hielt Betonplatten für das einzig Rationale. Nun, über einen Springbrunnen ließe sich reden. Doch Alfa und Teth steckten schon kreuz und quer die künftigen Blumenrabatten ab. Kein Roboterwagen hätte mehr freie Fahrt gehabt. Eta wollte ‚Schallfreiheit‘ für ihre Musik … Am liebsten hätte ich den zentralen Platz einfach umzäunen und aus den Karten streichen lassen, soviel kostbare Zeit fraßen die Diskussionen! Gamma vermittelte zum Schluß so geschickt, daß sie ihr Lieblingsprojekt, einen Aussichtsturm an zentraler Stelle, durchsetzen konnte, ein Wahrzeichen, das all die flachen Gebäude überragte und den Charakter unserer Siedlung bestimmte. / Aber nicht nur wir veränderten das Angesicht Andymons. <u>Wir</u>? Ja, aus dieser Zeit stammt auch die erste Unterscheidung von ‚wir‘ und ‚sie‘.“ </em>(Angela und Karlheinz Steinmüller, Eine Frage der Perspektive, in: Andymon – Eine Weltraum-Utopie, 1982) <em>  </em></p>
<p>Der Roman <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon – Eine Weltraum-Utopie“</a> von Angela und Karlheinz Steinmüller erschien erstmals im Jahr 1982. Er wurde mehrfach wieder aufgelegt und ist seit 2018 in dem von Hardy Kettlitz geleiteten Berliner Verlag <a href="https://www.memoranda.eu/">Memoranda</a> verfügbar. Dort erscheinen auch <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">alle Romane, Erzählungen, Reden, Vorträge und Essays der Steinmüllers in Einzelausgaben</a>. Wer mehr über die Steinmüllers erfahren möchte, findet im Demokratischen Salon mehrere Texte, zum Beispiel eine kurze Geschichte der <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Science Fiction Made in GDR</a>, der Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> zur Zensur und Spielräumen der Science Fiction beziehungsweise utopischer Romane in der DDR. Karlheinz Steinmüller ist darüber hinaus ein angesehener Zukunftsforscher. Seine Sicht der Dinge lässt sich in einem Gespräch mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">„Der optimistische Skeptiker“</a> entdecken.</p>
<p>Der Roman wurde so populär, dass sich in Ost-Berlin der <a href="http://www.club-andymon.net/">Science-Fiction-Club „Andymon“</a> gründete, der bis heute regelmäßige Lesungen und Diskussionsveranstaltungen zur Science Fiction anbietet. Gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beteiligte sich der Club an der Ausstellung <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/ausstellungen/leseland-ddr">„Leseland DDR“</a> und steuerte mehrere zusätzliche Tafeln bei, die in einer eigenen Ausstellung vorgestellt wurden.</p>
<div id="attachment_7778" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2468"><img fetchpriority="high" decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7778" class="wp-image-7778 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-400x621.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-659x1024.jpg 659w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-768x1193.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda-800x1242.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Andymonaden-bei-Memoranda.jpg 989w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7778" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild. Titelbild: benSwerk.</p></div>
<p>Doch damit nicht genug: Der Theaterwissenschaftler und Philosoph <a href="https://neofelis-verlag.de/michael-wehren">Michael Wehren</a> hatte die Idee, die Geschichte des Planeten Andymon weiterzuerzählen, sei es als Prequel, als Sequel oder durch die Betonung ganz bestimmter Aspekte. Dazu gewann er elf Autor:innen der aktuellen Science Fiction, mit denen er den Band <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2468">„Andymonaden“</a> gestaltete, der im Jahr 2025 bei Memoranda erschien. Titelbild und Umschlag wurden von <a href="https://benswerk.com/">benSwerk</a> gestaltet. An den „Andymonaden“ beteiligten sich (in der Reihenfolge der Erzählungen im Buch) Patricia Eckermann, Aiki Mira, Dietmar Datz, Lena Richter, Zeinab Hodeib, Luise Meier, Zara Zerbe, Jol Rosenberg, Anna Zabini, Mert Akbal, Nelo Locke. Michael Wehren schrieb die zwölfte Erzählung sowie ein programmatisches Vorwort. Der Band wurde im Oktober 2025 in der Berliner <a href="https://www.otherland-berlin.de/de/">Buchhandlung „Otherland“</a> erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Das folgende Gespräch wurde im Zusammenhang mit dieser Buchvorstellung verabredet. Teilgenommen haben <a href="https://antagonisten.de/romane-sachbuecher">Patricia Eckermann</a>, <a href="https://www.aikimira.de/">Aiki Mira</a>, <a href="http://www.xn--karlheinz-steinmller-4ec.de/">Karlheinz Steinmüller</a> und Michael Wehren.</p>
<h3><strong>Die Geschichte von „Andymon“</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Karlheinz, bevor wir gleich in die „Andymonaden“ einsteigen, darf ich fragen: Worum geht es in „Andymon“?</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: „<em>Andymon“ ist – so steht es auch im Untertitel – eine „Weltraum-Utopie“. Angela und mir ging es darum, eine Welt in der Zukunft zu entwerfen, die nicht durch das vorgeprägt ist, was ideologisch von einer bestimmten Weltanschauung, von einem Staat und damit letztlich von den Erwachsenen vorgegeben ist. Davon wollten wir uns abkoppeln. Ein Raumschiff nähert sich nach etwa 10.000 Jahren Flug einem anderen Sonnensystem. In dem Raumschiff werden in Inkubatoren Embryonen herangezogen. Die Kinder wachsen dann unter der Obhut von Robotern auf, die sie in keiner Weise indoktrinieren sollen. Inwiefern das funktionieren kann, lassen wir mal dahingestellt. Die Kinder bekommen keine Aufgabe vorgegeben, stellen sich aber selbst die Aufgabe, einen Planeten für sich einzurichten, den Planeten Andymon. Es geht um eine neue Welt mit einer neuen Menschheit. </em></p>
<p><em>Wie beschreibt man einen solchen Anfang? Schon aus literarischen Gründen sind Konflikte nötig; diese ergeben sich aber auch ganz naturgemäß, wenn nicht wie in den klassischen Utopien sich ein Utopist alles bis ins Detail ideal und perfekt ausgedacht hat. Die Kinder müssen alles aus sich selbst heraus entwickeln. Wenn es darum geht, einen Planeten zu besiedeln, sind Konflikte und Kontroversen unausweichlich. Die einen setzen mehr auf Technik, die anderen wollen zurück zur Natur, sie wollen barfuß über den Planeten laufen. Es gibt Mentalitäts- und Einstellungsunterschiede zwischen den Gruppen, zwischen den Individuen. Sie alle müssen lernen, auch die Widersprüche und Kontroversen, die sich beispielsweise zwischen Jüngeren und Älteren ergeben, auszutragen. Sie sollten respektvoll miteinander umgehen und immer Offenheit bewahren. </em></p>
<p><em>Ich könnte es vielleicht auch so beschreiben: Für uns war „Andymon“ eine post-sozialistische Utopie. Wir haben uns von dem Sozialismus in der DDR abgesetzt. Das, was die nächste Generation dann daraus gemacht hat, sind kleine post-kapitalistische Utopiesplitter. Auf dieser Ebene passt es dann wieder ganz besonders gut. Das ist das Wunderbare.</em></p>
<h3><strong>Neugier und Altgier </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Was hat dich auf die Idee gebracht, nach mehr als 40 Jahren einen Folgeband zu „Andymon“ herauszugeben?</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Von Heiner Müller gibt es die schöne Bemerkung, dass es nicht nur die Neugier gebe, sondern auch die Altgier. Was war eigentlich vorher? Was bleibt uneingelöst? Interessant wird es, wenn wir beides und damit auch die Zeitebenen mischen. Wenn Neugier und die Altgier, Vergangenheiten und Zukünfte gleichermaßen die Gegenwart in Bewegung bringen. „Andymon“ erscheint mir auch heute in diesem Sinne weiterhin relevant. Es geht um Veränderung, nicht nur technologisch, auch gesellschaftlich.</em></p>
<p><em>Veränderung und Transformation waren immer schon ein Thema der Science Fiction. Gleichzeitig befindet sich jetzt die Science-Fiction-Szene selbst in einem radikalen Transformationsprozess. Es gibt neue Stimmen, neue Akteur:innen, neue Schreibweisen – wobei „neu“ auch eine Qualität der Repräsentation meinen kann. Und da stellt sich auch die Frage, wie wir mit historischen utopischen Entwürfen umgehen, welches Potential der Veränderung der Gegenwart sie in dieser Situation haben und welche Veränderbarkeit sie selbst zeigen.    </em></p>
<p><em>Es gibt aber auch noch eine andere Vorgeschichte. Ich selbst hatte nie mit Science Fiction aus der DDR zu tun. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, wurde ganz klassisch im Westen der 1990er Jahre SF-sozialisiert und habe erst viel später, Anfang der 2000er Jahre in Leipzig, Kontakt mit Science Fiction aus der DDR erhalten. Zunächst hat mich das nicht so richtig abgeholt. Aber als ich dann nach Berlin gezogen bin, habe ich Hardy Kettlitz kennengelernt, das Otherland, dort an Diskussionen teilgenommen. Irgendwann hat mich Hardy zum Club „Andymon“ eingeladen. Der Club ist ja schon eine Institution. Ich traf dort ganz unterschiedliche Leute, ältere wie jüngere. Ich habe mich natürlich gefragt, warum der Club „Andymon“ heißt. Hardy hat es mir erklärt und ich habe dann den Roman antiquarisch bestellt und in zwei Nächten und einem halben Tag gelesen. Mir war klar, dass ich damit etwas machen möchte. „Andymon“ kommt für mich bei aller Zeitgebundenheit nach wie vor aus der Zukunft.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Karlheinz, da haben du und Angela etwas angerichtet!</p>
<div id="attachment_3235" style="width: 203px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3235" class="wp-image-3235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-200x310.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon.webp 348w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-3235" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Als Michael uns gefragt hat, was wir von einer solchen Anthologie halten, haben wir uns einerseits wahnsinnig gefreut, andererseits auch gefragt, was das Buch heute – nach über 40 Jahren – bedeutet. Wir hatten damals, als wir es geschrieben haben, ganz Anderes im Kopf, wir hatten andere Probleme, an denen wir uns abgearbeitet haben: Wie können sich Menschen frei, ohne Zwang, Indoktrination und Einengungen entfalten? Umweltprobleme waren damals auch im Hintergrund Thema, sicherlich, aber wir haben uns jetzt schon gefragt, was ein Roman aus dem Jahr 1982 heutigen Lesern, jüngeren Autoren noch sagen kann. Ist da noch etwas drin, das anschlussfähig ist, an das man anknüpfen kann? </em></p>
<p><em>Auseinandersetzen kann man sich selbstverständlich mit allen alten Texten, wenn man Altgier hat. Man kann sie beliebig als vergangen, obsolet, vergraben und so weiter betrachten. Das wäre völlig korrekt. Wir hätten uns einerseits nicht beschweren können, wenn das herausgekommen wäre. Andererseits waren wir neugierig: Was werden die jungen Autorinnen und Autoren daraus machen? Woran knüpfen sie an? Interpretieren sie uns vielleicht völlig gegen den Strich? Auch das wäre möglich gewesen und im Extremfall wäre eine Lesart herausgekommen, mit der wir uns überhaupt nicht mehr hätten identifizieren können. Umso größer war unsere Erleichterung, als wir die „Andymonaden“ aufgeschlagen haben und die ersten Erzählungen von Patricia, von Aiki, von Dietmar gelesen haben. Da waren wir wirklich erleichtert, und als wir uns bis zu Michael durchgearbeitet hatten, waren wir froh.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Aiki, Patricia, ihr habt sofort Ja gesagt, als Michael euch gefragt hat?</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich habe mich sehr geehrt gefühlt. Als ich dann sah, wer alles schon angefragt war und zugesagt hatte, zum Beispiel Aiki und Dietmar, habe ich sehr geschlackert, denn das sind hochkarätige Autor:innen. Spätestens in dem Augenblick, als ich das Buch gelesen habe, schon nach ein oder zwei Seiten, war ich komplett in der Geschichte, Feuer und Flamme.</em></p>
<p><em>In meiner Kindheit habe ich viel Science Fiction genossen, Star Trek zum Beispiel. Da ist viel zusammengeflossen. Orientiert habe ich mich an den Fragen, die ich mir bei der Lektüre von „Andymon“ gestellt habe. Es gibt einige offene Stellen, die die Steinmüllers gelassen haben, die ich so ausgefüllt habe, wie es mir sinnvoll erschien. Ich wollte eine Art Prolog zu „Andymon“ schreiben, sodass die Gegenwart an die Zukunft, die in der Vergangenheit geschrieben wurde, andocken kann.</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Bei mir war es nicht so einfach. Ich hatte „Andymon“ schon als Kind gelesen und geliebt und da kam natürlich die Frage: Wie lese ich es jetzt? Zur Vorbereitung wollte ich eigentlich nur einmal hineinschauen, habe dann aber angefangen zu lesen und war wieder voll drin im Text. Das hat es für mich aber auch nicht leichter gemacht. Ich muss da ganz ehrlich sein. Denn was kann ich einem Text, der so gut ist, noch anfügen? Wo kann ich anknüpfen? Das war für mich im Schreibprozess eine neue Erfahrung. Es war alles erst einmal sehr widerständig, aber im Nachhinein muss ich Michael ein ganz großes Danke sagen, dass er mich dazu gebracht hat, das Buch wieder zu lesen, besonders heute, in einer Zeit, in der andauernd und sekundenschnell neue Texte generiert werden. Darüber habe ich gerade </em><a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/ich-gehe-jetzt-lesen-als-queere-praxis-warum-lesen-heute-radikaler-ist-als"><em>in einem Essay anlässlich der Erzählung „Sie entnamt sie“ von Ursula K. LeGuin nachgedacht</em></a><em>, dass das Lesen das Radikale, das Widerständige in unserer heutigen Zeit ist, dass langsames Lesen ein kreatives Lesen ist, das auch mein Schreiben verwandeln kann. Diesem transformativen Lesen habe ich mich ausgesetzt und dafür danke ich dir, Michael, dass du mich diese Erfahrung hast machen lassen. Das Tolle an einem solchen Anthologie-Projekt liegt schließlich darin, dass wir alle, die wir uns beteiligt haben, in einem Raum zusammengekommen sind. </em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das hast du sehr schön gesagt. Mir geht es ganz genauso.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Und danke, dass ihr mitgespielt habt. Es ist schon etwas Besonderes, eine fremde Welt so anzunehmen, dass man in ihr andocken kann, dass man in ihr, mit ihr schreiben kann. Wir haben bei einem früheren Projekt gemerkt, wie schwer das ist. Es war etwa um 1990, als ein Kollege ein Buch zum „Trödelmond“, so der Titel einer Story von uns, herausgebracht hat, aber niemand hat die Vorgabe aufgegriffen. Es kam mal das Wort „Trödelmond“ vor, es flog mal jemand am Trödelmond vorbei. Das wars dann. Bei den „Andymonaden“ ist es zum Glück anders. Ihr seid alle auf die Geschichte eingestiegen. Mehr kann man sich als ergrauter, schon fast mumifizierter Autor nicht wünschen.</em></p>
<h3><strong>Nach Andymon – vor Andymon</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf einen Gedanken der Vorstellung des Romans durch Karlheinz aufgreifen: Vom Post-Sozialismus zum Post-Kapitalismus. Die Formel gefällt mir. Meines Erachtens passt das auch auf eure Geschichten, der Titel deiner Geschichte, Patricia, lautet „Sabotage“, der der deinen, Aiki, „Ausreißende Sterne“.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Der Untertitel von „Andymon“ lautet „Eine Weltraumutopie“. Dieser Gedanke hat auch bei mir eine Rolle gespielt, vor allem das Sich-Hineindenken in diese utopische Geschwistergesellschaft, die mich schon als Kind fasziniert hat. Welche Psychologie steht dahinter? Kann sich jemand von der utopischen Geschwisterlichkeit entfernen? Das Motiv des Sich-Entfernens, des Weggehens, findet sich im Titel meiner Erzählung: „Ausreißende Sterne“: Es gibt Sterne, auch Planeten, die aus ihrer Bahn brechen, Runaway Stars, Rogue Planets. Dieses Weggehen ist schon in „Andymon“ enthalten, denn es geht ja um ein Raumschiff, das aus unerklärten und unerklärlichen Gründen die Erde verlässt. Das kommt in meiner Geschichte auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder vor. Die ich-erzählende Person geht weg von der Utopie Andymon, denn Andymon ist Heimatplanet geworden, Mythos. Darüber hinaus wurde die ich-erzählende Person von ihrer Mutter verlassen, in ein Kinderhaus zu Androiden gegeben. Auch das passt zur Jugend der Geschwister in „Andymon“. Mir war es wichtig, dass eine Utopie, selbst wenn wir darin aufgewachsen sind, von uns wieder verlassen werden kann.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Es ist eine ewige Fortsetzung des Erdenkens einer Utopie, des Erreichens und des Wieder-Verlassens. Vielleicht ist vielen von uns gar nicht klar, dass die Zeit, in der wir leben, aus der Sicht vorangegangener Zeiten auch eine Utopie – oder je nachdem – eine Dystopie ist. In deiner Erzählung, Aiki, lesen wir: <em>„An die Schönheit des Heimatplaneten glaube ich nicht.“</em> Oder: <em>„Durch das Leben auf Raumstationen weiß ich, der Weltraum ist nicht vollgestopft mit Leben, sondern aus allen Nähten platzend, aus Leere.“ </em>Es geht immer wieder darum, dass der Ort, an dem man landet, so toll gar nicht ist wie erhofft, sondern ähnliche Probleme hat wie der Ort, den man verlassen hat. Daran lässt sich gut an die „Sabotage“ anknüpfen, die wir, Patricia, bei deiner Geschichte im Titel lesen und die auch deren Fortgang bestimmt. In deiner Geschichte lese ich Widerstand.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich glaube, bei mir ist es nicht das Post-Kapitalistische. Wir sind noch nicht am Ziel. Ich beschreibe die Menschen, die dorthin kommen wollen, die Rebell:innen, die, die sehen, was falsch läuft, die diese Welt in der Zukunft in eine gerechte Gegenwart verwandeln wollen. In meiner Geschichte ist alles im Umbruch, alles im Fluss. Es ist auch das, was ich in unserer Gegenwart wahrnehme. Viele Menschen haben das erkannt und arbeiten im Kleinen daran. Ich glaube, wir müssen nur erkennen, dass wir schon dabei sind daran zu arbeiten. Darüber müssen und können wir zusammenfinden, über die verschiedenen Widerstände hinweg. Wenn wir das tun, können wir das Ziel auch erreichen. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich will eigentlich nicht spoilern, aber irgendwie kommen wir nicht darum herum. In „Sabotage“ hast du eine ganz bemerkenswerte Art und Weise beschrieben, in der das geplante Attentat vollzogen wird. Angel Stone ist es gelungen, Eizellen und Spermien auszutauschen. Es hat etwas höchst Subversives, eine solche gewünschte Perfektion zu unterminieren.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Das ist die Auflehnung gegen die Tendenzen, die wir heute sehen. Ich habe das nicht erfunden, auch nicht die Diversität. Das steht alles in „Andymon“ schon drin. Das war für mich auch die zentrale Botschaft dieses Buches. Das hat mich in dem Roman am meisten angesprochen, ich war von Anfang an mitgemeint. In keinem anderen Science-Fiction-Roman, weder im Westen noch im Osten, habe ich mich jemals gefunden und daher auch nicht das Interesse entwickelt, in diesem Bereich weiterzulesen und mich weiterzubilden.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: In deinem eigenen Roman „Elektro Krause“ hast du dein Ziel dennoch bestens umgesetzt. Man mag zwar denken, dass es sich hier weniger um einen Science-Fiction-Roman handelt als um eine deutsche und politische Version der Ghostbusters, die ich eher in den Fantasy-Bereich einordnen würde.</p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Im englischen und im amerikanischen Roman habe ich mehr Diversität gesehen als in den deutschen Romanen. Da gab es zwar auch eine Menge Rassismus, aber es kamen Menschen vor wie ich. Als ich dann „Andymon“, einen Roman aus den 1980er Jahren, lese und sehe, dass Menschen wie ich darin eine Rolle spielen, war ich komplett begeistert. Für mich zeigt „Andymon“, dass alle dazugehören. Das ist auch das, was die Rebell:innen in „Sabotage“ antreibt. Die zukünftige Welt soll genau so divers sein, wie die Welt heute ist. Die Züchtungsfantasie in meiner Erzählung basiert auf der Haltung von Menschen, die meinen, sie wären etwas Besseres und die Menschheit der Zukunft sollte nach ihrem Bilde gestaltet werden. </em></p>
<h3><strong>Science Fiction ist Gegenwartsliteratur</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Manchmal habe ich bei Wiederaufnahmen wie den „Andymonaden“ den Eindruck, es ist irgendwie wie bei den Stoffen der griechischen Tragödien. Diese wurden über die Jahrhunderte, die Jahrtausende immer wieder aufgegriffen, auf die jeweiligen aktuellen Verhältnisse hin reflektiert und neu interpretiert. Es ist irgendwie eine Wiederkehr des Gleichen, mitunter in Spiralen, mehr oder weniger dialektisch, sodass die neuen Geschichten widerspiegeln, was zuvor war. Post-kapitalistisch, post-sozialistisch – das sind vielleicht nur zwei Varianten, die sich mit dem Präfix „post“ anstellen ließen. „Ausbrechende Sterne“ wären dann auch ausbrechende Gesellschaften, die „Sabotage“ wäre dann der konkrete Akt, der einen solchen Ausbruch provoziert und möglicherweise sogar nicht mehr zurückholbar dem Lauf der Welt eine völlig andere Richtung gibt.</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Was wird wie sichtbar, wenn du ein solches Projekt startest? Die Autor:innen werden den Text abklopfen und mit auf ihre Zeit, ihr Schreiben, beziehen. Wenn sie den Text genau lesen, sich von ihm berühren lassen und der Text immer noch assoziierbar ist, werden sie erfahren, was an ihm zukünftig aus der linearen Zeit gefallen ist. Sie erkennen die Symptomatik, was zu einer bestimmten Zeit, einer bestimmten Signatur gehört und das eine Zeit viele Zeiten ist. Wenn wir über „Andymon“ sprechen, machen wir jeweils kenntlich, was auch jede einzelne der Geschichten tut: Wir machen die eigene Gegenwart kenntlich. Ursula K. LeGuin schreibt, dass Science Fiction immer auch Gegenwartsliteratur ist – aber eben eine Gegenwart im Übergang. Es ist eine Gegenwart zwischen Nicht-Mehr und Noch-Nicht, nicht eine Gegenwart, die zur Ruhe gekommen wäre. </em></p>
<p><em>Das gilt für „Andymon“ wie für jede einzelne Erzählung der „Andymonaden“, im Guten wie im Schlechten. Zugleich kommen diese Stories aus der Zukunft, öffnen sie auch wieder, verhandeln sie neu. Es ist dieses Moment des Wieder- und Widererkennens, des Verfremdens, auch des Nicht-Mehr-Erkennens, des Neu-Konstruierens, des Anders-Bauens, des Verschiebens,  in einem transgenerationalen Dialog, der schon Gegenstand von „Andymon“ ist und auch die „Andymonden“ auszeichnet. Gleichzeitig lernen und entlernen wir mit den Texten, was Andymon ist – und damit auch unsere Gegenwart und ihre Zukünfte.</em></p>
<p><em>Alle Texte sind nah an der Gegenwart, gleichzeitig beziehen sie sich emphatisch auf die Romanvorlage So können sich diese Stories denjenigen öffnen, die den Roman schon als Kind gelesen haben, diejenigen, die ihn erst jetzt entdecken, die ihn wieder lesen, neu entdecken, diejenigen, die noch gar nicht geboren waren, als „Andymon“ erschien. Ebenso ist es bei den Autor:innen der zwölf Erzählungen. Sie verhandeln Themen, mit denen sie sich von „Andymon“ lösen und doch wieder darauf zurückverweisen. Kurz gesagt: Alle zwölf riskieren etwas. Und das ist auch spürbar.</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich möchte einen Gedanken hinzufügen. Mir ging es nicht nur um eine inhaltliche, sondern auch um eine poetische Auseinandersetzung. Es ist eine Beziehung zwischen mir und dem Roman entstanden, zum Beispiel über den Mythos „Heimatplanet“. In dem Roman ist etwas angelegt, das  mit mir und meinem Schreiben etwas macht. Das hängt auch mit meiner persönlichen Familiengeschichte zusammen. Es geht letztlich darum, was macht der Text mit mir, was macht sein Sound mit mir, was macht das dann mit meinem Schreiben?</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Daran kann ich anknüpfen. Als wir das Buch schrieben, haben Angela und ich lange diskutiert, was für uns „Heimat“ bedeutet, zumal dieser Begriff über Jahrzehnte doch etwas kontaminiert war und man ihn sich neu aneignen musste. Insofern ist „Heimat“ doch eher der Ort, den man sucht. Im Vergleich zu 1982 gibt es zum Glück Veränderungen, wir haben das Buch in einer Zeit geschrieben, in der wir den Kalten Krieg als allgegenwärtigen bedrohlichen Zustand fast schon körperlich gespürt haben, gerade in Berlin. Wir hatten auch Kontakte in die kleine Umweltszene und kannten uns mit Umweltproblemen und ihrer Verleugnung aus. Wir haben sehr stark die Enge und die Miefigkeit des DDR-Alltags wahrgenommen, aus dem wir ausbrechen wollten. Wir können das in die heutige Zeit hinein durchdeklinieren: Wie viel Mief, wie viel Enge ist heute noch oder wieder vorhanden? Einige Umweltprobleme wurden tendenziell gelöst, zum Beispiel das Ozonloch, andere haben bedrohliche Dimensionen erreicht. Im Hintergrund lauert ein heißer Krieg, der für uns in Mitteleuropa erst einmal einen kalten Krieg bedeutet. Gleichzeitig hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt. Sie ist bunter, vielfarbiger geworden. Jol Rosenberg hat mit der Bemerkung recht, dass „Andymon“ eine heteronormative Perspektive hat.</em></p>
<h3><strong>Politik und Poetik der Science Fiction</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Jol Rosenberg schrieb die Erzählung „Wovon ich Teil sein will“. Darin finden wir folgenden Satz: <em>„Eintauchen und Auftauchen. Sich verbinden und wieder lösen. Viele und ein Einzelner sein. Neugier schien ihm ein guter Anfang.“ </em>In der Erzählung gibt es unter den Bewohner:innen von Andymon eine Debatte über die Freiheit und die Frage, ob es Individualität gebe oder nur Gemeinschaft, darüber, wer zur Gemeinschaft gehört und wer nicht. Im Grunde geht es dabei um das, was in der Soziologie heute <em>„Heteronormativität“</em> genannt wird.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Diese Begriffe kannten wir damals nicht. Es gab sie wahrscheinlich auch noch nicht. Wir hatten allerdings einen Lektor, der schwul war. Alle wussten dies. Das war 1982 in der DDR nicht revolutionär, aber ungewöhnlich. Auch diese Offenheit wollten wir haben, aber wir haben damals nicht daran gedacht, das in dieser Richtung detailliert zu beschreiben. Wir hatten keine Vorbilder für queere Persönlichkeiten, die wir in die Geschichte hätten einbauen können. Ob uns das geglückt wäre, ist noch eine ganz andere Frage.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Das sieht heute anders aus. Drei der zwölf Autor:innen der „Andymonaden“ bezeichnen sich als nicht binär. Auch diesen Begriff gab es vor 40 Jahren noch nicht, weder im Osten noch im Westen.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Selbstverständlich waren die Geschwister vom ethnischen Hintergrund her so bunt wie die Menschheit. Sie sollten die gesamte Menschheit widerspiegeln und nicht nur die in der DDR auftretenden Gesichtsfarben.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Patricia, du hast eben darauf hingewiesen, wie sehr dich die in „Andymon“ vorhandene Diversität angesprochen hat. Ein weiterer Aspekt in diesem Kontext sind totalitäre Fantasien, die Diversität zerstören wollen. Dies nimmst du in deiner Geschichte auseinander. Es geht um die von den Herrschenden gesteuerte Fantasie der Züchtung einer perfektionierten, genetisch optimierten Menschheit. Und es gibt den Widerstand mit Reminiszenzen an die interessanteste Person in dem Comic-Franchise „Black Panther“, Killmonger, und einen Urvater aller Terroranschläge, <a href="https://www.britannica.com/biography/Guy-Fawkes">Guy Fawkes</a>.</p>
<p>Ich darf zwei Passagen der Schlussszene zitieren: Der <em>„Baron“</em> genannte Repräsentant der herrschenden Gesellschaft rechtfertigt das Züchtungsprojekt im Verhör mit Angel Stone, der Erzählerin und Protagonistin: <em>„Menschen tendieren dazu, Macht und Status anzuhäufen. (…). Deren Stärken basieren auf Dominanzhierarchien und leistungsorientierter Konkurrenz.“</em> Besser hätten sich Peter Thiel, Marc Andreessen oder Elon Musk auch nicht rechtfertigen können. Aber auch deren Macht hat Schwächen: Der letzte Absatz der Erzählung dokumentiert die Hoffnung auf eine entscheidende und endgültige Niederlage der Tech- und Züchtungs-Oligarchen: <em>„Plötzlich erscheint auf dem Screen ein rotes, drohendes V über einem roten Kreis. Dann ein Mensch mit Guy-Fawkes-Maske – und Kalles Stimme! Sie haben die Kommunikationskanäle der Oligarchen gehackt! Ich weine vor Freude. Jetzt erfährt die ganze Welt, dass auch die Zukunft der Menschheit divers ist.“</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Für Angela und mich war die Erzählung „Sabotage“ eine plausible Vorgeschichte zu „Andymon“, die praktisch am heutigen Tag ansetzt. Wenn ich an Leute wie Peter Thiel denke, bekomme ich eine Gänsehaut, obwohl ich ebenso weiß bin wie er. Wir hatten damals aber auch Romane von James Baldwin gelesen. Einige Werke von ihm wurden in der DDR verlegt; ich kann aber nicht sagen, ob sie „Andymon“ beeinflusst haben.</em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Ich bin euch dafür superdankbar. Das kann ich nicht oft und laut genug sagen. Ein Roman aus dem Jahr 1982!</em></p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Patricia, du hast einen superaktuellen Text geschrieben. Ich sehe das genau wie du. Auch wenn Queerness in „Andymon“ nicht explizit benannt wird, auch weil es die Begrifflichkeit damals noch nicht gab, ist sie ständig durch die verschiedenen Lebensstile im Roman präsent. Queerness wäre dort überall möglich gewesen, auch wenn sie nicht explizit benannt wird. Ich hatte immer das Gefühl, dass auf Andymon viel möglich ist, viel mehr, als wir uns bei der Jahreszahl 1982 eigentlich vorstellen können. Es könnten in der Erzählung, in der Weitererzählung, immer wieder neue Dinge ausprobiert werden, sodass es sich bei „Andymon“ um eine sehr dehnbare Utopie handelt. </em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Aiki sprach eben die „poetische Auseinandersetzung“ an. Es geht eben auch potentiell um eine „Poetik der Science Fiction“, um die Schreibweisen, um den Stil. „Andymon“ ist ein offenes Buch, das immer noch assoziierbar, immer noch produktiv ist – das ist insbesondere auch eine Frage des Stils, der Schreibweise. Die Haltungen der Figuren werden in eine eigene Schreibweise übersetzt und umgekehrt. So wie die Figuren im Roman mit Konflikten umgehen, so geht der Roman stilistisch auch mit dem Material um, das in auszeichnet. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Utopien wirken über Poesie? Warum funktioniert das mit „Andymon“ immer noch so gut?</p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>:<em> Es ist einmal die Utopie des Neuanfangs. Gleichzeitig gibt es noch ein zweites Modell, das Modell der menschlichen Praxis als Utopie. Utopie bedeutet dabei nicht Konfliktfreiheit, sondern die Art und Weise, wie mit Konflikten umgegangen wird. Ich sehe in dem Buch in diesem Sinne eine Politik des Schreibens, aus der sich ein eigenes poetisches Moment entwickelt. Nicht nur was, auch wie wir schreiben, ist politisch. Utopie und Utopisches sind ja immer auch ästhetische Erfahrungen – eine Frage der Wahrnehmung, der Worte, der Form der Sätze und wie sie sich mit Affekten, Wünschen und so weiter assoziieren. Das verbindet auch die zwölf Texte der „Andymonaden“. In allen Varianten.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zu all diesen Varianten gehört in „Andymon“ auch eine Figur unter den Geschwistern, die geradezu stalinistische Züge hat. Ich habe nicht nur in diesem Kontext den Roman ebenso wie andere Romane von Angela und dir, Karlheinz, als Parabeln gelesen. Oder ist das nur meine eigene Kafka-Passion, die mich überall Parabeln sehen lässt? Aber der Weltraum in „Andymon“ ist für mich ein Spielfeld, ein Hintergrund, kein realer Weltraum. Die ersten Sätze des Romans – der Titel des Kapitels lautet bewusst vieldeutig <em>„Woher?“</em> – legen mir diese Sicht schon nahe: <em>„Es gibt eine Reihe von Fragen, die sich der Mensch wieder und wieder stellt. Das war schon auf einem Planeten mit Namen Erde so, der für uns kaum mehr bedeutet als eine phantastische kosmische Sage. Und das wird so sein bis in alle Zukunft unseres Planeten Andymon, über der genau wie über der irdischen Vergangenheit der Schleier der Zeit liegt.“</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Wir haben schon versucht, den realen Weltraum so weit wie möglich zu nutzen, aber da kommt man nicht weit. Wir haben immer etwas schreiben wollen, das unserer Realität in der DDR einen Spiegel vorhält. Wir wollten aber auch nicht, dass es nur ein Spiegel ist. Da sollte mehr drin sein. Es sollte auch auf andere Verhältnisse übertragbar sein. Modellhaft. Wir konnten natürlich damals nicht einschätzen, ob und wie das möglich wäre.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Letztlich wird es philosophisch. Luise Meier nannte bei der Vorstellung der „Andymonaden“ im „Otherland“ den Roman <em>„ein philosophisches Buch“</em>.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Vielleicht passt dazu ein Gedanke zur Offenheit von „Andymon“: Die Konflikte werden in der Tat auf einer sehr philosophischen Ebene ausgetragen. Wir hatten Reaktionen von Lesern, die die Figur Beth, den Ich-Erzähler des Romans, als „so ein Softie“ bezeichneten, weil Beth eben nicht auf einer Meinung beharrte und sie unbedingt durchsetzen wollte. Er zeigte die Haltung, dass er nicht unbedingt recht haben müsse, dass vielleicht auch die anderen recht haben könnten, also, dass ich erst über mich selbst nachdenken muss, damit ich mit den anderen reden kann. Diese undogmatische Grundhaltung ist ein großer Unterschied zu den klassischen Utopien, die alle mehr oder weniger dogmatisch sind.</em></p>
<p><em>Angela und ich haben damals auch darüber gesprochen, dass „Andymon“ eine dynamische Utopie sein sollte. Den Begriff hat meines Wissens als erster H.G. Wells aufgebracht (in: „A Modern Utopia“). Es wird nichts von Beginn an festgelegt, sondern alles soll sich aus der Praxis der Menschen heraus entwickeln. Utopie ist nichts Vorgegebenes, sondern ein unklar umrissenes Ziel, auf das man sich versucht hinzubewegen. </em></p>
<h3><strong>Mehr Pop in unsere Tragetasche packen!</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Science Fiction leidet – zumindest in Deutschland – darunter, dass manche sie als Populärkultur, die man nicht ernst nehmen müsse, im Gegensatz zu einer sogenannten „Hochkultur“ abwerten. In den USA gibt es eine solchen Unterscheidung nicht. Immerhin gibt es inzwischen einige Wissenschaftler:innen, die sich sehr konkret und sehr präzise mit populärkulturellen Kunstformen auseinandersetzen, mit dem Gaming, mit Comics, mit Serienproduktionen wie Star Trek oder Game of Thrones. All dies geschieht durchaus in dem Sinne, wie auch „Andymon“ wirkte. Meines Erachtens passt dies auch zu der von Ursula K. LeGuin eingeführten Begrifflichkeit der Speculative Fiction oder der Social Fiction, die sie als Alternative oder Ergänzung zur Science Fiction vorschlägt, um den gesellschaftlichen und politischen Kontext hervorzuheben. Dazu gehört die Solarpunk-Bewegung mit ihren Fantasien für eine gerechtere und nachhaltigere Welt. Ich möchte folgende Thesen anbieten: Wir brauchen mehr Pop, um gesellschaftliche und politische Inhalte anschlussfähiger zu machen und möglichst viele Menschen zu motivieren, sich damit zu beschäftigen.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich schließe an Ursula K. LeGuin an, auch an das, was Karlheinz eben zu Beth gesagt hat, eine Figur, die ich sehr liebe. </em><a href="https://geschichtedergegenwart.ch/produktive-unordnung-in-der-tasche-ursula-k-le-guins-carrier-bag-theory-of-fiction-und-die-gegenwartsliteratur/"><em>LeGuin hat Fiktion als Tragetasche bezeichnet</em></a><em> (in: The Carrier Bag Theory of Fiction, 1989). Diese Tragetasche enthält alles Mögliche und eben nicht nur die übliche klassische Heldengeschichte mit Konflikten, Kämpfen und Triumpfen. Es ist bei „Andymon“ gerade das Spannende, dass im Roman der Inhalt einer solchen Tragetasche erzählt wird, mit vielen Möglichkeiten, ganz unterschiedlichen Figuren, die zusammenkommen, zueinander in Beziehung treten, wieder auseinandergehen, die kooperieren, aber auch scheitern, die sich verknüpfen, verbinden. Das ist – wie LeGuin sagt – viel näher an unserer Realität als die klassischen Heldengeschichten. Es ist egal, ob das jetzt Pop ist oder nicht. Es ist eine Tragetaschengeschichte. Das hat mich als junger Mensch fasziniert und mich umhergetrieben. Davon wollte ich noch mehr lesen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>. Und jetzt schreibst du selbst solche Bücher. Du hast dein Konzept in unserem Gespräch <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/poetik-der-queerness/">„Poetik der Queerness“</a> im Detail beschrieben.</p>
<p><strong>Aiki Mira</strong>: <em>Ich will andere Narrative finden. Dann kommen andere, die das in E- und U-Literatur einordnen, aber das interessiert mich eigentlich nicht. Neue Erzählformen sind in allen Literaturformen möglich.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Die Bemerkung von Ursula K. LeGuin mit der Tragetasche ist auch schon fast 40 Jahre alt. Man hat in den 1960er Jahren das S in Science Fiction mit Speculative oder Social übersetzt. Es ist heute wieder eine Zeit, in der sich aus dem Genre ein neues Genre heraus entwickelt. Das zeigt sich auch in Zeitschriften wie </em><a href="https://amrun-verlag.de/produkt/queerwelten-14-2025/"><em>„Queer*Welten“</em></a><em>. Ich glaube zwar nicht, dass die Heldengeschichten aussterben werden. Die Sehnsucht nach Heldengeschichten ist das Vermächtnis der Höhlenmenschen in uns. Aber wir brauchen heutzutage eben auch andere Narrative.</em></p>
<p><em>Mir ist aber auch aufgefallen, dass Science Fiction zunehmend ernsthaft wahrgenommen und diskutiert wird, zumindest in meiner kleinen Szene aus der Zukunftsforschung. Es ist Wahnsinn, wieviel  Aufmerksamkeit  jeglicher Art von Science Fiction geschenkt wird, meistens – so muss ich gestehen – ihrer technologischen Seite, aber eben auch breiter. Science Fiction wird zunehmend auch politisch interpretiert, etwa von </em><a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/"><em>Isabella Hermann</em></a><em>, die sich in dem Genre hervorragend auskennt.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Zuletzt mit ihrem Buch „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“, das 2025 im oekom-Verlag erschien. Im selben Verlag erschienen die „Zukunftsbilder 2045“ von Reinventing Society. Ich habe beide Bücher in meinem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">„Mehr Anti-Dystopien wagen“</a> vorgestellt, mit dem ich auch an einen Aufruf von Kim Stanley Robinson anknüpfe: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/dystopien-jetzt/">„Dystopien – jetzt!“</a> Isabellas Buch wurde schon in der ZEIT, die irgendwie das bildungsbürgerliche Leitmedium in Deutschland ist, von Petra Pinzler und Stefan Schmitt vorgestellt: <a href="https://www.zeit.de/2025/27/zukunft-visionen-angst-optimismus-wissenschaft/komplettansicht">„Das wird gut“</a>. Wie Isabella verweisen sie auf Kim Stanley Robinsons „Ministerium für die Zukunft“. Maximilian Probst interviewte – ebenfalls für die ZEIT – Kim Stanley Robinson: <a href="https://www.zeit.de/wissen/2025-11/kim-stanley-robinson-science-fiction-klimafiktion-klimakrise">„Wir alle stecken heute mitten in einem Science-Fiction-Roman“</a>. Auch der Deutsche Kulturrat hat sich mehrfach in diesem Sinne mit Science Fiction, mit Comics, mit Gaming befasst.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Ich denke, dass Science Fiction inzwischen unsere Kultur unterwandert hat. Seit etwa 20 bis 30 Jahren ist Werbung ohne Science-Fiction-Motive kaum noch denkbar. Selbst in den alten Medien, im Fernsehen, ist Science Fiction ständig präsent, erst recht in den Streaming-Diensten. Das ist ein Siegeszug, der auch seine Nachteile haben kann, im Sinne einer Verwässerung, eines Zurechtschneidens auf einen mutmaßlich vorgegebenen Zeitgeist. Mitunter finde ich es beängstigend, wie science-fiction-affin unsere Zeit ist. Science Fiction war doch einmal etwas für Spezialisten, für die wenigen, die sich auskannten, und jetzt ist das etwas für Krethi und Plethi.  </em></p>
<p><strong>Patricia Eckermann</strong>: <em>Wir müssen mehr Pop wagen! Das ist mein Thema. Diese Unterscheidung zwischen E und U macht unser Leben unnötig schwer. Es ist natürlich interessant für eine Wissenselite, die sich auch gerne etwas abgrenzen möchte. Ich glaube aber, dass wir gerade über Literatur, auch über Fernseh- und Filmmedien viele Menschen erreichen, wesentliche Botschaften verbreiten können. Es ist mir wichtig verstanden zu werden. Ich finde es persönlich gut, dass ich mich in einem populären Genre viel leichter und auch gegenüber einer viel größeren Gruppe ausdrücken und verstanden werden kann. Menschen folgen dann vielleicht einer Geschichte, in die ich das ein oder andere hineinpflanzen kann, das nicht so mit dem Zeigefinger daherkommt. </em></p>
<p><em>Ich mag es Genres und Welten zu vermischen. So bin ich auch aufgewachsen. Manche würden mich als Mixed-Race bezeichnen. Für die einen bin ich nicht Schwarz genug, für die anderen nicht weiß genug. Ich bin etwas eigenes, ich bin mein eigenes Genre. So wie ich selbst nicht von anderen festgelegt werden kann, mich auch nicht festlegen, in eine Schublade hineinzwängen lassen will, so möchte ich, dass das, was ich schreibe, nicht nur in eine Schublade passt. Ich lese selbst gerne Texte oder schaue Filme, die sich aus einer Schublade herausbewegen oder die ich selbst aus einer Schublade herauslesen kann. Auch das ist möglich.</em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Mein Eindruck ist, dass das, was populär wird, immer auch ein wichtiger Exodus, ein produktives Neuverorten ist. Zugleich kann es auch ein Exodus sein, wenn etwas poetisch wird. Gerade in Situationen, in denen man vielleicht schon zu viel verstanden wird. Mehr Pop! Das ist die eine Seite, eine weitere: Mehr Poesie!</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: An einem meiner Bücherregale klebt die Parole <em>„poetisiert euch.“ </em></p>
<p><strong>Michael Wehren</strong>: <em>Dazu gehört vielleicht auch: Mehr Nacht! Nicht immer nur das sogenannte Licht der Wissenschaft! Natürlich müssen wir Technik, Technologie und die Erfahrungen damit erzählen. Es gibt in der Science Fiction so viel Anderes. Wofür steht Science Fiction denn? Das wird doch mit jedem Roman, jeder Kurzgeschichte, jedem Interview neu verhandelt. Muss das S in SF für Science stehen? Oder steht das S vielleicht beispielsweise auch für Socialist? Vielleicht ist „Andymon“ auch der Traum von einem anderen Sozialismus, von einer anderen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Der Traum von sozialistischem Solarpunk aus einem Land vor unserer Zeit. </em></p>
<p><em>Gleichzeitig aber tut es der Science Fiction vielleicht sogar gut, wenn sie nicht immer so ganz ernst genommen wird, dass darin auch immer Spiel ist, Fantasie, auch Blödsinn, persönliche Idiosynkrasie, Wachträumen, dass sie nie ganz feuilletonfähig ist, sich mit ihren Robotern und Aliens immer auch wieder selbst ein wenig um ihren Ruf bringt. Das macht Science Fiction produktiver und zugänglicher für ein Publikum, das nicht rein bildungsbürgerlich geprägt ist.</em></p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>: <em>Als Fazit passt vielleicht ein Satz von Michael aus seiner meines Erachtens sehr philosophisch inspirierten Erzählung in den „Andymonaden“. Titel: „Nach Andymon – Vier Erzählungen aus der Zukunft“: „Sie gehen zurück an den Anfang und / Merken, da ist kein / Anfang / Sie gehen zurück an das Ende und / Merken, da ist kein / Ende / Die Welten und die Sterne sind / Unendend.“ Michael hat die Philosophie von „Andymon“ damit auf den Punkt gebracht.</em></p>
<p><em>Für Angela und für mich ist das Schönste an den „Andymonaden“, dass wir damit in direkten Kontakt mit Aiki, mit Patricia und all den anderen der jüngeren Generation gekommen sind. Das hat uns auch neue Kraft gegeben. Ich danke allen, die sich beteiligt haben, und besonders dem Herausgeber!  </em></p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 16. Januar 2026, Titelbild: Vorstellung der „Andymonaden“ im „Otherland“, Foto: NoRei.)</p>
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		<title>Der Streit ums Asyl</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Jan 2026 15:49:09 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Der Streit ums Asyl Die beiden Welten einer schier endlosen Debatte und eine Perspektive „Jeder politisch Verfolgte, der an der Grenze oder im Bundesgebiet um Asyl nachsucht, hat nach Artikel 16 Abs. 2 Satz 2 GG in Verbindung mit den Vorschriften des Asylverfahrensgesetzes einen Anspruch auf Anerkennung als Asylberechtigter und damit auf Schutzgewährung.“ (Antwort  [...]</p>
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<h1><strong>Der Streit ums Asyl</strong></h1>
<h2><strong>Die beiden Welten einer schier endlosen Debatte und eine Perspektive</strong></h2>
<p><em>„Jeder politisch Verfolgte, der an der Grenze oder im Bundesgebiet um Asyl nachsucht, hat nach Artikel 16 Abs. 2 Satz 2 GG in Verbindung mit den Vorschriften des Asylverfahrensgesetzes einen Anspruch auf Anerkennung als Asylberechtigter und damit auf Schutzgewährung.“ </em>(Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage von Abgeordnetem Ströbele und der Fraktion der Grünen, Drucksache 10/4059 vom 7. November 1985)</p>
<p>Der 1. März 1985 ist ein Freitag: trübes Wetter, Regen, 4 Grad in Bonn und Berlin. Die Folgewochen werden zwar in die Weltgeschichte eingehen. Doch wissen das die Menschen an diesem Tag noch nicht. In Moskau liegt wieder ein greiser Generalsekretär im Sterben, Konstantin Tschernenko (1911-1985), und sein Nachfolger wird Michail Gorbatschow (1931-2022). Die Veränderungen in der Sowjetunion werden in Europa auch in Sachen Flucht, Asyl und Zuwanderung alles ändern.</p>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-7764 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-213x300.jpg" alt="" width="213" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-200x282.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-213x300.jpg 213w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-400x565.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-600x847.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-725x1024.jpg 725w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-768x1084.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-800x1129.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-1088x1536.jpg 1088w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1-1200x1694.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-1.jpg 1239w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" />Aber das wissen die an diesem Tag ankommenden Asylbewerber auf dem Ostberliner Flughafen Schönefeld noch nicht. Zuerst begegnen sie Oberfeldwebel Bernd Schneider. Dem DDR-Oberfeldwebel ist vor allem kalt an diesem Tag. Laut Dienstvorschrift ist seit 1. März Frühling. Die dünne NVA-Sommeruniform schützt nicht wirklich vor Kälte. Und lange wird der Dienst auf dem Ostberliner Flughafen Berlin-Schönefeld dauern. Erst um 23:55 Uhr kommt Flug IF 828 aus Damaskus an.  Schneider ist Mitarbeiter der Hauptabteilung VI des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS). Seinen Dienst zur Kontrolle ausländischer Fluggäste verrichtet er in der PKE, der Passkontrolleinheit des MfS. Zur Tarnung tragen die MfS-Kontrolleure im Dienst NVA-Uniformen der Grenztruppen der DDR. Ihre Aufgabe ist es, die in Schönefeld anlandenden Asylbewerber möglichst geräuschlos nach Westberlin zu schleusen. 34.000 Asylbewerber waren es im Jahr 1984, die allein in Westberlin ankommen: die meisten Araber, Pakistani, Afrikaner, Türken, und einige Tausend aus dem Iran.</p>
<p>Ohne Kontrolle war am Tag zuvor der frühere Geheimdienstchef und heutige Innenminister Saddam Husseins, Saadoun Shaker, zu Gesprächen mit Erich Honecker in Schönefeld gelandet. Es ist nicht bekannt, ob es dabei auch um die Verhinderung irakischer Kriegsflüchtlinge geht oder um weitere Waffenlieferungen der DDR an den Irak.  Der Hamburger Journalist Wolfgang Klietz beschreibt in seinem Band <a href="https://shop.kohlhammer.de/waffenhandler-in-uniform-43460.html#147=22">„Waffenhändler in Uniform – Geheime Im- und Exporte der DDR“</a> (Stuttgart, Kohlhammer, 2024) den Verkauf von Waffen und LKWs an beide Kriegsparteien während des Ersten Golfkrieges (1980-1988). Flüchtlinge kommen jedoch nur aus dem Iran.</p>
<h3><strong>Einwanderungsland! Welches Einwanderungsland?</strong></h3>
<p>Der Historiker Ulrich Herbert (Jg. 1951) wird später in seinem Standardwerk <a href="https://www.chbeck.de/geschichte-auslaenderpolitik-deutschland/product/20897109">„Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland“</a> (München, C.H. Beck, 2001) rückblickend in diesen Jahren eine <em>„Eigendynamik“</em> der Asylproblematik erkennen. Wie kein anderes Thema habe die Ausländerpolitik die innenpolitischen Debatten geprägt, zudem mit einer unbarmherzigen und polarisierenden Schärfe. Auf der einen Seite werde Zuwanderung als apokalyptische Bedrohung deklariert. <em>„Auf der anderen Seite werden alle Versuche der Begrenzung, Verringerung oder auch zur Steuerung der Zuwanderung als Ende des liberalen Rechtsstaates gebrandmarkt.“</em></p>
<p>Und dass, obwohl es seit Ende der 1970er Jahre erste politische Initiativen für eine faktische Anerkennung von Einwanderung und Versuche der Integration der in Deutschland lebenden Migranten gegeben hatte. Der erste <em>„Ausländerbeauftragte“</em>, der SPD-Politiker Heinz Kühn (1912-1992), hatte im September 1979 ein Leitlinien-Papier vorgestellt zum Thema <a href="https://germanhistory-intersections.org/de/migration/ghis:document-125">„Stand und Weiterentwicklung der Integration der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Familien in der Bundesrepublik Deutschland“</a>. Im Begleitbrief vom 28. September 1979 an Bundeskanzler Helmut Schmidt, abgedruckt in Kühns Lebenserinnerungen, beschreibt er sein Manifest als von der Überzeugung geleitet, dass für die vier Millionen ausländischer Arbeitskräfte und ihre Familien – vor allem in der 2. und 3. Generation – Deutschland <em>„ein definitives Einwanderungsland und nicht ein vorübergehendes Aufenthaltsland ist.“ </em></p>
<p>Das „Kühn-Memorandum“ gilt als erste Regierungsfeststellung, dass die Bundesrepublik faktisch ein Einwanderungsland ist und Integration, politische Teilhabe, Bildung und Einbürgerung von Ausländern als Grundpfeiler von zukunftsweisender Sozialpolitik zu entwickeln wären. In einem Interview des Journalisten vom Süddeutschen Rundfunk (SDR) Karl Heinz Meier-Braun (Jg. 1944) sagte Kühn im November 1980 bilanzierend: <em>„Ich fühle mich in den zwei Jahren meiner Tätigkeit eher bestätigt in meiner Überzeugung, dass die Frage der Integration der Ausländer bei uns eines der hauptsächlichen gesellschaftspolitischen Probleme der 80er Jahre sein wird. „</em></p>
<p>Es blieb allerdings, in der Rückschau, eines der ungelösten sozialpolitischen Probleme der 1980er Jahre. Der Historiker <a href="https://www.uni-osnabrueck.de/imis/personen/imis-mitglieder/marcel-berlinghoff">Marcel Berlinghoff</a> (Jg. 1977) von der Universität Osnabrück beschreibt den Vorstoß Kühns als <em>„kurzzeitigen Perspektivenwechsel der Migrationspolitik“</em>, der nur vorübergehend in der Öffentlichkeit und von der Bundesregierung beachtet wurde (Die Bundesrepublik und die Europäisierung der Migrationspolitik seit den späten 1960er Jahren, in: Jochen Oltmer, <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110345391/html">Handbuch Staat und Migration in Deutschland seit dem 17. Jahrhundert</a>, Berlin, de Gruyter, 2015). Zudem müsste analysiert werden, inwieweit Kühns Vorstellungen von Integration in heutigen Worten eher als Eingliederung oder Assimilation zu verstehen gewesen wären.</p>
<p>Der Historiker <a href="https://kjbade.de/inhalt/zurperson/">Klaus J. Bade</a> (Jg. 1944), einer der Vorreiter der Geschichtsschreibung deutscher Migrationspolitik, zitiert dazu in einem Artikel von 1992 den Journalisten Karl-Heinz Meier-Braun, wonach es Anfang der 1980er Jahre keinen <em>„Wettlauf um Integrationskonzepte“</em> als vielmehr einen <em>„Wettlauf um eine Begrenzungspolitik“</em> gegeben habe. Das entsprach jedoch genau der Verwaltungsrealität dieser Jahre, wonach die Ausländerpolitik der Bundesregierung darauf gerichtet (ist), <em>„die weitere Zuwanderung von Ausländern in die Bundesrepublik Deutschland wirksam zu begrenzen, / die Rückkehrbereitschaft zu stärken sowie / die wirtschaftliche und soziale Integration der seit vielen Jahren in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Ausländer zu verbessern und ihr Aufenthaltsrecht zu präzisieren“. </em>(<a href="https://dserver.bundestag.de/btd/09/016/0901629.pdf">Deutscher Bundestag Drucksache 9/1629</a>: Antwort der Bundesregierung vom 5. Mai 1982 auf die Große Anfrage „Ausländerpolitik der Fraktionen der SPD und FDP.)</p>
<p>Für den Historiker <a href="https://www.phil.uni-mannheim.de/zeitgeschichte/team/prof-dr-philipp-gassert/">Philipp Gassert</a> (Jg. 1965) wurde <em>„Asyl zur zentralen Konfliktarena im Streit um Migration. Schon bald begann der Streit um den Asylmissbrauch.“ </em>(in: <a href="https://elibrary.kohlhammer.de/book/10.17433/978-3-17-029271-0">Bewegte Gesellschaft. – Deutsche Protestgeschichte seit 1945</a>, Stuttgart, Kohlhammer, 2018).</p>
<p>Im März 1985 galt das Asylverfahrensgesetz erst wenige Monate, welches die Asylverfahren beschleunigen sollte und sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ zuordnen ließe. Doch der tödliche Sprung des abgelehnten türkischen Asylbewerbers <a href="https://taz.de/Der-Fall-Altun/!5952693/">Cemal Altun</a> im August 1983 aus einem Fenster des (West-)Berliner Oberverwaltungsgerichtes hatte das politische Deutschland aufgewühlt und polarisiert. Ebenso die Abschiebung der Philippinerin <a href="https://www.zeit.de/2024/46/susan-alviola-abschiebung-kirchenasyl-hamburg">Susan Alviola</a> und ihrer Kinder Clarizze und Alvin aus einem Hamburger Kirchengebäude im November 1984. Der <a href="https://www.ndr.de/geschichte/chronologie/Kirchenasyl-gebrochen-1984-wird-Familie-Alviola-abgeschoben,alviola100.html">NDR</a> und die <a href="https://www.zeit.de/2024/46/susan-alviola-abschiebung-kirchenasyl-hamburg">ZEIT</a> erinnerten 2024 daran.</p>
<h3><strong>Sehnsuchtsort Westberlin</strong></h3>
<p><img decoding="async" class="alignright wp-image-7765 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-213x300.jpg" alt="" width="213" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-200x282.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-213x300.jpg 213w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-400x564.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-600x847.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-726x1024.jpg 726w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-768x1084.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-800x1129.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-1089x1536.jpg 1089w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-1200x1693.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-1451x2048.jpg 1451w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-2-scaled.jpg 1814w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" />Am 1. März 1985 geht es für die Asylbewerber nach der Landung auf dem DDR-Flughafen Schönefeld zum Terminal L. Das ist streng von den DDR-Bürgern abgeschirmt. Denn für 7 (West)Mark steht dort ein DDR-Transitbus Marke Ikarus bereit, um direkt über den Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee zum Westberliner Funkturm und zum Bahnhof Zoo zu fahren. Nach Angaben der Bundesregierung – auf eine Anfrage im Deutschen Bundestag (<a href="https://d.docs.live.net/95b37afd2fc11ad3/Norbert-One%20Drive/Norbert%20Blog/376.KI.docx">Drucksache 10/5557</a>) – werden im Jahr 1985 über 44.000 Ausländer über die Ostberlin-Route <em>„ohne erforderlich Grenzübertrittspapiere über die DDR in das Bundesgebiet“</em> kommen. Das werden auch 1985 60 Prozent aller einreisenden Asylbewerber sein.</p>
<p>Was erwartete die Asylbewerber Anfang März 1985 auf den Straßen des alten Westberlins? Ausländerfeindlichkeit und eine <em>„institutionelle Diskriminierung von Ausländern“</em>: das schreibt zum Thema der Bonner Soziologe <a href="https://iep.uni-freiburg.de/team/schulze">Günther Schulze</a> im seinerzeit viel beachteten Artikel in den Gewerkschaftlichen Monatsheften. Man mache es sich jedoch zu einfach, so Schulze, wenn man das Augenmerk lediglich auf die offenkundigen bis gewalttätigen Formen der Ausländerfeindlichkeit richte. <em>„Ebenso wichtig ist es, die institutionellen Formen der Benachteiligung und Diskriminierung von Ausländern zu untersuchen, wie sie sich in der Gesetzgebung und der Ausländerpolitik konkretisiert haben.“ </em></p>
<p>Und die Asylbewerber sehen Anfang März 1985 Wahlplakate an den Straßen. Die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus wird am Sonntag in zehn Tagen abgehalten werden. Der Umgang mit dem Asylrecht und eine mögliche restriktive Ausrichtung der Asylpolitik hatte den Wahlkampf beherrscht. So beklagt die CDU im Wahlprogramm zur angestrebten Wiederwahl des regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (Jg. 1941), <em>„daß der größte Teil der Asylbewerber das Asylrecht zu Unrecht beansprucht und nicht wegen einer politischen Verfolgung, sondern überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen in unser Land kommt. Dieser Entwicklung muß Einhalt geboten werden, um eine Überschwemmung der Bundesrepublik mit Wirtschaftsasylanten und eine erhebliche Belastung des sozialen Gefüges und des Sozialetats, die immer auf Kosten wirklich Bedürftiger geht, zu unterbinden.“</em></p>
<p>Eine große Gruppe der Asylbewerber bilden im März 1985 die Iraner, die die Fluchtroute über die Türkei nach Ostberlin nehmen. 1984 waren es 2.600, 1985 werden es insgesamt 8.840 sein. Davon werden nur 13 Prozent vom Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge nicht anerkannt (Quelle: <a href="https://open.uni-marburg.de/entities/thesis/5792795e-b3ae-4f3e-b97f-ceac39d523a7">Masoud Jannat. Iranische Flüchtlinge im deutschen Exil, Dissertation, Marburg 2005</a>). Bereits 1983 hatte unter verschieden ausgerichteten linken Parteien im Iran eine massive Verhaftungs- und Fluchtbewegung eingesetzt, als das Teheraner Regime daran ging, jetzt die linken Organisationen zu verfolgen, die zuvor noch den <em>„anti-imperialistischen“</em> und <em>„revolutionär-antiwestlichen“</em> Kurs der islamistischen Machthaber unterstützt hatten. Ebenso waren der Irak-Iran-Krieg und die andauernde islamistische Unterdrückung von Frauen Fluchtgründe. In der DDR war dagegen für Iraner kein Platz vorgesehen, auch nicht für iranische Kommunisten. Denn die DDR des Jahres 1985 hatte beste Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran. Man verkaufte für den laufenden Irak-Iran-Krieg Waffen und DDR-LKW der Marke W50 im Wert einer halben Milliarde Dollar an die Teheraner Islamisten, kaufte dort iranisches Öl.</p>
<h3><strong>Die Welt der „Verschärfer“ des Asylrechts </strong></h3>
<p><a href="https://www.berlin.de/sen/inneres/ueber-uns/berliner-innensenatoren/heinrich-lummer/artikel.548817.php">Heinrich Lummer</a> (1932-2019) ist am 1. März 1985 als Berliner CDU-Innensenator sowohl für die innere Sicherheit als für die Verwaltung der Asylbewerber zuständig. Das macht ihn (zeitlebens) zur Hassfigur der politischen Linken. Auch Anfang 1985 hielt die Zuwanderung in Westberlin an. Lummer gab denen in seiner Stadt eine politische Stimme, die Angst hatten, <em>„von Asylbewerbern überrannt zu werden“.</em> Hier mischten sich Fremdenfeindlichkeit mit Sorgen, in Zeiten kriselnder Wirtschaft neuen Konkurrenten auf Wohnungs- und Arbeitsmarkt ausgesetzt zu sein. Zwar wurde seit 1949 mit Artikel 16 Grundgesetz: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ scheinbar ein Rechtsanspruch auf politisches Asyl versprochen. Doch gerade seit 1980 war die richterliche und verwaltungstechnische Auslegung des deutschen Asylrechts kritisiert worden. Die Forderung aus der CDU lautete, das Asylrecht auf breitere rechtliche Schultern zu stellen und Bedingungen zur Erlangung politischen Asyls zu definieren.</p>
<p>Das wurde jedoch erst 1993 mit den sogenannten <em>„Asylkompromiss“</em> umgesetzt. Mit dem <a href="https://www.bpb.de/themen/politisches-system/politik-einfach-fuer-alle/236742/das-recht-auf-asyl/">Artikel 16a Grundgesetz</a> werden zahlreiche Voraussetzungen und Bedingungen genannt, unter denen Asyl gewährt werden kann oder eben nicht. 1985 machte in dieser Richtung der Staatsrechtler Helmut Quaritsch auf sich aufmerksam, der mit seinem Buch <a href="https://d.docs.live.net/95b37afd2fc11ad3/Norbert-One%20Drive/Norbert%20Blog/">„Recht auf Asyl – Studien zu einem missdeuteten Grundrecht“</a>, (Berlin /West, Duncker &amp; Humblot, 1985‘) das Asylrecht radikal umbauen wollte.</p>
<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-7763 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-213x300.jpg" alt="" width="213" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-200x282.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-213x300.jpg 213w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-400x565.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-600x847.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-725x1024.jpg 725w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-768x1084.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-800x1129.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-1088x1536.jpg 1088w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3-1200x1694.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/MfS-und-HVA-43-1986-Bundesarchiv-0416_04_004-Seite-3.jpg 1239w" sizes="(max-width: 213px) 100vw, 213px" />An diesem 1. März 1985 starteten die Länder Berlin, Baden-Württemberg und Bayern einen weiteren Versuch, im Bundesrat Gesetzesentwürfe zur Änderung des Asylverfahrensgesetzes und zur „Eindämmung des Asylmissbrauchs“ auf den Weg zu bringen. Heinrich Lummer führte in seiner Rede vor dem Bundesrat am 1. März 1985 aus: <em>„Wenn das Problem durch eine Kontrolle der Grenzen lösbar wäre, dann würden wir es lösen. Das Problem muß anders gelöst werden, obwohl einer der Punkte, die hier anzufügen wären, natürlich das Verhalten der DDR ist. </em> <em>Das heißt, die Bundesregierung sollte in Gesprächen mit der DDR den Versuch machen, zu erreichen, daß die Rolle, die der Flughafen Schönefeld gegenwärtig in diesem Zusammenhang spielt, eingeschränkt wird. / Das alles belastet die gesamte Ausländerproblematik, entwertet irgendwo auch das Wort ‚Asylant‘ und ist geeignet, dieses Wort zu einem Schimpfwort degenerieren zu lassen. Auch diejenigen, die sich darum bemühen, den Mißbrauch auszuschließen, zu reduzieren, gehen davon aus, daß das Asylrecht in seinem Kern für diejenigen bewahrt werden muß, denen es wirklich zusteht. Das, finde ich, sollten wir im Interesse einer politischen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, bei der manchmal gesagt wird, es gebe ausländerfeindliche Akzente. Ich glaube das so nicht. Aber gerade von hier ausgehend, ist die Gefahr einer starken Emotionalisierung gegeben.“</em></p>
<p>Am Abend dieses Freitags, um 22:30 Uhr berichtet der „Bericht aus Bonn“ über Lummer und die Asylfrage. Redaktionsleiter und Moderator war Friedrich Novottny (Jg. 1929). In einem längeren Beitrag berichtet <a href="https://stiftungzukunft.org/ueber-uns/stiftungsgremien/">Johanna Holzhauer</a> (Jg. 1954) die Pläne der unionsgeführten Bundesregierung und einiger Länder für eine Änderung beim Asylrecht. Die FDP, damals ebenfalls Regierungspartei, lehnte das strikt ab: <em>„Im Januar 1985 reisten wieder knapp 5.000 (Asyl-)Bewerber über Westberlin ein. Falls diese Entwicklung weitergeht, fürchtet die Bundesregierung, eine Zahl bis zu 70.000 Asylbewerbern in diesem Jahr. Im Bundesministerium des Innern in Bonn unterstützt man deshalb die Gesetzesentwürfe der Länder. Lieber heute als morgen sähe man dort eine Verschärfung des Asylrechts.“</em></p>
<p>Dabei sahen sich die vermeintlichen <em>„Verschärfer“</em> gerade in Westberlin einer weiteren Bedrohung ausgesetzt, die heute vielfach vergessen ist. Die sogenannten „Revolutionären Zellen“ (RZ) in Westberlin verfügten über zahllose Unterstützer in der links-liberalen Szene, nicht zuletzt verkörpert in Anwaltskollektiven und Politikern wie <a href="http://www.stroebele-online.de/">Hans-Christian Ströbele</a> (1939-2022). 1986/87 wurden Anschläge gegen vermeintliche Scharfmacher der <em>„Asylkrise“</em> verübt. Die Bekennerschreiben sprechen eine klare Sprache ideologischer Gewalt: (Fehler im Original): <em>„Der berliner Ausländerpolizeichef Hollenberg ist ein Menschenjäger und Schreibtischtäter. Sein Jagdrevier Westberlin ist der Brennspiegel bundesdeutscher Ausländerpolitik, das heikle und heiße Pflaster, auf dem sich die jeweiligen Projektierungen exemplarisch verdichten und hochgekocht werden… Der Chef der berliner Ausländerpolizei und Lummerprotege Hollenberg steht in diesem &#8222;Abwehrkampf&#8220; an vorderster Front, in Geist und Tradition der ‚kämpfenden Verwaltung‘, wie sie NS-Heydrich definiert und formiert hat.“ </em></p>
<p>Neben dem Leiter der Berliner Ausländerbehörde Harald Hollenberg war der (Asyl)Richter am Berliner Verwaltungsgericht Günter Korbmacher (1926-2015) betroffen. Auch hier berichtet das <a href="http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn47g.htm">Bekennerschreiben</a> von der Dimension und Perspektive der damaligen Auseinandersetzung: <em>„Zum strategischen Ort in dieser Variante des Klassenkrieges hat sich das Grundrecht auf Asyl kristallisiert. Da es so gut wie keinem Menschen zugestanden wird – Frauen werden von diesem patriarchalischen Definitionsapparat von vornherein ausgeschlossen (…) Das Asylrecht ist seinem Wesen nach eben nicht als einklagbares Individualrecht konzipiert worden; vielmehr ist es von vornherein allen opportunen staatlichen Auslegungen und imperialistischen Dispositionen geöffnet worden, und daher in seinem Kern ein Staatsschutzrecht.“</em></p>
<h3><strong>Die Welt der grenzenlos Aufnahmebereiten </strong></h3>
<p><strong><em>„</em></strong><em>Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr auch mir getan.“ (Matthäus 25,40)</em></p>
<p>In der Literatur ist gut beschrieben, wie Mitte der 1980er Jahre die öffentliche Debatte eskaliert. Die Bezeichnung <em>„Asylantenschwemme“</em> findet Eingang in die öffentliche Diskussion: <em>„Das Boot ist voll.“</em> Es ist die Zeit der Polarisierung. In der Koalitionsvereinbarung der ersten Regierung Helmut Kohl (1982) ist fixiert: <em>„Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland. Es sind daher alle humanitär vertretbaren Maßnahmen zu ergreifen, um den Zuzug von Ausländern zu unterbinden.“</em></p>
<p>Dagegen mehren sich auf linker, grüner und kirchlicher Seite Stimmen, die ein <em>„allgemeines Bleiberecht“</em> gesetzlich verankern und öffentlich durchzusetzen bereit sind: <em>„Alle aufnehmen – wir schaffen das!“</em></p>
<p>Die Asylbewerberzahlen waren nur der jeweils aktuelle Aufhänger pro oder contra Asyl. In der Bundesrepublik standen damals Aktivisten bereit, die sich zuvor regional für benachteiligte Ausländer eingesetzt hatten und die jetzt in der <em>„Asylkrise“</em> bundesweite Aufmerksamkeit erlangten.</p>
<p>Über deren Motive hat Jonathan Spanos für seine Promotionsschrift geforscht: „Flüchtlingsaufnahme als Identitätsfrage – Der Protestantismus in den Debatten um die Gewährung von Asyl in der Bundesrepublik 1949-1993“ (Göttingen, Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2022). Wonach der Protestantismus den Nährboden für die Asylhilfebewegung lieferte. Damit wurde vor allem die evangelische Kirche zu einer wortmächtigen Großinstitution für (in deren Augen) liberale Flüchtlingspolitik und Garantie des Asylrechtes:<em> „Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit fokussierte sich stark auf Vertreter einer offenen Flüchtlingspolitik, davon abweichende Zwischentöne und innerprotestantische Auseinandersetzungen wurden hingegen kaum erwähnt.“</em></p>
<p>Werner Baumgarten (Jg. 1950) kann als ein Repräsentant dieser Form gläubiger Asylhilfe bezeichnet werden. Er unterstützt Anfang der 1980er Jahre als einfacher Gemeindepfarrer die möglichst menschenwürdige Unterbringung von Asylbewerbern im Raum Stuttgart und wird später einer der ersten Asylpfarrer in Baden-Württemberg. Anfeindungen und Beschwerden aus der Nachbarschaft, anfangs mangelnde Unterstützung aus den Kirchenleitungen selbst waren zu überwinden. Die Probleme, denen lokale Asyl-Initiativen in dieser Zeit im Raum Stuttgart ausgesetzt sahen, schildert die damalige Vikarin (später Landesbischöfin in Mitteldeutschland) Ilso Junkermann (Jg. 1957) in einer <a href="https://www.youtube.com/watch?v=0QvZD4VCZjg">Radioproduktion „Kontaktgruppe Asyl“</a> des Süddeutschen Rundfunks aus dem Jahr 1987.</p>
<p>Einen ebensolchen authentischen Eindruck der damaligen Pro Asyl-Aktivisten und der handelnden Personen gibt der Band <a href="https://hasp.ub.uni-heidelberg.de/journals/sasien/article/view/27680">„Platz zum Leben gesucht – Lesebuch Asyl“</a> (hg. von. Gisela Klemt-Kozinowski und anderen, Baden-Baden, Signal Verlag, 1987). Darin schildert Werner Baumgarten seine theologische Begründung zum Engagement für Asylbewerber mit Aussagen aus der Bibel: <em>„Der Herr hat die Fremdlinge lieb. Der Herr behütet die Fremdlinge. Verfluchts sei, wer das Recht des Fremdlings beugt. Ich komme herbei, um euch zu richten, schon bald komme ich und trete als Zeuge auf gegen die, die den Fremden im Land ihr Recht verweigern.“</em> Baumgarten schließt unmittelbar aus dem Text der Bibel, dass alle auf Erden Asylsuchende seien und schreibt: <em>„Wer Abschreckung zur Konzeption erhebt, muss sich fragen lassen, welches Menschenbild ihn dabei leitet. Ich habe in der Bibel nachgeforscht und dabei festgestellt, ein christliches kann es nicht sein.“</em></p>
<p>Politisch wirkmächtig wurde diese Gruppierung nach der Gründung von <a href="https://www.proasyl.de/">Pro Asyl</a> 1986. Deren Geschäftsführer, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Zxn_xAtvE8I">Günter Burkhardt</a> (Jg. 1957), wurde über Jahrzehnte das mediale Aushängeschild, wenn es um Migration, Flucht oder Asyl ging.</p>
<p>So berichtete der SWF am 10. September 1986 über die Gründung von Pro Asyl: <em>„Dass es hierzulande eine ganze Menge von Leuten gibt, die es am liebsten sähen, wenn wir unsere Grenzen für alle ausländischen Flüchtlinge und Asylbewerber schließen würden, das ist sattsam bekannt. In Berlin wurde jetzt ein bundesweiter Dachverband gegründet namens ProAsyl, Arbeitsgemeinschaft für Flüchtlinge, also eine Vereinigung, die sich gegen die Ausländerfeindlichkeit stellt. In dieser Arbeitsgemeinschaft haben sich 15 verantwortliche Mitarbeiter aus den Wohlfahrtsverbänden, beiden Kirchen und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Terre des Hommes und der Gesellschaft über bedrohte Völker zusammengefunden. ProAsyl will den Ansprüchen des Grundgesetzes ‚Politisch Verfolgte genießen Asyl‘ Nachdruck verhelfen und eine Gegenöffentlichkeit schaffen, Flüchtlingen die keine Lobby in der Bundesrepublik haben, unterstützen und ihnen mit ihren Anliegen Gehör verschaffen.“</em></p>
<p>In Artikel, Büchern und zahlreichen Interviewschalten per Radio und TV wirft Pro Asyl seither den jeweiligen Bundesregierungen schwerste Vergehen bei Asyl und Zuwanderung, unchristliches Verhalten, Menschenrechtsverstöße oder gar willkürliches Vorgehen vor.</p>
<p>Es überrascht jedoch, dass eine kritische Beschäftigung mit den Zielen, der Struktur, der Anhängerschaft und jahrzehntelanger Einflussnahmen auf die Öffentlichkeit seitens Pro Asyl in Forschung und publizistischen Medien offenbar weitgehend ausgeblieben ist. Einzig in der bereits erwähnten Arbeit (2022) von Jonathan Spanos gibt es aus kirchenzeithistorischer Sicht ein analytisches Kapitel über „Die Gründung von Pro Asyl im Geist der evangelischen Akademien<em>“ (</em>1986). Insbesondere in der Führungsfigur von <a href="https://stiftung-gegen-rassismus.de/neuigkeiten/juergen-micksch-wird-80">Jürgen Miksch</a> (Jg. 1941) verkörpere sich die kirchliche Verortung des Pro Asyl-Netzwerks. Seit 1974 war Micksch Ausländerreferent der EKD und 1986 Mitbegründer von Pro Asyl. 2010 plädiert er gegen sogenannten <em>„antimuslimischen Rassismus“</em>, welches unter anderem. die öffentlich geförderte <a href="https://stiftung-gegen-rassismus.de/">„Stiftung gegen Rassismus“</a> umsetzt, deren Vorstand Micksch ist. Er wurde mit zahlreichen Auszeichnungen und Würdigungen bedacht, darunter mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Heribert Prantl nannte ihn anlässlich seines 80. Geburtstags in der Süddeutschen Zeitung einen <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/prantls-blick-juergen-micksch-1.5177279"><em>„Mann, den kaum einer kennt, der aber Deutschland verändert hat“</em></a>.</p>
<h3><strong>Steuerung? 1985 undenkbar!</strong></h3>
<p><img decoding="async" class="size-medium wp-image-7766 alignright" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Daniel-Thym-Migration-steuern-Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-182x300.jpg" alt="" width="182" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Daniel-Thym-Migration-steuern-Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-182x300.jpg 182w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Daniel-Thym-Migration-steuern-Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-200x330.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Daniel-Thym-Migration-steuern-Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung-400x661.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2026/01/Daniel-Thym-Migration-steuern-Bundeszentrale-fuer-politische-Bildung.jpg 466w" sizes="(max-width: 182px) 100vw, 182px" />Vierzig Jahre später wird der Konstanzer Juraprofessor und Migrationsexperte <a href="https://fgz-risc.de/das-forschungsinstitut/personen/details/daniel-thym">Daniel Thym</a> in seinem Buch <a href="https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/573637/migration-steuern/">„Migration steuern – Eine Anleitung für das Hier und Jetzt“</a> (München, C.H. Beck, 2025, auch über die Bundeszentrale für politische Bildung verfügbar) über diese Zeit schreiben, <em>„</em><em>Deutschland schlafwandelte im Umgang mit der Gastarbeit zum Einwanderungsland, ohne dass ein Plan dahinterstand.“ </em>Heute müsse die <em>„Einwanderungsrepublik Deutschland</em> <em>nicht nur durch die Asylbrille angeschaut werden“</em>. Vielmehr regt er an, dass zur Steuerung von Migration beide Extreme pragmatisch ohne moralische Verkrampfungen überwunden werden müssten. In einem Artikel dazu in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. Dezember 2025 schreibt dazu: <em>„Dieser (aktuelle) Stillstand verfestigt das bestehende Asylsystem. Dagegen müsse eine Neuausrichtung die bisherige Dynamik modifiziert fortschreiben, indem die großzügige Grundrechtsinterpretation partiell zurückgenommen oder durch innovative Ansätze ersetzt wird.“ </em></p>
<p>1985 war an einen Ausgleich der Extreme nicht zu denken. Auch die Regierung Kohl ist seit 1982 eine Getriebene der steigenden Asylzahlen. Das „Eingangstor“ Ost-Westberlin wird bei einer Kabinettsitzung im Dezember 1982 der Regierung Kohl <em>„Berliner Loch“</em> in Anlehnung an die unübersichtliche Gegend <em>„Bonner Loch“</em> vor dem Hauptbahnhof des damaligen Regierungssitzes genannt. Jahrelang beschäftigt das Berliner Loch die Bundesregierung, ohne dass diese eine praktikable Lösung für deren Schließung herbeischaffen könnte. Vielmehr geben die mangelnden Kontrollen zu Westberlin der DDR die Chance, mittels der zahlreich einreisenden Asylbewerber politischen Druck auf die Bundesregierung auszuüben. In den inzwischen veröffentlichten <a href="https://www.ifz-muenchen.de/publikationen/editionen/aapd">„Akten zur Auswärtigen Politik“</a> dokumentieren mehrere Gesprächsformate von Kanzleramtsminister Schäuble und des Ständigen Vertreters Bräutigam mit SED-Politbüromitgliedern zu diesem Problem. DDR-Beamte erklärten in diesen Gesprächen, wonach es nicht zu Lasten der DDR gehen könne, <em>„wenn sich der Senat (von Westberlin) weigere, an den Grenzen West-Berlins aus Gründen des angeblichen Viermächtestatus die erforderlichen Kontrollen einzuführen.“</em> Auch im März/April 1985 werden weitere Verhandlungen ohne greifbare Ergebnisse stattfinden. Allerdings waren die Bundesregierung und der Westberliner Innensenator Lummer in einer schwierigen Verhandlungsposition. Die DDR-Seite erfuhr nahezu live, welche Vorhaben und Absichten die westlichen Gesprächspartner hatten.</p>
<p>Nachweislich gibt es in der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, in dieser Wahlperiode immerhin 51 Abgeordnete, mehrere, die gegenüber dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit mitteilsam waren, ob aus politischen oder finanziellen Gründen oder als auswärtige Agenten der Stasi. Die <a href="https://www.bundesarchiv.de/themen-entdecken/online-entdecken/themenbeitraege/die-rosenholz-dateien/">„Rosenholz“-Dateien</a>, also die SIRA-Datenbank der Stasi, listet Themenfelder dieser Berichte mit den Decknamen der Verfasser auf, ohne dass die Klarnamen in allen Fällen ermittelt werden konnten. Im April 1985 wird der IM „Hans“ nach Ostberlin berichten, wie sich die Berliner Fraktion der SPD <em>„Zur Lösung des Asylantenproblems in WB in Verbindung mit der DDR“</em> verhalten will. IM „Hans“ – mutmaßlich Bodo Thomas (1932 – 1995) – war selbst Berliner SPD–Abgeordneter. Laufend wird auch IM „Delphin“, deren beziehungsweise dessen Identität noch immer nicht ermittelt werden konnte, über den Westberliner Innensenator Lummer und dessen Vorhaben zum <em>„Asylanten-Problem in Westberlin und den Einreiseverkehr über Schönefeld“ </em>berichten. Die SED-Führung wollte aus dieser ungelösten Problemlage politisches Kapital schlagen. Das schreibt der Historiker Jochen Staadt (Jg. 1950) 2015 in seinem Artikel <a href="https://www.zeitschrift-fsed.fu-berlin.de/index.php/zfsed/article/view/495">„Geschlossene Gesellschaft &#8211; Unerwünscht: Ausländer in der DDR – Asylanten aus der DDR“</a><em>. </em></p>
<p>Nicht zuletzt ging es der DDR darum, die für 1987 anstehende Bundestagswahl zu beeinflussen. Die ungelöste <em>„Asylkrise 85/86“</em> fand möglicherweise einen Reflex in dem Chaos der Jahre 1991/92 (Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen), wo völkisch gespeister Fremdenhass der DDR sich im neuen Deutschland brutal auslebte, nachdem die bundesdeutsche Asyl-Gesetzgebung im Beitrittsgebiet übernommen worden war.</p>
<p>Dabei unterscheidet sich das seit 2005 geltende <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/aufenthg_2004/">Aufenthaltsgesetz</a> (AufenthG) wesentlich von den Regelungen des Jahres 1985. Zahlreiche Regelungen zur legalen Einreise, zu Erwerbstätigkeit, Integration und Familiennachzug sind im AufenthG fixiert und in der Rechts- und Verwaltungspraxis abgesichert. Öffentlichkeitswirksam bleiben jedoch weiterhin vor allem die Extreme, vererbt aus den Jahren 1985/86, die sich in Disputen um Grenzsicherungen und Aufenthaltsbeendigungen (z.B. Abschiebungen) äußern und fortleben. Der Historiker <a href="https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/ein-historikerstreit-ueber-das-asylrecht-93572561.html">Heinrich August Winkler</a> (Jg. 1938) hat das im Frühjahr 2025 im SPIEGEL die <a href="https://www.spiegel.de/politik/deutschland/migration-grundrecht-auf-asyl-als-gegenargument-zur-cdu-aber-stimmt-das-a-a87aac1a-7f34-45db-83da-fb0d78ade06f"><em>„Deutsche Asyllegende“</em></a> genannt, wonach eine wörtliche Auslegung von Artikel 16a Grundgesetz zwar dem <em>„bundesdeutschen Kollektiv-Ego schmeichle“</em>, man habe eben doch aus den Gewaltjahren 1933-45 gelernt. Dies stehe jedoch einem modernen gesellschaftlich getragenen Einwanderungsprojekt weiterhin entgegen.</p>
<h3><strong>Interview von Michael Hänel mit Daniel Thym</strong> <strong>vom 29. Oktober 2025 (Auszug)</strong></h3>
<p><strong>Michael Hänel</strong>: Sie plädieren für ein Umdenken auf beiden Seiten des Zuwanderungsdiskurses. Wen und was haben Sie damit gemeint?</p>
<p><strong>Daniel Thym</strong>: <em>Ein Grundproblem in der ganzen deutschen Debatte war, dass die einen gesagt haben, und es waren die Konservativen: „Wir sind kein Einwanderungsland.“ Migration geht uns alles gar nichts an und Integration:  „Ja, das machen wir, muss halt sein. Aber so wirklich wollen, tun wir es nicht. Die sollen dann jedenfalls nicht dazugehören.“ Das war, wenn man so will, die konservative Vereinfachung oder Lebenslüge. Aber es gab auch die umgekehrte, die eher progressive und linke Lebenslüge, die gesagt haben: „Jede Einwanderung ist gut und jede Form der Begrenzung von Migration ist schlecht.“ Letztlich läuft das auf so etwas wie offene Grenzen hinaus. Und das ist natürlich auch viel zu einfach. Wir müssen als Einwanderungsland lernen, dass auch Einwanderungsländer Grenzen haben, dass sie im Rahmen des Möglichen, das geht immer nur begrenzt, mitbestimmen, wer einreist und wer bleiben darf. Dafür macht man Regeln, die dann mit Idealfall auch beachtet werden.</em></p>
<p><strong>Michael Hänel</strong>: Wie ist das gemeint, „Humanität und Härte“ als Wirkprinzipien migrationspolitischer Arbeit zu favorisieren?</p>
<p><strong>Daniel Thym</strong>: <em>Wenn man so will, kann man das in der Asylpolitik Humanität und Härte nennen. Der Rückblick auf das Jahr 1986 zeigt perfekt, dass das eigentlich überhaupt nichts Neues ist. Wenn die Regierung Kohl mit dem DDR-Regime ein Arrangement trifft, dass diese Einreisen von Asylbewerbern mit der Interflug nach Schönefeld unterbinden, dann ist das eine harte Maßnahme, die Menschen, die unter Umständen in ihrer Heimat verfolgt werden, daran hindert, nach damals Westdeutschland zu kommen.  Das macht man, obwohl wir im Grundgesetz das Asylrecht stehen haben. Diese Kooperation mit der DDR steht stellvertretend für das, was eigentlich alle Bundesregierungen seither gemacht haben. Man hat versucht durch Maßnahmen vor allem auch jenseits der deutschen Grenzen faktisch die Zahl derjenigen möglichst zu reduzieren und einzuschränken, die nach Deutschland kommen. </em></p>
<p><strong>Michael Hänel</strong>: Und dann kam 1986 Pro Asyl und beherrschte die Diskussion?</p>
<p><strong>Daniel Thym: </strong><em>Ich glaube, die 80er Jahre unterscheiden sich ganz grundlegend von der Situation in den letzten zehn Jahren. Damals war Pro Asyl ein Underdog, der gegen eine weithin anerkannte und konsentierte Grundannahme ankämpfte, dass es möglichst keine Einwanderung geben soll. Die CDU hat diese Ablehnung immer besonders restriktiv ausgedrückt, aber auch in weiten Teilen der SPD wollte weitere Einwanderung damals nicht so wirklich jemand. Das ist heute anders. Pro Asyl war zumindest in den letzten zehn Jahren sicherlich kein Underdog, sondern Pro Asyl und auch andere Institutionenprägten in Teilen der Medien, in Teilen der Eliten so etwas wie die Mehrheitsmeinung. Das unterscheidet die Gegenwart von der jüngeren Vergangenheit. Meine Wahrnehmung ist, dass sich das in den letzten zwei Jahren dann teilweise wieder verschoben hat</em>.</p>
<p><strong>Michael Hänel</strong>: Und warum ist der Diskurs in Sachen Flucht und Asyl so festgefahren?</p>
<p><strong>Daniel Thym</strong>: <em>Die Gefahr ist immer, dass sich die radikalen Ansichten hochspielen. Das ist in der aktuellen Situation gerade in der Migration oder, genauer gesagt, in der Asylpolitik so. Die einen sehen überall Rassismus und die Abschaffung der Menschlichkeit. Und die anderen fordern eine Remigration, indem am besten auch diejenigen, die in den 80er Jahren eingewandert sind, wieder in ihre alte Heimat oder in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren. Die Gefahr besteht immer, dass diese lauten und sichtbaren Extreme sich hochfahren. Dabei hat der Sachverständigenrat für Integration und Migration immer wieder in seinen Studien festgestellt, dass die Mehrheit der Bevölkerung sehr viel ausgeglichener denkt. Die Mehrheit will ihrer humanitären Verantwortung gerecht werden, hat auch kein Problem mit Einwanderung. Sie will halt nur, dass es in geregelt und kontrolliert stattfindet und dass dann auch die Integration so funktioniert, dass das als Gewinn empfunden wird. </em></p>
<p><strong>Michael Hänel</strong>: Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?</p>
<p><strong>Daniel Thym</strong>: <em>Die politische Gretchenfrage lautet, ob es der Politik gelingt, das Asylsystem, wo es ja eine ganze Reihe von Missständen gibt, so neu zu ordnen, dass weite Teile der Bevölkerung das Gefühl haben, das ist halbwegs unter Kontrolle. Kontrolle heißt nicht, dass niemand mehr kommt, und Kontrolle heißt auch nicht, dass es Massenabschiebungen gibt, sondern dass das in geordneten Bahnen passiert. Wenn das gelingt, sehe ich eine Chance, dass die positive Einstellung, die bei der ja durchaus vorhanden ist, stärker in den Vordergrund tritt. Dann sprechen wir mehr über eine legale Wirtschaftsmigration als über die irreguläre Asylmigration. Wenn das gelingt, wird die Akzeptanz von gesellschaftlicher Vielfalt eine andere sein, als sie das momentan ist. Wenn das nicht gelingt, führen die Kontrolldefizite und Strukturschwächen, die wir im Asylsystem haben, gemeinsam mit den populistischen Akteuren, die diese medial nach oben treiben, dazu, dass die Akzeptanz von Einwanderung insgesamt extremen Schaden nimmt.</em></p>
<p><strong>Michael Hänel</strong>, Kiel</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Januar 2026, Internetzugriffe zuletzt am 9. Januar 2026, Rechte des Interviews bei Michael Hänel, Titelbild: Bahnhof Friedrichstraße, Luftaufnahme des MfS.)</p>
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		<title>Deutsche Einheit &#8211; Kirchliche Aufarbeitung nach 35 Jahren</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/deutsche-einheit-kirchliche-aufarbeitung-nach-35-jahren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Oct 2025 06:39:34 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Deutsche Einheit - kirchliche Aufarbeitung nach 35 Jahren Empfehlungen zur Aufarbeitung in den evangelischen Kirchen Deutschlands Vor 35 Jahren gelang in der DDR – gemeinsam mit den Staaten Ostmitteleuropas – der Sieg von Freiheit und Demokratie. Die Durchsetzung demokratischer Strukturen und der Rechtstaatlichkeit begann bereits nach den ersten freien Volkskammerwahlen und der Konstituierung der  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-3 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-2 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-3" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Deutsche Einheit &#8211; kirchliche Aufarbeitung nach 35 Jahren</strong></h1>
<h2><strong>Empfehlungen zur Aufarbeitung in den evangelischen Kirchen Deutschlands</strong></h2>
<p>Vor 35 Jahren gelang in der DDR – gemeinsam mit den Staaten Ostmitteleuropas – der Sieg von Freiheit und Demokratie. Die Durchsetzung demokratischer Strukturen und der Rechtstaatlichkeit begann bereits nach den ersten freien Volkskammerwahlen und der Konstituierung der letzten DDR-Regierung. Dem Willen der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger aus der DDR folgend wurde nunmehr von beiden demokratischen deutschen Staaten (gemeinsam mit den Alliierten) die deutsche Einheit verhandelt und zum 3. Oktober 1990 rechtlich verwirklicht.  Heute erleben wir in Deutschland eine neue Ost-West-Debatte, die auf einer anderen Ebene als in den Jahren zuvor geführt wird. Die Demokratie wird einerseits gefeiert, andererseits kritisch hinterfragt und sogar angegriffen. Diese Auseinandersetzungen finden auch in den evangelischen Kirchen in Deutschland statt.</p>
<p>Die gegenwärtigen öffentlichen Debatten über die Zeit der deutschen Teilung, die Geschichte der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), wie auch über den Prozess der Vereinigung und der anschließenden Transformation, sind von kontroversen Perspektiven geprägt.</p>
<p>Zwar wird die deutsche Geschichte bis 1945 und nach 1990 als eine gemeinsame wahrgenommen. Die Zeit der deutschen Teilung jedoch wird aus der bundesdeutschen Perspektive erzählt, die ostdeutsche Erfahrung nicht oder kaum einbezogen. Diesem Narrativ folgend gelten SBZ und DDR als eine „Sondergeschichte“, die wohl für die Mehrheit der Deutschen – und damit auch für das öffentliche Deutschlandbild – nicht zur eigenen Geschichte gehört.</p>
<p>Wichtig ist deshalb die von zahlreichen Historiker:innen erhobene Forderung, die deutsche Geschichte nach 1945 als eine geteilte, aber ständig aufeinander bezogene und somit gemeinsame Nachkriegsgeschichte zu erzählen, die zugleich Teil europäischer und globaler Zusammenhänge und Prozesse war.</p>
<p>Zu dieser erinnerungspolitischen Spannung kommt eine zweite, mindestens ebenso schwerwiegende, hinzu. Sie beinhaltet selbst über drei Jahrzehnte später sehr unterschiedliche Perspektiven von Opfern, Mitläufer:innen und von Täter:innen der kommunistischen Diktatur. Das gilt auch innerhalb der Kirchen.</p>
<p>Verletzungen, die betroffene Menschen durch kirchliches Handeln erfahren haben, wirken fort.</p>
<p>Eine weitere Perspektive ist ebenfalls aufzunehmen: Das kirchliche Leben in der Diktatur und die Bedeutung der Minderheitensituation hat zu sehr spezifischen Erfahrungen in der Praxis und zu eigenen theologischen Konzeptionen geführt. Beides ist wahrzunehmen und auf heutige Bedeutung hin tiefer in noch anstehenden Diskursen zu befragen und zu untersuchen. Das kann hier nur angedeutet werden.</p>
<p>Aus dem genannten Anlass und vor dem Hintergrund der am Schluss des Papiers gegebenen Erläuterungen sprechen wir die folgenden Empfehlungen aus:</p>
<p>1. Wir erbitten von der Evangelischen Kirche ein öffentliches Wort, das den notwendigen Perspektivwechsel im Blick auf die Narrative der deutschen Geschichte nach 1945 und eine Sensibilisierung im Umgang mit Betroffenen und Täter:innen in der SBZ/DDR zur Sprache bringt. Damit leisten die Kirchen auch einen Beitrag, um den gegenwärtigen Polarisierungen und Segmentierungen in der deutschen Gesellschaft entgegenzuwirken. Dieses öffentliche Wort wird gebraucht, um innerhalb und außerhalb der Kirche die folgenden Erkenntnisse zu vertiefen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">a. Die Geschichte der Kirche in der SBZ/DDR gehört zum gemeinsamen Erbe der Evangelischen Kirche in Deutschland, das gemeinsam zu verantworten ist. Die umfassende, auch kritische Wahrnehmung und die Aufarbeitung des kirchlichen Handelns in der DDR ist als gesamtkirchliche Aufgabe innerhalb der EKD wahrzunehmen. Sie ist nicht alleinige Aufgabe der östlichen Gliedkirchen und sollte nicht als deren Sondergeschichte oder Sonderproblem behandelt werden.</p>
<p style="padding-left: 40px;">b. Wir stehen dabei gemeinsam vor der Aufgabe, nicht nur die Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu tragen, sondern auch die Folgen der kommunistischen Diktatur aufzuarbeiten. Dazu gehört, dass der Diktaturcharakter von SBZ/DDR in seiner Bedeutung erkannt, stärker wahrgenommen und in den Fokus gestellt wird, und dass – neben der bereits geleisteten Wahrnehmung des widerständigen Handelns in den Kirchen – auch das schuldhafte Eingebundensein in diese Unterdrückungspraxis konsequent aufgearbeitet wird. Dabei ist die Perspektive der Betroffenen von staatlichem Unrecht und kirchlichem Handeln einzubeziehen. Manche von ihnen wurden nicht nur durch die SED-Politik in ihrem Leben beeinträchtigt, sondern auch durch Kirchen, wo diese sich nicht solidarisch verhielten oder sogar selbst durch eigenes Verhalten und Handeln für Unrecht verantwortlich waren.</p>
<p style="padding-left: 40px;">c. Bei aller Notwendigkeit, auch das Versagen zu thematisieren und nicht zu verdrängen, bleibt festzuhalten: Die Kirchen in der DDR haben sich der Aufgabe gewidmet, in ihrer konkreten Situation des Lebens in der Diktatur christliche Kirche zu sein und dem Auftrag der Verkündigung, Bildung, Seelsorge und Diakonie gerecht zu werden. Sie verstanden sich als eine wirksame Minderheit. Dieses Erbe an Erfahrungen ist gesamtkirchlich und weit darüber hinaus öffentlich fruchtbar zu machen.</p>
<p>2. Die EKD und die einzelnen Landeskirchen sollten in Wort und Praxis in ihren jeweiligen Zuständigkeitsbereichen, sowohl im Osten als auch im Westen, angesprochen und Träger eines untereinander abgestimmten Prozesses sein. Um die damit verbundenen und anstehenden Aufgaben zu koordinieren wäre es hilfreich, wenn es auf der Ebene der EKD eine geklärte, auch personelle Zuständigkeit gäbe. In künftiger kirchlicher öffentlicher Rede und Praxis sollten bereits erfolgte Initiativen verschiedener Landeskirchen berücksichtigt werden. Etliche Initiativen könnten dazu genannt werden. So etwa <a href="https://www.archiv-nordkirche.de/">das Biografienprojekt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland</a>, das die Aufmerksamkeit auf die Betroffenen lenkt, und insbesondere das <a href="http://alt.gesellschaft-zeitgeschichte.de/dokumente/aktuelle-dokumente/busswort-ekm/index.html">Bußwort der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland 2017</a> und die daraus gezogenen institutionellen Konsequenzen für die Aufarbeitung, sowie die <a href="https://aufarbeitung.brandenburg.de/wp-content/uploads/2023/11/Erklaerung-der-Kirchenleitung-der-EKBO.pdf">Erklärung der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vom 15. September 2023</a> zum Gefängnisseelsorger Eckart Giebeler (1925 – 2006), der von 1959 bis 1989 als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit systematisch das Beichtgeheimnis gebrochen und Menschen verraten hat.</p>
<p>3. Betroffenen, denen durch kirchliches Handeln Unrecht geschehen ist, ist in einem geordneten Verfahren Anerkennung zu geben. Unter Betroffenen verstehen wir hier Personen, die in der DDR als hauptberufliche Mitarbeiter:innen oder ehrenamtliche kirchliche Mitarbeiter:innen tätig waren und während der Zeit der kommunistischen Diktatur aus politischen Gründen staatlich drangsaliert und auch in Kirche oder Diakonie belangt, im Stich gelassen oder als Mitarbeiter:innen gar entlassen wurden. Das können auch Menschen sein, die unter Mitwirkung von oder durch Verrat aus kirchlichen Kreisen inhaftiert, gedemütigt, traumatisiert, zur Ausreise gedrängt wurden oder die aus Gründen persönlicher Bedrängnis ausgereist sind und von ihren Kirchen – sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik – allein gelassen oder gar diszipliniert wurden. Die folgenden Aspekte empfehlen wir dabei zu berücksichtigen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">a. Die EKD und die Landeskirchen sollten sich offen zeigen für die Bedürfnisse betroffener Menschen und einen Prozess der Anerkennung und Aufarbeitung befördern. Dabei sollte die EKD das Verfahren koordinieren und unterstützen und für weitgehende Einheitlichkeit der Prozesse sorgen. Das eigentliche Anerkennungsverfahren findet zwischen Betroffenen und Landeskirchen statt und erfordert einen Antrag der Betroffenen. Auf Grund der fortgeschrittenen Zeit betrifft es nur noch wenige Menschen; Eile ist geboten. Zur Beschleunigung des Prozesses kann auf die Erfahrungen aus dem Anerkennungsverfahren zu DDR-Unrecht der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands zurückgegriffen werden.</p>
<p style="padding-left: 40px;">b. Die EKD sollte eine Ombudsperson beauftragen, an die sich Betroffene aus allen Landeskirchen wenden können. Die Ombudsperson vertritt die Betroffenen gegenüber der jeweiligen Landeskirche.</p>
<p style="padding-left: 40px;">c. Es wäre wünschenswert, dass die EKD eine Verfahrensordnung erlässt und entsprechende Vereinbarungen mit den Landeskirchen schließt.</p>
<p style="padding-left: 40px;">d Die Initiative braucht eine sensible, klare, innerkirchliche und gesellschaftsweite Kommunikations- und Medienarbeit, in abgestimmter Aufteilung der Verantwortung zwischen EKD und Gliedkirchen.</p>
<p style="padding-left: 40px;">e. In „Ausreisefällen“, dem Wechsel von Pfarrpersonen von einer östlichen in eine westliche Landeskirche, gibt es Betroffene, die Unrecht in mehreren Landeskirchen, in Ost und West, erfahren haben.</p>
<p style="padding-left: 40px;">f. Die EKD und die Landeskirchen prüfen, ob und wie in Einzelfällen eine finanzielle Anerkennung geleistet werden kann. Auf Wunsch Betroffener soll eine Anerkennung auch öffentlich erfolgen. Die Erfahrung zeigt: Bisherige Personalentscheidungen sollten zugunsten der Rechtssicherheit grundsätzlich nicht angetastet werden, es sei denn, das Missverhältnis zwischen der damaligen Entscheidung und einem allgemeinen Verständnis von Gerechtigkeit ist so groß, dass es auch mit Anerkennungsleistungen nicht heilbar ist.</p>
<p>4. Vereinzelt sind die Kirchen dem Verrat einzelner Mitarbeiter nachgegangen und haben Täter:innen zur Verantwortung gezogen. Hier braucht es erneute Bemühungen, sowohl in Bezug auf die Aufdeckung und Untersuchung solcher Fälle als auch hinsichtlich einer klaren Übernahme von Verantwortung. Die aktive Aufarbeitung von schuldhaftem Verhalten in Ost und West durch die EKD und ihre Gliedkirchen ist daher unerlässlich. Verantwortliche sind klar zu benennen. Für beide Aspekte sind institutionelle Voraussetzungen zu schaffen. Dazu gehört eine unabhängige wissenschaftliche Erforschung der Zusammenarbeit von Menschen in der Kirche mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) auch im Westen.</p>
<p>5. Die ekklesiologischen Konzeptionen einer „Kirche in der Minderheit“ und „Kirche für andere“ waren eine institutionelle, kirchenleitende und theologische Antwort auf die antichristliche Religionspolitik der SED. Die Kirchengemeinden in der DDR nahmen diese Konzeptionen in sehr unterschiedlicher Weise auf. Es lohnt sich, diese zum Teil intensiv erforschten und wissenschaftlich diskutierten Ansätze sowie die damit gemachten Erfahrungen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern aktiv in die Diskussion um die gegenwärtigen Veränderungsprozesse in den Kirchen einzubringen und ihre Relevanz für die Gegenwart zu befragen und zu erörtern. Dazu gehören ohne Anspruch auf Vollständigkeit z.B.:</p>
<p style="padding-left: 40px;">a. Mit dem in den 1970er Jahren entwickelten Konzept der „Kirche für andere“, <a href="https://www.dietrich-bonhoeffer-verein.de/dietrich-bonhoeffer/bonhoeffers-kirchenverstaendnis/">das an Gedanken von Dietrich Bonhoeffer anknüpft</a>, wurden die kirchlichen Grenzen durchlässig für andere gesellschaftliche Gruppen, Mentalitäten und Formate. Weiter zu würdigen ist als ein Beispiel für etliche Bereiche die „offene Jugendarbeit“ im repressiven Kontext.</p>
<p style="padding-left: 40px;">b. Die in den Kirchen in der DDR spezifisch entwickelte und bis heute in den östlichen Gliedkirchen praktizierte Gemeindepädagogik, der diakonisch-gemeindepädagogische Dienst mit dem entsprechenden Profil, ist im Kontext der Entwicklungen auch in den westdeutschen Kirchen mit den evangelischen Fachhochschulen und deren sozialpädagogisch-diakonischem Ausbildungsprofil auf die gegenwärtige Bedeutung hin für die Kirchen- und Gemeindeentwicklung auf Basis bisheriger Forschung weiter zu erörtern.</p>
<p style="padding-left: 40px;">c. Das Verständnis der Gemeinschaft der Dienste und Ämter als Gemeinschaft im Verkündigungsdienst sollte im Kontext der gegenwärtigen Herausforderungen weiterentwickelt werden.</p>
<p>6. In der Ausbildung, Forschung und kirchlichen Praxis empfehlen wir den evangelischen Kirchen in Bereichen, wo sie jeweils Verantwortung tragen, Folgendes:</p>
<p style="padding-left: 40px;">a. In der Fortbildung sowie in der zweiten Ausbildungsphase für den Pfarrberuf und im Bereich der Bildung für den diakonisch-gemeindepädagogischen Dienst sollten gemeinsame Ost-West-Formate verstärkt entwickelt werden. Dazu gehören die noch heute relevanten Themen der kirchlichen Praxis in der Zeit der DDR, die Aufarbeitung und die geteilte und gemeinsame Geschichte.</p>
<p style="padding-left: 40px;">b. In Gesprächen mit dem Evangelisch-Theologischen Fakultätentag sollte seitens der EKD und der gliedkirchlichen Ausbildungskommission geprüft werden, wie diese Themenfelder im Theologiestudium (in der Kirchengeschichte und auch in anderen Fächern wie der Praktischen Theologie) gelehrt und weiterhin erforscht werden können. Es ist zu überlegen, wie entsprechende Forschungsansätze an den Hochschulen (inner- und außerhalb der Theologie) seitens der evangelischen Kirchen unterstützt werden können. Hierzu gehören auch das Initiieren und vor allem weitergehende finanzielle Unterstützen von teils bereits existierenden und teils neu aufzusetzenden exemplarischen Forschungsvorhaben, z.B. Dissertationen (plus Stipendien).</p>
<p style="padding-left: 40px;">c. Die Arbeit der <a href="https://www.kirchliche-zeitgeschichte.info/">Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte</a> (EvAKiZ) ist dabei unverzichtbar und auf die institutionelle Unterstützung der EKD und ihrer Gliedkirchen angewiesen. Neben den bereits geleisteten und fortzuführenden Studien zur NS-Zeit und zur kommunistischen Diktatur in der DDR braucht es auch Verantwortungsübernahme für die Fortführung der Erforschung der kirchlichen Rolle in der Transformationsphase der 1990er Jahre. Eine öffentliche, kritische Aufarbeitung der bisher geleisteten Aufarbeitung seit den 1990er Jahren ist nötig.</p>
<p style="padding-left: 40px;">d. Die wichtigen, vielfältigen Forschungsprojekte zur DDR-Kirchengeschichte an Hochschulen bzw. Instituten wie z.B. der <a href="https://www.theol.uni-leipzig.de/institut-fuer-praktische-theologie/institut/forschungsstelle-kirchliche-praxis-in-der-ddr">Forschungsstelle zur Erkundung und Untersuchung der Kirchlichen Praxis in der DDR an der Leipziger Universität</a> sowie – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – ähnliche Projekte an den Universitäten in Halle, Jena und Siegen sind hier besonders zu nennen und deren Arbeitserträge für die öffentliche Diskussion fruchtbar zu machen.</p>
<p>Die evangelischen Kirchen sollten sich dafür einsetzen, dass diese Forschungen zur DDR-Kirchengeschichte insbesondere zu allen relevanten kirchlichen Handlungsfeldern weitergeführt werden: Das heißt vor allem, deren interdisziplinäre Ansätze mit den gegenwärtigen Fragestellungen in einer gänzlich veränderten gesellschaftlichen Situation, in kritischer Reflexion zu verbinden. Nicht zu vernachlässigen sind dabei auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur kirchlichen Rolle in den Veränderungsphasen der 1990er Jahre.</p>
<h2><strong>Zur Erläuterung der Empfehlungen </strong></h2>
<h3><strong>Schlaglichter auf die deutsche Teilung, die kommunistische Diktatur in SBZ / DDR, den Vereinigungsprozess und die Perspektive der Betroffenen  </strong></h3>
<p>Die folgenden vier Kontextualisierungen konzentrieren sich auf die Fragestellungen der Empfehlungen. Dabei können sie nur skizzenhaft und ohne jeden Anspruch auf historische Vollständigkeit sein. Mit den damit vorgenommenen thematischen Schwerpunktsetzungen wollen sie auf nötige Schritte der Verantwortungsübernahme und der Bedingung der Möglichkeit von Heilung auf dem Weg der Aufarbeitung in der EKD und ihren Gliedkirchen hinweisen.</p>
<h3 style="text-align: left;"><strong>1. Die evangelischen Kirchen und die deutsche Teilung </strong></h3>
<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten die evangelischen Kirchen aller Besatzungszonen die EKD, die auch nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 zunächst als einheitliche Organisation bestehen blieb. Erst 1969 entschieden sich die ostdeutschen Landeskirchen, ihre Mitgliedschaft in der EKD ruhen zu lassen, und etablierten mit dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) eine neue institutionelle Struktur. Trotz dieser Trennung bekannte sich der BEK weiterhin zu einer besonderen Gemeinschaft mit der EKD. Es bestanden zahlreiche gesamtdeutsche Verbindungen, die Evangelische Kirche der Union (EKU) behielt sogar ihre einheitliche Institution bei. Durch kontinuierlichen theologischen Austausch sowie institutionelle, gemeindliche und persönliche Partnerschaften blieb der geistliche und geistige Zusammenhalt zwischen den Landeskirchen in Ost und West im Wesentlichen erhalten.</p>
<p>Die westdeutschen Landeskirchen unterstützten die Kirchen in der DDR auch finanziell maßgeblich und sicherten so nicht nur in einem hohen Maße das kirchliche Leben, die kirchlichen Ausbildungsstätten und die diakonische Arbeit, sondern stärkten auch die Unabhängigkeit der Kirchen vom DDR-Staat – was einen wesentlichen Unterschied zu den Kirchen in den anderen sozialistischen Ländern ausmachte.</p>
<p>Die Kirchen in Deutschland sahen sich während der Teilung doppelt herausgefordert: Ihr gesellschaftlicher Status war eng an das jeweilige politische System gebunden – im Westen als eine öffentlich-rechtlich anerkannte Institution in einem demokratischen Rechtsstaat, im Osten als eine unter staatlichem Druck stehende Organisation in einem totalitären und kommunistischen Regime, das die Kirche ideologisch bekämpfte. In beiden deutschen Staaten mussten die evangelischen Kirchen ihr christliches Zeugnis und ihre gesellschaftliche Position also kontextuell bestimmen, wobei u.a. ihr Handeln und Verhalten im NS-Staat, die Aufarbeitung dieser Zeit und die Anerkennung von Schuld eine gesamtdeutsche Aufgabe der Kirchen blieb.</p>
<h3><strong>2. Die evangelischen Kirchen in der SBZ / DDR </strong></h3>
<p>Die innerkirchlichen und im Raum der Kirche geführten gesellschaftlichen Debatten in der DDR waren intensiv und häufig kontrovers. Dass sie in einer in der Diktatur existierenden Kirche – von theologischen Ausbildungsstätten, den Synoden bis hin zu den Gemeinden – überhaupt stattfinden konnten, machte Kirchen zu Räumen gelebter Freiheit in der Diktatur. Dadurch hatten sie trotz schrumpfender Mitgliederzahlen als „qualifizierte Minderheit“ gesellschaftliche Bedeutung. Bei allem Versagen, das zu thematisieren und nicht zu verdrängen ist, bleibt festzuhalten: Die Kirchen in der DDR haben sich entschieden der Aufgabe gewidmet, im Alltag der DDR, christliche Kirche zu sein und zu bleiben und dem Auftrag der öffentlichen Verkündigung gerecht zu werden. Dies war möglich dank vieler engagierter Gemeindeglieder, die bereit waren, dafür auch Einschränkungen und Repressionen in Kauf zu nehmen.</p>
<p>Mit Klarheit und Empathie gegenüber konkreten Problemen der Gesellschaft engagierten sich die Kirchen in Bereichen wie Wehrdienstverweigerung, Initiativen für einen Sozialen Friedensdienst (SoFD), offener Jugendarbeit und oppositionellen Netzwerken. Die Kirchen waren Orte einer von der Ideologie des SED-Staates unabhängigen Bildung (von evangelischen Kindergärten, Christenlehre und Konfirmandenunterricht über kirchliche Ausbildungsstätten und Hochschulen, Studierendengemeinden und Akademien). Die im Prozess der <a href="http://gesellschaft-zeitgeschichte.de/friedliche-revolution/oekumenische-versammlung">Ökumenischen Versammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung 1988/89</a> gewonnenen Erkenntnisse entwickelten eine öffentliche Wirksamkeit, aus der eine zentrale politische Rolle von Christ:innen und den Kirchen in der Friedlichen Revolution 1989/90 erwuchs. Relevant war dabei ein Menschenbild, das von der Achtung der Würde jedes einzelnen Menschen bestimmt war und dem herrschenden marxistisch-leninistischen Menschenbild der SED widersprach. Dies war in allen Feldern kirchlicher Arbeit und weit über die Kirche hinaus, insbesondere im Bereich der Kultur (Konzerte und Lesungen) sowie im Sozialen (diakonische Einrichtungen) erfahrbar. So hatte die Kirche trotz der Entkirchlichung bei vielen Menschen einen Vertrauensvorschuss und eine große Glaubwürdigkeit.</p>
<p>Da die Kirchen in der DDR die einzigen weitgehend unabhängigen Institutionen waren, auf welche die SED kaum unmittelbar Einfluss nehmen konnte, versuchte die SED über die Jahrzehnte hinweg, diesen durch die Staatssicherheit zu erreichen. Wie erfolgreich das war, ist bereits in Ansätzen und Fallstudien wissenschaftlich untersucht worden, z.B. in der Erforschung der Tätigkeit des Gefängnisseelsorgers Eckart Giebeler oder des Magdeburger Konsistorialpräsidenten und – zuvor – Offiziers der Staatssicherheit im besonderen Einsatz (OibE) Dr. Detlef Hammer. Forschungsarbeit auf diesem Feld ist systematisch fortzusetzen. Dazu gehört auch eine weiterführende, wissenschaftlich breite und unabhängige, den Westen einbeziehende, Untersuchung.</p>
<h3><strong>3. Die evangelische Kirche und die von Unrecht Betroffenen </strong></h3>
<p>Anerkennung von Unrecht macht Aufarbeitung nötig. Deshalb soll parallel zum Anerkennungsverfahren gegenüber den Betroffenen der Aufarbeitungsprozess gefördert werden. Dazu gehört nicht nur die Aufarbeitung des Scheiterns, sondern auch des Gelingens kirchlichen Handelns. Die Kirchen waren während der SED-Diktatur weitaus stärker Schutz- als Repressionsraum. Aufarbeitung soll dabei auf allen Ebenen und in unterschiedlicher Weise gefördert werden. Dazu gehören die wissenschaftliche Forschung zur Kirchenleitungsebene genauso wie das lokalhistorische Projekt einer Kirchengemeinde, die Biografiegeschichte wie die Strukturanalyse. Der Umgang mit ausgereisten Pfarrpersonen in den westlichen Landeskirchen gehört bisher noch zu den unerforschten Gebieten der kirchlichen Zeitgeschichte. Für die Forschung sollen finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Solche Recherchen und Forschungen sind auch erforderlich, um die Ombudsperson mit dem nötigen Hintergrundwissen auszustatten und deren Arbeit zu begleiten.</p>
<p>Die EKD mit ihren Gliedkirchen sollte – in der Wahrnehmung der sehr unterschiedlichen Umgangsweisen mit der Repression und mit einzelnen Personen in den verschiedenen östlichen Landeskirchen – Verantwortung übernehmen für schuldhaftes Handeln gegenüber Menschen, die kritisch zur SED-Diktatur in der DDR eingestellt waren und die in Situationen persönlicher Bedrängnis von ihren Kirchen allein gelassen oder gar diszipliniert wurden.</p>
<p>Verantwortliches Handeln heute braucht zunächst die Aufarbeitung eigener Verstrickungen mit der SED-Diktatur. Dies erfordert ein selbstkritisches Betrachten eigenen Handelns sowie eigener Versäumnisse im Kontext der damaligen Zeit. Dazu gehört das konkrete Benennen sowohl des Unrechts als auch der Schuldigen. Darüber hinaus ist die Identifizierung von unterstützenden Strukturen und Handlungsmustern innerhalb der Kirche wichtig. Dafür ist ein geordnetes Verfahren notwendig, dessen Abschluss für alle Beteiligten verbindlich ist. Dies geschieht in dem Wissen, dass Vergebung und Versöhnung nicht erzwungen werden können.</p>
<h3><strong>4. Die Evangelische Kirche im Prozess der deutschen Vereinigung </strong></h3>
<p>Auch nach 35 Jahren sind in Staat und Gesellschaft die Diskurse über die deutsche Einheit noch stark und teils wieder neu von sehr unterschiedlichen, sich zum Teil widersprechenden, Erzählungen und Wahrnehmungen geprägt. Die Kirchen sind Teil dieses vielseitigen Diskussionsprozesses. Mit der</p>
<p>Wiedereingliederung der östlichen Landeskirchen in die EKD gilt für eine große Mehrheit die Zeit der Teilung mit ihren schmerzlichen Erfahrungen als geheilt. Die unbeabsichtigte Konsequenz dieser Haltung ist, dass die Geschichte des BEK ausgeblendet wird. Es wird eine nahtlose Kontinuität der Geschichte der EKD vor der deutschen Vereinigung (nur die westlichen Gliedkirchen betreffend) und nach der Vereinigung (nun alle Gliedkirchen betreffend) suggeriert. Die leitende Perspektive ist damit faktisch die der westdeutschen Kirchen. Die Erfahrungen der östlichen Kirchen in der Diktatur und einer unter Druck stehenden Minderheit scheinen im Zuge dessen weitgehend irrelevant, überholt und keiner Rede mehr wert zu sein.</p>
<p>Damit droht ein Schatz verloren zu gehen, der für die Gesamtkirche von großer Bedeutung ist. Die Kirchen haben allen Grund, ihre Verdienste um die Bewahrung der Gemeinsamkeit von Ost und West in den Jahrzehnten der Teilung hervorzuheben, wie zum Beispiel in der damaligen Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg. Sie waren eine wesentliche Manifestation der Zusammengehörigkeit und Einheit in Deutschland – anders als im staatlichen Bereich, in dem die Trennung und zunehmende Spaltung durch die unterschiedlichen ideologischen und politischen Ausrichtungen im Kalten Krieg bestimmend waren. Demgegenüber versuchten die Kirchen, unter den Bedingungen von Diktatur, zunehmender Teilung und weitgehender Trennung bei bewusst aufrechterhaltener Zusammengehörigkeit dem gemeinsamen christlichen Auftrag weiterhin institutionell Gestalt zu geben, die größtmögliche Einheit zu wahren und dem geistlichen und öffentlichen Vollzug dieser Gemeinschaft sichtbar Ausdruck zu verleihen.</p>
<p>Dieses besondere Merkmal der Kirchen (als Erbin der gemeinsamen Geschichte) wurde nach 1991 kaum wahrgenommen und wenig sichtbar und fruchtbar gemacht. Häufig herrschte hier das sonst ebenfalls in der Gesellschaft übliche, von Dominanz und wenig Verständnis geprägte West-Ost-Gefälle.</p>
<p>Dazu trug auch der Vorwurf der Kooperation mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bei.</p>
<p>Wurden die evangelischen Kirchen in der DDR anfangs wegen ihrer sichtbaren Rolle in der Friedlichen Revolution 1989 öffentlich gewürdigt und anerkannt, so wurde ab 1992 häufig der Eindruck einer vom MfS unterwanderten protestantischen Kirche in der DDR vermittelt. Statt sich diesen Fragen mit Selbstbewusstsein und gleichzeitig mit der Bereitschaft zur kritischen Aufarbeitung zu stellen, waren im Osten leider auch Abwehrreaktionen die Folge. Im Westen dagegen fehlte – wie in Staat und Gesellschaft allgemein – von Beginn an die Bereitschaft, sich mit den Aktivitäten des MfS auch in den westlichen Gliedkirchen auseinanderzusetzen.</p>
<h3><strong>Mitwirkende in der ad-hoc-Arbeitsgruppe und am Text</strong>:</h3>
<ul>
<li>Christina-Maria Bammel, Pröpstin der EKBO (Vorsitz)</li>
<li>Dr. Veronika Albrecht-Birkner, Lehrstuhl für Evangelische Theologie- und Kirchengeschichte, Universität Siegen</li>
<li>Johannes Beleites, Beauftragter des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur / Ehemaliger Vorsitzender des Anerkennungsausschusses DDR-Unrecht der EKM</li>
<li>Dr. Alexander Deeg, Forschungsstelle &#8222;Kirchliche Praxis in der DDR&#8220;, Universität Leipzig</li>
<li>Anne Drescher, Ehemalige Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur</li>
<li>Ilse Junkermann, Pfarrerin i. R. und Landesbischöfin a. D. der EKM, Leiterin der Forschungsstelle &#8222;Kirchliche Praxis in der DDR“, Leipzig</li>
<li>Pastor i.R. Klaus-Dieter Kaiser, Nordkirche</li>
<li>Susanne Kschenka, Stellv. Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur</li>
<li>Dr. Katharina Kunter, Universität Helsinki, Theologische Fakultät, Kirchengeschichte</li>
<li>i.R. Markus Meckel, Außenminister und MdB a.D.</li>
<li>Maria Nooke, Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur</li>
<li>Pastor und Propst a.D. Dirk Sauermann, Nordkirche</li>
<li>Dr. Henning Schluß, Universität Wien; Institut für Bildungswissenschaft</li>
<li>PD Dr. Anke Silomon, Sächsische Akademie der Wissenschaften/ Forschungsstelle „Kirchliche Praxis in der DDR“, Leipzig</li>
<li>i.R. Curt Stauss, EKMD, ehem. Beauftragter des Rates der EKD für Seelsorge und Beratung von Opfern der SED-Kirchenpolitik</li>
<li>Marie Anne Subklew-Jeutner, Universität Hamburg, Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Ein <a href="https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten-detail/nachricht/gemeinsame-vergangenheit-geteilte-verantwortung-nordkirche-diskutiert-empfehlungen-zur-aufarbeitung-der-ddr-geschichte">Bericht über die Vorstellung</a> am 1. Oktober 2025 in Schwerin wurde auf der Seite der Nordkirche veröffentlicht. Veröffentlichung im Demokratischen Salon im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 21. Oktober 2025, Titelbild: Gedenktafel für Dietrich Bonhoeffer an der Zionskirche, Berlin Prenzlauer Berg, einer der Orte, an denen die Friedliche Revolution vorbereitet wurde, unter anderem durch die dort eingerichtete Umweltbibliothek, Foto: NoRei.)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
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		<title>Das Einheitspuzzle</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/das-einheitspuzzle/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 Oct 2025 11:09:10 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Das Einheitspuzzle Drei Bücher zum 35. Jahrestag des 3. Oktober 1990 „Der 4. November 1989 ist ein besonderer Tag. Maura hat sturmfrei. Die Geschichtsbücher freilich werden später berichten, dass sich an diesem Tag auf dem Alexanderplatz in Berlin auf Initiative einiger Theater hin eine Million Menschen versammelten: die erste offiziell genehmigte Demonstration des Landes,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-4 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-3 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-4" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Das Einheitspuzzle</strong></h1>
<h2><strong>Drei Bücher zum 35. Jahrestag des 3. Oktober 1990</strong></h2>
<p><em>„Der 4. November 1989 ist ein besonderer Tag. Maura hat sturmfrei. Die Geschichtsbücher freilich werden später berichten, dass sich an diesem Tag auf dem Alexanderplatz in Berlin auf Initiative einiger Theater hin eine Million Menschen versammelten: die erste offiziell genehmigte Demonstration des Landes, das es nur noch wenige Wochen geben wird. Gundi, der sich zwischen seinen Schichten auf dem Bagger nun öfter in Berliner Künstlerkrisen bewegt, hatte im <u>Laden</u> dafür mobilisiert. Ein paar sind seinem Aufruf gefolgt und haben früh die <u>Sorbenschleuder</u> in die Hauptstadt bestiegen. Wir anderen halten in Hoy die Stellung und sehen uns das erst mal aus der Ferne an. Und außerdem hat Maura sturmfrei.“ </em>(Grit Lemke, Kinder von Hoy – Freiheit, Glück und Terror, Berlin, Suhrkamp, 2021)</p>
<p>35 Jahre Deutsche Einheit, 36 Jahre Friedliche Revolution. Eine Vorgeschichte mit sich überschlagenden Ereignissen vor und nach dem 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989: 2. Juni Abbau der Grenzanlagen durch Ungarn, 27. Juni Durchschneiden des Grenzzauns zwischen Österreich und Ungarn, 19. August Paneuropäisches Picknick in Sopron – 700 Menschen aus der DDR erreichen den Westen, 9. November 1989 Öffnung der Grenze, <em>„unverzüglich“</em>. Das sind nur einige der Daten, an die wir uns erinnern könnten. Zu nennen wären auch der 4. Juni 1989, der Tag, an dem in Polen zum ersten Mal ein nicht kommunistischer Ministerpräsident gewählt wurde und an dem in Beijing friedliche Demonstrierende von der Staatsmacht niedergeschossen wurden, der 30. September, als der bundesdeutsche Außenminister vom Balkon der Deutschen Botschaft in Prag 13 Worte der Befreiung sprach, der 9. Oktober, als die DDR-Staatsmacht in Leipzig nicht schießen ließ, der 4. November, an dem die erste genehmigte Demonstration gegen die SED-Diktatur auf dem Berliner Alexanderplatz stattfand.</p>
<p>Der 3. Juni 1990, der Tag der <em>„Vollendung der deutschen Einheit“</em> war das Ergebnis, aber kein Endpunkt. Er war nicht das <em>„Ende der Geschichte“</em>, das so manche vermuteten, er war auch der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die zugleich – je nach Perspektive – eine Misserfolgsgeschichte wurde. Denn wie sieht es in unserem von Ines Geipel beschriebenen <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/lost-country/">„Fabelland“</a> (Untertitel<em>: </em>„Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück“, Frankfurt am Main, 2024) wirklich aus? Durch welchen Kaninchenbau sind wir geschlüpft, hinter welchen Spiegeln finden wir uns wieder? Was fabulieren wir über das verschwundene Land und seine vergangenen Zeiten? Ist es überhaupt verschwunden, sind sie vergangen? Oder bleibt es bis auf Weiteres bei der Diagnose von Steffen Mau, der den heutigen Status Quo auf den Begriff <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/steffen-mau-ungleich-vereint-t-9783518029893">„Ungleich vereint“</a> (Untertitel: „Warum der Osten anders bleibt“, Berlin, edition suhrkamp, 2024) brachte? Gehörte etwa das, was nach dem Wort von Willy Brandt zusammenwachsen würde, weil es zusammengehörte, doch nicht zusammen?</p>
<h3><strong>Fragmentierter Erinnerungskomplex</strong></h3>
<p>Grit Lemke lässt eine Gruppe Jugendlicher in ihrem dokumentarischen Roman <a href="https://www.gritlemke.de/web/kinder-von-hoy/">„Kinder von Hoy“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2021) den 4. November 1989 als etwas erleben, das sich noch nicht in Worte fassen lässt: <em>„Dass aber auf dem Alexanderplatz Großes geschieht ist uns bewusst. Deshalb haben wir uns schon am Vormittag in Mauras elterlicher Wohnung getroffen. Wir belagern alle verfügbaren Sitzgelegenheiten im Wohnzimmer und starren auf die Schrankwand. Dort steht, gleich neben der Batterie Eierlikör, den in Hoy jeder Haushalt aus <u>Grubenfusel</u> selbst herstellt, der Fernseher. Aus der Schrankwand tönt es von Freiheit und Demokratie und immer wieder: ‚Wir sind das Volk.‘ An den Gedanken, zum gleichen Volk wie die Berliner zu gehören, müssen wir uns erst gewöhnen.“</em> Es dauerte nicht lange, da wurde aus dem <em>„Wir sind das Volk“</em> ein anderer Satz: <em>„Wir sind ein Volk“</em>. Mit bekannten Konsequenzen.</p>
<p><a href="https://www.geschichte.hu-berlin.de/de/bereiche-und-lehrstuehle/zeitgeschichte/neueste-und-zeitgeschichte/personen/1683232">Martin Sabrow</a> schrieb von den drei Gedächtnissen, die miteinander konkurrieren, wenn Menschen versuchen, ihr Verhältnis zur DDR zu erklären. Die einen erzählen die Geschichte der DDR als Geschichte eines Fortschritts, andere als die Geschichte einer Diktatur, wiederum andere als Geschichte eines Arrangements, in dem sie die Fortschritte und die in einer Diktatur üblichen Repressionen zumindest für ihr persönliches Leben ausbalancierten. <a href="https://www.kiwi-verlag.de/autor/paula-fuerstenberg-4001141">Paula Fürstenberg</a> hat diese Trias in ihrem Essay <a href="https://blog.zeit.de/freitext/2018/09/27/christa-wolf-27-september/">„Das Wetter findet immer statt“</a> um einen vierten Begriff erweitert, das unauflösbare <em>„Ambivalenzgedächtnis“</em>: <em>„Ja, ich halte den Reflex, Ambivalenzen auflösen zu wollen, für einen der fatalsten menschlichen Irrtümer.“</em> Anna Lux und Jonas Brückner definieren den Inhalt dieser <em>„Ambivalenz“</em> konkret und schlagen in ihrem Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/neon-grau/">„Neon / Grau“</a> (Berlin, Verbrecher Verlag, 2025) einen fünften Begriff vor: das <em>„Umbruchsgedächtnis“</em>. Letztlich signalisieren alle fünf Begriffe eine Fragmentierung von Erinnerung. Erinnerungen wirken als eine Art unvollständiges Puzzle. Einige Teile haben wir wohl in irgendeiner Schublade vergessen, verlegt, vielleicht sogar verloren. Und dann fordern Politiker:innen, Journalist:innen und manch andere uns in ihren Festreden und Leitartikeln auf, dass wir alle dieses gesamte Puzzle wieder vollständig zusammensetzen und darüber alle uns trennenden Kontroversen vergessen!</p>
<p>Drei im Jahr 2025 erschienene Bücher könnten uns helfen, einige der verlorenen Puzzlesteine wiederzuentdecken. Es mag eine subjektive Auswahl sein, doch jedes der drei Bücher, die ich neben den schon genannten von Ines Geipel, Grit Lemke und Steffen Mau (und manch anderen) empfehlen möchte, vermag ganz spezifische Puzzlesteine des uns so oft verwirrend erscheinenden Erinnerungskomplexes sichtbar zu machen. Es handelt sich um das bei Droemer-Knaur erschienene Buch <a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/nora-zabel-vereint-in-zerrissenheit-9783426563441">„Vereint in Zerrissenheit – Die ostdeutsche Generation Z zwischen zwei Welten“</a> von Nora Zabel, das von Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault gemeinsam gestaltete Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/extremwetterlagen-reportagen-aus-einem-neuen-deutschland/">„Extremwetterlagen – Reportagen aus einem neuen Deutschland“</a>, sowie das schon genannte Buch von Anna Lux und Jonas Brückner „Neon / Grau“ mit dem vielsagenden Untertitel „1989 und ostdeutsche Erfahrungsräume im Pop“. Diese beiden letztgenannten Bücher erschienen im Verbrecher Verlag.</p>
<h3><strong>Nora Zabel: „Vereint in Zerrissenheit“</strong></h3>
<div id="attachment_7514" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.droemer-knaur.de/buch/nora-zabel-vereint-in-zerrissenheit-9783426563441"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7514" class="wp-image-7514 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-600x979.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-768x1253.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-800x1305.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-942x1536.jpg 942w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur-1200x1957.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Nora-Zabel-Vereint-in-Zerrissenheit-Droemer-Knaur.jpg 1242w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-7514" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p><a href="https://wirsindderosten.de/menschen/nora-zabel/">Nora Zabel</a> wurde 1996 in Hof Gallin, Mecklenburg-Vorpommern, geboren. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Bundestagsabgeordneten und Staatsministerin Serap Güler (CDU). Das Vorwort ihres Buches „Vereint in Zerrissenheit“ schrieb die Bundestagsabgeordnete und ehemalige Vorsitzende von Bündnis 90 / Die Grünen <a href="https://ricarda-lang.de/">Ricarda Lang</a>. Ricarda Lang verweist auf die Problematik des Begriffs der <em>„Transformation“</em>, die sie lange nicht erkannt habe. In der aktuellen <em>„Krise der Demokratie“</em> sieht sie eine <em>„Krise der Ungleichheit“</em> und denkt angesichts der gängigen <em>„Kulturalisierung von materiellen Fragen“ </em>darüber nach, wie der materielle Grund solcher <em>„Kulturalisierung“</em> in den politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wieder nach vorne auf die Agenda gebracht werden könnte. Dazu sei es erforderlich, <em>„nicht blind zu sein für den biografischen und individuellen Teil der Ungleichheit.“ </em>Es geht eben nicht nur um die abstrakte Geschichte eines (verschwundenen) Landes, sondern auch um die vielen konkreten Geschichten vieler Menschen, die sich mit diesem Land in welcher Form auch immer verbunden fühlen.</p>
<p>Ein Anlass des Buches waren die Wahlen vom 1. September 2024, in denen die AfD in Sachsen knapp hinter der CDU auf dem zweiten Platz landete, während sie in Thüringen zur stärksten Partei wurde. In beiden Ländern hat die jeweils von der CDU geführte Regierung keine Mehrheit im Parlament. Wenige Wochen später schaffte die AfD auch in Brandenburg den zweiten Platz. Dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten gelang es gleichwohl, eine Regierung zu bilden, die über eine Mehrheit im Landtag verfügt. Die Konfrontationen, Kontroversen und der Ton der Wahlkämpfe setzten sich in der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 fort. Die AfD lag in fast allen Wahlkreisen der ostdeutschen Bundesländer vorne. Die AfD ist jedoch kein ausschließliches Ost-Phänomen. Auch im Westen gewinnt die Partei an Zuspruch, so in den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen vom 14. September 2025. Im Jahr 2026 stehen Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt, Kommunalwahlen in Bayern, Hessen und Niedersachsen an.</p>
<p>Nora Zabel wendet sich in ihrem Buch gegen jede Binarisierung der Debatte, es geht eben nicht nur um die AfD und die Anderen. Sie sucht jedoch nach den Hintergründen. Ein Ausgangspunkt ist die von <a href="https://www.hurstpublishers.com/book/the-road-to-somewhere/">David Goodhart</a> beschriebene Opposition der <em>„Anywheres“</em> und der <em>„Somewheres“</em>, die sie als Pole versteht, zwischen denen es eigentlich viele Mischformen geben sollte. Ihr Ziel: <em>„Ich werbe in diesem Buch dafür, dass konservative Daheimgebliebene und kosmopolitische Zurückgekommene den jeweils anderen Lebensentwurf als gleichwertig ansehen und wertschätzen und sich gemeinsam für das Projekt Demokratie im Osten einsetzen, das gerade mächtig ins Wanken gerät.“</em> Sie will jedoch keine ein für allemal verbindliche Lösung anbieten: <em>„Dieses Buch kann nur Fragen stellen; die Antworten beginnen dort, wo wir aufhören, uns in bequemen Erzählungen einzurichten.“</em></p>
<p>Nora Zabel schreibt, <em>„dass Ostdeutschland nicht nur eine geografische Region ist, sondern ein Geflecht aus gelebten Geschichten, die bis heute weiterwirken.“</em> Es wachse ein <em>„Generalzweifel am jetzigen demokratischen System“</em>, der bereits große Teile der Bevölkerung erfasst habe. Aus westlicher Sicht sei ihr jedoch vorgehalten worden, dass so manches, beispielsweise die Straßen, in Ostdeutschland besser aussähen als im Westen: <em>„Stimmt, die Straßen sehen oft besser aus, aber das liegt auch daran, dass hier viele andere Baustellen nie angegangen wurden. Wenn Infrastruktur der Trostpreis für verloren gegangene Arbeitsplätze, Perspektiven und Identität ist, dann danke dafür, doch schöne Straßen bringen alleine keine Zukunft.“</em></p>
<p><em>„Identität“</em> scheint ein passendes Stichwort zu sein. Rund um diesen schillernden Begriff gibt es viele <em>„Geschichten“</em> (Geschichte gibt es nur im Plural!). Diese <em>„Geschichten“</em> erkundet die Autorin in Gesprächen mit ihrer eigenen Familie und anderen Personen, einer Schulfreundin, mit <a href="https://www.landesbeauftragter.de/aktuelles/presse/details/anne-drescher-noch-kein-fuer-alle-gueltiges-bild-der-ddr">Anne Drescher</a>, der ehemaligen Landesbeauftragten in Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, dem Publizisten und Historiker <a href="https://www.beck-shop.de/suche/?query=Kowalcuzuk">Ilko-Sascha Kowalczuk</a>, der Journalistin <a href="https://www.zeit.de/autoren/L/Mariam_Lau/index.xml">Mariam Lau</a>, mit <a href="https://landfrauen-mv.de/news/detail/goldene-biene-fuer-dr-heike-mueller">Heike Müller</a>, der Vorsitzenden des LandFrauenverbandes Mecklenburg-Vorpommern, dem Soziologen <a href="https://www.ls1.soziologie.uni-muenchen.de/personen/professor/nassehi/index.html">Armin Nassehi</a>, der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern <a href="https://manuela-schwesig.de/">Manuela Schwesig</a>, ihrem ehemaligen Sozialkundelehrer, der Mitglied der Linken ist, dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten <a href="https://www.hendrik-wuest.de/">Hendrik Wüst</a> sowie der stellvertretenden Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz <a href="https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/lanz-afd-jugend-zaubitzer-amthor-droege-100.html">Maja Zaubitzer</a> aus Weimar. Sie berichtet, was sie bei Treffen mit Angela Merkel erfuhr und bezieht sich auf Analysen und Berichte von <a href="https://www.uni-muenster.de/ArabistikIslam/Mitarbeiter/bauer.html">Thomas Bauer</a>, <a href="https://inesgeipel.de/">Ines Geipel</a>, <a href="https://sfb1472.uni-siegen.de/personen/prof-dr-philip-manow">Philip Manow</a> und <a href="https://www.sowi.hu-berlin.de/de/lehrbereiche/makro/mitarbeiter/Prof_Mau">Steffen Mau</a> oder – dies ist einer ihrer Lieblingsautoren – von Theodor W. Adorno. Das Buch endet mit Albert Camus und seinem „Mythos des Sisyphos“: Obwohl Sisyphos scheitert, wagt er immer wieder einen neuen Anfang und ist daher – so Camus – ein glücklicher Mensch. (Nur am Rande: <a href="https://www.welt.de/kultur/article5713939/Zum-50-Todestag-Was-Franz-Muentefering-an-Albert-Camus-fasziniert.html">Albert Camus ist auch einer der Lieblingsautoren von Franz Müntefering</a>.) In früheren Zeiten hätte man Menschen wie Albert Camus, Franz Müntefering oder Nora Zabel als <em>„Reformisten“</em> markiert und das war nicht nett gemeint!</p>
<p>Die Anerkennung von Vielfalt wäre die eine Seite, die Versuchungen zur Binarisierung, zur Schubladisierung, zur Schwarz-Weiß-Malerei sind die andere. Nichts ist eindeutig, alles ist ambivalent, sodass eigentlich eine Art von <em>„Ambiguitätstoleranz“</em> gefördert werden müsste, wie sie der Islamwissenschaftler Thomas Bauer unter anderem in „Die Vereindeutigung der Welt – Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt“ (Stuttgart, Reclam, 2018) forderte. Die Neigung zur Binarisierung belegt Nora Zeibel beispielsweise mit der Ostdeutschen zugeschriebenen (und bei manchen auch tatsächlich vorhandenen) Russlandfreundlichkeit: <em>„Heike Müller erzählt mir, dass Selenskyj für viele Ostdeutsche zu Unrecht von den Medien glorifiziert wird, während Putin ebenso zu Unrecht als Dämon dargestellt werde: ‚(…) Viele sind mit Geschichten aufgewachsen, in denen es nur eine Wahrheit gab, nur eine moralisch richtige Seite. Das Misstrauen gegenüber einseitiger Berichterstattung oder moralischer Überhöhung ist kein Automatismus prorussischer Sympathie, sondern für viele auch eine historische Erfahrung. Propaganda funktioniert – das haben wir selbst erlebt. (…) Denn wenn die Geschichte uns etwas gelehrt hat, dann, dass Menschen, die sich bevormundet fühlen, irgendwann den Glauben an das System verlieren.‘“ </em>So war es in der DDR und so scheint es 35 Jahre später wieder zu sein.</p>
<p>Es geht hier in keiner Weise um eine Rechtfertigung von Putin oder von Selenskyj, wohl aber um den Modus, in dem über Putin oder Selenskyj gesprochen und gestritten wird. Wer die dahinter liegenden <em>„Geschichten“</em> der vergangenen 70 oder gar 100 Jahre nicht bedenkt, wird es nicht schaffen, <em>„gezielte Manipulation“</em> und <em>„gesellschaftliche Debatte“</em> zu unterscheiden. So erklären sich Sympathien für die Positionen von Sahra Wagenknecht oder für <em>„den Sozialismus als beste Staatsform“</em>. Immer wieder wird etwas Entscheidendes ignoriert. Dies gilt auch für die Popularität der Thesen von Dirk Oschmann. Nora Zabel stimmt ihm zu, <em>„dass es im Westen eine große Bildungslücke gibt, die mit Vorurteilen und Klischees über Ostdeutsche aufgefüllt wird“</em>, distanziert sich jedoch von ihm, weil <em>„seine Zuspitzungen des Öfteren Bauchschmerzen bei mir auslösen. Seine binäre Denkweise in Ost und West, Weiß und Schwarz ist selbst mir, einer ostdeutschen Heimatverbundenen, zu abgefahren (…), wenn er sagt, dass der Westen oft als Norm begriffen werde und der Osten als Abweichung und Abnormität, als dauerhaft Schmerzen verursachendes Geschwür am Körper des Westens.“ </em></p>
<p>Eben solche Denkweise findet Nora Zabel auch in ihrer eigenen Familie. Letztlich war eben <em>„die DDR eine existenzielle Tatsache“</em>. Dies wurde jedoch auch noch in den 2000er Jahren ignoriert, als die Autorin die Schule besuchte, die für sie durchaus <em>„ein Zufluchtsort </em>(war)<em>, an dem experimentiert wurde, an dem diskutiert wurde, an dem Widerspruch in einer Debatte als etwas Fruchtbares wertgeschätzt wurde.“</em>: Aber etwas Wesentliches fehlte: <em>„Was wir nie diskutiert haben, war das, in was wir hineingeboren wurden. Was direkt vor unserer Nase lag: das ehemalige Ostdeutschland.“ </em>Durch diese Ignoranz konnte sich eine Art <em>„DDR-Kult“ </em>entwickeln, die so oft beschworene <em>„Ostalgie“</em>. Nora Zabels Freundin Paula versteht sich als <em>„nicht politisch“</em>: <em>„Ganz ehrlich, ist doch geil! Unsere Dorffeste, Simson oder unsere Vereinstradition. Das ist doch Kultur. In Bayern haben sie das Oktoberfest und Semmeln. Wir haben das. Das sollten wir auch aufrechterhalten.“</em> Nora Zabel zweifelt jedoch: <em>„Ich bin innerlich zerrissen zwischen Gedanken wie ‚Das Kultivieren dieser Überbleibsel verharmlost die Diktatur und die Menschenrechtsverbrechen‘ und ‚Es war nicht alles grau in der DDR‘.“ </em>Letztlich lebe die Generation Z, zu der sich Nora Zabel zählt, <em>„zwischen zwei Welten (…) einerseits mit der Vision einer modernen Gesellschaft, andererseits mit der Befürchtung des Rückfalls in alte Muster“</em>. Dabei spiele auch eine Rolle, dass die gesellschaftlichen Räume in Ostdeutschland, in denen sich Menschen begegnen, überschaubar sind: <em>„Je kleiner die Gemeinschaft, desto höher ist der soziale Druck.“</em> Das mag auch für ländliche Regionen in Bayern und Baden-Württemberg oder auch Stadtteile im nördlichen Ruhrgebiet gelten, nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass Menschen, die dort leben, nur selten in andere Stadtteile oder Gemeinden hinauskommen. Man bleibt in seiner Bubble, als <em>„Somewheres“</em> auf relativ engem Raum. Die da draußen, wir da drinnen. Oder auch umgekehrt.</p>
<p>So wirkt – um mit dem französischen Historiker Fernand Braudel zu argumentieren – <em>„die lange Dauer“</em>, <em>„la longue durée“</em>, die sich in der Post-DDR bestätige. Es ließe sich auch mit Ivan Krastev und Stephen Holmes argumentieren, die in ihrem Buch <a href="https://www.ullstein.de/werke/das-erloschene-licht/hardcover/9783550050695">„The Light that Failed“</a> (deutsche Ausgabe: „Das Licht, das erlosch“, Berlin, Ullstein, 2019) die These formulierten, dass in den osteuropäischen Ländern einer Phase der <em>„Nachahmung des Westens“</em> Phasen der Skepsis bis hin zur Rückbesinnung auf die Zeiten vor 1989 folgten. Insofern lassen sich die Begegnungen, die Nora Zabel dokumentiert, durchaus in internationale Debatten einordnen, in Tschechien, in Polen, in der Slowakei, in Ungarn.</p>
<p>Die Geschichte der DDR und der Post-DDR ist kein Einzelfall. Aber wer sind die Akteure? Steffen Mau verweist auf <em>„das sogenannte Phänomen der fragilen Männlichkeit“</em>, das auch viel damit zu tun hat, dass viele Frauen aus dem Osten in den Westen abgewandert sind, sodass es in den ostdeutschen Bundesländern zu einem erheblichen Männerüberschuss gekommen ist. Armin Nassehi betont, dieses Faktum sei <em>„ganz kulturunabhängig, egal wo, auch der Islamismus geht darauf zurück. Die Männer in den arabischen Ländern, die nichts zu tun haben, die fangen Sie nicht wieder ein.“</em> Gleichviel, in welchem Land: Rechtspopulisten, manche Konservative, propagieren in mehr oder weniger radikaler Form die Rückkehr zu einer Kultur männlicher und weißer Vorherrschaft. (Die jüngste <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/drehbuch-zur-demontage-der-demokratie/">Verfassungsänderung in der Slowakei</a>, es gebe nur zwei Geschlechter, passt in diese Entwicklung, von den USA ganz zu schweigen.)</p>
<p>An dieser Stelle hätte Nora Zabel auf ein Dilemma der Grünen eingehen können. Einerseits haben die Grünen (und andere) mit ihrer feministischen Kritik an patriarchalischen Strukturen Recht, andererseits ist die Frage berechtigt, warum Gleichstellungsfragen von Frauen und Männern in kontroversen Debatten auf die Frage von Gendersternchen reduziert werden konnten. Die <a href="https://www.boell.de/de/2022/11/09/autoritaere-dynamiken-unsicheren-zeiten-neue-herausforderungen-alte-reaktionen">Leipziger Autoritarismusstudie von 2022</a> bezeichnete den Anti-Feminismus als <em>„Brückenideologie“</em> zu rechtextremistischen Einstellungen, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/yes-we-can/">Sandro Witt</a>, der für den DGB das Projekt „Betriebliche Demokratiekompetenz“ leitete, musste feststellen, dass sich im Projekt eine Reihe von Einstellungen zur freiheitlichen Demokratie nachhaltig veränderten, es jedoch offenbar kein Mittel gegen den Anti-Feminismus gab. Eine Erklärung gibt Nora Zabel, es herrscht ein ungeheurer Druck, der ein <em>„Ventil“</em> braucht, um die unter dem Druck Leidenden zu entlasten: <em>„Rechtsextremismus, Linksextremismus, Islamismus und andere fundamentalistische Strömungen, wie wir sie gerade bei den rechten Evangelikalen in den USA sehen, haben eines gemeinsam: Sie bieten ein Ventil für individuelle Frustration und vermeintliche Sicherheit durch eine Gemeinschaft, die oft durch Ablehnung von Andersdenkenden zusammengehalten wird und auf Unterdrückung basiert.“</em></p>
<p>Nora Zabel ist CDU-Mitglied. Sie sieht viele Äußerungen der CDU im Bundestagswahlkampf sehr kritisch, das, was dort geschah, war aus ihrer Sicht <em>„keine Emanzipation von der Merkel-Ära, das ist ein strategisches Wagnis mit unberechenbaren Risiken“</em>, andererseits begrüßt sie die Flexibilität von Friedrich Merz nach der Wahl. Sie zitiert Mariam Lau: <em>„Wenn es die CDU nicht mehr gibt, wird auch Deutschland so in der jetzigen Form nicht mehr bestehen können.“ </em>In der Tat geht es der AfD in erster Linie darum, die CDU als konservative Partei zu zerstören, so wie dies anderen rechtspopulistischen Parteien in Italien oder in Frankreich gelang und inzwischen auch in Großbritannien zu gelingen scheint. (Thomas Biebricher beschrieb diesen Prozess in seinem Buch „Mitte / Rechts – Die internationale Krise des Konservatismus“, Berlin, Suhrkamp, 2023.) Da helfen keine <em>„Strategiepapiere oder Gipfeltreffen“</em>. Es geht darum, <em>„wie Informationen verarbeitet werden und wie Erzählungen gefolgt wird.“ </em>Sind wir damit wieder bei Albert Camus? Nicht nur. Nach ihrem Verweis auf Albert Camus ruft Nora Zabel die Leute ihrer Generation, der sogenannten <em>„Generation Z“</em>, auf, sich in einer demokratischen Partei zu engagieren: <em>„Die Zauberworte für dauerhafte Veränderung lauten also: Gremien, Fraktionen, Ausschüsse, Parlamente.“</em> Dies gilt auch angesichts einer von ihr zitierten Äußerung ihrer Chefin Serap Güler, die sagte, dass sich die Spielräume mit zunehmendem Aufstieg in der Partei verringerten. Aber das muss ja nicht so bleiben.</p>
<h3><strong>Anna Lux und Jonas Brückner: „Neon / Grau“</strong></h3>
<div id="attachment_7515" style="width: 217px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/neon-grau/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7515" class="wp-image-7515 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-200x290.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-400x580.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-600x870.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-706x1024.jpg 706w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-768x1113.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-800x1160.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1060x1536.jpg 1060w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1200x1740.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag-1413x2048.jpg 1413w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Lux-Brueckner-Neon-Grau-Verbrecher-Verlag.jpg 1657w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-7515" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Historikerin <a href="https://www.paletschek.uni-freiburg.de/mitarb/lux">Anna Lux</a> (*1978) und der Kulturwissenschaftler Jonas Brückner (*1989) haben sich mit der Frage befasst, welche unterschiedlichen Geschichten und Debatten sich in Filmen, Romanen, Musik und Pop-Kultur zur DDR und zur Post-DDR finden. Sie verstehen ihr Buch als ein <em>„Vexierspiel von Vorstellungen und Zuschreibungen“</em>, in bewusster Abgrenzung zu Oschmanns These vom Osten als <em>„Erfindung des Westens“</em> und Kowalczuks Diagnose, die Menschen im Osten seien letztlich mit all den Neuerungen <em>„überfordert“</em>. <em>„Es braucht mehr Geschichte(n), so eine zentrale These unseres Buches, um diese Vielstimmigkeit zu hören und zu verstehen.“ </em>Es geht Anna Lux und Jonas Brückner um die Möglichkeiten <em>„populäre(r) Geschichtskultur“</em>, um – im Sinne von Ursula K. Le Guin (<a href="https://theanarchistlibrary.org/mirror/u/uk/ursula-k-le-guin-the-carrier-bag-theory-of-fiction.pdf">„The Carrier Bag Theory of Fiction“</a>, 1986, wiederum unter Bezug auf <a href="https://archive.org/details/womanscreationse00fish">Elizabeth Fisher in „Woman’s Creation“</a>, 1975) – die Inhalte einer <em>„kulturelle(n) Tragetasche“</em> (die deutsche Version von Anna Lux für Le Guins <em>„carrier bag theory of fiction“</em>), eine literarisch formulierte Variante des sprichwörtlichen Päckchens, das jede:r zu tragen hätte.</p>
<p>Das Buch enthält neben dem einleitenden Gespräch und einem resümierenden „Outro“ acht Kapitel, die sich mit dem Jahr 1989 selbst, dem schnellen Verschwinden der DDR, den Utopien und dem Abwürgen früher Demokratisierungsprozesse, nationalen Zugehörigkeiten, ethnokulturellen Zuschreibungen, den <em>„Baseballschlägerjahren“</em>, ostdeutschen Männlichkeiten und der <em>„Peripherisierung“</em> des ländlichen Raums befassen. Jedem Kapitel folgen Antworten von insgesamt 17 Akteur:innen, Publizist:innen und Künstler:innen auf jeweils drei Fragen. Das Buch ist im Übrigen eine Fundgrube für alle, die Autor:innen, Filmemacher:innen, Musiker:innen kennenlernen möchten, mit deren Werken sie vielleicht einen anderen Blick entdecken wollen.</p>
<p>Mit Steffen Mau vertreten Anna Lux und Jonas Brückner die These: <em>„Wer in der ostdeutschen Debatte einseitig nach Schuld fragt, ist auf dem Holzweg.“</em> Es gehe auch nicht um ein <em>„Identitätsbedürfnis als Ostdeutsche“</em> – so Anna Lux. Jonas Brückner ergänzt, dass sie sich daher für den Begriff <em>„Umbruch“</em> an Stelle von <em>„Wende“</em> entschieden hätten, weil dieser Begriff, <em>„das Zäsurhafte, die sozialen, kulturellen und mentalen Brüche besser fasst als beispielsweise ‚Wende‘.“</em> Abgesehen davon – dies eine kleine polemische Spitze – sei dieser <em>„Begriff mit Egon Krenz verbunden“</em>.</p>
<p>Was ging 1989/1990 verloren? Erstaunlicherweise ist dies die Frage, die öfter gestellt zu werden scheint als die Frage, was gewonnen wurde. Zur Sprache beziehungsweise zum Bild kommen der <em>„Verlust der 1000 kleinen Dinge des Alltags“ </em>und die Treuhand als Symbol all dessen, was abgeschafft beziehungsweise im damaligen Einheitsjargon <em>„abgewickelt“</em> wurde. Die <em>„Treuhand“</em> wurde geradezu zum <em>„negativen Gründungsmythos“</em>. Jana Hensel schreibt in <a href="https://www.rowohlt.de/buch/jana-hensel-zonenkinder-9783644019010">„Zonenkinder“</a> (Rowohlt, 2012): <em>„Die Wende traf uns wie ins Mark. Sie fuhr uns in die Knochen und machte, dass sich alles um uns drehte. Wir waren zu jung, um zu verstehen, was vor sich ging, und zu alt, um wegzusehen, und wurden unserer Kindheit entrissen, bevor wir wussten, dass es so etwas überhaupt gab. (…) Eine ganze Generation entstand im Verschwinden.“</em> <a href="https://www.aufbau-verlage.de/autor-in/jutta-voigt">Jutta Voigt</a> spitzt zu: <em>„Das Neue entsteht unter Verwesungsgestank.“</em></p>
<p>Es entstand ein unspezifisches <em>„Ostgefühl“</em>, das – so <a href="https://www.researchgate.net/publication/344191618_Umkampftes_Erbe_Zur_Aktualitat_von_1989_als_Widerstandserzahlung">Gerta Hartmann und Alexander Leistner</a> vom Forschungsverbund <a href="https://www.erbe89.de/forschungsverbund/">„Das umstrittene Erbe von 1989“</a> – sich in einer Art <em>„Widerstandsnarrativ“ </em>verdichtete, dessen vorwiegend männliche Apologeten sich zunächst in den <em>„Baseballschlägerjahren“</em> (Christian Bangel) auslebten: <em>„In dieser, von Pegida über die AfD bis zu den Freien Sachsen repräsentierten Vorstellung, ist der Osten eine ethnisch und interessenhomogene Gesellschaft, innerhalb derer Kritik an sozialer Ungleichheit, Peripherisierung, Migrationspolitik oder medialer Berichterstattung zu einem Grundkonflikt zwischen ‚Ost‘ und ‚West‘, ‚unten‘ und ‚oben‘, ‚wir‘ und ‚ihr‘ verallgemeinert wird.“ </em>Manja Präkels, Autorin von <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/als-ich-mit-hitler-schnapskirschen-ass/">„Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“</a> (2017) sagt am Ende des Kapitels „Nationale Zugehörigkeiten in der Ost-Westdeutschen Mehrheitsgesellschaft“: „<em>Das ostdeutsche Wetterleuchten der Möglichkeit einer anderen Welt hingegen, das sich durch die Geschichte und Geschichten zieht, das nenne ich meinen roten Faden. Da hängt auch 1989 dran. Leider steckt in mir eher die Erfahrung in den Knochen, wie es ist, wenn eine Menge Meute wird.“</em></p>
<p>Der <em>„Umbruch“</em> wurde auch als <em>„Rausch“</em> erlebt, denn es <em>„entstand ein Möglichkeitsraum für Gewalt an sich, vor allem als rechte Gewalt. Sie gehört unmittelbar zur Umbruchszeit. Und alle waren involviert: als Opfer, Täter, ängstliche Beobachter, Claqueure.“ </em>Rechtextremismus gab es schon in der DDR, auch wenn die Partei dies immer leugnete, wie beispielsweise nach dem rechtextremistischen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberfall_auf_die_Zionskirche">Angriff auf ein Konzert der Westberliner Gruppe „Element of Crime“ im Jahr 1988 in der Zionskirche am Prenzlauer Berg</a>. Der Rechtsextremismus wurde mit dem Mauerfall gleich mit befreit. (Mich erinnert dies auch an Nebenwirkungen der sexuellen Befreiung in den 1960er Jahren. Einer der damaligen Gewinner war die Pornoindustrie.) Die Frage mag erlaubt sein, ob und wann solche Nebenwirkungen als Problem wahrgenommen werden. <em>„Dass die Baseballschläger Jahre lange ignoriert wurden, hat eine politische Kultur befördert, die offen für Rechtspopulismus ist und in der verbale und körperliche Gewalt erscheinen. Viele der damaligen Täter wurden nicht belangt. Sie sind heute erwachsen, haben selbst Kinder, sind anerkannte Mitglieder ihrer Gemeinden.“</em> In Sport- und Heimatvereinen, in der Freiwilligen Feuerwehr etc.</p>
<p>Am Anfang gab es eine große Hoffnung, eine Wiederholung des bundesrepublikanischen <em>„Wirtschaftswunders“</em> im Osten. Zunächst erzählte man sich den der <em>„Mauerfall als Wundererzählung“</em>. Natürlich gab es <em>„Erfolgsgeschichten“</em>, die als Gegensatz zur <em>„Kolonisierungsgeschichte</em>“ erzählt wurden. Aber warum setzten sich die negativen Versionen durch? Vielleicht bietet der im Buch mehrfach erwähnte Roman <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/clemens-meyer-als-wir-traeumten-9783104001180">„Als wir träumten“</a> von Clemens Meyer (Frankfurt am Main, S. Fischer, 2006, verfilmt von Andreas Dresen nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase, 2015) Antworten?</p>
<p>Letztlich verfestigt sich eine Summe individueller Einzelschicksale, die sich nach dem Grundsatz, dass die Summe immer mehr ist als die bloße Summe ihrer Teile, in mystifizierenden Großerzählungen, in denen versucht wird, das Geschehene auf einen einfachen und konsensualen Begriff zu bringen. Eine dieser Großerzählungen ist der <em>„Anpassungsschock“</em> – eine Formulierung von Steffen Mau. Kowalczuk spricht von einem „Freiheitsschock“, so der Titel seines 2024 bei C.H. Beck erschienen Buches. Schockstarre. Viele schweigen. Dies ist jedoch kein spezifisches ostdeutsches Problem. Anna Lux und Jonas Brückner verweisen auf <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/deniz-ohde-streulicht-t-9783518429631">„Streulicht“</a> von Deniz Ohde (2020) und <a href="https://www.hanser-literaturverlage.de/en/buch/fatma-aydemir-dschinns-9783446269149-t-3355">„Dschinns“</a> von Fatma Aydemir (2023). <em>„Bei ihr ist das Schweigen in der Familie der Ausgangspunkt der Erzählung. Es ist vielleicht sogar die Grundlage für die Existenz dieser Familie, denn das Schweigen macht es möglich, etwas in der Balance zu halten. Bis es kippt.“</em> In den Worten Fatma Aydemirs: <em>„Vielleicht ist Familie ja nichts anderes als das, ein Gebilde aus Geschichten und Geschichten und Geschichten. Aber was bedeuten dann die Leerstellen in ihnen, das Schweigen?“</em></p>
<p>Paula Fürstenberg sagt: <em>„Ich stolpere ständig über die Worte, die sich durchgesetzt haben, um über den Osten zu sprechen.“ </em>Jonas Brückner konstatiert: <em>„‚Friedliche Revolution‘ hat sich im Alltag ebenso wenig durchgesetzt wie der technisch klingende ‚Transformationsprozess‘. Begriffe wie ‚Anschluss‘ oder ‚Kolonialisierung‘, die zuletzt verstärkt verwendet werden, sind wiederum stark wertend und analytisch eher zur Beschreibung der Debatte hilfreich als für den historischen Prozess.“ </em>So oder so bleibt eine Art Sprachlosigkeit, vielleicht aber eröffnen künstlerische Wege einen Weg, sich mit DDR und Post-DDR auseinanderzusetzen? So verstehe ich den Grundtenor von „Neon / Grau“. Damit ist natürlich noch nichts darüber gesagt, wer was wie rezipiert. Anders gesagt: <em>„Wer erzählt eigentlich wann was über wen?“ </em></p>
<p>Kann es <em>„gemeinsame Erzählungen“</em> geben, deren Perspektiven vielleicht doch (fast) alle teilen? Manche Debatten und Ereignisse dienen jedoch eher als Belege für den Bedarf einer solchen verbindenden Großerzählung. Dazu gehören – so Anja Lux und Jonas Brückner im Kapitel „Nationale Zugehörigkeiten in der ost-westdeutschen Mehrheitsgesellschaft“ – die seit etwa dem Jahr 2000 immer wieder neu aufflammende Debatte um eine sogenannte <em>„Leitkultur“</em>, die Fußballweltmeisterschaft 2006 mit dem <em>„massenhaften Flagge-Zeigen im Land“, </em>die Debatte um Thilo Sarrazin, dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ im Jahr 2010 zu einer Art Bibel des Rechtspopulismus wurde, die Rede des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff aus dem gleichen Jahr, in der er sagte, <a href="https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Christian-Wulff/Reden/2010/10/20101003_Rede.html">dass der Islam zu Deutschland gehöre</a>, die Beschlüsse des <em>„Bundestages zum Abriss des Palasts der Republik und zur Rekonstruktion des Stadtschlosses im Jahr 2006“.</em> Erfolgreich waren diese Versuche alle nicht: <em>„Re-Nationalisierung“</em> (zum Beispiel Sarrazin) und <em>„gesellschaftliche Liberalisierungen“</em> (zum Beispiel Wulff“) standen und stehen nach wie vor unversöhnlich einander gegenüber. Einheit wurde zur <em>„Fiktion“, sodass</em> <em>„legitime ostdeutsche Selbstverständigungsdiskurse stets mit ihren offenen Flanken in rechtsidentitäre Erzählungen ringen müssen und das (teilweise) auch tun.“ </em>Für westdeutsche Diskurse gilt dies durchaus genauso, denn manche Debatte, die Ostdeutschland zugeschrieben wird, ist letztlich eine gesamtdeutsche Debatte, die sich je nach Raum und Zeit mit unterschiedlichen Inhalten füllt, aber letztlich Kontroversen in Konfrontationen zuspitzt. Westdeutsche erklären sich gerne für unschuldig, indem sie mit dem Finger nach Osten zeigen. Wiederum Manja Präkels: <em>„Wer wurde und wird aus welchen Gründen (wofür / wogegen) ausgegrenzt?“ </em></p>
<p>Der Film „Good bye, Lenin“ von Wolfgang Becker (2003) ist ein Film über Trauer und Abschiednehmen. <a href="https://www.thomasbrussig.de/">Thomas Brussig</a> kommentierte: <em>„Einen Abschied von der DDR, so wie man von einem Menschen Abschied nimmt, eine Trauer, das hat es im Herbst 90 einfach nicht gegeben. Das war eine so rastlose, vorwärtshastende Zeit“</em>. Der Film zeigte, <em>„wie die Welt der kleinen Dinge unser (Über-)Leben (mit)prägt.“</em> Der Hauptakteur Alex gewinnt den Eindruck, dass er für seine Mutter eine DDR schuf, wie er sie sich eigentlich gewünscht hätte. Als seine Mutter die vielen Westautos sieht, erklärt er dies mit einer Massenflucht von West nach Ost, weil viele im Westen eben den Kapitalismus leid wären. Vergleichbar sind die vielen Alltäglichkeiten im Film „Gundermann“ von Andreas Dresen (2018), der ebenso wie <em>„</em><a href="https://www.dieterwunderlich.de/scheer-machandel.htm"><em>Regina Scheers Roman ‚Machandel‘</em></a><em> oder die zeitgenössischen Beobachtungen von Jutta Voigt (…) Orte des Sich-den-Verlusten-Stellens“</em> zeige (Link im Zitat: NR). Regina Scheer sagt: <em>„Die Offenheit dieses kurzen historischen Moments von 1989/1990 ist eine kostbare Erinnerung.“</em> Zu den <em>„Illusionen“</em> der Zeit gehörten auch der Runde Tisch, sein Verfassungsentwurf und die von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/history-matters/">Christina Morina in ihrem Buch „1000 Aufbruche“</a> (München, C.H. Beck 2024) dokumentierten Ideen vieler DDR-Bürger:innen, die diese – nicht zuletzt in Kontinuität des in der DDR populären Eingabewesens – schriftlich vorbrachten.</p>
<p>Im achten Kapitel von „Neon / Grau“ wird der ländliche Raum als <em>„Poetik der Ödnis“</em> Thema, ein Begriff der Literaturwissenschaftlerin <a href="https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften/germanistik/neuere-deutsche-literaturwissenschaft/54988/erzaehlen-vom-umbruch">Rainette Lange</a> (2020). Manches lässt an andere Öden der Literaturgeschichte denken, beispielsweise an Schweizer Dorfgeschichten aus dem 19. Jahrhundert und den dort beschriebenen Pauperismus. Zu nennen wären Gottfried Keller und seine Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ oder Romane von Jeremias Gotthelf. Allerdings geht es nicht nur um die bloße Anklage unhaltbarer Verhältnisse. <em>„Die Ödnis bleibt so nicht Kulisse, vor deren Hintergrund sich Geschichten von Aufbruch und Ausbruch abspielen, sondern wird als Lebensraum mit Grautönen und Nuancen sichtbar. Als Handlungsort gewinnt er an Vielschichtigkeit und Tiefe, manches erscheint gar existenzieller – neon / grauer – als im urbanen Raum, die Beziehungen, die Träume, die Abgründe.“ </em>Als Beispiele zitieren Anna Lux und Jonas Brückner die Romane <a href="https://www.dtv.de/buch/dinge-die-wir-heute-sagten-14118">„Dinge, die wir heute sagten“</a> von Judith Zander (2012), <a href="https://juliaschoch.de/romane/mit-der-geschwindigkeit-des-sommers/">„Mit der Geschwindigkeit des Sommers“</a> von Julia Schoch (2009) oder <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe-t-9783518421772">„Der Hals der Giraffe“</a> von Judith Schalansky (2011). Komödiantisch wird die <em>„Ödnis“</em> in der rbb-Serie „<a href="https://www.rbb-online.de/film/themen/warten-auf-n-bus-serie.html">Warten auf’n Bus“</a> persifliert. Juli Zeh lässt in <a href="https://www.unterleuten.de/">„Unterleuten“</a> (2016) die Romanfiguren selbst sprechen, sodass verschiedene Perspektiven sichtbar werden, wie sie sich die Gestaltung ihrer Umwelt vorstellen, der Vogelschützer und Alt68er, der undurchsichtige Automechaniker, die Pferdezüchterin, das Energieunternehmen, die alten LPG-Genossen. <em>„Die Peripherie wird hier nicht als eine sozial-kulturelle und wirtschaftliche Abhängigkeit erzählt, sondern als ein Ort, der nach eigenen Regeln funktioniert. Dabei ist Unterleuten keineswegs ein unsympathischer Un-Ort oder eine Dystopie. Im Gegenteil treffen hier utopische Vorstellungen von Welt und Miteinanderleben aufeinander und treten gegeneinander an.“</em> Ganz ähnlich funktioniert die Welt in „Über Menschen“ (2021) dem folgenden Roman von Juli Zeh, in dem sie den <em>„Dorf-Nazi“</em> (so bezeichnet er sich selbst), ein schwules, aber gar nicht unbedingt fortschrittliches Pärchen oder eine mehr oder weniger zivilisationsmüde Großstädterin einander begegnen lässt.</p>
<p>Mit Erich Kästner ließe sich fragen, wo denn das Positive bleibe. Grit Lemke, Autorin der „Kinder von Hoy“ (2021) sieht Hoffnungen in den als <em>„abgehängt“</em> markierten Regionen. <em>„Wir hatten eine Vision für das Land. (…) Heute ist die Lausitz eine entvölkerte Region, abgehängt vom Rest des Landes. Aber seit ein paar Jahren wieder mit Potenzial, Hoffnung und Aufbruchstimmung. Wir könnten da etwas Neues, Großes schaffen. Da sind Visionen, da ist Bewegung drin.“</em> Es kann sich durchaus etwas ändern wie auch Charly Hübner in seinem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=BncR7gJcyjk">Film „Wildes Herz“</a> (2018) über Monchi und die Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ zeigt. Auch in diesem Film spielen Bushaltestellen eine Rolle. Zum Schluss fragen Anna Lux und Jonas Brückner, ob so etwas wie <em>„eine gesamtdeutsche Selbstbefragung“</em> möglich wäre, <em>„in der es darum geht: Wie wollen wir eigentlich miteinander leben?“ </em>Sie sprechen von <em>„Ko-Transformationen“</em>, vielleicht geht es aber auch um nicht mehr oder weniger als einen dialektischen Zugang, der die Ambivalenzen, Kontroversen und Unverträglichkeiten aufgreift, diskutiert, in Frage stellt und neue Ambivalenzen entdeckt, letztlich um <em>„Ambiguitätstoleranz“.</em> Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser haben in ihrer Studie <a href="https://www.suhrkamp.de/buch/triggerpunkte-t-9783518029848">„Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft“</a> (Berlin, Suhrkamp, 2023) gezeigt, dass ein solcher Verständigungsprozess möglich sein könnte, unabhängig von race, class und gender. Warum sollte etwas, dass in einer wissenschaftlichen Studie funktioniert, nicht auch im realen Leben gelingen, in der Kommune, in der Politik?</p>
<h3><strong>Alexander Leistner, Manja Präkels, Tina Pruschmann, Barbara Thériault, Extremwetterlagen</strong></h3>
<div id="attachment_7516" style="width: 217px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/extremwetterlagen-reportagen-aus-einem-neuen-deutschland/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7516" class="wp-image-7516 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg" alt="" width="207" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-200x290.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-207x300.jpg 207w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-400x579.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-600x869.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-707x1024.jpg 707w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-768x1113.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-800x1159.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1060x1536.jpg 1060w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1200x1738.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag-1414x2048.jpg 1414w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/10/Leistner-und-andere-Extremwetterlagen-Verbrecher-Verlag.jpg 1658w" sizes="(max-width: 207px) 100vw, 207px" /></a><p id="caption-attachment-7516" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die vier Autor:innen der „Extremwetterlagen“ präsentieren Ergebnisse einer <em>„Feldforschung auf Basis literarischer Reportage“</em>. Im Vorwort schreibt <a href="https://www.soziopolis.de/autoren/profil/alexander-leistner.html">Alexander Leistner</a>, es gehe nicht um <em>„fertige Erklärungen“</em>, es handele sich um <em>„Momentaufnahmen“</em>, um <em>„das Unausgesprochene hörbar zu machen und zu Strukturen geronnene Stimmungen sichtbar“</em>. Oft sind eben diese <em>„Strukturen“</em> auf den ersten Blick eben nicht erkennbar, werden es jedoch, wenn man sich auf die Menschen, die man mehr oder weniger bewusst aufsucht, einlässt, Artefakte wie Plakate und Aufschriften, Landschaften und verlassene Industrieanlagen beachtet, gegebenenfalls auch dort, wo sich größere Menschengruppen versammeln, auf Festen, in Zügen oder mitunter an Bushaltestellen.</p>
<p>Ein Anlass für das Projekt war der September 2024, der Monat, in dem die AfD bei den Landtagswahlen in Thüringen den ersten, in Brandenburg und Sachsen den zweiten Platz erreichte. Kern des Buches ist der zweite Teil mit der Überschrift „Überlandschreiben“ (zehn Texte). <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/manja-praekels/">Manja Präkels</a> berichtet über ihre <em>„Durchreise“</em> in Brandenburg, <a href="https://tinapruschmann.de/">Tina Pruschmann</a> über ihre Begegnungen in Sachsen und <a href="https://editionueberland.de/shop/barbara-theriault-abenteuer-einer-linkshaendigen-friseurin/">Barbara Thériault</a> aus Thüringen. Alexander Leistner, der einzige Wissenschaftler im Team, kommentiert in jedem Teil mit jeweils einem Text. Er hat auch Vorwort und Epilog verfasst. Im ersten Teil <em>„Sturmsaaten“</em> werden die ersten Eindrücke beschrieben, die sich möglicherweise auch als Resümee verstehen lassen, im dritten und vierten Teil mit den Überschriften <em>„Druckgradienten“</em> und <em>„Gegen den Wind atmen“</em> wird es wieder grundsätzlicher (diese drei Teile enthalten jeweils vier Texte). Die Überschrift des Epilogs klingt paradox: <em>„Rückwärts durch die Zeit lesen“</em>. Der Band enthält eine Fülle von Bildern, alle in schwarz-weiß gehalten, mit Motiven, die die grundsätzlich depressive Stimmung, der die über das Land reisenden Autor:innen begegnen, nicht nur illustrieren, sondern verstärken. In Text und Bild wird das Buch zu einem der deprimierendsten und trostlosesten Bücher, die ich über ostdeutsche Regionen und die dort lebenden Menschen gelesen habe. Dazu trägt auch bei, dass die Autor:innen nicht über in Romanform oder Filmen geronnene Erlebnisse schreiben, auch nicht mit mehr oder weniger prominenten Menschen sprechen, sondern sich auf die Menschen einlassen, die sie mehr oder weniger zufällig auf Straße und Plätzen treffen.</p>
<p>Alexander Leistner bringt im Titel des Epilogs auf eine einfache Formel, was viele Menschen eben so tun, um mit ihrer Gegenwart und ihrer Vergangenheit klarzukommen, wenn sie nicht so recht glauben, dass sie eine ihnen genehme Zukunft erleben werden. Sie versuchen ihre Gegenwart aus erlebten Vergangenheiten abzuleiten oder gar in diesen wiederzufinden, tun dies aber natürlich nicht mit dem Abstand, den üblicherweise Historiker:innen pflegen, sondern auf der Grundlage eigenen Erlebens und der Diskurse in ihren Familien und mit ihren Bekannten. Diese projizieren sie in die Zukunft hinein. Dabei bleiben sie in der Regel unter sich und ihre Gefühle vervielfältigen sich. Es entsteht eine <em>„Kumulation von verschiedenen Prozessen, die man auf unterschiedlichen Analyseebenen – als spezialisierte Parteien-, Populismus-, Rechtsextremismus-, Protest-, Einstellungsforschung – möglicherweise zu lange zwar intensiv, aber meist separat und zu wenig systematisch in ihren Wechselwirkungen und Eigendynamiken betrachtet hat.“</em> Zu beobachten ist <em>„ein langsames Aufzehren von Legitimation, Systemvertrauen und Wertbindungen, die sich nicht ohne weiteres wiederherstellen lassen“.</em> Dieser mitunter kaum merkliche Prozess lässt sich aus zahlreichen Details erschließen. Barbara Thériault erinnert in ihrem Beitrag „Miss Mittelgebirge 1972“ an das dokumentarische Verfahren in den Romanen Balzacs: „<em>Die Figuren sind Antworten auf Dilemmas der Zeit.“</em> Auf der Reise fügen sich all diese Details schließlich zu einem Gesamtbild.</p>
<p>Manja Präkels, Tina Pruschmann und Barbara Thériault begegnen Menschen auf der Straße, in einem Zug, an für die Vergangenheit symbolisch gelesenen Orten. Zumindest war das der Plan. Manja Präkels stellt in ihrem ersten Beitrag („Zwischen Leere und Tribüne“) fest, dass sie auf den Straßen niemanden trifft. Eine Freundin denkt in <em>„Straßendörfern Brandenburgs“</em> an <em>„Zombiefilme oder andere postapokalyptische Stoffe“</em>. Als was könnte aber die Straße dienen? Als <em>„Bühne“</em>, als <em>„Laufsteg“</em>? Und für wen? Oder anders gefragt: Wer lässt sich blicken?</p>
<p>In den 1990er Jahren erlebte jemand, der <em>„lokaljournalistisch zu berichten“</em> versuchte, <em>„die Besetzung öffentlicher Orte, von Einrichtungen, Straßen und Plätzen durch Horden meist männlicher rechtsextremer Jugendlicher gänsehautnah“</em>. Und heute? <em>„Wir passieren Waren. Auch hier kein Mensch auf der Straße. Dafür Autos. Jeder im eigenen. Jeder mit eigenem Deutschlandwimpel, flatternd im Wind.“</em> Das sind nicht die Wimpel der Fußballweltmeisterschaft von 2006, sondern aktuelle Statements, die das einzige betonen, dessen man sich noch sicher zu sein scheint, die Zugehörigkeit zu Deutschland. Eine Flagge, die eigentlich die Zusammengehörigkeit der in einem Land lebenden Menschen dokumentieren soll, wird zu einem Symbol des Rückzugs in einen abschließbaren und abgeschlossenen Raum, in dem angeblich <em>„Raumfremde“</em> – dies einer der Kampfbegriffe der neuen Rechten – keinen Platz (mehr) haben. Das Fähnchen im Auto signalisiert Exklusion, zumindest die Bereitschaft, andere auszuschließen. Und dann die Plakate: In mehreren Texten ist die hohe Präsenz von Plakaten rechtsextremistischer Kleinparteien Thema, der III. Weg, die Freien Sachsen (die in Sachsen so klein gar nicht sind, in manchen Kommunen in Räten sitzen), natürlich auch die zur Großpartei avancierten AfD. Tina Pruschmann: <em>„Derweil präsentiert sich der Plakatwahlkampf in Teilen, als seien die Hakenkreuz-Kritzeleien von den verwitterten Ziegelmauern und Stromkästen der Region, als Wahlplakat geadelt an die Laternen gewandert.“</em></p>
<p>Menschen trifft man auf Festen. Aber feiern sie gemeinsam? Alexander Leistner berichtet von einem <em>„Sommerfest“</em> der AfD und von dem <em>„Demokratiefest“</em> auf der anderen Seite des eine Stadt teilenden Flusses. Zwei Frauen, die Schilder mit den Aufschriften <em>„Omas gegen rechts“</em> und <em>„‚love is love‘ auf Regenbogengrund tragen“ </em>werden <em>„umringt von einer Gruppe Höcke-Fans“</em>: <em>„Ein paar Mädchen mit AfD-Ballons steigen ins Blumenbeet und bauen sich direkt hinter den Frauen auf. Von vorn rücken die jungen Männer immer näher. Zwei Polizisten, die nur wenige Meter entfernt auf dem Mäuerchen der historischen Mühlgrabenbrücke sitzen, wirken desinteressiert. Sie plaudern freundlich mit Festgästen auf dem Nachhauseweg. Als wir sie auf die Situation am Rosenbeet ansprechen, kommentiert einer von ihnen achselzuckend: ‚Hier ist ja ein Raum für Meinungsaustausch.‘ / ‚Interessantes Amtsverständnis‘, antworte ich. Daraufhin erhebt er sich doch noch, geht gemächlich zu den zwei Frauen rüber, baut sich erst in voller Größe vor ihnen auf, um sich von ganz weit oben zu ihnen hinabbeugen zu können. Dann, wie zu begriffsstutzigen Kindern: ‚Haben – Sie – Angst? Sie können jederzeit gehen.“ </em>Alexander Leistner: <em>„Die Straße (…) ist Kulisse für den Anspruch auf die Beherrschung des öffentlichen Raums, für Einschüchterungen und Feindmarkierungen.“ </em></p>
<p>In Cottbus wurde die Schwarze CDU-Landtagsabgeordnete <a href="https://www.cdu-brandenburg.de/person/206/Dr-Adeline-Abimnwi-Awemo.html">Adeline Abimnwi Awemo</a> angegriffen. In Bautzen erlebte <a href="https://www.anne-rabe.de/">Anne Rabe</a>, <em>„dass Leute auch nach dem CSD noch angegriffen wurden. Z.B. beim Einkaufen, als Teilnehmer des CSD identifiziert (ohne jegliche Regenbogenfahnen etc.).“ </em>Es ist <em>„ein tief verwurzelter Schwarmhass“</em>, unterstützt von örtlichen Politikern. Manja Präkels kommt nach Rheinsberg, wo das örtliche <a href="https://www.tucholsky-museum.de/index.html">Tucholsky-Museum</a> gefährdet ist, weil sich der (nicht der AfD angehörige) Bürgermeister weigert, Ratsbeschlüsse zur Finanzierung umzusetzen. Er möchte das Museum gerne <em>„der Abteilung für Tourismus“</em> zuschlagen. <em>„Das dort ein einschlägig bekannter Rechtsextremist arbeitet, geschenkt. Das Ausflugsziel kann bleiben. Wissenschaft und Zeitkritik – adé?“</em> Man könnte zu dem Schluss kommen, dass die AfD gar keine SA braucht, die alles, was ihr nicht passt, zerdeppert. Die örtlichen Neo-Nazis, Kameradschaften und Kleinstparteien, Fußball-Hooligans und Kampfsportler organisieren sich schon selbst mit ihren Einschüchterungsprojekten und geben der AfD sogar noch die Gelegenheit, sich gegebenenfalls zu distanzieren. Alexander Leistner diagnostiziert in diesen Szenen eine gewisse <em>„Professionalisierung“</em>, aber auch im Falle einer polizeilichen Ermittlung oder gar eines Prozesses <em>„Angst von Zeuginnen und Geschädigten“</em>, sodass Straflosigkeit zur Regel wird, die dann mit der Zeit in gesellschaftliche Akzeptanz umschlägt, auch eine Variante des Marx’schen Satzes, das mit der Zeit in historischen wie in wirtschaftlichen Prozessen Quantität in Qualität umschlägt.</p>
<p>Manja Präkels erlebt Landschaft als Raum gewordene Gleichgültigkeit: <em>„Zurück im Dorf mit dem nutzlosen Funkmast riecht es schon nach Grillfleisch. Auch hier ist der Nachthimmel klar. Es regnet Schnuppen. Einen meiner Wünsche widme ich Kat und dem schönen, leeren Cottbus. So schwer zu erreichen und doch so nah.“ </em>Wer nicht in solchen Orten wohnt, bleibt – so Manja Präkels – auf der <em>„Durchreise“</em>. Die Straßen, die sie queren, sind auch Orte der Todesmärsche, von Ravensbrück, der Weg zum KZ Sachsenburg. Es wirkt heute fast schon <em>„idyllisch“</em>, wenn man nicht über die Vergangenheit nachdenkt. Tina Pruschmann: <em>„Vielleicht lasse ich mich von meiner Begeisterung für eine schöne Landschaft nur allzu gerne täuschen. Vielleicht halte ich die Gleichzeitigkeit von Schönheit und Terror so wenig aus, das eines weichen muss: das Idyll oder die Brutalität.“ </em></p>
<p>Erinnerungsorte müssen nicht unbedingt Empathie für die Opfer bewirken, im Gegenteil. Es gibt Stimmen, die überzeugt behaupten, dass diejenigen, die in der DDR-Zeit in einem Jugendwerkhof inhaftiert waren, <em>„es verdient hätten dort zu sein“</em> und <em>„so schlimm sei es nicht gewesen“. </em>Solche Bagatellisierungen, die sich sogar auch in Hinweisen auf die KZ-Vergangenheit finden, schlagen in Verständnis um und machen es dann auch leichter, sich die DDR zurückzuwünschen, zumal diese im Vergleich zum Westen ja auch <em>„ethnisch“</em> homogener war. Die Vertragsarbeiter:innen aus den sozialistischen <em>„Bruderstaaten“</em> traf man eben auch nicht auf der Straße.</p>
<p>Viele lassen im wahrsten Sinne des Wortest einfach das sprichwörtliche Gras über die Vergangenheit wachsen. Tina Pruschmann berichtet aus Zwickau <em>„Die Adresse Frühlingsstraße 26, im Ortsteil Weißenborn, wo die Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zehn Jahre lang unbehelligt ein nahezu bürgerlich anmutendes Leben lebten, zeigt Google Maps nicht mehr an. Auch sonst erinnert an diesem Ort nichts an den NSU. Wo das Haus stand, wachsen Gras und Gebüsch.“ </em>Es bleibt einigen zivilgesellschaftlichen Akteur:innen vorbehalten, das <em>„Gelände der Erinnerung“ </em>sichtbar zu erhalten. Im Gespräch mit dem Sozialarbeiter Jörg Banitz und einer Schulklasse erfährt Tina Pruschmann, dass die Geschichte des NSU zur <em>„Regionalgeschichte“</em> wurde. Die Schüler:innen waren damals, als sich der NSU selbst enttarnte, gerade einmal fünf Jahre alt. <em>„Mir ist das Erschrecken über die Mordserie des NSU noch so präsent, dass ich mich frage, ab wann Gegenwart zur Geschichte wird.“ </em>Überall der Wunsch nach einem <em>„Schlussstrich“</em>. Man will sich weder die NS- noch die DDR-Vergangenheit noch rechtsextremistische Mordserien der jüngeren Vergangenheit vorhalten lassen. Und im Hintergrund, im Untergrund gären die Gewalt- und Mordfantasien der neuen Nazis. <em>„Hic sunt dracones.“ </em>(NSU-Watch hat im Verbrecher Verlag mit dem Buch <a href="https://www.verbrecherverlag.de/shop/aufklaeren-und-einmischen-der-nsu-komplex-und-der-muenchener-prozess-neuausgabe/">„Aufklären und Einmischen – Der NSU-Komplex und der Münchener Prozess“</a> die nach wie vor vielen offenen Fragen nach den wahren Ausmaßen des Rechtsterrorismus ausführlich beschrieben.)</p>
<p>Barbara Thériault benennt die Überalterung mancher thüringischen Gemeinden. <em>„In den 1990er Jahren zogen viele ihrer jüngeren Einwohner weg und die Zurückgebliebenen bekamen immer weniger Kinder. So wurden aus 56.000 Einwohnern Ende 1988 gerade mal 37.000 Ende 2023. Ein Drittel der Stadtbevölkerung ist älter als 65 Jahre.“ </em>Unter den Deutsch-Deutschen bleiben junge Männer. Junge Männer trifft man auch unter Zugewanderten, allerdings sind diese in einer ganz anderen Stimmung. Barbara Thériault beschreibt eine <em>„Zuggesellschaft“</em> auf der Fahrt von Erfurt über Zella-Mehlis nach Meiningen: <em>„Viele der Reisenden waren unterwegs in Richtung Thüringer Wald zur Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge. Es schienen aber keine Mitarbeiter einer vom Land beauftragten Sicherheitsfirma den Zug zu begleiten, wie es sonst manchmal der Fall ist. Ich drängte mich in die Menschenmasse hinein. Es duftete wie in einem Barbershop.“</em> Einige sprechen Ukrainisch, andere Arabisch, Kurdisch, einige auch Französisch. Gesprächsthemen sind Hoffnungen und Träume, Fitnessstudios, Gottvertrauen. <em>„Eine traurige Geschichte, die dennoch fröhlich erzählt wurde.“</em> Bevor Barbara Thériault aussteigt, sagt sie zu einem Sitznachbarn: <em>„Ist das hier nicht der kosmopolitischste Ort überhaupt, viel mehr als Berlin?“ </em>Betretenes Schweigen, Unsicherheit. Eigentlich eine nette Reisegesellschaft, aber davon erfährt man in den Lokalzeitungen nichts: <em>„Die Stadt ist sowieso in zwei Fraktionen geteilt: die Autofahrenden und die Bus- und Bahnfahrenden. (…) Es sind Kreise, die sich kaum berühren. Die Zeitungsleser und die hiesigen Journalisten gehören zur Fraktion der Autofahrenden.““ </em></p>
<p>So leer wie die Straßen, so leer sind die Orte und so leer sind die Erinnerungen an Vergangenheiten. Nicht so ganz: Es sind letztlich nur andere Erinnerungen, die zählen. Interessant ist für manche zum Beispiel die ehemalige Produktionsstätte des <a href="https://www.mdr.de/geschichte/ddr/wirtschaft/verkehr/kleintransporter-barkas-autos-erfolg-100.html">Kleintransporters Barkas</a>: <em>„Die Leere am längsten Produktionsband der Welt ist auch eine identifikatorische.“ </em>Oder ein ehemaliges Dieselkraftwerk in Cottbus, die Halle der Cargolifter AG, die Luftschiffe baute, 2002 Insolvenz anmeldete, wo aber jetzt ein Spaßbad eingerichtet wurde, <em>„die schillernde Raumkapsel des Erlebnisparks Tropical Island“</em>. Zutritt für 53,90 EUR pro Person. Umnutzungen von ehemaligen Militär- und Industrieanlagen sind nicht ungewöhnlich. Eigentlich. Manja Präkels: <em>„Die lange Tradition der heute verlassenen Truppenübungsplätze reicht vom Kaiserreich über die faschistische Wehrmacht bis hin zur Roten Armee. Schlachtfelder unter Sand, Gras und niedrigen Bewuchs – Explosionsgefahr. Aus der Asche bricht Mischwald hervor. Als wäre keine Zeit vergangen.“ </em>Die <em>„Explosionsgefahr“</em> darf durchaus als Metapher gelesen werden. Man könnte sogar von Wiederholungszwang sprechen. Alexander Leistner: <em>„Zumal sich die Debatten um, aus und über Ostdeutschland mit ihren abgegriffenen Bezichtigungs- und Erklärungsfloskeln schon seit Jahren zunehmend im Kreis drehen.“ </em>Manja Präkels zitiert <a href="https://anti-kriegs-museum.de/ueber-uns/">Ernst Friedrich</a>, Gründer des weltweit ersten Kriegsmuseums. Er <em>„nannte uns Menschen Vergessmaschinen“</em>. Manche vergessen so intensiv, dass sie sich wünschen, dass doch <em>„die Freunde“</em> wiederkommen sollten, <em>„Putin würde das schon regeln“</em> (auf PEGIDA- und später auf Querdenker-Demonstrationen waren Schilder mit der Aufschrift <em>„Putin hilf“</em> zu sehen). Kein Wunder, dass in einem Vortrag in Wünsdorf, wo nach den Nazis das Oberkommando der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland residierte, auch gefragt wird, ob der Truppenabzug nicht doch ein Fehler gewesen wäre.</p>
<h3><strong>Erzählungen von Glück und Unglück</strong></h3>
<p>Thomas Mann schrieb in einer Zeit, in der man ihn noch nicht als Demokraten kannte und bewunderte, im Jahr 1918, in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“: <em>„Der Geschmack eines Volkes an der Demokratie steht im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ekel vor der Politik.“</em> Etwas über 30 Jahre später fragte er sich in „Meine Zeit“, <em>„ob der Mensch um seiner seelischen und metaphysischen Geborgenheit willen nicht lieber den Schrecken will als die Freiheit.“</em> Diese beiden Sätze sind Gegenstand der <a href="https://www.photoscala.de/2025/07/05/150-jahre-thomas-mann-ausstellung-meine-zeit-in-luebeck-eroeffnet/">Ausstellung „Meine Zeit“ in Lübeck</a> zum 150. Geburtstags von Thomas Mann. <em>„Ekel“</em> – das ließe sich noch steigern, durch Ohnmacht, Wut und eben Gewalt. Darüber ließe sich reden, davon ließe sich erzählen, allerdings wären das keine Heldengeschichten. Ursula K. Le Guin schreibt in „The Carrier Bag of Fiction” (zitiert nach der von Donna Haraway eingeleiteten Ausgabe von 2024 bei <a href="https://cosmogenesis.world/products/the-carrier-bag-theory-of-fiction">cosmogenesis</a>), Geschichten enthielten eigentlich keine Helden, sondern Leute (<em>„people“</em>). Donna Haraway kommentiert: <em>„It matters what stories we tell to tell other stories with; it matters what concepts we think to think other concepts with.”</em> Wenn wir etwas sagen oder schreiben, meinen wir immer irgendetwas Anderes mit, das sich möglicherweise mit der Zeit verselbstständigt.</p>
<p>Wenn man die Thesen von Thomas Mann, Ursula K. Le Guin und Donna Haraway auf Deutschland im Jahr 2025 anwenden möchte, findet man Zugang zu Geschichten, die festgefügt, fast schon unwandelbar einander gegenüberstehen, oft allerdings eher im Modus der Anklage. Das gilt selbst für etablierte Autor:innen wie den immer wieder zitierten Ilko-Sascha Kowalczuk. In seinem Grundlagenwerk <a href="https://www.chbeck.de/kowalczuk-sascha-uebernahme/product/27704284">„Die Übernahme – Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“</a> (München, C.H. Beck, 2019) suggeriert schon der Titel, in welche Richtung aus seiner Sicht erzählt werden soll. Kowalczuk argumentiert differenzierter, aber die Rezeption ist eindeutig. Diejenigen, die von der Geschichte der DDR und der sogenannten <em>„Transformationszeit“</em> erzählen, haben ein festgefügtes weitgehend binäres Bild von sich, vom Osten wie vom Westen. Christina Morinas „1000 Aufbrüche“ könnten ein Gegenbild bieten, doch dürften viele dieser <em>„Aufbrüche“</em> von manchen wegen der vielen enttäuschten Hoffnungen eher als Abbrüche, Abbruch oder etwas neutraler als <em>„Umbruch“</em> gelesen werden.</p>
<p><em>„Aufbruch“</em>,<em> „Umbruch“</em>,<em> „Transformation“ </em>– diese Begriffe erwecken den Eindruck, als müsste, sollte, würde sich irgendwer nicht immer aus freien Stücken von irgendwoher irgendwohin bewegen, wo er oder sie vorher nicht war. Demnach gäbe es Geschichten einer Ankunft beziehungsweise eines Verfehlens des eigentlichen Ziels. Wer das Ziel verfehlt, trägt selbst zumindest einen Teil der Schuld. Man hat sich eben ge- oder verirrt. <em>„Übernahme“</em> oder <em>„Kolonisierung“</em> betonen hingegen ausschließlich Passivität und Ohnmacht der angeblich Übernommenen oder Kolonisierten. Hinter all diesen Metaphern steckt jedoch immer ein Bild vom Anderen, eine VerAnderung (<a href="https://www.hf.uni-koeln.de/35242">Julia Reuter</a> übersetzte so den Begriff des <em>„Othering“</em>) desjenigen, der eben nicht dort ist, wo man selbst ist und deswegen nicht zu der Gruppe gehören kann, zu der man sich selbst zählt. Das gilt für den Westen wie für den Osten.</p>
<p>Der Westen ist nicht der ultimative Telos der Geschichte an sich, keine Norm, kein potenzielles <a href="https://dn721609.ca.archive.org/0/items/THEENDOFHISTORYFUKUYAMA/THE%20END%20OF%20HISTORY%20-%20FUKUYAMA.pdf"><em>„Ende der Geschichte“</em></a>, wenn man Francis Fukuyamas berühmt-berüchtigten Gedanken zitieren möchte. Niemand muss irgendwo ankommen, niemand muss sich irgendwohin bewegen. Zunächst wäre einfach nur zu analysieren, wer sich eigentlich wo befindet. Abgesehen davon ist <em>„Demokratie“</em> kein Ort, sondern eine Regierungsform. Ein Ort wird sie erst, wenn sie mit <u>dem</u> <em>„Westen“</em> identifiziert wird, etwas, das der Osten (noch) nicht erreicht habe. Thorsten Holzhauser, Geschäftsführer der <a href="https://www.theodor-heuss-haus.de/">Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus</a>, formulierte in seinem Essay <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/vom-osten-und-vom-ankommen-in-der-demokratie-a-mr-79-10-35/">„Vom ‚Osten und vom Ankommen in der Demokratie“</a> (in der Ausgabe des Merkur vom Oktober 2025) folgendes Fazit: <em>„Für das Bild vom ‚Ankommen in der Demokratie‘ lässt sich aus dieser Sicht zweierlei schlussfolgern: Entweder die Ostdeutschen können gar nicht ‚in der Demokratie ankommen‘, genauso wenig übrigens wie die Westdeutschen, weil es die Demokratie in dieser idealisierten von Konflikten bereinigten Form nicht gibt, oder sie sind längst angekommen, nur ist die moderne Demokratie eben nicht so rein und unschuldig und konfliktfrei, wie wir das gerne hätten.“ </em>Das wäre die versöhnliche Version der Geschichte. Wer jedoch darauf beharrt, dass <em>„Ankommen in der Demokratie“</em> zunächst eine ostdeutsche Bringschuld wäre, definiert den Osten ausschließlich „<em>durch Defizitbeschreibungen“. </em>Dies wäre in der Tat diskriminierend. Als Antwort folgt geradezu zwangsläufig eine ostdeutsche <em>„Identitätskonstruktion“</em>, deutlich zu hören beispielsweise in ostdeutschen Fußballstadien, wenn die Fans dort <em>„Ostdeutschland“</em> skandieren, oder wenn sich Menschen DDR-Zustände zurückwünschen. Aber gleichviel: <em>„Unzufriedenheit und Protest, Demokratieskepsis und Elitenkritik, autoritäre und rassistische Einstellungen, Rechtsextremismus und Populismus werden in beiden Deutungsmustern zum Kennzeichen Ostdeutschlands.“</em></p>
<p>Radikalisierungsprozesse gibt es in Ost und West und dennoch sind Ost und West jeweils keine in sich geschlossenen und klar voneinander abgrenzbaren Großgebiete. Es gibt eine Fülle von Zwischentönen oder wenn man so will Grautönen. Das <a href="https://www.ils-forschung.de/">Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung Dortmund</a> (ILS) hat im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung mögliche Zusammenhänge mit dem Zustand der Infrastruktur beziehungsweise der Daseinsvorsorge mit Radikalisierungsprozessen untersucht. <a href="https://www.sueddeutsche.de/politik/infrastruktur-rechtsextremismus-kommunen-ostdeutschland-abgehaengt-li.3297555?reduced=true">Der Wirtschaftsgeograph Bastian Heider bietet im Gespräch mit Ulrike Nimz von der Süddeutschen Zeitung einen Überblick</a>. Es gehe allerdings um. <em>„Korrelationen“</em>, nicht um <em>Kausalitäten“.</em> Ein Ergebnis: <em>„Dass es Zusammenhänge zwischen dem Zustand der Daseinsvorsorge und dem Grad der Demokratiezufriedenheit gibt. Das gilt vor allem für Bildungschancen, Kinderbetreuung und Breitbandausbau, aber auch für objektiv nur schwer messbare Faktoren wie die Lebendigkeit von Ortszentren. Wenn es Räume für sozialen Austausch gibt, Kinder gut betreut und ausgebildet werden, es schnelles Internet gibt, auch als Voraussetzung für die Ansiedlung von Firmen, dann ist das ein Ausweis der Zukunftsfähigkeit und begünstigt einen optimistischen Blick in die Zukunft. Funktioniert all das nicht, wächst der Frust.“ </em>Eine große Rolle spiele aber nicht zuletzt angesichts der zahlreichen aufeinanderfolgenden Transformationserfahrungen vieler Menschen – nicht nur in Ostdeutschland – auch ein Gefühl von <em>„Bedeutungsverlust“</em>, kombiniert <em>„mit einer persönlichen Abwertungserfahrung“</em>.</p>
<p>Mitunter möchte man sich an <a href="https://www.piper.de/buecher/die-unfaehigkeit-zu-trauern-isbn-978-3-492-20168-1">„Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“</a> von Alexander und Margarete Mitscherlich aus dem Jahr 1967 erinnern. Es war die Zeit der ersten Großen Koalition und bedrohlicher Wahlergebnisse der NPD. Heute leben wir in einer Zeit mehr oder weniger dauerhafter nicht mehr ganz so großer Koalitionen, es sei denn, wir addieren die Grünen bei den Wahlergebnissen von CDU, CSU und SPD einfach dazu. Unplausibel wäre das nicht. Die Wahlergebnisse der AfD sind bekannt. Thorsten Holzhauser konstatiert: <em>„Der Prozess ostdeutscher Identitätskonstruktion ist aus dem linken in den rechten Diskurs gewandert und hat sich dort entsprechend verformt.“</em></p>
<p>August Modersohn, Autor des Reportagenbuchs <a href="https://www.ullstein.de/werke/in-einem-neuen-land/hardcover/9783549110140">„In einem neuen Land“</a> (Berlin, Propyläen, 2025), hat zum 3. Oktober 2025 in der ZEIT einen Essay veröffentlicht, der die Frage stellt: <a href="https://www.zeit.de/2025/42/deutsche-einheit-ostdeutschland-zukunft-afd/komplettansicht">„Wie kommen wir da wieder raus?“</a> In der Anmoderation provoziert er: <em>„Vor 35 Jahren hatte Deutschland die Chance, sich neu zu erfinden. Viele hofften, träumten auch. Heute hat nur noch die AfD Visionen.“ </em>Kaum jemand traut, wenn man den gängigen Umfragen glauben will, der AfD zu, dass sie die Krisen unserer Zeit lösen könne, aber alle anderen Parteien machen ihr es leicht so zu tun, als sei sie die Lösung: <em>„Zukunft ist gerade ein Wort, bei dem viele zusammenzucken. Zukunft bedeutet Angst, Schrecken, Dunkelheit, in jedem Fall nichts Gutes. Es gibt aber eine Partei, die offensiv mit dem Begriff umgeht, und zwar die AfD. ‚Vision 2026‘, so hat sie ihre Kampagnenwebsite für die Wahl in Sachsen-Anhalt im kommenden Jahr genannt, wo sie sich Hoffnung macht, das erste Mal einen Ministerpräsidenten zu stellen. Was die anderen Parteien natürlich verhindern wollen.“ </em>(Das, was die AfD als Vision anbietet, klingt durchaus ähnlich wie das <a href="https://www.heritage.org/conservatism/commentary/project-2025">Projekt 2025 der Heritage Foundation</a>, nach dessen Muster Donald Trump zurzeit die USA entdemokratisiert.)</p>
<p>Alleine mit der mantrahaften Beschwörung der Demokratie kommen wir nicht weiter. Einer der Gesprächspartner von August Modersohn erweitert den Blick: <em>„Langsam werde aber deutlich, dass nicht nur die DDR zu Ende gegangen ist, sondern auch diese Idee der Bonner Republik nur mehr eine Illusion sei. Die Politiker simulierten jedoch immer noch: Wird schon wieder. ‚Nur wird es immer schwieriger, das Problem einzufangen. Im Osten zeigt sich manches ja früher, und hier sieht man, dass es sich nicht nur um Erosionsprozesse handelt, sondern um Fliehkräfte.‘“ </em>Bürgerräte könnten Selbstwirksamkeit fördern. <a href="https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Ministerium/Ostbeauftragte/ostbeauftragte.html">Elisabeth Kaiser, Ostbeauftragte der Bundesregierung</a>, <em>„sagt, sie fände es gut, ‚wenn wir mal regional begrenzt ausprobieren, die Ergebnisse der Bürgerräte tatsächlich rechtlich bindend zu machen, in einem Landkreis im Osten zum Beispiel‘. Man könnte dafür die Kommunalordnung ändern. ‚Das würde ich gerne intensiver diskutieren als einen Baustein, um das Vertrauen in die Demokratie wieder zu stärken.‘“ </em>Das wäre sicherlich ein Mittel gegen den <em>„Ekel vor der Politik“</em>, den Thomas Mann diagnostizierte und der die gesamte rechte Szene – und nicht nur diese – zu durchziehen scheint. <em>„Selbstwirksamkeit“</em> erleben die Akteure dieser Szene geradezu in der Reaktion der demokratischen Parteien und der Medien auf ihren Krawall. Das ist aber nicht die <em>„Selbstwirksamkeit“</em>, die ein Land voranbringen könnte, sondern eben rein destruktiv.</p>
<p>Die Autor:innen der drei in diesem Essay vorgestellten Bücher und die vielen kleinen Initiativen und Einrichtungen, die den rechtspopulistisch-extremistischen Mainstream aufhalten wollen, wirken mitunter, als wollten sie mit einem Fingerhut ein Meer ausschöpfen. Entscheidend ist jedoch – und das zeigen alle drei Bücher –, wer wem welche Geschichten erzählt und wer bereit ist, wem zuzuhören. <a href="https://www.andreherzberg.net/">André Herzberg</a>, Sänger der Band „Pankow“, die jetzt ihre Abschiedstournee abgeschlossen hat, hat in der Jüdischen Allgemeinen vom 3. Oktober 2025 seine persönliche Vision formuliert: <em>„Die DDR war eine Diktatur, und jeder, der in dieser Diktatur gelebt hat, muss mit diesen Erfahrungen umgehen, weil man damit geboren wurde und kein anderes Leben kannte. (…) Dann kam ein wahnsinniger Bruch. Da musste man diese Freiheit neu lernen. Das sind vielleicht zwei dürre Sätze auf das große Thema. Wie ist es, Identität neu zu erfahren? Das ist ein schwieriger Lernprozess. Psychoanalytiker haben gesagt: Lernen oder Erfahrungen geht nicht ohne Trauer und so ein Sich-in-sich-selbst-Zurückziehen. Das ist ein sehr schmerzafter und langer Prozess für mich gewesen.“</em> Die Überschrift seines Statements lautet: <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/ein-grosses-glueck/">„Ein großes Glück“</a>. Vielleicht ist das ein Fazit im Einheitspuzzle und ein erster Schritt zur Verknüpfung der vielen ver- und zerstreuten Elemente des Gesamtbildes in, von und für Deutschland.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Oktober 2025, Internetzugriffe zuletzt am 7. Oktober 2025. Titelbild: Landschaft bei Bestensee, Landkreis Oder-Spreewald, Foto: NoRei.)</p>
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		<title>Polen in der DDR &#8211; eine Fallstudie</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 05:30:29 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Polen in der DDR – eine Fallstudie Paweł Zajas über Literaturbeziehungen im ehemaligen „Ostblock“ „Was ich sagen wollte: die vielen bedeutenden Leseeindrücke, die ich seit fünfunddreißig Jahren durch die Lektüre guter Literatur habe – wo sind die Konsequenzen, was ist von den vielen klugen Gedanken wirklich in mich eingegangen, hat sich mein Denken dadurch  [...]</p>
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<h1><strong>Polen in der DDR – eine Fallstudie</strong></h1>
<h2><strong>Paweł Zajas über Literaturbeziehungen im ehemaligen „Ostblock“</strong></h2>
<p><em>„Was ich sagen wollte: die vielen bedeutenden Leseeindrücke, die ich seit fünfunddreißig Jahren durch die Lektüre guter Literatur habe – wo sind die Konsequenzen, was ist von den vielen klugen Gedanken wirklich in mich eingegangen, hat sich mein Denken dadurch verändert?“ </em>(Henryk Bereska, Kolberger Hefte, in: Die Verschwiegene Bibliothek, herausgegeben von Ines Geipel und Joachim Walther, Frankfurt am Main / Wien / Zürich, Büchergilde Gutenberg, 2007)</p>
<p>Dies schrieb Henryk Bereska (1926-2005), renommierter Übersetzer vom Deutschen ins Polnische und vom Polnischen ins Deutsche, am 8. Januar 1986 in sein Tagebuch, das er über Jahrzehnte führte. Die Originale sind in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur einsehbar. Ines Geipel charakterisiert seine Tagebücher in „Gesperrte Ablage“ mit den Worten: <em>„In seinen Tagebüchern etablierte sich – ähnlich wie bei Eveline Kuffel – eine bestimmende Figur, das Säufer-Ich als Anti-Helden. (…) Der Tagebuch-Trinker entlastet sich von jedweder Konformität und wird darin zwangsläufig zum Konterpart des im Land ausgerufenen Arbeiterhelden.“</em></p>
<p>Henryk Bereska war ein wichtiger Mittler zwischen den Literaturen der DDR und Polen, obwohl manche seiner Übersetzungen in der DDR – so Ines Geipel und Joachim Walther in „Gesperrte Ablage“ (Düsseldorf, Lilienfeld Verlag, Neuauflage 2024) – durch die Stasi <em>„blockiert“</em> wurden. Er schrieb Gedichte, die jedoch erstmals im Jahr 1980 veröffentlicht werden konnten, allerdings nicht in der DDR, sondern in Westberlin (amBEATion – randlage). Sein 60 Seiten umfassender Gedichtband „Lautloser Tag“ ist nur noch antiquarisch erhältlich.</p>
<h3><strong>Kampfgebiet Literatur</strong></h3>
<div id="attachment_7471" style="width: 230px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.harrassowitz-verlag.de/Sozialistische_Transnationalisierung/title_7654.ahtml"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7471" class="wp-image-7471 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-220x300.jpg" alt="" width="220" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-200x273.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-220x300.jpg 220w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz-400x546.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/09/Sozialistische-Transnationalisierung-DPI-Harassowitz.jpg 582w" sizes="(max-width: 220px) 100vw, 220px" /></a><p id="caption-attachment-7471" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die Biographie von Henryk Bereska darf durchaus als Beispiel für die Spanne und die Spannungen gelesen werden, die in der DDR zwischen der behaupteten „Internationalisierung“ und einer dort nie gelebten „Weltoffenheit“ liegen mögen. <a href="https://anglistyka.amu.edu.pl/staff-list/pawel-zajas">Paweł Zajas</a>, Professor für Literaturwissenschaft an der Fakultät für Anglistik der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań, ist den Hintergründen dieser Spanne und Spannungen in seiner Studie „Sozialistische Transnationalisierung – Literarische Verflechtungen im europäischen ‚Ostblock‘“ nachgegangen. Der Band wurde im Jahr 2025 in der vom Deutschen Polen Institut beim Wiesbadener Harassowitz Verlag herausgegebenen Reihe veröffentlicht. Paweł Zajas bezeichnet seine Studie als <em>„literatursoziologische Arbeit“</em>, doch ist sie viel mehr als das. Sie bewegt sich im weiten Feld von <em>„Kulturtransferforschung“</em> und <em>„Politikwissenschaft“</em>, das der Autor im Anschluss an Volker Rittbergers Buch „Internationale Organisationen – Politik und Geschichte“ (Opladen, Leske + Budrich, 2/1995) wie folgt charakterisiert: <em>„Während sich die Kulturtransferforschung also vorwiegend auf die Funktion informeller und privater Akteure konzentrierte, analysierte die Politikwissenschaft institutionalisierte Akteure wie supranationale Einrichtungen als ‚Instrumente staatlicher Diplomatie‘ oder ‚konferenzdiplomatische Dauereinrichtungen bzw. intergouvernementale Verhandlungssysteme‘, welche den Staaten dazu dienen, ihre partikularen Interessen zu verfolgen.“ </em></p>
<p>Die Studie füllt eine gravierende Forschungslücke und regt weitere Forschungen und Auseinandersetzungen an. Beeindruckend sind die ausführliche Literaturliste und das umfangreiche Personenregister. Die Studie analysiert die kulturellen Entwicklungen in der DDR und verschiedenen Phasen der DDR-Kulturpolitik auf der Grundlage der Positionierungen staatlicher Institutionen und von Schriftstellerverbänden, der Verfahren der Zensur sowie der mit der Rezeption und Veröffentlichung ausländischer Literaturen verbundenen transnationalen Kontakte.</p>
<p>Es geht in der Studie von Paweł Zajas einerseits um die internen Verflechtungen des Umgangs mit Literatur im Land der SED-Diktatur, andererseits um Verflechtungen mit dem Ausland, die mitunter Freiräume eröffneten, die innerhalb der DDR nicht zulässig waren. Eben dies spiegelt sich nicht zuletzt im Umgang mit Übersetzern und Übersetzerinnen. Aber Lektorinnen und selbst SED-Kader nutzten solche Spielräume, beispielsweise die Lektorin Jutta Janke, unter anderem mit ihrer Unterstützung des Übersetzers Henryk Bereska, oder auch der SED-Kader Klaus Höpcke. Welche Spielräume Autorinnen und Autoren hatten, beschrieb der Science-Fiction-Autor und Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller beispielswiese in seinem Beitrag <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> (in: Demokratischer <span style="color: #678f20;">Salon,</span> Juli 2025). Steinmüller berichtet, wie er als Autor etwas Argumentationsgeschick brauchte, um den Lektor zu überzeugen, sich aber auch die Druckfahnen sehr genau ansehen musste, weil manch eifriger Setzer eigene Korrekturen anbrachte, von denen er dachte, dass diese die Parteilinie besser wiedergäben.</p>
<p>In der Kulturpolitik der sozialistischen Staaten im sogenannten <em>„Ostblock“</em> folgten in kurzen Abständen <em>„Tauwetter“</em>-Phasen (den Begriff „Tauwetter“ prägte Ilja Ehrenburg mit einem 1954 erschienenen Roman) und neuerliche Repression aufeinander. Die polnische Praxis war in der Regel liberaler als die Praxis in der DDR. Dies ist Thema des ersten Teils der Studie von Zajas: „‚Vom Blühen aller Blumen, oder von der Elbe bis zum gelben Meer‘ Mobilität und sozialistische Literaturplanung“. Der Titel des Kapitels folgt der Überschrift der Abschlussrede des damaligen DDR-Kulturministers Johannes Robert Becher (1891-1958), die dieser am 14. April 1957 in der <a href="https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/F424MKMMS4YOY3IMKE3A6BNHSGMXACNM">Konferenz des Verlagswesens der sozialistischen Länder in Leipzig Markkleeberg</a> hielt.</p>
<p>Kultur war Kampfgebiet. Becher sagte: <em>„Während die kapitalistische Buchproduktion mit wenigen Ausnahmen als Geschäft betrieben wird und damit von der Tendenz des Marktes abhängig ist, plant das sozialistische Verlagswesen seine Tätigkeit in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Funktion.“</em> Die somit implizit dem <em>„kapitalistischen“</em> Westen vorgeworfene Kulturlosigkeit umfasste im Grunde alles, was die DDR und die Sowjetunion als selbsternannte Speerspitzen des Fortschritts – und der Kultur – in Frage stellte. Diese Rede machte Eindruck. Zajas berichtet: <em>„Bechers Abschlussrede musste den mehr liberal eingestellten Teilnehmern aus Polen oder der Tschechoslowakei anschaulich gemacht haben, dass die in der DDR einsetzende Kampagne gegen den ‚Revisionismus‘ – welche im Dezember 1956 die Verhaftung des Leiters des Aufbau-Verlags Walter Janka und seines Cheflektors Wolfgang Harich sowie beider Redakteure der Zeitschrift SONNTAG, Gustav Just und Heinz Zöger, unter Anklage der konterrevolutionären Verschwörung zur Folge hatte – das antistalinistische Tauwetter in Ostdeutschland beendete.“</em> Im Folgenden nennt Zajas mehrere Beispiele für die <em>„kulturpolitische Abschottung des DDR-Literaturbetriebs“</em> wie die Debatte um Franz Kafka nach der Kafka-Konferenz des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes vom Mai 1963 oder das legendäre <em>„Kahlschlagplenum“</em> des ZK der SED im Dezember 1965, als nur Christa Wolf versuchte, der neuen Linie zu widersprechen.</p>
<p>Paweł Zajas verweist auf Alexey Tashinskiy (er forscht am Fachbereich Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim), der eine <em>„Verflechtungsgeschichte zwischen Ideologie und Idiosynkrasie“ </em>diagnostiziert (in: Alexey Tashinskiy, Julija Boguna, Andreas F. Kelletat, Hg., <a href="https://www.frank-timme.de/de/programm/produkt/uebersetzer_und_uebersetzen_in_der_ddr">Übersetzer und Übersetzen in der DDR – Translationshistorische Studien</a>, Berlin, Frank &amp; Timme 2020). Gemeint ist eine Art kollektives Literaturbewusstsein im Sinne einer ideologisch-literarischen Gemeinschaft zwischen den Akteuren in Partei und Staat auf der einen Seite und denjenigen auf der anderen Seite, die Literatur bewerten und die Entscheidungen über eine Veröffentlichung oder Nicht-Veröffentlichung vorbereiten. Lektorinnen und Lektoren arbeiten nach Vorgaben, Staat und Partei können sich wiederum auf deren Ideologiefestigkeit verlassen.</p>
<p>Unter solchen Bedingungen läuft die Unterdrückung unliebsamer Literatur so gut wie reibungslos. Ideologische Argumente müssen dafür gar nicht mehr benannt werden. Stattdessen reicht es, die Qualität des Manuskripts herabzusetzen und die Autorin beziehungsweise den Autor schlichtweg für literarisch unfähig zu erklären. Dies erlebte beispielsweise Sylvia Kabus. Ines Geipel berichtet im Nachwort des Romans „Weißer als Schnee“ (in: Die Verschwiegene Bibliothek 2008), wie die Lektoratsleiterin des Aufbau-Verlags Sigrid Töpelmann, <em>„der unter den Schreibenden des Landes der Ruf ihrer scharfen ideologischen Klinge vorauseilte“</em>, Sylvia Kabus einfach jede <em>„Sprachbegabung“</em> absprach: <em>„Das wird auch nichts werden. Dafür habe ich genug Erfahrung in dem Beruf. Sie sind keine ursprüngliche Erzählerin.“</em> Schwierig wird es für Staat und Partei, wenn sich diese Ideologiefestigkeit lockert, beispielsweise durch Kontakt mit ausländischen Autorinnen und Autoren.</p>
<p>Eine <em>„Entkoppelung“</em> von Macht und Medien gab es in der DDR nie, eine grundlegende Folie war das <em>„deutsch-deutsche Konkurrenzverhältnis“</em>. Bei den Übersetzungen dominierte russischsprachige Literatur, obwohl es selbst in der Sowjetunion in einer Konferenz der Schriftstellerverbände im August 1963 in Leningrad Signale gab, die man als Öffnungssignale hätte deuten können. Unter den Teilnehmern waren aus Westdeutschland beispielsweise Hans Werner Richter und Hans Magnus Enzensberger, aus Frankreich Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet, aus Italien Giuseppe Ungaretti. Robbe-Grillet wandte sich – so Zajas – <em>„gegen den fortgesetzten Druck auf die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, ihre Arbeit politisch zu rechtfertigen“</em>. Immerhin erschienen Romane von Nathalie Sarraute und Michel Butor im Verlag Volk &amp; Welt beziehungsweise im Aufbau-Verlag. <em>„Nach der Zerschlagung des Prager Frühlings im August 1968 sowie dem Ausschluss Solschenizyns aus dem Sowjetischen Schriftstellerverband im November 1969 geriet die gemeinsame Mitarbeit der ‚Ostblock‘-Länder ins Stocken.“</em></p>
<h3><strong>Gratwanderungen</strong></h3>
<p>Der zweite Teil trägt den programmatischen Titel „‚Helsinki sind wir‘ Internationale DDR-Literatur“. Hintergrund ist der Helsinki-Prozess, insbesondere Korb 3, dessen Wirkung Sowjetunion und DDR unterschätzt haben (näheres zu diesem Thema im Themenheft von <a href="https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/ksze-2025/">„Aus Politik und Zeitgeschichte“ vom 12. Juli 2025</a>, insbesondere im Beitrag von Sarah B. Snyder). Das Kapitel beginnt mit Briefen an den damaligen Kulturminister der DDR Hans-Joachim Hoffmann (1929-1994), um die dieser selbst gebeten hatte, um mehr über <em>„Lesegewohnheiten und -erfahrungen“</em> mehr oder weniger prominenter Persönlichkeiten zu erfahren. Die Briefe können inzwischen im Deutschen Literaturarchiv Marbach eingesehen werden.</p>
<p>Stellvertretender Minister für Kultur war damals Klaus Höpcke, der diese Briefe auszuwerten hatte. In seiner Auswertung verwies er auf den in den Briefen benannten <em>„Vorbildcharakter der Sowjetunion“</em>. Allerdings gab es auch Vorschläge <em>„zu einer liberaleren und inklusiveren Editionspolitik“</em>. Diese von oben angestoßene Briefkampagne – so erlaube ich mir dies zu nennen – spielte möglicherweise ihre Rolle im Repressionsapparat einer Diktatur. Scheinbar liberale Aufforderungen lassen Regimegegner viel schneller erkennen als dies die Bespitzelung durch Sicherheitsbehörden könnte. Und der Staat greift zu. Das bekannteste Modell für dieses Vorgehen lieferte Mao in seiner Hundert-Blumen-Kampagne 1957 und 1958. Der DDR-Führung war schon sehr früh klar, dass es nicht ausreiche, eine sozialistische Kulturpolitik beziehungsweise den <em>„sozialistischen Realismus“</em> als Staatsdoktrin zu verordnen, sondern dass es einer <em>„Umerziehung“</em> bedürft. So war es schon in den Anfangsjahren der Sowjetunion. <em>„Die als ‚demokratisch‘ und ‚antifaschistisch‘ deklarierte Übergangsperiode betrug in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und in der DDR sechs Jahre.“</em></p>
<p>In diesem Kapitel beschreibt Paweł Zajas das Auf und Ab am Beispiel von verschiedenen Anthologien polnischer Literatur in der DDR, mit polnischen Erzählungen und Dramen, mit polnischer Lyrik. <em>„Die analysierten Anthologien polnischer Literatur erwiesen sich als ein relativ unbehelligter, schützender Ort, in dem die schwierigsten Publikationsprojekte heranwachsen und ihre Zeit abwarten konnten“</em>. Nachworte gaben die Chance, Texte, die als problematisch erachtet werden könnten, einzuordnen: <em>„Für die Absicherung der Texte war daher ein geschickter Gebrauch bestimmter Codewörter wichtig.“</em></p>
<p>Die Lektorin Jutta Janke (1932-2004), im Verlag Volk &amp; Welt zuständig für polnische Literatur, beherrschte dieses Geschäft, auch wenn sie sich der vorgegebenen Parteilinie nie entzog. Zajas beschreibt ihre Gratwanderungen an mehreren Beispielen. Ein Verdienst von Jutta Janke war die Veröffentlichung der Anthologie „Moderne polnische Prosa“ im Jahr 1964, die auch Texte von Tadeusz Borowski (1922-1951) und Kazimierz Brandys (1916-2000) enthielt. <em>„Dass es überhaupt so weit kommen konnte, war nicht zuletzt dem Vorwort der Herausgeberin zu verdanken. Der Text sowie die an ihm geübte Kritik veranschaulichen, dass die Herausgabe polnischer Literatur Mitte der 1960er Jahre stets ein Vabanquespiel war. Potenziell problematische Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit, etwa <u>Pan</u> von Bruno Schulz, versuchte Janke den kulturpolitischen Wächtern mundgerecht zu machen, indem sie den Autor als Schriftsteller darstellte, dessen nach der nationalen Befreiung entstandene ‚Wunschbilder in der grauen Wirklichkeit des bürgerlich-kapitalistischen Staates zerrannen, als sich 1929 Piłsudski zum Diktator aufwarf und alle fortschrittlichen Bestrebungen mit Terror zu unterdrücken begann‘.“ </em></p>
<p>Ein weiteres Verdienst ist die von Henryk Bereska seit 1957 betriebene Herausgabe des ersten Erzählbands von Marek Hłasko (1934-1969) „Pierwszy krok w chumurach“ („Der erste Schritt in den Wolken“). Jutta Janke unterstützte dies, benannte aber auch das Problem: <em>„Die ‚Entwertung der Dinge durch den Alltag‘ zwinge den Autor zum Protest. In seiner Neigung, Negatives aufzudecken, ‚schießt er oft eruptiv über das Ziel hinaus‘, der ‚Drang nach der Auffindung der Wahrheit‘ bleibe aber das Geheimnis seiner großen Aussagekraft.“ </em>Es fehlte sozusagen die parteiliche Perspektive mit dem Ausblick auf die großartige sozialistische Zukunft. Ähnlich argumentierte Jutta Janke zu der von Henryk Bereska übersetzten Erzählung „Bei uns in Auschwitz“ von Tadeusz Borowski. Sie kritisierte entsprechend der Linie von Partei und Staatsführung, dass Borowski sich <em>„nicht einer hoffnungsvollen Beschreibung der heldenhaften Kommunisten“</em> befleißigt habe, sondern <em>„von der moralischen Degradierung des Menschen“</em>. Tadeusz Borowski, ohnehin ein kritischer Autor im Kontext des sogenannten <em>„Lagerdiskurses“</em>, der sich insbesondere um das Lager Buchenwald entspann, ist geradezu ein Paradebeispiel für die ideologische Einordnung von Literatur in der DDR, die Paweł Zajas im Detail beschreibt.</p>
<p>Ein ebenso bedeutender Streitpunkt war die Bewertung des Warschauer Aufstands als Gegenstand von Literatur. Der SED-Kader Klaus Höpcke hatte überraschenderweise das Buch „Kolumbus Jahrgang 20“ von Roman Bratny (1921-2017) empfohlen. Hier folgte Jutta Janke der sowjetischen Linie. Zajas schreibt: „<em>Für Janke stellte der Aufstand ein angeblich von den Westmächten gefördertes oder gar von ihnen initiiertes ‚reaktionäres‘ und unausweichlich zum Scheitern verurteiltes Unterfangen dar. Die von Stalin angeordnete Tatenlosigkeit der Roten Armee hingegen, die einsatzbereit östlich von Warschau abgewartet hatte, galt für Janke erinnerungspolitisch als tabu.“</em></p>
<p>Gutachten spielten eine wichtige Rolle in den Entscheidungsprozessen. Marianne Dreifuß, unter anderem Leiterin des Lyrik-Aktivs im Schriftstellerverband, setzte sich in ihrem Gutachten für die Veröffentlichung von Bruno Schulz, Die Zimtläden, ein. In einem anderen Gutachten schrieb sie, es sei, <em>„auf die Dauer untragbar, daß wir der polnischen Literatur gegenüber eine ablehnende oder zumindest ausschließlich abwartende Haltung einnehmen.“</em> Sie verwies auf <em>„Bemühungen von westdeutscher Seite“</em>, triggerte damit die deutsch-deutsche Konkurrenz und fuhr fort, „<em>wir müssen uns mit dem Gesamtcharakter der polnischen Gegenwartsliteratur abfinden (dem Überwiegen der kritischen Züge, der Experimentierleidenschaft, dem Intellektualismus) und versuchen, aus dem Vorhandenen die Aussagen auszuwählen, die durch ihren Ernst, ihre Ehrlichkeit und ihr literarisches Niveau überzeugen.“</em></p>
<h3><strong>Die Buchmessen</strong></h3>
<p>Im dritten Teil seiner Studie befasst sich Paweł Zajas mit den internationalen Buchmessen in Ost und West, ein <em>„Politikum ersten Ranges“</em>. Buchmessen und Kunstmessen spielten eine Rolle beim Austausch beziehungsweise auch beim verhinderten Austausch zwischen Ost und West. Für die documenta hat die Kunsthistorikerin Alexia Pooth dies in einer Studie ausführlich analysiert und ihre Ergebnisse kurz und prägnant <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-documenta-und-die-ddr/">im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> vorgestellt</a>. Es gibt durchaus Parallelen zwischen dem Verfahren der Kulturbehörden gegenüber Literatur und bildender Kunst.</p>
<p>Im Hinblick auf die Leipziger Buchmesse gab es Überlegungen, wie diese – im Kontrast zur Warschauer Buchmesse – <em>„‚im stärkeren Maße zu einer ‚kulturellen Manifestation des sozialistischen Lagers‘ werden sollte.“</em> Wichtiger wurde jedoch die Frankfurter Buchmesse, die durchaus im Sinne des in der Hallstein-Doktrin formulierten Alleinvertretungsanspruchs der Bundesrepublik Deutschland konzipiert wurde, aber auch Öffnungen nach Osten zeigte. Bis in das Jahr 1990 förderte das Auswärtige Amt Buchexporte nach Osteuropa. Außerdem führte die Frankfurter Buchmesse Länderschwerpunkte ein. Dies waren allerdings zunächst außereuropäische Literaturen, 1976 Lateinamerika, dann 1980 Afrika. Bemerkenswert war die von Zajas beschriebene Rede der damaligen Staatsministerin im Auswärtigen Amt Hildegard Hamm-Brücher, die schon damals die <em>„Aufarbeitung des Schocks der Kolonisierung“</em> und die „<em>Bewältigung der Enttäuschungen der Entkolonialisierung“ anmahnte.“ </em></p>
<p>Witold Wirpsza (1918-1985) war 1968 der erste Autor aus den sogenannten „Ostblock-Staaten“, der in Frankfurt die Eröffnungsrede hielt. Ein Jahr zuvor war er der erste polnische Stipendiat im Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Im Hanser-Verlag erschien „Orangen im Stacheldraht“. Der SED-Führung gefiel dies nicht und der Leiter der Abteilung Wissenschaften des ZK der SED Johannes Hörnig (1921-2001) nannte in seinem Bericht an Kurt Hager Wirpszas Vortrag <em>„moderne Spielart des Formalismus“</em>, rief somit die zu Beginn der 1950er Jahre betriebene Formalismusdebatte ins Gedächtnis. Ebenso kritisch sah die DDR-Führung mehrfach die Verleihung des Friedenspreises, zum Beispiel an Leszek Kolakowski, Lew Kopelew und Manès Sperber.</p>
<p>Eine schwierige Rolle spielten auf der Frankfurter Buchmesse Parallelverlage in Ost und West, zum Beispiel Insel, Reclam, Brockhaus und Kiepenheuer. Es gab von Seiten des Westens mehrere Initiativen, die Ostverlage zu verbieten. Erfolg hatten sie nicht. Paweł Zajas verweist auf die gegenüber der DDR in Frankfurt gepflegte liberalere polnische Ausstellungspraxis. Die Bedeutung der Frankfurter Buchmesse fasst Zajas wie folgt zusammen: <em>„Die Frankfurter Buchmesse war somit nicht nur das Fenster zur fremden Welt. Paradoxerweise bot sie auch infrastrukturelle Möglichkeiten für den Export des heimischen politischen Dissens sowie den Import von polnischen ‚Exilnarrationen und -topoi“.“</em></p>
<p>Die Warschauer Buchmesse hatte für das Auswärtige Amt in Bonn <em>„eine bedeutende kulturpolitische Funktion“</em>. Entsprechend sah die DDR-Botschaft in Warschau <em>„politische Propaganda im Vordergrund“</em> und vermutete <em>„eine ideologische Offensive gegen die DDR“</em>. Zajas resümiert: <em>„Die DDR-Präsenz in Warschau hing von der jeweiligen politischen Großwetterlage in Ostberlin ab. Die inszenierte Liberalität der Buchmesse wurde zwar mit gebührendem Argwohn betrachtet, die Offenheit der Veranstalterinnen und Veranstalter gegenüber den westlichen Ausstellerinnen und Ausstelllern bot aber auch für die DDR-Vertreterinnen und Vertreter genügend Raum für Gespräche über Exportmöglichkeiten in das kapitalistische Ausland.“ </em>Petra Kipphoff schrieb in der ZEIT vom 27. Mai 1966: <em>„Große Geschäfte gibt es nicht, dafür kleine Kontakte“</em>. Die Warschauer Buchmesse verlor Ende der 1970er Jahre an Bedeutung, weil es seit 1977 in Moskau eine <em>„unmittelbare Konkurrenz“</em> gab. Eine stärkere Präsenz hatten in Moskau die sogenannten <em>„Entwicklungsländer“</em>.</p>
<h3><strong>Neugier in der Paranoia</strong></h3>
<p>Das Auf und Ab in den Literaturbeziehungen der DDR zu östlichen wie zu westlichen Staaten belegt nicht nur einen Hauch von Paranoia. Dennoch gab es immer wieder zaghafte Öffnungen, sei es durch geschickte Lektorate, sei es durch staatliche Lockerungen, die durchaus vorhandene Neugier anstachelten. Insbesondere die Buchmessen belegen zweierlei: Einerseits hatten sie das Potenzial eines Fensters zur Welt, andererseits wurden sie in Ost und West gleichermaßen mehr oder weniger politisiert und im Sinne der jeweiligen Doktrin auch instrumentalisiert, im Osten wie im Westen. Es lohnt sich nicht nur der Blick in die Interna der DDR-Nomenklatura, sondern auch in diverse Empfindlichkeiten im Westen. Paweł Zajas verweist auf einen Vorfall aus dem Jahr 1959, als Hans-Joachim Kulenkampff (1921-1998) bei der Eröffnung einer neuen Quizreihe ausdrücklich die <em>„lieben Fernsehfreunde in Österreich, in der Schweiz und in der Bundesrepublik, in der DDR und alle Kiebitze in den Zonen- und anderen Grenzgebieten“</em> begrüßte. Politiker aus CDU und SPD verlangten eine Untersuchung, der Intendant des Hessischen Rundfunks distanzierte sich: <em>„Die Untersuchung ergab, dass der Vorwurf, Hans-Joachim Kulenkampff stehe im Solde Walter Ulbrichts, solider Grundlagen entbehrte.“</em></p>
<p>Im Gedenken an Henryk Bereska sollte das Buch von Paweł Zajas auch im Kontext der Literatur gelesen werden können, die in der DDR nicht veröffentlicht werden durfte, deren Autorinnen und Autoren schikaniert, verhaftet, in den Westen abgeschoben oder gar in den Selbstmord getrieben wurden. Dies haben Ines Geipel und Joachim Walther in „Gesperrte Ablage“, anderen Studien und Veröffentlichungen und der Herausgabe der Verschwiegenen Bibliothek ausführlich dokumentiert. In der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur lagern noch über 70.000 Seiten von etwa 100 Autorinnen und Autoren, die bisher niemand ausgewertet hat. Der Umgang mit den eigenen Leuten zeigt die Brutalität einer Diktatur, der Umgang mit Autorinnen und Autoren aus anderen Ländern, gerade aus Nachbarländern, entlarvt ihre in ihrer Paranoia verborgene Hilflosigkeit.</p>
<p>Paweł Zajas hat mit seiner Studie ein wichtiges Kapitel zur Präsenz und Vermittlung polnischer Literatur in deutschen Verlagen, Buchhandel und Buchmessen niedergeschrieben. Er tat dies in bester Tradition des Deutschen Polen-Instituts, das von Karl Dedecius insbesondere mit dem Ziel der Vermittlung polnischer Literatur gegründet wurde. Die Studie vermittelt jedoch nicht zuletzt eins: Sie zeigt, dass letztlich alle Versuche, Literatur und Kultur zu regulieren, zu unterdrücken, die Bürgerinnen und Bürger eines Landes davon abzuhalten, etwas zu lesen, das der jeweiligen Staatsdoktrin widerspricht, letztlich scheitern müssen. Siegfried Lokatis und Ingrid Sonntag haben dies in dem von ihnen herausgegebenen Band „Heimliche Leser in der DDR – Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur“ ausführlich dokumentiert. Ein Kapitel trägt den vielsagenden Titel: <em>„Kontrollierte Kontrolleure und widerspenstige Leser“</em>. Tadeusz Borowski schrieb in seiner Erzählung „Wir waren in Auschwitz“ („Bylyśmy w Oświęcimiu“, zitiert nach der deutschen Übersetzung von Friedrich Griese, Frankfurt am Main, Schöffling, 2006): <em>„Ich weiß nicht, ob wir es überleben werden, aber ich wünschte, wir würden einmal die Dinge beim Namen nennen können, wie es mutige Menschen tun.“</em> Es ist vielleicht – hoffentlich – einfach doch nur eine Frage der Zeit, der Geduld und des Durchhaltevermögens, allen Flashbacks und Rollbacks zum Trotz, bis Diktaturen fallen. Nicht alle überleben, unsere Aufgabe ist es, die Namen zu nennen und die Verhältnisse, in denen Unterdrückung geschah. Auch dazu trägt die Studie von Paweł Zajas bei.</p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>, Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2025, Internetzugriffe zuletzt am 15. September 2025, Titelbild: Gelände der Leipziger Buchmesse 2025, Foto: NoRei.)</p>
</div><div class="fusion-text fusion-text-6" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Die zensierte Zukunft</strong></h1>
<h2><strong>Ein schwieriges Kapitel der Science Fiction in der DDR</strong></h2>
<p><em>„Die Zensur ist eine Einrichtung Utopiens. Sie entspringt dem Wunsch nach Einheitlichkeit und Stabilität, und sie ordnet die Kunst dem Gesamtkunstwerk Staat unter. Ihre Wurzeln gehen bis auf Platon zurück, der in dem Dialog <u>Der Staat</u> Zimbelspieler und Märchendichter vor die Mauern seines Staates verweist, denn den Gründern der Stadt obliege es, ‚das Gepräge zu kennen, das für die Darstellungen der Dichter maßgebend sein muss, wenn sie überhaupt zugelassen sein wollen, selbst aber brauchen sie keine Erzählungen zu dichten.‘“ </em>(<a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139256">Angela</a> &amp; <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139257">Karlheinz Steinmüller</a>, Die befohlene Zukunft, in: <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384">Rückblick auf das lichte Morgen</a> – Essays zu SF und Phantastik in der DDR, Berlin, Memoranda, 2025)</p>
<p>Jeder weiß, dass es in der DDR ein entwickeltes Zensursystem gab. Es betraf die Science Fiction, aber nicht nur die Science Fiction. Interessant ist, dass die Zensur alle Zeithorizonte durchlief. Es gab erstens eine Zensur der Vergangenheit, beispielsweise bezogen auf die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung oder Stalins Terror und das Gulag-System. Über das Gulag-System durfte nicht berichtet werden. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung hatte sich nach den jeweiligen Machtkonstellationen im Politbüro und dessen Sicht auf die Arbeiterbewegung zu richten. Hinzu kam zweitens eine Zensur der Gegenwart. Diese betraf sämtliche Kritik an der Partei, an der Staatsführung, an dem Repressionsapparat, aber auch an sozialen Problemen und in der Zeit, in der ich das erlebt habe, an Umweltproblemen. Einzelne Autorinnen und Autoren berichteten dennoch über Umweltprobleme und thematisierten diese in ihren Romanen und Erzählungen . Eine verdienstvolle Leistung!</p>
<h3><strong>Klassenauftrag, Perspektivbewusstsein und Parteilichkeit</strong></h3>
<div id="attachment_7317" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7317" class="wp-image-7317 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-400x621.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-659x1024.jpg 659w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-768x1193.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-800x1242.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-989x1536.jpg 989w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1200x1864.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1319x2048.jpg 1319w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front.jpg 1559w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7317" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Neben der Zensur der Vergangenheit und der Gegenwart gab es drittens auch eine Zensur der Zukunft, die man unter den Begriff des Perspektivbewusstseins bringen kann. Abweichungen vom offiziellen optimistischen Zukunftsbild wurden unterdrückt. Die Autoren hatten sich in gewissem Sinn an diesen positiven Ausblick auf eine kommunistische Zukunft zu halten. Im Prinzip hatte die Science-Fiction-Literatur in der DDR mehrere Funktionen, um ihren <em>„Klassenauftrag“</em> zu erfüllen. Sie hatte zunächst eine Art didaktischer Funktion. Science Fiction sollte durchaus der Wissensvermittlung dienen oder auch der Lernmotivation. Sie sollte auch – vor allem im ökonomischen Interesse der Verlage – eine Unterhaltungsfunktion erfüllen, beispielsweise eine spannende Handlung haben. Im Rahmen der Unterhaltungsfunktion hatte die Science Fiction so wie andere Literatur auch <em>„typische“</em> Charaktere und Situationen darzustellen.</p>
<p>An dem Wort <em>„typisch“</em> hing eine ganze Theorie: Das <em>„Typische“</em> war nicht das Normale, das man ständig auf der Straße antraf, sondern nach der Lehre des sozialistischen Realismus das, was die sozialistische Gesellschaft auszeichnet beziehungsweise auszeichnen sollte. Parteifunktionäre sollten daher ausschließlich positiv dargestellt werden, weil das eben <em>„typisch“</em> für einen Parteisekretär wäre. Parteisekretäre kamen in der Science Fiction nur selten vor, aber auch Wissenschaftler hatten sich in dieses Bild zu fügen. Wissenschaftler, die in den sozialistischen Ländern tätig waren, waren dann eben auch überzeugte sozialistische Persönlichkeiten, vielleicht mit kleinen Schwächen, aber erst einmal positive Gestalten, während man Wissenschaftler, die in den traditionellen kapitalistischen Gesellschaften tätig waren, auch charakterlich deformiert darstellte. Diese Sicht veränderte sich mit der Zeit. Ein Beispiel sind außereheliche Liebesverhältnisse. In den 1950er Jahren waren sie verpönt. Man hatte den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral“ zu folgen, die sehr kleinbürgerlich und puritanisch gestrickt waren. Damals konnte es einem Parteifunktionär zum Verhängnis werden, wenn er ein außereheliches Verhältnis hatte. Die utopischen Betriebsromane der Science Fiction dieser Zeit waren prüde. Aber westliche Agentinnen wurden regelmäßig als verführerische <em>femme fatale</em> dargestellt.</p>
<p>Zur ideologischen Funktion der Science Fiction gehörte insbesondere, dass <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> im Vordergrund zu stehen hatte. <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> bedeutete auch: Die Werke hatten den Maßgaben der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft zu entsprechen. Die Sicht auf Geschichte und Gegenwart hatte sich nach den Lehrbüchern des Marxismus-Leninismus zu richten. Dann galt es als geschichtlich konkret und korrekt. Außerdem hatte Pseudowissenschaft nichts in den Werken zu suchen. Bis auf die letzten Jahre der DDR, in denen sich manches veränderte, gab es in der DDR-Science-Fiction beispielsweise keine parapsychologischen Phänomene. Auch die Psychoanalyse nach Freud war lange verpönt; sie wurde erst in den späten 1970er und in den 1980er Jahren hoffähig. Auch das Wort <em>„Kybernetik“</em> konnte man zunächst nicht verwenden. Dies änderte sich jedoch gegen Ende der 1950er Jahre, als die Kybernetik in der DDR sozusagen rehabilitiert wurde und für kurze Zeit beinahe zu einer Leitwissenschaft aufstieg. Insofern hat der Anspruch der <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> der DDR-SF lange Zeit einen engen Rahmen gesetzt, je nach dem, was sich die Partei darunter jeweils vorstellte.</p>
<p>Einen zentralen Punkt in der ideologischen Funktion bildete das sogenannte <em>„Perspektivbewusstsein“. </em>Das hieß erstens, dass man davon überzeugt zu sein und in den Romanen zu vermitteln hatte, dass die Zukunft dem Kommunismus gehört, dass das Jahr 2000 das Jahr des Kommunismus sein würde. Science Fiction hatte die kommunistische Zukunft zu imaginieren. Das war das eine, es hieß aber zweitens, dass man die Gegenwart aus der Perspektive der kommunistischen Zukunft betrachten sollte, somit die Position der Künftigen einnimmt. Aus dieser Sicht sollten die positiven Entwicklungen der sozialistischen Gegenwart herausgestellt werden, allenfalls konnte man schreiben, dass es noch gewisse Relikte bürgerlichen Denkens gab, die jedoch bald überwunden würden.  Das betraf vor allem einige Werke des utopischen Betriebsromans in den 1950er Jahren, die relativ nahe an der Gegenwart spielten. Diese Werke mussten sich dann mit dem Blick auf die Gegenwart dem <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>unterordnen. Oder man schummelte sich ein wenig heraus und hing die gesellschaftlichen Fragen nicht allzu hoch. Es gab immer auch Auswege.</p>
<p>Schließlich kam das Prinzip der <em>„Parteilichkeit“</em> hinzu. Die Autoren hatten <em>„Partei“</em> zu ergreifen. Sie sollten einen Beitrag zum <em>„Friedenskampf“</em> leisten, in ihrer Auseinandersetzung mit dem Imperialismus, dem Militarismus und dem Revanchismus in Westdeutschland.</p>
<h3><strong>Eine Abfolge von Eiszeiten und Tauwettern</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-7316 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-400x288.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-768x552.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-800x575.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg 947w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Vom Ansatz her war die Science Fiction in der DDR erst einmal utopisch. Man nannte sie zunächst auch <em>„utopische Literatur“</em>, man sprach auch vom <em>„utopischen Betriebsroman“</em>. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> hat zumindest keine Dystopie für die Gesamt-Menschheit zugelassen. Insofern steht einerseits die Science Fiction in der DDR wie die DDR-Literatur insgesamt eher auf der Seite der Utopie. Andererseits ist auch immer mehr Realität eingedrungen. Speziell sind in den 1980er Jahren dystopische Elemente eingeflossen, die zeigten, dass es auch in weiterentwickelten Gesellschaften zu Exzessen oder zu Rückfällen kommen kann.</p>
<p>Dezidierte, umfänglich ausgeführte Utopien brachte die DDR-SF jedoch kaum hervor. Neben unserem Roman „Andymon“ könnte ich noch „Weltbesteigung“ von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?219827">Gottfried Meinhold</a> nennen. Aber Meinholds Werk schildert bereits eine Utopie der Überforderung. Es passt gut zu einer Informationsgesellschaft, wo Menschen sich selbst immer höher takten, um einer hochtechnischen utopisch-perfekten Welt gerecht zu werden. Wir normalen Menschen mit unseren langsamen Denkprozessen passen eigentlich in Meinholds Utopia nicht mehr hinein. In den 1980er Jahren mischten sich immer wieder dystopische Elemente in die positiven Zukunftsbilder, sodass sich Ambivalenzen ergaben. <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?149062">Karsten Kruschel</a> hat dies einmal sehr genau beschrieben. Für die DDR-Science-Fiction kann man einen langen Abschied von der Utopie konstatieren. Sie ist aber nie voll dystopisch geworden. Auch der Kampf gegen die amerikanische Science Fiction lief lange unter dem Stichwort, dass das, was dort beschrieben wurde, nicht nur imperialistisch und kapitalistisch, sondern auch dystopisch war: <em>„Das ist nicht die Zukunft, die wir haben wollen!“</em></p>
<p>Im Verlauf der DDR-Geschichte wandelte sich die Kulturpolitik und mit ihr die Zensur immer wieder; das Korsett, das der Literatur vorgegeben wurde, war bald enger, bald weiter. Eiszeiten und Tauwetter wechselten einander ab. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 gab es zunächst einige Lockerungen, die aber bereits durch den 17. Juni 1953 in Frage gestellt und durch die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 unterminiert wurden. Gegen Ende der 1950er Jahre setzte eine ideologische Offensive der Parteiführung ein, in der auch innerhalb der SED bestimmte Kader kaltgestellt wurden und Wissenschaftler wie Ernst Bloch, die ursprünglich noch auf der Parteilinie waren, nach Westdeutschland auswanderten. Die Verlage bekamen damals viel engere Restriktionen. Nachdem die Zensur etwa um 1955 beinahe völlig abgeschafft worden wäre, ist sie gegen Ende der 1950er Jahre wieder verstärkt eingeführt worden, durch Umgruppierung der Behörde und auch dadurch, dass man Verlagsleitungen wieder enger in die Verantwortung genommen hat. Die Prozesse gegen Wolfgang Harich, Walter Janka und andere waren für alle eine Warnung. Es gab wieder eine Eiszeit.</p>
<p>Nach dem Mauerbau hatten viele Funktionäre den Eindruck, jetzt gibt es die Chance, den Sozialismus im eigenen Land aufzubauen, ungestört von diesen westdeutschen Agenten, Saboteuren, Diversanten und anderen, ohne dass uns die Leute davonlaufen. Unter diesen Umständen könnte man in der Literatur und der Kultur insgesamt mehr Freiheiten nutzen. Das war jedoch nur eine kurze Illusion. Ende 1965 zog die Parteiführung mit dem später so genannten <em>„Kahlschlagplenum“</em> die Daumenschrauben wieder an; Verbote zeigten, wie eng die Grenzen gesetzt wurden. Gleichzeitig entwickelte sich in der Tschechoslowakei der <em>„Prager Frühling“</em>; der 1968 durch die sowjetische Invasion auf brutale Weise zerschlagen wurde. Die DDR-Führung fühlte sich in ihrem Kurs eines verschärften ideologischen <em>„Klassenkampfes“</em> bestätigt.</p>
<p>Die nächsten Hoffnungen kamen mit dem Wechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker im Mai 1971. Erich Honecker sagte damals, man kenne <em>„keine Tabus“</em>, Literatur und Kunst sollten sich frei entwickeln können. Interessanterweise erlebte die DDR-SF genau jetzt einen Entwicklungsschub. Insbesondere blühte die kurze Form auf: viel mehr Erzählungen wurden geschrieben, publiziert und verbreitet als zuvor. Das ging gut bis zur Biermann-Affäre im Jahr 1976. Literatur rückte wieder stärker in das Augenmerk der Funktionäre. Viele Autorinnen und Autoren wanderten aus oder sie mussten sich ein Stück zurücknehmen, wenn sie in der DDR bleiben wollten.</p>
<p>In den 1980er Jahren wurde das Zensursystem nicht abgeschafft, aber es zerfiel. Es operierte willkürlicher und es wurde nicht mehr so rigide durchgegriffen. Wir konnten uns viel mehr erlauben. In den 1950er Jahren landete man für einen Witz noch im Gefängnis. Es gab Fälle, dass Science-Fiction-Fans, die sich Bücher aus dem Westen hatten mitbringen lassen, wegen des Besitzes und der Verbreitung von <em>„staatsfeindlichem Schrifttum“</em> verurteilt wurden. Das wäre in den 1980er Jahren nicht mehr möglich gewesen. Die Atmosphäre war viel offener geworden. Das Schlimmste, was uns, Angela und mir, damals hätte geschehen können, war, dass wir in den Westen abgeschoben worden wären. Viel mehr konnte uns eigentlich nicht passieren. Gegen Ende der DDR haben Schriftsteller immer mehr gegen Zensur und allgemein gegen staatliche Bevormundung opponiert. Die Zensur kam auf Schriftstellerkongressen immer wieder zur Sprache, beispielsweise 1987 in einer Rede von Christoph Hein.</p>
<p>Offiziell wurde die Zensur zum 1. Januar 1989 abgeschafft. Man hat den Verlagen die Abschaffung mitgeteilt, aber paradoxerweise hat der Chefideologe im Politbüro, Kurt Hager,  zugleich die Bedingung gestellt, dass niemand von der Abschaffung der Zensur erfahren dürfe, denn offiziell habe es ja gar keine Zensur gegeben, sondern nur einen Genehmigungsprozess. Die Verlage haben sich nicht unbedingt darüber gefreut, denn sie waren jetzt selbst in vollem Umfang verantwortlich für das, was sie veröffentlichten, völlig auf sich selbst gestellt. Es war die typische sozialistische Delegation der Verantwortung an andere Stellen. Niemand wusste, welche Risiken er mit einer Veröffentlichung einging.</p>
<h3><strong>Die Instanzen der Zensur </strong></h3>
<p>Als Autor in der DDR wusste man, dass jedes Manuskript durch verschiedene Instanzen ging. Die erste und schlimmste Instanz war bei manchen Autoren die Selbstzensur. Man wusste, was man schreiben durfte, welche Wörter, welche Perspektiven tabuisiert waren. Je nachdem, welche Erfahrungen man bereits gemacht hatte und wieviel Mut oder Hartnäckigkeit man aufbrachte, hat man sich an die Vorgaben gehalten oder versucht, sie zu unterlaufen. Es war die berühmte Schere im Kopf.</p>
<div id="attachment_7318" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7318" class="wp-image-7318 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-400x622.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda.jpg 659w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7318" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die zweite Instanz war der Verlag. Als Autor hatte man es dort zunächst mit einem Lektor zu tun. Die Manuskripte wurden gut betreut. Hans Frey hat in <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914">„Vision und Verfall – Deutsche Science Fiction in der DDR“</a> (Berlin, Memoranda) von dem <em>„gepflegten Mischwald der DDR-Science-Fiction“ </em>geschrieben. Der Verlag übernahm so etwas wie eine staatliche Pflege dieses Mischwaldes. Der Lektor hat darauf geachtet, was der Autor schreibt. Gibt es vielleicht problematische Stellen? Im Verlag gab es dann noch den Cheflektor, den Verlagsleiter und meistens noch eine Parteigruppe &#8211; eine Hierarchie der Verantwortlichkeiten.</p>
<p>Zum Teil wurden die Verantwortlichkeiten wieder delegiert, vor allem bei „kitzligen“ Texten. Im Verlag wurde zu jedem Manuskript ein Gutachten erstellt und begründet, dass und warum das Buch gedruckt werden sollte. Zusätzlich hat man Außengutachter einbezogen, oft Literaturwissenschaftler, mitunter aber auch Akteure aus der Kulturpolitik. Sie waren insbesondere dann notwendig, wenn der Verlag für ein Buch, das nicht ganz unheikel war, von außen Argumente und Rückendeckung finden wollte. Mit beiden Gutachten wurde dann das Manuskript an die nächste Instanz, die eigentliche Zensurbehörde, weitergeleitet, die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Dort saßen Mitarbeiter, die verantwortlich waren, ihr Placet für das Buch zu erteilen. Ohne das Imprimatur der HV – wie wir sagten – ist kein Buch gedruckt worden.</p>
<p>In einigen speziellen Fällen (nicht in der Science Fiction) gab es sogar noch nach Druckbeginn oder Auslieferung Einwände und das Buch wurde wieder zurückgezogen. Gegen alle kulturpolitischen Wechselfälle sicherten sich die Verlage vertraglich ab. In den Verträgen war stets ein Passus enthalten, dass das Buch nicht fertiggedruckt und veröffentlicht werden müsste, wenn es <em>„in der Zwischenzeit seine gesellschaftliche Wirkung verloren“</em> hätte.</p>
<p>Das war ein Gummiparagraf, der meist dann angewandt wurde, wenn der Autor in Ungnade fiel. Gelegentlich schauten sich auch unabhängig vom offiziellen Instanzenweg andere Personen ein Manuskript an. In den 1950er Jahren war – dem Vernehmen nach – das Schlimmste, was einem Buch passieren konnte, dass Lotte Ulbricht es vorab in die Hände bekam.</p>
<p>Wir selbst haben dergleichen bei der Science Fiction nicht erlebt, aber uns haben Krimiautoren berichtet, dass natürlich die Volkspolizei die Manuskripte daraufhin ansah, ob das Verhalten der Volkspolizisten im Roman auch den Dienstvorschriften entsprach. Man kann sich vorstellen, dass viele Tatort-Filme nicht mehr gezeigt werden könnten, wenn solche Maßnahmen angewandt würden.</p>
<p>Zwei Beispiele: Einer unserer Kollegen hatte einen Krimi geschrieben gegen den der Generalstaatsanwalt der DDR Einspruch einlegte. Denn in dem Krimi trat ein Generalstaatsanwalt auf, aber das war nicht er! Da es aber in der DDR nur einen Generalstaatsanwalt gab, musste das Buch überarbeitet werden. Gegenwartsautoren, die Romane über das Arbeitsleben, <em>„Produktionsromane“,</em> schrieben, hatten mitunter Probleme mit dem sozialistischen Kombinat, dem VEB, in dem der Roman spielte. Die Werksleitung opponierte und kritisierte, dass die Verhältnisse im Betrieb nicht korrekt dargestellt seien. Also musste der Autor das Manuskript anpassen oder den Handlungsort verlegen.</p>
<p>Bei all diesen Einflüssen und Befindlichkeiten hing es letztlich doch von den Menschen ab, von denen, die Einspruch erhoben, oder die wohlwollend auch Bedenkliches abnickten. Verlagsmitarbeiter erkannten bisweilen die ein oder andere <em>„kitzlige“</em> Stelle, aber sie sagten sich: Wir sind ja zurzeit in einer Phase, in der es etwas lockerer wird, also probieren wir es einmal. Dagegen standen immer wieder Beckmesser, die Freiräume rechthaberisch oder aus Angst einschränkten. Und es gab in allen Instanzen und Institutionen immer wieder engagierte Menschen, die versuchten, die Freiräume auszuweiten.</p>
<p>In den 1970er Jahren fragte beispielsweise ein Mitarbeiter der Hauptverwaltung einen Verlag, warum man nicht endlich „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley druckte, das sei doch nicht antisozialistisch, sondern eher antikapitalistisch. Auch „1984“ von George Orwell wäre am Ende beinahe veröffentlicht worden. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">Wolfgang Both hat diesen denkwürdigen Vorgang ausführlich erforscht, dokumentiert und beschrieben</a>.</p>
<h3><strong>Spielräume für das Unmögliche</strong></h3>
<p>Man kann die Geschichte der Zensur in der Science Fiction als kleine Erfolgsgeschichte der subjektiven Ausweitung der Spielräume für Imagination und Fantasie darstellen. Während in den 1950er Jahren eigentlich nur der sozialistische Betriebsroman möglich war, kam dann die Weltraumthematik auf, wobei auf die korrekte Zusammensetzung der Raumschiffbesatzungen geachtet werden musste. Der Raumschiffkommandant hatte aus der Sowjetunion zu kommen.</p>
<p>In den 1970er Jahren schlichen sich dann erste wissenschaftskritische und technikkritische Ideen ein. In den 1980er Jahren durfte die Science Fiction auch schon einmal Umweltprobleme kritisieren oder gesellschaftliche Überwachung ansprechen. Die DDR-SF wurde nicht nur vielfältiger, kreativ-kritische Sichtweisen nahmen zu. Angela und ich hatten das Glück, dass wir in den 1980er Jahren geschrieben haben, in denen viel mehr möglich war. Wir wurden allerdings auch mit der Zensur konfrontiert. Unser Lektor sagte mitunter: <em>„Das geht nicht“</em>. Das war so eine Floskel, die bedeutete, dass irgendwelche Instanzen etwas dagegen haben könnten. Es war objektivierter Zwang.</p>
<div id="attachment_3235" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3235" class="wp-image-3235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-200x310.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon.webp 348w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-3235" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wir haben in unserem Roman <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon“</a> darüber spekuliert, dass sich die Menschheit auf der Erde selbst ihr Grab geschaufelt haben könnte, durch Umweltzerstörung, einen Atomkrieg oder wodurch auch immer. <em>„Das geht nicht“</em>, sagte unser Lektor. Das widerspräche der sozialistischen Perspektive der Menschheit. Insofern waren wir gezwungen, etwas an dem Buch zu ändern. Wir haben einen einzigen Satz ergänzt. Wir haben eingefügt, dass eine Menschheit, die so wunderbare Raumschiffe gebaut hat, eigentlich ihre gröbsten Probleme überwunden haben müsste. Ein einziger Satz hat genügt, um das Werk Anfang der 1980er Jahre möglich zu machen. Wir haben es uns aber nicht verkneifen können, unseren Helden einige Absätze weiter sagen zu lassen, dass ihm noch nie jemand ein solches Bekenntnis abgerungen habe. Wir haben werksintern die Kritik an der durch die Zensur erzwungene Formulierung eingebaut. Allerdings, das muss ich gestehen, recht unauffällig. Unser Lektor sagte nachher, der eine Satz, den wir eingefügt hätten, habe das Buch <em>„gerettet“</em>.</p>
<p>Ähnliches haben wir bei der Biographie erlebt, die wir über Charles Darwin geschrieben haben. Dort hatten wir auch geschildert, wie sich Darwins Lehre in verschiedenen Ländern weiterentwickelt hat. Wir haben formuliert, dass in der Sowjetunion der <em>„wissenschaftliche Scharlatan Lyssenko“</em> die Entwicklung der Biologie aufgehalten habe, weil er sich gegen die Genetik aussprach. Unser Lektor wollte das streichen. Schließlich habe Lyssenko den Stalinpreis bekommen. Wir haben geantwortet, wir hätten eigentlich schreiben müssen <em>„der Mörder Lyssenko“</em>, denn er hat veranlasst, dass Kollegen von ihm in den Gulag geschickt und umgebracht wurden. Wir hätten ihn lediglich einen <em>„wissenschaftlichen Scharlatan“</em> genannt und wollten unbedingt, dass diese Formulierung nicht gestrichen wird. Wir haben den Lektor überzeugen können. Er hat die Streichung ausradiert. Irgendwann bekamen wir den Umbruch und die Wörter fehlten. Wir haben den Lektor sofort angerufen und beschimpft, doch er war nicht verantwortlich. Es war der Setzer: In der Druckerei hatte ein <em>„klassenbewusster“</em> und wachsamer Mitarbeiter die Schlussfolgerung gezogen, dass das Ausradieren der Streichung besser zu übersehen sei. Wir haben uns letztlich durchgesetzt.</p>
<p>Man konnte also durchaus einen Kampf gegen bestimmte Arten von Zensur führen. Man brauchte dazu meist Verbündete. Das konnte durchaus der Lektor sein, jemand in der Hauptverwaltung oder auch jemand im Schriftstellerverband. Gerade der Schriftstellerverband hat sich bisweilen dafür eingesetzt, dass ein bestimmtes Buch gedruckt werden konnte. Beispielsweise hatte der Hinstorff Verlag, Rostock, mehrere Jahre lang das Manuskript einer Anthologie <a href="https://www.aufbau-verlage.de/die-andere-bibliothek/blitz-aus-heiterm-himmel/978-3-8477-0484-3">„Blitz aus heiterem Himmel“</a> liegen, in der es um Geschlechtertausch ging. Vor allem Frauen hatten Geschichten über Männer- und Frauenbilder und über das, was heute gender swap heißt, geschrieben. Der Verlag bekam kalte Füße, spielte auf Zeit. Die Autoren und Autorinnen haben mit Hilfe des Schriftstellerverbandes prozessiert und das Buch durchgesetzt.</p>
<p>Es gab immer Möglichkeiten, aber man musste sehr genau die Umstände kennen und ausnutzen, um das Mögliche möglich zu machen. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> war lange ein entscheidendes Kriterium. Rezensenten fragten gern: Das soll unsere Zukunft sein? Ein befreundeter Lektor, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?186528">Ekkehard Redlin</a>, hat uns von einem Erlebnis mit dieser nur allmählich überwundenen Sicht auf die SF berichtet. Er hatte ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?191706">Heiner Rank</a> herausgebracht: „Die Ohnmacht der Allmächtigen“. Der Roman schildert eine Art Konsumgesellschaft, die von Künstlichen Intelligenzen beherrscht wird, während die Menschen ihre Fähigkeit zu eigenständiger Selbstverwirklichung verloren haben. Das Buch ist 1973 erschienen und fand großen Anklang. Der Lektor wurde bei einem Besuch bei Kulturfunktionären mit der Frage konfrontiert, wie man nur einen so verstörenden Roman herausbringen könne! Er sagte, er habe ihn herausgebracht. Und musste den fast schon klassischen Anwurf hören<em>: „Und das soll unsere Zukunft sein?“</em></p>
<p>Diese Anekdote drückt auch einen Umschwung aus. Man hat relativ lange in den 1950er und den 1960er Jahren Science Fiction als Literatur über die Zukunft verstanden. Zu Beginn der 1970er Jahren begann man sich davon zu lösen. Der Lektor, der das Buch von Heiner Rank herausgebracht hat, hat damals einen Essay mit dem Titel „Entpflichtung im Nirgendwo“ verfasst. Science-Fiction-Literatur, so Redlin, soll aus der Pflicht genommen werden, sie soll frei spekulieren dürfen, fiktive Welten entwickeln, mit Fantasie spielen können und nicht dem engen Diktat der Kulturpolitik unterworfen werden, natürlich innerhalb bestimmter Grenzen; antikommunistische oder ähnliche Ansichten dürfe sie natürlich nicht verbreiten, sie sollte aber einen bestimmten Freiheitspielraum erhalten. Die Kollegen aus diesem Verlag – es war der Verlag „Das Neue Berlin“ – haben sich mitunter deshalb mit den Kollegen in der Hauptverwaltung auseinandersetzen müssen. Bei zwei Büchern, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?172658">Wolfgang Kellners</a> Roman „Der Rückfall“ und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?162643">Michael Szameits</a> „Alarm im Tunnel Transterra“ hatte die Hauptverwaltung ernsthafte Bedenken. Die in den Büchern geschilderten Verhaltensweisen entsprächen so gar nicht <em>„unserem“</em> Zukunftsbild. Doch die Kollegen vom Verlag ließen sich nicht überzeugen und konnten die Bücher schließlich publizieren. Sie haben es geschafft, die Hürde der Zensur zu überwinden. Auch das war möglich.</p>
<p>Oft machte sich die Kritik an einzelnen bedenklichen Stellen fest, bei Wolfgang Kellner etwa, weil die Hauptperson an ein Automobil ein Hirschgeweih montierte. Das war ein Rückfall in alte Verhaltensweisen und für die Hauptverwaltung eine bedenkliche Stelle. Gutachter konnten hier durchaus einen großen Einfluss haben, wenn sie die betreffenden Stellen beispielsweise in den Gesamtzusammenhang einordneten und darauf verwiesen, dass diese Stelle als Kontrast zum Gesamtbild gebraucht würde, das damit deutlicher würde. In manchen Fällen sprach sich aber auch ein Gutachter gegen die Publikation aus oder forderte weitgehende Änderungen.</p>
<p>Ich bin selbst einige Male eingeladen worden, ein Gutachten zu verfassen. Ich lernte also beide Seiten kennen: die des Autors und die des Gutachters, der Stellung zu Werken von anderen nimmt. Mein Hauptgedanke war stets, die Veröffentlichung möglich zu machen. Es ging beispielsweise um ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?81">Olaf Stapledon</a>, das in der DDR in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. Ich habe in meinem Gutachten herausgestrichen, dass Olaf Stapledon humanistische Positionen vertritt und als Lektor an einer Abendschule gute Verbindungen zur Arbeiterklasse hatte. Ich musste allerdings auch aufpassen, dass ich es als Gutachter mit den positiven Äußerungen nicht übertrieb und unglaubwürdig wurde oder bei einem vielleicht als zwielichtig geltenden Autor selbst ins Zwielicht geriet. Ich musste im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten und im Rahmen der eingeschliffenen Terminologie begutachten. Es war oft eine Gratwanderung. Andere haben es ähnlich gemacht, und wir haben so auch Bücher auf ihren Weg geholfen, die vielleicht auf den ersten Blick von manchen abgelehnt worden wären. Es war ein beständiger Kampf darum, wie man Bücher durchbekommt und was überhaupt nicht geht.</p>
<h3><strong>Der äußere und der innere Auftrag</strong></h3>
<p><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139255">Günter</a> und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139254">Johanna Braun</a> haben sehr intensiv die Frage der Selbstzensur thematisiert. Im Schriftstellerverband gab es dazu in den 1960er und den 1970er Jahren Debatten um den „inneren“ und den „äußeren Auftrag“. Der Autor hat den unbedingten inneren Auftrag, ein bestimmtes Buch, dessen Thema ihn bewegt, schreiben zu müssen. Außerdem wird an den Autor der äußere, „gesellschaftliche“ Auftrag herangetragen, mit dem Buch zum Aufbau des Sozialismus beizutragen. Die Kulturfunktionäre haben argumentiert, dass sich Autoren den äußeren Auftrag aneignen und zu ihrem inneren Auftrag machen sollten. Dann ginge alles gut und es entstünden auch die richtigen Bücher.</p>
<p>Die Brauns haben sich gegen dieses Ansinnen positioniert. Sie haben das in <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?10982">Franz Rottensteiners</a> <a href="https://verlag-lindenstruth.de/?page_id=348">Quarber Merkur</a> getan, also in einer Publikation im Westen. Ihr Fazit war, dass jemand, der sich selbst in Übereinstimmung bringt, sich selbst als Autor abtötet. Das war eine Erfahrung, die man auch aus der Geschichte der DDR-Literatur und – im Fall der Brauns – auch aus der Geschichte der Science Fiction in der DDR ziehen konnte.</p>
<p>Als Fazit kann man festhalten, dass die Praxis der Druckgenehmigung den Kontrollanspruch des Staates und damit auch der Sozialistischen Einheitspartei ausgedrückt hat. Der Genehmigungsprozess über die Hauptverwaltung jedoch, gegebenenfalls mit inhaltlichen Auflagen oder mit der Aufforderung, das Buch möglicherweise neu zu schreiben, war nur ein Teil des Weges von der Idee des Autors zum Buch. Dieser Weg lief in der DDR unter der Rubrik <em>„Literaturentwicklungsprozesse“</em>, ein Unterfangen, bei dem der Autor nur eine Rolle hatte und andere Akteure in diesen Prozess hineinkamen.</p>
<p>Die Science Fiction als solche hatte keinen besonderen Freiraum. Sie wurde nicht als spinnerte Literatur behandelt, die man nicht besonders hätte beachten müssen. Wie bei jedem anderen literarischen Werk wurde geprüft, ob da irgendwo falsche Ideologie, Relikte falschen bürgerlichen Bewusstseins, nicht genügend <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>zu finden wären. Die SF wurde immer auf entsprechende Stellen hin durchleuchtet, in den 1980er Jahren aber schon viel weniger. Ein Freund von uns hat einmal eine Anthologie mit dem Titel „Jedes Buch ein Abenteuer“ veröffentlicht. Genau so war es.</p>
<p>Dadurch, dass so viele Akteure an den <em>„Literaturentwicklungsprozessen“ </em>beteiligt waren, wurde die eigentlich plangemäße Buchproduktion zu einem chaotischen Vorgang und zu einem Abenteuer mit nicht voraussehbaren Verzögerungen und Wendungen, etwa mit dem plötzlichen Vorziehen von anderen Titeln. Auch für die Verlage war es mit den Büchern immer eine Fahrt ins Ungewisse. Auf allen Ebenen konnte man Akteure beobachten, die versucht haben, mutig die Spielräume im Sinne dessen, was sie selbst als Freiheit begriffen hatten, in der Literatur auszuweiten, und andere, die sich strikt an irgendwelche Vorgaben gehalten haben, die mit bürokratischen Augen auf die Literatur geschaut haben. Von Dekade zu Dekade wurde in der DDR mehr möglich. Duckmäusertum, Beckmesserei und vorauseilender Gehorsam standen immer gegen Eigensinn bis hin zu Sturheit bei den Autoren sowie Mut und wahrgenommene Verantwortung bei Lektoren, Gutachtern und manchen Akteuren selbst in der Hauptverwaltung.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>, Berlin</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Die Romane und Essaybände von Angela &amp; Karlheinz Steinmüller sind <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">im Memoranda-Verlag</a> erhältlich.</p>
<p>Karlheinz Steinmüller im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></p>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">Der optimistische Skeptiker</a>, Juni 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Utopische Literatur Made in GDR</a>, Mai 2023.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Der Essay beruht auf einem Vortrag, den Karlheinz Steinmüller am 10. April 2025 unter dem Titel „Die befohlene Zukunft“ in der <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/start">Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</a> gehalten hat. Anlass war eine Ergänzung von mehreren Tafeln zur Wanderausstellung <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literaturland-ddr/">„Leseland DDR“</a> der Stiftung. Erstveröffentlichung als Essay im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2025. Das Titelbild wurde von Thomas Franke zur Verfügung gestellt, der eine große Zahl von Science-Fiction-Literatur illustriert hat. Es zeigt einen Ausschnitt aus der von Thomas Franke illustrierten Neuausgabe von Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“. Die Rechte für dieses Bild liegen beim Illustrator. Siehe hierzu auch das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> erschienene Interview mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – Synergetisch gebrochen“</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Ungeliebte Utopien</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/ungeliebte-utopien/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Sep 2025 09:33:44 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ungeliebte Utopien Wolfgang Both über sozialistische Science Fiction im 20. Jahrhundert „Sozialistische Utopien fanden keine Verbreitung, weil die Sozialisten selbst sie ablehnten.“ (Wolfgang Both, in: Rote Blaupausen) Wolfgang Both hat sich intensiv unter historischen und politischen Vorzeichen mit utopischer Literatur und Science Fiction der vergangenen 100 Jahre befasst. Einen ausgezeichneten Überblick über das Schicksal  [...]</p>
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<h1><strong>Ungeliebte Utopien</strong></h1>
<h2><strong>Wolfgang Both über sozialistische Science Fiction im 20. Jahrhundert</strong></h2>
<p><em>„Sozialistische Utopien fanden keine Verbreitung, weil die Sozialisten selbst sie ablehnten.“ </em>(Wolfgang Both, in: Rote Blaupausen)</p>
<p><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1311">Wolfgang Both</a> hat sich intensiv unter historischen und politischen Vorzeichen mit utopischer Literatur und Science Fiction der vergangenen 100 Jahre befasst. Einen ausgezeichneten Überblick über das Schicksal utopischer Literatur in den kommunistischen Ländern bietet sein Buch „Rote Blaupausen – Eine Geschichte der sozialistischen Utopien“, das erstmals im Jahr 2008 erschien und <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2486">im Jahr 2020 bei Memoranda neu aufgelegt</a> wurde. Zu diesem Thema gibt es auf der Seite von Memoranda auch einen Podcast-Beitrag von <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1311">Wolfgang Both</a>. Eine denkwürdige Praxis referierte er anhand des Schicksals von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">George Orwells Roman 1984, der in der DDR am Ende beinahe doch noch veröffentlicht worden wäre</a>. Wolfgang Both gibt gemeinsam mit Klaus Geus, Horst Illmer und Klaus Scheffler das <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2486">„Lexikon der deutschen Science Fiction 1933 – 1945“</a> heraus. Er ist Mitglied des Science-Fiction-Clubs <a href="http://www.club-andymon.net/">„Andymon“</a> in Berlin.</p>
<h3><strong>Sechs Jahre Schatzsuche </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Anlass unseres Gesprächs ist dein Buch „Rote Blaupausen“. Für das Buch hast du ein Jahr nach Erscheinen der ersten Auflage den <a href="https://kurd-lasswitz-preis.de/">Kurd-Laßwitz-Preis</a> erhalten. Wie kam es zu diesem Buch?</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Ich habe das Buch geschrieben, weil ich es lesen wollte, und vielleicht andere auch. Es gab ja bisher keine entsprechende Aufarbeitung.</em> <em>Das Buch ist dann im Jahr 2008 erschienen. 2020 erschien bei Memoranda eine erweiterte Neuausgabe. Ich hatte ursprünglich jedoch eine ganz andere Absicht als es sich dann beim Schreiben des Buches ergab. Ich wollte mich mit den Sozialisten und ihrem Bilderverbot auseinandersetzen und dies dann an einigen Beispielen illustrieren. Dabei ging es mir um Punkte aus dem Kommunistischen Manifest, dann einzelne Bücher zu diesem oder jenem Thema, Arbeitszeit, Rechte der Frauen, Enteignung der Konzerne, die dies entgegen dem Bilderverbot illustrieren. Ich traf aber auf einen Lektor, der das Ganze umdrehen wollte und da ich das Buch auf dem Markt sehen wollte, habe ich mitgespielt und so lief die Sache andersherum, sodass die Frage Bilderverbot und die Haltung der Sozialisten bis hin zu verrückten Klavierspielern in Arkadien (Ernst Bloch) erst weiter hinten im Buch zu finden sind, wenn sich Leserinnen und Leser bis dahin durchgearbeitet haben. </em></p>
<p><em>Ich habe ungefähr sechs Jahre lang recherchiert. Die meisten Autoren sind Männer, aber es sind auch einige Frauen darunter wie beispielsweise Charlotte Perkins Gilman (1860-1935). Ich stelle auch nicht nur im engeren Sinne sozialistische Utopien vor, sondern gehe darüber hinaus. Viele Bücher sind auch sehr unterhaltsam, nicht zuletzt die Utopie von „Herland“ von Charlotte Perkins Gilman. Andere sind trockene Parteitagslyrik.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: <em>„Parteitagslyrik“</em> – eigentlich ein Widerspruch in sich.</p>
<p><strong>Wolfgang Both </strong>(lacht): <em>Wenn du es so willst&#8230; Der Einstieg war ein blanker Zufall. Meine Frau und ich waren auf einem Flohmarkt und dort entdeckte ich „Utopolis“ von Werner Illing (1895-1979), jetzt in einer schönen </em><a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/utopolis/"><em>Neuauflage bei Hirnkost</em></a><em> verfügbar. Das war im März 2002. Das Buch fiel mir wegen des Begriffs und wegen des Covers auf. Ich fand es nicht nur sehr unterhaltsam, sondern habe auch gesehen, dass es eine linke Utopie war, die ich weiter vertiefen wollte. Ich kannte den Autor damals noch nicht und dachte, ich sollte weitersuchen. Es gäbe sicherlich weitere linke Utopien. Die Arbeiten über konservative oder rechte Utopien kannte ich bereits, beispielsweise die Arbeiten von Jost Hermand (1930-2021), zum Beispiel sein Buch „Der alte Traum vom neuen Reich – Völkische Utopien und Nationalsozialismus (1988, zwei weitere Auflagen erschienen 1991 und 2021). </em></p>
<p><em>Solche umfassenden Darstellungen gab es für die linken Utopien nicht. Ich stieß dann allerdings auf die Dissertation „Science Fiction in Deutschland“ (Universität Tübingen, 1972) von Manfred Nagel (*1940), der Science-Fiction-Romane der Kaiserzeit und der Weimarer Zeit aus linker Perspektive bewertete. Ich kannte bis dahin </em><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?1963"><em>Edward Bellamy</em></a><em> (1850-1898), dessen Bücher auch in der DDR erschienen sind. Ich habe dann bei mir im Science-Fiction-Club herumgefragt, ob der ein oder andere noch weitere Hinweise hätte. Insgesamt kamen dann mit der Zeit etwa 60 Titel in Betracht, die ich durchgearbeitet habe. Manche habe ich in Bibliotheken gefunden, andere habe ich über Kopien kennengelernt, die mir </em><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2503"><em>Klaus Geus</em></a><em> aus Büchern zur Verfügung gestellt hatte, die er gesammelt hatte. Klaus Geus hatte diese Kopien zum Teil sogar regelgerecht gebunden, sodass sie in meiner Bibliothek als Prachtausgaben stehen, innendrin aber eben Kopien enthalten. Im Ergebnis habe ich 40 Bücher identifiziert, die sich seit Bellamy bis in die Neuzeit als linke, sozialistische Utopien bezeichnen ließen. Für die Neuausgabe bei Memoranda habe ich die Novelle „Morgen“ (1980) von Robert Havemann (1910-1982) ergänzt. </em></p>
<p><em>Mir ist aufgefallen, dass es weder in der Sowjetunion noch in der DDR eine überzeugende Darstellung der sozialistischen Zukunft gab. Es klingt sicherlich in einzelnen Romanen an, dass die Welt schon vollkommen sozialistisch oder kommunistisch wäre. Deshalb wird gemeinsam in den Kosmos gereist oder es kommen Außerirdische aus einer kommunistischen Welt auf die Erde. Es gibt Beispiele von Alexei Tolstoi (1882-1940) mit „Aëlita“ (1922) und einer Revolution auf dem Mars. Das ist aber keine so umfassende Darstellung wie die von Bellamy, der ein gesamtes Gesellschaftssystem entworfen hatte und Fragen der Wirtschaft, der Finanzen, der Bildung, der Frauenrechte thematisierte. Etwas in dieser umfassenden Form gab es im Ostblock nicht. Ich habe daher weiter recherchiert, warum solche Bücher bei uns nicht bekannt waren. Ich fand das ein oder andere in Antiquariaten und habe es noch zu guten Preisen erworben. Nach Erscheinen meines Buches sind die Preise in den Antiquariaten allerdings explodiert. Mit solchen Nebeneffekten meiner Arbeit habe ich nicht gerechnet.</em></p>
<p><em>Der Knaller bei meinen Entdeckungen war der kontrafaktische Roman „Die KPD regiert“ (1932) von Konrad Giesecke (alias Walter Müller, 1878-1931). Es beginnt mit einem Putsch gegen die Weimarer Regierung, deren Mitglieder verhaftet werden. Das Buch kostete damals 25 EUR, heute kostet es mindestens 100 EUR, wenn es das Buch überhaupt noch gibt. Das gilt auch für andere Bücher wie „Die Talsperre“ (1932) von Marie Majerová (1882-1976), das in der DDR 1956 beim Aufbau-Verlag erschien.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich habe mal bei <a href="https://www.zvab.com/">zvab.com</a> nachgeschaut. „Die KPD regiert“ war nicht zu finden, von „Die Talsperre“ wurde die von dir genannte Ausgabe von 1956 zum Preis von 45 EUR angeboten.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Vieles, was in der DDR erhältlich war, wurde leider entsorgt. Man findet es kaum noch in Bibliotheken oder in Buchhandlungen.</em>  <em> </em></p>
<h3><strong>Utopien vs. wissenschaftlichen Sozialismus</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Utopien waren im Sozialismus verdächtig. Du zitierst Lenin, der im Jahr 1912 in seiner Abhandlung <a href="https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1912/oct/00.htm">„Zwei Utopien“</a> postulierte: <em>„Je geringer die Freiheit in einem Lande ist, je dürftiger die Äußerungen des offenen Kampfes der Klassen, je niedriger das Niveau der Massenaufklärung, desto leichter entstehen gewöhnliche politische Utopien, und desto länger halten sie sich.“</em></p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Wollen wir Lenin widersprechen?</em> <em>Ich habe bewusst solche Sachen vergleichsweise neutral zitiert um zu zeigen, warum linke Utopien in der DDR und in der Sowjetunion eigentlich keine Chance gehabt haben. Das fing schon bei Marx und Engels an, die im Kommunistischen Manifest und in anderen Abhandlungen zum wissenschaftlichen Sozialismus eine ganz strenge Abgrenzung vornahmen, so zum Beispiel Friedrich Engels 1880 in der Schrift „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ (MEW 19). Sie sagten, das, was die Utopisten zuvor gemacht haben, das waren die Anfänge, durchaus Wurzeln, auf die sie sich berufen, aber alles andere, ihre Träume, beispielsweise von der Einbindung der Fürsten oder ihre Vorstellungen von einer Umwälzung der Gesellschaft ist völlig neben der Spur. Diese Umwälzungen könne nur das revolutionäre Proletariat gestalten. Auf diese These berufen sich heute noch orthodoxe Kommunisten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Du zitierst auch einen Artikel aus der UZ, der Zeitung der DKP, in dem kritisiert wird, dass Bellamy nichts zum Thema Klassenkampf beitrage.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Bellamy adressierte eine andere Gruppe als Leserschaft. Er wollte seinesgleichen für das Thema interessieren. Er wollte seine soziale Schicht davon überzeugen, etwas abzugeben und der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. Der Klassenkampf war außen vor. Auch sein Nationalisierungsmodell ging erst einmal in die Staatlichkeit über. Das ging zum Ärger der Sozialisten ohne Revolution ab. </em></p>
<p><em>Die ersten Sozialisten haben sich schwergetan, Bücher der frühen Utopisten oder die Bücher von Bellamy dem deutschen Publikum, insbesondere auch der Arbeitsklasse zu präsentieren. Es gab Übersetzungen von Karl Liebknecht, von Clara Zetkin, die dann aber in den Vorworten zumindest distanziert Stellung nahmen, warum sie das Buch dann doch der Arbeiterklasse vorgelegt hatten, auch wenn es kein Modell für die Zukunft wäre. Es gab weitere Sozialisten, wie beispielsweise Max Adler (1873-1937) in Österreich, linke Sozialdemokraten, die gerade nach Ende des Ersten Weltkrieges und der Revolution in Deutschland in utopischer Literatur eine Grundlage fanden, bis hin zu „Utopolis“, das 1930 erschien. Das war der Einstieg. Ich habe Nachfahren und Freunde von Werner Illing befragen können, über die ich zusätzliche Informationen erhielt. Vom Herzen her waren sie alle schon links eingestellt, mussten dies in der Nazizeit natürlich verstecken. Die Bücher hatten in der Weimarer Zeit alle viel Zuspruch. Unter seinem eigentlichen Namen Walter Müller veröffentlichte Konrad Giesecke im Jahr 1930 den Band „Wenn wir 1918 … Die Überwindung des Kapitalismus“, dem „Die KPD regiert“ als zweiter Band folgte. Er beschreibt den kommunistischen Putsch und nutzt auch den realen Kommunisten Heinz Neumann (1902-1937) als Einführungsperson, um das Ganze realitätsnah zu gestalten. </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf aus deinem Buch zitieren, zunächst Karl Kautsky in seiner Rezension zu Bellamy: <em>„Den Mangel an Phantasie hätte unser Jules Verne des Sozialismus einigermaßen ersetzen können durch ein eigehendes Studium der sozialistischen Literatur, der sozialistischen Theorien.“</em> Dann August Bebel: <em>„Wer unsere beiden Schriften liest oder gelesen hat und ein wenig kritisch urtheilen kann, wird finden, daß Herr Bellamy ein wohlwollend denkender Bürger ist, der ohne Ahnung der Bewegungsgesetze, welche die Gesellschaft beherrschen, rein vom Humanismusstandpunkte aus, indem er als guter Beobachter der bürgerlichen Welt ihre Ungeheuerlichkeiten und Widersprüche erkannte, sich eine künftige gesellschaftliche Ordnung zurechtlegte, in der aber überall die bürgerlichen Gedanken und die bürgerlichen Auffassungen der Dinge durchbrechen.“</em> Schließlich Clara Zetkin: <em>„Bellamy (…) erweist sich damit als Utopist, als sozialer Erfinder und Entdecker, der die soziale Neuordnung in seinem Kopf vorausschaffen will. Er ist also kein wissenschaftlicher Sozialist, der ‚mittels seines Kopfes‘ in der Gesellschaft selbst die Kräfte und Gesetze bloßzulegen und zu verstehen strebt, die unabwendbar zu höheren Formen der Gesellschaft führen.“</em></p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>:<em> Diese Einlassungen belegen ganz deutlich die Auseinandersetzung der Sozialisten etwa um die Jahrhundertwende und danach. Utopische Schriften waren weit verbreitet, erfuhren große Resonanz und riefen eine Reihe von Gegenschriften hervor. Gerade um Bellamy ist ein ganzes Konglomerat von Schriften entstanden. August Bebel musste sich übrigens gegen den Vorwurf wehren, dass er bei Bellamy plagiiert hätte. Die damaligen Sozialisten sahen es als notwendig an, dass sie Stellung nehmen mussten. Sie mussten zeigen, wie <u>sie</u> die Zukunft sahen, auch wenn sie sie noch nicht genau voraussagen konnten, aber die Fantasiebilder der utopischen Autoren waren in ihren Augen völlig irreal und dann auch noch „kleinbürgerlich“. Dies wurde unter anderem Illing im DDR-Lexikon der Schriftsteller vorgeworfen.   </em></p>
<p><em>In der Nazizeit kamen all diese Schriften auf den Index, auch Jack London (1876-1916)</em>, <em>Müller beziehungsweise Giesecke. Die Bücher sind dann erst einmal verschwunden. Ich habe eine ungewöhnliche Ausgabe von Upton Sinclair (1878-1968), „The Millennium“. Der Roman war in einem Sammelband des </em><a href="https://litkult1920er.aau.at/litkult-lexikon/malik-verlag/"><em>Malik-Verlags</em></a><em> enthalten (1925), wurde aber von den Nazis unlesbar gemacht. Die beiden anderen Geschichten waren lesbar, aber der Roman „The Millennium“ mit der Darstellung eines Atomkriegs und wenigen Überlebenden, nach dem sich ein neues gesellschaftliches Zusammenleben entwickelte, war nach 1933 mit Klebeband zugeklebt. Nach 1945 sind solche Romane mit wenigen Ausnahmen in der DDR nicht wieder hervorgeholt worden. Sie blieben verschwunden. Das hat mich schon erschüttert.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Und im Westen? Ich bin da skeptisch.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Man müsste mal in der Nationalbibliothek nachschauen, welche Bücher dort aufgetaucht sind. Manfred Nagel hat im biographischen Teil seiner Dissertation einige aus der Versenkung hervorgeholt, was aber nicht zu einer Publikation geführt hatte. Diese Schriften waren einfach vergessen, sowohl auf der bürgerlichen Seite – da hatte man kein Interesse, sozialistische Propaganda zu unterstützen – als auch auf der sozialistisch-kommunistischen Seite, wo man eben auch kein Interesse hatte, solche utopischen Fantasiegebilde in die Öffentlichkeit zu bringen. Auf beiden Seiten blieben diese Geschichten in Vergessenheit. </em></p>
<h3><strong>Utopien einer neuen Gesellschaft </strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Über einige Bücher möchte ich mit dir ganz konkret sprechen: Theodor Hertzka (1845-1924), „Freiland“ (1896), <a href="https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/charlotte-perkins-gilman">Charlotte Perkins Gilman</a> (1860-1935), „Herland“ (1915) und Ri Tokko (alias Ludwig Dexheimer, 1891-1966), <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/das-automatenzeitalter/">„Das Automatenzeitalter“</a> (1930). Drei Bücher mit drei Themen, die uns auch heute intensiv beschäftigen: Genossenschaftsgedanke, Feminismus, Künstliche Intelligenz – alles keine neuen Themen, sodass wir meines Erachtens viel daraus lernen können, wie man vor etwa 100 Jahren darüber nachdachte.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>„Freiland“ von Theodor Hertzka ist mit Bellamy eines der frühen Werke, das sich mit dem Genossenschaftsgedanken auseinandersetzt. Wir haben heute noch viele Genossenschaften, gerade in Berlin Wohnungsbaugenossenschaften, die ganz gut leben können, aber natürlich aufpassen müssen, dass sie nicht von den großen Wohnungsbauunternehmen aufgekauft werden. Auch in kleineren Häusern versuchen die Mieter, über das Genossenschaftsmodell das Haus mit allen Wohnungen aufzukaufen und mit Hilfe staatlicher Förderung dieses Modell voranzutreiben. Es gibt eine ganze Menge solcher Modelle, beispielsweise in Form der </em><a href="https://eden-eg.de/"><em>Gartengemeinschaft Eden</em></a><em> oder dem Lebensfreudemodell, die in den 1910er und 1920er Jahren aus verschiedenen Jugendbewegungen entstanden sind und heute noch existieren. </em></p>
<p><em>Das andere, das mich bei Hertzka wie bei Bellamy interessierte, ist, dass mit dem Buch eine richtige Bewegung entstanden ist. Hertzka hat sehr anschaulich eine Reise nach Afrika geschildert, mit genauer Ortsangabe, in ein Tal am Kilimandscharo mit wunderbarem Klima, eigentlich war da immer Sommer. Die Expedition verlief ohne Schwierigkeiten und selbst die wilden afrikanischen Elefanten haben als Traglasttiere willig mitgemacht. Das hat eine solche Bewegung vor allem unter jungen Menschen ausgelöst, sodass in einem Aufruf zur Umsetzung der Idee vorgegeben werden müsste, dass nur junge Menschen mit guter Gesundheit und guten handwerklichen Fähigkeiten teilnehmen dürften, denn man musste ja in Afrika, wenn man da hinkam, etwas aufbauen. Man wollte schon eine Auswahl treffen, wer da mitdurfte. Bei der Durchsicht alter Zeitungen 1891-1894 habe ich zwar keinen eigenen Aufruf zur Expeditionsvorbereitungen gefunden, wohl aber viele Berichte zu Freilandvereinen und den Expeditionsvorbereitungen.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Nur am Rande: Das war in der jungen zionistischen Bewegung nicht anders, auch dort suchte man zunächst vorwiegend junge Leute mit guter Gesundheit und guten handwerklichen Fähigkeiten. Grundlage war hier das Buch <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/altneuland/">„Altneuland“ von Theodor Herzl</a> (1860-1904), das meines Erachtens auch zur sozialistischen utopischen Literatur gezählt werden darf. Das Buch wurde im Hirnkost-Verlag im Jahr 2023 mit einem Vorwort von Karlheinz Steinmüller neu aufgelegt. Es stellt umfassend einen idealen Staat vor, durchaus vergleichbar mit den Büchern von Bellamy oder Hertzka. Und auch hier entstand eine Bewegung.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Unter Berufung auf das Buch von Hertzka hat man Geld für die Expedition in das von ihm beschriebene Eden gesammelt. Es gab sogar eine Vorexpedition, die jedoch scheiterte, weil die britischen Kolonialbehörden Einwände hatten. Sie wollten nicht auch noch Deutschen und Österreichern die Einwanderung in ihr Kolonialgebiet erlauben. Aber mich beeindruckte, wie aus der Utopie heraus eine richtige soziale Bewegung entstand, die natürlich mit der Zeit, nachdem die Briten abgesagt hatten, wieder verflachte. Aber die Idee war damals sehr populär.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Charlotte Perkins Gilman entwarf mit „Herland“ eine Gesellschaft, in der nur Frauen lebten.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Charlotte Perkins Gilman war eine beeindruckende Frau. Sie wurde als Rabenmutter diffamiert, weil sie Mann und Kind verlassen und sich von der bürgerlichen Gesellschaft abgewandt hatte. Sie hat ein eigenes Leben aufgebaut, eine Zeitschrift etabliert, mehrere Bücher geschrieben. Sie hinterließ ein beeindruckendes Erbe, das selbst in den USA, selbst unter Feministinnen in Vergessenheit geraten ist. Das Buch ist erst in den 1970er Jahren zufällig im Rahmen der feministischen Bewegungen wieder aufgetaucht, dann auch übersetzt worden. </em></p>
<p><em>Charlotte Perkins Gilman entwirft das Bild einer reinen Frauengesellschaft, die sich von den Männern abgrenzt. Diese Frauen sind den Männern, die zufällig mit ihrem Flugzeug auf der Hochebene landen, auch körperlich überlegen. Sie waren sogar in der Lage, ohne Mitwirkung eines Mannes selbst Kinder in die Welt zu setzen. Sie haben eine wunderbare Welt entwickelt. Selbst die Löwen und die Schweine vertrugen sich miteinander. Das sozial Interessante an dem Buch liegt darin, wie es der Autorin gelingt, am Beispiel der jungen Männer, die zufällig in der Frauengesellschaft landen, die Gegensätze zwischen den Werten der Männer und den Werten der Frauen zu schildern. Die jungen Männer werden geradezu bloßgestellt, im Gegensatz zu den naiven Frauen, die über die Jahre, vielleicht über die Jahrhunderte – das bleibt in dem Buch offen – noch keine Berührung mit Männern gehabt haben und eine eigene Kultur entwickelt haben, von der wiederum die Männer überrascht sind. Schmuck spielt keine Rolle, Kosmetik, aufreizende Kleidung ebenso wenig. Das fällt den Männern natürlich auf und sie versuchen, die Frauen mit solchen Dingen zu locken, was diese wiederum nicht verstehen. Dennoch entwickeln sich Liebesverhältnisse. Das schließt Charlotte Perkins Gilman nicht aus. Sie stellt die Unterschiede zwischen der maskulinen und patriarchalischen Sichtweise der Männer und der feministischen Sicht der Frauen geschickt gegenüber.</em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein einsames Tal, ein schwer erreichbares Hochplateau – das sind Motive wie wir sie aus utopischer Literatur eines Thomas Morus oder eines Jonathan Swift kennen, mit Elementen des im 19. Jahrhundert populären Abenteuerromans. Ich denke beispielsweise an Arthur Conan Doyle (1859-1930) und seine fantastische Reiseerzählung „The Lost World“ (1912), in der er die britischen Forschungsreisenden zwar keine ideale Gesellschaft entdecken lässt, aber Menschengruppen und Tiere der Urzeit einschließlich Sauriern. Solche Plateaus gibt es zum Beispiel in Venezuela wirklich, ebenso wie es solche Täler in Afrika gibt. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Das Buch „Das Automatenzeitalter“ von Ri Tokko hat jedoch eine ganz andere Ausrichtung.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Ri Tokkos „Das Automatenzeitalter“ ist sicherlich unter dem Einfluss des Dramas „R.U.R.“ (Abkürzung für „Rossumovi Univerzální Roboti“) von Karel Čapek (1890-1938) entstanden. Die Ausgangsfrage lautet: Wie kann man mit Automaten das Leben einfacher und besser gestalten? Ri Tokko geht über diese Frage hinaus, indem er humanoide Roboter gestaltet. Das führt zu ähnlichen Auseinandersetzungen wie bei Čapek. Gleichzeitig sind wir in dem Buch in einer recht entvölkerten Welt mit gerade 200 Millionen Menschen. In Europa ist gerade noch die norddeutsche Tiefebene dünn besiedelt. Die Ressourcen reichen für die Menschheit völlig aus. Die hilfreichen humanoiden Roboter können die Menschen in jeder Form unterstützen und alle haben ein wunderbares Leben, das die kommunistische Zukunft zu sein scheint. Ob Dexheimer wirklich linke Ideen hatte, wissen wir jedoch nicht. Es ist ebenso möglich, dass es ihm einfach um eine Wohlstandsgesellschaft mit technologischer Unterstützung ging.</em></p>
<h3><strong>Utopien eines neuen Menschen</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ein interessantes Thema ist meines Erachtens die Utopie eines neuen Menschen, auch im Kontext mit eugenischen Überlegungen. Eugenik war bei Weitem nicht nur Teil der Ideologie der Nazis. <a href="https://www.verbrecherverlag.de/autor_innen/peter-bierl/">Peter Bierl</a> hat linke Eugenik in seinem Buch „Unmenschlichkeit als Programm“ (Berlin, Verbrecher Verlag, 2022) ausführlich beschrieben. Ich habe das in einem Essay mal eine <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/querfront-der-exklusion/">„Querfront der Exklusion“</a> genannt. Dahinter stecken ganz schreckliche Züchtungsgedanken wie beispielsweise bei dem schwedischen Ehepaar Gunnar und Alva Myrdal mit ihrem Buch „Die Krise in der Bevölkerungsfrage“ (1934), in dem sie ein Sterilisationsprogramm fordern, damit sich manche Menschen nicht mehr fortpflanzen können. Die Myrdals lehnten Marx ab, verstanden sich aber als Sozialisten. Als Idealbild gibt es daneben all diese Darstellungen muskelbepackter junger Männer, zum Beispiel in den Plastiken von Arno Breker oder den Filmen von Leni Riefenstahl, in Bildern des sogenannten Sozialistischen Realismus“ ebenso wie im frühen Zionismus mit dem von Max Nordau propagierten <em>„Muskeljuden“</em>.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Das spielt nicht nur in den Utopien eine Rolle, sondern insgesamt auch in den Gesellschaftsmodellen, die von links, von rechts, aus der Mitte entworfen worden sind. Du hast zu Recht gesagt, es gibt nicht nur rechte Vorstellungen vom idealen Körperbau nach dem griechischen Ideal, an dem sich auch die Nazis orientierten. Wir finden das auch in jüdischen Entwürfen und auf der linken Seite. Das Selektionsmodell, das uns Charlotte Perkins Gilman vorlegt, ist noch vergleichsweise harmlos, wenn dort die Tiere zu friedlichen Wesen gezüchtet werden, die Apfelbäume reiche Ernte tragen und die Gesellschaft relativ konfliktfrei ist. Es gibt von allen Seiten Vorstellungen eines Körpers von hoher Gesundheit, großer Schönheit. Das griechische Ideal spiegelt sich in allen sozialen Vorstellungen wider. </em></p>
<p><em>Bei den linken Utopien kommt das soziale Verhalten hinzu: Ein Mensch, der gut angepasst ist, selbstlos, altruistisch, der sich in die Gesellschaft einbringt, dort an allen Aktivitäten mitwirkt – ich sage nur „Subbotnik“, ein zwar als freiwillig bezeichnetes, aber dennoch pflichtiges Engagement zusätzlich zur Arbeitszeit, das einfach erwartet wurde. So etwas soll herausgezüchtet werden. Das gab es schon in der Zeit vor Entstehung der jungen Sowjetunion. Beispielsweise werden bei Alexander Bogdanow (1873-1928) solche ganz praktischen Versuche beschrieben, nicht nach dem Frankenstein-Modell, aber er hat selbst einige medizinische Versuche durchgeführt. An einem ist er gestorben, weil man damals die Unverträglichkeit der verschiedenen Blutgruppen untereinander noch nicht kannte. </em></p>
<p><em>Das zeigt eben, dass es sehr früh schon Überlegungen gab, Menschen zu entwickeln, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern sich auch in die Klassenstruktur, in die Gesellschaftsstruktur problemlos und konfliktfrei einfügen. In solchen Gesellschaften braucht man keine Gefängnisse mehr, keine Polizei, auch keine Armeen, weil alle friedlich und in wunderbarem Austausch miteinander leben oder Konflikte, wenn es sie gibt, zumindest sehr schlank ausgetragen werden.     </em></p>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich darf Ernesto ‚Che‘ Guevara zitieren (in: „<a href="https://maoistdazibao.wordpress.com/wp-content/uploads/2019/07/che-guevara-der-sozialismus-und-der-mensch-auf-cuba.pdf">Der Sozialismus und der Mensch auf Cuba</a>“, 1965), den du auch in „Rote Blaupausen“ zu Wort kommen lässt: <em>„Es ist der Mensch des 21. Jahrhunderts, den wir zu schaffen haben, auch wenn das bisher nur als ein subjektives und nicht systematisiertes Streben erscheint. Eben darin liegt einer der Hauptpunkte unseres Studiums und unserer Arbeit, und in dem Maße, wie wir konkrete Er folge auf einer theoretischen Basis erzielen oder umgekehrt theoretische Schlußfolgerungen von größerer Tragweite auf der Grundlage unserer konkreten Suche ziehen, leisten wir einen wertvollen Beitrag zum Marxismus-Leninismus, zur Sache der Menschheit.“</em> Und bei Bogdanow geht es – als Beispiel zitierst du „Der rote Planet“ (1907), nicht um das „<em>Werk von Menschen“</em>, sondern um das <em>„Werk der Menschheit“</em>. Der Einzelne hat im Kollektiv aufzugehen und wird sozusagen zum braven, man könnte auch sagen, zum funktionierenden Mitglied der Gesellschaft erzogen und letztlich herangezüchtet. Der neue Mensch ist in Physis und Psyche gleichermaßen schön.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Sonst funktioniert es ja auch nicht. </em></p>
<h3><strong>Ein Ausblick</strong></h3>
<p><strong>Norbert Reichel</strong>: Ich möchte an dieser Stelle zwei Bücher hervorheben: „Das Ministerium für die Zukunft“ von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/ein-utopischer-visionaer/">Kim Stanley Robinson</a> und „Pantopia“ von <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-climate-fiction-und-die-politik/">Theresa Hannig</a>. Das erhält dann eine ganz andere Dimension als die „Roten Blaupausen“. <a href="https://www.isabella-hermann.de/Home/">Isabella Hermann</a> hat schließlich in ihrem Buch „Zukunft ohne Angst – Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven eröffnen“ (München, oekom, 2025) <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/mehr-dystopie-wagen/">utopische Literatur als bewusst anti-dystopische Literatur</a> charakterisiert und gefordert.</p>
<p><strong>Wolfgang Both</strong>: <em>Die Bücher, die ich in „Rote Blaupausen“ vorstellen, belegen das ungebrochene Interesse an alternativen Möglichkeiten gesellschaftlichen Zusammenlebens seit dem Beginn des industriellen Zeitalters. Den Utopien wohnt immer auch der Wunsch der Umsetzung inne. Einige, wie Bellamys oder Hertzkas Bücher, setzen ja eine ganze soziale Bewegung in Gang (dazu habe ich gerade einen Artikel für das </em><a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/das-science-fiction-jahr-2025/"><em>„Science Fiction Jahr 2025“</em></a><em> bei Hirnkost geschrieben). Das geht über das reine literarische Unterhaltungsmoment hinaus.</em> <em>Es bilden sich neue Klassen, Schichten, neue Berufe, die dann in die Mittelschicht aufsteigen, neue Bildungserfordernisse, um mit den komplizierteren Maschinen umgehen zu können, nicht zuletzt auch im Militär. Der Gedanke, sich damit auseinandersetzen, ist auch heute aktuell, nicht nur im sozialen und im ökonomischen, sondern auch im ökologischen Bereich. Der Roman „Ökotopia“ (1975) von </em><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?343"><em>Ernest Callenbach</em></a><em> (1929-2012) ist jetzt nun nicht die Gründungsurkunde der Grünen, aber zeigt, dass Autoren auch darüber nachgedacht haben, mit Überlegungen jenseits der bisherigen Denkweisen. Der Bericht des Club of Rome hat einiges bewegt.</em></p>
<p><em>Das Interesse ist ungebrochen. Das konnte man in der DDR nicht verhindern und das wird auch zu unserer Freude und der Freude der Leserinnen und Leser weiter bestehen. Es sind aber auch keine umfassenden gesellschaftlichen Darstellungen wie beispielsweise bei Jakob Vetsch (1879-1942), der in „Die Sonnenstadt“ (1923) im Detail bis in die Uhr und den Kalender hinein das neue gesellschaftliche System durchgestaltet hat. Da geht es nicht nur um Bildung, Geld, Eigentum, Frauenrechte, er geht bis in Details der Kleidung. Die Mitglieder der neuen Gesellschaft hatten ihre eigenen Taschenuhren, die die neue Zeit anzeigten. Das sind dermaßen umfassende Utopien wie es sie heutige Autorinnen und Autoren nicht mehr darstellen. Dystopien haben heutzutage größeren Erfolg als die utopischen Gesellschaftsentwürfe, die – das muss ich zugeben – zum Teil auch ein wenig langweilig waren. Es war schon anstrengend, die zweite Hälfte dieser Bücher zu lesen. Auch ein Hertzka hat keine Unterhaltungsliteratur geschrieben. Am Ende stehen Protokolle von der Gründungsversammlung und anderen Veranstaltungen in Eden, in denen die Erfolge gefeiert werden. Das ist dann schon echte Parteitagslyrik. </em></p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Wer sich mit der Geschichte der Science Fiction in der deutschen Literatur befassen möchte, lese die vier Bände von <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1315">Hans Frey</a> (1949-2024), alle bei Memoranda erschienen, die diese Geschichte im 19. Jahrhundert beginnen lassen und über die Weimarer Zeit und die Zeit des Nationalsozialismus in die Zeit nach 1945 hineinreichen, nicht zuletzt auch in einem eigenen Band in die Geschichte der DDR. Die beiden ersten Bände wurden im Jahr 2025 zum Gedenken an den Autor beim Hirnkost-Verlag als Sonderbände der auf 40 Bände geplanten <a href="https://www.shop-hirnkost.de/?s=Hans+Frey">Ausgabe wiederentdeckter Schätze der Science Fiction</a> neu aufgelegt.</p>
<p>Hans Frey bezeichnete <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/science-fiction-als-wirklichkeitsmaschine/?portfolioCats=115">„Science Fiction als Wirklichkeitsmaschine“</a>, so auch sein dreiteiliger Essay, der im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> veröffentlicht wurde. <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">Karlheinz Steinmüller</a>, der Hans Frey im Hinblick auf die Zukunftsromane in der DDR beriet und nach dessen Tod die Herausgabe der wiederentdeckten Schätze der Science Fiction übernahm, hat im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> eine kurzen Überblick über die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">„Utopische Literatur Made in GDR“</a> gegeben sowie in <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/">„Die zensierte Zukunft“</a> die Arbeits- und Publikationsbedingungen der Autorinnen und Autoren unter den Augen der Stasi beschrieben. Das Thema der sozialistischen Utopien behandelt auch Chiara Viceconti in ihrem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literarische-zukunftsvisionen-unter-dem-kommunismus/">„Literarische Zukunftsvisionen unter dem Kommunismus“</a>, insbesondere im Hinblick auf Sowjetunion und DDR.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im September 2025, Internetzugriffe zuletzt am 3. September 2025, Titelbild: Thomas Franke, Illustration zur Erzählung Ascheglühen von Wolf Welling und mit der Collage gedruckt in EXODUS 49, Holzstichcollage auf Chromolithografie / 29,8 x 39,3 cm / 2024. Der Künstler gab der Collage den folgenden Titel: <em>„Visualisierung einiger Konstellaterationen im komaschatischen Wunderland mit dem vom Patakosmologen Klaúdios Ptolemaíos installerierten Induktions-Inklinatorium sowie dem von seinem Konkurrenten Niclas Koppernigk einmontierten Erdinduktor, welche die Feldlinien des Wunderlandischen Magnetfeldes zum nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses des Visualisierers beeinflussen, womit sich dessen alternativlosende Zuneigung zur Wissenschaft offenbart. In den sich daseinsabschließend zusehends fragmentarisierenden neuronalen Verschaltungen, die einen Fluß moderat dahintreibender magnetfeldischer Strömungen erzeugen, quellen Nanobots an die Oberfläche und enthüllen ihr wahres Wesen als weltzerfressende Pac-Mans im in die Wirklichkeit transformulierten Labyrinth ‚Wunderland‘, &#8211; gierig mit dem japanischen lautmalerischen Ruf ‚paku paku!‘ nach dem nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses schnappend. Das in diese virtualitätige Visualisierung integrierte alte Schulhaus im Sonnenuntergang beobachtend, lauert der Boschfroschlakai und suggeriert als Erscheinung, daß das Froschsein als Zustand zwar etwas nicht Erstrebenswertes, allerdings etwas Vorübergehendes sein könnte. Und also schwirrelt einer der durch die unglückliche Einwürgung des Doppler-Effekts verdoppelten Alice, als A-Lice und Be-Lice zu sehen, in diesem Zusammenhang die klügliche Be-Hauptung des antiken Dichters Petronius durch den Kopf: ‚qui fuit rana, nunc est rex‘. A-Lice hingegen denkt über sich und komaschatische Wunderländer nach und singt das Lied ‚The Me I Never Knew‘“.&#8220; </em>Rechte beim Künstler.</p>
<p><em>  </em></p>
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		<title>Frauen im geteilten Deutschland</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Jul 2025 07:33:37 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Frauen im geteilten Deutschland Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung „Ich bin in den 1990er Jahren als Kind in einem Land ohne Mauer aufgewachsen. Die deutsche Teilung war Geschichte.“ Mit diesen Zeilen beginnt die Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“. Nicht selten wurde seither diskutiert, was das Thema mit Menschen der Generationen zu tun hat, die  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-7 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-6 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-8" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Frauen im geteilten Deutschland</strong></h1>
<h2><strong>Eine Ausstellung der Bundesstiftung Aufarbeitung</strong></h2>
<p><em>„Ich bin in den 1990er Jahren als Kind in einem Land ohne Mauer aufgewachsen. Die deutsche Teilung war Geschichte.“</em></p>
<p>Mit diesen Zeilen beginnt die Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“. Nicht selten wurde seither diskutiert, was das Thema mit Menschen der Generationen zu tun hat, die das geteilte Land nicht mehr selbst erlebt haben. Eine berechtigte Frage in dem Jahr, in dem wir bereits 35 Jahre deutsche Einheit feiern, die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen immer weniger werden und ein selbstverständliches Wissen um die geteilte Geschichte eher die Ausnahme zu sein scheint. Warum also zurückblicken? Was verbindet die Frauenleben von damals mit unserer Gegenwart?</p>
<h3><strong>Etwas ganz Persönliches</strong></h3>
<p>Ich persönlich kann diese Frage sehr simpel beantworten. Ich bin eine Frau und ich komme aus Ostdeutschland. Und auch wenn ich die deutsche Teilung und die friedliche Revolution nicht selbst miterlebt habe – ich bin 1995 geboren –, haben mich die weiblichen Erfahrungen in meiner Familie geprägt. Erfahrungen meiner Mutter, meiner Großmütter und Tanten, die in der DDR lebten und in Ostdeutschland sozialisiert wurden. Kinderkrippe und Kindergarten waren für uns normaler Alltag, berufstätige Frauen eine Selbstverständlichkeit. Wir wuchsen mit Erzählungen über Grenzen und die Mauer auf, über einen Alltag mit Entbehrungen und Mangel, aber auch über Zusammenhalt und Gemeinschaft. Wenn ich mit den Frauen meiner Familie spreche, dann höre ich von kleinen und großen Akten von Selbstermächtigung und Emanzipation in der Familie, im Berufsleben und im Alltag. Erzählungen über Träume, Herausforderungen, Kämpfe und Mut. Und es fällt auf, dass die meisten dieser Empfindungen keine Einzelfälle waren. Sie verbanden die Frauen damals miteinander und sie tun es auch heute.</p>
<p>Denn vieles von dem, was erzählt wird, findet sich auch im gegenwärtigen Alltag als Frau wieder. Ich sehe und spüre die Erfahrungen meiner Familie in meinem Alltag als Frau. Und so wie mir geht es vermutlich den meisten Kindern – Mädchen- die mit den Erfahrungen ihrer Mütter und Großmütter aufwachsen. Mit den vielen emanzipatorischen Lebensgeschichten von Frauen, die abseits der großen Erzählungen stattfanden und die es umso mehr wert sind erzählt und gehört zu werden.</p>
<p>Und genau daher ist das Thema der Ausstellung etwas sehr Persönliches. „Frauen im geteilten Deutschland“ lädt dazu ein, innezuhalten und sich zu fragen: Was hat das mit mir zu tun? Die überraschende Antwort wird wahrscheinlich lauten: eine ganze Menge.</p>
<h3><strong>Frauenrechte im Jahr 2025</strong></h3>
<div id="attachment_7354" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7354" class="wp-image-7354 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-300x202.jpg" alt="" width="300" height="202" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-200x134.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-300x202.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-400x269.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-600x403.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-768x516.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-800x537.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-1024x688.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-1200x806.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Harald-Schmitt-1536x1032.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7354" class="wp-caption-text">LPG Bäuerinnen auf einem Feld irgendwo im Harz. Im Vordergrund besser gekleidete junge Frauen. Foto: Harald Schmitt. © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>2025 ist nicht nur das Jahr des 35. Jubiläums der deutschen Einheit. Auch ein weiteres Ereignis jährt sich zum fünfzigsten Mal: das „Internationale Jahr der Frau“, ausgerufen von den Vereinten Nationen 1975. Unter dem Motto „Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden“ diskutierten Delegierte aus 133 Ländern bei der ersten <a href="https://www.un.org/en/conferences/women/mexico-city1975">UN-Weltfrauenkonferenz in Mexiko-Stadt</a>. Unter anderem ging es um Grundsätze, wie die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen zu fördern. Die Rolle der Frau in Wirtschaft und Kultur zu verdeutlichen. Und den wachsenden Beitrag der Frauen weltweit mehr anzuerkennen. Auch eine DDR-Delegation war 1975 entsandt, um die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frau im Sozialismus zu bewerben.</p>
<p>Heute, fünfzig Jahre später, hat sich einiges im Bezug auf Frauenrechte und Gleichstellung getan. Und dennoch wirken diese Jahrzehnte alten Grundsätze bis heute nach. Daher schließt „Frauen im geteilten Deutschland“ an die Fragen nach Gleichberechtigung, gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung an und widmet sich den vielfältigen Erfahrungen die Frauen in der DDR und in Westdeutschland machten. Denn die Lebenserfahrungen von Frauen der Generationen, die vor 1989 geboren wurden, kommen aus einem geteilten Deutschland und wirken heute in einem wiedervereinigten Land nach. Und wir können diese Nachwirkungen ganz aktuell spüren. Wenn man beispielsweise die anhaltende Debatte um den Paragrafen 218 betrachtet, die seit Jahrzehnten politische Gemüter erhitzt und vor allem Frauen in ihrem persönlichen Leben betrifft. Oder die wiederkehrende mediale Diskussion darüber, wie gut oder schlecht es für die Entwicklung von Kleinkindern ist, sie in eine externe Kinderbetreuung zu geben. Oder eine aktuelle <a href="https://frauen.dgb.de/++co++bf41405a-e55b-11ef-9765-3585419c1970">Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds aus dem Februar 2025</a>, die zu dem Schluss kommt, dass jede zweite Frau nicht von ihrem eigenen Einkommen leben kann, mit erheblichen Auswirkungen auf die Alterssicherung. Diese nicht überraschende Tatsache ergibt sich aus vielen Faktoren, unter anderem auch durch die nach wie vor ungleiche Rollenverteilung in Paarbeziehungen.</p>
<p>Diese Aufzählung könnte noch lange weitergeführt und ergänzt werden. Es wird jedoch schon jetzt deutlich, dass viele der Themen, die uns heute beschäftigen, nicht neu sind. Und um die verschiedenen Standpunkte und Sichtweisen verstehen zu können und sich gegenseitig anzunähern, ist es wichtig zu betrachten: Auf welchen weiblichen Lebenserfahrungen baut die Gesellschaft in diesem Land, in dem wir heute wiedervereint Leben eigentlich auf? Wie lebten Frauen vor fünfzig Jahren im Westen und im Osten Deutschlands? Welche Erwartungen hatten sie zu erfüllen? Was trennte sie voneinander? Was verband sie aber auch miteinander? Und was liegt den vielen Klischees zugrunde, die sich bis heute hartnäckig in so manchen Köpfen halten? Die Rabenmutter im Osten, die ihre Kinder so schnell wie möglich nach der Geburt in die Krippe gibt? Das Heimchen am Herd im Westen, deren Lebensmittelpunkt sich einzig um Mann, Kinder und Haushalt dreht? Was machen diese überzeichneten Vorurteile mit unserem Frauenbild heute?</p>
<h3><strong>Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Ost und West</strong></h3>
<div id="attachment_7355" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7355" class="wp-image-7355 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-300x196.jpg" alt="" width="300" height="196" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-200x131.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-300x196.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-400x261.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-600x392.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-768x502.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-800x523.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-1024x669.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-1200x784.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Klaus-Mehner-1536x1004.jpg 1536w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7355" class="wp-caption-text">Berlin (Bezirk Berlin) DDR, 12. Mai 1989. DDR mobilisiert FDJ gegen die Krise. Für 60 Millionen Mark organisierte die Sozialistische Einheitspartei (SED) der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in eine Mammutveranstaltung der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Massive Agitation, Aufmärsche und Show bestimmten das dreitägige Pfingsttreffen der Nachwuchsorganisation der Partei. Foto: Veranstaltung Show mal her im Stadion der Weltjugend. © Klaus Mehner, Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>Diese Fragen machen den Kern der 21 Tafeln der Ausstellung aus. Zeithistorische Fotos, essayistische Texte, Videodokumente und Interviews zeichnen ein Bild von weiblichen Lebensrealitäten der 1970er Jahre, über die Wiedervereinigung, bis in die Gegenwart. Natürlich können und sollen in diesem Format keine komplexen gesellschaftlichen Fragen gelöst werden. Denn Frauen machten selbstverständlich ganz individuelle Lebenserfahrung, abhängig von ihrer Generation, ihrem Wohnort oder ihrem Familienstand. Jedoch gab es Erfahrungen, die viele Frauen in der DDR teilten und die oft ganz anders waren als die Erfahrungen der Frauen im Westen. Dies lag begründet in den unterschiedlichen äußeren Rahmenbedingungen in den zwei deutschen Staaten.</p>
<p>Wirft man einen Blick auf die frühen 1970er Jahren und betrachtet die Frage <em>„Was heißt es eigentlich eine Frau zu sein?</em>“, lassen sich trotz der Grenze erste Gemeinsamkeiten zwischen Westen und Osten erkennen. Denn die Erwartungen an Frauen waren in beiden Teilen des Landes schon immer immens hoch. Und in vielen grundlegenden Punkten auch gar nicht so unterschiedlich. Frauen sollten, wenn es nach Männern in mächtigen Positionen ging, vor allem jung, schön, schlank, gepflegt, fröhlich und unkompliziert sein – und es möglichst auch im Alter bleiben. Auch die Lebensentwürfe in Ost und West glichen sich zu dieser Zeit: früh wurde geheiratet, bald kam das erste Kind zur Welt, um das sich in der Regel die Frau kümmerte. Ebenso um den Mann und den Haushalt. In der DDR kam zu diesen Pflichten noch hinzu, dass Frauen nicht nur gute Mütter und Ehefrauen sein sollten, sondern auch selbstbewusste und fleißige Arbeiterinnen für den sozialistischen Staat. Während dieses Idealbild der berufstätigen Frau und Mutter im Osten bestand, herrschte im Westen lange eine traditionellere Rollenvorstellung von der Frau, die ihrem Mann zuhause den Rücken freihält, während er das Geld verdient.</p>
<p>In den Bereichen Beruf und Arbeitsleben lassen sich besonders deutlich die Unterschiede im Leben von Frauen im Osten und im Westen Deutschlands erkennen. Ein Blick in die Statistik genügt, um offensichtliche Differenzen zu erkennen. 1989 waren in der DDR 92% aller Frauen berufstätig – ein international auffallend hoher Wert. Im Westen Deutschlands waren zur selben Zeit etwa 50% aller Frauen berufstätig. Wenn man genau hinschaut, wird schnell deutlich, dass die hohe Frauenerwerbsquote in der DDR nicht einfach organisch und vollkommen freiwillig zustande kam.</p>
<p>Berufstätige Frauen waren in der DDR politisch gewollt und ökonomisch notwendig. Staatliche Planung und Arbeitskräftemangel machten sie erforderlich. Dennoch entstanden durch diese äußeren Umstände zwei verschiedene Realitäten. Für die meisten Frauen in der DDR war es eine Selbstverständlichkeit berufstätig zu sein und damit auch finanziell unabhängig – in diesem Sinne gleichberechtigt gegenüber dem Mann. Und das nicht nur in typischen <em>„Frauenberufen”</em>, sondern beispielsweise auch als Mechanikerin oder der chemischen Industrie. Ein Viertel der Schuldirektoren waren weiblich, ein Drittel aller Ärzte waren Frauen und jeder zweite Richterposten auf Kreis und Kommunalebene wurde von einer Frau besetzt. Im Westen war es dagegen oft üblich, dass Frauen nach der Hochzeit zunächst ihren erlernten Beruf Aufgaben und sich um den Haushalt und um die Kinder kümmerten. Flächendeckende Kinderbetreuungseinrichtungen waren rar – anders als im sozialistischen Osten. Und nicht selten kratzten berufstätige Frauen noch am Ego ihrer Ehemänner. Bis ins Jahr 1977 bestand das Gesetz, dass Ehemänner offiziell der Arbeitsaufnahme ihrer Ehefrau zustimmen mussten – und diese somit auch verbieten durften.</p>
<p>Naheliegend entsteht aus diesen Betrachtungen die provokante Frage: <em>„Wo waren die Frauen denn nun gleichberechtigter – in Ost oder West?“</em> Eine einfache Antwort gibt es nicht. Da die Frage auch damit zusammenhängt, was die Einzelne unter Gleichberechtigung versteht. Ja, Frauen in der DDR waren in der Regel finanziell unabhängiger. Doch entsprungen war dieser Zustand, weil Ihre Arbeitskraft wirtschaftlich notwendig war. Selbstverwirklichung oder gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe spielten im Sinne der SED dabei keine Rolle. Auch in der DDR arbeiteten Frauen fast doppelt so häufig wie Männer in unteren Lohnklassen. Je mächtiger die Position war, desto seltener waren Frauen dort zu finden. In 40 Jahren Politbüro gab es nicht ein weibliches Mitglied mit Stimmrecht. Dort wo die Strippen in der Hand gehalten wurden und die Entscheidungen getroffen wurden, waren Frauen selten vertreten. Und wenn es um Familienangelegenheiten ging, lösten sich traditionelle Rollenverteilungen nicht einfach in Luft auf.</p>
<p>Schnell lassen sich hier wieder Gemeinsamkeiten erkennen. Denn sowohl im Osten als auch im Westen waren es zumeist die Frauen, die Abstriche in Freizeit und Beruf machten. Trotz ihrer Berufstätigkeit übernahmen Frauen in Ostdeutschland überwiegend die Aufgaben im Haushalt. Während Männer in der Woche zehn Stunden mit Hausarbeit verbrachten, kamen die Frauen durchschnittlich auf 38 Stunden. Für voll berufstätige Frauen kam zu der üblichen 48 Stunden-Arbeitswoche noch einmal 38 Stunden Hausarbeit dazu. Frauen in der DDR hatten also wortwörtlich eine zweite Schicht. Bildlich dafür spricht die Antwort einer Frau aus einer Umfrage aus der DDR. Gefragt wurde, womit die Befragten am liebsten ihre Freizeit verbrachten. Die simple Antwort dieser Frau war: schlafen.</p>
<p>Es zeigt sich, dass trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen in den zwei deutschen Staaten, die Rollenerwartungen an Frauen in Ost und West erstaunlich ähnlich – und gleichermaßen einengend waren. Im Osten sollte gearbeitet werden und Frauen wurden schieß angesehen, wenn sie es nicht wollten. Im Westen wiederum stießen Ehefrauen oft auf Widerstand und Hindernisse, wenn sie arbeiten wollten. Vielleicht war das ein entscheidender Punkt, der die Frauen damals über die Mauer hinweg verband. Egal was sie taten, es schien sehr schwierig, dass Frauen etwas wirklich richtig machten.</p>
<h3><strong>Vielfalt der Themen – großes Interesse</strong></h3>
<div id="attachment_7356" style="width: 310px" class="wp-caption alignright"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7356" class="wp-image-7356 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-300x207.jpg" alt="" width="300" height="207" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-200x138.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-300x207.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-400x277.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-600x415.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-768x531.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-800x553.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-1024x708.jpg 1024w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-1200x830.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992-1536x1062.jpg 1536w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Bundesstiftung-Aufarbeitung-Daniel-Biskup-Halle-1992.jpg 1575w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><p id="caption-attachment-7356" class="wp-caption-text">Halle 1992. Die Frage, ob DDR- oder BRD-Recht zur Abtreibung übernommen werden sollte, war im Einigungsprozess strittig. Das Ergebnis ist bekannt. Foto: Daniel Biskup © Bundesstiftung Aufarbeitung.</p></div>
<p>Die Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“ nimmt viele weitere Themen in den Blick, die eine Rolle im Leben der meisten Frauen spielten. Sie widmet sich der sexuellen Selbstbestimmung, Literatur und weiblicher Mode als Ausdruck von Identität. Sie befasst sich mit den unterschiedlichen Konzepten der Kinderbetreuung, mit den Frauenbewegungen in Ost und West und dem Kampf um politische Mitbestimmung. Bis sie schließlich in den Umbruchsjahren der 1990er Jahre ankommt und betrachtet, mit welchen Veränderungen Frauen nach der Wiedervereinigung zu kämpfen hatten. Und mit welchen Nachwirkungen der Teilung wir bis heute leben. Und in diesen Jahren schien sich herauszustellen, dass sich die zwei Staaten nicht ganz so einfach und nicht ganz so schnell zu einem Land mit einem gemeinsamen Bewusstsein vereinen ließen. Es trafen unterschiedliche Überzeugungen, Lebensentwürfe und Vorstellungen aufeinander. Jene Unterschiede, die in den letzten Jahrzenten gelebt wurden, machten sich in der Phase der Annäherung in den 1990er Jahren bemerkbar. Und einige überdauern bis heute.</p>
<p>Denn auch wenn heutzutage die Unterschiede im Leben von Frauen zwischen Osten und Westen sehr klein geworden sind, vor allem unter den Frauen der Generationen, die nach 1989 geboren worden sind – gibt es sie noch. Kleine Differenzen, wie eine höhere Frauenerwerbsquote im Osten Deutschlands oder eine größere Zahl an Kindern, die eine Krippe besuchen. Vor allem aber scheint der Spalt zwischen den neuen und den alten Bundesländern, zwischen Ost und West, in den letzten Jahren wieder deutlicher zu werden. Das Gefühl den anderen nicht richtig zu verstehen und nicht verstanden zu werden. Weil man (und frau) Unterschiedliches erlebt hat, weil man unterschiedlich sozialisiert wurde und anders aufgewachsen ist. Dabei ist es gerade jetzt umso wichtiger, sich auf die Gemeinsamkeiten zu konzentrieren als auf die Unterschiede. Denn die Herausforderungen, vor denen heute alle Frauen in unserer Gesellschaft stehen, die lassen nur gemeinsam angehen. Nach der Bundestagswahl im März ist der Frauenanteil im Bundestag erneut gesunken, auf 32%. Der Anteil von Frauen in Führungspositionen stagniert seit Jahren bei 29%. Noch immer übernehmen Frauen neun Stunden mehr Care-Arbeit in der Woche als ihre männlichen Partner. Von echter Gleichberechtigung sind wir auch fünfzig Jahre nach dem „Internationalen Jahr der Frau“ noch weit entfernt. Aber nicht nur dies. In manchen Ländern gibt es geradezu ein Roll-Back, beispielsweise in den USA oder in der Türkei. Frauenfeindliche und frauenverachtende Sprüche sind selbst im Deutschen Bundestag Alltag geworden. Angriffe auf Frauen reichen von sexualisierter Gewalt (siehe die #Metoo-Debatte) bis hin zu Femiziden. Die <a href="https://www.boell.de/de/2024/11/13/vereint-im-ressentiment-autoritaere-dynamiken-und-rechtsextreme-einstellungen">Leipziger Autoritarismusstudie 2022</a> bezeichnet den Anti-Feminismus als Brückenideologie zum Rechtsextremismus.</p>
<p>Wenn ich eines aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema mitnehmen kann, dann, dass es Sichtbarkeit von weiblichen Erfahrungen braucht. Und Anerkennung von Lebensleistungen von Frauen – aus dem Westen und aus dem Osten. Diese Erfahrungen unterschieden sich oft und manchmal waren sie auch widersprüchlich. Das anzunehmen und auszuhalten, das ist die große Herausforderung. Worauf es ankommt, ist der Versuch zu verstehen, wo mein Gegenüber herkommt und welche Erfahrungen und Sichtweisen sie mitbringt. „Frauen im geteilten Deutschland“ wurde dafür gemacht. Um ins Gespräch zu kommen, um zu diskutieren und um sich zu widersprechen zu dürfen. Immer offen und neugierig und in dem man sich gegenseitig zuhört.</p>
<p>„Frauen im geteilten Deutschland“ ist ein Angebot für die Kultur- und Bildungsarbeit und findet als Poster-Set Verbreitung in ganz Deutschland, im europäischen Ausland, in Nord- und Südamerika. Auch in Australien interessiert man sich für Frauenleben aus Deutschland. Sie wird in Schulen, Volksschulen, Bibliotheken, Ämtern, Ratshäusern, Museen und Auslandsvertretungen gezeigt. Durch die einfache Handhabung findet die Ausstellungen ihren Weg an Orte, an denen man üblicherweise nicht mit gesellschaftspolitischen Themen in Berührung kommen würde. Bis Juli 2025 wurden rund 700 Exemplare der Ausstellung bestellt – Tendenz steigend.</p>
<p><strong>Clara Marz</strong>, Berlin</p>
<p>Die Autorin ist Referentin in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sie hat die Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“ kuratiert. Diese kann über die <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/ausstellungen/frauen-im-geteilten-deutschland">Internetseite der Bundesstiftung Aufarbeitung</a> bestellt werden. Dort sind auch die einzelnen Poster der Ausstellung zu sehen. Zu jedem Poster gibt es ergänzende Informationen.</p>
<p><strong>Zum Weiterlesen im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></strong></p>
<p>Zum Thema siehe im Demokratischen Salon unter anderem den Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-fortschrittliche-ostfrau/">„Die fortschrittliche Ostfrau – Der Mythos und die Wirklichkeit“</a>, in dem das Buch „Frauen in der DDR“ von Anna Kaminsky (Berlin, Ch. Links, 3. Auflage 2020) vorgestellt wird, die Buchbesprechung <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostfrau-in-buchenwald/">„Die ‚Ostfrau‘ in Buchenwald“</a> anlässlich des Buches „Umkämpfte Zone“ von Ines Geipel (Stuttgart, Klett-Cotta, 2019) mit einem Ausblick auf den Roman „Frau Paula Trousseau“ von Christoph Hein (2007) sowie weitere Texte in den Rubriken „Gender“, „Liberale Demokratie“ und „DDR“.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 25. Juli 2025. Titelbild: Titelmotiv der Ausstellung „Frauen im geteilten Deutschland“, Grafik: Thomas Klemm © Bundesstiftung Aufarbeitung)</p>
</div></div></div></div></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Die zensierte Zukunft</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/</link>
					<comments>https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-zensierte-zukunft/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Jul 2025 09:27:21 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Die zensierte Zukunft Ein schwieriges Kapitel der Science Fiction in der DDR „Die Zensur ist eine Einrichtung Utopiens. Sie entspringt dem Wunsch nach Einheitlichkeit und Stabilität, und sie ordnet die Kunst dem Gesamtkunstwerk Staat unter. Ihre Wurzeln gehen bis auf Platon zurück, der in dem Dialog Der Staat Zimbelspieler und Märchendichter vor die Mauern  [...]</p>
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<h1><strong>Die zensierte Zukunft</strong></h1>
<h2><strong>Ein schwieriges Kapitel der Science Fiction in der DDR</strong></h2>
<p><em>„Die Zensur ist eine Einrichtung Utopiens. Sie entspringt dem Wunsch nach Einheitlichkeit und Stabilität, und sie ordnet die Kunst dem Gesamtkunstwerk Staat unter. Ihre Wurzeln gehen bis auf Platon zurück, der in dem Dialog <u>Der Staat</u> Zimbelspieler und Märchendichter vor die Mauern seines Staates verweist, denn den Gründern der Stadt obliege es, ‚das Gepräge zu kennen, das für die Darstellungen der Dichter maßgebend sein muss, wenn sie überhaupt zugelassen sein wollen, selbst aber brauchen sie keine Erzählungen zu dichten.‘“ </em>(<a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139256">Angela</a> &amp; <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139257">Karlheinz Steinmüller</a>, Die befohlene Zukunft, in: <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384">Rückblick auf das lichte Morgen</a> – Essays zu SF und Phantastik in der DDR, Berlin, Memoranda, 2025)</p>
<p>Jeder weiß, dass es in der DDR ein entwickeltes Zensursystem gab. Es betraf die Science Fiction, aber nicht nur die Science Fiction. Interessant ist, dass die Zensur alle Zeithorizonte durchlief. Es gab erstens eine Zensur der Vergangenheit, beispielsweise bezogen auf die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung oder Stalins Terror und das Gulag-System. Über das Gulag-System durfte nicht berichtet werden. Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung hatte sich nach den jeweiligen Machtkonstellationen im Politbüro und dessen Sicht auf die Arbeiterbewegung zu richten. Hinzu kam zweitens eine Zensur der Gegenwart. Diese betraf sämtliche Kritik an der Partei, an der Staatsführung, an dem Repressionsapparat, aber auch an sozialen Problemen und in der Zeit, in der ich das erlebt habe, an Umweltproblemen. Einzelne Autorinnen und Autoren berichteten dennoch über Umweltprobleme und thematisierten diese in ihren Romanen und Erzählungen . Eine verdienstvolle Leistung!</p>
<h3><strong>Klassenauftrag, Perspektivbewusstsein und Parteilichkeit</strong></h3>
<div id="attachment_7317" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=2384"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7317" class="wp-image-7317 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-400x621.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-659x1024.jpg 659w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-768x1193.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-800x1242.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-989x1536.jpg 989w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1200x1864.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front-1319x2048.jpg 1319w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Steinmueller_Rueckblick_Front.jpg 1559w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7317" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Neben der Zensur der Vergangenheit und der Gegenwart gab es drittens auch eine Zensur der Zukunft, die man unter den Begriff des Perspektivbewusstseins bringen kann. Abweichungen vom offiziellen optimistischen Zukunftsbild wurden unterdrückt. Die Autoren hatten sich in gewissem Sinn an diesen positiven Ausblick auf eine kommunistische Zukunft zu halten. Im Prinzip hatte die Science-Fiction-Literatur in der DDR mehrere Funktionen, um ihren <em>„Klassenauftrag“</em> zu erfüllen. Sie hatte zunächst eine Art didaktischer Funktion. Science Fiction sollte durchaus der Wissensvermittlung dienen oder auch der Lernmotivation. Sie sollte auch – vor allem im ökonomischen Interesse der Verlage – eine Unterhaltungsfunktion erfüllen, beispielsweise eine spannende Handlung haben. Im Rahmen der Unterhaltungsfunktion hatte die Science Fiction so wie andere Literatur auch <em>„typische“</em> Charaktere und Situationen darzustellen.</p>
<p>An dem Wort <em>„typisch“</em> hing eine ganze Theorie: Das <em>„Typische“</em> war nicht das Normale, das man ständig auf der Straße antraf, sondern nach der Lehre des sozialistischen Realismus das, was die sozialistische Gesellschaft auszeichnet beziehungsweise auszeichnen sollte. Parteifunktionäre sollten daher ausschließlich positiv dargestellt werden, weil das eben <em>„typisch“</em> für einen Parteisekretär wäre. Parteisekretäre kamen in der Science Fiction nur selten vor, aber auch Wissenschaftler hatten sich in dieses Bild zu fügen. Wissenschaftler, die in den sozialistischen Ländern tätig waren, waren dann eben auch überzeugte sozialistische Persönlichkeiten, vielleicht mit kleinen Schwächen, aber erst einmal positive Gestalten, während man Wissenschaftler, die in den traditionellen kapitalistischen Gesellschaften tätig waren, auch charakterlich deformiert darstellte. Diese Sicht veränderte sich mit der Zeit. Ein Beispiel sind außereheliche Liebesverhältnisse. In den 1950er Jahren waren sie verpönt. Man hatte den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral“ zu folgen, die sehr kleinbürgerlich und puritanisch gestrickt waren. Damals konnte es einem Parteifunktionär zum Verhängnis werden, wenn er ein außereheliches Verhältnis hatte. Die utopischen Betriebsromane der Science Fiction dieser Zeit waren prüde. Aber westliche Agentinnen wurden regelmäßig als verführerische <em>femme fatale</em> dargestellt.</p>
<p>Zur ideologischen Funktion der Science Fiction gehörte insbesondere, dass <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> im Vordergrund zu stehen hatte. <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> bedeutete auch: Die Werke hatten den Maßgaben der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft zu entsprechen. Die Sicht auf Geschichte und Gegenwart hatte sich nach den Lehrbüchern des Marxismus-Leninismus zu richten. Dann galt es als geschichtlich konkret und korrekt. Außerdem hatte Pseudowissenschaft nichts in den Werken zu suchen. Bis auf die letzten Jahre der DDR, in denen sich manches veränderte, gab es in der DDR-Science-Fiction beispielsweise keine parapsychologischen Phänomene. Auch die Psychoanalyse nach Freud war lange verpönt; sie wurde erst in den späten 1970er und in den 1980er Jahren hoffähig. Auch das Wort <em>„Kybernetik“</em> konnte man zunächst nicht verwenden. Dies änderte sich jedoch gegen Ende der 1950er Jahre, als die Kybernetik in der DDR sozusagen rehabilitiert wurde und für kurze Zeit beinahe zu einer Leitwissenschaft aufstieg. Insofern hat der Anspruch der <em>„Wissenschaftlichkeit“</em> der DDR-SF lange Zeit einen engen Rahmen gesetzt, je nach dem, was sich die Partei darunter jeweils vorstellte.</p>
<p>Einen zentralen Punkt in der ideologischen Funktion bildete das sogenannte <em>„Perspektivbewusstsein“. </em>Das hieß erstens, dass man davon überzeugt zu sein und in den Romanen zu vermitteln hatte, dass die Zukunft dem Kommunismus gehört, dass das Jahr 2000 das Jahr des Kommunismus sein würde. Science Fiction hatte die kommunistische Zukunft zu imaginieren. Das war das eine, es hieß aber zweitens, dass man die Gegenwart aus der Perspektive der kommunistischen Zukunft betrachten sollte, somit die Position der Künftigen einnimmt. Aus dieser Sicht sollten die positiven Entwicklungen der sozialistischen Gegenwart herausgestellt werden, allenfalls konnte man schreiben, dass es noch gewisse Relikte bürgerlichen Denkens gab, die jedoch bald überwunden würden.  Das betraf vor allem einige Werke des utopischen Betriebsromans in den 1950er Jahren, die relativ nahe an der Gegenwart spielten. Diese Werke mussten sich dann mit dem Blick auf die Gegenwart dem <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>unterordnen. Oder man schummelte sich ein wenig heraus und hing die gesellschaftlichen Fragen nicht allzu hoch. Es gab immer auch Auswege.</p>
<p>Schließlich kam das Prinzip der <em>„Parteilichkeit“</em> hinzu. Die Autoren hatten <em>„Partei“</em> zu ergreifen. Sie sollten einen Beitrag zum <em>„Friedenskampf“</em> leisten, in ihrer Auseinandersetzung mit dem Imperialismus, dem Militarismus und dem Revanchismus in Westdeutschland.</p>
<h3><strong>Eine Abfolge von Eiszeiten und Tauwettern</strong></h3>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg"><img decoding="async" class="alignright wp-image-7316 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg" alt="" width="300" height="216" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-200x144.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-300x216.jpg 300w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-400x288.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-600x431.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-768x552.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen-800x575.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Entwicklungsetappen.jpg 947w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Vom Ansatz her war die Science Fiction in der DDR erst einmal utopisch. Man nannte sie zunächst auch <em>„utopische Literatur“</em>, man sprach auch vom <em>„utopischen Betriebsroman“</em>. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> hat zumindest keine Dystopie für die Gesamt-Menschheit zugelassen. Insofern steht einerseits die Science Fiction in der DDR wie die DDR-Literatur insgesamt eher auf der Seite der Utopie. Andererseits ist auch immer mehr Realität eingedrungen. Speziell sind in den 1980er Jahren dystopische Elemente eingeflossen, die zeigten, dass es auch in weiterentwickelten Gesellschaften zu Exzessen oder zu Rückfällen kommen kann.</p>
<p>Dezidierte, umfänglich ausgeführte Utopien brachte die DDR-SF jedoch kaum hervor. Neben unserem Roman „Andymon“ könnte ich noch „Weltbesteigung“ von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?219827">Gottfried Meinhold</a> nennen. Aber Meinholds Werk schildert bereits eine Utopie der Überforderung. Es passt gut zu einer Informationsgesellschaft, wo Menschen sich selbst immer höher takten, um einer hochtechnischen utopisch-perfekten Welt gerecht zu werden. Wir normalen Menschen mit unseren langsamen Denkprozessen passen eigentlich in Meinholds Utopia nicht mehr hinein. In den 1980er Jahren mischten sich immer wieder dystopische Elemente in die positiven Zukunftsbilder, sodass sich Ambivalenzen ergaben. <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?149062">Karsten Kruschel</a> hat dies einmal sehr genau beschrieben. Für die DDR-Science-Fiction kann man einen langen Abschied von der Utopie konstatieren. Sie ist aber nie voll dystopisch geworden. Auch der Kampf gegen die amerikanische Science Fiction lief lange unter dem Stichwort, dass das, was dort beschrieben wurde, nicht nur imperialistisch und kapitalistisch, sondern auch dystopisch war: <em>„Das ist nicht die Zukunft, die wir haben wollen!“</em></p>
<p>Im Verlauf der DDR-Geschichte wandelte sich die Kulturpolitik und mit ihr die Zensur immer wieder; das Korsett, das der Literatur vorgegeben wurde, war bald enger, bald weiter. Eiszeiten und Tauwetter wechselten einander ab. Nach Stalins Tod am 5. März 1953 gab es zunächst einige Lockerungen, die aber bereits durch den 17. Juni 1953 in Frage gestellt und durch die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956 unterminiert wurden. Gegen Ende der 1950er Jahre setzte eine ideologische Offensive der Parteiführung ein, in der auch innerhalb der SED bestimmte Kader kaltgestellt wurden und Wissenschaftler wie Ernst Bloch, die ursprünglich noch auf der Parteilinie waren, nach Westdeutschland auswanderten. Die Verlage bekamen damals viel engere Restriktionen. Nachdem die Zensur etwa um 1955 beinahe völlig abgeschafft worden wäre, ist sie gegen Ende der 1950er Jahre wieder verstärkt eingeführt worden, durch Umgruppierung der Behörde und auch dadurch, dass man Verlagsleitungen wieder enger in die Verantwortung genommen hat. Die Prozesse gegen Wolfgang Harich, Walter Janka und andere waren für alle eine Warnung. Es gab wieder eine Eiszeit.</p>
<p>Nach dem Mauerbau hatten viele Funktionäre den Eindruck, jetzt gibt es die Chance, den Sozialismus im eigenen Land aufzubauen, ungestört von diesen westdeutschen Agenten, Saboteuren, Diversanten und anderen, ohne dass uns die Leute davonlaufen. Unter diesen Umständen könnte man in der Literatur und der Kultur insgesamt mehr Freiheiten nutzen. Das war jedoch nur eine kurze Illusion. Ende 1965 zog die Parteiführung mit dem später so genannten <em>„Kahlschlagplenum“</em> die Daumenschrauben wieder an; Verbote zeigten, wie eng die Grenzen gesetzt wurden. Gleichzeitig entwickelte sich in der Tschechoslowakei der <em>„Prager Frühling“</em>; der 1968 durch die sowjetische Invasion auf brutale Weise zerschlagen wurde. Die DDR-Führung fühlte sich in ihrem Kurs eines verschärften ideologischen <em>„Klassenkampfes“</em> bestätigt.</p>
<p>Die nächsten Hoffnungen kamen mit dem Wechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker im Mai 1971. Erich Honecker sagte damals, man kenne <em>„keine Tabus“</em>, Literatur und Kunst sollten sich frei entwickeln können. Interessanterweise erlebte die DDR-SF genau jetzt einen Entwicklungsschub. Insbesondere blühte die kurze Form auf: viel mehr Erzählungen wurden geschrieben, publiziert und verbreitet als zuvor. Das ging gut bis zur Biermann-Affäre im Jahr 1976. Literatur rückte wieder stärker in das Augenmerk der Funktionäre. Viele Autorinnen und Autoren wanderten aus oder sie mussten sich ein Stück zurücknehmen, wenn sie in der DDR bleiben wollten.</p>
<p>In den 1980er Jahren wurde das Zensursystem nicht abgeschafft, aber es zerfiel. Es operierte willkürlicher und es wurde nicht mehr so rigide durchgegriffen. Wir konnten uns viel mehr erlauben. In den 1950er Jahren landete man für einen Witz noch im Gefängnis. Es gab Fälle, dass Science-Fiction-Fans, die sich Bücher aus dem Westen hatten mitbringen lassen, wegen des Besitzes und der Verbreitung von <em>„staatsfeindlichem Schrifttum“</em> verurteilt wurden. Das wäre in den 1980er Jahren nicht mehr möglich gewesen. Die Atmosphäre war viel offener geworden. Das Schlimmste, was uns, Angela und mir, damals hätte geschehen können, war, dass wir in den Westen abgeschoben worden wären. Viel mehr konnte uns eigentlich nicht passieren. Gegen Ende der DDR haben Schriftsteller immer mehr gegen Zensur und allgemein gegen staatliche Bevormundung opponiert. Die Zensur kam auf Schriftstellerkongressen immer wieder zur Sprache, beispielsweise 1987 in einer Rede von Christoph Hein.</p>
<p>Offiziell wurde die Zensur zum 1. Januar 1989 abgeschafft. Man hat den Verlagen die Abschaffung mitgeteilt, aber paradoxerweise hat der Chefideologe im Politbüro, Kurt Hager,  zugleich die Bedingung gestellt, dass niemand von der Abschaffung der Zensur erfahren dürfe, denn offiziell habe es ja gar keine Zensur gegeben, sondern nur einen Genehmigungsprozess. Die Verlage haben sich nicht unbedingt darüber gefreut, denn sie waren jetzt selbst in vollem Umfang verantwortlich für das, was sie veröffentlichten, völlig auf sich selbst gestellt. Es war die typische sozialistische Delegation der Verantwortung an andere Stellen. Niemand wusste, welche Risiken er mit einer Veröffentlichung einging.</p>
<h3><strong>Die Instanzen der Zensur </strong></h3>
<p>Als Autor in der DDR wusste man, dass jedes Manuskript durch verschiedene Instanzen ging. Die erste und schlimmste Instanz war bei manchen Autoren die Selbstzensur. Man wusste, was man schreiben durfte, welche Wörter, welche Perspektiven tabuisiert waren. Je nachdem, welche Erfahrungen man bereits gemacht hatte und wieviel Mut oder Hartnäckigkeit man aufbrachte, hat man sich an die Vorgaben gehalten oder versucht, sie zu unterlaufen. Es war die berühmte Schere im Kopf.</p>
<div id="attachment_7318" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-7318" class="wp-image-7318 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-193x300.jpg 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-200x311.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-400x622.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda-600x932.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/07/Hans-Frey-Vision-und-Verfall-Memoranda.jpg 659w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-7318" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Die zweite Instanz war der Verlag. Als Autor hatte man es dort zunächst mit einem Lektor zu tun. Die Manuskripte wurden gut betreut. Hans Frey hat in <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1914">„Vision und Verfall – Deutsche Science Fiction in der DDR“</a> (Berlin, Memoranda) von dem <em>„gepflegten Mischwald der DDR-Science-Fiction“ </em>geschrieben. Der Verlag übernahm so etwas wie eine staatliche Pflege dieses Mischwaldes. Der Lektor hat darauf geachtet, was der Autor schreibt. Gibt es vielleicht problematische Stellen? Im Verlag gab es dann noch den Cheflektor, den Verlagsleiter und meistens noch eine Parteigruppe &#8211; eine Hierarchie der Verantwortlichkeiten.</p>
<p>Zum Teil wurden die Verantwortlichkeiten wieder delegiert, vor allem bei „kitzligen“ Texten. Im Verlag wurde zu jedem Manuskript ein Gutachten erstellt und begründet, dass und warum das Buch gedruckt werden sollte. Zusätzlich hat man Außengutachter einbezogen, oft Literaturwissenschaftler, mitunter aber auch Akteure aus der Kulturpolitik. Sie waren insbesondere dann notwendig, wenn der Verlag für ein Buch, das nicht ganz unheikel war, von außen Argumente und Rückendeckung finden wollte. Mit beiden Gutachten wurde dann das Manuskript an die nächste Instanz, die eigentliche Zensurbehörde, weitergeleitet, die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel. Dort saßen Mitarbeiter, die verantwortlich waren, ihr Placet für das Buch zu erteilen. Ohne das Imprimatur der HV – wie wir sagten – ist kein Buch gedruckt worden.</p>
<p>In einigen speziellen Fällen (nicht in der Science Fiction) gab es sogar noch nach Druckbeginn oder Auslieferung Einwände und das Buch wurde wieder zurückgezogen. Gegen alle kulturpolitischen Wechselfälle sicherten sich die Verlage vertraglich ab. In den Verträgen war stets ein Passus enthalten, dass das Buch nicht fertiggedruckt und veröffentlicht werden müsste, wenn es <em>„in der Zwischenzeit seine gesellschaftliche Wirkung verloren“</em> hätte.</p>
<p>Das war ein Gummiparagraf, der meist dann angewandt wurde, wenn der Autor in Ungnade fiel. Gelegentlich schauten sich auch unabhängig vom offiziellen Instanzenweg andere Personen ein Manuskript an. In den 1950er Jahren war – dem Vernehmen nach – das Schlimmste, was einem Buch passieren konnte, dass Lotte Ulbricht es vorab in die Hände bekam.</p>
<p>Wir selbst haben dergleichen bei der Science Fiction nicht erlebt, aber uns haben Krimiautoren berichtet, dass natürlich die Volkspolizei die Manuskripte daraufhin ansah, ob das Verhalten der Volkspolizisten im Roman auch den Dienstvorschriften entsprach. Man kann sich vorstellen, dass viele Tatort-Filme nicht mehr gezeigt werden könnten, wenn solche Maßnahmen angewandt würden.</p>
<p>Zwei Beispiele: Einer unserer Kollegen hatte einen Krimi geschrieben gegen den der Generalstaatsanwalt der DDR Einspruch einlegte. Denn in dem Krimi trat ein Generalstaatsanwalt auf, aber das war nicht er! Da es aber in der DDR nur einen Generalstaatsanwalt gab, musste das Buch überarbeitet werden. Gegenwartsautoren, die Romane über das Arbeitsleben, <em>„Produktionsromane“,</em> schrieben, hatten mitunter Probleme mit dem sozialistischen Kombinat, dem VEB, in dem der Roman spielte. Die Werksleitung opponierte und kritisierte, dass die Verhältnisse im Betrieb nicht korrekt dargestellt seien. Also musste der Autor das Manuskript anpassen oder den Handlungsort verlegen.</p>
<p>Bei all diesen Einflüssen und Befindlichkeiten hing es letztlich doch von den Menschen ab, von denen, die Einspruch erhoben, oder die wohlwollend auch Bedenkliches abnickten. Verlagsmitarbeiter erkannten bisweilen die ein oder andere <em>„kitzlige“</em> Stelle, aber sie sagten sich: Wir sind ja zurzeit in einer Phase, in der es etwas lockerer wird, also probieren wir es einmal. Dagegen standen immer wieder Beckmesser, die Freiräume rechthaberisch oder aus Angst einschränkten. Und es gab in allen Instanzen und Institutionen immer wieder engagierte Menschen, die versuchten, die Freiräume auszuweiten.</p>
<p>In den 1970er Jahren fragte beispielsweise ein Mitarbeiter der Hauptverwaltung einen Verlag, warum man nicht endlich „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley druckte, das sei doch nicht antisozialistisch, sondern eher antikapitalistisch. Auch „1984“ von George Orwell wäre am Ende beinahe veröffentlicht worden. <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/wie-george-orwells-1984-fast-in-der-ddr-erschienen-waere/">Wolfgang Both hat diesen denkwürdigen Vorgang ausführlich erforscht, dokumentiert und beschrieben</a>.</p>
<h3><strong>Spielräume für das Unmögliche</strong></h3>
<p>Man kann die Geschichte der Zensur in der Science Fiction als kleine Erfolgsgeschichte der subjektiven Ausweitung der Spielräume für Imagination und Fantasie darstellen. Während in den 1950er Jahren eigentlich nur der sozialistische Betriebsroman möglich war, kam dann die Weltraumthematik auf, wobei auf die korrekte Zusammensetzung der Raumschiffbesatzungen geachtet werden musste. Der Raumschiffkommandant hatte aus der Sowjetunion zu kommen.</p>
<p>In den 1970er Jahren schlichen sich dann erste wissenschaftskritische und technikkritische Ideen ein. In den 1980er Jahren durfte die Science Fiction auch schon einmal Umweltprobleme kritisieren oder gesellschaftliche Überwachung ansprechen. Die DDR-SF wurde nicht nur vielfältiger, kreativ-kritische Sichtweisen nahmen zu. Angela und ich hatten das Glück, dass wir in den 1980er Jahren geschrieben haben, in denen viel mehr möglich war. Wir wurden allerdings auch mit der Zensur konfrontiert. Unser Lektor sagte mitunter: <em>„Das geht nicht“</em>. Das war so eine Floskel, die bedeutete, dass irgendwelche Instanzen etwas dagegen haben könnten. Es war objektivierter Zwang.</p>
<div id="attachment_3235" style="width: 203px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-3235" class="wp-image-3235 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp" alt="" width="193" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-193x300.webp 193w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon-200x310.webp 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2023/05/steinmueller_andymon.webp 348w" sizes="(max-width: 193px) 100vw, 193px" /></a><p id="caption-attachment-3235" class="wp-caption-text">Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Wir haben in unserem Roman <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=265">„Andymon“</a> darüber spekuliert, dass sich die Menschheit auf der Erde selbst ihr Grab geschaufelt haben könnte, durch Umweltzerstörung, einen Atomkrieg oder wodurch auch immer. <em>„Das geht nicht“</em>, sagte unser Lektor. Das widerspräche der sozialistischen Perspektive der Menschheit. Insofern waren wir gezwungen, etwas an dem Buch zu ändern. Wir haben einen einzigen Satz ergänzt. Wir haben eingefügt, dass eine Menschheit, die so wunderbare Raumschiffe gebaut hat, eigentlich ihre gröbsten Probleme überwunden haben müsste. Ein einziger Satz hat genügt, um das Werk Anfang der 1980er Jahre möglich zu machen. Wir haben es uns aber nicht verkneifen können, unseren Helden einige Absätze weiter sagen zu lassen, dass ihm noch nie jemand ein solches Bekenntnis abgerungen habe. Wir haben werksintern die Kritik an der durch die Zensur erzwungene Formulierung eingebaut. Allerdings, das muss ich gestehen, recht unauffällig. Unser Lektor sagte nachher, der eine Satz, den wir eingefügt hätten, habe das Buch <em>„gerettet“</em>.</p>
<p>Ähnliches haben wir bei der Biographie erlebt, die wir über Charles Darwin geschrieben haben. Dort hatten wir auch geschildert, wie sich Darwins Lehre in verschiedenen Ländern weiterentwickelt hat. Wir haben formuliert, dass in der Sowjetunion der <em>„wissenschaftliche Scharlatan Lyssenko“</em> die Entwicklung der Biologie aufgehalten habe, weil er sich gegen die Genetik aussprach. Unser Lektor wollte das streichen. Schließlich habe Lyssenko den Stalinpreis bekommen. Wir haben geantwortet, wir hätten eigentlich schreiben müssen <em>„der Mörder Lyssenko“</em>, denn er hat veranlasst, dass Kollegen von ihm in den Gulag geschickt und umgebracht wurden. Wir hätten ihn lediglich einen <em>„wissenschaftlichen Scharlatan“</em> genannt und wollten unbedingt, dass diese Formulierung nicht gestrichen wird. Wir haben den Lektor überzeugen können. Er hat die Streichung ausradiert. Irgendwann bekamen wir den Umbruch und die Wörter fehlten. Wir haben den Lektor sofort angerufen und beschimpft, doch er war nicht verantwortlich. Es war der Setzer: In der Druckerei hatte ein <em>„klassenbewusster“</em> und wachsamer Mitarbeiter die Schlussfolgerung gezogen, dass das Ausradieren der Streichung besser zu übersehen sei. Wir haben uns letztlich durchgesetzt.</p>
<p>Man konnte also durchaus einen Kampf gegen bestimmte Arten von Zensur führen. Man brauchte dazu meist Verbündete. Das konnte durchaus der Lektor sein, jemand in der Hauptverwaltung oder auch jemand im Schriftstellerverband. Gerade der Schriftstellerverband hat sich bisweilen dafür eingesetzt, dass ein bestimmtes Buch gedruckt werden konnte. Beispielsweise hatte der Hinstorff Verlag, Rostock, mehrere Jahre lang das Manuskript einer Anthologie <a href="https://www.aufbau-verlage.de/die-andere-bibliothek/blitz-aus-heiterm-himmel/978-3-8477-0484-3">„Blitz aus heiterem Himmel“</a> liegen, in der es um Geschlechtertausch ging. Vor allem Frauen hatten Geschichten über Männer- und Frauenbilder und über das, was heute gender swap heißt, geschrieben. Der Verlag bekam kalte Füße, spielte auf Zeit. Die Autoren und Autorinnen haben mit Hilfe des Schriftstellerverbandes prozessiert und das Buch durchgesetzt.</p>
<p>Es gab immer Möglichkeiten, aber man musste sehr genau die Umstände kennen und ausnutzen, um das Mögliche möglich zu machen. Das <em>„Perspektivbewusstsein“</em> war lange ein entscheidendes Kriterium. Rezensenten fragten gern: Das soll unsere Zukunft sein? Ein befreundeter Lektor, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?186528">Ekkehard Redlin</a>, hat uns von einem Erlebnis mit dieser nur allmählich überwundenen Sicht auf die SF berichtet. Er hatte ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?191706">Heiner Rank</a> herausgebracht: „Die Ohnmacht der Allmächtigen“. Der Roman schildert eine Art Konsumgesellschaft, die von Künstlichen Intelligenzen beherrscht wird, während die Menschen ihre Fähigkeit zu eigenständiger Selbstverwirklichung verloren haben. Das Buch ist 1973 erschienen und fand großen Anklang. Der Lektor wurde bei einem Besuch bei Kulturfunktionären mit der Frage konfrontiert, wie man nur einen so verstörenden Roman herausbringen könne! Er sagte, er habe ihn herausgebracht. Und musste den fast schon klassischen Anwurf hören<em>: „Und das soll unsere Zukunft sein?“</em></p>
<p>Diese Anekdote drückt auch einen Umschwung aus. Man hat relativ lange in den 1950er und den 1960er Jahren Science Fiction als Literatur über die Zukunft verstanden. Zu Beginn der 1970er Jahren begann man sich davon zu lösen. Der Lektor, der das Buch von Heiner Rank herausgebracht hat, hat damals einen Essay mit dem Titel „Entpflichtung im Nirgendwo“ verfasst. Science-Fiction-Literatur, so Redlin, soll aus der Pflicht genommen werden, sie soll frei spekulieren dürfen, fiktive Welten entwickeln, mit Fantasie spielen können und nicht dem engen Diktat der Kulturpolitik unterworfen werden, natürlich innerhalb bestimmter Grenzen; antikommunistische oder ähnliche Ansichten dürfe sie natürlich nicht verbreiten, sie sollte aber einen bestimmten Freiheitspielraum erhalten. Die Kollegen aus diesem Verlag – es war der Verlag „Das Neue Berlin“ – haben sich mitunter deshalb mit den Kollegen in der Hauptverwaltung auseinandersetzen müssen. Bei zwei Büchern, <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?172658">Wolfgang Kellners</a> Roman „Der Rückfall“ und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?162643">Michael Szameits</a> „Alarm im Tunnel Transterra“ hatte die Hauptverwaltung ernsthafte Bedenken. Die in den Büchern geschilderten Verhaltensweisen entsprächen so gar nicht <em>„unserem“</em> Zukunftsbild. Doch die Kollegen vom Verlag ließen sich nicht überzeugen und konnten die Bücher schließlich publizieren. Sie haben es geschafft, die Hürde der Zensur zu überwinden. Auch das war möglich.</p>
<p>Oft machte sich die Kritik an einzelnen bedenklichen Stellen fest, bei Wolfgang Kellner etwa, weil die Hauptperson an ein Automobil ein Hirschgeweih montierte. Das war ein Rückfall in alte Verhaltensweisen und für die Hauptverwaltung eine bedenkliche Stelle. Gutachter konnten hier durchaus einen großen Einfluss haben, wenn sie die betreffenden Stellen beispielsweise in den Gesamtzusammenhang einordneten und darauf verwiesen, dass diese Stelle als Kontrast zum Gesamtbild gebraucht würde, das damit deutlicher würde. In manchen Fällen sprach sich aber auch ein Gutachter gegen die Publikation aus oder forderte weitgehende Änderungen.</p>
<p>Ich bin selbst einige Male eingeladen worden, ein Gutachten zu verfassen. Ich lernte also beide Seiten kennen: die des Autors und die des Gutachters, der Stellung zu Werken von anderen nimmt. Mein Hauptgedanke war stets, die Veröffentlichung möglich zu machen. Es ging beispielsweise um ein Buch von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?81">Olaf Stapledon</a>, das in der DDR in deutscher Übersetzung erscheinen sollte. Ich habe in meinem Gutachten herausgestrichen, dass Olaf Stapledon humanistische Positionen vertritt und als Lektor an einer Abendschule gute Verbindungen zur Arbeiterklasse hatte. Ich musste allerdings auch aufpassen, dass ich es als Gutachter mit den positiven Äußerungen nicht übertrieb und unglaubwürdig wurde oder bei einem vielleicht als zwielichtig geltenden Autor selbst ins Zwielicht geriet. Ich musste im Rahmen der vorgegebenen Möglichkeiten und im Rahmen der eingeschliffenen Terminologie begutachten. Es war oft eine Gratwanderung. Andere haben es ähnlich gemacht, und wir haben so auch Bücher auf ihren Weg geholfen, die vielleicht auf den ersten Blick von manchen abgelehnt worden wären. Es war ein beständiger Kampf darum, wie man Bücher durchbekommt und was überhaupt nicht geht.</p>
<h3><strong>Der äußere und der innere Auftrag</strong></h3>
<p><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139255">Günter</a> und <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?139254">Johanna Braun</a> haben sehr intensiv die Frage der Selbstzensur thematisiert. Im Schriftstellerverband gab es dazu in den 1960er und den 1970er Jahren Debatten um den „inneren“ und den „äußeren Auftrag“. Der Autor hat den unbedingten inneren Auftrag, ein bestimmtes Buch, dessen Thema ihn bewegt, schreiben zu müssen. Außerdem wird an den Autor der äußere, „gesellschaftliche“ Auftrag herangetragen, mit dem Buch zum Aufbau des Sozialismus beizutragen. Die Kulturfunktionäre haben argumentiert, dass sich Autoren den äußeren Auftrag aneignen und zu ihrem inneren Auftrag machen sollten. Dann ginge alles gut und es entstünden auch die richtigen Bücher.</p>
<p>Die Brauns haben sich gegen dieses Ansinnen positioniert. Sie haben das in <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?10982">Franz Rottensteiners</a> <a href="https://verlag-lindenstruth.de/?page_id=348">Quarber Merkur</a> getan, also in einer Publikation im Westen. Ihr Fazit war, dass jemand, der sich selbst in Übereinstimmung bringt, sich selbst als Autor abtötet. Das war eine Erfahrung, die man auch aus der Geschichte der DDR-Literatur und – im Fall der Brauns – auch aus der Geschichte der Science Fiction in der DDR ziehen konnte.</p>
<p>Als Fazit kann man festhalten, dass die Praxis der Druckgenehmigung den Kontrollanspruch des Staates und damit auch der Sozialistischen Einheitspartei ausgedrückt hat. Der Genehmigungsprozess über die Hauptverwaltung jedoch, gegebenenfalls mit inhaltlichen Auflagen oder mit der Aufforderung, das Buch möglicherweise neu zu schreiben, war nur ein Teil des Weges von der Idee des Autors zum Buch. Dieser Weg lief in der DDR unter der Rubrik <em>„Literaturentwicklungsprozesse“</em>, ein Unterfangen, bei dem der Autor nur eine Rolle hatte und andere Akteure in diesen Prozess hineinkamen.</p>
<p>Die Science Fiction als solche hatte keinen besonderen Freiraum. Sie wurde nicht als spinnerte Literatur behandelt, die man nicht besonders hätte beachten müssen. Wie bei jedem anderen literarischen Werk wurde geprüft, ob da irgendwo falsche Ideologie, Relikte falschen bürgerlichen Bewusstseins, nicht genügend <em>„Perspektivbewusstsein“ </em>zu finden wären. Die SF wurde immer auf entsprechende Stellen hin durchleuchtet, in den 1980er Jahren aber schon viel weniger. Ein Freund von uns hat einmal eine Anthologie mit dem Titel „Jedes Buch ein Abenteuer“ veröffentlicht. Genau so war es.</p>
<p>Dadurch, dass so viele Akteure an den <em>„Literaturentwicklungsprozessen“ </em>beteiligt waren, wurde die eigentlich plangemäße Buchproduktion zu einem chaotischen Vorgang und zu einem Abenteuer mit nicht voraussehbaren Verzögerungen und Wendungen, etwa mit dem plötzlichen Vorziehen von anderen Titeln. Auch für die Verlage war es mit den Büchern immer eine Fahrt ins Ungewisse. Auf allen Ebenen konnte man Akteure beobachten, die versucht haben, mutig die Spielräume im Sinne dessen, was sie selbst als Freiheit begriffen hatten, in der Literatur auszuweiten, und andere, die sich strikt an irgendwelche Vorgaben gehalten haben, die mit bürokratischen Augen auf die Literatur geschaut haben. Von Dekade zu Dekade wurde in der DDR mehr möglich. Duckmäusertum, Beckmesserei und vorauseilender Gehorsam standen immer gegen Eigensinn bis hin zu Sturheit bei den Autoren sowie Mut und wahrgenommene Verantwortung bei Lektoren, Gutachtern und manchen Akteuren selbst in der Hauptverwaltung.</p>
<p><strong>Karlheinz Steinmüller</strong>, Berlin</p>
<h3><strong>Zum Weiterlesen</strong>:</h3>
<p>Die Romane und Essaybände von Angela &amp; Karlheinz Steinmüller sind <a href="https://www.memoranda.eu/?page_id=1336">im Memoranda-Verlag</a> erhältlich.</p>
<p>Karlheinz Steinmüller im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon:</span></p>
<ul>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-optimistische-skeptiker/">Der optimistische Skeptiker</a>, Juni 2023.</li>
<li><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/utopische-literatur-made-in-gdr/">Utopische Literatur Made in GDR</a>, Mai 2023.</li>
</ul>
<p>(Anmerkungen: Der Essay beruht auf einem Vortrag, den Karlheinz Steinmüller am 10. April 2025 unter dem Titel „Die befohlene Zukunft“ in der <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/start">Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur</a> gehalten hat. Anlass war eine Ergänzung von mehreren Tafeln zur Wanderausstellung <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/literaturland-ddr/">„Leseland DDR“</a> der Stiftung. Erstveröffentlichung als Essay im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> im Juli 2025, Internetzugriffe zuletzt am 14. Juli 2025. Das Titelbild wurde von Thomas Franke zur Verfügung gestellt, der eine große Zahl von Science-Fiction-Literatur illustriert hat. Es zeigt einen Ausschnitt aus der von Thomas Franke illustrierten Neuausgabe von Arno Schmidts „Die Gelehrtenrepublik“. Die Rechte für dieses Bild liegen beim Illustrator. Siehe hierzu auch das im Demokratischen <span style="color: #678f20;">Salon</span> erschienene Interview mit dem Titel <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">„Parallele Welten – Synergetisch gebrochen“</a>.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Literarische Zukunftsvisionen unter dem Kommunismus</title>
		<link>https://demokratischer-salon.de/beitrag/literarische-zukunftsvisionen-unter-dem-kommunismus/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Jun 2025 13:38:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Literarische Zukunftsvisionen unter dem Kommunismus Science Fiction zwischen Utopie und Kritik in Sowjetunion und DDR „Sehen und nicht verstehen ist dasselbe wie sich etwas ausdenken. Ich lebe, sehe und verstehe nichts. Ich lebe in einer Welt, die sich jemand ausgedacht hat, ohne sich die Mühe zu machen, sie mir zu erklären – oder sie  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-9 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-8 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-10" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Literarische Zukunftsvisionen unter dem Kommunismus</strong></h1>
<h2><strong>Science Fiction zwischen Utopie und Kritik in Sowjetunion und DDR</strong></h2>
<p><em>„Sehen und nicht verstehen ist dasselbe wie sich etwas ausdenken. Ich lebe, sehe und verstehe nichts. Ich lebe in einer Welt, die sich jemand ausgedacht hat, ohne sich die Mühe zu machen, sie mir zu erklären – oder sie sich selbst zu erklären (…). Es ist der Wunsch zu verstehen, dachte Pfeffer plötzlich. Das ist es, woran ich so leide: an der Sehnsucht zu verstehen.“ </em>(Arkadi und Boris Strugazki, <a href="https://www.penguin.de/buecher/arkadi-strugatzki-die-schnecke-am-hang/taschenbuch/9783453319622">Die Schnecke am Hang </a>, München, Heyne, 2019):</p>
<p>Wenn wir an sowjetische Science-Fiction (SF) denken, sind <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/yefremov_ivan">Iwan Jefremow</a> (1908–1972), <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/strugatski_arkady">Arkadi</a> (1925–1991) und <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/strugatski_arkady">Boris Strugazki</a> (1933–2012) wahrscheinlich die ersten Autoren, die uns einfallen. Sie sind die bekanntesten Schriftsteller der russisch-sowjetischen Science Fiction, die vor allem mit Raumfahrt-Geschichten assoziiert wird. Der Wettlauf ins All hatte nämlich einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Genres. Trotzdem ist sowjetische Science Fiction nicht nur die Darstellung von Optimismus und Legitimation des Fortschritts. Sie ist mehr. Ich versuche hier einen Überblick über ihre Geschichte zu geben, um die Vielfältigkeit des Genres, die Relevanz des Beitrags der Frauen und den engen Zusammenhang mit der DDR-SF zu zeigen.</p>
<h3><strong>Kleine Geschichte der sowjetischen Science Fiction</strong></h3>
<div id="attachment_6212" style="width: 191px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/pl.cgi?356258"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6212" class="wp-image-6212 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Strugatzki_Schnecke-181x300.jpg" alt="" width="181" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Strugatzki_Schnecke-181x300.jpg 181w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Strugatzki_Schnecke-200x332.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Strugatzki_Schnecke.jpg 261w" sizes="(max-width: 181px) 100vw, 181px" /></a><p id="caption-attachment-6212" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über Autor, Buch und verschiedene Ausgaben des Buches finden Sie mit einem Klick auf das Bild in der Internet Speculative Fiction Database.</p></div>
<p>Die Wurzeln der sowjetischen SF liegen im Bewusstsein von der Modernität (<a href="https://www.google.cz/books/edition/We_Modern_People/o2lUFkuCd6QC?hl=it">Anindita Banerjee, We Modern People – Science Fiction and the Making of Russian Modernity, 2012</a>) und im Utopismus (<a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9781618117243-002/html">Darko Suvin, The Utopian Tradition of Russian Science Fiction in: Russian Science Fiction Literature and Cinema – A Critical Reader, hg. von A. Banerjee, 2008</a>). Das Bewusstsein der Moderne und des menschlichen Potenzials entwickelte sich unter dem Einfluss der philosophischen Theorien <a href="https://iep.utm.edu/fedorov/">Nikolai Fjodorows</a> (1829–1903). Laut Fjodorow ist der Mensch aktiver Teil des Fortschritts. Durch ihren Intellekt, also durch Wissenschaft und Technik, kann die Menschheit unsterblich werden. Dieser Elan im Wissenschaftsglauben und im Kosmos (<a href="https://www.google.cz/books/edition/De_la_Science_fiction_sovi%C3%A9tique/rU1YUZqfN7MC?hl=it&amp;gbpv=0">Leonid Heller, De la Science-fiction soviétique. Par delà le dogme, un univers, 1979</a>) wurde in den 1970er Jahren mit dem Begriff <em>„Kosmismus”</em> definiert. In der Tat wurde <a href="https://www.tsiolkovsky.org/en/biography/">Konstantin Ziolkowski</a> (1857–1935), der Vater der Kosmonautik, sehr stark von Fjodorows Werk beeinflusst. Aufgrund ihres religiösen und okkulten Charakters waren die kosmistischen Theorien von den Sozialisten bis in die 1980er Jahre jedoch nicht gut angesehen. Immerhin prägte Fjodorows prometheisches Bild der Menschheit stark die SF-Literatur.</p>
<p>Bereits vor der Revolution spielte der Utopismus eine zentrale Rolle in der russischen Literatur. Der Utopismus der Slawophilen, die zu den Werten des bäuerlichen und patriarchalischen Russland zurückkehren wollten, der Sozialisten und der Populisten, die für die Emanzipation der Bauern kämpften, prägte die klassische Literatur des 19. Jahrhunderts. Laut Leonid Heller begann die russische SF mit dem Grotesken, dessen berühmtester Vertreter <a href="https://www.britannica.com/biography/Nikolay-Gogol">Nikolaj Gogol</a> (1809-1852) war. Das kritische Potenzial der SF (<a href="https://www.jstor.org/stable/4239917?seq=1">Rafail Nudelman, Soviet Science Fiction and the Ideology of Soviet Society, in: Science Fiction Studies, 1989</a>) manifestiert sich nämlich durch die Beschreibung der Absurdität der Realität, der eine ideale Welt gegenübergestellt wird. Das Absurde und das Unheimliche stehen im Mittelpunkt des Werks Gogols. In der sowjetischen Kritik wurde hingegen meistens <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/odoevsky_vladimir">Wladimir Odojewskis</a> (1803-1869) fragmentarische Zukunfts-Utopie<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/The_Year_4338:_Petersburg_Letters"> „Das Jahr 4338“</a> (1835) als Anfang des Genres bezeichnet. Moralische und physische Stärke des idealen Menschen charakterisieren den revolutionären Utopismus von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nikolai_Gawrilowitsch_Tschernyschewski">Nikolaj Tschernyschewski</a> (1828–1899). Er ist für seinen Roman <a href="https://www.literaturportal-bayern.de/themen?task=lpbtheme.default&amp;id=762">„Was tun?“</a> (1863) bekannt, der von <a href="https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9781618117243-002/html">Darko Suvin</a> als <em>„utopia of libertarian socialism“</em> definiert wird (und später auch von Lenin als Titel seiner programmatischen Schrift übernommen wurde). Seine metaphysische Utopie eines <em>„schönen Menschen“</em> findet sich dann später im Ideal des neuen sowjetischen Menschen wieder. Die sowjetischen Prinzipien und Modelle haben somit verschiedene utopische Vorläufer. Die Schaffung eines neuen Menschen, der sich durch eine ideale Maskulinität sowie Engagement für die Arbeit auszeichnen sollte, war ein Ziel des sowjetischen Projekts. Dabei bekam er gerade in der Stalinzeit bis Anfang der 1950er Jahre stark typisierte Züge, die wenige individuelle Eigenschaften aufwiesen. Die Utopie des neuen Menschen und der neuen sozialistischen Welt wurde Teil der sowjetischen Literatur, als die SF zunächst im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, seit der Tauwetterzeit auch jenseits davon als <em>„seriöses“</em> literarisches Genre anerkannt und definiert wurde – so <a href="https://www.unil.ch/lettres/fr/home/menuinst/faculte/enseignant-e-s-et-chercheur-euse-s/professeures-honoraires/leonid-heller.html">Leonid Heller</a>. Erst ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre begannen sich SF-Autor:innen vom Utopismus zu entfernen. Laut Leonid Heller hieß das auch, dass sich das Genre zu diesem Zeitpunkt allmählich von den sozialistischen Idealen und deren Ideologie verabschiedete.</p>
<p>Bevor ich die Wandlung der SF in den 1960er Jahren beschreibe, möchte ich zunächst die Frage nach ihrer Entstehung beantworten. Die SF ist im Allgemeinen ein Genre, das Elemente mehrerer Gattungen enthält. Dazu gehören neben den genannten fantastischen und utopischen Anfängen groteske Erzählungen, Abenteuerromane, Krimimalromane oder Schauerromane. Aus diesem Grund ist es auch schwierig, den Anfang der russischen und dann sowjetischen SF zu datieren, wie <a href="https://complit.cornell.edu/anindita-banerjee">Anindita Banerjee</a> hervorhebt.</p>
<p>Anfang des 20. Jahrhunderts vor dem Ersten Weltkrieg wurden diese Textsorten häufig unter dem Genre des <a href="https://www.jstor.org/stable/4208542?seq=1">Pinkertons</a> gruppiert, worunter man populäre Literatur für ein großes Publikum verstand, in der Verbrechen, Kriminalgeschichten und spannungsreiche Action eine große Rolle spielten. SF entstand genau aus einer Mischung von populärer Literatur und Wissenschaft (Leonid Heller). Vor der Revolution wurden Texte wie <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Der_rote_Stern">„Der Rote Stern“</a> (1908) von <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/bogdanov_alexander">Alexander Bogdanow</a> (1873–1928) veröffentlicht, die in diese Richtung gingen. In diesem Fall handelte es sich um eine sozialistische Utopie auf dem Mars, wobei der Autor zusammen mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Waleri_Jakowlewitsch_Brjussow">Waleri Brjussow</a> (1873–1924) von der Literaturkritik (zum Beispiel.von Anatoli Britikow) als wichtiger Vorläufer der sowjetischen SF-Literatur betrachtet wird.</p>
<p>Der erste russische Autor, der sich ausschließlich mit SF beschäftigte, war <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/beliaev_alexander">Alexander Beljajew</a> (1884–1942). Er war auch der Erste, der den Begriff „<em>nautschnaja fantastika“</em> benutzte, nachdem <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/zamiatin_yevgeny">Jewgeni Samjatin</a> (1884–1937) ihn zuvor schon versucht hatte zu konzeptualisieren, was seinerzeit aber kaum beachtet wurde (<a href="https://www.cambridge.org/core/journals/slavic-review/article/how-nauchnaia-fantastika-was-made-the-debates-about-the-genre-of-science-fiction-from-nep-to-high-stalinism/E30EE4A139EFFB8A649C4A1412FE62F0">Matthias Schwartz, How <em>Nauchnaia Fantastika</em> Was Made: The Debates about the Genre of Science Fiction from NEP to High Stalinism“, in: The Slavic Review, 2017</a>). Die deutsche Übersetzung dieses Begriffs wäre auf Deutsch <em>„wissenschaftliche Phantastik“</em>.</p>
<p>Dieser Ausdruck, der seit den 1950er Jahren auch für die SF der DDR verwendet wurde, unterscheidet sich von westlicher <em>„Science Fiction“</em>, ein Begriff, der ebenfalls in den 1920er Jahren von <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/gernsback_hugo">Hugo Gernsback</a> (1884-1967) erstmals benutzt wurde. Der Begriff <em>„nautschnaja fantastika“</em> fokussiert sich stärker auf den wissenschaftlichen Charakter fantastischer Texte. Außerdem ist die Entwicklung der sowjetischen SF sehr unterschiedlich zu der des Westens, da sie eng mit der sozialistischen Ideologie zusammenhängt (<a href="https://www.jstor.org/stable/4239917?seq=1">Rafail Nudelman</a>).</p>
<p>Ohne den ideologischen Kontext kann man die sowjetische SF in ihrer Ganzheit nicht verstehen (<a href="https://www.google.cz/books/edition/De_la_Science_fiction_sovi%C3%A9tique/rU1YUZqfN7MC?hl=it&amp;gbpv=0">Leonid Heller)</a>. In der Stalinzeit stand das Genre sehr stark unter dem Einfluss des sozialistischen Realismus, was sich erst seit Ende der 1950er Jahre änderte, als auch die sozialistische Gesellschaft immer häufiger in den Hintergrund trat und manchmal nur noch als allgemeine Rahmung der Geschichten vorhanden war.</p>
<div id="attachment_6209" style="width: 185px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/titlecovers.cgi?2082801"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6209" class="wp-image-6209 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Tolstoi_Alita-175x300.jpg" alt="" width="175" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Tolstoi_Alita-175x300.jpg 175w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Tolstoi_Alita-200x344.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Tolstoi_Alita.jpg 349w" sizes="(max-width: 175px) 100vw, 175px" /></a><p id="caption-attachment-6209" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über Autor, Buch und verschiedene Ausgaben des Buches finden Sie mit einem Klick auf das Bild in der Internet Speculative Fiction Database.</p></div>
<p>In den 1920er Jahren erlebte die SF nicht nur durch die Werke von Alexander Beljajew eine Blütezeit, der oft auch als der „sowjetische Jules Verne“ bezeichnet wurde. Berühmt ist der Roman <a href="https://www.google.cz/books/edition/_/A9iHvwEACAAJ?hl=it&amp;sa=X&amp;ved=2ahUKEwi9uaq0iaiNAxXK9bsIHaKeK0YQre8FegQIHBAJ">„Aelita“</a> (1922/23) von <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/tolstoy_alexei">Alexei Tolstoi</a> (1883–1945) geworden, allerdings erst in der vom Autor gründlich überarbeiteten Fassung von 1938. Sie handelt von zwei irdischen Weltraumreisenden, die auf dem Mars mit einer einheimischen Bevölkerung in Kontakt kommen, die unter einer tyrannischen Herrschaft lebt. Während der leidenschaftliche Revolutionär Gusew versucht die Diktatur zu stürzen, verliebt sich der verträumte Ingenieur Loss in die Tochter des Tyrannen, Aelita. Jewgeni Samjatin, der vor allem unter Dystopien-Fans bekannt ist, verfasste in diesen Jahren den Text <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wir_(Roman)">„Wir“</a>, der in der Sowjetunion jedoch erst in den 1980er Jahren veröffentlicht werden durfte. Auch <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Afanassjewitsch_Bulgakow">Michail Bulgakow</a>s (1891-1940) fantastische Erzählung <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hundeherz">„Hundeherz“</a> (1925), ein satirischer Text voller politischer Anspielungen auf die neuen bolschewistischen Machthaber, wurde seinerzeit verboten. Das kritische Potenzial des Genres war den beiden Autoren bewusst. Bei Bulgakow sind deutliche Anklänge der Phantastik Gogols zu finden, während Samjatin symbolisch totalitäre Tendenzen der postrevolutionären Wirklichkeit antizipierte: <em>„Die wahre, große Literatur steht der Gegenwart immer einen Schritt voraus“</em> (eigene Übersetzung von: <a href="https://imwerden.de/pdf/zamyatin_lekcii_po_tekhnike_prozy_vestnik_141_1984.pdf">Samjatin, Lekzii po technike chudoschestwennoi prosi, 1984</a>).</p>
<p>Zu Beginn der sowjetischen Zeit (1922-1991) wurde dieses politische und kritische Potenzial der SF von den neuen Machthabern kaum beachtet, da das Genre als billige Unterhaltungsliteratur im Stile Pinkertons abgewertet wird. (<a href="https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften/sprach-und-literaturwissenschaften/literaturwissenschaft-komparatistik/40207/expeditionen-in-andere-welten">Matthias  Schwartz, Expeditionen in andere Welten. Sowjetische Abenteuerliteratur und Science-Fiction von der Oktoberrevolution bis zum Ende der Stalinzeit, 2014</a>). Erst Ende der 1920er Jahre wurde das Genre vermehrten Repressionen ausgesetzt und auf der ersten Sitzung des neu gegründeten sowjetischen Schriftstellerverbandes im Jahr 1934 versuchte man die subversiven Seiten der wissenschaftlichen Phantastik stärker zu regulieren und es als Kinder- und Jugendliteratur an die Normen des Sozialistischen Realismus anzupassen. Das bedeutete, dass die Texte den harten Alltag und die Realität beschreiben sollten, indem der Sozialismus als Lösung aller Probleme vorgestellt wurde. Daher erlitt die SF während der Stalinzeit durch die Uniformierung der Texte einen Rückschlag. Das subversive Potenzial der SF wurde jedoch nicht vollständig ausgeschaltet, wie <a href="https://www.zfl-berlin.org/person/schwartz.html">Matthias Schwartz</a> betont. Während der kulturpolitischen Liberalisierung und vorsichtigen Destalinisierung in der Ära Chruschtschows konnte sie – so <a href="https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften/sprach-und-literaturwissenschaften/literaturwissenschaft-komparatistik/40207/expeditionen-in-andere-welten">Matthias Schwartz</a> – deshalb schnell wieder aufleben.</p>
<p>SF-Texte wurden nicht nur in Form von Romanen, sondern auch als Erzählungen in populärwissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Einige Beispiele sind: <a href="https://fantlab.ru/work141331">„Technika Molodjoschi“</a> (Technik für die Jugend, gegründet 1933), <a href="https://fantlab.ru/work183523">„Snanje—Sila“</a> (Wissen ist Macht, 1926), <a href="https://fantlab.ru/work166628">„Vokrug Svjeta“</a> (Um die Welt, 1861). In dieser Zeit teilte sich die SF in drei Linien: die SF der nahen Zukunft, die Produktionsromane und die utopische SF. Der Unterschied liegt darin, dass sich die SF der nahen Zukunft und die Produktionsromane auf wissenschaftliche, technologische und wirtschaftliche Elemente konzentrierten, während sich die utopische SF mit sozialen Aspekten auseinandersetzte (<a href="https://www.google.cz/books/edition/De_la_Science_fiction_sovi%C3%A9tique/rU1YUZqfN7MC?hl=it&amp;gbpv=0">Leonid Heller)</a>. Beispiele von SF der nahen Zukunft und von Produktionsromanen sind Texte, in denen es um den Zusammenhang zwischen der Zeit der Wissenschaft und des Menschenlebens geht. Es handelt sich um konkrete Probleme der wissenschaftlichen Forschung, wobei die Texte stark vom Sozialistischen Realismus beeinflusst werden. Viele Erzählungen von <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Genrikh_Altshuller">Genrich Altow</a> (1926-1998) und <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Valentina_Zhuravlyova">Walentina Schurawljowa</a> (1933-2004) stehen in dieser Traditionslinie. Dagegen sind die Utopien mit der Konstruktion neuer Gesellschaften verbunden, die einer spezifischen Ideologie entsprechen.</p>
<div id="attachment_6210" style="width: 198px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/titlecovers.cgi?1347055"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6210" class="wp-image-6210 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Jefremov_Andromeda-188x300.jpg" alt="" width="188" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Jefremov_Andromeda-188x300.jpg 188w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Jefremov_Andromeda-200x320.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Jefremov_Andromeda.jpg 271w" sizes="(max-width: 188px) 100vw, 188px" /></a><p id="caption-attachment-6210" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über Autor, Buch und verschiedene Ausgaben des Buches finden Sie mit einem Klick auf das Bild in der Internet Speculative Fiction Database.</p></div>
<p>Ein historisches Ereignis markierte eine wichtige Zäsur in der Entwicklung der SF: der Start des Sputniks 1957. Die Vision einer sozialistischen Weltraumeroberung als Triumph über den Westen verbreitete sich unter den Bürgern des Ostblocks, ebenso wie das Interesse für die Wissenschaft. Ein Symbol dieser Begeisterung ist der berühmte Roman <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andromedanebel_(Roman)"> „Andromedanebel“</a> (1957) von Iwan Jefremow, das beste Beispiel von sozialistischer Utopie, in der Bevölkerungen aus verschiedenen Planeten sich im <em>„Großen Ring“ </em>vereinigen. In diesem Text, der in einer Zeit der Krise der staatlichen Macht (nach dem 20. Kongress der Kommunistischen Partei 1956) während der ersten Tauwetter-Periode (1954-1964) entstand, mangelt es nicht an verdeckter Kritik am sowjetischen System, er ist aber noch ganz vom Enthusiasmus des Aufbruchs nach dem Start des Sputniks geprägt.</p>
<p>Die Enttäuschung der sowjetischen Intellektuellen wurde erst nach dem Ende des Tauwetters sichtbarer, als die SF immer häufiger zu einem Instrument politischer Kritik im Gewand fantastischer Elemente wurde. Genau in dieser Zeit, in der zweiten Hälfte der 60er Jahre, begann eine neue SF, in der nicht nur die dominante sozialistische Perspektive, sondern auch abweichende Ansichten dargestellt wurden. SF ist nämlich das Ergebnis des <em>„Zusammentreffen(s) verschiedener Standpunkte“</em> (eigene Übersetzung von <a href="https://www.google.cz/books/edition/De_la_Science_fiction_sovi%C3%A9tique/rU1YUZqfN7MC?hl=it&amp;gbpv=0">Leonid Heller). </a> Deshalb passt die einheitliche Vision des Sozialistischen Realismus nicht gut dazu.</p>
<p>Die Brüder Strugazki sind die wichtigsten Vertreter der SF dieses Jahrzehnts und der negativen Utopie. Ihre Texte brachten eine große Neuerung für das Genre und enthalten nicht nur Geschichten im All, sondern auch anti-utopische Texte und Satire. Neben einer Kritik der bürgerlichen Gesellschaft stellen die Strugazki-Brüder die Taubheit der Menschheit und die Absurdität totalitärer Herrschaft dar (<a href="https://www.google.cz/books/edition/De_la_Science_fiction_sovi%C3%A9tique/rU1YUZqfN7MC?hl=it&amp;gbpv=0">Leonid Heller</a>). Dies steht im bekannten Text <a href="https://www.google.cz/books/edition/Die_Schnecke_am_Hang/ur51DwAAQBAJ?hl=it&amp;gbpv=1&amp;dq=Die+Schnecke+am+Hang&amp;pg=PP1&amp;printsec=frontcover"> „Die Schnecke am Hang“</a> (die erste ungekürzte Fassung wurde 1972 in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht) im Mittelpunkt, in dem die Strugazkis den Widerspruch zwischen einem natürlichen matriarchalischen Zustand und einer bedrohlichen Zivilisation zeigen.</p>
<p>In den 1970er Jahren erlebte die sowjetische SF wegen des Todes Jefremows und der Verschärfung der Zensur eine Zeit der Stagnation und teilweisen Isolation vom Rest der globalen SF-Szene, gleichzeitig waren die Einflüsse der angloamerikanischen New Wave zu spüren. Psychologische Elemente wurden in die SF eingeführt. In diesem Kontext gilt das Werk <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Olga_Larionova">Olga Larionowas</a> schon in den 1960er und 1970er Jahren als Pionierarbeit die anstelle von typisierten Helden die Individualität der Figuren in den Mittelpunkt ihrer Werke stellte. Leider existieren über diese letzte Phase der sowjetischen SF nur wenige wissenschaftliche Arbeiten, die ausführlicher auf diese Zeitspanne eingehen. Sie markiert den Anfang neuer russisch-nationalistischer Tendenzen, aber lässt auch in den 1980er Jahren bereits erste Anzeichen von <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Glasnost">Glasnost</a> erkennen, zudem sind in dieser Periode auch Texte im <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Samisdat">Samisdat</a> (Selbstverlag) erschienen.</p>
<p>Mit dem Fall der Sowjetunion gerieten viele sowjetische Autor:innen in Vergessenheit. Unter dem Einfluss der angloamerikanischen SF entwickelten sich neue Richtungen, wie zum Beispiel Romane über Zeitreisen oder Alternativgeschichten über den Zweiten Weltkrieg, die als <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Accidental_travel"><em>„Popadanzi“</em></a> bezeichnet werden. SF- und Fantasy-Texte gehören heute zu den Bestsellern und folgen meist der Entwicklungslinie amerikanischer SF-Serien.</p>
<p>Neben den vielen männlichen Autoren der russischen SF sind auch Schriftstellerinnen zu erwähnen. Sie sind meist vergessen, haben aber eine sehr relevante Rolle in der Entwicklung der SF gespielt, besonders zwischen den 1960er Jahren und heute. Aus diesem Grund verdienen sie mehr Aufmerksamkeit – sowohl von Akademiker:innen als auch vom Publikum –, wie es bereits mit ihren amerikanischen Kolleginnen <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/le_guin_ursula_k">Ursula K. Le Guin</a> (1929-2018) oder <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/russ_joanna">Joanna Russ</a> (1937-2011) geschehen ist.</p>
<h3><strong>Die Frauen in der sowjetischen Science Fiction</strong></h3>
<div id="attachment_6211" style="width: 197px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/titlecovers.cgi?2375953"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6211" class="wp-image-6211 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Larionova_Fenster_Unendlichkeit-187x300.jpg" alt="" width="187" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Larionova_Fenster_Unendlichkeit-187x300.jpg 187w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Larionova_Fenster_Unendlichkeit-200x322.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Larionova_Fenster_Unendlichkeit.jpg 373w" sizes="(max-width: 187px) 100vw, 187px" /></a><p id="caption-attachment-6211" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über Autor, Buch und verschiedene Ausgaben des Buches finden Sie mit einem Klick auf das Bild in der Internet Speculative Fiction Database.</p></div>
<p>Die weiblichen Stimmen in der SF sind oft in der literarischen Forschung und im Buchmarkt unterrepräsentiert. Es gab wenige Frauen, die sich mit SF in der Sowjetzeit beschäftigten, aber es lohnt sich, von ihnen zu erzählen. Die berühmtesten russischsprachigen Autorinnen sind <a href="http://sam.fantlab.ru:3500/autor1708">Ariadna Gromowa</a>, <a href="https://archivsf.narod.ru/1933/valentina_zhuravleva/index.htm">Walentina Schurawljowa</a> und <a href="https://archivsf.narod.ru/1935/olga_larionova/index.htm">Olga Larionowa</a>. Das Werk von Ariadna Gromowa wurde (zumindest in Russland und in Italien) eingehender untersucht als das der anderen. Sie ist nicht nur für ihren Roman <a href="https://lib.ru/RUFANT/GROMOWA/glegy.txt">„Gljegi“</a> (die <a href="https://www.google.cz/books/edition/Il_pianeta_dei_virus/zIoDEQAAQBAJ?hl=it&amp;gbpv=1&amp;dq=il+pianeta+dei+virus&amp;pg=PP1&amp;printsec=frontcover">italienische Übersetzung</a> lautet: „Der Planet der Viren“, 1962, eine deutsche Übersetzung steht noch aus), sondern auch für ihre Aufsätze über SF-Literatur bekannt. Ihre Texte wurden jedoch nur selten auf Englisch und auf Deutsch übersetzt.</p>
<p>Trotz ihres wichtigen Beitrags zur SF-Literatur gibt es über die Texte Larionowas und Schurawljowas kaum literaturwissenschaftliche Studien. Selbst über ihre Biografien sind nur wenige Informationen bekannt. Was wir wissen, stammt meist von der Internetseite <a href="http://sam.fantlab.ru:3500/">FantLab.ru</a>, die das Ergebnis einer Digitalisierung der russischen SF und Fantasy ist. Deshalb konzentriere ich mich jetzt auf Larionowa und Schurawljowa.</p>
<p><a href="http://sam.fantlab.ru:3500/autor286">Olga Larionowa</a> wurde 1935 in Sankt Petersburg (damals Leningrad) geboren, wo sie als Ingenieurin arbeitete. Ab 1964 begann sie ihre Karriere als Schriftstellerin. Ihr 1965 erschienener erster Roman „Ein Leopard aus Kilimandscharo“ machte sie bekannt. Sie schrieb <em>„powjesti“</em> (wörtlich <em>„Sagen“</em>, aber als <em>„Erzählungen“</em> verstanden) und wurde 1987 für ihren Text „Meersonate“ (eigene Übersetzung von „Sonata Morja“), der Teil der Trilogie „Labyrinth für Troglodyten“ (eigene Übersetzung von „Labirint dlja trogloditow“) ist, mit dem <a href="https://sf-encyclopedia.com/entry/aelita_award">Aelita-Preis</a> ausgezeichnet. Im Mittelpunkt ihrer Texte stehen Moral und Gefühle der Figuren, denen sie soziale Kritik beifügen. Larionowa hatte aus diesem Grund vorher Probleme mit der Veröffentlichung ihres Textes „Die Insel der Mutigen“ (1971). Das erklärt auch, warum sie erst in den 1980er Jahren erfolgreich wurde. Larionowa war als Schriftstellerin bis Anfang der 1990er Jahre aktiv. In den 2000er Jahren gab sie nur noch Interviews. Sie starb 2023.</p>
<div id="attachment_6214" style="width: 209px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/titlecovers.cgi?2047319"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6214" class="wp-image-6214 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Schurawljowa_Ballad_Stars-199x300.jpg" alt="" width="199" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Schurawljowa_Ballad_Stars-199x300.jpg 199w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Schurawljowa_Ballad_Stars-200x302.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Schurawljowa_Ballad_Stars.jpg 250w" sizes="(max-width: 199px) 100vw, 199px" /></a><p id="caption-attachment-6214" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über Autor, Buch und verschiedene Ausgaben des Buches finden Sie mit einem Klick auf das Bild in der Internet Speculative Fiction Database.</p></div>
<p><a href="http://sam.fantlab.ru:3500/autor605">Walentina Schurawljowa</a> wurde 1933 in Baku in Aserbaidschan geboren. Sie graduierte in Pharmazie und wurde 1963 Mitglied des Schriftstellerverbands. Sie arbeitete sowohl als Wissenschaftlerin als auch als Schriftstellerin mit ihrem Mann Genrich Altow (Pseudonym für Genrich Altshuller, ein Name jüdischer Herkunft, 1926-1998) zusammen, der für seine <a href="https://www.altshuller.ru/world/ger/index.asp">TRIZ-Theorie</a> (eine wissenschaftliche Methode) bekannt war. Aufgrund seiner Ideen verbrachte er einige Jahre im Gulag. Nach dieser Zeit widmete er sich gemeinsam mit seiner Frau der Literatur. Sie zogen nach Russland und schrieben gemeinsam Texte wie <em>Die </em>„Ballade der Sterne“ (eigene Übersetzung von „Ballada Svjesdach“) von 1960, aber auch getrennt voneinander. In der ersten Phase ihrer Karriere, die in die 1950er und 1960er Jahre fiel, schrieb Schurawljowa Texte über Wissenschaftler, Astronauten und Raumfahrer, wie zum Beispiel „Der Astronaut“ (eigene Übersetzung von „Astronavt“) von 1960. In der zweiten Phase beschäftigte sie sich hingegen mehr mit der Realität und den Gefühlen der Figuren, wie in der Erzählung „Schneebrücke am Abgrund“ (eigene Übersetzung von „Snjeschni most pod propastju“) von 1969. Schurawljowa war bis in die 1990er Jahre als Schriftstellerin aktiv und starb 2004.</p>
<p>Wie können wir begründen, dass ihr Werk mehr Aufmerksamkeit vom Publikum und von der Akademie verdient? Beide Autorinnen waren Pionierinnen in zwei verschiedenen Strömungen des Genres. Schurawljowa beschäftigte sich mehr mit SF der nahen Zukunft. Ihr Fokus lag zunächst auf wissenschaftlichem Fortschritt und später auf Alltagssituationen und Gefühlen. Larionowa widmete sich hingegen in ihren fantastischen Texten Geschichten, in denen die psychischen Eigenschaften der Figuren im Mittelpunkt stehen.</p>
<p>Schurawljowas Texte sind stärker vom Sozialistischen Realismus beeinflusst, während bei Larionowa deutlicher westliche Einflüsse präsent sind. Offensichtlich hatten die beiden Schriftstellerinnen einen sozialistischen Hintergrund, jedoch ohne explizite politische Orientierung. In Interviews fehlen klare Stellungsnahmen. Ihre Werke haben aber eine Gemeinsamkeit in ihrer kritischen Haltung gegenüber der marginalisierten Position der Frau in der sozialistischen Gesellschaft. Um Geschlechterkonventionen darzustellen und zu dekonstruieren, benutzten die Schriftstellerinnen verschiedene Techniken: Sehr oft erzählten sie Geschichten aus einer männlichen Perspektive, indem sie die Sichtweise der Autorin mit der eines Mannes vergleichen. Die weiblichen Figuren sind oft Teil eines wissenschaftlichen Arbeitsumfelds und ihre Rolle ist üblicherweise einem Mann untergeordnet. Die Darstellung von Raum und Zeit ändert sich je nach Erzählerperspektive. Stereotypen werden durch mythische Elemente ergänzt, die meist durch SF- und fantastische Elemente revidiert und gekippt werden.</p>
<p>Während Larionowa und Zhurawljowa ins Deutsche übersetzt sind, ist das bei Gromowa nicht der Fall. Die Titel der übersetzten Werken und ihre Erscheinungsdaten in der DDR sind die folgenden: Der „Leopard vom Kilimandscharo“ (1974), „Die Insel der Mutigen“ (1974), „Der Doppelname“ (1976), „Herausforderung zum Duell“ (1980, Sammlung von vier Erzählungen), „Der Überläufer“ (1982), „Königliche Jagd“ (1982), „Schlangensonate“ (1986), „Bis zum Ozean fliegen“ (1986), „Scheidung auf Marsianisch“ (1989) von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?20264">Larionowa</a>; sowie „Ein Sendbote aus dem Kosmos“ (1961), „Die Zeitmaschine: Eine nicht ganz ernst zu nehmende Erzählung“ (1961), „Ein Diamant von 20.000 Karat“ (1963), „Musik aus dem All“ (1964), „Der Mann, der Atlantis schuf“ (1973), „Frechdachs“ (1979), „Der zweite Weg“ (1988) von <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/ea.cgi?2976">Schurawljowa</a>. Aufgrund ihrer größeren Popularität wurden die Texte Larionowas in der DDR mehr übersetzt als die von Schurawljowa. Interessanterweise enthalten Larionowas Texte mehr politische Allegorien und Kritik als die von Schurawljowa. Wahrscheinlich standen ihre Werke nicht so sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit von Herausgebern und Übersetzern, da Schurawljowa Vertreterin einer Strömung war, der andere, bereits etablierte männliche SF-Autoren ebenfalls angehörten.</p>
<p>Ich möchte die Leser:innen besonders auf die Sammlung <em>Herausforderung zum Duell</em> aufmerksam machen. Sie beinhaltet Larionowas Texte, die in der Sowjetunion in einer Sammlung unter dem Titel der <em>powjest</em> <em>Skaska Korolej </em>(Märchen der Königen) veröffentlicht wurden. Der Titel der deutschen Sammlung geht auf die Erzählung <em>Kartel</em> zurück, die mit <a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/title.cgi?2707367"><em> „Herausforderung zum Duell“</em></a> übersetzt wurde. Die Geschichte handelt von zwei Wissenschaftlern, die eine Maschine bauen, die wie der russische Nationaldichter <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Sergejewitsch_Puschkin">Alexander Puschkin</a> schreiben soll. Die Maschine ist am Anfang jedoch weiblich, weswegen einer der Wissenschaftler versucht, ihr männliche physische Eigenschaften zu geben: <em>„‚ELSA ist bereit’, sprach Basmanow langsam (…) ,,‚Sie ist in ihre Rolle, geschlüpft. Aber was rede ich von Rolle: Sie ist ER geworden. Sie ist bereit, […] zu leben.’/ ‚Zu leben?’ konnte ich mich nicht enthalten zu fragen./ ‚Für IHN bedeutete leben – schreiben.’“ </em></p>
<p>Das bringt die Maschine zur Rebellion, sodass sie ihre Schöpfer zum Duell auffordert. Dieser Moment ist ein Bezug sowohl auf den Versroman Puschkins „Eugen Onegin“ (1833) als auch auf sein Leben, das wegen eines Duells endete. Larionowa verwendet das Motiv der Frau als Maschine, um den Leser:innen die Bedeutung des menschlichen Tuns zu vermitteln und die Rolle des weiblichen Schreibens hervorzuheben. Eine ähnliche Botschaft wird von Schurawljowa im Text<a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/title.cgi?2323565"> „Ein Diamant von 20.000 Karat“</a> („Almas v 20.000 Karatov“) vermittelt. In der Erzählung geht es um die Entdeckung eines 20.000-Karat-Diamanten, dessen Geschichte von der Erzählerin selbst erfunden wurde. Der Ingenieur Flerowski erwartet nicht, dass sie von einer Frau geschrieben wurde: <em>„,Verzeihen Sie (…) ich habe erwartet einen Schriftsteller mit grauen Schläfen zu sehen… und vor mir steht eine junge, charmante Frau… offensichtlich die Autorin jener Erzählung…‘“</em>.</p>
<p>Obwohl sie ihre Geschichte fertiggestellt hat, beurteilt der Ingenieur die Erzählung als zu oberflächlich, da die Autorin keine Wissenschaftlerin sei. Am Ende überzeugt sie ihn jedoch, dass die Realität ohne Fantasie nicht zu verstehen ist. In diesem Sinne ist die Frau eine Mediatorin zwischen frauenfeindlicher Realität und irrealer fantastischer Revision dieses Missstands, indem sie zeigt, dass SF ein Instrument zur Herstellung von Wirklichkeit und nicht der wissenschaftlichen Forschung ist. Ob das Lesepublikum diese emanzipatorischen Botschaften seinerzeit wirklich verstanden, ist schwer zu sagen, interessierten sich die meist männlichen Leser kaum für solche Fragen. Auch die akademische Forschung hat sich bislang kaum mit dieser Autorin befasst.</p>
<h3><strong>Berührungspunkte der sowjetischen und der DDR-Science Fiction</strong></h3>
<p>Die Entwicklung der SF in der Sowjetunion und der DDR weist ähnliche Phasen auf. Der größte Unterschied liegt in den Ursprüngen des Genres in beiden Ländern. Traditionslinien der sowjetischen SF gehen auf den Utopismus und die Groteske des 19. Jahrhunderts zurück, während die SF der DDR aus dem Schauerroman der Romantik stammt und von der politischen SF der Weimarer Republik beeinflusst wurde. Die Modelle waren also anfangs sehr unterschiedlich, aber unter dem Einfluss der Kultur des sowjetischen Blocks passte sich die SF der DDR der sowjetischen an. Der implizite Utopismus in der sozialistischen Ideologie kennzeichnet beide Literaturen.</p>
<p>Die Phasen der DDR-SF entsprechen den historischen Phasen des Kalten Krieges. Für die DDR-SF-Geschichte haben Literaturwissenschaftler:innen ein Vier-Phasen-Modell vorgeschlagen (<a href="https://www.google.cz/books/edition/Vision_und_Verfall/hsa-EAAAQBAJ?hl=it&amp;gbpv=0">Hans Frey, Vision und Verfall. Deutsche Science Fiction der DDR, 2023</a> und <a href="https://www.google.cz/books/edition/Die_Science_fiction_der_DDR/ELAhAQAAIAAJ?hl=it&amp;gbpv=0&amp;bsq=die%20science%20fiction%20der%20ddr%20simon%20spittel">Olaf R. Spittel und Erik Simon, Die Science Fiction der DDR – Autoren und Werke – Ein Lexikon, 1988</a>). Demnach beginnt eine erste Phase in der späten Stalinzeit der 1950er Jahren, als die Produktionsromane sowohl in der DDR als auch in der Sowjetunion die SF dominierten.</p>
<p>Mit dem Start des Sputniks im Jahr 1957 erlebte die SF in der DDR durch das Interesse für den Weltraum einen Aufschwung, ebenso wie die SF in der Sowjetunion. Die Anzahl der SF-Texte stieg in dieser zweiten Phase stetig an, bis Anfang der 1970er Jahre die Zensur verschärft wurde. In dieser dritten Periode konnte sich die SF der DDR weiter entwickeln, während die sowjetische SF isoliert blieb. Zwischen den 1970er und 1980er Jahren profitierte die DDR-SF von einer qualitativen Verbesserung, die in der sowjetischen SF schon seit den späten 1950er Jahren mit den Werken der Brüder Strugazki stattfand. Mitte der 1980er Jahre beginnt dann in beiden Ländern eine vierte Phase der Öffnung, als im Zeichen von Glasnost allmählich Texte aus den USA oder verbotene Texte veröffentlicht und verbreitet werden konnten. Diese vier Phasen entsprechen, wie bereits erwähnt, Perioden einer kulturellen Politik der Offenheit oder Restriktion innerhalb des Ostblocks.</p>
<p>Dank der vielen Übersetzungen von den Verlagen <a href="https://www.eulenspiegel.com/verlage/das-neue-berlin.html">Das Neue Berlin</a> und <a href="https://www.eulenspiegel.com/verlage/neues-leben.html">Neues Leben</a>, insbesondere aus dem Russischen ins Deutsche, wurden die Autor:innen der DDR, wie schon erwähnt, vor allem von sowjetischen Werken beeinflusst. Dadurch lassen sich mindestens zwei Berührungspunkte finden: der Zusammenhang mit Sozialkritik und die große Rolle der Utopie in der SF beider Staaten.</p>
<p>In Bezug auf die Sozialkritik ist die Rolle von Schriftstellerinnen und ihren Ehemännern in beiden Kontexten sehr relevant. Die Gleichheit der Geschlechter war ein großes Thema in den Texten von <a href="https://steinmuller.de/en/sf-literatur/team">Angela</a> (1941) und <a href="https://steinmuller.de/en/sf-literatur/team">Karlheinz Steinmüller</a> (1950), <a href="https://www.exodusmagazin.de/who-is-who/autoren/144-braun-johanna-und-guenter.html">Johanna</a> (1929-2008) und <a href="https://www.exodusmagazin.de/who-is-who/autoren/144-braun-johanna-und-guenter.html">Günter Braun</a> (1928-2008), Olga Larionowa, Walentina Schurawljowa und Genrich Altow. Oft werden in ihren Texten Geschlechterrollen infrage gestellt, um eine Alternative zur patriarchalischen Gesellschaft zu finden. Das Konzept der Frau in der sozialistischen Gesellschaft als Arbeiterin und Mutter wird durch Bilder von Wissenschaftlerinnen und Astronautinnen in ihren Texten hinterfragt. Wir könnten Larionowas Geschichte „Herausforderung vom Duell“ mit dem Roman der Brauns <a href="https://books.google.cz/books/about/Der_Irrtum_des_grossen_Zauberers.html?id=IwgKAQAAMAAJ&amp;redir_esc=y">„Der Irrtum des großen Zauberers“</a> (1974) vergleichen, in denen Frauen als Maschinen und Tiere dargestellt werden. Im Fall Larionowas bedeutet die Rebellion der Frauenmaschine eine Hervorhebung der Rolle der Schriftstellerinnen in der Gesellschaft. Im Text der Brauns werden Frauen vom Diktator Multi Multiplikato als Prostituierte benutzt, um eine ideale Frauenmaschine zu konstruieren. Naida, eine Schlange, die sich in eine Frau verwandelt, ist die Schlüsselfigur, um die Diktatur zu stürzen: sie ist <em>„der Gute Geist (…), der </em>(den Protagonisten)<em> befähigte, den Großen Zauberer zu überwinden“</em>.</p>
<div id="attachment_6213" style="width: 204px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.isfdb.org/cgi-bin/titlecovers.cgi?2082982"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6213" class="wp-image-6213 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Krupkat_Goetter_sterben-194x300.jpg" alt="" width="194" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Krupkat_Goetter_sterben-194x300.jpg 194w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Krupkat_Goetter_sterben-200x309.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/06/Krupkat_Goetter_sterben.jpg 388w" sizes="(max-width: 194px) 100vw, 194px" /></a><p id="caption-attachment-6213" class="wp-caption-text">Weitere Informationen über Autor, Buch und verschiedene Ausgaben des Buches finden Sie mit einem Klick auf das Bild in der Internet Speculative Fiction Database.</p></div>
<p>Wie schon beobachtet sind utopische Welten charakteristisch für die SF aus der DDR und der Sowjetunion. Meistens spielen die Utopien im All oder auf anderen Planeten, um die Kritik an der Wirklichkeit zu verstecken. Ein sehr ähnliches Werk zu Jefremows <em>Andromedanebel</em> ist Günter Krupkats<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Als_die_G%C3%B6tter_starben"> „Als die Götter starben<em>“</em></a> (1963), in dem die Zivilisation des Planeten Meju-Ortu als ideale Gesellschaft dargestellt wird und der Protagonist als typischer sozialistischer <em>„neuer Mensch“</em> beschrieben wird. Die Utopien beider Autoren sind sozialistische Welten, die jedoch nicht mit den Regimen der DDR und der Sowjetunion übereinstimmen. Die Texte haben das Ziel, dem Publikum die Werte einer kommunistischen Gemeinschaft zu vermitteln, jedoch nicht als Teil des politischen Programms der Staaten, sondern als Grundlage für eine neue Realität, in der alle Menschen gleich sind (<a href="https://sfrareview.org/2024/07/16/when-the-gods-died-a-socialist-utopian-novel-from-east-germany/">Chiara Viceconti: „When the Gods Died: A Socialist Utopian Novel from East Germany“. In: SFRA Review, 2024</a>). So heißt es in der Utopie Krupkats: <em>„Dunkel ist der Sinn des göttlichen Spruchs. Ich vermag ihn nicht zu deuten. Soll der Sklave das gleiche essen wie der Herr, der Arme teilhaben an den Gütern des Reichen? Für die Götter sind Menschen eben Menschen&#8230;“ </em></p>
<p>Die Rolle der Sozialkritik und der Utopie als Grundlage für die Etablierung der Gleichheit der Geschlechter, Rassen und Sozialschichten charakterisiert die SF des Ostblocks stärker als die des Westens. Das Genre wirkt somit durch Optimismus und Kritik als literarische Verfahren, um Widersprüche aufzuzeigen, Unterschiede zu überwinden und das Publikum an der Verwirklichung einer Utopie teilhaben zu lassen. Gerade heute, in einer Zeit neuer geopolitischer Spannungen, lohnt sich der Blick auf vergangene SF-Zukunftsvisionen – als Einladung, unsere Zukunft neu und kritisch zu durchdenken.</p>
<p><strong>Chiara Viceconti</strong>, Rom</p>
<p>Die Autorin ist Doktorandin an der Sapienza Universität Rom.</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Juni 2025, Internetzugriffe zuletzt am 9. Juni 2025. Die in diesem Text gezeigten Cover der angesprochenen Bücher hat die Autorin der <a href="https://isfdb.org/">Internet Speculative Fiction Database</a> entnommen. Sie stehen unter der <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">Creative Commons Licence 4.0</a>. Titelbild: <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/parallele-welten-synergetisch-gebrochen/">Thomas Franke</a>, Illustration zur Erzählung „Ascheglühen“ von Wolf Welling und mit der Collage gedruckt in EXODUS 49, Holzstichcollage auf Chromolithografie / 29,8 x 39,3 cm / 2024.. Der Künstler gab der Collage den folgenden Titel: <em>„Visualisierung einiger Konstellaterationen im komaschatischen Wunderland mit dem vom Patakosmologen Klaúdios Ptolemaíos installerierten Induktions-Inklinatorium sowie dem von seinem Konkurrenten Niclas Koppernigk einmontierten Erdinduktor, welche die Feldlinien des Wunderlandischen Magnetfeldes zum nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses des Visualisierers beeinflussen, womit sich dessen alternativlosende Zuneigung zur Wissenschaft offenbart. In den sich daseinsabschließend zusehends fragmentarisierenden neuronalen Verschaltungen, die einen Fluß moderat dahintreibender magnetfeldischer Strömungen erzeugen, quellen Nanobots an die Oberfläche und enthüllen ihr wahres Wesen als weltzerfressende Pac-Mans im in die Wirklichkeit transformulierten Labyrinth ‚Wunderland‘, &#8211; gierig mit dem japanischen lautmalerischen Ruf ‚paku paku!‘ nach dem nörderlichsten Punkt des Daseinsabschlusses schnappend. Das in diese virtualitätige Visualisierung integrierte alte Schulhaus im Sonnenuntergang beobachtend, lauert der Boschfroschlakai und suggeriert als Erscheinung, daß das Froschsein als Zustand zwar etwas nicht Erstrebenswertes, allerdings etwas Vorübergehendes sein könnte. Und also schwirrelt einer der durch die unglückliche Einwürgung des Doppler-Effekts verdoppelten Alice, als A-Lice und Be-Lice zu sehen, in diesem Zusammenhang die klügliche Be-Hauptung des antiken Dichters Petronius durch den Kopf: ‚qui fuit rana, nunc est rex‘. A-Lice hingegen denkt über sich und komaschatische Wunderländer nach und singt das Lied ‚The Me I Never Knew‘“.&#8220;</em> Alle Rechte beim Künstler.)</p>
</div></div></div></div></div>
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		<title>Lost Country?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Norbert Reichel]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 20 May 2025 04:20:33 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Lost Country? Eine fast schon surreale Reise mit Ines Geipel ins „Fabelland“ „Aber wie hatte man sich das auch vorgestellt? Dass Millionen Deutsche nach vierzig geteilten Jahren aus dem Zeittunnel auftauchten und den vielen Anderen von der anderen Seite entzückt zuriefen: Was seid ihr denn Schönes?“ (Ines Geipel, Fabelland, Frankfurt am Main, S. Fischer,  [...]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<div class="fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-10 fusion-flex-container nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling" style="--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;" ><div class="fusion-builder-row fusion-row fusion-flex-align-items-flex-start fusion-flex-content-wrap" style="max-width:1144px;margin-left: calc(-4% / 2 );margin-right: calc(-4% / 2 );"><div class="fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-9 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-flex-column" style="--awb-bg-size:cover;--awb-width-large:100%;--awb-margin-top-large:0px;--awb-spacing-right-large:1.92%;--awb-margin-bottom-large:20px;--awb-spacing-left-large:1.92%;--awb-width-medium:100%;--awb-spacing-right-medium:1.92%;--awb-spacing-left-medium:1.92%;--awb-width-small:100%;--awb-spacing-right-small:1.92%;--awb-spacing-left-small:1.92%;"><div class="fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-justify-content-flex-start fusion-content-layout-column"><div class="fusion-text fusion-text-11" style="--awb-text-transform:none;"><h1></h1>
<h1><strong>Lost Country?</strong></h1>
<h2><strong>Eine fast schon surreale Reise mit Ines Geipel ins „Fabelland“</strong></h2>
<p><em>„Aber wie hatte man sich das auch vorgestellt? Dass Millionen Deutsche nach vierzig geteilten Jahren aus dem Zeittunnel auftauchten und den vielen Anderen von der anderen Seite entzückt zuriefen: Was seid ihr denn Schönes?“ </em>(Ines Geipel, Fabelland, Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024)</p>
<p>Zu Beginn hätte man tatsächlich diesen Eindruck haben können: Schön, dass es euch gibt! Guten Morgen, ihr Schönen! Man muss sich nur die Gesichter der Menschen anschauen, die auf den großen Tafeln zur Erinnerung an die Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 am damaligen Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin zu sehen sind. Was aus diesen fröhlichen Menschen wurde, was sie mit der neu gewonnenen Freiheit anfingen, wissen wir nicht. Auf jeden Fall wäre es falsch, die Antwort auf eine Parole zu reduzieren, die im Dezember 1989 auf einem der Transparente während der Demonstrationen zu lesen war: <em>„Helmut, nimm uns an die Hand und führe uns ins Wirtschaftswunderland.“ </em>Eben diese Reduzierung verselbständigte sich jedoch sehr schnell und im Westen sprachen bald viele nach einer kurzen Gefühlsaufwallung nicht mehr sonderlich freundlich von den Menschen im Osten, bezichtigten sie sogar, sie wären einfach nie zufrieden. Es gab zwar eine Art Revival der Festival-Stimmung elf Monate später am 3. Oktober 1990, aber dieses konnte nicht verdecken, dass schon damals viele Menschen nicht mehr die Freude über den Erfolg der Friedlichen Revolution teilten, in West und Ost. Und so entstanden zahlreiche Legenden und Mythen, die sich bis heute um die deutsche Geschichte der vergangenen 80 Jahre ranken.</p>
<h3><strong>Es waren einmal zwei Königskinder</strong></h3>
<div id="attachment_6133" style="width: 193px" class="wp-caption alignright"><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/ines-geipel-fabelland-9783103975680"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-6133" class="wp-image-6133 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Geipel_Fabelland-183x300.jpg" alt="" width="183" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Geipel_Fabelland-183x300.jpg 183w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Geipel_Fabelland-200x327.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2025/05/Geipel_Fabelland.jpg 319w" sizes="(max-width: 183px) 100vw, 183px" /></a><p id="caption-attachment-6133" class="wp-caption-text">Abbildung auf dem Umschlag bpk / Bundesstiftung Aufarbeitung / Klaus Mehner. Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Eigentlich gäbe es nach 35 Jahren Anlass und Gelegenheit genug, um sich nicht ständig, geradezu zwanghaft mit dem Ost und West Trennendem, sondern mit dem Verbindendem zu befassen. Vielleicht hatte Willy Brandt doch recht und es wuchs etwas zusammen, das zusammengehört? Aber das Trennende verkauft sich einfach besser und so werden viele deutsche Medien nicht müde, von einer <em>„Ostidentität“</em> zu sprechen, der wohl auch so etwas wie eine <em>„Westidentität“</em> entsprechen müsste, obwohl niemand einen solchen Begriff verwendet. Außerdem wird der Begriff der <em>„Ostidentität“</em> je nach Blickrichtung unterschiedlich belegt. So oder so wird ein Bild von einem einheitlichen, geradezu monolithischen <em>„Osten“</em> konstruiert, nicht zuletzt mit Blick auf jüngste Wahlergebnisse. Man könnte unken, die Festschreibung einer unverrückbaren <em>„Ostidentität“</em> habe schon etwas von einer Self-Fulfilling Prophecy. Ines Geipel stellt nüchtern fest: <em>„Die Sache mit dem Nullpunkt. Es gab ihn nie. Aber es gibt echte Anfänge. Und Darmstadt war einer.“</em></p>
<p>Diese Sätze lesen wir in dem Unterkapitel <em>„Zeitschwebe“</em> des ersten großen Kapitels von „Fabelland – Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück<em>“ </em>(Frankfurt am Main, S. Fischer, 2024). Sie beziehen sich auf die erste Station von Ines Geipel nach ihrer Flucht aus der DDR im Sommer 1989. Neues Land, neues Leben? Immerhin: <em>„Anfang ist Anfang“</em>?! Was wurde aus dem Blick von Ost nach West, der auf dem Titelbild des Buches zu sehen ist? Die Mauer ist nicht mehr zu sehen, die drei Menschen, die nach Westen schauen, wirken entspannt, neugierig, erwartungsvoll oder vielleicht doch eher mit Skepsis? Und aus welcher Zeit schauen sie?</p>
<p>Die allgemeine Verunsicherung, was und wie der <em>„Osten“</em> eigentlich gewesen wäre und sei, ist inzwischen Gegenstand einer Fülle von Veröffentlichungen, von Büchern, Interviews, Essays und Reportagen in Zeitungen und Zeitschriften oder Auftritten in Talk-Shows und sozialen Netzwerken. Durchweg herrscht ein schräger Diskurs, der mitunter an den Rosenkrieg zwischen zwei Liebenden erinnern mag, die sich nach langer Trennung wiederbegegneten und feststellen mussten, dass der andere doch ganz anders war und ist als man es sich vorgestellt und gewünscht hatte. Niemand weiß, was aus den beiden Königskindern des Volkslieds geworden wäre, wenn sie überlebt hätten. Die Königskinder aus dem Westen und dem Osten haben aber nun einmal überlebt. Das Wasser im Märchen war zwar zu tief, aber die reale Mauer war auf Dauer nicht zu hoch. Sie hielt gerade einmal 28 Jahre. Doch an der Stelle trauten Glücks erleben wir heftige Beschimpfungen, eine Gewalt in der Sprache, die auch in körperliche Gewalt umschlägt. Es entstehen Mythen und Opfererzählungen, durchaus generationenspezifisch. Ines Geipel hält fest: <em>„Gerade für die Kriegskindgeneration wurde das große Glück von 1989 zu einer Geschichte ohne Abschied. Anders als der Generation im Westen war es im Osten nicht möglich, sich auf die Siegerseite der Geschichte hinüberzuerzählen, da diese Generation schlicht zu viel Geschichte in den Knochen hatte.“</em></p>
<p>Über die Erfahrungen mit den wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen hinweg, für die die <a href="https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/dossiers/die-treuhandanstalt">Treuhand</a> als fest gefügte Metapher stehen mag, ergab sich <em>„eine neuartige Form der Propaganda in der deutschen Politik“</em>. Ines Geipel zitiert in „Fabelland“ mit diesem Satz <a href="https://johanneshillje.de/blog/">Johannes Hillje</a> (nach einem <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2017/oktober/propaganda-40-die-erfolgsstrategie-der-afd">Beitrag in den Blättern für deutsche und internationale Politik vom Oktober 2017</a>): <em>„Es gehe darum, eine kollektive Identität bzw. Parallelgesellschaft zu kreieren und den öffentlichen Diskurs gezielt zu polarisieren.“</em></p>
<p>Dieser Diskurs hat sich in den letzten acht Jahren aus unterschiedlichen Gründen verschärft. Das hatte nicht nur mit dem hoffentlich nicht unaufhaltsamen Aufstieg einer inzwischen vom Verfassungsschutz bundesweit – ungeachtet der juristisch bedingten vorläufigen Zurückstellung des Ergebnisses – als <em>„rechtsextremistisch“ </em>diagnostizierten Partei zu tun, sondern auch der Art und Weise, wie man eher übereinander, seltener miteinander sprach.</p>
<p>Unterschiedliche Meinungen, zur Händelung der Pandemie, zum Krieg Russlands gegen die Ukraine waren nicht mehr nur unterschiedliche Meinungen. Sie wurden zu quasi-religiösen Glaubensformeln. Ines Geipel fragt: <em>„Was bedeutet der Versuch, wenn sich der Osten über Erlösungsformeln derart verfehlt und sich zunehmend in einem abwegigen Selbstbild mit Destruktionswünschen gegenüber dem Westen und prekärer Russlandliebe einrichtet?“</em> Ein Leuchtturm dieses Diskurses war der Streik der Kalikumpel 1993 in Bischofferode gegen die Schließung des dortigen Kaliwerks: <em>„In diesem Radikalumbruch wurde der kleine Ort Bischofferode im katholischen Thüringer Eichsfeld zum Mythos, zum Sinnbild für den rüden Ausverkauf des Ostens, aber auch einer besonders zähen Protestkultur.“ </em></p>
<p>Vielleicht erinnern sich im Westen nur noch wenige an dieses Ereignis, im Osten ist diese Erinnerung nach wie vor präsent, aber der Diskurs hat sich inzwischen verselbstständigt und radikalisiert. Neben der <em>„Treuhand“</em> ist auch <em>„Bischofferode“</em> zu einer der Metaphern dieser Stimmung geworden, die sich mit der Zeit zu einer beschönigenden Sicht der DDR-Vergangenheit verfestigte. <em>„Je weiter der Befragungszeitpunkt vom eigentlichen Ereignis entfernt sei, desto diktaturfreundlicher falle die Erinnerung aus. Dies, so halten die Forscher fest, sei erklärungsbedürftig, jedoch nicht allein den Gesetzen der Erinnerung geschuldet. Der Einfluss medialer Diskurse über die Ostdeutschen sei dabei nicht zu unterschätzen.“</em> In der Psychologie würde man vielleicht von Priming sprechen, mit beängstigenden Ergebnissen: <em>„Zur AfD-Erfolgsgeschichte gehört auch der ausgeraubte öffentliche Raum zum Ende der DDR. Eine zurechtgestutzte Bürgerlichkeit, eine entkernte Kirche, eine ausgenommene Gesellschaft, eine weithin geflohene oder ins Aus gesetzte Intelligenz. Ein planes Feld, das neu überplant werden konnte, nicht nur symbolisch gesehen.“</em></p>
<p>Doch wie kann man den Osten erzählen? Kann man ihn überhaupt erzählen ohne auch den Westen, ohne auch internationale Verflechtungen zu erzählen? <em>„Polarisierung“</em> ist eine Variante, aber vielleicht sollte man an Stelle von <em>„Polarisierung“</em> von einer fast schon manichäistischen Binärisierung sprechen, hier die Guten, da die Bösen. Diese Frage stellt sich für manche Bücher und Aufsätze, in denen eine <em>„Übernahme“</em> des Ostens durch den Westen beklagt wird (Ilko-Sascha Kowalczuk, Die Übernahme, München, C.H. Beck, 2019) oder die Schicksale der ostdeutschen Bevölkerung mit denen von Migranten verglichen werden (Naika Foroutan, Jana Hensel, Die Gesellschaft der Anderen, Berlin, Aufbau Verlag, 2020). Auch wenn das jeweilige Buch eine differenzierte Botschaft enthielt, setzten die Verlage auf skandalisierende Titel, so beispielsweise bei Detlef Pollacks Buch „Das unzufriedene Volk“ (Bielefeld, transcript, 2020). Hohe Auflagen verzeichnen schließlich Bücher, in denen der Osten in eine Art Märchenland verwandelt wird, an das man sich doch so gerne erinnern möchte, wenn man nur vom Westen in Ruhe gelassen würde (prominent: Dirk Oschmann, Der Osten – Eine westdeutsche Erfindung, Berlin, Ullstein, 2023, oder Katja Hoyer, Diesseits der Mauer, Hamburg, Hoffmann &amp; Campe, 2023). Bei manchen Büchern kommt es weniger auf tiefergehende Recherche an als auf die Gefühle, die sie mit mitunter scheinbar plausibel klingenden Analogien bedienen. Katja Hoyer ist – so Ines Geipel – beispielsweise <em>„ohne jede Archiv-Recherche“</em> ausgekommen. Dirk Oschmann verglich den Blick des Westens auf den Osten mit dem von <a href="https://www.eaford.org/site/assets/files/1631/said_edward1977_orientalism.pdf">Edward Said</a> entwickelten Begriff des <em>„Orientalismus“</em>, eine schöne Analogie, aber eben unpräzise wie das bei allen Analogien so ist<em>.</em></p>
<p>Tobias Adler-Bartels hat in der Märzausgabe 2025 des Merkur die vorherrschenden Frames rund um den Osten in einem Essay mit dem vieldeutigen Titel <a href="https://www.merkur-zeitschrift.de/artikel/nach-der-ko-h-lonisation-a-mr-79-3-74/">„Nach der Ko(h)lonisation“</a> zugespitzt. Die Annahme, der Westen habe den Osten kolonisiert, sei <em>„durchaus anschlussfähig an das Kolonialismus-Verständnis des verordneten Marxismus-Leninismus der DDR“</em>. Das Ergebnis sei ein klassischer Täter-Opfer-Diskurs: <em>„Die Erzählungen vom westdeutschen Kolonialismus und der Kolonisierung der DDR konstruieren so eine klare Unterscheidung von Tätern (Westdeutsche, Treuhand) und Opfern (das ominöse Kollektiv der Ostdeutschen) und sind daher bis in die Gegenwart ein beliebtes Sujet sowohl von westdeutschen Altlinken als auch von DDR-Revisionisten – etwa im Umfeld des Vereins ‚Ostdeutsches Kuratorium von Verbänden‘.“</em></p>
<h3><strong>Etwas Messianisches lag in der Luft</strong></h3>
<div id="attachment_4553" style="width: 194px" class="wp-caption alignright"><a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/"><img decoding="async" aria-describedby="caption-attachment-4553" class="wp-image-4553 size-medium" src="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" srcset="https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-184x300.jpg 184w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-200x326.jpg 200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-400x652.jpg 400w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-600x978.jpg 600w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-628x1024.jpg 628w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-768x1251.jpg 768w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-800x1304.jpg 800w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-943x1536.jpg 943w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1200x1955.jpg 1200w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1-1257x2048.jpg 1257w, https://demokratischer-salon.de/wp-content/uploads/2024/03/Cover_Ines-Geipel_GESPERRTE-ABLAGE-2024_Lilienfeld-scaled-1.jpg 1571w" sizes="(max-width: 184px) 100vw, 184px" /></a><p id="caption-attachment-4553" class="wp-caption-text">Weitere Informationen des Verlags über das Buch erhalten Sie mit einem Klick auf das Bild.</p></div>
<p>Ach wäre es doch so einfach. Von all den pauschalisierenden, die hohe Komplexität von Ost-West-Entwicklungen vereinfachenden Ost-West- oder West-Ost-Erzählungen heben sich die Bücher von Ines Geipel deutlich ab. Das gilt nicht zuletzt für ihre (nicht nur) literaturwissenschaftlichen Studien über die <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-dritte-literatur-des-ostens/">„Dritte Literatur des Ostens“</a>, über all diejenigen, die in der DDR Gedichte, Romane, Essays schrieben, dafür aber vom SED-Staat drangsaliert, eingesperrt, in den Westen abgeschoben oder gar in den Tod getrieben wurden. Gemeinsam mit Joachim Walther gab sie die in zehn Bänden erschienene <a href="https://www.ddr-aufarbeitung.de/start/b%C3%BCcher-verschiedene-themen/verschwiegene-bibliothek/">„Verschwiegene Bibliothek“</a> mit unveröffentlichten Texten von Autorinnen und Autoren aus der DDR heraus. Der dokumentarische Band <a href="https://lilienfeld-verlag.de/buecher/geipel-walther-gesperrte-ablage/">„Gesperrte Ablage“</a> erschien 2024 im Düsseldorfer Lilienfeldverlag in einer erweiterten Neuauflage. In diesen Büchern gibt Ines Geipel Literatinnen und Literaten eine Stimme, die diese weder in der DDR noch in der Bundesrepublik hatten, weder vor noch nach 1989.</p>
<p><a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/die-ostfrau-in-buchenwald/">„Umkämpfte Zone“</a>, oder <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/biopolitik/">„Schöner neuer Himmel“</a> möchte ich als schonungslose Analysen charakterisieren, schonungslos gegenüber der Materie und schonungslos gegenüber sich selbst. Vor allem an diese beiden Bände knüpft „Fabelland“ an. Der Titel erinnert bewusst an Christian Krachts 1995 erschienenen Roman „Faserland“, den Ines Geipel <em>„gleich nach Erscheinen gelesen hatte“</em>: <em>„Ich las ihn als Pendant zu unseren Wundheiten und hatte dabei Showbiz-Größen wie Heidi Klum, Thomas Gottschalk, Boris Becker oder Rudolf Scharping vor Augen, die in den geräumigen Coupés des Kracht-Textes rumlümmelten, winkend durch die Landschaft der jungen Einheitsjahre schipperten und dabei einen stillen Passagier aushalten mussten, diesen jungen Mann ohne Namen, der die ganze Szenerie unablässig im Blick hatte. Die Post-Politik, der Eskapismus, die nette Marken-Welt, das inwendig Unerlöste.“ </em></p>
<p>Sahen manche im Osten so den Westen? Oder umgekehrt? Es lag bei den Demonstrationen für D-Mark und Deutsche Einheit im Dezember 1989 durchaus etwas Messianisches in der Luft, gleichzeitig aber auch etwas, das Unbehagen auslöste. Insofern ist das Wortspiel von Tobias Adler-Bartels mit der <em>„Ko(h)lonisation“</em> durchaus berechtigt, der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl als fleischgewordenes Ideal-Ich der Deutschen, seine <em>„blühenden Landschaften“</em> als Wunsch-Kulisse. Im Osten schien man zu deklamieren: „Wir wollen werden wie ihr“, Im Westen: „Werdet wie wir“. Man dürfte vielleicht von einer Art Kaspar-Hauser-Syndrom sprechen, wie es Peter Handke in seinem „Kaspar“ (1967) zeigte, das Drama eines Menschen, der von sich sagt: <em>„Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein anderer gewesen ist.“</em> Bei Peter Handke sagt Kaspar zum Schluss: <em>„Schon mit meinem ersten Satz bin ich in die Falle gegangen.“ </em>Nur in welche? „<em>Ich bin in die Wirklichkeit übergeführt. – Hört ihr’s? Pst.“</em> Alles auf der Bühne wird still und schwarz.</p>
<p>In ihren Kommentaren zu den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen vom 1. September 2024 formuliert Ines Geipel in der Süddeutschen Zeitung die kasparische <em>„Wirklichkeit“</em> nicht ohne Bitterkeit <a href="https://www.sueddeutsche.de/kultur/wahlnacht-1-september-ines-geipel-lux.L7Q5TxeKJSH1JmqSYdeaP8">„Was war denn das?“</a>: <em>„Gewonnen haben am 1. September vor allem die Schlechtredner, Neinsager, Antieuropäer, Putinisten. Die mit den dicken Abwehr-Drehbüchern, der Lust am Ressentiment. Gewonnen haben diejenigen, die die Legende vom Opfer-Osten über Jahre promotet haben, um sie gegen die Erfolgsgeschichte der Einheit und der Demokratie in Anschlag zu bringen. Die mit ihren Appellen an den Heimatkörper, Friedenskörper, Volkskörper um die Ecke kamen, um die Wähler in ein Kontinuum zu manövrieren, das Nationalsozialismus, DDR und die Zeit nach 1989 in sich verklebt. Ein historischer Block, ohne Referenzsystem, ohne Geländer, ohne Gesellschaftsbegriff, der mit aller Wucht auf den eigentlichen Kipppunkt zielt: Systembruch.“ </em></p>
<p>Einige Tage später sagte Ines Geipel in einem <a href="https://taz.de/Ines-Geipel-ueber-ostdeutsche-Identitaet/!vn6033752/">Interview mit der taz</a>: <em>„Im Osten haben sich augenscheinlich Nationalsozialismus, DDR und die Zeit nach 1989 zum Zeitkontinuum verschweißt. Und in dieser ewigen Ewigkeit soll es keine Hoffnung geben. Es geht nicht um Wut, es geht um Hass, um echte Destruktion.“ </em>So entstünden – den Begriff wählt Ines Geipel durchaus im Gedenken an Zygmunt Baumanns Buch „Retrotopia“ (deutsche Ausgabe 2017 bei Suhrkamp) – <em>„ostdeutsche Lagerfeuer“</em>, um die man sich <em>„gegen das Andere, das Außen“</em> schare. Da hülfen auch die wirtschaftlichen Erfolge in den ostdeutschen Ländern nicht, es sei geradezu paradox<em>: „Je besser die Zahlen, umso stärker das Antidemokratische“.</em> So ließe sich politische Arbeit fast schon als Sisyphusarbeit bezeichnen, nur mit dem Unterschied, dass dieser Sisyphus anders als der von Albert Camus kaum ein glücklicher Mensch sein dürfte.</p>
<p>Wird alles still und blau?</p>
<h3><strong>Aufstand der Sprache</strong></h3>
<p>„Fabelland“ klingt im Ton und im Titel versöhnlicher, auch wenn es das letztlich nicht ist. Es ist nicht nur eine Spielart von „Faserland“, vielleicht auch eine des „Wunderlandes“, in das Alice in der Fantasie des Lewis Carroll durch den Kaninchenbau gelangt, ein Land hinter den Spiegeln. Ines Geipels Stil ist alles andere als eingängig, aber er reißt mit! Polysyndetische Reihen, ganze Passagen, die sich auch als scheinbar unverbundene Spiegelstrichlisten drucken ließen, ein Feuerwerk der Assoziationen, Anakoluthe und Parallelismen, Sätze ohne Verb, bei denen man sich fragt, ob sie mit einem Frage- oder einem Ausrufezeichen hätten enden sollen oder beidem, zuspitzende Schlussfolgerungen, die in einfachen Aussagesätzen daherkommen, aber wenige Sätze später schon wieder in Frage gestellt werden – diesen Stil hat Ines Geipel in ihren Büchern schon immer gepflegt und ständig weiterentwickelt. In „Fabelland“ erreicht er einen (vielleicht vorläufigen) Höhepunkt.</p>
<p>„Fabelland“ liest sich mitunter wie ein rasanter Reisebericht durch Raum und Zeit. Die Reise beginnt mit einem einfach klingenden Satz: <em>„Am Anfang war das Glück.“</em> Wenige Absätze weiter stellt Ines Geipel jedoch klar: <em>„Die Sache mit dem Nullpunkt. Es gab ihn nie. Aber es gibt echte Anfänge.“</em> Es stellte sich ein <em>„Interregnumsgefühl“</em> ein, ein <em>„Nichtmehr und Nochnicht“</em>, dem nicht beizukommen war. Es blieben <em>„Wörterbojen“</em>. So erklärt sich der Stil. Alle Kapitel und Unterkapitel können als kurze Prosastücke gelesen werden. Sie motivieren jedes für sich, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen und das ein oder andere Kapitel wieder zu lesen, neu einzuordnen, um sich einer angemessenen, vielleicht auch aktualisierenden Sicht auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu nähern, letztlich zu begreifen, dass die allgemeine Geschichte auch immer eine persönliche Geschichte ist, ebenso wie sie eben Teil einer umfassenden Geschichte von Ost und West ist.</p>
<p>Die Reise ins und im „Fabelland“ bietet die Aussicht der Annäherung an etwas Unerreichbares. Ines Geipel spielt mit Begriffen wie <em>„Erinnerungstransfer“</em> – so der Titel eines Kapitels über <em>„Herbst 1989 und die Geschichte der Träume“</em> –, <em>„Gedächtnistheater“</em> – ein Begriff, den Y. Michal Bodemann sel.A. in die Debatte um die Erinnerung an die Shoah einführte und Max Czollek nicht müde wird zu popularisieren –, <em>„Verleugnungskarussell“</em> – bezogen unter anderem auf die Stasi. Sie sieht eine Art <em>„Entlastungswelt der Diktatur im Osten, die sich wie eine Glocke über den inneren Schrecken legte und ihn luftdicht verpackte. Außen musste alles neu sein. Außen wurde die Welt auf Heil getrimmt, innen brodelte es.“ </em>Das Symbol schlechthin war Buchenwald, eine Mystifizierung des kommunistischen Widerstands gegen die Nazis, ein Ort, der auch in „Umkämpfte Zone“ eine zentrale Rolle spielt: <em>„Das Endlager der Nazis als eingefrorener Tatort“</em>.</p>
<p>Wiederholt sich Geschichte? Wiederholt sich Befreiung? In Wirklichkeit wurde der <em>„Mauerfall als ein glücklicher Verblendungsmoment“</em> erlebt. Es folgte: <em>„Der Streit um die Deckfabeln.“ </em>Eine Variante: „<em>Treuhandbashing“</em>. Eine andere: <em>„Heimatcodes“</em>. Eine Art mystifiziertes Als-Ob, zum Beispiel <em>„Dresden. Eine gleichsam mythische Stadt, die in ihrer eigenen imaginären Vergangenheit lebte, die kein Außen brauchte, eine ausgewiesene rechte Szene hatte, zu DDR-Zeiten das Tal der Ahnungslosen war, den anglo-amerikanischen Angriff überstanden hatte und nicht zuletzt die barocke Bühne für die erhofften Bilder in die Welt bieten konnte. Der Schauplatz für die <u>Konservative Revolution</u> war perfekt. Dresden der Kindheitsort.“</em></p>
<p>Nur haben die Menschen im Westen überhaupt etwas davon gemerkt, geschweige denn verstanden? <em>„Keine Frage, die Initiative und das Drama lagen im Osten. Das Ursächliche, Existenzielle, die Notwendigkeit, sich mit jeder Faser neu aufzustellen. Aber in Gaggenau oder Castrop-Rauxel? Fiel da keine Mauer?“</em> Annette Simon bezeichnete in einem Essay <em>„Heimat als Sehnsuchtsort und Kampfbegriff“ </em>und sprach von einer <em>„Familiarisierung der DDR-Kultur“</em>, <em>„einer Trostgemeinschaft gegen den übermächtigen Staat“</em>: <em>„Und diese Art des Umgangs mit dem Staat wirkt bis heute nach.“</em> Das Gedicht von Thomas Brasch, dessen Vers Annette Simon als Titel ihres Essays nahm, erhält nicht nur Verzweiflung, sondern je nach Gestimmtheit der Lesenden auch einen zwar resignierenden, aber dennoch romantisierenden Ton, der sich auch darin zeige, dass <em>„der ehemalige DDR-Bürger von Anfang an nur als Opfer gesehen</em> (wurde) <em>und nie als Subjekt“</em>: <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2024/november/bleiben-will-ich-wo-ich-nie-gewesen-bin"><em>„Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.“</em></a> (Blätter für deutsche und internationale Politik, November 2024)</p>
<p>Letztlich geht es immer um die Frage der Erinnerung an das scheinbar Vergangene, das sich nicht kollektivieren lässt, auch wenn dies immer wieder angemahnt wird. Mehrfach verwendet Ines Geipel den Begriff der <em>„Wundheit“</em>, beispielsweise im Hinblick auf das tragische Schicksal von Jutta Petzold, die nicht nur eine einzelne in der DDR verfemte Dichterin ist, die wie nur wenige andere die DDR-Wirklichkeiten (Plural!) auf den Punkt zu bringen versteht: <em>„Wie es Jutta Petzold gelingt, mich mit drei Sätzen in die Physis des Ostens zu holen, in das Wunde, Akute, Bloßgestellte. Sie macht das mit ihren Wörtern. Wörter wie im Steckverband. Die herumgeworfen werden, die was auszuhalten haben. (…) Jutta Petzold und der Aufstand der Sinne.“ </em></p>
<p>Eben dies ließe sich auch von Ines Geipels Büchern schreiben: <em>„Aufstand der Sinne“</em>. Ines Geipel gelang im Sommer 1989 die Flucht, Inge Müller, die auch in „Fabelland“ mehrfach erwähnt wird, im Rucksack, über die ungarisch-österreichische Grenze. War nun alles klar, der zukünftige Weg gebahnt? Nein, im Gegenteil: <em>„Früher bin ich als Sprinterin sehr viele, unerhört gerade Gerade gelaufen. Immer wieder, jahrelang, in allen möglichen Ecken der Welt. Von A nach B. Ich kam immer an. Nach einer Flucht aber gibt es keine Geraden mehr, nur noch Ellipsen, Abgeknicktes, Krümmungen, Hyperbeln, Achsenverschiebungen, Außenwinkel, parallele Sehnen, immerzu Abgeleitetes.“</em></p>
<p>Zu diesen Gefühlen passt der Titel, den Ines Geipel der von ihr Inge Müller gewidmeten Biographie gab: „Dann fiel auf einmal der Himmel um“. (Berlin, Henschel Verlag, 2002). Ein weiterer Gewährsmann ist der Prager Philosoph Velém Flusser, der die <em>„Beheimateten und die Heimatlosen, die Gebliebenen und die Emigranten“ </em>als <em>„Paar“</em> betrachtet und schrieb, <em>„dass die ‚geheimen Codes der Heimaten‘ aus ‚nicht bewussten Regeln gesponnen‘“</em> sind. Was ist das überhaupt? Heimat? Die Geflüchteten leben – eine Schlussfolgerung von Ines Geipel aus dem Schicksal der Emigration – in einem <em>„Andererseits, etwas zwischen <u>lost place</u> und <u>lost in place</u>.“</em></p>
<h3><strong>Reisen ins Nie-Erreichbare</strong></h3>
<p>Ines Geipel kam nach Darmstadt, begegnet dem Leiter des Instituts für Philosophie <a href="https://www.philosophie.tu-darmstadt.de/institut_phil/mitarbeiter_innen_phil/boehme.de.jsp">Gernot Böhme</a>. Sie legte ihm die Gedichte von Inge Müller <em>„auf den Tisch. Er las es und entdeckte das Nackte für sich. Den nackten Reim, den nackten Ton, das nackte Leben.“ </em>Jutta Petzold gelang nur die Flucht in sich selbst. Sie verzweifelte, lebt lange Jahre in einer Klinik in Berlin-Buch. Ihre Texte, die sie unter dem Pseudonym Ruth Cordouan schrieb, wurden nie veröffentlicht, immerhin gibt es in „Gesperrte Ablage“ Texte von ihr. Einige durfte ich in meinem Essay <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/todeskaelte-des-blicks/">„Todeskälte des Blicks“</a> zitieren. In einem persönlichen Gespräch sprachen Ines Geipel und ich über die Schicksale von Inge Müller, Jutta Petzold und manch anderen mit einem Blick auf das Leben von Ingeborg Bachmann. Ines Geipel sprach von der <em>„Versehrtheit“</em>, die diese Autorinnen verband.</p>
<p>Doch wer interessiert sich? So wenig wie es einen Lehrstuhl der Zeitgeschichte in Deutschland gibt, der sich ausdrücklich mit der Geschichte der DDR befasst, gibt es einen Lehrstuhl der Literaturgeschichte, der sich der verfemten, verbotenen „Dritten Literatur“ der DDR in Deutschland widmet. In der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur lagern nach wie vor über 70.000 Seiten von etwa 100 Autorinnen und Autoren. Aber wer interessiert sich ernsthaft dafür? Man könnte sogar sarkastisch formulieren, dass es zur Shoah immerhin in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen eine Debatte über einen nun aber wirklich endgültigen <em>„Schlussstrich“</em> gibt, der gerade wegen dieser Debatte auch gut begründet abgelehnt wird, über die Gewalt- und Diktaturgeschichte der DDR gibt es nicht einmal das. Ines Geipel nennt die so tragisch in DDR-Haft gestorbene Edeltraud Eckert die <em>„Sophie Scholl des Ostens“</em>. Aber gibt es irgendwo in Deutschland ein Edeltraud-Eckert-Gymnasium? Auch das Nicht-Erwähnen ist ein Schlussstrich.</p>
<p>Die Reisen durchs „Fabelland“ führen nach New York City, das Ines Geipel als eine Art <em>„Filmkulisse“</em> erlebt, in der sie jederzeit auf die Personen aus Woody Allens „Hannah und ihre Schwestern“ treffen könnte. Sie führen nach China, das Ergebnis ist ein Kapitel, das satirische Qualitäten aufweist: <em>„Eine Gesellschaft wie unter Narkose und nach der Devise, sich möglichst fernzuhalten von dem, was der Macht im Land wichtig ist.“ </em>Es ging bei der China-Reise um Zwangsdoping, ein DDR-Thema, das Ines Geipel mehrfach bearbeitet und unter anderem in „Schöner Neuer Himmel“ beschrieben hat. Das China-Kapitel lässt das Politikmodell eines autoritären Staates erkennen: <em>„Wie die Politikwissenschaftlerin </em><a href="https://jankaoertel.eu/"><em>Janka Oertel</em></a><em> betont, speist sich Xis Ketten-Modell aus einem Doppelkreislauf: Einerseits will China unabhängiger von der Welt werden, die Welt soll aber andererseits abhängiger von China werden.“ </em>Es ließe sich fast vermuten, dass China gar keine Hard Power braucht, weil es mit seiner Soft Power so gut vorankommt. Wie das funktioniert, beschrieb der georgische Politikwissenschaftler Tsotne Tchanturia in einem <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/der-lange-weg-nach-europa/">Überblick über die aktuellen Entwicklungen in Georgien</a>. Die Chinesen vermögen es, die georgische und andere Regierungen mit der Botschaft zu gewinnen, dass sie doch nur wirtschaftliche Investitionen unterstützten, während die Europäische Union auch noch die Zustimmung zu ihren zahlreichen Gesetzen verlange, nicht zuletzt zu Bürger- und Menschenrechten.</p>
<p>Ein wichtiger Gewährsmann ist für Ines Geipel <a href="https://www.zeit.de/kultur/literatur/2013-09/erich-loest-nachruf/komplettansicht">Erich Loest</a>. Im Jahr 2023 erhielt sie den Erich-Loest-Preis. Ihre Dankesrede nannte sie, Erich Loest zitierend, <a href="https://demokratischer-salon.de/beitrag/keine-kerben-im-kolben/">„Keine Kerben im Kolben“</a>. Mit Erich Loest verbindet sie die Erfordernis, sich selbst immer wieder in Frage zu stellen: „<em>Ich zögere, warte auf die Wörter, bis es die richtigen sind. Es sind nie die richtigen.“</em> Es folgen Absätze über die Begegnungen mit Werner Schulz, den Euro-Maidan 2014. Es ist meines Erachtens kein Zufall, dass in diesen Kontexten David Lynch und sein Film <a href="https://www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/lost-highway-1997">„Lost Highway“</a> erwähnt werden: <em>„Der Schrecken, die psychogene Amnesie, das Loch im Verstand.“</em> Wer weiß schon, warum auf einmal jemand anderes in einer Gefängniszelle sitzt? Wer weiß schon, in welchem Parallel-Universum die Filme von David Lynch spielen? Vielleicht ist das Surreale das wahrhaft Reale und wir sollten die Geschichte der DDR mit den Augen eines David Lynch betrachten? Die Stärke von „Fabelland“ liegt gerade darin, dass sie dies tut. Im Grunde ist die passende Erzählform dieser Reise durch Raum und Zeit der Essay, eben ein Versuch, sich an das nie Erreichbare anzunähern: <em>„Warum es mir so schwerfällt, mich mit Worten in diesen vagen Zustand nach der Flucht auszutarieren. Als sei ich eine ungenaue Größe, eine Wackelkandidatin, eine Art Übergangscontainer. Was war noch Altland, was schon Neuland?“ </em>Lost Country? Oder etwa eine etwas andere Kombination von Alt- und Neuland?</p>
<p><strong>Norbert Reichel,</strong> Bonn</p>
<p>(Anmerkungen: Erstveröffentlichung im Mai 2025, Internetzugriffe zuletzt am 18. Mai 2025. Titelbild: Mutige Schatten © Nicole Günther. Alle Rechte bei der Künstlerin.)</p>
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